{"id":11263,"date":"2021-10-18T12:21:52","date_gmt":"2021-10-18T10:21:52","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11263"},"modified":"2021-10-18T12:21:52","modified_gmt":"2021-10-18T10:21:52","slug":"baden-baden-2021","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11263","title":{"rendered":"Baden-Baden (2021)"},"content":{"rendered":"\n<p>30. September (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Baden-Baden hie\u00df fr\u00fcher <em>Baden<\/em>. Ganz einfach. Da es in Baden lag, f\u00fcgte man dann, um es von anderen Orten gleichen Namens zu unterscheiden, das zweite <em>Baden <\/em>hinzu. Es diente also der Unterscheidung, \u00e4hnlich wie bei <em>Oldenburg in Oldenburg<\/em>, aber eben mit dem Bindestrich versehen. Die Umbenennung in <em>Baden-Baden<\/em> erfolgte erst 1931! Den gr\u00f6\u00dferen Teil seiner Geschichte hie\u00df Baden-Baden also nicht <em>Baden-Baden<\/em>! Aber auch der Name <em>Baden<\/em> war irgendwann neu gewesen. Er ist zum ersten Mal in einer sp\u00e4tmittelalterlichen Urkunde des Markgrafen von Baden erw\u00e4hnt.Die R\u00f6mer, die hier schon die hei\u00dfen Quellen entdeckten, nannten den Ort <em>Aquae Aureliae<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Kuriosit\u00e4ten Baden-Badens geh\u00f6rt, dass die\n\u00f6sterreichische Kaiserin Elisabeth, die eigenwillige Sissi, hier mit einem\nGefolge von 36 Personen auflief und gleich ihre eigene Kuh mitbrachte, um\nt\u00e4glich frische Milch zu bekommen und dass der Urgro\u00dfvater des F\u00fcrsten Albert\nvon Monaco hier in der heutigen Sparkasse zur Welt kam und dass das beste Bier\nBrasiliens <em>Baden-Baden<\/em> hei\u00dft. Ein Grund mehr, da mal hinzufahren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Hotel, ganz zentral gelegen, ein bisschen\nabseits des Augustaplatzes, scheint sich immer mehr \u00fcber das Viertel\nauszudehnen. Zu dem Hotel geh\u00f6ren auch Zimmer, die vermietet werden, sowie Ferienwohnungen\nund eine weitere Dependance, die sich \u201eResidenz\u201c nennt, alle in verschiedenen\nGeb\u00e4uden in unmittelbarer Nachbarschaft untergebracht. Dazu das Hotel selbst,\ndas wiederum einen Ableger in einer Seitenstra\u00dfe hat, in dem ich untergebracht\nbin. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau an der Rezeption ist Russin, und das\nM\u00e4dchen, das beim Fr\u00fchst\u00fcck bedient, auch. In der Stadt h\u00f6rt man auch \u00fcberall\nRussisch. Das kn\u00fcpft irgendwie an die Tradition des 19. Jahrhunderts an, wo all\ndie ber\u00fchmten Russen G\u00e4ste in Baden-Baden waren. Im Stadtpark sehe ich zuf\u00e4llig\neine B\u00fcste von Turgenjew, und sp\u00e4ter a einer H\u00e4userfassade ein modernes Relief\nvon Gogol. Und im Theater l\u00e4uft ab n\u00e4chste Woche <em>Verbrechen und Strafe<\/em>, also Dostojewskis Roman als B\u00fchnenwerk unter\nneuem Titel. Auch wenn der n\u00e4her am original ist, f\u00fcr mich klingt <em>Schuld und\nS\u00fchne<\/em> immer noch \u201ebesser\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Anfahrt nach Baden-Baden schon gestern\nwar, beginnt die Reise \u2013 wenn man sie \u00fcberhaupt so nennen kann \u2013 erst heute,\nund die Freizeit eigentlich erst nach dem Termin beim SWR. Dessen Gel\u00e4nde ist\neine einzige Baustelle. Die normale Einfahrt ist sogar f\u00fcr Autos gesperrt. F\u00fcr\nmich nicht, ich bin zu Fu\u00df unterwegs. Auf dem Gel\u00e4nde entstehen \u00fcberall neue\nGeb\u00e4ude, darunter ein riesiges neues Medienzentrum. Auch auf den Zufahrtswegen\nwird \u00fcberall gebuddelt. Ich habe mich fr\u00fcher schon gewundert, wie gro\u00df das\nGel\u00e4nde ist, aber es scheint eine langfristige Planung zu sein, und man kann\nnun problemlos erweitern. Zu tun gibt es genug. Neben dem Fernsehsender\nbetreibt der SWR vier Radiostationen und <em>Das Ding<\/em> und <em>SWR<\/em> <em>Info<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum SWR komme ich an Brenners Park Hotel\nvorbei, wo ich diesmal nicht abgestiegen bin. Dabei gibt es ein Zimmer schon\nf\u00fcr l\u00e4ppische 500 \u20ac pro Nacht. Fr\u00fchst\u00fcck nicht inbegriffen. Da muss man noch\nmal 55 \u20ac drauflegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg hinauf zum Sender ist mir schon irgendwie\nvertraut von fr\u00fcheren Besuchen. \u00dcberhaupt habe ich alles schon mal gesehen,\nirgendwie, aber nicht im Zusammenhang, und mir fehlt mal wieder die\nOrientierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor dem Termin beim SWR ist genug Zeit f\u00fcr\neinen Spaziergang, durch den Stadtpark und an der Lichtenthaler Allee entlang.\nDabei komme ich am Kurhaus vorbei und an dem, was man hier \u201eTrinkhalle\u201c nennt,\ndas historisierende Geb\u00e4ude f\u00fcr die Thermalwasser-Trinkkuren. <\/p>\n\n\n\n<p>Im dem riesigen Stadtpark geht es an der Oos entlang\nund \u00fcber sie dr\u00fcber. Der Name ist keltisch. Er geh\u00f6rt zu den archaischen\nW\u00f6rtern f\u00fcr Fluss, die einfach \u201aWasser\u2018 bedeuten. Neben der <em>Oos<\/em> gilt das\nauch f\u00fcr die <em>Ouse<\/em> und die <em>Oise<\/em>, f\u00fcr die <em>Isar<\/em> und die <em>Is\u00e8re<\/em>,\ndie <em>Weser<\/em> und die <em>Weichsel<\/em>. Und wir finden das Wort nat\u00fcrlich auch\nin <em>Whisky<\/em>, dem \u201aLebenswasser\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig im Stadtpark die vielen knorrigen B\u00e4ume,\nB\u00e4ume, von denen schon Turgenjew in einem Brief an einen Freund schw\u00e4rmte. Aus\ndem kahlen Stamm eines abgestorbenen Baums hat man ein l\u00e4ngliches Loch\nherausgeschnitten, durch das man auf die Innenstadt und eine Wasserfont\u00e4ne\nsieht.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>In der Touristeninformation bekomme ich einen\nkleinen Stadtf\u00fchrer und erfahre jetzt endlich, was es mit der neugotischen\nKirche auf sich hat, die ganz in der N\u00e4he des Hotels, am Augustaplatz, steht,\nund die mit ihren beiden spitzen T\u00fcrmen ein richtiger Hingucker ist. Es ist die\nEvangelische Stadtkirche, und die hei\u00dft offensichtlich auch so. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Augustaplatz ist benannt nach Augusta, der\nGemahlin Wilhelms I. Die beiden kamen vierzig Jahre lang hierher, erst in\nseiner Zeit als Kronprinz, dann als K\u00f6nig, dann als Kaiser. Die Kaiserallee ist\ndanach benannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Stadtf\u00fchrer ist von den drei Bl\u00fctezeiten der\nStadt die Rede. Die erste war die der R\u00f6mer, die zweite begann nach der\nVerlegung der Residenz der Markgrafen hierher (1473), ins Neue Schloss, zwei\nJahre, nachdem der Kaiser zur Kur nach Baden gekommen war, die dritte beginnt,\nals die europ\u00e4ischen F\u00fcrsten und Diplomaten beim Rastatter Kongress (1797) die\nStadt als Sommerresidenz f\u00fcr sich entdeckten. Das einschneidendste&nbsp; Ereignis war aber wohl der Stadtbrand von\n1689, nachdem die Franzosen die Stadt besetzt hatten. Der Brand legte fast die\nganze Stadt und die Burgen der Umgebung in Schutt und Asche. Das sieht man bis\nheute. Es gibt kein mittelalterliches Viertel, keine gotische Kirche, kein\nmittelalterliches Rathaus. Das Stadtbild wird beherrscht von den vielen repr\u00e4sentativen\nH\u00e4usern der Neuzeit, klassizistischen und neobarocken Geb\u00e4uden und Geb\u00e4uden aus\nder Gr\u00fcnderzeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Termin beim SWR suche ich ein Caf\u00e9 im\nZentrum. Gar nicht so leicht. Das Wetter ist ein Traum, und da, wo ein bisschen\nSonne ist, ist alles besetzt. Wenn man sich umsieht, wer da so rumsitzt, kann\nman sich fast jung f\u00fchlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande ich im Caf\u00e9 K\u00f6nig, das ich von einer\nfr\u00fcheren Gelegenheit kenne und mit dem ich sch\u00f6ne Erinnerungen verbinde. Sonst\nist es schwer, hier einen Platz zu finden, aber das Karree vor dem Caf\u00e9, auf\ndem die Tische stehen, liegt im Schatten, und jetzt suchen die Leute die\nletzten Sonnenstrahlen der letzten warmen Tage des Jahres in anderen Caf\u00e9s. Es\ngibt Kaffee und einen ausgezeichneten Kuchen. Der freundliche Kellner ist auch\nRusse und unterh\u00e4lt sich mit seinen russischen Stammkunden auf Russisch. Erst\nnach der R\u00fcckkehr nach Trier werde ich durch eine Frage darauf aufmerksam, dass\nes keine russischen Lokale gibt in Baden-Baden. Das w\u00e4re doch mal eine Gesch\u00e4ftsidee.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich meinen Rundgang beginne, kaufe ich ein\npaar Postkarten und bei der Gelegenheit einen Bleistift. Ich staune nicht\nschlecht, als ich bezahle: Der Bleistift, der unter \u201eGeschenkartikel\u201c l\u00e4uft,\nkostet 3,95 \u20ac. In Baden-Baden, das werde ich noch \u00f6fter erfahren, kann es nicht\nschaden, eine gut gef\u00fcllte Brieftasche bei sich zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Startpunkt meines Rundgangs ist der Leopoldsplatz,\nziemlich laut, obwohl schon zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone geh\u00f6rend (aber die Stadtbusse\nfahren hier her), mit einem modernen Brunnen im Zentrum. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es die Sophienstra\u00dfe hinauf, eine\nAlleenstra\u00dfe mit einem breiten Mittelstreifen f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. Etwa auf halber\nH\u00f6he der Reiherbrunnen. Zwei Reiher zu den Seiten picken mit ihrem Schnabel in\nihrem Gefieder herum, der dritte, zentral am hinteren Beckenrand postiert, hat\ndie Fl\u00fcgel weit ausgebreitet. Aus seinem Schnabel flie\u00dft hei\u00dfes Thermalwasser.\nDer Brunnen stand fr\u00fcher weiter oben, auf dem Willy-Brandt-Platz, wurde dort\naber immer wieder von Autos angefahren. Also versetzte man ihn hierher, in\ndiese verkehrsberuhigte Zone. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Sophienstra\u00dfe biegt man links ab und\nkommt an einem italienisch aussehenden gro\u00dfen Geb\u00e4ude vorbei, der Alten\nPolizeidirektion. Dann kommt man zu einem Platz und steht vor den hypermodernen\nCaracalla-Thermen. Der Redakteur des SWR hat sie empfohlen, er ist dort\nStammgast. Warum die Thermen so hei\u00dfen, erschlie\u00dft sich einem nicht. Klingt\netwas bombastisch. Oder hatte Caracalla etwa was mit Baden-Baden zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Thermen der obligatorische Brunnen. Auf dem\nBrunnenrand eine knieende entbl\u00f6\u00dfte weibliche Figur, ohne Arme. Hat sie\nirgendeinen Bezug zu den Thermen? Oder ist es nur eine Reminiszenz an antike\nStatuen, wie sie in der Neuzeit ans Licht kamen?<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts von den Thermen steht eine Kapelle, und\nhinter der Kapelle eine Skulpturengruppe, einer \u00d6lbergszene aus r\u00f6tlichem\nSandstein, eine sehr sch\u00f6ne Gruppe, die viel \u00e4lter ist als ich dachte, \u00fcber 500\nJahre alt. Sie steht hier, weil sich fr\u00fcher hier der Friedhof befand, der, wie\ndie Kapelle, zu einem Hospiz geh\u00f6rte. Die alte Stadtmauer verlief genau hier,\ndas Hospiz befand sich au\u00dferhalb der Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Skulpturengruppe zeigt die drei schlafenden\nJ\u00fcnger, alle in einer anderen Position, einer halb liegend, seinen Kopf auf die\nHand gest\u00fctzt, die beiden anderen sitzend, einer mit dem Kopf an die Wand\ngelehnt, der andere halb nach vorne gebeugt, schlafend, ohne das Buch aus der\nHand zu lassen. So was soll es ja geben. Jesus ist von ihnen abgewandt, mit\nbetenden H\u00e4nden, richtet seinen Blick gegen Himmel, aber die Mauer vor ihm\nscheint ihn daran zu hindern. Sowohl die Umgebung als auch die Figuren sind aus\ndemselben Material gemacht, die Figuren scheinen mit ihrer Umgebung zu\nverschmelzen. Sehr sch\u00f6n, aber durch die Position hinter der Kapelle leider den\nmeisten Blicken verborgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man wieder zur\u00fcck und an den Caracalla-Thermen\nvorbeigeht, hat man von dem Weg aus einen Blick auf f\u00fcnf der bedeutendsten\nBauten Baden-Badens: auf das Rathaus, die Stiftskirche das Schloss hoch oben\nund auf das Friedrichsbad und das Frauenkloster vom Heiligen Grab hier unten.\nDas Frauenkloster wurde, gerade fertiggestellt, ein Opfer des Stadtbrands und\nwurde dann wieder aufgebaut. Es ist in Wei\u00df gehalten, mit einem eher barocken\nStilmix und kontrastiert mit dem Friedrichsbad, hundert Jahre j\u00fcnger, im Stil\nder italienischen Renaissance errichtet, vermutlich Sandstein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Friedrichsbad entstand in der zweiten Bade-Phase\nBaden-Badens. Das Gl\u00fcckspiel wurde n\u00e4mlich nach der Gr\u00fcndung des Deutschen\nReichs verboten, das Casino geschlossen. Baden-Baden verlor seine ausw\u00e4rtigen\nG\u00e4ste \u2013 dass man Frankreich besiegt und sich Elsass-Lothringen einverleibt\nhatte, trug auch nicht gerade zur Beliebtheit in Frankreich bei \u2013 und sah sich\nam Abgrund. Das war die Situation, in der man sich auf die alte Badetradition\nbesann. Und eine neue Epoche begann. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gl\u00fccksspiel blieb lange verboten und wurde dann\nerst wieder 1933 erlaubt. Ich reibe mir die Augen, als ich das lese. 1933? Die\nNazis haben das Gl\u00fccksspiel erlaubt? Waren die etwa Zocker? Es passt \u00fcberhaupt\nnicht zu ihrer Ideologie und auch nicht zu dem, was ich gerade jetzt in der\nZeitung gelesen habe, n\u00e4mlich dass sie <em>Monopoly<\/em>, kaum war die deutsche\nVersion erschienen, wieder aus dem Verkehr gezogen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es \u00fcber eine gerade, steile Treppe nach\noben auf den Marktplatz. Hier steht das Alte Rathaus, und neben ihm steht die\nStiftskirche, ganz und ganz von einem Bauzaun umgeben. Hier wird saniert.\nWarum, das sollte ich am n\u00e4chsten Tag erfahren. <\/p>\n\n\n\n<p>An der anderen Seite f\u00fchrt eine \u00e4hnlich steile\nTreppe runter auf den Jesuitenplatz. Dabei kommt man an einer monumentalen\nBismarck-Statue vorbei, die gleich an der Seite der Treppe steht. Bismarck kam\njahrelang nach Baden-Baden und sorgte daf\u00fcr, dass er immer hier war, wenn auch\nder Kaiser hier war. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Jesuitenplatz steht das Neue Rathaus. Ich\nkenne kein Rathaus, das so wenig wie ein Rathaus aussieht. Es sieht eher wie\nein vornehmes mehrst\u00f6ckiges Wohnhaus aus, aber auch das war es urspr\u00fcnglich\nnicht. Urspr\u00fcnglich war es das Kolleg der Jesuiten, wurde aber nach deren\nAusweisung nochmals umgebaut. Ganz merkw\u00fcrdig ist ein niedriges wei\u00dfes Geb\u00e4ude,\ndas man davorgesetzt hat und das jetzt der Eingang zum Rathaus ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sind es nur ein paar Minuten \u00fcber die\nLange Stra\u00dfe zum Hotel. Nach einer kleinen Pause mache ich mich auf die Suche\nnach einem Lokal. Gar nicht so einfach. Entweder voll oder teuer. In einem\nitalienischen Lokal in der N\u00e4he des Hotels gibt es Wein nur in Flaschen, und\ndie bewegen sich so um die 50 \u20ac. In einem Hotel ganz in der N\u00e4he, mit einer\nverlockenden Speisekarte, fangen die Vorspeisen so bei 50 \u20ac an. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande ich wieder am Leopoldsplatz und komme\nvon hier aus in die Luisenstra\u00dfe. Dort erkenne ich das <em>Garibaldi<\/em>. Dort\nhabe ich beim letzten Mal Panettone gekauft. Das Lokal war geschlossen, es muss\nzum H\u00f6hepunkt der Corona-Einschr\u00e4nkungen gewesen sein. Heute ist es hier\nrappelvoll. Keine Chance auf einen Tisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber daneben habe ich Gl\u00fcck, im <em>Einhorn<\/em>. Das\nLokal hat seinen Namen von dem <em>Einhorng\u00e4\u00dfchen<\/em>, an dem es liegt. Ein Volltreffer!\nEs gibt K\u00fcrbis-Chili-Suppe, selbstgebackenes Brot mit Feigen und Waln\u00fcssen,\nsehr gute Penne und italienischen Wein. Und man kann problemlos bis zum Schluss\ndrau\u00dfen sitzen. Und morgen ist der 1. Oktober.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem erleuchteten\nPalais vorbei. Darin hat die Sparkasse ihren Sitz. Das ist also gemeint, wenn\nes hei\u00dft, der Urgro\u00dfvater des F\u00fcrsten von Monaco sei in einer Sparkasse zur\nWelt gekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann bleibe ich noch vor einem Stadtplan stehen, um\ndie Route von heute noch mal nachzuverfolgen. Dabei entdecke ich kuriose Namen:\n<em>Seufzerallee<\/em>, <em>Hungerberg<\/em>, <em>Hasensprung<\/em>, <em>T\u00fcrkenweg<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Viertel, in dem das Hotel liegt, hat noch eine\nganze Reihe von Familienbetrieben, einen Uhrmacher, eine Schuhreparatur, ein\nStrickmodengesch\u00e4ft, aber auch umgewidmete Gesch\u00e4fte. In einem der\ntraditionellen L\u00e4den hat sich ein Tattoo-Studio eingerichtet. Es gibt auch ein\npaar heruntergekommene und leerstehende Gesch\u00e4fte. Will nicht so recht zu den\nvornehmen Gesch\u00e4ften der nahen Innenstadt passen. In der Langen Stra\u00dfe hei\u00dft es\nan einer teuren Modeboutique: \u201eShopping is cheaper than therapy.\u201c Dass Shopping\nerst mal der Grund f\u00fcr die Therapie sein kann, wird nicht verraten. <\/p>\n\n\n\n<p>An dem Briefkasten am Augustaplatz hat jemand auf\nden Schlitz geschrieben \u201eMe(h)er Liebesbriefe\u201c. Eine sch\u00f6ne Aufforderung,\nobwohl sich mir das Wortspiel nicht so ganz erschlie\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Rundgang am Morgen beginnt am Augustaplatz,\nquasi vor der Haust\u00fcr. Dort hat man einen k\u00fcnstlichen See angelegt, weit\nverzweigt, mit einer hohen Font\u00e4ne im Zentrum und weiteren am Rand. Verr\u00fcckt: Der\nist mir noch nie aufgefallen. Immer, wenn ich hier war, war ich mit Gep\u00e4ck,\nAbfahrtszeiten und der Suche nach Hotels besch\u00e4ftigt. Der Augustaplatz ist\nvermutlich die zentrale Bushaltestelle von Baden-Baden. <\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6nste Photo hat die Fassade der Evangelischen\nStadtkirche im Hintergrund und die Font\u00e4ne im Vordergrund. Die Sonnenstrahlen\nbrechen sich im Wasser. Es ist noch kalt, aber der Himmel ist blau. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Fassade der Evangelischen Stadtkirche sieht\nman vier Figuren. Nicht rauszufinden, wer das ist, aber der Stadtf\u00fchrer spricht\nvon vier Reformatoren: Calvin, Zwingli, Melanchthon, Luther. Die sollen aber in\nder Kirche sein, die Kirche ist aber verschlossen. Und die hier drau\u00dfen sehen\neher wie biblische Figuren aus. Aber das kann nat\u00fcrlich beabsichtigt sein. Wie\ndem auch sei, das mit den vier ist eine unglaubliche Zusammenstellung. Es ist\nso, als wenn in einer katholischen Kirche eine Statue von Luther neben der\neines Papstes st\u00fcnde. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ein Photo von der Fassade mache, f\u00e4llt mir\nauf, dass die Kirche eine Hausnummer hat: 1. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Kirche erf\u00e4hrt man durch eine\nInformationstafel, dass hier, auf diesem Platz, die B\u00fccherverbrennung unter den\nNazis stattgefunden hat, im Juni 1933. Betroffen waren j\u00fcdische, marxistische\nund pazifistische Autoren. Deren List ist lang und umfasst Marx, Max Brod,\nStefan Zweig, Tucholsky, Remarque und Schnitzler neben vielen anderen und auch\nHeinrich Mann und Klaus Mann, aber nicht Thomas Mann!<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zum\nStadtpark. Dort stehen B\u00e4ume aus aller Herren L\u00e4nder, darunter Ginkos,\nMammutb\u00e4ume, Tulpenb\u00e4ume, Korkeichen. Unter den wenigen Nadelb\u00e4umen ein sch\u00f6ner\nBaum mit einer schuppenartigen, r\u00f6tlichen Rinde und mehreren dicht\nnebeneinander wachsenden St\u00e4mmen. Das ist eine Eibe. Kann mich nicht entsinnen,\njemals eine gesehen zu haben. Da werde ich aber in den n\u00e4chsten Tagen eines\nBesseren belehrt, als mir ein kenntnisreicher Freund eine Eibe zeigt, die an unserem\nWeiher steht. Er erkl\u00e4rt mir auch, dass es bei den Eiben m\u00e4nnliche und (an den\nroten Fr\u00fcchten zu erkennende) weibliche Exemplare gibt. Die teilen also die\nAufgaben, die sonst ein Baum \u00fcbernimmt, auf zwei auf. Auch beim Ilex und beim\nKiwi soll das so sein. Die Fr\u00fcchte der Eibe sind essbar, aber nur die, alles\nandere ist giftig, auch die Kerne.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier im Stadtpark wieder eine Font\u00e4ne. Die\nSonnenstrahlen zaubern zusammen mit dem Wasser einen Regenbogen hinter der\nFont\u00e4ne. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Stadtpark liegt das Museum Frieder Burda, ein\nneuer Bau, aus wei\u00dfen Kacheln und Glas. \u00dcber eine Br\u00fccke ist es verbunden mit\nder Staatlichen Kunsthalle, einem neoklassizistischen, n\u00fcchtern-sachlichen Bau,\ndessen Formen es aufgreift. An der Kunsthalle stimmt etwas nicht. Sie hat einen\nMittelrisalit, und in dem befindet sich, am Ende einer Treppe, der Eingang.\nRechts davon ein Fl\u00fcgel des Baus, aber der hat links keine Entsprechung. Vielleicht\nwar der mal vorgesehen und ist nicht zur Ausf\u00fchrung gekommen. An seiner Stelle\nsteht jetzt das Frieder Burda. Und stellt die Symmetrie her. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Frieder Burda zwei moderne Skulpturen, beide\nvon Joan Mir\u00f3. Beide hei\u00dfen <em>Femme<\/em>. Die eine besteht nur aus zwei Teilen,\neinem hohlen l\u00e4nglichen Rechteck unten und einem etwas schr\u00e4g sitzenden Ei\ndarauf. Erstaunlich, dass man in so stilisierten Formen einen menschlichen\nK\u00f6rper erkennen kann. Irgendwie hat man auch die Vorstellung, dass es eher eine\nFrau als ein Mann sein k\u00f6nnte, aber wie die bewirkt wird, verstehe ich nicht.\nBei der anderen Figur ist der K\u00f6rper nicht hohl, und der Kopf ist nicht oval,\nsondern l\u00e4nglich, quer. Trotzdem durch die Position als Kopf zu erkennen. Der\nKopf hat ein paar Streifen, die man als Augen oder als L\u00e4cheln deuten kann. Und\nder K\u00f6rper hat zwei Ausbuchtungen, die man als weibliche Attribute erkennen\nkann, aber sie scheinen zu weit unten und hinten statt vorne zu sitzen. Etwas\nverwirrt ist man schon. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he liegt die Trinkhalle, die man\nzuerst von der schmalen Querseite aus sieht. Dieser Anblick t\u00e4uscht, t\u00e4uscht\nvor allem \u00fcber die Dimension des Baus hinweg. Der ist ein monumentaler,\nlanggezogener Bau mit einer ebenso langen, offenen Wandelhalle hinter\nkorinthischen S\u00e4ulen, mit einem herausgehobenen Mittelteil. Die Wandelhalle hat\neine pr\u00e4chtige Decke und vierzehn Wandgem\u00e4lde, die Sagen aus der Region\ndarstellen: Ein Graf springt vor seinen Verfolgern von einem Felsen ins Tal,\nTeufel und Engel predigen von zwei benachbarten Felsen in einer Schlucht, einem\nMarkgrafen, der sich durch ein Gewitter bei der Jagd verirrt hat, bieten zwei\nEinsiedler ein Dach, bei der Jagd nach einem wei\u00dfen Reh verf\u00e4llt der J\u00e4ger dem\nCharme einer Felsenjungfrau und wird zum Einsiedler und Tiersch\u00fctzer, die\n\u00c4btissin des Klosters Lichtenthal legt die Schl\u00fcssel des Klosters in die H\u00e4nde\nder Gottesmutter, und die blendet die angreifenden Schweden, die daraufhin\nabziehen m\u00fcssen. Die Geschichte mit der Gastfreundschaft erinnert an Philemon\nund Baucis, die Zeus und Merkur, nachdem sie \u00fcberall abgeblitzt sind, in ihrer\nbescheidenen H\u00fctte aufnehmen. Irgendwie habe ich in Erinnerung, dass es in der\nBibel eine \u00e4hnliche Szene gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der Wandelhalle aus hat man einen sch\u00f6nen Blick\nin den Park, und die Sonne tut das ihrige, um den besonders sch\u00f6n zu machen.\nDer eigentliche Brunnenraum, in den man durch die Wandelhalle kommt, ist\ngeschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Trinkhalle eine B\u00fcste von Wilhelm I. Den\nh\u00e4tte es in Baden-Baden fast erwischt. Bei einem Spaziergang auf der\nLichtenthaler Allee in Begleitung eines Diplomaten gab ein Passant zwei Sch\u00fcsse\nauf ihn ab. Ein Schuss ging daneben, der andere war ein Streifschuss. Wilhelm\nwurde behandelt und zeigte sich schon am Abend dem jubelnden Volk vom Balkon\nseines Hotels. Man fragt sich unwillk\u00fcrlich: W\u00e4re die Geschichte anders\nverlaufen? Friedrich III. h\u00e4tte noch 27 Jahre zum Regieren gehabt. H\u00e4tte er die\nWeichen anders stellen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Badischen Hof komme ich am Theater\nvorbei, einem sch\u00f6nen, neobarocken Bau. Urspr\u00fcnglich wurde im Kurhaus Theater\ngespielt, aber da dort der Spielbetrieb immer mehr Raum einnahm, entschloss man\nsich zu diesem Neubau. Berlioz komponierte eigens f\u00fcr die Er\u00f6ffnung eine Oper\nund dirigierte sie auch gleich. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Theater eine moderne Skulptur, eine\nDoppelskulptur, aus Metall. Die eine besteht aus drei aufeinander gesetzten\ngr\u00f6\u00dferen Kegeln, mit der Spitze nach unten, die andere aus f\u00fcnf kleineren\nKegeln. Man denkt sich nichts dabei, aber erf\u00e4hrt durch die Plakette vor der\nSkulptur, dass es sich um die Darstellung von Menschen handelt, von Mann und\nFrau, und zwar ausgerechnet von Philemon und Baucis. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich zu einer Mission auf, die zum\nScheitern verurteilt ist. Die Ursache ist ein Brand. Ich suche einen Brunnen,\neinen dreischaligen Thermalbrunnen. Der steht im Garten eines Hotels, des\nBadischen Hofs, am \u00e4u\u00dfersten anderen Ende der Lichtenthaler Allee. Man soll ihn\nvon au\u00dfen einsehen k\u00f6nnen. Aber ach, als ich ankomme und das gro\u00dfe Areal des\nHotels umkreise, habe ich keine Chance, etwas zu sehen. Im Badischen Hof hat es\ngebrannt, und um das ganze Hotel herum zieht sich ein dichter Bretterzaun.\nSchade. Der Grund, warum ich diesen Brunnen suche: Er war lange Zeit das\nKennzeichen des SWF im Fernsehen, damals, als man noch von Sendeanstalt zu\nSendeanstalt umschalten musste, was immer eine Sendepause bedingte. In diesen\nSendepausen sah man f\u00fcr jeden Sender ein typisches Bild, im Falle des SWF eben\ndiesen Brunnen. Als ich ein Photo des Brunnens in dem Stadtf\u00fchrer sah, stellte\nsich die verloren geglaubte Erinnerung sofort wieder ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sinniere dar\u00fcber nach, was f\u00fcr ein Ungl\u00fcck es\nf\u00fcr das Hotel sein muss, ausgerechnet jetzt, nachdem man so lange unter Corona\ngelitten hat, wieder schlie\u00dfen zu m\u00fcssen. Ein Mann, der mich bei der Umrundung\ndes Bretterzauns anspricht, sagt, die Sanierung werde wohl zwei Jahre dauern. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Augenwinkel sehe ich derweil Bauarbeiter,\ndie Hinweisschilder mit der Aufschrift <em>Impfzentrum<\/em> entfernen. Die\nImpfzentren haben ausgedient. Es gibt keine nennenswerte Nachfrage mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg will ich mir noch das Festspielhaus\nansehen, aber als ich davorstehe, denke ich mir: \u201eDas ist doch ein Bahnhof!\u201c.\nStimmt auch, jedenfalls war es ein Bahnhof. Urspr\u00fcnglich gab es eine Verbindung\nzwischen dem Bahnhof in Oos, an dem ich auch angekommen bin, und Baden-Baden. Und\nder war hier, wo ich jetzt stehe. Als die Strecke stillgelegt wurde, baute man\ndie Bahnhofshalle in das neue Festspielhaus ein, als Eingangshalle. Das\neigentliche Festspielhaus, die zweitgr\u00f6\u00dfte Oper Europas nach der Pariser\nBastille, liegt hinter der Bahnhofshalle. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gedanken an den Bahnhof in Oos kommt mir\nwieder der Busfahrer in Erinnerung, der mich gestern nach Baden-Baden\nchauffiert hat. Hinsichtlich der Automaten, an denen man seine Tickets\nentwertet, sagte er zu mir: \u201eDe zweide n\u00e4mme, de \u00e4rschte isch kaputt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Zeit f\u00fcr das Stadtmuseum, wiederum am anderen\nEnde der Innenstadt gelegen, auch an der Lichtenthaler Allee, hinter der\nKunsthalle. <\/p>\n\n\n\n<p>In der unteren Etage gibt es Reminiszenzen an die\nZeit des alten Casinos. In der Mitte des Raums ist ein gro\u00dfer Spieltisch\naufgestellt, mit dem bekannten Roulette, aber auch einem weniger bekannten\nPferderennen. Die Pferde laufen Runden und man setzt auf seinen Favoriten, ganz\n\u00e4hnlich wie auf der Rennbahn. \u00dcber allem thront die Figur der Fortuna. Die hat\naber niemanden davon abhalten k\u00f6nnen, hier sein Gl\u00fcck zu versuchen. Tolstoi\nschreibt: \u201eBin heute Morgen krank. Bis sechs Uhr Roulette gespielt, alles\nverloren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine bekommt man die W\u00fcrfel, die Roulettekugel\nund die Spielkarten aus der letzten Spielesaison vor der Schlie\u00dfung des\nTheaters zu sehen, ebenso Gl\u00fccksnadeln, die man sich ansteckte, um sich Fortuna\ng\u00fcnstig zu machen, sowie eine Abhandlung \u00fcber das Roulettespiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Schlie\u00dfung des Casinos erlangte der Sport\nbesondere Bedeutung. Fast alle Sportarten wurden von den Briten nach\nBaden-Baden gebracht: Tennis, Fu\u00dfball, Golf. Alle wurden an der Lichtenthaler\nAllee gespielt, aber beim Fu\u00dfball schritt die Stadt irgendwann ein. Zu viel\nL\u00e4rm, zu viele Raufereien. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Reminiszenz an die damalige Zeit h\u00e4ngt an der\nWand ein Tennisschl\u00e4ger, kleiner und ovaler als die heutigen, mit einem\nHolzrahmen und Darm f\u00fcr die Bespannung. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht von den Briten, sondern von den Franzosen\nwurde das Pferderennen nach Baden-Baden gebracht. In Iffezheim, damals noch ein\nDorf, wurde eine Pferderennbahn gebaut. Auf einem Gem\u00e4lde sieht man im\nHintergrund die Pavillons f\u00fcr die Besucher der \u201eh\u00f6heren St\u00e4nde\u201c, aber im\nVordergrund sieht man auch, an einfachen Tischen oder auf einem Heuwagen\nsitzend, B\u00fcrger, Soldaten, Bauern. Die Silhouette des Dorfs sieht man links mit\nBauernh\u00e4usern und einer Kirche, rechts steht auf einer Erh\u00f6hung einsam ein\nKapellchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Accessoires der Damen der vornehmen St\u00e4nde\nist hier ein sch\u00f6n gestaltetes Opernglas ausgestellt, ein seidener F\u00e4cher, ein\nSonnenschirm, seidene Handschuhe und ein nadelartiges Instrument aus Elfenbein.\nWas kann das nur sein? Damit spreizte man die Handschuhe, damit man besser\nreinkam. Unter den Accessoires der Herren befinden sich ein Spazierstock, eine\nPfeife und eine Schnupftabaksdose, alle mit Portr\u00e4ts von F\u00fcrsten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hingucker ist die Reisetruhe der Gro\u00dfherzogin\nStephanie, aus Nadelholz, mit Lackmalereien und Perlmuttbesatzungen. Bei den\nReisetruhen, die Vorl\u00e4ufer unserer Koffer, kam es vor allem darauf an, dass sie\nstabil waren. Sie mussten einiges aushalten auf rumpeligen Wegen mit den\nHolzr\u00e4dern der Wagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Obergeschoss wird die Zeit zur\u00fcckgedreht, zur\u00fcck\nzu den R\u00f6mern in Baden-Baden. Es gibt r\u00f6mische Grabdenkm\u00e4ler und Weihealt\u00e4re,\nganz wie bei uns, wenn auch nicht so vielf\u00e4ltig. Unter den G\u00f6tterstatuen ein\nreitender Jupiter, die typische Symbiose zwischen r\u00f6mischer und germanischer\nTradition. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen Leugenstein zu sehen (III), einen\nr\u00f6tlichen Stein mit Entfernungsangabe, ein Meilenstein. Er besagt, dass es von\nhier nach Sinzheim 4 Leugen weit ist, ca. 10 Kilometer. Der Leugenstein enth\u00e4lt\neine Inschrift an Caracalla, unter seinem eigentlichen Namen: Marcus Aurelius\nSeverus Antonius. Unter diesem Namen kennt ihn kein Mensch. Alle kennen ihn als\nCaracalla. Das bedeutet so viel wie\n\u201eKapuzenmantelmann\u201c. Diesen Spitznamen erhielt er, weil er oft einen weiten\nMantel mit Kapuze trug. Der bl\u00e4hte sich im Wind auf, wenn er durch die Gegend\nritt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch aus der R\u00f6merzeit ein\nBrunnenstein mit ge\u00f6ffnetem L\u00f6wenmaul (I). Oben zwei geh\u00f6rnte Wesen mit\nZiegenk\u00f6pfen, die eine Kugel zwischen den H\u00f6rnern halten. Was das wohl bedeuten\nmag? Am Rand des Brunnensteins zwei b\u00e4rtige Hermen. Mit der B\u00e4rtigkeit der\nantiken G\u00f6tter war es so eine Sache. In archaischer Zeit herrschte eine gewisse\nUnregelm\u00e4\u00dfigkeit, an der Wende zur Klassik legten sie den Bart ab. Beibehalten\nwird der Bart vor allem bei Zeus und Poseidon. Sie hatten als S\u00f6hne des Chronos\nund Teilhaber des Weltregimes h\u00f6chsten G\u00f6tterrang. Bei Hermes variierten beide\nDarstellungen, mit einer Tendenz zu dem bartlosen Gott der Palestra und dem\nb\u00e4rtigen Wegesgott. Der ist hier gemeint. Eine kuriose Randerscheinung ist,\ndass es heute ein Bartpflegemittel gibt, das <em>Hermes<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Karte sieht man, wie unter\nVespasian die Eingliederung Deutschlands in das R\u00f6mische Reiche erfolgte.\nDaraufhin gab es einen Aufstand der Germanen (69). Unter Domitian erfolgte dann\ndie Aufteilung Deutschlands in Germania Inferior und Germania Superior, mit der\nHauptstadt Mainz. Dazu geh\u00f6rte Baden-Baden. Trier sucht man hier vergebens. Das\ngeh\u00f6rte zur Provinz Belgica. <\/p>\n\n\n\n<p>In Baden-Baden nahm das r\u00f6mische Siedlungsgebiet\ndie heutige Innenstadt ein, nahm aber das Gebiet um die Oos aus. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Bauinschrift steht eine\nWidmung an Caracalla. Hatte der doch eine besondere Beziehung zu Baden-Baden?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Zeitsprung und wir\nbefinden uns mit einem Modell des Alten Schlosses in Hohenbaden, dem\nNamensgeber des Ortes (1100). In den n\u00e4chsten Jahrhunderten wurde das Alte\nSchloss mehrfach umgebaut, aber dann erfolgte die Verlegung der Residenz in das\nstadtnahe Neue Schloss (1479).<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Jahrhundert der Bl\u00fcte\nBaden-Badens als Kurort, aber im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg blieben die Kurg\u00e4ste\naus, der Ort wurde ausgezehrt. Und dann kam im Zuge der Belagerung der Stadt\ndurch die Franzosen der gro\u00dfe Stadtbrand. Die Stadt wurde zerst\u00f6rt, die\nEinwohner flohen in die Umgebung, der Markgraf Ludwig-Wilhelm, \u201eT\u00fcrkenlouis\u201c,\nverlegte seine Residenz nach Rastatt, ordnete aber von Wien aus, wo er gegen\ndie T\u00fcrken k\u00e4mpfte, an, die Einwohner sollten zur\u00fcckkehren und sich in den\nTr\u00fcmmern einrichten. Der hatte gut reden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Museum sieht man aus dieser\nZeit zwei Feuerl\u00f6scheimer aus Leder mit einem Griff aus Kordel. Kein Wunder,\ndass man damit dem Feuer nicht beikommen konnte. Man war ihm schlichtweg ausgeliefert.\nAuch zum Markgrafen Ludwig-Wilhelm gibt es einen aktuellen Bezug. Das Bockbier\naus Rastatt hei\u00dft <em>T\u00fcrkenlouis<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind hier die\nPortalfiguren der abgebrannten Stiftskirche, aus Sandstein: Madonna mit Kind im\nZentrum, Petrus und Paulus zu den Seiten. Die Figuren sind ru\u00dfgeschw\u00e4rzt, und\nPetrus hat seine Schl\u00fcssel verloren.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Saal zur religi\u00f6sen\nEntwicklung Baden-Badens ist von dem Kloster Lichtenthal die Rede, einem\nZisterzienserkloster (XIII). Dort befand sich in der F\u00fcrstenkapelle die fr\u00fche\nGrablege der markgr\u00e4flichen Familie. Das Kloster \u00fcberlebte sogar die\nS\u00e4kularisation, wurde aber beschnitten, sowohl was die Zahl der Nonnen, als\nauch, was die G\u00fcter betrifft. 1815 wurde das Kloster mit der Einrichtung einer\nGrundschule f\u00fcr die M\u00e4dchen des Ortes betreut. Eine fr\u00fche Chance auf Bildung\nf\u00fcr die M\u00e4dchen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Reformation war die Lage\nkompliziert. Die F\u00fcrstenfamilie hatte sich in zwei Zweige aufgespalten, von\ndenen die eine katholisch blieb, die andere protestantisch wurde. Der\nkatholische Zweig starb ohne Nachkommen aus, der andere Zweig \u00fcbernahm, und\nBaden-Baden wurde protestantisch. Dann aber gab es die Gegenreformation und\nBaden-Baden wurde wieder katholisch. Jesuiten und Kapuziner wurden in die Stadt\ngeholt, und das Kloster vom Heiligen Grab wurde gegr\u00fcndet. Auch hier wurde eine\nM\u00e4dchenschule eingerichtet. Das daraus erwachsene Gymnasium gibt es bis heute\nnoch. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Konzentration l\u00e4sst nach, als\nes in das 20. Jahrhundert geht. Ich nehme nur noch wahr, was gerade ins Auge\nf\u00e4llt. Dazu geh\u00f6rt eine merkw\u00fcrdige Preistafel. Sie gibt die Preise f\u00fcr N\u00e4gel\nan. Die kosten von 0,50 RM bis zu 2 RM. Was es damit auf sich hat, erf\u00e4hrt man\ndurch die Beschriftung: Man konnte f\u00fcr diese Summen, je nach Position, N\u00e4gel in\nein h\u00f6lzernes Rad mit dem gr\u00e4flichen Wappen einschlagen lassen. Das war eine\nkaritative Aktion. Der Erl\u00f6s ging zu Gunsten der Kriegsgesch\u00e4digten und\nHinterbliebenen des 1. Weltkriegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Zeit des 2. Weltkriegs gibt\nes eine Tafel aus Emaille f\u00fcr Bekanntmachungen der NSDAP, so eine Art fr\u00fches\nSchwarzes Brett. Die Partei bietet Hilfe und Rat an: Sprechzeiten,\nGesch\u00e4ftsstellen und die Namen der Blockw\u00e4rter konnten hier eingetragen werden.\nDie \u201eVolksgenossen\u201c m\u00f6gen nicht z\u00f6gern, hei\u00dft es, sich an die Partei zu wenden.\nDie Nazis k\u00fcmmerten sich um die Leute. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit\nein Stimmzettel, ein einfacher Stimmzettel f\u00fcr eine Volksbefragung mit zwei\nOptionen. Es ging um die Gr\u00fcndung des Landes Baden-W\u00fcrttemberg. Nach dem Krieg\nwaren drei L\u00e4nder entstanden: Baden, W\u00fcrttemberg-Baden und W\u00fcrttemberg-Hohenzollern.\nDie drei sollten vereinigt werden. 1950 stimmten 83% dagegen, 1951 78%. Die\nBefragung hatte aber keine Gesetzeskraft, und andere Kr\u00e4fte setzten sich durch.\n1952 kam es zur Gr\u00fcndung des Landes Baden-Baden. <\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcr eine Pause, auf der\nTerrasse des Caf\u00e9s der Kunsthalle, mit Blick auf den Stadtpark und das Museum\nFrieder Burda. Nicht schlecht. Und der Kuchen ist von allerbester Qualit\u00e4t.\nAuch hier wieder gesalzene Preise. Am Nebentisch sorgt ein Mann, in l\u00e4ssiger\nHaltung, mit ins Haar zur\u00fcckgeschobener Sonnenbrille, f\u00fcr Unterhaltung. Er\ntelefoniert endlos mit einem Kollegen, laut und deutlich, so dass wir\nmitbekommen, dass er ein Flugzeug hat. Im Gespr\u00e4ch geht es um seine\nbevorstehenden Fl\u00fcge. Es erfolgen Anweisungen zu einer \u00dcberpr\u00fcfung einer\nAnzeige, die beim letzten Flug nicht funktionierte. Seine junge Freundin sitzt\nderweil am Tisch und muss sich das alles anh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcr die Stadtf\u00fchrung.\nPassenderweise werden wir von einem Franzosen gef\u00fchrt, einem Els\u00e4sser, seit\nJahrzehnten in Baden-Baden ans\u00e4ssig. Die F\u00fchrung beginnt an der vierreihigen\nKastanienallee am Kurhaus, die hier aus irgendwelchen Gr\u00fcnden unter dem Namen <em>Kolonnaden<\/em>\nl\u00e4uft. Hier hielten ehemals die Kutschen, so dass die Casino-G\u00e4ste trockenen\nFu\u00dfes zu ihrem Ziel kommen konnten. Heute halten hier die Taxis. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Pavillons zu beiden Seiten\nder Kastanienallee befinden sich Juweliergesch\u00e4fte, Galerien und Boutiquen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren, dass Baden-Baden\nj\u00e4hrlich 1,2 Millionen Besucher hat. 60% davon kommen aus Deutschland. Die\ngr\u00f6\u00dfte Gruppe von Ausl\u00e4ndern stellen die Russen, dann kommen die Araber,\ngefolgt von Schweizern und Franzosen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere erste Station ist das\nKurhaus, mit seinen Kolonnaden das emblematischste Geb\u00e4ude Baden-Badens, von\nWeinbrenner erbaut, nach dem von ihm abgelehnten Abriss der Stadtmauern.&nbsp; Das Kurhaus ist die zentrale Anlaufstelle\nBaden-Badens, auch Ausrichter von Spiel, Musik und Gastronomie. Das alles liegt\nin der Hand des P\u00e4chters.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste P\u00e4chter war ein Franzose,\nB\u00e9nazet, ein r\u00fchriger Unternehmer und M\u00e4zen. Er nutzte die Gunst der Stunde: In\nFrankreich war das Gl\u00fccksspiel verboten worden. Er kam nach Baden-Baden und\nbrachte seine unternehmerische Expertise aus Frankreich mit. B\u00e9nazet initiierte\nauch den Bau des Theaters, um hier Platz f\u00fcr das Casino zu schaffen, und\ngr\u00fcndete die Pferderennbahn in Iffezheim.<\/p>\n\n\n\n<p>Im rechten Fl\u00fcgel des Kurhauses\nbefindet sich das Casino, in dem linken Fl\u00fcgel befindet sich das Restaurant,\nihm gegen\u00fcber befindet sich die Konzertmuschel, und vor dem Geb\u00e4ude befinden\nsich alte Gaslaternen, die immer noch Abend f\u00fcr Abend per Hand entz\u00fcndet\nwerden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Paris die Winterhauptstadt der\neurop\u00e4ischen Oberschicht war, war Baden-Baden die Sommerhauptstadt. Die\nBahnlinie erleichterte die Sache. Baden-Baden lag genau auf halber Strecke\nzwischen Paris und Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus gehen wir zur\nLichtenthaler Allee und zum LA8. Das ist der Name des neuen Kulturzentrums, von\nLichtenthaler Allee 8 abgeleitet. Hier, in dem alten Sommerpalais einer\nschwedischen K\u00f6nigin, befindet sich u.a. ein modernes Museum f\u00fcr Kunst und\nTechnik. Die aktuelle Ausstellung besch\u00e4ftigt sich mit der Schifffahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Geb\u00e4ude befinden sich auch\ndie B\u00fcror\u00e4ume von Frank Elstner. Der geht hier immer noch t\u00e4glich ein und aus,\nwenn er nicht f\u00fcr seine Reportagen unterwegs ist. In Baden-Baden wohnen auch\nTony Marshall und Thomas Gottschalk, der mit einer Redakteurin des SWR liiert\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dem Palais, im Park, hat\nman eine alte, absterbende Buche durch Eisenst\u00e4be gest\u00fctzt. Die \u00c4ste des tot\nwirkenden, horizontal liegenden Stamms finden ihren Weg in die Erde und, siehe\nda, es kommen neue Triebe zum Vorschein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir vor der Kunsthalle\nund dem Museum Frieder Burda. Der F\u00fchrer fragt, ob jemand die aktuelle\nAusstellung gesehen habe. Ein Ehepaar sagt ja, aber als gefragt wird, wie die\nAusstellung ist, sagt der Mann, er enthalte sich jeden Kommentars. F\u00fcgt aber\nhinzu: \u201eDas Geb\u00e4ude ist sensationell.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer sagt, der gr\u00f6\u00dfte Renner\nder Kunsthalle sei eine Dal\u00ed-Ausstellung vor vielen Jahren gewesen. Und das\nMuseum Frieder Burda habe vor kurzem einen H\u00f6hepunkt erlebt mit der Ausstellung\neines vorher zerst\u00f6rten Kunstwerks von Banksy. Ein anonymer K\u00e4ufer hat das\nKunstwerk, weltweit umworben, f\u00fcr Baden-Baden gesichert und daf\u00fcr gesorgt, dass\nman es ohne Eintritt sehen konnte. Es kamen 30.000 Besucher. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter Richtung Mitte des Parks h\u00f6rt\nman, wenn man ganz aufmerksam lauscht, das Ger\u00e4usch einer U-Bahn. Was? U-Bahn\nin Baden-Baden? Mitten im Stadtpark? Es stellt sich heraus, dass es ein\nKunstwerk ist, eine Installation. Im Park ist der Eingang zu einer\nU-Bahn-Station nachgebaut, und von dort h\u00f6rt man \u00fcber Lautsprecher die\nGer\u00e4usche der durchfahrenden Z\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen mit dem R\u00fccken zum\nBrenner Park Hotel, dem teuersten von Bade-Baden. Hier steigen Leute wie Obama,\nBeckham oder Clinton ab. Von dem stammt der Ausspruch \u201eBaden-Baden is so nice\nyou have to say it twice.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer erkl\u00e4rt, wie es komme,\ndass Baden-Baden in Russland so bekannt ist. Es war so, dass die Markgr\u00e4fin,\nAmalie, acht Kinder hatte, davon sechs T\u00f6chter, und die mussten alle unter die\nHaube gebracht werden. Das klappte gut. Amalie avancierte zur \u201eSchwiegermutter\nEuropas\u201c. Zwei der T\u00f6chter, im zarten, aber heiratsf\u00e4higen Alter, schickte sie\nnach Petersburg, an den Hof Katharinas. Eine erfolgreiche Aktion. Eine der\nT\u00f6chter heiratete den Zarewitsch, den sp\u00e4teren Alexander I. Die andere kam\nzur\u00fcck nach Baden und wurde dann erfolgreich nach Schweden vermittelt. Die\nPetersburger Hautevolee wurde durch die Heirat neugierig und kam nach Baden, um\nzu sehen, was es damit auf sich hatte. Das war der Beginn der engen russischen\nBeziehung zu Baden. Die Folge davon ist, dass heute in Russland kein Mensch\nBescheid wei\u00df, wenn man sagt, man komme aus Stuttgart, aber alle, wenn man\nsagt, man komme aus Baden-Baden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter verheiratete Napoleon,\nnachdem er aus der Markgrafschaft ein Gro\u00dfherzogtum gemacht hatte, eine seiner\nT\u00f6chter mit dem Gro\u00dfherzog. Das wiederum zog die Franzosen nach Baden: Victor\nHugo, Berlioz, Delacroix, Offenbach. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Augustaplatz erz\u00e4hlt unser\nF\u00fchrer von einer \u00dcberschwemmung im Jahre 1998, als die Oos \u00fcber die Ufer trat.\nDie Keller der Geb\u00e4ude des Platzes wurden \u00fcberschwemmt, darunter auch die\nTiefgarage des Kongresshauses. Zu denen, die dort Stellpl\u00e4tze hatten, geh\u00f6rten\nauch die Angestellten und die Leiter einer Firma, die hier ihren Sitz hat: eine\nR\u00fcckversicherung. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir folgen derselben Route wie ich\ngestern und gehen zuerst die Sophienstra\u00dfe rauf. Von dem Reiher-Brunnen aus\nweist der F\u00fchrer auf ein exklusives Schuhgesch\u00e4ft, das sich hier befindet und\nvor kurzem einen Auftritt im Fernsehen hatte. Schuhe kosten hier um die 4.000 \u20ac.\nAllerdings gibt es gute Nachrichten: Im Schaufenster steht \u201eSonderangebot: 50%\nRabatt\u201c. Man kann die Schuhe also jetzt auch f\u00fcr schlappe 2.000 \u20ac bekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der Sophienstra\u00dfe wohnte\nauch Schukowksi, der russische \u00dcbersetzer Schillers und Goethes. Sp\u00e4ter sehe\nich mir noch sein Denkmal an, etwas versteckt in der N\u00e4he der Kunsthalle\ngelegen, eine Marmorb\u00fcste eines jugendlich aussehenden Mannes auf einem modernen\nSockel, mit einer gefl\u00fcgelten Hand an der Seite. Schukowski wollte eine\n\u00dcbersetzung schaffen, die ihren eigenen Wert hatte und sich nicht zu nah an das\nOriginal hielt. Er schrieb auch die russische Zarenhymne. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Sophienstra\u00dfe stehen auf\ndem Balkon des Wohnhauses, auf das wir zulaufen, die Wachsfiguren eines\nEhepaars, das aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheint. Die habe ich gestern\nv\u00f6llig \u00fcbersehen. Es ist eine Anspielung auf Dostojewksi und seine Frau.\nDostojewski verspielte hier im Casino sein gesamtes Geld und sogar seinen\nEhering. Er ging dann nach Petersburg zur\u00fcck, um von seinem Verleger zu\nerfahren, dass er pleite war. Daraufhin ging er nach Baden zur\u00fcck, nistete sich\nin einer Wohnung in diesem Haus ein, verlie\u00df die Wohnung wochenlang nicht und\nschrieb den <em>Spieler<\/em>. Der wurde ein Erfolg und Dostojewski konnte wieder\nleben wie fr\u00fcher. Nur ins Casino ging er nicht mehr. <em>Der Spieler<\/em> spielt\nin Baden-Baden, obwohl es in dem Roman nicht so hei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Friedrichsbad zitiert unser\nStadtf\u00fchrer Mark Twain, dem Baden-Baden und der russische Einschlag nicht so\nbehagte, der aber vom Friedrichsbad begeistert war. Er sagte: &nbsp;\u201cAfter ten minutes you forget\ntime, after twenty minutes, you forget the world.\u201dDas Friedrichsbad war das Juwel unter den\ninternationalen B\u00e4dern, wegen seiner Architektur, aber auch wegen des hohen\nAnspruchs an die Badekultur. Man durchlief beim Baden einen Parcours, wie\nehemals in den r\u00f6mischen Thermen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum der Fassade steht die\nB\u00fcste von Gro\u00dfherzog Friedrich, nach dem das Bad benannt ist. Daneben Statuen\nvon \u00c4skulap und Hygeia. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sieht man nach oben auf\ndas Neue Schloss. Das geh\u00f6rt inzwischen einer Prinzessin aus Katar. Die wollte hier\nein Luxushotel entstehen lassen, aber daraus wurde bisher nichts, auch deshalb,\nweil sie immer wieder mit dem Denkmalschutz aneinanderger\u00e4t. Dort, wo sie die\nTiefgarage f\u00fcr die Hotelg\u00e4ste geplant hatte, laufen die zw\u00f6lf Quellen von\nBaden-Baden zusammen. Sie kommen hier mit einer Temperatur von 40\u00b0-70\u00b0 aus\n2.000 Metern Tiefe nach oben. Von der W\u00e4rme profitiert die Natur. Hier wachsen\nPflanzen, die man sonst nur im Mittelmeerraum findet. Auch das Schloss und die\nStiftskirche profitierten von der W\u00e4rme. Sie brauchten nie eine Heizung, die\nhei\u00dfen Quellen funktionierten wie eine Fu\u00dfbodenheizung. Das r\u00e4cht sich jetzt\naber, zumindest bei der Stiftskirche. Die Feuchtigkeit und das Salz haben \u00fcber\ndie Jahre die Mauern und Pfeiler angegriffen, und jetzt steht eine langwierige\nteure Sanierung an. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch zum Neuen Rathaus und\nvon dort nach oben in einen versteckten Innenhof mit efeuberankten Fassaden.\nHier war die alte Badekultur Badens beheimatet, in Privatwohnungen statt in\neigens eingerichteten B\u00e4dern. Das Baden war beliebt, bekam aber im Laufe der\nZeit auch einen etwas zwielichtigen Ruf. Die Beh\u00f6rden mussten immer wieder\neinschreiten und gewisse Ausw\u00fcchse unterbinden. Heute ist hier Gastronomie\nangesiedelt. Es gibt einfache Gerichte und man sitzt sehr sch\u00f6n, abgeschirmt\nvon dem Trubel, an einfachen Tischen. Vielleicht eine Option f\u00fcr sp\u00e4ter. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung endet in der\nLuisenstra\u00dfe. Zum Schluss spricht unser F\u00fchrer noch den Zweiten Weltkrieg an.\nBaden-Baden blieb unversehrt, im Gegensatz zu den benachbarten Gaggenau und\nRastatt. Warum? Erstens einmal wohl deshalb, weil es keine Industrie gab. Aber\nandere St\u00e4dte ohne Industrie hat es auch getroffen. Aber, so deutet es unser\nF\u00fchrer, selber Franzose, an: Hatten die Franzosen vielleicht kein Interesse\ndaran, die Stadt zu zerst\u00f6ren, von der sie schon wussten, dass sie ihr\nHauptquartier werden w\u00fcrde? <\/p>\n\n\n\n<p>Statt anderthalb Stunden hat die\nF\u00fchrung zweieinhalb Stunden gedauert. Brahms f\u00e4llt mal wieder aus. Es ist jetzt\nzu weit bis nach Lichtenthal, und meine Konzentration l\u00e4sst ohnehin nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gibt es eine Pause im Hotel und\ndann Essen auf dem Jesuitenplatz, dem Neuen Rathaus gegen\u00fcber, in der <em>Laterne<\/em>,\neinem der traditionsreichsten Lokale Baden-Badens. Man kann drau\u00dfen sitzen.\nGegen\u00fcber, im Biergarten, geht es bayerisch zu, es gibt L\u00f6wenbr\u00e4u und\nBlasmusik. Hier geht es badisch zu. Es gibt Kartoffelsuppe mit Kracherle (die macht\ndas Rennen gegen die Fl\u00e4dlesuppe) und Maultaschen (die machen das Rennen gegen\ndie Sp\u00e4tzle). Dazu gibt es badischen Wein. Alles erste Sahne. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten anderen Kunden essen\nhier Flammkuchen. Die gibt es die Speisekarte rauf und runter. In der\nenglischen Version der Speisekarte hei\u00dfen sie <em>French pizza<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerinnen sind Rum\u00e4ninnen.\nEine spricht hervorragend Deutsch, sie hat die anderen unter ihre Fittiche\ngenommen und instruiert sie auf Rum\u00e4nisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ist Ebbe im Portemonnaie.\nIch muss mit der Kreditkarte bezahlen. Die zwei Tage in Baden-Baden fordern\nihren Tribut. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30. September (Donnerstag) Baden-Baden hie\u00df fr\u00fcher Baden. Ganz einfach. Da es in Baden lag, f\u00fcgte man dann, um es von anderen Orten gleichen Namens zu unterscheiden, das zweite Baden hinzu. 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