{"id":11273,"date":"2021-10-31T09:12:51","date_gmt":"2021-10-31T08:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11273"},"modified":"2021-11-02T11:10:36","modified_gmt":"2021-11-02T10:10:36","slug":"stuttgart-2021","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11273","title":{"rendered":"Stuttgart (2021)"},"content":{"rendered":"\n<p>12.\nOktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAnkunft an dem Stuttgarter Sackbahnhof und der unendlich lange Weg zur S-Bahn,\nweit um das Bahnhofsgel\u00e4nde au\u00dfen rum an der Baustelle vorbei, erinnern mich an\nStuttgart 21. Nach all der Aufregung ist es jetzt aus der \u00f6ffentlichen Debatte\nverschwunden, und aus meinem Kopf auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man\ndurch den Bahnhof und das Bahnhofsgeb\u00e4ude geht, hat man als Au\u00dfenstehender den\nEindruck, dass der Bahnhof auf jedem Fall eine Sanierung vertragen kann. Ob im\ngro\u00dfen Stil oder nicht ist eine andere Frage. Stuttgart 21, daran erinnert der\nStand der Bauarbeiten, bezieht sich nicht etwa auf das Jahr, sondern auf das\nJahrzehnt. Die Fertigstellung ist f\u00fcr 2025 geplant. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nUmweg hat einen Vorteil: Ich komme gleich an der Touristeninformation vorbei.\nDort bekomme ich einen Stadtplan und die Information, dass ich auch zu Fu\u00df zum\nHotel kommen kann. Das ist gar nicht schwer: einfach die K\u00f6nigstra\u00dfe runter. Der\nName der Stra\u00dfe erinnert an die Zeit, als aus dem Herzogtum W\u00fcrttemberg das\nK\u00f6nigreich W\u00fcrttemberg wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHimmel ist zwar verhangen, aber es regnet wenigstens nicht. Auf der K\u00f6nigstra\u00dfe\nist ziemlich viel los. Sie ist breit und verl\u00e4uft schnurstracks von Nord nach\nS\u00fcd. Parallel zu ihr verlaufen zwei Bundesstra\u00dfen, vermutlich das Resultat der\nSt\u00e4dtebaupolitik der Nachkriegszeit. Nicht sch\u00f6n, aber die Innenstadt\nprofitiert davon: Der meiste Verkehr bleibt au\u00dfen vor. Die beiden Bundesstra\u00dfen\nsind nach Adenauer und Heuss benannt. Passt zu Stuttgart, passt zu W\u00fcrttemberg.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nK\u00f6nigsstra\u00dfe f\u00fchrt an einem Platz vorbei, den ich aus einem fr\u00fcheren Besuch in\nStuttgart in Erinnerung habe, den ich aber&nbsp;\nnicht mehr identifizieren kann. Es ist der Schlossplatz. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neiner Plakats\u00e4ule sehe ich das Wappen von Stuttgart, ein steigendes schwarzes\nPferd auf gelbem Hintergrund. Ob das auch eine Anspielung an den Namen der\nStadt ist?&nbsp; Der Name <em>Stuttgart<\/em> ist\ntats\u00e4chlich von <em>Stutengarten<\/em> abgeleitet, einem alten Gest\u00fct dieser\nGegend. H\u00f6rt sich nach Wohnzimmeretymologie an, scheint aber wirklich zu\nstimmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Name\nmeines Hotels, <em>Wartburg<\/em>, gibt mir\nzuerst ein R\u00e4tsel auf, erkl\u00e4rt sich dann aber: Die evangelische Kirche ist in\nihren Betrieb involviert. Ein Teil der Einnahmen soll gemeinn\u00fctzigen Zwecken\nzukommen. Reisen als karitative Veranstaltung?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zur\nevangelischen Kirche geh\u00f6rt der Hospitalhof, wo ich am Nachmittag einen Vortrag\nhalten soll. Das ist nicht nur das Bildungszentrum, sondern fast ein ganzes\nStadtviertel, ruhig gelegen, mit Pl\u00e4tzen, B\u00e4umen, Bewohnern und reichlich\nGastronomie. Und zentral gelegen. Vom Hotel aus sind es nur ein paar Schritte\nbis hierhin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist\nbleibt noch Zeit, einen Reisef\u00fchrer zu kaufen, in einer gro\u00dfen Buchhandlung in\nder K\u00f6nigstra\u00dfe, Teil einer Kette, wie fast alle Gesch\u00e4fte in der K\u00f6nigstra\u00dfe.\nIn der Buchhandlung gibt es eine ganze Ecke zu Stuttgart, aber, was f\u00fcr eine\nEntt\u00e4uschung: Es gibt allerhand Devotionalien zum VfB, Genie\u00dfertouren,\nWanderungen durch die Schw\u00e4bische Alb, Stuttgart f\u00fcr Fortgeschrittene,\naber&nbsp; keinen vern\u00fcnftigen Reisef\u00fchrer.\nDer einzige Standardreisef\u00fchrer von den g\u00e4ngigen ist der schlechteste von\nallen, mit mehr Informationen zu Events, Einkaufen, \u00dcbernachten als zu den Sehensw\u00fcrdigkeiten.\nZum Kunstmuseum hei\u00dft es: \u201eToll, dass es im Kubus auch noch klasse Kunst zu\nsehen gibt.\u201c Das Caf\u00e9 und die Aussicht scheinen wichtiger zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nViertel Hospitalhof gruppiert sich um das Zentrum Hospitalhof, einer\nKombination aus einer Kirche, der Fassade eines alten Klosters und dem modernen\nBildungszentrum, alle zu einem Karree verbunden. Das kann ich mir in den\nn\u00e4chsten Tagen noch genauer ansehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nschon in der Kommunikation vorher erweist sich der Hospitalhof als sehr\nprofessionell und \u00e4u\u00dferst freundlich im Umgang. Als ich in den Vortragssaal\nkomme, erscheint auf der Projektionsfl\u00e4che schon meine Pr\u00e4sentation. <\/p>\n\n\n\n<p>Als der\nVortrag zu Ende ist, ist es bereits dunkel geworden. Ich mache mich durch den\nDauerregen auf die Suche nach einem Lokal mit schw\u00e4bischer K\u00fcche. Das erweist\nsich als schwierig. Das einzige Lokal, das ich finde, auf dem Schlossplatz, ist\nbis auf den letzten Platz besetzt, obwohl es richtig gro\u00df ist. Bei der weiteren\nSuche bin ich wieder einmal \u00fcberrascht, obwohl ich das doch schon zur Gen\u00fcge\nkenne, von der ungeheuren Popularit\u00e4t von Burgerlokalen. An jeder Ecke gibt es\neins, alle vollbesetzt. Man findet auch reichlich Steakh\u00e4user und dergleichen\nund Lokale, wo es nicht viel mehr als Sandwiches gibt. Alles American style. Selbst\ndas <em>Burrito<\/em> sieht nicht mexikanisch aus. Eine Art kultureller\n\u00dcberfremdung, \u00fcber die niemand klagt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende,\nnachdem ich ungewollt in die eigentliche Altstadt gekommen bin \u2013 Rathaus,\nMarkthalle, Altes Schloss \u2013 lande ich einer versteckten Ecke in einem\njapanisch-chinesischen Lokal mit vietnamesischen und koreanischen\nGerichten.&nbsp; Sehr bunt aufgestellt. Statt\nMaultaschen gibt es Bambussprossen und Tsingtao statt Trollinger. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg komme ich, wie das so ist, an mehreren Lokalen mit traditioneller K\u00fcche\nvorbei, darunter am gem\u00fctlich aussehenden <em>Amadeus<\/em>, nicht gerade ein\nschw\u00e4bisch klingender Name. An einer Stelle sehe ich ein Hinweisschild, auf dem\n<em>Bohnenviertel<\/em> steht. Da sollte man\nnoch mal recherchieren, woher der Name kommt. Aber heute nicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>13. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nkeine andere Stadt steht Stuttgart in Griechenland f\u00fcr Deutschland. Daran\nerinnere ich mich w\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks. Wenn man mit einem Griechen von\nDeutschland spricht, dann hat der garantiert einen Onkel oder einen Cousin in\nStuttgart. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst\nsehe ich mir den Hospitalhof an. Die Frontseite ist die sp\u00e4tgotische Fassade\ndes ehemaligen Dominikanerklosters, sehr sehenswert, dahinter \u00f6ffnet sich der\nleere Innenhof des Hospitalhofs. Ein ungew\u00f6hnlicher Anblick. Die Fassade nimmt\neine Seite des quadratischen Hofs ein, die Schauseite. Sie geht auf den Platz\nvor dem Hospitalhof hinaus. Im rechten Winkel dazu steht die Kirche, ihr\nOstchor geht auch auf den Platz hinaus. Die beiden anderen Seiten nimmt das\nmoderne Geb\u00e4ude des Bildungszentrums ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche ist verschlossen. Offensichtlich ist sie auch gar keine Kirche mehr.\nSchon nach der Reformation wurde sie Hospital. Heute ist sie wohl Teil des\nBildungszentrums. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nOstchor der Kirche ein sch\u00f6ner, moderner Brunnen. Den habe ich gestern v\u00f6llig\n\u00fcbersehen. Er besteht aus drei nebeneinander in den Himmel wachsenden, schlanken,\ngegliederten Bronzes\u00e4ulen, an denen das Wasser hinunterl\u00e4uft. Der Brunnen nimmt\noffensichtlich die Form der S\u00e4ulen der sp\u00e4tgotischen Kirche auf. Er ersetzt\neinen Brunnen, der im Krieg ausgelagert wurde und sp\u00e4ter nicht mehr auffindbar\nwar. Wo der wohl ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu\n\u00fcbersehen ist eine gro\u00dfe Skulpturengruppe, die man, etwas seitlich versetzt,\nvor die Fassade des Dominikanerklosters gesetzt hat, gut hundert Jahre alt. Sie\nzeigt einen triumphierenden Christus mit Siegesfahne, zu seinen Seiten sitzen\nLuther und Melanchthon, beide in ein Buch vertieft. <\/p>\n\n\n\n<p>Links\nvor der Kirche steht eine Bank, aus einfachen Holzbalken bestehend, auf der <em>Bankgeheimnis<\/em> steht. Jede Bank habe, wie\njeder Mensch, ihr Geheimnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich\nklappt es mit der Orientierung besser. Ich muss eine der Bundesstra\u00dfen\n\u00fcberqueren, um in die Innenstadt zu kommen. Der Hospitalhof liegt n\u00e4mlich knapp\nau\u00dferhalb. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald bin\nich schon in der jetzt bereits vertrauten K\u00f6nigstra\u00dfe. Ich will zielstrebig zur\nStaatsgalerie gehen, aber ich werde abgelenkt durch den Blick auf die Stiftskirche\nmit ihren beiden unterschiedlichen T\u00fcrmen, eins der Wahrzeichen Stuttgarts. Es\nsind nur ein paar Schiritte bis dorthin. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nPlatz vor der Kirche steht der Sparkassenbrunnen. Ihn kr\u00f6nt die Figur einer\nkr\u00e4ftigen, eher sp\u00e4rlich bekleideten Frau mit Trauben in beiden H\u00e4nden, den\nBlick nach oben gerichtet. Sie symbolisiert den Dank f\u00fcr die Ernte. Die\nInschrift auf dem Brunnenrand preist die Tugend der schw\u00e4bischen Sparsamkeit: &nbsp;\u201eErnte w\u00e4chst nur, wo ges\u00e4t, drum spare ehe es\nzu sp\u00e4t.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndieser Brunnen, vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammend, wurde im Krieg\nzerst\u00f6rt und (in ver\u00e4nderter Form) wieder aufgebaut. Man muss sich klar machen,\ndass das meiste hier nicht in seiner urspr\u00fcnglichen Form steht. Seit der\nFrankfurter Altstadt merke ich immer und \u00fcberall, wie viel an\nSehensw\u00fcrdigkeiten in Deutschland wiederaufgebaut worden ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nzerst\u00f6rt war die Stiftskirche. Au\u00dfen merkt man das kaum, aber innen wohl. Man\nhat nur die erhalten gebliebenen Teile gesichert, alles andere ist neu. Der\ngotische Chor steht noch, hat aber moderne Fenster. Die Kirche hat eine\nkomplizierte Baugeschichte, war mal einschiffig, mal dreischiffige Basilika,\nmal Hallenkirche, und die Halle, die jetzt entstanden ist, ist nur ein weiterer\nSchritt auf diesem Weg, aber sch\u00f6n ist sie nicht unbedingt. Modern ist auch\neine Skulptur unter der Decke, aus zeltartigen Teilen bestehend, die die alten\ngotischen Gew\u00f6lbe wiedergeben sollen. Modern ist auch die \u00fcberdimensionale\nOrgel auf der Empore. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber von\nder alten Ausstattung ist einiges erhalten, darunter Lettnerfiguren, die die\nAnbetung darstellen, und eine Kanzel mit den vier Evangelisten- Die sind\nbeidh\u00e4ndig. Sie halten in jeder Hand einen Griffel. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nBesonderheit ist im n\u00f6rdlichen Seitenschiff ein Schutzmantelchristus. Unter\nseinem breiten Mantel finden alle, ob geistlich oder weltlich, ob arm oder\nreich, vom Bauern bis zum Kaiser, von der Nonne bis zum Papst, ihren Schutz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Chor\nstehen an der Nordwand elf Ritterfiguren, alle gleich und doch alle anders.\nAlle stehen auf L\u00f6wen, einige ganz bequem auf dem R\u00fccken, andere auf dem Kopf\ndes L\u00f6wen, der das gar nicht zu genie\u00dfen scheint, alle tragen eine R\u00fcstung,\nalle haben einen Helm, aber bei einigen liegt er zu F\u00fc\u00dfen, die meisten, aber\nnicht alle, haben B\u00e4rte. Die Gesichter sind stark individualisiert. Was das\nGanze soll, ist schwer zu sagen, aber vermutlich steht es in Verbindung mit den\nGrabm\u00e4lern der w\u00fcrttembergischen Grafen, die sich, teils in Form von\nTischgr\u00e4bern, hier in der Kirche befinden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nschwer zu finden ist das \u201eHimmelfahrtloch\u201c. Es h\u00e4ngt ganz oben in dem Zylinder\nder modernen Treppe im S\u00fcden. Es ist ein Schlussstein aus der alten\nStiftskirche, Sandsteinbl\u00f6cke mit bemalten Engelsfiguren, die einen Kreis um\nein Loch herum bilden. Auf jeden Fall originell.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nUnterkirche hat man Spuren der Vorg\u00e4ngerkirchen gefunden, der alten Dorfkirche,\naber auch der dreischiffigen Kirche. Der Fund war ein Zufallstreffer. Man\nwollte einen alten Kohlenkeller umbauen und musste eine Wand versetzen, um eine\nWC-Anlage zu errichten. Dabei kommt alles zum Vorschein. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfen an\nder Kirche eine Inschrift, die besagt, dass hier die erste evangelische Predigt\ngehalten wurde, 1534, dem Urdatum der Reformation in Stuttgart. Diese Inschrift\nbefindet sich im S\u00fcden, am Aposteltor, mit sp\u00e4tgotischen Steinplastiken der\nApostel, um Christus herum gruppiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Es hat\ninzwischen angefangen zu regnen, aber die Sonne scheint weiterhin. \u201eDer Teufel\nhat Hochzeit\u201c, sagten die Erwachsenen, als wir klein waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\ngeht es aber schnurstracks zur Staatsgalerie. Die liegt auch gerade au\u00dferhalb\nder Innenstadt, auf der anderen Seite der Adenauerallee. Der Bau selbst mit\nseinen Rundungen, seinen Rampen, seinem Wechsel aus Glasfl\u00e4chen und\nSteinfl\u00e4chen ist eine Sehensw\u00fcrdigkeit. Innen bemerkt man sofort die gr\u00fcnen\nNoppen auf dem Boden der Rampen, die nach oben f\u00fchren. Auch die Glast\u00fcren haben\ngr\u00fcne Gitter. <\/p>\n\n\n\n<p>Statt\nzur Ausstellung gehe ich zuerst in den Museumsladen und ins Caf\u00e9. Bei beiden\nhabe ich Gl\u00fcck. Im Museumscaf\u00e9 bekomme ich ein dringend ben\u00f6tigtes Notizbuch.\nAuf der Klappe steht: \u201eIch war beim IQ-Test, zum Gl\u00fcck war er negativ.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nCaf\u00e9 bekomme ich einen Kaffee gratis. Es werden gerade Filmaufnahmen gemacht. Ich\nsoll als Statist den Kunden mimen, der Kellner bringt mir den Kaffee. Als ich\nbezahlen will, winkt er ab, der gehe auf Kosten des Hauses. Meine erste Gage\nf\u00fcr eine Rolle in der Filmindustrie. Ich frage den Kellner, was es damit auf\nsich hat. Es handelt sich um einen Werbefilm, der am Wochenende in Stuttgart in\nder \u00d6ffentlich pr\u00e4sentiert wird, ein Werbefilm f\u00fcr Auszubildende. Der Kellner\nist selbst Auszubildender. Er kommt aus Bangladesch und spricht sehr gut\nDeutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nMuseum zu besichtigen und bei all den Kunstwerken die Orientierung nicht zu\nverlieren wird einem hier leicht gemacht: Jeder Raum, gleich gro\u00df wie jeder\nandere und nicht zu gro\u00df, hat einen bestimmten Schwerpunkt. Der wird auf einer\nSchautafel kurz erkl\u00e4rt, und dann kann man sich jeweils ein oder zwei Werke dazu\nansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nim 18. Jahrhundert und mit Paninis <em>Roma Antica<\/em> los, einem Gem\u00e4lde, das\nzeigt, dass zu dieser Zeit noch immer um die Auseinandersetzung mit der Antike\ngeht. In einem sakral aussehenden Raum h\u00e4ngen an allen Seiten, dicht an dicht,\nso als wenn sie zugeschnitten w\u00e4ren, um zwischen die anderen zu passen,\nunz\u00e4hlige Bilder. Alle stellen St\u00e4tten des Roms der Antike dar: Kolosseum,\nPantheon, Trajanss\u00e4ule usw. Und in dem ganzen Raum stehen antike Objekte herum,\nVasen, Brunnen, Sarkophage und der Laokoon. Im Vordergrund ist ein Maler zu\nsehen. Der malt selbst ein Gem\u00e4lde mit antikem Bezug und ist in einer lebhaften\nDiskussion mit anderen Malern, die um ihn herumstehen, verwickelt. Dieser Maler\nist Panini selbst. Das macht <em>Roma Antica<\/em> sozusagen zu einem Wortbeitrag\nim Streit \u00fcber die Vorbildlichkeit der Antike. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig\nist das Jahrhundert ein Jahrhundert der Umbr\u00fcche. Der b\u00fcrgerliche Alltag wird\nzu einem Sujet der Malerei, wie hier in der Darstellung einer Operationsszene.\nDie Operation wird nat\u00fcrlich ohne Bet\u00e4ubung vorgenommen. Ein junger Mann kr\u00fcmmt\nund windet sich, w\u00e4hrend ihm der Arzt (mit Per\u00fccke) eine Nadel in die entbl\u00f6\u00dfte\nSeite sticht. Der Patient hat den Mund weit ge\u00f6ffnet zum Schreien. Aus der\nWunde tropft Blut. Ein anderer Mann, der Arztgehilfe vermutlich, h\u00e4lt den\nPatienten mit kr\u00e4ftigen Armen fest, damit er nicht entkommen kann. Am Bildrand\nsieht man eine Frau, vermutlich die Mutter, die die H\u00e4nde ringt, den Kopf halb\nabgewandt, halb hingewandt zu dem Eingriff. Hier werden Elemente der\nchristlichen Ikonographie in die Welt des B\u00fcrgertums \u00fcbertragen: der\nSchmerzensmann in der Mitte, die Lanze, die in die Seite gebohrt wird, das\nBlut, die h\u00e4nderingende Mutter. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch das\nVerh\u00e4ltnis der Genres untereinander ver\u00e4ndert sich: Die Portr\u00e4tmalerei wird der\nHistorienmalerei ebenb\u00fcrtig. Die Maler verstehen sich als \u201eSeelenmaler\u201c.\nGesinnung und Charakter der Portr\u00e4tierten sollen zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig\nbenutzt das B\u00fcrgertum das Bildnis als Ausdruck der neuen Rolle, die sie in der\nGesellschaft einnehmen. Auch Frauen werden jetzt \u2013 zukunftsweisend \u2013 Gegenstand\nder Portr\u00e4tmalerei. Besonders gef\u00e4llt mir das Ganzfigurenportr\u00e4t von Wilhelmine\nCotta, der Frau des Verlegers. Sie tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Empirekleid, das \u00fcber die\n\u00fcbereinandergeschlagenen Beine bis auf den Boden f\u00e4llt. Der Faltenwurf ist der\nder antiken Skulpturen. Gleichzeitig gucken unter dem Kleid die Spitzen ganz\nneumodischer Schuhe hervor. Auch die Frisur entspricht der Mode der Zeit. Sie\ntr\u00e4gt das Haar hochgesteckt, aber ein paar sch\u00f6n gedrechselte Locken fallen in\ndie Stirn hinein und bis auf die Schulter herunter. Eine h\u00fcbsche Frau, aber\nnicht als gl\u00e4nzende Sch\u00f6nheit dargestellt. Die Gesichtsz\u00fcge haben auf den\nzweiten Blick fast etwas Derbes.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Im 18.\nJahrhundert gewinnt die Landschaftsmalerei an Bedeutung. Noch orientiert man\nsich an den gro\u00dfen Vorbildern des vorigen Jahrhunderts, an Poussin und Lorrain\nund deren imagin\u00e4re h\u00fcgelige r\u00f6mische Landschaften, in s\u00fcdl\u00e4ndisches Licht\ngeh\u00fcllt und mit antiken Tempeln und mythologischen Figuren ausstaffiert. Aber allm\u00e4hlich\n\u00e4ndert sich die Sache, und im 19. Jahrhundert, als die Landschaftsmalerei,\nfr\u00fcher das Stiefkind der Malerei, zur Leitgattung wird, tauchen ganz andere\nLandschaften auf. Jetzt ist die deutsche Landschaft Gegenstand der Malerei. Die\nDarstellung ist zwar realistischer, aber eigentlich geht es den romantischen\nMalern um die Landschaft als Stimmungsbild. Besonders kommt das durch die\nstarken Kontraste zustande, zum Beispiel in der \u201eB\u00f6hmischen Landschaft\u201c von\nC.D. Friedrich, auf dem der dunkle Vordergrund, B\u00e4ume, Wiesen, Felsen, mit dem\nhellen Himmel kontrastiert, der mehr als die H\u00e4lfte des Gem\u00e4ldes einnimmt.\nDunkle Erdenschwere, helle Jenseitsverhei\u00dfung. Ganz \u00e4hnlich ein Bild von Carus\nmit einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Gegenstand, den \u201eKatzenk\u00f6pfen bei Zwickau\u201c. Das\nsind Basaltfelsen, eigent\u00fcmlich geometrisch aussehende geologische Formationen.\nDie menschenleere Kuppe ist in ein gespenstisches Licht geh\u00fcllt, die\nProportionen scheinen dramatisch gesteigert. <\/p>\n\n\n\n<p>Auffallend\nder Kontrast unter den Gem\u00e4lden in der Historienmalerei. Ein Bild zieht schon\nvon Weitem die Aufmerksamkeit auf sich durch den starken Hell-Dunkel-Kontrast.\nSieht nach Caravaggio aus. Es handelt sich um eine Anbetung der K\u00f6nige von\neinem gewissen Bencovich. Der helle Lichtschein f\u00e4llt auf das g\u00f6ttliche Kind.\nVon dem Licht bekommt auch Maria noch eine Menge ab und zwei der K\u00f6nige ein\nbisschen. Aber ihre dunklen Umh\u00e4nge verschmelzen schon mit dem Hintergrund, in\ndem die anderen Figuren, darunter der dritte K\u00f6nig, nur noch schemenhaft zu\nerkennen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nkomplette Kontrastprogramm dazu zwei Gem\u00e4lde von Falciatore. Sehen wie galante\nRokoko-Gem\u00e4lde aus, helle Farben, viel Licht, ein blauer Himmel, das blaue\nMeer, eine Pferdekutsche, ein Reisekoffer, elegant gekleidete Figuren, die sich\nfast operettenhaft bewegen. Auf den zweiten Blick enth\u00fcllt sich die grausige\nWirklichkeit. Es handelt sich um einen Briganten\u00fcberfall bzw. einen\nPiraten\u00fcberfall. Beide schildern mit Lust am Grauen das Gemetzel, das hier\nstattfindet: ein mit einer Hiebwunde am Kopf auf dem Boden liegender Mann, ein\nanderer, dem gerade ein Dolch in den Bauch gesto\u00dfen wird, ein am Boden\nliegender Hund, bei dem die Ged\u00e4rme aus dem K\u00f6rper treten, ein Pirat, der\nseinen S\u00e4bel schwingt, um einen Mann zu enthaupten, eine Mutter, die ihr\nkleines Kind zu retten versucht, obwohl es aussichtslos erscheint, ein Junge,\nder umgefallen ist und jetzt zwischen den K\u00e4mpfenden auf dem Boden liegt, ein\nHund, der versucht, einem Piraten ins Bein zu bei\u00dfen. Das ist alles\nhoffnungslos \u00fcberzeichnet, die Gesten und Aktionen sind ironisch entstellt.\nSchwer zu sagen, was die Bedeutung solcher Gem\u00e4lde ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr\nbeeindruckend auch ein Gem\u00e4lde von Cocorrante, das ein vom Kentern bedrohtes\nSchiff zeigt. Vor der K\u00fcstenlandschaft mit antiken Ruinen sieht man zwischen\nden S\u00e4ulen auf das st\u00fcrmische Meer und das zur Seite geneigte Schiff. Man kann\nden Sturm f\u00f6rmlich sp\u00fcren, das Rauschen des Meers f\u00f6rmlich h\u00f6ren. Die bewegten\nWellen, die Gischt, die Wolken, die sich um einen schmalen blauen Abschnitt des\nHimmels formieren, die aufgeregt gestikulierenden, aber vermutlich hilflosen\nMenschen an Land, all das ist an Dramatik kaum zu \u00fcberbieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nanders, aber ebenso beeindruckend, die \u201eParze Lachesis\u201c von Bellotti. Eine alte\nFrau, deren wichtigstes Merkmal ihre faltige Haut ist. Falten, wo man hinsieht,\nim Gesicht, am Hals, im Ausschnitt, an den H\u00e4nden. Die Falten treten auf der\ndunklen Haut besonders hervor. Ganz besonders ist ihr verlorener, in die Ferne\ngerichteter, nachdenklicher, fast trauriger Blick. Sie ist nicht nur einfach\neine alte Frau \u2013 so k\u00f6nnte man das Bild auch lesen \u2013 sondern eine Parze, und h\u00e4lt,\nkaum sichtbar, den Faden des Lebens in der Hand. Der ist von Klotho gesponnen\nworden, Lachesis bemisst seine L\u00e4nge, Atropos wird ihn abschneiden. Kein\nWunder, dass Lachesis so gedankenverloren dreinblickt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwird es ruhiger, es kommen die typischen Veduten von Venedig und dann taucht\nauf einmal sie auf, die ber\u00fchmteste Frau der Staatsgalerie, dort, wo man sie am\nwenigsten erwartet, fast am Ende des Gangs, dort, wohin sich nur noch wenige\nBesucher verirren: die Putzfrau. Den Eimer mit Putzlappen vor sich, sitzt sie\nauf dem Boden, ganz in ihre Arbeit vertieft. Sie ist so realistisch\ndargestellt, dass man denken k\u00f6nnte, sie w\u00e4re real. Es ist eine Skulptur von\nDuane Hanson, einem der Vertreter des amerikanischen Hyperrealismus. Durch den\nGipsabdruck von lebenden Modellen k\u00f6nnen Details und individuelle Z\u00fcge perfekt\nwiedergegeben werden. Die Wirkung wird noch gesteigert durch die Verwendung von\nechten Requisiten wie der Per\u00fccke und der Kittelsch\u00fcrze. Die Grenze zwischen\nKunst und Wirklichkeit wird verwischt, und die ungew\u00f6hnliche Platzierung ruft\nIrritation hervor, anders, als wenn sie in einem trivialen Wachsfigurenkabinett\nst\u00fcnde. Die Skulptur hat Kultstatus. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcr\neine Pause. Ich kehre in das Caf\u00e9 zur\u00fcck und gehe dann in die Abteilung f\u00fcr die\nModerne. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nModerne setzt hier am Jahrhundertbeginn an, u.a. mit Paula Modersohn-Becker und\neinem Portr\u00e4t mit dem Titel \u201eKind mit \u00dcbergewicht\u201c. Man reibt sich die Augen.\nDas M\u00e4dchen soll \u00fcbergewichtig sein? Da galten damals wohl andere Kriterien als\nheute. So \u00e4ndern sich die Zeiten. Das Bild steht f\u00fcr ihre Credo des \u201eStrebens\nnach einfachem, gro\u00dfen Eindruck\u201c. Das gelingt. Das Kind ist in sich versunken,\nklammert die H\u00e4nde fast krampfhaft ineinander. Hinter ihm vor dem sonst leeren\nblauen Hintergrund h\u00e4ngt ein Uhrengewicht, das zu der Schwere des Ausdrucks\nbeitr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nanders Kirchner (\u201eMeine Zeichnungen duze ich, meine Bilder sieze ich\u201c). Sehr\nbunt, helle Farben. Alles, die Figuren, die Objekte, die Landschaft, scheint,\nlaienhaft ausgedr\u00fcckt, aus Strichen zu bestehen. Und wird dadurch auch\nirgendwie zur Einheit. Man sieht zwei junge, schlanke, unbekleidete Figuren\n(die vielleicht auch an Adam und Eva denken lassen) ins Meer schreiten. Rechts\ndavon liegt am Strand eine weitere Figur. Alles ist rund, die D\u00fcnen, die\nWellen, der Leuchtturm im Hintergrund. Das Bild ist in Fehmarn entstanden, das\nKirchner sehr sch\u00f6n fand, vor allem die K\u00fcste, die ihn sogar an die S\u00fcdsee\nerinnerte!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt Marc mit blauen und gelben Pferden und einem roten Hund. Erinnert mich an\nden Kommentar unseres Volkschullehrers zur modernen Kunst: \u201eGelbe Pferde und\nAuge aufm Knie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einen\nbesonderen Platz hat Picassos \u201eMutter mit Kind\u201c. Es h\u00e4ngt nicht an der Wand, es\nsteht im Raum. Ein unglaublich beeindruckendes, nahegehendes Portr\u00e4t von gro\u00dfer\nTraurigkeit. Mutter und Kind sind Gaukler, sie geh\u00f6ren einem Zirkus an. Sie\nblicken sich nicht an, die Mutter blickt nach links, das Kind nach rechts. Die\nMutter hat das Kinn auf eine Hand gest\u00fctzt und sieht, sorgenvoll, schr\u00e4g auf\nden Boden hinunter. Das Kind, mit einem bleichen und ausgezehrten Profil, hat\ndie Arme \u00fcber Kreuz geschlagen und sieht mit ernstem Gesichtsausdruck zur\nSeite. Zwischen den beiden auf einem einfachen Holztisch ein leerer Teller. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem\nRaum f\u00e4llt mir sofort ein Gem\u00e4lde im Hochformat ins Auge, das die ganze H\u00f6he\nder Wand einnimmt. Schon von weitem glaubt man, eine Auferstehung zu sehen.\nDank der l\u00e4nglichen Figuren denkt man unweigerlich an El Greco. Aber mit der\nchristlichen Auferstehung hat das Thema wenig zu tun. Der Himmel zwischen den\nWolken ist leer, oder so scheint es jedenfalls zu sein, es sei denn, das ist\ndoch ein Fu\u00df, den man in die Wolken entschwinden sieht. Aber die Menschen unten\nschenken der Himmelfahrt keine Beachtung. Sie schauen auf den Boden, schauen\nsich gegenseitig an, sind in Gedanken versunken. Vorne am Bildrand kranke,\nausgezehrte, arme, gebeugte Menschen, die verzweifelt aussehen, nicht erl\u00f6st.\nDie wenigen Menschen, die nach oben blicken, scheinen nicht zu verstehen, was\nda vor sich geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich\ngut gef\u00e4llt mir das \u201eTriadische Ballett\u201c von Oskar Schlemmer. Es nimmt einen\nRaum f\u00fcr sich ein, einen verdunkelten Raum, in dem beleuchtete Figuren aus\nPappmach\u00e9 erh\u00f6ht aufgestellt sind, die ihren Schatten an die W\u00e4nde werfen. Das\nhat etwas Geheimnisvolles. Die Figuren stellen keine realen T\u00e4nzer dar. Es sind\nabstrahierte Figuren, jede anders als die anderen. Hier wird nicht nach\nWirklichkeit gestrebt, sondern bewusst nach K\u00fcnstlichkeit. Das Triadische\nBallett (noch nie geh\u00f6rt), basiert, wie der Name sagt, auf der Zahl 3: Es gibt\n3 Akte mit jeweils 3 Szenen, die vor 3 verschiedenen Hintergr\u00fcnden (fr\u00f6hliches\nGelb, festliches Rosa, mystisches Schwarz) von den T\u00e4nzern in insgesamt 18\nKost\u00fcmen getanzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter\ndem Motto \u201eJenseits der Vernunft\u201c werden Dadaismus und Surrealismus\nthematisiert. Hier sieht man u.a. Schwitters \u201eUndbild\u201c. Der Titel ist Programm.\nDas Bild addiert Teile zu einem Ganzen, Teile die nicht zusammengeh\u00f6ren. Es ist\neine Collage aus verschiedenen Materialien, meist Holz und Pappe, teils\nbedruckt, die sich gegenseitig \u00fcberlappen. Sie sind scheinbar wahllos\nzusammengef\u00fcgt. Das Wort <em>und<\/em> steht am oberen Rand des Bildes. Schwitters\nzufolge konnte man <em>und<\/em> nicht malen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndazu geh\u00f6rt Dal\u00eds \u201eLe moment sublime\u201c, ein Bild, das, wie Schwitters Collage,\nnicht zusammengeh\u00f6rige Elemente zusammenf\u00fcgt: einen Teller mit Spiegeleiern,\neinen Telefonh\u00f6rer, eine Schnecke, ein (toter?) Fisch, eine Art Tropfen, ein\nabgestorbener Ast, das alles vor einer kargen K\u00fcstenlandschaft mit Klippen im\nHintergrund. An einem Ast h\u00e4ngt vom Telefonh\u00f6rer hinab eine Rasierklinge, die das\nrechte Spiegelei im n\u00e4chsten Moment zu zerschneiden scheint. Ob man es will\noder nicht, das Bild l\u00e4sst eine beunruhigende Krisenstimmung entstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter\ndem Motto \u201eRadikale Nichtkomposition\u201c erscheinen unter anderem Yves Kleins\n\u201eMonochrome Bleu\u201c und Newmans \u201eWho\u2019s Afraid of Red, Yellow and Blue II\u201c, das\ndie drei Prim\u00e4rfarben thematisiert. Vertikal verl\u00e4uft in der Mitte ein blauer\nStreifen durch das monochrome Rot, an den Seiten ein schmalerer gelber\nStreifen. Das Rot soll die Farbe des Erhabenen sein, soll einen sakralen Bezug\nhaben. Seine Leuchtkraft wird durch das Gelb und das Blau noch gesteigert. In\nKleins Bild soll das Blau, aufgrund einer besonderen Bearbeitung des Materials,\neinen Eindruck \u201eundefinierter R\u00e4umlichkeit\u201c erzeugen. Klein lie\u00df sich das verwendete\nUltramarin Blau sogar patentieren! <\/p>\n\n\n\n<p>Es\nkommen noch ein paar Installationen in dieser Abteilung, aber die sehe ich mir\nnicht mehr an. Die Bilder von Feuerbach, die mir so sehr ans Herz gelegt worden\nsind, finde ich nicht, und die Abteilungen der Altdeutschen Malerei und der\nNiederl\u00e4ndischen Malerei sind ohnehin wegen Renovierung geschlossen. Es reicht\naber sowieso f\u00fcr heute.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nMuseumsladen kaufe ich noch ein paar Karten. Die Verk\u00e4uferin gibt mir zehn Euro\nzu viel zur\u00fcck. Ich widerstehe dem ersten Impuls, sie mir in die Tasche zu\nstecken und gebe ihr sie zur\u00fcck. Ihr Dankesch\u00f6n f\u00e4llt nicht gerade\n\u00fcberschw\u00e4nglich aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nfrische Luft ist wohltuend nach dem langen Museumsbesuch. Sobald man die\nBundesstra\u00dfe \u00fcberquert, kommt man zum Schauspielhaus. Es ist eins der gr\u00f6\u00dften\nDreispartenh\u00e4user, das gr\u00f6\u00dfte \u00fcberhaupt in Deutschland. Leider gibt es keine\nF\u00fchrungen, ich h\u00e4tte es mir gerne angesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst\nsehe ich den Bau von der Seite mit einer klassizistischen Fassade mit\nGiebelfeld. Die reizvollere Ansicht ist von vorn, die Seite mit einem Halbrund\naus S\u00e4ulen. Das Haus liegt an dem Eckigen See. Der hei\u00dft so, weil er nicht rund\nist. Die beste Photoperspektive hat man, wenn man auf der anderen Seite des\nSees steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts\nvon mir ein moderner Bau mit Glas und Stahl, nicht sehr hoch. Ich frage mich, was\ndas wohl sein kann. Es ist der Landtag. Die Architektur verschrieb sich damals\ndem Credo der Transparenz, die auch f\u00fcr die Politik gelten sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter\ndem Landtag ein barocker Bau mit einer m\u00e4chtigen Fassade, die ich zuerst f\u00fcr\ndie Hauptfassade halte. Es ist aber nur die Seitenfassade des Nordfl\u00fcgels. Es\nist das Neue Schloss, dessen Dimensionen ich jetzt erst erfasse. Ein Hauch von\nVersailles. <\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum des Schlossplatzes eine Triumpfs\u00e4ule, und zu ihren Seiten zwei Brunnen.\nHier gibt es, wie fast \u00fcberall in der Innenstadt, Sitzgelegenheiten, und da die\nSonne herauskommt, ist das perfekt f\u00fcr eine Pause. <\/p>\n\n\n\n<p>Dem\nSchloss gegen\u00fcber, aber weit weg am anderen Ende des Schlossplatzes, ein\nweiteres monumentales Geb\u00e4ude, der K\u00f6nigsbau, aber trotz des Namens gibt es\nhier nur eine Einkaufspassage. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben\nder moderne Glaskubus des Kunstmuseums, auff\u00e4llig, mit Ank\u00fcndigungen in\nriesigen Buchstaben an der Fassade. Vor dem Museum verl\u00e4uft die K\u00f6nigstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe\nzur anderen Seite des Platzes durch die L\u00fccke zwischen zwei Geb\u00e4uden, und siehe\nda, ich bin auf dem Schillerplatz. Hier steht die Stiftskirche, die ich mir\nheute Morgen angesehen habe. Scheint eine halbe Ewigkeit her zu sein. Ich h\u00e4tte\ndie Stiftskirche aber gar nicht hier, so nahe am Schlossplatz, vermutet. <\/p>\n\n\n\n<p>Im\nZentrum des Platzes die Statue von Schiller, mit Darstellungen auf dem Podest,\ndie man nicht so ohne Weiteres versteht. Die Statue ist hoch, es soll die\nh\u00f6chste \u00fcberhaupt sein, und Schiller hat einen Lorbeerkranz auf. Stuttgart\nhatte was gutzumachen. Schiller gefiel es n\u00e4mlich hier, gelinde gesagt, gar nicht,\nund er verlie\u00df W\u00fcrttemberg, nachdem er <em>Die R\u00e4uber<\/em> geschrieben hatte, in\neiner Nacht- und Nebelaktion, illegal, unter falschem Namen, gegen den Willen\ndes Landesherrn. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden Geb\u00e4ude, die neben der Stiftskirche den Platz begrenzen, sind die Alte\nKanzlei und das Alte Schloss, mit einem Rundturm hinten. Die Alte Kanzlei, in\nWei\u00df gehalten, asymmetrisch, mit zwei sch\u00f6n verzierten Portalen direkt\nnebeneinander, ist ein ausgesprochen sch\u00f6ner Bau, und das Alte Schloss, r\u00f6tlich\ngehalten, steht ihm in Nichts nach. Der Platz ist wirklich ein Schmuckst\u00fcck,\nund wieder stelle ich mir vor, dass das alles hier zerst\u00f6rt war. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nPlatz wird abgeschlossen von einem Geb\u00e4ude mit einem merkw\u00fcrdigen Namen: <em>Fruchtkasten<\/em>.\nEs ist ein sp\u00e4tmittelalterliches Geb\u00e4ude und eins der \u00e4ltesten erhaltenen der\nStadt. Der Name deutet auf seine urspr\u00fcngliche Funktion hin: Getreidespeicher.\nHeute ist hier das Museum f\u00fcr Musikinstrumente untergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nabseits des Platzes f\u00e4llt mein Blick auf ein weiteres Geb\u00e4ude: die Markthalle.\nNichts wie rein. Der richtige Ort nach der langen Besichtigung. Und es lohnt\nsich! Wunderbare St\u00e4nde mit verlockend aussehenden Auslagen. Alles beste\nQualit\u00e4t. Hier gibt es Kaviar, Tr\u00fcffel, Halva, kanadische Spitzmorcheln und\nisl\u00e4ndischen Lachs, griechisches Oliven\u00f6l in Kanistern, Cheddar, Gruy\u00e8re,\nGorgonzola und Manchego, Kusmi-Tee und nat\u00fcrlich \u201eechte Sp\u00e4tzle\u201c. Griechenland\nist mit einem Stand vertreten, die Schweiz auch, und Spanien, Italien und\nUngarn, und es gibt eine Austern-Bar. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nMarkthalle ist zweist\u00f6ckig, \u00e4hnelt franz\u00f6sischen oder spanischen Vorbildern,\nhat Arkaden zu zwei Seiten und moderate Stilelemente des Jugendstils. Am Eingang\ngibt es etwas zur Entstehungsgeschichte. Man sieht 77 Schilder, alle wei\u00df, ohne\nBeschriftung, au\u00dfer einem, auf dem ein Name und ein Photo zu sehen sind. Das\nzeigt Martin Elsaesser, den Architekten der Markthalle. Er gewann 1910 den\nWettbewerb, mit seinen zarten 26 Jahren, und stach dabei sogar seinen Lehrer\naus! Die Sache war gewagt: ein modernes Geb\u00e4ude mitten im damals\nmittelalterlichen Stuttgart! <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nanderen Seite der Markthalle der Marktplatz. Hier geht es ganz anders zu, laut\nund gesch\u00e4ftig, als hinten auf dem Schillerplatz. Der Blick auf die Markthalle\nwird etwas verstellt von den vielen Schirmen, B\u00e4umen, Schildern, so dass das\nGeb\u00e4ude nicht so richtig zur Wirkung kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\nWirkung kommt aber das Schild eines Gasthauses: <em>Marktst\u00fcble<\/em>. Die Speisekarte\nh\u00f6rt sich gut an. Drinnen ist es rustikal eingerichtet, und die Kellner\nbegr\u00fc\u00dfen einen sehr freundlich. Platz genug ist auch da. Und das Essen ist ein\nGedicht. Ich nehme ein Gericht, das als Stuttgarter Spezialit\u00e4t gilt:\nLinsentopf. Linsen mit Saitenw\u00fcrstchen, Speck und Sp\u00e4tzle. Und zum Nachtisch\ngibt es den \u201eWarmen Ofenschlupfer\u201c, einen Auflauf mit \u00c4pfeln, Rosinen, Zimt und\nZucker, serviert mit Gr\u00fctze und Sahne.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSpeisekarte gibt auch Auskunft \u00fcber die Markthalle und die Umgebung. Man\nerf\u00e4hrt, dass die Markthalle heute 40 St\u00e4nde hat. Aber fr\u00fcher 430 hatte! Wie\nmuss es da zugegangen sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Und man\nerf\u00e4hrt, dass das Gest\u00fct, der Stutengarten, die Keimzelle Stuttgarts, hier ganz\nin der N\u00e4he, am Platz des heutigen Alten Schlosses gelegen, von einem Schwabenherzog\ngegr\u00fcndet wurde, die Siedlung, die sich um das Gest\u00fct bildete, aber \u2013 <em>horribile\ndictu<\/em>&#8211; von einem Marktgraf von Baden!<\/p>\n\n\n\n<p>14.\nOktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck serviert eine \u00e4u\u00dferst freundliche und \u00e4u\u00dferst gespr\u00e4chige Chinesin.\nSie wei\u00df noch, wo ich gestern gesessen habe. Als ich das kommentiere, sagt sie,\nwie zur Erkl\u00e4rung: \u201eIch arbeite schon seit 31 Jahren hier.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liegt\nStuttgart nicht am Neckar? Wo ist der blo\u00df? Habe ihn noch nicht zu sehen\nbekommen. Er flie\u00dft nicht durch die Altstadt, sondern etwas au\u00dferhalb, Richtung\nCannstatt, wo auch das alte Neckarstadion liegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wei\u00dfenhofsiedlung?\nPorschemuseum? Schweinemuseum? Wilhelma? An Alternativen mangelt es wirklich\nnicht, man k\u00f6nnte locker eine Woche hier verbringen. Ich mache es mir einfach\nund schlie\u00dfe die erst mal alle aus, weil sie nicht in unmittelbarer N\u00e4he sind.\nOhne richtig entschieden zu haben, was ich will, mache ich mich auf den Weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Und\nbleibe im Zentrum h\u00e4ngen, angelockt vom Fruchtkasten, schon wegen seines\nNamens. Aber das Museum richtet heute ein Konzert des Jugendorchesters aus, und\nso lande ich, eher zuf\u00e4llig, im Alten Schloss. Im W\u00fcrttembergischen\nLandesmuseum. Was f\u00fcr ein gl\u00fccklicher Zufall!<\/p>\n\n\n\n<p>Schon\ndas Betreten des Innenhofs macht Eindruck: Renaissance pur, und pr\u00e4chtiger, als\nes das relativ schlichte \u00c4u\u00dfere erwarten l\u00e4sst, mit repr\u00e4sentativen Arkaden zu\nzwei Seiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\ninteressantes Detail aus der Baugeschichte mit Blick auf die Aktualit\u00e4t: Bei\neinem Umbau wurde das Bodenniveau der Anlage angehoben \u2013 um eine ganze Etage. Zum\nHochwasserschutz. Und zwar schon im 16. Jahrhundert!<\/p>\n\n\n\n<p>Alle\nAugen auf sich zieht im Innenhof Herzog Eberhard im Bart. Er war der erste\nHerzog von W\u00fcrttemberg und verlegte die Residenz nach Stuttgart. Eine\nPilgerreise nach Jerusalem stellte eine Wende in seinem Leben dar. Er lie\u00df das\nLotterleben seiner Jugend hinter sich, mit Turnierspielen, Jagden und\nAbenteuern mit sch\u00f6nen Frauen. Auf seiner Pilgerreise soll er versprochen\nhaben, seinen Bart zuk\u00fcnftig nicht mehr zu schneiden \u2013 daher der Name. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nsteht ein pr\u00e4chtiges Reiterstandbild von ihm, in voller R\u00fcstung, mit erhobener\nLanze, das Pferd in vorsichtiger Bewegung. Eine F\u00fchrerin erkl\u00e4rt einer Gruppe\nvon Schulkindern die Statue. Sie fragt nach dem Dorn, der da vorne an einer\nSeite der Brust aus dem Panzer hervortritt. Wozu k\u00f6nnte die gut sein? Die\nAntwort: Auf diesen Dorn konnte man die schwere Lanze legen, wenn sie nicht im\nEinsatz war. Ich bin genauso beeindruckt wie die Kinder und sage der F\u00fchrerin\nartig Dankesch\u00f6n, bevor ich ins Museum gehe. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nlos mit ganz fr\u00fchen vorklassischen Idolen, von den Kykladen oder aus Mykene, kleine\nFiguren, mit erhobenen oder vor der Brust gekreuzten Armen, die \u00e4ltesten von 2.800\nv. Chr. Von solchen Figuren wurde g\u00f6ttlicher Beistand erhofft. Besonders sch\u00f6n\nein Paar dieser Idole, offensichtlich zusammengeh\u00f6rend, aber mit\nunterschiedlichen Gesten, vielleicht Mann und Frau symbolisierend. Aufgrund\nihrer Form werden sie nach den griechischen Buchstaben \u03a8 (Psi) und \u03a6 (Phi)\nbenannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter\ngeht es mit der griechischen, der r\u00f6mischen und der etruskischen Kultur, mit\nStatuetten, Vasen, Goldschmuck und Wandmalereien. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle\ndrei hatten eine Unzahl von G\u00f6ttern, und gerade dieser Polytheismus erlaubte\ndie \u00dcbernahme von fremden G\u00f6ttern. Aber es gab auch kulturspezifische G\u00f6tter,\nwie die gefl\u00fcgelten D\u00e4monen der Etrusker und die Laren und Penaten der R\u00f6mer. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nImport aus dem Osten ist Kybele, die gro\u00dfe G\u00f6ttermutter aus Phrygien, heute\nnoch Namensgeberin der <em>Plaza de la Cibeles<\/em> in Madrid. Mit ekstatischen\nFesten wurde sie gefeiert. Hier ist sie vertreten mit einem interessanten\nRelief, in dem sie gleich zweimal erscheint, beide Male auf dem Thron sitzend,\naber mit unterschiedlichen Attributen. Mit solchen Darstellungen wollte man\nunterschiedliche Wesensz\u00fcge der G\u00f6tter zum Ausdruck bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hochinteressant,\neigens in einer abgedunkelten Rotunde untergebracht, die unz\u00e4hligen r\u00f6mischen\nFiguren, die Abnormit\u00e4ten darstellen: Bucklige, Kleinw\u00fcchsige, Glatzk\u00f6pfige usw.,\neine Randgruppe der Gesellschaft, ebenso wie Arme, H\u00e4ssliche und Fremde. Die\nR\u00f6mer begegneten ihnen, wenn man so will, ohne Scheu, aber auch ohne Mitleid\noder Respekt. Man machte sich \u00fcber sie lustig. Bei Gastm\u00e4hlern lie\u00df man sie zur\nBelustigung auftreten. Auch diese Figuren, aus Ton und Bronze, dienten der\nBelustigung. Aber sie hatten auch eine Schutzfunktion! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\nnoch hier in der Rotunde der Kopfteil der Statue eines Mannes, einer Statue aus\n\u00c4gypten, aus griechischer Zeit, die hier so positioniert ist, dass man sie von\nhinten und von vorn sehen kann. Das ist wichtig. Von vorne hat der Mann eine\nf\u00fcr \u00c4gypten ganz ungew\u00f6hnliche Haartracht, einen Bart und einen Bl\u00fctenkranz.\nAuf dem R\u00fcckenpfeiler ist er nochmals dargestellt, jetzt kahlk\u00f6pfig, ohne Bart\nund zwischen Horus und Sachmet stehend. Die Statue ist ein Zeugnis des\nkulturellen Austauschs am Nil zwischen Griechen und \u00c4gyptern. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen Wandmalereien, vermutlich Einzelst\u00fccke eines fr\u00fcheren gr\u00f6\u00dferen\nEnsembles. Sehr gut, vor allem die Portr\u00e4ts, mit hellen Farben, wie ein modernes\nPhoto wirkend. Wunderbar die Details bei Wimpern und Ohrringen und der\nfleischfarbene Teint bei der Darstellung einer jungen Frau (oder etwa eines\nMannes?). Das Material scheint Holz zu sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen, auf einem Mauersims aufgereiht, die B\u00fcsten r\u00f6mischer Kaiser (mit\nLotto-Mitteln erworben): Augustus, Tiberius, Germanicus, Nero, Galba, Nero\nGermanicus. Alle sind bartlos, au\u00dfer Nero Germanicus. Der war Thronanw\u00e4rter,\naber wurde einer Verschw\u00f6rung bezichtigt und in die Verbannung geschickt. Der\nBart ist hier Ausweis seines Au\u00dfenseitertums.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die \u201eKunst- und Wunderkammer der Herz\u00f6ge von W\u00fcrttemberg\u201c, das, was man\nfr\u00fcher Kuriosit\u00e4tenkabinett nannte, so was wie der Vorl\u00e4ufer des Museums. Sie\ndiente der Repr\u00e4sentation, aber auch dem Erfassen der Welt. Au\u00dferdem diente sie\nder Bildung. Wenn man im Rahmen von Festlichkeiten durch die Kunstkammer\nf\u00fchrte, regte deren Sammlung zum Gespr\u00e4ch an. Die Sammlung wurde im Laufe der\nZeit immer mehr erweitert, den Grundstein legte der weitgereiste Friedrich I.\ngegen Ende des 16. Jahrhunderts. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nersten Objekte befinden sich in einem abgetrennten, abgedunkelten Raum, einem\nRaum im Raum \u2013 es ist wirklich ein Wunder, was man allein hier alles zu sehen\nbekommt. Zum Beispiel Stra\u00dfeneier aus S\u00fcdafrika. Erst auf den zweiten Blick\nsieht man, dass sie Darstellungen enthalten, in Form eines in die Schale\ngeschnitzten Reliefs, ohne Farbe: die vier Erdteile und die vier Lebensalter.\nDie Eier sind ein perfektes Beispiel f\u00fcr die Symbiose von Natur und Kunst, von\nder hier oft die Rede ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\ntrifft auch zu auf einen Pokal, der aus dem Horn eines Nashorns gedrechselt\nwurde (XVII). Der Pokal wird bekr\u00f6nt von einem kleinen Nashorn aus vergoldetem\nSilber. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant\nein Messerset aus Indien (XVII), f\u00fcr den europ\u00e4ischen Geschmack in Asien\nhergestellt, nicht anders als heute. Die aufw\u00e4ndig geschnitzten Griffe der\nMesser laufen in ein Gesicht aus, drei M\u00e4nner, drei Frauen. Auf den ersten\nBlick sehen sie etwas orientalisch aus, aber wenn man genauer hinguckt, sehen\nsie doch europ\u00e4isch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Erheblich\n\u00e4lter (XII) ein Reliquienschrein, vermutlich Elfenbein, in Form einer Basilika,\nmit Dutzenden von geschnitzten Figuren, sehr kunstvoll gearbeitet. Als der\nReliquienschrein in die Sammlung kam, wusste man nicht mehr, was f\u00fcr eine\nFunktion er hatte. Er wurde unter \u201eModell einer Kirche\u201c inventarisiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei\neinem in S\u00fcdwestdeutschland entstandenen Kartenspiel (XIV), das hier\nausgestellt ist, handelt es sich um das \u00e4lteste erhaltene in der Welt!\nAuff\u00e4llig die Gr\u00f6\u00dfe der Karten und die Ausf\u00fchrung der Figuren- und\nTierdarstellungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nHolzrelief zeigt Christus im Gebet, sehr ausdrucksstark. Darunter eine Ikone\nmit zwei Heiligen (XVII). Sie stammt aus China!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganz\nmerkw\u00fcrdiges Ausstellungsst\u00fcck ist ein h\u00f6lzerner Bilderrahmen, ohne Bild. Statt\neines Bilds ist auf der Innenfl\u00e4che ein skulptiertes abgewinkeltes Bein\nangebracht, sehr muskul\u00f6s. Sieht fast wie eine anatomische Studie aus, aber:\nWarum ist das Bein auf dem Bilderrahmen gelandet?&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Einen\nmerkw\u00fcrdigen Namen hat ein sch\u00f6n verzierter Becher: Geiselbecher (XVII). Was\nkann das nur sein? Es war so: Als die Franzosen in Stuttgart einfielen, drohte\ndie Zerst\u00f6rung der Stadt. Man konnte sie vermeiden, indem man Geiseln stellte.\nAls die Geiseln drei Jahre sp\u00e4ter aus der Haft entlassen wurden, vermachte man\nihnen als Anerkennung kunstvolle Deckelbecher. Dieser ist einer davon. <\/p>\n\n\n\n<p>An der\nWand eine Jagdtroph\u00e4e, an der irgendwas nicht stimmt. Es ist ein Hase mit\nGeh\u00f6rn, wenn auch nur einem kleinen, im Ansatz begriffenen. Krankhafte\nKnochenauswucherungen, Hasenh\u00f6rner genannt, waren bekannt, und Exemplare davon\nbefanden sich auch in Sammlungen. Dieser Hase aber ist ein Fake. Er besteht aus\neinem geschnitzten h\u00f6lzernen Kopf mit aufgesetzter Geweihstange. <\/p>\n\n\n\n<p>Wunderbar\ngearbeitet ein doppeltes Salzf\u00e4sschen, aus Elfenbein (XVI). Die Schalen f\u00fcr das\nSalz, ganz oben, sieht man zuerst gar nicht. Sie sind nur der obere Abschluss\neiner Architektur mit hohen S\u00e4ulen, zwischen denen sich eine Burg oder eine\nStadt befindet. All das, nur um das Salz angemessen an der Tafel zu\npr\u00e4sentieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\naber auch reichlich wissenschaftliche Instrumente, meist Messinstrumente f\u00fcr\ndie Navigation und die Sternebestimmung: Quadrant, Zirkel, Vexierspiegel,\nPrismen, Waagen, Rechenst\u00e4be und ein Astrolabium. Sie sind fein gearbeitet und\nmeist mit einer d\u00fcnnen Goldschicht \u00fcberzogen. Ihre Namen beschw\u00f6ren die\nVorstellung der fr\u00fchen Neuzeit und der Seefahrt herauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\nInstrumenten im weitesten Sinne geh\u00f6rt auch ein Komponierkasten (XVII),\nentwickelt von Athanasius Kircher. Es besteht aus lauter T\u00e4felchen, mit Angaben\n\u00fcber Rhythmus und Phrasierung, die in einer flachen Schatulle stecken. Die\nT\u00e4felchen konnten aus dem Kasten gezogen und immer neu miteinander kombiniert\nwerden. So konnten auch Laien Musik komponieren! H\u00f6rt sich ganz modern an, nach\ndem Zufallsgenerator am Computer. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\nhochmodern ein Schrittz\u00e4hler (XVII). Der Schrittz\u00e4hler wurde so am K\u00f6rper\nbefestigt, dass eine Zugverbindung zum Bein entstand, die bei jedem Schritt\neinen Z\u00e4hlmechanismus ausl\u00f6ste. Sie hatten aber andere Funktionen als heute,\neher wissenschaftliche. Es ging um die Erschlie\u00dfung des Herrschaftsgebiets des\nLandesherrn. Dabei wurden sie zur Entfernungsmessung eingesetzt. Aufgrund\ndieser Angaben wiederum konnten zuverl\u00e4ssige Landkarten erstellt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nkurios ein Wildschweinsch\u00e4del (XVI). Auf den zweiten Blick entdeckt man, dass\nnoch die Degenspitze des J\u00e4gers drinsteckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnlich\nauch die eiserne Maske eines R\u00e4ubers (XVI). Sie geh\u00f6rte einem vermeintlichen\nMassenm\u00f6rder und wurde in der R\u00fcstkammer des Herzogs aufbewahrt. Dann wurden\ngro\u00dfe Teile der Sammlung durch ein Feuer zerst\u00f6rt. Die Maske war eins der\nwenigen Objekte, die \u00fcberlebten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\neine Vielzahl von Darstellungen mit biblischen Szenen und St\u00e4dteansichten. In\neiner scheint ein Engel in einem Bottich zu stehen. Oder ist es kein Engel,\nsondern ein M\u00e4rtyrer?&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Unter\ndem ausgestellten Schuhwerk befinden sich zwei Paar Chopinen aus Venedig (XVII),\nhohe Stelzschuhe. Das erste Paar war wohl noch so gerade zum Tragen geeignet.\nDas andere scheint ein Ausstellungsst\u00fcck zu sein. Ist es aber nicht. Solche\nSchuhe wurden wirklich getragen, obwohl man nicht selbst\u00e4ndig darin laufen\nkonnte, sondern von Dienerinnen zu beiden Seiten gest\u00fctzt werden musste. Solche\nSchuhe sorgten f\u00fcr Furore und wurden besonders oft von Kurtisanen getragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nganz auff\u00e4llige kleine Schnitzfigur stammt aus Holland (XVII). Sie zeigt einen\nBauern, \u00fcber dem Boden hockend mit heruntergelassener Hose, Pfeife rauchend. Er\nverrichtet sein Gesch\u00e4ft. Der Clou daran war, dass man die Pfeife anz\u00fcnden\nkonnte und dann der Qualm aus den unterschiedlichen L\u00f6chern herauskam. Der\nHerzog war so angetan von der Figur, dass er bestimmte, sie solle \u201ehinf\u00fcro das\nWortzeichen\u201c, also die Symbolfigur der Kammer sein. Ausgerechnet ein Bauer bei\nder Verrichtung seiner Notdurft!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es in den eigentlichen Museumsraum, au\u00dferhalb der abgedunkelten Kammer.\nVor deren Eingang steht eine mannshohe Figur, die den Arch\u00e4ologen ein R\u00e4tsel\naufgibt. Es handelt sich um eine gro\u00dfe Sandsteinfigur (XII) mit langen Z\u00f6pfen,\noffenem Mund, dreieckigem Bart, die herunterh\u00e4ngenden H\u00e4nde vor dem K\u00f6rper\ngekreuzt. Wer ist das? Was ist das? Ein Priester? Ein Druide? Gar Christus\nselbst?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngibt es unz\u00e4hlige Gebrauchsgegenst\u00e4nde oder Schmuckobjekte (manchmal schwer zu\nentscheiden, was es ist) aus einer Vielzahl von Materialien: Bergkristall (h\u00e4lt\nSpeisen kalt), Nautilus (besonders attraktiv durch seine Lichtdurchl\u00e4ssigkeit),\nLapislazuli, Achat, Quarz. Auch hier ist das Thema immer die Verbindung von\nKunst und Natur. <\/p>\n\n\n\n<p>Was mir\nsehr gut gef\u00e4llt ist ein Tafelgeschirr, das eine ganze Vitrine einnimmt:\nTeller, Becher, Flacons, Schalen, Salz- und Pfefferstreuer, aber auch\nStatuetten und Parf\u00fcmfl\u00e4schchen. Glatte Formen, alles in einem intensiven\ndunklen, gleichm\u00e4\u00dfigen Rot. Es handelt sich um Goldrubinglas, auch Kunkelglas\ngenannt nach seinem Erfinder, einem Alchemisten. Er nutzte das bereits in der\nAntike vorhandene Wissen um die rotf\u00e4rbende Eigenschaft von Gold. Das Resultat\nsind diese Objekte, die sich bei Hofe ungeheurer Beliebtheit erfreuten.\nSchlie\u00dflich hatte man den Eindruck, das wertvolle Rubin vor sich zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg in das zweite Obergeschoss hat man vom Treppenhaus einen sch\u00f6nen Blick in\nden Hof. Ich bin schwer beeindruckt von dem, was ich bisher gesehen habe, ahne\naber nicht, dass es jetzt erst richtig losgeht, und zwar mit der Eiszeit. Auch\nhier sind sowohl die Exponate als auch die Pr\u00e4sentation allererste Sahne. Der\neinzige Nachteil ist, dass man keine guten Photos machen kann, weil das Glas\nder Vitrinen sich in der Kamera spiegelt. Aber das ist nebens\u00e4chlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\nlos mit einem riesigen Travertinstein, der vor dem Eingang liegt. In ihm haben\nsich die Abdr\u00fccke des K\u00f6rpers und des Geweihs eines Hirsches erhalten. Er ist\nein Zeugnis daf\u00fcr, dass der Mensch schon damals, vor 240.000 Jahren, auf Jagd\ngegangen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen einige der Schatzst\u00fccke des Museums, Funde von der Schw\u00e4bischen Alb: ein\nL\u00f6wenkopf, ein B\u00e4r, ein Mammut, ein Bison, ein Adorant, teils f\u00fcr den Laien\nkaum zu identifizieren. Sie sind 35.000 \u2013 40.000 Jahre alt und geh\u00f6ren zu den\n\u00e4ltesten Kunstwerken der Welt! Was ihre Funktion war, l\u00e4sst sich nicht\nfeststellen, aber wahrscheinlich wurden ihnen magische Kr\u00e4fte zugeschrieben.\nDie Figuren sind klein und abgegriffen, man vermutet also, dass man sie mit\nsich herumtrug und dass sie auch verschiedene Besitzer hatten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fast\ngenauso alt die \u00e4ltesten Musikinstrumente, auch klein: eine Fl\u00f6te, ein Mundbogen,\nein Trommelschl\u00e4gel. Durch seine zwei Schlagenden konnte der einen markanten\nDoppellaut erzeugen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen Jagdinstrumente. Am Ende der letzten Eiszeit kommt die Speerschleuder\nauf. Sie bestand aus einem Speer und der eigentlichen Schleuder. Sie bedeutete\neinen Durchbruch. Man konnte damit bis zu 140 Meter weit schie\u00dfen!<\/p>\n\n\n\n<p>Steinzeitliche\nWaffen, aber auch Werkzeuge, wurden in der Regel aus Feuerstein gefertigt. Hier\nkam man unter anderen einen Dolch mit gegen\u00fcberliegenden Kerben sehen. Ein\nsolcher Dolch geh\u00f6rte auch zu der Ausr\u00fcstung von \u00d6tzi.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die Sesshaftigkeit, der wichtigste Einschnitt in der Fr\u00fchgeschichte. Das\nSteinbeil wurde das wichtigste Instrument. Es hatte Klingen aus Feuerstein.\nSolche Beile wurden ziemlich sicher beim Getreideanbau eingesetzt. Sie wurden\nimmer wieder nachgeschliffen und dadurch immer kleiner. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nkriegerischen Zwecken diente das Steinbeil, wie man hier auf drastische Art\nsehen kann an mehreren durchbohrten Menschensch\u00e4deln, Resultat eines Massakers,\ndas von Kriegern veranstaltet wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGr\u00e4ber dieser Zeit wurden au\u00dferhalb der Siedlungen angelegt, aber einzelne Tote\nwurden auch immer wieder innerhalb der Siedlungen bestattet. Die Toten wurden\nwie zum ewigen Schlaf gebettet, in Seitenlage und mit angewinkelten Armen und\nBeinen. Andere wurden in engen und kurzen Gruben bestattet, regelrecht\nzusammengeschn\u00fcrt, so als f\u00fcrchtete man ihre Wiederkehr. Gegen Ende der\nJungsteinzeit werden die Bestattungsriten immer vielf\u00e4ltiger, bis hin zu\nseltsamen Teilbestattungen. Auch trat dann, wenn ich das richtig verstehe, die\nEin\u00e4scherung an die Seite der K\u00f6rperbestattung. Aber ein richtig klares Bild\nbekomme ich davon nicht. Man m\u00fcsste mal versuchen, das in einem etwas gr\u00f6\u00dferen\nZusammenhang einzuordnen. Gibt es eine generelle Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die eine oder\ndie andere Art der Bestattung bei den fr\u00fchen sesshaft gewordenen V\u00f6lkern? Gibt\nes da kulturelle Unterschiede?&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen die Pfahlbauten. Zu den wichtigsten Funden z\u00e4hlt ein Rad, genauer gesagt\ndie Fragmente eines Rads, einem der \u00e4ltesten der Welt!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\nFunden aus der Jungsteinzeit geh\u00f6rt der riesige Sch\u00e4del eines Urstiers. Er\nwurde am Tor der Siedlung als Troph\u00e4e aufgestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr\nsch\u00f6n ein Tulpenbecher, der seinen Namen von seiner Form hat. Aus solchen\nBechern wurde getrunken, und es wurden Fl\u00fcssigkeiten darin aufbewahrt. Der\nBecher ist 4.000 Jahre alt und wurde in einer Abfallgrube gefunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\neine echte Augenweide eine Halskette, mit drei Anh\u00e4ngern aus Marmor. Sie ist aus\nKalkperlen und Gagat gefertigt, die sich abwechseln, und das ergibt einen\nsch\u00f6nen Farbkontrast, Beige und Schwarz. Die Kette stammt aus einem Frauengrab\nund ist 4.000 Jahre alt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch am\nTor der Siedlung pr\u00e4sentiert wurde der sog. Troph\u00e4ensch\u00e4del, ein menschlicher\nSch\u00e4del, der mit einem spitzen Gegenstand perforiert wurde. Zudem ist das\nHinterhauptsloch k\u00fcnstlich erweitert. Wahrscheinlich wurde der Sch\u00e4del an einem\nzugespitzten Holzpfahl aufgespie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nerste Metall war Kupfer. Und dann gab es auch, durch den Zusatz von Arsen, die\nerste Legierung. Es er\u00f6ffneten sich neue Horizonte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nZinn und Bernstein wurden jetzt importiert, meist auf dem Wasserweg. Auf dem\nLandweg geschah der Transport in Etappen, so dass man auch an Objekte kommen\nkonnte aus Orten, die man selbst nie erreichte. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus\nKupfer hergestellt sieht man hier Beile, Armreifen, Armspiralen, Dolche,\nGewandnadeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die Bronze. Auch hier sieht man Waffen und Schmuck, darunter eine Kette\nmit Bernsteinperlen und ein prunkvoller Collier aus \u201eStachelscheiben\u201c. Sie\ngeh\u00f6rten zur typischen Tracht auf der Schw\u00e4bischen Alb. Die Scheiben sind jetzt\noxydiert. Urspr\u00fcnglich leuchteten sie goldfarben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurios\nein Trinkgeschirr, mit Tassen, Situla (Zeremoniengef\u00e4\u00df) und Ziste\n(Bronzeeimer). T\u00e4uschend echt nachgemacht. Denn es ist nicht Bronze, sondern\nTon!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein\nriesiger Schild, der ist wirklich aus Bronze, mit der exakten Darstellung einer\nafrikanischen Gazelle! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt die Eisenzeit. Die gute alte Bronze wird durch das h\u00e4rtere und deshalb\nbessere Eisen abgel\u00f6st. So die g\u00e4ngige Vorstellung. Hinter die setzen die Ausstellungsmacher\nein Fragezeichen. Zinnreiche Bronze konnte sogar h\u00e4rter sein als Eisen, und das\nEisen konnte man kaum noch in Form bringen oder einschmelzen. Und au\u00dferdem\nrostet es noch. Die Wertsch\u00e4tzung des Eisens beruhte zu Anfang wohl in erster\nLinie auf seiner Seltenheit. Es war Mangelware. Und auf seiner Neuheit. Es war \u201ein\u201c.\nDie Materialeigenschaften spielten dabei keine so gro\u00dfe Rolle. Sp\u00e4ter beruhte\ndie Wertsch\u00e4tzung des Eisens paradoxerweise auf seiner Verf\u00fcgbarkeit. Man war\nnicht mehr, wie bei der Bronze, auf das Material aus den entfernt gelegenen\nZinnminen angewiesen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nzu den R\u00f6mern komme, die wiederum mit einer gro\u00dfen Ausstellung vertreten sind,\nsagt mir schon was, dass meine Ausdauer bald zu Ende geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist\nein Meilenstein aus dem Limes aufgestellt. Er bezeichnet die Entfernung von\nPassau nach Kempten: 11 Meilen. Sp\u00e4ter, ab 202, wurden die Entfernungen in den\nkeltischen Leugen gemessen. Durch das hervorragende Stra\u00dfensystem und die\nregelm\u00e4\u00dfigen Wechselstationen \u2013 alle 35 Meilen, ca. 47 Kilometer \u2013 konnten\nNachrichten gut transportiert werden. Bei offiziellen Nachrichten schaffte man\nbis zu 100 Kilometer am Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>Auffallend\nhier die gro\u00dfe Sammlung von Schl\u00fcsseln aus der R\u00f6merzeit. Eigentum und das\nEigentum sch\u00fctzen hatten einen hohen Wert. Die Schl\u00fcssel sind nicht sehr\nverschieden von denen unserer Kindheit. Wichtiger aber ist deren\nEntstehungszeit. Die meisten stammen aus dem 3. Jahrhundert, der Krisenzeit mit\ninnerpolitischen Auseinandersetzungen, Bedrohung von au\u00dfen und wirtschaftlichem\nNiedergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nkleine groteske M\u00e4nnerfigur ist hier zu sehen, mit verzogenen Gesichtsz\u00fcgen und\neinem \u00fcbergro\u00dfen Phallus. Das Gesicht und Teile des K\u00f6rpers sind geschw\u00e4rzt.\nWie kommt das? Die Figur diente als Kerzenst\u00e4nder, aber da der Abstand der\nKerze, die auf dem ausgestreckten K\u00f6rperteil ihren Platz hatte, nicht\nausreichend war, verbrannte die Figur! <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schrift\nwar bei den R\u00f6mern von gro\u00dfer Bedeutung. Man sieht Schrift auf Tongef\u00e4\u00dfen, auf\nW\u00e4nden, auf Steindenkm\u00e4lern, auf Schreibt\u00e4felchen. Selbst ein Milit\u00e4rdiplom ist\nin einen Stein geritzt. Als Beurteilung steht da: <em>Istum fecit \u2013 Gut gemacht!\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schrift\nist auch in den Graffiti vertreten. Man findet sie sogar auf Gem\u00e4lden. Einige\nergeben keinen Sinn. Sie sind vermutlich von Analphabeten gemacht worden, in\nNachahmung dessen, was sie da sahen, oder von Schreibkundigen, die sich einen\nSpa\u00df machen oder die Schriftzeichen als Dekoration verwenden wollten. Man\nsch\u00e4tzt die Quote der Schreib- und Lesekundigen auf 10%-40%. Diese Geschichte erinnert\nmich an die Ptolem\u00e4er in \u00c4gypten, die auf Sarkophagen Hieroglyphen anbringen\nlie\u00dfen, zu einer Zeit, als die Kenntnis von Hieroglyphen l\u00e4ngst untergegangen\nwar. Sie hatten keine Ahnung, was sie da schrieben. Sah einfach sch\u00f6n aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf\neinem Altar gibt es eine genaue Zeitangabe. Die komplizierte r\u00f6mische <a>Zeiterfassung <\/a>kann man (wenn man es kann) auf unsere Zeiterfassung\n\u00fcbertragen und kommt so auf ein genaues Ergebnis: 13. Januar 233. Die\nZeitmessung richtete sich nach den amtierenden Konsuln und den \u00c4mtern von\nKaisern. Die Rechnung mit einem fixen Anfangsdatum &#8211; <em>ab urbe<\/em> <em>condita<\/em>\n&#8211; wurde erst in der Sp\u00e4tantike eingef\u00fchrt. Das Jahr hatte zw\u00f6lf Monate und\nbegann ab 153 v.Chr. im Januar statt im M\u00e4rz. Bestimmte Tage des Monats waren\nbesonders hervorgehoben, der 1. (<em>Kalendae<\/em>), der 5. oder 7. (<em>Nonae<\/em>),\nder 13. oder 15. (<em>Idus<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Viele\nr\u00f6mische Sch\u00e4tze dieser Region wurden gefunden, weil reiche R\u00f6mer sie aus\nFurcht vor den anr\u00fcckenden Germanen vergruben, in der Hoffnung, sie\nwiederzufinden, sobald die Gefahr vorbei war. Wozu es dann oft nicht mehr kam. <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nWirtschaftskrise war Metall von besonderem Wert, und man ergriff ungew\u00f6hnliche\nMa\u00dfnahmen, um die Lage zu verbessern. So wurden nicht ben\u00f6tigte Metallobjekte\neingeschmolzen, um neue Objekte aus dem Altmetall gewinnen zu k\u00f6nnen. R\u00f6misches\nRecycling. Einige Objekte mussten erst zertr\u00fcmmert werden, bevor sie\neingeschmolzen werden konnten. Hier sieht man einen f\u00fcr diesen Zweck\nzertr\u00fcmmerten Helm. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch M\u00fcnzf\u00e4lscher\nhatten in der Wirtschaftskrise Konjunktur. Hier ist eine betr\u00e4chtliche Sammlung\nvon gef\u00e4lschten M\u00fcnzen zu sehen, \u00fcber hundert gef\u00e4lschte Denare aus Rottenburg.\nSie wurden aus Kupfer gepr\u00e4gt und mit Zinn \u00fcberzogen, um ihnen ein silbriges\nAussehen zu verleihen. Die F\u00e4lschungen sind auch daran zu erkennen, dass sie\nauf der Vorder- und auf der R\u00fcckseite nicht zusammenpassende Stempel aufweisen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der\nFrankenzeit sind Grabbeigaben der Oberschicht vertreten. Ab dem 5. Jahrhundert\nsetzte sich die Ganzk\u00f6rperbestattung f\u00fcr alle Schichten durch. Vorher war sie den\nVornehmen vorbehalten. Die Leichname ruhten dabei in west\u00f6stlicher Richtung,\ndas Gesicht der Sonne zugewandt. Im 6. Jahrhundert wurden die Toten h\u00e4ufig in\nausgeh\u00f6hlten Eichenst\u00e4mmen, sog. Baums\u00e4rgen begraben. Ein besonders sch\u00f6nes\nExemplar ist hier ausgestellt. Auf dem Deckel, seine ganze L\u00e4nge entlang, eine\ndoppelk\u00f6pfige Schlange. Solche Schlangen wurden oft geh\u00f6rnt dargestellt. Die\nSchlangen galten wohl als Unheil abwehrende, d\u00e4monische W\u00e4chter der Toten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch aus\nder Frankenzeit ein lederner Beutel mit 157 M\u00fcnzen, eine blau-goldene Halskette\nmit \u00d6se und Haken, Kerzen aus Bienenwachs, die sich im Schlamm erhalten haben,\nwunderbare K\u00e4mme (teils sogar mit Futteral), erst aus Geweih, dann aus Geweih\nund Knochen, Becher, Dauben und sogar eine Feldflasche. Aus Holz. Sieht aus wie\ndie heutigen Flachm\u00e4nner, nur gr\u00f6\u00dfer. <\/p>\n\n\n\n<p>Am\nmerkw\u00fcrdigsten von allen Ausstellungsst\u00fccken aus dieser Zeit sind aber die\ntransformierten Sch\u00e4del. Auch mit Laienauge ist zu erkennen, dass sie l\u00e4nger\nund schmaler sind als normale Sch\u00e4del. Es war eine Transformation, die man im\nSinne des geltenden Sch\u00f6nheitsideals vornahm, eine schmerzhafte Transformation\nmit B\u00e4ndern und Schn\u00fcren, die sich jahrelang hinziehen konnte. Diese Tradition\nstammt aus dem Osten, wurden von den Hunnen nach Europa gebracht, und von den\nAlemannen \u00fcbernommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Versunken\nin Gedanken an die menschliche F\u00e4higkeit, sich f\u00fcr ein Modeideal zu opfern,\nverlasse ich dieses wunderbare Museum. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich\nwieder an der frischen Luft bin, sehe ich mich ein bisschen auf dem Schillerplatz\num. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nf\u00e4llt mein Blick auf eine Tafel am Fruchtkasten, die besagt, dass dies das\nSterbehaus von Reuchlin sei. Er liegt in der Leonhardskirche, der zweit\u00e4ltesten\nStuttgarts, begraben. Da ich keine Lust habe, in die Ferne zu schweifen, nehme\nich mir die vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher\nf\u00e4llt mein Blick aber noch auf einen Hinweis auf die Stauffenberg-Gedenkst\u00e4tte\nhinter dem Alten Schloss. Schon aus der Entfernung sieht man drei moderne\nBronzestatuen, auf Bodenniveau, mit verzerrten und verst\u00fcmmelten K\u00f6rpern, kaum\nmit lebenden Figuren zu identifizieren. Als ich noch \u00fcberlege, wer au\u00dfer\nStauffenberg hier abgebildet ist \u2013 falls das \u00fcberhaupt das richtige Wort ist \u2013\nsehe ich auf den im Boden eingelassenen Tafeln, um wen es sich handelt:\nMarsyas, Sonny Liston und einen Sterbender. Das hat gar nichts mit Stauffenberg\nund dem Widerstand zu tun. Die Gedenkst\u00e4tte ist im Alten Schloss und momentan\nin Renovierung. <\/p>\n\n\n\n<p>Also\nsehe ich mir die Skulpturen etwas genauer an. Sie stammen von Hrdlicka. Sonny\nListon hat nur einen Arm und eine \u00fcbergro\u00dfe Faust. Der Kopf ist nur eine\namorphe Masse, ein Gesicht ist nicht zu erkennen. Ein Bein steht frei, eins\nscheint mit der Erde verwachsen zu sein. Das passt alles irgendwie. Nicht so\nleicht erschlie\u00dfen sich die anderen beiden Figuren. Auch sie haben nur einen\nArm. Der Sterbende hat keinen Kopf, und der \u00fcberlange linke Arm h\u00e4ngt bis zum\nKnie runter, wie bei Sonny Liston die rechte. Marsyas, der gequ\u00e4lte Verlierer\nder griechischen Mythologie, streckt den rechten Arm in die H\u00f6he, eher\nverzweifelt als triumphierend. Irgendwie verbindet alle drei Figuren was, aber\nwarum sie in dieser Zusammenstellung hier stehen, erschlie\u00dft sich mir nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zur Leonhardskirche komme ich am Marktplatz vorbei mit dem modernen\nRathaus, das ich bisher noch nicht gesehen habe. Der Marktplatz ist eine\neinzige Baustelle. Das Erkennungsmerkmal des Rathauses, das aus lauter\nquadratischen Glasteilen zu bestehen scheint, ist der hohe Uhrenturm, auch aus\nquadratischen Elementen gebildet, wahrscheinlich die Idee des Turms des\nmittelalterlichen Rathauses zitierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zur\nLeonardskirche zu kommen, muss man die Bundesstra\u00dfe \u00fcberqueren, klares Zeichen\ndaf\u00fcr, dass die Kirche au\u00dferhalb der mittelalterlichen Stadt lag. Auch sie war\nzerst\u00f6rt und wurde wieder aufgebaut, was man an dem Abschluss einiger der\ngotischen Fenster sieht, die keinen Dreipass, sondern rechteckige Muster haben\nund das Alpha und Omega und die Jahreszahl 1949. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAu\u00dfenmauern der Kirche tragen einen dunkelgelben Verputz, der sch\u00f6n mit dem\nunverputzten r\u00f6tlichen Sandstein der Fenstereinfassungen und Strebepfeiler\nkontrastiert. Das hohe Satteldach des Langhauses, gedeckt mit roten Ziegeln,\nund der dreist\u00f6ckige Turm mit einem spitzen Helm aus Kupfer geben der Kirche\nein besonderes Aussehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der\nKirche \u2013 oder dahinter \u2013 steht eine hohe Kreuzigungsgruppe. Das Kreuz erhebt\nsich auf einem zerkl\u00fcfteten Erdh\u00fcgel, dem Kalvarienberg. Man sieht den\nleidenden Christus am Kreuz, das flankiert wird von Maria und Johannes. Erst\nauf den zweiten Blick entdecke ich eine zweite Frau. Sie kniet vor dem Kreuz\nund h\u00e4lt es mit beiden Armen umschlungen. Auf dem Erdh\u00fcgel entdeckt man, wenn\nman genau hinsieht, Schnecken, Totensch\u00e4del, Schlangen, Eidechsen und\nMenschenknochen. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider\nist die Kirche verschlossen. Also richte ich noch einen kurzen Blick auf das\nGeb\u00e4ude an der anderen Seite der Kirche. Das ist das Siegle-Haus (1912), fr\u00fcher\nein Kulturhaus, jetzt Sitz der Philharmonie, ein schwer einzuordnendes Geb\u00e4ude,\nmit einigen geschwungenen Formen und einem sch\u00f6nen gusseisernen Gel\u00e4nder an der\nTreppe, die von beiden Seiten zu dem h\u00f6her gelegenen Eingang f\u00fchrt, der aber\ndurch eine Art Portikus verdeckt ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin\nhier im Bohnenviertel angelangt, dessen Name mir dieser Tage schon aufgefallen\nist. Der stammt tats\u00e4chlich von der Gartenbohne, die damals das\nHauptnahrungsmittel f\u00fcr die arme Bev\u00f6lkerung war und in den G\u00e4rten des Viertels\nangebaut wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Es\nscheint sich um ein ehemaliges Handwerkerviertel zu handeln. Jedenfalls lassen\ndie Stra\u00dfennamen das vermuten: Weberstra\u00dfe, Brennerstra\u00dfe, Wagnerstra\u00dfe. Heute\nist es eine Mischung aus Wohnviertel und alternativem Viertel. Hier gibt es ein\nGesch\u00e4ft mit Lebensmitteln aus Madagaskar, ein Restaurant mit afrikanischen\nSpeisen und einen Laden mit dem Namen <em>Hanf im Gl\u00fcck<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBebauung ist eine bunte Mischung aus Fachwerk, Gr\u00fcnderzeit,\nNachkriegsarchitektur und modernen H\u00e4usern, die mittelalterliche Formen\nzitieren. Selbst die Schrift auf den Stra\u00dfenschildern ist gemischt, mal in Fraktur,\nmal in Antiqua, auch f\u00fcr ein und dieselbe Stra\u00dfe!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der\nStra\u00dfen des Viertels f\u00fchrt zum \u201eT\u00fcrmle\u201c, dem Schellenturm, einem runden Turm aus\nBacksteinen und einem achteckigen Fachwerkaufsatz, vielleicht Teil der\nehemaligen Stadtmauer. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\nh\u00f6her, schon fast au\u00dferhalb des Viertels an einer verkehrsreichen Stra\u00dfe\ngelegen, die Katharinenkirche, dem Reisef\u00fchrer zufolge die \u201eenglische Kirche\u201c.\nTats\u00e4chlich ist es die Kirche der Altkatholiken, in der die Anglikanische\nGemeinde Gastrecht hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Im\nBohnenviertel selbst ist es ruhig. Autoverkehr gibt es so gut wie gar nicht. An\nder Fassade eines alten Fachwerkhauses entdecke ich die Darstellung von drei\nMohren, mit goldenem Schmuck, darunter den charakteristischen Ohrringen, und\ngoldenen Lendenschurzen. Man hat Klischee Klischee sein lassen und die Figuren\nbisher nicht entfernt, \u00fcbermalt oder wei\u00df angestrichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder\nauf der anderen Seite der Bundesstra\u00dfe komme ich \u00fcber eine autofreie, als\n\u201eFahrradstra\u00dfe\u201c ausgewiesene Stra\u00dfe zum <em>Tagblattturm<\/em>, an einer lauten\nKreuzung mit Gro\u00dfbaustelle gelegen. Ich hatte von dem Tagblattturm vorher\nirgendwo gelesen. Eigentlich sieht das Geb\u00e4ude harmlos genug aus. Aber es gilt\nals eins der \u00e4ltesten Hochh\u00e4user in Deutschland, in den zwanziger Jahren erbaut.\nDas Geb\u00e4ude besitzt achtzehn Stockwerke und war bis zu seinem Bau sehr\numstritten. Den Namen hat es von einer Zeitung, die der Auftraggeber f\u00fcr den\nBau war. <\/p>\n\n\n\n<p>Schr\u00e4g\ngegen\u00fcber an der Kreuzung, quasi als Gegenst\u00fcck zum Tagblattturm, ein altes,\nzweist\u00f6ckiges Wohnhaus, in dem das Hegel-Museum untergebracht ist. Auch das ist\nwegen Renovierung geschlossen. Hegel wurde in Stuttgart geboren und ging hier\nzum Gymnasium, bis er zum Studium nach T\u00fcbingen ging. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nLaden im Bohnenviertel mit dem Namen <em>Hanf im Gl\u00fcck<\/em> hat mich wieder an <em>Hans\nim Gl\u00fcck<\/em> erinnert und den Brunnen, den man ihm in Stuttgart gewidmet hat. &nbsp;Ich muss wieder dahin, wo ich gerade herkomme.\nDer Brunnen steht in einem &nbsp;ruhigen,\nverkehrsfreien Viertel mit reichlich Gastronomie. Der Brunnen steht an einem\nPlatz, auf den verschiedene Gassen m\u00fcnden. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber der\nBrunnenschale b\u00fcckt sich Hans \u00fcber sein Schwein, und in den Medaillons am\nGitter, das den Brunnen umschlie\u00dft, sind andere Stationen seiner Reise\nabgebildet. Die Medaillons sind golden, genauso wie das Schwein, vielleicht ein\nVerweis auf das Gl\u00fcck. Denn Gl\u00fcck hat Hans immer gehabt, jedenfalls in seiner\neigenen Wahrnehmung. Auch hier sieht man ihn l\u00e4chelnd und zufrieden\ndreinschauend mit seinem Schwein. Und das, obwohl das Schwein ja, von au\u00dfen\nbetrachtet, schon den Abstieg bedeutet, nachdem aus dem Klumpen Gold ein Pferd,\naus dem Pferd eine Kuh und aus der Kuh das Schwein geworden ist. Am Ende bleiben\nihm nur noch zwei schwere Steine, und als die in den Brunnen fallen, ist er\nfroh, sie nicht mehr tragen zu m\u00fcssen. Ein Gl\u00fcckskind. Ein beneidenswerter\nCharakter. Und ein bewundernswerter Charakter. <\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich\nhatte ich vor, in die <em>Weinstube zur Kiste<\/em> zu gehen, Stuttgarts \u00e4ltestem\nLokal, aber hier sieht alles so einladend aus, dass ich mir den Weg erspare,\nzumal die Sonne wieder rausgekommen und es wieder w\u00e4rmer geworden ist, so dass\nman sogar drau\u00dfen sitzen kann. Ich entscheide mich f\u00fcr den <em>Platzhirsch<\/em>,\nden Platzhirsch unter den Lokalen des Platzes. Keine kulinarische Offenbarung\nwie gestern im <em>Marktst\u00fcble<\/em>, aber schmackhaftes Essen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg komme ich an einer alternativen B\u00e4ckerei vorbei, der B\u00e4ckerei <em>Lebe\nGesund<\/em>. Man wirbt mit dem Motto \u201eMehr als Bio\u201c. Bio hat ausgedient, das\ngibt es jetzt in jedem Supermarkt, jetzt muss man einen Schritt weiter gehen.\nVon der Dreifelderwirtschaft ist die Rede und von Sauerteig. Hefe scheint des\nTeufels zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\netwas anderes Weltbild kommt in einem Konfektionsladen zum Ausdruck. Hier hei\u00dft\ndas Motto \u201eKaufe dich gl\u00fccklich!\u201c Der Laden hei\u00dft tats\u00e4chlich so. <\/p>\n\n\n\n<p>15.\nOktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBilanz des Stuttgart-Besuchs: Erstaunlich, was ich alles <em>nicht<\/em> gesehen\nhabe. Selbst den Fernsehturm, den man doch eigentlich nicht \u00fcbersehen <em>kann<\/em>,\nhabe ich nicht zu Gesicht bekommen. Aber das, was ich gesehen habe, macht Lust\nauf mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zum Bahnhof \u00fcber die jetzt bereits vertraue K\u00f6nigstra\u00dfe fallen mir die\nBrezle-St\u00e4nde auf. In dem Reisef\u00fchrer steht, dass die eine schw\u00e4bische\nSpezialit\u00e4t seien. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der\nGelegenheit f\u00e4llt mir auch wieder ein, dass ich gelesen habe, dass\nBaden-W\u00fcrttemberg das erste Bundesland mit einem gr\u00fcnen Ministerpr\u00e4sidenten und\nStuttgart die erste Landeshauptstadt mit einem gr\u00fcnen Oberb\u00fcrgermeister ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nersten Mal sehe ich, vielleicht, weil jetzt kaum jemand unterwegs ist, dass in\nan einem Platz in der K\u00f6nigstra\u00dfe in das Stra\u00dfenpflaster die Namen und Wappen\nder Partnerst\u00e4dte Stuttgarts eingelassen sind, eine illustre Reihe, und so bunt\ngemischt, dass Schwitters oder Dal\u00ed ihre Freude daran haben w\u00fcrden: St. Louis,\nStra\u00dfburg, Cardiff, St. Helens, Lodz, Samara, Br\u00fcnn, Mumbai, Kairo,\nMenzel-Burguiba.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man\nRichtung Bahnhof geht, sieht man drei gro\u00dfe Baukr\u00e4ne, kein schlechtes Bild f\u00fcr\nStuttgarts derzeitigen Zustand. Von dem knallgelben Arm eines der Kr\u00e4ne, der\nwaagerecht in der Luft steht und sich sch\u00f6n von dem blauen Himmel absetzt,\nmache ich ein Photo. Es scheint, dass ich von jeder Reise ein Photo von einem\nBaukran mit nach Hause bringe, seitdem ich in Santiago, ausgerechnet in\nSantiago, eines gemacht habe von einem Baukran \u00fcber den T\u00fcrmen der Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nweiteres Photo entsteht von dem Riesenrad, das auf dem Schlossplatz steht und\neigentlich st\u00f6rt, weil es die Sicht auf das Schloss versperrt, aber vor dem\ndunkelblauen Himmel mit den wei\u00dfen Wolken, durch die sich gerade die Sonne\nbricht, gibt es was her. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt der Bahnhof. Ich gehe gerade auf die Fassade zu, die Fassade des alten\nBahnhofs, die Stuttgart 21 \u00fcberdauern und stehen bleiben soll. Zwischen den\nKriegen erbaut, gilt sie als Wegbereiter der \u201eNeuen Sachlichkeit\u201c, mit der\nVerwendung von verschiedenen Natursteinen als Besonderheit. 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