Nahe (2020)

26. August (Mittwoch)

Ziel der Radtour ist dieses Jahr mal wieder Koblenz. Aber es geht nicht die Mosel runter, sondern an der Nahe entlang. Aber da muss man erst mal hinkommen.

Seit zwei, drei Tagen wird im Wetterbericht für heute Sturm angesagt, und schon am frühen Morgen macht der sich mit voller Wucht bemerkbar. Dabei war es gestern Abend noch ganz windstill. Wird wohl eine stürmische Radtour werden Trotz Wind und Wolken ist es nicht kalt: 18° um 7 Uhr morgens.

Der erste Teil der Strecke ist mir bekannt. Es geht am Stadtrand von Trier entlang durch nicht sonderlich schöne Wohngegenden nach Ruwer, und dort auf den Ruwer-Radweg. Der nutzt eine alte Bahntrasse, abseits des Verkehrs.

Man fährt flussaufwärts, der Quelle entgegen, und es geht, auch wenn man es kaum sieht, ständig bergauf. Und die Steigung nimmt allmählich zu.

Nach zwei, drei Hundebesitzern und Schafen und Kühen auf der Linken tut sich nichts mehr. Es ist einsam. Und ruhig. Man hört nur den Wind, mal säuselnd, mal rauschend, mal aufbrausend. Und dann ist es plötzlich immer wieder mal windstill. Man hört ein Rascheln im Gebüsch, einen Specht, eine aufschreiende Krähe und das Knacken der Zweige und Nüsse, die der Fahrradreifen zerdrückt.

Irgendwo sehe ich zwei Rehe am Wegesrand, aber die verschwinden sofort wieder im Wald, als sie mich hören. Ich erinnere mich daran, dass ich gelesen habe, dass Rehe eigentlich, von ihrer asiatischen Heimat her, keine Waldtiere sind, sondern Feldtiere. Erst in Europa haben sie den Wald als Schutz entdeckt. Kommen aber zum Äsen heraus. Ich erinnere mich auch, dass Rehe 5 kg Grünzeug fressen – jeden Tag! Was machen sie wohl den ganzen lieben langen Tag im Wald? Vermutlich nichts. Da kommt mir Konrad Lorenz in den Sinn, der auf die Frage, was er denn an Tieren so liebe, geantwortet hat, „Dass sie so faul sein können.“

Es geht zügig voran. Die Trasse ist perfekt zum Radeln, gut asphaltiert, ohne Schlaglöcher, und es gibt keine Kreuzung, geschweige denn eine Ampel. Nur ganz gelegentlich kreuzt der Weg die Straße, aber man kann die überqueren, ohne abzusteigen oder anzuhalten.

Auf beiden Seiten des Wegs dichte Vegetation, links auf einer Anhöhe, rechts auf dem Tal der Ruwer herauf. Von Waldschäden ist hier nichts zu sehen, und von der Trockenheit der letzten Wochen ist nichts zu merken. Die Ruwer kommt nur ganz sporadisch in Sicht.

Bis Hentern kenne ich den Weg. Was dann kommt, ist Neuland. Es geht noch ein paar Kilometer so weiter, aber dann, nach einer Linksschleife, ist der Radweg plötzlich zu Ende. Und mit ihm die Richtungsschilder. Ich stehe ziemlich hilflos irgendwo in der Landschaft herum. Das Handy hat keinen Empfang, auf der Karte kann ich mich nicht lokalisieren, und die Sonne ist von rechts nach links gewandert. Sieht nicht so gut aus.

Ich fahre einfach weiter, über den gefühlsmäßig richtigen Weg. Die Landschaft hat sich komplett geändert. Fichtenwälder zu beiden Seiten, auf dem Niveau des Radwegs, riesige Farne in den Brandschneisen und vor den Bäumen. Der Waldboden ist völlig ausgetrocknet, die Bäume halb abgestorben. Es sieht ziemlich trostlos aus.

Dann kommt ein kleiner Schlenker, und die Beschilderung taucht wieder auf. Es geht Richtung Hermeskeil, dem Ziel der ersten Etappe. Dort mache ich in einer Bäckerei bei Kaffee und Kuchen die erste Pause.

Dann geht es auf den Primstalradweg. Ich folge den Hinweisen Richtung Bierfeld und Nonnweiler. Die sind auf meiner Merkliste und gleich hier, direkt vor der Bäckerei, ausgeschildert. Das hatte ich mir schwerer vorgestellt.

Es geht auf einer Schotterpiste auf unregelmäßigem Grund direkt durch den Wald. Rechts sieht man gelegentlich die Prim. Es geht auf und ab. Auch da, wo man schneller fahren könnte, halte ich mich zurück. Die Aussicht, hier auf das Geröll zu fallen, ist nicht so verlockend.

Plötzlich geht es scharf rechts ab in eine Talmulde hinunter. Das Schild Radfahrer absteigen hat hier seine Berechtigung. Man schiebt das Rad über eine leicht baufällige Holzbrücke und dann steil den Abhang rauf. Oben angekommen, geht es rechts über einen weiteren, aber breiteren Schotterweg auf festerem Grund weiter.

Hier tauchen ganz andere Wegweiser für Radfahrer auf, sehr modern, mit starkem Kontrast, gut zu lesen und nicht zu übersehen, mit Richtungsangaben und Entfernungen. Ob das daran liegt, dass wir schon über die Landesgrenze, im Saarland, sind? Oder hat die Beschilderung nichts damit zu tun? Meine anfängliche Begeisterung legt sich nachher, denn diese kompletten Wegweiser tauchen selten auf und manchmal ist man auch hier auf die kleinen Pfeile angewiesen, sofern sie nicht ganz fehlen.

Am Ausgang des Waldes sehe ich hinter Bäumen einen Vogel mit breiten Schwingen aufsteigen, und dann wieder und dann wieder. Es ist das Rad eines Windrads, das sich hinter den Bäumen verbirgt.

Punkt 12 Uhr habe ich die ominösen 66 Kilometer erreicht, die magische Zahl, die seit meiner ersten Solo-Tour die Mindeststrecke eines Tages bezeichnet. Der Küster der Kirche von Bierfeld läutet aus lauter Freude die Glocken dazu.

Am Ortsausgang von Bierfeld mache ich ein Photo von einer Bank, auf der Mitfahrerbank steht, als ich plötzlich zusammenzucke. In der Stille hört man das Bellen einer Dogge, einer riesigen, schwarzen Dogge, der mein Tun missfällt. Wenn man keine sonderliche Affinität für Hunde hat, fragt man sich, was man an so einem unförmigen Hund und seinem heiseren Bellen schön finden kann.

Es geht steil bergauf, so steil, dass ich schieben muss. Es geht Richtung Nonnweiler. Plötzlich taucht die Autobahn auf, eine Auffahrt zur A1/61. Ich nehme sie aber nicht, obwohl es hier sowohl Richtung Trier als auch Richtung Koblenz geht.

In Nonnweiler geht es steil hoch zur Talsperre. Wieder mal muss ich schieben. Oben angekommen mache ich einen Photostopp. Der Wind weht mit ganzer Macht.

Vor der Talsperre steht eine merkwürdige Skulptur, bestehend aus zwei durch eine Lücke getrennte längliche Quader, einem größeren vorne und einem kleineren hinten. Der größere der beiden (die aus indischem Granit sind!) schwebt dabei halb über dem Abhang. Man soll sich in die Lücke stellen, um „Teil der Skulptur“ zu werden. Um die beiden Quader herum sind elf Sitzsteine positioniert, von denen drei hervorgehoben sind. Das Ganze ist symbolisch aufgeladen und nimmt Bezug auf den ehemaligen Hunnenring und eine alte keltische Siedlung hier in der Gegend sowie auf den Sonnenkult der Kelten. Alles ist von Bedeutung: Material, Farbe, Ausrichtung, Form, Zahlen. Etwas zu viel, um das alles zu verarbeiten.

Irgendwo hier kommt man auf den Saarradweg. Die Orte aus meiner Merkliste, vorher noch ausgeschildert, sind verschwunden, aber Nohfelden ist richtig.

Der Saarradweg ist nicht das Gelbe vom Ei, jedenfalls dieser Teil nicht. Es gibt ständige Abbiegungen, mal rechts, mal links, mal im Zickzack über die Straße. Mal geht es die Landstraße entlang, mal über einen Feldweg, mal am Waldrand entlang, über eine Schotterpiste. Man kommt nie richtig in Fahrt, vor allem, weil auf jede kleine Abbiegung ein steiler Anstieg folgt. Und ich immer wieder schieben muss. Die Kondition früherer Jahre ist nicht mehr da, und vermutlich auch nicht der unbedingte Wille, es mit allen Kräften zu versuchen. Dazu kommt, dass einem auf offenem Feld der Wind so richtig in die Seite greift. Ich muss gegenlenken, um nicht von der Piste abzukommen. Die Fahrtgeschwindigkeit geht oft auf 7-8 km/h runter, an einer Stelle auf 5 km/h. Da läuft einem jeder Durchschnittsjogger davon.

An einer Abbiegung sehe ich ein Schild Richtung Nohfelden, fahre aber wieder zurück, um mir die Entfernungsangabe noch einmal anzusehen. Ich muss mich wohl vertan haben. Da stand ja 21 Kilometer. Wahrscheinlich habe ich mich verguckt und es sind 12 Kilometer. Aber nix da. Es sind wirklich noch 21 Kilometer. Ich bin fast nicht vom Fleck gekommen.

Am Wegesrand sehe ich irgendwo einen alten Grenzstein. Er markierte die Grenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Großherzogtum Oldenburg! Da sieht man seine Unkenntnisse in der Territorialgeschichte des Alten Reichs. Wer hätte hier Oldenburg vermutet?

Auf einem Feldweg überfahre ich fast einen jungen Igel, kann aber noch ausweichen. Der Igel selbst lässt sich nichts anmerken. Dann kommt ein Eichhörnchen. Aber das ist schneller über den Weg, als man sehen kann.

Es geht durch Wälder, die aussehen, als hätte es eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes gegeben. Zerstörung, Verfall überall. Es ist deprimierend.

Nach vielen weiteren Anstiegen kommt dann, kurz vor Bosen, die Erlösung: Es geht zwei, drei Kilometer steil bergab, man kann rollen lassen und jede Anstrengung vermeiden.

In Bosen eine Pension nach der anderen. Der Bostalsee wirft seinen Schatten voraus, ein Touristenmagnet in normalen Zeiten, zumindest im Hochsommer. Jetzt ist alles wie verlassen. Nicht einmal ein Café hat geöffnet. Wohl aber die Touristeninformation. Dort bekomme ich eine Karte, die Versicherung, dass es in Türkismühle reichlich Übernachtungsmöglichkeiten gibt und dass ich jetzt am See entlang fahren könne. Diese schöne Strecke endet aber nach 200 Metern in einer Sackgasse. Ich muss ganz außen rum, durch einen Park. Dort steht eine kuriose Skulptur, eine Art Thron, den in einen Felsblock eingearbeitet hat. Zu dem Thron führen Stufen hoch, ebenfalls in den Felsbrocken geschlagen. Eine ältere Dame, die auf dem Skulpturenpfad ist, bietet mir an, ein Photo von mir zu machen. Ich lehne ab, aber dann tut es mir fast leid. Sie will auch nicht photographiert werden.

Aus dem Park hinaus geht es dann doch wieder an den See. Eine sehr schöne Strecke, wunderbar zu fahren, aber nicht allzu lang. Dann verschwindet der See wieder. Kurz nach dem See, vor Gönnesweiler, wird zum ersten Mal die Nahe überquert. Wir sind auf dem Naheradweg.

Über eine vielbefahrene Straße geht es nach Türkismühle. Dort gibt es, direkt am Straßenrand, aber mit schönen Sitzgelegenheiten draußen, ein Eiscafé. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Für einen Kaffee, ein Wasser und eine Waffel bezahle ich 5,60 €. Die Kellnerin ist Russin, jung, freundlich, gutes Deutsch. Ich frage sie, ob es hier irgendwo eine Pension oder ein Hotel gebe. Das weiß sie nicht. Dann frage ich, in welcher Richtung es in das Ortszentrum gehe. Rechts oder links. Das weiß sie auch nicht. Sie arbeitet nur hier.

Da nichts in Sicht kommt, fahre ich weiter nach Nohfelden, eine kurze, aber anstrengende Strecke, ständig bergauf und über eine Brücke führend. Ziemlich erschöpft komme ich in Nohfelden an. Es geht durch ein Wohngebiet. Keine Pension weit und breit. Ein freundlicher Anwohner, selbst noch neu in der Gegend, empfiehlt mir, in der Metzgerei nachzufragen. Die haben tatsächlich Zimmer, sind aber ausgebucht. Die Metzgerfrau empfiehlt mir, es etwas ortsauswärts auf der Landstraße zu versuchen, beim Alten Zoll. Die haben mittwochs Ruhetag. Es gibt aber Telefonnummern, und im zweiten Anlauf klappt es. Dem Handy sei Dank. Eine freundliche Frau, die breites Saarländisch spricht (zum Niederknien!) öffnet die Tür und zeigt mir das Zimmer. Alles ganz neu renoviert. Wo ich denn was zu essen bekomme, will ich wissen. Hier weit und breit nichts, sagt sie. Nohfelden sei tot. Aber als sie meine erbarmungswürdige Erscheinung sieht, sagt sie, sie könne mir am Abend auch etwas kochen.

Der Name Alter Zoll kommt nicht von ungefähr. Hier war die Zollstation der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, sagt sie. Frankreich? War das Saarland nicht selbständig? Es gab doch mal das berühmte Länderspiel zwischen Deutschland und dem Saarland, als es um die Qualifikation für die WM 1954 ging. Das Internet weiß Bescheid. Das Saarland war selbständig, aber es war ein französisches Protektorat. Frankreich setzte die Regierung ein und bestimmte alles Wesentliche, überließ den Saarländern aber die praktische Ausführung. Die Grenzen des Saarlandes wurden immer wieder verschoben. Auch Teile des heutigen Landkreises Trier-Saarburg gehörten zeitweise dazu. Das lag daran, dass Frankreich ursprünglich das ganze Deutschland links des Rheins für sich beanspruchte. Das wurde von den Alliierten abgelehnt. Aber die USA machten dann den Franzosen diese Konzession, wenigstens einen Teil zu bekommen.

Die Wirtin spricht immer von 1959 als dem Jahr der Rückkehr nach Deutschland, aber das stimmt nicht ganz. !959 wurde die D-Mark im Saarland eingeführt. Aber die „Kleine Wiedervereinigung“ fand früher statt. Nach einer Volksabstimmung. Zu dem Zeitpunkt war die ursprünglich frankophile Stimmung nach dem Krieg gekippt.

Noch was gibt es zu erfahren: Einem Plan von Adenauer und Mendès France zufolge sollte das Saarland das erste europäische Gebiet werden, sollte ein europäisches Statut bekommen. Aber das wurde in einer Volksabstimmung abgelehnt. Was für eine verpasste Chance! Die Institutionen, die heute in Brüssel, in Luxemburg und in Straßburg sind, wären jetzt im Saarland!

Am Abend kann ich in der Kneipe, die das Gegenteil der modern hergerichteten Zimmer ist, mit allerhand Krimskrams und Bildern des Bauern-Breughel, ein paar Dokumente ansehen und Photos, die sich auf die alte Zollstation beziehen. Alles sehr interessant. Ein historischer Ort im Kleinformat. Dazu als Unterhaltungsfaktor die Sprache der Wirtin, alles Heinz-Becker-Style. „Wie hann se geheest?“, „Hann isch jo mo gefroogt“, „Isch kenn det jo nur vom Verzälle“, „Das hat jo domols net an dem Name gehängt“.

Fazit der ersten Tages: Ich bin über den Ruwerradweg, den Primstalradweg, den Saarradweg und den Naheradweg gekommen, aber von den Flüssen habe ich kaum was zu sehen bekommen.

27. August (Donnerstag)

Der Wirt präsentiert mir eine moderate Rechnung: 59 € für Übernachtung, Frühstück und Abendessen. Das einzige Manko ist der laute Autoverkehr auf der Landstraße, an der die Pension liegt.

Der Wirt gibt mir noch einen Tipp für die Strecke: Ich solle nicht in den Ort zurückfahren, um auf den Radweg zu kommen, sondern ein Stück die Landstraße entlang. So würde ich mir einige Steigungen ersparen. Sehr willkommen der Tipp. Seine Beschreibung ist ganz genau: drei Kilometer bis zum ersten Kreisverkehr, weiter geradeaus über den nächsten Kreisverkehr hinaus und dann einfach die Augen aufhalten. Klappt perfekt.

Es ist kühl. Der Dunst steigt aus den Wiesen gegenüber der Pension auf. Ein schönes Panorama. Und es ist völlig windstill. Kein Lüftchen weht. Der Wind hat sich genauso plötzlich verzogen wie er gekommen ist. Unglaublich. Entsprechend beschwingt fahre ich der Morgensonne entgegen.

Die Nahe wird überquert und dann geht es auf einen sehr, sehr schönen Radweg, bis Birkenfeld, meist durch den Wald.

In Birkenfeld, einem unscheinbaren Ort, steht ein hypermodernes Bürogebäude, das man hier in der Pampa nicht vermuten würde. An einer Kreuzung im Ort ist Idar-Oberstein, das nächste Etappenziel, zweimal ausgeschildert: 21 Kilometer und 25 Kilometer. Ich nehme den kürzeren, der hat ein zusätzliches Radsymbol, aber um welche Radwege es sich handelt, wird nicht verraten.

Es geht durch ein Wohnviertel, mit steilem Anstieg. Schon wieder muss ich schieben. Unter den Null-Acht-Fünfzehn-Häusern sticht eins mit glasierten, bordeauxroten Kacheln auf dem Dach durch seine Modernität hervor.

Am Ortsausgang geht noch steiler rauf, und als ich oben ankomme, ist die Straße gesperrt, mit einer mobilen Absperrung. Es ist aber reichlich Platz zu beiden Seiten, und von einer Baustelle ist nichts zu sehen, also riskiere ich es einfach und fahre weiter – schiebe weiter, genauer gesagt. Bis zum Ende ist nicht zu erkennen, warum die Straße gesperrt ist.

Oben angekommen wird man entschädigt mit einem schönen Blick auf Birkenfeld hinunter, mit zwei benachbarten Kirchtürmen, die mir unten gar nicht aufgefallen sind.

Die Straße, auf die man gelangt, heißt Rennweg, und sie wird ihrem Namen gerecht. Hier kann man kurz richtig in Fahrt kommen. Am Ende des Rennwegs kommt man auf einen Feldweg. Wieder geht es steil bergauf, an Maisfeldern vorbei. Die Sonne hat sich inzwischen verzogen.

Der Feldweg führt auf eine wenig befahrene Landstraße. Hier geht es auf und ab, optimal fürs Radfahren. Mit dem Schwung von der Abfahrt kommt man die Steigung rauf. Dann, nach einer Abbiegung, geht es kilometerweise bergab, an Pferdekoppeln vorbei. Und dann führt die Strecke durch einen Wald, einen Laubwald. Man hört vereinzelte Vogelstimmen, Elster und Krähen fliegen vorbei.

In Kronweiler kommt ein Friedhof in Sicht, einem Insider-Tipp zufolge die beste Quelle zum Auffüllen des Wasservorrats. Aber ach, ich habe meine Flasche in der Pension liegenlassen.

Ich setzte mich auf dem Friedhof auf eine Bank unter einen Baum und genieße die Stille. Die Gräber sind nicht scharf abgegrenzt, sondern sind einfach in die Wiese eingelassen. Die meisten Gräber sind konventionelle Gräber, nur ein ganz kleiner Teil am Rande sind Einäscherungen. Die Namen sind ganz gängig: Lauer, Sauer, Ackermann, Hüther, Peters. Nur Frau Chandeboix und Herr Rapedius stechen heraus.

Hinter Kronweiler gibt es wieder einen schönen Streckenabschnitt. Es geht durch einen Wald mit dichter, satter Vegetation, von Waldschäden nichts zu sehen, und dann an Wiesen entlang. In der Einsamkeit werde ich aufgeschreckt durch lautes Klingeln hinter mir. Ein Mann rauscht auf einem Pedelec an mir vorbei, der von Kopf bis Fuß komplett eingepackt ist in eine Rüstung, mit einem Helm, wie ihn ein Astronaut tragen könnte. Dagegen sehe ich in meinem dünnen T-Shirt fast unbekleidet aus.

An einer Kreuzung geht es links nach Frauenberg (1 km), rechts nach Frauenburg (0,4 km). Frauen bezieht sich, wie bei Straßennamen auch, vermutlich auf Frauenkloster.

Bis Idar-Oberstein wird die Nahe sechsmal überquert, jede Brücke ist anders als die andere, von einer alten Steinbrücke für den Autoverkehr über eine moderne, leichte, geschwungene Holzbrücke für Radfahrer bis zu der neuen großen Brücke über die Bundesstraße in Idar-Oberstein. Die Nahe sieht überall anders aus, mal wie ein stehendes Gewässer, mal wie ein rauschender Gebirgsbach.

Der Weg führt an hohen Felswänden vorbei, dann geht es noch einmal über eine Schotterpiste durch den Wald, und dann geht es steil runter in die Stadt. Mir kommt ein Ehepaar entgegen, das sich heldenhaft den Berg hinauf quält. Ohne Pedelec.

Idar-Oberstein hat seinen Doppelnamen nicht umsonst. Es handelt sich um zwei Städte, die erst im 20. Jahrhundert fusionierten. Idar hat seinen Namen von dem Bach (aber warum der so heißt, ist nicht herauszukriegen), Oberstein von den Herren von Stein, den alten Landesherren.

Zunächst kommt man nach Idar, und über den Idar-Platz und durch ein modernes Zentrum gerät man auf die Hauptstraße, eine langgezogene Einkaufsstraße, auf der es nur so wimmelt von Geschäften, die Mineralien, Schmuck, Edelsteine oder Ramsch anbieten. In einer asiatischen Gaststätte gibt es Gebratene Kraben, was, da es handschriftlich angebracht ist, wie Gebratene Knaben aussieht. Eine Pension bietet Moderne Fremdenzimmer an. Der antiquierte Schriftzug und das antiquierte Fremdenzimmer stellen einen schönen Kontrast zu Moderne dar.

Die Hauptstraße führt auf den Marktplatz. Der lag, ganz ungewöhnlich, nicht im Zentrum, sondern außerhalb der alten Stadtmauern, und liegt heute am Rande der Innenstadt. Von Oberstein. Von hier aus blickt man hinauf auf die spektakuläre Felsenkirche und die Ruine der Burg der Herren von Oberstein.

Im Zentrum des Platzes steht ein Brunnen mit einer modernen Skulptur, mit einem Jungen, der einen Stein gegen das Licht hält. Was für eine Bewandtnis das genau hat, ist nicht herauszukriegen.

Am Marktplatz befindet sich die Eisdiele Venezia. Der Kellner ist nicht aus Venedig, sondern aus Turin. Ganz in der Nähe der Eisdiele steht die Skulptur eines Eisverkäufers, der einem Mädchen ein Hörnchen mit Eis in die Hand drückt.

Bei einem Kaffee lese ich etwas über Idar-Oberstein. Das hat eine Menge zu bieten, nicht nur Felsenkirche und Burg: eine historische Kettenfabrik und eine historische Wasserschleife, in der Edelsteine mit Wasser geschliffen werden und das Edelsteinmuseum das hier direkt am Marktplatz liegt. Da gibt es eine Tafel, die auf Hildegard von Bingen Bezug nimmt. Die hat über Edelsteine in einer bizarren Mischung aus modernder Wissenschaftlichkeit und altem Wunderglauben geschrieben. Sie kannte die Edelsteine und konnte sie beschreiben und klassifizieren – Smaragd, Hyazinth, Achat, Topas. Saphir, Bergkristall, Amethyst und viele andere – schrieb ihnen aber magische Eigenschaften zu. Bestimmte Steine konnten bei bestimmten Krankheiten wirksam sein. So wirkt der Smaragd gegen Kopfschmerzen. Sollte man sich merken. Edelsteine gab es ihr zufolge schon im Paradies, und der Teufel mied sie. Er schreckt vor edlen Steinen zurück. So konnte man ihn vertreiben.

Der Reichtum von Idar-Oberstein beruhte fast ausschließlich auf dem Achat. Den gab es überall in den Steinbergwerken der Umgebung. Anfangs wurden die an Schleifer in Freiburg verkauft, nach hundert Jahren, um 1520, wurde das Steinschleifen dann auch in Idar-Oberstein praktiziert. Es wurden die ersten Schleifmühlen gegründet.

Jetzt geht es wieder aufs Rad. Die nächste Teilstrecke, nach Kirn, ist leicht zu fahren, aber nicht schön. Statt Wasser, Fels und Wald gibt es Deichmann, Mercedes und Media Markt und Tankstellen und Baumärkte. Dann wird es etwas besser, aber der Weg führt an der Straße entlang, wenn auch auf einem abgetrennten Streifen.

In Sulzbach wird von der Landstraße abgebogen, und es geht durch den Ort. Sulz verweist etymologisch auf die Mineralquellen, die es hier gibt. Die Straße in den Ort hinein heißt Oldenburger Straße. Bis gestern hätte mich das noch gewundert.

In einem kleinen Park am Wegesrand steht eine kuriose Figur, die eines historischen Ausrufers. Er trägt Hut (nicht Mütze) und ein Outfit, das zwar keine eigentliche Uniform ist, ihn aber als Amtsträger ausweist. In der rechten Hand hält er die Glocke, mit der er die Leute herbeiruft, und in der linken das Blatt, von dem er die Nachrichten verkündet. Wenn man ihm über die Schulter sieht, kann man erkennen, dass auf diesem Blatt tatsächlich Buchstaben eingraviert sind. Es handelt sich um eine moderne Nachricht, eine Nachricht aus unserer Zeit, die etwas mit Sulzbach zu tun hat. Die Zeit des Ausrufers scheint der dunklen Vergangenheit anzugehören, doch kurz danach erfahre ich, dass es die Ausrufer nach dem Krieg auf den Dörfern noch eine ganz Zeit gab.

Dann kommt Kirn. Das hat eine Telefonzelle (genauer gesagt eine Telefonsäule), eine schon ganz beachtliche Linde, die zur Feier der Wiedervereinigung gepflanzt wurde und einen Lebensmittelladen, der von Ramadan Rama betrieben wird. Dort kaufe ich Ayran und Wasser.

Am Ortsausgang befindet sich die Zentrale von Simona, einer Firma, auf die schon vorher mehrmals hingewiesen wurde, offenbar eine Firma der Kunststoffindustrie, und hinter dem Ortsausgang folgt ein großer Steinbruch.

Dann wird die Straße gekreuzt und es wird wieder schöner. Der Radweg führt zwar an der Landstraße entlang, ist aber von der durch einen Streifen und eine Baumreihe getrennt. Zwischen die Linden hat man in regelmäßigen Abständen ein Exemplar des Baums des Jahres der letzten Jahre gepflanzt: Vogelkirsche, Winterlinde, Rosskastanie.

Hier in der Gegend gibt es überall Kirner Pils. Erinnert mich an den Wahlspruch: Kirner Pils – keiner will‘s.

Am Wegesrand an einem hohen Fahnenmast eine Bayern-Fahne. Verirrte gibt es überall. Passenderweise ist der Bayern-Anhänger Eigentümer einer protzigen Villa.

Am Ende dieses Abschnitts ist steht eine Bank, und daneben eine Schautafel. Ich mache eine Pause und komme mit einem anderen Radfahrer ins Gespräch. Er ist aus der Gegend. Und heute nur so unterwegs. Er empfiehlt den weiteren Weg nach Bad Kreuznach. Der sei schöner. Das ist auch der eigentliche Nahe-Radweg.

Allmählich kommt die schon für den Morgen angesagte Sonne heraus. Und die ersten Weinberge kommen in Sicht. Von der Nahe ist nichts zu sehen. Vermutlich fließt sie vor den Weinbergen am Rande der Ebene her.

In Bad Sobernheim habe ich die ominösen 66 Kilometer erreicht. Hier geht es am Kurpark vorbei. Das Naturheilbad geht auf einen Naturheilkundler zurück, Emanuel Felke, einen evangelischen Pastor. Im Zentrum seines Therapiekonzepts steht das Lehmbad.

Am Rande des Kurparks ein Barfußpfad. Der Radweg führt an ihm entlang. Er geht über Lehm, spitze Steine, Holzbretter, Sand und durch Wasser. Der Barfußpfad, nicht der Radweg. Der Barfußpfad wird gut angenommen, vor allem Familien mit kleinen Kindern sind vertreten.

Für die Radfahrer geht es weiter über eine schöne und leicht zu bewältigende Strecke. Vor mir taucht eine fünfzehnköpfige Radfahrergruppe auf. Eine Zeitlang daddele ich hinter ihnen her, dann mache ich mich ans Überholen. Gar nicht so einfach. Man kommt immer nur an zwei, drei Fahrern vorbei.

Als ich am Ende der Strecke Halt für ein Photo der Weinberge mit einem mächtigen Felsen mache, schließt die Wilde 15 schon zu mir auf. Ich bin überrascht, wie schnell das ging. Als es dann ganz, ganz steil zu einem Weingut hinauf geht, ziehen sie an mir vorbei. Erst jetzt merke ich, dass sie alle Pedelecs haben.

Dann geht es in Serpentinen steil bergabwärts. Herrlich! Sonne und Umgebung machen die Abfahrt zu einem Erlebnis.

Als wir wieder in der Ebene sind, habe ich die Wilde 15 wieder vor mir, und es wiederholt sich das schwierige Überholmanöver. Dann sind sie wieder vor mir, die Anweisung Radfahrer absteigen! klugerweise ignorierend, als es über eine lange Brücke mit Holzbohlen geht. Es rappelt und rumpelt wunderbar.

Bad Münster am Stein hält nicht, was der klingende Name des Ortes verspricht, aber es hat das „Traditionscafé Süße Ecke“ mit einer weinberankten, überdachten, schattenspendenden Terrasse. Es ist jetzt richtig heiß geworden. Das Mineralwasser, das es zum Kaffee gibt, heißt Schwollener. Ist wohl hier aus der Gegend. Das Etikett bezeichnet es als „feinperlig.“ Schmeckt wirklich gut. Oder ist das nur der Durst?

Nach Bad Kreuznach sind es nur noch fünf Kilometer, und die sind bequem zu fahren. Dort geht es durch den Kurpark mit den berühmten Salinen. Hier bin ich schon mal gewesen, vor Jahren, auch mit dem Rad, an einem völlig verregneten Tag.

Die Suche nach einer Unterkunft in Kreuznach gestaltet sich schwer. Es gibt Eisdielen, Dönerbuden und Änderungsschneidereien zuhauf, aber kein Hotel, keine Pension. Ich schiebe das Rad durch die Innenstadt und stoße auf die Buchhandlung Leseratte („Buchhandlung des Jahres 2006“) und eine Kneipe, deren Name ein Nummernschild ist (KH -KH 394?). Dann kommt doch noch ein Hinweisschild auf ein Hotel, irgendwas mit Villa. Ich fahre dem nach, finde aber nichts. Dann frage ich einen Mann. Mann mit Hund. Ein Volltreffer. Er kennt sich aus. Das Hotel habe schon vor Jahren dicht gemacht, ich solle es doch beim Wolpertinger am Kornmarkt versuchen. Bingo. Der Wolpertinger hat nicht nur ein freies Zimmer, sondern hinten raus eine Terrasse mit Blick auf die Nahe, die Brücke mit den alten Häusern, die man hier von hinten sieht (was für sie sehr vorteilhaft ist – soll ja auch bei Menschen vorkommen) und die Kirche am anderen Ufer. Das ist St. Paulus und, wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahre, die Kirche, in der Marx geheiratet hat.

Nach einer kurzen Pause auf der Terrasse sehe ich mir das an. Die alten Häuser haben eine putzige Form, fast modern, wie ein Kubus, aber auch ganz unregelmäßig, mit vielen kleinen Fenstern und nach oben größer werdenden Stockwerken. Sie stehen nicht Wand an Wand, sodern lassen Lücke frei, durch die man auf die Nahe sehen kann. Hier entsteht das beste Photo der ganzen Tour.

Die Häuser sind teils nicht mehr in einem guten Zustand, und es gibt eine Initiative zur ihrer Rettung. An einer der Fassaden kann man lesen, was die Häuser schon alles gesehen haben, vor allem um die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Da gehörte Kreuznach mal zu Spanien, mal zu Frankreich, mal zu Schweden. In einem der Häuser gibt es ein Schwedisches Café. Leider geschlossen.

Die Kirche zeigt sich vor dem Ufer und den Bäumen bei dem strahlenden Sonnenschein von ihrer besten Seite. Der weiß getünchte, spätgotische Chor ist farblich abgehoben von dem in Rosa gehaltenen Langhaus und dem mächtigen Turm. Die Kirche ist geöffnet, aber es findet gerade eine Chorprobe statt, und da will ich nicht stören.

Am Abend gibt es Essen auf der vollbesetzten Terrasse des Hotels. Dabei gibt es, statt Nahe-Wein, Wolpertinger. Hört sich bayerisch an und ist es wohl auch, obwohl auf der Speisekarte etwas von Lahnstein steht.

Am Abend lese ich, wie Robinson Crusoe von seinen Vorfahren berichtet. Sein Vater stammte aus Bremen, seine Mutter aus der angesehen Familie der Robinsons. Nach der Herkunft der Mutter habe man ihn Robinson Creutznaer genannt. Dass das für Kreuznach steht, ist gar nicht unwahrscheinlich. Wie Robinsons Eltern sind damals viele Reformierte aus Kreuznach unter dem Druck der Gegenrevolution nach England ausgewandert.

28. August (Freitag)

Es ist eine kurze Nacht geworden. Um 4 Uhr morgens hört man lautes Klappern draußen auf dem Kornmarkt, direkt unter meinem Fenster. Erst dachte ich an die Müllabfuhr, aber es sind die Marktleute. Die fangen tatsächlich um diese Zeit, noch im Dunkeln und im strömenden Regen, an, ihre Stände aufzubauen. Um 6 Uhr ist alles fertig, und kurz danach kommen schon die ersten Kunden!

Beim Blick auf die Karte stelle ich fest, dass ich mir Katzenloch und Langweiler (beide leicht abseits der Strecke) habe entgehen lassen, aber auch Oberhausen, obwohl das direkt bei Kirn liegt.

Beim Frühstück bin ich der erste. Es ist schon alles eingedeckt. Für das Frühstück zuständig ist eine Frau aus Litauen.

Gleich danach geht es los, mit Bingen als erstem Ziel. Aus Kreuznach raus ist es ganz einfach, der Radweg führt direkt hinter der Brücke aus der Stadt hinaus, durch ein altes Wohnviertel, über die Magister-Faust-Straße und an Ebbes Schenken vorbei.

Die Strecke nach Bingen ist ein Wechsel von Landstraße und Feldweg und leicht zu fahren. Es hat aufgehört zu regnen, aber die Sonne, die nach dem Regen heraus kam, hat sich verzogen. Weinberge und die Nahe gibt es nur ganz am Anfang und ganz am Ende der Strecke. Der Weg führt an einem schönen, marmorierten Felsenblock entlang und an halb vertrockneten Maisfeldern und völlig vertrockneten Sonnenblumenfeldern.

Irgendwo muss ich von dem Radweg abgekommen sein und komme dann zum Glück wieder drauf, weil ich zufällig an einer Ecke aus dem Augenwinkel ein Schild sehe. Es steht an einer Abbiegung. Dort geht es in einen Ort, Bretzenheim, und an der Abbiegung wird auf die Taverne Tipota hingewiesen. Ob die Kunden wohl wissen, dass das ‚Nichts‘ heißt? Schöne, selbstironische Namensgebung.

Bretzenheim ist wirklich ein schmuckes Örtchen, mit alten Bürgerhäusern, bis in die frühe Neuzeit zurückgehend, und wildem Wein an den Fassaden und über der Straße.

Dann kommt Greifsheim. Dort ist der Radweg gesperrt. Passiert mir auf jeder Tour. Ich bin erst unschlüssig, was ich tun soll, aber dann sehe ich, dass es eine Umleitung gibt. Die ist perfekt. Wenn man nicht wüsste, dass es eine Umleitung ist, würde man es nicht merken.

Dort, wo die Umleitung beginnt, gibt es eine elektronische Geschwindigkeitsmessung und ich bekomme ein Smiley dafür, dass ich unter 30 fahre. Und ein plattdeutschen Kommentar, der so was wie Gut gemacht! bedeutet.

Das letzte Stück dieser Strecke, durch Bingen durch, geht es an der Nahe entlang. Die ist hier breit und träge, mit Grünzeug an der Oberfläche. Dabei ist Nahe ein keltisches Wort, das ‚Wilder Fluss‘ bedeutet.

Den Platz an der Mündung in den Rhein habe ich mir idyllischer vorgestellt. Es ist alles irgendwie profillos. Und das trübe Wetter macht die Sache auch nicht besser. Das einzige, was man sieht, ist der Mäuseturm. Der steht am Ufer des Rheins etwas verloren in der Gegend herum. Er war wohl früher mal ein Mautturm, und eine der Erklärungen für das Wort geht in diese Richtung.

Ich fahre an den Rheinterrassen entlang zur Touristeninformation. Die haben eine Broschüre und auch eine vor dem Gebäude platzierte Aufpumpstation für Fahrräder.

Bei der Fahrt ins Zentrum sieht man hinauf auf die über der Stadt thronende Burg Klopp. Im Zentrum, am Marktplatz, steht ein Brunnen mit einer modernen Skulptur. An den Seiten wechseln sich Porträts von bedeutenden Personen – Drusus, Hildegard von Bingen – mit Szenen aus dem Leben Bingens ab – Rochusfest, Verladen von Waren am Rheinufer. Der Hafenkran, den man hier sieht, gibt es wohl noch.

Eine der Besonderheiten von Bingen ist das Binger Loch. Das Wort ist irreführend. Das Loch war nicht zuerst da, ist kein Naturphänomen, sondern menschengemacht. Was vorher da war, war ein Riff. Ganz schwer zu umschiffen und sehr gefährlich. Schon die Römer versuchten, offensichtlich vergeblich, ein Loch in das Riff zu machen. Das gelang aber später, und in verschiedenen Phasen wurde dieses erste Loch von drei Metern sukzessiv vergrößert. Irgendwo soll es hier eine Gedenktafel geben, aber die finde ich nicht.

Es geht weiter. Aber: Hilfe! In welche Richtung fließt der Rhein? Nach rechts oder nach links? Lande ich am Ende in Karlsruhe statt in Koblenz? Ich mache es nach Gefühl und habe Glück.

Das Stück von Bingen nach Goar (27 km) führt immer am Rhein entlang. Endlich mal ein Radweg, der seinem Namen gerecht wird. Das erste Stück ist schöner, da geht es unten am Ufer entlang, später verläuft der Radweg dann oben, erhöht, neben der Bundesstraße. Und die ist ziemlich laut.

Das Rheintal ist breiter als das Moseltal und wirkt dadurch auch ganz anders. Weinberge gibt es hier auch reichlich, und Burgen noch mehr als bei uns. Immer wieder hat man eine richtig schöne Aussicht, und der Blick wechselt von einer Seite auf die andere.

In Oberwesel steht am Ortseingang, etwas erhöht auf einem Felsen, eine schöne, schmale gotische Kirche. Zu deren Füßen Rewe und Lidl, mit Märkten, die wie Lagerhallen aussehen und wie die Faust aufs Auge zu dem historischen Panorama passen, zu dem auch die Burg ganz oben gehört sowie runde Türme der alten Stadtmauer, die etwas später in Sicht kommen.

Oberwesel wirbt mit einem Blick auf die Loreley, und tatsächlich gibt es hier einen Felsen, der die Loreley sein könnte. Es aber nicht ist. Der kommt dann etwas später, in St. Goar, und da hat man den Namen zur Sicherheit an den Felsen geschrieben.

Unwillkürlich blickt man nach oben und sieht nach der Jungfrau, aber da sind nur ein paar Flaggen. Das ließe sich auch schöner gestalten, zum Beispiel mit einer großen Skulptur. Heines Gedicht kommt mir in den Sinn mit dem einerseits feierlichen, andererseits spöttischen Ton. Man weiß nicht so recht, macht er sich über die Romantik lustig oder ist er selbst Romantiker. Die schon zu seiner Zeit veraltete Sprache kann auch in beide Richtungen gedeutet werden.

Streng genommen ist die Loreley nicht in St. Goar, sondern in St. Goar bei der Loreley. St. Goar folgt dann unmittelbar, sobald man auch St. Goar an der Loreley heraus ist. Auf der anderen Seite liegt St. Goarshausen. Goar, lerne ich bei der Gelegenheit, war ein Priester aus Aquitanien, der sich hier niederließ. Ist ein Name, den man sonst nicht so oft hört.

St. Goar an der Loreley besteht nur aus dem Felsen, ein paar Lokalen und einem riesigen Campingplatz mit hunderten von riesigen Wohnwagen. Die haben vielleicht eine schöne Aussicht, aber für uns machen sie die Aussicht nicht schöner.

Hinter Goar sind die Hänge auf beiden Seiten bewaldet, auf einer Seite dicht, auf der anderen blickt überall der Fels durch. Die Weinberge sind verschwunden. Der Rhein schlägt noch einen schönen, großen Bogen, aber sonst ist die Landschaft hier nicht so reizvoll wie vorher.

Genau in Boppard erreiche ich die magische Kilometerzahl 66 und lasse es für heute dabei bewenden. Die erste Pension ist voll, aber der Wirt gibt mir einen Tipp: Schinderhannes und Julchen, direkt im Zentrum. Ein Volltreffer. Sehr freundlicher Empfang, ganz einfache, aber sehr günstige Unterkunft, die alles hat, was man braucht.

Es bleibt noch Zeit, sich die Stadt anzusehen. Boppard ist größer als man glauben sollte. Neben dem Marktplatz gibt es noch verschiedene andere Plätze und eine ausgedehnte Fußgängerzone. Wenn man etwas von dem Marktplatz wegbewegt, wird es ganz urig, wie an dem dreieckigen Balz, einem alten Platz, an den sich kein Fremder verirrt.

Auf dem Weg dahin kommt man an den beachtlichen Resten eines römischen Kastells vorbei, mit Mauer und Rundtürmen. Boppard ist römisch und hieß auf Latein Bodobrica.

Hier hat man auch Gräber gefunden, aber die stammen aus einer späteren Zeit, sie sind fränkisch. Alle Toten sind geostet und haben keine Grabbeigaben. Daher weiß man, dass es Christen waren.

Hier draußen ist kein Mensch. Anders sieht es an den Rheinterrassen und am Marktplatz aus. Die Stadt ist voll, aber nicht überlaufen. Nirgendwo gibt es Gedränge.

An der Rheinfront steht, ganz an deren Ende, das Ritter-Schwalbach-Haus, sehr schön, ein spätgotisches Haus, Sitz einer Adelsfamilie. Auch andere Häuser hier am Rhein waren Häuser von Adeligen. Zwischen denen steht die mächtige Burg, die man kaum als solche erkennen kann, ein klobiges, rechteckiges Gebäude, ganz in Weiß gehalten, ohne die typischen Zutaten einer Burg. Man weiß nicht so recht, wo hinten und vorne ist.

In den unregelmäßigen Sträßchen des Zentrums kann man sich leicht verlaufen. Immer wieder kehre ich, ohne es gewollt zu haben, auf geheimnisvolle Weise an meinen Ausgangspunkt zurück. Immer wieder komme ich an der Skulptur eines Eisverkäufers vorbei. Dem hat man, genauso wie dem Jungen, dem er das Eis gibt, eine Mund- und Nasenmaske verpasst.

Das ist ganz in der Nähe des Marktplatzes. Die eine Seite des Marktplatzes wird begrenzt von der Pfarrkirche, St. Severus. Sie steht nicht auf dem Grund eines römischen Tempels, sondern auf dem einer römischen Badeanlage! Die Architektur kann man von außen gut erkennen: zwei große, gleichförmige Türme trennen den langen Chor von dem Langhaus. Ein imposantes Gebäude, spätromanisch, das aber kein bisschen wuchtig wirkt, da das Mauerwerk überall aufgelöst oder gegliedert ist, mit Lisenen, Gesimsen und Bogenfriesen und Fenstern. Die beiden Türme haben ein doppeltes Glockengeschoss mit Schallarkaden. Das gesamte Äußere ist weiß gehalten, Schmuckelemente sind in einer undefinierbaren Farbe, ocker-grau-braun vielleicht, abgesetzt.

Um das Eingangsportal herum gibt es auch Schmuckelemente und ein paar Figuren von Tieren, von denen eins wie eine Mischung aus Löwe, Hund und Hase aussieht.

Der Eindruck innen ist überwältigend. Alles steht im Kontrast zu dem letztlich schlichten Äußeren. Die Wände sind bemalt, die Fenster farbig, und das Gewölbe ist feingliedrig und erinnert an die Arme einer Spinne.

Die Seitenschiffe sind so niedrig, dass man auch die Kapitelle, alle farbig gefasst, gut erkennen kann. Die Ornamente sind floral, bis auf eine Fratze, die irgendwo ganz im Westen erscheint.

Im Osten gibt es eine doppelte Auftreppung zum Chor und zur Apsis. Sieht aus wie eine kleinere Version von St. Gereon. Im Chor hängt ein großes, mittelalterliches Triumphkreuz, mit einem Christus, der statt der Dornenkrone eine Königskrone trägt. Leider ist der Chor gesperrt, und man kann aus der Distanz die Details nicht so gut erkennen.

Zu der Ausstattung soll auch ein frühchristliches Taufbecken gehören, aber das kann ich nicht finden. Im südlichen Seitenschiff steht die Figur eines Heiligen mit Mitra und Weberschiffchen. Ob das Severus ist?

Ich sehe mir das wirklich ungewöhnliche Gewölbe noch einmal an und versuche, Photos zu machen. Nicht so einfach, die Kirche ist ziemlich dunkel.

Dann mache ich Pause in einem Café am Marktplatz. Direkt vor mir eine Skulptur, die sich einem nicht auf den ersten Blick erschließt, die aber einen klaren Bezug zu Boppard hat. Es handelt sich um eine Reihe gebogener Rohre, die schwungvoll vom Boden in die Höhe zeigen. Das ist eine Anspielung auf Michael Thonet, den berühmtesten Bopparder. In der Heimat galt er allerdings nichts. Er musste nach Wien gehen, um Erfolg zu haben. Thonet war der Erfinder der Bugholztechnik. Er hatte damit bereits in Boppard experimentiert, aber in Wien gelang ihm der Durchbruch. Im Auftrag Metternichs verfertigte er die ersten Bugholzstühle, Stühle im Stil des klassischen Wiener Caféhausstils, mit gebogenem Holz. Berühmt wurde der Stuhl mit der Nummer 14. Die Stühle sehen modern und bequem aus.

Am Abend gibt es nur eine Kleinigkeit und ein Glas Wein beim Schinderhannes, draußen vor der Tür. Noch ist es trocken, aber später kommt heftiger Regen. Aber davon erfahre ich erst am nächsten Morgen. Das Bedürfnis nach Schlaf ist überwältigend.

29. August (Samstag)

Das Frühstück im Schinderhannes in Boppard ist das beste der Tour – mit Abstand. Und die Wirtin wieder ausgesprochen freundlich. Der Raum ist vollgestopft mit allerhand nicht zusammengehörigen Dingen: Von der Decke hängen leere Flaschen in mehreren Gruppen, an den Wänden hängen Porträts des Schinderhannes und seiner finsteren Kumpanen, an einer Ecke steht der Schinderhannes selbst, in Räuberbekleidung, an einer Ecke baumeln Thonet-Stühle, an einer Wand sind Plakate mit Bezug auf den Schinderhannes angebracht (Steckbrief, Gedichte und ein merkwürdiger Aushang in einer Geheimschrift) und überall stehen Vasen und Krimskrams herum.

Nach spätem Aufbruch geht es ganz gemütlich auf die letzte Etappe. Die ist ein echtes Zuckerstückchen, leicht zu fahren und fast immer am Rhein entlang. Schon die ersten Meter in der Morgensonne auf der Rheinterrasse in Boppard an der doppelten Platanenreihe entlang ist vom Feinsten, aber der Rest der Strecke kann mithalten. Nur ein kleineres Stück geht es an der Bundesstraße entlang, aber heute ist dort viel weniger Verkehr.

Nach der Bundesstraße geht es ab auf eine Landstraße und durch die Dörfer. Bei Spay kommt eine kleine Kapelle in Sicht, und genau an dieser Stelle biegt der Radweg links ab – leicht zu übersehen.

Die Kapelle, spätromanisch, steinsichtig, scheint etwas ganz Besonderes zu sein, mit mittelalterlichen Ausmalungen, ursprünglich von einem Ritter erbaut. Aber sie ist geschlossen. Sollte man mal besichtigen.

An der Stelle, wo es wieder an den Rhein geht, sind Fitnessgeräte am Wegesrand aufgestellt, genau das Richtige für geplagte Radfahrer. Am besten ist das mit zwei Drehscheiben, die man in die gleiche oder die entgegengesetzte Richtung drehen kann. Man merkt, wie die Schulter sich entspannt.

Auf diesem Teil der Strecke gibt es wieder Weinberge. Irgendwo erscheint der Bopparder Hamm, der gestern auch auf Speisekarten auftauchte.

Rhens ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier gibt es den Kaiserstuhl, in Erinnerung an ein Treffen der sechs von damals sieben Kurfürsten am Rheinufer. Es wurde festgelegt, dass nur die Kurfürsten den Kaiser wählen durften, und dass es eine Mehrheitsentscheidung geben würde. Und dass der Papst nichts zu sagen hatte. Eine Entscheidung, die die deutsche Geschichte jahrhundertelang prägte. Dass das in Rhens passiert war, hätte ich im Leben nicht gedacht. Der „Stuhl“, der in Erinnerung an das Treffen errichtet wurde, wurde in den Napoleonischen Kriegen zerstört und später durch einen neuen ersetzt.

Dann kommt Rhenser in Sicht, die Mineralwasserfabrik. Ich hatte Rhens noch nie mit Rhenser in Verbindung gebracht, obwohl es so naheliegend ist. An dem langgestreckten Fabrikgebäude entlang geht es über Kopfsteinpflaster. Es ruckelt schön.

Kurz danach kommt schon der erste Koblenzer Stadtteil. Der Weg führt durch einen Park und wird zu einem Schotterweg, der aber gut zu befahren ist. Dann kommt Oberwerth, ein Stadtteil, der momentan einen besonders guten Klang hat. Ich fahre noch ein bisschen durch die Stadt und dann zum Bahnhof. Es fehlt nur noch der krönende Abschluss, der langgezogene Aufstieg in den Höhenstadtteil, der ausgereicht Niederberg heißt. Den bewältige ich heldenhaft, die letzten Kräfte mobilisierend. Oben angekommen werde ich für alle Anstrengungen durch meine Gastgeber entschädigt und zwei Tage lang verwöhnt.

Datum Strecke Distanz Zeit
26. August
(Mittwoch)
Trier – Nohfelden 0 – 97 (97 km) 7.00 – 16.00
27. August
(Donnerstag)
Nohfelden – Bad Kreuznach 97 – 193 (96 km) 8.00 – 17.00
28. August
(Freitag)
Bad Kreuznach – Boppard 193 – 259 (66 km) 8.30 – 13.30
29. August
(Samstag)
Boppard – Koblenz 259 – 289 (40 km) 9.30 – 12.00