Portugal (2019)

18. Januar (Freitag)

Río de Janeiro soll mal die Hauptstadt von Portugal gewesen sein. Diese verwegene Hypothese zu testen, das ist schon fast eine Reise wert. Ich habe sechs Monate Zeit dafür.

Noch vor dem Berufsverkehr geht es los. Die Straßen sind glatt, Schneepflüge sind unterwegs. Auf dem Weg in die Eifel? Wer kommt auch auf die Idee, im Januar mit dem Auto auf Reisen zu gehen.

Auf der Autobahn ist viel Verkehr. Ich mache es den sparsamen Trierern nach und tanke in Luxemburg.

Schon nach 60 Kilometern fährt man über die Grenze nach Frankreich: Lorraine. Wir sind in Lothringen. Auf der Gegenfahrbahn ein kilometerlanger Stau, rechts Lastwagen und Busse, links PKWs. Kann kein Vergnügen sein, zu dieser Zeit im Auto im Stau zu sitzen auf dem Weg zur Arbeit.

Auf unserer Seite geht es voran, aber dann kommt ein Unfall, schon drei Kilometer vorher elektronisch angezeigt. Wir kommen zum Stehen, komplett. Dann geht es ganz langsam weiter. Eins der Unfallwagen steht mitten auf der Fahrbahn. Die Unfallstelle ist noch nicht gesichert. Die Busse und LKWs müssen abschätzen, ob rechts oder links mehr Platz ist.

Noch vor Metz geht es über die Maginot-Linie. Es geht auf Metz zu, und der Verkehr wird immer dichter. In Metz suche ich vergeblich nach Ausschilderungen nach Troyes, Orléans, Tours, Poitiers. Nichts da. Stattdessen Straßburg, Saarbrücken, Paris, Lyon, Nancy. Alles falsch. Am Ende komme ich, nach vielem Hin und Her und einigem Fluchen und dem Bedauern, mich trotz Warnung auf das Handy verlassen und keine Karte besorgt zu haben, über Nancy Richtung Troyes.

Nach Toul kommt dann endlich die ersehnte Maut-Strecke. Von hier aus ist das Fahren ein Kinderspiel, außer an einer langen, unübersichtlichen Baustelle bei Orléans mit schlecht markierten Fahrstreifen.

Es geht durch die Vogesen. Nach zwei unendlich scheinenden Stunden wird es hell. Auf den Feldern und Hügeln liegt Schnee. Die Sonne findet keine Lücke, aber der Himmel ist nicht deprimierend dunkelgrau, sondern eher weißlich. So als wolle es anfangen zu schneien.

Auf den braunen Schildern am Wege macht ein Ort auf sich aufmerksam, der für Instrumentenbau bekannt ist, dann einer, der für Klingen bekannt ist, dann einer, der für Kristall bekannt ist.

In den Autobahnraststätten gibt es dünnen Kaffee aus Plastikbechern, am Automat. Und das in Frankreich! Habe ich anders in Erinnerung, vielleicht von anderen Routen.

Es geht durch Domrémy-la-Pucelle, und es wird natürlich Werbung mit der Heldin gemacht. Später kommt ein anderer französischer Held in Sicht: Colombey Les Deux Églises. Der General posiert in Uniform.

Es geht in die Champagne. Hier liegt kein Schnee mehr. Um zehn findet die Sonne eine Wolkenlücke und begleitet mich dann bis zum Nachmittag, erst links, im Süden, als ich nach Westen fahre, dann, als ich nach Süden fahre, direkt vor mir.

Clairvaux liegt am Wegesrand, und auch Fontainebleau ist später nur wenig abseits der Route. Ich komme an einem Ort vorbei, der mit Claudel wirbt. Vorher schon einer, der mit Renoir wirbt. Am meisten Werbung für sich macht aber Troyes. Ein ganzes Spalier von braunen Schildern sagt einem, was man alles verpasst, wenn man dran vorbeifährt. Irgendwann geht es auch an Le Mans vorbei. Das hätte ich weiter nördlich verortet.

Bei Blois Strommasten, die wie Strichmännchen aussehen, mit dreieckigen Augen und dreieckigen Ohren und vier Armen, zur Seite gestreckt und angewinkelt, einer nach dem anderen. Sieht lustig aus.

Die Raststätten haben kuriose Namen: Aire de Chantecoq, Aire de la Courte Épée, Aire de la Longue Vue.

Bei Tours geht es von der Autobahn runter: mehr als 60 Euro Maut. Später kommen noch mal 10 Euro dazu. Ein teures Vergnügen.

In Poitiers geht es Richtung Zentrum, aber die Beschilderung ist etwas unklar und die Sonne blendet, so dass ich häufig nicht lesen kann, was auf den Schildern steht. Am Ende geht es aber.

Das Apartment liegt an einem großen Boulevard, ist aber ruhig. Genau das, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich bin zehn Stunden unterwegs gewesen.

19. Januar (Samstag)

Am Morgen sind es hier 6°, in Penela 7°, in Trier -3°. Es kommt eine Kältefront genau mit meiner Abreise. Für heute ist hier Regen angesagt.

Das trifft sich gut: Die portugiesische Partnerstadt von Poitiers ist Coimbra! Die deutsche ist Marburg.

Auf dem Weg zur Innenstadt, gleich in der Nähe des Apartments, liegt eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Poitiers: St. Jean. Es ist ein rechteckiger, niedriger Bau mit einer polygonalen Vorhalle. Der zentrale Bau enthält eine der ältesten überhaupt erhaltenen Baptisterien Europas, und dazu wichtige Wandmalereien aus den folgenden Jahrhunderten, als der Bau erweitert und schließlich in eine Kirche verwandelt wurde. Patrozinium: Johannes der Täufer. In vorchristlicher Zeit war hier in römischer Zeit ein privates Schwimmbecken. Lustig, wie das Christentum für Kontinuität sorgte!

Das ganze Terrain, auf dem sich auch das Musée Sainte Croix befindet, auf einer Wiese etwas abseits der Straße gelegen, hat einen besonderen Charme. Nicht ganz so charmant sind die Öffnungszeiten, besonders im Januar. Das ist eben keine Reisezeit.

Durch völlig verlassene, schmale Sträßchen geht in die Innenstadt. Das sieht alles, obwohl kein Mensch unterwegs ist, authentisch aus, schön alt, aber nicht so geleckt. Auch scheinen hier ganz normale Wohnungen zu sein. Eine große Kirche, von der ich noch nicht weiß, dass es die Kathedrale ist, lasse ich rechts liegen.

Zum historischen Zentrum geht es leicht bergauf. Allmählich begegnen mir auch ein paar Menschen, und oben, auf dem Marktplatz, ist richtig viel Betrieb. Es gibt einen modernen, überdachten Markt mit festen Plätzen, und drum herum einen offenen Wochenmarkt. Ein Hingucker sind die Austern und die Jakobsmuscheln, aber am verlockendsten sieht der Käse aus. Dem sieht man förmlich an, dass es nach was schmeckt.

In einem repräsentativen Gebäude am Marktplatz ist die Touristeninformation. Hier gibt es einen Stadtplan und einen kurzen Film über die Geschichte von Poitiers. Poitiers geht auf eine keltische Gründung zurück, eine Siedlung der Pikten. Die keltische Siedlung hieß Limonum. Vielleicht ist das in Limoges erhalten. Poitiers soll von Pikten abgeleitet sein. Wäre ich im Leben nicht drauf gekommen.

Die Pikten suchten sich diese Stelle wegen der zwei Flüsse aus, dem Clain und der Boivre. Der Clain begrenzt bis heute die Innenstadt. Der Boulevard, an dem das Apartment liegt, folgt der Linie des Flusses. Ob der Fluss, den ich gestern mehrmals bei der Suche nach dem Apartment überquert habe, auch der Clain ist, kann ich nicht mehr feststellen. Boivre ist etymologisch verwandt mit Biber. Kurioserweise ist Clain im Französischen Maskulinum, Boivre Femininum, genau das Genus, was ich ihnen intuitiv im Deutschen zugeordnet habe.

Das Apartment liegt auf dem Boulevard Anatole France, und ich frage, ob der eine besondere Beziehung zu Poitiers hatte. Das müsse man im Archiv nachgucken, ist die Antwort. Daraufhin verzichte ich auf meine anderen Fragen.

Aus der Kälte flüchte ich mich in ein Café. Es gibt Kaffee, aber kein Gebäck, keine Croissants, nichts. Café bedeutet eben im Französischen was anderes als im Deutschen. Der Mann am Nebentisch hat das Problem auf seine Art gelöst: Er holt aus einer Tüte sein Croissant raus und isst es zu dem Kaffee. Scheint akzeptiert zu sein.

Der wichtigste Ausschank hier ist Bier. Das gibt es in allen möglichen Sorten. Aber nicht zu dieser Jahreszeit. Jetzt trinken alle Kaffee. Das Café ist klein und dunkel. Es ist rappelvoll, man sitzt an kleinen runden Tischen und an der stilvollen Theke aus Eichenholz mit vergoldeten Messingstäben, von einem “Baldachin” bekrönt. Der Mann hinter der Theke hat ein Trockentuch über die Schulter geworfen und klappert mit den frisch gespülten Espresso-Tassen. Auf den runden Tischen Frauenporträts im Jugendstil. An der Wand alte Reklameschilder von Pernot und Coca-Cola, aus den Lautsprechern amerikanische Jazz-Musik. Man kann nicht sagen, dass das Café keine Atmosphäre hat.

Der Einfachheit beginne ich die Besichtigung mit Notre Dame, gleich hier auf dem Marktplatz. Nicht zu übersehen ist die wunderbare, skulptierte Fassade. Dies ist nicht die Kathedrale, wie ich zuerst glaubte, sondern eine Stiftskirche.

Der Bau ist romanisch. An der Nordseite enden die leicht aus der Wand heraustretenden Seitenkapellen in Giebeln, wie in Ostwestfalen. Die Südseite ist anders, etwas verbaut.

Innen nimmt einen die Atmosphäre sofort gefangen, auch wenn es ziemlich dunkel ist. Man erkennt aber sofort die farbig gefassten Säulenbündel, mit schönen geometrischen Mustern als Verzierung. Das ist 19. Jahrhundert, aber trotzdem schön.

Die Kirche ist dreischiffig, mit einem Chorumgang und einem Tonnengewölbe im Mittelschiff. Sie ist lang und hoch, vor allem in Relation zur Breite. Wenn man hinten steht, sieht man ganz deutlich, dass das Mittelschiff völlig aus der Achse ist.

Die berühmteste Skulptur steht im Chor: La Vièrge des Clés. Es ist eine Kopie einer mittelalterlichen Skulptur, die von den Hugenotten zerstört wurde. Die Madonna hält das Jesuskind gerade vor sich auf dem Schoß und hat dadurch beide Hände frei. Rechts hält sie einen Palmzweig, links den namengebenden Schlüssel, vergoldet, groß. Der bezieht sich auf eine Legende: Ein treuloser Bürger wollte die Stadt verraten und den Schlüssel zu einem Stadttor den bösen Engländern übergeben, aber: Sie da, der Schlüssel war weg. Die Madonna hatte ihn sich an Land gezogen. Als der Bürgermeister sich angesichts des fehlenden Schlüssels an Maria wendete, entdeckte er ihn in ihrer Hand. Die Madonnen helfen eben immer den Guten.

In einer Kapelle im Chorumgang fällt mein Blick auf eine Skulpturengruppe, eine Beweinungsszene, vier Frauen und zwei Männer. Auch hier spielt das 19. Jahrhundert sein Spielchen mit mir: Ich hätte die Skulptur glatt als Renaissance-Werk durchgehen lassen. Jedenfalls ist die Gewandung nicht aus der Zeit der Entstehung, und noch weniger aus dem Palästina der Zeitenwende. Alle Figuren tragen lange, elegante, vor allem bei den Männern reich verzierte Gewänder. Die Frauen tragen lange, mehrmals um die Schulter geschlungene Tücher. Einer der Männer trägt an einem Gürtel eine Geldtasche aus Leder. Worauf das anspielen soll, ist nicht klar. Vielleicht auf den wohlhabenden Joseph von Arimathäa? Am besten aber sind die Kopfbedeckungen! Hüte, Mützen, Hauben aller Art, wie eine Modenschau.

Die Männer halten an beiden Enden das Leichentuch mit dem toten Jesus, die Frauen stehen dahinter, alle mit unterschiedlichen Gesten und Ausdrücken der Trauer, von exaltiert bis gedankenverloren und erschüttert. Eine tolle Skulptur. Erinnert mich an Bologna, zumal dies auch Holz zu sein scheint, aber farbig gefasst.

Bleibt noch die Bilderwand der Westfassade. Beeindruckend schon der erste Blick darauf, kaum eine Stelle leer, überall wimmelt es von Figuren und Verzierungen. Ganz oben, in einer Mandorla, triumphiert Christus. Darunter in zwei Reihen vierzehn Figuren, die zwölf Apostel und zwei Bischöfe. Einem der Apostel haben die Schleimer eine Triara aufgesetzt, eine Reverenz an Urban II., der die Kirche höchstpersönlich eingeweiht hat.

Darunter ein Fries mit biblischen Ereignissen, ganz links der Sündenfall und ganz rechts eine Szene, die ich als die Rückkehr des Verlorenen Sohns deute. Warum wird die eigentlich so selten dargestellt? Für mich eine der wirkungsvollsten und schwierigsten Szenen des Neuen Testaments.

Dazwischen gibt es eine ganz merkwürdige Geburtsszene, etwas unbeholfen dargestellt: Maria zeigt liegend auf die Krippe mit dem Jesuskind. Die ist aber nur ganz klein zu sehen. Rechts davon eine Szene, die ganz falsch verstanden habe, als eine Taufe. Man sieht eine Figur bis zur Hüfte in ein rundliches Becken eingetaucht, links und rechts davon zwei Figuren. Das sind zwei Figuren, die das Jesuskind waschen! Eine Szene, die sich im Mittelalter größter Beliebtheit erfreute. Das Becken ist kein Taufbecken, sondern ein Bottich! Maria hat sich derweil aus dem Staub gemacht, und Josef lehnt einsam an einem Baumstamm.

Im unteren Teil dann Tiere, die meisten halbe Fabelwesen, nicht zu identifizieren. Eine grobe Ähnlichkeit mit Löwen ist bei einigen zu erkennen. Sie winden sich, so als ob sie etwas erleiden würden, oder attackieren einander.

Danach folge ich, nicht sehr systematisch, den verschiedenfarbigen Linien, die man in das Pflaster eingelassen hat und von denen jede eine auf eine andere thematische Tour durch Poitiers führt. Gut, dass es sie gibt, denn so kommt man zu Plätzen, zu denen man von selbst nicht ohne Weiteres kommen würde. Dabei stoße ich auf das eine oder andere sprachliche Problem: An einem Weingeschäft steht: La Vache à Vin. Was macht die Kuh mit dem Wein. An einer Konditorei steht: Patissier und Traiteur. Ist das nicht ein Verräter? Und eine Straße heißt Rue de la Regratterie. Da stehe ich ganz auf dem Schlauch.

Ich komme durch das ehemalige Handwerkerviertel. Geschäftsschilder und Straßennamen zeugen noch davon. Hier gibt es viele Fachwerkhäuser, etwas anders aussehend als bei uns, eher bräunlich als schwarz und weiß. An einer Straßenecke steht ein Haus, das zur einen Straße hin Fachwerk hat, zur anderen Stein.

Es geht noch weiter sanft aufwärts, und an der höchsten Stelle gelangt man zum Palais, mit einer großen Freitreppe und einer klassizistischen Fassade. An dieser Stelle soll die erste Burg gestanden haben. Der heutige Bau beherbergt immer noch die mittelalterlichen “Saal der Verlorenen Schritte”, einen Saal, der zu seiner Zeit der größte in Europa war. Und für seine Kaminwand bekannt ist. Den will ich natürlich sehen. Ich gehe die Treppe rauf, aber oben ist alles verschlossen.

Etwas weiter abseits liegt das Rathaus, ein zu groß geratener Bau an einem zu groß geratenen rechteckigen Platz. An dessen Rand stehen ein paar Laternen und ein paar Bäume, aber die ganze Mitte ist leer. Da kommt man sich etwas verloren vor.

Das Rathaus, das die gesamte Stirnseite des Platzes einnimmt, ein Neo-Renaissance-Bau, sieht auf Photos besser aus als in Wirklichkeit. Allerdings laden die Kälte und der Wind auch nicht zu langem Verweilen ein, und vielleicht macht der gesamte Platz bei gutem Wetter mit vielen Menschen einen ganz anderen Eindruck. Dies ist ein Prestigebau. Die Bedeutung der Stadt sollte herausgestellt werden. Innen gibt es eine monumentale Treppe mit schön skulptiertem Geländer, aber auch hier kann man nicht rein. Beide Stockwerke haben große, unterschiedlich gestaltete Fenster, dazwischen Säulen und Pilaster und leere Sockel. Auf denen sollten ursprünglich die Figuren bedeutender Menschen aus Poitiers tragen sollten. Wer da wohl in die Auswahl gekommen wäre?

Der Mittelrisalit mit dem Eingangsportal tritt leicht hervor, mit dem Haupteingang und einem halbrunden Fenster darüber. Diese Achse wird fortgesetzt vom Balkon darüber, einem Uhrenturm und einem eisernen. An den Seiten des Uhrenturm stehen zwei allegorische Gestalten, die Landwirtschaft und die Industrie. Auf dem Pavillon vier eiserne Tiger – was Tiger hier zu suchen haben, fragt man sich – und vier Putten. Die halten das Wappen von Poitiers, das auch irgendwo in einem skulptierten Fries erscheint sowie innen an verschiedenen Stellen. Es zeigt den Löwen von Aquitanien, eine Lilie und neun goldenen Kugeln. Die sollen für die ersten neun Ratsherren stehen.

In einer größeren Fußgängerstraße ganz in der Nähe finde ich einen Supermarkt, gar nicht so leicht zu finden im historischen Zentrum einer Stadt. Von gegenüber kommen leckere Düfte aus einer Bäckerei. Da scheint es auch Kaffee zu geben, aber es sind keine Tische zu sehen, außer draußen, wo tatsächlich ein paar Verwegene Platz genommen haben. Ich stelle mich in die lange Schlange in dem ganz schmalen Raum, nehme all meinen Mut zusammen und frage, ob man sich oben hinsetzen und Kaffee trinken kann. Ja, kann man. Bestellen und bezahlen muss man unten. Oben ist ein kleiner, bescheiden eingerichteter, aber warmer Raum, in dem man in Ruhe seinen Kaffee trinken kann. Ich bin ganz alleine. Erst später kommen zwei Frauen, eine jüngere und eine ältere. Sie nehmen an einem Nebentisch Platz. Ich beachte sie nicht weiter, bis mir fremde Klänge ans Ohr kommen. Dann muss ich einfach zuhören. Sie machen Sprachunterricht. Die jüngere Frau lernt Polnisch! Zuerst machen sie etwas Konversation, dann lesen sie einen Text und dann machen sie ein paar Übungen. Das können sie hier in aller Ruhe machen.

Als ich weitergehe, fällt mir ein eigenartiges Ladenschild auf: Le dé à trois faces. Die Schaufensterauslagen geben erst keinen Hinweis, was es ist, aber dann, beim näheren Hinweis, zeigt sich, dass es sich um ein Spielwarengeschäft handelt. Und das erklärt auch den Namen des Geschäfts. Würfel mit drei Seiten scheint es tatsächlich zu geben. Ich bin so davon angetan, dass ich reingehe und ein Puzzle kaufe.

Dann komme ich noch zu einem ganz merkwürdigen Gebäude mit einem ebenso merkwürdigen Namen: La Tour Maubergeon. Von einem Turm ist aber nichts zu sehen. Höchstens mehrere runde Halbtürme an einem unregelmäßigen Bau mit großen gotischen Fenstern. Noch merkwürdiger ist die Verlängerung dieses Baus, ein Bau mit einer Art getrepptem Giebel, der aber keinen Eingang hat. All das bleibt ein Rätsel, und ich habe den Eindruck, dass ich den Bau nie richtig von vorne zu sehen bekomme. Aber dann scheint mir, dass ich den vorderen Teil vorher gesehen habe, den Bau mit der großen Freitreppe.

Wie dem auch sei, die Geschichte des Baus ist höchst bedeutsam und führt in die Blütezeit von Poitiers. Der Vorgängerbau, noch zu Verteidigungszwecken gebaut, stammte aus der Zeit von Guillaume IX., dem “Ersten Troubadour”. Auf ihn geht auch der zusätzliche Turm zurück, den ich nicht finden kann, der mit dem komischen Namen, Maubergeon. Das war offensichtlich der Name seiner (merowingischen) Geliebten, die er trotz der Widerstands der Kirche nicht fallen ließ. Diese Maubergeon war die Großmutter der legendären Eleonore von Aquitanien und damit die Urgroßmutter von Richard Löwenherz und Johann Ohneland. Sie veranlasste, zusammen mit ihrem Sohn Richard, den Umbau der Verteidigungsanlage, die nach dem Bau der Stadtmauer obsolet geworden war, zu einem Palais. Der Burggraben wurde zugeschüttet. Der kreisrunde Verlauf der Straße spiegelt bis heute den Verlauf des Burggrabens wider.

Am Eleonores Hof wurde das Erbe ihres Großvaters gepflegt. Er wurde zu einem wichtigen Zentrum des Minnesangs. Hier wurden seine (auf Aquitanisch verfassten) Minnelieder aufgeführt. In der Zeit von Eleonore entstand auch der berühmte große Saal, in dem die Fußtritte wegen seiner Größe nicht zu hören waren. Sie gingen verloren.

Eleonore, die hier zur Verwirrung Aliénor heißt, war eine der bemerkenswertesten Figuren der europäischen Geschichte. Ihr Stammhaus war das der Grafen von Poitou. Die hatten dann das Herzogtum Aquitanien dazugewonnen. Als der letzte Herzog starb, trat Eleonore das Erbe an. Sie heiratete zuerst den französischen König, Ludwig VII., dann den englischen König, Heinrich II. Sie war also innerhalb kürzester Zeit Königin von Frankreich und Königin von England! Den französischen König wurde sie wieder los, indem sie die Ehe annullieren ließ. Sie berief sich darauf, dass sie mit ihm verwandt war. Das war ihr erst nach der Hochzeit aufgefallen. Es gab aber auch keinen Thronfolger. Die Trennung von Philipp und die Heirat mit Heinrich war eine der folgenreichsten Entscheidungen des europäischen Mittelalters, denn Heinrich, der ohnehin schon Herzog der Normandie war, hatte sich jetzt auch noch Anjou an Land gezogen. Die Verbindung der beiden bedeutete also riesige englische Besitzungen in Frankreich, was zu jahrhundertelangen Auseinandersetzungen und in letzter Instanz zum Hundertjährigen Krieg führte. Eleonores Beziehung zu Heinrich war konfliktreich, wie man sich vorstellen kann. Er wollte ein einheitliches Königreich, sie wollte ihre Autonomie bewahren. Das hatte letztlich zur Folge, dass sie ihre Söhne unterstützte, als die sich gegen ihren Vater auflehnten. Sie stellte Heinrich fünfzehn Jahre lang unter Hausarrest! So stand es hier, bevor ich von kundiger Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das nicht ganz richtig ist -  nichtEleonore stellte Heinrich, Heinrich stelle Eleonore unter Hausarrest!

Bei so einer Vita wäre es natürlich besonders gut gewesen, diesen merkwürdigen Bau irgendwie in den Griff zu bekommen und vor allem den Saal zu besichtigen. Aber auch so habe ich einen guten Eindruck von Poitiers bekommen. Und kann mich weiterhin an nichts, aber auch wirklich gar nichts von damals erinnern.

Den ganzen Tag über war es kalt, aber es hat nicht geregnet. Jetzt, auf dem Rückweg, fängt es an. Ich schaffe es aber noch, der Kathedrale einen kurzen Besuch abzustatten. Die liegt auf dem Rückweg, etwas abseits des eigentlichen Zentrums, an einem großen, leeren Platz, der sich am Ende einer schmalen Straße plötzlich auftut.

Auch hier gibt es ein beeindruckendes Skulpturenwerk an der Fassade. Vor allem die Szene der Verdammten, bestimmt fünfzig und mehr Figuren, alle dicht aneinander gedrängt, durch die Gegend purzelnd oder in die Tiefe gestoßen. Noch unter ihnen steigen die Toten aus ihren Gräbern auf. Komisch: Was haben sie nur bis dahin gemacht? Nur einfach in ihren Gräbern rumgelegen? Werden sie nicht auch sofort zur Rechenschaft gezogen? Erscheinen nur die dann noch Lebenden beim Jüngsten Gericht? Oder wird zweimal Urteil gesprochen, einmal am Ende des Lebens, einmal am Ende der Welt? Leider ist keiner zugegen, der mir meine Fragen beantworten kann. Genauso wenig wie die über Eleonore von Aquitanien.

Die Kirche hat einen ungewöhnlichen Grundriss, ganz einfach, mit einem geraden Ostabschluss. Der löst in dem kleinen Führer, den ich habe, großes Rätselraten aus. Die Erklärung liegt aber auf der Hand: Das ist englisch! Schließlich “gehörte” Poitiers zur Zeit der Erbauung zu England.

Innen ist man in einer gotischen Kirche, in der man sich wie in einer Barockkirche vorkommt. Man hat trotz der drei Schiffe den Eindruck eines einzelnen Raumes. Die Seitenschiffe sind fast so hoch wie das Mittelschiff, und die Bögen gehen fast bis an die Decke. Beeindruckend sind die Dimensionen, vor allem die Länge und die Breite.

Den größten Eindruck hinterlässt aber das Orgelspiel. Es war schon draußen auf dem Platz zu hören, weit vor der Kirche. Die Orgel donnert und dröhnt durch die leere Kirche, in der außer mir kein Mensch ist. Offensichtlich bekommt jemand Orgelunterricht, denn alle paar Minuten wird unterbrochen und kommentiert. Aber wenn es nach mir ginge, bräuchte der Spieler keinen Unterricht mehr.

Die Aussichten für morgen sind nicht gerade rosig: In Burgos ist es noch kälter, und es regnet.

20. Januar (Sonntag)

Als ich in aller Herrgottsfrühe in der dunklen Seitengasse mein Auto einparken will, um noch mal in die Wohnung zu gehen, versperrt mir eine junge Frau den Weg und macht eine hilfesuchende Geste. Ich denke nur: Dunkelheit, Ausland, alleine, Wertsachen, Schlüssel – und mache eine abwehrende Bewegung. Sie verschwindet sofort. Später sehe ich sie in ein Taxi einsteigen. Und ärgere mich über meinen Kleinmut. Sie wollte nur mitgenommen werden.

Viele Kilometer geht es durch ein Industriegebiet, dann kommt die Autobahn. Dunkel und leer. Ich muss tanken. Man kann nur mit Karte bezahlen, ich will aber bar bezahlen. Ich parke das Auto und gehe rein. Radebrechend versuche von der jungen Frau ich erfahren, ob man nicht bar bezahlen könne. Dabei komme ich echt in die Bredouille. Das Wort für ‘bar’ fällt mir nicht ein, und ich versuche es mit en courrant und en comptant, und irgendwie versteht sie mich, wie ihre Antwort zeigt: en espèce. Hört sich nach Gewürzen an. Ob das mal der Ursprung war? Sie macht mit einem unglaublichen Redeschwall weiter, dem ich nur entnehme, dass ich erst zahlen muss, dann tanken. Ich muss mir aber erst eine Zapfsäule aussuchen und das Auto dahinstellen. Dann wieder reinkommen zum Bezahlen. Also muss ich vorher abschätzen, wie viel Benzin ich brauche? Und was ist, wenn ich zu viel bezahlt habe? Die Art, wie ich diese Fragen stelle, hat mit Französisch nur noch marginal zu tun. Aber sie bewahrt ein ernstes Gesicht und sagt, ja, dann erhielte ich das Geld zurück. Und genau so geht es: Ich stelle das Auto an eine Zapfsäule, bezahlen 50 €, tanke für 42 €, gehe wieder rein und bekomme den Rest zurück. Auf jeden Fall ist das eine gelungene Strategie, die Leute zum Zahlen mit Karte zu ermutigen. Bei der Weiterfahrt fällt mir noch auf, dass sich bar gar nicht so italienisch anhört wie Giro und Skonto und Bankrott. Der Duden hilft: Es ist tatsächlich deutsch und bedeutet bar im Sinne von ‘bloß’, ‘unbedeckt’, ‘nackt’. Ich habe nackt bezahlt. Aber nicht mehr lange zahlen wir nackt. Demnächst nur noch in cash.

Zu viel Gelegenheit zum Sinnieren über Sprachwandel habe ich nicht. Es kommt Nebel auf, und der wird immer dichter. Man sieht nur noch die Fahrbahnmarkierungen und den Scheibenwischer, der sich unentwegt gleichmäßig hin und her bewegt. Hin und wieder kommen Warnsignale: Brouillard. Glücklicherweise kann man die sehen. Irgendwann wird es ganz hinten hell, ein rötliches Licht. Tagesanbruch? Schön wär’s. Danach wird es noch dunkler. Erst nach acht Uhr beginnt es, hell zu werden, aber der Nebel hält an. Es geht an Cognac vorbei. Auch das hätte ich anderswo verortet. Erst nach Bordeaux löst sich der Nebel auf, und es beginnt zu regnen.

An die flache, eintönige Landschaft zwischen Bordeaux und der Grenze kann ich mich noch erinnern. Unzählige Bäume mit schlanken Stämmen, die bis zur Krone keine Äste haben.

Um genau zwölf Uhr fahre ich über die Grenze: Guipuzcoa. Hier ist alles zweisprachig ausgeschildert: Hartu ticketu. Die Ortsnamen stimmen nur in seltenen Fällen überein: Bilbao ist Bilbo, aber San Sebastián ist Donostia und Vitoria ist Gasteiz. Und verwirrenderweise ist Iruña nicht Irún, sondern Pamplona! Es gibt einen weiteren Ort mit diesem Namen, in Alava: Iruña de Oca. Alle drei hatten unterschiedliche römische Namen, aber bei den Einheimischen denselben. Vermutlich geht der auf eine Wurzel zurück, die einfach ‘Stadt’ bedeutet!

Burgos ist hinter der Grenze noch nicht ausgeschildert. Dafür aber Algeciras. Auch auf Arabisch!

Hinter der Grenze verändert sich die Landschaft abrupt: schroffe Felsen, steil abfallende Wiesen, baumbestandene Berge. Immer wieder geht es durch Tunnel. Leider wird der Regen jetzt so stark, dass er von der Umgebung ablenkt.

Im Baskenland muss man an den Mautstellen nicht unbedingt an einem Automaten bezahlen. Es gibt immer eine oder zwei Stellen, die von einem richtigen, lebendigen Menschen besetzt sind. Davon mache ich Gebrauch. Es ist netter, erleichtert die Sache aber auch. Man bezahlt ständig kleinere Beträge, nur die letzten Kilometer bis Burgos sind gratis. Darauf wird aber auch alle Nase lang hingewiesen.

Als ich über einen Pass komme, hört der Regen auf, und ganz hinten kommt die Sonne zum Vorschein. In Burgos ist es dann trocken, sonnig und eiskalt.

Es geht durch hässliche Außenbezirke Richtung Innenstadt. Kein Mensch ist unterwegs, die Straßen sind leer. Dies ist noch spanische Mittagszeit, auch wenn es auf vier Uhr zugeht. Gut für mich, das erleichtert die Suche. Das Apartment ist ganz zentral gelegen, in einer Fußgängerzone, und der Treffpunkt ist außerhalb. Aber da ist nicht so leicht hinzukommen. Nach vielen Runden, bei denen ich immer etwa zwei Kilometer vom Ziel entfernt bin, ganz egal, wohin ich fahre, hilft mir ein Ehepaar mit einer perfekten Erklärung: Erst am Cid vorbei, dann über die Brücke, dann auf der anderen Seite am Fluss entlang, dann über die zweite Brücke zurück an dieses Ufer. Diesmal klappt es.

Das Apartment ist perfekt, in einem Altbau gelegen, modernisiert und geschmackvoll eingerichtet. Hat alles, was das Herz begehrt. Und ist so zentral gelegen, wie man es nur wünschen kann. Noch zentraler wohnen nur die Domherren.

Ich mache gleich einen Spaziergang durch die frische Luft. Tut gut. Ich habe für die Fahrt wieder fast zehn Stunden gebraucht, und wieder war die Strecke länger als vom Routenplaner vorhergesagt.

Das Zentrum zeigt sich in dem hellen Licht von seiner besten Seite. Alles sehr photogen, vor allem die Kathedrale. Bei ihr denkt man immer nur an die “Kölner” Türme, aber es handelt sich um einen riesigen, komplexen Bau, perfekt in die Hanglage eingepasst. Einmal um die Kathedrale rum ist ein richtiger Spaziergang, und man muss immer wieder Treppen rauf und Treppen runter. Nicht zu übersehen ist das reiche bildhauerische Werk, an den Portalen, aber auch an den Außenmauern.

Die Westfassade hat statt der drei ursprünglichen gotischen Portale drei neoklassische Portale. Die passen wie die Faust aufs Auge. Das ist aber auch das einzige Manko einer ansonsten perfekten Fassade. Die durchbrochenen Türme, die durch gotische Fenster mit Dreipässen durchbrochene Wand, das Figurenensemble, der Übergang der quadratischen Turmstümpfe in das Achteck der Obergeschosse, der – wie an dem gesamten Bau – gereinigte Sandstein, die relativ bescheidene Höhe – alles passt!

Wenn auch die Türme sofort an Köln denken lassen, ist die Höhe doch ein Unterschied und auch die Rosette, genauso wie die Galerie der Könige in einer Linie. Und von den anderen Seiten her ist dann gar kein Köln mehr zu sehen. Der Bau ist unglaublich komplex, mit einem riesigen Kreuzgang, einer Sakristei, den ganzen Seitenkapellen und der Kapelle im Osten. Auffallend ist, vor allem aus etwas Distanz gesehen, das Ensemble von Türmen und Türmchen. Die bekrönen die Querung und die Kapelle im Osten. Dieses Ensemble macht es unverwechselbar zu Burgos.

Auf dem Platz vor der Kathedrale auf einer Bank die Skulptur eines Jakobpilgers, mit Muschel auf der Brust und Pilgerstab mit Lederbeutel in der weit von sich gestreckten Hand. Man sieht ihm die Erschöpfung förmlich an.

In der Nähe ein Geschäft mit einem ungewöhnlichen Ladenschild: El ovillo de Aracne. Ein Handarbeitsgeschäft. Die Verbindung von Mythologie und heimeligem Wollknäuel hat was.

El Mesón de la Cueva, El Restaurante Nuño, El Asador de Aranda: Hier machen sie sich Konkurrenz, vor allem mit den typisch kastilischen Gerichten: Codillo, Cochinillo, Morcilla. Kein Paradies für Vegetarier. An einem Lokal eine handgeschriebene Tafel, das seine Olla Podrida anpreist – und gleich die Erklärung über den Ursprung des merkwürdigen Namens folgen lässt: podrida = poderida. Der Eintopf ist mächtig, nicht faul.

21. Januar (Montag)

Burgos ist keine römische Gründung, ungewöhnlich für eine spanische Stadt. Sie ist mittelalterlich. Und das erklärt wohl auch den deutsch klingenden Namen, angeblich auf Jakobspilger zurückgehend, die die Stadt wegen der Burg so nannten. Die thront oben auf einem Hügel. Aber es ist nicht mehr viel davon übrig. Ich erspare mir den Weg dorthin und kehre nach einer intensiven Besichtigungstour am Nachmittag durchfroren nach Hause zurück.

Gleich nach Tagesanbruch geht es los. Das erste, was mir auffällt, ist ein WC: modern, sauber, gratis, mit Erklärungen in drei Sprachen. Da erkennt man Spanien kaum wieder. Dann bin ich aber wieder mit Spanien versöhnt, als auf zwei elektronischen Anzeigen, die sich in einer Sichtachse befinden, die eine die einer Bank, die andere die einer Apotheke, einmal 8.59, einmal 9.01 und einmal 0° und einmal 2° sehe. Geht doch!

Durch die Puerta de Santa María geht es zum Fluss, dem Arlanzón. Das Tor stammt aus der frühen Neuzeit und ersetzt ein mittelalterliches, wie so vieles in Burgos. Es ist ein mächtiges, breites Tor, mit einem eher niedrigen Durchgang, unter einem halbrunden Bogen.

Stadtauswärts ist das Tor von zwei Rundtürmen begrenzt. In der Mitte sind in Nischen mehrere große Skulpturen eingelassen, sechs historische Figuren in zwei Reihen, oben Fernán González, der Cid und Karl V., alle mit gerade nach oben stehenden Schwertern. Da kommt man auf ganz andere Gedanken. Darüber in einer Nische ein Schutzengel, ganz oben die Jungfrau, die Schutzpatronin von Stadt und Kathedrale.

Das Tor soll im Zusammenhang mit dem Sieg Karls V. über die Comuneros zu tun haben, aber welchen, verstehe ich nicht. Stand Burgos vielleicht auf der Seite der Comuneros und wollte Abbitte leisten? Die Comuneros, städtische Patrizier, hatten sich mit den Adeligen verbündet, um die Errichtung einer absoluten Monarchie in Spanien vorzubeugen. Ihre Forderungen wurden dann aber den Adeligen zu brisant, und so blieben sie allein auf weiter Flur. Und letztlich chancenlos gegen die Monarchie. Dabei hatte Karl sowieso alle Hände voll zu tun: Die aufständischen Holländer, die ketzerischen deutschen Protestanten, die Angriffe der Türken, und jetzt auch noch diese blöden Städter, die sich einbildeten, ein Land besser regieren zu können als ein König!

Wie dem auch sei, es lohnt sich, das Tor zu durchschreiten und sich die Flusspartie anzusehen. Hier gibt es drei parallel verlaufenden Wege zum Promenieren: unten am Fluss ein Spazierweg auf Sand und Gras, hier oben mit Blick auf den Fluss eine breite, schön gepflasterte Promenade mit gewagt geschnittenen Buchsbäumen zu beiden Seiten, und dann etwas vom Fluss entfernt, eine weitere Promenade auf Straßenpflaster, mit gestutzten Platanen zu beiden Seiten.

Am Fluss sehe ich am Ufer eine junge Frau, die sich auf ein Gitter stützt und gedankenversunken auf den Fluss blickt. Sie hat ein schönes Gesicht und wunderbares, langes Haar, das sie quer über die Schulter geworfen hat. Sie trägt einfache Stiefel und ein einfaches Kleid, dazu einfachen Schmuck, aber all das ist passend. Ich sehe sie unverwandt an. Sie hat nichts dagegen. Es ist eine Skulptur. Skulpturen dieser Art sind über das ganze Zentrum verteilt. Schon vorher habe ich am Stadttor eine auf dem Boden hockende Frau mit Kopftuch gesehen, die vor sich in der Glut Kastanien röstet. Später treffe ich auf einen Mann, der lässig an einer Häuserwand lehnt und Zeitung liest. Dann auf ein altes Ehepaar auf einer Parkbank, sie strickend, mit Wollknäueln an der Seite, er auf den Stock gestützt, tatenlos. Dann kommt ein Schmied bei der Arbeit und schließlich ein Junge in der Begleitung eines Mannes, beide in Kostümen. Ein Schild auf dem Boden davor verrät, was sie darstellen: Tetines y Danzantes. Jungen, die traditionelle Tänze erlernen und ihre Lehrer.

Die Promenade endet in einen kleinen, aber viel befahrenen Platz. Auf dem steht das Reiterstandbild des Cid. Der rauschende Bart, der Helm, das im Wind flatternde Gewand, die nach vorne gestreckte Lanze, das nach vorne galoppierende Pferd mit dem waagerecht in der Luft stehenden Schwanz, das ist alles ein bisschen zu dramatisch. Fast muss man lachen. Aber der Himmel mit dem Gemisch aus Wolken und Sonne bietet den passenden Rahmen für ein etwas theatralisches Photo.

So fügt es sich gut, dass das Theater gleich hier an diesem Platz steht. Eine Fassade, die schwer einzuordnen ist, so etwas wie ein modifiziertes Neobarock. Als die Sonne durch die Wolken bricht, spiegelt sie sich in den Fensterscheiben der Fassade und lässt sie gleich viel schöner erscheinen.

Das Theater hat hinten keinen geraden Abschluss, wie man ihn erwarten würden, sondern schließt polygonal ab. Das, erfährt man aus einer Inschrift, ist ein Erweiterungsbau. Das Theatergebäude diente auch als Sitz einer bürgerlichen Gesellschaft, und die war hier untergebracht. Erst jetzt verstehe ich den merkwürdigen Seiteneingang, an dem ich vorher vorbeigekommen bin: ein großes hölzernes Portal im Jugendstil, das hier völlig unerwartet auftaucht. Darauf steht: Salón de Recreo.

Ein paar Meter weiter an derselben Fassade El Morito, ein Mohr, der mit zwei verschiedenen Glocken die Stunde und die Viertelstunde läutet und über einer emblematischen Uhr steht.

Ich komme auf eine Reihe von kleineren Plätzen und Straßen, alles sehr schön. Eine Bar hat den schönen Namen ¿Quedamos?

Dann stehe ich plötzlich auf der Plaza Mayor. Über den Häusern sieht man die vielen Türme der Kathedrale. Sehr schönes Bild.

Die Plaza Mayor ist ungewöhnlich: ein unregelmäßiger Kreis, mit Häusern, die alle unterschiedlich sind, in Breite, Höhe und Aussehen, aber die dennoch ein schönes Ensemble sind. Alle haben Laubengänge unten.

Dann geht es zur Casa del Cordón. Der Name ist irreführend. Es ist eher ein Palast. Groß genug, um in einem Teil, innen modernisiert, eine Bank unterzubringen.

Die Casa del Cordón ist ein Renaissancebau, der zu einer Seite auf die alte Plaza Mayor geht, eine kleinere Version der neuen. Zu dieser Seite hin ist die schöne Südfassade des Hauses, mit den namensgebenden Franziskaner-Kordel. Sie umrahmt das ganze Portal. Hier ist Geschichte geschrieben worden, wie eine Inschrift an der Südfassade zeigt: In diesem Haus empfingen die Katholischen Könige Kolumbus nach seiner zweiten Reise nach Amerika. Das ist aber längst nicht alles: Hier starb Felipe el Hermoso, nachdem er sich beim Pelota-Spiel erkältet hatte. Und hier fand die Hochzeit des Infanten Juan mit Margarete von Österreich statt. Noch wichtiger aber: Hier beschlossen die Parlamente von Kastilien und Navarra die Vereinigung der beiden Königreiche, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entstehung Spaniens.

Danach gehe ich ein bisschen durch die Fußgängerzone, über eine breitere, dann über eine schmalere Straße, die zurück zur Plaza Mayor führt. Hier reiht sich ein Lokal an das andere. Darunter eine Bar, La Quinta del Monje, bei der die Tapas, offensichtlich besserer Qualität, schon draußen mit Photos und Preisen angezeigt werden.

Auf der breiteren Straße viele alte Geschäfte, noch in privater Hand, darunter ein Hutgeschäft und ein Schirmgeschäft und mehrere Buchhandlungen sowie Aristocrazy, ein modernes Schmuckgeschäft.

Es wird Zeit für die Kathedrale. Es gibt gleich vier Eingänge, alle mit reichem Skulpturenschmuck. Im Süden – da ist der Eingang, und da kommt man ebenerdig in die Kathedrale – ist die Majestät Christi das Thema. Eine strenge, nach vorne blickende Christusfugut hält das Gesetzesbuch in der Hand, umgeben von den Symbolen der Evangelisten. Diese selber gruppieren sich drum herum, und zwar alle an einem Pult sitzend und eifrig schreibend!

An der Hauptfassade, wie in den französischen Königskathedralen, eine Galerie der ersten Herrscher Kastiliens, von Fernando I. bis zu Fernando III. Ausgerechnet Urraca, die einzige Königin, hat man ausgelassen.

Die Fassade hat auch, ganz französisch, eine Rosette. Eine weitere Rosette gibt es im Norden. Ganz ungewöhnlich ist eine gemeißelte Inschrift, die von unten einfach dekorativ aussieht. In gotischen Buchstaben steht da: pulcra es et decora. Das bezieht sich auf Maria, die Patronin der Kirche, deren Bildnis über der Inschrift erscheint.

Die Portale der Hauptfassade sind geschlossen, und die der Nordseite auch. Von hier aus käme man nur über eine Treppe in die Kirche hinunter. Früher gab es auch eine ganz einfache Treppe, und man nutzte die Kathedrale auch, um einfach von einer Seite der Innenstadt zur anderen zu kommen. Diese Treppe wurde dann durch die Escalera Dorada ersetzt, zum Betreten zu schade!

Das Thema des Nordportals ist die Deesis, die Bitte um Anhörung. Die Jungfrau und Johannes bitten vor Gott für die sündige Menschheit. Christus weist auf seinen entblößten Körper und die seine Hände und die Wundmale an beiden. Das Thema wird dann fortgeführt in der Darstellung eines Themas, das – wie ich jetzt lese – Psychostasie heißt, das Wiegen der Seelen. Michael ist mit diesem Job beauftragt worden. Darunter schließt sich folgerichtig das Jüngste Gericht an, anders als in Poitiers, nicht so gedrängt.

Dann geht es endlich rein in die Kirche, zum reduzierten Rentnertarif. Innen verstellt der Chor, wie fast überall in Spanien, den Blick nach Osten (und den nach Norden und Süden und Westen!). Er steht mitten im Mittelschiff statt im Chor, also da, wo er hingehört. Diese Änderung wurde im16. Jahrhundert in Spanien eingeführt, weiß der Kuckuck warum, aber eben nur in Spanien. Man bekommt dadurch kaum einen Raumeindruck von dem Bau.

Den Chor anzusehen, lohnt sich aber auf jeden Fall. Zur einen Seite der vergoldete Hochaltar, zur anderen das Chorgestühl, und in der Mitte, unter der Vierung, die Grabstätte des Cid und seiner Gemahlin, Doña Jimena, unter einer einfachen, großen Marmorplatte.

Der Vierungsturm, mächtig, achteckig, ist wunderschön gestaltet. Man sieht hinauf zu einem vielzackigen Stern, in den wiederum ein anderer Stern eingelassen ist. Es fehlt nur ein bisschen Sonnenschein, um den Blick perfekt zu machen.

Das Chorgestühl kann man nicht betreten, aber man sieht das Ensemble und die ersten Plätze. Es dürfte um die fünfzig Sitze geben, in zwei Reihen angeordnet, und es dürfte um die dreihundert im Halbrelief geschnitzte Flächen über und unter den Plätzen geben. Die ersten kann man im Detail ansehen. Allein in einer geschnitzten Fläche rechts sieht man neun Figuren, wenn man die mitzählt, deren Kopf gerade abgeschlagen auf einem Teller liegt. Diese Figur erscheint allerdings zweimal. Oben wird gerade von einem grimmig aussehenden Schergen das Messer angesetzt. Das Ganze geschieht unter königlicher Aufsicht. Links davon, immer noch im selben Bild, zwei Bischöfe, einer mit einem Krummstab, einer mit einem Stab, der in einem Kreuz endet.

Darunter Kämpfer mit Waffen, nur mit Röckchen bekleidet, und in den Miserikordien Tiere, die in der Erde wühlen, so eine Art Warzenschwein.

Diese Sitzreihe wird abgeschlossen und quasi “bewacht” von einer nackten Männerfigur mit einem muskulösen Körper wie aus dem Fitnessstudio. Sein Pendant auf der anderen Seite ist eine ebenfalls nackte Figur, mit einem langen Bart und entblößten Frauenbrüsten. Was den Holzschnitzern so alles in den Sinn gekommen ist! Steht in keinem Reiseführer!

Nördlich der Vierung die wunderbare Escalera Dorada, eine doppelläufige Treppe, die unten ein paar gemeinsame Stufen hat, dann zu den beiden Seiten auseinander läuft, um sich oben wieder zu treffen. Sie hat ein schönes, geschmiedetes Geländer, aber man kann es nicht von Nahem sehen.

Das alles ist Renaissance. Die Kirche, die außen, vor allem vor der Westfassade, wie eine klassische gotische Kirche aussieht, ist innen ganz, ganz anders. Auch durch den Kapellenkranz. Der dürfte auch erst später angelegt worden sein.

Die Kapellen sind teils so groß und so reich ausgestattet wie eigene Kirchen. Ich sehe mir die Capilla del Condestable genauer an. Sie bildet dem Abschluss des Chorumgangs. In der hängt so ganz nebenbei eine Maria Magdalena von Leonardo (oder Leonardo zugeschrieben). Aber die Kapelle ist so reicht ausgestattet, dass man das Gemälde glatt übersehen könnte.

Hier gibt es alleine drei Altäre und vierzehn Sandsteinfiguren, jede einzelne mit einem Baldachin versehen und einer ganzen Kampfszene zu den Füßen. Im Zentrum die schönen, idealisierten Grabfiguren des Stifterehepaars, mit detaillierten Abbildung des Schmucks auf Rüstung und Gewand und genauer Nachbildung des Faltenwurfs, und einem Hündchen zu Füßen der Frau.

Ich sehe mir hier aber mal ein paar Details an, die in der Bilderflut sonst untergehen, wie ein skulptiertes Gitter an der Seite des Altars und ein vergoldetes, geschmiedetes Wappen rechts davon. Unglaublich, welche Arbeit und welche Kunstfertigkeit darin steckt.

Ganz am anderen Ende der Kathedrale, im Westen, befindet sich hoch oben der Papamoscas, eine Figur, die die Stunden schlägt und dabei den Mund öffnet. Die Figur erfreut sich großer Popularität, ist aber eigentlich nichts Besonderes.

Man wird durch Pfeile auf einem festen Weg durch die Kathedrale geleitet, und der bringt mich in die Sakristei und dann in den Kreuzgang, aber nur in die obere Etage. Nach unten gerate ich gar nicht und sehe damit auch den Eingang zum Kreuzgang nicht, der in allen Büchern erscheint. Ebenfalls verpasse ich den Cristo de Burgos, eine beeindruckende und gleichzeitig sehr populäre Figur von Christus am Kreuz. Vielleicht hat das alles damit zu tun, dass unten eine Kapelle restauriert wird.

Die Sakristei hat einen barocken Überschwang, mit knallbunten Gipsfiguren, dass es einem zum Lachen zumute ist. Was die vielfigurige Szene an der Decke darstellen soll, ist nicht zu enträtseln.

Der Kreuzgang ist hoch und elegant, aber leider durch und durch verglast, so dass man kaum einen Blick in den Innenhof werfen kann und auch die andere Seite nicht sieht, was doch den Reiz eines Kreuzgangs ausmacht. Hier, im Kreuzgang, stoße ich unerwarteterweise auf den Cofre del Cid, eine mittelalterliche Truhe, verbunden mit einer nicht sehr heldenhaften Tat des Cid. Er brauchte nach seinem Exilierung dringend Geld, um die 300 Männer zu bezahlen, die ihn begleiten würden. Das Geld lieh er sich von zwei jüdischen Geldleihern. Als Garantie gab er ihnen diese Truhe, die angeblich Schmuckstücke enthielt im Gegenwert zu dem Geld. Die Juden rochen ein gutes Geschäft, akzeptierten, ohne nachzusehen, und fanden am Ende heraus, dass die Truhe nur Sand und Steine enthielt. Eine wahrlich christliche Legende!

Hunger hat sich eingestellt. Eins der vielen typischen Menüs des Zentrums offeriert La Posada: Sopa Castellana, Guiso de Lechazo, Pudding. Der ist hier, statt mit Brotkrumen oder mit Gebäckstückchen, mit kleinen Stücken Obst durchsetzt. Dazu Wein. Schmeckt alles gut, außer den durchgeweichten Pommes.

Ich bin der einzige Gast, bis um Viertel nach zwei ein weiterer eintrifft. Er nimmt das Gegenprogramm: Gambas, Kabeljau, Wasser, Kaffee.

Es ist alles sehr spanisch. Unten, in der Bar, geht es laut und unordentlich zu, oben ist ein schöner Speisesaal mit Holzbalkendecke. Die Tische sind eingedeckt, aus dem Lautsprecher kommt leise Gitarrenmusik, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Photos von Stierkämpfern. Die Suppe wird in einer Keramik-Schüssel serviert.

Es gibt zwei Hinweisschilder auf das WC, ein schönes Keramikschild, ein gewöhnliches Messingschild. Auf dem einem steht Aseos, auf dem anderen Servicios.

Ich gehe noch rauf zu San Esteban. Das habe ich noch von damals in Erinnerung. Es ist aber geschlossen, da es ein Museum und heute Montag ist. Der Weg lohnt sich aber doch: Auf dem kleinen Platz davor steht, seitlich zum Platz, ein schief in den Hang gebautes einstöckiges Häuschen, mit der ganzen Fassade über und über voll mit einfachen Blumentöpfen.

Am Morgen habe ich aber zufällig ein Museum entdeckt, das auch heute geöffnet ist, untergebracht in einem schmalen Haus, ganz unscheinbar: El Museo del Libro. Man muss klingeln, um eingelassen zu werden.

Das Museum gehört einem Verlag, Siloé, der sich auf die Herstellung von Faksimiles spezialisiert hat und wichtige Werke veröffentlicht hat. Hier präsentieren sie auf drei Etagen die Geschichte des Buches, kurz und bündig, gut gemacht, mit Nachbildungen von wichtigen Werkzeugen und Bildern.

Der Beginn der Schrift wird nach Mesopotamien verortet, mit der Keilschrift. Das ist aber nicht unumstritten. Mindestens China und Ägypten waren zur gleichen Zeit am Zug, und eine der großen Fragen ist weiterhin, ob es für so eine wichtige Erfindung mehrmals an verschiedenen Orten gemacht wurde – klingt unwahrscheinlich – oder sich von einem Ort aus schnell um die Welt verbreitet hat – klingt ebenso unwahrscheinlich.

Aus Mesopotamien werden die Stifte der Keilschrift und beschriebene Tonplättchen präsentiert. Überhaupt wird auf Schreibmaterialien großen Wert gelegt: Stein, Knochen, Ton, Papyrus, Pergament, Papier, Bildschirm.

In einer kleinen Videosequenz sieht man, wie viel Aufwand es ist, Pergament herzustellen. Zuerst muss die Haut immer feucht gehalten werden, dann wird die obere Schicht mit den Haaren abgekratzt, dann wird die Haut eingespannt und muss weiterhin von beiden Seiten feucht gehalten werden. Man bekommt aus viel Tierhaut wenig Pergament.

Auf der Etage darunter geht es weiter mit Gutenberg und dem Buchdruck. Hier liegt das Augenmerk auf einem gewissen Fadrique de Basilea. Der war von besonderer Bedeutung für Burgos. Ob er wirklich aus Basel kam, ist nicht gesichert, auf jeden Fall aber aus dem deutschsprachigen Bereich, denn eigentlich heißt er Friedrich Biel. In Spanien wurde er dann zu Fadrique. Er druckte eine ganze Reihe wichtiger Inkunabeln, darunter die erste Ausgabe von Calixto y Melibea und von der Celestina.

Dann werden Bücher aus verschiedenen Epochen gezeigt, frühe Neuzeit, Barock, Aufklärung. Es gibt Ausgaben von dem ersten und dem zweiten Band des Quijote. Der eine spricht von dem Ingenioso Hidalgo Don Quixote, der andere von dem Ingenioso Cavallero Don Quixote.

Unten gibt es eine Etage über den Cid. Etwas unerwartet, aber auch hier geht es um Ausgaben des Buches. Der Cid, heißt es, wurde geboren zu einer Zeit, als das Kalifat von Córdoba gerade zusammengebrochen war und sich in die Reinas de Taifa aufgelöst hatte. Parallel dazu hatte auf christlicher Seite Fernando I. sein Reich unter seine Söhne aufgeteilt, was zu Bruderzwist und Kriegen führte. Vor diesem Hintergrund sind die vielen “Seitenwechsel” des Cid eher verständlich. Christen und Araber bekämpften sich gegenseitig, aber auch untereinander. In dem Gedicht über den Cid verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion. Er erscheint jedenfalls als der klassische Ehrenmann. Auch hier gibt es Faksimiles von frühen, handschriftlichen Ausgaben. Ob man die verstehen kann? Der Versuch scheitert daran, dass man die Buchstaben kaum entziffern kann.

Zum Schluss kommt noch ein echter Höhepunkt. das Voynich-Manuskript. Die Frau, die mich so freundlich empfangen hat, ist ganz entsetzt, dass ich davon noch nie gehört habe. Auch das wird jetzt von Siloé als Faksimile herausgebracht. Das Voynich-Manuskript, heute in Yale, gilt als das “rätselhafteste Buch der Welt”. Man weiß nicht, wer es geschrieben hat. Man weiß nicht, für wen es geschrieben worden ist. Man weiß nicht, wovon es handelt. Man weiß nicht, in welcher Sprache es geschrieben ist. Und man weiß nicht, in welcher Schrift es geschrieben ist.

Der Namensgeber, Voynich, hat das Manuskript unter wohl nicht ganz geklärten Umständen in Italien entdeckt, nachdem es jahrhundertelang verschwunden war. Über seine Erben kam es dann nach Yale.

Das Voynich-Manuskript ist kein Buch im engeren Sinne, sondern besteht aus zusammengefalteten Pergament-Seiten. Die sind nicht vollständig erhalten,und einige sind größer als andere. Deshalb ist es sogar schwer zu sagen, welche Seitenzahl es umfasst.

Was man durch Beobachtung herausgefunden hat: Der rechte Rand ist etwas unregelmäßiger als der linke. Es wird also von links nach rechts geschrieben. Es gibt kleine Abstände zwischen den Zeichen. Es handelt sich also um “Buchstaben”. Und es gibt etwas größere Abstände zwischen einzelnen Gruppen von Buchstaben. Es handelt sich also um Wörter. Außerdem hat man durch Zeichnungen, die sich auf fast allen Seiten befinden, eine Ahnung, worum es sich handeln könne: Astronomie, Botanik, Anatomie. Aber das ist Spekulation.

Man hat versucht, das “Alphabet” der Sprache aufzustellen, aber das ist gar nicht so einfach: Wenn man ein Zeichen vor sich hat, ist das ein eigener Buchstabe oder nur eine Variante eines anderen Buchstaben? Wenn jemand, ohne Deutsch zu können, versuchen würde, aus meiner Handschrift die deutschen Buchstaben herauszufiltern, könnte er auf die Idee kommen, dass die Varianten von <s> und <e> eigene Buchstaben sind.

Genauer weiß man etwas über das Alter des Manuskripts. Voynich selbst hatte spätes Mittelalter geschätzt, und damit lag er gar nicht so falsch. Die Untersuchungen von Papier, aber auch von einigen Darstellungen, haben ziemlich eindeutig erwiesen, dass es aus dem 15. Jahrhundert stammt. Die Authentizität des Manuskripts ist also bekannt.

Aber: Kann das nicht alles Hokuspokus sein? Hat sich da nicht vielleicht jemand einen Scherz erlaubt, einen sehr aufwendigen Scherz, und der Nachwelt ein Rätsel hinterlassen, das sie nicht lösen kann? Kann es sein, dass es eine Sprache gibt, von der sonst keine Quelle und kein Hinweis existiert, außer diesem einen ausführlichen Text, der dazu akademisches Wissen voraussetzt? Ist das nicht alles falscher Zauber?

Auch dazu gibt es Hinweise. Und die deuten eher auf die Authentizität des Textes: Es gibt eine begrenzte Zahl von Buchstaben, die Buchstaben kommen in sehr unterschiedlicher Frequenz und in verschiedenen, aber nicht allen möglichen Kombinationen vor. All das sind Merkmale von natürlichen Sprachen (oder besser der Schriftform natürlicher Sprachen). Außerdem ist der ganze Schreibduktus sehr flüssig. Bei einem auf reiner Phantasie beruhenden Text würde man das nicht erwarten.

Auf jeden Fall hat der Besuch dieses unscheinbaren Museums mit dem Voynich-Rätsel nicht nur Fragen hinterlassen, sondern auch ein paar Einsichten.

22. Januar (Dienstag)

Wie in Frankreich springen die Ampeln in Spanien sofort von Rot auf Grün. An einigen Ampeln werden aber hier die Sekunden runtergezählt, auch für die Autofahrer.

Wieder wird es erst sehr spät hell. Es geht über die spanischen Autovía. Da fallen keine Mautgebühren an. Die Fahrt durch die eintönige spanische Meseta zieht sich hin, über Valladolid und Salamanca. Am Wegesrand liegen Torquemada (auch ein Ort!) und Tordesillas. Für einen Moment überlege ich, abzufahren und mir die geschichtsträchtige Ort anzusehen. Dass ich das nicht tue, ist die beste Entscheidung des Tages.

Im Radio ist bei einem Anrufprogramm ständig vom Wetter die Rede, obwohl das gar nicht das eigentliche Thema ist. Wo es wohl zuerst schneit? Es ist der bisher kälteste Tag des Winters.

Kurz vor Salamanca ist zum ersten Mal Portugal angezeigt. Genau um 12 Uhr bin ich an der Grenze. Der verlassene Grenzort auf der spanischen Seite gibt einem den Eindruck, in einer anderen, früheren Welt zu sein. Ich finde kein Café, treffe aber auf einen Mann, der mir sagt, es sei besser, hier zu tanken. In Portugal sei das Benzin viel teurer.

Nach ein paar Kilometern taucht eine Mautstelle auf: Nur für Ausländer. Schöne Grüße von der CSU. Man kann hier nur elektronisch bezahlen, und nur mit der Kreditkarte. Von der wird dann pauschal abgerechnet, aber man bekommt keine Quittungen. Gibt einem kein gutes Gefühl.

Das erste Wort, das ich in einem portugiesischen Sender höre, als ich das Radio einschalte, ist Dortmund. Es geht um futebol.

Trotz guter Vorsätze habe ich immer noch kein bisschen Portugiesisch gelernt. In den letzten Tagen habe ich aber ein paar Wörter nützliche Wörter aufgeschnappt, die gleichzeitig Teil der portugiesischen Alltagskultur sind: uma bica ist ein Espresso, um galão ist ein Milchkaffee und uma imperial ist ein gezapftes Bier. Doch ganz gut für den Anfang!

Im Wetterbericht fällt mir die Aussprache von Porto auf. Klingt wie Portu. Das unbetonte <o> klingt anders als das betonte. Das scheint jedenfalls die Grundregel zu sein. Wirkt sich auch bei Coimbra, Faro, Portugal und gleich doppelt bei obrigado aus. Anders ist es bei Lisboa.

Dann geht es von der Autobahn ab, aber auf einer guten Landstraße weiter, bis nach Coimbra. Jetzt fehlt nur noch ein kleines Stück. Aber welche Richtung? Ausgeschildert sind nur Autobahnen und eine Landstraße. Aber die bringt mich in die falsche Richtung, nach Norden. Ich fahre nach Coimbra zurück, komme in die Stadt, dann in das Universitätsviertel, ganz oben gelegen. Am Ende stellt sich heraus, dass ich noch mal auf die Autobahn muss, Richtung Lissabon. Auf der kommt dann das Schild Castelo de Penela. Ziel in Sicht! An der nächsten Ausfahrt ist aber keine Abzweigung nach Penela, und an der übernächsten auch nicht, also fahre ich ab und zurück nach Coimbra. Dann zurück Richtung Lissabon, und dann an der ersten Abfahrt ab. Hier habe ich meinen ersten “Dialog” auf Portugiesisch. Ich frage den Mann an der Mautstelle – hier wird inzwischen wieder Strecke für Strecke abgerechnet – wie ich nach Penela komme. Der macht das hervorragend: Weiterfahren – Auf der Dreizehn – bis Miranda do Corvo – dort Penela. Der Mann könnte Fremdsprachenlehrer sein. Im letzten Moment unterdrücke ich Gracias und sage Obrigado. Beim nächsten Versuch, in einer Bar, geht es schief. Da sage ich Grazie.

Ermutigt setze ich die Fahrt fort. Jetzt kann eigentlich nichts mehr passieren, und die Abfahrt nach Miranda do Corvo kommt dann auch irgendwann in Sicht. Aber ach – sie ist gesperrt! Unfall! Man kann nicht abfahren, muss weiterfahren bis zur nächsten Ausfahrt und dann wieder zurück. Dort ist dann an einem Kreisverkehr zum ersten Mal Penela ausgeschildert. Gott sei Dank! Aber es zieht sich. Es geht über eine kurvenreiche Landstraße, immer Auf und Ab, durch immer neue Dörfer. Dann kommt endlich Penela, hoch gelegen. Dort gibt es einen Markt. Ich will einkaufen mit Pause verbringen, aber der Markt ist geschlossen. Ich trinke in einer heruntergekommenen Bar einen Kaffee. Vier Männer und die Frau hinter dem Tresen starren schweigend auf ein unsägliches Video mit Horror-Szenen. Der Kaffee ist gut und günstig: 90 Cent. Wenigstens etwas.

Das nächste Problem folgt auf dem Fuße: Ich komme aus dem Ort nicht heraus. Entweder lande ich wieder an dem Markt oder an der Sporthalle oder an einem Feldweg. Nach mehreren Runden komme ich durch die historische Altstadt, über Kopfsteinpflaster, und dann irgendwie aus dem Ort heraus. Ich frage drei Männer, die sich gerade verabschieden, nach Estrada de Viavai, aber sie sind nicht von hier. Ich soll an der Tankstelle fragen. Das tue ich. Die junge Frau weiß Bescheid, aber ich kann ihrer Erklärung nicht ganz folgen. Es ist immer wieder von rotunda die Rede, das muss der Kreisverkehr sein, aber ich muss an insgesamt dreien vorbei und immer in andere Richtungen. Ich finde es auch nicht sehr beruhigend, dass sie nach links zeigt, wenn sie rechts sagt. Egal, die grobe Richtung stimmt: runter. Ich lande in einem Wohngebiet. Dort hilft mir ein junger Mann weiter. Wieder ist es dreimal ein Kreisverkehr. Er ist sehr hilfsbereit und zeichnet den Weg auf einem Blatt auf. Lieber wäre mir, wenn er mir eine Richtung sagen würde, an die ich mich halten kann. Ich folge seinen Instruktionen, so gut ich kann, und komme durch eine unendliche Kette von Dörfern mit Namen, die mir bereits bekannt vorkommen: Pastor, Rosas, Sra. de Glória, Casais de Cabra. Hier bin ich schon mal durchgekommen. Mindestens einmal.

Immer noch kommt kein Schild nach Estrada de Viavai in Sicht, nicht einmal nach Viavai. Ich frage einen Mann in einem Jeep, und er schickt mich zurück. Dann kommt plötzlich das ersehnte Schild in Sicht: Viavai. Warum bin ich da vorher vorbeigefahren? Weil es nur aus dieser Richtung kommend ausgeschildert ist!

Es geht über einen nur behelfsmäßig befestigten Weg. Aber der nächste Ort ist nicht Viavai. Der übernächste auch nicht. Es geht immer weiter, bis plötzlich die Autobahn in Sicht kommt. Und dann bin ich plötzlich in Estrada de Viavai.

Ich fahre durch den Ort und suche das Haus. Ortsende. Ich weiß auch nicht genau, wonach ich suchen soll. Der einzige Anhaltspunkt sind die Photos im Internet. Dann, als ich zurückfahre, sehe ich plötzlich: Casa Tranquila. Angekommen. Am Ende habe ich heute noch länger gebraucht als in den Tagen davor, und insgesamt waren es, statt der vom Routenplaner vorgesehenen 2050 Kilometer 2230 Kilometer.

Der Schlüssel soll im Briefkasten sein. Aber der ist tief. Ich klemme mir meine Finger ein bei dem Versuch, an den Umschlag zu kommen. Das Pförtchen öffnet sich auch nicht. Ich beuge mich drüber und versuche, das Kästchen an der Pforte zu öffnen. Dabei fällt mein Handy aus der Jacke, auf das Grundstück und zerfällt in seine Einzelteile.

Ich versuche es wieder mit dem Umschlag. Irgendwie bekomme ich ihn dann doch zu fassen und zieht ihn heraus. Es ist kein Umschlag. Es ist ein Werbeprospekt.

Ich klettere über das Pförtchen, sammele die Handyteile ein und versuche, das Kästchen von dieser Seite zu öffnen. Es geht! Da ist der Schlüssel! Jetzt geht es “nur” noch darum, herauszufinden, für welchen Eingang der Schlüssel bestimmt ist. Beim dritten Versuch klappt es. Dann öffnet sich auch das Pförtchen. Es war nicht abgeschlossen, sondern klemmte!

23. Januar (Mittwoch)

Das größte Problem ist die Kälte. Sie trotzt dem Kamin und dem Gasofen. Das einzige, was man merkt, ist, dass das Holz weniger wird.

Statt nach Penela geht es – Tipp des Vermieters – nach Miranda do Corvo. Da gäbe es einen Supermarkt, einen Lidl. Penela sei schön zu besichtigen, aber nicht so gut zum Einkaufen.

Kaum verwunderlich, dass es hier so grün ist. Die Dächer und Straßen sind nass, und auf den Bergen hängen die Wolken. Bald beginnt es zu regnen. Das ist dann wohl das, was man “ergiebigen Regen” nennt.

Ich merke mir den Namen der Orte, durch die Fahrt geht, um wieder zurückzufinden. Und die Abfahrten an den verschiedenen Kreisverkehren. Ein Ort heißt São Simão. Daran kann man gut sehen, dass das <ã> eine Art Grabstein für das verloren gegangene <n> ist: San Simón > São Simão. Sieht man auch an información > informação, recepción > receção, mano > mão.

Kurz vor Miranda taucht, wieder einmal an einem Kreisverkehr, ein ganz modernes Gebäude auf: Museo do Mel. Könnte eine der ersten Besichtigungen werden.

In Miranda parke ich vor dem Markt. Es gibt ein geschlossenes Gebäude, aber ohne feste Stände. Es sieht alles etwas provisorisch aus. Hier verkaufen Bauern aus der Umgebung an improvisierten Ständen.

Ich kaufe bei einer Bäuerin ein: Möhren, Tomaten, Birnen und Clementinen. In einem spanisch-portugiesisch-Mix frage ich, was besser sei: die Apfelsinen oder die Clementinen. Sie zögert nicht mit der Antwort. Die Clementinen: mais doces. Apfelsinen heißen laranjas. Da, wo wir den Anfangskonsonanten aus dem Persischen getilgt und die Spanier ihn bewahrt haben, haben die Portugiesen ihn durch einen anderen ersetzt! Die Frau erklärt mir auch, welche Birnen die besten sind. Von dem “Gespräch” animiert, frage ich auch noch, ob der Markt jeden Tag stattfindet. Nein, nur am Vierten, na quarta. Das ist Mittwoch. Gewöhnungsbedürftig. Die Zählung fängt am Montag an, aber bei zwei!

An einer Apotheke zeigt die Temperaturanzeige 12°. Muss wohl defekt sein. Zumindest ist es draußen wärmer als im Haus.

Man sieht viele alte Leute auf der Straße. Die alten Männer tragen alle eine Mütze. Einige gehen an einem Stock. Einen Rollator habe ich noch nicht gesehen.

Abseits des Markts liegt das Zentrum. Das ist alles andere als hässlich. In einem Café trinke ich einen Kaffee. Ein paar Verwegene sitzen tatsächlich draußen. Es sind Engländer!

Mit der Frau hinter dem Tresen lache ich am Ende gemeinsam über mein verdutztes Gesicht. Sie hat mir gezeigt, wo die Toilette ist und dabei auf die Wand gewiesen. Die hat dasselbe Muster wie die Eingangstür zur Toilette, und man glaubt, man müsse durch die Wand gehen.

Zum Lidl soll ich besser mit dem Auto fahren, sagt sie. Unterwegs halte ich aber noch mal an und frage zwei junge Frauen, die vor einer Haustür stehen. Eine von ihnen antwortet – auf Englisch. Sie muss die Wörter suchen, aber sie erklärt alles perfekt. Ich finde den Weg auf Anhieb.

Im Lidl ist alles wie bei uns. Hier finde ich auch, wie vom Vermieter empfohlen, Holzkohle für den Ofen. Der holländische Käse ist billiger als der portugiesische. So kann das nichts werden. Dafür kaufe ich ein Brot aus der Gegend. Das ist sehr lecker.

Auf der Teedose steht Chá Preto für Portugiesisch und Té Negro für Spanisch. Die Portugiesen haben, anders als die Spanier, das kantonesische Wort für ‘Tee’ genommen, so wie die Griechen und die Ungarn und die Russen und viele andere. Und für ‘schwarz’ wird in diesem Kontext nicht negro gebraucht (das es auch gibt) und im Spanischen nicht prieto (das es auch gibt).

Auf dem Rückweg sehe ich an verschiedenen Stellen, wie Baumstämme auf Lastzüge geladen werden. Gestern habe ich mehrmals welche vor mit gehabt, die Holz transportierten, teils mit Anhänger. Holzwirtschaft scheint hier großgeschrieben zu werden. Gut für meinen Ofen.

Wieder geht es den langen Weg ins Dorf nach der Abbiegung von der Landstraße entlang. Die Dörfchen, die durch man kommt, haben kuriose Namen wie Vouzela und Poupa. In einem Ort gibt es sogar eine Haltestelle und eine Telefonzelle!

24. Januar (Donnerstag)

Der überflüssigste Einrichtungsgegenstand ist der Kühlschrank. Die Butter bleibt auch außerhalb frisch – und knüppelhart.

Als ich schon eine Weile auf bin, fangen die Hähne erst an zu krähen. Der Sonnenaufgang ist später als bei uns. Klar, wird sind im äußersten Westen.

Der Name des Hauses, Casa Tranquila, ist offensichtlich. Die Ähnlichkeit mit Spanisch und Italienisch ist zu deutlich. Und doch: Die Dinge sind komplizierter, als sie scheinen: Im Portugiesischen ist das s in casa, wie im Italienischen, aber anders als im Spanischen, stimmhaft. Aber der zweite Vokal wird hier “abgeschwächt”, zu einer Art schwa reduziert, und das ist wiederum anders als im Italienischen. Das Wort wird also in allen drei Sprachen gleich geschrieben, aber unterschiedlich ausgesprochen!

25. Januar (Freitag)

Estrada de Viavai ist, wie der Name schon sagt, ein Straßendorf: Der bedeutet einfach ‘Straße nach Viavai’. Ein paar hundert Meter weiter geht auch wirklich die Straße nach Viavai ab. Die italienische strada lässt grüßen. Man darf sich nicht verwirren lassen durch das zusätzliche <e> am Wortanfang: estación und estação gegenüber stazione, esperanza und esperança gegenüber speranza.

Ein schöner, sonniger Tag, und es wird sogar warm und wärmer. Ich mache einen Spaziergang durch den Ort. Es gibt keine Kirche, keinen Dorfplatz, kein Dorfleben. Nicht einmal einen Laden. Zum Ortsausgang ist es ungefähr so weit wie zum Ortseingang. Straßennamen gibt es nicht. Die Häuser haben manchmal Namen wie P2 oder Jorge.

Es gibt ein buntes Gemisch von Häusern, aber die meisten sind umgebaut und erweitert und geräumig. Sonst ist aber alles vertreten, von echten Ruinen bis zu Herrenhäusern, die an römische Villen erinnern.

Auf vielen Grundstücken stehen einzelne Olivenbäume, aber es gibt auch kleinere Plantagen. Die sehen aber ganz anders aus als in Andalusien. Die Bäume stehen unregelmäßig verteilt auf einer abschüssigen Wiese.

Vor den Häusern stehen auch Orangenbäume, Zitronenbäume und Granatapfelbäume voller Früchte. Wie die wohl die Kälte aushalten? Die meisten Häuser haben auch eine Palme, und am Ortsausgang wachsen Kakteen und Agaven.

Jedes Haus hat mindestens einen Hund, und die sind mir, wie in Kreta, feindlich gesinnt. Gott sein Dank sind die meisten angekettet. Sie bilden die ganze Palette von Hundegebell ab, von dem hellen Kläffen eines Köters über das lang anhaltende, wolfsähnliche Geheul eines Bernhardiners, der sich auf die Hinterbeine stellt, bis zu dem tiefen Bellen eines unsichtbaren Hundes hinter einem Zaun.

Am Wegesrand steht ein Andachtskapellchen. Eine Kirche scheint es nicht zu geben. Menschen sieht man so gut wie keine.

Ganz oben über dem Berg, im Osten, steht die Sonne und bestrahlt das Tal darunter. Es geht steil rauf zu einem Punkt, von dem man eine schöne Aussicht haben soll. Bebauung gibt es hier überall, auch am Fuße des Berges. Das muss Viavai sein.

Ich fahre nach Miranda und gehe ins Museo do Mel. Das ist aber kein Museum, sondern eine Begegnungsstätte mit Café, das sich aus irgendwelchen Gründen den Honig zum Thema gewählt hat. Die Tische und Regale und auch die Deckeneinfassungen haben alle die Formen von Bienenwaben. Es gibt alle möglichen Artikel zu kaufen, die etwas mit Honig zu tun haben. Ich nehme ein Glas Honig mit.

Das portugiesische Wort, das ich inzwischen am besten “beherrsche”, ist Obrigado. Das kommt jetzt schon fast von selbst raus und verdrängt Gracias. Es ist auch sprachlich aus zwei Gründen relevant: Das Portugiesische unterscheidet sich hier in der Wortwahl von allen anderen romanischen Sprachen. Und es heißt obrigado, obwohl es doch “eigentlich” obligado heißen müsste. Aber der Rhotazismus hat seine Spuren im Portugiesischen hinterlassen. Was man gut durch den Vergleich mit dem Spanischen sieht: plaza > praça, plato > prato, regla > regra, blanco > branco, playa > praya.

Im Minipreço in Miranda, einem chinesischen Laden mit allerhand Krimskrams, versuche ich mein Glück mit den Briketts. Die Konversation mit der jungen Chinesin gestaltet sich schwierig. Sie versteht briquete nicht und zeigt mir alle möglichen Dinge, die ich nicht meine. Dann zeige ich ihr ein Photo von dem Ofen. Aha, sagt sie, und führt mich zu einem anderen Regal. Aber da hat sie nur Anzünder. Sie gibt mir dann aber doch noch einen Tipp: Lidl. Ich glaube, das sei nur ein Ausweichmanöver, aber sie hat recht. Bei Lidl werde ich fündig. Und kaufe gleich eine ganze Waggonladung voll. Die Dinger scheinen im Sonderangebot zu sein, und wer weiß, wie lange es sie noch gibt?

Auch eine Offenbarung: Der griechische Joghurt, den ich in einem portugiesischen Supermarkt kaufe, stammt aus Deutschland!

Ansonsten ist der Einkauf auch eine sprachliche Entdeckung. Es gibt Wörter, die man im Leben nicht ableiten kann, zum Beispiel frango. Das heißt ‘Hähnchen’. Interessant auch pimento vermelho, ‘rote Paprika’. Wieder hat das Wort, vermelho, nichts mit rojo, rosso oder rouge zu tun. Und es enthält außerdem die typische Buchstabenkombination <lh>. Am Ausgang steht schließlich Até breve. Sollte man sich merken.

Wieder zuhause, mache ich einen Spaziergang ins nächste Dorf. Das ist, wie der Zufall es will, Viavai. Am Ortsausgang komme ich an einem Haus vorbei, bei dem gleich drei Hunde vom Balkon, zwischen die Streben des Geländers gequetscht, auf mich herabsehen und mich vertreiben. An der Eingangspforte steht cuidado com o cão. Beim Hund steht das Portugiesische, anders als das Spanische (perro) auf der Seite des Italienischen (cane) und des Französischen (chien) und in der Tradition des Lateinischen (canis).

Man muss unter der riesigen Brücke der A 31 durch. Die wirkt hier, in diesem Dörflichen Ambiente, wie ein Fremdkörper, ist aber kaum hundert Meter vom Ortsausgang entfernt. Schon bald ist man in Viavai. Dort gibt es eine Kirche, aber die ist verschlossen.

Auch die Taverna scheint verschlossen, müsste aber, den Öffnungszeiten zufolge, geöffnet sein. Sie hat sogar generöse Öffnungszeiten. Geschlossen: Segunda und Terça, Montag und Dienstag. Also versuche ich es. Mit Erfolg. Ich komme in einen dunklen Raum, wo nur ein älterer portugiesischer Mann sitzt, mit einer Mütze mit Ohrenschützern, tief über die Zeitung gebeugt, bei einem Glas Rotwein. Er ruft die Kellnerin. In der Zwischenzeit kann ich mich umsehen. Der Raum ist voll mit Tischen aller Art, vom Tapeziertisch bis zu einem Eichentisch für zwölf Personen. Ob hier jemals so viele Gäste sind? An den Wänden Stadtansichten, Wimpel, Stillleben, Karten und Photos. Und Handwerkszeuge von Bauern. Es gibt sogar eine Nische mit Haushaltsartikeln, von Mayonnaise bis zu Waschmittel (Omo!). Hier kann man gut einen Noteinkauf machen.

Es kommt eine Frau, und ich bestelle ein portugiesisches Bier: Sagres. Sie verschwindet wieder, taucht dann aber wieder auf und fragt mich, ob ich Franzose sei. Sie selbst ist Engländerin. Wir kommen ins Gespräch. Sie stellt sich vor: Pamela. Sie kennt auch die Casa Tranquila und erklärt mir, dass ein großes Panoramaphoto an der Wand von dort aus gemacht worden sei, und zwar von meinen Vermietern.

Später kommt auch ihr Mann, Ian, und ein weiterer britischer Nachbar, Howard. Die ersten Bekanntschaften, die ich in Portugal mache, sind Briten!

Schließlich erklärt sich auch die merkwürdige Anordnung der Tische. Das sei nur heute so. Heute ist Burns’ Night, schottischer traditioneller Feiertag. Sie hat 32 Gäste heute Abend. Serviert selbstgemachten Haggis und rezitiert das Gedicht von Burns dazu. Natürlich gibt es auch Whisky.

Die beiden sind weit in der Welt herumgekommen, sind unter anderem mit dem Wohnmobil zwei Jahre durch Indien gereist. Ihr Lieblingsland. Auch in Portugal sind sie ständig mit dem Wohnmobil unterwegs. Deshalb ist montags und dienstags geschlossen. Sie hat auch mal ein Jahr in Garmisch-Partenkirchen gelebt.

Sie haben meist nur ausländische Gäste. Die Portugiesen hier aus dem Dorf könnten sich solche Preise nicht leisten. Es gibt in Europa ein ordentliches Nord-Süd-Gefälle. Die meisten hier lebten von der Landwirtschaft, Oliven und vor allem Kohl. Paradoxerweise sei das portugiesische Olivenöl hier sehr teuer. Bei Lidl, wo sie auch kaufe, sei das ausländische Olivenöl billiger. Da stimmt doch was an dem ganzen “System” nicht! Pamela erzählt mir, der portugiesische Mann komme jeden Tag, einmal am Vormittag, einmal am Nachmittag. Er bestellt ein Glas Rotwein und bleibt mehrere Stunden. Und warum? Sie macht eine Handbewegung und sagt: Deswegen. Wegen der Heizung. Zuhause ist es kalt.

26. Januar (Samstag)

Heute ist ein kleiner Ausflug nach Penela vorgesehen. Es hat ca. 6000 Einwohner, etwas weniger als Miranda do Corvo. Wenn ich jetzt das Ortsschild Penela sehe, denke ich immer daran, wie der Mann an der Mautstelle es ausgesprochen hat.

Auf den Feldern liegt Raureif, und ich muss die Scheiben am Auto freikratzen, bevor es losgeht. Der portugiesische Winter meint es ernst.

An der Abbiegung nach Panela steht ein großes Schild, auf dem sich die Stadt als Municipio de portas abertas anpreist. Doppelter Kontrast zum spanischen puertas abiertas. Zweimal Diphthong im Spanischen, zweimal Monophthong im Portugiesischen. Welche Regelmäßigkeit es da gibt – wenn überhaupt eine – ist noch rauszufinden.

Vor der Ortseinfahrt liegt der Friedhof. Er ist treppenförmig angelegt, mit weitem Blick in das Tal. Darauf liegt ein Nebelstreifen wie ein Wattebausch, und die strahlende Sonne versetzt das alles in ein schönes Licht.

Die Gräber sind wie bei uns, aber alle haben eine Marmorplatte, die so groß ist wie das Grab. Das Grab hat also keine Erde rundherum. Oben, am Eingang, sind die Mausoleen der Wohlhabenden, kleine Häuschen mit heruntergelassenen Gardinen. Auf denen steht: jazigo. Und das bedeutet einfach ‘Grab’, ‘Grabstätte’. Erst später fällt mir eine Ähnlichkeit mit span. yacer, ‘liegen’, auf. Wird auch in diesem Kontext benutzt, im Sinne von Hier liegt …

Hoch über der Stadt liegt die Burg. Nach Osten wie nach Westen ist eine zinnenbekrönte Mauer enthalten, und mitten in dem ummauerten Bezirk die Burg selbst, den höchstgelegenen Felsen als Basis benutzend. Auf Schildern ist zu erfahren, was das alles für einen Sinn hat: Die Burg war Teil einer Verteidigungslinie entlang des Mondego. Der bildete etwa hundert Jahre lang die Grenze zwischen maurischem und christlichem Gebiet, bis zur Eroberung von Lissabon. Von da an war der Tejo die Grenze. Die Verteidigungslinie hier am Mondego wurde von einem Mozaraber errichtet, einem gewissen Sesnando Davides, der vorher in Diensten der Mauren gewesen war und es in Sevilla bis zum Wesir gebracht hatte. Diese Linie war, wie hier betont wird, eine Linie der Konfrontation, aber auch der Verbrüderung. Es fand nicht ständig Krieg statt.

Im Burgbereich steht auch noch eine Kirche, Såo Miguel, die auf das Hochmittelalter zurückgeht, aber dieser Bau ist eindeutig jünger. Die Kirche ist weiß getüncht, wie alle hier. Und verschlossen. Wie alle hier.

In das Stadtzentrum geht es an einer großen Aussichtsterrasse eines Lokals vorbei, eines Lokals der gehobenen Klasse, das ebenfalls Sesnando heißt. Stühle und Tische stehen draußen, so als würde die Saison bald losgehen.

Ansonsten ist das Zentrum eine Katastrophe. Es fängt damit an, dass es das gar nicht gibt. Ich frage einen alten Mann, wo es ist, aber das Wort centro sagt ihm nichts. Noch nie gehört. In der Nähe der Stadtkirche ist ein Schreibwarenladen. Ich habe meine Karteikarten extra mitgebracht, um mir umständliche Erklärungen zu sparen. Die Verkäuferin dreht sie ein paarmal in der Hand herum und fragt mich dann, was das sei. Ich gebe es auf, genauso wie den Versuch, eine passende Bank zu finden, die meine Geldkarte annimmt. Scheint es hier nicht zu geben. Von der Straße aus gibt der schön an einem Hang gelegene Ort mit den Zinnen der Burg und der weißen Kirche ganz oben aber ein schönes Bild ab. Zumal die Sonne weiterhin scheint. Das bleibt auch bis zum Abend so, entgegen den Vorhersagen, aber es ist nicht mehr so warm wie gestern.

Später mache ich zuhause die Kostenrechnung für die Hinfahrt auf: 200 € für Benzin und 135 € Mautgebühren, an insgesamt 14 Mautstationen, die Strecke mit der Kreditkartenzahlung noch nicht mitgerechnet.

27. Januar (Sonntag)

In Penela gestern ein Schild gesehen, wo man ein Ladenlokal vermietet: aluga-se. Und später eine Wohnung, die zum Verkauf ansteht: vende-se. In beiden Fällen steht das Pronomen enklitisch. Hört sich nach Cervantes an und nach Asturianisch. Ist aber im Portugiesischen nicht immer der Fall. Bei Fragen mit Fragepronomina steht das Pronomen proklitisch. Es ist aber wohl noch komplizierter.

Am Vormittag klopft es an der Tür. Unverhoffter Besuch? Es sind Zeugen Jehovas, Vater mit kleinem und mit großem Sohn. Sie nehmen es tatsächlich auf sich, hier in dieser verlorenen Gegend für ihren Glauben zu werben.

Am Mittag gehe ich durch das bereits bekannte Hundespalier nach Viavai, in die Taverna. Da wird heute Sunday Dinner serviert, alles sehr englisch, einschließlich Yorkshire Pudding! Es gibt Schweinebraten und geröstet Kartoffeln und eine große Auswahl an Gemüse. Alles sehr schmackhaft, vor allem die Bratensoße.

Alle Gäste sind Briten. Der Raum ist gut gefüllt, die Taverna hat offensichtlich einen guten Ruf. Die meisten trinken Wein. Der kommt aus dem Alentejo. Das ist ein Name, der schon in Lissabon in Lokalen mehrmals gefallen ist. Ich brauche den Reiseführer, um zu sehen, dass der Tejo in Alentejo steckt. Es ist die Region ‘jenseits der Tejo’. Der Alentejo erstreckt sich vom Tejo bis zur Algarve. Er nimmt ein Drittel der Fläche Portugals ein und ist damit die größte und gleichzeitig am dünnsten besiedelte Region Portugals.

Als ich schon beim Kaffee bin, kommt ein Mann an meinen Tisch und fragt mit einer Geste, ob er sich dazusetzen darf. Ich sage ja, auf Englisch. Dann aber bestellt er seinen Kaffee auf Portugiesisch. Radebrechend versuche ich, ein paar persönliche Informationen auszutauschen. Er wohnt nicht hier, sondern in einem Ort, dessen Name ich nicht verstehe, na serra. Er kommt zwei-, dreimal pro Woche hierher. Ich erzähle, wo ich wohne und woher ich komme. Zu mehr reicht es nicht. Am Ende will er mir meinen Kaffee bezahlen und verabschiedet sich mit einem festen Händedruck.

Auf dem Rückweg schrecken mich wieder die Hunde auf, ich dafür aber ungewollt ein paar Ziegen, die aufgeregt den Weg freiräumen und sich hinter einer Häuserecke verstecken. Dahinter kommen weitere Ziegen in Sicht, unter anderem eine, die auf zwei Beinen steht an einem Baum steht und versucht, an die oberen Blätter zu kommen. Neben ihr, auf einen Stock gestützt und dick eingepackt, die Ziegenhirtin.

28. Januar (Montag)

Auf der Landstraße nach Penela ein einsamer Wanderer, im Regen. Ich nehme ihn mit. Ein Engländer. Militärische Tarnjacke und Hose mit Farbklecksen. Er sei hier noch nie von jemandem mitgenommen worden. Er lebt seit vier Jahren halb in Portugal, halb in England. Auf der Fahrt hierher hat er in Spanien einen Autounfall gehabt. Jetzt hat er ein portugiesisches Auto gekauft, aber bei dem funktioniert die Kupplung nicht. Die Kälte sei ganz normal um diese Jahreszeit, sagt er. Bis März werde die mindestens anhalten. Er hat dieselben Probleme wie ich: dicke Wände, keine Heizung. Ich lasse ihn in Penela raus. Bevor er aussteigt, fragt er mich noch: Dutch? Er selbst hat versucht, Portugiesisch zu lernen. Unmöglich. Zu schwer. Klingt wie Russisch.

Wie von dem Engländer vorgeschlagen, nehme ich die Autobahn nach Coimbra, auch wenn die Geld kostet. Es gibt aber keine Mautstelle. Ob hier wieder “heimlich” abkassiert wird? Mir ist bei dem Gedanken nicht wohl.

In Coimbra soll es mit dem Parken echt schwierig sein, aber das Parkproblem erledigt sich wie von selbst: An einem großen Einkaufszentrum, Alma, werden kostenfreie Parkplätze angeboten, in einem riesigen Parkhaus. Von dort versuche ich es zu Fuß.

Der Mann, der mich in die Innenstadt weist, fragt mich, ob ich zur Universität wolle. Nein, in die Unterstadt, La Baixa. Ganz einfach, bis zur Kirche und dann immer weiter geradeaus. Aber schon, als ich zu der Kirche komme, weiß ich nicht, wo “weiter geradeaus” ist, und komme doch irgendwie Richtung Universitätsviertel. Erst ist die Umgebung alles andere als einladend, aber dann kommt ein breiter Boulevard und es geht immer an dem Botanischen Garten entlang. Dann kommt die riesige, langgestreckte Praça de República und dann der Mercado Municipal. Und dann bin ich plötzlich in der Fußgängerzone. Die ist kurz und reicht nur von einem kleinen Platz, an der die Kirche Santa Cruz liegt, bis zu einem großen Platz, der schon seitlich vom Mondego begrenzt wird. Die Kirche ist wohl echt sehenswert, aber heute geht es nicht um Besichtigungen, sondern um Erledigungen.

In einem Schreibwarengeschäft versuche ich erneut mein Glück mit den Karteikarten, aber der Verkäufer weiß offensichtlich nicht, was das ist, auch als ich sie ihm zeige. Er will mir einen Notizblock verkaufen. Später versuche ich es auch noch in einem Copyshop. Der Verkäufer wirft einen hilflosen Blick auf die Karteikarten und sagt, nee, das brauche ich erst gar nicht weiter versuchen. So was gebe es hier nicht. Das wundert mich dann nicht mehr.

In einer winzigen Nische zwischen zwei Häusern verkauft eine alte Dame Ansichtskarten. Briefmarken hat sie keine, aber sie erklärt mir genau, wo ich die bekomme, nämlich in der Casa da Sorte, und nur da, und sie erklärt mir auch den Weg zur Touristeninformation. Die Casa da Sorte öffnet aber erst um zwei, aber dann bekomme ich doch noch Briefmarken in einem Souvenirgeschäft. Es gibt sogar mehrere Motive zur Auswahl. Alle sind schön und groß und kosten einen Euro.

Einen geeigneten Bankautomaten finde ich auch hier nicht, und in der Touristeninformation gibt es nur einen kleinen Stadtplan.

Es ist kein schöner Tag, wolkenverhangen und regnerisch, aber es ist alles andere als kalt. Auf dem Rückweg, bergauf, kommt man sogar ins Schwitzen.

An einer Pforte hat ein Hausbesitzer das Schild angebracht, was auch der mit den drei Hunden in Estrada de Viavai haben müsste. Er warnt in der Mehrzahl vor den Hunden: Cuidado com os cães.

Auf einem Werbeplakat entdecke ich mein erstes portugiesisches Wortspiel: Coimbra tem Alma. Damit ist das Einkaufszentrum gemeint, angeblich die ‘Seele’ Coimbras. Ob auch die Unterzeile so beabsichtigt ist? O shopping no coração de Coimbra. Seele im Herz?

Vor dem Einkaufszentrum ein Graffiti, dessen Autor sein Werk nicht vollenden konnte: We are billions of beautif. Wie es wohl weitergehen sollte?

29. Januar (Dienstag)

In den deutschen Nachrichten eine Nachricht mit Relevanz für Portugal: Guterres, Generalsekretär der UNO, bekommt den Karlspreis.

Die Suche nach dem Alentejo auf der Landkarte vorgestern hat die Frage aufgeworfen, wo wir eigentlich sind. Gar nicht so einfach, denn wir befinden uns wohl in der Nähe eines Dreiländerecks, irgendwo zwischen Beira-Litoral, Beira-Baixa (es gibt auch noch Beira-Alta) und Ribatejo (‘am Ufer des Tejo’). Wir befinden uns in der Beira-Litoral (die Nähe des Meers, von dem hier aber nichts zu spüren ist, lässt grüßen) und im Distrikt Coimbra. Die Provinzen haben aber anscheinend keine administrative Funktion mehr. Es sind historische Regionen.

Die geographische Mitte Portugals liegt bei Vila de Rei. Das ist gerade mal fünfzig Kilometer von hier, Richtung Süden, unweit von Tomar. Ich erinnere mich an einen Portugiesen in Trier, gebürtig aus Setúbal, der energisch protestierte, als ich sagte, das hier liege in der Mitte Portugals. Unsinn, das wäre nicht in der Mitte, das wäre im Norden Portugals!

Auf den Wasserhähnen steht F und Q: frio und quente. Das eine ist ganz offensichtlich, das andere, ohne Zusammenhang, nicht zu entziffern.

30. Januar (Mittwoch)

Alle halbe Stunde hört man von einer nahegelegenen Kirche, vielleicht der von Viavai, ein schönes Glockenspiel, eine eher heitere kurze Melodie.

Milton hält in einer Art Vorwort zu Paradise Lost eine flammende Rede für eine Dichtung ohne Reim. Es ist sogar eher eine Rede gegen den Reim. Der sei nur schmückendes Beiwerk, und wäre nur dazu da, ein schlechtes Metrum, eine schlechte Syntax und einen schlechten Übergang von Vers zu Vers zu kaschieren. Er beruft sich auf Homer, Vergil und “große englische Dichter” (damit meint er Shakespeare, Marlowe und Webster), die alle auf den Reim verzichtet hätten (stimmt bei Shakespeare nicht ganz). Offensichtlich wurde dieses Vorwort nachträglich hinzugefügt als Antwort auf Leser, die das Gedicht tadelten, weil es sich nicht reimte.

Kartoffeln heißen auf Portugiesisch batatas, nicht patatas. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht aus Amerika?

31. Januar (Donnerstag)

Wie Cervantes bei Lepanto im Kampf gegen die Türken seine linke Hand verlor, verlor Camões im Kampf gegen die Mauren sein rechtes Auge. Merkwürdige Parallele.

Bei Milton sind Satan und Beelzebub zwei verschiedene Figuren. Sie sind sich nicht einig, als es darum geht, ob man noch mal eine Chance hat, ob man noch mal gegen “den da Oben” aufzubegehren.

In Hundert Jahre Einsamkeit vertritt ein seniler Priester die Ansicht, der Satan habe tatsächlich den Kampf gegen Gott gewonnen und regiere die Welt, gebe aber vor, Gott zu sein und nur das Gute zu fördern.

Die Kathedrale von Coimbra ist durch einen Schimmelpilz in Gefahr, einen bisher unbekannten Schimmelpilz, den Forscher entdeckten, als sie den stark korrodierenden Kalkstein der Kathedrale untersuchten. Er nistet sich in den Kalkstein ein und verursacht Risse und Spalten.

Der Regen lässt nicht nach. Und soll auch morgen anhalten. Aber dafür werden die Temperaturen wieder runtergehen.

1. Februar (Freitag)

Passend zum Wetter ist in der Übersetzung, die ich lese, von der Sintflut die Rede. Es geht um Wahrsagerei, Hellseherei, um Techniken wie Chiromantik und deren Bewertung in der frühen Neuzeit. Das Interesse daran war überall vorhanden, aber es gab einen feinen, nicht klar definierten Grenzlinie zwischen dem, was erlaubt und dem, was nicht erlaubt war. Die Kirche hatte ihre Einwände. Es ist verblüffend, wie viel Mühe man sich damit machte, genau zu bestimmen, was ging und was nicht ging. Es gab nur wenige Bücher, die in toto auf den Index gestellt wurden, meist wurden ganz bestimmte Passagen gestrichen. Heute kann man darüber schmunzeln, aber es ging um eine wichtige Frage, die des freien Willens, und der war für die Kirche nicht verhandelbar. Wenn man aus den Handlinien eines Menschen seine Zukunft vorhersagen konnte, war das eine Absage an den freien Willen. Aber man wollte natürlich trotzdem wissen, was die Zukunft bereit hielt, (und auch ob Ereignisse der Vergangenheit, wie die Sintflut, vorhersehbar war), und da gab es ingeniöse Lösungen, wie diese: “Chiromancy considers the following experience: take one hand of the pregnant woman in question, then study the hand and its unusual size: should the right hand be swollen, then it will be a sign that she is expecting a boy; should the left one be, then she is expecting a girl.” Ganz einfach.

Vor dem Haus steht ein schöner Baum mit weichen, feingliedrigen Blättern. Was für ein Baum ist es? Ich befrage mein Trierer Orakel: Es ist eine Jacaranda mimosifolia, ein Palisanderholzbaum.

Aus der Heimat kommen wunderschöne Photos von schneebedeckten Bäumen, Zäunen, Kirchen, Mülleimern.

In Portugal gibt es neben vinho tinto und vinho branco auch einen vinho verde, ein leichter, moussierender Wein, der rot oder weiß sein kann. Er ist sozusagen noch ‘grün hinter den Ohren’. Bei der Gelegenheit erfahre ich aus berufenem Munde, dass es in Frankreich auch einen ‘schwarzen Wein’ gibt, vin noir. Der erinnert mich wiederum an den μαύρο κρασί, den ebenfalls ‘schwarzen Wein’ aus Griechenland. Aber ob damit dasselbe gemeint ist? Ebenfalls erfahre ich, dass das chinesischen Wort für ‘Weißwein’ in Taiwan genau das bedeutet, was es bei uns bedeutet, auf dem Festland aber einen Schnaps bezeichnet. Das wiederum erinnert mich an alte Texte, in denen Wein alles mögliche bedeuten konnte, auch hier in Europa.

In Japan gibt es eine verbreitete Gewohnheit, zerbrochene Schalen wieder zusammenzufügen, und zwar mit Gold! Das, was kaputt war, bekommt so einen neuen Wert. Sicher auch metaphorisch gemeint, für Dinge, die im Leben kaputtgegangen sind.

Der Sturm löst auch noch Stromausfall aus. Kreta lässt grüßen.

2. Februar (Samstag)

Mein Ziel ist Lusåo, der Ort, aus dem mein Honig kommt. Ich fahre aber nicht wegen des Honigs hin (auf den es dort auch gar keinen Verweis gibt), sondern wegen Worten. Das ist ein Elektrohandel. Da gibt es Heizlüfter.

Nach drei Tagen Regen ist die Welt wie verwandelt. Stundenlang scheint die Sonne, und am Nachmittag wird es sogar warm, wärmer, als es die Vorhersage vermuten ließ.

Lusåo liegt noch nicht in den Bergen, aber am Fuß der Berge. Die Berge tun sich dahinter auf, fast bis an die Spitzen dicht mit Bäumen bestanden.

Lusåo liegt noch zehn Kilometer hinter Miranda do Corvo. Die Wiesen auf dem Weg wirken jetzt noch grüner. Könnte in Irland sein. Sonst hat aber die Landschaft mit Irland wenig zu tun.

Alle Häuser sind aus Naturstein, Backstein ist so gut wie unbekannt. Die meisten Häuser sind verputzt, meist die “besseren”. Die nicht verputzten Häuser sehen oft ärmlich aus oder sind Ruinen.

An der Tankstelle werde ich bedient. Der junge Mann legt immer wieder nach, bis wirklich kein Tropfen mehr reinpasst. Er bedankt sich überschwänglich für das bescheidene Trinkgeld.

Bei der Verhandlung über die Zahlungsart meine ich das Wort Karton zu hören. Erst dann fällt der Groschen: cartão de crédito. Wahrscheinlich kann man sich an Karton für die Aussprache halten.

Lusåo hat viele kleine unregelmäßige Straßen, viel Volks ist unterwegs, und er herrscht reger Verkehr. Es macht einen intakten Eindruck. Das Stadtbild ist etwas unübersichtlich, aber grob kann man drei Teile unterscheiden: ein neueres, unansehnliches, die eigentlich Altstadt, eher dörflich geprägt, und das Vorzeigeviertel, ein fast hochherrschaftliches Viertel, mit einer Reihe stattlicher Häuser. Hier haben wohl früher die Grafen von Epinhal residiert.

Ich suche einen Briefkasten und werde mal hierhin, mal dahin geschickt, aber das macht gar nichts, ich habe Zeit, kann Bewegung gebrauchen und will mich hier ohnehin orientieren. Alle überbieten sich gegenseitig an Freundlichkeit, vor allem ein junger Vater mit Sohn und eine Frau vor einer Kirche. Schließlich finde ich den Briefkasten an einem Platz, der die Innenstadt begrenzt, einem Kreisverkehr. Wie sollte es auch sonst sein? Auch bei den Briefkästen kommt wieder die Farbe ins Spiel. Es gibt einen Schlitz für Correio Azul, den Schnelldienst, und einen roten für die normale Post.

Wenn ich meine kleinen Gehversuche auf Portugiesisch mache, wird manchmal auf Englisch geantwortet, aber nicht so oft wie in Griechenland. Die junge Frau in der Touristeninformation wechselt ständig zwischen Portugiesisch und Englisch. Sie traut dem Braten, d.h. mir nicht und glaubt, ich würde nur vorgeben, zu verstehen. Die Antworten, wenn sie auf Portugiesisch kommen, verstehe ich gut oder, wenn nicht, wenigstens im Groben. Wenn die Portugiesen untereinander sprechen, verstehe ich nichts. Und nichts heißt hier: kein Wort.

Auch die gescheiterten Sprechversuche sind was wert: Man merkt, wo Bedarf ist, woran es fehlt. Dann braucht man sich “nur” noch an die Situation zu erinnern, das Wort nachschlagen, das Wort aufschreiben, das Wort behalten und beim nächsten Mal verwenden.

In einem Ramschladen, in dem ich Anzünder für den Ofen bekomme, hängt unten ein Schild mit der Aufschrift: Roubar um – Pagar dez. Ich muss länger hingucken, dann macht es klick: Es ist eine Warnung vor Diebstahl. Der kommt zehnmal so teuer.

Der Ramschladen gehört der Ladenkette Minipreço an, der größten portugiesischen Kette. Hier taucht ein weiterer Buchstabe mit Sonderzeichen auf, <ç>. Es wird immer wie /s/ ausgesprochen. Dieser Laut kann aber auch durch <s> dargestellt werden, je nach Position. Warum dann nicht immer einfach <s>, wie im Spanischen? Das hat was mit der Aussprache zu tun. Das Portugiesische hat auch ein stimmhaftes s, und dafür wird <s> gebraucht, in bestimmten Positionen. Zu allem Übel kann /s/ auch noch durch <c> dargestellt werden. Ein schönes Beispiel ist receção, wo derselbe Laut auf zweierlei Art wiedergegeben wird. Ist deutlich komplizierter als im Spanischen, auch wenn alles seine Regelmäßigkeit zu haben scheint. Zu diesen Regelmäßigkeiten zählt, dass <ç> nie am Wortanfang steht. Da übernimmt <s> seine Funktion.

In der Touristeninformation bekomme ich einen Stadtplan und werde auf alle möglichen Spaziergänge aufmerksam gemacht, zur Burg und in die umliegenden Dörfer. Als ob es in Louså selbst nichts zu sehen gäbe. Im Zusammenhang mit den Dörfern der Umgebung ist von Xista die Rede. Damit ist wohl ein Zusammenschluss der schönsten Dörfer der Umgebung gemeint, der der Serra da Louså. Von dem Museum, dessentwegen ich eigentlich hier reingegangen bin, ist auch nicht die Rede.

Die Pfarrkirche, groß, weiß getüncht, mit einem mächtigen Turm, liegt etwas erhöht, am Rande des Zentrums. Sie ist einschiffig und hat an den Seiten riesige Abbildungen von Heiligen auf blau-weißen Kacheln und einen ganz merkwürdigen Altar, der ein bisschen an eine Hochzeitstorte erinnert. An den Türen steht Puxar und Emburrar (später, in einem Café, im Imperativ statt im Infinitiv Puxe und Emburre). Dabei bedeutet puxar nicht etwas drücken, sondern ziehen. Hier erweist sich das Spanische als Fallensteller.

Vor der Kirche steht ein dicht bewachsener, hoher Baum, wie ein riesiger Buchsbaum, grob in der Form eines Tannenzapfens. Unten kleben an den Zweigen lauter Schnecken. Sehen jedenfalls so aus. Sind aber die Früchte.

An einem Amtsgebäude, schön in geschmückten Kacheln eingelassen, Junta de Freguesia da Louså. Das Wort freguesia verwirrt mich. Ich bin freguesa in der Bedeutung ‘Kunde’ begegnet. Stimmt aber, freguesia heißt tatsächlich ‘Kundschaft’, aber auch ‘Gemeinde’. Das ist die kleinere Einheit, unter vila. Diese Kategorie hat Penela. Darüber dann die cidade, wie Coimbra.

Zwei sich gegenüberliegende Friseursalons in einer schmalen Straße machen sich Konkurrenz, einer, der sehr modern, einer, der sehr traditionell aussieht. Das wunderbar komplizierte Wort für ‘Friseur’ erscheint aber in beiden: cabeleireiro.

In einem kleinen Café unweit der Kirche bekomme ich einen hervorragenden Kaffee, den besten bisher. Im allgemeinen ist mir der Kaffee, der Milchkaffee jedenfalls, in Portugal zu schwach, in Spanien zu stark. Die Frau hinter der Theke erklärt mir auch sehr verständlich den Weg zu Worten.

Auf dem Weg zu Worten liegt aber auch der Lidl, und da will ich zuerst hin. Erstaunlich kompliziert, dahin zu kommen. Man biegt von der Hauptstraße ab und kommt dann in ein ganz schmales Sträßchen, ganz eng zwischen Häusern vorbei und schreckt alle möglichen fetten, in der Sonne dösenden Katzen auf, die offensichtlich keine Autos erwarten. Das kann doch nicht richtig sein. An der nächsten Kreuzung frage ich einen jungen Mann, der gerade in sein Auto einsteigen will, und der gibt mir eine langatmige, komplizierte Erklärung, auf Englisch, um dann plötzlich stecken zu bleiben. Erst jetzt ist ihm eingefallen, dass es den Lidl ja gar nicht mehr gibt. Ich frage ersatzweise nach Worten. Oh, das sei viel komplizierter, meint er. Um dann kurz entschlossen zu sagen, ich solle hinter ihm herfahren. Durch die ganze Innenstadt führt er mich und aus der Stadt heraus, ein ganzes Stück, bis auf den Parkplatz.

Bei Worten spricht der Verkäufer Portugiesisch mit mir, und nach ein paar kurzen Nachfragen bekomme ich hier auch meinen Heizlüfter.

Nebenan ist ein riesiger Supermarkt, Continente. Nehme ich gerne als Lidl-Ersatz. Auch hier gibt es die falschen Briketts, aber auch Säcke mit Holz oder das, was danach aussieht. Ich nehme einen mit. Dann fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten. Seife ist erstaunlich teuer, auch die am Stück, bestimmt zwei- bis dreimal so teuer wie bei uns. Und Sahne scheint ein Nischenprodukt zu sein. Als ich wieder zurückfahre, ist es richtig warm geworden. Ich kann das Fenster runterkurbeln.

3. Februar (Sonntag)

Kaum ein Wölkchen mehr am Himmel, strahlender Sonnenschein, und trotzdem ist es noch kalt. Kein Wunder, dass es im Haus nicht warm wird: Auf den Feldern liegt Raureif, und das Wasser eines Rinnsals ist sogar gefroren. Trotzdem gutes Wetter für einen Spaziergang.

Der beginnt mit einer Runde um das Grundstück. Das ist gar nicht mal so klein. Man könnte gut und gerne noch zwei weitere Häuser dieser Größe drauf bauen. Sogar ein kleiner Gebetsstock, fast eine Kapelle, in die Umfassungsmauer eingelassen, gehört zum Grundstück.

Richtige Nachbarn habe ich, wenn überhaupt, nach hinten hin. Das Haus gegenüber ist eine Ruine, und die beiden nebenan liegen erhöht und sind teils durch Gitterzäune abgetrennt. Außerdem trennt uns zu beiden Seiten eine kleine Straße. Das sind nicht die besten Bedingungen für Dorfschnack.

An einem der Häuser, die hinten an das Grundstück grenzen, hängt neben dem Eingang an der Hauswand noch sehr dekorativ ein Regenschirm, Erinnerung an die letzten Tage.

Das Grundstück der Casa Tranquila ist ebenfalls durch eine Böschung oder eine Mauer abgetrennt, außer zu einer Seite, wo der Seiteneingang, mein Eingang, liegt. Da ist gegenüber ein kleines Weinfeld, das wiederum die Distanz zu dem Nachbarn vergrößert.

Nach der obligatorischen Ritual des Hundegebells geht es Richtung Viavai. Dabei überquere ich einen Fluss, den ich bisher gar nicht bemerkt habe. Jetzt ist es nicht mehr zu übersehen und, vor allem, nicht mehr zu überhören. Der Dauerregen hat seine Wirkung gehabt.

In Viavai geht es dann aufs Geratewohl auf einen Weg zwischen zwei Häusern, und schon ist man mitten im Wald. Es geht bergauf, der Sonne entgegen.

Gestern sahen die bewaldeten Berge aus der Ferne so aus, als stünden dort die Bäume in Reih und Glied, alle gleich. Hier ist es ganz anders, es herrscht ein wunderbares Durcheinander von Krüppeln und majestätischen Bäumen, von Riesen und Zwergen, von Dick und Dünn, und überall dazwischen alles mögliche Gestrüpp. Es gibt viele Nadelbäume, sehr unterschiedlich, aber vermutlich Abarten von Kiefern. Es gibt auch eine ganz Reihe von Laubbäumen, aber die sehen ganz anders aus als bei uns, haben meist kleinere, oft olivfarbene Blätter. Auch das Ensemble ist anders als bei uns, nicht unbedingt schöner. Die großen, dünnen Bäume ohne Rinde sind vermutlich Eukalyptusbäume.

Oben angekommen, stehe ich auf einer Lichtung. Das ist wohl noch nicht der Panoramapunkt, von dem ich irgendwo gelesen habe, aber schon ein ganzes Stück höher. Links sieht man in der Nähe die dichtbewachsenen Berge, rechts hat man einen weiten Blick über das Tal auf die entfernt liegenden Berge der anderen Seite.

Hier oben hat Verwüstung stattgefunden, entweder durch Sturm oder durch Feuer. Es ist teils auch wohl schon wieder aufgepflanzt worden, und die neuen Bäume haben besonders leuchtendes Grün.

Statt zurückzukehren gehe ich einfach weiter und komme auf eine ganz schmale Straße, die dann breiter wird und über die Autobahn führt.

Dann kommt ein Dorf, Grocinas. In den Gärten stehen Bäume ganz dicht mit Früchten behangen. Ich klaue eine Apfelsine und eine Mandarine. Die Apfelsine hat eine dicke Schale und schmeckt sehr gut, ist aber nicht sonderlich süß. Vermutlich ist es noch etwas früh für die Ernte. Deshalb hängen hängen die Bäume noch voll. Die andere Frucht ist so klein, dass ich erst dachte, es wären Mirabellen. Ist aber so etwas wie eine Mandarine oder Clementine in Mini-Format. Die ist etwas süßer und schmeckt ganz anders.

Vor einem Auto liegt friedlich ein Hund, einer, der ausnahmsweise mal nicht bellt und mich vertreiben will. Dann scheuche ich aber ungewollt zwei Tauben auf, und schon geht es los.

Dann kommt ein weiteres Dorf, Venda dos Moinhos. Ich tippe auf ‘Mönche’, aber es sind ‘Mühlen’. Der Namensteil Venda (wie Venta in Spanien) kann keinen Bezug zu den modernen Bedeutungen des Wortes haben. Aber früher bezeichnete es wohl ein Wirtshaus. Dann geht es steil herunter bis zur Landstraße, an dieser entlang und dann wieder steil rauf, und komme ich unerhofft gleich hinter der Casa Tranquila aus.

Auf einer Straßenkarte im Internet sehe ich später, eng beieinander, diese Orte verzeichnet: Alvorge, Albarrol, Adegas, Almoster, Abiul, Alqueidåo, Abelheira, Abades, Almogade, Aivado, Alcamim, Amieira, Alcoutim, Almegue. Alle mit demselben Anfangsbuchstaben und praktisch ohne die Harmonie störende Orte zwischen ihnen. Kann man das alles mit dem arabischen Einfluss erklären?

“Miguel Moreno muss an der gleichen Krankheit leiden wie ich, denn er lässt nichts unerwähnt”, sagt Nooteboom in seinem Reisebuch über Spanien, Der Umweg nach Santiago. Sie scheinen nicht die einzigen zu sein, die unter dieser Krankheit leiden.

In der Übersetzung, die ich Korrektur lese, spricht ein gewisser Favorinus eine Warnung gegen Wahrsagungen aus, gegen günstige wie gegen ungünstige. Die könnten nur Unglück bringen, selbst wenn sie die Wahrheit sagten. Wenn sie günstig sind und nicht eintreffen, macht dich das Warten elend. Wenn sie ungünstig sind und nicht eintreffen, wirst du dir die Sache zu Herzen nehmen und die ganze Zeit umsonst leiden. Wenn sie ungünstige sind und eintreffen, werden sie dein Leiden verlängern, denn du leidest schon, wenn dich das Leid noch gar nicht getroffen hat. Wenn sie günstig sind und eintreffen, wird dir das gleich in zweierlei Hinsicht schaden: Das ständige Warten auf das Ereignis wird dich auslaugen und wenn es dann eintrifft, wird die Freude nur noch halb so groß sein, weil du sie ja schon kommen sahst. Deshalb frage ich mich ja heute noch, warum die Leute alles daran setzen, zu erfahren, ob sie krank sind.

4. Februar (Montag)

Auf der Landstraße auf dem Weg nach Coimbra stehen verschiedene Fußgängerampeln. Sie springen immer wieder um. Aber man sieht nie einen Fußgänger. Als ich an der roten Ampel stehe, fahren die entgegenkommenden Autos einfach weiter. Und sie haben allen Grund dazu: Nur in meiner Richtung ist eine Ampel.

In Coimbra komme ich über eine schöne, alte, grün gefasste Brücke mit mehreren Bögen, kann aber nicht sehen, was darunter ist, und dann an einer ebenfalls schönen, modernen weißen Hängebrücke vorbei, die über den Mondego führt. Die heißt Ponte Rainha Santa Isabel.

Ich komme, ohne es zu wollen, auf einem anderen Weg nach Coimbra, aber das Stadion ist gut ausgeschildert, und ich erinnere mich zufällig, dass das Einkaufszentrum in dessen Nähe ist. Es klappt.

In die Innenstadt komme ich auch auf einem anderen Weg, über die Rua do Brasil. Da fällt mir ein Lokal auf, das mit traditionellen portugiesischen Speisen wirbt, sabores das aldeias. Es heißt Pharmácia! Dafür gibt es auch eine Begründung: In der Apotheke bekommt man alle Mittel um den Geist zu erfreuen! Auf einer großen Tafel werden die Gerichte aufgelistet. Darüber steht Ementa, ein Wort, dem ich schon mehrmals getroffen bin. Es heißt einfach ‘Speisekarte’.

Immer wieder sieht man einzelne Häuser, auch in nicht so schönen Gegenden, die von dem früheren Reichtum Portugals sprechen. Hier sind es oft zweistöckige Gebäude, oft mit Turm und Loggia, nicht groß genug, um als Villa durchzugehen, aber sehr ansehnlich.

Ich komme von genau der anderen Seite in die Innenstadt. In einem Café, Briosa, bekomme ich einen Kaffee und ein Teilchen, eins typisch für Coimbra, Pastel de Santa Clara, sehr süß, gefüllt mit einer Masse, die ich nicht identifizieren kann. Diese Teilchen wurden populär, weil sie in finanziell nicht gut aufgestellten Klöstern fabriziert und unter die Leute gebracht wurden. Briosa ist auch der populäre Name des Fußballvereins von Coimbra, Académica de Coimbra.

Zur Besichtigung steht Santa Cruz an. Die freundliche Frau an der Kasse fragt mich, ob ich Spanisch spräche. Scheint man zu merken. Sie kann auch Spanisch, und wir sprechen in der Folge in einer bunten Mischung aus Englisch, Spanisch und Portugiesisch.

Da gleich eine Messe beginnt, gehe ich zuerst in den Kreuzgang. Doppelstöckig, wunderschön, mit gedrechselten Säulen und Bögen (allerdings nicht auf allen Seiten) unten und einfachen, eleganten flachen Bögen öben. An den Wänden die in Portugal obligatorischen Kacheln, blau-weiß. Sie stellen Gleichnisse aus dem Neuen Testament dar. Man ist überrascht, wie viele es gibt. Man sieht immer vorne Jesus (der eher wie Gottvater oder Moses aussieht) und hinten die Szene des Gleichnisses.

Über eine Treppe gelangt man in den zweiten Stock und auf eine Empore, in der ungewöhnlicherweise das Chorgestühl untergebracht ist. Warum? Weil der König vorne, im Chor, bestattet werden wollte. Also nahm man das Chorgestühl kurzerhand und schaffte es hierher.

Die Empore nimmt einen guten Teil des Mittelschiffs ein. Von hier sieht man in den Kirchenraum hinunter, und von hier hat man auch einen guten Blick auf die vergoldeten, breiten Schlusssteine und auf die prächtige Orgel, in Rot und Gold, mit wunderbar senkrecht und waagerecht angebrachten Pfeifen.

Das Chorgestühl hat es wirklich in sich. Es hat zwei Reihen. Die oberen, “besseren” Reihen haben für jeden Platz drei Schmuckelemente: eine Armillarsphäre, darüber das Königswappen und darüber entweder ein Schiff oder eine Stadt oder eine Festung. Was hat das bitte mit Kirche zu tun? Das einzige christliche Symbol, das man entdecken kann, ist ein Kreuz auf einigen der Schiffe. Das ist eine Vorstellung, die aus Portugals Rolle als Seemacht und als Verbreiter des Christentums stammt: Seht her, wir haben mit unserer Seemacht den rechten Glauben in alle Welt getragen. Auch die Figuren, die die untere Reihe des Chorgestühls schmücken, ebenfalls vergoldetes Holz, sehen nicht gerade christlich aus.

Ebenfalls oben befindet sich ein merkwürdiger Raum, der eine Art Reliquienkammer ist, aber nicht wie eine aussieht, eher wie eine eigene Kirche, mit ovalem Grundriss. Alles ist schön säuberlich geordnet. Es gibt drei Altäre und, in Nischen, acht große Büsten von Bischöfen und Heiligen, und die enthalten wohl die Reliquien. In diesem Zusammenhang ist von den Märtyrern von Marokko die Rede, aber wer das ist, wie viele es davon gibt und ob die alle hier vertreten sind, wird mir nicht klar.

Auf dem Weg nach unten hat man einen schönen Blick in vom oberen in den unteren Kreuzgang, bei dem sich die verschiedenen Bögen kreuzen. Die Sonne nimmt einen immer größeren Platz im unteren Kreuzgang ein.

Unten kann man dann noch die Sakristei besichtigen. Die ist gleichzeitig der Eingang für Besucher. Sie ist lang und sehr hoch, die größte Portugals, heißt es. Besonders schön ist eine, die gesamte Längsseite einnehmende Kommode mit vielen, übereinander angeordneten Fächern, mit schönen Beschlägen aus Gold und mit Intarsien aus Elfenbein. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Wie überhaupt in der ganzen Kirche fast nichts aus dem Mittelalter stammt. Das Gebäude war ursprünglich ein Augustiner-Kloster, aber das wurde im 16. Jahrhundert gründlich umgestaltet. Mein Blick fällt in der Sakristei noch auf ein hölzernes Kästchen mit Türmchen und Flügeltüren, dessen Funktion ist erst nicht verstehe. Die geöffneten Flügeltüren geben den Blick frei in ganz schmale Schubfächer, so wie man sie früher in einer Backstube für Brote hatte. Die Assoziation ist gar nicht so abwegig. Es handelt sich um ein Kästchen zur Aufbewahrung von Hostien, und zwar XXL-Hostien, so, wie sie vom Priester am Altar verwendet wurden.

Am Ende kann man dann noch in den Chor gehen. Dort sind, in gegenüberliegenden Grabstätten, die ersten beiden Könige Portugals begraben, Alfonso Henrique und Sancho (XI). Die beiden Denkmäler sind ähnlich gestaltet, sehen auf den ersten Blick sogar gleich aus, aber die Skulpturen, Evangelisten, Apostel, Märtyrer, Heilige, sind auf beiden Seiten anders. Beide Könige werden liegend dargestellt, mit betenden Händen und mit Rüstung und mit einem Löwen zu Füßen. Die Schuhe von Alfonso Henrique sind allerdings spitz, die von Sancho rund. Ob man damit die Mode der Zeit wiedergeben wollte? Aber was wusste man schon davon? Die Grabmäler sind Jahrhunderte später entstanden.

An der Wand gleich über den Figuren ist noch etwas dargestellt, das ich nicht identifizieren kann, irgendwas, was im Doppelpack erscheint. Ich frage die freundliche Frau am Eingang, und sie weiß die Antwort: Handschuhe!

Draußen sehe ich dann noch, dass ein Teil des Gebäudes im Süden heute einem anderen Zweck dient. Dort ist ein Café untergebracht.

Ich gehe die Fußgängerstraße, die mir jetzt schon fast vertraut ist, wieder runter, bis zu dem Platz am Ende. Dort kommen zwei junge Männer in schwarzen Umhängen auf mich zu und fragen, ob sie helfen können. Ich wehre sofort ab, weil ich glaube, sie gehörten einer Sekte an oder wollten mir etwas andrehen. Ist aber nicht der Fall. Sie tragen die klassische Tunika der Universität und helfen Besuchern. Am Ende frage ich sie nach einer Buchhandlung.

Almedina, die Buchhandlung, die sie mir empfohlen haben und die sich auf einem kleinen, abgelegen Platz unterhalb der Kathedrale versteckt, hat praktisch nur Sachbücher und nicht das, was ich suche. Das finde ich aber in einer Buchhandlung in der Fußgängerzone, ein Roman von Saramago. Hier bekomme ich auch eine Straßenkarte, aber die hat noch nicht einmal Estrada de Viavai (das im Internet erscheint) und erst recht nicht die umliegenden Dörfer (die nicht einmal im Internet erscheinen). Die Straßen, die aus dem Dorf führen, sind auch nicht zu identifizieren.

Es ist inzwischen so warm geworden, dass ich mich in ein Straßencafé setzen und ein Bier trinken kann. Unglaublich! Am Morgen musste ich noch das Eis von der Windschutzscheibe kratzen. Die Temperaturunterschiede, sowohl die zwischen Tag und Nacht als auch die zwischen Sommer und Winter, sind verrückt, Symptome eines kontinentales Klimas, und das würde man in Portugal nicht unbedingt erwarten.

Der Platz, auf dem ich sitze, heißt Largo da Portagem. Vorher habe ich mir überlegt, was wohl Lg. auf den Verkehrsschildern bedeutet. Die Bedeutung von largo ist einfach ‘Platz’. Vermutlich kleiner als praça.

Ich versuche, aufzuschnappen, worüber die beiden Männer neben mir sprechen, bekomme es aber nicht heraus. Immer wieder meine ich Benfica zu hören, aber es kann auch sein, dass sie einfach fica sagen. Das Verb, ficar, ist ein ganz wichtiges, es bedeutet ‘bleiben’, aber auch ‘sich befinden’.

Und dann kommt der gloriose Moment, wo ich zum ersten Mal einen Satz aus einer Unterhaltung unter Portugiesen verstehe: “Sie verkaufen keinen Fisch.” Vielleicht keine Aussage von transzendentaler Bedeutung, aber immerhin verstanden.

Auf dem Rückweg geht es wieder erst ein ganzes Stück durch Coimbra, über breite Boulevards und riesigen Plätzen. Man könnte den Eindruck haben, in einer Millionenstadt zu sein. Dabei hat sie gerade mal 140.000 Einwohner. Dass ich richtig bin, merke ich, als ich an einem Platz mit einem großen CDU-Plakat vorbeikomme. Hat nichts, aber überhaupt nichts mit unserer CDU zu tun. Es ist ein Wahlbündnis aus Kommunisten, Grünen und einer demokratischen Bewegung!

An der Autobahn steht Boa viagem! Ist Femininum im Portugiesischen. Und endet wie viele andere Substantive auf -m: portagem, paragem, lavagem, jardinagem.

5. Februar (Dienstag)

Merkwürdige Verwirrung: Wenn ich sage, dass wir eine Stunde hinterher sind, bekomme ich immer wieder die Antwort: Klar, liegt ja auch weiter südlich.

Estrada de Viavai liegt 272 Meter über dem Meeresspiegel. Nur 272 Meter. Der höchste Punkt der Serra da Lousã ist 1205 Meter hoch.

Aus der Heimat werde ich mit allem versorgt, was man sich wünschen kann: Waffen gegen die Kälte, Bilder vom Schnee, aber auch mit Nachrichten über die Vorboten des kommenden Frühlings (längere Tage, Vogelgezwitscher Kraniche). Dann ein schönes Zitat aus der BBC über den Brexit: “A no-deal Brexit is less and less unlikely.”. Schließlich ein Link zu einem artikel über einen portugiesischen Autor, Miguel Torga (nie gehört, war sogar mal Kandidat für den Nobelpreis), mit engen Verbindungen nach Coimbra und einer ganz besonderen, etwas bizarren Biographie, ein Einzelgänger, der sich dem Leben der einfachen Leute widmete, ohne sie zu glorifizieren.

6. Februar (Mittwoch)

Tomar, das sich den Beinamen Stadt der Templer gegeben hat, liegt südlich von hier. Zum ersten Mal fahre ich in diese Richtung. Man kommt gut dahin über die IC 3, wird dann aber auf die (kostenpflichtige) A 13 umgeleitet. Die führt im Übrigen auch nach Fatima, das gar nicht mehr so weit von hier ist.

Tomar kommt mir groß vor. Es hat auch immerhin 40.000 Einwohner, mit großen Mietkästen, Einkaufszentren, Tankstellen.

Überall kommen mir Gruppen von Joggern oder einzelne Jogger entgegen. Ob hier demnächst ein Volkslauf stattfindet?

Auf der Suche nach einem Parkplatz kommt die hochgelegene Festung in den Blick, ein überwältigender Anblick, auch weil es so plötzlich kommt.

Parken kann man am Mercado Municipal. Dessen Außenmauer ist verziert mit Bildern von Artikeln, die man hier kaufen kann, vom Kürbis über die Sardine bis zum Speck. Darüber und dazwischen die Sammelbegriffe: Hortofrutícula, Pão, Queijos, Talhos usw.

Hier wird das Thema mit den Templern ordentlich ausgequetscht. In das Straßenpflaster ist das Kreuz der Templer eingelassen, ein Hotel schreibt das O von Tomar als Templerkreuz, und ein Einkaufszentrum nennt sich Templarios.

Ich komme an den Fundamenten eines römischen Bads vorbei, acht aber mehr auf einen Baum, dessen Stamm in einer Reihe bunter gehäkelter Stoffe eingehüllt ist. Aus dem oberen oberen Stockwerk eines Hauses lehnt sich eine uralte Frau, mit einem gehäkelten Kopftuch, aus dem Fenster und grüßt freundlich.

In einem Café, das neu eingerichtet ist, aber auch zwei alten (?) ionischen Säulen ruht, bekomme ich einen guten Kaffee und ein leckeres Gebäck mit Karamellgeschmack. Das Café ist benannt nach Santa Iría, der Lokalheiligen, die von einem verschmähten Liebhaber getötet und in den Nabão geworfen wurde (ja, so ging man früher mit den Frauen um!). Der fließt ganz nahe an dem Café vorbei.

Wenn man über den Nabão geht, der an dieser Stelle ziemlich breit ist, ist es, als wenn man in eine andere Stadt käme. Man kommt über eine wunderschöne, historische Straße, ohne Autoverkehr, mit ganz unterschiedlichen Häusern, die aber fast alle im ersten Stock ganz schmale Balkone mit schön geschmiedeten Gittern haben. Die Fassaden einiger Häuser sind mit Kacheln verkleidet, blaue, aber auch grüne.

Die Praça da República, der Hauptplatz, kommt erst in Sicht, wenn man schon fast da ist. Sie hat ganz in weiß gehaltene Häuser zu drei Seiten, darunter das Rathaus an der Stirnseite. Im Zentrum steht das nicht sehr ansehnliche Standbild des Gründers von Tomar.

Im Café da Praça sitzt man schon draußen. Es ist zwar sonnig, aber das wäre mir jetzt noch zu kalt.

Gegenüber dem Rathaus die Stadtkirche, Såo João Baptista. Sie hat eine fast schmucklose Fassade, die stark kontrastiert mit dem von Zierrat überbordenden Portal. Hier erscheint wieder die Armillarsphäre, ebenso wie das königliche Wappen. Daneben ein Kreuz, das an allen Enden einen kleinen Querbalken hat, die wiederum in zwei Spitzen enden. Auch das scheint hier charakteristisch zu sein. Später entdecke ich genau diese drei Symbole an der Fassade des Rathauses und an dem Glockenturm.

Der lehnt sich im Norden an die Kirche an, wirkt aber halb unabhängig. Er hat einen klobigen, quadratischen Unterbau und einen feinen achteckigen Oberbau, der wiederum von einer hölzernen Pyramide bekrönt ist, mit zwei quer laufenden Steinschnüren verziert. Der Turm ist ein echter Hingucker, hier vom Platz aus, aber auch aus der Ferne.

Innen wirkt die Kirche höher, als sie ist. Sie ist dreischiffig, mit Balkendecke. Hier auch wieder der entsetzliche tortenartige Altaraufbau. Schön dagegen die gemeißelte spätgotische Kanzel (ohne bildliche Darstellungen) und die dazu passenden, einfachen Weihwasserbecken.

Zur Burg braucht man sich nur nach oben zu orientieren. Statt über die Straße gehe ich durch einen Park, den Parque de Mouchåo. Dem Namen bin ich hier schon öfter begegnet, kann aber nicht herausfinden, was er bedeutet. Scheint auch was mit Wein zu tun zu haben, vielleicht ein Anbaugebiet.

Der Weg, der sogar einen Namen hat, Caminho da Cadeira De‘l Rei, (der ‘Königsstuhl’!) führt steil nach oben. Bald stehe ich vor den Mauern der Burg. Aber es ist kein Reinkommen. Immer weiter bringt mich der Weg von der Burg weg. Man kann auch nicht abbiegen: links dichte Bäume, rechts eine etwas mannshohe Mauer ohne Durchlässe. Dann kommt man zu einer Lichtung, einem regelrechten Aussichtspunkt. Ganz hinten, am anderen Ende des Tals, aber auf gleicher Höhe, steht die Burg, unten die Stadt. Nicht schlecht.

Von hier her führt der Weg bergab. Er ist ursprünglich angelegt worden, um die Wasserversorgung für die Burg zu sichern. An verschiedenen Stellen gibt es kleine, tempelartige Aufbauten, unter denen man Reste der Wasserleitung sieht. Als ich vor einer stehenbleibe, erinnere ich mich an eine Passage in Nootebooms Umweg nach Santiago, in der er vor verschiedenen Arten der Stille spricht. Wie wahr! Hier ist es still, aber nicht lautlos: Man hört das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Wassers. Dankenswerterweise haben die Arbeiter, die im Wald beschäftigt sind, gerade ihre Kreissägen ausgeschaltet.

Am Ende stellt sich heraus, dass der Weg ein Rundweg ist und ich wieder unten am Eingang zum Park lande. Noch mal rauf zur Burg will ich nicht. Und begnüge mich stattdessen damit, dass heute Bewegung statt Besichtigung auf dem Programm stand.

Jetzt ist es so warm, dass man sich auch in das Straßencafé auf der Praça da República setzen könnte, aber ich gehe stattdessen zur Post. Hier sind die Briefmarken billiger als in dem Souvenirgeschäft in Coimbra. Wieder merke ich, wie weit meine Aussprache von dem Original entfernt ist, als die Frau hinter dem Schalter das Wort selos wiederholt.

Auf der Rückfahrt höre ich im Radio (einem katholischen Sender) immer Claxi. Ein Name? Eine Institution. Aber als das immer wieder auftaucht, fällt der Groschen: Claro que sím.

7. Februar (Donnerstag)

Auf dem Weg nach Viavai, bei dem Hinweisschild auf die Taverne, fällt mir auf, dass spanisch taberna hat, aber portugiesisch taverna.

In der Taverne sitzt Howard, ein Brite, den ich schon flüchtig kennengelernt habe, bei einem Glas Wein. Die Wirtin, Pamela, sitzt am PC, bei den letzten Vorbereitungen für die Reise, nach São Tomé, wo sie vierzehn Tage bleiben. Morgen geht es los. Sie fliegen von Lissabon aus, kommen dahin mit dem Zug von Pombal aus, wohin sie gebracht werden. Kann man sich merken.

Sie setzt sich dann zu uns und trinkt auch einen Wein und raucht ausnahmsweise eine Zigarette drinnen. Ist in Portugal nicht erlaubt und wird auch respektiert.

Ich trinke ein Bier, Sagres, und dann, auf Howards Vorschlag, ein anderes, Super Bock. Das sind die beiden wichtigsten. Sind beide leicht und schmecken ganz ähnlich, Bier, das man gut trinken kann, aber über das man nicht ins Schwärmen gerät. Es gibt aber einen kulturellen Aspekt. Als ich nach der Verteilung frage, ob eine Marke vielleicht irgendwo im Land populärer ist als woanders, bleibt die Antwort vage, aber es gibt einen Unterschied: Die Anhänger von Fußballvereinen haben sich der einen oder anderen Marke verschrieben. Howard verwechselt Sporting und Porto, aber das Internet hilft: Benfica, Braga und Académica Coimbra stehen für Sagres, Sporting, Porto und Belenenses für Super Bock! Ein echter Einblick in die Alltagskultur! Schon deshalb hat sich der Weg in die Taverne gelohnt.

Howard hat es eher mit Rugby. Er findet, da geht es zivilisierter zu. Und die Rugby-Spieler seien nicht solche Memmen wie die Fußballspieler. Er hat einige Jahre in Wales gewohnt. Wenn er da in die Kneipe ging, um Rugby zu sehen, konnte er ohne Weiteres unter allen diesen Wales-Anhänger zu England halten. Es gab höchstens ein paar verbale Seitenhiebe, aber der freundlichen Art. Da hat er recht, das ist im Fußball nicht so einfach.

Bei dem bevorstehenden Six-Nations-Turnier halte er zu Italien. Warum? Weil die immer Letzter würden. Sie fingen immer gut an, aber ließen dann nach. Absteigen kann man eigentlich nicht, aber es gibt jetzt doch zwei Kandidaten, Kroatien und Serbien, die Italien ersetzen wollen. Im Grunde seines Herzens hofft er natürlich, dass England gewinnt.

Die beiden erzählen mir, dass ich froh sein könne, dieses Jahr gekommen zu sein. Letztes Jahr wäre schrecklich gewesen, jetzt genießen sie die Sonne genauso wie ich. Sie klagt wie ich über die Kälte, ihm scheint sie nichts auszumachen.

Sie erzählen, wie er zu seinem Haus gekommen ist, an einem Abend, als sie ein paar Bier zu viel getrunken hatten. Sie erwähnte, dass ein Holländer sein Haus, gleich um die Ecke, verkaufen wolle. Er hatte eigentlich gar nicht vor, ein Haus zu kaufen, wohnte irgendwo für 300 € zur Miete. Aber so aus Spaß nannte er dann mal einen Preis, den er bezahlen wollte. Sie rief den Eigentümer an, nannte den Preis, der sagte ja, und das Haus war gekauft. Am nächsten Tag sei er aufgewacht und habe sich gefragt: “Hast Du gestern Abend wirklich ein Haus gekauft?”. Er hat einen Volltreffer gelandet, der Holländer hat ihm ein voll eingerichtetes Haus, mit Möbeln und Utensilien hinterlassen, sogar sein Shampoo habe er dagelassen. Jetzt ist er seit anderthalb Jahren hier und will nicht mehr zurück.

Dann kommt eine ältere Portugiesin auf einen Kaffee, und dann noch eine. Jetzt wird Portugiesisch gesprochen. Eine der Frauen spricht sehr, sehr klar. Sie korrigiert mich auch ganz entschieden, aber freundlich: Es heißt moro, nicht muro. Optimal. Die andere Frau verstehe ich gar nicht, und Pamela auch nicht. Aber da bin ich nicht so sicher, ob das an mir liegt.

8. Februar (Freitag)

Gestern zum ersten Mal mit den Wochentagen durcheinander gekommen. Es gibt keine richtigen Unterscheidungsmerkmale.

Bei Saramago lese ich: “Dona Maria reicht dem König ein kaltes Händchen, das, wie sehr auch unter dem Federbett aufgewärmt, im Eisenhauch des Zimmers sogleich kalt wird.” Vielleicht ist es ja tröstlich, dass früher auch Königinnen im Schlafgemach frieren mussten, aber wärmer wird’s dadurch auch nicht.

Im Reiseführer lese ich von einem gewissen Fernåo Mendes Pinto. Er stammte aus Montemor-o-Velho, auch hier im Beira Litoral, Richtung Küste, und ist der berühmteste Sohn der Stadt. Er war einer der ersten Europäer, der den Fuß auf japanischen Boden setzte. Er hielt seine Eindrücke in einem Buch fest, A Peregrinacåo. Seine Schilderungen trafen überall auf Unglauben. Er galt als Lügenbaron. Und hat Eingang in die Sprache gefunden: Fernåo, mentes? – Minto. Fernåo, lügst du? – Ja, ich lüge. Heute gilt A Peregrinacåo als eins der wichtigsten Dokumente über das Japan des 16. Jahrhunderts.

In Manaus denke er nicht an Madrid und in Bogotá nicht an Coimbra, sagt Nooteboom. Der Unterschied zwischen Spanisch und Portugiesisch sei natürlich leicht zu hören, reiche aber darüber hinaus, betreffe das “Wesen” der Sprache. Angesichts der Verbreitung von Spanisch und Portugiesisch in Amerika fragt er sich, warum sich Holländisch nicht durchgesetzt habe in den Kolonien. Warum spricht man in Java heute nicht Holländisch? Gute Frage, schwere Frage. Man kann noch ergänzen: Warum hat sich Portugiesisch in Amerika, aber nicht in Afrika durchgesetzt, in Angola und Mosambik? Dabei sind die viel später unabhängig geworden als Brasilien. An der Zahl der Sprecher kann es wohl nicht liegen, die Portugiesen waren immer die Minderheit. Vielleicht am Zeitpunkt der Kolonialisierung?

Genau deckungsgleich mit ein bisschen ist um bocado, von boca, ‘Bissen’ abgeleitet: Podes esperar um bocado?

Das schöne Wetter ist schon wieder vorbei. Die Sonne hat heute kaum mal eine Chance, durchzukommen. Und auch fürs Wochenende, wo strahlender Sonnenschein angesagt war, sind die Aussichten eher gemischt. Auch da lässt Griechenland grüßen. Es wird immer besser, aber immer in ein paar Tagen.

Einem Tipp von gestern folgend gehe ich nach Carvalhais, auch gut zu Fuß zu erreichen. Da betreibt eine Frau namens Edite die Snack-Bar Pascoal. Es ist ein großer, leerer Raum, praktisch ohne Dekoration, in dem zwei Männer bei einem Kaffee sitzen. Keine sehr einladende Atmosphäre. Ich stelle mich an die Theke und zwinge Edite ein Gespräch auf, und bald taut sie auf. Hier gebe es viele Engländer in der Gegend, am Abend habe sie eine ganze Gruppe zum Essen da. Meine Vermieter kennt sie nur vom Hörensagen. Essen gibt es hier nur auf Bestellung, por encomendo. Das steht glücklicherweise draußen an der Fassade, so dass ich gar nicht umständlich umschreiben muss. Ich frage nach Mittagessen am Sonntag – almoço – aber es gibt nur Abendessen – jantar. Ich bestelle einen Tisch. Das Bier hier ist noch billiger als in Viavai: 85 Cent pro Flasche.

Ganz in der Nähe liegt das, was die Engländer Pink Bar nennen, ein schummriges Lokal (wenn man es denn so nennen will), wo ich an der Theke noch ein Bier trinke. Animiert von dem ersten Bier verwickele ich die Frau hinter dem Tresen in ein Gespräch. Sie selbst ist nicht von hier, ihr Mann aber. Sie kommt aus einem Ort in der Nähe von Miranda, dessen Lokalisierung mir detailliert erklärt. Wie es denn hier wäre, will sie wissen. Ruhig, oder? Ja.

Neben der Theke hängt ein Bild von Sporting Lissabon mit der Meistermannschaft von 2001/2002, wohl der letzten. Hinter dem Tresen ein Spiegel und davor ein unglaubliches Sammelsurium von Dingen: Lotterielose, Kinder-Schokolade, ein Fußball, ein Fußballschuh, Pokale, Schiffe, Kalender, beschriftete Teller und Rum-, Whisky-, Brandy- und Likörflaschen.

Die zweite Hälfte des Raums wird von einem kleinen Laden eingenommen. Früher hätten sie viel mehr gehabt. Aber immerhin. Sie hat Reis, Nudeln, Kaffee, sogar frischen Käse. Auf jeden Fall braucht man dann nicht gleich nach Miranda fahren, wenn mal was fehlt.

Auf dem Rückweg kommt zwischendurch die Sonne durch und erlaubt nicht nur einen schönen Anblick, sondern ein Photo, das noch schöner ist als die Wirklichkeit: im Vordergrund eine moosbewachsene Mauer, dahinter die Ruine eines Hauses, durch dessen Fenster man in die Ferne blickt, und am Himmel dicke, weißt Wolken abwechselnd mit blauen Himmelsstreifen.

9. Februar (Samstag)

Coimbra war nicht immer da, wo es jetzt ist. Es lag ursprünglich weiter südlich, da, wo sich jetzt das Ausgrabungsfeld Conimbriga befindet. Als die Stadt verlassen wurde, vermutlich unter dem Eindruck der Angriffe der Sueben, nahmen die Flüchtenden den Namen mit.

Zum ersten Mal brauche ich nicht mehr die Windschutzscheibe freizukratzen. Es muss also nachts allmählich wärmer werden. Nur merkt man davon noch nicht so viel.

Der Weg nach Conimbriga ist kürzer als der nach Coimbra, und als ich ankomme, ist alles noch verschlossen. Man kann aber über einen Weg an dem Ruinenfeld vorbei in den nächsten Ort gehen, Condeixa-a-Velha. Das mache ich, damit mir warm wird. Der Ort sieht ziemlich ärmlich aus und erstreckt sich an einer Straße entlang. Außer einer alten Frau, die auf einen Stock gestützt am Straßenrand steht, ist niemand zu sehen. Ein Café gibt s nicht, also gehe ich einfach weiter, als ich an den Ortsausgang komme. Die Straße geht in einen Weg über und der führt direkt in den Wald. Der Weg wird immer steiler und enger und ist teils nicht mehr als weg auszumachen. Und er führt immer wieder in eine Sackgasse. Aber es lohnt sich. Es ist, als wäre man in einer anderen Welt. Die ausgerissenen Wurzel, die quer über den Weg liegenden Baumstämme und das dichte Gewirr von Ästen, die von den Bäumen herabhängen, geben einem fast das Gefühl von Urwald. Dabei kann die Straße nur ein paar Minuten entfernt sein.

Da gelange ich dann auch irgendwann hin. Vorher geht es noch an einem durch ein Gitter abgesperrten, mit Gräsern zugewachsenem Grundstück vorbei, das seit Jahren nicht mehr betreten worden ist. An dem Gitter steht ein Schild mit der Aufschrift: Passagem proibida as pessoas não autorizadas.

Im Dorf verteilt der Bäcker Brötchen, hängt sie in durchsichtigen Plastiktüten an die Haustüren. Es sind carcaças, die großen, Brötchen in Rhombus-Form, die es hier überall gibt.

Inzwischen ist mir warm geworden. Ich gehe aber trotzdem in die Dorfkneipe auf einen Kaffee. Der Raum ist dunkel, wie immer hier, vielleicht, um der Hitze des Sommers zu trotzen. Die Wirtin, auch das scheint die Regel zu sein, ist klein und rundlich und sieht bäuerlich aus. In dem ungemütlichen Raum stehen ein Spielautomat und ein Billardtisch rum, und auf dem Tresen liegen Gummiablagen von Jägermeister.

Die Wirtin bestätigt mir, dass dies doch noch Condeixa-a-Velha ist. Ich muss vorher wohl nur durch einen Teil des Ortes gekommen sein. Ich frage nach dem Weg zu den Ruinen, und sie fragt, ob ich über terra batida gehen wolle. Ja. Danach folgt ein Redeschwall, aus dem ich nur nach unten und Kreuzung und Fatima entnehmen kann. Genügt aber. Ich komme auf direktem Weg dahin.

Es gibt ein Museum und ein Ausgrabungsgelände. Auf dem Innenhof stehen, ordentlich aufgereiht, Orangenbäume, die voller Früchte hängen. Etwa weiter ein besonders großes Exemplar der Bäume, die man hier so oft sieht. Sie haben bis oben zur Krone keine Äste oder Blätter, bilden oben aber ein Dach. Muss im Sommer sehr willkommen sein.

Der Eintritt kostet gerade mal 2,25 €. Ich gehe zuerst ins Museum, in der Hoffnung, das später noch die Sonne rauskommt. Tut sie aber nicht.

Das Museum ist nicht allzu groß, aber die Exponate sind sehr sehr schön präsentiert, in hellen Schaukästen, thematisch geordnet, mit guten, wenn auch etwas grob gehaltenen Erklärungen.

Gleich am Anfang ein Schaubild, das die Verbreitung römischer Münzen anzeigt, in fünf Etappen. Jede Etappe wird unterschiedlich beleuchtet, und man sieht, dass die Münzen sich immer weiter nach Norden und nach Osten ausbreiten, um am Ende dann wieder nur in Italien aufzutauchen. Conimbriga ist schon in der ersten Epoche vertreten, Trier und Köln in der dritten. Toll gemacht! So macht man Geschichte sichtbar.

Es gibt vor allem Alltagsgegenstände zu sehen, darunter Scheren, die den unseren verblüffend ähnlich sehen. Gut vertreten sind Haarnadeln, mit denen sich die römischen Frauen das Haar zusammensteckten. Beim Schmuck wurde nicht gekleckert: Römische Frauen trugen, vor allem in der späteren Zeit, meist mehrere Ohrringe gleichzeitig und mehrere Ringe an jedem Finger! Man sieht hier auch einen fein geformten Spiegel (aus polierter Bronze) und einen Kamm (vermutlich aus Tierknochen) mit Zähnen unten und oben.

Bei den Hygieneartikeln ist besonders der strigil gut vertreten, mit dem man sich die Öle vom Körper strich. Auch Paletten gab es, auf denen man verschiedene Salben mixte.

Landwirtschaftliche Geräte sind vertreten, aber noch nicht in großer Zahl, da bisher nur die Stadt ausgegraben wurde, nicht die umliegenden Ackerfelder. Unter den Exponaten befindet sich auch eine Messer zum Trimmen von Reben.

Krüge, Schalen und Becher aus Ton sind in allen Formen und Größen vertreten. Aus den Bechern wurde getrunken, bis sich Glas in größerem Stil verbreitete. Die einheimische Produktion unterscheidet sich von den Importen dadurch, dass sie eher gräulich ist. Die Importe, die erst aus Italien, dann aus Gallien, dann aus Spanien, dann aus Tunesien kamen, sind erdfarben.

Das Glas ist weitgehend durch Glasscherben vertreten, aber es gibt auch ein paar gut erhaltene Exemplare, zwei Schalen und eine Flasche, beide in gedämpften Farben. einheimische Glasproduktion ist seit dem 1. Jahrhundert nachgewiesen.

Interessant auch, wie man aus Funden Schlüsse zieht. Große Webstuhlgewichte sind ein Indiz dafür, dass nicht nur am heimischen Webstuhl gewebt wurde, sondern, dass es industrielle Herstellung gab. Und späte Münzfunde in Tonkrügen, im Boden vergraben, sind Indizien dafür, das Geld gehortet wurde, entweder angesichts von Gefahren von außen oder angesichts von Inflation.

Sehr aufschlussreich alles, was mit Maßen zu tun hat. Man sieht Stäbe, Gewichte, Waagschalen, Zirkel. Zwei verschiedene Typen von Waagen waren im Einsatz: die libra (auch: talentum) und die statera (auch: trutina). Die erste war griechischen Ursprungs, die zweite genuin römisch.

Die Maße waren genormt: Ein Pfund hatte zwölf Unzen, und ein Fuß hatte vier Untereinheiten, Handbreit. Hier herrschte das Duodezimalsystem.

In einem anderen Teil des Museums sind zwei große, gut erhaltene Mosaike ausgestellt, zweifarbig, mit einfachen Mustern, ohne gegenständliche Darstellung, vermutlich aus einer eher späteren Zeit. Eins stellt ein Labyrinth dar, mit Stadttoren an den verschiedenen Ausgängen.

Kleine Stelen mit Inschriften für die Götter sind auch vertreten, darunter Liber Pater, der Patron des Weinbaus, und Aius Rogatus, ein adaptierter lokaler Gott, der Beschützer der Bäder.

Interessanter sind die Exponate, die Aberglauben dokumentieren. Es gibt alle möglichen Amulette, die gegen den bösen Blick und gegen böse Geister schützen sollten, einige in Form eines Phallus, andere mit der Darstellung gekreuzter Finger, dem Haupt der Medusa, mit Darstellung von Kopulation und Ausscheidungen. Nicht zimperlich, die Römer!

Ein Rätsel stellt ein magisches Quadrat mit Buchstaben dar, das in verschiedenen Richtungen zu lesen ist, das Sator-Quadrat. Im zentralen Kreuz steht Tenet. Ob der Text eine Bedeutung hat, ist unklar. Das Quadrat wurde lange als christliches Symbol missverstanden, es könnte dagegen eine Beziehung zur stoischen Philosophie haben. Hier erscheint es in der Kategorie Aberglauben.

Dann geht es nach draußen. Das Ausgrabungsfeld ist groß. Es gibt Außenmauern aus Naturstein zu sehen, aus Ziegelsteinen gemauerte Bögen, Säulen und Pfeiler. Es gibt die Reste des Forums, der Thermen und vor allem, besser erkennbar, des Theaters.

Auch hier gibt es Mosaike, vor allem in der Casa dos Repuxos, dem ‘Haus der Fontänen‘, einem großen, aristokratischen Bau, auf einem Vorgängerbau errichtet. Hier gibt es auch Mosaike mit bildlichen Darstellungen, u.a. Reiter bei der Jagd, mit Beutetieren und mit galoppierenden Pferden, anatomisch falsch, aber sehr dynamisch dargestellt, mit Beinen, die in beide Richtungen gespreizt sind.

Auf dem Ausgrabungsfeld fühle ich mich etwas verloren, und man hat hier den Eindruck, dass man eine solche Ausgrabung schon nach ein paar Tagen nicht mehr von anderen unterscheiden kann, die man gesehen hat.

Interessanter ist die Lektüre über die Geschichte von Conimbriga. An verschiedenen Stellen stehen Schilder mit Informationen. Kurios ist, dass die Stadtmauer, die ursprüngliche, eher dekorative als defensive Funktion hatte.

Conimbriga lag an der Straße von Olisipo (Lissabon) nach Braccara Augusta (Braga), die über Sellum (Tomar) und Aeminium (Coimbra) führte. Die römische Besiedlung erfolgte schon im 2. Jahrhundert v. Chr., aber die Stadtanlage (und die Beförderung zum Oppidum) stammt aus der augusteischen Zeit.

Man sieht am Rande des heutigen Ausgrabungsgebietes eine hohe Mauer. Die wurde offensichtlich mitten durch die Stadt gebaut, als Verteidigungsmaßnahme, und dabei wurden die Häuser, die man heute sieht, offensichtlich aufgegeben und als Steinbruch benutzt. Die neue Mauer nutzte aber auch nichts bei dem Angriff der Sueben. Ob die die Stadt verwüsteten, ist nicht richtig herauszufinden, aber danach übersiedelte zumindest ein Teil der Bevölkerung, vermutlich die Elite, nach Aeminium – das dann zu Coimbra wurde.

Nach so viel Kultur geht es dann nach Condeixa-a-Nova, zu trivialeren Zwecken. Auf der Suche nach Continente oder Lidl stoße ich dort auf Minipreço, den Supermarkt mit den meisten Filialen in Portugal. Hier ist er aber ein richtiger Supermarkt, kein Ramschladen. Es gibt alles außer Brennmaterial. Der Markt macht seinem Namen alle Ehre, alles ist spottbillig, außer der Melone. Beim Obst fällt mir mamão auf, das ist Papaya.

Condeixa-a-Nova ist ein Ort ohne Parkplatzprobleme. Ich parke in der Nähe einer ehemaligen Grundschule, einem schönen, kleineren Gebäude, das jetzt mit Hilfe der EU saniert und einem neuen Zweck zugeführt wird. Auf einer Tafel ist die Höhe der Zuwendung durch die EU vermerkt, auf den Cent genau.

Auf dem Hauptplatz, der auf den ersten Blick schöner wirkt als er ist, befindet sich das einzige nennenswerte Restaurant der Stadt, Regional do Cabrito. Das führt die Spezialität des Hauses gleich im Namen mit: Cabrito asado. Bestelle ich. Es ist umwerfend gut. Das Fleisch ist zart und saftig und schmackhaft, ganz ohne Soße. Es heißt, es werde nach Art des Spanferkels zubereitet, was immer das heißen mag. Es gibt Kartoffeln und Reis dazu und ein Gemüse, grelos, das sich als Stielmus entpuppt. Es gibt Hauswein, zwei Sorten, man lässt mich beide probieren. Die Entscheidung fällt leicht: Encostas do Bairro ist der Auserwählte. Vorher gibt es Oliven, Brot und drei Sorten Käse, alle lecker. Das gibt es ungefragt, aber es schlägt sich auf der Rechnung als Couvert nieder.

Auf dem Rückweg komme ich an einem Betrieb vorbei mit dem Schild: Compra-se uvas – Vende-se vinho. Schönes Beispiel für die Personalpronomina.

10. Februar (Sonntag)

Das Rote Kreuz heißt auf Portugiesisch Cruz Vermelha, nicht Cruz Encarnada. Wie die beiden Adjektive gebraucht werden, ist mir ansonsten noch schleierhaft.

Am Ende eines regnerischen Tages ohne Sonnenschein mache ich mich auf den Weg in die Taverne nach Carvalhais, über die schlecht erleuchtete Dorfstraße. Als ich auf die völlig dunkle Landstraße komme, macht ich kehrt und hole das Auto.

In der Taverne ist richtig was los. Es ist voll, und es geht sehr laut zu. Eine reine Männerangelegenheit, mit der Ausnahme von einer einzigen Frau, die mit anderen an einem Tisch sitzt, der bereits abgeräumt wird. In Portugal isst man früher als in Spanien.

Die älteren Männer sitzen an den Tischen, die jüngeren stehen am Tresen. Im Fernsehen läuft Fußball. Das Spiel muss wohl gerade vorbei sein. Es werden Ausschnitte gesendet, ein Tor nach dem anderen, bis ich glaube, dass es verschiedene Spiele gewesen sein müssen. Ist aber nicht der Fall, es ist ein einziges Spiel, Benfica gegen Nacional: 10:0. Das erste Tor ist gleich in der ersten Minute gefallen. Man hat hier gefeiert. Neuankömmlinge werden mit zehn erhobenen Fingern begrüßt.

Später frage ich den jungen Mann, der mich bedient, ob hier alle Benfica-Anhänger seien. Ja, fast alle, sagt er und deutet auf ein kleines Häuflein von Männern, die das jetzt beginnende Spiel verfolgen. Das seien die Anhänger von Sporting. Er selbst hält zu Porto, eine einzige große Ausnahme in dem Dorf.

Mir fällt auch auf, dass die Trikotwerbung von Benfica tatsächlich Sagres ist, was die Bemerkung von Howard über die Parallele von Fußballverein und Biermarke bestätigt.

Das Essen ist ausgesprochen schmackhaft. Es gibt Schweinelenden, wieder mit Reis und Kartoffeln (die sind hier immer besser als die pampigen Pommes frites in Spanien) und dazu einen leckeren Salat. Zur Wiederholung empfohlen.

11. Februar (Montag)

Bei der Lektüre fällt mir auf, wie viele arabische Wörter denselben Anfangslaut haben: Moschee und Mihrab, Minarett und Muezzin, Marokko und Marrakesch, Medina und Mekka, Mohammed und Muslim. Zufall? Und dann fällt mir auf, durch eine falsche Lektüre, dass Tenor im Deutschen durch unterschiedliche Betonung unterschiedliche Bedeutungen erhält.

Ich erinnere mich an ein Gespräch in der Taverne in Viavai, als ich von den Briten das Wort pregret lernte. So etwas, wie wenn man angesichts des bevorstehenden Katers trotzdem noch ein Glas Wein trinkt.

Von einem unbekannten Korrespondenten bekomme ich unverhofft Aufklärung über den Gebrauch von vermelho und encarnado, den beiden Wörtern für ‘rot’. Während encarnado eine reine Farbbezeichnung ist, ist vermelho produktiv und bildet Einheiten wie cartåo vermelho, diabos vermelhos, sinal vermelho, carne vermelha.

Milde Temperaturen und strahlender Sonnenschein. So hieß es in der Vorhersage. Die Wirklichkeit: Wolken, Neben und ein eisiger Wind, der einem auch den Spaziergang verdirbt.

“Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen sage: Was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten.” Picasso war auch ein Meister des Wortes. Wie auch diese anderen Zitate belegen: “Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.” – “Ich male die Nasen absichtlich schief, damit die Leute gezwungen sind, sie anzusehen.” – „Ideen sind nur Ausgangspunkte. Um zu wissen, was man zeichnen will, muss man zu zeichnen anfangen.“ – “Wenn ich mir keine Ölfarbe mehr leisten kann, kaufe ich Wasserfarben. Wenn für Wasserfarben kein Geld mehr bleibt, bitte ich um Bleistifte. Wenn die Bleistifte ausgehen, man mich ins Gefängnis wirft, spuck ich mir auf den Finger, bemale die Wand.” – “Ich male die Dinge, wie ich sie denke, nicht wie ich sie sehe.”

In einem Radiovortrag ironische Seitenhiebe gehört auf Veröffentlichungen wie Rilke für Gestresste oder Nietzsche für Manager.

12. Februar (Dienstag)

Auf der Fahrt nach Aveiro komme ich durch Carvalhal. Scheint der Singular von Carvalhais zu sein, unserem Nachbardorf. Hat aber nichts mit Pferd zu tun (cavalo), wie ich vermutete, sondern mit Eiche (carvalho). Es bezeichnet einen Eichenwald.

Die Straßen sind gut, aber nicht ganz frei von Schlaglöchern, und dazu kommen in regelmäßigen Intervallen Kanaldeckel, die nicht glatt mir der Fahrbahndecke abschließen, und die Schwellen, die überall angebracht sind, um langsames Fahren zu erzwingen. Das Auto muss allerhand aushalten.

Es geht durch eine merkwürdige Landschaft: kahle Bäume, grüne Bäume, verdorrte Bäume, blühende Bäume (sehen aus die Ginster in Baumform) und immer wieder ganz kahle, vielleicht abgebrannte Stellen und immer wieder übermannshohe Gräser, die völlig vertrocknet sind.

Die Fahrt dauert lange, länger als gedacht, obwohl ich am Ende wieder auf die ungeliebte Autobahn geführt werde, wo wieder ordentlich abkassiert wird, in bar und elektronisch.

Am Stadtrand von Aveiro komme ich an dem wunderbaren Stadion vorbei, ein bunter Bau, der völlig anders aussieht als alle Stadien, die ich gesehen habe. Leider muss ich weiterfahren und kann kein Photo machen.

In Aveiro fahre ich, einem Hinweisschild folgend, Richtung Zentrum, aber da darf ich gar nicht hin. Da dürfen nur Anwohner rein. Ich drehe ein paar Runden und finde dann einen Parkplatz neben einer Industrieruine, unbefestigt, mit Schlaglöchern und hohen Schwellen. Komischerweise ist der nur ein paar Minuten von dem herausgeputzten Zentrum entfernt.

Aveiro ist eine Stadt, in der man sich nicht leicht zurechtfindet. Es fehlt an einem zentralen Platz. Sowohl der Domplatz als auch der Hauptplatz, der natürlich Praça da República heißt, liegen etwas abseits und sind so gut wie menschenleer.

Orientierung bietet der Kanal, Canal Central, der die Stadt in zwei Teile teilt. Ich gerate erst in den neueren, aber älter aussehenden Teil und in ein reines Wohnviertel, richtig authentisch, mit vielen kleinen Häusern, deren Eigentümer sich abgesprochen haben, dass jedes Haus sich möglichst stark von allen anderen bisher existierenden unterscheiden sollen. Ist ihnen voll geglückt. Das eine oder andere hat sogar einen Giebel und fällt schon dadurch aus der Reihe. Das verbindende Element sind die Kacheln an der Fassade, aber auch die sind völlig unterschiedlich, von einem Haus, deren ganze Fassade mit einer einheitlichen blauen Kachel mit weißen Ornamenten bedeckt ist, bis zu einem Haus, das lediglich über dem Eingang eine Kachel mit der Abbildung eines Bootes hat. Besonders angetan hat es mir ein ganz schmales Haus, das im ersten Stock nur Platz für ein Fenster hat. Es dies als Guesthouse. Wie ein fast versteckter Hinweis preisgibt. Auf einer Kachel.

Ich komme zur Praça do Peixe, mit einer modernen Markthalle, in der es passenderweise nur Fisch gibt. Ringsum Lokale aller Art, darunter O Telheiro, das sich als Adega Típica ausgibt, eine willkommene Gelegenheit, adega nachzuschlagen. Es ist ein Weinkeller – eine Bodega. Ein telheiro ist ein Ziegelbrenner.

Eine der Besonderheiten von Adeiro ist das Straßenpflaster. An verschiedenen Stellen in der Innenstadt, vor allem um die Praça da República herum, findet man schöne Motive, oft nur Kreise und Linien, aber auch, vor allem am Kanal, Anker, Segelschiffe, Windrosen, Seepferdchen. Hier an der Praça do Peixe sind es Fische. Es werden immer die gleichen, wenig auffälligen Farben verwendet, Grau und Weiß.

Immer und immer wieder, an Konditoreien und Cafés, der Hinweis auf Ovos Moles. Das sind ganz dünne Oblaten, denen eine Form gegeben wird, und drinnen befindet sich eine Masse aus Eigelb. Die wurde mir auch gleich am Morgen in einem Café als typisch für Aveiro serviert.

Fast genauso häufig kommt der Hinweis auf eine andere Spezialität: tripas. Ist es wirklich das, was es zu sein scheint? Es gibt Lokale, die nur tripas haben. Eins davon macht in der Woche erst um 21.30 auf. Das ist alles rätselhaft. Später lese ich die Erklärung, dass es sich doch nicht um Kutteln handelt, sondern um eine Art Crêpe. Trotz des Namens gibt es die wohl doch nicht nur in der süßen Variante.

An jeder Ecke steht eine Kirche. Besonders schön eine ganz in Weiß gehaltene, nicht sehr große Kirche, die ganz für sich steht, eingerahmt von dem dunkelblauen, wolkenlosen Himmel. Mein heimisches Wetterorakel hat recht behalten: Dies ist der sonnigste und wärmste Tag seit meiner Ankunft.

Die kurze, aber sehr breite Bücke, die über den Kanal führt, hat vier Skulpturen, die traditionelle Berufe darstellen: Salineira, Marnoto, Parceirado do Ramo, Fogueteiro. Was die genau bezeichnen, ist nicht rauszukriegen, aber auf jeden Fall spielt Salz eine Rolle (daneben wohl Blumen und Feuer). Salz war die wichtigste Quelle des Reichtums von Aveiro, neben Fischverarbeitung. Leider bekomme ich nichts zu sehen, was die ganz ungewöhnliche landschaftliche Entwicklung des Ortes angeht, und dazu gehört in gewisser Weise auch der Salzabbau. Eine ganz wichtige Rolle spielt die Versandung des Hafens, der den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt bedeutete, und dann die Rückkehrung des Prozesses im 19. Jahrhundert durch technische Maßnahmen. Eine Folge des lange gesperrten Durchgangs zum Meer sind die Kanäle, aber auch das ganze Umland, das ein Sumpfgebiet ist. In der heutigen Stadt bekommt man das Meer jedenfalls nicht zu sehen.

Ich frage mich durch zum Museo de Aveiro. Das ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, mit einer leuchtend weißen Fassade, ein Renaissancebau, sehr lang, nicht sehr hoch, ein echtes Schmuckstück.

Das Kloster steht, genauso wie das Museum, in Verbindung zu einer außergewöhnlichen Frau, Dona Joana. Sie war die Tochter des Königs und sollte an den englischen Königshof verheiratet werden. Zog es aber vor, sich ganz bescheiden in dieses Kloster zurückzuziehen und mit ihrem Erbe das Kloster und dessen Armenfürsorge zu unterstützen.

Das Museum hat eine Sammlung sakraler Kunst, aber gleichzeitig ist das Gebäude selbst auch ein Museum, das (später sehr stark veränderte) Kloster. Ich lasse die sakrale Kunst beiseite und sehe mir das Kloster an. Was auch gut ist, denn irgendwann wird die Mittagspause angesagt und ich muss ohnehin raus. Während der gesamten Zeit sehe ich keinen anderen Besucher. Und der Eintritt ist frei.

Der zweistöckige, eher niedrige Kreuzgang mit einfachen Säulen mit ionischen Kapitellen ist umgeben von einer Reihe von Kapellen (heute nicht mehr als solche zu erkennen) sowie dem Kapitelsaal, einem Raum für die rituelle Waschung und dem Refektorium. Das ist sehr schön, mit Kacheln an allen vier Seiten und einer schönen Nische, in der die Vorleserin bei den Mahlzeiten stand. Die Einrichtung konnte das Kloster sich leisten, weil ein König, Manuel I. ihm den aus Madeira importierten Zucker zur Verfügung stellte. Neben dem Refektorium gab es einen zweiten Raum für die Mahlzeiten, das Debillium. Das war für Kranke. Und da gab es besseres Essen! Ob es da nicht immer Simulanten gab?

Im Zentrum des Kreuzgangs ein etwas heruntergekommener, grauer Brunnen, der nach nichts aussieht, aber den hier gegebenen Erklärungen zufolge symbolische Bedeutung hat: Der Obelisk steht für Gott, die Kugel für Christus, und die vier Wasserrohre für die vier Evangelisten. Wer sich das wohl ausgedacht hat?

Die Kirche betritt man von der Seite, so wie das, wie man hier erfährt, die Regel war bei Nonnenklöstern. Das verstärkt den Eindruck nur noch. Man ist völlig unvorbereitet auf den überbordenden Schmuck. Wer es gerne schlicht hat, kann hier nur Verzweiflungsschreie ausstoßen. Mir gefällt’s trotzdem. Es passt. Es gibt praktisch keine freie Fläche, und alles ist vergoldet: Altäre, Säulen, Kanzel, Figuren, Kandelaber, Einfassungen. Dabei ist alles aus Holz. Das Gold ist nicht hell glänzend, sondern eher gedämpft. Vielleicht ist es dadurch erträglich.

In dem unteren Chor, durch Gitterfenster abgetrennt von der Kirche, steht der Sarkophag von Joana, aus verschiedenartigem Marmor, das aber nicht wie Marmor aussieht, sondern eher wie eine Intarsienarbeit.

In die Kirche sehen kann man auch vom oberen Chor. Von hier aus verfolgten die Nonnen den Gottesdienst, ohne von den Laien gesehen zu werden. Von hier aus sieht man auch, dass die Orgel, die hier ganz oben an der Seitenwand hängt, ein eigenes Kabüffchen hatte, von dem aus die Organistin spielen konnte, ohne von unten gesehen zu werden.

Hier oben, im Chor, ist der Ort, an dem Joana ihr Gelübde abgab (1481), und zwar unter der Christusfigur, die hier oben hängt, vor dem Gitter des Chors. Mit dieser Figur hat es eine ganz besondere Bewandtnis: Christus sieht unterschiedlich aus, je nachdem, ob man ihn von rechts oder von links betrachtet. Von rechts sieht er friedlich aus, heiter fast, mit halb geöffnetem Mund und einem leichten Lächeln, von links sieht er leidend aus, mit geschlossenem Mund.

Unten, in der Nähe des Ausgangs, stehen noch ein paar weltlichere Dinge herum wie Kutschen. Man sieht aber auch noch das “Rad”, mit dem die Nonnen Kontakt mit der Außenwelt pflegten. Es hat verschiedene Fächer und wird dann nach außen gedreht, so dass man Dinge austauschen kann, ohne sich zu sehen. Auf diese Weise kamen Speisen und Bitten um Gebete in das Kloster und gelegentlich aus Babys von unverheirateten Frauen. Nach außen gelangten auf diese Weise von den Nonnen hergestellte Arznei sowie Tonfiguren.

Von all den Exponaten des Museums bleibt mir nur noch ein Blick auf ein Gemälde, das Joana darstellt, als Prinzessin, mit weltlichen Kleidern und herunterhängendem Haar, das das Gesicht einrahmt. Auf dem Kopf trägt sie eine Art Haube, mit Perlen und Gold besetzt. Aber ihr Blick ist ernst und starr nach vorne gerichtet, wie das einer Heiligen. Ein schönes Bild.

Danach ist Mittagspause im Museum. Die Kathedrale, auf demselben Platz gelegen, ist aber geöffnet. So schön das Kloster war, so enttäuschend die Kathedrale. Man hat, aus Anlass der Erhebung der Kirche zur Kathedrale, einen modernen, klotzigen Betonbau in die alte Kirche gesetzt, der so hässlich ist, dass man die Lust verliert, sich die Kirche anzusehen.

Als ich mich einen Moment in eine Bank setze, um wenigstens auszuruhen, fragt mich eine junge Frau, die begeistert photographierend durch die Kirch geht, wo ich meinen Stadtplan herhabe. Ich erkläre ihr, wo die Touristeninformation ist und frage sie woher sie kommt. Aus Brasilien. Da hat man wohl andere Kriterien für die Einschätzung von Kirchen.

Es ist viel zu schön, ins Museum zu gehen, deshalb lasse ich das Museo de Cidade für ein anderes Mal liegen (das auch ein Jugendstilmuseum beinhaltet und in selbst in einem der schönen Jugendstilhäuser am Kanal untergebracht ist) und gehe stattdessen in den schön angelegten Park, wo man exotische Bäume um einen Weiher herum angelegt hat, an dem ich meine ersten portugiesischen Enten sehe.

Auf dem Weg zurück zur Innenstadt komme ich durch ein Wohnviertel, Bairro de Alboi, ein besonderes Viertel, das von einem in Brasilien reich gewordenen Heimkehrer angelegt worden ist, schon in den Zwanziger Jahren, als ein Vorform des sozialen Wohnungsbaus. Die Pächter konnten die bescheidenen Häuser nach zwanzig Jahren ihr eigen nennen. Auf den ersten Blick ist es gar nicht so einfach, zu entscheiden, welche Häuser des Viertels denn nun aus dem Projekt stammen, aber es müssen die niedrigen, einstöckigen Häuser sein, Reihenhäuser mit abfallendem schindelgedeckten Dächern, von denen einige sich den späteren Luxus eines Mansardenfensters geleistet haben.

Ich gehe über den Kanal zurück auf einen kleinen, ganz hübschen, etwas versteckt gelegenen Platz, in der Absicht, ein Bier im Freien zu trinken. Dann wird es aber doch, der Vernunft gehorchend, ein Kaffee. An der Theke kleben Bilder von typischen Snacks, die es hier gibt, mit den portugiesischen Bezeichnungen: Bifanas (die portugiesischen Hamburger, je nach Fleischart auch Prego genannt), Cachorros (Hot Dogs. dem Führer zufolge nicht zu empfehlen), Francesinhas (gegrillte, überbackene Toasts mit verschiedenen Fleischsorten), Salada, Hamburguer. Gut zu wissen.

An einem Kiosk hängen Zeitungen aus, die meisten Sportzeitungen. Der Kantersieg von Benfica wirkt noch nach und der Trainerwechsel im Nachhinein gefeiert. Ganz oben hängt aber eine Zeitung, die nichts mit Sport zu tun hat und wegen ihres Namens auffällt: O Diabo. Wovon handelt wohl eine Zeitung, die sich dem Teufel verschrieben hat?

Schließlich sehe ich an dem Platz auch noch eine Art Feinkostgeschäft, das regionale Produkte vertreibt: Tras os Montes. Hinter den Bergen. So heißt wirklich eine portugiesische Region, ganz oben, im Nordwesten.

Das Lokal, das an der Stirnseite des Platzes steht und dessen Fassade eine portugiesische, eine brasilianische und eine spanische Fahne zieren, heißt Petisqueira Portuguesa. Hier gibt es petiscos, ‘Kleinigkeiten’.

Zeit für die Heimkehr. Aber auf dem Rückweg kann ich der Versuchung nicht widerstehen, in Figueira da Foz abzufahren. Das liegt am Meer. Was ich nicht erwartet hatte, sind die vielen Kilometer, die ich durch die Stadt muss, um ans Meer zu kommen, und dann noch mal die Kilometer, die ich an der Küstenstraße entlangfahren muss, da ich auf der falschen Seite bin. Dann gibt es aber doch eine Wendemöglichkeit. Und einen Parkstreifen, der genauso lang ist die der Kai und der darunterliegende Sandstrand. Links der Hafen und die Bauklötze der Strandtouristen, rechts eine schöne Bucht, in der Mitte die Sonne, die das Wasser zum Glitzern bringt.

Es ist die reinste Sommeratmosphäre, nur dass diejenigen, die sich am Strand tummeln, nicht ins Wasser gehen, nicht einmal mit der Zehenspitze.

Hier gibt es eine Strandbar, und jetzt komme ich doch noch zu meinem Bier in der Sonne. Die Terrasse ist voll besetzt, ich ergattere noch so gerade einen Platz, lauter junge Leute. Es ist alles vertreten vom Rollkragenpullover bis zum T-Shirt, wobei die T-Shirt-Menschen angemessener angezogen sind. Natürlich tragen alle Sonnenbrillen.

Eine schöne Pause, auch, wenn ich die auf dem Rückweg mit Umwegen, Staus, Berufsverkehr, Krankenwagen, einem schnell leerer werdenden Tank, Mautgebühren, Baustellen und der blendenden tief stehenden Sonne, auf die genau zufahre, bezahlen muss.

13. Februar (Mittwoch)

Es ist paradox: Im Garten trocknet die Wäsche in der Sonne, drinnen böllert der Ofen.

Noch ein verwirrendes Detail aus der portugiesischen Parteienlandschaft: Die Partei, die sozialdemokratisch heißt, PSD, ist eine konservative Partei, die im Europäischen Parlament in der EVP ist, zusammen mit der CDU. Zu ihr gehört Barroso. Die eigentliche sozialdemokratische Partei ist die PS. Zu ihr gehört Guterres. Sie wurde in Bad Münstereifel gegründet! Es war die Partei von Soares. Eine Art AfD gibt es auch, die PP, ehemals der politischen Mitte verpflichtet. Die PCP, die kommunistische Partei, ist die einzige in Europa, für die immer noch die alten Werte gelten. Die sowjetische Fahne mit Hammer und Sichel ist weiterhin das Parteisymbol!

14. Februar (Donnerstag)

Schon am frühen Morgen kommt Sturm auf, so heftig, dass man davon wach wird. Dem Reiseführer zufolge sind April, Mai, Juni und September die besten Reisemonate für Portugal. Februar jedenfalls nicht.

Auf dem Weg nach Miranda überquert man einen Fluss. Der wird bezeichnet als Ribeira de Azenha. Das Wort ribeira hat mich bei solchen Bezeichnungen immer etwas irritiert, aber es bezeichnet nicht nur das Flussufer, sondern auch einen kleineren Fluss. Ribeira de Azenha ist also der ‘Mühlenbach’.

Ganz in der Nähe weiden auf einem Bauernhof, eher ein landwirtschaftlicher Betrieb, eine stattliche Herde von dicken Schafen mit dicken Fellen, darunter einige Mutterschafe, die Nachwuchs erwarten. Sie gehen sofort auf Sicherheitsabstand zu mir, sehen dann aber alle unverwandt in meine Richtung.

Der Mann an der Tankstelle in Miranda, ein älterer Herr mit schwerem Gang, findet, dass es warm ist. Als ich nicht so richtig zustimme, holt er zum Gegenschlag aus: Aber in Deutschland ist es kälter. Da muss ich ihm recht geben.

Frische Milch gibt es weder bei Lidl noch in einem unscheinbaren, aber gut bestückten Tante-Emma-Laden am Marktplatz. Die Fragerei ruft mir aber in Erinnerung, dass Milch Maskulinum ist, wie im Italienischen, anders als im Spanischen: leite fresco also.

An einem Schild sieht man, dass das Speiseeis, das bei uns unter dem Namen Langnese läuft, hier unter dem Namen Olá läuft. Gleiches Emblem.

Ein ungewöhnlicher Laden, wenn das denn das richtige Wort ist, hat eine englische Fahne im Schaufenster. Es ist eine Organisation, die Englischunterricht anbietet, aber auch Portugiesisch-Unterricht, aber nur 1:1. Sie offerieren aber auch alle möglichen Dienstleistungen, z.B. das Reparieren von defekten Rohrleitungen und das Laminieren von Dokumenten.

Ein weißer Reiter auf rotem Schild, dem ich schon oft begegnet bin, erweist sich als Emblem der Post, CTT . Erst jetzt sehe ich, dass der Reiter ins Posthorn bläst. CTT steht für Correios, Telégrafos e Telefones.

In einem Café mit angeschlossenem Restaurant, dem Teia, frage ich nach der Speisekarte, für ein anderes Mal. Der junge Mann antwortet mit einem Redeschwall, dem ich nur entnehmen kann, dass es keine Speisekarte gibt. Später finde ich im Internet die Speisekarte für den heutigen Tag. Es scheint also eine täglich wechselnde zu geben, und die war vielleicht noch nicht fertig.

In dem Café liegt Bola aus, eine täglich erscheinende Sportzeitung. 40 Seiten jeden Tag! Die meisten widmen sich dem Fußball, aber auch andere Sportarten sind vertreten, darunter andebol! Bei einem Spiel in der Champions League hat der VAR entschieden, der Videoarbitro. Die Bezeichnung Leões bezieht sich auf Sporting Clube de Portugal, das das Wort Lissabon gar nicht im Namen trägt.

An der Wand hinter der Theke sind Kleinigkeiten aufgelistet, die es hier gibt, darunter Bolas de Berlim!

15. Februar (Freitag)

Zum ersten Mal eine portugiesische Besonderheit probiert, auf die man überall trifft: broa. Die Übersetzung lautet ‘Maisbrot’, aber es ist wohl aus einer Mischung aus Maismehl und Weizenmehl gemacht. Das kleine Brot ist erstaunlich schwer. Es hat eine feste Kruste und ein kompaktes Inneres. Es soll zu Brühe und Eintopf gereicht werden, aber ich finde es eher süß, fast wie ein kompakter Stuten.

Am Nachmittag mache ich den zweiten Versuch, den fabelhaften Aussichtspunkt zu finden. Auf dem Weg durch den Ort komme ich mit der Ziegenhirtin ins Gespräch, einer älteren, kleinen Frau, mit Kopftuch und Schürze. Ich sehe mich vorsichtig nach der Herde um, aber sie hat nur diese, vier insgesamt, drei Große und ein Kleines. Ja, sie geben Milch. Für Käse. Wieder bin ich verblüfft, wie geschickt sich die Ziegen auf die Hinterbeine stellen und den Kopf nach oben recken, um an die Blätter ganz oben zu kommen, die, die am besten schmecken. Ich frage mich, ob die Frau überhaupt jemals frei hat. Kann sie die Ziegen mal einen Tag einsperren und nach Coimbra fahren? Kann sie überhaupt davon leben, oder hat sie noch eine andere Erwerbsquelle?

Als ich sie frage, ob ich ein Photo machen kann, sagt sie nicht ja, sondern wiederholt das Verb aus meiner Frage, so wie man das im Portugiesischen macht: “Pode.” Ob man so was jemals aktiv gebrauchen kann? Ich glaube, da gibt es bei mir eine Sperre im Kopf.

Es geht aus dem Dorf heraus, immer bergauf, und wieder finde ich die Hütte nicht, an der man abbiegen soll. Stattdessen komme ich an eine mit einer strahlend weißen Mauer eingefassten Grundstück mit einem Gitter, an dem ein Kreuz und ein Totenkopf abgebildet ist, auch ein häufig anzutreffendes Motiv. Ob das eine Kapelle ist? Oder gar ein Kloster?

Auch von hier geht es in den Wald, und es geht immer steiler bergauf. Der Sturm, der kurz nach Mitternacht begann, hat sich im Laufe des Vormittags gelegt, und jetzt ist es praktisch windstill. Und passabel warm.

Ich komme doch wieder auf eine Straße, aber egal. Auch die führt noch ein Stück bergauf, und dann komme ich tatsächlich zu einem Aussichtspunkt, wenn auch nicht zu dem Aussichtspunkt. Es lohnt sich vor allem wegen des weit hinter dem Tal gelegenen, dicht bewaldeten Hügels, den man von Estrada de Viavai aus nicht sehen kann. Auf halber Höhe ist der Hügel wie eingekerbt und bietet Platz für ein Dorf, alles in Ockerbraun, mit dicht aneinander stehenden Häusern. Es wirkt von hier aber so, als wäre das Dorf völlig abgeschnitten, ohne Verbindung zur Außenwelt.

Hier oben stehen einige besonders prächtige Exemplare der großen Bäume mit den gelben Blüten, die man hier jetzt überall sieht.

Auf dem Weg nach unten komme ich an ein Grundstück vorbei, auf dem zwei alte Autos stehen. Auf den ersten Blick sehen sie wie Wracks aus, aber dann kommen mir Zweifel: Sie haben noch Nummernschilder und sind so unter einem Baum platziert dass der sie vor der Hitze (!) schützt. Eins hat die alten, schwarzen Nummernschilder, ein die neuen, weißen.

Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal mit dem richtigen Aussichtspunkt.

In Aristophanes’ Stück Die Frösche kommen gleich auf der ersten Seite scheißen, furzen und kotzen vor.

16. Februar (Samstag)

Auf der Landstraße habe ich wieder Rote Welle. Die Fußgängerampeln, die wirklich welche sind, obwohl ich noch nie einen Fußgänger gesehen habe, der sie benutzt hätte, springen zuverlässig auf Rot, wenn man auf die zufährt. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass sie zwingen sollen, das Tempo zu drosseln. Aber: Warum gibt es sie dann nur hier bei uns?

Fatima dürfte einer der bekanntesten Orte Portugals sein, bestimmt bekannter als Coimbra oder Setúbal oder Faro. Es liegt südlich von hier.

Was es in Fatima nicht gibt, sind Parkplatzprobleme. Aber vielleicht liegt das nur daran, dass jetzt keine Hochsaison ist. Die beginnt im Mai, dem Monat der ersten Erscheinung der Jungfrau, und endet im Oktober, dem Monat der letzten Erscheinung der Jungfrau, mit dem 13. jedes Monats in dieser Zeit als Höhepunkte.

Man betritt den Platz von Süden her. An diesem Ende steht die neue Basilika, eine der größten Kirchen der Welt. Sieht wie eine Kongresshalle aus, auch innen. Sie hat dreizehn große Bronzeportale, eins für Jesus, das zentrale, die anderen für die zwölf Apostel. An jedem Tor steht der Name eines Apostels und ein Zitat aus den Evangelien mit einem Satz des jeweiligen Apostels oder einem Verweis auf ihn. Dass sie überhaupt alle irgendwo namentlich erwähnt werden, finde ich überraschend. Viel Individualität haben sie, außer Petrus, nicht.

Dabei entdecke ich, dass Jakobus auf Portugiesisch Tiago heißt. Simon scheint zu denen zu gehören, die keine eigene Sprechrolle haben. Er wird lediglich angesprochen, erst von seinem Bruder Andreas, dann von Jesus. Das für Fatima relevanteste Zitat ist das von Jesus über Thomas: “Porque me viste, acreditaste. Felizes os que crêem sem terem visto!” (Joh, 20,29). Ja, dieser Glaube ist denen, die hierher pilgern, nicht abhanden gekommen. Ich halte es eher mit Thomas, dem alten Zweifler.

Auf der anderen Seite des riesigen Platzes steht die Alte Basilika, ein wenig gelungener neobarocker Bau, außen wie innen. Hier haben die Hirtenkinder, die pastorinhos, ihre letzte Ruhestätte gefunden, nahe am Altar, Francisco im Süden, getrennt von seiner Schwester im Norden. Beide starben als Kinder, wenige Jahre nach den Erscheinungen. Auf die Dritte im Bunde, Lucia, haben sie lange warten müssen. Die ist 2005 im Alter von 97 gestorben, als Nonne. Sie hat jetzt ihren Platz neben Jacinta gefunden, ebenfalls unter einer schlichten Grabplatte.

In der Basilika hat man das Gefühl, dass man hier auf Petersdom gemacht hat. Außen noch mehr. Zwei rundliche Arme umfassen den Platz vor der Kirche und die große Freitreppe.

Der Platz ist alles andere als schön und eher nüchtern, mit Grau und Weiß als einzigen Farben. Sie haben es aber verstanden, jeden Rummel hier herauszuhalten. Es geht nur um die Jungfrau und die Hirtenkinder.

Etwa auf halber Höhe steht die Gnadenkapelle mit der ganz in Weiß gehaltenen Rosenkranzmadonna. Zu dieser Kapelle gelangt man, wenn man will, auf Knien, auf einem eigens dafür eingerichteten Streifen, der den Platz hinunterführt. Davon machen jetzt nur einige wenige Gebrauch. Andere umrunden die Gnadenkapelle selbst auf Knien.

Vor der Madonna sitzen viele Betende, und man kann nicht nahe genug herankommen, um die Kugel in ihrer Krone zu sehen. Das ist die Kugel von dem Papstattentat. Der Papst glaubte, die Madonna von Fatima habe ihm das Leben gerettet und widme ihr deshalb die Kugel. Die dritte Prophezeiung der Jungfrau aus dem Jahre 1917 wurde später als Anspielung auf das Papstattentat gedeutet

In der Nähe ist ein eigener Stand für Opferkerzen eingerichtet. Ein bizarres Schauspiel. An die mehrsprachige Bitte, man möge pro Person nur eine Kerze anzünden, hält sich niemand. Ganze Hände voller Kerzen werden geopfert, und zwar nicht auf den dafür vorgesehenen Ständern. Sie werden stattdessen mit Schwung in das dahinter lodernde Feuer geworfen!

Am Rande des Platzes steht, hinter Plexiglasverschluss, ein Stück der Berliner Mauer, auch wohl auf Betreiben von Joao Pablo II. hierher geschafft. Das zeigt die politische Dimension der ganzen Veranstaltung.

Auf dem riesigen Platz die Statuen von Paulo VI und von meinem speziellen Freud, João Paulo II, beide Richtung Alter Basilika.

Das Schönste, eigentlich das einzig Schöne auf diesem Platz ist das riesige Kreuz, das vor der Neuen Basilika steht. Schwer zu sagen, welches Material, es sieht wie verrostetes Eisen aus. Eine moderne Skulptur von einem deutschen Künstler, dessen Name ich noch nie gehört habe: Robert Schad. Das Kruzifix, das als das höchste der Welt gilt, ist gerade in seiner Einfachheit sehr ausdrucksstark. Ein schlanker Christuskörper scheint sich um das Kreuz zu winden. Vor dem Hintergrund des intensiven, dunkelblauen Himmels entfaltet es voll seine Wirkung.

Als ich den Platz verlassen, am anderen Ende, an der Alten Basilika, ergibt sich noch ein zweiter schöner Blick, wieder mit Beteiligung des Himmels, nämlich der Blick von außen durch die doppelreihige Säulenreihe der Arme, die den Platz umfassen. Mit jedem Meter, den man nach rechts oder links geht, verändert sich der Blick ein bisschen.

In der Stadt Fatima gibt es nichts zu sehen, aber wirklich gar nichts. Cafés, Souvenirgeschäfte, Pensionen, die sich gegenseitig abwechseln, die meisten ziemlich neu. Auch Paramentengeschäfte gibt es. Statt eines feschen jungen Mannes in modischer Kleidung, der selbstbewusst in die Gegend schaut, sind die Schaufensterpuppen hier streng und ernst nach vorne blickende Bischöfe in vollem Ornat.

Die ganze Geschichte mit den Erscheinungen kommt einem doch sehr fragwürdig vor. Tausende von Menschen sollen am 13. Oktober zwar ein Himmelsspektakel gesehen haben – das natürliche Ursachen haben könnte – aber nicht einmal die haben, wie es aussieht, behauptet, die Jungfrau gesehen zu haben. Und deren Worte hat nur Lucia gehört. Die drei Prophezeiungen sind wohl erst viel später aufgeschrieben und teils, aus welchen Gründen auch immer, unter Verschluss gehalten worden. Ganz besonders merkwürdig ist die Prophezeiung, Reue und Einkehr könne die Sowjetunion, das Reich des Bösen, in die Knie zwingen. Was wusste wohl ein zehnjähriges Hirtenmädchen aus dem hintersten Winkel Portugals von der Sowjetunion? Wie dem auch sei, die Sache kam den Konservativen gut zupass. 1910 war die Republik ausgerufen worden, und die hatte sich nicht als besonders kirchenfreundlich erwiesen. Der Klerus sah sich bedroht. So ein Wunder wie das von Fatima konnte man gut gebrauchen.

Am Ende lasse ich doch noch etwas Geld in Fatima, indem ich irgendwo einen Kaffee trinke. Auf dem Weg zum Auto komme ich an einem weiteren Café vorbei, dem Transmontano. Das ist das zu Trás os Montes gebildete Adjektiv.

Da es noch nicht spät und noch sehr warm ist, steure ich ein weiteres Ziel an: Batalha. In England, in Kent, gibt es einen Ort namens Battle. Der liegt in der Nähe von Hastings und bezieht sich auf die Schlacht um die Herrschaft in England. Batalha ist ihr portugiesisches Pendant, und die hier gemeinte Schlacht, die Schlacht von Aljubarrota, ist weniger bekannt, aber fast so bedeutsam. Es ging um die Eigenständigkeit Portugals. Die Portugiesen stemmten sich, mit einem deutlich unterlegenen Heer, gegen die Invasoren aus Kastilien. Der portugiesische König, João I, gerade erst gekrönt, versprach den Bau eines Klosters, falls die Schlacht siegreich ausgehen sollte.

Es geht über eine einsame Landstraße. Batalha ist überall als Sehenswürdigkeit ausgeschildert. Als ich etwas verloren durch den Ort kurve, auf der Suche nach einem Kastell die Augen nach oben gerichtet, kommt auf einmal, direkt vor mir, ein Gebäude in Sicht, das einem den Atem verschlägt: das Kloster von Batalha. Hier gibt es kein Kastell, sondern eben das von João I in Aussicht gestellte Kloster.

Man sieht auf den Ostchor, aber der ist als Chor kaum zu erkennen, er ist sehr in die breite gezogen, man könnte fast meinen, man hätte einen Rundbau vor sich. Fialen, Brüstungen, Türmchen, Pfeiler, schlanke Fenster, alles in Hülle und Fülle, die ganze Mauer ist wie aufgelöst.

Mehrere Eingänge sind geöffnet, ich nehme den Haupteingang im Westen. Dort sind an die hundert Skulpturen angebracht, um die Krönung Mariens im Mittelpunkt.

Wenn man in die Kirche kommt, folgt die zweite Überraschung, auch die sehr, sehr positiv. Die Kirche bietet einen wunderbaren Raumeindruck, gerade durch die – nach den Trompetenstöße außen unerwartete – Einfachheit. Es gibt keine Seitenaltäre, praktisch keine Ausstattung, nur Bauschmuck, und davon nur ganz wenig, an den Kapitellen und den Schlusssteinen ganz oben.

Die Kirche ist dreischiffig, und die Schiffe sind sehr hoch und sehr schmal. Dazu kommt ein wunderbares Licht durch die sehr geschmackvollen modernen Fenster, das auf Boden und Bänken wunderbare, ineinander laufende Farbflecken malt.

Es gibt keinen Altar, auch das ist gut, denn man hat freien Blick auf den Ostchor, auch der schmal, hier mit originalen Fenstern vom Ende des Mittelalters, die so kleinteilig sind, dass man nichts erkennen kann, außer einer Jungfrau in Mandorla. Im Chor stehen farbig gefasste Holzfiguren von drei Heiligen und von Christus am Kreuz, späteren Datums. Was mit dem Altar geschehen ist, verstehe ich nicht.

Ich lasse die Kirche einfach auf mich wirken und halte mir Museum, Kreuzgang, Kapitelsaal und eine Grabkapelle für das nächste Mal offen.

Auf dem Kirchplatz, mit direktem Blick auf die Nordseite der Kirche, gibt es mehrere Cafés, um diese Zeit nicht stark frequentiert. Ich suche eins mit dem Namen Brogeira aus. Was der Name bedeutet, ist nicht herauszubekommen. Auf einer Tafel werden die petiscos beworben, die es hier gibt: bifanas, tostas, rissois, chamuças. Es stellt sich heraus, dass chamuças die dreieckigen Teigtaschen sind, die ich vor Jahren in Lissabon als samosas gegessen habe. Ich bestelle aber eine bifana, zum ersten Mal. Es ist Stück Schweinesteak, das in einem gegrillten Brötchen serviert wird. Hat mit dem Hamburger nur die äußere Form gemeinsam.

Auf dem Rückweg mache ich in einem Continente Halt, weil man trotz des Sommerwetters weiterhin heizen muss. Vorher bin ich an einem Pingo Doce vorbeigefahren, ohne zu wissen, dass es auch ein Supermarkt ist, Portugals zweitgrößte Kette. Der Name bedeutet ‘süßer Tropfen’.

An der Ausfahrt von Continente steht Obrigado pela sua visita. Dabei ist pela eine Zusammenziehung von por und la. Wichtiger ist aber der Artikel vor dem Possessivpronomen, im Gegensatz zum Spanischen: Gracias por su visita. Der Gebrauch des Artikels vor dem Possessivpronomen ist eine ganz haarige Angelegenheit. Mal steht er, mal nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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