{"id":11044,"date":"2020-06-22T11:17:29","date_gmt":"2020-06-22T09:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11044"},"modified":"2020-06-22T21:13:17","modified_gmt":"2020-06-22T19:13:17","slug":"portugal-2019-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11044","title":{"rendered":"Portugal (2019)"},"content":{"rendered":"\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00edo de Janeiro soll mal die Hauptstadt von\nPortugal gewesen sein. Diese verwegene Hypothese zu testen, das ist schon fast\neine Reise wert. Ich habe sechs Monate Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor dem Berufsverkehr geht es los. Die\nStra\u00dfen sind glatt, Schneepfl\u00fcge sind unterwegs. Auf dem Weg in die Eifel? Wer\nkommt auch auf die Idee, im Januar mit dem Auto auf Reisen zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Autobahn ist viel Verkehr. Ich\nmache es den sparsamen Trierern nach und tanke in Luxemburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon nach 60 Kilometern f\u00e4hrt man \u00fcber\ndie Grenze nach Frankreich: Lorraine. Wir sind in Lothringen. Auf der\nGegenfahrbahn ein kilometerlanger Stau, rechts Lastwagen und Busse, links PKWs.\nKann kein Vergn\u00fcgen sein, zu dieser Zeit im Auto im Stau zu sitzen auf dem Weg\nzur Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserer Seite geht es voran, aber dann\nkommt ein Unfall, schon drei Kilometer vorher elektronisch angezeigt. Wir\nkommen zum Stehen, komplett. Dann geht es ganz langsam weiter. Eins der\nUnfallwagen steht mitten auf der Fahrbahn. Die Unfallstelle ist noch nicht\ngesichert. Die Busse und LKWs m\u00fcssen absch\u00e4tzen, ob rechts oder links mehr\nPlatz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor Metz geht es \u00fcber die\nMaginot-Linie. Es geht auf Metz zu, und der Verkehr wird immer dichter. In Metz\nsuche ich vergeblich nach Ausschilderungen nach Troyes, Orl\u00e9ans, Tours,\nPoitiers. Nichts da. Stattdessen Stra\u00dfburg, Saarbr\u00fccken, Paris, Lyon, Nancy.\nAlles falsch. Am Ende komme ich, nach vielem Hin und Her und einigem Fluchen\nund dem Bedauern, mich trotz Warnung auf das Handy verlassen und keine Karte\nbesorgt zu haben, \u00fcber Nancy Richtung Troyes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Toul kommt dann endlich die ersehnte\nMaut-Strecke. Von hier aus ist das Fahren ein Kinderspiel, au\u00dfer an einer\nlangen, un\u00fcbersichtlichen Baustelle bei Orl\u00e9ans mit schlecht markierten Fahrstreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch die Vogesen. Nach zwei\nunendlich scheinenden Stunden wird es hell. Auf den Feldern und H\u00fcgeln liegt\nSchnee. Die Sonne findet keine L\u00fccke, aber der Himmel ist nicht deprimierend\ndunkelgrau, sondern eher wei\u00dflich. So als wolle es anfangen zu schneien.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den braunen Schildern am Wege macht\nein Ort auf sich aufmerksam, der f\u00fcr Instrumentenbau bekannt ist, dann einer,\nder f\u00fcr Klingen bekannt ist, dann einer, der f\u00fcr Kristall bekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Autobahnrastst\u00e4tten gibt es d\u00fcnnen\nKaffee aus Plastikbechern, am Automat. Und das in Frankreich! Habe ich anders\nin Erinnerung, vielleicht von anderen Routen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch Domr\u00e9my-la-Pucelle, und es\nwird nat\u00fcrlich Werbung mit der Heldin gemacht. Sp\u00e4ter kommt ein anderer\nfranz\u00f6sischer Held in Sicht: Colombey Les Deux \u00c9glises. Der General posiert in\nUniform.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in die Champagne. Hier liegt kein\nSchnee mehr. Um zehn findet die Sonne eine Wolkenl\u00fccke und begleitet mich dann\nbis zum Nachmittag, erst links, im S\u00fcden, als ich nach Westen fahre, dann, als\nich nach S\u00fcden fahre, direkt vor mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Clairvaux liegt am Wegesrand, und auch\nFontainebleau ist sp\u00e4ter nur wenig abseits der Route. Ich komme an einem Ort\nvorbei, der mit Claudel wirbt. Vorher schon einer, der mit Renoir wirbt. Am\nmeisten Werbung f\u00fcr sich macht aber Troyes. Ein ganzes Spalier von braunen\nSchildern sagt einem, was man alles verpasst, wenn man dran vorbeif\u00e4hrt.\nIrgendwann geht es auch an Le Mans vorbei. Das h\u00e4tte ich weiter n\u00f6rdlich\nverortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Blois Strommasten, die wie\nStrichm\u00e4nnchen aussehen, mit dreieckigen Augen und dreieckigen Ohren und vier\nArmen, zur Seite gestreckt und angewinkelt, einer nach dem anderen. Sieht\nlustig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rastst\u00e4tten haben kuriose Namen:&nbsp;<em>Aire\nde Chantecoq, Aire de la Courte \u00c9p\u00e9e, Aire de la Longue Vue.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Tours geht es von der Autobahn runter:\nmehr als 60 Euro Maut. Sp\u00e4ter kommen noch mal 10 Euro dazu. Ein teures\nVergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Poitiers geht es Richtung Zentrum, aber\ndie Beschilderung ist etwas unklar und die Sonne blendet, so dass ich h\u00e4ufig\nnicht lesen kann, was auf den Schildern steht. Am Ende geht es aber.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment liegt an einem gro\u00dfen\nBoulevard, ist aber ruhig. Genau das, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich bin\nzehn Stunden unterwegs gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen sind es hier 6\u00b0, in Penela 7\u00b0,\nin Trier -3\u00b0. Es kommt eine K\u00e4ltefront genau mit meiner Abreise. F\u00fcr heute ist\nhier Regen angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das trifft sich gut: Die portugiesische\nPartnerstadt von Poitiers ist Coimbra! Die deutsche ist Marburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Innenstadt, gleich in der N\u00e4he\ndes Apartments, liegt eine der wichtigsten Sehensw\u00fcrdigkeiten Poitiers: St.\nJean. Es ist ein rechteckiger, niedriger Bau mit einer polygonalen Vorhalle.\nDer zentrale Bau enth\u00e4lt eine der \u00e4ltesten \u00fcberhaupt erhaltenen Baptisterien\nEuropas, und dazu wichtige Wandmalereien aus den folgenden Jahrhunderten, als\nder Bau erweitert und schlie\u00dflich in eine Kirche verwandelt wurde. Patrozinium:\nJohannes der T\u00e4ufer. In vorchristlicher Zeit war hier in r\u00f6mischer Zeit ein\nprivates Schwimmbecken. Lustig, wie das Christentum f\u00fcr Kontinuit\u00e4t sorgte!<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Terrain, auf dem sich auch das\nMus\u00e9e Sainte Croix befindet, auf einer Wiese etwas abseits der Stra\u00dfe gelegen,\nhat einen besonderen Charme. Nicht ganz so charmant sind die \u00d6ffnungszeiten,\nbesonders im Januar. Das ist eben keine Reisezeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch v\u00f6llig verlassene, schmale Str\u00e4\u00dfchen\ngeht in die Innenstadt. Das sieht alles, obwohl kein Mensch unterwegs ist,\nauthentisch aus, sch\u00f6n alt, aber nicht so geleckt. Auch scheinen hier ganz\nnormale Wohnungen zu sein. Eine gro\u00dfe Kirche, von der ich noch nicht wei\u00df, dass\nes die Kathedrale ist, lasse ich rechts liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum historischen Zentrum geht es leicht\nbergauf. Allm\u00e4hlich begegnen mir auch ein paar Menschen, und oben, auf dem\nMarktplatz, ist richtig viel Betrieb. Es gibt einen modernen, \u00fcberdachten Markt\nmit festen Pl\u00e4tzen, und drum herum einen offenen Wochenmarkt. Ein Hingucker\nsind die Austern und die Jakobsmuscheln, aber am verlockendsten sieht der K\u00e4se\naus. Dem sieht man f\u00f6rmlich an, dass es nach was schmeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude am\nMarktplatz ist die Touristeninformation. Hier gibt es einen Stadtplan und einen\nkurzen Film \u00fcber die Geschichte von Poitiers. Poitiers geht auf eine keltische\nGr\u00fcndung zur\u00fcck, eine Siedlung der Pikten. Die keltische Siedlung hie\u00df&nbsp;<em>Limonum<\/em>.\nVielleicht ist das in&nbsp;<em>Limoges<\/em>&nbsp;erhalten.&nbsp;<em>Poitiers<\/em>&nbsp;soll\nvon&nbsp;<em>Pikten<\/em>&nbsp;abgeleitet sein. W\u00e4re ich im Leben nicht drauf\ngekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pikten suchten sich diese Stelle wegen\nder zwei Fl\u00fcsse aus, dem Clain und der Boivre. Der Clain begrenzt bis heute die\nInnenstadt. Der Boulevard, an dem das Apartment liegt, folgt der Linie des\nFlusses. Ob der Fluss, den ich gestern mehrmals bei der Suche nach dem\nApartment \u00fcberquert habe, auch der Clain ist, kann ich nicht mehr\nfeststellen.&nbsp;<em>Boivre<\/em>&nbsp;ist etymologisch verwandt mit&nbsp;<em>Biber<\/em>.\nKurioserweise ist Clain im Franz\u00f6sischen Maskulinum, Boivre Femininum, genau\ndas Genus, was ich ihnen intuitiv im Deutschen zugeordnet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment liegt auf dem Boulevard\nAnatole France, und ich frage, ob der eine besondere Beziehung zu Poitiers\nhatte. Das m\u00fcsse man im Archiv nachgucken, ist die Antwort. Daraufhin verzichte\nich auf meine anderen Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der K\u00e4lte fl\u00fcchte ich mich in ein\nCaf\u00e9. Es gibt Kaffee, aber kein Geb\u00e4ck, keine Croissants, nichts. Caf\u00e9 bedeutet\neben im Franz\u00f6sischen was anderes als im Deutschen.&nbsp;Der Mann am Nebentisch\nhat das Problem auf seine Art gel\u00f6st: Er holt aus einer T\u00fcte sein Croissant\nraus und isst es zu dem Kaffee. Scheint akzeptiert zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wichtigste Ausschank hier ist Bier.\nDas gibt es in allen m\u00f6glichen Sorten. Aber nicht zu dieser Jahreszeit. Jetzt\ntrinken alle Kaffee. Das Caf\u00e9 ist klein und dunkel. Es ist rappelvoll, man\nsitzt an kleinen runden Tischen und an der stilvollen Theke aus Eichenholz mit\nvergoldeten Messingst\u00e4ben, von einem \u201cBaldachin\u201d bekr\u00f6nt. Der Mann hinter der\nTheke hat ein Trockentuch \u00fcber die Schulter geworfen und klappert mit den\nfrisch gesp\u00fclten Espresso-Tassen. Auf den runden Tischen Frauenportr\u00e4ts im\nJugendstil. An der Wand alte Reklameschilder von Pernot und Coca-Cola, aus den\nLautsprechern amerikanische Jazz-Musik. Man kann nicht sagen, dass das Caf\u00e9\nkeine Atmosph\u00e4re hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einfachheit beginne ich die\nBesichtigung mit Notre Dame, gleich hier auf dem Marktplatz. Nicht zu \u00fcbersehen\nist die wunderbare, skulptierte Fassade. Dies ist nicht die Kathedrale, wie ich\nzuerst glaubte, sondern eine Stiftskirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau ist romanisch. An der Nordseite\nenden die leicht aus der Wand heraustretenden Seitenkapellen in Giebeln, wie in\nOstwestfalen. Die S\u00fcdseite ist anders, etwas verbaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen nimmt einen die Atmosph\u00e4re sofort\ngefangen, auch wenn es ziemlich dunkel ist. Man erkennt aber sofort die farbig\ngefassten S\u00e4ulenb\u00fcndel, mit sch\u00f6nen geometrischen Mustern als Verzierung. Das\nist 19. Jahrhundert, aber trotzdem sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist dreischiffig, mit einem\nChorumgang und einem Tonnengew\u00f6lbe im Mittelschiff. Sie ist lang und hoch, vor\nallem in Relation zur Breite. Wenn man hinten steht, sieht man ganz deutlich,\ndass das Mittelschiff v\u00f6llig aus der Achse ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ber\u00fchmteste Skulptur steht im Chor: La\nVi\u00e8rge des Cl\u00e9s. Es ist eine Kopie einer mittelalterlichen Skulptur, die von\nden Hugenotten zerst\u00f6rt wurde. Die Madonna h\u00e4lt das Jesuskind gerade vor sich\nauf dem Scho\u00df und hat dadurch beide H\u00e4nde frei. Rechts h\u00e4lt sie einen\nPalmzweig, links den namengebenden Schl\u00fcssel, vergoldet, gro\u00df. Der bezieht sich\nauf eine Legende: Ein treuloser B\u00fcrger wollte die Stadt verraten und den\nSchl\u00fcssel zu einem Stadttor den b\u00f6sen Engl\u00e4ndern \u00fcbergeben, aber: Sie da, der\nSchl\u00fcssel war weg. Die Madonna hatte ihn sich an Land gezogen. Als der\nB\u00fcrgermeister sich angesichts des fehlenden Schl\u00fcssels an Maria wendete,\nentdeckte er ihn in ihrer Hand. Die Madonnen helfen eben immer den Guten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Kapelle im Chorumgang f\u00e4llt mein\nBlick auf eine Skulpturengruppe, eine Beweinungsszene, vier Frauen und zwei\nM\u00e4nner. Auch hier spielt das 19. Jahrhundert sein Spielchen mit mir: Ich h\u00e4tte\ndie Skulptur glatt als Renaissance-Werk durchgehen lassen. Jedenfalls ist die\nGewandung nicht aus der Zeit der Entstehung, und noch weniger aus dem Pal\u00e4stina\nder Zeitenwende. Alle Figuren tragen lange, elegante, vor allem bei den M\u00e4nnern\nreich verzierte Gew\u00e4nder. Die Frauen tragen lange, mehrmals um die Schulter geschlungene\nT\u00fccher. Einer der M\u00e4nner tr\u00e4gt an einem G\u00fcrtel eine Geldtasche aus Leder.\nWorauf das anspielen soll, ist nicht klar. Vielleicht auf den wohlhabenden\nJoseph von Arimath\u00e4a? Am besten aber sind die Kopfbedeckungen! H\u00fcte, M\u00fctzen,\nHauben aller Art, wie eine Modenschau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner halten an beiden Enden das\nLeichentuch mit dem toten Jesus, die Frauen stehen dahinter, alle mit\nunterschiedlichen Gesten und Ausdr\u00fccken der Trauer, von exaltiert bis\ngedankenverloren und ersch\u00fcttert. Eine tolle Skulptur. Erinnert mich an\nBologna, zumal dies auch Holz zu sein scheint, aber farbig gefasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt noch die Bilderwand der\nWestfassade. Beeindruckend schon der erste Blick darauf, kaum eine Stelle leer,\n\u00fcberall wimmelt es von Figuren und Verzierungen. Ganz oben, in einer Mandorla,\ntriumphiert Christus. Darunter in zwei Reihen vierzehn Figuren, die zw\u00f6lf\nApostel und zwei Bisch\u00f6fe. Einem der Apostel haben die Schleimer eine Triara\naufgesetzt, eine Reverenz an Urban II., der die&nbsp;Kirche h\u00f6chstpers\u00f6nlich\neingeweiht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter ein Fries mit biblischen\nEreignissen, ganz links der S\u00fcndenfall und ganz rechts eine Szene, die ich als\ndie R\u00fcckkehr des Verlorenen Sohns deute. Warum wird die eigentlich so selten\ndargestellt? F\u00fcr mich eine der wirkungsvollsten und schwierigsten Szenen des\nNeuen Testaments.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazwischen gibt es eine ganz merkw\u00fcrdige\nGeburtsszene, etwas unbeholfen dargestellt: Maria zeigt liegend auf die Krippe\nmit dem Jesuskind. Die ist aber nur ganz klein zu sehen. Rechts davon eine\nSzene, die ganz falsch verstanden habe, als eine Taufe. Man sieht eine Figur\nbis zur H\u00fcfte in ein rundliches Becken eingetaucht, links und rechts davon zwei\nFiguren. Das sind zwei Figuren, die das Jesuskind waschen! Eine Szene, die sich\nim Mittelalter gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit erfreute. Das Becken ist kein Taufbecken,\nsondern ein Bottich! Maria hat sich derweil aus dem Staub gemacht, und Josef\nlehnt einsam an einem Baumstamm.<\/p>\n\n\n\n<p>Im unteren Teil dann Tiere, die meisten\nhalbe Fabelwesen, nicht zu identifizieren. Eine grobe \u00c4hnlichkeit mit L\u00f6wen ist\nbei einigen zu erkennen. Sie winden sich, so als ob sie etwas erleiden w\u00fcrden,\noder attackieren einander.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach folge ich, nicht sehr systematisch,\nden verschiedenfarbigen Linien, die man in das Pflaster eingelassen hat und von\ndenen jede eine auf eine andere thematische Tour durch Poitiers f\u00fchrt. Gut,\ndass es sie gibt, denn so kommt man zu Pl\u00e4tzen, zu denen man von selbst nicht\nohne Weiteres kommen w\u00fcrde. Dabei sto\u00dfe ich auf das eine oder andere\nsprachliche Problem: An einem Weingesch\u00e4ft steht:&nbsp;<em>La Vache \u00e0 Vin<\/em>.\nWas macht die Kuh mit dem Wein. An einer Konditorei steht:&nbsp;<em>Patissier\nund Traiteur<\/em>. Ist das nicht ein Verr\u00e4ter? Und eine Stra\u00dfe hei\u00dft&nbsp;<em>Rue\nde la Regratterie<\/em>. Da stehe ich ganz auf dem Schlauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme durch das ehemalige\nHandwerkerviertel. Gesch\u00e4ftsschilder und Stra\u00dfennamen zeugen noch davon. Hier\ngibt es viele Fachwerkh\u00e4user, etwas anders aussehend als bei uns, eher\nbr\u00e4unlich als schwarz und wei\u00df. An einer Stra\u00dfenecke steht ein Haus, das zur\neinen Stra\u00dfe hin Fachwerk hat, zur anderen Stein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht noch weiter sanft aufw\u00e4rts, und an\nder h\u00f6chsten Stelle gelangt man zum Palais, mit einer gro\u00dfen Freitreppe und\neiner klassizistischen Fassade. An dieser Stelle soll die erste Burg gestanden\nhaben. Der heutige Bau beherbergt immer noch die mittelalterlichen \u201cSaal der\nVerlorenen Schritte\u201d, einen Saal, der zu seiner Zeit der gr\u00f6\u00dfte in Europa war.\nUnd f\u00fcr seine Kaminwand bekannt ist. Den will ich nat\u00fcrlich sehen. Ich gehe die\nTreppe rauf, aber oben ist alles verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter abseits liegt das Rathaus,\nein zu gro\u00df geratener Bau an einem zu gro\u00df geratenen rechteckigen Platz. An\ndessen Rand stehen ein paar Laternen und ein paar B\u00e4ume, aber die ganze Mitte\nist leer. Da kommt man sich etwas verloren vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rathaus, das die gesamte Stirnseite\ndes Platzes einnimmt, ein Neo-Renaissance-Bau, sieht auf Photos besser aus als\nin Wirklichkeit. Allerdings laden die K\u00e4lte und der Wind auch nicht zu langem\nVerweilen ein, und vielleicht macht der gesamte Platz bei gutem Wetter mit\nvielen Menschen einen ganz anderen Eindruck. Dies ist ein Prestigebau. Die\nBedeutung der Stadt sollte herausgestellt werden. Innen gibt es eine\nmonumentale Treppe mit sch\u00f6n skulptiertem Gel\u00e4nder, aber auch hier kann man\nnicht rein. Beide Stockwerke haben gro\u00dfe, unterschiedlich gestaltete Fenster,\ndazwischen S\u00e4ulen und Pilaster und leere Sockel. Auf denen sollten urspr\u00fcnglich\ndie Figuren bedeutender Menschen aus Poitiers tragen sollten. Wer da wohl in\ndie Auswahl gekommen w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mittelrisalit mit dem Eingangsportal\ntritt leicht hervor, mit dem Haupteingang und einem halbrunden Fenster dar\u00fcber.\nDiese Achse wird fortgesetzt vom Balkon dar\u00fcber, einem Uhrenturm und einem\neisernen. An den Seiten des Uhrenturm stehen zwei allegorische Gestalten, die\nLandwirtschaft und die Industrie. Auf dem Pavillon vier eiserne Tiger \u2013 was\nTiger hier zu suchen haben, fragt man sich \u2013 und vier Putten. Die halten das\nWappen von Poitiers, das auch irgendwo in einem skulptierten Fries erscheint\nsowie innen an verschiedenen Stellen. Es zeigt den L\u00f6wen von Aquitanien, eine\nLilie und neun goldenen Kugeln. Die sollen f\u00fcr die ersten neun Ratsherren\nstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer gr\u00f6\u00dferen Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe ganz in\nder N\u00e4he finde ich einen Supermarkt, gar nicht so leicht zu finden im\nhistorischen Zentrum einer Stadt. Von gegen\u00fcber kommen leckere D\u00fcfte aus einer\nB\u00e4ckerei. Da scheint es auch Kaffee zu geben, aber es sind keine Tische zu\nsehen, au\u00dfer drau\u00dfen, wo tats\u00e4chlich ein paar Verwegene Platz genommen haben.\nIch stelle mich in die lange Schlange in dem ganz schmalen Raum, nehme all\nmeinen Mut zusammen und frage, ob man sich oben hinsetzen und Kaffee trinken\nkann. Ja, kann man. Bestellen und bezahlen muss man unten. Oben ist ein\nkleiner, bescheiden eingerichteter, aber warmer Raum, in dem man in Ruhe seinen\nKaffee trinken kann. Ich bin ganz alleine. Erst sp\u00e4ter kommen zwei Frauen, eine\nj\u00fcngere und eine \u00e4ltere. Sie nehmen an einem Nebentisch Platz. Ich beachte sie\nnicht weiter, bis mir fremde Kl\u00e4nge ans Ohr kommen. Dann muss ich einfach\nzuh\u00f6ren. Sie machen Sprachunterricht. Die j\u00fcngere Frau lernt Polnisch! Zuerst\nmachen sie etwas Konversation, dann lesen sie einen Text und dann machen sie\nein paar \u00dcbungen. Das k\u00f6nnen sie hier in aller Ruhe machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weitergehe, f\u00e4llt mir ein\neigenartiges Ladenschild auf:&nbsp;<em>Le d\u00e9 \u00e0 trois faces<\/em>. Die Schaufensterauslagen\ngeben erst keinen Hinweis, was es ist, aber dann, beim n\u00e4heren Hinweis, zeigt\nsich, dass es sich um ein Spielwarengesch\u00e4ft handelt. Und das erkl\u00e4rt auch den\nNamen des Gesch\u00e4fts. W\u00fcrfel mit drei Seiten scheint es tats\u00e4chlich zu geben.\nIch bin so davon angetan, dass ich reingehe und ein Puzzle kaufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich noch zu einem ganz\nmerkw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude mit einem ebenso merkw\u00fcrdigen Namen: La Tour Maubergeon.\nVon einem Turm ist aber nichts zu sehen. H\u00f6chstens mehrere runde Halbt\u00fcrme an\neinem unregelm\u00e4\u00dfigen Bau mit gro\u00dfen gotischen Fenstern. Noch merkw\u00fcrdiger ist\ndie Verl\u00e4ngerung dieses Baus, ein Bau mit einer Art getrepptem Giebel, der aber\nkeinen Eingang hat. All das bleibt ein R\u00e4tsel, und ich habe den Eindruck, dass\nich den Bau nie richtig von vorne zu sehen bekomme. Aber dann scheint mir, dass\nich den vorderen Teil vorher gesehen habe, den Bau mit der gro\u00dfen Freitreppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei, die Geschichte des Baus\nist h\u00f6chst bedeutsam und f\u00fchrt in die Bl\u00fctezeit von Poitiers. Der Vorg\u00e4ngerbau,\nnoch zu Verteidigungszwecken gebaut, stammte aus der Zeit von Guillaume IX.,\ndem \u201cErsten Troubadour\u201d. Auf ihn geht auch der zus\u00e4tzliche Turm zur\u00fcck, den ich\nnicht finden kann, der mit dem komischen Namen, Maubergeon. Das war\noffensichtlich der Name seiner (merowingischen) Geliebten, die er trotz der\nWiderstands der Kirche nicht fallen lie\u00df. Diese Maubergeon war die Gro\u00dfmutter\nder legend\u00e4ren Eleonore von Aquitanien und damit die Urgro\u00dfmutter von Richard\nL\u00f6wenherz und Johann Ohneland. Sie veranlasste, zusammen mit ihrem Sohn\nRichard, den Umbau der Verteidigungsanlage, die nach dem Bau der Stadtmauer\nobsolet geworden war, zu einem Palais. Der Burggraben wurde zugesch\u00fcttet. Der\nkreisrunde Verlauf der Stra\u00dfe spiegelt bis heute den Verlauf des Burggrabens\nwider.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eleonores Hof wurde das Erbe ihres\nGro\u00dfvaters gepflegt. Er wurde zu einem wichtigen Zentrum des Minnesangs. Hier\nwurden seine (auf Aquitanisch verfassten) Minnelieder aufgef\u00fchrt. In der Zeit\nvon Eleonore entstand auch der ber\u00fchmte gro\u00dfe Saal, in dem die Fu\u00dftritte wegen\nseiner Gr\u00f6\u00dfe nicht zu h\u00f6ren waren. Sie gingen verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eleonore, die hier zur Verwirrung Ali\u00e9nor\nhei\u00dft, war eine der bemerkenswertesten Figuren der europ\u00e4ischen Geschichte. Ihr\nStammhaus war das der Grafen von Poitou. Die hatten dann das Herzogtum\nAquitanien dazugewonnen. Als der letzte Herzog starb, trat Eleonore das Erbe\nan. Sie heiratete zuerst den franz\u00f6sischen K\u00f6nig, Ludwig VII., dann den\nenglischen K\u00f6nig, Heinrich II. Sie war also innerhalb k\u00fcrzester Zeit K\u00f6nigin\nvon Frankreich und K\u00f6nigin von England! Den franz\u00f6sischen K\u00f6nig wurde sie\nwieder los, indem sie die Ehe annullieren lie\u00df. Sie berief sich darauf, dass\nsie mit ihm verwandt war. Das war ihr erst nach der Hochzeit aufgefallen. Es\ngab aber auch keinen Thronfolger. Die Trennung von Philipp und die Heirat mit\nHeinrich war eine der folgenreichsten Entscheidungen des europ\u00e4ischen\nMittelalters, denn Heinrich, der ohnehin schon Herzog der Normandie war, hatte\nsich jetzt auch noch Anjou an Land gezogen. Die Verbindung der beiden bedeutete\nalso riesige englische Besitzungen in Frankreich, was zu jahrhundertelangen\nAuseinandersetzungen und in letzter Instanz zum Hundertj\u00e4hrigen Krieg f\u00fchrte.\nEleonores Beziehung zu Heinrich war konfliktreich, wie man sich vorstellen\nkann. Er wollte ein einheitliches K\u00f6nigreich, sie wollte ihre Autonomie\nbewahren. Das hatte letztlich zur Folge, dass sie ihre S\u00f6hne unterst\u00fctzte, als\ndie sich gegen ihren Vater auflehnten.&nbsp;Sie stellte Heinrich f\u00fcnfzehn Jahre\nlang unter Hausarrest! So stand es hier, bevor ich von kundiger Seite darauf\naufmerksam gemacht wurde, dass das nicht ganz richtig ist \u2013&nbsp; nichtEleonore\nstellte Heinrich, Heinrich stelle Eleonore unter Hausarrest!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei so einer Vita w\u00e4re es nat\u00fcrlich\nbesonders gut gewesen, diesen merkw\u00fcrdigen Bau irgendwie in den Griff zu\nbekommen und vor allem den Saal zu besichtigen. Aber auch so habe ich einen\nguten Eindruck von Poitiers bekommen. Und kann mich weiterhin an nichts, aber\nauch wirklich gar nichts von damals erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber war es kalt, aber es\nhat nicht geregnet. Jetzt, auf dem R\u00fcckweg, f\u00e4ngt es an. Ich schaffe es aber\nnoch, der Kathedrale einen kurzen Besuch abzustatten. Die liegt auf dem\nR\u00fcckweg, etwas abseits des eigentlichen Zentrums, an einem gro\u00dfen, leeren\nPlatz, der sich am Ende einer schmalen Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich auftut.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es ein beeindruckendes\nSkulpturenwerk an der Fassade. Vor allem die Szene der Verdammten, bestimmt\nf\u00fcnfzig und mehr Figuren, alle dicht aneinander gedr\u00e4ngt, durch die Gegend\npurzelnd oder in die Tiefe gesto\u00dfen. Noch unter ihnen steigen die Toten aus\nihren Gr\u00e4bern auf. Komisch: Was haben sie nur bis dahin gemacht? Nur einfach in\nihren Gr\u00e4bern rumgelegen? Werden sie nicht auch sofort zur Rechenschaft\ngezogen? Erscheinen nur die dann noch Lebenden beim J\u00fcngsten Gericht? Oder wird\nzweimal Urteil gesprochen, einmal am Ende des Lebens, einmal am Ende der Welt?\nLeider ist keiner zugegen, der mir meine Fragen beantworten kann. Genauso wenig\nwie die \u00fcber Eleonore von Aquitanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche hat einen ungew\u00f6hnlichen\nGrundriss, ganz einfach, mit einem geraden Ostabschluss. Der l\u00f6st in dem\nkleinen F\u00fchrer, den ich habe, gro\u00dfes R\u00e4tselraten aus. Die Erkl\u00e4rung liegt aber\nauf der Hand: Das ist englisch! Schlie\u00dflich \u201cgeh\u00f6rte\u201d Poitiers zur Zeit der\nErbauung zu England.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist man in einer gotischen Kirche,\nin der man sich wie in einer Barockkirche vorkommt. Man hat trotz der drei\nSchiffe den Eindruck eines einzelnen Raumes. Die Seitenschiffe sind fast so\nhoch wie das Mittelschiff, und die B\u00f6gen gehen fast bis an die Decke.\nBeeindruckend sind die Dimensionen, vor allem die L\u00e4nge und die Breite.<\/p>\n\n\n\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Eindruck hinterl\u00e4sst aber das\nOrgelspiel. Es war schon drau\u00dfen auf dem Platz zu h\u00f6ren, weit vor der Kirche.\nDie Orgel donnert und dr\u00f6hnt durch die leere Kirche, in der au\u00dfer mir kein Mensch\nist. Offensichtlich bekommt jemand Orgelunterricht, denn alle paar Minuten wird\nunterbrochen und kommentiert. Aber wenn es nach mir ginge, br\u00e4uchte der Spieler\nkeinen Unterricht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussichten f\u00fcr morgen sind nicht\ngerade rosig: In Burgos ist es noch k\u00e4lter, und es regnet.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in aller Herrgottsfr\u00fche in der\ndunklen Seitengasse mein Auto einparken will, um noch mal in die Wohnung zu\ngehen, versperrt mir eine junge Frau den Weg und macht eine hilfesuchende\nGeste. Ich denke nur: Dunkelheit, Ausland, alleine, Wertsachen, Schl\u00fcssel \u2013 und\nmache eine abwehrende Bewegung. Sie verschwindet sofort. Sp\u00e4ter sehe ich sie in\nein Taxi einsteigen. Und \u00e4rgere mich \u00fcber meinen Kleinmut. Sie wollte nur\nmitgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Kilometer geht es durch ein\nIndustriegebiet, dann kommt die Autobahn. Dunkel und leer. Ich muss tanken. Man\nkann nur mit Karte bezahlen, ich will aber bar bezahlen. Ich parke das Auto und\ngehe rein. Radebrechend versuche von der jungen Frau ich erfahren, ob man nicht\nbar bezahlen k\u00f6nne. Dabei komme ich echt in die Bredouille. Das Wort f\u00fcr \u2018bar\u2019\nf\u00e4llt mir nicht ein, und ich versuche es mit&nbsp;<em>en courrant<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>en\ncomptant<\/em>, und irgendwie versteht sie mich, wie ihre Antwort zeigt:&nbsp;<em>en\nesp\u00e8ce<\/em>. H\u00f6rt sich nach Gew\u00fcrzen an. Ob das mal der Ursprung war? Sie macht\nmit einem unglaublichen Redeschwall weiter, dem ich nur entnehme, dass ich erst\nzahlen muss, dann tanken. Ich muss mir aber erst eine Zapfs\u00e4ule aussuchen und\ndas Auto dahinstellen. Dann wieder reinkommen zum Bezahlen. Also muss ich\nvorher absch\u00e4tzen, wie viel Benzin ich brauche? Und was ist, wenn ich zu viel\nbezahlt habe? Die Art, wie ich diese Fragen stelle, hat mit Franz\u00f6sisch nur\nnoch marginal zu tun. Aber sie bewahrt ein ernstes Gesicht und sagt, ja, dann\nerhielte ich das Geld zur\u00fcck. Und genau so geht es: Ich stelle das Auto an eine\nZapfs\u00e4ule, bezahlen 50 \u20ac, tanke f\u00fcr 42 \u20ac, gehe wieder rein und bekomme den Rest\nzur\u00fcck. Auf jeden Fall ist das eine gelungene Strategie, die Leute zum Zahlen\nmit Karte zu ermutigen. Bei der Weiterfahrt f\u00e4llt mir noch auf, dass sich bar\ngar nicht so italienisch anh\u00f6rt wie Giro und Skonto und Bankrott. Der Duden\nhilft: Es ist tats\u00e4chlich deutsch und bedeutet bar im Sinne von \u2018blo\u00df\u2019,\n\u2018unbedeckt\u2019, \u2018nackt\u2019. Ich habe nackt bezahlt. Aber nicht mehr lange zahlen wir\nnackt. Demn\u00e4chst nur noch in&nbsp;<em>cash<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu viel Gelegenheit zum Sinnieren \u00fcber\nSprachwandel habe ich nicht. Es kommt Nebel auf, und der wird immer dichter.\nMan sieht nur noch die Fahrbahnmarkierungen und den Scheibenwischer, der sich\nunentwegt gleichm\u00e4\u00dfig hin und her bewegt. Hin und wieder kommen Warnsignale:\nBrouillard. Gl\u00fccklicherweise kann man die sehen. Irgendwann wird es ganz hinten\nhell, ein r\u00f6tliches Licht. Tagesanbruch? Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s. Danach wird es noch\ndunkler. Erst nach acht Uhr beginnt es, hell zu werden, aber der Nebel h\u00e4lt an.\nEs geht an Cognac vorbei. Auch das h\u00e4tte ich anderswo verortet. Erst nach\nBordeaux l\u00f6st sich der Nebel auf, und es beginnt zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>An die flache, eint\u00f6nige Landschaft\nzwischen Bordeaux und der Grenze kann ich mich noch erinnern. Unz\u00e4hlige B\u00e4ume\nmit schlanken St\u00e4mmen, die bis zur Krone keine \u00c4ste haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Um genau zw\u00f6lf Uhr fahre ich \u00fcber die\nGrenze: Guipuzcoa. Hier ist alles zweisprachig ausgeschildert:&nbsp;<em>Hartu\nticketu<\/em>. Die Ortsnamen stimmen nur in seltenen F\u00e4llen \u00fcberein:&nbsp;<em>Bilbao<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>Bilbo<\/em>,\naber&nbsp;<em>San Sebasti\u00e1n<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>Donostia<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Vitoria<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>Gasteiz<\/em>.\nUnd verwirrenderweise ist&nbsp;<em>Iru\u00f1a<\/em>&nbsp;nicht&nbsp;<em>Ir\u00fan<\/em>,\nsondern&nbsp;<em>Pamplona<\/em>!&nbsp;Es gibt einen weiteren Ort mit diesem Namen,\nin Alava:&nbsp;<em>Iru\u00f1a de<\/em>&nbsp;<em>Oca<\/em>. Alle\ndrei hatten unterschiedliche r\u00f6mische Namen, aber bei den Einheimischen\ndenselben. Vermutlich geht der auf eine Wurzel zur\u00fcck, die einfach \u2018Stadt\u2019\nbedeutet!<\/p>\n\n\n\n<p>Burgos ist hinter der Grenze noch nicht\nausgeschildert. Daf\u00fcr aber Algeciras. Auch auf Arabisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Grenze ver\u00e4ndert sich die\nLandschaft abrupt: schroffe Felsen, steil abfallende Wiesen, baumbestandene\nBerge. Immer wieder geht es durch Tunnel. Leider wird der Regen jetzt so stark,\ndass er von der Umgebung ablenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Baskenland muss man an den Mautstellen\nnicht unbedingt an einem Automaten bezahlen. Es gibt immer eine oder zwei\nStellen, die von einem richtigen, lebendigen Menschen besetzt sind. Davon mache\nich Gebrauch. Es ist netter, erleichtert die Sache aber auch. Man bezahlt\nst\u00e4ndig kleinere Betr\u00e4ge, nur die letzten Kilometer bis Burgos sind gratis.\nDarauf wird aber auch alle Nase lang hingewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich \u00fcber einen Pass komme, h\u00f6rt der\nRegen auf, und ganz hinten kommt die Sonne zum Vorschein. In Burgos ist es dann\ntrocken, sonnig und eiskalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch h\u00e4ssliche Au\u00dfenbezirke\nRichtung Innenstadt. Kein Mensch ist unterwegs, die Stra\u00dfen sind leer. Dies ist\nnoch spanische Mittagszeit, auch wenn es auf vier Uhr zugeht. Gut f\u00fcr mich, das\nerleichtert die Suche. Das Apartment ist ganz zentral gelegen, in einer\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone, und der Treffpunkt ist au\u00dferhalb. Aber da ist nicht so leicht\nhinzukommen. Nach vielen Runden, bei denen ich immer etwa zwei Kilometer vom\nZiel entfernt bin, ganz egal, wohin ich fahre, hilft mir ein Ehepaar mit einer\nperfekten Erkl\u00e4rung: Erst am Cid vorbei, dann \u00fcber die Br\u00fccke, dann auf der\nanderen Seite am Fluss entlang, dann \u00fcber die zweite Br\u00fccke zur\u00fcck an dieses\nUfer. Diesmal klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist perfekt, in einem Altbau\ngelegen, modernisiert und geschmackvoll eingerichtet. Hat alles, was das Herz\nbegehrt. Und ist so zentral gelegen, wie man es nur w\u00fcnschen kann. Noch\nzentraler wohnen nur die Domherren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache gleich einen Spaziergang durch\ndie frische Luft. Tut gut. Ich habe f\u00fcr die Fahrt wieder fast zehn Stunden\ngebraucht, und wieder war die Strecke l\u00e4nger als vom Routenplaner vorhergesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zentrum zeigt sich in dem hellen Licht\nvon seiner besten Seite. Alles sehr photogen, vor allem die Kathedrale. Bei ihr\ndenkt man immer nur an die \u201cK\u00f6lner\u201d T\u00fcrme, aber es handelt sich um einen\nriesigen, komplexen Bau, perfekt in die Hanglage eingepasst. Einmal um die\nKathedrale rum ist ein richtiger Spaziergang, und man muss immer wieder Treppen\nrauf und Treppen runter. Nicht zu \u00fcbersehen ist das reiche bildhauerische Werk,\nan den Portalen, aber auch an den Au\u00dfenmauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Westfassade hat statt der drei\nurspr\u00fcnglichen gotischen Portale drei neoklassische Portale. Die passen wie die\nFaust aufs Auge. Das ist aber auch das einzige Manko einer ansonsten perfekten\nFassade. Die durchbrochenen T\u00fcrme, die durch gotische Fenster mit Dreip\u00e4ssen\ndurchbrochene Wand, das Figurenensemble, der \u00dcbergang der quadratischen\nTurmst\u00fcmpfe in das Achteck der Obergeschosse, der \u2013 wie an dem gesamten Bau \u2013\ngereinigte Sandstein, die relativ bescheidene H\u00f6he \u2013 alles passt!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn auch die T\u00fcrme sofort an K\u00f6ln denken\nlassen, ist die H\u00f6he doch ein Unterschied und auch die Rosette, genauso wie die\nGalerie der K\u00f6nige in einer Linie. Und von den anderen Seiten her ist dann gar\nkein K\u00f6ln mehr zu sehen. Der Bau ist unglaublich komplex, mit einem riesigen\nKreuzgang, einer Sakristei, den ganzen Seitenkapellen und der Kapelle im Osten.\nAuffallend ist, vor allem aus etwas Distanz gesehen, das Ensemble von T\u00fcrmen\nund T\u00fcrmchen. Die bekr\u00f6nen die Querung und die Kapelle im Osten. Dieses\nEnsemble macht es unverwechselbar zu Burgos.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor der Kathedrale auf einer\nBank die Skulptur eines Jakobpilgers, mit Muschel auf der Brust und Pilgerstab\nmit Lederbeutel in der weit von sich gestreckten Hand. Man sieht ihm die\nErsch\u00f6pfung f\u00f6rmlich an.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he ein Gesch\u00e4ft mit einem\nungew\u00f6hnlichen Ladenschild: El ovillo de Aracne. Ein Handarbeitsgesch\u00e4ft. Die\nVerbindung von Mythologie und heimeligem Wollkn\u00e4uel hat was.<\/p>\n\n\n\n<p><em>El Mes\u00f3n de la Cueva<\/em>,&nbsp;<em>El Restaurante&nbsp;Nu\u00f1o<\/em>,&nbsp;<em>El\nAsador de Aranda<\/em>:&nbsp;Hier machen sie sich Konkurrenz, vor allem mit den\ntypisch kastilischen Gerichten: Codillo, Cochinillo, Morcilla. Kein Paradies\nf\u00fcr Vegetarier. An einem Lokal eine handgeschriebene Tafel, das seine&nbsp;<em>Olla\nPodrida<\/em>&nbsp;anpreist \u2013 und gleich die Erkl\u00e4rung \u00fcber den Ursprung des\nmerkw\u00fcrdigen Namens folgen l\u00e4sst:&nbsp;<em>podrida<\/em>&nbsp;=&nbsp;<em>poderida<\/em>.\nDer Eintopf ist m\u00e4chtig, nicht faul.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Burgos ist keine r\u00f6mische Gr\u00fcndung,\nungew\u00f6hnlich f\u00fcr eine spanische Stadt. Sie ist mittelalterlich. Und das erkl\u00e4rt\nwohl auch den deutsch klingenden Namen, angeblich auf Jakobspilger\nzur\u00fcckgehend, die die Stadt wegen der Burg so nannten. Die thront oben auf\neinem H\u00fcgel. Aber es ist nicht mehr viel davon \u00fcbrig. Ich erspare mir den Weg\ndorthin und kehre nach einer intensiven Besichtigungstour am Nachmittag\ndurchfroren nach Hause zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nach Tagesanbruch geht es los. Das\nerste, was mir auff\u00e4llt, ist ein WC: modern, sauber, gratis, mit Erkl\u00e4rungen in\ndrei Sprachen. Da erkennt man Spanien kaum wieder. Dann bin ich aber wieder mit\nSpanien vers\u00f6hnt, als auf zwei elektronischen Anzeigen, die sich in einer\nSichtachse befinden, die eine die einer Bank, die andere die einer Apotheke,\neinmal 8.59, einmal 9.01 und einmal 0\u00b0 und einmal 2\u00b0 sehe. Geht doch!<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Puerta de Santa Mar\u00eda geht es\nzum Fluss, dem Arlanz\u00f3n. Das Tor stammt aus der fr\u00fchen Neuzeit und ersetzt ein\nmittelalterliches, wie so vieles in Burgos. Es ist ein m\u00e4chtiges, breites Tor,\nmit einem eher niedrigen Durchgang, unter einem halbrunden Bogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stadtausw\u00e4rts ist das Tor von zwei\nRundt\u00fcrmen begrenzt. In der Mitte sind in Nischen mehrere gro\u00dfe Skulpturen\neingelassen, sechs historische Figuren in zwei Reihen, oben Fern\u00e1n Gonz\u00e1lez,\nder Cid und Karl V., alle mit gerade nach oben stehenden Schwertern. Da kommt\nman auf ganz andere Gedanken. Dar\u00fcber in einer Nische ein Schutzengel, ganz\noben die Jungfrau, die Schutzpatronin von Stadt und Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tor soll im Zusammenhang mit dem Sieg\nKarls V. \u00fcber die Comuneros zu tun haben, aber welchen, verstehe ich nicht.\nStand Burgos vielleicht auf der Seite der Comuneros und wollte Abbitte leisten?\nDie Comuneros, st\u00e4dtische Patrizier, hatten sich mit den Adeligen verb\u00fcndet, um\ndie Errichtung einer absoluten Monarchie in Spanien vorzubeugen. Ihre\nForderungen wurden dann aber den Adeligen zu brisant, und so blieben sie allein\nauf weiter Flur. Und letztlich chancenlos gegen die Monarchie. Dabei hatte Karl\nsowieso alle H\u00e4nde voll zu tun: Die aufst\u00e4ndischen Holl\u00e4nder, die ketzerischen\ndeutschen Protestanten, die Angriffe der T\u00fcrken, und jetzt auch noch diese\nbl\u00f6den St\u00e4dter, die sich einbildeten, ein Land besser regieren zu k\u00f6nnen als\nein K\u00f6nig!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei, es lohnt sich, das Tor\nzu durchschreiten und sich die Flusspartie anzusehen. Hier gibt es drei\nparallel verlaufenden Wege zum Promenieren: unten am Fluss ein Spazierweg auf\nSand und Gras, hier oben mit Blick auf den Fluss eine breite, sch\u00f6n\ngepflasterte Promenade mit gewagt geschnittenen Buchsb\u00e4umen zu beiden Seiten,\nund dann etwas vom Fluss entfernt, eine weitere Promenade auf Stra\u00dfenpflaster,\nmit gestutzten Platanen zu beiden Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Fluss sehe ich am Ufer eine junge Frau,\ndie sich auf ein Gitter st\u00fctzt und gedankenversunken auf den Fluss blickt. Sie\nhat ein sch\u00f6nes Gesicht und wunderbares, langes Haar, das sie quer \u00fcber die\nSchulter geworfen hat. Sie tr\u00e4gt einfache Stiefel und ein einfaches Kleid, dazu\neinfachen Schmuck, aber all das ist passend. Ich sehe sie unverwandt an. Sie\nhat nichts dagegen. Es ist eine Skulptur. Skulpturen dieser Art sind \u00fcber das\nganze Zentrum verteilt. Schon vorher habe ich am Stadttor eine auf dem Boden\nhockende Frau mit Kopftuch gesehen, die vor sich in der Glut Kastanien r\u00f6stet.\nSp\u00e4ter treffe ich auf einen Mann, der l\u00e4ssig an einer H\u00e4userwand lehnt und\nZeitung liest. Dann auf ein altes Ehepaar auf einer Parkbank, sie strickend,\nmit Wollkn\u00e4ueln an der Seite, er auf den Stock gest\u00fctzt, tatenlos. Dann kommt\nein Schmied bei der Arbeit und schlie\u00dflich ein Junge in der Begleitung eines\nMannes, beide in Kost\u00fcmen. Ein Schild auf dem Boden davor verr\u00e4t, was sie darstellen:&nbsp;<em>Tetines\ny Danzantes<\/em>. Jungen, die traditionelle T\u00e4nze erlernen und ihre Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Promenade endet in einen kleinen, aber\nviel befahrenen Platz. Auf dem steht das Reiterstandbild des Cid. Der\nrauschende Bart, der Helm, das im Wind flatternde Gewand, die nach vorne\ngestreckte Lanze, das nach vorne galoppierende Pferd mit dem waagerecht in der\nLuft stehenden Schwanz, das ist alles ein bisschen zu dramatisch. Fast muss man\nlachen. Aber der Himmel mit dem Gemisch aus Wolken und Sonne bietet den passenden\nRahmen f\u00fcr ein etwas theatralisches Photo.<\/p>\n\n\n\n<p>So f\u00fcgt es sich gut, dass das Theater\ngleich hier an diesem Platz steht. Eine Fassade, die schwer einzuordnen ist, so\netwas wie ein modifiziertes Neobarock. Als die Sonne durch die Wolken bricht,\nspiegelt sie sich in den Fensterscheiben der Fassade und l\u00e4sst sie gleich viel\nsch\u00f6ner erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater hat hinten keinen geraden\nAbschluss, wie man ihn erwarten w\u00fcrden, sondern schlie\u00dft polygonal ab. Das,\nerf\u00e4hrt man aus einer Inschrift, ist ein Erweiterungsbau. Das Theatergeb\u00e4ude\ndiente auch als Sitz einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, und die war hier\nuntergebracht. Erst jetzt verstehe ich den merkw\u00fcrdigen Seiteneingang, an dem\nich vorher vorbeigekommen bin: ein gro\u00dfes h\u00f6lzernes Portal im Jugendstil, das\nhier v\u00f6llig unerwartet auftaucht. Darauf steht:&nbsp;<em>Sal\u00f3n de Recreo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Meter weiter an derselben Fassade\nEl Morito, ein Mohr, der mit zwei verschiedenen Glocken die Stunde und die\nViertelstunde l\u00e4utet und \u00fcber einer emblematischen Uhr steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf eine Reihe von kleineren\nPl\u00e4tzen und Stra\u00dfen, alles sehr sch\u00f6n. Eine Bar hat den sch\u00f6nen Namen&nbsp;<em>\u00bfQuedamos?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehe ich pl\u00f6tzlich auf der Plaza\nMayor. \u00dcber den H\u00e4usern sieht man die vielen T\u00fcrme der Kathedrale. Sehr sch\u00f6nes\nBild.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Plaza Mayor ist ungew\u00f6hnlich: ein\nunregelm\u00e4\u00dfiger Kreis, mit H\u00e4usern, die alle unterschiedlich sind, in Breite,\nH\u00f6he und Aussehen, aber die dennoch ein sch\u00f6nes Ensemble sind. Alle haben\nLaubeng\u00e4nge unten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur&nbsp;<em>Casa del Cord\u00f3n<\/em>.\nDer Name ist irref\u00fchrend. Es ist eher ein Palast. Gro\u00df genug, um in einem Teil,\ninnen modernisiert, eine Bank unterzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<em>Casa del Cord\u00f3n<\/em>&nbsp;ist\nein Renaissancebau, der zu einer Seite auf die alte&nbsp;<em>Plaza Mayor<\/em>&nbsp;geht,\neine kleinere Version der neuen. Zu dieser Seite hin ist die sch\u00f6ne S\u00fcdfassade\ndes Hauses, mit den namensgebenden Franziskaner-Kordel. Sie umrahmt das ganze\nPortal. Hier ist Geschichte geschrieben worden, wie eine Inschrift an der\nS\u00fcdfassade zeigt: In diesem Haus empfingen die Katholischen K\u00f6nige Kolumbus\nnach seiner zweiten Reise nach Amerika. Das ist aber l\u00e4ngst nicht alles: Hier\nstarb Felipe el Hermoso, nachdem er sich beim Pelota-Spiel erk\u00e4ltet hatte. Und\nhier fand die Hochzeit des Infanten Juan mit Margarete von \u00d6sterreich statt.\nNoch wichtiger aber: Hier beschlossen die Parlamente von Kastilien und Navarra\ndie Vereinigung der beiden K\u00f6nigreiche, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur\nEntstehung Spaniens.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich ein bisschen durch die\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone, \u00fcber eine breitere, dann \u00fcber eine schmalere Stra\u00dfe, die zur\u00fcck\nzur&nbsp;<em>Plaza Mayor<\/em>&nbsp;f\u00fchrt. Hier reiht sich ein Lokal an das\nandere. Darunter eine Bar,&nbsp;<em>La Quinta del Monje<\/em>, bei der die Tapas,\noffensichtlich besserer Qualit\u00e4t, schon drau\u00dfen mit Photos und Preisen\nangezeigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der breiteren Stra\u00dfe viele alte\nGesch\u00e4fte, noch in privater Hand, darunter ein Hutgesch\u00e4ft und ein\nSchirmgesch\u00e4ft und mehrere Buchhandlungen sowie&nbsp;<em>Aristocrazy<\/em>, ein\nmodernes Schmuckgesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr die Kathedrale. Es gibt\ngleich vier Eing\u00e4nge, alle mit reichem Skulpturenschmuck. Im S\u00fcden \u2013 da ist der\nEingang, und da kommt man ebenerdig in die Kathedrale \u2013 ist die Majest\u00e4t\nChristi das Thema. Eine strenge, nach vorne blickende Christusfugut h\u00e4lt das\nGesetzesbuch in der Hand, umgeben von den Symbolen der Evangelisten. Diese\nselber gruppieren sich drum herum, und zwar alle an einem Pult sitzend und\neifrig schreibend!<\/p>\n\n\n\n<p>An der Hauptfassade, wie in den\nfranz\u00f6sischen K\u00f6nigskathedralen, eine Galerie der ersten Herrscher Kastiliens,\nvon Fernando I. bis zu Fernando III. Ausgerechnet Urraca, die einzige K\u00f6nigin,\nhat man ausgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade hat auch, ganz franz\u00f6sisch,\neine Rosette. Eine weitere Rosette gibt es im Norden. Ganz ungew\u00f6hnlich ist\neine gemei\u00dfelte Inschrift, die von unten einfach dekorativ aussieht. In\ngotischen Buchstaben steht da:&nbsp;pulcra es et decora.&nbsp;Das bezieht sich\nauf Maria, die Patronin der Kirche, deren Bildnis \u00fcber der Inschrift erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Portale der Hauptfassade sind\ngeschlossen, und die der Nordseite auch. Von hier aus k\u00e4me man nur \u00fcber eine\nTreppe in die Kirche hinunter. Fr\u00fcher gab es auch eine ganz einfache Treppe,\nund man nutzte die Kathedrale auch, um einfach von einer Seite der Innenstadt\nzur anderen zu kommen. Diese Treppe wurde dann durch die&nbsp;<em>Escalera\nDorada<\/em>&nbsp;ersetzt, zum Betreten zu schade!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema des Nordportals ist die Deesis,\ndie Bitte um Anh\u00f6rung. Die Jungfrau und Johannes bitten vor Gott f\u00fcr die\ns\u00fcndige Menschheit. Christus weist auf seinen entbl\u00f6\u00dften K\u00f6rper und die seine\nH\u00e4nde und die Wundmale an beiden. Das Thema wird dann fortgef\u00fchrt in der\nDarstellung eines Themas, das \u2013 wie ich jetzt lese \u2013 Psychostasie hei\u00dft, das\nWiegen der Seelen. Michael ist mit diesem Job beauftragt worden. Darunter\nschlie\u00dft sich folgerichtig das J\u00fcngste Gericht an, anders als in Poitiers,\nnicht so gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich rein in die Kirche,\nzum reduzierten Rentnertarif. Innen verstellt der Chor, wie fast \u00fcberall in\nSpanien, den Blick nach Osten (und den nach Norden und S\u00fcden und Westen!). Er\nsteht mitten im Mittelschiff statt im Chor, also da, wo er hingeh\u00f6rt. Diese\n\u00c4nderung wurde im16. Jahrhundert in Spanien eingef\u00fchrt, wei\u00df der Kuckuck warum,\naber eben nur in Spanien. Man bekommt dadurch kaum einen Raumeindruck von dem\nBau.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Chor anzusehen, lohnt sich aber auf\njeden Fall. Zur einen Seite der vergoldete Hochaltar, zur anderen das Chorgest\u00fchl,\nund in der Mitte, unter der Vierung, die Grabst\u00e4tte des Cid und seiner\nGemahlin,&nbsp;Do\u00f1a Jimena, unter&nbsp;einer einfachen, gro\u00dfen Marmorplatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vierungsturm, m\u00e4chtig, achteckig, ist\nwundersch\u00f6n gestaltet. Man sieht hinauf zu einem vielzackigen Stern, in den\nwiederum ein anderer Stern eingelassen ist. Es fehlt nur ein bisschen\nSonnenschein, um den Blick perfekt zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Chorgest\u00fchl kann man nicht betreten,\naber man sieht das Ensemble und die ersten Pl\u00e4tze. Es d\u00fcrfte um die f\u00fcnfzig\nSitze geben, in zwei Reihen angeordnet, und es d\u00fcrfte um die dreihundert im\nHalbrelief geschnitzte Fl\u00e4chen \u00fcber und unter den Pl\u00e4tzen geben. Die ersten\nkann man im Detail ansehen. Allein in einer geschnitzten Fl\u00e4che rechts sieht\nman neun Figuren, wenn man die mitz\u00e4hlt, deren Kopf gerade abgeschlagen auf\neinem Teller liegt. Diese Figur erscheint allerdings zweimal. Oben wird gerade\nvon einem grimmig aussehenden Schergen das Messer angesetzt. Das Ganze\ngeschieht unter k\u00f6niglicher Aufsicht. Links davon, immer noch im selben Bild,\nzwei Bisch\u00f6fe, einer mit einem Krummstab, einer mit einem Stab, der in einem\nKreuz endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter K\u00e4mpfer mit Waffen, nur mit\nR\u00f6ckchen bekleidet, und in den Miserikordien Tiere, die in der Erde w\u00fchlen, so\neine Art Warzenschwein.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sitzreihe wird abgeschlossen und\nquasi \u201cbewacht\u201d von einer nackten M\u00e4nnerfigur mit einem muskul\u00f6sen K\u00f6rper wie\naus dem Fitnessstudio. Sein Pendant auf der anderen Seite ist eine ebenfalls\nnackte Figur, mit einem langen Bart und entbl\u00f6\u00dften Frauenbr\u00fcsten. Was den\nHolzschnitzern so alles in den Sinn gekommen ist! Steht in keinem Reisef\u00fchrer!<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00f6rdlich der Vierung die wunderbare&nbsp;<em>Escalera\nDorada<\/em>, eine doppell\u00e4ufige Treppe, die unten ein paar gemeinsame Stufen\nhat, dann zu den beiden Seiten auseinander l\u00e4uft, um sich oben wieder zu\ntreffen. Sie hat ein sch\u00f6nes, geschmiedetes Gel\u00e4nder, aber man kann es nicht\nvon Nahem sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist Renaissance. Die Kirche, die\nau\u00dfen, vor allem vor der Westfassade, wie eine klassische gotische Kirche\naussieht, ist innen ganz, ganz anders. Auch durch den Kapellenkranz. Der d\u00fcrfte\nauch erst sp\u00e4ter angelegt worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapellen sind teils so gro\u00df und so\nreich ausgestattet wie eigene Kirchen. Ich sehe mir die&nbsp;<em>Capilla del\nCondestable<\/em>&nbsp;genauer an. Sie bildet dem Abschluss des Chorumgangs. In\nder h\u00e4ngt so ganz nebenbei eine Maria Magdalena von Leonardo (oder Leonardo\nzugeschrieben). Aber die Kapelle ist so reicht ausgestattet, dass man das\nGem\u00e4lde glatt \u00fcbersehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es alleine drei Alt\u00e4re und\nvierzehn Sandsteinfiguren, jede einzelne mit einem Baldachin versehen und einer\nganzen Kampfszene zu den F\u00fc\u00dfen. Im Zentrum die sch\u00f6nen, idealisierten\nGrabfiguren des Stifterehepaars, mit detaillierten Abbildung des Schmucks auf\nR\u00fcstung und Gewand und genauer Nachbildung des Faltenwurfs, und einem H\u00fcndchen\nzu F\u00fc\u00dfen der Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir hier aber mal ein paar\nDetails an, die in der Bilderflut sonst untergehen, wie ein skulptiertes Gitter\nan der Seite des Altars und ein vergoldetes, geschmiedetes Wappen rechts davon.\nUnglaublich, welche Arbeit und welche Kunstfertigkeit darin steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz am anderen Ende der Kathedrale, im\nWesten, befindet sich hoch oben der Papamoscas, eine Figur, die die Stunden\nschl\u00e4gt und dabei den Mund \u00f6ffnet. Die Figur erfreut sich gro\u00dfer Popularit\u00e4t,\nist aber eigentlich nichts Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird durch Pfeile auf einem festen Weg\ndurch die Kathedrale geleitet, und der bringt mich in die Sakristei und dann in\nden Kreuzgang, aber nur in die obere Etage. Nach unten gerate ich gar nicht und\nsehe damit auch den Eingang zum Kreuzgang nicht, der in allen B\u00fcchern\nerscheint. Ebenfalls verpasse ich den&nbsp;<em>Cristo de Burgos<\/em>, eine\nbeeindruckende und gleichzeitig sehr popul\u00e4re Figur von Christus am Kreuz.\nVielleicht hat das alles damit zu tun, dass unten eine Kapelle restauriert\nwird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sakristei hat einen barocken\n\u00dcberschwang, mit knallbunten Gipsfiguren, dass es einem zum Lachen zumute ist.\nWas die vielfigurige Szene an der Decke darstellen soll, ist nicht zu\nentr\u00e4tseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kreuzgang ist hoch und elegant, aber\nleider durch und durch verglast, so dass man kaum einen Blick in den Innenhof\nwerfen kann und auch die andere Seite nicht sieht, was doch den Reiz eines\nKreuzgangs ausmacht. Hier, im Kreuzgang, sto\u00dfe ich unerwarteterweise auf\nden&nbsp;<em>Cofre<\/em>&nbsp;<em>del Cid<\/em>, eine mittelalterliche Truhe, verbunden mit einer\nnicht sehr heldenhaften Tat des Cid. Er brauchte nach seinem Exilierung\ndringend Geld, um die 300 M\u00e4nner zu bezahlen, die ihn begleiten w\u00fcrden. Das\nGeld lieh er sich von zwei j\u00fcdischen Geldleihern. Als Garantie gab er ihnen\ndiese Truhe, die angeblich Schmuckst\u00fccke enthielt im Gegenwert zu dem Geld. Die\nJuden rochen ein gutes Gesch\u00e4ft, akzeptierten, ohne nachzusehen, und fanden am\nEnde heraus, dass die Truhe nur Sand und Steine enthielt. Eine wahrlich christliche\nLegende!<\/p>\n\n\n\n<p>Hunger hat sich eingestellt. Eins der\nvielen typischen Men\u00fcs des Zentrums offeriert&nbsp;<em>La Posada<\/em>: Sopa\nCastellana, Guiso de Lechazo, Pudding. Der ist hier, statt mit Brotkrumen oder\nmit Geb\u00e4ckst\u00fcckchen, mit kleinen St\u00fccken Obst durchsetzt. Dazu Wein. Schmeckt\nalles gut, au\u00dfer den durchgeweichten Pommes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der einzige Gast, bis um Viertel\nnach zwei ein weiterer eintrifft. Er nimmt das Gegenprogramm: Gambas, Kabeljau,\nWasser, Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist alles sehr spanisch. Unten, in der\nBar, geht es laut und unordentlich zu, oben ist ein sch\u00f6ner Speisesaal mit\nHolzbalkendecke. Die Tische sind eingedeckt, aus dem Lautsprecher kommt leise\nGitarrenmusik, an den W\u00e4nden h\u00e4ngen Schwarz-Wei\u00df-Photos von Stierk\u00e4mpfern. Die\nSuppe wird in einer Keramik-Sch\u00fcssel serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Hinweisschilder auf das WC,\nein sch\u00f6nes Keramikschild, ein gew\u00f6hnliches Messingschild. Auf dem einem\nsteht&nbsp;<em>Aseos<\/em>, auf dem anderen&nbsp;<em>Servicios<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch rauf zu San Esteban. Das\nhabe ich noch von damals in Erinnerung. Es ist aber geschlossen, da es ein\nMuseum und heute Montag ist. Der Weg lohnt sich aber doch: Auf dem kleinen\nPlatz davor steht, seitlich zum Platz, ein schief in den Hang gebautes\neinst\u00f6ckiges H\u00e4uschen, mit der ganzen Fassade \u00fcber und \u00fcber voll mit einfachen\nBlument\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen habe ich aber zuf\u00e4llig ein\nMuseum entdeckt, das auch heute ge\u00f6ffnet ist, untergebracht in einem schmalen\nHaus, ganz unscheinbar:&nbsp;<em>El Museo del Libro<\/em>. Man muss klingeln, um\neingelassen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum geh\u00f6rt einem Verlag, Silo\u00e9, der\nsich auf die Herstellung von Faksimiles spezialisiert hat und wichtige Werke\nver\u00f6ffentlicht hat. Hier pr\u00e4sentieren sie auf drei Etagen die Geschichte des\nBuches, kurz und b\u00fcndig, gut gemacht, mit Nachbildungen von wichtigen\nWerkzeugen und Bildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beginn der Schrift wird nach\nMesopotamien verortet, mit der Keilschrift. Das ist aber nicht unumstritten.\nMindestens China und \u00c4gypten waren zur gleichen Zeit am Zug, und eine der\ngro\u00dfen Fragen ist weiterhin, ob es f\u00fcr so eine wichtige Erfindung mehrmals an\nverschiedenen Orten gemacht wurde \u2013 klingt unwahrscheinlich \u2013 oder sich von\neinem Ort aus schnell um die Welt verbreitet hat \u2013 klingt ebenso\nunwahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Mesopotamien werden die Stifte der\nKeilschrift und beschriebene Tonpl\u00e4ttchen pr\u00e4sentiert. \u00dcberhaupt wird auf\nSchreibmaterialien gro\u00dfen Wert gelegt: Stein, Knochen, Ton, Papyrus, Pergament,\nPapier, Bildschirm.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer kleinen Videosequenz sieht man,\nwie viel Aufwand es ist, Pergament herzustellen. Zuerst muss die Haut immer\nfeucht gehalten werden, dann wird die obere Schicht mit den Haaren abgekratzt,\ndann wird die Haut eingespannt und muss weiterhin von beiden Seiten feucht\ngehalten werden. Man bekommt aus viel Tierhaut wenig Pergament.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Etage darunter geht es weiter mit\nGutenberg und dem Buchdruck. Hier liegt das Augenmerk auf einem gewissen\nFadrique de Basilea. Der war von besonderer Bedeutung f\u00fcr Burgos. Ob er\nwirklich aus Basel kam, ist nicht gesichert, auf jeden Fall aber aus dem\ndeutschsprachigen Bereich, denn eigentlich hei\u00dft er Friedrich Biel. In Spanien\nwurde er dann zu Fadrique. Er druckte eine ganze Reihe wichtiger Inkunabeln,\ndarunter die erste Ausgabe von&nbsp;<em>Calixto y Melibea&nbsp;<\/em>und von\nder&nbsp;<em>Celestina<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden B\u00fccher aus verschiedenen\nEpochen gezeigt, fr\u00fche Neuzeit, Barock, Aufkl\u00e4rung. Es gibt Ausgaben von dem\nersten und dem zweiten Band des Quijote. Der eine spricht von dem&nbsp;<em>Ingenioso\nHidalgo Don Quixote<\/em>, der andere von dem&nbsp;<em>Ingenioso Cavallero Don\nQuixote.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Unten gibt es eine Etage \u00fcber den Cid.\nEtwas unerwartet, aber auch hier geht es um Ausgaben des Buches. Der Cid, hei\u00dft\nes, wurde geboren zu einer Zeit, als das Kalifat von C\u00f3rdoba gerade\nzusammengebrochen war und sich in die Reinas de Taifa aufgel\u00f6st hatte. Parallel\ndazu hatte auf christlicher Seite Fernando I. sein Reich unter seine S\u00f6hne aufgeteilt,\nwas zu Bruderzwist und Kriegen f\u00fchrte. Vor diesem Hintergrund sind die vielen\n\u201cSeitenwechsel\u201d des Cid eher verst\u00e4ndlich. Christen und Araber bek\u00e4mpften sich\ngegenseitig, aber auch untereinander. In dem Gedicht \u00fcber den Cid verschwimmen\nWirklichkeit und Fiktion. Er erscheint jedenfalls als der klassische Ehrenmann.\nAuch hier gibt es Faksimiles von fr\u00fchen, handschriftlichen Ausgaben. Ob man die\nverstehen kann? Der Versuch scheitert daran, dass man die Buchstaben kaum\nentziffern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommt noch ein echter\nH\u00f6hepunkt. das Voynich-Manuskript. Die Frau, die mich so freundlich empfangen\nhat, ist ganz entsetzt, dass ich davon noch nie geh\u00f6rt habe. Auch das wird\njetzt von Silo\u00e9 als Faksimile herausgebracht. Das Voynich-Manuskript, heute in\nYale, gilt als das \u201cr\u00e4tselhafteste Buch der Welt\u201d. Man wei\u00df nicht, wer es\ngeschrieben hat. Man wei\u00df nicht, f\u00fcr wen es geschrieben worden ist. Man wei\u00df\nnicht, wovon es handelt. Man wei\u00df nicht, in welcher Sprache es geschrieben ist.\nUnd man wei\u00df nicht, in welcher Schrift es geschrieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Namensgeber, Voynich, hat das\nManuskript unter wohl nicht ganz gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden in Italien entdeckt,\nnachdem es jahrhundertelang verschwunden war. \u00dcber seine Erben kam es dann nach\nYale.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Voynich-Manuskript ist kein Buch im\nengeren Sinne, sondern besteht aus zusammengefalteten Pergament-Seiten. Die\nsind nicht vollst\u00e4ndig erhalten,und einige sind gr\u00f6\u00dfer als andere. Deshalb ist\nes sogar schwer zu sagen, welche Seitenzahl es umfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man durch Beobachtung herausgefunden\nhat: Der rechte Rand ist etwas unregelm\u00e4\u00dfiger als der linke. Es wird also von\nlinks nach rechts geschrieben. Es gibt kleine Abst\u00e4nde zwischen den Zeichen. Es\nhandelt sich also um \u201cBuchstaben\u201d. Und es gibt etwas gr\u00f6\u00dfere Abst\u00e4nde zwischen\neinzelnen Gruppen von Buchstaben. Es handelt sich also um W\u00f6rter. Au\u00dferdem hat\nman durch Zeichnungen, die sich auf fast allen Seiten befinden, eine Ahnung,\nworum es sich handeln k\u00f6nne: Astronomie, Botanik, Anatomie. Aber das ist\nSpekulation.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat versucht, das \u201cAlphabet\u201d der\nSprache aufzustellen, aber das ist gar nicht so einfach: Wenn man ein Zeichen\nvor sich hat, ist das ein eigener Buchstabe oder nur eine Variante eines\nanderen Buchstaben? Wenn jemand, ohne Deutsch zu k\u00f6nnen, versuchen w\u00fcrde, aus\nmeiner Handschrift die deutschen Buchstaben herauszufiltern, k\u00f6nnte er auf die\nIdee kommen, dass die Varianten von &lt;s&gt; und &lt;e&gt; eigene Buchstaben\nsind.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauer wei\u00df man etwas \u00fcber das Alter des\nManuskripts. Voynich selbst hatte sp\u00e4tes Mittelalter gesch\u00e4tzt, und damit lag\ner gar nicht so falsch. Die Untersuchungen von Papier, aber auch von einigen\nDarstellungen, haben ziemlich eindeutig erwiesen, dass es aus dem 15.\nJahrhundert stammt. Die Authentizit\u00e4t des Manuskripts ist also bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Kann das nicht alles Hokuspokus\nsein? Hat sich da nicht vielleicht jemand einen Scherz erlaubt, einen sehr\naufwendigen Scherz, und der Nachwelt ein R\u00e4tsel hinterlassen, das sie nicht\nl\u00f6sen kann? Kann es sein, dass es eine Sprache gibt, von der sonst keine Quelle\nund kein Hinweis existiert, au\u00dfer diesem einen ausf\u00fchrlichen Text, der dazu\nakademisches Wissen voraussetzt? Ist das nicht alles falscher Zauber?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dazu gibt es Hinweise. Und die deuten\neher auf die Authentizit\u00e4t des Textes: Es gibt eine begrenzte Zahl von\nBuchstaben, die Buchstaben kommen in sehr unterschiedlicher Frequenz und in\nverschiedenen, aber nicht allen m\u00f6glichen Kombinationen vor. All das sind\nMerkmale von nat\u00fcrlichen Sprachen (oder besser der Schriftform nat\u00fcrlicher\nSprachen). Au\u00dferdem ist der ganze Schreibduktus sehr fl\u00fcssig. Bei einem auf\nreiner Phantasie beruhenden Text w\u00fcrde man das nicht erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall hat der Besuch dieses\nunscheinbaren Museums mit dem Voynich-R\u00e4tsel nicht nur Fragen hinterlassen,\nsondern auch ein paar Einsichten.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Wie in Frankreich springen die Ampeln in\nSpanien sofort von Rot auf Gr\u00fcn. An einigen Ampeln werden aber hier die\nSekunden runtergez\u00e4hlt, auch f\u00fcr die Autofahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder wird es erst sehr sp\u00e4t hell. Es\ngeht \u00fcber die spanischen Autov\u00eda. Da fallen keine Mautgeb\u00fchren an. Die Fahrt\ndurch die eint\u00f6nige spanische Meseta zieht sich hin, \u00fcber Valladolid und\nSalamanca. Am Wegesrand liegen Torquemada (auch ein Ort!) und Tordesillas. F\u00fcr\neinen Moment \u00fcberlege ich, abzufahren und mir die geschichtstr\u00e4chtige Ort\nanzusehen. Dass ich das nicht tue, ist die beste Entscheidung des Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio ist bei einem Anrufprogramm\nst\u00e4ndig vom Wetter die Rede, obwohl das gar nicht das eigentliche Thema ist. Wo\nes wohl zuerst schneit? Es ist der bisher k\u00e4lteste Tag des Winters.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Salamanca ist zum ersten Mal\nPortugal angezeigt. Genau um 12 Uhr bin ich an der Grenze. Der verlassene\nGrenzort auf der spanischen Seite gibt einem den Eindruck, in einer anderen,\nfr\u00fcheren Welt zu sein. Ich finde kein Caf\u00e9, treffe aber auf einen Mann, der mir\nsagt, es sei besser, hier zu tanken. In Portugal sei das Benzin viel teurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Kilometern taucht eine\nMautstelle auf: Nur f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe von der CSU. Man kann hier nur\nelektronisch bezahlen, und nur mit der Kreditkarte. Von der wird dann pauschal\nabgerechnet, aber man bekommt keine Quittungen. Gibt einem kein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Wort, das ich in einem\nportugiesischen Sender h\u00f6re, als ich das Radio einschalte, ist&nbsp;<em>Dortmund<\/em>.\nEs geht um&nbsp;<em>futebol<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz guter Vors\u00e4tze habe ich immer noch\nkein bisschen Portugiesisch gelernt. In den letzten Tagen habe ich aber ein\npaar W\u00f6rter n\u00fctzliche W\u00f6rter aufgeschnappt, die gleichzeitig Teil der\nportugiesischen Alltagskultur sind:&nbsp;<em>uma bica<\/em>&nbsp;ist ein\nEspresso,&nbsp;<em>um gal\u00e3o<\/em>&nbsp;ist ein Milchkaffee und&nbsp;<em>uma\nimperial&nbsp;<\/em>ist ein gezapftes Bier. Doch ganz gut f\u00fcr den Anfang!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wetterbericht f\u00e4llt mir die Aussprache\nvon&nbsp;<em>Porto<\/em>&nbsp;auf.&nbsp;Klingt wie&nbsp;<em>Portu<\/em>. Das\nunbetonte &lt;o&gt; klingt anders als das betonte. Das scheint jedenfalls die\nGrundregel zu sein. Wirkt sich auch bei&nbsp;<em>Coimbra<\/em>,&nbsp;<em>Faro,\nPortugal<\/em>&nbsp;und gleich doppelt bei&nbsp;<em>obrigado<\/em>&nbsp;aus. Anders\nist es bei&nbsp;<em>Lisboa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es von der Autobahn ab, aber auf\neiner guten Landstra\u00dfe weiter, bis nach Coimbra. Jetzt fehlt nur noch ein\nkleines St\u00fcck. Aber welche Richtung? Ausgeschildert sind nur Autobahnen und\neine Landstra\u00dfe. Aber die bringt mich in die falsche Richtung, nach Norden. Ich\nfahre nach Coimbra zur\u00fcck, komme in die Stadt, dann in das Universit\u00e4tsviertel,\nganz oben gelegen. Am Ende stellt sich heraus, dass ich noch mal auf die\nAutobahn muss, Richtung Lissabon. Auf der kommt dann das Schild Castelo de\nPenela. Ziel in Sicht! An der n\u00e4chsten Ausfahrt ist aber keine Abzweigung nach\nPenela, und an der \u00fcbern\u00e4chsten auch nicht, also fahre ich ab und zur\u00fcck nach\nCoimbra. Dann zur\u00fcck Richtung Lissabon, und dann an der ersten Abfahrt ab. Hier\nhabe ich meinen ersten \u201cDialog\u201d auf Portugiesisch. Ich frage den Mann an der\nMautstelle \u2013 hier wird inzwischen wieder Strecke f\u00fcr Strecke abgerechnet \u2013 wie\nich nach Penela komme. Der macht das hervorragend: Weiterfahren \u2013 Auf der\nDreizehn \u2013 bis Miranda do Corvo \u2013 dort Penela. Der Mann k\u00f6nnte\nFremdsprachenlehrer sein. Im letzten Moment unterdr\u00fccke ich&nbsp;<em>Gracias<\/em>&nbsp;und\nsage&nbsp;<em>Obrigado<\/em>. Beim n\u00e4chsten Versuch, in einer Bar, geht es schief.\nDa sage ich&nbsp;<em>Grazie<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ermutigt setze ich die Fahrt fort. Jetzt\nkann eigentlich nichts mehr passieren, und die Abfahrt nach Miranda do Corvo\nkommt dann auch irgendwann in Sicht. Aber ach \u2013 sie ist gesperrt! Unfall! Man\nkann nicht abfahren, muss weiterfahren bis zur n\u00e4chsten Ausfahrt und dann\nwieder zur\u00fcck. Dort ist dann an einem Kreisverkehr zum ersten Mal Penela\nausgeschildert. Gott sei Dank! Aber es zieht sich. Es geht \u00fcber eine\nkurvenreiche Landstra\u00dfe, immer Auf und Ab, durch immer neue D\u00f6rfer. Dann kommt\nendlich Penela, hoch gelegen. Dort gibt es einen Markt. Ich will einkaufen mit\nPause verbringen, aber der Markt ist geschlossen. Ich trinke in einer\nheruntergekommenen Bar einen Kaffee. Vier M\u00e4nner und die Frau hinter dem Tresen\nstarren schweigend auf ein uns\u00e4gliches Video mit Horror-Szenen. Der Kaffee ist\ngut und g\u00fcnstig: 90 Cent. Wenigstens etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Problem folgt auf dem Fu\u00dfe:\nIch komme aus dem Ort nicht heraus. Entweder lande ich wieder an dem Markt oder\nan der Sporthalle oder an einem Feldweg. Nach mehreren Runden komme ich durch\ndie historische Altstadt, \u00fcber Kopfsteinpflaster, und dann irgendwie aus dem\nOrt heraus. Ich frage drei M\u00e4nner, die sich gerade verabschieden, nach Estrada\nde Viavai, aber sie sind nicht von hier. Ich soll an der Tankstelle fragen. Das\ntue ich. Die junge Frau wei\u00df Bescheid, aber ich kann ihrer Erkl\u00e4rung nicht ganz\nfolgen. Es ist immer wieder von rotunda die Rede, das muss der Kreisverkehr\nsein, aber ich muss an insgesamt dreien vorbei und immer in andere Richtungen.\nIch finde es auch nicht sehr beruhigend, dass sie nach links zeigt, wenn sie\nrechts sagt. Egal, die grobe Richtung stimmt: runter. Ich lande in einem\nWohngebiet. Dort hilft mir ein junger Mann weiter. Wieder ist es dreimal ein\nKreisverkehr. Er ist sehr hilfsbereit und zeichnet den Weg auf einem Blatt auf.\nLieber w\u00e4re mir, wenn er mir eine Richtung sagen w\u00fcrde, an die ich mich halten\nkann. Ich folge seinen Instruktionen, so gut ich kann, und komme durch eine\nunendliche Kette von D\u00f6rfern mit Namen, die mir bereits bekannt vorkommen:\nPastor, Rosas, Sra. de Gl\u00f3ria, Casais de Cabra. Hier bin ich schon mal\ndurchgekommen. Mindestens einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer noch kommt kein Schild nach Estrada\nde Viavai in Sicht, nicht einmal nach Viavai. Ich frage einen Mann in einem\nJeep, und er schickt mich zur\u00fcck. Dann kommt pl\u00f6tzlich das ersehnte Schild in\nSicht: Viavai. Warum bin ich da vorher vorbeigefahren? Weil es nur aus dieser\nRichtung kommend ausgeschildert ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber einen nur behelfsm\u00e4\u00dfig\nbefestigten Weg. Aber der n\u00e4chste Ort ist nicht Viavai. Der \u00fcbern\u00e4chste auch\nnicht. Es geht immer weiter, bis pl\u00f6tzlich die Autobahn in Sicht kommt. Und\ndann bin ich pl\u00f6tzlich in Estrada de Viavai.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre durch den Ort und suche das\nHaus. Ortsende. Ich wei\u00df auch nicht genau, wonach ich suchen soll. Der einzige\nAnhaltspunkt sind die Photos im Internet. Dann, als ich zur\u00fcckfahre, sehe ich\npl\u00f6tzlich:&nbsp;<em>Casa Tranquila<\/em>. Angekommen. Am Ende habe ich heute noch\nl\u00e4nger gebraucht als in den Tagen davor, und insgesamt waren es, statt der vom\nRoutenplaner vorgesehenen 2050 Kilometer 2230 Kilometer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schl\u00fcssel soll im Briefkasten sein.\nAber der ist tief. Ich klemme mir meine Finger ein bei dem Versuch, an den\nUmschlag zu kommen. Das Pf\u00f6rtchen \u00f6ffnet sich auch nicht. Ich beuge mich dr\u00fcber\nund versuche, das K\u00e4stchen an der Pforte zu \u00f6ffnen. Dabei f\u00e4llt mein Handy aus\nder Jacke, auf das Grundst\u00fcck und zerf\u00e4llt in seine Einzelteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche es wieder mit dem Umschlag.\nIrgendwie bekomme ich ihn dann doch zu fassen und zieht ihn heraus. Es ist kein\nUmschlag. Es ist ein Werbeprospekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich klettere \u00fcber das Pf\u00f6rtchen, sammele\ndie Handyteile ein und versuche, das K\u00e4stchen von dieser Seite zu \u00f6ffnen. Es\ngeht! Da ist der Schl\u00fcssel! Jetzt geht es \u201cnur\u201d noch darum, herauszufinden, f\u00fcr\nwelchen Eingang der Schl\u00fcssel bestimmt ist. Beim dritten Versuch klappt es.\nDann \u00f6ffnet sich auch das Pf\u00f6rtchen. Es war nicht abgeschlossen, sondern\nklemmte!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist die K\u00e4lte. Sie\ntrotzt dem Kamin und dem Gasofen. Das einzige, was man merkt, ist, dass das\nHolz weniger wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt nach Penela geht es \u2013 Tipp des\nVermieters \u2013 nach Miranda do Corvo. Da g\u00e4be es einen Supermarkt, einen Lidl.\nPenela sei sch\u00f6n zu besichtigen, aber nicht so gut zum Einkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum verwunderlich, dass es hier so gr\u00fcn\nist. Die D\u00e4cher und Stra\u00dfen sind nass, und auf den Bergen h\u00e4ngen die Wolken.\nBald beginnt es zu regnen. Das ist dann wohl das, was man \u201cergiebigen Regen\u201d\nnennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich merke mir den Namen der Orte, durch die Fahrt\ngeht, um wieder zur\u00fcckzufinden. Und die Abfahrten an den verschiedenen\nKreisverkehren. Ein Ort hei\u00dft S\u00e3o Sim\u00e3o. Daran kann man gut sehen, dass das\n&lt;\u00e3&gt; eine Art Grabstein f\u00fcr das verloren gegangene &lt;n&gt; ist:&nbsp;<em>San<\/em>&nbsp;<em>Sim\u00f3n<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>S\u00e3o<\/em>&nbsp;<em>Sim\u00e3o<\/em>. Sieht man auch an&nbsp;<em>informaci\u00f3n<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>informa\u00e7\u00e3o<\/em>,&nbsp;<em>recepci\u00f3n<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>rece\u00e7\u00e3o<\/em>,&nbsp;<em>mano<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>m\u00e3o<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Miranda taucht, wieder einmal an\neinem Kreisverkehr, ein ganz modernes Geb\u00e4ude auf:&nbsp;<em>Museo do Mel<\/em>.\nK\u00f6nnte eine der ersten Besichtigungen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Miranda parke ich vor dem Markt. Es\ngibt ein geschlossenes Geb\u00e4ude, aber ohne feste St\u00e4nde. Es sieht alles etwas\nprovisorisch aus. Hier verkaufen Bauern aus der Umgebung an improvisierten\nSt\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe bei einer B\u00e4uerin ein: M\u00f6hren,\nTomaten, Birnen und Clementinen. In einem spanisch-portugiesisch-Mix frage ich,\nwas besser sei: die Apfelsinen oder die Clementinen. Sie z\u00f6gert nicht mit der\nAntwort. Die Clementinen:&nbsp;<em>mais doces<\/em>. Apfelsinen hei\u00dfen&nbsp;<em>laranjas<\/em>.\nDa, wo wir den Anfangskonsonanten aus dem Persischen getilgt und die Spanier\nihn bewahrt haben, haben die Portugiesen ihn durch einen anderen ersetzt! Die\nFrau erkl\u00e4rt mir auch, welche Birnen die besten sind. Von dem \u201cGespr\u00e4ch\u201d\nanimiert, frage ich auch noch, ob der Markt jeden Tag stattfindet. Nein, nur am\nVierten,&nbsp;<em>na quarta.<\/em>&nbsp;Das ist Mittwoch. Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Die\nZ\u00e4hlung f\u00e4ngt am Montag an, aber bei zwei!<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Apotheke zeigt die\nTemperaturanzeige 12\u00b0. Muss wohl defekt sein. Zumindest ist es drau\u00dfen w\u00e4rmer\nals im Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht viele alte Leute auf der Stra\u00dfe.\nDie alten M\u00e4nner tragen alle eine M\u00fctze. Einige gehen an einem Stock. Einen\nRollator habe ich noch nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abseits des Markts liegt das Zentrum. Das\nist alles andere als h\u00e4sslich. In einem Caf\u00e9 trinke ich einen Kaffee. Ein paar\nVerwegene sitzen tats\u00e4chlich drau\u00dfen. Es sind Engl\u00e4nder!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Frau hinter dem Tresen lache ich\nam Ende gemeinsam \u00fcber mein verdutztes Gesicht. Sie hat mir gezeigt, wo die\nToilette ist und dabei auf die Wand gewiesen. Die hat dasselbe Muster wie die\nEingangst\u00fcr zur Toilette, und man glaubt, man m\u00fcsse durch die Wand gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Lidl soll ich besser mit dem Auto\nfahren, sagt sie. Unterwegs halte ich aber noch mal an und frage zwei junge\nFrauen, die vor einer Haust\u00fcr stehen. Eine von ihnen antwortet \u2013 auf Englisch.\nSie muss die W\u00f6rter suchen, aber sie erkl\u00e4rt alles perfekt. Ich finde den Weg\nauf Anhieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lidl ist alles wie bei uns. Hier finde\nich auch, wie vom Vermieter empfohlen, Holzkohle f\u00fcr den Ofen. Der holl\u00e4ndische\nK\u00e4se ist billiger als der portugiesische. So kann das nichts werden. Daf\u00fcr\nkaufe ich ein Brot aus der Gegend. Das ist sehr lecker.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Teedose steht&nbsp;<em>Ch\u00e1 Preto f<\/em>\u00fcr\nPortugiesisch und&nbsp;<em>T\u00e9 Negro<\/em>&nbsp;f\u00fcr Spanisch.&nbsp;Die Portugiesen haben,\nanders als die Spanier, das kantonesische Wort f\u00fcr \u2018Tee\u2019 genommen, so wie die\nGriechen und die Ungarn und die Russen und viele andere. Und f\u00fcr \u2018schwarz\u2019 wird\nin diesem Kontext nicht&nbsp;<em>negro<\/em>&nbsp;gebraucht (das es auch gibt) und\nim Spanischen nicht&nbsp;<em>prieto<\/em>&nbsp;(das es auch gibt).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an verschiedenen\nStellen, wie Baumst\u00e4mme auf Lastz\u00fcge geladen werden. Gestern habe ich mehrmals\nwelche vor mit gehabt, die Holz transportierten, teils mit Anh\u00e4nger.\nHolzwirtschaft scheint hier gro\u00dfgeschrieben zu werden. Gut f\u00fcr meinen Ofen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht es den langen Weg ins Dorf\nnach der Abbiegung von der Landstra\u00dfe entlang. Die D\u00f6rfchen, die durch man\nkommt, haben kuriose Namen wie Vouzela und Poupa. In einem Ort gibt es sogar\neine Haltestelle und eine Telefonzelle!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00fcberfl\u00fcssigste Einrichtungsgegenstand\nist der K\u00fchlschrank. Die Butter bleibt auch au\u00dferhalb frisch \u2013 und kn\u00fcppelhart.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon eine Weile auf bin, fangen\ndie H\u00e4hne erst an zu kr\u00e4hen. Der Sonnenaufgang ist sp\u00e4ter als bei uns. Klar,\nwird sind im \u00e4u\u00dfersten Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name des Hauses,&nbsp;<em>Casa\nTranquila<\/em>, ist offensichtlich. Die \u00c4hnlichkeit mit Spanisch und Italienisch\nist zu deutlich. Und doch: Die Dinge sind komplizierter, als sie scheinen: Im\nPortugiesischen ist das&nbsp;<em>s<\/em>&nbsp;in&nbsp;<em>casa<\/em>, wie im\nItalienischen, aber anders als im Spanischen, stimmhaft. Aber der zweite Vokal\nwird hier \u201cabgeschw\u00e4cht\u201d, zu einer Art&nbsp;<em>schwa<\/em>&nbsp;reduziert, und\ndas ist wiederum anders als im Italienischen. Das Wort wird also in allen drei\nSprachen gleich geschrieben, aber unterschiedlich ausgesprochen!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><em>Estrada de<\/em>&nbsp;<em>Viavai<\/em>&nbsp;ist, wie der Name\nschon sagt, ein Stra\u00dfendorf: Der bedeutet einfach&nbsp;\u2018Stra\u00dfe nach Viavai\u2019.\nEin paar hundert Meter weiter geht auch wirklich die Stra\u00dfe nach Viavai ab. Die\nitalienische&nbsp;<em>strada<\/em>&nbsp;l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Man darf sich nicht\nverwirren lassen durch das zus\u00e4tzliche &lt;e&gt; am Wortanfang:&nbsp;<em>estaci\u00f3n<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>esta\u00e7\u00e3o<\/em>&nbsp;gegen\u00fcber&nbsp;<em>stazione<\/em>,&nbsp;<em>esperanza<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>esperan\u00e7a<\/em>&nbsp;gegen\u00fcber&nbsp;<em>speranza<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner, sonniger Tag, und es wird\nsogar warm und w\u00e4rmer. Ich mache einen Spaziergang durch den Ort.&nbsp;Es gibt\nkeine Kirche, keinen Dorfplatz, kein Dorfleben. Nicht einmal einen\nLaden.&nbsp;Zum Ortsausgang ist es ungef\u00e4hr so weit wie zum Ortseingang.&nbsp;Stra\u00dfennamen\ngibt es nicht. Die H\u00e4user haben manchmal Namen wie&nbsp;<em>P2<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Jorge<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein buntes Gemisch von H\u00e4usern,\naber die meisten sind umgebaut und erweitert und ger\u00e4umig. Sonst ist aber alles\nvertreten, von echten Ruinen bis zu Herrenh\u00e4usern, die an r\u00f6mische Villen\nerinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf vielen Grundst\u00fccken stehen einzelne\nOlivenb\u00e4ume, aber es gibt auch kleinere Plantagen. Die sehen aber ganz anders\naus als in Andalusien. Die B\u00e4ume stehen&nbsp;unregelm\u00e4\u00dfig verteilt auf einer\nabsch\u00fcssigen Wiese.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den H\u00e4usern stehen auch Orangenb\u00e4ume,\nZitronenb\u00e4ume und Granatapfelb\u00e4ume voller Fr\u00fcchte. Wie die wohl die K\u00e4lte\naushalten? Die meisten H\u00e4user haben auch eine Palme, und am Ortsausgang wachsen\nKakteen und Agaven.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Haus hat mindestens einen Hund, und\ndie sind mir, wie in Kreta, feindlich gesinnt. Gott sein Dank sind die meisten\nangekettet. Sie bilden die ganze Palette von Hundegebell ab, von dem hellen\nKl\u00e4ffen eines K\u00f6ters \u00fcber das lang anhaltende, wolfs\u00e4hnliche Geheul eines\nBernhardiners, der sich auf die Hinterbeine stellt, bis zu dem tiefen Bellen\neines unsichtbaren Hundes hinter einem Zaun.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand steht ein Andachtskapellchen.\nEine Kirche scheint es nicht zu geben. Menschen sieht man so gut wie keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben \u00fcber dem Berg, im Osten, steht\ndie Sonne und bestrahlt das Tal darunter. Es geht steil rauf zu einem Punkt,\nvon dem man eine sch\u00f6ne Aussicht haben soll. Bebauung gibt es hier \u00fcberall,\nauch am Fu\u00dfe des Berges. Das muss Viavai sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Miranda und gehe ins&nbsp;<em>Museo\ndo Mel<\/em>. Das ist aber kein Museum, sondern eine Begegnungsst\u00e4tte mit Caf\u00e9,\ndas sich aus irgendwelchen Gr\u00fcnden den Honig zum Thema gew\u00e4hlt hat. Die Tische\nund Regale und auch die Deckeneinfassungen haben alle die Formen von\nBienenwaben. Es gibt alle m\u00f6glichen Artikel zu kaufen, die etwas mit Honig zu\ntun haben. Ich nehme ein Glas Honig mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das portugiesische Wort, das ich\ninzwischen am besten \u201cbeherrsche\u201d, ist&nbsp;<em>Obrigado<\/em>. Das kommt jetzt\nschon fast von selbst raus und verdr\u00e4ngt Gracias. Es ist auch sprachlich aus\nzwei Gr\u00fcnden relevant: Das Portugiesische unterscheidet sich hier in der\nWortwahl von allen anderen romanischen Sprachen. Und es hei\u00dft&nbsp;<em>obrigado<\/em>,\nobwohl es doch \u201ceigentlich\u201d&nbsp;<em>obligado<\/em>&nbsp;hei\u00dfen m\u00fcsste. Aber der\nRhotazismus hat seine Spuren im Portugiesischen hinterlassen. Was man gut durch\nden Vergleich mit dem Spanischen sieht:&nbsp;<em>plaza<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>pra\u00e7a<\/em>,&nbsp;<em>plato<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>prato<\/em>,&nbsp;<em>regla<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>regra<\/em>,&nbsp;<em>blanco<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>branco,\nplaya &gt; praya.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>&nbsp;in Miranda,\neinem chinesischen Laden mit allerhand Krimskrams, versuche ich mein Gl\u00fcck mit\nden Briketts. Die Konversation mit der jungen Chinesin gestaltet sich\nschwierig. Sie versteht briquete nicht und zeigt mir alle m\u00f6glichen Dinge, die\nich nicht meine. Dann zeige ich ihr ein Photo von dem Ofen. Aha, sagt sie, und\nf\u00fchrt mich zu einem anderen Regal. Aber da hat sie nur Anz\u00fcnder. Sie gibt mir\ndann aber doch noch einen Tipp: Lidl. Ich glaube, das sei nur ein\nAusweichman\u00f6ver, aber sie hat recht. Bei Lidl werde ich f\u00fcndig. Und kaufe\ngleich eine ganze Waggonladung voll. Die Dinger scheinen im Sonderangebot zu sein,\nund wer wei\u00df, wie lange es sie noch gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Offenbarung: Der griechische\nJoghurt, den ich in einem portugiesischen Supermarkt kaufe, stammt aus\nDeutschland!<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten ist der Einkauf auch eine\nsprachliche Entdeckung. Es gibt W\u00f6rter, die man im Leben nicht ableiten kann,\nzum Beispiel&nbsp;<em>frango<\/em>. Das hei\u00dft \u2018H\u00e4hnchen\u2019. Interessant auch&nbsp;<em>pimento<\/em>&nbsp;<em>vermelho<\/em>, \u2018rote Paprika\u2019. Wieder hat das Wort,&nbsp;<em>vermelho<\/em>,\nnichts mit&nbsp;<em>rojo<\/em>,&nbsp;<em>rosso<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>rouge<\/em>&nbsp;zu\ntun. Und es enth\u00e4lt au\u00dferdem die typische Buchstabenkombination &lt;lh&gt;. Am\nAusgang steht schlie\u00dflich&nbsp;<em>At\u00e9 breve<\/em>. Sollte man sich merken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zuhause, mache ich einen\nSpaziergang ins n\u00e4chste Dorf. Das ist, wie der Zufall es will, Viavai. Am\nOrtsausgang komme ich an einem Haus vorbei, bei dem gleich drei Hunde vom\nBalkon, zwischen die Streben des Gel\u00e4nders gequetscht, auf mich herabsehen und\nmich vertreiben. An der Eingangspforte steht&nbsp;cuidado com o c\u00e3o. Beim Hund\nsteht das Portugiesische, anders als das Spanische (<em>perro<\/em>) auf der Seite\ndes Italienischen (<em>cane<\/em>)&nbsp;und des Franz\u00f6sischen (<em>chien<\/em>) und in der\nTradition des Lateinischen (<em>canis<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss unter der riesigen Br\u00fccke der A\n31 durch. Die wirkt hier, in diesem D\u00f6rflichen Ambiente, wie ein Fremdk\u00f6rper,\nist aber kaum hundert Meter vom Ortsausgang entfernt. Schon bald ist man in\nViavai. Dort gibt es eine Kirche, aber die ist verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Taverna scheint verschlossen,\nm\u00fcsste aber, den \u00d6ffnungszeiten zufolge, ge\u00f6ffnet sein. Sie hat sogar gener\u00f6se\n\u00d6ffnungszeiten. Geschlossen:&nbsp;<em>Segunda<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Ter\u00e7a<\/em>, Montag\nund Dienstag. Also versuche ich es. Mit Erfolg. Ich komme in einen dunklen\nRaum, wo nur ein \u00e4lterer portugiesischer Mann&nbsp;sitzt,&nbsp;mit einer M\u00fctze\nmit Ohrensch\u00fctzern,&nbsp;tief \u00fcber die Zeitung gebeugt, bei einem Glas Rotwein.\nEr ruft die Kellnerin. In der Zwischenzeit kann ich mich umsehen. Der Raum ist\nvoll mit Tischen aller Art, vom Tapeziertisch bis zu einem Eichentisch f\u00fcr\nzw\u00f6lf Personen. Ob hier jemals so viele G\u00e4ste sind? An den W\u00e4nden\nStadtansichten, Wimpel, Stillleben, Karten und Photos.&nbsp;Und Handwerkszeuge\nvon Bauern.&nbsp;Es gibt sogar eine Nische mit Haushaltsartikeln, von\nMayonnaise bis zu Waschmittel (<em>Omo<\/em>!). Hier kann man gut einen Noteinkauf\nmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt eine Frau, und ich bestelle ein\nportugiesisches Bier:&nbsp;<em>Sagres<\/em>. Sie verschwindet wieder, taucht dann\naber wieder auf und fragt mich, ob ich Franzose sei. Sie selbst ist\nEngl\u00e4nderin. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie stellt sich vor: Pamela. Sie kennt\nauch die&nbsp;<em>Casa Tranquila<\/em>&nbsp;und erkl\u00e4rt mir, dass ein gro\u00dfes\nPanoramaphoto an der Wand von dort aus gemacht worden sei, und zwar von meinen\nVermietern.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kommt auch ihr Mann, Ian, und ein\nweiterer britischer Nachbar, Howard. Die ersten Bekanntschaften, die ich in\nPortugal mache, sind Briten!<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich erkl\u00e4rt sich auch die\nmerkw\u00fcrdige Anordnung der Tische. Das sei nur heute so. Heute ist&nbsp;<em>Burns\u2019\nNight<\/em>, schottischer traditioneller Feiertag. Sie hat 32 G\u00e4ste heute Abend.\nServiert selbstgemachten Haggis und rezitiert das Gedicht von Burns dazu.\nNat\u00fcrlich gibt es auch Whisky.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden sind weit in der Welt herumgekommen,\nsind unter anderem mit dem Wohnmobil zwei Jahre durch Indien gereist. Ihr\nLieblingsland. Auch in Portugal sind sie st\u00e4ndig mit dem Wohnmobil unterwegs.\nDeshalb ist montags und dienstags geschlossen. Sie hat auch mal ein Jahr in\nGarmisch-Partenkirchen gelebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben meist nur ausl\u00e4ndische G\u00e4ste.\nDie Portugiesen hier aus dem Dorf k\u00f6nnten sich solche Preise nicht leisten. Es\ngibt in Europa ein ordentliches Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle. Die meisten hier lebten von\nder Landwirtschaft, Oliven und vor allem Kohl. Paradoxerweise sei das\nportugiesische Oliven\u00f6l hier sehr teuer. Bei Lidl, wo sie auch kaufe, sei das\nausl\u00e4ndische Oliven\u00f6l billiger. Da stimmt doch was an dem ganzen \u201cSystem\u201d\nnicht!&nbsp;Pamela erz\u00e4hlt mir, der portugiesische Mann komme jeden Tag, einmal\nam Vormittag, einmal am Nachmittag. Er bestellt ein Glas Rotwein und bleibt\nmehrere Stunden. Und warum? Sie macht eine Handbewegung und sagt: Deswegen.\nWegen der Heizung. Zuhause ist es kalt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist ein kleiner Ausflug nach Penela vorgesehen.\nEs hat ca. 6000 Einwohner, etwas weniger als Miranda do Corvo. Wenn ich jetzt\ndas Ortsschild Penela sehe, denke ich immer daran, wie der Mann an der\nMautstelle es ausgesprochen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Feldern liegt Raureif, und ich\nmuss die Scheiben am Auto freikratzen, bevor es losgeht. Der portugiesische\nWinter meint es ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Abbiegung nach Panela steht ein\ngro\u00dfes Schild, auf dem sich die Stadt als&nbsp;<em>Municipio de<\/em>&nbsp;<em>portas\nabertas<\/em>&nbsp;anpreist. Doppelter Kontrast zum spanischen&nbsp;<em>puertas\nabiertas<\/em>. Zweimal Diphthong im Spanischen, zweimal Monophthong im\nPortugiesischen. Welche Regelm\u00e4\u00dfigkeit es da gibt \u2013 wenn \u00fcberhaupt eine \u2013 ist\nnoch rauszufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Ortseinfahrt liegt der Friedhof.\nEr ist treppenf\u00f6rmig angelegt, mit weitem Blick in das Tal. Darauf liegt ein\nNebelstreifen wie ein Wattebausch, und die strahlende Sonne versetzt das alles\nin ein sch\u00f6nes Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4ber sind wie bei uns, aber alle\nhaben eine Marmorplatte, die so gro\u00df ist wie das Grab. Das Grab hat also keine\nErde rundherum. Oben, am Eingang, sind die Mausoleen der Wohlhabenden, kleine\nH\u00e4uschen mit heruntergelassenen Gardinen. Auf denen steht:&nbsp;<em>jazigo<\/em>.\nUnd das bedeutet einfach \u2018Grab\u2019, \u2018Grabst\u00e4tte\u2019. Erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir eine\n\u00c4hnlichkeit mit span.&nbsp;<em>yacer<\/em>, \u2018liegen\u2019, auf. Wird auch in diesem\nKontext benutzt, im Sinne von&nbsp;<em>Hier liegt \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hoch \u00fcber der Stadt liegt die Burg. Nach\nOsten wie nach Westen ist eine zinnenbekr\u00f6nte Mauer enthalten, und mitten in\ndem ummauerten Bezirk die Burg selbst, den h\u00f6chstgelegenen Felsen als Basis\nbenutzend. Auf Schildern ist zu erfahren, was das alles f\u00fcr einen Sinn hat: Die\nBurg war Teil einer Verteidigungslinie entlang des Mondego. Der bildete etwa\nhundert Jahre lang die Grenze zwischen maurischem und christlichem Gebiet, bis\nzur Eroberung von Lissabon. Von da an war der Tejo die Grenze. Die\nVerteidigungslinie hier am Mondego wurde von einem Mozaraber errichtet, einem\ngewissen Sesnando Davides, der vorher in Diensten der Mauren gewesen war und es\nin Sevilla bis zum Wesir gebracht hatte. Diese Linie war, wie hier betont wird,\neine Linie der Konfrontation, aber auch der Verbr\u00fcderung. Es fand nicht st\u00e4ndig\nKrieg statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Burgbereich steht auch noch eine\nKirche, S\u00e5o Miguel, die auf das Hochmittelalter zur\u00fcckgeht, aber dieser Bau ist\neindeutig j\u00fcnger. Die Kirche ist wei\u00df get\u00fcncht, wie alle hier. Und\nverschlossen. Wie alle hier.<\/p>\n\n\n\n<p>In das Stadtzentrum geht es an einer\ngro\u00dfen Aussichtsterrasse eines Lokals vorbei, eines Lokals der gehobenen\nKlasse, das ebenfalls Sesnando hei\u00dft. St\u00fchle und Tische stehen drau\u00dfen, so als\nw\u00fcrde die Saison bald losgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten ist das Zentrum eine\nKatastrophe. Es f\u00e4ngt damit an, dass es das gar nicht gibt. Ich frage einen\nalten Mann, wo es ist, aber das Wort centro sagt ihm nichts. Noch nie geh\u00f6rt.\nIn der N\u00e4he der Stadtkirche ist ein Schreibwarenladen. Ich habe meine\nKarteikarten extra mitgebracht, um mir umst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rungen zu sparen. Die\nVerk\u00e4uferin dreht sie ein paarmal in der Hand herum und fragt mich dann, was\ndas sei. Ich gebe es auf, genauso wie den Versuch, eine passende Bank zu finden,\ndie meine Geldkarte annimmt. Scheint es hier nicht zu geben. Von der Stra\u00dfe aus\ngibt der sch\u00f6n an einem Hang gelegene Ort mit den Zinnen der Burg und der\nwei\u00dfen Kirche ganz oben aber ein sch\u00f6nes Bild ab. Zumal die Sonne weiterhin\nscheint. Das bleibt auch bis zum Abend so, entgegen den Vorhersagen, aber es\nist nicht mehr so warm wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter mache ich zuhause die\nKostenrechnung f\u00fcr die Hinfahrt auf: 200 \u20ac f\u00fcr Benzin und 135 \u20ac Mautgeb\u00fchren,\nan insgesamt 14 Mautstationen, die Strecke mit der Kreditkartenzahlung noch\nnicht mitgerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In Penela gestern ein Schild gesehen, wo\nman ein Ladenlokal vermietet: aluga-se. Und sp\u00e4ter eine Wohnung, die zum\nVerkauf ansteht: vende-se. In beiden F\u00e4llen steht das Pronomen enklitisch. H\u00f6rt\nsich nach Cervantes an und nach Asturianisch. Ist aber im Portugiesischen nicht\nimmer der Fall. Bei Fragen mit Fragepronomina steht das Pronomen proklitisch.\nEs ist aber wohl noch komplizierter.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag klopft es an der T\u00fcr.\nUnverhoffter Besuch? Es sind Zeugen Jehovas, Vater mit kleinem und mit gro\u00dfem\nSohn. Sie nehmen es tats\u00e4chlich auf sich, hier in dieser verlorenen Gegend f\u00fcr\nihren Glauben zu werben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag gehe ich durch das bereits\nbekannte Hundespalier nach Viavai, in die Taverna. Da wird heute Sunday Dinner\nserviert, alles sehr englisch, einschlie\u00dflich Yorkshire Pudding! Es gibt\nSchweinebraten und ger\u00f6stet Kartoffeln und eine gro\u00dfe Auswahl an Gem\u00fcse. Alles\nsehr schmackhaft, vor allem die Bratenso\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle G\u00e4ste sind Briten. Der Raum ist gut\ngef\u00fcllt, die Taverna hat offensichtlich einen guten Ruf. Die meisten trinken\nWein. Der kommt aus dem Alentejo. Das ist ein Name, der schon in Lissabon in\nLokalen mehrmals gefallen ist. Ich brauche den Reisef\u00fchrer, um zu sehen, dass\nder&nbsp;<em>Tejo<\/em>&nbsp;in&nbsp;<em>Alentejo<\/em>&nbsp;steckt. Es ist die\nRegion \u2018jenseits der Tejo\u2019. Der Alentejo erstreckt sich vom Tejo bis zur\nAlgarve. Er nimmt ein Drittel der Fl\u00e4che Portugals ein und ist damit die gr\u00f6\u00dfte\nund gleichzeitig am d\u00fcnnsten besiedelte Region Portugals.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon beim Kaffee bin, kommt ein\nMann an meinen Tisch und fragt mit einer Geste, ob er sich dazusetzen darf. Ich\nsage ja, auf Englisch. Dann aber bestellt er seinen Kaffee auf Portugiesisch.\nRadebrechend versuche ich, ein paar pers\u00f6nliche Informationen auszutauschen. Er\nwohnt nicht hier, sondern in einem Ort, dessen Name ich nicht verstehe,&nbsp;<em>na\nserra<\/em>. Er kommt zwei-, dreimal pro Woche hierher. Ich erz\u00e4hle, wo ich wohne\nund woher ich komme. Zu mehr reicht es nicht. Am Ende will er mir meinen Kaffee\nbezahlen und verabschiedet sich mit einem festen H\u00e4ndedruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg schrecken mich wieder die\nHunde auf, ich daf\u00fcr aber ungewollt ein paar Ziegen, die aufgeregt den Weg\nfreir\u00e4umen und sich hinter einer H\u00e4userecke verstecken. Dahinter kommen weitere\nZiegen in Sicht, unter anderem eine, die auf zwei Beinen steht an einem Baum\nsteht und versucht, an die oberen Bl\u00e4tter zu kommen. Neben ihr, auf einen Stock\ngest\u00fctzt und dick eingepackt, die Ziegenhirtin.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Landstra\u00dfe nach Penela ein\neinsamer Wanderer, im Regen. Ich nehme ihn mit. Ein\nEngl\u00e4nder.&nbsp;Milit\u00e4rische Tarnjacke und&nbsp;Hose mit Farbklecksen.&nbsp;Er\nsei hier noch nie von jemandem mitgenommen worden. Er lebt seit vier Jahren\nhalb in Portugal, halb in England. Auf der Fahrt hierher hat er in Spanien\neinen Autounfall gehabt. Jetzt hat er ein portugiesisches Auto gekauft, aber\nbei dem funktioniert die Kupplung nicht.&nbsp;Die K\u00e4lte sei ganz normal um\ndiese Jahreszeit, sagt er. Bis M\u00e4rz werde die mindestens anhalten. Er hat\ndieselben Probleme wie ich: dicke W\u00e4nde, keine Heizung. Ich lasse ihn in Penela\nraus. Bevor er aussteigt, fragt er mich noch: Dutch? Er selbst hat versucht,\nPortugiesisch zu lernen. Unm\u00f6glich. Zu schwer. Klingt wie Russisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie von dem Engl\u00e4nder vorgeschlagen, nehme\nich die Autobahn nach Coimbra, auch wenn die Geld kostet. Es gibt aber keine\nMautstelle. Ob hier wieder \u201cheimlich\u201d abkassiert wird? Mir ist bei dem Gedanken\nnicht wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra soll es mit dem Parken echt\nschwierig sein, aber das Parkproblem erledigt sich wie von selbst: An einem\ngro\u00dfen Einkaufszentrum, Alma, werden kostenfreie Parkpl\u00e4tze angeboten, in einem\nriesigen Parkhaus. Von dort versuche ich es zu Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann, der mich in die Innenstadt\nweist, fragt mich, ob ich zur Universit\u00e4t wolle. Nein, in die Unterstadt, La\nBaixa. Ganz einfach, bis zur Kirche und dann immer weiter geradeaus. Aber\nschon, als ich zu der Kirche komme, wei\u00df ich nicht, wo \u201cweiter geradeaus\u201d ist,\nund komme doch irgendwie Richtung Universit\u00e4tsviertel. Erst ist die Umgebung\nalles andere als einladend, aber dann kommt ein breiter Boulevard und es geht\nimmer an dem Botanischen Garten entlang. Dann kommt die riesige,\nlanggestreckte&nbsp;<em>Pra\u00e7a de Rep\u00fablica&nbsp;<\/em>und dann der&nbsp;<em>Mercado\nMunicipal.&nbsp;<\/em>Und dann bin ich pl\u00f6tzlich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Die ist\nkurz und reicht nur von einem kleinen Platz, an der die Kirche Santa Cruz\nliegt, bis zu einem gro\u00dfen Platz, der schon seitlich vom Mondego begrenzt wird.\nDie Kirche ist wohl echt sehenswert, aber heute geht es nicht um\nBesichtigungen, sondern um Erledigungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Schreibwarengesch\u00e4ft versuche ich\nerneut mein Gl\u00fcck mit den Karteikarten, aber der Verk\u00e4ufer wei\u00df offensichtlich\nnicht, was das ist, auch als ich sie ihm zeige. Er will mir einen Notizblock\nverkaufen. Sp\u00e4ter versuche ich es auch noch in einem Copyshop. Der Verk\u00e4ufer\nwirft einen&nbsp;hilflosen Blick auf die Karteikarten und sagt, nee, das\nbrauche ich erst gar nicht weiter versuchen. So was gebe es hier nicht. Das\nwundert mich dann nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer winzigen Nische zwischen zwei\nH\u00e4usern verkauft eine alte Dame Ansichtskarten. Briefmarken hat sie keine, aber\nsie erkl\u00e4rt mir genau, wo ich die bekomme, n\u00e4mlich in der&nbsp;<em>Casa da\nSorte,<\/em>&nbsp;und nur da, und sie erkl\u00e4rt mir auch den Weg zur\nTouristeninformation. Die&nbsp;<em>Casa da Sorte<\/em>&nbsp;\u00f6ffnet aber erst um\nzwei, aber dann bekomme ich doch noch Briefmarken in einem Souvenirgesch\u00e4ft. Es\ngibt sogar mehrere Motive zur Auswahl. Alle sind sch\u00f6n und gro\u00df und kosten\neinen Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen geeigneten Bankautomaten finde ich\nauch hier nicht, und in der Touristeninformation gibt es nur einen kleinen\nStadtplan.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein sch\u00f6ner Tag, wolkenverhangen\nund regnerisch, aber es ist alles andere als kalt. Auf dem R\u00fcckweg, bergauf,\nkommt man sogar ins Schwitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Pforte hat ein Hausbesitzer das\nSchild angebracht, was auch der mit den drei Hunden in Estrada de Viavai haben\nm\u00fcsste. Er warnt in der Mehrzahl vor den Hunden:&nbsp;<em>Cuidado com os c\u00e3es<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Werbeplakat entdecke ich mein\nerstes portugiesisches Wortspiel:&nbsp;<em>Coimbra tem Alma<\/em>. Damit ist das\nEinkaufszentrum gemeint, angeblich die \u2018Seele\u2019 Coimbras. Ob auch die Unterzeile\nso beabsichtigt ist?&nbsp;<em>O shopping no cora\u00e7\u00e3o de Coimbra<\/em>. Seele im\nHerz?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Einkaufszentrum ein Graffiti,\ndessen Autor sein Werk nicht vollenden konnte:&nbsp;<em>We are billions of\nbeautif<\/em>. Wie es wohl weitergehen sollte?<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In den deutschen Nachrichten eine\nNachricht mit Relevanz f\u00fcr Portugal: Guterres, Generalsekret\u00e4r der UNO, bekommt\nden Karlspreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach dem Alentejo auf der\nLandkarte vorgestern hat die Frage aufgeworfen, wo wir eigentlich sind. Gar\nnicht so einfach, denn wir befinden uns wohl in der N\u00e4he eines Dreil\u00e4nderecks,\nirgendwo zwischen Beira-Litoral, Beira-Baixa (es gibt auch noch Beira-Alta) und\nRibatejo (\u2018am Ufer des Tejo\u2019). Wir befinden uns in der Beira-Litoral (die N\u00e4he\ndes Meers, von dem hier aber nichts zu sp\u00fcren ist, l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen) und im\nDistrikt Coimbra. Die Provinzen haben aber anscheinend keine administrative\nFunktion mehr. Es sind historische Regionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geographische Mitte Portugals liegt\nbei Vila de Rei. Das ist gerade mal f\u00fcnfzig Kilometer von hier, Richtung S\u00fcden,\nunweit von Tomar. Ich erinnere mich an einen Portugiesen in Trier, geb\u00fcrtig aus\nSet\u00fabal, der energisch protestierte, als ich sagte, das hier liege in der Mitte\nPortugals. Unsinn, das w\u00e4re nicht in der Mitte, das w\u00e4re im Norden Portugals!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Wasserh\u00e4hnen steht&nbsp;<em>F<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Q<\/em>:&nbsp;<em>frio<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>quente<\/em>.\nDas eine ist ganz offensichtlich, das andere, ohne Zusammenhang, nicht zu\nentziffern.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Alle halbe Stunde h\u00f6rt man von einer\nnahegelegenen Kirche, vielleicht der von Viavai, ein sch\u00f6nes Glockenspiel, eine\neher heitere kurze Melodie.<\/p>\n\n\n\n<p>Milton h\u00e4lt in einer Art Vorwort zu&nbsp;<em>Paradise\nLost<\/em>&nbsp;eine flammende Rede f\u00fcr eine Dichtung ohne Reim. Es ist sogar\neher eine Rede gegen den Reim. Der sei nur schm\u00fcckendes Beiwerk, und w\u00e4re nur\ndazu da, ein schlechtes Metrum, eine schlechte Syntax und einen schlechten\n\u00dcbergang von Vers zu Vers zu kaschieren. Er beruft sich auf Homer, Vergil und\n\u201cgro\u00dfe englische Dichter\u201d (damit meint er Shakespeare, Marlowe und Webster),\ndie alle auf den Reim verzichtet h\u00e4tten (stimmt bei Shakespeare nicht ganz).\nOffensichtlich wurde dieses Vorwort nachtr\u00e4glich hinzugef\u00fcgt als Antwort auf\nLeser, die das Gedicht tadelten, weil es sich nicht reimte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kartoffeln hei\u00dfen auf Portugiesisch&nbsp;<em>batatas<\/em>,\nnicht&nbsp;<em>patatas<\/em>. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht aus\nAmerika?<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Wie Cervantes bei Lepanto im Kampf gegen\ndie T\u00fcrken seine linke Hand verlor, verlor Cam\u00f5es im Kampf gegen die Mauren\nsein rechtes Auge. Merkw\u00fcrdige Parallele.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Milton sind Satan und Beelzebub zwei\nverschiedene Figuren. Sie sind sich nicht einig, als es darum geht, ob man noch\nmal eine Chance hat, ob man noch mal gegen \u201cden da Oben\u201d aufzubegehren.<\/p>\n\n\n\n<p>In&nbsp;<em>Hundert Jahre Einsamkeit<\/em>&nbsp;vertritt ein seniler Priester die Ansicht, der\nSatan habe tats\u00e4chlich den Kampf gegen Gott gewonnen und regiere die Welt, gebe\naber vor, Gott zu sein und nur das Gute zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale von Coimbra ist durch einen\nSchimmelpilz in Gefahr, einen bisher unbekannten Schimmelpilz, den Forscher\nentdeckten, als sie den stark korrodierenden Kalkstein der Kathedrale\nuntersuchten. Er nistet sich in den Kalkstein ein und verursacht Risse und\nSpalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen l\u00e4sst nicht nach. Und soll auch\nmorgen anhalten. Aber daf\u00fcr werden die Temperaturen wieder runtergehen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Passend zum Wetter ist in der \u00dcbersetzung,\ndie ich lese, von der Sintflut die Rede. Es geht um Wahrsagerei, Hellseherei,\num Techniken wie Chiromantik und deren Bewertung in der fr\u00fchen Neuzeit. Das\nInteresse daran war \u00fcberall vorhanden, aber es gab einen feinen, nicht klar\ndefinierten Grenzlinie zwischen dem, was erlaubt und dem, was nicht erlaubt\nwar. Die Kirche hatte ihre Einw\u00e4nde. Es ist verbl\u00fcffend, wie viel M\u00fche man sich\ndamit machte, genau zu bestimmen, was ging und was nicht ging. Es gab nur\nwenige B\u00fccher, die in toto auf den Index gestellt wurden, meist wurden ganz\nbestimmte Passagen gestrichen. Heute kann man dar\u00fcber schmunzeln, aber es ging\num eine wichtige Frage, die des freien Willens, und der war f\u00fcr die Kirche\nnicht verhandelbar. Wenn man aus den Handlinien eines Menschen seine Zukunft\nvorhersagen konnte, war das eine Absage an den freien Willen. Aber man wollte\nnat\u00fcrlich trotzdem wissen, was die Zukunft bereit hielt, (und auch ob\nEreignisse der Vergangenheit, wie die Sintflut, vorhersehbar war), und da gab\nes ingeni\u00f6se L\u00f6sungen, wie diese: \u201cChiromancy considers the following\nexperience: take one hand of the pregnant woman in question, then study the\nhand and its unusual size: should the right hand be swollen, then it will be a\nsign that she is expecting a boy; should the left one be, then she is expecting\na girl.\u201d Ganz einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Haus steht ein sch\u00f6ner Baum mit\nweichen, feingliedrigen Bl\u00e4ttern. Was f\u00fcr ein Baum ist es? Ich befrage mein\nTrierer Orakel: Es ist eine&nbsp;<em>Jacaranda mimosifolia,&nbsp;<\/em>ein&nbsp;Palisanderholzbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Heimat kommen wundersch\u00f6ne Photos\nvon schneebedeckten B\u00e4umen, Z\u00e4unen, Kirchen, M\u00fclleimern.<\/p>\n\n\n\n<p>In Portugal gibt es neben&nbsp;<em>vinho\ntinto<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>vinho branco<\/em>&nbsp;auch einen&nbsp;<em>vinho verde<\/em>,\nein leichter, moussierender Wein, der rot oder wei\u00df sein kann. Er ist sozusagen\nnoch \u2018gr\u00fcn hinter den Ohren\u2019. Bei der Gelegenheit erfahre ich aus berufenem\nMunde, dass es in Frankreich auch einen \u2018schwarzen Wein\u2019 gibt,&nbsp;<em>vin\nnoir.&nbsp;<\/em>Der erinnert mich wiederum an den \u03bc\u03b1\u03cd\u03c1\u03bf \u03ba\u03c1\u03b1\u03c3\u03af, den ebenfalls\n\u2018schwarzen Wein\u2019 aus Griechenland. Aber ob damit dasselbe gemeint ist?\nEbenfalls erfahre ich, dass das chinesischen Wort f\u00fcr \u2018Wei\u00dfwein\u2019 in Taiwan\ngenau das bedeutet, was es bei uns bedeutet, auf dem Festland aber einen\nSchnaps bezeichnet. Das wiederum erinnert mich an alte Texte, in denen Wein\nalles m\u00f6gliche bedeuten konnte, auch hier in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>In Japan gibt es eine verbreitete\nGewohnheit, zerbrochene Schalen wieder zusammenzuf\u00fcgen, und zwar mit Gold! Das,\nwas kaputt war, bekommt so einen neuen Wert. Sicher auch metaphorisch gemeint,\nf\u00fcr Dinge, die im Leben kaputtgegangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sturm l\u00f6st auch noch Stromausfall aus.\nKreta l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist Lous\u00e3, der Ort, aus dem mein\nHonig kommt. Ich fahre aber nicht wegen des Honigs hin (auf den es dort auch\ngar keinen Verweis gibt), sondern wegen Worten. Das ist ein Elektrohandel. Da\ngibt es Heizl\u00fcfter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Tagen Regen ist die Welt wie\nverwandelt. Stundenlang scheint die Sonne, und am Nachmittag wird es sogar\nwarm, w\u00e4rmer, als es die Vorhersage vermuten lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Lous\u00e3 liegt noch nicht in den Bergen, aber\nam Fu\u00df der Berge. Die Berge tun sich dahinter auf, fast bis an die Spitzen\ndicht mit B\u00e4umen bestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lous\u00e3 liegt noch zehn Kilometer hinter\nMiranda do Corvo. Die Wiesen auf dem Weg wirken jetzt noch gr\u00fcner. K\u00f6nnte in\nIrland sein. Sonst hat aber die Landschaft mit Irland wenig zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle H\u00e4user sind aus Naturstein, Backstein\nist so gut wie unbekannt. Die meisten H\u00e4user sind verputzt, meist die\n\u201cbesseren\u201d. Die nicht verputzten H\u00e4user sehen oft \u00e4rmlich aus oder sind Ruinen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Tankstelle werde ich bedient. Der\njunge Mann legt immer wieder nach, bis wirklich kein Tropfen mehr reinpasst. Er\nbedankt sich \u00fcberschw\u00e4nglich f\u00fcr das bescheidene Trinkgeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Verhandlung \u00fcber die Zahlungsart meine\nich das Wort&nbsp;<em>Karton<\/em>&nbsp;zu h\u00f6ren. Erst dann f\u00e4llt der\nGroschen:&nbsp;<em>cart\u00e3o de cr\u00e9dito<\/em>. Wahrscheinlich kann man sich an&nbsp;<em>Karton<\/em>&nbsp;f\u00fcr\ndie Aussprache halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lus\u00e5o&nbsp;hat viele kleine unregelm\u00e4\u00dfige\nStra\u00dfen, viel Volks ist unterwegs, und er herrscht reger Verkehr. Es macht\neinen intakten Eindruck. Das Stadtbild ist etwas&nbsp;un\u00fcbersichtlich, aber\ngrob kann man drei Teile unterscheiden: ein neueres, unansehnliches, die\neigentlich Altstadt, eher d\u00f6rflich gepr\u00e4gt, und das Vorzeigeviertel, ein fast\nhochherrschaftliches Viertel, mit einer Reihe stattlicher H\u00e4user. Hier haben\nwohl fr\u00fcher die Grafen von Espinhal residiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche einen&nbsp;Briefkasten&nbsp;und\nwerde mal hierhin, mal dahin geschickt, aber das macht gar nichts, ich habe\nZeit, kann Bewegung gebrauchen und will mich hier ohnehin orientieren. Alle\n\u00fcberbieten sich gegenseitig an Freundlichkeit, vor allem ein junger Vater mit\nSohn und eine Frau vor einer Kirche. Schlie\u00dflich finde ich den Briefkasten an\neinem Platz, der die Innenstadt begrenzt, einem Kreisverkehr. Wie sollte es\nauch sonst sein? Auch bei den Briefk\u00e4sten kommt wieder die Farbe ins Spiel. Es\ngibt einen Schlitz f\u00fcr&nbsp;<em>Correio<\/em>&nbsp;<em>Azul<\/em>, den\nSchnelldienst, und einen roten f\u00fcr die normale Post.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich meine kleinen Gehversuche auf\nPortugiesisch mache, wird manchmal&nbsp;auf&nbsp;Englisch&nbsp;geantwortet,\naber nicht so oft wie in Griechenland.&nbsp;Die junge Frau in der\nTouristeninformation wechselt st\u00e4ndig zwischen Portugiesisch und Englisch. Sie\ntraut dem Braten, d.h. mir nicht und glaubt, ich w\u00fcrde nur vorgeben, zu\nverstehen.&nbsp;Die Antworten, wenn sie auf Portugiesisch kommen, verstehe ich\ngut oder, wenn nicht,&nbsp;wenigstens im Groben. Wenn die Portugiesen\nuntereinander sprechen, verstehe ich nichts. Und nichts hei\u00dft hier: kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die gescheiterten Sprechversuche sind\nwas wert: Man merkt, wo Bedarf ist, woran es fehlt. Dann braucht man sich \u201cnur\u201d\nnoch an die Situation zu erinnern, das Wort nachschlagen, das Wort\naufschreiben, das Wort behalten und beim n\u00e4chsten Mal verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Ramschladen, in dem ich Anz\u00fcnder\nf\u00fcr den Ofen bekomme, h\u00e4ngt unten ein Schild mit der Aufschrift:&nbsp;<em>Roubar\num \u2013 Pagar dez.<\/em>&nbsp;Ich muss l\u00e4nger hingucken, dann macht es klick: Es ist\neine Warnung vor Diebstahl. Der kommt zehnmal so teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ramschladen geh\u00f6rt der\nLadenkette&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>&nbsp;an, der gr\u00f6\u00dften portugiesischen Kette.\nHier taucht ein weiterer Buchstabe mit Sonderzeichen auf, &lt;\u00e7&gt;. Es wird\nimmer wie \/s\/ ausgesprochen. Dieser Laut kann aber auch durch &lt;s&gt;\ndargestellt werden, je nach Position. Warum dann nicht immer einfach &lt;s&gt;,\nwie im Spanischen? Das hat was mit der Aussprache zu tun. Das Portugiesische\nhat auch ein stimmhaftes&nbsp;<em>s<\/em>, und daf\u00fcr wird &lt;s&gt; gebraucht, in\nbestimmten Positionen.&nbsp;Zu allem \u00dcbel kann \/s\/ auch noch durch &lt;c&gt;\ndargestellt werden. Ein sch\u00f6nes Beispiel ist&nbsp;<em>rece\u00e7\u00e3o,&nbsp;<\/em>wo\nderselbe Laut auf zweierlei Art wiedergegeben wird. Ist deutlich komplizierter\nals im Spanischen, auch wenn alles seine Regelm\u00e4\u00dfigkeit zu haben scheint. Zu\ndiesen Regelm\u00e4\u00dfigkeiten&nbsp;z\u00e4hlt, dass &lt;\u00e7&gt; nie am Wortanfang steht. Da\n\u00fcbernimmt &lt;s&gt; seine Funktion.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Touristeninformation bekomme ich\neinen Stadtplan und werde auf alle m\u00f6glichen Spazierg\u00e4nge aufmerksam gemacht,\nzur Burg und in die umliegenden D\u00f6rfer. Als ob es in Lous\u00e3 selbst nichts zu\nsehen g\u00e4be. Im Zusammenhang mit den D\u00f6rfern der Umgebung ist von&nbsp;<em>Xista<\/em>&nbsp;die\nRede. Damit ist wohl ein Zusammenschluss der sch\u00f6nsten D\u00f6rfer der Umgebung\ngemeint, der der Serra da Lous\u00e5. Von dem Museum, dessentwegen ich eigentlich\nhier reingegangen bin, ist auch nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pfarrkirche, gro\u00df, wei\u00df get\u00fcncht, mit\neinem m\u00e4chtigen Turm, liegt etwas erh\u00f6ht, am Rande des Zentrums. Sie ist\neinschiffig und hat an den Seiten riesige Abbildungen von Heiligen auf\nblau-wei\u00dfen Kacheln und einen ganz merkw\u00fcrdigen Altar, der ein bisschen an eine\nHochzeitstorte erinnert. An den T\u00fcren steht&nbsp;<em>Puxar<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Emburrar<\/em>&nbsp;(sp\u00e4ter,\nin einem Caf\u00e9, im Imperativ statt im Infinitiv&nbsp;<em>Puxe<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Emburre<\/em>).\nDabei bedeutet&nbsp;<em>puxar&nbsp;<\/em>nicht etwas dr\u00fccken, sondern ziehen. Hier\nerweist sich das Spanische als&nbsp;Fallensteller.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche steht ein dicht\nbewachsener, hoher Baum, wie ein riesiger Buchsbaum, grob in der Form eines\nTannenzapfens. Unten kleben an den Zweigen lauter Schnecken. Sehen jedenfalls\nso aus. Sind aber die Fr\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Amtsgeb\u00e4ude, sch\u00f6n in\ngeschm\u00fcckten Kacheln eingelassen,&nbsp;<em>Junta de Freguesia da Lous\u00e3.&nbsp;<\/em>Das\nWort&nbsp;<em>freguesia<\/em>&nbsp;verwirrt mich. Ich bin&nbsp;<em>freguesa<\/em>&nbsp;in\nder Bedeutung \u2018Kunde\u2019 begegnet. Stimmt aber,&nbsp;<em>freguesia<\/em>&nbsp;hei\u00dft\ntats\u00e4chlich \u2018Kundschaft\u2019, aber auch \u2018Gemeinde\u2019. Das ist die kleinere Einheit,\nunter&nbsp;<em>vila<\/em>. Diese Kategorie hat Penela. Dar\u00fcber dann die&nbsp;<em>cidade<\/em>,\nwie Coimbra.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei sich gegen\u00fcberliegende Friseursalons\nin einer schmalen Stra\u00dfe machen sich Konkurrenz, einer, der sehr modern, einer,\nder sehr traditionell aussieht. Das wunderbar komplizierte Wort f\u00fcr \u2018Friseur\u2019\nerscheint aber in beiden:&nbsp;<em>cabeleireiro<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Caf\u00e9 unweit der Kirche\nbekomme ich einen hervorragenden Kaffee, den besten bisher. Im allgemeinen ist\nmir der Kaffee, der Milchkaffee jedenfalls, in Portugal zu schwach, in Spanien\nzu stark. Die Frau hinter der Theke erkl\u00e4rt mir auch sehr verst\u00e4ndlich den Weg\nzu Worten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu Worten liegt aber auch der\nLidl, und da will ich zuerst hin. Erstaunlich kompliziert, dahin zu kommen. Man\nbiegt von der Hauptstra\u00dfe ab und kommt dann in ein ganz schmales Str\u00e4\u00dfchen,\nganz eng zwischen H\u00e4usern vorbei und schreckt alle m\u00f6glichen fetten, in der\nSonne d\u00f6senden Katzen auf, die offensichtlich keine Autos erwarten. Das kann\ndoch nicht richtig sein. An der n\u00e4chsten Kreuzung frage ich einen jungen Mann,\nder gerade in sein Auto einsteigen will, und der gibt mir eine langatmige,\nkomplizierte Erkl\u00e4rung, auf Englisch, um dann pl\u00f6tzlich stecken zu bleiben.\nErst jetzt ist ihm eingefallen, dass es den Lidl ja gar nicht mehr gibt. Ich\nfrage ersatzweise nach&nbsp;<em>Worten<\/em>. Oh, das sei viel komplizierter,\nmeint er. Um dann kurz entschlossen zu sagen, ich solle hinter ihm herfahren.\nDurch die ganze Innenstadt f\u00fchrt er mich und aus der Stadt heraus, ein ganzes\nSt\u00fcck, bis auf den Parkplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Worten spricht der Verk\u00e4ufer\nPortugiesisch mit mir, und nach ein paar kurzen Nachfragen bekomme ich hier\nauch meinen Heizl\u00fcfter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenan ist ein riesiger Supermarkt,&nbsp;<em>Continente<\/em>.\nNehme ich gerne als Lidl-Ersatz. Auch hier gibt es die falschen Briketts, aber\nauch S\u00e4cke mit Holz oder das, was danach aussieht. Ich nehme einen mit. Dann fehlen\nnur noch ein paar Kleinigkeiten. Seife ist erstaunlich teuer, auch die am\nSt\u00fcck, bestimmt zwei- bis dreimal so teuer wie bei uns. Und Sahne scheint ein\nNischenprodukt zu sein. Als ich wieder zur\u00fcckfahre, ist es richtig warm\ngeworden. Ich kann das Fenster runterkurbeln.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Kaum ein W\u00f6lkchen mehr am Himmel,\nstrahlender Sonnenschein, und trotzdem ist es noch kalt. Kein Wunder, dass es\nim Haus nicht warm wird: Auf den Feldern liegt Raureif, und das Wasser eines\nRinnsals ist sogar gefroren. Trotzdem gutes Wetter f\u00fcr einen Spaziergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Der beginnt mit einer Runde um das\nGrundst\u00fcck. Das ist gar nicht mal so klein. Man k\u00f6nnte gut und gerne noch zwei\nweitere H\u00e4user dieser Gr\u00f6\u00dfe drauf bauen. Sogar ein kleiner Gebetsstock, fast\neine Kapelle, in die Umfassungsmauer eingelassen, geh\u00f6rt zum Grundst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtige Nachbarn habe ich, wenn\n\u00fcberhaupt, nach hinten hin. Das Haus gegen\u00fcber ist eine Ruine, und die beiden\nnebenan liegen erh\u00f6ht und sind teils durch Gitterz\u00e4une abgetrennt. Au\u00dferdem\ntrennt uns zu beiden Seiten eine kleine Stra\u00dfe. Das sind nicht die besten\nBedingungen f\u00fcr Dorfschnack.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem der H\u00e4user, die hinten an das\nGrundst\u00fcck grenzen, h\u00e4ngt neben dem Eingang an der Hauswand noch sehr dekorativ\nein Regenschirm, Erinnerung an die letzten Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Grundst\u00fcck der&nbsp;<em>Casa Tranquila<\/em>&nbsp;ist\nebenfalls durch eine B\u00f6schung oder eine Mauer abgetrennt, au\u00dfer zu einer Seite,\nwo der Seiteneingang, mein Eingang, liegt. Da ist gegen\u00fcber ein kleines\nWeinfeld, das wiederum die Distanz zu dem Nachbarn vergr\u00f6\u00dfert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der obligatorischen Ritual des\nHundegebells geht es Richtung Viavai. Dabei \u00fcberquere ich einen Fluss, den ich\nbisher gar nicht bemerkt habe. Jetzt ist es nicht mehr zu \u00fcbersehen und, vor\nallem, nicht mehr zu \u00fcberh\u00f6ren. Der Dauerregen hat seine Wirkung gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Viavai geht es dann aufs Geratewohl auf\neinen Weg zwischen zwei H\u00e4usern, und schon ist man mitten im Wald. Es geht\nbergauf, der Sonne entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern sahen die bewaldeten Berge aus der\nFerne so aus, als st\u00fcnden dort die B\u00e4ume in Reih und Glied, alle gleich. Hier\nist es ganz anders, es herrscht ein wunderbares Durcheinander von Kr\u00fcppeln und\nmajest\u00e4tischen B\u00e4umen, von Riesen und Zwergen, von Dick und D\u00fcnn, und \u00fcberall\ndazwischen alles m\u00f6gliche Gestr\u00fcpp. Es gibt viele Nadelb\u00e4ume, sehr unterschiedlich,\naber vermutlich Abarten von Kiefern. Es gibt auch eine ganz Reihe von\nLaubb\u00e4umen, aber die sehen ganz anders aus als bei uns, haben meist kleinere,\noft olivfarbene Bl\u00e4tter. Auch das Ensemble ist anders als bei uns, nicht\nunbedingt sch\u00f6ner. Die gro\u00dfen, d\u00fcnnen B\u00e4ume ohne Rinde sind vermutlich\nEukalyptusb\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen, stehe ich auf einer\nLichtung. Das ist wohl noch nicht der Panoramapunkt, von dem ich irgendwo\ngelesen habe, aber schon ein ganzes St\u00fcck h\u00f6her. Links sieht man in der N\u00e4he\ndie dichtbewachsenen Berge, rechts hat man einen weiten Blick \u00fcber das Tal auf\ndie entfernt liegenden Berge der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben hat Verw\u00fcstung stattgefunden,\nentweder durch Sturm oder durch Feuer. Es ist teils auch wohl schon wieder\naufgepflanzt worden, und die neuen B\u00e4ume haben besonders leuchtendes Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt zur\u00fcckzukehren gehe ich einfach\nweiter und komme auf eine ganz schmale Stra\u00dfe, die dann breiter wird und \u00fcber\ndie Autobahn f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Dorf, Grocinas. In den\nG\u00e4rten stehen B\u00e4ume ganz dicht mit Fr\u00fcchten behangen. Ich klaue eine Apfelsine\nund eine Mandarine. Die Apfelsine hat eine dicke Schale und schmeckt sehr gut,\nist aber nicht sonderlich s\u00fc\u00df. Vermutlich ist es noch etwas fr\u00fch f\u00fcr die Ernte.\nDeshalb h\u00e4ngen h\u00e4ngen die B\u00e4ume noch voll. Die andere Frucht ist so klein, dass\nich erst dachte, es w\u00e4ren Mirabellen. Ist aber so etwas wie eine Mandarine oder\nClementine in Mini-Format. Die ist etwas s\u00fc\u00dfer und schmeckt ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Auto liegt friedlich ein Hund,\neiner, der ausnahmsweise mal nicht bellt und mich vertreiben will. Dann\nscheuche ich aber ungewollt zwei Tauben auf, und schon geht es los.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein weiteres Dorf,&nbsp;<em>Venda\ndos Moinhos<\/em>. Ich tippe auf \u2018M\u00f6nche\u2019, aber es sind \u2018M\u00fchlen\u2019. Der\nNamensteil&nbsp;<em>Venda<\/em>&nbsp;(wie&nbsp;<em>Venta<\/em>&nbsp;in Spanien) kann\nkeinen Bezug zu den modernen Bedeutungen des Wortes haben. Aber fr\u00fcher\nbezeichnete es wohl ein Wirtshaus.&nbsp;Dann geht es steil herunter bis zur\nLandstra\u00dfe, an dieser entlang und dann wieder steil rauf, und komme ich\nunerhofft gleich hinter der&nbsp;<em>Casa<\/em>&nbsp;<em>Tranquila<\/em>&nbsp;aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Stra\u00dfenkarte im Internet sehe\nich sp\u00e4ter, eng beieinander, diese Orte verzeichnet:&nbsp;Alvorge, Albarrol,\nAdegas, Almoster, Abiul, Alqueid\u00e5o, Abelheira, Abades, Almogade, Aivado,\nAlcamim, Amieira, Alcoutim, Almegue. Alle mit demselben Anfangsbuchstaben und\npraktisch ohne die Harmonie st\u00f6rende Orte zwischen ihnen. Kann man das alles\nmit dem arabischen Einfluss erkl\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cMiguel Moreno muss an der gleichen\nKrankheit leiden wie ich, denn er l\u00e4sst nichts unerw\u00e4hnt\u201d, sagt Nooteboom in seinem\nReisebuch \u00fcber Spanien,&nbsp;<em>Der Umweg nach Santiago<\/em>.&nbsp;Sie scheinen\nnicht die einzigen zu sein, die unter dieser Krankheit leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der \u00dcbersetzung, die ich Korrektur\nlese,&nbsp;spricht ein gewisser Favorinus eine Warnung gegen Wahrsagungen aus,\ngegen g\u00fcnstige wie gegen ung\u00fcnstige. Die k\u00f6nnten nur Ungl\u00fcck bringen, selbst\nwenn sie die Wahrheit sagten. Wenn sie g\u00fcnstig&nbsp;sind und&nbsp;nicht\neintreffen,&nbsp;macht dich das Warten elend. Wenn sie&nbsp;ung\u00fcnstig&nbsp;sind\nund nicht eintreffen,&nbsp;wirst du dir die Sache zu Herzen nehmen und die\nganze Zeit&nbsp;umsonst leiden.&nbsp;Wenn sie ung\u00fcnstige&nbsp;sind und\neintreffen, werden sie dein Leiden verl\u00e4ngern, denn du leidest schon, wenn dich\ndas Leid noch gar nicht getroffen hat. Wenn sie g\u00fcnstig sind\nund&nbsp;eintreffen, wird&nbsp;dir&nbsp;das gleich in zweierlei Hinsicht\nschaden: Das st\u00e4ndige Warten auf das Ereignis wird dich auslaugen und wenn es\ndann eintrifft, wird die Freude nur noch halb so gro\u00df sein, weil du sie ja\nschon kommen sahst. Deshalb frage ich mich ja heute noch, warum die Leute alles\ndaran setzen, zu erfahren, ob sie krank sind.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Landstra\u00dfe auf dem Weg nach\nCoimbra stehen verschiedene Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln. Sie springen immer wieder um. Aber\nman sieht nie einen Fu\u00dfg\u00e4nger. Als ich an der roten Ampel stehe, fahren die\nentgegenkommenden Autos einfach weiter. Und sie haben allen Grund dazu: Nur in\nmeiner Richtung ist eine Ampel.<\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra komme ich \u00fcber eine sch\u00f6ne,\nalte, gr\u00fcn gefasste Br\u00fccke mit mehreren B\u00f6gen, kann aber nicht sehen, was\ndarunter ist, und dann an einer ebenfalls sch\u00f6nen, modernen wei\u00dfen H\u00e4ngebr\u00fccke\nvorbei, die \u00fcber den Mondego f\u00fchrt. Die hei\u00dft Ponte Rainha Santa Isabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme, ohne es zu wollen, auf einem\nanderen Weg nach Coimbra, aber das Stadion ist gut ausgeschildert, und ich\nerinnere mich zuf\u00e4llig, dass das Einkaufszentrum in dessen N\u00e4he ist. Es klappt.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Innenstadt komme ich auch auf einem\nanderen Weg, \u00fcber die Rua do Brasil. Da f\u00e4llt mir ein Lokal auf, das mit\ntraditionellen portugiesischen Speisen wirbt,&nbsp;<em>sabores das aldeias<\/em>.\nEs hei\u00dft&nbsp;<em>Pharm\u00e1cia<\/em>! Daf\u00fcr gibt es auch eine Begr\u00fcndung: In der\nApotheke bekommt man alle Mittel um den Geist zu erfreuen! Auf einer gro\u00dfen\nTafel werden die Gerichte aufgelistet. Dar\u00fcber steht&nbsp;<em>Ementa<\/em>, ein\nWort, dem ich schon mehrmals getroffen bin. Es hei\u00dft einfach \u2018Speisekarte\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sieht man einzelne H\u00e4user,\nauch in nicht so sch\u00f6nen Gegenden, die von dem fr\u00fcheren Reichtum Portugals\nsprechen. Hier sind es oft zweist\u00f6ckige Geb\u00e4ude, oft mit Turm und Loggia, nicht\ngro\u00df genug, um als Villa durchzugehen, aber sehr ansehnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme von genau der anderen Seite in\ndie Innenstadt. In einem Caf\u00e9, Briosa, bekomme ich einen Kaffee und ein\nTeilchen, eins typisch f\u00fcr Coimbra, Pastel de Santa Clara, sehr s\u00fc\u00df, gef\u00fcllt\nmit einer Masse, die ich nicht identifizieren kann. Diese Teilchen wurden\npopul\u00e4r, weil sie in finanziell nicht gut aufgestellten Kl\u00f6stern fabriziert und\nunter die Leute gebracht wurden.&nbsp;<em>Briosa<\/em>&nbsp;ist auch der popul\u00e4re\nName des Fu\u00dfballvereins von Coimbra,&nbsp;<em>Acad\u00e9mica de Coimbra<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Besichtigung steht Santa Cruz an. Die freundliche\nFrau an der Kasse fragt mich, ob ich Spanisch spr\u00e4che. Scheint man zu merken.\nSie kann auch Spanisch, und wir sprechen in der Folge in einer bunten Mischung\naus Englisch, Spanisch und Portugiesisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gleich eine Messe beginnt, gehe ich\nzuerst in den Kreuzgang.&nbsp;Doppelst\u00f6ckig, wundersch\u00f6n, mit gedrechselten\nS\u00e4ulen und B\u00f6gen (allerdings nicht auf allen Seiten) unten und einfachen,\neleganten flachen B\u00f6gen \u00f6ben. An den W\u00e4nden die in Portugal obligatorischen\nKacheln, blau-wei\u00df. Sie stellen Gleichnisse aus dem Neuen Testament dar. Man\nist \u00fcberrascht, wie viele es gibt. Man sieht immer vorne Jesus (der eher wie\nGottvater oder Moses aussieht) und hinten die Szene des Gleichnisses.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine Treppe gelangt man in den\nzweiten Stock und auf eine Empore, in der ungew\u00f6hnlicherweise das Chorgest\u00fchl\nuntergebracht ist. Warum? Weil der K\u00f6nig vorne, im Chor, bestattet werden\nwollte. Also nahm man das Chorgest\u00fchl kurzerhand und schaffte es hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Empore nimmt einen guten Teil des\nMittelschiffs ein. Von hier sieht man in den Kirchenraum hinunter, und von hier\nhat man auch einen guten Blick auf die vergoldeten, breiten Schlusssteine und\nauf die pr\u00e4chtige Orgel, in Rot und Gold, mit wunderbar senkrecht und\nwaagerecht angebrachten Pfeifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Chorgest\u00fchl hat es wirklich in sich.\nEs hat zwei Reihen. Die oberen, \u201cbesseren\u201d Reihen haben f\u00fcr jeden Platz drei\nSchmuckelemente: eine Armillarsph\u00e4re, dar\u00fcber das K\u00f6nigswappen und dar\u00fcber\nentweder ein Schiff oder eine Stadt oder eine Festung. Was hat das bitte mit Kirche\nzu tun? Das einzige christliche Symbol, das man entdecken kann, ist ein Kreuz\nauf einigen der Schiffe. Das ist eine Vorstellung, die aus Portugals Rolle als\nSeemacht und als Verbreiter des Christentums stammt: Seht her, wir haben mit\nunserer Seemacht den rechten Glauben in alle Welt getragen. Auch die Figuren,\ndie die untere Reihe des Chorgest\u00fchls schm\u00fccken, ebenfalls vergoldetes Holz,\nsehen nicht gerade christlich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls oben befindet sich ein\nmerkw\u00fcrdiger Raum, der eine Art Reliquienkammer ist, aber nicht wie eine\naussieht, eher wie eine eigene Kirche, mit ovalem Grundriss. Alles ist sch\u00f6n\ns\u00e4uberlich geordnet. Es gibt drei Alt\u00e4re und, in Nischen, acht gro\u00dfe B\u00fcsten von\nBisch\u00f6fen und Heiligen, und die enthalten wohl die Reliquien. In diesem Zusammenhang\nist von den M\u00e4rtyrern von Marokko die Rede, aber wer das ist, wie viele es\ndavon gibt und ob die alle hier vertreten sind, wird mir nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach unten hat man einen\nsch\u00f6nen Blick in vom oberen in den unteren Kreuzgang, bei dem sich die\nverschiedenen B\u00f6gen kreuzen. Die Sonne nimmt einen immer gr\u00f6\u00dferen Platz im\nunteren Kreuzgang ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten kann man dann noch die Sakristei\nbesichtigen. Die ist gleichzeitig der Eingang f\u00fcr Besucher. Sie ist lang und\nsehr hoch, die gr\u00f6\u00dfte Portugals, hei\u00dft es. Besonders sch\u00f6n ist eine, die\ngesamte L\u00e4ngsseite einnehmende Kommode mit vielen, \u00fcbereinander angeordneten\nF\u00e4chern, mit sch\u00f6nen Beschl\u00e4gen aus Gold und mit Intarsien aus Elfenbein. Sie\nstammt aus dem 17. Jahrhundert. Wie \u00fcberhaupt in der ganzen Kirche fast nichts\naus dem Mittelalter stammt. Das Geb\u00e4ude war urspr\u00fcnglich ein\nAugustiner-Kloster, aber das wurde im 16. Jahrhundert gr\u00fcndlich umgestaltet.\nMein Blick f\u00e4llt in der Sakristei noch auf ein h\u00f6lzernes K\u00e4stchen mit T\u00fcrmchen\nund Fl\u00fcgelt\u00fcren, dessen Funktion ist erst nicht verstehe. Die ge\u00f6ffneten\nFl\u00fcgelt\u00fcren geben den Blick frei in ganz schmale Schubf\u00e4cher, so wie man sie\nfr\u00fcher in einer Backstube f\u00fcr Brote hatte. Die Assoziation ist gar nicht so\nabwegig. Es handelt sich um ein K\u00e4stchen zur Aufbewahrung von Hostien, und zwar\nXXL-Hostien, so, wie sie vom Priester am Altar verwendet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kann man dann noch in den Chor\ngehen. Dort sind, in gegen\u00fcberliegenden Grabst\u00e4tten, die ersten beiden K\u00f6nige\nPortugals begraben,&nbsp;Alfonso Henrique und Sancho (XI). Die beiden Denkm\u00e4ler\nsind \u00e4hnlich gestaltet, sehen auf den ersten Blick sogar gleich aus, aber die\nSkulpturen, Evangelisten, Apostel, M\u00e4rtyrer, Heilige, sind auf beiden Seiten\nanders. Beide K\u00f6nige werden liegend dargestellt, mit betenden H\u00e4nden und mit\nR\u00fcstung und mit einem L\u00f6wen zu F\u00fc\u00dfen. Die Schuhe von Alfonso Henrique sind\nallerdings spitz, die von Sancho rund. Ob man damit die Mode der Zeit\nwiedergeben wollte? Aber was wusste man schon davon? Die Grabm\u00e4ler sind\nJahrhunderte sp\u00e4ter entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand gleich \u00fcber den Figuren ist\nnoch etwas dargestellt, das ich nicht identifizieren kann, irgendwas, was im\nDoppelpack erscheint. Ich frage die freundliche Frau am Eingang, und sie wei\u00df\ndie Antwort: Handschuhe!<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen sehe ich dann noch, dass ein Teil\ndes Geb\u00e4udes im S\u00fcden heute einem anderen Zweck dient. Dort ist ein Caf\u00e9\nuntergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, die mir\njetzt schon fast vertraut ist, wieder runter, bis zu dem Platz am Ende. Dort\nkommen zwei junge M\u00e4nner in schwarzen Umh\u00e4ngen auf mich zu und fragen, ob sie\nhelfen k\u00f6nnen. Ich wehre sofort ab, weil ich glaube, sie geh\u00f6rten einer Sekte\nan oder wollten mir etwas andrehen. Ist aber nicht der Fall. Sie tragen die\nklassische Tunika&nbsp;der\nUniversit\u00e4t und helfen Besuchern. Am Ende frage ich sie nach einer\nBuchhandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Almedina, die Buchhandlung, die sie mir\nempfohlen haben und die sich auf einem kleinen, abgelegen Platz unterhalb der\nKathedrale versteckt, hat praktisch nur Sachb\u00fccher und nicht das, was ich\nsuche. Das finde ich aber in einer Buchhandlung in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, ein Roman\nvon Saramago. Hier bekomme ich auch eine Stra\u00dfenkarte, aber die hat noch nicht\neinmal Estrada de Viavai (das im Internet erscheint) und erst recht nicht die\numliegenden D\u00f6rfer (die nicht einmal im Internet erscheinen). Die Stra\u00dfen, die\naus dem Dorf f\u00fchren, sind auch nicht zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen so warm geworden, dass\nich mich in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 setzen und ein Bier trinken kann. Unglaublich! Am\nMorgen musste ich noch das Eis von der Windschutzscheibe kratzen. Die\nTemperaturunterschiede, sowohl die zwischen Tag und Nacht als auch die zwischen\nSommer und Winter, sind verr\u00fcckt, Symptome eines kontinentales Klimas, und das\nw\u00fcrde man in Portugal nicht unbedingt erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz, auf dem ich sitze, hei\u00dft&nbsp;<em>Largo\nda Portagem<\/em>. Vorher habe ich mir \u00fcberlegt, was wohl&nbsp;<em>Lg.<\/em>&nbsp;auf\nden Verkehrsschildern bedeutet. Die Bedeutung von&nbsp;<em>largo<\/em>&nbsp;ist\neinfach \u2018Platz\u2019. Vermutlich kleiner als&nbsp;<em>pra\u00e7a.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, aufzuschnappen, wor\u00fcber die\nbeiden M\u00e4nner neben mir sprechen, bekomme es aber nicht heraus. Immer wieder\nmeine ich&nbsp;<em>Benfica<\/em>&nbsp;zu h\u00f6ren, aber es kann auch sein, dass sie\neinfach&nbsp;<em>fica<\/em>&nbsp;sagen. Das Verb,&nbsp;<em>ficar<\/em>, ist ein ganz\nwichtiges, es bedeutet \u2018bleiben\u2019, aber auch \u2018sich befinden\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt der gloriose Moment, wo ich\nzum ersten Mal einen Satz aus einer Unterhaltung unter Portugiesen verstehe:\n\u201cSie verkaufen keinen Fisch.\u201d Vielleicht keine Aussage von transzendentaler\nBedeutung, aber immerhin verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg geht es wieder erst ein\nganzes St\u00fcck durch Coimbra, \u00fcber breite Boulevards und riesigen Pl\u00e4tzen. Man\nk\u00f6nnte den Eindruck haben, in einer Millionenstadt zu sein. Dabei hat sie\ngerade mal 140.000 Einwohner. Dass ich richtig bin, merke ich, als ich an einem\nPlatz mit einem gro\u00dfen CDU-Plakat vorbeikomme. Hat nichts, aber \u00fcberhaupt\nnichts mit unserer CDU zu tun. Es ist ein Wahlb\u00fcndnis aus Kommunisten, Gr\u00fcnen\nund einer demokratischen Bewegung!<\/p>\n\n\n\n<p>An der Autobahn steht&nbsp;<em>Boa viagem!<\/em>&nbsp;Ist\nFemininum im Portugiesischen. Und endet wie viele andere Substantive auf&nbsp;<em>-m<\/em>:&nbsp;<em>portagem<\/em>,&nbsp;<em>paragem<\/em>,&nbsp;<em>lavagem<\/em>,&nbsp;<em>jardinagem<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdige Verwirrung: Wenn ich sage,\ndass wir eine Stunde hinterher sind, bekomme ich immer wieder die Antwort:\nKlar, liegt ja auch weiter s\u00fcdlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Estrada de Viavai liegt 272 Meter \u00fcber dem\nMeeresspiegel. Nur 272 Meter. Der h\u00f6chste Punkt der Serra da Lous\u00e3 ist 1205\nMeter hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Heimat werde ich mit allem\nversorgt, was man sich w\u00fcnschen kann: Waffen gegen die K\u00e4lte, Bilder vom\nSchnee, aber auch mit Nachrichten \u00fcber die Vorboten des kommenden Fr\u00fchlings\n(l\u00e4ngere Tage, Vogelgezwitscher Kraniche). Dann ein sch\u00f6nes Zitat aus der BBC\n\u00fcber den Brexit: \u201cA no-deal Brexit is less and less unlikely.\u201d. Schlie\u00dflich ein\nLink zu einem artikel \u00fcber einen portugiesischen Autor, Miguel Torga (nie\ngeh\u00f6rt, war sogar mal Kandidat f\u00fcr den Nobelpreis), mit engen Verbindungen nach\nCoimbra und einer ganz besonderen, etwas bizarren Biographie, ein Einzelg\u00e4nger,\nder sich dem Leben der einfachen Leute widmete, ohne sie zu glorifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Tomar, das sich den Beinamen Stadt der\nTempler gegeben hat, liegt s\u00fcdlich von hier. Zum ersten Mal fahre ich in diese\nRichtung. Man kommt gut dahin \u00fcber die IC 3, wird dann aber auf die\n(kostenpflichtige) A 13 umgeleitet.&nbsp;Die f\u00fchrt im \u00dcbrigen auch nach Fatima,\ndas gar nicht mehr so weit von hier ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Tomar kommt mir gro\u00df vor. Es hat auch\nimmerhin 40.000 Einwohner, mit gro\u00dfen Mietk\u00e4sten, Einkaufszentren, Tankstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall kommen mir Gruppen von Joggern\noder einzelne Jogger entgegen.&nbsp;Ob hier demn\u00e4chst ein Volkslauf\nstattfindet?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einem Parkplatz kommt\ndie hochgelegene Festung in den Blick, ein \u00fcberw\u00e4ltigender Anblick, auch weil\nes so pl\u00f6tzlich kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Parken kann man am&nbsp;<em>Mercado\nMunicipal<\/em>. Dessen Au\u00dfenmauer ist verziert mit Bildern von Artikeln, die man\nhier kaufen kann, vom K\u00fcrbis \u00fcber die Sardine bis zum Speck. Dar\u00fcber und\ndazwischen die Sammelbegriffe:&nbsp;<em>Hortofrut\u00edcula<\/em>,&nbsp;<em>P\u00e3o<\/em>,&nbsp;<em>Queijos<\/em>,&nbsp;<em>Talhos<\/em>&nbsp;usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird das Thema mit den Templern\nordentlich ausgequetscht. In das Stra\u00dfenpflaster ist das Kreuz der Templer\neingelassen, ein Hotel schreibt das&nbsp;O&nbsp;von&nbsp;Tomar&nbsp;als\nTemplerkreuz, und ein Einkaufszentrum nennt sich&nbsp;<em>Templarios<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an den Fundamenten eines\nr\u00f6mischen Bads vorbei, acht aber mehr auf einen Baum, dessen Stamm in einer\nReihe bunter geh\u00e4kelter Stoffe eingeh\u00fcllt ist. Aus dem oberen oberen Stockwerk\neines Hauses lehnt sich eine uralte Frau, mit einem geh\u00e4kelten Kopftuch, aus\ndem Fenster und gr\u00fc\u00dft freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Caf\u00e9, das neu eingerichtet ist,\naber auch zwei alten (?) ionischen S\u00e4ulen ruht, bekomme ich einen guten Kaffee\nund ein leckeres Geb\u00e4ck mit Karamellgeschmack. Das Caf\u00e9 ist benannt nach Santa\nIr\u00eda, der Lokalheiligen, die von einem verschm\u00e4hten Liebhaber get\u00f6tet und in\nden Nab\u00e3o geworfen wurde (ja, so ging man fr\u00fcher mit den Frauen um!). Der\nflie\u00dft ganz nahe an dem Caf\u00e9 vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man \u00fcber den Nab\u00e3o geht, der an\ndieser Stelle ziemlich breit ist, ist es, als wenn man in eine andere Stadt\nk\u00e4me. Man kommt \u00fcber eine wundersch\u00f6ne, historische Stra\u00dfe, ohne Autoverkehr,\nmit ganz unterschiedlichen H\u00e4usern, die aber fast alle im ersten Stock ganz\nschmale Balkone mit sch\u00f6n geschmiedeten Gittern haben. Die Fassaden einiger\nH\u00e4user sind mit Kacheln&nbsp;verkleidet, blaue, aber auch gr\u00fcne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>, der\nHauptplatz, kommt erst in Sicht, wenn man schon fast da ist. Sie hat ganz in\nwei\u00df gehaltene H\u00e4user zu drei Seiten, darunter das Rathaus an der Stirnseite.\nIm Zentrum steht das nicht sehr ansehnliche Standbild des Gr\u00fcnders von Tomar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Caf\u00e9 da&nbsp;Pra\u00e7a<\/em>&nbsp;sitzt\nman schon drau\u00dfen. Es ist zwar sonnig, aber das w\u00e4re mir jetzt noch zu kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dem Rathaus die\nStadtkirche,&nbsp;<em>S\u00e5o Jo\u00e3o Baptista<\/em>. Sie hat eine fast schmucklose\nFassade, die stark kontrastiert mit dem von Zierrat \u00fcberbordenden Portal. Hier\nerscheint wieder die Armillarsph\u00e4re, ebenso wie das k\u00f6nigliche Wappen. Daneben\nein Kreuz, das an allen Enden einen kleinen Querbalken hat, die wiederum in\nzwei Spitzen enden. Auch das scheint hier charakteristisch zu sein. Sp\u00e4ter\nentdecke ich genau diese drei Symbole an der Fassade des Rathauses und an dem\nGlockenturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der lehnt sich im Norden an die Kirche an,\nwirkt aber halb unabh\u00e4ngig. Er hat einen klobigen, quadratischen Unterbau und\neinen feinen achteckigen Oberbau, der wiederum von einer h\u00f6lzernen Pyramide bekr\u00f6nt\nist,&nbsp;mit zwei quer laufenden Steinschn\u00fcren verziert. Der Turm ist ein\nechter Hingucker, hier vom Platz aus, aber auch aus der Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen wirkt die Kirche h\u00f6her, als sie ist.\nSie ist dreischiffig, mit&nbsp;Balkendecke. Hier auch wieder der entsetzliche\ntortenartige Altaraufbau. Sch\u00f6n dagegen die gemei\u00dfelte sp\u00e4tgotische Kanzel\n(ohne bildliche Darstellungen) und die dazu passenden, einfachen\nWeihwasserbecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Burg braucht man sich nur nach oben zu\norientieren. Statt \u00fcber die Stra\u00dfe gehe ich durch einen Park, den Parque de\nMouch\u00e5o. Dem Namen bin ich hier schon \u00f6fter begegnet, kann aber nicht\nherausfinden, was er bedeutet. Scheint auch was mit Wein zu tun zu haben,\nvielleicht ein Anbaugebiet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg, der sogar einen Namen hat,&nbsp;<em>Caminho\nda Cadeira&nbsp;De\u2018l&nbsp;Rei<\/em>,&nbsp;(der \u2018K\u00f6nigsstuhl\u2019!)&nbsp;f\u00fchrt steil nach oben.\nBald stehe ich vor den Mauern der Burg. Aber es ist kein Reinkommen. Immer\nweiter bringt mich der Weg von der Burg weg.&nbsp;Man kann auch nicht abbiegen:\nlinks dichte B\u00e4ume, rechts eine etwas mannshohe Mauer ohne Durchl\u00e4sse. Dann\nkommt man zu einer Lichtung, einem regelrechten Aussichtspunkt. Ganz hinten, am\nanderen Ende des Tals, aber auf gleicher H\u00f6he, steht die Burg, unten die Stadt.\nNicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier her f\u00fchrt der Weg bergab. Er ist\nurspr\u00fcnglich angelegt worden, um die Wasserversorgung f\u00fcr die Burg zu sichern.\nAn verschiedenen Stellen gibt es kleine, tempelartige Aufbauten, unter denen\nman Reste der Wasserleitung sieht. Als ich vor einer stehenbleibe, erinnere ich\nmich an eine Passage in Nootebooms Umweg nach Santiago, in der er vor\nverschiedenen Arten der Stille spricht. Wie wahr! Hier ist es still, aber nicht\nlautlos: Man h\u00f6rt das Zwitschern der V\u00f6gel und das Rauschen des Wassers.\nDankenswerterweise haben die Arbeiter, die im Wald besch\u00e4ftigt sind, gerade\nihre Kreiss\u00e4gen ausgeschaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende stellt sich heraus, dass der Weg\nein Rundweg ist und ich wieder unten am Eingang zum Park lande. Noch mal rauf\nzur Burg will ich nicht. Und begn\u00fcge mich stattdessen damit, dass heute\nBewegung statt Besichtigung auf dem Programm stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es so warm, dass man sich auch\nin das Stra\u00dfencaf\u00e9 auf der&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>&nbsp;setzen k\u00f6nnte,\naber ich gehe stattdessen zur Post. Hier sind die&nbsp;Briefmarken billiger als\nin dem Souvenirgesch\u00e4ft in Coimbra. Wieder merke ich, wie weit meine Aussprache\nvon dem Original entfernt ist, als die Frau hinter dem Schalter das Wort&nbsp;<em>selos<\/em>&nbsp;wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt h\u00f6re ich im Radio (einem\nkatholischen Sender) immer&nbsp;<em>Claxi<\/em>. Ein Name? Eine Institution. Aber\nals das immer wieder auftaucht, f\u00e4llt der Groschen:&nbsp;<em>Claro que s\u00edm.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In der Taverne in Viavai sitzt Howard, ein\nBrite, den ich schon fl\u00fcchtig kennengelernt habe, bei einem Glas Wein. Die\nWirtin, Pamela, sitzt am PC, bei den letzten Vorbereitungen f\u00fcr die Reise, nach\nS\u00e3o Tom\u00e9, wo sie vierzehn Tage bleiben. Morgen geht es los. Sie fliegen von\nLissabon aus, kommen dahin mit dem Zug von Pombal aus, wohin sie gebracht\nwerden. Kann man sich merken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzt sich dann zu uns und trinkt auch\neinen Wein und raucht ausnahmsweise eine Zigarette drinnen. Ist in Portugal\nnicht erlaubt und wird auch respektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich trinke ein Bier,&nbsp;<em>Sagres<\/em>,\nund dann, auf Howards Vorschlag, ein anderes,&nbsp;<em>Super Bock<\/em>. Das sind\ndie beiden wichtigsten. Sind beide leicht und schmecken ganz \u00e4hnlich, Bier, das\nman gut trinken kann, aber \u00fcber das man nicht ins Schw\u00e4rmen ger\u00e4t. Es gibt aber\neinen kulturellen Aspekt. Als ich nach der Verteilung frage, ob eine Marke\nvielleicht irgendwo im Land popul\u00e4rer ist als woanders, bleibt die Antwort\nvage, aber es gibt einen Unterschied: Die Anh\u00e4nger von Fu\u00dfballvereinen haben\nsich der einen oder anderen Marke verschrieben. Howard verwechselt Sporting und\nPorto, aber das Internet hilft: Benfica, Braga und Acad\u00e9mica Coimbra stehen f\u00fcr\nSagres, Sporting, Porto und Belenenses f\u00fcr Super Bock! Ein echter Einblick in\ndie Alltagskultur! Schon deshalb hat sich der Weg in die Taverne gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Howard hat es eher mit Rugby. Er findet,\nda geht es zivilisierter zu. Und die Rugby-Spieler seien nicht solche Memmen\nwie die Fu\u00dfballspieler. Er hat einige Jahre in Wales gewohnt. Wenn er da in die\nKneipe ging, um Rugby zu sehen, konnte er ohne Weiteres unter allen diesen\nWales-Anh\u00e4nger zu England halten. Es gab h\u00f6chstens ein paar verbale\nSeitenhiebe, aber der freundlichen Art. Da hat er recht, das ist im Fu\u00dfball\nnicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem bevorstehenden Six-Nations-Turnier\nhalte er zu Italien. Warum? Weil die immer Letzter w\u00fcrden. Sie fingen immer gut\nan, aber lie\u00dfen dann nach. Absteigen kann man eigentlich nicht, aber es gibt\njetzt doch zwei Kandidaten, Kroatien und Serbien, die Italien ersetzen wollen.\nIm Grunde seines Herzens hofft er nat\u00fcrlich, dass England gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden erz\u00e4hlen mir, dass ich froh\nsein k\u00f6nne, dieses Jahr gekommen zu sein. Letztes Jahr w\u00e4re schrecklich\ngewesen, jetzt genie\u00dfen sie die Sonne genauso wie ich. Sie klagt wie ich \u00fcber\ndie K\u00e4lte, ihm scheint sie nichts auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlen, wie er zu seinem Haus\ngekommen ist, an einem Abend, als sie ein paar Bier zu viel getrunken hatten.\nSie erw\u00e4hnte, dass ein Holl\u00e4nder sein Haus, gleich um die Ecke, verkaufen\nwolle. Er hatte eigentlich gar nicht vor, ein Haus zu kaufen, wohnte irgendwo\nf\u00fcr 300 \u20ac zur Miete. Aber so aus Spa\u00df nannte er dann mal einen Preis, den er\nbezahlen wollte. Sie rief den Eigent\u00fcmer an, nannte den Preis, der sagte ja,\nund das Haus war gekauft. Am n\u00e4chsten Tag sei er aufgewacht und habe sich\ngefragt: \u201cHast Du gestern Abend wirklich ein Haus gekauft?\u201d. Er hat einen\nVolltreffer gelandet, der Holl\u00e4nder hat ihm ein voll eingerichtetes Haus, mit\nM\u00f6beln und Utensilien hinterlassen, sogar sein Shampoo habe er dagelassen.\nJetzt ist er seit anderthalb Jahren hier und will nicht mehr zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine \u00e4ltere Portugiesin auf\neinen Kaffee, und dann noch eine. Jetzt wird Portugiesisch gesprochen. Eine der\nFrauen spricht sehr, sehr klar. Sie korrigiert mich auch ganz entschieden, aber\nfreundlich:&nbsp;Es hei\u00dft&nbsp;<em>moro<\/em>, nicht&nbsp;<em>muro<\/em>.&nbsp;Optimal.\nDie andere Frau verstehe ich gar nicht, und Pamela auch nicht. Aber da bin ich\nnicht so sicher, ob das an mir liegt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern zum ersten Mal mit den Wochentagen\ndurcheinander gekommen. Es gibt keine richtigen Unterscheidungsmerkmale.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Saramago lese ich: \u201cDona Maria reicht\ndem K\u00f6nig ein kaltes H\u00e4ndchen, das, wie sehr auch unter dem Federbett\naufgew\u00e4rmt, im Eisenhauch des Zimmers sogleich kalt wird.\u201d Vielleicht ist es ja\ntr\u00f6stlich, dass fr\u00fcher auch K\u00f6niginnen im Schlafgemach frieren mussten, aber\nw\u00e4rmer wird\u2019s dadurch auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Reisef\u00fchrer lese ich von einem gewissen\nFern\u00e5o Mendes Pinto. Er stammte aus Montemor-o-Velho, auch hier im Beira\nLitoral, Richtung K\u00fcste, und ist der ber\u00fchmteste Sohn der Stadt. Er war einer\nder ersten Europ\u00e4er, der den Fu\u00df auf japanischen Boden setzte. Er hielt seine\nEindr\u00fccke in einem Buch fest,&nbsp;<em>A Peregrinac\u00e5o<\/em>. Seine Schilderungen\ntrafen \u00fcberall auf Unglauben. Er galt als L\u00fcgenbaron. Und hat Eingang in die\nSprache gefunden:&nbsp;<em>Fern\u00e5o, mentes? \u2013 Minto. Fern\u00e5o, l\u00fcgst du? \u2013 Ja, ich\nl\u00fcge.&nbsp;<\/em>Heute gilt&nbsp;<em>A Peregrinac\u00e5o&nbsp;<\/em>als eins der\nwichtigsten Dokumente \u00fcber das Japan des 16. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>In Manaus denke er nicht an Madrid und in\nBogot\u00e1 nicht an Coimbra, sagt Nooteboom. Der Unterschied zwischen Spanisch und\nPortugiesisch sei nat\u00fcrlich leicht zu h\u00f6ren, reiche aber dar\u00fcber hinaus,\nbetreffe das \u201cWesen\u201d der Sprache. Angesichts der Verbreitung von Spanisch und\nPortugiesisch in Amerika fragt er sich, warum sich Holl\u00e4ndisch nicht\ndurchgesetzt habe in den Kolonien. Warum spricht man in Java heute nicht\nHoll\u00e4ndisch? Gute Frage, schwere Frage. Man kann noch erg\u00e4nzen: Warum hat sich\nPortugiesisch in Amerika, aber nicht in Afrika durchgesetzt, in Angola und\nMosambik? Dabei sind die viel sp\u00e4ter unabh\u00e4ngig geworden als Brasilien. An der\nZahl der Sprecher kann es wohl nicht liegen, die Portugiesen waren immer die\nMinderheit. Vielleicht am Zeitpunkt der Kolonialisierung?<\/p>\n\n\n\n<p>Genau deckungsgleich mit&nbsp;<em>ein\nbisschen<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>um bocado,&nbsp;<\/em>von&nbsp;<em>boca<\/em>,\n\u2018Bissen\u2019 abgeleitet:&nbsp;<em>Podes esperar um bocado?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne Wetter ist schon wieder vorbei.\nDie Sonne hat heute kaum mal eine Chance, durchzukommen. Und auch f\u00fcrs\nWochenende, wo strahlender Sonnenschein angesagt war, sind die Aussichten eher\ngemischt. Auch da l\u00e4sst Griechenland gr\u00fc\u00dfen. Es wird immer besser, aber immer\nin ein paar Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einem Tipp von gestern folgend gehe ich\nnach Carvalhais, auch gut zu Fu\u00df zu erreichen. Da betreibt eine Frau namens\nEdite die Snack-Bar Pascoal. Es ist ein gro\u00dfer, leerer Raum, praktisch ohne\nDekoration, in dem zwei M\u00e4nner bei einem Kaffee sitzen. Keine sehr einladende\nAtmosph\u00e4re. Ich stelle mich an die Theke und zwinge Edite ein Gespr\u00e4ch auf, und\nbald taut sie auf. Hier gebe es viele Engl\u00e4nder in der Gegend, am Abend habe\nsie eine ganze Gruppe zum Essen da. Meine Vermieter kennt sie nur vom\nH\u00f6rensagen. Essen gibt es hier nur auf Bestellung, por encomendo. Das steht\ngl\u00fccklicherweise drau\u00dfen an der Fassade, so dass ich gar nicht umst\u00e4ndlich\numschreiben muss. Ich frage nach Mittagessen am Sonntag \u2013&nbsp;<em>almo\u00e7o<\/em>&nbsp;\u2013\naber es gibt nur Abendessen \u2013&nbsp;<em>jantar<\/em>. Ich bestelle einen\nTisch.&nbsp;Das Bier hier ist noch billiger als in Viavai: 85 Cent pro Flasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he liegt das, was die\nEngl\u00e4nder&nbsp;<em>Pink Bar<\/em>&nbsp;nennen, ein schummriges Lokal (wenn man es\ndenn so nennen will), wo ich an der Theke noch ein Bier trinke. Animiert von\ndem ersten Bier verwickele ich die Frau hinter dem Tresen in ein Gespr\u00e4ch. Sie\nselbst ist nicht von hier, ihr Mann aber. Sie kommt aus einem Ort in der N\u00e4he\nvon Miranda, dessen Lokalisierung mir detailliert erkl\u00e4rt. Wie es denn hier\nw\u00e4re, will sie wissen. Ruhig, oder? Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Theke h\u00e4ngt ein Bild von\nSporting Lissabon mit der Meistermannschaft von 2001\/2002, wohl der letzten.\nHinter dem Tresen ein Spiegel und davor ein unglaubliches Sammelsurium von\nDingen: Lotterielose, Kinder-Schokolade, ein Fu\u00dfball, ein Fu\u00dfballschuh, Pokale,\nSchiffe, Kalender, beschriftete Teller und Rum-, Whisky-, Brandy- und\nLik\u00f6rflaschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite H\u00e4lfte des Raums wird von einem\nkleinen Laden eingenommen. Fr\u00fcher h\u00e4tten sie viel mehr gehabt. Aber immerhin.\nSie hat Reis, Nudeln, Kaffee, sogar frischen K\u00e4se. Auf jeden Fall braucht man\ndann nicht gleich nach Miranda fahren, wenn mal was fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommt zwischendurch die\nSonne durch und erlaubt nicht nur einen sch\u00f6nen Anblick, sondern ein Photo, das\nnoch sch\u00f6ner ist als die Wirklichkeit: im Vordergrund eine moosbewachsene\nMauer, dahinter die Ruine eines Hauses, durch dessen Fenster man in die Ferne\nblickt, und am Himmel dicke, wei\u00dft Wolken abwechselnd mit blauen\nHimmelsstreifen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Coimbra war nicht immer da, wo es jetzt\nist. Es lag urspr\u00fcnglich weiter s\u00fcdlich, da, wo sich jetzt das Ausgrabungsfeld\nConimbriga befindet.&nbsp;Als die Stadt verlassen wurde, vermutlich unter dem\nEindruck der Angriffe der Sueben, nahmen die Fl\u00fcchtenden den Namen mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal brauche ich nicht mehr die\nWindschutzscheibe freizukratzen. Es muss also nachts allm\u00e4hlich w\u00e4rmer werden.\nNur merkt man davon noch nicht so viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg nach Conimbriga ist k\u00fcrzer als der\nnach Coimbra, und als ich ankomme, ist alles noch verschlossen. Man kann aber\n\u00fcber einen Weg an dem Ruinenfeld vorbei in den n\u00e4chsten Ort gehen,\nCondeixa-a-Velha.&nbsp;Das mache ich, damit mir warm wird.&nbsp;Der Ort sieht\nziemlich \u00e4rmlich aus und erstreckt sich an einer Stra\u00dfe entlang. Au\u00dfer einer\nalten Frau, die auf einen Stock gest\u00fctzt am Stra\u00dfenrand steht, ist niemand zu\nsehen. Ein Caf\u00e9 gibt s nicht, also gehe ich einfach weiter, als ich an den\nOrtsausgang komme. Die Stra\u00dfe geht in einen Weg \u00fcber und der f\u00fchrt direkt in\nden Wald. Der Weg wird immer steiler und enger und ist teils nicht mehr als weg\nauszumachen. Und er f\u00fchrt immer wieder in eine Sackgasse. Aber es lohnt sich.\nEs ist, als w\u00e4re man in einer anderen Welt. Die ausgerissenen Wurzel, die quer\n\u00fcber den Weg liegenden Baumst\u00e4mme und das dichte Gewirr von \u00c4sten, die von den\nB\u00e4umen herabh\u00e4ngen, geben einem fast das Gef\u00fchl von Urwald. Dabei kann die Stra\u00dfe\nnur ein paar Minuten entfernt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gelange ich dann auch irgendwann hin.\nVorher geht es noch an einem durch ein Gitter abgesperrten, mit Gr\u00e4sern\nzugewachsenem&nbsp;Grundst\u00fcck vorbei, das seit Jahren nicht mehr betreten\nworden ist.&nbsp;An dem Gitter steht ein Schild mit der Aufschrift:&nbsp;<em>Passagem\nproibida as pessoas n\u00e3o autorizadas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Dorf verteilt der B\u00e4cker Br\u00f6tchen,\nh\u00e4ngt sie in durchsichtigen Plastikt\u00fcten an die Haust\u00fcren. Es sind&nbsp;<em>carca\u00e7as<\/em>,\ndie gro\u00dfen, Br\u00f6tchen in Rhombus-Form, die es hier \u00fcberall gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist mir warm geworden. Ich gehe\naber trotzdem in die Dorfkneipe auf einen Kaffee. Der Raum ist dunkel, wie\nimmer hier, vielleicht, um der Hitze des Sommers zu trotzen. Die Wirtin, auch\ndas scheint die Regel zu sein, ist klein und rundlich und sieht b\u00e4uerlich aus.\nIn dem ungem\u00fctlichen Raum stehen ein Spielautomat und ein Billardtisch rum, und\nauf dem Tresen liegen Gummiablagen von J\u00e4germeister.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirtin best\u00e4tigt mir, dass dies doch\nnoch&nbsp;Condeixa-a-Velha&nbsp;ist. Ich muss vorher wohl nur durch einen Teil\ndes Ortes gekommen sein. Ich frage nach dem Weg zu den Ruinen, und sie fragt,\nob ich \u00fcber&nbsp;<em>terra batida<\/em>&nbsp;gehen wolle. Ja.&nbsp;Danach folgt\nein Redeschwall, aus dem ich nur nach unten und Kreuzung und Fatima entnehmen\nkann. Gen\u00fcgt aber. Ich komme auf direktem Weg dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein Museum und ein\nAusgrabungsgel\u00e4nde. Auf dem Innenhof stehen, ordentlich aufgereiht,\nOrangenb\u00e4ume, die voller Fr\u00fcchte h\u00e4ngen. Etwa weiter ein besonders gro\u00dfes\nExemplar der B\u00e4ume, die man hier so oft sieht. Sie haben bis oben zur Krone\nkeine \u00c4ste oder Bl\u00e4tter, bilden oben aber ein Dach. Muss im Sommer sehr\nwillkommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eintritt kostet gerade mal 2,25 \u20ac. Ich\ngehe zuerst ins Museum, in der Hoffnung, das sp\u00e4ter noch die Sonne rauskommt.\nTut sie aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist nicht allzu gro\u00df, aber die\nExponate sind sehr sehr sch\u00f6n pr\u00e4sentiert, in hellen Schauk\u00e4sten, thematisch\ngeordnet, mit guten, wenn auch etwas grob gehaltenen Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Anfang ein Schaubild, das die\nVerbreitung r\u00f6mischer M\u00fcnzen anzeigt, in f\u00fcnf Etappen. Jede Etappe wird\nunterschiedlich beleuchtet, und man sieht, dass die M\u00fcnzen sich immer weiter\nnach Norden und nach Osten ausbreiten, um am Ende dann wieder nur in Italien\naufzutauchen. Conimbriga ist schon in der ersten Epoche vertreten, Trier und\nK\u00f6ln in der dritten. Toll gemacht! So macht man Geschichte sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt vor allem Alltagsgegenst\u00e4nde zu\nsehen, darunter Scheren, die den unseren verbl\u00fcffend \u00e4hnlich sehen. Gut\nvertreten sind Haarnadeln, mit denen sich die r\u00f6mischen Frauen das Haar\nzusammensteckten. Beim Schmuck wurde nicht gekleckert: R\u00f6mische Frauen trugen,\nvor allem in der sp\u00e4teren Zeit, meist mehrere Ohrringe gleichzeitig und mehrere\nRinge an jedem Finger! Man sieht hier auch einen fein geformten Spiegel (aus\npolierter Bronze) und einen Kamm (vermutlich aus Tierknochen) mit Z\u00e4hnen unten\nund oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Hygieneartikeln ist besonders\nder&nbsp;<em>strigil<\/em>&nbsp;gut vertreten, mit dem man sich die \u00d6le vom K\u00f6rper\nstrich. Auch Paletten gab es, auf denen man verschiedene Salben mixte.<\/p>\n\n\n\n<p>Landwirtschaftliche Ger\u00e4te sind vertreten,\naber noch nicht in gro\u00dfer Zahl, da bisher nur die Stadt ausgegraben wurde,\nnicht die umliegenden Ackerfelder.&nbsp;Unter den Exponaten befindet sich auch\neine Messer zum Trimmen von Reben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kr\u00fcge, Schalen und Becher aus Ton sind in\nallen Formen und Gr\u00f6\u00dfen vertreten. Aus den Bechern wurde getrunken, bis sich\nGlas in gr\u00f6\u00dferem Stil verbreitete. Die einheimische Produktion unterscheidet\nsich von den Importen dadurch, dass sie eher gr\u00e4ulich ist. Die Importe, die\nerst aus Italien, dann aus Gallien, dann aus Spanien, dann aus Tunesien kamen,\nsind erdfarben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Glas ist weitgehend durch Glasscherben\nvertreten, aber es gibt auch ein paar gut erhaltene Exemplare, zwei Schalen und\neine Flasche, beide in ged\u00e4mpften Farben. einheimische Glasproduktion ist seit\ndem 1. Jahrhundert nachgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant auch, wie man aus Funden\nSchl\u00fcsse zieht. Gro\u00dfe Webstuhlgewichte sind ein Indiz daf\u00fcr, dass nicht nur am\nheimischen Webstuhl gewebt wurde, sondern, dass es industrielle Herstellung\ngab. Und sp\u00e4te M\u00fcnzfunde in Tonkr\u00fcgen, im Boden vergraben, sind Indizien daf\u00fcr,\ndas Geld gehortet wurde, entweder angesichts von Gefahren von au\u00dfen oder\nangesichts von Inflation.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr aufschlussreich alles, was mit Ma\u00dfen\nzu tun hat.&nbsp;Man sieht St\u00e4be, Gewichte, Waagschalen, Zirkel. Zwei\nverschiedene Typen von Waagen waren im Einsatz: die&nbsp;<em>libra<\/em>&nbsp;(auch:&nbsp;<em>talentum<\/em>)\nund die&nbsp;<em>statera<\/em>&nbsp;(auch:&nbsp;<em>trutina<\/em>). Die erste war\ngriechischen Ursprungs, die zweite genuin r\u00f6misch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ma\u00dfe waren genormt: Ein Pfund hatte\nzw\u00f6lf Unzen, und ein Fu\u00df hatte vier Untereinheiten, Handbreit.&nbsp;Hier\nherrschte das Duodezimalsystem.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Teil des Museums sind\nzwei gro\u00dfe, gut erhaltene Mosaike ausgestellt, zweifarbig, mit einfachen\nMustern, ohne gegenst\u00e4ndliche Darstellung, vermutlich aus einer eher sp\u00e4teren\nZeit. Eins stellt ein Labyrinth dar, mit Stadttoren an den verschiedenen\nAusg\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleine Stelen mit Inschriften f\u00fcr die\nG\u00f6tter sind auch vertreten, darunter Liber Pater, der Patron des Weinbaus, und\nAius Rogatus, ein adaptierter lokaler Gott, der Besch\u00fctzer der B\u00e4der.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter sind die Exponate, die\nAberglauben dokumentieren. Es gibt alle m\u00f6glichen Amulette, die gegen den b\u00f6sen\nBlick und gegen b\u00f6se Geister sch\u00fctzen sollten, einige in Form eines Phallus,\nandere mit der Darstellung gekreuzter Finger, dem Haupt der Medusa, mit\nDarstellung von Kopulation und Ausscheidungen. Nicht zimperlich, die R\u00f6mer!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein R\u00e4tsel stellt ein magisches Quadrat\nmit Buchstaben dar, das in verschiedenen Richtungen zu lesen ist, das&nbsp;<em>Sator-Quadrat<\/em>.\nIm zentralen Kreuz steht&nbsp;<em>Tenet<\/em>. Ob der Text eine Bedeutung hat, ist\nunklar. Das Quadrat wurde lange als christliches Symbol missverstanden, es\nk\u00f6nnte dagegen eine Beziehung zur stoischen Philosophie haben. Hier erscheint\nes in der Kategorie&nbsp;<em>Aberglauben<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nach drau\u00dfen. Das\nAusgrabungsfeld ist gro\u00df. Es gibt Au\u00dfenmauern aus Naturstein zu sehen, aus\nZiegelsteinen gemauerte B\u00f6gen, S\u00e4ulen und Pfeiler. Es gibt die Reste des\nForums, der Thermen und vor allem, besser erkennbar, des Theaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es Mosaike, vor allem in\nder&nbsp;<em>Casa dos Repuxos<\/em>, dem \u2018Haus der&nbsp;Font\u00e4nen\u2018, einem gro\u00dfen,\naristokratischen Bau, auf einem Vorg\u00e4ngerbau errichtet. Hier gibt es auch\nMosaike mit bildlichen Darstellungen, u.a. Reiter bei der Jagd, mit Beutetieren\nund mit galoppierenden Pferden, anatomisch falsch, aber sehr dynamisch\ndargestellt, mit Beinen, die in beide Richtungen gespreizt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Ausgrabungsfeld f\u00fchle ich mich\netwas verloren, und man hat hier den Eindruck, dass man eine solche Ausgrabung\nschon nach ein paar Tagen nicht mehr von anderen unterscheiden kann, die man\ngesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter ist die Lekt\u00fcre \u00fcber die\nGeschichte von Conimbriga. An verschiedenen Stellen stehen Schilder mit\nInformationen. Kurios ist, dass die Stadtmauer, die urspr\u00fcngliche, eher\ndekorative als defensive Funktion hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Conimbriga lag an der Stra\u00dfe\nvon&nbsp;Olisipo (Lissabon) nach Braccara Augusta (Braga), die \u00fcber Sellum\n(Tomar) und Aeminium (Coimbra) f\u00fchrte. Die r\u00f6mische Besiedlung erfolgte schon\nim 2. Jahrhundert v. Chr., aber die Stadtanlage (und die Bef\u00f6rderung zum&nbsp;<em>Oppidum<\/em>)\nstammt aus der augusteischen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht am Rande des heutigen\nAusgrabungsgebietes eine hohe Mauer. Die wurde offensichtlich mitten durch die\nStadt gebaut, als Verteidigungsma\u00dfnahme, und dabei wurden die H\u00e4user, die man\nheute sieht, offensichtlich aufgegeben und als Steinbruch benutzt. Die neue\nMauer nutzte aber auch nichts bei dem Angriff der Sueben. Ob die die Stadt\nverw\u00fcsteten, ist nicht richtig herauszufinden, aber danach \u00fcbersiedelte\nzumindest ein Teil der Bev\u00f6lkerung, vermutlich die Elite, nach Aeminium \u2013 das\ndann zu Coimbra wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach so viel Kultur geht es dann&nbsp;nach\nCondeixa-a-Nova, zu trivialeren Zwecken.&nbsp;Auf der Suche nach&nbsp;<em>Continente<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Lidl<\/em>&nbsp;sto\u00dfe ich\ndort&nbsp;auf&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>, den Supermarkt mit den meisten Filialen in\nPortugal. Hier ist er aber ein richtiger Supermarkt, kein Ramschladen. Es gibt\nalles au\u00dfer Brennmaterial. Der Markt macht seinem Namen alle Ehre, alles ist\nspottbillig, au\u00dfer der Melone. Beim Obst f\u00e4llt mir&nbsp;<em>mam\u00e3o<\/em>&nbsp;auf,\ndas ist Papaya.<\/p>\n\n\n\n<p>Condeixa-a-Nova ist ein Ort ohne\nParkplatzprobleme. Ich parke in der N\u00e4he einer ehemaligen Grundschule, einem\nsch\u00f6nen, kleineren Geb\u00e4ude, das jetzt mit Hilfe der EU saniert und einem neuen\nZweck zugef\u00fchrt wird. Auf einer Tafel ist die H\u00f6he der Zuwendung durch die EU\nvermerkt, auf den Cent genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Hauptplatz, der auf den ersten\nBlick sch\u00f6ner wirkt als er ist, befindet sich das einzige nennenswerte\nRestaurant der Stadt,&nbsp;<em>Regional do Cabrito<\/em>. Das f\u00fchrt die\nSpezialit\u00e4t des Hauses gleich im Namen mit: Cabrito asado. Bestelle ich. Es ist\numwerfend gut. Das Fleisch ist zart und saftig und schmackhaft, ganz ohne So\u00dfe.\nEs hei\u00dft, es werde nach Art des Spanferkels zubereitet, was immer das hei\u00dfen\nmag. Es gibt Kartoffeln und Reis dazu und ein Gem\u00fcse,&nbsp;<em>grelos<\/em>, das\nsich als Stielmus entpuppt. Es gibt Hauswein, zwei Sorten, man l\u00e4sst mich beide\nprobieren. Die Entscheidung f\u00e4llt leicht:&nbsp;<em>Encostas do<\/em>&nbsp;<em>Bairro<\/em>&nbsp;ist der Auserw\u00e4hlte. Vorher gibt es Oliven, Brot\nund drei Sorten K\u00e4se, alle lecker. Das gibt es ungefragt, aber es schl\u00e4gt sich\nauf der Rechnung als&nbsp;<em>Couvert<\/em>&nbsp;nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Betrieb\nvorbei mit dem Schild:&nbsp;<em>Compra-se uvas \u2013 Vende-se vinho<\/em>. Sch\u00f6nes\nBeispiel f\u00fcr die Personalpronomina.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;<em>Rote Kreuz<\/em>&nbsp;hei\u00dft auf\nPortugiesisch&nbsp;<em>Cruz Vermelha<\/em>, nicht&nbsp;<em>Cruz Encarnada<\/em>. Wie\ndie beiden Adjektive gebraucht werden, ist mir ansonsten noch schleierhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende eines regnerischen Tages ohne\nSonnenschein mache ich mich auf den Weg in die Taverne nach Carvalhais, \u00fcber\ndie schlecht erleuchtete Dorfstra\u00dfe. Als ich auf die v\u00f6llig dunkle Landstra\u00dfe\nkomme, macht ich kehrt und hole das Auto.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Taverne ist richtig was los. Es ist\nvoll, und es geht sehr laut zu. Eine reine M\u00e4nnerangelegenheit, mit der\nAusnahme von einer einzigen Frau, die mit anderen an einem Tisch sitzt, der\nbereits abger\u00e4umt wird. In Portugal isst man fr\u00fcher als in Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4lteren M\u00e4nner sitzen an den Tischen,\ndie j\u00fcngeren stehen am Tresen. Im Fernsehen l\u00e4uft Fu\u00dfball. Das Spiel muss wohl\ngerade vorbei sein. Es werden Ausschnitte gesendet, ein Tor nach dem anderen,\nbis ich glaube, dass es verschiedene Spiele gewesen sein m\u00fcssen. Ist aber nicht\nder Fall, es ist ein einziges Spiel, Benfica gegen Nacional: 10:0. Das erste\nTor ist gleich in der ersten Minute gefallen. Man hat hier gefeiert.\nNeuank\u00f6mmlinge werden mit zehn erhobenen Fingern begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter frage ich den jungen Mann, der mich\nbedient, ob hier alle Benfica-Anh\u00e4nger seien. Ja, fast alle, sagt er und deutet\nauf ein kleines H\u00e4uflein von M\u00e4nnern, die das jetzt beginnende Spiel verfolgen.\nDas seien die Anh\u00e4nger von Sporting. Er selbst h\u00e4lt zu Porto, eine einzige\ngro\u00dfe Ausnahme in dem Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt auch auf, dass die Trikotwerbung\nvon Benfica tats\u00e4chlich Sagres ist, was die Bemerkung von Howard \u00fcber die\nParallele von Fu\u00dfballverein und Biermarke best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist ausgesprochen schmackhaft.\nEs gibt Schweinelenden, wieder mit Reis und Kartoffeln (die sind hier immer\nbesser als die pampigen Pommes frites in Spanien) und dazu einen leckeren\nSalat. Zur Wiederholung empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Lekt\u00fcre f\u00e4llt mir auf, wie viele\narabische W\u00f6rter denselben Anfangslaut haben: Moschee und Mihrab, Minarett und\nMuezzin, Marokko und Marrakesch, Medina und Mekka, Mohammed und Muslim. Zufall?\nUnd dann f\u00e4llt mir auf, durch eine falsche Lekt\u00fcre, dass Tenor im Deutschen\ndurch unterschiedliche Betonung unterschiedliche Bedeutungen erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an ein Gespr\u00e4ch in der\nTaverne in Viavai, als ich von den Briten das Wort&nbsp;<em>pregret<\/em>&nbsp;lernte.\nSo etwas, wie wenn man angesichts des bevorstehenden Katers trotzdem noch ein\nGlas Wein trinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einem unbekannten Korrespondenten\nbekomme ich unverhofft Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Gebrauch von&nbsp;<em>vermelho<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>e<\/em><em>ncarnado<\/em>, den\nbeiden W\u00f6rtern f\u00fcr \u2018rot\u2019. W\u00e4hrend&nbsp;<em>encarnado<\/em>&nbsp;eine reine\nFarbbezeichnung ist, ist&nbsp;<em>vermelho<\/em>&nbsp;produktiv und bildet\nEinheiten wie&nbsp;<em>cart\u00e5o vermelho<\/em>,&nbsp;<em>diabos vermelhos<\/em>,&nbsp;<em>sinal\nvermelho<\/em>,&nbsp;<em>carne vermelha<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Milde Temperaturen und strahlender\nSonnenschein. So hie\u00df es in der Vorhersage. Die Wirklichkeit: Wolken, Neben und\nein eisiger Wind, der einem auch den Spaziergang verdirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cSie erwarten von mir, dass ich Ihnen\nsage: Was ist Kunst? Wenn ich es w\u00fcsste, w\u00fcrde ich es f\u00fcr mich behalten.\u201d\nPicasso war auch ein Meister des Wortes. Wie auch diese anderen Zitate belegen:\n\u201cWenn es nur eine einzige Wahrheit g\u00e4be, k\u00f6nnte man nicht hundert Bilder \u00fcber\ndasselbe Thema malen.\u201d \u2013 \u201cIch male die Nasen absichtlich schief, damit die\nLeute gezwungen sind, sie anzusehen.\u201d \u2013 \u201eIdeen sind nur Ausgangspunkte. Um zu\nwissen, was man zeichnen will, muss man zu zeichnen anfangen.\u201c \u2013 \u201cWenn ich mir\nkeine \u00d6lfarbe mehr leisten kann, kaufe ich Wasserfarben. Wenn f\u00fcr Wasserfarben\nkein Geld mehr bleibt, bitte ich um Bleistifte. Wenn die Bleistifte ausgehen,\nman mich ins Gef\u00e4ngnis wirft, spuck ich mir auf den Finger, bemale die Wand.\u201d \u2013\n\u201cIch male die Dinge, wie ich sie denke, nicht wie ich sie sehe.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Radiovortrag ironische\nSeitenhiebe geh\u00f6rt auf Ver\u00f6ffentlichungen wie&nbsp;<em>Rilke f\u00fcr Gestresste<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Nietzsche\nf\u00fcr Manager.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Fahrt nach Aveiro komme ich\ndurch&nbsp;<em>Carvalhal<\/em>. Scheint der Singular von&nbsp;<em>Carvalhais<\/em>&nbsp;zu\nsein, unserem Nachbardorf. Hat aber nichts mit Pferd zu tun (<em>cavalo<\/em>),\nwie ich vermutete, sondern mit Eiche (<em>carvalho<\/em>). Es bezeichnet einen\nEichenwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind gut, aber nicht ganz frei\nvon Schlagl\u00f6chern, und dazu kommen in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen Kanaldeckel, die\nnicht glatt mir der Fahrbahndecke abschlie\u00dfen, und die Schwellen, die \u00fcberall\nangebracht sind, um langsames Fahren zu erzwingen. Das Auto muss allerhand\naushalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch eine merkw\u00fcrdige Landschaft:\nkahle B\u00e4ume, gr\u00fcne B\u00e4ume, verdorrte B\u00e4ume, bl\u00fchende B\u00e4ume (sehen aus die\nGinster in Baumform) und immer wieder ganz kahle, vielleicht abgebrannte\nStellen und immer wieder \u00fcbermannshohe Gr\u00e4ser, die v\u00f6llig vertrocknet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert lange, l\u00e4nger als\ngedacht, obwohl ich am Ende wieder auf die ungeliebte Autobahn gef\u00fchrt werde,\nwo wieder ordentlich abkassiert wird, in bar und elektronisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stadtrand von Aveiro komme ich an dem\nwunderbaren Stadion vorbei, ein bunter Bau, der v\u00f6llig anders aussieht als alle\nStadien, die ich gesehen habe. Leider muss ich weiterfahren und kann kein Photo\nmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Aveiro fahre ich, einem Hinweisschild\nfolgend, Richtung Zentrum, aber da darf ich gar nicht hin. Da d\u00fcrfen nur Anwohner\nrein. Ich drehe ein paar Runden und finde dann einen Parkplatz neben einer\nIndustrieruine, unbefestigt, mit Schlagl\u00f6chern und hohen Schwellen.\nKomischerweise ist der nur ein paar Minuten von dem herausgeputzten Zentrum\nentfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aveiro ist eine Stadt, in der man sich\nnicht leicht zurechtfindet. Es fehlt an einem zentralen Platz. Sowohl der\nDomplatz als auch der Hauptplatz, der nat\u00fcrlich&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>&nbsp;hei\u00dft,\nliegen etwas abseits und sind so gut wie menschenleer.<\/p>\n\n\n\n<p>Orientierung bietet der Kanal,&nbsp;Canal\nCentral, der die Stadt in zwei Teile teilt. Ich gerate erst in den neueren,\naber \u00e4lter aussehenden Teil und in ein reines Wohnviertel, richtig authentisch,\nmit vielen kleinen H\u00e4usern, deren Eigent\u00fcmer sich abgesprochen haben, dass\njedes Haus sich m\u00f6glichst stark von allen anderen bisher existierenden\nunterscheiden sollen. Ist ihnen voll gegl\u00fcckt. Das eine oder andere hat sogar\neinen Giebel und f\u00e4llt schon dadurch aus der Reihe. Das verbindende Element\nsind die Kacheln an der Fassade, aber auch die sind v\u00f6llig unterschiedlich, von\neinem Haus, deren ganze Fassade mit einer einheitlichen blauen Kachel mit\nwei\u00dfen Ornamenten bedeckt ist, bis zu einem Haus, das lediglich \u00fcber dem\nEingang eine Kachel mit der Abbildung eines Bootes hat. Besonders angetan hat\nes mir ein ganz schmales Haus, das im ersten Stock nur Platz f\u00fcr ein Fenster\nhat. Es dies als&nbsp;<em>Guesthouse<\/em>. Wie ein fast versteckter Hinweis\npreisgibt. Auf einer Kachel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zur&nbsp;<em>Pra\u00e7a do Peixe<\/em>,\nmit einer modernen Markthalle, in der es passenderweise nur Fisch gibt. Ringsum\nLokale aller Art, darunter&nbsp;<em>O Telheiro<\/em>, das sich als&nbsp;<em>Adega\nT\u00edpica<\/em>&nbsp;ausgibt, eine willkommene Gelegenheit,&nbsp;<em>adega<\/em>&nbsp;nachzuschlagen.\nEs ist ein Weinkeller \u2013 eine Bodega. Ein&nbsp;<em>telheiro<\/em>&nbsp;ist ein\nZiegelbrenner.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Besonderheiten von Adeiro ist das\nStra\u00dfenpflaster. An verschiedenen Stellen in der Innenstadt, vor allem um\ndie&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>&nbsp;herum, findet man sch\u00f6ne Motive, oft nur Kreise und\nLinien, aber auch, vor allem am Kanal, Anker, Segelschiffe, Windrosen,\nSeepferdchen. Hier an der&nbsp;<em>Pra\u00e7a do Peixe&nbsp;<\/em>sind es Fische. Es\nwerden immer die gleichen, wenig auff\u00e4lligen Farben verwendet, Grau und Wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer und immer wieder, an Konditoreien\nund Caf\u00e9s, der Hinweis auf&nbsp;<em>Ovos&nbsp;Moles<\/em>. Das sind ganz d\u00fcnne\nOblaten, denen eine Form gegeben wird, und drinnen befindet sich eine Masse aus\nEigelb. Die wurde mir auch gleich am Morgen in einem Caf\u00e9 als typisch f\u00fcr\nAveiro serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast genauso h\u00e4ufig kommt der Hinweis auf\neine andere Spezialit\u00e4t:&nbsp;<em>tripas<\/em>. Ist es wirklich das, was es zu\nsein scheint? Es gibt Lokale, die nur&nbsp;<em>tripas<\/em>&nbsp;haben. Eins davon\nmacht in der Woche erst um 21.30 auf. Das ist alles r\u00e4tselhaft. Sp\u00e4ter lese ich\ndie Erkl\u00e4rung, dass es sich doch nicht um Kutteln handelt, sondern um eine Art\nCr\u00eape. Trotz des Namens gibt es die wohl doch nicht nur in der s\u00fc\u00dfen Variante.<\/p>\n\n\n\n<p>An jeder Ecke steht eine Kirche. Besonders\nsch\u00f6n eine ganz in Wei\u00df gehaltene, nicht sehr gro\u00dfe Kirche, die ganz f\u00fcr sich\nsteht, eingerahmt von dem dunkelblauen, wolkenlosen Himmel. Mein heimisches\nWetterorakel hat recht behalten: Dies ist der sonnigste und w\u00e4rmste Tag seit\nmeiner Ankunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurze, aber sehr breite B\u00fccke, die\n\u00fcber den Kanal f\u00fchrt, hat vier Skulpturen, die traditionelle Berufe darstellen:\nSalineira, Marnoto, Parceirado do Ramo, Fogueteiro. Was die genau bezeichnen,\nist nicht rauszukriegen, aber auf jeden Fall spielt Salz eine Rolle (daneben\nwohl Blumen und Feuer). Salz war die wichtigste Quelle des Reichtums von\nAveiro, neben Fischverarbeitung. Leider bekomme ich nichts zu sehen, was die\nganz ungew\u00f6hnliche landschaftliche Entwicklung des Ortes angeht, und dazu\ngeh\u00f6rt in gewisser Weise auch der Salzabbau. Eine ganz wichtige Rolle spielt\ndie Versandung des Hafens, der den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt\nbedeutete, und dann die R\u00fcckkehrung des Prozesses im 19. Jahrhundert durch technische\nMa\u00dfnahmen. Eine Folge des lange gesperrten Durchgangs zum Meer sind die\nKan\u00e4le,&nbsp;aber auch das ganze Umland, das ein Sumpfgebiet ist. In der\nheutigen Stadt bekommt man das Meer jedenfalls nicht zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich durch zum Museo de Aveiro.\nDas ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, mit einer leuchtend wei\u00dfen\nFassade, ein Renaissancebau, sehr lang, nicht sehr hoch, ein echtes\nSchmuckst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster steht, genauso wie das Museum,\nin Verbindung zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Frau, Dona Joana. Sie war die Tochter\ndes K\u00f6nigs und sollte an den englischen K\u00f6nigshof verheiratet werden. Zog es\naber vor, sich ganz bescheiden in dieses Kloster zur\u00fcckzuziehen und mit ihrem\nErbe das Kloster und dessen Armenf\u00fcrsorge zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum hat eine Sammlung sakraler\nKunst, aber gleichzeitig ist das Geb\u00e4ude selbst auch ein Museum, das (sp\u00e4ter\nsehr stark ver\u00e4nderte) Kloster. Ich lasse die sakrale Kunst beiseite und sehe\nmir das Kloster an. Was auch gut ist, denn irgendwann wird die Mittagspause\nangesagt und ich muss ohnehin raus. W\u00e4hrend der gesamten Zeit sehe ich keinen\nanderen Besucher. Und der Eintritt ist frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweist\u00f6ckige, eher niedrige Kreuzgang\nmit einfachen S\u00e4ulen mit ionischen Kapitellen ist umgeben von einer Reihe von\nKapellen (heute nicht mehr als solche zu erkennen) sowie dem Kapitelsaal, einem\nRaum f\u00fcr die rituelle Waschung und dem Refektorium. Das ist sehr sch\u00f6n, mit\nKacheln an allen vier Seiten und einer sch\u00f6nen Nische, in der die Vorleserin\nbei den Mahlzeiten stand. Die Einrichtung konnte das Kloster sich leisten, weil\nein K\u00f6nig, Manuel I.&nbsp;ihm den aus Madeira importierten Zucker zur Verf\u00fcgung\nstellte. Neben dem Refektorium gab es einen zweiten Raum f\u00fcr die Mahlzeiten,\ndas Debillium. Das war f\u00fcr Kranke. Und da gab es besseres Essen! Ob es da nicht\nimmer Simulanten gab?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Kreuzgangs ein etwas\nheruntergekommener, grauer Brunnen, der nach nichts aussieht, aber den hier\ngegebenen Erkl\u00e4rungen zufolge symbolische Bedeutung hat: Der Obelisk steht f\u00fcr\nGott, die Kugel f\u00fcr Christus, und die vier Wasserrohre f\u00fcr die vier\nEvangelisten. Wer sich das wohl ausgedacht hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche betritt man von der Seite, so\nwie das, wie man hier erf\u00e4hrt, die Regel war bei Nonnenkl\u00f6stern. Das verst\u00e4rkt\nden Eindruck nur noch. Man ist v\u00f6llig unvorbereitet auf den&nbsp;\u00fcberbordenden\nSchmuck. Wer es gerne schlicht hat, kann hier nur Verzweiflungsschreie\naussto\u00dfen.&nbsp;Mir gef\u00e4llt\u2019s trotzdem. Es passt. Es gibt praktisch keine freie\nFl\u00e4che, und alles ist vergoldet: Alt\u00e4re, S\u00e4ulen, Kanzel, Figuren, Kandelaber,\nEinfassungen. Dabei ist alles aus Holz. Das Gold ist nicht hell gl\u00e4nzend,\nsondern eher ged\u00e4mpft. Vielleicht ist es dadurch ertr\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem unteren Chor, durch Gitterfenster\nabgetrennt von der Kirche, steht der Sarkophag von Joana, aus verschiedenartigem\nMarmor, das aber nicht wie Marmor aussieht, sondern eher wie eine\nIntarsienarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Kirche&nbsp;sehen kann man auch vom\noberen&nbsp;Chor.&nbsp;Von hier aus verfolgten die Nonnen den Gottesdienst,\nohne von den Laien gesehen zu werden. Von hier aus sieht man auch, dass die\nOrgel, die hier ganz oben an der Seitenwand h\u00e4ngt, ein eigenes Kab\u00fcffchen\nhatte, von dem aus die Organistin spielen konnte, ohne von unten gesehen zu\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben, im Chor, ist der Ort, an dem\nJoana ihr Gel\u00fcbde abgab&nbsp;(1481), und zwar unter der Christusfigur, die hier\noben h\u00e4ngt, vor dem Gitter des Chors. Mit dieser Figur hat es eine ganz\nbesondere Bewandtnis: Christus sieht unterschiedlich aus, je nachdem, ob man\nihn von rechts oder von links betrachtet. Von rechts sieht er friedlich aus, heiter\nfast, mit halb ge\u00f6ffnetem Mund&nbsp;und einem leichten L\u00e4cheln, von\nlinks&nbsp;sieht er leidend aus, mit geschlossenem Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten, in der N\u00e4he des Ausgangs, stehen\nnoch ein paar weltlichere Dinge herum wie Kutschen. Man sieht aber auch noch\ndas \u201cRad\u201d, mit dem die Nonnen Kontakt mit der Au\u00dfenwelt pflegten. Es hat\nverschiedene F\u00e4cher und wird dann nach au\u00dfen gedreht, so dass man Dinge\naustauschen kann, ohne sich zu sehen. Auf diese Weise kamen Speisen und Bitten\num Gebete in das Kloster und gelegentlich aus Babys von unverheirateten Frauen.\nNach au\u00dfen gelangten auf diese Weise von den Nonnen hergestellte Arznei sowie\nTonfiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von all den Exponaten des Museums bleibt\nmir nur noch ein Blick auf ein Gem\u00e4lde, das Joana darstellt, als Prinzessin,\nmit weltlichen Kleidern und herunterh\u00e4ngendem Haar, das das Gesicht einrahmt.\nAuf dem Kopf tr\u00e4gt sie eine Art Haube, mit Perlen und Gold besetzt. Aber ihr\nBlick ist ernst und starr nach vorne gerichtet, wie das einer Heiligen. Ein\nsch\u00f6nes Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach ist Mittagspause im Museum. Die\nKathedrale, auf demselben Platz gelegen, ist aber ge\u00f6ffnet. So sch\u00f6n das\nKloster war, so entt\u00e4uschend die Kathedrale. Man hat, aus Anlass der Erhebung\nder Kirche zur Kathedrale, einen modernen, klotzigen Betonbau in die alte\nKirche gesetzt, der so h\u00e4sslich ist, dass man die Lust verliert, sich die\nKirche anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich einen Moment in eine Bank\nsetze, um wenigstens auszuruhen, fragt mich eine junge Frau, die begeistert\nphotographierend durch die Kirch geht, wo ich meinen Stadtplan herhabe. Ich\nerkl\u00e4re ihr, wo die Touristeninformation ist und frage sie woher sie kommt. Aus\nBrasilien. Da hat man wohl andere Kriterien f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung von Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel zu sch\u00f6n, ins Museum zu gehen,\ndeshalb lasse ich das&nbsp;<em>Museo de Cidade<\/em>&nbsp;f\u00fcr ein anderes Mal\nliegen (das auch ein Jugendstilmuseum beinhaltet&nbsp;und in selbst in einem\nder sch\u00f6nen Jugendstilh\u00e4user am Kanal untergebracht ist) und gehe stattdessen\nin den sch\u00f6n angelegten Park, wo man exotische B\u00e4ume um einen Weiher herum\nangelegt hat, an dem ich meine ersten portugiesischen Enten sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zur Innenstadt komme\nich durch&nbsp;ein Wohnviertel,&nbsp;<em>Bairro de Alboi,<\/em>&nbsp;ein\nbesonderes Viertel, das von einem in Brasilien reich gewordenen Heimkehrer\nangelegt worden ist, schon in den Zwanziger Jahren, als ein Vorform des\nsozialen Wohnungsbaus. Die P\u00e4chter konnten die bescheidenen H\u00e4user nach zwanzig\nJahren ihr eigen nennen. Auf den ersten Blick ist es gar nicht so einfach, zu\nentscheiden, welche H\u00e4user des Viertels denn nun aus dem Projekt stammen, aber\nes m\u00fcssen die niedrigen, einst\u00f6ckigen H\u00e4user sein, Reihenh\u00e4user mit abfallendem\nschindelgedeckten D\u00e4chern, von denen einige sich den sp\u00e4teren Luxus eines\nMansardenfensters geleistet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe \u00fcber den Kanal zur\u00fcck auf einen\nkleinen, ganz h\u00fcbschen, etwas versteckt gelegenen Platz, in der Absicht, ein\nBier im Freien zu trinken. Dann wird es aber doch, der Vernunft gehorchend, ein\nKaffee. An der Theke kleben Bilder von typischen Snacks, die es hier gibt, mit\nden portugiesischen Bezeichnungen:&nbsp;<em>Bifanas<\/em>&nbsp;(die\nportugiesischen Hamburger, je nach Fleischart auch&nbsp;<em>Prego<\/em>&nbsp;genannt),&nbsp;<em>Cachorros<\/em>&nbsp;(Hot\nDogs. dem F\u00fchrer zufolge nicht zu empfehlen),&nbsp;<em>Francesinhas<\/em>&nbsp;(gegrillte,\n\u00fcberbackene Toasts mit verschiedenen Fleischsorten),&nbsp;<em>Salada<\/em>,&nbsp;<em>Hamburguer<\/em>.\nGut zu wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Kiosk h\u00e4ngen Zeitungen aus, die\nmeisten Sportzeitungen. Der Kantersieg von Benfica wirkt noch nach und der\nTrainerwechsel im Nachhinein gefeiert. Ganz oben h\u00e4ngt aber eine Zeitung, die\nnichts mit Sport zu tun hat und wegen ihres Namens auff\u00e4llt:&nbsp;<em>O Diabo.<\/em>&nbsp;Wovon\nhandelt wohl eine Zeitung, die sich dem Teufel verschrieben hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich sehe ich an dem Platz auch\nnoch eine Art Feinkostgesch\u00e4ft, das regionale Produkte vertreibt:&nbsp;<em>Tras\nos Montes.<\/em>&nbsp;Hinter den Bergen. So hei\u00dft&nbsp;wirklich eine\nportugiesische Region, ganz oben, im Nordwesten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal, das an der Stirnseite des\nPlatzes steht und dessen Fassade eine portugiesische, eine brasilianische und\neine spanische Fahne zieren, hei\u00dft&nbsp;<em>Petisqueira Portuguesa<\/em>. Hier\ngibt es&nbsp;<em>petiscos<\/em>, \u2018Kleinigkeiten\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcr die Heimkehr. Aber auf dem\nR\u00fcckweg kann ich der Versuchung nicht widerstehen, in Figueira da Foz\nabzufahren. Das liegt am Meer. Was ich nicht erwartet hatte, sind die vielen\nKilometer, die ich durch die Stadt muss, um ans Meer zu kommen, und dann noch\nmal die Kilometer, die ich an der K\u00fcstenstra\u00dfe entlangfahren muss, da ich auf\nder falschen Seite bin. Dann gibt es aber doch eine Wendem\u00f6glichkeit. Und einen\nParkstreifen, der genauso lang ist die der Kai und der darunterliegende\nSandstrand. Links der Hafen und die Baukl\u00f6tze der Strandtouristen, rechts eine\nsch\u00f6ne Bucht, in der Mitte die Sonne, die das Wasser zum Glitzern bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die reinste Sommeratmosph\u00e4re, nur\ndass diejenigen, die sich am Strand tummeln, nicht ins Wasser gehen, nicht\neinmal mit der Zehenspitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es eine Strandbar, und jetzt\nkomme ich doch noch zu meinem Bier in der Sonne. Die Terrasse ist voll besetzt,\nich ergattere noch so gerade einen Platz, lauter junge Leute. Es ist alles\nvertreten vom Rollkragenpullover bis zum T-Shirt, wobei die T-Shirt-Menschen\nangemessener angezogen sind. Nat\u00fcrlich tragen alle Sonnenbrillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Pause, auch, wenn ich die auf\ndem R\u00fcckweg mit Umwegen, Staus, Berufsverkehr, Krankenwagen, einem schnell\nleerer werdenden Tank, Mautgeb\u00fchren, Baustellen und der blendenden tief\nstehenden Sonne, auf die genau zufahre, bezahlen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist paradox: Im Garten trocknet die\nW\u00e4sche in der Sonne, drinnen bullert der Ofen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein verwirrendes Detail aus der\nportugiesischen Parteienlandschaft: Die Partei, die sozialdemokratisch hei\u00dft,\nPSD, ist eine konservative Partei, die im Europ\u00e4ischen Parlament in der EVP\nist, zusammen mit der CDU. Zu ihr geh\u00f6rt Barroso. Die eigentliche\nsozialdemokratische Partei ist die PS. Zu ihr geh\u00f6rt Guterres. Sie wurde in Bad\nM\u00fcnstereifel gegr\u00fcndet! Es war die Partei von Soares. Eine Art AfD gibt es\nauch, die PP, ehemals der politischen Mitte verpflichtet. Die PCP, die\nkommunistische Partei, ist die einzige in Europa, f\u00fcr die immer noch die alten\nWerte gelten. Die sowjetische Fahne mit Hammer und Sichel ist weiterhin das\nParteisymbol!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Schon am fr\u00fchen Morgen kommt Sturm auf, so\nheftig, dass man davon wach wird. Dem Reisef\u00fchrer zufolge sind April, Mai, Juni\nund September die besten Reisemonate f\u00fcr Portugal. Februar jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Miranda \u00fcberquert man\neinen Fluss. Der wird bezeichnet als&nbsp;<em>Ribeira de Azenha<\/em>. Das Wort\nribeira hat mich bei solchen Bezeichnungen immer etwas irritiert, aber es\nbezeichnet nicht nur das Flussufer, sondern auch einen kleineren Fluss.&nbsp;<em>Ribeira\nde<\/em>&nbsp;<em>Azenha<\/em>&nbsp;ist also der \u2018M\u00fchlenbach\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he weiden auf einem\nBauernhof, eher ein landwirtschaftlicher Betrieb, eine stattliche Herde von\ndicken Schafen mit dicken Fellen, darunter einige Mutterschafe, die Nachwuchs\nerwarten. Sie gehen sofort auf Sicherheitsabstand zu mir, sehen dann aber alle\nunverwandt in meine Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann an der Tankstelle in Miranda, ein\n\u00e4lterer Herr mit schwerem Gang, findet, dass es warm ist. Als ich nicht so\nrichtig zustimme, holt er zum Gegenschlag aus: Aber in Deutschland ist es\nk\u00e4lter. Da muss ich ihm recht geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Frische Milch gibt es weder bei Lidl noch\nin einem unscheinbaren, aber gut best\u00fcckten Tante-Emma-Laden am Marktplatz. Die\nFragerei ruft mir aber in Erinnerung, dass&nbsp;<em>Milch&nbsp;<\/em>Maskulinum\nist, wie im Italienischen, anders als im Spanischen:&nbsp;<em>leite fresco<\/em>&nbsp;also.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Schild sieht man, dass das\nSpeiseeis, das bei uns unter dem Namen&nbsp;<em>Langnese<\/em>&nbsp;l\u00e4uft, hier\nunter dem Namen&nbsp;<em>Ol\u00e1<\/em>&nbsp;l\u00e4uft. Gleiches Emblem.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ungew\u00f6hnlicher Laden, wenn das denn\ndas richtige Wort ist, hat eine englische Fahne im Schaufenster. Es ist eine\nOrganisation, die Englischunterricht anbietet, aber auch\nPortugiesisch-Unterricht, aber nur 1:1. Sie offerieren aber auch alle m\u00f6glichen\nDienstleistungen, z.B. das Reparieren von defekten Rohrleitungen und das\nLaminieren von Dokumenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wei\u00dfer Reiter auf rotem Schild, dem\nich schon oft begegnet bin, erweist sich als Emblem der Post,&nbsp;<em>CTT<\/em>&nbsp;.&nbsp;Erst jetzt sehe\nich, dass der Reiter ins Posthorn bl\u00e4st.&nbsp;<em>CTT<\/em>&nbsp;steht f\u00fcr&nbsp;<em>Correios,\nTel\u00e9grafos e Telefones<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Caf\u00e9 mit angeschlossenem\nRestaurant, dem&nbsp;<em>Teia<\/em>, frage ich nach der Speisekarte, f\u00fcr ein\nanderes Mal. Der junge Mann antwortet mit einem Redeschwall, dem ich nur\nentnehmen kann, dass es keine Speisekarte gibt.&nbsp;Sp\u00e4ter finde ich im\nInternet die Speisekarte f\u00fcr den heutigen Tag. Es scheint also eine t\u00e4glich\nwechselnde zu geben, und die war vielleicht noch nicht fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Caf\u00e9 liegt&nbsp;<em>Bola<\/em>&nbsp;aus,\neine t\u00e4glich erscheinende Sportzeitung. 40 Seiten jeden Tag! Die meisten widmen\nsich dem Fu\u00dfball, aber auch andere Sportarten sind vertreten, darunter&nbsp;<em>andebol<\/em>!\nBei einem Spiel in der Champions League hat der VAR entschieden, der&nbsp;<em>Videoarbitro<\/em>.\nDie Bezeichnung&nbsp;<em>Le\u00f5es<\/em>&nbsp;bezieht sich auf&nbsp;<em>Sporting Clube\nde Portugal<\/em>, das das Wort&nbsp;<em>Lissabon<\/em>&nbsp;gar nicht im Namen\ntr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand hinter der Theke sind\nKleinigkeiten aufgelistet, die es hier gibt, darunter&nbsp;<em>Bolas de Berlim<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal eine portugiesische\nBesonderheit probiert, auf die man \u00fcberall trifft:&nbsp;<em>broa<\/em>. Die\n\u00dcbersetzung lautet \u2018Maisbrot\u2019, aber es ist wohl aus einer Mischung aus Maismehl\nund Weizenmehl gemacht. Das kleine Brot ist erstaunlich schwer. Es hat eine\nfeste Kruste und ein kompaktes Inneres. Es soll zu Br\u00fche und Eintopf gereicht\nwerden, aber ich finde es eher s\u00fc\u00df, fast wie ein kompakter Stuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag mache ich den zweiten\nVersuch, den fabelhaften Aussichtspunkt zu finden. Auf dem Weg durch den Ort\nkomme ich mit der Ziegenhirtin ins Gespr\u00e4ch, einer \u00e4lteren, kleinen Frau, mit\nKopftuch und Sch\u00fcrze. Ich sehe mich vorsichtig nach der Herde um, aber sie hat\nnur diese, vier insgesamt, drei Gro\u00dfe und ein Kleines. Ja, sie geben Milch. F\u00fcr\nK\u00e4se. Wieder bin ich verbl\u00fcfft, wie geschickt sich die Ziegen auf die\nHinterbeine stellen und den Kopf nach oben recken, um an die Bl\u00e4tter ganz oben\nzu kommen, die, die am besten schmecken. Ich frage mich, ob die Frau \u00fcberhaupt\njemals frei hat. Kann sie die Ziegen mal einen Tag einsperren und nach Coimbra\nfahren? Kann sie \u00fcberhaupt davon leben, oder hat sie noch eine andere\nErwerbsquelle?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sie frage, ob ich ein Photo machen\nkann, sagt sie nicht ja, sondern wiederholt das Verb aus meiner Frage, so wie\nman das im Portugiesischen macht: \u201cPode.\u201d Ob man so was jemals aktiv gebrauchen\nkann? Ich glaube, da gibt es bei mir eine Sperre im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht aus dem Dorf heraus, immer\nbergauf, und wieder finde ich die H\u00fctte nicht, an der man abbiegen soll.\nStattdessen komme ich an eine mit einer strahlend wei\u00dfen Mauer eingefassten\nGrundst\u00fcck mit einem Gitter, an dem ein Kreuz und ein Totenkopf abgebildet ist,\nauch ein h\u00e4ufig anzutreffendes Motiv. Ob das eine Kapelle ist? Oder gar ein\nKloster?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch von hier geht es in den Wald, und es\ngeht immer steiler bergauf. Der Sturm, der kurz nach Mitternacht begann, hat\nsich im Laufe des Vormittags gelegt, und jetzt ist es praktisch windstill. Und\npassabel warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme doch wieder auf eine Stra\u00dfe,\naber egal. Auch die f\u00fchrt noch ein St\u00fcck bergauf, und dann komme ich\ntats\u00e4chlich zu&nbsp;<em>einem<\/em>&nbsp;Aussichtspunkt, wenn auch nicht zu&nbsp;<em>dem<\/em>&nbsp;Aussichtspunkt.\nEs lohnt sich vor allem wegen des weit hinter dem Tal gelegenen, dicht\nbewaldeten H\u00fcgels, den man von Estrada de Viavai aus nicht sehen kann. Auf\nhalber H\u00f6he ist der H\u00fcgel wie eingekerbt und bietet Platz f\u00fcr ein Dorf, alles\nin Ockerbraun, mit dicht aneinander stehenden H\u00e4usern. Es wirkt von hier aber\nso, als w\u00e4re das Dorf v\u00f6llig abgeschnitten, ohne Verbindung zur Au\u00dfenwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben stehen einige besonders\npr\u00e4chtige Exemplare der gro\u00dfen B\u00e4ume mit den gelben Bl\u00fcten, die man hier jetzt\n\u00fcberall sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach unten komme ich an ein\nGrundst\u00fcck vorbei, auf dem zwei&nbsp;alte Autos stehen. Auf den ersten Blick\nsehen sie wie Wracks aus, aber dann kommen mir Zweifel: Sie haben noch\nNummernschilder und sind so unter einem Baum platziert dass der sie vor der\nHitze (!) sch\u00fctzt.&nbsp;Eins hat die alten, schwarzen Nummernschilder, ein die\nneuen, wei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht klappt es ja beim n\u00e4chsten Mal\nmit dem richtigen Aussichtspunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Aristophanes\u2019 St\u00fcck&nbsp;<em>Die Fr\u00f6sche<\/em>&nbsp;kommen\ngleich auf der ersten Seite&nbsp;<em>schei\u00dfen<\/em>,&nbsp;<em>furzen<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>kotzen<\/em>&nbsp;vor.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Landstra\u00dfe habe ich wieder Rote\nWelle. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln, die wirklich welche sind, obwohl ich noch nie einen\nFu\u00dfg\u00e4nger gesehen habe, der sie benutzt h\u00e4tte, springen zuverl\u00e4ssig auf Rot,\nwenn man auf die zuf\u00e4hrt. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass sie zwingen\nsollen, das Tempo zu drosseln. Aber: Warum gibt es sie dann nur hier bei uns?<\/p>\n\n\n\n<p>Fatima d\u00fcrfte einer der bekanntesten Orte\nPortugals sein, bestimmt bekannter als Coimbra oder Set\u00fabal oder Faro. Es liegt\ns\u00fcdlich von hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Was es in Fatima nicht gibt, sind\nParkplatzprobleme. Aber vielleicht liegt das nur daran, dass jetzt keine\nHochsaison ist. Die beginnt im Mai, dem Monat der ersten Erscheinung der\nJungfrau, und endet im Oktober, dem Monat der letzten Erscheinung der Jungfrau,\nmit dem 13. jedes Monats in dieser Zeit als H\u00f6hepunkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt den Platz von S\u00fcden her. An\ndiesem Ende steht die neue Basilika, eine der gr\u00f6\u00dften Kirchen der Welt. Sieht\nwie eine Kongresshalle aus, auch innen. Sie hat dreizehn gro\u00dfe Bronzeportale,\neins f\u00fcr Jesus, das zentrale, die anderen f\u00fcr die zw\u00f6lf Apostel. An jedem Tor\nsteht der Name eines Apostels und ein Zitat aus den Evangelien mit einem Satz\ndes jeweiligen Apostels oder einem Verweis auf ihn. Dass sie \u00fcberhaupt alle irgendwo\nnamentlich erw\u00e4hnt werden, finde ich \u00fcberraschend. Viel Individualit\u00e4t haben\nsie, au\u00dfer Petrus, nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei entdecke ich, dass Jakobus auf\nPortugiesisch&nbsp;<em>Tiago<\/em>&nbsp;hei\u00dft. Simon scheint zu denen zu geh\u00f6ren,\ndie keine eigene Sprechrolle haben. Er wird lediglich angesprochen, erst von\nseinem Bruder Andreas, dann von Jesus. Das f\u00fcr Fatima relevanteste Zitat ist\ndas von Jesus \u00fcber Thomas: \u201c<em>Porque me viste, acreditaste. Felizes os que\ncr\u00eaem sem terem visto!\u201d&nbsp;<\/em>(Joh, 20,29). Ja, dieser Glaube ist denen, die\nhierher pilgern, nicht abhanden gekommen. Ich halte es eher mit Thomas, dem\nalten Zweifler.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite des riesigen Platzes\nsteht die Alte Basilika, ein wenig gelungener neobarocker Bau, au\u00dfen wie innen.\nHier haben die Hirtenkinder, die&nbsp;pastorinhos,&nbsp;ihre letzte Ruhest\u00e4tte\ngefunden, nahe am Altar, Francisco im S\u00fcden, getrennt von seiner Schwester im\nNorden. Beide starben als Kinder, wenige Jahre nach den Erscheinungen. Auf die\nDritte im Bunde, Lucia, haben sie lange warten m\u00fcssen. Die ist 2005 im Alter von\n97 gestorben, als Nonne. Sie hat jetzt ihren Platz neben Jacinta gefunden,\nebenfalls unter einer schlichten Grabplatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Basilika hat man das Gef\u00fchl, dass\nman hier auf Petersdom gemacht hat. Au\u00dfen noch mehr. Zwei rundliche Arme\numfassen den Platz vor der Kirche und die gro\u00dfe Freitreppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz ist alles andere als sch\u00f6n und\neher n\u00fcchtern, mit Grau und Wei\u00df als einzigen Farben. Sie haben es aber\nverstanden, jeden Rummel hier herauszuhalten. Es geht nur um die Jungfrau und\ndie Hirtenkinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa auf halber H\u00f6he steht die\nGnadenkapelle mit der ganz in Wei\u00df gehaltenen Rosenkranzmadonna. Zu dieser\nKapelle gelangt man, wenn man will, auf Knien, auf einem eigens daf\u00fcr\neingerichteten Streifen, der den Platz hinunterf\u00fchrt. Davon machen jetzt nur\neinige wenige Gebrauch. Andere umrunden die Gnadenkapelle selbst auf Knien.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Madonna sitzen viele Betende, und\nman kann nicht nahe genug herankommen, um die Kugel in ihrer Krone zu sehen.\nDas ist die Kugel von dem Papstattentat. Der Papst glaubte, die Madonna von\nFatima habe ihm das Leben gerettet und widme ihr deshalb die Kugel. Die dritte\nProphezeiung der Jungfrau aus dem Jahre 1917 wurde sp\u00e4ter als Anspielung auf\ndas Papstattentat gedeutet<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he ist ein eigener Stand f\u00fcr\nOpferkerzen eingerichtet. Ein bizarres Schauspiel. An die mehrsprachige Bitte,\nman m\u00f6ge pro Person nur eine Kerze anz\u00fcnden, h\u00e4lt sich niemand. Ganze H\u00e4nde\nvoller Kerzen werden geopfert, und zwar nicht auf den daf\u00fcr vorgesehenen\nSt\u00e4ndern. Sie werden stattdessen mit Schwung in das dahinter lodernde Feuer\ngeworfen!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes steht, hinter\nPlexiglasverschluss, ein St\u00fcck der Berliner Mauer, auch wohl auf Betreiben von\nJoao Pablo II. hierher geschafft. Das zeigt die politische Dimension der ganzen\nVeranstaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem riesigen Platz die Statuen von\nPaulo VI und von meinem speziellen Freud, Jo\u00e3o Paulo II, beide Richtung Alter\nBasilika.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sch\u00f6nste, eigentlich das einzig Sch\u00f6ne\nauf diesem Platz ist das riesige Kreuz, das vor der Neuen Basilika steht.\nSchwer zu sagen, welches Material, es sieht wie verrostetes Eisen aus. Eine\nmoderne Skulptur von einem deutschen K\u00fcnstler, dessen Name ich noch nie geh\u00f6rt\nhabe: Robert Schad. Das Kruzifix, das als das h\u00f6chste der Welt gilt, ist gerade\nin seiner Einfachheit sehr ausdrucksstark. Ein schlanker Christusk\u00f6rper scheint\nsich um das Kreuz zu winden. Vor dem Hintergrund des intensiven, dunkelblauen\nHimmels entfaltet es voll seine Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich den Platz verlassen, am anderen\nEnde, an der Alten Basilika, ergibt sich noch ein zweiter sch\u00f6ner Blick, wieder\nmit Beteiligung des Himmels, n\u00e4mlich der Blick von au\u00dfen durch die\ndoppelreihige S\u00e4ulenreihe der Arme, die den Platz umfassen. Mit jedem Meter,\nden man nach rechts oder links geht, ver\u00e4ndert sich der Blick ein bisschen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt Fatima gibt es nichts zu\nsehen, aber wirklich gar nichts. Caf\u00e9s, Souvenirgesch\u00e4fte, Pensionen, die sich\ngegenseitig abwechseln, die meisten ziemlich neu. Auch Paramentengesch\u00e4fte gibt\nes. Statt eines feschen jungen Mannes in modischer Kleidung, der selbstbewusst\nin die Gegend schaut, sind die Schaufensterpuppen hier streng und ernst nach\nvorne blickende Bisch\u00f6fe in vollem Ornat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Geschichte mit den Erscheinungen\nkommt einem doch sehr fragw\u00fcrdig vor. Tausende von Menschen sollen am 13.\nOktober zwar ein Himmelsspektakel gesehen haben \u2013 das nat\u00fcrliche Ursachen haben\nk\u00f6nnte \u2013 aber nicht einmal die haben, wie es aussieht, behauptet, die Jungfrau\ngesehen zu haben. Und deren Worte hat nur Lucia geh\u00f6rt. Die drei Prophezeiungen\nsind wohl erst viel sp\u00e4ter aufgeschrieben und teils, aus welchen Gr\u00fcnden auch\nimmer, unter Verschluss gehalten worden. Ganz besonders merkw\u00fcrdig ist die\nProphezeiung, Reue und Einkehr k\u00f6nne die Sowjetunion, das Reich des B\u00f6sen, in\ndie Knie zwingen. Was wusste wohl ein zehnj\u00e4hriges Hirtenm\u00e4dchen aus dem\nhintersten Winkel Portugals von der Sowjetunion? Wie dem auch sei, die Sache\nkam den Konservativen gut zupass. 1910 war die Republik ausgerufen worden, und\ndie hatte sich nicht als besonders kirchenfreundlich erwiesen.&nbsp;Der Klerus\nsah sich bedroht. So ein Wunder wie das von Fatima konnte man gut gebrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lasse ich doch noch etwas Geld in\nFatima, indem ich irgendwo einen Kaffee trinke. Auf dem Weg zum Auto komme ich\nan einem weiteren Caf\u00e9 vorbei, dem&nbsp;<em>Transmontano<\/em>. Das ist das\nzu&nbsp;<em>Tr\u00e1s<\/em>&nbsp;<em>os\nMontes<\/em>&nbsp;gebildete Adjektiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es noch nicht sp\u00e4t und noch sehr warm\nist, steure ich ein weiteres Ziel an: Batalha. In England, in Kent, gibt es\neinen Ort namens Battle. Der liegt in der N\u00e4he von Hastings und bezieht sich\nauf die Schlacht um die Herrschaft in England. Batalha ist ihr portugiesisches\nPendant, und die hier gemeinte Schlacht, die Schlacht von Aljubarrota, ist\nweniger bekannt, aber fast so bedeutsam. Es ging um die Eigenst\u00e4ndigkeit\nPortugals. Die Portugiesen stemmten sich, mit einem deutlich unterlegenen Heer,\ngegen die Invasoren aus Kastilien. Der portugiesische K\u00f6nig, Jo\u00e3o I, gerade\nerst gekr\u00f6nt, versprach den Bau eines Klosters, falls die Schlacht siegreich\nausgehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber eine einsame Landstra\u00dfe.\nBatalha ist \u00fcberall als Sehensw\u00fcrdigkeit ausgeschildert. Als ich etwas verloren\ndurch den Ort kurve, auf der Suche nach einem Kastell die Augen nach oben\ngerichtet, kommt auf einmal, direkt vor mir, ein Geb\u00e4ude in Sicht, das einem\nden Atem verschl\u00e4gt: das Kloster von Batalha. Hier gibt es kein Kastell,\nsondern eben das von Jo\u00e3o I in Aussicht gestellte Kloster.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auf den Ostchor, aber der ist\nals Chor kaum zu erkennen, er ist sehr in die breite gezogen, man k\u00f6nnte fast\nmeinen,&nbsp;man h\u00e4tte einen Rundbau vor sich.&nbsp;Fialen, Br\u00fcstungen,\nT\u00fcrmchen, Pfeiler, schlanke Fenster, alles in H\u00fclle und F\u00fclle, die ganze Mauer\nist wie aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Eing\u00e4nge sind ge\u00f6ffnet, ich nehme\nden Haupteingang im Westen. Dort sind an die hundert Skulpturen angebracht, um\ndie Kr\u00f6nung Mariens im Mittelpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in die Kirche kommt, folgt die\nzweite \u00dcberraschung, auch die sehr, sehr positiv. Die Kirche bietet einen\nwunderbaren Raumeindruck, gerade durch die \u2013 nach den Trompetenst\u00f6\u00dfe au\u00dfen\nunerwartete \u2013 Einfachheit. Es gibt&nbsp;keine Seitenalt\u00e4re, praktisch keine\nAusstattung,&nbsp;nur Bauschmuck, und&nbsp;davon&nbsp;nur ganz wenig, an den\nKapitellen und den Schlusssteinen ganz oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist dreischiffig, und die\nSchiffe sind sehr hoch und sehr schmal. Dazu kommt ein wunderbares Licht durch\ndie sehr geschmackvollen modernen Fenster,&nbsp;das auf Boden und B\u00e4nken\nwunderbare, ineinander laufende Farbflecken malt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keinen Altar, auch das ist gut,\ndenn man hat freien Blick auf den Ostchor, auch der schmal, hier mit originalen\nFenstern vom Ende des Mittelalters, die so kleinteilig sind, dass man nichts\nerkennen kann, au\u00dfer einer Jungfrau in Mandorla. Im Chor stehen farbig gefasste\nHolzfiguren von drei Heiligen und von Christus am Kreuz, sp\u00e4teren Datums. Was mit\ndem Altar geschehen ist, verstehe ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse die Kirche einfach auf mich\nwirken&nbsp;und\nhalte mir Museum, Kreuzgang, Kapitelsaal und eine Grabkapelle f\u00fcr das n\u00e4chste\nMal offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kirchplatz, mit direktem Blick auf\ndie Nordseite der Kirche, gibt es mehrere Caf\u00e9s, um diese Zeit nicht stark\nfrequentiert. Ich suche eins mit dem Namen&nbsp;<em>Brogeira<\/em>&nbsp;aus. Was\nder Name bedeutet, ist nicht herauszubekommen. Auf einer Tafel werden die&nbsp;<em>petiscos<\/em>&nbsp;beworben,\ndie es hier gibt:&nbsp;<em>bifanas<\/em>,&nbsp;<em>tostas<\/em>,&nbsp;<em>rissois<\/em>,&nbsp;<em>chamu\u00e7as<\/em>.\nEs stellt sich heraus, dass chamu\u00e7as die dreieckigen Teigtaschen sind, die ich\nvor Jahren in Lissabon als&nbsp;<em>samosas<\/em>&nbsp;gegessen habe. Ich bestelle\naber eine&nbsp;<em>bifana<\/em>, zum ersten Mal. Es ist&nbsp;St\u00fcck Schweinesteak,\ndas in einem&nbsp;gegrillten&nbsp;Br\u00f6tchen&nbsp;serviert wird. Hat mit dem\nHamburger nur die \u00e4u\u00dfere Form gemeinsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich in einem\nContinente Halt, weil man trotz des Sommerwetters weiterhin heizen muss. Vorher\nbin ich an einem&nbsp;<em>Pingo Doce<\/em>&nbsp;vorbeigefahren, ohne zu wissen,\ndass es auch ein Supermarkt ist, Portugals zweitgr\u00f6\u00dfte Kette. Der Name bedeutet\n\u2018s\u00fc\u00dfer Tropfen\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Ausfahrt von&nbsp;<em>Continente<\/em>&nbsp;steht&nbsp;<em>Obrigado\npela sua visita<\/em>. Dabei ist&nbsp;<em>pela<\/em>&nbsp;eine Zusammenziehung\nvon&nbsp;<em>por<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>la<\/em>. Wichtiger ist aber der Artikel vor\ndem Possessivpronomen, im Gegensatz zum Spanischen:&nbsp;<em>Gracias por su\nvisita<\/em>. Der Gebrauch des Artikels vor dem Possessivpronomen ist eine ganz\nhaarige Angelegenheit. Mal steht er, mal nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Heute wenig Sonne, eher kalt. Zuhause ist\nrichtiger Fr\u00fchling, mit Krokussen, Kranichen und Kaffee auf der Terrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Roman von Saramago,&nbsp;<em>Das\nMemorial<\/em>, ist die Rede vom \u201cSalat, der den Leuten den Spottnamen gab\u201d. Das\nist f\u00fcr den deutschen Leser nicht ganz durchsichtig. Gemeint sind die Einwohner\nLissabons, die&nbsp;<em>alfacinhas<\/em>, deren Name von&nbsp;<em>alface<\/em>&nbsp;abgeleitet\nist. Was der Zusammenhang zwischen Lissabonnern und Salat ist, habe ich noch\nnicht herausgefunden. Das Gegenst\u00fcck dazu sind die&nbsp;<em>tripeiros<\/em>, die\nBewohner Portos. Was die wiederum mit Kutteln zu tun haben, ist genauso wenig\nklar, obwohl es ein paar phantastische Erkl\u00e4rungen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bin jetzt seit genau einem Monat\nunterwegs. Ein Sechstel der Zeit ist schon vorbei.&nbsp;Es ist ein desolater\nTag, grau, regnerisch, wolkenverhangen, kalt, der schlimmste bisher, trotz der\nTage des Sturms und der Tage der Sintflut. Alles sieht trist aus, mit der\nAusnahme der Bergspitzen, die halb im Nebel verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich tr\u00f6ste mich mit einem Mittagessen im\nTeia in Miranda: Oliven, Brot, Butter, Suppe, Schweinefleisch mit Kartoffeln,\nWein, Kaffee, f\u00fcr 7,50 \u20ac! Es fehlt Salz, und das Gem\u00fcse spielt wieder nur eine\nStatistenrolle. Ein bisschen Blumenkohl und ein paar Scheiben M\u00f6hren, dekorativ\nauf dem Berg von Fleisch und Kartoffeln platziert, kalt, eingelegt, gut\nschmeckend. Aber man fragt sich, was mit all dem Gem\u00fcse passiert, das man in\nM\u00e4rkten und Superm\u00e4rkten sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist ein Familienbetrieb: Vater,\nMutter und Sohn k\u00fcmmern sich um die Bedienung und das Abr\u00e4umen. Dabei verlieren\nsich gerade mal ein halbes Dutzend G\u00e4ste an den bestimmt sechzig eingedeckten\nTischen. Es gibt einiges an Auswahl, und mein erster Blick f\u00e4llt auf&nbsp;<em>Alheira\n\u00e1 Teia<\/em>, ein Gericht, das nach dem Lokal benannt ist. Es ist eine Wurst, die\naus anderen Fleischarten als aus Schweinefleisch gemacht ist, ein typisch\nportugiesisches Gericht. Der Name ist von&nbsp;<em>alho<\/em>, \u2018Knoblauch\u2019,\nabgeleitet. Warum ich mich dagegen entscheide, wei\u00df ich auch nicht. Beim\nn\u00e4chsten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klassische Gericht von Miranda steht\nheute nicht auf der Speisekarte,&nbsp;<em>chanfana.&nbsp;<\/em>Das ist ein Gericht\naus nicht mehr ganz jungem Fleisch, meist Lamm, das in Knoblauch, Paprika,\nLorbeer, Salz und Rotwein gegart wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Post st\u00f6\u00dft meine Frage nach\nBriefmarken diesmal nicht mehr auf Verwirrung, die Aussprache kann wohl nicht\nmehr ganz so daneben sein. Es ist aber ein komplizierter Vorgang, der sich in\ndie L\u00e4nge zieht. Ich bekomme alle erdenklichen Kombinationen von Briefmarken\nf\u00fcr die verschiedenen Sendungen und verschiedene Aufkleber. Die Erkl\u00e4rungen\nsind aber glasklar, die Frage ist nur, ob ich mich zuhause noch dran erinnere.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Heute kann ich zum ersten Mal jemandem den\nWeg zeigen, einem Mann, der im Auto in meine Richtung kommt und verlangsamt,\nmit der offensichtlichen Absicht, nach dem Weg zu fragen. Ich bereite schon mal\nim Kopf \u201cIch bin nicht vor hier\u201d vor, aber er will nach Viavai. Das ist nicht\nso schwer. Ich brauche eigentlich nur zu sagen, dass er in die andere Richtung\nmuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gegen Mittag, und die Sonne ist\nrausgekommen, wider Erwarten. Ich biege diesmal am Ortsausgang nach Porto da\nVila ab. Schon nach wenigen Minuten komme ich da ein. Nur ein paar H\u00e4user. Vor\neinem steht eine sitzende Buddha-Statue (kann eine sitzende Statue stehen?).<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht, wie immer, rauf und runter, und\nirgendwann komme ich nach Viavai. Unterwegs steht am Wegesrand, nicht auf einem\nGrundst\u00fcck, ein Orangenbaum, voller Fr\u00fcchte, aber nicht auf dieser Seite. Auf\ndie an der anderen Seite kommt man nicht ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n sind die moosbewachsenen St\u00e4mme der\nOlivenb\u00e4ume. Ich frage mich, warum nicht alle Moos haben. An der Richtung kann\nes nicht liegen. Vielleicht am Alter?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Wohnhaus steht ein Baum in\nvoller Bl\u00fcte, rosarot. Mandel oder Kirsch? Vor anderen H\u00e4usern einige bl\u00fchende\nStr\u00e4ucher, in verschiedenen Farben, am sch\u00f6nsten in Violett. In der freien\nWildbahn sieht man aber nur die gelben Bl\u00fcten. In einigen G\u00e4rten wird Gem\u00fcse\nangebaut, darunter Gr\u00fcnkohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Tal sieht man in diesen Tagen\nimmer Rauch aufsteigen. Was da verbrannt wird, ist nicht klar, vielleicht Baumschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme aus einer anderen Richtung\nwieder ins Dorf und sehe, dass auch hier auf dem Grundst\u00fcck, \u00fcber dem\nGebetsstock, etwas bl\u00fcht, in Wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra ist es w\u00e4rmer als hier,\ndeutlich w\u00e4rmer, der Anzeige an einer Apotheke zufolge 20\u00b0. Die Sonne k\u00e4mpft\nmit den Wolken, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum sehe ich die\nSchlagzeilen der Zeitungen. Eine hat ein Titelbild, ganz in Schwarz-Wei\u00df, mit\neinem Bild von Karl Lagerfeld und der Nachricht seines Todes. Eine andere,\nkleinformatige, hat bunte Bilder auf der Titelseite, darunter das einer\nportugiesischen \u00c4rztin aus Deutschland, die von ihrem fr\u00fcheren Liebhaber, wie\nes hei\u00dft \u201cgek\u00f6pft\u201d worden ist (<em>degolado<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Schon in der N\u00e4he des Zentrum komme ich an\neinem Schild vorbei, das Englischunterricht anbietet:&nbsp;<em>Explica\u00e7\u00f5es de\nIngl\u00eas<\/em>. Hoffentlich bleibt es nicht dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sehe ich ein\nGesch\u00e4ft, das Artikel aus Kork verkauft, einem der wichtigsten\nWirtschaftszweige Portugals. Gerade gestern war ich dem Wort in einem Text\nbegegnet:&nbsp;<em>corti\u00e7a<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Aufstieg zu Kathedrale sehe ich links\neine moderne Skulptur, eine Gitarre, deren Hals in die \u00fcberkreuzten H\u00e4nde und\nden zierlichen Kopf einer Frau \u00fcbergehen. Von hinten ist der Boden der Gitarre\nder gar nicht so zierliche Hintern dieser Frau. An mehreren Seiten sind\nGedichtzeilen angebracht, alle mit Erw\u00e4hnung Coimbras, aber was das mit der\nStatue zu tun hat, ist nicht klar. Es gibt auch eine kleine Platte, die besagt,\ndass die Skulptur ein Geschenk der Gemeinde Almedina an die Stadt Coimbra ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte Kathedrale, S\u00e9 Velha, sieht\nwirklich nur auf den ersten Blick wie eine Festung aus, mit ihren Zinnen und\nihren kleinen Fenstern. Die schlanken Pfeiler am Haupteingang, die die\nArchivolten der Rundb\u00f6gen st\u00fctzen, sind sehr sch\u00f6n gestaltet, alle\nunterschiedlich, und vor dem Nordportal gibt es einen Vorsatz aus Marmor, etwas\nin die Jahre gekommen, der sich die ganze Wand hochzieht, bis unter die Zinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist die Kirche dunkel, kein Wunder\nbei den kleinen Fenstern, aber dann scheint es immer heller zu werden. Auch\nwirkt sie auf den ersten Blick schmucklos, aber das stimmt \u00fcberhaupt nicht. Es\ngibt alleine wohl an die hundert skulptierte Kapitelle, mit einem Paar\ndickbauchiger V\u00f6gel als h\u00e4ufiges Motiv. Die oben an dem hohen Mittelschiff kann\nman aber kaum erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6nste Ausstattungsst\u00fcck ist f\u00fcr\nmich ein Taufbecken, mit Reliefdarstellungen, meist Wappen, nur zwei biblische\nSzenen, von denen eine die Taufe Jesu darstellt, die andere nicht zu identifizieren\nist. Unten liegt ein Kind in einem Weidenkorb. Moses? Aber wer sollen dann die\nFiguren rund herum sein? Bei der Taufe steht Jesus mit entbl\u00f6\u00dftem Oberk\u00f6rper,\nund Johannes sch\u00fcttet ordentlich Wasser aus einer Schale \u00fcber seinen Kopf.\nLinks von Jesu steht ein dienstbarer Geist, vielleicht ein Engel. Was h\u00e4lt er\nda nur auf dem Arm? Ein Handtuch? Sieht fast so aus. Oder ein Gewand. Eine\netwas gro\u00dfz\u00fcgige Interpretation der biblischen Szene.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Altar liegt unter Glas das einzige\nerhaltene St\u00fcck aus dem Vorg\u00e4ngerbau, einem Votivstein mit Inschrift. Der\njetzige Bau ersetzte aus Gr\u00fcnden, die nicht bekannt sind, diesen Bau, der noch\naus der Westgotenzeit stammte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Altar, ein vergoldeter gotischer\nSchnitzaltar mit vielen Figuren, nimmt fast die gesamte H\u00f6he des Ostchors ein,\nBesonders sch\u00f6n ist der stilisierte dunkelblaue Himmel, der sich \u00fcber die\nSzenen w\u00f6lbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kreuzgang hat nur ein Geschoss und ist\neher einfach gestaltet, mit gleichm\u00e4\u00dfigen Rundb\u00f6gen. Aber eine Besonderheit\nsind die gro\u00dfen Rosetten, f\u00fcnf an jeder Seite, alle von derselben Gr\u00f6\u00dfe, aber\njede einzelne ist anders gestaltet als alle anderen, mit einfachen\ngeometrischen Figuren wie Kreisen und Dreiecken. Eine sieht aus wie ein\nFu\u00dfball. Sehr gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Kreuzgang herauskomme, spricht\nmich ein junger Mann an, ein Student, der eine Brosch\u00fcre von Coimbra anbietet,\nmit denen sich die Studenten ihr Taschengeld verdienen. Sehr sch\u00f6n bebildert.\nDa er brav Portugiesisch mit mir spricht und es f\u00fcr einen \u201cguten Zweck\u201d ist,\nr\u00fccke ich die zehn Euro raus. Als Extras gibt es noch ein Lesezeichen und ein\nAquarell.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach der&nbsp;<em>Casa Nau<\/em>,\ndie in meinem Reisef\u00fchrer steht, aber er kann damit nichts anfangen. Gemeinsam\nsehen wir uns die Karte an, und dann wei\u00df er pl\u00f6tzlich, was gemeint ist: Ein\nHaus, das die Form eines Schiffs hat. Seine Erkl\u00e4rung ist unschlagbar gut, und\nich finde das Haus auf Anhieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ganz anders als gedacht, kein fein\nherausgeputztes kleines H\u00e4uschen, wie mir das vorgestellt habe, sondern ein\nhohes, vier- oder f\u00fcnfst\u00f6ckiges Haus, in der die Alternative Szene herrscht,\nmit Graffiti und Slogans und Inschriften in arabischer Schrift an der Fassade.\nAm besten kann man das Schiff von vorne erkennen, vom Bug her. Hinten geht es\nin andere H\u00e4user \u00fcber. Ich bin hier schon mal vorbeigekommen und habe das Haus\n\u00fcbersehen und stattdessen auf einen kleineren, klassizistischen Palast an der\nSeite des Hauses geachtet.Worauf das wohl schlie\u00dfen l\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss gehe ich noch ins&nbsp;<em>Caf\u00e9\nSanta Cruz<\/em>, das, das in einem abgetrennten Teil der Kirche untergebracht\nist. Man sitzt tats\u00e4chlich in einem \u00fcberw\u00f6lbten Raum, vielleicht einem\nSeitenschiff der Kirche (der aber nicht aus der Gr\u00fcndungszeit des Klosters\nstammt). Hinten, in der Apsis, stehen Mikrophone. Hier gibt es abends Fado. Die\nEinrichtung ist stilvoll und einfach, mit kleinen Tischen mit Marmorplatten. An\nder Seite dunkle Holzpaneele, die auch irgendwie sakral aussieht. Ob das\nehemalige Beichtst\u00fchle sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellner bewegen sich langsam und\nl\u00e4ssig und sehen gelangweilt aus. Viel zu tun gibt es wirklich nicht, aber bei\nihnen ist es wohl eher Teil der Berufsauffassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle ein gezapftes Bier und frage\nnach einer Kleinigkeit dazu. Es gebe nur Sandwichs. Das Wort ist irref\u00fchrend.\nEs scheint der Oberbegriff f\u00fcr Kleinigkeiten zu sein, unter den auch&nbsp;<em>sandes<\/em>&nbsp;fallen,\nalso die eigentlichen Sandwichs. Als ich nach einer&nbsp;<em>bifana<\/em>&nbsp;frage,\nbekomme ich die auch. Gegessen, getrunken, in der Kirche gewesen und was\ndazugelernt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste Portugiesisch-Lektion. Per Skype.\nWir verbringen den Gro\u00dfteil der Zeit damit, die Fragen durchzugehen, die ich\naus&nbsp;verschiedenen&nbsp;Alltagssituationen mitbringe.&nbsp;Wenn man nach\ndem WC in einem Lokal fragt, hei\u00dft es tats\u00e4chlich&nbsp;<em>casa de banho<\/em>,\nwas ich bisher immer vermieden habe. Und der Ofen, mit dem ich die Bude heize,\nhat den wunderbaren Namen&nbsp;<em>salamandra<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fallen bei den Fragen\nzwei&nbsp;wichtige Erkenntnisse allgemeiner Art ab. Das Portugiesische hat\nnichts f\u00fcr zusammengesetzte Zeiten \u00fcbrig:&nbsp;<em>Ich habe verstanden<\/em>, bei\ndem ich es mit dem&nbsp;<em>Preterito Perfecto Compuesto<\/em>&nbsp;versuche,\nhei\u00dft einfach&nbsp;<em>Entend\u00ed<\/em>. Das ist sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Auch durch\nden Kontrast zu den anderen romanischen Sprachen. Und dann die Aussprache.\nMeine Aussprache von&nbsp;<em>responder<\/em>&nbsp;kommt ihr sehr spanisch vor.\nAllerdings gibt es hier wohl viele regionale Unterschiede, aber sie spricht es\nmit einem gutturalen&nbsp;<em>r<\/em>, wie im Deutschen! Das&nbsp;<em>r<\/em>&nbsp;in&nbsp;<em>pre\u00e7o<\/em>&nbsp;ist\ndagegen wie das spanische&nbsp;<em>r<\/em>&nbsp;in&nbsp;<em>pero<\/em>. Keinesfalls\nso wie im Englischen, h\u00e4mmert sie mir ein. Aber das braucht sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren nur drei\u00dfig Minuten, aber danach\nist mir nach einem Spaziergang zumute. Ich gerate in ein St\u00fcck Wald, wo jemand\ngew\u00fctet zu haben scheint. \u00dcberall umgeknickte oder zerspaltene Baumst\u00e4mme, auf\nden Wegen \u00c4ste und Bl\u00e4tter, und am Wegesrand v\u00f6llig verdorrter Farn.&nbsp;Da\nhaben die Eukalyptusb\u00e4ume, die dem Boden das Wasser entziehen, und der Sturm\nder letzten Tage, der heute wieder die halbe Nacht und den halben Tag gew\u00fctet\nhat, gute Zusammenarbeit geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gelange ich auf die Landstra\u00dfe.\nAuch nicht besser. Entsch\u00e4digt werde ich aber durch ein Schild an einem\nGitter:&nbsp;<em>Pro\u00edbido vaxar lixo e animais mortos.&nbsp;<\/em>Man soll keinen\nAbfall dr\u00fcberwerfen und keine toten Tiere. Spaziergang hat sich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Einem Lehrbuch zufolge ist Brasilien das\ndrittgr\u00f6\u00dfte Land der Erde, der Fl\u00e4che nach, nach Russland und Kanada. Stimmt\nnicht ganz. Auch China und die USA sind gr\u00f6\u00dfer. Nach Brasilien kommt Australien\nund dann, mit gro\u00dfem Abstand, Indien. Dagegen sind die Unterschieden von Kanada\nbis Australien relativ gering. Brasilien ist mehr als zwanzigmal so gro\u00dfe wie\nDeutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im Autoradio auf dem Weg nach Miranda ein\nWortbeitrag, ein Vortrag vermutlich. Die einzigen W\u00f6rter, die ich verstehe,\nsind&nbsp;<em>pr\u00f3stata<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>menopausa<\/em>. Den Rest muss man sich\ndenken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>A Parreirinha&nbsp;<\/em>ist mein Ziel, ein Restaurant, das eher den Charakter\neiner Taverne hat. Fast alle G\u00e4ste sind M\u00e4nner, einzeln und in Gruppen. Sp\u00e4ter\ntauchen aber auch ein paar Paare auf. Die meisten sitzen in einem abgetrennten\ndunklen Speiseraum. Das ist vielleicht die Macht der Gewohnheit. Im Sommer hat\nman da Schutz vor der Sonne. Die anderen verlieren sich in einem Teil, den man\nmit etwas Wohlwollen als Wintergarten bezeichnen k\u00f6nnte. Hier ist es wunderbar\nhell.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt kaum, schon kommt die Bedienung.\nAus dem Redeschwall, mit dem ich von zwei Seiten traktiert werde, verstehe ich\nnur&nbsp;<em>chanfana<\/em>. Ja, die will ich. Etwas drei\u00dfig Sekunden nach der\nBestellung steht das Essen auf dem Tisch. Ein paar Alibi-Pommes und\nSalatbl\u00e4tter, aber eine m\u00e4chtige Sch\u00fcssel mit Fleisch. Schmeckt sehr gut, aber\nist nicht gerade das, was man unter leichter Kost versteht. Es handelt sich um\nnicht mehr ganz junges, geschmortes Fleisch. Schmeckt ein bisschen nach Wild,\nstellt sich auf Nachfrage aber als Ziege heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Wein gibt es ungefragt gleich in einer\nKaraffe. Er wird gezapft, aus einem Fass hinter dem Tresen.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die G\u00e4ste weitgehend M\u00e4nner sind,\nsind die Kellnerinnen Frauen. Mit gro\u00dfen, raumgreifenden Schritten durchmessen\nsie den Raum von der K\u00fcche zum Speisesaal, ohne Ruhepause, gro\u00dfe Fleischplatten\nauf dem Arm. Sie geh\u00f6ren zu der Kategorie&nbsp;<em>no-nonsense-woman<\/em>. Die\nArbeit muss ja schlie\u00dflich getan werden, also tun wir sie. Der Wirt, selbst mit\neiner pr\u00e4chtigen Plauze ausgestattet, beschr\u00e4nkt sich darauf, gemessenen\nSchrittes Bierkr\u00fcge in den Speisesaal zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach ist noch Zeit, und ich setze mich\nauf den Platz, in die Sonne. Es ist ein richtigere Sommertag. Erst jetzt merke\nich, dass auch hier an den Laternen noch die Weihnachtsbeleuchtung h\u00e4ngt. Griechenland\nl\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu dem Platz komme ich\nan&nbsp;<em>Pingo de Mel<\/em>&nbsp;vorbei (\u2018Honigtropfen\u2019) , einem Laden oder\nLokal, dann an einem Caf\u00e9 namens&nbsp;<em>Fika-Keto&nbsp;<\/em>(Bedeutung unklar)\nund dem Fanshop des SCP. Das ist Sporting.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe einen Termin mit einer Lehrerin,\nFilomena. Sie hat in Coimbra studiert, Englisch und Deutsch. Passt! W\u00e4hrend des\nStudiums war sie in Halle, noch zu DDR-Zeiten. Sie war in einer Schule in\nPenela, wo die Nachfrage nach Deutsch immer mehr nachlie\u00df und sie am Ende nur\nnoch Englisch unterrichtete. Sie hatte aber das Gef\u00fchl, dass sie nur noch\nSekret\u00e4rin und Kinderg\u00e4rtnerin war, d.h. dass B\u00fcrokratie und das reine\nAufpassen im Vordergrund und die eigentliche Arbeit, der Unterricht, im\nHintergrund war. Deshalb hat sie sich entschieden, sich selbst\u00e4ndig zu machen.\nSie gibt den Kleinen Englisch-Unterricht und den Gro\u00dfen Unterricht in\nPortugiesisch. Die sind alle Auswanderer, meist Briten, aber auch Finnen,\nAmerikaner und Deutsche. Wir verabreden uns f\u00fcr den kommenden Freitag.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache einen weiteren Versuch, den in\nden Unterlagen der Vermietet so miserabel beschriebenen Weg zum Aussichtspunkt\nzu finden, und diesmal klappt es. Es ist kein zwanzigmin\u00fctiger Spaziergang vom\nHaus aus, sondern ein zwanzigmin\u00fctiger Spaziergang, der erst beginnt, nachdem\nman mit dem Auto in Serpentinen den Berg heraufgefahren ist. Dabei bieten sich\neinige beeindruckende, fast furchteinfl\u00f6\u00dfende Blicke hinunter ins Tal und in\ndie Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben geht es \u00fcber einen Wurzelweg weiter\nhinauf. Unterwegs ernte ich noch ein paar Tannenzapfen f\u00fcr den Ofen. Die sind\nhier gro\u00df, breit und weit ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kommt die Einsicht, dass hier\nWanderschuhe das bessere Schuhwerk gewesen w\u00e4re, aber es geht zur Not auch so.\nOben kommt man an einem Platz an, der an zwei Seiten von einer Felswand\nbegrenzt ist, die glatt die Ruine eines alten Klosters sein k\u00f6nnte, aber\nnat\u00fcrlich ist. Zur einen Seite begrenzt sie die Sicht, aber zu anderen kann man\ndar\u00fcber hinwegsehen. Obwohl es ein klarer, sonniger Tag ist, scheint es so, als\nw\u00fcrde das Tal im Dunst liegen. Es scheint der h\u00f6chste Punkt der Umgebung zu\nsein, und man hat einen ungew\u00f6hnlich weiten Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Felsen liegen verkohlte\nBaumst\u00e4mme.&nbsp;Die Felsen sind&nbsp;wei\u00dflich, und auch einzelne Steine, die\nhier herumliegen, sind wei\u00dflich, und wenn mir jemand h\u00e4tte weismachen wollen,\ndas w\u00e4re Marmor, h\u00e4tte ich es glatt geglaubt. Es ist aber Quarz, wie man einer\nSchautafel am Ausgangspunkt der Weges entnehmen kann. Dort sieht man auch, dass\nes auch einen Rundweg gibt, aber ich h\u00e4tte keine Ahnung, wie man den finden\nsoll.&nbsp;So was macht man dann wohl besser zu zweit, und zwar mit\nWanderschuhen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Ansi\u00e3o, eine Kleinstadt in\nder N\u00e4he, die ich noch nicht kenne. Nichts Aufsehenerregendes, aber\nausgestattet mit einem sch\u00f6nen Platz im Zentrum mit den hier typischen wei\u00df\nget\u00fcnchten H\u00e4usern, darunter dem etwas zu gro\u00df geratenen Rathaus und gleich\ndrei Kirchen, die ich am oder am Rande des Platzes tummeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dorf betreibt Elvira Jesus Freire einen\nElektrohandel. Mit so einem frommen Namen werden die Gesch\u00e4fte bestimmt gut\nlaufen. Elektrohandlungen gibt es hier an jeder Ecke, meist spezialisieren sie\nsich auf Heiz\u00f6fen. Nur Fris\u00f6re sind noch besser vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Mauer ein etwas in die Jahre gekommenes Emblem der PS, mit nach oben gereckter Faust.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist so warm, dass man drau\u00dfen sitzen\nkann. Bestellen soll man drinnen,&nbsp;<em>ao balc\u00e3o<\/em>. Mit dem Balkon ist die\nTheke gemeint. Man wird aber drau\u00dfen bedient. Es gibt frischen Erdbeerkuchen\nund einen Milchkaffee, f\u00fcr 2,75 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz stehen hohe, sch\u00f6ne B\u00e4ume,\nvoller gr\u00fcner Bl\u00e4tter, die fast wie Nadeln aussehen. Erst glaube ich, dass es\nauch so etwas wie die Mimosen im Dorf sind, aber die Bl\u00e4tter f\u00fchlen sich viel\nh\u00e4rter an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch Schulkinder, die Hamburger\nessen. Sie sind alle schlank und dunkelhaarig, die Jungen besser aussehend als\ndie M\u00e4dchen. Ich versuche, das eine oder andere Wort aufzuschnappen, ohne\nErfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nutze die Gelegenheit zu einem Einkauf\nin einem Lebensmittelgesch\u00e4ft. An der Fleischtheke sage ich meine auswendig\ngelernte Bestellung auf, und es klappt auch. Aber dann passiert das, was immer\npassiert: Ich verstehe die Gegenfrage nicht. Nach zweifacher Wiederholung macht\nes dann Klick: Rind oder Schwein? Beide W\u00f6rter haben zwei Silben, beide klingen\naber, als h\u00e4tten sie nur eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder zuhause bin, mache ich\ngleich einen Spaziergang ums Dorf herum. Es ist einfach zu sch\u00f6n, und die\nWetteraussichten sind nicht gerade rosig.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo raschelt es mitten in der\nMittagsstille im Geb\u00fcsch. Ein Tier kommt herausgeschossen, ich glaube erst, es\nw\u00e4re ein Fuchs, aber es ist ein Hase! Wie lange habe ich schon keinen Hasen\nmehr gesehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Laubb\u00e4ume, die hier eher rar ges\u00e4t\nsind, haben noch keine Knospen. Sie sind aber auch nicht kahl, weil sie \u2013\nwieder in Griechenland \u2013 das Laub des Vorjahres noch nicht abgeworfen haben.\nTrocken, kr\u00fcmelig und in sich gedreht halten die Bl\u00e4tter sich an den \u00c4sten\nfest.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel gr\u00fcn, aber selten so richtig\nsatt gr\u00fcn wie bei uns, meist eher ged\u00e4mpft. Die Ausnahme sind ein paar Wiesen,\nvor allem die unter den Olivenb\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n auch ein kleines Weinfeld mit\ngestutzten Rebst\u00f6cken, unter denen sich ein dichter Teppich von G\u00e4nsebl\u00fcmchen\nwachsen \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n ist auch der Dorfbach, den ich\nmehrmals \u00fcberquere, mit rauschend, mit kristallklarem Wasser. Da fallen einem\nnur sprachliche Gemeinpl\u00e4tze ein. Jeden einzelnen Kieselstein kann man darunter\nerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorgarten eines Hauses ein Strauch, so\ngro\u00df, dass man ihn f\u00fcr einen Baum halten konnte, der von oben bis unten voller roter\nRosen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die Marmelade wandert als&nbsp;<em>compota<\/em>&nbsp;auf\ndie Einkaufsliste. Es gibt zwar auch&nbsp;<em>marmelada<\/em>, aber das ist\nausschlie\u00dflich Quittenmarmelade, abgeleitet von&nbsp;<em>marmelo<\/em>,\n\u2018Quitte\u2019!&nbsp;Beim Einkauf l\u00e4uft es dann auf&nbsp;<em>ab\u00f3bora<\/em>&nbsp;hinaus:\nK\u00fcrbismarmelade! Dabei sehe ich auch, dass das, was&nbsp;<em>marmelada&nbsp;<\/em>genannt\nwird, das ist, was ich aus Spanien als&nbsp;<em>membrillo<\/em>&nbsp;kenne. Keine\nMarmelade im engeren Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra stehe ich an der Tankstelle vor\nder Zapfs\u00e4ule und warte, dass jemand kommt. Aber es kommt niemand. Hier ist\nSelbstbedienung. Scheint ein Stadt-Land-Unterschied zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Geb\u00e4ude am Largo do Portagem sehe\nich eine Plakette, die darauf hinweist, dass hier&nbsp;Miguel Torga,&nbsp;alias\nDr Adolfo Rocha, Dichter und Arzt, f\u00fcnfzig Jahre lang&nbsp;t\u00e4tig war. Dar\u00fcber\neine Hand, deren Finger voller Schuppen zu sein scheinen. Keine Ahnung, was das\nzu bedeuten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Suche nach einer B\u00e4ckerei gelange\nich im Zentrum, auf einem niedriger gelegenen Niveau, in ein volkst\u00fcmliches\nViertel, das ich noch gar nicht kenne. Man schickt mich hin und her, aber die\neinzige B\u00e4ckerei, an einem versteckten, kleinen Platz gelegen, ist geschlossen.\nWegen Ferien. Erst in den n\u00e4chsten Tagen wird mir im Nachhinein klar, dass es\ndie Karnevalszeit ist, derentwegen man Ferien macht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mein Brot muss ich dann tats\u00e4chlich in\neinen Supermarkt in der N\u00e4he des Bahnhofs fahren. Als ich nach dem Weg frage,\nkommt eine Antwort wie aus einem Lehrbuchdialog: \u201c\u00c9 logo al\u00ed.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Coimbra B, der Bahnhof, der etwas\nau\u00dferhalb des Zentrums liegt und an dem mehr Z\u00fcge ankommen. Coimbra A liegt nur\nein paar Schritte vom Largo do Portagem entfernt. Einem Plakat zufolge, das\ndagegen protestiert, soll er demn\u00e4chst geschlossen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Coimbra B ist wie ein&nbsp;etwas\nverschlafener&nbsp;Provinzbahnhof, der immer dann zum Leben erwacht, wenn ein\nZug ankommt, ganz egal, welcher Kategorie, Alfa, Intercity oder Regional. Es\ngibt eine etwas schummrige Bar, sonst nichts. Mein Brot h\u00e4tte ich hier nicht\nbekommen. Der Bahnhof ist das Gegenteil von den modernen deutschen Bahnh\u00f6fen,\ndie eher Einkaufszentren mit Gleisanschluss sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DB Portugals hei\u00dft CP, Comboios de\nPortugal. Scheint staatlich zu sein.&nbsp;Wenn man hier ein Wort wie tren\nerwartet, ist man auf dem falschen Dampfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Hinweis auf Miguel Torga verdanke ich\nXia, und die steht wenig sp\u00e4ter am Bahnhof pl\u00f6tzlich vor mir, statt aus dem Zug\nauszusteigen. Ich stehe auf dem falschen Bahnsteig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen gleich, statt nach Hause zu\nfahren, einen&nbsp;Spaztiergang durch Coimbra. Das Wetter ist nicht so schlecht\nwie vorausgesagt. Mit dem typischen Blick f\u00fcr Besonderheiten der H\u00e4user sieht\nXia die Schiebefenster in dem Viertel der Casa Nau, die mit der Fassade glatt\nabschlie\u00dfenden Fenster und eine merkw\u00fcrdige Reihung von Hausnummern: Jeder\nEingang eines Hauses hat eine eigene. Man sieht oft vier, f\u00fcnf Nummern auf ganz\nwenigen Metern \u00fcber den niedrigen Eingangst\u00fcren. Das sehen wir in den n\u00e4chsten\nTagen immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz in Santa Cruz rein und dann\nin die romanische Kirche in der N\u00e4he, die Igreja de S\u00e3o Tiago, die das Niveau\nzwischen dem Platz unten und der erh\u00f6ht liegenden Einkaufsstra\u00dfe \u00fcberwindet.\nSie lehnt sich sozusagen an die Mauer an, auf der die Einkaufsstra\u00dfe liegt. Sie\nstammt aus dem 12. Jahrhundert, aber wir k\u00f6nnen uns nicht darauf einigen, was\nnoch original ist. Innen vermutlich nur die S\u00e4ulen, die das moderne Holzdach\ntragen. Au\u00dfen scheint mir alles original, aber Xia findet, das sei keine\nRomanik: Rosette passt nicht, Fenster sind zu gro\u00df, B\u00f6gen an den Portalen nicht\neng genug aneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dort unten sehen wir auf die Fassade\nder&nbsp;<em>Grandes Armazens do<\/em>&nbsp;<em>Chioda<\/em>, eine\nEisenkonstruktion vom Beginn des 20. Jahrhunderts. War urspr\u00fcnglich vermutlich\neine&nbsp;Markthalle&nbsp;und scheint jetzt eine Ausstellungshalle zu sein. Sie\nwird aber gegenw\u00e4rtig renoviert. Was Chioda ist, ist nicht rauszukriegen,\nau\u00dfer, dass ein Stadtviertel von Lissabon so hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg klauen wir irgendwo zwei\nApfelsinen, aber sie sind so gut wie ungenie\u00dfbar. K\u00f6nnten genauso gut Zitronen\nsein.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernunterricht erfahre ich von der\nLehrerin, Emma, dass in Tomar, unserem heutigen Reiseziel, heute der\nKarnevalsumzug der Kinder stattfindet. Sie erz\u00e4hlt auch, in Tomar seien die\nSzenen f\u00fcr einen Film \u00fcber Fatima gedreht worden, die in Our\u00e9m spielen. Tomar\nsei einfach die besser erhaltene Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Frage nach der Aussprache \u2013 es\ngeht mal wieder um das unselige &lt;s&gt; \u2013 erweist sich&nbsp;<em>mais o menos<\/em>&nbsp;als\nSchulbeispiel f\u00fcr Assimilation: Das &lt;s&gt; von&nbsp;<em>mais<\/em>&nbsp;klingt\nhier ganz anders als alleinstehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Tomar hei\u00df&nbsp;<em>Tomar<\/em>, weil das der\narabische Name des&nbsp;<em>Nab\u00e3o<\/em>&nbsp;ist! Das wiederum wei\u00df die Lehrerin\nnicht. Wohl aber unser Reisef\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Tomar hineinfahren, treffen\nwir gleich auf die verkleideten Kinder, die auf dem Weg zum Umzug sind. Wir\nstehen im Stau und sehen aus dem Auto ein gro\u00dfes, vermutlich rekonstruiertes\nWasserrad, wohl maurischer Machart, mit Kr\u00fcgen auf jeder Schaufel. Wie genau\ndas funktioniert, bleibt offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald k\u00f6nnen wir an den Karnevalisten\nvorbeifahren und direkt nach oben zum Convento do Cristo fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man parkt fast direkt vor den m\u00e4chtigen\nMauern. Die Burg selbst entstand zum Zweck der Verteidigung gegen die Mauren,\nund schon bald nach ihrem Bau erf\u00fcllte sie genau diesen Zweck, als ein\nmaurischer Angriff abgewehrt werden konnte. Das war dem Weitblick des Mannes zu\nverdanken, dessen Statue auf der&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>&nbsp;steht und\nder dort der Gr\u00fcnder Tomars genannt wird, Gualdim Pais. Dem war eine Burg unten\nam Nab\u00e3o \u00fcbergeben worden, aber er sah ein, dass die nicht reichen w\u00fcrde. So\nveranlasste er den Bau der Burg hier oben, 1160.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Keimzelle des Klosters und die\nwichtigste Sehensw\u00fcrdigkeit ist&nbsp;die Rotunde, dessen Kuppel man von au\u00dfen,\n\u00fcber die Wehrmauern hinweg sieht. Die Rotunde ist ein sechzehneckiger Raum, in\nden wiederum ein sogenannte Charola eingelassen ist, ein achteckiger Einbau.\nDer beherbergt den Altar, der aber kaum als solcher zu erkennen ist. Um diese\nCharola herum geht eine Art Umgang.&nbsp;Angeblich wurde so gebaut, damit die\nRitter den Gottesdienst auf Pferden sitzend verfolgen konnten, aber das d\u00fcrfte\nins Reich der Legende fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man tut sich hier schwer, zu entscheiden,\nwas was ist. Je l\u00e4nger man hinguckt, umso mehr kommt man zu der \u00dcberzeugung,\ndass alles au\u00dfer der Grundstruktur aus sp\u00e4teren Zeiten stammt.&nbsp;Die stammt\naus dem 12. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite h\u00e4ngt eine einzige riesige\nOrgelpfeife aus einer verloren gegangenen Orgel, mit dem Mundst\u00fcck nach unten.\nSie nimmt fast die ganze H\u00f6he der Wand ein. Ein echter Hingucker. Die Art von\nHingucker, die ich \u00fcbersehe, wenn ich alleine unterwegs bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Rotunde sich als zu klein erwies,\nriss man die Westwand ab und baute eine weitere Kirche an, eine Art horizontale\nVerl\u00e4ngerung der Rotunde. Ein verr\u00fcckte L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fragt sich, ob es wohl irgendwo in der\nWelt noch mehr Kreuzg\u00e4nge gibt in einem Geb\u00e4ude als hier. Wenn man in dritten\noder vierten ist, hat man vergessen, wie es im ersten aussah. Derjenige, der in\nErinnerung bleibt, ist der, der am untypischsten ist, ein Renaissance-Kreuzgang\nmit&nbsp;antikisierenden S\u00e4ulen und&nbsp;Tympanons. An der Seite kuriose\nWendeltreppen, die ins obere Stockwerk f\u00fchren und die, wie ich erfahre, den\nTreppen in einem Renaissance-Schloss an der Loire \u00e4hneln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kraftstrotzende Burg au\u00dfen und dann\ndie Manuelinik mit ihrem \u00fcberbordenden Zierrat innen, ein verr\u00fcckter Kontrast.\nAm bekanntesten ist das Fenster des Kapitelsaals, Motiv auf Hunderten von\nPostkarten und Titelbild von Reisef\u00fchrern nach Portugal.&nbsp;Ein Nebeneinander\nund Durcheinander von B\u00e4ndern, Girlanden, Ranken, St\u00e4ben, Tauen und Ringen,\nneben, \u00fcber und unter Strebepfeilern, die aussehen wie Baumst\u00e4mme, aber bei all\ndem Dekor kaum zu sehen sind. Man kommt sich wie in Indien vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben, im weiteren Sinne noch zu dem\nFenster geh\u00f6rend, ein merkw\u00fcrdiges Motiv, eine \u00fcbergro\u00dfe G\u00fcrtelschnalle. Was\nhat die hier zu suchen? Erst sp\u00e4ter im Reisef\u00fchrer finden wir die Antwort: Es\nist ein Verweis auf den Hosenbandorden und damit auch ein Verweis auf die\nBeziehung von Portugal zu England.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fenster kann man nur von oben, von\neinem der zahlreichen Kreuzg\u00e4nge aus, sehen. Auf dem Weg dahin kommen wir an\neinem anderen, fast gleichwertigen Fenster der gleichen Machart vorbei, das man\nsehr versteckt hinter einer Wand liegt. Warum, ist unklar. Dieses Fenster wird\nnirgendwo erw\u00e4hnt. Es ist au\u00dferdem in einem besseren Zustand als das andere,\ndas von Moos und Flechten bewachsene ist und dringend in einen besseren Zustand\nversetzt werden m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Templer waren urspr\u00fcnglich gegr\u00fcndet\nworden, um die christlichen Pilger auf dem Weg ins Heilige Land zu sch\u00fctzen.\nSieben Gef\u00e4hrten von Gottfried von Bouillon taten sich dazu zusammen. Der\nSchutz der Pilger, das ist zumindest&nbsp;<em>eine<\/em>&nbsp;Version. \u201cSchutz\u201d\nbedeutete aber wohl auch, den Mauren schon mal prophylaktisch eins auf die\nM\u00fctze zu geben, diesen Ungl\u00e4ubigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem wurde ihnen ein Teil des\nPalasts von K\u00f6nig Balduin zugewiesen, deshalb der Name, denn der Palast stand\nan der Stelle des Salomonischen Tempels.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Templer wurden von allen Seiten mit\nSchenkungen, L\u00e4ndereien und Privilegien bedacht und waren von Z\u00f6llen und\nAbgaben befreit. Und wurden immer reicher und m\u00e4chtiger, auch wegen ihres\nganzen Netzwerks, \u00fcber Europa, das Mittelmeer und das Heilige Land verteilt.\nSie wurden dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig, Philipp dem Sch\u00f6nen, ein Dorn im Auge. Da\ntraf es sich gut, dass auch gerade ein Franzose Papst war. Die Templer wurden\nder H\u00e4resie und der Ausschweifungen angeklagt, und der Orden wurde aufgel\u00f6st.\nDas&nbsp;hatte den Vorteil, dass sein ganzes Besitz konfisziert wurde. An wen\nging der wohl?<\/p>\n\n\n\n<p>In Portugal erlitt der Orden das gleiche\nSchicksal, und doch ein ganz anderes. Er wurde aufgel\u00f6st, wurde aber wenige\nJahre sp\u00e4ter unter einem anderen Namen, Christusritterorden, wieder zum Leben\nerweckt. Es war praktisch die Fortf\u00fchrung des alten Ordens unter neuer\nEtikette. Das erkl\u00e4rt, warum Tomar zur europ\u00e4ischen Hochburg der Templer wurde.\nUnd es erkl\u00e4rt auch die komplexe Baugeschichte des Klosters, das dann sp\u00e4ter\nwieder religi\u00f6sen Zwecken zugef\u00fchrt wurde, unter Verlust der milit\u00e4rischen\nZwecke. Politisch kam das gut zupass. Die Mauren waren ohnehin besiegt, und\njetzt widmete sich der Orden der nationalen Einheit, der Verteidigung der\nKrone, vor allem aber der Ausdehnung Portugals. Ohne die Unterst\u00fctzung, vor\nallem die finanzielle Unterst\u00fctzung des Ordens, h\u00e4tte Heinrich der Seefahrer\nseine Expeditionen nicht machen k\u00f6nnen, hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in die Stadt runter und trinken\nan der Pra\u00e7a da Rep\u00fablica ein Bier.&nbsp;Es ist warm, man kann drau\u00dfen sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend geht Xia noch in eine\nWeinhandlung. Und kommt mit zwei Flaschen Bier heraus:&nbsp;<em>Topazio<\/em>,\nBier aus Coimbra. Eine Flasche Wein hat sie auch ergattert, aber die\nVerk\u00e4uferin scheint von seliger Unkenntnis zu sein, was Wein angeht. Sie\nverkauft ihr einen Wein aus Set\u00fabal als typisch regionales Erzeugnis. Der Wein\nist billig und schmeckt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenstra\u00dfe hat man die\nalte&nbsp;Synagoge&nbsp;restauriert. Der Raum steht offen und man kommt ohne\nEintritt rein. Ein einfacher, quadratischer, \u00fcberw\u00f6lbter Raum mit vier S\u00e4ulen\nund zw\u00f6lf Konsolen an den W\u00e4nden. Die stehen f\u00fcr die zw\u00f6lf St\u00e4mme Israels, die\nvier S\u00e4ulen f\u00fcr vier bedeutende Frauen aus der j\u00fcdischen\nTradition:&nbsp;Sara,&nbsp;Rebecca, Lea,&nbsp;Raquel. Da Lea und Raquel\nSchwestern sind, haben sie die gleichen Kapitelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00fcber den Raum, modern ausgeleuchtet,\nsind Objekte verteilt, die mit der j\u00fcdischen Tradition zu tun\nhaben:&nbsp;Shofar, Menora,&nbsp;Schrank f\u00fcr die Aufbewahrung der Thora-Rolle\nsowie ein paar Steine mit Inschriften in Hebr\u00e4isch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in Spanien, wurden auch in Portugal\ndie Juden vertrieben, wenn sie nicht konvertierten. Die Konvertiten standen\ndann unter Generalverdacht, heimlich ihrem alten Glauben anzuh\u00e4ngen. Ihre\nGesinnung wurde \u00fcberpr\u00fcft, und es kam zu Prozessen, Verurteilungen und\nVerbrennungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Auto, ganz knapp au\u00dferhalb\ndes Zentrums, stehen H\u00e4user, die noch heute an der Fassade Spitzb\u00f6gen aufweisen.\nDas waren vermutlich urspr\u00fcnglich keine H\u00e4user, sondern Stadttore, mit kleinen\nWohnungen oben. In einem Fall scheint das Fenster noch original zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend wollen wir zum Essen nach Penela,\nkommen aber unterwegs an mehreren Lokalen vorbei und entscheiden uns f\u00fcr eins,\nin Pastor, das mehr nach Restaurant aussieht. Erst sp\u00e4ter, als wir bei einem\nSpaziergang auf seinen Zwilling sto\u00dfen, auf der anderen Stra\u00dfenseite, weiter\nRichtung Penela, stellt sich heraus, dass die eine Kette sein muss, Lokale f\u00fcr\nLastwagenfahrer. Das erkl\u00e4rt den gro\u00dfen Parkplatz vor beiden H\u00e4usern. Und auch\ndie Gr\u00f6\u00dfe des Essraums und seine nicht gerade einladenden Atmosph\u00e4re. Heute\nverlieren sich aber nur ein paar Leutchen an den vielen Tischen. Wer wei\u00df?\nVielleicht hat es hier bei der Nachfrage einen Einbruch gegeben, seitdem die\nAutobahn gebaut worden ist und die Laster nicht mehr \u00fcber die IC 3 kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins muss man sagen: Es gibt guten Wein.\nZwar Hauswein, aber aus der Flasche serviert. Das Essen l\u00e4sst, was die\nQuantit\u00e4t angeht, nicht zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Das sind Portionen f\u00fcr\nLastwagenfahrer. Als das Essen serviert wird, ist es zu sp\u00e4t, einen R\u00fcckzieher\nzu machen, aber angesichts der Menge f\u00e4llt mir wieder ein, dass man in Portugal\nauch halbe Portionen bestellen kann, die kurioserweise&nbsp;<em>meia dose<\/em>&nbsp;hei\u00dfen\n\u2013 halbe Dosis.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt&nbsp;<em>chanfana<\/em>&nbsp;und\nSchnitzel, keine Delikatessen, dazu wieder einmal Reis und Pommes und die\nunvermeidlichen&nbsp;<em>grelos<\/em>.&nbsp;Im Vergleich zu allem anderen, was ich\nbisher hier konsumiert habe, kommt mir auch die Rechnung hoch vor.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kalt. Wir fahren nach Miranda. Im\nUnterricht ein bisschen Erz\u00e4hlen, ein bisschen Lesen, ein bisschen Grammatik.\nBei Lesen stolpere ich \u00fcber&nbsp;<em>truxesse<\/em>.&nbsp;Das &lt;x&gt; ist hier\n\/s\/, aber in anderen Umgebungen steht es f\u00fcr andere Laute.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder hei\u00dft es, nee, das ist\nItalienisch (<em>voglio<\/em>), das ist Spanisch (<em>tren<\/em>) oder bestenfalls,\ndas ist brasilianisches Portugiesisch, aber kein portugiesisches.<\/p>\n\n\n\n<p>Xia hat inzwischen einen sensationellen\nEinkauf im dem benachbarten kleinen Laden gemacht, ein Kauf, bei dem fast alles\nnix kostet, au\u00dfer dem Honig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen auch noch Tipps zu\nportugiesischem Wein. Die drei bekanntesten Weinbauregionen sind Alentejo,\nDouro und D\u00e3o. Der ist in der Gegend von Viseu. Regionalen Wein bekommt man am\nbesten in Lamas, nicht weit von hier, und auch eine Kooperative am Stadtrand\nvon Miranda vertreibt regionalen Wein. Als hei\u00dfester Tipp wird der&nbsp;<em>Encosta\nde Criveira&nbsp;<\/em>genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen erst nicht aus Miranda raus. Es\nformiert sich die Karnevalsprozession und man kann nicht abbiegen, und ein\nunfreundlicher Polizist auf Motorrad will uns hindern, zur\u00fcckzufahren. Das\ntoleriert er dann aber doch, wenn auch mit finsterer Mine.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lous\u00e3 gehen wir durch den Ort und\ntrinken dann in dem Caf\u00e9 mit der couragierten Besitzerin, die ich noch vom\nletzten Mal in Erinnerung habe, einen Kaffee mit Kuchen. Wir bitten um eine\nGabel, und dann auch noch um ein Messer. Alles wird geliefert, aber mit\nironisch-strengem Blick und den deutlich ausgesprochenen Bezeichnungen daf\u00fcr,&nbsp;<em>garfo<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>faca<\/em>.\nAlles schmeckt gut und kostet so viel wie bei uns der Kaffee alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr nachhaltige Wirkung hat der Besuch in\neiner Apotheke. Die Apothekerin \u00fcberreicht uns wortlos und ohne Alternativen zu\nnennen ein teures Mittel gegen Hautrisse, aber das erweist sich als sehr\nwirksam.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen zu Fu\u00df zur Burg rauf, und\nfolgen den Instruktionen eines freundlichen Mannes, der gerade die\nTouristeninformation zuschlie\u00dft. Es ist ein wunderbarer, einsamer, ruhiger Weg,\nmit Blick in das weite Tal. Wir kommen an einem ausgedienten Strommast vorbei\nund an einer Madonnenstatue vor einem Haus, mit Brunnen davor und Spiegel\ndahinter. Vor einem Haus wachsen Kamelien. Das sind die, die ich in Estrada de\nViavai f\u00fcr Rosen gehalten haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer sch\u00f6ner, je weiter es nach\noben geht, und auch immer w\u00e4rmer.&nbsp;Man blickt auf die baumbestandenen Berge\nund auf die schwarze Burg und die wei\u00dfe Kirche daneben. Das Gr\u00fcn ist hier\nsch\u00f6ner als in Viavai. Kein Eukalyptus, k\u00f6nnte die Erkl\u00e4rung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gehen wir einmal um die Burg herum\nund kraxeln ein bisschen auf den schmalen Wegen herum und fragen uns, was wohl\nmit&nbsp;<em>alambor<\/em>&nbsp;gemeint ist. Das steht \u00fcber der portugiesischen\nErkl\u00e4rung. \u00dcber der englischen steht&nbsp;<em>glacis<\/em>. Hilft auch nicht\nweiter. Das Bild daneben gibt einen Hinweis, und das Internet best\u00e4tigt es\nsp\u00e4ter: Die Rampe auf der Feldseite ist gemeint. Die Festungsmauer steigt nicht\ngerade an, sondern schr\u00e4g, und das hat man durch eine Erdaufsch\u00fcttung erreicht.\nDadurch werden tote Winkel vermieden. Die Verteidiger k\u00f6nnen jeden Winkel von\noben einsehen. Das Wort kommt aus dem Franz\u00f6sischen und bedeutete urspr\u00fcnglich\neinfach \u2018Abhang\u2019. Dass in einigen St\u00e4dte Wege oder Pl\u00e4tze auch heute noch\nGlacis hei\u00dfen, erinnert an die einst hier befindlichen Verteidigungsmauern mit\nRampen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet hier oben, direkt unter der\nBurg, sehen wir den ersten sprie\u00dfenden Laubbaum!<\/p>\n\n\n\n<p>Xia hat noch nicht genug und muss auch\nnoch den Weg nach unten erkunden, dort, wo die Kirche steht. Dort gibt es auch\nein Schwimmbad und ein Restaurant. Sieht alles sehr verlockend aus. Von hier\naus f\u00fchren auch Wanderwege zu den Xista-D\u00f6rfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache Pause auf der Bank. Aus\nverschiedenen Richtungen kommen laute Vogelstimmen, vor mir flattern\nSchmetterlinge durch die Luft, aus der Burgmauer w\u00e4chst ein vollst\u00e4ndiger, sich\nnach unten neigender Baum heraus, die Berge liegen teils im Schatten, teils in\nder Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu Fu\u00df in ein Xista-Dorf zu kommen, ist\nes zu sp\u00e4t, obwohl eins von hier aus gerade mal drei Kilometer entfernt ist,\naber der Wanderweg hat gro\u00dfe H\u00f6henunterschiede. Wir m\u00fcssen mit dem Auto hin.\nSchon auf dem R\u00fcckweg verzieht sich die Sonne, es wird k\u00e4lter, und die Luft\nwird feucht. Und wir ahnen noch nicht, was f\u00fcr eine Fahrt vor uns liegt, \u00fcber\nSerpentinen, die gar nicht aufh\u00f6ren wollen. Die ungesch\u00fctzte Seite zum Abhang\nhin ist meine.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wenn das nicht schon genug w\u00e4re,\nfliegt pl\u00f6tzlich vor einer Kurve irgendetwas quer \u00fcber die Stra\u00dfe. Ich meine\nein Riesenvogel, aber sie hat es richtig gesehen: ein Radfahrer. Ein\nMountainbikefahrer. F\u00fcr die ist hier eine Schneise durch den Wald geschlagen\nund eine Piste angelegt worden, wie eine Piste f\u00fcr Skispringer, und sie fliegen\nhier ganz w\u00f6rtlich durch die Gegend. Sp\u00e4ter sehen wir einen Transporter. Der\nschafft die R\u00e4der tats\u00e4chlich nach oben, so dass die Fahrer sich nicht den Berg\nraufqu\u00e4len m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen endlich ein paar H\u00e4user in\nSicht, aber es war falscher Alarm. Wir sind noch nicht da. Immer weiter geht es\nden einsamen, schmalen Weg durch den Wald entlang, immer weiter winkt mir von\nunten der Abgrund entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt endlich Talasnal, eins der\nXisto-D\u00f6rfer. Die Bezeichnung erkl\u00e4rt sich ganz einfach:&nbsp;<em>xisto<\/em>&nbsp;hei\u00dft\n\u2018Schiefer\u2019.&nbsp;An ein paar Stellen wird noch geflickt und gearbeitet, aber\ndie freundlichen Arbeiter lassen uns \u00fcberall passieren. Das Dorf ist an einen\nHang gebaut, und die H\u00e4user, alle etwa gleich gro\u00df, liegen auf verschiedenen\nEbenen. Auf die Frage, ob hier noch jemand lebe, antworten die Arbeiter mit\nnein. Das sind reine Feriensiedlungen. Die verlassenen D\u00f6rfer sind aufgeh\u00fcbscht\nund teilweise auch wohl wiederaufgebaut worden. Einige der H\u00e4user sehen auch\nnicht ganz koscher aus. Hinter Holzklappen an den Fassaden verbergen sich\nSicherungsk\u00e4sten, und auf dem einen oder anderen Dach steht versch\u00e4mt eine\nSatellitensch\u00fcssel. Das Ganze hat was von&nbsp;<em>fake<\/em>&nbsp;<em>villages<\/em>. Besucher gibt es hier vielleicht au\u00dfer uns noch eine\nHandvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende landen wir in einer Bar, in die\nich regelrecht hinein geschubst werden muss. Aber was f\u00fcr ein Schubs das war.\nHinter der Theke eine junge Frau, vor der Theke drei der Arbeiter, die hier im\nEinsatz sind. \u00dcberall sind sie im Einsatz, sagen sie stolz, in der ganzen\nGegend. Sie arbeiten f\u00fcr die Gemeinde Lous\u00e3. Es wird eine wunderbare Begegnung.\nDie drei sind freundlich und gespr\u00e4chig, dabei gar nicht aufdringlich. Bald werden\nwir zu einem Glas Wein eingeladen. Dann gibt es Tipps zu guten Weinen.\nBesonders empfohlen wird&nbsp;<em>Pera Doce<\/em>&nbsp;aus dem Alentejo. Ein\nj\u00fcngerer mit kahlgeschorenem Kopf ist der Wortf\u00fchrer. Er hat ein paar Jahre in\nder Schweiz gelebt, in verschiedenen Orten, auch in Z\u00fcrich, aber Deutsch ist\nkeins h\u00e4ngen geblieben. Die Schweiz ist f\u00fcr ihn das Wunderland. Dann kommt\nSpanien. Da habe er mal Urlaub gemacht. Er beschreibt mit gro\u00dfer Pr\u00e4zision die\nStelle, an der der Urlaubsort lag, unweit der spanischen Grenze. Das w\u00e4re\nwunderbar gewesen: Sonne, Meer, Wein. Man sollte meinen, da spreche ein\nIsl\u00e4nder. Der Gro\u00dfe neben mir, ebenfalls jung, mit auff\u00e4llig schlechten Z\u00e4hnen,\nmacht nur hin und wieder einen Kommentar, vor allem, wenn es um Getr\u00e4nke geht.\nEin Lik\u00f6r aus der Gegend wird angepriesen, und den muss nat\u00fcrlich die Frau\nprobieren. Die w\u00fcrde viel lieber einen Schnaps haben. Der \u00e4ltere, etwas\nrundliche, mit roten Gesicht, taucht erst langsam auf. Er ist ausgesprochen\nfreundlich.&nbsp;Fr\u00fcher habe er immer Bier getrunken. Jetzt trinkt er Wein.\nAlle drei trinken Wein, Rotwein. An ihnen ist nichts Prolliges, weder im\nAussehen noch im Benehmen. Die Verst\u00e4ndigung klappt irgendwie, teils mit\nW\u00f6rtern, teils mit Gesten, teils mit Bildern, und wenn mal alles versagt,\nsteigt die junge Frau hinter dem Tresen mit einer Erkl\u00e4rung auf Englisch ein.\nWunderbar! Die Fahrt nach Talasnal hat sich gelohnt. Aber nicht wegen Talasnal.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen steht pl\u00f6tzlich ein Blumenstrau\u00df\nauf dem Tisch, aus Gerbera, Immergr\u00fcn, Iris, \u00d6lzweigen, Rosmarin, alles frisch\naus dem Garten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden mir meine Augen ge\u00f6ffnet\nhinsichtlich der Bank, die hier vor der Mauer steht, die den K\u00fcchenbereich vom\nWohnbereich abtrennt: Es ist eine Kirchenbank! Die Knieb\u00e4nke sind nach oben\ngeklappt und lehnen sich an die Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich werden auch noch die\nunerreichbar scheinenden Strahler an der Decke so ausgerichtet, dass man auf\ndem Sofa lesen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge liegen im Dunst, aber das\nversteht man hier inzwischen als gutes Zeichen, und tats\u00e4chlich kommt schon\nnach dem Fr\u00fchst\u00fcck die Sonne raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nach Coimbra, in die weltber\u00fchmte\nUniversit\u00e4tsbibliothek.&nbsp;Das Ergebnis: eher entt\u00e4uschend. Wir sind uns\neinig, dass wir Trinity College vorziehen. Hier kommt dazu, dass man in Gruppen\nvon sechzig jeweils durchgeschleust wird und in dem ber\u00fchmten gro\u00dfen Raum\ngerade mal zehn Minuten Zeit hat. Daf\u00fcr wird aber ordentlich abkassiert, und\nman kauft die Tickets weit vom Eingang entfernt und muss sich dann auf die\nSuche begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ber\u00fchmte, obere Bibliotheksraum ist ein\nPrachtsaal, eine Art Mischung aus Thronsaal, Hofkapelle und Museum, nur dass er\nalles nicht ist und eben Tausende von B\u00fcchern an den W\u00e4nden hat, wertvolle\nB\u00fccher, mit festem Einband und Goldschnitt. Die B\u00fccher stehen auf zwei Etagen,\ndie wertvollsten sind oben, wo nur die Bibliotheksdiener Zugang haben, \u00fcber\nLeitern. Die B\u00fccher unten sind teils angekettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deckengem\u00e4lde zeigen mythologische\nSzenen, aber von denen erf\u00e4hrt man nichts \u2013 oder die Zeit ist zu kurz. Die\nRegale oder die Leitern, die nach oben f\u00fchren, sind mit Chinoiserien dekoriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass man f\u00fcr die Regale Eiche\nbenutzt. Da sei das beste Holz f\u00fcr Bibliotheken, da es resistent gegen Insekten\nsei. Und dann kommt noch ein wirklich verr\u00fccktes Detail: Die Bibliothek wird\nvon zwei Fledermauskolonien bewohnt. Die l\u00e4sst man gew\u00e4hren, denn auch sie sind\ndas beste Insektenvertilgungsmittel. Andererseits m\u00fcssen M\u00f6bel auch vor ihnen\ngesch\u00fctzt werden, vor ihren Exkrementen vermutlich, und deshalb wird \u00fcber Nacht\nalles zugedeckt. Entdecken kann man keine Fledermaus, aber vielleicht bewohnen\nsie die nicht zug\u00e4nglichen Teile der Bibliothek. Man fragt sich allerdings\nauch, ob sie nicht mal Ausgang bekommen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen hat die Sonne inzwischen volle\nKraft entwickelt und man kann die Augen angesichts all des Wei\u00df, von dem man\numgeben ist, kaum aufhalten. Wenn man sich von dem Innenhof abwendet, hat man\neinen sch\u00f6nen Blick runter auf den Mondego.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Anlage war urspr\u00fcnglich das\nK\u00f6nigsschloss, denn die ersten K\u00f6nige Portugals residierten in Coimbra. \u00dcber\ndem Eingangsportal stehen die Figuren zweier portugiesischer K\u00f6nige.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch die Kapelle an, ein\nnicht unsch\u00f6ner, aber sehr eklektisch gestalteter Raum mit Kacheln an den\nW\u00e4nden, einer rokokoartigen Empore, einem barocken Altar, einer sch\u00f6nen,\nwiederum andersartigen Orgel (die gerade restauriert wird) und vor allem einem\nganz merkw\u00fcrdigen Deckengem\u00e4lde mit floralen Motiven in sehr leuchtenden\nFarben. Die passt zu keinem anderen Teil des Raums.&nbsp;Bei der Gelegenheit\nerfahre ich, dass die horizontal ausgerichteten Orgelpfeifen&nbsp;<em>Spanische\nTrompeten<\/em>&nbsp;hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben an dem Gitter eines Eingangs h\u00e4ngen\nKleiderfetzen. Das ist kein Versehen. Die sollen da h\u00e4ngen. Einer Tradition\nzufolge zerrei\u00dft man nach bestandenem Examen einen Teil der Tracht und h\u00e4ngt\ndie Fetzen hier auf. Es hei\u00dft, das Hemd m\u00fcsse genau in der Mitte durchgerissen\nwerden, und diesen Job d\u00fcrfe nur die Allerliebste \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz davor stehen Geb\u00e4ude und\nSkulpturen, die einen erkennbar faschistoiden Charakter haben. Die Skulpturen\nerinnern an die von&nbsp;Arnold Breker. Wir machen einen Versuch, die\nVerdienste einer solchen Auffassung von Architektur und Bildhauerei zu\nverstehen, mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in die Stadt runter und sehen in\ndie Markthalle rein. Die meisten St\u00e4nde sind dabei zu schlie\u00dfen, aber wir\nbekommen noch Obst und Brot an zwei St\u00e4nden mit sehr freundlichen, gespr\u00e4chigen\nVerk\u00e4uferinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Innenstadt erfahre ich vor einem\nJuweliergesch\u00e4ft, dass der Goldanteil beim Gold in Portugal (und anderen L\u00e4ndern)\nh\u00f6her ist als in Deutschland. Woran mag das wohl liegen?<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Weinbar in der Unterstadt\n\u00fcbernimmt Xia das Beratungsgespr\u00e4ch. Wir bekommen eine Empfehlung f\u00fcr einen\nregionalen Wein, den wir gleich auf der Stelle probieren:&nbsp;Marqu\u00eas de\nMarialva. Er kommt aus einer Gegend n\u00f6rdlich von Coimbra, das Anbaugebiet\nscheint Bairrada zu sein und die Traube Baga. Er schmeckt vorz\u00fcglich. Wir\nnehmen gleich eine Flasche mit. Und bestellen hier zu dem Wein ein gemischte\nK\u00e4se- und Fleischplatte, die wir als einzige G\u00e4ste drau\u00dfen vor dem Gesch\u00e4ft mit\nGenuss verzehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kommt es zu einem kuriosen\nMissverst\u00e4ndnis. Auf den Deckchen, die auf die Holztische gelegt werden, ist\nein Geb\u00e4ude abgebildet, auf dem Sevilla zu stehen scheint. Wir fragen uns, was\nman hier wohl mit Spanien am Hut hat, aber dann stellt sich heraus, dass da\nnicht&nbsp;<em>Sevilla<\/em>, sondern&nbsp;<em>S\u00e9 Velha<\/em>&nbsp;steht. Das ist die\nAlte Kathedrale. Da gehen wir dann auch gleich hin und trinken dort in einem\nCaf\u00e9 mit direktem Blick auf die Kathedrale noch einen Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zur\u00fcck und machen noch einen\nsp\u00e4ten Spaziergang, zu dem Aussichtspunkt in der N\u00e4he von Favacal. Zu dem\nSpaziergang kommt es aber fast nicht, da ich mich zweimal glorios verfahre und\ndann, auch zweimal, beim R\u00fcckw\u00e4rtsfahren das Auto fast in den Sand setze.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach oben sammeln wir\nKiefernzapfen ein und hoffen auf ein Ende der Heizperiode.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben, am Ende des steinigen Weges,\nangekommen, verfallen wir beide unwillk\u00fcrlich in Schweigen, in ein and\u00e4chtiges\nSchweigen angesichts des Naturschauspiels, das sich uns hier pr\u00e4sentiert, einem\nst\u00e4ndig wechselnden Spiel von Sonne und Wolken, von Licht und\nSchatten.&nbsp;Man h\u00f6rt nur das Rascheln der Bl\u00e4tter im Wind.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der Routenplaner schickt uns auf einem\nunn\u00f6tig komplizierten Weg nach Batalha. Und dort ist kaum ein Reinkommen in den\nOrt, den ich als verschlafene Kleinstadt in Erinnerung hatte. Warum ist heute\nhier so viel los? Karnevalsumzug und Pfadfindertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei jedem Schritt werde ich auf Dinge\naufmerksam gemacht, die ich beim letzten Mal \u00fcbersehen oder nicht beachtet\nhabe: ein Negerm\u00e4nnchen als Wasserspeier, ein alten Mann, der sich am Kopf\nkratzt, als Wasserspeier, eine Fledermaus an exponierter Stelle \u00fcber dem\nSeitenportal und nicht zuletzt ein komplettes Geb\u00e4ude, ein quer zum Ostabschluss\nstehendes, sch\u00f6nes&nbsp;mit buntem Ziegeldach, wie in Burgund. Nur sind die\nZiegeln nicht lasiert. Das Geb\u00e4ude muss wohl der Kapitelsaal sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht in der Grabkapelle gleich so\nweiter: die niedlich, fast menschlich zur Seite und sich gegenseitig anschauenden\nL\u00f6wen zu F\u00fc\u00dfen des zentralen Grabmals und, vor allem, die sch\u00f6ne Geste auf dem\nGrabmal: K\u00f6nigin und K\u00f6nig halten sich die Hand, auch nach dem Tod.&nbsp;Dieses\nzentrale Grabmal ist das von Jo\u00e3o I., dem Sieger der Schlacht von Aljubarrota,\nund seiner englischen Gemahlin, Philippa von Lancaster. Mit ihrer Ehe begann\ndas B\u00fcndnis von Portugal und England, das \u00fcber Jahrhunderte, nicht zuletzt zur\nZeit Napoleons, immer wieder zum Tragen kommt. Am Fu\u00df des Denkmals sind die\nWappen der H\u00e4user Avis und Lancaster angebracht. Die kann man gut sehen, im\nGegensatz zu den skulptierten Figuren, die auf einem viel zu hohen Sockel\nruhen. Das gilt auch f\u00fcr die Grabm\u00e4ler am Rande der Kapelle, die der S\u00f6hne des\nPaars, darunter Heinrich der Seefahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal bekomme ich auch\ndie&nbsp;Kreuzg\u00e4nge zu sehen, sehr unterschiedlich, der erste, der&nbsp;<em>Claustro\nReal<\/em>,&nbsp;prachtvoll, der zweite, der&nbsp;<em>Claustro de Dom Alfonso V<\/em>.,&nbsp;schlicht.\nVon dessen oberem Stockwerk hat man einen sch\u00f6nen Blick nach unten und sieht\ndie Wasserspeier, darunter einen Fisch und ein Phantasietier\nmit&nbsp;Fischschuppen.&nbsp;Beim&nbsp;<em>Claustro Real<\/em>&nbsp;hat man,\noffensichtlich nachtr\u00e4glich \u2013 man fragt sich, wie das geht \u2013 die Arkaden\nausgeschm\u00fcckt, und zwar mit einem teppichartigen filigranen Ma\u00dfwerk,&nbsp;mit\nLotusblumen und Bambusb\u00fcscheln, und nat\u00fcrlich Armillarsph\u00e4re und Christuskreuz,\nalles ganz dicht gewebt. Noch eins draufgelegt hat man bei den Bauschirmen um\nden dreischaligen Brunnen an einer Ecke des Kreuzgangs.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles sehr sch\u00f6n, aber der\neigentliche H\u00f6hepunkt steht noch bevor: die Unvollendeten Kapellen. Der Name\nist irref\u00fchrend. Die Kapellen, ein Kranz von sieben Kapellen, sind vollendet.\nWas fehlt, ist das Dach, nicht das Dach der Kapellen \u2013 auch das ist fertig \u2013\nsondern das Dach \u00fcber dem Raum, der den Kapellenkranz mit dem Ostchor der\nKirche verbindet. Man steht im Freien, hat die Kapellen vor sich und den\nOstchor hinter sich. \u00dcber einem der freie Himmel und die merkw\u00fcrdigen Gebilde,\ndie mir von au\u00dfen wie Schornsteine vorkamen, immer mehrere als B\u00fcndel zusammengefasst.\nDas sind die St\u00fctzen, auf denen das Dach ruhen sollte. Originalton Xia: \u201cDa\nkann man sehen, wie eine Kirche gebaut wird.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser abenteuerliche Anbau mit dem\nKapellenkranz erkl\u00e4rt auch, warum die Kirche im Osten so breit und merkw\u00fcrdig\nrund aussieht, so sehr, dass ich beim ersten Mal gar nicht wusste, welche Seite\nder Kirche das denn nun war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapellen sind leer bis auf die\nzentrale. Da liegt&nbsp;Dom Duarte begraben, der Auftraggeber der Kapellen und\n\u00e4lteste Sohn von Jo\u00e3o.&nbsp;Auch er mit seiner K\u00f6nigin. Auch er&nbsp;h\u00e4lt ihr\ndie Hand. Oder sie ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Bier und Snack auf dem Platz vor der\nKirche fahren entscheiden wir, noch an die K\u00fcste zu fahren. Am besten nach\nNazar\u00e9, das ist nicht so weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe w\u00e4re ich f\u00fcr den gesamten\nPortugal-Aufenthalt in Nazar\u00e9 gelandet. Es w\u00e4re das Gegenprogramm zu Estrada de\nViavai gewesen. Eine gesch\u00e4ftige Stadt an der K\u00fcste, Touristenzentrum, perfekte\nInfrastruktur, hundert Meter Entfernung vom Haus zum Strand, Einkauf um die\nEcke. Manchmal habe ich noch Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, aber\nsich das in den Sommermonaten vorzustellen, ist nicht gerade attraktiv. Xia hat\ngar keinen Zweifel: Estrada de Viavai ist die bessere Option.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als es auf Nazar\u00e9 zugeht, sieht man\nD\u00fcnen am Stra\u00dfenrand, die aber kaum als solche zu identifizieren sind, weil sie\nbaumbestanden sind. Dann sieht man in der Ferne das Meer, ohne zu erkennen, ob\nes das Meer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nazar\u00e9&nbsp;kommt man nur noch\nschrittweise weiter, als es auf die Stadt zugeht, auch hier liegt es am\nKarnevalszug, aber der ist noch eine Nummer gr\u00f6\u00dfer. Nachdem wir uns gegen zwei\nselbsternannte Parkplatzw\u00e4chter, f\u00fcr die heute&nbsp;<em>der<\/em>&nbsp;Zahltag\nist, halbwegs zur Wehr gesetzt haben, gehen wir die kurze Strecke zur\nStrandpromenade. Die ist abgesperrt f\u00fcr den Umzug. Es ist \u00fcberall rappelvoll,\nin den Lokalen wie an der Strecke, viele verkleidet. Die sch\u00f6nsten Kost\u00fcme\nhaben die alten Frauen, bestickte traditionelle Gew\u00e4nder, die man eher mit\neinem Tanzfest als mit Karneval verbinden w\u00fcrde. Es geht sehr ruhig zu, es wird\nnicht gesungen, nicht geschunkelt und praktisch nicht getrunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt aber dr\u00f6hnende Musik aus den\nLautsprechern, und wir entscheiden, das Weite zu suchen.&nbsp;Auf dem Weg zum\nAuto sehen wir W\u00e4sche an einem Haus h\u00e4ngen, wieder, wie dieser Tage, s\u00e4uberlich\ngeordnet nach Art und Farbe!<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt tats\u00e4chlich Hinweisschilder auf\nweitere Str\u00e4nde, die&nbsp;<em>Praias do Norte<\/em>, auf der anderen Seite des an\neiner Landzunge stehenden Kastells mit niedrigem Leuchtturm. Dort gehen wir\neinen Sandweg zwischen den D\u00fcnen und dann ein St\u00fcck am Strand entlang, und Xia\nl\u00e4sst es sich nicht nehmen, mit den F\u00fc\u00dfen ins Wasser zu gehen. Was beinahe b\u00f6se\nausgeht. Die Str\u00f6mung holt sie fast von den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem unn\u00f6tig komplizierten R\u00fcckweg\nlanden wir am Abend im D. Sesnando in Penela. Das Lokal ist modern und f\u00e4llt\nf\u00fcr Penela v\u00f6llig aus dem Rahmen: Glas und Holz, niedrig, mit einer breiten\nTerrasse mit Blick \u00fcber die Altstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen dunkel geworden, und die\nersten M\u00fcdigkeitserscheinungen stellen sich ein. Aber daf\u00fcr steht uns ein\nkulinarisches Highlight bevor.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden von einem freundlichen jungen\nMann in Empfang genommen, der sagt, es sei noch zu fr\u00fch zum Essen, aber wir\nk\u00f6nnten uns schon mal setzen. Das tun wir, und sofort werden Brot und Oliven\nserviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt&nbsp;<em>Cabrito Asado<\/em>&nbsp;(der\nin der englischen Speisekarte wohl falsch als&nbsp;<em>Lamb<\/em>&nbsp;daherkommt)\nund Wildschwein. Echte K\u00f6stlichkeiten, genauso wie der dazu servierte Reis\n(einmal mit Pilzen, einmal mit Leber), die Kartoffeln und die Kastanien.\nLediglich die obligatorischen&nbsp;<em>grelos<\/em>, die eher nach nichts\nschmecken und wie Algen aussehen, w\u00e4ren verzichtbar. Als ich sp\u00e4ter meiner\nLehrerin gegen\u00fcber den Kommentar mache, dass wir uns wundern, warum es immer\ndas gleiche Gem\u00fcse gebe, erwidert sie: Wieso, es gibt doch auch Reis und\nKartoffeln. Irgendwie muss ich mich wohl nicht richtig ausgedr\u00fcckt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Qualit\u00e4t des Essens passt der Wein,\ngenau der, den eben diese Lehrerin empfohlen hatte:&nbsp;<em>Encosta da\nCriveira.<\/em>&nbsp;Das mit Abstand beste Essen bisher.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Das Auto bleibt stehen, wir machen uns zu\nFu\u00df auf den Weg Richtung Penela, wo wir am Ende tats\u00e4chlich ankommen. Erst\nfolgen wir dem Routenplaner, der tats\u00e4chlich hier eine Strecke f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger\nhat, dann nehmen wir gegen seinen Ratschlag, auf der Landstra\u00dfe zu bleiben,\neine \u201cAbk\u00fcrzung\u201d, die uns auf steilen Wegen in den Wald f\u00fchrt. Bald ist kein\nZeichen von Zivilisation mehr zu sehen, und immer wieder m\u00fcssen wir bei\nAbzweigungen aufs Geratewohl entscheiden, wo es weitergeht. Irgendwann f\u00e4ngt\nder Routenplaner uns wieder ein. Es soll angeblich gar nicht mehr so weit nach\nPenela sein. Dann, immer noch mitten im Wald, k\u00fcndigt er an, dass wir in einem\nKilometer, dann in 700 Metern, auf die&nbsp;<em>Avenida do<\/em>&nbsp;<em>Brasil<\/em>&nbsp;kommen\nwerden. Scherzkeks! Na ja, es bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als es weiter zu versuchen.\nDann kommt oben pl\u00f6tzlich eine Lichtung in Sicht, und Penela liegt uns zu\nF\u00fc\u00dfen. Wir sind auf der&nbsp;<em>Avenida do Brasil<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs hat es einiges zu sehen gegeben.\nAn all dem w\u00e4re ich alleine achtlos vorbeigelaufen: ein Vorgarten mit\ngeschnittenen Buchsbaumstr\u00e4uchern hat zwei Figuren, einen nicht zu\nidentifizierenden Vogel und eine f\u00fcllige Frau mir sehr weiblichen Formen, mit\nausgestreckten Armen. Eine Mauer mit sch\u00f6nem Mauerwerk hat einen halbrunden\nAbschluss. Ich erfahre, dass es so sein muss. So kann das Wasser ablaufen.\nKomisch, alle Mauern, die ich kenne, haben einen geraden Abschluss. Warum sind\ndie nicht l\u00e4ngst alle eingest\u00fcrzt? An einem kleinen Graben ein ganz klein\nbisschen abseits der Stra\u00dfe liegt die fr\u00fchere Waschstelle des Dorfes, mit Jahreszahl\ngekennzeichnet, 1880, und sehr sch\u00f6n mit Mustern aus schwarzen und wei\u00dfen\nKieselsteinen hergerichtet. Unmittelbar in der N\u00e4he zwei benachbarte H\u00e4user,\ndie wir erst f\u00fcr Kirchen halten, aber die Figuren auf dem Dachsims sind keine\nHeiligen, sondern klassische Gestalten, vielleicht eine griechische G\u00f6ttin und\nein r\u00f6mischer Staatsmann. Das m\u00fcssen fr\u00fcher einmal Pal\u00e4ste im Kleinformat\ngewesen sein. Und weit vor Penela, an einer Stelle, an der ich schon Dutzende\nMale vorbeigefahren bin, liegt ein&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>. Ich habe mich immer\nschon gefragt, wo in Penela der wohl liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Dorf kommt uns unterwegs eine\nschm\u00e4chtige alte Frau entgegen, Eimer in der einen, Reisig in der anderen Hand.\nSie l\u00e4sst sofort alles stehen und spricht auf uns ein. Irgendwas von Arbeit und\nHerzproblemen und Tochter und Obst nur in kleinen St\u00fccken. Sie sieht Xia dabei\nunverwandt an. Es macht ihr nichts, dass sie keine Reaktion bekommt, jedenfalls\nkeine verbale. Ob sie sich \u00fcberhaupt vorstellen kann, dass es Menschen gibt,\ndie sie nicht verstehen, Menschen, die ihre Sprache nicht verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber einer Mauer sehen wir&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;wachsen\nund daneben etwas wei\u00df Bl\u00fchendes. Ob das die&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;selbst\nsind? Kann ich mir nicht vorstellen. Ein paar Meter weiter haben wir\nungehinderte Sicht auf das Gem\u00fcse. Und wieder muss der ungl\u00e4ubige Thomas\nAbbitte leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein R\u00e4tsel bleiben weiterhin die sch\u00f6nen,\nsehr gleichm\u00e4\u00dfig wachsenden B\u00e4umen, von denen ich ein besonderes Prachtexemplar\nvor der Kirche in Lous\u00e3&nbsp;gesehen habe. Ich glaube, es sind Zypressen. Xia glaubt,\nes ist Wacholder. Wir sehen einen am Wegesrand, und ich soll durch die Fr\u00fcchte\n\u00fcberzeugt werden, dass es Wacholder ist. Aber da w\u00fcrde ich Beeren erwarten, und\ndie hier sehen wie N\u00fcsse aus. Sp\u00e4ter kommen wir an einen \u00e4hnlichen Baum, und\ndiesmal sind es die Fr\u00fcchte, genau die, die ich in Lous\u00e3&nbsp;gesehen haben.\nSie haben \u00c4hnlichkeit in der Form mit dem angeblichen Wacholder, sind aber\ngr\u00f6\u00dfer. Die Sache bleibt offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir durch Rosas komme und ich den\nNamen des Ortes leise vor mir her sage, merke ich, dass kein Laut derselbe ist\nwie auf Spanisch!<\/p>\n\n\n\n<p>In Penela gehen wir in die Stadt runter\nund dann zur Burg rauf. Zum ersten Mal wird mir klar, warum ich immer so\nverschiedene Eindr\u00fccke von Penela habe: Auf einem Hang liegt die Altstadt, auf\ndre anderen die Neustadt, und die Altstadt sieht wirklich, jedenfalls aus der\nFerne, richtig sch\u00f6n aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben an der Burg, bei der\nTouristeninformation, besorgt Xia einen Busfahrplan. Es scheinen wirklich Busse\nnach Estrada de Viavai zu verkehren, aber wir werden aus dem Plan nicht schlau,\nund f\u00fcr heute gibt es sowieso keinen Bus mehr. Also geht es zu Fu\u00df zur\u00fcck,\ndenselben Weg entlang.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz in den&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>&nbsp;und\nentdecken dort auch die beiden guten Weine der letzten Tage, den aus Coimbra,\nden aus dem Lokal. Vor dem Geb\u00e4ude stehen zwei gro\u00dfe Waschmaschinen und ein\nTrockner. Sollte man f\u00fcr den Notfall in Erinnerung behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter, und die F\u00fc\u00dfe werden\nimmer schwerer. Unbarmherzig l\u00e4sst uns der Routenplaner wissen, wie viele\nKilometer es noch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00e4lt pl\u00f6tzlich ein Auto neben uns. Ob\nwir mitfahren wollten? Ein Holl\u00e4nder, ein pensionierter Feuerwehrmann aus Den\nHaag. Er wohnt seit zwei Jahren mit seiner Ehefrau hier, in Carvalhais. Holland\ngef\u00e4llt ihm nicht mehr, es sei nicht mehr so wie fr\u00fcher, hier in Portugal sei\ndie Welt noch in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00e4lt immer an und bietet den Leuten an,\nsie mitzunehmen, und die nehmen sein Angebot auch gerne an. Das ermutigt mich,\nes weiterhin zu versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt von dem Waldbrand vor ein paar\nJahren. Der sei verheerend gewesen und habe viele Menschen das Leben gekostet.\nEr ist gerade vor Viavai gestoppt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen in Carvalhais raus, aber er\nbringt uns bis vor die Haust\u00fcr. Den Wein am Abend trinken wir auf sein Wohl<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Schreck in der fr\u00fchen Morgenstunde: Das\nAuto springt nicht an. Der Schuldige ist schnell gefunden und zeigt sich reuig.\nAm Ende geht alles gut. Wir sind rechtzeitig am Bahnhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Bahnsteig kommt man, indem man\n\u00fcber die Gleise geht, wie fr\u00fcher. Ein schrilles Gl\u00f6ckchen auf der einen Seiten\nwarnt im Wechselgesang mit einem auf der anderen Seite vor herankommenden\nZ\u00fcgen. Es ist wie in einer anderen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der einfachen Bar bekommen wir, am Tresen stehend,\neinen letzten gemeinsamen Kaffee. Es best\u00e4tigt sich, dass der&nbsp;<em>meio\nleite<\/em>&nbsp;immer in einer Tasse, der&nbsp;<em>gal\u00e3o&nbsp;<\/em>immer in einem\nGlas serviert wird. Diesmal geht es auch kanonisch richtig zu, und der&nbsp;<em>meio\nleite<\/em>&nbsp;ist etwas st\u00e4rker als der&nbsp;<em>gal\u00e3o<\/em>. Offen bleibt die\nFrage, ob der&nbsp;<em>meio leite<\/em>&nbsp;auch immer hei\u00dfer ist als der&nbsp;<em>gal\u00e3o.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug, ein Alfa, kommt auf die Minute\np\u00fcnktlich und sieht etwas zu modern f\u00fcr den altert\u00fcmlichen Bahnhof aus. Er\nkommt aus Lissabon und f\u00e4hrt nach Porto. Der dortige Bahnhof sieht, wie ich\nnoch im letzten Moment erfahre, gar nicht wie ein Bahnhof aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann muss ich mich alleine auf den R\u00fcckweg\nmachen. In bew\u00e4hrter Weise gibt es bei Alma Holz f\u00fcr den Ofen. Ist heute auch\ndringend n\u00f6tig, nachdem dieser Tage schon fast das Ende der Heizperiode in\nSicht war. Ich nehme diesmal auch Pellets. Die brennen wie wild. Man hat das\nGef\u00fchl, dass der Ofen im n\u00e4chsten Moment in die Luft geht.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Gem\u00fcsestand liegen&nbsp;<em>couve<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;nebeneinander\nund beheben meine letzten Zweifel, dass es ein und dasselbe ist. Es sieht so\naus, als sei&nbsp;<em>couve<\/em>&nbsp;das allgemeine Wort f\u00fcr Kohl, nicht nur\nGr\u00fcnkohl. Was genau die sagenumwobenen&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;sind, die\nhier&nbsp;<em>grelos de nabo<\/em>&nbsp;hei\u00dfen, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u2018R\u00fcbenstiele\u2019,\nbleibt das Geheimnis der Portugiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Bezahlen \u00fcberlege ich mir, was wohl\nEinkaufswagen hei\u00dft. Doch nicht etwa&nbsp;<em>carro<\/em>? Bringt man dann\nden&nbsp;<em>carro<\/em>&nbsp;zum&nbsp;<em>carro<\/em>? Nee, der hei\u00dft&nbsp;<em>carrinho<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bringt mich der\nRoutenplaner auf dem k\u00fcrzesten Weg, unter Vermeidung der Autobahn, nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Aschermittwoch. Hei\u00dft auf\nPortugiesisch&nbsp;<em>Quarta-Feira de cinzas<\/em>. Den ganzen Tag st\u00fcrmt und\nregnet es, und am Abend gehen die Lichter aus.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht per Internet geht es um\nAussprache. Meine sei zu spanisch. Vor allem an den Nasalen hakt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag kommen zwei Elektriker. Der\neine scheint aber nur die Funktion zu haben, Leitern festzuhalten. Der andere\nspricht in schlechtem Englisch auf mich ein, ich revanchiere mich mit\nschlechtem Portugiesisch. Das Resultat: Wir reden aneinander vorbei. Und sie\nm\u00fcssen zweimal nach Penela fahren, einmal f\u00fcr Gl\u00fchbirnen, einmal f\u00fcr eine\nSteckdose. Sie haben n\u00e4mlich nicht verstanden, dass eins der Problem ist, dass\ndie Lichter nicht mehr&nbsp;<em>aus<\/em>&nbsp;gehen. Am Ende ist alles in\nOrdnung. Den Eigent\u00fcmern zufolge ist hier noch nie eine Gl\u00fchbirne\nkaputtgegangen. Daf\u00fcr sind es jetzt gleich drei. Sie haben weder eine Leiter\nnoch Ersatz.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>An der M\u00fclltonne am Ortsausgang spricht\nmich am Morgen ein Engl\u00e4nder an. Auf Portugiesisch. Ob alles in Ordnung sei im\nHaus. Er wei\u00df, dass ich wohne, und wei\u00df auch, dass ich sechs Monate bleibe.\nFindet er gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht ein wunderbares makkaronisches\nPortugiesisch, ohne jedes Verb: \u201cN\u00e4chste Woche: Sevilla, dann Malaga.\u201d Er ist\nLastwagenfahrer. \u201cN\u00e4chste Woche \u2013 Wetter besser.\u201d Sein Wort in Gottes Ohr.\nAllein mir fehlt der Glaube.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht bekomme ich ein paar gute\nTipps f\u00fcr Ziele in der Umgebung, Wanderungen und Lokale. Darunter&nbsp;<em>O\nBurgo<\/em>. Das ist das an der Burg in Lous\u00e3. Das ist f\u00fcr sie das beste Lokal in\nganz Portugal.<\/p>\n\n\n\n<p>An der B\u00e4ckertheke kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis.\nIch will den Unterschied zwischen zwei Broten wissen, die au\u00dferhalb der\nSichtweite sind. Die Verk\u00e4uferin versteht nicht. Dann kl\u00e4rt es sich auf. Nur\neins davon ist&nbsp;<em>p\u00e3o<\/em>, das andere ist&nbsp;<em>broa<\/em>. Die scheinen\nin unterschiedliche Kategorien zu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Sonne sich so rar gemacht hat, muss\ndie W\u00e4sche in den Trockner. Der steht vor dem Minipre\u00e7o in Penela. Komisches\nGef\u00fchl, da seine W\u00e4sche reinzutun.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz trocken ist sie nicht, aber\ninzwischen ist die Sonne rausgekommen. Die muss den Rest besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag reicht es dann sogar zu einem\nkurzen Spaziergang. Ich komme an einer kleinen Einfriedung vorbei, auf der\nSchafe stehen, vier wei\u00dfe, ein braunes. Wusste gar nicht, dass es auch braune\nSchafe gibt. Ich dachte, die w\u00e4ren schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gerade in tiefere Gespr\u00e4che mit\nihnen verfalle, ruft mich ein Mann aus der Distanz an. Ich denke, er will mich\nzurechtweisen, will er aber gar nicht. Er erz\u00e4hlt stolz, das seien seine\nSchafe. Dabei deutet er mit dem Zeigefinger bedeutsam auf seine Brust. Ja, die\ng\u00e4ben auch Milch. Und den K\u00e4se mache er selbst. Er hat auch Ziegen. Als er mir\nerkl\u00e4rt, wo ich den kaufen kann, kann ich nicht folgen. Ob ich das jemals\nfinde?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen der letzten Tage hat den\nWaldboden aufgeweicht. Ich kann aber trotzdem ein paar trockene\nEukalyptuszweige mitnehmen und ein paar Kiefernzapfen. Irgendwo will ich eine\nAbk\u00fcrzung nehmen und gerate in dichtes Gestr\u00fcpp. Der Weg ist kaum noch\nauszumachen. Eine dornige Angelegenheit. Und als ich irgendwann dann doch noch\nauf die Stra\u00dfe zur\u00fcckkomme, kleben dicke Lehmklumpen an den Schuhen. Vorsatz:\nAuch f\u00fcr den harmlosesten Spaziergang werden demn\u00e4chst Wanderschuhe angezogen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach langer Zeit mal wieder ein sonniger\nTag, auch passabel warm. Ohne jede Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den beiden Pflanzen, die hier \u00fcberall\nin Bl\u00fcte stehen, handelt es sich, meinem Trierer botanischen Orakel zufolge, um\ndie Silber-Akazie (obwohl sie leuchtend gelb bl\u00fcht) bzw. um Ginster,&nbsp;<em>Genista<\/em>&nbsp;<em>aetnensis<\/em>, ebenfalls gelb bl\u00fchend.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwer durch \u00c4hnlichkeit:&nbsp;<em>la naturaleza\n\u2013 la natura \u2013 a natureza&nbsp;<\/em>und&nbsp;<em>la cuenta \u2013 il conto \u2013 a conta<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Dorf fahre,\ngr\u00fc\u00dft mich eine \u00e4ltere Frau. Ich kurbele das Fenster runter, und wir kommen ins\nGespr\u00e4ch. Sie hei\u00dft Lucia. Wie die von Fatima, f\u00fcgt sie erkl\u00e4rend hinzu. Sie\nwohnt auf der anderen Stra\u00dfenseite, gegen\u00fcber. Portugal sei ein sch\u00f6nes Land,\nerkl\u00e4rt sie mir.<\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra sehe ich mir zum ersten Mal das\nMuseo Machado de Castro an. Am Ende des Rundgangs erf\u00e4hrt man, dass es nach\neinem portugiesischen Bildhauer benannt ist, dem besten, wie es hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist k\u00fcrzlich renoviert worden.\nDie Exponate sind sch\u00f6n pr\u00e4sentiert, aber manchmal gibt es ziemliches\nDurcheinander mit der Nummerierung.&nbsp;Daf\u00fcr kann man alles aus ganz kurzer Distanz\nansehen, besser als vor Ort, zum Beispiel bei den Kapitellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht rauf und runter, durch eine\nVielzahl von Abteilungen, von Skulpturen bis Keramik. Au\u00dfer in der\nKeramik-Abteilung f\u00e4llt mir nur ein einziges Exponat auf, die Skulptur eines\nmittelalterlichen Ritters, die kein religi\u00f6ses Thema hat. Aber die barocken\nMariendarstellungen und Jesusdarstellungen sind so weit verweltlicht, dass man\nsie kaum noch als religi\u00f6se Kunst erkennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Museums ist eine ganze\nKapelle wiederaufgebaut. Die stand wohl hier in der N\u00e4he. Der Abbau und\nTransport ins Museum war wohl sehr umstritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Untergeschoss geht man im Dunkeln durch\neine r\u00f6mische Ausgrabungsst\u00e4tte, einen Kryptoportikus. Der r\u00f6mische Grabstein\nvon Coimbra, Aeminium, erscheint auf einem der Gedenksteine, die entlang des\nLaufgangs vereinzelt aufgestellt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es bei dem Durchgang durch das\nMuseum immer wieder Fenster, die einen Blick nach drau\u00dfen freigeben, auf den\nMondego, auf einen Platz, auf den Innenhof des Museums.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den romanischen Skulpturen gibt es\nkaum menschliche Darstellungen, aber dann, in der Gotik, geht es mit einem Mal\nvolles Programm los. Bei den romanischen Kapitellen treten wieder die V\u00f6gel im\nDoppelpack auf, die ich schon irgendwo gesehen habe. Einer h\u00e4lt den Schwanz\neines Fisches im Maul. Es gibt nat\u00fcrlich L\u00f6wen, aber auch Schweine mit\nRingelschw\u00e4nzchen. Daneben gibt es Weinbl\u00e4tter,&nbsp;Meerjungfrauen,\nKorbgeflechte, alles sehr sch\u00f6n gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als k\u00fcnstlerisch besonders wertvoll wird\nein Altarvorsatz bezeichnet, das das Lamm Gottes darstellt. Man k\u00f6nnte Zweifel\nhaben, ob es Lamm oder Zicklein ist, wenn man es nicht w\u00fcsste. Erinnert mich an\neine Szene bei einem Spaziergang letzte Woche, wo wir die Ziegen auf einer\nWeide erst bei n\u00e4herem Hinsehen als solche identifiziert haben. Erst dachten\nwir, es w\u00e4ren Schafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skulpturen sind aus ganz weichem\nKalkstein. In der N\u00e4he von Coimbra gab es mehrere Steinbr\u00fcche, und durch den\neinfachen Transport \u00fcber Fluss und Meer verbreitete der sich in ganz Portugal\nund Galicien.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders sch\u00f6n ist ein liegender, toter\nChristus mit einem fein gearbeiteten Leichentuch und die darunter postierten\nschlafenden Soldaten, die Beine bequem \u00fcbereinander geschlagen. Der Kontrast\nmacht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders f\u00e4llt mir beim Durchgang eine\nSkulpturengruppe vor, die an eine ganz \u00e4hnliche erinnert, die ich in Poitiers\ngesehen habe, die wiederum an eine ganz \u00e4hnliche in Bologna erinnerte. Es ist\ndie Grablegung Christi, mit zwei M\u00e4nnern an den Seiten, die gerade dabei sind,\ndas Leinentuch mit dem toten K\u00f6rper zu fassen, und mit f\u00fcnf Frauen, die auf\nsehr unterschiedliche Weise den Tod betrauern.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem eigenen Raum ausgestellt ist eine\nAbendmahlsgruppe aus Terrakotta. Die war verloren gegangen und wurde erst im\n19. Jahrhundert wiederentdeckt, teils besch\u00e4digt. Deshalb hat man keinen\nVersuch gemacht, die urspr\u00fcngliche Aufstellung nachzumachen \u2013 man wei\u00df einfach\nnicht, wer wo war. Die Figuren stehen in kleinen Gruppen auf den Raum verteilt.\nAuch hier kann man sich alle sehr gut ansehen. Wer wer ist, das k\u00f6nnen wohl\nauch die Experten nicht sagen. Aber irgendwie identifiziert man Jesus, er ist\nirgendwie erhabener dargestellt als der Rest. Die anderen sind in gewisser\nWeise lebendiger, haben ihre K\u00f6pfe zur Seite geneigt. Allerdings ist er viel zu\nalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Betreten des Raums habe ich gar nicht\nan die Abendmahlsszene gedacht, weil ich als erstes eine weibliche Figur sah.\nEine vermeintlich weibliche, Johannes. Er ist als einziger bartlos und tr\u00e4gt\neine Haube, wie man sie bei einer B\u00fcrgersfrau erwarten w\u00fcrde. Sch\u00f6n ist auch,\ndass die Westen der Apostel Kn\u00f6pfe haben, ein sch\u00f6ner Anachronismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ganz f\u00fcr sich steht, oder besser\nh\u00e4ngt, eine Monstranz, die man von einem Balkon auf einem oberen Stockwerk\nsehen kann, ein Riesenteil, mit einem Engel, der eine Sonne mit Strahlenkranz\nauf den H\u00e4nden h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Malerei geht es in der fr\u00fchen\nNeuzeit los, aber dann wiederum mit voller Wucht. Sehr sch\u00f6n ein Gem\u00e4lde, auf\ndem M\u00f6nche links auf dem Bild und Nonnen rechts auf dem Bild mit staunendem\nBlick und nach oben erhobenen Augen eine Szene beobachten. Die Madonna hat ihre\nBrust entbl\u00f6\u00dft und spritzt, unter Zuhilfenahme ihrer Finger, dem mit offenem\nMund bereitstehenden S\u00e3o Bernardo auf einige Distanz mit einem heftigen Strahl\nihre Milch in den Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen ersten Eindruck reicht es.\nHierher kann ich noch \u00f6fter kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Wanderschuhe. Auf dem Weg aus dem Dorf\nbegr\u00fc\u00dfen mich von dem Balkon eines Hauses nur noch zwei statt der gewohnten\ndrei Hunde, wie gestern auch schon. Einer muss sich totgebellt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf fast schon vertrauten Wegen gelange\nich nach Espinhal. Der Ort, der von der Stra\u00dfe aus unansehnlich wirkt, ist\ntats\u00e4chlich ganz h\u00fcbsch, vor allem von einer Abbiegung an, hinter der es auf\nKopfsteinpflaster steil rauf geht. An dieser Abbiegung steht eine moderne\nSkulptur, l\u00e4ngliche rostige Eisenstangen zu B\u00fcndeln zusammengefasst. Ich denke\nerst, es w\u00e4ren Baumst\u00e4mme, aber es sind die f\u00fcnf Finger einer Hand. Auf die\nschmale Handfl\u00e4che darunter kann man sich setzen. Verdiente Ruhepause.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher habe ich in einer schummrigen\nBar,&nbsp;<em>O Bigodes<\/em>, Halt auf einen Kaffee gemacht. Die Frau hinter dem\nTresen, die ich nach der Bedeutung des Namens frage, wiederholt immer nur den\nNamen selbst. Dann klappt es aber doch, und bei mir macht es Klick. Nat\u00fcrlich:\n\u2018Schn\u00e4uzer\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem darauf einsetzenden Redeschwall der\npl\u00f6tzlich freundlich gewordenen Frau, die mich beim Eintreten noch sehr\nargw\u00f6hnisch angesehen hat, kann ich nicht folgen. Ich verstehe nur, dass es in\nPenela auch ein Lokal mit diesem Namen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Photos, die ich von einem\nKalenderblatt und einer Pralinenschachtel machen will, aus sprachlichen\nGr\u00fcnden, klappt die Verst\u00e4ndigung erst im dritten Anlauf. Die Frau glaubt, ich\nwolle was kaufen, was in der N\u00e4he steht.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Theke stehen zwei \u00e4ltere M\u00e4nner.\nSie trinken aus kleinen, gerillten, identischen Gl\u00e4sern, der eine Wein, der\nandere Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort gibt es einen Wegweiser zum&nbsp;<em>Parque\nde lazer<\/em>. Trifft sich gut, ein Wort, dem ich gerade heute Morgen zum ersten\nMal begegnet bin. Ist verwandt mit&nbsp;<em>loisir<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>leisure<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Dorfkirche, die sch\u00f6n gelegen ist\nund von der man schon einen guten Blick ins Tal hat, erscheint rechts der\nKalvarienberg, mit einem wei\u00dfen Kirchlein ganz oben. Ein Zickzackweg f\u00fchrt\ndahin, an dessen Rand, nat\u00fcrlich in blau-wei\u00dfen Kacheln, Stationen des\nKreuzwegs abgebildet sind. Die letzten Stationen sind dann um die Kirche herum.\nMan ist jetzt noch h\u00f6her. Und hier oben ist es ausgesprochen sch\u00f6n. Und\nmerkw\u00fcrdig: Wieder sind es die B\u00e4ume hier oben, die sprie\u00dfen, und ein paar\nstehen sind schon \u00fcber und \u00fcber gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen der B\u00e4ume auf dem Zickzackweg\nh\u00e4ngen B\u00e4nder, wie ich sie dieser Tage schon auf einem Spaziergang gesehen\nhabe, mit der Aufschrift&nbsp;<em>Prova a decorrer<\/em>. Hab mich dieser Tage\nschon gefragt, was das wohl bedeuten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas unterhalb der Kirche, seitlich\ndavon, steht eine sch\u00f6ne, zweist\u00f6ckige Villa mit Loggia. Hier wohnt sicher\nHochw\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es aus dem Ort heraus, erst \u00fcber\neinen sch\u00f6nen, schmalen Weg mit glitzernden Olivenb\u00e4umen am Rand, dann \u00fcber\neinen breiteren, nicht ganz so sch\u00f6nen Weg, immer weiter hinauf, ohne Schatten.\nSo gro\u00df wie heute ist der Unterschied zwischen hier und zuhause noch nicht\ngewesen. In Deutschland st\u00fcrmt und schneit es, hier ist der Himmel wolkenlos,\nund ich habe mit der Hitze zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann endlich der Wasserfall kommt,\nmein Ziel, bin ich nicht undankbar daf\u00fcr. Hier ist es schattig, es weht ein\nbisschen Wind, die Luft ist frisch. Das Rauschen des Wassers hat man schon in\nweiter Ferne geh\u00f6rt, aber der Wasserfall wollte und wollte nicht kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein richtiger Wasserfall ist es nicht,\nauch wenn man hier nicht gerade die Viktoria-F\u00e4lle erwartet. Oder bin ich immer\nnoch nicht weit genug gegangen? Aber sch\u00f6n ist es auf jeden Fall. Der Bach\nl\u00e4uft in vielen Windungen \u00fcber nat\u00fcrlich Stufen, nach unten. Es ist der&nbsp;<em>Ribeira\nda<\/em>&nbsp;<em>Azenha<\/em>, \u00fcber den ich schon oft mit dem Auto gefahren bin.\nDer Wasserfall hei\u00dft&nbsp;<em>Pedra da Ferida<\/em>, wei\u00df der Teufel warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Felsen, die Baumst\u00e4mme, die Mauern,\ndas Br\u00fcckengel\u00e4nder, ein alter M\u00fchlstein, alles ist hier mit Moos bewachsen.\nSieht sehr sch\u00f6n aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil des R\u00fcckwegs, bis Espinhal,\nist dann doch erheblich leichter. Es geht abw\u00e4rts. Ein Caf\u00e9 in Espinhal, das\nsch\u00f6ner aussieht als die Bar, ist weiterhin geschlossen, ebenso der einzige\nLebensmittelladen und die Touristeninformation. Und viele H\u00e4user stehen zum\nVerkauf an.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal komme ich \u00fcber die&nbsp;<em>Rua\nJos\u00e9 Bacalhau<\/em>. Benannt nach einem Arzt, der mit einem f\u00fcr einen Portugiesen\nperfekten Nachnamen gesegnet ist. Auf dem Hinweg ging es \u00fcber die&nbsp;<em>Avenida\n25<\/em>&nbsp;<em>Abril<\/em>, eine Stra\u00dfe, die in keinem portugiesischen Ort\nfehlen darf, Erinnerung an die&nbsp;<em>Nelkenrevolution<\/em>, die&nbsp;<em>Revolu\u00e7\u00e3o\ndos Cravos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab Espinhal macht sich dann M\u00fcdigkeit\nbemerkbar, und in Carvalhais kehre ich gleich in beide Bars ein, bei&nbsp;<em>Pascoal<\/em>&nbsp;und\nbei&nbsp;<em>Caparica<\/em>.&nbsp;Kaffee und Wasser im Doppelpack. In der&nbsp;<em>Caparica<\/em>&nbsp;sehe ich dann\ntats\u00e4chlich ein Plakat mit einem Hinweis auf O&nbsp;<em>Bigodes in Penela<\/em>.\nM\u00fcsste man schon wegen des Namens mal testen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bin ich beruhigt. Auf dem Balkon sind\nwieder alle drei Hunde versammelt und geben mir zu verstehen, dass ich hier\nnichts zu suchen habe.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal Gruppenunterricht. Alle\nanderen sind Briten. Das Niveau passt. Das Vorgehen ist etwas kleinteilig, es\ngeht viel um einzelne Formen und S\u00e4tze. Aber es ist f\u00fcr den \u00dcberblick ganz hilfreich.\nAm besten ein Randkommentar der Lehrerin, als in einer \u00dcbung eine Ja-Nein-Frage\nmit dem Verb beantwortet wird:&nbsp;In der Liste der h\u00e4ufigsten W\u00f6rter\nist&nbsp;<em>sim<\/em>&nbsp;nur auf\nPlatz135!&nbsp;Allerdings kommt es hier wohl sehr auf den Korpus an. Bei\nschriftlichen Texten sind&nbsp;<em>yes<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>ja<\/em>&nbsp;auch\nnicht in den Top 100. Im Portugiesischen ist&nbsp;<em>n\u00e3o<\/em>&nbsp;dagegen auf\nPlatz 6. Das ist aber auch irref\u00fchrend, denn es hat zwei Entsprechungen,&nbsp;<em>nicht<\/em>&nbsp;als\nauch&nbsp;<em>nein<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei heftigem Wind zum ersten Mal gelaufen.\nDient auch der Orientierung: Estrada de Viavai \u2013 Venda dos Moinhos \u2013 Grocinas \u2013\nCasal Novo \u2013 Viavai \u2013 Estrada de Viavai. Erstaunlich, dass man auf so einer\nkurzen Distanz durch so viele D\u00f6rfer kommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort f\u00fcr Stau,&nbsp;<em>engarrafamento<\/em>,\nenth\u00e4lt \u2018Flasche\u2019, genauso wie spanisch&nbsp;<em>embotellamiento<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Farben der portugiesischen Flagge, Rot\nund Gr\u00fcn, sind relativ modern und stammen aus der republikanischen Bewegung.\nAls die heutigen Farben eingef\u00fchrt wurden, nach Ausrufung der Republik, kam es\nzu so heftigen Protesten, dass man vom \u201cFlaggenkrieg\u201d sprach! Die K\u00f6nigstreuen\nwollten an den alten Farben Blau und Wei\u00df festhalten! Dabei stammen alle\nSymbole in dem Wappen aus der vorrepublikanischen Zeit: Die Armillarsph\u00e4re\ngenauso wie die sieben Burgen und die f\u00fcnf blauen Schilder und mit jeweils f\u00fcnf\neingelassenen wei\u00dfen M\u00fcnzen. \u00dcber deren Bedeutung gibt es, genauso wie \u00fcber die\nBedeutung der Farben, allerhand Spekulationen, aber die h\u00f6ren sich wie\nnachtr\u00e4gliche Erkl\u00e4rungsversuche an.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal zum Schwimmen gefahren, ins\nSchwimmbad nach Penela. Gut f\u00fcr die Bewegung, aber auch eine kleine Erfahrung\nder Alltagskultur des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse ist niemand, und ich finde\nauch keinen Weg, auf mich aufmerksam zu machen. Irgendwer sieht mich dann und\nbenachrichtigt die Kassiererin. Als die mich sieht, winkt sie mich durch, ich\nsolle doch reingehen. Ich frage, wie es mit dem Zahlen ist. Sie sagt, das k\u00f6nne\nich immer noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lehrschwimmbecken Vorschulkinder, die\nmit Schwimmreifen und Schwimmfl\u00fcgeln unter Anleitung eines Lehrers die erste\nVersuche machen, sich im Wasser fortzubewegen. Unglaublich, wie viel Krach ein\nknappes Dutzend Kinder machen kann, und zwar durchgehend, bis sie das\nSchwimmbad verlassen. Am Beckenrand der Bademeister, Eltern, eine Lehrerin.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem anderen Schwimmbecken bin ich\nalleine. Das Wasser ist warm wie bei uns in der Badewanne. Das Schwimmbad muss\naus den F\u00fcnfziger Jahren stammen und hat schon bessere Tage gesehen. Die\nAusstattung ist minimal. Es gibt keine Sprungbretter und schon gar keine\nRutschbahn oder Jaccuzi oder \u00e4hnlichen \u201cSchnickschnack\u201d, der bei uns inzwischen\nfast zum Standard geh\u00f6rt. Es gibt auch keine Schlie\u00dff\u00e4cher und keinen F\u00f6n.\nAber, was man zum Schwimmen braucht, ist da. Erstaunlich, dass sich eine kleine\nStadt in der Provinz wie Penela ein Schwimmbad leistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Pamela von der Taverne in Viavai erz\u00e4hlt\nvon ihrer Reise nach S\u00e3o Tom\u00e9. Besteht aus zwei Inseln und ist inzwischen wohl\nein eigenst\u00e4ndiger Staat. Ob man dort Portugiesisch spricht, will ich wissen.\nJa, aber \u201canders\u201d. Sie sind auch durch die Gegend gefahren, Sie sind auch dort\nunterwegs gewesen, zumindest auf der Hauptinsel, aber es gibt nur eine Stra\u00dfe,\ndie einmal um die Insel f\u00fchrt. Es sei alles sehr authentisch und sehr gr\u00fcn,\naber auch teuer. Es gibt keine Mittelklassehotels, wie so oft in Afrika. Es\ngibt keine Nachfrage, und die Besucher k\u00f6nnen nur in den internationalen\nGro\u00dfhotels wohnen und auch essen. Und da kostet eine Flasche Wasser sechs Euro\nund eine Flasche Wein achtzehn Euro.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht erfahre ich zum ersten Mal\netwas \u00fcber regionale Variation: Das Wort&nbsp;<em>p\u00e3ezinhos<\/em>, das oft in\nLehrb\u00fcchern vorkommt, wird in dieser Region kaum gebraucht, und auch&nbsp;<em>carca\u00e7as<\/em>,\ndas ich schon auf Schildern gesehen habe, ist nicht so gew\u00f6hnlich wie&nbsp;<em>papos\nsecos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kl\u00e4rt sich auch eine Sache, die mich\nschon mehr als einmal bei der Lekt\u00fcre verwirrt hat. Es geht um&nbsp;<em>simples<\/em>.\nDas ist Singular (und gleichzeitig Plural). Ganz merkw\u00fcrdig. Wie sich so was\nwohl entwickelt?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Post sehe ich zuf\u00e4llig CDs mit\nportugiesischer Musik. Nehme gleich eine mit. Verschiedene Interpreten. Aber\ndie CD ist kein Hit. Alles ziemlich langweilige Popmusik. Reicht, wenn man sie\neinmal h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Autoradio bekomme ich die Auslosung f\u00fcr\ndas Viertelfinale mit. Man freut sich heimlich, dass Real Madrid, Atl\u00e9tico\nMadrid und Bayern M\u00fcnchen drau\u00dfen sind, aber der FC Porto weiter ist. Man\nspekuliert, welcher Gegner der g\u00fcnstigste ist. Man bekommt den FC Liverpool.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Portugals sind Lissabon\nund Porto. Coimbra ist aber keineswegs die Nummer 3, sondern die Nummer 7, kurz\nvor Set\u00fabal, kurz hinter Braga. Die Nummer 3 ist erstaunlicherweise Vila Nova\nde Gaia, ein Name, der mir gar nichts sagt. Sie liegt am Douro, gegen\u00fcber von\nPorto, und ist das Zentrum der Portweinproduktion. Sie wird meist einfach&nbsp;<em>Gaia<\/em>&nbsp;genannt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Besuch aus der Heimat trifft\nein: Dede. Wieder nach einer unproblematischen Reise und auf die Minute\np\u00fcnktlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt sich sehr angetan von dem Blick\nvom Zug aus auf Porto und den Douro mit seinen vielen Br\u00fccken. Die Natur, meint\nsie, sei hier doch deutlich weiter als in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nhalbe Koffer ist mit Mitbringseln gef\u00fcllt, darunter&nbsp;<em>To Kill a\nMockingbird<\/em>, nebst Nachwort aus der deutschen Version und Erkl\u00e4rung des deutschen\n\u00dcbersetzers zur neu erstellten \u00dcbersetzung. Wir fragen uns, warum es im Titel\nim Deutschen&nbsp;<em>Nachtigall<\/em>&nbsp;hei\u00dft. Ob der Roman das hergibt?\nAllerdings klingt&nbsp;<em>Spottdrossel&nbsp;<\/em>wirklich merkw\u00fcrdig, aber wohl\nauch nicht mehr als&nbsp;<em>mockingbird<\/em>. Im dem Nachwort erfahre ich, dass\nHarper Lee eine Frau ist!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gang um das Haus herum und durch\nden Garten zeigt Dede mir Lilien, Hortensien, Rosmarin, Borretsch, Agapanthus\nund Rosen, die am Haus hochwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Tag ohne jeden Sonnenschein fahren\nwir nach Coimbra. Vor der&nbsp;<em>Facultad de Letras<\/em>&nbsp;versuchen wir,\ndie Statuen zu identifizieren: Der mit Papyrusrolle und einem weiteren Attribut\nk\u00f6nnte Homer sein, der am Rednerpult mit bewegten H\u00e4nden k\u00f6nnte Demosthenes\nsein, die weibliche Figur mit Lyra vielleicht Sappho? F\u00fcr die vierte f\u00e4llt uns\nkein Kandidat ein. Dem Homer haben die Studenten eine Weinflasche in eine Hand\ngedr\u00fcckt und einen Damenschuh in die andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigsstatue, die auf dem Innenhof\nsteht, ist nicht die von Diniz, sondern die von Jo\u00e3o III., demjenigen, der der\nUniversit\u00e4t einen Teil seines K\u00f6nigspalasts \u00fcberlie\u00df und sie damit endg\u00fcltig\nnach Coimbra brachte, nachdem sie lange der Zankapfel zwischen Lissabon und\nCoimbra gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz neu entdecke ich die&nbsp;<em>Torre de\nAnto<\/em>, benannt nach dem Dichter Ant\u00f3nio Nobre, der hier w\u00e4hrend seiner\nStudienzeit vier Jahre lang wohnte. Unter anderem schrieb er&nbsp;<em>S\u00f3<\/em>,\nund ist damit der Begr\u00fcnder des&nbsp;<em>S\u00f3sismo<\/em>, einer Bewegung, die sich\nder Suche nach dem Ich verschrieb, mit der typisch portugiesischen Melancholie,\ndie noch lacht, wenn das Auge schon weint.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ganz neuen Augen sehe ich den&nbsp;<em>Jardim\nde Manga<\/em>. Der war, auch wenn er gar nicht so aussieht, Teil eines\nKreuzgangs, der zu Santa Cruz geh\u00f6rte. Heute ist nur noch ein von Wassergr\u00e4ben umflossener\nKuppelbau erhalten, von Rundkapellen umrandet. In die konnten sich die M\u00f6nche\nzur\u00fcckziehen und sich der Meditation widmen, indem sie die Zugbr\u00fccken, die zu\nden Kapellen f\u00fchren, hinter sich hoch zogen. Die gesamte Komposition sieht eher\nnach einem barocken Lustgarten aus, in dem sich Liebespaare in die Rundt\u00fcrme\nzur\u00fcckzogen, nicht unbedingt zur Meditation. Die Idee zur Gestaltung des\nKreuzgangs geht auf Jo\u00e3o III. zur\u00fcck, der den Plan flugs auf die R\u00fcsche seines\n\u00c4rmels skizzierte. Daher der Name.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Statue des Mannes, der auf einem\nerh\u00f6hten Sockel am&nbsp;<em>Largo de<\/em>&nbsp;<em>Portagem<\/em>&nbsp;steht,\nh\u00e4lt eine Feder in der Hand, und da wir in Coimbra sind, halten wir ihn f\u00fcr\neinen Akademiker, einen Universit\u00e4tsprofessor. Ist er aber nicht. Der Mann,\nJoaquim Ant\u00f3nio de Aguiar, war Politiker und bekannt als&nbsp;<em>Mata-Frades<\/em>,\n\u2018M\u00f6nchst\u00f6ter\u2019. Die Statue h\u00e4lt den Moment fest, wo er zur Feder greift und das\nDekret unterschreibt, mit dem alle religi\u00f6sen Orden in Portugal aufgel\u00f6st\nwurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen Dedes R\u00fcckfahrt am Samstag fragen\nwir, wo wir schon mal in Coimbra sind, am Bahnhof nach. Der Mann am Schalter\ninformiert uns \u00fcber Z\u00fcge nach Porto am Samstag, will uns aber keine Fahrkarte\nverkaufen. Die gebe es im Zug. Er spricht deutlich, auch Dede versteht ihn. Als\ner uns sprechen h\u00f6rt, fragt er, ob wir Deutsche seien. Er hat eine Schwester\n(oder ist es ein Bruder?) in Gronau. Ich erw\u00e4hne M\u00fcnster, und das kennt er\nauch. Und Cuxhaven. Und dann abschlie\u00dfend kommt noch M\u00fcnchen und die\nunvermeidliche Geste: Bier trinken!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Oberstadt sieht Dede, dass ein\nKastanienbaum, ganz oben im Gipfel, nicht nur sprie\u00dft, sondern auch zu bl\u00fchen\nanf\u00e4ngt. Sie glaubt, in zwei Wochen werde hier alles in Bl\u00fcte stehen.\nTats\u00e4chlich sieht man die Natur f\u00f6rmlich wachsen. Der Grasstreifen vor dem Haus\nwird t\u00e4glich dichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns die Kacheln in Santa Cruz\nan. Die Szenen sind einem Reisef\u00fchrer zufolge biblisch, einem anderen\nReisef\u00fchrer zufolge aus der portugiesischen Geschichte. Ist wirklich nicht so\nleicht zu entscheiden. Die Kacheln, hei\u00dft es, seien von so schlechter Qualit\u00e4t,\ndass die Firma, die sie verantwortete, sich weigerte, sie mit ihrem Namen zu\nversehen. Die Kacheln wurden aus zwei Gr\u00fcnden angebracht: um die Akustik zu\nverbessern und um besch\u00e4digte Wandmalereien zu verdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne Orgel verf\u00fcgt \u00fcber 4.000\nPfeifen, und ihr Mechanismus ist so schwer, dass sie nur von vier Organisten\nbespielt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht es \u00fcber eine einsame\nLandstra\u00dfe nach Cumieira, zum Terreiro do Lagar, einer alten \u00d6lpresse, in der\njetzt ein rustikales und gleichzeitig nicht unelegantes Lokal untergebracht\nist. Die Speisekarte ist auf Englisch, und auch die Gerichte scheinen ein\nbisschen auf englische Bed\u00fcrfnisse abgestellt zu sein. Jedenfalls gibt es\nkeine&nbsp;<em>grelos,&nbsp;<\/em>zur Entt\u00e4uschung von Dede, die sie gerne probieren\nwollte. Es gibt zweierlei Art von&nbsp;<em>black meat<\/em>, das eine viel dunkler\nals das andere. Auf Nachfrage hei\u00dft es, der einzige Unterschied sei, dass das\ndunkle fettarmer sei. Dazu gibt es Pommes frites und Reis mit Bohnen, leicht\nfl\u00fcssig, sehr schmackhaft. Als Vorspeise gibt es Fischsuppe und kross gebratene\nWurst,&nbsp;<em>chorizo<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>morcela<\/em>. Der regionale Wein auf\nder Karte ist ausgegangen, aber es gibt einen gut Wein aus dem D\u00e3o, einem der\ndrei bekannten portugiesischen Weinbaugebiete, neben dem Douro und dem\nAlentejo.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die CM 1195 geht es nach Alcoba\u00e7a.\nDer Routenplaner instruiert uns: \u201cAuf Centimeter 1195 abbiegen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Landstra\u00dfe sehen wir, wie schon\ngestern, kleine Autos mit Rasenm\u00e4hermotor. Sie fahren nur 50 km\/h und haben\ngelbe Nummernschilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Alcoba\u00e7a geht es an einem Fluss\nentlang. Die Natur ist hier geradezu explodiert. So gr\u00fcn habe ich es bisher\nw\u00e4hrend der ganzen Reise noch nirgendwo gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt macht gleich einen guten\nEindruck: lebendig, gepflegt, viel gr\u00f6\u00dfer als wir dachten. Wir kommen an einen\nsch\u00f6nen, modernen Platz mit Wasserfont\u00e4nen, wo Fitnessger\u00e4te aufgestellt sind.\nWir versuchen uns an jedem.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf einen weiteren,\nintimeren Platz mit der Statue einer Marktfrau im Zentrum. Sie tr\u00e4gt eine\nHaube, ist barfu\u00df und h\u00e4lt Fr\u00fcchte in der Hand, die sie zum Verkauf anbietet.\nUrspr\u00fcnglich war hier der Markt, und noch fr\u00fcher breitete sich bis hierhin der\nriesige Klosterbezirk aus. Es war genau die Stelle, an der die M\u00f6nche ihre\nWaren nach drau\u00dfen verkauften.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich daneben ist die heutige Markthalle.\nDie St\u00e4nde werden teils von Kaufleuten, teils von Bauern aus der Umgebung\nbetrieben. Wir kaufen Brot bei einem Mann, der stolz verk\u00fcndet, er habe es\nselbst gebacken. In einer weiteren Halle gibt es auch Federvieh in K\u00e4figen:\nH\u00fchner, K\u00fcken, Wachteln in allen m\u00f6glichen Variationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann passieren wir Wir passieren einen\nFluss, den Alcoa. Der ist einer der Gr\u00fcnde, warum den Zisterziensern diese\nGegend zur Kultivierung \u00fcbergeben wurde. Hier wurden M\u00fchlen und \u00d6lpressen und\nKraftwerke angelegt. Etwas weiter vereinigt sich der&nbsp;<em>Alcoa<\/em>&nbsp;mit\ndem&nbsp;<em>Ba\u00e7a<\/em>&nbsp;\u2013&nbsp;<em>Alcoba\u00e7a<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Alcoba\u00e7a kommt man wegen des\nKlosters. Auch das, wie Batalha (und auf Mafra) Resultat eines Gel\u00fcbdes. Wenn\nes gelingen w\u00fcrde, die Mauren aus Santar\u00e9m zu vertreiben, versprach Dom Afonso,\nw\u00fcrde er hier ein Kloster errichten. Es gelang, und er hielt sein Versprechen.\nDurch die Vermittlung des Papstes wurde er dann zum ersten K\u00f6nig Portugals, als\nAfonso Henriques. Beim Papst hatte Bernhard von Clairvaux f\u00fcr ihn\nvorgesprochen, und so gab er den Zisterziensern das Land ringsum, um es urbar\nzu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer Zisterzienser-Regel zufolge konnten\nin einem Kloster \u201ceiner weniger als tausend\u201d M\u00f6nche leben (vermutlich Br\u00fcder\neingeschlossen). Das war in Alcoba\u00e7a der Fall, und das erkl\u00e4rt die riesigen\nAusma\u00dfe des Klosters. Davon bekommen wir einen Vorgeschmack, als wir an einer\nder&nbsp;fr\u00fcheren Klostermauern entlanggehen. Die scheint unendlich und bringt\nuns immer weiter ab, aber nicht ins Kloster hinein. Dieser Eindruck wird noch\nverst\u00e4rkt, als irgendwann hinter einer Ecke die Seitenfront des Klosters in\nSicht kommt. Das Kloster hatte u.a. f\u00fcnf Kreuzg\u00e4nge, sieben Dormitorien, ein\nG\u00e4stehaus, eine Bibliothek und mehrere Wirtschaftsr\u00e4ume, von der riesigen\nKirche mal ganz abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir endlich auf dem gro\u00dfen,\nleeren, halbrunden Platz vor der Klosterkirche. Sie wird auf beiden Seiten von\nden wei\u00dfen Klostergeb\u00e4uden flankiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Fassade stimmt etwas nicht. Die\nhat man nachtr\u00e4glich hinzugef\u00fcgt, in einem Sinne, der der mittelalterlichen\nVorstellung der Zisterzienser widersprochen h\u00e4tte. Hier reagiert der Barock.\nDie Fassade hat zwei m\u00e4chtige Glockent\u00fcrme, eine Rosette, eine Veranda mit\nZierelementen, ein Portal mit Archivolten und eine Reihe von Skulpturen:\nBenedikt und Bernhard unten, die Klostergr\u00fcnder, weiter oben die Allegorien der\nvier Tugenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erdbeben von Lissabon muss bis hierher\ngewirkt haben, und wenig sp\u00e4ter kommen noch \u00dcberschwemmungen hinzu. Ob das die\nErneuerung der Fassade motiviert hat? Wir fragen uns auch, wie genau die neue\nFassade im Zusammenhang mit der alten steht. Einfach davorgesetzt scheint sie\nnicht zu sein, und es hei\u00dft, Portal und Rosette seien original.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen gibt es dann das Kontrastprogramm.\nMan wei\u00df nicht so recht, was man davon halten soll. Ein riesiges Langhaus, der\ngr\u00f6\u00dfte Kirchenbau Portugals und die gr\u00f6\u00dfte Zisterzienser-Kirche \u00fcberhaupt, hoch\nund schmal. Vor allem die Seitenschiffe, die genauso hoch sind wie das\nMittelschiff, sind extrem schmal. Einerseits ist die Einfachheit beeindruckend,\ngerade wegen der Gr\u00f6\u00dfe, andererseits wirkt der Raum irgendwie nackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das prachtvolle Gegenst\u00fcck dazu sind die\nbeiden Sarkophage, die im Querhaus stehen, direkt an der Vierung, die\nSarkophage von Dom Pedro und In\u00eas de Castro.&nbsp;Die Sarkophage und die damit\nverbundene dramatische Liebesgeschichte bringen vermutlich die meisten Besucher\nnach Alcoba\u00e7a.<\/p>\n\n\n\n<p>Dom Pedro, der Thronfolger, war mit einer\nPrinzessin aus Kastilien verheiratet. Toller als seine Ehefrau Constan\u00e7a fand\ner aber deren Kammerfrau, ebendiese In\u00eas. Als seine Frau starb, wurde aus dem\nheimlichen Liebesverh\u00e4ltnis ein mehr oder weniger \u00f6ffentliches. Dagegen\nopponierte aber Pedros Vater, Afonso IV., der einen allzu gro\u00dfen Einfluss\nKastiliens f\u00fcrchtete. Den hatte schon Pedros Ehefrau zu Lebzeiten ausge\u00fcbt.\nIn\u00eas selbst hatte sich in der Zwischenzeit vom Hof zur\u00fcckgezogen und war auf\nSicherheitsabstand gegangen. Das rettete sie aber nicht. Der Vater gab dem\nDr\u00e4ngen seiner Hofleute nach und lie\u00df In\u00eas ermorden, ohne zu wissen, dass Pedro\nsie inzwischen geheiratet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter, 1357, starb Afonso.\nPedro folgte ihm auf den Thron. Und jetzt ging es so weiter, dass man meint,\nein Theaterdichter habe die Geschichte erfunden. Pedro lie\u00df den Leichnam In\u00eas\nexhumieren \u2013 sie war in Santa Clara in Coimbra beigesetzt \u2013 in eine feierliche\nRobe kleiden, mit einer Perlenkette ausstatten und auf den Thron setzen. Dann\nzwang er die Hofleute, ihr die Hand zu k\u00fcssen. Ihre M\u00f6rder lie\u00df er hinrichten,\nin seiner Gegenwart, und deren Herzen zum Festmahl servieren, an dem selbst\nauch teilnahm. Schlie\u00dflich lie\u00df er den Leichnam seiner Frau nach Alcoba\u00e7a\nbringen und ordnete er an, dass er nach seinem Tode ihr gegen\u00fcber bestattet\nwerden sollte, und zwar so, dass sie sich gegen\u00fcberliegen, mit den F\u00fc\u00dfen nach\nvorn, so dass sie sich am Tag des J\u00fcngsten Gerichts, wenn sie auferstehen, sich\ngleich in die Augen sehen k\u00f6nnen. Und so sind dann auch ihre Sarkophage hier in\nder Kirche aufgestellt!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sarkophage sind meisterlich\ngearbeitet. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Das gilt weniger\nf\u00fcr die Figuren, zumal die von den Soldaten Napoleons teils besch\u00e4digt wurden,\nals f\u00fcr die Seitenw\u00e4nde. Alle vier Seiten haben ganz fein gearbeitete Szenen,\nteils biblisch, teils aus dem Leben der beiden, mit oft nur bleistiftgro\u00dfen\nFiguren, und allerlei T\u00fcrmchen, Giebel und S\u00e4ulchen, so klein, dass sie wie\ngeh\u00e4kelt aussehen. Besonders gef\u00e4llt mir das Rad der Fortuna zu Pedros F\u00fc\u00dfen.\nEs ist in mehrere Kreise geteilt und die wiederum in eine ganze Reihe von\nSpeichen, in denen Figuren sitzen, nach unten rutschen oder kopf\u00fcber nach unten\nfallen, je nach Position.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sch\u00f6n ist das J\u00fcngste Gericht zu\nF\u00fc\u00dfen von In\u00eas. Die Verdammten purzeln nach unten und fallen in das Maul eines\nUngeheuers.<\/p>\n\n\n\n<p>In\u00eas selbst, deren Gesichtsz\u00fcge\nverst\u00fcmmelt sind, h\u00e4lt kokett in einer Hand einen Handschuh, die andere spielt\nmit den Perlen ihrer Halskette.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einig werden wir uns \u00fcber die\nInterpretation der Figuren unter dem Sarkophag, die von dessen Gewicht geradezu\nerdr\u00fcckt werden, halb menschliche, halb phantastische Figuren, die die M\u00f6rder\nIn\u00eas darstellen sollen. Dede findet, daf\u00fcr s\u00e4hen sie zu zahm, geradezu witzig\naus.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es in die Klostergeb\u00e4ude. Man\ngelangt darein durch die Sala dos Reis, einen quadratischen Raum mit Kacheln,\nin denen wohl Szenen der Erbauung des Klosters dargestellt werden. Etwas erh\u00f6ht\nzu allen vier Seiten einfache Skulpturen der K\u00f6nige Portugals, chronologisch\ngeordnet. Es fehlen, bezeichnenderweise, die drei spanische Felipes \u2013 aus der\nZeit, als Portugal zwischenzeitlich seine Unabh\u00e4ngigkeit wieder verlor \u2013 aber\nauch Jo\u00e3o III. und Jo\u00e3o IV.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Klostergeb\u00e4uden ist besonders\nbeeindruckend die Klosterk\u00fcche, im 18. Jahrhundert erneuert, mit gro\u00dfen\nMarmortischen und einer riesigen \u201cDunstabzugshaube\u201d. Durch die Mitte des Raums\nverl\u00e4uft eine Rinne. Durch sie wurde ein Nebenarm des Alcoa in die Klosterk\u00fcche\ngeleitet, der den M\u00f6nchen stets frisches Wasser und frische Fische brachte, auf\ndirektem Wege in die K\u00fcche! An der Wand, die an das Refektorium grenzt, eine\nschmale T\u00fcr. Es hei\u00dft, dass der, der nicht durch die T\u00fcr passte, auf Di\u00e4t\ngesetzt wurde. Demnach m\u00fcsste ich auf Di\u00e4t gesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kreuzgang ist doppelst\u00f6ckig, unten\ngotisch, oben Renaissance, mit weit ausholenden B\u00f6gen und viel \u201cLuft\u201d. Unten\nhat man geschlossene Wandfl\u00e4chen, die aber \u00fcber der zentralen S\u00e4ule jeweils\neine runde \u00d6ffnung haben. Die wiederum haben steinerne Verzierungen, und wir\nmachen uns einen Spa\u00df daraus, zwei identische zu finden, aber es gibt keine.\nJede ist anders als jede andere, auf allen vier Seiten!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung setzen wir uns in\nein Caf\u00e9 auf dem Platz und genehmigen uns ein Bier und ein paar H\u00e4ppchen und\ngenie\u00dfen die Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es nach Hause zur\u00fcck. Auf dem\nR\u00fcckweg biege ich nicht rechtzeitig auf die IC 3 ab, und wir machen einen\nUmweg. Aber wir kommen gut an, rechtzeitig, um noch eine Flasche Wein zum\nAbendessen zu \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen gibt es eine \u00dcberraschung: Kekse\naus der Heimat, aus gegebenem Anlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht wird der unterschiedliche\nGebrauch von L\u00e4ndernamen behandelt. Einige werden mit, andere ohne Artikel\nbenutzt, und wenn der Artikel steht, muss man zwischen Maskulinum und Femininum\nunterscheiden:&nbsp;<em>no Brasil. na Alemanha, em Portugal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, hat Dede\neingekauft. Sie war schnell genug auf den Beinen, um den B\u00e4ckerwagen zu\nerwischen, aber der war nicht der B\u00e4ckerwagen, sondern ein Wagen mit der\nungew\u00f6hnlichen Kombination Fisch und Obst. Sie kauft Obst ein und lernt\ndabei&nbsp;<em>tangerina<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>ma\u00e7a<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne Glockenspiel von der Kirche in\nViavai hat sie inzwischen als ein&nbsp;<em>Ave Maria<\/em>&nbsp;identifiziert.\nNach weiterer Suche wird es dann noch genauer benannt: Es ist das Marienlied\nvon Fatima!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baum auf dem Nachbargrundst\u00fcck, dessen\nZweige auf unser Grundst\u00fcck her\u00fcberwachsen, ist definitiv ein Lorbeerbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Fr\u00fcchte, die vorher so viel\nR\u00e4tselraten aufgegeben haben, Findet heraus, dass Wacholder zur Familie der\nZypressengew\u00e4chse geh\u00f6rt!!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann findet noch weitere Recherche zu\nden&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;statt, die auch auf dem Nachbargrundst\u00fcck wachsen.\nEin Lehrbuch verzeichnet sie als \u2018gekochte Kohlsprossen\u2019, das Internet spricht\nvon \u2018als Gem\u00fcse verwendeten Bl\u00e4ttern und Stielen der Speiser\u00fcbe\u2019, ein\nW\u00f6rterbuch hat u.a. \u2018Stielmus\u2019, das englische W\u00f6rterbuch hat \u2018turnip greens\u2019,\nwas wiederum im Deutschen \u2018R\u00fcbstielgem\u00fcse\u2019 hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind auch die St\u00fchle auf der\nTerrasse zum ersten Mal zum Einsatz gekommen. Am fr\u00fchen Nachmittag ist es sogar\nzu warm, um drau\u00dfen zu sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas sp\u00e4ter fahren wir zu dem\nAussichtspunkt und sammeln reichlich Pinienzapfen und auch ein bisschen\nBrennholz. Wir fahren kurz durch Ferraria de S\u00e3o Jo\u00e3o, das auch als\nSchieferdorf ausgeschildert ist, nicht so bekannt wie Talasnal, aber daf\u00fcr noch\nbewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten, da wo es zum Aussichtspunkt\nraufgeht, sehen wir uns diesmal eine andere Schautafel an, und die gibt\nAuskunft dar\u00fcber, worum es sich hier wirklich handelt. Die ganze Anlage,\neinschlie\u00dflich der Piste f\u00fcr Mountainbikes und der Radstation, ist ein Resultat\ndes verheerenden Waldbrands von 2017. Die Einwohner des Dorfes beschlossen,\nMa\u00dfnahmen zu ergreifen, um solchen Br\u00e4nden vorzubeugen. Es wurden\nEukalyptusb\u00e4ume entfernt und 6000 neue, einheimische B\u00e4ume angepflanzt, Eiche,\nKirsche, Haselnuss, Korkeiche, Walnuss, usw. Gleichzeitig wurde ein Wanderweg\nangelegt, der an den neuen Pflanzungen vorbeif\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend dann die lange bef\u00fcrchtete\nHiobsbotschaft: kein Gas mehr. Die Gasflasche ist leer. Sie steht in einem\netwas schwer zug\u00e4nglichen Verschlag hinter dem Haus. Dass es jetzt stockdunkel\nist, hilft auch nicht gerade. Eine volle Ersatzflasche steht daneben. Der\nAnschluss will nicht gelingen, und wir \u00fcberlegen uns bereits\n\u00dcberlebensstrategien, aber dann tragen Dedes H\u00e4ndchen und ihre Ausdauer den\nSieg davon. Und ich lerne einen neuen Begriff:&nbsp;<em>linksdrehend<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Viseu geht es ab Penela \u00fcber die IP\n3. Die ist gr\u00fcn ausgeschildert, und es wird auch schlagartig landschaftlich\nsch\u00f6ner, da, wo sie beginnt. Dadurch komme ich auf die Vorstellung, dass&nbsp;<em>IP<\/em>&nbsp;f\u00fcr&nbsp;<em>Itinerario\nPanoramico<\/em>&nbsp;steht. Tut es aber nicht, es steht f\u00fcr&nbsp;<em>Itinerario\nPrincipal<\/em>. Warum gibt es dann so wenige davon? Au\u00dferdem ist die Stra\u00dfe\nenger und kurvenreicher als jede IC. Die Strecke ist aber auf jeden Fall sch\u00f6n.\nOft haben wir auf der einen Seite einen Felsen, auf der anderen den Mondego. An\neiner Stelle wird der gestaut und sieht wie ein See aus. In einer Ebene kommen\nSt\u00f6rche in Sicht, einer, zwei, eine ganze Kolonie. Sie haben sich ausgerechnet\nauf verdorrten (vom Waldbrand zerst\u00f6rten?) B\u00e4umen niedergelassen. Ein ganz\nbesonderes, bizarres, nachdenklich machendes Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Viseu vom Parkplatz kommen,\nfragen wir einen Mann nach dem Weg. Er antwortet auf Deutsch. Er hat zw\u00f6lf\nJahre in Hamburg gewohnt und kennt auch Trier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch sehr ruhig in der Innenstadt.\nWir kommen \u00fcber eine schmale, kopfsteingepflasterte Stra\u00dfe, \u00fcber die auch Autos\nfahren k\u00f6nnen, aber um diese Zeit ist noch kaum jemand unterwegs, weder zu Fu\u00df\nnoch mit dem Auto. Auch in den Gesch\u00e4ften tut sich noch nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an dem alten Marktplatz vorbei\nund an einer Skulptur, die einen lokalen Schriftsteller darstellt, an seinem\nSchreibtisch sitzend. Auff\u00e4llig, wie er die Feder h\u00e4lt, zwischen Zeigefinder\nund Mittelfinger. Das kommt Dede ganz fremd vor, ich kenne es von Studentinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Platz hinter der Kathedrale\ng\u00f6nnen wir uns einen Kaffee. Man kann drau\u00dfen sitzen, aber es ist l\u00e4ngst nicht\nso warm wie in Alcoba\u00e7a. Wir erinnern uns an Lieder aus unserer Kindheit: \u201cAls\ndie R\u00f6mer frech geworden\u201d, \u201cKennt ihr die Geschichte von dem Mann im Schloss?\u201d.\nUnd wundern uns, mit welcher Gelassenheit wir damals als Kinder mit Geschichten\numgegangen sind, die heute von f\u00fcrsorglichen Eltern und fortschrittlichen\nP\u00e4dagogen als sch\u00e4dlich f\u00fcr die empfindsame Kinderseele gesehen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Assoziation mit dem Lied von den\nR\u00f6mern wird ausgel\u00f6st von Viritatus, dem portugiesischen Asterix, dem Pendant\nvon Arminius und Vercingetorix. Er war der Anf\u00fchrer der Lusitaner, die, die\neinem r\u00f6mischen Historiker zufolge den st\u00e4rksten Widerstand gegen die R\u00f6mer\nleisteten. Die Lusitaner waren in dieser Gegend zuhause. Irgendwo in der Stadt\nsteht ein Denkmal f\u00fcr Viriatus, aber das bekommen wir nicht zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Platzes die Statue eines\nK\u00f6nigs, mit Zepter und Krone, aber auch mit Buch und ohne Schwert. Das ist Dom\nDuarte, in Viseu geboren, der \u201cPhilosophenk\u00f6nig\u201d. Er ist schon an verschiedenen\nStellen w\u00e4hrend meiner Reise kurz in Erscheinung getreten, aber ich wei\u00df noch\nnichts \u00fcber ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zuerst in die Kathedrale. Die\nliegt am h\u00f6chsten Platz der Stadt. Die Zweiteilung der Stadt, Oberstadt und\nUnterstadt, erkl\u00e4rt sich aus der Geschichte. Die erste Befestigung wurde hier\noben angelegt, sp\u00e4ter, als es unten sicherer wurde, siedelten die B\u00fcrger sich\ndort an, w\u00e4hrend hier oben der Bischof \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt die Kathedrale,\nungew\u00f6hnlicherweise, durch den Kreuzgang, und da wartet dann gleich die n\u00e4chste\n\u00dcberraschung. An einer Seite des Kreuzgangs das urspr\u00fcngliche gotische\nEingangsportal, kleiner, aber feiner als das heutige.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Innenraum der Kathedrale kommt\nLicht nur durch Bullaugenfenster und schmale romanische Fenster. Dadurch ist\nder Raum nicht so hell wie Batalha oder Alcoba\u00e7a.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine an der Seite die silberne\nArmreliquie von S\u00e3o Teot\u00f3nio. Er ist der Patron der Kathedrale und der erste\nHeilige Portugals. Irgendwo bin ich ihm schon mal begegnet, entweder in Porto\noder in Lissabon.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenkammer steht ein Tragaltar\nmit einer h\u00f6lzernen, gewandeten Christusfigur unter dem Kreuz, genau so, wie\nman sie von den Prozessionen der Karwoche in Spanien kennt. Ob es hier auch so\nwas gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besonderheit von Viseu ist das\nKnotengew\u00f6lbe. Steinerne Taub\u00e4nder laufen aufeinander zu und verknoten sich in\nder Mitte. Das ist originell und sch\u00f6n. Besonders von oben, von der Empore,\nkann man sie gut sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahin f\u00fchrt eine Treppe, und da oben auch\ndas Sakralmuseum untergebracht ist, muss man hier einen bescheidenen Eintritt\nbezahlen. Wir sind die einzigen Besucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eintritt lohnt sich aber doppelt. Von\nhier oben hat man einen sch\u00f6nen Blick in den Kreuzgang hinunter und, vor allem,\nvon einer Art Veranda aus, auf die Pl\u00e4tze, den Domplatz mit dem (ehemaligen)\nBischofspalast und der der Kathedrale gegen\u00fcberliegendem, wei\u00dfen\nMisericordia-Kirche und dem Platz, auf dem wir vorher gesessen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Museum sehen wir uns vor allem die\nKacheln an, die, einem Reisef\u00fchrer zufolge, das einzig St\u00f6rende, einem anderen\nReisef\u00fchrer zufolge das einzig Sehenswerte sind. Es werden Szenen dargestellt,\ndie ganz und gar weltlich wirken, wie die von zwei nackten M\u00e4nnern, die mit Schwertern\naufeinander losgehen. Dede sieht darin eine Anspielung auf den Kampf zwischen\nKain und Abel, aber biblisch wirkt das nicht. Daneben eine \u00dcberfallszene. Ein\nMann sticht auf eine Frau mit entbl\u00f6\u00dfter Brust ein, ein anderer will ihn\nzur\u00fcckhalten. Auch da k\u00f6nnte man wahrscheinlich ein biblisches Motiv entdecken,\naber uns f\u00e4llt keins ein. Noch weniger f\u00fcr eine Flirtszene an einem Brunnen.\nEin Mann, Blume in der Hand, gewandet wie ein Hofmann des franz\u00f6sischen\nK\u00f6nigshofs, scheint der Frau Nettigkeiten ins Ohr zu fl\u00fcstern.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau sehen wir uns auch eine Krippe an.\nSie erinnert mich an die von Neapel. Sie stellt nicht nur die Geburtsszene da,\nsondern alles m\u00f6gliche, was sich darum herum abspielt, auch zeitgen\u00f6ssische\nDinge, die mit der Epoche der Bibel nichts zu tun haben. Sie wurde gefertigt\nvon Machado de Castro, der, nach dem das Museum in Coimbra benannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wimmelt nur so von Figuren und Szenen,\ngeb\u00fcckte M\u00e4nner, die Lasten schleppen, ein Packesel, ein Mann, der aus einem\nTurm schaut, alle m\u00f6glichen Musikanten, ein Zechgelage, eine Frau, die sitzend\neinen Stoff bearbeitet. Die K\u00f6nige kommen mit einem ganzen Tross angereist, bei\nden Tieren ist es schwer zu entscheiden, ob es sich um Pferde oder Kamele\nhandelt. Unter den vielen Menschen vor der Krippe auch ein M\u00f6nch mit Kutte. Auf\ndem Dach der Krippe ein Hahn, ein Verweis auf den Verrat von Petrus und damit\nauf die Leidensgeschichte, wie Dede erkennt. Im Hintergrund wird auch der\nKindermord in Bethlehem dargestellt, und irgendwo soll auch die Flucht nach \u00c4gypten\ndargestellt sein, aber die ist nicht so leicht zu identifizieren. Der Himmel\nh\u00e4ngt voller Engel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Kathedrale gehen wir durch die\nengen Stra\u00dfen der Innenstadt. Dabei gelangen wir immer wieder auf die Rua\nDireita. An verschiedenen Stellen sieht man Patrizierh\u00e4user mit aufw\u00e4ndig\ngestalteten Fassaden. Ein Haus hat sogar eine eigene Kapelle. Viseu muss eine\nreiche Stadt gewesen sein. Es lag an dem Schnittpunkt zweier Handelsstra\u00dfen und\nhat im Umland Anbau von Kartoffeln und Getreide und ist au\u00dferdem das Zentrum\nder Weinbauregion des D\u00e3o. Von all dem bekommen wir aber so gut wie nichts zu\nsehen. Auch den Pavia, ein Nebenfluss des Mondego, bekommen wir nicht zu sehen.\nEr scheint au\u00dfen um die Altstadt herum zu flie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Caf\u00e9, das in einem der\nhistorischen H\u00e4user untergebracht ist. Hier gibt es eine sehr lahme Bedienung,\naber der Kaffee, der beste bisher, und die dickfl\u00fcssige Schokolade,\nentsch\u00e4digen daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand befindet sich ein Verweis auf\ndie&nbsp;<em>Kaffeekantate<\/em>&nbsp;von Bach. In der versucht ein B\u00fcrger, ein\ngewisser Herr Schlendrian, seine Tochter von der Unsitte des t\u00e4glichen\nKaffeegenusses abzubringen. Er stellt sie vor die Wahl: Ehemann oder Kaffee.\nErst dann lenkt sie ein. Allerdings unter der Bedingung, dass ihr zuk\u00fcnftiger\nEhemann ihr das Kaffeetrinken erlaubt. Denn der Kaffee sei s\u00fc\u00dfer als K\u00fcsse und\ns\u00fc\u00dfer als Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause gehen wir in das\nbedeutendste Museum von Viseu, das&nbsp;<em>Gr\u00e3o Vasco<\/em>, benannt nach dem\nber\u00fchmtesten Maler der Stadt, Teil einer Malerschule aus der fr\u00fchen Neuzeit.\nDas ist im alten Bischofspalast untergebracht, gleich neben der Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Gem\u00e4lde sind vom Gro\u00dfen Vasco\nselbst oder von seinem Konkurrenten und Freund, Gaspar Vas oder sind aus der\nZusammenarbeit beider entstanden. Fast alle Motive der ausgestellten Gem\u00e4lde\nsind religi\u00f6s. Immer wieder kommen Kreuzigung und M\u00e4rtyrer vor, Lazarus,\nHimmelfahrt, Kana oder die Emmaus-Szene sind wenig oder gar nicht vertreten.\nTod und Gewalt scheinen geeignete Motive f\u00fcrs Malen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Den bleibendsten Eindruck macht ein\ngro\u00dfformatiges Portr\u00e4t des Petrus, in der Form eines Renaissance-Papstes, mit\nlangem, kostbarem Gewand und Tiara. Sein Blick, streng, durchdringend, nimmt\neinen gefangen. Es ist, als wenn er da s\u00e4\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gab es die Tiara zur Zeit des\nPetrus noch nicht, wohl aber zur Zeit des Gr\u00e3o Vasco. Sie ist seit dem 10.\nJahrhundert belegt und hat seit dem 14. Jahrhundert drei Reifen. Die Deutung\nder drei Reifen ist umstritten: Der Papst als Vater der K\u00f6nige, Herrscher der\nWelt, Stellvertreter Christi, die k\u00e4mpfende, leidende, triumphierende Kirche,\ndas Lehr-, Richter- und Weiheamt des Papstes.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den vielen M\u00e4rtyrerdarstellungen\nversuchen wir uns an der Identifizierung, meist ohne Erfolg, au\u00dfer bei\nSebastian.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Geburtsszene sehen wir, dass\nMaria einen Strahlenkranz um den Kopf hat und das Christuskind einen\nStrahlenkranz um den ganzen K\u00f6rper, aber dass der arme Josef leer ausgegangen\nist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommen wir zu der Szene,\nderetwegen ich schon allein nach Viseu gefahren w\u00e4re. Sie ist auf einem vierzehnteiligen\nAltarbild zu sehen. Es ist die Szene der Anbetung der K\u00f6nige. Das Altarbild\nentstand um 1500, kurz nach der Entdeckung Brasiliens. In der christlichen\nIkonographie war es Konvention geworden, drei K\u00f6nige darzustellen, die wiederum\ndrei Lebensalter und die drei (damals bekannten) Kontinente darstellten. Hier\ntritt ein vierter K\u00f6nig hinzu: ein brasilianischer H\u00e4uptling mit Federschmuck!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg aus die Stadt hinaus sehen wir\nschlie\u00dflich noch den Fries einen heimischen Malers (leider unter Plexiglasschutz),\nder an einer H\u00e4userwand die sechs von ihm am meisten verehrten Maler\nportr\u00e4tiert hat, darunter Frans Hals, Vel\u00e1zquez und Raffael. In der Mitte\nhalten zwei Engel eine Palette und einen Pinsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg werden wir \u00fcber einen\nanderen Weg geleitet, \u00fcber eine enge, sich langsam am Mondego entlang\nschl\u00e4gelnde kurvenreiche Stra\u00dfe, die in der N\u00e4he von Penela, hinter einem Tor,\nganz unvermittelt in einem gro\u00dfen Kreisverkehr m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dahin ist m\u00fchsam, aber sehr\nsch\u00f6n. Es bl\u00fcht und gr\u00fcnt, und es ergeben sich immer neue Perspektiven. Umso\ndramatischer der pl\u00f6tzliche Wechsel, als auf der anderen Flussseite ein dicht\nbewachsener Hang mit lauter verdorrten B\u00e4umen in Sicht kommt, Resultat der\nWaldbr\u00e4nde von 2017. Es wirkt unwirklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht es in das D. Sesnando nach\nPenela. Und endlich gibt es&nbsp;<em>grelos<\/em>. Dede mag sie, trotz ihres etwas\nbitteren Geschmacks. Sie erinnern sie in ihrer Konsistenz etwas an Spargel.\nLeider gibt es w\u00e4hrend der Woche die Besonderheiten des Lokals nicht, und wir\nm\u00fcssen uns mit g\u00e4ngigeren Gerichten begn\u00fcgen. Sind aber auch nicht schlecht.\nDazu gibt es, auf Empfehlung des Hauses, einen sehr guten Wein aus der Gegend,\naus Podentes:&nbsp;<em>Lapa dos Reis.&nbsp;<\/em>Bei der Erkl\u00e4rung des Namens bin\nich mir so gut wie sicher, dass ich den Kellner verstanden habe, aber seine\nErkl\u00e4rung ist nicht sehr sinnvoll und wird auch nicht vom W\u00f6rterbuch best\u00e4tigt.\nEs hei\u00dft \u2018H\u00f6hle der K\u00f6nige\u2019, \u2018Felsen der K\u00f6nige\u2019, nicht \u2018Kieselstein der\nK\u00f6nige\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Ungebetene Besucher in der K\u00fcche. Sie\nhaben sich \u00fcber Nacht \u00fcber den K\u00e4se hergemacht. Am Tag danach ist es die\nButter, die an der Reihe ist. Die Hausmittel zur Abwehr scheinen dann aber\nlangsam zu greifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren nach Espinhal und gehen zu der\nKirche mit Kreuzweg rauf. Unterwegs zeigt Dede mir Salbei und einen Rosmarin\nmit einer eines Baumes w\u00fcrdigen Wurzel. Daneben ein Baum in voller Bl\u00fcte,\nviolett, vor dem Hintergrund des blauen Himmels und der wei\u00dfen Kirche. Oben\neine Reihe von B\u00e4umen der gleichen Bauart, die obwohl am gleichen Standort,\nunterschiedlich weit sind. Einige sind schon ganz gr\u00fcn, bei anderen beginnen\ndie ersten Zweige gerade zu sprie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten sehen wir eine B\u00e4ckerei und kaufen\ndort Brot ein. Es stellt sich heraus, dass von hier aus auch der B\u00e4ckerwagen\nlosgeschickt wird, der t\u00e4glich durch Estrada de Viavai f\u00e4hrt und so schwer zu\nerwischen ist. Die Schwester des B\u00e4ckers f\u00e4hrt ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz in die daneben liegende\nKirche, dreischiffig, zu gro\u00df f\u00fcr diesen Ort. Allerhand Kitsch. Die Fenster der\nKapelle mit dem Seitenaltar sind mit Gardinen verhangen!<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Kreuzung steht eine Art Wohnwagen\nmit Aufschrift:&nbsp;<em>Beleza<\/em>&nbsp;<em>por Rodas<\/em>. Er\nhat tats\u00e4chlich einen Stromanschluss durch ein Kabel, das unten aus dem Wagen\nherausguckt. Es ist ein ambulanter Friseur!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen von hier aus nach S\u00e3o Jo\u00e3o do\nDeserto, einem Schieferdorf, auch eine Empfehlung von Filomena. Die Fahrt\ndauert und dauert, es geht unentwegt weiter bergauf. Hier oben stehen die\ngelben B\u00e4ume noch in Bl\u00fcte, und wir pfl\u00fccken einen Strau\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, an einer Kreuzung, soll es \u00fcber\neinen Feldweg weiter gehen, aber da verzichten wir. Trotzdem hat sich die Fahrt\nhier rauf gelohnt. Ein ganz merkw\u00fcrdiges Landschaftsbild mit Blick in ein Tal\nzu verschiedenen Seiten. Dede schaltet zuerst: Die terrassenf\u00f6rmigen Anlagen\nzur einen Seite, wie Weinbau an der Mosel aussehend, haben nichts mit Wein zu\ntun. Das ist die Aufforstung mit einheimischen B\u00e4umen nach dem Waldbrand von\n2017. Und zur anderen Seite sieht man dessen Wirken. Eine geisterhafte\nLandschaft. Die B\u00e4ume stehen alle noch, sind aber nackt. Die Eukalyptusb\u00e4ume\nbestehen nur noch aus St\u00e4mmen, die Nadelb\u00e4ume, mit schwarz-wei\u00dfen St\u00e4mmen,\nhaben keine Bl\u00e4tter mehr, aber die Zapfen h\u00e4ngen immer noch in den nackten\n\u00c4sten.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>An dem Weg nach Miranda lesen wir am Stra\u00dfenrand,\nkurz hinter Espinhal, einen Bauern auf. Er will tats\u00e4chlich nach Miranda.Viel\nmehr ist nicht herauszufinden. Er spricht laut, abgehakt und manchmal wie zu\nsich selbst, so als wolle er sagen: \u201cDas hat ja gut geklappt heute Morgen.\u201d Am\nOrtseingang steigt er aus und bedankt sich enthusiastisch. Und lautstark.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meines Unterrichts in Miranda\nsteigt Dede zur Kirche rauf und findet heraus, dass der merkw\u00fcrdige Kirchturm,\nneben der Kirche stehend, urspr\u00fcnglich Teil des Kastells war. Sie zeigt sich\nsehr angetan von Miranda. Die kleinen Gassen, die zur Kirche hinauff\u00fchren,\nseien sch\u00f6n und gepflegt. Und der Ort sei lebendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena weist meine Frage, was das denn\nf\u00fcr ein Bach sei, der da durch Miranda flie\u00dft, entr\u00fcstet zur\u00fcck. Das sei kein\nBach, sondern ein Fluss, und au\u00dferdem sei es nicht einer, sondern zwei: der\nDue\u00e7a (auf dessen Namen ich schon mal gesto\u00dfen bin) und der Alheda. Genauso\nentr\u00fcstet ist sie dar\u00fcber, dass ich G\u00f3is, unser heutiges Ziel, als Dorf\nbezeichne. Es sei eine Stadt, eine&nbsp;<em>vila<\/em>. G\u00f3is ist tats\u00e4chlich so\netwas wie eine Kreisstadt und hat \u00fcber 2.000 Einwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht \u00fcber Lous\u00e3 und dann noch\nweiter \u00fcber eine sehr gut ausgebaute Landstra\u00dfe, die dann v\u00f6llig \u00fcbergangslos\nin eine viel engere, d\u00f6rfliche Stra\u00dfe \u00fcbergeht, mit engen Kurven, durch sehr\nsch\u00f6ne Landschaft und unz\u00e4hlige kleine D\u00f6rfer. Es geht am Anfang st\u00e4ndig\nbergauf, dann st\u00e4ndig bergab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine Br\u00fccke \u00fcber den Ceira (wieder\nein Fluss, \u00fcber den ich schon mehrmals gekommen bin) gelangt man in den Ort.\nHier, an der Br\u00fccke, ist ein weiterer Flussstrand angelegt, sehr sch\u00f6n, mit\nStr\u00f6mung. Dede hat inzwischen herausgefunden, dass die \u00d6ffnungsdaten der\nFlussstr\u00e4nde jedes Jahr, je nach Wasserstand, neu festgelegt werden. Auch wenn\nes nicht so aussieht: Es ist nicht ungef\u00e4hrlich, und es gibt \u00fcberall Aufsicht\ndurch Rettungsschwimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f3is ist ein sch\u00f6ner Ort, und die Fahrt\nhierher hat sich gelohnt. Alles wei\u00df, Wohnh\u00e4user, Kirchen und auch die kleinen\nStadtpal\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kirchplatz setze ich mich in die\nSonne, w\u00e4hrend Dede Informationen besorgt. Der Platz hier ist vor gut zehn\nJahren erneuert worden. Dass er als Parkplatz herhalten muss, kann man\nverstehen. Wir haben au\u00dferhalb des Ortes, an dem schmalen Streifen zwischen\nFelswand und Fluss, selbst nur knapp einen Parkplatz gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dem Platz hinauf sind wir \u00fcber mehrere\nStra\u00dfen gekommen, die neu gepflastert werden. Dede hat erfahren, dass das durch\ndie Erneuerung der unterirdischen Leitungen erforderlich geworden ist. Es\nscheint sich um ein gr\u00f6\u00dferes Projekt zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz selbst stehen zwei Brunnen,\neiner, ein \u00e4lterer, mit Kacheln verkleideter, unter einem Pyramidendach, das\nihn sch\u00fctzen soll, ein anderen, neuerer, zu dem ein paar Stufen hinabf\u00fchren.\nHierher kommen Brautpaare und reichen sich \u00fcber Kreuz jeweils ihre andere, mit\ndem Wasser des Brunnens befeuchtete Hand. Das garantiere ewige Treue, wird\ngesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten uns auf jeden Fall die beiden\nKirchen ansehen, hat der Mann in der Touristeninformation gesagt. Wegen des\nKontrasts. Die eine, die des Volks, sei sehr arm, die andere, die der Pfarre,\nsei sehr reich. Leider k\u00f6nnen wir nur die eine, die arme ansehen. Sie ist\neinschiffig und hat wirklich nichts Besonderes aufzuweisen, aber sie steht sehr\nsch\u00f6n, etwas versetzt, an einer h\u00f6her gelegenen Seite des Platzes und hat eine\nsch\u00f6ne Mittelachse, mit Portal, Rosette, Uhr und einer kleinen, spitz\nzulaufenden Bekr\u00f6nung, wie ein gr\u00f6\u00dferer Wimperg aussehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Kirche, die reiche, an einem\nEnde des Ortes gelegen, ist geschlossen. Daf\u00fcr sehen wir uns den daneben\ngelegenen Friedhof an. Er ist, wie der von Penela, terrassenf\u00f6rmig angelegt,\nmit einer Mischung aus Einzelgr\u00e4bern und Mausoleen. Nur am Rande ein paar\nwenige Urnengr\u00e4ber. Dede fragt sich (und mich), was es denn mit den Mausoleen\nauf sich habe. Man sieht tats\u00e4chlich S\u00e4rge drinstehen. Liegen die Toten darin?\nDas kann doch kaum sein. Gibt es vielleicht noch einen inneren Sarg aus Metall?\nIch wei\u00df keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Grabsteinen so etwa ein Dutzend\nNamen, darunter Duarte, Pereira, Sousa und Almeida, die man auf fast jedem\nGrabstein findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinten auf dem Platz neben der Kirche ist\nein \u00f6ffentliches WC. Die asymmetrische Beschilderung \u2013&nbsp;<em>Homens,&nbsp;<\/em>aber&nbsp;<em>Senhoras<\/em>&nbsp;\u2013\nf\u00fchrt uns auf Umwegen zu einer systematischen Korrespondenz zwischen Spanisch\nund Portugiesisch:&nbsp;<em>hombre<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>home<\/em>,&nbsp;<em>nombre<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>nome<\/em>,&nbsp;<em>hambre<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>fame<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich treibe zur Eile, wegen des geplanten\nMittagessens in Lous\u00e3, unn\u00f6tig, wie sich herausstellt. Bei dem Verlassen von\nG\u00f3is haben wir einen ganz neuen Blick auf den Ortseingang: hinter der Br\u00fccke\nein Felsen, auf halber H\u00f6he eine Kirche, und ganz oben eine Einsiedelei.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lous\u00e3 geht es auf direktem Wege zur\nBurg. Oder besser gesagt. zum&nbsp;<em>Burgo<\/em>. Wir haben nicht reserviert und\nhaben Gl\u00fcck gehabt, \u00fcberhaupt einen Platz zu bekommen, m\u00fcssen aber zwanzig\nMinuten warten. In der Zeit kraxeln wir ein bisschen um die Burg herum, die,\nwie wir im Reisef\u00fchrer gelesen haben, die Besonderheit aufweist, dass sie ganz\naus Schiefer gemacht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es einen Flussstrand, und\nein paar Unerschrockene in einer Gruppe von Jugendlichen, die hier herumziehen,\nsteigen unter Gegr\u00f6hle und Anfeuerungsrufen, mit den F\u00fc\u00dfen ins Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auch noch in eine der kleinen\nKapellen, die hier auf verschiedenen Niveaus in den Fels gebaut worden sind,\ninsgesamt vier, vermutlich alle irgendeiner Madonna geweiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann d\u00fcrfen wir ins Lokal, obwohl\nunmittelbar vor uns noch eine gro\u00dfe spanische Reisegruppe, lauter M\u00e4nner,\neingetreten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt regionale K\u00fcche, und die stellt\nsich mal wieder als sehr fleischlastig heraus. Und reichhaltig. Wir\nbestellen&nbsp;<em>Cozido do Talasnal<\/em>&nbsp;<em>na Broa<\/em>. Der\nWirt empfiehlt uns, nur eine Portion zu bestellen. Und das erweist sich als\nguter Tipp. Wir bekommen sie auch zu zweit nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gericht wird in einem traditionellen\nBrot serviert und sieht aus wie ein Riesenpilz. Wenn man den Kopf abnimmt,\nkommt ged\u00fcnstetes Kraut zum Vorschein, und darunter alle Fleisch- und\nWurstst\u00fccke in gro\u00dfer Auswahl. Der Speisekarte zufolge ist das Fleisch\nausschlie\u00dflich Schweinefleisch, aber Dede bestreitet das. Das Fleisch ist zart\nund schmackhaft, die reine K\u00f6stlichkeit. Das Geheimnis der K\u00fcche ist, dass bei\nallen Gerichten nur wenig frische Zubereitung erforderlich ist. Sonst k\u00f6nnten\nso viele G\u00e4ste wie die spanische Reisegruppe nicht versorgt werden. Bei den\nVorspeisen und Nachspeisen kommt das Modul-Prinzip zum Einsatz. Jede einzelne\nSpeise wird in einer kleinen, runden Tonschale serviert, und so kann man alles\nm\u00f6gliche miteinander kombinieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der Ergebnisse des Restaurantbesuchs\nist, dass es am letzten Tag kein Abendessen mehr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In aller Herrgottsfr\u00fche zum Bahnhof nach\nCoimbra. Dede nimmt den ersten Zug, der \u00fcberhaupt an diesem Tag aus Coimbra\nabgeht. Am Bahnhof k\u00fcndet ein einzelner fr\u00fcher Vogel mit lautem, unbekanntem\nGesang den Tag an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg, als es noch dunkel ist,\nsch\u00f6nes Landschaftsbild mit bl\u00e4ulichem Licht, das hinter den dunklen Bergen\nerscheint. Die B\u00e4ume auf der Bergkuppe sehen wie Scherenschnitte aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein gro\u00dfer Schrecken beim Eintreffen\nin Estrada de Viavai, von der R\u00fcckseite her. Es brennt lichterloh. Aber nicht\nbei mir. Es ist ein Bauer, der in der fr\u00fchen Morgenstunde die abgeschnittenen\n\u00c4ste seiner B\u00e4ume verbrennt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>St\u00fcrmischer Wind, und l\u00e4ngst nicht mehr so\nwarm wie in den letzten Tagen. Im G\u00e4stebuch ein Eintrag, demzufolge noch im\nJuni an 10 von 13 Tagen geheizt werden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag klopft es an der T\u00fcr. Eine\nGruppe von M\u00e4dchen verkauft Lose f\u00fcr das Dorffest von Viavai Anfang Mai. Die\nPatronin ist&nbsp;<em>Nossa Senhora do Pranto<\/em>, und so hei\u00dft auch das Fest.\nAls Preise gibt es Zicklein, Spanferkel, Schinken und eine Flasche Whisky (in\ndieser Reihenfolge). Der Hauptpreis ist eine \u00dcbernachtung im Hotel&nbsp;<em>Ansiturismo<\/em>.\nIch kaufe ein paar Lose, und sie ziehen zufrieden ab. Sie haben auch einen\nFlugzettel mit dem Hinweis auf ein Konzert in Viavai am n\u00e4chsten Samstag, aber\nda bin ich schon unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>In Harper Lees&nbsp;<em>To Kill a\nMockingbird&nbsp;<\/em>tritt eine Nachbarin auf, die&nbsp;in ihrem Garten alles\nwachsen l\u00e4sst, auch Unkraut, mit einer Ausnahme:&nbsp;<em>nut grass<\/em>. Dem\nr\u00fcckt sie sogar mit Gift zu Leibe. Einfach ausrei\u00dfen reiche nicht, erkl\u00e4rt sie\nden Kindern. Das Zeug verbreite sich wie wild. Im Internet finde ich Daten, die\ndas best\u00e4tigen: Das Unkraut,&nbsp;<em>Zyperngras<\/em>&nbsp;auf Deutsch,\nbeeintr\u00e4chtigt Felder und Plantagen von mindestens 52 Nutzungsarten, es ist das\nWildkraut, das sich in mehr L\u00e4ndern als jedes andere, mindestens 92,\nausgebreitet hat, und es nimmt in einer einschl\u00e4gigen Ver\u00f6ffentlichung unter\nden \u201cschlimmsten Unkr\u00e4utern der Welt\u201d Platz 1 ein.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis. Gro\u00dfer Feiertag in\nGriechenland. Noch neun Monate bis Weihnachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gute Wetter, mit reichlich\nSonnenschein, h\u00e4lt an, entgegen der Vorhersage. Penela gibt sich so freundlich\nwie nie, lebendiger als sonst. Ich bekomme Auskunft, wo ich einen Friseur finden\nkann. Nur ein paar Schritte von Zentrum entfernt. Man kommt sofort an die\nReihe. Die Friseuse macht die Sache gut und gr\u00fcndlich. Und kassiert daf\u00fcr 5 \u20ac!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag Motorger\u00e4usch vor der T\u00fcr.\nIch frage, ob der Wagen st\u00f6rt. Nein. Der Mann ist gekommen, um in dem kleinen\ngegen\u00fcberliegenden Weinfeld zu arbeiten. Arbeiten? Im Moment nur gie\u00dfen. Es sei\nin der letzten Zeit sehr trocken gewesen. Stimmt. Nur die kleinen Weinst\u00f6cke\nwerden gegossen, die gro\u00dfen brauchen noch kein Wasser. Er macht den Wein selbst,\naber nur f\u00fcr den Eigengebrauch, etwa 600-700 Liter. Eine ganze Menge, finde\nich. Findet er nicht. Aber selbst trinkt er gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer halben Stunde klopft es. Es ist\nwieder der Mann, Mario, wie sich herausstellt. Er fragt mich, ob ich Wein\nwolle. Na klar. Er nimmt mich mit zu sich, nur ein paar H\u00e4user weiter. In einem\nVorraum stehen mehrere F\u00e4sser und daneben zahllose Korbflaschen. Ich nehme den\nRotwein. Er f\u00fcllt zwei Korbflaschen ab. Ich frage, was er beruflich macht. Er\nist Konstrukteur, was immer das genau bedeuten mag, vielleicht so was wie\nBauunternehmer. Er baut H\u00e4user in Coimbra und vermietet sie. Die\nLandwirtschaft, Wein und \u00d6l, macht er nur so nebenbei. Viel zu viel Arbeit. Den\nWein verkauft er nicht, er verschenkt ihn. Es gibt ohnehin nicht genug\nAbnehmer. Der Wein, den ich bekomme, ist zwei Jahre alt. Der \u00e4ltere, in dem\ngr\u00f6\u00dferen Fass, sei schon nicht mehr genie\u00dfbar. Als ich ihn frage, was ich ihm\nschulde, will er von Bezahlung nichts wissen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Laufen h\u00f6re ich diesmal die richtigen\nGlocken der Kirche von Viavai, ein rhythmische Abfolge von zwei oder drei\nT\u00f6nen, aber kein Lied, wie das Marienlied von Fatima, das sonst jede halbe\nStunde gespielt wird und wohl ein Glockenspiel ist oder aus der Konserve kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht fragt eine der\nEngl\u00e4nderinnen, was&nbsp;<em>Trocadia!<\/em>&nbsp;hei\u00dfe, eine Art Ausruf, den sie\nirgendwo aufgeschnappt hat. Die Lehrerin ist aufgeschmissen. Sie fragt nach dem\nKontext. Es ist beim Abschied gefallen. Es ist&nbsp;<em>At\u00e9 outro dia!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine bestimmende Eigenart Portugals ist\nder Unterschied zwischen dem entwickelten K\u00fcstenstreifen und dem r\u00fcckst\u00e4ndigen\nInland. An dem K\u00fcstenstreifen leben 80% der Portugiesen, obwohl er nur 30% des\nLandes einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. M\u00e4rz\u00a0(Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In Coimbra ist es so warm, dass ich mir\ndas erste Eis kaufe. Dabei war das Wetter bis zum Mittag so, dass man am\nliebsten zuhause geblieben w\u00e4re. Dann pl\u00f6tzlicher Umschwung. Das Eis schmeckt\nhervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Portugal dos\nPequenitos<\/em>, ein Miniatur-Park, von Filomena\nempfohlen, liegt auf der anderen Seite des Mondego. Ganz in der N\u00e4he auch das\nalte St. Clara-Kloster und die&nbsp;<em>Quinta das Lagrimas<\/em>, zwei zuk\u00fcnftige\nZiele.<\/p>\n\n\n\n<p>In Portugal dos Pequenitos ist nicht viel\nlos, obwohl drau\u00dfen mehrere Reisebusse stehen. Sp\u00e4ter kommen Gruppen von\nGrundschulkindern rein. Das geht alles sehr diszipliniert zu, sie gehen in\nReihen von jeweils zwei, die sich die Hand geben, hinter der Lehrerin her, und\nals es einmal ein ganz klein bisschen lauter wird, h\u00e4lt die gleich eine\nStrafpredigt: Spielen und Besichtigen hei\u00dfe nicht L\u00e4rm machen. Auf der Stelle\nwird es still.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann auf dem Gel\u00e4nde grob gesprochen\ndrei Teile unterscheiden: die Kolonien, das monumentale Portugal, H\u00e4user der\nRegionen. Alles sehr sch\u00f6n, aber die Beschilderung ist ganz schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kolonien haben jeweils einen eigenen\nPavillon, in dem Dinge ausgestellt sind. Der gr\u00f6\u00dfte ist der von Brasilien, und\nder ist auch der langweiligste. Hier l\u00e4uft ein Zeichentrickfilm. Sonst gibt es\nnichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die besten sind die von Angola und\nMosambik. Da gibt es auch Kunsthandwerk zu sehen. In Mosambik f\u00e4llt ein Objekt\nauf, bei dem Elefanten dargestellt sind, einer nach dem anderen, der Gr\u00f6\u00dfe nach\ngeordnet. Elefanten im G\u00e4nsemarsch so zusagen. Der gr\u00f6\u00dfte, rechts, verschwindet\ngerade halb in einem Tunnel. Und das ganze ist aus einem Elefantenzahl\ngeschnitzt! In Angola gibt es lustig aussehende Fische, aus Knochen geschnitzt.\nSie scheinen zu lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>In S\u00e3o Tom\u00e9 sieht man Alltagsgegenst\u00e4nde,\ndarunter Fischerwerkzeuge aus Holz und Weide, und in Guinea Bissau Speere und\nPfeile f\u00fcr die Jagd, in verbl\u00fcffender Vielfalt, vor allem, was die Pfeilspitzen\nangeht. Daneben auch Musikinstrumente, darunter eins, das wie ein Dudelsack\naussieht, aber ein Streichinstrument ist, und ein Xylophon, das wirklich aus\nHolz ist!<\/p>\n\n\n\n<p>In Goa sehr sch\u00f6n gearbeitete, schlanke\nGer\u00e4te aus Messing, Kerzenst\u00e4nder, Figuren von Tieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Timor werden Volksfeste dargestellt,\naus Holz und Pappmach\u00e9. Man kommt sich wie in China vor: Drachen, Lampions,\ngeschwungene D\u00e4cher, M\u00e4nner mit flachen H\u00fcten und Ho-Chi-Minh- B\u00e4rten. Die\nBeschilderungen der L\u00e4den sind aber auf Portugiesisch, und irgendwo erscheint\nin dieser exotischen Landschaft ein Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bekommt eine Vorstellung von der Gr\u00f6\u00dfe\nund vor allem der Ausdehnung des portugiesischen Kolonialreichs, auch durch\neine gro\u00dfe Schautafel. Fast alle Entdeckungen wurden um die gleiche Zeit\ngemacht, um 1500 herum. Man sieht auch die \u201cLogik\u201d der Verteilung der\nkolonisierten L\u00e4nder als Folge der Weltumseglungen. So liegt Angola an der\nWestk\u00fcste Afrikas, Mosambik an der Ostk\u00fcste (und sind keine Nachbarn, wie ich\ndachte), und da nahm man dann eben auf der Weiterreise Mosambik, wo man schon\ngerade dabei war, auch noch mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Portugiesen waren nat\u00fcrlich immer die\nGuten. In Indien wollten sie friedlich Handel treiben, sonst nichts, und dass\nsie dabei dann Schlachten und Kriege gegen die Inder, gegen die T\u00fcrken und\ngegen die \u00c4gypter f\u00fchren mussten, das lag nur daran, dass die sie nicht in\nFrieden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Portugal sind es keine Pavillons,\nsondern Nachbildungen von Geb\u00e4uden, \u00fcber das ganze Areal verteilt. Hier fehlen\nvor allem bessere Erkl\u00e4rungen. Man hat bestenfalls kurz etikettiert, was man da\nsieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Coimbra ist gleich ein ganzer Platz\nmit verschiedenen Geb\u00e4uden dargestellt, anders zusammengef\u00fcgt, als sie in der\nStadt verteilt sind. Die Nachbildungen sind gro\u00df und detailgetreu, und manchmal\nhat man den Eindruck, das Geb\u00e4ude selbst vor sich zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Tomar gibt es die Mauer mit dem\nManuelinischen Fenster, und Armillarsph\u00e4re, Templerkreuz und K\u00f6nigswappen\ntreten an verschiedenen Stellen auf. Ansonsten wenig von dem, was ich schon\nkenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den H\u00e4usern der Regionen h\u00e4tte man erst recht\ngerne mehr Informationen bekommen. Man kann aber ein Muster erkennen: Viele\nhaben rote, halbrunde Ziegel, die meisten sind zweist\u00f6ckig, viele haben einen\ngesch\u00fctzten Raum im Freien, eine Loggia oder eine Veranda. Und sie sind alle\nverputzt, meist wei\u00df. Von diesem Muster weichen nur zwei H\u00e4user ab: ein Haus\naus einem Schieferdorf und ein Haus aus&nbsp;dem&nbsp;Tr\u00e1s-os-Montes, beide einfacher, beide steinsichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Spaziergang durch die\nInnenstadt fahre ich zur\u00fcck und mache in Penela Halt. Da bekomme ich, was ich\nin Coimbra vergeblich gesucht habe, eine Badekappe und vorzeigbare\nGeburtstagskarten. Nach der Badekappe hatte ich in Coimbra in drei Apotheken\nund sogar in einem Sportgesch\u00e4ft vergeblich gefragt, in Penela in der Apotheke\nklappt es auf Anhieb.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die drei wichtigsten Heiligen in Portugal sind\nJohannes, Peter und Antonius. Volkstanz, Feuerwerk, Sardinen und Gr\u00fcnkohlsuppe\nim ganzen Land. Ein volkst\u00fcmlicher Vierzeiler fasst es so:&nbsp;<em>L\u00e1 vem Santo\nAnt\u00f3nio\/Depois S\u00e3o Jo\u00e3o\/Depois vem S\u00e3o Pedro\/Para a reina\u00e7\u00e3o.<\/em>&nbsp;Also\nallgemeine Freude herrscht an diesen drei Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise erhellen die Heiligen\nauch eine grammatische Regel: Er hei\u00dft&nbsp;<em>Santo<\/em>, wenn sein Name mit\neinem Vokal beginnt,&nbsp;<em>S\u00e3o<\/em>, wenn sein Name mit einem Konsonanten\nbeginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den portugiesischen M\u00fcnzen sind\nk\u00f6nigliche Siegel abgebildet, aus unterschiedlichen Jahren, aber alle aus dem\n12. Jahrhundert. Die sieben Kastelle und die f\u00fcnf Wappen tauchen auch hier\nwieder auf, aber man kann die Details kaum erkennen, auch den Unterschied\nzwischen den einzelnen Siegeln nicht. Die Optik ist aber sehr ansprechend.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der 29. M\u00e4rz, der Tag, an dem die Briten\ndefinitiv die EU verlassen. Das wussten wir seit zwei Jahren, und immer wieder\nwurde der Termin genannt, auch von der Premierministerin. Jetzt passiert es\nheute nicht, sondern irgendwann in der Zukunft, wenn \u00fcberhaupt. Im Radio immer\nwieder B\u00fcrger, die entt\u00e4uscht sind (zu Recht) und von der Diktatur der EU\nsprechen (zu Unrecht). Warum sagt denen niemand, dass GB weder den Euro hat\nnoch bei Schengen mitmacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Miranda nehme ich\ndenselben Bauern mit, den wir auch letzte Woche mitgenommen haben. Als ich das\nerw\u00e4hne, antwortet er mit einem Redeschwall, von dem ich nichts verstehe,\nirgendwas von einer Frau, die ihm auf die Schulter geklopft und ihm ihre\nTelefonnummer gegeben, die er aber nie wiedergesehen habe. Beim Aussteigen\nbedankt er sich \u00fcberschw\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht lerne ich etwas \u00fcber\nportugiesische Ostersitten. Am Ostersonntag (oder auch am Ostermontag) zieht\nder Pfarrer mit Begleitung durch die D\u00f6rfer. Er fragt nach dem Befinden und\nsegnet das Haus mit Weihwasser. Den Service gibt es aber nicht umsonst. Man\nm\u00f6ge Mandeln mit Zuckerguss bereithalten und einen Umschlag mit einer Spende\nf\u00fcr die Pfarre.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stellung des Personalpronomens ist\nverzwickt. Ich frage nach den drei theoretisch bestehenden M\u00f6glichkeiten:&nbsp;<em>Me\npode ajudar? Pode-me ajudar? Pode ajudar-me?&nbsp;<\/em>Davon ist die letzte\nkanonisch richtig, die erste (im Spanischen normal) schlichtweg falsch, die\nandere brasilianisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer noch offen ist die Frage nach der\nBezeichnung der Stra\u00dfen. Filomena meint,&nbsp;<em>CM<\/em>&nbsp;stehe f\u00fcr&nbsp;<em>Caminho\nMunicipal<\/em>. Und warum hei\u00dfen Stra\u00dfen auf der Karte&nbsp;<em>N<\/em>, aber nicht\nunterwegs?<\/p>\n\n\n\n<p>Was die S\u00e4rge in den Mausoleen angeht,\nvermutet Filomena auch, dass die Toten nicht in den Holzs\u00e4rgen liegen, sondern\nin einem inneren Sarg aus Metall, aber sie hat sich dar\u00fcber auch noch keine\nGedanken gemacht. Sie berichtet, dass Ein\u00e4scherungen immer noch selten sind,\nwenn auch nicht mehr ganz so ungew\u00f6hnlich wie vorher. Bis vor kurzem sei das\nn\u00e4chste Krematorium in Figueira da Foz gewesen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht gehe ich bei\nstrahlendem Sonnenschein die steilen Gassen von Miranda rauf, zur Kirche, wie\nvon Dede empfohlen. Man sieht deutlich, dass der jetzige Kirchturm urspr\u00fcnglich\nnicht dazugeh\u00f6rte. Er war Teil der alten Festung, wurde dann umgewidmet und zu\neinem Kirchturm hergerichtet. Jetzt hat man ihn wieder in seinen urspr\u00fcnglichen\nZustand versetzt. Nur die Uhr erinnert noch an das fr\u00fchere Aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter sind die Ausgrabungen, die\nhier in den letzten Jahren stattgefunden haben. Auch davon hat Dede bereits erz\u00e4hlt.\nMan hat mittelalterliche Gr\u00e4ber gefunden, Gr\u00e4ber ganz besonderer Art. Sie sind\nin den Stein gehauen und \u201ema\u00dfgeschneidert\u201c. Schon zu Lebzeiten lie\u00df man sich\nvermessen und dann von einem Steinmetz ein passendes Grab herrichten. Auff\u00e4llig\nist, der Beschilderung zufolge, auch die Ausrichtung der Toten, die nicht der\nchristlichen Tradition der Ostausrichtung folgt. Warum, ist aber wohl nicht\ngekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Glockenschlag der Kirche von\nViavai geht es los. Je weiter Richtung S\u00fcden ich komme, umso schlechter wird\ndas Wetter, und unterwegs fallen sogar ein paar Tropfen. In Evora ist es dann\naber wieder sonnig und warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht Richtung Lissabon, \u00fcber Tomar und\nSantar\u00e9m und einem Ort, der Entroncamento hei\u00dft. Ich habe den Namen einmal am Bahnhof\nin Coimbra gelesen, ohne zu wissen, dass es ein Ortsname war. H\u00f6rte sich nach\nVersp\u00e4tung an. Tats\u00e4chlich hat&nbsp;<em>entroncamento<\/em>&nbsp;eine Bedeutung:\nEs hei\u00dft \u201aKnotenpunkt\u2018.&nbsp;Ob die Stadt wirklich deshalb so hei\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer neu erworbenen CD gibt es Fado-Musik,\nverschiedene Interpreten. Ziemlich genau das, was man erwartet: getragene\nMelodien, langgezogene Silben, manchmal Vibration in der Stimme. Das ist alles\nganz sch\u00f6n, aber auf Dauer etwas eint\u00f6nig. Immer wieder kommt&nbsp;<em>palavras<\/em>&nbsp;vor\nund&nbsp;<em>mentira<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>pracer<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>eu<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>tu<\/em>&nbsp;und\nnat\u00fcrlich&nbsp;<em>amor<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he von Lissabon geht es \u00fcber den\nbreiten Tejo. Es ist so gut wie niemand unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio l\u00e4uft jetzt ein Popsong. Ich\nverstehe jedes Wort. Es ist Spanisch. Dann wechselt der S\u00e4nger, und es geht auf\nPortugiesisch weiter. Irgendwann treffen sie sich und singen den Refrain\ngemeinsam, zweisprachig. Der Text scheint in beiden Sprachen der gleiche zu\nsein. Ich schnappe auf: \u201e\u00bfAd\u00f3nde vas? Sin ti no puedo. El tiempo pasa \u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>An den Autobahnrastst\u00e4tten wird auch in\nPortugal abkassiert. Aber die Benutzung des WCs&nbsp;ist umsonst. Auch bei der\nMaut wird wieder ordentlich ins Portemonnaie gegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Autobahn sitzen Leute am\nStra\u00dfenrand und verkaufen schon frischen Spargel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Autoradio f\u00e4llt der Name&nbsp;<em>Neckermann<\/em>.\nEs geht ums Reiten. Ein Experte spricht \u00fcber die Vorteile alter Reitpferde.\nDann verlie\u00dfen sie ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die m\u00e4chtigen Stadtmauern von\nEvora in Sicht. Sie sind komplett erhalten und pr\u00e4gen das Bild der Stadt und\ndas Leben in der Stadt. Die meisten Einwohner leben innerhalb der Stadtmauern,\nund Autos fahren durch die engen Stra\u00dfen an den Touristen vorbei bis zur&nbsp;<em>Pra\u00e7a\ndo Giraldo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Evora hat 50.000 Einwohner und ist, das\nsind die wichtigsten Eckdaten, Universit\u00e4tsstadt, UNESCO-Welterbe und Hochburg\nder Kommunisten, wie der ganze Alentejo. Es hatte seine Hochzeit um den Beginn\nder Neuzeit herum, als es K\u00f6nigsresidenz war. Mit der Schlie\u00dfung der\nUniversit\u00e4t ging es den Bach runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel ist modern und liegt direkt\nhinter einem der m\u00e4chtigen Stadttore. Es hat eine geschwungene Fassade, passt\nsich aber in H\u00f6he und Farbe den alten, wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4usern an. Wie sie das\nhier reingebaut haben, ist ein R\u00e4tsel. Ob hier abbruchreife H\u00e4user standen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die freundliche junge Frau an der\nRezeption l\u00e4sst ich darauf ein, alles auf Portugiesisch zu erkl\u00e4ren,\neinschlie\u00dflich des Weges, auf dem ich das Auto in die Altstadt und in die\nhoteleigene Garage bekomme. Klappt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich gleich auf den Weg. Unsere\nStra\u00dfe, kopfsteingepflastert wie alles andere hier, f\u00fchrt direkt auf die&nbsp;<em>Pra\u00e7a\ndo Giraldo<\/em>, einem gro\u00dfen, ovalen Platz mit vielen Stra\u00dfencaf\u00e9s. Hier ist\nordentlich was los, Einheimische und Touristen vermischen sich. Die meisten\nTouristen kommen aus Spanien.&nbsp;Nach&nbsp;Badajoz&nbsp;ist es gerade mal\neine Stunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadtmauern ziehen sich in einiger\nEntfernung fast konzentrisch um den Platz&nbsp;herum. Aus welcher Zeit sie\nstammen, ist nicht herauszubekommen: r\u00f6misch, westgotisch, maurisch,\nportugiesisch? Vielleicht von allem etwas. Sie wirken jedenfalls nicht ganz so\nalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe gleich zur Kathedrale. Die\nziemlich abweisenden T\u00fcrme werden ein bisschen aufgehellt durch verschiedene\nFenster, vor allem im Nordturm, darunter eins der typisch maurischen\nDoppelfenster, zwei Hufeisenb\u00f6gen unter einem gemeinsamen Bogen. Der S\u00fcdturm ist\nfast fensterlos, hat daf\u00fcr ein Glockengeschoss.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Portal sind die Figuren der zw\u00f6lf\nApostel am Gew\u00e4nde angebracht, mit den typischen Attributen. Zwei von ihnen\nsind von den andern abgesetzt, darunter Petrus, der etwas verloren in die H\u00f6he\nguckt. Die anderen Apostel sehen sich gegenseitig an und scheinen teils\nmiteinander zu kommunizieren. Petrus hat eine deutlich andere Barttracht, so\nals k\u00e4me er gerade vom Friseur, der ihm den Bart in feinste kleine Locken\ngewickelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den F\u00fc\u00dfen&nbsp;der Apostel, vor\nallem links, erscheinen kuriose Motive, darunter zwei Meerjungfrauen und ein\nAffe, der sich die Seite kratzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist siebzig Meter lang und\ndamit die gr\u00f6\u00dfte Portugals. Sehr sch\u00f6n ist die Granitquaderung, grauer Stein,\nwei\u00df gefugt. Die zieht sich durch den ganzen Bau: Seitenw\u00e4nde, B\u00fcndelpfeiler,\nGew\u00f6lbe, Querschiffarme.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Katastrophe ist dagegen der Chor mit\nseinem aufdringlichen Marmor. Man kommt sich wie in Bayern vor, und siehe da:\nEin bayerischer Baumeister hat diese Baus\u00fcnde begangen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Langhauses ein schwangere\nMadonna, ein h\u00e4ufiges Motiv in Portugal. Sie h\u00e4lt eine Hand sch\u00fctzend auf ihren\nLeib. Diese Darstellung der Jungfrau kurz vor der Niederkunft stammt aus\nSpanien und hei\u00dft dort, mit einem&nbsp;geradezu kindlichen Verst\u00e4ndnis der\nrunden Form:&nbsp;<em>Mar\u00eda de la O<\/em>. Das gibt es auch als M\u00e4dchennamen. Hier\nin Portugal, wo die Buchstaben Maskulinum sind, hei\u00dft sie&nbsp;<em>Nossa Senhora\ndo \u00d3<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa in der Mitte des Langhauses kann man\noben \u00fcber den B\u00f6gen eine skulptierte B\u00fcste sehen. Die soll den Baumeister der\nKathedrale darstellen. Daneben stehen seine Initialen. Die kann man allerdings\nvon hier aus nicht erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es rauf auf die Terrasse, von\nReisef\u00fchrer ausdr\u00fccklich empfohlen, nicht nur wegen des Blicks auf die Stadt,\nsondern auch, weil man dann den geschuppten Turm \u00fcber der Vierung und andere\nkleine, ebenfalls geschuppte T\u00fcrme direkt vor sich hat. Solche T\u00fcrme kenne ich\naus Kastilien, Zamora oder Soria oder beides.<\/p>\n\n\n\n<p>Man steht gleich vor den Zinnen, die fast\ndas ganze Kathedralendach umfassen, und nicht umsonst wird hier dreisprachig\nauf die Gefahr hingewiesen, portugiesisch:&nbsp;<em>Perigo<\/em>. Wieder haben sie\nmit&nbsp;<em>perigo<\/em>&nbsp;die k\u00fcrzere Form vorgezogen gegen\u00fcber&nbsp;<em>peligro<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>pericolo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier hat man auch einen Blick in den\nKreuzgang hinunter. Der sieht eher einfach und etwas rustikal aus, aber wenn\nman unten ist, gewinnt er durch das sch\u00f6ne Licht, das einf\u00e4llt. Der Kreuzgang\nist einst\u00f6ckig und soll gotische B\u00f6gen haben. Das trifft aber wohl nur auf die\nan den vier Ecken zu.<\/p>\n\n\n\n<p>An jeder dieser Ecken steht eine\nEvangelistenfigur, mit ruhigem, w\u00fcrdigen Gesichtsausdruck. Alle halten sie ein\naufgeschlagenes Buch mit Text in der Hand und verweisen mit dem Finger darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ecke das Grabmal des Begr\u00fcnders\nder Kathedrale, mit Mitra, aber ohne Bischofsstab. Er wird von zwei Engeln\ngebettet, die eine sehr unbequem aussehende K\u00f6rperhaltung einnehmen. Einer hat\neinen krankhaft aussehenden Fu\u00dfballen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Kreuzgang kann man nach oben\nsteigen, und das lohnt sich in erster Linie wegen einer Marmorplatte mit der\nAbbildung eines Raubritters, Geraldo sem Pavor. Durch eine List eroberte er die\nStadt von dem Mauren zur\u00fcck. Auf der Marmorplatte ist er abgebildet mit Schwert\nund den abgeschlagenen K\u00f6pfen des Kalifen und dessen Tochter, die vorher seine Geliebte\ngewesen sein soll.&nbsp;Manchmal muss man eben kleinere Konzessionen machen,\nwenn es um den sozialen Aufstieg geht.&nbsp;Diese entz\u00fcckende\nDarstellung&nbsp;sieht man heute&nbsp;im Stadtwappen von Evora!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins&nbsp;Dommuseum.&nbsp;Dort\nsteht ein riesiger, h\u00f6lzerner Leuchter in Form eines nach oben weisenden\nDreiecks. Der Leuchter hat Platz f\u00fcr 15 Kerzen. Er kam bis zum 2. Vatikanum in\nder Liturgie der Karwoche zum Einsatz: Mit jedem Psalm oder Lied wurde eine der\nKerzen gel\u00f6scht, bis Dunkelheit herrschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Prunkst\u00fcck des Museums ist eine\nElfenbeinmadonna. Sie h\u00e4lt das Jesuskind auf dem Arm. So weit, so gut. Aber:\nDie Figur l\u00e4sst sich \u00f6ffnen, und zum Vorschein kommt ein Triptychon, das in\nneun Szenen mit ganz winzigen Figuren Szenen aus dem Marienleben darstellt, darunter\nauch hier, wie schon in Viseu, das Herabkommen des Heiligen Geists. Da ist\nMaria mitten unter den J\u00fcngern dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls wie in Viseu eine Darstellung\nder Trinit\u00e4t. Die hat mich damals schon verwundert: Gott Vater sitzt und h\u00e4lt\ndas Kreuz mit dem gekreuzigten Sohn in der Hand. Und der Heilige Geist? Keine\n\u00fcber den Duo schwebende Taube zu erkennen. Stattdessen eine Hand im Bart von\nGottvater!<\/p>\n\n\n\n<p>Unweit der Kathedrale steht der Templo\nRomano, nicht ein Diana-Tempel (obwohl er so genannt wird), sondern wohl ein\nTempel zur Glorifizierung des Herrschers. Schrecklich viel ist nicht erhalten:\nein gutes Dutzend kannelierter S\u00e4ulen mit gro\u00dfen korinthischen\nMarmor-Kapitellen und ein Teil des Architravs. Aber der Tempel macht sich gut\nals Vordergrund f\u00fcr die Kathedrale und die wei\u00dfen H\u00e4user um sie herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur anderen Seite ist eine Terrasse mit\neinem Blick auf die weite, flache Landschaft des Alentejo. Das sieht ganz, ganz\nanders aus als bei uns im Beira Litoral.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits des Zentrums, aber innerhalb\nder Stadtmauern liegt die&nbsp;<em>Taberna Quarta-Feira<\/em>, von Filomena\nempfohlen. Ohne Reservierung? Keine Chance!<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Zufall finde ich dann auf dem\nR\u00fcckweg ein anderes Lokal mit einem kuriosen Namen:&nbsp;<em>\u00bc para as 9<\/em>.\nHier ergattere ich einen Platz. Au\u00dfer einer Asiatin bin ich der einzige\nAusw\u00e4rtige. Es ist rappelvoll und laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem freundlichen Wirt erfahre ich am\nEnde den Grund f\u00fcr den kuriosen Namen des Lokals. Die Besitzer hatten das Lokal\ngerade eingerichtet und suchten nach einem Namen. Da fiel ihr Blick auf eine\nstehen gebliebene Wanduhr. Auf der war es Viertel vor neun. Da hatten sie einen\nNamen. Die Uhr h\u00e4ngt immer noch da, nach 42 Jahren.&nbsp;Und zeigt immer noch\nViertel vor neun.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch zu einem weiteren Platz, der\nin den Reisef\u00fchrern erw\u00e4hnt wird:&nbsp;<em>Largo da Porta de Moura<\/em>.\nUnterwegs komme ich an der&nbsp;<em>Rua dos Tres Senhores<\/em>&nbsp;vorbei und an\neinem Hinweisschild auf ein Lokal mit dem Namen&nbsp;<em>Garfo<\/em>, \u201aGabel\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes ein\nMarmorbrunnen, der erst durch die Information in den Reisef\u00fchrern interessant wird:\nDie Einfassungen des Beckens sind stark eingekerbt. Hier wurden die Amphoren\nabgest\u00fctzt, um sie durch Blechtrichter mit Wasser zu f\u00fcllen. Habe solche\nEinkerbungen schon \u00f6fter gesehen, aber deren Sinn nie verstanden. Die Becken\nunterhalb dienten als Viehtr\u00e4nke.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem wei\u00dfen Haus des Platzes ein\nAusguck mit deutlich maurisch inspirierter Form. Ein sch\u00f6nes Photomotiv, zumal\nder Himmel blau ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man den Platz verl\u00e4sst, kommt man\ndurch zwei r\u00f6mische Stadttore, die man trotz ihrer\nGr\u00f6\u00dfe&nbsp;leicht&nbsp;\u00fcbersehen kann.&nbsp;Gleich dahinter ein manuelinisches\nFenster. Das ist das Haus des Humanisten Garcia de Resende. Er war unter zwei\nK\u00f6nigen, Jo\u0433o II. und Manuel, in unterschiedlichen Funktionen t\u00e4tig und wurde\nbekannt als \u00dcberbringer eines Geschenks an den neu gew\u00e4hlten Papst Leo X: einen\nElefanten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00fcdigkeit macht sich bemerkbar, auch\nwenn nicht zu entscheiden ist, ob es&nbsp;am&nbsp;Kopfsteinpflaster,&nbsp;an\nder&nbsp;Sonne oder doch&nbsp;am Bier liegt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>An einem k\u00fchlen, sonnigen Morgen gehe ich\ndurch die menschenleeren Stra\u00dfen zur&nbsp;<em>Pra\u00e7a do Giraldo<\/em>&nbsp;zu einem\nkleinen Fr\u00fchst\u00fcck&nbsp;in einem gro\u00dfen Caf\u00e9.&nbsp;Im Schaufenster liegen lauter\nK\u00f6stlichkeiten, deren Namen ich noch nie geh\u00f6rt habe:&nbsp;<em>Folar com Gila<\/em>,&nbsp;<em>Costas\nde Aviz<\/em>,&nbsp;<em>Azevias<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz hat seine Besonderheit durch\nseine Asymmetrie: Der Brunnen am einen Ende hat kein Gegengewicht am anderen\nEnde, die wei\u00dfe Kirche an einer der Stirnseiten steht etwas versetzt, und\nArkadeng\u00e4nge gibt es nur an einer Seite. Die H\u00e4user sind unterschiedlich breit,\naber etwa gleich hoch und alle wei\u00df get\u00fcncht.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Brunnen sind acht Fratzen\nangebracht, die das Wasser in das Becken spucken. Sie stehen f\u00fcr die acht\nStra\u00dfen, die auf diesen Platz gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Platz ist immer der zentrale Platz\nder Stadt gewesen, und eine in den Boden eingelassene Plakette erw\u00e4hnt auch die\nHexenprozesse und Hexenverbrennungen, die hier stattfanden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Rua da Rep\u00fablica, die auf diesen\nPlatz geht, sind H\u00e4user in die alte Stadtmauer eingebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es zur Franziskanerkirche\nund einer der ganz gro\u00dfen Touristenattraktionen Evoras, der Knochenkapelle. Das\nMotto steht gleich am Eingang: \u201eN\u00f3s ossos que aqui estamos \u2013 pelos vossos\nesperamos\u201c. Die Knochen, die uns erwarten, das sind die Knochen von etwa 5000\nToten, die hier, fein s\u00e4uberlich angeordnet, W\u00e4nde und Pfeiler \u201eschm\u00fccken\u201c. Es\nliegt eine Art schwarzer Humor in der Art, wie Totensch\u00e4del und Knochen zu\nerkennbaren Mustern zusammengef\u00fcgt sind. Nat\u00fcrlich ist das ganze gemeint\nals&nbsp;<em>momento<\/em>&nbsp;<em>mori<\/em>, das ist jedenfalls die offizielle Lesart. Es gibt\naber auch einen ganz praktischen Grund: Die Kapelle war eine gute Gelegenheit,\ndie \u00fcbervollen Friedh\u00f6fe der Stadt&nbsp;leerzur\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Franziskanerkirche liegt am Rande\neines Parks. Darin eine Kirche mit&nbsp;maurischen&nbsp;Elementen&nbsp;an der Fassade,\ndie allerdings nur teils zu sehen sind, weil sie gerade restauriert wird. Ich\nfrage einen \u00e4lteren Herrn, was f\u00fcr eine Kirche das sei. Kirche? Das ist keine\nKirche, das ist ein Palast. Der wird meist f\u00fcr Kunstausstellungen genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch noch im Park ebenfalls maurisch\nwirkende Ruinen, vor allem hintereinander versetzte B\u00f6gen. Auf denen\nhaben&nbsp;sich dekorativ ein paar Pfaue platziert. Der Pfau, den ich\nphotographieren will, weigert sich aber, mich anzusehen. Trotzdem alles sehr\nphotogen, und mir kommen Zweifel, ob es sich um \u201eechte\u201c Ruinen handelt oder ob\ndie bereits als Ruinen in den Park gesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe dann noch an der Igreja da Gra\u00e7a\nvorbei. Die ist besonders bekannt f\u00fcr ihre \u201eschweren Jungs\u201c. Wirklich ganz\nungew\u00f6hnlich. Sie hocken oben an der Fassade, zwei rechts, zwei links, und\nhalten Atlanten. Sie sehen nicht gerade heldenhaft-antik aus, sondern eher wie\nungeschlachte Steinzeitmenschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Universit\u00e4t komme ich an\neiner modernen Skulptur vorbei, die aussieht, als w\u00e4re sie keine. Leider gibt\nes keinerlei Beschilderung dazu. Es ist ein Steinsarkophag, in den eine\nebenfalls steinerne Leiche eingelassen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zur Universit\u00e4t erweist sich als\nschwierig. Ich bin schon einmal ganz um ein gro\u00dfes Areal herumgegangen, als ich\neinen weiteren Passanten nach dem Weg frage. Diesmal merke ich es: Die\nUniversit\u00e4t ist heute geschlossen. Man sieht nur ein kleines St\u00fcck der\nRenaissance-Fassade durch zwei Gitter hindurch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Universit\u00e4t war die zweite Portugals.\nSie wurde von Pombal geschlossen, aus seiner Ablehnung der nach seiner Ansicht\nr\u00fcckst\u00e4ndigen Jesuiten heraus. Evora verfiel dann, in einer bemerkenswerten\nParallele zu Trier, in den Dornr\u00f6schenschlaf, bis die Universit\u00e4t nach dem\nKrieg neugegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles gesehen in Evora, vieles nicht\ngesehen, aber hier geht es sowieso eher um das Ensemble. Und das ist wirklich\nsch\u00f6n. Ob man allerdings in der Hauptsaison hier sein wollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ruckelndem Kopfsteinpflaster geht es\num viele Ecken aus Evora raus. Bald kommt man auf die IP 2, eine gut ausgebaute\nLandstra\u00dfe. Es geht durch eine flache Gegend, und die Stra\u00dfe hei\u00dft nicht\numsonst&nbsp;<em>Ruta da Planicie<\/em>. Erst kommen Weinfelder in Sicht, ganz\nkleine Weinst\u00f6cke, ganz regelm\u00e4\u00dfig gesetzt, durch Dr\u00e4hte in Reihen und Quadrate\neingeteilt. Sp\u00e4ter kommen Olivenb\u00e4ume und \u00c4cker, vermutlich Kartoffel\u00e4cker.\nDann die ersten Schweine, dann K\u00fche, dann Schafe, dann ein paar vereinzelte\nPferde, alle in geh\u00f6rigem Abstand voneinander, keine riesigen Herden, aber\nimmerhin. Am besten sind die K\u00fche vertreten. Von der IP 2 geht auf die\nkurvenreiche, enge N 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Es zieht sich zu, dann ein Blitz am\nHorizont, und dann geht es los. Regen und Hagel. Es donnert aufs Dach, und es\nwird mir in dieser gottverlassenen Gegend ganz anders angesichts der von\nHagelk\u00f6rnern wei\u00dfen und an tiefen Stellen \u00fcberfluteten Stra\u00dfe. Aber am Horizont\nbleibt es hell, und nach einer Stunde ist der Spuk vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nlassen&nbsp;<em>Coitos<\/em>&nbsp;rechts liegen \u2013 interessiert uns nicht \u2013 und\nfahren lieber nach&nbsp;<em>Almod\u00f4var<\/em>. Danach kommt dann bald der Abstieg\nzur K\u00fcste und nach Faro.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nerste Eindruck von Faro ist nicht so toll. Alles grau, kein erkennbares\nStadtbild, und vom Wasser her riecht es schlecht. Was das hier ist, ein\nHafenbecken oder eine Lagune oder was immer, wird mir nicht klar. Faro soll\neinen langen Sandstrand haben, aber der kommt hier nicht in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Geparkt\nhabe ich in der N\u00e4he einer wei\u00dfen Kirche. Die hat einen ehrenwerten\nNamen:&nbsp;<em>Igreja da Vener\u00e1vel Ordem Terceira de Nossa Senhora do Monte do\nCarmo de Faro<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner riesigen Cafeteria in der N\u00e4he der Kirche kommt es zu einem sch\u00f6nen\nMissverst\u00e4ndnis: Ich beschreibe der Kellnerin ein Geb\u00e4ck, das ich an der Theke\ngesehen habe, und sie sagt: Salami? Nein, sage ich, etwas S\u00fc\u00dfes, zum Kaffee.\nJa, sagt sie, die Salami sei s\u00fc\u00df. Es ist genau das, was ich gemeint habe. Hei\u00dft\nvermutlich Salami wegen der hellen St\u00fcckchen im dunklen Teich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur Wohnung. Die liegt im achten Stock eines gew\u00f6hnlichen Hochhauses in\neinem Bezirk am Rande des Stadtzentrums, das an H\u00e4sslichkeit kaum zu \u00fcberbieten\nist. Aber als sich die T\u00fcr zur Wohnung \u00f6ffnet, \u00e4ndert sich der Eindruck\nschlagartig. Alles ist sauber und modern und bequem.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHausherr ist auf Reisen und ich werde von der Hausherrin, Dona Marlene, in\nEmpfang genommen. Ich verstehe alles, was sie sagt, praktisch jedes Wort. Sie\nl\u00fcftet das Geheimnis: Brasilianerin. Alle sagten, sie verst\u00fcnden sie besser als\nihren Ehemann, der Portugiese ist. Die Portugiesen spr\u00e4chen mehr \u201enach innen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nwerde durch die ganze Wohnung gef\u00fchrt, auch auf die verschiedenen\nBalkone:&nbsp;Hochh\u00e4user, Parkpl\u00e4tze, ein Supermarkt, ein Fernsehturm, ein\nschmaler Gr\u00fcnstreifen entlang der breiten Stra\u00dfe. Am paar Berge am Horizont,\nund irgendwo in der Ferne kann man das Meer erahnen.&nbsp;Wenn ich es nicht aus\nSpanien anders w\u00fcsste, w\u00fcrde ich mich wundern, dass das als \u201esch\u00f6ner\nAusblick\u201c&nbsp;gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nnoch eine weitere Sch\u00fclerin der Sprachschule hier untergebracht, ebenfalls eine\nDeutsche. Eine Bayerin, wie Dona Marlene versichert. Die Bayerin erweist sich\nsp\u00e4ter als Schw\u00e4bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nihr letzter Abend hier und sie l\u00e4dt auf ein Glas Sekt zum Abschied ein. Sie\nspricht flie\u00dfend Portugiesisch, mit viel Selbstvertrauen, aber ich verstehe\nkaum ein Wort. Sie spricht wohl auch eher \u201enach innen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nwichtig in der Gastronomie dieser Gegend sind die Sardinen. Detailliert doziert\nDona Marlene \u00fcber die Qualit\u00e4t der Sardinen zu den verschiedenen Jahreszeiten.\nAm besten seien sie im Juni. Jetzt seien sie noch zu d\u00fcnn.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nHausherrin hat seit drei Jahren Sprachsch\u00fcler hier, das ganze Jahr \u00fcber. Der\n\u00e4lteste war ein Schweizer. 82. Er hatte sich \u00fcberlegt, er wolle Portugiesisch\nlernen. Nur so. Wir finden das alle drei richtig. Die meisten w\u00fcrden ihm (und\nuns) aber wohl den Vogel zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. April (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Dom\nCarlos, der Hausherr, stammt aus Lissabon. Dort war er am Wochenende, um seine\nkranke Mutter zu besuchen. F\u00fcnf Stunden mit dem Bus, einem, der an jeder Ecke\nh\u00e4lt. Auch er hat sintflutartigen Regen unterwegs gehabt. Hier in Faro hat man\ndavon nichts gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSchw\u00e4bin f\u00e4hrt mit mir runter, um mich auf den Weg zu schicken. Im Aufzug\ntreffen wir auf die brasilianische Schwester der Hausherrin. Als die Schw\u00e4bin\nerz\u00e4hlt, sie fahre Weihnachten nach Brasilien, ist sie ganz aus dem\nH\u00e4uschen.&nbsp;<em>Paradise Lost<\/em>. Wenn es dort so toll ist, warum leben sie\ndann alle im Ausland?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rua\nGeneral Humberto Delgado muss die unbekannteste Stra\u00dfe Faros sein. Am Ende, als\nich sie finde, stellt sich heraus, dass ich vorher hier in der Gegend und sogar\nauf der Stra\u00dfe selbst nach ihr gefragt habe. Etwas weiter von hier entfernt hat\nmir ein \u00e4lterer Mann gesagt, dies hier w\u00e4re die Rua General Humberto Delgado.\nWar es aber nicht. Ich d\u00fcrfte nicht \u00fcberrascht sein. Die Leute kennen\nStra\u00dfennamen nicht. Hier und \u00fcberall. Der Orientierungspunkt ist hier der&nbsp;<em>Mercado\nMunicipal<\/em>. Nach dem h\u00e4tte ich fragen m\u00fcssen. Den kennt jeder. Immerhin ist\ndie st\u00e4ndige Wiederholung des Stra\u00dfennamens eine gute \u00dcbung. Er enth\u00e4lt alle\ng\u00e4ngigen Ausspracheprobleme au\u00dfer Nasalen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nSchule geht es sehr professionell zu. Der Einstufungstest besteht aus\nGrammatik, Vokabular, Leseverst\u00e4ndnis und Interview. Allerdings geht es bei der\nGrammatik fast nur um den Konjunktiv, so als ob man ab einem bestimmten Niveau\nnicht mehr \u00fcber gestern oder seine Vorlieben spr\u00e4che oder Fragen stellen w\u00fcrde.\nUnd bei dem Leseverst\u00e4ndnis \u2013 ein sehr sch\u00f6ner Text \u00fcber ein junges M\u00e4dchen im\n\u201eGespr\u00e4ch\u201c mit seinen Eltern \u2013 scheint es nicht darum zu gehen, ob man den Text\nverstanden hat, sondern darum, ob man die Fragen im Sinne der Lehrerin\nbeantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Spanischkenntnisse&nbsp;werden\nnicht so gerne gesehen. Sie gelten als so etwas wie die Erbs\u00fcnde, mit der man\nsich infiziert hat.&nbsp;Wenn die rauskommen,&nbsp;bekommt man\nteils&nbsp;mitleidsvolle, teils vorwurfsvolle Blicke.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde, nach einer strengen Durchsicht des Tests, geben sie mir Einzelunterricht.\nDen erteilt eine \u00e4ltere, sehr lebhafte und gespr\u00e4chige Dame, Dona Lurdes. Sie\nstammt aus Lissabon und hat fr\u00fcher in Mosambik gelebt und gearbeitet. Sie\nhat&nbsp;dort&nbsp;unterrichtet, Portugiesisch und Franz\u00f6sisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\num verbalen Formen. Was sonst? Darunter denen einer grammatischen Struktur, der\nich noch in keiner anderen Sprache begegnet bin: dem pers\u00f6nlichen Infinitiv.\nDen gibt es neben dem \u201enormalen\u201c, dem&nbsp;unpers\u00f6nlichen Infinitiv. Gebraucht\nwird er so \u00e4hnlich wie der Konjunktiv. Die Formen sind ganz regelm\u00e4\u00dfig, aber an\ndie Sache an sich muss man sich erst gew\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nPause trinken wir Kaffee mit einem Schweizer. Er ist schon seit zwei Monaten\nhier an der Schule und hat als kompletter Anf\u00e4nger begonnen. Er wohnt au\u00dferhalb\nvon Faro, in Tavira, und kommt morgens auf umst\u00e4ndlichem Weg mit dem Zug zur\nSchule. Da, wo er wohnt, spricht kein Mensch Portugiesisch au\u00dfer dem\nJiujitsu-Lehrer, und der kann kaum Englisch und kein Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nSchweizer, Rico,&nbsp;ist auch einer&nbsp;der&nbsp;von anderen romanischen\nSprachen Gesch\u00e4digten und erwischt mich voll bei&nbsp;<em>cambiar<\/em>. Das gibt\nes&nbsp;auch im Portugiesischen. Aber&nbsp;nur f\u00fcr den Geldtausch. Sonst hei\u00dft\nes&nbsp;<em>mudar<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>trocar<\/em>.&nbsp;Daran muss man sich\nerst mal gew\u00f6hnen, nachdem man jahrelang&nbsp;<em>cambiar<\/em>,&nbsp;<em>change<\/em>,&nbsp;<em>changer<\/em>,&nbsp;<em>cambiare<\/em>&nbsp;f\u00fcrs\nWetter, f\u00fcr die Stimmung, f\u00fcr die Kleidung, f\u00fcr Sitten und Gebr\u00e4uche und alles\nm\u00f6gliche andere gebraucht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Rico&nbsp;kennt\nauch die Schw\u00e4bin ganz gut. Und verr\u00e4t, dass die l\u00e4nger in Brasilien gelebt hat\nund mit einem Brasilianer verheiratet gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Unterricht komme ich an dem Wappen Faros vorbei, vor dem&nbsp;<em>Mercado\nMunicipal<\/em>&nbsp;angebracht. Dort erscheint kein Raubritter mit\nabgeschlagenen K\u00f6pfen, sondern eine Jungfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im\nStadtzentrum liegt auch das Stadion des SCP. Es hat ebenfalls einen frommen\nNamen:&nbsp;<em>S\u0433o Luis<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;<em>Paladar\nFarense<\/em>&nbsp;erteilt&nbsp;gratis&nbsp;die&nbsp;Information\n\u00fcber das zu Faro geh\u00f6rende Adjektiv.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nN\u00e4he des Marktes ein Gesch\u00e4ft, bei dem es hei\u00dft:&nbsp;<em>Compramos<\/em>&nbsp;<em>a\ndinheiro<\/em>. Eine Bar hei\u00dft&nbsp;<em>\u00c1 da Nazar\u00e9<\/em>.\nUnd das Motto des portugiesischen Lidl&nbsp;ist&nbsp;<em>Mais para si<\/em>.&nbsp;Lauter\nDinge, die ich nicht verstehe.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck frage ich Dom Carlos, ob er zu Benfica oder zu Sporting halte. Nein,\nf\u00fcr Benfica sei sein Widerspruchsgeist zu gro\u00df. Das w\u00e4re zu einfach. F\u00fcr\nBenfica ist einfach jeder. Kommt mir irgendwie bekannt vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\nherrscht Lehrermangel, und ich habe Unterricht mit Rico, dem Schweizer,\nzusammen. Er ist sehr kommunikativ und hat das mit dem Portugiesischen gut\ndrauf, hat alles systematisch gelernt und auch alles systematisch geordnet. Als\nes um unregelm\u00e4\u00dfige Partizipien geht, kann er wie aus der Pistole geschossen\ndrei nennen, die demselben Muster folgen:&nbsp;<em>pago<\/em>,&nbsp;<em>gasto<\/em>,&nbsp;<em>limpo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nBeste am Unterricht ist die Pause. Da tritt, bei einem informellen Gespr\u00e4ch,\nalles zu Tage, was kommunikativ relevant ist, und wir haben die Lehrerin dabei,\num entsprechende Fragen zu stellen. Als ich das vorsichtig sage, stimmt sie\nverbl\u00fcffenderweise zu. Das Passiv, mit dem wir uns in den letzten zwei Stunden\nabgeplagt haben, werde sowieso kaum gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg von der Schule sehe ich auf einem schr\u00e4gen Dach einen jungen Schwarzen,\nder die Ziegel mit einem Strahler reinigt. Ein einziger Balanceakt. Er ist\nnicht abgesichert und hat lediglich zu einer Seite des Dachs einen Kamin, an\ndem er sich ab und zu festhalten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht war noch von Immigration die Rede und davon, dass Portugal vor ein\npaar Jahren Fl\u00fcchtlinge aus Nordafrika bereitwillig aufgenommen habe. Als ich\nnach denen aus den ehemaligen Kolonien frage, stellt sich heraus, dass sie drei\nJahre lang eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, die aber sp\u00e4ter nur unter\nbestimmten Bedingungen verl\u00e4ngert wird. In Angola und Mosambik g\u00e4be es viele,\ndie noch einen alten, l\u00e4ngst abgelaufenen portugiesischen Pass h\u00e4tten. Den\nw\u00fcrden die Beh\u00f6rden aber in der Regel verl\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag gibt es eine Stadtf\u00fchrung, von der Schule organisiert. Es gibt\nnichts Aufsehenerregendes zu sehen und nichts Aufregendes zu erfahren, aber wir\nk\u00f6nnten der jungen Frau, die die F\u00fchrung macht, stundenlang zuh\u00f6ren. Sie\nspricht gar nicht sonderlich langsam, aber mit einer so klaren Diktion, dass\nman so gut wie alles versteht. Unglaublich. Ob sie ein besonderes\nSprachtraining bekommen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen die Rua Santo Antonio entlang. Das ist die wichtigste Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe\nFaros, ohne Autoverkehr. Sie hat verschiedenfarbige Muster im Bodenbelag, ein\npaar H\u00e4user mit sch\u00f6nen Fassaden, ein oder zwei Portale, vor denen wir\nstehenbleiben, aber all das ist kaum der Rede wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nder Stra\u00dfe steht&nbsp;<em>Alian\u00e7a<\/em>, ein vor dem Verfall gerettetes Haus mit\neiner Art Jugendstilfassade, heute ein Lokal. Es war urspr\u00fcnglich wohl so eine\nArt inoffizieller B\u00f6rse, wo die Fischpreise verhandelt wurden, Treffpunkt der\nB\u00fcrgerschaft zum Austausch von Tagesereignissen und Klatsch und Sitz der\nRedaktion einer Lokalzeitung. Die konnte den Klatsch dann gleich drucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es durch den&nbsp;<em>Arco de la Vila<\/em>&nbsp;in die Altstadt. Das ist\ndas&nbsp;sch\u00f6nste von&nbsp;den&nbsp;drei erhaltenen Stadttoren, die allerdings\nalle aus der Neuzeit stammen. Durch das Erdbeben von Lissabon und durch den\nEarl of Essex, der auf dem Weg nach Spanien die Stadt pl\u00fcnderte und in Brand\nsetzte, hat die Stadt viel verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nrechten Winkel&nbsp;zum&nbsp;<em>Arco de la Vila<\/em>&nbsp;ist noch ein altes\nmaurisches Stadttor erhalten. Durch dieses Stadttor kam man mit Booten in die\nStadt, denn das Meer ging urspr\u00fcnglich bis hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier,\nauf dem&nbsp;<em>Arco de la Vila,&nbsp;<\/em>haben sich,&nbsp;wie auf anderen\nT\u00fcrmen der Altstadt, St\u00f6rche niedergelassen. Sie machen durch lautes Klappern\nauf sich aufmerksam. Ihr Klappern verklingt nicht ungeh\u00f6rt: Wir machen alle\nflei\u00dfig Photos.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neine kleine Stra\u00dfe geht es zu einem gro\u00dfen Platz, dem&nbsp;<em>Largo da S\u00e9<\/em>,\nmit Kathedrale, Priesterseminar und Rathaus. Dieser Platz wurde um die\nKathedrale herum angelegt, als Faro Hauptstadt der Algarve wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsehen dann ein paar kleine H\u00e4user, die als typisch f\u00fcr die Algarve gelten. Und\nkommen dann zur Stadtmauer. Die ist eher niedrig und schmalbr\u00fcstig und kaum zur\nVerteidigung geeignet. Ihre wichtigste Funktion war wohl die des Wachpostens.\nGerade als wir auf einen der T\u00fcrme steigen, f\u00e4hrt ein Zug vorbei, eine Linie,\ndie die ganze Algarvek\u00fcste entlangf\u00e4hrt, von der spanischen Grenze bis zur\nWestspitze der Halbinsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem Platz steht die Statue von Afonso III. mit einem anachronistisch\naussehenden Marschallstab in der Hand. Seine Herrschaft bedeutete das Ende der\nMauren in Portugal.&nbsp;Und auch eine Art endg\u00fcltige Grenzziehung. Portugal\nhatte schon damals fast genau dieselbe Ausdehnung wie heute.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nStirnseite des Platzes eine ehemalige Kirche, jetzt Museum. Sie wurde zu einer\nFabrik in der Zeit der Aufkl\u00e4rung, als man Juden aus Nordafrika zur\u00fcckholte.\nDie bauten hier eine Korkfabrik auf, die etwa hundert Menschen in Faro in\nArbeit brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nRande des Platzes wird ein Haus renoviert. Hier lebte eine Zeitlang ein\ngewisser Zeca Afonso, ein Dichter, dessen vertonte Lieder, als sie im Radio\ngespielt wurden, den Auftakt zur Nelkenrevolution gaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nmachen wir uns die Dienste unserer jungen F\u00fchrerin als Sprachmodell noch zu\neigen und bekommen eine sch\u00f6ne Demonstration der&nbsp;unterschiedlichen&nbsp;Aussprache&nbsp;von&nbsp;<em>pais<\/em>,&nbsp;<em>pa\u00eds<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>paz<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In der\nPause bekomme ich eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Slogan von Lidl:&nbsp;<em>Mais para\nsi.&nbsp;<\/em>Das scheint sehr formelles Portugiesisch zu sein und bedeutet so\nwas wie \u201aMehr f\u00fcr Sie\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag gibt es eine F\u00fchrung durch das&nbsp;<em>Museo Etnografico.&nbsp;<\/em>Der\nName ist etwas irref\u00fchrend. Es ist eher das, was wir als&nbsp;<em>Volkskundemuseum<\/em>&nbsp;bezeichnen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand\neiner Karte der Algarve wird die doppelte Zweiteilung erkl\u00e4rt: die zwischen dem\ndicht besiedelten K\u00fcstenstreifen und dem d\u00fcnn besiedelten Inland und die\nzwischen&nbsp;dem&nbsp;<em>Sotovento<\/em>, dem \u00f6stlichen K\u00fcstenstreifen mit\nMuschelb\u00e4nken und Sandstr\u00e4nden, und&nbsp;dem&nbsp;<em>Barlavento<\/em>, der\nwestlichen Felsenk\u00fcste mit Badebuchten, der klassischen Algarve der\nTourismusindustrie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\nPhotos, Wappen, Alltagsgegenst\u00e4nde, Werkzeuge der Fischer und Bauern und ein\npaar nachgebaute Szenerien. Man ist \u00fcberrascht, wie \u00e4hnlich sich solche Dinge\n\u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg sind. Bei uns w\u00fcrde es vermutlich einen gr\u00f6\u00dferen Herd\ngeben, aber ansonsten sind die Parallelen bis zum Nachttopf hin nicht zu\n\u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kork\nund&nbsp;Weide und&nbsp;Johannisbrot treten immer wieder auf, in\nunterschiedlichen Kontexten, dazu Salz, das ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war\nund auch noch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\ninteressantesten ist der Fischfang. Es werden ingeni\u00f6se, effiziente und\ngleichzeitig grausame Methoden vorgestellt: Thunfisch, der durch Netze unter\nWasser in eine bestimmte Richtung geleitet wird und, mit vielen Artgenossen, in\nein enges Becken ger\u00e4t, dessen geringer Sauerstoffgehalt ihn in die Luft\nspringen l\u00e4sst, wo ihn der Kn\u00fcppel der Fischer erwartet; Krabben, die in\nDrahtgeflechte und Tintenfische, die in Keramikgef\u00e4\u00dfe gelockt werden, aus denen\nsie sich nicht mehr befreien k\u00f6nnen. Unsere F\u00fchrerin besch\u00f6nigt nichts, f\u00fcgt aber\nhinzu: Immer noch besser als die \u00f6kologisch verheerenden modernen Fangmethoden,\nbei denen ziellos alles leergefischt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zwei\nwichtige Nachrichten am fr\u00fchen Morgen im Fenster: Die Umweltministerin ist\nzur\u00fcckgetreten, und Sporting hat Benfica aus dem Pokal geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWort f\u00fcr \u201aMannschaft\u2018,&nbsp;<em>equipa<\/em>, ist Femininum, aber die Clubs selbst\nsind Maskulinum und werden, wie im Spanischen, mit Artikel gebraucht: \u201eO Porto\ncriticou o triste espet\u00e1culo de falta de fairplay do Benfica.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nPause, die mal wieder das Interessanteste ist, erz\u00e4hlt Rico von einer Variante\ndes Portugiesischen, die im \u00e4u\u00dfersten Nordosten Portugals gesprochen wird (er\nnennt es eine Sprache, die eine Mischung aus Galicisch und Spanisch sein soll).\nDiese Variante wird in der Gegend um Miranda do Douro gesprochen, im\nTr\u00e1s-os-Montes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nPatronatsfeste der drei gro\u00dfen portugiesischen Heiligen \u2013 Antonio, Jo\u0433o, Pedro\n\u2013 sind alle im Juni. Das ist schon das Beste, was man aus dem Unterricht\nmitnehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg auf den Slogan von&nbsp;<em>Pingo Doce<\/em>&nbsp;gesto\u00dfen: \u201eSabe bem\npagar t\u0433o pouco\u201c. Mit leichter Ambiguit\u00e4t von&nbsp;<em>saber<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\nauf dem R\u00fcckweg gesehen: \u201eTransfer\u043ancias de Dinheiro de modo r\u00e1pido, simples e\nseguro\u201c. In der Aufz\u00e4hlung f\u00e4llt die merkw\u00fcrdige Form&nbsp;<em>simples<\/em>&nbsp;noch\nmehr auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nDame des Hauses spricht \u00fcberschw\u00e4nglich von dem brasilianischen Lokal in Olh\u0433o,\nin dem ihre Schwester arbeitet. Dabei f\u00e4llt das Wort&nbsp;<em>rodizio<\/em>. Das\nist ein Lokal, in dem die Kellner abwechselnd verschiedene Fleischsorten an den\nTisch bringen. Ich kannte das Wort nicht, konnte er aber auch nicht\nidentifizieren. Wie dieser Tage bei&nbsp;<em>ria<\/em>&nbsp;erkenne ich ihr \/r\/\nnicht. Ob das eine Spielart des Brasilianischen ist? Dann spricht sie auch\nvon&nbsp;<em>musca<\/em>, was ich f\u00fcr ein Gericht halte. Das ich nicht kenne. Dann\nstellt sich heraus, dass sie&nbsp;<em>musica<\/em>&nbsp;meint.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. April (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht kurze Ausschnitte aus&nbsp;<em>Correio da Manh\u0433<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Diario\nde Noticias<\/em>&nbsp;gelesen, einer popul\u00e4reren und einer anspruchsvolleren\nZeitung. Ich widerspreche der Behauptung der Lehrerin, dass die popul\u00e4re\nZeitung einfacher zu lesen sei, jedenfalls f\u00fcr einen Ausl\u00e4nder. Sie stimmt zu.\nJedenfalls f\u00fcr jemanden, der andere Sprachen kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\nZeit der&nbsp;<em>Revoluc\u0433o dos Carvos<\/em>&nbsp;war die Lehrerin,&nbsp;Dona\nLurdes,&nbsp;in Mosambik. War bestimmt eine interessante Erfahrung, so ein\nbewegendes Ereignis in der Heimat aus der Ferne zu beobachten. Ja, das war es,\nsagt sie. Dazu kam, dass dort die Zeitungen etwas freier berichten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie\nvon fr\u00fcheren Zeiten spricht,&nbsp;denen, in denen man noch die zweite Person\nPlural benutzte, sagt sie&nbsp;<em>nos tempos dos meus av\u00f3s<\/em>&nbsp;\u2013 f\u00fcnf\nW\u00f6rter in Folge, die auf \/s\/ enden, mit dem typisch portugiesischen\npostalveolaren&nbsp;Konsonanten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle \u2013\nLehrerin, Mitsch\u00fcler, Dame des Hauses \u2013 sind sich einig: An der Algarve regnet\nes nicht. Es fallen mal ein paar Tropfen, damit hat es sich dann aber schon.\nAlso mache ich mich trotz der schlechten Wettervorhersage auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Na ja,\nwenn das kein Regen ist, was da im Laufe des Tages, vor allem bei der\nR\u00fcckfahrt, auf das Auto herabprasselt. Aber an der Algarve regnet es ja nicht.\nDer st\u00e4ndige Wechsel von Regen und Sonne sorgt aber auf der R\u00fcckfahrt f\u00fcr einen\npr\u00e4chtigen Regenbogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFahrt ans&nbsp;Ende der Welt ist beschwerlich. Der Routenplaner schickt mich\n\u00fcber die abwegigsten Strecken. Es geht kaum mal zwei, drei Kilometer geradeaus.\nAls ich dann aber endlich einen norwegischen Wohnwagen \u00fcberholt habe, komme ich\ndoch noch an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGegend ist \u00f6de und langweilig. Alles flach, ein paar Grasb\u00fcschel, ein paar\nFeldblumen. Die Durchfahrt durch Albufeira reicht v\u00f6llig, um zu der \u00dcberzeugung\nzu geraten, dass&nbsp;es&nbsp;seinen schlechten Ruf v\u00f6llig verdient. Erst als\nes auf Lagos zugeht, wird es etwas besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterhaltung\nbietet der Routenplaner, der&nbsp;<em>Sagres<\/em>&nbsp;konsequent als&nbsp;<em>Segras<\/em>&nbsp;ank\u00fcndigt\nund&nbsp;<em>V. Bispo<\/em>&nbsp;(f\u00fcr Villa do Bispo) als&nbsp;<em>F\u00fcnfter Bispo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nOrtseingang von Sagres eine gelungene Reklame. Ein gro\u00dfe rote Reklamewand, auf\nder einzig steht:&nbsp;<em>Finalmente.<\/em>&nbsp;Daneben eine Bierflasche mit der\nAufschrift&nbsp;<em>Sagres<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sagres\nselbst hat keinen Ortskern und hat auch wohl nie einen gehabt. Ein paar H\u00e4user,\ndazwischen Lokale und Apartmenthotels.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre zum&nbsp;Fischerhafen hinunter. Das geparkte Auto schaukelt im Wind hin\nund her. Trotz des Regens steige ich aus und lasse mir die frische Luft um den\nKopf wehen. Im Hafen liegen Fischerboote, in einem etwas erh\u00f6ht liegenden Lokal\nmachen die Fischer Feierabend \u2013 bei Bier und dem Fisch, den sie gerade selbst\ngefangen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\neinzige nennenswerte Ziel in Sagres ist die Festung. Sie liegt auf einer weit\nins Meer hinausgehenden Landzunge, einer Art Kap. Wie schon von allen Seiten\nangek\u00fcndigt,&nbsp;kommt man hier erst richtig in den Genuss des Windes. Dagegen\nist der unten am Fischerhafen&nbsp;ein mildes L\u00fcftchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nmuss sich gegen die Autot\u00fcr stemmen, um sie \u00fcberhaupt \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Dann\ngeht es auf die Festung zu. Die Kleidung flattert ger\u00e4uschvoll am K\u00f6rper und\nklatsch ins Gesicht. Man will einen Schritt geradeaus machen, aber der Wind\nfasst&nbsp;einen an den Beinen, und man macht einen Schritt zur Seite. Dann ist\nes pl\u00f6tzlich windstill. Kein L\u00fcftchen. Wie kann das sein? Man ist mit\ndem&nbsp;Staunen noch gar nicht fertig, da packt er einen von hinten und\nschiebt einen auf die Festung zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFestung sieht sehr karg aus. Sie ist weitgehend das Resultat eines Neubaus,\nnachdem die alte Festung durch das Erdbeben von Lissabon zerst\u00f6rt worden war.\nDas hohe Eingangstor ist noch original.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nkommt auf einen riesigen Freihof, auf dem sich ein paar Geb\u00e4ude\nverlieren.&nbsp;Auf dem Boden gleich hinter dem Eingang ein&nbsp;gro\u00dfer, mit\nkleinen Steinen bezeichneter&nbsp;Kreis mit 42 Segmenten. Er wurde erst im\nletzten Jahrhundert entdeckt. Kein Wunder, man w\u00fcrde glatt vorbeilaufen, wenn\nder Kreis nicht abgesperrt w\u00e4re. Er stammt aber wohl aus der gro\u00dfen Zeit von\nSagres. Welche Funktion er hatte, nautisch oder astronomisch, ist aber nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem befestigten Weg geht es, stets im Kampf mit dem Wind, auf das vordere\nEnde des Kaps, dem Ende der damals bekannten Welt. Wenn man hier steht, kann\nman sich tats\u00e4chlich einf\u00fchlen in die K\u00f6pfe derjenigen, die glaubten, jenseits\nvon hier w\u00e4re gar nichts mehr. Man hat einen spektakul\u00e4ren Blick auf die\nFelsen, das Wasser, die Gischt und auf das nahe gelegene Kap S\u0433o Vicente.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ngro\u00dfe Zeit von Sagres, das war die Zeit von Heinrich dem Seefahrer. Der fuhr\nnie zur See. Das hei\u00dft doch, einmal bis Ceuta ist er gekommen. Seinen Namen hat\ner aber als Initiator der Seefahrerschule, eines Kreises von Wissenschaftlern,\ndie sich mit der Frage der Entdeckung der Welt besch\u00e4ftigten, eine\nf\u00e4cher\u00fcbergreifender&nbsp;internationaler&nbsp;<em>Think Tank<\/em>: Nautiker,\nKapit\u00e4ne, Kartographen, Astronomen,\nMathematiker,&nbsp;Schiffsbauer&nbsp;usw.&nbsp;Die sollten herausfinden, wie\nman&nbsp;an den K\u00fcsten Afrikas entlang nach Indien kommen konnte. Es ging nicht\nnur um Entdeckergeist, sondern um ganz handfeste \u00f6konomische Interessen: Wie\nkonnte man das lukrative Gew\u00fcrzmonopol der islamischen Kaufleute brechen? Es\nging um Pfeffer, aber nicht nur. Ingwer, Zimt, Koriander, Safran, Muskat, Senf,\nPaprika. Man stelle sich eine K\u00fcche vor, die ohne das alles auskommt. Au\u00dferdem\nwurden die Gew\u00fcrze in der Medizin gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich\nwar technischer Fortschritt n\u00f6tig, um den Schritt \u00fcber das Ende der Welt hinaus\nzu machen. Aber man musste sich auch von den herk\u00f6mmlichen Vorstellungen\nbefreien:&nbsp;Die Kugelgestalt der Erde war l\u00e4ngst bekannt, aber was nutzt\ndas, wenn das Volk den traditionellen Geschichten glaubt? Am Ende der Welt\nbefand sich das Dunkelmeer, in das man kippte, wenn man sich dorthin verirrte.\nOder man blieb in der hei\u00dfen, honig\u00e4hnlichen Fl\u00fcssigkeit des s\u00fcdlichen Meers\nstecken. Oder die riesigen Magnetberge zogen die N\u00e4gel aus den Schiffen und\nlie\u00dfen sie sinken, und die Seeleute wurden das Opfer gefr\u00e4\u00dfiger\nMeeresungeheuer. Solche Horrorgeschichten wurden gezielt von arabischen\nSeeleuten gestreut, um Expeditionen zu verhindern. Sie selbst hatten diese\nTradition von den Ph\u00f6niziern \u00fcbernommen.&nbsp;Solche Vorstellungen waren tief\nim kollektiven Bewusstsein verankert, und man musste einen gew\u00f6hnlichen Seemann\nerst mal \u00fcberzeugen, dass seine Zweifel unberechtigt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrichs\nSeefahrerschule soll hier gewesen sein,&nbsp;in Sagres,&nbsp;oder auf dem Kap\nS\u0433o Vicente. Einen Beleg f\u00fcr diese Lokalisierung gibt es nicht. Wohl aber f\u00fcr\ndie Seefahrerschule selbst. Und den Aufbruch von Portugal in alle Teile der\nWelt. Mit der Eroberung von Ceuta nahmen die Entdeckungsfahrten ihren Anfang,\ndann ging es weiter mit Madeira, den Azoren und den Kapverdischen Inseln, alles\nnoch zu Heinrichs Lebzeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Zusammenarbeit\nder Experten seiner Seeschule hatte Erfolg:&nbsp;Astrolabium und Sextant wurden\nverbessert;&nbsp;den&nbsp;Kapit\u00e4nen wurde die Angst vor dem geisterhaft immer\nnach Norden weisenden Kompass genommen; die Kartografie, die sich vor der\nAufgabe sah, die Kugelgestalt der Erde auf Papier projizieren k\u00f6nne, wurde\nverbessert; die Berechnung des Erdumfangs, dessen falsche Einsch\u00e4tzung noch\nKolumbus&nbsp;Kalkulationen beeintr\u00e4chtigte, wurde verbessert; und es wurden\nneue Schiffe gebaut, Karavellen, die alle Vorteile, aber nicht die Nachteile\nder alten Koggen hatten. Sie hatten einen breiteren Rumpf und\nweniger&nbsp;Tiefgang,&nbsp;und so konnte man eng an der K\u00fcstenlinie\nentlangfahren.&nbsp;Und hatten eine gro\u00dfe Zahl von Masten, so dass man sowohl\nquadratische als auch dreieckige Segel setzen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\njeden Fall ein gro\u00dfes Projekt, das einen auch heute noch\nbeeindruckt.&nbsp;Heinrich, der \u201eEinsiedler\u201c, hat&nbsp;ihm vierzig Jahre seines\nLebens gewidmet. Er ist auch hier in Sagres gestorben. Zu Lebzeiten galt er\nfast als Heiliger,&nbsp;tats\u00e4chlich war ein wohl&nbsp;eher&nbsp;ein guter\nOrganisator und ein cleverer Gesch\u00e4ftsmann.&nbsp;Aber auch ein Vordenker.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Besuch der Festung fahre ich noch&nbsp;zu dem Kap S\u0433o Vicente, verpasse\naber den Bratwurststand, den alle Welt zu kennen scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nKap steht ein gedrungener Leuchtturm. Er ist der lichtst\u00e4rkste Leuchtturm\nEuropas und kann noch aus&nbsp;einer Distanz von\nneunzig&nbsp;Kilometern&nbsp;gesehen werden. Und das ist auch gut so. Denn\ndiese Ecke geh\u00f6rt zu den meistbefahrenen und gef\u00e4hrlichsten Europas.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg nach Faro geht es,&nbsp;statt an der K\u00fcste\nentlang,&nbsp;landeinw\u00e4rts.&nbsp;Es lohnt sich! F\u00fcr die m\u00fchselige Fahrt wird\nman mit wundersch\u00f6ner, satt gr\u00fcner Landschaft belohnt,&nbsp;abwechslungsreiche\nVegetation und H\u00e4nge&nbsp;mit grauen, glatten Felsplatten.&nbsp;Auch hier muss\nes Waldbr\u00e4nde gegeben haben, aber es sieht nicht so niederschmetternd, nicht so\nfremd aus wie in Penela.&nbsp;Auff\u00e4llig ist&nbsp;allerdings&nbsp;der\nUnterschied zwischen den gr\u00fcnen H\u00e4ngen der Abh\u00e4nge auf der einen Seite und den\nviel kargeren auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFahrt geht in die Serra de Monchique. Zuerst geht es nach Caldas de Monchique,\neinem in einem engen Felsental gelegenen, etwas mond\u00e4nen Kurort. Von dort geht\nes rauf in den eigentlichen Ort, und dort noch mal rauf, \u00fcber eine steile\nTreppe, zur Kirche des Ortes. Die hat ein aus Stein geflochtenes Portal,\nmanuelinisch,&nbsp;das besonders deshalb gut zur Geltung kommt, weil die\nFassade ansonsten ganz schlicht ist.&nbsp;Die steinernen Schiffstaue enden in\nf\u00fcnf strahlenf\u00f6rmig auslaufenden Knoten. Sieht aus wie eine orientalische\nKopfbedeckung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nH\u00e4user&nbsp;des Ortes&nbsp;lehnen sich an den Hang. In den vielen kleinen,\njetzt schon geschlossenen L\u00e4den der Dorfstra\u00dfe sieht man Waren aus\nWeide&nbsp;und Ton&nbsp;und allerlei Souvenirs.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\nden ganzen Ort verteilt gibt es Skulpturen, wohl von einem lokalen K\u00fcnstler,\noft ganz kleine, einzelne Personen darstellend. Eine gr\u00f6\u00dfere Skulpturengruppe\nzeigt einen Mann, der l\u00e4ssig&nbsp;und gleichzeitig Autorit\u00e4t\nausstrahlend&nbsp;auf einem Stuhl sitzt, umgeben von allerlei anderen Figuren,\nmeist Kindern, darunter einem&nbsp;Jungen&nbsp;mit einem V\u00f6gelchen in der Hand.\nLeider ist nichts zu erfahren \u00fcber diese Skulpturen, aber es sieht so aus, als\nsei hier kein Lehrer, sondern ein Arzt dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nschwarze Wurst, f\u00fcr die der Ort bekannt sein soll, scheint es nirgendwo im\nAngebot zu geben. Daf\u00fcr gibt es einen Schnaps, den ich schon des Namens wegen\nprobieren muss. Es ist ein klarer, geruchsloser Schnaps, der ein bisschen wie\nTrester schmeckt, obwohl er aus Fr\u00fcchten gemacht ist, eben aus denen des&nbsp;<em>medronho<\/em>,\nder auf Deutsch irref\u00fchrenderweise&nbsp;<em>Erdbeerbaum<\/em>&nbsp;hei\u00dft. Den gibt\nes hier wirklich, im Gegensatz zu Madrid, wo er zwar, wegen der lautlichen\nAnspielung auf Madrid (<em>madro\u00f1o<\/em>) im&nbsp;Wappen erscheint, aber ansonsten\nunbekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. April (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neinem Spaziergang durch das Zentrum entdecke ich im&nbsp;<em>Mercado<\/em>&nbsp;<em>Municipal<\/em>&nbsp;das von Rico erw\u00e4hnte Lokal \u2013 eher ein\nImbissstand \u2013 mit dem Namen&nbsp;<em>Cachorros &amp; Pulgas<\/em>&nbsp;hei\u00dft.\nDabei stehen die \u201aH\u00fcndchen\u2018 f\u00fcr Hot Dogs und die \u201aFl\u00f6he\u2018 f\u00fcr eine Art&nbsp;<em>sandes<\/em>,\nwohl so was wie ein&nbsp;<em>bocadillo<\/em>&nbsp;in Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der\nIgreja do Carmo komme ich um Punkt ein Uhr, das ist genau die Zeit, zu der sie\nsamstags schlie\u00dft. Ich habe aber Zeit, mir ihre sch\u00f6ne Fassade anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\ngro\u00dfen Caf\u00e9 nahe der Kirche gibt es im Fernsehen Bilder von Schnee in Portugal:\nim Tr\u00e1s-os-Montes und in der Serra da Estrela, gar nicht so weit von Viavai.\nHier&nbsp;in Faro&nbsp;schneit es zwar nicht, aber das ist auch das einzig\nPositive, was man \u00fcber das Wetter sagen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck l\u00e4ngere Unterhaltung mit Dona Marlene. Sie hat mich in diesen Tagen\nmit Tabletten, Sirup, und Tee mit Zimt und Honig versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nschnappe ein oder zwei neue W\u00f6rter auf, sehr n\u00fctzlich. Ansonsten, es bleibt\ndabei: Wenn ich nicht verstehe, liegt es nicht an unbekannten W\u00f6rtern, sondern\nan bekannten, die ich nicht identifiziere.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nerz\u00e4hlt vom Rio Grande in Brasilien. Das sei eine Gegend, wo ich hinreisen\nsolle. Da sehe alles anders aus als im Rest Brasiliens. Die H\u00e4user wie in\nDeutschland. Ein Ort, den sie erw\u00e4hnt, hei\u00dft&nbsp;<em>Blumenau<\/em>, und ich\nmache den Versuch, die Bedeutung des Namens zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre\nInteressen drehen sich ums Essen und den Haushalt, erg\u00e4nzt durch Nachrichten\naus Brasilien. Mit einer Mischung aus Abscheu und Erg\u00f6tzen erz\u00e4hlt sie von\neinem Bank\u00fcberfall, den 16 mit Maschinenpistolen bewaffnete R\u00e4uber begangen\nhaben. Die Polizei hat 11 von ihnen erschossen. Viel Mitleid mit denen scheint\nsie nicht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nversuche, das Gespr\u00e4ch auf solidere Bahnen zu lenken und frage nach der\nWohnung. Die ist ja wie gemacht f\u00fcr so ein Gesch\u00e4ft wie dem mit den Sch\u00fclern\nder Sprachschule. Aber sie haben die Wohnung daf\u00fcr nicht eigens eingerichtet.\nDie war schon vorher so, als hier ihre Schwester und ihr Neffe wohnten. Als die\nnach oben zogen, wegen des Gartens (ob ich das richtig verstanden habe?) war\ndiese Wohnung zu gro\u00df f\u00fcr zwei und sie suchte nach einer Besch\u00e4ftigung. Im\nInternet wurde sie f\u00fcndig. Bisher h\u00e4tten sie immer gute Bewertungen bekommen.\nDas glaube ich sofort. Alle G\u00e4ste seien freundlich und sympathisch gewesen, bis\nauf zwei, eine holl\u00e4ndische Alkoholikerin und ein deutscher Student, der sich\nhier aufgef\u00fchrt habe, als wohnte hier sonst niemand.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nzuhause die Sonne scheint, ist er hier ungem\u00fctlich. Es regnet und st\u00fcrmt und\nwird gar nicht richtig hell.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. April (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nneue Lehrerin, Dona Manuela, macht n\u00e4chstes Jahr eine Reise nach Deutschland.\nAber sie ist nicht sehr gl\u00fccklich \u00fcber das Reiseziel. Sie wollte gerne nach\nBerlin, aber ihre Freundinnen haben sie \u00fcberredet, an die Mosel zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Unterricht Mittagessen mit den anderen, darunter einem jungen Inder aus\nSimbabwe, der gut Deutsch spricht. Er hat ein Jahr in Deutschland gelebt, in\nder Gegend um Hannover, bei sechs unterschiedlichen Gasteltern. Unterhaltsames\nGespr\u00e4ch mit ihm, teils auf Deutsch, teils Englisch, teils Portugiesisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Essen in die Kathedrale gegangen. Man kann auf steilen Stufen aufs Dach\nsteigen. Von dort sieht man, wie das Meer an verschiedenen Stellen in das Land\neintritt und die Rias bildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den\nKnochen haben es die Portugiesen. Auch hier gibt es eine Knochenkapelle, aber\nganz anders als die von \u00c9vora. Sie befindet sich au\u00dferhalb der Kirche, im\nFreien. Die hintere Wand besteht aus Backsteinen, und die nicht tragenden\nStellen sind mit Knochen und ein paar Totensch\u00e4del gef\u00fcllt. Die Knochen kann\nman aber kaum erkennen, da man nur ihre Enden sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche ist alles andere als sch\u00f6n, au\u00dfen wie eine Trutzburg, innen ein Stilmix,\ndem ich nichts abgewinnen kann. Sie hat aber ein paar sehenswerte\nAusstattungsst\u00fccke. Am auffallendsten ist die Orgel, sehr sch\u00f6n, in Rot\ngefasst, mit chinesisch inspirierten Landschaftsszenen mit ganz feinen\nPinselstrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurios\nin einer Seitenkapelle zwei Figuren von jungen Schwarzen, die einen\nKerzenleuchter halten und voller Inbrunst nach oben schauen, eine Hand auf der\nentbl\u00f6\u00dften Brust. Es hat wohl etwas zu tun mit einer der vielen Madonnen, die\neigens f\u00fcr die Schwarzen zust\u00e4ndig war. Um deren Seelenheil musste man sich ja\nauch k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange\nstehen bleibe ich vor einem Objekt im Dommuseum, das als einziges keine\nBeschriftung hat, vielleicht weil keiner wei\u00df, was es ist. Scheint Holz zu\nsein, gl\u00e4nzt aber bronzen. Es sind geschnitzte, ineinander verschlungene\nFiguren von V\u00f6geln mit flatternden Fl\u00fcgeln, Bl\u00fcten und Bl\u00e4ttern. Unten eine\ngeschwungene Br\u00fccke, in der Mitte ein Pferd, dessen Kopf aus Flammen besteht.\nSieht surrealistisch aus. Was kann das sein?<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen habe ich vor dem Weggehen noch so gerade die Chance, von der Dame des\nHauses die Namen der portugiesischen Buchstaben zu erfragen, die immer wieder\nSchwierigkeiten bereiten:&nbsp;<em>h, j,&nbsp;v,&nbsp;w,&nbsp;x,&nbsp;y, z.<\/em>&nbsp;Das\nungeliebte&nbsp;<em>w<\/em>&nbsp;hat den englischen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht kommt die Rede auf Literatur, und die Diskussion verselbst\u00e4ndigt\nsich. Von Saramago geht es zu Miguel Torga und dann zu Pessoa. Die Lehrerin\nnennt ihre Lieblingsautoren: E\u00e7a&nbsp;de Queiros, Eugenio de Andrade und\nnat\u00fcrlich Cam\u00f4es, den portugiesischen Nationaldichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nauch um Sprichw\u00f6rter. Die sind, wie so oft,&nbsp;\u00e4hnlich oder sogar gleich wie\nin anderen Sprachen: \u201eA cavalo dado n\u0433o se olha o dente\u201c entspricht ziemlich\ngenau dem geschenkten Gaul, dem man nicht ins Maul schaut, und \u201eMais vale um\npassaro na m\u0433o que dois a voar\u201c hat statt dem Spatzen in der Hand und der Taube\nauf dem Dach einen Vogel in der Hand&nbsp;und&nbsp;einem Vogel auf dem\nDach,&nbsp;dr\u00fcckt aber dieselbe Idee aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nbesten ist wieder das, was nur so nebenbei vorkommt, eigentlich ungewollt, vor\nallem die Aussprache: Ganz einfache W\u00f6rter wie&nbsp;<em>se<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>que<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>menina<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>e<\/em>&nbsp;werden\nvon der Lehrerin anders ausgesprochen als von uns allen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Essen erz\u00e4hlt Rico von seiner unglaublichen Karriere als Hochbegabter, der\nnach gro\u00dfen schulischen Erfolgen am Ende schulisch strandete und auf Umwegen\n\u00fcber eine Kaufmannslehre noch das Abitur nachmachte, als er schon verheiratet\nwar und ein Kind hatte. Er wurde dann durch einen Berufsberater Informatiker\nund von einem Kunden, einer R\u00fcckversicherung abgeworben, die ihm gleich zwei\nJahre S\u00fcdafrika anbot, und danach in jeder Beziehung auf H\u00e4nden trug. Die\nArbeit sei in der ersten Zeit brennend interessant gewesen, aber in den letzten\nJahren gar nicht mehr, da nichts mehr entwickelt wurde. Er besch\u00e4ftigte sich\nvor allen Dingen mit hohen Risiken wie Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcchen, und\nerz\u00e4hlt in dem Zusammenhang, dass das st\u00e4rkste bisher registrierte Erdbeben in\nChile stattgefunden habe. Und dass die Erdbeben in Kalifornien nichts seien im\nVergleich zu einer unter der Erde des Yellowstone-Parks schlummernden\nErdbebengefahr. Bei einem Ausbruch k\u00f6nnte ganz Nordamerika zerst\u00f6rt werden, der\nEffekt w\u00fcrde dem von mehreren Atombomben entsprechen. Das sog. Erdbeben von\nLissabon, erkl\u00e4rt er, sei eigentlich ein Erdbeben an der Algarve gewesen.\nVermutlich war die Algarve zu der Zeit in Mitteleuropa so unbekannt, dass man\nvom Erdbeben von Lissabon sprach, weil ja schlie\u00dflich auch Lissabon stark\nbetroffen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag gehen wir mit der Schule ins Museum. Es stellt sich heraus,\ndass&nbsp;<em>Museo Municipal<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Museo Arqueologico<\/em>&nbsp;ein\nund dasselbe ist. Es ist in einem alten Nonnenkloster untergebracht. \u00dcber dem\nKreuzgang sieht man einen wei\u00dfen Turm mit schmalen Sehschlitzen. Von dort\ndurften die Nonnen hin und wieder sehen, was sich drau\u00dfen vor den Mauern des\nKlosters tat. In der Kirche, die auch dem normalen Volk zug\u00e4nglich war,\nverfolgten sie die Messe von der Empore aus, die mit einem arabisch\ninspirierten Holzgitter ausger\u00fcstet ist, durch das man nicht gesehen werden\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\ninteressanteste Exponat des Museums ist gerade auf Ausleihe in einem anderen\nMuseum, ein l\u00e4nglicher Stein aus der Epoche der Tartessos, dem hier zur Zeit\nder r\u00f6mischen Eroberung ans\u00e4ssigen Volk. In den Stein eingeritzt sind\nSchriftzeichen, die Buchstaben \u00e4hneln, aus einer Schrift, die nicht\nidentifiziert werden konnte. Pr\u00e4sent sind ein paar andere Steinbrocken, auf\ndenen man die Schriftzeichen aber kaum erkennen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der\nr\u00f6mischen Zeit gibt es ein l\u00e4ngliches Mosaik aus winzigen Steinchen, sehr\nsch\u00f6n, mit dem Kopf des Oceanus und Resten der K\u00f6pfe der vier Winde. Die gr\u00f6\u00dfte\nFl\u00e4che aber nehmen geometrische Figuren aus bunten Mosaiksteinchen ein. Dies\nsoll eine Stra\u00dfe gewesen sein, aber man kann sich kaum vorstellen, dass man\nWagen \u00fcber ein solch kunstvolles Mosaik hat fahren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der\narabischen Zeit gibt es in erster Linie Haushaltsutensilien, darunter vor allem\neine Unzahl von \u00d6llampen. Ich h\u00e4tte sie glatt f\u00fcr r\u00f6misch gehalten. Einige\nsehen aus der Ferne wie F\u00fc\u00dfe aus. Die gro\u00dfen Unterschiede in der Qualit\u00e4t\nreflektieren soziale Unterschiede.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben,\nwo die Zellen der Nonnen waren, gibt es verschiedene Kunstausstellungen. Unter\nden Bildern gefallen mir am besten die eines gewissen Carlos Porfirio, wie eine\nabendliche Stra\u00dfenszene mit zwei Figuren, die im Halbdunkel neben einer\nPferdekutsche stehen. Das gelbliche Licht f\u00e4llt von einer Laterne au\u00dferhalb des\nBildes auf das Pflaster und auf die Kleidung der M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg will ich in einem kleinen Laden etwas Brot kaufen, aber die Frau an der\nKasse sieht mich hilflos an, als wolle sie sagen: Wie soll ich jetzt diesem\nAusl\u00e4nder klarmachen, dass das nicht ist, was er haben will? Dann ist sie\ngeradezu erleichtert, als sie merkt, dass sie Portugiesisch mit mir sprechen\nkann. Sie erkl\u00e4rt mir, dies Brot enthalte&nbsp;<em>gila<\/em>. Das wiederum kenne\nich nicht, aber ich versichere ihr, dass ich das Wort zu Hause im W\u00f6rterbuch\nnachschlagen werde. Das h\u00e4lt sie f\u00fcr eine gute L\u00f6sung und gibt mir erst mal ein\nanderes Brot. Zuhause erz\u00e4hle ich dann der Dame des Hauses davon, und sie ringt\nnach Worten, um mir zu erkl\u00e4ren, was&nbsp;<em>gila<\/em>&nbsp;ist. Am Ende kommt\nsie auf&nbsp;<em>abobora<\/em>. Das kenne ich \u2013 K\u00fcrbis. Aber ich will es noch\netwas genauer wissen. Das W\u00f6rterbuch erkl\u00e4rt dann&nbsp;<em>gila<\/em>&nbsp;als\n\u201aFeigen-K\u00fcrbis\u2018. Was immer das sein mag. Jedenfalls nichts, was man normalerweise\nim Brot erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen fragt mich die Dame des Hauses, ob ich noch was zu waschen h\u00e4tte. Ja,\nkommt mir sehr gelegen, eine Hose. Als ich ihr das sage, antwortet sie mir mit\neinem Wort, das ich nicht verstehe. Dann stellt sich heraus, dass ich das\n\u201efalsche\u201c Wort benutzt habe, was der Hausherr schmunzelnd zu Kenntnis nimmt.\nIch habe&nbsp;<em>pantalon<\/em>&nbsp;gesagt h\u00e4tte aber&nbsp;<em>cal\u00e7as<\/em>&nbsp;sagen\nm\u00fcssen. Das&nbsp;\/l\/in&nbsp;<em>cal\u00e7a<\/em>&nbsp;ist so stark vokalisiert, dass\nich&nbsp;<em>causa<\/em>&nbsp;verstehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nUnterricht gebe ich das Auto in einer Garage direkt neben der Schule zur\nAutow\u00e4sche ab. Nach dem Unterricht kann ich es abholen, von Hand gereinigt,\ninnen und au\u00dfen, f\u00fcr 15 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht geht es um Umweltverschmutzung. Alle Lehrb\u00fccher haben die immer\ngleichen, langweiligen Themen. Was soll man dazu sagen. Dazu f\u00e4llt mir schon\nauf Deutsch nichts mehr ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Rico\nsagt in dem Zusammenhang, dass 40% der Plastikstoffe, die landen, wo sie nicht\nsein sollten, von Autoreifen herstammen. Erstaunlich, wie wenig bekannt das\nist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwird nach einer Institution in Portugal gefragt, die der&nbsp;<em>Academia<\/em>&nbsp;<em>Real<\/em>&nbsp;in Spanien \u00e4hnelt. Die Lehrerin windet sich,\nkann aber die Frage nicht beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag nochmal eine F\u00fchrung. Es geht in zwei Kirchen. Die erste, Sao Pedro,\nist traditionellerweise die Kirche der Fischer von Faro. Sie ist gerade\nrenoviert worden und hat ein sch\u00f6nes \u00c4u\u00dferes. Innen ist die Kirche alles andere\nals sch\u00f6n, und es gibt so gut wie nichts zu sehen, und wenn, dann hilft die\nF\u00fchrung auch nicht gerade weiter. Ich bemerke h\u00f6chstens zwei Engel an einem\nSeitenaltar, die ein Boot in der Hand halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur Carmo-Kirche, gleich auf dem benachbarten Platz. Die sch\u00f6ne\nsp\u00e4tbarocke Fassade gibt einen ganz falsche Eindruck von der Gr\u00f6\u00dfe der Kirche.\nSie ist erstaunlich klein. Innen wird gerade restauriert, und wir haben nicht\nviel Gelegenheit, uns umzusehen. Der riesige vergoldete Altar vor der\nfensterlosen Apsis w\u00e4re schon wegen der un\u00fcbersehbaren Vielzahl von Figuren\nmehr Aufmerksamkeit wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen durch die ehemalige Sakristei. Die hat M\u00f6belst\u00fccke aus ganz dunklem Holz,\nvielleicht Ebenholz, einen Tisch mit gedrechselten Enden und einen\nArchivschrank mit Schubladen mit Messingbeschl\u00e4gen. Besonders sch\u00f6n die bemalte\nHolzdecke, in Quadrate aufgeteilt, die alle verschlungene B\u00e4nder in gedeckten\nFarben haben.&nbsp;Jedes Quadrat hat ein Medaillon im Zentrum, mit\nunterschiedlichen Motiven: eine Sonne, ein Brunnen, eine Krone, ein Baum, ein\nStern, ein steinerner Bogen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neinen Innenhof geht es dann in die Knochenkapelle. Die ist kleiner als die viel\nbekanntere in Evora, kann aber fast mit ihr mithalten. Die Muster sind hier\nimmer gleich, an allen Seiten, mit Totenk\u00f6pfen, die einen Fries bilden und den\nFl\u00e4chen Struktur geben, aber hier ist die ganze Kapelle, auch die Decke, mit\nKnochen ausgef\u00fcllt. Die Kapelle stammt aus derselben Epoche wie die in Evora.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend\nwird der Vorschlag gemacht, noch irgendwo kurz einzukehren.&nbsp;Gute Idee,\naber: Der eine will nicht in der N\u00e4he der Knochenkapelle seinen Kaffee trinken,\nein anderer will unbedingt drau\u00dfen sitzen, eine muss noch schnell in ein\nSouvenirgesch\u00e4ft, eine muss noch schnell ihre Tasche ins Hotel bringen, und\ndann muss die, die sich gerade noch \u00fcber die anderen beklagt hat, in ein\nSchreibwarengesch\u00e4ft. Ich gebe mich geschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg sagt man mir in einem Caf\u00e9, man habe kleine Gerichte wie&nbsp;<em>bitoque<\/em>.\nErst zuhause finde ich heraus, was das ist: ein Steak mit Spiegelei, Reis und\nPommes.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck kann ich mir, nach all den Klischees der letzten zwei Wochen, die\nBemerkung nicht verkneifen, keiner der brasilianischen Fu\u00dfballer in der\nBundesliga, au\u00dfer Giovanne Elber, habe gut Deutsch gelernt. Ja, aber Deutsch,\ndas sei ja auch eine schwere Sprache, bekomme ich zur Antwort. Dann liegt es\nalso an der Sprache. An den Brasilianern kann es nicht liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Unterricht geht es Richtung Osten, nach Villa Real de Santo Antonio, auf\ndem schnellsten Weg \u00fcber die Autobahn. Es sind 68 Kilometer, und ich brauche\ngenau eine Stunde. Die Sch\u00e4tzungen gingen heute Morgen beim Fr\u00fchst\u00fcck in\nunterschiedliche Richtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nAutobahn wird die Stadt angek\u00fcndigt als&nbsp;<em>Cidade do<\/em>&nbsp;<em>Iluminismo<\/em>.\nDas muss \u2018Aufkl\u00e4rung\u2019 sein. Habe ich heute im Unterricht noch nach gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der\nOrtseinfahrt an einem Kreisverkehr ein Drahtgeflecht, das einen Christusritter\ndarstellt. Sp\u00e4ter an einem anderen Kreisverkehr ein M\u00f6nch, ebenfalls ein\nDrahtgeflecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Villa\nReal ist absolut sehenswert. Als Beispiel f\u00fcr Stadtplanung. Alle Stra\u00dfen\nverlaufen kerzengerade und sind rechtwinklig angelegt. Die heutige Stadt ist\nein Ergebnis des Erdbebens von 1755. Nach der Zerst\u00f6rung des Ortes, der\nvermutlich nicht mehr als ein Fischerdorf war, wurde die heutige Stadt\nangelegt, unter Federf\u00fchrung des Marqu\u00eas de Pombal. Die Stadt ist die kleine\nSchwester der Baixa von Lissabon. S\u00fcmpfe wurden trockengelegt, Baumaterial\nwurde aus Lissabon angeschafft, und innerhalb von f\u00fcnf Monaten war die Stadt\nfertig, auf der Grundlage von vorgefertigten, niedrigen H\u00e4usern. Aber, und\njetzt wird es erst richtig interessant, die Fischer weigerten sich, in diese\nRetortenstadt einzuziehen. Sie blieb eine Geisterstadt, bis sie im 19.\nJahrhundert wiederentdeckt und bev\u00f6lkert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\nhat man eine sch\u00f6ne Stadt vor sich, mit der Einschr\u00e4nkung, dass sie\neindimensional auf touristische Belange ausgerichtet ist. Ich setze mich mit\neinem Eis auf den sch\u00f6nen zentralen Platz, in den Schatten der B\u00e4ume. Es ist\nrichtig warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nPlatz ist quadratisch angelegt, mit der Kirche an einer Querseite und einem\nObelisken mit Armillarsp\u00e4hre und K\u00f6nigskrone (Villa Real!) in der Mitte. Auf\nden Obelisken laufen radial wei\u00dfe Streifen zu, die sich von dem grauen Pflaster\nabheben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall\nh\u00f6rt man Spanisch. Die Spanier kommen \u00fcber die Grenze wie die Luxemburger nach\nTrier. Hier sind Haushaltswaren und Lebensmittel g\u00fcnstiger. Und das Essen. In\nden Lokalen wird meist Spanisch gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhatte ein Dorf erwartet und keine Stadt und hatte geglaubt, ich k\u00f6nne mal eben\nzu Fu\u00df \u00fcber die Grenze gehen. Da hat der Guadiana was dagegen. Der ist hier,\nkurz vor der M\u00fcndung, breit und wasserreich. Es geht nur mit der F\u00e4hre oder\n\u00fcber die gro\u00dfe Br\u00fccke auf der Autobahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nzentrale Achse der Stadt f\u00fchrt direkt zum Guadiana hin. Der bildet an zwei\nFlussabschnitten die Grenze zwischen Spanien und Portugal. Auch damit hat\nPombals Plan was zu tun: Er wollte hier eine Stadt etablieren, um den \u201ckleinen\nGrenzverkehr\u201d, den Schmuggel, in den Griff zu bekommen. Und um ein Gegengewicht\nzu der spanischen Stadt auf der anderen Flussseite, Ayamonte, zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ayamonte\nsieht man auf der gegen\u00fcberliegenden Flussseite liegen. Ganz weit rechts kann\nman die Flussm\u00fcndung und das offene Meer erahnen. Auf dem breiten Uferboulevard\nsteht eine wunderbare Skulptur von Pombal, aus wei\u00dfem Stein, vielleicht\nKalkstein, aus unregelm\u00e4\u00dfigen Kuben bestehend. Er sieht ein bisschen wie\nSandm\u00e4nnchen aus, mit Str\u00e4hnen, die auf allen Seiten \u00fcber seinen Kopf fallen.\nMan kann kaum entscheiden, wo vorne und hinten ist, allenfalls das angedeutete\nSchwert gibt einen Hinweis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre auf dem umst\u00e4ndlichen Weg \u00fcber die Autobahn nach Ayamonte, und erledige\ndort zwei Dinge: das Auto volltanken und die Autobahnlizenz erneuern.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum von Ayamonte sind Str\u00e4nde ausgeschildert, aber die liegen kilometerweit\nau\u00dferhalb der Stadt, und ich bereue es schon, so weit gefahren zu sein. Man\nkommt dann in eine Art Neustadt, nur f\u00fcr Strandtouristen errichtet. Die ist wie\nausgestorben. Am Strand verlieren sich ein paar Menschen beim Ballspiel. Ein\npaar Liegest\u00fchle unter Sonnenschirmen stehen, in Reih und Glied, unbenutzt in\nder Gegend herum. Ein englisches Ehepaar kommt mir entgegen. Nasse F\u00fc\u00dfe. Die\nhaben mal nachgesehen, wie kalt das Wasser ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg komme ich ungewollt \u00fcber Castro Marim, einen kleiner Ort, ein richtiges\nSchmuckst\u00fcck. Ein sch\u00f6ner, unregelm\u00e4\u00dfiger Platz, ein paar sch\u00f6ne, bunte\nH\u00e4userreihen, die erh\u00f6ht gelegene wei\u00dfe Kirche. Und \u00fcber allem ein Kastell mit\nbraunen Mauern. Was macht so eine kleine Stadt mit so einem gro\u00dfen Kastell?\nCastro Marin war der Hauptsitz des&nbsp;Christusritterordens&nbsp;in Portugal,\nbevor der nach Tomar verlegt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Castro\nMarin liegt trotz seines Namens nicht am Meer. Muss aber fr\u00fch am Meer gelegen\nhaben. Ohne unmittelbarer Lage am Wasser h\u00e4tten die R\u00f6mer, auf die der Name\nzur\u00fcckgeht, ihr Kastell nicht als&nbsp;<em>castrum marinum<\/em>&nbsp;bezeichnet.\nDie K\u00fcstenlinie oder der M\u00fcndungstrichter des Guadiana haben sich infolge der\nErdbebens von Lissabon verlagert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg bleibt nur noch Zeit f\u00fcr einen Stopp in Tavira, dem dritten sch\u00f6nen\nOrt, den ich heute sehe. Er ist zweigeteilt, eine ruhige Oberstadt mit\nMonumenten und Parks, eine gesch\u00e4ftige Unterstadt mit Gesch\u00e4ften und Caf\u00e9s.\nHier ist Englisch angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nOberstadt gibt es ein Unzahl von Kirchen und ein ehemaliges Kloster, ein\nRiesenbau, der zu einer&nbsp;<em>Pousada<\/em>&nbsp;umgebaut worden ist, dem portugiesischen\n\u00c4quivalent zum spanischen&nbsp;<em>Parador<\/em>. Etwas versteckt, hinter einem\nmaurischen Torbogen, schon in der N\u00e4he der Unterstadt, liegt die\nMisericordia-Kirche. Die hat ein sch\u00f6nes Renaissance-Portal, das aber\nrestauriert wird. Man kann nur ein paar Figuren an den Gew\u00e4nden erkennen,\ndarunter Musiker mit Instrumenten, die wie Gitarren aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nEinkaufsstra\u00dfe f\u00fchrt direkt auf den Gil\u00e3o zu, mit einer \u00e4lteren, im Ursprung\nr\u00f6mischen Steinbr\u00fccke und einer modernen Holzbr\u00fccke f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. April (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht kommt die Rede auf die Autobahngeb\u00fchren in Portugal. Rico erz\u00e4hlt,\nman habe ihm regelm\u00e4\u00dfig zu viel abgezogen, er habe aber nach l\u00e4ngerem\nSchriftwechsel das Geld zur\u00fcckbekommen. Sein Auto ist einfach einer falschen,\nh\u00f6heren Kategorie zugeordnet worden. Auf&nbsp;<em>Big Brother<\/em>&nbsp;scheint\nkein Verlass zu sein. Rico klagt auch \u00fcber die mangelnde Transparenz. Die\nBetr\u00e4ge werden abgezogen, aber man bekommt keine Abrechnung und wei\u00df kaum,\nwelcher Betrag f\u00fcr welche Fahrt gilt. Dann kommt es noch heftiger: Die\nAutobahn, die quer durch die Algarve f\u00fchrt, ist mit EU-Mitteln gebaut worden,\nmit der Zusage, sie geb\u00fchrenfrei zu halten. Es wird aber trotzdem kassiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nLehrbuch hat eine Lektion \u00fcber Zuwanderung. In dem Zusammenhang erz\u00e4hlt Rico,\ndie Schweiz h\u00e4tte heute acht Millionen Einwohner, habe aber zur Zeit seiner\nKindheit nur vier Millionen Einwohner gehabt. Das ist ganz ungew\u00f6hnlich f\u00fcr ein\neurop\u00e4isches Land. Ansonsten sind die Einwohnerzahlen eher stabil geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\naus der Schule gehe, bekomme ich im Vorbeigehen die Antwort der Sekret\u00e4rin auf\ndie Frage einer Sch\u00fclerin mit, ob eine Lehrerin am Nachmittag da sein: \u201c\u00c9\u201d. So\nwas h\u00e4tte man mal im Unterricht \u00fcben sollen!<\/p>\n\n\n\n<p>Unten\nsehen wir ein Filmplakat:&nbsp;<em>O Verdadeiro Pr\u00e9mio \u00c9 Ver Tudo.&nbsp;<\/em>Das\nist das Pronomen&nbsp;<em>tudo<\/em>, als Gegenst\u00fcck zu dem Adverb&nbsp;<em>todo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nMittagessen, das letzte gemeinsame, zieht sich in die L\u00e4nge, so dass ich am\nNachmittag nur noch einen Spaziergang am Kai entlang mache. Es ist Ebbe, und es\nriecht ein bisschen streng vom Meer her, aber kein Vergleich zu dem Tag der\nAnkunft. Und es ist richtiges Sommerwetter, trocken, hei\u00df und sonnig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neiner Pause in einem Park gehe ich, ohne genau zu wissen, wo ich bin, grob in\ndie Richtung nach Hause. Unterwegs suche ich in einem Supermarkt nach Sekt,\nfinde aber keinen, wohl aber lange Reihen von Wein. Eine Verk\u00e4uferin sagt mir,\nder Sekt sei unter Verschluss und holt mir eine Flasche raus. Dazu kaufe\nich&nbsp;<em>folar<\/em>, einen verpackten Kuchen, der einfach gut aussieht, rund\nund klein. Er ist jetzt \u00fcberall hier zu sehen. Zusammen mit dem Sekt ist er ein\nkleines Geschenk f\u00fcr die Gastfamilie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\nstellt sich heraus, was das \u00fcberhaupt ist, dieser&nbsp;<em>folar<\/em>. Er ist ein\nKuchen, den traditionellerweise Paten an Ostern ihren Patenkindern schenken,\njedes Jahr, bis zu deren Hochzeit. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung\nvon&nbsp;<em>folar<\/em>&nbsp;erweitert. Es bedeutet jetzt auch ganz allgemein\n\u2018Ostergeschenk\u2019. Auch ein Geldgeschenk ist jetzt&nbsp;<em>folar<\/em>. Regional\ngibt es erhebliche Unterschiede in der Form und Zubereitung des&nbsp;<em>folar<\/em>,\nwie ich schon am n\u00e4chsten Tag in Penela feststellen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. April (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nR\u00fcckfahrt w\u00e4re ereignislos verlaufen, h\u00e4tte ich nicht gleich hinter dem\nOrtsausgang von Faro einen Anhalter mitgenommen. Brite? Nein, Deutscher. Flug\nverpasst, Freunde weg, kein Geld mehr, Geldkarte funktioniert nicht \u2013 der\nAutomat sage ihm immer, er solle die Karte umdrehen \u2013 Aufladekabel im Auto\neines Freundes liegen lassen. Zu allem \u00dcbel ist er an der Algarve auch noch\neinen Abhang runtergefallen und hat sich richtig wehgetan.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\nsoll es nach Lissabon gehen, zur Botschaft. Nach Lissabon fahre ich nicht, aber\nich kann ihn ein ganzes St\u00fcck in die Richtung bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nschlage ihm vor, sein Handy an meinem Zigarettenanz\u00fcnder mittels der magischen\nApplikation aufzuladen. Das gehe nicht, er habe eine ganz schmale Buchse an\nseinem Handy. Ich auch. Aber er habe ein Nokia. Ich auch. Er will es trotzdem\nnicht versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es\ndenn an der ganzen Algarve kein deutsches Konsulat gebe, will ich wissen. Nein,\nnur Lissabon. Das kommt mir erst etwas merkw\u00fcrdig vor, aber dann erinnere ich\nmich an Asturien und dass ich von dort nach Madrid gemusst h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er\nden Flug verpasst h\u00e4tte, das liege nur an der Polizei. Die habe bei ihm alles\ndurchsucht, selbst die Tabletten. Und die Fluglinie habe ihm keinen Ersatz\nangeboten. Das findet er nicht richtig, auch wenn der Flug nur 15 \u20ac gekostet\nh\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo\ngenau an der Algarve er gewesen ist, wei\u00df er nicht mehr. Bei einem deutschen\nFreund. Die Nachbarn seien sehr nett gewesen, h\u00e4tte ihm Oliven und Eier\ngeschenkt. \u201cDann hab ich mir noch en Brot gekauft gehabt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den\nFreunden hat es \u00c4rger gegeben. Er habe seine Stangen Zigaretten verschenkt, und\nda seien sie sauer gewesen, weil sie ihre nicht mehr verkaufen konnten. Und sie\nh\u00e4tten ihn immer wieder gedr\u00e4ngt,&nbsp;<em>medronho<\/em>&nbsp;zu trinken. F\u00fcr den\nw\u00fcrden sie ja in Portugal sogar Schlangen verwenden. Er trinke lieber ein Bier\n\u2013 ganz gepflegt. Und dazu Sauerbraten. Aus Pferdefleisch. Zweieinhalb Kilo. Das\nwerde dann eine ganze Woche eingelegt. \u201cDas hat mir so richtig gemundet.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Woher\nich denn in Deutschland k\u00e4me, will er wissen. Trier? Da war er schon mal,\nglaubt er, da gebe es so sch\u00f6ne Fachwerkh\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist\naus Marl. Chemische Werke H\u00fcls. 44 Jahre eingezahlt. Aber dann ging nichts\nmehr. Bandscheibe. Aber auch Schlosser und Schreiner war er. Hat den Knast in\nGelsenkirchen gebaut. Und in Ostberlin Gesch\u00e4fte gemacht. Mit Kabeln. 800 Meter\nan einem Tag verkauft. Er hatte einen Generalschl\u00fcssel zu einem Warenlager, den\nnicht einmal Honecker hatte. Zweimal links, zweimal rechts schlie\u00dfen, dann\nh\u00e4tte keiner mehr reingekonnt au\u00dfer ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nLastwagen. Mit gl\u00fchenden Reifen durch die Vogesen. 6 Tonnen o.b. aus England\nnach Deutschland gebracht. Und Inder zwischen den Waren versteckt \u00fcber die\nGrenze geschmuggelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nLissabon war er schon einmal. Gef\u00e4hrlich. Neger auf der Stra\u00dfe. Die h\u00e4tten ihn\n\u00fcberfallen, und die Polizei h\u00e4tte von nichts wissen wollen. In Spanien hat er\nmal am Strand einen Zusammensto\u00df mit der Polizei gehabt. Die h\u00e4tten seinen\nGaskocher konfiszieren wollen. Dann h\u00e4tte einer von ihnen aber nachgegeben.\nAber der andere sei zur\u00fcckgekommen und habe den Gaskocher ausgetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nmuss ich ihn unterbrechen. Es kommt die Gabelung auf der Autobahn. Ich biege\nrechts ab, er muss nach links. Was tun? Ich soll ihn an der Rastst\u00e4tte\nrauslassen. Aber da ist er in der falschen Richtung, und viel Verkehr ist hier\nauch nicht. Und Trampen in Portugal nicht gerade an der Tagesordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ntrinken einen Kaffee und sehen uns die Sache auf der Karte an. Es ist wohl\nbesser, wenn ich ihn noch ein St\u00fcck mitnehme und dann kurz von der Autobahn\nabfahre. So kommt er auf eine Nationalstra\u00dfe, die nach Lissabon f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir\nsinkt das Herz, als ich auf einem seiner ausgedruckten Bl\u00e4tter sehe, dass die\nBotschaft am Wochenende geschlossen ist. Dann sehe ich aber auf einem anderen\nBlatt, dass es wohl einen Notdienst gibt. Trotzdem. Er muss erst mal dahin\nfinden. Portugiesisch spricht er nicht. Und Englisch auch nicht. \u201cNur Deutsch.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsetze ihn, wie vereinbart, an der Nationalstra\u00dfe ab. Und sch\u00e4rfe ihm noch\neinmal ein, in welche Richtung es geht. Ohne \u00dcberzeugung sage ich zum Abschied,\ner sei ja jetzt einen Schritt weiter. \u201cZwei Schritte\u201d, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\nf\u00e4llt mir ein, dass ich ihn viel besser nach Santar\u00e9m mitgenommen und direkt\nzum Busbahnhof gebracht h\u00e4tte. So viel weiter ist es von dort nach Lissabon\nauch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es alleine weiter, mit Station in Santar\u00e9m. Samstag zur Mittagszeit,\ntr\u00fcbes Wetter, alles geschlossen, eine wie ausgestorben wirkende Stadt, schon\netwas ersch\u00f6pft von der Fahrt: keine guten Bedingungen, um sich in Santar\u00e9m zu\nverlieben. Aber auch bei besseren Bedingungen w\u00e4re der Eindruck wohl eher\ngemischt. Es gibt \u00fcberall Bauz\u00e4une und heruntergekommene Ecken, dann aber\ntaucht pl\u00f6tzlich ein sch\u00f6ner Platz auf, und noch einer, und Kirchenfassaden mit\nsch\u00f6nen Rosetten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nwohl \u00e4lteste Kirche war Theater und dann Arch\u00e4ologisches Museum und dann\nStadtmuseum und ist jetzt wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Vor einer\nanderen Kirche, der mit der sch\u00f6nsten Rosette, steht ein monumentales Denkmal\nf\u00fcr Pedro \u00c1lvares Cabral, den Entdecker Brasiliens. Er ist in der Kirche\nbestattet. Er h\u00e4lt ein Kreuz und ein Schwert in der Hand. Das Schwert ist viel\ngr\u00f6\u00dfer als das Kreuz, und das Kreuz h\u00e4lt er hoch erhoben vor sich, so als wolle\ner damit D\u00e4monen vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neine breite Stra\u00dfe mit H\u00e4usern, die wohl mal was hergegeben haben m\u00fcssen, geht\nes auf eine gro\u00dfe Esplanade am Ende der Stadt. Das ist das Areal der ehemaligen\nmaurischen Festung. Ein paar Mauerst\u00fccke mit Zinnen und Schie\u00dfscharten sind\nnoch erhalten. Von hier oben sieht man auf die flache Ebene des Ribatejo und\nauf den Tejo selbst. Der wirkt hier wie ein stehendes Gew\u00e4sser. Eine lange\nBr\u00fccke f\u00fchrt \u00fcber ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in\nder Stadt kann man an verschiedenen Stellen abstimmen, mittels Zigarettenkippen.\nEs sind zwei Aschenbecher aus Plastik in Zylinderform nebeneinander angebracht.\n\u00dcber jedem steht eine Antwort auf eine Frage, die dar\u00fcber gestellt wird. Hier\nkann man zum Beispiel abstimmen, welcher der sch\u00f6nste Park Santar\u00e9ms ist,\nder&nbsp;<em>Jardim da Libertade<\/em>&nbsp;unten in der Stadt oder der&nbsp;<em>Jardim\ndas Portas do<\/em>&nbsp;<em>Sol<\/em>&nbsp;hier oben. Der hier liegt knapp in\nF\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner schmalen Gasse steht vor einem Caf\u00e9 Werbung f\u00fcr&nbsp;<em>Licor de<\/em>&nbsp;<em>Merda<\/em>,\nmit einer kleinen Zeichnung, die keinen Zweifel zul\u00e4sst, was gemeint ist. Ich\ngehe rein und frage danach. Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Namen verstehe ich nicht,\nwohl aber, dass es ihn schon seit 44 Jahren unter diesem Namen gibt. Er sei aus\nMilch hergestellt. Zur Sicherheit frage ich noch einmal nach: Milch? Ja, er\nenthalte Karamell, aber die Basis sei Milch. Nach Karamell schmeckt er\nwirklich, nach Milch \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nR\u00fcckfahrt geht es durch einen Ort, der&nbsp;<em>Chamusca<\/em>&nbsp;hei\u00dft. Leider\nist nirgendwo eine Information zu dem Ursprung des Namens zu finden. Wer hat da\nwas angesengt?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\n\u00fcber die gro\u00dfe Br\u00fccke \u00fcber den Tejo und sp\u00e4ter \u00fcber eine sch\u00f6ne, geschlossene,\nrostbraune Eisenbr\u00fccke. Je weiter die Fahrt geht, umso tr\u00fcber wird das Wetter,\nund kurz vor der Ankunft f\u00e4ngt es an zu regnen. Das Beira kommt mir jetzt\nregelrecht alpin und wie eine gr\u00fcne Oase vor.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nReisef\u00fchrer lese ich, dass es gleich zwei deutsche Konsulate an der Algarve\ngibt, in Faro und in Albufeira, wenn auch nur Honorarkonsulate. Der Reisef\u00fchrer\nempfiehlt auch, bei Geldmangel erst alle m\u00f6glichen anderen Wege auszuprobieren,\nwie \u00dcberweisungen ins Ausland. Die Botschaften handhaben die Gew\u00e4hrung von\nKrediten sehr restriktiv und nehmen ordentliche Zinsen daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig\nsto\u00dfe ich auf eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Namen&nbsp;<em>Santar\u00e9m<\/em>. Die Stadt ist\nnach der Heiligen Irene benannt! Wenn man\u2019s wei\u00df, ist es klar.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. April (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nschwarzen Autokennzeichen waren bis 1991 g\u00fcltig. Dann wurden sie von den wei\u00dfen\nabgel\u00f6st. Alle Kennzeichen haben drei Gruppen \u00e0 zwei Zeichen, Zahlen und\nBuchstaben. Das System begann mit XX-99-11. Dann kam 99-11-XX, jetzt sind sie\nbei 99-XX-11!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cZeichne,\ndas macht weniger L\u00e4rm.\u201d Sagte Karl Lagerfelds Mutter und klappte das Klavier\nzu, auf dem er herumklimperte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer kleinen Textsammlung entdeckt: \u201cQuem conta um conto acrescenta um ponto.\u201d Entspricht grob einem englischen Zitat, das mal an der Uni vorkam: \u201cNo good story is ever quite true.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\n\u00fcber einen kleinen Unterschied in der Alltagskultur gestolpert. Der Kopfsalat\nmuss gewogen werden. Eier werden hier, wie fr\u00fcher bei uns, im Dutzend verkauft.\nWarum sich das bei uns wohl ge\u00e4ndert hat?&nbsp;Milch und Butter&nbsp;kommen\nh\u00e4ufig von den&nbsp;Azoren, an der Algarve noch mehr als hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend Stau in Las Rosas! Was ist hier los? Eine Schlange an der Tankstelle, an\nder ich am Morgen noch der einzige Kunde war, bildet einen R\u00fcckstau bis auf die\nIC3. Selbst der Kreisverkehr ist blockiert. Ein Gef\u00fchl wie in Griechenland:\nWird das Benzin rationiert? Oder gehen die Preise morgen in die H\u00f6he? Oder wird\nder Tank noch mal gef\u00fcllt, bevor es auf die Reise in die Osterferien geht?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cBesser gut abgeschaut, als schlecht selbst gebaut&#8221; (Daniel D\u00fcsentrieb, nach Erika Fuchs)<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nn\u00e4chste Besuch aus der Heimat. In dem Moment, wo der Zug einf\u00e4hrt, h\u00f6rt es zum\nersten Mal am Tag f\u00fcr einen Moment zu regnen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden kennen die Antwort auf die Benzinfrage: Die Tanklastwagenfahrer in\nPortugal befinden sich im Streik!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden sind von Porto aus einen Tag ans Meer gefahren, in einen Ort namens\nMatosinhos, und haben sich dort R\u00e4der geliehen, um an der K\u00fcste entlang zu\nfahren. Bestes Wetter, beste Infrastruktur. Kann man sich merken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen bei Nieselregen einen Spaziergang durch Coimbra:&nbsp;<em>Casa<\/em>&nbsp;<em>Nau<\/em>, Einkaufsstra\u00dfe, Santa Cruz, zur S\u00e9 hinauf und dann\nzur Uni. Die beiden wundern sich, wie auch schon in Porto, \u00fcber die vielen\nverlassenen oder sogar verfallenden H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zur H\u00fctte machen wir Halt in Penela und trinken ein Bier. Dazu gibt es ein\nwunderbares, auf einer Holzplatte liebevoll angerichtetes Sortiment von K\u00e4se\nund Wurst. Neben verschiedenen Arten von gebratener&nbsp;<em>chori\u00e7o<\/em>&nbsp;gibt\nes auch etwas, was mich an Panhas und Leberbrot erinnert und tats\u00e4chlich mit\nMehl zubereitet wird.&nbsp;Und auch&nbsp;<em>farinheira<\/em>&nbsp;hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nAbend verbringen wir bei Dauerregen in der H\u00fctte. Dabei lerne ich, was\nmit&nbsp;<em>Bew\u00e4hrung<\/em>&nbsp;gemeint ist und was&nbsp;<em>Dreiseitenfu\u00dfball<\/em>&nbsp;ist.\nUnd welche Vorteile E-Roller haben. Und wie das deutsche Bildungssystem zu\nretten ist.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. April (Gr\u00fcndonnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen\nallen Erwartungen und Prognosen ist es am Vormittag richtig sch\u00f6n. Wir gehen\neinmal um das Grundst\u00fcck und teilen unsere Begeisterung f\u00fcr verfallene\nH\u00e4usermauern aus Naturstein, die von der Natur in Besitz genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen eine Rundfahrt in der Umgebung: Espinhal, Miranda, Lous\u00e3. In der Sonne\nzeigen sich alle drei von der besten Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nBurg in Lous\u00e3 entziffere ich mit Hilfe eines \u00dcbersetzungsprogramms eine\nmehrfaches Wortspiel, angebracht neben verschiedenen Piktogrammen auf einer\nTafel, an der Verhaltensweisen f\u00fcr die Umgebung aufgelistet sind:&nbsp;<em>Nada\ntire, a n\u00e3o ser fotografias \u2013 Nada deixe, a n\u00e3o ser pegadas \u2013 Nada mate, a n\u00e3o\nser o tempo \u2013 Lousa conVIDA NATURALmente!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeschnittenen Kopfweiden, aus deren \u00c4sten Bl\u00e4tter austreten, l\u00f6sen\nunterschiedliche Kommentare aus. Ich finde sie sch\u00f6n, die anderen finden, man\nsolle die B\u00e4ume wachsen lassen und nicht in die Natur eingreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nLous\u00e3 selbst, wo sich der Himmel langsam zuzieht, fragt uns die Wirtin in einem\nCaf\u00e9, ob wir Deutsche seien. Es hat ein Busungl\u00fcck in Madeira gegeben. Eine\ndeutsche Reisegruppe ist betroffen. Die Wirtin erz\u00e4hlt, ihre Tochter lebe in\nMadeira, in der N\u00e4he der Ungl\u00fccksstelle. Mit einem typischen Mutterblick, einer\nMischung aus Wehmut und Stolz, erz\u00e4hlt sie, dass ihre Tochter Anw\u00e4ltin ist und\ndort ein eigenes Unternehmen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nRegen fl\u00fcchten wir in die H\u00fctte, aber am sp\u00e4ten Nachmittag wird es doch wieder\nsch\u00f6n und wir k\u00f6nnen einen Spaziergang um das Dorf machen.&nbsp;Es stellt sich\nheraus, dass ich nicht der einzige bin, der Respekt vor Hunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nfragen wir uns,&nbsp;welche von zwei Baumarten, die hier in vielen Exemplaren\nam Wegesrand stehen, Korkeichen sind. Bei der einen sind die Bl\u00e4tter\n(un)passend, bei der anderen die Rinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsto\u00dfen am Wegesrand auf ein \u201c\u00d6lmuseum\u201d. Es sind verschiedene Instrumente\nausgestellt, die in der \u00d6lherstellung zum Einsatz kommen, darunter eine Presse\nmit einem breiten Holzbalken, ein M\u00fchlstein (weswegen wir zuerst glauben, es\nhabe was mit Brot zu tun), ein gro\u00dfes Rad, das mit Hilfe eines Blasebalgs\nbewegt wird und ein \u201cZapfhahn\u201d. Ich bin hier schon mehrmals vorbeigelaufen,\nohne das alles zu bemerken.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem\nSchild&nbsp;<em>Taverna<\/em>&nbsp;in Viavai ist nicht vorbeizukommen. Wir k\u00f6nnen\nuns in den Sonnenschein nach drau\u00dfen setzen und ein Bier trinken. Die beiden\nk\u00f6nnen die niedrigen Preise gar nicht fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\nuns auf den Weg machen, fragt Pamela nach der Algarve. Auf meine\nzur\u00fcckhaltenden Kommentare erkl\u00e4rt ein Engl\u00e4nder: \u201cThe prices are too high and\nthe sea is too cold.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend geht es ins D. Sesmondo. Reservierung per Internet hat perfekt\nfunktioniert, einschl. Gerichte. Wie immer erstklassige Bedienung und gutes\nEssen. Nur gibt es die omin\u00f6sen&nbsp;<em>grelos<\/em>&nbsp;nicht. Ob das\nvielleicht saisonal bedingt ist? Aus den Gem\u00fcseg\u00e4rten sind sie auch teilweise\nverschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkehren auf dem R\u00fcckweg noch kurz bei&nbsp;<em>Pascoal<\/em>&nbsp;in Carvalhais\nein. Wo sind die ganzen Benfica-Anh\u00e4nger? Sind sie nach dem Ausscheiden auf\nschnellstem Weg nach Hause gegangen? Oder ist der Fu\u00dfball diesmal in der&nbsp;<em>Caparica<\/em>&nbsp;gelaufen?\nAuf dem R\u00fcckweg sehen wir dort eine ganze Reihe Autos stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nentsch\u00e4digen uns f\u00fcr den entgangen Fu\u00dfball mit der Diskussion der schweren\nFrage, warum (und ob) es keine Fu\u00dfballvereine in Deutschland gibt, die Farben\nim Namen tragen, von denen nicht mindestens eine&nbsp;<em>Wei\u00df<\/em>&nbsp;ist. Es\ngibt&nbsp;<em>Rot-Wei\u00df&nbsp;<\/em>und&nbsp;<em>Schwarz-Wei\u00df<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Gr\u00fcn-Wei\u00df<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Blau-Wei\u00df<\/em>,\naber es gibt nicht&nbsp;<em>Schwarz-Gelb<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Blau-Rot<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause\ngibt es noch eine Lehrstunde zur Berechnung der Ausdehnung von Materialien bei\nHitze. Und zu der Frage, wie das zu erkl\u00e4ren ist, damit es auch ein\nBerufssch\u00fcler versteht. Ich finde es gar nicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. April (Karfreitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Aprilwetter:\nIn heftigem Regen, der das Autofahren sogar auf der Autobahn erschwert, geht es\nnach Coimbra. Dort setzen wir uns in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 und essen Eis. Und auf der\nR\u00fcckfahrt regnet es bei Sonnenschein. Der Teufel hat Hochzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschung\nam Fahrkartenschalter: Der ausgew\u00e4hlte Zug, ein IC, ist ausgebucht, der\nn\u00e4chste, ein Alfa, ebenfalls. Feiertagsverkehr? F\u00fcr den darauf folgenden Zug\ngibt es Fahrkarten, aber nur noch in der 1. Klasse. Auf jeden Fall m\u00fcssen wir\nwarten. Wir fahren zur\u00fcck und gehen \u00fcber die Br\u00fccke auf die andere Seite des\nMondego, um einen Blick auf die Ruinen von Santa Clara zu werfen. Wird sich auf\njeden Fall lohnen, sich das einmal genauer anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\ndaneben machen wir eine Pause im&nbsp;<em>Pinto d\u2019Ouro<\/em>, dem \u2018Goldenen\nK\u00fcken\u2019. Was an der Theke ausliegt, sieht sehr gut aus, ein Grund, noch mal\nwiederzukommen. Die beiden nehmen sich davon etwas als Marschverpflegung mit\nund dampfen dann ab nach Porto und von dort bald ins sonnige Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. April (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nh\u00f6re ich im Radio ein Interview mit einer portugiesischen Frau, die durch die\nhalbe Welt trampt und jetzt in Guinea-Bissau ist. Ich kann die Redakteurin viel\nbesser verstehen als sie, und das nicht nur wegen der Tonqualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nin den&nbsp;<em>Parque Biol\u00f3gico da Serra de Lous\u00e3<\/em>, der sich nicht etwa in\nLous\u00e3, sondern in Miranda befindet. Dort in einem Caf\u00e9 gibt mir eine Kellnerin\ngenaue Instruktionen, wie ich dorthin komme. Man versteht alles.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nPark gibt es ein weitl\u00e4ufiges Tiergehege \u2013 nur einheimische Tiere sind\nvertreten \u2013 und eine Ausstellung. Und am Rand der verschlungenen Wege, die Auf\nund Ab f\u00fchren, stehen einheimische B\u00e4ume mit Etikettierung. Das ist alles sehr\nsch\u00f6n angelegt. Viele Familien mit jungen Kindern sind unterwegs, aber das\nGel\u00e4nde ist gro\u00df genug, damit man sich nicht auf die F\u00fc\u00dfe tritt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nAusstellungsgeb\u00e4ude bin ich fast alleine. Es gibt erst eine Zeitlinie, auf der\nMeilensteine der Zivilisation eingetragen sind, nach Kontinenten aufgeteilt.\nWenn die stimmt, hat Europa die Nase vorn. Nirgends scheint es so alte\nKunstwerke wie die H\u00f6hlenzeichnungen bei uns zu geben. Der \u00dcbergang des\nMenschen \u00fcber die Bering-Stra\u00dfe nach Amerika erfolgte erst danach. Die \u00e4ltesten\nZeugnisse in Asien sind Keramikwaren aus Japan, aus der Jomon-Kultur. Dann\nfolgt Jericho als erste Stadtgr\u00fcndung, nur kurz nach dem Beginn der Mammutjagd\nin Amerika. Die \u00e4ltesten Kulturen in Amerika sind die in Peru, Oca und Quina.\nDie ersten st\u00e4dtischen Kulturen in Europa sind die der Minoer in Kreta. Die\nentstehen etwa zeitgleich mit Stonehenge. Als \u00e4lteste Schriften werden die\nKeilschrift im Zweistromland und die \u00e4gyptischen Hieroglyphen genannt. Und was\nist mit China? Die Vinca-Kultur aus S\u00fcdosteuropa wird zwar genannt, aber ohne\nErw\u00e4hnung einer Schrift. Sie w\u00fcrde im Zweifelsfalle noch vor Hieroglyphen und\nKeilschrift liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nJahreszahlen sind hier eher vorsichtig gesch\u00e4tzt, bei den H\u00f6hlenzeichnungen\nz.B. 17000. Damit w\u00e4ren sie j\u00fcnger als sonst oft behauptet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es in einen anderen Raum und auf unsere Gegenwart zu, mit Exponaten aus\ndem Alltagsleben, aber auch aus der Gesellschaft. Die Objekte sind nach Themen\nangeordnet, deren gemeinsamer Nenner die Freiheit ist:&nbsp;<em>Libertad de\nInovar,<\/em>&nbsp;<em>Libertad\ndo Pensamento<\/em>,&nbsp;<em>Libertad de Inventar<\/em>,&nbsp;<em>Libertad\nde Produzir<\/em>&nbsp;usw.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem von vielen Dreiecken erscheinen die drei wichtigsten Teile der\nmediterranen Ern\u00e4hrung: \u00d6l, Brot, Wein. Auf einer Zeitleiste sieht man, was\nwann erfunden wurde: Getreide vor 12.000 Jahren, Wein vor 10.000 Jahren, Mais\nvor 7.500 Jahren, \u00d6l vor 5.000 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem weiteren Dreieck erscheinen Fernglas, Lupe und Mikroskop. Sie stehen f\u00fcr\nden Willen, weiter zu sehen, Einzelheiten zu sehen, das Unsichtbare zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nauff\u00e4lliges Exponat ist eine geradezu monstr\u00f6se Druckmaschine aus verrostetem\nEisen, mit Hebeln, Ketten, Riemen und Rohren. Sieht sintflutartig aus, ist aber\nnoch nicht so lange her, dass man so druckte. Statt mit ein paar Klicks auf der\nTastatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nSchluss kommt auch noch etwas zu Miranda. Dabei hilft mir eine kleine,\nfreundliche Aufseherin mit dicker Brille auf die Spr\u00fcnge:&nbsp;<em>Casa de\nGaiato.<\/em>&nbsp;Was kann das sein? Es ist ein Kindergarten. Miranda hatte den\nersten portugiesischen Kindergarten, 1940. Der war der Initiative eines Paters\nzu verdanken, dessen Bild dar\u00fcber erscheint. Er gr\u00fcndete auch ein Heim zum\nZusammenleben von Erwachsenen jeder Provenienz und jedes Alters, einschlie\u00dflich\nvon Behinderten, eine Vorstellung, die heute sehr modern klingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich\nhilft mir die Frau auch noch, den Titel eines weiteren Abschnitts zu\nverstehen:&nbsp;<em>Triste Vida<\/em>. Ist es das traurige Leben von Menschen, die\nin Armut und Elend leben? Nein, es ist einfach die regionale Bezeichnung f\u00fcr\neine Schubkarre!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nTierschau drau\u00dfen beginnt mit Nutztieren. Der Reiz liegt darin, dass man\nverschiedene Arten einer Gattung, in benachbarten Gehegen untergebracht, gut\nunterscheiden kann. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass Schweine so unterschiedliche\nOhren haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nzwei Schweine-Rassen, dem Altentejo-Schwein und dem Bisara-Schwein, hei\u00dft es,\ndie Tragezeit dauere drei Monate, drei Tage und drei Stunden. Kann das stimmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ndunkelgraue, fast schwarze Bisara-Sau steht drau\u00dfen, die Jungen, hellgrau mit\nrosa Flecken, liegen am Eingang der H\u00fctte ineinander verschlungen und \u00fcbereinander\ngestapelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nTruthahn (portugiesisch&nbsp;<em>peru<\/em>) hat das M\u00e4nnchen einen unsch\u00f6nen,\nroten Appendix am Hals, der zu allem \u00dcbel mit dem Alter auch noch w\u00e4chst!<\/p>\n\n\n\n<p>An dem\n\u00dcbergang zum eigentlichen Park befindet sich ein Labyrinth. Davor stehen von\nGrundsch\u00fclern gebastelte Vogelscheuchen. Erstaunlich, welche Vielfalt hier\nherrscht. Neben den eher klassischen Typen gibt es ein kurzbeiniges Pferd,\nnicht gr\u00f6\u00dfer als ein Hund, aber breit wie ein B\u00e4r, mit mittelalterlicher\nR\u00fcstung, einen Cowboy mit Knarre und einen Zauberer mit Zauberstab. Und\nHandtasche!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nW\u00e4nde des Labyrinths bestehen aus kurz gehaltenen Obstb\u00e4umen und Fruchtb\u00e4umen,\ndie ineinander \u00fcbergehen und ein durchgehendes Geflecht bilden: Birnbaum,\nPflaumenbaum, Pfirsichbaum, Haselnussbaum, Apfelbaum, Olivenbaum, Feigenbaum,\nQuittenbaum (<em>marmeleiro<\/em>) usw. Leider haben die B\u00e4ume derzeit weder\nBl\u00fcten noch Fr\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\ndas ganze Gel\u00e4nde verstreut stehen landwirtschaftliche Ger\u00e4te wie ein Sch\u00f6pfrad\n(<em>nora<\/em>, das gleiche Wort wie f\u00fcr \u2018Schwiegertochter\u2019), Ger\u00e4te zum S\u00e4en\n(vor allem f\u00fcr Mais und Bohnen), die wie Fahrr\u00e4der ohne Sattel aussehen und\nbeim S\u00e4en eine gerade Linie garantierten, und ein Ger\u00e4t zum Heben von Lasten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\neigentlichen Park sieht man dann wilde Tiere, darunter Braunb\u00e4ren. Die liegen,\ntief atmend, so dass man die Bewegungen ihres Brustkorbs sieht, in ihrem\nGehege. Es hei\u00dft, Braunb\u00e4ren seien morgens und abends aktiv. Der Rest des Tages\nist Siesta.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nVoliere gibt ein Milan ein Beispiel seiner Flugkunst. Er hat weite Schwingen,\ndie man ihm, wenn er sitzt, gar nicht zutraut. Einen am Boden sitzenden Uhu,\nder gelegentlich seinen Kopf dreht, ohne den Rest des K\u00f6rpers zu bewegen, sehe\nich nur, weil andere von ihm ein Photo machen. Sein Gefieder ist eine perfekte\nTarnung. Die nachtaktiven Tiere wie Mungo und Marder lassen sich erst recht\nnicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den\nMufflons hat es wohl Nachwuchs gegeben. Es gibt Kleine und Kleinste. Sie\nstreiten sich um den Vorrang an der nat\u00fcrlichen Trinkquelle. Die Mufflons sind\naufgekl\u00e4rte Vegetarier. Eigentlich fressen sie Gr\u00fcnzeug, zur Not aber auch\nInsekten und kleinere S\u00e4ugetiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den\nB\u00e4umen f\u00e4llt mir ein Eukalyptus mit sehr breitem Stamm auf. In freier Wildbahn\nhier bei uns im Wald sind sie viel d\u00fcnner. Es hei\u00dft, das Holz des Eukalyptus\nwerde auch in der Papierproduktion verwendet<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nSchluss sehe ich in einem abgetrennten Gehege eine dreibeinige Ziege. Sie hat\ndas gesunde Vorderbein als St\u00fctze quergestellt und qu\u00e4lt sich, nach vorne\ngebeugt, m\u00fchsam vom Stall zur Trinkschale. F\u00fcr einen Moment ist man \u00fcberw\u00e4ltigt\nvon Mitgef\u00fchl mit dem Leiden der Kreatur.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. April (Ostersonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In\nSaramagos&nbsp;<em>Memorial do Convento<\/em>&nbsp;taucht unter den von der\nInquisition Angeklagten ein gewisser Manuel Mateus auf, der mit\nSpitznamen&nbsp;<em>Saramago<\/em>&nbsp;hei\u00dft. In der \u00dcbersetzung lautet sein Spitzname&nbsp;<em>Hederich<\/em>.\nDamit geht nat\u00fcrlich die Anspielung auf den Namen des Autors verloren, der\nSelbstbezug, wohl auch zu verstehen als Anspielung auf die Anfeindungen, denen\nSaramago in der Salazar-Zeit in Portugal ausgesetzt war. Dass&nbsp;<em>saramago<\/em>&nbsp;nebenbei\nauch den Hederich bezeichnet, eine zu den Kreuzbl\u00fctlern geh\u00f6rige Pflanze, ist\ndabei wenig relevant.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nportugiesischen Alphabet ist bei der Nennung des Buchstabens &lt;q&gt; Vorsicht\ngeboten. Er hei\u00dft \/ke\/, nicht \/ku\/, wie im Spanischen. Im Portugiesischen\nist&nbsp;<em>cu<\/em>&nbsp;ein eher derbes Wort f\u00fcr das Hinterteil \u2013\nspanisch&nbsp;<em>culo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. April (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nLaufen steht am Stra\u00dfenrand ein Mann und wartet. Er macht eine anerkennende\nGeste. Er hei\u00dft Elder. \u201cAt\u00e9 outro dia!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\nvor der H\u00fctte ein Mann mit Sichel auf einer Wiese. Er muss meine Frage, was er\nda mache, ziemlich d\u00e4mlich finden. Gras schneiden, sieht doch jeder. F\u00fcr seine\nTiere? Ja. F\u00fcr Ziegen? Ja. F\u00fcr die Ziege. Singular.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Tag des\nBuches beginnt mit Lekt\u00fcre:&nbsp;<em>O Meu P\u00e9 de Laranja Lima<\/em>. Ein Jugendbuch.\nDas trifft sich gut. Die Erwachsenen erkl\u00e4ren dem Jungen etwas, was mir genauso\nn\u00fctzlich ist. Portuga, der v\u00e4terliche Freund von Z\u00e9z\u00e9, erz\u00e4hlt von seiner\nKindheit und erw\u00e4hnt dabei&nbsp;<em>parreiras<\/em>. Er schiebt sofort die\nErkl\u00e4rung hinterher, dass das die \u201cB\u00e4ume der Weintrauben\u201d seien. Weinreben.\nOhne die Erkl\u00e4rung h\u00e4tte ich es mit&nbsp;<em>pereira<\/em>&nbsp;verwechselt,\n\u2018Birnbaum\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner anderen Passage spricht Portuga von der Herstellung von K\u00e4se. F\u00fcr Z\u00e9z\u00e9\nklingt es nicht wie&nbsp;<em>queijos<\/em>, sondern wie&nbsp;<em>caijos<\/em>. Genau\nder Laut, der mir seit drei Monaten R\u00e4tsel aufgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch\neine Mail kommt mir wieder&nbsp;<em>G\u00f6ttingen<\/em>&nbsp;in Erinnerung. Das ist\nein franz\u00f6sischer Chanson, von einer S\u00e4ngerin, die Vorbehalte gegen Deutschland\nhatte und dort erst nicht auftreten wollte. Sie fand zuerst ihre Vorbehalte\nbest\u00e4tigt, revidierte sie dann aber. Und das fand seinen Ausdruck in dem Lied.\nDie Mitsch\u00fclerin, die mich in Faro darauf aufmerksam machte, kam aus G\u00f6ttingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\nwird es gar nicht richtig hell. Und es regnet. Und wenn es mal nicht regnet,\nhagelt es. Immerhin gab das Gelegenheit zu einem Photo, das zu einem der\nKlassiker der Reise werden kann, gemacht durch das Fenster des Caf\u00e9s in Penela.\nEin trister Anblick, aber so trist, dass es auch wieder sch\u00f6n ist. Ein\nFarbphoto, das wie ein Schwarz-Wei\u00df-Photo aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nCaf\u00e9 probiere ich ein Geb\u00e4ckst\u00fcck,&nbsp;<em>broihna<\/em>, ein kompaktes\nGeb\u00e4ckst\u00fcck, nicht allzu s\u00fc\u00df, mit Rosinen und Zitronat. Das Wort ist wohl\nvon&nbsp;<em>broa<\/em>&nbsp;abgeleitet, aber es schmeckt nicht danach.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Zeitungskolumne lese ich, dass Portugal in drei\u00dfig Jahren nur noch sechs\nMillionen Einwohner haben wird, von denen 70% \u00fcber 65 Jahre sein werden. Bei\naller Vorsicht solchen Prognosen gegen\u00fcber: Das will was hei\u00dfen!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\ndurchschnittliche Niederschlagsmenge pro Jahr in Portugal (1014 mm) ist h\u00f6her\nals die in Deutschland (658 mm). Das erfahre ich ja jetzt hautnah. Daf\u00fcr sind\naber nicht mehr Tage pro Jahr n\u00f6tig als in Deutschland. Davon ist hier nicht so\nviel zu merken. Die regionalen Unterschiede sind in Portugal vermutlich gr\u00f6\u00dfer\nals in Deutschland. Coimbra liegt etwa im Durchschnitt. Statistisch gesehen ist\nes hier w\u00e4rmer als in Deutschland (15,7\u00b0 # 9,7\u00b0), und es gibt auch mehr\nSonnenstunden (2463 # 1615). Die Realit\u00e4t will momentan von der Statistik wohl\nnichts wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nFenster eines Caf\u00e9s in Penela sehe ich eine Anzeige f\u00fcr eine zu vermietende\nWohnung. Da erscheint T3, wie in vielen Wohnungsanzeigen. Bezieht sich wohl auf\ndie Zahl der Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nFernsehen hei\u00dft es, die Portugiesen h\u00e4tten noch nie so viel geklagt wie 2018.\nAber Klage ist hier, anders als ich es erst verstanden habe, wohl im\nrechtlichen Sinne gemeint: Noch nie sind so viele Klagen bei Gericht\neingegangen<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Feiertag.\nFreiheitstag. Jahrestag der Nelkenrevolution. Die Gesch\u00e4fte sind geschlossen,\naber sonst merkt man wenig davon.&nbsp;Hier im Dorf geht das Leben ohnehin\nseinen l\u00e4ndlichen Gang, mit Traktoren und Motors\u00e4gen. Auch die Hunde stellen\nwegen des Feiertags ihr Bellen nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nauf Nachfrage ist nicht herauszufinden, ob irgendwo etwas Aufregendes\nstattfindet. Nur ein paar Reden und Zeremonien.&nbsp;Bei dem Regen hat man\nohnehin keine gro\u00dfe Lust auf Aktivit\u00e4ten au\u00dfer Haus.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. April (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen kurzer Auftritt der Sonne. Sehr willkommen nach den grauen Tagen. Auf\ndem Weg nach Miranda aber wieder \u00fcberw\u00e4ltigender Eindruck der nebelverhangenen\nBerge, ohne Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nsteht der alte Mann am Stra\u00dfenrand. Fast hat man den Eindruck, er habe auf mich\ngewartet. Er scheint sich an mich erinnern zu k\u00f6nnen, und auch an Dede, nach\nder er sich erkundigt. Ich lasse ihn am Ortseingang raus und l\u00fcfte erst mal\nkr\u00e4ftig durch.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Caf\u00e9 in Miranda sehe ich ein Plakat mit der Aufschrift&nbsp;<em>Tabaco\nAquecido.<\/em>&nbsp;Das Wort kommt mir von der Heizung her bekannt vor,&nbsp;<em>aquecimento<\/em>.\nDas m\u00fcssen elektronische Zigaretten sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht geht es um die Nelkenrevolution. Wir h\u00f6ren Grandola Vila Morena, das\nLied, das Lied, das eine Art geheimer Auftakt zur Revolution war. Die\neigentlich keine war, sondern ein Staatsstreich. Zur Revolution, wenn das denn\n\u00fcberhaupt das richtige Wort ist, wurde sie erst durch die Zustimmung des\nVolkes. Das Volk war zunehmend gegen das Regime eingestellt, vor allem wohl\nwegen der Kolonialkriege. Portugal hatte seine Kolonien immer noch nicht in die\nFreiheit entlassen. Aber die konnten nur mit gewaltiger Milit\u00e4rpr\u00e4senz im Zaun\ngehalten werden. Alle portugiesischen jungen M\u00e4nner mussten vier Jahre lang zum\nMilit\u00e4r, zwei Jahre hier in Portugal, zwei Jahre in die Kolonien. Viele kamen\nverst\u00fcmmelt oder erkrankt zur\u00fcck. Filomena kannte einen jungen Mann, der\nscheinbar gesund zur\u00fcckkehrte, aber dann erkrankte, als Sp\u00e4tfolge des\nEinsatzes, und an der Krankheit verstarb. Das Lied hat einen nicht sonderlich\nanspruchsvollen, auf den ersten Blick unpolitischen Text, aber mit suggestiven\nW\u00f6rtern wie&nbsp;<em>povo<\/em>,&nbsp;<em>fraternidade<\/em>,&nbsp;<em>igualdade<\/em>&nbsp;versehen.\nIm Hintergrund h\u00f6rt man marschierende Soldaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den\nWohnungsanzeigen, erfahre ich, steht&nbsp;<em>T3<\/em>&nbsp;f\u00fcr&nbsp;<em>Tipologia\n3<\/em>. Das bedeutet drei Zimmer, K\u00fcche, Bad und Wohnzimmer nicht\neingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nLaden in Miranda l\u00f6se ich mit meinem Makkaroni-Portugiesisch allerlei staunende\nGesichter aus. Dabei will ich nur wissen, welche Kartoffeln f\u00fcr meinen Zweck am\nbesten sind. Ich versuche es am Ende mit&nbsp;<em>tortilla<\/em>, aber die ist\nhier unbekannt. Unglaublich, dass die politische Grenze hier auch eine so harte\nkulinarische Grenze ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg sehe ich Wanderer, eine gro\u00dfe Gruppe, weit auseinandergezogen. Schon\nbei der Hinfahrt habe ich welche gesehen. Sie scheinen alle zusammenzugeh\u00f6ren,\ndenn sie sind irgendwie uniformiert. Wo kommen sie pl\u00f6tzlich her? Bisher habe\nich hier nur ganz vereinzelt mal ein einzelnes Paar von Wanderern gesehen, mehr\nnicht. Dann geht mir pl\u00f6tzlich ein Licht auf: Fatima! Ab dem 13. Mai geht es\ndort so richtig los.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nmache ich Halt in der B\u00e4ckerei in Espinhal. Statt des B\u00e4ckers steht eine\nkleine, alte Frau hinter der Theke. An der lehnt sich ein ebenso alter Mann an.\nEr fragt mich, ob ich Engl\u00e4nder sei. Nein. Dann wird er richtig gespr\u00e4chig. Er\nhat als junger Mann in Deutschland gearbeitet, in Freiburg, bei einer Firma,\ndie Uhren herstellt. Den Namen kann ich nicht identifizieren, wie ich \u00fcberhaupt\nSchwierigkeiten habe, seine deutschen Brocken, von denen im Laufe des Gespr\u00e4chs\nimmer mehr zum Vorschein kommen, zu verstehen. Am l\u00e4ngsten dauert es bei&nbsp;<em>ballaballa<\/em>.\nSeine Zeit in Deutschland ist bereits vierzig oder gar f\u00fcnfzig Jahre her, er\nwar noch ohne seine Frau da. Es stellt sich heraus, dass die beiden die Eltern\ndes B\u00e4ckers und der B\u00e4ckersfrau sind, die mit dem Brotwagen \u00fcber die D\u00f6rfer\nf\u00e4hrt. Die fange ich am Nachmittag ab und gebe ihr ein paar Schokoladeneier f\u00fcr\nihre Eltern mit auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAufseherin im Schwimmbad wohnt in Espinhal und kennt nat\u00fcrlich auch die\nB\u00e4ckersleute. Sie selbst hat eine Bar in Venta dos Moinhos, ganz in der N\u00e4he\nder H\u00fctte. Sie betreibt die Bar zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin.\nSie erz\u00e4hlt noch was von unserem Dorf, das ich aber nicht verstehe, au\u00dfer, dass\nsie glaubt, mich schon mal gesehen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nkommt zu einem verr\u00fcckten Missverst\u00e4ndnis, weil ich glaube, sie w\u00e4re Spanierin.\nAls sie mein ungl\u00e4ubiges Gesicht sieht, wiederholt sie noch einmal:&nbsp;<em>Espinhal<\/em>.\nSie ist aus Espinhal. Das klingt so anders, als ich es ausspreche, dass ich es\nnicht wiedererkenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nSchwimmbecken wieder eine Gruppe Behinderter. Sie trainieren, mit Schwimmreifen\nund anderen Hilfsmitteln versehen, unter der Anleitung einer jungen\nSchwimmlehrerin, die sich mit ausholenden Gesten Ausdruck verschafft. Sie\nhalten sich nur in dem Bereich auf, in dem man noch stehen kann. Am Ende d\u00fcrfen\nsie von der Seite aus einen Kopfsprung ins Wasser machen, aber daran beteiligen\nsich nur die M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. April (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngeren\nFilm zur Entstehung von&nbsp;<em>Life of Brian<\/em>&nbsp;gesehen, einschlie\u00dflich\nder Kontroverse, die der Film ausl\u00f6ste. Die Produktion war gef\u00e4hrdet, nachdem\nEMI pl\u00f6tzlich ausgestiegen war. Da sprang George Harrison ein, v\u00f6llig\nunerwarteterweise. Er verpf\u00e4ndete sein Londoner Haus. Er wollte einfach den\nFilm gerne sehen. Eine religi\u00f6se Organisation,&nbsp;<em>Nationwide Festival of\nLight<\/em>, unter F\u00fchrung einer gewissen Mary Whitehouse, mobilisierte dann\ngegen die angebliche Blasphemie des Films. Er wurde in mehreren L\u00e4ndern\nverboten, u.a. in Norwegen. In Schweden warb man f\u00fcr den Film mit dem Motto:\nDieser Film ist so witzig, dass er in Norwegen verboten ist. In England wurde\nes den einzelnen Gemeinden \u00fcberlassen, ob der Film gezeigt wurde. Im Interview\nsieht man einen B\u00fcrgermeister, der sich f\u00fcr das Verbot ausgesprochen hatte.\nWegen der Bewegung von Festival of Light. Ob er selbst den Film gesehen habe,\nwurde er gefragt. Nein. Was er von&nbsp;<em>Festival of Light<\/em>&nbsp;wisse,\nwurde er weiter gefragt. Nichts. Sehr solide Grundlage f\u00fcr ein Verbot. John\nCleese argumentiert, der Film mache sich nicht \u00fcber das Christentum oder gar\n\u00fcber Christus lustig, sondern \u00fcber Menschen, die nicht selbst\u00e4ndig denken, \u00fcber\ndogmatische Christen und Juden. Das trifft die Sache wohl ziemlich genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nLaufen eine alte Frau gesehen: Mit der einen Hand hielt sie die Hacke \u00fcber der\nSchulter fest, mit der anderen den Kr\u00fcckstock.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag geht es nach Santiago da Guarda, einem seit einiger Zeit auf Eis\nliegenden Tipp Filomenas folgend. Der Weg f\u00fchrt durch eine fruchtbare Ebene mit\ngro\u00dfen Olivenb\u00e4umen und kleinen Weinst\u00f6cken. Manchmal wirkt es irgendwie\neinsam, aber immer wieder taucht ein einzelnes Geh\u00f6ft oder ein Stra\u00dfendorf auf.\nPortugal, zumindest dieser Teil, ist ziemlich zersiedelt. Ob es hier \u00fcberhaupt\neinen Bebauungsplan gibt oder gab?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt pl\u00f6tzlich ein Turm in Sicht, der wie ein Wachturm von der DDR-Grenze\naussieht. Es ist ein Kirchturm, frei stehend, der zu einer modernen Kirche\ngeh\u00f6rt, die auch im Ruhrgebiet stehen k\u00f6nnte. Und da besser hinpassen w\u00fcrde als\nin die portugiesische Provinz. An der Fassade steht in ganz gro\u00dfen Lettern\nF\u00fcnfziger Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nCafeteria des Ortes laufen im Fernsehen Berichte \u00fcber die bevorstehenden\nspanischen Wahlen. Auch in Spanien macht sich jetzt die Rechte breit, mit einer\nunertr\u00e4glich pathetischen Rhetorik. Da ist vom Selbstmord Spaniens die Rede.\nBei den anderen Parteien wird die Gefahr von Rechts heraufbeschworen und es\nwird geltend gemacht, wie bei jeden Wahlen, dies seien die wichtigsten Wahlen,\ndie es jemals gegeben habe. Glaubt das wirklich jemand?<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nM\u00e4dchen hinter der Theke hat keine Ahnung, was ich meine, als ich nach dem\nComplexo Monumental frage. Da hinten sei irgendwo ein alter Turm. Ja, genau, das\nist es, der alte Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nTurm, quadratisch und nicht so hoch, aber imposant, mit wenigen schmalen\nFenstern, die ungleichm\u00e4\u00dfig auf die vier Seiten verteilt sind, ist das\nportugiesische Pendant zum Frankenturm. Scheint auch die gleiche Epoche zu\nsein. Innen ist er ebenso leer wie der Frankenturm. Auf einem modernen\nEisenger\u00fcst steigt man \u00fcber drei Etagen auf das Dach. Ob der originale Turm\nauch drei Etagen hatte? Und wie kam man \u00fcberhaupt da hinauf?<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAnlage hei\u00dft&nbsp;<em>Complexo Monumental<\/em>, weil man unter der Residenz des\nConde de Castelo Melhor, zu dem der Turm geh\u00f6rt, erst vor wenigen Jahren eine\nr\u00f6mische Villa gefunden hat. Die wichtigsten \u00dcberbleibsel sind Mosaike,\ninsgesamt siebzehn, auf ein ziemlich gro\u00dfes Areal verteilt. Die Mosaike sind\nsehr sch\u00f6n, aber es gibt so gut wie keine Information. Selbst die\nEntstehungszeit kann man nur von ein paar ausgestellten Objekten ableiten: sehr\nsp\u00e4t, 4. oder 5. Jahrhundert. So sieht es auch aus. Es sind keine Figuren\nabgebildet, wohl aber sehr sch\u00f6n gestaltete Bl\u00e4tter verschiedener Gr\u00f6\u00dfe und\nFarbe. Ansonsten gibt es viele B\u00e4nder und Linien, die oft verwinkelt sind, und\ngeometrische Formen: Dreiecke in Dreiecken, Rhomben in Rhomben, alles mit ganz\nkleinen Mosaiksteinchen gemacht. Bei einem der Dreiecke m\u00f6chte man fast das\nAuge Gottes erkennen. Dies muss ja wohl schon die christliche Periode gewesen\nsein, aber ob es damals dieses Bild schon gab?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg mache ich kurz Halt an einer Kirche, bei dessen Kirchturm sind Kreuz,\nHahn und Lautsprecher auf dem Dach vereinen. Gegen\u00fcber ein sch\u00f6nes, mit roten\nZiegeln gedecktes Haus, und daneben sein unbewohnter Zwilling, bei dem das Dach\nlangsam in sich zusammen sackt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal gesehen oder wenigstens zum erstem Mal bewusst wahrgenommen: eine\nFrau mit langem, dem ganzen Nacken bedeckenden Kopftuch und langem, schwarzem\nMantel. So sitzt sie ausgerechnet am Beckenrand des Schwimmbads, mit schwarzen\nStra\u00dfenschuhen. Vor sich ihre kleine Tochter, im Badeanzug. Die schickt sie in\ndas Lehrschwimmbecken. Dann dirigiert sie, mit strenger Miene, ihren Mann und\nihre beiden S\u00f6hne im Wasser. Sp\u00e4ter taucht sie wieder auf. Sie hat sich\nausgezogen. Jetzt tr\u00e4gt sie eine Art Sturmhaube, die nur das Gesicht frei\nl\u00e4sst, und einen kn\u00f6chellangen, grauen Umhang, ohne Schnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg nach Coimbra kommen mir wieder Wanderer entgegen. Sie best\u00e4tigen meine\nVermutung, dass Fatima das Ziel ist, denn sie gehen in diese Richtung, kommen\naber aus einer anderen Richtung als die Wanderer am Freitag. Die Armen m\u00fcssen\ndie schreckliche, verkehrsreiche IC2 entlang, mit reichlich Lastwagenverkehr,\nauf einem schmalen Seitenstreifen, der nur durch eine Markierung von der\nFahrbahn getrennt ist. Das sieht f\u00fcr mich auch gef\u00e4hrlich aus. M\u00fchsam schleppen\nsie sich weiter. Ausgerechnet heute ist es richtig warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nparke, einer Empfehlung Filomenas folgend, diesmal auf der anderen Seite, im\nForum, einem weiteren Einkaufszentrum. Die Architektur nimmt Bezug auf \u00e4ltere\nBauwerke Coimbras, am besten zu erkennen an dem Turm, der den Turm der Universit\u00e4t\naufnimmt. Wie hat man nur diesen diesen riesigen Bau hier an den steilen Abhang\nbekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Cafeteria gleich gegen\u00fcber von Santa Clara lasse ich mir von einer\nfreundlichen Kellnerin eine Spezialit\u00e4t Coimbras empfehlen,&nbsp;<em>tentugal<\/em>,\nnach dem gleichnamigen Ort benannt. Schmeckt gut, aber auch nicht wesentlich\nanders als die anderen Spezialit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\ndas Kloster dem Caf\u00e9 gleich gegen\u00fcber liegt, erreicht man es auf umst\u00e4ndlichen\nWegen von hinten, \u00fcber die Rampe eines modernen Anbaus. Der Mann am Empfang\nschaltet von Englisch auf Portugiesisch um und erz\u00e4hlt, hier werde viel\nEnglisch und Franz\u00f6sisch eingesetzt und gelegentlich auch Spanisch. Am\nDeutschen hat er sich auch versucht, aber es schien ihm sehr schwer. Ein paar\nAusdr\u00fccke hat er aber noch drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhabe mich auf einen kurzen Besuch eingestellt und wollte nur mal durch die\nRuinen der Kirche laufen, aber es gibt, neben Photographien und Filmen, vor\nallem eine sehr gut dokumentierte Ausstellung \u00fcber die Geschichte des Klosters.\nAlle Beschriftungen sind auf Portugiesisch, aber man kann es gut verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nbeginnt mit dem Bild eines italienischen Malers aus dem 17. Jahrhundert. Da\nkann man auf dieser Seite des Mondego nur das Franziskanerkloster und eben\nSanta Clara sehen. Sonst alles unbebautes Land. Der Maler versah das Bild mit\ndem Vermerk, das Kloster erleide regelm\u00e4\u00dfige \u00dcberschwemmungen und es m\u00fcsse\ndamit gerechnet werden, dass es einst aufgegeben werden w\u00fcrde. So kam es dann\nauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nThema ist das Kloster als Begr\u00e4bnisst\u00e4tte. Hier gab es klare, eher\nunchristliche Hierarchien: Je h\u00f6her der Stand, umso n\u00e4her an der Apsis wurde\nman bestattet. Sp\u00e4ter sehe ich auch im Kreuzgang Grabplatten, an der an die\nKirche angrenzenden Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKlarissinnen wurden im Habit begraben, mit einer Vielzahl von Nadeln. Was deren\nFunktion war, ist nicht herauszubekommen. \u00dcber die Tote wurde Kalk gestreut,\nwohl aus hygienischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\ngro\u00dfe Rolle spielte die Klosterapotheke: Infusionen, Pillen, Pulver, Pomaden,\nSalben, \u00d6le wurden aus hier einheimischen Kr\u00e4utern, aus Drogen aus dem Orient,\naus Wasser, Wein und Oliven\u00f6l hergestellt, aus Zucker, Honig, Wachs und sogar\naus Tierexkrementen. Man sieht sehr sch\u00f6ne Gef\u00e4\u00dfe und Beh\u00e4ltnisse ausgestellt,\ndie man sich ohne Weiteres ins eigene Heim stellen w\u00fcrde: gro\u00dfe, gr\u00fcne,\nlasierte Kr\u00fcge, kleinere, blau-wei\u00dfe K\u00e4nnchen und Sch\u00fcsselchen, mit\nVerzierungen wie dem Osterlamm oder dem k\u00f6niglichen Wappen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nMedizin herrschten die Lehren von Hippokrates, Galen und Avicenna vor. Einer\nder wichtigsten Mediziner der Universit\u00e4t Coimbra war auch der Vater mehrerer\nT\u00f6chter, die hier im Klarissenkloster waren. F\u00fcr Verbindung zur akademischen\nWelt war also gesorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGesundheitszustand der Klosterinsassen war nicht gut. Die Feuchtigkeit. die\nK\u00e4lte (ich wei\u00df, was gemeint ist!) und die langen Stunden des Verharrens im\nGebet forderten ihren Tribut. Trotzdem war die durchschnittliche\nLebenserwartung 50 Jahre, mehr als au\u00dferhalb des Klosters. Sp\u00e4tere\nUntersuchungen der Knochen ergaben Osteoporose und Arthritis als g\u00e4ngige Krankheiten.\nMan sieht einen Knochen ausgestellt, der in der N\u00e4he des Gelenks ein\nregelrechtes Loch hat. Sieht es in meinem Knie aus so aus?<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nNachweis der Hygiene im Kloster sind ein paar winzige Ger\u00e4te ausgestellt, ein\nKamm aus Holz, ein Ohrenreiniger aus Knochen und Nagelreiniger aus Metall. Was\nwar mit den Z\u00e4hnen?<\/p>\n\n\n\n<p>1561\nveranlasste die K\u00f6nigin auf Bitte der \u00c4btissin eine Untersuchung des\nGesundheitszustands der Klosterbewohnerinnen. Wohl als Folge davon gab es eine\np\u00e4pstliche Sondererlaubnis. Dem Kloster war der Konsum von Fleisch das ganze\nJahr \u00fcber gestattet. Aufgrund eines k\u00f6niglichen Privilegs durfte das Kloster\nmehrere Hundert Hammel pro Jahr kaufen, und das Kloster durfte sich einen\neigenen Metzger halten. Auch \u201cexotische\u201d Zutaten wie Bohnen, Zucker, Senf,\nPfeffer und Truthahn wurden verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab dem\n16. Jahrhundert war Zucker in gro\u00dfen Mengen zu haben. Honig und Eier gab es aus\nVerpachtungen, und so entstand die Tradition von Santa Clara des Zubereitens\nvon Geb\u00e4ck. Das erkl\u00e4rt auch, dass alles, was man in Coimbra \u2013 und ganz\nallgemein in Portugal \u2013 bekommt, immer ganz \u00e4hnlich schmeckt. Die Besonderheit,\nhei\u00dft es, soll hier gewesen sein, dass das Geb\u00e4ck im Backofen zubereitet und\nnicht gebraten wurde!<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nKloster wurde viel Wasser getrunken. Aber Abgaben an das Kloster wurden oft in\nForm von Wein abgegolten. Und den musste ja auch jemand trinken. Eine gro\u00dfe\nAnzahl fein gestalteter Tonkr\u00fcge ist hier ausgestellt, am sch\u00f6nsten irdenen\nGef\u00e4\u00dfe mit Verzierungen in wei\u00dfen Linien.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nKlosterleben geh\u00f6rte auch der Aberglaube: Amulette gab es zuhauf, und auch\nKreuzen und Medaillen, wenn auch mit religi\u00f6sen Motiven versehen, wurden\nmagische Eigenschaften zugeschrieben. Eine besondere Rolle kam den sog.&nbsp;<em>figas<\/em>&nbsp;zu,\nAmuletten in Faustform. Es gab doppelte und vierfache und auch ein sechsfaches,\ndas einzige auf der Welt. Die&nbsp;<em>figa<\/em>, eine Faust, die Klitoris und\nPenis darstellt, ist im Ursprung eine obsz\u00f6ne Figur, in Portugal und Brasilien\nwurde sie entsch\u00e4rft und gilt als Gl\u00fccksbringer. Ob die Nonnen wussten, womit\nsie es dabei zu tun hatten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso\ngeh\u00f6rte Schmuck zum Klosterleben. In der Abgeschiedenheit der Klausur trug man\nKetten und Ringe. Einzelne, sch\u00f6n gestaltete Exemplare sind hier ausgestellt,\naus Gagat, Bernstein, Glas, sogar aus Gold.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch\neinen p\u00e4pstlichen Erlass wurde die Ordensregel von Santa Clara au\u00dfer Kraft\ngesetzt, derzufolge kein Besitz notwendig war, um ins Kloster einzutreten.\nDenn, so die p\u00e4pstliche Logik, im Gegensatz zu den Franziskanern, ihrem\nm\u00e4nnlichen Pendant, durften die Klarissen ja nicht betteln gehen. Das war die\nGrundlage des Reichtums des Klosters. Dazu kamen Erbschaften, Verm\u00e4chtnisse,\nRuhegeh\u00e4lter, Eink\u00fcnfte, Schenkungen, Spenden. Da kam einiges zusammen. Das\nGeld wurde in einer hier ausgestellten h\u00f6lzernen Truhe aufbewahrt, mit drei\nSchl\u00f6ssern mit verschiedenen Schl\u00fcsseln. Einen davon hatte die \u00c4btissin, einen\ndie Stellvertreterin, einen die Schreiberin. Mit dem Vertrauen war es nicht\nweit her.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKlostergemeinschaft war verbl\u00fcffend breit angelegt. Unter den Nonnen unterschieden\nsich die rangh\u00f6heren&nbsp;<em>professas<\/em>&nbsp;von den niedrigeren&nbsp;<em>conversas<\/em>,\ndie sich auch \u00e4u\u00dferlich durch schwarze bzw. wei\u00dfe Ordenstracht unterschieden.\nDie professas mussten lateinische Gebete sagen, die conversas brauchten nur das\nVaterunser k\u00f6nnen. Au\u00dfer den Schwestern gab es Dienstm\u00e4gde und Sklavinnen, und\nau\u00dferdem wohnten Laien im Kloster, Jungfrauen und Witwen. Die einen waren hier\nzur Vorbereitung auf das Leben drau\u00dfen, die anderen kamen hierher nach\nAbschluss des Lebens drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nsieht man noch ein Modell des Klosters. Ein ummauerter Bezirk, an dessen einer\nSeite ein paar B\u00fcrgerh\u00e4user standen \u2013 die N\u00e4he des Klosters war bestimmt eine\nprivilegierte Lage \u2013 und an dessen anderer Seite das kleine Franziskanerkloster\nlag. Die Franziskaner waren f\u00fcr die Seelsorge zust\u00e4ndig. Au\u00dfer der Kirche sieht\nman einen Kr\u00e4utergarten, den Kreuzgang, einen weiteren Innenhof sowie die\nWohngeb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es raus zur Kirche. Sobald man ins Freie tritt, hat man Santa Clara a\nVelha, die Ruine, vor sich, und Santa Clara a Nova, den wuchtigen Neubau oben\nauf dem H\u00fcgel neben sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKlosterkirche ist durch die vielen \u00dcberschwemmungen immer weiter in den Boden\nversackt und liegt jetzt mehrere Meter unter dem Stra\u00dfenniveau. Ganz genau\nverstehe ich es nicht, aber man hat wohl irgendwann in die Kirche ein zweites\nStockwerk eingezogen, weil unten nichts mehr ging. Oben ist ein barocker Bogen\nmit Verzierungen angebracht, unter dem urspr\u00fcnglich der Sarkophag der Rainha\nIsabel stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nBetreten der Ruine beschert einen au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Anblick: Die\nFensterscheiben fehlen und das Dach \u00fcber der Apsis fehlt, und so str\u00f6mt von\nallen Seiten das helle Tageslicht in den eigentlich dunklen Raum. Besonders\nsch\u00f6n der Blick hinauf zu den Rosetten und zu den hohen, durch St\u00e4be zweigeteilte\nFenster. Der Eintritt h\u00e4tte sich schon daf\u00fcr gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\nweit entfernt von Santa Clara liegt die&nbsp;<em>Quinta das Lagrimas<\/em>, dem\nOrt, in dem die heimlichen Treffen von Dom Pedro und In\u00eas de Castro\nstattfanden, dem portugiesischen Thronfolger und der spanischen Kammerfrau\nseiner K\u00f6nigin, bis ihre schicksalshafte Liebe durch Pedros Vater gewaltsam\nbeendet wurde. Als sie get\u00f6tet wurde, soll ihr Blut die&nbsp;<em>Fonte dos\nAmores<\/em>&nbsp;hier im Park rot gef\u00e4rbt haben. Neben dieser Quelle gibt es\nnoch die&nbsp;<em>Fonte das Lagrimas<\/em>, die dem Park ihren Namen gibt. Auch\ndie bringt man in Legenden mit dem Liebespaar in Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nPark ist etwas verwildert und bezieht gerade daraus seinen Reiz. Was gar nicht\npassen will sind ein Golfkurs und ein modernes Amphitheater, auf die man bei\ndem Rundgang st\u00f6\u00dft. Aber sonst ist es sehr sch\u00f6n, wild romantisch, mit\nverschlungenen Wegen und \u00fcppiger Vegetation. Der Park ist irgendwann zu einem\nBotanischen Garten im Miniformat gemacht worden, mit exotischen B\u00e4umen aus\naller Welt, darunter ein Riesenexemplar einer Sequoia und ein Riesenexemplar\neiner Feige, mit Luftwurzeln, die von den \u00c4sten herunter wachsen und ein dicken\n\u00fcberirdischen Wurzelgeflecht gebildet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nhier an der Kasse eine \u00e4u\u00dferst freundliche Begr\u00fc\u00dfung, durch eine Frau, die\nerz\u00e4hlt, dass in der Schule ihrer Kinder Deutsch eine Option neben Franz\u00f6sisch\nals zweite Fremdsprache ist. Die deutschen Verben seien aber sehr schwer. Na\nja, die portugiesischen haben es auch in sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur\u00fcck zum&nbsp;<em>Forum<\/em>, etwas m\u00fchsam nach all den Besichtigungen.\nDort versuche ich bei&nbsp;<em>Fnac<\/em>&nbsp;mein Gl\u00fcck mit portugiesischer\nMusik. Es sind Empfehlungen des Reisef\u00fchrers, gefiltert von Filomena. Und was\nf\u00fcr ein Gl\u00fcck ich habe: hervorragende, fachkundige und \u00e4u\u00dferst freundliche\nBeratung durch einen jungen Mann. Der macht sich sogar die M\u00fche, die beiden CDs\nzu \u00f6ffnen, um zu sehen, ob sie Texte enthalten. Tun sie. Ein Kollege, den er\nkurz um Rat fragt, mischt sich in die Unterhaltung ein, ein notorischer\nFu\u00dfballfan. Er hat auch mal Deutsch gelernt und kann noch ein paar S\u00e4tze sagen,\nganz gut sogar. Es entspinnt sich eine l\u00e4ngere Unterhaltung, meist, aber nicht\nausschlie\u00dflich \u00fcber Fu\u00dfball. Am Ende ziehe ich hoch zufrieden mit meinen beiden\nCDs ab, Mariza (Schlager) und Madredeus (Folkore).<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann\nist in dem Gespr\u00e4ch das Wort&nbsp;<em>chato<\/em>&nbsp;aufgetaucht, und sie\nwetten, dass ich das Wort nicht kenne. Sie haben recht, ich kann mich nicht\nerinnern, obwohl es in einem Lehrbuch vorkommt: \u2018\u00f6de\u2019, \u2018langweilig\u2019, \u2018nervig\u2019.\nIch verstehe aber sowieso nicht, worauf sie sich damit beziehen. Zu ihren\nGunsten nehme ich an, dass sie nicht mich meinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nCoimbra geht es nach Raba\u00e7al. Da findet heute der Mercado do Queijo statt. Der\nK\u00e4se von Raba\u00e7al ist offensichtlich in ganz Portugal bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\nvor der Ortseinfahrt sehe ich einem Hinweisschild zum ersten Mal das\nportugiesische Wort f\u00fcr Bodenschwellen:&nbsp;<em>lombas<\/em>. Es hei\u00dft, sie seien\naus Brasilien, wo sie schon lange eingesetzt wurden, nach Portugal gekommen,\nein erfolgreicher Export, denn hier gibt es sie \u00fcberall, auf gro\u00dfen wie auf\nkleinen Stra\u00dfen. Im Deutschen scheint&nbsp;<em>Bremsschwellen<\/em>&nbsp;ein\ng\u00e4ngiger Begriff zu sein, der aber in Konkurrenz zu&nbsp;<em>Bodenschwellen<\/em>,&nbsp;<em>Fahrbahnschwellen<\/em>,&nbsp;<em>Temposchwellen<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Geschwindigkeitsh\u00fcgel<\/em>&nbsp;steht.\nEs gibt weitere Begriffe, die spezifische Erscheinungsformen der Bodenschwellen\nbenennen:&nbsp;<em>Moabiter Kissen<\/em>,&nbsp;<em>K\u00f6lner Teller<\/em>,&nbsp;<em>Delfter\nH\u00fcgel<\/em>. Im Englischen hei\u00dfen sie sehr bildlich&nbsp;<em>sleeping policeman<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Normalerweise\nfindet der Markt, kombiniert mit einem r\u00f6mischen Fest, in der Villa Romana des\nOrtes statt, aber dieses Jahr hat man es wegen des Regens nicht gewagt und\nstattdessen ein gro\u00dfes Festzelt aufgebaut. \u00dcber ein verschlammtes Feld gelangt\nman dorthin. Das Auto habe ich au\u00dferhalb der Ortseinfahrt lassen m\u00fcssen, alles\nist vollgeparkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon\nvon weitem h\u00f6rt man Musik. Auf der B\u00fchne des Zeltes eine folkloristische Gruppe\naus einem Ort der Umgebung: wirbelnde R\u00f6cke, stampfende Abs\u00e4tze, klatschende\nH\u00e4nde. Es sind lauter Paare auf der B\u00fchne, und die Geschwindigkeit, mit der sie\nsich drehen, ist atemberaubend und l\u00f6st begeisterte Zurufe aus. Dann defilieren\nsie die B\u00fchne herunter, und die n\u00e4chste Gruppe tritt auf. Musikalisch geht es\nunver\u00e4ndert weiter, schneller, einfacher Rhythmus, Akkordeons, die den Klang so\nsehr dominieren, dass die anderen Instrumente gar nicht zur Geltung kommen,\nau\u00dfer der Trommel mit ihrem eint\u00f6nigen Schlag, diesmal von einer alten Frau\ngeschlagen. Die Kost\u00fcme sind diesmal aufwendiger, einheitlich, mit wei\u00dfen\nHemden und Blusen und roten Westen, die Frauen mit seidenen Kopft\u00fcchern, alle\nin Gr\u00fcn und Rot nat\u00fcrlich. Jetzt wird nicht in Paaren getanzt, sondern es\nwerden immer wieder neue Kreise gebildet, au\u00dfen und innen, mal nur M\u00e4nner und\nnur Frauen, mal gemischt. Das geht so schnell, dass man mit den Augen kaum\nfolgen kann. Bei der dritten Gruppe kommt dann noch Gesang dazu, aber der ist\nnicht dazu angetan, weiter zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe einmal durch das Zelt. Von K\u00e4se wenig zu sehen. Daf\u00fcr alle m\u00f6glichen\nHandarbeiten, viel Gesticktes, und Produkte aus den D\u00f6rfern der Umgebung: Wein,\n\u00d6l, Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen\nsind auch noch ein paar St\u00e4nde aufgebaut. Hier gibt es mehr K\u00e4se. Dann h\u00f6re\nich, wie mich jemand ruft. Filomena. Sie steht abseits, im Schatten eines\nBaumes. Daneben ihr Mann und zwei englische Ehepaare. Eine der Frauen kommt\nfreitags, wenn ich gehe. Wir kennen uns nur vom Gr\u00fc\u00dfen her. Sie und ihr Mann\nsind seit zwei Jahren in Portugal, in einem sch\u00f6nen Dorf in der N\u00e4he von\nMiranda. Sie wollen permanent in Portugal bleiben. Sie bem\u00fcht sich sehr, ein\npaar S\u00e4tze auf Portugiesisch zu sagen, kann sich aber nicht vom Englischen\ntrennen und \u00fcbersetzt, was sie sagen will, m\u00fchsam Wort f\u00fcr Wort. Sie habe noch\nnie eine Fremdsprache gelernt, sagt sie, und das mit dem Maskulinum und\nFemininum sei doch sehr verwirrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena\nf\u00fchrt uns dann zu dem besten K\u00e4sestand, und ich kaufe reichlich ein, so sehr,\ndass ich am Ende noch einen zus\u00e4tzlich bekomme. Dieser K\u00e4se kommt aus der\nK\u00e4sefabrik hier in Raba\u00e7al. Die Engl\u00e4nder kennen die Fabrik. Dort kann man auch\nK\u00e4se kaufen. Zu g\u00fcnstigen Preisen. Man solle nach&nbsp;<em>segundo<\/em>&nbsp;fragen.\nDas ist Ware, die nicht ganz perfekt und deshalb nicht etikettiert ist. Dann\nf\u00fchrt uns Filomena auch noch zu dem Weinstand, an dem die Winzerin aus Penela\nsteht. Sie produziert den&nbsp;<em>Encosta da Criveira<\/em>, den ich schon\nzuhause und im Lokal getrunken habe. Ich bekomme ein K\u00e4rtchen mit, um dort mal\ndie Weinkellerei zu besichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ich\nmich auf den R\u00fcckweg mache, ist es immer noch sommerlich warm. Der Weg f\u00fchrt\n\u00fcber eine einsame Landstra\u00dfe. An einem schmalen Feldweg steht ein blaues\nSchild:&nbsp;<em>Camino de Santiago.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nWegesrand Feld- und Wiesenblumen zuhauf, darunter roter Klatschmohn, eine\nErinnerung an meine Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. April (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Radiodiskussion\n\u00fcber die&nbsp;<em>Preppers<\/em>&nbsp;geh\u00f6rt. Das h\u00f6rt sich alles immer sehr\nrational an, ist aber im Grunde verr\u00fcckt, eine Bewegung, die sich vormacht, sie\nk\u00f6nne sich gegen Gefahren sch\u00fctzen, und besser sch\u00fctzen als der Staat es kann.\nGegen Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag, Virenausbruch oder Terroranschlag\nist kein Kraut gewachsen. Da nutzt es auch nichts, wenn man sich vierzehn Tage\nlang in einem Bunker mit Wasser und Konserven einbuddeln kann. Der Staat tut\nalles, um Systemversagen zu verhindern, und wir k\u00f6nnen eine Wette eingehen, dass\nes nicht eintreten wird, bei der die Wettchancen gut stehen. Bei den Preppers\nhat man den Verdacht, dass sie eigentlich Freude an dem Szenario haben. Das\nNachdenken \u00fcber den Ernstfall, sich in die Situation versetzen, das Gef\u00fchl zu\nhaben, ger\u00fcstet zu sein, das alles macht Spa\u00df. Es hat was von Selbsttest und\nAbenteuer, es ist ein bisschen wie Pfadfinder f\u00fcr Erwachsene. Insgeheim steckt\nhinter der Furcht vor der Katastrophe eine Sehnsucht nach der Katastrophe, eine\nSehnsucht nach dem Aufbrechen des regulierten Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag mache ich einen Spaziergang nach Viavai. Erst geht es die steile\nGasse durch den Ort hinunter, dann die \u201cHauptstra\u00dfe\u201d rauf. Dort stehen die\nneueren und besseren H\u00e4user, in der Gasse gibt es alles, von Ruine bis Neubau.\nIch sehe einen Mann auf einem Feld mit einer Hacke und eine Frau, die an den\nBl\u00e4ttern der Blumen in ihrem Vorgarten herumzupft. Sonst keine Menschenseele.\nNur die Hunde sind wach. Es ist wie ein akustischer Spie\u00dfrutenlauf. Wenn der\neine fertig ist, ist der n\u00e4chste dran. Nur ein Hund, vor dem ein Schild als C\u00e3o\nBravo warnt, verschl\u00e4ft die Gelegenheit. Erst als ich schon hundert Meter\nweiter bin, f\u00e4ngt es pl\u00f6tzlich an, hinter mir her zu bellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bleibt eine f\u00fcllige, kleine Frau im Auto neben mir stehen. Sie hei\u00dft Rosa. Und ist eine sehr gute Freundin von Hannah, der Vermieterin. In ganz einfacher Sprache, besonders deutlich und langsam, erkl\u00e4rt sie mir, dass sie in den n\u00e4chsten Tagen vorbeikommen werde, um die Gr\u00e4ser im Garten der H\u00fctte zu m\u00e4hen. Wir tauschen ein paar Belanglosigkeiten aus. Beim Abschied dr\u00fcckt sie mir fest die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nSchwimmbad am Vormittag sechs alte Frauen. Sie stehen im Wasser und bewegen\nsich nicht vom Fleck, au\u00dfer, um neue Gr\u00fcppchen zu bilden. Bis zum Ende tut keine\nvon ihnen einen einzigen Schwimmzug. Den alten R\u00f6mern h\u00e4tte es gefallen. Die\nh\u00e4tten es auch so gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleine\nH\u00fcrde in der Kommunikation. Ich frage die Frau an der Kasse, wie das Caf\u00e9 in\nVenta dos Moinhos hei\u00dft, das sie betreibt, und sie nennt mir auch einen Namen,\naber ihren eigenen, nicht den des Caf\u00e9s. Jedenfalls erkenne ich darin keinen\nder Namen der Caf\u00e9s in Venta dos Moinhos. Die Frage ist zweideutig im\nPortugiesischen. Dieser Tage bin ich bei einem Versuch in einer d\u00fcsteren Bar\ngelandet, die wenig einladend war.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nFahrt aus dem Ort sehe ich Dona Luzia vor ihrem Haus auf dem Boden sitzen. Sie\nmacht sich an Gr\u00e4sern zu schaffen, die seit Tagen gem\u00e4ht an einem kleinen\nAbhang liegen. Das ist, wie sie mir erkl\u00e4rt, f\u00fcr den Kanarienvogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nwieder nach Coimbra, zu dem zum Museum umgestalteten Wohnhaus von Miguel Torga,\ndem Schriftsteller, auf den ich jetzt schon verschiedentlich gesto\u00dfen bin. Es\nliegt in einem ruhigen Wohnviertel, an einem Wendehammer, umgeben von \u00e4hnlichen\nH\u00e4usern, zweist\u00f6ckig, mit Garten und Veranda.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nwerde von einer \u00e4lteren, auf jung gemachten, sehr elegant gekleideten Frau mit\nungew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Augen in Empfang genommen, Dina. Ihre erste Frage ist, ob\nich Spanier sei. Ich gehe als Lehrer durch und brauche keinen Eintritt zu\nzahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dina\nzeigt mir einen Film und f\u00fchrt mich dann selbst durch das Haus. Es ist seit\n2004 Museum. Es geht durch einen Empfangsraum, ein G\u00e4stezimmer, das Zimmer der\neinzigen Tochter, das Schlafzimmer, das Arbeitszimmer. Alles ist praktisch erhalten,\nwie es urspr\u00fcnglich war, nur unten, wo jetzt das B\u00fcro ist, sind die K\u00fcche und\nein weiterer Raum geopfert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Torga\nsei immer sehr bescheiden gewesen, habe das einfache Leben dem Luxus bevorzugt,\nsagt sie. Aber das Haus ist kein Haus armer Leute und sehr stilvoll\neingerichtet. Alle R\u00e4ume \u00e4hneln sich irgendwie. \u00dcberall gibt es alte M\u00f6bel,\nKunstwerke und Keramikgef\u00e4\u00dfe, alle vom Feinsten. Die Keramikgef\u00e4\u00dfe stammen u.a.\naus Coimbra. Dina best\u00e4tigt, dass Coimbra auch heute noch f\u00fcr seine Keramik\nbekannt sei. Die Kunstwerke, Skulpturen und Bilder \u2013 Sankt Martin, die Hl.\nKatharina, eine Piet\u00e0, eine Dornenkr\u00f6nung \u2013 hat meist religi\u00f6se Motive. Torga\nselbst habe eine sehr spirituelle Seite gehabt, sei aber im Grunde nicht\nreligi\u00f6s im herk\u00f6mmlichen Sinne gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Torga\nw\u00e4re am liebsten selbst K\u00fcnstler geworden, und dass er Talent hatte, sieht man\nan einem Selbstportr\u00e4t, einer Zeichnung. Seine scharfen Gesichtsz\u00fcge sind gut\neingefangen, und man bekommt eine Ahnung von der gro\u00dfen Ernsthaftigkeit des\nMannes.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem\nRaum h\u00e4ngt ein Portr\u00e4t seiner Frau, einer (franz\u00f6sischsprachigen) Belgierin,\neiner Literaturwissenschaftlerin. Auch die einzige Tochter ist heute\nLiteraturwissenschaftlerin. Sie ist mit B\u00fcchern gro\u00df geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nklassische Musik hatte einen hohen Stellenwert f\u00fcr&nbsp;Torga, vor allem Bach.\nIn einer Vitrine sind verschiedene Schallplatten ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nEmpfangsraum traf sich Torga mit seinen wenigen Freunden. Er sei eher\nsch\u00fcchtern, eher zur\u00fcckhaltend gewesen, wenn auch nicht ungesellig.&nbsp;Dabei\nwurde ordentlich aufgetischt. Der Wein stammte immer vom Douro, aus seiner\nHeimat.&nbsp;Ein Besucher erinnert sich daran, wie hier ein portugiesisches\nGericht serviert wurde, wie er es sp\u00e4ter nie wieder gegessen habe. Und er\nerinnert sich an eine kontroverse, zugespitzte Diskussionen, bei der es aber\nimmer friedlich zuging, die nie ins Pers\u00f6nliche ging.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nGesellschaft von Freunden rauchte&nbsp;Torga auch gerne und viel.&nbsp;Dabei war er von Haus aus Mediziner, Hals-, Nasen- und\nOhrenarzt. Er stammte aus einer armen Familie aus Tr\u00e1s-os-Montes. Von den\nEltern wurde er nach Brasilien zu einem Onkel geschickt, und der erm\u00f6glichte\nihm das Studium, hier in Coimbra.<\/p>\n\n\n\n<p>Miguel\nTorga ist ein Pseudonym. Er hie\u00df eigentlich Adolfo Correira Rocha. Das\nPseudonym ist wohlbedacht und bezeichnet zwei wichtige Seiten seines\nCharakters: die Wertsch\u00e4tzung von Spanien und die Wertsch\u00e4tzung seiner\nl\u00e4ndlichen Heimat. Der Vorname ist nach seinen Lieblingsautoren, Cervantes und\nUnamuno, gew\u00e4hlt. Der Nachname bedeutet \u2018Heidekraut\u2019, eine typische Pflanze des\nTr\u00e1s-os-Montes.&nbsp;Vielleicht spielte auch beim Vornamen die Herkunft eine\nRolle: Torga stammte aus S. Martino de Anta.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nbekommt einen sehr guten Eindruck von der Pers\u00f6nlichkeit des Mannes. Aber die\nLiteratur kommt etwas zu kurz. Er hat wohl vor allem Lyrik geschrieben, aber\nauch Erz\u00e4hlungen, dazu Tageb\u00fccher und eine kuriose fiktive\nAutobiographie,&nbsp;<em>A Cria\u00e7\u00e3o do Mundo<\/em>, in der er sein eigenes Leben\nironisch nach dem Muster der Erschaffung der Welt erz\u00e4hlt.&nbsp;Wie hat er es\nnur geschafft, Beruf und Hobby, Medizin und Literatur, miteinander zu\nvereinbaren?<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat\nwohl auch selbst Aufnahmen einiger seiner Gedichte gemacht \u2013 in einer Vitrine\nsind CDs und Schallplatten ausgestellt \u2013 aber hier kann ich der Erkl\u00e4rung nicht\nganz folgen. Es hat wohl einen regimekritischen Schallplattenverlag gegeben,\nbei dem sich niemand zu ver\u00f6ffentlichen traute, bis Torga es wagte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nverlasse das Haus in guter Stimmung.&nbsp;Es war eine sch\u00f6ne Besichtigung, und\nes ist,&nbsp;auch wenn es am Morgen nicht so aussah, wieder richtig hei\u00df geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der 1.\nMai war in der Weimarer Republik Feiertag gewesen, aber nur einmal. Die\nNationalsozialisten machten ihn dann zum Feiertag und sogar zu einem mit\nLohnfortzahlung. Damit hatten sie eine alte Forderung der Arbeiterbewegung erf\u00fcllt.\nAm Tag danach wurden die Gewerkschaften aufgel\u00f6st, die Arbeiterbewegung erhielt\neinen Schlag. Der Maifeiertag blieb erhalten, wurde aber ganz im Sinne der\nv\u00f6lkischen Ideologie umgedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon&nbsp;am\nfr\u00fchen Morgen h\u00f6rt man in der Ferne die&nbsp;Motors\u00e4ge. Seit Wochen sind schon\ndie Waldarbeiten, einschlie\u00dflich der Arbeiten am Stra\u00dfenrand im Gange.\nInzwischen habe ich den Eindruck, dass es dabei nicht nur darum geht, die\nFahrbahn freizuhalten, sondern dass es auch dem Brandschutz dient. Wenn die\nSeitenstreifen von B\u00e4umen frei sind, kann vielleicht die Stra\u00dfe als Schneise\ndienen. Bei den Arbeiten kommen moderne Maschinen zum Einsatz, die die\nabgeholzten St\u00e4mme auf der Stelle in gleich gro\u00dfe St\u00fccke schneiden. Sie stehen\nin einem kuriosen Kontrast zu der Platthacke, die die Bauern hier in ihrem\nGem\u00fcsegarten benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag mache ich einen zweiten Versuch mit dem Lokal der Bademeisterin aus\nPenela in Venda dos Moinhos, diesmal in der&nbsp;<em>Aldeia dos Sabores<\/em>.\nWieder kein Treffer. Die Frau hinter der Theke kennt die Bademeisterin nicht.\nAber was f\u00fcr ein himmelweiter Unterschied zu der abweisenden Atmosph\u00e4re dieser\nTage in der sch\u00e4bigen Bar. Die Frau ist freundlich und gespr\u00e4chig und weist\nmich auch gleich auf die bevorstehende Festa in Viavai hin. Der wichtigste Tag\nsei der Sonntag, und damit hat sie auch schon meine wichtigste Frage\nbeantwortet. Sie fragt auch nach einer Frau mit einem englischen Namen, die in\nEstrada de Viavai wohnt, aber die kenne ich nicht. Daf\u00fcr kennt sie die Handvoll\nPortugiesen, die ich kenne. Am Ende verbessert sie auch noch sehr freundlich\nmeinen Abschiedsgru\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nParteizentrale von&nbsp;<em>Vox<\/em>&nbsp;in Madrid liegt am\nMargaret-Thatcher-Platz? Welche Stadt kommt nur auf die wahnwitzige Idee, einen\nPlatz nach ihr zu benennen? Und welche Partei kommt auf die wahnwitzige Idee,\nihre Parteizentrale ausgerechnet dahin zu verlegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hugo\nvon Cluny war in Canossa dabei. Er vermittelte sogar. Ohne sein Einwirken,\nhei\u00dft es, h\u00e4tte der Papst sich vermutlich auf kein Gespr\u00e4ch eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die durchschnittliche\nVerweildauer eines Besuchers des Louvre vor der Mona Lisa betr\u00e4gt eine Minute.\nDie Landschaft hinter der Mona Lisa ist zweigeteilt, zur einen Seite hin karg\nund trocken, zur anderen Seite hin feucht und florierend. Die Mona Lisa blickt zu\ndieser Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem&nbsp;Schwimmbad&nbsp;gehe ich ins&nbsp;<em>Bigodes<\/em>&nbsp;in Penela, einer\nganz gew\u00f6hnlichen Taverne, in der Mittagessen serviert wird. Es geht hier nach\ndem Motto zu: keine \u00fcberfl\u00fcssigen Worte. Auf die typischen Floskeln der\nBegr\u00fc\u00dfung und des Bedankens wird verzichtet. Wenn die Bedienung einen Teller\nabr\u00e4umt, macht sie sich nicht verbal bemerkbar, sondern klopft dem Gast auf den\nOberarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis auf\neine einsame Frau sind nur M\u00e4nner im Speiseraum, aber f\u00fcr die Bedienung ist\neine Frau zust\u00e4ndig. Mir gegen\u00fcber sitzen zw\u00f6lf M\u00e4nner an einem langen Tisch,\ndie meisten m\u00fcssten sich in ihrer beruflichen Laufbahn auf der Zielgeraden\nbefinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nsind sie Angestellte der Stadtverwaltung oben an der Burg und sind Stammg\u00e4ste.\nJedenfalls werden sie zuvorkommend bedient und bekommen k\u00f6stlich aussehende\nSpeisen, die den anderen G\u00e4sten&nbsp;verwehrt bleiben.&nbsp;Zum\nKaffee&nbsp;bekommen sie&nbsp;Gin, Kognak und&nbsp;Lik\u00f6r,&nbsp;alles\nzur&nbsp;unbegrenzten&nbsp;Selbstbedienung&nbsp;in Flaschen&nbsp;auf den Tisch\ngestellt. Die meisten&nbsp;M\u00e4nner&nbsp;trinken die scharfen Getr\u00e4nke nicht pur,\nsondern bessern ihren Kaffee damit auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nsechs Brillentr\u00e4ger sitzen auf einer Seite, auf der anderen diejenigen, die\nkeine Brille tragen. Da kann man sich als einsamer Gast Gedanken dar\u00fcber\nmachen, ob das Zufall ist oder welcher Faktor da eine Rolle spielen mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die\nnicht sehr gespr\u00e4chige Kellnerin auf meine Frage nach einem Bild an der Wand\nnicht so richtig eingeht, steht einer der M\u00e4nner auf und f\u00fchrt mich nach\ndrau\u00dfen. Er zeigt auf eine moderne Statue auf der Terrasse: Dom Pedro. Nicht etwa\nder K\u00f6nig, sondern der erste \u201cHerr\u201d von Penela. Dem gilt hier wohl gro\u00dfe\nVerehrung. Es stammt aus der Zeit der ersten Dynastie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nMann l\u00fcftet das Geheimnis um die Gruppe von M\u00e4nnern: ein Freundeskreis. Sie\ntreffen sich jeden Donnerstag hier zum Essen, seit 1995. Noch sind sie alle am\nLeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen\nKaffee trinke ich in dem moderneren Caf\u00e9 ein paar Schritte weiter. Heute kann\nman unbesorgt drau\u00dfen sitzen, im T-Shirt. So f\u00e4llt mein Blick zum ersten Mal\nauf den Namen des Caf\u00e9s:&nbsp;<em>Mina<\/em>. Statt einer Erkl\u00e4rung nimmt mich die\nKellnerin mit ins Caf\u00e9 und zeigt mir hinter einer Glasscheibe einen Wasserlauf,\neine unterirdische Quelle, die unter dem Haus verl\u00e4uft. Kein Mensch scheint zu\nwissen, wohin sie f\u00fchrt.&nbsp;Auf diese unterirdische Quelle verweist der Name&nbsp;<em>Mina<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht stellt sich heraus, dass Filomena als Kind auch noch Miguel Torga\nkannte. Er verkehrte sogar in ihrem Elternhaus. Bevor er das Haus in Coimbra\nbaute, wohnte und arbeitete er in Miranda.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nsprachliche Frage, die zu Verwirrung gef\u00fchrt hat, kl\u00e4rt sich auf: Es gibt\nsowohl&nbsp;<em>ao sabado\/\u00e0 sexta<\/em>&nbsp;als auch&nbsp;<em>no sabado\/na sexta<\/em>!\nEinmal f\u00fcr gewohnheitsm\u00e4\u00dfige, einmal f\u00fcr einmalige Ereignisse. Aber schon am\nn\u00e4chsten Tag finde ich in einem Text&nbsp;<em>nas ter\u00e7as<\/em>. Die Verwirrung ist\nwiederhergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nstellt sich heraus, dass&nbsp;<em>internet<\/em>&nbsp;Femininum ist, im Gegensatz\nzum Spanischen. Daf\u00fcr ist&nbsp;<em>computador<\/em>&nbsp;Maskulinum, ebenfalls im\nGegensatz zum Spanischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch\neine Frage wird beantwortet: Der Satz, mit dem ich so gerungen habe,&nbsp;<em>Devia\nter a convidado<\/em>, ist zweideutig, wie im Deutschen auch:&nbsp;<em>Ich h\u00e4tte\nsie einladen sollen<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Ich h\u00e4tte Sie einladen sollen<\/em>. Im\nEnglischen dagegen nicht:&nbsp;<em>I should have invited her<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>I\nshould have invited you.&nbsp;<\/em>Wenn man im Deutschen und im Portugiesischen\nduzt, wird auch hier desambiguiert:&nbsp;<em>Devia ter te convidado<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Ich\nh\u00e4tte dich einladen sollen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Unterricht fahre ich bei hellem Sonnenschein nach Coimbra, \u00fcber eine\neinsame Landstra\u00dfe, \u00fcber die ich noch nie gekommen bin. Unterwegs sieht man aus\nk\u00fcrzerer Entfernung als sonst die r\u00e4tselhafte kahle Stelle mitten in einem\nH\u00fcgel, die ich schon so oft gesehen habe. Es scheint eine Aufforstung zu sein.\nVon hier aus sieht man nicht nur den braunen Boden, sondern auch die Setzlinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Dorfstra\u00dfe geht seelenruhig ein Mann mit Schubkarre vor mir her. Aus der\nanderen Richtung kommt ein Sattelschlepper, und es bildet sich eine Schlange,\ndie das Dorf wohl noch nie gesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner alten Mauer in diesem Dorf ist eine etwas abgebl\u00e4tterte Malerei\nangebracht: die portugiesische Flagge und daneben das Wort&nbsp;<em>Portugal<\/em>.\nWie gemacht f\u00fcr den Einband eines Photoalbums.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nCoimbra bleibe ich wieder auf dieser Flussseite und fahre nach Santa Clara a\nNova rauf. Oben ein ausgesprochen sch\u00f6nes Wohnviertel um eine Pfarrkirche herum.\nDas Kloster ist nur ein paar Schritte entfernt. Von unten sieht es wie eine\nKaserne aus, und es ist heute auch eine! Aber hier oben hat man einen ganz\nanderen Eindruck, da einem nicht die Breitseite des Klosters verpasst wird,\nsondern der Innenhof vor der Kirche. Ganz ansehnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Besichtigen\nkann man nur den Kreuzgang und die Kirche. Braucht man nicht gesehen zu haben.\nDer Kreuzgang, sehr sp\u00e4ten Datums, ist ein bisschen zu m\u00e4chtig, und die Kirche\nzu dunkel und ein bisschen erdr\u00fcckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach\ngeht es zu Fu\u00df \u00fcber die Landstra\u00dfe zu einem Aussichtspunkt, im Valle do\nInferno. Das Tal liegt ganz weit oben und hat nichts H\u00f6llisches. Wie man wohl\nauf den Namen gekommen ist? Der m\u00fchsame Weg hier rauf \u00fcber die Landstra\u00dfe lohnt\nsich eigentlich nicht. Die Altstadt ist zu weit, als dass man etwas erkennen\nk\u00f6nnte, und das gesamte Panorama ist von der Terrasse Klosters aus viel\nsch\u00f6ner. Einzig die moderne Br\u00fccke, auch nach der Heiligen benannt, kommt von\nhier aus gut zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre noch zu einem weiteren im Reisef\u00fchrer erw\u00e4hnten Aussichtspunkt,&nbsp;<em>Lapa\ndos Estois<\/em>. Der ist das Gegenprogramm, ganz unten, direkt am Mondego\ngelegen, nicht so leicht zu finden. Auch die st\u00e4dtischen G\u00e4rtner, die gerade\nbei der Mittagspause sind, haben davon noch nie geh\u00f6rt. Aber dann kommt einer,\nder es kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nGel\u00e4nde geh\u00f6rt der GNR, der portugiesischen Sicherheitspolizei, die nominell\nTeil der Streitkr\u00e4fte ist. Und mit milit\u00e4rischer Disziplin geht es hier auch\nzu. Es gibt eine Schranke am Eingang und einen Polizisten, der streng \u00fcber den\nEintritt wacht. Seine ernste Miene hellt sich langsam auf, als er merkt, dass\nich nur einen Blick auf die Stadt werfen will und dass ich ihn und seine\nInstruktionen verstehe. Man muss einen Ausweis vorlegen und bekommt eine Lizenz\nzur Besichtigung ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man\ndann sieht, ist ganz anders als erwartet: ein Park mit verschlungenen Wegen und\nheimeligen Eckchen und wuchernden Pflanzen, der gar nichts Milit\u00e4risches hat.\nDer Blick auf die Stadt ist allerdings durch den dichten Wuchs verstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgangspunkt,\noben, hat man dagegen einen ungew\u00f6hnlichen Blick auf die moderne Br\u00fccke im\nHintergrund und drei klassischen Statuen im Vordergrund. Hier oben stehen sich\nzwei Pavillons auf einem gr\u00fcnen Platz gegen\u00fcber. Auf einem arbeiten zwei\nM\u00e4nner, die ungesch\u00fctzt und offensichtlich gelassen ganz oben auf dem spitz\nzulaufenden Dach stehen. Aus dem anderen kommt eine kleine, rundliche Frau und\nruft mir etwas zu. Ich glaube, sie will mich wegschicken, aber das Gegenteil\nist der Fall. Sie will mir ihren Pavillon zeigen. Ohne Unterlass redet sie auf\nmich ein und scheint sich nichts darauf zu machen, dass ich die H\u00e4lfte nicht\nverstehe. Stolz zeigt sie mir die Photogalerie der Kommandanten. Sie kennt sie\nalle. Seit 35 Jahren arbeitet sie schon hier. Dann zeigt sie mir noch eine\nkleine Kapelle in einem Seitenraum, mit einer naiven Dornenkr\u00f6nung \u00fcber dem\nAltar und allen m\u00f6glichen Fig\u00fcrchen und Kerzchen. Als ich schon auf dem Weg\nnach drau\u00dfen bin, ruft sie mir hinterher und winkt mich zu ihr. Sie gibt mir\neine Flasche Wasser und demonstriert, dass sie noch unge\u00f6ffnet ist. Dabei\nstrahlt sie \u00fcber das ganze Gesicht. Ich bringe nichts heraus als ein m\u00fcdes\nObrigado und verabschiede mich, aber als ich ein paar Schritte entfernt bin,\nkommt sie hinter mir her: Sie hat noch eine Flasche Wasser f\u00fcr mich. Garantiert\nunge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bis um\nvier Uhr am Morgen h\u00f6rte man die Musik von der B\u00fchne in Viavai, vom\nPatronatsfest. Es schallt nur leise her\u00fcber und ist eher dazu angetan, einen in\nden Schlaf zu wiegen als einem den Schlaf zu rauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nVormittag um zehn h\u00f6rt man schon wieder Musik. Eine Gruppe zieht von Haus zu\nHaus und l\u00e4sst sich bewirten. Mit Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nMetzgerei vor mir eine Frau, die eine ordentliche Portion Schweinsohren kauft.\nGeh\u00f6rt hier zum Alltag. Eine andere Frau bekommt eine gro\u00dfe T\u00fcte, die nicht an\nder Theke, sondern hinten im Schlachtraum gef\u00fcllt wurde. Scheinen Innereien zu\nsein. Zu viel f\u00fcrs Mittagessen. Sind vielleicht f\u00fcr die Haustiere bestimmt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nein erfolgloser Versuch, jemanden im Auto mitzunehmen. Noch kein Portugiese hat\nbisher das Angebot angenommen. Diesmal schleppt sich eine alte Frau mit zwei\nschweren Einkauft\u00fcten in der Mittagshitze die Landstra\u00dfe rauf. Es sind noch\nmehrere Kilometer bis Viavai. Trotzdem nimmt sie mein Angebot nicht an,\nreagiert sogar fast verstimmt, als ich ein zweites Mal frage.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Schon\nmit Dede wollte ich einmal nach S\u00e3o Jo\u00e3o do Deserto, diesmal klappt es. Ich\nlasse mich auch von dem Schotterweg nicht abschrecken, in den die sich\nunendlich den Berg hinaufschraubende Stra\u00dfe \u00fcbergeht. Von hier aus ist es gar\nnicht mehr weit, aber angesichts des schmalen Wegs und des tiefen Abgrunds zur\neinen Seite atmet man doch einmal durch, wenn man ankommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nist man ganz oben. Selbst die auf den Kuppen der Berge stehenden Windr\u00e4der sind\nein ganzes St\u00fcck tiefer. Man sieht hinunter und in die Weite. Dabei erkennt\nman, wie dicht besiedelt die Gegend doch ist, obwohl es hier einsam und\nverlassen ist. \u00dcberall, wo kein bewaldeter Abhang ist, sind H\u00e4user, D\u00f6rfer, St\u00e4dte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\noben steht ein gro\u00dfer, klobiger Felsbrocken unvermittelt in der Landschaft\nherum. Auf ihm gibt es eine Aussichtsplattform. Aber auch von \u201cunten\u201d hat man\neinen guten Blick. Und der ist eher sch\u00f6ner, weil man einen dichten Untergrund\nvon gelben und violetten Bodenpflanzen unter sich und verschiedene\nGesteinsbl\u00f6cke vor sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend\nwill ich nach Lamas, aber der Routenplaner erkennt es nicht, und so fahre ich\nins&nbsp;<em>Mina<\/em>&nbsp;in Penela und mache eine Kaffeepause. Ich frage die\nKellnerin nach dem Weg, aber die tut sich schwer damit. Da schaltet sich ein\n\u00e4lterer Herr ein \u2013 mit Sakko, bei diesem Wetter! \u2013 und erkl\u00e4rt mir den Weg.\nDies sei seine Heimat, erz\u00e4hlt er mir. Er wohne in Brasilien, seit 53 Jahren,\nkomme aber jedes Jahr hierher. Und es sei immer dasselbe: Wenn er von der Hitze\nfl\u00fcchte, gerate er in die Hitze, wenn er von der K\u00e4lte fl\u00fcchte, gerate er in\ndie K\u00e4lte. Er nimmt eine Serviette und macht darauf eine Zeichnung, die nur\neinen Kreis f\u00fcr einen Kreisverkehr und ein paar Linien f\u00fcr Stra\u00dfen enth\u00e4lt.\nDamit kann ich wenig anfangen, zumal er weiter auf mich einredet. Er sei fr\u00fcher\noft mit dem Fahrrad nach Lamas gefahren und ob ich in dem Hotel wohne und ob\nich nicht besser \u00fcber die Autobahn fahren w\u00fcrde. Er beschreibt dann genau, wie\nich&nbsp;<em>am Ende<\/em>&nbsp;fahren muss, aber ich wei\u00df immer noch nicht, wie\nich&nbsp;<em>am Anfang<\/em>&nbsp;hier aus Penela rauskomme. Nachdem wir uns\nzun\u00e4chst auf Miranda und Lous\u00e3&nbsp;als grobe Richtung entschieden haben, f\u00e4ngt\ner jetzt an, was von Coimbra zu faseln. Sp\u00e4testens da gebe ich die Hoffnung auf.\nDie 53 Jahre Abwesenheit scheinen ihren Tribut zu fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit\nich kann, versuche ich dennoch, seinen Instruktionen zu folgen. Dabei gerate\nich auf eine ausgesprochen sch\u00f6ne, einsame Landstra\u00dfe, mit viel Licht und\nSchatten und Feldern und B\u00e4umen. Es geht immer Richtung Miranda, und dann\ntaucht pl\u00f6tzlich ein Schild nach Coimbra auf, und pl\u00f6tzlich bin ich in Lamas.\nDer Brasilianer aus dem Caf\u00e9 hat alles perfekt erkl\u00e4rt. Heimlich leiste ich\nAbbitte bei ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nOrtseinfahrt ist gesperrt, aber man kann parken und zu Fu\u00df in den Ort gehen.\nSchon an der ersten Kreuzung sto\u00dfe ich auf die Vorbereitungen f\u00fcr die\nProzession am Abend. M\u00e4nner und Frauen sind dabei, den ganzen Prozessionsweg\nentlang einen Blumenteppich auszulegen. Es gibt einen etwa einen Meter breiten\nStreifen mit Kreidezeichnungen f\u00fcr die Motive, die hier entstehen sollen. Der\nRest wird mit fein gehacktem Gr\u00fcnzeug ausgelegt. Auf kleinen Lieferwagen werden\nHunderte von K\u00e4sten mit Material angeliefert, schon farblich geordnet. Der\nfertige Teil des Teppichs wird von einem auf und ab fahrenden Traktor\nbew\u00e4ssert. Meistens sind es M\u00e4nner, die das Material anschleppen, und Frauen,\ndie, auf dem Boden kniend, die Bilder anfertigen. Genau an der Kreuzung\nentsteht gerade an einem Kreis ein Teppich mit der Inschrift&nbsp;<em>Virgem do\nPranto<\/em>, der lokalen Gottheit, deren Fest der Anlass f\u00fcr die Prozession ist.\nDer Teppich verl\u00e4uft weiter die Dorfstra\u00dfe nach unten. Nichts ahnend, gehe ich\nin die andere Richtung, zur Dorfmitte hin, und komme aus dem Staunen gar nicht\nmehr heraus. Der Teppich will gar kein Ende nehmen. Er schl\u00e4ngelt sich die\nDorfstra\u00dfe hinauf, weiter und weiter. Die Motive umfassen Kreuze, Kelche,\nkonzentrische Kreise, Sterne, Schleifen, Dreiecke, das PX. Dazwischen einzelne\nW\u00f6rter:&nbsp;<em>M\u00e3e<\/em>,&nbsp;<em>Paz<\/em>,&nbsp;<em>Amor<\/em>&nbsp;usw. und&nbsp;<em>Lamas<\/em>.\nAuch&nbsp;<em>ABC<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>1,2,3,4<\/em>&nbsp;erscheinen irgendwo.\nAlles individuell gestaltet. Kein Motiv wiederholt sich. Der Teppich geht bis\nzur Dorfkirche, die am Ende der Dorfstra\u00dfe liegt. Auf den letzten Metern ist\nder Saum des Teppichs mit Mandarinen geschm\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe einmal um die Kirche herum, damit ich den Teppich nicht betreten muss und\ngehe auf der anderen Seite wieder hinunter, am passend benannten&nbsp;<em>Caf\u00e9\nFlor<\/em>&nbsp;vorbei. Eine Frau, die gerade den Abfall wegbringt, erz\u00e4hlt, dass\nam Abend nach der Prozession die Stra\u00dfenreinigung von Miranda komme und alles\nwegkehre. Wir \u00fcberbieten uns gegenseitig dabei, das zu bedauern. So viel\nArbeit! Gar nicht auszudenken, wenn schlechtes Wetter ist und Regen und Wind\nden m\u00fchsam erstellten Teppich verschwinden lassen. Diese Sorge entf\u00e4llt aber\ndieses Jahr. Die Frau wiederholt ein Wort, das ich erst nicht verstehe:&nbsp;<em>devoc\u00e3o<\/em>.\nAls ich es endlich verstehe, kommen mir unwillk\u00fcrlich die Bilder von der&nbsp;<em>Queima\ndas Fitas<\/em>&nbsp;in den Sinn, das Fest der frisch diplomierten Akademiker,\ndas in diesen Tagen in Coimbra stattfindet. Da geht es hedonistisch zu, laut\nund spektakul\u00e4r, mit dem Verspritzen von Bier und Sekt als wichtigstem Ritual.\nDagegen ist mir, bei aller Skepsis gegen\u00fcber dieser Art von naiver\nVolksfr\u00f6mmigkeit, die Ergebenheit, die hier in Lamas in der gemeinsamen Arbeit\nam Blumenteppich zum Ausdruck kommt, lieber.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es mit Versp\u00e4tung zur\u00fcck nach Viavai. Als ich ankomme, ist die Messe im\nvollen Gange. Sie wird \u00fcber Lautsprecher nach au\u00dfen \u00fcbertragen. Beim\nN\u00e4herkommen kann man aufgrund einzelner W\u00f6rter wie&nbsp;<em>p\u00e3o<\/em>,&nbsp;<em>calice<\/em>,&nbsp;<em>meu\ncorpo<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>derramado por vos<\/em>&nbsp;erkennen, dass sie gerade\nbei der Wandlung sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche ist so voll, dass nicht alle reinpassen, und das erinnert mich an ein\nWortspiel eines Kaplans aus der Schulzeit, das uns als Kindern gefiel: \u201cWenn\nalle reingehen, gehen nicht alle rein. Weil aber nicht alle reingehen, gehen\nalle rein.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ndrau\u00dfen Wartenden, Frauen im Sonntagsstaat und M\u00e4nner in Alltagsklamotten,\nverfolgen die Messe, die einen mehr, die anderen weniger aufmerksam. St\u00e4ndig\nwerden Kleinkinder zum Abk\u00fcssen herumgereicht. Gefragt werden sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nEnde der Messe bringe ich mich am Stra\u00dfenrand in Stellung, neben dem\nImbisswagen. Laut Anzeige gibt es dort&nbsp;<em>Pipocas \u2013 Churros \u2013 Waffles \u2013\nMa\u00e7as de Amor.&nbsp;<\/em>Und&nbsp;<em>Farturas Recheadas<\/em>. Das h\u00f6rt sich f\u00fcr\nmich immer nach \u00dcberfluss an, es ist aber Spritzgeb\u00e4ck. Sieht auch nicht viel\nanders als&nbsp;<em>churros<\/em>&nbsp;aus. Bleibt noch zu kl\u00e4ren, was mit&nbsp;<em>pipocas<\/em>&nbsp;gemeint\nist. Das Internet wei\u00df Bescheid: Popcorn<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die Prozession. Allen voran der Tr\u00e4ger des Wimpels der Pfarre, mit dem\nAbbild der Dorfheiligen, Nossa Senhora do Pranto. Trotz des Namens sieht man\nsie nicht weinen. Der Mann hat mit dem aufkommenden Wind zu k\u00e4mpfen. Dahinter\nkommen blumengeschm\u00fcckte Tragalt\u00e4re mit kitschigen Heiligenfiguren, jeweils von\nvier jungen Leuten mit wei\u00dfen Umh\u00e4ngen getragen. Neben ihnen eine Mutter mit\nWasserflaschen f\u00fcr den Notfall. Dann kommen Kreuze und Fahnen, und dann, unter\neinem Baldachin, der Pfarrer, mit Kreuz in der einen und Wasserflasche in der\nanderen Hand, Plastik. Am Ende kommt die Blaskapelle, meist junge Leute. Sie\nmachen ihre Sache ausgesprochen gut. Dahinter das Volk. Es geht einmal um den\nBlock und dann von hinten wieder zur Kirche zur\u00fcck. Der Abschluss der\nProzession wird mit B\u00f6llersch\u00fcssen markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt eine Versteigerung. Alles geht weg, vom Hocker bis zum Gin. W\u00e4re gute\n\u00dcbung im Zahlenverst\u00e4ndnis, aber die Zahlen sind zu niedrig. W\u00e4re besser\ngewesen mit Escudos statt Euros.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Volkstanz. Gar nicht so anders als letzte Woche in Raba\u00e7al, aber mit\nlangsameren Rhythmen und langsameren Bewegungen. Man dreht sich bed\u00e4chtig um\nsich selbst und um den Partner. Die Kost\u00fcme sind individuell gestaltet,\nHauptsache alt. Ist alles ganz sch\u00f6n anzuh\u00f6ren und anzusehen, aber nach drei,\nvier Runden ist der Bedarf gedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>An der\nTankstelle abseits der Autobahn ein junger Mann mit einem verkr\u00fcppelten Arm. Er\nscheint \u00fcberall gleichzeitig zu sein. In einem Moment l\u00e4dt er noch Gasflaschen\nauf ein Auto, im n\u00e4chsten sitzt er an der Kasse. Er kennt Deutschland. Hamburg\nund .. wie hie\u00df das denn noch mal? \u2013 ach ja, Mainz und .. und \u2026 D\u00fcsseldorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nZiel ist Mafra. Dessen Palast, genauer gesagt seine Erbauung, ist Gegenstand\nvon&nbsp;<em>Memorial do Convento&nbsp;<\/em>von Saramago. Das ist der wichtigste\nGrund f\u00fcr die Besichtigung. Der Palast von Mafra ist das portugiesische\nGegenst\u00fcck zum spanischen Escorial: Palast und Kloster gleichzeitig, riesige\nDimensionen, nahe der Hauptstadt gelegen, Resultat eines Gel\u00fcbdes. Im Falle von\nMafra ging es um den Thronfolger, der ausblieb. Nach drei Jahren Ehe noch kein\nNachwuchs. Nach dem Gel\u00fcbde wurde die K\u00f6nigin umgehend schwanger. In dem Roman\nwird angedeutet, dass der Franziskanerm\u00f6nch, der den K\u00f6nig in der Frage der\nKinderlosigkeit beriet, schon wusste, dass die K\u00f6nigin ein Kind erwartete und\ndas Wissen ausnutzte, um endlich ein angemessenes Kloster zu bekommen. Wobei am\nEnde der Bau kaum \u201cangemessen\u201d war. So ein Riesending ausgerechnet f\u00fcr die\nbescheidenen Franziskaner! Auf jeden Fall hat das Gel\u00fcbde gewirkt: Die K\u00f6nigin\nwurde umgehend schwanger. Das erste Kind war zwar nur eine Tochter, Barbara,\ndie sp\u00e4ter K\u00f6nigin von Spanien werden sollte, aber dann kam noch eine ganze\nKinderschar hinterher, einschlie\u00dflich des gew\u00fcnschten Thronfolgers.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau\nwurde 1717 begonnen, und es waren teilweise bis zu 50.000 Bauarbeiter\ngleichzeitig im Einsatz, bewacht von 7.000 Soldaten. Bei dem Bau gab es 1388\ntote Bauarbeiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nPension in Mafra liegt auf der&nbsp;<em>Rua Pedro Juli\u00e3o<\/em>. Sie ist benannt\nnach Johannes XXI., dem bisher einzigen portugiesischen Papst.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nhier aus f\u00fchrt eine eher schmale Stra\u00dfe mit eher niedrigen H\u00e4usern direkt auf\nden Palast zu. Dessen breite Front von hier aus gar nicht ganz zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt der gro\u00dfe Vorplatz und man kann die Fassade in ihrer G\u00e4nze sehen. Es gibt\neine ganze Reihe von Elementen, die sie auflockern: die beiden Eckpavillons,\nmit einer flachen Zwiebelkuppel ausgestattet, sind etwas erh\u00f6ht, ebenso der\nDreiecksgiebel \u00fcber dem Portal der Basilika und die beiden Glockent\u00fcrme, und\ndie dazwischenliegenden Trakte des Palasts haben Lisenen und Balustraden. Der\nEindruck ist anders als beim strengen Escorial.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder wird die Zahl 4500 zitiert, um die Ausma\u00dfe des Palasts zu illustrieren.\nEr hat insgesamt 4500 Fenster und T\u00fcren. Dass man nicht alles besichtigen kann,\nist verst\u00e4ndlich, aber was man besichtigen kann, ist am Ende doch etwas mager.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nKreuzgang unten, klassizistisch, ist nicht ein Ort, an dem man unbedingt lange\nverweilen muss, aber man hat von hier den besten Blick auf die Vierungskuppel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nersten Stock sind ein paar Klosterr\u00e4ume zu besichtigen, im zweiten R\u00e4ume des\nPalasts. Eigentlich war das Kloster nur f\u00fcr 13 M\u00f6nche bestimmt. Am Ende wurden\nes 300.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nKloster besichtigt man die R\u00e4ume der ehemaligen Krankenstation. Hier ist eine\nArt Sakralmuseum untergebracht. In der Mitte des langgestreckten Raums eine\nGruppe aus Terrakotta, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie ist besonders\nhier, im Franziskanerkloster, von Bedeutung, aber auf das Motiv trifft man\nimmer wieder in Portugal. Es geht um sechs Franziskanerm\u00f6nche, die von Italien\nauf die Iberische Halbinsel kamen. Einer blieb krank in Aragon zur\u00fcck, die\nanderen kamen \u00fcber Portugal nach Sevilla, von wo sie nach Marokko verbannt\nwurden. Dort wurden sie hingerichtet. Die Figurengruppe f\u00e4ngt genau diesen\nMoment ein. Entgegen aller historischen Wahrscheinlichkeit \u00fcbernimmt der K\u00f6nig\nselbst die Enthauptung. Er tr\u00e4gt ein farbiges, goldges\u00e4umtes Gewand und eine\ngoldene Krone und setzt sich damit von den M\u00f6nchen in ihren braunen Kutten ab.\nDer K\u00f6nig holt gerade aus, um dem am Boden knienden M\u00f6nch den Kopf\nabzuschlagen, zwei M\u00f6nche stehen betend daneben, ihr Schicksal erwartend, zwei\nliegen am Boden, mit abgeschlagenen K\u00f6pfen. Das sind die&nbsp;<em>M\u00e1rtires de\nMarrocos<\/em>, ein in Portugal h\u00e4ufig auftretendes Motiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen Zellen der Kranken und der Krankenpfleger, mit sch\u00f6nen, dunklen M\u00f6beln\naus Eiche und einem Holz aus Brasilien, vinhaticu. Man sieht eine Schreibstube,\nPritschen mit einem l\u00e4nglichen Schlitz in der Mitte und ein Bett mit hohen\nSeitenw\u00e4nden. Das war f\u00fcr Kranke im Delirium und f\u00fcr Irre. In einer Eckzelle\ndie Statue eines Franziskanerm\u00f6nche, deren Schatten an die Wand projiziert\nwird. Die Szene bleibt mir noch lange in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die K\u00fcche. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen T\u00f6pfe und Kannen aus Kupfer, der Gr\u00f6\u00dfe\nnach geordnet, und in den Schr\u00e4nken stehen Becher und Kannen aus Keramik, wei\u00df,\njedes einzelne Teil mit der Aufschrift&nbsp;<em>Mafra<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt ein gro\u00dfer, l\u00e4nglicher Raum. Es war der Raum f\u00fcr Schwerkranke. Jeder war\nin einem eigenen, gekachelten Kubikel links und rechts des Gangs untergebracht.\nAn der Stirnseite ein Altar. Sonntags wurden die Betten aus den Kubikeln in den\nGang geschoben, so dass die Kranken die Messe verfolgen konnten.\nPraktischerweise f\u00fchrt eine Treppe am Ende des Raums gleich in den Friedhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben\nsind Teile des Palasts zu besichtigen. Eine lange Flucht von 230 Metern mit\nunendlich vielen S\u00e4len zeiht sich an der Palastfront entlang, zur einen Seite\ndie Gem\u00e4cher der K\u00f6nigin, zur anderen die des K\u00f6nigs. Beide hatten eine eigenen\nK\u00fcche und eine eigene Kapelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nSchnittpunkt der beiden Teile sieht man zu einer Seite auf das Zentrum des\nPlatzes vor dem Palast hin, zur anderen Seite in die Basilika hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBeschilderung hier oben ist ausgesprochen schlecht. Wenn etwas beschrieben ist,\nbezieht es sich oft auf etwas, was im n\u00e4chsten oder \u00fcbern\u00e4chsten Saal steht.\nBei den Deckengem\u00e4lden gibt es zwei interessante Motive: In dem K\u00f6nigssaal\nerscheint die Szene des von Phaeton fehlgeleiteten Sonnenwagens. Ob der K\u00f6nig\nsich geschmeichelt f\u00fchlte? Aus einer sp\u00e4teren Zeit stammt eine Reverenz an die\nFruchtbarkeit. Das Gem\u00e4lde wurde von Jo\u00e3o VI. in Auftrag gegeben. Er hatte das\ngleiche Problem wie sein Vorg\u00e4nger: kein Nachwuchs. Da der Palast schon stand,\nlie\u00df er das Gem\u00e4lde anbringen. Ebenfalls mit durchschlagendem Erfolg. Er hatte\nneue Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem\nErbauer und seiner K\u00f6nigin wurde der Palast am Ende kaum bewohnt. War doch wohl\nein bisschen zu grandios geraten. Die Nachfolger bewohnten fast ausschlie\u00dflich\nden \u201cgem\u00fctlicheren\u201d S\u00fcdfl\u00fcgel. Hier sieht man auch, dass das k\u00f6nigliche Leben\nsich gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Formen anpasste. Es gibt ein Musikzimmer, ein Spielzimmer\nund ein Jagdzimmer, und die M\u00f6bel sehen einfacher und bequemer aus. Im\nSpielzimmer steht neben konventionellen Billardtischen ein chinesischer\nBillardtisch, eine ganz andere Sache, mit Stangen und Figuren. Sieht ein\nbisschen aus wie eine edle Variante von Tischfu\u00dfball.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nJagdzimmer stehen M\u00f6bel \u2013 Tische, St\u00fchle, Hocker \u2013 die mit Tierhaut \u00fcberzogen\nund mit Geh\u00f6rn geschm\u00fcckt sind, ein merkw\u00fcrdiger Anblick. Der portugiesische\nText spricht M\u00f6beln nach deutschem Geschmack, der englische von M\u00f6beln nach\n\u00f6sterreichischem Geschmack.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\nObjekten, die hier ausgestellt sind, geh\u00f6rt ein rundes Ding aus Gusseisen mit\neiner Kurbel. Hier hilft die Erkl\u00e4rung ausnahmsweise mal: Es ist ein Ger\u00e4t zum\nReinigen und Schleifen von Messern, aus England importiert. Bei einem anderen\nObjekt fehlt jede Beschreibung: Eine Truhe, mit einem samtenen, roten Einsatz\nmit L\u00f6chern unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe. K\u00f6nnte eine Truhe f\u00fcr den Transport von\nGeschirr sein, eine Art k\u00f6niglicher Picknickkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nSchluss, ganz am Ende eines Fl\u00fcgels, die Bibliothek. Sie ist etwas schlichter\ngehalten als die viel ber\u00fchmtere in Coimbra, kann es aber mit ihr aufnehmen.\nDie B\u00fccherschr\u00e4nke haben Rocaille-Dekoration, und alles ist in Pastellfarben\ngehalten. Auch die Marmorplatten auf dem Boden, die ein Muster bilden, sind in\nPastellfarben gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBibliothek umfasst 40.000 B\u00e4nde, alle in Leder gebunden. Es gibt Erstdrucke von\nHoraz, C\u00e4sar und Cicero und Erstausgaben von Camoes und Gil Vicente. Dazu\nInkunabeln, darunter eine N\u00fcrnberger Chronik. Leider hat man davon herzlich\nwenig. Man darf nur ein paar Meter in die Bibliothek hinein, angeblich wegen\ndes Fu\u00dfbodens, und die Querarme der Bibliothek im hinteren Teil kann man nur\nerahnen. Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Vitrine am Eingang sieht man drei Skelette von Flederm\u00e4usen. Von ihren\nlebendigen Verwandten soll es hier 3.000 geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dem\nRaum vor der Bibliothek sind einige B\u00fccher ausgestellt, mit aufgeschlagenen\nSeiten. Sie stammen alle aus der franz\u00f6sischen Enzyklop\u00e4die, mit technischen\nZeichnungen und Erkl\u00e4rungen zu allen m\u00f6glichen Wissensgebieten: Uhrmacherei,\nGlockengie\u00dferei, Navigation, Artillerie. Alles offensichtlich mit der gr\u00f6\u00dften\nDetailfreude und der gr\u00f6\u00dften Pr\u00e4zision festgehalten. So etwas wie der Beginn\nsystematischer Wissenschaft. In einer Zeichnung sieht man ein schr\u00e4g stehendes,\nlanges Doppelgestell unter freiem Himmel. Drum herum die Experten, aber auch\nLeute aus dem Volk. Ich denke erst an eine primitive Flugmaschine, aber es ist\nein Fernrohr!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neiner Pause lese ich in einem Caf\u00e9 in der Zeitung, dass ein Festwagen bei\nder&nbsp;<em>Queima<\/em>&nbsp;<em>das\nFitas<\/em>&nbsp;in Coimbra einen Skandal ausgel\u00f6st\nhat durch sein Motto&nbsp;<em>Alcoholocausto<\/em>, dass in D\u00e4nemark eine rechtsradikale\nPartei die n\u00f6tigen Unterschriften zur Teilnahme an den Parlamentswahlen\ngesammelt hat, dass, einer Untersuchung zufolge, nur die H\u00e4lfte der\nportugiesischen Autofahrer den Blinker beim Abbiegen setzt (so viele?) und dass\ndas 8:1 von Sporting gegen Belenenses einer der h\u00f6chsten Ausw\u00e4rtssiege\n\u00fcberhaupt in der Geschichte der&nbsp;<em>Primeira Liga<\/em>&nbsp;ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag, beim zweiten Versuch, ist die Basilika ge\u00f6ffnet. Man hat den\nEindruck, dass sie dem Petersdom nachempfunden ist. Die Kirche hat gleich 6 Orgeln\nund 45 Emporen, einige wie Theaterlogen aussehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nNarthex stehen in Nischen riesige Skulpturen. Alle werden \u00fcberragt von\nSebastian, nur mit Lendentuch bekleidet, muskul\u00f6s. Sieht er aus wie ein antiker\nHeros als ein Heiliger. Wenn nicht Sebastian dranst\u00fcnde, k\u00e4me man nicht darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle\nSkulpturen mit leidenschaftlichen Gesten oder leidenschaftlichen Blicken, viele\nmit Buch. Einer, Bernhard, tritt mit dem Fu\u00df auf sein Buch, zwischen dessen\nSeiten ein Drache zerdr\u00fcckt wird. Vinzenz sieht man mit Feder oder Zweig in der\nHand und vornehm Neben Benedikt liegt die Mitra am Boden. Das hat bestimmt eine\nBedeutung, vielleicht ist es ein Hinweis auf den Verzicht auf die\nBischofsw\u00fcrde. Die Serie von Skulpturen setzt sich in den Seitenkapellen vor,\ndie durch einen Gang miteinander verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nsch\u00f6ne Wetter bringt mich bald wieder ins Freie. Bei einem Spaziergang durch\nein Wohnviertel sto\u00dfe ich auf&nbsp;<em>O Galo da Manha<\/em>,&nbsp;einen\nSchnellimbiss, und dann auf ein chinesisches Lokal mit dem Namen&nbsp;<em>Mei\nMei<\/em>. Ob das auch ein Wortspiel ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nsto\u00dfe ich auf einen kuriosen architektonischen Kontrast: Auf einer Stra\u00dfenseite\nein sch\u00f6nes, zweist\u00f6ckiges Wohnhaus, traditionell, mit zweil\u00e4ufiger Treppe und\nVeranden, mit Fliesen an der Fassade, und gleich gegen\u00fcber ein modernes Verwaltungsgeb\u00e4ude,\neine Art B\u00fcrgerzentrum, Fassade in Schwarz (Fenster) und Wei\u00df (Mauer), sieht\nauch, als wenn die Fassade aus l\u00e4nglichen Streifen best\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in\nder N\u00e4he des Palasts, auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite, liegt das Sete\nS\u00f3is, ein Restaurant, das in allen Reisef\u00fchrern empfohlen wird. Der Name,\n\u201aSiebensonnen\u2018, ist der des Protagonisten aus&nbsp;<em>Memorial do Convento<\/em>.\nDas Restaurant hat montags geschlossen. Notgedrungen gerate ich in ein\nRestaurant ganz in der N\u00e4he der Pension,&nbsp;<em>Jo\u00e3o da Vila Velha<\/em>, das\nvon au\u00dfen ganz unscheinbar, kaum als Restaurant zu erkennen ist. Aber es ist\nein Volltreffer: einfache, geschmackvolle Einrichtung, freundliche Bedienung,\nhauseigenes Bier, eine richtig geschmackvolle Alternative zu den etwas\nnichtssagenden anderen portugiesischen Bieren, eine handgeschriebene\nSpeisekarte mit gro\u00dfer Auswahl. Ich lande bei Favas, einen wunderbaren Eintopf\nmit dicken Bohnen. Hierher k\u00f6nnte man immer wieder zur\u00fcckkehren und die ganze\nSpeisekarte ausprobieren. Die steht unter dem Motto&nbsp;<em>Cozihna tradicional\nportuguesa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nsehr gespr\u00e4chige und ebenso freundliche Wirtin der Pension erkl\u00e4rt, f\u00fcr\nDeutsche sei es einfacher, Spanisch als Portugiesisch zu lernen, f\u00fcr Franzosen\nsei es einfacher, Portugiesisch als Spanisch zu lernen. Ziemlich gewagte\nThesen, die auf nicht viel mehr als ein oder zwei Lauten beruhen, aber es ist\neine Freude, ihr zuzuh\u00f6ren. Zumal sie so deutlich spricht, dass ich sie gut\nverstehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch\nungew\u00f6hnlich dichten Verkehr geht es zum Flughafen nach Lissabon. Der Flug ist\np\u00fcnktlich, aber der Weg vom Flugzeug zum Ausgang nimmt viel Zeit in Anspruch.\nAber dann kommen die beiden gut gelaunt an. Alles hat am Ende reibungslos\ngeklappt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\ndie fast leere Autobahn geht es durch immer st\u00e4rker werdenden Regen Richtung\nPenela. Als wir an der H\u00fctte ankommen, hat es fast aufgeh\u00f6rt zu regnen, und als\ndie Koffer ausgepackt sind, k\u00f6nnen wir sogar einen Spaziergang machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen auf dem Hinweg die Landstra\u00dfe entlang und entdecken dabei eine H\u00e4uschen,\ndas ehedem etwas dargestellt haben muss und wohl so etwas wie das Warenlager\nder Stra\u00dfenwacht gewesen ist. Auf dem R\u00fcckweg finden wir einen sch\u00f6neren Weg,\nabseits der Landstra\u00dfe, durch Gagos. Gro\u00dfe Beachtung finden die Rosen und\nZitronen einerseits und die verschiedenen Kanaldeckel andererseits.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nCaf\u00e9 erkl\u00e4rt die freundliche B\u00e4ckersfrau mit gro\u00dfer Liebe zum Detail die\nIngredienzien der verschiedenen Geb\u00e4ckst\u00fccke, die wir bestellen. Eins davon\nhei\u00dft&nbsp;<em>tigelada<\/em>, abgeleitet von&nbsp;<em>tigela<\/em>, \u2018Sch\u00fcsselchen\u2019.\nDamit ist das runde Gef\u00e4\u00df aus Steingut gemeint, in dem jede&nbsp;<em>tigelada<\/em>&nbsp;einzeln\nzubereitet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\nAbend fahren wir nach Penela. Nach kurzem Zwischenstopp am Friedhof und an der\nBurg geht es ins&nbsp;<em>Mina<\/em>. Dort bestellen wir die bereits bekannte\nK\u00e4se- und Wurstplatte. Alles kommt in Scheiben, nur inmitten der Wurst ist eine\nwohl aus Versehen zerbr\u00f6selte Masse. Die Kellnerin erkl\u00e4rt, was es ist:&nbsp;<em>lingui\u00e7a<\/em>&nbsp;\u2013\nBratwurst.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Kleine\nTagestour mit den Stationen Espinhal (Kreuzweg), Lous\u00e3 (Burg) und Miranda (Parque\nBiol\u00f3gico). Obwohl bekannt, fallen wieder ein paar interessante Kleinigkeiten\nf\u00fcr mich dabei ab: die Beleuchtung und die Nummerierung der Stationen auf dem\nKreuzweg, ein S\u00e4gewerk mit einem Sheddach, eine Kapelle in Lous\u00e3, die S\u00e3o Paio\ngeweiht ist. Das ist Pelayo, ein Heiliger aus der ganz fr\u00fchen Zeit der\nReconquista, aber nicht identisch mit dem Gr\u00fcnder des K\u00f6nigreichs Asturien. Und\ndann ein Caf\u00e9 in einem kleinen Park zwischen Burg und Stadt, in dem wir drau\u00dfen\nsitzen k\u00f6nnen. Guter Tipp f\u00fcr k\u00fcnftige Besucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Pascoal<\/em>&nbsp;gibt\nes ein \u00fcppiges Abendessen, mit besonders schmackhaftem H\u00e4hnchen. Am Nebentisch\nBriten, die mit einer B\u00e4uerin, die ihnen Brot und Eier bringt, Portugiesisch\nsprechen. Sie schaffen zu dritt zwei Flaschen Wei\u00dfwein.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nBr\u00f6tchenkauf in der&nbsp;<em>Aldeia dos Sabores&nbsp;<\/em>sehe ich zum ersten Mal\nden B\u00e4ckermeister selbst auftauchen. Es scheint hier, einschlie\u00dflich der\nKuchen, alles im Hause angefertigt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck endet die Diskussion \u00fcber die Tiefe der H\u00fctte im Verh\u00e4ltnis zur Gr\u00f6\u00dfe\ndes Grundst\u00fccks mit dem kategorischen Satz: \u201cIch kann euch nicht die ganze\nBauordnung erkl\u00e4ren. Daf\u00fcr haben wir keine Zeit.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg nach Coimbra sehen wir am Stra\u00dfenrand, wie die von den Stra\u00dfenarbeitern\nabgeschnittenen \u00c4ste und Zweige geschreddert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nIC2 kommen uns Fatima-Plilger in Scharen entgegen. Auch in Coimbra, wo an\nmehreren Stellen das Emblem von Fatima in den B\u00fcrgersteig eingelassen ist,\nsehen wir welche. Sie d\u00fcrften noch 80 Kilometer vor sich haben, und es scheint\nimmer der Schnellstra\u00dfe entlang zu gehen. Dort sind inzwischen schon einzelne\nVersorgungsstationen f\u00fcr Notf\u00e4lle aufgebaut. Wir fragen uns, wo die alle\n\u00fcbernachten sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbesorgen zuerst die Fahrkarten f\u00fcr Sonntag und gehen dann in die Altstadt. In\nSanta Cruz ist gerade Messe. Wir bekommen ein portugiesisches&nbsp;<em>Vaterunser<\/em>&nbsp;mit,\naber ich kann nicht entscheiden, ob es sich um die \u201ckatholische\u201d oder die\n\u201cevangelische\u201d Version handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen \u00fcber den Mondego Richtung Santa Clara und verlieren uns in einer langen\nDiskussion dar\u00fcber, in welche Richtung er flie\u00dft. Die Zeichnung der Karte auf\ndie Wirklichkeit zu \u00fcbertragen ist gar nicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nden&nbsp;<em>Doces Conventuais&nbsp;<\/em>teilen wir uns zum Kaffee&nbsp;<em>pastel\nde nata<\/em>,&nbsp;<em>queijada<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>pastel de Tent\u00fagal<\/em>. Und\nich lerne das Wort&nbsp;<em>abatanado<\/em>&nbsp;als Bezeichnung f\u00fcr \u201cunseren\u201d\nKaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zur Uni rauf sehe ich zum ersten Mal die Beschriftung an der sitzenden\nStatue einer Frau mit Wasserkrug:&nbsp;<em>A Tricana de Coimbra.&nbsp;<\/em>Bei\nihr handelt es sich um eine typische Volksfigur, die oft Gegenstand von\nLiteratur und von Fado-Liedern ist. Sie tr\u00e4gt Rock, Sch\u00fcrze, Bluse, Kopftuch\nsowie ein \u00fcbereinandergeschlagenes Schultertuch, den&nbsp;<em>xaile<\/em>. Den\nWasserkrug trug sie bei sich, wenn sie unterwegs zum Mondego war, um Wasser zu\nholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nerfahre, dass die ganz schmalen eisernen Abflussrinnen f\u00fcr das Regenwasser in\ndem Pflaster die Erfindung eines deutschen Architekten sind, der mal im\nDunstkreis der Familie auftauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ohnehin nicht glorreiche Wetter wird immer schlechter. Die Stadt liegt unter einer dichten Dunstwolke, selbst die&nbsp;<em>Ponte Santa Rainha<\/em>&nbsp;<em>Isabel<\/em>&nbsp;ist kaum zu sehen. Die beiden lassen sich aber die gute Laune nicht nehmen und zeigen sich von der Anlage hier oben, vor allem dem Innenhof des Museums, sehr angetan.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem\nich mich noch mal vergewissert habe, dass die Statue im Innenhof der\nUniversit\u00e4t Jo\u00e3o III. und nicht Dinis darstellt, finden wir dessen Statue auf\nder anderen Seite des Universit\u00e4tsplatzes. Und gleich dahinter die&nbsp;<em>Escadas\nMonumentais<\/em>, die ich schon immer finden wollte. Wenn man diesen Weg nimmt,\nhat man einen sch\u00f6nen Rundweg und kommt wieder bei Santa Cruz aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort\nmachen die beiden die Besichtigung ohne mich und erinnern mich im Anschluss an\nbereits vergessene Teile des Klosters wie den Kapitelsaal und das, was man im\nDeutschen wohl&nbsp;<em>Reliquienkammer<\/em>&nbsp;nennen w\u00fcrde, das&nbsp;<em>santu\u00e1rio<\/em>.\nAllerdings handelt es sich hier um mehr als eine Kammer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\nzur\u00fcckgehen, wird an einer Apotheke 19\u00b0 angezeigt. Gar nicht so kalt, wie man\nmeinen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg besorgen wir ein paar Kleinigkeiten im&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>&nbsp;in\nPenela. Die Kassiererin fragt uns, ob es uns gefallen habe. Was? Die Burg. Sie\nhat uns gestern in Lous\u00e3 gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9\nin Miranda sehen wir, wie Pflegestationen f\u00fcr die Pilger von Fatima am Stra\u00dfenrand\naufgebaut worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht ein Beispiel f\u00fcr Fado aus Lissabon und eins f\u00fcr Fado aus Coimbra\ngeh\u00f6rt. Der Fado aus Lissabon ist fr\u00f6hlicher, hat schnellere Rhythmen und\nhandelt von ganz gew\u00f6hnlichen Alltagsdingen, u.a. von portugiesischen Speisen.\nIn einem Lied reimt&nbsp;<em>caracois<\/em>&nbsp;auf&nbsp;<em>espanhois<\/em>. Der\nFado von Coimbra ist gef\u00fchlvoller, langsamer. Wir sehen eine Aufnahme von der\nSerenade bei der&nbsp;<em>Queima das Fitas<\/em>, bei der den zuh\u00f6renden\nStudenten, den frisch diplomierten, die Tr\u00e4nen flie\u00dfen, angesichts der\nErinnerung an die Studienjahre und deren bevorstehendem Ende. Wohl ein\nklassischer Fall von&nbsp;<em>saudade<\/em>. Der Fado von Coimbra wird nur von\nM\u00e4nnern gesungen. Ganz einfach deshalb, dass er aus der studentischen Tradition\nkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nHoltener haben inzwischen Miranda in Augenschein genommen und sind sehr\nangetan. Sie sind \u00fcber die Treppen nach oben zur Kirche gegangen, aber \u00fcber\neinen anderen Weg hinunter gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren weiter nach Tomar. Der Regen vom Morgen hat aufgeh\u00f6rt, die Wolken\nverziehen sich allm\u00e4hlich, und im Laufe des Tages wird es immer w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum von Tomar sto\u00dfen wir auf ein Lokal, das&nbsp;<em>Tabuleiro<\/em>&nbsp;hei\u00dft\nund auf weitere Hinweise auf die&nbsp;<em>Festa dos Tabuleiros<\/em>&nbsp;im Juli,\nbei denen M\u00e4dchen ein l\u00e4ngliches, mit Broten und Blumen beladenes Tablett auf\ndem Kopf tragen, das genauso hoch wie sie selbst sein muss, eine Reminiszenz an\ndie Christusritter, die, so die Tradition, das Volk mit solchen guten Gaben\nverw\u00f6hnten. Wir sehen Plakate und Abbildungen und eine Figur in der\nStadtkirche, die so einem&nbsp;<em>tabuleiro<\/em>&nbsp;im Kleinformat nachbildet.\nBeim Verlassen der Stadt sehen wir dann an einem Kreisverkehr eine Skulptur mit\ndiesem Thema. Die w\u00fcrde bestimmt ziemlich r\u00e4tselhaft wirken, wenn man nicht\nw\u00fcsste, worum es geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen in die Synagoge und erhalten ein Faltblatt auf Deutsch, das vor allem die\nGeschichte der Synagoge kurz charakterisiert. Sie war nur wenige Jahrzehnte als\nSynagoge im Dienst, denn bald nach der Errichtung wurden die Juden ausgewiesen\noder zur Konversion gezwungen. Sp\u00e4ter wurde die Synagoge von einem Privatmann\ngekauft und war zu verschiedenen Zeiten Gef\u00e4ngnis, Scheune, Weinkeller und\nWarenlager, aber auch Kirche. Zur Zeit, als sie Gef\u00e4ngnis war, durften einem\nk\u00f6niglichen Erlass zufolge die Neuchristen Tomars nicht gefangengenommen und in\nder ehemaligen Synagoge eingesperrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsetzen uns in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 auf der&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica.&nbsp;<\/em>\u00dcber\nden Platz kommen&nbsp;junge Leute mit orangefarbenen Westen und Fahnen. Diesmal\nkeine Pilger, wie wir zuerst meinen, sondern Anh\u00e4nger der PSD, der trotz ihres\nsozialdemokratischen Namens liberal-konservativen Partei Portugals. Die\nEuropawahlen r\u00fccken n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Convento\nde Cristo<\/em>, wo wir uns im Februar noch fast alleine verloren haben, muss man\njetzt an der Kasse Schlange stehen. Aber alles verteilt sich sehr schnell auf\ndem riesigen Gel\u00e4nde. Mir kommen einige Dinge wieder ins Ged\u00e4chtnis, und wir\nentdecken ein oder zwei neue Dinge, darunter einen Heizraum am Ende der Zellen\ndes Dormitoriums. Hier wurde Feuer gemacht, und die W\u00e4rme wurde durch einen\nSchacht am hinteren Ende der Zellen weitergeleitet. Oben runde \u00d6ffnungen in der\nDecke, durch die, wenn alles gutging, nur der Qualm, nicht auch die W\u00e4rme\nentschwand. Gleich gegen\u00fcber ist eine M\u00f6nchszelle ge\u00f6ffnet, von der aus man\neine ungehinderte Sicht auf das Manuelinische Fenster hat, besser als von dem\nBalkon, auf dem alle stehen. Die vielen Motive stellen immer wieder R\u00e4tsel auf,\naber man kann bei l\u00e4ngerem Hingucken Seetang, Korallen, Ankerseile, Taue usw.\nidentifizieren. Bei einer F\u00fchrung wird u.a. auf Auberginen verwiesen, die hier\ndargestellt sein sollen, weil sie auf den Schiffen als Mittel gegen Skorbut\nmitgef\u00fchrt wurden. Das h\u00f6rt sich ziemlich abenteuerlich an. Die G\u00fcrtelschnalle\nhat in dieser Interpretation nichts mit dem Hosenbandorden zu tun, sondern\nsteht f\u00fcr die Adeligen. Einleuchtender ist die Interpretation des Gesamtbildes,\nbei dem aus den Tiefen des Meeres Dinge \u201chervorwachsen\u201d wie die seem\u00e4nnischen\nHilfsmittel, die dann wiederum von K\u00f6nigskrone und Ritterkreuz \u00fcberragt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer\nverweist auch auf S\u00e4ulen vor dem Fenster, die einst einen weiteren Innenhof\ntrugen. Was machte der mit dem Fenster? Er verdeckte es! Offensichtlich war es\neinem der Nachfolger von Manuel nicht so lieb, die Erinnerung an ihn\nwachzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend sehen wir im&nbsp;<em>Dom Sesnando<\/em>&nbsp;in Penela, wie Vorbereitungen\nzu einer professionellen Weinprobe getroffen werden. Jeder Winzer bringt einen\nWein mit, der anonym verkostet wird. Alle sind mit einer Sch\u00fcrze und einer\nMedaille ausgestattet. Leider sind wir zu fr\u00fch dran, um die Probe\nmitzubekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nim Caf\u00e9 ein St\u00fcck Kuchen mitnehme, macht ein Mann an der Theke eine Geste der\nZustimmung. Dann sagt er mir einen portugiesischen Ausspruch, in dem&nbsp;<em>s\u00fc\u00df<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>bitter<\/em>&nbsp;vorkommt,\nden ich aber nicht verstehe. Die B\u00e4ckerin sch\u00fcttet ihm ein gro\u00dfz\u00fcgiges Glas\nWeinbrand ein. Auch s\u00fc\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\ndie B\u00e4ckerei verlasse, sagt die B\u00e4ckerfrau: \u201cGood morning.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nMiranda fahre ich alleine. Filomena hat die Besichtigung eines Klosters\norganisiert. Ich kenne nicht einmal dessen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhabe mit einer Handvoll Teilnehmer gerechnet, aber wir sind weit \u00fcber drei\u00dfig,\nein franz\u00f6sisches und ein holl\u00e4ndisches Ehepaar, sonst lauter Briten. Wie bei\njeder Gruppe gibt es den unvermeidlichen Fragesteller. Die Rolle \u00fcbernimmt hier\nder Holl\u00e4nder. Er l\u00e4sst keine Erkl\u00e4rung so stehen. Seine Frau stellt keine\neinzige Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nKloster hin geht es im Konvoi, jeder in seinem eigenen Wagen. Ob das gutgeht?\nIch habe da so meine Zweifel. Und als wir auf halber H\u00f6he sind, halten wir dann\ntats\u00e4chlich an, weil einer verlorengegangen ist. Filomena macht sich auf die\nSuche. Am Ende mit Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nbest\u00e4ndig bergauf, sechs oder sieben Kilometer lang, und der Aufstieg endet mit\neinem ungew\u00f6hnlichen Blick von dem gro\u00dfen Klosterplatz aus in die weite\nLandschaft. Die hat etwas von Toskana.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nwerden in Empfang genommen von einem Mitglied des Freundeskreises des Klosters.\nNeben ihm eine junge Kunststudentin, die einen Teil der F\u00fchrung \u00fcbernehmen\nwird. Wenn das M\u00e4dchen spricht, verstehe ich so gut wie alles, wenn der Mann\nspricht, knapp die H\u00e4lfte. Filomena \u00fcbersetzt. Das ist eine wunderbare \u00dcbung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nstehen vor dem Eingang des Klosters, das eine breite, weitgehend schmucklose\nFront hat. Der Mann begr\u00fc\u00dft uns und stellt eine Frage: \u201cKennen Sie Schmied?\u201d\nWer ist Schmied? Habe ich da richtig geh\u00f6rt. Meine Verwirrung wird noch gr\u00f6\u00dfer,\nals ja sagen. Sie wohnen hier in der N\u00e4he. W\u00e4hrend der F\u00fchrung geht mir die\nFrage im Kopf herum, bis ich sp\u00e4ter auf einem Schild die Antwort finde: Das\nKloster hei\u00dft&nbsp;<em>Santa Mar\u00eda de Semide<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nKloster wurde von dem mir aus Coimbra bekannten&nbsp;Joaquim Ant\u00f3nio de Aguiar,\ndem&nbsp;<em>Mata-Frades<\/em>, aufgel\u00f6st. Die Nonnen durften aber vorerst\nverbleiben. Als die letzte Nonne starb, war es das endg\u00fcltige Ende des\nKlosters. In den ehemaligen Klosterr\u00e4umen ist jetzt eine Art Jugendheim\nuntergebracht, ein Heim f\u00fcr Jugendliche aus schwierigen Familienverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nKloster geht auf die Gr\u00fcndungszeit Portugals zur\u00fcck. Der erste Abt war der\nBruder des Bischofs von Coimbra. Es war zu zuerst ein M\u00f6nchskloster, wurde dann\naber bald zum Nonnenkloster. Von dem urspr\u00fcnglichen Bau ist nichts mehr \u00fcbrig.\nDas Kloster hat drei schwere Br\u00e4nde hinter sich, den letzten davon vor gerade\nmal drei\u00dfig Jahren. Dabei sind Teile des Klosterbezirks zerst\u00f6rt worden, deren\nRuinen wir sp\u00e4ter sehen. Was man jetzt sieht, stammt weitgehend aus dem 17.\nJahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz\ndes Namens scheint Benedikt der Patron des Klosters zu sein. Man begegnet ihm\nimmer wieder, oft an der Seite seiner Zwillingsschwester Scholastika. Die wird,\nwie hier, h\u00e4ufig mit einer Taube dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen zuerst in den Raum, durch den die Nonnen die Kirche betraten, vom Kloster\naus. Die Seitenw\u00e4nde sind mit sch\u00f6nen Kacheln ausgelegt, braun-blau, was dem\nVernehmen nach typsich f\u00fcr Coimbra ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir in den h\u00f6her gelegenen Chor, von dem aus sie die Messe verfolgten.\n\u00dcber dem Chorgest\u00fchl \u00fcber jedem Betstuhl ein Bild auf Holz. Jedes stellt einen\nanderen Orden dar. Leider wird da sehr schnell dr\u00fcber hinweggegangen. Da h\u00e4tte\nich gerne mehr erfahren. Auf den ersten Blick sieht man keine gro\u00dfen\nUnterschiede.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen in die Kirche und sehen das gerade restaurierte Altarbild. Der\nUnterschied zu den beiden an den Seiten befindlichen, noch nicht restaurierten\nAltarbildern ist frappierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nsch\u00f6nsten Blick hat man, wenn man sich umdreht: Durch das Gitter, das die\nbeiden Bereiche der Kirche trennt, sieht man auf den Chor und die wunderbare\nOrgel an dessen Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\ninteressantesten Ausstattungsst\u00fccken geh\u00f6ren zwei Bilder mit demselben Motiv,\ndem der jungen Maria, die lesen lernt, einmal vor ihrer Mutter Anna, die ihr\nein Buch zeigt, einmal in Gesellschaft anderer junger M\u00e4dchen. Sch\u00f6n sind auch\nein Bild von Santiago mit einem Pilgerhut, der wie ein Cowboyhut aussieht und\neine Statue von Josef, der das Jesuskind z\u00e4rtlich auf dem Arm h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\nmehrere bekannte Speisen gehen auf dieses Kloster zur\u00fcck, sind von den Nonnen\nhier erfunden worden, darunter die&nbsp;<em>chanfana<\/em>&nbsp;und die&nbsp;<em>sopa\ncasamento<\/em>. Da gibt es einen Zusammenhang. Die&nbsp;<em>chanfana<\/em>&nbsp;wurde\ntraditionellerweise bei Hochzeiten serviert, und die Suppe gab es dann am Tag\ndanach mit Brot aus den Resten der&nbsp;<em>chanfana<\/em>. Zu den S\u00fc\u00dfspeisen aus\nSemide geh\u00f6rt die&nbsp;<em>nabada<\/em>. Sie ist eine der \u00e4ltesten kl\u00f6sterlichen\nS\u00fc\u00dfspeisen und die einzige, die kein Ei enth\u00e4lt. Alle anderen enthielten Ei,\nund zwar Eigelb, weil die Nonnen das Eiwei\u00df zum St\u00e4rken ihrer Kutten benutzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nzur\u00fcckkomme, haben die beiden einen gewaltigen Spaziergang in der Sonne hinter\nsich, einen gro\u00dfen Bogen \u00fcber Viavai mit R\u00fcckkehr von der anderen Seite \u00fcber\nGagos und einem Zwischenstopp bei Pamela. Dort haben sie auch den Wohnwagen\ngesehen, den ich noch nicht kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend kommt noch eine \u00fcberraschende Nachricht: Die Eigent\u00fcmer wollen das Haus\nverkaufen. Auch wenn es \u00fcberraschend kommt, wundern tut es mich nicht. Ich habe\nimmer wieder \u00fcberlegt, ob es sich lohnt, ein Wochenendhaus in gr\u00f6\u00dferer\nEntfernung zu haben, das man nur gelegentlich benutzt. Der Aufwand ist doch\nziemlich gro\u00df. So ein Haus kann zu einer B\u00fcrde werden. Man hat das Gef\u00fchl, mal\nwieder hinfahren zu m\u00fcssen, damit es sich lohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Schon\num sieben Uhr am Morgen h\u00f6rt man den ersten Traktor durch den Ort fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nwindig, so windig, dass man nicht glauben mag, dass dies einer der sch\u00f6nsten,\nw\u00e4rmsten und sonnigsten Tage der Zeit werden k\u00f6nne. Wird es dann aber.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\ngepackten Koffern geht es nach Coimbra. Dort machen wir noch eine kleine\nRundtour mit kurzem Halt in Santa Clara und dem Blick auf die sonnenbeschienene\nStadt. Wir identifizieren nach etwas Suche die Kathedrale und den Marktplatz\nund die Ruinen von Santa Clara. Mitten auf dem Mondego gibt es eine\nWasserfont\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug\nkommt p\u00fcnktlich und die beiden fahren los mit ein bisschen Wehmut, aber auch\nmit Vorfreude auf ein paar Tage in der Sonne in Porto.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg lasse ich Revue passieren, was ich in diesen Tagen alles entdeckt, was\nich gelernt habe: dass die H\u00fctte sowohl einen Feuerl\u00f6scher als auch eine\nFeuerdecke hat, dass man die portugiesische Fahne der Taverne von Viavai von\nder H\u00fctte aus sehen kann und wie die H\u00fctte von der Taverne aus aussieht. Und\ndann: dass der unbekannte Waldweg, der von unterhalb der H\u00fctte abgeht, Richtung\nPenela f\u00fchrt und dass der Weg durch Gagos eine sch\u00f6nere Alternative ist, wenn\nman zur IC3 will. Und dann: dass hier in Portugal die Strom- und Laternenmasten\naus Beton, nicht aus Stahl sind, dass die \u201cB\u00e4lle\u201d an den Stromleitungen\nWarnungen f\u00fcr Flugzeuge sind, dass Coimbra einen Flughafen hat und dass mir in\nLissabon die Vinzenz-Kirche durch Lappen gegangen ist. Und dann: wie\nPfingstblumen aussehen und wie die Kapuzinerkresse aussieht, dass es hier\nweniger L\u00f6wenzahn als bei uns gibt, dass die Mandarinen im Garten schon essbar\nsind, dass ein Baum im Garten ohne Bl\u00fcten und Fr\u00fcchte ein Feigenbaum ist und\ndass es sich bei den anderen Obstb\u00e4umen um einen Pflaumenbaum und einen\nPfirsichbaum handelt. Die Pfirsiche sind hart, mit pelzigem \u00dcberzug, die\nPflaumen haben einen senkrechten Spalt, an denen sie zu erkennen sind. Und dann\nlerne ich noch, dass im portugiesischen&nbsp;<em>Vaterunser<\/em>&nbsp;(wie im\n\u00fcbrigen auch im englischen) die&nbsp;<em>Erde<\/em>&nbsp;vor dem&nbsp;<em>Himmel<\/em>&nbsp;genannt\nwird. Im Deutschen ist es anders herum. Ob das einen, wenn auch noch so kleinen\nBedeutungsunterschied macht?<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\nist der gro\u00dfe Tag f\u00fcr die Pilger in Fatima, der Abend vor dem 13. Mai. Am Vormittag\nhaben wir unterwegs immer noch ein paar Nachz\u00fcgler gesehen. Die schaffen es\nwohl nicht mehr, heute anzukommen. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nzwei dramatischen Aufholjagden und einer ganz knappen Entscheidung stehen die\nTeilnehmer der Endspiele bei den europ\u00e4ischen Pokalwettbewerben fest: Alle vier\nkommen aus England. So etwas hat es noch nie gegeben. Jetzt fahren die\nenglischen Mannschaften nach Kiew bzw. nach Baku, um dort ihre Endspiele\nauszutragen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg nach Ansi\u00e3o zwei braune Raubv\u00f6gel auf der IC3, die sich an irgendetwas auf\ndem Stra\u00dfenpflaster zu schaffen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den\nFeldern wird hier \u00fcberall gespritzt. Heute eine Frau auf einem Feld, die mit\nder Spritzpistole hantiert und einen Schutzanzug tr\u00e4gt wie die, die man auf dem\nMond tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nAnsi\u00e3o sehe ich ein in eine H\u00e4userwand eingelassene Kachel mit der alten\nSchreibweise&nbsp;<em>Anciao<\/em>, genauso wie&nbsp;<em>Penella<\/em>&nbsp;in\nPenela.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Caf\u00e9\nDiogo<\/em>&nbsp;bestelle ich einen Kaffee. Als ich&nbsp;<em>bica<\/em>&nbsp;sage,\nlacht die Kellnerin. Warum? Die Engl\u00e4nder sagten immer&nbsp;<em>espresso<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nCaf\u00e9 Diogo hat eine Fiale, die sich als&nbsp;<em>Bicaf\u00e9<\/em>&nbsp;klassifiziert.\nIst das ein Hinweis darauf, dass es eine Fiale ist oder darauf, dass es zwei\nFunktionen wie Cafeteria und Taverne hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei\nuns: Sobald es mal warm wird, setzen die Klagen \u00fcber die Hitze ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nPost muss man eine Nummer ziehen, wie in Schweden. In Penela wird das meist\numgangen, da es keine nennenswerten Schlangen gibt, aber hier ist es n\u00f6tig.\nKein schlechtes System, nur muss man wissen, dass man eine Nummer ziehen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nWand h\u00e4ngt ein Plakat. Es ist von&nbsp;<em>pesquitas<\/em>&nbsp;die Rede, der\nSuche im Internet. Da wo wir&nbsp;<em>surfen<\/em>, da&nbsp;<em>fischen<\/em>&nbsp;die\nPortugiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsto\u00dfe auf ein Denkmal (XVII) ohne Figur f\u00fcr einen General, der Verdienste in der&nbsp;<em>Guerra\nda Restaurac\u00e3o&nbsp;<\/em>hatte und auch von Bedeutung f\u00fcr Ansi\u00e3o war. Die lange\nInschrift ist komplett in Latein. Unter&nbsp;<em>Guerra da Restaurac\u00e3o&nbsp;<\/em>versteht\nman den Krieg gegen Spanien zur Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit Portugals,\ndas in Personalunion von den K\u00f6nigen von Spanien regiert wurde. ganz\nunberechtigt war der Anspruch Spaniens nicht: Der letzte K\u00f6nig aus dem Hause\nAvis hatte Philipp II. testamentarisch zu seinem Nachfolger bestimmt. Der war\nau\u00dferdem ein Enkel Manuels und mit der Tochter Jo\u00e3os III. Was den Aufstand\n(1640) aus portugiesischer Sicht ausl\u00f6ste, war die Verletzung der Portugal\nzugestandenen Rechte durch die Spanier. Au\u00dferdem war die wirtschaftliche Lage\nnicht gerade rosig. Endg\u00fcltig best\u00e4tigt wurde die Unabh\u00e4ngigkeit Portugals im\nVertrag von Lissabon (1668). Wieder was dazugelernt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Durch\nden Aufschub vom 1. April (Aprilscherz) auf den 31. Oktober (Halloween) hat die\nDiskussion \u00fcber den Brexit etwas an Fahrt verloren, aber sie ist noch da. Ein\nLeser stellt eine provokative Frage, die ich auch schon immer stellen wollte:\n\u201cK\u00f6nnen Sie mir ein einziges Gesetz nennen, das gegen die Stimmen der Briten\n(bzw. der britischen Regierung) angenommen wurde? Die Briten, auf dieses Detail\nsollte man die Brexit-Bef\u00fcrworter mal hinweisen, sitzen auch in Br\u00fcssel, u.a.\nim EU-Rat. Da k\u00f6nnen sie eigentlich alle Reformen und Gesetze blockieren. Bei\nden meisten gilt weiterhin Einstimmigkeit, und auch bei denen mit\nqualifizierter Mehrheit geht es kaum ohne die britische Zustimmung. Wenn man sich\nals Brite dar\u00fcber beschwert, dass man aus Br\u00fcssel regiert wird, dann ist das\nso, als wenn sich ein Hamburger dar\u00fcber beschwerte, aus Berlin regiert zu\nwerden oder ein Turiner aus Rom. Die aus Leeds, Torquai, Norwich und\nChesterfield werden auch demn\u00e4chst \u201caus London\u201d regiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh\nDemokratie, wo f\u00fchrst du uns eines Tages noch hin, wenn die G\u00f6tter den da\ntats\u00e4chlich in sein Amt gew\u00e4hlt haben?\u201d (Aristophanes,&nbsp;<em>Die V\u00f6gel<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Monographie gelesen, dass unter den meist gesprochenen Sprachen der Welt\nSpanisch den 4. Rang belegt, Portugiesisch den 8., Deutsch den 12. Dabei hat\nPortugiesisch knapp doppelt so viele Muttersprachler (um die geht es) als\nDeutsch und Spanisch etwa doppelt so viele wie Portugiesisch. Die Statistiken\nsind nicht so klar, wie man meinen k\u00f6nnte. Diese Zahlen basieren auf einer\n(leicht adaptierten) Erfassung von 2005. Seitdem hat die Bev\u00f6lkerung in vielen\nder betroffenen L\u00e4nder zugenommen. Au\u00dferdem ist es nicht immer so einfach zu\nentscheiden, was Erst- und was Zweitsprache ist. Diese Statistik ber\u00fccksichtigt\nauch Migranten in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Das l\u00e4sst ein paar interessante Details\nzum Vorschein kommen: In Frankreich gibt es mehr Portugiesen (genauer gesagt:\nPortugiesisch-Sprechende) als in Mosambik. Und selbst als Zweitsprache ist\nPortugiesisch dort d\u00fcrftig vertreten, etwas 1 Million von insgesamt 23\nMillionen. In Frankreich gibt es mehr Portugiesen als Spanier, in Luxemburg\nauch, in Belgien ist es ungef\u00e4hr gleich, in Deutschland und in der Schweiz gibt\nes mehr Spanier. Auff\u00e4llig ist der ganz geringe Anteil beider in England.\nSpanier gibt es da so gut wie keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nso ein abrupter Wetterwechsel. Von Temperaturen um 30\u00b0 auf Temperaturen um 15\u00b0,\nvon wolkenlosem Himmel auf dichte Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen\ngehen die Lichter aus. Es scheint das ganze Dorf zu sein, nicht nur die H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nnehme ich den alten Mann mit nach Miranda. Unterwegs lesen wir noch einen\nFreund von ihm auf, der auch auf dem Weg dorthin ist. Der setzt sich schweigend\nnach hinten, w\u00e4hrend mein Freund in bew\u00e4hrter Weise auf mich einredet. Wenn ich\nrichtig verstehe, will er mir ein Haus zum Kauf anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht erkl\u00e4rt Filomena den Unterschied zwischen&nbsp;<em>tosta<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>torrada.&nbsp;<\/em>Anders\nals man meinen k\u00f6nnte, ist es die&nbsp;<em>torrada<\/em>, die unserem Toast\nentspricht. Bei&nbsp;<em>fava<\/em>&nbsp;(\u2018Saubohne\u2019) und&nbsp;<em>feij\u00e3o<\/em>&nbsp;(\u2018Bohne\u2019)\nist die Unterscheidung nicht so einfach. Auf die Farbe ist kein Verlass, da\ngibt es allerlei Variation, und die Form ist auch \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier in der\nGegend gibt es Orte, die mit dem Artikel stehen. Kannte ich bisher nur von\nPorto. Zu diesen Orten geh\u00f6ren Raba\u00e7al und Lous\u00e3. Man sagt also&nbsp;<em>em\nMiranda<\/em>, aber&nbsp;<em>no Raba\u00e7al<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>na Lous\u00e3<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena\nvermutet, dass das Wort&nbsp;<em>Bicaf\u00e9<\/em>&nbsp;in Lous\u00e3 ein Wortspiel\nmit&nbsp;<em>bica<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>caf\u00e9<\/em>&nbsp;sein k\u00f6nnte. Leuchtet ein!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nzur\u00fcckkomme, ist immer noch kein Strom da, aber Dona Lucia versichert mir, das\nganze Dorf sei betroffen. Es ist wohl ein Eukalyptusbaum auf eine Stromleitung\ngefallen. Wie lange es dauert, wisse man nicht. Abwarten und Tee trinken. Daf\u00fcr\ngibt es ja das Gas.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nist das ja der tats\u00e4chliche Grund f\u00fcr das Kappen der B\u00e4ume am Stra\u00dfenrand. Hat\nam Ende weder was mit den Stra\u00dfen noch mit den Waldbr\u00e4nden zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe zur Taverne in Viavai, und siehe da, dort l\u00e4uft der Fernseher. Howard\nsagt, der Strom sei gerade in dem Moment wiedergekommen, als ich in die Taverne\nkam. Gl\u00fcck gehabt. Zur Feier gibt es einen Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\ndarauf kommen Ian und Pamela. Die beiden erz\u00e4hlen, dass sie schon in\neiner&nbsp;<em>praia fluvial<\/em>&nbsp;waren, am Montag. Da war ja noch Sommer.\nDas Wasser sei, nachdem man einmal drin war, gar nicht so kalt gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nr\u00e4tselhafte Passage in dem brasilianischen Jugendroman, den ich lese, l\u00f6st sich\nauf, als sich herausstellt, dass&nbsp;<em>papagaio<\/em>&nbsp;nicht nur den Vogel\nbezeichnet, sondern auch einen Drachen. Der Junge l\u00e4sst einen Drachen steigen!<\/p>\n\n\n\n<p>Einer\nUmfrage zufolge betrinken sich Briten mehr als alle anderen. Bei n\u00e4herem\nHinsehen ist die Sache nicht mehr ganz so klar wie es in den Schlagzeilen\nklingt. Die Umfrage ist \u201cnur\u201d in 38 L\u00e4ndern gemacht worden und beruht auf\nAngaben der Betroffenen. Wie gut k\u00f6nnen sie sich erinnern? Was versteht der\neine, was der andere unter&nbsp;<em>betrunken sein<\/em>? F\u00fcr mich \u00fcberraschend,\ndass Indien unter den ersten zehn und Deutschland fast ganz am Ende der Tabelle\nliegt. Nach \u00fcberraschender die allgemein hohe Zahl: Briten betrinken sich\ndanach 51 Mal pro Jahr, der Durchschnitt in allen L\u00e4ndern liegt bei 33 Mal!\nFast dreimal pro Monat! Gleichzeitig steigt, auch im UK, die Alkoholabstinenz, besonders\nunter jungen Leuten. Diejenigen, die trinken, trinken aber oft unm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bob\nHawke, der jetzt verstorbene ehemalig Premierminister Australiens, stellte\nw\u00e4hrend seines Studiums in Oxford einen Weltrekord auf: Er trank ein Yard Bier (1,4\nLiter) in 11 Sekunden. Er zeigte sich auch als Premierminister gerne mit\nZigarre und Bierglas. Einerseits oft politisch inkorrekt, andererseits ein\nengagierter Politiker, immer mit Sicht auf Minderheiten, Unterprivilegierte,\nRandgruppen. Vor seiner dritten Wahl sagte er, dass am Ende seiner der n\u00e4chsten\nLegislaturperiode kein australisches Kind mehr in Armut leben w\u00fcrde. Da hatte\ner die Messlatte zu hoch gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Durch\ndie Lekt\u00fcre \u00fcber das Portugiesische werden einige Merkmale klarer, die mir hier\nund da mal aufgefallen waren, vor allem die regelm\u00e4\u00dfigen Entsprechungen zu\nanderen Sprachen. Die kurzen W\u00f6rter erkl\u00e4ren sich h\u00e4ufig durch den Wegfall von\n\/l\/:&nbsp;<em>calente<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>caente<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>quente<\/em>,&nbsp;<em>candela<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>candeea<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>candeia<\/em>,&nbsp;<em>dolore<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>door<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>dor<\/em>,&nbsp;<em>colore<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>coor<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>cor<\/em>,&nbsp;<em>populu<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>popoo<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>povo<\/em>.\nDer Ausgangspunkt ist hier das Vulg\u00e4rlatein. Die Ver\u00e4nderungen setzten\nvermutlich im 10. Jahrhundert ein, noch bevor es schriftliche Zeugnisse in\nportugiesischer Sprache gab. Auch Verbformen wie&nbsp;<em>sair<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>voar<\/em>&nbsp;erkl\u00e4ren\nsich so.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nAutoradio Wahlwerbung, erst die PSD (unsere CDU), dann die CDS (unsere AfD).\nLauter vage, allgemeinverbindliche Dinge, die genauso gut von anderen Parteien\nkommen k\u00f6nnten (vorausgesetzt, ich habe das alles richtig verstanden). Das\nallermeiste, au\u00dfer den Waldbr\u00e4nden der CDS, k\u00f6nnte auch als Wahlwerbung f\u00fcr\nParteien aus anderen L\u00e4ndern \u00fcbernommen werden. Und dann wundern sie sich \u00fcber\nPolitikverdrossenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nApotheke mit vier Verk\u00e4ufern und acht Kunden sind fast alle kleiner als ich. Die\nPortugiesen sind nicht gerade Riesen, die \u00e4lteren schon gar nicht und die vom\nLande auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9\nlese ich, dass Benfica zum zweiten Mal in Folge Meister geworden ist. Zwei Mal\nin Folge geht ja noch, sieben Mal in Folge ist pure Langeweile. Sie haben zwar\nnur einen knappen Vorsprung vor dem FC Porto, aber eine unglaubliche Anzahl von\nToren geschossen, \u00fcber 100.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nSprachkurs neben einer jungen Slowakin gesessen, die mit einem Portugiesen\nverheiratet ist und momentan im Hause von dessen Gro\u00dfeltern hier in der N\u00e4he\nwohnen. Auf lange Sicht wollen sie nach Porto oder Lissabon. Seine Eltern leben\nin S\u00fcdafrika, mit einem Haus in Johannesburg und einem im S\u00fcden, direkt am\nStrand gelegen. Da haben sie im Winter drei Monate verbracht. Nicht schlecht.\nIhr Portugiesisch ist richtig gut, und sie vermutet sofort, dass ich kein Brite\nbin. Warum? Aussprache.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Mail (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAnfang der Reise stand die Frage, ob Rio schon mal die Hauptstadt Portugals\nwar. Bei der Lekt\u00fcre jetzt eine Antwort gefunden. Die lautet: nein. Rio war\nK\u00f6nigsresidenz von 1808-1820. Der K\u00f6nig hatte sich, angesichts der\nnapoleonischen Pr\u00e4senz auf der Iberischen Halbinsel \u2013 Joseph Bonaparte war\nspanischer K\u00f6nig von 1807-1814 \u2013 nach Brasilien verdr\u00fcckt. Zur Hauptstadt wurde\nRio deshalb nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nWahlwerbung im Radio, diesmal von der PDR. Da wird wenigstens etwas \u00fcber\nPortugal ausgesagt. Der wichtigste Punkt ist die Ungleichheit, Ungleichheit\nzwischen Metropolen und Provinz, Ungleichheit zwischen K\u00fcstenlinie und Inland. Die\nEU-Mittel k\u00e4men fast ausschlie\u00dflich den gro\u00dfen Metropolen zugute, wird geklagt.\nDa gebe es die meisten W\u00e4hler.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Um halb\nsechs am Morgen ist es noch stockdunkel und ganz still. Dann melden sich die\nersten Singv\u00f6gel, fast gleichzeitig mit dem Hahn, und dann wird es schnell Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist\nwohl der beste Standort f\u00fcr das Museu Nacional Ferrovi\u00e1rio? Da haben die\nPortugiesen es einfach gehabt. Kann es daf\u00fcr eine bessere Wahl geben als ein\nOrt, der \u2018Knotenpunkt\u2019 hei\u00dft? Sonst gibt es nicht so viel zu sehen in\nEntroncamento, also fahre ich auf direktem Weg zum Museum. Der Weg f\u00fchrt\npassenderweise \u00fcber eine breite Eisenbahnbr\u00fccke. Das Museum l\u00e4sst fast keine\nW\u00fcnsche offen: Die Angestellten sind sehr, sehr freundlich und hilfsbereit, die\nExponate sind interessant, die Gestaltung ist ansprechend, die Beschilderung\nausgezeichnet. Wenn man nach einem Manko suchen wollte: Man h\u00e4tte gerne etwas\nmehr \u00fcber soziale Fragen erfahren: Wie anstrengend war die Arbeit, wie\ngef\u00e4hrlich? Wie war die Bezahlung, wie war die Absicherung? War der Staat der\nArbeitgeber? Gab es Gewerkschaften, Streiks, Konkurrenzdenken?<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\nzu Anfang erf\u00e4hrt man, dass die erste portugiesische Eisenbahn zwischen\nLissabon und Carregado verlief. Sie wurde 1857 er\u00f6ffnet. Das ist sehr fr\u00fch,\nmeine ich, aber tats\u00e4chlich war Portugal hinter den meisten europ\u00e4ischen\nStaaten zur\u00fcck, und auch Brasilien war Portugal um zwei Jahre voraus. Die erste\nrussische Eisenbahn gab es um 1838. Hier steht aber nicht Russland, sondern mit\neinem wunderbaren Anachronismus, URSS. Was die Russen der Zeit wohl gesagt\nh\u00e4tten, wenn man ihnen vorausgesagt hat, dass aus dem Zarenreich mal eine\nR\u00e4terepublik werden w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nbeim Museum von Klein zu Gro\u00df. Am Ende stehen die Lokomotiven, am Anfang stehen\nEinzelteile der Lokomotiven (im Portugiesischen&nbsp;<em>locomotiva<\/em>,\nnicht&nbsp;<em>locomotora<\/em>), und zwar der alten Dampfloks: Kessel, Ventile,\nGasometer, Laternen, Pfeifen, Tachometer. Besonders angetan hat es mir ein\nr\u00e4tselhaftes Ger\u00e4t, mit dem man durch einen Abflusshahn Sand auf die Schienen\nstreuen konnte, mit der gew\u00fcnschten Dosierung. Das verst\u00e4rkte den Halt der\nR\u00e4der. In demselben Raum steht eine Liliput-Eisenbahn, wie eine\nSpielzeugeisenbahn, aber zehnmal so gro\u00df, gro\u00df genug, um sich draufzusetzen.\nDie war ein Geschenk des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs an sein Patenkind, den\nportugiesischen Thronfolger. Das Geschenk wirkte nach. Der Thronfolger wurde\nals K\u00f6nig, Pedro V., ein gro\u00dfer F\u00f6rderer der Eisenbahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen mehrere S\u00e4le, in denen es um das Reisen geht. Am Anfang steht ein\nsch\u00f6ner, h\u00f6lzerner Kasten mit 78 schmalen F\u00e4chern f\u00fcr Fahrkarten. Die sehen\naus, wie die Bahnsteigkarten meiner Kindheit. Jede einzelne ist nummeriert, auf\njeder ist das Reiseziel gleich mit drauf. Dann gibt es Utensilien des\nSchaffners wie eine H\u00fcfttasche mit F\u00e4chern f\u00fcr die unterschiedlichen M\u00fcnzen.\nUnd dann das Wandtelefon eines Bahnhofsvorstehers, mit H\u00f6rer zum Einh\u00e4ngen,\nKurbel und zwei Schellen. Wie schon bei allen Exponaten bisher f\u00e4llt mir die\ngute Qualit\u00e4t der Materialien auf: Leder, Holz, Messing.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\ndann noch Schilder von Bahnh\u00f6fen, darunter eins, das es jetzt noch in Coimbra B\ngibt an der Stelle, wo man die Gleise \u00fcberschreitet:&nbsp;<em>Pare, escute e\nolhe<\/em>. Wie ein Lektion \u00fcber den portugiesischen Imperativ.<\/p>\n\n\n\n<p>An\nverschiedenen Stellen sind Kacheln ausgestellt, die die Fassaden der Bahnh\u00f6fe\noder die W\u00e4nde der Bahnhofshallen verkleidet sind. Sie sind nicht nur sch\u00f6n,\nsondern auch praktisch: lassen sich leicht reinigen und sch\u00fctzen die W\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen\nstehen auf einem Gleis aneinander gekoppelt ein Salonwagen, ein Speisewagen,\nein Schlafwagen der neueren Generation. Der Salonwagen hat eine H\u00fclle aus\nWellblech, die eine Schutzfunktion hat. Mir kommt diese Art von Waggon bekannt\nvor, aus einem anderen Land, aber ich wei\u00df nicht, wo. Das Wellblech ist nach\nunten hin abgerundet und sch\u00fctzt auch die Unterseite. Diese Art von Waggon\nnennt man offensichtlich&nbsp;<em>saia comprida<\/em>, \u2018langer Rock\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neine Br\u00fccke geht es dann in eine runde Halle. Dort sind, sch\u00f6n im Halbkreis\npr\u00e4sentiert, mehr als ein Dutzend alter Lokomotiven ausgestellt, chronologisch\nin umgekehrter Reihenfolge. Die \u00e4lteste, ein englisches Fabrikat, stammt von\n1857. Es gibt auch deutsche und belgische Fabrikate. Der Schornstein ist\nmanchmal hinten, manchmal vorne. Einige Lokomotiven sind ganz kurz geraten. Die\nziehen keine Wagen. Sie werden zur Instandhaltung und Reparatur der Strecken\neingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es in ein riesiges Depot, wo weitere Fahrzeuge ausgestellt sind, darunter\neinen Waggon f\u00fcr den Zahlmeister, einen Waggon f\u00fcr den Arzt. Beide hatten einen\nregelm\u00e4\u00dfigen Fahrplan, um zu den Bahnangestellten und den Gleisarbeitern zu\nkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngibt es einen zweist\u00f6ckigen Waggon mit Gittern an der Seite, zur Luftzufuhr.\nSolche Waggons dienten zum Viehtransport.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurios\nsind Gef\u00e4hrte auf vier R\u00e4dern, das \u00e4ltere mit Pedalen betrieben, das neuere\nmotorisiert. Dort sitzt man auf einem Fahrradsattel bzw. einer Holzbank und\nf\u00e4hrt die Gleise entlang. Mit diesen Ger\u00e4ten bewegten sich Ingenieure,\nInspektoren und Bahnhofsvorsteher.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nsteht der der K\u00f6nigliche Zug, der Comboio Real, zwei Waggons aus\nunterschiedlichen Epochen. Der \u00e4ltere hat noch die geschwungenen Formen der\nalten Pferdekutschen, der neuere ist sachlicher, mit rechteckigen Fenstern und\ngeradem Abschluss. Die Waggons sind sehr hoch, und als ich mich gerade frage,\nwie man da rein kommt, sehe ich, dass der Einstieg hinten ist. \u00dcber ein\nTreppchen geht es auf eine schmale Plattform. Auf der konnte man vermutlich\nauch w\u00e4hrend der Fahrt stehen. Wunderbare Vorstellung!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein\nn\u00e4chstes Ziel nach dem Museum ist, wie sollte es anders sein, der Bahnhof. Auf\ndem Weg dorthin komme ich \u00fcber eine Stra\u00dfe mit B\u00e4umen auf beiden Seiten.\nEigentlich nichts Spektakul\u00e4res. Aber ich halte an, um ein Photo zu machen. Die\nB\u00e4ume sehen aus, als w\u00e4ren sie beim Fris\u00f6r gewesen und h\u00e4tten sich die Haare\nf\u00e4rben lassen \u2013 violett!<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nBahnhof \u2013 welch besseren Ort kann es f\u00fcr ein Photo vom Ortsschild Entroncamento\ngeben, steht passenderweise gleich ein Zug auf den Gleisen. Er kommt mit aufs\nPhoto.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nSupermarkt sehe ich bei den Milchspeisen zum ersten Mal etwas, wonach ich schon\nmal Ausschau gehalten habe, nur aus Neugier:&nbsp;<em>Queijo<\/em>&nbsp;<em>Quark<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nKasse dr\u00e4ngt sich eine Frau wortlos von hinten an mir vorbei und schubst mich\ndabei sogar ein bisschen zur Seite. Das h\u00e4tte sie mal in England machen sollen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nSpieler von Sporting wurde von der Polizei angehalten. Er war auf der\nGegenfahrbahn unterwegs, als Geisterfahrer. Es stellte sich heraus, dass er\nkeinen F\u00fchrerschein hatte, die Pr\u00fcfung auch nie abgelegt hat. Trotzdem ist er\nzum Training immer mit dem Auto gefahren. Das Verfahren steht noch aus, aber\njetzt steht erst einmal die Frage an, ob er am Sonntag im Pokalendspiel\neingesetzt werden soll. In der Zeitung wird das kontrovers diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nArtikel ist \u00fcberschrieben&nbsp;<em>Elei\u00e7\u00f5es euroqu\u00e9?&nbsp;<\/em>Der Artikel\nbeklagt das portugiesische Desinteresse an den Wahlen, das diesmal noch gr\u00f6\u00dfer\nzu sein scheint als sonst. Dabei ist Portugal noch unter den ersten zehn, was\ndas Interesse an den Europawahlen angeht!<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird\nhei\u00df. In der Zeitung ist von einer Hitzewelle die Rede, die \u00fcber das Land\nkommt. Drei Wochen lang, Ende Mai, Anfang Juni.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nMarkt in Miranda steht auf einem Schild:&nbsp;<em>Exceto feirantes.&nbsp;<\/em>Das\nsind die Markth\u00e4ndler. Verwandt mit feira in den portugiesischen Wochentagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nUnterricht dient wieder ausschlie\u00dflich der Kl\u00e4rung von Fragen. Es stellt sich\nheraus, dass man aus Reis auch Mehl machen kann. Das erkl\u00e4rt den Namen\nder&nbsp;<em>Bolos de arroz<\/em>, einem der Klassiker der portugiesischen Caf\u00e9s.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBezeichnung&nbsp;<em>Sopa de pedra&nbsp;<\/em>f\u00fcr die m\u00e4chtige Suppe aus Almeirim\nhat nichts damit zu tun, dass sie wie ein Stein im Magen liegt, sondern geht\nauf eine Legende um einen M\u00f6nch zur\u00fcck, die ich vor einiger Zeit selbst gelesen\nhabe. Hatte aber die Verbindung nicht hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich\nin der N\u00e4he von Lissabon immer auf Schildern gesehen habe, CRIL, ist kein\nbesonderer Ort wie eine Sportanlage oder ein Kulturzentrum, sondern einfach die\nBezeichnung der Ringstra\u00dfe um Lissabon herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nkl\u00e4rt sich auch auf, dass ich bei der Bestellung des Orangensaft, der dann\nnicht frisch gepresst daherkam, nichts falsch gemacht habe. Es war einfach ein\nMissverst\u00e4ndnis: natural kann sich auf frisch gepresst beziehen oder auf die\nTemperatur, wie beim Mineralwasser, wo es das Gegenst\u00fcck zu&nbsp;<em>fresco<\/em>&nbsp;ist.\nSowieso verwirrend, weil im Spanischen natural beim Mineralwasser bedeutet,\ndass es ohne Kohlens\u00e4ure ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ndiskutieren Emma abenteuerliche These zum Gebrauch der Artikel bei Ortsnamen.\nDanach haben werden die Ortsnamen mit Artikel gebraucht, die eine Bedeutung\nhaben, wie Porto. Meine Gegenthese, dass alle Ortsnamen eine Bedeutung haben,\nhat sie nicht gelten lassen. Etwas differenzierter gesagt: Es ist nicht immer\neindeutig, ob Ortsnamen eine Bedeutung haben. Wie w\u00e4re es im Deutschen mit\nBielefeld, M\u00fcnster, K\u00f6ln, Oberhausen? Welche von denen h\u00e4tten einen Artikel.\nUnd die portugiesischen Orte, die wir besprochen haben, halten der Behauptung\nauch nicht stand: Was die Bedeutung von Raba\u00e7al und Lous\u00e3&nbsp;sein soll,\nwusste sie auch nicht. Und ob Casal und Casais oder Carvalhal bzw. Carvalhais\nmit Artikel gebraucht werden, dar\u00fcber scheint es keine Einigkeit zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMittag gehe ich, einem Tipp Filomenas folgend, ins&nbsp;<em>Viridi<\/em>&nbsp;in\nPenela. Das habe ich bisher v\u00f6llig ignoriert. Es liegt in der Unterstadt an\neinem modern gestalteten Platz, in einem Pavillon aus Holz und Glas, der kleine\nBruder von D. Sesnado sozusagen. Dort gibt es eine s\u00e4mige, etwas fad\nschmeckende aus Kichererbsen (<em>gr\u00e3o-de-bico<\/em>) und einen gut schmeckenden\nSalat mit Rucola, Waln\u00fcssen, Apfelscheiben, Nudeln und K\u00e4se aus Raba\u00e7al.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nportugiesischen Sprachgeschichte steht, dass die Orthographie teilweise noch\ndie fr\u00fchere Aussprache widerspiegelt. Das sieht man an&nbsp;<em>passo<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>pa\u00e7o<\/em>,\nan&nbsp;<em>fazer<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>casa<\/em>, an&nbsp;<em>bolacha<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>caixa<\/em>.\nDie heutige Schreibweise ist nicht sehr konsistent. Und kann sogar irref\u00fchrend\nsein:&nbsp;<em>Sousa<\/em>&nbsp;hat keinen Diphthong, und das erste &lt;s&gt; ist\nstimmlos, das zweite stimmhaft. Eine Unregelm\u00e4\u00dfigkeit gibt es auch in&nbsp;<em>frequente<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>quente<\/em>,\nmit ausgesprochenem bzw. stummem \/u\/, aber das liegt daran, dass man das Trema,\ndas&nbsp;<em>frequente<\/em>&nbsp;urspr\u00fcnglich hatte, abgeschafft hat.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner \u00dcbung gefunden: Der&nbsp;<em>Zuckerhut<\/em>&nbsp;hei\u00dft auf\nPortugiesisch&nbsp;<em>P\u00e3o de A\u00e7ucar<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nprivaten Obstverk\u00e4ufer am Stra\u00dfenrand bieten jetzt Kirschen an, in rauen\nMengen.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nCoimbra verbinde ich das Abholen eines Buchs mit dem Kauf einer M\u00fctze. Erst als\nich rausgehe, sehe ich, dass ich bei&nbsp;<em>H&amp;M<\/em>&nbsp;war. Zum ersten\nMal \u00fcberhaupt was da gekauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\nUniversit\u00e4t rauf gehe ich diesmal \u00fcber die&nbsp;<em>Escadas Monument\u00e1is<\/em>.\nVorher mache ich am Fu\u00dfe der Treppe Pause in einem Caf\u00e9, um Kraft zu tanken.\nDie Kellnerin bietet mir verschiedene Sachen an, die ich schon kenne, zeigt\naber am Ende auf eine rundes, dickes, mit Karamell \u00fcberzogenes Geb\u00e4ck. Sieht\nnicht gerade nach leichter Kost aus. Als sie meine Frage beantwortet, wie das\nhei\u00dfe, m\u00fcssen wir beide lachen:&nbsp;<em>Bomba<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben\nkann ich einem amerikanischen Touristenpaar erkl\u00e4ren, wo sie hier sind und was\nsich da hinter dem Eingangsportal verbirgt. Als ich fertig bin, sagt die\nFrau&nbsp;<em>Obrigado!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein\nZiel ist nur ein paar Schritte entfernt, das&nbsp;<em>Machado de Castro<\/em>. Auf\ndem Weg dahin kann ich endlich konstatieren, dass die S\u00e9 Nova hier oben liegt.\nSie ist die Kirche, die ich f\u00fcr die Jesuitenkirche gehalten habe. Nicht zu\nUnrecht. Das war sie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nMuseum gehe ich schnurstracks in die Abteilung der Pombalinischen Reformen. Das\ngibt es aber nicht allzu viel. Hatte ich falsch in Erinnerung. Ein paar\n\u201cGem\u00e4lde\u201d aus Kacheln, auf denen die neuen Geb\u00e4ude der Universit\u00e4t zu sehen\nsind, Sternwarte und Chemie, klassizistisch, aber nicht streng klassizistisch.\nEs hei\u00dft, Pombal habe bei seinen Reformen die volle Unterst\u00fctzung des Rektor\nder Universit\u00e4t gehabt, sowohl, was die Geb\u00e4ude als auch, was die Statuten\nangeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\ninteressantesten ist ein gro\u00dfformatiges Buch mit Ausf\u00fchrungen von Pombal, alles\nin Handschrift, gestochen geschrieben, mit ganz gerader Linienf\u00fchrung. Man\nk\u00f6nnte vor Neid erblassen. Auff\u00e4llig, dass noch Gro\u00dfschreibung von Substantiven\n(und anderen \u201cwichtigen\u201d W\u00f6rtern) vorherrscht. Abweichend die Schreibweise von&nbsp;<em>magestade<\/em>,&nbsp;<em>topographia<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>huma<\/em>&nbsp;(f\u00fcr\numa)!<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\nnebenan die Abteilung f\u00fcr Kacheln und Porzellan. Bei den Kacheln kann man sehr\ngut die Entwicklung sehen. Die ersten haben noch Relief! Meistens werden\n\u201cBilder\u201d, quadratisch, aus einer Reihe gleich aussehender, aber im Detail doch\nnicht ganz identischer Kacheln \u2013 es ist alles Handarbeit! \u2013 pr\u00e4sentiert, mit\nineinandergreifenden Quadraten oder verschlungenen B\u00e4ndern. Das sieht noch sehr\narabisch aus. Sp\u00e4ter werden die Kacheln dann flach, und es entstehen ganze\nBilder. Einerseits ganze Szenen wie eine mit Flussufer und Schw\u00e4nen, Enten,\nB\u00e4umen, andererseits Bilder, die persische Teppiche nachahmen. Die Szene mit\ndem Flussufer stammt nicht aus einem Privathaushalt, sondern aus der Kirche.\nSie war ein Altarvorsatz! Offensichtlich hat es irgendwann ein Verbot des\nGebrauchs von Teppichen in Kirchen gegeben. Deren Stelle haben dann die Kacheln\neingenommen. In der Privatkapelle eines Bischofs sehe ich sp\u00e4ter als\nAltarvorsatz die Szene des Raubs des Ganymeds!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nerste Keramik kam \u00fcber Spanien nach Portugal. Dorthin war sie durch \u00e4gyptische\nKunsthandwerker gekommen! Erst k\u00fcrzlich hat man das Geheimnis der gl\u00e4nzenden\nOberfl\u00e4chen entdeckt: Es gibt eine hauchd\u00fcnne Glasschicht, in die Kupfer Silber\neingearbeitet ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen fl\u00e4mische T\u00f6pfer nach Portugal, und die produzieren ganz andere,\neinfachere Keramik, oft ganz wei\u00df, manchmal mit blauen Verzierungen. Alles in\neinfachen Formen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nn\u00e4chsten Generation wird die Bemalung dann immer aufw\u00e4ndiger. Ein Teller zeigt\ndas Portr\u00e4t einer Frau, das von Picasso stammen k\u00f6nnte. Die Formen werden immer\nkomplizierter. Auff\u00e4llig ein Siphon in der Form einer Schlange, die einen\n\u201cBuckel\u201d macht. Oder ein Tintenfass mit Schublade.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nmacht sich franz\u00f6sischer Einfluss geltend. Die Keramik h\u00e4lt auch Einzug in die\nK\u00fcche. Es gibt ein Buttergef\u00e4\u00df mit abnehmbarer Kuh und eine Terrine mit\nabnehmbarem Schweinekopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nwird die Keramik immer bunter und kaprizi\u00f6ser, und endet dann mit\nanthropomorphen, funktionslosen Figuren in purem Kitsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg in die Innenstadt komme ich, \u00fcber steile Gassen, in ein alternatives\nStudentenviertel, mit vielen unorthodoxen Beschriftungen und Bemalungen. An\neiner Wand innerhalb eines Verkehrsschilds ein Teufel, der auf einem Haufen\nErde Blumen z\u00fcchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;<em>Minipre\u00e7o<\/em>&nbsp;in\nPenela stehen vor dem Eingang in den Supermarkt uniformierte Leute, die einem\neine Plastikt\u00fcte hinhalten. Ich brauche eine Zeit, um zu verstehen, worum es\ngeht. Armenspeise. Man wird gebeten, ein paar Artikel zu kaufen und sie zur\nVerf\u00fcgung zu stellen. Besonders wichtig sind Zucker, \u00d6l, Pasta, Thunfisch,\nKekse. Die gef\u00fcllten T\u00fcten werden hier gesammelt, und der Inhalt wird in der\nMarkthalle in Coimbra verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal zum Baden zu einer&nbsp;<em>Praia fluvial<\/em>&nbsp;gefahren, nach Foz\nde Alge, dem Tipp Pamelas folgend. Das Wasser ist wirklich kalt, noch k\u00e4lter\nals erwartet, aber wenn man drin ist, geht es. An der Oberfl\u00e4che ist es w\u00e4rmer\nals darunter, und die Temperatur wechselt st\u00e4ndig, von Meter zu Meter fast, mal\nwird es k\u00e4lter, mal w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nUferrand sind nur Angler. Am Anfang traue ich mich fast gar nicht, ins Wasser\nzu gehen, aber eine Nachfrage ergibt nur Achselzucken. Hier kann jeder machen,\nwas er will. An einer kleinen Bootsanlegestelle kommt man gut ins Wasser rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nFluss ist tiefblau und hier so breit, dass man glaubt, an einem See zu sein.\nMan sieht auch nicht, wohin er flie\u00dft, und es scheint gar keine Str\u00f6mung zu\ngeben, aber meine Ente treibt dann doch pl\u00f6tzlich ab und n\u00e4hert sich den\nAnglern. Ich muss sie retten, bevor sie am Angelhaken landet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\nmir fliegen kleine, wundersch\u00f6ne V\u00f6gel aufgeregt hin und her, scheinbar ohne\nSinn und Zweck, mit einem Affenzahn, mal ganz nah an der Wasseroberfl\u00e4che\nentlangsegelnd, mal zum Ufer aufsteigend. Sie haben braune Fl\u00fcgel und einen\nschwarzen K\u00f6rper \u2013 oder umgekehrt, das ist so schnell gar nicht auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nFahrt hierher kommen mir auf der einsamen Landstra\u00dfe pl\u00f6tzlich Motorr\u00e4der\nentgegen, keine gro\u00dfen Maschinen, sondern Motorroller und Mopeds und so was. Es\nkommt eine ganze Kohorte, bestimmt \u00fcber hundert. Immer wieder gibt es eine\nL\u00fccke, und dann kommen wieder welche. Sonderlich diszipliniert fahren sie\nnicht, und ich muss aufpassen, dass ich beim Ausweichen nicht die staunenden\nM\u00e4nner \u00fcberfahre, die ihnen in den D\u00f6rfern hinterhersehen. Als ich abbiege,\nkommen mir noch ein paar Nachz\u00fcgler entgegen. Und dann kommen Autos, \u00e4ltere\nModelle, meist noch mit schwarzen Nummernschildern, keine eigentlichen\nOldtimer, aber welche, die es werden wollen. Sie fahren schnell, so als wenn es\nein Rennen w\u00e4re, und schneiden die Kurven. Einen sonderlich gro\u00dfen\nWohlf\u00fchlfaktor hat das nicht \u2013 f\u00fcr sie vielleicht, f\u00fcr mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nFahrt zur\u00fcck komme ich wieder durch bizarre Landschaften, durch ein tief\neingeschnittenes Tal mit H\u00e4ngen zu beiden Seiten. Ganze H\u00e4nge scheinen voller\nStangen zu stehen. Es sind die St\u00e4mme der von dem Waldbrand abget\u00f6teten B\u00e4ume.\nKein Zweig, kein Ast, kein Blatt zu sehen. Dann zwischendurch satt gr\u00fcne\nPflanzen und verbrannte B\u00e4ume, an deren St\u00e4mmen von unten her wieder dichtes\nGr\u00fcn kommt, das sich um den Stamm der oben noch nackten B\u00e4ume wickelt. An der\nB\u00f6schung bunte Feld- und Wiesenpflanzen, viel Gelb, aber auch Violett und Rot.\nUnd dann ganz vereinzelt wieder so eine Pinie, die alles verloren hat bis auf einige\nZapfen. Das merkw\u00fcrdigste Bild kommt auf dem R\u00fcckweg, wo die abgebrannten B\u00e4ume\ndie Bergkuppe \u00fcberragen und vor dem blauen Himmel violett leuchten.\nSurrealistisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Surrealistisch\nauch, nur ein paar Meter weiter, hier in der gottverlassenen Gegend: ein\nB\u00fcgelbrett am Stra\u00dfenrand.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Mario,\nder Nachbar, macht sich in seinem Weingarten zu schaffen. Das mit der kommenden\nHitzewelle, die drei Wochen anhalten soll, stimme nicht, meint er. Nur eine\nWoche. F\u00fcr Sonntag seien 14\u00b0 angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Klima\nhabe sich ver\u00e4ndert in den letzten Jahrzehnten. Er findet es besorgniserregend.\nAlles komme fr\u00fcher. Die Oliven habe er fr\u00fcher im Dezember geerntet, jetzt im\nOktober. Bei den Apfelsinen sei es \u00e4hnlich. Ich frage nach den B\u00e4umen, die\njetzt noch Apfelsinen tragen. Andere Sorte. Und wie ist es mit den Kirschen,\ndie es jetzt \u00fcberall gibt. Auch fr\u00fcher als fr\u00fcher. Er sagt auch etwas \u00fcber die\nWassertemperatur, aber ich kann nicht ganz folgen. Die scheint wohl heute an\nder Algarve in einer bestimmten Jahreszeit zu niedrig, an der Westk\u00fcste zu\neiner bestimmten Jahreszeit zu hoch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9\nlese ich in der Zeitung etwas \u00fcber die portugiesischen Europawahlen. Die PS hat\ndeutlich gewonnen. Es gibt insgesamt 20 Wahlbezirke (einer davon ist Coimbra),\nund die PS hat in 18 davon gewonnen. Nur in Bragan\u00e7a ist die PSD vorn, ganz\nknapp. Und in Madeira ganz deutlich. Die beiden gro\u00dfen Parteien haben hier also\nnoch ganz gut abgeschnitten, insgesamt haben sie \u00fcber 50%, k\u00f6nnten also noch\neine Gro\u00dfe Koalition bilden. Das k\u00f6nnte im Hinblick auf die Parlamentswahlen im\nOktober relevant sein. Trotzdem haben sie insgesamt nur etwas \u00fcber 50%. Wer\nsind die anderen?&nbsp;Auff\u00e4llig ist auch die gro\u00dfe Zahl der ung\u00fcltigen und die\nder leeren Wahlzettel.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Lied von Mariza h\u00f6re ich immer&nbsp;<em>I don\u2019t know where<\/em>&nbsp;mitten\nim portugiesischen Text. So oft ich auch h\u00f6re, sie singt immer&nbsp;<em>I don\u2019t\nknow<\/em>&nbsp;<em>where<\/em>. Klingt \u00fcberhaupt nicht portugiesisch. Dann stellt\nsich heraus, was sie wirklich singt:&nbsp;<em>\u00c9 ou n\u00e3o \u00e9.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nMilton beschwert sich Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies: Habe ich dich\ngebeten, Sch\u00f6pfer, aus der Erde mich, den Menschen, zum machen? Habe ich dich\ngebeten, mich aus der Dunkelheit hierher in dieses Paradies zu verpflanzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Pedro\nde Magalh\u00e3es de G\u00e1ndavo ist der klingende Namen eines portugiesischen Autors\nder fr\u00fchen Neuzeit. Er ver\u00f6ffentlichte ein zweisprachiges Werk, auf\nPortugiesisch und Spanisch, mit einem Dialog zwischen einem Spanier, Falencio,\nund einem Portugiesen, Petronio. Jeder von beiden vertritt die These, seine\nSprache st\u00fcnde dem Lateinischen n\u00e4her als die andere. Der Spanier verweist auf\nportugiesische W\u00f6rter wie&nbsp;<em>hontem<\/em>,&nbsp;<em>pessoa<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>dores<\/em>,\ndie weiter vom Lateinischen entfernt sind als ihre spanischen\nEntsprechungen&nbsp;<em>ayer<\/em>,&nbsp;<em>persona<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>dolores<\/em>.\nDer Portugiese verweist auf&nbsp;<em>pluma<\/em>,&nbsp;<em>lexos<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>temprano<\/em>,\ndie weiter vom lateinischen Muster entfernt seien als ihre portugiesischen\nEntsprechungen&nbsp;<em>penna<\/em>,&nbsp;<em>longe<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>cedo<\/em>.\nAu\u00dferdem verweist er, ohne den Begriff zu nennen, auf spanischen Diphthonge in\nW\u00f6rtern wie&nbsp;<em>tierra<\/em>,&nbsp;<em>muerte<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>cierto<\/em>&nbsp;und\nauf das, was er&nbsp;<em>Aspiration<\/em>&nbsp;nennt, die regelm\u00e4\u00dfig auftrete in\nW\u00f6rtern wie&nbsp;<em>hado<\/em>,&nbsp;<em>huir<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>hazer<\/em>.\nDort habe das Portugiesische das lateinische \/f\/ bewahrt hat:&nbsp;<em>fado<\/em>,&nbsp;<em>fugir<\/em>,&nbsp;<em>fazer.&nbsp;<\/em>Ein\nwunderbarer Dialog, der uns ein Fenster in das Denken dieser Zeit gew\u00e4hrt.\nWarum, fragt man sich, ist es so begehrenswert, dem Lateinischen nahe zu sein,\nwarum muss es geradezu einen Wettbewerb darum geben, wer dem Lateinischen n\u00e4her\nist. Das ist etwa so, als w\u00fcrde man heute dem Englischen vorwerfen, es habe\nsich mehr von der germanischen Wurzel entfernt als das Deutsche. Man k\u00f6nnte ja\ndie Sache auf den Kopf stellen und sagen: Meine Sprache ist \u201cweiter\u201d als deine,\nsie ist selbst\u00e4ndiger, sie hat mehr eigenen Charakter als deine. Aber das lie\u00df\ndas Denken der Zeit nicht zu. Der Vorbildcharakter des Lateinischen wog zu\nschwer. Zweitens kann man sich fragen, warum ein Portugiese auf die Idee kommt,\nein zweisprachiges Werk zu ver\u00f6ffentlichen. Er k\u00f6nnte den Spanier ja auch\neinfach Portugiesisch sprechen lassen. Dass er es nicht tut, ist in gewisser\nWeise eine Reverenz an das Spanische, die wiederum im Gegensatz zu dem Ausgang\ndes Dialogs steht. Denn hier geht der Portugiese wohl als Sieger hervor, er\nhatte mehr und bessere, weil systematischere Beispiele vorzubringen. Warum also\nder R\u00fcckgriff auf das Spanische? Der Dialog entstand zu einer Zeit, als\nSpanisch die Kultursprache in Portugal war, auch am portugiesischen Hof.\nPortugal wurde von 1580-1640 in Personalunion von den spanischen K\u00f6nigen\nregiert. Portugiesische Autoren, auch die ganz gro\u00dfen, publizierten auf\nPortugiesisch wie auf Spanisch. Es gab zwar auch Opposition, Opposition von\nHumanisten, die sich nicht vor den spanischen Karren spannen lie\u00dfen wie Antonio\nFerreira, der sich weigerte, auf Spanisch zu ver\u00f6ffentlichen. Aber das war die\nAusnahme. Das gegenteilige Ende verk\u00f6rpert Jorge de Montemor, der ganz auf\nseine Sprache verzichtete und seinen Namen in Montemayor ab\u00e4nderte. Ganz glatt\nging das alles aber nicht vonstatten, kein Wunder. Gewollt oder ungewollt\nschlichen sich portugiesische Konstruktionen wie der pers\u00f6nliche Infinitiv ins\nSpanische ein, und um das portugiesische Gef\u00fchl der&nbsp;<em>saudade<\/em>&nbsp;auszudr\u00fccken,\nf\u00fcr das sie kein angemessenes spanisches Wort fanden, pr\u00e4gten die\nportugiesischen Autoren das Wort&nbsp;<em>saludad.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher\nAufbruch. Resultat: Schon um acht in \u00d3bidos angekommen. Obwohl es fast 150 km\nsind.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nim Radio eine Sendung \u00fcber ein Literaturtreffen geh\u00f6rt. Es geht um\nLesegewohnheiten, und es wird ein Buch besprochen. Dabei ist immer wieder\nvon&nbsp;<em>pragas<\/em>&nbsp;die Rede. Plagen? Wird mir nicht klar.\nZwischendurch kommt immer wieder mal ein Beitrag eines \u201cChors\u201d, eines Chors,\nder nicht singt, sondern so eine Art Sprechgesang macht, mit Klatschen und\nRufen zwischendurch und wohl auch erfundenen W\u00f6rtern. Eine Frau, die in dem\nChor mitsingt, wird befragt. Sie mache es vor allem, um sich an den Klang der\nportugiesischen W\u00f6rter zu gew\u00f6hnen. Offensichtlich mit Erfolg. Sie ist\nFranz\u00f6sin und hat eine ausgezeichnete Aussprache. Am Ende bekomme ich noch ein\nZitat mit:&nbsp;<em>O peixe mais dificil de pescar \u00e9<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>o pe\u00e7o\nde sabonete em la banheira.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor der\nEinfahrt nach \u00d3bidos hat man von der erh\u00f6ht liegenden Stra\u00dfe einen sch\u00f6nen\nBlick auf die Stadt: Kastell, Stadtmauer, wei\u00df get\u00fcnchte H\u00e4user. Ein\nVorzeigest\u00e4dtchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser\nsch\u00f6ne Eindruck best\u00e4tigt sich, sobald man in die Stadt kommt, durch ein Tor in\nder Stadtmauer. Das ist alles sehr, sehr sch\u00f6n. Ich bin fr\u00fch angereist, um den\nempfohlenen Gang der Stadtmauer entlang zu machen, bevor es richtig hei\u00df und\nbevor es voll wird, aber der Zugang zur Mauer an dem Stadttor ist gesperrt. Ich\ngehe an der Stadtmauer entlang und versuche es immer wieder \u2013 ohne Erfolg. In\neinem Caf\u00e9 weist man mir den Weg, aber auch da ist nichts. In dem Caf\u00e9, in dem\nes noch leer ist, bekomme ich auch gleich zu sp\u00fcren, dass es hier \u201ceurop\u00e4ische\u201d\nPreise gibt. Aber auch der Zugang, den die Kellnerin mir empfohlen hat, ist\nabgesperrt. Am Ende, als die Touristeninformation \u00f6ffnet, erfahre ich, dass die\ngesamte Stadtmauer gesperrt ist. Auch das sch\u00f6nste Stadttor, das ein eigenes\nSanktuarium enth\u00e4lt, ist wegen Bauarbeiten geschlossen. Warum es darauf nicht\neinen einzigen Hinweis in der Stadt gibt, ist mir unverst\u00e4ndlich. Auch an den\nMuseen und Kirchen gibt es keine \u00d6ffnungszeiten. Und das in einer Stadt, die\nvom Tourismus lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nzentrale Stra\u00dfe des Ortes, die&nbsp;<em>Rua Direita<\/em>, schmal, mit\nKopfsteinpflaster, verl\u00e4uft mehr oder weniger gerade und endet vor einer\nKirche, die keine mehr ist. Heute ist hier eine Buchhandlung untergebracht. Die\nmeisten Touristen kommen hierher, um sich fotografieren zu lassen, nicht, um\nB\u00fccher zu kaufen. \u00d3bidos pr\u00e4sentiert sich insgesamt als B\u00fccherstadt und hat\nauch ein B\u00fccherfestival.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Regal sehe ich ein Buch \u00fcber Goethe und Pessoa und dann die&nbsp;<em>Teoria\nNova da Saudade<\/em>&nbsp;und dann eine Buch mit einem Potpourri von Materialien\n\u00fcber Sprache mit dem Titel&nbsp;<em>Por amor \u00e0 l\u00edngua portuguesa.&nbsp;<\/em>Einen\neigenen B\u00fccherstand hat Saramago. Ich bl\u00e4ttere in seiner&nbsp;<em>Viagem a\nPortugal<\/em>&nbsp;herum und lese eine Seite \u00fcber das&nbsp;<em>Museu<\/em>&nbsp;<em>Municipal<\/em>&nbsp;von \u00d3bidos. Was da steht, stimmt aber nicht\n\u00fcberein mit dem, was ich dort sp\u00e4ter sehe. Auf jeden Fall liest sich das gut,\nbesser als der Roman, mit dem ich mich zuhause abqu\u00e4le.<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder&nbsp;<em>Rua Direita<\/em>, aber stark abfallend davon, liegt der zentrale\nPlatz des Ortes, die&nbsp;<em>Pra\u00e7a Santa Maria<\/em>, mit historischen Geb\u00e4uden\nzu drei Seiten und einem Brunnen zur anderen Seite. Oben, vom Platz aus gut zu\nsehen, steht auf der&nbsp;<em>Rua Direita<\/em>, der&nbsp;<em>pelourinho<\/em>, der\nhier aber nicht, wie ich dachte, der Schandpfahl ist, sondern einfach eine\nS\u00e4ule mit dem Wappen der K\u00f6nigin. Sie ist bedeckt mit einem Netz. Das ist Teil\ndes Wappens der K\u00f6nigin Leonora. Es erinnert, wie es hei\u00dft, an den Tod ihres\nSohnes und an das Netz, in dem Fischer seinen toten K\u00f6rper bargen. Die K\u00f6nigin\nzog sich nach \u00d3bidos zur\u00fcck, um den Tod ihres Sohnes zu betrauern. Schon seit\nder Zeit von D. Diniz, der seiner Gattin Isabel den Ort zum Geschenk machte,\n\u201cgeh\u00f6rte\u201d \u00d3bidos den K\u00f6nigsgattinnen, bis ins 19. Jahrhundert hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\ngegen\u00fcberliegenden Seite des Platzes liegt&nbsp;<em>Santa Maria<\/em>, eine an\ndrei Seiten von oben bis unten mit blau-wei\u00dfen Kacheln vert\u00e4felte Kirche. Die\nKacheln haben verschlungen Blumengewinde, auf denen allerlei Nackedeis sitzen.\nIrgendwo taucht das furchterregende Gesichts eines Pans auf, den ich erst f\u00fcr\neinen Affen und dann f\u00fcr einen L\u00f6wen halte. Und dann, in der Mitte jeder der\ngro\u00dfen Fl\u00e4chen, unvermittelt, ein Medaillon mit dem Portr\u00e4t eines Heiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\noben eine ganze Serie von stark verdunkelten Gem\u00e4lden von Josefa de \u00d3bidos, der\naus dem Ort stammenden K\u00fcnstlerin. Von unten kann man fast nichts erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne,\nan der Seite, etwas schwer zug\u00e4nglich, ein Renaissance-Grabmal, sehr sch\u00f6n, in\neinen architektonischen Rahmen mit S\u00e4ulen und Architraven eingefasst, eine\nPiet\u00e0 mit zwei trauernden Gestalten davor. Eine reibt sich mit dem Tuch die\nTr\u00e4nen trocken. Im den Rahmen sind ernste Gestalten eingef\u00fcgt, die mit der\nzentralen Szene nichts zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nweiter eine weitere, kleinere Kirche, ebenfalls mit Kacheln, hier in Blau und\nGelb. Hinten stehen, an die Wand gelehnt, zwei riesige schmucklose\nProzessionskreuze. Es sieht so aus, als w\u00e4re das eine der Schatten des anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nkleinen&nbsp;<em>Museu Municipal<\/em>&nbsp;gibt es gleich zu Anfang ein Bild der\nJosefa de \u00d3bidos. Sehr gelungen. Es ist das Portr\u00e4t eines Bekannten ihres\nVaters (1630), mit dunklem Umhang, auf der dunklen rechten Seite des Bildes\npositioniert. Hier stechen nur der blasse Teint des Gesichts, der wei\u00dfe Kragen\nund ein rotes und ein wei\u00dfes Band eines Buches heraus, das er in der einen Hand\nh\u00e4lt. Die andere Hand wird ihm von einem Engel gehalten, der in der Luft zu\nschweben scheint und in der hellen linken Seite des Bildes erscheint. Der Engel\ndeutet auf eine Lichtquelle oben im Bild. Von dort kommt \u2026 ja was? Zuversicht?\nGl\u00fcckseligkeit? Heilsversprechen? Inspiration?<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nsch\u00f6nste Exponat ist eine Kreuzigung aus Ebenholz, Elfenbein und Messing, eine\nArt Pyramide, an deren unterster Stufe Adam und Eva stehen, rechts und links\nneben einem stilisierten Baum. Sie sehen ziemlich verloren aus. Adam tr\u00e4gt nur\neinen Lendenschurz, Eva gar nichts und bedeckt sich die Scham mit einer Hand.\nAn der Seite sind alle m\u00f6glichen anderen, nicht zu identifizierenden Figuren\nangebracht, die Pyramide hinaufsteigend, immer im Zweierpack. Sie haben\nFrisuren, auch die M\u00e4nner, als h\u00e4tten sie gerade eine Dauerwelle bekommen. Oben\nunter dem Kreuz zwei Figuren, von denen der Mann wie ein Gelehrter der Zeit\naussieht, der gerade auf dem Weg zum Seminar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nKellergeschoss des Museums, ganz unscheinbar neben dem WC, liegen Kopfsteine\nvon Gr\u00e4bern, oft nur teilweise erhalten. In alle ist der Davidstern\neingraviert. Man vermutet, dass es sich um die Gr\u00e4ber von konvertierten Juden\nhandelt und dass der Davidstern eine Reminiszenz an ihren ehemaligen Glauben\nist. Von der Zeit her passt es, die Grabsteine stammen aus dem 16. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\ninzwischen voll geworden in der Stadt. Vor den Stadtmauern parken ganze\nReisebusse. Man kann \u00d3bidos leider in einer Tagesfahrt von Lissabon aus gut\nerreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der\nBuchhandlung steht ein K\u00e4fer Cabriolet mit heruntergelassenem Verdeck, und der\nVersuchung, sich davor photographieren zu lassen, k\u00f6nnen vor allem die\nasiatischen Touristen kaum widerstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den\nSouvenirgesch\u00e4ften wird \u00fcberall der Lik\u00f6r angeboten, f\u00fcr den der Ort ber\u00fchmt\nist,&nbsp;<em>ginja<\/em>, Sauerkirsche. Man trinkt ihn aus kleinen\nSchokoladengef\u00e4\u00dfen, die man anschlie\u00dfend aufisst. Eine moderne Form der\nAbfallvermeidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird\nZeit, dass ich das Weite suche. Auf dem R\u00fcckweg f\u00fchrt mich der Routenplaner\n\u00fcber eine andere Strecke und torpediert damit mein Vorhaben, in Tomar Halt zu\nmachen. Dann schickt er mich von der Autobahn runter und dann wieder drauf, mit\ndem Ergebnis, dass ich von Norden her zur\u00fcckkomme. Ich mache aus der Not eine\nTugend und mache Halt zum Mittagessen in&nbsp;<em>Santo Amaro<\/em>, in dem\ngleichnamigen Lokal, an dem ich schon so oft vorbeigekommen bin und das auch\nvon Filomena erw\u00e4hnt wurde. Es ist hier richtig was los. Im Speisesaal sind\nalle Pl\u00e4tze besetzt, und in der Kneipe selbst ergattere ich gerade einen freien\nPlatz. Es gibt H\u00e4hnchen, ganz klein gehackte Knochenst\u00fccke, an denen gar nicht\nviel Fleisch ist. Aber das hat ganz einen ganz intensiven Geschmack. Die\nH\u00e4hnchenst\u00fccke werden in einer So\u00dfe mit M\u00f6hren und Oliven serviert und mit\nKartoffeln und Muscheln als Beilage! Dazu, zu dem hei\u00dfen Tag passend, ein\nkaltes Bier.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Das\nPortugiesische unterscheidet zwischen&nbsp;<em>Mauer<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Mauer<\/em>.\nEs hei\u00dft&nbsp;<em>Muro de Berlim<\/em>, aber&nbsp;<em>Muralha de China<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nsehr hei\u00df in diesen Tagen, vor allem am Nachmittag. Bei einem Spaziergang auf\ndem Weg zur\u00fcck von der&nbsp;<em>Aldeia dos Sabores<\/em>&nbsp;\u00fcberhole ich zwei\nalte Frauen, die eine, mit Kopftuch und Stock, ein paar Meter hinter der\nanderen her. Die tr\u00e4gt K\u00e4ppi und h\u00e4lt unter dem Arm einen B\u00fcschel Gras. Ob das\nf\u00fcr die Tiere sei, frage ich. Ja. Ziegen? Nein, Schafe. Dann kann ich aber\nnicht mehr folgen. Irgendwas mit einer Kooperative, f\u00fcr die sie die Schafe\nh\u00e4lt. Die beiden lamentieren, dass die jungen Leute hier wegziehen, hier sei es\ndoch so sch\u00f6n und so ruhig, verstehen aber, dass es hier keine\nArbeitsm\u00f6glichkeiten gibt. Wir sprechen auch \u00fcber die Hitze. Die macht ihnen zu\nschaffen, vor allem der \u00e4lteren. Wie machen sie das mit dem Einkauf? Ein Wagen\nkomme vorbei, der habe alles. Am Schluss erlauben sie mir, nachdem sie ihr\nStaunen \u00fcberwunden haben, ein Photo von ihnen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zur Taberna in Viavai sehe ich vor einem Haus ein kleines M\u00e4dchen, mit\nKleidchen und Hut, ganz sommerlich gekleidet. Sie spielt in einem Sandkasten,\nohne Kasten, es ist einfach ein Haufen Sand. Sie hat nur den Sand, ein paar\nSteine und ein abgebrochenes St\u00fcck Styropor, und das gen\u00fcgt. Sie ist ganz und\ngar in ihr Spiel vertieft, nimmt die Au\u00dfenwelt nicht wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe \u00fcber einen steilen Weg, den ich bisher noch nicht kannte. Obwohl es eine\nAbk\u00fcrzung ist, komme ich ziemlich ersch\u00f6pft in der Taberna an. Nach einem\nWasser trinke ich dann doch ein Bier. Die letzte Neuigkeit: Pamela und Ian\nwollen die Taberna verkaufen. Sie habe lange genug gearbeitet, meint sie. Jetzt\ngerade wartet sie auf eine Best\u00e4tigung aus England, wo sie eine s\u00fcndhaft teure\nAnzeige aufgegeben haben, in einer Zeitschrift, die von Kneipenbesitzern\ngelesen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang\nJuni hat sie einen indischen Abend, aber der ist schon ausgebucht, mit\nWarteliste. Bei der Gelegenheit lerne ich die Bedeutung von&nbsp;<em>caril<\/em>,\ndas schon so oft aufgetaucht ist, gestern noch auf der Speisekarte in Santo\nAmaro. Es bedeutet \u2018Curry\u2019. Das portugiesische Curry, sagt sie, sei ganz anders\nals das indische.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\nfinde ich in einer Sprachgeschichte eine einleuchtende Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine\nBeobachtung, die ich im Laufe der Zeit immer wieder gemacht habe: Ich h\u00f6re\nmal&nbsp;<em>primeiro<\/em>, mal&nbsp;<em>primero<\/em>, mal&nbsp;<em>primairo<\/em>,\nund zus\u00e4tzlich alle m\u00f6glichen Zwischenstufen, die keiner der drei Alternativen\nzuzuordnen sind. Die Portugiesen, die ich gefragt habe, waren \u00fcberfragt und\nwussten verst\u00e4ndlicherweise auch selbst nicht, welche Variante sie benutzen.\nDie Erkl\u00e4rung ist wie folgt: Es gibt im Portugiesischen, von einem nicht genau\nzu bestimmenden Zeitpunkt an, eine Tendenz zur Monophthongisierung von<\/p>\n\n\n\n<p>\/ei\/ zu\n\/e\/, parallel zu der von \/ou\/ zu \/o\/. Diese zweite hat sich weitgehend\ndurchgesetzt und erfasst ganz Portugal, bis auf den Norden. Bei der ersten ist\nes aber nicht so. Sie ist nicht in die Standardsprache eingedrungen, einfach\nweil die Dialektgrenze anders verl\u00e4uft und Lissabon au\u00dfen vor l\u00e4sst. Aber von\nLissabon aus, wo sich der Diphthong erhalten hatte, verbreitete sich im 20.\nJahrhundert allm\u00e4hlich der Wechsel von \/ei\/ zu \/ai\/. In der Standardsprache\nsind heute beide Varianten vertreten. Ich mache den Test im Internet. Pons hat\nganz eindeutig&nbsp;<em>primairo<\/em>, Leo hat&nbsp;<em>primeiro<\/em>,\nLangenscheidt ein nicht ganz deutliches&nbsp;<em>primairo<\/em>, bei Reverso h\u00f6rt\nsich die Zitatform eher wie&nbsp;<em>primairo<\/em>&nbsp;an, die Aussprache in den\nBeispielen eher wie&nbsp;<em>primeiro,<\/em>&nbsp;bei Linguee ist es ganz\nklar&nbsp;<em>primeiro<\/em>. Die Form mit dem Monophthong taucht nirgendwo auf.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Armaz\u00e9ns\nhei\u00dft der Ort, an der sich die Salinen von Figueira da Foz befinden. Das Wort\nbezeichnet die Blockh\u00fctten am Rande der Salinen, in denen das Salz\nzwischengelagert wird (nd in dem wohl auch Arbeitsger\u00e4te stehen). Wir gehen\nsp\u00e4ter am Museums in eine hinein, und bei dem Spaziergang sehe ich sie \u00fcberall\nam Wegesrand.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nMuseum \u00f6ffnet seine Pforte, genau in dem Moment, wo ich ankomme. Gl\u00fcck gehabt.\nDoppelt Gl\u00fcck gehabt, denn die beiden Frauen, die mich in Empfang nehmen, sind\nausgesprochen freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\nzuerst einen Film, der, etwas zu umst\u00e4ndlich und nicht immer ganz klar, den\nJahresrhythmus der Salzgewinnung darstellt. Zuerst sieht man M\u00e4nner, die,\nbarf\u00fc\u00dfig, mit breiten Schiebern das Wasser aus den l\u00e4nglichen Auffangbecken\nabziehen. Das muss der Herbst sein, nach der Ernte in den Sommermonaten. Danach\nsieht man, wie Erdklumpen auf einen Wagen verladen werden. Diese Erde kommt als\nD\u00fcnger in der Landwirtschaft zum Einsatz. Die muss doch wohl salzig sein,\n\u00fcberlege ich, aber das scheint kein Nachteil zu sein. Dann kommen, auch das per\nHandarbeit, schwere Walzen zum Einsatz, nach deren Arbeit der Boden fest, glatt\nund ohne Risse ist. Dann wird mittels einer Schleuse \u2013 auch die wird per Hand\nge\u00f6ffnet \u2013 Wasser eingelassen. Das Wasser kommt aus dem M\u00fcndungsdelta des\nMondego, nicht direkt aus dem Meer. Aber das Salzwasser des Meeres ist hier\neingetreten. Dies wird wohl etwa am Jahresanfang passieren. Das Wasser trocknet\ndann langsam ab, aber nur zum Teil. Im n\u00e4chsten Arbeitsschritt muss wieder\nWasser entfernt werden, so wie am Anfang, nur dass jetzt das Salz zum Vorschein\nkommt. Das wird dann auf Schaufelbagger geschippt und landet am Ende in der\nBlockh\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nkleinen Museum sind einige Werkzeuge ausgestellt, vor allem Schaufeln und\n\u00e4hnliche Ger\u00e4te, alle aus Holz, mit denen das Salz bewegt wird. Daneben ein\nKorb von der Art, mit denen fr\u00fcher das Salz transportiert wurde, auf dem Kopf\nvon Frauen. Man sieht auch den Ring aus Tuch, den sie unter dem Korb auf dem\nKopf trugen. Das Salz in solchen K\u00f6rben wog 20 kg, und die Frauen, lange R\u00f6cke\ntragend, nahmen nicht einmal die H\u00e4nde zur Hilfe beim Transport. Man sieht dann\nnoch ein merkw\u00fcrdiges Ger\u00e4t, eine Waage, die wie eine Wippe aussieht. Diese\nWaage diente zur Bestimmung des Salzgehalts des Wassers. Da gibt es einige\nVariation. Durchschnittlich gibt es 35 g Salz auf einen Liter Meereswasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\neinige Schautafeln, darunter eine, die die verschiedenen\nSalzgewinnungsstationen in Portugal anzeigt, mehr als ein Dutzend, alle in\nMeeresn\u00e4he, oft an Flussm\u00fcndungen: Minho, Douro, Mondego, Tejo, Sado. Daneben\neine Schautafel, die zeigt, wie stark die Salzgewinnung in den letzten vierzig\nJahren zur\u00fcckgegangen ist. Radikal. An allen Orten. Nur noch ein Bruchteil wird\ngewonnen. Woran das liegt wird nicht erkl\u00e4rt. Ausl\u00e4ndische Konkurrenz? Andere\nHerstellungsweisen?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nkann man durch ein Mikroskop ein Salzkristall sehen. Einleuchtend, dass es\nKristall hei\u00dft!<\/p>\n\n\n\n<p>Von\noben auf der Terrasse des Museums hat man einen guten Blick auf die Salinen mit\nihren regelm\u00e4\u00dfigen Rechtecken. Salz kann man noch keins sehen, obwohl in\neinigen nicht mehr viel Wasser ist, andere sind noch ganz \u00fcberflutet. Wird wohl\nZeit, dass die Sonne ihre Aufgabe erf\u00fcllt. Einige sehen aus, als wenn sie eine\nZementschicht h\u00e4tten. Die sind wohl leer geblieben. Aber man sieht, welche gute\nArbeit die Walzen verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hin und\nwieder sieht man Arbeiter, die sich in den Salinen zu schaffen machen, aber was\ngenau sie da tun, erschlie\u00dft sich mir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\n\u00fcber Planken und dann \u00fcber einen Rundweg, mal ganz schmal, mal breiter mit\nBambus zu beiden Seiten. Man entfernt sich immer mehr von den Salinen, aber\nimmer wieder taucht Wasser auf, mal ein toter Flussarm, mal flie\u00dfendes\nGew\u00e4sser, mal eine Lagune.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6gel\ngibt es nicht viele zu sehen. Vielleicht ist es die falsche Jahreszeit,\nvielleicht ist es die falsche Tageszeit. Hier scheinen viele V\u00f6gel zu\n\u00fcberwintern, die jetzt weiter im Norden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst\nals es schon wieder auf das Museum zugeht, wird es etwas lebendiger. Aus dem\nhohen Gras h\u00f6rt man Vogelstimmen. Das muss der Nachwuchs sein, der nach Nahrung\nverlangt. Dann kommt eine Lagune, in der eine ganze Kolonie von Flamingos\nsteht, aber aber anderen Ende der Lagune, nicht gut zu erkennen. Dann sehe ich\nkleine, schnelle V\u00f6gel, die wahre Kunstst\u00fccke im Fliegen vollbringen. Man kommt\nmit dem Auge nicht hinterher, geschweige denn mit der Kamera. Dann kommt ein\nganz in Wei\u00df gekleideter Vogel und dann eine ganze Schar von schwarz-wei\u00dfen mit\nelegantem Flug. Auch mit dem Faltblatt, auf dem die V\u00f6gel sitzend beschrieben\nsind, kann ich keinen einzigen identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLandschaft hier, platt wie in Norddeutschland, hat nichts Aufregendes, aber es\ngibt immer wieder mal eine sch\u00f6ne Szene mit Wasser, Hecken und Blockh\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg geht es \u00fcber eine andere Strecke, die durch D\u00f6rfer mit merkw\u00fcrdigen\nNamen f\u00fchrt: Casas Brancas, Guia, Venda de Brasil, Desgracia.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend wird es um die H\u00fctte herum pl\u00f6tzlich laut. Motorenger\u00e4usch. Es kommt\nimmer n\u00e4her. Das ist Victor, der von Hannah damit beauftragte Mann, den hohen\nGr\u00e4sern im Garten zu Leibe zu r\u00fccken. Wir haben uns vorgestellt, dass jemand\nmit Sense anger\u00fcckt kommt. Ja, denkste! Dicker Schutzanzug, gro\u00dfer, den ganzen\nKopf bedeckender Helm aus Plexiglas, schwere Handschuhe und Motorsense.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend vor dem Sonnenuntergang fahre ich nach Penela und trinke auf der Terrasse\ndes Mina ein Bier. Am Nebentisch zwei junge Spanier, die eine Kontroverse zu\nhaben scheinen. Sie sprechen sich gegenseitig mit&nbsp;<em>t\u00edo<\/em>&nbsp;an. Das\nkommt in jedem zweiten Satz vor.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen taucht Victor wieder auf. Er ist gestern nicht ganz fertig geworden.\nZwischendurch kommt er rein, um sich das Gesicht zu waschen. Er hat die Agave\ngek\u00fcrzt, radikal, und dabei ein paar Spritzer abgekommen. Bei einigen\nAgavenarten, erkl\u00e4rt er, kann das sehr unangenehm sein, Pickel oder sogar\nGeschw\u00fcre verursachen. Er macht diese Arbeit am Wochenende \u201cnur zum Spa\u00df\u201d,\nerkl\u00e4rt er mir. W\u00e4hrend der Woche arbeitet er au\u00dferhalb dieser Region, um\nNazar\u00e9 herum, in der Stra\u00dfenwart. Da geht es insgesamt um den Erhalt der\nStra\u00dfen, nicht nur um das K\u00fcrzen des Gestr\u00fcpps. Am Wochenende widmet er sich\nhier zu Hause solchen Arbeiten. Ohne Druck. Ein Genuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nRadio geh\u00f6rt, dass viele junge Briten keine Uhr mehr lesen k\u00f6nnen, jedenfalls\nnicht eine mit Ziffernblatt. Die meisten k\u00f6nnen es wohl noch, m\u00fcssen aber\nzumindest einen Moment \u00fcberlegen, wie einige derer, mit denen auf der Stra\u00dfe\nein Test gemacht wird. Eine junge Frau sagt ganz unumwunden, sie k\u00f6nne es nicht\nund kenne auch eine ganze Reihe anderer, die es nicht k\u00f6nnen. Der Report kommt\nohne Nostalgie aus, es wird konstatiert, dass sich etwas ver\u00e4ndert. Mehr nicht.\nUnd das ist auch richtig so. Warum sollte man sich mit dem komplizierten\nEntziffern besch\u00e4ftigen, wenn man st\u00e4ndig und \u00fcberall elektronische Zeitangaben\nzur Verf\u00fcgung hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nMao wurde in China der \u201cKampf gegen die vier Plagen\u201d ausgerufen: Ratten,\nFliegen, M\u00fccken und Spatzen sollten eliminiert werden. Die Kampagne ist in\nChina auch als \u201cGro\u00dfer Spatzenkrieg\u201d bekannt. Den Spatzen sollte es an den\nKragen gehen, weil sie f\u00fcr die Missernten verantwortlich waren. Sie fra\u00dfen die\nSaat von den Feldern. Das Volk zog mit Trommeln und T\u00f6pfen durch die Gegend und\nvertrieb die Spatzen mit L\u00e4rm und pl\u00fcnderte die Nester der Spatzen. Nicht\nbedacht wurde, dass die Spatzen nicht nur die Saat, sondern auch Sch\u00e4dlinge\nfra\u00dfen, vor allem Heuschrecken. Von ihren Feinden, den Spatzen, befreit,\nmachten sich die Heuschrecken \u00fcber die Saat her und vertilgten mehr als die\nSpatzen vorher.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist\njetzt wieder aktuell bei dem Kampf gegen die M\u00fccken. 99% der M\u00fccken, die\nMalaria \u00fcbertragen k\u00f6nnen, sind ausgerottet, aber die Wissenschaftler wollen\nnicht alle M\u00fccken ausrotten. Warum nicht? M\u00fccken sind, auch wenn sie nicht\nsch\u00e4dlich sind, auf jeden Fall l\u00e4stig. Weg damit! So einfach ist es nicht.\nM\u00fccken sind auch Best\u00e4uber, besonders da wichtig, wo es keine anderen gibt wie\nin der Arktis, die eine der h\u00f6chsten M\u00fcckendichten auf dem Planeten hat. Und\nsie dienen auch als Nahrungsquelle f\u00fcr andere Tiere.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDas\nWetter ist so grauenvoll wie mein moralischer und k\u00f6rperlicher Zustand. Il faut\nen finir.\u201d Das notiert Klaus Mann in seinem Tagebuch. Die Depression, die ihn\nein Leben lang begleitet hat, wird durch die politische Situation erschwert.\nUnd die Verlage in Deutschland lehnen die Ver\u00f6ffentlichung seiner Werke ab. Seine\nFreunde sind tot oder nicht erreichbar. Und seine Schwester Erika hat sich\nimmer mehr dem Vater zugewandt, dem \u201cZauberer\u201d. Im Koffer, stets griffbereit,\nhat er das Spritzbesteck und ein P\u00e4ckchen mit Schlaftabletten, von einer New\nYorker Drogerie nach Cannes geschickt. Ob er seiner lebenslangen Todessehnsucht\nnachgibt, ob es nur eine Hilfeschrei ist, ob er nur aus Versehen zu viele\nTabletten nimmt, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Aber: kein Ort, keine Liebe,\nkeine Anerkennung. Gr\u00fcnde hatte er, sich das Leben zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>EXPO\nMiranda ist der etwas gro\u00dfspurige Name einer Ausstellung, die an diesem\nWochenende stattfindet. Ich treffe mich mit Filomena und ihrem Mann sowie drei\nEngl\u00e4ndern dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nam Eingang warte, f\u00e4llt mein Blick auf einen Schriftzug an einem der\nPavillons:&nbsp;<em>O que \u00e9 que se bebe aqui?&nbsp;<\/em>Wie f\u00fcrs Lehrbuch\ngeschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nfr\u00fche Treffpunkt f\u00fcrs Mittagessen hat mich \u00fcberrascht, hat aber seinen Grund in\nder Ruhe, mit der man es dabei in Portugal angehen l\u00e4sst. Zweieinhalb Stunden\nsitzen wir zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind\nlauter improvisierte Lokale, betrieben von Vereinen oder Gruppierungen, in\nunserem Fall von einem Sportverein aus Pereira. Filomena ist hier bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhalte mich ein bisschen an Filomenas Mann, um Portugiesisch sprechen zu k\u00f6nnen.\nEr ist Techniker, mit Sprachen hat er nicht so viel zu tun, kommt aber mit\nEnglisch ganz gut zurecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nentwickelt sich ein abwechslungsreiches, portugiesisch-englisches Gespr\u00e4ch mit\nvielen Anekdoten. Alle scheinen sich schon seit ewigen Zeiten zu kennen, und\nFilomena war auch bei den Engl\u00e4ndern in England schon mehrmals zuhause. Sie\nerz\u00e4hlt auch von einer Arbeit in einem Hotel im Schwarzwald, bei der sie mit\nganz anderen Varianten des Deutschen konfrontiert wurde als in Halle. Der\nSchwarzwald hei\u00dft auf Portugiesisch&nbsp;<em>Floresta Negra<\/em>. Hier taucht\nwieder, gegen alle Erwartungen,&nbsp;<em>negro<\/em>&nbsp;statt&nbsp;<em>preto&nbsp;<\/em>auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch\nkommt eine kugelrunde Frau an unseren Tisch, eine Bekannte von Filomena und\neine der K\u00f6chinnen hier. Sie hat als junge Frau in Deutschland gelebt, in\nBremen, und spricht immer noch ganz passabel Deutsch, obwohl das mehr als\ndrei\u00dfig Jahre her ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins\nder englischen Ehepaare lebt halb in England, halb in Portugal. Sie sind mit\neinem Wohnwagen unterwegs. Um hierherzukommen, nehmen sie F\u00e4hre nach Santander.\nLange \u00dcberfahrt, aber verk\u00fcrzte Autofahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Komischerweise\nteilen die Engl\u00e4nder meine Einsch\u00e4tzung nicht, dass in Portugal alles billig\nsei. Sie finden, die Preise seien etwa so wie in England. Aber mir kommt\nEngland sehr teuer vor. Ob es an dem Pfund-Kurs liegt?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nnicht ganz einig sind wir uns bei der Fahrweise der Portugiesen. Die Engl\u00e4nder\nfinden, hier werde sehr schnell gefahren. Finde ich eigentlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nkann zum ersten Mal&nbsp;<em>migas<\/em>&nbsp;probieren, altes Wei\u00dfbrot, in einer\nBr\u00fche mit Knoblauch und Kr\u00e4utern eingeweicht, eigentlich ein Armengericht, aber\nnicht, wenn es mit so einer Portion Fleisch serviert wird wie hier. Das Gericht\nhei\u00dft&nbsp;<em>sarrabulho<\/em>, geschmorte Fleischst\u00fccke von verschiedenen Tieren\nsowie St\u00fccke von&nbsp;<em>morcela<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nSuppe bin ich mir mit den Engl\u00e4ndern einig, dass sie in Portugal nie warm genug\nserviert wird. Hier ist es anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nNachtisch gibt es Milchreis. Ich werde gezwungen, den zu essen, als\nvermeintlich portugiesische Spezialit\u00e4t, dabei habe ich ihn als Kind schon\nnicht gerne gegessen. Es ergibt sich eine lebhafte Diskussion dar\u00fcber, ob man\nf\u00fcr Milchreis anderen Reis verwende als f\u00fcr Reis als Beilage. Nat\u00fcrlich tut man\ndas, finden wir. Nat\u00fcrlich nicht, finden die Portugiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nBestellen des Kaffees lerne ich&nbsp;<em>curto&nbsp;<\/em>und<em>&nbsp;cheio<\/em>&nbsp;zur\nUnterscheidung eines kleineren und eines gr\u00f6\u00dferen Kaffees, wobei der gr\u00f6\u00dfere\nwohl nur mehr Wasser hat, dennoch aber mehr Koffein, weil das bei mehr Wasser\nnicht verd\u00fcnnt wird wie der Geschmack, sondern sich ausweitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena\nbestellt&nbsp;<em>carioca lim\u00e3o<\/em>. Es ist \u00fcberhaupt nicht das, was ich\nvermute, n\u00e4mlich ein Kaffee mit Alkoholspritzern, sondern hei\u00dfes Wasser mit\nZitrone.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt der Wirt, also der Vereinsvorsitzende, mit einem Lik\u00f6r. Schmeckt gut.\nAber wir k\u00f6nnen ihn nicht identifizieren. Das sei&nbsp;<em>funcho<\/em>, erfahren\nwir. Ja, aber was ist&nbsp;<em>funcho<\/em>? Filomena ringt nach dem\nentsprechenden Wort. Wird in Deutschland viel als Tee getrunken. Pfefferminze?\nNein. Roibos? Nein. Hagebutte? Nein. Das Internet schafft Abhilfe: Fenchel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es\nums Bezahlen geht, schnappe ich einen Ausdruck auf, den ich schon lange gesucht\nhabe:&nbsp;<em>Quando for poss\u00edvel<\/em>. Sehr n\u00fctzlich, unbedingt merken. Ich\nhabe Filomena schon mal danach gefragt, aber im Kontext des Unterrichts fiel\nihr nichts ein, jetzt, in der authentischen Kommunikationssituation, kommt es\nwie von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen dann \u00fcber die EXPO. Es ist eine kleine Kirmes, erweitert um eine Unzahl\nvon kleinen Pavillons, die von Unternehmen, Amateuren und Vereinen betrieben\nwerden. Die Pavillons sind in der Markthalle und gruppieren sich drum herum. Es\ngibt alles von Holz\u00f6fen \u00fcber k\u00fcnstliche Blumen und bestickte Kissenbez\u00fcge bis\nzu Kirschen und Honig. Sportvereine pr\u00e4sentieren ihre Pokale, der Verein zur\nBek\u00e4mpfung von Krebs verteilt Informationen, die Gesellschaft der Freunde des\nTheaters wirbt um Mitglieder, die&nbsp;<em>Aldeias de Xisto<\/em>&nbsp;werben um\nTouristen. Das ist alles nicht so stimulierend, und wir schleppen uns allzu\nlangsam \u00fcber das Gel\u00e4nde. Das Essen und die Hitze fordern ihren Tribut.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer\nder Engl\u00e4nder fragt mich, ob es so etwas bei uns auch gebe, und ich kann die\nFrage nicht beantworten. Vielleicht. Aber, wenn es so was gibt, geht man da\nzuhause vermutlich nicht hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause\nentdecke ich noch was bei der Lekt\u00fcre: Die \u201cmerkw\u00fcrdige\u201d Form des\nSubstantivs&nbsp;<em>conte\u00fado<\/em>&nbsp;erkl\u00e4rt sich dadurch, dass die zweite\nKonjugation, die Verben auf&nbsp;<em>-er<\/em>, das Partizip urspr\u00fcnglich auf \u2013<em>udo<\/em>&nbsp;bildeten!\nDer Wechsel scheint sich zu Beginn der Neuzeit vollzogen zu haben. Eine ganze\nZeitlang bestehen beide Formen nebeneinander. Die meisten von den Verben\nabgeleiteten Substantive und Adjektive vollzogen den Wechsel mit, und&nbsp;<em>conte\u00fado<\/em>&nbsp;bildet\neine der wenigen Ausnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nLekt\u00fcre auf das Wort&nbsp;<em>salsa<\/em>&nbsp;gesto\u00dfen. Es hei\u00dft nicht, was es zu\nhei\u00dfen scheint, sondern \u2018Petersilie\u2019! Starker Kontrast zu&nbsp;<em>persil<\/em>,&nbsp;<em>perejil<\/em>,&nbsp;<em>parsley<\/em>,&nbsp;<em>persilja<\/em>,&nbsp;<em>prezzemolo<\/em>,&nbsp;<em>\u043f\u0435\u0442\u0440\u0443\u0448\u043a\u0430<\/em>,&nbsp;<em>Petersilie<\/em>,\ndie alle einer Wurzel zu entstammen scheinen. Einzig \u03bc\u03b1\u03ca\u03bd\u03c4\u03b1\u03bd\u03cc\u03c2 scheint\nherauszufallen, aber es ist nur die volkst\u00fcmlichere Bezeichnung der Pflanze,\ndie \u201ceigentlich\u201d \u03c0\u03b5\u03c4\u03c1\u03bf\u03c3\u03ad\u03bb\u03b9\u03bd\u03bf\u03bd hei\u00dft. Bei der Gelegenheit gelernt, dass\ndarin&nbsp;<em>Sellerie<\/em>&nbsp;steckt!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Einkauf bei&nbsp;<em>Pingo Doce<\/em>&nbsp;sehe ich bei den Beh\u00e4ltern f\u00fcr\nRecycling einen mit der Aufschrift&nbsp;<em>tampas<\/em>. Das sind Kronenkorken!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nvom Einkauf wiederkomme, macht sich Mario auf dem Weinfeld nebenan zu schaffen.\nEr muss wieder die jungen Weinst\u00f6cke gie\u00dfen. Jedes Jahr pflanze er zwanzig\nneue. Alles viel Arbeit. Dieser Tage sei er auch schon mit der Spritzpistole\ndran gewesen. Auf Chemie verzichten k\u00f6nnten sie hier nicht. F\u00fcr einen\nbiologischen Weinanbau fehlten die Grundlagen. Er achte aber darauf, nur die\nBl\u00e4tter, nicht die Trauben zu spritzen. Sonst gehe das zu Lasten der Qualit\u00e4t.\nOb man das so gut trennen kann, frage ich mich. Und der Boden wird ja auf jeden\nFall belastet, ob durch Bl\u00e4tter oder Trauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fahre\nich nach Lou\u00e7ainha, zum Schwimmen in der praia fluvial. Kein Mensch weit und\nbreit. Kaum Sonne, aber es ist noch ziemlich warm. Das Wasser ist eiskalt,\nvielleicht noch k\u00e4lter als das in Foz de Alge. Lou\u00e7ainha liegt auch ein ganzes\nSt\u00fcck h\u00f6her. Dort, in Foz de Alge, sei das Wasser jetzt k\u00e4lter als vor ein paar\nWochen, als sie zum ersten Mal drin war, hat mir Pamela erkl\u00e4rt. Sie h\u00e4tten\njetzt die Schleusen ge\u00f6ffnet, um Wasser reinzulassen, und das komme aus den\nkalten Gebirgsb\u00e4chen. Hier sind zwar keine Schleusen zu sehen, aber an einem\nEnde rauscht ein Bach in das Becken.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Endlich\nklappt es mit der Autow\u00e4sche. Und es stellt sich heraus, dass es beim letzten\nMal nur deshalb nicht geklappt hat, weil ich mich zu d\u00e4mlich angestellt hab.\nDas System \u2013 Autow\u00e4sche mit dem Hochdruckreiniger \u2013 ist perfekt. Es ist wie\neine gro\u00dfe Spritzpistole. F\u00fcr schmutzige Stellen kann man den Druck erh\u00f6hen.\nNach zwei Minuten ist das Auto sauber \u2013 ohne Schaum, ohne B\u00fcrsten, ohne Lappen,\nohne Waschstra\u00dfe \u2013 f\u00fcr einen Euro!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nUnterricht sehe ich im Caf\u00e9 in der Zeitung eine Schlagzeile, die ich nicht\nverstehe. Irgendwas mit Handys, die konfisziert wurden. Im Artikel wird es dann\nklar: Es geht um die Handys von Gef\u00e4ngnisinsassen. Die d\u00fcrfen keine haben,\nhaben aber welche. Klar. Die Zeitung fragt, warum man nicht einfach die\nVerbindung zum Internet kappt. Frage ich mich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Lissabon\nhei\u00dft es, r\u00fccke n\u00e4her an Madrid ran. Es wird eine neue Stra\u00dfe gebaut, die IC31,\nund die soll den Weg \u2013 oder die Fahrtzeit \u2013 verk\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nehemaliger spanischer Fu\u00dfballspieler, Reyes, ist bei einem Autounfall ums Leben\ngekommen. Er fuhr 237 km\/h. Zwei Cousins, die auch im Auto sa\u00dfen, kamen\nebenfalls um Leben. Ein anderer Fu\u00dfballer, Ca\u00f1izares, hat sich jetzt&nbsp;zu Wort gemeldet und gesagt, Reyes verdiene nicht das\nHeldenbegr\u00e4bnis, das er jetzt in seiner Heimatstadt bekommt. Mit 237 km\/ durch\ndie Gegend zu fahren, sei nicht heldenhaft. Die Folge ist eine wilde\n\u00f6ffentliche Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht korrigiert Emma, stets auf der Suche nach einem Fehler, meine\nSchreibweise von&nbsp;<em>taberna<\/em>. Es m\u00fcsse&nbsp;<em>taverna<\/em>&nbsp;sein.\nJetzt bin ich ganz verwirrt. Das verfolgt mich schon seit der Ankunft hier. In\nViavai steht auf dem Hinweisschild&nbsp;<em>Taberna Viavai.<\/em>&nbsp;Ganz\nsicher. Und ich meine, das auch schon woanders gesehen zu haben. Auf dem Tisch\nvor mir liegt ein W\u00f6rterbuch. Ich schlage nach. Und finde:&nbsp;<em>taberna<\/em>.\nJetzt ist Emma verwirrt. Nach ein paar Minuten kommt sie mit ihrem Handy und\nzeigt mir ihre Recherche: beide Schreibweisen statthaft. Sp\u00e4ter im Internet\nfinde ich verschiedene Seiten, die sich genau mit dieser Frage besch\u00e4ftigen.\nAlle best\u00e4tigen, dass es beide Schreibweisen gibt, die meisten geben&nbsp;<em>taberna<\/em>&nbsp;den\nVorzug, weil es n\u00e4her am lateinischen Original ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag Coimbra B. Lismore, die n\u00e4chste Besucherin. Kommt gut gelaunt an,\nwieder hat alles bis auf eine kleine Versp\u00e4tung gut geklappt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder Ankunft an der H\u00fctte machen wir den obligatorischen Spaziergang ums Dorf.\nDabei f\u00e4llt Lismore an einem H\u00e4usergiebel eine merkw\u00fcrdige Inschrift, die ich\nbisher immer \u00fcbersehen habe. Zahlen und ein paar nicht identifizierbare\nZeichen, die Buchstaben eines unbekannten Alphabets sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen entdeckt Lismore, dass ein vermeintlicher Federballschl\u00e4ger tats\u00e4chlich\nkeiner ist, sondern ein Fliegenf\u00e4nger. Muss aufgeladen werden. Habe ich noch\nnie gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolken,\nSonne, Regen, Wind, von allem ein bisschen. Nicht so sch\u00f6n, wie man es im Juni\nin Portugal erwartet, aber besser als es die Vorhersage erwarten lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren zur Burg nach Lous\u00e3 und auf dem R\u00fcckweg nach Espinhal. Dort fragt ein\nportugiesisches Ehepaar nach dem Weg zum Wasserfall. Ob man da noch auf anderem\nWege hinkommen k\u00f6nne. Sie sind mit dem Wohnwagen unterwegs, und der Weg zum\nWasserfall ist zu schmal. Wir haben beide dasselbe Gef\u00fchle: Sie m\u00f6chten am\nliebsten mit uns hinfahren. Das machen wir dann auch. Eine gute Gelegenheit,\nPortugiesisch zu sprechen und zu h\u00f6ren. Daf\u00fcr bietet vor allem die gespr\u00e4chige\nFrau reichlich Gelegenheit. Die beiden kommen aus Set\u00fabal. Heute ist erst der\nzweite Tag der Reise. Gestern waren sie in Batalha, gleich geht es nach Lous\u00e3\nweiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die\nFrau merkt, dass Lismore Spanisch spricht, sagt sie, sie spreche&nbsp;<em>portunhol<\/em>,\nein Begriff, den ich ein paar Tage sp\u00e4ter in einem Buch wiederfinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nparken und wandern den schmalen Weg entlang, den ich schon kenne. Diesmal\nschaffe ich es ein bisschen weiter als beim letzten Mal und sehe eine Art\nWasserfall. Auch wenn der nicht spektakul\u00e4r ist: Die Felsen, das Moos, das\nWasser, das satte Gr\u00fcn, die Br\u00fccke \u2013 das hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\nwieder am Startpunkt sind, ist der portugiesische Mann verloren gegangen. Kann\nman ihn nicht per Handy kontaktieren? Die Frau hat beide Handys in ihrer Tasche.\nDer Mann hat keine Hand frei, denn er photographiert. Ich werde in seine\nRichtung geschickt, und bald kommt er mir schon entgegen. Er ist noch ein paar\nMeter weiter gegangen und hat den \u201crichtigen\u201d Wasserfall gesehen. Und versteht\ndie Aufregung gar nicht. Seine Frau war besorgt, weil er hohen Blutdruck hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren weiter zum Supermarkt und kaufen da ein Kraut, das wir nicht\nidentifizieren k\u00f6nnen. Die Kassiererin sagt, was es ist:&nbsp;<em>hortel\u00e3<\/em>.\nIch zerbreche mir den Kopf, das Wort kam gestern noch einem Text vor, aber ich\nkann mich nicht erinnern. Es ist Minze.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neinem Abendspaziergang sehen wir ein gerodetes St\u00fcck Wald, auf dem diese\nmerkw\u00fcrdigen, gr\u00fcn-blauen Pflanzen wachsen, die man hier aus der Ferne \u00fcberall\nsieht. Jetzt k\u00f6nnen wir sie von Nahem inspizieren. Sind das Setzlinge neuer\nB\u00e4ume, die die gerodeten Eukalyptusb\u00e4ume ersetzen? Ist das eine Aufforstung im\nSinne der F\u00f6rderung einheimischer B\u00e4ume? Nein, auf den zweiten Blick sieht man,\ndass die Triebe aus den Baumst\u00fcmpfen herauswachsen! Und die Geruchsprobe\nbest\u00e4tigt es: Es sind neue Eukalyptusb\u00e4ume. Mit dem Austreiben neuer Triebe\nwird die Erneuerung des Bestands erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHerbst ist wieder da. Dabei kommen wir in Coimbra noch glimpflich davon, aber\nsp\u00e4ter ist es hier sehr tr\u00fcb. Der Ofen kommt zum Einsatz \u2013 im Juni!<\/p>\n\n\n\n<p>In\nCoimbra werden oben an der Uni Kulis verkauft, in den Farben der verschiedenen\nFakult\u00e4ten, mit einem Doktorhut als Druckknopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Optimal\nist anders: Das Caf\u00e9, das ich f\u00fcr die Pause ausgesucht habe, ist falsch (keine\nAtmosph\u00e4re, keine Leute, die man beobachten kann), mir fehlt die Geduld f\u00fcr\nSchaufenster und Gesch\u00e4fte, die Auswahl im&nbsp;<em>Mercado Municipal&nbsp;<\/em>ist\nmickrig, die Kasse im Supermarkt ist lang und das Wetter ist schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nInternet beantwortet einige Fragen hinsichtlich der Eukalyptusb\u00e4ume. Der Baum\nselbst, hei\u00dft es, sei nicht das Problem, sondern seine intensive Nutzung. Zur\nZeit ist ein Viertel des portugiesischen Waldes in der Hand des Eukalyptus.\nDessen Anteil ist gewachsen zu Lasten der Kiefer \u2013 der Seekiefer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nEukalyptusbaum, besonders der Blaue Eukalyptus, der sp\u00e4ter fast ausschlie\u00dflich\nin Portugal angebaut wurde, war von Beginn an ein Gewinner. Er wuchs schnell\nund hatte keine Feinde \u2013 die hatte er in der Neuen Welt zur\u00fcckgelassen. Und er dr\u00e4ngte\ndie Anopheles-M\u00fccke und damit die Malaria zur\u00fcck. Keine schlechte Bilanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nEukalyptusbaum wurde ab 1850 in Portugal heimisch, erst als exotischer\nBlickfang in Parks. Dann gab es die erste gro\u00dfe Anlage, in Coimbra, aus\nBodenschutzgr\u00fcnden. Dann wurde der Eukalyptus wegen seiner F\u00e4higkeit zur\nAufnahme von Wasser bei der Trockenlegung von S\u00fcmpfen eingesetzt. Das Holz kam\nals Bauholz, f\u00fcr Schienenschwellen und beim Bootsbau zum Einsatz. Und dann kam\nder endg\u00fcltige Siegeszug durch die Papierindustrie.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon\nim 18. Jahrhundert hatte ein deutscher Forschungsreisender, Graf von\nHoffmannsegg, bemerkt, dass in der Serra de Lous\u00e3 die alten Eichenw\u00e4lder\nzur\u00fcckgegangen waren. Um dieses Manko auszugleichen, pflanzte man in gro\u00dfem\nMa\u00dfe den Eukalyptusbaum an. Und in Abrantes, eine Autostunde von hier, entstand\n\u201cNova Australia\u201d, die gr\u00f6\u00dfte Eukalyptusplantage Europas.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man\nbei all dem Eifer nicht bedacht hatte: Der Eukalyptusbaum gewinnt im Wald das\nRennen um die H\u00f6he. Und nimmt anderen Pflanzen Licht, Wasser und Nahrung. Auch\nBauern mit Feldern in der N\u00e4he von Eukalyptusplantagen klagen \u00fcber den R\u00fcckkehr\nder Ertr\u00e4ge. Und der Eukalyptus ist nat\u00fcrlich f\u00fcr die Waldbr\u00e4nde\nmitverantwortlich. Auch deshalb, weil sich brennende Rindenteile bei Brand\nl\u00f6sen und bis zu drei Kilometer weit fliegen k\u00f6nnen und damit das Feuer\nverbreiten. Pedr\u00f3gr\u00e3o Grande, das Zentrum des Waldbrands von 2017, liegt nur\neine halbe Autostunde von hier entfernt. Was kann man tun? Eine L\u00f6sung besteht\nin Mosaikw\u00e4lder mit \u00f6kologischen Korridoren. Aber das Gegenteil ist der Fall.\nEinige Landstriche in Portugal sind vollst\u00e4ndig mit Eukalyptus zugewachsen. Zu\nverlockend ist die Hoffnung auf schnelles Geld.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nbrasilianischen Portugiesisch gibt es eine besondere Verwendung von&nbsp;<em>pois\nn\u00e3o<\/em>. Man benutzt es zur Best\u00e4tigung:&nbsp;<em>Pode me dar uma<\/em>&nbsp;<em>informac\u00e3o?\n\u2013 Pois n\u00e3o.<\/em>&nbsp;Das hei\u00dft ja, kann ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nerfahre, dass&nbsp;<em>Orchidee<\/em>, aus dem Franz\u00f6sischen zu uns gekommen, von\ngriechisch&nbsp;<em>\u00f3rchis<\/em>&nbsp;abgeleitet ist, \u2018Hoden\u2019. Sie ist benannt\nnach ihren hodenf\u00f6rmigen Wurzelknollen. Weiterhin erfahre ich in diesen Tagen,\ndass Sucre die Hauptstadt Boliviens ist, dass man in Deutschland neben dem\ndeutschen Pass jetzt jede andere Staatsb\u00fcrgerschaft annehmen kann und dass der\namerikanische Pr\u00e4sident denselben Wettlauf durch die Gremien machen muss, um\nals Pr\u00e4sidentschaftskandidat aufgestellt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In\nTomar ist das Wetter besser als hier und besser als angek\u00fcndigt. Hier reicht\nder Mix aus Sonne und Wind immerhin zum W\u00e4schetrocknen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nLismore sich das Convento do Cristo ansieht, lese ich Zeitung:&nbsp;<em>Diario\nde Noticias<\/em>, die \u201canspruchsvollere\u201d Zeitung. Sie hat einen Leitartikel \u00fcber\ndrei Amerikanerinnen portugiesischer Herkunft, die Trump st\u00fcrzen wollen.\nDrinnen ein l\u00e4ngeres Interview mit einem deutschen Wissenschaftler, der in\neinem neuen Buch die Anf\u00e4nge der Menschheit beschreibt, die Vorstellung aller\nelf Kandidaten f\u00fcr den Vorsitz der Tories, eine Chronik der Tore von CR7, ein\nArtikel \u00fcber Banksys Kampf gegen das System und den Kampf des Systems gegen\nBanksy. Die gesamte Beilage handelt von Santo Antonio, dem universalen\n\u201cportugiesischen\u201d Heiligen. Dem bekanntesten Portugiesen der Welt. Oder sollte\nRonaldo was dagegen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neinem Spaziergang sehe ich eine Art Fries unter dem Dachvorsprung eines historischen\nHauses, zwei Reihen von rundlichen Aufs\u00e4tzen, etwas unregelm\u00e4\u00dfig \u2013 nein, zu\nunregelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr einen Fries. Dann h\u00f6re ich Vogelstimmen. Es sind\nSchwalbennester. Die Eltern fliegen aufgeregt zu den Nestern hin und f\u00fcttern\nihren Nachwuchs, um dann sofort wieder wegzufliegen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIch\nbin der Geist, der stets verneint\u2026\u201d Wenn ich, um nach Miranda zu kommen, den\nSchildern nach Miranda folgen will, werde ich zur\u00fcckgepfiffen und in eine\nandere Richtung geleitet (um dann wieder zur\u00fcckzukehren). Halb eins f\u00fcr den\nAufbruch zur Taverne in Viavai ist zu sp\u00e4t (\u201cZw\u00f6lf Uhr!\u201d), in Viavai wird dann\n\u00fcber die lange Wartezeit geklagt. Der Waschschnellgang, den ich vorschlage, ist\nnicht gut genug, 30\u00b0 reichen nicht, es m\u00fcssen 40\u00b0 sein, und dann gibt es Klagen\nwegen der Dauer des Waschvorgangs (\u201cDa darf doch nicht wahr sein!\u201d \u2013 \u201cNein,\nnicht schon wieder!\u201d).<\/p>\n\n\n\n<p>Zufrieden\nist anders: Der Bahnhof in Porto ist mickrig (\u201cSo gro\u00df wie Weinheim\u201d), das\nAngebot im&nbsp;<em>Intermarch\u00e9<\/em>&nbsp;ist nicht gut genug (\u201cBei&nbsp;<em>Rewe<\/em>&nbsp;gibt\nes mehr\u201d), das Fehlen von Getreidefeldern wird bem\u00e4ngelt (\u201cDie m\u00fcssen doch\nirgendwo mal was anbauen\u201d), ebenso wie das von Almwiesen (\u201c\u00dcberall nur\nGestr\u00fcpp\u201d), die portugiesische Art der M\u00fcllentsorgung entspricht nicht\ndeutschen Standards (\u201cBei uns wird \u2026\u201d), die Temperaturen sind zu niedrig (\u201c20\u00b0\n\u2013 daf\u00fcr f\u00e4hrt man nach Portugal, im Sommer!\u201d), die Waschmaschine ist\nminderwertig, weil sie nicht die Restlaufzeit anzeigt und das Ende des\nWaschgangs anzeigt, der Eisdielenbesitzer wird ger\u00fcgt, weil er die Sonderw\u00fcnsche\nnicht sofort versteht, der Cappuccino hat zu viel Sahne, ich gehe auf der\nfalschen Stra\u00dfenseite, ins falsche Caf\u00e9, ins falsche Lokal, das Essen in\nSemide, das die Engl\u00e4nder so gelobt haben, ist mittelm\u00e4\u00dfig\n(\u201cDurchschnittskost\u201d). Immerhin: Positiv wird vermerkt, dass in Portugal so gut\nwie gar nicht gehupt wird. Stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Portugal-Tag,\nder eigentliche portugiesische Nationalfeiertag, der Todestag von Cam\u00f4es.\nZuf\u00e4llig sto\u00dfe ich ausgerechnet heute bei der Lekt\u00fcre auf das Wort&nbsp;<em>cam\u00f4es,&nbsp;<\/em>dessen\nSinn sich aber nicht ohne Weiteres erschlie\u00dft. Auch in den W\u00f6rterb\u00fcchern ist\nnichts zu finden. Scheint aber so was wie \u2018scheel\u2019 zu bedeuten. W\u00e4re ja witzig,\nwenn so der Nationaldichter hie\u00dfe!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFrage aus Deutschland, welche Traditionen und Festivit\u00e4ten es denn heute gebe,\nkann ich nicht beantworten. Aus einem Zeitungsartikel k\u00f6nnte man herauslesen,\ndass es ein Wochenende ist, das man f\u00fcr Ausfl\u00fcge nutzt. Traditionen scheint es\neher in Verbindung mit den Tagen der gro\u00dfen Heiligen zu geben, Jo\u00e3o, Pedro und Antonio.<\/p>\n\n\n\n<p>Verr\u00fcckt:\nVon Portugals Sieg in der&nbsp;<em>Nations League&nbsp;<\/em>erfahre ich durch\neine SMS von zuhause! 1:0 gegen die Niederlande.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben&nbsp;<em>falschen\nFreunden<\/em>&nbsp;gibt es auch&nbsp;<em>gute Freunde<\/em>. Ein Autor spricht in\ndieser Hinsicht von \u201crelativ guten Freunden\u201d, wie&nbsp;<em>Finger<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>finger<\/em>.\nDas gilt praktisch f\u00fcr alle guten Freunde im Portugiesischen. Auch&nbsp;<em>falsche\nFreunde<\/em>&nbsp;sind ja oft \u201crelativ falsche Freunde\u201d, wie&nbsp;<em>Direktion<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>direcci\u00f3n<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren nach Osso da Baleia, dem, nach Auskunft der Vermieterin, n\u00e4chstgelegenem\nStrand. Die Ansage, 45 Minuten, erweist sich aber als viel zu optimistisch.\nKein Wunder. Es sind 65 Kilometer, davon keiner \u00fcber die Autobahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nStrand ist durch D\u00fcnen von dem Hinterland abgetrennt. Sieht wie an der Nordsee\naus. Tiefblaues Wasser, heller, weicher Sand, am Himmel nur ein paar wei\u00dfe\nW\u00f6lkchen, keine Sonnenschirme, keine Umkleidekabinen, kein Kiosk. Weit und\nbreit kein Haus zu sehen, ganz in der Ferne, an einer Bucht, erahnt man\nFigueira-da-Foz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nAngler steht unbeweglich im Wasser, ein Kind spielt, unter Aufsicht der Mutter,\nim Sand und mit dem Sand. Sp\u00e4ter sieht man die beiden beim Muschelsammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWasser ist zu kalt, um reinzuspringen, und au\u00dferdem ist die Str\u00f6mung ganz sch\u00f6n\nstark, aber mit den F\u00fc\u00dfen rein ist eine Wohltat, und am Strand Entlanglaufen\nauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren anschlie\u00dfend noch nach Figueira-da-Foz. Der Weg Richtung Strand ist\nabgesperrt, ein Radrennen. Auf ziemlich umst\u00e4ndlichen Wegen finden wir dann den\nWeg und auch einen Parkplatz. Wir setzen uns in eine kleine Bar und gehen dann\n\u00fcber die Holzplanken bis zum Wasser. Hier gibt es alles, was des\nStrandurlaubers Herz begehrt, aber man kann sich trotzdem kaum vorstellen, was\nhier im Sommer los sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg geht es \u00fcber die N111, \u00fcbers Land. Es ist ganz flach, eine gr\u00f6\u00dfere\nEbene, mit Reisfeldern und Maisfeldern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen \u00fcber Montemor und machen einen Photostopp wegen des Blicks auf die Stadt\nvon der Stadtgrenze aus. Die gewaltige Stadtmauer auf dem aus der Ebene\nherausragenden H\u00fcgel \u2013 das hat was. Die Stadtmauer muss einst wohl einen\nzweiten Ring gehabt haben. Es l\u00e4uft noch eine Wehrmauer gerade den H\u00fcgel\nrunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nsollte man doch noch mal hinfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nMontemor kaufen wir ein paar Kleinigkeiten im Intermarch\u00e9. Endlich wird mir\nklar, was es mit den Musketieren auf sich hat, mit denen die Kette Werbung\nmacht: Familien mit drei Kindern (und mehr) bekommen einen Rabatt von 10%.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst am\nAbend komme ich darauf, nachzuschlagen, was&nbsp;<em>Osso<\/em>&nbsp;<em>da<\/em>&nbsp;<em>Baleia<\/em>&nbsp;hei\u00dft\n\u2013 \u2018Walfischknochen\u2019. Klar. Auf der Leitung gestanden.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Vettel,\nerfahre ich, kann in Heppenheim im Fitnessstudio in aller Ruhe trainieren, ohne\ngest\u00f6rt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins\nder Lehrb\u00fccher hat einen Vokabeltrainer, auf CD. Das deutsche Wort wird\nvorgegeben, und dann soll man die portugiesische Entsprechung in die L\u00fccke\nsprechen:&nbsp;<em>statt<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>em vez de<\/em>. Missverst\u00e4ndnis.\nEs ist&nbsp;<em>Stadt<\/em>&nbsp;&gt;&nbsp;<em>cidade<\/em>. Das gr\u00f6\u00dfere Problem\nliegt aber woanders: Es wird die Zitierform des isolierten Wortes genannt, viel\nzu emphatisch, klingt in verbundener Rede ganz anders:&nbsp;<em>estudante<\/em>&nbsp;hat\nnormalerweise weder vorne noch hinten einen Vokal.<\/p>\n\n\n\n<p>In\n\u00e4lteren Texten st\u00f6\u00dft man gelegentlich im Zusammenhang mit Geld auf&nbsp;<em>tost\u00e3o.&nbsp;<\/em>Ich\ndachte, das w\u00e4re die kleinere Einheit unter dem&nbsp;<em>escudo<\/em>, aber das\nist der&nbsp;<em>centavo<\/em>. Was ist dann&nbsp;<em>tost\u00e3o<\/em>? Ungef\u00e4hr das, was\nbei uns der&nbsp;<em>Groschen<\/em>&nbsp;war, die Bezeichnung einer M\u00fcnze, der\n10-Centavo-M\u00fcnze. Auf die wurde der Name \u00fcbertragen, der urspr\u00fcnglich eine\nGoldm\u00fcnze aus der fr\u00fchen Neuzeit bezeichnete, aus der Epoche Manuels I. Auf der\nVorderseite befand sich ein Portr\u00e4t, ein gro\u00dfer Kopf. Das Wort&nbsp;<em>tost\u00e3o&nbsp;<\/em>kam\n\u00fcber das Franz\u00f6sische ins Portugiesische, und ins Franz\u00f6sische \u00fcber das\nItalienische:&nbsp;<em>testone<\/em>. Ein Gro\u00dfkopferter!<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nTankwart sagt&nbsp;<em>Obrigado<\/em>, als ich meine Rechnung begleiche, und als\nich ihm ein Trinkgeld in die Hand dr\u00fccke&nbsp;<em>Obrigadinho<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht teilt einer der Engl\u00e4nder seine Beobachtung mit, dass die\nPortugiesen dazu neigen, einem auf Konsonant endenden Wort, vor allem bei\nOrtsnamen, einen (schwachen) Vokal hinzuzuf\u00fcgen: Tomar-e, Pombal-e. Ist mir\nnoch nicht aufgefallen, erg\u00e4nzt sich aber phantastisch mit der\nentgegengesetzten Tendenz, unbetonte Vokale am Wortende (und auch am Wortanfang\nund \u00fcberhaupt \u00fcberall) zu eliminieren:&nbsp;<em>estudante<\/em>,&nbsp;<em>estive<\/em>,&nbsp;<em>ver\u00e3o<\/em>,&nbsp;<em>pessoa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gehen wir in das Fado-Lokal im Zentrum von Coimbra. Ich bin schon oft\ndran vorbeigekommen, habe aber immer nach etwas \u201cAuthentischerem\u201d gesucht. Ist\naber gut, kurzweilig und informativ, auch wenn fast ausschlie\u00dflich Ausl\u00e4nder da\nsind. Der kleine Raum ist voll besetzt, ca. 30 Zuh\u00f6rer. Es gibt instrumentale\nund vokale St\u00fccke, die von der Universit\u00e4t, vom Abschied, von der Freiheit, vor\nallem aber von Coimbra handeln. Von den Liedern verstehe ich nur einzelne\nW\u00f6rter:&nbsp;<em>vento<\/em>,&nbsp;<em>sorriso<\/em>, bandeira,&nbsp;<em>capa<\/em>&nbsp;<em>negra<\/em>,&nbsp;<em>levar\npara a<\/em>&nbsp;<em>vida<\/em>. Von der Erkl\u00e4rungen verstehe ich fast alles, von\nder Frau, die durch das Programm f\u00fchrt noch mehr als von den S\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\nden Ursprung des Fado gibt es drei Theorien: von brasilianischen Studenten im\n19. Jahrhundert nach Coimbra gebracht, von Lissabon nach Coimbra gekommen, um\nhier seine Eigenheit zu entwickeln, von dem mittelalterlichen Troubadouren\nabstammend.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nCoimbra wird der Fado immer von Studenten und ehemaligen Studenten (hier bei\nuns wohl ausschlie\u00dflich ehemalige Studenten), die in der schwarzen Toga\nauftreten. Wir haben zwei Musiker und zwei S\u00e4nger, der erste mit einer\nangenehmeren, der zweite mit einer kr\u00e4ftigeren Stimme. Die Musiker spielen\nGitarre und Portugiesische Gitarre, wobei die durch ihren etwas metallenen\nKlang die andere nicht so richtig zur Geltung kommen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen\nder Tradition von Coimbra l\u00e4sst man uns klatschen, es ist vermutlich\nvergebliche Liebesm\u00fch, die Touristen davon abzuhalten. Bei einem Lied wird aber\ndie Serenadentradition des Fado vorgef\u00fchrt \u2013 klassische Situation mit dem\nS\u00e4nger unter dem Fenster der Angebeteten \u2013 und statt Klatschens um dreimaliges\nHusten gebeten. So verlangte es die Tradition von Beistehenden, w\u00e4hrend die\nFrau, wollte sie ein positives Signal aussenden, dreimal das Licht aus- und\nanschalten musste. Gut, dass es schon elektrisches Licht gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6nes\nsprachliches Detail bei der Aufforderung, beim letzten Lied, beim angeblich\nbekanntesten portugiesischen Liedes der Welt (das ich nat\u00fcrlich nicht kenne)\nmitzusingen. Der Text lautet&nbsp;<em>la-la-la-la<\/em>. Als der S\u00e4nger die\nInstruktionen gibt, tut er das mit einem velaren \/l\/. Und outet sich damit als\nPortugiese.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In der\ngestern in Coimbra gekauften Geschichte Portugals gelesen, dass Lissabon erst\n1911 seine erste Universit\u00e4t bekommen hat, nachdem es im Mittelalter mehrmals\nzwischen Lissabon und Coimbra hin und her ging, von 1290 bis 1537. Meistens\nwaren es Unruhen, die die Verlegung in die andere Stadt verursachten. War es\nwildes Studentenleben oder politischer Protest? Vielleicht beides.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Gedicht\nvon Fernando Pessoa, in einem Lehrbuch gefunden:&nbsp;<em>Todas as cartas de\namor s\u00e3o rid\u00edculas. N\u00e3o seriam cartas de amor se n\u00e3o fossem rid\u00edculas. Tamb\u00e9m\nescrevi em meu tempo cartas de amor, como as outras, rid\u00edculas. As cartas de\namor, se h\u00e1 amor, t\u00eam de ser rid\u00edculas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4chtliche\nRuhest\u00f6rung, aber nicht durch bellende Hunde, sondern durch ein Ger\u00e4usch in der\nH\u00fctte, das wie das Piepsen eines eingeschlossenen Vogels klingt. Oder piepsen\nM\u00e4use so? Ich stehe auf und gehe der Sache auf den Grund. Das Ger\u00e4usch ist zu\nregelm\u00e4\u00dfig und zu mechanisch, um von einem Tier zu kommen, aber es ist nicht zu\nlokalisieren. Kommt es aus dem Kamin, kommt es aus dem Fernseher? Es klingt\nnach Warnung. Als ich schon fast aufgeben will, entdecke ich hinter einem\nPfeiler einen Rauchmelder. Er vermeldet aber keinen Rauch, sondern einfach,\ndass die Batterie leer ist. Als ich sie herausnehme, kehrt wieder Ruhe ein.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Lehrbuchdialog achte ich zum ersten Mal auf die portugiesische Aussprache\nvon&nbsp;<em>queria<\/em>&nbsp;und wende das im Caf\u00e9 in Miranda gleich an.\nFilomena erwischt mich in dem Caf\u00e9 und erkl\u00e4rt mir gleich, wie das Geb\u00e4ck\nhei\u00dft, dass ich aufs Geratewohl bestellt habe:&nbsp;<em>arrufada<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>p\u00e3o\nde Deus<\/em>. Wo wir schon dabei sind, erkl\u00e4rt sie mir auch, dass aus Tent\u00fagal\ngleich zwei Geb\u00e4ckst\u00fccke kommen, das l\u00e4ngliche, das ich kenne, und ein\nsternenf\u00f6rmiges, das, wie sie findet, besser schmeckt. In Tent\u00fagal gibt es ein\nCaf\u00e9, in dem man bei der Zubereitung zugucken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeitung habe\nich von einem G\u00e4rtner gelesen, der jedes Jahr um diese Zeit 50.000 Exemplare\nvon einer Pflanze, rundlich, mit dichtem Kopf, verkauft. Es handelt sich um\nBasilikum, und zwar&nbsp;<em>manjericos<\/em>, nicht identisch mit dem\nK\u00fcchenkraut,&nbsp;<em>manjeric\u00e3o<\/em>. Jedes Jahr am 13. Juni, dem Fest des Santo\nAntonio, schenkt man sich&nbsp;<em>manjericos<\/em>, versehen mit einem F\u00e4hnchen,\nauf dem ein Vierzeiler steht. Einer popul\u00e4ren Vorstellung zufolge ist es\ngef\u00e4hrlich, mit der Nase am&nbsp;<em>manjericos&nbsp;<\/em>zu riechen,\nlebensgef\u00e4hrlich. Im Internet sieht man Passanten, die von einem Fernsehteam\nauf der Stra\u00dfe interviewt werden. Die meisten lassen sie Hand vorsichtig \u00fcber\nden Kopf der Pflanze gleiten und f\u00fchren dann die Hand an die Nase. Aber nicht\nalle sind mit dieser Tradition vertraut, und viele riechen einfach mit der\nNase. Tot umfallen sieht man keinen. Die meisten, aber nicht alle kennen die\nVerbindung von&nbsp;<em>manjerito<\/em>&nbsp;und Santo Antonio.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\netwas merkw\u00fcrdige Name eines kleinen Ladens in der Innenstadt Coimbras,&nbsp;<em>Trouxa\nMocha<\/em>, reimt sich, auch wenn es nicht so aussieht. Das scheint auch das\nwichtigste Motiv f\u00fcr die Namensgebung zu sein, denn viel Sinn ergibt das nicht.\nMit&nbsp;<em>trouxa<\/em>&nbsp;bezeichnet man ein B\u00fcndel, und an dieser Stelle ist\ndas wohl ein Hinweis auf das B\u00fcndel, das die Frauen Coimbras auf dem Kopf\ntrugen, wenn sie zur Wasserstelle gingen. Aber wie es sich mit&nbsp;<em>mocha<\/em>&nbsp;vertr\u00e4gt,\nist nicht klar. Bis das Internet Aufschluss gibt:&nbsp;<em>trouxa-mocha<\/em>&nbsp;ist\neine umgangssprachliche Variante von&nbsp;<em>trouxe-mouxe<\/em>, \u2018drunter und\ndr\u00fcber\u2019, abgeleitet von span.&nbsp;<em>troche y moche<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n\u00fcberlasse die H\u00fctte den Vermietern und tausche sie f\u00fcr ein Wochenende gegen ein\nHotel in Tomar ein. Dort ist es, wider alle Vorhersagen, sonnig und warm. In\nder Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sehe ich einen Sicherungskasten, der blau angestrichen ist\nund einen Richtungshinweis f\u00fcr den Weg nach Santiago enth\u00e4lt und einen, der\nwei\u00df angestrichen ist und eine Partitur und das stilisierte Portr\u00e4t eines\nS\u00e4ngers und eines S\u00e4ngerin enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nCaf\u00e9&nbsp;<em>Dianjo<\/em>&nbsp;gibt es lustige Toilettenzeichen: Ein Mann und\neine Frau, die ein dringendes Bed\u00fcrfnis haben, stehen mit gekreuzten Beinen vor\nder verschlossenen Toilette. Erinnert mich an Peter Sellers in&nbsp;<em>The\nParty<\/em>. Und daran, dass jemand gesagt hat, das sei die Best\u00e4tigung von\nEinsteins Theorie der Relativit\u00e4t der Zeit: eine Minute hinter, eine Minute vor\nder verschlossenen Toilettent\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe zielstrebig zum&nbsp;<em>Museu dos F\u00f3sforos<\/em>, einem Tipp von Filomena.\nEs befindet sich am Rande der Altstadt in dem ehemaligen Franziskanerkloster.\nMan kommt in einen Innenhof mit riesigen, dicht bebl\u00e4tterten, intensiv\nriechenden Kastanien.<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner Seite des Innenhofs liegt unauff\u00e4llig der Eingang zum Museum. Der\nEintritt ist frei. In einer Flucht von gleich gro\u00dfen R\u00e4umen gibt es hier\nStreichholzschachteln zu sehen, nichts als Streichholzschachteln, zu Tausenden\nund Abertausenden, alle hinter Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nkleinen Einf\u00fchrung hei\u00dft es, dass das Feuermachen bis Mitte des 19.\nJahrhunderts auch bei dem effizientesten Methode, dem Feuerstein, noch zwischen\ndrei und drei\u00dfig Minuten dauerte. Einem Briten, John Walker, gelang es dann,\neine Mischung chemischer Substanzen zum Brennen zu bringen, und diese Methode\nwurde dann von einem Schweden \u2013 nat\u00fcrlich, ich wusste, das Schweden hier\nvorkommen w\u00fcrde \u2013 perfektioniert, einem Mann namens Pasch.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nPortugal gab es 1895 eine gro\u00dfe Zahl von Fabriken, die Streichh\u00f6lzer\nherstellten. Die wurden dann in einem staatlichen Konzern zusammengefasst.\nDessen Monopol wurde dann 1926 wieder aufgehoben. Es entstanden drei\nunabh\u00e4ngige Unternehmen, von denen sp\u00e4ter zwei fusionierten und von Schweden\naufgekauft wurden. Bleibt noch eine portugiesische.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nersten Vitrine sind die beiden Streichholzschachteln, eigentlich keine\nSchachteln, sondern Hefte, so wie man sie fr\u00fcher hatte, pr\u00e4sentiert: eins mit\ndem Portr\u00e4t der jungen englischen K\u00f6nigin, eins mit dem k\u00f6niglichen Wappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nrestliche Sammlung ist dann nach L\u00e4ndern sortiert. H\u00e4tte man auch anders machen\nk\u00f6nnen, nach Formen und Motiven, aber auch so ist es interessant. Erkl\u00e4rungen\ngibt es keine \u2013 nur Streichholzschachteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben\nden klassischen Schachteln gibt es die genannten Hefte und dann alle m\u00f6glichen\nanderen Formen, Zylinder und Quader, in allen erdenklichen Gr\u00f6\u00dfen. Die\nkleinsten Schachteln sind vielleicht so gro\u00df wie eine Fingerkuppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind\nalle L\u00e4nder vertreten, die man sich vorstellen kann: Japan, Honduras, Bahrain,\nPakistan, Togo, Neuseeland, Liechtenstein usw. Man m\u00fcsste sich anstrengen, um\neins zu finden, das nicht vertreten ist. Der Vatikan vielleicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Motive\naus der Kunst tauchen immer wieder auf, Klassiker, El Greco, Vel\u00e1zquez,\nnat\u00fcrlich die Mona Lisa, aber kaum moderne Kunst. Fu\u00dfball ist auch ein\nwiederkehrendes Thema, bei Italien die WM im eigenen Lande, bei Spanien Serien\nvon Streichholzschachteln, die die Spieler einer ganzen Mannschaft zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Italien\nhat auch ganz kleine, verzierte Schachteln, mit Relief, in winzigen Linien,\nsilbern und golden gl\u00e4nzend, werden Kosmetika dargestellt: B\u00fcrste, Spiegel,\nParf\u00fcm.<\/p>\n\n\n\n<p>Portugal\nhat die K\u00fcchenthematik. Der Name eines Gerichts plus Bild erscheint auf der\nVorderseite, auf der R\u00fcckseite das Rezept.<\/p>\n\n\n\n<p>Portugal\nhat auch eine Abteilung mit politischer Propaganda, meist von politischen\nParteien:&nbsp;<em>Vota Soares! Portugal vai ganhar! Povo est\u00e1 com MEA.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\nStreichholzschachteln aus Russland und aus der Sowjetunion. Die kommen\nerstaunlicherweise ohne Propaganda aus, wie auch die aus der DDR. Da spielt\nBerlin die Vorreiterrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der\nBundesrepublik gibt es Serie von Streichholzschachteln \u2013 von REWE oder Vege\nherausgegeben \u2013 mit Musikinstrumenten und den Wappen von St\u00e4dten, darunter\nDuisburg, Koblenz und Bielefeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unter&nbsp;<em>Rep\u00fablica\nFederal da Alemanha<\/em>&nbsp;eingeordnet ist eine Streichholzschachtel mit drei\nverschiedenfarbigen Streifen und der Aufschrift:&nbsp;<em>Ein Volk \u2013 Ein Reich \u2013\nEin F\u00fchrer<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Museum gehe ich noch in die Klosterkirche, die noch erhalten ist, nichts\nBesonderes auf den ersten Blick, barock, dreischiffig, aber mit Kapellen in den\nSeitenschiffen, wie ein einheitlicher Raum wirkend. In einer der Seitenkapellen\nein beleuchteter, goldener Tabernakel mit der Darstellung der Szene in Emmaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Chor\ndann aber der Hammer: Erh\u00f6ht, hinter dem Altar, eine \u00fcberdimensionale\nKreuzigungsszene, mit lebensgro\u00dfen Figuren: die drei Trauernden, r\u00f6mische\nSoldaten mit Lanzen, am Rande Figuren, die mit der Vorgeschichte zu haben\nk\u00f6nnten, vielleicht Pontius Pilatus, vor allem aber, zu den Seiten Jesus\u2018, die\nbeiden Sch\u00e4cher. Warum wird das eigentlich so selten dargestellt? Die Szene hat\netwas Gro\u00dfartiges. Leider kann man sie nur aus der Distanz ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe zum Auto zur\u00fcck und fahre, statt zum Hotel, den Schildern nach, die zum&nbsp;<em>Aqueducto\ndos Peg\u0445es<\/em>&nbsp;f\u00fchren. Absolut lohnenswert. Der Aqu\u00e4dukt zieht sich mit\neiner eleganten Windung durch das einsame Tal. Wunderbar. Er ist f\u00fcnf Kilometer\nlang und wurde w\u00e4hrend der spanischen Herrschaft zur Wasserversorgung des\nKonvents gebaut. An den h\u00f6heren Stellen ist der Aqu\u00e4dukt einst\u00f6ckig, im Tal\nzweist\u00f6ckig, da ruht er auf spitz zulaufenden Arkaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSonne zeichnet die Silhouette des Aqu\u00e4dukts auf das Stra\u00dfenpflaster. Das ist\nein sch\u00f6nes Photomotiv, aber auch die Ansichten von etwas weiter entfernt, wo\nman den Aqu\u00e4dukt ganz gradlinig verlaufen sieht, mit der Sonne im Hintergrund\nund dem Gr\u00fcn der Pflanzen, das auf den Arkaden zum Vortritt kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\neinzelnen B\u00f6gen stehen in einem Abstand von ungef\u00e4hr f\u00fcnf Metern, und in\ngr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden gibt es eine Art Wachhaus. Auf eins davon kann man\nraufsteigen und den Aqu\u00e4dukt von oben sehen. Neben der Rinne f\u00fcr das Wasser\nverl\u00e4uft parallel in schmaler Weg, da passen keine zwei nebeneinander.\nVermutlich zur Kontrolle und f\u00fcr Ausbesserungsarbeiten. Auf der Wasserrinne\nliegen quer einzelne Steinquader, die sie zudecken. So war es urspr\u00fcnglich\nvermutlich \u00fcberall. Das Wasser wurde sauber gehalten. Beeindruckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen guten Blick auf\nden Konvent hat man von etwas weiter unterhalb, auf halber H\u00f6he zur Stadt. Da\nist man etwa auf der H\u00f6he des Konvents. Sehr sch\u00f6n kommt hier auch die\nau\u00dferhalb des Konvents liegende Kapelle zur Geltung. Die haben wir bei einem\nder Besuche in Tomar gesehen, wussten aber nicht, was es war. Es ist die&nbsp;<em>Capella\nde Nossa Senhora da Concei\u00e7\u0433o<\/em>, ein Bau aus der fr\u00fchen Neuzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es endlich zum Hotel, dem Hotel dos Templ\u00e1rios. Das ist ziemlich genau das\nGegenteil von der H\u00fctte in Estrada de Viavai. Hat auch Swimmingpool und\nFitnessraum. Von beidem mache ich Gebrauch. Beim Swimmingpool erinnere ich mich\nan den Ausspruch \u201eEs geht doch nichts \u00fcber ein Rechteck\u201c und stimme vollen\nHerzens zu. Entsch\u00e4digt wird man mit einem Blick direkt vom Wasser auf den\nH\u00fcgel mit den&nbsp;<em>Convento de Cristo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nEssen geht es in ein ganz einfaches Lokal, das Pica Pau Amarelo, ein\nFamilienbetrieb, in dem nur Einheimische verkehren. Frau kocht, Mann serviert.\nIn dem kleinen Raum, einem ehemaligen Wohnzimmer, dr\u00e4ngen sich, bis direkt zum\nAusgang, kleine, quadratische Tische. Insgesamt vielleicht 25 Pl\u00e4tze, davon 20\nbesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nWand h\u00e4ngt aller m\u00f6glicher Krimskrams, aber die untere H\u00e4lfte hat sehr sch\u00f6ne\nKacheln, wei\u00df, mit blauen Ranken.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle\nbekommen das Men\u00fc, einheitlich, nur bei der Hauptspeise kann man w\u00e4hlen. Ich\nsage, ich wollte Fleisch, keinen Fisch. Fleisch h\u00e4tten sie nicht, sagt der\nMann. Es ist H\u00e4hnchen. Das z\u00e4hlt nicht als Fleisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal \u00fcberhaupt, nach f\u00fcnf Monaten, h\u00f6re ich, dass jemand&nbsp;<em>voc\u00ea<\/em>&nbsp;sagt.\nEine Frau gebraucht es, als sie den Wirt anspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nNachtisch f\u00e4llt mir auf, dass auch&nbsp;<em>sobremesa<\/em>&nbsp;ein falscher\nFreund ist. Im Portugiesischen ist es der Nachtisch, im Spanischen kommt\ndie&nbsp;<em>sobremesa<\/em>&nbsp;erst nach dem Nachtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend verliere ich mich noch ein bisschen und photographiere ein paar\nhistorische Fenster. Und sehe mir bereits bekannte Dinge mit neuen Augen an:\nDas Areal mit den ehemaligen Getreide- und \u00d6lm\u00fchlen an der Alten Br\u00fccke,\nLevada, ist ein St\u00fcck Land, das dem Fluss abgerungen wurde, zu der Zeit, als\nDom Henrique (das ist der Seefahrer) Gro\u00dfmeisters des Ordens war. Er ist auch derjenige,\nder i der gro\u00dfen Statue vor dem Park erscheint. Der Name Levada kommt von dem\nWort&nbsp;<em>levada<\/em>, \u201aM\u00fchlenbach\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndie leeren B\u00f6gen in der N\u00e4he der Neuen Br\u00fccke stammen aus seiner Zeit. Hier\nsollten H\u00e4user f\u00fcr seine Gefolgschaft entstehen. Ob die H\u00e4user gegen\u00fcber, die\nauch solche B\u00f6gen haben, die vollendete Version dieses Bauvorhabens sind oder\naus einer sp\u00e4teren Zeit stammen, ist nicht klar. Der Komplex hat den Namen\nEstaus. Ob das was bedeutet, ist nicht herauszufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\ngegen\u00fcber befindet sich ein l\u00e4ngliches Haus, die&nbsp;<em>Casa de Cubos<\/em>. Der\nBrosch\u00fcre zufolge ist sie ein moderner Pinselstrich innerhalb des historischen\nZentrums. Davon ist aber nichts zu sehen. Das Haus stammt aus derselben Zeit\nund war einst ein Lagerhaus des Ordens. Inzwischen ist es umgebaut und in ein\nMuseum verwandelt worden, und dieser Umbau hat verschiedene Architekturpreise\neingeheimst. Aber das ist von au\u00dfen nicht zu sehen. Und das Museum hat am\nWochenende geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Park vor dem\nHotel, dem&nbsp;<em>Parque Mouch\u00e3o<\/em>, eine moderne Statue von zwei M\u00e4nnern.\nSie sitzen auf einer Parkbank und scheinen in ein anregendes Gespr\u00e4ch\nverwickelt zu sein. Beide, Fernando Lopes-Gra\u00e7a, Komponist, und Fernando Ara\u00fajo\nFerreira, stammen aus Tomar. Das Geburtshaus von Lopes-Gra\u00e7a ist heute auch\nMuseum.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Fr\u00fchst\u00fcck fahre ich zur&nbsp;<em>Ermida de Nossa Senhora da Piedade<\/em>,\nerh\u00f6ht gelegen, mit sch\u00f6nem, aber von B\u00e4umen verstelltem Blick auf die Altstadt\nund auf das&nbsp;<em>Convento<\/em>. Innen gibt es nichts zu sehen, ein\n\u00fcberw\u00f6lbte, mit Kacheln verkleidete Apsis mit dem typischen kitschigen\nMadonnenbild. Von au\u00dfen ist die Kapelle ganz h\u00fcbsch, schlicht, mit dem typisch\nportugiesischen Schutzdach. Hierher f\u00fchrt auch ein Fu\u00dfweg, vermutlich direkt\nvon der Stadt aus, \u00fcber eine Vielzahl von Stufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur&nbsp;<em>Capella de Nossa Senhora da Concei\u00e7\u0433o<\/em>, auf demselben\nH\u00fcgel wie das&nbsp;<em>Convento<\/em>, aber etwas niedriger gelegen. Hier ist kein\nMensch, genauso wenig wie oben an der&nbsp;<em>Ermida<\/em>. Man kommt sich wie in\nItalien vor: ein niedriger, fast quadratischer Bau aus rechteckigen\nSandsteinbl\u00f6cken, schmale, rechteckige Fenster mit geraden Einfassungen und\nGiebeldreiecken, unter dem Dach Voluten. Renaissance pur, vielleicht bis auf\ndie Rosette \u00fcber dem Eingang, dem einzigen runden Gestaltungsteil. Leider\nverrammelt und verriegelt. Die Kapelle ist sch\u00f6n, aber ihre eigentliche Wirkung\nerreicht sie aus der Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nsp\u00e4ten Nachmittag kommen dann die Portugal-Fahrerinnen an, trotz der\nanstrengenden Tour guter Dinge und sofort bereit f\u00fcr einen Stadtrundgang. Schon\nnach ein paar Schritten sind wir beim&nbsp;<em>Mouch\u00e3o<\/em>, dem (nachgebauten)\nWasserrad arabischer Pr\u00e4gung im&nbsp;<em>Parque Mouch\u00e3o<\/em>. Das hat mir immer\nein R\u00e4tsel aufgegeben: Wie kommt man nur an das Wasser, das da gesch\u00f6pft wird?\nDie beiden wissen die Antwort: gar nicht. Es geht nicht um Wassersch\u00f6pfen,\nsondern um Wasserkraft. Mit solchen R\u00e4dern wurden die Getreide- und \u00d6lm\u00fchlen\nder&nbsp;<em>Levada<\/em>&nbsp;angetrieben. Und die auf den einzelnen Speichen\nangebrachten Keramikgef\u00e4\u00dfe, die das Wasser aufnehmen und dann wieder\naussch\u00fctten, dienen nur der Beschleunigung!<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nSynagoge findet gerade eine F\u00fchrung statt, auf Hebr\u00e4isch. Ich erfahre von den\nbeiden, dass diese Synagoge Teil eines Verbundes von Synagogen auf der\nIberischen Halbinsel ist, die besondere Bedeutung hatten. Ein j\u00fcdischer\nKulturverein k\u00fcmmert sich anscheinend um diese Synagogen und f\u00fchrt die Reisen\nund Besichtigungen durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ge\u00f6ffnet\nist dagegen Santa Ir\u00eda, gleich hinter der Br\u00fccke Richtung Neustadt, die Kapelle\nder Stadtheiligen, die im Nab\u00e3o ertr\u00e4nkt worden ist. Es ist zum ersten Mal,\ndass ich sie ge\u00f6ffnet vorfinde. Man ist beim Eintritt verwirrt, weil man die\nApsis direkt vor seiner Nase vermutet, sie ist aber links. Sch\u00f6n sind die\nKacheln im Langhaus, wenn man das denn so nennen kann: blau-gelb-wei\u00df, alles\nflorale Motive.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbeenden den Stadtrundgang bei einem Kaffee auf der Pra\u00e7a da Rep\u00fablica. Da\nerfahre ich, dass die erste, wirklich allzu eng gestrickte Route stark\nabge\u00e4ndert wurde. Unter anderem wurden Batalha und Alcoba\u00e7a gestrichen.\nImmerhin haben die beiden in zwei Tagen, Vila Vi\u00e7osa, \u00c9vora, Arraiolos und\nEstremoz besichtigt, aber von hier aus geht es dann f\u00fcr den Rest der Zeit nach\nLissabon. Besonders interessant war es in Arraiolos, dem Ort, der f\u00fcr seine\nkunstvollen Teppiche bekannt ist. Die beiden haben sogar zwei Teppiche gekauft,\nL\u00e4ufer eher, nicht zu gro\u00df f\u00fcr das Fluggep\u00e4ck. Die Teppichherstellung in\nArraiolos, erfahre ich, geht auf das 17. Jahrhundert zur\u00fcck. Mann kann vier\nPhasen unterscheiden: eine erste mit persischem Motiven und leuchtenden Farben,\neine zweite mit volkst\u00fcmlichen Motiven und gedeckten Farben, eine dritte mit\ngro\u00dfen Blumen in wenigen Farben. Bis dahin wurde das Handwerk von Mutter zu\nTochter weitergegeben, dann drohte es auszusterben. Jetzt erlebt es aber eine\nRenaissance, mit einer bunten Mischung von Motiven. Die beiden haben sich\nverschiedene L\u00e4den angesehen und dann bei einer Frau gekauft, die dem Papst bei\neiner gr\u00f6\u00dferen Audienz einen Teppich \u00fcberreicht und eine der Lissabonner\nStra\u00dfenbahnen ausgestattet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden haben am Stra\u00dfenrand Kirschen gekauft, eine ganze Kiste. Wo kommen die\nKirschen nur her? Kirschb\u00e4ume sind weit und breit keine zu sehen. Dem Internet\nzufolge ist das wichtigste Anbaugebiet f\u00fcr Kirschen in Portugal die&nbsp;<em>Serra\nda Estrela.&nbsp;<\/em>Wir spekulieren aber auch dar\u00fcber, ob sie nicht vielleicht\naus Gew\u00e4chsh\u00e4usern kommen \u2013 oder gar aus Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine\nErfahrungen mit dem Wetter hier in Portugal werden mit \u00dcberraschung zur\nKenntnis genommen. Weniger \u00dcberraschung l\u00f6st die Erfahrung aus, dass keine\nengen Kontakte entstanden sind. Die beiden haben die Portugiesen als meist\nfreundliche, aber auch zur\u00fcckhaltende und eher herbe Menschen kennengelernt.\nBeide haben schon ausgiebige Reiseerfahrungen in Portugal und dar\u00fcber hinaus\nportugiesische Kontakte in der Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<em>Casa\ndas Ratas<\/em>, die ich voreilig f\u00fcr das Abendessen vorgeschlagen hatte, macht\nBetriebsferien. Seit heute. Gestern war sie noch ge\u00f6ffnet. Wir sehen uns auf\nder Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe um und stellen zu unserer Verbl\u00fcffung fest, dass alles\ngeschlossen ist, auch das Caf\u00e9 Paraiso, wo ich gestern um diese Zeit noch ein\nBier getrunken habe. Sonntagabend scheint kein Ausgehabend zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfinden dann aber einen Platz im Bela Vista, wo man unter Arkaden und Ranken\ndrau\u00dfen sitzt und wirklich einen sch\u00f6nen Blick auf den Fluss und die Alte Br\u00fccke\nhat. Wir bestellen drei verschiedene Gerichte,&nbsp;<em>Bacalhau<\/em>,&nbsp;<em>Cabrito\nAsado<\/em>&nbsp;und ein Gericht, in dessen Name das Wort&nbsp;<em>espiritual<\/em>&nbsp;vorkommt.\nEs stellt sich heraus, dass es Fleisch mit Muscheln ist. Die beiden finden hier\nihr Urteil \u00fcber die portugiesische K\u00fcche best\u00e4tigt: ordentlich, aber nichts f\u00fcr\nFeinschmecker. Und hier, in einem typischen Touristenlokal, sind die Preise\nauch etwas h\u00f6her. Der Wein, der als \u201clokal\u201d angek\u00fcndigt wird, ist aus dem\nAlentejo und h\u00f6chstens durchschnittlich. Trotzdem ein sch\u00f6ner, langer Abend mit\nstimulierenden Gespr\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck sind wir uns angesichts des Buffets einig, dass nichts \u00fcber die alte\nForm des Fr\u00fchst\u00fccks mit Bedienung geht. Gibt es heute nur noch selten, am\nehesten in Privatpensionen. Oder beim B&amp;B in England.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nBuffet ist auch die Quitten-Marmelade vertreten, und wir sprechen \u00fcber das\nirref\u00fchrende Wort&nbsp;<em>marmelada<\/em>. Die Frage, wie das denn auf Spanisch\nhei\u00dft, kann ich nicht beantworten. Vergessen. Das Wort kommt auch sp\u00e4ter nicht\nund ich muss es nachschlagen:&nbsp;<em>membrillo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nAbschluss werde ich mit Geschenken \u00fcbersch\u00fcttet, verschiedene mit Bezug auf\nTrier. Passt zur bevorstehenden R\u00fcckkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg, \u00fcber die Landstra\u00dfe, habe ich eine BMW-Fahrerin vor mir, die immer\nwieder, v\u00f6llig unvorhersehbar, beschleunigt und verlangsamt und au\u00dferdem nicht\ngeradeaus fahren kann. Macht das \u00dcberholen schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal\nachte ich auf die genaue Distanz: Es sind nur 45 km zur H\u00fctte, wenig mehr als\nnach Coimbra.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFahrt f\u00fchrt durch ein Dorf mit dem Namen&nbsp;<em>Freixo<\/em>, und schon wieder\nhabe ich die Bedeutung vergessen. Das W\u00f6rterbuch wei\u00df die Antwort: Esche.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nallen Lehrb\u00fcchern gibt es eine Lektion \u00fcber die Uhrzeit, und trotzdem\nbeherrsche ich das nicht. Es kommt einfach nicht vor. Noch nie hat mich jemand\nnach der Uhrzeit gefragt, und ich habe auch noch niemanden gefragt. Angesichts\ndes allgegenw\u00e4rtigen Handys er\u00fcbrigt sich das vielleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHimmel ist bedeckt, den ganzen Tag \u00fcber kaum ein Sonnenschein, obwohl es\nsommerlich warm ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gibt es\neine Autorenlesung, besser gesagt ein Treffen mit einer Autorin, einer gewissen\nJan Carlson, einer nordirischen Autorin. Die Veranstaltung ist Teil eines\ngr\u00f6\u00dferen Literaturfestivals, das hier in diesen Tagen an verschiedenen Orten stattfindet.\nBeachtlich, dass sie das hier in dieser gottverlassenen Gegend auf die Beine\ngestellt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nTreffen findet im Hotel des&nbsp;<em>Parque Biol\u00f3gico<\/em>&nbsp;in Miranda statt.\nAls ich ankomme, ist noch keiner da, und an der Rezeption wei\u00df man von nichts,\naber sp\u00e4ter kl\u00e4rt sich alles auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nWC Piktogramme, wie ich sie vor vielen Jahren mal im Ausland, in Russland\nwahrscheinlich, gesehen habe, ganz einfach, nur geometrische Formen, Dreieck\nund Kreis, unterschiedlich angeordnet, und eine ganz kurze Linie, und trotzdem\nsofort als Mann bzw. Frau identifizierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan\nCarson ist eine nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig schlanke Frau mit hellblondem Pony, knallroten\nLippen und einer ebenso knallroten Halskette mit gro\u00dfen Elementen aus Holz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor\nes losgeht, h\u00f6re ich, wie sie mit einer Frau aus Kalifornien spricht. Sie\nerw\u00e4hnt, dass sie l\u00e4nger in Portland, Oregon, gelebt hat. Und ich habe erst im\nletzten Moment mein T-Shirt aus \u201cBridgetown\u201d gegen einen anst\u00e4ndigen Pullover\neingetauscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nsagt, Portland, Budapest und Belfast seien St\u00e4dte, die durch den Fluss in zwei\nsehr unterschiedliche H\u00e4lften getrennt w\u00fcrden. Gute Beobachtung, kann ich f\u00fcr\nPortland und Budapest best\u00e4tigen. Aber in London, sagt sie, sei das anders. Das\nliege am Verlauf der Themse, die schl\u00e4ngele sich so durch die Stadt. Bl\u00fchender\nUnsinn! Londons S\u00fcden ist historisch und sozial ganz anders als der Norden, und\nder schl\u00e4ngelnde Fluss hat daran nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es\ndann offiziell losgeht, erz\u00e4hlt sie zuerst von ihrem Leben. Sie spricht mit\neinem markanten irischen Akzent:&nbsp;<em>buildings<\/em>&nbsp;sind&nbsp;<em>beldings<\/em>,&nbsp;<em>sixty-six<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>sexty-sex<\/em>,&nbsp;<em>out<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>oit<\/em>,&nbsp;<em>music<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>musak<\/em>,&nbsp;<em>weeks<\/em>&nbsp;sind&nbsp;<em>wakes<\/em>,&nbsp;<em>books<\/em>&nbsp;sind&nbsp;<em>bocks<\/em>,&nbsp;<em>ground<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>grind<\/em>,&nbsp;<em>leave<\/em>&nbsp;ist&nbsp;<em>lave,\nhistory&nbsp;<\/em>ist<em>&nbsp;hestory<\/em>. Man kann zwar (fast) alles verstehen,\naber manchmal erst im \u201cNachhinein\u201d, nachdem man ein Wort auf den zweiten Blick\nidentifiziert und dann den Satz neu aufgerollt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist\nin einer presbyterianischen Familie aufgewachsen, in der es nichts zu lachen\ngab: \u201cNo dance, no drinks, not much fun.\u201d Sie fasst die Atmosph\u00e4re in dem\nWort&nbsp;<em>dour<\/em>&nbsp;zusammen. Deshalb die vielen Auslandserfahrungen,\nder Ausbruch aus der engen Welt des Elternhauses, die Flucht nach Portland, die\ndann erst die vers\u00f6hnliche R\u00fcckkehr nach Nordirland erm\u00f6glicht hat. Sie lebt\njetzt im Osten Belfasts, wieder in einer sehr protestantischen Gegend. Belfast\nsei jetzt, seit dem&nbsp;<em>Good Friday Agreement<\/em>, lebenswert. Auch wenn\ndie Gewalt immer noch in der Luft liege. Sie findet, es ist ein Mikrokosmos, in\ndem sich alle Probleme der Welt spiegeln. Das ist doch vielleicht ein bisschen\nzu hoch gegriffen, und letztlich auch eine Form von Lokalpatriotismus, aber man\nsieht, dass sie sich mit ihrer Stadt identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSegregation halte an. Die meisten Kinder gingen auf konfessionell gepr\u00e4gte\nSchulen, \u00fcber 90%, ihr Neffe und ihre Nichte nicht, sie geh\u00f6ren zu den\nAusnahmen, und mit ihnen verbindet sie heute mehr als mit ihren Eltern. Die\nwiederum lebten in einer v\u00f6llig anderen Welt als ihre Enkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat\nden Eintritt in die Gesellschaft von K\u00fcnstlern (und anderen kreativen Menschen)\nals befreiend empfunden, weil dort Konfession keine Rolle spiele, und \u00fcberhaupt\nEinordnungen dieser Art nicht. Das ist dann doch vielleicht etwas naiv gedacht.\nAber man kann sich vorstellen, dass es dort etwas anders zugeht als in einem streng\npresbyterianischen Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nEngl\u00e4nder will wissen, ob die \u201cEurop\u00e4er\u201d denn das Nordirland-Problem\nverst\u00fcnden. Nein, sagt sie, sie w\u00e4re schon froh, wenn die Briten das t\u00e4ten. Das\nsei aber nicht der Fall. Als Beispiel nennt sie die Weigerung der Briten, Pfund-Noten\nanzunehmen, die von der Bank in Nordirland ausgegeben wurden. Ist mir mit\nschottischen Geldscheinen auch schon passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nkommt das Thema&nbsp;<em>Demenz<\/em>&nbsp;in ihre B\u00fccher? Sie erz\u00e4hlt, drei ihrer\nvier Gro\u00dfeltern h\u00e4tten Demenz (gehabt), und so sei sie mit dem Thema ganz\nunmittelbar in Ber\u00fchrung gekommen. Heute f\u00fchrt sie kleinere Veranstaltungen mit\nDemenzkranken durch. Sie erz\u00e4hlt, wie die kranken Menschen ein Wort\nparaphrasieren, auf das sie nicht kommen. Das erscheint ihr viel \u201cpoetischer\u201d\nals das konventionelle Wort. Eine Kranke, die wie viele andere&nbsp;<em>Margaret<\/em>&nbsp;hei\u00dft,\nstellt sich als&nbsp;<em>Marsbar<\/em>&nbsp;vor und sagt ihr, sie k\u00f6nne sie&nbsp;<em>Mars<\/em>&nbsp;nennen.\nIhren Namen, Jan, ersetzt eine der Kranken durch eine kreisende Geste, die auf\nihre roten Lippen verweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nbetont, wie wichtig Musik und Ber\u00fchrung seien. Eine der alten Frauen schlage\nimmer mit einer Hand auf den Platz auf dem Sofa neben ihr, so lange bis sie,\nJan, ihre Hand nehme. Dann sei es gut.<\/p>\n\n\n\n<p>In den\nB\u00fcchern schl\u00e4gt sich das Thema in der Form von Charakteren nieder, die an\nDemenz leiden. Sie berichtet auch von einem universit\u00e4ren Projekt, das sich der\nUntersuchung von B\u00fcchern widmet, in denen Demenz ein Thema ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es\n\u00dcbersetzungen ihrer Texte gebe, wird sie gefragt. Ja, ein paar, darunter\nKroatisch und Chinesisch. Den Balkan erw\u00e4hnt sie immer wieder, da verstehe man\nNordirland. Im Oktober f\u00e4hrt sie zur Buchmesse nach Frankfurt und hofft, einen\nVerlag zu finden, der etwas auf Deutsch publiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nerz\u00e4hlt, wie wichtig es ist, ein Honorar zu bekommen, wenn man etwas\nver\u00f6ffentlicht hat. Der erste Scheck, der ihr in den USA ausgestellt wurde,\nbelief sich auf drei Dollar. Als sie den Scheck dann einl\u00f6sen wollte, habe die\nBank daf\u00fcr eine Geb\u00fchr verlangt, zwei Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nwenigen Passagen, die sie liest, h\u00f6ren sich nach schlichten Alltagserfahrungen\nan und passen nicht so ganz zu dem Etikett&nbsp;<em>Magischer Realismus<\/em>, das\nsie sich selbst verpasst. Trotzdem: eine interessante Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht erz\u00e4hlt Emma von einem jungen deutschen Gesch\u00e4ftsmann in England,\nder, gefragt wie es so laufe, gesagt haben soll: \u201cI have my finger in every\ntart.\u201d Ob man daraus ableiten kann, dass man die Finger von den Redewendungen\nlassen soll? Da kann ich nicht zustimmen. Wo ges\u00e4gt wird, fliegen auch Sp\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\neinem Mitsch\u00fcler, John, werde ich auf einen weiteren falschen Freund aufmerksam\ngemacht:&nbsp;<em>pasta<\/em>. Das hei\u00dft \u2018Tasche\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>John\nhat fr\u00fcher Russisch unterrichtet. Er habe seinen Sch\u00fclern immer gesagt: Keine\nSorge, das Alphabet, das euch jetzt so verschreckt, werdet ihr in ein paar\nWochen nicht mehr als das gr\u00f6\u00dfte Problem ansehen. Recht hat er.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nim&nbsp;<em>Intermarch\u00e9<\/em>&nbsp;am Gem\u00fcsestand steht, spricht mich auf einmal\njemand an. Es ist Paul, ein weiterer Mitsch\u00fcler. Er wirft mir einen Ball zu,\nindem er, genau nach dem Muster der \u00dcbung im Unterricht, den Nebensatz vorgibt,\nden ich dann mit dem Hauptsatz vervollst\u00e4ndige.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nregnet und st\u00fcrmt, und der Himmel ist wolkenverhangen. Es will gar nicht\nrichtig hell werden.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Falsche\nFreunde sind eine Sache, \u00e4hnlich klingende W\u00f6rter eine andere. Beide k\u00f6nnen das\nVerst\u00e4ndnis erschweren. Wie heute morgen bei der Lekt\u00fcre, als ich bei&nbsp;<em>queixo<\/em>,\n\u2018Kinn\u2019 an&nbsp;<em>queijo<\/em>, \u2018K\u00e4se\u2019 dachte. Ergab irgendwie keinen Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Laufen\nkomme ich an einem Mann vorbei, der unter einem Vordach steht. Er zeigt mit dem\nFinger nach oben und sagt: \u201cChove.\u201d Ja, das war mir auch schon aufgefallen. Der\nRegen hat auch etwas Gutes: Die meisten Hunde haben sich verkrochen und\nbeachten mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nPortugal werden jetzt auch wieder Ziegen gegen den Waldbrand eingesetzt. Sie\nwerden engagiert, um den Wald \u201caufzur\u00e4umen\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nGeldautomaten in Coimbra, bei&nbsp;<em>Lidl<\/em>&nbsp;direkt im Laden, gibt es\nwieder nur lauter kleine Scheine. W\u00fcsste nicht, dass ich schon mal einen\nF\u00fcnfziger bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zum Bahnhof. Die n\u00e4chste Besucherin, die Vivera. Sie hat eine Hinreise\nmit Hindernissen hinter sich: Langes Warten im Flugzeug auf den Start, dann\nAbsage des Flugs, Unterbringung in Hotels und Neustart am Tag darauf. Die\nBilligfluglinie verteilt nicht einmal Wasser an die Passagiere, die aus dem\nFlugzeug hinauskomplimentiert wurden und auf die Zuweisung des Hotels warteten.\nDie Ausgaben f\u00fcr Taxi und Hotel m\u00fcssen die Passagiere leisten und dann bei der\nFluglinie zur\u00fcckfordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\nnach der Ankunft des Zugs kommt f\u00fcr einen Moment wenigstens ein Sonnenstrahl\ndurch. Wenigstens regnet es nicht mehr. Die Vivera ist sofort sehr angetan von\nder Gegend \u2013 und von der H\u00fctte ebenso.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nsehen wir gleich mehrmals einen Laster, der abgesch\u00e4lte Korkrinde geladen hat.\nDie Vivera hat einen Blick f\u00fcr so was.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Instruktiver\nRundgang um das Dorf. Am Ende kann ich Pfirsich und Feige identifizieren, nur\nmit der Walnuss hapert es noch. Wir pfl\u00fccken eine Walnuss und \u00f6ffnen sie.\nVorsicht: Gibt braune Finger! Ich erfahre, dass man die Walnuss auch zum F\u00e4rben\ngebrauchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer\nPfirsichen und Feigen und Waln\u00fcssen sehen wir Birnen, Mirabellen, Pflaumen,\nZitronen, Apfelsinen, Quitten und Mispeln. Bei denen ist es ausnahmsweise an\nmir, sie zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\nzu identifizieren ist ein Baum mit auff\u00e4lligem Accessoire, gelblichen,\nk\u00e4tzchen\u00e4hnlichen Bl\u00fctenst\u00e4nden, die aus den einzelnen Bl\u00e4ttern heraustreten.\nWie schmale Flaschenputzer. Es gibt zwei Varianten davon, eine mit h\u00e4ngenden,\neine mit stehenden Str\u00e4ngen. Wir m\u00fcssen das Trierer Orakel dazu befragen. Die\nAntwort kommt postwendend: Kastanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Unklar\nbleibt die Verwendung von abgeschnittenen Plastikflaschen, die den Pfl\u00f6cken\neines Weinfeldes aufgepfropft sind. Woanders sieht man sie auf die Pflanzen\naufgepfropft. Erinnert mich an Griechenland, genauso wie die Mispeln und die\nWachhunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nreiben an Minze und Fenchel und Rosmarin und sehen in den Gem\u00fcseg\u00e4rten Rote\nBete, K\u00fcrbis, Zucchini, Salat, Zwiebeln, Bohnen und Tomaten. Die Zwiebeln\nbl\u00fchen, mit einer runden Bl\u00fcte, die wie die gro\u00dfe Schwester des L\u00f6wenzahns\naussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;<em>Bete<\/em>&nbsp;in&nbsp;<em>Rote\nBete<\/em>, erfahre ich, ist von Lateinisch&nbsp;<em>beta<\/em>&nbsp;abgeleitet,\n\u2018rote R\u00fcbe\u2019.&nbsp;<em>Rote Bete<\/em>&nbsp;ist also doppelt gemoppelt. Dass die Schreibweise&nbsp;<em>Bete<\/em>,\nwie die Vivera behauptet, richtig sei und die andere falsch, best\u00e4tigt der\nDuden nicht. Der erlaubt beide Schreibweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nden Blumen gef\u00e4llt mir besonders das Wandelr\u00f6schen. Es hat seinen Namen nicht\numsonst. Es bl\u00fcht im inneren Ring gelb, w\u00e4hrend sie sich zum \u00e4u\u00dferen Rand hin\nmit zunehmendem Alter in kr\u00e4ftiger werdendem Orange pr\u00e4sentiert. Hier kann man\nan einem Strauch gut die verschiedenen Phasen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben\ngibt es Blumen zu sehen, die auf so klingende Namen wie Bougainvillea,\nSkabiosen, Agapanthus und Hortensien h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sch\u00f6nsten f\u00fcr mich eine Biene, die sich an den merkw\u00fcrdigen B\u00e4umen zu schaffen macht und an den Hinterbeinen gelbe Pollen kleben hat, ganz deutlich zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag sto\u00dfen wir in Penela auf der Dorfstra\u00dfe auf Frauen, die gerade dabei\nsind, letzte Hand anzulegen an einem Blumenteppich. Wof\u00fcr wird der gemacht?\nGanz einfach:&nbsp;<em>Corpo de<\/em>&nbsp;<em>Deus<\/em>. Na klar, heute ist\nFronleichnam! Und schon kommt die Prozession an, als ob sie nur auf uns\ngewartet h\u00e4tte. Vorher dr\u00fcckt eine der Frauen der Vivera noch zwei\nLavendelzweige in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Jung\nund Alt sind bei der Prozession vertreten, die Kinder in Wei\u00df, die Amtstr\u00e4ger\nin Rot, eine Bruderschaft in Schwarz. Einige haben sich in Schale geschmissen,\nFrauen balancieren auf St\u00f6ckelschuhen \u00fcber das Kopfsteinpflaster, andere tragen\nAlltagskleidung. Die Blaskapelle bildet das Ende der Prozession. Im Moment gibt\nes aber nur eine rhythmische Untermalung der Prozession mit Trommelschl\u00e4gen,\nsp\u00e4ter h\u00f6ren wir die Musik aus dem Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen ins&nbsp;<em>Mina<\/em>&nbsp;und bestellen die klassische K\u00e4se- und\nWurstplatte. Am Nebentisch vier junge Leute, die sich zu ihrem Bier kleine\nDinger in den Mund stecken, oval, gelb. Die k\u00f6nnen wir auf der Speisekarte\nnicht identifizieren. Die vier sagen uns das portugiesische Wort,&nbsp;<em>tremo\u00e7o<\/em>,\nund helfen dann, als ich auf dem Schlauch stehe, mit englischen Erkl\u00e4rungen und\nschneller Internetsuche: Lupinen. Die isst man hier wie bei uns Erdn\u00fcsse zum\nBier. Man isst nur den Kern. Den kann man m\u00fchsam aus der Schale herauspulen\noder man steckt die Lupine in den Mund und holt mit den Z\u00e4hnen den Kern heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nVertrag von Tordesillas sollte eigentlich die Demarkationslinie zwischen dem\nspanischen und dem portugiesischen Herrschaftsbereich weiter \u00f6stlich liegen.\nDann w\u00e4re ganz S\u00fcdamerika spanisch geworden. Auf Dr\u00e4ngen des portugiesischen\nK\u00f6nigs, Jo\u00e3o II., wurden dann aus 100 Leguas westlich der Kapverdischen Inseln\n370 Leguas. So kam Brasilien zu Portugal. Die Portugiesen konnten damit\nallerdings nicht viel anfangen, denn Brasilien lieferte anfangs nur das Holz,\ndas dem Land seinen Namen gab. Also brachte man europ\u00e4ische Pflanzen, Tiere und\nGer\u00e4te nach Brasilien und f\u00fchrte dort die Landwirtschaft ein. Brasilien war bis\ndahin ein Land der Sammler gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nCaf\u00e9 in Miranda ein Werbeplakat f\u00fcr Eis: \u201cVem lanchar um gelado.\u201d Auch wenn es\nnicht dasselbe bedeutet, k\u00f6nnte&nbsp;<em>lanchar<\/em>&nbsp;von&nbsp;<em>lunch<\/em>&nbsp;kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena\nfindet, ich h\u00e4tte wirklich Pech gehabt. Um diese Zeit m\u00fcsse es viel w\u00e4rmer sein\nund sonniger. Emma meinte dagegen gestern, letztes Jahr sei das Wetter noch\nschlechter gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirschen kommen tats\u00e4chlich, wie von den Tomar-Fahrern vermutet, aus der Serra\nde Estrela, haupts\u00e4chlich aus einem Ort mit dem Namen Fund\u00e3o. Es ist mit dem\nAuto doch ein ganzes St\u00fcck von hier entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag fahren wir bei wunderbarem Wetter nach Montemor, in erster Linie\nwegen der Photos. Von der anderen Seite, von au\u00dferhalb der Stadt, hat man einen\nphantastischen Blick auf das&nbsp;<em>Castelo<\/em>, aber die Photos sind\nentt\u00e4uschend. Sie fangen den Anblick nicht richtig ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nRolltreppe zum&nbsp;<em>Castelo<\/em>&nbsp;rauf finden wir nicht, aber es geht\nauch so ohne gro\u00dfe M\u00fche. Es ist nicht so weit wie man von unten glauben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen an einem Wohnhaus vorbei, an dessen Front entlang auf niedriger H\u00f6he ein\nGedicht angebracht ist, in einer sehr sch\u00f6nen Schriftart: \u201cSe quiseres fazer\nazul, pega num peda\u00e7o de c\u00e9u, e mete-o numa panela grande\u201d lautet der Anfang.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben\nim&nbsp;<em>Castelo<\/em>&nbsp;eine gro\u00dfe Gruppe von Schulkindern, mit\nselbstgebastelten Kronen. Sie sind laut und gleichzeitig diszipliniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;<em>Castelo<\/em>&nbsp;stammt\naus der ersten Zeit der K\u00e4mpfe gegen die Mauren und konnte zu seiner Zeit bis\nzu 5.000 Menschen aufnehmen, den kompletten Ort. Auf dem Hang gibt es eine\nVerl\u00e4ngerung der Burg, die einen Vorhof bildet. Der war f\u00fcr die Menschen (und\nTiere!) der Nachbard\u00f6rfer. Die dienten wohl als so eine Art Puffer gegen die\nFeinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nhier oben hat man einen guten Blick auf die Umgebung. Zu drei Seiten hin, bis\nweit in die Ferne, Reisfelder. Einige sind dicht bewachsen, bei anderen\nschimmert das Wasser durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBurgkapelle ist in ihrer Grundstruktur romanisch, weist aber viele\nVer\u00e4nderungen aus sp\u00e4teren Zeiten auf. Besonders sch\u00f6n sind die gedrechselten\nmanuelinischen S\u00e4ulen und bunte Kacheln, ganz hinten in der Kirche, leicht zu\n\u00fcbersehen, mit sch\u00f6nen, abwechselnden Mustern, die einen Kreis und ein Rechteck\nbilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen in die Stadt hinunter, auf der Suche nach&nbsp;<em>Nossa Senhora<\/em>&nbsp;<em>dos\nAnjos<\/em>. Dort ist in einem Prachtgrab Diogo de Azambuja begraben, ein alter\nHaudegen, der drei portugiesischen K\u00f6nigen diente und noch mit 76 Jahren an der\nEroberung Safis teilnahm. Danach hatte er dann genug und zog sich in sein\nMontemor zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nProblem ist, dass die Kirchen des Ortes nicht bezeichnet und verschlossen sind.\nWir werden zu verschiedenen Stellen geschickt, um einen Schl\u00fcssel abzuholen,\naber am Ende wird aus alledem nichts. Ein Mann am Stra\u00dfenrand erkl\u00e4rt uns\nschlie\u00dflich, dass die Kirche, die wir suchen, au\u00dferhalb des Ortes liege. Wir\nh\u00e4tten unser Gl\u00fcck f\u00e4lschlicherweise bei&nbsp;<em>Sao Martinho<\/em>, bei\nder&nbsp;<em>Igreja da<\/em>&nbsp;<em>Miseric\u00f3rdia<\/em>&nbsp;und bei der&nbsp;<em>Igreja\nde Santa Maria da Alc\u00e1\u00e7ova&nbsp;<\/em>versucht. Wir geben es auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin\nsind wir bei der Suche auf den ausgesprochen sch\u00f6nen Platz im Zentrum gesto\u00dfen,\ndie nat\u00fcrlich&nbsp;<em>Pra\u00e7a da Rep\u00fablica<\/em>&nbsp;hei\u00dft. Hier ist auch die\nTouristeninformation, aber die ist geschlossen, und so erfahren wir auch nichts\n\u00fcber Fern\u00e3o Mendes Pinto, einen weiteren bemerkenswerten Sohn der Stadt, einem\nder ersten europ\u00e4ischen Japan-Reisenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nverschlungenen Wegen geht es nach Tent\u00fagal. Dort soll man in einer Konditorei\nbei der Fertigung des ber\u00fchmten Geb\u00e4cks von Tent\u00fagal zusehen k\u00f6nnen. Wir finden\ndie Konditorei nicht, sto\u00dfen aber am Ortsausgang auf einen distinguiert\naussehenden Fu\u00dfg\u00e4nger, der sofort wei\u00df, was wir meinen und den Weg perfekt\nerkl\u00e4rt, so perfekt, dass ich mich verfahre. Als wir wieder ins Zentrum\nzur\u00fcckkommen, sehen wir den Mann von vorher an der Kreuzung stehen, fast so,\nals w\u00fcrde er uns erwarten. Er weist uns wieder den Weg. Diesmal klappt es. Als\nwir nach der Besichtigung den Ort verlassen, steht er immer noch da an der\nKreuzung. Ich halte kurz an und biete ihm ein St\u00fcck Geb\u00e4ck an, aber er lehnt\nab. Freundlich, aber bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKonditorei, stellt sich heraus, ist keine. Es ist eine Art Fabrik, aber in\neinem Wohnhaus untergebracht. Ein freundlicher junger Mann empf\u00e4ngt uns. Zwei\nFrauen, eine \u00e4ltere, eine j\u00fcngere, fertigen, im Stehen, in einem Tempo, als ob\nsie im Akkord arbeiteten, das Geb\u00e4ck, und zwar das l\u00e4ngliche. Sie legen mehrere\nhauchd\u00fcnne, durchscheinende Platten aus Bl\u00e4tterteig \u00fcbereinander und bepinseln\nsie mit Fl\u00fcssigkeiten aus zwei Beh\u00e4ltern. Was ist denn das, bitte? Eigelb und\nButter. Die bestrichenen Platten werden dann mit ein paar Griffen\nzusammengefaltet, und fertig. Bei der Geschwindigkeit m\u00fcssen sie Tausende am\nTag fertigen. Die \u00e4ltere der beiden Frauen macht diese Arbeit seit 45 Jahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkaufen eine Schachtel von dem Geb\u00e4ck und bekommen zum Probieren ein anderes\nGeb\u00e4ck mit Mandeln. In der Ecke liegen die anderen, spitzen, aus Eiwei\u00df gefertigten\nGeb\u00e4ckst\u00fccke, die man mit Tent\u00fagal verbindet. Wir nehmen unsere Beute mit nach\nHause und probieren sie bei einem Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend bei&nbsp;<em>Pascoal<\/em>&nbsp;in Carvalhais sehe ich zum ersten Mal den\nHoll\u00e4nder wieder, der uns damals mitgenommen hat. Neben ihm seine Frau. Er\nerinnert sich an mich, und wir kommen sofort ins Gespr\u00e4ch. Sie h\u00f6ren mich mit\nder Wirtin reden und sind \u00fcberrascht \u00fcber meine paar Brocken Portugiesisch.\nJetzt erinnere ich mich, dass er damals gesagt hat, er habe es mit dem\nPortugiesischen versucht, aber aufgegeben. Jetzt machen sie aber einen neuen\nAnlauf: Sie erteilen der Tochter der Wirtin Unterricht in Holl\u00e4ndisch und\nbekommen von ihr Portugiesisch! Perfekt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVivera vermeldet mit Stolz eine neue Entdeckung im Garten, eine Pflanze, die\nsie vom Bad aus gesehen hat. Deren Fr\u00fcchte hat sie aus der Distanz erst f\u00fcr\nOliven gehalten, dann aber entschieden, dass es so gro\u00dfe Oliven nicht gibt.\nInzwischen hat sie sie l\u00e4ngst identifiziert. Ich werde hingef\u00fchrt und muss\nraten. Die Fr\u00fcchte sind eher gro\u00df, oval und gelblich. Die Vivera erg\u00f6tzt sich\nan meinem Unwissen. Ich werde aber nicht erl\u00f6st, bevor ich dreimal\ndanebengeraten habe. Dann kommt die Erl\u00f6sung: Es ist die Passionsfrucht. Obwohl\ndie Fr\u00fcchte eher gro\u00df sind, handelt es sich um keinen Baum und auch keinen\nStrauch, sondern um eine Blume. Die hat sich um die \u00c4ste eines Olivenbaumes\ngewickelt. Man sieht ein paar unreife Fr\u00fcchte und ein paar, die noch in der\nMache sind. Die Bl\u00fcte \u2013 es sind nur insgesamt zwei zu sehen \u2013 ist ausnehmend\nsch\u00f6n. Da braucht man kein Gartenfreund zu sein, um ins Schw\u00e4rmen zu geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nNachbarin, die uns beobachtet, erkl\u00e4rt, wie das auf Portugiesisch hei\u00dft:&nbsp;<em>maracuj\u00e1<\/em>.\nDie Vivera wendet ein, Maracuja und Passionsfrucht seien nicht identisch, und\ndas stimmt, aber das bedeutet nicht, dass die portugiesische Bezeichnung\n\u201cfalsch\u201d ist. Das Portugiesische fasst vielleicht einfach beide B\u00e4ume unter\neinem Oberbegriff zusammen und differenziert anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nder Kaktus, der doch keine Agave ist, bl\u00fcht, in Orange und Rot, und man sieht\nauch hier die ersten Fr\u00fcchte kommen. Erinnert mich an Griechenland, wo ich sie\nam Stra\u00dfenrand geerntet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\nuns sp\u00e4ter auf den Weg zum Caf\u00e9 machen, sieht die Vivera an der Ruine gegen\u00fcber\nreife Passionsfr\u00fcchte. Wir ernten ein paar. Sie sind leicht wie\nTischtennisb\u00e4lle und innen hohl, bis auf ein paar Kerne. Die isst man.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\ndie Stra\u00dfe in Gagos \u00fcberqueren, l\u00e4uft uns eine Portugiesin hinterher, der wir\nvorher mit ihrer Schubkarre begegnet sind. Ob wir ins Caf\u00e9 wollten? Ja. Sie\nzeigt in die andere Richtung. Ich glaube zuerst, sie wolle uns auf die\nLandstra\u00dfe schicken, aber dann stellt sich heraus, dass sie uns zu einem\nanderen Caf\u00e9 schicken will. Das sei n\u00e4her. Hier gibt es ein Caf\u00e9, in dieser\nEin\u00f6de? Ja, uns da k\u00f6nne man auch zu Abend essen. Ich verspreche, es beim\nn\u00e4chsten Mal zu probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder erstaunlich: In Portugal ist praktisch keine ungesalzene Butter zu\nbekommen. Vielleicht kommt in der portugiesischen K\u00fcche Butter nie in\nVerbindung mit S\u00fc\u00dfem.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKaffeemaschine, die hier steht, hei\u00dft&nbsp;<em>French Press<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Pressstempelkanne<\/em>.\nSie geht auf das 19. Jahrhundert und Frankreich zur\u00fcck, wurde aber erst sp\u00e4ter\nvon einem italienischen Designer entworfen und dann von einem d\u00e4nischen\nUnternehmen vertrieben. Die Methode soll den Vorteil haben, mehr Substanzen zur\nWirkung kommen zu lassen als der Filter, weil das gesamte Wasser mit dem\ngesamten Kaffee in Kontakt ist. Es gibt einen ganzen Haufen von Regeln, an die\nman sich bei der Zubereitung halten soll.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich\nzum Sommeranfang kommen Regen und K\u00e4lte zur\u00fcck, nachdem es mal zwei Tage sch\u00f6ne\ngewesen ist. Derweil kommt nach Deutschland eine Hitzewelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch\neine Entdeckung beim Gebrauch der Artikel: Auch bei Erdteilen gibt es\nVariation. Es hei\u00dft&nbsp;<em>na Europa<\/em>&nbsp;aber&nbsp;<em>em \u00c1frica<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Durcheinander\nauch bei den spanischen K\u00f6nigen w\u00e4hrend der Zeit der Personalunion: Mit Felipe\nI ist Felipe II gemeint. Der erste spanische Felipe, Felipe el Hermoso, wird\nnicht mitgez\u00e4hlt. spanische Felipe III ist also der portugiesische Felipe II.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag bei tr\u00fcbem Wetter nach Lous\u00e3. Die im Dunst liegenden H\u00fcgel um die\nBurg herum haben ihren besonderen Reiz, und die Baumst\u00e4mme mit Flechten liefern\nbei der N\u00e4sse auch ein wunderbares Photomotiv, aber auf den Dauerregen k\u00f6nnte man\nschon verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum ein Plakat mit einer Ank\u00fcndigung:&nbsp;<em>Festas em Honra de S.<\/em>&nbsp;<em>Silvestre<\/em>.\nNoch h\u00e4ngen geblieben vom letzten Jahr? Nee. Kommt noch. S. Silvestre ist hier\nerst am 6. Juli dran. Ob das ein anderer Silvester oder ein anderer Gedenktag ist,\nist nicht rauszukriegen. \u201cUnser\u201d Silvester ist ein ganz fr\u00fcher Papst, aus der\nZeit Konstantins, und der 31. Dezember ist sein Todestag.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im\nZentrum ist es verd\u00e4chtig still. Ob das Fest abgesagt worden ist? Filomena\nzufolge finden hier heute die&nbsp;<em>marchas populares<\/em>&nbsp;statt,\nfarbenfreudige Umz\u00fcge mit Marsch, Gesang und Tanz. Aber in den Stra\u00dfen des\nZentrums tut sich nichts, und auch die Essst\u00e4nde werden gerade erst aufgebaut.\nAn einem Stand liegt ein gro\u00dfes Tier, ohne Kopf und Beine. Wir k\u00f6nnen es nicht identifizieren.\nWas ist denn das? Etwas entsetzt sagt der Grillmeister: ein Schwein! Das wird\njetzt gerade auf den Grill gelegt, es wird \u00fcber dem Feuer gedreht wie das\nOsterlamm in Griechenland. Da das eigentliche Fest erst um zehn Uhr losgeht,\nfahren wir entt\u00e4uscht nach Hause. Das ist zulange in den durchn\u00e4ssten\nKlamotten.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel\nwie aus dem Lehrbuch gefunden f\u00fcr den Gebrauch der Artikel bei Ortsnamen. In\nder Geschichte Portugals wird aufgez\u00e4hlt, wo man im 18. Jahrhundert\nTextilfabriken errichtet hat:&nbsp;<em>no Fund\u00e3o, na Covilh\u00e3, em Portalegre.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Regenpause fahren wir die Serpentinen rauf Richtung S\u00e3o Jo\u00e3o do Deserto.\nZum ersten Mal w\u00e4hrend der ganzen Zeit sehe ich Rehe: zwei Kitze auf der\nStra\u00dfe, die angesichts des Autos in zwei Richtungen auseinander stieben, eine\nden Abhang rauf, das andere den Abhang runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen den unvermeidlichen Halt an der Kreuzung. Wir gehen die Stra\u00dfe runter\nbis zu den Terrassen, und dann kommt ein Augen\u00f6ffner: Hier sind keine\neinheimischen B\u00e4ume angepflanzt, auch das sind alles Eukalypten. Ich bin\nregelrecht entt\u00e4uscht. Wenn man nah genug dran ist, kann man sie deutlich\nerkennen. Auch unsere Vermutung, es handele sich um zwei verschiedene Arten,\nk\u00f6nnen wir \u00fcber Bord werfen. Es ist immer der Blaueukalyptus, in verschiedenen\nAltersstadien. Er verliert im Laufe der Zeit die bl\u00e4uliche F\u00e4rbung, und die\nBl\u00e4tter werden schmaler und l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren auf gut Gl\u00fcck die Stra\u00dfe weiter runter und kommen auf ganz schmalen\nStra\u00dfen, ohne jemandem zu begegnen, durch das Waldbrandgebiet. In der Dichte\nhabe ich es noch nicht erlebt. Kilometerweit erstreckt sich das Gebiet, mit\nallen Variationen: v\u00f6llig verkohlte B\u00e4ume, die wie ein Mahnmal des Waldbrands\naussehen, dann deren Gegenst\u00fccke, Kiefern, bei denen alles erhalten ist, \u00c4ste,\nZweige und Zapfen, aber ohne jedes Gr\u00fcn (sind die endg\u00fcltig tot?), B\u00e4ume, die\noben nackt sind und ungef\u00e4hr bis zur Mitte von dichtem Gr\u00fcn umwickelte St\u00e4mme\nhaben, Kiefern, die aussehen wie der schwarz-wei\u00dfe Mikado-Stab, mit einem\ngesch\u00e4lten Stamm, Eukalypten, die aussehen, wie eine halb aufgegessene Banane,\ndie aus der Pelle herausguckt, dann die gespenstischen Bohnenstangen, B\u00e4ume,\nbei denen nur der Stamm stehen geblieben ist, zu Hunderten hintereinander\nstehend. V\u00f6llig verwirrend ist das Nebeneinander von dichter Vegetation und\nverbrannter Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nlanden auf einem Holzweg und haben die Orientierung verloren, aber irgendwann\nkommt wieder ein Hinweisschild auf Espinhal und eine Stra\u00dfe mit Mittelstreifen.\nTrotzdem kein Zeichen von Zivilisation weit und breit. Es geht best\u00e4ndig\nbergab, und bald sind keine Spuren vom Waldbrand mehr zu sehen. Es kommen\nwieder Kastanien in Sicht, dazu Ahorn und B\u00e4ume, die auch die Vivera nicht\nidentifizieren kann, vielleicht Steineichen. Dann auf einmal mitten in dieser\n\u00fcppigen Vegetation wieder vereinzelte verbrannte B\u00e4ume. Wie das passiert ist,\nohne dass die Umgebung in Mitleidenschaft gezogen wurde, bleibt ein R\u00e4tsel,\ngenauso wie die Frage, warum kaum ein Baum umgefallen ist. Die meisten stehen\nwie Mustersoldaten weiterhin in Reih und Glied, wenn auch leblos.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren ins&nbsp;<em>Mina<\/em>&nbsp;nach Penela. Die Tageszeitung, die dort\nausliegt, titelt&nbsp;<em>Queda do desemprego poupa 1,5 mil milh\u00f4es<\/em>. Wie\nviel ist das? D\u00fcrften 1,5 Milliarden sein. Die spart der Staat ein, weil die Arbeitslosenzahl\nr\u00fcckl\u00e4ufig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nBBC, mitten in einer Nachrichtensendung, fremde Sprachen. Sie haben Mitschnitte\naus Nachrichtensendungen anderer L\u00e4nder gemacht und hintereinander geh\u00e4ngt.\nAlle handeln von der Hitzewelle. Portugal ist nicht dabei.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag\nbeginnt mit Dauerregen. Sechs Stunden ununterbrochen. Vor dem Unterricht\nbesorge ich in einer Apotheke in Ansi\u00e3o Kopfschmerztabletten. Ich wei\u00df nicht,\nwas&nbsp;<em>Packung<\/em>&nbsp;hei\u00dft, aber die freundliche kleine Apothekerin\nhilft aus:&nbsp;<em>embalagem<\/em>. W\u00e4re ich nicht drauf gekommen. H\u00f6rt sich eher\nnach&nbsp;<em>Verpackung<\/em>&nbsp;an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag, als es aufh\u00f6rt, entschlie\u00dfen wir uns, zur K\u00fcste zu fahren. Die\nSonne kommt zwar erst heraus, als wir am Abend nach Hause zur\u00fcckkehren, aber es\nist wenigstens trocken und warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal\nfinde ich den Weg auf Anhieb. Angesichts des nahenden Meeres ger\u00e4t die Vivera\nins Schw\u00e4rmen. Und ist so begeistert, dass sie auf einer der Holzplanken, die\nzum Strand f\u00fchren, hinf\u00e4llt und sich das Knie aufsch\u00fcrft. Sofort sind die Jungs\nvon der Ersten Hilfe zur Stelle. Die Wunde wird gereinigt und mit Jod\nbehandelt. Daf\u00fcr gibt es einen eigenen kleinen Pavillon. Drei M\u00e4nner stehen um\nsie herum und beobachten den Vorgang. Alle sind au\u00dferordentlich freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass\nhier \u00fcberhaupt jemand ist, war bisher noch nicht vorgekommen. Auch am Strand\nist es belebter als sonst, vor allem wegen einer gro\u00dfen Gruppe von\nKindergartenkindern. Die werden von ihren Betreuern ans Wasser gef\u00fchrt, h\u00fcpfen\nfr\u00f6hlich und aufgeregt in dem d\u00fcnnen Wasser herum, das die Flut \u00fcber den Sand\nsp\u00fclt und \u201cbaden\u201d am Ende in der kleinen Lagune, die sich gebildet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\naber auch ein paar Erwachsene am Strand, darunter \u201cSonnenanbeter\u201d auf einem\nLiegestuhl. Offensichtlich kann man auch braun werden, wenn kein Sonnenstrahl\nzu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich\njemanden habe, der auf meine Klamotten aufpasst, laufe ich ein ganzes St\u00fcck den\nStrand entlang, bis zu der Stelle, wo er scheinbar aufh\u00f6rt. Ist aber nicht der\nFall. Die K\u00fcste macht hier nur einen Bogen. Sie ist scheinbar unendlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWasser ist f\u00fchlbar w\u00e4rmer als noch letzte Woche, aber weiterhin traut sich\nkeiner rein au\u00dfer ein paar Surfern im Neoprenanzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nessen zum Abschluss noch ein Eis in der kleinen Bar, die jetzt auch ge\u00f6ffnet\nhat. Ein paar Tische sind besetzt, lauter Portugiesen, darunter ein einzelner\nportugiesischer Mann, noch sehr jung, der es der Vivera angetan hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg machen wir Halt an der Stra\u00dfe und sehen uns beeindruckt die\nVerw\u00fcstungen des Waldbrands an. Irgendwie findet man es merkw\u00fcrdig, dass das\nFeuer so nahe am Wasser gew\u00fctet hat. Hier sind es reine Kiefernw\u00e4lder, die\nzerst\u00f6rt worden sind, die verkohlten St\u00e4mme stehen Spalier mit den\nKiefernzapfen, die wie tote V\u00f6gel aussehen. Aus der Distanz betrachtet k\u00f6nnte\ndas auch ein modernes Kunstwerk sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfragen uns, warum die B\u00e4ume stehengeblieben sind und was wohl bei einem neuen\nBrand passieren w\u00fcrde. Und: Kann hier noch mal was wachsen? Es ist kein Blatt\nzu sehen, im Gegensatz zu den Waldgebieten mit Eukalyptus. Da w\u00e4chst \u00fcberall\nalles schnell nach.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nKreuzung bietet sich uns noch ein besonders bizarres Bild. Hier sind einige\nBaumriesen, ausgerechnet die gr\u00f6\u00dften, umgekippt. Sie sehen auch wie ein\nzerst\u00f6rtes, umgekipptes Schiffsbug. Und zwischen ihnen ein Baumstamm, der wie\nein \u00fcberdimensionaler Zahnstocher aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause\nimprovisieren wir ein Abendessen aus Resten. Die Vivera erz\u00e4hlt von Saramagos&nbsp;<em>Stadt\nder Blinden<\/em>, die sie gerade verschlingt. Wie alle, die ich kenne, findet\nsie den Roman fesselnd und verst\u00f6rend. Die Erz\u00e4hlung macht Lust aufs Lesen. Das\nSetting erinnert mich an&nbsp;<em>Die Pest<\/em>&nbsp;von Camus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nTelefon sagt eine Freundin der Vivera, sie solle nicht so geizig sein. \u201cIch?\nIch bin doch nicht geizig!\u201d Ein Lehrbuchbeispiel f\u00fcr den Unterschied von\nEigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVivera schickt ihren Enkel Photos vom Strand. Nach mehreren Photos kommt die\nReaktion: \u201cReicht!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In der\nB\u00e4ckerei zeige ich auf die Br\u00f6tchen und sage&nbsp;<em>duas e duas<\/em>. Die\nB\u00e4ckersfrau, ohne die Absicht, mich zu korrigieren, wiederholt den\nAuftrag:&nbsp;<em>dois e dois<\/em>. Dass das Bezugswort,&nbsp;<em>carca\u00e7a<\/em>,\nweiblich ist, scheint hier keine Rolle zu spielen. Es ist einfach ein Zahlwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache mich selbst\u00e4ndig und begebe mich auf Wanderung. Endlich mal den Rundweg\nvon der Burg in Lous\u00e3 machen. Steht schon seit Februar auf dem Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg\nunten am Haus ist versperrt. Zwei Bauern aus dem Dorf oder aus der Umgebung\nsind gerade dabei, Vorkehrungen zu treffen, um die Sickergrube zu leeren.\nOffensichtlich haben die Vermieter bei ihrem Besuch daran gedacht und es in\nAuftrag gegeben, w\u00e4hrend ich es vor mir hergeschoben habe. Das Gespr\u00e4ch mit\nihnen ist wie eine H\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung f\u00fcr Fortgeschrittene.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre\nSprache, das Laute und Abrupte, erinnert mich an meinen Mann aus Sandoiera, der\nfreitags so gerne mit mir f\u00e4hrt. Und prompt steht er dort. Fortsetzung der\nH\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung. Es stellt sich heraus, dass er nicht etwa zum Betteln nach\nMiranda f\u00e4hrt, sondern zum Einkaufen. In Sandoiera gibt es keinen Laden. Kommt\nmir bekannt vor. Aber ger\u00fcstet f\u00fcr den Einkauf scheint er nicht zu sein,\njedenfalls habe ich ihn noch nie mit einer T\u00fcte oder einem Korb gesehen. Und\ndie k\u00f6nnte er auch kaum tragen. In einer Hand h\u00e4lt er seinen Kr\u00fcckstock. Nicht\nso leicht, ohne Auto sich zu versorgen in dieser Ein\u00f6de. Er war 36 Jahre lang\nverheiratet, erz\u00e4hlt er. Ist er Witwer? Nein, die Frau ist wohl abgehauen.\nErw\u00e4hnt irgendwas von einem Prozess. \u201cAber das Haus geh\u00f6rt mir.\u201d Die Menschen\nsind \u00fcberall gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nLous\u00e3 mache ich mich gleich auf den Weg. Die Berge h\u00e4ngen im Dunst, kein\nSonnenstrahl zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg\nist so gut ausgeschildert, dass sogar ich mich nicht verlaufe. Zwei Linien\nhei\u00dft&nbsp;<em>Geradeaus!<\/em>, ein Winkelhaken hei\u00dft&nbsp;<em>Abbiegen!<\/em>, ein\nKreuz hei\u00dft&nbsp;<em>Falsch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nganzen Weg begleitet einen das Rauschen des unsichtbaren Baches, und auf dem\nganzen Weg kommt einem keine Menschenseele entgegen. Manchmal \u00f6ffnet sich der\nBlick und man sieht, mitten in all dem Gr\u00fcn, als Blickfang auf der anderen\nSeite des Tals oder ganz unten im Tal eine wei\u00dfe Kapelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nf\u00e4ngt gut an, ein breiter, bequemer Spazierweg, wenn auch steil aufw\u00e4rts vom\nersten Schritt an. Der Weg wird dann immer enger. Es geht an einem alten\nWasserwerk vorbei, das heute als Wohnhaus fungiert. Dort werde ich von dem\nobligatorischen Kettenhund unfreundlich begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem\nWeg wird ein Pfad, immer unwegsamer, steiniger. Man muss auf den teils glatten,\nteils spitzen Steinen m\u00e4chtig aufpassen, nicht hinzufallen, und manchmal wird\nder n\u00e4chste Schritt zu einem Balanceakt. Zwischendurch bleibe ich stehen und\nsinge ein Loblied auf die Wanderschuhe. Ganz \u00fcbel wird es dann auf dem R\u00fcckweg.\nDa geht es bergab, \u00fcber die inzwischen glatt gewordenen Steine. Man kann sich\nnirgendwo festhalten, und als ich wieder ebenen Boden unten an der Burg unter\nden F\u00fc\u00dfen habe, kann man das Aufatmen h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg\nf\u00fchrt von der Burg nach Talasnal und dann wieder zur Burg, auf einer anderen\nStrecke. Am Wegesrand irgendein dorniges Zeug, Gr\u00e4ser, Blumen und vor allem\nFarn. An einigen Stellen ist er ganz vertrocknet, wer wei\u00df warum. Alles andere\nist in \u00fcppigem Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner Stelle stehen zwei Baumst\u00fcmpfe Spalier. Der eine ist auch von innen ganz\nverkohlt. Ob es hier auch gebrannt hat? Oder ob der Baum einen Blitz abbekommen\nhat, der aber kein Feuer verursacht hat?<\/p>\n\n\n\n<p>In\nTalasnal kommt mir ein Arbeiter mit einer elektrischen Schubkarre entgegen. Er\nbleibt stehen, will wohl einen Plausch halten. Ob er den Weg ausbessere? Nein,\nes geht um die H\u00e4user. Um diese Zeit sind ein paar tats\u00e4chlich von\nSommertouristen bewohnt, und man scheint noch mehr als Ferienwohnungen\nherzurichten. Reizvoller, jedenfalls auf ihre Art, sind die Ruinen der\nSchieferh\u00e4user unten vor dem proper herausgeputzten Ortseingang.<\/p>\n\n\n\n<p>In gehe\nin dieselbe Taverne, wo wir im Februar den freundlichen Bauarbeiten begegnet\nsind. Dasselbe M\u00e4dchen wir damals hinter der Theke. Ich ziehe mit meinem Kaffee\nnach oben. Dort sitzen zwei deutschen Turtelt\u00e4ubchen und sechs portugiesische\nM\u00e4nner, alle sportlich gekleidet, alle jung, alle mit Bart. Ihnen wird ein\n\u00fcppiges Fr\u00fchst\u00fcck serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\nes nur f\u00fcnf Kilometer sind, brauche ich zwei Stunden und komme nicht mehr ganz\nfrisch zuhause an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gehen wir in das Lokal in Santo Amaro. Diesmal bekommen wir einen Platz\nim Restaurant selbst. Das macht einen ganz anderen Eindruck. Alle Tische sind\neingedeckt, aber als wir kommen, ist nur ein englischen Ehepaar dort. Als wir\nschon fast aufbrechen, f\u00fcllt es sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVivera versucht sich am Tintenfisch, schwankt aber zwischen&nbsp;<em>chocos<\/em>&nbsp;(Sepia)\nund&nbsp;<em>lulas<\/em>&nbsp;(Kalmar). Wir fragen die junge Kellnerin nach dem\nUnterschied und entscheidet sich dann f\u00fcr die&nbsp;<em>chocos<\/em>. Deren Fleisch\nist zart und wei\u00df. Man kann die F\u00fc\u00dfe gut identifizieren. Und das, was daneben\nliegt, ist das ein Auge? Nein, wohl nicht. Jedenfalls lerne ich bei der\nGelegenheit die Begriff&nbsp;<em>homolog<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>analog<\/em>&nbsp;aus\nder Biologie kennen. Das Auge des Tintenfisches ist hinsichtlich der Evolution\nnicht verwandt mit dem menschlichen Auge, hat aber eine \u00e4hnlich Funktion\n(analog). Die Hand eines Menschen und die Hand eines Pferd sind dagegen\nverwandt, aber haben nicht mehr dieselbe Funktion (homolog).<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Transfer nach Coimbra B fahre ich sofort weiter nach Luso. Da bin ich schon\nfast auf halbem Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFahrt geht \u00fcber Mealhada, in ganz Portugal bekannt, obwohl es keine\nSehensw\u00fcrdigkeiten hat. Es gibt hier die h\u00f6chste Konzentration von Restaurants\nin ganz Portugal. Sie reihen sich alle der nicht gerade einladenden&nbsp;<em>Estrada\nNacional<\/em>&nbsp;auf. Sie sind ber\u00fchmt wegen ihrer Spanferkelgerichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald\nerreicht man Luso, einen etwas heruntergekommenen Kurort, dem man noch seine\neinstige Gr\u00f6\u00dfe ansieht. Die verspielte Architektur der H\u00e4user, mit spitzen\nD\u00e4chern, Erkern, Mansarden, T\u00fcrmen und T\u00fcrmchen spricht eine deutliche Sprache:\nJahrhundertwende.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nB\u00fccherei des Ortes wird in einem Plakat auf eine Aktion zur F\u00f6rderung des\nLesens aufmerksam gemacht. An den B\u00e4umen im Zentrum \u201cwachsen\u201d Lesefr\u00fcchte,\nkurze Texte, die in einer Plastikh\u00fclle an den \u00c4sten h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nehemaligen Casino, mit Eisenverzierung an den Fenstern, ist eine kleine\nAusstellung untergebracht. Es gibt u.a. eine Sammlung der Werbeplakate f\u00fcr Luso\nvon 1920-2008 und eine Vitrine mit den Flaschen des Mineralwassers aus Luso,\ndem bekanntesten in Portugal. Da sieht man in erster Linie, wie Glas von\nPlastik abgel\u00f6st wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem\ngibt es Einrichtungsgegenst\u00e4nde und Ger\u00e4te aus dem Kurbetrieb, darunter eine\nB\u00fcgelmaschine mit zwei h\u00f6lzernen Rollen und ein gar nicht so anders aussehende\nMaschine zum Mahlen von Getreide. Dar\u00fcber hinaus gibt es alte Kassen und\nSchreibmaschinen und eine Kammer mit medizinischen Ger\u00e4ten, die eher wie eine\nFolterkammer aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner kleinen Dokumentation kann man etwas \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Kurorts\nlesen. Das Wasser und seine heilende Wirkung wurden zuerst von einem Arzt am\nK\u00f6nigshof beschrieben, dem Leibarzt von Jo\u00e3o V. Ein lokaler Arzt brachte das\nWasser dann zum ersten Mal zur Anwendung. Der Durchbruch kam, als sich Maria\nI., die K\u00f6nigin, hier behandeln lie\u00df. Der Ort wuchs, immer mehr Kurg\u00e4ste kamen,\nund Mealhada wurde eigens als Verwaltungsort f\u00fcr Luso gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nwieder drau\u00dfen bin, sehe ich, wie sich eine alte Frau m\u00fchselig die Stra\u00dfe\nhinauf schleppt, mit sechs leeren Wasserflaschen in der Hand,\nZwei-Liter-Flaschen. Sie geht zur Quelle und trifft dort auf lauter\nGleichgesinnte. Die Bewohner versorgen sich hier mit Wasser. Das l\u00e4uft\nreichlich, und man kann sich bedienen. Auf einer Hinweistafel hei\u00dft es\nallerdings, man d\u00fcrfe nur so viel Wasser entnehmen, wie man selbst mit den\nH\u00e4nden tragen k\u00f6nne. Nicht alle scheinen sich daran zu halten. Sie haben kleine\nSchubkarren oder Wagen dabei. Ich frage mich, wie die alte Frau das Wasser wohl\nnach Hause bekommt, kann aber nicht weiter beobachten, ohne dass es indiskret\nw\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>An der\nSchautafel erf\u00e4hrt man auch, dass die Weinbauregion hier die&nbsp;<em>Bairrada<\/em>&nbsp;ist.\nDer sind wir vor Monaten mal, in Coimbra, begegnet. Der Name ist von&nbsp;<em>barro<\/em>&nbsp;abgeleitet,\n\u2018Lehm\u2019, und daraus wurden auch die por\u00f6sen Kr\u00fcge hergestellt, die das Wasser\nk\u00fchl hielten. Die alten Weinst\u00f6cke hatten auch ihre Funktion: Mit ihnen wurden\ndie \u00d6fen befeuert, auf denen das Spanferkel gebraten wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache mich auf den Weg in den Wald, den Wald von Bu\u00e7aco, meinem eigentlichen Ziel.\nDer ist von hier aus zu Fu\u00df zu erreichen. Es ist eine kurze Strecke, aber es\ngeht schon in der Stadt steil bergauf und dann einen einsamen Weg entlang. Ich\nbegegne wieder mal niemandem. Die meisten fahren mit dem Auto in den Wald.\nKostenpflichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wald\nvon Bu\u00e7aco wurde schon im fr\u00fchen Mittelalter von Benediktiner-M\u00f6nchen angelegt\nund sp\u00e4ter von den Karmeliter-M\u00f6nchen des hier entstandenen Klosters gepflegt.\nSie pflanzten Tausende verschiedener B\u00e4ume an, einheimische und ausw\u00e4rtige.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nB\u00e4ume sind nicht gekennzeichnet, es ist wirklich ein Wald, kein Park. Trotzdem\nbin ich etwas entt\u00e4uscht. Ich hatte etwas anderes erwartet. Man kann eigentlich\nnur sehen, dass alles komplett durcheinander angepflanzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder st\u00f6\u00dft man auf k\u00fcnstlich angelegte Weiher, Grotten, Kapellen und Brunnen.\nDer sch\u00f6nste ist der mit dem Namen&nbsp;<em>Fonte<\/em>&nbsp;<em>Fria<\/em>. Bei dem\nkommt das Wasser, zwischen einer doppell\u00e4ufigen Treppe, von ganz oben hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWald ist unaufger\u00e4umt. Baumst\u00fcmpfe und Baumkr\u00fcppel stehen am Wegesrand, St\u00e4mme\nund \u00c4ste liegen auf den Weg, verdorrtes Holz liegt auf dem Waldboden, an\neinigen Stellen ist es zu einem Haufen aufgeschichtet. Was wie Absicht\naussieht, ist tats\u00e4chlich die Folge des Zyklons von 2013. Auf einer Schautafel\nwird klagend erw\u00e4hnt, der portugiesische Staat, heute der Eigent\u00fcmer des\nWaldes, habe sich da sch\u00f6n rausgehalten. Nur Freiwillige h\u00e4tten daf\u00fcr gesorgt,\ndass der Wald jetzt \u00fcberhaupt wieder begehbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nZeitland kann ich den Schildern folgen, bis ich an einen erh\u00f6ht liegenden Aussichtspunkt\nmit einem Kreuz komme. Dahinter eine Mauer, durch deren Tore man in die Ferne\nsieht, eine Ansicht, die mich an ein Gem\u00e4lde von Vel\u00e1zquez erinnert. Die\nGegend, auf die man blickt, ist erstaunlich eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nverlaufe ich mich und bin am Ende, auch wenn ich die Highlights nicht gesehen\nhabe, darunter den \u00e4ltesten und den h\u00f6chsten Baum von Bu\u00e7aco, froh, auf die\ngepflasterte Stra\u00dfe zu kommen, die in einem weiten Bogen in die Stadt\nzur\u00fcckf\u00fchrt. Die Stra\u00dfe nimmt oben ihren Ausgang bei einem Koloss von Bau,\neinem ehemaligen K\u00f6nigspalast, jetzt Hotel, im Zuckerb\u00e4ckerstil. Den haben die\nBragancas hierher gesetzt, als sie noch einmal so richtig auf die Kacke hauen\nwollten, vielleicht schon im Vorgef\u00fchl ihres baldigen Untergangs. K\u00f6nig Carlos,\nder Erbauer, wurde 1908 zusammen mit dem Kronprinz, Dom Luis Felipe, ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUnterricht gehen wir der Sache mit den Artikeln bei Erdteilen nach. Nur Afrika\nhat keinen, alle anderen haben einen. Da kommt man mit \u201cLogik\u201d nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Filomena\nnennt in diesem Zusammenhang auch Pombal. Das wird von Nachrichtensprechern\ngelegentlich mit einem Artikel versehen, vielleicht deshalb, weil&nbsp;<em>pombal<\/em>&nbsp;auch\nAppellativ ist und als solcher eine eigene Bedeutung hat, \u2018Taubenschlag\u2019. Hier\nin der Gegend wird es ohne Artikel gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nTelefon kann man sich in Portugal tats\u00e4chlich mit&nbsp;<em>Est\u00e1?&nbsp;<\/em>und\nmit&nbsp;<em>Estou?<\/em>&nbsp;melden. Auch da versagt die Logik.<\/p>\n\n\n\n<p>Saramagos&nbsp;<em>Stadt\nder Blinden<\/em>&nbsp;hei\u00dft auf Portugiesisch&nbsp;<em>Ensaio sobre a cegueira<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag mal wieder zum Abholen nach Coimbra B. Es ist sonnig und warm!<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend&nbsp;<em>calza<\/em>&nbsp;im\nItalienischen \u2018Strumpf\u2019 bedeutet, bedeutet&nbsp;<em>cal\u00e7a<\/em>&nbsp;(meist\nPlural) im Portugiesischen \u2018Hose\u2019. Im Spanischen ist&nbsp;<em>calzado<\/em>&nbsp;\u2018Schuhwerk\u2019\nund&nbsp;<em>calcet\u00edn<\/em>&nbsp;\u2018Socke\u2019. Was ist wohl der gemeinsame Ursprung?\nUnd was hat spanisch&nbsp;<em>calzada<\/em>, \u2018Fahrbahndecke\u2019, damit zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem obligatorischen Rundgang ums Dorf am Vormittag geht am Nachmittag nach\nPenela. Die Sonne ist herausgekommen, aber es ist windig und wolkig, und die\nTemperaturen liegen weit unter denen von Deutschland und Frankreich. An der\nBurg sehen wir nachgebaute Wurfgeschosse, Katapulte, mit denen auf ingeni\u00f6sen\nWeise Steine auf die Angreifer vor der Burg geschleudert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKellnerin des&nbsp;<em>Mina<\/em>&nbsp;\u00fcberbietet sich selbst an Freundlichkeit,\nals sie uns&nbsp;<em>mil folhas<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>queijada<\/em>&nbsp;(mit\nleichtem Orangengeschmack) serviert<em>.&nbsp;<\/em>Sie macht jetzt erst einmal\nFerien, an der Algarve, in Portim\u00e3o. Danach will sie sich um das&nbsp;<em>pastel\nde feij\u00e3o&nbsp;<\/em>k\u00fcmmern, nach dem ich gefragt habe. Es ist mit mit\nBohnenmehl gemacht und keine Seltenheit in Portugal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nversuchen, darauf zu kommen, wof\u00fcr wohl&nbsp;<em>TAP<\/em>&nbsp;steht, kommen aber\nnicht drauf. Dabei ist es ganz naheliegend:&nbsp;<em>Transportes Aereos\nPortugueses.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal verstehe ich etwas, was Portugiesen untereinander sagen, auch wenn es\nnur zwei magere S\u00e4tze sind. Eine Frau, die mit ihren Kindern aus dem Auto\nsteigt, fragt drei Frauen an einem Tisch, ob sie das Auto dort parken k\u00f6nne.\nSie seien zum ersten Mal hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend im&nbsp;<em>Santo Amaro&nbsp;<\/em>erkennt mich die Kellnerin auf den ersten\nBlick und weist uns denselben Platz zu. Die Essenszeiten der Portugiesen\nverschieben sich am Wochenende weiter nach hinten. Das Lokal ist noch fast\nleer, als wir aufbrechen, obwohl viele Pl\u00e4tze reserviert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nes gegen\u00fcber&nbsp;<em>bacalhau<\/em>&nbsp;gibt, bekomme ich endlich mal die&nbsp;<em>francesinha<\/em>,\ndie \u2018Kleine Franz\u00f6sin\u2019, die ich immer f\u00fcr einen Appetithappen gehalten habe.\nIst sie aber nicht. Die Kellnerin erkl\u00e4rt, die&nbsp;<em>francesinha<\/em>&nbsp;sei\ndas typische Gericht von Porto. Die&nbsp;<em>francesinha<\/em>&nbsp;ist im Grunde\nein Toast, auf dem und unter dem alles liegt, was die K\u00fcche gerade hergibt:\nSchinken, K\u00e4se, Wurst, Rindfleisch. Das Ganze schwimmt in einer braunen So\u00dfe\naus Bier, Tomaten und Senf. Und oben drauf ein Spiegelei.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag, als doch noch ein Sonnenstrahl herauskommt, fahren wir nach\nCoimbra. Auf dem schon zur Gewohnheit gewordenen Rundgang sehen wir ein\nmerkw\u00fcrdiges Ladenschild:&nbsp;<em>Quebra o galho<\/em>. Scheint keinen Sinn zu\nergeben. Jemand bricht einen Ast? Das Internet wei\u00df Bescheid: Es ist eine Redewendung.\nSie bedeutet \u2018jemandem einen Gefallen tun\u2019, \u2018jemandem aus der Patsche helfen\u2019,\n\u2018improvisieren\u2019. Als Kompositum,&nbsp;<em>quebra galho,&nbsp;<\/em>bedeutet es\n\u2018Gelegenheitsarbeit\u2019, \u2018Job\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner der Gassen sto\u00dfen wir auf ein (inzwischen geschlossenes) Lokal, das&nbsp;<em>Funchal<\/em>,\nbenannt nach der Hauptstadt Madeiras.Der Name ist Programm: Hier\ngibt es (oder gab es) Speisen aus Madeira. In dem Moment f\u00e4llt uns der Name\nauf:&nbsp;<em>Madeira<\/em>. Die Insel hei\u00dft tats\u00e4chlich \u2018Holz\u2019. Sie war mit\ndichten W\u00e4ldern bewachsen, W\u00e4ldern von Lorbeerb\u00e4umen. Das veranlasste die\nPortugiesen, ihr diesen Namen zu geben. Es gibt aber schon \u00e4ltere Dokumente,\ndie von einer&nbsp;<em>Isla de Legname<\/em>&nbsp;sprechen. Damit war vermutlich\nauch Madeira gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause\nsehen wir auch nach, was es mit dem Flughafen von Coimbra auf sich hat, den man\nimmer wieder ausgeschildert sieht. Gar nichts. Es ist ein Flugplatz f\u00fcr\nPrivatflugzeuge. Es gibt keine regelm\u00e4\u00dfigen Fl\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nPlatz oben in Penela steht die etwas merkw\u00fcrdige Figur von Dom Pedro, auf die\nmich damals ein Einheimischer aufmerksam gemacht hat. Wer ist eigentlich dieser\nDom Pedro? Er tr\u00e4gt eine Krone, aber von K\u00f6nig war damals nicht die Rede,\nlediglich davon, dass er der \u201czweiten Dynastie\u201d angeh\u00f6rte. Das muss die von\nAvis sein. Es stellt sich heraus, dass dieser Dom Pedro einer der S\u00f6hne von\nJo\u00e3o I. ist und damit Bruder des Seefahrers. Ich muss also sein Grabmal in\nBatalha gesehen haben. Die Krone tr\u00e4gt er wohl als Herzog von Coimbra. Er war\nder erste seiner Art. Seine Biographie h\u00f6rt sich richtig interessant an. Vor allem\nwegen seiner Reise zu den \u201csieben Enden der Welt\u201d. Die brachte ihn zwar nicht\nganz ans Ende der Welt, aber immerhin nach Kastilien, B\u00f6hmen, Ungarn, Zypern,\nPal\u00e4stina, Rom, Konstantinopel, Alexandria, Kairo, Paris, D\u00e4nemark und London.\nEine&nbsp;<em>Grand Tour<\/em>, wie sie sich die Engl\u00e4nder nur h\u00e4tten ertr\u00e4umen\nk\u00f6nnen. Ein Exemplar von Marco Polos Reisebericht und eine Weltkarte von Kaiser\nSigismund, die er unterwegs abgestaubt hatte, \u00fcbergab er seinem Bruder f\u00fcr\ndessen&nbsp;<em>Think Tank<\/em>&nbsp;in Sagres. In Portugal begann er eine Rolle\nzu spielen, als sein Bruder Duarte, der K\u00f6nig, starb und seinen minderj\u00e4hrigen\nSohn als Thronfolger hinterlie\u00df, mit der Ma\u00dfgabe, dessen Mutter solle Regentin\nwerden. Da mischte sich Peter ein, mit dem Resultat eines lebenslangen\nTauziehens um Macht und Einfluss zwischen den dreien.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nSchreibwarengesch\u00e4ft in Penela rutscht mir nach einiger Zeit mal wieder&nbsp;<em>ancora<\/em>&nbsp;heraus\nund sp\u00e4ter, als ich in einem Caf\u00e9 einen Kellner fast umrenne,&nbsp;<em>Perd\u00f3n<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAngestellte im Schreibwarengesch\u00e4ft gibt mir ungewollt sprachliche\nHilfestellung. Als ich frage, ob alles in Ordnung sei, antwortet sie:&nbsp;<em>E\nconsigo?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren \u00fcber die abgelegene Route von Penela nach Miranda. Auf dem ganzen Weg\nkommt uns kein Auto entgegen. Die Strecke kommt mir diesmal, mit ihren\nverschiedenen Gr\u00fcnt\u00f6nen, den Wiesen zur einen, den Felsen zur anderen Seite,\nnoch sch\u00f6ner vor als beim letzten Mal. Der Weg f\u00fchrt an einem Dorf namens&nbsp;<em>Retorta<\/em>&nbsp;vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zum Wasserfall. Auch hier kein Mensch, auch hier sch\u00f6ne Natur, vor\nallem durch den Kontrast zwischen dem verkr\u00fcppelten und dem gr\u00fcnen Holz. Eine\nDornenhecke hat sich einen alten, vertrockneten Verwandten als St\u00fctze\nausgesucht und breitet sich mit \u00fcppigem Gr\u00fcn dar\u00fcber aus. Auf der anderen Seite\ndes Bachs ein alter Baumstumpf, der wie eine \u00fcberdimensionale Kr\u00f6te aussieht.\n\u00dcberall sieht man hier jetzt auch die Str\u00e4ucher mit den grauen wolligen Bl\u00fcten,\ndie ein bisschen wie K\u00e4tzchen aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren\nzum Essen nach Miranda. Wir haben die Wahl zwischen zwei Lokalen mit kuriosen\nNamen, die sich gegen\u00fcberliegen:&nbsp;<em>Oficina<\/em>&nbsp;<em>do\nFrango<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Esta\u00e7\u00e3o de Sabores<\/em>.\nDer&nbsp;<em>Geschmacksbahnhof&nbsp;<\/em>hat aber montags geschlossen, also geht\nes in die&nbsp;<em>H\u00e4hnchenwerkstatt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Rappelvoll.\nBis auf den letzten Platz besetzt. Lauter Einheimische, mit Ausnahme eines\nenglischen Ehepaars. Wir brauchen aber nur zehn Minuten zu warten. Das Essen\nist gut, reichlich, ganz bodenst\u00e4ndige K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach\nfahren wir nach Miranda auf einen Kaffee, drau\u00dfen vor dem Caf\u00e9. Entgegen allen\nErwartungen scheint heute die Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbekomme ein Photo von dem Fanshop vom SCP, das belegt, dass der Verein das Wort\nLissabon nicht im Namen tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Transfer\nnach Coimbra B diesmal \u00fcber die Autobahn. Die Strecke ist k\u00fcrzer, aber\nunwesentlich k\u00fcrzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Widerspr\u00fcchliche\nInformationen gefunden \u00fcber die Aussprache von&nbsp;<em>Cascais<\/em>. Ist ein\n&lt;s&gt; stimmlos und das andere stimmhaft? Wenn ja, welche Regel liegt da\nzugrunde?<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nPortugal Republik wurde, waren allen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder au\u00dfer\nFrankreich und der Schweiz noch Monarchien. Das war allerdings auch der Fall,\nund noch fr\u00fcher, als Spanien zwischenzeitlich eine Republik war.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern\nam sp\u00e4ten Nachmittag hat die Sonne doch noch eine L\u00fccke zwischen den Wolken\ngefunden, und f\u00fcr eine kurze Zeit war es richtig hei\u00df. Heute Vormittag \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Portugal\nhatte vor der Milit\u00e4rdiktatur, w\u00e4hrend der Republik, schon einmal eine\nDiktatur, von einem antiparlamentarischen Impuls motiviert. Das war noch w\u00e4hrend\ndes Kriegs. Obwohl der Diktator, Sid\u00f3nio Pais, Sympathien f\u00fcr Deutschland\nhegte, wechselte er nicht die Seite. Er f\u00fchrte auch, sicher nicht ohne\nHintergedanken, das Wahlrecht f\u00fcr alle ein, auch f\u00fcr die Analphabeten, die\ndamals noch 50% der Wahlberechtigten ausmachten. Seine Vorliebe f\u00fcr Auftritte\nvor der Menge wurde Sid\u00f3nio zum Verh\u00e4ngnis: Er fiel einem Attentat auf dem\nRossio zum Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Endlich\neinmal selbst mit dem Zug gefahren, das erste Mal \u00fcberhaupt in Portugal. Zug\nist komfortabel und schnell. Unterwegs kommt das graue Meer in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nBahnhof in Coimbra bekomme ich&nbsp;<em>pastel de feij\u00e3o,&nbsp;<\/em>tats\u00e4chlich\naus Bohnenmehl gemacht. Schmeckt aber nicht danach.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nPorto geht es mit der Metro direkt zur&nbsp;<em>Casa de Musica<\/em>. Von der Metrostation\naus kommt die \u201cSchuhschachtel\u201d sofort in Sicht, ein unregelm\u00e4\u00dfiger Quader aus\nStein und Glas mit nach unten sich verj\u00fcngenden Seiten und spitz zulaufenden\nEcken. Schwer zu sagen, wo die Hauptfassade ist. Der Stein ist beige und ist\nauch der Stein in der Pflasterung der Platzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg\nzur Kasse f\u00fchrt durch G\u00e4nge mit Treppen aus Aluminium und W\u00e4nden aus Beton,\nalles schmucklos, nur in den Foyers gibt es hier und da k\u00fcnstliche Topfblumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nbesichtigt das Geb\u00e4ude mit einer F\u00fchrung. Wir sind nur zu dritt, ein\nschrecklich vorlautes, altkluges M\u00e4dchen mit Vater und ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nwahrer Redeschwall bricht \u00fcber uns ein. Am Anfang schlage ich mich noch ganz\ngut, aber dann l\u00e4sst die Konzentration nach. Liegt aber auch daran, dass die\nF\u00fchrung nicht allzu stimulierend ist. Von dem Architekten wei\u00df die junge Frau\nnur zu berichten, dass er \u201csehr ber\u00fchmt\u201d sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nkann auch dem Geb\u00e4ude nicht so viel abgewinnen. Wir sehen verschiedene S\u00e4le,\ndie kaum als solche zu erkennen sind. In einem Fall gibt es nur eine\nabsch\u00fcssige Fl\u00e4che mit Teppichboden und davor einen leeren Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese\nS\u00e4le gew\u00e4hren meist einen Blick in den gro\u00dfen Saal. Von dem sind sie abgetrennt\ndurch doppelte Glasscheiben, aber das sind keine normalen Fenster, sondern\ngew\u00f6lbte Rundungen, die eher wie einfache Kunstwerke aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder gibt das Haus den Blick nach au\u00dfen frei, durch breite, hohe Glasw\u00e4nde.\nLeider ist das, was man da sieht, alles andere als sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGro\u00dfe Saal ist rechteckig und hat eine aufsteigende Sitzreihe, mit Sesseln,\nderen Grau das des Aluminiums aufnimmt. Sie sind aus Samt, aber k\u00fcnstlichem\nSamt, und der hat die Funktion, den Schall aufzunehmen. \u00dcberhaupt sind viele\nDetails so ausgew\u00e4hlt, dass sie die Akustik verbessern. Das gilt f\u00fcr die\nfinnische Fichte, aus der die W\u00e4nde sind, aber auch f\u00fcr die hauchd\u00fcnnen\nGoldstreifen, die darauf angebracht sind, aber auch f\u00fcr den verstellbaren\nBaldachin \u00fcber dem Orchester und den aus Lamellen bestehenden Vorhang vorne und\nhinten. Mit denen kann der Raum nach Bedarf verdunkelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu\nbeiden Seiten des Orchesters h\u00e4ngt ein Orgel, rechts eine barocke Orgel, links\neine moderne Orgel. Die Orgeln waren, wenn ich das richtig verstehe, Teil des\nOriginalkonzepts, gerieten aber mehr oder weniger in Vergessenheit, als sich\ndie Fertigstellung des Baus verz\u00f6gerte und die Geldmittel knapper wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nversch\u00e4tzt sich hier. Der Raum fasst mehr als tausend Zuh\u00f6rer, viel mehr als\nman auf den ersten Blick vermutet. Das Haus hat insgesamt vier Orchester,\ndarunter ein Symphonieorchester und ein barockes Orchester, und die Konzerte,\ndie hier aufgef\u00fchrt werden, decken so ziemlich alles ab, was es an Musik gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nbin ich nicht traurig, dass die F\u00fchrung vorbei ist. Es war eine gute\nH\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung, aber man h\u00e4tte doch gerne mehr erfahren \u00fcber die\nKonzeption des Architekten, \u00fcber den Wettbewerb, \u00fcber den Auftraggeber und vor\nallem \u00fcber das Geb\u00e4ude an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre mit der Metro nach S\u00e3o Bento und sehe mir dort den Bahnhof an. Hier gibt\nes mehr Touristen als Reisende. Alle photographieren sich vor den Kacheln. Die\nstellen an den Seiten das traditionelle Volksleben dar: Obsternte mit Frauen\nmit K\u00f6rben auf der Schulter, Felder mit Ochsengespannen, eine Prozession, ein\nVolksfest mit Musikanten, Frauen mit Kr\u00fcgen am Brunnen. Die Ochsen mit den weitl\u00e4ufigen,\nspitzen H\u00f6rnern tauchen immer wieder auf, als Allzweckwaffe, auch im Wasser\nstehend. Sie werden eingesetzt beim Entladen eines Schiffes, dessen Waren sie\nin einem Karren an Land ziehen. An der Stirnseiten sind Szenen aus der\nGeschichte Portugals dargestellt, darunter die Eroberung Ceutas durch den\nSeefahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ngehe zum Douro runter und erkenne allm\u00e4hlich ein paar Ecken wieder, aber\ninsgesamt sieht die Stadt ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung habe. Die\nengen Gassen mit den hohen H\u00e4usern sind ganz anders als die \u201cbei uns\u201d und\nerinnern eher an die Altstadt von Neapel. Das gilt auch f\u00fcr die in die\nH\u00e4userzeilen integrierten Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lokale\nund Souvenirgesch\u00e4fte gibt es an allen Ecken und Enden, aber es ist nicht allzu\nschlimm. Man h\u00f6rt viel Spanisch und viel amerikanisches Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nkomme an einem Haus vorbei, aus dessen Fassade sich ein gekr\u00fcmmter \u201cHals\u201d auf\ndie Stra\u00dfe streckt. An dessen Ende vermute ich zuerst den Kopf eines\nFabelwesens, dann eine stilisierte Pflanze, aber es ist wohl keins von beiden.\nEin Schild verr\u00e4t, dass der \u201cK\u00f6rper\u201d, zu der der Hals geh\u00f6rt, innerhalb des\nGeb\u00e4udes ist und die Skulptur au\u00dfen und innen verbinden soll. Das Geb\u00e4ude\nbeherbergt das Stadtmuseum, vor wenigen Jahren zu Europas&nbsp;<em>Museum des<\/em>&nbsp;<em>Jahres<\/em>&nbsp;gek\u00fcrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich\nlande ich, immer noch ganz im Zentrum, in einem Wohnviertel, in dem es\nkeinerlei Spur von Tourismus gibt, mit alten Frauen, die vor Hauseing\u00e4ngen\nsitzen, alten M\u00e4nnern, die im Caf\u00e9 sitzen, und Fixern, die in einer Ecke\nhocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht, wie vorher schon einmal, durch ein gr\u00e4sslich heruntergekommenes Viertel,\nmit sch\u00e4bigen Hinterh\u00f6fen, M\u00fcll auf den Wegen, verfallenden H\u00e4usern,\nWellblechw\u00e4nden und Graffiti.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel zu\nfr\u00fch mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Die Fahrt mit der Metro ist\nschier unendlich. Als ein Sitzplatz frei wird, merke ich, wie ein junges\nspanisches Modep\u00fcppchen, das vorher schon einen Blick darauf geworfen hat, sich\nzielstrebig dahin wendet. Mein Angebot, sich zu setzen, nimmt sie ohne Weiteres\nan, obwohl ich viel n\u00e4her dran stand. Offensichtlich erscheine ich ihr nicht\nalt genug, um den Vortritt zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\netwas Abwechslung sorgt ein Werbeplakat von McDonalds. Gegen einen Aufpreis\nbekommt man dort zu einem Men\u00fc ein Badehandtuch, mit Pommes dekoriert und einem\ngelben M. Damit soll man sich an der Strand legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nFlughafen warte ich geduldig auf die Ankunft des Fluges aus Dortmund. Mit der\nSauerl\u00e4nderin geht es dann in der Dunkelheit mit dem&nbsp;<em>Space Star<\/em>,\neinem Mitsubishi, zur H\u00fctte. Gl\u00fccklicherweise hat der Mann bei der Mietwagenfirma\nuns verraten, wie wir in die richtige Richtung kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckholaktion\ndes Autos aus Coimbra mit dem obligatorischen Stadtrundgang, aber diesmal in\nkritischer Begleitung: Von wann stammt eigentlich die Statue des \u201cM\u00f6nchs-Killers\u201d?\nEine wichtige Frage, die ich mir bisher noch nicht gestellt habe. Antwort:\n1911. Passt. Das war genau am Anfang der antiklerikal ausgerichteten Republik.\nUnd: Warum kehrt Jo\u00e3o III. oben an der Uni der Welt den R\u00fccken zu? Das ist\neines K\u00f6nigs unw\u00fcrdig. Er selbst h\u00e4tte seine Statue anders ausgerichtet. Hatte\nich noch nicht drauf geachtet. Ich finde es aber auch nicht so unpassend, da er\nschlie\u00dflich seinem K\u00f6nigspalast zugewandt ist und heute eben der Universit\u00e4t,\ndie er definitiv nach Coimbra geholt hat. Aber hier wird kein Widerspruch\ngeduldet.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\ndes Spaziergangs um das Dorf herum, mit einem Schwenker zur&nbsp;<em>Aldeia dos\nSabores<\/em>, wird es pl\u00f6tzlich so hei\u00df, dass wir im Schatten eines Baumes Halt\nmachen m\u00fcssen. Sehen kann man die Sonne kaum.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nder&nbsp;<em>Space Star<\/em>&nbsp;sich in fr\u00fcher Morgenstunde Richtung Porto auf\nden Weg macht, fahre ich nach Miranda. Dort ist die Abfahrt des Busses, der uns\nnach Tomar bringen soll, zur&nbsp;<em>Festa dos Tabuleiros.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alles\nist bestens organisiert, Listen werden abgehakt, Lesestoff wird verteilt,\nProgrammabl\u00e4ufe besprochen. Aber dann taucht ein Problem auf: Wir haben noch\nf\u00fcnf freie Pl\u00e4tze, aber beim letzten Halt, in Avelar, sollen noch acht\nMitfahrer zusteigen. Ich spiele in Gedanken durch, wie das wohl gel\u00f6st wird:\nF\u00e4hrt der Bus zweimal hin und zur\u00fcck? Wird ein Taxi bestellt? M\u00fcssen die\nletzten im Bus auf dem Gang sitzen? Das Problem l\u00f6st sich auf wundersame Art\nund Weise: Ein Ehepaar ist unterwegs mit dem Auto liegen geblieben, und ein Mann\nist nach durchzechter Nacht nicht einsetzbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nn\u00e4chste Problem l\u00f6st sich aber nicht von selbst: Schon auf der Autobahn beginnt\nder R\u00fcckstau. Aus vier Richtungen fahren Autos auf einen Kreisverkehr zu. Es\nbewegt sich fast gar nichts. Wir kehren um und versuchen einen anderen Weg,\naber das Ergebnis ist dasselbe. Man muss sich einf\u00e4deln und dann einfach\nwarten, dass die Sache in Bewegung kommt. Am Ende haben wir drei geschlagene\nStunden gebraucht und sind noch zwei Kilometer vom Ortseingang entfernt. Es\ngeht sofort ins Lokal,&nbsp;<em>The Lodge<\/em>, die Programmpunkte des Vormittags\nsind gestrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg sieht man, was es hei\u00dft, so viele Leute zusammenzuhalten, vor allem, wenn\nman sich zwischen Bussen und Menschen auf dem Mittelstreifen der Stra\u00dfe\nweiterbewegt, weil die B\u00fcrgersteige alle voll sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann\nkommen wir an einem leeren Parkhaus vorbei. Verr\u00fcckt!&nbsp;Warum wird das nicht\ngenutzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nPortugiesen machen Picknick: auf der Wiese, auf den B\u00fcrgersteigen, an\nBushaltestellen, auf dem Sportplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\ndann endlich am Lokal ankommen, ist erst mal Warten angesagt. Organisatorische\nFragen werden besprochen, aber das ist nicht so einfach. Selbst das Z\u00e4hlen ist\nnicht so leicht, da immer gerade jemand auf dem WC ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\nein Buffet mit gutem Essen, vor allem das Zicklein ist wieder ein Volltreffer.\nIn bester portugiesischer Tradition ist alles lauwarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWein flie\u00dft in Str\u00f6men und l\u00f6st die Zungen. Im Laufe des Essens spreche ich\nEnglisch, Portugiesisch, Franz\u00f6sisch und vor allem Deutsch, mit einer Schottin,\ndie als junge Frau in Frankfurt gearbeitet hat und einer Engl\u00e4nderin, die als\njunge Frau in Stuttgart gearbeitet hat. Beide k\u00f6nnen noch sich noch ohne\nProbleme verst\u00e4ndlich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBriten sind alle sehr zufrieden mit dem Leben in Portugal. Immer wieder wird\nbetont, wie ruhig es hier&nbsp;zugehe.&nbsp;Die meisten haben wahrscheinlich\nein hektisches Berufs- und Familienleben hinter sich und genie\u00dfen jetzt das\nstressfreie Leben hier. Selbst das Wetter hier in der Gegend gef\u00e4llt ihnen. Von\neinem strengen Winter wollen sie nichts gemerkt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Essen&nbsp;geht es ins historische Zentrum. Es ist rappelvoll, aber es gibt\nkein Gedr\u00e4nge. Aus den Fenstern h\u00e4ngt das, was ich in\ndem&nbsp;portugiesischen&nbsp;Text falsch als&nbsp;<em>Bettlaken<\/em>&nbsp;verstanden\nhatte.&nbsp;Es sind schwere, bordeauxfarbene, in sich gemusterte T\u00fccher. Sie\nsind an fast allen Fassaden zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndie T\u00fcren und Fenster sind geschm\u00fcckt&nbsp;und ganze Gassen, mit k\u00fcnstlichen,\nknalligen Blumen. Da ist viel Mut zum Kitsch im Spiel. Trotzdem: An einigen\nStellen ist es fast sch\u00f6n, wie die Formen von Fenstern und T\u00fcren durch die\nBlumen markiert werden. In den Gassen bilden die Blumen ein baldachinartiges\nDach. Am besten gef\u00e4llt mir ein kleiner Platz, der ein Dach aus wei\u00dfen,\ndreieckigen Wimpeln hat, durch das die Silhouette einer Kirche scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es\num vier Uhr losgeht, habe ich&nbsp;die anderen l\u00e4ngst aus den Augen verloren.\nNur \u00fcber die K\u00f6pfe der Zuschauer vor mir kann ich sehen, was da vorbeizieht:\nBannertr\u00e4ger und Tr\u00e4ger von Kronen auf samtenen Kissen. Sie repr\u00e4sentieren die\nunterschiedlichen Pfarreien. Das hatte ich f\u00fcr einen \u00dcbersetzungsfehler\nvon&nbsp;<em>freguesia<\/em>&nbsp;gehalten, aber Filomena hat recht, es ist hier\nnicht im staatspolitischen, sondern im kirchlichen Sinne gemeint.&nbsp;Es ist\ngenauso doppeldeutig wie&nbsp;<em>Gemeinde<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nn\u00e4chste Stunde verbringe ich damit,&nbsp;st\u00e4ndig die Stellung zu wechseln, um\nmehr sehen zu k\u00f6nnen.&nbsp;Ich klettere sogar auf das Dach des Parkhauses.\nAlles vergeblich. Bis ich an den&nbsp;<em>Parque de Mouch\u00e3o<\/em>&nbsp;komme. Hier\nist Platz, und ich setze mich geduldig auf den B\u00fcrgersteig, neben die anderen\nWartenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nPortugal-Wetter: dicke Wolken, wei\u00df, grau und schwarz, dazwischen blaue\nFlecken. Die Sonne ist meist hinter den Wolken, aber wenn sie hervorkommt, ist\nes pl\u00f6tzlich brennend hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg&nbsp;zu meiner jetzigen Stellung&nbsp;habe ich auf einem kleinen Platz Halt\ngemacht, auf dem freien Platz einer Bank. Hier kommt der Zug nicht vorbei, und\ntrotzdem ist der ganze Platz geschm\u00fcckt. Neben mir sitzen zwei M\u00e4nner, die mich\n\u2013 ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Portugiesen \u2013 ansprechen und fragen, woher ich komme. Sie\nselbst sind aus Aveiro&nbsp;und&nbsp;freuen sich, als sie h\u00f6ren, dass ich\nAveiro&nbsp;besucht habe.&nbsp;Auch sie loben Portugal daf\u00fcr, dass es hier so\nruhig zugehe. Das scheint ein ewig wiederkehrendes Thema zu sein. Und auch von\ndem Wetter und dem Essen&nbsp;in Portugal&nbsp;sind sie begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer\nvon ihnen hat beruflich mit einer Firma aus L\u00fcbeck zu tun gehabt, irgendwas mit\nMaschinen f\u00fcr Fischverarbeitung. Er kennt Norddeutschland sehr gut. Was ihm\ngefalle an Deutschland, sagt er,&nbsp;ist die klare Trennung der&nbsp;drei\nBereiche:&nbsp;Wohngebiet, Industrie, Landwirtschaft. Nicht alles durcheinander\nwie hier. Als sie sich verabschieden, dr\u00fccken sie mir fest die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nder&nbsp;<em>Festa dos Tabuleiros<\/em>&nbsp;muss man mit dem vorlieb nehmen, was\nsolche Massenveranstaltungen mit sich bringen: \u00fcberquellende Abfallk\u00f6rbe,\nDixi-Klos, die immergleichen&nbsp;Luftballons, Zuckerwatte, Softeis.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch\nkommt mir beim Warten der Gedanke, dass es besser ist, dahin zu fahren, wo es\nnicht so voll ist. Filomena und ihr Mann berichten sp\u00e4ter, dass sie vor vier\nJahren noch gut in die Stadt hineinfahren und alles bestens sehen konnten. Sie\nsch\u00e4tzen, dass es diesmal doppelt so viele Besucher sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nerstaunlich ruhig. Auch das scheint sehr portugiesisch zu sein. In der N\u00e4he des\nZugs h\u00f6rt man gelegentlich Beifall und ein paar Anfeuerungsrufe. Das ist alles.\nDie Leute gehen spazieren, kaufen etwas an den Imbissst\u00e4nden, unterhalten sich.\nKein Geschrei, kein Durcheinander, keine Musik. \u00dcberhaupt keine\nVolksfestatmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWarten hat sich nicht gelohnt. Der Zug will einfach nicht kommen. Ich mache\nmich wieder auf den Weg,&nbsp;irre \u00fcber die Stra\u00dfe und sto\u00dfe auf der anderen\nSeite des Flusses dann endlich auf den Zug.&nbsp;Aber&nbsp;der legt&nbsp;in\ndiesem&nbsp;Moment gerade eine Pause ein. Die M\u00e4dchen stopfen sich Brote und\nEnergieriegel in den Mund, was sch\u00f6n mit ihrer zeremoniellen Kleidung\nkontrastiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nPause ist eine gute Gelegenheit, sich alles anzusehen.&nbsp;Die M\u00e4dchen tragen\nlange, wei\u00dfe, an Messgew\u00e4nder erinnernde Kleider mit einer roten Sch\u00e4rpe, auf\nder der Name der Pfarre steht. Neben jedem M\u00e4dchen ein Junge, ein Begleiter, in\nSchwarz und Wei\u00df, mit einem Tuch auf der Schulter. Sie \u00fcbernehmen, wenn das\nM\u00e4dchen nicht mehr kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nBoden neben den M\u00e4dchen stehen die Protagonisten des Fests, die&nbsp;<em>tabuleiros<\/em>.&nbsp;Sie\nhaben diesen Aufbau: unten ein Weidenkorb, der sich hinter einer bestickten\nwei\u00dfen Stoffmanschette<\/p>\n\n\n\n<p>verbirgt,\ndar\u00fcber das hohe, runde Weidengeflecht, an das Blumen und Brot (eigentlich\nBr\u00f6tchen) befestigt sind, insgesamt drei\u00dfig.&nbsp;Oben bekr\u00f6nt den&nbsp;<em>tabuleiro<\/em>&nbsp;ein\nEmblem, die Armillarsph\u00e4re oder die Taube des Heiligen Geists oder das Kreuz\ndes Christusritterordens. Die ganze Chose wiegt zwischen 18 und 20 Kilo. Die\nBlumen sind heutzutage aus Papier, waren aber fr\u00fcher echt. Alle&nbsp;<em>tabuleiros<\/em>&nbsp;haben\ndieselbe Grundform, aber jeder ist verschieden in seinem Blumenschmuck. Das\nergibt ein wunderbares Gesamtbild.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nihrer Essenz ist die&nbsp;<em>Festa dos Tabuleiros<\/em>&nbsp;ein Erntedankfest.\nDaher das Brot und die Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nert\u00f6nen B\u00f6llersch\u00fcsse und es passiert \u2013 nichts. Weiter warten. Und dann, als\nich mich schon bald auf den Weg machen muss, geht es endlich los. Die&nbsp;<em>tabuleiros<\/em>,\njeder so gro\u00df wie das M\u00e4dchen, das ihn tr\u00e4gt, werden auf die K\u00f6pfe gehievt, der\neine oder andere schwankt ein bisschen hin und her, aber insgesamt geht es\nverbl\u00fcffend reibungslos. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit erstaunlich\nschnellen Schritten. Noch haben die M\u00e4dchen zwei der f\u00fcnf Kilometer vor sich.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Am\nVormittag kommt, wie angek\u00fcndigt, ein Mann namens Miguel. Der macht Messungen\nf\u00fcr ein&nbsp;Energie-Zertifikat f\u00fcr die H\u00fctte. Es h\u00e4lt ein Messger\u00e4t an W\u00e4nde\nund macht Aufnahmen. Von meinem Holz, meinen Pinienzapfen, meinen Pellets,\nmeiner Holzkohle, meinem Papier nimmt er keine Notiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal habe ich die Gelegenheit, in den abgeschlossenen Teil der H\u00fctte zu\nsehen. Der Eindruck ist entt\u00e4uschend. Unten ein ausgesprochen ungem\u00fctlicher\nRaum, eine Art Wohnzimmer, in dem alles m\u00f6gliche herumsteht. Der Raum wirkt\nkleiner als das Obergeschoss. Dort sind drei weitere Schlafzimmer und ein\nkomplett eingerichtetes Bad. Insgesamt kann man in der H\u00fctte wohl bis zu zehn\nPersonen unterbringen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nPost Briefmarken bekommen, die \u201c600 Jahre Madeira\u201d feiern. Die Portugiesen\nhaben ein unverkrampftes Verh\u00e4ltnis zu ihrer Kolonialgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner Sendung \u00fcber Scheel einen Satz aus einem Brief geh\u00f6rt, den er an Erich\nMende schrieb: \u201cIch m\u00f6chte ein Ressort haben, in dem ich m\u00f6glichst viel Reisen\nkann und m\u00f6glichst wenig Akten lesen muss.\u201d Er wurde Entwicklungshilfeminister.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Sommer\nin Portugal! Kommt ein paar Tage vor meiner Abreise. Heute ist es sonnig und\nhei\u00df, den ganzen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nCoimbra versuche ich, ein Verbindungskabel f\u00fcr das Handy zu bekommen. Erweist\nsich als sehr langwierige Prozedur. Am Ende versichert mir eine junge\nVerk\u00e4uferin, dass das Kabel passt. Sicher? Ja, sicher. Und wenn es nicht passt\nund ich die Verpackung ge\u00f6ffnet habe? Keine Sorge, passt! Es ist vermutlich das\nAlter, das einen gelehrt hat, dass so was immer daneben geht. Als ich wieder\nzur\u00fcckkomme und ihr das Kabel wortlos hinhalte, ist sie ganz entsetzt. Das muss\ndoch passen! Entschuldigt sich aber und konsultiert einen Kollegen. Der wirft\neinen mitleidigen Blick auf das Handy und macht den entsprechenden Kommentar.\nAm Ende liegt es am Handy. An demjenigen, der sich nicht alle zwei Jahre in\nneues kauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nAusfahrt aus dem Parkhaus pl\u00f6tzlich dumpfer Knall: Auto kaputt? Fu\u00dfg\u00e4nger, der\nauf derselben H\u00f6he ist, winkt ab: nichts passiert!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre zum Naturwissenschaftsmuseum. Vorher noch kurz Halt in einem\nunscheinbaren Caf\u00e9, das ganz unten versteckt an der Stra\u00dfe liegt. Es gibt\neinige Komplikationen beim Bestellen, aber am Ende bekomme ich einen Kaffee und\neine Mousse au Chocolat, die zum Niederknien ist. Als ich bezahle, fragt mich\nder Wirt, ob ich Franzsose sei. Oder Argentinier? Keins von beiden. Dann macht\ner mir ein zweischneidiges Kompliment: \u201cF\u00fcr einen Deutschen sprechen Sie\nwirklich gut Portugiesisch.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nMuseum liegt oben an der Uni, in zwei sich gegen\u00fcberliegenden klassizistischen\nGeb\u00e4uden, die aus der Zeit der Reformen von Pombal stammen. Das zentrale\nWort,&nbsp;<em>Filosofia<\/em>&nbsp;<em>Natural<\/em>,\ntaucht aber schon in der Gr\u00fcndungsurkunde der&nbsp;<em>Estudos<\/em>&nbsp;<em>Gerais<\/em>&nbsp;in Lissabon auf. Kurz, nachdem die Universit\u00e4t\ndann endg\u00fcltig nach Coimbra kam, \u00fcbernahmen die Jesuiten die Lehre. Bis sie von\nPombal rausgeworfen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nersten Geb\u00e4ude ist die Chemie untergebracht, auch wenn man hier manchmal eher\nan Physik denkt. Im ersten, dem originalen Versuchsraum mit hohen Decken, sieht\nman alle m\u00f6glichen Ger\u00e4tschaften aus der Anfangszeit, vor allem \u00d6fen aller Art\nund Gr\u00f6\u00dfe. Aber auch die schweren, gusseisernen Wasserh\u00e4hne, die mit allen m\u00f6glichen\nR\u00e4dchen verschiedene Fl\u00fcssigkeiten zu mischen erlauben, sind ein Blickfang.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei\neiserne Halbkugeln, wenn man Luft rausl\u00e4sst, nur mit gr\u00f6\u00dfter Kraftanstrengung,\nPferde, zu trennen, wenn Luft wieder drin, ganz einfach zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\neine Reihe von kleinen Versuchen, die man durchf\u00fchren kann, nichts\nSpektakul\u00e4res, aber mir gef\u00e4llt es. In einem Versuch geht es um optische\nWahrnehmung. Man sieht unregelm\u00e4\u00dfig verteilte kleine wei\u00dfe Punkte und soll\nraten, was sich hinter ihnen verbirgt. Ich tippe auf ein Schiff. Dann setzen\nsich die Punkte in Bewegung, und man sieht, was es ist: ein Jongleur. Man muss\nes als Jongleur, kann es nicht mehr als Schiff sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch\neine Linse in einem Bassin mit Fl\u00fcssigkeit sieht man die hinter dem Bassin\nangebrachten vertikalen Linien. Im Bassin daneben ebenso. Aber hier sieht man\ndie Linien, wie sie \u201cwirklich\u201d sind, im ersten sieht man die Linien gr\u00f6\u00dfer und\nst\u00e4rker konturiert, als sie wirklich sind. Dieses Bassin enth\u00e4lt Wasser, das\nandere eine Mischung aus Fl\u00fcssigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinen Beh\u00e4lter mit Waschpulver ist ultraviolettes Licht gerichtet. Ohne das\nLicht sieht man Blau und Wei\u00df. Mit dem Licht ist es anders: Das Blau wird zu\nWei\u00df, und das Wei\u00df wird zu Rot. \u00c4hnlich daneben: Ein Beh\u00e4ltnis voller loser\nPerlen, darauf eine Perlenkette. Man sieht farblich keinen Unterschied. Mit dem\nultravioletten Licht beginnt die Perlenkette zu gl\u00e4nzen, die losen Perlen sind\nmatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\neine kleine Dokumentation \u00fcber das Auge. Das entstand bei allen Lebenswesen im\nKambrium, vor 560 Millionen Jahren. Das Auge hat 40-60 Entwicklungsschritte\ndurchgemacht, aber es ist kein perfektes Organ dabei herausgekommen, sondern\neins, das der jeweiligen Gattung das \u00dcberleben erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\ngegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4ude sind die Biologie und die Physik ausgestellt. Hier\nist das Museum richtig veraltet, man kann selbst die Schilder kaum lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nPrunkst\u00fcck des Museums ist ein komplettes Walfischskelett, das die ganze L\u00e4nge\neines Raums einnimmt. Man sieht in den sich nach hinten verj\u00fcngenden Rumpf wie\nin einen Tunnel hinein. Und k\u00f6nnte den Eindruck bekommen, dass es sich um das\nSkelett von drei verschiedenen Tieren handelt, so scharf sind Kopf, Rumpf und\nSchwanz voneinander getrennt. Wenn das Fell dar\u00fcber gespannt ist, sieht es ganz\nanders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Beachtlich\nsind aber auch die kleineren Skelette wie das eines Kugelfischs und das einer\nKobra, ganz d\u00fcnn und l\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo\ngibt es auch das Horn eines Einhorn zu sehen, wei\u00df, l\u00e4nglich, spitz zulaufend,\nwie im M\u00e4rchen. Ist auch als solches ausgezeichnet, aber darunter erf\u00e4hrt man,\nwas es wirklich ist: narval.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestopft\noder als Skelett gibt es verschiedene \u201esiamesische\u201c Tiere. Ein Kalb mit zwei\nK\u00f6pfen und sechs Beinen, ein Lamm mit einem Kopf und acht Beinen. Sieht\nverst\u00f6rend aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nPhysik fallen mir zum Schluss zwei Dinge auf, die wiederum mit Optik zu tun\nhaben, zuerst sind es Gem\u00e4lde, die aus senkrecht ausgerichteten Lamellen\nbestehen. Wenn man von links guckt, sieht man ein anderes Bild, als wenn man\nvon rechts guckt. Aus einem jungen Mann beim W\u00fcrfelspiel wird ein\ndickwanstiger, lachender, sich den Bauch haltender Mann mit Per\u00fccke, aus einem\nFl\u00f6tenspieler mit Feder im Haar wird eine junge Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nAbschluss noch zwei Bilder, auf denen alles so verzerrt ist, dass man nicht\nerkennen kann, was dargestellt wird. Erahnen kann man K\u00f6rperteile, die auf dem\nKopf stehen und eine wilde M\u00e4hne, die sich \u00fcber das ganze Bild ausbreitet und\nwie ein Bild von Blake aussieht. Die Aufl\u00f6sung ist nebenan. Wenn man einen\ngebogenen Spiegel vor das Bild stellt, f\u00fcgen sich die surrealistischen\nEinzelteile zu einem koh\u00e4renten, \u201enormalen\u201c Bild zusammen, in einem Fall dem\nBild eines Pfeifenrauchers. Von der Pfeife hatte man vorher keine Ahnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nmeisten R\u00e4ume sind nichtssagend, aber die ersten beiden stammen aus der Zeit\nvon Pombal und sind original erhalten. Der erste ist ein H\u00f6rsaal, mit\naufsteigenden Sitzreihen, elegant geschwungen mit Eisengittern. Und einem\nm\u00e4chtigen Katheder vorne. Hier m\u00f6chte man genauso gerne Student wie Dozent\ngewesen sein. Der n\u00e4chste Raum ist ein Kabinett, mit schweren bordeauxroten\nVorh\u00e4ngen, einer sch\u00f6nen, gewundenen Treppe und ebenso sch\u00f6nen Vitrinen mit\nHolzeinfassungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAusgang steht eine moderne Skulptur, ein Denker, in halb kniender Pose. Er h\u00e4lt\ndie H\u00e4nde vor das Gesicht, so, als ob er sich von nichts vom Denken abhalten\nlassen wolle. Die Augen sieht man nicht, die Ohren sind kaum ausgebildet. Er\nist ganz Konzentration. Die Skulptur stammt von einem K\u00fcnstler aus S\u00e5o Tom\u00e9 und\nist aus Maulbeerholz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird\nZeit f\u00fcr Coimbra B. Der letzte Transfer ist wie der erste f\u00fcr Xia. Die kommt\ngut gelaunt an und freut sich, dass sie den Sommer mitgebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren nach Osso da Baleia. Ein richtiger Sommertag am Strand. Es ist hei\u00df, und\nam Strand ist es ein bisschen voller als sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem mehrsprachigen Schild hei\u00dft es auf Deutsch:&nbsp;<em>Verbotene<\/em>&nbsp;<em>Tiere<\/em>. Gleich gegen\u00fcber stehen die seltsamen,\ntrichterf\u00f6rmigen Plastikbeh\u00e4lter, die unten ein Loch haben. Jetzt erfahren wir,\nworum es sich handelt: Aschenbecher.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWasser ist immer noch kalt, aber heute kann man sich rein wagen. Mit dem ganzen\nK\u00f6rper. Die Str\u00f6mung ist allerdings sehr stark, und als wir gerade ein paar\nSchritte drau\u00dfen sind, kommt einer der Aufpasser und verbietet uns, weiter raus\nzu schwimmen. Der Atlantik hat es in sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen in beide Richtungen den Strand entlang, so weit das Auge reicht, und auch\nda geht der Strand noch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nsehen wir einen menschlichen K\u00f6rper reglos im Sand liegen. F\u00fcr einen Moment\nf\u00e4hrt uns ein Schrecken durch den K\u00f6rper, aber dann sehen wir ihn atmen. Es ist\nein Angler, der sich eine Pause g\u00f6nnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren bei dem herrlichen Wetter in den n\u00e4chsten K\u00fcstenort,&nbsp;Pedreg\u00e3o. Dort\nsoll es Strandlokale geben. Gibt es auch tats\u00e4chlich. Pedreg\u00e3o ist ein\nrichtiger Touristenort.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nFrau weist uns den Weg, mit einer haargenauen Beschreibung und einer klaren\nAnsage, in welches Lokal wir gehen sollen. Dabei kommt es zu einem sch\u00f6nen\nMissverst\u00e4ndnis. Ich frage nach dem Namen und meine den des Lokals, sie glaubt,\nich wolle ihren Namen wissen. Geht nur in Pro-drop-Sprachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nLokal ist proppenvoll und erst beim zweiten Nachfragen bekommen wir doch noch\neinen Platz, drau\u00dfen auf der Terrasse. Am Nachbartisch werden Fische gegessen.\nWas f\u00fcr welche das denn sind, fragen wir. Sardinen. So gro\u00df, dass man es kaum\nf\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. Dann kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis zwischen uns, und als\nErgebnis bekommt Xia Muscheln statt Fisch. Es sind Venusmuscheln,&nbsp;<em>ameijas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsitzen in der Sonne, mit direktem Blick auf den Strand und das Meer. Besser\ngeht es nicht. Der Strand ist so breit und so lang, dass die typischen\nVersatzst\u00fccke eines Touristenortes, Liegest\u00fchle, Sonnenschirme, Kioske, kaum\nst\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald\nist der Aufbruch angesagt. Wir haben einen Termin im Weinkeller,\nbei&nbsp;Encosta de Criveira,&nbsp;in Penela, von Filomena vermittelt. Vater\nund Sohn f\u00fchren uns gemeinsam. Beide sind sehr freundlich und mitteilsam. Der\nSohn spricht flie\u00dfend Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nein reines Familienunternehmen. Der Vater ist der Winzer, die Firma l\u00e4uft auf\nden Namen der Mutter, und der Sohn tritt in die Fu\u00dfstapfen des Vaters. Er hat\ndas Logo der Firma selbst gestaltet, eine stilisierte Darstellung, die Bezug\nnimmt auf die Form einer Weinflasche, auf die Burg von Penela und auf den Namen\nder Familie, Reis.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nVater war erfolgreicher Bankier und hat den mutigen Schritt unternommen, den\nBeruf an den Nagel zu h\u00e4ngen und sich dem Weinbau zu verschreiben. Die\nLokalit\u00e4ten sind die seines eigenen Vaters, der hier eine \u00d6lm\u00fchle betrieb. Mit\nGegenst\u00e4nden und Photos wird in dem Weinkeller darauf verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWein wird nicht auf einem Feld, wie hier \u00fcblich, angebaut, sondern auf einem\nrichtigen Weinberg, wie bei uns. Der Weinberg liegt direkt hinter der\nFreiwilligen Feuerwehr am Ortsausgang von Penela, wo ich schon viele Male\nvorbeigefahren bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nzwei Hektar werden insgesamt 15.000 Flaschen pro Jahr hergestellt, Rot, Ros\u00e9\nund Wei\u00df. Sie haben schon mehrere Preise eingeheimst, auch gegen vermeintlich\nst\u00e4rkere Konkurrenz. Die Gesch\u00e4fte laufen gut, das sagen sie ganz offen, und\nauch, was Portugal angeht, sind sie zuversichtlich. Tut gut, das zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nhaben nur ganz wenig Variation, so dass man gut den \u00dcberblick beh\u00e4lt: einen\nWei\u00dfwein, einen Ros\u00e9 und zwei Rotweine, einen mit einer Traube, einer mit\nmehreren Trauben. Die wichtigste Traube hei\u00dft&nbsp;<em>baga<\/em>. Das\nWeinbaugebiet,&nbsp;<em>Terras de Sic\u00f3,<\/em>&nbsp;umfasst nur f\u00fcnf Ortschaften\nund zw\u00f6lf Winzer und ist wie eine s\u00fcdliche Verl\u00e4ngerung der&nbsp;<em>Bairrada<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWein schmeckt uns wieder ausgezeichnet, und am Schluss wandern wir beide mit\neiner Kiste unter dem Arm ab. Und mit einem eigentlich unverk\u00e4uflichen K\u00e4se,\nden eine alte Frau aus der Nachbarschaft herstellt. Wann immer sie ihn zum Kauf\nanbietet, wird es ihr sofort aus der Hand gerissen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nportugiesische Sommer ist vor\u00fcber. Er hat genau zwei Tage gedauert.&nbsp;Wir\nfahren trotzdem nach Loucainha&nbsp;und schwimmen ein paar Bahnen in dem kalten\nWasser. Es sind ein paar Badeg\u00e4ste da, aber keiner von ihnen traut sich ins\nWasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt ein Autokorso. Ein Gruppe von Behinderten mit Betreuern. Sie verschwinden\nin entgegengesetzter Richtung. Xia entdeckt, wohin: in ein Waldst\u00fcck am anderen\nEnde des Bassins, einem sehr sch\u00f6n angelegten Platz, auf dem sie Picknick\nmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns\nwird es Zeit, nach Miranda zu fahren. Filomena bittet zum Mittagessen. Sie\nwohnt am Stadtrand von Miranda. Die Suche gestaltet sich schwierig, der\nNavigator schickt uns hin und zur\u00fcck und immer um das Viertel herum. Dann\nfragen wir einen Mann, der gerade aus seinem Haus kommt. Er setzt zu einer\nErkl\u00e4rung an, \u00fcberlegt es sich aber anders und f\u00e4hrt vor uns her, direkt bis\nvor das Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist\nein gro\u00dfz\u00fcgiges Einfamilienhaus, das etwas von einer Villa hat. Es besitzt\nsogar einen Swimmingpool.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nk\u00f6nnen trotz des Wetters drau\u00dfen sitzen, auf der gesch\u00fctzten Veranda. Der\nHausherr steht am Grill, der eigens in die Hauswand eingelassen ist. Musik\nkommt aus Lautsprechern, die auch mit eingebaut sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\neine ganze Palette von Fleisch und Wurst vom Grill: Rippchen, Speck, chorico\nusw. Dazu gibt es einen gro\u00dfen Salat.&nbsp;Aber damit nicht genug, daneben\nwerden auch noch gebackene Auberginen aufgefahren&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;ein\nkomplettes&nbsp;<em>bacalh\u00e3o<\/em>-Gericht&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;eine&nbsp;<em>chanfana.&nbsp;<\/em>Auch\nbeim Nachtisch wird nicht gekleckert. Es gibt gleich zwei Nachspeisen,&nbsp;<em>queijada<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>serradura<\/em>.&nbsp;Und\ndann haben wir das Gl\u00fcck, zum ersten Mal&nbsp;<em>vinho verde<\/em>&nbsp;probieren\nzu k\u00f6nnen, in der wei\u00dfen Variante. Er ist leicht und frisch.&nbsp;Und alles ist\nk\u00f6stlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der\nTerrasse sieht man auf den Garten. Darin stehen Himbeeren aus Deutschland und\neine&nbsp;Tanne aus dem Schwarzwald. Die beiden machen alle drei Jahre eine\ngewaltige Tour durch Europa, bei der sie Freunde in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern\nbesuchen und bis zu 7.000 Kilometer zur\u00fccklegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nHaus wird nur von den beiden bewohnt. Ihre Tochter wohnt in ihrem alten Haus im\nZentrum von Miranda. Sie ist Konditorin und mit einem Konditor liiert, den sie\nw\u00e4hrend der Ausbildung kennen gelernt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nRede kommt auf die K\u00fche, die hier noch grasten, als die beiden Kinder waren. Wo\nsind die K\u00fche geblieben? In St\u00e4llen, lautet die Antwort. Trotzdem komisch, dass\nman w\u00e4hrend der gesamten sechs Monate nie auch nur eine einzige zu Gesicht\nbekommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nThema K\u00fche leitet elegant zu den Azoren \u00fcber. Madeira, sagen die beiden, sei\nwundersch\u00f6n, aber die Azoren seien das Paradies. Sie h\u00e4tten au\u00dferdem den Reiz,\naus mehreren Inseln zu bestehen, w\u00e4hrend Madeira nur aus einer Insel besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen\nsch\u00f6neren Abschluss der Portugal-Reise (und einen authentischeren) kann man\nsich nicht vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nAutopacken lerne ich eine neue Variante kennen: Das ganze Gep\u00e4ck im Kofferraum\nruht auf einem Teppich von B\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen einen Spaziergang um das Dorf herum und probieren Dill und trinken aus\nMarienkelchen. Zum Abschluss gibt es ein letztes Mal ein Bier in der Taberna,\ndrau\u00dfen auf der Terrasse sitzend. Ein Mann kommt auf mich zu und gr\u00fc\u00dft mich\nfreundlich. Ich muss zweimal hingucken. Es ist der sympathische Mann, der im\nGarten der H\u00fctte die Gr\u00e4ser geschnitten hat.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Um neun\nUhr geht die Reise los. Unser erstes Ziel ist Bragan\u00e7a, in Tras-os-Montes\ngelegen, dem schon dem Namen nach verlassenen Fleck im \u00e4u\u00dfersten Nordosten\nPortugals, nahe der spanischen Grenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs\nsieht man von der Stra\u00dfe tief hinunter auf die Weinfelder des Douro. Die\nbreiten sich zu drei Seiten aus und haben mit ihren Trockenmauern und den\ndazwischen gepflanzten Olivenb\u00e4umen etwas Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen Halt in Viseu und in Vila Real. Als wir in Viseu ankommen, ist von dem\nDunst von Viavai nichts mehr \u00fcbrig. Wolkenloser Himmel, heller Sonnenschein.\nViseu ist sch\u00f6n, sch\u00f6ner als ich es in Erinnerung habe.<\/p>\n\n\n\n<p>In Vila\nReal beginnt es schon etwas spanisch auszusehen. Die Stadt ist in der\nMittagshitze fast menschenleer. Das sch\u00f6nste Bild bietet die Fassade einer\nBarockkirche, die an dem&nbsp;Schnittpunkt zweier schmaler Stra\u00dfen der Altstadt\nliegt. Ganz oben thront Petrus in voller Montur.<\/p>\n\n\n\n<p>Xia\nbemerkt an verschiedenen Patrizierh\u00e4usern sch\u00f6n verzierte Tragkonsolen und\nabgerundete Fensterlaibungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den\nH\u00e4usern dieser Region herrscht nicht mehr so ein Durcheinander wie in den Orten\ndes Beira Litoral. Die Dinge scheinen eher zueinander zu passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir\nin Bragan\u00e7a ankommen, ist es immer noch sommerlich hei\u00df. Wir machen einen\nSpaziergang \u00fcber das Kopfsteinpflaster zur Burg hinauf und finden am Abend nach\neiniger Suche doch ein Lokal, das ge\u00f6ffnet hat, keine Kleinigkeit in Portugal\nan einem Sonntag.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Braganca\nist sch\u00f6n, aber verschlossen: Kirchen, Kneipen, Museem, alles zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Xia\nschl\u00e4gt einen Fr\u00fchschoppen vor. Der Vorschlag trifft auf enthusiastische\nZustimmung. Es ist aber ein Missverst\u00e4ndnis. Nicht Fr\u00fchschoppen, sondern\nFr\u00fchsport ist gemeint. Wir sollen zu Fu\u00df nach Sao Bartolomeo, einer Kapelle auf\neinem H\u00fcgel \u00fcber der Stadt gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird\nein ziemlich abenteuerlicher Spaziergang, einen Feldweg entlang, der mit stacheligen\nGew\u00e4chsen versehen ist und in die Irre zu f\u00fchren scheint. Am Ende kommen wir\ndann aber doch oben an.<\/p>\n\n\n\n<p>Belohnt\nf\u00fcr die M\u00fche wird man auf halber H\u00f6he, mit einem der sch\u00f6nsten Ausblicke auf\neine Stadt in Portugal. Die einzigen m\u00f6glichen Konkurrenten sind Tomar und\n\u00d3bidos.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nganz oben ist der Blick dagegen eher entt\u00e4uschend. Daf\u00fcr haben wir eine kuriose\nBegegnung. Zwei uniformierte Radfahrer fahren an uns vorbei zu einer Statue\n\u00fcber dem Felsen, von der aus man freie Sicht auf die Stadt ganz unten hat. Ich\ndenke an Mitglieder eines Sportvereins, aber Xia hat genauer hingesehen: Es\nsind Polizisten. Wir fragen sie, wie wir wieder hinunterkommen und dabei\nentspinnt sich ein Gespr\u00e4ch: Bragan\u00e7a sei einer der sichersten Orte Portugals,\nvielleicht der Welt, hier g\u00e4be es noch nicht einmal Taschendiebe. Muss sch\u00f6n\nsein, in so einem Ort Polizist zu sein. Im Sommer sind sie mit dem Rad\nunterwegs, aber wirklich nur im Sommer. Im Winter ist Bragan\u00e7a ein kalter Ort\nmit reichlich Schnee. Sehen wir sp\u00e4ter auch auf einer Ansichtskarte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nverstehe die beiden gut, sehr gut sogar, ebenso wie gestern einen Einheimischen\nauf der Stra\u00dfe, aber anders als der Wirt in einem Caf\u00e9 und seinen Gast und\nanders als zwei M\u00e4dchen an der Rezeption gestern, von denen eine in einem merkw\u00fcrdigen\nSingsang sprach. Ob das typisch f\u00fcr diese Region ist? Bei den Polizisten komme\nich aber einmal ins Schwimmen, als sie, wie ich glaube, von Braganca als einem\nder dunkelsten Orte Portugals sprechen, aber dann verstehe ich sozusagen im\nNachhinein: nicht&nbsp;<em>mais oscuros<\/em>, sondern&nbsp;<em>mais<\/em>&nbsp;<em>seguros<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck\ngeht es \u00fcber eine breite Treppe an der anderen Seite des H\u00fcgels. Dahin haben\nuns die Polizisten verwiesen. Der Weg ist k\u00fcrzer als der Hinweg und auch\nbequemer, aber der Durst wird bei der Hitze ein richtiges Problem, und als wir\nendlich am Rande der Innenstadt an ein Caf\u00e9 kommen, hat das gerade zugemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bragan\u00e7a\nist eine ausgesprochen sch\u00f6ne Stadt, die ihren besonderen Reiz durch die\nVerbindung von Alt und Neu hat. Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge mit sch\u00f6nen Patrizierh\u00e4usern,\nKopfsteinpflaster, die schmalen Gassen zur Burg hinauf, die Kirchen, die H\u00fcgel\nder Umgebung, und zwischendrin immer wieder ganz moderne Platzanlagen mit\nWasserspielen, Br\u00fccken und Plastiken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nkurios ist eine Kirche, die zweischiffig zu sein scheint und au\u00dfen zwei fast\nidentische, mit blau-wei\u00dfen Kacheln best\u00fcckte Fassaden hat. Es sind aber zwei\nbenachbarte, aber von einer Trennwand geschiedene R\u00e4ume, von denen einer ein\nganzes St\u00fcck verk\u00fcrzt ist und wohl eher als Kapelle denn als voll funktionierende\nKirche dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben an\nder Burg sehen wir den auf einem Eber stehenden, steinernen Pfahl, einen&nbsp;<em>pelourinho<\/em>,\nbei dem ich immer mehr die Vermutung habe, dass er mit&nbsp;<em>Schandpfahl<\/em>&nbsp;falsch\n\u00fcbersetzt ist. Eber als Symboltiere treten hier in der Gegend \u00fcberall auf, vor\nallem auch auf der spanischen Seite, steinzeitliche Skulpturen, die viel Raum\nf\u00fcr Interpretation zulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBurg hat eine gro\u00dfe Umfassungsmauer, und siehe da, man kann gro\u00dfe Teile von ihr\nbegehen. Sollen sich doch die von \u00d3bidos ihre Stadtmauer in der Pfeife rauchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNachmittag bekomme ich in einer Buchhandlung, in der man von einem \u00e4lteren\nHerrn und zwei noch \u00e4lteren Damen bedient wird, zwar nicht, was ich gesucht\nhabe, aber doch zwei portugiesische B\u00fccher f\u00fcr die ersten Wochen zuhause. Eins\ndavon ist brandneu und bietet Geschichten zu portugiesischen Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend zieht sich am Ende eines hei\u00dfen Tages mit einem Rekord an gelaufenen\nKilometern und getrunkener Fl\u00fcssigkeit der Himmel zu.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nXia sich nach Porto verabschiedet, fahre ich weiter \u00fcber die Grenze nach\nSpanien. Zu beiden Seiten der Grenze ist es einsam, aber als es auf Zamora\nzugeht, werden Besiedlung und Verkehr dichter. Auf der spanischen Seite gro\u00dfe,\nabgem\u00e4hte Weizenfelder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache in Zamora und in Toro Halt. In beiden St\u00e4dten reihen sich die\nhistorischen Geb\u00e4ude entlang einer geraden Trasse auf, an deren Ende die\nwichtigste Kirche der Stadt steht, die Kathedrale in Zamora, die Colegiata in\nToro. Zamora ist lebhaft und gesch\u00e4ftig, Toro verschlafen und gem\u00fctlich. In\nbeiden St\u00e4dten gibt es schon Lose f\u00fcr die Weihnachtslotterie.&nbsp;Und in\nZamora f\u00e4llt mir ein Plakat f\u00fcr einen Sepharden-Kongress auf, der hier vor\nkurzem stattgefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In Toro\nsieht man von der Colegiata auf eine Ebene hinunter, die ein historischen\nSchlachtfeld ist. Hier fand die Schlacht statt, mit der sich Juana den Thron\nvon Kastilien erstritt, gegen ihre Kontrahentin, auch eine Juana, La Beltraneja\n(deren Anspr\u00fcche auf den Thron nicht an den Haaren herbeigezogen waren). Sie\nhatte ihren Namen von Beltr\u00e1n, einem Hofherr, der sehr h\u00e4ufig und innig mit der\nK\u00f6nigin verkehrte und vielleicht der Vater von Juana war und nicht der\nangeblich impotente K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSuche nach einem Platz im Schatten ist nicht so einfach, aber irgendwann wird\nein Tisch unter den Arkaden auf der zentralen Stra\u00dfe des verschlafenen\nSt\u00e4dtchens frei. Die junge Kellnerin duzt mich, obwohl ich sie sieze!<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum von Zamora, vor einer Kirche, eine verst\u00f6rende Skulptur, zwei M\u00e4nner\nmit einem Schleier vor dem Gesicht und Trommel bzw. Tr\u00f6te in der Hand. Zamora\nist das kastilische Zentrum der&nbsp;<em>Semana<\/em>&nbsp;<em>Santa<\/em>, und vermutlich ist sie das Thema der Skulptur, aber\nman k\u00f6nnte auch an die Inquisition denken. Tats\u00e4chlich fanden in der\nVergangenheit genau hier, auf diesem Platz, die&nbsp;<em>Autos de F\u00e9<\/em>&nbsp;statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nweiter ein ganz andere Skulptur, die von Viriato, dem spanischen Asterix, der\nachtmal die R\u00f6mer besiegte, bevor er ermordet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand in Handschrift Lope de Vegas Gedicht \u201cEse es amor\u201d, ein Sonett in der italienischen Tradition, ein lexikalisches Feuerwerk von der ersten Strophe an: \u201cDesmayarse, atreverse,\u00a0estar furioso,\u00a0\u00e1spero, tierno, liberal, esquivo,\u00a0alentado, mortal, difunto, vivo,  leal, traidor, cobarde y animo.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nAusfahrt aus Zamora sehe ich zuf\u00e4llig beim Vorbeifahren einen Stra\u00dfennamen, der\nein Photo erfordert, obwohl hier nicht gerade leicht zu halten ist:&nbsp;<em>Calle\nde Buscarruidos.<\/em>&nbsp;Man kann sch\u00f6n dar\u00fcber spekulieren, woher der Name\nkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nbesten Blick auf Zamora hat man von einer Eisernen Br\u00fccke, die ich unfreiwillig\nmehrmals passiere, wegen einer gesperrten Stra\u00dfe. Es ist einfach nicht aus der\nStadt hinauszukommen, jedenfalls nicht in die gew\u00fcnschte Richtung. Dabei f\u00e4llt\nmir eine merkw\u00fcrdige Skulptur auf, zwei Figuren, die in unterschiedliche\nRichtungen blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nsp\u00e4ten Nachmittag erreiche ich Tordesillas, das schlecht ausgeschildert und\nleicht mit Torrecillas zu verwechseln ist, das auf dem Weg liegt.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nInnenstadt von Tordesillas ist gl\u00fccklicherweise sch\u00f6ner als Gegend um das Hotel\nherum. Die Plaza Mayor, auf Arkaden stehend, ist auf den ersten Blick als\nspanisch erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Tordesillas,\nder letzte Besuch ist vermutlich genauso lange her wie der von Zamora und Toro,\nund die Erinnerung ist genauso l\u00f6chrig. Aber hier kommt noch etwas dazu: Damals\nwar von dem ber\u00fchmten Vertrag nichts zu sehen au\u00dfer einer versteckten Plakette\nan einem der historischen H\u00e4user unten am Duero. Jetzt gibt es ein modernes\nMuseum, das die Geschichte des Vertrags erz\u00e4hlt, allerdings ohne historische\nExponate.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant\nist vor allem die allm\u00e4hliche Verlagerung der Trennlinie weiter nach Westen.\nDie urspr\u00fcnglich vorgesehene Linie geht auf Kolumbus zur\u00fcck und geht durch die\nAzoren. Dann wurde die Linie weiter nach Westen verlegt, irgendwo in den\nAtlantik. Auch dann w\u00e4re noch ganz S\u00fcdamerika spanisch geworden. In dem Vertrag\nwurde die Grenzlinie aber auf Dr\u00e4ngen der Portugiesen weiter nach Westen\nverlegt, auf 370 Leguas westlich der Kapverdischen Inseln. Diese Verlegung\nbrachte es mit sich, dass der \u00e4u\u00dferste Osten S\u00fcdamerikas, das sp\u00e4tere\nBrasilien, portugiesisch wurde. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil\nAlexander VI. pers\u00f6nlich mit Fernando befreundet (und au\u00dferdem Spanier) war.\nWelche Kr\u00e4fte da am Werk waren, geht aus der Ausstellung nicht hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem\nVertrag ergaben sich sp\u00e4ter Streitigkeiten, da eine spanische legua nicht\nidentisch mit einer portugiesischen war und es davon au\u00dferdem eine neue und\neine alte Variante gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\ninteressant, dass keiner der Beteiligten jemals in Tordesillas war. Die Reyes\nCat\u00f3licos waren in Medina del Campo, gar nicht weit von hier, der Papst\nvermutlich in Rom, und Jo\u00e3o, schon sehr krank, in Lissabon.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nfragt sich, warum so ein St\u00e4dtchen wie Tordesillas zu solch einer Ehre kam.\nEine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist die Br\u00fccke \u00fcber den Duero, die heute noch fast\nkomplett intakt ist. Das Vorhandensein einer steinernen Br\u00fccke war Zeichen der\nWichtigkeit des Ortes, der an der Kreuzung zweier Handelsstra\u00dfen lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so\nwurde Tordesillas wenig sp\u00e4ter nochmals Schauplatz einer Geschichte, die \u00fcber\nSpanien hinaus Bedeutung hatte. Es war der Ort der langj\u00e4hrigen Gefangenschaft\nvon Juana la Loca. Unten am Duero steht ihre Statue, mit einfach wirkender,\naber eleganter Kleidung, die ein bisschen an ein Nonnengewand erinnert. Sie hat\nden Blick in die Ferne gerichtet. Die Krone liegt symboltr\u00e4chtig zu ihren\nF\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nGeb\u00e4ude, das mit ihr in Zusammenhang steht, ist das Convento de Santa Clara.\nDas besichtigt man bei einer F\u00fchrung. Hier wird Spanisch gesprochen,\nAlternativen werden erst gar nicht angeboten. Die F\u00fchrerin erledigt ihre Sache\nmit professionellem Ernst. Es gibt keine Anekdote, kaum mal ein kurioses Detail\nzur Auflockerung. Man ist schon froh \u00fcber ein Abendmahl im Refektorium, in der\nzwei zus\u00e4tzliche Figuren auftauchen: Diener. Sie bedienen die Apostel und\nschenken Wein ein und fahren Speisen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Als man\nden ersten Raum betritt, eine Art Vestib\u00fcl, traut man seinen Augen nicht. Das\nsoll ein Kloster sein? Man kommt sich wie im Alc\u00e1zar in Sevilla vor. Und das\nist kein Zufall. Bevor das Geb\u00e4ude zum Kloster wurde, war es K\u00f6nigspalast. Die\n\u00e4ltesten Teile stammen aus der Zeit Pedros, des Erbauers des Alc\u00e1zar.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nsch\u00f6nsten ist die Decke der Kirche, In Gold, Blau und Wei\u00df, mit 43 gotischen\nPortr\u00e4ts. Sie ist aus Holz, sieht aber nicht so aus.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nder gesamten F\u00fchrung wartet man gespannt auf eine Erw\u00e4hnung Juanas. Sie kommt\nund kommt nicht. Wann gelangen wir endlich in den Bereich, in dem sie gefangen\ngehalten wurde? Die Aufl\u00f6sung kommt erst ganz am Ende, in der Seitenkapelle der\nKlosterkirche. Hier stand jahrzehntelang der Sarkophag Felipes, ihres Ehemanns.\nJuana kam t\u00e4glich, um ihn zu sehen. Gewohnt hat sie hier aber nie. Das ist\nschon deshalb so gut wie unm\u00f6glich, weil das Kloster zu der Zeit schon bestand.\nWo sie dann tats\u00e4chlich gewohnt hat, ist nicht bekannt, vermutlich in einem der\nPal\u00e4ste, in denen heute die Museen und die Touristeninformation untergebracht\nsind, gro\u00dfe, aber n\u00fcchterne Geb\u00e4ude, bei denen man nicht unbedingt sofort an\neinen Palast denkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nvor dem Aufbruch noch eine Kleinigkeit im Hotel esse, an der Theke der Bar,\nwird meine Einsch\u00e4tzung von Tordesillas hart auf die Probe gestellt. Der Mann\nhinter der Theke, der schon gestern beim Einchecken durch seine Gesch\u00e4ftigkeit\nund seine Gespr\u00e4chigkeit aufgefallen war, ist ganz entsetzt, als ich frage, ob\nes denn \u00fcberhaupt genug Nachfrage gebe f\u00fcr all die Hotels am Ort. Ja,\nnat\u00fcrlich, Tordesillas sei schlie\u00dflich ein Ort von historischer Bedeutung, ein\nOrt, an dem Weltgeschichte geschrieben worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache mich auf den Weg. Von Kastilien geht es nach La Rioja mit seinen gro\u00dfen\nWein- und Weizenfeldern. Erst am fr\u00fchen Abend erreiche ich mein mein Ziel, San\nMill\u00e1n de la Cogolla, in den Bergen gelegen. Dies ist der Ort des ber\u00fchmten\nDoppelklosters, dem im Tal gelegenen&nbsp;Monasterio de&nbsp;Yuso und dem\noberhalb gelegenen&nbsp;Monasterio de&nbsp;Suso. Das moderne Spanisch ist bei\nder Unterscheidung nicht zu gebrauchen. Die Namen gehen auf das Lateinische\nzur\u00fcck,&nbsp;<em>deorsum<\/em>, \u2018unten\u2019 und&nbsp;<em>sursum<\/em>, \u2018oben\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nbewegter Tag steht mir bevor. Aber davon ahne ich noch nichts, als ich am\nMorgen zusammen mit anderen Besuchern in den Bus steige, der uns&nbsp;zum\nMonasterio de&nbsp;Suso bringt, dem oben gelegenen Kloster, in einer wilden\nLandschaft mit Eichenhainen und roten Felsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort\nbefindet sich, in einer&nbsp;der geschichtliche Kern des Ortes, die H\u00f6hle des\nSan Mill\u00e1n. Dem verdankt der Ort seine Existenz und seinen Namen (Mill\u00e1n =\nEmiliano). Mill\u00e1n, aus dem benachbarten Berceo stammend, lebte in dieser H\u00f6hle\nals Einsiedler und widmete sich dem Gebet. Er erreichte das biblische Alter von\n101 Jahren und wurde bald darauf zu einem der ersten spanischen Heiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man\nhier oben sieht,&nbsp;geht in seinem Kern&nbsp;auf die Zeit unmittelbar nach\ndem Tod des Heiligen 574 zur\u00fcck.&nbsp;Danach wurden bis ins 11. Jahrhundert Ver\u00e4nderungen\nund Erweiterungen vorgenommen. Das Resultat ist kurios. Man steht in einer\nzweischiffigen Kirche mit einem Knick in der S\u00e4ulenreihe.&nbsp;An einer\nL\u00e4ngsseite sind verschiedene Nischen. In einer von denen soll Mill\u00e1n gelebt\nhaben, nachdem er die H\u00f6hle verlassen hatte. Es kamen dann weitere Einsiedler\nhinzu, die zun\u00e4chst aber ohne Institutionen. Das \u00e4nderte sich dann, es gab\neinen losen Zusammenschluss, und es wurde zwischen den Nischen ein schmaler\nRaum erschaffen f\u00fcr gelegentliche Zusammenk\u00fcnfte. Diese Vorform eines Klosters\nnennt man cenobio. Erst dann entstand das eigentliche Kloster. Das wurde von\nallergr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung der spanischen Sprache. Aber von dem\nKloster selbst ist nichts erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nkann den Fortgang des Baus gut an den verschiedenen B\u00f6gen ablesen,\nwestgotischen, romanischen, maurischen. Der Kern der Kirche ist ebenfalls eine\nNische, eine Gebetsnische. Die war geostet, wie es sich geh\u00f6rt, aber bei dem\nBau der sp\u00e4teren Kirche musste man auf das Terrain R\u00fccksicht nehmen und\nverschob die Ausrichtung.<\/p>\n\n\n\n<p>In\neiner der Nischen steht der Sarkophag Mill\u00e1ns, aus schwarzem Alabaster. Der\nHeilige ist so gestaltet, als w\u00fcrde er hier lebendig liegen. Er tr\u00e4gt\nPriesterkleidung: Alba, Kasel und Stola. Die hat er als Eremit in seiner H\u00f6hle\nwohl kaum getragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur\u00fcck und zur Besichtigung des Monasterio de Yuso. Eine Zeitlang\nm\u00fcssen wohl beide Kloster gleichzeitig existiert haben, und zwar mit\nunterschiedlichen monastischen Ausrichtungen, aber was man hier unten sieht, stammt\naus der Neuzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsehen einen doppelst\u00f6ckigen Kreuzgang, der unvollendet geblieben ist, aus dem\neinfachen Grund, dass eine Seitenwand der Kirche eingest\u00fcrzt war&nbsp;und man\ndas Geld daf\u00fcr verwenden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nprachtvollste Raum ist die Sakristei, der ehemalige Kapitelsaal. Die Fresken\nleuchten wie am ersten Tag, ohne jemals restauriert worden zu sein. Das liegt,\nwie die F\u00fchrerin erkl\u00e4rt, am Boden. Der ist aus&nbsp;Alabaster&nbsp;und por\u00f6s\nund sorgt damit f\u00fcr Luftzirkulation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche ist zweigeteilt, in einem Raum f\u00fcr die M\u00f6nche und einen f\u00fcr die Laien.\nIn dem Raum f\u00fcr die Laien steht eine sch\u00f6n gestaltete Kanzel mit genauer\nKennzeichnung der k\u00f6rperlichen Details in der Darstellung der Apostel. Bei\nLukas sieht man die durch die Haltung der Feder hervortretenden Sehnen am\nUnterarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nAltarbild zeigt, ohne R\u00fccksicht auf historische Wahrheiten, einen San Mill\u00e1n\nals Maurent\u00f6ter, auf dem R\u00fccken eines wei\u00dfen Pferdes mit H\u00f6rnern!<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nChorgest\u00fchl erkl\u00e4rt die F\u00fchrerin, die Miserikordien dienten nicht nur der\nBequemlichkeit, sondern seien auch, im Gegensatz zum Stuhl, dem Singen\nf\u00f6rderlich, da sich, wenn man sich an sie lehnt, die Milz nicht zuziehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSch\u00e4tze des Museums, einerseits durch Napoleons Soldaten, andererseits durch\n\u00f6rtliche Laien, die sich nach der Aufl\u00f6sung der Kl\u00f6ster hier bedienten, ohnehin\nreduziert, wurden sp\u00e4ter durch Verk\u00e4ufe noch weiter verringert. Erhalten ist\nder&nbsp;originale&nbsp;Schrein,&nbsp;in dem&nbsp;der Leichnam San Mill\u00e1ns\naufbewahrt wurde, nicht aber die Elfenbeitafeln, die ihn schm\u00fcckten. An den\nKopien kann man aber noch gut erkennen, wie fein sie gearbeitet waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\noben ist eine Ausstellung von B\u00fcchern untergebracht. Die wurden in Kl\u00f6stern im\nallgemeinen m\u00f6glichst weit von der K\u00fcche, einem st\u00e4ndigen Brandherd,\naufbewahrt. Hier in der Ausstellung sieht man Materialien zur Buchproduktion,\nvor allem aber Kodizes und&nbsp;Chorb\u00fccher, die so gro\u00df sind, das sie aus der\nEntfernung gelesen werden k\u00f6nnen, wie von den M\u00f6nchen im Chorgest\u00fchl bei den\nStundengebeten. Es scheint sich hier aber um neuzeitliche Kopien zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider\nist von der mittelalterlichen Schreibstube und ihren Erzeugnissen w\u00e4hrend der\ngesamten F\u00fchrung nicht mehr die Rede gewesen. Erst am Ausgang, leicht zu\n\u00fcbersehen, gibt es ein paar Hinweise, die eine Ahnung von der Bedeutung der\nSchreibstube geben. An dieser Schreibstube arbeitete unter anderem Gonzalo de\nBerceo, der, aus dem gleichen Ort wie Mill\u00e1n stammend, seine im&nbsp;6.\nJahrhundert auf Latein geschriebene Lebensgeschichte im 11. Jahrhundert ins\nSpanische \u00fcbersetzte. Er gilt als der erste spanische Dichter. Daneben steht\ndie Kopie der ersten Seite der&nbsp;<em>Glosas<\/em>&nbsp;<em>Emilianenses<\/em>.&nbsp;Sie\nstehen stellvertretend f\u00fcr die Zeit, als Latein nicht mehr ohne Weiteres\nverstanden wurde. Hier hat ein Student in einem lateinischen Text die W\u00f6rter unterstrichen,\ndie er nicht verstand und an den Rand deren \u00dcbersetzung notiert \u2013 auf Spanisch\nund Baskisch. Das sind die \u00e4ltesten erhaltenen W\u00f6rter in beiden Sprachen!<\/p>\n\n\n\n<p>Von San\nMill\u00e1n aus fahre&nbsp;ich zu David Morenos Weingut, ein paar Kilometer entfernt\ngelegen. Dort kann man auch ohne F\u00fchrung durch die Weinkeller gehen. Es ist\nerstaunlich warm da drin, und als ich am Ausgang frage, warum, bekomme ich die\neinleuchtende Antwort: Das liegt an den Temperaturen. Auf dem Weg durch den\nWeinkeller, in dem ausschlie\u00dflich Holzf\u00e4sser stehen, erf\u00e4hrt man etwas etwas\n\u00fcber den Unterschied zwischen franz\u00f6sischen und amerikanischen\nEichenholzf\u00e4ssern \u2013 die franz\u00f6sischen sind langlebiger und teurer \u2013 und \u00fcber\ndie Bedeutung der Eisenringe f\u00fcr den Geschmack des Weins. Je nachdem, ob sie\nfester oder loser gezogen werden, \u00e4ndern sie den Geschmack. Kann man sich kaum\nvorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nkaufe noch etwas Wein und packe ihn auch noch in den Kofferraum. Die br\u00fctende\nHitze wird ihm wohl nicht bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nfolgt eine Fahrt mit Hindernissen, die erst um zwei Uhr in der Fr\u00fch in der N\u00e4he\nin einem Motel in der N\u00e4he von Toulouse endet: volle Stra\u00dfen, volle Hotels,\nschlechte Wegweiser, ein leerer werdender Tank, eine ganze Strecke \u00fcber die\nLandstra\u00dfe ohne Bargeld, mit Hunger und Kopfschmerzen und am Ende, endlich auf\nder Autobahn angelangt, einem verlorenen Maut-Ticket.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Vom\nMotel hinter Toulouse fahre ich in einem Rutsch durch bis nach Valmalle, die\nIrrfahrt vom Vortag langsam gedanklich hinter mich lassend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nRadio h\u00f6re ich an einem Vormittag so viele gute Sendungen wie in Portugal in\nsechs Monaten. Erst kommt ein Feature \u00fcber C\u00e9line, dann eine Kunstsendung, dann\neine kulinarische. In der Kunstsendung wird geltend gemacht, dass Picasso den\nKubismus von Braque geklaut habe (<em>piqu\u00e9<\/em>) und trotzdem den Ruhm daf\u00fcr\neingeheimst habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessante\nH\u00f6rverst\u00e4ndniserfahrung: Obwohl ich oft den Zusammenhang nicht verstehe, kann\nich die gesprochenen W\u00f6rter einzeln fast alle identifizieren, ganz anders als\nim Portugiesischen. Da ist es eher umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in\nden Cevennen ist Ferienbetrieb, und wie! In Autuse finde ich keinen Parkplatz\nf\u00fcr eine Pause und in Saint Jean du Gard auch nicht. Und dennoch kommt man\nzwischen den verschiedenen Orten immer wieder durch Gegenden, die viel einsamer\nsind als die in Mittelportugal.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb\nvon Autuse mache ich kurz Halt bei Lidl gemacht, der sich auch in Frankreich\nimmer mehr durchsetzt, allerdings, Jorge zufolge, nur auf dem Land, in den\nGegenden, in denen ein gro\u00dfer Parkplatz angeboten werden kann und die Kunden\nmit dem Auto zum Kauf fahren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\ndanach gibt es einen Hinweis auf eine bevorstehende Stra\u00dfensperrung: In ein\npaar Tagen f\u00fchrt die Tour de France durch Autuse.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen die ber\u00fcchtigten 87 Kurven. Die entgegenkommenden Autos scheinen sich\nnicht daran zu st\u00f6ren. Ganz unten sind Stra\u00dfenarbeiter damit besch\u00e4ftigt, einen\nrotk\u00f6rnigen Sand auf die Fahrbahn zu kippen. Die Spur zieht sich mehrere\nKilometer nach oben hin. Welchen Zweck das hat, ist nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nSaint \u00c9tienne la Vall\u00e9e Fran\u00e7aise aus m\u00fcsste es mir eigentlich ein Leichtes\nsein, den Weg zu finden, aber zwischendurch kommen immer wieder Zweifel, ob ich\nrichtig bin. Am Ende klappt es aber doch. Sch\u00f6n, mal wieder in Valmalle zu\nsein.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nr\u00e4uberische Katze hat sich unbemerkt in die K\u00fcche geschlichen und ein riesiges\nSt\u00fcck K\u00e4se, aus Spanien als Gastgeschenk mitgebracht, entf\u00fchrt. Sie hat ganz\nsch\u00f6n daran herumgeknabbert, als Jorge sie dabei erwischt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbekomme eine instruktive Vorf\u00fchrung der Ver\u00e4nderungen, die seit meinem letzten\nBesuch um das Haus herum vorgenommen worden sind und werde in die wirklich\nbemerkenswerten Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft eingeweiht.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\n15.000 Kilometern w\u00e4hrend der gesamten Zeit, 2.500 Kilometern auf dem Hinweg\nund einem Husarenritt von 900 Kilometern am letzten Tag geht das Projekt\nPortugal zu Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Januar (Freitag) R\u00edo de Janeiro soll mal die Hauptstadt von Portugal gewesen sein. Diese verwegene Hypothese zu testen, das ist schon fast eine Reise wert. Ich habe sechs Monate Zeit daf\u00fcr. Noch vor dem Berufsverkehr geht es los. 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