{"id":11303,"date":"2022-03-25T08:49:12","date_gmt":"2022-03-25T07:49:12","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11303"},"modified":"2022-03-25T08:49:12","modified_gmt":"2022-03-25T07:49:12","slug":"madrid-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11303","title":{"rendered":"Madrid (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>28. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Madrid ist gro\u00df. Aber das f\u00fcr den Touristen interessante\nGebiet ist ganz \u00fcberschaubar. Es liegt zwischen dem <em>Palacio Real<\/em> im\nWesten und dem <em>Parque del Retiro<\/em> im Osten. Wenn man die <em>Gran Via<\/em>\nals quer verlaufende Trasse im Norden und die <em>Ronda de Toledo<\/em> als deren\nPedant im S\u00fcden dazu nimmt, erh\u00e4lt man ein unregelm\u00e4\u00dfiges Rechteck, innerhalb\ndessen die meisten Sehensw\u00fcrdigkeiten liegen. Mein Hotel, das <em>Ganivet<\/em>,\nliegt noch gerade innerhalb dieses Rechtecks, am linken unteren Rande, ganz in\nder N\u00e4he der <em>Puerta de Toledo<\/em>. Die war gestern Abend bei meiner sp\u00e4ten\nAnkunft angestrahlt und ein guter Orientierungspunkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Puerta de Toledo<\/em>, aus grauem Granit errichtet,\nist eher ein Triumphtor als ein Stadttor im herk\u00f6mmlichen Sinne, so wie es ihre\nbeiden Vorg\u00e4nger waren. Das Tor hat drei \u00d6ffnungen, eine f\u00fcr Kutschen, zwei f\u00fcr\nFu\u00dfg\u00e4nger. Bekr\u00f6nt wird es von zwei Figurengruppen, von denen eine Spanien, die\nandere die Wissenschaften darstellt. Das Volk wird von einer Frau mit Kind\ndargestellt, die sich an Spanien wendet. Alle m\u00f6glichen Zutaten erg\u00e4nzen das\nBild: eine Frucht, ein Farbpalette, ein Hammer, ein Kapitell und B\u00fccher,\nF\u00fcllhorn, Kanonen, Trommeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mir die zentrale Lage des Hotels zunutze und gehe\nzu Fu\u00df die <em>Calle de Toledo<\/em> rauf Richtung Stadtmitte. Etwas unvermittelt\nsteht zwischen den Wohnh\u00e4usern ein Monument f\u00fcr Fernando VII, der Inschrift\nzufolge \u201eEl Ansioso\u201c, \u201eDer Begehrte\u201c. Das war er aber nur, solange er im\nAusland war und man das Ende der Franzosenzeit erwartete. Als er dann kam, war\ndie Entt\u00e4uschung umso gr\u00f6\u00dfer. Er setzte die liberale Verfassung au\u00dfer Kraft und\nstellte den Absolutismus, mit drastischen Mitteln, in so extremer Form wieder\nher, dass er sogar die Unterst\u00fctzung der anderen europ\u00e4ischen Monarchen verlor.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es aber erst mal zum Fr\u00fchst\u00fcck, in die Bar <em>San\nBruno<\/em> auf der anderen Stra\u00dfenseite. Die T\u00fcr steht offen. Drinnen sitzen an\nder langen Theke vereinzelt G\u00e4ste und trinken Kaffee. Ich bestelle einen Kaffee\nund Toast mit Marmelade. Das kostet hier gerade mal 2,50 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Calle Toledo<\/em> f\u00fchrt Richtung <em>Plaza Mayor<\/em>.\nDie H\u00e4user in diesem Viertel, drei- oder vierst\u00f6ckig, mit den typischen\nschmiedeeisernen Gittern vor den schmalen Balkonen und Bauschmuck \u00fcber den\nFenstern, sind ausgesprochen sch\u00f6n. Und kommen in der hellen Morgensonne gut\nzur Geltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem kleinen Platz vor dem Zugang zur <em>Plaza Mayor<\/em>\nbefindet sich das Au\u00dfenministerium. In der Mitte des Platzes eine abgerundete\nSteinplatte mit einer Inschrift, in der an den Vertrag von Madrid von 1985\nerinnert wird. Das ist der Vertrag, auf Grund dessen Spanien 1986 Mitglied der\nEG wurde. Alle Vertragsl\u00e4nder werden einzeln genannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die <em>Plaza Mayor<\/em>. Ein sch\u00f6ner\nAnblick, besonders jetzt unter dem tiefblauen Himmel und der hellen Sonne. So\nsch\u00f6n hatte ich den Platz nicht in Erinnerung. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes steht ein Reiterstandbild, das von\nFelipe III. Das Pferd hat die linke Vorderhand leicht erhoben, angewinkelt, die\nbeiden Hinterh\u00e4nde sind versetzt, so dass der Eindruck von Bewegung entsteht. Felipe\nh\u00e4lt einen Marschallstab in einer Hand und tr\u00e4gt, trotz Uniform, die typisch\nhabsburgische Halskrause. Dass er hier steht, ist nicht verwunderlich: Die\nPlaza Mayor wurde w\u00e4hrend seiner Herrschaft angelegt. Und er ist der erste\nspanische K\u00f6nig, der in Madrid geboren wurde, nachdem sein Vater, Felipe II,\nMadrid zur Hauptstadt gemacht hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es \u00fcber die <em>Calle Mayor<\/em> zur <em>Puerta del\nSol<\/em>. Was sofort auff\u00e4llt: Es ist ruhiger geworden. Es gibt nur noch einen\nschmalen Fahrstreifen f\u00fcr Taxis, sonst ist der Platz den Fu\u00dfg\u00e4ngern \u00fcberlassen.\nNur jetzt am Vormittag d\u00fcrfen noch Waren angeliefert werden. Nach dem\njahrzehntelangen Hickhack, nach all den halbherzigen Versuchen der beiden\nParteien, den Verkehr in den Griff zu bekommen, hat eine parteiunabh\u00e4ngige B\u00fcrgermeisterin\ndie Szene betreten und das Problem resolut angepackt: Schaffung von\nFu\u00dfg\u00e4ngerzonen, Einschr\u00e4nkung des Autoverkehrs, Einschr\u00e4nkung der\nParkm\u00f6glichkeiten im Zentrum, Errichtung von Pollern, konsequentes Abschleppen\nzur Vermeidung des Parkens in zweiter Reihe, Schaffung einer Umweltzone, Benutzung\nvon Parkh\u00e4usern nur von Autos mit sauberen Motoren. Der Effekt ist un\u00fcbersehbar\n\u2013 und un\u00fcberh\u00f6rbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Platzes eine weitere Reiterstatue. Diesmal\nist es Carlos III. Die Statue sieht alt aus, gar nicht so anders als die von\nFelipe III. Sie ist aber ganz modern. Sie stammt von 1993! Mit ihr wollte die\nStadt Madrid den K\u00f6nig ehren, der hier einen besonders guten Ruf genie\u00dft, da er\nviel f\u00fcr die Stadt getan hat. Man nennt ihn \u201eMadrids besten B\u00fcrgermeister\u201c. Carlos\nIII. erscheint in Zivil und mit Per\u00fccke, im Gegensatz zu dem barh\u00e4uptigen\nFelipe III. Er tr\u00e4gt das Goldene Vlies und den Orden, den er selbst gegr\u00fcndet\nhat. <\/p>\n\n\n\n<p>Madrids Wahrzeichen, <em>El\nOso y el Madro\u00f1o<\/em>, ist gar nicht so auff\u00e4llig. Es steht am Rande des Platzes\nund ist kleiner als viele meinen. Der B\u00e4r steht aufrecht, lehnt sich an den\nBaum und macht sich an dessen Fr\u00fcchten zu schaffen. Auch wenn es fr\u00fcher in\nMadrid oder in der Umgebung B\u00e4ren gegeben haben mag, mit naturalistischen\nErkl\u00e4rungen kommt man hier nicht weiter. Der B\u00e4r steht f\u00fcr das Sternbild, das\nbei uns <em>Gro\u00dfer Wagen<\/em> genannt wird, fachsprachlich <em>Ursa Major<\/em>.\nDieses Sternbild steht einer alten Vorstellung zufolge in Verbindung mit der\nGr\u00fcndung Madrids. Noch heute benutzt die <em>Comunidad de Madrid<\/em> sieben\nSterne als ihr Emblem, wie man auf jedem Wagen der Metro sehen kann. \u00c4hnlich\nist es mit dem Baum, dem <em>Madro\u00f1o<\/em>.\nAuch er ist hier weit und breit kaum zu finden. Ich bin nur einmal auf ihn\ngesto\u00dfen, ganz im S\u00fcdwesten der Iberischen Halbinsel. Da scheint er \u00f6fter\nvertreten zu sein. Ich bin aber gar nicht dem Baum begegnet, sondern dem\nSchnaps, der aus seinen Fr\u00fcchten gewonnen wird. Die deutsche \u00dcbersetzung, <em>Erdbeerbaum<\/em>,\nist auch nicht sehr hilfreich. Es handelt sich nicht um Erdbeeren. Auch hier\nist die Erkl\u00e4rung wieder rein symbolischer Art. Es geht nur um die lautliche\n\u00c4hnlichkeit von <em>Madrid<\/em> und <em>Madro\u00f1o<\/em>, so wie es auch nur um die\nlautliche \u00c4hnlichkeit von <em>Bern<\/em> und <em>B\u00e4r<\/em> oder <em>Berlin<\/em> und <em>B\u00e4r<\/em> geht. Die\nbeiden St\u00e4dte kamen zu ihrem Tier wie Madrid zu seinem Baum.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier an der <em>Puerta del Sol<\/em> steht einer der neu\naufgestellten Kioske. Eine segensreiche Einrichtung, von der ich in den\nn\u00e4chsten Tagen viel Gebrauch machen werde. Die M\u00e4dchen hinter dem Schalter sind\nfreundlich und gut informiert, und man muss fast nie warten. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der <em>Puerta del Sol<\/em> geht es weiter auf die <em>Calle\nde Alcal\u00e1<\/em>. Hier flie\u00dft zwar noch Verkehr auf einigen Spuren, aber man hat\ndie B\u00fcrgersteige verbreitert. Die H\u00e4user sind hier anders, gr\u00f6\u00dfer,\nverschiedenartiger, repr\u00e4sentativer, teils leicht protzig, vor allem die der\nanderen Stra\u00dfenseite. Es lohnt sich, nach oben zu sehen. Viele der H\u00e4user haben\nSkulpturen auf dem Dach, darunter zwei benachbarte, die beide eine Quadriga\ntragen. Wie man die wohl dahinauf bekommen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Spanien gibt es Personalmangel in der Gastronomie.\nAn jeder zweiten Gastst\u00e4tte h\u00e4ngt ein Schild, auf dem nach Personal gesucht\nwird: <em>Se busca camarero\/a. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf meiner Stra\u00dfenseite ein eher unauff\u00e4lliges Geb\u00e4ude, in\ndem das spanische Gleichstellungsministerium untergebracht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt schon die <em>Plaza de Cibeles<\/em> mit dem\nber\u00fchmten Brunnen, einem der Wahrzeichen von Madrid. In einem von L\u00f6wen\ngezogenen Wagen sitzt die G\u00f6ttin Kybele, eine der griechischen G\u00f6ttinnen der\nFruchtbarkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes das <em>Museo de la Am\u00e9rica<\/em>. Vor dem\nEingang h\u00e4ngen die Fahnen aller lateinamerikanischen L\u00e4nder. Es ist aber\nwindstill und die Fahnen h\u00e4ngen triste am Fahnenmast hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum kann man leicht \u00fcbersehen, denn der Platz wird\ndominiert von dem riesigen, wei\u00dfen, im Zuckerb\u00e4ckerstil errichteten\nTelegrafenamt. Es sieht aus wie eine Mischung aus Palast, Kirche und Luxushotel.\nFr\u00fcher konnte man hier in der riesigen Eingangshalle an den altmodischen\nSchaltern tats\u00e4chlich Briefmarken kaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich biege ab auf den <em>Paseo del Prado<\/em> und komme meinem\nZiel n\u00e4her. Der n\u00e4chste Platz ist der mit dem Neptun-Brunnen, das Pendant zur <em>Cibeles<\/em>.\nBeide Pl\u00e4tze wurden, wie auch die <em>Puerta de Alcal\u00e1<\/em>, unter Carlos III\nangelegt. Auch das <em>Museo del Prado<\/em> wurde von ihm gegr\u00fcndet, aber noch\nnicht als Kunstmuseum, sondern als Naturwissenschaftliches Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Museo del Prado<\/em> ist das einzige Museum in Madrid,\ndas montags ge\u00f6ffnet ist. Es schlie\u00dft nur drei Tage im Jahr. Das ganze Areal\nwird bewacht von Polizisten (und Polizistinnen) mit Maschinengewehren. Die\nwaren fr\u00fcher ein g\u00e4ngiges Bild vor jeder Bankfiliale. Sich daran zu gew\u00f6hnen,\nwar nicht so leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum steht schon eine lange Schlange, eine\nViertelstunde vor \u00d6ffnung. Gott sei Dank habe ich eine Eintrittskarte\nreserviert. Trotzdem dauert es genau eine halbe Stunde, bis ich die letzte\nH\u00fcrde, die Personenkontrolle, hinter mir habe. Man betritt das Museum jetzt\ndurch den neu geschaffenen Hintereingang. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will chronologisch vorgehen, werde aber am Ende einer\nReihe von S\u00e4len von einer Aufseherin gestoppt. Wo ich denn hin wolle? Ich sage\nihr, was ich will, aber sie sagt, was \u00c4lteres als das hier gebe es nicht. Ich\nwei\u00df, dass es nicht stimmt, aber lasse mich auf keine Diskussion ein. Sp\u00e4ter\nstellt sich heraus, dass verschiedene S\u00e4le, in denen das Mittelalter\nuntergebracht ist, wegen Renovierung geschlossen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es mit Fra Angelicos ber\u00fchmter \u201eAnunciaci\u00f3n\u201c (1431)\nlos. Sie steht auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance. Der\nAusdruck in dem Gesicht des Engels ist noch ganz von mittelalterlicher\nFr\u00f6mmigkeit gepr\u00e4gt, und der von Maria ebenfalls. Aber die ganze Szenerie, der\narchitektonische Rahmen mit den antikisierenden Pfeilern, Kapitellen und B\u00f6gen,\ndie Tiefenperspektive mit dem Blick durch einen Spalt in ein dahinterliegendes\nZimmer, das Spiel von Licht und Schatten \u2013 das ist pure Renaissance. Links\nsieht man eine auf den ersten Blick nicht dazugeh\u00f6rende Szene, die Vertreibung\naus dem Paradies. Auch der Malstil ist ganz anders hier, fast naiv. Die Blumen\nund Bl\u00fcten des Gartens Eden sind mit gro\u00dfer Pr\u00e4zision gemalt, jede einzeln, so\nals wenn es sich um eine botanische Studie handelte. Die Verbindung zwischen\nden beiden Bildteilen ist ein Strahl, der vom Himmel des Gartens Eden direkt\nauf das Herz Marias zielt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt gleich eins meiner Lieblingsbilder, die \u201eSanta\nB\u00e1rbara\u201c von Robert Campin (1438). Ohne den Titel w\u00fcrde man gar nicht darauf\nkommen, dass es sich um ein Heiligenbild handelt. Man sieht eine junge Frau,\ndie in einem Raum von schlichter Eleganz auf einem dicken roten Kissen auf\neiner zu einer Kniebank umklappbaren Holzbank sitzt. &nbsp;Sie tr\u00e4gt ein langes gr\u00fcnes Gewand und hat\nlanges helles Haar. Und keinen Heiligenschein. Hinter ihr ein offenes Feuer in\neinem Kamin, auf dem Gesims und auf kleineren M\u00f6belst\u00fccken stehen sch\u00f6n\ngeformte Gef\u00e4\u00dfe aus Metall, ein Wasserkrug, eine Blumenvase mit einer Lilie,\nein Flakon. An der Wand h\u00e4ngt ein bl\u00fctenreines wei\u00dfes Tuch. Durch das offene\nFenster sieht man auf einen mittelalterlichen Turm. Erst durch den Titel\nsch\u00f6pft man Verdacht und beginnt, die Details anders zu interpretieren: Das\nWasser, das wei\u00dfe Tuch, die Lilie, all das sind Symbole der Unschuld, der\nReinheit, und der Turm mit seinen drei Fenstern ist der Turm, in dem Barbara\nvon ihrem Vater einsperrt wurde, bevor er sie enthaupten lie\u00df. Vom\nmaltechnischen Standpunkt f\u00e4llt auf, dass die Perspektive bei dem Buch, das\nBarbara in der Hand h\u00e4lt, nicht gelungen ist. Es sieht so aus, als w\u00fcrde sie\ndie Seite, die sie gerade liest, herausrei\u00dfen wollen. Da fehlte dem Maler noch\ndas technische Know-how oder die Kunstfertigkeit. Sehr sch\u00f6n aber die\nRaumperspektive mit den Bodenfliesen und der Holzdecke und der Blick nach\ndrau\u00dfen, vor allem das Spiel von Licht und Schatten durch die zwei\nunterschiedlichen Lichtquellen, das Tageslicht von drau\u00dfen und das Feuer\ndrinnen. Die Holzbank und der Kamin werfen unterschiedliche Schatten auf den\nBoden, das Flakon auf dem Gesims wird durch den Schatten fast verdoppelt, auch\ndas Tuch und der Wasserkrug werfen feine Schatten. Und die Helligkeit der\nHolzdecke nimmt nach hinten hin zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Gem\u00e4lden von Bosch stehen ganze Trauben von\nMenschen, aber nicht vor allen. Ich sehe mit eins an, f\u00fcr das sich keiner zu\ninteressieren scheint, die \u201eEpifan\u00eda\u201c (1494). Es handelt sich um ein Triptychon\nmit drei unterschiedlichen Szenen, aber die Landschaft im Hintergrund mit\ngr\u00fcnen H\u00fcgeln und der Silhouette einer Stadt vereint die drei Szenen des\nVordergrunds. Die Stadt im Hintergrund ist ein imagin\u00e4res Jerusalem, in dem\nsich Zikkurats und orientalische T\u00fcrme mit flandrischen Windm\u00fchlen verbinden.\nInteressant auch die Landschaft. Man muss schon genau hinsehen, um die Details\n\u00fcberhaupt wahrzunehmen. \u00dcber einen der H\u00fcgel zieht ein Heer. Das muss das Heer\ndes Herodes sein, das nach den Neugeborenen Ausschau h\u00e4lt. Die Trag\u00f6die bahnt\nsich an: In einem Fl\u00fcgel des Bildes flieht eine Frau vor einem Wolf, und ein\nverletzter B\u00e4r f\u00e4llt \u00fcber einen Mann her, w\u00e4hrend auf dem anderen Fl\u00fcgel Bauern\nfr\u00f6hlich einen Tanz auff\u00fchren. Was f\u00fcr ein Bild! Im Mittelteil vorne die\nHeiligen Drei K\u00f6nige, wie sie ihre Gaben darbieten. Auf den Gaben oder\nGew\u00e4ndern werden Szenen aus dem Alten Testament dargestellt, die wohl eine\nVerbindung zu dieser Szene aus dem Neuen Testament haben sollen. Am\ninteressantesten sind aber die Details der Szenerie: Die H\u00fctte ist krumm und\nschief, das Dach verzogen und nur halb mit Stroh gedeckt. Verschiedene\nmerkw\u00fcrdige Figuren versuchen, von der Szene etwas mitzubekommen. Einer sieht\ndurch ein Loch im Zaun, ein anderer ist auf das Dach geklettert. Und im linken\nTeil des Triptychons sieht man, ganz klein, den Heiligen Josef, der sich halb\numwendet, um nichts zu verpassen. Er ist damit besch\u00e4ftigt, an einem Feuer die\ngewaschenen Windeln zu trocknen!<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcrer ist mit einem seiner Selbstbildnisse vertreten (1498),\nein ganz fr\u00fches Zeugnis der Ver\u00e4nderung der Stellung des K\u00fcnstlers, der jetzt\nnicht mehr nur noch Handwerker ist, sondern auch wert, dargestellt zu werden.\nD\u00fcrer war in N\u00fcrnberg, obwohl seine soziale Stellung nicht leicht einzuordnen\nist, in einen Kreis von B\u00fcrgern und Kaufleuten aufgenommen worden und damit\nsozial aufgestiegen. Das alles reflektiert das Gem\u00e4lde. Seine Haltung gleicht der,\ndie er zwei Jahre zuvor Friedrich dem Weisen gegeben hatte. Auch\nFensterbr\u00fcstung, Landschaft im Hintergrund (hier vermutlich Innsbruck), die\nArchitektur und die reiche Kleidung sind Elemente, die aus der Tradition\nsolcher Bildnisse stammen. D\u00fcrers Gewand ist elegant, der Kopfputz passend\ndazu, eine zweifarbige Kordel spannt sich \u00fcber die Brust, das lange Haar ist\nsorgsam gelockt. Meisterhaft sind die d\u00fcnnen Handschuhe, durch die man die\nFinger fast zu sehen vermeint. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch von D\u00fcrer \u201eAdam und Eva\u201c im Garten Eden (1507), auf\nzwei Tafeln, beide nackt, bei beiden verdeckt das Blatt eines Zweiges die\nSchamteile. Beide haben blondes Haar, ihre Figuren sehen wie skulptiert aus.\nErst auf den zweiten Blick sieht man die Schlange, die sich um einen Ast\nwindet. Eva h\u00e4lt den Apfel in der Hand, Adam h\u00e4lt einen Zweig in der Hand, an\ndem der Apfel w\u00e4chst. Auch nicht auf den ersten Blick sichtbar: Der Boden ist\nvoller Kieselsteine, vielleicht ein Verweis auf den harten Weg, der ihnen\nbevorsteht. An dem Ast eines Baumes h\u00e4ngt ein Schild mit D\u00fcrers Monogramm. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Portr\u00e4t eines (nicht identifizierten) Kardinals ist\nRaffael vertreten (1510). Der rote Umhang und der rote Hut setzen sich von dem\ndunklen Hintergrund ab. Meisterhaft sind einige wei\u00dfliche Streifen auf dem\nUmhang, die das Licht widerspiegeln, das von einer unsichtbaren Quelle auf den\nPortr\u00e4tierten f\u00e4llt. Aber das eigentlich Besondere ist der Gesichtsausdruck des\nKardinals, schwer in Worte zu fassen. Der Kardinal wirkt entschlossen, eiskalt,\nauf jeden Fall alles andere als liebensw\u00fcrdig. Eine echte Charakterstudie! Dazu\ntr\u00e4gt auch bei, dass die Pupillen nicht ganz in dieselbe Richtung weisen, so\nals ob der Kardinal zwei Szenen auf einmal sehen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Tizian ist mit vielen Bildern vertreten. Ich sehe mir das\nber\u00fchmte Bild von Carlos V bei der Schlacht von M\u00fchlberg an (1548). Von\nSchlacht ist allerdings nichts zu sehen. Man sieht den Kaiser in voller R\u00fcstung\nauf einem Pferd, aber sonst niemanden. Dominiert wird das Bild von der\nLandschaft, einer wunderbar melancholischen Landschaft im Morgengrauen, mit\neinem Himmel, der, symbolkr\u00e4ftig genug, zwischen helleren und dunkleren Wolken\nund Licht und Dunkelheit changiert. Es ist der Morgen der Schlacht gegen die\nProtestanten, gegen den Schmalkaldischen Bund, eine Schlacht, die Carlos\ngewinnen sollte (im \u00dcbrigen mit vielen Protestanten in seinem Heer), aber die\nnicht das Ende seiner Sorgen sein sollte. Die Religionskriege werden anhalten\nund in den Schrecken des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs enden. Das konnte Tizian noch\nnicht wissen, aber erahnen l\u00e4sst das Bild mit seiner melancholischen Stimmung,\ndass die Zukunft nicht rosig aussieht. Carlos sollte der letzte Kaiser sein,\nder aktiv an einer Schlacht teilnahm. Sein Sohn zog sich in den Escorial\nzur\u00fcck, Tage und N\u00e4chte \u00fcber Akten gebeugt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Bild, das auf den ersten Blick gar nicht so schlimm\naussieht wie es ist, ist Breughels Bild auf den Triumph des Todes, \u201eEl Triunfo\nde la Muerte\u201c (1565). Je mehr Details man sieht, umso schrecklicher die Szene.\nDer Tod und seine Gef\u00e4hrten richten ein Massaker an. Der Tod reitet als Soldat auf\neinem roten Pferd durch die Menge und schwingt seine Sense, ohne Unterschiede,\nin alle Richtungen. Die Menschen versuchen zu fl\u00fcchten, in einen eisernen,\nmerkw\u00fcrdig modern aussehenden Gang, st\u00fcrzen dabei \u00fcbereinander und fallen hin.\nEiner der Gef\u00e4hrten des Todes, als Skelett dargestellt, zieht auf einem wei\u00dfen\nPferd einen Karren, der mit Totenk\u00f6pfen beladen ist. Auf dem Boden ein Sarg mit\nR\u00e4dern mit einem Toten darin, der einen Menschen \u00fcberrollt. Im Hintergrund wird\neiner enthauptet, ein anderer gehenkt. Vorne ein Paar, das klimpert und singt\nund bei den T\u00f6nen der Laute eines Skeletts stirbt, ohne zu leiden, ohne die\nrestliche Szene wahrzunehmen. Die br\u00e4unlichen T\u00f6ne des Bildes, das Feuer im\nHintergrund, die brennenden H\u00e4user, die verdorrten B\u00e4ume und merkw\u00fcrdige Stangen\nmit R\u00e4dern oben tragen zu dem d\u00fcsteren Bild bei. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4llt mir ein Portr\u00e4t ins Auge (1565). Der\nDargestellte, das sieht man von weitem, ist Felipe II, und ich glaube sofort,\nder Maler m\u00fcsste Vel\u00e1zquez sein. Weit gefehlt: Sofonisba Anguissola, endlich\nmal eine Frau! Felipe tr\u00e4gt die typische dunkle Kleidung seiner Zeit, den hohen\nHut und die Halskrause. Und er hat das unverkennbare vorstehende Kinn der\nHabsburger. Nur das erleuchtete Gesicht und die Halskrause heben sich von dem\ndunklen Hintergrund ab. Ein wichtiges Detail ist der Rosenkranz, den Felipe in\neiner Hand h\u00e4lt. Er steht f\u00fcr das Rosenkranzfest, das von Gregor XIII\neingef\u00fchrt worden war, um an die Schlacht von Lepanto und den Sieg \u00fcber die\nT\u00fcrken zu erinnern. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Vel\u00e1zquez ist es wie bei Bosch. Ganze Trauben von\nMenschen stehen vor den gro\u00dfen Gem\u00e4lden, aber nicht vor allen. Die beiden\nkleinformatigen Bilder aus Italien, vom Garten der Villa Medici (1630?), finden\nkaum Beachtung. Sie sehen unscheinbar aus, aber sie haben es in sich. In dem\nrechten f\u00e4llt das Licht direkt von oben, in dem linken f\u00e4llt es schr\u00e4g ein, und\nals Betrachter hat man sofort den Eindruck, um welche Tageszeit es sich\nhandelt, den fr\u00fchen Abend. Man sieht wenig mehr als die \u00e4u\u00dfere Umfassungsmauer\nder Villa Medici und hohe Zypressen dahinter. Rechts vor dem mit Brettern\nzugenagelten Eingangstor stehen zwei M\u00e4nner, vielleicht W\u00e4chter, nur ganz\nskizzenhaft dargestellt. Das Bild ist von einer ungeheuren Modernit\u00e4t. Erstens\nhat Vel\u00e1zquez seine Staffelei tats\u00e4chlich drau\u00dfen aufgestellt, im Freien\ngemalt, etwas bis dahin praktisch Unbekanntes. Zweitens wird nicht die Pracht\nder Villa Medici dargestellt, sondern eine Steinmauer mit Toren, die mit\nBrettern etwas provisorisch und nicht gerade perfekt verschlossen sind.\nDrittens ist hier die Landschaft keine Beigabe zu einer mythologischen oder\nhistorischen Szene, sondern wird um ihrer selbst willen dargestellt. Und\nschlie\u00dflich ist die Maltechnik, mit ihren vagen Umrissen, ihren angedeuteten\nFormen, so modern, dass sie an Impressionisten denken l\u00e4sst, die erst 200 Jahre\nsp\u00e4ter die B\u00fchne betreten. Man braucht sich nur den Boden vor der Mauer, die\nHecken oder die Statue in einer Nische in der Mauer anzusehen. Ein Meisterwerk.\n&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse <em>Las Meninas<\/em> und <em>Los Borrachos<\/em> aus, die\nvon keiner F\u00fchrung ausgelassen werden und werfe nur einen kurzen Blick auf ein\nganz ungew\u00f6hnliches Bild von Vel\u00e1zquez, das ganz einfach den Kopf eines\nRehbocks zeigt, zeigt, den Kopf eines Sechsenders. Ein wirklich ungew\u00f6hnliches\nMotiv. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Nische f\u00fcr sich selbst, am Treppenaufgang, hat der \u201eCristo\nCrucificado\u201c von Vel\u00e1zquez, ein wunderbares Bild, vielleicht das bewegendste,\ndas ich auf meiner Tour durch den Prado sehe. Christus am Kreuz ist in seiner\nganzen W\u00fcrde dargestellt, die Wundmale sind nur angedeutet, nur ganz feine\nSpuren von Blut sind an einigen Stellen des K\u00f6rpers zu sehen, und Christus\nscheint eher auf dem Kreuz zu stehen als an dem Kreuz zu h\u00e4ngen. Die beiden\nF\u00fc\u00dfe sind \u00fcbereinandergeschlagen, und nur ein Nagel ist durch sie geschlagen.\nChristus ist alleine, es sind keine r\u00f6mischen Soldaten zu sehen, kein Johannes,\nkeine Maria. Der helle, fast sch\u00f6ne K\u00f6rper hebt sich von dem dunklen\nHintergrund ab. Der Kopf ist leicht geneigt, und die langen, dunklen Haare\nverdecken fast das ganze Gesicht, aber nur fast. Christus hat keinen\n\u201erichtigen\u201c Heiligenschein, nur eine ganz leichte Aureole zieht sich um den\nKopf herum, so als k\u00e4me sie aus dem Kopf selbst. Das Bild strahlt Christus\u2018 W\u00fcrde\naus, auch im Moment des Todes. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>El Greco, mit dem ich mich immer etwas schwertue, ist immer\nsofort als El Greco zu erkennen, sowohl auf seinen Portr\u00e4ts der Caballeros\nseiner Zeit als auch auf den aus einer anderen Welt stammenden Heiligenszenen,\noft stark bev\u00f6lkert von in die L\u00e4nge gezogenen, \u00fcberschlangen Figuren und ihren\nlangen Gew\u00e4ndern mit den hellen Farben, die irgendwie unwirklich scheinen,\nsonst bei keinem Maler zu finden sind. Diese Bilder strahlen eine starke\nSpiritualit\u00e4t aus. Ich sehe mir vier einzelne, aber wohl zusammengeh\u00f6rige\nBilder an, die Christus, Santiago, Thomas und Paulus zeigen (ab 1608). Paulus\nh\u00e4lt ein Schriftst\u00fcck in der Hand, ansonsten sind kaum Attribute zu sehen. Der\nFokus liegt ganz auf der geistigen Haltung der Figuren. In der Beschriftung\nerf\u00e4hrt man etwas von dem Produktionsprozess. Alle vier Bilder stammen aus der\nWerkstatt El Grecos, aber das bedeutet nicht, dass er alles selbst gemalt hat.\nAn Mitarbeiter und Lehrlinge erging schon mal der Auftrag, eine Hand oder einen\nFu\u00df oder den Hintergrund zu malen, w\u00e4hrend der Meister sich zentrale Motive wie\ndas Gesicht vorbehielt. Hier gibt es Spekulationen dar\u00fcber, welches Bild ganz\nauf El Greco zur\u00fcckgeht, und es wird vermutet, dass es Santiago ist. Der hat\ntats\u00e4chlich eine besondere Ausstrahlung. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer voller im Museum, und meine Aufmerksamkeit\nschwindet, der R\u00fccken f\u00e4ngt an zu schmerzen. Zum Abschluss sehe ich mir noch\neinen Sorolla an, eine g\u00e4nzlich andere Geschichte (1909). Es zeigt drei Jungen\nam Meer. Sie sind nackt, liegen auf dem Bauch auf dem Sand an der Stelle, wo so\ngerade das Wasser hinreicht. Schon beim Zugucken f\u00fchlt man sich wohl, man\nglaubt, das Wasser auf der eigenen Haut zu sp\u00fcren. Alle drei haben eine leicht\nunterschiedliche Position: Der Junge im Vordergrund hebt den Oberk\u00f6rper leicht\nnach oben, der n\u00e4chste dreht sich auf die Seite, der dritte, der am meisten im\nWasser liegt, liegt ganz flach auf dem Bauch. Es ist ein wunderbares Bild,\nnicht wegen der drei Jungen, sondern wegen der Maltechnik. Man sieht f\u00f6rmlich,\nwie das Wasser sich bewegt, man sieht, wie die Oberfl\u00e4che des Wassers die\nK\u00f6rper der Jungen in unterschiedlichen Formen und unterschiedlichen Helligkeitsstufen\nwiderspiegelt. Das Bild gibt die Atmosph\u00e4re perfekt wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, ist es drau\u00dfen richtig warm\ngeworden, und die Sonne scheint ohne Unterlass. Ich sehe mich ein bisschen in\nder Gegend um. Gleich hinter dem Museum steht, etwas erh\u00f6ht, <em>San Jer\u00f3nimo<\/em>.\nEinen Turm der Kirche konnte man von einem modernen Saal des Museums aus sehen.\nDie Kirche ist das einzige \u00dcberbleibsel des ehemaligen Klosters, <em>Los\nJer\u00f3nimos<\/em>. Die Kirche ist gotisch, au\u00dfen mit einer Mischung aus Backstein, M\u00f6rtel\nund Steinquadern. Keine Sch\u00f6nheit auf den ersten Blick, aber wenn man sie von\nder Seite sieht, gewinnt sie. Innen etwas \u00fcberladen, mit einigen sch\u00f6nen\nDetails wie dem Gew\u00f6lbe des Mittelschiffs, dem Gew\u00f6lbe unter der Empore, der\nBr\u00fcstung der Empore und den Fenstern im Triforium, bestimmt sp\u00e4ter eingebaut. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich neben der Kirche, auf einem von einem Gitter\nabgeschlossenen Grundst\u00fcck mit einem Garten, befindet sich die <em>Real Academia\nde la Lengua<\/em>, die H\u00fcterin der spanischen Sprache. Sie hat 46 Mitglieder,\nf\u00fcr jeden Buchstaben eins, und zwar jeweils getrennt f\u00fcr den Gro\u00dfbuchstaben und\nden Kleinbuchstaben. Es gibt aber Ausnahmen. Das \u00f1 gibt es nur als\nKleinbuchstaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es den <em>Paseo del Prado<\/em> hinunter, Richtung\nAtocha. Hier verlaufen mehrspurige Stra\u00dfen, aber man kann auf den breiten\nPromenaden dazwischen problemlos flanieren. Auch hier scheint es ruhiger als\nfr\u00fcher zu sein. Am <em>Paseo del Prado<\/em> stehen zwei sich zwei der\nrenommiertesten Hotels von Madrid gegen\u00fcber, das <em>Palace<\/em> und das <em>Ritz<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sieht man auf die Hauptfassade des Museums, die\ngerade einger\u00fcstet ist. Der Mittelteil mit dem alten Haupteingang ist aber\nschon fertig. Davor steht ein Denkmal f\u00fcr Vel\u00e1zquez. F\u00fcr wen sonst? Vel\u00e1zquez\nwird sitzend dargestellt, mir Palette und Pinsel in der Hand, aber in ruhender\nPose. Man wird unwillk\u00fcrlich an die \u201eMeninas\u201c erinnert. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich Richtung Atocha komme, spricht mich ein Mann an und\nfragt, wo es hier einen Kiosk gebe. Er wolle Geld wechseln. Ich sage, ich h\u00e4tte\nkeine Ahnung, aber am Ende der Promenade gebe es bestimmt einen und sonst k\u00f6nne\ner es ja im Bahnhof versuchen. Dann fragt er mich, ob ich nicht wechseln k\u00f6nne.\nEr h\u00e4lt mehrere Ein-Euro-M\u00fcnzen wie abgez\u00e4hlt in der Hand. Mir schwant nichts\nGutes. Der will an mein Portemonnaie. Ich sehe gleich rechts eine Bar und sage\nihm, da k\u00f6nne er doch wechseln. Das muss er akzeptieren. Er wendet sich nach\nrechts, so als ob er in die Bar gehen wollte, wartet ein Weile, sieht, dass ich\nweiter gegangen bin und kehrt dahin zur\u00fcck, wo er mich angesprochen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In Atocha frage ich nach den Fahrkarten f\u00fcr Aranjuez f\u00fcr\nmorgen. Man kann sie erst kurz vor Antritt der Fahrt l\u00f6sen, was ich ein\nbisschen bl\u00f6d finde. Aber jetzt wei\u00df ich wenigstens, wie es geht. Wie es mit\nder Metro funktioniert, habe ich gestern am Flughafen erfahren. Es gibt keine\nEinzelfahrkarten mehr, es gibt gar keine Fahrkarten im engeren Sinne mehr. Man\nerwirbt eine Art Scheckkarte, auf die man einen Betrag aufl\u00e4dt und den man dann\n<em>peu \u00e0<\/em> <em>peu<\/em> abf\u00e4hrt. Das ist ganz praktisch. Nur braucht man leider f\u00fcr\nAranjuez eine andere Karte als f\u00fcr die Metro. <\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Abfahrtshalle mit ihrem Glasdach hat man erhalten\nund in einen tropischen Garten verwandelt. Die Pflanzen ranken sich hoch auf\nund stehen dicht nebeneinander, und es riecht nach Tropen. Die G\u00e4nge zwischen\nden Pflanzen sind aber abgesperrt, wohl wegen Corona. Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Gartens eine Bar, in der eine bekannte\nBiermarke mit einem weit hergeholten Wortspiel auf sich aufmerksam macht: <em>Mahoudrid<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz, an dem der Bahnhof liegt, sto\u00dfe ich auf einen\nungew\u00f6hnlichen Stra\u00dfennamen: <em>Mar\u00eda de la Cabeza<\/em> \u2013 Maria vom Kopf. Der\nr\u00e4tselhafte Name wird sich im Laufe der Tage noch kl\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganz klein wenig abseits des Platzes sto\u00dfe ich auf ein\nhochmodernes Museum aus Glas und Stahl. Es ist das <em>Reina Sof\u00eda<\/em>, eins der\ndrei gro\u00dfen Kunstmuseen Madrids, aber es ist die Hinteransicht. Deshalb habe\nich es nicht erkannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse das Museum rechts liegen und komme nach <em>Lavapi\u00e9s<\/em>,\neinem bunten, etwas schrillen, aber doch irgendwie auch ganz normalen\nWohnviertel, nur ein Steinwurf vom <em>Paseo del Prado<\/em> entfernt. Der\nUnterschied k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Hier gibt es experimentelles Graffiti mit\nexotischen Motiven in knalligen Farben, Regenbogenfahnen, H\u00e4userfassaden mit\nabbl\u00e4tternder Farbe, ungew\u00f6hnliche Spielpl\u00e4tze und viel Volks, vor allem\nZuwanderer. <em>Lavapi\u00e9s<\/em> gilt nicht als das sicherste Viertel Madrids, aber\num diese Tageszeit ist hier alles in Ordnung. <\/p>\n\n\n\n<p>Was es mit dem ungew\u00f6hnlichen Namen des Viertels auf sich\nhat, ist nicht ganz gekl\u00e4rt. Aber es scheint tats\u00e4chlich etwas mit\n\u201aFu\u00dfwaschung\u2018 zu tun zu haben, wie es die w\u00f6rtliche Bedeutung nahelegt. War es\nein Quartier f\u00fcr Weltenbummler, die aus Toledo oder S\u00fcdspanien hierher kamen\nund sich die F\u00fc\u00dfe wuschen? Wahrscheinlicher ist eine rituelle Fu\u00dfwaschung,\nentweder auf den altchristlichen Gebrauch der Osterzeit und damit auf eine\nentsprechende Einrichtung bei der Kirche San Lorenzo anspielend, oder es stammt\naus der entsprechenden arabischen Tradition. Oder aber aus der hebr\u00e4ischen,\ndenn hier befand sich einst ein Judenviertel. In diesem Falle k\u00f6nnte der Name\nvon hebr. <em>abapuest<\/em> abgeleitet sein,\nwas \u201ahebr\u00e4ischer Platz\u2018 bedeutet.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Eingangs des Viertels an einer Apotheke eine aktuelle\nTemperaturanzeige: 21\u00b0. Vielleicht ein bisschen hochgegriffen, aber es f\u00fchlt\nsich auf jeden Fall warm an. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum des Viertels komme ich an einer Bar\nmit dem Namen <em>Mayrit<\/em> vorbei. Das ist der alte, der arabische Name von\nMadrid. Madrid begann seine Geschichte als arabische Festung, schon mit einer\nersten Stadtmauer umgeben, eine Festung gegen die von Norden ankommenden\nchristlichen Heere und gegen die Rebellen in Toledo. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zur <em>Plaza de Lavapi\u00e9s<\/em>, einem dreieckigen\nPlatz mit vielen Sitzb\u00e4nken und viel Get\u00fcmmel. Bei der Suche nach einem Lokal\ngehe ich eine Stra\u00dfe rauf, aber ich bin hier wohl im indischen Viertel\ngelandet. Spanische Lokale gibt es breit und weit nicht, schon eher ein\nlibanesisches oder ein griechisches. Ich gehe die Stra\u00dfe wieder runter, und da\nwerde ich f\u00fcndig: <em>Porto Mar\u00edn<\/em>. Warum das Lokal hier so weit von der\nK\u00fcste diesen Namen tr\u00e4gt, wei\u00df man nicht, aber das ist mir jetzt auch egal.\nHauptsache, es gibt was zu essen. Und das gibt es: <em>Caldo Gallego<\/em>\n(lauwarm, nicht sehr schmackhaft), <em>Estofado<\/em> (ausgezeichnet) und <em>Tarta\nde Santiago<\/em> (sehr lecker). Dazu gibt es ausgezeichnetes Bier. Leider kann\nich den Kellner nicht verstehen, als er mir die Marke nennt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Kunden scheinen hier Stammg\u00e4ste zu sein. Viele\nkennt der Kellner pers\u00f6nlich und spricht sie mit Namen an. Auff\u00e4llig, dass hier\nnur Spanier sind, keine Ausl\u00e4nder. Man bleibt unter sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber eine Frau mit ihrer Enkelin. Die Dame ist in die\nJahre gekommen, aber hat sich gut gehalten und ist schick gekleidet. Die beiden\nunterhalten sich angeregt und scheinen sich gut zu verstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>An den meisten anderen Tischen wird Wein getrunken. Man\nbekommt die ganze Flasche und bezahlt dann anteilig, wenn man sie nicht ganz\nleert. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Hotel komme ich durch eine schmale\nStra\u00dfe des Viertels, in dem die B\u00e4ume schon in Bl\u00fchte stehen. Sie sehen rosa\naus, aber wenn man n\u00e4her hinguckt, sind sie wei\u00df. K\u00f6nnten Kirschbl\u00fcten sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe h\u00f6re ich, wie ein junger Mann in sein Handy\nspricht: \u201eMe levantaba a las siete, y luego me he duchado \u2026\u201c Ein Gebrauch der\nZeiten, der allem widerspricht, was in den Grammatiken und Lehrb\u00fcchern steht.\nWas lernt man daraus? Die Sprecher richten sich nicht nach den Regeln, die\nRegeln m\u00fcssen sich nach den Sprechern richten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich durch das andere Ende von <em>Lavapi\u00e9s<\/em>\nwieder zur <em>Puerta de Toledo<\/em>. Der Kreis schlie\u00dft sich. An dem gro\u00dfen,\nrunden Platz mit radial einkommenden Stra\u00dfen f\u00e4llt mir ein modernes Geb\u00e4ude ins\nAuge: <em>Universidad Carlos III<\/em>. Die dritte der gro\u00dfen Universit\u00e4ten\nMadrids und die j\u00fcngste, nach der <em>Complutense<\/em> und der <em>Aut\u00f3noma<\/em>.\nIch dachte immer, die <em>Carlos III <\/em>w\u00e4re viel weiter au\u00dferhalb. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich gerade mal einen Tag hier, aber es hat sich so\ngef\u00fcgt, dass ich schon einiges gesehen habe, mehr als eigentlich geplant.\nAngekommen bin ich am Vorabend mit dem Flugzeug. Direkt von Luxemburg. Der\nFlughafen Barajas, nicht mehr wiederzuerkennen, tr\u00e4gt jetzt den Namen Adolfo\nSu\u00e1rez. Eine Ehre f\u00fcr den Politiker. Vielleicht zu viel der Ehre? Su\u00e1rez war ein\nkluger, bed\u00e4chtig handelnder Politiker, und er hatte gro\u00dfe Verdienste bei dem\n\u00dcbergang von dem Franco-Regime zu einem offenen, demokratischen Spanien nach\nwestlichem Muster. Aber er war auch Mitglied der alten Garde gewesen, Teil der\nNomenklatur, kein Rebell, kein Emigrant, nicht einmal ein Unbeteiligter. Man\nkann ihn sehen als jemanden, der die Zeichen der Zeit erkannte und sich mutig\nf\u00fcr Ver\u00e4nderung einsetzte, man kann ihn auch sehen als jemand, der sein\nF\u00e4hnchen nach dem Wind richtet. <\/p>\n\n\n\n<p><a>Am Abend lese ich ein Zitat von\nWolfgang Herrndorf, dem Autor von <em>Tschick<\/em>.\nAls er wusste, dass er den Kampf gegen den Krebs verlieren w\u00fcrde, schrieb er:\n\u201eMan muss auch mal das Positive sehen: Nie wieder Steuererkl\u00e4rung, nie wieder\nRentenversicherung, nie wieder Zahnarzt.\u201c<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>1. M\u00e4rz\n(Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr drei Stationen\nzweimal umsteigen \u2013 ist mir zu kompliziert, also geht es wieder zu Fu\u00df nach\nAtocha. Wieder strahlt die Sonne, wieder ist kaum ein W\u00f6lkchen am Himmel. Aber\nes ist so kalt, dass mir fast nach Handschuhen zumute ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der <em>Ronda\nde Toledo<\/em> bliebe ich irgendwo mit dem Fu\u00df h\u00e4ngen, stolpere und falle ganz\nbl\u00f6d auf den B\u00fcrgersteig. Sofort steht eine Familie um mich herum, fragt, wie\nes mir gehe, sieht ganz besorgt aus und fragt dann noch, als ich sage, es gehe\nschon wieder, ob mir schwindlig sei. Tolle Aktion! Der freundliche Umgang macht\ndie Schrammen an H\u00e4nden und Knien ertr\u00e4glicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Atocha, den ich von\nfr\u00fcher noch als Sackbahnhof kenne, ist jetzt ein riesiger, hochmoderner\nBahnhof, der sich hinter der alten Eingangshalle verbirgt, in der jetzt der\ntropische Garten untergebracht ist. Die Abfahrtshallen befinden sich auf\nverschiedenen Ebenen, teils unterirdisch, und Nahverkehr und Fernverkehr sind\nvoneinander getrennt. Es ist alles gro\u00dfz\u00fcgig geplant, und man kommt sich nicht mit\nanderen Fahrg\u00e4sten in die Quere, obwohl zu dieser Zeit, mit dem Berufsverkehr,\nm\u00e4chtig Betrieb ist. Der Fahrkartenkauf am Automaten funktioniert reibungslos,\nund nach zwei Minuten f\u00e4hrt der Zug nach Aranjuez ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch ein\nIndustrieviertel \u2013 eine Haltestelle hei\u00dft sogar <em>San Crist\u00f3bal Industrial<\/em>\n\u2013 und dann kommt v\u00f6llig ausgetrocknete, fast steppenartige Landschaft. Einziger\nLichtblick: Einige Laubb\u00e4ume tragen schon Bl\u00e4tter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann, kurz vor\nAranjuez, wird es etwas besser, gr\u00fcner. Wir \u00fcberqueren einen Fluss, den Jarama.\nDer m\u00fcndet hier, in Aranjuez, in den Tajo. Den bekomme ich aber nicht zu sehen.\nDer Jarama ist eine Erinnerung an die Lekt\u00fcre von fr\u00fcher. Er war der Titel\neines Romans, noch aus der Franco-Zeit, der eine Art Aufbruch ank\u00fcndigte. Seine\nHelden waren Jugendliche, sinnsuchende Jugendliche in einer repressiven\nGesellschaft, Madrilenen, die einen Tag am Jarama verbringen und ihre Konflikte\naustragen. Es passiert nichts Dramatisches. Der Tag verl\u00e4uft mit Vergn\u00fcgungen\nund Gespr\u00e4chen. Der eigentliche Held des Romans ist die Sprache der\nJugendlichen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Aranjuez geht es stracks einen geraden Weg entlang zum <em>Palacio\nReal<\/em>. Er liegt an einem riesigen, zu drei Seiten offenen Platz, der <em>Plaza\nde Parejas<\/em>, dem Ort von Feierlichkeiten, Aufm\u00e4rschen und Reiterspielen aus\nder Zeit der K\u00f6nige. Der Name spielt auf eine Formation bei einer Art Tanz zu\nPferde an, bei dem sich die 48 Reiter in 4 Reihen aufteilten und unter der\nLeitung eines der S\u00f6hne des K\u00f6nigs sich immer wieder paarweise begegneten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Seite wird der Platz flankiert von einem\nNebengeb\u00e4ude des Palasts, der <em>Casa de Caballeros y Oficios<\/em>, mit einem\nsch\u00f6nen, sich lang hinziehenden Arkadengang. Die Sonne wirft die Schatten der\nB\u00f6gen auf den Boden. Hier finde ich schlie\u00dflich auch ein Caf\u00e9, wo ich mich vor\nder Besichtigung st\u00e4rken kann. Die Putzfrau, mit der ich kurz ins Gespr\u00e4ch\nkomme, ist Marokkanerin. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den Palast, zu der F\u00fchrung. Man erf\u00e4hrt,\ndass die K\u00f6nige und ihre Familien in der Regel drei, vier Monate hier\nverbrachten, im Fr\u00fchling. Den Sommer verbrachte man eher in Segovia, den Rest\ndes Jahres in Madrid oder im Escorial, je nach Vorliebe. So war es jedenfalls\nim 18. Jahrhundert, der Zeit, aus der der heutige Palast im Wesentlichen\nstammt. Innen brachte jeder Monarch seine eigenen Ver\u00e4nderungen an. Das heutige\nAussehen ist stark bestimmt von den Ver\u00e4nderungen, die Isabel II vornahm.\nDanach verloren die Pal\u00e4ste an Attraktion. Man ging zur Erholung lieber an die\nB\u00e4der am Atlantik im Norden Spaniens. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung ist ausgesprochen uninspiriert. Die F\u00fchrerin\nnennt unendlich viele Zahlen und Namen, aber gibt keinen richtigen Einblick in\ndie Baugeschichte und erst recht nicht in die t\u00e4glichen oder die offiziellen\nAbl\u00e4ufe des Lebens im Palast. Die beiden W\u00f6rter <em>bonito<\/em> und <em>importante<\/em>\ngen\u00fcgen ihr, um zu charakterisieren, was wir zu sehen bekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ins erste Obergeschoss gelangt man \u00fcber eine monumentale\nMarmortreppe, an deren Ende in einer Nische eine B\u00fcste steht. Wer kann das\nsein? Ludwig XIV. Was hat der hier verloren? Ganz einfach. Er war der Gro\u00dfvater\nvon Felipe V, dem Erbauer des Palasts in der heutigen Form, wenn man von\nsp\u00e4teren Anbauten absieht. Felipe V war der erste Bourbone auf dem spanischen\nThron und ist der Monarch mit der l\u00e4ngsten Regierungszeit in der Geschichte\nSpaniens, mit \u00fcber 45 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf dem Treppenabsatz ganz rechts eine T\u00fcr. Hinter der\nverbirgt sich eine weitere Treppe, eine ganz einfache. Die stammt aus dem\nVorg\u00e4ngerbau und wurde von den Habsburgern benutzt. Von deren Palast ist nur\nwenig \u00fcbriggeblieben. Das meist wurde durch Br\u00e4nde zerst\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den unz\u00e4hligen S\u00e4len, die wir zu sehen bekommen,\nstechen zwei durch ihre besondere Gestaltung hervor, das Raucherzimmer und der\nPorzellansaal. Das Raucherzimmer ist ganz nach arabischer Art gestaltet, mit\neiner abgestuften Kuppel und vielen Stuckarbeiten und dem typischen arabischen\nDekor mit geometrischen Mustern und Schriftzeichen. Das ist allerdings zu bunt\ngeraten und wirkt etwas kitschig. Das Porzellanzimmer, ganz nach chinesischer\nArt gestaltet, ist ganz mit Figuren aus Porzellan dekoriert, an den W\u00e4nden und\nan der Decke. Das Porzellan stammt aus der k\u00f6niglichen Manufaktur im Retiro.\nMan sieht Figuren mit Sonnenschirmen und Figuren mit spitzen H\u00fcten und spitzen\nB\u00e4rten. Auch hier alles sehr bunt. Dieses Zimmer stammt aus der Zeit von Carlos\nIII.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige R\u00e4ume haben eine sch\u00f6ne Deckengestaltung im\nRokoko-Stil, leicht und licht, mit exotischen V\u00f6geln und stilisierten Pflanzen\nund einer ganzen Galerie von Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, oder\nMischwesen aus verschiedenen Tieren. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Raum sind acht gleichgro\u00dfe, eher kleinformatige\nBilder ausgestellt, die detailreich und phantasievoll die acht Weltwunder\ndarstellen. Acht? Ja, man hat hier zur Aufrundung neben dem Koloss von Rhodos,\ndem Leuchtturm von Pharos, der Statue des Zeus von Olympia und den anderen \u2013\nganz unbescheiden \u2013 den Escorial als achtes Weltwunder hinzugez\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das meiste, was man sieht, geht aber unter. Es ist einfach\nzu viel der Gem\u00e4lde, B\u00fcsten, M\u00f6bel, Tapisserien, Lampen und Uhren. Ich bin\nnicht b\u00f6se, als die F\u00fchrung&nbsp; vorbei ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Grund f\u00fcr meinen Besuch in Aranjuez ist\nsowieso nicht der Palast. Auch nicht andere Sehensw\u00fcrdigkeiten. Der eigentliche\nGrund f\u00fcr meinen Besuch sind meine englischen Freunde, die Spanien treu\ngeblieben sind und sich von Madrid hierher nach Aranjuez zur\u00fcckgezogen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt komme ich an einer Bar\nvorbei, der von Antonio Rodilla. Auf dem Gesch\u00e4ftsschild steht <em>El Sandwich m\u00e1s famoso del mundo \u2013 Das bekannteste\nSandwich der Welt.<\/em> Das erinnert mich an den Witz \u00fcber die Stra\u00dfe mit den\ndrei Schuhmachern. Beim ersten steht <em>El\nmejor zapatero de Madrid \u2013 Der beste Schuhmacher von Madrid<\/em>, beim zweiten <em>El mejor zapatero de Espa\u00f1a \u2013 Der beste Schuhmacher\nvon Spanien <\/em>und bei dem dritten <em>El\nmejor zapatero de esta calle \u2013 Der beste Schuhmacher dieser Stra\u00dfe<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gerade einen Passanten nach unserem Treffpunkt\ngefragt habe, spricht mich eine Frau an. Ob wir nicht verabredet seien? Sie\nnimmt die Sonnenbrille ab. Es ist Hilary. Und ihr Mann, Nigel, ist schon im\nAnmarsch, mit Doris, ihrer neuesten Erwerbung. Sie nimmt sofort K\u00f6rperkontakt\nmit mir auf und schnuppert an mir herum. Offensichtlich ist sie zufrieden mit\ndem Ergebnis, denn sie f\u00e4ngt jetzt an, an mir hochzuspringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auf die Plaza, setzen uns in die Sonne und trinken\nein Bier. Hilary zeigt auf den Himmel: Guck mal, das ist unser Winterhimmel. So\nblau ist er nur in dieser Jahreszeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir zu ihnen nach Hause, die Wohnung ist nur ein\npaar Schritte vom Zentrum entfernt. Die R\u00e4ume sind gro\u00dfz\u00fcgiger zugeschnitten\nals in der klassischen spanischen Wohnung und anders verteilt. Parallelit\u00e4t der\nEreignisse: Auch sie haben eine Maisonettenwohnung. Wir trinken noch ein Bier\nund sind dann bereit zum Essen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchren mich aus ins <em>Tomate de Aranjuez<\/em>, ein\nmodernes Lokal mit ausgezeichneter K\u00fcche. Das Lokal wird seinem Namen gerecht.\nWir essen alle einen Teller Tomate als Vorspeise, mit verschiedenen Zutaten.\nDann gibt es Fleisch, Schwein, Ochse, Lamm, alles sehr schmackhaft. Und dann\nnoch einen opulenten Nachtisch mit viel Mango und viel Mascarpone. Dazu einen\nhervorragenden Wein vom Duero. <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden sind zufrieden in Aranjuez. Es ist eine eher\nruhige Kleinstadt, sehr spanisch. Es kommen zwar viele Touristen, aber das sind\nfast ausschlie\u00dflich Tagestouristen. Madrid ist mit dem Zug gerade mal 45\nMinuten entfernt, und dennoch haben Pendler Aranjuez noch nicht f\u00fcr sich\nentdeckt, obwohl diejenigen, die im Norden Madrids wohnen, in den vornehmeren\nViertel, genauso lange zur Arbeit unterwegs sind. Wir sprechen \u00fcber die alten\nZeiten, aber auch \u00fcber unsere Gem\u00fctsverfassung angesichts des \u00c4lterwerdens, der\nPandemie, der Kriegsgefahr. Pl\u00e4ne haben wir alle drei noch, jeder auf seine Art\nund Weise. Von fr\u00fcher haben wir unterschiedliche Dinge in Erinnerung. Sie\nerz\u00e4hlen von einem fr\u00fcheren Sch\u00fcler, einem steinreichen, etwas zwielichtigen\nGesch\u00e4ftsmann, der einen Intensivkurs bei uns belegte, einen ganz auf ihn\nzugeschnittenen. Der sei, erz\u00e4hlen sie, sp\u00e4ter Opfer eines Attentats geworden. Ich\nkann mich nicht an ihn erinnern, aber beide sind sich sicher, dass ich ihn\nunterrichtet habe. Ich h\u00e4tte damals die Art und Weise kommentiert, wie dieser\nMann mit dem Geld um sich warf. <\/p>\n\n\n\n<p>Als das Mittagessen zu Ende ist, ist es f\u00fcnf Uhr. In bin in\nSpanien angekommen. Die beiden bringen mich noch zum Bahnhof und dann\nverabschieden wir uns mit dem festen Vorsatz, uns bald wiederzusehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder in Atocha ankomme, sehe ich mir noch das\nMonument f\u00fcr die Opfer des <br>\n11-M an, der Attentate von 2014 auf Z\u00fcge und Bahnh\u00f6fe in Madrid. Eine der Bomben\nexplodierte hier in Atocha. Insgesamt gab es 192 Tote und Tausend Verletzte. <\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt eine abgedunkelte, blaue Halle mit einer\nm\u00e4chtigen Kuppel, durch die Licht in den leeren Rau str\u00f6mt. An den Wangen der\nKuppel werden mit Laserstrahlen Botschaften in verschiedenen Sprachen projiziert,\ndie Spanien nach dem Attentat erreichten. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend im Hotel lese ich, dass Stalin, Churchill und\nRoosevelt sich in Teheran trafen, weil Stalin Flugangst hatte und sich\n\u00fcberhaupt nicht f\u00fcr lange von Moskau entfernen wollte. Es gab keine Tagesordnung,\nman sprach mal dies, mal das Thema an, oft im Plauderton und beim Essen oder\nbeim Rauchen. Entgegen der allgemeinen Erwartung gab es keine Koalition des\nWestens gegen Stalin, sondern eher eine Verbindung von Roosevelt und Stalin,\ndie die gleichen strategischen Vorstellungen hatten. Gleichzeitig verstand sich\nChurchill mit Stalin so gut, dass er sagte, alle Probleme der Welt k\u00f6nnten\ngel\u00f6st werden, wenn er sich einmal im Monat mit Stalin treffe. <\/p>\n\n\n\n<p>2. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht es am Morgen zu Fu\u00df los, Richtung Zentrum, wie\nvorgestern. Das erste Viertel, das man erreicht, ist <em>La Latina<\/em>. Es ist\nbenannt nach Beatriz Galindo, einer Vertrauten der Katholischen K\u00f6nigin. Sie\nbekam ihren Beinmanen, <em>La Latina<\/em>, weil sie schon als Kind Latein konnte\nund mit der K\u00f6nigin Latein sprach oder ihre Kinder in Latein unterrichtete.\nGenau wei\u00df man das nicht. Auf jeden Fall war sie eine einflussreiche Frau am\nHof und unterst\u00fctzte Isabel auch in ihrem (nicht ganz unumstrittenen) Anspruch\nauf die Krone Kastiliens. W\u00e4re die Geschichte Spaniens vielleicht anders\nverlaufen, wenn Isabel nicht K\u00f6nigin geworden w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Viertel, einem weiteren ganz normalen Wohnviertel,\nein paar Schritte von der <em>Plaza Mayor<\/em> entfernt, wird der Name <em>Latina<\/em>\nnat\u00fcrlich ordentlich ausgeschlachtet, alles ist vertreten vom <em>Teatro La Latina<\/em> bis zum <em>Restaurante La Latina<\/em>. Hier gibt es auch\nnoch viele kleine Gesch\u00e4fte, Familienbetriebe, einen Uhrmacher, ein\nKorsettgesch\u00e4ft, ein Kerzengesch\u00e4ft, ein Schuhgesch\u00e4ft. In dem gibt es, laut\nSchaufensterinschrift, nicht nur Schuhe und alle m\u00f6glichen Sandalen zu kaufen (<em>alpargatas, espadrilles<\/em>) zu kaufen,\nsondern auch <em>pisamierdas<\/em>, w\u00f6rtlich\n\u201aSchei\u00dfetreter\u2018. Alle Gesch\u00e4fte hier haben noch die alten schweren Gitter vor\nden Schaufenstern, genauso wie eine Apotheke, die schon seit dem 19.\nJahrhundert hier ihren Platz hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Fr\u00fchst\u00fcck ins <em>Canalejas<\/em>, einer typischen Bar mit einer langen Theke, an der die\nG\u00e4ste auf Barhockern sitzen. Ich leiste mir diesmal neben Kaffee und Toast auch\neinen frisch gepressten Orangensaft. Hier wirft man noch nach alter Sitte alles\nauf den Boden. Der Unrat wird dann in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden weggekehrt. Nicht\nmehr auf dem Boden landen allerdings Zigarettenkippen. Das Rauchen im\n\u00f6ffentlichen Raum findet in Spanien so gut wie gar nicht mehr statt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Name der Bar, <em>Canalejas<\/em>,\nbezieht sich auf einen liberalen Politiker, der Anfang des 20. Jahrhunderts\neinem Attentat zum Opfer fiel, ganz hier in der N\u00e4he, auf der <em>Plaza Mayor<\/em>.\nDie Parallele zu den Attentaten dieser Zeit bei uns in Deutschland, Erzberger,\nRathenau, dr\u00e4ngt sich auf. Die Umst\u00e4nde des Attentats erinnern allerdings eher\nan das auf Olof Palme. Canalejas stand seelenruhig vor einer Buchhandlung und\nsah sich deren Schaufenster an. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s zur <em>Plaza Mayor<\/em>. Ich gehe einmal ganz\nherum (hab ich auch noch nie gemacht). Es gibt insgesamt neun Zug\u00e4nge, alle\ndurch Torb\u00f6gen, unregelm\u00e4\u00dfig verteilt. Auffallend ist das unterschiedliche Bodenniveau.\nVon meiner Seite aus, von S\u00fcden, geht es steil bergan zum Platz, im Norden ist\nes eben. Man muss hier den Grund erst nivelliert haben, bevor man den Platz\nanlegte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es noch ein paar kleine, traditionelle\nGesch\u00e4fte, darunter einen Hutladen und ein Briefmarkengesch\u00e4ft. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal sehe ich mir auch die bunten Wandmalereien an\nder Nordseite an, an der <em>Casa de la Panader\u00eda<\/em>, die die Mitte dieser\nSeite einnimmt. Hier waren urspr\u00fcnglich allegorische Darstellungen von\nLebensaltern angebracht, aber, nachdem die Bilder fast ganz verwittert waren,\n\u00fcbermalte man die. Jetzt gibt es allerhand, meist halbnackte, muskul\u00f6se\nGestalten aus der Mythologie zu sehen, die man im weitesten Sinne mit der\nGeschichte Madrids in Verbindung bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb der Plaza, schon auf der <em>Calle Mayor<\/em>, sehe\nich einen Laden mit dem Namen <em>La Hija de\nCa\u00edn. <\/em>Der Laden ist noch geschlossen, so dass ich nicht herausfinden kann,\nworauf sich die merkw\u00fcrdige Benennung bezieht. Ich wusste noch nicht einmal,\ndass Kain eine Tochter hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite an einer Ecke ein altes\nJuweliergesch\u00e4ft. Oben \u00fcber dem Schaufenster ist eine einfache Zeichnung\nangebracht und ein lateinischer Spruch, der drei Metalle zu den <em>Triumviris Monetalis<\/em> erkl\u00e4rt: Gold,\nSilber und Erz. <\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Ziel ist die <em>Puerta del Sol<\/em>. An dem\nGeb\u00e4ude, in dem heute die <em>Comunidad de<\/em> <em>Madrid<\/em> ihren Sitz hat,\nbenennt eine Plakette die H\u00f6he, auf der Madrid liegt; 650,7 Meter \u00fcber dem\nMeeresspiegel. Madrid d\u00fcrfte die h\u00f6chstgelegene Hauptstadt Europas sein. Das\nGeb\u00e4ude wird heute noch von \u00e4lteren Madrilenen gemieden, weil hier fr\u00fcher der\nSitz von Francos Geheimdienst war. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich vor dem Geb\u00e4ude, im Pflaster des B\u00fcrgersteigs, der\nStein, der den Kilometer Null bezeichnet, die Stelle, von der alle Entfernungen\nin Spanien gemessen werden. Urspr\u00fcnglich waren es, wie man an einem in den\nBoden eingelassenen Mosaik mit einer Karte von Spanien sehen kann, die sechs radial\nverlaufenden Nationalstra\u00dfen, die in sechs verschiedene Richtungen verliefen,\nnach Ir\u00fan, Barcelona, Valencia, C\u00e1diz, Badajoz und La Coru\u00f1a. Man sieht, dass\nMadrid ziemlich genau, wenn auch nicht ganz genau, im Zentrum Spaniens liegt.\nZu der Zeit, als die Messung eingef\u00fchrt wurde, handelte es sich noch um\nNationalstra\u00dfen. Autobahnen gab es so gut wie keine. Heute hat Spanien das gr\u00f6\u00dfte\nAutobahnnetz der EU.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus nehme ich die <em>Calle Arenal<\/em>. Sie ist\njetzt komplett fu\u00dfl\u00e4ufig. Wunderbar. Hier sind eher elegante Gesch\u00e4fte zu\nfinden, auch internationale Ketten. Auch <em>Starbucks<\/em> fehlt hier nicht. Urspr\u00fcnglich\nhandelte es sich bei der <em>Arenal<\/em>, wie der Name heute noch verr\u00e4t, um\neinen Sandweg. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Namen der Seitenstra\u00dfen, <em>Calle de Bordadores<\/em> und <em>Calle\nde las Hileras<\/em>, die der Stickerinnen und die der Spinnerinnen, zeugen noch\ndavon, dass hier fr\u00fcher das Viertel der Tuchmacher war. <\/p>\n\n\n\n<p>Links liegt <em>San Gin\u00e9s<\/em>. Es soll sich um eine der\n\u00e4ltesten Kirchen Madrids handeln, aber davon ist nicht mehr viel zu sehen. Es\nsoll hier ein Gem\u00e4lde von El Greco geben, aber das kann ich nicht finden. Sp\u00e4ter\nlese ich auf der Website, dass das Gem\u00e4lde nur zu ganz bestimmten Zeiten an\nwenigen Wochentagen gezeigt wird. In einer der kitschigen Seitenkapellen treffe\nich wieder auf <em>Mar\u00eda de la Cabeza<\/em>, deren Namen mir immer noch Kopfschmerzen\nverursacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Arenal<\/em> f\u00fchrt direkt zum <em>Teatro Real<\/em>. Auf\ndem Platz davor kleinere Gruppen von Touristen, die durch Madrid gef\u00fchrt\nwerden. In der Mitte des Platzes steht die Statue von Isabel II. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier ist es nicht mehr weit bis zum <em>Palacio Real<\/em>\nunseligen Angedenkens. Mein Bruder st\u00f6hnt heute noch unter der Last, die er \u2013\nganz w\u00f6rtlich \u2013 bei der Besichtigung damals zu tragen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Das breite, gr\u00e4uliche Geb\u00e4ude im klassizistischen Stil, ist,\nwie mir jetzt erst auff\u00e4llt, asymmetrisch. Rechts fehlt ein Fl\u00fcgel, das Pendant\nzu dem auf der linken Seite. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem weiten Platz vor dem Palast noch eine Reiterstatue,\nschon die dritte des Zentrums, nach der auf der <em>Plaza Mayor<\/em> und der auf\nder <em>Puerta del Sol<\/em>. Auf dem Sockel steht an zwei Seiten, dass die Statue\nvon Isabel II gestiftet worden ist, aber wer da auf dem Pferd sitzt, erf\u00e4hrt\nman nicht. Isabel ist es jedenfalls nicht. Sieht schwer nach Felipe IV aus. Und\ner ist es auch, wie auf einer neuen, etwas entfernt stehenden Tafel zu lesen\nist. Das Pferd wird hier in einer anderen Position dargestellt. Es b\u00e4umt sich\nauf, beide Vorderh\u00e4nde schweben in der Luft. Felipe h\u00e4lt die Z\u00fcgel in der\nlinken und einen Stab in der erhobenen rechten Hand. Ganz genau dargestellt\nsind die Verzierungen auf seiner Uniform sowie der gezwirbelte Schnurrbart, die\ngeflochtene M\u00e4hne des Pferds, die kleinen Furchen im unteren Teil der Stiefel. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist es nur ein kurzes St\u00fcck bis zur <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em>,\neinem Platz, mit dem man sich immer etwas schwertut. Aber auch hier ist es\nruhiger geworden, auch wenn oben die <em>Gran V\u00eda<\/em> entlang braust. Auf diesem\nPlatz stehen Spaniens erste Wolkenkratzer, noch in der Franco-Zeit entstanden,\nals Ausweis des Fortschritts. Eins, zweifarbig gefasst, mit getreppten\nSeitenteilen an der Stirn des Platzes, das andere, turmartig, mit abgerundeten\nBalkonen, an der Seite. Keine Sch\u00f6nheiten, aber ich bin nicht mehr ganz so\nkritisch wie fr\u00fcher. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes steht das etwas uninspirierte\nCervantes-Denkmal. Der Dichter sitzt auf halber H\u00f6he und blickt auf seine\nbronzenen Figuren herab, Don Quijote auf dem Pferd, Sancho Pansa auf dem Esel. Cervantes\nh\u00e4lt zwei B\u00fccher in der Hand, und das ist wichtig. Es ist ein Verweis auf die\nzwei B\u00e4nde des <em>Quijote<\/em>, der von 1605 und der von 1615. Der zweite Band\nenth\u00e4lt n\u00e4mlich Anspielungen auf die inzwischen erschienen Fortsetzungen des\nRomans von anderen Autoren und macht sich \u00fcber die lustig. Das seien doch alles\nnur Erfindungen, das habe doch nichts mit dem <em>wirklichen<\/em> Don Quijote zu tun. Ein ironisches und sehr modernes\nSpiel mit der verschwommenen Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Genauso,\nwie wir sie heute wieder bei den modernen Medien erfahren. <\/p>\n\n\n\n<p>An den Seiten des Monuments sind Szenen aus den Werken von\nCervantes dargestellt. Auf dem Obelisk eine Weltkugel, die von f\u00fcnf Figuren\ngehalten wird, die f\u00fcr die f\u00fcnf Kontinente stehen. Sie stehen genauso f\u00fcr den\nRuhm von Cervantes wie die Wappen der lateinamerikanischen L\u00e4nder, die an dem\nBrunnen angebracht sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will zur <em>Ermita San Antonio de la Florida<\/em> und\nfrage eine Frau, die aussieht, als wenn sie das w\u00fcsste, nach dem Weg. Und sie\nwei\u00df ihn. Ihre Erkl\u00e4rung ist glasklar. Sie fragt noch schnell, ob ich das zu\nFu\u00df machen wolle. Das sei ziemlich weit. Das sagen Spanier zwar immer, aber in\ndiesem Fall hat sie recht. Es ist wirklich ein ganzes St\u00fcck, am Nordbahnhof\nvorbei, an einem verkehrsreichen Kreisverkehr vorbei und durch ein\nGewerbegebiet. Dort frage ich noch ein zweites Mal. Der Mann h\u00f6rt gar nicht\nmehr auf mit seinen Erkl\u00e4rungen, beginnt von seinen Eltern zu erz\u00e4hlen und wie\ndie zum Tanzen gingen auf die <em>verbena<\/em>, das Fest dieses Viertels, das in ganz\nMadrid bekannt war. Und er erz\u00e4hlt von der <em>Bar Mingo<\/em>, gleich bei der <em>Ermita<\/em>,\nseinerzeit ber\u00fchmt wegen ihrer <em>cidra<\/em> und ihrer H\u00e4hnchen. Dort ging man,\nwenn das Geld reichte, sonntags zum Essen hin. Und bekam so einmal in der Woche\nFleisch. Das sei keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit gewesen. Er erz\u00e4hlt mir auch noch\netwas \u00fcber den Kopf von Goya, bevor ich mich losrei\u00dfen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Antonio de la Florida<\/em> gibt es gleich im\nDoppelpack. Zwei fast identische Kapellen, in geringer Entfernung zueinander,\netwas versetzt vom Stra\u00dfenrand. Die eine Kapelle ist aber 200 Jahre j\u00fcnger als\ndie andere. Das kam so: Die urspr\u00fcngliche Kapelle wurde von Goya ausgemalt. Der\nAnsturm auf die Kapelle wurde danach so gro\u00df, dass man keine Gottesdienste mehr\nin Ruhe abhalten konnte. Alle wollten nur noch die Bilder sehen. Daraufhin\nentschloss man sich 1928, eine Zwillingskapelle f\u00fcr die kirchliche Liturgie zu\nbauen und die alte Kapelle zum Museum zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit von Goya hier ist genau dokumentiert: Er\narbeitete an 120 Tagen 4 Stunden t\u00e4glich. Das Deckengem\u00e4lde zeigt das Wunder\nAntonios: Sein Vater war des Totschlags angeklagt, aber unschuldig. Der Sohn\nversuchte vergeblich, den Richter von der Unschuld des Vaters zu \u00fcberzeugen. Es\ngelang ihm aber, den Richter zu \u00fcberzeugen, den Leichnam des Opfers\nherbeischaffen zu lassen. Dann geschah das Wunder: Der Tote erwachte und\nbest\u00e4tigte die Unschuld des Vaters. In der Kuppel wird genau dieser Moment\ndargestellt. Das Besondere ist aber nicht die Darstellung des Wunders, sondern\ndie der Zuschauer. Das sind ganz gew\u00f6hnliche Madrilenen aus dem Volk. Sie\nlehnen an einer Br\u00fcstung, die rund um die Kuppel geht und t\u00e4uschend echt\naussieht. Einige der Zuschauer fl\u00fcstern, andere gucken neugierig oder gespannt\nhin, andere weisen mit dem Finger auf die Szene, wieder andere scheinen von dem\nGeschehen kaum etwas mitzubekommen. Die Kuppel \u00f6ffnet sich nach oben in eine\nLandschaft mit B\u00e4umen und Himmel. Au\u00dferhalb der Kuppel, im Gew\u00f6lbe, hat Goya\nalle m\u00f6glichen engelhaften Figuren angebracht, von kleinen, drallen,\nunbekleideten Putten bis zu m\u00e4dchenhaften Figuren mit langen wei\u00dfen Gew\u00e4ndern.\nDie dominierende Farbe des Gem\u00e4ldes ist hellblau, und die Technik ist eine\nMischung aus <em>al fresco<\/em> und <em>al seco<\/em>. Zuerst werden die Formen auf\nden feuchten Putz aufgetragen, so dass die Farben ihre Frische bewahrten, dann\nwurden in aller Ruhe die Details gemalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Altar ruhen die Gebeine Goyas, nachdem sie aus\nBordeaux hierher \u00fcberf\u00fchrt worden waren. Die Sache hat aber einen Haken: Es\nfehlt der Kopf. Warum, wei\u00df keiner. Oder kaum einer. Ich wei\u00df es jetzt, denn\nder Mann auf der Stra\u00dfe, der mir von seiner Kindheit erz\u00e4hlt hat, hat es mir\nanvertraut: Goyas Kopf liegt in der <em>Bar Mingo<\/em>, versteckt im Keller. Das\nsei erwiesen. Leider hat die <em>Bar Mingo<\/em> noch geschlossen und ich kann es\nnicht \u00fcberpr\u00fcfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen gehe ich \u00fcber eine schmale Eisenbr\u00fccke hinter\nden Kapellen. Man l\u00e4uft auf ein Denkmal f\u00fcr Goya zu. Es besteht aus vier hohen\nSteinen, die etwas versetzt zueinander und etwas erh\u00f6ht, in dieser unwirtlichen\nGegend, in die sich kaum jemand verl\u00e4uft, herumstehen. Sie tragen die\nBuchstaben <em>G \u2013 O \u2013 Y \u2013 A<\/em>. Gut, dass er nicht <em>Zurbar\u00e1n<\/em> hei\u00df oder <em>Vel\u00e1zquez<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den Steinen befindet sich der Friedhof, auf dem die\nOpfer des Aufstands vom 3. Mai 1802 begraben liegen, aber der Friedhof ist\ngeschlossen. Man kann nur durch das Eisengitter am Eingang blicken und sieht\neine Nachbildung des ber\u00fchmten Gem\u00e4ldes von Goya in Keramik. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder zur\u00fcck zur Stra\u00dfe. Dort unten, gegen\u00fcber der\nKapelle, steht ein Goya-Denkmal, eine Bronzeskulptur. Goya wird sitzend\ndargestellt, in zeitgen\u00f6ssischer Tracht, auf einem Stuhl im Empire-Stil. Er\nh\u00e4lt Pinsel und Palette in einer Hand und legt eine Ruhepause ein. Unten am\nStuhl angelehnt ein paar B\u00f6gen, die vermutlich fertige Bilder darstellen\nsollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorher, in <em>San Gin\u00e9s<\/em>, hat ein Schild mich daran\nerinnert, dass heute Aschermittwoch ist. Jetzt erinnert mich ein weiteres\nSchild daran, ein buntes Plakat zum <em>Entierro\nde la Sardina<\/em>. Am Aschermittwoch wird traditionell eine gro\u00dfe Sardine aus\nPappmasche begraben. Das erinnert an eine fr\u00fchere Schiffsladung Sardinen, die\nan einem Aschermittwoch ankam und durch einen verl\u00e4ngerten Seeweg verdorben\nwar. Man musste sie wegkippen, \u201ebegraben\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und stelle fest: Es ist 12 Uhr. Erst 12 Uhr.\nDaf\u00fcr habe ich schon ganz sch\u00f6n viel Programm absolviert. Zeit f\u00fcr eine Pause.\nAn der langgezogenen Stra\u00dfe liegt eine moderne Bar, ganz in Blau und Wei\u00df\neingerichtet und mit einer breiten Fensterfront. Hier wird nichts auf den Boden\ngeschmissen. Ich bestelle ein Bier und ein St\u00fcck Tortilla. Die Preise sind auch\nanders als in den traditionellen Bars. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es auch ein paar elegante Restaurants, darunter\neins, das <em>El Urogallo<\/em> hei\u00dft. Das\nEmblem des Lokals hilft beim Verstehen: <em>Der\nAuerhahn<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso modern ein Friseursalon ganz in der N\u00e4he. Der spielt mit\nden Preisen. Haarschnitt (kurz) 15,47 \u20ac, Haarschnitt (mittel): 16,61 \u20ac,\nHaarschnitt (lang): 19,45 \u20ac, F\u00e4rben: 24,70 \u20ac, F\u00e4rben ohne Ammoniak: 28,94 \u20ac, Sonderangebot\n(das ganze Programm) mittwochs und donnerstags: 53,24 \u20ac. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch mit Zahlen spielt ein Plakat, das auf Gefahren\nhinweist, die im Internet lauern. Da es dabei um Zahlen geht, werden in dem\nText Zahlen an Stelle von Buchstaben eingesetzt: <br>\n<em>vas a v3r m\u00e15 n\u00fam3ro5 qu3 en l4\ncontr4se\u00f14 d3l w1fi<\/em>. Kann\nman erstaunlich gut lesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin genug gelaufen und nehme die Metro. Von Pr\u00edncipe P\u00edo\ngeht es zur\u00fcck nah La Latina. Und dort in die Markthalle, <em>Mercado de la\nCebada<\/em>. Der hat nichts von Schickimicki, er ist ein ganz normaler Markt f\u00fcr\ndie Menschen des Viertels. Ganz normal doch nicht. Denn hier kann man nicht nur\nObst und Gem\u00fcse und Fisch und Fleisch kaufen. Hier kann man auch Uhren und\nLampen reparieren, Kleidung ausbessern, Scheren und Messer schleifen, Schl\u00fcssel\nnachmachen oder ein Bild von sich malen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Markt geht es in eine Drogerie. Ein langer,\nfensterloser, schlauchartiger Raum mit Regalen zu beiden Seiten, die bis unter\ndie Decke mit Waren best\u00fcckt sind, alle ordentlich aufgereiht, ohne eine\neinzige L\u00fccke. Ich kaufe Papiertaschent\u00fccher, sechs Pakete f\u00fcr 65 Cent. Als ich\nan der Kasse nach <em>San Isidro<\/em> frage, dem Museum, oder nach <em>San Andr\u00e9s<\/em>,\nder benachbarten Kirche, l\u00f6se ich damit heftige Bewegung aus. Die junge\nKassiererin rennt nach hinten, um die Chefin zu fragen, die beiden Kundinnen\nhinter mir blicken sich gegenseitig fragend an und best\u00e4tigen sich gegenseitig\nund mir, dass das ganz hier in der N\u00e4he sei. Sie w\u00fcssten das ganz genau, sie\nseien schlie\u00dflich hier in diesem Viertel aufgewachsen. Wo war das denn noch\nmal? Dann kommt eine dritte Kundin hinzu, eine ganz alte Dame. Ja, hier vorne,\ngleich auf dem Platz, wo die Musik spielt. Ja, jetzt wissen es die anderen auch\nwieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Man braucht tats\u00e4chlich nur ein paar Schritte auf dem\nB\u00fcrgersteig weiter zu gehen und schon kommt man auf den Platz, einen ganz\nsch\u00f6nen, unregelm\u00e4\u00dfigen Platz mit der Kirche und dem Museum und viel\nGastronomie. Ich setze mich drau\u00dfen an einen der Tische direkt vor dem Museum.\nKaffee gibt es nicht, also bestelle ich heldenhaft noch ein Bier. Als sie mir\ndas Bier bringt, zusammen mit einem Teller Oliven, sagt die junge Kellnerin,\ndass Museum sei bestimmt <em>chulo<\/em>, aber sie sei noch nie drin gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in allen st\u00e4dtischen Museen in Madrid ist der Eintritt\ngratis, aber hier w\u00fcrde es sich auch lohnen, Eintritt zu bezahlen. Man ist\n\u00fcberrascht von der hochmodernen Pr\u00e4sentation der Exponate hinter der\nhistorischen Fassade. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberrascht ist man auch, was sich hier in der Gegend in vorgeschichtlicher\nZeit alles rumgetrieben hat: Stiere, Hirsche, Nash\u00f6rner, Nilpferde, Elefanten!\nAlle dokumentiert durch Knochenfunde, darunter die m\u00e4chtigen Sto\u00dfz\u00e4hne eines Mammuts!\nDie \u00e4ltesten Spuren sind 500.000 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4lteste Exponat, das auf die Pr\u00e4senz von Menschen\nhinweist, ist 125.000 Jahre alt: ein Backenzahn!<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Pr\u00e4senz des <em>Homo heidelbergensis<\/em> und des <em>Homo\nneanderthalensis<\/em> zeugen keine Knochenfunde, wohl aber Werkzeuge. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Werkzeug ist\ndas, was hier auf Englisch <em>hafting<\/em> und auf Spanisch <em>enmangado<\/em>\ngenannt wird und was auf Deutsch, wie das Internet mir verr\u00e4t, <em>Sch\u00e4ftung<\/em>\nhei\u00dft. Dabei werden zwei oder mehrere Teile zu einem komplexeren Werkzeug\nverbunden. Hier kann man verschiedene Exemplare eines solchen Werkzeugs sehen,\nzum Beispiel solche, bei denen eine Klinge aus Stein an einen Schaft aus Holz\nangebracht wurden. Das verbessert die Handhabung der Werkezugs und erh\u00f6ht die\nWirksamkeit. Alles dies sind noch Werkzeuge von J\u00e4gern und Sammlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner Bronzekrug mit Verzierungen, der aussieht, als\nwenn er ein Steinkrug w\u00e4re, ist eins der \u00e4ltesten Zeugnisse des sesshaften\nMenschen hier. Dazu sieht man allerlei Kochger\u00e4te aus Ton mit sch\u00f6nen Friesen.\nMan war von vornherein darauf bedacht, nicht nur funktionales, sondern auch\nsch\u00f6n aussehendes Geschirr zu produzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Landwirtschaft und Viehzucht bedeuteten nicht sofort den\ngro\u00dfen Durchbruch. Man musste mit vielen R\u00fcckschl\u00e4gen k\u00e4mpfen. Was man sich\nauch gut vorstellen kann: Man pflanzt etwas an, aber es w\u00e4chst nicht, man hat\nmit Pflanzenbefall zu rechnen, die Ernte leidet unter den Wetterbedingungen.\nLange war mit der neuen Lebensweise bestenfalls die Selbstversorgung zu\ngew\u00e4hrleisten. Erst als die Resultate besser wurden und man \u00dcbersch\u00fcsse\nerwirtschaftete, lohnte sich die neue Lebensweise. Und die l\u00f6ste dann auch den\nHandel aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus den H\u00f6hlen war man in H\u00fctten umgezogen, und jetzt entstanden\ndie ersten H\u00e4user. Man sieht hier das Modell eines l\u00e4nglichen Hauses, f\u00fcr die\ngesamte Gro\u00dffamilie, einschlie\u00dflich Vieh, alle in einem Raum. Solche H\u00e4user\nwaren aus Lehmziegel gebaut und konnten mit den entsprechenden\nAusbesserungsarbeiten 200 Jahre \u00fcberdauern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Sprung in die R\u00f6merzeit, die hier mit einem\npr\u00e4chtigen Mosaik vertreten ist. Das muss aber aus einer anderen Gegend\nstammen. Madrid selbst wurde ja erst sp\u00e4ter gegr\u00fcndet. Das Mosaik stellt vier\nallegorische Figuren dar, die f\u00fcr die vier Jahreszeiten stehen. In der Mitte,\nan einer besch\u00e4digten Stelle, nicht so gut zu erkennen, ein Panther, der von\neiner menschlichen Hand gehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Zeit der Mauren. Hier werden zahlreiche\nAlltagsgegenst\u00e4nde ausgestellt: T\u00f6pfe, Kr\u00fcge, Sch\u00fcsseln usw. Bis auf den leicht\narabisierenden Dekor k\u00f6nnten sie genauso aus der christlichen Zeit oder aus der\nZeit der R\u00f6mer stammen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das christliche Madrid und mit ihm das erste\nKloster, <em>San Jer\u00f3nimo<\/em>. Es hatte zun\u00e4chst einen anderen Standort, wurde\ndann aber wegen der ungesunden Umgebung verlegt, dahin, wo heute noch die\nKirche steht, in das Gebiet des heutigen <em>Paseo del Prado<\/em>. Dabei wurde\ndas Kloster Stein f\u00fcr Stein abgetragen und an der neuen Stelle wiederaufgebaut,\nund man zog mit Sack und Pack um.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Schmuckst\u00fcck des Museums sind zwei Grabm\u00e4ler,\ndie von Francisco Ram\u00edrez und <a>Beatriz Galindo<\/a>,\nSarkophage aus Alabaster. Beide werden liegend dargestellt, sie mit betenden\nH\u00e4nden, er mit einem Buch. Dabei h\u00e4tte ihr das Buch genauso gut zu Gesicht\ngestanden. Schlie\u00dflich ging sie als die Belesene, <em>La Latina<\/em>, in die\nGeschichte ein. Beide sind gebettet auf einem dreifachen Kissen. An den W\u00e4nden\nder Sarkophage sind im Relief allerlei Figuren, Wappen und Verzierungen\nangebracht. Beatriz Galindo wurde schon in jungen Jahren Witwe, weil ihr Mann,\nder Sekret\u00e4r des K\u00f6nigs Fernando, aber auch Artillerist in seinem Heer war, bei\ndem Kampf gegen die Moren in Granada ums Leben kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Teil der Ausstellung ist San Isidro gewidmet. Es gibt\nGem\u00e4lde und Figuren von ihm aus unterschiedlichen Zeiten, die meisten eher\nResultate der Volksfr\u00f6mmigkeit als der Kunstfertigkeit. Meist wird er mit einer\nlangstieligen Hacke dargestellt, denn San Isidro \u2013 und das ist das Besondere an\nihm \u2013 war kein M\u00e4rtyrer, kein Gelehrter, kein Ritter, sondern ein ganz\neinfacher Landarbeiter. Im Spanischen hei\u00dft er deshalb auch meist <em>San Isidro<\/em>\n<em>Labrador<\/em>. Und er war verheiratet, mit einer ebenfalls ganz einfachen\nFrau, und das ist die omin\u00f6se <em>Mar\u00eda de la Cabeza<\/em>, auf die ich jetzt\nschon mehrmals gesto\u00dfen bin. Sie wird oft mit einem Rechen dargestellt. Der\nName erkl\u00e4rt sich immer noch nicht, wenn man die Darstellungen sieht. Sie hat\nweder einen besonders kleinen noch einen besonders gro\u00dfen Kopf, auch keinen\nauff\u00e4lligen oder deformierten Kopf. Der Name stammt daher, dass ihr Kopf, der\njetzt in einer Urne in Madrid aufbewahrt wird, der wichtigste und meist\nverehrte Teil ihrer Reliquien war. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Besichtigung endet in einem sehr sch\u00f6nen\nRenaissance-Innenhof, der original erhalten ist. Der Innenhof ist\nlichtdurchflutet, zweist\u00f6ckig, mit schlanken S\u00e4ulen und den typischen weiten\nB\u00f6gen der Renaissance. Im Zentrum steht ein Brunnen, der mit San Isidro in\nVerbindung gebracht wird oder gebracht wurde. Er ist n\u00e4mlich der Legende nach \u2013\ndie sich inzwischen als Irrtum erwiesen hat \u2013 der Brunnen, an dem San Isidro\nsein bekanntestes Wunder vollbracht hat: Ein Junge drohte im Wasser des\nBrunnens zu ertrinken, aber San Isidro sorgte daf\u00fcr, dass das Wasser stieg, bis\nan den Rand des Brunnens, so dass man den Jungen bergen konnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum schlendere ich etwas in der Gegend herum und\nlande dann bei <em>San Mill\u00e1n<\/em>, auf einem benachbarten Platz, auch noch in <em>La\nLatina<\/em>. Ein Volltreffer. Es gibt Bohnen mit <em>chorizo<\/em>, H\u00e4hnchen mit\nPommes und <em>bud\u00edn<\/em> (der anders als unser Pudding ist und oft Biskuit und\nRosinen enth\u00e4lt), alles sehr schmackhaft au\u00dfer den Pommes, dazu Bier und\nKaffee. Das Ganze f\u00fcr 12 \u20ac!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend sehe ich im Fernsehen <em>El Cazador<\/em>, das spanische Pendant zu <em>Gefragt \u2013 Gejagt<\/em>. Der Wert jeder Frage in der Schnellraterunde ist\nhier nicht 500 \u20ac, sondern 1.000 \u20ac,&nbsp; und\ndie Fragen in der Schnellraterunde sind leichter als bei uns. Es geht also um\nmehr Geld. Die J\u00e4gerin ist eine Armenierin, erst seit sieben Jahren in Spanien\nlebend. Es hei\u00dft, sie habe Spanisch durch ein \u00e4hnliches Fernsehquiz gelernt.\nIhr Wissen ist beeindruckend, und sie kann oft sogar die Kandidaten schlagen,\nwenn es um Fragen zum Spanischen geht: Wie hei\u00dft es? <em>Nunca digas &#8230;<\/em> A) <em>de este agua no beber\u00e9<\/em>, B) <em>de esta\nagua no beber\u00e9<\/em> oder C) beide Versionen sind korrekt. Sie gibt die\nrichtige Antwort (B), der Kandidat die falsche (A). Eine andere Frage lautet,\nwie viele Nachbarstaaten Mexiko habe, 1, 3 oder 4. Der Kandidat sagt 1, die\nJ\u00e4gerin macht es richtig und sagt 3. Ich habe zwischen 3 und 4 geschwankt. Eine\nandere Frage lautet, welche der spanischen Provinzen am weitersten s\u00fcdlich\nliegt, Tarragona, Teruel oder Segovia. Beide, J\u00e4gerin und Kandidat, antworten\nrichtig: Teruel. Ich h\u00e4tte Segovia gesagt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachrichten im Fernsehen werden auch hier vom Krieg beherrscht.\nDer hat die Pandemie in die zweite Reihe verwiesen. Der Tenor ist derselbe wie\nbei uns. Neben diesen weltbewegenden Themen gibt es noch zwei spanische Themen,\ndie behandelt werden: die bevorstehende R\u00fcckkehr des emeritierten K\u00f6nigs, der\njuristisch von allen Anschuldigungen freigesprochen wurde, und der Kampf um den\nVorsitz der PP. Der amtierende Vorsitzende, Casado, ist wegen undurchsichtiger\nGesch\u00e4fte ins Kreuzfeuer geraten, und jetzt ist ein Gegenkandidat aufgetreten,\nder ihn ersetzen will. <\/p>\n\n\n\n<p>3. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht eine l\u00e4ngere Fahrt mit der Metro an. Nach <em>Chamart\u00edn<\/em>,\nMadrids Nordbahnhof. Von dort soll es weiter nach Norden gehen, nach Lugo, mit\ndem AVE.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mit der vertrauten Linie 5 los, der gr\u00fcnen, dann\nweiter mit der neuen Linie 10, der grauen. Alles ist vorbildlich\nausgeschildert. Zu dieser Zeit ist die Metro voll, rappelvoll, aber man steht\nnicht mehr so eng aneinander wie fr\u00fcher. Es sind nicht nur Metrolinien\ndazugekommen, es sind auch alte ausgebaut worden. Die 5, die fr\u00fcher 16\nHaltestellen hatte, hat heute 32. Die Metro f\u00e4hrt aber weiterhin links. Warum,\ndas habe ich damals schon nicht gewusst. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei dieser Reise profitiere ich von einer praktischen\nErfindung der Kleidungsindustrie: eine Tasche in der Hosentasche, die Rei\u00dfverschluss\nabschlie\u00dfbaren ist. Da sind Ausweis oder Geldkarte gut aufgehoben. Man muss\nsich nur sp\u00e4ter daran erinnern, dass man sie da versteckt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Spanien hat von allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern durch Corona die\nsch\u00e4rfsten Einschr\u00e4nkungen im Alltagsleben durchgemacht. \u00dcbriggeblieben ist\njetzt noch die Maskenpflicht. Die gilt \u00fcberall, im Hotel, im Museum, in der\nMetro. Schwarz ist die beliebteste Farbe bei den Masken. Auch drau\u00dfen tragen\nviele noch die Maske, vielleicht aus purer Gewohnheit. Es wird aber nirgendwo\nmehr kontrolliert, ob man geimpft ist, weder in Gesch\u00e4ften noch in Lokalen noch\nin Museen. In Funchal bin ich vor Weihnachten, trotz Impfnachweis, noch in\neinem Museum abgewiesen worden, weil mein Test nicht mehr aktuell war. <\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Chamart\u00edn<\/em> tritt man beim \u00dcbergang von der\nMetrostation in den Bahnhof kurz ins Freie. Dort er\u00f6ffnet sich ein Blick auf\ndie <em>Castellana<\/em> mit vier modernen Wolkenkratzern, in regelm\u00e4\u00dfigen\nAbst\u00e4nden zueinander stehend, alle schlank, jedes mit seiner eigenen Form. Ein\nanderes Madrid als das von <em>La Latina<\/em> oder <em>Lavapi\u00e9s<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Bahnhof ist nicht wiederzuerkennen. Gl\u00e4serne\nAufz\u00fcge, schwebende Rolltreppen, Lichtinstallationen, in Dunkelblau und\nDunkelrot gefasste R\u00e4ume. Dann kommt man in die gro\u00dfz\u00fcgig gehaltene\nAbfahrtshalle. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es wie auf einem Flughafen zu. Man wartet vor der\nAnzeigetafel darauf, dass der Bahnsteig benannt wird. Dann erfolgt die\nGep\u00e4ckkontrolle, dann kommen Fahrkartenkontrolle und Ausweiskontrolle. Wenn man\nkeine Fahrkarte hat, kommt man gar nicht erst auf den Bahnsteig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Netz des AVE ist jetzt schon sehr dicht. Ich erinnere\nmich noch an den Bau der ersten Strecke, Madrid-Sevilla. Der Bau des AVE, unter\nder Regierung von Felipe Gonz\u00e1lez initiiert, war anfangs hoch umstritten.\nSchlie\u00dflich f\u00e4hrt der AVE auf der europ\u00e4ischen Spurenbreite, die schmaler ist\nals die spanische. Es wurde also ein komplett neues, autarkes Eisenbahnnetz\naufgebaut, das jetzt parallel zu dem alten existiert. Dadurch kommt dem AVE\nnichts in die Quere. Er f\u00e4hrt auf dieser Strecke oft an die 300 km\/h.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Zamora geht es st\u00e4ndig durch Tunnel, einer nach dem\nanderen, langen und kurzen. Kaum ist man aus einem raus, ist man in dem\nn\u00e4chsten drin. Der Bau der Strecke muss eine unglaubliche Ingenieursleistung\ngewesen sein. Andererseits hat Spanien den Vorteil, nicht so dicht besiedelt zu\nsein wie Deutschland. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt bis Orense nur einen Halt, Zamora. Da sind wir in\neiner Stunde. Dann kommt schon Orense. Fahrplanm\u00e4\u00dfige Ankunft: 12.15.\nTats\u00e4chliche Ankunft: 12.15.<\/p>\n\n\n\n<p>In Orense geht es in den Bus. Der Zug f\u00e4hrt nicht nach Lugo\ndurch, weil Arbeiten an der Strecke vorgenommen werden. Man wird in Orense am\nBahnhof von einer Angestellten der RENFE in Empfang genommen und zu seinem Bus\ngef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der modernen Abfahrtshalle hat man auf den blauen Balken\ndes Glasdachs Verse eines galicischen Gedichts angebracht. Ich kann es auf die\nSchnelle nicht entziffern, aber es hat etwas mit Abfahren und Wiederkehren zu\ntun. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus braucht nat\u00fcrlich l\u00e4nger als der Zug. Aber daf\u00fcr\nentsch\u00e4digt die Landschaft. Fruchtbare \u00c4cker, Weiden, auf denen K\u00fche grasen,\nBerge und Schluchten, gr\u00fcne B\u00e4ume, bl\u00fchender Ginster, und ganz unten im Tal ein\nFluss. <\/p>\n\n\n\n<p>Einen Halt machen wir in Monforte. Vor der Einfahrt in die\nStadt sieht man auf einem hohen Felsen gelegen eine Festung mit einem hohen\nTurm. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof gibt es ein Puppenmuseum oder ein\nPuppenkastenmuseum \u2013 das ist nicht so leicht zu unterscheiden \u2013 und davor\nstehen knorrige B\u00e4ume, deren Bl\u00fcten wie Rosen aussehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus <a>Monforte <\/a>stammt In\u00e9s de\nCastro, die Protagonistin des abenteuerlichsten Liebesdramas der\nportugiesischen Geschichte. Sie ist mir aus Coimbra in Erinnerung. Sie kam als\nHofdame der kastilischen Prinzessin Costanza nach Portugal. Der Thronfolger,\nDom Pedro, heiratete Constanza, hatte es aber auf In\u00e9s abgesehen. Die beiden\nhatten ein heimliches und nach dem Tod von Constanza ein offenes\nLiebesverh\u00e4ltnis (ob sie auch heimlich geheiratet haben, wei\u00df man nicht genau).\nDas war aber dem K\u00f6nig, Afonso IV, ein Dorn im Auge. Nicht nur aus moralischen,\nauch aus politischen Gr\u00fcnden, denn er f\u00fcrchtete den Einfluss des kastilischen\nHofs auf die Politik Portugals. Und so lie\u00df er In\u00e9s hinterr\u00fccks ermorden. In\nCoimbra habe ich den <em>Jardim das L\u00e1grimas<\/em> besucht, den Ort der heimlichen\nLiebestreffen der beiden und den Ort des Meuchelmords an In\u00e9s. Pedro\nveranstaltete nach ihrem Tod einen wilden Kreuzzug gegen seinen Vater, aber\nohne Erfolg. Als der Vater starb und Pedro ihm auf den Thron folgte, lie\u00df er\nIn\u00e9s rehabilitieren. Heute ruhen beide in pr\u00e4chtigen wei\u00dfen Sarkophagen in\nAlcoba\u00e7. Sie liegen sich gegen\u00fcber, Fu\u00df an Fu\u00df, damit, wie die Legende besagt, sie\nsich bei der Auferstehung am J\u00fcngsten Tag gleich in die Augen sehen k\u00f6nnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Monforte wird die Landschaft unansehnlicher. Und es\nregnet unentwegt. Kein Wunder, dass es hier so gr\u00fcn ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In Lugo angekommen, geht es auf einem kurzen Fu\u00dfmarsch durch\nh\u00e4ssliche Au\u00dfenbezirke ins Zentrum. Das Hotel liegt direkt au\u00dferhalb der\nStadtmauer. Die ist komplett erhalten und Lugos Wahrzeichen. Alles, was\ninnerhalb der Stadtmauer liegt, ist alt. Moderne Wohnviertel, Industrieviertel,\nHochh\u00e4user, alles au\u00dferhalb.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerungen an unsere Wanderung kommen auf. Da habe ich auf\nder Stadtmauer von Lugo meine allerersten vorsichtigen Gehversuche mit dem\ngeschwollenen Knie gemacht. Und wir waren in einem luxuri\u00f6sen Hotel\nuntergebracht, dem ersten Haus am Platze. Das kam uns allen unn\u00f6tig und\nunangemessen vor. Mein jetziges Hotel ist das Gegenteil davon. Hier ist\nEinfachheit Trumpf. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich einfach durch die Stadt treiben, ziellos, und\nfl\u00fcchte dann vor dem Regen in eine Kneipe. Auf dem Weg entdecke ich einen\nFris\u00f6rladen mit dem Namen <em>El Cangrejo\nZurdo \u2013 Der linksarmige Krebs. <\/em>Was es damit wohl auf sich hat? Und sp\u00e4ter\neine Kneipe mit dem Namen <em>Ladr\u00f3n de\nManzana \u2013 Apfeldieb.<\/em> Genauso r\u00e4tselhaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kommt Olga. Wir gehen einen Kaffee trinken und dann\netwas essen. Ich erz\u00e4hle von Madrid, sie von ihrer Arbeit und vor allem von\nihren zuk\u00fcnftigen literarischen Projekten. Sie hat, durch die Verbindung mit\neinem ukrainischen Dichter, der in New York lebt, ukrainische Gedichte ins\nSpanische \u00fcbersetzt, die der wiederum ins Englische \u00fcbersetzt hat, so dass am\nEnde eine dreisprachige Ausgabe dabei herauskam. Ihre letzte Ver\u00f6ffentlichung\nist ein Gedicht in einem Band mit galicischen Gedichten. Die Gedichte sind\nausschlie\u00dflich von Immigranten verfasst worden. Sie hat ihr Gedicht auf\nUkrainisch geschrieben, irgendwer hat es auf Galicisch \u00fcbersetzt, und so steht\nsie nun Seite an Seite mit den einheimischen Dichtern. Sie hat mir eine\n\u00dcbersetzung aus dem Galicischen ins Spanische geschickt. Das war auch n\u00f6tig.\nDen galicischen Text h\u00e4tte ich sonst nicht verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen anschlie\u00dfend noch einen kurzen Spaziergang, an\nder Kathedrale vorbei, durch zwei Stadttore und zur <em>Plaza Mayor<\/em>. Es hat\naufgeh\u00f6rt zu regnen, und die alten Geb\u00e4ude sind angestrahlt. Ein paar sch\u00f6ne\nPhotomotive. Dann macht sie sich auf zu der 97-j\u00e4hrigen&nbsp; Dame, die sie pflegt und die sie jetzt ins\nBett bringen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>4. M\u00e4rz (Freitag) <\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bringt mich Olga noch zum Bahnhof. Wir machen\nPhotos vor der Stadtmauer und von einer sch\u00f6nen romanischen Kirche. Dann\nentdecken wir noch eine ganz neue Skulptur, eine Weltkugel, \u00fcber die eine Frau\nsch\u00fctzend ihre Hand legt. Die Figur der Frau scheint \u00fcber der Kugel zu schweben\nund ist unten halb abgeschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lugo hat viele Reste aus der r\u00f6mischen Zeit, Reste eines\nTempels, Reste von H\u00e4usern, Reste von Thermen, Reste der Stadtmauer, Reste\neiner Begr\u00e4bnisst\u00e4tte. Davon ist aber bei einem oberfl\u00e4chlichen Stadtrundgang\nnichts zu sehen. Die Stadt wirkt mittelalterlich. Bei dem Volksfest, im Juni,\nlebt die r\u00f6mische Tradition aber wieder auf. Olga zeigt mir Photos, auf denen\nMenschen als Senatoren, als Gladiatoren, als Soldaten verkleidet durch das\nZentrum defilieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt noch Zeit f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck. Sie f\u00fchrt mich in eine\nelegante Konditorei im Zentrum. Wir sitzen an Marmortischen, bei Kaffee und\nGeb\u00e4ck. Auch hier kann man mit Kleingeld bezahlen: 4,40 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Olga hat, genauso wie ich, Schwierigkeiten mit ihrem\nNachnamen. Bei ihr liegt das an der lateinischen Transkription des kyrillischen\nNamens, und die wiederum hat etwas zu tun mit der (fr\u00fcher eher dominanten) russischen\nund der (heute dominanten) ukrainischen Aussprache ihres Namens. Als Resultat dieser\nVer\u00e4nderungen schreibt sie sich <em>Glapsun<\/em>, ihr Sohn aber <em>Hlapsun<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bahnhof ist nicht weit, liegt aber tiefer als die\nInnenstadt, in einem wenig ansehnlichen Gebiet. Er wirkt wie aus einer\nvergangenen Welt, ist klein, alt und heruntergekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und der Zug f\u00e4llt entsprechen aus. Ich habe bei der Buchung\n\u00fcbersehen, dass ich einen ALVA und keinen AVE reserviert habe. Der rumpelt und\nwackelt durch die Gegend, hat ein halbes Dutzend Haltestellen und kein\nInternet. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach Orense nimmt der Zug aber doch Fahrt auf, so dass wir\nnicht zu nachtschlafender Zeit in <em>Chamart\u00edn<\/em> ankommen. Die Wolkendecke,\nstatt sich zu lichten, wird immer dichter, je n\u00e4her wir Madrid kommen. Und in\nder Sierra liegt noch Schnee.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird aber besser, als ich mich in Madrid noch mal auf den\nWeg mache, Richtung Malasa\u00f1a, mit der Metro. Neben mir sitzt eine Frau mit\neinem aufgeschlagenen Buch in der Hand: <em>La rebeli\u00f3n de las masas<\/em>. Ein\nBuch, das bei mir seit Jahren auf der Merkliste steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Ausstieg f\u00e4llt mir ein Text auf, der neben der T\u00fcr im\nWagen der Metro h\u00e4ngt: \u201eAl alba\u201c, ein Gedicht, das ich in vertonter Form kenne,\nvon Rosa Le\u00f3n gesungen. Der nicht auf den ersten Blick verst\u00e4ndliche, aber sehr\nsuggestive Text beschw\u00f6rt Bilder herauf, die im Kopf bleiben. Das Gedicht ist noch\nam Ende der Franco-Zeit verfasst worden und gibt die d\u00fcstere Atmosph\u00e4re der\nZeit wieder. Im Refrain hei\u00dft es \u201ePresiento que tras la noche viene la noche\nm\u00e1s larga \u2013 Ich f\u00fchle, dass nach der Nacht die l\u00e4ngste Nacht kommt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige in Alonso Mart\u00ednez aus und gehe die von fr\u00fcher\nvertraute <em>Sagasta<\/em> hinunter. Die Stra\u00dfe ist nach einem Politiker des\n19.Jahrhunderts benannt. Er stammte aus Zamora und war von Haus aus Ingenieur.\nIn Madrid wurde er Dozent an einem technischen Institut und geriet nebenbei in\ndie Politik und dabei in gef\u00e4hrliches Fahrwasser. Wegen seiner Beteiligung an\neinem Aufstand wurde er gefangen genommen, vor Gericht gestellt und zum Tode\nverurteilt. Es gelang ihm aber zu fliehen und in Frankreich Asyl zu bekommen.\nNach dem Fall der Monarchie kehrte er zur\u00fcck und wurde Innenminister unter\nSerrano. Sein Name ist Pr\u00e1xedes Mateo Sagasta, wobei <em>Mateo<\/em> nicht, wie\nman meinen k\u00f6nnte, der zweite Vorname, sondern der erste Nachname ist.\nEigentlich m\u00fcsste die Stra\u00dfe also <em>Mateo<\/em> hei\u00dfen. Aber in Spanien kennt\nman ihn nur als <em>Sagasta<\/em>, und das klingt ja auch besser. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der <em>Sagasta<\/em> befindet sich an einer Ecke das <em>Caf\u00e9\nComercial<\/em>, eins der beiden ber\u00fchmten Caf\u00e9s, die noch von fr\u00fcher\n\u00fcbriggeblieben sind, mit viel Marmor, Glas und Eisen. Das <em>Comercial<\/em>\nrepr\u00e4sentiert noch (obwohl es etwas j\u00fcnger ist) den Typ Kaffeehaus des 19.\nJahrhunderts, wo man einkehrte, einen Kaffee bestellte und dann Stunden mit der\nZeitungslekt\u00fcre verbrachte. Oder an eigenen Artikeln schrieb oder mit anderen\nStammg\u00e4sten \u00fcber Gesellschaft und Kunst debattierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt ist das <em>Comercial<\/em> eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr\nmich. Man hat den gr\u00f6\u00dferen Teil abgetrennt. Dort wird Mittagessen serviert, an\nwei\u00df gedeckten Holztischen. Welch ein Frevel! Der sch\u00f6ne Raumeindruck mit den\nunendlich vielen kleinen Marmortischen ist verloren. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier an der Ecke, wo das <em>Comercial<\/em> liegt, beginnt ein\nweiteres popul\u00e4res Stadtviertel, <a><em>Malasa\u00f1a<\/em><\/a>. Es\nist benannt nach einer jungen Frau, Manuela Malasa\u00f1a, die damals bei dem\nAufstand gegen die Napoleonische Besatzung eine Rolle spielte und dabei, mit\ngerade mal siebzehn Jahren, ums Leben kam. Sie war die Tochter eines\nSchneiders, und in den Legenden, die sich um sie ranken, spielt oft eine Schere\neine Rolle. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einer Kneipe vorbei, die <em>Ojal\u00e1<\/em> hei\u00dft,\nauch ein origineller Name, ein aus dem Arabischen abgeleiteter Ausruf, der auch\nTitel eines der bekanntesten kubanischen Lieder ist. Eine andere Kneipe nennt\nsich <em>chupiter\u00eda<\/em>, also ein Lokal, in dem man einen <em>chupito<\/em>, einen\nSchuss, ein Schn\u00e4pschen bekommt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcrs Essen finde ich ein kleines, vollbesetztes Lokal, wo\nnur Einheimische sind. Es gibt ein Menu mit einem leckeren Pasta-Gericht und\nebenso leckeren gef\u00fcllten Auberginen. Mit Bier und Kaffee 11,50 \u20ac!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem zentralen Platz in Malasa\u00f1a, wo vor allem viele\njunge Leute und Eltern mit Kindern sitzen, trinke ich zum Abschluss noch einen\nKaffee. <\/p>\n\n\n\n<p>5. M\u00e4rz (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht das <em>Museo<\/em> <em>L\u00e1zaro Galdiano<\/em> auf dem\nProgramm. Die n\u00e4chste U-Bahn-Station ist Rub\u00e9n Dar\u00edo, benannt nach dem\nnicaraguanischen Dichter. Als ich aus der Metro komme, ist von dem Museum weit\nund breit nichts zu sehen. Aber ich will sowieso erst einen Kaffee trinken.\nAber auch eine Bar ist weit und breit nicht zu sehen. Das kommt in Madrid nicht\nso oft vor. Ich gehe die breite Stra\u00dfe in diesen besseren Wohnviertel entlang,\nohne einer Menschenseele zu begegnen. Erst ganz am Ende der Stra\u00dfe versteckt\nsich im Kellergeschoss eines Geb\u00e4udes eine Bar, wo ich einen Kaffee bekomme. Es\nstellt sich heraus, dass ich noch ein ganzes St\u00fcck gehen muss, auf die <em>Serrano<\/em>,\ndie weiter oben parallel zu dieser Stra\u00dfe verl\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Museum in Sicht. Es enth\u00e4lt die\nPrivatsammlung eines einzigen Mannes, L\u00e1zaro Galdiano, der am Ende sogar diesen\nkleinen Palast bauen lie\u00df, um all das unterzubringen, was er im Laufe seines\nLebens zusammengetragen hatte. L\u00e1zaro geh\u00f6rte zu einer gebildeten, aufgekl\u00e4rten\nGruppe von Menschen, die sich nach dem Verlust der letzten spanischen Kolonien\nneu auf Spanien besannen, offen f\u00fcr Neues waren, ohne die Tradition zu\nverleugnen. Er gr\u00fcndete eine Zeitschrift und sp\u00e4ter einen Verlag, deren Name\nProgramm war: <em>La Espa\u00f1a Moderna.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist gut besucht. Unten werden in Vitrinen einige\nbesonders wertvolle St\u00fccke pr\u00e4sentiert, oben ist alles so arrangiert, als w\u00e4re\nes keine Sammlung, sondern geh\u00f6rte einfach zur Einrichtung des Palasts. Die\nF\u00fclle ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Es gibt nichts, was es hier nicht gibt: Porzellan,\nUhren, Schmuck, Keramik, Drucke, arch\u00e4ologische Funde, \u00d6lgem\u00e4lde. Figuren,\nMobiliar, F\u00e4cher, Waffen, Miniaturen, M\u00fcnzen. Man kann sich nur einzelne St\u00fccke\nansehen. <\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e1zaro Galdiano hatte auch eine riesige Bibliothek, und einige\nbesondere Sch\u00e4tze daraus sind hier unten ausgestellt: Briefe von Goya, eine\nOriginalausgabe des <em>Busc\u00f3n<\/em> von Quevedo, ein winziges Stundenbuch mit dem\nText auf der einen und einer Miniatur in gl\u00e4nzenden Farben auf der anderen\nSeite. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Ausstellungsst\u00fccke kehren auf den verschiedenen\nEtagen immer wieder auf, darunter Sekret\u00e4re. Fast jeder Raum hat einen, alle mit\nsch\u00f6nem Design, oft mit Intarsien, einige mit einer ganz einfachen Fl\u00e4che,\nandere ausklappbar, mit Schubladen und F\u00e4chern. Eins, aus Antwerpen stammend\n(XVI), aus Ebenholz, hat bildliche Darstellungen an den Seitenw\u00e4nden und auf\njedem der F\u00e4cher. In allen Szenen scheint es ums Anb\u00e4ndeln zu gehen, um Liebesverh\u00e4ltnisse,\nAff\u00e4ren, Romanzen. Der r\u00e4tselhaften Inschrift zufolgeEcke gedacht sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls \u00fcberall vertreten sind Truhen, darunter eine\nspanische (XVI), die die Form eines Hauses mit Satteldach hat, mit Leder und\nSamt bezogen und mit Eisenbeschl\u00e4gen verziert. Truhen waren nicht nur f\u00fcr die\nReise wichtig, sondern hatten auch die Funktion dessen, was sp\u00e4ter der Schrank\nwar.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den M\u00fcnzen sind zwei Goldm\u00fcnzen aus der Zeit der\nKatholischen K\u00f6nigs ausgestellt, Dukaten. Sie kommen in der Literatur der Zeit\noft vor. Fernando hatte sie, nachdem er Kastilien verlassen hatte, in Arag\u00f3n\neingef\u00fchrt, um das M\u00fcnzsystem zu ordnen. Auf der Vorderseite sieht man sein\nKonterfei, auf der Beschriftung am Rande seinen Name und seine Titel. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den liturgischen Ger\u00e4ten fallen mir zwei Exponate auf,\nein Weihrauchgef\u00e4\u00df in der Form eines Bootes, eine Pyxis in Form einer Taube,\nbeide emailliert, aus Limoges stammend. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem, was man als \u201eGebrauchsgegenst\u00e4nde\u201c fassen kann,\nein Jagdmesser, reich verziert, gro\u00df. Passend dazu ein kleines Messer und eine\nGabel und eine bestickte Schatulle, die Platz f\u00fcr alle drei bietet. Ein\nmerkw\u00fcrdiges Ensemble.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein vielteiliges Necessaire, mit allen\nm\u00f6glichen fein ziselierten Fl\u00e4schchen und Gl\u00e4schen und Ger\u00e4tschaften mit\nGriffen aus Elfenbein. <\/p>\n\n\n\n<p>Taschenuhren gibt es in gro\u00dfer Auswahl, einige davon winzig\nklein. Eine hat gleich sechs kleine Zifferbl\u00e4tter um das gro\u00dfe zentrale\nZifferblatt herum, so dass die Zeiten verschiedener Orte angezeigt werden k\u00f6nnen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Eher von politischer Bedeutung ist ein Sitz aus einem\nChorgest\u00fchl, mit geschnitzter Miserikordie und einer hohen R\u00fcckwand. Er stammt\naus dem Chorgest\u00fchl der Kathedrale von Urgel (XV). Gegen die Reform des Chors,\nder das Chorgest\u00fchl zum Opfer fiel, schrieb L\u00e1zaro Galdiano eine Brandschrift,\nohne Erfolg. Danach sicherte er sich wenigstens einen Sitz des Chorgest\u00fchls f\u00fcr\nseine Sammlung. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer abgesonderten Ecke des Museums ein Exponat, das die\nBlicke auf sich zieht, weil man nicht sofort wei\u00df, worum es sich handelt. In\nzwei h\u00f6lzernen Rahmen mit verschiedenen Bahnen und Reihen stecken Karten, die\nwie Spielkarten aussehen, aber keine sind. Alle tragen das Portr\u00e4t einer\nwichtigen Figur aus der spanischen Geschichte. Welche Funktion das alles hat,\nsieht man an einer modernen Nachbildung daneben: Mit diesen Karten bildete man\nein <em>castillo de naipes<\/em>, ein Kartenhaus, bestehend aus aneinander\ngelehnten Karten, auf die man als Dach eine weitere Karte legt. Die Zahl der\naneinander gelehnten Karten wird nach oben hin immer kleiner, so dass eine\nPyramide entsteht. Vorausgesetzt, man hat sein Haus solide gebaut und vermeidet\nabrupte Bewegungen. Also ganz einfach ein Geschicklichkeitsspiel. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gem\u00e4lde kann man sich hier, anders als im Prado-Museum,\nin aller Ruhe ansehen. Es gibt keinen Andrang. El Greco ist vertreten mit einem\nPortr\u00e4t von Franz von Assisi. Der Heilige wird in Ekstase dargestellt, den\nBlick nach oben gerichtet. Hinter ihm dringt das diffuse Licht der kaum\nsichtbaren Sonne in die Szene ein, die dadurch eine mystische Qualit\u00e4t bekommt.\nAuch die Augen und der Blick und die vor der Brust gekreuzten H\u00e4nde tragen dazu\nbei. Man erkennt sofort, dass es El Greco ist, an der l\u00e4nglichen Figur, den\nlangen, d\u00fcnnen H\u00e4nden des Heiligen und an der Farbe seines Gewands. <\/p>\n\n\n\n<p>Vel\u00e1zquez ist vertreten mit einem wunderbaren Portr\u00e4t, aus\nder fr\u00fchen Schaffensperiode. Es zeigt den Kopf einer jungen Frau, in\nSeitenansicht. Die helle Haut setzt das Gesicht von dem dunklen Hintergrund ab,\ndie dunkle Kleidung verschwimmt vor dem Hintergrund. Wenn man l\u00e4nger hinsieht,\nbemerkt man eine Spange, die das Haar zusammenh\u00e4lt, einen Ohrring und den\nBesatz des Kleides. Nase, Lippen, Auge, alles sehr fein, sind wunderbar\nwiedergegeben. Die besondere Atmosph\u00e4re wird durch das Spiel von Licht und\nSchatten auf dem Gesicht der Frau erzeugt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von Goya gibt es ein ganz bekanntes, verst\u00f6rendes Bild, den\nHexensabbat, <em>El Aquelarre<\/em>. Eine Szene auf dem Lande, in der D\u00e4mmerung,\nin dessen Mittelpunkt der Satan steht, auftretend in der Form eines\nZiegenbocks. Er sitzt aufrecht im Zentrum, mit triumphierendem Blick, die\nVorderpfoten von sich gespreizt, mit einem geflochtenen Siegeskranz auf den H\u00f6rnern.\nEr ist umrundet von b\u00e4uerlichen Figuren mit schrecklich entstellten Gesichtern.\nDie bieten ihm zwei Kinder zum Opfer dar. Goya wollte hiermit wohl, als\naufgekl\u00e4rter Mensch, den volkst\u00fcmlichen Aberglauben parodieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehe ich mir noch ein Gem\u00e4lde von Bosch an,\nebenfalls sehr bekannt. Es zeigt Johannes den T\u00e4ufer in ungewohnter Umgebung.\nEin Lamm im Vordergrund dient als Identifikationsmerkmal. Johannes, in ein\nhellrotes Gewand gekleidet, lehnt, halb liegend, auf einem moosbewachsenen Felsbrocken.\nAuf dem Felsen krabbelt Getier herum, und V\u00f6gel picken nach Nahrung. Vorne durchbricht\nein Zweig den Stein, der dadurch br\u00f6ckelt. Die ganze Landschaft ist durchzogen\nmit allen m\u00f6glichen, unwirklichen Gew\u00e4chsen und Gebilden, die dem Ganzen etwas\nTraumhaftes verleihen. Besonders unwirklich ist eine hohe Pflanze, die aus dem\nFelsbrocken herausw\u00e4chst und den K\u00f6rper von Johannes teils verdeckt. An ihr\nw\u00e4chst eine eierartige Frucht, an der sich ein Vogel zu schaffen macht. Alles\nwirkt surrealistisch, wie von Dal\u00ed gemalt. Es kann durchaus sein, dass er hier\nInspiration gefunden hat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, gehe ich die <em>Serrano<\/em>\nhinunter, eine schnurgerade verlaufende, unendlich scheinende Stra\u00dfe, bis zu\nderen Ende: Gucci, Bang &amp; Olufsen, Cartier, Breitling \u2013 dies ist eine\nandere Welt als die von <em>Lavapi\u00e9s<\/em> und <em>La Latina<\/em>. Frauen in\nPelzm\u00e4nteln und M\u00e4nner, die in schicken T\u00e4schchen ihren Frauen den letzten\nNeuerwerb aus dem Juweliergesch\u00e4ft hinterhertragen. Praktischerweise gibt es an\njeder zweiten Ecke eine Bank, in der man f\u00fcr Nachschub sorgen kann, wenn das\nGeld ausgeht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gesch\u00e4ft f\u00e4llt mir ein vornehmes Gesch\u00e4ft ins Auge: <em>Las\n5 Jotas<\/em>. Hier gibt es Schinken der besten Qualit\u00e4t zu kaufen. Wof\u00fcr die <em>5\nJotas<\/em> stehen, bekomme ich nicht heraus, au\u00dfer dass der Begriff ganz\nallgemein f\u00fcr Qualit\u00e4t beim Schinken steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Serrano<\/em> ist benannt nach einem Politiker des 19.\nJahrhunderts, von Hause aus Milit\u00e4r, der die Geschichte Spaniens dieser Zeit\nmitgeschrieben hat und dabei eine Reihe von Wandlungen mitmachte, obwohl seine\nGrundgesinnung immer liberal war. Aber er war mal auf der einen, mal auf der\nanderen Seite, und fast immer in f\u00fchrender Stellung. Er war unter anderem\neinige Jahr als Staatsbeamter in Kuba, wo er sich auch, ohne gro\u00dfe Skrupel, selbst\nbereicherte. In Spanien war er mit der jungen Isabel II sehr vertraut, so sehr,\ndass die Ger\u00fcchtek\u00fcche kochte. Er war aber auch an ihrem Sturz beteiligt, der\ndann zur Gr\u00fcndung der Ersten Republik f\u00fchrte. Da wurde er Premierminister,\nl\u00f6ste aber das Parlament auf, hielt sich aber an die Verfassung. Seine\nRegierungsform gilt als eine Art republikanischer Diktatur.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Serrano<\/em> ist ein Teil des Viertels <em>Salamanca<\/em>,\nbenannt nach dem Marquez de Salamanca, auf dessen Initiative die Anlage dieses\nViertels zur\u00fcckgeht, abseits des alten Zentrums gelegen, mit breiten statt\nengen und geraden statt krummen Stra\u00dfen, mit H\u00e4usern mit gro\u00dfz\u00fcgig\nzugeschnittenen Wohnungen und modernen sanit\u00e4ren Anlagen. Man sieht noch heute\nbei dem Blick auf dem Stadtplan, dass dieses Viertel mit seinem\nschachbrettartigen Grundriss systematisch angelegt worden ist. Der Marquez von\nSalamanca investierte auch selbst in den Aufbau des Viertels, verkalkulierte\nsich aber dabei und musste seinen eigenen Palast verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fast an der <em>Plaza Col\u00f3n<\/em> angelangt, nehme ich\ndie Metro und fahre nach <em>Opera<\/em>. Auf dem Platz vor der Oper ein\nwahnsinniger Betrieb, kein Vergleich zu den anderen Wochentagen. Es geht\nschnurstracks in die <em>Chocolater\u00eda San Gin\u00e9s<\/em>, die bekannteste von Madrid.\nSie hat durchgehend ge\u00f6ffnet, 24 Stunden. Hier kehren die Nachtschw\u00e4rmer nach\neiner durchmachten Nacht ein, um zum Abschluss sich noch eine Portion <em>churros<\/em>\nzu g\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bestellt an der Theke und setzt sich an einen der\nkleinen Marmortische. An den W\u00e4nden Spiegel und Holzpaneele und dazwischen\nPhotos von Ber\u00fchmtheiten, die hier schon ihre <em>churros<\/em> gegessen haben:\nSara Montiel, Maradona, Carlos Santillana, Christopher Lee, Julio Iglesias,\nPaloma Picasso und viele andere. Nur Johannes Paul II war hier noch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>churros<\/em> werden von Kellnern gebracht. Die\nSchokolade ist so dickfl\u00fcssig, dass der L\u00f6ffel drin steckenbleibt. Am\nNebentisch schaffen Vater und Sohn gemeinsam eine Portion nicht. Ich alleine\nwohl, aber vor der restlichen Schokolade resigniere ich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit von hier liegt das Kloster der <em>Descalzas\nReales<\/em>. Das sehe ich durch eine H\u00e4userl\u00fccke, als ich wieder auf der <em>Calle\nArenal<\/em> bin. Dort finden Besichtigungen statt, aber die sind, wie ich schon\nvor der Abreise festgestellt habe, alle ausgebucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Von <em>Sol<\/em> nehme ich die Metro nach <em>Tribunal<\/em>. Das\nZiel ist das <em>Museo de Historia<\/em>, das ehemalige Stadtmuseum. Gegen\u00fcber\nbefindet sich der Rechnungshof, <em>Tribunal de Cuentas<\/em>, von dem das Viertel\nseinen Namen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist untergebracht in dem ehemaligen <em>Hospicio\nSan Fernando<\/em> und hat ein pr\u00e4chtiges barockes Portal. Es sieht wie eine\nriesige Skulptur aus. In der Mitte steht San Fernando, der Stifter des\nHospizes. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum kn\u00fcpft zeitlich da an, wo das <em>Museo San Isidro<\/em>,\ndas ich dieser Tage besucht habe, aufh\u00f6rt, bei der Ernennung von Madrid zur\nHauptstadt, 1561.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Einblick in die Geschichte Madrids bekommt man hier\nnicht, jedenfalls nicht, wenn man das Museum so besichtigt wie ich, sich von\nden vielen Exponaten auf verschiedenen Etagen nur die ansieht, die einem\nzuf\u00e4llig ins Auge fallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was aber deutlich wird: Die Gr\u00fcndung wichtiger Fabriken auf\nInitiative der Monarchie wie die <em>Real F\u00e1brica de Porcelana<\/em> oder die <em>F\u00e1brica\nde Cristales de la Granja<\/em> sorgte f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischer\nEinfuhr und bedeutete einen wirtschaftlichen Aufschwung f\u00fcr die Hauptstadt.\nProduziert wurde hier allerdings, wenn man den Exponaten trauen kann, keine\nAlltagsware. Die sch\u00f6n verzierten bauchigen Kr\u00fcge oder das feine Butterf\u00e4sschen\nwaren eher etwas f\u00fcr den gehobenen Bedarf. Und das meiste war vermutlich\nsowieso eher Dekor als Gebrauchsgegenstand. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Entwicklungslinie, die deutlich wird: Es hat\nlange keine systematische Stadtplanung gegeben. Auch zu einer Zeit, als schon\nGeb\u00e4ude mit repr\u00e4sentativen Fassaden entstanden, stand es noch schlecht\nbestellt um den Zustand der Stra\u00dfen, die Beleuchtung, die Hygiene. <\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigen die vielen gro\u00dfformatigen Bilder aber nicht. Sie\nwidmen sich eher den Volksfesten und der Freizeit. Man sieht immer wieder\nBilder der gro\u00dfen Pl\u00e4tze mit geschm\u00fcckten Balkonen. Auf einem sieht man die <em>Plaza\nMayor<\/em>, erst auf den zweiten Blick zu erkennen, wo ein Reiterspektakel\nstattfindet. Mit der Ankunft des K\u00f6nigs hatte sich die Funktion des Platzes, der\nvorher Marktplatz war und als \u201eMarkt der M\u00e4rkte von Madrid\u201c galt, gewandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht wiederzuerkennen ist der <em>Paseo del Prado<\/em>.\nDort sieht man Kutschen und Reiter und Spazierg\u00e4nger in einem park\u00e4hnlichen, fast\nl\u00e4ndlichen Gel\u00e4nde. Ein Mann besorgt sich mit einer Kanne Wasser an einem\nBrunnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n eine Szene am Manzanares. Dort sieht man Badende\nzuhauf. Einige haben sich zum Baden ausgezogen, andere angezogen. Man springt\nmutig von den Uferr\u00e4ndern ins Wasser. Die Szene wird beobachtet von\nlustwandelnden Frauen im Reifrock und herrschaftlichen Personen in Kutschen. Im\nHintergrund ein Ausschnitt aus der Arbeitswelt: eine M\u00fchle. Es werden S\u00e4cke mit\nMehl durch die Gegend geschleppt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Bild sieht man, wie im Retiro ein Schauspiel\naufgef\u00fchrt wird, auf einer Insel in einem Weiher. Die Zuschauer stehen am Ufer\ndes Weihers und sehen das St\u00fcck von dort aus. Die Insel wird flankiert von zwei\nSchiffen, deren Funktion nicht ganz klar ist. Vielleicht haben sie die\nSchauspieler und die Requisiten auf die Insel gebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Buntes Treiben herrscht an dem <em>Mercado de la Cebada<\/em>.\nAuf dem Bild findet der noch im Freien statt. M\u00f6bel, Geschirr, Strohmatten\nwerden zum Kauf angeboten, von Verk\u00e4ufern, die auf dem Boden sitzen, vor ihnen,\nebenfalls auf dem Boden, die angebotene Ware. Die Szene wird bev\u00f6lkert von\nH\u00e4ndlern, Klerikern, Hunden, Neugierigen, Dienern, Mauren und Herrschaften, die\naus der Kutsche herausgucken. <\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir ein Bild aus neuerer Zeit (1900), von\neinem gewissen Enrique Cubells gemalt. Es zeigt die <em>Puerta del Sol<\/em> im\nRegen, im abendlichen Zwielicht. Auf dem nassen Asphalt spiegeln sich die Umh\u00e4nge\nder Passanten, die R\u00e4der der Kutschen, die Wagen der Stra\u00dfenbahn. Man nimmt\nalles nur in vagen Umrissen wahr, verschwommen, ohne die Details zu erkennen,\naber man sp\u00fcrt die Atmosph\u00e4re. Alles ist Grau, aber in vielen Schattierungen,\nund alles gl\u00e4nzt durch den Regen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung gehe ich die <em>Fuencarral<\/em> runter,\ndie ich noch als vielbefahrene Stra\u00dfe kenne. Sie ist heute komplett fu\u00dfl\u00e4ufig\nund <em>die<\/em> Einkaufsstra\u00dfe von Madrid.\nSie endet an der <em>Gran V\u00eda<\/em>. Ich sehe mir die Hochh\u00e4user an und mache ein\npaar Photos. Sie kommen mir jetzt sch\u00f6ner vor als fr\u00fcher, vielleicht bin ich\ndamals zu kritisch gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist es richtig sonnig, obwohl das Wetter laut\nVorhersage schlechter werden soll. Und es wird sp\u00fcrbar w\u00e4rmer, je l\u00e4nger ich unterwegs\nbin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcberquere die <em>Gran V\u00eda<\/em> und gehe die <em>Montera<\/em>\nrunter, die Verl\u00e4ngerung der <em>jetzt <\/em>, auch sie Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe. Sie geht\nbis <em>Sol<\/em>. Dort stehen vor der <em>Pasteler\u00eda\nLa Mallorquina<\/em> die Kunden Schlange bis auf den Platz hinaus. Hier gibt es\nPralinen und Geb\u00e4ck, aber auch Sandwiches und <em>empanadas<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Eingang sitzt ein Losverk\u00e4ufer und bietet seine\nLose an. Sie werden immer noch von den Blinden der ONCE verkauft, aber ohne die\nlanggezogenen, schrillen Schreie, mit denen sie fr\u00fcher auf die Lose aufmerksam\nmachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf dem l\u00e4ngst vertrauten Weg zur\u00fcck und lande\nwieder bei <em>San Mill\u00e1n<\/em>. Der Chef, der, seinem Schmerbauch nach zu\nurteilen, selbst kein Kostver\u00e4chter ist, spricht mich sofort an \u2013 er scheint\nmich wiederzuerkennen \u2013 und preist wortreich das Gericht des Tages an: <em>Rabo de Toro \u2013 Ochsenschwanz<\/em>, w\u00f6rtlich\neigentlich \u201aStierschwanz\u2018. Er sei frisch geliefert und eine Delikatesse. Aber nicht\nbillig. Ich nehme ihn trotzdem, und es lohnt sich: Das Fleisch ist direkt am\nKnochen, l\u00e4sst sich ganz leicht davon trennen und ist saftig und zart. Und die\nPortion ist nicht zu verachten. Zum Nachtisch gibt es <em>torreja<\/em>, vereinfacht gesagt, Armer Ritter, aber hier in der\nLuxusvariante serviert, mit Sahne, Schokolade und Zimt. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt auf dem Platz in der Sonne unter einem Baum, der\nnoch nicht alle Bl\u00e4tter vom Vorjahr verloren hat. Neben dem Lokal ist ein <em>McDonald\u2019s<\/em>,\naber die Spanier sind, bis auf ein paar Jugendliche, die dort mit ihren\nPappbechern sitzen, klug genug, sich f\u00fcr <em>San Mill\u00e1n<\/em> zu entscheiden. <\/p>\n\n\n\n<p>6. M\u00e4rz (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Leere Plastikbecher, Essensreste, gebrauchte Servietten,\nZigarettenstummel \u2013 die Relikte der Samstagnacht auf den sonst sauberen\nB\u00fcrgersteigen von Madrid. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe aufs Geratewohl Richtung Zentrum und sto\u00dfe dabei auf\neinen weiteren Markt, den <em>Mercado San Miguel<\/em>. Der ist das Gegenst\u00fcck zu\ndem <em>Mercado de la Cebada<\/em> in <em>La Latina<\/em>. Hier, im <em>Mercado San\nMiguel<\/em>, geht es nicht um den allt\u00e4glichen Einkauf, sondern um Delikatessen,\ndie man hier kaufen und vor allem auch probieren kann. Und davon wird jetzt, am\nSonntagvormittag, viel Gebrauch gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude ist eine Konstruktion aus Glas und geschwungenem\nEisen, sehr sch\u00f6n, und stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war lange ein\nganz normaler Markt, aber der litt nach dem Krieg immer mehr unter der\nKonkurrenz der Superm\u00e4rkte und sollte abgerissen werden. Da hat man sich aber\neines Besseren besonnen und ihn umgewidmet. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier gerate ich zuf\u00e4llig zum Rathaus. Gro\u00dfer Kontrast.\nDiese Gegend ist so gut wie menschenleer, im Gegensatz zu dem Get\u00fcmmel um den\nMarkt herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Rathaus komme ich durch eine Gasse, die ihre\nabgeknickte Form, den Ellenbogen, im Namen tr\u00e4gt: <em>Calle del Codo.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum <em>Monasterio de la Encarnaci\u00f3n<\/em>, einem\nFrauenkloster, gegr\u00fcndet von Margarita, der Frau von Felipe III, als\nKampfansage sozusagen zu den <em>Descalzas Reales<\/em>, die von Juana von\nPortugal gegr\u00fcndet worden waren. Das konnte Margarita nicht auf sich sitzen\nlassen. Die Geb\u00e4ude \u00e4hneln sich sogar, zumindest auf den ersten Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Fassade ist eine Steinplatte eingelassen, in der\ngesagt wird, was man hier <em>nicht<\/em> tun soll, n\u00e4mlich Wasser lassen. Sehr\nvornehm ausgedr\u00fcckt, aber unter Androhung einer Strafe: <em>Se prohibe hacer\nAGUAS bajo la multa correspondiente<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Kloster eine Statue von Lope de Vega. In der einen\nHand h\u00e4lt er ein aufgeschlagenes Buch, in der anderen einen Stift. Was seine\nVerbindung zu dem Kloster ist, ist nicht herauszubekommen. Er wird im\nPriesterornat dargestellt. Nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes erlitt er\neine seelische Krise und lie\u00df sich zum Priester weihen. Nach ein paar Jahren\ngab er das Priesteramt aber wieder auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Kloster befindet sich der Senat, und von dort\ngehe ich \u00fcber die <em>Gran V\u00eda<\/em>, auf der sich die Leute dr\u00e4ngeln, in einem\nweiten Bogen zum <em>Congreso de los Deputados<\/em>, dem Parlament. Hier finden\nim Moment wegen Corona keine Besichtigungen statt. Ich hatte es vor der Reise\nschon probiert. Hier fand der <em>23-F<\/em> statt, der Staatsstreich, der nach\ndem Tod Francos und dem Wandel, den das Land durchmachte, die alte Ordnung\nwiederherstellen sollte. Es fielen Sch\u00fcsse im Plenarsaal, deren Einschussl\u00f6cher\nbis heute noch zu sehen sind. Der Staatsstreich scheiterte bekannterma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem <em>Congreso<\/em> befindet sich <em>Huertas<\/em>, das\nLiteratenviertel. Vier der ganz Gro\u00dfen der spanischen Literatur, vier Gr\u00f6\u00dfen\ndes Goldenen Zeitalters, lebten hier wohl zuf\u00e4llig gleichzeitig in demselben\nViertel: Cervantes, Lope de Vega, Quevedo und G\u00f3ngora. Sie waren sich nicht\ngerade freundschaftlich verbunden und trugen regelrechte Schlammschlachten aus,\nbesonders Quevedo und G\u00f3ngora. Aber auch Lope und Cervantes waren nicht gerade\nzimperlich, wenn es darum ging, sich ver\u00e4chtlich \u00fcber den anderen zu \u00e4u\u00dfern.\nDer arme Lope w\u00fcrde sich im Grabe umdrehen, wenn er w\u00fcsste, dass sein\nGeburtshaus heute in der <em>Calle Cervantes<\/em> liegt! Das Geburtshaus von\nbeiden ist in ein und derselben Stra\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Lopes Geburtshaus ist heute Museum, und man kann es auch\nbesichtigen. Aber es ist bis n\u00e4chsten Mittwoch ausgebucht. Ich hatte eigens\neine Mail geschrieben, um mich f\u00fcr eine F\u00fchrung anzumelden, aber die ist\nangeblich nicht angekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der gesamten, schmalen <em>Calle Huertas<\/em> \u2013 auch die\nbis auf das vereinzelte Taxi, das hier entlang f\u00e4hrt, nur f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger \u2013 sind\nin den Boden in goldenen Lettern Zitate spanischer Literaten eingelassen,\ndarunter Le\u00f3n Felipe, Rosalia de Castro, Nicol\u00e1s Morat\u00edn, Emilia Pardo Baz\u00e1n.\nDas ber\u00fchmteste Zitat ist der Eingangssatz des <em>Quijote<\/em> mit der r\u00e4tselhaften Formulierung \u00fcber das Mancha-Dorf, an\ndessen Name der Dichter sich nicht erinnern <em>will<\/em>.\nUnd G\u00f3ngora ist mit dem Beginn eines Sonetts vertreten, \u201eAnde yo caliente\u201c, das\nbis heute aktuell wirkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Fu\u00dfe der <em>Huertas<\/em> angelangt gehe ich in eine kleine\nBar und tue das, was Spanier am Sonntagvormittag tun: <em>vermut<\/em> trinken, einen Aperitif, der nicht unbedingt aus Wermut\nbestehen muss, sondern auch ein leicht s\u00fc\u00dflicher Wein mit Kr\u00e4utern sein kann.\nEr wird mit Eisw\u00fcrfeln und einer Zitronenscheibe serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel ist die <em>Puerta del Sol<\/em>. Dort gibt\nes einen Optiker, der auch sonntags ge\u00f6ffnet hat. Darauf hat mich ein\nfreundlicher Verk\u00e4ufer in einer Apotheke aufmerksam gemacht. Die jungen\nVerk\u00e4uferinnen in dem Optikergesch\u00e4ft, offensichtlich gelangweilt, weil keine\nKunden da sind, rei\u00dfen sich geradezu darum, mich zu bedienen, und im Teamwork\nfinden sie auch eine passende Brille f\u00fcr mich, ein Notbehelf, Ersatz f\u00fcr die\nBrille, die ich auf dem R\u00fcckweg von Lugo verloren habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in ein anderes Viertel, <em>Santo Domingo<\/em>.\nAuf dem zentralen Platz des Viertels sehe ich ein Lokal mit dem diabolischen\nNamen <em>Santa Canalla<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist <em>La Bola<\/em>,\nein renommiertes Lokal, das vor allem f\u00fcr seinen <em>Cocido Madrile\u00f1o<\/em> bekannt ist. Es ist bis auf den letzten Platz besetzt.\nIch soll nach einer halben Stunde noch mal wiederkommen. Dann habe ich Gl\u00fcck.\nEin Platz wird frei. Sp\u00e4ter merke ich, dass der Raum hier am Eingang mit den\neng beieinander stehenden Tischen nur ein zus\u00e4tzlicher Raum ist. Weiter hinten\nbefindet sich ein weit gr\u00f6\u00dferer Raum. Auch hier sind alle Tische besetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist wie eine Mischung aus Museum und Wohnzimmer. An\nden W\u00e4nden h\u00e4ngen Photographien und Urkunden \u00fcber gewonnene Preise f\u00fcr den <em>Cocido<\/em>\nund andere Speisen. Die Kellner sind stets schnell zur Stelle, sie haben aber M\u00fche,\nsich mit den Speisen durch die engen Reihen zu bewegen. Platz f\u00fcr Gegenverkehr\ngibt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>An fast allen Tischen wird <em>Cocido Madrile\u00f1o<\/em> gegessen. Das Gericht wird in einer Kanne\nserviert. Das Prozedere ist wie folgt: Man bekommt einen Teller mit ganz d\u00fcnnen\nNudeln serviert. Auf die Nudeln wird aus der Kanne die Br\u00fche gegossen, so dass\nman eine Suppe als Vorspeise hat. Danach wird der Deckel der Kanne gel\u00fcftet,\nund mit Schwung landet der gesamte <em>cocido<\/em>\nauf dem Teller: Kichererbsen, M\u00f6hren, Kartoffeln, Speck, Wurst und Fleisch.\nNichts f\u00fcr Zartbesaitete. Sobald man die ersten Bissen gegessen hat, kommt der\nKellner und tut noch eine ordentliche Portion Kraut auf den ohnehin schon vollen\nTeller. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach ist ein Verdauungsspaziergang angesagt. Wieder gehe ich\neher ziellos durch die Stra\u00dfen. Ich komme noch einmal an dem Rathaus vorbei und\nsehe es von der Seite. Sonne und Wolken wechseln sich am Himmel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Calle Mayor<\/em> befindet sich eine alte Apotheke:\n<em>Antigua Farmacia de la Reina Madre<\/em>. Damit hat es folgende Bewandtnis: Isabel\nde Farnesio, die Mutter der K\u00f6nigin, kaufte hier ihre Arznei statt in der\nHofapotheke. Warum? Weil sie einen Giftanschlag ihres Schwiegersohns Fernando\nf\u00fcrchtete. Die Ma\u00dfnahme hatte Erfolg: Sie \u00fcberlebte ihren Schwiegersohn um\nJahrzehnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck komme ich \u00fcber die <em>Calle Cava Baja<\/em>. Hier reiht sich ein Lokal an das andere. Eins\nhei\u00dft <em>Erre que Erre<\/em>. Das ist der\nAnfang eines Reims, mit dessen Hilfe Ausl\u00e4nder das gerollte spanische <em>r<\/em>\n\u00fcben sollen. Tats\u00e4chlich diente es meistens nur dazu, sie vorzuf\u00fchren. Indem\nman einfach den Reim aufsagt, lernt man es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder bin ich meilenweit unterwegs gewesen, ohne auch nur\neinmal die Metro zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>8. M\u00e4rz (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Regen, Wind und Wolken, und es ist kalt. Im Laufe des Tages\nkommt zwar auch mal die Sonne durch, aber es ist insgesamt ein tr\u00fcber Tag. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes Ziel ist die arabische Stadtmauer, oder was noch\nvon ihr \u00fcbrig ist. Sie liegt ganz in der N\u00e4he des <em>Palacio Real<\/em>, aber\netwas unterhalb, und man muss schon gezielt nach ihr suchen. Auf dem Weg\ndorthin komme ich an der gewaltigen Kathedrale vorbei. Die ist damals von\nJohannes Paul II eingeweiht worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die arabische Stadtmauer, die die Keimzelle Madrids\nmarkiert, hat man einen kleinen Park angelegt, aber dessen Tore sind\nverschlossen. Man kann aber alles auch gut von au\u00dfen sehen. Die Beschriftungen\nsind hier in drei Sprachen: Spanisch, Englisch, Arabisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mauer ist erstaunlich hoch, neun Meter. Und drei Meter\nstark. Sie besteht aus Feuerstein- und Kalksteinmauerwerk. Zwischen denen\nbefinden sich immer wieder Ziegelsteine, aber das ist sp\u00e4teres Flickwerk. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Mauer wurde im 9. Jahrhundert gebaut und sp\u00e4ter\nverst\u00e4rkt. Sie umgab die gesamte Festung. Erhalten sind noch 120 Meter davon.\nSie galt als besonders robust, und es hei\u00dft, dass Funken aus ihr stieben, wenn\nPfeile auf sie trafen. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist ein eisernes Relief, das man hier angebracht\nhat. Man sieht den Grundriss der arabischen Festung und den der ersten\nchristlichen Stadt, die die arabische Festung einschloss, aber weiter dar\u00fcber\nhinweg ging, vielleicht f\u00fcnf- bis sechsmal so gro\u00df war. Sie hatte immerhin acht\nPfarreien und ein Judenviertel und ein Maurenviertel. Madrid war vielleicht\nkein bedeutender Ort, aber auch nicht das elende Mancha-Dorf, als das es\nmanchmal dargestellt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbergabe an die Christen erfolgte 1083, und die danach\nentstehende Stadtmauer blieb, mit den entsprechenden Ver\u00e4nderungen und\nAusbesserungen, bis 1561 bestehen, als Madrid Hauptstadt wurde. Dann wurde eine\ngr\u00f6\u00dfere Stadtmauer angelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es durch den langsam nachlassenden Regen\nam <em>Palacio Real<\/em> vorbei zum <em>Templo de Debod<\/em>. Auf dem Weg komme ich\nan einem Platz vorbei, den ich nicht kenne, obwohl ich hier schon \u00f6fter\nvorbeigekommen bin. Auf dem Platz steht ein sch\u00f6ner, moderner Brunnen mit starken\nhorizontalen und vertikalen Font\u00e4nen. An den Enden halten zwei weibliche\nFiguren, unbekleidet, einen Krug, aus dem das Wasser in das Becken rauscht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude dahinter ist eine Klosterkirche, ein <em>Templo\nNacional<\/em>, die Kirche <em>Santa Teresa de Jes\u00fas y San Jos\u00e9<\/em>. Das angebaute\nKlostergeb\u00e4ude \u2013 wenn es denn noch eins ist \u2013 sieht eher wie ein Hotel aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der <em>Templo\nde Debod<\/em>, ein St\u00fcck \u00c4gypten mitten in Madrid. Es ist ein echter Tempel aus\ndem alten \u00c4gypten, aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammend. Er ist ein\nGeschenk \u00c4gyptens an Spanien, dessen Ingenieure halfen, alte Kulturg\u00fcter zu\nbewahren, die sonst dem Bau des Assuan-Staudamms zum Opfer gefallen w\u00e4ren. Der\nTempel wurde in Madrid Stein f\u00fcr Stein wiederaufgebaut, in einem sch\u00f6nen,\ngepflegten Park. Wie an seinem urspr\u00fcnglichen Standort ist die Ausrichtung von\nOsten nach Westen. Der Tempel besteht aus drei Bauteilen, zwei Toren, die\nhintereinander stehend, gleich auf den Eingang des Tempels selbst ausgerichtet\nsind. Alle Bauteile sind relativ niedrig und bestehen aus regelm\u00e4\u00dfigen,\nbearbeiteten Steinquadern, gelblich-beige. Man kann den Tempel auch\nbesichtigen, aber nicht montags. Am Montag hat nur das <em>Museo del Prado<\/em>\nge\u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em> und nehme von hier aus\ndie Metro nach <em>Rub\u00e9n Dar\u00edo<\/em>. Bei der Fahrt sehe ich, dass jetzt auch\nGregorio Mara\u00f1\u00f3n, der Arzt, Manuel de Falla, der Komponist, und Santiago\nBernab\u00e9u, der Namensgeber des Stadions, eine U-Bahn-Station haben, genauso wie\ndie Reyes Cat\u00f3licos. Dort ganz in der N\u00e4he befindet sich eine U-Bahn-Station\nmit dem Namen <em>Baunatal<\/em>. Keine Ahnung, wie der sich erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schlechte Nachricht ist, dass morgen im \u00f6ffentlichen\nNahverkehr gestreikt wird und ich zusehen muss, wie ich zum Flughafen komme.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist der <em>Paseo de la Castellana<\/em>. Dort hat\nman eine \u201eAusstellung\u201c mit Kunst unter freiem Himmel installiert, eine Serie\nvon modernen Skulpturen, die neben oder unter einer Br\u00fccke stehen, die die <em>Castellana<\/em>\n\u00fcberquert. Einige der Skulpturen sind nicht zu sehen, werden von einer\nBaustelle verdeckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gut gef\u00e4llt mir ein stark stilisierter, schlanker\nStier, den man erst auf den zweiten Blick als solchen erkennt. Interessant auch\neine senkrecht stehende Steinplatte, aus der drei unterschiedlich gro\u00dfe Kugeln\nhervortreten. Auf der anderen Seite der Platte ist es genau umgekehrt. Da, wo\nauf der Vorderseite die Kugeln sind, sind auf der R\u00fcckseite nur leere Kreise,\nund da, wo auf der Vorderseite die leeren Kreise sind, treten hier die Kugeln\nheraus, aber in umgekehrter Anordnung: Da wo auf der Vorderseite die gro\u00dfen\nB\u00e4lle sind, sind hier die kleinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann will ich mir noch eine Skulptur von Botero ansehen,\naber die ist weit und breit nicht zu sehen. Ich frage und frage. Alle kennen\ndie Skulptur, aber keiner wei\u00df genau, wo sie steht. Mal werde ich die <em>Castellana<\/em>\nrunter, dann wieder rauf geschickt. Am Ende frage ich einen Mann, und der sagt:\n\u201eKlar, wei\u00df ich, wo der Botero steht. Ich bin selbst Kolumbianer\u201c. Auf die\nFrage, woher er komme, erkl\u00e4rt er, genau wie der Kellner in Aranjuez:\nBarranquilla. <\/p>\n\n\n\n<p>Er hat nicht zu viel versprochen. Er zeigt mir wirklich den\nrichtigen Weg. Allerdings ist es noch ein ganzes St\u00fcck zu Fu\u00df. Die Skulptur, \u201eLa\nMano\u201c, eine Hand mit in die H\u00f6he gestreckten Fingern, steht vor einem\nSpringbrunnen mitten in einem verkehrsumtosten Kreisverkehr. Sie ist\nmenschengro\u00df und steht auf Bodenniveau. Das Material, ein Metall, ist gl\u00e4nzend\nblank und nicht weiter bearbeitet. Die Hand ist gro\u00df und kr\u00e4ftig und trotzdem\ngrazil.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es in entgegengesetzter Richtung, die gesamt <em>Castellana<\/em>\nrunter. Die ist in der Mitte sechsspurig und hat an beiden Seiten nochmals eine\nFahrbahn mit zwei Spuren. Hier flie\u00dft der Verkehr. Aber man kann trotz der\nvielen Autos ungest\u00f6rt auf der breiten Promenade spazieren gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist aufgefallen, dass ich in der ganzen Woche noch kein\nHupkonzert geh\u00f6rt habe. Fr\u00fcher gab es jeden Tag eins, oft mehrere,\nlanganhaltend. Man hupte, wenn es nicht weiter ging, ganz egal, ob das Wirkung\nhatte oder nicht. Sogar die Zebrastreifen, die fr\u00fcher rein dekorative Funktion\nhatten, werden heute respektiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Es hat aufgeh\u00f6rt zu regnen und die Sonne kommt raus. Am Ende\nder <em>Castellana<\/em> geht es immer weiter, jetzt <em>Recoletos<\/em> hinunter,\nder Verl\u00e4ngerung der <em>Castellana<\/em>. Am Rande der Promenade eine erst vor\nkurzem aufgestellte Skulptur, aus Kupfer vermutlich. Sie stellt Fl\u00fcchtlinge\ndar. Sie sitzen dicht gedr\u00e4ngt auf einer Mauer, mit leeren Gesichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann biege ich ab. Ich will die Woche in Madrid nicht zu\nEnde gehen lassen, ohne wenigstens einmal kurz im <em>Parque del Retiro<\/em> gewesen\nzu sein. Er war fr\u00fcher ein k\u00f6niglicher Park, sp\u00e4ter wurde er dann f\u00fcr das Volk\nfreigegeben. Und wird bis heute viel besucht, auch an einem tr\u00fcben Montag wie\nheute. Der Park ist aber so gro\u00df, dass sich die Leute darin verlaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil ist wie ein Franz\u00f6sischer Garten angelegt,\nmit geraden Wegen und beschnittenen B\u00e4umen und Hecken. Der andere Teil, etwas\nerh\u00f6ht gelegen, ist anders, mit eher unregelm\u00e4\u00dfigen Wegen und nat\u00fcrlich\nwachsenden Pflanzen. Die Wege, einige von ihnen asphaltiert, sind nach L\u00e4ndern\nin Lateinamerika benannt: <em>Paseo Paraguay<\/em>, <em>Paseo Venezuela<\/em>, <em>Paseo\nde Cuba<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Park gibt es sogar eine \u00f6ffentliche Toilette, eine\nSeltenheit in Madrid. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Beine sind m\u00fcde und ich mache bei einem kalten Bier eine\nPause an einem Kiosk. Von hier aus sieht man direkt auf den <em>Palacio de\nCristal<\/em>. Der ist ein echter Hingucker, gr\u00f6\u00dfer als ich ihn in Erinnerung\nhatte, aber trotzdem elegant mit seinen geschwungenen, schlanken Eisenst\u00e4ben\nund den gebogenen Glasscheiben. Man kann in den Raum hinein und durch das ganze\nGeb\u00e4ude hindurch sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum <em>Estanque Grande<\/em>, dem gro\u00dfen,\nk\u00fcnstlich angelegten Teich mit dem Denkmal f\u00fcr Alfonso XII, das mit seiner\ndoppelten S\u00e4ulenreihe ein echter Blickfang ist und den Teich optisch nach\nhinten abschlie\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gehe ich noch zum <em>Monumento al Angel Ca\u00eddo<\/em>,\neiner originellen und gewagten Skulptur. Sie stellt Luzifer dar, wie er vom\nHimmel st\u00fcrzt, die Fl\u00fcgel vom Wind gespannt, mit entsetztem Blick nach oben\nschauend. Er, der \u201eLichttr\u00e4ger\u201c, ist vom Himmel verbannt worden, weil er es\ngewagt hat, gegen Gott zu rebellieren. Welche andere Stadt hat schon ein\nDenkmal f\u00fcr den Satan?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem geraden gepflasterten Weg geht es einem der\nAusg\u00e4nge zu. Am Wegesrande viele bl\u00fchende oder ausschlagende B\u00e4ume, mehr als man\nim Zentrum sieht. Auf einem Papierkorb hat es sich eine Elster bequem gemacht,\nnachdem sie den Papierkorb nach Essensresten durchsucht hat. Sie l\u00e4sst sich in\naller Ruhe photographieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Am unteren Ende des Parks sto\u00dfe ich dann zuf\u00e4llig auf die <em>Cuesta\nMoyano<\/em>, eine Erinnerung an einen meiner ersten Besuche in Madrid. Am Rande\ndes leicht absch\u00fcssigen Weges reihen sich um die drei\u00dfig Kioske nacheinander\nauf, in denen B\u00fccher verkauft werden, gebrauchte und neue. Um diese Zeit sind\nnur wenige ge\u00f6ffnet, aber es k\u00f6nnte auch sein, dass einige schon durch die\nKonkurrenz der gro\u00dfen B\u00fccherketten haben schlie\u00dfen m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ein St\u00fcckchen am Park entlang, \u00fcber den <em>Paseo\ndel Prado<\/em>, und dann kommt auf der linken Seite das <em>Caixa Forum<\/em>, ein\nmodernes Kulturzentrum, das in einem der spektakul\u00e4rsten Geb\u00e4ude Madrids\nuntergebracht ist. Es ist ein altes Elektrizit\u00e4tswerk, aus gemauerten Steinen,\ndem man ein zweites, neues, leicht verrostet aussehendes Stockwerk aufgesetzt\nhat. Eine Fassade des alten Geb\u00e4udes ist komplett begr\u00fcnt, mit 15.000 Pflanzen\nauf fast einem halben Quadratkilometer Fl\u00e4che. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es zur\u00fcck nach <em>La Latina<\/em>. Dort will ich\nauf der <em>Cava Baja<\/em>, \u00fcber die ich gestern gekommen bin, nach einem Lokal\nsuchen. Auf dem Weg dahin komme ich an einem Fris\u00f6rsalon vorbei, der einen\noriginellen Namen hat und dabei eine milde Form eines Schimpfwortes\nverarbeitet, das hier aber nur als Ausdruck der Begeisterung fungiert: <em>Peluquer\u00eda, \u00a1\u00a1\u00a1jo qu\u00e9 corte!!!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter stolpere ich \u00fcber einen Stolperstein, von genau\nder Art, wie wir sie auch in Deutschland haben. Ich wusste gar nicht, dass es\ndie in Spanien auch gibt. Dieser Stolperstein erinnert an einen ehemaligen\nBewohner dieses Hauses, der nach Frankreich emigriert war, dann in Salzburg\ninhaftiert und schlie\u00dflich nach Mauthausen deportiert wurde. Er \u00fcberlebte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer H\u00e4userfassade sieht man in mehreren Sprachen und\nverschiedenen Schriften kurze S\u00e4tze, von denen ich nur den franz\u00f6sischen\nverstehe. Es geht darum, dass in diesem Viertel Menschen aus verschiedenen\nL\u00e4ndern gut miteinander auskommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon fast in <em>La Latina<\/em> bin, sehe ich ein\nLokal mit einem Plakat, in dem vom Junggesell(inn)enabschied die Rede ist. Es\nist aber keine Werbung daf\u00fcr, den hier zu feiern, ganz im Gegenteil: despedidas de solter@s no gracias. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zur <em>Cava Baja<\/em>, aber, was f\u00fcr ein\nUnterschied zu gestern! Kaum eine Menschenseele zu sehen, und die meisten\nLokale, bis auf ein paar sehr feine, sind geschlossen. Die erholen sich vom\nSonntagsbetrieb. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Alternative finde ich ganz am Ende der Stra\u00dfe, auf der <em>Plaza\ndel \u00c1ngel<\/em>. Ein traditionelles Lokal mit Fliesen an der Fassade, die\nverschiedene Szenen von Madrid darstellen. Und der Name best\u00e4tigt die\ntraditionelle Ausrichtung des Lokals: <em>El\nMadro\u00f1o<\/em>. Man kann drau\u00dfen sitzen, obwohl dunkle Wolken aufziehen.\nEigentlich m\u00fcsste ich hier Kutteln essen, <em>Callos a la Madrile\u00f1a<\/em>, das\nw\u00e4re der Tradition gem\u00e4\u00df, aber ich entscheide mich am Ende f\u00fcr das Menu: eine\nm\u00e4\u00dfige Vorspeise, schlechter Wein, ein gro\u00dfartiges Hauptgericht (Osobucco) und\nein ebenso guter Nachtisch (<em>bud\u00edn<\/em>). Das Lokal macht seinem Namen alle\nEhre: Zum Abschluss gibt es auf Kosten des Hauses ein Gl\u00e4schen Madro\u00f1o-Lik\u00f6r!<\/p>\n\n\n\n<p>Das war\u2019s mit Madrid. Einiges ist unter den Tisch gefallen,\nvor allem habe ich es die ganze Zeit nicht ein einziges Mal an den Manzanares\ngeschafft, von dessen Renaturierung doch so viel die Rede ist. Und Alcal\u00e1, das\nfest auf dem Speiseplan stand, ist ganz unter den Tisch gefallen. Aber das d\u00fcrfte\nauch eine eigene Reise wert sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28. Februar (Montag) Madrid ist gro\u00df. Aber das f\u00fcr den Touristen interessante Gebiet ist ganz \u00fcberschaubar. Es liegt zwischen dem Palacio Real im Westen und dem Parque del Retiro im Osten. 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