{"id":11116,"date":"2020-10-22T14:33:18","date_gmt":"2020-10-22T12:33:18","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11116"},"modified":"2020-11-21T07:44:02","modified_gmt":"2020-11-21T06:44:02","slug":"berlin-2020","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11116","title":{"rendered":"Berlin (2020)"},"content":{"rendered":"\n<p> 24. September (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nletzten Mal war ich 2002 in Berlin. Da gab es das Holocaust-Denkmal\nnoch nicht. Und der Palast der Republik stand noch. Entsprechend alt\nist mein Reisef\u00fchrer. Dedes Reisef\u00fchrer ist noch \u00e4lter. Da war die\nMauer noch nicht gefallen. Zeit, mal wieder nach Berlin zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen\nneuen Reisef\u00fchrer habe ich ausgesucht, weil er einen Eintrag zu\nHumboldt hatte. Aber es nutzt nicht viel. Au\u00dfer in den Namen wie\n<em>Humboldt-Forum<\/em>\nund <em>Humboldt-Universit\u00e4t\n<\/em>haben\nsie keine Spuren in Berlin hinterlassen. Das Elternhaus, das\nSchl\u00f6sschen in Tegel, kann man nicht besichtigen, und es ist noch\nnicht einmal von au\u00dfen einsehbar.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hertha\nZehlendorf, Rapide Wedding, Reinickendorfer F\u00fcchse \u2013 solche Namen\ntransportierten in unserer Kindheit Kenntnisse \u00fcber Berliner\nBezirke. Und Wilmersdorf kannte man durch Sammy Drechsels <em>Elf\nFreunde<\/em>.\nUnd Pankow durch <em>Bolle<\/em>.\nUnd K\u00f6penick durch den <em>Hauptmann<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAnfang war die Spree. Ihr verdankt Berlin seine Existenz. <em>Spree<\/em>\nhat etwas mit \u201aspr\u00fchen\u2018 zu tun, sie ist, dem Namen nach, ein\n\u201aspritziger Fluss\u2018. Dagegen ist <em>Havel<\/em>\nmit <em>Haff<\/em>\nund <em>Hafen<\/em>\nverwandt. Sie war ein Fluss mit vielen Buchten oder wurde jedenfalls\nso wahrgenommen. Die Havel m\u00fcndet nicht, wie ich dachte, in die\nSpree, die Spree m\u00fcndet in die Havel. Und die m\u00fcndet in die Elbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Berlin\nist nicht <em>Ber<\/em>\n+ <em>lin<\/em>,\nsondern <em>Berl<\/em>\n+ <em>in<\/em>.\nAber aufgrund der ersten, der falschen Deutung kam der B\u00e4r in das\nBerliner Wappen, und wurde Albrecht der B\u00e4r, der Askanier, zum\nStadtgr\u00fcnder. Die Endung des Namens ist slawisch, eine Bezeichnung\nf\u00fcr eine Siedlung, und taucht auch in <em>Stettin<\/em>\noder <em>Neuruppin<\/em>\noder <em>Schwerin<\/em>\nauf, aber auch in <em>D\u00f6blin<\/em>.\nDas erste Element des Namens wird auf <em>brlo<\/em>\nzur\u00fcckgef\u00fchrt, \u201aSumpf\u2018, \u201aMorast\u2018. Berlin war eine Stadt im\nSumpf. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nerste Blick aus dem Fenster des Hotels f\u00e4llt auf einen Baukran. In\nBerlin wird weiterhin \u00fcberall gebaut. Die gr\u00f6\u00dfte Baustelle im\nZentrum ist das fast fertige, wieder aufgebaute Schloss. Und damit\nist man bei einem zweiten Merkmal Berlins angekommen: Vieles ist\nwiederaufgebaut, nicht saniert oder restauriert, sondern\nwiederaufgebaut. Dazu geh\u00f6rt auch das Brandenburger Tor. Weder\ndas Brandenburger Tor noch die Quadriga sind im Original erhalten,\nbeide wurden zerst\u00f6rt und neu gebaut, die Quadriga nach einem\noriginalen Gipsabdruck. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nBrandenburger Tor (von Langhans entworfen) hie\u00df urspr\u00fcnglich\n<em>Friedenstor<\/em>,\nund die Quadriga (von Schadow entworfen), die sp\u00e4ter darauf kam, war\nurspr\u00fcnglich eine Friedensg\u00f6ttin. Nachdem sie von Napoleon nach\nParis entf\u00fchrt und dann wieder nach Berlin zur\u00fcckgekehrt war, wurde\naus der Friedensg\u00f6ttin eine Siegesg\u00f6ttin, und sie bekam einen Adler\nund ein Eisernes Kreuz. Nach dem Krieg bis zur Wiedervereinigung\nstand sie wieder ohne Adler und Eisernes Kreuz da, aber jetzt hat sie\nsie wieder. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\ngr\u00f6\u00dften Baustelle Berlins ist es zu verdanken, dass wir gestern\nimmer noch in Tegel gelandet sind. Der BER l\u00e4sst weiterhin auf sich\nwarten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nwir ankamen, war es schon dunkel. In Berlin wird es genau eine halbe\nStunde eher dunkel (und hell) als bei uns. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nTransfer mit Bus und U-Bahn von Tegel zu dem in Mitte gelegenen\nHotel, am M\u00e4rkischen Museum, ging problemlos. Wenig Volk unterwegs.\nAuch Touristen sind wenige unterwegs. Ob wir deshalb an das\nsensationell gute Angebot in unserem Hotel gekommen sind? Tolle Lage,\nriesige R\u00e4ume, komplette Ausstattung und Preise wie f\u00fcr eine\nPension auf dem Lande. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dede\nhat f\u00fcr den ersten Tag eine F\u00fchrung im Bundestag gebucht. Wir\nfahren zwei, drei Stationen mit der U-Bahn und gehen dann weiter zu\nFu\u00df, durch ein nichtssagendes Viertel mit vielen hohen H\u00e4usern und\nder riesigen <em>Berlin\nMall<\/em>.\nErkennen kann man hier nichts. Eine solche Stra\u00dfe k\u00f6nnte in jeder\nbeliebigen Gro\u00dfstadt sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nPassant, ein Russe, weist uns den Weg. Er kann kein Deutsch, versteht\ndie Frage aber. Ein Russe weist zwei Deutschen den Weg durch ihre\nHauptstadt!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nbiegen wir ab und kommen auf eine Stra\u00dfe, die an einem Park entlang\nf\u00fchrt. Aus der Ferne sieht man \u00fcber den B\u00e4umen die Kuppel des\nReichstags und einen seiner T\u00fcrme. Rechts, jenseits der breiten\nStra\u00dfe, das Holocaust-Denkmal. Die Stelen sehen von hier aus\nniedriger aus als sie sind, weil man das unterschiedliche Bodenniveau\ndes Denkmals nicht merkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nstehen wir vor dem Reichstag. Der ist gr\u00f6\u00dfer, als ich ihn in\nErinnerung habe. Seine vier T\u00fcrme stehen f\u00fcr die damaligen\nK\u00f6nigreiche Preu\u00dfen, Bayern, Sachsen und W\u00fcrttemberg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nN\u00e4he des Reichstags an der Mauer erinnert mich an die Frage eines\nausl\u00e4ndischen Touristen, die mal Titel eines Artikels in der Zeitung\nwar: \u201eWarum haben sie den Reichstag so nahe an die Mauer gebaut?\u201c\nV\u00f6llig abwegig ist das nicht, denn der neue alte Reichstag, ohne\nKuppel, wurde erst 1971 fertiggestellt. W\u00e4hrend der deutschen\nTeilung diente der Reichstag nur ganz selten als Tagungsort,\nh\u00f6chstens ein paar Fraktionssitzungen fanden dort statt. Das hatte\nrechtliche Gr\u00fcnde, denn nach dem Vierm\u00e4chtestatus durfte der\nBundestag in Berlin keine bindenden Entscheidungen treffen. Es lag\naber auch daran, dass man wusste, dass das ganze Geb\u00e4ude verwanzt\nwar. Feind h\u00f6rt mit. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber,\nam anderen Ende der Wiese, das Bundeskanzleramt, an der Seite das\nAbgeordnetenhaus. Hohe Stockwerke, viel Glas, viel Licht, und\nringsherum viel Gr\u00fcn. Man wundert sich \u00fcber so viel Platz. War das\nalles brach liegendes Land zu Zeiten der DDR? Ein Puffer an der\nGrenze zum feindlichen Ausland? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfinde das alles gelungen und wundere \u00fcber die viele Kritik, die ich\nzu der Anlage des Platzes geh\u00f6rt habe. St\u00f6rend sind nur die vielen\nBarrieren und Pavillons f\u00fcr die Organisation der Besichtigungen. Man\nkann nur hoffen, dass sie Provisorien sind. Hier k\u00f6nnte man sich gut\neine unterirdische Eingangshalle vorstellen, die den Platz frei\nl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nPlatz hei\u00dft nicht <em>Potsdamer\nPlatz<\/em>,\nwie ich erst behauptete und auch nicht <em>Pariser\nPlatz<\/em>,\nwie ich dann dachte, sondern der <em>Platz\nder Republik<\/em>.\nDas einzige Geb\u00e4ude auf dem gro\u00dfen Platz, das den Krieg unbeschadet\n\u00fcberstand, ist die Schweizer Botschaft. Die f\u00e4llt jetzt auch\narchitektonisch aus dem Rahmen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nbeginnt die F\u00fchrung. Es geht um das Geb\u00e4ude, aber auch um\nparlamentarische Verfahren. Die F\u00fchrerin, eine \u00fcberzeugte\nWestdeutsche mit wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre n\u00f6rglerischen\nostdeutschen Verwandten, war fr\u00fcher bei der Treuhand und ist heute\nbeim Bundesrat. Das erw\u00e4hnt sie aber nur nebenbei. Sie ist sehr\nkompetent und macht viele ironische Bemerkungen: \u201eSie d\u00fcrfen\nphotographieren, aber wenn Sie h\u00e4ssliche Photos von mir machen,\nstellen Sie sie nicht ins Netz. Dann bekommen Sie \u00c4rger mit meinem\nMann.\u201c Wenn irgendwas von fr\u00fcher zur Sprache kommt, wendet sie\nsich immer nur an mich als den Greis der Gruppe: \u201eSie k\u00f6nnen sich\nvielleicht noch erinnern,&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nman das Geb\u00e4ude betritt, steht man nach dem Aufgang \u00fcber die Treppe\ndirekt vor dem Plenarsaal. Die Lobby ist eigens daf\u00fcr zur Seite\nverlegt worden. Foster legte Wert darauf. Das Volk sei wichtiger als\ndie Lobbyisten. Nette Geste, nicht sehr realistisch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nEingang zum Plenarsaal hat drei T\u00fcren, mit den entsprechenden\nBeschriftungen f\u00fcr den Hammelsprung. \u201eSie k\u00f6nnen sich sicher noch\nerinnern&#8230;\u201c. Ja, kann ich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\ndem Eingang schwebt der Adler. Foster wollte ihn nicht, aber die\nAbgeordneten bestanden auf ihm. Der Bonner Adler konnte nicht\nmitgenommen werden, da er aus Gips war und beim Abnehmen in seine\nTeile zerbrach. Foster legte immer neue Entw\u00fcrfe vor, er wollte vor\nallem einen schlankeren Adler, aber am Ende musste er auch da klein\nbeigeben. Der Adler ist gr\u00f6\u00dfer als der alte und hat, im Gegensatz\nzu dem, keine Klauen. Darauf legte Foster wert. Und er h\u00e4ngt an\neiner Glaswand, so dass er von beiden Seiten gesehen werden kann.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\ndem weiteren Gang durch das Geb\u00e4ude verliert man leicht die\nOrientierung. Das Geb\u00e4ude ist riesig, es gibt unterirdische G\u00e4nge,\nund architektonisch eine Mischung aus Neu und Alt. In irgendeinem\nunterirdischen Gang gehen wir eine Treppe hinunter, bei der eine\nStufe farblich und vom Material her von den anderen abgesetzt ist.\nDiese Stufe bezeichnet den Verlauf der Grenze. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nalten Teil sieht man an einer Wand Graffiti. Sie stammen von den\nrussischen Soldaten, die den Reichstag eingenommen haben, meist Orts-\nund Personennamen, auch Ausspr\u00fcche, teils feindlich gesinnte. Die\nhat man stehen lassen, die zotigen hat man entfernt. Die F\u00fchrerin \n<\/p>\n\n\n\n<p>pl\u00e4diert\nf\u00fcr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Soldaten, die nach all den Entbehrungen,\nnach all den Gefahren, nach dem Verlust vieler Kameraden, endlich die\nHauptstadt des Feindes erobert hatten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAlliierten haben je ein Kunstwerk im Reichstag hinterlassen. Wir\nsehen das amerikanische und das franz\u00f6sische. Das amerikanische ist\neine moderne S\u00e4ule mit laufender elektronischer Schrift. Die\nK\u00fcnstlerin hat Debatten des Bundestags ausgew\u00e4hlt und l\u00e4sst den\ngesamten Wortlaut dieser Debatten an der S\u00e4ule entlang laufen.\nInsgesamt w\u00fcrde man achtundzwanzig Tage brauchen, um alles zu lesen.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\nes heute elektronische Aufzeichnungen der Debatten gibt, werden sie\nauch weiterhin von Stenographen protokolliert, u.a. deshalb, weil die\nauch die Zwischenrufe einbeziehen k\u00f6nnen. Die Stenographen schreiben\nmit einer Geschwindigkeit von 480 Silben pro Minute. Unsere F\u00fchrerin\nspricht mit einer Geschwindigkeit von 360 Silben pro Minute. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nfranz\u00f6sisches Kunstwerk sieht aus wie eine Mauer aus Ziegelsteinen,\nist aber keine. Jeder der vermeintlichen Steine steht f\u00fcr einen\ndemokratisch gew\u00e4hlten Abgeordneten, von 1918 bis 1990, insgesamt\n5.000. Die Steine sind namentlich gekennzeichnet, soweit der Name\nbekannt ist. Das Namensschild von Angela Merkel ist abgegriffen. Die\nF\u00fchrerin sagt, die Kinder w\u00fcrden es bei der F\u00fchrung ber\u00fchren. Sie\nliebten die Kanzlerin. Auch Hitler hat einen Stein. Er war\ntats\u00e4chlich f\u00fcr kurze Zeit Abgeordneter des Parlaments in der\nWeimarer Republik. Ein Stein ist namenlos. Er steht f\u00fcr die\nAbgeordneten, die nie welche wurden, die Abgeordnete h\u00e4tten sein\nm\u00fcssen, wenn es nicht das Erm\u00e4chtigungsgesetz gegeben h\u00e4tte.\nTats\u00e4chlich kamen die Abgeordneten w\u00e4hrend der Nazizeit alle vier\nJahre in der Kroll-Oper zusammen, um Hitler in seinem \u201eAmt\u201c als\nDiktator zu best\u00e4tigen. Du darfst weitermache, Diktator! Wir\nerlauben es dir! \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nstehen wir pl\u00f6tzlich vor einer Glasfassade und blicken auf die Spree\ndirekt vor uns und ein anderes Geb\u00e4ude mit einer Glasfront. Die\nD\u00e4cher der beiden Geb\u00e4ude sind seitlich abgeschr\u00e4gt. Wenn man sie\n\u00fcber die Spree hin\u00fcber zusammenschieben w\u00fcrde, w\u00fcrden sie\nineinander passen. Das bedeutet Zusammengeh\u00f6rigkeit, denn beide sind\nGeb\u00e4ude des Parlamentes (anders ist es mit dem Bundeskanzleramt, auf\ndas man r\u00fcckw\u00e4rts blickt, das ist auch architektonisch\nabgesondert), aber es hat wohl auch was mit dem Zusammenkommen von\nOst und West zu tun, denn die Spree bildete die Grenze. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nF\u00fchrerin erz\u00e4hlt von einer dramatischen Fluchtaktion, die genau\nhier stattfand, als vier Menschen schwimmend versuchten, das Ufer zu\nerreichen. Drei von ihnen gelang es, die vierte war eine schwangere\nFrau. Offensichtlich schoss man aber nicht auf sie, weil die Aktion\ndiesseits der Spree von Zuschauern beobachtet wurde, und auch sie\nerreichte am Ende das Ufer. Das ist ergreifend, aber war es wirklich\nso, dass sich Grenzsoldaten der DDR an einem Ufer und Westberliner\nZivilisten am anderen Ufer gegen\u00fcberstanden?<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nwird wieder unterirdisch, und wir kommen an einer Bildergalerie\nvorbei. Vor dem Bild des gerade errichteten Reichstags von 1884\nbleibt die F\u00fchrerin stehen und fragt uns, was denn da fehle. Mit\nf\u00e4llt nichts auf, aber Dede wei\u00df sofort die Antwort: die Inschrift.\n\u201eDem deutschen Volke\u201c wurde dem Kaiser, dem das gar nicht gefiel,\nvon den Parlamentariern abgerungen, als Gegenleistung f\u00fcr die\nBewilligung von Kriegskrediten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbesichtigen noch einen Andachtsraum, der so gestaltet ist, dass er\nf\u00fcr alle Schriftreligionen gleich gelten kann (die Zahl sieben\nspielt eine wichtige Rolle) und einen Raum, in der die Kunst des\nBundestags ausgestellt ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es in den Plenarsaal. Die Zuschauertrib\u00fcnen ziehen sich weit in\nden Raum hinein, die meisten Zuschauer sitzen n\u00e4her am Rednerpult\nals die meisten Abgeordneten. Wof\u00fcr sind die Sitze hinter dem\nPr\u00e4sidenten? Da sitzen Experten f\u00fcr die Gesch\u00e4ftsordnung. Wenn der\nPr\u00e4sident mal nicht weiter wei\u00df, kann er sich umdrehen und\nnachfragen. Sehr praktisch. Das w\u00fcnschte man f\u00fcr sich selbst auch\nin vielen Situationen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nF\u00fchrerin erw\u00e4hnt, dass nach der Verabschiedung eines Gesetzes sich\nalle Abgeordnete erheben, ob sie daf\u00fcr oder dagegen gestimmt haben.\nSie dokumentieren damit, dass sie zu dem Gesetz \u201estehen\u201c. Davon\nhaben wir beide noch nie geh\u00f6rt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nF\u00fchrerin pl\u00e4diert f\u00fcr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Abwesenheit vieler\nAbgeordneter bei den Debatten im Plenum. Die t\u00e4ten in dieser Zeit\nihre Arbeit, h\u00e4ufig in den Aussch\u00fcssen. Sie pl\u00e4diert auch f\u00fcr\nVerst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass die Abgeordneten w\u00e4hrend der Debatte\nZeitung lesen oder ihr Handy benutzen. Die w\u00fcssten l\u00e4ngst vorher,\nwas die Redner sagten. Ein Sch\u00fcler habe sie mal gefragt, ob das denn\nnicht alles nur Show sei. Sie findet nicht, aber die Frage des\nSch\u00fclers ist nicht ganz unberechtigt. Die F\u00fchrerin konzediert aber,\ndass es keinen guten Eindruck macht, wenn man dem Redner nicht\nzuh\u00f6rt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nwerden verabschiedet, k\u00f6nnen aber noch auf die Terrasse. Die Kuppel\nist geschlossen, sie wird ges\u00e4ubert. Der Nationalfeiertag steht\nbevor. Wegen Corona h\u00e4tte man sonst jetzt ohne Probleme in die\nKuppel gekonnt, f\u00fcr die man normalerweise stundenlang anstehen muss.\nIch war damals schon mal in der Kuppel. Das ging noch ohne gro\u00dfe\nKontrolle. Man stellte sich einfach in die Schlange und ging rauf. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nder Terrasse versuchen wir, mit mittelm\u00e4\u00dfigem Erfolg, zu\nidentifizieren, was man sieht. Gut erkennbar sind die Siegess\u00e4ule,\ndie Kuppel der neuen Synagoge, die Kuppeln von Franz\u00f6sischem Dom und\nvom Deutschen Dom.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Reichstag geht es Richtung Brandenburger Tor. Links, abseits der\nStra\u00dfe, liegt das Denkmal f\u00fcr die ermordeten Sinti und Roma: ein\nkleiner See, eine Art T\u00fcmpel, in dessen Zentrum ein flaches Dreieck\nliegt. Was das f\u00fcr eine Bedeutung hat, kriegen wir nicht heraus. Es\ngibt keine Information. Um den See herum unregelm\u00e4\u00dfige Natursteine.\nAuf einigen von ihnen sind Namen eingraviert, die Namen der\nKonzentrationslager, in die Sinti und Roma gebracht wurden. Wie viele\ndabei umkamen, wei\u00df man nicht genau. Man sch\u00e4tzt eine halbe\nMillion.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt das Brandenburger Tor. Der Platz auf der westlichen Seite hei\u00dft\n<em>Platz\ndes 18. M\u00e4rz<\/em>.\nVermutlich mit Bezug auf die\nM\u00e4rzrevolution. Der Platz auf der \u00f6stlichen Seite, da, wohin die\nQuadriga blickt, ist der <em>Pariser\nPlatz<\/em>.\nGleich hier gibt es eine Touristeninformation, und wir machen einen\nletzten, vergeblichen Versuch, irgendwo eine F\u00fchrung hinter die\nKulissen zu bekommen, in irgendeinem der vielen ber\u00fchmten Theater. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\ndaneben steht die DZ-Bank, mit einer ganz unspektakul\u00e4ren Fassade,\naber einem spektakul\u00e4ren gl\u00e4sernen Foyer, dessen Form man durch das\nFenster erahnen kann. Rein darf man nicht. Wegen Corona durchgehend\nf\u00fcr Besucher geschlossen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nmachen wir eine Kaffeepause in einem Caf\u00e9 <em>Unter\nden Linden<\/em>.\nMan kann drau\u00dfen sitzen. Auch hier ist kein Betrieb, weder in den\nLokalen noch auf der Stra\u00dfe. Nur Fahrr\u00e4der gibt es zuhauf. Das ist\ndie wichtigste Ver\u00e4nderung seit meinem letzten Besuch vor 18 Jahren.\nDa sah man hier weit und breit kein Fahrrad. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber\ndem Caf\u00e9 ist Madame Tussauds. Hier fand das letzte Attentat auf\nHitler statt. 2018 wurde er von einem Besucher gek\u00f6pft. \u00dcber das\nweitere Schicksal Hitlers ist nichts in Erfahrung zu bringen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbrechen auf und kommen an der Russischen Botschaft vorbei. Bis zum\nersten Weltkrieg stand hier das Palais des russischen Zaren. Hier\nstieg man ab, wenn man die deutsche Verwandtschaft besuchte. Danach\nwurde er zur Botschaft der Sowjetunion. In der Nazi-Zeit wurden hier\nBotschaftsangeh\u00f6rige verhaftet und gegen deutsche\nBotschaftsangeh\u00f6rige in Moskau ausgetauscht. Nach der Zerst\u00f6rung im\nKrieg wurde das alte Palais durch ein neoklassizistisches Geb\u00e4ude\nersetzt, dem Reisef\u00fchrer zufolge stalinistische Architektur. Aber\nwenn es das ist, dann von der milden Art. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eG\u00e4hnen\nist der stille Schrei nach Kaffee\u201c steht auf dem Schild vor einem\nCaf\u00e9. Sp\u00e4ter entdeckt Dede den Ausspruch auch noch auf einer Karte.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nder anderen Stra\u00dfenseite das <em>Schweizer\nHaus<\/em>,\nmit der Figur Wilhelm Tells an der Ecke des Geb\u00e4udes, auf H\u00f6he der\nersten Etage. Leicht zu \u00fcbersehen. Auch das <em>Schweizer\nHaus<\/em>\nhat den Krieg unbeschadet \u00fcberstanden. Die Alliierten waren nicht\nsehr treffsicher. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nunserer Seite eine hypermoderne Ausstellungshalle von VW, mit Bugatti\nund Porsche und Phaeton, die zum Losfahren auf den Boulevard bereit\nzu stehen scheinen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt ein Andenkenladen. Alle, absolut alle Artikel mit dem Motiv des\nAmpelm\u00e4nnchens: Socken, Bier, Stempel, Computerpads, Schirme,\nLakritz, Etuis, Tempos, Korkenzieher und sogar Nudeln in Form von\nAmpelm\u00e4nnchen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nder anderen Seite die Staatsbibliothek, auch hier wird renoviert. Auf\ngleicher H\u00f6he in Stra\u00dfenmitte Friedrich der Gro\u00dfe, reitend. Man\nsagt, Reiterskulpturen seien das schwierigste, was die Bildhauerei zu\nbieten hat. Kann sein. W\u00e4re aber sch\u00f6n gewesen, wenn sie so eine\nbesondere Skulptur nicht auf so einen hohen Sockel gestellt h\u00e4tten.\nDie Fernwirkung ist gut, aber man kann kaum Details erkennen. Auf dem\nSockel allerlei Szenen und Gestalten. Die Reisef\u00fchrer sagen\ns\u00fcffisant, seine Gener\u00e4le habe er an seiner Seite bzw. vor ihm, die\nGelehrten, darunter Kant und Lessing, h\u00e4tten nur unter dem Schwanz\nPlatz gefunden. Aber das ist ein bisschen zu malizi\u00f6s gedacht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsind inzwischen, ohne es recht zu merken, auf dem Opernplatz\nangekommen. Er bildet er eine Verl\u00e4ngerung von <em>Unter\nden Linden<\/em>.\nWas hier alles rumsteht! Unglaublich! \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nder linken Seite die Humboldt-Universit\u00e4t, mit den Statuen von\nWilhelm (dem Namensgeber der Universit\u00e4t) auf der einen Seite vor\ndem Eisengitter und Alexander von Humboldt auf der anderen Seite. Dem\nReisef\u00fchrer zufolge sind die Statuen nur im Sommer zu sehen. Im\nWinter werden sie zwecks Winterschlaf einkassiert. Kann das sein? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem Sockel von Alexanders Monument die Inschrift <em>Al\nsegundo descubridor de Cuba. <\/em>An\nder Seite des Sockels ein Relief, das eine Frau zeigt, die Zwillinge\ns\u00e4ugt. Ist das Mutter Natur? Warum s\u00e4ugt sie Zwillinge? Welchen\nBezug hat das zu Humboldt. Ganz egal, ich kann mir die Gelegenheit\nnicht entgehen lassen, vor meinem Idol f\u00fcr ein Photo zu posieren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nOpernplatz selbst ist unregelm\u00e4\u00dfig bebaut, mit repr\u00e4sentativen\nBauten zu allen Seiten, die aber entweder schr\u00e4g zum Platz stehen\noder seitlich stehen: das Opernhaus, die Hedwigs-Kathedrale, die\nJuristische Fakult\u00e4t (so monumental, dass hier eine ganze\nUniversit\u00e4t untergebracht sein k\u00f6nnte) und ein Geb\u00e4ude mit einem\nHotel der besseren Kategorie. Auff\u00e4llig, dass viele der Geb\u00e4ude ein\nGiebeldreieck haben, kannelierte S\u00e4ulen und dorische Kapitelle. Und\ndass die D\u00e4cher voller Statuen sind. Von der Mitte des Opernplatzes\nkann man locker \u00fcber drei\u00dfig z\u00e4hlen. In dem sch\u00f6nen\nSp\u00e4tsommerlicht machen sie sich ausgezeichnet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nNamensgebung der Hedwigskirche ist kein Zufall. Sie ist der Herzogin\nvon Schlesien geweiht, das sich Friedrich der Gro\u00dfe gerade\nunterworfen hatte. Sein Vater hatte den Katholiken lediglich\nzugesagt, eine eigene Kirche bauen zu d\u00fcrfen, um ihren Gottesdienst\nnicht mehr in einem Magazingeb\u00e4ude feiern zu m\u00fcssen. Sein Sohn\nbetrieb den Kirchenbau dann selbst. Auch zur Selbstdarstellung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Mitte des Opernplatzes, auf dem die B\u00fccherverbrennung w\u00e4hrend\nder Nazizeit stattgefunden hat, ein Denkmal, das wir gezielt gesucht\nhaben: In der Mitte des Platzes ist in den Boden eine Glasplatte\neingelassen. Durch die sieht man in einen Raum voller B\u00fccherregale.\nOhne ein einziges Buch. Die Regale w\u00fcrden Platz f\u00fcr zigtausend\nB\u00fccher bieten, so viele, wie bei der B\u00fccherverbrennung vernichtet\nwurden. In seiner Einfachheit ein eindr\u00fcckliches Mahnmal. Wenn auch\nDede findet, die Regale s\u00e4hen zu sehr nach IKEA aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nder anderen Seite, hinter einem W\u00e4ldchen von vertrockneten\nKastanien, das Maxim-Gorki-Theater,\nein ausgesprochen sch\u00f6ner Bau, wei\u00df get\u00fcncht, schlanker, leichter,\neleganter als die sonst manchmal sehr wuchtigen Bauten des Berliner\nZentrums. Das\nheutige Maxim-Gorki-Theater war fr\u00fcher der Mittelpunkt des\npreu\u00dfischen Kulturlebens, als Konzert- und Veranstaltungssaal. Hier\ntraten Clara Schumann, Paganini, Mendelssohn und Liszt auf, und\nSchlegel hielt hier Vortr\u00e4ge. Und dies war auch der Ort, wo\nAlexander von Humboldt seine spektakul\u00e4ren Vortr\u00e4ge \u00fcber seine\nAmerikareise hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Seite des Kastanienw\u00e4ldchens, ziemlich versteckt, sto\u00dfen wir\nzuf\u00e4llig auf ein Denkmal: Heine. Erkannt h\u00e4tte man ihn nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nversetzt davon, ebenfalls abseits von <em>Unter\nden Linden<\/em>,\ndas Zeughaus, mit einer breiten Fassade, in rosa gehalten. Die\nFassade sehen wir allerdings von hier aus nicht, sondern die\nHinterfront. Die steht voller Ger\u00fcste. Links davon der moderne\nErweiterungsbau des Zeughauses, mit einer sch\u00f6nen, geschwungenen\ngl\u00e4sernen Eingangshalle. Durch die schmale Gasse zwischen dem alten\nund dem neuen Geb\u00e4ude sieht man auf den Fernsehturm des\nAlexanderplatzes und den Turm der Marienkirche. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkomme an die Spree, auf der anderen Seite liegt schon die Spreeinsel,\neine der Keimzellen Berlins. Dies ist die n\u00f6rdliche Spitze der\nSpreeinsel, die Museumsinsel, und wir sehen von unserer Seite aus\nzwei der f\u00fcnf bedeutenden Museen der Museumsinsel, das Alte Museum\nund das Neue Museum. Uns ist aber mehr nach Bier als nach Museum, und\nwir setzen uns drau\u00dfen vor das Zeughaus in ein Caf\u00e9. Dede riskiert\ntats\u00e4chlich die Berliner Wei\u00dfe, erst gr\u00fcn, dann rot. F\u00fcr mich\ngibt es ein<em>\nBerliner Kindl<\/em>,\nbesser als das bittere <em>Schulthei\u00df<\/em>\nvom Vorabend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\ndem Caf\u00e9 aus sehen wir auf das neu errichtete, fast fertige Schloss,\nnoch mit einer gro\u00dfen Baustelle um den Schlossplatz herum. Das\nSchloss ist an alter Stelle wiederaufgebaut worden, statt des Palasts\nder Republik. Ich finde, da h\u00e4tte man eine bessere, eine modernere\nL\u00f6sung finden k\u00f6nnen. Das Schloss ist ein bisschen zu wuchtig und\nnicht sonderlich sch\u00f6n. Von hier, vom Schloss, rief 1918 Liebknecht\ndie Sozialistische Republik aus, w\u00e4hrend Scheidemann die b\u00fcrgerliche\nRepublik vom Balkon des Reichstags ausrief. Vom Balkon des Schlosses\nhatte auch der Kaiser gesprochen, 1914: \u201eIch kenne keine Parteien\nmehr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In\nden n\u00e4chsten Tagen entdecken wir bei einem Spaziergang die R\u00fcckseite\ndes Schlosses, erst ohne sie zu erkennen. Sie ist ganz modern, mit\nder Aufschrift <em>Humboldt-Forum<\/em>\nin der Mitte der Fassade. Was immer man von der architektonischen\nL\u00f6sung h\u00e4lt, das wird ein phantastisches Museum werden, eine Art\nglobales Museum, in dem man sozusagen von Kontinent zu Kontinent\ngehen kann. Mit gro\u00dfz\u00fcgigen \u00d6ffnungszeiten und kostenlosem\nEintritt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Seitlich\nzum Schloss steht das ehemalige Staatsratsgeb\u00e4ude. Das ist das\nGeb\u00e4ude mit dem Mittelrisalit der alten Schlosses. Ich habe es immer\nmit dem Palast der Republik verwechselt. Aber jetzt, wo das gekl\u00e4rt\nist, stellt sich eine andere Frage: Warum sieht der Mittelrisalit des\nSchlosses so anders aus als der des Staatsratsgeb\u00e4udes? Der\nMittelrisalit m\u00fcsste doch identisch sein mit dem des\nStaatsratsgeb\u00e4udes, Original und Imitation.   \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gibt es arabisches Essen. Selbst die Fleischgerichte schmecken\nhier vegetarisch. Den dominanten Geschmack der Gerichte macht die\nfrische Joghurtso\u00dfe aus. Es gibt leckere Vorspeisen. Die hei\u00dfen\nhier <em>mazza<\/em>.\nDaher haben die T\u00fcrken ihre <em>meze<\/em>,\nund von denen wiederum haben es die Griechen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>25.\nSeptember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\ndem Hotel wird an einer Br\u00fccke \u00fcber den Spree-Kanal gebaut. Die\nStra\u00dfe ist gesperrt, und es gibt keinen Autol\u00e4rm. Stattdessen h\u00f6rt\nman einen arabischen Bauarbeiter Lieder singen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vom\nHotelzimmer aus, sechster Stock, sieht man eine weitere Kuppel.\nBerlin ist reich gesegnet damit. Zu welchem Geb\u00e4ude diese Kuppel\ngeh\u00f6rt, erfahren wir an der Rezeption: zum Schloss!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nzu erwarten, m\u00fcssen wir heute Regenschirm und Regenjacke\nherausholen. Wir kommen aber noch einigerma\u00dfen ungeschoren davon.\nAls die F\u00fchrung beginnt, h\u00f6rt es auf zu regnen. Aber die Farbe des\nTages bleibt Grau.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren zum Alexanderplatz. In der U-Bahn-Station Alexanderplatz eine\nSerie von Werbeplakaten einer Firma, Klarna, einem Einkaufszentrums:\njedes Plakat anders als das andere, aber alle dem gleichen\nSchnittmuster folgend, immer mit einem ironischen Kommentar unter\neinem auff\u00e4lligen Bild. <em>Weil\ndu nichts lieber anziehst als Blicke<\/em>\n\u2013 <em>Weil\nPudding auch Vitamine hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Den\nAlexanderplatz, ausgerechnet den Alexanderplatz, hat die\nKonsumindustrie in Beschlag genommen:  Kaufhof, dm, Saturn, Burger\nKing. Warum der Platz so eine Attraktivit\u00e4t in der DDR hatte, ist\nschwer zu verstehen. Sch\u00f6n ist anders. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten\nin der tristen Umgebung die Weltzeituhr, Dede von einer aus der DDR\nstammenden Kollegin als eins der Highlights von Berlin ans Herz\ngelegt. Wie entt\u00e4uscht sie ist von der vielgepriesenen Uhr, zeigt\nsie statt durch Worte durch ihren Gesichtsausdruck. Der l\u00e4sst die\nTristesse des Tages fast vergessen. Und noch ein interessanter\nAspekt: Dede fragt, was man sich wohl dabei gedacht habe, den Leuten\nin der DDR die Uhrzeit aus allen m\u00f6glichen Orten anzuzeigen, in die\nsie nie reisen konnten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vom\nAlexanderplatz machen wir einen Spaziergang durch den Nieselregen zum\nBerliner Dom. Auch der wird restauriert. Auch der hat eine Kuppel.\nAuf der anderen Seite die Spitze der Spreeinsel, der Museumsinsel.\nIch habe die Orientierung verloren. Dede sagt, wir st\u00fcnden am\nanderen Ende der Spreeinsel als gestern. Ganz stimmt das nicht, wir\nstehen am anderen Ufer. Von hier aus l\u00e4uft die Spreeinsel in einer\nRichtung spitz zu, das ist die Museumsinsel (die nur ein Teil der\nSpreeinsel ist), und an deren Ende stehen wir. In die andere Richtung\nzieht sich die Insel noch weit hin, bis zum M\u00e4rkischen Museum, also\nbis zu unserem Hotel. Das sehe ich aber erst sp\u00e4ter auf der Karte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem Weg zum Treffpunkt f\u00fcr die F\u00fchrung sto\u00dfen wir auf ein modernes\nDenkmal, aus Bronze vermutlich: Man sieht ein Pult, vor dem zwei\nSch\u00fcler stehen, auf dem Pult und drum herum \u00c4pfel, Tulpen, ein\nAdler, ein G\u00fcrteltier, ein mathematisches Messinstrument, eine\nB\u00fcste. Vor dem Denkmal eine Inschrift auf S\u00fctterlin, die Dede am\nEnde entziffern kann: <em>Lebe\nim Ganzen!<\/em>\nDas ist das Motto von dem Mann, einem Allroundk\u00fcnstler als\nWissenschaftler und Reformp\u00e4dagogen, dem das Denkmal gewidmet ist:\nDiesterweg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder N\u00e4he der Hackeschen H\u00f6fe ist der Treffpunkt f\u00fcr die F\u00fchrung\nmit dem Thema <em>Hinterh\u00f6fe<\/em>.\nDie ist vor allem eins: zu lang. Nach zweieinhalb Stunden sind wir\nm\u00fcde und nicht mehr aufnahmef\u00e4hig. Die F\u00fchrerin ist mir nicht\nsonderlich sympathisch, aber ich wei\u00df nicht warum. Ob es an ihrem\nschnoddrigen Ton liegt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbefinden uns in der \u201eSpandauer Vorstadt\u201c. Hat mit Spandau nichts\nzu tun. Die Bezeichnung r\u00fchrt da her, dass hier das Stadttor\nRichtung Spandau stand, und dieses Gebiet lag also \u201evor Spandau\u201c.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbefinden uns ganz in der N\u00e4he der Keimzelle Berlins, nahe der Spree.\nBerlin begann als Doppelstadt, C\u00f6lln auf der Spreeinsel, Berlin auf\nder rechten Spreeseite. C\u00f6lln wurde tats\u00e4chlich von Siedlern aus\nK\u00f6ln gegr\u00fcndet. 1307 kam es zur Vereinigung. Warum es urspr\u00fcnglich\neine Doppelstadt war und warum die vereinigte Stadt dann <em>Berlin<\/em>\nhie\u00df, wei\u00df auch die F\u00fchrerin nicht. Wenn es anders gekommen w\u00e4re,\nh\u00e4tten wir heute ein <em>K\u00f6ln\nam Rhein<\/em>\nals kleines Pendant zu <em>K\u00f6ln\nan der Spree<\/em>,\nso wie wir <em>Frankfurt\nan der Oder<\/em>\nals Pendant zu <em>Frankfurt\nam Main<\/em>\nhaben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGegend, in der wir uns befinden, war lange Zeit mehr oder weniger\nunbesiedelt. Da hatte man vielleicht einen Schrebergarten oder\nveranstaltete ein Gartenfest. Oder es was das Ziel eines\nSonntagsausflugs. Das \u00e4nderte sich erst mit dem Maschinenzeitalter.\nDa legten die gro\u00dfen Firmen, Siemens, Borsig, AEG hier ihre Fabriken\nund Arbeitersiedlungen an. In der Zeit der DDR war das Viertel eher\nvernachl\u00e4ssigt. Man interessierte sich eher f\u00fcr den Alexanderplatz\nund repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude. Genau das hat aber dazu gef\u00fchrt, dass\nhier vieles erhalten geblieben ist. Wie die F\u00fchrerin am Ende der\nF\u00fchrung einen St\u00e4dteplaner zitiert: \u201eArmut ist der beste\nKonservator.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen zuerst in einen Hinterhof, der eigentlich keiner ist,\njedenfalls nicht denen entspricht, die wir sp\u00e4ter sehen. Es ist eine\nschlauchartige Passage, schmal und lang. Es ist alles bunt und etwas\nschrill, mit Graffiti und F\u00e4hnchen und allerlei Zeugs, das in der\nGegend herumsteht. Alles sehr alternativ angehaucht. Das ist vom\nBaudezernat so gewollt. Die H\u00e4user hier sind nicht sonderlich\nwohlhabenden, unkonventionellen Familien \u00fcberlassen worden, die hier\nihre kleine eigene Welt haben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndiesem Hinterhof betrieb ein gewisser Otto Weidt eine\nB\u00fcrstenwerkstatt. Weidt besch\u00e4ftigte blinde und geh\u00f6rlose Juden.\nDie Werkstatt war in\nder Nazi-Zeit ein \u201esystemrelevanter\u201c Betrieb, und Weidt\nnutzte das aus, um seine Angestellten vor Verfolgung\nund dem Abtransport in die\nLager\nzu bewahren. Einige\nversteckte er, andere holte er mittels Bestechung aus einem\nSammellager zur\u00fcck. Eine\nArt Schindler im Kleinformat. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nH\u00f6fe, die mir danach sehen, angefangen mit den Hackeschen H\u00f6fen,\nsind nicht die typischen Berliner Hinterh\u00f6fe, die der dunklen, engen\nMietskasernen, sondern das genaue Gegenteil. Sie entsprangen der\nlebensreformatorischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, zu der\nauch Kneipen und FKK und M\u00fcsli geh\u00f6rten. FKK deshalb, weil man\ngewahr wurde, das es der Gesundheit f\u00f6rderlich ist, wenn man sich an\nder frischen Luft aufh\u00e4lt und sich die Sonne auf den Bauch scheinen\nl\u00e4sst. \n<\/p>\n\n\n\n<p>So sind die Hinterh\u00f6fe hier licht und weit und sch\u00f6n gestaltet, in einem Stil, der etwas an arabische Vorbilder und etwas an Jugendstil erinnert. Die einzelnen H\u00f6fe, insgesamt sechs oder sieben, sind irgendwie verschachtelt angelegt, und jeder diente einem anderen Zweck: Arbeiten, Wohnen, Freizeit usw. Die Gewerbe, die man hier ansiedelte, waren Gewerbe der gehobenen Art: Leder, Kaffee, Pelze, Bank.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Hof ist der Vorzeigehof, mit glasierten Fassaden, Die Wohnungen waren mit den Segnungen der modernen Zivilisation wie Kanalisation ausgestattet. Sie hatten Zentralheizung, Stuckdecken, Fl\u00fcgelt\u00fcren, Innentoiletten (im Treppenhaus) und elektrisches Licht. Die Gl\u00fchbirnen hatten keinen Lampenschirm. Sie waren Ausdruck des Fortschritts. Man wollte zeigen, was man hatte.  <\/p>\n\n\n\n<p>In\nder DDR wurden die H\u00f6fe weder saniert noch abgerissen. Nach der\nWiedervereinigung wurden sie saniert und an die urspr\u00fcnglichen\nBesitzer zur\u00fcckgegeben, allerdings mit vielen Auflagen. Die galten\naber nicht f\u00fcr das\nDachgeschoss. Da\nentstanden Luxuswohnungen.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen dann noch eine Reihe anderer H\u00f6fe, aber nicht nur die. Wir kommen auch zu einer Kirche, der Sophienkirche. Sie ist die einzige Berliner Kirche mit barockem Turm. Hier liegen Ranke und Zelter begraben, einer der wenigen, dem Goethe erlaubte, in seiner Gegenwart zu rauchen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sophienkirche war der Ort eines spektakul\u00e4ren Auftritts Martin Luther Kings. Der war von Brandt nach Berlin eingeladen worden. West-Berlin. Ost-Berlin war nicht vorgesehen. King war aber auch von dortigen Pfarrern eingeladen worden. Die amerikanischen Beh\u00f6rden hatten ihm aber den Pass abgenommen. Er ging trotzdem zum Check Point Charlie und versuchte sein Gl\u00fcck mit seiner American Express Card. Es funktionierte. Man kannte ihn nat\u00fcrlich und lie\u00df ihn durch. Er predigte dann in der Marienkirche im Rahmen eines Gottesdienstes, und da es da so voll war, wurde f\u00fcr den Abend ein weiterer Gottesdienst angesetzt, eben hier, in der Sophienkirche. Kings Botschaft vom gewaltlosen Widerstand war den DDR-Oberen nat\u00fcrlich ein Dorn im Auge. Und \u201eLet my people go!\u201c, das mit Inbrunst gesungen wurde, geh\u00f6rte vermutlich auch nicht zu ihren Lieblingsliedern.  <\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Passage, die zur Sophienkirche f\u00fchrt, stehen H\u00e4user mit L\u00f6chern\nin der Fassade. Nat\u00fcrlich wollen wir wissen, was das ist.\nEinschussl\u00f6cher? Ja, tats\u00e4chlich. Noch aus dem 2. Weltkrieg. Nicht,\ndass die hier wie verr\u00fcckt herumgeballert haben, sagt unsere\nF\u00fchrerin. Die L\u00f6cher wurden durch Granatsplitter und Querschl\u00e4ger\nverursacht. Klingt einleuchtend. Und erkl\u00e4rt im Nachhinein auch\n\u00e4hnliche Einschussl\u00f6cher, die ich in Sarajewo an H\u00e4userw\u00e4nden\ngesehen habe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen in das Viertel, das fr\u00fcher das Judenviertel gewesen ist.\nJedenfalls gibt es hier ein j\u00fcdisches Gymnasium, nach Mendelssohn\nbenannt und wohl auch von ihm gegr\u00fcndet. Es ist weiter in Betrieb.\nUnd muss bewacht werden.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder N\u00e4he ein Friedhof mit einem Mahnmal davor. Eine Gruppe von\nMenschen, jung und alt, die starr nach vorne blicken, mit\nausdruckslosen und gleichzeitig ausdrucksstarken Gesichtern.  Wenn\nich das richtig in Erinnerung habe, war dies ein j\u00fcdischer Friedhof.\nAber als nach der letzten Bombardierung Berlins Tausende von Toten\nhier auf den Stra\u00dfen lagen, wusste man sich nicht anders zu helfen,\nals die Toten, unter Missachtung der j\u00fcdischen Tradition, hier zu\nverscharren. Unter den Toten war auch ein Nazi-Offizier, einer, der\nam Abtransport der Juden beteiligt gewesen war. Es hatte sich\nvermutlich auch nicht ausmalen k\u00f6nnen, dass er eines Tages anonym\nmit Tausenden anderer auf einem j\u00fcdischen Friedhof begraben sein\nw\u00fcrde. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber\ndas <em>Missing\nHouse<\/em>.\nDie Benennung ist englisch, warum, ist unklar. Das <em>Missing<\/em>\n<em>House<\/em>\nist genau das, was der Name sagt, ein Haus, das fehlt. Es stand\nurspr\u00fcnglich da, wo jetzt eine Baul\u00fccke klafft, zwischen zwei\nH\u00e4usern, an die es angrenzte. Ein K\u00fcnstler, der auf diese Baul\u00fccke\nund ihre Geschichte aufmerksam wurde, brachte an der Breitseite eines\nder Nachbarh\u00e4user Tafeln mit den Namen der damals hier wohnhaften,\nim Krieg umgekommenen Menschen an, um sie dem Vergessen zu entrei\u00dfen.\nDie Namenstafeln sind auf der H\u00f6he der Etage angebracht, in der\ndiese Menschen urspr\u00fcnglich wohnten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde kommen wir noch zu der Neuen Synagoge in der Oranienburger\nStra\u00dfe. Deren gl\u00e4nzende Kuppel kennt man von Bildern. Die Neue\nSynagoge stammt aus dem 19. Jahrhundert, der Stil ist\norientalisierend und muss in dem preu\u00dfischen Berlin fremd gewirkt\nhaben. Die Beschreibung des Innenraums erinnert mich an die Synagoge\nvon Budapest. Da kommt man sich wie in einer christlichen Kirche vor.\nDie\nSynagoge war Symbol des fortschrittlichen, assimilierten Judentums,\nmit Chormusik und deutschen Texten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSynagoge wurde durch die Bomben der Alliierten zerst\u00f6rt, nicht von\nden Nazis. Sie\nstand unter Denkmalschutz! Oder hatten die Nazis, wie die F\u00fchrerin\nes\nausdr\u00fcckt, einfach \u201ewas\nanderes\u201c zu tun? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder aufgebaut nach dem Krieg wurde nur die Eingangshalle, nicht der eigentliche Raum, der abseits der Stra\u00dfenfront, in dem hinteren Teil des Grundst\u00fccks, lag. Dieser Raum wurde brach liegengelassen nach dem Krieg. Kurioserweise war die Eingangshalle, also das, was man jetzt sieht, gar nicht vorgesehen. Wegen der Grundst\u00fccks sollte die Synagoge ein St\u00fcck einger\u00fcckt sein, nicht mit der Stra\u00dfenfron abschie\u00dfen. Das wollten aber die Juden nicht, und nur deshalb entstand die Eingangshalle.     <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nF\u00fchrung nimmt kein Ende, wohl aber meine Konzentrationsf\u00e4higkeit.\nUmgekehrt dazu nehmen die R\u00fcckenschmerzen zu und ich bin nicht\nungl\u00fccklich, als Schluss ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder F\u00fchrung gehen wieder dahin, wo wir gerade hergekommen sind,\nzur\u00fcck zu einem Caf\u00e9, das Dede unterwegs geortet hat, gleich neben\ndem <em>Missing\nHouse.<\/em>\nEs lohnt sich. Das Caf\u00e9 ist gem\u00fctlich, die Bedienung freundlich,\nund es gibt guten Kuchen: Streuselkuchen und \u2013\nKindheitserinnerungen \u2013 Kalten Hund.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Danach\ngeht es noch mal zum Alexanderplatz und von dort zur Marienkirche,\neinem der wenigen Orte, die ich noch von meiner fr\u00fcheren Reise\nkenne. Aber das eigentliche Highlight der Marienkirche, und das\neinzige, woran ich mich erinnere, ist nicht zu sehen: der Totentanz.\nAuch hier wird renoviert. Der Totentanz ist ein mittelalterliches\nFresko, auf dem der Sensenmann die Vornehmen dieser Welt zum\nTotentanz bittet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche stammt aus der Zeit vor der Reformation und ist so\nvollgestopft mit Ausstattungsst\u00fccken, dass wir fragen m\u00fcssen, ob es\nsich tats\u00e4chlich um eine protestantische Kirche handelt. Tut es. Man\nh\u00e4tte auch drauf kommen k\u00f6nnen, wenn man sich das Denkmal auf dem\nKirchplatz vorher angesehen h\u00e4tte: Luther. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nhier fahren wir zum Gendarmenmarkt. Dort, im Franz\u00f6sischen Dom, soll\nsich eine Weinstube befinden. Aber ach, der Franz\u00f6sische Dom wird\nauch restauriert. Eine Baustelle mehr. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nFranz\u00f6sische Dom ist nicht nur kein Dom im Sinne von Kathedrale, er\nist \u00fcberhaupt keine Kirche. Er wurde nur als Pendant zum Deutschen\nDom am anderen Ende des Platzes gebaut. Fast deckungsgleich. Die\nBezeichnung <em>Dom<\/em>\nist dem Franz\u00f6sischen zu verdanken, wo <em>dome<\/em>\n\u201aKuppel\u2018 bedeutet. Der franz\u00f6sische Dom wurde f\u00fcr die\nHugenotten gebaut, die Friedrich der Gro\u00dfe nach Berlin gebracht\nhatte.  Wenn man genau hinsieht, erkennt man doch einen Unterschied\nzwischen dem Deutschem Dom und dem Franz\u00f6sischen Dom: Die n\u00f6rdliche\nVerl\u00e4ngerung des Deutschen Doms hat eine flache Kuppel, die des\nFranz\u00f6sischen Doms ein Satteldach, mit Dachziegeln. Und unter diesem\nAnbau befindet sich dann doch eine Kirche, eine f\u00fcr die reformierte\nfranz\u00f6sische Gemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Um\neinen Raumeindruck zu bekommen, gehen wir in den Deutschen Dom. Aber\ndort ist eine Ausstellung zur deutschen parlamentarischen Geschichte\nuntergebracht, und zwar so, dass alles mit modernen G\u00e4ngen und\nW\u00e4nden zugestellt ist. Man k\u00f6nnte in jedem beliebigen modernen\nGeb\u00e4ude sein, von der Architektur des Doms ist innen nichts zu\nsehen. Man kann auch von den oberen Etagen nicht in den Innenraum\nhinuntersehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nerste Geb\u00e4ude, das wir sahen, als wir auf den Gendarmenmarkt zu\nkamen, war keiner der beiden Dome, sondern das Geb\u00e4ude an der\nL\u00e4ngsseite des Platzes, gr\u00f6\u00dfer und monumentaler als die beiden\nDome. Das ist das Konzerthaus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vom\nGendarmenmarkt gehen wir in die J\u00e4gerstra\u00dfe, gleich hier am\nGendarmenmarkt beginnend. Dort befindet sich die Mendelssohn-Remise,\ndie Keimzelle der Mendelssohns in Berlin. Remise deshalb, weil das\nurspr\u00fcngliche Bankgeb\u00e4ude, das sich hier befand, bald zu klein und\ndurch ein anderes Geb\u00e4ude hier in der N\u00e4he ersetzt wurde. Die\nurspr\u00fcngliche Bank wurde dann zur Remise f\u00fcr Pferdekutschen. Davon\nerahnt man aber heute nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\ngibt es eine Ausstellung mit Dokumenten, B\u00fcsten, Pokalen und\npers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden der Mendelssohns, darunter ein\nevangelisches Liederbuch. Sind die Mendelssohns am Ende zum\nChristentum konvertiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nden Dokumenten befindet sich eine Notiz, ein kurzer Brief, von\nAlexander von Humboldt, an einer der Mendelssohn-Frauen gerichtet Er\nhat eine unglaublich schlechte Handschrift, krickelig, krakelig, mit\nkleinen Buchstaben, in schr\u00e4gen Linien verlaufend. Ob das jemand\nlesen konnte? Humboldt soll im Laufe seines Lebens 50.000 Briefe\ngeschrieben haben. Kurze Notizen dieser Art geh\u00f6ren vermutlich dazu.\nIn einer der Schautafeln der Ausstellung erfahre ich, dass Humboldt\nin einem Haus ganz hier in der N\u00e4he, in der J\u00e4gerstra\u00dfe, geboren\nwurde. Nicht auf Schloss Tegel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Geldgesch\u00e4fte\nund Kultur. Die Mendelssohns wussten beides perfekt miteinander zu\nverbinden. Sie betrieben einen der fortschrittlichen Salons des\nBerlins des 19. Jahrhunderts. Gesch\u00e4ftlich profitierten sie von\nihrer Opposition gegen Napoleon, die ihnen erst Arrest eingebracht\nhatte. Nach der Niederlage Napoleons hatten sie durch ihren\nWiderstand Kredit bei den Preu\u00dfen. Sie wurden an der Abwicklung der\nfranz\u00f6sischen Kriegsentsch\u00e4digungen beteiligt und stiegen dann gro\u00df\nins Gesch\u00e4ft ein, durch Beteiligungen an Firmen aus dem Bereich der\nEisenbahn, der Versicherungen und der Aktienbanken. Dann folgte die\nAusdehnung nach Russland. Dann kam der Handel mit Luxuswaren und\nKunst- und Bildungsg\u00fctern dazu. Die Salons waren ein perfekter\nUmschlagplatz f\u00fcr diese Gesch\u00e4fte. Das nennt man Gesch\u00e4ftssinn. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nschweren Beinen geht es dann zum Hotel zur\u00fcck. Am Abend Pizza und\nPasta im<em>Verona<\/em>\nauf der anderen Seite des Spree-Kanals. Serviert von einer Kellnerin\naus Nepal. Die Pasta ist erstklassig, die beste, die ich seit langem\ngegessen habe.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>26.\nSeptember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nscheu\u00dflichen Wetter steht heute eine F\u00fchrung mit dem Thema <em>Berliner\nMauer <\/em>an,.\nDie startet am Nordbahnhof. Au\u00dfer uns nimmt nur ein Ehepaar aus der\nDDR teil, aus dem Fernen Osten. Der F\u00fchrer ist auch Ostdeutscher,\nBerliner.  Er verwechselt gerne Akkusativ und Dativ und sagt \u201ees\nst\u00f6\u00dfte auf Widerstand\u201c und \u201eer treibte im Wasser\u201c. Ist das\nDialekt?<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum\naus dem Bahnhof heraus \u00fcberschreiten wir, ohne es zu merken, die\nehemalige Grenze, im Boden durch einen Streifen markiert. Sind wir\njetzt von Ost nach West oder von West nach Ost gegangen? Man kann es\nnur erahnen, von der Grenze ist wenig \u00fcbrig geblieben. Was jetzt\nnoch steht, ist wieder aufgebaut, nichts ist an Ort und Stelle\nerhalten, auch die 200 Meter Mauer nicht, die man heute wieder sieht.\nUnd die steht \u201efalsch\u201c herum, mit der nackten, unbeschrifteten\nSeite nach Westen und der Seite mit den Graffiti nach Osten. Links\nund rechts davon ist der Verlauf der Mauer durch Eisenstangen\nmarkiert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nF\u00fchrer tut sich schwer, eine Frage Dedes zu verstehen, auf die ich\nauch gerne die Antwort w\u00fcsste. Was ist eigentlich mit der Mauer um\nBerlin herum? Wenn man an die Mauer denkt, meint man immer die Mauer\nmitten durch Berlin. Die Antwort f\u00e4llt vage aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\neiner Stelle steht ein Wachturm. Auch der hat schon eine Reise hinter\nsich. Irgendein Flugplatzbetreiber hatte ihn sich unter den Nagel\ngerissen, wusste dann aber nichts damit anzufangen und stellte in bei\nEbay zum Kauf ins Netz. Die Denkmalbeh\u00f6rde erwarb ihn f\u00fcr 3.000 DM.\nHeute ist er das Vielfache wert. Besteigen kann man ihn nicht, eine\ndurch Corona bedingte Einschr\u00e4nkung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nBoden markiert sind die verschiedenen Teile des Schutzwalls. Es gab\neine hintere und eine vordere Mauer, jeweils drei Meter hoch, durch\neinen breiten Streifen getrennt. Auch wenn man die zweite Mauer\n\u00fcberwunden hatte, war man noch nicht im Westen. Es fehlten noch ein\npaar Meter. Auch hier konnte man noch abgefangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen\nden Mauern gab es einen Stacheldrahtzaun, der zwar nicht elektrisch\nwar, der aber Bewegungen meldete. Und es gab einen geharkten\nSandstreifen, auf dem man Fu\u00dfabdr\u00fccke sehen konnte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Einen\nSchie\u00dfbefehl gab es, aber in der DDR wussten die meisten nichts\ndavon. Auch der genaue Aufbau der Mauer war nicht bekannt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSpree geh\u00f6rte komplett zum Gebiet der DDR. Erst am anderen Ufer war\nman gerettet. Zu den Todesopfern &#8211; insgesamt vermutlich um die 150,\nhier in einer Mauer alle, soweit bekannt, mit Bild und Namen verewigt\n&#8211; geh\u00f6rte auch ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind aus dem Westen, dessen Ball\nin die Spree gefallen war. Wie Kinder das so machen, sprang er dem\nBall hinterher. Und starb, weil keiner den Mut hatte, ihn zu retten.\nEin anderes prominentes Opfer war ein angeschossener junger Mann, der\nauf dem Grenzstreifen verblutete. Als von der DDR Hilfe kam, war es\nzu sp\u00e4t. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nWilly Brandt wurde sp\u00e4ter eine L\u00f6sung f\u00fcr solche F\u00e4lle\nausgehandelt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nunbekannt war mir die Vers\u00f6hnungskirche und ihr Schicksal. Sie\nbefand sich im Grenzstreifen, im Osten, wurde aber meist von\nGl\u00e4ubigen aus dem Westen besucht. Der Pfarrer war aus dem Osten. Das\nging lange gut, sogar nach dem Mauerbau noch. Dann aber wurde der\nZugang vom Westen von DDR versperrt. Die Kirche konnte nur noch von\nB\u00fcrgern aus der DDR besucht werden. Und nur noch f\u00fcr eine begrenzte\nZeit. Danach wurde sie von den Grenzposten der DDR als Sp\u00e4hturm\nbenutzt. Bis 1985. Dann wurde die Kirche gesprengt. An der Stelle, wo\nsie stand, steht heute eine moderne Kapelle, die Vers\u00f6hnungskapelle.\nDie Geschichte der Sprengung erinnert mich an eine Nachricht aus\nKindheitstagen, die irgendwie im Ged\u00e4chtnis geblieben ist. Da lie\u00df\nUlbricht eine Kirche sprengen, eine mittelalterliche Kirche. Das war\naber nicht in Berlin, sondern in Leipzig. Es war die Paulinerkirche. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nerste Passagierscheinabkommen gab es schon 1963, und da gingen\nzwischen Weihnachten und Neujahr 700.000 Menschen \u00fcber die Grenze!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen zur Bernauer Stra\u00dfe. Die ber\u00fchmten H\u00e4user von damals stehen\nnicht mehr, die, die mit der Vorderfront im Westen und der\nHinterfront im Osten standen. Sie wurden schon zu Zeiten der DDR\nabgetragen. Aber die Bilder hat man noch im Kopf, von den Bewohnern,\ndie evakuiert werden sollten und von den Fenstern, die zugemauert\nwurden. Dabei kam es zu dramatischen Fluchtversuchen- Eine Frau\nsprang aus dem dritten Stock auf die Stra\u00dfe und wurde dabei so stark\nverletzt, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nweiter ist an einer Hausfassade gro\u00dfformatig das ber\u00fchmte Photo des\nFluchtversuchs von Schumann, dem Grenzsoldaten, angebracht.  Wie er\nden Stacheldraht \u00fcberspringt und sein Maschinengew\u00e4hr wegwirft. Das\nPhoto geh\u00f6rt heute zum UNESCO-Welterbe. Es ist gegen jede\nWahrscheinlichkeit entstanden. Der Photograph musste zur richtigen\nZeit am richtigen Ort sein, erahnen, dass sich was tun w\u00fcrde, die\nKamera bereithalten und genau im richtigen Moment auf den Ausl\u00f6ser\ndr\u00fccken. Er hatte Schumann beobachtet, bemerkt, dass der nerv\u00f6s\nwar, und er sp\u00fcrte, dass etwas in der Luft lag. F\u00fcr Schumann nahm\ndie Flucht kein gutes Ende. Er nahm sich das Leben. Der goldene\nWesten erwies sich nicht als das erhoffte Paradies.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nganz in der N\u00e4he ist an einer Stelle im Boden <em>Tunnel\n57<\/em>\nmarkiert. Die Zahl bezeichnet die Zahl der Fl\u00fcchtlinge, die durch\ndiesen Tunnel in den Westen gelangten. Es war eine von <em>Spiegel<\/em>\nund anderen westlichen Institutionen finanzierte Aktion von drei\nStudenten, die sich mit blo\u00dfen H\u00e4nden durch die Erde gruben, jeden\nTag einen Meter weiter. Solche Tunnelaktionen gab es \u00f6fter, aber\ndiese war wohl die erfolgreichste. Wir fragen uns, ob wohl alle\nTunnel von West nach Ost gegraben wurden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nF\u00fchrer erz\u00e4hlt noch von anderen spektakul\u00e4ren Fluchtaktionen und\nauch von \u201eR\u00fcckholaktionen\u201c der Stasi, die den Gefl\u00fcchteten im\nWeste auflauerte und sie in die DDR zur\u00fcckbrachte. Am Ende erz\u00e4hlt\ner von Schabowskis verungl\u00fccktem Auftritt in der Pressekonferenz. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nRegen ist inzwischen immer heftiger geworden, und wir suchen uns ein\nCaf\u00e9 zum Aufw\u00e4rmen. Auf einer breiten Stra\u00dfe gibt es reichlich\nGastronomie, alles etwas alternativ angehaucht. Die H\u00e4user hier sind\nsehr sch\u00f6n restauriert, die alte Bausubstanz ist erhalten Es sind\nhohe H\u00e4user mit sch\u00f6nen Fassaden, jedes anders als das andere und\ntrotzdem zueinander passend. Wo sind wir hier? Die Kellnerin in dem\nCaf\u00e9 ist \u00fcber unsere Frage \u00fcberrascht: Prenzlauer Berg! Das soll\nder Prenzlauer Berg sein? Nicht zu glauben! \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsind so durchn\u00e4sst, dass wir erst mal ins Hotel zur\u00fcckfahren und\ndann beschlie\u00dfen, ins M\u00e4rkische Museum zu gehen. Aber wir sind\nnicht die einzigen, die auf diese Idee gekommen sind. Eine lange\nSchlange vor dem Eingang, trotz der K\u00e4lte, und der T\u00fcrsteher\nerkl\u00e4rt, wie lange man noch vor dem Museum und wie lange man dann\nnoch innerhalb des Museums warten muss, um in die einzelnen S\u00e4le zu\ngelangen. Wir streichen die Segel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAbend gibt es indisches Essen im <em>Shezan<\/em>,\ndarunter <em>Dhal<\/em>,\neine rote Linsensuppe, die Dede aus Sri Lanka kennt. Bei der\nR\u00fcckschau auf die F\u00fchrung von heute erfahre ich, was es mit den\nDDR-Sperrkonten auf sich hatte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>27.\nSeptember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Dank\nDedes Beharrlichkeit gibt es heute doch noch die erst geplante und\ndann abgesagte F\u00fchrung auf  dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof. Mr.\nSmith, der F\u00fchrer, war einfach angetan von ihrem Interesse. Und\n\u00fcberrascht. Was uns denn an dem Friedhof so interessieren w\u00fcrde?\nAls wir dar\u00fcber sprechen, erinnere ich mich an den <em>Cemit\u00e9rio\ndos Prazeres<\/em>\nin Lissabon, an den Friedhof von Bogot\u00e1, an den <em>Highgate\nCemetery<\/em>\nin London,\nan den (nur aus der Ferne gesehenen) Friedhof von Sarajewo, an den\nJ\u00fcdischen Friedhof in Prag und an unsere gemeinsame Besichtigung des\nalten j\u00fcdischen Friedhofs in Trier, wo die Vorfahren von Marx\nbegraben liegen. Lauter Sehensw\u00fcrdigkeiten. Und ich erinnere mich\ndaran, dass ich immer wieder nach dem <em>P\u00e8re<\/em>\n<em>Lachaise<\/em>\ngefragt werde. Den kenne ich nicht. Und den Melaten-Friedhof in K\u00f6ln\nauch nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem Weg zum Friedhof machen wir Halt am Bahnhof Friedrichstra\u00dfe, am\n\u201eTr\u00e4nenpalast\u201c, dort, wo man sich, wenn ich das richtig\nverstehe, fr\u00fcher von G\u00e4sten aus dem Westen verabschiedet hat. \u00dcber\ndem Eingang erscheint das Wort <em>Ausreise,\n<\/em>daneben\ndie russische und die franz\u00f6sische Entsprechung. War das die Grenze\nzwischen dem franz\u00f6sischen und dem russischen Sektor? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem gegen\u00fcberliegenden Ufer befindet sich das Berliner Ensemble.\n\u00dcber dem Haus dreht sich, weit sichtbar, von einem Ring umgeben, der\nbekannte Schriftzug\ndes Theaters. In der N\u00e4he befindet sich der <em>Schiffbauer\nDamm<\/em>.\nDer hat dem Theater seinen urspr\u00fcnglichen Namen gegeben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Gesch\u00e4ft an der Ecke ist das Schaufenster mit alten\nN\u00e4hmaschinen dekoriert, alle schwarz, in verschiedenen Stapeln\nentlang des gro\u00dfen Schaufensters. Alle m\u00f6glichen Marken sind\nvertreten: <em>Singer<\/em>,\n<em>Pfaff<\/em>,\n<em>Bernina<\/em>,\naber auch <em>Siemens<\/em>\nund <em>AEG<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir zum Friedrichstadtpalais, einem Geb\u00e4ude mit interessanter\nFassade: lange, schmale Fenster und Zierelemente aus Eisen. Das\nPalais war in der DDR der Sitz eines Variet\u00e9-Theaters. Wir sind uns\nnicht einig, aus welcher Zeit es stammt: Dede findet, das sei\ntypische DDR-Architektur, ich finde, es sieht \u00e4lter aus, eher nach\nJahrhundertanfang. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zum Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof. Mr. Smith, unser F\u00fchrer,\nist ein Mann, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Und er l\u00e4sst\nuns w\u00e4hrend der F\u00fchrung ungefragt an seinen Werten und\nEinstellungen teilnehmen. Er polemisiert gegen alles, was ihm nicht\nin den Kram passt: den Berliner Senat, die heutige Jugend, Bertolt\nBrecht und Keramik-Inlays. So geht es kulturkritisch weiter, von\nflottem Urteil zu witzigem Vorurteil. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\nKonzeption des Friedhofs und dessen Geschichte sagt er wenig, hat\naber viel zu den einzelnen Gr\u00e4bern zu sagen, vor allem zu denen, die\nhier begraben sind. Der Friedhof ist eher klein, und man ist\nerstaunt, wer hier alles begraben liegt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nerstes sehen wir das Grab von Litfa\u00df. Der war Berliner. Auf dem\nschwarzen Grabstein erscheint nur der Nachname, in S\u00fctterlin. Das\ngesamte Grab ist bedeckt mit einer Platte, die wie Beton aussieht,\nohne Blumen, ohne Inschrift, ohne Lichter oder andere Dekoration. Es\nist aber kein Beton, sondern Marmor!<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber\nBrecht und Helene Weigel. Auf deren Grabsteinen nur die Namen. Das\nGrab ist langgezogen. Brecht liegt in einem Zinnsarg. Die\nVorstellung, von W\u00fcrmern gefressen zu werden, sagte ihm nicht zu. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder N\u00e4he das Grabmal von Heinrich Mann. Der war zuerst in den USA\nbegraben und wurde erst sp\u00e4ter hierher \u00fcberf\u00fchrt. Der Leichenzug\nwurde mit milit\u00e4rischen Ehren eskortiert. Was dem gro\u00dfen\nAntimilitaristen wohl kaum gefallen h\u00e4tte. Nelly ist hier nur mit\neinem Namensschild vertreten. Sie ist in den USA begraben, wo sie\nSelbstmord beging. Sie konnte den Druck der Manns und deren\ngro\u00dfb\u00fcrgerliche Welt und deren Getratsche und Nasenr\u00fcmpfen nicht\nertragen und fl\u00fcchtete sich in den Alkohol. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben\ndas Grabmal Hufelands. Der kam auf Empfehlung von Goethe von Weimar\nnach Berlin, an die Charit\u00e9. Er k\u00fcmmerte sich sofort um Arme und\nKinder und gr\u00fcndete ein Armenhospital. Sp\u00e4ter trat Hanemann als\nsein Gegenspieler auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder N\u00e4he das Grab von Anna Seghers.  Sie hie\u00df weder Anna noch\nSeghers, sondern NettyRadv\u00e1nyi\n(nach ihrer Verheiratung). Sie hatte eine wissenschaftliche Arbeit\n\u00fcber Malerei geschrieben und war dabei auf einen holl\u00e4ndischen\nMaler namens Seghers getroffen. Unserem F\u00fchrer zufolge beschleunigte\nihr <em>Siebtes\nKreuz<\/em>\nden Eintritt der USA in den Krieg. Das halte ich f\u00fcr bl\u00fchenden\nUnsinn. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\ndem Grabstein von Christa Wolf steht ein Gef\u00e4\u00df mit Stiften, vor dem\nvon Wolfgang Herrndorf ein Exemplar von <em>Tschick<\/em>\nund vor dem von Heiner M\u00fcller, f\u00fcr den Leben nur \u201eRauchen, Saufen\nund Sterben\u201c bedeutete, ein Aschenbecher. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nsehen wir die Grabm\u00e4ler von G\u00fcnter Gaus, von Egon Bahr und von\nJohannes Rau. Den scheint Berlin am Ende doch noch in seinen Bann\nbekommen zu haben. Ich h\u00e4tte vermutet, er w\u00e4re in seiner Heimat\nbegraben.  Vor dem Grabstein die Porzellanfigur eines Hundes, eine\nAnspielung auf eine Bemerkung Raus am Ende eines Interviews, als dem\nJournalisten keine Frage mehr einfiel und er nach dem Hund fragte,\nder w\u00e4hrend des Interviews zu Raus F\u00fc\u00dfen lag. Rau sagte: \u201eAls\nHund taucht er nichts, aber als Mensch ist er unersetzlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz\nTeufels Urne wurde gleich am Tag nach der Beisetzung geraubt und von\neinigen Kombattanten neben das Grab von Rudi Dutschke gebracht. Die\nUrne kehrte aber dann doch wieder an ihren Platz zur\u00fcck. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Borsigs\nBeerdigung war die gr\u00f6\u00dfte, die der Friedhof je erlebt hat. Er hatte\ndie Arbeitszeit seiner Arbeiter reduziert, eine Sterbekasse und\nBadeh\u00e4user gegr\u00fcndet und die Siedlung <em>Borsigwalde<\/em>,\neine Arbeitersiedlung ohne Hinterh\u00e4user und Seitenfl\u00fcgel, daf\u00fcr\nmit G\u00e4rten und kleinst\u00e4dtisch wirkender Architektur.<\/p>\n\n\n\n<p>Fichte\nund Hegel liegen gleich nebeneinander (\u201eBei Fichte und bei Hegel \/\nDa streiche ich die Segel\u201c). Der F\u00fchrer spricht im Zusammenhang\nmit ihnen von Typhus und Cholera, und das ist ganz w\u00f6rtlich gemeint.\nDas waren die Todesursachen der beiden. Hegel bewunderte als junger\nMann Fichte sehr, und als Fichte hier begraben wurde, w\u00fcnschte er\nsich, eines Tages neben ihm begraben zu werden. Den Wunsch erf\u00fcllt\nman ihm dann. Fichte wurde schon als junger Mann Dekan der\nHumboldt-Universit\u00e4t (die damals vermutlich noch nicht so hie\u00df),\naber es gab nur \u00c4rger. Er konnte mit Menschen einfach nicht umgehen\nund verursachte \u00fcberall Zerw\u00fcrfnisse und Spaltungen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nGrabmonument, das von S\u00fcler, dem Architekten, auf den wir hier in\nBerlin mehrmals sto\u00dfen,  hat ein unpassend modern erscheinendes\nAussehen, aus Beton und Stahl, aber das hat seinen Grund: Das\nurspr\u00fcngliche Monument wurde zerst\u00f6rt und durch dieses ersetzt,\nentworfen von Studenten der Technischen Universit\u00e4t. Sie erwiesen\nihm damit ihre Reverenz als Pionier des Einsatzes von Stahl in\nMonumenten. Auch Schinkel liegt hier auf dem Friedhof begraben. Das\nMonument tr\u00e4gt nur seinen Nachnamen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\nlese ich, dass auch Lothar Bisky hier begraben liegt, der Vater des\nAutors meiner Geschichte von Berlin, aber dessen Grab sehen wir\nnicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nauff\u00e4lligste Monument mit sch\u00f6ner Dekoration und verkachelten\nS\u00e4ulen ist einem Fabrikanten gewidmet, der Kacheln produzierte,\nFriedrich Hoffmann. Das Monument sieht fast fr\u00f6hlich aus, und das,\nobwohl er, wie das Grabmal ausweist, einen ungew\u00f6hnlichen\nSchicksalsschlag hinnehmen musste: Er verlor 1855, innerhalb weniger\nWochen, vier seiner Kinder an Scharlach. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl\nEisler als auch Becher, der Komponist und der Texter der\nNationalhymne der DDR, liegen hier begraben. Die Nationalhymne der\nDDR wurde nach 1972 ohne Text gesungen. Den Parteioberen gefielt eine\nTextzeile nicht: \u201eDeutschland einig Vaterland!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nGrab eines gewissen Besson, ein sch\u00f6n gestaltetes Grab, ist leer.\nSeine Asche hat man in der Schweiz verstreut. Er ist Mitglied einer\nPatchworkfamilie, zu der auch Katharina Talbach geh\u00f6rt, eine\nSchauspielerin aus der DDR, die Dede kennt. Ihr Ehemann wurde, wenn\nich das richtig verstehe als junger Mann von seinem eigenen Vater an\ndie Stasi verraten. Der gab die Briefe seines Sohnes aus dem\nMilit\u00e4rlager an die Stasi weiter. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei\n Nebenfrauen Brechts, Ruth Berlau und Elisabeth Hauptmann, die sich\nauf den Tod (!) nicht ausstehen konnten, liegen hier direkt einander\ngegen\u00fcber begraben, in einiger Entfernung von Brecht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nRande des Friedhofs ein Grab ohne Leiche. In der Nazi-Zeit wurden in\nder nahegelegenen Charit\u00e9 Experimente an Frauen vorgenommen.\nExperimente, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Wenn ich es\nrichtig verstehe, ging es darum, wie sich Situationen besonderer\nseelischer Zust\u00e4nde, Belastungen durch Angst, Streit, Zorn auf die\nweiblichen Geschlechtsorgane auswirken. Dazu wurde Gewebe entnommen.\nDiese Gewebeproben von Hunderten von Frauen wurden \u00fcber Jahrzehnte\nkonserviert und schlie\u00dflich vor ein paar Jahren hier in diesem Grab\nbeigesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder F\u00fchrung gibt es erst mal eine Kaffeepause. Daf\u00fcr brauchen wir\nnoch nicht einmal den Friedhof zu verlassen. Dort gibt es ein\ngem\u00fctliches Caf\u00e9. Und das hat gerade aufgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nf\u00fcr die n\u00e4chste Besichtigung brauchen wir nur ein paar Meter\nweiter: Das Brecht-Haus ist gleich nebenan. Es war die letzte\nWohnst\u00e4tte Brechts in Berlin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndem Eingangsraum h\u00e4ngt ein Gedicht von Brecht an der Wand,\n\u201eKinderhymne\u201c, maschinengeschrieben, mit handschriftlichen\nVerbesserungen in Rot, leider unleserlich. Es ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr\nVaterlandsliebe im besseren Sinne. Die letzte Strophe lautet: \u201eUnd\nwenn wir dies land verbessern \/ Lieben und beschirmen wirs \/ Und das\nliebste mags uns scheinen \/ So wie andern V\u00f6lkern ihrs\u201c.  Die\nKlein- und Gro\u00dfschreibung scheint unergr\u00fcndlichen Gesetzen zu\nfolgen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nenergiegeladene Frau, die eine halbe Stunde ohne Unterbrechung und\nvoller Euphorie \u00fcber Brecht und Helene Weigel spricht, f\u00fchrt uns\ndurch das Haus. Sie spricht mit einer Affengeschwindigkeit und ohne\nein einziges Mal zu stocken. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Alles\nist so erhalten geblieben wie bei Brechts Tod. Darauf legte Helene\nWeigel wert. Sogar ihre, am Bettpfosten h\u00e4ngende Handtasche und die\nAusgabe der <em>New\nYork Harold Tribune<\/em>\nauf Brechts Nachttisch sind original. Nur dass Helene Weigel\n\u201eumgezogen\u201c ist, in den (sp\u00e4ter entstandenen) Wintergarten. Sie\nwohnte eigentlich oben, dort, wo jetzt das Archiv ist. Helene Weigel\n\u00fcberlebte Brecht um 15 Jahre und sorgte f\u00fcr den Nachlass,\nunerm\u00fcdlich, ohne die Konfrontation mit den Beh\u00f6rden zu scheuen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nkamen sie in dieses Haus? Brecht hatte mehrmals bei den Proben einen\ncholerischen Anfall bekommen, hatte sie mit unfl\u00e4tigen Worten\ntraktiert, hatte sie als schlechte Schauspielerin verunglimpft. Sie\nlie\u00df sich das nicht gefallen, zog aus, wollte sich scheiden lassen.\nBrecht ging in die Knie, entschuldigte sich und zog ihr hinterher,\nhier in dieses Haus, Man einigte sich auf strenge Trennung: Brecht\nwohnte in der Mitte, Helene Weigel oben, in getrennten Wohnungen. Nur\nunten hatte man gemeinsame R\u00e4ume. Es funktionierte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nF\u00fchrerin warnt davor, Brecht wegen seines Umgangs mit den Frauen zu\nsehr zu verdammen oder die Frauen zu sehr zu bemitleiden. Alle\nwussten, worauf sie sich einlie\u00dfen. Auch Helene Weigel war noch\nliiert, als sie sich mit Brecht einlie\u00df, der damals selbst noch\nverheiratet war. Auch die anderen Frauen waren keine Unschuldsengel.\nUnd bei allen ging es letztlich um die Arbeit. Um das Theater. Dem\nwurde alles untergeordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsehen Brechts Etage, drei Zimmer, zwei gro\u00dfe und ein kleines, das\nwar das Schlafzimmer. Hier starb Brecht, nur wenige Jahre nach seiner\nR\u00fcckkehr aus Amerika. Als Todesursache wird normalerweise\nHerzinfarkt genannt. Die F\u00fchrerin sagt, das stimme vermutlich nicht,\naber es war auf jeden Fall ein Problem mit dem Herzen. Brecht war\nmehrere Wochen station\u00e4r in der Charit\u00e9 behandelt worden. Man\nvermutet, dass der Tod h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, wenn das\nPenicillin nicht so schnell absetzt worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nden beiden anderen R\u00e4umen Brechts B\u00fccher und pers\u00f6nliche Objekte.\nAn der Wand ein Bild von Konfuzius, daneben mittelalterliche\nHeiligenstatuen, Maria und Johannes, und Photographien von Lenin und\nMarx. Brecht war, wie die F\u00fchrerin betont, zu allen Seiten offen. Er\nhatte keine ideologischen Scheuklappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\neine Rolle mit chinesischen Schriftzeichen h\u00e4ngt an der Wand. Konnte\nBrecht etwa Chinesisch? Nein, aber er w\u00e4re gerne nach China\ngegangen. Er konnte aber sehr gut Latein und las die lateinischen\nKlassiker im Original. Franz\u00f6sisch konnte er kaum, obwohl er auch\nfranz\u00f6sische B\u00fccher hatte. Englisch konnte er wohl richtig gut,\nauch wenn es mit der Aussprache haperte. Und er sehr langsam sprach.\nAber wie er sich in Amerika vor dem Untersuchungsausschuss aus der\nAff\u00e4re zog, das muss man in einer fremden Sprache erst mal schaffen.\nAusgewiesen wurde er trotzdem. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei\nder Schreibmaschinen, die Brecht benutzte, sind erhalten. Sie stehen\nauf zwei Tischen. Beide waren gleichzeitig im Einsatz, f\u00fcr\nunterschiedliche Projekte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndem gro\u00dfen Raum steht eine ganze Reihe von Tischen, alle\nunterschiedlich. Und es gibt ein Schreibpult. Auch hier gilt:\nverschiedene Tische f\u00fcr verschiedene Projekte. Das leuchtet mir ein,\nw\u00fcrde mir auch gefallen. Brecht nutzte den gro\u00dfen Raum auch, um\nbeim Dichten auf und ab zu gehen. \u00c4hnlich wie Schiller. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Was\nsind denn diese gro\u00dfen Zinnschalen auf den Tischen? Obstteller? Ja,\ndenkste! Aschenbecher! Es wurde gequalmt, was das Zeug hielt. Brecht\nwar Fr\u00fchaufsteher, und gleich nach dem ersten Tee vor sieben Uhr am\nMorgen kam die erste Zigarre an die Reihe. Helene Weigel war\nKettenraucherin. Sie starb an Lungenkrebs. Auch in der Mail\u00e4nder\nSkala rauchte sie. Als sie fragte, ob sie rauchen d\u00fcrfe, wagte\nniemand, ihr zu sagen, dass Rauchen verboten war. Sie war eine\nWeltber\u00fchmtheit. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere\nF\u00fchrerin betont, dass es bei den Brechts sehr fr\u00f6hlich zuging. Man\nspottete und witzelte und nahm die verbalen B\u00e4lle der anderen gerne\nauf. Das sollte man gar nicht glauben angesichts der ausgemergelten\nGesichter und der ernsten Blicke von Brecht und Helene Weigel auf den\nPhotos. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nverabschieden uns von unserer F\u00fchrerin mit herzlichem Dank f\u00fcr die\nErkl\u00e4rungen. Und machen uns auf den Weg zum Alexanderplatz.\nUnterwegs f\u00e4llt mir noch eine alte Anekdote um Helene Weigel ein.\nSie musste in dem letzten Akt eines St\u00fcckes eine stark gealterte\nFrau spielen. Das gelang ihr verbl\u00fcffend gut. Als sie gefragt wurde,\nwie sie das angestellt habe, sagte sie: \u201eGanz einfach. Ich habe das\nGebiss herausgenommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\nfolgt eine ausgedehnte Entdeckungstour rund um den Alexanderplatz.\nObwohl sich einige der Sehensw\u00fcrdigkeiten vor uns verstecken wollen,\noft hinter Barrieren oder Bauz\u00e4unen, haben sie keine Chance gegen\nDede. Sie setzt ihren Orientierungssinn und ihre Stra\u00dfenkarte ein\nund hat ein gutes Auge f\u00fcr M\u00e4nner, die wie echte Berliner aussehen.\nUnd ihre Fragen beantworten k\u00f6nnen. So erfahren wir auch endlich,\nwas es mit einer weiteren Kuppel auf sich hat, die wir immer wieder\naus der Ferne sehen. Es ist nicht die vom Schloss, nicht die vom\nBerliner Dom, nicht die der Synagoge, nicht die vom Franz\u00f6sischen\nDom und nicht die vom Deutschen Dom. Sie ist anders als die anderen,\nschmaler, l\u00e4nglicher. Sie geh\u00f6rt zum Alten Stadthaus, Anfang des\nvorigen Jahrhunderts gebaut und sp\u00e4ter Sitz des Ministerrats der\nDDR. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen zum Neptunbrunnen, einem von drei Brunnen in diesem Bereich,\naber der, der die meisten Blicke auf sich zieht, ein neobarockes\nGebilde<strong>,\n<\/strong>italienischen\nund franz\u00f6sischen Vorbildern nachempfunden. Auf dem Brunnenrand vier\n\u00fcppige, leicht bekleidete Frauenfiguren. Sie stehen f\u00fcr vier\nFl\u00fcsse. Wir versuchen, sie an ihren Emblemen wie Getreide, Sichel,\nHolzstamm, Reben zu erkennen, aber wir denken zu westlich. Es sind\nRhein, Elbe, Oder und Weichsel. Weiter innen, auch konzentrisch\nangelegt, vier Tiere, die Wasser in die H\u00f6he spritzen, auch sie\nvermutlich allegorisch: Robbe, Schlange, Krokodil, Schildkr\u00f6te. Und\noben in der Brunnenschale Neptun, mit Dreizack und langem Bart,\nherausfordernd und etwas grimmig guckend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\ndem Brunnen das Rote Rathaus, das wirklich rot ist, ein Backsteinbau\nmit etwas zu gro\u00df geratenem Turm. Es wurde noch\nvor der Reichsgr\u00fcndung vollendet und bildet mit seiner roten Fassade\nund seinem Turm den Kontrast zum Schloss mit seiner Kuppel, das es an\nGr\u00f6\u00dfe sogar \u00fcberragt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir ins Nikolaiviertel. Das ist von der DDR neu aufgebaut\nworden, nach mittelalterlichen Vorlagen, aber doch auch mit modernen\nBauten zwischen den alten. Die Kirche selbst ist leider Museum, sonst\nh\u00e4tten wir gerne einen Blick reingeworfen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder Ecke das <em>Ephraimpalais<\/em>,\nein sch\u00f6nes Barockpalais, mit konvexer Fassade, eins von zwei\nH\u00e4usern (das andere ist das <em>Knoblauchhaus<\/em>),\ndas den Krieg unbeschadet \u00fcberstanden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nim Nikolaiviertel befindet sich auch das Zille-Museum. In der N\u00e4he\nein Zille-Denkmal, eine Kalksteinfigur, \u201e\u00fcberraschend\nausgemergelt\u201c, einer Inschrift auf einer Tafel zufolge. Zille war\nn\u00e4mlich von gro\u00dfer K\u00f6rperf\u00fclle, aber hier erscheint er schlank.\nDie Absicht des K\u00fcnstlers war, ihn mit seinen Figuren aus dem\n\u201eMilj\u00f6h\u201c verschmelzen zu lassen. Die waren zu arm, um dick zu\nsein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich\nfinden wir dann auch das Marx-Engels-Denkmal, im Volksmund <em>Sakko\nund Jacketti <\/em>genannt<em>.\n<\/em>Wegen\ndes Baus der U-Bahnlinie 5 wurde das Denkmal hierher versetzt, und\njetzt blicken die beiden nicht mehr Richtung Osten, sondern Richtung\nWesten. Auf dem Handy h\u00f6rt man die Stimme Gregor Gysis. Der erz\u00e4hlt\naus der Sicht von Engels \u00fcber sich und Marx und das Denkmal. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und\ndann kommt die Museumsinsel. Ich bin echt platt, die ganze Anlage ist\natemberaubend! Von der Wiese vor dem Alten Museum bekommen wir jetzt\nauch den Berliner Dom in voller Wucht zu sehen. Die Museen sind ein\nKontrastprogramm dazu, Klassizismus gegen Barock. Alles ist sehr\ngelungen, vor allem durch die langen S\u00e4uleng\u00e4nge vor den Geb\u00e4uden,\nkannelierte S\u00e4ulen mit dorischen Kapitellen. Immer wieder hat man\nandere Aussichten und Einblicke. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nMuseen sind ein Ensemble von f\u00fcnf bedeutenden Bauten, die im Laufe\nvon 100 Jahren hier entstanden: Altes Museum, Neues Museum, Alte\nNationalgalerie, Bode-Museum, Pergamon-Museum. Das Alte Museum hei\u00dft\nerst <em>Altes\nMuseum<\/em>,\nseitdem es das Neue Museum gibt. Vorher hie\u00df es <em>K\u00f6nigliches\nMuseum<\/em>\noder beim Volk einfach <em>Museum<\/em>.\nSeit Kriegsende wurden die kriegszerst\u00f6rten Museen sukzessive\nwiederhergestellt oder saniert. Der Masterplan sieht vor, dass alle\nf\u00fcnf Museen zu einem einzigen Museum mit zentraler Eingangshalle und\nunterirdischen Verbindungen zusammengefasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal wird mir wenigstens ungef\u00e4hr der Lageplan klar: vorne das\nAlte Museum, dahinter die Alte Nationalgalerie, quer zu ihr das Neue\nMuseum. Und dort auch irgendwo das Pergamon-Museum, fast versteckt.\nBesser kann man es mit seiner doppelten Hinterfront von der Spree aus\nsehen, vom anderen Ufer. Und links davon am \u00e4u\u00dfersten Rande der\nInsel, das Bodemuseum. \u00dcberw\u00e4ltigend. Hier k\u00f6nnte man Tage, Wochen\nverbringen, nur um einen Eindruck von den Sammlungen zu bekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich\nfinden wir auch noch den Weg zur Friedrichswerder Kirche. Auch sie\nein Schinkel-Bau, unglaublich, reinste Neugotik, aus Backstein. Die\nBerliner Baubeh\u00f6rde hat hier richtigen Bockmist gebaut und einen\nechten Skandal ausgel\u00f6st. Durch die unbedachte Errichtung von\nmodernen Apartmentblocks gleich in der N\u00e4he der Kirche wurde deren\nFundament untergraben und die Statik der Kirche gef\u00e4hrdet. Die\nKirche ist geschlossen. Der Schaden k\u00f6nnte irreversibel sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Schinkel\nselbst steht auf dem Schinkelplatz, einem kleinen Platz etwa zwischen\nSchloss und Friedrichswerder Kirche. Passt. Er sieht jung und\ndynamisch aus. Man k\u00f6nnte ihn f\u00fcr einen Dichter des Sturm und Drang\nhalten, mit einem Blatt Papier in der Hand. Aber der Griffel, den er\nin der Hand h\u00e4lt, ist ein Zeichenstift, keine Feder. Seine Statue\nwird passenderweise von Karyatiden getragen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde eines langen Besichtigungstages findet Dede auch noch den Weg zu\neinem Lokal, das wir dieser Tage auf dem Heimweg gesehen haben. Hier\ngibt es Soljanka und Schweinemedaillons, und vier Glas Bier vom Typ\n<em>M\u00e4rkischer\nLandmann<\/em>,\neins f\u00fcr jedes Hoffenheimer Tor.<\/p>\n\n\n\n<p>28.\nSeptember (Montag) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMorgen trennen sich unsere Wege: Dede geht zum J\u00fcdischen Museum, ich\nzum Zeughaus. Ich gehe zu Fu\u00df. Die Sonne scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\ndem Weg komme ich an der Zentral- und Landesbibliothek vorbei. Die\nhat ein auff\u00e4lliges Eingangstor, zweifl\u00fcgelig. Das\nbesteht aus einem eisernen Gitternetz mit Quadraten. In jedes Quadrat\nist eine eiserne Platte eingef\u00fcgt, die eine Version des Buchstabens\n<em>A<\/em>\nzeigt, mal gro\u00df- mal kleingeschrieben, in allen denkbaren Fonts,\njedes\nanders als die anderen, insgesamt \u00fcber einhundert. Man ist erstaunt,\nwie\nviel Variation\nes da gibt. Neben Buchstaben gibt es auch Logogramme aus Sprachen,\ndie keine Buchstaben verwenden. Vermutlich haben sie etwas mit dem\nLautwert des <em>A<\/em>\nzu tun oder haben eine \u00e4hnlich prominente Stelle im\nSchriftsystem wie\nes\nbei uns das <em>A<\/em>\nim Alphabet hat. \n\n<\/p>\n\n\n\n<p>An\nder n\u00e4chsten Stra\u00dfenkreuzung hat man einen Blick auf den Turm der\nNikolaikirche und den Fernsehturm, ein sch\u00f6nes Miteinander von Alt\nund Neu. Die Sonne bricht sich auf der silbrigen Kugel des\nFernsehturms und zeichnet ein Kreuz auf die Kugel: \u201eDie Rache des\nVatikans.\u201c Am Abend stellt sich heraus, dass Dede gerade am Tag\ndavor in einer Quizsendung davon geh\u00f6rt hat. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nZeughaus liegt gleich hinter der Schlossbr\u00fccke. Ich sehe mir die auf\nhohen Podesten stehenden Figuren von antiken G\u00f6ttern und Helden an,\nauch sie von Schinkel entworfen. Wei\u00dfer Carrara-Marmor, vier auf\njeder Seite, oft in Paaren, m\u00e4nnlich und weiblich. Man sieht Helme\nund Fl\u00fcgel, Siegerkr\u00e4nze und Schwerter, eine Fackel und einen toten\nKrieger. Sie zu identifizieren ist schwer, Athene und Nike scheinen\ndarunter zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nZeughaus arbeiteten verschiedene Baumeister, darunter Andreas\nSchl\u00fcter. Den warf man aber bald raus, da sein Turm beim Schlossbau\neingest\u00fcrzt war. Aber ausgerechnet von Schl\u00fcter stammen die 22\nMasken sterbender Krieger, die das menschliche Leiden und das Leiden\ndurch den Krieg eindrucksvoll darstellen, und das ausgerechnet in\neinem Zeughaus, das von seiner Gr\u00fcndung an Lager f\u00fcr Waffen und\nMunition war. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort\nnach dem Eintreten schaue ich mich nach den Masken um \u2013 vergeblich.\nIch muss mich mit der Ausstellung begn\u00fcgen, einer Ausstellung zur\ndeutschen Geschichte, von den Anf\u00e4ngen bis zum 1. Weltkrieg. Viele\nder Exponate sind sehenswert, aber einen roten Faden finde ich nicht.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDabei\nf\u00e4ngt es gut an, mit dem Thema <em>Grenze<\/em>.\nDas ist eins meiner \u201e100 W\u00f6rter\u201c, anhand\nderer man die deutsche\nSprachgeschichte beschreiben kann. Auch\nhier wird betont: <em>Grenze<\/em>\nist ein Fremdwort, aus dem Slawischen kommend. Es kam im Zuge der\nOsterweiterung ins Deutsche. Durch Luther kam es in die\nSchriftsprache und verdr\u00e4ngte das alte deutsche Wort <em>Mark<\/em>,\njedenfalls in dieser Bedeutung. Erhalten ist das\nwiederum in <em>Spanische<\/em>\n<em>Mark<\/em>,\n<em>Mark<\/em>\n<em>Brandenburg<\/em>\nund vermutlich auch in\nder Grafschaft <em>Mark<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIm\nMittelalter was das Gebiet des heutigen Deutschlands zun\u00e4chst lange\nd\u00fcnn besiedelt, ohne feste Grenzen. Die Grenzen wurden dann\nwichtiger mit der wachsenden Macht der F\u00fcrsten. Dabei wurde h\u00e4ufig\nauf antike Bistumsgrenzen rekurriert. Bei den Germanen, Kelten und\nSlawen waren nat\u00fcrliche Grenzen wie Fl\u00fcsse, Gebirge und Moore\nwichtiger. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuf\neiner elektronischen Karte sieht man, wie sich im Laufe der\nJahrhunderte die deutschen Grenzen ver\u00e4nderten, sich ausdehnten,\ndann wieder zusammenzogen. Am wichtigsten die Ausdehnung nach S\u00fcden,\nnach Italien, das zwischenzeitlich fast ganz zu Deutschland geh\u00f6rte,\nund nach Osten. Die Osterweiterung wirkt bis heute nach, die nach\nItalien nicht. Interessant auch, dass das Ostreich nach Karl dem\nGro\u00dfen fast genau die Ausdehnung hatte\nwie die Bundesrepublik der Nachkriegszeit. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nPassend\ndazu gibt es eine B\u00fcste Karls des Gro\u00dfen. Der war wirklich gro\u00df,\n1,80. Er hatte vier Ehen und zahlreiche Nebenfrauen. Seine Kleidung\nwar betont fr\u00e4nkisch. Vom Sohn eines Hausmeiers wurde er zum\nAlleinherrscher eines Riesenreichs, nachdem er die Bayern, die\nLangobarden und die Sachsen unterworfen hatte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDaneben,\naus dieser Zeit, ein Exemplar des <em>Heliandliedes<\/em>,\nauf Alts\u00e4chsisch, auf Pergament. Statt in Jerusalem zieht Jesus im\n<em>Heliandlied<\/em>\nin eine Burg ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDaneben\nein Helm aus dieser Zeit, schwarz, mit ganz d\u00fcnnem Mundschlitz und\nL\u00f6chern zum Atmen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass der\nHelm ganz fein ziseliert ist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann,\nin einer Vitrine, schon aus dem Sp\u00e4tmittelalter, die prachtvolle\nR\u00fcstung eines Ritters samt\nPferd,\nsilbern gl\u00e4nzend. Ritter und Pferd sind fast v\u00f6llig verpackt hinter\nder R\u00fcstung. Der Ritter tr\u00e4gt spitze Schuhe, die Klinge des\nSchwerts ist verziert und tr\u00e4gt eine Inschrift. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnter\nden liturgischen Ger\u00e4ten ein Lesepult mit Adler. Der Adler war\nSymbol f\u00fcr die Auferstehung und Symbol f\u00fcr den Evangelisten\nJohannes, aber auch ein m\u00e4chtiges politisches Symbol. Hier\nverschmelzen die Bedeutungen miteinander. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnhand\neines mittelalterlichen Stadtmodells sieht man, wie eine solche Stadt\nentsteht, was die wichtigsten und in der Regel immer gleichen Zutaten\nwaren: Kirche, Spital, Herrschersitz, Kloster, Marktplatz,\nBefestigung. Man erf\u00e4hrt, dass es bis 1100 wenige St\u00e4dte in\nDeutschland gab (au\u00dfer\nden bereits in der Antike gegr\u00fcndeten), es dann aber eine\nregelrechte Explosion gab, vor allem wegen der Bev\u00f6lkerungszunahme.\nDas dauerte aber nur bis 1350. Dann gab es kaum noch Stadtgr\u00fcndungen,\nu.a. wegen des Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgangs aufgrund der Pest. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\nder N\u00e4he ist ein j\u00fcdischer Grabstein ausgestellt. Er wurde bei\neinem Pogrom gesch\u00e4ndet und dann in die Festung Spandau eingebaut. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAus\nder Zeit der Reformation gibt es ein bekanntes Bild von Luther, von\nCranach gemalt. Luther auf dem Sterbebett. Die Kissen, auf denen sein\nKopf ruht, gleichen Wolken und deuten Luthers Aufnahme in den Himmel\nan. Das war politische Propaganda gegen die Katholiken, die Luther\ndie Fahrt in die H\u00f6lle prophezeit hatten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nMehrere\nExemplare von Luthers Bibel\u00fcbersetzungen sind ausgestellt, darunter\nLuxusausgaben, von den Fuggers finanziert, mit Holzschnitten von\nCranach und reich verschn\u00f6rkelten\nInitialen.\nErstaunlich, wie schnell Luther \u00fcbersetzte. F\u00fcr das\n<em>Septembertestament<\/em>,\ndas Neue Testament, brauchte er nur wenige Wochen. Es gab zwischen\n1534 und 1545 (Luthers Tod) 3.400 Ausgaben mit mehr als einer Million\nverkaufter Exemplare!<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann\nkommen die Bauernkriege, vertreten mit den Waffen der Bauern:\nHeugabeln, Mistgabeln, \u00c4xte, Sensen. Sie hatten nat\u00fcrlich keine\nChance gegen die f\u00fcrstlichen Heere, die l\u00e4ngst Kanonen hatten. Und\nunerbittlich gegen ihre Feinde vorgingen. Luther war auf der Seite\nder F\u00fcrsten und polemisierte gegen die \u201em\u00f6rderischen Rotten der\nBauern\u201c. Dabei war er doch selbst einst ein Rebell gewesen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\neinem Gang steht ein Exemplar (eine Kopie) des Globus von Behain, der\n\u00fcberhaupt ersten Darstellung der Erde in Kugelform! Der Globus\nstammt von 1492. Amerika fehlt noch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAn\neiner Wand ein Kruzifix mit einem elendig leidenden Christus, bei dem\ndie Haut in Fetzen vom K\u00f6rper h\u00e4ngt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nkommt die Zeit des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs mit einer\nGegen\u00fcberstellung eines Portr\u00e4ts von Piccolomini und dem Schreiben\neines B\u00fcrgers. Piccolomini, auf einem gro\u00dfformatigen \u00d6lgem\u00e4lde,\nmit vergoldetem Stab, erlesenen Handschuhen, seidenem Schal,\ngl\u00e4nzenden Sporen an den Lederstiefeln, selbstzufrieden\ndreinblickend, dreist, eitel, feist.\nDaneben\ndas Schreiben eines B\u00fcrgers, der sein Leid beklagt. Er ist von Ort\nzu Ort geflohen, oft in finsterer Nacht, mit Frau und Kindern, hat\nKrieg, Elend, Pest, Teuerung, Hunger erlebt und ist am Ende wieder da\ngelandet, wo er gestartet war, in seiner Heimatstadt. Auf dem Weg hat\ner zwei Kinder verloren: \u201eIch kann den ganzen Jammer nicht\nbeschreiben, darum will ich aufh\u00f6ren und es bleiben lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann\nkommen Gem\u00e4lde von den Schlachten gegen die T\u00fcrken, in Wien und in\nBudapest, das seit 180 Jahren t\u00fcrkisch war.\nDort gibt es noch keine Br\u00fccke \u00fcber die Donau, und Pest ist noch\nfast unbesiedelt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann\nkommen weitere Kriege, der Siebenj\u00e4hrige Krieg, der \u00d6sterreichische\nErbfolgekrieg, die Napoleonischen Kriege. Ist das der rote Faden, den\nich vermisst habe? Ist unsere Geschichte eine Folge von Kriegen?<\/p>\n\n\n\n<p>\nDas\npassende Gegenst\u00fcck ist ein\nPortr\u00e4t\nHumboldts. Humboldt mit Halstuch, Kette, Orden, Brosche, Humboldt der\nSalonl\u00f6we, nicht Humboldt der Abenteurer. Er konnte beides. Sein\nGesichtsausdruck ist ernsthaft, aber nicht streng. Der Titel des\nBildes spricht von Humboldts Tod, aber er sieht noch jugendlich aus,\nes kann kein Altersportr\u00e4t sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nStellvertretend\nf\u00fcr die Industrielle Revolution steht eine Spinnmaschine, aus\nTangerm\u00fcnde, ein riesiges, l\u00e4ngliches Ger\u00e4t mit mehreren Reihen\nvon Spulen. Vergeblich versuche ich, die Funktionsweise des Ger\u00e4ts\nzu verstehen, aber es wird klar, dass sie 24 Stunden am Tag im\nEinsatz war und die Arbeit von Dutzenden von Arbeitern leisten\nkonnte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nZum\nSchluss kommt der 1. Weltkrieg, in erster Linie mit Plakaten\nvertreten, aber auch mit einer auf den ersten Blick unverst\u00e4ndlichen\nSammlung\nvon schwarzen eisernen Formen, neun insgesamt. Erst\ndie Beschriftung macht klar, worum es sich handelt: um den Stahlhelm.\nEs sind die verschiedenen Formen, die der Stahlhelm bei der\nProduktion durchl\u00e4uft, die neun\n<em>Ziehstufen<\/em>,\nwie der technische Terminus lautet, von eher flach und breit bis hoch\nund schmal. Von diesem Stahlhelm wurden 8,16 Millionen Exemplare\ngefertigt!<\/p>\n\n\n\n<p>\nWer\ndarunter zu leiden hat, sieht man auf den Bezugskarten\ndaneben.\nSchon\nim Februar 1915 begann die Rationierung, Brot, Kaffee, Tee, Seife. Ab\nMai sollten Grie\u00df, Gr\u00fctze und Graupen nur noch an Berliner nach\nVorlage einer Ausweiskarte ausgegeben werden. Milch war Mangelware,\nmusst auf den Schwarzmarkt besorgt werden. Die\nw\u00f6chentliche Zuteilung von Mehl wurde zum Beispiel von 1,4 Kilo auf\n0,7 Kilo reduziert. Wie wenig das ist, sieht man hier\nan einer\nSch\u00fcssel, die eine solche Menge Mehl enth\u00e4lt.  Die\nKartoffelernte fiel knapp aus, Kartoffeln wurden zunehmend durch\nKohlr\u00fcben ersetzt. Kohlr\u00fcben kamen in den Brotteig, wurden zu\nMarmelade zerkocht oder dienten getrocknet als Kaffeeersatz. Scbon\n1915 gab es erste Proteste gegen den Mangel, 1916 die ersten Streiks.\nW\u00e4hrend\ndes Krieges starben 750.000 Menschen im Reich an Hunger oder\nUnterern\u00e4hrung, mehr als im 2. Weltkrieg durch Bombenangriffe. Das\nElend wird hier auf expressionistisch\nanmutenden\nGem\u00e4lde thematisiert: Hunger,\nStreik, Kindertod. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuf\nden Plakaten dagegen sieht\nman die staatlichen Durchhalteparolen\n(\u201eDie Zeit ist hart, aber der Sieg ist sicher!\u201c) und die\nentsprechende Ideologie dazu (\u201eDer Hauptfeind ist England!\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>\nSo\nbelehrt, geht es aus dem dunklen Museum dann wieder ans helle\nTageslicht. Wir haben entgegen den Erwartungen doch noch einen\nweiteren sonnigen Tag erwischt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dede\ntreffe ich gegen Mittag am Alexanderplatz wieder, an der Weltzeituhr.\nIch muss tats\u00e4chlich nach\ndem Weg fragen, der Alexanderplatz\nist riesig, und der Blick auf die anderen Seiten des Platzes ist\ndurch die merkw\u00fcrdige Konstruktion im Zentrum des Platzes verstellt.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dede\nberichtet von ihrem Besuch im J\u00fcdischen Museum. Sie habe viel \u00fcber\nj\u00fcdische Kultur gelernt, vor allem eins: Der 28. September ist Jom\nKippur, und an diesem Tag ist das J\u00fcdische Museum geschlossen!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nhat stattdessen das sch\u00f6ne Wetter f\u00fcr einen Stadtbummel genutzt und\nist am Checkpoint Charlie gelandet. Dort gibt es eine Ausstellung mit\nInformationen zum Grenzverkehr zu Zeiten der Mauer. Dede findet, die\nwar so gut, dass wir uns die F\u00fchrung am Sonntag h\u00e4tten sparen\nk\u00f6nnen. Der Name des Checkpoint Charlie hat sich dem Buchstaben <em>C<\/em>\nzu verdanken. Es gab drei \u00dcberg\u00e4nge, A, B und C. Und im\namerikanischen Telegrafenalphabet steht <em>Charlie<\/em>\nf\u00fcr <em>C<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem obligatorischen Kaffee merke ich, dass mein Reisef\u00fchrer weg ist.\nGeklaut oder verloren? Dede ist f\u00fcr verloren, ich bin f\u00fcr geklaut. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nAlexanderplatz, wieder an einem ganz anderen Ende, nehmen wir die\nLinie 200, um endlich auch mal richtig in den Westen zu gelangen.\nZuerst kommt der Potsdamer Platz, dann die Philharmonie, dann der\nBreitsteinplatz mit der Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche. Dort\nsteigen wir aus. Der Breitsteinplatz hat seit dem Anschlag auf dem\nWeihnachtsmarkt Puffer, die verhindern, dass Autos auf den Platz\nfahren k\u00f6nnen. Das ist wohl eher symbolisch gemeint. Es ist kaum\nvorstellbar, dass ein entschlossener Terrorist sich davon abhalten\nl\u00e4sst.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Ged\u00e4chtniskirche, in dem Turmstumpf, ist eine Ausstellung, in\nder man sehen kann, dass nach dem Krieg viel mehr erhalten war als\nder Turm. Man entschied sich aber f\u00fcr den Abriss. Das bef\u00fcrworteten\nauch die Alliierten. Der Architekt der neuen Ged\u00e4chtniskirche wollte\nauch den Turm abrei\u00dfen, aber dazu ist es dann doch nicht gekommen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsind auf dem Kudamm. Seit\n1542 existierte in Berlin der Kn\u00fcppeldamm, ein unbefestigter Reitweg\nauf dem Weg zum Jagdschloss Grunewald f\u00fcr Joachim II., und eben\ndeshalb \u201edes Churf\u00fcrsten Damm\u201c. Nachdem Bismarck in Paris die\nChamps Elys\u00e9es gesehen hatte, lie\u00df ihn der Gedanke an einen\n\u00e4hnlichen Prachtboulevard f\u00fcr Berlin nicht mehr los. Von ihm kam\ndie Order zum Bau des Kurf\u00fcrstendamms. Der Damm fing einst am Rande\ndes Tiergartens an, aber 1925 verlor er ein St\u00fcck an die Budapester\nStra\u00dfe. Deshalb beginnt der Kurf\u00fcrstendamm heute nicht mit der\nNummer 1, sondern mit der Nummer 11.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen ein St\u00fcck den Kudamm runter, bis zum Caf\u00e9 Kranzler. Man fragt\nsich, was den Kudamm fr\u00fcher so attraktiv machte. Wir gehen dann in\numgekehrter Richtung, die Tauentziehenstra\u00dfe runter. Hier steht auf\ndem Mittelstreifen, auf dem Fu\u00dfg\u00e4nger promenieren k\u00f6nnen, ein\nmodernes Denkmal, wohl der Einheit gewidmet. Es besteht aus vier\nbreiten, sich vom Boden nach oben schl\u00e4ngelnden Rohren, von denen\nsich zwei \u201eumarmen\u201c. So k\u00f6nnte es jedenfalls gemeint sein, denn\ndie Rohre k\u00f6nnte man als menschliche K\u00f6rper verstehen. Dede gelingt\nein au\u00dfergew\u00f6hnliches Photo mit der modernen Stahlkonstruktion im\nVordergrund und dem Turm der Ged\u00e4chtniskirche im Hintergrund vor\neinem mysteri\u00f6s wirkenden Wolkenhimmel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter\nrunter befindet sich das KaDeWe. Auch hier fragt man sich, was da so\ntoll dran sein soll. Es ist wie andere Warenh\u00e4user, nur dass die\nAuslagen nicht so gedr\u00e4ngt pr\u00e4sentiert und die Waren hochwertiger\nsind. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde der Stra\u00dfe befindet sich ein Bahnhof mit sch\u00f6ner Front. Es ist\naber eine ganz normale U-Bahn-Station. Wir wollen zur East Side\nGallery, aber die Sache erweist sich als kompliziert, da hier mehrere\nBahnlinien gesperrt sind. Am Ende kommen wir aber doch dort an. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Noch\nvor den Mauerresten sehen wir die Oberbaumbr\u00fccke, eine auff\u00e4llige\nKonstruktion \u00fcber die Spree. Sie gilt als die sch\u00f6nste Br\u00fccke\nBerlins. Zuerst bin ich entt\u00e4uscht, aber aus einiger Distanz sieht\nsie\nwirklich\nsch\u00f6n aus. Sie erinnert entfernt an den Kreml. Die Oberbaumbr\u00fccke\nverbindet Kreuzberg mit Friedrichshain, muss also auch die Grenze\nzwischen Ost- und Westberlin gewesen sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nunserer Seite der Spree, also im Osten, stehen Reste der Berliner\nMauer, nach dem Mauerfall von K\u00fcnstlern aus verschiedenen L\u00e4ndern\ngestaltet. Auch hier ist die Mauer auf der \u201efalschen\u201c Seite\nbemalt, auch hier handelt es sich um Repliken, nicht um originale\nMauerteile. Viele der Bilder verwenden grelle Farben und auff\u00e4llige\nFormen, teils an Comics erinnernd. Bekannt ist der un\u00e4sthetische\nKuss von Breschnew und Honecker und der durch die Mauer schie\u00dfende\nTrabbi, das beste Motiv f\u00fcr ein Mauermahnmal. Sch\u00f6n sind zwei\nFriedenstauben, die eine Schnur im Schnabel tragen, an der das\nBrandenburger Tor h\u00e4ngt. Interessant ein expressionistisch\nanmutendes Bild mit Menschen mit verreckten H\u00e4lsen. Dede findet die\nErkl\u00e4rung: Wendeh\u00e4lse. Sch\u00f6n ist auch eins, das ein Tor in der\nMauer, durch das man auf die Spree sehen kann,  in das Gem\u00e4lde\nintegriert. Am besten gef\u00e4llt mir eins, das einen handschriftlichen\nBrief reproduziert, den ein M\u00e4dchen aus Leningrad ihrem deutschen\nBrieffreud anl\u00e4sslich des Falls der Mauer geschrieben hat, in  einem\nauf liebenswerte Weise fehlerhaftem Deutsch. Sie gratuliert <em>alles\ndeutsches Volk<\/em>\nund freut sich: <em>Berliner\nWand ist zerst\u00f6rt<\/em>.\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n29.\nSeptember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nam Abreisetag w\u00e4re noch genug Zeit, sich etwas anzusehen, aber unser\nAufnahmeverm\u00f6gen ist fast ausgesch\u00f6pft, und wir lassen es langsam\nangehen. Zu Fu\u00df geht es ins Zentrum, nochmal ein Spaziergang auf\nden\nLinden, aber in\numgekehrter\nRichtung. Dabei entdecken wir die Alte Wache, die wir bisher\n\u00fcbersehen hatten, auch von Schinkel gebaut, mit einer doppelten\nS\u00e4ulenreihe am Eingang. Drinnen ist die ganz leer, bis auf eine\nKollwitz-Statue. In\ndem Zusammenhang lese ich, dass sich Kollwitz\u2018 Sohn freiwillig zum\nKriegsdienst gemeldet hat und sie den Krieg f\u00fcr eine Sache von ein\npaar Wochen hielt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\ndem Brandenburger Tor steht ein Trabbi. Der geh\u00f6rt \u201eTrabbi-Andy\u201c,\nund der l\u00e4sst sich gerne\nphotographieren\nund sofort auf ein Gespr\u00e4ch ein. Der Trabbi sei 30 Jahre alt und\nhabe mehr als 330.000 km auf dem Buckel. Er, Andy, arbeitet f\u00fcr die\nArche, neben ihm sitzt eine lebensgro\u00dfe Figur des Sandmanns,\n\u00f6stliche Version. Er kenne sie alle, die Politiker, den Gysi und die\nRoth und die alle. Sie h\u00e4tten ihm gesagt, es sei genug Geld da, nur\nw\u00fcrde sich keiner trauen, es auszugeben. Wo wir denn herk\u00e4men.\nTrier. Trier? Trier?\nDa\nwar doch was. Und dann kommt sie\npl\u00f6tzlich,\ndie\nErinnerung\nan den Unterricht in der Schule: \u201eKorl Morx\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nHolocaustdenkmal ist kein einziger Besucher zu entdecken, jedenfalls\nnicht auf den ersten Blick. Eine Gruppe, die schnellen Schrittes\nzwischen den Stelen herl\u00e4uft, nutzt das Monument, um von einer Seite\nzur anderen zu kommen, von einer Stra\u00dfe zur anderen. Als Abk\u00fcrzung.\nSp\u00e4ter trifft man dann doch auf den einen oder anderen Besucher,\nmeist unverhofft, pl\u00f6tzlich hinter einer Stele hervortretend.\nEntweder erschrecken die uns oder wir sie. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nStelen, wenn das denn die richtige Bezeichnung ist, sind alle gleich\nhoch, nur sind sie eben unterschiedlich tief in die Erde eingelassen\nund dadurch dann doch unterschiedlich hoch. Dazu kommt das Gef\u00e4lle\nim Boden, so dass man manchmal \u00fcber den Stelen, manchmal unter ihnen\nsteht. Die niedrigen Stelen erinnern in ihrer Form an Sarkophage. Ob\ndas beabsichtigt ist, ist schwer zu sagen. Dede findet auch, dass die\nPflastersteine der Wege zwischen den Stelen an die Stolpersteine\nerinnern, eine Assoziation, die ich nicht hatte. Mich ber\u00fchrt das\nDenkmal nicht, sagt mir nichts. Dede geht es genauso.   \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nfahren wir mit der 100 Richtung Westen. Die nimmt nach dem Streik am\nVormittag gerade wieder den Betrieb auf. Leider erwischen wir keinen\nDoppeldecker. Beim Potsdamer Platz, einem nichtssagenden, gro\u00dfen\nPlatz, wird die Grenze \u00fcberschritten. Dann kommen die damals\nspektakul\u00e4r eingest\u00fcrzte Kongresshalle (\u201eSchwangere Auster\u201c),\ndie\nSiegess\u00e4ule, das Schloss Bellevue. Alles sehr gepflegt. Am Bahnhof\nZoo steigen wir aus. Die Fassade verbirgt sich unten hinter\nBauger\u00fcsten, oben hinter einer modernen Glasfront. Dahinter hat sich\nein amerikanisches Fastfood-Restaurant niedergelassen. Vom Bahnhof\nist nichts zu sehen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von\ndort machen wir einen Spaziergang zu <em>Shakespeare\nund Co<\/em>.,\neiner Buchhandlung, die sich als Entt\u00e4uschung erweist.\nWahrscheinlich liegt eine Verwechslung mit einer anderen Buchhandlung\n\u00e4hnlichen Namens vor. <em>Shakespeare\nund Co<\/em>.\nbesteht nur aus einem einzigen Raum, vollgestopft mit B\u00fcchern, immer\nnur ein Exemplar, meist gebundene Ausgaben, meist Klassiker: Borges,\nBaudelaire, Boccaccio. Auch Biskys Berlin-Buch ist vertreten, ein\nExemplar davon\nsteht\nim Schaufenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbefinden uns in Wilmersdorf. Das l\u00f6st Erinnerungen an <em>11\nFreunde <\/em>aus,\ndem geliebten Fu\u00dfballbuch aus der Kindheit, in dem sich alles um\nHeini und seine Freunde in Wilmersdorf dreht. Heini ist das Alter Ego\nvon Sammy Drechsel, und auch sein eigentlicher Name. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGegend ist sch\u00f6n, wir sitzen gleich neben der Buchhandlung auf einem\nbaumbestandenen Platz vor einer Kirche und genie\u00dfen Kaffee, Kuchen\nund Sonne. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann\ngeht es langsam zum Hotel zur\u00fcck. Unter den letzten Sonnenstrahlen\nlassen wir bei Bier und Bouletten in einem Bistro am Spreekanal die\nTage in Berlin Revue passieren. \n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24. September (Donnerstag) Zum letzten Mal war ich 2002 in Berlin. Da gab es das Holocaust-Denkmal noch nicht. Und der Palast der Republik stand noch. Entsprechend alt ist mein Reisef\u00fchrer. Dedes Reisef\u00fchrer ist noch \u00e4lter. 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