{"id":10503,"date":"2019-09-13T16:23:07","date_gmt":"2019-09-13T14:23:07","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=10503"},"modified":"2019-09-20T08:34:25","modified_gmt":"2019-09-20T06:34:25","slug":"weser-2019","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=10503","title":{"rendered":"Weser (2019)"},"content":{"rendered":"\n<p>25.\nAugust (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neiner umst\u00e4ndlichen Zugfahrt von Minden nach M\u00fcnden kann es endlich\nlosgehen. Inzwischen ist es drei Uhr geworden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nder Quelle bis zur M\u00fcndung &#8211; das geht bei der Weser nicht. Sie hat\nkeine Quelle, wie der Weserstein in M\u00fcnden in einer etwas\npathetisch-altmodischen Sprache verk\u00fcndet:\n&#8220;Wo Werra sich und Fulda k\u00fcssen\/Sie ihre Namen b\u00fc\u00dfen\nm\u00fcssen\/Und hier entsteht durch diesen Kuss\/Deutsch bis zum Meer der\nWeserfluss.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nstellt sich eine sprachphilosophische Sprache: Wenn die Fulda als\nNebenfluss der Werra (oder umgekehrt) angesehen und der Fluss unter\neinem dieser Namen weiterflie\u00dfen w\u00fcrde, was dann? W\u00e4re der Fluss\ndann l\u00e4nger? H\u00e4tte er\neinen\nanderen Platz in den Statistiken?  W\u00e4re die Wirklichkeit anders,\nweil die Sprache anders w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nWeserstein geht es an vielen pr\u00e4chtigen Fachwerkbauten vorbei,\nebenso wie am Rathaus, bekanntes Beispiel der Weserrenaissance,\nund am Haus des Doktor Eisenbart, aber ich habe nur Augen f\u00fcr das\nSchild <em>Weserradweg<\/em>\nam Weserstein. Aber die Richtung, die es anzeigt, ist unbestimmt. Es\ngibt vier oder f\u00fcnf M\u00f6glichkeiten. Ich irre durch die Gegend und\nversuche, mich durchzufragen. Vergeblich: &#8220;Wir sind nicht von\nhier.&#8221; Dann kommt mir ein Radfahrer entgegen, und der gibt eine\nunschlagbare Antwort auf meine Frage, dass ich an der Weser entlang\nfahren will: &#8220;In welche Richtung?&#8221; \n<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann\nfahre ich auf Gl\u00fcck einem gut ausger\u00fcsteten Ehepaar hinterher, und\ndas scheint zu klappen. Es geht an einem dicht bewachsenen Weg,\nabseits des Verkehrs, direkt an der Weser entlang. Traumhaft. Genauso\nhabe ich mir das vorgestellt. Nach 500 Metern ist der Weg zu Ende. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\ngeht es an einer Bundesstra\u00dfe entlang. Die kommt mir so unpassend\nvor, dass ich nach ein paar Kilometern wieder zur\u00fcck und \u00fcber die\nBr\u00fccke in M\u00fcnden auf die andere Weserseite fahre. Das ist besser,\naber nicht viel besser. Und ich wei\u00df nicht, ob ich richtig bin. Die\nOrte, die auf der Karte stehen, stehen nicht auf den Schildern, und\ndie auf den Schildern stehen, stehen nicht auf der Karte. Aber dann\nist Hemeln ausgeschildert. Endlich habe ich die\nGewissheit,\ndass ich richtig bin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht bergauf &#8211; und ich hatte gedacht, dass es immer runter gehen\nw\u00fcrde. Ich muss in den ersten Gang, und an einer Stelle muss ich\nsogar schieben! Das Rad ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, die R\u00e4der zu\nklein, die Reifen zu breit. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Hemeln. Dort gibt es eine F\u00e4hre, und an der F\u00e4hre eine\ngem\u00fctliche Gartenwirtschaft. Aber die Bedienung ist &#8211; bei der\nNachfrage keine \u00dcberraschung &#8211; \u00fcberfordert, und ich fahre durstig\nweiter. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nGlash\u00fctte kommt links ein Holzlager in Sicht. Auch die Holzst\u00e4mme\nwerden, wegen der langen Trockenheit, mit Wasser gesprengt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt eine riesige (ehemalige) Benediktinerabtei, in Bursfelde. In\nder <em>Klosterm\u00fchle\n<\/em>frage\nich nach einem Zimmer, aber es ist keins frei. Drau\u00dfen sind alle\nPl\u00e4tze im Schatten besetzt, aber: Was soll&#8217;s? Fl\u00fcssigkeit muss her.\nF\u00fcr Wasser und Kaffee werden 8,90 \u20ac kassiert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nBursfelde liegt links ein sch\u00f6ner Friedhof, hinter einer Steinmauer.\nEine gro\u00dfe Wiese, leicht aufsteigend, mit nur ganz vereinzelt\neingelassenen Gr\u00e4bern. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nOedelsheim finde ich eine einfache Pension. Da nimmt mich ein\nfreundlicher Wirt in Empfang. Nat\u00fcrlich hat er noch ein Zimmer. Das\nkostet 45 \u20ac. Fr\u00fchst\u00fcck inbegriffen!<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit\nam Ende des ersten Tages: mickrige 30 Kilometer, schlechte\nBeschilderung, dr\u00fcckende Hitze, \u00f6de Strecke, von der Weser keine\nSpur. Es kann nur besser werden!<\/p>\n\n\n\n<p>26.\nAugust (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndem kleinen Landhotel gibt es ein F\u00fcnf-Sterne-Fr\u00fchst\u00fcck. Die\nWirtsleute sind Rentner und \u00f6ffnen nur, wenn Bedarf ist. Das erste\nHaus am Platz wird von ihren Kindern betrieben, und die Enkelin\nsteigt dort auch schon ein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nkennen Trier und die Mosel gut und sind auch schon den Moselradweg\ngefahren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nerfahre, dass wir hier in Hessen sind. Im Prinzip liegt hier, am\nOberlauf der Weser, Hessen links von der Weser, Niedersachsen rechts\ndavon. Aber Oedelsheim bildet, zusammen mit f\u00fcnf anderen Gemeinden,\neine hessische Enklave auf der falschen Seite. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nich denn weiterfahren wolle. Ganz einfach, die Weser runter, immer\nRichtung M\u00fcndung. Ja, aber auf welcher Seite?\nIch h\u00e4tte, erkl\u00e4rt mir der Wirt, die Wahl zwischen der bequemeren\nlinken Seite und der sch\u00f6neren rechten. Er empfiehlt die sch\u00f6ne\nSeite. So mache ich es dann auch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder H\u00e4userwand des Hotels eine Schwalbenkolonie, eine richtig gro\u00dfe.\nDie Schwalben fliegen aufgeregt hin und her und haben entlang der\nHauswand, oben unter dem Dach, ihre Nester angebracht, eins neben dem\nanderen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWeg ist im Ort wieder schlecht ausgeschildert, aber als ich dann die\nWeserbr\u00fccke (und damit die bequemere Route) links liegen lasse, bin\nich sicher, dass ich richtig bin. Mannshohe Maisfelder, abgeerntete\nKornfelder,\ndann eine gro\u00dfe Schafherde. Dicke, wollige, braune Schafe mit\nschwarzen K\u00f6pfen. Sch\u00f6n anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre kurz nach Bodenfelde rein, wegen der Kirche, ein Tipp des\nGastwirts. Aber die Kirche, vom Radweg aus gut zu sehen, versteckt\nsich hinter den H\u00e4usern des Dorfes, und als ich sie finde, finde ich\nsie verschlossen vor. Ich bin einfach zu fr\u00fch auf den Beinen. Der\nsteinsichtige, kompakte Bau ist aber auch von au\u00dfen sehenswert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nden kuriosen Stra\u00dfennamen des Ortes sticht <em>W\u00fcste<\/em>\nhervor, direkt neben der Kirche. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\nin\nder N\u00e4he der Kirche das Wohnhaus der Familie Scheffer, eines\nNamensverwandten mit Rechtschreibschwierigkeiten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem kleinen Platz ein Fu\u00dfballtor mit Pfosten und Latte aus Holz.\nAber mit Netz. Und Rasen auf dem Platz davor. Das w\u00e4re f\u00fcr uns als\nKinder schon ein kleiner Luxus gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht die Fahrt weiter: Pferde\nund\nStrau\u00dfe\nund dann\nKr\u00e4hen, die vereinzelt auf Stromleitungen sitzen und die Gegend\ninspizieren. Dann kommen Apfelplantagen, B\u00e4ume mit d\u00fcnnen St\u00e4mmen\nund knallroten \u00c4pfeln. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Weide steht unter einem Pflaumenbaum ein untersetztes Pferd.\nDer Schatten der \u00c4ste des Baumes spiegelt sich auf seinem Fell\nwider. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nProphezeiung des Wirts erf\u00fcllt sich ganz und gar: Es ist keine\nbequeme Route. Es geht st\u00e4ndig bergauf, meist sacht, aber manchmal\nauch so, dass ich absteigen muss. Absteigen ist dann auf jeden Fall\nangesagt, als es in den Wald geht und sich\nein\nsteiler Weg vor mir\nauftut.\nOben erf\u00e4hrt man dann durch ein Schild, wie steil: 25%. Daneben\nsteht\neine Parkbank. Genau an der richtigen Stelle. Als ich da sitze,\nkommen Radfahrer den Weg rauf. Die schaffen es, die steigen nicht ab!\nTolle Leistung, denke ich. Aber dann sehe ich: Die haben ein Pedelec.\nDann kommen andere Fahrer mit normalen R\u00e4dern. Die erkl\u00e4ren\nselbstbewusst, es h\u00e4tte nur an einem Auto gelegen, das ihnen unten\nin die Quere kam. Mit Anlauf h\u00e4tten sie es geschafft. Ich nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neinem guten St\u00fcck durch den dichten Wald \u00f6ffnet sich dann pl\u00f6tzlich\nder Blick nach unten auf die Weser und die parallel dazu verlaufende\nBahnstrecke. Es geht rauf und runter, aber mehr runter als rauf, und\nman wird f\u00fcr die Anstrengungen des Aufstiegs belohnt durch die\nsch\u00f6ne, immer wechselnde Aussicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde geht es runter nach Karlshafen, auf der anderen Seite der Weser\ngelegen, ein gr\u00f6\u00dferer Ort mit einem gro\u00dfen, barocken Platz mit\nwei\u00dfen, repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden zu drei Seiten. Noch wichtiger\nist f\u00fcr mich aber das Caf\u00e9 an einem Ende des Platzes. Kaffee und\nWasser und Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nauf die andere Weserseite zur\u00fcckgekehrt, geht es ein paar Kilometer\nweiter, aber hier endet irgendwann der Radweg und ich fahre, einem\nTipp eines entgegenkommenden Radfahrers folgend, jetzt endg\u00fcltig auf\ndie andere Seite,\nnach Hessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder, vor allem entlang der Bahntrasse, tauchen hohe, wild\nwachsende Str\u00e4ucher auf, blass violett. Kann das Sauerampfer sein?\nAuch traurig aussehende Sonnenblumenfelder und v\u00f6llig vertrocknete\nStr\u00e4ucher sieht man. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwird es aber wieder gr\u00fcn und der Weg \u00fcberquert die Bever, den\nNamensgeber von Beverungen. Gleich hinter der kleinen Br\u00fccke ein\nKneipp-Becken. Nix wie rein!\nDas Wasser ist eiskalt. Wunderbar! Auch andere Radfahrer machen Halt\nund genie\u00dfen es. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nBeverungen ein breites Tal. Hier ist es windig. Aber der Wind ist\neher l\u00e4stig als erfrischend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\nman an bestimmten Stellen immer wieder auf Gruppen von Radfahrern\ntrifft, ist es unterwegs erstaunlich einsam. Schlie\u00dflich ist noch so\nwas wie Hochsaison und der Weserradweg vielbefahren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nWehrden an einer F\u00e4hrklause ist schon wieder ein Halt angesagt. Der\nDurst ist einfach \u00fcberm\u00e4chtig. Am Nebentisch eine Frau, die\nunentwegt spricht, laut und vernehmlich, meist \u00fcber sich. Der Mann\nmacht nur hin und wieder ein paar nonverbale Ger\u00e4usche, die man mit\ngutem Willen als Zustimmung ansehen kann. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nfolgt eine flache, etwas nichtssagende Strecke mit der Weser im\nweiteren Blickfeld. Vor H\u00f6xter kommt ein Badesee mit Freizeitpark.\nKeiner ist im Wasser, und erst recht keiner auf dem Hockeyfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre nach H\u00f6xter rein, um in einem Supermarkt Wasser zu kaufen. Das\nerweist sich als schwer. In den Innenst\u00e4dten scheint es keine\nSuperm\u00e4rkte mehr zu geben. Die liegen am Stadtrand, dort, wo es Raum\nf\u00fcr Parkpl\u00e4tze gibt. Nach langem Suchen ergibt sich eine L\u00f6sung.\nEine Einheimische zeigt mir den Weg zu einem kleinen, von T\u00fcrken\nbetriebenen Laden. Die haben Konserven, ein bisschen Obst und Gem\u00fcse\nund reichlich Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6xter war zun\u00e4chst eine Dependance von Corvey, machte sich aber mehr und mehr unabh\u00e4ngig und erlebte dann nach der Reformation einen echten Boom. Von der Zeit zeugen noch die reichen Fachwerkh\u00e4user der Altstadt, mehrst\u00f6ckig, mit vorkragenden Konsolen, Inschriften in goldenen Lettern und Verzierungen, vor allem in Form eines Muschelornaments. In einem der pr\u00e4chtigsten H\u00e4user am Markt ist heute <em>M\u00e4c Geiz<\/em> untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist eine <em>Scharre<\/em>? Das erfahre ich durch ein Schild an der Fassade eines Fachwerkhauses an der Ecke zur Innenstadt, der <em>Alten Schreiberei<\/em>. In dem Vorg\u00e4ngerbau war oben das Stadtgericht untergebracht und unten gab es f\u00fcnf Scharren. Das sind die mittelalterlichen, im Erdgeschoss untergebrachten Verkaufsst\u00e4nde, hier die der B\u00e4cker und Metzger.  <\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum des Marktplatzes steht ein moderner Brunnen mit\nDarstellungen, die auf die Geschichte der Stadt Bezug nehmen,\ndarunter das H\u00f6xter Blutbad. Die (chronologisch) letzte Darstellung\nzeigt Fl\u00fcchtlinge, die in die Stadt kommen, Vater, Mutter, Kind,\ndirekt auf den Betrachter gerichtet, mit ausdruckslosen\nGesichtern. Das ist nicht die Fl\u00fcchtlingswelle unserer Zeit, sondern\ndie der Nachkriegszeit. Da kamen unvergleichlich mehr Fl\u00fcchtlinge\nhierher als heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nabseits steht die Kilianskirche, benannt nach einem iroschottischen\nMissionar. Sie hat eine einfache Doppelturmfassade. Der eine Turm,\netwas niedriger und mit einem Hahn bekr\u00f6nt, gilt als der\nGemeindeturm, der andere, mit einem Adler bekr\u00f6nt, als Stadtturm. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nRaumeindruck innen ist nicht berauschend, aber es gibt sch\u00f6ne\nAusstattungsst\u00fccke, darunter eine Alabasterkanzel und eine alte\nGeldtruhe mit Eisenbeschl\u00e4gen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngenehmige mir ein Eis auf der\nHand und treffe auf eine moderne Skulptur. Eine alte Frau mit\nKr\u00fcckstock und krummer Nase winkt ein M\u00e4dchen und einen Jungen zu\nsich. Das sind H\u00e4nsel und Gretel! Wir befinden uns auf der Deutschen\nM\u00e4rchenstra\u00dfe. Der Finger, mit dem die Hexe die Kinder zu sich\nruft, ist ganz abgegriffen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBeschilderung im Ort ist die reinste Katastrophe. In meiner Not fahre\nich den allgemeinen Verkehrsschildern nach Richtung Corvey, auf einer\nbaumbestandenen Allee, sch\u00f6n, aber ohne Radweg. Nach Corvey, von dem\nich nur die Begrenzungsmauern zu sehen bekomme, wird es richtig\nschlimm. Jetzt gibt es keine B\u00e4ume mehr und nicht einmal einen\nabgetrennten Randstreifen. Wohnmobile und Sattelschlepper fahren an\nmir vorbei, andere Autos habe ich im Nacken, weil sie nicht \u00fcberholen\nk\u00f6nnen. Gro\u00dfes Aufatmen, als ein Radwegschild in Sicht kommt, auch\nwenn es einen auf einen schattenlosen, unsch\u00f6nen Weg schickt. Das\nSchild ist eins von den bl\u00f6den Schildern mit einem gr\u00fcnen Rad, ohne\nAngabe von Zielorten oder Entfernungen. Wie anders war\nletztes\nJahr die Beschilderung des Radwegs in Belgien!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt kurz die Weser in Sicht. Jugendliche auf einem Paddelboot mit\neinem Schlauchboot als Beiboot winken mir \u00fcberm\u00fctig\nzu\nund gr\u00f6len vor Freude. Dann kommt ein Viererkajak. Mit wunderbar\ngleichm\u00e4\u00dfigen Bewegungen gleitet das Boot den Fluss entlang.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nWegesrand tauchen immer wieder Bienenk\u00f6rbe auf. Sie sehen aus wie\nbunte, aufeinandergestapelte Schubladen mit Griffloch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nwird immer hei\u00dfer, die Kr\u00e4fte schwinden. Der in der Ferne\nauftauchende, spitz zulaufende Kirchturm von Holzminden dient mir als\nAnsporn, und als ich dort ankomme, nehme ich ein fernes Grummeln als\nIndiz f\u00fcr ein aufkommendes Gewitter und als Rechtfertigung\nf\u00fcr\ndie Beendigung der Tagesstrecke. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nOrtseingang sehe ich ein Plakat, das auf ein <em>Sch\u00e4fer-\nund<\/em>\n<em>Hute-Treffen<\/em>\nim September hinweist und ein Schild, auf dem von einer Sperrung des\nWeserradwegs die Rede ist. Aber damit besch\u00e4ftige ich mich morgen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nTouristenb\u00fcro vermittelt man mich an die Pension <em>Weseraue<\/em>.\nSie selbst ist zwar voll besetzt, aber sie vermietet auch Zirkuswagen\nals \u00dcbernachtungsst\u00e4tten. Einen davon buche ich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVermieterin ist Bolivianerin. Sie kennt Trier und den Austausch des\nBistums mit Bolivien, vor allem aus Sucre, ihrem Studienort. Aber\nTrier sei in Bolivien \u00fcberall vertreten, sagt sie. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\ndr\u00fcckt mir einen Schl\u00fcssel in die Hand und beschreibt mit ein paar\nvagen Worten den Weg zum Zirkuswagen. Es wird eine lange Suche, immer\nwieder komme ich aus dem Viertel hinaus, ohne die Wagen gesehen zu\nhaben. Wo immer ich frage, keiner wei\u00df Bescheid. Aber dann kommt\neine junge Frau mit Kind im Kinderwagen. Sie macht sich unendliche\nM\u00fche, und mit ihrer Hilfe finde ich endlich mein Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem etwas abseits der Stra\u00dfe gelegenen gr\u00fcnen Grundst\u00fcck stehen\ndrei baugleiche Zirkuswagen. Der Wagen hat alles, was man braucht,\naber die Luft steht drin und die Sonne brennt weiterhin ungehindert\nauf das Dach. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache noch einen kleinen Spaziergang ins Zentrum, um Wasser zu\nkaufen, wieder in einem t\u00fcrkischen Laden. In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone\nsehe ich einen Blumenladen, der <em>Blattlaus<\/em>\nhei\u00dft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>27.\nAugust (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck gibt es angeregte Gespr\u00e4che unter Radfahrern \u00fcber\nStrecken, Pannen und Vorhaben.\nDer Aufenthalt in der Pension endet mit einem Misston, weil mir mehr\nabgekn\u00f6pft wird (50 \u20ac), als in der Touristeninformation\nangek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\ngilt es, sich mit der Streckensperrung auseinanderzusetzen. Auf\ndem Sperrschild steht, man solle den Weg \u00fcber Stahle nehmen, aber\nStahle ist nirgendwo ausgeschildert. Ich nehme das Handy zur Hilfe\nund komme einigerma\u00dfen unbeschadet weiter. Holzminden verl\u00e4sst man\n\u00fcber die Weserbr\u00fccke mit dem Keiler auf der einen und dem Pferd auf\nder anderen Seite. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es \u00fcber die gewohnten landwirtschaftlichen Wege, dann an der\nBundesstra\u00dfe entlang. Wieder scheint es st\u00e4ndig bergauf zu gehen,\nund ich muss wieder von Zeit zu Zeit schieben.  Der Glaube an die\nExistenz flacher Radstrecken ist mir abhanden gekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Polle. Hier geht es mit der F\u00e4hre auf die andere Seite. Warum\ndie ganze Strecke selbst fahren, wenn man sich fahren lassen kann?\nZumal der freundliche F\u00e4hrmann f\u00fcr die \u00dcberfahrt mit Fahrrad\ngerade mal einen Euro berechnet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts\nkommt ein still stehendes Gew\u00e4sser in Sicht, ein toter Seitenarm der\nWeser vielleicht. Dort war fr\u00fcher ein Kieswerk, wie mir ein\neinheimischer Radfahrer fl\u00fcsternd anvertraut, das man jetzt in ein\nBiotop, <em>In\nden Eichen<\/em>,\nverwandelt hat. Fl\u00fcsternd, weil er die Enten nicht st\u00f6ren will, die\num die knorrigen B\u00e4ume im Wasser herumschwimmen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nWeser gibt sich links kurz ein Stelldichein, um gleich wieder zu\nverschwinden. Gelegentlich erahnt man sie in der Ferne, vor den\ngrauen, m\u00e4chtigen, baumbestandenen Felsen, da muss sie wohl sein. \nAber meist wird sie ohnehin von den Maisfeldern verdeckt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nhat fast immer Felsen oder Berge zu einer Seite, wenn auch in der\nFerne, und auf der anderen Seite eine Ebene. Hin und wieder findet\nein Seitenwechsel statt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich\nkomme ich nach Bodenwerder, der M\u00fcnchhausen-Stadt. Es ist 11 Uhr,\nund ich habe immerhin 30 Kilometer geschafft.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht an einem gro\u00dfen Zementwerk vorbei. In einem Supermarkt vor der\nStadt versorge ich mich mit reichlich Wasser und fahre weiter\nRichtung Hameln, erst an der Landstra\u00dfe entlang, dann durch den\nWald, dann auf einem Radweg, tats\u00e4chlich an der Weser entlang. Auf\nder rechten Seite steht an einem Rastplatz eine Skulptur, mannshohe\nwei\u00dfe Figuren von M\u00e4nnern, die ein Tau \u00fcber die Schulter gespannt\nhaben. Sie tragen Stiefel oder Holzschuhe und haben entbl\u00f6\u00dfte\nOberk\u00f6rper. Es sind offensichtlich Treidler, im lokalen Jargon\n<em>H\u00fcossen<\/em>.\nAber warum haben sie eine Katze im Schlepptau, und warum sind ihre\nGesichter so verzerrt? Das erkl\u00e4rt die Geschichte, die hinter der\nSkulptur steht. Ein paar Treidler stahlen einem Wirt einen Hasen aus\ndem Backofen. Beim n\u00e4chsten Mal setzte er ihnen aus Rache eine Katze\nvor. Sie ziehen jetzt durch die Gegend und miauen wie eine Katze. Der\nOrt hei\u00dft <em>Kattenhagen<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\nvor Hameln kommt eine verlockend aussehende Gartenwirtschaft:\nDienstag Ruhetag. <em>Just\nmy luck<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre nach Hameln rein. Vor dem Rattenf\u00e4ngerhaus steht eine\nMenschenmenge mit gez\u00fcckten Kameras. Es l\u00e4uft gerade ein\nFigurenspiel, das die Geschichte des Rattenf\u00e4ngers nachspielt. Alle\nsehen gebannt hoch. Sp\u00e4ter, als das Spiel vorbei ist, ist der Platz\nwie leergefegt, als ob es hier nichts mehr zu sehen g\u00e4be. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\neinem Stand gibt es ein St\u00fcck Pizza auf die Hand, kein kulinarisches\nHighlight, aber immerhin, gro\u00df genug ist sie. Und kostet 2,50 \u20ac.\nEine kleine Flasche Wasser kostet 2 \u20ac. Ich finde das v\u00f6llig\nunverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Ich weigere mich und finde in einem Billigladen\nGetr\u00e4nke. Das Wasser ist zwar ausgegangen, aber es gibt warmen\nEistee mit Pfirsichgeschmack. G\u00f6ttlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Um\naus Hameln hinauszukommen, wieder das alte Dilemma, eine v\u00f6llig\nundurchsichtige Beschilderung. Einmal ist Rinteln ausgeschildert,\ndann gibt es keine Schilder, dann Hessisch-Oldendorf, dann andere\nOrte, aber nicht Rinteln. Von Bremen oder Cuxhaven ganz zu schweigen.\nAn einer H\u00e4userwand f\u00e4hrt ein rotes Rad geradeaus, ein anderes\nbiegt rechts ab. Was soll man damit anfangen? Inzwischen bin ich\neinmal ganz um die Stadt herumgefahren und komme wieder da aus, wo\nich vorher mein Fahrrad abgestellt habe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nHameln kommt eine Bundesstra\u00dfe, dann eine Landstra\u00dfe. Kein Radweg\nmehr. Von der Weser keine Spur. Habe mir vorgenommen, es bis\nHessisch-Oldendorf zu schaffen, aber es zieht sich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nwelchem Bundesland liegt Hessisch Oldendorf? Wenn man die Frage so\nstellt, liefert man schon einen Teil der Antwort mit: nicht in\nHessen. Es liegt tats\u00e4chlich in Niedersachsen. Auch Hameln und\nRinteln liegen in Niedersachsen, nicht, wie ich dachte, in\nNordrhein-Westfalen. Hessisch Oldendorf war fr\u00fcher ein Teil von\nHessisch-Nassau. Daher der Namenszusatz. Der hat den Zweck, es von\nden vielen anderen Oldendorfs zu unterscheiden. Davon gibt es eine\nganze Menge. Fast alle liegen in Norddeutschland. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nsich in Hessisch Oldendorf keine Unterkunft anbietet, fahre ich\nweiter, durch eine wenig abwechslungsreiche, flache Landschaft. An\neinem Rastplatz sind Schilder mit Erkl\u00e4rungen zur\nLandschaftsformation aufgestellt. Die H\u00fcgel, die man hier sieht,\nstammen aus vorgeschichtlichen Zeiten, als die Weser breiter und\nwasserreicher war. Die H\u00fcgel formierten sich, als die Weser sich ins\nTal zur\u00fcckzog. Auf dem Schild daneben die Frage aller Fragen: &#8220;Wo\nist die Weser?&#8221;\nDie Frage stelle ich mir schon seit drei Tagen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nweiter geht es durch die einsame Landschaft. Der Mund trocknet\nst\u00e4ndig aus. An einem abgelegenen Bauernhaus ein unbemannter Stand\nunter einem Sonnenschirm. Hier kann man sich bedienen. In einer Kasse\nkann man seinen Obolus\nhinterlassen. Eine tolle Geste, und gerne kommt man der Aufforderung\nnach, sich ins G\u00e4stebuch einzutragen. Es gibt alles von Kaffee bis\nEnergy-Drinks. Ich trinke trotz der Hitze einen Kaffee. Der tut gut. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\ndie Kilometerangaben nach Rinteln einstellig werden, steht mein\nEntschluss fest. Das schaffst du\nnoch. Am Wegesrand ein gro\u00dfes Plakat mit der Telefonnummer eines\nHotels im Zentrum der Stadt, das f\u00fcr Radfahrer geeignet ist. Besser\nreservieren. Ich rufe an. Das Handy sagt: &#8220;Diese Nummer ist uns\nleider nicht bekannt.&#8221; <em>Just\nmy luck. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen die Au\u00dfenbezirke von Rinteln: Fabriken, Tankstellen,\nWerkst\u00e4tten, Einkaufszentren. Und dann Aufatmen, als es in die\nhistorische Altstadt geht. Das besagte Hotel hat tats\u00e4chlich noch\nein Zimmer frei, die Lage ist perfekt. Und sie haben einen eigenen\nUnterstand f\u00fcr das Fahrrad hinter dem Haus. Es ist die teuerste\nUnterkunft auf meinem Weg, 72 \u20ac, aber f\u00fcr die Lage und den Komfort\nabsolut in Ordnung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Rezeption eine Radfahrerin, die aussieht wie aus dem Ei gepellt.\nJa, sie w\u00e4ren schon im Freibad gewesen. Sie h\u00e4tten all das mit in\nder Planung. Klarer Pluspunkt. Sie spricht mir aus der Seele, als sie\nsagt: &#8220;Unglaublich, wie viel man trinken kann, ohne zur Toilette\nzu gehen.&#8221; Sie zeigt sich sehr angetan von der Landschaft des\nWeserradwegs. Wie die meisten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nich kurz\nnach\n5, frisch geduscht, aus dem Hotel gehe, ist es immer noch 32\u00b0 warm.\nApotheke, t\u00fcrkischer Laden, Kaffee auf dem Marktplatz. Die reinste\nErholung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\ngrummelt es in der Ferne und der Himmel ist gescheckt, aber wieder\ntut sich nichts, bis auf ein paar Tropfen sp\u00e4ter am Abend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nlanggestreckte Marktplatz ist ein Schmuckst\u00fcck, mit sehr sch\u00f6nen\nH\u00e4usern. Vor dem B\u00fcrgerhaus an der Stirnseite des Platzes steht ein\nNachtw\u00e4chter, mit Schlapphut und Laterne. Welche Bedeutung er f\u00fcr\nRinteln hat, bleibt unklar. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nStadtkirche, romanisch-gotisch, mit barockem Turmhelm, steht\nmerkw\u00fcrdig versetzt ein bisschen abseits des Platzes. Davor, aber\nauf dem Platz, der Ratskeller, das bedeutendste zivile Geb\u00e4ude der\nStadt, ein steinsichtiges Haus mit Treppengiebel. Die anderen H\u00e4user\nsind meist Fachwerkh\u00e4user, einige schlicht, einige so pr\u00e4chtig wie\nin Hameln oder H\u00f6xter. Alles\nsehr sch\u00f6n, auch die Inschriften sind sch\u00f6n. Man sollte sie aber\nnicht lesen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nauf\ndem Marktplatz\neine\nWirtschaft mit dem Namen <em>Marktwirtschaft<\/em>,\nund in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ein Bioladen mit dem Namen <em>Querbeet<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Einige\nder Schriftz\u00fcge in den Gesch\u00e4ftsnamen wecken  Erinnerungen an die\nKindheit, wie <em>Afga<\/em>\noder <em>Pelikan<\/em>.\nAm Marktplatz haben noch zwei Gesch\u00e4fte solche altmodischen\nSchriftz\u00fcge mit den Namen der Inhaber. Diese Gesch\u00e4fte stehen leer.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>30.\nAugust (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nHotel gibt es ein fr\u00fches Fr\u00fchst\u00fcck. Sofort danach mache ich mich\nauf den Weg, um die k\u00fchlen Morgenstunden auszunutzen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Um\naus Rinteln hinauszukommen, nehme ich das Handy zu Hilfe. Das\nProblem: Die Karte auf dem Display stimmt nicht mit der Ansage\n\u00fcberein, und keine von beiden mit meinem tats\u00e4chlichen Standort und\nden Stra\u00dfennamen. Ich versuche, irgendwie aus der Innenstadt\nhinauszukommen und fahre der Beschilderung nach. Aber das ist nicht\nso einfach: Mal ist Minden, mal B\u00fcckeburg, mal Oeynhausen, mal Porta\nWestfalica  ausgeschildert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie\nklappt es, die grobe Richtung stimmt. Es geht mal wieder \u00fcber eine\nBundesstra\u00dfe, dann \u00fcber eine Landstra\u00dfe, ohne  Seitenstreifen,\naber nicht viel befahren. Ich komme durch Eisberge. Dort ist es 21\u00b0\nwarm. Morgens um acht!<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nweiter geht es, meist m\u00fchsam bergauf. Statt der Weser \u00fcberquert man\ndie Autobahn. In einem kleinen Ort biegt der Radweg dann unvermittelt\nab, ohne Angabe des Ziels. Ich irre durch den Ort, nehme dann das\nHandy zur Hilfe. Das schickt mich ein paar mal um die Ecke und dann\neine ganz steile Stra\u00dfe hinunter. Sie endet in einer Sackgasse. Um\nwieder zur\u00fcckzukommen, muss ich schieben. \n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nfahre ich der Beschilderung f\u00fcr die Autos nach. Es folgt eine\ngloriose Abfahrt, mehrere Kilometer mit mehr als 30 km\/h, ohne einmal\nin die Pedale zu treten. Anfangs habe ich einen Bus hinter mir. Das\nist mir nicht ganz geheuer, aber dann gibt es eine  Spur f\u00fcr\nFahrr\u00e4der und ich kann die Fahrt einfach genie\u00dfen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht runter bis an die Weser. Auf der anderen Seite des Flusses, am\nBerghang, ein Denkmal, und ich wei\u00df, wo ich bin: Porta Westfalica. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\ndritten Mal heute sehe ich die Weser, immer unter einer Br\u00fccke. Bis\nMinden geht es \u00fcber einen sch\u00f6nen, baumbestandenen Radweg, der in\nMinden am\nGlacis weitergef\u00fchrt wird, das ich von fr\u00fcheren Besuche kenne,\ngenauso wie die Schiffsm\u00fchle. Es ist eine der sch\u00f6nsten Passagen\ndes Radwegs. Leider ist das Lokal gegen\u00fcber der Schiffsm\u00fchle, das\nauch <em>Schiffsm\u00fchle<\/em>\nhei\u00dft, noch geschlossen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nanderen Ende von Minden f\u00fchrt der Weg an der Schachtschleuse vorbei,\nund dann folgt eine flache Strecke direkt an der Weser entlang.\nGenauso, wie man es sich vorstellt, wenn von <em>Weserradweg<\/em>\ndie Rede ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWeg f\u00fchrt nach Petershagen, einer gem\u00fctlichen Kleinstadt. Es ist\nerst zehn Uhr, als ich hier ankomme. Ein Caf\u00e9 l\u00e4dt Radfahrer zur\nRast ein. Die jungen Frauen hinter der Theke sind eine freundlicher\nals die andere. Ich kann mich nach drau\u00dfen in den Schatten setzen\nund bekomme auf Kosten des Hauses ein Glas Wasser mit einem Spritzer\nZitrone drin, und am Ende noch eins. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall\nin dem Ort sieht man moderne Skulpturen, darunter ein Storchennest\ninmitten eines Kreisverkehrs. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\nnebenan ist\nein riesiger Supermarkt. Ich r\u00fcste mich mit Eiscaf\u00e9, Ayran und\nWasser aus. Am Ende ist Wasser immer das Beste.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nPetershagen verschwindet die Weser wieder. Der Weg ist sch\u00f6n, aber\nman muss h\u00f6llisch aufpassen, um nicht eins der vielen kleinen\nSchilder zu \u00fcbersehen, die einem den Weg weisen, wie das zwei Frauen\nvor mir tun, die fr\u00f6hlich plaudernd geradeaus fahren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Weide Schafe, die trotz der Hitze mitten in der Sonne stehen.\nNur zwei haben sich in eine schattige Ecke unter einen Baum\nzur\u00fcckgezogen, aber sie kuscheln sich eng aneinander, damit ihnen\nnicht kalt wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nkomme nach Buchholz und mache eine Trinkpause an einem wunderbaren,\nlauschigen Platz auf einer Bank direkt vor der Kirche, unter einer\nriesigen Eiche. Man m\u00f6chte am liebsten gar nicht mehr aufstehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht an einem Baggersee vorbei. Am Ufer steht ein Transporter des\nKanuverleihs <em>Bootswana<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter\ngeht es, durch die pralle Sonne, bis Stolzenau. Dort gibt es einen\npr\u00e4chtigen Biergarten. Gro\u00dfe Sonnenschirme spenden Schatten. Es ist\nvoll, hier scheinen alle G\u00e4ste Radfahrer zu sein. Die Bedienung ist\nsehr freundlich. Es gibt Wasser und einen riesigen Salat mit einer\nRekordzahl an Zutaten: M\u00f6hren, Paprika, Radieschen, Eier, Thunfisch,\nH\u00e4hnchen, Zucchini, Pilze, Johannisbeeren, K\u00e4se.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt wieder \u00d6dnis. Landstra\u00dfe. Zum x-ten Mal \u00fcberquere ich die\nWeser. Jeder Aufstieg zur Br\u00fccke ist eine zus\u00e4tzliche Anstrengung,\nbelohnt wird man durch den frischen Seitenwind oben auf der Br\u00fccke.\nAuch eine weitere Schleuse kommt in Sicht. Man sieht das Schiff, aber\nman sieht die Weser nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nEstdorf h\u00e4ngt an einem Rastplatz eine Karte der Umgebung. Da ist die\nWeser gar nicht drauf! Die kennen die hier gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nschaffe es nur bis Nienburg. In der Touristeninformation empfiehlt\nman mir eine Privatunterkunft. Um dahin zu kommen, muss ich mal\nwieder die Weser \u00fcberqueren. Dabei sehe ich, dass es hinter Nienburg\nwieder eine Streckensperrung gibt. Das kommt morgen auf mich zu. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nT\u00fcr der\nUnterkunft wird\nge\u00f6ffnet von einem \u00e4lteren Mann. Der sieht mich unverwandt an,\nbewegt sich nicht, und reagiert nicht auf das, was ich sage. Dann\nkommt pl\u00f6tzlich: &#8220;Wie kann man nur bei dem Wetter Radfahren?&#8221;\nEr hat einen etwas bizarren Sinn f\u00fcr Humor. \n<\/p>\n\n\n\n<p>WLAN\ngibt es nicht: &#8220;Ging fr\u00fcher auch ohne.&#8221; Na ja, ging fr\u00fcher\nauch ohne Kanalisation. Aber dieser Kommentar gef\u00e4llt ihm wohl\nnicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngrummelt, aber er ist sich in seiner Wetterprognose ganz sicher: &#8220;Das\nzieht alles vorbei. Wir kriegen mal wieder nichts mit.&#8221; So <em>ganz<\/em>\nRecht behalten sollte er da nicht. Es regnet am Abend, es regnet in\nder Nacht, es regnet am Morgen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher\nhabe\nich aber noch Zeit, mir die h\u00fcbsche Altstadt anzusehen. An\neinem Ende der zentralen Stra\u00dfe eine Skulpturengruppe, in der es um\nSpargel geht. Verschiedene Phasen des Verarbeitungsprozesses werden\ndargestellt. Nienburg ist offensichtlich eine Spargel-Hochburg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\neinem der Fachwerkh\u00e4user lese ich eine interessante Erkl\u00e4rung: Eine\ngl\u00fcckliche Serie guter Erntejahre in der fr\u00fchen Neuzeit hatte der\nStadt Wohlstand gebracht, daher\ndie\npr\u00e4chtig aussehenden Fachwerkh\u00e4user der Altstadt. Bei diesem\nspeziellen Haus, hei\u00dft es, lie\u00dfen Gr\u00f6\u00dfe und Ausstattung darauf\nschlie\u00dfen, dass es sich um ein Patrizierhaus handelt, ein Haus von\nKaufleuten oder Handwerkern, die hier sowohl lebten als auch\narbeiteten. Und die Fassade l\u00e4sst gleichzeitig auf die Gesinnung des\nEigent\u00fcmers schlie\u00dfen. Die kommt in der schlichten Buchstabenfolge\nVDMIE zum Ausdruck, die gleich hinter der Jahreszahl, 1541,\nerscheint. Das steht f\u00fcr <em>Verbum\nDomini Manet In Eternum<\/em>.\nDas war die Losung von Philipp dem Gro\u00dfm\u00fctigen und des\nvon ihm gegr\u00fcndeten Schmalkaldischen Bundes. Der Hausherr outet sich\nalso als Protestant!<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Seitenstra\u00dfe findet sich ein ebenfalls sch\u00f6nes,\naber schlichteres\nFachwerkhaus.\nDas war nicht das Haus eines Kaufmanns oder eines Handwerkers,\nsondern das eines Ackerb\u00fcrgers. Die besonders breite Pforte ist hier\ndas wichtigste Indiz: Durch diese Pforte verlie\u00df das Vieh das Haus.\nUnd kehrte wieder zur\u00fcck. Dieses Haus stand nahe des Stadtwalls, wie\ndie anderen H\u00e4user der Ackerb\u00fcrger auch, damit das Vieh morgens aus\nder Stadt getrieben werden konnte, ohne den allgemeinen Verkehr zu\nbehindern. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig\nsto\u00dfe ich in dieser Seitenstra\u00dfe auch auf das mexikanische\nLokal, das mir der Vermieter empfohlen hat. Nix wie rein!\nDie junge Kellnerin versteht kein Spanisch. Sie ist kurdische\nSyrerin. Oder syrische Kurdin. Auch Koch und Betreiber sind Syrer und\nnoch nie in Mexiko gewesen. Vermutlich hat noch nie ein Mexikaner das\nLokal betreten. Und wenn, dann d\u00fcrfte er \u00fcberrascht sein, dass so\nwas als mexikanische Kost durchgeht. Nicht, weil es nicht schmackhaft\nw\u00e4re, sondern einfach deshalb, weil es nicht scharf genug ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>29.\nAugust (Donnerstag) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhabe extra auf das Fr\u00fchst\u00fcck verzichtet, um fr\u00fch aufbrechen zu\nk\u00f6nnen, aber es sch\u00fcttet nur so und so sitze ich auf gepackten\nKoffern in meinem Zimmer und sehe dem Regen zu, wie er runterf\u00e4llt.\nDer Vermieter ist sich ganz sicher: &#8220;Das bleibt den ganzen Tag\nso. Kein Wind.&#8221; Sein Vertrauen in seine eigenen Wetterprognosen\nist ungebrochen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nWarten auch keine L\u00f6sung ist, st\u00fcrze ich mich einfach ins\nVergn\u00fcgen. Trotz bizarr falscher Beschilderung &#8211; der Pfeil f\u00fcr die\nUmleitung zeigt auf die andere Seite der Br\u00fccke, dort, wo die\nStrecke gesperrt ist\n&#8211;\nfinde ich gut aus Nienburg heraus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWeg ist sch\u00f6ner als in den letzten Tagen, vor allem das satte Gr\u00fcn\nder Wiesen tun dem Auge gut. Es geht durch D\u00f6rfer mit gro\u00dfen\nGeh\u00f6ften, Bauten aus rotem Backstein mit breiten Pforten und\nVerzierungen an der Fassade. In einem Neubaugebiet hat jemand vor dem\nHaus ein Autowrack hochgebockt, ein anderer hat einen Basketballkorb\nan\nder Hauswand angebracht in\nden franz\u00f6sischen Nationalfarben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nRande einer gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe werde ich Zeuge eines &#8220;unbemannten&#8221;\nM\u00fcllfahrzeugs. Das Fahrzeug h\u00e4lt, f\u00e4hrt seine seitlich\nangebrachten F\u00fchler aus, hebt die M\u00fclltonne, leert sie und stellt\nsie wieder an ihren Platz. Ohne, dass jemand einen Muskel bewegt hat.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nh\u00f6rt pl\u00f6tzlich die Beschilderung auf. Scheint mir jedenfalls. Dann\nentdecke ich auf dem Stra\u00dfenpflaster einen verblassten Pfeil. Der\nschickt mich \u00fcber die Landstra\u00dfe. Ich folge den Pfeilen um mehrere\nEcken und gerate in einen dichten Wald, mit Schotterwegen, sacht,\naber best\u00e4ndig ansteigend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKleidung klebt inzwischen am K\u00f6rper, und die Luft f\u00fchlt sich kalt\nan. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAusgang des Waldes kommen dann wieder Schilder. Hoya, mein Ziel, ist\nverloren gegangen. Daf\u00fcr erscheint Scheringen, in kurzer Distanz. Da\nwar ich vor einer Stunde schon mal. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dort\nin der B\u00e4ckerei werde ich trotz meiner Erscheinung freundlich\nempfangen. Die B\u00e4ckersfrau empfiehlt mir, einfach der Landstra\u00dfe\nnach zu fahren. Die f\u00fchrt schnurstracks geradeaus und hat einen\nabgetrennten Streifen f\u00fcr Radfahrer. Der Regen h\u00e4lt unvermindert\nan. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nAllgemeinen ist der Weserradweg gut asphaltiert. Es gibt nur kleinere\nAbschnitte mit Schotter, Waldboden oder Kopfsteinpflaster. Da ist bei\ndiesem Wetter allerdings Vorsicht geboten. Ich fahre aber mit\nkindlichem Vergn\u00fcgen durch die Pf\u00fctzen, die sich hier und da\ngebildet haben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nich nach Hoya komme, h\u00f6rt es auf zu regnen. Nachdem mein Handy\nentschieden hat, welchem der beiden identischen R\u00e4der auf den\nSchildern ich folgen soll, schiebe ich mein Rad durch die Innenstadt.\nHier ist Markt. Am Rande sehe ich eine Buchhandlung mit dem Namen\n<em>Leserei<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nHandy kalkuliert eine Stunde f\u00fcr die gut zwanzig Kilometer bis\nVerden. Das ist zu optimistisch. Einen Schnitt von 20 km\/h habe ich\nin all den Tagen noch nicht erreicht. Zu viele Steigungen, zu viele\nUnklarheiten, zu viele Abbiegungen, zu viele Trinkpausen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\nhinter Hoya fahre ich an zwei jungen Frauen vorbei, die sich angeregt\nunterhalten. Die eine sagt zur anderen: &#8220;Das war eine bodenlose\n&#8230;&#8221;. Das n\u00e4chste Wort bekomme ich schon nicht mehr mit, aber\nich wei\u00df, was es ist. Es gibt nur eine M\u00f6glichkeit. Erstaunlich,\n\u00fcber welches Wissen man als Muttersprachler verf\u00fcgt. Und das steht\nin keiner Grammatik, keinem Lehrbuch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nsehe ich die ersten Radfahrer des Tages, eine Viererbande, zwei\nFrauen, zwei M\u00e4nner. Sie sind schneller als ich, machen aber \u00f6fter\nPause, so dass wir uns immer wieder \u00fcberholen. Als ich auf einer\nParkbank mit Blick auf die Weser Halt mache, kommen sie von hinten.\nEine der Frauen ruft aus: &#8220;Die Weser!&#8221; Sie ist genauso\n\u00fcberrascht wie ich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLandschaft ist inzwischen dezidiert norddeutsch geworden, flach und\ngr\u00fcn mit Deichen. Auf einem Deich liegen K\u00fche und widmen sich dem\nWiederk\u00e4uen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\ndem Ortseingang nach Verden \u00fcberquert man eine Br\u00fccke. Aber das\nist nicht die Weser. Das\nist die Aller. Verden hatte schon im Mittelalter eine Br\u00fccke, die\nerste schriftliche Erw\u00e4hnung stammt von 1220. Die Br\u00fccke wurde\ndurch Eisgang, Hochwasser und Kriege immer wieder zerst\u00f6rt. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Verden<\/em>\nhat nichts mit <em>Werder<\/em>\nzu tun und erst recht nicht mit <em>Pferden<\/em>,\nsondern mit <em>Furt<\/em>.\nDie befand sich hier, an einer Stelle des Handelswegs von\nSkandinavien nach Mitteleuropa.<\/p>\n\n\n\n<p>Verden\nbestand lange Zeit aus zwei Herrschaftsgebieten, der Norderstadt und\ndem S\u00fcderende, einem weltlichen und einem kirchlichen\nHerrschaftsgebiet. Die lagen st\u00e4ndig im Clinch miteinander. Sie\nwurden dann unter der schwedischen Regentschaft vereinigt, 1667.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nverbleibende Strecke nach Bremen ist zu weit und ich vertage den\nAbschluss. Au\u00dferdem wird es guttun, aus den nassen Klamotten\nrauszukommen. Wieder gibt es eine Privatunterkunft, wiederum bei\neinem Witwer. Dessen Grundst\u00fcck liegt auf dem Gel\u00e4nde einer\nehemaligen G\u00e4rtnerei. Das erkl\u00e4rt, warum es so gro\u00df ist. Auch hier\nist der Preis mit 45 \u20ac moderat, Fr\u00fchst\u00fcck und WLAN inbegriffen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nbleibt reichlich Zeit f\u00fcr die Stadt. Deren Struktur spiegelt die\nGeschichte wider, mit dem Rathaus an dem\neinem\nund dem Dom an\ndem\nanderen Ende einer ungew\u00f6hnlich breiten, ungew\u00f6hnlich langen\nStra\u00dfe. Das ist die Stra\u00dfe, die die beiden\nehemaligen\nSt\u00e4dte\nmiteinander verband. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nwenn <em>Verden<\/em>\nnichts mit <em>Pferden<\/em>\nzu tun hat, sind die hier \u00fcberall pr\u00e4sent, auf den Koppeln vor der\nStadt, als Figurengruppe in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone,\noben am Giebel der H\u00e4user, in\nForm des Pferdemuseums (mit einem Exemplar des katzengro\u00dfen\nUrpferds) und in den Konditoreien als <em>Verdener\nPferde\u00e4pfel<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nRathaus hat eine sch\u00f6ne Fassade und einen dahinter aufragenden,\nklobigen Turm aus sp\u00e4terer Zeit, der nicht zu der Fassade passt. Der\nsollte irgendwann mal abgerissen werden. Aber das lie\u00dfen die\nVerdener nicht mit sich machen. Dieselben Leute h\u00e4tten damals\nvermutlich auch gegen den Bau des Turm protestiert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nStadtkirche, ein roter Backsteinbau, verschiedene Bauphasen, aber im\nPrinzip gotisch, hat einen sch\u00f6nen Turm, eine sch\u00f6nes, tief\nheruntergezogenes Dach und sch\u00f6ne Verzierungen um T\u00fcren und Fenster\nherum, ganz einfach, mit abwechselnd roten und schwarzen Steinen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche ist f\u00fcr ihre Breite nicht hoch und nicht lang genug.\nDas merkt man aber erst, wenn man reingeht. Die\nAusstattung ist reich und reichlich heterodox. Auff\u00e4llig ein\nStuckrelief an der Chorwand, ein J\u00fcngstes Gericht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen\nauf dem Kirchhof die aufrecht stehende Steinplatte des Grabmals eines\nMannes\n(&#8220;gebohren\n1658&#8221;), der als <em>Wandschneider<\/em>\nbezeichnet wird.<em>Wand<\/em>\nsteht hier f\u00fcr <em>Gewand<\/em>.\nDie Verwandtschaft der beiden W\u00f6rter ist mir noch nie aufgefallen.\nHat vermutlich was mit <em>winden<\/em>\nzu tun. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nentgegengesetzten Ende der gro\u00dfen Stra\u00dfe, die tats\u00e4chlich <em>Gro\u00dfe\nStra\u00dfe<\/em>\nhei\u00dft, befindet sich der Dom. Auf dem Weg dorthin komme ich am\n<em>Zugvogel<\/em>\nvorbei, einem Laden f\u00fcr Outdoor Kleidung und an einem Gesch\u00e4ft f\u00fcr\nKinderkleidung mit dem Namen <em>Deerns\nund Butjer<\/em>.\nSp\u00e4ter sehe ich in einer Seitenstra\u00dfe einen Fahrradladen mit dem\nNamen <em>R\u00e4derei<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndas Innere des Doms gelangt man nicht direkt, sondern an einem\nKreuzgang vorbei. An der\nStirnwand des Ganges, der in die Kirche f\u00fchrt, sind\n(nicht ganz komplett erhaltene) Figuren der vier weltlichen und der\ndrei christlichen Tugenden angebracht. Die geh\u00f6ren streng genommen\nnicht zum Dom, sondern zu der ihm angeschlossenen Domschule. Das\nd\u00fcrfte Terrakotta sein. Spes ist mit einem Anker dargestellt,\nCaritas mit Kindern. Fides sieht aus wie ein schwangerer Mann mit\neiner gro\u00dfen, vertikal verlaufenen Narbe \u00fcber den ganzen\nOberk\u00f6rper. Da geh\u00f6rte urspr\u00fcnglich mal das Kreuz hin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nDom war bis zur Reformation Bischofssitz, danach Residenz\nprotestantischer F\u00fcrstbisch\u00f6fe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nFerne h\u00f6rt man Musik aus der Kirche. Kaum vorstellbar, dass jetzt\nGottesdienst ist. Vorsichtig \u00f6ffne ich die T\u00fcr. Kein Problem. Es\nwird geprobt f\u00fcr ein Konzert. Orgel und Posaunenquartett. Triumphale\nMusik, die immer wieder auch von leiseren Passagen unterbrochen wird.\nIch setze mich in eine Bank,\ngenie\u00dfe\nund denke an nichts. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\ndie Probe zu Ende ist, sehe ich mich ein bisschen um. Kein\nKirchenraum, der einen gefangen nimmt. Aber ein ganz besonderes\nAusstattungsst\u00fcck f\u00e4llt mir auf: ein Levitenstuhl. Was mag das\nsein? Offensichtlich der Sitz dessen, der der Gemeinde &#8220;die\nLeviten liest&#8221;, des Priesters, mit Platz f\u00fcr seine beiden\nKonzelebranten an seiner Seite, ein Dreiersitz. Der Sitz ist aus\nEiche und hat einen Aufbau mit sp\u00e4tgotischem Schnitzwerk &#8211; an den\nSeiten, an der R\u00fcckwand, unter der Bedachung. Zwischen Ma\u00dfwerk und\nBlattkapitellen eine F\u00fclle von Figuren, die man oft erst auf den\nzweiten Blick sieht, auf der einen Seite biblische Figuren im\nDoppelpack, auf der anderen Figuren der mittelalterlichen\nGesellschaft im Doppelpack. Und dann entdeckt man allm\u00e4hlich Tiere:\nLamm, Ph\u00f6nix, Frosch, Pelikan, alle von symbolischer Bedeutung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Genug\nder Besichtigung. Zeit f\u00fcrs Essen. In einem italienischen Lokal gibt\nes, von einem blasierten Kellner serviert, einen guten Primitivo und\nPasta, die die\nSch\u00e4rfe haben, die den Tacos gestern fehlte.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNebentisch sitzt ein Radfahrertrio. In dem Gespr\u00e4ch fallen in kurzem\nAbstand die W\u00f6rter <em>Radtour<\/em>\nund <em>langweilig<\/em>,\naber auch <em>Main<\/em>\nund <em>reizvoll<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>30.\nAugust (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbin fr\u00fch auf den Beinen, so fr\u00fch, dass mir Kinder auf dem Weg zur\nSchule entgegenkommen. Sie sehen eher gut b\u00fcrgerlich aus, vermutlich\nSch\u00fcler der Domschule. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nich stehenbleibe, um von der Stadtsilhouette in Morgensonne und\nMorgendunst ein Photo zu machen, l\u00e4sst mir ein Lastwagenfahrer, der\nmich bemerkt hat, extra eine L\u00fccke zum Photographieren. Danke! Es\nwird das stimmungsvollste Photo der Fahrt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGastwirt hat mir gesagt, ich solle einfach den Wall entlang bis zum\nKreisverkehr fahren. Da sei dann alles ausgezeichnet beschildert. Wie\nzu erwarten war, gibt es am Kreisverkehr kein einziges Schild,\njedenfalls nicht f\u00fcr Radfahrer. Ich konsultiere das Handy, und das\nschickt mich zur\u00fcck \u00fcber die Aller. Kilometerweit geht es Richtung\nHoya, dahin, wo ich gestern war, aber dann kommt die Abbiegung und\nich fahre weiter geradeaus, mit nicht ganz klarem Ziel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht mal wieder eine Landstra\u00dfe entlang. Als ich an einer Kreuzung\nabsteige, um mich zu orientieren &#8211; das Handy hat inzwischen seinen\nGeist aufgegeben &#8211; h\u00e4lt ein freundlicher Radfahrer mit Hund neben\nmir und bietet seine Hilfe an. Er identifiziert unseren Standort auf\nder Karte. Ich kann abbiegen oder geradeaus fahren, beides f\u00fchrt zum\nZiel. Ich sage ihm, ich wolle an der Weser entlang fahren. Weser?\nNee, die ist hier nicht, auf keinem der beiden\nWege.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbiege ab, Richtung Instetten, weil die Stra\u00dfe etwas gem\u00fctlicher\naussieht. Dort angekommen, scheint mir Daverden die beste L\u00f6sung zu\nsein, aber derselbe Weg f\u00fchrt auch nach Verden &#8211; wo ich herkomme.\nAls ich an eine Kreuzung komme, bin ich nur noch zehn Kilometer von\nVerden entfernt, obwohl ich schon achtzehn gefahren bin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\nist die Beschilderung aber klar. Es geht \u00fcber Feldwege, immer\ngeradeaus. Heute scheint \u00fcberhaupt niemand unterwegs zu sein auf dem\nRad. Es ist k\u00fchl, 17\u00b0, aber gut zum Radfahren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Weide grasen K\u00fche, katholische (die schwarz-wei\u00dfen) und\nevangelische (die braun-wei\u00dfen) friedlich zusammen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt lautes Vogelgezwitscher. Aber wo sind die V\u00f6gel? Kein Baum zu\nsehen. Dann entdecke ich sie auf einem Strommast. Stare. Sie sitzen\nauf allen Verstrebungen, zu Hunderten. Dann kommt eine ganze Kohorte\nangeflogen und setzt sich, und im gleichen Moment lassen sich andere\nim Tiefflug von den Masten fallen, als wenn sie nicht fliegen\nk\u00f6nnten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kr\u00e4fte schwinden, die Motivation auch. Immer wieder muss ich aus dem Sattel steigen, weil ich nicht mehr sitzen kann. Jede Steigung ist m\u00fchsam, und selbst auf flacher Strecke steige ich manchmal ab und schiebe.  Ich bin platt, geschlaucht, ger\u00e4dert.  <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nKaffee ist mir nicht verg\u00f6nnt, der Bollener Dorfkrug (&#8220;Gasthaus\nseit 1928&#8221;) ist noch geschlossen, und die weiteren auf der\nStrecke auch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt der gloriose Moment: Das\nerste Schild nach Bremen, nach 5 Tagen und 369 Kilometern, 18\nKilometer vor dem Ziel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nals Kaffeet\u00fcte getarnter Silo einer Kaffeefabrik k\u00fcndigt das Bremer\nIndustrieviertel an: Lastwagen, Bauschutt, Schrottlager,\nSattelschlepper, Schlote, Lagerhallen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwird es besser: Es geht auf einem Radweg, entlang einer mehrspurigen\nStra\u00dfe,\nins Stadtzentrum. Der Weg f\u00fchrt am Weserstadion vorbei (von dem\nNamen sollte man sich nicht irref\u00fchren lassen) und dann durch ein\nStudentenviertel zum Bahnhof. Dort endet der Radweg um zw\u00f6lf Uhr\nMittag, nach 387 Kilometern, mit dem festen Vorsatz, im n\u00e4chsten\nJahr wieder mit dem eigenen Rad vor der eigenen Haust\u00fcr loszufahren.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nden drei Radtouren, die ich in den letzten drei Jahren unternommen\nhabe, belegt der Weserradweg einen guten dritten Platz.    \n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25. August (Sonntag) Nach einer umst\u00e4ndlichen Zugfahrt von Minden nach M\u00fcnden kann es endlich losgehen. Inzwischen ist es drei Uhr geworden. Von der Quelle bis zur M\u00fcndung &#8211; das geht bei der Weser nicht. Sie hat keine Quelle, wie der &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=10503\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/10503"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10503"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/10503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10511,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/10503\/revisions\/10511"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}