{"id":11256,"date":"2021-09-03T08:13:26","date_gmt":"2021-09-03T06:13:26","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11256"},"modified":"2021-09-03T08:13:26","modified_gmt":"2021-09-03T06:13:26","slug":"lahn-2021","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11256","title":{"rendered":"Lahn (2021)"},"content":{"rendered":"\n<p>25. August (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Was es da alles gibt: Marburg, Wetzlar, Gie\u00dfen,\nLimburg \u2013 alles an der Lahn! Und dazu noch weniger bekannte Kleinodien wie\nWeilburg, Nassau, Diez, Runkel, wo dem gerade zu Welterbest\u00e4ttenruhm gekommenen\nBad Ems ganz zu schweigen. Die Tour k\u00f6nnte zwei Wochen dauern oder mehr. Aber\ndann w\u00fcrde das Radfahren zu kurz kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Tag \u201ez\u00e4hlt\u201c nicht, er dient nur der\nAnreise, aber gibt einen Vorgeschmack auf die Strecke. Dass ich heute \u00fcberhaupt\nvom Fleck komme, ist einem Zufall zu verdanken: Der Streik der Lokomotivf\u00fchrer\nendete heute Nacht um 2 Uhr, mein Zug ging um 7 Uhr! Das nennt man Gl\u00fcck! Und\ndie Bahn zeigt sich von ihrer besten Seite: Alle vier Z\u00fcge sind p\u00fcnktlich, und\ntrotz der knappen Umsteigezeiten geht alles glatt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Morgen h\u00e4tte sch\u00f6ner kaum sein k\u00f6nnen. Der von\nder Mosel aufsteigende Dunst vor den Weinbergen und den Strahlen der\ntiefstehenden Sonne, die sich das Scheinen von den Wolken nicht verbieten\nl\u00e4sst. Zum ersten Mal merke ich, dass es hier auch Weinfelder gibt, vor allem\nin der N\u00e4he von Bullay. Die erleichtern den Winzern die Arbeit geh\u00f6rig. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Lesen kommt man gar nicht, aus dem Fenster zu\nsehen ist einfach sch\u00f6ner heute. Nur nicht, wenn es durch die Tunnel geht.\nDarunter der vor Cochem, der l\u00e4ngste Eisenbahntunnel Deutschlands. Jedenfalls\nwar er das mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Koblenz aus geht es dann durch das enge Lahntal.\nDer Zug f\u00e4hrt meist gleich an der Lahn entlang. Von Radwegen ist nicht so viel\nzu sehen. Ich fahre jetzt die Orte in umgekehrter Reihenfolge ab, von Lahnsteig\n\u00fcber Diez und Wetzlar bis nach Gie\u00dfen und dann von dort bis nach Marburg:\nSonnenblumenfelder, abgem\u00e4hte Wiesen, Trauerweiden, Boote, bewaldete H\u00e4nge,\neine Burg, noch eine, der Limburger Dom, Schreberg\u00e4rten. Sieht alles idyllisch\naus. Der Reiz des Lahntals besteht darin, dass es so eng ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Lahn gibt es keinen Frachtverkehr (mehr).\nDer letzte Frachter verkehrte 1981. Seitdem ist die Lahn ein Fluss f\u00fcr\nAusfl\u00fcgler. Der Schiffsverkehr auf der Lahn war immer m\u00fchsam gewesen. Flussaufw\u00e4rts\nwurden die Schiffe gezogen, aber es gab nicht \u00fcberall Treidelpfade. M\u00fchsam.\nFlussabw\u00e4rts ging es leichter \u2013 sollte man meinen. Aber Niedrigstand, rei\u00dfende\nStr\u00f6mung an einigen Stellen, Eisbildung, \u00dcberschwemmung waren Hindernisse,\ngenauso wie die vielen Zollschranken. Die zahlreichen Territorialherren konnten\nsich nicht einigen. Das \u00e4nderte sich erst, als das ganze Lahntal grenzfrei in dem\nHerzogtum Nassau aufging. Die Ufernachbarn Preu\u00dfen, Hessen und Nassau bauten 20\nSchleusen und den einzigen Schifffahrtstunnel Deutschlands. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegend \u00e4ndert sich, nachdem ich in Marburg in die Kurhessenbahn\numsteige: Autoh\u00e4ndler, Zementwerke, Schnellstra\u00dfen, Einkaufszentren. Von der\nLahn nichts mehr zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine aus dem Rahmen fallenden Station ist Villmar. Gleich am Bahnhof\neine Lagerhalle mit dem Hinweis auf den \u201eLahnmarmor\u201c. Der Unica-Bruch hier in\nVillmar ist der einzige noch erhaltene Steinbruch. Die anderen wurden der Natur\n\u00fcberlassen. Hier wurde, vor allem in 19. Jahrhundert, polierf\u00e4higer Kalkstein,\nabgebaut, der Lahnmarmor, schillernder, ge\u00e4derter, vielfarbiger Stein. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt komme ich doch noch zum Lesen. Und erfahre, dass <em>Yoga<\/em> und <em>Joch<\/em> miteinander verwandt sind und <em>taufen<\/em> und <em>tauchen<\/em>. Und\ndas <em>knesset<\/em> das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr\n\u201aSynagoge\u2018 ist. Das israelische Parlament tagt also in einer Art Gebetshaus.\nDann lese ich noch, dass man die Bar-Mizwa bzw. Bab-Mizwa feiert, wenn man\ngenau 13 Jahre und 1 Tag alt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachricht des Tages ist der Tod von Charlie Watts. Die Rolling\nStones erf\u00fcllen fast w\u00f6rtlich die Prophezeiung, die man fr\u00fcher eher\naugenzwinkernd gemacht hat: \u201eDie stehen auf der B\u00fchne, bis sie tot umfallen.\u201c\nCharlie Watts behauptete, Mick Jagger so gut zu kennen wie kaum ein anderer.\nSchlie\u00dflich habe er ihm 50 Jahre lang auf den Hintern schauen m\u00fcssen. In der\nRangliste des <em>Rolling Stone<\/em> wird Charlie Watts als der zw\u00f6lfbeste\nSchlagzeuger aller Zeiten aufgef\u00fchrt. So viele kenne ich gar nicht. Jedenfalls\nliegt er vor Ringo Starr. Das erinnert mich wiederum an ein Interview mit Paul\nMcCartney. Er wurde gefragt: \u201eIs Ringo\nStarr the best drummer of the world?\u201d Worauf McCartney erwiderte: \u201cHe\u2019s not\neven the best drummer of the Beatles.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Als schon fast niemand mehr im Zug ist, kommt das Ziel, Bad Laasphe. Zu\nmeiner \u00dcberraschung befinde ich mich hier in Nordrhein-Westfalen. Ich h\u00e4tte auf\nHessen oder Rheinland-Pfalz getippt. Das Autokennzeichen ist SI = Siegen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die B 62, die Lahnstra\u00dfe, geht es vom Bahnhof ins Zentrum. Es geht\nvorbei an der Lachsbachschule und an der Lachsbachapotheke. Kein Zufall. <em>Laasphe<\/em>\nhat was mit <em>Lachs<\/em> zu tun, der Name des Ortes ist von dem keltischen Wort\nf\u00fcr \u201aLachs\u2018 abgeleitet. <\/p>\n\n\n\n<p>An der B 62 liegt auch das Radiomuseum. Sp\u00e4ter entdecke ich noch ein\nPilzmuseum und einen Planetenlehrpfad. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise hat ein bisschen zu gut funktioniert. In der Pension ist noch\nniemand zu erreichen. Ich mache eine kleine Pause (wovon eigentlich?) an einem\nsch\u00f6nen baumbestandenen Rastplatz. Da stehen drei merkw\u00fcrdige, kantige\nHolzfiguren hinter dem Ortseingangsschild <em>Wallachei.\nKreis<\/em> <em>Wittgenstein<\/em>. Der Name <em>Wittgenstein<\/em> ist hier allgegenw\u00e4rtig.\nEiner der Grafen von Wittgenstein machte die Siedlung Laasphe zu einer Stadt,\nund als sp\u00e4ter die Grafschaft Sayn-Wittgenstein geteilt wurde, wurde Laasphe\nzur Residenzstadt der s\u00fcdlichen Grafschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre in den Kurpark. Laasphe ist erst seit 1990 Bad Laasphe. Das\nist kein Kurpark im konventionellen Sinne, eher ein St\u00fcck Natur als Park\nangelegt, hoch gelegen, und ganz einsam. Von ganz oben, von einem\nKriegerdenkmal aus, sieht man in die Stadt hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Aufstieg zum Kurpark komme ich an einem Eisengitter vorbei, das einen\nEingang in den Felsen verschlie\u00dft, alles auf einem schattigen Waldweg, mit\n\u00fcppiger Vegetation. Ein Schild kl\u00e4rt auf, worum es sich handelt: einen Bierkeller!\nUnd zwar einen im klassischen Sinne, einem Keller, in dem das Bier gelagert\nwurde. Hier war es so sch\u00f6n k\u00fchl, dass das Eis, das in dem Keller gelagert\nwurde, auch im Sommer nur ganz langsam schmolz und dabei langsam immer weiter\nin die Tiefe sank, so dass man stets eine konstante Temperatur von 8\u00b0 halten konnte,\ndie ideale Temperatur f\u00fcr die langsame Verg\u00e4rung der Bierw\u00fcrze. Ingeni\u00f6s! Man\nist den Menschen fr\u00fcherer Zeiten dankbar, dass sie sich mit so viel Liebe zum\nDetail der &nbsp;Entwicklung dieses wichtigen\nKulturguts gewidmet haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he des Bierkellers eine Gastst\u00e4tte, die den Namen <em>Bosch<\/em> hat. Der taucht hier auch \u00fcberall\nauf. Es ist der Name der lokalen Brauerei, in der elften Generation im\nFamilienbesitz. Der charakteristische Schriftzug hat einen gro\u00dfen\nWiedererkennungswert. Die Brauerei wurde urspr\u00fcnglich von einem B\u00e4cker\ngegr\u00fcndet und ist eine der \u00e4ltesten Nordrhein-Westfalens. <\/p>\n\n\n\n<p>Die B 62, vielbefahren und ger\u00e4uschvoll, zerschneidet die Stadt, teilt\nsie in zwei H\u00e4lften und trennt den Kurort von der historischen Altstadt ab. Die\nSuche nach einem klassischen Caf\u00e9 gestaltet sich schwierig, entweder\ngeschlossen oder voll oder in einen Thai-Imbiss umgewandelt. Selbst in einem\nCaf\u00e9 an der B 62, direkt beim Autol\u00e4rm, gibt es keinen freien Tisch. Ich lande\nam Ende in einer B\u00e4ckerei in der wie ausgestorben wirkenden Altstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Touristeninformation hat man mir ein Faltblatt mit einem\nStadtplan mitgegeben, und hier kann man alles gut erkunden, weil viele der\ninteressanten Orte bronzene Informationstafeln haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das meiste konzentriert sich in der K\u00f6nigstra\u00dfe, die sich hier etwas\nvollmundig <em>K\u00f6<\/em> nennt, und den angrenzenden Stra\u00dfen. \u00dcberall regiert das\nFachwerk, nur am Anfang der K\u00f6 nicht. Das liegt an dem Stadtbrand von 1822, dem\n12 H\u00e4user zum Opfer fielen. Ist ja noch mal gut gegangen, k\u00f6nnte man fast\nsagen. Denn alles andere blieb erhalten. Charakteristischerweise wurde das\nFachwerk, das als veraltet galt, irgendwann \u00fcbert\u00fcncht und dann, in den\nneunziger Jahren, im Rahmen einer gr\u00f6\u00dferen Stadtsanierung, wieder freigelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den sehenswerten H\u00e4usern befindet sich eins mit zwei geschnitzten\nWeinkaraffen an einer Ecke, ein Zeichen daf\u00fcr, dass es eine Sch\u00e4nke war. In\neinem anderen Wirtshaus, dem der Familie Bosch, wurde, wie es hei\u00dft,\n\u201erechtschaffenes Bier\u201c ausgeschenkt. Auch sch\u00f6n eine alte Schmiede und die alte\nHofapotheke. Weniger auff\u00e4llig ausgerechnet das alte Rathaus, schr\u00e4g zu einem\nPlatz hin gelegen. Praktischerweise befand sich in einem Anbau der st\u00e4dtische\nWeinkeller. Die Politiker wussten das Gute schon immer zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kreuzung der K\u00f6 mit der Brunnenstra\u00dfe stand einst der Brunnen, an\ndem sich die B\u00fcrger mit Wasser versorgten. Heute steht an der Stelle ein\nmoderner Brunnen, mit Darstellungen, die an die Bedeutung des Brunnens als\nViehtr\u00e4nke und zur Wasserversorgung und an B\u00fcrgerversammlungen im Rathaus erinnern.\nGanz oben drei Jungen beim Lachsfang, wieder eine Anspielung auf den Namen der\nStadt. Bei den Stadtfesten, hei\u00dft es, flie\u00dft statt Wasser das gute Bier von\nBosch aus dem Brunnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehe ich mir noch die Kirche an, die Keimzelle der Stadt, an\neinem ruhigen, gepflasterten Platz etwas abseits der K\u00f6 gelegen. Der Grundriss\nist irgendwie schief, und der m\u00e4chtige quadratische Turm scheint an der\nfalschen Stelle zu stehen, am Ende des Seitenschiffs statt des Mittelschiffs.\nAu\u00dferdem fehlt das andere Seitenschiff, die Symmetrie ist also den Bach runter\ngegangen. Das alles erkl\u00e4rt sich aus der Baugeschichte der Kirche. Das\nSeitenschiff ist n\u00e4mlich die urspr\u00fcngliche Kirche. Romanisch. Mit Turm. Mehr\ngab es nicht. An ihre Seite trat dann die neue Kirche, gar nicht viel sp\u00e4ter\nentstanden. Gotisch. Nur blieb eben die alte Kirche bestehen und wurde jetzt\nzum \u201eSeitenschiff\u201c der neuen. <\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist alles ganz einfach, evangelisch-reformiert. Der Altar ist\nnicht viel mehr als ein Tisch, und eine Kanzel gibt es nicht. Auch keine bunten\nFenster. Die Ausnahme ist die riesige Orgel \u00fcber der Empore im Westen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist niedrig, wirkt irgendwie gedrungen, aber hell, und die\ngemalten farbigen Verzierungen, zu allen Seiten gleich, k\u00f6nnen sich sehen\nlassen. Vorne, am Nordende des Chors, gibt es eine Loge. Die war den Grafen\nvorbehalten. Eher eine Loge zum Sehen als zum Gesehenwerden. Von den Pl\u00e4tzen\nder Gemeinde aus muss man sich schon den Hals verrenken, um da rein gucken zu\nk\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Raumeindruck des Seitenschiffs ist in Mitleidenschaft gezogen durch\ndie Emporen, die auch hier eingezogen sind. Man steht unter deren Unterseite.\nDen Raum als einstige Kirche kann man sich nicht mehr vorstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich mich lange genug umgeguckt. Die Pension muss bald \u00f6ffnen.\nAber als ich ankomme, macht keiner auf. Ich rufe an, und der Hauswirt erkl\u00e4rt\nmir, er sei im Moment nicht im Hause, aber er werde das f\u00fcr mich regeln. Mein\nZimmer sei oben, im 2. Stock. Der Schl\u00fcssel stecke in der T\u00fcr. Und mein Fahrrad\nk\u00f6nne ich in der Garage abstellen. Nur: Wie komme ich rein? Er bittet mich um\neinen Moment Geduld. Er w\u00e4hle sich jetzt gleich ein. Ich warte kurz, und\npl\u00f6tzlich geht die T\u00fcr auf. Wie von Geisterhand. Mangelnde Modernit\u00e4t kann man\nder Pension nicht nachsagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel hat sich inzwischen zugezogen. F\u00fcr morgen ist schlechtes\nWetter angesagt. <\/p>\n\n\n\n<p>26. August (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nkleine Zimmer in der modernen, ein ganz klein bisschen au\u00dferhalb des Zentrums\ngelegenen Pension, ist so funktional wie die Zimmer in billigen Hotelketten,\naber viel geschmackvoller eingerichtet, vom aufgerauten Putz der W\u00e4nde \u00fcber die\nHolzbalken an der Dachschr\u00e4ge bis zur Spiegelumrandung. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLahn, habe ich gelesen, flie\u00dft durch drei Bundesl\u00e4nder und m\u00fcndet nach 245\nKilometern in den Rhein. Sie ist damit der sechsl\u00e4ngste Nebenfluss des Rheins.\nWelche sind gr\u00f6\u00dfer? Mir fallen nur Main und Mosel ein. Aber auch die Neckar ist\ngr\u00f6\u00dfer. Fehlen immer noch zwei. Und da sieht man, dass ich zu \u201edeutsch\u201c gedacht\nhabe. Die beiden anderen sind Aare und Maas!<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLahn har keine Quelle im engeren Sinne. Sie entspringt eigentlich nicht. Sie\nbildet im Untergrund eines kleinen Naturschutzgebietes Rinnsale, die zu einem\nT\u00fcmpel werden. H\u00f6rt sich nicht so an, als m\u00fcsse man da unbedingt hin. Deshalb\nfahre ich gleich von Bad Laasphe aus los. <\/p>\n\n\n\n<p>Da\ndie Pension etwas erh\u00f6ht liegt, geht es mit Volldampf auf die erste Etappe. Die\nersten 500 Meter sind die schnellsten der gesamten Tagestour. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLahn \u00fcberquere ich zum ersten Mal an genau der Stelle, wo ich gestern bei den\nHolzfiguren der \u201eWalachei\u201c gehalten habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die uns\u00e4gliche B 62, aber nur bis zu einem Kreisverkehr. Dort geht es\nrechts ab in eine Stra\u00dfe, die durch ein Industrieviertel f\u00fchrt. Auch nicht\nbesser, aber immerhin weniger Verkehr. Bald kommt aber schon die Abbiegung nach\nlinks auf einen Feldweg. Wunderbar, ich bin allein mit mir und der Natur. <\/p>\n\n\n\n<p>An\nmehreren Stellen gibt es ein Hinweisschild, auf dem <em>Sonne<\/em> steht. Das\nkann ich jetzt nur als sarkastischen Kommentar auf die aktuelle Lage verstehen.\nVon der Sonne ist nichts zu sehen, und es fallen die ersten Regentropfen. Ich\nignoriere sie aber einfach. Mit Erfolg. Bald h\u00f6rt es auf zu regnen. Erst am\nfr\u00fchen Nachmittag fallen wieder vereinzelte dicke Tropfen, aber auch das ist\nnur ein Strohfeuer. Auch wenn das nicht gerade ein passendes Bild f\u00fcr\nRegentropfen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nvier Kilometern habe ich die Lahn schon dreimal \u00fcberquert. Und es folgen\nunendlich viele weitere \u00dcberquerungen, noch mehr als letztes Jahr bei der Nahe.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz\ndanach sieht man links eine Art M\u00fchlrad in der Lahn, ganz niedrig \u00fcber dem\nFlussbett. Die Erkl\u00e4rung wird gleich mitgeliefert. Ist allerdings eher was f\u00fcr\nMenschen mit technischem Sachverstand. Da ist von <em>Kupolofenbetrieb<\/em> die Rede und von <em>unterschl\u00e4chtig<\/em> und von <em>Schlackensand<\/em>.\n&nbsp;Laienhaft ausger\u00fcckt geht es wohl darum,\nmit der Schlacke, die beim Schmelzprozess des Gusseisens entsteht, noch was\nanzufangen. Denn die enth\u00e4lt noch mal wieder wertvolles Eisen. Im Wasser wird\ndas Eisen aus der Schlacke herausgewaschen, sozusagen. Eine Art\nRecyclingprozess. Das nennt sich <em>Schlackenpochen<\/em>.\nStatt <em>Pochen<\/em> kann man auch <em>Klopfen<\/em> oder <em>Stampfen<\/em> sagen. Wieder was dazugelernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nkm 5 muss ich zum ersten Mal aus dem Sattel, und kurz danach muss ich absteigen\nund schieben. Was meine Vermutung best\u00e4tigt: Flache Radstrecken gibt es nicht.\nWer ist f\u00fcr das Absteigen verantwortlich? Das alte Ross oder der alte Reiter?\nDer Antwort darauf m\u00f6chte ich lieber nicht ins Auge sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBeschilderung ist gut, aber man kann es sich keinen Moment erlauben,\nunaufmerksam zu sein. An einem Kreisverkehr biege ich fast falsch ab, weil ich\nden Vorwegweiser falsch gedeutet habe, und als es ein kurzes St\u00fcck die Stra\u00dfe\nentlang geht, verpasse ich fast die Abbiegung auf den Radweg auf der anderen\nStra\u00dfenseite. Aber alles geht gut. Brenzlig wird es sp\u00e4ter einmal, als der\nRadweg gesperrt und keine Umleitung ausgeschildert ist. Alle Richtungen\nscheinen falsch. Ich fahre auf gut Gl\u00fcck weiter und komme auf eine breite\nStra\u00dfe, ohne Randstreifen f\u00fcr Fahrr\u00e4der. Aber dann kommt nach zwei, drei\nKilometern wieder der Hinweis auf den Radweg und das Ziel: Gie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nerste Ort, durch den ich fahre, ist Niederlaasphe. Dort gibt es noch einmal eine\nsch\u00f6ne Abfahrt. Selbst mit Bremsen f\u00e4hrt man hier locker \u00fcber 30 km\/h.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbevorstehende Bundestagswahl wirft ihren Schatten in Form von Wahlplakaten\nvoraus. <em>Die Partei<\/em> macht durch Originalit\u00e4t auf sich aufmerksam: Mitten\nin einem verlassenen Waldst\u00fcck plakatiert sie \u201eFreies Internet hier!\u201c. Und dann fordert sie \u201eSchluss mit dem\nPlakatewahnsinn!\u201c Auf einem Plakat. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nsch\u00f6nste Moment \u00fcberhaupt kommt, als die Sonne pl\u00f6tzlich durch die Wolken\nbricht und die ganze Gegend hell bescheint. Ich fahre auf einem geraden Feldweg\nschnurstracks auf sie zu. Um mich herum Stille und \u00fcppige Vegetation. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Biedenkopf. Die Stadt liegt etwas abseits des Radwegs, \u00fcberragt von der\nLandgrafenburg mit dem m\u00e4chtigen <a>Bergfried <\/a>ganz hoch\noben auf dem Felsen. Der Bergfried stammt aus dem Hochmittelalter. Der Palast\ndaneben ist j\u00fcnger und f\u00e4llt vor allem durch seinen m\u00e4chtigen Dachstuhl auf. Ein\nsch\u00f6ner Anblick. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Schautafel lese ich, dass es hier eine mitten in der Lahn stehende\nSkulptur gibt. Sie liegt aber nicht am Radweg. Ich muss l\u00e4nger suchen und\nzweimal fragen, aber das ist mir die M\u00fche wert. An einer kleinen Kr\u00fcmmung der\nLahn hat man die \u00fcppige Uferbewachsung gestutzt und den Blick auf die Skulptur\nfreigelegt. Sie zeigt ein Kind, in geb\u00fcckter Haltung, das im Wasser spielt. Es\nscheint auf der Wasseroberfl\u00e4che zu schweben. Die Skulptur vers\u00f6hnt symbolisch\nMensch und Natur. Der Name der Skulptur, <em>El\nNi\u00f1o<\/em>, weist aber nicht nur auf das Kind hin, sondern was wohl auch auf das\nWetterph\u00e4nomen und die durch den Menschen zerst\u00f6rerisch gewordene Natur. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach\neiner kleinen Pause geht es weiter. Wieder geht es die ganze Zeit \u00fcber\nasphaltierte Feldwege. Sch\u00f6n und leicht zu fahren. Wenn es mal ein St\u00fcck eine\nStra\u00dfe entlang geht, folgt meist schon kurz darauf die Abbiegung auf den Radweg\nauf der anderen Seite.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nwieder h\u00f6rt man das Rauschen der Autos, einmal sogar von beiden Seiten, aber in\ngeh\u00f6riger Entfernung. Und die Stra\u00dfe kommt kaum einmal zum Vorschein. Sie\nbleibt durch die B\u00e4ume dem Auge verborgen.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLahn ist sch\u00f6n. Mal pl\u00e4tschert sie vor sich her, mal rauscht sie, mal flie\u00dft\nsie gem\u00e4chlich vor sich hin, mal steht sie wie ein See. Was besonders sch\u00f6n ist:\nSie ist ein richtiger Fluss, unregelm\u00e4\u00dfig in der Form, ohne Begradigungen an\nden Seiten. Manchmal h\u00f6rt man sie nur, weil sie sich hinter der wild wuchernden\nVegetation der Uferb\u00f6schung versteckt, manchmal merkt man sie gar nicht, bis\nirgendwo eine Sichtl\u00fccke entsteht. Ach guck mal, da ist ja die Lahn! Auch wenn\nder Radweg sie immer wieder mal verl\u00e4sst, kreuzt sie kurze Zeit sp\u00e4ter wieder\nauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\nBiedenkopf gibt es noch mal einen langgezogenen Anstieg in den Wald hinein. Die\nStrecke entsch\u00e4digt aber daf\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>In\neinem Ort mit dem sch\u00f6nen Namen <em>Friedensdorf<\/em> (hat mit <em>Frieden<\/em>\nwahrscheinlich genauso wenig zu tun wie <em>Friedhof<\/em>) steht ein altes\nM\u00fchlenwerk in einem Bau aus dunkelroten Backsteinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nzwei Stunden komme ich nach Caldern, einem alten Bauerndorf mit hohen H\u00e4usern,\nFachwerk \u00fcber einem steinernen Erdgeschoss. Jetzt w\u00e4re eine B\u00e4ckerei f\u00fcr eine\nkleine Pause sehr willkommen. Aber es ist weit und breit nichts zu sehen. Ich\nkomme ans Ortsende, und siehe da: eine B\u00e4ckerei! Eine M\u00fchlenb\u00e4ckerei. Die M\u00fchle\nwurde schon 1399 erstmals erw\u00e4hnt und ging dann in den Besitz eines\nZisterzienserklosters und dann in den Besitz der Universit\u00e4t Marburg \u00fcber. Sie\nwurde betrieben von \u201eUniversit\u00e4ts-Erbleihm\u00fcllern\u201c betrieben, wie eine\nSchautafel erkl\u00e4rt. Was das ist, kann man sich nur ungef\u00e4hr vorstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsetze mich mit Kaffee und Croissant nach drau\u00dfen auf eine Holzbank. Ein\nweiterer Radfahrer kommt und gr\u00fc\u00dft mich freundlich. Er war in derselben Pension\nin Laasphe. Er nimmt die Route Richtung Fulda und Weser. Scheint sehr fit zu\nsein, er will all das in wenigen Tagen absolvieren. Mit dem Streik hat er nicht\nso viel Gl\u00fcck gehabt wie ich. Er hatte eine Zugfahrkarte nach W\u00fcrzburg am\nDienstag. Die Fahrt fiel ins Wasser. Daraufhin hat er kurzfristig umdisponiert\nund ist zu Hause losgefahren, in Duisburg. Das nennt man Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nRichtungsschilder f\u00fcr die Radwege lassen keinen Zweifel: Wir sind inzwischen in\nHessen. Das Autokennzeichen ist MR = Marburg. Unter den vielen Hinweisschildern\nf\u00fcr Radfahrer befindet sich eins, auf dem <em>Hochwasserumleitung<\/em>\nsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nkm 20 kommt mir zum ersten Mal ein Radfahrer entgegen, kurz nachdem ich gedacht\nhabe: \u201eKomisch, die ganze Zeit ist dir noch kein Radfahrer entgegengekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nder rechten Seite eine ganze Kolonie von Kr\u00e4hen, alle zu Gruppen geformt: Eine\nGruppe sucht in dem frisch einges\u00e4ten Feld nach Samen, eine andere hat es sich\nauf der Stromleitung bequem gemacht, eine dritte fliegt aufgeregt flatternd\ndurch die Luft, in eine bestimmte Richtung, als h\u00e4tten sie was ganz Dringendes\nzu erledigen. Als Kontrastprogramm schwebt \u00fcber mir ein Vogel mit gro\u00dfen\nSchwingen, die Fl\u00fcgel kaum bewegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nkm 30 geht es auf eine Schotterpiste. Die Fahrt verlangsamt sich ein bisschen,\naber der Untergrund ist fest und beeintr\u00e4chtigt das Fahren ansonsten nicht. Ich\nmuss an den Radfahrer aus Marburg denken, der gestern in der B\u00e4ckerei in\nLaasphe ank\u00fcndigte, er wolle lieber \u00fcber die Bundesstra\u00dfe zur\u00fcckfahren. Der\nRadweg sei ihm zu ruckelig und man m\u00fcsse auch noch \u00fcber einen Schotterweg\nfahren. Das ist Klagen auf hohem Niveau. Der Anteil an Schotterpisten ist so\ngering, dass er nicht weiter in die Waagschale f\u00e4llt. Unebenheiten gibt es,\neinerseits durch kleine Risse im Pflaster, andererseits durch Flicken, die bei\nAusbesserungsarbeiten entstanden sind, aber das trifft nur auf vereinzelte\nStellen zu und beeintr\u00e4chtigt das Fahren nicht sonderlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nStreckenabschnitt ist wie eine Autobahn f\u00fcr Radfahrer. Zwei Spuren, durch einen\nGr\u00fcnstreifen getrennt. Allerdings fehlt die \u00dcberholspur. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem freien Feld muss ich an einem unbeschr\u00e4nkten Bahn\u00fcbergang der <em>Kurhessenbahn<\/em>\nden Vortritt lassen. Die f\u00e4hrt nach Laasphe. Das ist der Zug, mit dem ich\ngestern angereist bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach\nwird die Natur etwas unansehnlicher. Es geht durch einige kleine Orte, die\nunter dem Namen <em>Lahntal<\/em> zu einer Gemeinde zusammengefasst worden sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber\nes gibt immer wieder Ausnahmen. Ein Streckenabschnitt f\u00fchrt an den Zugschienen\nentlang, mit bunten Feld- und Wiesenblumen am Rand. Nach einer Kurve kommt auf\neiner langgestreckten Wiese eine riesige Herde in Sicht, Schafe und Ziegen\nfriedlich vereint. Die Schafe sind fast alle geschoren, aber nicht alle. Den\nFr\u00f6stepittern hat man ihren Pelz belassen. Es gibt braune und wei\u00dfe Ziegen und\nschwarze und gescheckte und graue mit schwarzem Kopf. Alle, Schafe wie Ziegen,\nwidmen sich einer einzigen T\u00e4tigkeit: dem Fressen. Die einzigen Ausnahmen sind\nein paar L\u00e4mmer, die friedlich im Gras liegen und wiederk\u00e4uen. Hin und wieder\nantwortet auf den hellen Ruf eines umherirrenden Lamms der tiefe Ruf der\nMutter. Von einem Sch\u00e4fer ist weit und breit nichts zu sehen. Als ich\nweiterfahre, sehe ich ihn in geh\u00f6riger Entfernung auf einem Damm stehend, eine\nZigarette in der Hand. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nkm 45 kommt C\u00f6lw, eine gr\u00f6\u00dfere Stadt mit Tankstelle, S\u00e4gewerk und Pizzaservice.\nKeine sch\u00f6ne Strecke, aber immer gibt es einen Radweg, gut von der Stra\u00dfe\nabgetrennt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen schon die Vororte von Marburg, hoch oben gelegen, w\u00e4hrend die Fahrt\nunten wieder an der Lahn entlang geht. Man sieht Ausflugsboote, und dann kommt\ndas Panorama der Altstadt in Sicht, aufsteigend von links nach rechts die\nElisabethkirche, das Rathaus (ein Haus mit Treppengiebel) und das Schloss. So\nerkl\u00e4re ich es mir jedenfalls. Aber das scheint hinten und vorne nicht zu\nstimmen. Bei der Kirche scheint es sich eher um die Universit\u00e4tskirche zu\nhandeln, und das Rathaus hat, soweit ich das sehen kann, keinen Treppengiebel. <\/p>\n\n\n\n<p>Marburg\nhat die \u00e4lteste protestantische Universit\u00e4t \u00fcberhaupt. Und ausgerechnet hier\nmusste meine sehr katholische Schw\u00e4gerin studieren. Und ihr Sohn erlebte hier\nden H\u00f6hepunkt seiner Laufkarriere, beim Marburger Nachtmarathon. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nMarburg denkt man an das Marburger Religionsgespr\u00e4ch, an die Universit\u00e4t, an\nElisabeth von Th\u00fcringen, vielleicht noch an die <em>Blista<\/em>, die\nBlindenstudienanstalt, aber nicht unbedingt an Behring. Der aber wirkte in\nMarburg. Er bekam hier eine Professur f\u00fcr Hygiene. Er hatte sich bereits in der\nInfektionsmedizin profiliert. Nicht mit chemischen Mitteln, sondern mit\nk\u00f6rpereigenen Abwehrstoffen seien Bakterien zu bek\u00e4mpfen. Das war der Beginn\nder Blutserumtherapie. Durch die ging die Kindersterblichkeit an Diphtherie\nzur\u00fcck. Sp\u00e4ter forschte er \u00fcber die Massenkrankheit Tuberkulose. Er bekam den\nersten Nobelpreis in Medizin. Und gr\u00fcndete die Behrigwerke, die sp\u00e4ter zu einem\nGlobal Player in der pharmazeutischen Industrie wurden. Dabei waren seine\nStartchancen nicht gut: Er war das f\u00fcnfte Kind eines mittellosen\nDorfschullehrers und verlor neun Jahre Zeit als Milit\u00e4rarzt, um sein\nStudienstipendium zur\u00fcckzuzahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nwill Marburg nicht links liegen lassen und schiebe mein Rad in die Stadt hinein\n\u2013 oder besser in die Stadt hinauf. Denn wenn es steil gibt, dann Marburg. Nicht\numsonst gibt es hier einen Aufzug in die Oberstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nf\u00e4llt mir das Ampelm\u00e4nnchen in den Blick, denn es ist keins. Hier reichen sich\nMann und Frau die Hand und gehen gemeinsam \u00fcber den Zebrastreifen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nOptikergesch\u00e4ft hei\u00dft <em>Neusehland<\/em>. Die Suche nach originellen\nGesch\u00e4ftsbezeichnungen treibt tollt Bl\u00fcten. <\/p>\n\n\n\n<p>Rauf\ngeht\u2019s und immer weiter rauf. Irgendwie k\u00e4mpfe ich mich bis zum Marktplatz\nhoch. Dort lasse ich das Fahrrad mit Gep\u00e4ck stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMarburger Rathaus ein Relief, das Elisabeth von Th\u00fcringen zeigt, eine\nmittelalterliche \u201eAussteigerin\u201c. Ihr \u201eGuru\u201c war Franziskus. Alles abgeben, sich\num Arme und Kranke k\u00fcmmern. Die Br\u00fcder ihres verstorbenen Mannes waren alles\nandere als begeistert. Hier, in dem Relief, tr\u00e4gt sie eine Krone. In einer Hand\nh\u00e4lt sie ein Modell der Elisabethkirche, der Kirche, die nach ihrem Tod f\u00fcr sie\ngebaut und nach ihr benannt wurde. Ihre Kleidung mit den vielen\n\u00fcbereinandergeschlagenen Gew\u00e4ndern sieht nicht gerade praktisch aus. Ob sie\neher auf Reichtum oder Armut hindeutet, ist nicht so leicht zu entscheiden. <\/p>\n\n\n\n<p>Am\nRande des Marktplatzes steht eine kleine Skulptur von Sophie\nvon Brabant. Sie ist so etwas wie die Stammmutter des Hauses Hessen. Einer\nihrer Nachfahren war Philipp der Gro\u00dfm\u00fctige, der schon fr\u00fch die Bekanntschaft\nmit Luther machte und eine wichtige Rolle in der Reformation spielte. In seiner\n\u00c4gide wurde das Rathaus vollendet. Er war verheiratet mit Christina von\nSachsen. Mit der hatte er zehn Kinder. Das reichte ihm aber nicht. Er ging mit\nMargarete von der Saale eine Zweit-Ehe ein, eine morganatische Ehe. Aus dieser\ngingen weitere neun Kinder hervor. Philipp hatte, um auf Nummer Sicher zu\ngehen, Luther und Melanchthon um ihre Zustimmung zu der Ehe gebeten. Er\nbegr\u00fcndete das damit, dass er drei Hoden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSuche nach der Elisabethkirche gestaltet sich unerwartet schwierig. Sie liegt\nnoch weiter oben. Da muss ich wieder hin, nachdem mich ein Postbote mit dem\nAufzug nach unten geschickt hat. Die Kirche liegt fast au\u00dferhalb der\neigentlichen Altstadt, am Fu\u00dfe des Schlosses. Hallenkirche, dreischiffig, aus\nrotem Sandstein, mit zwei spitz zulaufenden T\u00fcrmen. Reinste Gotik. Fr\u00fche Gotik.\nSie gilt als die \u00e4lteste gotische Kirche Deutschlands. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nbegn\u00fcge mich mit einem kurzen Rundgang und setze mich dann in ein Caf\u00e9. Dort\nbekomme ich eine Waffel und einen Kaffee, der Tote wieder auferstehen l\u00e4sst.\nUnd schreibe schnell eine Postkarte, die es eilig hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhabe es auch eilig und mache mich wieder auf den Weg. G\u00f6ttingen habe ich vorher\nlinks liegen lassen, und auch nach Wetter bin ich nicht abgebogen, aber daf\u00fcr\nkomme ich jetzt durch Weimar. <\/p>\n\n\n\n<p>Um\nWeimar herum hohe Maisfelder. Die erinnern mich an die Tour an der Weser, wo\nsie meine st\u00e4ndigen Begleiter waren. Am Rande eines Maisfeldes steht ein Reh.\nIch bleibe stehen, auf dem Radweg, in geh\u00f6riger Entfernung. Reglos. Es hebt den\nKopf, spitzt die Ohren und nimmt Witterung auf. Und verschwindet in dem\nMaisfeld. R\u00e4tselhaft, wie es da \u00fcberhaupt hineinpasst. Die Maisst\u00e4ngel stehen dicht an dicht und sehen\nhart wie Bambus aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nich mein Tagesminimum von 66 km erreicht habe, bin ich schon sechs Stunden\nunterwegs. Warum es so lange gedauert hat, kann ich mir nicht erkl\u00e4ren. Die\nStrecke ist einfach zu fahren, und es lief ganz gut, hatte ich den Eindruck.\nTrotzdem machen sich erste Erm\u00fcdungserscheinungen bemerkbar. <\/p>\n\n\n\n<p>An\nEingang eines Ortes hat jemand am Feldrand seinen Heimtrainer deponiert. Es ist\nihm wohl einfach zu viel geworden. Die Kraft hat einfach nicht mehr gereicht,\nnicht einmal zu einer konventionelleren Form der Entsorgung des Ger\u00e4ts. Passend\ndazu der Name des Ortes: <em>Fronhausen<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Gie\u00dfen. \u00dcber eine sch\u00f6ne, moderne Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke geht es auf die andere\nSeite der Lahn. Auf dem Wasser zieht ein Einer seine Bahn, gefolgt von einem\nZweier mit zwei jungen Ruderern, die versuchen, in die Spur zu kommen. Neben\nihnen ein Motorboot. Von dem gibt der Trainer laute Anweisungen. Tats\u00e4chlich\ngelingt es den beiden, in die Spur zu kommen, und der Trainer macht sich auf\nden Weg, den Einer einzuholen, um ihm Anweisungen zu geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Gie\u00dfen, eine betriebsame Stadt, kehrt der Lahn ihren\nR\u00fccken zu. Im Zentrum ist von ihr nichts zu sehen. Ich fahre Richtung Zentrum\nund schiebe dann das Rad durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Nirgendwo ein Hinweis auf die\nTouristeninformation, und wen soll man fragen? Junge Leute geht gar nicht, die\nwissen nur, wo <em>H&amp;M<\/em> ist. Ausl\u00e4nder auch nicht, f\u00fcr die ist durch die\nGegend fahren und sich was ansehen keine Kategorie. Alte Frauen geht auch\nnicht, die sind desorientiert. Und so weiter. Man kann es den Leuten ansehen,\nob sie Bescheid wissen. Und dann kommt die Richtige: Frau mittleren Alters,\ngut, aber leger gekleidet, Haar hinten zusammengesteckt, kleiner Rucksack auf\ndem R\u00fccken. Die wei\u00df es, denke ich mir. Und stimmt: Sie wei\u00df es. Erkl\u00e4rt\nperfekt, und sieht mir dann noch nach, um sicherzustellen, dass ich in die\nrichtige Stra\u00dfe abbiege. Ja, so ist das mit den Vorurteilen. Manchmal tut die\nRealit\u00e4t alles, um sie zu best\u00e4tigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau in der Touristeninformation f\u00fchrt ein\nprivates Telefongespr\u00e4ch. W\u00e4hrend sie mich warten l\u00e4sst, vertraut sie ihrer\nFreundin an, manche Leute h\u00e4tten eben einfach keine Sozialkompetenz. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann an der Reihe bin, ist sie sehr\nhilfsbereit. Sie empfiehlt das <em>City<\/em> <em>Hotel<\/em>, nur ein paar Schritte\nentfernt. Ist gebongt. Bitte reservieren. (Bei der Gelegenheit erinnere ich\nmich daran, dass <em>gebongt<\/em> ein Verb ist, von dem es keine Grundform und\nwohl auch keine gebeugten Formen gibt, nur das Partizip!)<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>City Hotel<\/em> ist altmodisch und verwinkelt,\ndas Gegenteil von der Pension in Laasphe. Daf\u00fcr teurer. Das Fahrrad wird unten\nim Hausflur abgestellt, ein Provisorium. Im Treppenhaus h\u00e4ngen Photos von\nBer\u00fchmtheiten, die hier abgestiegen sind, meist Filmschauspieler, glaube ich.\nViele Gesichter kenne ich, aber ich kann keine Namen zuordnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben an der Rezeption ein Mann mit astreinem\nDeutsch, aber einem markanten fremdl\u00e4ndischen Akzent. R\u00f6mer. Mit einer\nSpanierin verheiratet. Deren Eltern ein spanisch-italienisches Paar waren. Er\nkam mit 17 nach Deutschland, um seine Schwester zu besuchen. Und ist bis heute\ngeblieben. So spielt das Leben seine lustigen Streiche mit uns. \u201eSeien Sie\nfroh, dass Sie noch Rad fahren k\u00f6nnen\u201c, sagt er. Recht hat er. Er war fr\u00fcher\nein begeisterter Radfahrer, aber jetzt geht es nicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Er nimmt genau auf, was ich zum Fr\u00fchst\u00fcck w\u00fcnsche\nund notiert alles auf einem abgerissenen Zettel. Eigentlich ist mir alles egal,\nob ich am n\u00e4chsten Morgen Roggenbr\u00f6tchen bekomme oder nicht, ist mir egal. Aber\nich gebe bereitwillig meine Bestellung auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Da es immer noch nicht regnet, drehe ich noch eine\nkleine Runde um den Block. Vor dem Geb\u00e4ude der Stadtwerke eine lange Schlange.\nWas wollen die nur? Ich frage die Letzte in der Schlange: Fahrkarten! Der\nAugust geht zu Ende, und es wird Zeit, sich die Monatskarten f\u00fcr September zu\nsichern. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem modernen Friseursalon steht am Schaufenster\ndas Wort <em>Friseur<\/em> in den verschiedensten Sprachen: <em>barber<\/em>, <em>barbeiro<\/em>, <em>peluquero<\/em>, <em>coiffeur<\/em>, <em>parrucchiere<\/em>, \u03ba\u03bf\u03c5\u03c1\u03ad\u03b1\u03c2 und \u043f\u0430\u0440\u0438\u043a\u043c\u0430\u0301\u0445\u0435\u0440, also eigentlich \u201aPer\u00fcckenmacher\u2018,\nein Wort, das die Russen von den Holl\u00e4ndern \u00fcbernommen haben. Und das\neigentlich gar nicht so weit von <em>parrucchiere<\/em>\nentfernt ist. Dazu weitere W\u00f6rter, in lateinischen Buchstaben oder in anderen\nSchriften, darunter ein Wort in einer fremden Schrift, bei der man nicht wei\u00df,\nwo unten und oben und wo rechts und links ist. Ob der Friseur das wei\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne kommt raus, und ich setze mich auf die\nTerrasse eines Lokals und bestelle eine gro\u00dfe Flasche Wasser. Eisgek\u00fchlt.\nWunderbar. Daf\u00fcr nehmen sie den stolzen Preis von 6,90 \u20ac! Ein Lehrbuchbeispiel\nf\u00fcr Profitmaximierung. Die Gewinnspanne d\u00fcrfte bei 600% oder so liegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme mir den Stadtplan vor, den mir die Frau in\nder Touristeninformation gegeben hat. Gie\u00dfen wurde im Krieg schwer zerst\u00f6rt, es\ngalt als Hochburg des Nationalsozialismus. Wenige historische Bauten sind\n\u00fcbriggeblieben. Aber wenn man mehr Zeit hat, w\u00fcrde sich die Stadt trotzdem\nlohnen, vor allem wegen der Museen. Ich erinnere mich an das <em>Mathematikum<\/em>, eine Erfindung\nBeutelsbachers. Dahin bin ich mal gefahren, nur um zu entdecken, dass ich bei\nganz simplen Aufgaben, die die Schulkinder neben mir spielend l\u00f6sen konnten,\nimmer wieder gescheitert bin. Im Alten Schloss gibt es ein Museum f\u00fcr Kunst und\nKunsthandwerk, und als Kuriosit\u00e4t gibt es ein Gie\u00dfkannenmuseum.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem gibt es aber das Liebig-Museum. Liebig wurde\nin Gie\u00dfen Professor. Mit 21! Ohne Abitur! An allen Regularien vorbei bekam er\nauf Empfehlung von Alexander von Humboldt einen Lehrstuhl in Chemie. Mit 16 hatte er sich\ndas chemische Wissen seiner Zeit komplett angeeignet. Er blieb 28 Jahre und\nverhalf der Gie\u00dfener Universit\u00e4t zu internationalem Ruhm. 44 Nobelpreistr\u00e4ger\nkamen aus seiner Schule! Er war erfindungsreich, aber nicht gesch\u00e4ftst\u00fcchtig.\nDen Reibach machten andere. Sein Backpulver nahm einer seiner Sch\u00fcler mit in\ndie USA und sp\u00e4ter wurde es in Deutschland von Dr. Oetker in handlichen T\u00fctchen\nvermarktet. Er erfand k\u00fcnstliche Muttermilch, von Nestl\u00e9 als Kindermehl\nvermarktet. Auch mineralischen D\u00fcnger und den Silberspiegel erfand er. Der\nSilberspiegel war deshalb wichtig, weil er den Amalgamspiegel ersetzte, bei\ndessen Herstellung mit giftigem Quecksilber viele Heimarbeiter qualvoll\nstarben. Das Backpulver hatte er erfunden, um die Versorgungslage der Soldaten\nund der Bev\u00f6lkerung zu verbessern. Heute bleibt unter seinem Namen nur noch der\nLiebig-Fleischextrakt. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben Liebig ist auch R\u00f6ntgen mit Gie\u00dfen assoziiert. Er war zehn Jahre\nlang Professor hier. Auf dem Gie\u00dfener Friedhof ist er zusammen mit seiner Frau\nbegraben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich drehe eine kleine Runde durch die Innenstadt, kleinstm\u00f6glicher\nRadius. Als erstes komme ich an der Beith-Jaakov-Synagoge vorbei, mit einer\nInschrift in Hebr\u00e4isch \u00fcber dem Eingangstor, ein Zitat aus einem Psalm Davids.\nDie alte Synagoge war in der Reichskristallnacht zerst\u00f6rt worden. Dieses\nGeb\u00e4ude wurde 1998 vollendet. Die ersten Juden nach 1945 kamen als <em>displaced persons<\/em> nach Gie\u00dfen. Einige\nblieben. Sp\u00e4ter kamen vor allem Juden aus der Sowjetunion hinzu. <\/p>\n\n\n\n<p>In unmittelbarer N\u00e4he ein Haus mit einer Plakette. Hier stand das\nGeburtshaus von Wilhelm Liebknecht, einem der Gr\u00fcnder der Sozialdemokratischen\nPartei. Er stammte aus einer seit Jahren in Gie\u00dfen ans\u00e4ssigen Gelehrtenfamilie.\nNach der Revolution von 1848 musste er ins Exil gehen. Er ging nach London, wo\ner auch mit Marx und Engels zusammenarbeitete. Dass ihr Verh\u00e4ltnis sp\u00e4ter immer\nproblematischer und der ideologische Graben immer breiter wurde, verr\u00e4t die\nTafel nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an der Stadtkirche vorbei, von der nur noch der Turm steht,\nquadratisch und kompakt. Hier ist das Stadtmuseum untergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann frage ich mich zum Alten Schloss durch, schon etwas au\u00dferhalb des\nheutigen Zentrums gelegen. Gleich daneben das Neue Schoss. Beide sind aus rotem\nSandstein, mit sch\u00f6nen Renaissance-Giebeln, aber beide sehen nicht so alt aus,\nwie sie sein sollen. Vielleicht ist das heutige Aussehen das Resultat einer\nRestaurierung des 19. Jahrhunderts. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den beiden Geb\u00e4uden, unter B\u00e4umen, ein Kriegerdenkmal, eine\nungew\u00f6hnlich zur\u00fcckhaltende und nachdenklich machende Variante eines\nKriegerdenkmals. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Neue Schloss, eigentlich ein Ensemble mehrerer Geb\u00e4ude, beherbergt schon\nseit l\u00e4ngerer Zeit Institute der Gie\u00dfener Universit\u00e4t. Vor der gepflegten\nRasenfl\u00e4che stehen zwei moderne Bronzeb\u00fcsten. Eine stellt eine Frau dar, deren\nNamen ich noch nie geh\u00f6rt habe, die andere Horst-Eberhard Richter,\nPsychoanalytiker und Sozialphilosoph. Ich erinnere mich an die Zeit, wo er in\naller Munde war. Damals behauptete jeder, <em>Die\nGruppe<\/em> gelesen zu haben.&nbsp; Er war\neiner von denen, die zu <em>jedem<\/em>\naktuellen Thema Stellung nahm und auch dazu befragt wurde. Er kam schon 1962\nnach Gie\u00dfen und lehrte hier bis zu seiner Emeritierung 1991.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine letzte Station ist das Alte Schloss, heute Museum. Vor dem Geb\u00e4ude\neine ganze Reihe von Bronzeb\u00fcsten. Sie sollen Pers\u00f6nlichkeiten ehren, die\nirgendwas mit Gie\u00dfen zu tun hatten und dem \u201eForstschritt\u201c dienten: B\u00fcchner,\nB\u00f6rne, Liebknecht usw. B\u00fcchner war allerdings von Gie\u00dfen gar nicht begeistert.\nEr attestierte ihm \u201ehohle\nMittelm\u00e4\u00dfigkeit\u201c. Aber er kam um Gie\u00dfen nicht herum. Er musste sein\nMedizinstudium in Hessen abschlie\u00dfen. Befehl des Vaters, Gesetz des\nLandesherrn. Er war von Stra\u00dfburg hierhergekommen und trauerte seiner Braut\nnach, die er dort zur\u00fcckgelassen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz vage nur\nnoch erinnere ich mich an einen Germanisten in M\u00fcnster, der sich ganz dem Werk\nB\u00fcchners verschrieben hatte. Eine clevere Entscheidung. B\u00fcchners Werk ist\nmodern, von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die Literatur und vor allem \u2013 \u00fcberschaubar. Er\nwurde nur 23 und hinterlie\u00df gerade mal eine Handvoll B\u00fccher. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gibt es nur\nnoch eins. Zur\u00fcck zum Hotel. Ausruhen ist angesagt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>27.\nAugust (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wollte man alle\nM\u00e4ngel des Hotels nennen, w\u00fcrde eine ganz sch\u00f6ne Liste zusammenkommen, aber\neins muss man sagen: Trotz der zentralen Lage war es sehr ruhig. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Ziel\nheute ist Wetzlar. Ich erinnere mich an die Zeit, als es heftige Diskussionen\nund viel Aufregung gab, weil Gie\u00dfen und Wetzlar zu einer Stadt zusammengelegt\nworden waren, eine Stadt mit dem Namen <em>Lahn<\/em>. Autokennzeichen L. Nach all\nden Protesten musste das wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Im Nachhinein sagen\neinige, dass die Zusammenlegung gar keine schlechte Idee war, aber rationale\nArgumente z\u00e4hlen nicht, wenn Volkes Zorn sich Luft verschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Radweg nach\nWetzlar ist schon am Markt in Gie\u00dfen ausgeschildert. Wunderbar! Beschwingt\nmache ich mich auf den Weg. Man \u00fcberquert eine gro\u00dfe Kreuzung, und schon ist\nman an der Lahn. Der Radweg f\u00fchrt \u00fcber einen breiten Spazierweg mit ebenem\nUntergrund direkt an der Lahn entlang. Perfekt! Aber ach, nach ein paar hundert\nMetern ist die Pracht schon wieder vorbei: Radweg gesperrt. Es geht auf einer\nUmleitung die Stra\u00dfe entlang, erst ohne, sp\u00e4ter mit Radweg. Man fragt sich, wie\nlange das wohl anhalten wird, aber nach ca. vier Kilometern kommt Entwarnung:\nEs geht auf den Radweg zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erste St\u00fcck\nist idyllisch. Viel Natur, Einsamkeit, die Lahn. Neben einer Stromschnelle hat\nman eigens eine Bootsgasse eingerichtet, damit die Freizeitkapit\u00e4ne hier nicht\nbaden gehen. Ganz in der N\u00e4he ein Hochsitz der einfachsten Art, ohne Dach und W\u00e4nde,\nnur aus einer Leiter und einer Bank bestehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser\nStreckenabschnitt endet aber schon bald, ich muss mich eine hohe Br\u00fccke\nhinaufqu\u00e4len, auf der eine Schnellstra\u00dfe \u00fcber die Lahn f\u00fchrt, und gleich danach\nmuss ich die Schnellstra\u00dfe unterqueren. Sie wird mir heute im Laufe der Tour\ntreu bleiben. Ich werde sie so oft \u00fcberqueren wie gestern die Lahn. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ist etwas\nzerst\u00fcckelt, kaum geht es mal eine l\u00e4ngere Strecke geradeaus. Mal kommt man\ndurch ein Wohnviertel, mal geht es an einer Zementfabrik vorbei, mal geht es\nunter einer Autobahnbr\u00fccke mit einer unendlichen Reihe von Pfeilern her. Aber\ndie Strecken direkt an der Lahn entsch\u00e4digen daf\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Pferden auf\nder Koppel hat man Decken \u00fcbergelegt. Verst\u00e4ndlich. Es ist herbstlich k\u00fchl, und\ndazu gesellt sich immer wieder f\u00fcr kurze Zeit heftiger Wind. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor Heuchelheim\ngeht es f\u00fcr eine kurze Strecke auf eine Schotterpiste, dann geht es der Stra\u00dfe\nentlang, auf einem Radweg, der von der Stra\u00dfe durch einen Gr\u00fcnstreifen voller\nKornblumen getrennt ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder gibt\nes einen Anstieg. Nichts f\u00fcr die Bergwertung, aber genug, um mich aus der Puste\nzu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Heuchelheim\ngucke ich st\u00e4ndig in die Luft. Vergeblich. Was ich suche, kann man hier gar\nnicht finden, denn ich habe Heuchelheim und Wetzlar verwechselt. In Wetzlar \u00fcber den H\u00fcgeln befindet sich das, was ich hier\ngesucht habe, ein modernes Geb\u00e4ude in Form eines Kamera-Objektivs und eines\nFernglases, eine Anspielung auf die Leica, die lange hier produziert wurde, von\nErnst Leitz auf der Leipziger Messe pr\u00e4sentiert und dann in Serie hergestellt.\nDie handliche <em>Leica M<\/em> revolutionierte die Pressephotographie und\nbegr\u00fcndete den legend\u00e4ren Charakter der Leica-Kamera. Die gr\u00f6\u00dften Photographen\ndes 20. Jahrhunderts benutzten sie. Die Leica war die Marke schlechthin, trotz\ndes Preises. Dennoch musste die Firma in die Insolvenz. Sie wurde dann von\neinem Investor aufgekauft, der das moderne Geb\u00e4ude schuf. Dort t\u00fcfteln nun 650\nMitarbeiter an der Weiterentwicklung. <\/p>\n\n\n\n<p>Heuchelheim, daher die Verwechslung, hat auch was mit der Photographie\nzu tun. Hier befindet sich in einem ehemaligen Backhaus ein Kamera-Museum. Das\nhat seinen Grund. Hier wurde fr\u00fcher die <em>Minox<\/em> hergestellt, die erste\nKleinstbildkamera der Welt, von Walter Zapp erfunden. Kleiner als eine Zigarre,\nleichter als ein Feuerzeug, robust, mechanisch einwandfrei. Die Kamera machte\nFurore, wurde weltweit bekannt durch die James-Bond-Filme. Sie wurde auf beiden\nSeiten des Eisernen Vorhangs zu einem begehrten Objekt f\u00fcr Spione. Laut Zapp\nwar das das einzige Einsatzgebiet, an das er bei der Herstellung der Kamera nie\ngedacht hatte! Zapp wurde in Riga geboren und starb in Basel und wurde fast 100\nJahre alt. <\/p>\n\n\n\n<p><a>In der N\u00e4he von Heuchelheim, auf H\u00f6he des\nDutenhofener Sees, wurde 1894 der Nullpunkt der Lahn-Kilometrierung festgelegt.\nDie Lahn wird im oberen Flussverlauf im Minus gemessen! Leider habe ich keine\nder negativen Angaben gesehen. Erst sp\u00e4ter sehe ich im Verlauf der Tour\nKilometerangaben wie 45. <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Wetzlar.\nWieder ist der Radweg gesperrt, wegen einer Gro\u00dfbaustelle an einer Br\u00fccke. Ich\nschiebe mein Rad etwas orientierungslos durch die Gegend, mit dem Versuch, in\ndie Altstadt zu gelangen. Irgendwie komme ich um die Baustelle herum und dann in\ndie Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, eine gesichtslose Stra\u00dfe mit Ramschl\u00e4den und Baustellen, die\nsich unendlich lang hinzieht. An deren Ende geht es \u00fcber eine Kreuzung. Von der\nAltstadt ist immer noch nichts zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein\nHinweis auf den Radweg. Es geht an der Lahn entlang, dann \u00fcber die Lahn, \u00fcber\neine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Rechts von mir sehe ich auf die alte Bogenbr\u00fccke \u00fcber die\nLahn, noch \u00e4lter als die von Limburg, vielleicht die \u00e4lteste \u00fcberhaupt \u00fcber die\nLahn. Es muss \u00fcberall lange F\u00e4hrverkehr gegeben haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe vor dem\nDom. Aber auch unter ihm. Die gesamte Altstadt liegt weit oben, v\u00f6llig\nabgetrennt von dem kommerziellen Zentrum. Ich schiebe das Rad die\nKopfsteinpflasterstra\u00dfe rauf. Es ist so steil, dass ich drauf und dran bin,\naufzugeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem\nDomplatz sehe ich links die Bebelstra\u00dfe. Ja, es ist ein komischer Zufall.\nLiebknecht wurde in Gie\u00dfen, Bebel in Wetzlar geboren. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der\nDomplatz. Ich setze mich in ein Caf\u00e9 und bestelle einen Kaffee. Dunkle Wolken\nziehen auf, und es wird noch etwas k\u00fchler. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Domplatz ist ein\ngro\u00dfer, unregelm\u00e4\u00dfiger Platz mit einigen sch\u00f6nen H\u00e4usern, darunter die schr\u00e4g\nzum Platz stehende Hauptwache und, am anderen Ende, ein Ensemble barocker\nH\u00e4user, alle unterschiedlich, aber miteinander verbunden und mit derselben\nGeschossh\u00f6he. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Dom kommt man\ndurch das Seitenportal im S\u00fcden. Es gibt eine Reihe von Skulpturen mit der\nMadonna in der Mitte. Unter ihren F\u00fc\u00dfen ein Teufel, der eine andere Person, mit\neiner Zipfelm\u00fctze wie die der Mainzelm\u00e4nnchen bekleidet, umschlingt h\u00e4lt. Es\nist ein Jude! Das Mittelalter hatte seine gepflegten Vorurteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dom ist eine\nHallenkirche aus r\u00f6tlichem Sandstein, ein stilistisches Sammelsurium aus\nRomanik, Gotik, Renaissance und Barock, leider heute wegen der dunklen Wolken nicht\nsehr hell. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Dom war\nDeutschlands erste Simultankirche. Das kam so: Das Reichskammergericht wurde\nnach der Eroberung des katholischen Speyers durch die Franzosen hierher\nverlegt, nach Wetzlar, das lange gar keine katholische Kirche hatte. Also teilte man sich\ndie Kirche. Heute sieht man es noch im Eingangsbereich an zwei\nInformationstafeln: <em>Evg. Kirchl.\nNachrichten<\/em> und <em>Kath. Kirchl.\nNachrichten. <\/em>Es gibt auch zwei Alt\u00e4re, einen einfachen am Anfang des Chors\nund einen aufw\u00e4ndiger gestalteten in der Mitte. K\u00f6nnte auch damit zu tun haben.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder drau\u00dfen, sehe\nich mir noch die Westfassade an. Sie ist zum Teil einger\u00fcstet, und ganz kann\nman es nicht erkennen, aber es sieht so aus, als gebe es gleich zwei Fassaden,\ndie einger\u00fcstete und eine daneben, und die liegt merkw\u00fcrdigerweise erh\u00f6ht, also\nkommt man durch sie gar nicht ins Innere. Was das wohl zu bedeuten hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich\nwieder auf den Weg. Diesmal ist der Lahnradweg schnell zu finden, und die\ndunklen Wolken haben sich auch wieder verzogen. Der Weg ist wie gehabt, mal so,\nmal so, aber ich komme heute viel mehr in Ber\u00fchrung mit Autoverkehr und\nSchnellstra\u00dfen als gestern. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Solms.\nHier gibt es am Rande des Radwegs eine <em>Beachbar<\/em>. Ist heute irgendwie\nnicht so gut besucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht aus Solms\nhinaus, und als ich noch im Kopf habe, dass hier Gertrud, Elisabeths Tochter,\nein ganzes Leben lang gewirkt und ihr Lebenswerk vollendet hat, holt mich die\naktuelle Wirklichkeit wieder ein: Radweg gesperrt. Gro\u00dfbaustelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge dem Umleitungsschild.\nEs geht steil bergauf, und bald muss ich wieder schieben. Sehr m\u00fchsam. Dann\nkann ich wieder ein St\u00fcck fahren, dann muss ich wieder schieben. Dann gabelt\nsich die Stra\u00dfe. Das Umleitungsschild ist verschwunden. Rechts, bergab, geht es\nnirgendwo hin, nach links, steil bergauf, zeigt ein Schild einen Radweg an,\naber ohne Richtungsangabe. Und ich wei\u00df nicht, ob es der Lahnradweg ist, der\nhat hier oben doch nichts zu suchen. Ich lasse mich trotzdem darauf ein. In\nunendlichen Windungen f\u00fchrt die Stra\u00dfe bergan, aber es will einfach nichts in\nSicht kommen, was nach einem Ort aussieht. Auch nach unten hin sieht man\nnichts. Ich gebe auf und fahre zur\u00fcck, an der Gabelung diesmal rechts. Jetzt\ngeht es wenigstens schnell voran. Als ich unten ankomme, stehe ich pl\u00f6tzlich\nvor der Baustelle und einer breiten Stra\u00dfensperre. Links f\u00fchrt aber ein kleiner\nWeg weiter. Wieder geht es steil bergauf, wieder muss ich schieben. Ein ganzes\nSt\u00fcck. Ich merke, wie die Kr\u00e4fte nachlassen, vor allem aber, wie die Motivation\nnachl\u00e4sst. Dann erreiche ich ein Plateau und kann wenigstens wieder fahren.\nWeit und breit kein Schild, kein Mensch, kein Haus. Ich habe das Gef\u00fchl, dass\ndie Richtung stimmen m\u00fcsste, aber ich wei\u00df auch, dass ich mich auf meinen\nOrientierungssinn nicht verlassen kann. Wieder sehe ich am Ende des Weges, auf\ndem ich bin, eine Stra\u00dfensperre. Bin ich in einer Sackgasse? Aber unten kommt\nwie aus dem Nichts ein Auto. Ich fahre in die Richtung und entdecke einen Weg,\nden ich von oben nicht gesehen habe. Durchfahrt verboten, aber ich tue, was das\nAuto getan hat und ignoriere das Schild. Dann kommt die Schnellstra\u00dfe in Sicht.\nIch fahre parallel zu ihr, in einiger Entfernung. Die Baustelle habe ich immer\nnoch nicht hinter mir gelassen. Der Weg n\u00e4hert sich immer mehr der Schnellstra\u00dfe\nan, und da, wo er auf sie st\u00f6\u00dft, an einer Kreuzung, gibt es einen Radweg mit\nHinweisschild: Limburg. Ich bin richtig!<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum bin ich auf dem\nRadweg, kommt wieder ein Anstieg auf eine Br\u00fccke, ich bin mal wieder an der\nSchnellstra\u00dfe, deren Verkehr mir entgegenkommt. Dann geht es zur Abwechslung\nnoch mal unter der Schnellstra\u00dfe her. Aber dann l\u00f6st sich der Radweg von ihr,\nund es geht ein paar Kilometer lang gut weiter. Sogar die Sonne kommt\nzwischendurch zum Vorschein. Sofort bin ich wieder in besserer Stimmung. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber ein gr\u00f6\u00dferes\nHindernis kommt noch. Der Radweg m\u00fcndet in eine viel befahrene Stra\u00dfe ein, die\nan dieser Stelle die Autobahn \u00fcberquert. Das Schild nach Limburg zeigt nach\nlinks. Aber da ist kein Radweg zu sehen. Wo soll man entlangfahren? Muss wohl\nder ganz schmale abgetrennte Streifen auf der anderen Seite sein. Bei dem\nvielen Verkehr kommt man kaum auf die andere Stra\u00dfenseite. Ich schiebe das Rad\nden Streifen entlang, aber der ist dann pl\u00f6tzlich zu Ende. Ich hebe das Rad\n\u00fcber die Barriere und will so gesch\u00fctzt von dem Verkehr weiterkommen. Aber am\nEnde der Br\u00fccke ist Schluss. Ich muss wohl was falsch gesehen haben. Vielleicht\nzeigte der Pfeil ja nach rechts statt nach links. Ich schiebe das Rad wieder an\nder Barriere \u00fcber die Br\u00fccke entlang zur\u00fcck und komme wieder an meinen\nAusgangspunkt auf der anderen Stra\u00dfenseite. Sieht so aus, als m\u00fcsste man\neinfach \u00fcber diese vielbefahrene Stra\u00dfe nehmen, um \u00fcber die Br\u00fccke zu\nkommen.&nbsp; Einen abgetrennten Radweg gibt\nes hier nicht. Etwas mulmig ist mir dabei angesichts der Autos schon, aber ich komme\ngut an das andere Ende und dann wieder auf einen richtigen Radweg. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Selters,\ndie \u201eQuelle des guten Geschmacks\u201c. Hier geht es hin und her und runter und\nr\u00fcber, aber danach ist der Radweg bis Weilburg wieder ertr\u00e4glicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Weilburg ist eine\nehemalige Residenzstadt, die ihren Status als Residenzstadt rechtzeitig verlor,\num keine gr\u00f6\u00dfere Umgestaltung oder gar Zerst\u00f6rung mehr zu erleiden. Und\ntats\u00e4chlich, sobald man den Radweg verl\u00e4sst, pr\u00e4sentiert sich das wirklich\nsch\u00f6ne Panorama der Stadt, mit der Landseite des langgezogenen Schlosses und\nanderen Geb\u00e4uden. Das hat nur ein Manko: Die Altstadt liegt ganz weit oben auf\ndem Felsen, hoch \u00fcber der Lahn auf der anderen Seite. Wieder ist Schieben\nangesagt, wieder so steil wie in Wetzlar. Ich muss mich richtig ins Zeug legen,\num das Fahrrad den Weg in die Altstadt hinaufzubugsieren. Aber die sch\u00f6nen,\ngeschmackvollen H\u00e4user der Altstadt und das Fehlen von Kitsch und von\naufdringlichem Touristenkommerz entsch\u00e4digen daf\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00e4mpfe mich, am\nSchloss vorbei, bis zum Marktplatz rauf, einem gro\u00dfen, rechteckigen Platz mit\nsch\u00f6nen, repr\u00e4sentativen H\u00e4usern zu allen Seiten. Aber viel mehr als einen\nBlick habe ich nicht f\u00fcr die \u00fcbrig. Brechts \u201eErst kommt das Fressen, dann kommt\ndie Kultur\u201c kommt hier voll zum Tragen. &nbsp;Es gibt verschiedene Lokale zur Auswahl. Am\nEnde lande ich bei <em>Poseidon<\/em> und einer sehr schmackhaften, sehr sch\u00f6n\npr\u00e4sentierten Moussaka. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse das\nSchloss Schloss sein und mache mich wieder auf den Weg, gest\u00e4rkt und in guter\nStimmung wegen des wieder aufkl\u00e4renden Wetters und wegen der Aussicht: Die\nStrecke zwischen Weilburg und Limburg gilt als das Filetst\u00fcck der Strecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Zurecht. Kaum aus\nWeilburg heraus, kommt man auf einen schmalen Radweg direkt am Ufer der Lahn. Keine\ngr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe quert den Weg. Sch\u00f6ner geht\u2019s nicht. Auch die Paddler haben\ndiese Strecke f\u00fcr sich entdeckt. An einigen Stellen wimmelt es nur so von\nPaddelbooten. Die meisten Paddler sind offensichtlich unge\u00fcbt und rufen den\nanderen im Boot und den anderen in den anderen Booten laute Warnungen zu, um\nKollisionen zu vermeiden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Radweg ist sehr\nschmal, und bei Gegenverkehr muss man schon etwas aufpassen, um Kollisionen zu\nvermeiden. Irgendwann kommt eine Biegung und man wird von der Lahn weggeleitet,\nauf einen Weg den Eisenbahnschienen entlang, in einiger Distanz zur Lahn. Sp\u00e4ter\ngeht es wieder runter, ganz nah am Fluss entlang. Die Gegend ist einsam, hier\nist kein gr\u00f6\u00dferer Ort in der N\u00e4he, und es kommen mir auch kaum noch Radfahrer\nentgegen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer\nStromschwelle steht auf einem Stein ein sch\u00f6ner Graureiher. Ganz konzentriert\nsieht er ins Wasser auf der Suche nach Beute. Ich bleibe stehen, um ein Photo\nzu machen, genauso wie eine entgegenkommende Radfahrerin, mit der ich kurz ins\nGespr\u00e4ch komme. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Tagessoll von\n66 km habe ich inzwischen \u00fcberschritten, und es wird Zeit, nach einer Unterkunft\nzu suchen. Einen Moment lang hatte ich \u00fcberlegt, in Weilburg zu bleiben. Das\nw\u00e4re vielleicht vern\u00fcnftig gewesen. Denn die Kr\u00e4fte lassen nach, und jetzt\nf\u00e4ngt es auch richtig an zu regnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Ort ist\nVillmar, aber bis dahin ist es noch ein St\u00fcck. Dort will ich nach einer\nUnterkunft suchen. Unterwegs wirbt eine Pension aus Villmar auf auff\u00e4lligen\nblauen Plakaten f\u00fcr sich, die Telefonnummern habe ich mir notiert, und als der\nOrt endlich in Sicht kommt, versuche ich es dort. Unter den ersten beiden\nTelefonnummern kann ich niemanden erreichen, aber unter der dritten wohl, nur\num zu erfahren, dass die Pension ausgebucht ist. Die Frau gibt mir die Nummer\neiner anderen Pension, die k\u00f6nnten noch freie Pl\u00e4tze haben. Aber auch die ist\nausgebucht. Die Frau am anderen Ende der Leitung empfiehlt mir, weiterzufahren,\nnach Runkel, nur noch vier Kilometer. <\/p>\n\n\n\n<p>Runkel liegt an einer Lahnkr\u00fcmmung,\ninmitten eines Felsentals, mit einer hohen Lahnbr\u00fccke. Spektakul\u00e4r. Schon von weitem sieht man die Burg auf dieser Seite\nder Lahn, und dann die zum Schloss umgebaute Burg auf der anderen Seite der\nLahn. Die Burgen sind das Resultat von milit\u00e4rischen\nAuseinandersetzungen und Familienfehden der Runkeler Grafen. Durch eine Gemeindereform erhielt Runkel weitere Stadtteile\nund mit ihnen ein weiteres Schloss, das der Grafen von Diez. <\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Kilometer von\nVillmar bis Runkel sind mir lang geworden, und am Ortseingang finde ich keine\nHinweise auf eine Pension, nur auf Lokale. Allm\u00e4hlich wird mir etwas mulmig. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre \u00fcber die\nBr\u00fccke auf die andere Seite der Lahn und dann in den Ort hinein. Der ist, wie\nja kaum anders zu erwarten war, hoch gelegen, und ich muss mal wieder schieben.\nIn der Distanz taucht ein gr\u00fcnes Schild auf: <em>Pension<\/em>. Ich klingele, und\nder Wirt hat eine gute Nachricht: Er hat ein Zimmer frei. Und einen\nAbstellplatz f\u00fcr das Fahrrad. Er ist ein nicht unfreundlicher, aber etwas\nb\u00e4rbei\u00dfiger Mann, der mein Aussehen und die Strecke, die ich hinter mich\ngebracht hat, mit trockenen Kommentaren versieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Pension ist\nkomplett aus der Zeit gefallen. Ein gro\u00dfes Zimmer mit einer kitschigen\nEinrichtung. Schummrige Beleuchtung. Erst auf den zweiten Blick merke ich, dass\nes im Bad kein Waschbecken gibt. Das ist im Schlafzimmer, wie fr\u00fcher. Der\nEinstieg in die Dusche ist hoch, das Wasser wird nicht warm, die Handt\u00fccher\nsind kratzig. Internet gibt es nat\u00fcrlich nicht. Die Antwort auf meine Frage\ndanach an den Wirt f\u00e4llt so aus, als er wolle er sagen: \u201eDiesen neumodischen\nQuatsch brauchen wir nicht.\u201c Egal. Immer noch besser, als unter einer Br\u00fccke\nder Lahn zu schlafen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend fallen mir\nbei der Lekt\u00fcre bald die Augen zu. Ich erinnere mich aber noch an ein paar\nDetails: Der Buchstabe &lt;t&gt; war urspr\u00fcnglich der letzte im Alphabet. Alle\nanderen sind sp\u00e4tere Hinzuf\u00fcgungen. Seine Grundform war ein einfaches Kreuz.\nDieses \u201eKreuzzeichen\u201c ist eins der einfachsten, \u00e4ltesten und elementarsten der\nWelt. Seine besondere Position hatte das &lt;t&gt; also nicht umsonst. <\/p>\n\n\n\n<p>28. August (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Pension\nverlasse, merke ich erst, dass sie unmittelbar unter dem Felsen liegt, auf dem\ndie Burg steht, ein grauer Felsen, der sich schroff nach oben zieht, hoch wie\nein mehrst\u00f6ckiges Haus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment, wo\nich aufs Rad steige, f\u00e4ngt es an zu regnen. Von der Pension aus kann man gleich\nweiterfahren, woher man gekommen ist, die Dorfstra\u00dfe hinauf. Der Radweg f\u00fchrt an\nder Pension vorbei. Ich mache aber noch einen kleinen Abstecher zu der alten\nBr\u00fccke \u00fcber die Lahn und sehe mir das Panorama an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter.\nMan ist sofort wieder auf dem Radweg direkt an der Lahn. Ich stelle mir vor,\nwie sch\u00f6n das erst einmal bei gutem Wetter w\u00e4re. Aber es ist trotzdem sch\u00f6n: der\naufsteigende Dunst, die Regentropfen auf der Wasseroberfl\u00e4che, die Sonne, die,\nschon ganz hoch stehend, fahl hinter den Wolken durchscheint. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann mit Hund\nmacht geht zur Seite und l\u00e4sst mich vorbeifahren. Er ist nicht der erste. Auf\nder ganzen Fahrt begegne ich fast nur r\u00fccksichtsvollen Hundebesitzern. Als ich\nvorbei bin, ruft der Mann mir hinterher: \u201eWas machst du denn mit der Maske?\u201c Lachend\ndrehe ich mich um und winke ihm zu. Ich habe vergessen, die Maske abzunehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt schon\nLimburg. Aus der Distanz sieht man \u00fcber den Wipfeln der B\u00e4ume nur den spitz\nzulaufenden Vierungsturm des Doms, nicht das ganze Ensemble der T\u00fcrme. Das hat\nauch seinen Reiz. Etwas sp\u00e4ter kommt dann das gesamte Ensemble der T\u00fcrme zum\nVorschein, aber nicht die klassische Ansicht von Westen, sondern von S\u00fcden.\nEine ganz andere Ansicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach Limburg will ich nicht reinfahren. Es regnet weiterhin, und ich\nwill erst einmal ein paar Kilometer schaffen. Ich fahre aber kurz auf die alte\nBr\u00fccke. Hier kommt der Dom zum dritten Mal zum Vorschein, diesmal ist es die\nklassische Ansicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der einen Seite der Br\u00fccke steht ein Br\u00fcckentorturm, einer der \u00e4ltesten\nDeutschlands, ein quadratischer Turm, der urspr\u00fcnglich auf der Gegenseite ein\nPendant hatte. Solche Br\u00fcckent\u00fcrme hatten verschiedene Funktionen: Bollwerk\ngegen Angreifer, Getreidelager f\u00fcr den Notfall, Dienstwohnung, Gef\u00e4ngnis. Der\nerhaltene Br\u00fcckentorturm stand lange leer. Bis ein ehemaliger Stadtverordneter\nvon Limburg sich nach langen Auseinandersetzungen mit der Stadt das Recht\nerstritt, dort zu wohnen. Der Turm ist jetzt also Altersruhesitz. Ich mache ein\nPhoto von der Stadtseite aus, und beim Zur\u00fcckfahren sehe ich, dass an der Seite\ndes Turms tats\u00e4chlich ein Briefkasten angebracht ist: \u201eBitte keine Werbung!\u201c Es\ngibt auch einen Stra\u00dfennamen: <em>Inselweg<\/em>.\nNicht der erste, dem ich auf der Fahrt begegne. Ist sonst ja nicht so ein\ng\u00e4ngiger Stra\u00dfenname. Was es wohl damit auf sich hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Limburg kommt eine Schotterpiste, aber die ist bald zu Ende. Kein\nHinweisschild mehr. Geradeaus gibt es einen schmalen asphaltierten Weg, der\nzwar nicht viel Vertrauen einfl\u00f6\u00dft, den ich aber der Einfachheit halber nehme.\nIch lande im Parkhaus vom <em>Kaufland<\/em>.\nIm Untergeschoss. Bei der Ausfahrt auf der anderen Seite endet der Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur\u00fcck, und bleibe etwas ratlos an einer Stra\u00dfenkreuzung\nstehen. Ein Mann spricht mich an und fragt, ob er helfen k\u00f6nne. Ein Pole.\nWortreich und freundlich erkl\u00e4rt er mir den Weg. <em>Dzi\u0119kuj\u0119!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge seinen Anweisungen. Die Richtung m\u00fcsste stimmen, aber der\nLahnradweg ist das nicht. Es ist eine breite Stra\u00dfe mit breitem Radweg.\nIrgendwann sto\u00dfe ich auf zwei andere Radfahrer. Die sind auch vom Weg abgekommen.\nWir fahren ein kleines St\u00fcck Richtung Limburg zur\u00fcck und kommen dann wieder nach\nein paar Windungen auf den Lahnradweg. <\/p>\n\n\n\n<p>Die kurze Distanz bis Diez zieht sich hin. Wieder muss ich schieben,\nnicht nur einmal. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg entfernt sich etwas von der Lahn, f\u00fchrt an Feldern vorbei. An\neiner Stelle sind zu beiden Seiten Strohrollen aufgestellt, Dutzende davon, mal\nweiter voneinander entfernt, mal in kurzer Folge. Ein sch\u00f6nes Ensemble. K\u00f6nnte\nals moderne Kunst durchgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diez ist ein sch\u00f6nes St\u00e4dtchen, jetzt noch ganz verschlafen. Wenn man\nauf den Ort zuf\u00e4hrt, kommt als erstes die m\u00e4chtige Burg zum Vorschein, hoch\n\u00fcber der Stadt. Aber da braucht man Gott sei Dank nicht rauf. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke, schon kurz vor dem Marktplatz, steht eine auff\u00e4llige\nSkulptur: ein Afrikaner auf einem Fahrrad! Sie ist Ergebnis einer Initiative\nder B\u00fcrger von Diez. Die haben es durch Spenden afrikanischen K\u00fcnstlern\nerm\u00f6glicht, Skulpturen f\u00fcr Diez zu schaffen. Die K\u00fcnstler kommen aus Simbabwe.\nSie arbeiten kaum mit Skizzen, sondern versuchen, aus vorgefundenem Material\netwas zu machen. Das sieht man hier besonders gut an den R\u00e4dern. Die sind aus\neinem anderen Material als der Rest der Skulptur und nicht ganz vollst\u00e4ndig,\nsehen aus wie ein abgebrochener M\u00fchlstein. Jede Skulptur, das ist die\nkunsttheoretische Vorstellung, ist bereits im unbehauenen Stein vorhanden. Das\nist allerdings keine besonders originelle Idee. K\u00f6nnte auch von Michelangelo stammen.\nAber die Skulptur gef\u00e4llt mir richtig gut, sie kommt als \u201eexotisches\u201c Element\nin diesem lieblichen Ort an einem verregneten Morgen besonders gut zur Geltung.\nUnd dass sie ausgerechnet einen Radfahrer darstellt, hat nat\u00fcrlich seinen\nbesonderen Reiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz dahinter befindet sich der ebenso reizvolle, kleine Marktplatz, mit\nsch\u00f6nen H\u00e4usern zu allen Seiten. Besonders auff\u00e4llig das Alte Rathaus, ein\ndreist\u00f6ckiges Fachwerkhaus mit sch\u00f6nen Verzierungen, das \u00fcber Eck verl\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Tafel zur Erkl\u00e4rung des Marktplatzes mache ich eine Entdeckung:\nDie alten Fachwerkh\u00e4user wurden fr\u00fcher nicht unbedingt verputzt, weil sie nicht\nmehr gefielen. Der Grund war mal wieder das Geld: Die Brandversicherung f\u00fcr\nFachwerkh\u00e4user war besonders hoch!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes steht eine Brunnenfigur aus rotem Sandstein,\neinen Mann darstellend, der m\u00fchsam einen Sack durch die Gegend tr\u00e4gt, der <em>S\u00e4cker<\/em>. In alten Zeiten verdienten sich\ndie Einwohner von Diez ihr Geld, indem sie beim Beladen und Entladen der\nLastk\u00e4hne halfen. Da fast alle waren in S\u00e4cken transportiert wurden, erhielten\nsie diesen Namen. Bis heute noch hei\u00dfen die Einwohner von Diez <em>S\u00e4cker<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Figur steht ein Gasthaus, mit dem Namen <em>Nassauer Hof<\/em>. Das hat seinen Grund. Die urspr\u00fcnglichen Grafen von\nDiez waren n\u00e4mlich schon gegen Ende des Mittelalters ausgestorben. Ihre Burg\nfiel an die Nassauer. Einer aus der Linie, Johann Wilhelm Friso zu Nassau-Diez,\nbeerbte Wilhelm III., den englischen K\u00f6nig (aus dem Haus der Oranier) als\nStatthalter der Niederlande. Es kam zu einem Konflikt mit Friedrich I. von\nPreu\u00dfen. Die Angelegenheit zog sich hin, Friso verstarb in der Zwischenzeit.\nAber sein Sohn, Wilhelm IV., errang dann offiziell den Titel <em>F\u00fcrst von Oranien<\/em>. Die Geburtsstunde der\nniederl\u00e4ndischen Monarchie. Nicht umsonst ist Diez in den Sommermonaten voll\nvon Holl\u00e4ndern. Es ist wie eine Pilgerst\u00e4tte f\u00fcr sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch einen sch\u00f6nen optischen Anreiz bietet die Br\u00fccke \u00fcber die Lahn,\n\u00fcber die es wieder aus der Stadt hinausgeht, mit einer Trauerweide, deren\nZweige sich fast bis auf das Kopfsteinpflaster hinabsenken. Dahinter kommt\nfahles Licht zum Vorschein. Daneben, in einer kleinen Einbuchtung der Br\u00fccke,\nnoch ein afrikanischer Radfahrer. Er scheint vom Rad zu fallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Diez zeigt sich die Lahn noch mal von ihrer allersch\u00f6nsten Seite.\nEs geht zwischen bewaldeten H\u00fcgeln her, es sprie\u00dft auf allen Seiten,\nVogelstimmen in der Luft, Geruch nach Gras. Die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher auf beiden\nUferseiten spiegeln sich wie kleine Kunstwerke im Wasser. Es ist einsam, nur\nein vereinzelter Jogger kommt mir hin und wieder entgegen. Man f\u00e4hrt immer\ndirekt an der Lahn entlang, und dann f\u00e4hrt man unter den \u00c4sten der B\u00e4ume her,\ndie sich zum Wasser neigen. Vielleicht der sch\u00f6nste optische Eindruck der\ngesamten Tour. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen. Als ich nach Balduinstein komme,\nist es 11 Uhr. Ich habe die ersten 30 Kilometer hinter mit. <\/p>\n\n\n\n<p>Balduinstein hat einen Bahnhof. Und um den geht es. Auf einer Karte des\nLahnradwegs wird empfohlen, von Balduinstein nach Laurenburg den Zug zu nehmen,\num sich die einzige ernsthafte Steigung des Radwegs zu ersparen. Entgegen der\nRadfahrerehre entscheide ich mich, das zu tun. Genug geschoben in den letzten\nTagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bahnhof bin ich auf der richtigen Seite, Richtung Koblenz, aber\nhier gibt es keinen Fahrkartenautomaten. Der ist auf der anderen Seite, wie mir\nein wartendes Ehepaar erkl\u00e4rt, die einzigen Passagiere. Ich fahre zur\u00fcck, \u00fcber\ndie Bahngleise, und mache mich an dem Fahrkartenautomaten zu schaffen. Zwei\nFahrkarten werden ben\u00f6tigt, Geldscheine werden nicht akzeptiert. Es dauert. Als\nich fertig bin, geht die Schranke runter. Der Zug nach Laurenburg ist weg. Der\nn\u00e4chste f\u00e4hrt t\u00e4glich au\u00dfer samstags. <em>Just\nmy luck<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck \u00f6ffnet gerade die <em>River Bar<\/em>, nicht viel mehr als ein\nKiosk, aber mit ein paar Pl\u00e4tzen unter gro\u00dfen Sonnenschirmen ausgestattet,\nheute eigentlich als Regenschutz aufgestellt, dicht an dicht. Aber es hat\naufgeh\u00f6rt, zu regnen, und die Sonne kommt sogar raus, wie die freundliche\nBedienung erstaunt feststellt. Ich bin der einzige Gast, und wir unterhalten\nuns angeregt \u00fcber die Strecke und \u00fcber das Wetter und \u00fcber das Radfahren. Ich\nbestelle ein Mineralwasser und einen Kaffee und dann, weil immer noch Zeit ist,\nein Radler, mit naturtr\u00fcbem Bier, dem <em>Allg\u00e4uer\nB\u00fcble<\/em>. Schmeckt gut. Und man soll ja viel trinken. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann das Rad auf den Bahnsteig schiebe, ist der schon\nrappelvoll. Lauter Radfahrer. Ich stehe ganz am Ende des Bahnsteigs und sehe\nmeine Chancen schwimmen, \u00fcberhaupt mitzukommen. Tats\u00e4chlich gibt es einige\nAufregung, als der Zug kommt, aber wir verteilen uns am Ende auf die beiden\nRadabteils des kleinen Zugs. Die Bahn hat vorgesorgt. Der Zug f\u00e4hrt aber nicht\nab, weil der Lokomotivf\u00fchrer auf einer Rettungsgasse besteht. Unter der\nAnleitung von zwei umsichtigen jungen M\u00e4nnern, die uns, ohne aufdringlich zu\nsein, umdisponieren, schaffen wir es am Ende, die Rettungsgasse zu bilden.\nObwohl alleine in unserem Abteil dreizehn Fahrr\u00e4der sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert nur sechs Minuten. Die Fahrkarten werden nicht\nkontrolliert. Das h\u00e4tte ich mir also ersparen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Laurenburg geht es an einer Kreuzung nach <em>Katzenelnbogen<\/em>, aber\nich fahre in die andere Richtung, ein St\u00fcck die Stra\u00dfe entlang, dann wieder auf\nden Radweg, nach Obernhof. Hier gibt es das <em>Hotel\nam Goetheberg<\/em>. Der ist wirklich nach Goethe benannt. Der befand sich hier\nauf Wanderschaft, von Wetzlar nach Ehrenbreitstein. Er berichtet in <em>Dichtung und Wahrheit<\/em> selbst davon. Er litt unter Liebeskummer, wegen Charlotte\nBuff. Und wollte sich in der Natur ablenken. Auch an seiner Zukunft als Dichter\nhatte er seine Zweifel. In einem Anfall, von ihm \u201eGrille\u201c genannt, warf er sein\nsch\u00f6nes Taschenmesser in die Lahn, \u201egewaltsam nach dem Flusse hin\u201c. Und schloss\nmit sich selbst eine Wette ab: W\u00fcrde er das Messer in den Fluss sinken sehen,\ndann w\u00fcrde er eine Zukunft als Dichter haben. Wenn nicht, wenn das Messer durch\ndie \u00fcberh\u00e4ngenden Weidenb\u00fcsche verdeckt sein w\u00fcrde, dann nicht. Am Ende sah er\nnur eine Font\u00e4ne hochspritzen. Das deutete er als schlechtes Omen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wetzlar hatte\ner Charlotte, \u201eLotte\u201c, kennengelernt, als er dort Rechtspraktikant war. Es war\nLiebe auf den ersten Blick. Aber nur f\u00fcr ihn. Sie sch\u00e4tzte seine Gesellschaft,\nerwiderte aber seine Gef\u00fchle nicht. Und heiratete einen anderen, Kestner. Die beiden\nbekamen auch immerhin 12 Kinder. Charlotte war eins von 16 Kindern gewesen, von\ndenen 12 \u00fcberlebten. Mit der Erfahrung des Liebeskummers war eins der Motive\ndes <em>Werthers<\/em> schon vorhanden. Das\nandere lieferte auch Charlotte Buff, unfreiwillig. Kestner war n\u00e4mlich derjenige,\nvon dem sich Jerusalem, Karl Wilhelm Jerusalem, die Pistole lieh, mit der er\nsich das Leben nahm, in Wetzlar, aus Verzweiflung \u00fcber eine unerwiderte Liebe.\nGoethe erfuhr davon durch einen Brief Kestners und machte sich an die Abfassung\ndes <em>Werthers<\/em>. An Jerusalem erinnert heute das <em>Jerusalemhaus<\/em> in\nWetzlar. <\/p>\n\n\n\n<p>Um Obernhof herum\nsehe ich zum ersten Mal Weinlokale. Aber: Wo w\u00e4chst der Nahewein? Auf der\nganzen Strecke habe ich keinen Weinberg gesehen, immer nur bewaldete H\u00e4nge. Und\nBurgen. Dabei liegt das Weinanbaugebiet\nNahe unter den 13 deutschen Weinanbaugebieten genau in der Mitte, wenn man nach\nder Gr\u00f6\u00dfe der bewirtschafteten Fl\u00e4che geht, hinter Franken und vor dem\nRheingau. Wo haben sie den Wein hier versteckt? Es bleibt ein R\u00e4tsel. Das\ngr\u00f6\u00dfte Weinanbaugebiet in Deutschland ist Rheinhessen (nicht, wie ich dachte,\nPfalz), das kleinste ist die Hessische Bergstra\u00dfe. Rheinhessen hat genauso viel\nwie die neun kleinsten Anbaugebiete zusammen, einschl. Mosel und Nahe. <\/p>\n\n\n\n<p>Vom Wein an der Nahe hei\u00dft es, er zeichne sich durch eine gro\u00dfe Vielfalt\nunterschiedlicher B\u00f6den aus. Die l\u00e4ngste Tradition hat der Rotwein von der\nLahn, die am meisten angebaute Traube ist der Riesling. Unter den Winzern der\nLahn befindet sich einer, der auf Alte Reben setzt, nicht aus Nostalgiegr\u00fcnden,\nsondern weil das Aroma der alten Weinst\u00f6cke vielschichtiger ist. Da der Ertrag\nabnehmend ist, sind die Preise h\u00f6her. Aber daf\u00fcr bekommt man den Wein hier\ndirekt vom Erzeuger. Er bleibt also erschwinglich. Nur ist er nirgendwo zu\nbekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit meiner\nEntscheidung, den Zug genommen zu haben, bin ich wieder etwas vers\u00f6hnt, als ich\nlese, dass Goethe auch nicht die gesamte Strecke wanderte, sondern sich von Bad\nEms aus bequem auf einem Kahn nach Ehrenbreitstein schiffen lie\u00df. Aber ich ahne\nnoch nicht, was noch auf mich zukommt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Obernhof\nwendet sich der Radweg von der Lahn ab. Quer zu ihr geht es eine Stra\u00dfe steil\nhinauf, und wieder einmal muss ich m\u00fchsam schieben. Ganz oben thront das\nKloster Arnstein, jetzt von griechisch-orthodoxen Nonnen aus Griechenland\nbewohnt. Aber Gott sei Dank muss man nicht ganz da rauf. Nach ein paar hundert\nMeter. Aber die reichen mir schon. Dann geht es rechts ab. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich komme vom\nRegen in die Traufe. Hier geht es noch steiler rauf. Wieder ist schieben\nangesagt. Nach ein paar Windungen sehe ich ganz oben die beiden Jungs aus dem\nZug. Auch sie schieben. Nur zwei Pedelec-Fahrer fahren an mir vorbei, mit\nsichtlicher Anstrengung. Der Berg zieht und zieht sich, und dann kommt man an\nden Klosterladen. Wir haben also doch die H\u00f6he des Klosters Arnstein erreicht.\nDas Bl\u00f6de ist, dass man auf die Art und Weise kaum \u201eStrecke\u201c macht und dennoch\nviel Kraft verliert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es in\nden Wald hinein, diesmal bergab. Der Untergrund ist nass und uneben, und der Weg\nsehr absch\u00fcssig. Und dann kommt mir auch noch ein Auto entgegen! Ob das hier\nwas verloren hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Bald ist es zu\nEnde mit der Abfahrt, und die restliche Strecke bis nach Nassau ist die reinste\nQual, mit steilen Aufstiegen, bei denen ich mich, die Beine nach hinten\ndurchgedr\u00fcckt, \u00fcber das Lenkrad gebeugt, Meter um Meter vorank\u00e4mpfe. Immer\nwieder ist eine Pause zum Luftholen angesagt. Und jedes Mal, wenn man glaubt,\ndas ist es jetzt mit den Anstiegen, kommt ein neuer. Ich habe das Gef\u00fchl, dass\nich die falsche Strecke mit dem Zug genommen habe, dass dies der steile Anstieg\naus dem Streckenprofil ist. Ich verfluche das Motto der Lahnradwegtouristik\n\u201eRollen lassen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Lahn sieht\nman hier nur durch die B\u00e4ume, gelegentlich, ganz weit unten. Dann n\u00e4hert sich\nder Radweg wieder der Lahn. Endlich Nassau!<\/p>\n\n\n\n<p>Bad Nassau wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerst\u00f6rt. Es war\nEntladestation f\u00fcr Munition. Nach dem Krieg verlor es seinen Status als Bad, im\nGegensatz zu Bad Ems. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus Nassau stammte auch der Freiherr vom Stein, in der Grabkapelle des\nDorfes Fr\u00fccht beigesetzt. Recht auf Eigentum, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit,\nBauernbefreiung, religi\u00f6se Toleranz, st\u00e4dtische Selbstverwaltung. All das hatte\ner sich auf die Fahne geschrieben. Und warb in Denkschriften daf\u00fcr. Er entwarf\nauch eine moderne Verfassung f\u00fcr das Herzogtum Nassau. Er war ein Querkopf,\nkein braver Staatsdiener, und legte sich mit dem preu\u00dfischen K\u00f6nig genauso an\nwie mit Napoleon. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke von\nNassau nach Bad Ems ist wieder besser. Dort geht es \u00fcber die Br\u00fccke auf die\nandere Seite der Lahn. Es ist 14 Uhr, ich habe 44 Kilometer hinter mich\ngebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Bad Ems war jetzt gerade in aller Munde. Es wurde als Weltkulturerbe in\ndie Liste der gro\u00dfen Kurorte Europas aufgenommen, zusammen mit Bad Kissingen,\nBaden-Baden, Bath, Spa, Karlsbad, Vichy und anderen. Keine schlechte\nGesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach Bad Ems kamen die Reichen, M\u00e4chtigen und Sch\u00f6nen des 19.\nJahrhunderts. Zu den Badeg\u00e4sten geh\u00f6rten Meyerbeer, Weber, Offenbach, Gogol,\nDostojewski, Victor Hugo, Delacroix. Von der Internationalit\u00e4t zeugt heute noch\ndie russisch-orthodoxe Kreuzkuppelkirche, f\u00fcr die russischen Kurg\u00e4ste gebaut.\nEs gab aber auch Kurg\u00e4ste, an die man sich nicht so gern erinnert: Viele\nNazigr\u00f6\u00dfen erholten sich hier, und Hitler feierte 1939, ausgerechnet 1939,\nWeihnachten hier. Botho Strau\u00df hat Bad Ems mit vielen sarkastischen\nBemerkungen, ein Denkmal gesetzt in der Prosaschrift <em>Herkunft<\/em>. Strau\u00df\nwurde hier geboren, im Geb\u00e4ude des ehemaligen Hotels <em>Wiesbaden<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Emser Depeche und dem Krieg gegen Frankreich war es mit der\nHerrlichkeit von Bad Ems vorbei. Es fiel in einen Dornr\u00f6schenschlaf. Um wieder\nPublikum anzulocken, baute man die <em>Malbergbahn<\/em>, eine\nWasserbalast-Standseilbahn, eine tolle Erfindung. Die Bahn wird dadurch in Gang\ngesetzt, dass der obere Wagen durch Wasser schwerer gemacht wird und dadurch\ndie untere, mit dem er durch ein Zugseil verbunden ist, nach oben zieht.\nGenial! Die Bahn fuhr bis zu ihrer Stilllegung 1979 ohne Unfall. Erst im Rahmen\nder Berichterstattung \u00fcber das Weltkulturerbe hatte ich zum ersten Mal von\neiner Wasserbalast-Standseilbahn geh\u00f6rt. Und jetzt ist sie auf einmal pr\u00e4sent,\nin einem Artikel \u00fcber Braga, das die \u00e4lteste Wasserbalast-Standseilbahn\n\u00fcberhaupt hat, und in einem privaten Bericht von einem Besuch in Wiesbaden, wo\nso eine Bahn ebenfalls noch in Betrieb ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Hunger treibt\nmich in ein Eiscaf\u00e9. Da, drau\u00dfen auf der Terrasse, kann ich auch in meinem\njetzigen Aufzug landen. Ich will einen Kuchen bestellen, aber die Speisekarte\nbietet J\u00e4gerschnitzel und Rumpsteak, von Kuchen keine Spur. Macht nichts. Ich\nbestelle Pasta. Als die Bedienung gerade mit der Bestellung entschwindet, sehe\nich an einem T\u00fcrpfosten die Aufschrift: <em>Erdbeerkuchen\nund Apfelstreusel<\/em>. Macht nichts, die Pasta ist erstaunlich gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich\nauf den Weg. Habe inzwischen beschlossen, die Tour noch heute abzuschlie\u00dfen,\nzumal f\u00fcr morgen ganz schlechtes Wetter angesagt ist. Aber auch jetzt setzt der\nRegen ein, erst leise, dann stark, und geht fast bis Lahnstein unvermindert\nweiter. Die Strecke ist eigentlich ganz sch\u00f6n, aber um sie zu genie\u00dfen, bin ich\nzu ersch\u00f6pft. Ganz leichte Anzeichen von Muskelkater machen sich bemerkbar, und\ndie letzten Kilometer werden mir schwer. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00f6rt es doch\nnoch auf zu regnen. Und es kommt Lahnstein, das Ziel. Lahnstein hat einen\nBahnhof in Oberlahnstein und einen in Unterlahnstein. Das hat historische\nGr\u00fcnde. Oberlahnstein und Niederlahnstein geh\u00f6rten zu unterschiedlichen\nTerritorien, die Lahn war die Landesgrenze. Oberlahnstein, auf der linken Seite\nder Lahn gelegen, geh\u00f6rte zum Erzbistum Mainz, Niederlahnstein, auf der rechten\nSeite der Lahn gelegen, geh\u00f6rte zum Erzbistum Trier. Das erkl\u00e4rt die Existenz\nder Burg Lahneck. Von der aus kontrollierte der Erzbischof von Mainz die\nGrenze. Der von Trier machte das von Koblenz aus, von Ehrenbreitstein aus. Es\nwurde Zoll erhoben, wenn Personen oder Waren die Grenze passierten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich befinde mich auf\ndem Gebiet von Niederlahnstein. Hier, am Uferweg, lie\u00df der Erzbischof von Trier\neine Landfeste errichten, einen massiven Turm, der die Kontrolle des Flusses\nund des Uferwegs erm\u00f6glichte. Davor lie\u00df er eine Anlegestelle erbauen. Sp\u00e4ter,\nals beide Orte zu Nassau kamen und der Festungsturm zu verfallen drohte, lie\u00df\nein Gerichtssch\u00f6ffe auf den Stumpf des Festungsturms ein stattliches\nachteckiges Haus errichten, um Schiffer und Fuhrleute zu bewirten und ihnen\nQuartier zu geben. Goethe verkehrte hier, und sp\u00e4ter kam der Turm und mit ihm\ndie Gastst\u00e4tte, das <em>Wirtshaus an der Lahn<\/em>, durch ein Trinklied zu Ruhm.\nEs soll angeblich 900 Strophen haben! <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt verstehe\nich auch, was es mit dem <em>Kalkofen<\/em> auf sich hat, dem ich hier immer\nwieder begegne. Das war der Name des Gerichtssch\u00f6ffen, der das Wirtshaus\nerrichten lie\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Kilometer\nsind noch einmal zum Genie\u00dfen. An einer Baumreihe in einem Park lasse ich ganz\ngem\u00e4chlich ausrollen und genie\u00dfe das Gef\u00fchl, es bald geschafft zu haben. Aber\nnoch eine Skulptur nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch: Ein Mann, der,\nEllbogen auf den Schenkeln und Kopf in den H\u00e4nden, auf einer h\u00f6lzernen Karre\nsitzt. Was er da macht, ist nicht so ohne Weiteres ersichtlich. Und man w\u00fcrde\nauch nicht so ohne Weiteres darauf kommen: Er erledigt sein Gesch\u00e4ft! Das ist\nder \u201eBaareschesser\u201c, inzwischen zum Spitznamen f\u00fcr die Niederlahnsteiner\ngeworden. Er erinnert an die Niederlahnsteiner, die in der Vergangenheit die\nBaare, also diese Art von primitiver Toilette, benutzten, um das Grundwasser\nnicht zu verunreinigen. Die Niederlahnsteiner hatten n\u00e4mlich keine Quelle und\nwaren auf sauberes Grundwasser angewiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich radle weiter\nund wundere mich auf einmal, wie gro\u00df die Lahn geworden ist. Eine Joggerin, die\ngerade eine Pause macht, kl\u00e4rt mich auf: Dies ist nicht die Lahn, dies ist der\nRhein! Ich bin an der M\u00fcndung vorbeigefahren! Erst habe ich es nicht zur Quelle\ngeschafft, jetzt verpasse ich auch noch die M\u00fcndung! Die Joggerin ist Russin.\nWir kommen ins Gespr\u00e4ch \u00fcber Russland und russische B\u00fccher und \u00fcber Lahnstein.\nDas sei sch\u00f6n, zum Spazierengehen und so. Sonst nicht viel los. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich drehe und\npasse auf, dass ich die M\u00fcndung nicht noch einmal verpasse. Man steht auf einer\nWiese am Rande des Parks und versucht, trotz eines \u201est\u00f6renden\u201c Strauchs ein\nhalbwegs vern\u00fcnftiges Photo von der unspektakul\u00e4r in den Rhein einm\u00fcndenden\nLahn zu bekommen. Als ich da stehe und ein Photo mache, winkt mir die Joggerin\nnoch einmal zu und enteilt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur\u00fcck\nund \u00fcber die <em>Blaue Br\u00fccke<\/em> nach Oberlahnstein. Die Br\u00fccke ist benannt\nnach einem B\u00fcrgermeister, der sich f\u00fcr den Bau der Br\u00fccke und f\u00fcr die\nZusammenarbeit von Niederlahnstein und Oberlahnstein eingesetzt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nTouristeninformation hat gl\u00fccklicherweise noch ge\u00f6ffnet. Ein gut gelaunter, rundlicher\nMann erkl\u00e4rt mir alles mit vielen ironischen Bemerkungen, bucht mir ein Zimmer\nin einem nahegelegenen Hotel und empfiehlt mir ein Weinlokal. Ich soll also\ndoch noch zu meinem Lahnwein kommen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das war\u2019s. Eine\nTour mit Licht und Schatten, eine Tour, die ich mir, gelinde gesagt, weniger\nanstrengend vorgestellt hatte. Sch\u00f6n waren die vielen Streckenabschnitte an der\nLahn entlang und die vielen kleinen Details, die man unterwegs entdecken konnte\n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chste\nRadtour gilt: Ich muss fitter werden oder mir ein neues Rad kaufen oder eine flachere\nStrecke aussuchen. Oder alles zusammen. <\/p>\n\n\n\n<ol><li>Tag: Bad Laasphe \u2013 Gie\u00dfen: 7.30 \u2013 14.30\n(7 Stunden), 90 km (0-90)<\/li><li>Tag: Gie\u00dfen \u2013 Runkel: 9.00 \u2013 16.00 (7\nStunden), 82 km (90-172)<\/li><li>Tag: Runkel \u2013 Lahnstein: 8.30 \u2013 15.30 (7\nStunden), 68 km (172 \u2013 240)<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25. August (Mittwoch) Was es da alles gibt: Marburg, Wetzlar, Gie\u00dfen, Limburg \u2013 alles an der Lahn! Und dazu noch weniger bekannte Kleinodien wie Weilburg, Nassau, Diez, Runkel, wo dem gerade zu Welterbest\u00e4ttenruhm gekommenen Bad Ems ganz zu schweigen. 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