{"id":11110,"date":"2020-10-21T07:43:38","date_gmt":"2020-10-21T05:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11110"},"modified":"2020-10-21T07:46:45","modified_gmt":"2020-10-21T05:46:45","slug":"nahe-2020","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11110","title":{"rendered":"Nahe (2020)"},"content":{"rendered":"\n<p>26.\nAugust (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel\nder Radtour ist dieses Jahr mal wieder Koblenz. Aber es geht nicht\ndie Mosel runter, sondern an der Nahe entlang. Aber da muss man erst\nmal hinkommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Seit\nzwei, drei Tagen wird im Wetterbericht f\u00fcr heute Sturm angesagt, und\nschon am fr\u00fchen Morgen macht der sich mit voller Wucht bemerkbar.\nDabei war es gestern Abend noch ganz windstill. Es scheint eine\nst\u00fcrmische Radtour bevorzustehen. Trotz Wind und Wolken ist es nicht\nkalt: 18\u00b0 um 7 Uhr morgens. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nerste Teil der Strecke ist mir bekannt. Es geht am Stadtrand von\nTrier entlang durch nicht sonderlich sch\u00f6ne Wohngegenden nach Ruwer,\nund dort auf den Ruwer-Radweg. Der nutzt eine alte Bahntrasse,\nabseits des Verkehrs. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nf\u00e4hrt flussaufw\u00e4rts, sozusagen der Quelle entgegen, und es geht,\nauch wenn man es kaum sieht, st\u00e4ndig bergauf. Und die Steigung nimmt\nallm\u00e4hlich zu. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nzwei, drei Hundebesitzern am Anfang und Schafen und K\u00fchen auf der\nLinken tut sich nichts mehr. Es ist einsam. Und ruhig. Man h\u00f6rt nur\nden Wind, mal s\u00e4uselnd, mal rauschend, mal aufbrausend. Und dann ist\nes pl\u00f6tzlich immer wieder mal windstill. Man h\u00f6rt ein Rascheln im\nGeb\u00fcsch, einen Specht, eine aufschreiende Kr\u00e4he und das Knacken der\nZweige und N\u00fcsse, die der Fahrradreifen zerdr\u00fcckt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo\nsehe ich zwei Rehe am Wegesrand, aber die verschwinden sofort wieder\nim Wald, als sie mich h\u00f6ren. Ich erinnere mich daran, dass ich\ngelesen habe, dass Rehe eigentlich, von ihrer asiatischen Heimat her,\nkeine Waldtiere sind, sondern Feldtiere. Erst in Europa haben sie den\nWald als Schutz entdeckt. Kommen aber zum \u00c4sen heraus. Ich erinnere\nmich auch, dass Rehe 5 kg Gr\u00fcnzeug fressen \u2013 jeden Tag! Was machen\nsie wohl den ganzen lieben langen Tag im Wald? Vermutlich nichts. Da\nkommt mir Konrad Lorenz in den Sinn, der auf die Frage, was er denn\nan Tieren so liebe, geantwortet hat, \u201eDass sie so faul sein\nk\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht z\u00fcgig voran. Die Trasse ist perfekt zum Radeln, gut\nasphaltiert, ohne Schlagl\u00f6cher, und es gibt keine Kreuzung,\ngeschweige denn eine Ampel. Nur ganz gelegentlich kreuzt der Weg die\nStra\u00dfe, aber die kann man \u00fcberqueren, ohne abzusteigen oder\nanzuhalten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nbeiden Seiten des Wegs dichte Vegetation, links auf einer Anh\u00f6he,\nrechts aus dem Tal der Ruwer herauf. Von Waldsch\u00e4den ist hier nichts\nzu sehen, und von der Trockenheit der letzten Wochen ist nichts zu\nmerken. Die Ruwer kommt nur ganz sporadisch in Sicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bis\nHentern kenne ich den Weg. Was dann kommt, ist Neuland. Es geht noch\nein paar Kilometer so weiter, aber dann, nach einer Linksschleife,\nist der Radweg pl\u00f6tzlich zu Ende. Und mit ihm die Richtungsschilder.\nIch stehe ziemlich hilflos irgendwo in der Landschaft herum. Das\nHandy hat keinen Empfang, auf der Karte kann ich mich nicht\nlokalisieren, und die Sonne ist von rechts nach links gewandert.\nSieht nicht so gut aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre einfach weiter, auf dem gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig richtigen Weg. Die\nLandschaft hat sich komplett ge\u00e4ndert. Fichtenw\u00e4lder zu beiden\nSeiten, auf dem Niveau des Radwegs, riesige Farne in den\nBrandschneisen und vor den B\u00e4umen. Der Waldboden ist v\u00f6llig\nausgetrocknet, die B\u00e4ume halb abgestorben. Es sieht ziemlich\ntrostlos aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt ein kleiner Schlenker, und die Beschilderung taucht wieder auf.\nEs geht Richtung Hermeskeil, dem Ziel der ersten Etappe. Dort mache\nich in einer B\u00e4ckerei bei Kaffee und Kuchen die erste Pause. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es auf den Primstalradweg. Ich folge den Hinweisen Richtung\nBierfeld und Nonnweiler. Die sind auf meiner Merkliste und gleich\nhier, direkt vor der B\u00e4ckerei, ausgeschildert. Das hatte ich mir\nschwerer vorgestellt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht auf einer Schotterpiste auf unregelm\u00e4\u00dfigem Grund direkt durch\nden Wald. Links sieht man gelegentlich die Prim. Es geht auf und ab.\nAuch da, wo man schneller fahren k\u00f6nnte, halte ich mich zur\u00fcck. Die\nAussicht, hier auf das Ger\u00f6ll zu fallen, ist nicht so verlockend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich\ngeht es scharf rechts ab und in eine Talmulde hinunter. Das Schild\n<em>Radfahrer\nabsteigen!<\/em>\nhat hier seine Berechtigung. Man schiebt das Rad \u00fcber eine leicht\nbauf\u00e4llige Holzbr\u00fccke und dann steil den Abhang rauf. Oben\nangekommen, geht es rechts \u00fcber einen weiteren, aber breiteren\nSchotterweg auf festerem Grund weiter. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\ntauchen ganz andere Wegweiser f\u00fcr Radfahrer auf, sehr modern, mit\nstarkem Kontrast, gut zu lesen und nicht zu \u00fcbersehen, mit\nRichtungsangaben und Entfernungen. Ob das daran liegt, dass wir schon\n\u00fcber die Landesgrenze, im Saarland, sind? Oder hat die Beschilderung\nnichts damit zu tun? Meine anf\u00e4ngliche Begeisterung legt sich\nnachher, denn diese Wegweiser tauchen selten auf, und manchmal ist\nman auch hier auf die kleinen Pfeile angewiesen, sofern sie nicht\nganz fehlen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAusgang des Waldes sehe ich hinter B\u00e4umen einen Vogel mit breiten\nSchwingen aufsteigen, und dann wieder und dann wieder. Es ist das Rad\neines Windrads, das sich hinter den B\u00e4umen verbirgt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt\n12 Uhr habe ich die omin\u00f6sen 66 Kilometer erreicht, die magische\nZahl, die seit meiner ersten Solo-Tour die Mindeststrecke eines Tages\nbezeichnet. Der K\u00fcster der Kirche von Bierfeld l\u00e4utet aus lauter\nFreude die Glocken dazu. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nOrtsausgang von Bierfeld mache ich ein Photo von einer Bank, auf der\n<em>Mitfahrerbank<\/em>\nsteht, als ich pl\u00f6tzlich zusammenzucke. In der Stille h\u00f6rt man das\nBellen einer Dogge, einer riesigen, schwarzen Dogge, der mein Tun\nmissf\u00e4llt. Wenn man keine sonderliche Affinit\u00e4t f\u00fcr Hunde hat,\nfragt man sich, was man an so einem unf\u00f6rmigen Hund und seinem\nheiseren Bellen sch\u00f6n finden kann. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht steil bergauf, so steil, dass ich schieben muss. Es geht\nRichtung Nonnweiler. Pl\u00f6tzlich taucht die Autobahn auf, eine\nAuffahrt zur A1\/A61. Ich nehme sie aber nicht, obwohl es hier sowohl\nRichtung Trier als auch Richtung Koblenz geht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nNonnweiler geht es steil hoch zur Talsperre. Wieder mal muss ich\nschieben. Oben angekommen mache ich einen Photostopp. Der Wind weht\nmit ganzer Macht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\nder Talsperre steht eine merkw\u00fcrdige Skulptur, bestehend aus zwei\ndurch eine L\u00fccke getrennte l\u00e4ngliche Quader, einem gr\u00f6\u00dferen vorne\nund einem kleineren hinten. Der gr\u00f6\u00dfere der beiden (die aus\nindischem Granit sind!) schwebt dabei halb \u00fcber dem Abhang. Man soll\nsich in die L\u00fccke stellen, um \u201eTeil der Skulptur\u201c zu werden. Um\ndie beiden Quader herum sind elf Sitzsteine positioniert, von denen\ndrei hervorgehoben sind. Das Ganze ist symbolisch aufgeladen und\nnimmt Bezug den ehemaligen Hunnenring und eine alte keltische\nSiedlung hier in der Gegend sowie auf den Sonnenkult der Kelten.\nAlles ist von Bedeutung: Material, Farbe, Ausrichtung, Form, Zahlen.\nEtwas zu viel, um das alles zu verarbeiten.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nNonnweiler kommt man auf den Saarradweg. Die Orte aus meiner\nMerkliste, vorher noch ausgeschildert, sind verschwunden, aber\nNohfelden ist richtig. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nSaarradweg ist nicht das Gelbe vom Ei, jedenfalls dieser Teil nicht.\nEs gibt st\u00e4ndige Abbiegungen, mal rechts, mal links, mal im Zickzack\n\u00fcber die Stra\u00dfe. Mal geht es die Landstra\u00dfe entlang, mal \u00fcber\neinen Feldweg, mal am Waldrand entlang, \u00fcber eine Schotterpiste. Man\nkommt nie richtig in Fahrt, vor allem, weil auf jede kleine Abbiegung\nein steiler Anstieg folgt. Und ich immer wieder schieben muss. Die\nKondition fr\u00fcherer Jahre ist nicht mehr da, und vermutlich auch\nnicht der unbedingte Wille, es mit allen Kr\u00e4ften zu versuchen. Dazu\nkommt, dass einem auf offenem Feld der Wind so richtig in die Seite\ngreift. Ich muss gegenlenken, um nicht von der Piste abzukommen. Die\nFahrtgeschwindigkeit geht oft auf 7-8 km\/h runter, an einer Stelle\nauf 5 km\/h. Da l\u00e4uft einem jeder Durchschnittsjogger davon. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner Abbiegung sehe ich ein Schild Richtung Nohfelden, fahre aber\nwieder zur\u00fcck, um mir die Entfernungsangabe noch einmal anzusehen.\nIch muss mich wohl vertan haben. Da stand ja 21 Kilometer.\nWahrscheinlich habe ich mich verguckt und es sind 12 Kilometer. Aber\nnix da. Es sind wirklich noch 21 Kilometer. Ich bin fast nicht vom\nFleck gekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nWegesrand sehe ich irgendwo einen alten Grenzstein. Er markierte die\nGrenze zwischen dem K\u00f6nigreich Preu\u00dfen und dem Gro\u00dfherzogtum\nOldenburg! Da sieht man seine Unkenntnisse in der\nTerritorialgeschichte des Alten Reichs. Wer h\u00e4tte hier Oldenburg\nvermutet? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem Feldweg \u00fcberfahre ich fast einen jungen Igel, kann aber noch\nausweichen. Der Igel selbst l\u00e4sst sich nichts anmerken. Dann kommt\nein Eichh\u00f6rnchen. Aber das ist schneller \u00fcber den Weg, als man\nsehen kann. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht durch W\u00e4lder, die aussehen, als h\u00e4tte es eine Katastrophe\nkosmischen Ausma\u00dfes gegeben. Zerst\u00f6rung, Verfall \u00fcberall. Es ist\ndeprimierend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nvielen weiteren Anstiegen kommt dann, kurz vor Bosen, die Erl\u00f6sung:\nEs geht zwei, drei Kilometer steil bergab, man kann rollen lassen und\njede Anstrengung vermeiden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nBosen eine Pension nach der anderen. Der Bostalsee wirft seine\nSchatten voraus, ein Touristenmagnet in normalen Zeiten, zumindest im\nHochsommer. Jetzt ist alles wie verlassen. Nicht einmal ein Caf\u00e9 hat\nge\u00f6ffnet. Wohl aber die Touristeninformation. Dort bekomme ich eine\nKarte, die Versicherung, dass es in T\u00fcrkism\u00fchle reichlich\n\u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten gibt und dass ich jetzt am See entlang\nfahren k\u00f6nne. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Diese\nsch\u00f6ne Strecke endet aber nach 200 Metern in einer Sackgasse. Ich\nmuss ganz au\u00dfen rum, durch einen Park. Dort steht eine kuriose\nSkulptur, eine Art Thron, der in einen Felsblock eingearbeitet ist.\nZu dem Thron f\u00fchren Stufen hoch, ebenfalls in den Felsbrocken\ngeschlagen. Eine \u00e4ltere Dame, die auf dem Skulpturenpfad ist, bietet\nmir an, ein Photo von mir zu machen. Ich lehne ab, aber dann tut es\nmir fast leid. Sie will auch nicht photographiert werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Aus\ndem Park hinaus geht es dann doch wieder an den See. Eine sehr sch\u00f6ne\nStrecke, wunderbar zu fahren, aber nicht allzu lang. Dann\nverschwindet der See wieder. Kurz nach dem See, vor G\u00f6nnesweiler,\nkommt zum ersten Mal die Nahe in Sicht. Wir sind auf dem Naheradweg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neine vielbefahrene Stra\u00dfe geht es nach T\u00fcrkism\u00fchle. Dort gibt es,\ndirekt am Stra\u00dfenrand, aber mit sch\u00f6nen Sitzgelegenheiten drau\u00dfen,\nein Eiscaf\u00e9. Hier ist die Welt noch in Ordnung. F\u00fcr einen Kaffee,\nein Wasser und eine Waffel bezahle ich 5,60 \u20ac. Die Kellnerin ist\nRussin, jung, freundlich, gutes Deutsch. Ich frage sie, ob es hier\nirgendwo eine Pension oder ein Hotel gebe. Das wei\u00df sie nicht. Dann\nfrage ich, in welcher Richtung es in die Ortsmitte gehe. Rechts oder\nlinks. Das wei\u00df sie auch nicht. Sie arbeitet nur hier. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nnichts in Sicht kommt, fahre ich weiter nach Nohfelden, eine kurze,\naber anstrengende Strecke, st\u00e4ndig bergauf und \u00fcber eine Br\u00fccke\nf\u00fchrend. Ziemlich ersch\u00f6pft komme ich in Nohfelden an. Es geht\ndurch ein Wohngebiet. Keine Pension weit und breit. Ein freundlicher\nAnwohner, selbst noch neu in der Gegend, empfiehlt mir, in der\nMetzgerei nachzufragen. Die haben tats\u00e4chlich Zimmer, sind aber\nausgebucht. Die Metzgersfrau empfiehlt mir, es etwas ortsausw\u00e4rts\nauf der Landstra\u00dfe zu versuchen, beim <em>Alten\nZoll<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Guter\nTipp, nur: Die haben mittwochs Ruhetag. Es gibt aber Telefonnummern,\nund im zweiten Anlauf klappt es. Dem Handy sei Dank. Eine freundliche\nFrau, die breites Saarl\u00e4ndisch spricht, zum Niederknien, \u00f6ffnet die\nT\u00fcr und zeigt mir das Zimmer. Alles ganz neu renoviert. Wo ich denn\nwas zu essen bekomme, will ich wissen. Hier weit und breit nichts,\nsagt sie. Nohfelden sei tot. Aber als sie meine erbarmungsw\u00fcrdige\nErscheinung sieht, sagt sie, sie k\u00f6nne mir am Abend auch etwas\nkochen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nName <em>Alter\nZoll<\/em>\nkommt nicht von ungef\u00e4hr. Hier war die Zollstation der Grenze\nzwischen Deutschland und Frankreich, sagt sie. Frankreich? War das\nSaarland nicht selbst\u00e4ndig? Es gab doch mal das ber\u00fchmte\nL\u00e4nderspiel zwischen Deutschland und dem Saarland, als es um die\nQualifikation f\u00fcr die WM 1954 ging. Das Internet wei\u00df Bescheid. Das\nSaarland war selbst\u00e4ndig, aber es war ein franz\u00f6sisches\nProtektorat. Frankreich setzte die Regierung ein und bestimmte alles\nWesentliche, \u00fcberlie\u00df den Saarl\u00e4ndern aber die praktische\nAusf\u00fchrung. Die Grenzen des Saarlandes wurden immer wieder\nverschoben. Auch Teile des heutigen Landkreises Trier-Saarburg\ngeh\u00f6rten zeitweise dazu. Das lag daran, dass Frankreich urspr\u00fcnglich\ndas ganze Deutschland links des Rheins f\u00fcr sich beanspruchte. Das\nwurde von den Alliierten abgelehnt. Aber die USA machten dann den\nFranzosen diese Konzession, wenigstens einen Teil zu bekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nWirtin spricht immer von 1959 als dem Jahr der R\u00fcckkehr nach\nDeutschland, aber das stimmt nicht ganz. !959 wurde die D-Mark im\nSaarland eingef\u00fchrt. Aber die \u201eKleine Wiedervereinigung\u201c fand\nfr\u00fcher statt. Nach einer Volksabstimmung. Zu dem Zeitpunkt war die\nurspr\u00fcnglich frankophile Stimmung nach dem Krieg gekippt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Noch\nwas gibt es zu erfahren: Einem Plan von Adenauer und Mend\u00e8s France\nzufolge sollte das Saarland das erste europ\u00e4ische Gebiet werden,\nsollte einen europ\u00e4ischen Status bekommen. Aber das wurde in einer\nVolksabstimmung abgelehnt. Was f\u00fcr eine verpasste Chance! Die\nInstitutionen, die heute in Br\u00fcssel, in Luxemburg und in Stra\u00dfburg\nsind, w\u00e4ren dann heute im Saarland! Saarbr\u00fccken w\u00e4re die\nHauptstadt Europas!<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend kann ich mir in der Kneipe, die das Gegenteil der modern\nausgestatteten Zimmer ist, mit allerhand Krimskrams und Bildern des\nBauern-Breughel, ein paar Dokumente ansehen und Photos, die sich auf\ndie alte Zollstation beziehen. Alles sehr interessant. Ein\nhistorischer Ort im Kleinformat. Dazu als Unterhaltungsfaktor die\nSprache der Wirtin, alles Heinz-Becker-Style. \u201eWie hann se\ngeheest?\u201c, \u201eHann isch jo mo gefroogt\u201c, \u201eIsch kenn det jo nur\nvom Verz\u00e4lle\u201c, \u201eDas hat jo domols net an dem Name geh\u00e4ngt\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit\nder ersten Tages: Ich bin \u00fcber den Ruwerradweg, den Primstalradweg,\nden Saarradweg und den Naheradweg gekommen, aber von den Fl\u00fcssen\nhabe ich kaum was zu sehen bekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>27.\nAugust (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWirt pr\u00e4sentiert mir eine moderate Rechnung: 59 \u20ac f\u00fcr\n\u00dcbernachtung, Fr\u00fchst\u00fcck und Abendessen. Das einzige Manko ist der\nlaute Autoverkehr, der an der Pension vorbeif\u00fchrt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWirt gibt mir noch einen Tipp f\u00fcr die Strecke: Ich solle nicht in\nden Ort zur\u00fcckfahren, um auf den Radweg zu kommen, sondern ein St\u00fcck\ndie Landstra\u00dfe entlangfahren. So w\u00fcrde ich mir einige Steigungen\nersparen. Sehr willkommener Tipp. Seine Beschreibung ist ganz genau:\ndrei Kilometer bis zum n\u00e4chsten Kreisverkehr, weiter geradeaus bis\nzum n\u00e4chsten Kreisverkehr und dann einfach die Augen aufhalten.\nKlappt perfekt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist k\u00fchl. Der Dunst steigt aus den Wiesen gegen\u00fcber der Pension\nauf. Ein sch\u00f6nes Panorama. Und es ist v\u00f6llig windstill. Kein\nL\u00fcftchen weht. Der Wind hat sich genauso pl\u00f6tzlich verzogen wie er\ngekommen ist. Unglaublich. Entsprechend beschwingt fahre ich der\nMorgensonne entgegen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nNahe wird \u00fcberquert und dann geht es auf einen sehr, sehr sch\u00f6nen\nRadweg, bis Birkenfeld, meist durch den Wald. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nBirkenfeld, einem unscheinbaren Ort, steht ein hypermodernes\nB\u00fcrogeb\u00e4ude, das man hier in der Pampa nicht vermuten w\u00fcrde. An\neiner Kreuzung im Ort ist Idar-Oberstein, das n\u00e4chste Etappenziel,\nzweimal ausgeschildert: 21 Kilometer und 25 Kilometer. Ich nehme den\nk\u00fcrzeren, der hat ein zus\u00e4tzliches Radsymbol, aber um welche\nRadwege es sich handelt, wird nicht verraten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht durch ein Wohnviertel, mit steilem Anstieg. Schon wieder muss\nich schieben. Unter den Null-Acht-F\u00fcnfzehn-Ha\u00fcsern sticht eins mit\nglasierten, bordeauxroten Kacheln auf dem Dach durch seine Modernit\u00e4t\nhervor. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nOrtsausgang geht es noch steiler rauf, und als ich oben ankomme, ist\ndie Stra\u00dfe gesperrt, mit einer mobilen Absperrung. Es ist aber\nreichlich Platz zu beiden Seiten, und von einer Baustelle ist nichts\nzu sehen, also riskiere ich es einfach und fahre weiter \u2013 schiebe\nweiter, genauer gesagt. Bis zum Ende ist nicht zu erkennen, warum die\nStra\u00dfe gesperrt ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Oben\nangekommen wird man entsch\u00e4digt mit einem sch\u00f6ne Blick auf\nBirkenfeld hinunter, mit zwei benachbarten Kircht\u00fcrmen, die mir\nunten gar nicht aufgefallen sind. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nStra\u00dfe, auf die man gelangt, hei\u00dft <em>Rennweg<\/em>,\nund sie wird ihrem Namen gerecht. Hier kann man kurz richtig in Fahrt\nkommen. Am Ende des Rennwegs kommt man auf einen Feldweg. Wieder geht\nes steil bergauf, an Maisfeldern vorbei. Die Sonne hat sich\ninzwischen verzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nFeldweg f\u00fchrt auf eine wenig befahrene Landstra\u00dfe. Hier geht es auf\nund ab, optimal f\u00fcrs Radfahren. Mit dem Schwung von der Abfahrt\nkommt man die Steigung rauf. Dann, nach einer Abbiegung, geht es\nkilometerweise bergab, an Pferdekoppeln vorbei. Und dann f\u00fchrt die\nStrecke durch einen Wald, einen Laubwald. Man h\u00f6rt vereinzelte\nVogelstimmen, Elster und Kr\u00e4hen fliegen vorbei. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nKronweiler kommt ein Friedhof in Sicht, einem Insider-Tipp zufolge\ndie beste Quelle zum Auff\u00fcllen des Wasservorrats. Aber ach, ich habe\nmeine Flasche in der Pension liegenlassen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsetzte mich auf dem Friedhof auf eine Bank unter einen Baum und\ngenie\u00dfe die Stille. Die Gr\u00e4ber sind nicht scharf abgegrenzt,\nsondern sind einfach in die Wiese eingelassen. Die meisten Gr\u00e4ber\nsind konventionelle Gr\u00e4ber, nur ein ganz kleiner Teil am Rande sind\nEin\u00e4scherungen. Die Namen sind ganz g\u00e4ngig: <em>Lauer<\/em>,\nSauer, <em>Ackermann<\/em>,\n<em>H\u00fcther<\/em>,\n<em>Peters<\/em>.\nNur Frau <em>Chandeboix<\/em>\nund Herr <em>Rapedius<\/em>\nstechen heraus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nKronweiler gibt es wieder einen sch\u00f6nen Streckenabschnitt. Es geht\ndurch einen Wald mit dichter, satter Vegetation, von Waldsch\u00e4den\nnichts zu sehen, und dann an Wiesen entlang. In der Einsamkeit werde\nich aufgeschreckt durch lautes Klingeln hinter mir. Auf einem Pedelec\nsaust ein Mann an mir vorbei, der von Kopf bis Fu\u00df komplett\neingepackt ist in eine R\u00fcstung, mit einem Helm, wie ihn ein\nAstronaut tragen k\u00f6nnte. Dagegen sehe ich in meinem d\u00fcnnen T-Shirt\nfast unbekleidet aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner Kreuzung geht es links nach <em>Frauenberg<\/em>\n(1 km), rechts nach <em>Frauenburg<\/em>\n(0,4 km). <em>Frauen<\/em>\nbezieht sich, wie bei Stra\u00dfennamen auch, vermutlich auf\nFrauenkloster. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bis\nIdar-Oberstein wird die Nahe sechsmal \u00fcberquert, jede Br\u00fccke ist\nanders als jede andere, von einer alten Steinbr\u00fccke f\u00fcr den\nAutoverkehr \u00fcber eine moderne, leichte geschwungene Holzbr\u00fccke f\u00fcr\nRadfahrer bis zu der neuen gro\u00dfen Br\u00fccke \u00fcber die Bundesstra\u00dfe in\nIdar-Oberstein. Die Nahe sieht \u00fcberall anders aus, mal wie ein\nstehendes Gew\u00e4sser, mal wie ein rauschender Gebirgsbach. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nWeg f\u00fchrt an hohen Felsw\u00e4nden vorbei, dann geht es noch einmal \u00fcber\neine Schotterpiste durch den Wald, und dann geht es steil runter in\ndie Stadt. Mir kommt ein Ehepaar entgegen, das sich heldenhaft den\nBerg hinauf qu\u00e4lt. Ohne Pedelec. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Idar-Oberstein\nhat seinen Doppelnamen nicht umsonst. Es handelt sich um zwei St\u00e4dte,\ndie erst im 20. Jahrhundert fusionierten. <em>Idar<\/em>\nhat seinen Namen von dem Bach (aber warum der so hei\u00dft, ist nicht\nherauszukriegen), <em>Oberstein<\/em>\nvon den Herren von Stein, den alten Landesherren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst\nkommt man nach Idar, \u00fcber den Idar-Platz und durch ein modernes\nZentrum ger\u00e4t man auf die Hauptstra\u00dfe, eine langgezogene\nEinkaufsstra\u00dfe, auf der es nur so wimmelt von Gesch\u00e4ften, die\nMineralien, Schmuck, Edelsteine oder Ramsch anbieten. In einer\nasiatischen Gastst\u00e4tte gibt es <em>Gebratene\nKraben<\/em>,\nwas, da es handschriftlich angebracht ist, wie <em>Gebratene<\/em>\n<em>Knaben<\/em>\naussieht. Eine Pension bietet <em>Moderne\nFremdenzimmer. <\/em>Der\nantiquierte Schriftzug und das antiquierte <em>Fremdenzimmer<\/em>\nmachen einen sch\u00f6nen Kontrast zu <em>Moderne<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nHauptstra\u00dfe f\u00fchrt auf den Marktplatz. Der lag, ganz ungew\u00f6hnlich,\nnicht im Zentrum, sondern au\u00dferhalb der alten Stadtmauern, und heute\nam Rande der Innenstadt von Oberstein. Von hier blickt man hinauf auf\ndie spektakul\u00e4re Felsenkirche und die Ruine der Burg der Herren von\nOberstein. Im Zentrum des Platzes steht ein Brunnen mit einer\nmodernen Skulptur, mit einem Jungen, der einen Stein gegen das Licht\nh\u00e4lt im Zentrum. Was f\u00fcr eine Bewandtnis das genau hat, ist nicht\nherauszukriegen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMarktplatz befindet sich die Eisdiele <em>Venezia<\/em>.\nDer Kellner ist nicht aus Venedig, sondern aus Turin. Ganz in der\nN\u00e4he der Eisdiele steht die Skulptur eines Eisverk\u00e4ufers, der einem\nM\u00e4dchen ein H\u00f6rnchen mit Eis in die Hand dr\u00fcckt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neinem Kaffee lese ich etwas \u00fcber Idar-Oberstein. Das hat eine Menge\nzu bieten, nicht nur Felsenkirche und Burg: eine historische\nKettenfabrik und eine historische Wasserschleife, in der Edelsteine\nmit Wasser geschliffen werden und das Edelsteinmuseum, gleich hier am\nMarktplatz. Da gibt es eine Tafel, die auf Hildegard von Bingen Bezug\nnimmt. Die hat \u00fcber Edelsteine in einer bizarren Mischung von\nmodernder Wissenschaftlichkeit und altem Wunderglauben geschrieben.\nSie kannte die Edelsteine und konnte sie beschreiben und\nklassifizieren \u2013 Smaragd, Hyazinth, Achat, Topas. Saphir,\nBergkristall, Amethyst und viele andere \u2013 schrieb ihnen aber\nmagische Eigenschaften zu. Bestimmte Steine konnten bei bestimmten\nKrankheiten wirksam sein. So wirkt der Smaragd gegen Kopfschmerzen.\nSollte man sich merken. Edelsteine gab es ihr zufolge schon im\nParadies, und der Teufel mied sie. Er schreckt vor edlen Steinen\nzur\u00fcck. So konnte man ihn vertreiben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nReichtum von Idar-Oberstein beruhte fast ausschlie\u00dflich auf dem\nAchat. Den gab es \u00fcberall in den Steinbergwerken der Umgebung.\nAnfangs wurden die an Schleifer in Freiburg verkauft, nach hundert\nJahren, um 1520, wurde das Steinschleifen dann auch in Idar-Oberstein\npraktiziert. Es wurden die ersten Schleifm\u00fchlen gegr\u00fcndet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\ngeht es wieder aufs Rad. Die n\u00e4chste Teilstrecke, nach Kirn, ist\nleicht zu fahren, aber nicht sch\u00f6n. Statt Wasser, Fels und Wald gibt\nes Deichmann, Mercedes und Media Markt und Tankstellen und Baum\u00e4rkte.\nDann wird es etwas besser, aber der Weg f\u00fchrt an der Stra\u00dfe\nentlang, wenn auch auf einem abgetrennten Weg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nSulzbach wird von der Landstra\u00dfe abgebogen und es geht durch den\nOrt. <em>Sulz<\/em>\nverweist etymologisch auf die Mineralquellen, die es hier gibt. Die\nStra\u00dfe in den Ort hinein hei\u00dft <em>Oldenburger\nStra\u00dfe<\/em>.\nBis gestern h\u00e4tte ich mich noch dar\u00fcber gewundert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem kleinen Park am Wegesrand steht eine kuriose Figur, die eines\nhistorischen Ausrufers. Er tr\u00e4gt Hut (nicht M\u00fctze) und ein Outfit,\ndas zwar keine eigentliche Uniform ist, ihn aber als Amtstr\u00e4ger\nausweist. In der rechten Hand h\u00e4lt er die Glocke, mit der er die\nLeute herbeiruft, und in der linken das Blatt, von dem er die\nNeuigkeiten verk\u00fcndet. Wenn man ihm \u00fcber die Schulter sieht, kann\nman erkennen, dass auf diesem Blatt tats\u00e4chlich Buchstaben\neingraviert sind. Es handelt sich um eine moderne Nachricht, eine\nNachricht aus unserer Zeit. Die Zeit des Ausrufers scheint l\u00e4ngst\nvorbei, aber ich staune nicht schlecht, als ich kurze Zeit sp\u00e4ter\nerfahre, dass es die Ausrufer nach dem Krieg auf den D\u00f6rfern noch\neine ganz Zeit lang gab. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Kirn. Das hat eine Telefonzelle (genauer gesagt eine\nTelefons\u00e4ule), eine schon ganz beachtliche Linde, die zur Feier der\nWiedervereinigung gepflanzt wurde und einen Lebensmittelladen, der\nvon Ramadan Rama betrieben wird. Dort kaufe ich Ayran und Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nOrtsausgang befindet sich die Zentrale von <em>Simona<\/em>,\neiner Firma, auf die schon vorher mehrmals hingewiesen wurde,\noffenbar eine Firma der Kunststoffindustrie, und hinter dem\nOrtsausgang ein gro\u00dfer Steinbruch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwird die Stra\u00dfe gekreuzt und es wird wieder sch\u00f6ner. Der Radweg\nf\u00fchrt zwar an der Landstra\u00dfe entlang, ist aber von der durch einen\nStreifen und eine Baumreihe getrennt. Zwischen die Linden hat man in\nregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ein Exemplar des <em>Baums\ndes Jahres <\/em>der\nletzten Jahre gepflanzt: Vogelkirsche, Winterlinde, Rosskastanie. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nin der Gegend gibt es \u00fcberall Kirner Pils. Erinnert mich an den\nWahlspruch: <em>Kirner\nPils \u2013 keiner will\u2018s. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nWegesrand an einem hohen Fahnenmast eine Bayern-Fahne. Verirrte gibt\nes \u00fcberall. Passenderweise ist der Bayern-Anh\u00e4nger Eigent\u00fcmer\neiner protzigen Villa. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde dieses Abschnitts ist eine Bank und eine Schautafel. Ich mache\neine Pause und komme mit einem anderen Radfahrer ins Gespr\u00e4ch. Er\nist aus der Gegend. Und heute nur so unterwegs. Er empfiehlt den\nweiteren Weg nach Bad Kreuznach. Der sei sch\u00f6ner. Das ist auch der\neigentliche Nahe-Radweg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich\nkommt die schon f\u00fcr den Morgen angesagte Sonne heraus. Und die\nersten Weinberge kommen in Sicht. Von der Nahe ist nichts zu sehen.\nVermutlich flie\u00dft sie vor den Weinbergen am Ende der Ebene her. In\nBad Sobernheim habe ich die omin\u00f6sen 66 Kilometer erreicht. Hier\ngeht es am Kurpark vorbei. Das Naturheilbad geht auf einen\nNaturheilkundler zur\u00fcck, Emanuel Felke, einen evangelischen Pastor.\nIm Zentrum seines Therapiekonzepts steht das Lehmbad. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nRande des Kurparks ein Barfu\u00dfpfad. Der Radweg f\u00fchrt an ihm entlang.\nEs geht \u00fcber Lehm, spitze Steine, Holzbretter, Sand und durch\nWasser. Der Barfu\u00dfpfad wird gut angenommen, vor allem Familien mit\nkleinen Kindern sind vertreten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\ndie Radfahrer geht es weiter \u00fcber eine sch\u00f6ne und leicht zu\nbew\u00e4ltigende Strecke. Vor mir taucht eine f\u00fcnfzehnk\u00f6pfige\nRadfahrergruppe auf. Eine Zeitlang daddele ich hinter ihnen her, dann\nmache ich mich ans \u00dcberholen. Gar nicht so einfach. Man kommt immer\nnur an zwei, drei Fahrern vorbei. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nich am Ende der Strecke Halt f\u00fcr ein Photo der Weinberge mit einem\nm\u00e4chtigen Felsen mache,  schlie\u00dft die Wilde 15 schon zu mir auf.\nIch bin \u00fcberrascht, wie schnell das ging. Als es dann ganz, ganz\nsteil zu einem Weingut hinauf geht, ziehen sie schon wieder an mir\nvorbei. Erst jetzt merke ich, dass sie alle Pedelecs haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es in Serpentinen steil bergabw\u00e4rts. Herrlich! Sonne und\nUmgebung machen die Abfahrt zu einem besonderen Erlebnis. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nwir wieder in der Ebene sind, habe ich die Wilde 15 wieder vor mir,\nund es wiederholt sich das schwierige \u00dcberholman\u00f6ver. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bad\nM\u00fcnster am Stein h\u00e4lt nicht, was der klingende Name des Ortes\nverspricht, aber es hat das \u201eTraditionscaf\u00e9 S\u00fc\u00dfe Ecke\u201c mit\neiner weinberankten, \u00fcberdachten, schattenspendenden Terrasse. Es\nist jetzt richtig hei\u00df geworden. Das Mineralwasser, das es zum\nKaffee gibt, hei\u00dft Schwollener. Ist wohl hier aus der Gegend. Das\nEtikett bezeichnet es als \u201efeinperlig.\u201c Schmeckt wirklich gut.\nOder ist das nur der Durst?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nBad Kreuznach sind es nur noch f\u00fcnf Kilometer, und die sind bequem\nzu fahren. Dort geht es durch den Kurpark mit den ber\u00fchmten Salinen.\nHier bin ich schon mal gewesen, vor Jahren, auch mit dem Rad, an\neinem v\u00f6llig verregneten Tag. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSuche nach einer Unterkunft in Kreuznach gestaltet sich schwer. Es\ngibt Eisdielen, D\u00f6nerbuden und \u00c4nderungsschneidereien zuhauf, aber\nkein Hotel, keine Pension. Ich schiebe das Rad durch die Innenstadt\nund sto\u00dfe auf die Buchhandlung <em>Leseratte<\/em>\n(\u201eBuchhandlung des Jahres 2006\u201c) und eine Kneipe, deren Name ein\nNummernschild ist (KH -KH 394?). Dann kommt doch noch ein\nHinweisschild auf ein Hotel, irgendwas mit <em>Villa<\/em>.\nIch fahre dem nach, finde aber nichts. Dann frage ich einen Mann.\nMann mit Hund. Ein Volltreffer. Er kennt sich aus. Das Hotel habe\nschon vor Jahren dicht gemacht, ich solle es doch beim <em>Wolpertinger<\/em>\nam Kornmarkt versuchen. Bingo. Der Wolpertinger hat nicht nur ein\nfreies Zimmer, sondern hinten raus eine Terrasse mit Blick auf die\nNahe, die Br\u00fccke mit den alten H\u00e4usern, die man hier von hinten\nsieht, und die Kirche am anderen Ufer. Das ist St. Paulus und, wie\nich aus gut unterrichteten Kreisen erfahre, die Kirche, in der Marx\ngeheiratet hat. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neiner kurzen Pause auf der Terrasse sehe ich mir das an. Die alten\nH\u00e4user haben eine urige Form, unregelm\u00e4\u00dfig, mit nach oben gr\u00f6\u00dfer\nwerdenden Stockwerken, und sind durch L\u00fccken voneinander getrennt,\ndie den Blick auf die Nahe freigeben. Hier entsteht das beste Photo\nder ganzen Tour. Die H\u00e4user sind teils nicht mehr in einem guten\nZustand, und es gibt eine Initiative zur ihrer Rettung. An einer der\nFassaden kann man lesen, was die H\u00e4user schon alles gesehen haben,\nvor allem um die Zeit des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs. Da geh\u00f6rte\nKreuznach mal zu Spanien, mal zu Frankreich, mal zu Schweden. In\neinem der H\u00e4user gibt es ein Schwedisches Caf\u00e9. Leider geschlossen.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche zeigt sich vor dem Ufer und den B\u00e4umen bei dem strahlenden\nSonnenschein von ihrer besten Seite. Der wei\u00df get\u00fcnchte,\nsp\u00e4tgotische Chor ist farblich abgehoben von dem in Rosa gehaltenen\nLanghaus und dem m\u00e4chtigen Turm. Die Kirche ist ge\u00f6ffnet, aber es\nfindet gerade eine Chorprobe statt, und ich da will ich nicht st\u00f6ren.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gibt es Essen auf der vollbesetzten Terrasse des Hotels. Dabei\ngibt es, statt Nahe-Wein, <em>Wolpertinger<\/em>.\nH\u00f6rt sich bayerisch an und ist es wohl auch, obwohl auf der\nSpeisekarte etwas von Lahnstein steht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend lese ich, wie Robinson Crusoe von seinen Vorfahren berichtet.\nSein Vater stammte aus Bremen, seine Mutter aus der angesehen Familie\nder Robinsons. Nach der Herkunft der Mutter habe man ihn Robinson\nCreutznaer genannt. Dass das f\u00fcr Kreuznach steht, ist gar nicht\nunwahrscheinlich. Wie Robinsons Eltern sind damals viele Reformierte\naus Kreuznach unter dem Druck der Gegenrevolution nach England\nausgewandert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>28.\nAugust (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist eine kurze Nacht geworden. Um 4 Uhr morgens h\u00f6rt man lautes\nKlappern drau\u00dfen auf dem Kornmarkt, direkt unter meinem Fenster.\nErst vermute ich: M\u00fcllabfuhr, aber es sind die Marktleute. Die\nfangen tats\u00e4chlich um diese Zeit, noch im Dunkeln und im str\u00f6menden\nRegen, an, ihre St\u00e4nde aufzubauen. Um 6 Uhr ist alles fertig, und\nkurz danach kommen schon die ersten Kunden!<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nBlick auf die Stra\u00dfenkarte stelle ich fest, dass ich mir <em>Katzenloch<\/em>\nund <em>Langweiler<\/em>\n(beide leicht abseits der Strecke) habe entgehen lassen, aber auch\n<em>Oberhausen<\/em>,\nobwohl das direkt bei Kirn liegt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck bin ich der erste. Es ist schon alles eingedeckt. F\u00fcr\ndas Fr\u00fchst\u00fcck zust\u00e4ndig ist eine Frau aus Litauen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\ndanach geht es los, mit Bingen als erstem Ziel. Aus Kreuznach raus\nist es ganz einfach, der Radweg f\u00fchrt direkt hinter der Br\u00fccke aus\nder Stadt hinaus, durch ein altes Wohnviertel, \u00fcber die\nMagister-Faust-Stra\u00dfe und an <em>Ebbes\nSchenken<\/em>\nvorbei. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nStrecke nach Bingen ist ein Wechsel von Landstra\u00dfe und Feldweg und\nleicht zu fahren. Es hat aufgeh\u00f6rt zu regnen, aber die Sonne, die\nnach dem Regen heraus kam, hat sich verzogen. Weinberge und die Nahe\ngibt es nur ganz am Anfang und ganz am Ende der Strecke. Der Weg\nf\u00fchrt an einem sch\u00f6nen, marmorierten Felsenblock entlang und an\nhalb vertrockneten Maisfeldern und v\u00f6llig vertrockneten\nSonnenblumenfeldern. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo\nmuss ich von dem Radweg abgekommen sein und komme dann zum Gl\u00fcck\nwieder drauf, weil ich zuf\u00e4llig an einer Ecke aus dem Augenwinkel\nein Schild sehe. Es steht an einer Abbiegung. Dort geht es in einen\nOrt, Bretzenheim, und an der Abbiegung wird auf die Taverne <em>Tipota<\/em>\nhingewiesen. Ob die Kunden wohl wissen, dass das \u201aNichts\u2018 hei\u00dft?\nSch\u00f6ne, selbstironische Namensgebung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bretzenheim\nist wirklich ein schmuckes \u00d6rtchen, mit alten B\u00fcrgerh\u00e4usern, bis\nin die fr\u00fche Neuzeit zur\u00fcckgehend, und wildem Wein an den Fassaden\nund \u00fcber der Stra\u00dfe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Greifsheim. Dort ist der Radweg gesperrt. Passiert mir auf\njeder Tour. Ich bin erst unschl\u00fcssig, was ich tun soll, aber dann\nsehe ich, dass es eine Umleitung gibt. Die ist perfekt. Wenn man\nnicht w\u00fcsste, dass es eine Umleitung ist, w\u00fcrde man es nicht\nmerken. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dort,\nwo die Umleitung beginnt, gibt es eine elektronische\nGeschwindigkeitsmessung und ich bekomme ein Smiley daf\u00fcr, dass ich\nunter 30 km\/h fahre. Und einen plattdeutschen Kommentar, der so was\nwie <em>Gut\ngemacht!<\/em>\nbedeutet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nletzte St\u00fcck dieser Strecke, durch Bingen durch, geht es an der Nahe\nentlang. Die ist hier breit und tr\u00e4ge, mit Gr\u00fcnzeug an der\nOberfl\u00e4che. Dabei ist <em>Nahe<\/em>\nein keltisches Wort, das \u201aWilder Fluss\u2018 bedeutet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nPlatz an der M\u00fcndung in den Rhein habe ich mir idyllischer\nvorgestellt. Es ist alles irgendwie profillos. Und das tr\u00fcbe Wetter\nmacht die Sache auch nicht besser. Das einzige, was man sieht, ist\nder M\u00e4useturm. Der steht am Ufer des Rheins etwas verloren in der\nGegend herum. Er war wohl fr\u00fcher mal ein Mautturm, und eine der\nErkl\u00e4rungen f\u00fcr das Wort geht in diese Richtung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfahre an den Rheinterrassen entlang zur Touristeninformation. Die\nhaben eine Brosch\u00fcre und auch eine vor dem Geb\u00e4ude platzierte\nAufpumpstation f\u00fcr Fahrr\u00e4der. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nder Fahrt ins Zentrum sieht man hinauf auf die \u00fcber der Stadt\nthronende Burg Klopp. Im Zentrum, am Marktplatz, steht ein Brunnen\nmit einer modernen Skulptur. An den Seiten wechseln sich Portr\u00e4ts\nvon bedeutenden Personen \u2013 Drusus, Hildegard von Bingen \u2013 mit\nSzenen aus dem Leben Bingens ab \u2013 Rochusfest, Verladen von Waren am\nRheinufer. Den Hafenkran, den man hier sieht, gibt es wohl noch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nder Besonderheiten von Bingen ist das <em>Binger\nLoch<\/em>.\nDas Wort ist irref\u00fchrend. Das Loch war nicht zuerst da, ist kein\nNaturph\u00e4nomen, sondern menschengemacht. Was vorher da war, ist ein\nRiff. Ganz schwer zu umschiffen und sehr gef\u00e4hrlich. Schon die R\u00f6mer\nversuchten, offensichtlich vergeblich, ein Loch in das Riff zu\nmachen. Das gelang aber sp\u00e4ter, und in verschiedenen Phasen wurde\ndieses erste Loch von drei Metern sukzessiv vergr\u00f6\u00dfert. Irgendwo\nsoll es hier eine Gedenktafel geben, aber die finde ich nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht weiter. Aber: Hilfe! In welche Richtung flie\u00dft der Rhein? Nach\nrechts oder nach links? Lande ich am Ende in Karlsruhe statt in\nKoblenz? Ich mache es nach Gef\u00fchl und habe Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nSt\u00fcck von Bingen nach Goar (27 km) f\u00fchrt immer am Rhein entlang.\nEndlich mal ein Radweg, der seinem Namen gerecht wird. Das erste\nSt\u00fcck ist sch\u00f6ner, da geht es unten am Ufer entlang, sp\u00e4ter\nverl\u00e4uft der Radweg dann oben, erh\u00f6ht, neben der Bundesstra\u00dfe. Und\ndie ist ziemlich laut. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nRheintal ist breiter als das Moseltal und wirkt dadurch auch ganz\nanders. Weinberge gibt es hier auch reichlich, und Burgen noch mehr\nals bei uns. Immer wieder hat man eine richtig sch\u00f6ne Aussicht, und\nder Blick wechselt von einer Seite auf die andere. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nOberwesel steht am Ortseingang, etwas erh\u00f6ht auf einem Felsen, eine\nsch\u00f6ne, schmale gotische Kirche. Zu deren F\u00fc\u00dfen <em>Rewe<\/em>\nund <em>Lidl<\/em>,\nmit M\u00e4rkten, die wie Lagerhallen aussehen und wie die Faust aufs\nAuge zu dem historischen Panorama passen, zu dem auch die Burg ganz\noben geh\u00f6rt sowie runde T\u00fcrme der alten Stadtmauer, die etwas\nsp\u00e4ter in Sicht kommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nOberwesel\nwirbt mit einem Blick auf die Loreley, und tats\u00e4chlich gibt es hier\neinen Felsen, der wie die Loreley aussieht. Es aber nicht ist. Die\nkommt etwas sp\u00e4ter, in St. Goar, und da hat man den Namen <em>Loreley<\/em>\nzur Sicherheit an den Felsen geschrieben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Unwillk\u00fcrlich\nblickt man nach oben und sieht nach der Jungfrau, aber da sind nur\nein paar Flaggen zu sehen. Das lie\u00dfe sich auch sch\u00f6ner gestalten,\nzum Beispiel mit einer gro\u00dfen Skulptur. Heines Gedicht kommt mir in\nden Sinn mit seinem\neinerseits feierlichen, andererseits sp\u00f6ttischen Ton. Man wei\u00df\nnicht so recht, macht er sich \u00fcber die Romantik lustig oder ist er\nselbst Romantiker? Die schon zu seiner Zeit veraltete Sprache kann in\nbeide Richtungen gedeutet werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Streng\ngenommen ist die Loreley nicht in St. Goar, sondern in St. Goar an\nder Loreley. St. Goar folgt dann unmittelbar, sobald man aus\nSt. Goar an der Loreley heraus ist. Auf der anderen Seite liegt St.\nGoarshausen. Goar, lerne ich bei der Gelegenheit, war ein Priester\naus Aquitanien, der sich hier niederlie\u00df. Ist ein Name, dem man\nsonst nicht so oft h\u00f6rt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>St.\nGoar an der Loreley besteht nur aus der Sicht auf den Fels, ein paar\nLokalen und einem riesigen Campingplatz mit Hunderten von gro\u00dfen\nWohnwagen. Die haben vielleicht eine sch\u00f6ne Aussicht, aber f\u00fcr alle\nanderen machen\nsie die Aussicht nicht sch\u00f6ner. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nGoar sind die H\u00e4nge auf beiden Seiten bewaldet, auf einer Seite\ndicht, auf der anderen blickt \u00fcberall der Fels durch. Die Weinberge\nsind verschwunden. Der Rhein schl\u00e4gt noch einen sch\u00f6nen, gro\u00dfen\nBogen, aber sonst ist die Landschaft hier nicht so reizvoll wie\nvorher. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Genau\nin Boppard erreiche ich die magische Kilometerzahl 66 und lasse es\nf\u00fcr heute dabei bewenden. Die erste Pension ist voll, aber der Wirt\ngibt mir einen Tipp: <em>Schinderhannes\nund<\/em>\n<em>Julchen<\/em>,\ndirekt im Zentrum. Ein Volltreffer. Sehr freundlicher Empfang, ganz\neinfache, aber sehr g\u00fcnstige Unterkunft, die alles hat, was man\nbraucht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nbleibt noch Zeit, sich die Stadt anzusehen. Boppard ist gr\u00f6\u00dfer als\nman glauben sollte. Neben dem Marktplatz gibt es verschiedene andere\nPl\u00e4tze und eine ausgedehnte Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Wenn man sich etwas von\ndem Marktplatz wegbewegt, wird es ganz urig, wie an dem dreieckigen\n<em>Balz<\/em>,\neinem alten Platz, an den sich kein Fremder verirrt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem Weg dahin kommt man an den beachtlichen Resten eines r\u00f6mischen\nKastells vorbei, mit Mauer und Rundt\u00fcrmen. Boppard ist r\u00f6misch und\nhie\u00df auf Latein <em>Bodobrica<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nhat man auch Gr\u00e4ber gefunden, aber die stammen aus einer sp\u00e4teren\nZeit, sie sind fr\u00e4nkisch. Alle Toten sind geostet und haben keine\nGrabbeigaben. Daher wei\u00df man, dass es Christen waren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\ndrau\u00dfen ist kein Mensch. Anders sieht es an den Rheinterrassen und\nam Marktplatz aus. Die Stadt ist voll, aber nicht \u00fcberlaufen.\nNirgendwo gibt es Gedr\u00e4nge. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Rheinfront steht, ganz an deren Ende, das <em>Ritter-Schwalbach-Haus<\/em>,\nsehr sch\u00f6n, ein sp\u00e4tgotisches Haus, Sitz einer Adelsfamilie. Auch\nandere H\u00e4user hier am Rhein waren H\u00e4user von Adeligen. Zwischen\ndenen steht die m\u00e4chtige Burg, die man kaum als solche erkennen\nkann, ein klobiges, rechteckiges Geb\u00e4ude, ganz in Wei\u00df gehalten,\nohne die typischen Zutaten einer Burg. Man wei\u00df nicht so recht, wo\nhinten und vorne ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nden unregelm\u00e4\u00dfigen Str\u00e4\u00dfchen des Zentrums kann man sich leicht\nverlaufen. Immer wieder kehre ich, ohne es gewollt zu haben, auf\ngeheimnisvolle Weise an meinen Ausgangspunkt zur\u00fcck. Dabei\nkomme ich immer\nwieder an der Skulptur eines Eisverk\u00e4ufers vorbei. Dem hat man,\ngenauso wie dem Jungen, dem er das Eis gibt, eine Mund- und\nNasenmaske verpasst. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Diese\nSkulptur steht ganz\nin der N\u00e4he des Marktplatzes. Die eine Seite des Marktplatzes wird\nbegrenzt von der Pfarrkirche, St. Severus. Sie steht nicht auf dem\nGrund eines r\u00f6mischen Tempels, sondern auf dem einer r\u00f6mischen\nBadeanlage! \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nArchitektur kann man von au\u00dfen gut erkennen: zwei gro\u00dfe,\ngleichf\u00f6rmige T\u00fcrme trennen den langen Chor von dem Langhaus. Ein\nimposantes Geb\u00e4ude, sp\u00e4tromanisch, das aber kein bisschen wuchtig\nwirkt, da das Mauerwerk \u00fcberall aufgel\u00f6st oder gegliedert ist, mit\nLisenen, Gesimsen, Bogenfriesen und Fenstern. Die beiden T\u00fcrme haben\nein doppeltes Glockengeschoss mit Schallarkaden. Das gesamte \u00c4u\u00dfere\nist in Wei\u00df gehalten, aber die Schmuckelemente sind in einer\nundefinierbaren Farbe, ocker-grau-braun vielleicht, abgesetzt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Um\ndas Eingangsportal herum gibt es auch Schmuckelemente und ein paar\nFiguren von Tieren, von denen eins wie eine Mischung aus L\u00f6we, Hund\nund Hase aussieht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nEindruck innen ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Alles steht im Kontrast zu dem\nletztlich schlichten \u00c4u\u00dferen. Die W\u00e4nde sind bemalt, die Fenster\nfarbig, und das Gew\u00f6lbe feingliedrig. Es erinnert verbl\u00fcffend an\ndie Arme einer Spinne. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSeitenschiffe sind so niedrig, dass man auch die Kapitelle, alle\nfarbig gefasst, gut erkennen kann. Die Ornamente sind floral, bis auf\neine Fratze, die irgendwo ganz im Westen auftaucht.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIm\nOsten gibt es eine doppelte Auftreppung zum Chor und zur Apsis. Sieht\naus wie eine kleinere Version von St. Gereon. Im Chor h\u00e4ngt ein\ngro\u00dfes, mittelalterliches Triumphkreuz, mit einem Christus, der\nstatt der Dornenkrone eine K\u00f6nigskrone tr\u00e4gt. Leider ist der Chor\ngesperrt, und man kann aus der Distanz die Details nicht so gut\nerkennen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zu\nder Ausstattung soll auch ein fr\u00fchchristliches Taufbecken geh\u00f6ren,\naber das kann ich nicht finden. Im s\u00fcdlichen Seitenschiff steht die\nFigur eines Heiligen mit Mitra und Weberschiffchen. Ob das Severus\nist? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsehe mir das wirklich ungew\u00f6hnliche Gew\u00f6lbe noch einmal an und\nversuche, Photos zu machen. Nicht so einfach, die Kirche ist ziemlich\ndunkel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nmache ich Pause in einem Caf\u00e9 am Marktplatz. Direkt vor mir eine\nSkulptur, die sich einem nicht auf den ersten Blick erschlie\u00dft, die\naber einen klaren Bezug zu Boppard hat. Es handelt sich um eine Reihe\ngebogener Rohre, die schwungvoll vom Boden in die H\u00f6he zeigen. Das\nist eine Anspielung auf Michael Thonet, den ber\u00fchmtesten Bopparder.\nIn der Heimat galt er allerdings nichts. Er musste nach Wien gehen,\num Erfolg zu haben. Thonet war der Erfinder der Bugholztechnik. Er\nhatte damit bereits in Boppard experimentiert, aber in Wien gelang\nihm der Durchbruch. Im Auftrag Metternichs verfertigte er die ersten\nBugholzst\u00fchle, St\u00fchle im Stil des klassischen Wiener Caf\u00e9hausstils,\naus gebogenem Holz. Ber\u00fchmt wurde der Stuhl mit der Nummer 14. Die\nSt\u00fchle sehen modern und bequem aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gibt es nur eine Kleinigkeit und ein Glas Wein beim\n<em>Schinderhannes<\/em>,\ndrau\u00dfen vor der T\u00fcr. Noch ist es trocken, aber sp\u00e4ter kommt\nheftiger Regen. Aber davon erfahre ich erst am n\u00e4chsten Morgen was.\nMuss\nwohl tief geschlafen haben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>29.\nAugust (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nFr\u00fchst\u00fcck im <em>Schinderhannes<\/em>\nin Boppard ist das beste der Tour \u2013 mit Abstand. Und die Wirtin\nwieder ausgesprochen freundlich. Der Raum ist vollgestopft mit\nallerhand nicht zusammengeh\u00f6rigen Dingen: Von der Decke h\u00e4ngen\nleere Flaschen, an den W\u00e4nden h\u00e4ngen Portr\u00e4ts des Schinderhannes\nund seiner finsteren Kumpanen, an einer Ecke steht der Schinderhannes\nselbst, in R\u00e4uberbekleidung,\nan einer Ecke baumeln Thonet-St\u00fchle von der  Decke, an einer Wand\nsind Plakate mit Bezug auf den Schinderhannes angebracht (Steckbrief,\nGedichte und ein merkw\u00fcrdiger Aushang in einer Geheimschrift), und\n\u00fcberall stehen Vasen und Krimskrams herum. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nsp\u00e4tem Aufbruch geht es ganz gem\u00fctlich auf die letzte Etappe. Die\nist ein echtes Zuckerst\u00fcckchen, leicht zu fahren, fast immer am\nRhein entlang. Schon die ersten Meter in der Morgensonne  auf der\nRheinterrasse in Boppard an der doppelten Platanenreihe entlang ist\nvom Feinsten, aber der Rest der Strecke kann mithalten. Nur ein\nkleineres St\u00fcck geht es an der Bundesstra\u00dfe entlang, aber heute ist\ndort viel weniger Verkehr. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder Bundesstra\u00dfe geht es ab auf eine Landstra\u00dfe und durch die\nD\u00f6rfer. Bei Spay kommt eine kleine Kapelle in Sicht, und genau an\ndieser Stelle biegt der Radweg scharf rechts ab \u2013 leicht zu\n\u00fcbersehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKapelle, sp\u00e4tromanisch, steinsichtig, scheint etwas ganz Besonderes\nzu sein, mit mittelalterlichen Ausmalungen, urspr\u00fcnglich von einem\nRitter erbaut. Aber sie ist geschlossen. Sollte man mal besichtigen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Stelle, wo es wieder an den Rhein geht, sind Fitnessger\u00e4te am\nWegesrand aufgestellt, genau das Richtige f\u00fcr geplagte Radfahrer. Am\nbesten ist das mit zwei Drehscheiben, die man in die gleiche oder die\nentgegengesetzte Richtung drehen kann. Man merkt, wie die Schulter\nsich entspannt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndiesem Teil der Strecke gibt es wieder Weinberge. Irgendwo erscheint\nder <em>Bopparder\nHamm<\/em>,\nder gestern auch auf Speisekarten stand. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Rhens\nist ein geschichtstr\u00e4chtiger Ort. Hier gibt es den Kaiserstuhl, in\nErinnerung an ein Treffen der sechs von damals sieben Kurf\u00fcrsten am\nRheinufer. Es wurde festgelegt, dass nur die Kurf\u00fcrsten den Kaiser\nw\u00e4hlen durften, und dass das durch eine Mehrheitsentscheidung\ngeschehen w\u00fcrde. Keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Und dass der Papst\nnichts zu sagen hatte. Eine Entscheidung, die die deutsche Geschichte\njahrhundertelang pr\u00e4gte. Dass das in Rhens passiert ist, h\u00e4tte ich\nim Leben nicht gedacht. Der \u201eStuhl\u201c, der in Erinnerung an das\nTreffen errichtet wurde, wurde in den Napoleonischen Kriegen zerst\u00f6rt\nund sp\u00e4ter durch einen neuen ersetzt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt <em>Rhenser<\/em>\nin Sicht, die Mineralwasserfabrik. Ich hatte <em>Rhens<\/em>\nnoch nie mit <em>Rhenser<\/em>\nin Verbindung gebracht, obwohl es so naheliegend ist. An dem\nlanggestreckten Fabrikgeb\u00e4ude entlang geht es \u00fcber\nKopfsteinpflaster. Es ruckelt sch\u00f6n. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\ndanach kommt schon der erste Koblenzer Stadtteil. Der Weg f\u00fchrt\ndurch einen Park und wird zu einem Schotterweg, der aber gut zu\nbefahren ist. Dann kommt Oberwerth, ein Stadtteil, der momentan einen\nbesonders guten Klang hat. Ich fahre noch ein bisschen durch die\nStadt  und dann zum Bahnhof. Es fehlt nur noch der kr\u00f6nende\nAbschluss, der langgezogene Aufstieg in den H\u00f6henstadtteil, der\nausgerechnet\n<em>Niederberg<\/em>\nhei\u00dft. Den bew\u00e4ltige ich heldenhaft, die letzten Kr\u00e4fte\nmobilisierend. Oben angekommen werde ich durch meine Gastgeber f\u00fcr\nalle Anstrengungen entsch\u00e4digt und zwei Tage lang verw\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>\n\t\t\tDatum\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\tStrecke\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\tDistanz\n\t\t\t\n\t\t\t\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\tZeit\n\t\t\t\n\t\t\t\n\t\t<\/td><\/tr><tr><td> 26. August <br>(Mittwoch) <\/td><td>\n\t\t\tTrier\n\t\t\t&#8211; Nohfelden\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\t0\n\t\t\t&#8211; 97 (97 km)\n\t\t<\/td><td> 7.00 &#8211; <br>16.00 <\/td><\/tr><tr><td> 27. August <br>(Donnerstag) <\/td><td>\n\t\t\tNohfelden\n\t\t\t&#8211; Bad Kreuznach\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\t97\n\t\t\t&#8211; 193 (96 km)\n\t\t<\/td><td> 8.00 \u2013 <br>17.00  <\/td><\/tr><tr><td> 28. August <br>(Freitag) <\/td><td>\n\t\t\tBad\n\t\t\tKreuznach &#8211; Boppard\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\t193\n\t\t\t\u2013 259 (66 km)\n\t\t<\/td><td> 8.30 \u2013 <br>13.30 <\/td><\/tr><tr><td> 29. August <br>(Samstag) <\/td><td>\n\t\t\tBoppard\n\t\t\t&#8211; Koblenz\n\t\t<\/td><td>\n\t\t\t259\n\t\t\t&#8211; 289 (40 km)\n\t\t<\/td><td> 9.30 \u2013 <br>12,00 <\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. August (Mittwoch) Ziel der Radtour ist dieses Jahr mal wieder Koblenz. Aber es geht nicht die Mosel runter, sondern an der Nahe entlang. Aber da muss man erst mal hinkommen. 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