{"id":11283,"date":"2021-12-29T17:26:43","date_gmt":"2021-12-29T16:26:43","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11283"},"modified":"2024-07-04T10:41:15","modified_gmt":"2024-07-04T08:41:15","slug":"funchal-2021","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11283","title":{"rendered":"Funchal (2021)"},"content":{"rendered":"\n<p>16. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Reisen in Zeiten von Corona. Keine einfache Angelegenheit. Papierkram, Hochladen von Impfung und Test, Maske, Kontrollen. Trotzdem. In Portugal ist die Lage besser als zuhause, und mit etwas Gl\u00fcck kommt auch mal ein Sonnenstrahl raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DB tut das ihre, um die Sache kompliziert zu machen. Erst bleiben wir auf offener Strecke stehen \u2013 auf \u201eunbestimmte Zeit\u201c \u2013 dann erreiche ich mit heraush\u00e4ngender Zunge den Anschlusszug, aber auch der hat Versp\u00e4tung. Der einzige Zug, der p\u00fcnktlich ist, ist der zum Flughafen, und der f\u00e4hrt mir vor der Nase weg. Am Ende bin ich viereinhalb Stunden unterwegs, als ich am Flughafen ankomme, und zw\u00f6lf Stunden, als ich im Hotel ankomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs ist also reichlich Zeit f\u00fcr Lekt\u00fcre. Dabei erfahre ich, dass <em>Eselsbr\u00fccke<\/em> aus dem Lateinischen kommt, von <em>pons asinorum<\/em>. Das wurde schon in der mittelalterlichen Scholastik benutzt. Warum ist es dann wohl nicht in andere Sprachen eingegangen? Die Eselsbr\u00fccke war urspr\u00fcnglich ganz w\u00f6rtlich eine Br\u00fccke f\u00fcr Esel, mittels der sie auf die andere Seite des Flusses kommen konnten. Aber warum ausgerechnet die Esel? Das hat was mit der St\u00f6rrigkeit, aber auch der Klugheit von Eseln zu tun. Esel durchquerten keine Wasserl\u00e4ufe, da sie nicht wissen konnten, wie tief das Wasser ist. Also mussten die Bauern Behelfsbr\u00fccken bauen, um an ihr Ziel zu kommen, die Eselsbr\u00fccken!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um Vogelnamen als Familiennamen. Da ist man einfach verbl\u00fcfft angesichts der schieren Vielfalt: <em>Adler, Falk(e), Finck\/Finke, Geier, Habicht, Hahn, Kleiber, Meise, Nachtigall, Ra(a)be, Schwan, Spatz, Specht, Sperber, Star, Storch, Strau\u00df, Taube(r), Zeisig,<\/em> und nat\u00fcrlich <em>Vogel<\/em>. Und das sind nur die g\u00e4ngigsten. Auch mein alter Konrektor von der Volksschule geh\u00f6rt dazu, <em>Spielvogel<\/em>, und ebenso <em>Gauck<\/em>, denn das ist einfach ein anderer Name f\u00fcr den Kuckuck. Die Benennung hat unterschiedliche Gr\u00fcnde, sie kann was mit den Eigenschaften des Benannten zu tun haben oder mit seinem Beruf (Aufzucht von V\u00f6geln oder Handel mit V\u00f6geln) oder aber mit Hausnamen, die dann auf den Bewohner \u00fcbertragen wurden. Einige Namen sind gar keine eigentlichen Vogelnamen, sondern Verballhornungen von Rufnamen. So wurde aus <em>Johann<\/em> der <em>Hahn<\/em> und aus <em>Burkhard<\/em> der <em>Bussard<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch was Sch\u00f6nes zu dem Pronomen <em>man<\/em>. Das hat n\u00e4mlich, im Gegensatz zu <em>Mann<\/em>, seine urspr\u00fcngliche Bedeutung behalten und bezieht sich auf Menschen ganz allgemein. Und es steckt noch in <em>jemand<\/em> und <em>niemand<\/em> und <em>jedermann<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geht es noch um die Inflation und die H\u00fcrden bei der Berechnung der Inflationsrate. In die flie\u00dfen zum Beispiel nicht die Kosten ein, die f\u00fcr die Aufrechterhaltung der eigenen Immobilie anfallen, wohl aber Mietkosten. Und was auch nicht ber\u00fccksichtigt wird, ist Qualit\u00e4t. Also wenn man zum Beispiel f\u00fcr dasselbe Geld einen leistungsf\u00e4higeren Computer bekommt. Das m\u00fcsste ja, wenn man es mitrechnet, zur Senkung der Inflation f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir endlich in Madeira. Am Flughafen ist alles bestens organisiert, auch bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Corona-Ma\u00dfnahmen. Die Leute sind sehr freundlich, und man bekommt eine Art elektronischen Madeira-Stempel f\u00fcr die Dauer des Aufenthalts. Keine weiteren Ma\u00dfnahmen n\u00f6tig, nur muss man \u00fcberall und immer die Maske tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bei der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum, an der K\u00fcstenstra\u00dfe entlang, sieht man, wie gebirgig es hier ist. Die K\u00fcste f\u00e4llt steil zum Meer hinab, auf der anderen Seite Bergh\u00e4nge mit tiefen Schluchten. An der K\u00fcstenstra\u00dfe stehen Araukarien und Palmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen an der Hotelrezeption ist sehr freundlich und artikuliert so gut, dass ich jede Silbe verstehe. Das k\u00f6nnen die meisten gar nicht, und viele wollen es wohl auch nicht. Sie wechselt nicht, wie die meisten anderen, ins Englische, sondern bleibt beim Portugiesischen. Mit ihrer Hilfe gelingt es mir sogar noch, meine Fragen zum Safe und zum Trinkwasser zu kl\u00e4ren. Wasser aus dem Wasserhahn kann man unbedenklich trinken. Auch wo die Betonung des Namens des Hotels ist, <em>Orquidea<\/em>, ist, erfahre ich von ihr, n\u00e4mlich anders als im Deutschen. Nur bei der Grammatikfrage eiert sie etwas herum. Wird Madeira mit oder ohne Artikel gebraucht, hei\u00dft es <em>em Madeira<\/em> oder <em>na Madeira<\/em>? So wie es <em>em Portugal<\/em>, aber <em>na Alemanha<\/em> hei\u00dft. Das w\u00e4re mal so, mal so, meint sie, k\u00e4me drauf an, welche Sprechsituation vorliege. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass Madeira <em>mit<\/em> Artikel gebraucht wird. An der Fassade der Universit\u00e4t steht: <em>Universidade da Madeira. <\/em>Auch Funchal wird mit Artikel gebraucht, ist aber Maskulinum: <em>C\u00e1mara Municipal do Funchal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken mache ich noch einen kleinen Spaziergang zum Hafen runter, \u00fcber eine breite Stra\u00dfe mit einem Fluss in der Mitte, die direkt zum Hafen f\u00fchrt. An der Uferpromenade findet Kirmes statt, mit greller Beleuchtung. Das Meer sieht, wie schon aus der Eingangshalle des Flughafens, grau aus und irgendwie uninspiriert. Es gibt Sonne und Regen und Wolken gleichzeitig, aber es ist ziemlich warm, der Anzeige an einer Apotheke zufolge 19\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall gibt es Weihnachtsbeleuchtung, teils etwas kitschig, teils aber auch ganz sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg verliere ich mich in den engen Gassen etwas abseits der gro\u00dfen Stra\u00dfe. Das ist alles sehr heimelig. Vor einem Sportgesch\u00e4ft bleibe ich stehen wegen einer Skulptur an der Fassade. In einem Ring sind gebrauchte Laufschuhe, alle wei\u00df get\u00fcncht, angebracht, dicht nebeneinander oder \u00fcbereinander. Als ich stehenbleibe, um ein Photo zu machen, bleiben auch andere stehen, offensichtlich Einheimische. Sie scheinen das noch nie bemerkt zu haben. Wahrscheinlich geht man an so etwas unachtsam vorbei, wenn es Alltag ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen wird <em>Bolo do Caco<\/em> angeboten. Scheint eine Spezialit\u00e4t von Madeira zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer kleinen gem\u00fctlichen Ecke komme ich an einer Bar vorbei, mit vielen kleinen Tischen. Ich bestelle ein Bierchen, und das hat sein Diminutiv wahrlich verdient. Habe noch nie so eine kleine Flasche gesehen, weniger als 0,2. Dazu werden ganz selbstverst\u00e4ndlich zwei kleine Sch\u00e4lchen mit Knabbereien serviert, Erdn\u00fcsse und etwas, das wie Mais aussieht, aber anders schmeckt. Ich frage den Kellner, was das ist: <em>tremo\u00e7o<\/em>. Keine Ahnung. Aber er wei\u00df, wie das auf Deutsch hei\u00dft: <em>Lupinen<\/em>. Und auf Englisch: <em>yellow<\/em> <em>beans<\/em>. So komme ich nicht nur dazu, was Neues zu probieren, sondern lerne auf angenehme Art ein neues Wort dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen sieht man vom Hotelzimmer aus auf die dicht an dicht stehenden, hell erleuchteten H\u00e4user des Berghangs gleich gegen\u00fcber. Und man h\u00f6rt das Rauschen des Flusses, der die breite, zum Meer hinunterf\u00fchrende Stra\u00dfe teilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Funchal, lese ich, kommt von <em>funcho<\/em>, \u201aFenchel\u2018. Es bedeutet so viel wie \u201avoll von Fenchel\u2018. Das war der Eindruck, den die portugiesischen Seefahrer hatten, als sie zum ersten Mal hierher kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchst\u00fccksraum liegen auf den Tischen laminierte Zettel mit Hinweisen. Vermutlich was zu Corona. Falsch vermutet. Es handelt sich um den Hinweis, dass die Speisen nur zum Verzehr im Fr\u00fchst\u00fccksraum gedacht sind. Das hindert einen Mann vor mir nicht daran, zwei Bananen in seine Tasche zu stopfen. Die h\u00e4tte er f\u00fcr einen Spottpreis bei einem der vielen St\u00e4nde in der Innenstadt bekommen \u2013 und damit die lokalen H\u00e4ndler unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es mehr Sonne und weniger Wolken. Und es ist noch ein bisschen w\u00e4rmer als gestern. Zumindest f\u00fchlt es sich so an. Vielleicht, weil der Wind nachgelassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einheimischen tragen Jacken oder leichte M\u00e4ntel. F\u00fcr sie ist es die k\u00e4lteste Jahreszeit. F\u00fcr uns reicht ein T-Shirt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Rundgang durch die Stadt, eher aufs Geratewohl, und ich bin sofort eingenommen von Funchal. Viele Menschen unterwegs, Alt und Jung, aber keinerlei Hektik, kein Gedr\u00e4nge. An jeder zweiten Ecke eine Schlange vor den Testzentren, an den Stra\u00dfeneinbiegungen der Seitengassen alte Frauen auf Hockern, die selbstgepfl\u00fcckte Heilpflanzen anbieten und gelegentlich auch Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gef\u00e4llt das Nebeneinander von eleganten Gesch\u00e4ften und Ramschl\u00e4den, von altert\u00fcmlich anmutenden, kleinen Einzelhandelsgesch\u00e4ften und Reparaturbetrieben und modernen funktionalen Gesch\u00e4ften, mir gefallen die engen Gassen und die sch\u00f6nen Pl\u00e4tze, auf die man immer wieder unverhofft st\u00f6\u00dft, die unz\u00e4hligen Caf\u00e9s, Bars und Restaurants, alle mit Pl\u00e4tzen im Freien, die mit sch\u00f6nen Mustern gestalteten B\u00fcrgersteige, mir gef\u00e4llt die Architektur der repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude. Bald erkennt man bei denen ein durchg\u00e4ngiges Muster: rechteckig, mit quadratischen, gedrungenen T\u00fcrmen, verputzt in Ocker oder Wei\u00df, mit wenigen architektonischen Verzierungen wie Pilastern.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Touristeninformation bekomme ich einen gut lesbaren Stadtplan und ein paar Brosch\u00fcren. Die Frau hinter der Theke ist eher kurz angebunden und viel schwerer zu verstehen als die im Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu einem kleinen gepflegten Park, mit B\u00e4nken zum Verweilen. Das ist der Stadtpark, der <em>Jardim Municipal<\/em>. Ich setze mich einen Moment und sehe die Brosch\u00fcren aus der Touristeninformation durch. Vor dem Park warten die typischen gelben Taxis mit einem blauen horizontalen Streifen auf Kundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich durch den Park. Aus einem Lautsprecher ert\u00f6nt \u201eI used to ramble through the park\u201d, als ich genau das tue. Der Park hat exotische B\u00e4ume, darunter Palmen mit riesigen Bl\u00e4ttern, Myrtenb\u00e4ume, Jacaranda aus Brasilien, Str\u00e4ucher, die bei uns Zimmerpflanzen sind, und dazwischen immer wieder die bl\u00fchende &nbsp;Paradiesvogelblume \u2013 <em>estrelicia<\/em> \u2013 die einen so passenden Namen hat und an den bunten Kopf eines exotischen Vogels denken l\u00e4sst. Zwischen all den Pflanzen, halb versteckt, die B\u00fcste eines portugiesischen Schriftstellers und eines russischen Malers. Am zentralen Weg die B\u00fcste von Sim\u00f3n Bol\u00edvar, im (heutigen) Venezuela geboren, im (heutigen) Kolumbien gestorben, aber Namensgeber f\u00fcr Bolivien (und den Bol\u00edvar). An solchen Pl\u00e4tzen ist es nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, dass ich nicht der einzige Deutsche bin, der hier unterwegs ist, aber im allgemeinen Verkehr gehen wir unter. Man sieht nur europ\u00e4ische Touristen, und unter den Einheimischen fast keine Schwarze. Das ist&nbsp; in den gro\u00dfen St\u00e4dten auf dem portugiesischen Festland anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Touristeninforation liegt ganz in der N\u00e4he der Kathedrale, und deren T\u00fcren stehen weit auf. Also nehme ich die Einladung an und gehe rein. Die Orgel spielt, und ein K\u00fcster z\u00fcndet Kerzen an. Es wird wohl gleich eine Messe beginnen. Aber es ist noch Zeit, sich kurz hinzusetzen und einen ersten Eindruck zu bekommen: dreischiffig, mit hohen Seitenschiffen, kurzem Querschiff, barocke Alt\u00e4re an den Seitenw\u00e4nden, ganz hinten am Hochaltar farbige Bildtafeln in f\u00fcnf Bahnen und ein komplett vergoldeter Altar im s\u00fcdlichen Seitenschiff. So wie in vielen portugiesischen Kirchen. Es ging darum, den im Amerika erworbenen Reichtum zur Schau zu stellen. Am sch\u00f6nsten sind die Decken, aus Zedernholz, mit Verzierungen in Wei\u00df, im Mittelschiff etwas anders als in den Seitenschiffen. Wie in vielen anderen Kirchen in Portugal kontrastiert das opulente Innere mit dem n\u00fcchternen \u00c4u\u00dferen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang der Kathedrale wird, wie auch in einer der Brosch\u00fcren der Touristeninformation, auf die <em>Missa do Parto<\/em> hingewiesen. Ich hab keine Ahnung, was das sein k\u00f6nnte. Es stellt sich heraus, dass das eine Besonderheit Madeiras ist. Sie wird an den letzten neun Tagen vor Weihnachten gefeiert, jeden Morgen, ganz fr\u00fch, und von lokalen Ch\u00f6ren gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter ist ein Treffen mit einem Vertreter der Reisegesellschaft vorgesehen, mit der ich unterwegs bin. In der Halle des Hotels. Ich warte. Au\u00dfer mir keiner da. Dann taucht ein Mann auf. Mit einer Versp\u00e4tung von einer Viertelstunde. Die ist ihm keine Entschuldigung wert. Er erkl\u00e4rt mir ein paar Dinge zum R\u00fcckflug und dr\u00fcckt mir ein Blatt mit \u00fcberteuerten Tagesausfl\u00fcgen in die Hand. Auf meine Fragen hat er keine Antworten. Museen? Daf\u00fcr sei Madeira nicht so bekannt. Er kennt nur das CR7-Museum. Er nimmt dann eine Brosch\u00fcre und unterstreicht ein paar der darin aufgelisteten Museen. Ob es Stadtrundg\u00e4nge gebe, frage ich. Daraufhin verweist er mich auf die touristischen Doppeldeckerbusse. Ich sage noch mal Stadtrundg\u00e4nge. Ob seine Organisation Stadtrundg\u00e4nge anbiete. Nein, das tut sie nicht. Ob sonst jemand Stadtrundg\u00e4nge anbiete. Das wei\u00df er nicht. Ich solle an der Rezeption fragen. Ich gebe auf und behalte meine Frage, wie man mit \u00f6ffentlichen Bussen an andere Orte der Insel kommen kann, f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich in der N\u00e4he des Hotels, in einem etwas hinter der Stra\u00dfenfront gelegenen Innenhof, gibt es ein kleines Restaurant, das <em>Ateneu<\/em>. Warum in die Ferne schweifen? Auch hier kann man drau\u00dfen sitzen, und das tun auch die meisten. Hier bin ich allein unter Einheimischen. Die in Rot und Schwarz gewandeten Kellnerinnen sind in st\u00e4ndiger Bewegung, von einem Tisch an den anderen, immer mit schnellen Schritten. Es gibt ein Tagesgericht, mit Paprika und K\u00e4se gef\u00fcllte H\u00e4hnchenbrust, etwas trocken, aber sehr schmackhaft. Dazu Reis und Salat. Und zum Nachtisch gibt es <em>ma\u00e7\u00e3 assada<\/em> \u2013 Bratapfel. Schon als Kinder haben wir Brat\u00e4pfel nicht sonderlich gemocht, und auch heute finde ich nichts Aufregendes daran. Aber schlecht schmeckt er nicht. Auf der Rechnung erscheint er als <em>Pudim<\/em>. Das erinnert mich an die lange Geschichte des Wortes <em>Pudding<\/em>, das aus dem Franz\u00f6sischen (und letztlich aus dem Lateinischen) ins Englische kam und von dort in alle m\u00f6glichen europ\u00e4ischen Sprachen gelangte und dabei alle m\u00f6glichen Ver\u00e4nderungen erfuhr, in Schreibweise und Aussprache. Mit Nachtisch oder S\u00fc\u00dfspeise hatte es urspr\u00fcnglich nichts zu tun. Im Gegenteil. Es bezeichnete urspr\u00fcnglich eine Wurst!<\/p>\n\n\n\n<p>18. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor dem Fr\u00fchst\u00fcck geht es raus, durch die noch n\u00e4chtlich wirkenden Stra\u00dfen der Innenstadt zur Kathedrale. Eine ganz besondere Atmosph\u00e4re, die Ruhe, die erleuchteten Fassaden, die milde Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will zur <em>Missa do Parto<\/em>. Bin aber so fr\u00fch dran, dass ich noch eine Runde um die Kathedrale drehen kann. Die nimmt zwei Seiten des Platzes ein und die gesamte Breite von zwei Stra\u00dfen, ein gr\u00f6\u00dferer Komplex, in den auch ein anderes Geb\u00e4ude, wahrscheinlich der Bischofspalast, integriert ist. Man bekommt sehr verschiedene Ansichten. Vor allem kommt ein Turm in Sicht, den man von dem Platz aus kaum sieht. Die Fassade ist wei\u00df verputzt, aber Ecksteine, Portale und Fensterrahmungen sind aus Naturstein.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer der Stra\u00dfen gibt es eine Kuriosit\u00e4t zu sehen. Da steht der M\u00fclleimer der Kathedrale. Auf dem steht: <em>S\u00e9<\/em>. Das ist das portugiesische Wort f\u00fcr Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist gut gef\u00fcllt, nicht bis auf den letzten Platz besetzt, aber fast. Im Gegensatz zu Spanien sind hier auch die Frauen schlecht gekleidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick durch das erleuchtete Mittelschiff in den Chor hat etwas. Trotz der barocken Pracht ist die Kathedrale nicht \u00fcberladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie soll angeblich sp\u00e4tgotisch sein, aber davon ist nichts zu merken, au\u00dfer vielleicht in den Ch\u00f6ren, deren Gew\u00f6lbe gotisch aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden Zettel austeilt mit den Wechselges\u00e4ngen zwischen Chor und Gemeinde. Das ist wie eine \u00dcbung f\u00fcr den Konjunktiv: <em>seja<\/em>, <em>fa\u00e7a<\/em>, <em>que nos<\/em> <em>alegremos<\/em>, <em>sej\u00e1is<\/em>. Aber auch der Imperativ hat seinen Auftritt: <em>vinde<\/em>, <em>vem<\/em>, <em>soccorei-nos<\/em>, <em>salvai-nos<\/em>. Vater Unser hei\u00dft <em>Pai Nosso<\/em>, und der wird im Plural, mit <em>vos<\/em>, angeredet, genauso wie die Jungfrau: \u201eVos sois a m\u00e3e protetora da portuguesa na\u00e7\u00e3o \u2013 Ihr seid die sch\u00fctzende Mutter der portugiesischen Nation\u201c. Die damit angesprochene ist die <em>Virgem do Parto<\/em>, offensichtlich die Schutzpatronin der Kirche, und jetzt verstehe ich auch, wie sich die <em>Missa do<\/em> <em>Parto<\/em> versteht. Sie ist, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt, die \u201aJungfrau der Entbindung\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es los. Der unsichtbare Chor, oben auf der Empore untergebracht, singt sehr sch\u00f6n, mit hellen, klaren Stimmen, perfekt synchronisiert, und die begleitende Orgel passt sich dem gut an. Die Gemeinde singt nicht sehr kr\u00e4ftig mit, nur bei einem Refrain, der wohl der bekannteste ist. Der hat eine wundersch\u00f6ne, wiegende Melodie und erinnert ein bisschen an die melancholischen Lieder der Fischer aus Galicien. Das ist sehr sch\u00f6n, die Melodie, die singende Gemeinde, das erleuchtete Gotteshaus, alles sehr bewegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Priester artikuliert sehr klar, aber ich verstehe trotzdem so gut wie gar nichts, h\u00f6chstens seine Bemerkung, dass die neun Tage der <em>Missa do Parto<\/em> f\u00fcr die neun Monate der Schwangerschaft von Maria stehen. In der Predigt ist von Josef die Rede und von den Zweifeln, die ihn befallen, als er glauben soll, der Heilige Geist w\u00e4re f\u00fcr die Schwangerschaft verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Knieb\u00e4nke gibt es keine, aber trotzdem knien einige Frauen bei der Wandlung&nbsp; nieder. Die Kollekte wird wie fr\u00fcher bei uns abgehalten, mit Geldbeuteln, die an langen Stangen angebracht sind und bis zu dem letzten Platz der Reihe reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Messe vorbei ist, ist es hell. Der Hunger treibt mich zur\u00fcck zum Hotel. Auf dem Weg kommt mir irgendwie noch in den Sinn, dass <em>Dank sei Gott<\/em> und <em>Gott sei Dank<\/em> zwei verschiedene Sachen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Zeit ist der Fr\u00fchst\u00fccksraum nicht so voll, aber nicht erspart bleiben einem die Frauen aus den deutschen Reisegruppen mit ihren Storchenbeinen, ihren asymmetrischen Frisuren, ihren Dreiviertelhosen und ihren banalen Kommentaren. Eine von ihnen muss zwingend Dorothee hei\u00dfen: \u201eDoro, bringst du mir noch einen L\u00f6ffel mit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck geht es Richtung Innenstadt. Mein Ziel ist das <em>Madeira<\/em> <em>History Centre<\/em>, ein etwas irref\u00fchrender Name eines in Privathand befindlichen Museums zur Geschichte von Madeira.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dahin komme ich \u00fcber den <em>Largo do Phelps<\/em>. Der Name war mir gestern schon aufgefallen. Sp\u00e4ter im Museum soll er wieder auftauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt an der Markthalle vorbei. Da sind heute, am Samstag, die Bauern aus der Umgebung und bieten Obst und Gem\u00fcse an. Und machen dabei vermutlich den angestammten H\u00e4ndlern Konkurrenz. Es herrscht dichtes Gedr\u00e4nge, Abstand halten ist hier eine Illusion. Man sieht ganz kleine Mandarinen, kurze, wie abgehackt aussehende Bananen, trichterf\u00f6rmige, kurze M\u00f6hren und \u00fcberall <em>batata<\/em> \u2013 die S\u00fc\u00dfkartoffel, die keine Kartoffel ist. Dazu nat\u00fcrlich Auberginen, Papaya, Feigen, Avocado, hier alles andere als exotisch. Nur selten stehen die Namen dran, aber einer taucht immer wieder auf: <em>anona<\/em>. Sp\u00e4ter finde ich die deutsche Entsprechung: <em>Cherimoya<\/em>. Auff\u00e4llig ist, dass hier nicht jeder Apfel wie der andere ist, dass der eine gr\u00f6\u00dfer, der andere kleiner ist, dass auch \u00c4pfel mit Druckstellen oder braunen Flecken angeboten werden. Alles sieht \u201enat\u00fcrlicher\u201c aus als bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach kommt das Museum schon in Sicht, etwas oberhalb der Uferpromenade gelegen. Man merkt sofort, dass es ein privat betriebenes Museum ist: der englische Name, das auff\u00e4llige Schild, der Souvenirladen und das Lokal, alle auch vom Museum betrieben, und der Mann auf der Stra\u00dfe, der die Kunden reinlockt. Sollte eigentlich abschreckend sein. Aber das Museum gibt einen ganz guten \u00dcberblick \u00fcber Madeira.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Auftakt findet unten in der Eingangshalle statt, mit ein paar Exemplaren von Basaltsteinen und Tuffsteinen und der Nachbildung einer Lavamasse. Madeira ist n\u00e4mlich vulkanischen Ursprungs. Madeira ist nicht nur Madeira selbst, sondern umfasst weitere Inseln: Porto Santo, Selvagens und Desertas. Obwohl alle vulkanischen Ursprungs sind, stammen sie nicht aus der gleichen erdgeschichtlichen Etappe: Porto Santo ist neun Millionen Jahre \u00e4lter als Madeira!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben unternimmt man, im w\u00f6rtlichen Sinne, einen Rundgang durch die Geschichte Madeiras. In einem fensterlosen Raum sind Schautafel, lebensechte Figuren und allerhand Objekte ausgestellt, alles chronologisch geordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4ngt mit Plinius an. Der wusste schon, dass es hier Inseln gab, und er nannte sie <em>Purpurinseln<\/em>. Der Name bezieht sich vermutlich auf den Drachenbaum, der in Madeira so stark vertreten war. Aus dem wurde Farbstoff gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ptolem\u00e4us listete diese Inseln auf. Sie erscheinen unter den 8.000 geographischen Namen, die er in seiner <em>Geographie<\/em> aufz\u00e4hlt. Die Schrift ging verloren, wurde aber in einer arabischen \u00dcbersetzung bewahrt und kam dann \u00fcber eine R\u00fcck\u00fcbersetzung ins Lateinische wieder ins Abendland!<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Europ\u00e4er kamen im 15. Jahrhundert. Da waren die Mauren l\u00e4ngst hier gewesen. Ob sie Spuren hinterlassen haben, erf\u00e4hrt man hier nicht. Die Europ\u00e4er haben das definitiv. Die ersten Europ\u00e4er kamen \u201ezuf\u00e4llig\u201c hierher. Jo\u00e3o Gon\u00e7alves Zarco kam in diese Gegend, als er, an der afrikanischen K\u00fcste entlangsegelnd, durch einen Sturm hierher getrieben wurde (1418). Er kam in die N\u00e4he einer Insel, und sah in einer anderen Richtung&nbsp; mysteri\u00f6se Nebel aufsteigen. Seine Besatzung, hei\u00dft es, bekam es mit der Angst zu tun. Sie glaubten, am Ende der Welt angekommen zu sein. Aber Zarco hatte eine andere Erkl\u00e4rung: Die Nebel konnten von einer benachbarten Insel kommen. Und so war es, wie er auf einer sp\u00e4teren Expedition feststellen konnte. Diese Insel war Madeira, die Insel, in deren N\u00e4he Zarco getrieben worden war, war Porto Santo.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind nautische Ger\u00e4te der Zeit ausgestellt wie der Sextant und das Astrolabium, ein Globus aus der Zeit \u2013 noch ohne Amerika und mit einem breiten Afrika und ein weit in den S\u00fcden reichendes Asien \u2013 und Modelle von Segelschiffen der Zeit, einer Handelskogge und einer Karavelle. Auch als blutiger Laie kann man erkennen, wie unterschiedlich die sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganze Abteilung ist dem Zucker gewidmet, dem \u201ewei\u00dfen Gold\u201c. Zu recht. Es wurde das wichtigste Handelsgut und ver\u00e4nderte Madeira von Grund auf. 1490 produzierten die Zuckerm\u00fchlen Madeiras pro Jahr 100.000 Arrobas &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;(1 Arroba = 15 kg). Der Zucker wurde nach ganz Europa exportiert. Hier im Museum sieht man Zuckers\u00e4cke und Zuckerh\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Kolumbus kam nicht als Entdecker nach Madeira, sondern als Gesch\u00e4ftsmann, schon vor seinen Entdeckungsfahrten (1482). Er war Vertreter einer Zuckerfirma aus Genua!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besiedlung und die Ausbeutung von Madeira wurde sp\u00e4ter das Vorbild f\u00fcr die weitere portugiesische Expansion: die Azoren, die Kanarischen Inseln, S\u00e3o Tom\u00e9 und Pr\u00edncipe, die Kapverdischen Inseln. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Funchal wurde 1493 Stadt und 1517 Bistum. Es war sp\u00e4ter das gr\u00f6\u00dfte Bistum der Welt, da es auch f\u00fcr die portugiesischen Besitzungen in Afrika zust\u00e4ndig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zuckerexport brachte Reichtum und lockte Gesch\u00e4ftsleute aus anderen L\u00e4ndern an. Madeira wurde internationaler. Die reichen Zuckerbarone importierten Luxusg\u00fcter aus anderen L\u00e4ndern, vor allem T\u00fccher, Keramik und M\u00f6bel. Das wiederum lockte Piraten an, die den Handelsschiffen auflauerten, und das wiederum f\u00fchrte zu der Anlage der Festungen in Funchal.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Abteilung des Museums ist den Levadas gewidmet. Das sind Bew\u00e4sserungssysteme. Es ging darum, das Wasser aus dem feuchten Bergregionen des Nordens der Insel in den trockenen S\u00fcden umzuleiten. Mit dem Wasser wurden die Zuckerm\u00fchlen und die Getreidem\u00fchlen angetrieben und die Terrassen der landwirtschaftlichen Betriebe bew\u00e4ssert.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Zucker begann man jetzt, auch andere Waren zu exportieren: Zimt, Stockfisch, Mahagoni, Brandy. Die Bedeutung Madeiras nahm weiter zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch als Zwischenstation f\u00fcr Expeditionen wurde Madeira immer wichtiger, nicht nur f\u00fcr die Portugiesen. Die Briten errichteten hier ein Konsulat und \u00fcbernahmen den Weinhandel. Der wurde nach dem Niedergang des Zuckers \u2013 Madeira konnte nicht mehr mit Billigl\u00e4ndern wie Brasilien konkurrieren \u2013 immer wichtiger. James Cook machte mit seiner <em>Endeavour<\/em> hier Halt und nahm 3.300 Gallonen Wein an Bord! Ausgestellt ist hier ein Modell der <em>Endeavour<\/em>, die ein umgebautes \u2013 und umgetauftes \u2013 Kohlenschiff war. Seine Expedition gilt als erste richtig ausger\u00fcstete wissenschaftliche Expedition. Er hatte vor allem Biologen an Bord, und die hatten die n\u00f6tige Ausstattung dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>1803 gab es in Funchal, nach mehreren Jahren der D\u00fcrre, heftige Regenf\u00e4lle. Alle drei Fl\u00fcsse traten \u00fcber die Ufer, alle Br\u00fccken bis auf eine wurden zerst\u00f6rt. Viele Menschen fanden sich in den oberen Stockwerken ihrer H\u00e4user gefangen, 600 kamen ums Leben. Als Konsequenz daraus wurden die Fl\u00fcsse kanalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einem Erdbeben ist hier im Museum nicht die Rede, oder ich habe es \u00fcbersehen. Jedenfalls scheint auch ein Erdbeben Funchal irgendwann heimgesucht zu haben \u2013 mit der unausweichlichen Folge, dass viele alte Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ecke sieht man die sitzende Figur einer jungen Frau mit Pinsel und Block in der Hand. Diese Figur stellt eine gewisse Isabella de Fran\u00e7a dar. Sie wurde bekannt durch ihr Tagebuch, in dem sie einfach alles festhielt, was ihr an Madeira auffiel: das Fischangebot auf dem Markt, die Eigenarten der Eidechsen, der Betrieb der Wasserm\u00fchlen, die Auswirkungen des Schirokkos. Sie hatte in London einen aus Madeira stammenden H\u00e4ndler geheiratet, und die beiden verbrachten hier ihre Hochzeitsreise. Sie bewegte sich auf alle erdenkliche Weise durch die Insel: auf Ochsenschlitten, auf dem Pferder\u00fccken, in S\u00e4nften und H\u00e4ngematten und in dem ber\u00fchmten Korbschlitten, von denen hier ein pr\u00e4chtiges Exemplar ausgestellt ist. Mit dem geht es die Berge runter, wie heute noch f\u00fcr den Touristen, die Monte besuchen und ein unkonventionelles Verkehrsmittel f\u00fcr die R\u00fcckfahrt suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Madeira als Kurort \u2013 das war der Beginn des Tourismus hier. \u00c4rzte hatten das trockene Klima der Insel als Mittel zur Bek\u00e4mpfung der Tuberkulose entdeckt, und die besser gestellten Europ\u00e4er begannen, den Winter in Madeira zu verbringen. Dazu stellten ihnen die portugiesischen Landadeligen ihre Landsitze \u2013 die <em>quintas<\/em> \u2013 zur Verf\u00fcgung. Im Gefolge der Kurg\u00e4ste kamen dann auch Maler, Schauspieler, Politiker und Musiker.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um die Stickerei, bis heute ein wichtiges Kunstgewerbe in Madeira, und hier kommt eine weitere junge Frau ins Spiel, eine weitere Engl\u00e4nderin, und zwar Elizabeth Phelps. Die Stra\u00dfe, \u00fcber die ich vorher gekommen bin, ist nach ihrem Vater benannt. Elizabeth Phelps begann, aus der Not heraus, den Frauen von Madeira das Sticken beizubringen, w\u00e4hrend einer durch Mehltau, Kartoffelmissernte und menschlichen Epidemien ausgel\u00f6sten Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit. Zun\u00e4chst verkaufte man die Stickereien nur privat, aber bald lenkten sie die Aufmerksamkeit von H\u00e4ndlern auf sich. Deutsche, syrische und libanesische Kaufleute widmeten sich dem Vertrieb der Stickereien, in die halbe Welt!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeitslosigkeit brachte Auswanderungen in gro\u00dfem Stil mit sich. Meist zog es die Auswanderer, schon aus sprachlichen Gr\u00fcnden, in die portugiesischen Kolonien, aber auch die Briten brauchten nach der Abschaffung der Sklaverei dringend Arbeitskr\u00e4fte in ihren Kolonien.<\/p>\n\n\n\n<p>In den beiden Weltkriegen blieb Madeira von einer Besatzung verschont, aber in beiden gab es Engp\u00e4sse, weil man von der Versorgung abgeschnitten war. Im 2. Weltkrieg blieb Portugal neutral, im 1. Weltkrieg war es auf Seiten der Alliierten. Deutschland erkl\u00e4rte Portugal den Krieg (1916), und deutsche U-Boote zerst\u00f6rten bei einem Angriff auf Funchal Teile des Konvents Santa Clara, aber im gro\u00dfen Ganzen blieben die Inseln au\u00dfen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss des Rundgangs gibt es noch Bilder von der Stra\u00dfenpflasterung in der Altstadt von Funchal, mit ihren interessanten Motiven und Mustern. Man verwendet grauen Basalt und wei\u00dfen Marmor daf\u00fcr. Darauf werde ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Hotel mache ich an einem der vielen St\u00e4nde Halt, wo es <em>bolo do<\/em> <em>caco<\/em> gibt. Ich w\u00e4hle die einfache Variante, ohne K\u00e4se oder Schinken. Es handelt sich um eine Art Fladenbrot, das aber weicher und dicker ist als Fladenbrot. Es wird aus <em>batata<\/em> hergestellt, aufgew\u00e4rmt und mit Knoblauchbutter bestrichen. Der Name <em>bolo<\/em> ist etwas irref\u00fchrend, denn es handelt sich nicht um Geb\u00e4ck, sondern um Brot. Der Wortzusatz <em>caco<\/em> bezeichnet den hei\u00dfen Stein, auf dem es urspr\u00fcnglich gebacken wurde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Reiseb\u00fcro, an dem ich vorbeikomme, bietet eine Reise nach <em>Nova Iorque<\/em> an, und Reisen zu den Weihnachtsm\u00e4rkten auf dem Kontinent. Die billigste ist die nach Wien, gefolgt von Berlin, die teuerste die nach Tallinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach der kleinen Bar vom ersten Abend komme ich zur <em>Pra\u00e7a<\/em> <em>do Municipio<\/em>, dem Ratshausplatz. Eine Seite des Platzes wird komplett vom Rathaus eingenommen, eine andere vom Jesuitenkolleg, jetzt Universit\u00e4t. Am Eingang des Rathauses h\u00e4ngt eine Tafel, die in f\u00fcnf Sprachen ank\u00fcndigt, worum es sich hier handelt: <em>C\u00e1mara<\/em> <em>Municipal<\/em>, <em>Ayuntamiento<\/em>, <em>City Hall<\/em>, <em>Hotel de Ville<\/em>, <em>Rathaus<\/em>. In jeder Sprache anders.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Stra\u00dfen um das Rathaus herum finde ich die dekorativen Stra\u00dfenpflaster, von denen im Museum die Rede war: Schlangenlinien, die schwindlig machen, Muster, die eine dritte Dimension vort\u00e4uschen, und Abbildungen von einem Schiff und einem Weinverk\u00e4ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich wieder zu der Bar. Die hei\u00dft, wie ich jetzt erst merke, <em>Rei da<\/em> <em>Poncha<\/em>, nach einem popul\u00e4ren Getr\u00e4nk von Madeira. F\u00fcr heute bleibe ich aber bei dem Bier, diesmal vom Fass. Der Kellner stellt mir eine Frage, die ich nicht verstehe. Er erkl\u00e4rt, was er meint und ich nehme die popul\u00e4rere Variante. Es geht darum, was f\u00fcr ein Glas man haben will. Sp\u00e4ter frage ich nach den beiden W\u00f6rtern, die er gebraucht hat: <em>fino<\/em> und <em>bal\u00e3o<\/em>. Also ein d\u00fcnnes Glas oder ein \u201eaufgeblasenes\u201c, wie ein Ballon.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Rei da Poncha<\/em> liegt an der Kreuzung dreier Stra\u00dfen, mit drei verschiedenen W\u00f6rter f\u00fcr \u201aStra\u00dfe\u2018: <em>Rampa do Cidr\u00e3o<\/em>, <em>Largo da Pra\u00e7a<\/em>, <em>Beco do Pimenta<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Speisekarte sehe ich, dass die Portugiesen, genauso wie die Spanier, <em>Hot Dog<\/em> \u00fcbersetzen: <em>cachorro quente<\/em>, \u201ahei\u00dfer Hund\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wolken, Regen, Sturm, die Wetteraussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage. Portugal hat sich, wie es scheint, gegen mich verschworen. Eine w\u00fcrdige Fortsetzung der sechs Monate in Viavai.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Wetter ist man in Funchal mit seinen Museen noch gut aufgehoben. Aber heute ist Sonntag. Und der Abgleich der \u00d6ffnungszeiten der Museen, in der Brosch\u00fcre anders als im Reisef\u00fchrer, ergibt: Sonntags sind alle geschlossen \u2013 au\u00dfer dem <em>Madeira History Centre<\/em>, und da war ich gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache einen Spaziergang durch den Regen, durch die langsam erwachende Stadt. Auf dem Weg nach S\u00e3o Pedro komme ich durch ein Viertel, das nicht so sch\u00f6n herausgeputzt ist wie die anderen, mit leerstehenden, teils verfallenden H\u00e4usern, morschen T\u00fcren, abbl\u00e4tternder Farbe. Einigen H\u00e4usern sieht man noch die einstige Pracht an. Als Photomotiv eignen sie sich vorz\u00fcglich. Ich photographiere eine alte, verschlossene Eingangst\u00fcr zu einem verlassenen Wohnhaus mit einer steinernen T\u00fcreinfassung und ein verrostetes Gitter, hinter dem ein verwilderter Innenhof zu sehen ist. Das ist alles nur ein paar Minuten vom Hotel entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt S\u00e3o Pedro. Die Kirche hat eine ganz ansehnliche Fassade und einen Turm, der oben gekachelt ist und einen Hahn tr\u00e4gt. Aber wenn man reingeht, will man sofort wieder raus. Selbst in der Dunkelheit kann man erkennen, dass man sich diese \u00fcberladenen Alt\u00e4re und die kitschige Ausstattung nicht n\u00e4her ansehen will.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Ecke gehe ich die ganz steil ansteigende <em>Cal\u00e7ada de Santa Catarina<\/em> rauf. Da kommt man aus der Puste, und die Maske ist hier wirklich st\u00f6rend. Oben ist das Kloster Santa Catarina, aber seine T\u00fcren sind verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und bin bald wieder auf einer der gepflegten Stra\u00dfen der Innenstadt, eine der wenigen von ganz Funchal, die ganz eben verlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen bin ich an verschiedenen Museen vorbeigekommen und habe festgestellt, dass das <em>Museu de Historia Natural<\/em> wegen Renovierung geschlossen ist. Das <em>Carlos Abreu<\/em> hat ab Montag auf und hat auch gef\u00fchrte Besichtigungen. Das <em>Federico de Freitas<\/em> hat ab Dienstag auf. Beide sind in alten Pal\u00e4sten untergebracht, und in beiden kann man durch ein Gitter in einen sch\u00f6nen Innenhof sehen. Zum <em>Museu Municipal<\/em> zeigt ein Pfeil auf einem Schild unten auf der Stra\u00dfe, aber der f\u00fchrt in die Leere.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich befinde ich mich wieder, wie vorgestern, im <em>Jardim Municipal<\/em>, diesmal von oben kommend. Jetzt sehe ich auch den Ententeich mit der Font\u00e4ne, von der im Reisef\u00fchrer die Rede ist. Die \u00c4ste eines Baumes mit dicken Fr\u00fcchten, dem <em>Coqueiro<\/em>, senken sich zum Wasser hin. Es ist ein Kokosbaum! Dann gibt es einen Riesenfarn, einen <em>feto arb\u00f3reo<\/em>, dessen Bl\u00e4tter ein Dach bilden, unter dem man Schutz finden k\u00f6nnte. Hier muss man beim Namen aufpassen: <em>feto<\/em> bedeutet sowohl \u201aFarn\u2018 als auch \u201aF\u00f6tus\u2018. Unter den weiteren exotischen B\u00e4umen befinden sich der Schraubenbaum aus Madagaskar (<em>p\u00e2ndano<\/em>) mit einem B\u00fcndel von H\u00f6lzern als Stamm und einer, der als Stamm eine einzige dicke Knolle hat. Von dem sollte ich sp\u00e4ter noch mehr erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich neben dem Park befindet sich der Eingang zu <em>Blandy\u2019s<\/em>, der Weinkellerei. Auch hier gibt es gef\u00fchrte Touren. Auch was f\u00fcr n\u00e4chste Woche.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich tut sich ein sehr sch\u00f6ner Blick auf, eine Allee hinunter, mit knorrigen, schiefen B\u00e4umen bestanden, deren Kronen sich oben treffen. Diese Allee f\u00fchrt gleich zum Hafen hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort liegt ein Kreuzfahrtschiff, und ein weiteres f\u00e4hrt gerade ab. Hier kann ich ein sehr stimmungsvolles Photo machen, mit dem Blick aufs Meer hinaus auf den wolkenbedeckten Himmel, durch den ein paar Sonnenstrahlen dringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende komme ich wieder ins Zentrum und auf die <em>Jo\u00e3o Tavira<\/em>. Das ist die mit den vielen Darstellungen im Stra\u00dfenpflaster. Ich entdecke ein paar, die mir gestern entgangen sind, darunter ein Ochsengespann, das ein Weinfass zieht. Auf dem Fass sitzt eine nicht zu identifizierende Figur, die entweder ein Horn an der Stirn hat oder eine Feder im Haar. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich noch mal raus, zum Meer runter. Ich gehe die Uferpromenade entlang. Hier ist die Abfahrtstation f\u00fcr die Seilbahn nach Monte, und hier stehen allerlei r\u00e4tselhafte Skulpturen herum, darunter eine Frau mit verbundenen Augen und entbl\u00f6\u00dfter Brust, in starrer Haltung, dem Meer zugewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Meer tost, die Wellen brechen sich an den Wellenbrechern und die Gischt spritzt meterhoch in die H\u00f6he. Hier kann man sich hinsetzen und sich die frische Luft um die Ohren wehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Promenade steht die <em>Fortaleza S\u00e3o Tiago<\/em>, eine der drei Festungen, die gegen die Piratenangriffe errichtet wurden. Man kann in den Eingangsbereich rein, einen Innenhof, und von hier durch die Schie\u00dfscharten auf das Meer blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, etwas versetzt von der Uferpromenade, hat man das Hotelviertel errichtet, und dementsprechend trifft man hier auf zahllose Touristen und Lokale mit mehrsprachigen Speisekarten. Die kluge Entscheidung, die Hotels hier zu erbauen, hat daf\u00fcr gesorgt, dass das Stadtzentrum erhalten blieb. Dort sind die meisten Geb\u00e4ude \u00e4lteren Datums, viele stammen aus dem 19. Jahrhundert, und es musste nichts abgerissen werden. Aus der Zeit der Gr\u00fcndung der Stadt ist allerdings so gut wie gar nichts erhalten. Daf\u00fcr haben Erdbeben und \u00dcberschwemmungen gesorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Festung aus f\u00fchrt eine enge Gasse mit niedrigen H\u00e4uern, die <em>Santa<\/em> <em>Maria<\/em>, parallel zur Uferpromenade, aber h\u00f6her gelegen, in die andere Richtung. Diese Gasse wurde durch eine Initiative vom Abriss bewahrt und ist jetzt das Zentrum des Vergn\u00fcgungsviertels geworden. Die T\u00fcren und Fassaden der H\u00e4user, alte Fischerh\u00e4user vermutlich, sind von lokalen K\u00fcnstlern einfallsreich bemalt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche ein Lokal, das im Reisef\u00fchrer empfohlen wird, aber das hat Betriebsferien. Schade, sieht gut aus, und unterscheidet sich von den Dutzenden anderen Lokalen dieser Zone.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Zufall lande ich dann, schon auf dem R\u00fcckweg zum Hotel, in einem anderen, vermutlich neuen Lokal. Hier gibt es eine leckere Gem\u00fcsesuppe und dann, auf portugiesische Art, ein sehr fleischlastiges, nicht sonderlich gelungenes Gericht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Lokal steht eine Skulptur, und die erkl\u00e4rt eine der Figuren in der Stra\u00dfenpflasterung, die mir gestern R\u00e4tsel aufgegeben hat, die von einem Mann, der auf einem Weinfass sitzt, das von Ochsen gezogen wird. Jetzt sieht man, hier in der Skulptur, dass die Ochsen einen Schlitten ziehen. Die Aufgabe des Mannes ist es, das Fass festzuhalten, damit es nicht vom Schlitten f\u00e4llt. Und auf dem Kopf hat er keine Teufelsh\u00f6rnchen, sondern eine Kappe mit zwei kleinen Zipfeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst durch eine Frage von zuhause komme ich darauf, mir einmal Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie gro\u00df Madeira eigentlich ist. Die Antwort: etwa so gro\u00df wie Menorca, und deutlich kleiner als Mallorca. Madeira liegt ca. 1.000 Kilometer von Portugal entfernt und 700 Kilometer von Marokko. &nbsp;Es liegt ungef\u00e4hr auf der H\u00f6he von Casablanca. Die Kanarischen Inseln liegen weiter s\u00fcdlich, auf der H\u00f6he der s\u00fcdlichen Grenze von Marokko.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den fr\u00fchen Morgenstunden regnet es, und jetzt hat sich der \u201eergiebige\u201c Regen in einen subtropischen Regenguss verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck Sprachenwechsel. Auf einmal sprechen alle Englisch. Das Hotel ist vermutlich Parkplatz f\u00fcr Reisegruppen f\u00fcr die zwei, drei Tage \u2013 h\u00f6chstens \u2013 die sie in Funchal verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, tr\u00f6pfelt es nur noch ein bisschen. Ich komme an einen Platz hinter der Kathedrale, am dem ich schon \u00f6fter vorbeigekommen bin, aber erst jetzt sehe ich die Statue von Zarco, den man wohl den \u201eGr\u00fcnder\u201c von Funchal nennen kann. Er steht ganz oben auf einem hohen Podest, und an dessen vier Seiten sind vier Figuren als Relief eingelassen, die f\u00fcr die Gr\u00fcnderzeit von Funchal von Bedeutung waren: ein Ritter, ein Priester, ein Bauer, ein Astronom (oder ganz allgemein ein Wissenschaftler).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Museum f\u00fchrt in die andere Richtung, auf einen Platz, auf dem ich bisher noch nicht gewesen bin, die <em>Pra\u00e7a do Colombo<\/em>. Dort liegt in einem alten palastartigen Geb\u00e4ude das Zuckermuseum. Da wollte ich dieser Tage als allererstes hin, aber es war geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eintritt ist umsonst. Alle Beschriftungen sind auf Portugiesisch, und nur auf Portugiesisch. F\u00fcr eine andere Sprache muss man einen Plastik-Hefter mit sich rumtragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mit zwei Exponaten los, die die Bedeutung des Zuckers f\u00fcr Funchal belegen, einem Stein und einem silbernen Tablett, die beide das Wappen Funchals zeigen. Auf dem sind f\u00fcnf Zuckerh\u00fcte zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuckerindustrie Madeiras gilt als die erste Unternehmung des internationalen Kapitalismus. Zucker war bis dahin ein Artikel f\u00fcr die Elite gewesen, jetzt wurde es breiten Schichten zug\u00e4ngig gemacht. Bald schalteten sich ausl\u00e4ndische H\u00e4ndler ein, vor allem Italiener und Flamen, die am dem Vertrieb des Zuckers verdienten. Einer von ihnen war ein Flame namens <em>Esmanant<\/em>, der sich am Ende in Funchal niederlie\u00df, mehrere Immobilien erwarb und seinen Namen in <em>Esmeraldo<\/em> umwandelte. Heute noch ist eine Stra\u00dfe Funchals nach ihm benannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung sind viele Keramikgef\u00e4\u00dfe und Keramikteile zu sehen, alle in arch\u00e4ologischen Ausgrabungen gefunden. Man sieht, dass die Zuckerh\u00fcte urspr\u00fcnglich oben eine \u00d6ffnung hatte. Die diente der Solidifizierung des Zuckers, und aus ihr wurde sp\u00e4ter die Fl\u00fcssigkeit herausgelassen. Die Keramik wurde vom portugiesischen Festland importiert, da Madeira keine Keramik mit den passenden Eigenschaften hatte. Gutes Beispiel daf\u00fcr, welche Dynamik so ein neuer Wirtschaftszweig entwickeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer Nebeneffekt war, dass auch andere Produkte von Madeira jetzt Handelsg\u00fcter wurden, vor allem Wein, Holz und Urzela, die Felsenflechte, aus der man Farben gewann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krone verdiente gut an dem Zuckerhandel. Sie bekam den k\u00f6niglichen und den kirchliches Zehnten, verdiente also ein F\u00fcnftel bei jedem Handel. Als findige Zuckerhersteller auf die Idee kamen, sich in Marokko niederzulassen, wurde das per Dekret vom K\u00f6nig verboten. Der sah seine Felle wegschwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Derselbe K\u00f6nig, D. Manuel I., f\u00fchrte auch ein komplett neues Ma\u00dfsystem ein, um dem Durcheinander ein Ende zu machen. Alle gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte bekamen ein aus Bronze gegossenes Gef\u00e4\u00df mit k\u00f6niglichem Wappen, das das Ma\u00df f\u00fcr zwei Arroba war. Die kleineren St\u00e4dte bekamen ein kleineres Ma\u00df. Funchal geh\u00f6rte zu den gr\u00f6\u00dferen. Solche Gef\u00e4\u00dfe sind hier ausgestellt. Daneben gibt es kreisrunde, flache Gef\u00e4\u00dfe, wie kleine Schalen, die ineinander gesetzt werden konnten, wie bei der russischen Matrjoschka. Sie dienten vermutlich auch den Messungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch Holzfiguren von Heiligen, Porzellangef\u00e4\u00dfe und wunderbare Reisesekret\u00e4re, mit ziselierten Beschl\u00e4gen oder mit Einlegearbeiten, aber man fragt sich, was das mit dem Zucker zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gibt es noch einen kurzen Film, der zeigt, wie aus dem Zuckerrohr nicht nur Zucker, sondern auch Honig gewonnen wird und das, was hier Cognac hei\u00dft, aber wohl Zuckerrohrschnaps ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach drau\u00dfen komme, hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen, und die Sonne kommt sogar hervor. Die Kellnerinnen trocknen die Tische und St\u00fchle der Stra\u00dfencaf\u00e9s, und die ersten G\u00e4ste haben sich sogar schon wieder hingesetzt. Ich entscheide mich aber f\u00fcr oben. Dort, in der <em>Loja do Ch\u00e1<\/em>, kann man sich auf einen winzigen Balkon setzen, mit Blick auf den Platz. Passend zum Museumsbesuch bestelle ich einen Honigkuchen nach der Art Madeiras. Erinnert tats\u00e4chlich ein bisschen an den Honigkuchen unserer Kindheit, wird aber mit N\u00fcssen und Sahne serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Uhr einer Uhrmacherei zeigt f\u00fcnf vor neun, die elektronische Uhr einer Apotheke ein paar Schritte weiter zeigt 18.51. Tats\u00e4chlich ist es Viertel nach eins.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stadtpark lese ich, dass der auf dem Grund des ehemaligen Klosters S\u00e3o Francisco liegt. Nach der Aufl\u00f6sung der Kl\u00f6ster gab es verschiedene Projekte, wie man den Bau umwidmen k\u00f6nnte, aber keins wurde verwirklicht, und der Bau zerfiel allm\u00e4hlich. Bis die Stadt entschied, einen Park anzulegen. Die ersten Pflanzen kamen aus Treibh\u00e4usern in Porto und Paris!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kann ich bei einem Spaziergang die Weihnachtsbeleuchtung bewundern. In der gesamten Innenstadt gibt es kaum eine Stelle, wo sie nicht vertreten ist, an den H\u00e4userfassaden, in den Parks und \u00fcber den Stra\u00dfen. An einigen Stellen ist sie dezent und sch\u00f6n, an anderen grell und kitschig. Vor der Kathedrale stehen zum Beispiel drei \u00fcberdimensionierte Engel mit erhobenen Fl\u00fcgeln. Insgesamt scheint die Devise zu gelten: je mehr, umso besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo im Zentrum finden in diesen Tagen Konzerte und Auff\u00fchrungen zur Weihnachtszeit statt. Es muss wohl der zentrale Platz an der Arriaga sein, nahe der Touristeninformation. Heute steht um 18 Uhr ein <em>grupo folkl\u00f3rico<\/em>&nbsp; auf dem Programm. An dem Platz ist tats\u00e4chlich eine B\u00fchne aufgebaut, und man sieht, wie ein paar Musiker ihre Instrumente stimmen. Aber nach Folklore sehen weder sie noch ihre Instrumente aus. Ich warte noch eine Viertelstunde, aber es tut sich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorbeigehen sehe ich das <em>Hotel Catedral<\/em>. Das hatte ich mir eigentlich ausgeguckt, aber das Reiseb\u00fcro meinte, das Hotel sei um diese Zeit geschlossen. Danach sieht es aber nicht aus. Alle Fenster sind hell erleuchtet. Das Hotel liegt wirklich direkt gegen\u00fcber der Kathedrale. W\u00e4re eine gute Alternative gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verliere mich in den Gassen und finde erst nach einiger Zeit den <em>Rei da<\/em> <em>Poncha<\/em>, aber da sind alle Pl\u00e4tze besetzt. Und zwei im Reisef\u00fchrer beschriebene Lokale, die ein bisschen au\u00dferhalb des touristischen Zentrums liegen, kann ich nicht finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an einem verlassenen Haus mit einer etwas verschmierten Fassade einen Ausspruch, irgendwie aufgedruckt auf den Putz: <em>O vazio ocupa muito espa\u00e7o \u2013 Die Leere nimmt viel Raum ein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande ich, ganz in der N\u00e4he des Hotels, in einer ruhigen Ecke, im <em>Restaurante Tangerina<\/em>. Der Name erinnert mich an ein Lied der Beatles. Auf dem Gesch\u00e4ftsschild ist eine Tangerine abgebildet. Wie und ob sie sich von der Mandarine unterscheidet, ist mir nicht klar, aber im Englischen wird das Wort \u00f6fter verwendet als im Deutschen. Sp\u00e4ter lese ich im Internet, dass das Wort von einer Stadt abgeleitet ist, von Tanger in Marokko.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hallenartige, gro\u00dfe Innenraum ist nicht sehr einladend, aber die Speisekarte ist vielf\u00e4ltig. Ich bekomme vorweg <em>bolo de caco<\/em>, sehr schmackhaft, diesmal mit Schinken belegt, dann eine Brotsuppe mit Ei und dann ein saftiges, sehr leckeres Kotelett mit Salat und Pommes frites. Und als es zum Schluss noch ein St\u00fcck Kuchen auf Kosten des Hauses gibt, muss ich nach zwei Bissen passen. Das Essen ist gut, auch wenn die Pommes frites und der Salat nichts Besonderes sind. Und Salz fehlt an allen Ecken und Enden. Als ich danach frage, gibt es nur ein winziges T\u00fctchen mit Salz statt einem Salzstreuer.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Suppe liegen ein paar Zweige eines Krauts, das ich nicht kenne. Die Kellnerin muss selbst einen Moment nachdenken: <em>segurelha<\/em> \u2013 Bohnenkraut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterhaltung mit der Kellnerin findet auf Portugiesisch statt, aber zwischendurch verf\u00e4llt sie immer wieder ins Englische, zum Beispiel, als sie mich fragt, wie gro\u00df das Bier sein soll. Und jedes Mal, wenn sie abr\u00e4umt, fragt sie \u201eFinished?\u201c Was geht da nur in den Leuten vor? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen Tischen sitzen Einheimische, aber die begn\u00fcgen sich mit Kaffee, Bier und Wein. An einem Nebentisch sitzt ein deutsches Seniorenehepaar, vermutlich wohnhaft hier. Sie kennen Koch und Kellner und k\u00f6nnen etwas Portugiesisch, vor allem die W\u00f6rter auf der Speisekarte, aber der Mann eiert ziemlich herum, als er der Kellnerin sagen will, ihr Kaffee sei der beste der gesamten Insel. Der Mann sieht wie das bl\u00fchende Leben aus, und er haut auch ordentlich rein. Auch f\u00fcr den Konsum der Flasche Wein sorgt er fast alleine. Die Frau k\u00f6nnte fast seine Mutter sein, aber die beiden unterhalten sich lebhaft und haben offensichtlich viel Spa\u00df. Sie haben es richtig gemacht, k\u00f6nnen ihre Zweisamkeit und den Ruhestand auf einer Insel genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen qu\u00e4le ich mich die <em>Cal\u00e7ada Santa Clara<\/em> rauf, aber es lohnt sich, oben warten gleich zwei Museen. Nur dumm, dass ich am ersten, dem Jo\u00e3o Carlos Abreu, dem <em>Universo de Mem\u00f3rias<\/em>, gleich abgewiesen werde. Der Mann am Empfang sagt mir, dass mein elektronischer Corona-Pass nicht mehr g\u00fcltig sei. Meine Argumente, ich sei bisher noch nirgendwo danach gefragt worden und bei der Einreise habe man gesagt, er gelte f\u00fcr die ganze Reise, \u00fcberzeugen ihn nicht. Verst\u00e4ndlicherweise. Er tut seine Pflicht. Aber ein bisschen freundlicher h\u00e4tte es doch sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim zweiten, dem <em>Federico de Freitas<\/em>, dieselbe Diskussion, aber hier l\u00e4sst man mich am Ende z\u00e4hneknirschend rein. Beide Museen sind Privatsammlungen von (nicht gerade armen) M\u00e4nnern, die ein halbes Leben lang unerm\u00fcdlich Dinge zusammengetragen haben. Hier, im <em>Federico de<\/em> <em>Freitas<\/em>, sind es \u201eMitbringsel\u201c von den vielen Reisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist in einer alten Villa untergebracht. Man kommt in einen sch\u00f6nen Innenhof mit einem bepflanzten Brunnen an der Mauer. Nur den sieht man von der Stra\u00dfe aus. Links liegt die Villa, gegen\u00fcber ein moderner Anbau. In den wird man zuerst geschickt. Hier sind <em>azulejos<\/em> ausgestellt, die ber\u00fchmten Kacheln, vom 16. Jahrhundert bis heute, chronologisch angeordnet. Die Kacheln kommen aus Persien, aus dem Irak, aus Spanien und aus den Niederlanden. Auch von ganz nah her kommen einige: aus dem Kloster Santa Clara. Daf\u00fcr brauchte der Herr Freitas dann nicht so weit reisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die holl\u00e4ndischen Fliesen, nat\u00fcrlich in Blau und Wei\u00df, sind sofort als solche zu erkennen. Sie haben \u201eb\u00fcrgerliche\u201c Motive wie einen seilchenspringenden Jungen. Auch Landschaften sind vertreten, aber keine Windm\u00fchlen!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den portugiesischen besonders sch\u00f6n eine gro\u00dfe Fl\u00e4che aus mehreren Kacheln, in Blau, Wei\u00df und Gelb gehalten. Die waren typisch f\u00fcr eine bestimmte Epoche, das habe ich schon mal irgendwo gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die echten Hingucker sind aber die aus dem Orient. Die typischen floralen und geometrischen Muster, aber auch Tiere sind vertreten, ein Elefant und ein Kakadu, und sogar reichlich Szenen mit Menschen: Zu zweit sitzen offensichtlich hochrangige Personen auf dem teppichbedeckten Boden, ein Reiter und sogar Liebespaare, die K\u00f6pfe aneinandergelegt, die Frau mit einer Leier in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider gibt es keine Erkl\u00e4rungen und auch nur sehr knapp gehaltene Beschriftungen, und in der Villa fehlen die dann ganz und gar. Das Konzept ist wohl, dass alles so aussehen soll, als w\u00fcrde man hier leben, also haben die R\u00e4ume auch entsprechende Namen wie Speisesaal, Schlafkammer oder Spielesalon. Eigentlich geht das ganz gut, aber bei einigen Exponaten bleibt eben offen, was das eigentlich ist. Darunter eine vergoldete, tiefe Sch\u00fcssel mit einem vergoldeten Sch\u00f6pfl\u00f6ffel, die zwischen zwei geflochtenen B\u00e4nken auf dem Boden steht. Das hab ich definitiv schon mal gesehen, aber ich wei\u00df nicht mehr, was es ist. Auch neugierig macht mich eine gr\u00f6\u00dfere Holzschatulle, in mehreren Exemplaren vertreten, mit einer schr\u00e4gen Platte, in die L\u00f6cher eingelassen sind. Ob das ein Humidor f\u00fcr Zigarren ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Alles, M\u00f6bel und Einrichtungsgegenst\u00e4nde, sind vom Feinsten, aber Material und Provenienz kann man nur erahnen. Sehr sch\u00f6n ein lederner Reisekoffer mit N\u00e4gelbeschl\u00e4gen, der im Salon steht, und ein gew\u00f6lbter, runder Spiegel, der die Dinge im Salon verzerrt wiedergibt. Unter den Gem\u00e4lden gef\u00e4llt mir besonders eins vom Innenraum einer Kirche, der Beschriftung zufolge die Kirche des Hamilton Palace in England. Man blickt von Osten nach Westen, Priester und Messdiener sind gerade dabei, einzuziehen und stehen noch neben dem Chorgest\u00fchl. Der Blick nach Westen ist durch einen ge\u00f6ffneten Lettner ein bisschen beengt und man erahnt den Rest der Kirche eher, die in ein mysteri\u00f6ses Licht getaucht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ein Sekret\u00e4r, in dessen Stirnseite Kacheln mit Darstellungen eingelassen sind. Man sieht einen starken Mann, der mit einem Eber k\u00e4mpft und in einer anderen Kachel mit einem L\u00f6wen, und dann sieht man ihn, wie er S\u00e4ulen auf den Schultern tr\u00e4gt. Ich z\u00e4hle nach: 12 Kacheln \u2013 die Taten des Herkules!<\/p>\n\n\n\n<p>Unter einer gl\u00e4sernen Glocke sieht man eine Kreuzabnahme, aus Holz. Die Darstellung zeigt, wie schwer die ganze Angelegenheit war. Zwei hohe Leitern sind an das Kreuz gelehnt, auf jeder steht ganz oben ein r\u00f6mischer Soldat. Der Leichnam wird mit Seilen nach unten gelassen, und auf halber H\u00f6he der Leiter steht ein weiterer Soldat, auf dessen Schulter der Leichnam ruht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n auch eine Doppelfigur, auch aus Holz, mit Maria (oder Anna) und Jesus. Anna h\u00e4lt ein Buch vor sich und weist mit ihrem Finger auf eine Stelle, Jesus, noch ein Kind, aber nicht mehr klein, weist mit seinem Finger auf eine andere Stelle. Selten gibt es Darstellungen von Jesus in diesem Alter, sonst ist er entweder S\u00e4ugling oder erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schlafzimmer h\u00e4ngen alte Karten von Portugal und von der Iberischen Halbinsel an der Wand. Hier hat Portugal eine ganz andere Form als heute, es ist eher breit als lang und nimmt noch einen Teil des heutigen Nordspaniens ein, aber es endet ungef\u00e4hr auf der H\u00f6he des Douro. Das Territorium darunter ist noch Al-Andaluz.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Innenhof ist eine Krippe aufgebaut, eine Felsenlandschaft mit Grotten und B\u00e4chen und wohl mehr als einhundert Figuren. Man sieht ein Pferdefuhrwerk, man sieht Musikanten mit verschiedenen Instrumenten, die eine S\u00e4nfte begleiten, man sieht auf dem Boden hockende Korbflechterinnen, man sieht ein Ochsengespann mit S\u00e4cken, man sieht einen Priester im Gespr\u00e4ch mit einem Amtstr\u00e4ger, man sieht aufflatternde H\u00fchner, man sieht Jesus im Tempel im Gespr\u00e4ch mit den Schriftgelehrten und man sieht einen r\u00f6mischen Soldaten, der ein Neugeborenes an den F\u00fc\u00dfen mit dem Kopf nach unten h\u00e4lt und mit der anderen Hand mit einem Dolch ausholt. Die Krippe im Stall und den Zug der Heiligen Drei K\u00f6nige sieht man ganz nebenbei auch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum heraus und Richtung Innenstadt gehe, sto\u00dfe ich endlich wieder auf den etwas verborgenen Eingang zu einer Buchhandlung, an der ich dieser Tage vorbeigekommen bin, der <em>Livraria Esperan\u00e7a<\/em>. Sie ist wirklich etwas Einmaliges, steht aber in keinem Reisef\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem labyrinthischen, mehrst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude, eher einer Lagerhalle gleichend, sind alle B\u00fccher an den W\u00e4nden oder in dicht beieinander stehenden Eisenregalen ausgestellt, wobei die meisten nicht liegen oder stehen, sondern h\u00e4ngen, mit einer Klammer an einem Haken befestigt. Es gibt von jedem Buch nur ein Exemplar, sobald eins verkauft ist, wird ein neues Exemplar bestellt. Man behauptet, dass jedes in Portugal oder in Brasilien ver\u00f6ffentlichte Buch vertreten ist. Es ist ein echtes Erlebnis, hier die engen Treppen rauf und zwischen den Regalen entlang zu gehen und die Atmosph\u00e4re auf sich wirken zu lassen. Es ist einfach alles vertreten. Die einzelnen Abteilungen sind zwar markiert \u2013 Chemie, Esoterik, Lyrik \u2013 aber wie man innerhalb der Abteilungen f\u00fcndig wird, ist nicht klar. Bei den Romanen kann ich jedenfalls keine Regelm\u00e4\u00dfigkeit entdecken. Hier muss man sich wohl von dem Personal helfen lassen. Unter den vielen B\u00fcchern, die mir auffallen, befindet sich ein zweisprachiges \u2013 Latein und Portugiesisch \u2013 eines gewissen Nicolau de Cusa: <em>O n\u00e3o-outro\/De non aliud<\/em>. Das war sicher nicht mein letzter Besuch hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Stadtf\u00fchrung, zu der ich mich im Internet angemeldet habe, gehe ich noch zum <em>Rei da Poncha<\/em>, und diesmal bestelle ich wirklich eine <em>poncha<\/em>. Sie wird in einem kleinen Glas serviert, so wie eine kleine Abart einer Sektschale. Der Kellner erkl\u00e4rt, woraus die <em>poncha<\/em> besteht: Zitrone, Orange, Honig, Schnaps. Schmeckt ausgezeichnet. Der Anteil des Schnaps scheint aber, gemessen an der Wirkung, eher hoch zu sein. Das Wort <em>poncha<\/em> kommt, wie unser Wort <em>Punsch<\/em>, aus Indien und bedeutet auf Hindi \u201af\u00fcnf\u2018. F\u00fcr das Getr\u00e4nk sind also f\u00fcnf Zutaten n\u00f6tig. Auf Madeira scheint eine von denen verloren gegangen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Treffpunkt f\u00fcr die Stadtf\u00fchrung ist im <em>Parque Santa Catarina<\/em>, am Rande der Innenstadt. So weit bin ich bisher noch gar nicht gekommen. Ich gehe an der Uferpromenade entlang und frage irgendwann einen Kellner, der vor seinem Lokal steht, um G\u00e4ste hinein zu locken, nach dem Weg. Er antwortet ohne Z\u00f6gern auf Portugiesisch, spricht glasklar und zeigt mir am Ende noch den erhobenen Daumen f\u00fcr \u201eGut gemacht!\u201c. Geht doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter l\u00e4sst weiterhin zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, aber es ist nicht so schlecht wie in der Vorhersage und \u00e4ndert sich st\u00e4ndig. Die Sonne bricht gelegentlich durch die Wolken, dann f\u00e4ngt es wieder so schnell zu regnen an, dass man den Schirm kaum so schnell aufkriegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Treffpunkt ist gut gew\u00e4hlt, abseits des Verkehrs und abseits des Gedr\u00e4nges. Der Park liegt etwas erh\u00f6ht, und man l\u00e4uft geradewegs auf eine wei\u00dfe Kapelle zu, die man schon von unten sieht. Von hier oben hat man einen weiten Blick aufs Meer hinaus. An einer Seite des Platzes vor der Kapelle eine bronzene Statue: <em>Cristov\u00e3o Colombo<\/em>. Er h\u00e4lt eine Schriftrolle in der Hand und hat das Schwert aus der Scheide gezogen. Und sein Blick ist aufs Meer gerichtet. Nach Westen? Sieht nicht so aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung, auf die Minute p\u00fcnktlich. Unsere F\u00fchrerin, Lisa, eine junge Portugiesin, macht das ganz vortrefflich. Die F\u00fchrung ist unterhaltsam und informativ, sie kann Fragen beantworten und spricht ausgezeichnetes Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir sind noch zwei junge Ehepaare aus Amerika bzw. Frankreich vertreten, beide mit ganz jungen Kindern, ein \u00e4lteres englisches Ehepaar und eine Amerikanerin, die in Spanien Kindergartenkindern Englisch beigebracht hat, in Madrid, Logro\u00f1o und Santander.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt mit einem historischen \u00dcberblick. Schon vor den Portugiesen waren Seefahrer aus Genua hier, zumindest haben sie eine sehr genaue Karte der Insel hinterlassen. Aber sie konnten mit der unbewohnten Insel nichts anfangen. Deren Potential erkannte erst Zarco. Um die Insel zu nutzen, musste allerdings erst ordentlich gerodet werden, und dazu wurde ein ganzes Heer von Sklaven eingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zarco war, als er in den Sturm geriet, am 1. November auf die Nachbarinsel getrieben worden, wo er Unterschlupf fand. Deshalb nannte er die Insel, mit Bezug auf Allerheiligen, <em>Porto Santo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lisa fragt nach dem Ursprung des Wortes <em>Funchal<\/em> und hilft mir aus der Patsche, als mir das englische Wort f\u00fcr <em>Fenchel<\/em> nicht einf\u00e4llt: <em>fennel<\/em>. Die Amerikaner wissen nicht, was das ist, und es folgt eine umst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen Richtung Zentrum und kommen an einen Platz mit einem Kreisverkehr, in dessen Zentrum eine Armillarsph\u00e4re aufgestellt ist. Am Rande des Platzes eine B\u00fcste von Heinrich dem Seefahrer, dem Mann, der fast nie zur See gefahren ist, aber mit seiner Initiative und dem Kreis von Wissenschaftlern, die er um sich sammelte, die portugiesischen Expeditionen erm\u00f6glichte. Er selbst kam nur bis Ceuta.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald sind wir schon am Stadtpark. Hier erf\u00e4hrt man, dass die Franziskaner, deren Kloster hier urspr\u00fcnglich stand, die ersten M\u00f6nche auf Madeira waren. Es hei\u00dft, eine Schiffsbesatzung habe zwei ausgesetzte Franziskaner auf einer einsamen Insel aufgefunden und hierher gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den exotischen B\u00e4umen des Stadtparks ist einer, der mir schon fr\u00fcher aufgefallen ist, der mit dem knollenartigen Stamm, ein riesiger, blattloser Baum, mit h\u00fclsenartigen Fr\u00fcchten ganz oben in der N\u00e4he des Wipfels. Was mag das nur sein? Irgendwie ist von Seide oder Baumwolle die Rede, aber richtig verstehe ich das nicht. Lisa kann aushelfen, sie kennt die deutsche Bezeichnung: Kapokbaum. Aus seinen Fasern wird F\u00fcllmaterial gewonnen, etwa f\u00fcr Matratzen, Rettungsringe und Schwimmwesten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00fctlich auf einer Parkbank sitzend erfahren wir etwas \u00fcber den Madeirawein. Er entstand aus einem Versehen heraus. Eine Schiffsladung war in Hongkong nicht angenommen und der Wein war zur\u00fcckgesandt worden. Man wollte ihn wegwerfen, probierte aber vorher noch ein Glas und stellte fest, dass er viel besser geworden war. Danach schiffte man hundert Jahre lang den Wein durch die Weltmeere, weil man glaubte, der Qualit\u00e4tssprung h\u00e4tte etwas mit den Schaukelbewegungen des Schiffs zu tun. Dann stellt man fest, dass es einfach an der Temperatur lag, an der W\u00e4rme.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren, dass der Madeirawein in zwei St\u00fccken von Shakespeare erw\u00e4hnt wird, dass man auf die Amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung mit Madeirawein anstie\u00df und das Washington t\u00e4glich eine halbe Flasche trank. Auch Napoleon hatte Madeirawein im Exil, aber er r\u00fchrte ihn nicht an, weil er f\u00fcrchtete, vergiftet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz auf der gegen\u00fcberliegenden Seite steht das Denkmal von Zarco, von Francisco Franco geschaffen. So hei\u00dft wirklich ein Bildhauer aus Funchal, dem sogar ein Museum gewidmet ist. Lisa sagt, man m\u00fcsse sich immer beeilen zu sagen, dass es sich nicht um <em>den<\/em> Francisco Franco handelt. Eine nach ihm benannte Stra\u00dfe ist gleich in der N\u00e4he des Hotels. Um Missverst\u00e4ndnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen, hei\u00dft sie <em>R\u00faa Francisco Franco Escultor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Kathedrale. Hier wurde urspr\u00fcnglich Zuckerrohr angebaut. Der heutige Kathedralplatz war der Endpunkt einer der Levadas. Als die Bev\u00f6lkerung wuchs und eine gr\u00f6\u00dfere Kirche erforderlich wurde, dr\u00e4ngten sich eine arme und eine reiche Gemeinde darum, den Neubau zu bekommen. Der K\u00f6nig vermittelte und gab als Kompromiss das Zuckerrohrfeld frei f\u00fcr den Bau einer Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Turm der Kathedrale, erf\u00e4hrt man noch, diente fr\u00fcher als Gef\u00e4ngnis, f\u00fcr Gefangene der kirchlichen Jurisdiktion. Und der r\u00f6tliche Stein des Portals (den ich dieser Tage irrt\u00fcmlicherweise f\u00fcr schwarz gehalten habe) stammt aus einem Steinbruch in Madeira.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen fragen nach der Weihnachtsbeleuchtung. Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, es gebe immer etwas Variation, von Jahr zu Jahr. Sie w\u00fcrde vor allem die Engel vom letzten Jahr vermissen, die vor der Kathedrale, denn die h\u00e4tten damals Musikinstrumente gehabt, und bei den abendlichen Auff\u00fchrungen, wenn Licht und Musik synchronisiert werden, habe es tats\u00e4chlich so ausgesehen, als ob die Engel musizierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Amerikanerin aus Spanien fragt, ob Weihnachten der wichtigste Feiertag dieser Zeit sei oder Dreik\u00f6nige. Zu meiner und auch zu ihrer \u00dcberraschung sagt die F\u00fchrerin, das sei Weihnachten. Wir kennen beide aus Spanien die Bedeutung von <em>Reyes<\/em> und haben dasselbe auch f\u00fcr Portugal angenommen. Vielleicht hat sich das in den letzten Jahren ge\u00e4ndert. Unsere F\u00fchrerin ist sehr jung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir da so stehen, weist die F\u00fchrerin auf die Absperrgitter hinter uns. Dort h\u00e4ngen Plakate mit Weihnachtsw\u00fcnschen in verschiedenen Sprachen. So weit, so gut. Aber es gibt eine Besonderheit. Und ich bin der einzige, der lachen muss. Auf Deutsch steht dort: <em>Frohe Weinnachten<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in meine Richtung, die Stra\u00dfe hinauf. Ich habe Zeit, mit den Engl\u00e4ndern zu sprechen. Sie kommen aus Nottingham. Ich wende mich an den Mann und frage: \u201eForest supporter?\u201c- Und er antwortet prompt: \u201eYeah, all my life.\u201c Fu\u00dfball funktioniert immer. Und er erz\u00e4hlt gleich begeistert, wie er damals zum Endspiel nach M\u00fcnchen gereist sei, als sie 1979 im Finale Malm\u00f6 besiegten und den Europapokal gewannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die <em>Cal\u00e7ada de Santa Clara<\/em> hinauf. Kurz vorher bleiben wir noch vor einem verlassenen Grundst\u00fcck stehen, das fr\u00fcher wohl mal was dargestellt haben muss. Es ist gerade verkauft worden, f\u00fcr schlappe vier Millionen Euro, und zwar von dem benachbarten Hotel, dem <em>Castanheiro<\/em>. Das will hier einen Erweiterungsbau errichten. Unsere F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, in dem Hotel k\u00f6nne man, auch ohne Gast zu sein, auf die Dachterrasse fahren. Von dort habe man einen sch\u00f6nen Blick auf Funchal.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter bergauf, f\u00fcr mich das zweite Mal heute, aber f\u00fcr Lisa auch. Sie hat am Morgen die gleiche Tour schon einmal gemacht. Und zeigt keine Erm\u00fcdungserscheinungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch ein bisschen weiter als ich heute Morgen, auf eine Aussichtsplattform. Hier oben befindet sich die <em>Quinta das Cruzes<\/em>, der letzte Wohnsitz von Zarco. Heute ist hier ein Museum untergebracht, und das hat ge\u00f6ffnet. Da habe ich dieser Tage im Internet was anderes gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Aussichtsplattform sieht man einige der \u00e4lteren H\u00e4user von Funchal, die einen Turm haben, mit Fenstern auf unterschiedlicher H\u00f6he. Das waren die Wohnh\u00e4user der H\u00e4ndler. Die konnten von hier aus \u00fcber die Stadtmauer hinweg auf das Meer blicken und sehen, ob ihre Schiffe ankamen. Das kommt mir bekannt vor, irgendwo in Spanien habe ich das schon mal geh\u00f6rt, vielleicht in Jerez.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, als es wieder Richtung Innenstadt zur\u00fcckgeht, stehen wir pl\u00f6tzlich in einem abgeschirmten Innenhof vor einem neoklassischen Geb\u00e4ude: <em>The<\/em> <em>English Church<\/em>. Die F\u00fchrerin sagt zu Recht: sieht nicht wie eine Kirche aus.&nbsp; Jedenfalls nicht wie eine Kirche, wie ein portugiesischer Katholik sie sich vorstellt. Sieht eher wie ein antiker Tempel aus oder vielleicht noch wie ein Rathaus. Das ist mit Bedacht gemacht. Die Briten wollten keinesfalls, dass ihre Kirche, f\u00fcr deren Bau sie am Ende eine Genehmigung erhielten, in irgendeiner Weise wie eine Konkurrenz zu den hiesigen Kirchen aussah.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang spricht die F\u00fchrerin von den traditionell guten Beziehungen zwischen Portugal und England. Davon hatte schon der Mann aus Nottingham unterwegs zu mir gesprochen, das \u201e\u00e4lteste bilaterale B\u00fcndnis der Welt\u201c. Stellvertretend daf\u00fcr steht Philippa of Lancaster, die Tochter von John of Gaunt, Frau von Jo\u00e3o I. und Mutter von Heinrich dem Seefahrer. Ihre B\u00fcste hat man hier aufgestellt. F\u00fcr mich bringt das die Erinnerung an Batalha zur\u00fcck, wo sie begraben liegt, genauso wie ihr Mann und ihre S\u00f6hne. Batalha ist die wunderbare Kirche, die in Erinnerung an die Schlacht der Portugiesen und Engl\u00e4nder gegen die Spanier errichtet wurde, die ganz in der N\u00e4he stattfand.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu unserem Schlusspunkt, am Rande einer Stra\u00dfe der Innenstadt. Hier erfahren wir noch, dass der normale Stra\u00dfenbelag in Funchal aus Basalt ist. Die Basaltsteine kamen vom Festland, als Lasten in den leer zur\u00fcckkehrenden Schiffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man merkt beim Abschied, dass alle sehr zufrieden sind mit der F\u00fchrung, und es wird gro\u00dfz\u00fcgiges Trinkgeld gegeben. Die F\u00fchrung ist n\u00e4mlich eigentlich kostenlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich begn\u00fcge mich am Abend mit einem Hamburger im <em>Rei da Poncha<\/em>, der au\u00dferordentlich gut schmeckt, ganz anders als die Hamburger in den Fastfood-L\u00e4den. Als ich gehe, lasse ich meinen Rucksack unter einem der Schemel stehen, aber der Kellner reagiert schnell und tr\u00e4gt ihn mir hinterher. Gl\u00fcck gehabt!<\/p>\n\n\n\n<p>22. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich mir einen ziemlich l\u00e4stigen Schnupfen eingefangen. Die Klimaanlage im Hotelzimmer stellt sich immer wieder von selbst an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach Papiertaschent\u00fcchern lande ich in einem mehrst\u00f6ckigen Ramschgesch\u00e4ft, in dem sich die Kunden nur so dr\u00e4ngen und lange Schlangen vor den Kassen bilden. Es dauert eine Zeit, bis ich die Taschent\u00fccher im Untergeschoss finde. Die Verk\u00e4uferinnen antworten freundlich auf meine Fragen, einige auf Englisch, einige auf Portugiesisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu einem Geldautomaten. Dort wird mir die Auszahlung ohne Nennung von Gr\u00fcnden verweigert. Mir wird etwas mulmig und ich \u00fcberschlage, wie ich die restlichen Tage mit dem restlichen Bargeld \u00fcberstehen kann. Dann gibt es aber ein Aufatmen, als ich an dem n\u00e4chsten Automaten mein Geld bekomme. Allerdings dauert es unendlich lang, und als die Operation schon abgeschlossen ist, beginnt der Automat lange zu rattern, gibt aber das Geld nicht raus. Am Ende kommt es dann doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Blandy\u2019s<\/em>, der Weinkellerei, die die Stadtf\u00fchrerin gestern empfohlen hat, ist im Moment alles ausgebucht, aber sp\u00e4ter am Tag sind noch Pl\u00e4tze frei. In der Zwischenzeit kaufe ich Postkarten. Praktischerweise gibt es in dem Souvenirladen auch gleich Briefmarken, wie fast immer in Portugal. Die Frau an der Kasse spricht Portugiesisch mit mir, ohne zu z\u00f6gern. Vielleicht h\u00f6re ich mich nach der \u00dcbung der letzten Tage jetzt einfach selbstbewusster an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann spaziere ich durch den Regen, auf der Suche nach einem Fris\u00f6rsalon, an dem ich vorher vorbeigekommen bin, in einer schmalen Stra\u00dfe gelegen. Einen Haarschnitt kann ich gut vertragen. In den letzten Tagen habe ich mich schon umgesehen, aber die Salons waren mir alle zu modern, zu sehr auf Beauty ausgerichtet. Als ich schon fast aufgeben will, sehe ich den Salon: <em>Barbearia Turista \u2013 Men\u2019s Hairdresser. <\/em>Es ist ein kleiner, altmodischer Laden, nicht sonderlich einladend, aber ohne Schnickschnack, und mit schweren St\u00fchlen auf Eisengestellen, wie es sie in meiner Kindheit gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme sofort dran. Bedient werde ich von einer Frau mittleren Alters, und die macht ihre Sache ganz ausgezeichnet, mit Schere und Rasiermesser und einem kleinen, sehr effektiven Ger\u00e4t, das andere l\u00e4stige Haare perfekt beseitigt. Wir unterhalten uns auch ein ganz klein bisschen. Von einer ihrer Fragen f\u00fchle ich mich auf den ersten Blick \u00fcbert\u00f6lpelt. Ob mir die H\u00fcften gefielen, will sie wissen. Nach einem Moment der Verwirrung schalte ich dann um: Sie hat nach den <em>cadeiras<\/em> gefragt, und das sind die St\u00fchle, und nicht, wie die spanischen <em>caderas<\/em>, die H\u00fcften.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend werden die Haare auch noch gewaschen, und die ganze Operation kostet gerade einmal 13 \u20ac. Ein gutes Gesch\u00e4ft!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der F\u00fchrung bei <em>Blandy\u2019s <\/em>ist noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee, in einem unscheinbaren Caf\u00e9 in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Dabei f\u00e4llt mein Blick auf die Tafel, auf der das heutige Tagesgericht angek\u00fcndigt wird. Das merke ich mir f\u00fcr sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke f\u00e4llt mir eine auf dem B\u00fcrgersteig stehende Statue auf, so lebensnah, dass man sie f\u00fcr echt halten k\u00f6nnte. Sie zeigt einen Mann mit Anzug und Fliege und adrett gestutztem Bart, ein Buch in der Hand. Leider ist nicht zu erfahren, was er hier zu suchen hat. Als ich ein Photo mache, f\u00e4llt mir ein ovales Schild im ersten Stock auf: <em>Eesti Vabariigi<\/em> <em>Aukonsul<\/em> \u2013 das Konsulat von Estland.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu <em>Blandy\u2019s<\/em>. In der Gruppe sind au\u00dfer mir nur Amerikaner. Die junge Frau, die uns f\u00fchrt, spricht gut Englisch, ist aber nicht immer gut zu verstehen. Die F\u00fchrung ist kurz, aber informativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie beginnt auf einer Empore vor dem Eingang zu dem Geb\u00e4ude. Hier sind die Werkzeuge der Fassbinder ausgestellt, der <em>tanoeiros<\/em>. Ich bin dieser Tage \u00fcber die <em>R\u00faa dos Tanoeiros<\/em> gekommen und habe gedacht, das w\u00e4ren die F\u00e4rber. Die hei\u00dfen <em>tintoreiros<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude war urspr\u00fcnglich Kloster, dann Krankenhaus, dann Gef\u00e4ngnis, was man noch an den Gitterst\u00e4ben der Fenster sehen kann. Es wurde dann von Blandy\u2019s gekauft, vor 150 Jahren, und dient seitdem der Weinproduktion. Heute wird nur noch ein kleiner Teil hier produziert, die wichtigste Produktionsst\u00e4tte liegt au\u00dferhalb, in einem industriellen Vorort Funchals.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren, dass der Wein im Fass reifen kann, solange er will. Er wird immer besser. Einmal abgef\u00fcllt, ver\u00e4ndert er sich nicht mehr. Man kann die unge\u00f6ffnete Flasche jahrelang aufbewahren, ohne Qualit\u00e4tsverlust. Die F\u00fchrerin sagt, man solle die Flasche aufrecht stehend aufbewahren. Ungew\u00f6hnlich, so ungew\u00f6hnlich, dass eine der Amerikanerinnen nachfragt. Die Flaschen werden, auch das ergibt sich auf Nachfrage, mit einem Korken verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wird, wie bei der Stadtf\u00fchrung, die Geschichte der Erw\u00e4hnung des Madeira-Weins bei Shakespeare erz\u00e4hlt. So ganz stimmt das aber nicht. Shakespeare erw\u00e4hnt <em>Madeira<\/em> mit keinem Wort. Er spricht von <em>malmsey<\/em>, der bekanntesten Traube des Madeira-Weins, der Malvasia-Traube. Der Wein, den er damit meinte, kam aber wahrscheinlich nicht aus Madeira, sondern aus Zypern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in einen verdunkelten Ausstellungsraum. Hier werden zuerst die Trauben vorgestellt, die f\u00fcr den Wein benutzt werden, sieben verschiedene, darunter eine unverw\u00fcstliche, die es in rauen Mengen gibt, <em>Tinta Negra<\/em>, und aus der mehr als 80% der Produktion stammt. Daneben zwei sehr empfindliche, die nur in kleinen Mengen geerntet werden, <em>Terrantez<\/em> und <em>Bastardo<\/em>, eine, <em>Listr\u00e3o<\/em>, die aus der Nachbarinsel, Porto Santo, importiert wird. Aus der Malvasia-Traube wird der typische Dessertwein hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Karte von Madeira sehen wir, dass es um die ganze Insel herum Weinberge gibt, alle in K\u00fcstenn\u00e4he. <em>Blandy\u2019s<\/em> hat nur in Funchal und in einem weiteren Ort Weinberge, und nicht allzu gro\u00dfe, der Rest wird aufgekauft, bei \u00fcber 400 Winzern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Herstellung wird dem Wein nach ganz kurzer Zeit der G\u00e4rung Alkohol zugesetzt, um die G\u00e4rung zu stoppen. Das kommt mir bekannt vor, entweder beim Sherry oder beim Portwein ist es genauso. Der Unterschied zwischen Madeira und Portwein interessiert auch die anderen Besucher. Ganz verstehe ich die Erkl\u00e4rung nicht, aber das Wichtigste ist wohl, dass der Madeirawein nicht gek\u00fchlt wird, sondern gerade durch die W\u00e4rme reift.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Methoden, eine nat\u00fcrliche und eine k\u00fcnstliche. Die k\u00fcnstliche Methode beschleunigt den Prozess und kommt wohl eher bei weniger edlen Weinen zum Einsatz. Der Wein ist dann nach ca. 3-4 Jahren fertig. Bei den anderen gibt es Qualit\u00e4tskontrollen, und je nach Zustand kann der Wein noch Jahre weiter reifen. Die \u00e4ltesten der noch nicht abgef\u00fcllten Weine hier sind von 1950!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Blends kommen unterschiedliche Traubensorten in unterschiedlichen Mischungsverh\u00e4ltnissen zum Einsatz. Auf dem Etikett werden sie nicht genannt. Bei den reinen Weinen wird die Traube auf dem Etikett genannt und das Alter. Allerdings ist es bei der Altersangabe so, dass nur das mittlere Alter angegeben wird. Alle Weine sind Mischungen aus verschiedenen Jahrg\u00e4ngen. Auch das kenne ich, und zwar von dem kubanischen Rum!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es rauf in einen l\u00e4nglichen Raum mit riesigen F\u00e4ssern zu beiden Seiten. Ihr Fassungsverm\u00f6gen ist 9.000 Liter! Auf einer Skala au\u00dfen am Fass sieht man, wie voll ein Fass ist. Nicht ganz bis zum Rand, denn ein Teil, etwa 10%, geht durch Verdunstung im Laufe der Zeit verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00e4sser sind aus amerikanischer Eiche und werden immer wieder neu verwendet. Dadurch m\u00fcssen gar nicht so viele neue F\u00e4sser produziert werden. Heute besch\u00e4ftigt <em>Blandy\u2019s<\/em> nur sechs oder sieben K\u00fcfer. Das Holz wird aus Amerika importiert, aber die F\u00e4sser werden hier vor Ort gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es runter zur Verkostung. Es gibt einen helleren Wein, den man als Aperitif trinkt, <em>Rainwater<\/em> (aus <em>Tinta Negra<\/em>), und einen dunkleren, den man als Dessertwein trinkt, <em>Reserva<\/em> (aus <em>Malvasia<\/em>). Mir schmeckt der erst besser, allen anderen der zweite. Ein Mann sagt, das w\u00e4re alles nichts f\u00fcr ihn, er bleibe lieber beim Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der amerikanischen Ehepaare ist per Schiff unterwegs, auf Kreuzfahrt. Die anderen fragen, wie lange sie denn f\u00fcr Funchal h\u00e4tten. Nur einen Tag, um 15 Uhr m\u00fcssten sie wieder auf dem Schiff sein. Einer der anderen will wissen, wo es denn als n\u00e4chstes hingehe. Sie antworten nicht prompt, \u00fcberlegen \u2013 und dann stellt sich heraus, dass sie es nicht wissen!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu dem Caf\u00e9 zur\u00fcck, <em>O Americano<\/em>, und da bekomme ich das bisher beste Essen der Reise. Als Vorspeise \u00fcberbackene Pilze, und dann Schweinebacke, vom <em>porco preto<\/em>, \u201aschwarzen Schwein\u2018, mit S\u00fc\u00dfkartoffeln. Das Fleisch, mit Beeren und Kr\u00e4utern gespickt, im Backofen zubereitet, ist butterzart, jeder Biss ein Leckerbissen. Der freundliche Kellner hilft mir, das portugiesische Wort f\u00fcr Schweinbacke, das inzwischen von der Tafel verschwunden ist, zu notieren. Er buchstabiert es mir geduldig in mein Notizbuch: <em>bochecha<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>23. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe Richtung Uferpromenade zur <em>Casa da Luz<\/em>, dem Elektrizit\u00e4tsmuseum. Unterwegs, an der Uferpromenade, f\u00e4llt mir an einem Kiosk die unorthodoxe portugiesische Schreibweise von <em>Kiosk<\/em> auf: <em>Quiosque<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Elektrizit\u00e4tsmuseum liegt an der <em>Pra\u00e7a da Autonomia<\/em>. Dort steht, aufs Meer gerichtet, eine Statue, die man versteht, wenn man sie in Bezug zu dem Platz setzt. Am Ende einer langen S\u00e4ule bricht eine Figur \u2013 auf den zweiten Blick als Frau zu erkennen \u2013 aus der S\u00e4ule hervor, ihr Unterk\u00f6rper ist noch mit der S\u00e4ule verwachsen, aber das rechte Bein hat sie schon aus der S\u00e4ule herausgezogen. Den linken Arm reckt sie k\u00e4mpferisch empor, als Zeichen des Sieges. Sie repr\u00e4sentiert also wohl die Unabh\u00e4ngigkeit. Welche Unabh\u00e4ngigkeit gemeint ist, wei\u00df ich aber nicht. Die Portugals von Spanien?<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen h\u00e4ngen Plakate der CDU, mit politischen Parolen und mit Hammer und Sichel unter den Symbolen. Erinnert mich an Coimbra. Da hat mich der Name CDU, in Portugal ein B\u00fcndnis linker Parteien, immer verwirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, an der <em>Pra\u00e7a da Autonomia<\/em>, m\u00fcndet einer der drei Fl\u00fcsse, der RibeiraSanta Luzia. Das muss wohl der sein, der in der N\u00e4he des Hotels, die <em>5 de<\/em> <em>Outubro<\/em>, entlangflie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Casa da Luz<\/em> ist der Empfang \u00e4u\u00dferst freundlich. Man bekommt eine gute kurze Erkl\u00e4rung zum Aufbau des Museums. Man fragt nach dem Corona-Nachweis und akzeptiert ihn sofort.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten steht man auf einer \u201eStra\u00dfe\u201c mit Stra\u00dfenlaternen zu beiden Seiten, aus verschiedenen Epochen stammend, einige h\u00e4ngend, andere stehend. Einige sehen wie echte Kunstwerke aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass die ersten 3 Stra\u00dfenlaternen 1846 aufgestellt wurden, auf Initiative eines Stadtrats, an zentralen Stellen. Ein Jahr sp\u00e4ter waren es dann schon 13.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1870 wurden die Laternen mit Fisch\u00f6l, Oliven\u00f6l und Harz\u00f6l betrieben, dann erst kam Petroleum, und 1897 Elektrizit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf alten Photos sieht man, wie dann sp\u00e4ter ganze Stra\u00dfenz\u00fcge aufgerissen wurden. Ein Teil von Funchal hatte Wechselstrom, ein Teil Gleichstrom, und um das \u201egleichzuschalten\u201c, mussten die Stromleitungen ausgetauscht werden. Erinnert daran, wie heute gebuddelt wird, um Glasfaser zu verlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>1939 wurde eine Kommission eingesetzt, die die M\u00f6glichkeiten zur Nutzung von Wasserkraft auf Madeira erkunden sollte. Ein Exemplar ihres Berichts, ein dickes, im w\u00f6rtlichen Sinne gebundenes Buch, ist hier ausgestellt. Seither ist die Wasserkraft die treibende Kraft bei der Stromerzeugung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen Raum voller Vitrinen mit Handwerkszeug, Messger\u00e4ten und Maschinenteilen an den Seiten. Sieht alles sehr solide aus, qualit\u00e4tsvoll. Der Unterschied zu heute ist wohl die Gr\u00f6\u00dfe. Im Zentrum stehen riesige Maschinen, alle in England hergestellt, die wohl der Generierung von Wechselstrom dienten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Kontrollraum, mit grauen Stahlw\u00e4nden zu drei Seiten, mit Hebeln, Kurbeln und Anzeigen. Er war von 1957 bis 1992 im Einsatz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die obere Etage wird das Thema der Ausstellung dort angek\u00fcndigt: <em>Energia: a import\u00e2n\u00e7ia de a ter. <\/em>Kann man mit Spanischkenntnissen gut verstehen (und vermutlich auch ohne), aber die Stellung des Personalpronomens ist die Crux \u2013 wie immer im Portugiesischen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Schautafel werden Epochen der Menschheitsgeschichte und die damit verbundenen Quellen f\u00fcr Energie dargestellt: Feuer \u2013 Wind \u2013 Kohle \u2013 Petroleum \u2013 Dampf \u2013 Elektrizit\u00e4t \u2013 Kernenergie \u2013 Biomasse. Der gr\u00f6\u00dfte zeitliche Abstand besteht zwischen Dampf und Elektrizit\u00e4t. Die anderen Energiequellen waren schon in der Antike bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben gibt es ein paar Ger\u00e4te zum Ausprobieren, darunter ein Fahrrad, mit dem man Licht erzeugen kann. Ich schaffe acht Lampen, aber nach einer Minute ist Schicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Tafel werden die Verdienste unterschiedlicher Wissenschaftler bei der Erforschung der Elektrizit\u00e4t aufgelistet. Man ist erstaunt, wie viele der Namen man kennt, und sei es nur als W\u00f6rter, die physikalische Gr\u00f6\u00dfen benennen oder aus anderen Zusammenh\u00e4ngen bekannt sind: Oersted, Ohm, Ampere, Faraday, Morse, Pacinotti, Gramme, Bell, Edison, Hertz, Marconi, Franklin, Watt, Volta. Morse sieht man auf einem Photo, wie er die erste Nachricht \u00fcber eine l\u00e4ngere Strecke verschickt, von Baltimore nach Washington. Die Nachricht war: \u201eWhat hath God wrought?\u201c, ein Zitat aus <em>Numeri<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundlage f\u00fcr die Elektrizit\u00e4t wurde aber in der Antike gelegt, in Griechenland. Tales von Milet fand heraus, dass leichte Objekte wie eine Feder von Bernstein angezogen werden. Nach kurzer Zeit l\u00e4sst die Anziehung wieder nach und die Feder f\u00e4llt ab. Die Bedeutung dieser Entdeckung steckt heute noch in unserem Wort <em>Elektrizit\u00e4t<\/em>. Es ist von \u1f24\u03bb\u03b5\u03ba\u03c4\u03c1\u03bf\u03bd abgeleitet, dem griechischen Wort f\u00fcr \u201aBernstein\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich mir das alles ansehe, werden im Hintergrund dezent Weihnachtslieder abgespielt, darunter \u201eOh Tannenbaum\u201c, von einem portugiesischen Chor gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Seilbahnstation. Hier sind alle gleich unfreundlich, Kartenverk\u00e4ufer wie Einweiser. Es gibt kein Gedr\u00e4nge, ich bekomme eine Gondel f\u00fcr mich alleine. Die Seilbahn ist hochmodern, von einer \u00f6sterreichischen Firma gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst sieht man die roten D\u00e4cher der H\u00e4user in Ufern\u00e4he unter sich, dann die sich kreuzenden und in Serpentinen hochwindenden grauen Stra\u00dfen, dann eine Autowerkstatt mit Lagerhalle, dann gr\u00fcne Terrassen vor den dunklen Basaltfelsen \u2013 was hier angebaut wird, erkennt man nicht, sp\u00e4ter sieht man irgendwo Palmen \u2013 dann kommt ein St\u00fcck Zedernwald mit einem verlassenen Haus. Es wird immer diesiger, und unten liegt die Stadt am Meer in der Sonne. Oben sieht man von unten gar nichts mehr, alles liegt im Dunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen, merkt man vor allem eins: Es ist k\u00e4lter. Der H\u00f6henunterschied betr\u00e4gt 600 Meter. Der macht sich bemerkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben steht eine Wallfahrtskirche \u2013 in der der letzte Habsburger Kaiser begraben ist \u2013 und in der N\u00e4he ist ein gro\u00dfer Park, \u00fcber dessen Mauern die Wipfel exotischer B\u00e4ume hervorgucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas versetzt von der Stra\u00dfe, von einem hohen Gitter abgetrennt, ein pr\u00e4chtiges Haus mit einer romantisierenden Fassade. K\u00f6nnte ein Hotel sein. War aber der Wohnsitz eines britischen Konsuls, sp\u00e4ter Sitz einer Jesuitenschule. Heute leerstehend, verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Korbschlittenfahrer. Dutzende von uniformierten M\u00e4nnern \u2013 wei\u00dfe Hosen, blaue Jacken, Strohhut \u2013 stehen herum und warten auf Kundschaft. Einige stehen bei den Schlitten, die in langen Reihen hier hochkant geparkt werden, aber viele stehen auch vor einem Caf\u00e9 und bei\u00dfen in ein Sandwich oder trinken einen Kaffee. Die Nachfrage ist zu anderen Zeit hier wohl gr\u00f6\u00dfer. Dann kommt aber doch ein Ehepaar mit Kindern, die sich fr\u00f6hlich jauchzend in einen Korbschlitten setzen, und ab geht die Fahrt! Zwei Korbschlittenfahrer, mit St\u00f6cken bewaffnet, kontrollieren die Fahrt. Sie k\u00f6nnen neben dem Schlitten herlaufen oder auf ein kleines Trittbrett hinten steigen. Die Korbschlitten sind heute eine reine Touristenattraktion, waren aber fr\u00fcher, wie ich ja schon im <em>Madeira History Centre<\/em> gesehen habe, ein normales Verkehrsmittel. Zum Beweis daf\u00fcr sind hier an verschiedenen W\u00e4nden alte Schwarz-Wei\u00df-Photos aus der Zeit ausgestellt.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es zu Fu\u00df runter, ein beschwerlicher Abstieg. Die Stra\u00dfe ist so absch\u00fcssig, dass man nur ganz kleine Schritte machen kann, und bei jedem Schritt macht sich das Knie bemerkbar. Als die erste Bushaltestelle in Sicht kommt, muss ich mich zur Erholung einen Moment auf die Bank setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe hei\u00dft <em>R\u00faa do Comboio<\/em>, nach dem \u201eZug\u201c benannt, der hier einst verkehrte, einer Zahnradbahn. An deren Stelle trat dann sp\u00e4ter die Seilbahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nicht viel zu sehen entlang der Stra\u00dfe, au\u00dfer einer Frau, die sich \u00fcber die Br\u00fcstung ihres Balkons lehnt, Zigarette in der Hand. Dann kommt eine wunderbare Blumenpracht, eine exotische Pflanze mit hellroten Bl\u00fcten, die sich an der Mauer entlangwindet. Und dann kommt noch eine merkw\u00fcrdige Sportanlage in Sicht. Wenn es denn eine ist. Ein von einer h\u00fcfthohen Mauer umgrenztes Rechteck, durch eine weitere Mauer in zwei Quadrate aufgeteilt, mit absch\u00fcssigem Boden. Was spielt man auf so einem Platz? Pelota? Squash? Aber f\u00fcr beide scheinen mir die Mauern nicht hoch genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter man nach unten kommt, umso w\u00e4rmer wird es. Als ich endlich die Innenstadt erreiche, schlottern mir die Knie. Auf unsicheren Beinen und mit schmerzenden H\u00fcften erreiche ich die <em>5 Outubro<\/em>, gl\u00fccklicherweise genau auf der H\u00f6he des Hotels. Vorher mache ich aber noch eine Kaffeepause in dem Caf\u00e9 an der Ecke, das genau so hei\u00dft: <em>O Caf\u00e9 da Esquina<\/em>. Es gibt Kaffee und ein <em>Pastel de Nata<\/em>, das erste dieser Reise. Das Caf\u00e9 ist gleichzeitig ein Tante-Emma-Laden, und ich kann mich noch mit Wasser und Keksen ausstatten. W\u00e4hrend ich den Kaffee trinke, kommt ein Mann in den Laden und verpackt ein paar Dinge, die der Besitzer f\u00fcr ihn zur\u00fcckgelegt hat. Von ihrem Gespr\u00e4ch verstehe ich nichts, keine Silbe. Sie h\u00e4tten genauso gut Mongolisch sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich zum Hotel zur\u00fcckgehe, merke ich noch auf der anderen Seite ein Lokal: <em>Restaurante Velha Cabra<\/em>. Durch die offene T\u00fcr sieht man, dass es rappelvoll ist. Lauter Portugiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Pause im Hotel gehe ich nochmals in die Buchhandlung, die <em>Livaria Esperan\u00e7a<\/em>. Ich frage die freundliche Verk\u00e4uferin nach einer Biographie von Mariza, der Fado-S\u00e4ngerin. Ich habe das Buch dieser Tage hier gesehen, wei\u00df aber nicht mehr genau, wo. Sie f\u00fchrt mich in eine Abteilung und fragt, ob es hier gewesen sei. Nein, sage ich, es war n\u00e4her am Eingang. Sie sucht im PC und kann nichts finden. Ich bekr\u00e4ftige noch mal, dass ich das Buch hier gesehen habe. Sie sieht mich ungl\u00e4ubig an. Daraufhin mache ich mich selbst auf die Suche \u2013 und finde das Buch. Dann frage ich noch nach Saramago, <em>Ensaio sobre a cegueira<\/em>. Ich habe die deutsche Fassung, die, abweichend vom Original, <em>Stadt der Blinden<\/em> hei\u00dft. Sie schaut im PC nach. Haben wir nicht. Ob sie es bestellen k\u00f6nne. Uh, Senhor, sagt sie, wir sind eine Insel. Ich warte noch auf Lieferungen aus Bestellungen von August. Am Ende frage ich noch nach einem Tipp, eine einfache Lekt\u00fcre, ein nicht so anspruchsvolles Buch, etwas f\u00fcr einen Ausl\u00e4nder. Ein \u00e4lterer Mann nimmt mich mit in eine der Abteilungen und zeigt mir 5-6 B\u00fccher, alle von demselben Autor: J\u00falio Dinis. Welches er denn empfehlen k\u00f6nne. Ganz egal, alle seien gleich gut. Ich nehme eins zur Hand und lese die erste Seite. Einfach ist anders, die erste Seite enth\u00e4lt eine wortreiche, detaillierte Landschaftsbeschreibung. Wie so oft sieht man, dass Muttersprachler keine guten Gew\u00e4hrsleute sind, wenn es darum geht, ob etwas schwer oder leicht ist in ihrer Sprache. Ich nehme das Buch trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich Richtung Innenstadt und treffe pl\u00f6tzlich auf Lisa, die Stadtf\u00fchrerin von gestern. Sie erkennt mich sofort. Sie kommt gerade wieder von einer Stadtf\u00fchrung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch ein bisschen durch die Stadt und mache, wie alle Touristen, Bilder von der Weihnachtsbeleuchtung. Die schiere Menge und die Vielfalt sind schon bemerkenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die B\u00fccher teuer waren, gibt es zum Abendessen heute wieder nur einen Hamburger. Dass das Wetter besser wird, merkt man daran, dass vor dem <em>Rei da<\/em> <em>Poncha<\/em> jetzt mehr Tische stehen, auch \u201edrau\u00dfen\u201c, also vor der Marquise. Als der erste Kellner kommt und ich mein bekanntes Spr\u00fcchlein aufsage, ich k\u00f6nne kein Englisch und er m\u00f6ge doch bitte Portugiesisch sprechen, h\u00f6re ich Lachen vom Nebentisch. Ein Ehepaar hat den Dialog mit angeh\u00f6rt. Ja, richtig, ich solle ruhig darauf bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach der Rechnung frage, wiederholt sich dasselbe Spiel mit einem anderen Kellner. Er schaltet sofort auf Portugiesisch um. Er kann nicht sonderlich gut Englisch, sagt er, und sei froh, Portugiesisch sprechen zu k\u00f6nnen. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und irgendwann fragt er mich, ob ich auch Spanisch spreche. Es stellt sich heraus, dass er aus Venezuela ist. Und wie ist er dann in Portugal gelandet? Mutter ist Portugiesin.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Stra\u00dfen h\u00f6rt man jetzt \u00fcberall <em>Bom Natal!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>24. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Hiobsbotschaften von der Corona-Front. Die Zahlen in Portugal und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern steigen dramatisch, und Portugal ist zum Hochrisikogebiet erkl\u00e4rt worden. Vor der Hotelzimmert\u00fcr finde ich ein mehrseitiges Schreiben mit Informationen zur aktuellen Lage und zur R\u00fcckreise. Bisher ver\u00e4ndert sich f\u00fcr mich noch nicht so viel, au\u00dfer, dass ich vor der R\u00fcckreise ein Formular ausf\u00fcllen und einreichen muss. In Deutschland sinken die Zahlen \u2013 noch. Aber man stellt sich \u00fcberall auf die Omikron-Welle ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte mir f\u00fcr heute das Museum f\u00fcr sakrale Kunst vorgenommen. Schien irgendwie zu passen. Aber der Bischof torpediert meine Pl\u00e4ne. Er h\u00e4lt die Tore des Museums geschlossen. Entgegen der \u00d6ffnungszeiten am Eingang. F\u00fcr ihn f\u00e4llt heute wohl unter \u201eFeiertag\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he ist einer der Obstst\u00e4nde, an denen ich schon so oft vorbeigekommen bin. Bei der Stadtf\u00fchrung wurde uns empfohlen, hier an den St\u00e4nden und nicht in der Markthalle zu kaufen. Da habe man die Preise inzwischen an das touristische Niveau angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe lauter exotische Fr\u00fcchte, wobei f\u00fcr mich exotisch alles ist, was \u00fcber \u00c4pfel und Birnen hinausgeht: 1 Apfelsine (<em>laranja<\/em>), 1 Papaya (<em>mam\u00e3o<\/em>), 1 Drachenfrucht (<em>pitahaya<\/em>), 1 Avocado (<em>abacate<\/em>), 1 Tamarillo, auch Baumtomate genannt (<em>tamarilho<\/em>), 1 Cherimoya, auch Zimtapfel genannt (<em>anona<\/em>), 1 Mango (<em>mango<\/em>), 1 Passionsfrucht (<em>maracuja<\/em>), 1 Kaki (<em>diospiro<\/em>) und eine, die einfach <em>fruta delicios regional <\/em>hei\u00dft. Sie ist teuer, aber die teuerste ist die Drachenfrucht, und ich staune nicht schlecht, als ich am Ende zwanzig Euro hinbl\u00e4ttern muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es darum, sie auseinanderzuhalten und zu probieren. Als erstes ist die Kaki dran, denn die ist \u00fcberreif. Sie ist nicht khakifarben, sondern r\u00f6tlich und sieht aus wie eine \u00fcbergro\u00dfe Tomate. Ihre Schale ist etwas hart, wie die einer unreifen Birne, aber das Fruchtfleisch ist s\u00fc\u00df und saftig, ein echter Genuss. Im Portugiesischen gibt es zwei Varianten: <em>diospiro<\/em> und <em>di\u00f3spiro<\/em>.&nbsp; Der Name bedeutet nicht, wie ich dachte, \u201aSeufzer Gottes\u2018, sondern \u201aSpeise Gottes\u2018, wobei mit <em>Gott<\/em> wohl Zeus gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil der Bischof mich nicht will, gehe ich zu Francisco Franco. Dessen Museum ist nicht weit, aber auf der anderen Seite der <em>R\u00faa 5 Outobro<\/em>, in einem Viertel, wo ich bisher noch nicht war. Bevor man das Museum erreicht, kommt man schon an der <em>Escola Secund\u00e1ria Francisco Franco<\/em> vorbei, untergebracht in einem riesigen, vielst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude, das etwas von den alten Pal\u00e4sten hat, aber wohl keiner ist. Es ist eine Privatschule. Am Eingangstor h\u00e4ngen Banner mit Aufschriften, auf denen f\u00fcr Lehrer und deren angemessene Bezahlung geworben wird. In dieser Schule, hei\u00dft es, seien Lehrer mit einem Arbeitsvertrag angestellt, so wie es sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf kommt das Museum in Sicht, aber es ist ebenso verschlossen wie das Museum f\u00fcr sakrale Kunst. Also nehme ich mit einem Kaffee in einem winzigen Caf\u00e9 vorlieb, in dem ich der einzige Gast bin. Die Kellnerin, eine ganz junge Frau, steht gelangweilt hinter der Theke und sieht einen Zeichentrickfilm im Fernsehen. Die Preise hier sind sehr moderat, und ich gehe die Speisekarte durch, um mich an W\u00f6rter zu erinnern, die ich l\u00e4ngst vergessen habe. Als es ans Bezahlen geht, werde ich auch an etwas von fr\u00fcher erinnert: Man gibt das Geld nicht der Kellnerin, sondern wirft die M\u00fcnzen in eine Maschine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich spaziere wieder in aller Ruhe in die andere Richtung und gehe noch mal in die Kathedrale. An einem Seitenaltar f\u00e4llt mir ein S\u00e3o Miguel auf, mit einem langen Kreuz in einer und einer Waage mit zwei Waagschalen in der anderen Hand. Beide werfen Schatten an die Wand dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild von Johannes Paul II., der nat\u00fcrlich auch schon hier war, steht auf dem Seitenaltar, der der Jungfrau von F\u00e1tima gewidmet ist. Nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Jungfrau, die mit dem merkw\u00fcrdigen Namen, die <em>Virgen del Parto<\/em>, kann ich nirgendwo entdecken. H\u00f6chstens die Figur im Zentrum des Hochaltars k\u00f6nnte sie sein, aber das kann man von hier aus nicht erkennen. Von den biblischen Szenen in hell leuchtenden Farben in den anderen Bahnen des Hochaltars kann man gerade mal eine Verk\u00fcndigung und eine Kreuzabnahme erkennen, aber keine Details.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum ist viel Betrieb, ganz das Gegenteil von dem Viertel, aus dem ich gerade komme. Vor dem <em>Ritz<\/em> f\u00e4llt mir eine Reihe von in den Boden eingelassenen l\u00e4nglichen Steinen auf, die alle Namen und eine Jahreszahl tragen (von 1964 bis 2008), insgesamt sicher um die 30-40, alle im identischen Abstand zueinander. Ich kenne keinen einzigen der Namen und kann mir nicht vorstellen, was sie zu bedeuten haben, es sei denn, es seien illustre G\u00e4ste des Hotels, aber dann w\u00fcrde man doch den einen oder anderen Namen kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Caf\u00e9 auf der Terrasse vor dem Hotel sitzen nur Touristen, und im <em>Golden Gate<\/em> etwas weiter ebenfalls. Das erinnert mich an eine Szene w\u00e4hrend der Stadtf\u00fchrung, als die F\u00fchrerin fragte, ob jemand dort gegessen habe. Sie h\u00f6re immer unterschiedliche Stimmen dazu. Sie selbst sei noch nie dort gewesen, das seien Preise, die sich Portugiesen nicht leisten k\u00f6nnten. Dass sie das mit leicht trauriger Intonation sagt \u2013 das kann man verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck Richtung Hotel und komme dann zur <em>Velha <\/em>Cabra. Auf dem Weg dahin f\u00e4llt mein Blick zuf\u00e4llig in eine Gasse, die von der <em>R\u00faa 5 Outubro<\/em> abgeht und die so schmal ist, dass sie der Gasse irgendwo in England Konkurrenz machen kann, die sich \u201edie engste der Welt\u201c nennt. Diese hier hei\u00dft ausgerechnet <em>Beco da Princesa<\/em>. Man muss wohl seitw\u00e4rts gehen, um ans andere Ende zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch nicht schlecht der Name der Stra\u00dfe, in der die <em>Velha Cabra<\/em> liegt: <em>R\u00faa das Dificuldades<\/em>. Wie wohl so ein Name zustande kommt?<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal ist es \u00fcberhaupt nicht voll in dem Lokal, ganz im Gegenteil, am Anfang bin ich der einzige Gast. Dann f\u00fcllt es sich allm\u00e4hlich, wieder kommen nur Einheimische.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt mit einer portugiesischen Unsitte, aber die ist das einzige Manko. Alles andere ist einfach nur gut. Die Unsitte besteht darin, dass man ungefragt etwas serviert bekommt, als <em>Entrada<\/em>, das aber nicht auf Kosten des Hauses geht, sondern bezahlt werden muss. In diesem Fall sind es Oliven und Brot. Aber das kann man in Kauf nehmen. Ich brauche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die ungew\u00f6hnlichen Namen auf der Speisekarte, aber die Kellnerin macht das gut. Ich w\u00e4hle ein Gericht namens <em>Zeca<\/em> \u2013 ein Gedicht! Es ist ein dickes Steak, noch rosa, ganz zart, sehr pikant, das sich unter einer Scheibe Schinken und einem Spiegelei verbirgt. Die So\u00dfe ist so gut, dass damit sogar die stinknormalen Pommes frites bestens schmecken. Dazu gibt es Rotwein. Und das alles zu passablen Preisen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand h\u00e4ngt ein Bild mit einer leeren Weinflasche, auf der steht: <em>Toda garrafa vazia est\u00e1 cheia de hist\u00f3rias.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An der anderen Wand h\u00e4ngen gedruckte Schilder, bei denen ich erst an Gerichte denke. Aber es sind Sinnspr\u00fcche, in denen immer die <em>velha cabra<\/em>, die alte Ziege vorkommt. Um diese Zitate zu verstehen, muss man mehr von Portugal wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen sieht man, wie in Lissabon die Leute im Regen in der Schlange vor den Teststationen stehen, teils stundenlang, wie es hei\u00dft. Die Wetteraussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage verhei\u00dfen nichts Gutes: Regen und Sturm. Jedenfalls f\u00fcr das Festland.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht \u00fcber hat es heftig geregnet, so heftig, dass ich immer wieder aufgewacht bin. Und noch am fr\u00fchen Morgen sehe ich einzelne Spazierg\u00e4nger mit dem Schirm durch die dunklen Stra\u00dfen gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute probiere ich die Papaya, die ich wild wachsend aus Kuba kenne, wo sie aber nicht <em>papaya<\/em> hei\u00dft, weil das als unschicklich gilt. Schmeckt gut, aber man hat am Ende durch die dicke Schale und die unz\u00e4hligen Samen eine Menge Abfall. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Biographie von Mariza gelesen: Der Fado war, als eins der drei F \u2013 Fado, Fu\u00dfball, Fatima \u2013 in Portugal nach der Nelkenrevolution verp\u00f6nt. Er wurde mit Salazar und dem Estado Novo assoziiert, der geschickt den Fado und vor allem seine exponierteste S\u00e4ngerin, Am\u00e1lia Rodrigues, f\u00fcr seine politischen Inhalte und sein Bild von Portugal instrumentalisiert hatte. Jetzt galt der Fado als ein Teil der Vergangenheit, als aussterbendes Genre. Portugal sollte sich der Zukunft zuwenden und sich dem Fortschritt verschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Radio geh\u00f6rt: Aufgabe des Generalsekret\u00e4rs einer Partei in der \u00d6ffentlichkeit ist es, m\u00f6glichst nichts zu sagen. Beispiel: Generalsekret\u00e4r wird gefragt, was f\u00fcr ein Wochentag heute ist. Antwort: \u201eEs gibt verschiedene Wochentage, sieben verschiedene, jeder ist anders, jeder hat seine Besonderheiten, und wir sollten uns bem\u00fchen, an jedem das Beste f\u00fcr unser Land zu erreichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, bescheint die Sonne, \u00fcber dem Meer stehend, die regennassen Stra\u00dfen. Sieht verhei\u00dfungsvoll aus, aber sobald ich am Stadtrand bin, verzieht sich die Sonne wieder und es f\u00e4ngt an zu nieseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist C\u00e1mara de Lobos. Darauf haben mich die Engl\u00e4nder von der Stadtbesichtigung gebracht. Als ich sie fragte, wie sie denn dahingekommen seien, sagten sie \u201eWe just walked.\u201c Kann man sich ein Beispiel dran nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke bis zu dem Platz mit Heinrich dem Seefahrer ist inzwischen vertraut, aber dann geht es immer weiter stadtausw\u00e4rts. Hier war ich noch nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich ein Plakat mit Werbung f\u00fcr ein ethnographisches Museum, in einem anderen Ort. Auf dem Plakat sieht man die niedrigen H\u00e4user mit dem weit heruntergezogenen Satteldach, die typisch f\u00fcr Madeira sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, wo ich ihn nicht mehr brauche, sto\u00dfe ich auch auf einen Briefkasten. Die Briefk\u00e4sten hier \u00e4hneln den englischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt am Stadtrand beginnt das eigentliche Hotelviertel. Dagegen ist das, was ich dieser Tage am \u00f6stlichen Stadtrand gesehen habe, gar nichts. Hier stehen riesige Baukl\u00f6tze in der Gegend herum, zu beiden Seiten der breiten Stra\u00dfe, und zwischendurch auch immer mal, hinter einem gepflegten Garten, ein Luxushotel. Kein Wunder, dass der Reisef\u00fchrer vermeldet, von insgesamt 35.000 Hotelbetten Madeiras bef\u00e4nden sich zwei Drittel in Funchal.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es Eisdielen und Pizzerien, Pubs und B\u00e4ckereien mit englischen Namen, Reiseb\u00fcros und Autovermietungen \u2013 und Engl\u00e4nder in kurzen Hosen. Wer hier seinen Urlaub verbringt, muss ein merkw\u00fcrdiges St\u00fcck Portugal mit nach Hause nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der H\u00f6he des Pestana, eines edlen Hotels, sehe ich etwas entfernt liegend einen gro\u00dfen modernen Bau, ganz in Wei\u00df, mit Betonrippen auf allen Seiten. Es kommt mir wie ein Velodrom vor, aber falscher konnte ich gar nicht liegen: Es ist das Casino von Funchal, von Niemeyer erbaut, schon in den sechziger Jahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hotels nehmen gar kein Ende mehr, und nach mehr als einer Stunde habe ich immer noch nicht das Ende des Hotelbezirks erreicht. Dann kommt endlich Gr\u00fcn in Sicht. Eine Augenweide. Allerdings ist die Gegend, wie immer in Portugal, ganz sch\u00f6n zersiedelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte St\u00fcck geht es direkt an der K\u00fcste entlang. Es ist sehr windig, das Meer rauscht, die Wellen rollen auf das schwarze Gestein zu, die Gischt spritzt in die H\u00f6he. Und dann zeichnet sich \u00fcber der Bucht pl\u00f6tzlich ein riesengro\u00dfer Regenbogen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt C\u00e1mara de Lobos. Gr\u00f6\u00dfer als ich dachte. Meiner Vorstellung von einem \u201eFischerdorf\u201c entspricht es nicht unbedingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name <em>C\u00e1mara<\/em> <em>de<\/em> <em>Lobos<\/em> bedeutet nicht das, was er zu bedeuten scheint, hat weder was mit <em>W\u00f6lfen<\/em> noch mit einer <em>Kammer<\/em> zu tun, sondern bezieht sich auf <em>Robben<\/em>, die hier in einer <em>H\u00f6hle<\/em> Unterschlupf fanden.<\/p>\n\n\n\n<p>C\u00e1mara de Lobos hat einen gewissen Bekanntheitsgrad erhalten, weil Churchill hier irgendwann seinen Urlaub verbrachte und die Landschaft malte. Bis eine pl\u00f6tzliche Parlamentswahl ihn unerwartet wieder nach England zur\u00fcckrief.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Caf\u00e9s am Hafen haben alle ge\u00f6ffnet. In einem, unter den Sonnenschirmen sitzend, die die Regentropfen abhalten, bekomme ich einen ausgezeichneten Milchkaffee und dazu ein leckeres St\u00fcck Kuchen. Die Kellnerin muss seinen Namen dreimal nennen, bis ich ihn verstehe: <em>Pudim Maracuj\u00e1<\/em>. Geschrieben keine Schwierigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg merke ich, dass ich ein ganzes St\u00fcck l\u00e4nger an der K\u00fcste entlang laufen kann. Aber die Strafe folgt auf dem Fu\u00df: Irgendwann ist der Weg zu Ende, und es beginnt der Aufstieg zur Hauptstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist jetzt allerhand Volks unterwegs, die Engl\u00e4nder sind aus ihren Betten gekrochen. Je n\u00e4her ich Funchal komme, umso w\u00e4rmer wird es. Und umso m\u00fcder werden meine Beine. Am Ende ist es aber geschafft. Nach f\u00fcnf Stunden lande ich wieder im heimatlichen Hafen.<\/p>\n\n\n\n<p>26. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck wird am Nebentisch Ukrainisch gesprochen. In der Innenstadt sieht man gelegentlich russische Reisegruppen. Franz\u00f6sisch h\u00f6rt man nur ganz vereinzelt, und Chinesen, Japaner und Koreaner sieht man gar nicht. Ob es an Covid liegt? Oder haben sie Madeira noch nicht entdeckt?<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit den Stra\u00dfenschildern in Portugal ist ein \u00c4rgernis, schon immer, aber heute bekomme ich es doppelt und dreifach zu sp\u00fcren. Die Stra\u00dfennamen sind, wenn man Gl\u00fcck hat, an den Au\u00dfenmauern der H\u00e4user angebracht, aber meistens hat man kein Gl\u00fcck. Die meisten Schilder existieren einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will zur <em>Quinta de Boa Vista<\/em>, hoch \u00fcber Funchal gelegen, aber gar nicht so weit. Ich unternehme einen Anlauf nach dem anderen. Die Tatsache, dass die Karte des Reisef\u00fchrers nicht mit dem des Touristenb\u00fcros \u00fcbereinstimmen und keine von beiden mit der Wirklichkeit, macht es nicht leichter. Verschiedene Male lande ich an einem Platz, von dem verschiedene Stra\u00dfen abgehen, alle nach oben, aber keine davon ist die, die ich brauche. Mehrmals begegne ich verloren aussehenden Ehepaaren mit einem Stadtplan in der Hand. Sie suchen vermutlich dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann bin ich dann aber doch richtig, aber zuf\u00e4llig. Und ich merke es nicht an dem Stra\u00dfenschild, sondern an dem Namen des Caf\u00e9s, das seinen Namen von der Stra\u00dfe hat: <em>Caf\u00e9 do Conde Carvalhal<\/em>. Es geht immer weiter steil aufw\u00e4rts, und schlie\u00dflich gelangt man zu der Quinta.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Quinta handelt es sich um ein Landgut (in englischem Privatbesitz) mit einem \u00fcberwiegend verwilderten Park. Hier w\u00e4chst alles, so wie es kommt. Man sieht irgendwo auch Gew\u00e4chsh\u00e4user, aber es ist nicht so recht klar, ob da in den letzten Monaten noch mal jemand drin gewesen ist. Und das einzige Haus, das man weit und breit sieht, und das durchaus einen gewissen Charme hat, sieht verlassen aus. Der Zugang zur Orchideenzucht, lange vorher angek\u00fcndigt, ist mit zwei Brettern provisorisch versperrt, und von der Gartenterrasse und dem Caf\u00e9 mit Ausblick, von denen im Reisef\u00fchrer die Rede ist, ist weit und breit nichts zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unverrichteter Dinge trete ich den R\u00fcckweg an und mache Halt f\u00fcr einen Kaffee im <em>Caf\u00e9 do Conde Carvalhal<\/em>. F\u00fcr einen Milchkaffee und ein Glas Wasser berechnet man hier einen Euro. Da wei\u00df man gar nicht, wie viel Trinkgeld man hinterlassen soll. Alles ist irgendwie zu wenig oder zu viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf die Suche nach einem ebenfalls im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokal in der <em>R\u00faa da Praia<\/em>. Ich mache fast ein Dutzend Versuche, immer wieder helfen mir Leute, indem sie ihr Handy z\u00fccken, aber immer wieder f\u00fchrt der Weg in die Leere. Manche versuchen es auch ohne Handy, aber sie haben offensichtlich keine Ahnung, wo die Stra\u00dfe ist, beschreiben den Weg aber ohne jedes Z\u00f6gern. Komisch, dass eine so zentral gelegene Stra\u00dfe so unbekannt ist. Als Orientierungspunkte habe ich die Kathedrale und das Zuckermuseum, aber alle Stra\u00dfen in dieser Gegend haben andere Namen oder gar keinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende, als es schon fast zu sp\u00e4t ist, was zum Essen zu bekommen, lande ich in einer einfachen Bar, in der es einfach etwas gegen den elementarsten Hunger gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kein sehr gelungener Urlaubstag, aber einer, an dem die Wolken das Nachsehen haben und die Sonne endlich mal so richtig zu ihrem Recht kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein feuerroter Himmel \u00fcber dem Meer, vom Fr\u00fchst\u00fccksraum aus zu sehen. Nach ein paar Minuten hat der Himmel sich v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Dicke schwarze Wolken mit ein paar L\u00fccken zu einer Seite, zur anderen wei\u00dfe, blaue und schwarze Streifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum Francisco Franco hat nicht nur ge\u00f6ffnet, der Eintritt ist sogar gratis. Es ist eigentlich ein Museum f\u00fcr das Br\u00fcderpaar Franco, der eine, Henrique, Maler, der andere, Francisco, Bildhauer. Das Museum ist in einem Rundbau untergebracht, mit einer S\u00e4ulenreihe vor dem halbrunden Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder von Henrique Franco (1883-1961) sind drei Gattungen zuzuordnen: Stillleben, Landschaften, Portr\u00e4ts. Alle gefallen mir au\u00dferordentlich gut. In einer Zeittafel sieht man, dass er auch eine Zeitlang \u00fcber Malerei publiziert hat, aber alle Aktivit\u00e4ten enden um 1940. Da hatte er noch zwanzig Jahre zu leben. Auf einem Photo sieht man ihn im Kollegium der Schule, die heute den Namen seines Bruders tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stillleben, vom Jahrhundertbeginn, wirken sehr modern: grobe Pinselstriche, wenige Objekte, keine klaren Konturen, dunkle Farben, kleine Formate. Die Landschaften, meist Aquarelle, sind heller, wenn auch Pastellfarben \u00fcberwiegen, aber immer gibt es irgendwo auch einen roten Farbtupfer. Das Thema ist immer Madeira. Es gibt keine spektakul\u00e4ren Ansichten, kein wildes Meer, keine Schluchten, sondern Alltagsansichten. Die H\u00e4user und die Felder wirken leicht kubistisch. Es geht nicht um die Details, sondern um die Form. Und um die Atmosph\u00e4re. Die wird perfekt eingefangen. Menschen sind gar nicht abgebildet. Die Portr\u00e4ts, Frauen wie M\u00e4nner, zeigen ernste Gesichter, bei den Frauen auch manchmal eine verborgene Traurigkeit. Es gibt auch zwei Selbstportr\u00e4ts. Auf denen sieht er eher wie ein Gelehrter als wie ein K\u00fcnstler aus. Der Gesichtsausdruck ist nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist auf einer Ebene ausgestellt, in vier, f\u00fcnf unterschiedlich zugeschnittenen R\u00e4umen. Die W\u00e4nde sind in dunklem Rot und dunklem Gr\u00fcn gehalten, und die Bilder kommen vor diesem Hintergrund gut zur Wirkung. Im Hintergrund l\u00e4uft ganz leise Klaviermusik von Beethoven. Die st\u00f6rt aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Francisco Franco (1885-1955) sind vor allem B\u00fcsten dargestellt. Er hat auch gro\u00dfe Standbilder geschaffen, aber die haben ihren Platz drau\u00dfen gefunden, auf Pl\u00e4tzen und in Parks. Ein Teil der Ausstellung widmet sich der Zarco-Statue hier in Funchal. Auf Photos sieht man den Fortgang der Arbeiten im Atelier und die Errichtung der Statue. Daneben ist eine Vorarbeit in Gips ausgestellt. Da sieht man mehr Details als drau\u00dfen, zum Beispiel die Haltung der H\u00e4nde. Die eine Hand klammert eine Waffe oder ein Instrument vor der Brust fest, die andere st\u00fctzt sich auf einen Baumstumpf oder \u00c4hnliches. Auch die Details der mehrschichtigen Kleidung kann man erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fcsten sind aus Bronze, dunkel, glatt. Beim n\u00e4heren Hinsehen entdeckt man, wie genau sie gearbeitet sind, wie bei der B\u00fcste eines Universit\u00e4tsprofessors: das wallende Haar, die kleine Mulde am Kinn, die nicht ganz gerade Nase, die Falten auf der Stirn und um die Mundwinkel, der halb ge\u00f6ffnete Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Zeittafel sieht man, dass Francisco Franco, genauso wie sein Bruder, Stipendien bekommen und au\u00dferhalb von Madeira studiert und gearbeitet hat, der eine in Madrid und Paris, der andere in Lissabon und Paris. Francisco Franco war auch auf verschiedenen internationalen Ausstellungen vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Portr\u00e4tierten geh\u00f6rt auch Salazar. Er ist einmal als Gipsstatue vertreten, in vollem Ornat, nicht als Politiker, sondern als Gelehrter. Und mit einer Bronzeb\u00fcste. Bei beiden f\u00e4llt der etwas zusammengekniffene Mund auf. Welches Verh\u00e4ltnis der K\u00fcnstler zu Salazar hatte, kann man hier nicht herausfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist ein Flachrelief in Gips, das die ganze Breite einer Wand einnimmt. Es stellt die zw\u00f6lf Apostel dar, mit Jesus in der Mitte. Man kann alle m\u00f6glichen Insignien erkennen: Schl\u00fcssel, Kreuz, Buch, Schwert,&nbsp; Muschel, S\u00e4ge. Alle haben l\u00e4ngliche Gesichter und einen sehr nachdenklichen Gesichtsausdruck. Das Relief ist eine Vorstudie f\u00fcr das Portal einer Kirche in Lissabon. M\u00fcsste man sich mal vor Ort ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der ganzen Zeit bin ich in dem Museum der einzige Besucher gewesen. Schade, das Museum h\u00e4tte mehr Aufmerksamkeit verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Caf\u00e9 mache ich eine Pause bei einer Tasse Kaffee. Ich frage nach etwas S\u00fc\u00dfem dazu, will wissen, ob die <em>queijada de casa<\/em> zum Kaffee passt und s\u00fc\u00df ist. Die Kellnerin z\u00f6gert, na ja, so s\u00fc\u00df nicht, passt aber zum Kaffee. Es stellt sich dann heraus, dass sie wirklich sehr, sehr s\u00fc\u00df ist. Unsere Begriffe von dem, was <em>s\u00fc\u00df<\/em> ist, scheinen sich zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es noch einmal zu ein paar Besorgungen in den Ramschladen, <em>O Bazar do Povo<\/em>. Die Preise sind hier wirklich sensationell g\u00fcnstig.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Touristeninformation erfahre ich, dass man Busfahrkarten immer im Bus kauft. Und ich erfahre, wie ich zum <em>Nini Andrade Silva<\/em> komme, dem Design-Museum einer modernen portugiesischen Designerin. Die Frau warnt mich aber: Montags seien alle Museen geschlossen. Davon lasse ich mich nicht beeindrucken, denn ich komme ja gerade von einem ge\u00f6ffneten Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Nini Andrade Silva liegt gar nicht im Zentrum, wie ich dachte, sondern weit drau\u00dfen am Stadtrand, am Hafen, auf der anderen Seite der Bucht, an&nbsp; der westlichsten der drei Festungen, genau gesagt, darauf. Ein schwarzer moderner Kubus hoch oben auf der Festungsmauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf das Gel\u00e4nde komme, habe ich das Gef\u00fchl, hier stimmt was nicht, ich komme in eine v\u00f6llig verlassene Zone, mit Schranken und einem Verbot des Durchgangs f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. Ich drehe um und irre an der Festungsmauer entlang, ohne rauszubekommen, wie ich zu dem Museum raufkommen kann. Am Ende passiere ich ein Gitter und stehe vor dem fest verriegelten Eingang. Dem Schild an dem Gitter zufolge ist das Museum t\u00e4glich ab 11 Uhr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck in die Stadt und wieder auf die Suche nach der <em>R\u00faa da Praia<\/em>. Wieder viel R\u00e4tselraten, ein paar halbherzige Ausk\u00fcnfte, nichts Brauchbares. Dann frage ich einen uniformierten Mann in einer Art Kaserne. Der gr\u00fc\u00dft milit\u00e4risch, indem er die Hand an die M\u00fctze hebt. Er ist sehr h\u00f6flich, spricht klar und deutlich, wei\u00df genau Bescheid und gibt eindeutige Instruktionen. Am Ende fragt er noch, was ich denn da suche: Das <em>Restaurante O Av\u00f4<\/em>. Ja, das sei da, auf der linken Seite.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es sofort, aber es ist nat\u00fcrlich geschlossen. \u00d6ffnungszeiten nicht angegeben. Es ist ein niedriges, h\u00fcbsches H\u00e4uschen mit viel Dekoration an der Fassade und den Fenstern, darunter eine Schnitzfigur von Oma und Opa, drei Weinf\u00e4sser und Sticker von Chelsea, Hansa Rostock, vom HSV und von 1860. In einer zweisprachigen Mitteilung hei\u00dft es, der Besitzer sei leidenschaftlicher Sammler von Fu\u00dfballschals, aber er sei gerade erst wieder beim Neuaufbau, da die alte Sammlung fast v\u00f6llig einem Unwetter zum Opfer fiel. Den Namen des Lokals, unscheinbar in Schiefer auf Schiefer angebracht, kann man angesichts all der Dekoration leicht \u00fcbersehen. So muss es mir gestern ergangen sein. Ich bin hier mehr als einmal vorbeigekommen, ohne das Lokal zu sehen. Jetzt gehe ich noch einmal die schmale Gasse auf und ab, und tats\u00e4chlich: Die Stra\u00dfe hat keinen Namen, oder zumindest kein Schild, das den Namen tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weitergehe, sinniere ich noch \u00fcber den Namen des Lokals nach. Er bedeutet \u201aDer Gro\u00dfvater\u2018, am Artikel leicht zu erkennen. Ohne Artikel ist die Sache komplizierter: <em>av\u00f4<\/em> und <em>av\u00f3<\/em>, \u201aGro\u00dfvater\u2018 und \u201aGro\u00dfmutter\u2018, unterscheiden sich nur minimal, in Schreibweise und Aussprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche mein Gl\u00fcck bei <em>Londres<\/em>, auch ein Tipp aus dem Reisef\u00fchrer.&nbsp; Auch hier habe ich schon zweimal vor verschlossenen T\u00fcren gestanden. Heute ist es aber ge\u00f6ffnet. Ein l\u00e4nglicher Raum, ohne \u00e4sthetische Ambitionen, rappelvoll, lauter Einheimische. Ich habe Gl\u00fcck, noch einen Platz zu ergattern. Kurz danach bildet sich eine Warteschlange vor dem Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellner sind, bis auf die Kellnerin, die mich in Empfang nimmt, nicht sonderlich freundlich, aber sehr effizient. Wasser, Wein, Oliven und Bohnen \u2013 kalte, eingelegte <em>fabas<\/em> \u2013 stehen auf dem Tisch, kaum, dass ich mich gesetzt habe. Die Bohnen sind phantastisch. Dann gibt es einen Fleischspie\u00df. Der wird an einer eisernen Vorrichtung h\u00e4ngend serviert. Darunter steht ein Teller, der den herunterlaufenden Saft des Fleischs aufnimmt. Mit Reis und Salat ist das eine \u00fcppige Mahlzeit. Den Salat muss man auch hier selbst anmachen. Dazu bekommt man kleine T\u00fctchen mit \u00d6l und Essig und ein winziges T\u00fctchen Salz. Das scheint hier in Madeira keine Ausnahme zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter lese ich in der Biographie von Mariza, dass sie ihren Namen bekam, weil er dem Vater gefiel und obwohl die Mutter von dieser Wahl nicht sonderlich begeistert war. Sie wusste, wie sie sp\u00e4ter mit einem s\u00fcffisanten L\u00e4cheln anerkannte, dass er in Brasilien die S\u00e4ngerin Marisa Gata Mansa kennengelernt hatte und ein gro\u00dfer Bewunderer von ihr war. Ins Geburtsregister in Mosambik wurde der Name <em>Mariza<\/em> eingetragen, aber nach der Auswanderung nach Portugal musste die Schreibweise in <em>Marisa<\/em> abge\u00e4ndert werden. Die portugiesischen Beh\u00f6rden akzeptierten <em>Mariza<\/em> nicht. Als dann ihre Karriere als Fado-S\u00e4ngerin begann, kehrte sie zu der alten Schreibweise zur\u00fcck und wurde als <em>Mariza<\/em> bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich meine, irgendwo dem Wort <em>ma\u00e7a<\/em> begegnet zu sein, kann es jetzt aber nicht mehr finden. Trotzdem ergibt sich ein sch\u00f6nes Trio: <em>maca<\/em>, \u201aTrage\u2018, <em>ma\u00e7\u00e3<\/em>, \u201aApfel\u2018 und<em> massa<\/em>, \u201aPasta\u2018<em>.<\/em> Um die Verwirrung komplett zu machen, bedeutet <em>pasta<\/em> \u201aAktentasche\u2018. Und noch ein Trio: <em>travessia<\/em>, \u201aPassage\u2018, <em>travesseiro<\/em>, \u201aKopfkissen\u2018 und <em>travessa<\/em>, \u201aPlatte, Teller\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>28. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Erst heute erinnere ich mich daran, dass ich gestern, auf der Suche nach dem Nini Andrade Silva, weit drau\u00dfen am Hafen, zum ersten Mal an dem Museum CR7 vorbeigekommen bin. Es gilt auf den einschl\u00e4gigen Foren im Internet als das beste Museum Funchals, obwohl auch die Enthusiasten sagen, dass es hier nicht viel mehr als Pokale zu sehen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem brasilianischen Kinderbuch lese ich, wie der Z\u00e9z\u00e9, der Protagonist, ein kleiner Junge aus einer armen, kinderreichen Familie in Kontakt kommt zu einem \u00e4lteren, aus Portugal stammenden Mann. Sie machen gemeinsame Unternehmungen und werden immer vertrauter miteinander. Irgendwann hat Z\u00e9z\u00e9 etwas auf dem Herzen, aber so richtig will er nicht mit der Sprache heraus. Aber der Mann, den er Portuga nennt, ermuntert ihn und schlie\u00dflich fasst Z\u00e9z\u00e9 sich Mut. Er fragt, ob er zu Portuga <em>voc\u00ea<\/em> sagen d\u00fcrfe. Bisher hat er, wegen des Altersunterschieds und der gesellschaftlichen Stellung Portugas, <em>senhor<\/em> gesagt, was im Portugiesischen auch eine Form der Anrede ist. Portuga ist sofort einverstanden und sagt ihm, er k\u00f6nne auch <em>tu<\/em> sagen. Das ist die Form, die er selbst Z\u00e9z\u00e9 gegen\u00fcber gebraucht. Das will Z\u00e9z\u00e9 aber nicht. Das ist ihm zu vertraulich. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt er seiner geliebten Lehrerin davon, und die sagt ihm, das sei eine gute Entscheidung gewesen, denn um <em>tu<\/em> zu gebrauchen, m\u00fcsse man \u201eganz viel Grammatik\u201c kennen. Das erkl\u00e4rt sie nicht weiter, aber was sie damit meint, ist klar: Wenn man <em>senhor<\/em> oder <em>voc\u00ea<\/em> gebraucht, \u00e4ndert sich an den Formen nichts. Man gebraucht in beiden F\u00e4llen die 3. Person, sowohl bei den Verben als auch bei den Pronomen. F\u00fcr jedes Verb m\u00fcsste man also in jeder Zeit eine neue Form lernen, denn die 2. Person ist in Brasilien praktisch unbekannt. Sie existiert sozusagen gar nicht. In Portugal ist das anders. Da wird die 2. Person in der vertrauten Anrede gebraucht, zumindest im Singular, genauso wie im Deutschen. Portuga ist damit vertraut, weil er aus Portugal stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute soll es nach Curral das Freiras gehen, mit einem ganz normalen Linienbus, der 81. Die f\u00e4hrt unten an der Uferpromenade ab. Ich gehe noch im Morgengrauen los. Als der Bus abf\u00e4hrt, um halb neun, ist es Tag geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben mir ist anfangs nur ein Passagier in dem gro\u00dfen Bus vertreten, im Laufe der Fahrt kommen vereinzelt noch welche dazu. Der Bus ist alt und laut und f\u00e4hrt mit Diesel \u2013 im Unterschied zu einigen sehr modernen, elektrobetriebenen des Zentrums. Der Motor heult bei jeder Beschleunigung laut auf. Es geht bergauf, best\u00e4ndig, immer und immer weiter bergauf, und der Fahrer gibt ordentlich Gas. Nur die Schwellen an den Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberg\u00e4ngen bremsen ihn gelegentlich ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ein St\u00fcck Richtung C\u00e1mara de Lobos. Auffallend auch hier die Sauberkeit. Schon jetzt sind wieder Arbeiter unterwegs, die jedes weggeworfenen Papierschnitzel und jedes heruntergefallene Blatt auflesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann biegen wir rechts ab. Erst geht es durch Wohnviertel, auf schmalen, geraden Stra\u00dfen, dann, au\u00dferhalb der Stadt, winden sich die Stra\u00dfen zwischen den Bergen immer weiter nach oben. Hier gibt es kaum noch Gegenverkehr. Aber die Bebauung l\u00e4sst nicht nach: auf den Gipfeln, in den T\u00e4lern, an den Bergh\u00e4ngen, \u00fcberall stehen H\u00e4user. Wie haben die Portugiesen es nur geschafft, ihr Land so zu zersiedeln?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwindet die Bebauung doch f\u00fcr eine Zeit. Es geht durch einen Wald, mit B\u00e4umen zu beiden Seiten der Stra\u00dfe, sehr gemischt, Eukalyptus und Kastanien und Palmen und Pinien und noch viel mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in Curral das Freiras an. Hier ist es merklich k\u00e4lter. Es ist noch nicht viel los. Der erste Eindruck ist eher entt\u00e4uschend. Es gibt zwar ein paar wirklich sch\u00f6ne Blicke auf die hohen Berge rauf und ins tiefe Tal runter, aber als \u201eGesamtkunstwerk\u201c der Natur geht das nicht durch. Der Ort selbst ist nicht sonderlich sch\u00f6n, wohl aber mit Gastronomie und Souvenirgesch\u00e4ften auf Touristen eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe erst einmal in einem sch\u00e4bigen Caf\u00e9 einen Kaffee trinken, denn das Fr\u00fchst\u00fcck ist heute ausgefallen. Eine vern\u00fcnftige Entscheidung. Hier l\u00e4uft der Fernseher, und in den Nachrichten ist von Chaos an den Teststationen am Flughafen die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Curral das Freiras<\/em> ist der \u201aNonnenpferch\u2018. Es hat seinen Namen von den Nonnen, die sich hier, jenseits von Gut und B\u00f6se, niederlie\u00dfen. Es war ein Ort, in dem sich der Anbau von Zucker und Bananen nicht lohnte, weil die Transportwege so schlecht waren. Die Nonnen verlegten sich auf die Anpflanzung von Obstb\u00e4umen und Nussb\u00e4umen. Aus den Produkten machten sie Kuchen und Lik\u00f6r. Das gibt es jetzt alles hier in den Souvenirl\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Charme von Curral das Freiras lag wohl besonders in seiner Abgeschiedenheit. Erst seit 1962 gibt es hier Strom, und erst seit 1985 Fernsehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ein bisschen durch den Ort und sehe mir kurz die Kirche und den Friedhof an. Zwischen all den etwas heruntergekommenen H\u00e4usern des Dorfes steht eine erstaunlich moderne B\u00fccherei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schulkinder haben auf Brettern Zeichnungen mit Weihnachtsmotiven angefertigt, mit W\u00fcnschen in verschiedenen Sprachen, darunter <em>God Jul!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Landstra\u00dfe runter, in der Funchal entgegengesetzten Richtung. Es geht steil bergab. Der eine Berghang liegt in der Sonne, der andere im Schatten. Dann kommt ein Wanderweg, aber ich merke bald, dass man daf\u00fcr besser ausger\u00fcstet sein muss. Also gehe ich die Landstra\u00dfe runter bis zum n\u00e4chsten Dorf. Man blickt auf die schwarzen Schlangenlinien der Stra\u00dfe runter, auf der der Bus sich hochgequ\u00e4lt hat. Auch hier H\u00e4user soweit man blickt, in jeder Richtung. Am Stra\u00dfenrand hat jemand an einem Bergabhang seine Waschmaschine entsorgt. Dann kommt der m\u00fchsame R\u00fcckweg ins Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus f\u00fcr den R\u00fcckweg ist noch \u00e4lter als der von vorher. Auch die Strecke ist eine andere, und es stellt sich heraus, dass der R\u00fcckweg das eigentliche Highlight des Ausflugs ist. V\u00f6llig unerwartet. Diesmal hat man den Eindruck, in einer richtigen Gebirgslandschaft zu sein. Man hat w\u00e4hrend der kurvenreichen Fahrt spektakul\u00e4re Blicke auf die schroffen Felsen hinauf und in die tiefen T\u00e4ler hinein, die manchmal sogar unter den Wolken verschwinden. Es geht mehrmals durch kurze Tunnel, und immer wieder tun sich neue Ausblicke auf. Bis nach Eira do Serrado, wo es einen Aussichtspunkt gibt, auf mehr als 1.000 Meter H\u00f6he gelegen, geht es bergauf, dann schwindelerregend runter. Manchmal m\u00f6chte man hinsehen und traut sich kaum. Allerbestes Sightseeing, und das f\u00fcr 3,35 \u20ac! Eher zuf\u00e4llig hat sich der Ausflug doch noch gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter habe ich noch die Gelegenheit, mir das Design-Museum anzusehen. Nini Andrade Silva ist eine renommierte Designerin, aber das \u201eMuseum\u201c ist nur eine Ansammlung von Einzelst\u00fccken, deren wichtigster Zweck es ist, die Leute hier rauf und ins Restaurant zu locken.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Objekte sind wirklich formsch\u00f6n, aber die gro\u00dfe Kreativit\u00e4t kann ich darin nicht entdecken, und an den praktischen Nutzen mag man schon gar nicht denken. Immer wieder kommen rundliche Formen vor, zum Beispiel bei einem steinernen Sofa, das die Form einer D\u00fcne aufnimmt. Ganz wichtig ist der Kieselstein als Motiv. Er kommt als Tisch wie als Stuhl vor. Auffallend eine portugiesische Gitarre, in Schwarz und Wei\u00df, zusammen mit dem Gitarristen entworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann hier oben einmal au\u00dfen herumgehen und blickt hinten aufs offene Meer, an der anderen Seiten in den Hafen mit den Kreuzfahrtschiffen, dar\u00fcber der Felsen mit dem ganz oben thronenden Casino und zur Seite die Bergh\u00e4nge mit den Vororten Funchals.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Clou aber ist das Geb\u00e4ude, und das sieht man am besten von der Uferpromenade aus. Der obere Teil der Festungsmauer ist nur halb erhalten und wird erg\u00e4nzt mit einer modernen Betonwand, auf der der Name des Museums steht. Noch weiter dr\u00fcber das Restaurant mit Glas und schwarzen Stahlstreben. Und dahinter der schwarze Kubus. Das sieht toll aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an der Strandpromenade eine moderne Skulptur, das Denkmal f\u00fcr den madeirischen Auswanderer. Er liegt auf dem R\u00fccken und stemmt einen Globus in die H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben eine Palme mit unz\u00e4hligen, kleinen Fr\u00fcchten, immer zu einer Art Paket zusammengeschn\u00fcrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Zarco-Statue eine Blaskapelle in Aktion. Klingt gut, wie eine Mischung aus Swing und Volksmusik. Dann kommt \u201eHey Jude\u201c und dann \u201eEres t\u00fa\u201c und dann noch mal ein portugiesisches St\u00fcck. Vor allem im Finale, wenn alle Instrumente gleichzeitig zum Einsatz kommen, ist die Wirkung toll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musiker tragen eine dunkelblaue Uniform mit einem Wappen auf dem Revers. Trotz der fast v\u00f6lligen Abwesenheit der Sonne tr\u00e4gt die H\u00e4lfte eine Sonnenbrille. Die jungen, meist weiblichen Musiker spielen Klarinette oder Fagott oder Trompete, die \u00e4lteren, meist M\u00e4nner, sind f\u00fcr Tuba, Posaune und Perkussion zust\u00e4ndig. Ein Saxophonist versucht sich am Multitasking, indem er w\u00e4hrend einer Spielpause f\u00fcr ihn sein Handy bet\u00e4tigt und gleichzeitig singt. Es klappt aber nicht. Er kommt mit dem Singen nicht mehr nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend lande ich in der <em>Taberna da S\u00e9<\/em> in einer schmalen Gasse in der N\u00e4he der Kathedrale, angelockt von der Ank\u00fcndigung auf einer Tafel, es gebe Kaninchen. Das gibt es dann aber gar nicht. Ich bleibe trotzdem. Das Essen ist mittelm\u00e4\u00dfig und teuer, aber der Wein ist gut (<em>Pa\u00e7o do Conde<\/em> aus dem Alentejo), der Nachtisch ausgezeichnet (ein Kuchen mit einer Zimtschicht oben drauf) und der Kellner sehr freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der stillen Gasse komme ich auf den belebten Platz mit der Zarco-Statue. Hier ist irgendwas los. Dann sehe ich, dass zu beiden Seiten der Arriaga Zuschauer stehen und klatschen. Es findet ein Volkslauf statt. Ich stelle mich dazu und klatsche auch. Und nehme mir vor, beim n\u00e4chsten Mal unter den L\u00e4ufern und nicht unter den Zuschauern zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Fr\u00fchst\u00fcck in einem kleinen Caf\u00e9 ist heute endlich das <em>Museu de Arte Sacra<\/em> an der Reihe. Der Bau ist in die H\u00e4userzeile integriert, aber er ist ein richtiger Palast, wie man nach dem Eintreten sofort empfindet. Der Bau hatte verschiedene Funktionen, war unter anderem Bischofspalast und Lyzeum.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Treppenaufgang l\u00e4uft man auf ein \u00d6lgem\u00e4lde auf einer Holztafel zu, die den Hl. Georg abbildet, auf dem Pferder\u00fccken. Der Drachen zu seinen F\u00fc\u00dfen hat zwar einen langen Schwanz, sieht aber sonst wie ein Hund aus. Im Hintergrund eine Frau mit Krone, die vermutlich dem Schauspiel zusieht, und ein Felsen mit einer kleinen, h\u00fcbschen Burg, die eher dekorativ aussieht als milit\u00e4risch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Exponate befinden sich in zwei Geschossen. Die im ersten Obergeschoss sind aus Portugal und Spanien, die im zweiten aus Flandern. Wie sie hierhergekommen sind, wird nicht verraten. Die Objekte stammen praktisch alle aus der Zeit zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los mit vier Kreuzen, alle sehr unterschiedlich. Die Kreuzform r\u00fcckt durch die immer weiter ausgeformte Dekoration fast in den Hintergrund. Das einfache Kreuz, die Verbindung eines horizontalen und eines vertikalen Stabs, ist vorchristlich. Das Kreuz symbolisierte die Verbindung von Ost und West und von Himmel und Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen weitere liturgische Ger\u00e4te, alle sehr fein gearbeitet, meist aus gestanztem Silber, darunter Weihwasserkessel und Sprengwedel. Es sind Gaben von D. Manuel an die neu gegr\u00fcndete Di\u00f6zese von Funchal. In viele der Ger\u00e4te sind k\u00f6nigliche Embleme eingearbeitet, Krone, Armillarsph\u00e4re, Wappenschild mit Punkten. Dies war eine Form der Best\u00e4tigung der g\u00f6ttlichen Bestimmung des K\u00f6nigs.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr interessant sind die Weihrauchgef\u00e4\u00dfe. Sie haben die Form von Schiffen, und zwar die Form der portugiesischen Schiffe aus der Zeit der gro\u00dfen Entdeckungen. Dabei sind viele Details genau zu erkennen, wie die Planken und N\u00e4gel des Bugs bei einem Weihrauchgef\u00e4\u00df. Bei einem anderen sieht man deutlich den scharfen Sporn am Bug, den man in feindliche Schiffe rammte. Der Sporn hat die Form eines imagin\u00e4ren Seeungeheuers.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt man in einen Raum, in dessen Mitte die S\u00e4nfte des Bischofs steht. Die Bisch\u00f6fe verstanden zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was ist das, was da an den W\u00e4nden steht? Erschlie\u00dft sich nicht auf den ersten Blick. Eine verr\u00fcckte Geschichte. Es sind Einzelteile eines Altars, der nur Gr\u00fcndonnerstag aufgebaut und dann wieder abgebaut wurde. Die Br\u00fcderschaft, die ihn betreute, lie\u00df eigens ein Haus errichten, um ihn w\u00e4hrend des Jahres aufzubewahren, so gro\u00df war er. Eine Besucherin der Kathedrale berichtet begeistert von ihrem Besuch. Der Altar sei so hoch wie die ganze Kathedrale gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind Einzelteile ausgestellt, alles ist polychromes Holz, teils vergoldet, im Relief. Man sieht Abbildungen der Bundeslade und der Begegnung von Abraham mit Melchisedek. Am Rande der Szenen Musiker mit Posaunen, Trompeten und Schalmeien.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stirnwand des Saals ein Abendmahl, mit den B\u00fcsten der Apostel, in Paaren um Jesus herum geschart. Alle haben B\u00e4rte, au\u00dfer Johannes. Es sind aber insgesamt nur zehn. Vor dem Tisch sitzt Judas, den Geldbeutel unter der Tischplatte verbergend. Er ist ganz dargestellt, auf einem Schemel sitzend. Am anderen Ende ein weiterer Apostel, der aus der Gruppe herausgel\u00f6st ist. Vielleicht nur als Gegengewicht zu Judas. Wer das ist, ist nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Raum gibt es Gem\u00e4lde, die Vincent, Bonaventura, Bernard von Siena und Bonifatius darstellen. Man fragt sich, woran man die identifizieren kann und ob die Gl\u00e4ubigen wussten, welchen Heiligen sie vor sich hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Darstellung der Geburt Johannes des T\u00e4ufers, eine sehr weltlich aussehende Szene. In einem Himmelbett liegt eine Frau, eine andere Frau h\u00e4lt ein Kind auf den Armen, das aber nicht wie ein Neugeborenes aussieht, links machen sich zwei Frauen am Feuer zu schaffen und rechts waschen zwei Frauen die Windeln und streuen wohl ein paar wohlriechende Substanzen rein. Hinten sitzen zwei M\u00e4nner am Tisch, die zu verhandeln scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Statue aus Elfenbein, Maria mit Kind. Es ist die einzige Elfenbeinstatue der Ausstellung, und es wird ausdr\u00fccklich darauf verwiesen, dass Wert und Eigenschaften des Elfenbeins \u2013 best\u00e4ndig, hart, edle Farbe \u2013 auf die Dargestellten \u00fcbertragen werden und als Ausweis von Moral, Kraft und Reinheit gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt ein kurioses Relief des sterbenden Franz Xaver. Er liegt auf einer Matratze, sein h\u00f6lzernes Bettgestell ist von Bl\u00e4ttern umrankt, die ausl\u00e4ndisch aussehen. Hinter ihm stehen zwei h\u00e4nderingende Frauen. So scheint es mir jedenfalls. Stimmt aber nicht. Es sind M\u00e4nner, und zwar sein indischer Diener Cristov\u00e3o und der bekehrte Chinese Antonio de Santa F\u00e9. Beide sehen nicht nur wie Frauen aus, sie sehen sich auch \u00e4hnlich, fast wie Zwillinge, mit ganz leicht exotischen Z\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im oberen Geschoss eine Maria mit Kind. Das Kind h\u00e4lt ein Buch in der einen und hielt urspr\u00fcnglich eine Feder in der anderen Hand. Maria h\u00e4lt ein Tintenfass und eine Art Etui in der Hand. Interessant, wie oft das Thema Schrift in den Darstellungen vorkommt und wie selten in der Bibel. Jesus hat nie etwas geschrieben, und Maria auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Triptychon von einer Kreuzabnahme zeigt links Nikodemus und rechts die weinende Maria Magdalena. Beide sind im europ\u00e4ischen Stil der fr\u00fchen Neuzeit gekleidet, sie mit von einer schmucken Klammer festgehaltenem Haar, einer Brosche auf der Brust und einer mehrreihigen Halskette, er mit edlem Zwirn bekleidet, mit einem komplizierten Hut aus mehreren Teilen und Materialien, ebenfalls mit einer Brosche verziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch eine ganz verst\u00f6rende Figur. Man sieht sie an der Stirnseite eines verdunkelten Saals. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, sobald man den Saal betritt. K\u00f6nnte ein ganz moderne Skulptur sein, k\u00f6nnte ein Gespenst darstellen oder ein sich aufb\u00e4umendes Pferd. Wenn man n\u00e4her kommt, steht man immer noch r\u00e4tselnd davor. Dann merkt man, dass der gesamte Oberk\u00f6rper fehlt. Man hat einen Engel vor sich, ein Bein lang gestreckt, eins gebogen, mit angewinkeltem Zeh, all das unter einem wallenden Gewand, aus dem nur ein Fu\u00df mit Sandale hervorguckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss sieht man noch einen Holzpaneel, auf der in s\u00e4uberlicher Schrift, aber in unterschiedlichen Handschriften, Namen aufgelistet sind, jeweils mit einer Jahreszahl daneben. Das sind die Mitglieder der Br\u00fcderschaft, der <em>Cofradia de Misericordia<\/em>, die sich der Pflege und Heilung von Kranken, der Unterst\u00fctzung von Armen und Waisen und der Betreuung von Gefangenen verschrieben hat. Sie hat auch f\u00fcr viele der hier ausgestellten Exponate gesorgt. Die Tafel geht von 1511 bis 1736. Wunderbar, die Kontinuit\u00e4t und wunderbar, dass sie sich erhalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen des Museums f\u00e4llt mir das Schild am Ausgang auf: <em>Apenas<\/em> <em>sa\u00edda<\/em>. Das w\u00fcrde im Spanischen keinen Sinn ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch in die Jesuitenkirche. Au\u00dfen nicht n\u00fcchtern, aber auch nicht \u00fcberladen, klar gegliedert, mit den typischen Elementen, die man bei einer Jesuitenkirche erwartet: drei Geschosse, f\u00fcnf Bahnen, zwei T\u00fcrme, die nicht h\u00f6her als die Fassade sind, im Zentrum das Emblem der Jesuiten und in den Nischen die klassischen Heiligen der Jesuiten, darunter Franz Xaver, mit erhobener rechter Hand, der Zeigefinger auf ihn weisend. Laut Lisa, der Reisef\u00fchrerin, ist das die \u00e4lteste Abbildung eines Selfies.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen werden alle Erwartungen (oder Bef\u00fcrchtungen) \u00fcbertroffen: Kein Quadratmeter ohne Dekoration, alles mit Fresken, Gem\u00e4lden, Fliesen, Kanzeln, Pfeilern und Alt\u00e4ren \u2013 und \u00fcberall Gold.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir gef\u00e4llt ist das Deckengem\u00e4lde, in Trompe-l\u2019oeil-Technik auf das Tonnengew\u00f6lbe aufgetragen. Eine architektonische Malerei, die Kuppeln, Nischen, Fenster, einen S\u00e4ulengang vort\u00e4uscht, so als wenn es ein dreidimensionaler Raum w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Thema Essen stolpere ich hier in Madeira immer wieder \u00fcber <em>bifana<\/em> und <em>prego<\/em> und frage mich, was der Unterschied ist. Die beste Antwort im Internet lautet: <em>bifana<\/em> wird mit Schweinefleisch gemacht, <em>prego<\/em> mit Rindfleisch. Beide werden zwischen Toastscheiben serviert. Die <em>bifana<\/em> ist in Portugal so beliebt, dass McDonalds hier einen <em>McBifana <\/em>lanciert hat. Im \u00dcbrigen merke ich jetzt, dass ich hier w\u00e4hrend der ganzen Zeit keine einzige der einschl\u00e4gigen amerikanischen Imbissbuden gesehen habe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch schwerer ist es, den Unterschied zwischen <em>torrada<\/em> und <em>tosta<\/em> herauszufinden. Es gibt alle m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungen, darunter die, dass die beiden W\u00f6rter austauschbar seien. Aber warum sieht man dann auf Speisekarten manchmal <em>tostada<\/em> und <em>tosta<\/em> nebeneinander? In dem kleinen Caf\u00e9, in dem ich am Mittag lande, gibt es beides. Hier ist die <em>torrada<\/em> s\u00fc\u00df, wird mit Honig, Banane oder Butter serviert, die <em>tosta<\/em> mit Tomate, K\u00e4se oder Thunfisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier bekomme ich eine gehaltvolle Gem\u00fcsesuppe, mit M\u00f6hren, Kartoffeln, Bohnen, Speck und wohl auch den altbekannten <em>grelos<\/em>, die mich in Viavai so verfolgt haben. Au\u00dferdem sind noch s\u00fc\u00dflich schmeckende, gelbe St\u00fccke in der Suppe, und auf Anfrage erfahre ich von der Kellnerin, was das ist: S\u00fc\u00dfkartoffel. H\u00e4tte ich nicht identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachbartisch bestellt ein altes deutsches Ehepaar seine Kaffee auf Portugiesisch: einen Milchkaffee, <em>gal\u00e3o<\/em>, f\u00fcr sie, einen <em>chinesa<\/em> f\u00fcr ihn. Da muss ich erst nachgucken, was das ist. Wohl eine Art portugiesischer Cappuccino.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch einmal zur Uferpromenade runter. Funchal hat es im letzten Moment gut mit mir gemeint und schickt mich mit ein paar Sonnenstrahlen nach Hause. Und zu Hause sind die Temperaturen gestiegen, der K\u00e4lteschock wird sich also in Grenzen halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Dezember (Donnerstag) Reisen in Zeiten von Corona. Keine einfache Angelegenheit. Papierkram, Hochladen von Impfung und Test, Maske, Kontrollen. Trotzdem. In Portugal ist die Lage besser als zuhause, und mit etwas Gl\u00fcck kommt auch mal ein Sonnenstrahl raus. 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