{"id":11318,"date":"2022-05-23T13:08:48","date_gmt":"2022-05-23T11:08:48","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11318"},"modified":"2022-05-26T16:13:49","modified_gmt":"2022-05-26T14:13:49","slug":"gorlitz-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11318","title":{"rendered":"G\u00f6rlitz (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>8. Mai (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>An Superlativen mangelt es nicht: G\u00f6rlitz besitzt 3.500\nEinzeldenkm\u00e4ler, so viel wie keine andere Stadt in Deutschland. Und wird von\nvielen, wie dem ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz,\nf\u00fcr die sch\u00f6nste Stadt Deutschlands gehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6rlitz ist die \u00f6stlichste Stadt Deutschlands und geh\u00f6rt\ndamit zusammen mit Oberstdorf, Selfkant und List zu den Zipfelorten\nDeutschlands. Und es liegt genau auf dem 15. Meridian, gibt also die MEZ ohne\njede Abweichung wieder. Am Tag unserer Ankunft geht die Sonne hier um 5.22 auf,\nimmerhin 38 Minuten fr\u00fcher als in Trier. Der Sonnenuntergang ist etwa eine\nhalbe Stunde fr\u00fcher. <\/p>\n\n\n\n<p>In G\u00f6rlitz ist es oft k\u00e4lter als in Berlin oder Cottbus. Das\nliegt an den eisigen Winden, die von den H\u00f6hen des Isergebirges und des\nRiesengebirges kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6rlitz hat eine bewegte Geschichte. Und die neuere\nGeschichte hat etwas zur Folge, was G\u00f6rlitz ganz besonders macht. Der Stadtteil\nauf dem anderen Ufer der Nei\u00dfe ist nicht (mehr) G\u00f6rlitz, sondern Zgorzelec,\neine selbst\u00e4ndige Stadt. Auf dem anderen Ufer, mit einer G\u00f6rlitz mit einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke\nverbunden, ist Polen! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6rlitz hatte manchmal Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Im 2. Weltkrieg\nblieb es weitgehend verschont von Zerst\u00f6rung, und nach dem Stadtbrand von 1525,\nals ein Drittel der Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt wurden, hatte es einen Baumeister, Wendel\nRoskopf, der einen gro\u00dfz\u00fcgigen und einheitlichen Wiederaufbau im Sinne der\nRenaissance veranlasste. Er hatte Kontakt zu italienischen Baumeistern gehabt,\nkopierte aber nicht einfach die italienische Renaissance, sondern vermischte\nsie mit b\u00f6hmischen, ungarischen und schlesischen Einfl\u00fcssen. Dazu geh\u00f6rt eine\nbesondere Fassadengestaltung mit Pilastern, Gesimsen und eigenwilligen\nFensterb\u00e4ndern. Pilaster und Portale sind oft mit Kannel\u00fcren und Pfeifen\ngeschm\u00fcckt. Wandmalereien vervollst\u00e4ndigen die bauk\u00fcnstlerische Arbeit. Nach\ndem Stadtbrand gab es keine gr\u00f6\u00dferen Katastrophen mehr, so ist im Laufe der\nJahrhunderte alles erhalten geblieben, von der Gotik \u00fcber die Renaissance, den\nBarock und die Gr\u00fcnderzeit bis hin zum Jugendstil. Wenn man sich f\u00fcr jedes\nBaudenkmal f\u00fcnf Minuten Zeit nimmt, ist man zwei Wochen Tag und Nacht\nbesch\u00e4ftigt, um alles zu sehen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal erw\u00e4hnt wird G\u00f6rlitz 1071, in einer Schenkungsurkunde. Da taucht es auf als <em>Villa Goreliz<\/em>, \u201aBrandst\u00e4tte\u2018. <\/p>\n\n\n\n<p>In G\u00f6rlitz gibt es das <em>Caf\u00e9\n13<\/em> und das <em>Caf\u00e9 1900<\/em>. Und es gibt\ndie <em>Jesus B\u00e4ckerei<\/em>. Es gibt das\nSpeiselokal <em>Zum gebratenen Storch<\/em>, den\nGasthof <em>Dreibeiniger Hund<\/em> und die <em>Herberge Zum Sechsten Gebot<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise geht um 9 Uhr in K\u00f6ln los. Zu dieser Zeit ist der\nBus, wie ich jetzt erfahre, schon drei Stunden unterwegs. Und es liegen noch\n\u00fcber 600 Kilometer vor uns!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde, obwohl ich in letzter Minute eintreffe, oder\nvielleicht gerade deshalb, sehr freundlich begr\u00fc\u00dft, von dem Reiseleiter und von\ndem Busfahrer. Wir sind insgesamt 33. Zu meiner \u00dcberraschung erfahre ich, dass\nein paar Teilnehmer selbst\u00e4ndig mit dem Auto anreisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hermanito ist ein Opfer der fr\u00fchen Abfahrtszeit und der\nVersp\u00e4tungen der Bahn geworden und hat den Zustieg in Essen verpasst. Dann plant\ner um und will in K\u00f6ln zusteigen. Aber auch diese Abfahrt verpasst er. Jetzt\ngeht es mit dem Zug nach G\u00f6rlitz. Sein Verbleib ist w\u00e4hrend der gesamten Fahrt\nein Thema. Immer wieder werde ich nach dem neuesten Stand der Dinge gefragt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auf die Autobahn, Richtung Wetzlar. Es ist Sonntag,\nund wir kommen ohne jeden Stau durch. Die erste H\u00e4lfte der Strecke ist sch\u00f6n,\nsehr gr\u00fcn, mit Wald und Wiesen zu beiden Seiten. Danach wird die Landschaft\netwas unansehnlicher. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Pause bietet der freundliche Busfahrer Kaffee\nan. Ich h\u00f6re mit, wie er einem Reisenden erkl\u00e4rt, der Bus habe schon 600.000\nKilometer hinter sich. 1.000.000 w\u00fcrden die meisten Busse schaffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Stunden passieren wir die ehemalige Grenze. Der\nerste bekannte Ort in Ostdeutschland ist Eisennach. Es ist immer noch ein\nsch\u00f6nes Gef\u00fchl, dass man jetzt so ohne weiteres \u00fcber diese Grenze fahren kann.\nGleichzeitig etwas verst\u00f6rend, dass es keine Spuren der Grenze mehr gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt werden verschiedene Zeitungsartikel zu\nG\u00f6rlitz herumgereicht. Einer macht auf das Problem des Bev\u00f6lkerungsschwunds\naufmerksam. G\u00f6rlitz hatte mal 100.000 Einwohner, hat jetzt nur noch 56.000.\nAllein nach der Wende verlie\u00dfen 17.000 Einwohner die Stadt. Das hat zur Folge,\ndass Geb\u00e4ude verfallen, weil sie weiter auf eine Renovierung warten, aber auch,\ndass perfekt renovierte Geb\u00e4ude der Altstadt leer stehen. Die G\u00f6rlitzer zogen\nin der Zeit der DDR meist in Plattenbauten am Stadtrand und haben kein\nInteresse, in die Altstadt zu ziehen. Die Stadt versucht jetzt mit allen\nm\u00f6glichen Mitteln, Neub\u00fcrger anzusiedeln. Die ersten Monatsmieten und der Strom\nwerden von der Stadt \u00fcbernommen, die Stadt zahlt f\u00fcrs erste Jahr Kontogeb\u00fchren\nund Haftpflichtversicherung, man darf umsonst Bus fahren und bekommt Karten\nf\u00fcrs Theater. Und vier Flaschen Bier. Das hat bisher 2.000 neue Siedler angezogen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an Weimar, Jena und Gera vorbei, und dann kommen wir\nnach Sachsen: Chemnitz, Dresden, Bautzen. Als wir in G\u00f6rlitz ankommen, ist es\nschon sechs Uhr. Trotz der langen Fahrt dreht der Busfahrer noch eine\nEhrenrunde durch die Altstadt. Der erste Eindruck ist sehr gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel liegt wunderbar in einem Park, direkt an der\nNei\u00dfe. Vom Hotelzimmer blickt man auf das andere Ufer, auf Zgorzelec. <\/p>\n\n\n\n<p>Abendessen gibt es praktischerweise gleich hier im Hotel.\nUnd im Laufe des Abendessens taucht dann auch Hermanito auf. Er scheint alles\ngut verkraftet zu haben, besser als man das erwarten konnte nach all dem Hin\nund Her. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an das Abendessen gibt es noch die Vorstellung\ndes aktualisierten Programms. H\u00f6rt sich gut an, eine Mischung aus St\u00e4dtetour\nund Seminar. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss trinken wir noch ein <em>Landskron<\/em>. Das steht hier synonym f\u00fcr Bier. Die Brauerei hat eine\nlange Geschichte. Sie wurde im 19. Jahrhundert gegr\u00fcndet, mit allen Schikanen,\nReichspatent und k\u00f6niglicher Erlaubnis. Der Erfolg blieb nicht aus. Und man\nwollte einen Erweiterungsbau, in der N\u00e4he der Nei\u00dfe. Die Polizei war dagegen.\nDie Brauerei sei eine \u201eUnzier\u201c f\u00fcr die Uferpromenade. Aber die B\u00fcrger setzten\nsich durch. Der Standort an der Nei\u00dfe war bewusst gew\u00e4hlt, denn hier gewann man\nim Winter die Eisbl\u00f6cke f\u00fcr die K\u00fchlung. Die dicken Mauern garantierten eine\ngleichm\u00e4\u00dfige Temperatur und verhinderten das Schmelzen der Eisbl\u00f6cke. Nach 1945\nwurde die Brauerei zun\u00e4chst ein halbstaatlicher, dann ein staatlicher Betrieb.\nNach der Wende ging die Brauerei an die enteignete Besitzerfamilie und wurde\ndann von einer internationalen Brauerei aufgekauft. Die war aber am Ende nicht\nzufrieden mit dem Ertrag: Jeder Braustandort musste im Jahr 220.000 Hektoliter\nproduzieren. Das konnte Landskron nicht leisten, und es drohte die endg\u00fcltige\nSchlie\u00dfung. Aber dann kam die Rettung von einem Unternehmerehepaar, das ein\nbesonderes Faible f\u00fcr historische Bauten hat. Jetzt werden 150.000 Hektoliter\npro Jahr gebraut und im \u201eLandskronland\u201c getrunken. Dazu leisten wir heute auch\nunseren Beitrag. <\/p>\n\n\n\n<p>9. Mai (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>In neuerer Zeit hat sich G\u00f6rlitz einen Ruf als G\u00f6rliwood\nerworben. Die Altstadt hat als Kulisse f\u00fcr historische Filme gedient und sich\ndabei in Frankfurt, K\u00f6nigsberg, Heidelberg, Dresden, New York, Venedig\nverwandelt. Alles begann 1954 mit <em>Der Ochse<\/em> <em>von Kulm<\/em>, und seither\nsind hier \u00fcber 80 Filme mit mindestens einer Stunde Laufzeit entstanden,\ndarunter <em>Der Vorleser<\/em>, <em>Inglorious Basterds<\/em>, <em>The Grand<\/em> <em>Budapest\nHotel<\/em>, <em>Goethe!<\/em>, <em>In 80 Tagen um die Welt<\/em>, <em>Der Turm<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ber\u00fchmteste\nSohn der Stadt ist Jakob B\u00f6hme. Er wurde von Hegel der \u201eerste deutsche\nPhilosoph\u201c genannt, war Zeitgenosse von Galileo und Kepler. Von Hause aus war\ner Schuster. Er schrieb in privaten Aufzeichnungen Texte, in denen er die\ntraditionelle Sch\u00f6pfungslehre in Frage stellte. Freunde ver\u00f6ffentlichten diese\nTexte als Buch. Das Buch wurde beschlagnahmt. B\u00f6hme wurde untersagt, seine\nIdeen zu verbreiten. Er ver\u00f6ffentlichte trotzdem ein weiteres Buch, wurde aus\nG\u00f6rlitz ausgewiesen, kehrte zur\u00fcck, wurde wiederum verklagt und starb\nschlie\u00dflich in G\u00f6rlitz. Sein Grab wurde am Tag nach der Bestattung verw\u00fcstet.\nAn der Nei\u00dfebr\u00fccke steht ein Denkmal f\u00fcr ihn. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen strahlender Sonnenschein. Es sieht nach einem\nrichtigen Sommertag aus. Sandalenwetter. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Busfahrer f\u00e4hrt uns zu unserem Veranstaltungsort, gerade\nmal zwei Kilometer entfernt, und dann ist sein Arbeitstag beendet, um 9 Uhr am\nMorgen. Das hat er sich nach dem Marathon von gestern auch verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Vortr\u00e4ge am Morgen sind ein Flop. Der erste Mann\nist ein K\u00fcnstler und der selbsterkl\u00e4rte Generalkonsul der fiktiven Republik von\nSan Marco. Wir befinden uns in seiner Werkstatt, einem gro\u00dfen, von ihm selbst\numgebautem und mit allerlei Zeugs ausgestattetem Saal in einem ebenfalls von\nihm selbst sanierten Geb\u00e4ude der Innenstadt. Er soll von seinem Leben\nberichten, als Zeitzeuge, und man erwartet sich Einsichten in das Leben in der\nDDR und das Leben nach der Wende, aber er ger\u00e4t immer wieder auf \u201eNebenbahnen\u201c\nund bringt keinen Gedanken zu Ende. Seine Erz\u00e4hlweise ist diffus, anarchisch,\nkraus, verwirrend. Es ist eine Qual, ihm zuzuh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Redner, Theologe, ehemaliger Leiter von\nverschiedenen Heimen, Mitglied des <em>Neuen Forums<\/em>, kommt mit einem dicken\nOrdner und allerhand weiteren Materialien, aber die meisten davon kommen nicht\nzum Einsatz. Wenn sie zum Einsatz kommen sollen, findet er sie nicht. Er ist in\nseiner naiven Art, mit der er seine eigene Verwicklung in die Abl\u00e4ufe vor und\nnach der Wende schildert, ganz liebensw\u00fcrdig, aber man wartet bis zum Schluss\ndarauf, dass irgendetwas Brauchbares zur Sprache kommt. Auch auf die Fragen im\nAnschluss gibt es keine richtigen Antworten. Als das Ende des Vortrags durch\ndas resolute und gleichzeitig diplomatische Einschreiten unseres Reiseleiters\neingel\u00e4utet wird, bin ich nicht traurig dar\u00fcber. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mittagspause setzte ich mich mit Hermanito in ein\nStra\u00dfencaf\u00e9 am Postplatz, dem Zentrum des Gr\u00fcnderzeitviertels. Wir lassen uns\nvon der Sonne bescheinen. An der Stirnseite des Platzes steht das ehemalige\nPost- und Telegraphenamt. Auf dem flachen Dach stehen verschiedene Figuren, die\nBezug nehmen auf die Funktion des Geb\u00e4udes. Eine Frau scheint ein Telefon, eine\nandere einen Brief in der Hand zu halten. Ein Putto mit Blitz in der Hand\nsymbolisiert die Elektrizit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes steht ein Brunnen mit einem Schaft\naus Carrara-Marmor und einer weiblichen Bronzefigur, die mit ihren muskul\u00f6sen\nArmen eine riesige Muschel \u00fcber dem Kopf tr\u00e4gt. Aus der Muschel f\u00e4llt das\nWasser in die Brunnenschale. <\/p>\n\n\n\n<p>An der L\u00e4ngsseite des Platzes ein langgestrecktes\nneoklassizistisches Geb\u00e4ude, das ehemalige Gesch\u00e4fts- und Wohnhaus eines\nG\u00f6rlitzer Kaufmanns. Der Balkon wird von vier Karyatiden getragen, die mit\nsymbolischen Beigaben ausgestattet sind. Vermutlich symbolisieren sie Handel\nund Handwerk. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahnschienen machen hier einen engen Bogen, auf\ndem die Stra\u00dfenbahnen, von denen wir unterschiedliche Typen sehen, \u00fcber den\nPlatz fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch ein bisschen in der Gegend um und sto\u00dfen\ndabei auf den <em>Dicken Turm<\/em>, einen runden mittelalterlichen Turm, Teil der\nehemaligen Stadtbefestigung. Er diente lange als Gef\u00e4ngnis. Es gab keinen\nEingang, die Gefangenen wurden, wie es hei\u00dft, an einem Seil von oben in das Verlie\u00df\nhinabgelassen. An der Fassade ein Monumentalrelief, das das verschlungene\nStadtwappen und die beiden Patroninnen von G\u00f6rlitz zeigt, Maria mit Krone und\nBarbara mit Turm. Ein L\u00f6we, an seinen zwei Schw\u00e4nzen als Symbol Ungarns zu\nerkennen, h\u00e4lt die ungarische Krone hoch. Das stammt aus der Zeit, als Matthias\nCorvinus Landesherr \u00fcber G\u00f6rlitz und die Oberlausitz wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he der riesige <em>Kaisertrutz<\/em>, auch Teil\nder alten Stadtbefestigung, eine Bastion, die dem Schutz der <em>Via Regia<\/em>\ndiente, der wichtigen Handelsstra\u00dfe, der G\u00f6rlitz seinen Reichtum zu verdanken\nhatte. Sie f\u00fchrte von Santiago nach Kiew, und G\u00f6rlitz handelte in beide\nRichtungen. Von diesen m\u00e4chtigen Bastionen soll es 32 gegeben haben! Der Name <em>Kaisertrutz<\/em> bezieht sich auf den\nDrei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und die Angriffe der Kaiserlichen Truppen, denen die\nSchweden als Hausherren hier <em>trotzen<\/em>\nkonnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag steht eine Stadtf\u00fchrung auf dem Programm. Sie beginnt\nam Rande des Postplatzes. Unser F\u00fchrer, sch\u00fctteres Haar, Pferdeschwanz,\nzotteliges Haar, im Nebenberuf Schauspieler und Musiker, spielt sein\nschauspielerisches Talent und seine rhetorische Begabung voll aus und erkl\u00e4rt\nalles in wohlgeformten, langen Sentenzen, ohne in den geschlagenen drei Stunden\nauch nur einmal ins Stocken zu geraten. Auch hier geht es, wie bei den\nVortr\u00e4gen am Vormittag, oft um ihn selbst, aber es ist eine Freude, ihm\nzuzuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Er beginnt die F\u00fchrung mit einer Lobrede auf den Fall der\nMauer und die Entwicklung danach. Bei allen Problemen solle man nicht\nvergessen, was da alles gewonnen worden sei. Das gelte auch und ganz besonders\nf\u00fcr die Sanierung der Altstadt von G\u00f6rlitz, die heute nicht mehr\nwiederzuerkennen sei. Der Sanierungsstand liegt jetzt bei 90%. Unterwegs zeigt\ner uns ein nicht renoviertes Haus, aber das Ensemble der verfallenden Stadt aus\nZeiten der DDR kann man sich trotzdem kaum vorstellen. Er empfiehlt daf\u00fcr Filme\naus der Vorwendezeit, vor allem <em>Gevatter Tod<\/em>, auf einer Erz\u00e4hlung der\nBr\u00fcder Grimm beruhend. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst steht ausgerechnet eine der Baus\u00fcnden aus der Zeit\nunmittelbar nach der Wende auf dem Programm, die das Lob auf die Sanierung\nbeinahe ironisch klingen l\u00e4sst. Hier hat man ein Caf\u00e9haus und ein Ballhaus,\nbeide im Jugendstil gebaut, abgerissen und daf\u00fcr moderne Kaufh\u00e4user gebaut. Die\npassen hierher wie die Faust aufs Auge. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser erster Halt ist das Kaufhaus Wertheim, ein Bau mit\nElementen des Neobarock und des Neoklassizismus mit einer gro\u00dfen bemalten\nLichtkuppel und Messing-Kronleuchtern im Jugendstil. Es stammt aus der Zeit,\nals die kaufkr\u00e4ftigen preu\u00dfischen Beamten G\u00f6rlitz als <em>Pensionopolis<\/em> entdeckten. Das Problem: Das Kaufhaus steht seit 2007\nleer. Es entspinnt sich eine Diskussion \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Leerstand.\nUnser F\u00fchrer meint, es liege an der mangelnden Kaufkraft. G\u00f6rlitz hat das\nniedrigste Durchschnittseinkommen in ganz Deutschland. Auch die Altersstruktur\nder Bev\u00f6lkerung trage nicht gerade zum Konsum bei. Das Durchschnittsalter liegt\nbei 55. Siemens betreibt hier eine inzwischen abgespeckte Gasturbinenfabrik und\nAlstom eine ebenfalls inzwischen abgespeckte Waggonwagenfabrik (hier werden die\nmeisten in Deutschland eingesetzten Doppelstockwaggons gebaut), und dann gibt\nes noch die G\u00f6rlitzer Liebesperlen und eine Birkenstock-Fabrik, aber f\u00fcr junge\nLeute gelte die Devise: Gute Ausbildung bekommen und dann nix wie weg. Die Gastronomie,\nerkl\u00e4rt er, k\u00f6nne sich nur deshalb halten, weil die Lokale von polnischen\nOligarchen f\u00fcr wenig Geld aufgekauft worden seien. Und die stellten polnische\nServicekr\u00e4fte ein, die unter dem Mindestlohn bezahlt w\u00fcrden, vorbei an den in\nDeutschland geltenden Regelungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Marienplatz, der das Gr\u00fcnderzeitviertel mit\nder Altstadt verbindet, und dann zum Obermarkt, einem langestreckten Platz, der\nan Sch\u00f6nheit und alter Bausubstanz seinesgleichen sucht. Er reflektiert 650\nJahre Baugeschichte. Hier dr\u00fcckt sich, vor allem in den B\u00fcrgerh\u00e4usern der\nRenaissance, der unglaubliche Reichtum der Stadt aus, in erster Linie auf\nHandel und Stapelrecht beruhend. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer bringt die Rede auf den G\u00f6rlitzer Scharfrichter\nStra\u00dfburg, in ganz Europa f\u00fcr seine \u201esaubere Arbeit\u201c bekannt und wie ein\nVolksheld gefeiert, u.a. in Paris. Sein Schwert ist erhalten und irgendwo hier\nin einem Museum ausgestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Obermarkt m\u00fcndet die <em>Verr\u00e4tergasse<\/em>. Dort\nlebte der R\u00e4delsf\u00fchrer Peter Liebig. An der Fassade seines Hauses ist\neingemei\u00dfelt: <em>D V R T 1527 = Der Verr\u00e4terischen Rotte T\u00fcr<\/em> <em>1527<\/em>.\nDas war als Warnung f\u00fcr Nachahmer gemeint. Peter Liebig war der Anf\u00fchrer von\nunzufriedenen Handwerkern, die einen Aufstand planten. Sie wollten um\nMitternacht zuschlagen, aber die Turmuhr schlug sieben Minuten zu fr\u00fch. Die\nUmst\u00fcrzler w\u00e4hnten sich in Sicherheit, aber der Nachtw\u00e4chter war noch\nunterwegs, entdeckte sie und meldete den Vorfall. Die Absichten der Umst\u00fcrzler\nkamen ans Tageslicht, und f\u00fcr die hie\u00df es dann: Kopf ab und Vierteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir betreten eins der typischen G\u00f6rlitzer Hallenh\u00e4user. Das\nist die Besonderheit, auf der der Antrag auf Anerkennung von G\u00f6rlitz als\nWeltkulturerbest\u00e4tte beruht. Dieser Antrag l\u00e4uft gegenw\u00e4rtig. Man kann hier gut\nsehen, wie zwei urspr\u00fcnglich getrennte H\u00e4user durch eine Halle miteinander\nverbunden wurden und so unten eine Passage entstand. Die erm\u00f6glichte es den\nPferdefuhrwerken, hineinzufahren, ihre Waren abzuladen und am anderen Ende\nwieder hinauszufahren, eine wichtige Erleichterung f\u00fcr den dichten Verkehr dieser\nZeit in einer florierenden Handelsstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls am Obermarkt ein Barockhaus von 1719, vom\nLeinengro\u00dfh\u00e4ndler Schaumburg gebaut. Es beherbergte sp\u00e4ter Friedrich Wilhelm\nIII., Zar Alexander I., August den Starken und Napoleon. Es hei\u00dft, der\nkleinw\u00fcchsige Napoleon habe bei der Abnahme einer Truppenparade vom Balkon des\nHauses auf einem Hocker gestanden, weil er sonst hinter der Br\u00fcstung nicht zu\nsehen gewesen w\u00e4re. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem seitlichen Ende des Obermarkts steht die\nDreifaltigkeitskirche, die ehemalige Klosterkirche des Franziskanerordens. Nach\nder Reformation ging es mit dem Orden bergab. Der einzige verbliebende M\u00f6nch\nvermachte das Anwesen der Stadt, mit der Auflage, die Stadt m\u00fcsse eine Schule er\u00f6ffnen.\nZehn Jahre sp\u00e4ter wurde das Gymnasium gegr\u00fcndet, das bis heute als eins der\nbesten in Mitteldeutschland gilt. Die Ausstattung der Kirche ist fast komplett\nerhalten. Der Turm, der wie ein Minarett aussieht, ist eine sp\u00e4tere Zugabe,\ndenn die Franziskanerkirchen hatten keinen Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Br\u00fcderstra\u00dfe<\/em>, nach den Franziskanern benannt,\nverbindet Obermarkt und Untermarkt. Dort warten weitere H\u00f6hepunkte auf uns, an\nerster Stelle das Rathaus mit seinem Turm mit zwei kunstvollen Uhren. Die\nuntere wurde von Bartholom\u00e4us Scultetus \u2013 Mathematiker, Humanist, B\u00fcrgermeister\n\u2013 mit einem 12-Stunden-Zifferblatt versehen, eine Neuerung damals. Mit dem\nneuen Zifferblatt wurde auch der Gregorianische Kalender in der Lausitz\neingef\u00fchrt. In der oberen oberen Uhr, die die Mondphasen wiedergibt, ist das\n24-Stunden-Zifferblatt noch erhalten. Dort verk\u00fcndet ein L\u00f6we \u2013 heutige leiser,\nfr\u00fcher lautstark \u2013 Mondphasen und Monate. Auff\u00e4llig die Figur eines\nStadtw\u00e4chters mit Helm im unteren Ziffernblatt. Der rollt jede Minute mit den\nAugen, und dazu f\u00e4llt ihm die Kinnlade runter. Er soll bestraft worden sein,\nweil er einen Brand verschlafen und nicht gemeldet hatte. Wegen seines\nmartialischen Aussehens wird er \u201eAlter Schwede\u201c genannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Eingang zum Rathaus befindet sich dahinter. Eine leicht\ngeschwungene Treppe f\u00fchrt zu einem Renaissanceportal und daneben zu einer Art\nweltlicher Kanzel. Von dort verk\u00fcndete der Stadtsprecher dem Volk die neuesten\nMeldungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Rathaus ein weiteres wundersch\u00f6nes Geb\u00e4ude, der\nSch\u00f6nhof, heute Sitz des Schlesischen Museums, das wir morgen besichtigen. Der\nSch\u00f6nhof ist das erste profane Renaissancehaus in Deutschland. Von Roskopf\nerbaut (der nie in Italien war), sorgte der Bau f\u00fcr eine Sensation und war der Initialbau\nf\u00fcr die spezifische G\u00f6rlitzer Renaissance.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann passieren wir das <em>Biblische Haus<\/em>, ein B\u00fcrgerhaus\nmit wei\u00dfer Fassade. Der Name stammt von den kleinteiligen Reliefs mit Szenen\naus dem Alten und dem Neuen Testament an der Fassade. Die Bildachsen sind so\nangeordnet, dass jeweils eine Szene aus dem Alten Testament in Bezug zu einer\nSzene aus dem Neuen Testament gesetzt wird. Am Portal ein b\u00e4rtiger Gaffkopf,\nder sich fast den Hals verrenkt, um mitzubekommen, was sich auf dem Untermarkt\nabspielt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kommen wir zur etwas erh\u00f6ht gelegenen St.-Peter-und-Paul-Kirche,\neiner gotischen Kirche, deren beiden wei\u00dflichen, sp\u00e4ter angebrachten T\u00fcrme von\n\u00fcberall zu sehen sind. Die Kirche hat romanische Fundamente, wurde aber in der\nsp\u00e4ten Gotik zu einer f\u00fcnfschiffigen Hallenkirche ausgebaut. Sie ist protestantisch\nund die erste Kirche in der Oberlausitz, wo ein evangelisches Abendmahl\ngehalten wurde (1525).<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich daneben steht das Waidhaus, der \u00e4lteste Profanbau von\nG\u00f6rlitz, um 1400 erbaut. An der Vorderseite hat es einen sch\u00f6nen Treppengiebel.\nDer Name bezieht sich auf Waid, die Pflanze, aus der der wertvolle Stoff\ngewonnen wurde, mit denen man Tuche blau f\u00e4rben konnte. Waid war, bis zur\nErfindung des Indigos, einer der wertvollsten Farbstoffe \u00fcberhaupt und eine der\nQuellen des Wohlstands der B\u00fcrger von G\u00f6rlitz. Hier f\u00e4llt zum ersten Mal der\nName der Kaufmannsfamilie Emmerich, der uns im Laufe der n\u00e4chsten Tage immer\nwieder begegnen wird. Unser F\u00fchrer stellt sie, was ihren Reichtum und ihren\nEinfluss angeht, auf eine Stufe mit den Fuggern und den Medici. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung endet an der Nei\u00dfe, direkt vor der modernen\nFu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, die auf die andere Seite, nach <a>Zgorzelec,\n<\/a>f\u00fchrt. Man sieht den einen oder anderen Passanten, aber es herrscht kein\nreger \u201eGrenzverkehr\u201c, so wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir gehen auch gar\nnicht auf die andere Seite. Dabei habe ich mir m\u00fchsam in den letzten Wochen die\nAussprache von Zgorzelec eingepr\u00e4gt: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_IPA-Zeichen\">zg\u0254&#8217;\u0290\u025bl\u025b\u02a6<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bau der neuen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke wurde an einem 7. Mai\nbegonnen, einem symbolischen Datum, denn am 7. Mai 1945 wurden noch die sieben\nBr\u00fccken von G\u00f6rlitz von der Wehrmacht gesprengt, einen Tag vor der\nKapitulation! Der Wahnsinn, zu dem wir Menschen f\u00e4hig sind, scheint keine Grenzen\nzu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser Stadtf\u00fchrer verabschiedet sich mit einem rhetorischen\nTusch, dem eigentlich nichts hinzuzuf\u00fcgen ist. Wie er die drei Stunden,\nscheinbar m\u00fchelos, bew\u00e4ltigt hat, ringt einem Bewunderung ab. Ich kann kaum\nnoch stehen. Die Begeisterung f\u00fcr seine Leistung l\u00e4sst einen m\u00f6glichen M\u00e4ngel\nder F\u00fchrung erst gar nicht erkennen, aber sp\u00e4ter mache ich mir doch klar, dass\ndie Geschichte gar nicht vorkam. Und es fehlt etwas an Koh\u00e4renz. Alle Stationen\nstanden ziemlich isoliert voneinander da. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend holen wir nach, was die Stadtf\u00fchrung vers\u00e4umt hat:\nWir gehen \u00fcber die Br\u00fccke, nach <a>Zgorzelec<\/a>. Gleich\nam anderen Ende der Br\u00fccke gibt es ein polnisches Lokal, die <em>Dreiradenm\u00fchle<\/em>.\nHier stand fr\u00fcher eine M\u00fchle, auf deren Existenz heute noch die Grundmauern, das\nWehr und die Lage schlie\u00dfen lassen. Aber von den R\u00e4dern der M\u00fchle ist nur noch\nder Name erhalten. Die M\u00fchle diente als Getreidem\u00fchle, aber auch als Walkm\u00fchle,\ndenn in diesem Teil des alten G\u00f6rlitz lie\u00dfen sich wegen der N\u00e4he zur Nei\u00dfe vor\nallem F\u00e4rber, Gerber und Tuchmacher nieder. Erst mit der Gr\u00fcnderzeit entstanden\nhier auch Stadtwohnungen, aber lange war auf dieser Seite der Nei\u00dfe nur ein\nDorf, von Handwerkern und Tagel\u00f6hnern bewohnt. Heute ist Zgorzelec eine\nselbst\u00e4ndige Stadt mit 35.000 Einwohnern. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Lokal gibt es solide polnische K\u00fcche und <em>\u017bywiec<\/em>, ein Bier mit, wie die Speisekarte betont, tschechischem Hopfen und polnischem Malz. Man kann mit Euro bezahlen, und die Kellner sprechen Deutsch. Als das Essenaufgetragen wird, kann ich eins meiner zw\u00f6lf polnischen W\u00f6rter an den Mann bringen: <em>Smacznego!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sitzen drau\u00dfen, und pl\u00f6tzlich sehen wir, wie auf die\nNei\u00dfe, ein paar Meter weiter, unz\u00e4hlige Regentropfen auf der Oberfl\u00e4che des\nWassers aufschlagen. Kann doch nicht sein. Wir sitzen im Trockenen und ein paar\nMeter weiter regnet es? Stellt sich tats\u00e4chlich als eine optische T\u00e4uschung\nheraus. Es sind Tausende von M\u00fccken, die hier an dem gestauten Fluss auf die\nWasseroberfl\u00e4che aufschlagen. <\/p>\n\n\n\n<p>10. Mai (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Schlesischen Museum kommen wir zur Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke.\nUnser Reisef\u00fchrer bleibt stehen, deutet auf die H\u00e4user am anderen Ufer und\nerkl\u00e4rt, das seien keine restaurierten H\u00e4user dort dr\u00fcben, auch wenn sie so\nauss\u00e4hen. Die seien neu. Ein polnischer Investor habe den Baugrund gekauft, die\nalten H\u00e4user abgerissen und diese neue dahingestellt. Und die st\u00fcnden seitdem\nleer. Kein Bewohner in keinem der H\u00e4user. Kein Mensch wei\u00df, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Unsere\nGruppe f\u00fchrt ein junger Holl\u00e4nder, und der macht seine Sache ausgezeichnet. Im\nLaufe der F\u00fchrung stellt sich heraus, dass er mit einer Polin verheiratet ist\nund selbst auch Polnisch spricht. Immer wieder spricht er von Breslau. F\u00fcr ihn\nist das die weltoffenere Stadt in Polen gegen\u00fcber Warschau oder Krakau.<\/p>\n\n\n\n<p>Was \u00fcberhaupt Schlesien ist, ist gar nicht so leicht zu\nsagen. Es gab zwar mal ein Herzogtum Schlesien, aber Schlesien ist eher eine\nKulturlandschaft, die mal zu \u00d6sterreich, mal zu Deutschland, mal zu Polen\ngeh\u00f6rte oder sich \u00fcber diese L\u00e4nder ausdehnte. Heute spricht man von einer\n\u201eBr\u00fcckenlandschaft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht Eroberung, sondern Einwanderung hat urspr\u00fcnglich\nMenschen aus deutschen Landen hierhergebracht, teils als Resultat von\nAnwerbung. Man brachte bessere Ger\u00e4te mit, vor allem Pfl\u00fcge, und bessere\nTechniken, zum Beispiel die Dreifelderwirtschaft, und das trug zur Ertragssteigerung\nbei, und das lockte wiederum weitere Siedler aus der Ukraine und aus anderen\nTeilen Polens an. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist wegen seiner Exponate sehenswert, aber auch\nals Geb\u00e4ude. Eine Besonderheit sind die fein bemalten Balkendecken in vielen\nR\u00e4umen, meist in gr\u00e4ulichen T\u00f6nen, aber in einem Raum auch in leuchtenden\nFarben. Hier haben polnische Restaurateure nach der Wende ganze Arbeit\ngeleistet, denn alle Bemalungen lagen unter einer gr\u00e4ulichen Schmutzschicht\nverborgen, sofern die Decken nicht ohnehin abgehangen waren. Es muss wie ein\nWunder gewirkt haben, als die Bemalungen wieder zum Vorschein kamen. Genial die\nTechnik, die dabei angewandt wurde: Mit kleinen, vermutlich angefeuchteten\nK\u00fcgelchen aus Graubrot wurden die Fl\u00e4chen Millimeter f\u00fcr Millimeter abgewischt!\n<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist auch, dass dies kein Palast, sondern ein\nKaufmannshaus ist, sichtbares Zeichen des Aufstiegs der B\u00fcrgerschaft in der reichen\nHandelsstadt G\u00f6rlitz. Man lebte wie die Adeligen. Es gibt einen Empfangsraum\nund einen Festsaal zur Repr\u00e4sentation, und in einem Raum befindet sich hinter\nder Eingangst\u00fcr versteckt ein Schacht, in dem sich bereits eine Toilette mit\nWassersp\u00fclung befand.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in der ersten Vitrine im ersten Raum gibt es eine\nBesonderheit: geschnitzte Figuren, die Bergleute mit verschiedenen Uniformen\nund Instrumenten darstellen, aber auch die Hl. Barbara als Schutzpatron der\nBergleute. Sind die aus Holz? Muss sehr dunkles Holz sein. Ist es aber nicht.\nDie Figuren sind aus Kohle! Das ist eine Spezialit\u00e4t dieser Region. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Exponate aus Glas. Das ist wei\u00df, und das war\nwohl eine Besonderheit, weil Glas, wie unser F\u00fchrer sagt, bis dahin meist gr\u00fcn\nwar. Einige Gef\u00e4\u00dfe sind stark ziseliert, haben die Form von Schiffen oder\nTieren. Nicht sehr praktisch, aber repr\u00e4sentativ. Sie wurden f\u00fcr einen\nsymbolischen Willkommenstrunk benutzt, danach ging man dann zu handlicheren\nGef\u00e4\u00dfen \u00fcber. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Trinkkr\u00fcgen erfahren wir, dass fast alle\nurspr\u00fcnglich einen Deckel hatten. Diese hatten die Funktion, die Getr\u00e4nke warm\nzu halten, denn sowohl Bier als auch Wein wurden meist warm getrunken, weil es\nin den H\u00e4usern viel k\u00e4lter war als heute. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Vitrine ist Porzellan ausgestellt. Das\nPorzellan stammte tats\u00e4chlich aus dieser Gegend. Es war nicht so wertvoll wie\ndas Mei\u00dfner Porzellan, aber billiger und haltbarer.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ist Fayence ausgestellt. Meist sind es bunt bemalte\nFiguren im Rokokostil, eher kitschig f\u00fcr unseren Geschmack. Sie wurden meist\nals Tischdekor verwandt. Fayence ist, wie ich hier erfahre, eine hochwertigere\nForm der Keramik. Sie \u00e4hnelt dem Porzellan, ist aber, wie die Keramik und im Unterschied\nzum Porzellan, nicht durchscheinend. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Geschichte Schlesiens, und zwar zur Reformation.\nDie hatte hier durchschlagenden Erfolg, wurde dann aber von den katholischen Habsburger\nwieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht Nach dem Augsburger Religionsfrieden galt <em>cuius\nregio, eius religio<\/em>, also der Landesherr gab die Konfession vor. Demnach h\u00e4tte\nganz Schlesien evangelisch sein m\u00fcssen. Das war aber nicht der Fall. Hier herrschte\neine, wenn auch eingeschr\u00e4nkte, Form von religi\u00f6ser Toleranz. Man erlaubte der\nprotestantischen Gemeinschaft, bei ihrem Glauben zu bleiben und insgesamt drei\nKirchen zu bauen, sogenannte <em>Friedenskirchen<\/em>. Das geschah mit einigen\nAuflagen \u2013 die Kirchen mussten aus Holz sein und nicht f\u00fcr die Ewigkeit gebaut\nsein \u2013 aber immerhin. Es w\u00e4re interessant zu wissen, wie weit diese wenigen\nKirchen den Bedarf an evangelischer Seelsorge und Liturgie decken konnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die Zeit des Schlesischen Krieges. Hier sind\nkeine Waffen oder R\u00fcstungen ausgestellt, sondern private Objekte, die zeigen,\nwie man mit dem Krieg und der Kriegsgefahr umging. Es ist zum Beispiel ein\nTrinkkrug ausgestellt, in dessen Wand man Goldm\u00fcnzen eingearbeitet hat, eine\nGeldanlage in unsicheren Zeiten. Echt verr\u00fcckt ein Leporello aus gepr\u00e4gten\nM\u00fcnzen. Daran findet Hermanito besonderes Gefallen. Auf den M\u00fcnzen werden Schlachten\nabgebildet und beschrieben. Etwas f\u00fcr echte Schlachtenbummler! <\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal wird mir klar, warum Preu\u00dfen sich in den\nSchlesischen Krieg gest\u00fcrzt hat: Schlesien war gebirgig, Preu\u00dfen flach, und als\nFolge hatte Schlesien einen reichen Vorrat an Bodensch\u00e4tzen: Kohle und Erz,\naber auch Basalt, Granit, Sandstein, Kies und anderes. Das kann schon\nBegehrlichkeiten wecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch eine Geschichtslektion. Hochinteressant. Es\ngeht um eine Volksabstimmung. Die wurde 1921 durchgef\u00fchrt. Es ging darum, ob\nOberschlesien zu Deutschland oder zu Polen kommen sollte. Man sieht von der deutschen\nPropaganda verfasste bebilderte Flugzettel, auf denen goldene Zeiten angek\u00fcndigt\nwerden, wenn man sich f\u00fcr den Anschluss an Deutschland entscheidet, ganz im\nGegensatz zu der Misere, die der Anschluss an Polen bedeuten w\u00fcrde: Gesundheit,\nRente, Lebensstandard, Arbeit, alles besser in Deutschland. Der Volksentscheid\nging knapp f\u00fcr Deutschland aus, etwa 60:40. Daraufhin machten die Politiker\ndas, was man in solchen Situationen eher aus Hilflosigkeit macht: einen\nKompromiss. Oberschlesien wurde geteilt. Kein guter Kompromiss. Die Wirtschaft\nOberschlesiens war der Verlierer, es gab eine Grenze, wo es fr\u00fcher keine gab,\nKohle und Erz waren auf einer Seite der Grenze, die Verh\u00fcttungsbetriebe auf der\nanderen. Letztlich etwas, was zu beiderseitigem Nachteil ausging. Unser F\u00fchrer\nmacht in diesem Zusammenhang eine interessante Bemerkung: Der Profiteur des\nNiedergangs des Schlesischen Kohlebergbaus war das Ruhrgebiet. Die Teilung war\nf\u00fcr viele Bergleute der Anlass, auszuwandern, und das Ruhrgebiet hatte seinen\nwichtigsten Konkurrenten verloren. So habe ich das noch nie gesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss der F\u00fchrung bleibt nur noch Zeit f\u00fcr einen ganz\nkursorischen Blick auf das 20. Jahrhundert mit Nationalsozialismus, Weltkrieg\nund Vertreibung. Was deutlich wird, ist, dass die Nazis sich bem\u00fchten, alles\nwieder deutsch zu machen. So konnte man seinen Nachnamen eindeutschen lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ohne Pause weiter. Gleich im Anschluss geht es in\nden Vortragssaal des Museums. Eine Frau, Kulturreferentin f\u00fcr Schlesien,\nberichtet \u00fcber die deutsch-polnische Zusammenarbeit im kulturellen Sektor. Sie\nhat einen polnischen Vornamen und einen deutschen Nachnamen, und das macht sie\nzu einer geeigneten Kandidatin f\u00fcr so eine Aufgabe. Aber der Bericht ist dr\u00f6ge\nund nichtssagend. Wir sind uns beide einig, dass man gut auf ihn h\u00e4tte\nverzichten k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Erinnerung bleibt mir in erster Linie eine Landkarte vom\nBeginn des Vortrags, auf der man sieht, dass der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil Schlesiens\nheute in Polen liegt, nur einen Zipfel haben Tschechien und Deutschland. Das\nZentrum des deutschen Zipfels ist G\u00f6rlitz. Dieser Zipfel wurde nach der Wende Sachsen\nzugeschlagen, da er f\u00fcr ein eigenst\u00e4ndiges Bundesland zu klein war. Der\npolnische Teil Schlesiens ist in drei Wojewodschaften aufgeteilt:\nOberschlesien, Oppeln, Niederschlesien. Bei <em>Schlesien<\/em> denken Polen im\nAllgemeinen an Oberschlesien, Deutsche an Niederschlesien, hei\u00dft es. <\/p>\n\n\n\n<p>Allenfalls noch erw\u00e4hnenswert ist die Geschichte des\nWeinbaus in Schlesien. Das Weinbaugebiet um Zielona G\u00f3ra, Gr\u00fcnberg, gilt als\ndas \u00f6stlichste der Welt, und Zielona G\u00f3ra hat oder hatte den weltweit gr\u00f6\u00dften\nAnteil an innerst\u00e4dtischen Weinbergen. Zur Zeit des Sozialismus wurde der\nWeinanbau vernachl\u00e4ssigt. Wein galt als bourgeois. Stattdessen setzte man auf\nWodka und Obstschnaps. Nach dem Fall des Sozialismus wurde der Weinanbau\nwiederbelebt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mittagspause setzen wir uns in einen gestern von\nHermanito entdeckten Biergarten mit Blick auf die Nei\u00dfe und essen eine\nKleinigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach sehen wir uns den Fl\u00fcsterbogen an. Er ist an dem\nPortal eines Hauses am Untermarkt angebracht. Der Fl\u00fcsterbogen hat eine\nHohlkehle, die auch leise T\u00f6ne \u00fcbertr\u00e4gt. Wenn man an einem Ende etwas\nfl\u00fcstert, kann man das am anderen Ende gut verstehen. An beiden Enden des\nFl\u00fcsterbogens sind h\u00e4ssliche Fratzen angebracht. Sie sollen das Haus vor\nunerw\u00fcnschten Eindringlingen sch\u00fctzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir uns noch den Erweiterungsbau des Rathauses\nan, einen pr\u00e4chtigen, breiten Neorenaissancebau. Der ist mir bei der\nStadtf\u00fchrung irgendwie durch die Lappen gegangen. Unten sieht man die Wappen\nder f\u00fcnf St\u00e4dte des Sechsst\u00e4dtebundes: Bautzen, Zittau, Lauban, L\u00f6bau und\nKamenz. F\u00fcnf Wappen f\u00fcr einen Sechsst\u00e4dtebund? Man muss ganz nach oben gucken,\num die Antwort zu finden. Dort oben, direkt unter dem Giebel, alle anderen\n\u00fcberragend, befindet sich das Wappen von G\u00f6rlitz. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag schw\u00e4nze ich und mache mich selbst\u00e4ndig, um\nmir ein paar Dinge anzusehen, die nicht auf dem Programm stehen. Zuerst gehe\nich in die Touristeninformation und lasse mir alle Ziele auf einem Stadtplan\neinzeichnen. Die junge Frau macht das sehr gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste Station, die ehemalige Franziskanerkirche, jetzt\nDreifaltigkeitskirche, ist nur ein paar Schritte entfernt. Sie hat noch das\nChorgest\u00fchl aus der Zeit des Franziskanerklosters. Leider ist es ein bisschen\ndunkel, so dass man die Schnitzereien mit den Fabelwesen nicht gut erkennen\nkann. \u00dcber den Sitzen zieht sich das ganze Chorgest\u00fchl entlang eine Inschrift.\nSie enth\u00e4lt die Chronik des Franziskanerordens. Auch wenn man nichts entziffern\nkann, sch\u00f6n aussehen tut es auf jeden Fall. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem niedrigen Seitenschiff gibt es sehr sch\u00f6n ausgemalte\nGew\u00f6lbe, unter anderem mit musizierenden Engeln, und die B\u00f6gen des Gew\u00f6lbes\nsind auch sch\u00f6n bemalt. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer gro\u00dfen Seitenkapelle, die nicht durch ein Gitter\nabgetrennt ist und fast wie eine eigenst\u00e4ndige Kirche wirkt, stehen ein paar\nsehenswerte Skulpturen, darunter eine Beweinungsgruppe. Diese Skulptur wurde\nvon Georg Emmerich gestiftet, dem ich bei meinem n\u00e4chsten Halt wieder begegnen\nwerde. Am besten gef\u00e4llt mir die Figur eines \u201eChristus auf der Rast\u201c. Christus,\nsitzend, mit Dornenkrone, sieht nachdenklich aus, er hat den Kopf auf eine Hand\ngest\u00fctzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel bringt mich in ein anderes Viertel von\nG\u00f6rlitz. Hier sind die H\u00e4user nicht ganz so sch\u00f6n rausgeputzt wie in der\nAltstadt, aber doch in einem guten Zustand. Es geht zum Heiligen Grab. Hier\nkommt Georg Emmerich, erfolgreicher Kaufmann und \u201eK\u00f6nig von G\u00f6rlitz\u201c, ins\nSpiel. Er hatte als junger Mann die Tochter der verfeindeten Familie Horschel\ngeschw\u00e4ngert. Der Vater widersetzte sich der Eheschlie\u00dfung und schickte den\nSohn stattdessen auf eine Pilgerreise ins Heilige Land. Von dort brachte er\nexakte Pl\u00e4ne des Heiligen Grabs mit und stiftete nach seiner gl\u00fccklichen\nHeimkehr einen Nachbau. Der steht bis heute unver\u00e4ndert da, w\u00e4hrend das Heilige\nGrab in Jerusalem zweimal durch einen Brand zerst\u00f6rt wurde und im jeweiligen Zeitgeschmack\nwieder aufgebaut wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Heilige Grab befindet sich auf einen durch eine niedrige\nMauer abgetrennten Areal. Ich kann mich hier in Ruhe umsehen, denn ich bin der\neinzige Besucher. Wenn man hineinkommt, sieht man zuerst auf drei etwas erh\u00f6ht\nstehende Linden. Die stehen allegorisch f\u00fcr die drei Kreuze von Golgotha.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden wichtigsten Geb\u00e4ude sind das Heilige Grab selbst\nund die Kapelle zum Heiligen Kreuz, eine Doppelkapelle mit steilem Dach. Unten\nbefindet sich das sogenannte <em>Adamsgrab<\/em>. Diese Kapelle hat hinten in der\nWand einen Riss. Der gemahnt an den Vorhang, der nach dem Tod Christi gerissen\nist, aber auch an den Riss in der nicht durch Christus erl\u00f6sten Welt. Oben\nbefinden sich im Chor drei L\u00f6cher nebeneinander im Boden. Sie stehen f\u00fcr die\ndrei Kreuze in Golgotha. Auf einer Seite, der Seite des nicht reuigen\nVerbrechers, befindet sich eine Blutrinne im Boden. Erst auf den zweiten Blick\nmerkt man, dass das Gew\u00f6lbe im Chor und im Gemeinderaum unterschiedlich ist. Im\nGemeinderaum verlaufen die Gew\u00f6lberippen kreuz und quer, im Chor gerade und\nsymmetrisch. Christus hat die Welt, die aus den Fugen geraten war, durch seinen\nTod wieder hergestellt, lautet die Botschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Grabkapelle ist ein niedriger, blockartiger Quadratbau.\nVor dem Bau liegt der Stein, der das Grab verschloss und der vom Engel\nweggew\u00e4lzt wurde. Die Gef\u00e4\u00dfe mit den Salben der Frauen stehen auf dem Dach. Sie\nwerden nicht mehr ben\u00f6tigt. An der Fassade hat man reliefartig einige\ngeometrische Formen eingef\u00fcgt. Sie stehen f\u00fcr die drei Leidenswege\nChristi.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bleibe noch eine Weile auf der Parkbank in der Sonne\nsitzen und genie\u00dfe die Stille in diesem abgeschiedenen Ort. Dann mache ich mich\nauf den Weg zu meinem n\u00e4chsten Ziel. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine B\u00e4ckerei. Die lockt mich nicht wegen des\nKuchens an, sondern ausschlie\u00dflich wegen ihres Namens: <em>Jesus B\u00e4ckerei<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der heutige Inhaber hatte, als er diese Filiale 1992\ner\u00f6ffnete, keine Ahnung, dass es hier fr\u00fcher schon eine B\u00e4ckerei gegeben hatte,\ndie erste noch vor 1500. Neber der B\u00e4ckerei stand in fr\u00fcheren Zeiten eine\nKapelle. Von der blieb dann nur noch ein Bildstock \u00fcbrig. Der steht heute noch\nneben dem Eingang der B\u00e4ckerei. Diese Kapelle bzw. dieser Bildstock waren eine\nStation auf dem Leidenswegs Christi, den die Gemeinde in der Karwoche\nzur\u00fccklegte und der zum Heiligen Grab f\u00fchrte. Wenn hier Station gemacht wird,\nverteilt der B\u00e4cker traditionell an die Gl\u00e4ubigen als Wegzehrung ein Salzbrot,\n\u201eTr\u00e4nenbrot\u201c genannt. In dem Bildstock sieht man, wie Simon von Kyrene Jesus\nhilft, das Kreuz zu tragen. Den Namen <em>Jesus B\u00e4ckerei<\/em> tr\u00e4gt die B\u00e4ckerei\nalso nicht umsonst. <\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00e4ckerei liegt an einem unregelm\u00e4\u00dfigen kleinen Platz,\nauf den die <em>Bogstra\u00dfe<\/em> m\u00fcndet. Hier in G\u00f6rlitz haben die Stra\u00dfenschilder\neine historisierende altdeutsche Schrift, vermutlich eine Form von Fraktur, und\ndie verwendet zwei verschiedene Formen f\u00fcr den Buchstaben <em>s<\/em>. Das sieht\ndann so aus: \ud835\udd05\ud835\udd94\ud835\udd8c-\ud835\udd16\ud835\udd99\ud835\udd97\ud835\udd86\ud835\udd98\u017f\ud835\udd8a.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem kleinen, d\u00f6rflich wirkenden Platz gibt es auch\nein kleines Caf\u00e9 mit zwei kleinen Tischen drau\u00dfen. Ich mache eine Pause bei\nKaffee und <em>Klekselkuchen<\/em>, einen Kuchen, den ich von einem der Ausfl\u00fcge\nvon Porschendorf her kenne, einen K\u00e4sekuchen mit \u201eKleksen\u201c von Mohn. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin ist Polin. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich, wie ein anderer\nGast mit ihr spricht. Sie ist die Ehefrau des Intendanten des Stadttheaters,\nund der ist gerade in der hei\u00dfen Vorbereitung der Premiere des <em>Don Giovanni<\/em>.\nDer Gast sagt, er k\u00f6nne nicht zur Premiere kommen, werde aber zu einer sp\u00e4teren\nVorstellung hingehen. Die Kellnerin wird nat\u00fcrlich bei der Premiere dabei sein.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter setzt sich noch ein weiterer Gast zum dem ersten am\nNebentisch, und die beiden unterhalten sich \u00fcber Literatur, \u00fcber B\u00fccher von\nJulie Zeh und von Jonathan Franzen und \u00fcber ein Buch mit dem Titel <em>Goethe in\nSchlesien<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin weist mir den Weg zu meiner n\u00e4chsten Station,\ndiesmal ein Speiselokal. Auch hier geht es wieder nur um den Namen: <em>Dreibeiniger\nHund<\/em>. Der dreibeinige Hund erinnert an eine Legende, derzufolge jedes Jahr\nzu Weihnachten um Mitternacht ein dreibeiniger Hund in die Stadt kam. Lie\u00df man\nihn ungest\u00f6rt seinen gewohnten Weg nehmen, so tat er niemandem etwas zuleide. Die\nWachsoldaten lie\u00dfen stillschweigend das Pf\u00f6rtchen am Frauentor zur\nMitternachtsstunde offen, damit der Hund leicht hindurchkommen konnte. Ein\nbesonders tollk\u00fchner Soldat wollte sich aber dem Hund entgegenstellen und\nverschloss das Pf\u00f6rtchen. Der Hund bleckte die Z\u00e4hne, funkelte b\u00f6se mit den\nAugen und \u00fcbersprang das Tor. Als es wieder still geworden war, fand man den\nSoldaten ohnm\u00e4chtig vor, seine Flinte war hin, ihren Lauf hatte jemand wie zu\neiner Schraube verdreht. Als er wieder zu sich kam, hatte er sein Ged\u00e4chtnis\nverloren. Seitdem hat sich niemand mehr mit dem Hund angelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9 ist mir aufgefallen, dass das Autokennzeichen von\nG\u00f6rlitz <em>GR<\/em> ist. Das steht auch f\u00fcr Griechenland, und das passt gut zu\nG\u00f6rlitz, denn G\u00f6rlitz hat zweimal in seiner Geschichte Fl\u00fcchtlinge aus\nGriechenland aufgenommen, w\u00e4hrend des 1.Weltkrieg und sp\u00e4ter, zur Zeit der DDR,\nw\u00e4hrend der griechischen Milit\u00e4rdiktatur. Insgesamt 15.000 Griechen lebten zu\nden verschiedenen Zeiten in G\u00f6rlitz. Es gab griechische Gesch\u00e4fte, Restaurants,\nTabakl\u00e4den, eine orthodoxe Kirche, eine griechische Tageszeitung, Ehen zwischen\nGriechen und Deutschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe einen steil ansteigenden Weg hinauf und durch einen\nTorbogen und befinde mich auf einmal wieder vor dem Rathaus, dem\nErweiterungsbau. Hatte v\u00f6llig die Orientierung verloren. Mein n\u00e4chstes Ziel ist\nder Stadtpark. Ich muss l\u00e4nger suchen, bis ich das Denkmal f\u00fcr Jakob B\u00f6hme\nfinde. Es stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts und wurde erst in neuerer Zeit\nhierher in den Park versetzt. B\u00f6hme sieht nachdenklich in die Ferne. In seiner\nlinken Hand die aufgeschlagene Bibel, in der rechten Hand, die er an die Brust\npresst, h\u00e4lt er eine Feder und auf seinen Knien liegen Schreibb\u00f6gen. Das\nDenkmal erfasst einen Moment, wo er Inspiration sucht f\u00fcr einen weiteren\nKommentar zur Bibel, die er so anders deutet als seine Zeitgenossen. Zu seinen\nF\u00fc\u00dfen liegt ein Stiefel, als Erinnerung an seinen eigentlichen Beruf als\nSchuhmacher. <\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Denkmal, das von Alexander von Humboldt, suche\nich noch l\u00e4nger, nur um am Ende festzustellen, dass ich ganz in der N\u00e4he des\nHotels bin. Das Denkmal zeigt nur die B\u00fcste Humboldts, auf einem Sockel\nangebracht. Es erinnert daran, dass Humboldt Setzlinge, die er von seiner\nAmerika-Reise mitgebracht hatte, hierher nach G\u00f6rlitz mitbrachte und pflanzte.\nOb die B\u00e4ume noch stehen? Die w\u00e4ren nat\u00fcrlich ein Denkmal ganz eigener Art. Trotz\nder umst\u00e4ndlichen Suche und des vielleicht nicht so inspirierenden Denkmals bin\nich froh, den Weg gemacht zu haben, um hier in einem stillen Moment meinem Idol\nmeine Reverenz zu erweisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend machen wir uns zu zweit auf den Weg zu einem Lokal\nin der S\u00fcdstadt, das auch einen besonderen Namen hat: <em>Zum gebratenen Storch<\/em>,\npassenderweise am Tiergarten gelegen. Wir machen aber erst noch Halt an der\nalten Br\u00fccke \u00fcber die Nei\u00dfe. Hermanito erinnert sich an Szenen aus dem\nFernsehen, wo man sah, wie sich w\u00e4hrend der Pandemiezeit, als hier pl\u00f6tzlich\nwieder eine Grenze war, der B\u00fcrgermeister von G\u00f6rlitz auf der Mitte der Br\u00fccke\nmit dem B\u00fcrgermeister von Sgorselecz traf, um Absprachen zu treffen. Auf einem\nSchild am Br\u00fcckeneingang sind die Partnerst\u00e4dte von G\u00f6rlitz aufgelistet:\nWiesbaden, Amiens, Novy Jicin, Molfetta und nat\u00fcrlich <a>Zgorzelec<\/a>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ist weiter als gedacht, und dann kommt noch dazu,\ndass uns der Weg durch eine Baustelle versperrt wird. Wir m\u00fcssen auf die andere\nSeite der Bahngleise. Auch dieses Viertel hat viele stattliche Wohnh\u00e4user,\nviele mit Loggien oder Portalen und mit Stuck an der Fassade. Sie scheinen auch\ngut in Schuss zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an St. Jakobus vorbei, der Kathedrale von\nG\u00f6rlitz, einem etwas erh\u00f6ht gelegenen neugotischen Backsteinbau mit einem\nsteilen Satteldach und einem Turm mit spitzem Helm. Der Bau der Kirche wurde\nnotwendig, als es in G\u00f6rlitz einen nach der Industriellen Revolution einen starker\nZustrom von Katholiken gab. 1972 entstand durch Trennung von Breslau ein\neigenes Bistum, mit der Hl. Hedwig als Kirchenpatronin. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des\nBistums liegt in Brandenburg. Nur 3%-5% der Einwohner der Di\u00f6zese bekennen sich\nzum Katholizismus, und das macht G\u00f6rlitz zum kleinsten Bistum Deutschlands. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem Lokal. Drau\u00dfen, in dem Biergarten,\nsitzt niemand. Aber das Tor steht offen. Drinnen ist auch niemand. Aber dann\nkommt der Wirt. Ja, das Lokal sei ge\u00f6ffnet und ja, wir bek\u00e4men auch was zu\nessen. Wir k\u00f6nnten uns hinsetzen, wo wir wollen. Den ganzen Abend \u00fcber bleiben\nwir die einzigen G\u00e4ste. Der Wirt, ein Tscheche, erkl\u00e4rt, dass hier abends in\nder Regel nicht so viel Betrieb sei, daf\u00fcr aber tags\u00fcber, wegen des nahegelegenen\nTiergartens. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Entenbrust mit Rotkohl und Kn\u00f6deln und Pilsener\nUrquell, das nicht wie Pilsener Urquell schmeckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg f\u00fchrt uns an der erleuchteten Kathedrale und\ndann an dem erleuchteten Bahnhof vorbei. Dann geht es die Berliner Stra\u00dfe\nhinunter. Die kennt Hermanito von seiner Odyssee vom Sonntag. Die Berliner\nStra\u00dfe ist die wichtigste Einkaufsstra\u00dfe von G\u00f6rlitz, was man aber erst merkt,\nwenn man n\u00e4her Richtung Stadtmitte kommt. Hier, im unteren Bereich, gibt es\ntats\u00e4chlich eine Menge Gesch\u00e4fte, aber kaum Gesch\u00e4fte f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf,\nkeine B\u00e4ckerei, keine Metzgerei, keinen Supermarkt. Daf\u00fcr gibt es reichlich Imbissbuden.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen wieder \u00fcber den Postplatz und fragen uns, warum\nwir bisher noch gar nicht auf die Annenkapelle gesto\u00dfen sind, von deren\nGeschichte der Reisef\u00fchrer so interessant berichtet. Viel Zeit bleibt nicht\nmehr. Morgen und \u00fcbermorgen stehen Ausfl\u00fcge auf dem Programm, morgen nach\nPolen, \u00fcbermorgen nach Zittau. <\/p>\n\n\n\n<p>11. Mai (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erz\u00e4hlt der Busfahrer, er sei zum Tanken nach\n<a>Zgorzelec <\/a>gefahren. 100 \u20ac gespart. Wir fragen uns,\nwie sich die Tankstellen in G\u00f6rlitz \u00fcberhaupt halten k\u00f6nnen. Man braucht ja nur\nkurz \u00fcber die Br\u00fccke fahren. Hermanito sagt aber, er habe drei Tankstellen in\nunmittelbarer N\u00e4he der Altstadt gesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Polen, nach <a>Jelenia\nG\u00f3ra<\/a>. Es geht \u00fcber die Stadtbr\u00fccke, und schon sind wir dr\u00fcben. Vom\nRussischen kann ich ein paar polnische W\u00f6rter ableiten: <em>uliza<\/em>, \u201aStra\u00dfe\u2018,\n<em>koniec<\/em>, \u201aEnde\u2018, <em>obuwie<\/em>, \u201aSchuhe\u2018, und auch der Name des Ortes, in\nden wir fahren, erschlie\u00dft sich von selbst: <em>Jelenia G\u00f3ra<\/em> ist die\nw\u00f6rtliche \u00dcbersetzung von <em>Hirschberg<\/em>. So hie\u00df der Ort fr\u00fcher. Aus einer\nHandvoll polnischer W\u00f6rter, die ich gelernt habe, kenne ich &nbsp;<em>Witamy!<\/em> Das sieht man hier \u00fcberall. Es\nhei\u00dft \u201aWillkommen!\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht sofort, dass man in einem anderen Land ist, nicht\nnur wegen der Beschilderungen. Die alten H\u00e4user sind in einem schlechteren\nZustand und weniger repr\u00e4sentativ, und in den Au\u00dfenbezirken stehen riesige\nPlattenbausiedlungen. Die waren in den sozialistischen L\u00e4ndern gar nicht so\nunbeliebt, wie wir immer meinen. Sie waren besser ausgestattet als die\nAltstadth\u00e4user, und man hatte alles in erreichbarer N\u00e4he. Zwischen diesen\nH\u00e4usern findet man heute die Segnungen der westlichen Zivilisation: <em>Kaufland<\/em>,\n<em>Kik<\/em>, <em>McDonalds<\/em>. Und das Schild <em>Zahnarztpraxis<\/em> soll Patienten\naus dem Westen anlocken. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald wird es gr\u00fcner, Wiesen und W\u00e4lder, Raps. Dann kommt das\nRiesengebirge. Es liegt tats\u00e4chlich noch Schnee auf den Bergen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ankunft in Jelenia G\u00f3ra macht Hermanito mich darauf\naufmerksam, dass auf den Hinweisschildern unterwegs \u00fcberall die\nEntfernungsangaben fehlten Mit einer Ausnahme: Ein Schild mit der Angabe der\nEntfernung zu <em>McDonald\u2019s.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben f\u00fcr diesen Tag eine polnische F\u00fchrerin. Sie\nspricht gut Deutsch und hat einige erstaunliche Kenntnisse, was die Idiomatik\nangeht, ringt aber oft mit der Struktur und den W\u00f6rtern. Sie spricht mit einem markanten\npolnischen Akzent und l\u00e4sst nat\u00fcrlich die Artikel aus: <em>Das ist Sitz von\nB\u00fcrgermeister, gegan-gen, Anf\u00e4n-ge, im Cherzen der Stadt, Friedchoff, die\nfrihere Nuutzung, den L\u00f6fel abgeben, ein Schief an der Fassade<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum angekommen, bekommen wir gleich die Gelegenheit,\nzur Toilette zu gehen. Die F\u00fchrerin sagt uns, wir sollten 50 Cent bereithalten,\naber als ich die 50 Cent auf dem Teller deponieren will, protestiert die\nToilettenfrau energisch: 1 Euro! Die Inflation hat es in sich. Die Toilette hat\nnoch die traditionellen Zeichen f\u00fcr Mann und Frau in Polen: Dreieck und Kreis.\nMan wei\u00df nie, was was ist. <\/p>\n\n\n\n<p>An unserem Treffpunkt steht ein als Souvenirshop\numgearbeiteter Stra\u00dfenbahnwagen, und im Stra\u00dfenpflaster hat man ein paar\nSchienen belassen als Erinnerung an die Stra\u00dfenbahn, die fr\u00fcher nicht nur\ninnerst\u00e4dtisch verkehrte, sondern auch in die Orte der Umgebung fuhr. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch einen Torbogen betreten wir den Marktplatz,\nrechteckig, gro\u00df. Es ist umstanden von barocken H\u00e4usern. Die sind alle gut im\nSchuss, man hat aber, anders als in G\u00f6rlitz, den fr\u00fcheren Fassadenschmuck\nabgekratzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier auf dem Marktplatz kommt mir wieder in Erinnerung, was\nder holl\u00e4ndische F\u00fchrer im Schlesischen Museum schon gesagt hatte: Das\npolnische Wort f\u00fcr Marktplatz, <em>rynek<\/em>, ist vom deutschen Wort <em>Ring<\/em>\nabgeleitet. Es gibt ja runde Marktpl\u00e4tze. Aber als das Wort einmal etabliert\nwar und man die w\u00f6rtliche Bedeutung vergessen hatte, wurde es auch f\u00fcr eckige\nPl\u00e4tze verwandt. Das erkl\u00e4rt auch den <em>Altst\u00e4dter Ring<\/em> in Prag. Der Name\nwar mir bis jetzt immer komisch vorgekommen. Eine kleine Lektion in\nSprachgeschichte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einer Kirche, die geschlossen ist. Uns\ninteressiert aber nur der Balkon \u00fcber dem seitlichen Eingangsportal. Der sei in\nZeiten der Pest angebracht worden, erfahren wir. Da habe man die Gl\u00e4ubigen\nnicht in die Kirche gelassen, sondern vom Balkon auf den Platz vor der Kirche\nhin die Messe gelesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen \u00fcber eine Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe und da an einem monumentalen\nKaufhaus vorbei, im Jugendstil errichtet, mit viel Beton und Glas und Schmuck\nan der Fassade. Das Kaufhaus hat auch zwei Untergeschosse \u2013 das war damals eine\nNeuheit. An der Fassade ein Schiff als Symbol des Reichtums des Kaufmanns und\nzwei Hermesk\u00f6pfe. Hermes war der antike Gott der Kaufleute. Und der Diebe. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine kleine Kirche. Es handelt sich um eine\nehemalige Friedhofskirche. Die ist jetzt orthodox. Und jeden Sonntag\nrappelvoll. Schon vor dem Krieg lebten viele Ukrainer hier, jetzt kommen noch\ndie Fl\u00fcchtlinge hinzu. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, dass die Kriegsfolgen sich auch bei\nder Spargelernte in Polen bemerkbar machen. Bisher kam immer ein ganzes Heer\nukrainischer Gastarbeiter zur Spargelernte hierher. Die bleiben jetzt aus. Es\nist verr\u00fcckt: So, wie wir die Polen als billige Hilfskr\u00e4fte ins Land rufen,\nrufen die Polen die Ukrainer ins Land.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon etwas au\u00dferhalb der eigentlichen Altstadt sto\u00dfen wir\nauf die abgeschieden hinter Mauern liegende, riesige Garnisonskirche, ein\nbarocker Zentralbau mit Kuppel. An ihr interessiert vor allem die Geschichte.\nSie war eine sog. <em>Gnadenkirche<\/em>. Das sind protestantische Kirchen, die in\nkatholischen L\u00e4ndern gebaut werden durften, als Konzession, als \u201eGnade\u201c\nsozusagen, der die Andersgl\u00e4ubigen teilhaft wurden. Es gab sechs <em>Gnadenkirchen<\/em>\nin Schlesien. Sie stammen aus dem 18. Jahrhundert und sind die Fortsetzung der <em>Friedenskirchen<\/em>\nim gro\u00dfen Stil. In diese Kirche passten 4.200 Gl\u00e4ubige, eine riesige Zahl. Sie\nfanden nicht nur unten, sondern auch auf den drei Emporen Platz. Heute ist die\nKirche katholisch. Das ist alles hochinteressant, aber die wichtigsten Fragen\nbleiben unbeantwortet: Woher kamen die Protestanten? Und: Warum sieht die\nKirche so katholisch aus, wenn sie den Evangelischen diente? Das gilt f\u00fcr die\nArchitektur, aber auch f\u00fcr die Ausstattung. Alles, aber auch wirklich alles sieht\nnach katholischer Kirche aus. Als winzigen Hinweis auf eine protestantische\nAusrichtung k\u00f6nnte man allenfalls die Uhr deuten, die Uhr, auf die man sieht,\nwenn man unter der Kuppel steht, ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Platz f\u00fcr eine Uhr. An\ndieser Stelle w\u00fcrde man eine Laterne erwarten. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es noch einen kleinen Hinweis auf die Finanzierung\nder Kirche in Polen. Es gibt keine Kirchensteuer im engeren Sinne, wohl aber\neine Abgabe, von genau 1%, bei der der Steuerzahler entscheiden kann, wem sie zugutekommt.\nDas kann die Kirche sein und ist es oft auch, muss es aber nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den historischen Friedhof geht es zur\u00fcck zum Bus und\ndann weiter nach Schloss Lomnitz. Hier wartet man schon mit dem Mittagessen auf\nuns. Das wird drau\u00dfen unter Sonnenschirmen vor dem Kleinen Schloss serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Schloss Lomnitz ist das Paradebeispiel einer gelungenen\nWiederherstellung eines verfallenen Schlosses nach der Wende. Ein riesiges\nProjekt, das der Enkel des letzten Eigent\u00fcmers in Angriff genommen hat, nachdem\ner zusammen mit seiner Ehefrau das Anwesen 1991 besucht hatte. Unglaublich, was\nsie in den drei\u00dfig Jahren aufgebaut haben. Schloss und Gut waren 1945\nverstaatlicht worden, das Gro\u00dfe Schloss wurde eine Zeitlang als Schule genutzt\nund verfiel dann zur Ruine. Im kleinen Schloss war die Verwaltung des landwirtschaftlichen Staatsgutes\nuntergebracht, das hier ans\u00e4ssig war. Der Park wurde nicht mehr gepflegt und\nverwilderte. <\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst kauften die beiden das ruin\u00f6se Gro\u00dfe Schloss, um es einer\nTotalsanierung zu unterziehen und als Familiensitz zu restaurieren. Dann\nkauften sie auch das Kleine Schloss, das Witwenschloss, und etwa zehn\nHektar Park und Wiese dazu. Das Kleine Schloss wurde saniert und zu einem Hotel\nmit Restaurant umgebaut. Der gro\u00dfe Park wurde schrittweise ber\u00e4umt und\nwiederhergestellt. Jetzt kommen auch noch Stallungen und Wirtschaftsgeb\u00e4ude\ndazu, und man ist dabei, einen Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen durch das Schloss, wo man auf verschiedenen Etagen\nM\u00f6bel und Accessoires aus der Zeit zusammengetragen hat. Oben ist auch eine\nSchulklasse aus fr\u00fcheren Zeiten zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Film sehen wir, wie \u00fcber die Jahre Schritt f\u00fcr\nSchritt die Wiederherstellung gelang. Dabei halfen auch verschiedene\nStiftungen, ein F\u00f6rderverein und private Spender. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich gibt es noch ein interessantes Detail im Park. Dort\nbefindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an Stefan Andres, dessen Frau aus\nLomnitz stammte. Hier schrieb er seine Novelle <em>El Greco malt den\nGro\u00dfinquisitor<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bus geht es zur\u00fcck nach Jelenia G\u00f3ra. Unsere\nF\u00fchrerin erz\u00e4hlt unterwegs von Hanna Rei\u00df, der deutschen Fliegerin und\nRekordpilotin. Sie stammte aus Jelenia G\u00f3ra. Sie war befreundet mit Beate Uhse,\ndie auch Pilotin war. Wir erfahren auch noch, dass&nbsp; Hauptmann aus dieser Gegend stammte und\nFontane in den letzten Jahren seines Lebens immer wieder hierherkam. Dann\nverabschiedet sich unsere F\u00fchrerin, und wir fahren nach G\u00f6rlitz zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich mit Hermanito ins <em>Schankhaus zum\nNachtschmied<\/em> am Obermarkt. Der Name bezieht sich auf eine Legende,\nderzufolge ein Schmied seinen t\u00fcchtigen Gesellen alle Arbeit machen lie\u00df und\nsich selbst in der Schenke vergn\u00fcgte. Das musste nat\u00fcrlich schlecht ausgehen.\nIrgendwann wollte er um die Mitternachtsstunde nach dem Rechten sehen und\nbemerkte, dass in einem Gitter ein Ring fehlte. Daraufhin legte er selbst Hand\nan und alles zersprang wie Glas. Seitdem muss der Meister schmieden in alle Ewigkeit.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kleine Spezialit\u00e4ten zu essen, und wieder k\u00f6nnen wir\ndrau\u00dfen sitzen. Hier am Obermarkt sieht und riecht man \u00fcberall den Blauregen,\nden Hermanito leicht erkennen kann, weil er ihn auch im eigenen Garten hat.\nBlauregen sehen wir in diesen Tagen immer wieder, genauso wie Flieder. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg vom Hotel hierher sind wir an der Synagoge vorbeigekommen, einem gro\u00dfen Bau, der aus nicht ganz gekl\u00e4rten Gr\u00fcnden die Reichskristallnacht \u00fcberlebte. Sie wurde zwar in Brand gesteckt, aber gel\u00f6scht. Die Synagoge wurde im Jugendstil errichtet und 1911 eingeweiht. Heute dient die Synagoge als Kulturzentrum, nachdem sie zwischenzeitlich bauf\u00e4llig war und bis 2010 restauriert wurde. Bei der Restaurierung fanden die Restauratoren zwei eingemauerte linke Schuhe, einen Damenschuh und einen Herrenschuh. Was deren rituelle Funktion war, ist bis heute nicht bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann machen wir uns auf die Suche nach der Annenkapelle. Von\nder haben wir beide im Reisef\u00fchrer gelesen, sie aber bisher nie gesehen. Dann\nstellt sich heraus, dass wir schon mehrmals an ihr vorbeigekommen sind.\nAllerdings ist sie von hinten durch einen Anbau kaum als Kirche zu erkennen.\nDie Annenkapelle ist das Resultat der Initiative eines Kaufmanns, Hans Frenzel\n(XVI), der ein Gel\u00fcbde erf\u00fcllen und deshalb eine Kirche errichten wollte. Die\nErlaubnis zur Errichtung der Kirche wurde ihm aber verweigert. Das stehe nur\nRegenten und St\u00e4dten zu, sagte man ihm. Bis dahin war als einzige Ausnahme den\nFuggern die Erlaubnis erteilt worden, eine Kirche zu bauen. Frenzel lie\u00df nicht\nlocker, bekam am Ende die Erlaubnis und baute die Kirche. Die Bezeichnung <em>Kapelle<\/em>\nk\u00f6nnte eher eine Finte sein, um die Erlaubnis zu bekommen, denn die\nAnnenkapelle ist eher eine Kirche. Heute dient sie als Turnhalle und Aula.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir uns noch die Rathauswaage an, den letzten\nRenaissancebau von G\u00f6rlitz. An den schlanken Pfeilern mit Konsolen hat man\nPortr\u00e4tb\u00fcsten angebracht, aber sie sind sehr dunkel und die Dargestellten\nschlecht zu erkennen. Was den Namen des Geb\u00e4udes angeht, liegt Hermanito richtig:\nIn der Ratswaage wurden Handelswaren gewogen. Das diente einmal der\nGewichtsbestimmung der Waren, aber auch der Steuererhebung. Im Internet sto\u00dfe\nich auf die Ratswaage von Gouda, die an der Fassade ein Relief hat, das den\nVorgang des Wiegens darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich suchen wir noch die <em>Herberge Zum Sechsten\nGebot<\/em><em>. <\/em>Der Name erinnert an die\nVergangenheit des Viertels, in dem k\u00e4ufliche Liebe zu haben waren. Die M\u00e4dchen\nmit angesteckter roter Rose boten hier ihre Dienste an. Die Z\u00e4hlweise der Zehn\nGebote ist allerdings nicht so eindeutig, wie man meinen sollte. F\u00fcr einige\nchristliche Konfessionen und f\u00fcr die Juden ist das Sechste Gebot das Mordverbot,\nund das Ehebruchsverbot ist das Siebte Gebot. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Mai (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Zittau. Die Fahrt ist m\u00fchsam. F\u00fcr die\nkurze Strecke ben\u00f6tigen wir eine ganze Stunde. Unterwegs kommen wir an der\nLandeskrone vorbei, dem Hausberg von G\u00f6rlitz und dem Namensgeber des Biers. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier bilden die hellgelben Rapsfelder ein sch\u00f6nes Muster mit\nden abwechselnd auftretenden dunkelgr\u00fcnen Getreidefeldern. <\/p>\n\n\n\n<p>In Zittau angekommen, geht es gleich zum Rathaus, einem\nriesigen Zentralbau auf dem schmucken Marktplatz. Im Rathaus werden wir in\neinen repr\u00e4sentativen Empfangssaal gef\u00fchrt und dort von einem Mann begr\u00fc\u00dft, der\n\u00fcber die interkommunale Zusammenarbeit zwischen den grenznahen St\u00e4dten von Deutschland,\nPolen und Tschechien in dieser Region referiert. Er macht das sehr gut,\nsachlich, ruhig, kritisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rt, dass der Neubau des Rathauses im italienischen\nPalazzo-Stil eigentlich ein Stilbruch war. Er passt nicht zu der barocken\nArchitektur des Marktplatzes. Inzwischen gibt er aber Zittau eine Art\nAlleinstellungsmerkmal. Etwas Vergleichbares gibt es in der Umgebung\nnicht.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los mit einer Klage \u00fcber den immer wieder\nverschobenen Ausbau einer Landstra\u00dfe, die f\u00fcr Zittau eine schlechte\nAutobahnverbindung nach Dresden bedeutet. Die nach Prag ist dagegen sehr gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Zittau liegt an einem Dreil\u00e4ndereck\nDeutschland-Polen-Tschechien. W\u00e4hrend die Zusammenarbeit mit Tschechien, in\ndiesem Fall mit Liberec, gut funktioniere, sei die mit Polen viel schwieriger.\nDas liege auch daran, dass man jenseits der Grenze keinen Ort, sondern ein Loch\nhabe. Dort befindet sich ein Kohleabbaugebiet, und erst hinter diesem Gebiet\ngibt es Ortschaften. Man ist also von vornherein st\u00e4rker voneinander\nabgetrennt. Dazu komme die Tradition. In Zeiten der DDR sei die Grenze zur CSSR\noffener gewesen. Dorthin h\u00e4tte man, wenn man Gl\u00fcck hatte, auch mal reisen\nk\u00f6nnen, um dort Urlaub zu machen. In Polen war das so gut wie unm\u00f6glich, erst\nrecht seit dem Aufkommen von Solidarnosc. Da w\u00e4re einzig ein Verwandtenbesuch\nals Grund f\u00fcr eine Reise denkbar gewesen. Zwischen den Zeilen klingt allerdings\nauch an, dass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Tschechien gr\u00f6\u00dfer ist als\nin Polen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stelle, an der die drei L\u00e4nder aufeinandertreffen, sei\nbisher nur mit drei F\u00e4hnchen markiert. Man habe sich etwas Interessanteres\nausgedacht, wohl wissend, dass solche deutlich markierten Stellen Besucher\nanlocken. Da sei die Idee von einer dreischenkligen Br\u00fccke aufgekommen, \u00fcber\ndie man in die drei L\u00e4nder gehen kann. Das scheiterte dann aber an der\nRechtslage. Im EU-Recht sind keine solche trilateralen Projekte vorgesehen. Man\nhabe dann \u00fcberlegt, erst einmal eine Br\u00fccke mit Tschechien zu bauen, habe aber\nauch Polen nicht br\u00fcskieren wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gut funktioniere die Zusammenarbeit auf der untersten Ebene,\nauf der Ebene des Sportvereins und der Kaninchenz\u00fcchter. Die seien ein\nSelbstl\u00e4ufer, da komme man auch ohne gro\u00dfe gemeinsame Sprachkenntnisse zurecht.\n<\/p>\n\n\n\n<p>In Zittau kann man inzwischen Polnisch oder Tschechisch an\nder Schule lernen, aber wie viel Gebrauch davon gemacht wird, erf\u00e4hrt man\nnicht. Er selbst habe in der Schule noch Russisch gelernt, sagt der Referent,\nnicht Polnisch oder Tschechisch, und nach der Wende habe es dann immer noch\nkein Polnisch oder Tschechisch gegeben, sondern Englisch und Franz\u00f6sisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Zittau hat heute 25.000 Einwohner, hatte fr\u00fcher mehr und\nh\u00e4tte auch Platz f\u00fcr mehr. Nach der starken Abwanderung nach der Wende habe man\njetzt ein Gleichgewicht von Zuwanderung und Abwanderung erreicht, aber dennoch\nschwinde die Bev\u00f6lkerungszahl weiterhin wegen des hohen Durchschnittsalters der\nBev\u00f6lkerung. Es gibt mehr Sterbef\u00e4lle als Geburten. <\/p>\n\n\n\n<p>Und es sei weiterhin schwer, Fachkr\u00e4fte nach Zittau zu\nlocken. Das beste Beispiel: Ein Investor habe ein Grundst\u00fcck am Marktplatz\ngekauft und dort ein Hotel mit Restaurant er\u00f6ffnet. Seit der Er\u00f6ffnung im\nNovember versuche er vergeblich, einen Koch zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die alten St\u00e4rken von Zittau waren Textilherstellung,\nFahrzeugbau und Kohleabbau. Davon habe nur die Textilherstellung \u00fcberlebt. Die\nbl\u00fche und gedeihe und sei jetzt viel effizienter geworden. Das habe aber auch\nzur Folge, dass weniger Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigt w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Stimmungslage in Zittau ist auch nicht au\u00dfer Acht zu\nlassen, dass man sieht, wie hier der Kohlebergbau beendet wurde, unter Verlust\nvon Arbeitspl\u00e4tzen und Wirtschaftskraft, w\u00e4hrend ein paar Kilometer weiter,\njenseits der Grenze, in Polen, fr\u00f6hlich weiter Kohle abgebaut wird. Dabei r\u00fcckt\ndas Abbaugebiet immer n\u00e4her an die Grenze. So dass man sogar bef\u00fcrchtet, langfristig\nk\u00f6nne das Trinkwasser darunter leiden. Tschechien ist inzwischen deswegen gegen\nPolen vor Gericht gezogen. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Beispiel f\u00fcr die H\u00fcrden bei der Zusammenarbeit: Als\ndie Corona-Epidemie auf dem H\u00f6hepunkt und Tschechien noch st\u00e4rker als\nDeutschland betroffen war, bot Zittau Krankenhausbetten auf der Intensivstation\nf\u00fcr Infizierte aus Tschechien an. Das Angebot konnte aber nicht angenommen\nwerden. Es scheiterte an der Finanzierung. Niemand war bereit, die Kosten zu\ntragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein gutes Beispiel f\u00fcr die Zusammenarbeit seien die\nVolksfeste. Da k\u00e4men viele Besucher aus den Nachbarl\u00e4ndern. Zittau profitiere\ndabei als die kleinere Stadt mehr von Liberec als umgekehrt. Bei den\nVolksfesten patrouillierten Polizisten aus allen drei L\u00e4ndern, um Randalierer\nabzuschrecken, mit Erfolg. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der Verbrecherjagd habe man Fortschritte gemacht.\nDie Polizei jedes der drei L\u00e4nder k\u00f6nne jetzt bis zu einer gewissen Grenze im\nTerritorium des Nachbarlandes agieren und brauche nicht mehr an der Grenze\nstehenzubleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Satz, eher beil\u00e4ufig gesagt, bleibt mir aus dem Vortrag\nbesonders in Erinnerung: Die B\u00fcrger der DDR h\u00e4tten schnell gemerkt, dass mit\ndem Fall der Mauer die Grenzen nach Westen offen geworden waren, h\u00e4tten aber\nlange gebraucht, um zu merken, dass auch die Grenzen nach Osten offen geworden\nwaren. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Vortrag haben wir noch Zeit, uns in Zittau\numzusehen. Ich gehe mit Hermanito aber erst in ein Speiselokal, wo wir uns\nst\u00e4rken. Hermanito begn\u00fcgt sich mit einer Kleinigkeit, aber ich bestelle <em>Teichlmauke<\/em>,\nein Gericht, dass die Speisekarte als \u201eNationalgericht der Oberlausitz\u201c\nank\u00fcndigt. Es wird wahlweise mit oder ohne <em>Furzwulle<\/em> serviert (womit\nwohl Sauerkraut gemeint ist). Das Gericht besteht aus <a>Kartoffelp\u00fcree<\/a>,\ngekochtem Rindfleisch, Br\u00fche und eben Sauerkraut. Das Kartoffelp\u00fcree (die <em>Mauke<\/em>)\nwird so auf dem Teller angerichtet, dass es einen Kreis bildet und in der Mitte\nein Loch freil\u00e4sst. In dieses Lochen kommen das Rindfleisch und die Br\u00fche und\ndann oben drauf das Sauerkraut. Bodenst\u00e4ndige Kost, schmackhaft, auch wenn kein\nkulinarischer Hochgenuss. Wie so oft in diesen Tagen fehlt es an Salz. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal, in dem wir gelandet sind, hei\u00dft <em>Zum Alten Sack<\/em>,\nund wir lassen uns nicht die Gelegenheit entgehen, uns unter dem Eingangsportal\ngegenseitig zu photographieren. Das Lokal befindet sich in einem historischen\nGeb\u00e4ude, dem Salzhaus, das uns schon bei der Fahrt in die Stadt aufgefallen\nwar. Es ist ein grau verputztes Haus mit einem Treppengiebel und diente\nurspr\u00fcnglich zur Lagerung von Salz (daher <em>Zum Alten Sack<\/em>). Das Haus war\nurspr\u00fcnglich vierst\u00f6ckig, wurde aber sp\u00e4ter sogar noch aufgestockt, sichtbares\nZeichen f\u00fcr die Bedeutung des Salzes in der Vergangenheit. Heute ist im\nErdgeschoss das Lokal untergebracht, in den oberen Etagen gibt es Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume,\neine Bank und die Volkshochschule. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz davor steht ein Brunnen mit einem\nkeuleschwingenden Herkules ganz oben, eine Reverenz der Stadt an August den\nStarken. An einer der Brunnenschalen sieht man, wie Herkules schon als Baby die\nSchlangen erw\u00fcrgt, die ihm die eifers\u00fcchtige Hera ins K\u00f6rbchen gelegt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einem riesigen Geb\u00e4ude mit Turm vorbei, das\nsich zu unserer \u00dcberraschung als Gymnasium entpuppt, eines der \u00e4ltesten von\nganz Mitteldeutschland. Es geht auf das 16. Jahrhundert zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he ein sch\u00f6nes Renaissancehaus, Wohnhaus und\nHandelskontor eines Kaufmanns, und, ganz in der N\u00e4he, eine v\u00f6llig\n\u00fcberdimensionierte Kirche, wie man sie in einer Altstadt nicht erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige R\u00e4tsel gibt uns die ehemalige Franziskanerkirche auf.\nSie ist heute Museum. Sie muss eine bewegte Baugeschichte haben. Man wei\u00df kaum,\nwo hinten und vorne ist. An das gotische Langhaus sind zu einer Seite barocke\nPortale und Kapellen angef\u00fcgt, an einem Ende ist die Kirche durch einen\nprofanen Bau verl\u00e4ngert worden, dessen Funktion man nicht so richtig erkennt.\nUnd dann entdecken wir auch noch, als wir uns auf Umwegen durch einen H\u00e4userdurchgang\nnoch einmal von der anderen Seite der Kirche n\u00e4hern, dass auch der\nHefftergiebel, ein Renaissancegiebel, der eher zu einem Rathaus oder einem\nTanzhaus passen w\u00fcrde, Teil der Kirche ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Altstadt werfen wir einen kurzen Blick auf das\nGerhard-Hauptmann-Theater. Unsere polnische F\u00fchrerin hatte uns ja schon gesagt,\ndass Hauptmann aus dieser Gegend stammte. Und seine <em>Weber<\/em> spielen ja\nhier in Schlesien<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zum Rathausplatz. Dort sehen wir an einer\nApotheke das Relief eines Kranichs und erfahren, dass der symbolisch f\u00fcr den\nApothekerberuf steht. Hier am Marktplatz legen wir eine Kaffeepause ein. Es ist\nsommerlich warm, und die Terrasse ist gut besetzt, auch von unseren\nMitreisenden. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Pause lasse ich Revue passieren, was ich dieser\nTage im Radio \u00fcber <em>Die Weber<\/em> von Hauptmann geh\u00f6rt habe. Das St\u00fcck hat\nimmer als aufr\u00fchrerisch gegolten und wurde von den Nazis, die Hauptmann eigentlich\nhoffierten, verboten. Aber das St\u00fcck, so eindrucksvoll es auch sein mag, ist ein\nhistorisches Missverst\u00e4ndnis. Die Aufst\u00e4ndischen waren keine fr\u00fchen Helden der\nArbeiterbewegung, des Klassenkampfs (wie es auch Marx sah). Die aufst\u00e4ndischen\nWeber waren nicht so bitter arm, wie allgemein angenommen wird. Es waren\nrelativ besser gestellte Weber, die Baumwollweber, nicht die verarmten Leinenweber.\nNicht die nackte Verzweiflung trieb sie, sondern die Angst vor dem sozialen\nAbstieg. Der Aufstand war auch kein Maschinensturm. Die Weber hatten Angst vor\nder Konkurrenz nicht ortsans\u00e4ssiger Weber. Von den mechanischen Webst\u00fchlen in\nEngland wussten sie gar nichts. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zum Bus, der uns zu dem letzten Ziel\nbringt, St. Marienthal, einem in einem Tal gelegenen Zisterzienserkloster. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kriegt den Mund gar nicht mehr zu, wenn man auf das Gel\u00e4nde\nkommt. Es ist riesig. &nbsp;Dominiert wird die\nSzenerie von einer riesigen, barocken Kirche, wie man sie bei Zisterziensern gar\nnicht vermuten w\u00fcrde. Drum herum gruppieren sich alle m\u00f6glichen Wirtschafts-\nund Verwaltungsgeb\u00e4ude. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in einen Vortragssaal gef\u00fchrt und dort von dem\nDirektor der Stiftung mit folgenden Worten begr\u00fc\u00dft: \u201eWillkommen in St.\nMarienthal. Genauer gesagt: Willkommen bei der Stiftung St. Marienthal. Genauer\ngesagt: Willkommen im Kuhstall der Stiftung St. Marienthal.\u201c Tats\u00e4chlich befinden\nwir uns im ehemaligen Kuhstall des Klosters. Der Referent ist der Direktor der\nStiftung St. Marienthal. \u00dcber die werden wir sp\u00e4ter noch etwas erfahren.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es aber um das Friedensfest, das seit einigen\nJahren in Ostritz, zu dem St. Marienthal geh\u00f6rt, ausgerichtet wird. Der Anlass\nwar der Kauf eines renommierten Hotels in Ostritz durch einen Neo-Nazi, der das\nHotel f\u00fcr ein Treffen von Rechtsradikalen zur Verf\u00fcgung stellte. Zu verhindern\nwar das nicht, aber man organisierte als Gegenentwurf ein Friedensfest. Dazu\nkam noch einen Gegenveranstaltung der Linken. Da Ausschreitungen bef\u00fcrchtet\nwurden, fanden die Treffen unter starkem Polizeischutz statt, mit Polizisten,\ndie aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern rekrutiert wurden. Alles verlief friedlich.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das Friedensfest hat jetzt schon eine gewisse Tradition.\nJedes Jahr steht es unter einem anderen Motto. Und es hat weit \u00fcber Ostritz und\nSachsen hinaus Aufmerksamkeit erregt, vor allem in einem Jahr, als man in einer\nverr\u00fcckten Aktion (fast) den gesamten Alkoholvorrat des einzigen Supermarkts von\nOstritz aufkaufte und den Neonazis damit den Spa\u00df verdarb. Dar\u00fcber wurde in den\n\u00fcberregionalen Zeitungen in Deutschland, aber auch in Zeitungen in Spanien,\nItalien und sogar China berichtet! Man h\u00f6rt dem Mann gerne zu, er schildert die\nDetails mit sehr lebendig und mit viel Humor. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussion werden die Gegenargumente\nbesprochen: Was bewirken solche Feste? Schenkt man den Neonazis nicht mehr\nAufmerksamkeit, als sie verdienen? Sollte man sie nicht einfach gew\u00e4hren\nlassen? Wenn man ihnen Ostritz verleidet als Austragungsort ihrer Treffen,\nwerden sie nicht einfach woanders hingehen? Wen erreicht man mit solchen\nFesten? Nehmen da nicht ohnehin diejenigen teil, die man sowieso auf seiner\nSeite hat? Der Mann geht sehr souver\u00e4n mit diesen Fragen um, sagt, das sei wohl\nalles wahr, aber man habe einfach ein Zeichen setzen wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das Neonazitreffen kommt die Diskussion auf die Lage in\nOstritz nach der Wende. Der Mann argumentiert, es habe unglaubliche\nFortschritte gegeben, die k\u00f6nne man einfach nicht leugnen: Sanierung von\nH\u00e4usern, Bau eines Altersheims, bessere Verkehrsanbindung, Bau einer Kl\u00e4ranlage\nund eine perfekte, vermutlich einzigartige Selbstversorgung mit Energie. Ostritz\nist der einzige Ort in Deutschland, der sich zu 100% selbst versorgt. Der Strom\nwird durch Windkraft, Wasserkraft und Solaranlagen erzeugt, die W\u00e4rme wird\ndurch ein Biomasseheizkraftwerk erzeugt, das Regenwasser wird gesammelt, das\nAbwasser in einer Pflanzenkl\u00e4ranlage gereinigt. Vorbildlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Referent sieht aber auch, wie viele Einwohner von Ostritz\nsich f\u00fchlen: Die jungen Leute wandern ab, die Bev\u00f6lkerung ist von 5.000 auf\n2.500 Einwohner zur\u00fcckgegangen, Betriebe wurden geschlossen, die Realschule\nwurde geschlossen, ebenso B\u00e4ckerei und Metzgerei. Man f\u00fchlt sich abgeh\u00e4ngt, vom\nWesten \u00fcberfremdet, f\u00fchlt, dass die eigene Lebensleistung nicht z\u00e4hlt. Mir\nleuchtet das alles ein. Kein Wunder, dass hier die AfD Zulauf hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in einen anderen Saal, immer noch Teil des\nKuhstalls, und hier gibt es Kaffee und Kuchen. Dabei werden wir in die\nGeschichte des Klosters und die der Stiftung eingef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>1-2-3-4 \u2013 so leicht sei es, sich das Gr\u00fcndungdatum des\nKlosters zu merken: 1234. Seitdem hat das Kloster \u2013 ein Nonnenkloster \u2013\nununterbrochen Bestand. Die Zahl der Nonnen ist, wie zu erwarten war, in den\nletzten Jahrzehnten stark zur\u00fcckgegangen. Jetzt sind es nur noch acht Nonnen,\ndavon zwei bettl\u00e4gerig und pflegebed\u00fcrftig. <\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckgang der Zahl der Nonnen f\u00fchrte 1992 zur Gr\u00fcndung\nder Stiftung. Ihr Ziel war es, die alten Wirtschafts- und Gewerbegeb\u00e4ude einem\nneuen Zweck zuzuf\u00fchren. Es sollte ein internationales Begegnungs- und\nBildungszentrum entstehen. Das ist gelungen, gegen alle Widerst\u00e4nde und \u00fcber\nalle Hindernisse hinweg. Inzwischen hat man ein G\u00e4stehaus eingerichtet und\n16.000 \u00dcbernachten pro Jahr! <\/p>\n\n\n\n<p>Die Anf\u00e4nge waren dornig. Die Nonnen hatten Geld\nzusammengebettelt, das aber nicht mehr als eine Starthilfe war. Es mussten\nweitere Geldquellen erschlossen werden, aber das Bistum G\u00f6rlitz und das Bistum\nDresden zeigten kein Interesse, Bund und Land ebenso wenig. Dann sagte der\nBischof von Hildesheim f\u00fcr zwei Jahre seine finanzielle Unterst\u00fctzung zu. Man\nsanierte das erste Geb\u00e4ude und lancierte die ersten Projekte. Der Beginn einer\nErfolgsgeschichte. Am Anfang bestand die Belegschaft nur aus unserem Mann (dem\nStiftungsdirektor), einer Sekret\u00e4rin, einem Hausmeister und einem Assistenten,\ninzwischen hat man 50 Mitarbeiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden wir \u00fcber das Gel\u00e4nde gef\u00fchrt. Alle Geb\u00e4ude \u2013 die\nehemalige Wagenremise, die ehemalige Brauerei, die Pferde- und Kuhst\u00e4lle, der\nSpeisesaal \u2013 alles ist in perfektem Zustand und kann jetzt andere Funktionen\nerf\u00fcllen. Man hat einen Garten mit Bibelpflanzen angelegt, man hat in der\nBrauerei ein Informationszentrum eingerichtet, man hat eine Ausstellung unter\ndem Motto <em>Ora et Labora<\/em> er\u00f6ffnet, und man hat sogar den alten Weinberg in\nm\u00fchsamer Kleinarbeit wieder hergestellt. Er ist der \u00f6stlichste Weinberg\nDeutschlands. Es werden nur ca. 1.000 Flaschen pro Jahr abgef\u00fcllt, und die sind\nfast ausschlie\u00dflich f\u00fcr den Eigenbedarf und die Weinbergbetreiber. Bier der\nMarke St. Marienthal wird in Lizenz von einer lokalen Brauerei gebraut. <\/p>\n\n\n\n<p>Einen b\u00f6sen R\u00fcckschlag gab es 2010: Hochwasser. Das Kloster\nliegt direkt an der Nei\u00dfe. Man hatte gerade drei Jahre zuvor einen\nHochwasserschutz mit hochfahrbaren W\u00e4nden angebracht. Aber die waren, entgegen\nallen Prognosen, nicht hoch genug. Alle Geb\u00e4ude wurden \u00fcberflutet, es\nentstanden gro\u00dfe materielle und finanzielle Sch\u00e4den. Man lie\u00df sich davon aber\nnicht entmutigen, packte die Sanierung an und stellte alles wieder her. Jetzt gibt\nes auch einen zweiten Hochwasserschutz an Fenstern und T\u00fcren. <\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt die Frage auf, wie man denn mit Corona\nzurechtgekommen sei. Die Antwort: Hervorragend. Man habe finanzielle Hilfen und\nKredite bekommen, und die Kredite inzwischen sogar zur\u00fcckbezahlt. Mit der\nverr\u00fcckten Folge, dass das Abrechnungsjahr 2021 bisher das beste in der\nGeschichte der Stiftung gewesen ist. Unglaublich. Der Stiftungsleiter macht\nAndeutungen, dass bei denjenigen, die sich beklagen \u00fcber ausgebliebene oder\nunzureichende Unterst\u00fctzung, irgendetwas nicht in Ordnung war mit den\nAbrechnungen der Vorjahre. <\/p>\n\n\n\n<p>Direkt durch das Gel\u00e4nde f\u00fchrt der Oder-Nei\u00dfe-Radweg, und\nHermanito und ich haben denselben Gedanken: K\u00f6nnte man auch mal machen. Von den\nRadfahrern profitiert die Stiftung aber nicht besonders. Die meisten, hei\u00dft es,\nf\u00fchren nicht an der Quelle, sondern in G\u00f6rlitz los, und da sei St. Marienthal\nzu nah f\u00fcr die erste Station. Wir nehmen uns vor, es anders zu machen und den\nWeg so zu planen, dass wir einen Halt hier in St. Marienthal einlegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Applaus am Ende des Rundgangs ist der lauteste, den es\nauf der Reise f\u00fcr einen Referenten gegeben hat. Nicht umsonst. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck nach G\u00f6rlitz und direkt ins St.\nJonathan, dem vielleicht sch\u00f6nsten Lokal von G\u00f6rlitz, in einem alten\nPatrizierhaus untergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Essen gibt es Zeit f\u00fcr das Feedback zu der Reise. Es\nbest\u00e4tigt sich, was Hermanito schon von anderen Reisen mit der Organisation\nberichtet hat: Die Reaktionen sind unberechenbar und die Meinungen zu den\neinzelnen Punkten divergieren stark. Mich interessiert in erster Linie, warum <a>Zgorzelec <\/a>so wenig vorgekommen ist. Die Doppelstadt G\u00f6rlitz-Zgorzelec\nwar doch das Thema der Reise. Es hei\u00dft, in Zgorzelec, gebe es nichts zu sehen,\ndie Stadtf\u00fchrer weigerten sich, \u00fcber die Br\u00fccke zu gehen, und von polnischer\nSeite gebe es wenig Interesse an einer Zusammenarbeit. Es gibt aber in Zgorzelec\nzumindest eine Jacob-B\u00f6hme Gedenkst\u00e4tte, ein Stellmacherhaus als Beispiel der\nOberlausitzer Volksarchitektur, ein Kulturhaus und ein (als Gegenst\u00fcck zum\nSchlesischen Museum konzipiertes) Lausitzmuseum. Da h\u00e4tte man vielleicht\nerfahren, was es denn mit der Lausitz auf sich hat, so wie wir im Schlesischen\nMuseum erfahren haben, was es mit Schlesien auf sich hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es das abschlie\u00dfende Essen, ein kulinarischer\nGenuss. Vom Rindfleisch \u00fcber das Schweinefleisch bis zu K\u00e4se und selbst gebackenem\nBrot ist alles erste Sahne. Einige von und wollen wissen, wie man denn so ein zartes\nRindfleisch hinbekommen kann. 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