{"id":11327,"date":"2022-06-19T08:43:21","date_gmt":"2022-06-19T06:43:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11327"},"modified":"2022-06-21T11:32:23","modified_gmt":"2022-06-21T09:32:23","slug":"nurnberg-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11327","title":{"rendered":"N\u00fcrnberg (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>2.\nJuni (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nChristkindlesmarkt und die Reichsparteitage, D\u00fcrer und der N\u00fcrnberger Trichter,\nS\u00f6der und die N\u00fcrnberger Bratwurst, Faber-Kastell und Noris, die N\u00fcrnberger\nLebkuchen und die N\u00fcrnberger Prozesse, das N\u00fcrnberger Ei und der einst\nglorreiche FCN \u2013 es kommt schon einiges zusammen, wenn man an N\u00fcrnberg denkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der FCN\nspielte damals noch in dem alten Stadion mit dem Namen Zabo, der f\u00fcr uns Kinder\neinen magischen Klang hatte. Beim Stichwort FCN f\u00e4llt mir au\u00dferdem Fabian\nN\u00fcrnberger ein, der Fu\u00dfballspieler. Der spielt wirklich in N\u00fcrnberg. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe\ndes ersten Tages entdecken wir dann noch auf einem Plakat, dass auch Pachelbel,\ndessen Kanon eins der eing\u00e4ngigsten Musikst\u00fccke des Barocks ist, aus N\u00fcrnberg\nstammte. Und Sibylle Merian hat hier zumindest lange gelebt, wie man einer\nPlakette an einem historischen Haus entnehmen kann. <\/p>\n\n\n\n<p><em>N\u00fcrnberg<\/em> bedeutet \u201aFelsberg\u2018. Im\nMittelalter hie\u00df die Stadt <em>Norenberc<\/em>, und das war abgeleitet von <em>knorre<\/em>,\n\u201ahervorstehender Knochen\u2018, und dem davon abgeleiteten <em>knur<\/em>, \u201aFels\u2018,\n\u201aKlippe\u2018. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Berg<\/em> oder <em>Burg<\/em>? \u00dcber N\u00fcrnberg\nthront die Burg, und die Stadt k\u00f6nnte genauso gut <em>N\u00fcrnburg<\/em> hei\u00dfen. Der\ntats\u00e4chliche Name belegt nur, dass historisch <em>Burg<\/em> und <em>Berg<\/em>\npraktisch ein und dasselbe waren. Schlie\u00dflich befinden sich die meisten Burgen\nja auf einem Berg. Daf\u00fcr spricht auch die Verwandtschaft von <em>N\u00fcrnberg<\/em>\nund <em>N\u00fcrburg<\/em> (das urspr\u00fcnglich <em>nore mons<\/em> hie\u00df, also auch \u201aBerg\u2018). <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen aus zwei unterschiedlichen Richtungen in N\u00fcrnberg an, kurz nacheinander.\nBeide p\u00fcnktlich. Die Bahn hat sich als zuverl\u00e4ssig erwiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der\nRezeption des einfachen Hotels direkt hinter dem Bahnhof werden wir von einem\nfreundlichen Mann in Empfang genommen. Ob es in Ordnung sei, dass das Zimmer\nnur alle zwei Tage gemacht wird, will er wissen. Ja, damit sind wir\neinverstanden. Die Hotels, die es schwer genug haben, verschaffen sich damit\nein bisschen Luft. <\/p>\n\n\n\n<p>Da die\nZimmer noch nicht beziehbar sind, machen wir uns gleich auf den Weg in die\nAltstadt, ohne zu ahnen, wie viele Meilen wir gleich am ersten Tag zur\u00fccklegen\nwerden. Hermanita hat einen Stadtplan und einen guten Orientierungssinn. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst\ntreffen wir auf St. Lorenz, mein besonderer Favorit aus der Zeit des ersten\nBesuchs in N\u00fcrnberg. Der ist jahrelang her, aber St. Lorenz mit all seinen\nKuriosit\u00e4ten ist mir seitdem immer wieder in den Sinn gekommen. Heute begn\u00fcgen\nwir uns erst einmal mit dem verrosteten Eisenstab, der in den n\u00f6rdlichen\nPfeiler der Fassade eingelassen ist. Nur ein verrosteter Eisenstab, aber der\nhat es in sich: Er wurde, mit einer L\u00e4nge von 1,67 Meter, vom Rat der Stadt zum\nNormma\u00df erkl\u00e4rt. Es wurde verf\u00fcgt, dass auf dem Friedhof, der fr\u00fcher um die\nLorenzkirche herum lag, aber in der Pestzeit aus hygienischen Gr\u00fcnden vor die\nStadt verlagert wurde, kein liegender Grabstein die L\u00e4nge von 1,67\n\u00fcberschreiten durfte. Sp\u00e4ter haben die Baumeister in N\u00fcrnberg das Normma\u00df noch\nmal geteilt und den sechsten Teil, 27,83 Zentimeter, zum N\u00fcrnberger Werkschuh\nerkl\u00e4rt, nach dem alles gebaut wurde. Eine kluge Form der Normierung\nJahrhunderte vor der Einf\u00fchrung der DIN-Ma\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberragend\nder Figurenschmuck an der Fassade. Da gibt es alle m\u00f6glichen biblischen Szenen\nzu sehen, darunter ein j\u00fcngstes Gericht. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nBesonderheit der Fassade ist die Rosette. Sie kommt erst sp\u00e4ter so richtig zur\nGeltung, als wir aus der Ferne am Abend auf die Kirche zukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\neine Br\u00fccke kommen wir in den n\u00f6rdlichen Teil der Altstadt. Die Br\u00fccke\n\u00fcberquert die Pegnitz (nicht Pregnitz, wie ich immer gesagt habe), und die\nteilt die Altstadt in einen n\u00f6rdlichen und einen s\u00fcdlichen Teil. Die beiden Viertel\nentwickelten sich rund um die Pfarreien St. Lorenz im S\u00fcden und St. Sebald im\nNorden. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nerstes sehen wir <em>Das Narrenschiff<\/em>, eine Brunnenskulptur ohne Brunnen.\nNach dem Willen des K\u00fcnstlers h\u00e4tte aus den Galionsfiguren der Skulptur Wasser\nsprudeln sollen, und das ganze Schiff h\u00e4tte wie eine Brunnenschale mit Wasser\n\u00fcberlaufen sollen. Das scheiterte aber an der Finanzierung. Der Name der\nSkulptur nimmt Bezug auf die ber\u00fchmte Moralsatire von Sebastian Brandt, dem\nerfolgreichsten deutschen Buch vor der Reformation, und auf D\u00fcrers Holzschnitte\nzu Brandts Buch. Auf dem Schiff tummeln sich verschiedene Figuren, menschliche\nGestalten, Tiergestalten und der Tod in Form eines Skeletts. Der hat den Mund\nzu einem h\u00f6hnischen Lachen weit ge\u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsetzten uns hier in ein Eiscaf\u00e9 mit exorbitanten Preisen f\u00fcr \u00fcberdimensionierte\nEisbecher, begn\u00fcgen uns aber mit einem einfachen Eis mit Sahne. Die Toiletten\nbefinden sich unten in dem Caf\u00e9. Da steht auf einer T\u00fcr <em>Qua se parla anca in\nVeneto<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nganze Zeit \u00fcber begleitet uns ein Stra\u00dfenmusiker, der sich gleich neben uns\nplatziert hat, mit Katzenmusik und unangenehmer Stimme. Man muss laut sprechen,\num sich verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach\nkommen wir zu einem Platz mit einer Statue von Hans Sachs (noch einem N\u00fcrnberger!),\nmit langem, krausem Bart und auff\u00e4llig abstehenden Ohren. Zu seinen F\u00fc\u00dfen\nliegen B\u00fccher, und in der Hand h\u00e4lt er auch eins: \u201eVerachtet mir die Meister\nnicht, und ehrt mir ihre Kunst\u201c. Ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, die Meinung vern\u00fcnftiger,\nfachm\u00e4nnischer Menschen nicht in den Wind zu schlagen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir zur Frauenkirche, katholisch im Unterschied zu St. Lorenz und St. Sebald.\nIhre ganz besondere Fassade, mit nichts vergleichbar, was ich kenne, ist ein\nechtes Schmuckst\u00fcck. Die Fassade hat einen auff\u00e4lligen Treppengiebel und einen\nnicht sehr hohen Turm in der Mitte. Vor die Fassade hat man einen Vorbau\ngesetzt, ebenfalls hochgotisch, mit zwei Eingangsportalen, einem Balkon und\neinem erkerartigen \u00dcberbau mit einer gro\u00dfen Uhr mit vergoldeten Zeigern und Zahlen.\nDarunter thront die goldene Figur des Kaisers. Um 12 Uhr mittags defilieren die\nsieben Kurf\u00fcrsten, die Bisch\u00f6fe von Mainz, K\u00f6ln und Trier, der K\u00f6nig von\nB\u00f6hmen, der Pfalzgraf vom Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von\nBrandenburg, vor ihm her und erweisen ihm ihre Reverenz. Das ist das\n\u201eN\u00fcrnberger M\u00e4nnleinlaufen\u201c. Die Prozession erinnert an die Goldene Bulle, das\nGesetz, das die Kaiserwahl regelte und das in N\u00fcrnberg erlassen wurde. Es\nregelte unter anderem, dass jeder neugew\u00e4hlte Kaiser seinen ersten Reichstag in\nN\u00fcrnberg abzuhalten habe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen kurz in die Kirche rein, und kaum hat man das Portal ge\u00f6ffnet, bleibt man\nmit offenem Mund stehen. Man steht in einem ganz kleinen Vorraum vor einem\nTympanon mit einem unglaublich reichhaltigen Figurenensemble. Der Eindruck ist\n\u00fcberw\u00e4ltigend. Genau diesen Eindruck habe ich all diese Jahre von der ersten\nN\u00fcrnberg-Reise in Erinnerung behalten, aber ich hatte keine Ahnung mehr, dass\ndas in der Frauenkirche war. Man sieht eine F\u00fclle von vollplastischen,\nvergoldeten Figuren: musizierende Engel, Propheten mit Spruchb\u00e4ndern, Heilige\nmit B\u00fcchern. Im Zentrum Szenen aus dem Neuen Testament: die Geburt, die\nAnbetung der K\u00f6nige, die Darstellung Jesu\u2018 im Tempel (ein ungew\u00f6hnliches Motiv)\nund eine Szene, die wir nicht identifizieren k\u00f6nnen: eine liegende Frau mit\ngeschlossenen Augen und daneben, wie in einem Korb liegend, ein auffallend\nkr\u00e4ftiges nacktes Kind. Der Anblick der Vorhalle ist so \u00fcberw\u00e4ltigend, dass ich\nf\u00fcr den Innenraum der Kirche nicht mehr empf\u00e4nglich bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nPlatz vor der Kirche steht der <em>Sch\u00f6ne Brunnen<\/em>, ein weiterer Glanzpunkt N\u00fcrnbergs.\n\u00dcber der achteckigen Schale erhebt sich eine Kleinarchitektur, wie ein\ngotischer Turm. Der ist verziert mit gotischem Ma\u00dfwerk und Fialen und Wimpergen\nund einem gro\u00dfen Aufgebot an Figuren. Leider kann man wegen des Gitters, das\nden Brunnen umschlie\u00dft, nicht alle gut erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nFigurenprogramm hat es in sich. Es sind insgesamt 40 Figuren, aus Sandstein,\nfarbig gefasst. Unten stehen die sieben Kurf\u00fcrsten und die Neun Guten Helden\n(Hektor, David, Karl der Gro\u00dfe usw. also Antike, Judentum und Christentum),\ndar\u00fcber Moses mit den Gesetzestafeln und die sieben Propheten. Auf der Br\u00fcstung\ndes Beckens sitzen die vier Evangelisten, die vier Kirchenv\u00e4ter, die\nPhilosophie und die Sieben Freien K\u00fcnste. Das Bildprogramm ist politisch\nausgerichtet. N\u00fcrnberg stellt sich als kaisertreue Reichsstadt dar. Die\nKurf\u00fcrsten verk\u00f6rpern die Ordnung des Reichs, ihnen sind die Helden als\nVorbilder guter und gerechter Ordnung als Mahnung zur Seite gestellt. Die\nEvangelisten und Kirchenv\u00e4ter verleihen dem Programm eine religi\u00f6se Dimension,\ndie Vertreter des antiken Wissens eine universalgeschichtliche Dimension. Die\nmeiste Aufmerksamt nimmt aber bei den Touristen ein drehbarer Messingring in\nAnspruch, der ganz glatt poliert ist vom vielen Ber\u00fchren. Er gilt als\nGl\u00fccksbringer. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir zu der dritten gro\u00dfen Kirche der Altstadt, St. Sebald, einer\nweiteren gotischen Kirche, wiederum mit einer reichen Ausstattung. An die kann\nich mich nicht erinnern, Hermanita aber wohl von ihrem damaligen Kurzbesuch in\nN\u00fcrnberg. Im Chor steht ein vergoldeter Sarg. Ich mache ein Photo, ohne zu\nwissen, wen ich da vor mir habe, aber Hermanita wei\u00df Bescheid: Es ist der\nReliquienschein von St. Sebald, dem Patron der Kirche und dem Stadtheiligen von\nN\u00fcrnberg. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so\nrichtig klar kommen wir mit dem Rathaus. Das Geb\u00e4ude, das wir vor uns haben, sieht\nirgendwie nicht nach Rathaus aus. Es ist im Renaissance-Stil gebaut und\nunterscheidet sich von den anderen historischen Geb\u00e4uden der Altstadt. Es muss\naber wohl das Rathaus sein, denn hier gibt es einen Hinweis, dass die\nunterirdischen Lochgef\u00e4ngnisse weiterhin geschlossen sind, und die sind im\nRathaus. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die\nBergstra\u00dfe, der Namensgeberin unseres Ausflugs, kommen wir nach einiger Suche\nzum D\u00fcrerhaus. Das hat wie ein Wunder die Bombenangriffe des Kriegs, die\nN\u00fcrnberg, noch 1945, schwer getroffen haben, unbesch\u00e4digt \u00fcberstanden. Hier\nwohnte D\u00fcrer, und hier war auch seine Werkstatt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses\nHaus stellt einen sp\u00e4tmittelalterlichen Haustyp dar, bei dem das Erdgeschoss\naus Sandstein ist und die dar\u00fcber befindlichen Stockwerke aus Fachwerk. Sp\u00e4ter,\nab dem 16. Jahrhundert, setzte sich dann immer mehr der ganz aus Sandstein\nbestehende Typus durch. Auch davon hat die N\u00fcrnberger Altstadt verschiedene\nExemplare. <\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita\nhat die gute Idee, ein Neun-Euro-Ticket zu kaufen. Mit dem k\u00f6nnen wir nicht nur\nin diesen Tagen in N\u00fcrnberg fahren, sondern auch sonstwohin den ganzen Monat\nlang. Wir bekommen das Ticket in der Touristeninformation. Da bekommen wir auch\nden Hinweis, wie wir zum Johannisfriedhof kommen k\u00f6nnen, n\u00e4mlich mit der\nStra\u00dfenbahn. Die f\u00e4hrt au\u00dfen an der alten Stadtmauer entlang. Und ist\nhochmodern. Nach zwei Stationen sind wir schon da.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nJohannisfriedhof ist ein ganz besonderer Friedhof. Schon auf den ersten Blick\nunterscheidet er sich von anderen Friedh\u00f6fen. Alle Gr\u00e4ber haben die vom Rat\nvorgeschriebene Normgr\u00f6\u00dfe. Sie stammen aus f\u00fcnf Jahrhunderten. Sie liegen so\ndicht beieinander, dass man nur mit M\u00fche an ihnen vorbeigehen kann. Alle\nbestehen aus einer schweren, flachen Steinplatte, und alle haben metallenen\nSchmuck mit Figuren oder Ornamente und dem Namen der Verstorbenen. Wir sehen\ndie Gr\u00e4ber der Familien Frauenknecht, Nothaft, Puff und Langbein. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nweitere Besonderheit des Friedhofs ist der pr\u00e4chtige Blumenschmuck. Jedes Grab\nhat einen gro\u00dfen Blumentopf mit bl\u00fchenden Blumen, in verschiedenen Farben. Das\ngibt dem Friedhof ein ganz besonderes Aussehen. Wir sind uns einig, dass das\nirgendwie zentral geregelt sein muss und der Friedhof sich um die Blumenpflege\nk\u00fcmmert. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfragen uns, wie hier heute die Bestattungen vor sich gehen. Werden die\nSteinplatten tats\u00e4chlich angehoben? Wie kann man das bei dem Gewicht und bei\ndem engen Raum \u00fcberhaupt bewerkstelligen? <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Hilfe\nzweier \u00e4lterer Damen und Hermanitas Sp\u00fcrsinn finden wir die Gr\u00e4ber von Veit\nSto\u00df, von Albrecht D\u00fcrer, von Anselm Feuerbach. Auch Ludwig Feuerbach ist hier\nbegraben. Das Grabmal von D\u00fcrer zeigt sein ber\u00fchmtes Monogramm. Er war einer\nder ersten oder sogar der erste K\u00fcnstler, der ein Monogramm benutzte. Das wird\ngedeutet als Zeichen des \u00dcbergangs vom mittelalterlichen Handwerker, als der\nsich ein Maler empfand, zum neuzeitlichen K\u00fcnstler. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\n\u00e4ltere Dame erkl\u00e4rt uns, hier auf dem Friedhof l\u00e4gen auch der (englische)\nLokf\u00fchrer der ersten Eisenbahn N\u00fcrnberg-F\u00fchrt begraben und der Entdecker der\nQuelle des Nils. Auf seinem Grabstein sei das Profil von Afrika zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nHunger treibt uns zur\u00fcck Richtung Altstadt. Diesmal steigen wir am Pl\u00e4rrer aus,\naber das ist einfach ein gr\u00f6\u00dferer Umsteigeplatz au\u00dferhalb der Altstadt. Der\nName h\u00f6rte sich vielversprechender an. <\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita\nf\u00fchrt uns mit Stadtplan und Orientierungssinn zu einem Lokal, einer Weinstube,\ndie wir irgendwann im Laufe des Tages gesehen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\npassieren wir den <em>Ehekarussellbrunnen<\/em>, einen modernen Brunnen, angeregt\nvon dem Gedicht \u201eDas bitters\u00fc\u00dfe eheliche Leben\u201c von Hans Sachs. Gro\u00dfe Bronzefiguren\nstellen sechs Ehepaare dar, von denen drei f\u00fcr eine gl\u00fcckliche, drei f\u00fcr eine\nungl\u00fcckliche Ehe stehen. Nat\u00fcrlich sind die ungl\u00fccklichen die interessanteren,\nwie das Ehepaar, bei dem die Ehefrau mit grimmigem Gesicht den Mann bei der\nGurgel packt und ihm keine Luft zum Atmen gibt. Wegen der drastischen\nDarstellungsweise war der Brunnen anfangs sehr umstritten, ist aber inzwischen\nzum Publikumsmagnet geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir zu dem Weinlokal. Man geht durch einen Torbogen und kann dann sch\u00f6n\ndrau\u00dfen sitzen, an ganz einfachen Tischen und auf etwas unbequemen St\u00fchlen, vor\nder Treppe, \u00fcber die man ins Lokal kommt. Sehr sch\u00f6nes Ambiente: frische Luft,\nB\u00e4ume und Beete, abgeschirmt von dem Leben drau\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt\nSauerbraten (ohne Rosinen) und Sch\u00e4ufele, eine fr\u00e4nkische Spezialit\u00e4t. Es ist\nein St\u00fcck Schweineschulter, das mit einem oben darin steckenden scharfen Messer\nserviert wird. Aber das braucht man gar nicht. Das zarte Fleisch l\u00f6st sich ganz\nvon selbst vom Knochen, und sogar die wunderbar kross gebratene Schwarte l\u00e4sst\nsich mit dem normalen Messer schneiden. Zu beiden Gerichten gibt es nicht sehr schmackhafte\nKn\u00f6del. Als Getr\u00e4nke gibt es Weinschorle auf der Basis von Frankenwein, der der\nSchorle einen kr\u00e4ftigeren Geschmack verleiht, und fr\u00e4nkisches Bier, erst ein\nhelles, dann ein dunkles. Keine Offenbarung, aber das dunkle schmeckt besser\nals das helle. Es gibt auch rotes Bier, aber da traue ich mich nicht ran. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg zum Hotel l\u00f6st sich dann auch das R\u00e4tsel der Inseln auf. Wir hatten von\nInseln in der Pegnitz gelesen, konnten aber von den Br\u00fccken aus keine\nentdecken. Jetzt, als wir die Heubr\u00fccke \u00fcberqueren, sehen wir, dass die Pegnitz\nhier zwei Arme hat, und wir mitten auf der Insel stehen. Historische Bauten\nscheint es hier nicht zu geben, vielleicht war es ein Handwerkerviertel, dessen\nH\u00e4user nicht \u00fcberlebt haben. Einige der Stra\u00dfennamen hier in der Gegend deuten\njedenfalls auf Handwerker hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend\nlese ich, dass die Pegnitz auch durch F\u00fcrth und Bayreuth flie\u00dft und in den Main\nm\u00fcndet. Der Name ist von <em>Paginza<\/em> abgeleitet und geht auf indogermanisch <em>bhog<\/em> zur\u00fcck, was einfach \u201aflie\u00dfendes\nWasser\u2018 hei\u00dft. Unsere Vorfahren machten das Naheliegendste: Sie nannten den\nFluss einfach <em>Fluss<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>3.\nJuni (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel\nliegt etwas versteckt hinter dem Bahnhof. In dem spartanisch, aber praktisch\neingerichteten Zimmer liegen Ohrenst\u00f6psel bereit \u2013 nicht umsonst, denn die\nZimmer gehen gleich auf eine viel befahrene Stra\u00dfe hinaus, \u00fcber die in kurzen\nIntervallen die Stra\u00dfenbahn f\u00e4hrt. Am Abend schlie\u00dft man die Fenster, um den\nKrach auszuschlie\u00dfen, sp\u00e4ter \u00f6ffnet man sie wieder, damit frische Luft\nhereinkommt und dann schlie\u00dft man sie wieder, um den Krach drau\u00dfen zu halten.\nMomentan findet in N\u00fcrnberg, wie immer an Pfingsten, das Festival <em>Rock im\nPark<\/em> statt. Aber gl\u00fccklicherweise hat sich die Warnung des Manns an der\nRezeption nicht bewahrheitet, das k\u00f6nne sich hier in der Gegend auch bemerkbar\nmachen, und sei es durch sp\u00e4t heimkehrende Besucher. Aber die w\u00fcrden sowieso von\nder Stra\u00dfenbahn \u00fcbert\u00f6nt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend\ndavor habe ich nach Rollladen gesucht und nach irgendeinem Schalter, mit dem\nman die runterlassen kann. Vergeblich. Beim Fr\u00fchst\u00fcck sagt Hermanita mir, dass\nes doch Vorh\u00e4nge gebe. Die habe ich bei meiner Suche nach Rollladen einfach\n\u00fcbersehen. Tunnelblick. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nAufwachen erinnere ich mich an einen Hinweis gestern im Zug, der immer wieder eingeblendet\nwurde, wenn eine neue Station angefahren wurde: <em>Haben Sie auch nichts\nvergessen? <\/em>Ein ganz schwer zu erkl\u00e4render Gebrauch von <em>auch<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck erz\u00e4hlt Hermanita, dass auch der Erfinder des Tempo-Taschentuchs aus\nN\u00fcrnberg kam. Jedenfalls war die Fabrik, in der die Tempot\u00fccher hergestellt\nwurde, in N\u00fcrnberg. Der Erfinder selbst, Oskar Rosenfeld, stammte aus Bamberg. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann\nkommen zwei Namen ins Spiel, die mir noch aus dem Geschichtsunterricht in\nErinnerung sind: Henlein und Behaim. Peter Henlein, ein N\u00fcrnberger\nSchlossermeister, der sich auch als Uhrmacher bet\u00e4tigte, gilt als Erfinder der\nTaschenuhr. Das wurde als <em>N\u00fcrnberger Ei<\/em> bekannt. Das Bild der ovalen,\ndosenf\u00f6rmigen Taschenuhr aus dem Geschichtsbuch habe ich noch heute vor Augen.\nDie Bezeichnung <em>Ei<\/em>, lese ich jetzt, hat wohl nichts mit der Form der Uhr\nzu tun, sondern leitet sich von <em>Aeurlein<\/em>\nab, einer Verkleinerungsform von <em>Uhr<\/em>. Martin Behaim gestaltete den\n\u00e4ltesten erhalten Globus der Welt. Es ist eins der letzten kartographischen\nWerke, die die Welt vor der Entdeckung Amerikas darstellt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nReichsparteitaggel\u00e4nde hat geschlossen, gerade jetzt w\u00e4hrend der Tage, wo wir\nhier sind. Es gibt aber eine gute Alternative: Raum 600. Das ist der\nGerichtssaal, in dem die N\u00fcrnberger Prozesse abgehalten wurden. Bis vor kurzem\nwar der Saal noch Gerichtssaal, aber das ist er jetzt nicht mehr. Das bedeutet,\ndass es keine Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Besichtigung mehr gibt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der\nStra\u00dfenbahn geht es zu dem Gerichtsgeb\u00e4ude. Die ganze Gegend sieht v\u00f6llig\nanders aus als die Altstadt, mit einer breiten Stra\u00dfe, modernen\nGesch\u00e4ftsgeb\u00e4uden und dem gro\u00dfen, hinter einer Mauer gelegenen Gerichtsgeb\u00e4ude,\nein ganzer Geb\u00e4udekomplex, wohl aus der Gr\u00fcnderzeit stammend. An der Fassade\nsehen wir die Figuren von Adam und Eva. Ich bin \u00fcberrascht, aber Hermanita\nsieht den Zusammenhang: Sie haben als erste das Gesetz gebrochen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\ndirekt in den Saal 600. Von einer Zuschauertrib\u00fcne blickt man in den Saal\nhinunter. Links das Eingangsportal mit dem Haupt der Medusa und einer Figur mit\nSchwert und einer Figur mit K\u00f6cher. Die stehen f\u00fcr das germanische bzw. f\u00fcr das\nr\u00f6mische Recht. Auch hier tauchen wieder Adam und Eva auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den\nB\u00e4nken hinten im Saal und rechts sa\u00dfen die Richter der vier Alliierten, die\nAnkl\u00e4ger, die Protokollf\u00fchrer usw., insgesamt so viele, dass die\nZuschauerempore, auf der wir sitzen, abgebaut und der Saal nach hinten\nverl\u00e4ngert wurde, um Platz f\u00fcr die Prozessbeobachter zu schaffen. Zu denen\ngeh\u00f6rten Erich K\u00e4stner, Erika Mann, John Dos Passos, Alfred D\u00f6blin, Ilja\nEhrenburg, John Steinbeck. <\/p>\n\n\n\n<p>Links im\nSaal befindet sich die Bank der Angeklagten. Es gab 24 Angeklagte, aber nur 21\nwaren tats\u00e4chlich anwesend. Einer hatte sich selbst get\u00f6tet, Hess war vernehmungsunf\u00e4hig,\nund Bormanns Aufenthalt war unbekannt. Gleich hinter der Bank die T\u00fcr, durch\ndie die Angeklagten den Gerichtssaal betraten. Ein Aufzug f\u00fchrte in ihre\nZellen. Es gab h\u00f6chste Sicherheitsvorkehrungen. Sogar die Fenster waren\nverh\u00fcllt, damit niemand von au\u00dfen hineinsehen konnten. Auch die Kronleuchter\nwurden entfernt. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nRaum hinter dem Saal 600 gibt es eine Ausstellung zu dem Prozess, sehr\ninformativ. Gro\u00dfer Wert wurde auf ein rechtm\u00e4\u00dfiges und einigerma\u00dfen faires\nVerfahren gelegt. Die Angeklagten wurden geh\u00f6rt und hatten Verteidiger zur\nSeite. Die Verteidiger verfolgten unterschiedliche Strategien: das Gericht sei\nnicht zust\u00e4ndig, das Verfahren sei unfair, die Alliierten h\u00e4tten auch\nKriegsverbrechen begangen, Hitler trage die Verantwortung. Au\u00dferdem berief man\nsich auf den Grundsatz <em>Nullum crimen, nulla poena sin lege<\/em> \u2013 ohne Gesetz\nk\u00f6nne es kein Verbrechen und keine Strafe geben. Ein Angriffskrieg sei deshalb\nnicht strafbar. Auch einige der Angeklagten luden die Verantwortung bei Hitler\nab. Einige sagten, sie seien an den Gr\u00e4ueltaten nicht beteiligt gewesen, einer\nsagte, er habe nichts zu bereuen, er habe seinem Volk und Vaterland gedient. Ein\nhalbes Schuldeingest\u00e4ndnis machte Speer. Das zahlte sich aus. Er bekam eine mildere\nStrafe: 20 Jahre Haft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nUrteilsverk\u00fcndigung dauerte zwei Tage. Es wurden folgende Urteile verk\u00fcndet:\ndrei Freispr\u00fcche, zw\u00f6lf Todesurteile (gegen Bormann in Abwesenheit), drei\nlebenslange und vier langj\u00e4hrige Freiheitsstrafen. Die Freigesprochenen wurden\ndanach von der deutschen Polizei gefangengenommen und zu langj\u00e4hrigen Strafen\nin Arbeitslagern verurteilt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVollstreckung der Todesurteile erfolgte nicht in N\u00fcrnberg, sondern in Berlin.\nG\u00f6ring entzog sich der Vollstreckung im letzten Moment, indem er eine Zyankalikapsel\nnahm. Wie andere hatte er gefordert, dass das Todesurteil durch Erschie\u00dfen\nvollstreckt werden solle. Der Tod durch den Strang erschien ihm eines Soldaten unw\u00fcrdig.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nN\u00fcrnberger Prozess gilt als die Geburtsstunde der Simultan\u00fcbersetzung. Bis\ndahin war das konsekutive \u00dcbersetzen die Regel gewesen, bei dem Reden\nabschnittsweise \u00fcbersetzt wurden. Die Simultan\u00fcbersetzung sparte Zeit, gab aber\nauch den Angeklagten weniger Zeit, sich eine Verteidigungsstrategie\nzurechtzulegen. Die Simultan\u00fcbersetzer waren gro\u00dfem Druck ausgesetzt.\n\u00dcbersetzungsfehler blieben nicht aus. Zur Sicherheit wurden alle Verh\u00f6re zur\nsp\u00e4teren Kontrolle auf Tonband mitgeschnitten. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt\nerforderte die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Prozesses gro\u00dfe Sorgfalt bei\nder Aufbereitung von Dokumenten, Protokollen, Eingaben und Aussagen. Der\nSprachendienst umfasste alleine 350 Mitarbeiter!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem\nAbschluss des Prozesses gab es noch eine Reihe von Folgeprozessen: den\n\u00c4rzteprozess, den Krupp-Prozess, den Flick-Prozess, den IG-Farben-Prozess usw. Zum\nersten Mal h\u00f6re ich von dem Tokio-Prozess, dem japanischen Pendant zu N\u00fcrnberg.\nHier traten nur die USA als Ankl\u00e4ger auf. Hirohito wurde nicht angeklagt. Auch\nim Verlauf scheint sich dieser Prozess in verschiedener Hinsicht von N\u00fcrnberg\nunterschieden zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende\nder Ausstellung wird noch der Weg von N\u00fcrnberg nach Den Haag dokumentiert, vom Internationalen\nMilit\u00e4rgerichtshof zum Internationalen Strafgerichtshof. Verbl\u00fcfft stellt man\nfest, in wie vielen L\u00e4ndern es seitdem Menschenrechtsverletzungen gegeben hat,\nvon Griechenland, Jugoslawien und Spanien \u00fcber Kolumbien, Chile und Argentinien\nbis zu Ruanda und China. Einige, aber l\u00e4ngst nicht alle, kamen in Den Haag zur\nVerhandlung. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nBesuch hat sich gelohnt. Wir haben viel erfahren. Nach der R\u00fcckkehr in die\nAltstadt setzen wir uns direkt an die Pegnitz, um einen Kaffee zu trinken, in\nsicherem Abstand zu den Stra\u00dfenmusikern. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann wenden\nwir uns St. Lorenz zu, der ersten Sehensw\u00fcrdigkeit, auf die wir gestern beim\nGang in die Altstadt gesto\u00dfen sind. \u00dcberragend der Figurenschmuck am\nHauptportal, mit einer F\u00fclle von dicht aneinandergereihten Szenen und Figuren,\nsehr packend, teils etwas naiv dargestellt. Man sieht den Judaskuss, den\nKindermord (das von dem Soldaten mit dem Schwert get\u00f6tete Kind scheint in der\nLuft zu schweben, so als ob der Soldat es in die H\u00f6he geworfen h\u00e4tte) und das\nJ\u00fcngste Gericht mit dem H\u00f6llenschlund, in dem alle, ob Bauer oder Bischof,\nverschwinden. Beim J\u00fcngsten Gericht scheint der Weltenrichter die Faust in die\nH\u00f6he zu recken. Aber das sieht nur so aus. Es sind einfach die drei Finger\nverloren gegangen, die er einst in die H\u00f6he streckte. Beim J\u00fcngsten Gericht\n\u00f6ffnen sich alle S\u00e4rge bis auf einen. Der wird vom Tod pers\u00f6nlich bewacht. Es\nist der Sarg der Juden, durch einen Judenhut gekennzeichnet. Die werden am\nJ\u00fcngsten Tag nicht zum Leben erweckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter\nden Figuren besonders interessant ist Laurentius, der Patron der Kirche,\ndargestellt mit dem Rost, auf dem er gebraten wurde. Insgesamt ist er 27mal in\nder Kirche und um die Kirche herum dargestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche hat eine unglaubliche Ausstattung mit unendlich vielen Details, die der\nAufmerksamkeit wert sind. Alle sehen wir nicht, teils, weil wir sie nicht\nfinden, teils, weil sie sich hinter den Ger\u00fcsten verschwinden, die f\u00fcr die\nSanierung der Kirche \u00fcberall aufgestellt sind. Deshalb sehen wir u.a. nicht die\nDarstellung der Hl. Martha, eine Darstellung, die das Interesse der Feministen\ngeweckt hat und in vielen Publikationen abgedruckt ist. Martha hat n\u00e4mlich den\nDrachen gefangen, nicht get\u00f6tet, wie es die m\u00e4nnlichen Heiligen wie Georg tun.\nAllerdings kann man in dem gefangenen Drachen auch den von der Frau geb\u00e4ndigten\nMann sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man\nin der Kirche ist, lohnt sich ein Blick zur\u00fcck, auf die Westfront, mit der\nRosette. Die ist ungew\u00f6hnlich, denn die Fenster, die die Rosette formen, sind\ndiagonal angeordnet und zeigen im Wechsel nach innen und nach au\u00dfen. Daher\nsieht es so aus, als w\u00fcrde die Rosette anfangen zu rotieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKirche, lesen wir, ist breiter als hoch. Das sollte man nicht glauben. Das\nschmale Mittelschiff und die schlanken Fenster des Chors t\u00e4uschen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nersten Figuren, die uns auffallen, sind die Heiligen Drei K\u00f6nige, ungew\u00f6hnlich\nan den Pfeilern des Langhauses angebracht. Kaspar, der neben Melchior steht,\ntr\u00e4gt einen Roseng\u00fcrtel. Das war damals der letzte modische Schrei f\u00fcr junge\nM\u00e4nner. Am n\u00e4chsten Pfeiler kniet Balthasar nieder und bietet sein Geschenk\ndar. Vor ihm die Madonna mit Kind, eine bemerkenswerte Madonna. Sie l\u00e4chelt dem\nKind in ihren Armen zu und richtet ein Auge auf das Kind und eins auf den\nBetrachter. Sie tr\u00e4gt den Apfel des verlorenen Paradieses in der anderen Hand\nund reicht ihn ihrem Sohn. Der wird daf\u00fcr sorgen, dass der S\u00fcndenfall des\nParadieses \u00fcberwunden wird. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen, an zwei sich gegen\u00fcberstehenden Pfeilern, Laurentius und Sebastian. Die\ngeh\u00f6ren irgendwie zusammen. In Rom sollen sie in einem gemeinsamen Sarg\nbestattet sein. Beide sind ganz schlicht gekleidet, ein Verweis darauf, dass\nsie Diakone waren, keine hohen W\u00fcrdentr\u00e4ger. Heute w\u00fcrde man von\nSozialarbeitern sprechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nbesondere Kuriosit\u00e4t ist eine Abendmahlgruppe in Ton, aus dem ausgehenden\nMittelalter stammend. Die Apostel sitzen in zwei Reihen an einem Holztisch, die\nerste Reihe wendet uns den R\u00fccken zu. Sie sitzen auf einer einfachen Holzbank.\nDie hat keine St\u00fctzen, scheint irgendwie in der Luft zu schweben und vom Boden\nabzuheben. Die eigentliche Besonderheit der Darstellung ist aber die Zahl der\nApostel: 13. Das liegt am doppelten Judas. Judas sitzt einmal Jesus gegen\u00fcber.\nDas ist der urspr\u00fcngliche Judas. Bei der Restauration im 19. Jahrhundert, als\nnicht mehr alle Figuren vollst\u00e4ndig erhalten waren, kam der zweite Judas hinzu.\nDamals setzte man Judas immer an den Rand, und da man sich nicht vorstellen\nkonnte, dass Judas Jesus gegen\u00fcber sa\u00df, f\u00fcgte man diesen zweiten Judas hinzu!<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der\nwichtigsten Ausstattungsst\u00fccke ist der <em>Englische Gru\u00df<\/em> von Veit Sto\u00df,\neinem der bekanntesten K\u00fcnstler der D\u00fcrerzeit. Ungew\u00f6hnlich ist die Platzierung\nder Skulpturengruppe, denn sie h\u00e4ngt scheinbar freischwebend vom Gew\u00f6lbe herab.\nUngew\u00f6hnlich ist auch ihre \u201eEinbettung\u201c in einen Rosenkranz, was auf den\nausdr\u00fccklichen Wunsch des Stifters hin geschah, Anton Tucher, einem der\nh\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten der Stadt und bedeutendem Kunstm\u00e4zen. Die Verk\u00fcndigungsszene\nwird eingerahmt von 50 Rosenbl\u00e4ttern \u2013 eine Anspielung auf die 50 \u201eAve Maria\u201c\ndes Rosenkranzgebetes, das sich in der damaligen Zeit gro\u00dfer Beliebtheit\nerfreute. Das \u201eAve Maria\u201c stellt wiederum die Verbindung zu der\nVerk\u00fcndigungsszene dar, denn mit diesen Worten gr\u00fc\u00dft der Engel die Jungfrau. Und\nder Engel h\u00e4lt Maria auch wirklich das Spruchband mit dem kompletten \u201eAve\nMaria\u201c entgegen. Von Bedeutung sind die Gesten der Beteiligten: Der Engel h\u00e4lt\neine Hand wie zum Schwur erhoben, Maria fasst sich mit einer Hand ans Herz\n(Wie? Ich bin gemeint?), aus der anderen Hand gleitet ihr das Buch, das sie\ngerade liest. Das f\u00e4llt zu Boden. Es enth\u00e4lt die alten Riten und Gesetze und\nDogmen. Die gelten nicht mehr. Eine neue Zeit ist angebrochen. Die Figur der\nMaria mit Taube ist etwas gr\u00f6\u00dfer als die des Engels mit Kreuz. Vielleicht hat\nauch das seine Bedeutung. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nUmst\u00e4nde des Zustandekommens des Kunstwerks sind auch bemerkenswert, denn Veit\nSto\u00df war zu dieser Zeit wegen Urkundenf\u00e4lschung verurteilt und seiner\nB\u00fcrgerrechte beraubt, galt aber trotzdem weiterhin als virtuoser K\u00fcnstler,\neiner der gr\u00f6\u00dften seiner Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt\nauch f\u00fcr Adam Kraft, auf den das zweite wichtige St\u00fcck der Ausstattung\nzur\u00fcckgeht, das Sakramentshaus. Das enth\u00e4lt ein Motiv, das eins der\nbekanntesten der Kirche und von ganz N\u00fcrnberg ist, die Figur des Meisters\nselbst: lebensgro\u00df, in hockender Stellung, mit Werkstattkappe und\nBildhauerwerkzeug, tr\u00e4gt er, zusammen mit zwei seiner Gesellen, die gesamte\nStruktur. Es ist eins der ber\u00fchmtesten Selbstportr\u00e4ts der Zeit und zeigt das\nneu erwachte Selbstbewusstsein der K\u00fcnstler, basierend auf ihrem K\u00f6nnen und\nihre sich ver\u00e4ndernde gesellschaftliche Stellung. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nSakramentshaus ist ein unglaubliches Gebilde, turmartig, 20 Meter hoch, bis ins\nGew\u00f6lbe reichend, \u00e4u\u00dferst filigran, mit Rippen, Ma\u00dfwerk, Fialen, Wimpergen,\nReliefs und Skulpturen. Aber: Was ist \u00fcberhaupt ein Sakramentshaus? Die\nAntwort: ein Aufbewahrungsort f\u00fcr die Hostien, eine Art Tabernakel im\nGro\u00dfformat. Hier steht nat\u00fcrlich nicht die Funktion, sondern die\nZurschaustellung der Kunstfertigkeit und des Reichtums im Vordergrund. Der\nAuftraggeber, Imhoff, ein weiterer bedeutender M\u00e4zen der Zeit, hatte\nvertraglich seine Vorstellung von dem Sakramentshaus festgelegt und darauf\nbestanden, dass Adam Kraft das Werk pers\u00f6nlich ausf\u00fchrte und nicht an andere\ndelegierte. F\u00fcr uns ist vor allem bemerkenswert, dass sich so ein\nSakramentshaus in einer evangelischen Kirche \u00fcberhaupt bewahrt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Es g\u00e4be\nnoch mehr zu sehen, aber wir m\u00fcssen weiter. Drau\u00dfen an der Fassade sehen wir\nuns noch die Figur eines Affen an, ziemlich weit oben. Der Affe liest in der\nBibel. Und steht f\u00fcr die Menschen, die die Bibel (und Texte \u00fcberhaupt) ohne\nVerstand lesen. Auf der anderen Seite gibt es noch eine ganz Reihe von\nungew\u00f6hnlichen Figuren, unter anderem die Skulptur eines Mannes, der auf das\nVolk da unten hinunterpinkelt. Nicht unbedingt ein Motiv, das man an einer\nKirche erwarten w\u00fcrde. Allerdings h\u00e4ngt er so hoch, dass er mit blo\u00dfem Auge\nkaum zu erkennen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem\nKiosk kaufen wir Wasser f\u00fcr die Stadtf\u00fchrung. Wir fragen den Mann, ob es dort\nrauf zum Hauptmarkt gehe. Er sagt \u201eNeeeeein!\u201c Dann kommt eine Pause. Und dann\nkommt \u201eUnd jetzt?\u201c Also fragen wir: \u201eUnd woher geht es zum Hauptmarkt?\u201c Und er\nzeigt in die umgekehrte Richtung. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Hauptmarkt\nbeginnt die Stadtf\u00fchrung. Unsere F\u00fchrerin hat eine Frisur, die an H\u00e4sslichkeit\nnur noch von ihrer Brille \u00fcbertroffen wird. Die F\u00fchrung ist gut, hat aber gro\u00dfe\nDefizite: Man bekommt kaum einen Einblick in die Struktur der Stadt oder in\nihre Geschichte. Von dem Namen der Stadt ist \u00fcberhaupt nicht die Rede, von den\nvielen Br\u00fccken kaum. Und gar keine Erw\u00e4hnung findet die Stadtmauer mit ihren\nvielen T\u00fcrmen und Toren. Dabei ist sie, wenn auch, wie so vieles in N\u00fcrnberg,\nwiederaufgebaut, eine vollst\u00e4ndig erhaltene mittelalterliche Stadtmauer, dem\nReisef\u00fchrer zufolge sogar die gr\u00f6\u00dfte in Mitteleuropa. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere\nF\u00fchrerin ist eine gro\u00dfe Lokalpatriotin und h\u00e4lt alles, was mit N\u00fcrnberg zu tun\nhat, f\u00fcr \u201eweltbekannt\u201c, auch die Bratwurst. Wie viele Menschen in Griechenland\noder Frankreich haben wohl schon mal von der N\u00fcrnberger Bratwurst geh\u00f6rt? <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem\nlohnt sich die F\u00fchrung, weil wir in Viertel der Altstadt kommen, in denen wir\nnoch gar nicht gewesen sind und weil wir ein paar Details verstehen, die wir\nbisher noch nicht verstanden haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr\ninteressant ist der Hinweis auf den Draht als eine der Quelle des Reichtums von\nN\u00fcrnberg. Hier wurde das Drahtziehen erfunden oder zumindest erfolgreich\npraktiziert. Das hatte die Produktion von Nadeln und N\u00e4geln, von Sieben und\nFingerh\u00fcten zur Folge und zieht sich hin bis zu N\u00fcrnberg als Waffenschmiede der\nNazis, was der wichtigste Grund f\u00fcr die Angriffe auf die Stadt am Ende des\nKrieges war. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen\nauf die Terrasse eines Caf\u00e9s am Marktplatz, eine gute Idee, denn von hier hat\nman aus etwas erh\u00f6hter Sicht einen guten Blick auf den Hauptmarkt. Es folgt\neine interessante Erkl\u00e4rung zu der wirklich ungew\u00f6hnlichen Gestalt der\nFrauenkirche. Sie war gar nicht als Kirche geplant, sondern sollte der\nDarstellung der Reichsinsignien dienen. Deshalb hat die Kirche auch einen\nBalkon. Der Bau wurde als eine Art kaiserlicher Kapelle von Kaiser Karl IV. gebaut,\nund das ist auch derjenige, der oben an der Fassade thront und um 12 Uhr\nmittags bei dem \u201eM\u00e4nnleinlaufen\u201c die Reverenz der sieben Kurf\u00fcrsten\nentgegennimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAusstattung der Frauenkirche hatte man w\u00e4hrend des Kriegs rechtzeitig in\nSicherheit gebracht, und zwar in einen Bierkeller. Der <em>Sch\u00f6ne Brunnen<\/em>,\nden man ja nicht so einfach abtransportieren konnte, wurde von einem\nBetonmantel umh\u00fcllt und \u00fcberstand den Krieg unbeschadet. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen zur Fleischbr\u00fccke. Ihr Name r\u00fchrt von den offenen B\u00e4nken f\u00fcr den\nFleischverkauf her, die hier im Mittelalter standen. Sp\u00e4ter wurde stattdessen\nein Fleischhaus errichtet. In dem durften aber nur N\u00fcrnberger Metzger arbeiten.\nDie ausw\u00e4rtigen standen am Ufer der Pegnitz und entsorgten Ged\u00e4rme und andere\nAbf\u00e4lle in den Fluss. Das sorgte f\u00fcr st\u00e4ndige Reibereien, denn die Abf\u00e4lle\nsetzten sich in den R\u00e4dern der M\u00fchle an der Pegnitz fest. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nFleischhaus wurde komplett zerst\u00f6rt, mit der Ausnahme eines Ochsenportals im\nRenaissancestil, das jetzt den Zugang zu dem schmalen Uferweg an der Pegnitz\nziert. Das Portal hat einen Ochsenkopf und eine lateinische Inschrift, die\nkeiner so richtig versteht. Es hei\u00dft, der Ochse sei nie Kalb gewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFleischbr\u00fccke stellt eine architektonische Besonderheit dar. Es gab immer\nwieder \u00dcberschwemmungen, bei denen die Str\u00f6mung die Pfeiler der Br\u00fccke\nbesch\u00e4digen und sie sogar zerst\u00f6ren konnte. Man brauchte also eine L\u00f6sung, eine\nBr\u00fccke ohne Pfeiler. Das alleine w\u00e4re noch nicht so schwer gewesen, aber die\nBr\u00fccke musste auch noch oben eine flache Kurve haben, damit die Pferdefuhrwerke\nsie passieren konnte. Es wurden tats\u00e4chlich eigens Baumeister aus Venedig (mit\ndem sich N\u00fcrnberg immer wieder austauschte, auch bei der Ausbildung von\nLehrlingen) rekrutiert, und die bauten eine solche Br\u00fccke nach dem Vorbild der\nRialto-Br\u00fccke in Venedig. Bei dem Bau wurden \u00fcber 2.000 Holzpf\u00e4hle in den\nFlussboden gerammt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen an der Pegnitz entlang zur Museumsbr\u00fccke. Der Anblick, den man von hier\nauf die Pegnitz und das Heilig-Geist-Spital hat, geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten von\nN\u00fcrnberg. Wir haben hier gestern schon Photos gemacht, ohne zu wissen, wo wir\nwaren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau\ndes Heilig-Geist-Spitals war eine architektonische Notl\u00f6sung, aber die hat\neinen besonderen \u00e4sthetischen Reiz. Weil der Baugrund an der Pegnitz zu sumpfig\nwar, \u00fcberbr\u00fcckte der Baumeister den Fluss mit einem Bogen, so dass das Geb\u00e4ude\nmit einem Fu\u00df am Ufer, mit dem anderen aber auf der Insel steht, wo der Grund\nfester ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nSpital war die Gr\u00fcndung eines der reichsten B\u00fcrgers N\u00fcrnbergs aus der Zeit. Er\nwar Schulthei\u00df und Bankier und glaubte, etwas f\u00fcr sein Seelenheil tun zu\nm\u00fcssen. Daher die Stiftung. Die k\u00fcmmerte sich um Alte, Bed\u00fcrftige und Kranke.\nMit Stolz wird darauf hingewiesen, dass das Spital bis heute in Betrieb ist,\nnicht mehr als Spital, sondern als Altersheim. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen zum Tr\u00f6delmarkt, einem Wohnviertel ohne gro\u00dfe Besonderheiten. Unsere\nF\u00fchrerin weist aber darauf hin, dass die alten H\u00e4user hier, wie \u00fcberall in\nN\u00fcrnberg, traufst\u00e4ndig stehen. Das diente dem Feuerschutz. Bei giebelst\u00e4ndigen\nH\u00e4usern ist die Gefahr gr\u00f6\u00dfer, dass das Feuer auf die Nachbarh\u00e4user \u00fcbergreift.\nSo besteht die Hoffnung, dass die brennenden Teile einfach auf die Stra\u00dfe\nfallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen zum Henkerturm, urspr\u00fcnglich ein Teil der Stadtmauer, der aber mit einer\nStadterweiterung seine Schutzfunktion verlor und dann zum Wohnhaus des Henkers\nwurde. Heute ist dort ein Museum zur Kriminalgeschichte der Stadt\nuntergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den\nHenkerssteg geht es auf die andere Seite. Dort steht das Unschlitthaus. <em>Unschlitt<\/em>\nist ein anderes Wort f\u00fcr <em>Talg<\/em>. Hier mussten die Metzger ihren Talg\nabgeben, der ein wichtiger Werkstoff war zur Herstellung von Wagenschmiere. Und\nBedarf daran gab es sicher reichlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen\nin die Wei\u00dfgerbergasse, einem der gut erhaltenen alten Handwerkerviertel\nN\u00fcrnbergs, mit sch\u00f6nen Fachwerkh\u00e4usern. Die H\u00e4user sind schmal, drei- bis\nviergeschossig, und geben noch einen Eindruck von dem Wohlstand der Wei\u00dfgerber.\nDie waren, im Gegensatz zu den Rotgerbern, die \u201efeineren\u201c Gerber. W\u00e4hrend die\nRotgerber S\u00e4ttel, Ranzen und Stiefel fertigten, machten die Wei\u00dfgerber\nHandschuhe, Buchdeckel und Etuibez\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen noch an einem Haus vorbei, das uns schon gestern aufgefallen ist. Es\ngilt als das \u00e4lteste B\u00fcrgerhaus N\u00fcrnbergs, aber wegen der modernen Einbauten,\nvor allem den v\u00f6llig unpassenden Fenstern, hat es keinen Charme. An der Fassade\neine Inschrift, die verr\u00e4t, wer hier alles \u00fcbernachtet hat: Kaiser Leopold II.,\nK\u00f6nig Ludwig I., K\u00f6nig Maximilian II., Metternich und nat\u00fcrlich Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unvermittelt\nstehen wir dann auf dem Platz vor St. Sebald. Die F\u00fchrerin erkl\u00e4rt die vielen\nSeitenportale der Kirche damit, dass so die Pilgerstr\u00f6me kanalisiert wurden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nPflaster des Platzes vor St. Sebald ist der Grundriss einer ehemaligen Kapelle\neingezeichnet, die hier wiederaufgebaut wurde, nachdem sie woanders abgebaut\nworden war. Um den Besuch der Kapelle attraktiver zu machen, baute man in einer\nNische eine Bratwurstbude ein. Die war dem Vernehmen nach jahrhundertelang in\nBetrieb. <\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcr\neine Pause. Beim Kaffee lassen wir die F\u00fchrung Revue passieren und machen uns\ndann noch einmal auf den Weg. Wir nehmen die Stra\u00dfenbahn, in dieselbe Richtung\nwie gestern zum Johannisfriedhof. Unsere Stra\u00dfenbahn ist ganz mit den Motiven\ndes FCN geschm\u00fcckt und, nat\u00fcrlich, in Schwarz und Rot gehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser Ziel sind zwei Barockg\u00e4rten, die sich hier, in einer ganz normalen Wohngegend, hinter den Eing\u00e4ngen verbergen. Vor allem beim ersten trauen wir uns kaum, das breite Eingangsportal zu \u00f6ffnen. Man hat das Gef\u00fchl, ein Privatgrundst\u00fcck zu betreten. Aber weit gefehlt, wir befinden uns wirklich in einem Barockgarten, ganz alleine, von der Au\u00dfenwelt durch das Tor abgeschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nG\u00e4rten haben ihren Ursprung in der Zeit, als der Platz innerhalb der Stadt\nenger wurde und wohlhabende Kaufleute sich hier vor den Toren der Stadt ihre\nG\u00e4rten anlegten, prachtvolle Zierg\u00e4rten nach italienischem Vorbild, mit\nBlumenbeeten, Hecken, Brunnen und Skulpturen, alles sehr symmetrisch angelegt.\nHier sind entlang der Beete die antiker G\u00f6tter aufgestellt aufgestellt, jeweils\nim Doppelpack, links und rechts der Beete. Merkur, Athene und Venus kann man\nganz gut identifizieren, bei den anderen m\u00fcsste man raten. Auf halben Weg gibt\nes einen kleinen Brunnen mit einer Amor-Statue. Besonders gespannt bin ich auf\ndie Darstellung der vier Jahreszeiten, aber die scheinen auf Heimaturlaub zu\nsein. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer\nEcke des Gartens h\u00f6rt man leise Stimmen, obwohl kein Mensch zu sehen ist. Die Stimmen\nkommen von der Terrasse einer Wohnung im ersten Stock. Von dort sieht man\ngleich auf den Garten hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas\noffener ist der Eingang zu dem zweiten Barockgarten, dem Hesperidengarten, ein\npaar H\u00e4userbl\u00f6cke weiter. Das hat seinen Grund: Hier gibt es einen Biergarten. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Garten gibt es auch G\u00f6tterstatuen, aber auch Putten und allerlei komische Figuren wie einen kleinen Mann, dessen Wams sich angesichts seines Bierbauchs spannt (ein Knopf ist schon aus dem Knopfloch gerutscht) oder einen Musikanten mit dicker Nase und verzogenem Mund. Dann kl\u00e4rt sich auch der Name Hesperidengarten. Der kommt von den Zitronen, besonders den Pomeranzen, die hier in N\u00fcrnberg angebaut wurden. Die wurden wegen ihrer gl\u00e4nzenden Farbe mit den goldenen \u00c4pfeln der Hesperiden aus der griechischen Mythologie gleichgesetzt. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\ngilt unser ganzes Interesse aber dem Biergarten. Leider sind drau\u00dfen alle\nPl\u00e4tze besetzt, aber drinnen ist es auch gem\u00fctlich, man sitzt in einem schmalen\nRaum mit niedriger Decke und allen m\u00f6glichen Dekorationen, einem Raum, dem man\nansieht, dass er einst ein ganz normaler Wohnraum war. Als wir bezahlen, fragt\ndie Chefin: \u201eMiteinander?\u201c Das ist wohl die fr\u00e4nkische Version von \u201eZusammen?\u201c.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren zur\u00fcck in die Altstadt und suchen die <em>Stra\u00dfe<\/em> <em>der\nMenschenrechte<\/em>. Die Suche erweist sich als etwas schwierig. Wir sehen\nunterwegs die etwas zu gro\u00df geratene Oper, ein Bau des Historismus, und kommen\ndurch eins der gro\u00dfen Stadttore. Dann sind wir endlich auf der <em>Stra\u00dfe der\nMenschenrechte<\/em>, einer schmalen Stra\u00dfe ohne Autoverkehr, die an der Front\ndes Nationalmuseums entlangf\u00fchrt. Hier sind 27 hohe, wei\u00dfe S\u00e4ulen aufgestellt,\neine nach der anderen, in Reihe und Glied. In jede S\u00e4ule ist ein Artikel aus\nden Menschenrechten der Vereinten Nationen eingeschrieben, in Deutsch und in\neiner weiteren Sprache, von Schwedisch und Portugiesisch bis zu Ketschua und Paschtu.\nWir machen uns einen Spa\u00df daraus, die Sprachen zu erkennen, sto\u00dfen aber dabei\nbald auf unsere Grenzen, zumal viele von ihnen unbekannte Schriften verwenden.\nDa wei\u00df man manchmal nicht einmal, ob die von links nach rechts oder von rechts\nnach links gelesen werden oder sogar von unten nach oben oder von oben nach\nunten. Eine Zahl an einer der S\u00e4ulen, mit arabischen Ziffern geschrieben,\nerinnert mich an etwas, was ich im Iran gelernt habe: Auch wenn von rechts nach\nlinks gelesen wird, wird die Zahl von links nach rechts gelesen, also wie bei\nuns. 15 ist hier also nicht 51, sondern 15.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen am \u201efalschen Ende\u201c raus, bei der ersten S\u00e4ule, die Jiddisch als Sprache\nhat, aber mit hebr\u00e4ischen Buchstaben geschrieben (der K\u00fcnstler ist Israeli) und\nkommen dann auf eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe, wo Jugendliche auf dem B\u00fcrgersteig mit dem\nSkateboard spielen. Der Himmel zieht sich zu, es wird Zeit, dass wir irgendwo\nUnterschlupf finden, aber hier in der Gegend finden wir kein passendes Lokal.\nH\u00f6chstens eins mit einem interessanten Namen: <em>Einfach so<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir noch an zwei Kirchen vorbei, die es Hermanita besonders angetan\nhaben und die sie sp\u00e4ter auf eigene Faust noch besuchen wird, St. Klara und St.\nMartha. Die wurde, nachdem sie alle Unbill der letzten Jahrhunderte \u00fcberstanden\nhatte, 2014 stark durch einen Brand zerst\u00f6rt. Nach der Reformation wurde die\nKirche geschlossen und f\u00fcr die Proben und Auff\u00fchrungen der Meisters\u00e4nger\ngenutzt. Die hie\u00dfen so, erf\u00e4hrt man hier, weil die meisten S\u00e4nger und Dichter\naus dem Handwerkerstand stammten. Wir gucken kurz rein, aber hier ist gerade\nein Gottesdienst zugange. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der\nanderen Kirche, St. Klara, sehen wir nur eine Plakette, die darauf hinweist,\ndass Caritas Pirckheimer, die Schwester von D\u00fcrers Freund, eine wehrhafte Frau,\ndiesem Kloster vorstand und es mit viel Mut gegen die aufkommende Reformation\nverteidigte. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nRegen fl\u00fcchten wir uns unter die Schirme des ersten besten Gasthauses. Es\nstellt sich heraus, dass es ein t\u00fcrkisches Lokal ist, <em>Bosporus<\/em>, wo es\nD\u00f6ner in allen Variationen gibt. Wir bekommen beide einen gro\u00dfen D\u00f6nerteller\nmit Reis. Hermanita das gewohnte Wei\u00dfbier, ich ein t\u00fcrkisches <em>Efes<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Am\nNebentisch trinken junge M\u00e4nner ein wei\u00dfes Getr\u00e4nk mit einer Schaumkrone oben\ndrauf. Wir fragen nach. Es ist Ayran. Dieses Lokal hat die Besonderheit, dass\ndas Getr\u00e4nk hier aufgesch\u00e4umt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>5.\nJuni (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nFr\u00fchst\u00fcck ist es heute viel leerer als gestern. Sind am Wochenende nicht so\nviele G\u00e4ste hier, oder stehen G\u00e4ste, die am Wochenende im Hotel sind, einfach\nsp\u00e4ter auf?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nfahren mit der Stra\u00dfenbahn Richtung Altstadt, durch Au\u00dfenviertel hindurch.\nHermanita glaubt, der Stra\u00dfenbahnfahrer fahre in die falsche Richtung. Ich kann\nsie gerade noch davon abhalten, nach vorne zu gehen und dem Fahrer zu sagen, er\nsolle umdrehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zum D\u00fcrerhaus kommen uns zwei junge Frauen mit Kinderwagen entgegen. Sie\nsehen, dass wir etwas unentschlossen an der Ecke stehen und sagen uns, da oben\ngebe es sch\u00f6ne G\u00e4rten, gleich unter der Burg. Eine von ihnen hat in Limerick\nstudiert, und wir tauschen uns kurz dar\u00fcber aus. Jetzt zeigen sie uns erst\neinmal den Weg zum D\u00fcrerhaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nsteht fast direkt unter der Burg, an der Ecke eines gr\u00f6\u00dferen, absch\u00fcssigen\nPlatzes mit Kopfsteinpflaster. An einem Ende des Platzes steht oben an der Ecke\neines historischen Hauses die Figur des Hl. Georg, mit voller R\u00fcstung und dem\nDrachen unter seinen F\u00fc\u00dfen. Der Hl. Georg war der Patron der Harnischmacher,\nund einem solchen geh\u00f6rte wohl fr\u00fcher das Haus. <\/p>\n\n\n\n<p>Davor\nauf dem Boden eine ganz merkw\u00fcrdige, dickliche Skulptur. Erst beim N\u00e4herkommen\nidentifiziert man D\u00fcrers Hase, aus der Ferne denkt man an ein viel gr\u00f6\u00dferes\nTier. Wenn man vor der Skulptur steht, sieht man, dass es eine H\u00e4sin ist und\ndiese H\u00e4sin unz\u00e4hlige Junge geworfen hat. Die Skulptur ist abgrundtief h\u00e4sslich,\ndie H\u00e4sin ist dicklich, mit einem unf\u00f6rmigen K\u00f6rper und geschwollenen Augen.\nDas hat vielleicht seinen Sinn, vielleicht ist es eine Anspielung auf die\n\u00fcbertriebene Verehrung D\u00fcrers oder auf die \u00fcberbordende Pr\u00e4senz des Hasen in\nder popul\u00e4ren Kunst. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\n\u00f6ffnet das D\u00fcrerhaus. Es hat den Krieg und die Jahrhunderte wie ein Wunder\n\u00fcberstanden. B\u00fcrgerh\u00e4user aus der Zeit findet man nur ganz selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten\nhat man etwas umgebaut, aber oben ist der Bau mehr oder weniger original\nerhalten, mit dunklen Holzdielen und Holzdecken. Originale Ausstattung ist aber\n\u00fcberhaupt keine mehr erhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcrers\nVater war Goldschmied, und D\u00fcrer ging auch erst bei ihm in die Lehre, wollte\ndann aber lieber Maler werden. Der Vater stimmte zu \u2013 begeistert war er\nwahrscheinlich nicht \u2013 und schickte ihn in die Werkstatt von Wohlgemut, der\nbesten der Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcrers\nVater war das Musterbeispiel f\u00fcr gelungene Integration. Er war aus Ungarn\neingewandert und wurde in N\u00fcrnberg zu einem renommierten Goldschmied.\nAllerdings stammt er vielleicht aus einer deutschen Minderheit in Ungarn. Das\nw\u00fcrde die Integration erleichtert haben und erkl\u00e4ren, dass sein Deutsch so gut\nwar. Er stammte aus einem ungarischen Dorf mit dem Namen <em>Atjos<\/em>. Das\nbedeutet \u201aT\u00fcr\u2018. Als er nach N\u00fcrnberg kam, war er der, der aus Atjos, also aus <em>T\u00fcr<\/em>\nkam \u2013 der &nbsp;<em>T\u00fcrer<\/em>. Da die Franken\nes nicht so mit den stimmlosen Konsonanten haben, wurde daraus <em>D\u00fcrer<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus\nist riesig, viel zu gro\u00df f\u00fcr ein kinderloses Ehepaar. D\u00fcrers Mutter lebte zwar\nnach dem Tod des Vaters hier, und das Haus war nicht nur Wohnhaus, sondern auch\nWerkstatt, aber selbst daf\u00fcr ist das Haus sehr gro\u00df geraten. D\u00fcrer besch\u00e4ftigte\nwohl auch Gesellen, aber er bildete keine Malerschule im engeren Sinne aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKinderlosigkeit des Ehepaars D\u00fcrers ist ein unaufgekl\u00e4rtes Geheimnis. Sie sei\nsicher nicht gewollt gewesen, hei\u00dft es hier. Damals war es einfach die Regel,\ndass man Kinder hatte. D\u00fcrers Mutter hatte 18 Schwangerschaften!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben ist\neine Druckerpresse ausgestellt, original nachgebaut. Sie steht daf\u00fcr, dass in\nD\u00fcrers Werk der Kupferstich und der Holzdruck mindestens so wichtig sind wie\ndas Gem\u00e4lde. Das war auch wirtschaftlich von Bedeutung. W\u00e4hrend man von einer\nVorlage viele Drucke machen konnte, gab es das Bild immer nur einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer\nAusstellung ist zu sehen, wie aufw\u00e4ndig und wie schwierig die Herstellung von\nFarben war. Es sind Substanzen ausgestellt, meist biologische, aus denen Farben\ngewonnen wurden: Saffran, Waid, Brasilholz, Insektenschalen, Aloe,\nWalnussschalen, Krappwurzel, Goldrute, Schildlaus. Es war nicht damit getan,\ndie Substanzen einfach zu haben, sie mussten erst zu Farben gemacht werden, und\ndaf\u00fcr gab es echt geniale L\u00f6sungen. Der Waid zum Beispiel, der F\u00e4rberwaid,\nmusste erst aus Th\u00fcringen importiert werden. Er wurde dann in Urin gelegt und\nmonatelang darin aufbewahrt. Wenn diese Menge dann mit Sonnenlicht in Ber\u00fchrung\nkam, wurde daraus blauer Farbstoff! <\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nDurchgang durch das Haus fragen wir uns, wie die R\u00e4ume wohl beheizt wurden. In\nder K\u00fcche ist ein gro\u00dfer Ofen, dar\u00fcber hinaus in einem weiteren Raum, wohl dem\nWohnzimmer, ein Kachelofen, aber wir sind uns nicht sicher, ob es damals schon\nKachel\u00f6fen gab. Wurde das ganze Haus von der K\u00fcche aus beheizt? Musste man in\nder Werkstatt in der K\u00e4lte arbeiten? <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nBesonderheit des Hauses ist ein Schacht. Hier befand sich fr\u00fcher der Abort, von\nD\u00fcrer gegen Ende seines Lebens, als er schon nicht mehr gut zu Fu\u00df war, hier\nrechtswidrig eingebaut, damit er nicht runter in den Hof musste. Die Stadt\nduldete stillschweigend das Vergehen seines gro\u00dfen Sohns. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der\nBesichtigung machen wir uns auf die Suche nach dem D\u00fcrer-Denkmal. Als wir es\nfinden, sehen wir St. Sebald vor uns. Das Denkmal steht nur wenige Meter die\nStra\u00dfe aufw\u00e4rts von der Stelle, wo gestern die Stadtf\u00fchrung endete. Wir fragen\nuns, warum es der Stadtf\u00fchrerin keine Erw\u00e4hnung wert war. Das Denkmal wurde\nanl\u00e4sslich des 300. Geburtstags D\u00fcrers 1828 gegossen, wurde aber nach langen\nQuerelen erst Jahre sp\u00e4ter aufgestellt. Zu dem Zeitpunkt konnte man in N\u00fcrnberg\nbereits in den Konditoreien Torten mit dem D\u00fcrer-Denkmal aus Zuckerguss kaufen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nStandbild ist das erste in Deutschland f\u00fcr einen bildenden K\u00fcnstler. D\u00fcrer\nsteht auf einem Podest, mit langem Haar und Bart und ist \u00e4lter, als man ihn\nsich vorstellt. Er sieht eher wie ein Herrscher als wie ein K\u00fcnstler, eher so,\nwie er selbst Karl den Gro\u00dfen dargestellt hat. Das Podest ist etwas zu hoch,\nwas er in der Hand h\u00e4lt, ist kaum zu erkennen, vielleicht Pinsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es noch zur <em>G\u00e4nsem\u00e4nnchenskulptur<\/em>, einer kleinen, unscheinbaren\nSkulptur, die man leicht \u00fcbersehen kann, hinter einem Gitter. Sie zeigt einen\nmodisch gekleideten Bauern mit zwei G\u00e4nsen auf dem Arm. Aus den Schn\u00e4beln der\nG\u00e4nse l\u00e4uft das Wasser in den Brunnen. Die Skulptur ist \u00e4lter, als man glauben sollte.\nSie stammt aus dem 16. Jahrhundert. Was bedeutend ist: Anstelle der damals\n\u00fcblichen Heiligen, Helden und Herrscher wird eine weltliche Figur dargestellt,\nund nicht etwa ein Ratsherr oder ein Kaufmann, sondern ein Bauer! <\/p>\n\n\n\n<p>Unser\nDurst nach Brunnen ist noch nicht gestillt, und von denen gibt es in N\u00fcrnberg eine\nganze Menge. Als n\u00e4chstes ist der <em>Tugendbrunnen<\/em> dran, gleich neben St.\nLorenz. Hier sind in der unteren Reihe allegorische Figuren aufgestellt, dar\u00fcber\nPutten mit Musikinstrumenten. Das Wasser flie\u00dft durch die Br\u00fcste der Figuren in\ndas Becken sowie durch die Posaunen der Musikanten. An der Schulter einer der\nFiguren h\u00e4ngt eine Putte, die der Figur auf die Brust dr\u00fcckt, damit ordentlich\nWasser herauskommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Figuren\nstehen f\u00fcr die Tugenden, drei christliche, drei weltliche, und sind mit ihren jeweiligen\nAttributen dargestellt: die Hoffnung mit dem Anker, der Glaube mit Kreuz und\nKelch, die Liebe mit zwei Kindern, die M\u00e4\u00dfigung mit dem Krug (in dem Wein und\nWasser gemischt wurden), die St\u00e4rke mit dem L\u00f6wen und die Geduld (die hier die\nKlugheit vertritt) mit dem Lamm. Irgendetwas stimmt hier nicht. Es gibt zwar\ndrei christliche, aber vier weltliche Tugenden. Wo ist die vierte geblieben?\nDie Antwort liegt in der Figur, die den Brunnen bekr\u00f6nt, ganz oben: die\nGerechtigkeit. Sie ist mit Schwert, Waage und Augenbinde dargestellt, und mit\neinem Kranich. Der steht f\u00fcr die Wachsamkeit.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen eine Kaffeepause und trennen uns dann, Hermanita Richtung <em>Turm der\nSinne<\/em>, ich Richtung Germanisches Nationalmuseum. Sie hat das schlechtere\nLos gezogen und kommt sp\u00e4ter entt\u00e4uscht und auch ver\u00e4rgert zur\u00fcck. Sie hat\nlange suchen und immer wieder die breite Stra\u00dfe au\u00dferhalb der Stadtmauern\n\u00fcberqueren m\u00fcssen. Nach langwieriger Suche kam sie dann vor verschlossene\nT\u00fcren, und am Telefon hie\u00df es, sie rufe au\u00dferhalb der \u00d6ffnungszeiten an. Was\nnicht stimmte. Dann \u00f6ffnete sich pl\u00f6tzlich die T\u00fcr. Eine Frau mit Kind kam\nheraus. Sie hatten den Turm besichtigt. Als Hermanita es jetzt versucht, fragt\nman sie, ob sie reserviert habe. Nein. Dann k\u00f6nne sie den Turm nicht\nbesichtigen. Von einer Reservierung war aber auf der Website nirgendwo die\nRede. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nmache mich auf den Weg Richtung s\u00fcdliche Altstadt. Dabei besorge ich mir \u201eDrei\nim Weckla\u201c, den klassischen N\u00fcrnberger Imbiss, drei Bratw\u00fcrste in einem Weck,\nalso einem Br\u00f6tchen. Die Bratw\u00fcrste sind so klein, dass sie komplett in dem\nBr\u00f6tchen verschwinden. Die g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung daf\u00fcr lautet, dass man das\nFastengebot in der Fastenzeit umging, indem man die W\u00fcrste im Weckla\nverschwinden lie\u00df.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zum Nationalmuseum passiere ich die Handelskammer, an deren Fassade der\nN\u00fcrnberger Kaufmannszug darstellt ist, ein Fresko, das zeigt, wie in fr\u00fcheren\nZeiten Handelswaren auf Pferdefuhrwerken nach N\u00fcrnberg kamen. Das Fresko geht\num die Ecke und findet auf der anderen Seite seine Fortsetzung. N\u00fcrnbergs\nReichtum lag im Handel begr\u00fcndet. Der zweite Pfeiler, auf dem N\u00fcrnbergs\nReichtum beruhte, war das Handwerk, und das Handwerk profitierte wiederum vom\nHandel. Mit der Landwirtschaft, hei\u00dft es, war es dagegen nicht weit her. Der\nBoden der Umgebung sei trocken, sandig und unfruchtbar. Dem scheint aber das\nAngebot auf dem Markt zu widersprechen, wo es frische Erdbeeren und frischen\nSpargel in gro\u00dfen Mengen gibt. Die stammen, wie man \u00fcberall lesen kann, aus dem\n\u201eKnoblauchsland\u201c. Der ungew\u00f6hnliche Name bezieht sich wohl auf die\nZwiebelzucht, die hier Tradition hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\npassiere ich noch das Nassauer Haus, den \u00e4ltesten Wohnturm N\u00fcrnbergs, mit\nsp\u00e4teren Ver\u00e4nderungen oben an der Fassade. Dort tritt aus der glatten Fassade\nein Erker heraus, das \u201eCh\u00f6rlein\u201c, so genannt, weil hier die Patrizierfamilien\nihre privaten Kapellen hatten. Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die Zeit: Das gesamte Geb\u00e4ude\nist aus Stein, nicht aus Fachwerk. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkomme ich bei der Suche nach dem Nationalmuseum noch an der Mauthalle vorbei.\nDort war das Zollamt der Reichsstadt untergebracht. Hier sieht man in aller\nDeutlichkeit das Wappen N\u00fcrnbergs, auf das wir in diesen Tagen so oft sto\u00dfen,\nein ungew\u00f6hnliches Wappen, das aus zwei abgeschnittenen H\u00e4lften zu bestehen\nscheint, einem halben Adler und sechs halben Streifen, der Adler in Schwarz,\ndie Streifen in Rot und Wei\u00df. Dieses Wappen bleibt mir ein R\u00e4tsel. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt das Nationalmuseum, mit dem Eingang an einer modernen Front, in der <em>Stra\u00dfe\nder Menschenrechte<\/em>, wo wir gestern schon waren. Das Germanische\nNationalmuseum ist das gr\u00f6\u00dfte Museum deutscher Kunst und Kultur, von\nvorgeschichtlicher Zeit bis zur Gegenwart. So ein Museum mit seinen unz\u00e4hligen\nR\u00e4umen und Exponaten ist nat\u00fcrlich \u00fcberw\u00e4ltigend, aber auch einsch\u00fcchternd. Da\nhilft nur eins: Mut zur L\u00fccke. Ich suche mir ein paar Highlights aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht\ngleich mit einem Paukenschlag los, dem Goldhut von Ezelsborg-Buch. Er stammt\naus dem 10. Jahrhundert vor Christus! Man w\u00fcrde als Laie nicht erkennen, dass\nes ein Hut ist, und es ist auch kein normaler Hut, sondern ein Zeremonienhut,\nvermutlich dem obersten Priester vorbehalten. Er hat die Form eines Kegels und\nist ungef\u00e4hr 90 Zentimeter hoch. Der Hut ist \u2013 unglaublich \u2013 aus einem St\u00fcck\nGold getrieben und feinstens verziert, mit Sonnensymbolen und achtspeichigen\nR\u00e4dern und quergestreiften Kegeln, die wie Miniaturen des Huts aussehen. Der\ngesamte Hut weist keine glatte Stelle auf. Sprachlos steht man vor der\nKunstfertigkeit der Menschen dieser fernen Zeit und ihrem Ehrgeiz, solche\nKunstwerke zu produzieren. In ihre Vorstellungswelt eindringen k\u00f6nnen wir\nnicht, aber wir k\u00f6nnen erahnen, welch magische Kraft die Sonne f\u00fcr sie gehabt\nhaben muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nWeg zum n\u00e4chsten Highlight \u00fcberspringe ich gleich mehrere Jahrhunderte und\nkomme in die fr\u00fche Neuzeit, zu Martin Behaims \u201eErdapfel\u201c. Es ist der \u00e4lteste\nerhaltene Globus der Welt! Er wurde kurz vor Kolumbus\u2018 erster Entdeckungsfahrt\ngefertigt und hat also nur drei Kontinente. Amerika fehlt. Europa ist ziemlich\nkorrekt dargestellt, obwohl das Mittelmeer zu gro\u00df geraten sind. Ein komplettes\nNetz aus L\u00e4ngengraden und Breitengraden fehlt noch, aber der \u00c4quator ist\ngekennzeichnet, und der Wendekreis des Krebses und der Wendekreis des Steinbocks\nsind es auch, mit gelben Linien. Die Arktis ist reine Imagination, die\nAntarktis, damals noch unbekannt, fehlt. Stattdessen erscheinen hier das Wappen\nvon N\u00fcrnberg und die Wappen von vier Patrizierfamilien. Die Meere und Ozeane\nerscheinen in tiefem Blau, au\u00dfer dem Roten Meer, das in Rot erscheint, die\nLandmassen in Braun, die W\u00e4lder in Gr\u00fcn, die Berge in r\u00f6tlichem Blau, das Eis\nin Wei\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben\nder Darstellung der Meere und der Landmassen gibt es eine Vielzahl von\nIllustrationen: gekr\u00f6nter K\u00f6nige, exotische Herrscher in Zelten, Heilige und\nMissionare, Marco Polo, zusammen mit seinem Vater und Onkel in der Bergen\nArmeniens, echte und erdachte Tiere. <\/p>\n\n\n\n<p>Behaim,\nder lange in Portugal gelebt hatte, ist nicht der Sch\u00f6pfer, sondern der\nAuftraggeber des Globus. Er war ein wohlhabender Tuchh\u00e4ndler. Vielleicht wollte\ner mit dem Globus Seereisen jenseits der bekannten Inseln initiieren. Der\nHandel mit Asien war durch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen\nschwer beeintr\u00e4chtigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt D\u00fcrer an die Reihe. Endlich mal ein Original von D\u00fcrer in N\u00fcrnberg! Es\nist ein Portr\u00e4t, das Portr\u00e4t seines fr\u00fcheren Meisters, Michael Wohlgemut. Nach\nWohlgemuts Tod kehrte das Bild in D\u00fcrers Besitz zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcrer hat\nseinen Meister so dargestellt, wie er ihn wohl aus der Werkstatt kannte, mit\neiner turbanartigen Kopfbedeckung, die beim Malen wohl die Haare besch\u00fctzen\nsollte. Es ist ein wohlgesinntes und dennoch realistisches Portr\u00e4t. Die Zeichen\ndes Alters, vor allem die Falten am Hals und die tief eingefallenen Augen, sind\nnicht zu \u00fcbersehen. Aber der Blick ist wach, lebendig, man sp\u00fcrt, dass trotz\ndes Alters die Schaffenskraft noch nicht nachgelassen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts\noben ist eine Inschrift D\u00fcrers angebracht, die verr\u00e4t, um wen es sich handelt\nund wann das Bild entstanden ist, 1516. Auch das Alter Wohlgemuts wird genannt,\n82. Aber man wei\u00df nicht, ob er 82 war, als das Portr\u00e4t entstand oder 82, als er\nverstarb. Die Inschrift benutzt keine lateinischen Buchstaben, sondern Fraktur.\nDas wird als Hinweis darauf verstanden, dass es sich um eine private Inschrift\nhandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch aus\ndieser Epoche, von 1503, stammt das <em>Schl\u00fcsselfelder Schiff<\/em>. Es ist ein\nTafelaufsatz, ein wahres Wunderwerk der Goldschmiedearbeit, mit dem der\nEigent\u00fcmer seinen Status und Reichtum repr\u00e4sentierte. Das Schiff ist ein dreimastiges\nHochseeschiff von dem damals verbreitetsten Typus. Der gesamte obere Teil ist\nabnehmbar, und das dann zum Vorschein kommende untere Teil kann als Karaffe\nverwendet werden. Immerhin zweieinhalb Liter passen hinein. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nallergr\u00f6\u00dfter Detailtreue wird das Schiff geradezu modellhaft dargestellt: das\nBug mit einem Drachen als Galionsfigur, das Heck mit einem beweglichen Steuerruder,\ndas Wappen der Familie Schl\u00fcsselfelder am Vordermast, Flaggen, Kanonen, Anker,\nStrickleitern, Einstiegsluken, drei Kr\u00e4hennester. Aber das ist noch nicht\nalles. Auf dem Schiff sind auch Figuren zu sehen, insgesamt 72, winzige, alle\nindividuell gestaltete Figuren. Die meisten sind Seeleute, aber es gibt auch\neinen Koch, zwei M\u00f6nche, eine Waschfrau, zwei Kartenspieler und ein Liebespaar!\nWahnsinn! <\/p>\n\n\n\n<p>Der\narchitektonische Kernteil des Museums ist ein ehemaliges Kart\u00e4userkloster. Um\ndessen Kreuzgang herum gruppieren sich die weiteren Teile des Museums. Der\nKreuzgang selbst ist auch sehenswert, hat eine besondere Atmosph\u00e4re, mit einem\nsch\u00f6nen Gew\u00f6lbe, sch\u00f6nen Ma\u00dfwerkfenstern zum Innenhof hinaus und sch\u00f6nen\nSchlusssteinen. Die Kart\u00e4userkl\u00f6ster hatten eine besondere Anordnung, die\nerkl\u00e4rt, warum der Kreuzgang so gro\u00df ist. Die M\u00f6nche lebten nicht in Zellen,\nsondern in H\u00e4usern. Jeder M\u00f6nch hatte sein eigenes kleines Geb\u00e4ude mit Wohn-\nund Arbeitsraum, Vorraum und Nebenkammer und einem dahinter liegenden kleinen\nGarten mit Abort. Die M\u00f6nchszellen waren durch eine T\u00fcr mit dem Kreuzgang, aber\nnicht untereinander verbunden. Die R\u00e4ume waren mit Arbeitstisch, Bett,\nBetnische, Kleiderschrank, Ofen und Esstisch ausgestattet. <\/p>\n\n\n\n<p>In\ndiesem Teil des Museums sind mittelalterliche Exponate ausgestellt, darunter\nein Abguss der Bronzet\u00fcr des Doms von Hildesheim, der Prunkdeckel eines\nEvangeliars aus Echternach, von Kaiserin Theophanu gestiftet, und drei sehr\nsch\u00f6n nebeneinander auf einer kahlen Wand pr\u00e4sentierte Kruzifixe. Sie repr\u00e4sentieren\ndrei verschiede Formen der Darstellung des Kreuzestods, denn Kruzifix ist nicht\ngleich Kruzifix, es gibt viele Variationen: Ist der Oberk\u00f6rper aufrecht oder\ngebeugt, ist der Mund geschlossen oder ge\u00f6ffnet, wie deutlich sind die Wunden\nzu sehen, sind drei oder vier N\u00e4gel in das Kreuz geschlagen, ist Christus mit\noder ohne Dornenkrone dargestellt? Hier ist jedes der drei Kreuze auf seine Art\nbeeindruckend. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann\ngeht es zur\u00fcck in die Stadt. Wir treffen uns in St. Sebald, genau rechtzeitig,\num an einer kleinen F\u00fchrung teilzunehmen. Eine kleine, \u00e4ltere Dame zeigt uns\nein paar der Besonderheiten der Kirche. Keine systematische F\u00fchrung, aber sie\nmacht das gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Es\nbeginnt mit einem Blick zur\u00fcck, von der ersten Bank des Langhauses aus. Das\nlohnt sich. Erstens ist der Blick nach hinten sch\u00f6n, zweitens verr\u00e4t er etwas\nvon der Baugeschichte der Kirche. Hier ist alles romanisch, mit runden\nFenstern. Urspr\u00fcnglich endete die Kirche da, wo wir sitzen. Dann, als der\nPilgerstrom immer mehr zunahm, verl\u00e4ngerte man die Kirche nach Osten hin und\nbaute den hochgotischen Chor. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man\nsieht hier auch, dass der Chor etwas verzogen ist, nicht ganz gerade verl\u00e4uft.\nUnsere F\u00fchrerin bietet hierf\u00fcr eine abenteuerliche Erkl\u00e4rung an. Es sei den\nBaumeistern darum gegangen, dass man von hinten eins der Glasfenster des Chors\nnicht so gut sehen konnte, weil das ein ungeliebtes Motiv aufwies. Das kann ich\nmir im Leben nicht vorstellen. Es war vermutlich ganz einfach ein Fehler in der\nBauplanung oder in der Ausf\u00fchrung. Ich sto\u00dfe nicht zum ersten Mal darauf, kann\nmich unter anderem an die Pfarrkirche in Stratford erinnern, wo das auch so\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAusstattung der Kirche ist gut erhalten. Das liegt auch daran, dass, wie unsere\nF\u00fchrerin erkl\u00e4rt, es schon 1938 die ersten Verordnungen gegeben hat, man solle\nKunstsch\u00e4tze in Sicherheit bringen. 1938? Wenn das stimmt, dann wusste man in\nbestimmten Kreisen schon fr\u00fch, dass es Krieg geben w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Dame\nf\u00fchrt uns zu einer Steinfigur im n\u00f6rdlichen Seitenschiff. Das ist der <em>F\u00fcrst\nder Welt<\/em>. Von vorne blickt er der Welt mit einem jugendlichen, etwas\nselbstzufriedenen L\u00e4cheln entgegen. Die Besonderheit der Skulptur erweist sich\naber erst, wenn man sie von hinten ansieht: Die Haut ist abgezogen, und in dem\nzerfressenen K\u00f6rper wimmelt es von allerhand Getier: Kr\u00f6ten und Schlangen und\nK\u00e4fer. Ein wirkm\u00e4chtiges Bild f\u00fcr den menschlichen Charakter, f\u00fcr den Kontrast\nvon Innen und Au\u00dfen, von Schein und Sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen wieder ins Mittelschiff. An den beiden Pfeilern am Eingang zum Chor stehen\nsich zwei Madonnenstatuen gegen\u00fcber, beide mit Kind. Eine Strahlenkranzmadonna\nund die (etwas \u00e4ltere) Madonna der Familie Schatz. Bei der hat das Christuskind\ndie Beine gekreuzt. Das wird als Verweis auf den sp\u00e4teren Tod am Kreuz\ngedeutet. Bei der Strahlenkranzmadonna wird Maria, von himmlischen Strahlen\numgeben, von Engeln auf der Mondsichel getragen. Die ist ein Hinweis auf die\nunbefleckte Empf\u00e4ngnis. Eine der Madonnen h\u00e4lt einen Granatapfel in der Hand,\nein traditionelles Symbol f\u00fcr Fruchtbarkeit, die andere, der F\u00fchrerin zufolge,\neine Birne! Noch nie gesehen. Ist es nicht eher ein Apfel? Hermanita meint auf\njeden Fall, dass es wie eine Birne aussieht. <\/p>\n\n\n\n<p>An der\nSchnittstelle zwischen Langhaus und Chor h\u00e4ngt ein Hochkreuz, ein Kruzifix von\nVeit Sto\u00df, flankiert von den etwas j\u00fcngeren Figuren von Maria und Johannes.\nJohannes sieht so aus, als w\u00fcrde er sich mit dem Zipfel seines Gewands die\nTr\u00e4nen abtrocknen. Die beiden H\u00e4nde von Maria sind ganz unterschiedlich\ngestaltet: Die eine Hand ist verkrampft, die andere gel\u00f6st. Das spiegelt ihren\nSeelenzustand wider, die Zerrissenheit zwischen Trauer und Verzweiflung\neinerseits und Hoffnung auf Erl\u00f6sung andererseits. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem\nKruzifix verzichtet Sto\u00df auf die drastische Darstellung des Leidens und zeigt\nstattdessen einen sch\u00f6nen, anatomisch korrekt erfassten K\u00f6rper. Das kunstvoll\ngeschlungene Lendentuch ist eins seiner Markenzeichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir zum Sebaldschrein, einem Hauptwerk der deutschen Skulptur der Zeit\ndes \u00dcbergangs zwischen Gotik und Renaissance, dem kleinen Bruder des\nDreik\u00f6nigschreins in K\u00f6ln. Aber hier gibt es keine Schranken. Man kann so nah an\nden Schrein rangehen, wie man will und alle Details erkennen. Das lohnt\nsich.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>In dem\nSchrein liegen die Gebeine des Hl. Sebald, dem Patron der Kirche (und der\nStadt). Der ist ein sehr seltener Kirchenpatron. Er und seine Reliquien kamen\nden N\u00fcrnbergern damals aber sehr zupass. Die Reliquien brachten Pilger nach\nN\u00fcrnberg, und die Pilger brachten Leben und Geld in die Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGebeine ruhen in einem silbernen, gepunzten Schrein, auf dem man das Wappen\nN\u00fcrnbergs sieht, ein Hinweis darauf, dass Sebald der Stadt \u201egeh\u00f6rt\u201c. Zum Schutz\ndes Schreins lie\u00df der Rat der Stadt ein architektonisches Geh\u00e4use aus Bronze anfertigen,\ndas dem Schrein umschlie\u00dft, aber durch das man auf den Schrein blicken kann. Dieses\nGeh\u00e4use ist Meisterwerk der Gie\u00dfkunst, von Peter Fischer geschaffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst bei\nn\u00e4herem Hinsehen bemerkt man die zw\u00f6lf Schnecken, jede anders als die andere, auf\ndenen das Geh\u00e4use ruht. Sie stehen f\u00fcr die zw\u00f6lf Apostel. Die selbst sind auch\nals vollplastische Figuren dargestellt, ebenso wie der Hl. Sebald sowie\nPropheten, Putten und musizierende Engel. Daneben sind auch \u2013 erstaunlich bei\neinem Heiligengrab \u2013 nackte M\u00e4nnergestalten vertreten, die Helden der\nklassischen Antike wie Herkules darstellen. Au\u00dferdem gibt es antike G\u00f6tter und\nweibliche Tugendgestalten. Das ist wahrlich ein humanistisches Programm, ganz\ndem Geist der Renaissance verpflichtet. Und am Ende entdeckt man, an der\nSchmalseite, das vollplastische Portr\u00e4t des K\u00fcnstlers selbst, ein untr\u00fcgliches\nKennzeichen f\u00fcr das wachsende Selbstverst\u00e4ndnis des K\u00fcnstlers am Beginn der\nNeuzeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nhinten im Chorumgang gibt es noch was zu entdecken. Dort ist eine sch\u00f6n\nverzierte T\u00fcr in die Wand eingelassen. Die war mir dieser Tag bei unserem\nBlitzbesuch schon aufgefallen. Es ist die T\u00fcr eines Sakramentsh\u00e4uschens. Dass\ndas \u00fcberhaupt die Reformation \u00fcberstanden hat, ist ein Zeichen f\u00fcr den \u00e4u\u00dferst\npfleglichen Umgang der Stadt N\u00fcrnberg mit den Sch\u00e4tzen aus der Zeit vor der\nReformation. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts\ndavon befindet sich ein dreiteiliges Sandsteinrelief, von Veit Sto\u00df. Jedes\nRelief ist aus einem Block herausgearbeitet, ganz tief in die Wand\neingearbeitet. Auch dieses Relief war mir dieser Tage aufgefallen. Man erkennt\nrechts die Gefangennahme und im Zentrum die \u00d6lbergszene, aber dass die Szene\nlinks auch biblisch ist, das w\u00fcrde man nicht meinen. Man glaubt eher, eine\nWirthausszene aus N\u00fcrnberg vor sich zu haben und kein Abendmahl. Anstelle von\nAposteln glaubt man N\u00fcrnberger Patrizier vor sich zu haben. Auch die Humpen,\naus denen sie trinken, sehen nicht nach Altertum und nach Pal\u00e4stina aus. Auffallend\nsind in allen drei Reliefs die dicht aneinandergedr\u00e4ngten Figuren, lebensnah\ndargestellt, mit ausdrucksvoller Mimik und Gestik. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind\nfroh, die F\u00fchrung mitgemacht zu haben, aber durstig und ersch\u00f6pft. Wir peilen\ndie n\u00e4chstgelegene Gastst\u00e4tte an, das <em>Goldene Posthorn<\/em>. In der Sonne\ngenie\u00dfen wir Wei\u00dfbier und Rotbier. Das ist ein typisch fr\u00e4nkisches Bier,\noberg\u00e4rig. Es ist von den Bieren, die ich bisher hier probiert habe, das\nschmackhafteste. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem\nAbendessen f\u00fchrt mich Hermanita noch mit sicherem Instinkt zu einem Platz in\nder N\u00e4he des Unschlitthauses. Hier gibt es n\u00e4mlich eine Stelle, die ich noch\nunbedingt sehen wollte, die Stelle, wo im Mai 1828 Kaspar Hauser zum ersten Mal\ngesehen und von einem N\u00fcrnberger B\u00fcrger angesprochen wurde. Der ruhige Platz\nabseits der Touristenstr\u00f6me l\u00e4sst noch ein bisschen die Atmosph\u00e4re der Zeit\nerahnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommen wir noch an der Katharinenkirche vorbei. Auf dem Weg dahin passieren wir\neine Stra\u00dfe mit dem Namen <em>Wespennest<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKatharinenkirche ist Relikt eines ehemaligen, l\u00e4ngst aufgel\u00f6sten Klosters. Man\nhat sie nach dem Krieg als Ruine stehen lassen. Die Kirche wurde fr\u00fcher als\nVersammlungsraum von den Meistersingern genutzt. Heute dient sie als Ort f\u00fcr\nOpen-Air-Konzerte. Vorne im Chor ist eine B\u00fchne aufgebaut. Die beeintr\u00e4chtigt\nein bisschen den Anblick. Sehr sch\u00f6n die schlanken, gotischen Fenster und der\nblaue Himmel dahinter. Es ist sommerlich warm, und es f\u00fchlt sich immer noch\nnach Mittag an. Aber der Abend ist schon angebrochen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll ohne\nweitere Umwege zum Abendessen gehen, aber ein Umweg bleibt uns nicht erspart.\nWir suchen nach einem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokal, nur um herauszufinden,\ndass das samstags geschlossen ist. Wir gehen zur\u00fcck Richtung Bahnhof und\nfinden, noch innerhalb der Stadtmauern, den <em>Paulaner Hof<\/em>. Dort gibt es\nPlatz unter Sonnenschirmen und eine sehr freundliche Bedienung. Die ist auch\nziemlich h\u00fcbsch, so sehr, dass sie von einem Holl\u00e4nder am Nebentisch in\nGegenwart seiner Freundin gefragt wird, ob sie nicht nach der Arbeit mit ihnen\nausgehen wolle. Aber sie arbeitet bis Mitternacht und f\u00e4ngt um 7.30 am n\u00e4chsten\nTag wieder an. Hermanita und ich diskutieren noch, ob sie, blond, mit Dirndl,\nhochgestecktem Haar, etwas f\u00fcllig, sch\u00f6ner ist als ihre Kollegin, dunkel\ngekleidet, schlanker, mit luftigem, wie frisch gef\u00f6hnt wirkendem Haar, aber wir\nk\u00f6nnen uns nicht einigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nwenden wir uns aber schnell dem Essen zu. Diesmal tue ich es nicht unter drei\nG\u00e4ngen, und die Kasse von Hermanita wird noch mehr geschr\u00f6pft als in den Tagen\nzuvor. Sie bekommt ein ordentliches Schnitzel, das aber kein Leckerbissen ist,\nund dazu warmen Kartoffelsalat, aber der bleibt hinter dem Standard des von der\nSchwiegermutter gemachten Kartoffelsalats zur\u00fcck. Ich nehme ein Gericht, das anders\nhei\u00dft, aber letztlich eine Variation des Sch\u00e4ufele von vorgestern ist. Es ist\nein einziger Genuss, das beste Essen dieser Tage. Dazu gibt es Frankenwein, in\nzwei Varianten. Der schmeckt gut, ist leicht, nicht so trocken, wie man ihn\nsich vorstellt. <em>Frankenwein \u2013 Krankenwein<\/em> trifft hier nicht zu.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Gut\nges\u00e4ttigt geht es ins Hotel zur\u00fcck. Als es am n\u00e4chsten Tag, genau in dem\nMoment, wo wir in den Zug sitzen, zu regnen anf\u00e4ngt, haben wir endg\u00fcltig das\nGef\u00fchl, alles richtig gemacht zu haben mit unserer Fahrt nach N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. 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