{"id":11376,"date":"2022-10-09T07:01:42","date_gmt":"2022-10-09T05:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11376"},"modified":"2022-10-15T20:03:38","modified_gmt":"2022-10-15T18:03:38","slug":"lissabon-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11376","title":{"rendered":"Lissabon (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>2. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen bewundere ich die Geduld, mit der\neinige V\u00e4ter ihre quengelnden und pl\u00e4rrenden Kinder mit Fragen und Hinweisen\nablenken und beruhigen: \u201eGuck mal da, unser Flugzeug!\u201c \u2013 \u201eWas macht der Mann\nda?\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Tag des Wartens, Warten auf den\nTransfer zum Flughafen (der versp\u00e4tet eintrifft), Warten beim Check-in (nur ein\nSchalter besetzt), Warten in der Schlange bei der Gep\u00e4ckkontrolle, Warten auf\nden Abflug (der sich versp\u00e4tet) und dann Warten auf den Koffer (der als\nvorletzter kommt, zusammen mit dem einer portugiesischen Familie, nachdem wir\nschon eine ganze Weile an dem leer kreidenden Gep\u00e4ckband gestanden hatten). <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende geht aber alles gut. Das erste Wort, das\nich aufschnappe, ist <em>tapete<\/em>. So hei\u00dfen\ndie Gep\u00e4ckb\u00e4nder am Flughafen. Das zweite ist <em>giro<\/em>. Das sagt die junge Frau, Helena, die mich zur Unterkunft\nbringt. Ein umgangssprachliches Wort f\u00fcr \u201asch\u00f6n\u2018. Das erste Wort, das mir\nfehlt, ist <em>merken<\/em> in <em>Das habe ich nicht gemerkt<\/em>. Das m\u00fcsste\nich kennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Helena fragt mich nach meinen vorherigen Reisen\nnach Portugal und freut sich vor allem, dass ich Tomar kenne. Sie hat dort ein\nFerienhaus. Das Wetter ist sommerlich und soll es auch bleiben, zumindest f\u00fcr\ndie erste Woche. Das ist eine Wohltat nach dem grauen, verregneten Tag in der\nHeimat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft ist bei einer \u00e4lteren Dame,\nMargarida, in einer kleinen Wohnung, wohl n\u00f6rdlich vom Zentrum gelegen. Zur\nSchule soll man zu Fu\u00df gehen k\u00f6nnen. Margaridas Erkl\u00e4rungen kann ich alle gut\nverstehen. Sie hat Erfahrung im Umgang mit Ausl\u00e4ndern. Ihre Tochter ist mit\neinem Deutschen verheiratet und lebt in Dresden. Wohin sie jedes Jahr reist, um\nWeihnachten mit der Familie zu verbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit wird von den Wahlen\nin Brasilien in Anspruch genommen. Lula oder Bolsonaro? Nach den ersten\nErgebnissen sieht es so aus, als w\u00fcrde ich die Stichwahl in Brasilien an Ort\nund Stelle mitbekommen. Bolsonaros zweiter Vorname ist Messias. Passt. <\/p>\n\n\n\n<p>3. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. Oktober 1932, heute vor 90 Jahren, erschien\ndie <em>Times<\/em> in einem neuen Gewand, in\neiner neuen Schriftart, nicht mehr in <em>Times\nOld Roman<\/em>, sondern in <em>Times New Roman<\/em>.\nDas bedeutete das Ende der Frakturschrift. Und das Ende des Punktes, der als\nAbschluss des Titels bis dahin ein Markenzeichen der <em>Times<\/em> war. In Deutschland wurde die Frakturschrift noch lange\nverwendet, sie war weitgehend unumstritten. Nur die Nazis sahen das anders.\nAuch wenn es bei ihnen unterschiedliche Str\u00f6mungen gab, eins ist klar: Hitler\nlehnte die Fraktur entschieden ab, sie erschien ihm r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt. Ob das\ndie Neonazis wissen, die gerne ihre Schriftz\u00fcge in Fraktur pr\u00e4sentieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt e nat\u00fcrlich die ber\u00fchmte <em>marmelada<\/em>, die Quittenmarmelade, die der\nNamensgeber unserer Marmelade ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage Margarida nach ihren Enkeln und ob sie\nzweisprachig seien. Daraufhin bekomme ich eine Antwort, die f\u00fcr die Omas dieser\nWelt stellvertretend f\u00fcr die Omas dieser Welt steht. \u201eNein, nicht zweisprachig.\nViersprachig.\u201c Sie lernen Englisch und Franz\u00f6sisch in der Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich zu Fu\u00df auf den Weg zur Schule. In\nden Caf\u00e9s sitzen Leute beim Fr\u00fchst\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fchrt an einer mehrspurigen, vielbefahrenen,\nlauten Stra\u00dfe entlang, der Avenida da Rep\u00fablica. Hochh\u00e4user aller Art zu beiden\nSeiten der Stra\u00dfe, gesichtslose Kl\u00f6tze. Alles wirkt etwas zuf\u00e4llig, nicht das\nResultat einer Stadtplanung. Zwischendurch stehen an Kreuzungen immer wieder\nmal niedrigere H\u00e4user, die man grob gesagt dem Jugendstil zuordnen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist es hier nicht, und ich w\u00fcrde gerne\neinmal die Frau hier entlang f\u00fchren, die Frau, die einem Buch f\u00fcr\nPortugiesisch-Lerner Lissabon als \u201edie sch\u00f6nste Stadt der Welt\u201c (ein ziemlich\nidiotisches Attribut) bezeichnet. Den ganzen Tag \u00fcber, wohin ich auch komme,\nmerke ich, dass dies ein ganz anderes Lissabon ist als das, was ich von meinem\nersten Besuch kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Lokal vorbei, das <em>Oi <\/em>hei\u00dft, die brasilianische Form der\nBegr\u00fc\u00dfung. Hier gibt es <em>Rodizio<\/em>, auch\ntypisch brasilianisch. Dabei gibt es mehrere G\u00e4nge mit Fleisch und Gem\u00fcse vom\nGrill. Die brasilianische Vermieterin in Faro hat davon geschw\u00e4rmt, aber ich\nhabe es nie probiert. W\u00f6rtlich bedeutet <em>rodizio<\/em>\n\u201aDrehung\u2018, also dasselbe wie <em>gyros<\/em>\nund <em>d\u00f6ner<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Links kommt die Stierkampfarena, im typischen\nMud\u00e9jar-Stil erbaut, und sp\u00e4ter rechts die <em>Maternidad<\/em>,\neine riesige Geburtsklinik. Irgendwo sehe ich ein modernes B\u00fcrogeb\u00e4ude, das an\nder Ecke von einer \u00fcberdimensionalen Hand gest\u00fctzt wird. Hier ist die Skulptur\nin die Architektur integriert. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann, als ich nach Saldanha komme, wird es etwas\nschwierig und ich muss mehrmals fragen. Dabei f\u00e4llt mir auf, dass der Eigenname\nin dem Stra\u00dfennamen, <em>R\u00faa do<\/em> <em>Actor Taborda<\/em>, von den Portugiesen wie <em>Taborde<\/em> ausgesprochen wird. Bei der\nSuche erweist sich vor allem ein Mann sehr hilfsbereit, dem der Name der Stra\u00dfe\nirgendwie bekannt vorkommt, sie aber nicht verorten kann. Dann f\u00e4llt es ihm\nirgendwann ein. Ich muss auf die andere Stra\u00dfenseite. Er wiederholt seine\nErkl\u00e4rung noch einmal und fasst mich dabei an den Arm, so als wolle er sagen,\ndu kriegst das schon hin. Seine Erkl\u00e4rung erweist sich als goldrichtig, und ich\nbin Punkt 9 an der Schule. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ist im dritten Stock eines alten Geb\u00e4udes\nuntergebracht, mit einer schweren vergitterten Eingangst\u00fcr. Die Begr\u00fc\u00dfung ist\nnicht sonderlich freundlich, es geht hier eher gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig her. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde zum Einstufungstest in einen kleinen\nRaum gef\u00fchrt, wo schon drei andere sitzen, eine \u00d6sterreicherin, ein Schweizer\nund ein Belgier, der in Mosambik lebt. Der Test ist ganz gut, es gibt eine\nSparte zur Grammatik, eine zur Lexis und eine zum Leseverst\u00e4ndnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Es kommen alle m\u00f6glichen Klassiker vor wie <em>esquisito<\/em>, eine Falle, denn das bedeutet\n\u201aeigenartig\u2018,&nbsp; \u201amerkw\u00fcrdig\u2018. Dann\nVerbformen wie <em>vinham<\/em>, <em>viram<\/em>, <em>vieram<\/em>, die man immer durcheinanderwirft. Und die Personalpronomina\nund wo sie \u00fcberall auftauchen. Im Nachhinein wird mir klar, dass ich <em>mas<\/em> und <em>m\u00e1s<\/em> verwechselt habe. Dabei habe ich <em>mas<\/em> schon Hunderte, vielleicht Tausende von Malen gelesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Test wird man kommentarlos in einen\nUnterrichtsraum gef\u00fchrt. Es gibt kein Feedback zu dem Test. Man w\u00fcsste schon\ngerne, in welchen Bereichen man wie abgeschnitten hat. Das Niveau ist B1, das\nunvermeidliche B1.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde zusammen mit dem Schweizer, einem\nJuristen, in einen Unterrichtsraum gef\u00fchrt. Dort begr\u00fc\u00dft uns der Lehrer, ein\n\u00e4lterer Herr. Au\u00dfer uns beiden ist hier nur eine weitere Sch\u00fclerin, ein junge\nSpanierin. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterricht best\u00e4tigt die schlechten\nErfahrungen aus Faro. Damals hie\u00df es, das sei etwas ungl\u00fccklich gewesen, es\nfehlten Lehrer, man habe Ersatz rekrutieren m\u00fcssen. Aber hier ist es genauso:\ngrammatiklastig, kleinteilig, wenig kommunikativ, ohne den Versuch,\nFertigkeiten auszubilden, nicht ein Wort zu Aussprache oder Intonation. Es gibt\neinen guten H\u00f6rverst\u00e4ndnistext. Aber statt den zum H\u00f6rverst\u00e4ndnis zu nutzen,\nwird wieder nur auf die Grammatik geguckt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Pause gehe ich unten in eine Bar. Dort\nbekommt man einen ausgezeichneten Kaffee und ein <em>Pastel de nata<\/em>, f\u00fcr 2,50 \u20ac. Zusammen!<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber der Schule befindet sich ein Lokal: <em>Restaurante do tasca careca<\/em>. Was das\nwohl bedeutet?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht setze ich mich in einen leeren\nRaum, um die Hausaufgaben zu machen (Grammatik\u00fcbungen, was sonst?). Dann werde\nich von einer unfreundlichen Frau hinausgeworfen: \u201eThis is the teachers\u2018 room\u201c.\nErstens konnte ich das nicht wissen niemand hat uns durch das Labyrinth gef\u00fchrt,\nzweitens h\u00e4tte es auch etwas freundlicher sein k\u00f6nnen und drittens war ja\nkeiner da, den ich h\u00e4tte st\u00f6ren k\u00f6nnen. Am Ende weist mir der junge Mann an der\nRezeption, Diogo, einen Unterrichtsraum zu. Der sei 45 Minuten lang frei. Er\nerkl\u00e4rt mir anschlie\u00dfend auch gleich den Weg zum Botanischen Garten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Weg dorthin ist f\u00fcr mich unbekanntes\nLissabon. Ich bin immer noch ein ganzes St\u00fcck n\u00f6rdlich des Zentrums und des\nViertels, in dem damals mein Hotel war. Wieder geht es an einer Avenida\nentlang. Ich bin schon auf dem richtigen Weg, Richtung Pombal, lasse mich aber\nvon einem Schild ablenken und gerate in ein anderes Viertel. Dort komme ich an\nder Kolumbianischen Botschaft vorbei. In einem gro\u00dfen Bogen geht es dann\nzur\u00fcck, ich habe schon fast wieder die Orientierung verloren. Vor einem Tunnel\ntreffen ein modernes B\u00fcrogeb\u00e4ude mit einer gl\u00e4sernen Fassade und ein\nverfallenes Wohngeb\u00e4ude mit zugemauerter T\u00fcr, abbl\u00e4tternder Fassade und\nzerborstenen Fenstergl\u00e4sern aufeinander. Die Stelle, wo sie aufeinandertreffen,\nwird von einem hohen, schlanken Kaktus markiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich wieder auf die Avenida und zu Pombal.\nIn der Mitte steht auf einer hohen S\u00e4ule der Marqu\u00eas &nbsp;de Pombal, der umstrittene, rastlose,\neigenwillige, aufgekl\u00e4rte Reformer, der den Wiederaufbau Lissabons nach dem\nErdbeben praktisch im Alleingang organisierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es weiter \u00fcber die Avenida da\nLibertade. Je weiter nach S\u00fcden man kommt, umso angenehmer wird es. Hier geht\nder Fu\u00dfweg unter B\u00e4umen her und es gibt ein paar sch\u00f6nere Geb\u00e4ude zu sehen. Ich\nkomme an einer modernen Skulptur vorbei, schwarz, vermutlich Eisen, hoch, die\nnur aus Kugeln und gedrechselten B\u00e4ndern besteht, die die Kugeln miteinander\nverbinden. Zuerst sieht es nach reiner Abstraktion aus, dann glaube ich, einen\nMenschen zu erkennen und, dann, mit ein paar Metern Abstand, verstehe ich, was\ngemeint ist: Es ist eine Menschenpyramide. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es von der Avenida ab und steil eine\nStra\u00dfe rauf. Es ist ziemlich m\u00fchsam, und man hat mit der Hitze zu k\u00e4mpfen. Es\nist wie im Hochsommer. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt in ein Viertel mit verschiedenen Museen\nund einer Art Fachschule f\u00fcr Design. Dann geht es \u00fcber eine gesch\u00e4ftige kleine\nStra\u00dfe, wo man das Gef\u00fchl hat, in einem authentischen Wohnviertel f\u00fcr\nLissaboner zu sein. An dieser Stra\u00dfe liegt der Botanische Garten. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann in dem B\u00fcdchen, wo man die\nEintrittskarten kauft (5 Euro) bem\u00fcht sich erst gar nicht, freundlich zu sein.\nIrgendetwas will er damit wahrscheinlich demonstrieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Botanische Garten hat B\u00e4ume aus aller Herren\nL\u00e4nder, von Mikronesien bis Mexiko, von Persien bis Taiwan. Am besten vertreten\nsind Kakteen und Palmen. Die gibt es beiden in allen erdenklichen Formen und\nGr\u00f6\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gel\u00e4nde ist absch\u00fcssig und der Boden steinig.\nZiemlich erm\u00fcdend. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den B\u00e4umen sind ein paar k\u00fcnstliche\nT\u00fcmpel angelegt. Da verleiht dem Ganzen etwas Atmosph\u00e4re.&nbsp; Es gibt nur einen bl\u00fchenden Baum, der aber in\nverschiedenen Exemplaren vertreten ist, mit gro\u00dfen, sch\u00f6nen Bl\u00fcten in Wei\u00dfrosa.\nAn einem Baum sieht man Fr\u00fcchte. Die sehen aus wie k\u00fcnstliche, aus Holz\ngefertigte Erdbeeren. Der auff\u00e4lligste Baum ist <em>Dracaena<\/em> <em>Draco<\/em>, aus\nMadeira stammend, ein Baum, der statt in die H\u00f6he in die Breite zu wachsen\nscheint. Unten, unter dem Dach, bilden sich neue \u00c4ste aus. Der Baum w\u00e4chst\nlangsam und kann Hunderte von Jahren alt werden. Sein Harz, \u201eDrachenblut\u201c, wird\nseit Jahrhunderten zum F\u00e4rben und f\u00fcr Lacke gebraucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die V\u00f6gel f\u00fchlen sich hier wohl. Allerdings\nh\u00f6rt man sie nur, man sieht sie nicht. Sie klingen anders als unsere V\u00f6gel, \u201eexotischer\u201c.\nWas weniger gut dazu passt die das laute Ger\u00e4usch der Flugzeuge, die ganz\nniedrig \u00fcber die Innenstadt fliegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck fahre ich mit der Metro. Der Kauf der Karte\n\u2013 <em>Viva-viagem<\/em> &nbsp;\u2013 nebst Aufladen gelingt am Automaten auf\nAnhieb. Alles glasklar erkl\u00e4rt. Auf die Karte l\u00e4dt man ein Guthaben, das man\ndann allm\u00e4hlich verbraucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Roma, in unser Viertel. Dort schaue\nich mich lange nach einer halbwegs gem\u00fctlichen Kneipe um. Vergeblich. Immer\nwieder komme ich \u00fcber kleinere Stra\u00dfen, um dann wieder auf der Roma zu landen.\nAlles nicht sehr einladend. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde ich eine kleine Gastwirtschaft mit\neiner Art Wintergarten als Verl\u00e4ngerung. Dort sitzen zwei portugiesische Damen,\ndie bald aufbrechen, und ein englisches Ehepaar, das mich voll in Beschlag\nnimmt. Sie haben ein kleines portugiesisches Buch mit Redewendungen dabei und\nlassen sich gerne aufkl\u00e4ren \u00fcber den Gebrauch von <em>obrigado<\/em> bzw. <em>obrigada<\/em>.\nDa hatten sie wohl etwas missverstanden. Der gespr\u00e4chige Mann erz\u00e4hlt mir bald\nseine ganze Lebensgeschichte, die Frau sitzt eher teilnahmslos dabei. Es gibt\nleckeres, eiskaltes Bier in vorgek\u00fchlten Gl\u00e4sern. Da bleibt es nicht bei einem.\nDer Mann klagt \u00fcber die neue britische Premierministerin. Die habe gerade die\nSteuern f\u00fcr die Reichen gesenkt, ausgerechnet jetzt, wo die normalen Leute\njeden Penny umdrehen m\u00fcssten. Jetzt hat sie die Entscheidung unter dem Druck\nder \u00d6ffentlichkeit wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. Schuld war der Finanzminister. Er\nerz\u00e4hlt auch von einer Nichte, die neun Sprachen spreche. Auf meine Frage, wie\nsie es denn anstelle, die alle gleichzeitig am Leben zu halten, sagt er, sie\neinfach intelligent. <\/p>\n\n\n\n<p>4. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck fragt mich Margarida, ob ich\nirgendetwas kenne, aber ich verstehe nicht, worum es geht, nicht einmal, ob es\nein Wort oder ein Ort ist. Es klingt wie englisch <em>blame<\/em>. Dann, als sie zum zweiten Mal wiederholt, f\u00e4llt der\nGroschen: <em>Bel\u00e9m<\/em>. Was meine These\nbest\u00e4tigt, dass es nicht die unbekannten W\u00f6rter sind, die das H\u00f6rverstehen\nschwer machen, sondern die bekannten, die man nicht versteht. Jetzt m\u00fcsste es\nmit Bel\u00e9m aber klappen. Sie spricht immer wieder davon und empfiehlt es als\nAusflugsziel. F\u00fcr mich nicht die erste Wahl, weil ich damals schon da war. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Schule f\u00e4llt mir ein sch\u00f6nes\nGeb\u00e4ude auf, mit dem Eingang schr\u00e4g zur Stra\u00dfe, ein ehemaliger Adelspalast oder\nvielleicht eher eine Villa, aus hellem Sandstein, in einer Art Jugendstil\ngebaut. Es hat einen Fries mit Muscheln, der sich \u00fcber die drei Teile der\nFassade zieht und dar\u00fcber einen Fries mit bunten Kacheln, Erker an den\nAu\u00dfenseiten und gedrechselte Gitter an den Balkonen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Parkhaus steht liure. So w\u00fcrde man es jedenfalls lesen, wenn man es nicht\nbesser w\u00fcsste. Er hei\u00dft livre.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he der Schule gibt es auch die sch\u00f6n\ngestalteten B\u00fcrgersteige, in Grau und Wei\u00df, mit Mustern und Bildern, auf die\nman oft in Portugal trifft. In unserem Viertel gibt es die nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch Radwege. Die sind wohl eine Neuerung.\nEs handelt sich nicht um Radwege im eigentlichen Sinn, sondern um Spuren auf\nden B\u00fcrgersteigen, die als Radweg markiert sind. Die werden hier meist von den\nelektrischen Rollern benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterricht ist gewohnt langweilig. Es gibt mal\nwieder nur Grammatik\u00fcbungen. Ein n\u00fctzliches Detail, das ich inmitten der\nellenlangen Erkl\u00e4rungen mitbekomme, ist der Unterschied zwischen <em>ficamos<\/em> und <em>fic\u00e1mos<\/em>, andere Zeit, andere Aussprache. N\u00fctzlich ist auch die\nKorrektur meines falsch gebrauchten <em>cambio<\/em>,\ndas im Portugiesischen nur f\u00fcr Geldwechsel gebraucht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich halten der Schweizer und der Lehrer\nein Schw\u00e4tzchen. Es wird diskutiert, wie hoch der Mehrwertsatz in den\nverschiedenen L\u00e4ndern ist. Der Schweizer, f\u00fcr den die Schweiz das gelobte Land\nist, preist den niedrigen Mehrwertsteuersatz in der Schweiz, der Lehrer klagt\n\u00fcber den hohen Mehrwertsteuersatz in Portugal, ich wei\u00df nicht, wie hoch der\nMehrwertsteuersatz in Deutschland ist und Manuela, die junge Frau, sitzt\nteilnahmslos dabei. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Pause fange ich sie in der Bar unten ab.\nIch will sie nach ihren Unterrichtserfahrungen fragen. Es stellt sich heraus,\nsie ist gar keine Spanierin, da muss ich was missverstanden haben. Sie ist\nKolumbianerin. Sie ist schon seit einem Monat hier. Ja, die Lehrer seien sehr\nunterschiedlich. Dieser rede viel. Aber eine dezidierte hat sie dazu nicht. Sie\nlebt im Laufe des Gespr\u00e4chs immer mehr auf, erz\u00e4hlt von sich aus, fragt nach\nmir. Sie ist an diesen Kurs gekommen, weil ihre Mutter bei Roche arbeitet. Und\ndie Firma finanziert den Kindern der Angestellten gelegentlich Kurse, die sie\nsich selbst aussuchen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause spreche ich die Unterrichtsmethode\nvorsichtig an, aber der Lehrer l\u00e4sst mich abblitzen. Und macht klar, dass er\nkeinen Anlass habe, irgendetwas zu \u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Also frage ich nach dem Unterricht, an wen ich\nmich wenden kann. Wieder bin ich bei Diogo in richtigen H\u00e4nden. Die\nStudienleiterin, Marta, sei jetzt im Unterricht, aber er k\u00f6nne sie nachher\nfragen, ob sie mit mir sprechen kann. Ich soll das wiederkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit kaufe ich in einem Supermarkt\nHygieneartikel und merke wieder, dass sie in Portugal teurer sind als bei uns. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann setze ich mich in einem kleinen Park auf eine\nBank und lasse mich von der Sonne bescheinen. An einer Apotheke wird die\naktuelle Temperatur angezeigt: 29\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Schnellimbiss nebenan gibt es <em>chamu\u00e7as<\/em>. Was war das noch mal? Muss ich\nnachgucken. Das waren die gef\u00fcllten Teigtaschen, klein, mit der typischen\ndreieckigen Form. Sind wohl ein koloniales Erbe. Das deutsche Wort ist <em>Samosas<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder in der Schule bin, treffe ich zum\nersten Mal auf Antonia. Die kenne ich von dem Briefverkehr bei der Buchung des\nKurses. Ich sage ihr, wie gut das alles geklappt habe. Nach 5 Mails war alles\nerledigt. F\u00fcr den Kurs in Rio war erst nach 34 Mails alles unter Dach und Fach.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Marta gehe ich in einen Unterrichtsraum. Sie\nh\u00f6rt mir geduldig zu, ohne mich zu unterbrechen oder zu korrigieren. Ich\nerz\u00e4hle von den Erfahrungen in Faro und von den ersten beiden Unterrichtstagen.\nSie nickt verst\u00e4ndnisvoll. Ich frage, ob man den Kurs vielleicht in\nEinzelunterricht umwandeln kann. Ja, das gehe, aber nur am Nachmittag. Soll mir\nrecht sein. Sie will das organisieren und mir heute noch Bescheid geben. Das\ntut sie tats\u00e4chlich. Mit einer guten Nachricht. Ich kann auch um 9 Uhr morgens\nUnterricht habe, bei ihr. Das hat den Vorteil, dass ich so auch an dem\nKulturprogramm am Nachmittag teilnehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zur\u00fcck in unserem Viertel bewahrheitet sich\nMargaridas Behauptung, hier wimmele es nur so von Lokalen. Ich muss wohl\ngestern einfach zur falschen Zeit hier gewesen sein. Ich lande in einem\nkleinen, v\u00f6llig schmucklosen Lokal, in dem alle Tische bis auf den letzten\nPlatz besetzt sind. Aber der junge Kellner, der alles alleine macht und\ntrotzdem gut den \u00dcberblick beh\u00e4lt, sagt mir, ich solle einen Moment warten.\nGleich werde ein Tisch frei. Die G\u00e4ste sitzen an kleinen quadratischen Tischen,\nentweder zu zweit oder alleine. Nur M\u00e4nner. Hier bin ich richtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird nur wenig Wein getrunken. Die meisten\ntrinken Bier zum Essen, auff\u00e4llig viele dunkles Bier. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal hei\u00dft <em>Verde Pinho<\/em>, ein Name, den man als Aufh\u00e4nger einer Grammatiklektion\nbenutzen k\u00f6nnte. Warum hei\u00dft es <em>Verde\nPinho<\/em> und nicht <em>Pinho Verde<\/em>?\nVermutlich weil alle Pinien gr\u00fcn sind. Die Wortstellung hat hier Aussagekraft. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kellner spricht konsequent Portugiesisch mit\nmir, obwohl er auch gut Englisch kann. Und wiederholt auch geduldig, wenn ich\nnicht verstehe. Wie bei der Frage, welches Fleisch ich haben wolle: \u201eVaca ou\nper\u00fa?\u201c Ich nehme den Truthahn. Es gibt eine Art Tellergericht, mit Salat,\nPommes, Reis und Spiegelei auf dem Fleisch. Dazu Bier. Oliven, Brot und Kaffee\ngibt es auf Bestellung. Das alles kostet unter 10 Euro!<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich ein Gast verabschiedet und mit dem\nKellner noch ein paar S\u00e4tze wechselt, verstehe ich gar nichts, au\u00dfer einem\nWort. In solchen Situationen ist wohl die Redewendung <em>Ich versteh immer nur Bahnhof<\/em> entstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>5. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Feiertag. Heute ist der Jahrestag der Gr\u00fcndung der\nRepublik, 1910. Es ist bei uns wenig bekannt, dass in Portugal der K\u00f6nig und\nder Thronfolger 1908 bei einem Attentat ums Leben kamen. Der zweite Sohn des\nK\u00f6nigs \u00fcberlebte leicht verletzt und wurde zum K\u00f6nig, Manuel. Aber die\nMonarchie war l\u00e4ngst angeschlagen. Schon 1890 hatte es die erste Revolte\ngegeben, ausgel\u00f6st durch eine schwere Wirtschaftskrise. Zur St\u00fctzung der\nMonarchie war es dann zu einer Diktatur gekommen, die aber den Widerstand noch\nversch\u00e4rfte. Manuel, als K\u00f6nig Manuel II. lockerte das harte Regime, aber die\nMonarchie war nicht mehr zu retten. 1910 wurde Manuel abgesetzt. Am 5. Oktober\nwurde die Republik ausgerufen, vom Rathaus von Lissabon aus, der <em>C\u00e1mara Municipal<\/em>. Manuel floh \u00fcber\nGibraltar nach England. Portugal ist seitdem Republik geblieben, im Gegensatz\nzu Spanien, wo in derselben Zeit aus einer Monarchie eine Republik wurde und\ndann wieder aus der Republik eine Monarchie. <\/p>\n\n\n\n<p>Per Internet bestelle ich eine Karte f\u00fcr eine Theaterf\u00fchrung,\nim <em>Teatro Nacional D. Maria II<\/em>. Die\nF\u00fchrungen&nbsp; finden jeweils montags statt.\nHier bewahrheitet sich, was der Lehrer gesagt hat: hoher Mehrwertsteuersatz,\n23%. Es dauert eine ganze Zeit, bis die Bestellung durch ist, denn immer wieder\nwerde ich nach meiner Steuernummer gefragt, und die kann man nur umgehen, wenn\nman bestimmte Dinge ausschlie\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck sehe ich vor dem Fenster eine M\u00f6we\ndurch das Viertel fliegen. Aus der N\u00e4he sehe ich, wie gro\u00df sie ist und wie weit\nihre Fl\u00fcgel sind. Auch in der Innenstadt sieht man sie. Das Meer ist nicht\nweit. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich aufs Geratewohl\nRichtung Zentrum und komme auf eine weitere Avenida, die eine parallel zu der\nRep\u00fablica verl\u00e4uft. Aber hier gibt es keine Metrostationen, und ich muss lange\nlaufen, bis ich an einen Platz mit einer Metrostation komme, so lange, dass ich\nzwischendurch auf einer Parkbank Platz nehmen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind menschenleer, aber in der\nMetrostation herrscht Betrieb wie zur Rush Hour. Statt am Rossio auszusteigen,\nfahre ich bis zur Endstation \u2013 Cais de Sodr\u00e9, nach einer Familie benannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier, am der M\u00fcndung des Tejo, ist (oder war) der\nLissaboner Hafen. Ein paar Frachtkr\u00e4ne sieht man jedenfalls noch. Hier ist auch\nder Abfahrtsort f\u00fcr die F\u00e4hre auf die andere Seite des Tejo. Ansonsten ist das\nHafenviertel jetzt aber viel auf Freizeit ausgerichtet. Zu dieser Zeit sieht\nman in erster Linie Jogger und Radfahrer. Die vielen Bars und Restaurants, die\nsich vor allem in einer Reihe von sanierten oder nachgebauten&nbsp; Frachth\u00e4usern aus Backstein befinden, sind\ngerade dabei, ihre Au\u00dfenterrassen f\u00fcr die G\u00e4ste vorzubereiten, aber von denen\nist noch nichts zu sehen. Ein Lokal hei\u00dft <em>Descarado<\/em>,\n\u201aUnversch\u00e4mt\u2018, und das Emblem des Lokals spielt mit der Bedeutung, indem es ein\nhalbes Gesicht zeigt und damit auf die w\u00f6rtliche Bedeutung verweist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist richtig hei\u00df, und die Sonne brennt mir auf\ndas Gesicht und auf die F\u00fc\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne kommt die Br\u00fccke des 25. April in\nSicht, und da es hier nur eine Richtung gibt, gehe ich immer weiter, und immer\nweiter, gehe unter der Br\u00fccke durch und mache ein Photo von der Christusstatue\nauf der anderen Seite, dem kleinen Bruder der von Rio. W\u00e4hrend die auf einem\nBerg steht, steht diese hier auf einem Sockel. Von hier aus ist sie in dem\nDunst nur in Umrissen zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch weiter, unter einer Autobr\u00fccke\nhindurch und an einer breiten Stra\u00dfe entlang, die hier nicht zu \u00fcberqueren ist,\nweil sie durch ein Gitter abgetrennt ist. Es bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig\nals weiterzugehen, und pl\u00f6tzlich bin ich in \u2013 Bel\u00e9m. Kaum zu glauben. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier erwische ich einen Bus, der mich\nzur\u00fcckbringt, gleich ins Zentrum, an den Terreiro do Pa\u00e7o, einen der\nemblematischsten Pl\u00e4tze Lissabons, mit Arkaden und palastartigen Geb\u00e4uden auf\ndrei Seiten, aber auf der vierten zum Tejo hin offen. Im Zentrum die Reiterstatue\nvon Pedro IV. Sieht eher wie ein Freizeitreiter aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Den sch\u00f6nsten Blick auf den Platz hat man, wenn\nman ihn schon verlassen hat, durch den marmornen Bogen, der den Platz mit der\nBaixa verbindet, zur\u00fcckblickend auf Reiterstatue und Fluss. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist rappelvoll heute, Einheimische, aber vor\nallem Touristen. Ich gehe zur Feier des Tages zur <em>C\u00e1mara<\/em> <em>Municipal<\/em>, dahin,\nwo die Republik ausgerufen wurde. Aber es ist kaum ein Durchkommen, und der\nPlatz ist ohnehin abgesperrt f\u00fcr Honoratioren und Journalisten. Die Balkone\nsind mit schweren Teppichen geschm\u00fcckt, es wird wohl gleich ein Festakt\nbeginnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fl\u00fcchte mich vor der Masse und der Hitze in\ndas gleich daneben gelegene <em>Museu do\nDinheiro<\/em>, auf das mein Blick zuf\u00e4llig f\u00e4llt. Es ist auch, wie die <em>C\u00e1mara<\/em> <em>Municipal<\/em>, in einem palastartigen Geb\u00e4ude untergebracht, vermutlich\naus dem 19. Jahrhundert. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang werden die \u00e4ltesten M\u00fcnzen dargestellt.\nDazu geh\u00f6ren die chinesischen. Die ersten M\u00fcnzen hatten die Form eines\nWertgegenstands, wie das hier ausgestellte Messer (5. Jahrhundert vor\nChristus). Erst langsam nahmen die chinesischen M\u00fcnzen die runde Form von heute\nan.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00e4lteste Geldschein stammt auch aus China\n(XIV), der \u00e4lteste europ\u00e4ische aus Schweden (XVII): 100 Taler. Beide sehen aus\nwie Urkunden mit viel Text und vielen Unterschriften, im Hochformat. <\/p>\n\n\n\n<p>In Griechenland und Rom \u00fcbernahm immer mehr der\nStaat die Pr\u00e4gung von M\u00fcnzen. Es wurden jetzt auch edlere Metalle genutzt wie\nGold und Silber. Vorher war es oft Bernstein gewesen. Symbole wurde immer mehr\ndurch die Portr\u00e4ts der Herrschenden ersetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es M\u00fcnzen, die irgendwie auf der\nIberischen Halbinsel von Bedeutung waren: der r\u00f6mische Aureus, M\u00fcnzen der\nWestgoten und der Mauren, der portugiesische Cruzado der Dinar der Almoraviden,\ndie erste reine Goldm\u00fcnze, eine Drachme aus Mazedonien und ein Schekel aus\nKarthago, brasilianische, in Minas Gerais gepr\u00e4gte M\u00fcnzen. Aus der Zeit Alfons\nVIII. von Kastilien gibt es einen Maraved\u00ed mit arabischer Inschrift, aber einen\nchristlichen Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Obergeschoss sind Banknoten aus aller Welt\ndargestellt. Man sieht eine F\u00fclle verschiedener Abbildungen: einen Bauern aus Burma\nbeim Pfl\u00fcgen des Feldes, einen portugiesischen Seefahrer, ein indonesisches\nFlugzeug, einen Berg aus Neuseeland, kirgisische Musikinstrumente, einen\nmalaiischen Wolkenkratzer. In der Regel finden die aber nur auf der R\u00fcckseite\nihren Platz. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es Gelddruckmaschinen zu sehen und\nDruckplatten und Punzen, einen lithographischen Stein von 1910 und verbrannte\n50-Euro-Scheine, die aus dem Verkehr gezogen wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Einen australischen 5-Dollar-Schein hat man so\nangebracht, dass man quasi durch den Schein hindurchsehen kann. Erstaunlich,\nwas da alles drauf ist: Linien, Schraffuren, Embleme, Buchstaben, Zahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es eine Vitrine, in denen Rohmaterialien\nzur Herstellung von M\u00fcnzen ausgestellt sind, unbearbeitete Bl\u00f6cke von Kupfer\nund Eisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Elementartafel sind die Elemente\nhervorgehoben, aus denen M\u00fcnzen gefertigt werden: Gold, Silber, Platin,\nPaladium, Kupfer, Nickel (wie der umgangssprachliche Name der 5-Cent-M\u00fcnze in\nden USA), Zink, Eisen, Blei und Zinn, dazu noch Legierungen wie Bronze.\nErstaunlich, eine solche Vielfalt h\u00e4tte man nicht erwartet. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder aus dem Museum komme, defilieren\ngerade, zum Entz\u00fccken der Touristen, Soldaten mit schicken Uniformen und\nBlasinstrumenten vorbei. Es ist kaum ein Durchkommen, aber irgendwie schaffe\nich es&nbsp; zu einer Metrostation und fahre\nnach Hause. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich in demselben Geb\u00e4ude, aber zur anderen\nSeite hin, gibt es ein Lokal, auf das mich Margarida hingewiesen hatte. Sie\nservieren <em>petiscos<\/em>. Entsprechen aber\nnicht den spanischen <em>tapas<\/em>.&nbsp; Es sind kleine Gerichte. Der Klassiker, den\nes hier in allen Varianten gibt, sind die <em>chocos<\/em>,\nalso Sepias. Die kommen f\u00fcr mich aber nicht in Frage. Ich bestelle stattdessen\nSchweinebacken, <em>bochechas de porco<\/em>.&nbsp; Kenne ich aus Funchal. Diese sind genauso gut,\naber die Portion ist wirklich so, dass das Wort <em>petiscos<\/em> angemessen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch bestellt ein Mann eine <em>imperial<\/em>. Da hilft er meinem Ged\u00e4chtnis\nauf die Spr\u00fcnge. Das ist ein gezapftes Bier. <\/p>\n\n\n\n<p>6. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Schule sehe ich an einer Baustelle\nin unserem Viertel einen Baggerf\u00fchrer und zwei Hilfsarbeiter. Sie sind alle\nAfrikaner, vielleicht Mosambikaner oder Angolaner. Auch der Mann, der eine\nM\u00fclltonne bewegt, ist Afrikaner. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gibt es Einzelunterricht bei Marta, der\nStudienleiterin. Intensiv und interessant. Hier bekomme ich genau das, was ich\ngebrauche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenbei kommt die Rede aufs Bezahlen, mit Bargeld\noder bargeldlos. Sie selbst, sagt sie, gebraucht, im Gegensatz zu ihren Eltern,\nfast gar kein Bargeld mehr. Sie bezahlt auch nicht mit einer Geldkarte im\nengeren Sinne, sondern \u00fcber ein eigenes portugiesisches Portal, das sich wohl\ngro\u00dfer Beliebtheit erfreut. Auf so etwas bin ich auch schon mal in Schweden\ngesto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht fahre ich zum Est\u00e1dio Jos\u00e9\nAlvalade, dem Stadion von Sporting. An den Emblemen rund um das Stadium herum,\nsieht man, dass der Verein das Wort Lissabon nicht im Namen tr\u00e4gt: <em>Sporting Clube de Portugal. <\/em>Die\nAu\u00dfenanlagen haben schon bessere Zeiten gesehen. Vieles ist verdreckt,\nbeschmiert, rissig. <\/p>\n\n\n\n<p>Man geht um das Stadium herum, um zu Tor 1 zu\ngelangen. Hier ist das Museum. Zuerst kommt man aber in eine gro\u00dfe, moderne\nEingangshalle, ohne jeden Reiz. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute am Empfang sind alle sehr freundlich und\nantworten geduldig auf Portugiesisch. Es ist noch Zeit, sich umzusehen, bevor\ndie F\u00fchrung beginnt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Eingangshalle befinden sich an zwei\nPfeilern die Portr\u00e4ts von Figo und Christiano Ronaldo. Figo war der erste\nPortugiese, der zum Weltfu\u00dfballer wurden, Christiano Ronaldo wurde es f\u00fcnfmal.\nAllerdings spielten da beide schon nicht mehr f\u00fcr Sporting. <\/p>\n\n\n\n<p>Da, wo sich der Zugang zum Stadion befindet, hat\nman ein Tor aus dem alten Stadion in die Wand integriert, eine Tor, das f\u00fcr die\nGeschichte des Vereins wohl eine besondere Bedeutung hat. Es hat ein\nschmiedeeisernes Gitter mit zwei vergoldeten L\u00f6wen in der Mitte. Die L\u00f6wen sind\ndas Wappentier von Sporting und geben dem Verein ihren volkst\u00fcmlichen Namen, <em>Os Le\u00f5es<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum geht es mit Tennis los. Das war der\nwichtigste Sport nach der Gr\u00fcndung des Clubs 1906. Man sieht Frauen in langen\nR\u00f6cken und M\u00e4nner in langen Hosen auf dem Tennisplatz. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben eine Wand mit dem vergr\u00f6\u00dferten Photo der\nGr\u00fcnder des Vereins, lauter Herren mit Strohh\u00fcten und gezwirbelten\nSchnurrb\u00e4rten, unter ihnen Jos\u00e9 Alvalade, der Namensgeber des Stadions.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist das erste Trikot des Vereins ausgestellt.\nEs sieht aus wie ein Hemd, das man auch in der Freizeit tragen kann, ganz in\nWei\u00df mit feinen gr\u00fcnen Linien am Kragen und an der Knopfleiste. Das n\u00e4chste,\nzweigeteilt in eine gr\u00fcne und eine wei\u00dfe H\u00e4lfte, sieht schon eher nach Trikot\naus. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Fu\u00dfballabteilung werden zuerst vorgestellt\ndie Spieler mit den meisten Titeln (23), den meisten Toren (544), den meisten\nSpielen (494) und den meisten L\u00e4nderspielen (79) des Vereins. <\/p>\n\n\n\n<p>Sporting hat insgesamt 23 nationale\nMeisterschaften gewonnen. Alle Pokale sind hier in einer Reihe, jeder in einer\neigenen Glasvitrine, ausgestellt. Die Form hat sich kaum ge\u00e4ndert. Sieht aus\nwie eine breite Sch\u00fcssel auf einem Schaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Pokale aus dem Pokalwettbewerb.\nDie sehen aus wie ein Aschenbecher auf einem hohen Schaft. Bei der Gelegenheit\nwerde ich daran erinnert, dass Pokal <em>ta\u00e7a<\/em>\nhei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt eine Photowand mit bekannten Spielern des\nVereins. Von denen kenne ich nur Schmeichel und Balakov, zwei Ausl\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Pokale und Medaillen aus anderen\nSportarten, eine ganze Bandbreite: Basketball, Hallenfu\u00dfball, Rollhockey,\nHandball, Rugby, Radsport, Volleyball, Wasserball, Boxen. Das geht angesichts\nder Prominenz des Fu\u00dfballs schnell unter. <\/p>\n\n\n\n<p>Besondere Erfolge hat der Verein in der\nLeichtathletik gehabt, vor allem in den Laufdisziplinen. Erinnern kann ich mich\nnoch an Carlos Lopes, der mehrere Weltrekorde aufstellte und in Barcelona die\nolympische Goldmedaille holte. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant sind die alten Exemplare der\nVereinszeitung. Die erste hat auf dem Titelblatt noch einen fortlaufenden, eng\ngedruckten Text, die n\u00e4chste hat schon verschiedene, teils eingerahmte Texte\nauf der Titelseite und ein Photo. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung. Sie wird im Doppelpack\nangeboten, Englisch oder Portugiesisch. Ich entscheide mich f\u00fcr Portugiesisch.\nDas geht ganz gut, vor allem am Anfang. Die junge Frau artikuliert sehr\ndeutlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin \u00fcberrascht, als sie ank\u00fcndigt, wir w\u00fcrden\nuns jetzt die <em>balne\u00e1rios<\/em> ansehen, und\ndort&nbsp; d\u00fcrfe man keine Photos machen. Es\nstellt sich heraus, dass mit <em>balne\u00e1rios<\/em>\ndie Umkleidekabinen gemeint sind. Dorthin gelangt man durch einen langen,\nschmalen, ganz in Gr\u00fcn gehaltenen Gang. Auch die Umkleidekabinen sind gr\u00fcn. An\nder Seite das Photo eines Spielers, der lange den Rekord hielt mit f\u00fcnf\ngeschossenen Toren in 26 Minuten. Wurde sp\u00e4ter dann von Lewandowski abgel\u00f6st. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Stadion hinaus, durch das\nL\u00f6wentor in der Eingangshalle. Einige der Stahltr\u00e4ger unter dem Dach sind in\nGelb gehalten. Das ist gut f\u00fcr die Augen, sonst ist es doch ein bisschen viel\nGr\u00fcn. Das Stadion ist sch\u00f6n, aber weniger speziell, als ich mir das vorgestellt\nhatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Benfica l\u00e4sst man vor dem Spiel die Adler\nfliegen. Hier m\u00fcsste man eigentlich die L\u00f6wen eine Runde drehen lassen, aber\ndavon ist nicht die Rede. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gehen wir noch in die Pr\u00e4sidentenloge.\nVon hier aus hat man einen guten Blick ins Stadion und aufs Spielfeld hinunter.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name Benfica ist w\u00e4hrend der ganzen F\u00fchrung nicht\ngefallen. Das Stadion von Benfica ist ganz in der N\u00e4he, in gerade mal zwei\nKilometer Entfernung. Auch hat es keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Namen Sporting\ngegeben. Vielleicht kommt die noch, denn die F\u00fchrung geht jetzt noch ins\nMuseum. Das erspare ich mir aber.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung kaufe ich ein paar\nKleinigkeiten ein, bei Lidl. Die haben ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft gleich hier am\nEingang der Metrostation. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich in das Lokal gegen\u00fcber der Schule, die\n<em>Tasca do Careca<\/em>. So steht es auf dem\nBeleg, und so ergibt es auch Sinn: Es ist die \u201aKneipe des Kahlk\u00f6pfigen\u2018. Auf\ndem Namensschild \u00fcber dem Restaurant ist die Sache irgendwie\ndurcheinandergeraten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Speisen werden in sch\u00f6nen Keramikformen\nserviert. Es gibt erst eine gr\u00fcne, s\u00e4mige Gem\u00fcsesuppe und dann Reis mit\nH\u00e4hnchenfleisch und ein bisschen Speck. Das ist schmackhaft und sehr g\u00fcnstig.\nDen Salat dazu muss man extra bestellen. Der ist einfach und daf\u00fcr relativ\nteuer. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kellner, schlank, mit m\u00e4nnlichen\nGesichtsz\u00fcgen, hellbraunem Teint und graumeliertem, vollem Haar sieht aus wie\nein Schauspieler, der etwas in die Jahre gekommen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch sitzen drei Frauen und ein Mann. Sie\nreden pausenlos, immer ganz emphatisch. Manchmal senken sie geheimnisvoll die\nStimme, aber die Vorsichtsma\u00dfnahme ist unn\u00f6tig. Ich verstehe sowieso nichts.\nEine der Frauen bestreitet die H\u00e4lfte der Konversation, die beiden anderen\nteilen sich die andere H\u00e4lfte. Der Mann sagt zum ersten Mal was, als ich schon\naufstehe. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule gibt es am Nachmittag die erste\nVeranstaltung innerhalb des Freizeitprogramms, eine Besichtigung des Museu\nGubelkian. Diogo stellt mich wiederum vor eine Herausforderung, als er mir\nsagt, wo der Treffpunkt sei. Ich verstehe mal wieder nur Bahnhof. Es ist der\nBalkon \u2013 <em>veranda<\/em>. F\u00fcr mich nicht zu\nidentifizieren. \u00c4hnlich war es schon am Morgen gegangen, als er mich nach dem\nFeiertag fragte \u2013 <em>feriado<\/em> \u2013 und ich\nso was wie Erk\u00e4ltung verstand. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nur zu viert, die \u00d6sterreicherin von dem\nTest am Montag, eine Norwegerin und eine Engl\u00e4nderin. Der F\u00fchrer, Miguel, ist\naus Lissabon. Er spricht gerne Englisch und es bleibt praktisch dabei, nachdem\ner ein paar Alibis\u00e4tze auf Portugiesisch gesagt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum zieht er hinter der alten\nUmfassungsmauer einen Zweig hinunter, zerreibt ein paar Bl\u00e4tter und gibt sie\nuns. Wir sollen daran riechen. Es geht uns allen gleich: Wir kennen den Geruch,\naber k\u00f6nnen ihn nicht benennen. Es ist Pfeffer! Dann sehen wir auch ein paar\nkleine Pfefferk\u00f6rner an einem Zweig h\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gubelkian war ein aus Istanbul stammender\nArmenier, der in Portugal eine neue Heimat fand. Und dem portugiesischen Staat\ndie Sch\u00e4tze aus seinen unglaublichen Sammlungen hinterlassen hat. Er war einer\nder ersten, die durch \u00d6l reich wurden. Man nannte ihn auch Nummer 7, weil er\nals der siebtreichste Mann der Welt galt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunstsch\u00e4tze waren bereits vorhanden, als das\nMuseum, ein moderner, einst\u00f6ckiger Bau, errichtet wurde. Es konnte also genau\nnach den Bedarf gebaut werden. Gubelkian kaufte \u00fcberall auf der Welt, aber ein\npaar Schn\u00e4ppchen machte er bei der Eremitage, als die Sowjets wegen Geldmangels\neiniges verkauften. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung ist sterbenslangweilig. Unser F\u00fchrer\nl\u00e4uft irgendwie ziellos und scheinbar teilnahmslos durch die Gegend. Er\nartikuliert sehr schlecht und macht Bemerkungen, die nicht sonderlich\ninteressant sind. Je l\u00e4nger die F\u00fchrung dauert, umso mehr wird daraus ein\nDialog zwischen ihm und der kunstverst\u00e4ndigen Engl\u00e4nderin. Ich atme erleichtert\nauf, als die F\u00fchrung zu Ende ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem riesigen Schatz, vom Mistk\u00e4fer aus dem\nAlten \u00c4gypten bis zu Portr\u00e4ts von Degas und Renoir, bleiben mir nur ganz wenige\nDinge in Erinnerung. Darunter ein \u00e4gyptischer L\u00f6ffel aus Elfenbein, mit dem man\nsich die Augen betr\u00e4ufelte, angeblich auch als Schutz vor dem W\u00fcstensand. Aber\nin erster Linie ist es wohl eine Sch\u00f6nheitsma\u00dfnahme gewesen. An dem Stiel des\nL\u00f6ffels sieht man, wie ein junger Mann an einem Ast hinausklettert, um auf den\nR\u00fccken eines \u00e4lteren Mannes zu gelangen. Dar\u00fcber hocken in dem Baum auch noch\nein paar Affen. All das auf wenigen Zentimetern. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus Persien stammt eine Alabastertafel, die zur\nAusschm\u00fcckung der Gebetsnische in der Moschee diente. Es gibt zwei\nSchriftb\u00e4nder, einen \u00e4u\u00dferen und einen inneren. Der \u00e4u\u00dfere ist in Arabisch, der\ninnere in Farsi.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant die Erkl\u00e4rung zu Glasvasen aus dem\narabischen Raum, mit bauchiger Form und Zitaten aus dem Koran. Diese Vasen\nwurden mit \u00d6l gef\u00fcllt, und dann wurde mit Hilfe eines Dochts ein Licht\nentz\u00fcndet. Die Vasen hingen dann von der Decke der Moschee hinab und drehten\nsich. Und dienten so der Kontemplation.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>7. Oktober (Freitag)<br>\n<br>\nBeim Fr\u00fchst\u00fcck, als die Rede auf meinen Besuch im Stadion von Sporting kommt\nund dann auf meine Neffen als passionierte Anh\u00e4nger des Fu\u00dfballs, stellt sich\nmein <em>torceirdor<\/em> als brasilianisch\nheraus. In Portugal hei\u00dft es <em>adepto<\/em>.<br>\n<br>\nDas setzt sich im Unterricht gleich fort. Da erweist sich mein <em>\u00f3mnibus<\/em> als brasilianisch, im\nUnterschied zum portugiesischen <em>autocarro<\/em>.<br>\n<br>\nWir sprechen \u00fcber ein paar portugiesische Ber\u00fchmtheiten, von denen ich aber\nkaum eine kenne. Eine der wenigen Ausnahmen ist Saramago. Marta ist nicht allzu\nbegeistert von ihm, empfiehlt aber einen seiner weniger bekannten Roman, <em>Todos os nomes<\/em>. Bei der Gelegenheit\nwerde ich daran erinnert, dass Roman auf Portugiesisch <em>romance<\/em> ist, nicht <em>novela<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch werde ich daran\nerinnert, dass die Buchstaben im Portugiesischen m\u00e4nnlich sind, nicht weiblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal bekomme ich\neine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum bei Ortsnamen manchmal der Artikel steht, manchmal\nnicht: Hat das Wort eine weitere Bedeutung, dann steht der Artikel: <em>o Porto<\/em> (Hafen), <em>a Madeira<\/em> (Holz), <em>o Funchal<\/em>\n(Fenchel), <em>o Faro<\/em> (Leuchtturm), <em>o Rio<\/em> (Fluss<em>), os A\u00e7ores <\/em>(Habicht). Das ist aber die Ausnahme, in der Regel\nsteht, zumindest bei St\u00e4dten, kein Artikel: <em>Lisboa<\/em>,\n<em>\u00c9vora<\/em>, <em>Braga<\/em>, <em>Set\u00fabal<\/em>, aber auch\n<em>Munique <\/em>oder <em>Madrid<\/em>. Keine hundertprozentig verl\u00e4ssliche Regel, aber eine gute\nLeitlinie. <br>\n<br>\nNach dem Unterricht gehe ich in das von Marta empfohlene <em>Caf\u00e9 Galeto<\/em> auf der <em>Rep\u00fablica<\/em>.\nNichts Besonderes. Das Geb\u00e4ude ist h\u00e4sslich, der Kaffee teuer, die Bedienung\nunfreundlich. Allerdings sind die Auslagen drinnen an der Theke, T\u00f6rtchen und\nTeilchen aller Art, sehr verlockend aus. Drau\u00dfen stehen die \u00d6ffnungszeiten.\nGe\u00f6ffnet bis 3.30!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag&nbsp; gehe ich in ein Lokal gleich in der N\u00e4he der\nSchule. Hektische Betriebsamkeit, fast alle Tische sind besetzt. Immer wieder\nWechsel der G\u00e4ste, teils ganze Gruppen an aneinanderger\u00fcckten Tischen. Drei\njunge Kellnerinnen erledigen die komplette Bedienung, einschl. Au\u00dfenterrasse,\nschnell, wendig, aufmerksam. Eine ist nur f\u00fcr das Abr\u00e4umen da, die beiden\nanderen erledigen den Rest: Eindecken, Bestellung Aufnehmen, Servieren,\nKassieren. Unglaublich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Theke ein\nSchild mit der Aufschrift: <em>N\u00e3o leves a\nvida t\u00e3o a serio, no final ningu\u00e9m sai vivo. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Danach fahre ich zum\nRossio. Es ist wimmelt nur so von Menschen, und es ist hei\u00df, aber nicht schw\u00fcl.\nEinfach hochsommerlich hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst kommt man auf die Pra\u00e7a\nda Figueira. Die ist nur ein paar Schritte entfernt. In der Mitte des Platzes\ndie Reiterstatue von Jo\u00e2o I., ganz Ritter, im Gegensatz&nbsp; zu der von Pedro IV. auf dem Terreiro do Pa\u00e7o.\nVor dem Erdbeben befand sich hier ein gro\u00dfes Hospital, danach eine Markthalle.\nDie wurde vor ein paar Jahrzehnten abgerissen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem der vielen\nSouvenirgesch\u00e4fte in einer Seitengasse kaufe ich ein Andenken. Die Verk\u00e4uferin\nist, eine Araberin mit langem Rock und Kopftuch, hat beide H\u00e4nde voll\nt\u00e4towiert, in Rot. <\/p>\n\n\n\n<p>Beide Pl\u00e4tze sind sehr auf\ntouristische Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten. Verk\u00e4ufer und Rikscha-Fahrer bieten\nihre Dienste an, Kellner stehen in&nbsp;\nErwartung von Kundschaft vor Bars und Caf\u00e9s. Auf beiden Pl\u00e4tzen sind\nmehrere Geb\u00e4ude einger\u00fcstet f\u00fcr die Sanierung. Das alles l\u00e4sst die Pl\u00e4tze nicht\nso gut zur Geltung kommen. Der Rossio ist der sch\u00f6nere Platz, teils wegen der\nDekorationen im Pflaster, vor allem aber wegen der beiden Bronzebrunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Rossio hat seine\nK\u00f6nigsstatue, aber nicht auf einem Sockel, sondern auf einer S\u00e4ule. Es ist\nPedro IV. Das ist der portugiesische K\u00f6nig, der sp\u00e4ter Kaiser von Brasilien\nwurde. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Kopfseite des\nPlatzes steht das Teatro Nacional D. Maria II. Dahin werde ich am Montag zu\neiner Besichtigung kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas versetzt vom Platz\nder Rossio-Bahnhof mit seinen charakteristischen hufeisenf\u00f6rmigen Portalen und\nden zahlreichen Verzierungen an der Fassade. Er dient weiterhin als Bahnhof,\naber von hier verkehren jetzt nur noch Nahverkehrsz\u00fcge, zum Beispiel nach\nSintra. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Heimat erfahre\nich, dass am Sonntag der Lissabon-Marathon stattfindet. Davon habe ich hier\nbisher nichts mitbekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>8. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute besichtigen wir die\nBurg, das <em>Castelo de S\u00e3o<\/em> <em>Jorge<\/em>, in der Oberstadt. Wir sind nur zu\nviert, lauter Deutsche. Diesmal haben wir einen anderen F\u00fchrer, Bernardo, einen\nfreundlichen jungen Mann, der nicht allzu viel Ahnung hat, aber sich echt M\u00fche\ngibt und auf uns eingeht. Auch das Portugiesische kommt nicht zu kurz. <\/p>\n\n\n\n<p>Er stammt eigentlich aus\nSantar\u00e9m, lebt aber schon seit einiger Zeit in Lissabon. Ob es ihm hier\ngefalle, will ich wissen. Lissabon? Die sch\u00f6nste Stadt der Welt. Daran l\u00e4sst er\nkeinen Zweifel. <\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt von einer Reise\nnach S\u00fcdamerika, die er zusammen mit zwei Freunden gemacht hat, sechs Monate,\nals Rucksacktouristen: Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Bolivien.\nKolumbien habe ihm sehr gut gefallen, aber Bolivien, das sei etwas ganz Besonderes,\netwas ganz Eigenes. Das ist nicht das erste Mal, dass ich das h\u00f6re. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen ein ganzes\nSt\u00fcck zu einer Bushaltestelle gehen, dann mit dem Bus fahren und dann noch ein\nganzes St\u00fcck laufen, bergauf. Ich hatte nicht in Erinnerung, dass der Weg dorthin\nso weit ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Er ist Anh\u00e4nger von\nSporting und bestens informiert, auch, was die aktuelle Situation in der\nBundesliga angeht und in der Europa League. Bei Sporting sieht es in der\nChampions League ganz gut aus, in der Meisterschaft nicht so. Er ist sehr\nangetan, dass ich das Stadion das <em>Jos\u00e9 Alvalade<\/em>\nbesucht habe und dass ich in Deutschland immer darauf bestehe, dass es nicht <em>Sporting Lissabon<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine unserer Fragen zu\nLissabon kann er erst nicht beantworten, weil wir das falsche Wort benutzen. Es hei\u00dft <em>Elevador\nde Santa Justa<\/em>, aber <em>Ascensor do\nLavra<\/em>. Der erste ist ein Aufzug, er geht geradeaus\nrauf, der zweite, trotz des Namens, eine Stra\u00dfenbahn, und die geht schr\u00e4g rauf.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an der\nKathedrale vorbei, aber dazu verliert er kein Wort. Schon im weiteren\nBurgbezirk sieht man Ausgrabungsreste mit verschiedene Mauern und S\u00e4ulen. Ich\nerfahre von einer der anderen, dass das ein r\u00f6misches Theater ist, das man hier\nentdeckt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an der Burg\nankommen, wei\u00df ich wieder, warum ich sie damals nicht besichtigt habe: eine\nriesige Schlange, die sich von der Au\u00dfenmauer \u00fcber den ganzen Burghof bis zum\nEingang windet. Wir brauchen uns nicht anzustellen. Er hat Zugang zu den\nGruppenf\u00fchrungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Burg befindet sich auf\neinem unebenen, steinigen, baumbestanden Gel\u00e4nde, das sich \u00fcber den ganzen Berg\nhinzieht. Hier gibt es, wie Margarida schon sagte, nicht viel zu sehen, aber\ndie Aussicht ist wirklich spektakul\u00e4r, vor allem von dem ersten Aussichtspunkt\nher. Die Sonne tut ihr \u00dcbriges. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht hinunter auf den\nRossio und den Terreiro do Pa\u00e7o, links davon der Tejo, die Br\u00fccke des 25. April\nund die Christusstatue. Zur anderen Seite sieht man den Rest der Baixa, in der\nman die Schneisen der Avenida gut erkennen kann und die Pra\u00e7a Pombal. Wir\nversuchen, die Schule zu lokalisieren, aber die liegt doch etwas weiter\nseitlich abseits, als wir dachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Lissabon war von alters\nher ein strategisch wichtiger Punkt durch seine Lage am Tejo und die N\u00e4he des\nMeers. Den konnte man von hier aus milit\u00e4risch verteidigen. Das erkannten alle,\ndie hier das Sagen hatten. Als erstes errichteten die R\u00f6mer hier eine Art\nFestung. Die wurde dann von den Westgoten ausgebaut und dann von den Mauren.\nEinen Einschnitt bedeutete die Eroberung durch die Christen, nach langer Belagerung.\nDie ist im Bewusstsein der Portugiesen verbunden mit dem Namen &nbsp;Martim Moniz, einem Soldaten, der sich mutig\nzwischen die Torfl\u00fcgel warf, als die Mauren dabei waren, das Tor zu schlie\u00dfen.\nEr opferte sein Leben und erm\u00f6glichte die Eroberung der Burg. So will es die\nLegende. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen anschlie\u00dfend\n\u00fcber das Gel\u00e4nde, immer wieder \u00fcber schmale Steige an der Mauer entlang, rauf\nund runter. Sonderlich interessant ist das nicht. Man sieht nur immer wieder\nandere Stadtteile, Kirchen und Aussichtst\u00fcrme von Lissabon, zu viele, um sich\ndie Namen zu merken. In der Ferne sieht man den Ort, wo der Flohmarkt\nstattfindet, die jahrhundertealte <em>Feira\nda Ladra<\/em>, der \u201aMarkt der Diebin\u2018. <\/p>\n\n\n\n<p>Lissabon, hei\u00dft es, stehe\nauf sieben H\u00fcgeln. Die werden im Laufe der Besichtigung auch alle genannt und\ngezeigt, aber leicht zu identifizieren sind sie nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem der kurzen\nGespr\u00e4che mit Bernardo suche in nach dem Wort f\u00fcr Mischung und mache gleich\neine doppelte Bruchlandung: Es ist weder <em>mescolanza<\/em>\nnoch <em>mezcla<\/em>, sondern <em>mistura<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung\nfahre ich nach Hause und esse in einem asiatischen Lokal gegen\u00fcber der\nUnterkunft. Dort gibt es als Vorspeise die indischen <em>chamu\u00e7as<\/em>, die Teigtaschen, die ich dieser Tage in einem\nSchnellimbiss gesehen habe, danach Biryani, ein herzhaftes Gericht mit\nger\u00f6stetem Reis, mit Jogurt und mit verschieden Fleischst\u00fcckchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es noch einmal\nin die Innenstadt, diesmal mit einem Beutel schmutziger W\u00e4sche. W\u00e4hrend die\nMaschine l\u00e4uft, setze ich mich in ein Caf\u00e9, um die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken. Am\nNebentisch sitzt eine Polin, die einem befreundeten Portugiesen laut und\ndeutlich auf Englisch von ihrer Beziehung zu zwei M\u00e4nnern berichtet,\neinschlie\u00dflich einiger Details zu Sex im Atelier und Selbstbefriedigung in\nGegenwart des anderen. Als ich auf die Toilette gehe, die im Untergeschoss\nliegt, dringt ihre Stimme immer noch an mein Ohr. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Reisef\u00fchrer lese ich,\ndass das Wort <em>bica<\/em> f\u00fcr Espresso\nseinen Ursprung hier in Lissabon hat, und zwar in dem ber\u00fchmten Caf\u00e9 <em>Brasileira<\/em>. Dort f\u00fcllte man zu Beginn\ndes 20. Jahrhunderts den Kaffee \u00fcber ein Rohr in die Tassen. Und <em>bica<\/em> ist das Wort f\u00fcr ein Brunnenrohr. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mir auch eine\nNotiz zur Ginjinha, einem kleinen Lokal direkt am Rossio, wo der typische\nLissaboner Kirschlik\u00f6r ausgeschenkt wird. In die Gegend werde ich in den\nn\u00e4chsten Tagen sowieso noch kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Woche ist rum,\nin einer Woche geht es nach Rio. Interessante Lernerfahrung: Seitdem Margarida\neinmal \u00fcber Gubelkian gesagt hat, er sei nach Lissabon gekommen, kenne ich die <em>veio<\/em>, die Vergangenheit von <em>vir<\/em>. Alle langen Listen mit der\nKonjugation von <em>vir<\/em> und <em>ver<\/em> haben keine Spuren hinterlassen,\naber durch diese eine Sprechsituation ist jetzt eine Form endg\u00fcltig verankert. <\/p>\n\n\n\n<p>Baedeker legte auf seinen\nReisen gro\u00dfen Wert auf Genauigkeit. Als er den Mail\u00e4nder Dom besuchte, wollte\ner genau wissen, wie viele Stufen der hatte. Er nahm f\u00fcr alle 20 Stufen eine\nErbse aus seiner Westentasche und steckte sie in die Hosentasche. Oben\nangelangt, z\u00e4hlte er die Erbsen, multiplizierte die Zahl mit 20 und addierte\ndie \u00fcbrigen 10 Stufen hinzu. Ergebnis: 370. Beim Abstieg kontrollierte er das\nErgebnis, indem er die Erbsen wiederum von der Hosentasche in die Westentasche\nsteckte. Daher, so will es die Legende, kommt das Wort <em>Erbsenz\u00e4hler<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen gibt es einen\nwunderbaren Himmel, mit wie zerrupft aussehenden Wolken, hinter denen die Sonne\nr\u00f6tlich schimmernd hindurchbricht. Im Laufe des Tages zieht es sich zu, und es\nist auch nicht mehr so warm wie bisher.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es gleich mit\nder Metro los. Die Metro in Lissabon f\u00e4hrt links. Das ist kein Problem f\u00fcr den\nFahrgast, ist eigentlich wurscht, auf welcher Seite sie f\u00e4hrt. Trotzdem bin ich\nimmer wieder verwirrt, wenn ich auf dem Bahnsteig sitze und h\u00f6re, wie die Metro\nvon links angerauscht kommt \u2013 um aber dann festzustellen, dass sie auf der\nanderen Seite einf\u00e4hrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro hat f\u00fcnf Linien,\nalle nach einer Farbe benannt. Die Distanz zwischen den einzelnen Stationen ist\nteils betr\u00e4chtlich. Die Metro in Ich steige in Campo Grande aus. Hier in der\nN\u00e4he befindet sich die Deutsche Schule. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will ins <em>Museu da Cidade<\/em>, das jetzt <em>Museu de Lisboa<\/em> hei\u00dft, untergebracht im\nehemaligen <em>Pal\u00e1cio Pimenta<\/em>. Erst als\nich zwischendurch vom Park des Museums nach au\u00dfen gucke, merke ich, dass gleich\nnebenan das <em>Estadio Jos\u00e9 Alavade<\/em> ist.\nMan sieht die gelb-gr\u00fcn karierte Umfassung des Stadiondachs von hier aus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hinter dem Eingang\nstehen zwei gro\u00dfe Porzellanfiguren, farbig gefasst, weit \u00fcber Normalma\u00df in die\nL\u00e4nge gezogen, bald doppelt so gro\u00df wie ich. Sie stellen zwei Jahreszeiten dar,\nden Sommer und den Herbst.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse nimmt mich\neine sehr freundliche&nbsp; junge Frau in\nEmpfang, die mir ein Kompliment macht, als ich nach dem Seniorenrabatt frage.\nEs stellt sich heraus, dass sie Deutsch kann. Sie hat ein halbes Jahr lang als\nArbeitslosenma\u00dfnahme Deutsch gelernt und erkl\u00e4rt mir alles auf Deutsch. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Ausstellung\ngibt es Feuersteine aus der Altsteinzeit, Pfeilspitzen aus der Jungsteinzeit\nund Perlen einer Halskette, aus unregelm\u00e4\u00dfigen Steinen gefertigt, und einen\ngro\u00dfen Tonkrug aus der Bronzezeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen schon die\nR\u00f6mer, und mit ihnen ein richtiger Sprung. Die r\u00f6mische Stadt hie\u00df Olisipo und\nwar angelegt wie jede andere r\u00f6mische Stadt, mit einem regelm\u00e4\u00dfigen\nStra\u00dfenmuster und repr\u00e4sentativen Bauten. Man wei\u00df, dass der Zirkus am Rossio\nlag. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant die\narchitektonische Entwicklung, die hier beschrieben wird, allerdings mit nicht\ngenug Ausstellungsmaterial, um alles zu illustrieren. Zun\u00e4chst hatten die\nS\u00e4ulen ionische, dorische und korinthische Kapitelle, von den Griechen\n\u00fcbernommen, dann kamen toskanische und komposite als eigent\u00fcmlich r\u00f6mische\nhinzu. Leider gibt es hierzu nicht genug Ausstellungsmaterial. Und der\neinheimische Stein wurde nach und nach immer mehr durch Marmor ersetzt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der muslimischen Zeit\ngibt es unter anderem einen Grabstein mit r\u00f6mischer Inschrift zu sehen, der\ndann wiederverwendet und mit einer arabischen Inschrift versehen wurde. Die\nMauren nutzen die r\u00f6mische und westgotische Struktur der Stadt, bauten sie aber\nweiter aus. Allm\u00e4hlich bildeten sich die Alfama als das Viertel der\nmuslimischen Elite und die Alfota als Gesch\u00e4ftsviertel als wichtigste\nStadtteile aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der christlichen Zeit\ngibt es unter anderem einen sch\u00f6n gestalteten Stein zu sehen mit dem Wappen\nLissabons, ein \u00fcber die Wellen des Meeres fahrendes, von zwei Raben begleitetes\nSchiff. Das transportierte der Legende nach die \u00dcberreste des Hl. Vincent nach\nLissabon.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen riesige, stark\nnachgedunkelte Gem\u00e4lde aus sp\u00e4teren Jahrhunderten, die die Einnahme Lissabons\nschildern und heroisch verkl\u00e4ren. Im Vordergrund immer wieder Dom Afonso\nHenriques, der sp\u00e4ter zum ersten K\u00f6nig Portugals werden sollte. Auf einem\nGem\u00e4lde sieht man im Hintergrund Teile des Heers der von Norden kommenden\nKreuzfahrer, die bei der Einnahme Lissabons und vor allem bei der Sicherung des\nUmlands in den Jahren danach entscheidend beteiligt waren. Die Einnahme\nLissabons f\u00e4llt auf den Tag der Heiligen Crispin und Crispian, zweier r\u00f6mischer\nM\u00e4rtyrer. Das erkl\u00e4rt, warum man hier immer wieder auf die st\u00f6\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache eine Pause in\ndem sch\u00f6nen, etwas verwilderten Park des Museums, genau zwischen den beiden\nGeb\u00e4udeteilen gelegen. Hohe Pappeln, umgest\u00fcrzte, \u00fcbereinanderliegende \u00c4ste,\ndazwischen ein verdunkelter Obelisk, und dann \u00fcberall Pfauen, ganz zahm, einige\nmit bunt schimmerndem Gefieder, einer ganz wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben einem kleinen Teich\nmit klassischen Skulpturen befindet sich ein kleiner Kiosk. Da bekomme ich von\nder freundlichen Verk\u00e4uferin einen Tee und ein winziges St\u00fcckchen Kuchen, das\nsie <em>salame<\/em> nennt. Sieht aus wie\nKalter Hund. Bei der Gelegenheit werde ich an das Wort <em>bolacha<\/em> erinnert, \u201aKeks\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter mit\nder Ausstellung und einem Bereich \u00fcber das Hospital Real Todos os Santos,\ndamals eins der modernsten Hospit\u00e4ler Europas, beim Erdbeben von 1755 zerst\u00f6rt.\nEs gibt ein paar einzelne Teile zu sehen, die das Erdbeben \u00fcberlebt haben, und\neine Abbildung der Apotheke des Hospitals. Davor einer der sch\u00f6nen Fayence-Kr\u00fcge,\ndie man auf der Abbildung sieht, zur Aufbewahrung von Gew\u00fcrzen, die auch zur\nKrankenbehandlung eingesetzt wurden. Portugal hatte ja als Handelsmacht Zugang\nzu ihnen. Hier sieht man, in kleinen Glasbeh\u00e4ltern, Kardamom, Koriander,\nPfeffer, Muskatnuss, Safran und Zimtstangen. Als Antidot gegen Krankheiten\nwurden eingesetzt Br\u00fche, H\u00fchnersuppe, Sirup, verschiedene Salben und Theriak,\neine opiumhaltige Arznei. Das galt als Allheilmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Porzellan aus\nChina. Durch ihre ostasiatischen Kolonien hatten die Portugiesen Zugang zu\nchinesischem Porzellan, standen dabei aber in st\u00e4ndiger Konkurrenz zu Spanien\nund England. Man sieht Teller, Sch\u00fcssel und Becher, mit floralen Mustern, fast\nalle in Blau und Wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen ganze\nStadtansichten von Lissabon, aus einzelnen Fayence-Kacheln zusammengesetzt,\nebenfalls in Blau und Wei\u00df. Man sieht die Pl\u00e4tze, wie sie vor dem Erdbeben\nwaren, ein Platz am Meer mit der <em>Casa de<\/em>\n<em>Bicas<\/em> (die bis heute erhalten oder\nwiedererrichtet ist), den <em>Terreiro do\nPa\u00e7o<\/em>, mit Kutschen, H\u00e4ndlern, Ochsengespannen, M\u00e4nnern in Kniebundhosen und\neinem Jungen, der aus einem Brunnen trinkt, und das <em>Hospital Todos os Santos<\/em>, mit einer langen Front mit Arkadeng\u00e4ngen\nzum <em>Rossio<\/em> hin und einer stark\nverzierten Fassade und einer Freitreppe vor dem Eingangsportal. Von all dem ist\nnichts mehr \u00fcbrig. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das\nStadtmodell. Dem ist ein ganzer Raum gewidmet. Es stellt das Lissabon der Zeit\nvor dem Erdbeben dar, mit jedem einzelnen Geb\u00e4ude. Gut zu erkennen sind hier\neinige H\u00fcgel, auch wenn man nicht unbedingt auf sieben kommen w\u00fcrde. Die Stadt\nsieht erstaunlich modern aus, man hat nicht den Eindruck, vor einer\nmittelalterlichen Stadt zu stehen. Und auff\u00e4llig, dass es keine Stadtmauer\ngibt. Ist die damals schon abgerissen worden? Vom dem gesamten Territorium ist\nvielleicht die H\u00e4lfte bebaut, nach Osten und vor allem nach Westen gibt es noch\nviele unbebaute Fl\u00e4chen mit Feldern und Wiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch die\nKapelle des Pal\u00e1cio Pimenta zu sehen, mit viel Kitsch und nachgedunkelten\nGem\u00e4lden, fensterlos, mit einem sch\u00f6nen Fu\u00dfboden mit r\u00f6tlichen Kacheln, und die\nK\u00fcche des Palasts, mit gro\u00dfen Kupfert\u00f6pfen und Holzbottichen. Sowohl die\nKapelle als auch die K\u00fcche sind von unten bis zur Mitte der Wan mit blau-wei\u00dfen\nKacheln versehen. In der K\u00fcche sind auf den einzelnen Kacheln V\u00f6gel, Fische,\nJ\u00e4ger und Schiffe zu sehen. An der Seitenwand aber wird eine ganze Szene\ndargestellt, wahrscheinlich diese K\u00fcche selbst. Da steht eine Frau mit einem\nMesser in der Hand an einem Tisch und nimmt einen Fisch auseinander. Die Frau\nist schwarz, vermutlich eine Sklavin. Alles ist in Blau und Wei\u00df gehalten, nur\nihre Haut ist schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gibt es noch\nein paar Kachel-Gem\u00e4lde, oft mit religi\u00f6sen Motiven. Auf einem sieht man D.\nFuas Roupinho, einen mittelalterlichen Ritter, der aber hier wie ein Adeliger\naus der Barockzeit aussieht, auf seinem Pferd sitzend, bei der Jagd. Ein\nHirsch, die Verk\u00f6rperung des Teufels, hat ihn an einen Abgrund gelockt. Die\nbeiden Vorderf\u00fc\u00dfe des Pferdes schweben schon \u00fcber dem Abgrund, der J\u00e4ger streckt\nentsetzt die Arme aus, und sein Hut fliegt durch die Luft. Doch oben erscheint\ndie Madonna, Nossa Senhora de Nazar\u00e9, und bringt das Pferd im allerletzten\nMoment zum Halten. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Metro geht es\nzur\u00fcck. Zum Essen lande ich, der Bequemlichkeit halber, im <em>Choco Frito<\/em>, gleich bei uns um die Ecke. Es gibt <em>Ovos<\/em> <em>Rebeldes\n\u00e0 Portuguesa<\/em>. Das muss man schon wegen des Namens probieren. Etwas\nmayonnaiselastig, aber sehr schmackhaft. Die Eier werden mit Schinkenstreifen\nund feinen Paprikastreifen serviert. Wo die Eier geblieben sind, wei\u00df man nicht\nso genau. Sie sind wohl in der So\u00dfe verr\u00fchrt worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend mache ich noch\nmal einen Spaziergang durch das Viertel. Ich komme an einer k\u00fcnstlerisch\ngestalteten Wand vorbei, mit Zeichen, die so angebracht sind, dass sie eine Art\nBild ergeben und einem ganz kurzen Gedicht unten am Rand. Daneben, auf einer\nanderen Wand, eine Figur und ein Zitat zur Literatur. <\/p>\n\n\n\n<p>Sonntagabend scheint nicht\ndie beste Zeit zum Ausgehen zu sein. Es sind kaum Leute unterwegs, und alle\nLokale sind geschlossen. In einem einsamen Fris\u00f6rsalon wird noch jemandem die\nHaare geschnitten, am Eingang eines Krimskramsladens wartet ein Inder auf\nKundschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss bis zur\nStierkampfarena gehen, um noch an ein Bier zu kommen. Die Arena ist hell\nerleuchtet, und auf dem Parkplatz steht eine ganze Reihe von Reisebussen. Ich\ntrinke mein Bier, und dann h\u00f6rt man Anfeuerungsrufen aus der Arena. Jede\nBewegung des Toreros wird vom Publikum bejubelt. H\u00f6rt sich nach Begeisterung\nan. <\/p>\n\n\n\n<p>10. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Unterricht stellt\nsich heraus, dass Marta noch nie etwas von Alexander von Humboldt geh\u00f6rt hat.\nSie h\u00f6rt aber aufmerksam zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Gespr\u00e4ch \u00fcber\ndie gegenw\u00e4rtige soziale Situation macht sie in einem Nebensatz die Bemerkung,\nPortugal sei noch nie das Ziel eines Angriffs von Terroristen gewesen, im\nGegensatz zu Spanien, England, Frankreich, Deutschland, Schweden usw. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie best\u00e4tigt, was ich\n\u00fcber den Ursprung von <em>bica<\/em> gelesen\nhabe. Auf jeden Fall kommt das Wort aus Lissabon. In Porto sage man dagegen <em>cimbalino<\/em>. Dazu finde ich sp\u00e4ter im\nInternet eine Seite, die das als Legende ausweist. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder abweichendes\nGenus bei den Substantiven: Der Reisef\u00fchrer (als Buch) ist im Portugiesischen\nMaskulinum, das Internet Femininum. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre auch, was der\nUnterschied zwischen <em>pa\u00e7o<\/em> und <em>pal\u00e1cio<\/em> ist. Der <em>pal\u00e1cio<\/em> soll demnach nur ein Teil des <em>pa\u00e7o<\/em> sein, und der <em>pa\u00e7o<\/em>\nsoll immer k\u00f6niglich sein. Ganz kann das nicht stimmen, ich habe auch schob\nBischofspal\u00e4ste gesehen, die <em>pa\u00e7o<\/em>\nhie\u00dfen. Im Internet gibt es eine lange Diskussion dar\u00fcber, in der auch schr\u00e4ge\nDefinitionen vorkommen wie die, dass der <em>pa\u00e7o<\/em>\nmindestens elf Fenster an der Fassade haben muss. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zum Rossio zur\nF\u00fchrung in das Teatro Real D. Maria II. Als ich auf den Platz komme, hat es\nangefangen, zu nieseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir nimmt nur eine\njunge Russin an der F\u00fchrung teil. Die findet auf Englisch statt. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst gibt es etwa zu den\nVorg\u00e4ngerbauten an dieser Stelle, beide keine Theater. Das Theater wurde dann\nauf Initiative der K\u00f6nigin Maria gegr\u00fcndet, der Tochter von Pedro IV., auf\ndessen Statue auf dem Rossio wir durch eines der Fenster bei der F\u00fchrung kurz\nsehen k\u00f6nnen. Der Bau wurde einem jungen italienischen Baumeister anvertraut,\nwas nicht nur auf Begeisterung stie\u00df. Er hatte wohl Beziehungen zu einem der\nF\u00fcrsten, die den Bau vorantrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>1964 brannte das Theater\nab. Was die Ursache war, hat man nie genau herausgefunden. Viele\narchitektonische Elemente konnten aber gerettet werden, so dass das Foyer, in\ndem wir stehen, nicht viel anders aussieht als vorher. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel von\nportugiesischen Dichtern und Schauspielern die Rede, die uns nichts sagen. Nur\nbei einem Namen klingelt es bei mir: Taborda, der Schauspieler, nach dem die\nStra\u00dfe der Schule benannt ist, ist mit einer B\u00fcste vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung ist nicht sonderlich\ninteressant, aber man bekommt mal wieder einen Eindruck davon, wie aufw\u00e4ndig\ndas alles ist. Das Theater hat insgesamt 90 vollberufliche Angestellte,\ndarunter zwei Schneiderinnen. Die Kost\u00fcme werden hier gefertigt, auch\ngewaschen, und nach Gebrauch in einem eigenen Lager au\u00dferhalb Lissabons\nverwahrt. Sie d\u00fcrfen in der Regel nicht einfach abge\u00e4ndert werden f\u00fcr eine\nsp\u00e4tere Vorstellung. Da muss man erst das Einverst\u00e4ndnis der Designerin\neinholen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen ein moderne,\nv\u00f6llig funktionale Garderobe, ohne jede Dekoration und mit einem Bildschirm,\nauf dem die Vorstellung auf der B\u00fchne gezeigt wird w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung.\nSp\u00e4ter sehen wir dann noch eine Garderobe, wie man sie sich vorstellt, mit\nPhotos, Briefen von Verehrern, Gl\u00fccksbringern und mit <em>Muita Merda!<\/em> mit dem Lippenstift auf den Spiegel geschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Von oben von der Ehrenloge\nblicken wir in das Theater hinunter. Es fasst gut 400 Zuschauer, fr\u00fcher hat man\nhier \u00fcber 700 reingelassen. Es gibt neben dem Parkett (<em>plateia<\/em>) drei R\u00e4nge (<em>balc\u00f5es<\/em>),\nwobei der dritte, auf dem fr\u00fcher die Stehpl\u00e4tze waren, heute nur noch f\u00fcr\ntechnische Vorrichtungen genutzt wird. Die F\u00fchrerin berichtet von einem sehr\nvolkst\u00fcmlichen Pr\u00e4sidenten, der sich, zum Entsetzen seiner Leibw\u00e4chter, immer\nunten ins Parkett statt hier oben in die Loge setzte und alle pers\u00f6nlich\nbegr\u00fc\u00dfte und umarmte. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch ein kleines\nHaus, ganz und gar sachlich, mit gerade mal drei Stuhlreihen f\u00fcr Zuschauer.\nHier werden auch St\u00fccke in Zeichensprache aufgef\u00fchrt (mit Sprache auf den\nBildschirmen) und es gibt besondere Auff\u00fchrungen f\u00fcr Blinde, die vor der\nAuff\u00fchrung die Kulisse und die Requisiten ber\u00fchren d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss werden noch\ndie Preise genannt. Das Theater ist staatlich und bekommt Zusch\u00fcsse. Die\nEintrittspreise sind sehr g\u00fcnstig, und es gibt dar\u00fcber hinaus noch alle\nm\u00f6glichen Erm\u00e4\u00dfigungen, so dass f\u00fcr die meisten der Theaterbesuch preiswerter\nist als ein Kinobesuch. Die Vorstellungen, sagt unsere F\u00fchrerin, seien in der\nRegel alle ausverkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus dem Theater\nkommen, hat der Regen noch einen Zahn zugelegt. Nur ein paar Schritte hinter\ndem Theater, auf einem weiteren Platz, befindet sich <em>A Ginjinha<\/em>, in meinem Reisef\u00fchrer unzutreffenderweise als\n\u201eKaschemme\u201c bezeichnet. Es ist eine Bar ohne Sitzpl\u00e4tze, ein Raum, der nur aus\ndem Tresen und ein paar Metern Stehfl\u00e4che besteht. Hinter dem Tresen steht ein\nMann, der <em>ginja<\/em> ausschenkt, einen\nstark destillierten, s\u00fc\u00dfen Kirschlik\u00f6r, den es mit oder ohne Schattenmorellen\nim Glas gibt. Neben vielen Touristen stehen hier auch Einheimische an. Der\nLik\u00f6r ist lecker und steigt sofort zu Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier fahre ich zur <em>Padaria Portuguesa<\/em>, die trotz ihres\nNamens nicht nur B\u00e4ckerei, sondern auch Speiselokal ist. Es gibt <em>Feijoada Brasileira<\/em>. Kleine dunkle\nBohnen in einer schwarzen So\u00dfe, serviert mit etwas Reis und etwas Kohl, beide\neher zur Dekoration, und Fleischst\u00fccke vom Schwein, die sonst kaum Verwendung\nfinden d\u00fcrften. Aber dem Gericht seinen vollen Geschmack verleihen. Da es nicht\nmehr so hei\u00df ist, trinke ich diesmal einen Rotwein dazu, aus dem D\u00e3o. Es regnet\ndie ganze Zeit stark, und dann f\u00e4ngt es regelrecht zu sch\u00fctten an. Als ich zur\nSchule komme, erfahre ich, dass die Besichtigung des <em>Jardim Am\u00e1lia<\/em> wegen des Regens ausf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Magellan hat nie eine\nWeltreise geplant. Man konnte sich nichts daf\u00fcr kaufen, dass man die Welt\numrundet hat. Er hatte viel praktischere, naheliegendere Motive: Er wollte zu\nden Gew\u00fcrzinseln, den Molukken. Nur dort gab es Nelken und Vanille, und mit\ndenen konnte man eintr\u00e4gliche Gesch\u00e4fte machen, mit Gewinnmargen von mehreren\nHundert Prozent. Dieser Handel wurde von Portugal kontrolliert. Portugal war\nvom Papst die \u00f6stliche Erdh\u00e4lfte zugesprochen worden. Magellan, selbst\nPortugiese und eigentlich Fern\u00e3o\nde Magalh\u00e3es, diente sich der spanischen Krone an, und die lie\u00df sich auf seinen\nVorschlag ein, es auf dem anderen Weg zu versuchen, von Westen her. Wenn man\nweit genug nach Westen fuhr, vorausgesetzt es gibt eine Durchfahrt durch den\nAtlantik in das Meer auf der anderen Seite, konnte man auch zu den Gew\u00fcrzinseln\nkommen. Und so geschah es am Ende auch, allerdings unter allergr\u00f6\u00dften\nSchwierigkeiten und den allerh\u00e4rtesten Opfern. Es gab Windstille, St\u00fcrme,\nK\u00e4lte, Versorgungsengp\u00e4sse, Meutereien, Flucht, und die Durchfahrt war nicht,\nwie erwartet, einmal um das Kap herum wie in Gibraltar, sondern ein\nverschlungener Wasserweg von 600 Kilometern L\u00e4nge. Am Ende kam von den f\u00fcnf\nSchiffen nur eins nach Europa zur\u00fcck, mit gut 20 Mann Besatzung statt der\nurspr\u00fcnglichen \u00fcber 200. Als diese M\u00e4nner schlie\u00dflich auf den Kapverden\nankamen, merkten sie, dass sie einen Tag verloren hatten. Sie hatten endg\u00fcltig\nempirisch bewiesen, dass die Erde eine Kugel ist, etwas, was man schon seit\nJahrhunderten angenommen, aber nicht mit Sicherheit gewusst hatte. F\u00fcr Magellan\nselbst ging es schlie\u00dflich schlecht aus. Er war zu den Philippinen gelangt und\nmachte dort gute Gesch\u00e4fte, \u00fcberspannte den Bogen aber und stie\u00df bei einem\nStamm auf entschiedene Gegenwehr. Er b\u00fc\u00dfte es mit dem Leben. In Portugal hat er\nnicht den allerbesten Ruf, und in Spanien feierte man Elcano, den Kapit\u00e4n des\nzur\u00fcckgekehrten Schiffs. Sp\u00e4ter wurde wenigstens die Wasserstra\u00dfe n\u00f6rdlich der\nS\u00fcdspitze Amerikas nach ihm benannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen ist\nes noch stark bew\u00f6lkt, aber es regnet nicht mehr. Im Laufe des Tages wird es\nimmer sch\u00f6ner, und als ich schlie\u00dflich in der Altstadt bin, ist der Himmel so\nblau wie in den ganzen Tagen noch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst mache\nich Erledigungen im Viertel: Apotheke, Reinigung, Feinkostgesch\u00e4ft. Das klappt\nalles wie am Schn\u00fcrchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zum\nChiado und mache dort ein Photo vor der Brasileira, auf dem Stuhl neben Pessoa,\nein beliebter Platz f\u00fcr Touristen aus aller Welt. Der Mann, der das Photo f\u00fcr\nmich macht, ist Spanier. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es\nmir zu voll, und ich komme zuf\u00e4llig auf einen kleinen, aus dem Nichts\nauftauchenden Platz an einer der kleinen Nebenstra\u00dfen des Viertels. Hier steht\ndas Teatro Carlos III., die Oper Lissabons, ein klassizistischer Bau, und\ngegen\u00fcber ein mehrst\u00f6ckiges Wohnhaus mit einer Plakette. Hier wurde Pessoa\ngeboren. Vor dem Haus steht eine moderne Bronzefigur, die ihn darstellt. Statt\neines Kopfs hat er ein aufgeschlagenes Buch. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache\neine Pause bei einem Kaffee auf diesem sch\u00f6nen, sonnenbeschienen, ruhigen\nPlatz. Er erweist sich als der schlechteste und teuerste Kaffee, den ich bisher\nhier getrunken habe, und der Service ist gleich auch noch schlecht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf&nbsp; dem Weg zum Carmo komme ich an einem Haus\nvorbei, \u00fcber dessen Eingang in gro\u00dfen Lettern dieses Zitat steht: penso mas n\u00e3o existo.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Carmo,\nder Convento do Carmo, genauer gesagt der ehemalige Convento do Carmo, genauer\ngesagt, die Kirche des ehemaligen Convento do Carmo, ist mein Ziel. Damals, vor\nsechs Jahren, habe ich sie nicht besucht, wei\u00df nicht mehr, warum. Die Kirche ist\nbei dem Erdbeben zerst\u00f6rt worden. Sp\u00e4ter begann man mit dem Wiederaufbau, aber\nder zog sich in die L\u00e4nge. Die Romantiker hatten dann Gefallen an der Ruine,\nwollten sie so belassen, wie sie ist, und dabei blieb es. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht die\nRuinen vom Rossio aus, ganz oben auf dem H\u00fcgel liegend. Das ist schon ein\nsch\u00f6ner Anblick, aber nichts im Vergleich zu dem Anblick, den man hat, sobald\nman die Anlage jetzt betritt. Man sieht die Au\u00dfenmauern der dreischiffigen\nKirche und die tragenden Teile des Gew\u00f6lbes vor dem stahlblauen Himmel, man\nguckt durch alles hindurch. Ein Dach gibt es nicht. Zur Vollendung sieht man im\nOsten durch die Rosette auf den Himmel. Die Romantiker hatten recht. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist in\nder Kirche eine arch\u00e4ologische Ausstellung untergebracht. Auch das passt\nbestens. Bauteile der alten Kirche oder \u00fcbrig gebliebenen Ausstattungsst\u00fccke\nh\u00e4ngen an den&nbsp; Au\u00dfenw\u00e4nden oder stehen\naus Sockeln entlang der Seitenschiffe: Kapitelle, Grabplatten, Fenstereinfassungen,\nein Taufbecken, Reliefs mit Wappen, teils gotisch, teils barock. Man hat wohl\nschon vor dem Erdbeben die Kirche ver\u00e4ndert und renoviert. Besonders sch\u00f6n das\nmanuelinische Fenster und der Kopf eines Jungen, der kontextlos von der Wand\nhinabguckt. Auff\u00e4llig eine Grabplatte mit hebr\u00e4ischer Inschrift, die sp\u00e4ter f\u00fcr\nein christliches Grab recycelt wurde und eine lateinische Inschrift enth\u00e4lt. Oder\nwar es umgekehrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ner als\nheute ist der Himmel in den ganzen Tagen nicht gewesen, und es ergeben sich\nimmer neue Perspektiven, je nachdem, ob man von vorne oder von der Seite oder\nvon hinten guckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Osten,\nhinter dem Querschiff, tritt man durch ein Tor, und kommt in den Chor und,\nflankiert von mehreren Kapellen. Dieser Teil ist erhalten geblieben oder\nwiederaufgebaut worden, einschlie\u00dflich Dach. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind\nDinge ausgestellt, die nicht zu der Kirche geh\u00f6rten, sondern woanders\nherkommen, meist christliche Kunst, aber nicht nur. Sogar eine peruanische\nMumie ist vertreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt\neine Sarkophag auf, der die klassischen Musen an der Frontseite darstellt, teils\ndurch Attribute wie eine Maske gekennzeichnet. Ist das das Grab eines Christen?\nVielleicht eines K\u00fcnstlers? Eines Schauspielers?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sarkophag\nvon D. Fernando I., dem K\u00f6nig, stellt alle m\u00f6glichen Szenen aus der Bibel und\nder \u00dcberlieferung dar, darunter einen schr\u00e4g durch die Luft fliegenden Engel,\naber auch die Werkstatt eines Alchemisten!<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n\nvier Alabastertafeln aus England, die Szenen der Passion Christi darstellen,\ndarunter die Gei\u00dfelung. Gleich zu viert schlagen sie auf ihn ein, zwei von der\nSeite, zwei von oben (oder hinten?). Sie holen weit aus mit ihren Kn\u00fcppeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der\nBesichtigung verliere ich mich in den Stra\u00dfen dieses belebten Viertels und\nerinnere mich an einen \u00e4hnlichen Streifzug bei dem letzten Lissabon-Besuch. Der\nWeg f\u00fchrt u.a. \u00fcber die R\u00faa Garrett. Das ist ein Name, der gestern bei der Besichtigung\ndes Theaters gefallen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nanderen Stra\u00dfenseite sehe ich ein winziges Handschuhgesch\u00e4ft, <em>Luvaria\nUlisses<\/em>. Es hat keinen Raum f\u00fcr Kunden. Die stehen vor dem Verkaufsfenster,\nwie vor einem Kiosk. Die Breite des Gesch\u00e4fts ist so gering, dass die\nSchaufenster, nicht mehr als zwei l\u00e4ngliche Streifen, schr\u00e4g zur Stra\u00dfe stehen.\nEs gibt tats\u00e4chlich Kundschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Essen\nfahre ich zur\u00fcck in unser Viertel und lande in einem Lokal, in dem junge, gut\ngekleidete Leute in kleinen Gruppen an den Tischen sitzen, vermutlich\nGesch\u00e4ftsleute oder Verwaltungsangestellte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nKellnerin, die gleichzeitig die Eigent\u00fcmerin ist, spricht Portugiesisch mit\nAkzent. Sie ist Franz\u00f6sin. Aus Tours. Das erkl\u00e4rt den Salat, den es als\nVorspeise gegeben hat, Radicchio mit gebratenem Camembert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich streife noch etwas durch die Gegend und komme dabei an einem kleinen Imbiss mit dem Namen <em>Aquin\u00e3ocomes <\/em>vorbei und dem Restaurant <em>Apeadeiro<\/em>. Das ist eine Zughaltestelle in einem Ort ohne Bahnhof. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Oktober\n(Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht\nbekomme ich einen Text korrigiert zur\u00fcck. Marta hat ihn sehr gr\u00fcndlich\ndurchgesehen. Ich bin \u00fcberrascht, wie fehlerhaft er ist und wie viele der\nFehler direkt dem Spanischen anzulasten sind. Die Wortformen sind meistens\nkorrekt, viele Fehler gibt es bei der Wortstellung. Sie hat mir auch eine doppelte\nVerneinung angekreuzt. Gibt es die im Portugiesischen gar nicht? Kann ich mir\nnicht vorstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund\neiner meiner Fragen macht Marta einen Kommentar zur Realisierung des \/r\/ im\nSpanischen und im Portugiesischen. Beide haben zwei Varianten. Eine davon, der\nTap, ist in beiden Sprachen gleich und kommt auch in der Regel in den gleichen\nKontexten vor. Das andere wird im Spanischen als alveolarer Reibelaut ausgesprochen,\nalso \u201egerollt\u201c, im Portugiesischen aber als uvularer Reibelaut, wie im\nFranz\u00f6sischen. Und jetzt kommt es: Die alte Variante, im Norden Portugals noch\n\u00fcblich, entspricht der spanischen Variante. Und diese Verteilung ist ganz\n\u00e4hnlich wie die im Deutschen! Auch bei uns h\u00f6rt man auf dem Land und bei\n\u00e4lteren Sprechern noch diese Variante. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem\nUnterricht will ich in die Baixa, bin aber zu faul, zu laufen. Das r\u00e4cht sich.\nDer Metrodienst ist eingeschr\u00e4nkt, da es, wenn ich das richtig verstehe, eine\nArt Betriebsversammlung der Mitarbeiter gibt. Schon auf die erste Metro muss\nich fast eine halbe Stunde warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist hei\u00df\nund so voll, dass man auf den B\u00fcrgersteigen kaum passieren kann. Ich weiche\nschnell auf Seitenstra\u00dfen oder Pl\u00e4tze aus. Da geht es besser. <\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes\nkomme ich zur Casa dos Bicos, dem Haus mit der auff\u00e4lligen Fassade. Sie ist mit\nspitz zulaufenden Steinen geschm\u00fcckt, die wie Diamanten aussehen (sollen). Es wurde\nbeim Erdbeben teilweise zerst\u00f6rt, aber wiederaufgebaut. Drinnen ist heute die Saramago-Stiftung,\ndie ich damals schon besichtigt habe. Der Platz vor dem Haus ist gro\u00df und in\nder Verl\u00e4ngerung liegt schon der Tejo, der in der Sonne gl\u00e4nzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus\nsieht man oben auf dem H\u00fcgel die beiden gedrungenen, quadratischen T\u00fcrme der\nKathedrale liegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits\nvon diesem Platz liegt, mitten in einer H\u00e4userreihe, die <em>Nossa Senhora da\nConcei\u00e7\u00e3o Velha<\/em>, einer Kirche, deren Steinportal, manuelinisch, das\nErdbeben \u00fcberlebt hat, \u00fcppig dekoriert, mit Engeln, Blumen, Armillarsph\u00e4ren und\ndem Kreuz des Christusordens. Oben die Jungfrau, die ihren Mantel ausbreitet\nund Bisch\u00f6fen, dem Papst, einem K\u00f6nig und wohl auch ein paar Normalb\u00fcrgern\nSchutz bietet. Das Innere der Kirche lohnt sich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an\neinem kleinen Laden vorbei, in dem nur Fischkonserven verkauft werden, das aber\nwie ein Juweliergesch\u00e4ft aussieht. Alle Dosen sind genormt, so wie eine normale\nSardinendose, aber kunstvoll verziert und meist mit einer Goldschicht \u00fcberzogen\n\u2013 oder etwas, das so aussieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es\nein Gesch\u00e4ft, das <em>Com Certeza!<\/em> Hei\u00dft. Davon muss ich auch ein Photo\nmachen, denn genau dieser Ausdruck kam dieser Tage im Unterricht vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme\nich zum <em>Terreiro do Pa\u00e7o<\/em>. Eigentlich will ich die Stelle lokalisieren,\nan der damals, 1908, &nbsp;das Attentat auf\nK\u00f6nig und Kronprinz ausge\u00fcbt wurde, aber es findet sich kein Hinweis. Der K\u00f6nig\nfuhr absichtlich im offenen Wagen und mit Generalsuniform, um Normalit\u00e4t zu\nsignalisieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Attentat\nwar der Anfang des Endes der Monarchie. Die \u201eGrundlagen\u201c waren aber l\u00e4ngst\nvorher gelegt. Es hatte sich ein Kleinb\u00fcrgertum ausgebildet, das in Opposition\nzu Adel und Gro\u00dfb\u00fcrgertum stand, eine Internationale Wirtschaftskrise hatte zu\nLandflucht und Verelendung gef\u00fchrt, das K\u00f6nigshaus wurde verantwortlich gemacht\nf\u00fcr das englische Ultimatum, das den R\u00fcckzug aus dem Gebiet zwischen Angola und\nMosambik forderte, man war den st\u00e4ndigen Wechsel zwischen konservativen und\nprogressiven Regierungen (<em>rotativismo<\/em>) leid, und dann stellte sich auch\nnoch heraus, dass das K\u00f6nigshaus beim Staat stark verschuldet war. Dass der\nK\u00f6nig im Gegensatz zu seinem Vorg\u00e4nger unpopul\u00e4r war, half auch nicht gerade. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie gro\u00df\ndieser Platz ist, merkt man erst, wenn man alle vier Seiten abschreitet. Unter\nden Arkaden ist man dabei gut vor der Sonne gesch\u00fctzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum\ndes Platzes auf einem hohen Sockel die Reiterstatue von Jos\u00e9 I. Der geh\u00f6rt hier\nauch hin, nicht so sehr wegen eigener Verdienste, sondern als F\u00f6rderer von\nPombal. Und der hat die ganze Baixa nach dem Erdbeben neu konzipiert und eine\nneue Stadt entstehen lassen, und zu der geh\u00f6rt auch der <em>Terreiro do Pa\u00e7o<\/em>,\nauf dem die Statue steht. Die Verbindung von Jos\u00e9 und Pombal war so eng, dass\nPombal zur\u00fccktrat, als Jos\u00e9 starb. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, warum Pombal, der doch so umstritten ist, mir immer sympathisch war. Er war modern, aufgekl\u00e4rt, packte an, wollte aus dem immer noch mittelalterlichen Portugal ein modernes Land machen. Seine Ma\u00dfnahmen zur Regelung des Handels in Portugal und in den \u00dcberseekolonien waren erfolgreich, die Organisation der Aufr\u00e4umarbeiten und der Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben waren beispielhaft. Er war allerdings auch r\u00fccksichtslos bei der Durchsetzung seiner Ma\u00dfnahmen, lie\u00df Unruhen in Porto durch Soldaten niederschlagen, lie\u00df 25 Beteiligte hinrichten und setzte die Gr\u00fcndung einer Weinbaugesellschaft mit Zwangsma\u00dfnahmen durch (Weinberge wurden verw\u00fcstet, D\u00f6rfer niedergebrannt), und er lie\u00df nach einem Anschlag auf den K\u00f6nig die Mitglieder mehrerer Adelsfamilien nach geheimen Ermittlungen verhaften und hinrichten. Keine sch\u00f6ne Bilanz. Und insgesamt litt sein Werk, wie es in meiner <em>Geschichte Portugals<\/em> hei\u00dft, unter dem Grundwiderspruch des aufgekl\u00e4rten Absolutismus schlechthin: die Menschen gl\u00fccklich zu machen, sie zu erziehen, bevor sie es selbst wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>13. Oktober\n(Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Marta erz\u00e4hlt\nim Unterricht gerne und ausf\u00fchrlich von ihren beiden S\u00f6hnen \u2013 welche Mutter tut\ndas nicht? \u2013 wahre Prachtkerle. Und Gegens\u00e4tze. Der eine musikalisch begabt,\nder andere Technik. F\u00fcr den einen, der mehrere Instrumente spielt, mit\nSpezialisierung auf Posaune, ist Musik alles. F\u00fcr den anderen sind es die\nFlugzeuge. Es gibt kein Flugzeug, das er nicht identifizieren kann, wenn es\n\u00fcber ihre K\u00f6pfe hinwegfliegt, und wenn sch\u00f6nes Wetter ist, will er nicht hinaus\nin die Natur, sondern zum Flughafen. Er will Aeronautik studieren. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich sind\ndiese Monologe, die eigentlich nicht mein Ideal f\u00fcrs Fremdsprachenlernen sind,\neine Art H\u00f6rverst\u00e4ndnistraining, und ich merke tats\u00e4chlich, dass ich zwar\nl\u00e4ngst nicht alles, aber immer mehr verstehe. Wie das genau vor sich geht, wei\u00df\nich nicht. Sie selbst ist \u00fcberrascht, als ich nach <em>presta<\/em> frage. Ja, das\nbenutzt sie h\u00e4ufig. Ohne es selbst zu merken: <em>N\u00e3o presta \u2013 Das taugt nicht. <\/em>N\u00fctzliche\nWendung. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesen\nTagen ist das beherrschende Thema ein zweieinhalbst\u00fcndiger Eingriff, den\nder&nbsp; j\u00fcngere Sohn beim Zahnarzt \u00fcber sich\nhat ergehen lassen m\u00fcssen, eine gr\u00f6\u00dfere Sache, die noch drei Jahre dauern wird,\nbis sie ganz abgeschlossen ist. In dem Zusammenhang bekomme ich das Wort <em>arco<\/em>\nmit, also \u201aBogen\u2018. Das ist offensichtlich eine Zahnspange.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen\nnoch mal auf die doppelte Verneinung zur\u00fcck. Es gibt sie wohl! Aber nicht bei <em>nunca<\/em>.\nDas ist mir v\u00f6llig neu. Und dass man <em>n\u00e3o \u2026 nada<\/em>,&nbsp; <em>n\u00e3o \u2026<\/em> <em>ningu\u00e9m<\/em> und <em>n\u00e3o \u2026 mais<\/em>\nsagen kann aber nicht <em>n\u00e3o \u2026<\/em> <em>nunca<\/em>, das will mir nicht in den\nKopf. Sie scheint darin eine Logik zu sehen und versucht auch, mir das zu\nerkl\u00e4ren, aber ohne gro\u00dfen Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kommt\nes durch eine Nachfrage von mir noch zu einem gr\u00f6\u00dferen Rundumschlag \u00fcber die\nPersonalpronomina und wie sie ihre Form ver\u00e4ndern, wenn sie in bestimmten\nPositionen erscheinen. Das ist alles gut und sch\u00f6n, wird aber nur von dem\nverstanden, der es sowieso kennt. Meine Abneigung gegen Grammatikunterricht\nbekommt neue Nahrung. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus\nder Schule komme, sehe ich gerade den Bus von Olympique Marseille unter dem\nGeleit der Polizei den Platz passieren. Sie haben nach dem Hinspiel gestern\nauch hier bei Sporting gewonnen und die Tabellensituation auf den Kopf\ngestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will zum <em>Aqueduto das \u00c1guas<\/em> <em>Livres<\/em>.\nEs gibt keine Metrostation in der N\u00e4he. Ich fahre\nnur eine Station, um den Fu\u00dfweg etwas abzuk\u00fcrzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnsteig\nist die ganze Wand mit Zitaten zu Kunst und Literatur verziert, darunter <em>Pintar\n\u00e9 falar consigo-mesmo para que algu\u00e9m nos entenda. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Beim\nHinausgehen merke ich, dass diese Metrostation sogar ein WC hat. Das ist heute\ndie gro\u00dfe Ausnahme, in allen U-Bahnen. Ich kann mich noch erinnern, wie die\nLondoner \u00fcberall Toiletten hatte, aber die waren dann so versifft, dass man sie\nam Ende alle abschaffte. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus\nist es noch ein ganz sch\u00f6ner Fu\u00dfmarsch, aber auch nicht so wild, wie die jungen\nFrauen in dem Caf\u00e9 meinen, in dem ich nach dem Weg frage. Sie sind geradezu\nentsetzt bei dem Gedanken, dass jemand zu Fu\u00df dahingehen will. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nrechten Seite ein langgezogenes Geb\u00e4ude hinter einer Mauer, mit Zinnen und\nromantisch geformten Rundt\u00fcrmen. Sie aus wie eine mittelalterliche Burg in\neinem Kinderbuch. Ich frage mich, was das wohl sein kann. Es ist ein Gef\u00e4ngnis!<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt\ndurch ein Wohnviertel, das mich mit seinem Nebeneinander von neueren\nWohnh\u00e4usern und \u00e4lteren mit Kacheln an der Fassade an eine andere Stadt\nerinnert, vielleicht Aveiro. Die Kacheln haben meist ein einfaches Muster, sind\noft gr\u00fcn und ziehen sich die ganze Fassade entlang. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier fliegen\ndie Flugzeuge noch niedriger \u00fcber die H\u00e4user. Man glaubt, sie mit den H\u00e4nden\ngreifen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nabsch\u00fcssigen Platz vor dem Aqu\u00e4dukt sehe ich eine Portugiesin mit langem Kleid\nund Handy in der Hand, die sich geschickt mit St\u00f6ckelschuhen \u00fcber das\nKopfsteinpflaster bewegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nenglisches Paar \u2013 vermutlich eher Mutter und Sohn \u2013 fragt, wie man denn zu dem\nAqu\u00e4dukt komme. Ich begegne ihnen nachher noch zweimal. Beide Male hat die Frau\netwas zu bem\u00e4ngeln \u2013 da kommt man ja nicht, ist schlecht ausgeschildert, warum\ndas da nicht auf Englisch stehe \u2013 w\u00e4hrend der Sohn wortlos dabeisteht und mir\nirgendwie verst\u00e4ndnisvoll zunickt, als auch meine Antworten nicht\nzufriedenstellend ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Aqu\u00e4dukt\nbefindet sich in einem Museum. Warum das so hei\u00dft, ist wirklich nicht so leicht\nzu verstehen. Denn ausgestellt wird hier nichts. Es gibt nur einen kleinen Park\nmit ein paar Informationstafeln und eben den Aqu\u00e4dukt. Sp\u00e4ter sehe ich auf\neinem Faltblatt, dass das Museum aus verschiedenen Teilen besteht, darunter\neiner unterirdischen Anlage und ein Pumpwerk, dass diese Teile sich aber an\nverschiedenen Orten befinden und nicht t\u00e4glich zu besichtigen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Aqu\u00e4dukt\nstammt aus dem 18. Jahrhundert und entstand auf Initiative von Jo\u00e3o V., dem mit\nder Bauwut, auch der Erbauer von Mafra. Zur Errichtung des Aqu\u00e4dukts wurde eine\nSondersteuer erhoben. Der Bau zog sich \u00fcber sechzig Jahre hin und wurde 1799\nabgeschlossen. Zwischen den verschiedenen Baumeistern gab es Kontroversen \u00fcber\ndie Konstruktion, unter anderen \u00fcber die Form der B\u00f6gen zur \u00dcberwindung des\nTals von Alc\u00e1ntara. Am Ende entschied man sich f\u00fcr solide Rundb\u00f6gen. Das\nbew\u00e4hrte sich. Dieses Teilst\u00fcck, an dem wir jetzt stehen, war das schwierigste\nund wurde 1744 abgeschlossen. Beim Erdbeben elf Jahre sp\u00e4ter wurden lediglich\ndrei Dachgauben zerst\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Teil\ndes Aqu\u00e4dukts, 960 Meter, kann man hier entlanglaufen, \u00fcber einen schmalen Steg\nganz oben. Der Aqu\u00e4dukt, aus dunklem Granit gebaut und durch Ru\u00df zus\u00e4tzlich\nnachgedunkelt, ist nicht sonderlich sch\u00f6n auf den ersten Blick, aber auf jeden\nFall beeindruckend. Und nach der H\u00e4lfte der Strecke, wo der Aqu\u00e4dukt einen\nBogen macht, hat man einen sch\u00f6nen Blick hinunter auf die Arkaden. Die H\u00e4user\nreichen bis fast unmittelbar an das Aqu\u00e4dukt heran. In regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen\ngibt es oben einen quadratischen, gedrungenen Turm mit einer kleinen Verzierung\nauf dem Dach. Was genau deren Funktion ist, erf\u00e4hrt man nicht. Vielleicht\nKontrollt\u00fcrme.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem\nAbschluss des Baus war das Wasser nat\u00fcrlich noch nicht bei den Leuten, und es\ngab, wie man auf Abbildungen sieht, <em>aguadeiros<\/em>, Wassertr\u00e4ger, M\u00e4nner wie\nFrauen, meist Afrikaner, sp\u00e4ter auch Galicier , die das Wasser auf F\u00e4ssern auf\nder Schulter oder in Kr\u00fcgen auf dem Kopf in die Wohnviertel brachten. Die\narbeiteten zun\u00e4chst \u201efreiberuflich\u201c, sp\u00e4ter als feste Angestellte. Das ging\nnoch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts so.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem\nR\u00fcckweg sehe ich an einem Fris\u00f6rsalon die Preise f\u00fcr die Dienstleistungen:\nHaarschnitt 5 \u20ac, Bart 3 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich schon\neinmal hier oben bin, suche ich hier auch gleich ein kleines Lokal zum Essen.\nEs hat einen kleinen, dunklen Innenraum, und die hier verkehren, sind lauter\nEinheimische, Bekannte des Wirts, die teils auch nur auf ein Schw\u00e4tzchen kommen\noder kurz einen Kaffee an der Theke trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum hat\nnichts Besonderes, wohl aber sch\u00f6n gestaltete Kacheln, in Wei\u00df, Blau und Geld,\ndie sich die halbe Wand hochziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die\nfu\u00dfballerische Affinit\u00e4t des Wirts l\u00e4sst die Einrichtung keine Zweifel zu: ein\nSchal von Benfica, Mannschaftsbilder, Pokale, eine Aufnahme des Stadions, ein\nKalender und der Adler von Benfica. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberfl\u00fcssige\nWorte werden hier nicht gewechselt, und der Wirt l\u00e4sst keinen Zweifel daran\naufkommen, dass er nichts von falscher H\u00f6flichkeit h\u00e4lt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle\neine Gem\u00fcsesuppe zu dem unschlagbaren Preis von 2,00 \u20ac (Mitnahmepreis 1,50 \u20ac)\nund dann einen <em>Cozido \u00e0 Portuguesa<\/em>, eine Art Schlachtplatte mit Kohl,\nM\u00f6hren, Reis, Kartoffeln und Bohnen. &nbsp;Es\ngibt ein St\u00fcck Chorizo, ein St\u00fcck Blutwurst, Rippchen, Speck und allerlei\nKnochen, an denen man herumknabbern kann. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die\nOliven gibt es ein Sch\u00e4lchen, aus sch\u00f6ner Keramik, in der eine gr\u00f6\u00dfere Mulde\nf\u00fcr die Oliven vorgesehen ist und eine kleinere f\u00fcr die Steine. Sehr praktisch.\nSonst wei\u00df man nie, was man mit denen anfangen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es\ndurch die Mittagshitze zur\u00fcck zur Schule, denn heute muss ich nachsitzen, f\u00fcr\neine ausgefallene Stunde am Dienstag. Es geht um portugiesische Traditionen, zu\ndenen Feste geh\u00f6ren, aber auch Stickereien und Masken. Alles steht unter dem\nMotto: Portugal hat mehr als die drei F\u2019s: Fu\u00dfball, Fatima, Fado. Von den zehn\nTraditionen, die hier beschrieben werde, kenne ich nur drei. <\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend\nsoll ich etwas \u00fcber deutsche Traditionen erz\u00e4hlen. Gar nicht so einfach, das\naus dem Standreif zu tun. Als die Rede auf S\u00fc\u00dfigkeiten kommt \u2013 ich erz\u00e4hle vom\nL\u00fcbecker Marzipan und den Aachener Printen \u2013 erz\u00e4hlt Marta von deutschem\nWeihnachtsgeb\u00e4ck. Ich bin \u00fcberrascht. Woher sie das denn kenne? Von Lidl!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem\nUnterricht kaufe ich auf dem R\u00fcckweg in einem S\u00fc\u00dfwarengesch\u00e4ft, das mir dieser\nTage ins Auge gefallen ist, ein paar Pralinen f\u00fcr die Gastgeberin in Rio. Ich\nsage dem Mann hinter der Theke, dass ich sie mit dem Flugzeug transportieren\nm\u00fcsse. Wohin denn die Reise gehe, will er wissen. Nach Brasilien. Brasilien? Er\nantwortet mit einem Freudenschrei. Es stellt sich heraus, dass er selbst\nBrasilianer ist, aus Santos. Aber er hat in verschiedenen St\u00e4dten in Brasilien\ngelebt, auch zwei Jahre in Rio, wo er an der Copacabana an einer Grundschule\nunterrichtet hat. Brasilien werde mir gefallen, die Natur, die Musik, die\nMenschen. Aber Vorsicht! Nichts Auff\u00e4lliges, keine Uhr, keine Wertsachen, auch\nkeinen Rucksack. Es gebe viel Kriminalit\u00e4t. Aber dann f\u00fcgt er doch zu meiner\nBeruhigung hinzu: Da wo ich mich bewege, in den Touristenvierteln, sei es nicht\nso schlimm, und da sei \u00fcberall die Polizei pr\u00e4sent. Zum Leben sei Brasilien ein\nschwieriges Land, unsicher, kriminell, \u00fcberall Korruption, Armut. Es gebe\nMenschen, die nichts zu essen h\u00e4tten. Da lobe er sich Portugal, sicher, ruhig,\nguter Lebensstandard. Das sei wirklich lebenswert. Heimweh habe er keins. Ob er\ndenn noch oft nach Brasilien fahre? Nein, nicht so oft, aber 2021 zweimal,\neinmal, weil er noch etwas zu erledigen hatte, einmal, weil sein Vater\nverstorben sei. Corona. Er senkt dann noch die Stimme, um etwas \u00fcber die\naktuelle politische Situation zu sagen. Er polemisiert, ohne den Namen zu\nnennen, gegen Bolsonaro. Was der anstelle, das sei Gehirnw\u00e4sche. Er bringe die\nLeute, ausgerechnet die Armen, dazu, seine Kampagne finanziell zu unterst\u00fctzen.\nDass ich Portugiesisch lerne, einfach nur so, findet er erstaunlich, aber sehr\nlobenswert. Als ich mich verabschiede, sind wir beinahe Freunde geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>14. Oktober\n(Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich sehe\nich mal nach, was <em>celeiro<\/em> hei\u00dft. Es gibt eine Ladenkette (verlauft\nirgendwas Elegantes). Immer wieder bin ich an einer der Filialen\nvorbeigekommen. Es bedeutet \u201aScheune\u2018, \u201aSpeicher\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht\nkommt die Rede auf Peniche, einer Stadt n\u00f6rdlich von Lissabon. Dort gab es\nw\u00e4hrend der Zeit der Diktatur ein ber\u00fcchtigtes Gefangenenlager. Hier waren\ninsgesamt \u00fcber 2000 Gefangene, meist politische Gefangene inhaftiert. Am Tag\nnach der Nelkenrevolution wurde sie freigelassen. Danach sollte das Lager\neigentlich abgerissen werden und einem Hotelkomplex f\u00fcr Touristen weichen, aber\ndas wurde abgewendet. Heute ist aus dem Gefangenenlager ein Museum geworden,\neine Erinnerungsst\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem\nUnterricht fahre ich zum Chiado und gehe dann zu Fu\u00df in der Hitze ins Bairro\nAlto rauf, ein ganz sch\u00f6nes Viertel, in dem ich vermutlich noch nie gewesen\nbin. Es wirkt wie ein normales Wohnviertel, mit Blument\u00f6pfen auf den schmalen\nBalkonen, der einen oder anderen Fahne, vor allem aber W\u00e4sche zum Trocknen. Es\nist aber wohl auch ein Viertel f\u00fcr das Nachtleben, wie man an den vielen Bars\nund Kneipen sieht, die um diese Zeit alle geschlossen sind. Sie haben\nauff\u00e4llige Namen wie <em>Copacabana<\/em>, <em>Simplesmente<\/em> oder (auf Deutsch) <em>Hungerstation<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stra\u00dfe\nin diesem Viertel hei\u00dft <em>R\u00faa do Diario das Not\u00edcias,<\/em> ist also nach der\nZeitung benannt. Ob hier fr\u00fcher die Redaktion war? <\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo\nversteckt soll sich hier in einem Wohnhaus das Freimaurermuseum befinden. Gut\ngenug versteckt, ich finde es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme\nnach S\u00e3o Roque, einer Kirche mit einer einfachen, wei\u00dfen Fassade im\nklassizistischen Stil. Auf dem Platz vor der Kirche bekomme ich an einem Kiosk\nvon einem freundlichen Mann meinen Kaffee, diesmal mit einer Art K\u00e4sekuchen,\nder aber mit dem unseren nichts zu tun hat. Hier sind die Preise ganz normal,\nanders als unten am Chiado.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man die\nKirche betritt, sieht man erst gar nichts. Man ist noch geblendet von der Sonne\ndrau\u00dfen und kommt in einen v\u00f6llig dunklen Raum. Wenn sich die Augen dann an die\nDunkelheit gewohnt haben, m\u00f6chte man am liebsten gleich wieder rausrennen, angesichts\nder v\u00f6llig \u00fcberladenen, schier erdr\u00fcckenden Inneneinrichtung. Barocker\n\u00dcberfluss \u00fcberall, und ein \u00dcberma\u00df an Gold. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber es lohnt\nsich, der Kirche eine Chance zu geben. An den Seitenw\u00e4nden sch\u00f6ne Fliesen, mit\neinfachen Mustern, irgendwie im Kontrast zu dem Prunk der Alt\u00e4re stehend. Dann\nlohnt bemalte Holzdecke. Sie ist flach, aber die Malerei schafft die Illusion\nvon Tiefe. Der Hochaltar hat ein zentrales Bild, Mari\u00e4 Himmelfahrt. Tats\u00e4chlich\nist dies nur eins von sieben Bildern des Hochaltars. Nur sieht man die anderen\nnicht. Es gibt einen Verschiebehahnhof, an dem jeweils das f\u00fcr das liturgische\nJahr relevante Bild nach vorne geschoben wird! Und dann ist da noch eine\nSeitenkapelle, Johannes dem T\u00e4ufer gewidmet. Sie wurde komplett in Italien\ngefertigt und dann in St\u00fccke zerlegt und in Lissabon wieder aufgebaut. Sie hat\ndrei gro\u00dffl\u00e4chige Gem\u00e4lde, die Szenen aus dem Leben Jesu\u2018 darstellen, mit der\nTaufe in der Mitte. Diese Bilder sind keine Originale, sondern Kopien der\nWerke&nbsp; eines italienischen Meisters. Aber\nsie sind nicht auf Leinwand gemalt, obwohl sie so aussehen, sondern bestehen\naus Hunderten kleiner Mosaiksteine!<\/p>\n\n\n\n<p>Beeindruckt\nvon der Kunstfertigkeit, aber auch dem Schaffenswillen fr\u00fcherer Generationen\nkann ich mich wieder mond\u00e4neren Dingen wie dem Essen und der W\u00e4sche widmen. <\/p>\n\n\n\n<p>15. Oktober\n(Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Von gut unterrichteter Seite bin ich an den Brand Lissabons erinnert worden. Vor lauter Detailverliebtheit habe ich den gar nicht auf der Rechnung gehabt, schlichtweg vergessen, dass es ihn gegeben hat. Das war 1988. In Chiado, wo ich gestern noch war, brannten mehrere H\u00e4userblocks komplett nieder, darunter zwei sch\u00f6ne Kaufh\u00e4user. Das Feuer hatte sich durch explodierende Gasflaschen rasch ausgebreitet. Ob es davon noch Spuren gibt<\/p>\n\n\n\n<p>Margarida hat\nBesuch von ihrer in Dresden verheiraten Tochter bekommen. Sie ist mit ihrer\nTochter, also der Enkelin, gekommen. Die hat vorgestern bei der Ankunft im Taxi\nihr Handy verloren. Und gestern hat es einen medizinischen Notfall gegeben.\nGl\u00fccklicherweise ist alles gut ausgegangen. Als Fremder steht man etwas hilflos\ndavor, und in der Fremdsprache ist man da im wahrsten Sinne des Wortes\nsprachlos. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachtrag zum\nUnterricht von gestern: Schule hei\u00dft immer <em>escola<\/em> und Lehrer immer <em>profesor<\/em>,\nganz egal, auf welcher Stufe, von der Grundschule bis zur Universit\u00e4t. Man unterscheidet\ndurch Hinzuf\u00fcgungen: <em>profesor de ensino b\u00e1sico <\/em>(6-15) <em>und profesor de\nensino secund\u00e1rio<\/em> (16-18). Bei dem ersten werden dann noch drei Zyklen\nunterschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den\nvielen Metrofahrten und den unendlichen Umsteigewegen sind mir in den letzten\nTagen diese W\u00f6rter durch den Kopf gegangen: <em>naturaleza\/natura\/natureza<\/em>\nund <em>s\u00e9\/so\/sei<\/em> und <em>mezcla\/mescolanza\/mistura<\/em>. Genug Material zum\nDurcheinanderkommen ist also vorhanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder viel\nzu sch\u00f6nes Wetter f\u00fcr ein Museum. Diesmal fahre ich nach Santa Apolonia, unten\nam Tejo gelegen, so gerade au\u00dferhalb der Innenstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he\nder Metrostation liegt das <em>Museu Militar<\/em>, und das ist gut als\nOrientierungspunkt. Auf dem Platz ein mehrst\u00f6ckiges schmales Haus mit\ngefliester Fassade. Unten h\u00e4ngt eine brasilianische Fahne, und ganz oben, im\nletzten Stockwerk, eine wunderbar bunte Reihe von W\u00e4schest\u00fccken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht eine\nstille Seitenstra\u00dfe entlang. Wie in Coimbra haben auch hier die H\u00e4user f\u00fcr jede\nEingangst\u00fcr eine eigene Hausnummer. Ein Haus hat auf vielleicht zehn, zw\u00f6lf\nMetern Breite f\u00fcnf Hausnummern: 86A, 86, 82A, 82, 84 (in dieser Reihenfolge).<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach\nkommt eine, zu dieser Zeit geschlossene Kneipe mit dem Namen <em>Tagus<\/em>. Das\nist die lateinische Form des Namens, aus der dann der <em>Tajo<\/em> bzw. der <em>Tejo<\/em>\nwurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es\n\u00fcber eine verschmierte, einsame Treppe an Wohnh\u00e4usern vorbei. Es geht steil\nrauf, und die ganze Zeit kommt mir kein Mensch entgegen. Hier m\u00f6chte man nachts\nnicht unbedingt alleine hergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben\nangekommen, pr\u00e4sentiert sich eine v\u00f6llig andere Szenerie. Vor einem liegt der\nwei\u00dfe Bau des <em>Pante\u00e3o<\/em> <em>Nacional<\/em>, und gleich daneben wimmelt es nur\nso von Menschen. Hier ist heute Flohmarkt. Die <em>Feira da Ladra<\/em>. Er soll\neiner der gr\u00f6\u00dften Europas sein. Ich bleibe an einem Stand mit Fliesen stehen,\nganz h\u00fcbsch, und gar nicht teuer, und wundere mich an einem anderen Stand \u00fcber\ndie dicken wollenen Str\u00fcmpfe, die hier an einer Leine h\u00e4ngen. Passt zu dem\nWetter nicht so richtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist\naber der <em>Pante\u00e3o Nacional<\/em>. Auf dem Weg dahin kommt man durch einen gro\u00dfen\nBogen, der sinnvollerweise <em>Arco Grande de Cima<\/em> hei\u00dft. Etwas weiter\nspielt ein chinesisch aussehender Musiker auf einem arabisch aussehenden\nInstrument eine Musik, die spanisch klingt. Er spielt ausgezeichnet und bekommt\nlauten Beifall. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Pante\u00e3o\nNacional<\/em> ein klassizistischer Bau ganz in Wei\u00df mit einer barock anmutenden konvexen\nFassade. Nur ganz wenige Nischen mit gro\u00dfen Figuren, ansonsten ist die Fassade\nschmucklos. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche,\ndie jetzt keine Kirche mehr ist, hat eine interessante Baugeschichte. Sie hie\u00df\nurspr\u00fcnglich <em>Santa<\/em> <em>Engr\u00e1cia<\/em> und ist in die portugiesische Sprache\neingegangen als Metapher f\u00fcr eine endlos sich hinziehende Sache (<em>obras de Santa\nEngr\u00e1cia<\/em>), die nicht zu einem Ende kommt, wie bei uns der BER vielleicht,\naber dessen Bauzeit war ein Klacks zu <em>Santa Engr\u00e1cia<\/em>. Bei der betrug sie\n300 Jahre. <\/p>\n\n\n\n<p>Das mag man\nkaum glauben, wenn man die Kirche betritt. Alles ist wie aus einem Guss, ein Zentralbau\nmit einer hohen Kuppel und vier Halbkuppeln an den Seiten,&nbsp; mit vier Seitenkapellen, vier Kanzeln, und\nmit Fenstern im Obergeschoss, die wie eine Theaterloge wirken, von der aus man\ndas Geschehen verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den\nSeitenkapellen stehen jeweils vier fast baugleiche Sarkophage, vermutlich\nMarmor, mit kurzen Inschriften in gro\u00dfen Buchstaben, die meist nicht mehr als\nden Namen angeben. Kurioserweise sind die meisten Sarkophage leer. Sie haben\nrein symbolische Funktion. Vasco da Gama und Cam\u00f5es sind zum Beispiel im\nHieronymuskloster in Bel\u00e9m bestattet. Zu den Ausnahmen geh\u00f6rt Am\u00e1lia Rodrigues.\nDie ist wirklich hier bestattet. Am\u00e1lia, die Frau, die wie keine andere f\u00fcr den\nFado an sich steht, eine portugiesische Ikone. Sie wurde in Lissabon geboren\nund f\u00fcr ihre besonders gef\u00fchlvolle Interpretation bekannt. Sp\u00e4ter hat sie auch\neine Karriere als Filmschauspielerin gemacht. Als S\u00e4ngerin ist sie in der\nganzen Welt aufgetreten, ob in Japan, den USA oder S\u00fcdafrika. <\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste\nKirche ist wirklich eine, <em>S\u00e3o Vicente de Fora<\/em>.<em> dos Moros<\/em>. Der\nNamensbestandteil <em>fora<\/em> bezieht sich auf die Lage der Kirche au\u00dferhalb\nder Stadtmauern. Die Fassade, ebenfalls ganz in Wei\u00df, ist gar nicht so anders\nals die beim <em>Pante\u00e3o<\/em>. Nur \u00fcberwiegt hier die Horizontale. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Innere\nist f\u00fcr portugiesische Verh\u00e4ltnisse fast schlicht, kein Gold, keine Gem\u00e4lde, in\nden Seitenkapellen immer nur eine einzige Figur, aus Holz, an den Seitenw\u00e4nden\nund den breiten Pfeilern kein Schmuck. Einen Moment denke ich, wie der Escorial\nohne den Prunk, und dann klopfe ich mir selbst auf die Schulter, als ich lese,\ndass Herrera m\u00f6glicherweise der Baumeister war. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche\ngeh\u00f6rt zu einem Kloster, und der Eingang zu dem Kloster liegt gleich an dem\nPlatz vor der Kirche, quer dazu. Man kommt zuerst in einen sch\u00f6nen Innenhof mit\nB\u00e4nken zum Ausruhen. Von hier aus hat man sch\u00f6ne Blicke auf die Fassade der\nKirche, von der Seite aus. Ich \u00fcberlege, wie noch mal die Blumen hie\u00dfen, die\nhier so \u00fcppig bl\u00fchen. In dem Moment erkl\u00e4rt ein deutscher Besucher seiner\nMutter, das seien Glyzinien, die w\u00fcchsen nur in tropischen L\u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Was man von\nhier aus nicht vermutet: Das Kloster ist riesengro\u00df. Man kommt durch eine ganze\nReihe von S\u00e4len, museal ausgestattet mit liturgischen Gew\u00e4ndern und\nliturgischen Ger\u00e4ten und Schautafeln zur Geschichte des Klosters. Dann kommen zwei\nKreuzg\u00e4nge, eine Sakristei, eine Kapelle, ein Pantheon, ein Kapitelsaal und\neben die Kirche. Irgendwann habe ich die Orientierung verloren und finde fast\nden Ausgang nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden\nKreuzg\u00e4nge sind praktisch identisch, zweist\u00f6ckig, mit Arkaden unten, ganz in\nWei\u00df. Von hier aus hat man wunderbare Blicke auf die wei\u00dfen T\u00fcrme der Kirche\nvor dem blauen Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der\nAusstattung der Kirche sind die Wandfliesen am interessantesten. Davon gibt es\nvermutlich Hunderte, alle Szenen des t\u00e4glichen Lebens darstellend, teils\nh\u00f6fische, teils volkst\u00fcmliche. Man sieht Adelige vor ihren Kutschen und Bauern\nauf dem Feld. Als Szenarien dienen vor allem der Fluss, das Meer und die Parks.\nEine Szene f\u00e4llt mir besonders ins Auge: Da machen sich drei M\u00e4nner an einem\nBaum zu schaffen, mit einem Seil und einer Axt ausgestattet, und neben ihnen\nstehen drei Musiker. Soll der Baum aufgerichtet oder gef\u00e4llt werden? Und welche\nFunktion haben die Musiker? Man k\u00f6nnte sich noch viele solcher Szenen ansehen,\naber mich zieht es wieder nach drau\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden\nuns hier im Stadtteil <em>Gra\u00e7a<\/em>, und das kann einem nicht entgehen: Die <em>Cal\u00e7ada\nda<\/em> <em>Gra\u00e7a<\/em>, der <em>Largo da<\/em> <em>Gra\u00e7a<\/em> und die <em>R\u00faa da<\/em> <em>Gra\u00e7a<\/em>\nf\u00fcr zur <em>Igreja da Gra\u00e7a<\/em>, zur <em>Feira da Gra\u00e7a<\/em> rund um die Kirche\nherum und zum <em>Jardim da Gra\u00e7a<\/em>, einem Lokal an dem Platz vor der Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr\nder Kirche steht in mehreren Sprachen, was man zu tun habe. Auf Englisch hei\u00dft\nes <em>Please grab the door<\/em>, auf Deutsch <em>Bitte ergreifen Sie die T\u00fcr<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Statt zur\nKirche zieht es mich aber um <em>Miradouro<\/em>, zum Aussichtspunkt, gleich an\ndem Platz an der Seite der Kirche. Ich bin nicht der einzige, den es hierhergezogen\nhat. Kein Wunder. Von hier aus sieht man hinunter in die <em>Baixa<\/em> mit den\nrotgedeckten H\u00e4usern, hinauf zur Burg auf der linken Seite und in die Ferne auf\ndie <em>Ponte<\/em> <em>25 de Abril<\/em>. Und das bei dem Wetter! Das Auge kann das\nalles auf einmal fassen, die Kamera nicht. Die Bilder bleiben hinter dem\neigenen Seherlebnis zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinunter geht\nes \u00fcber eine unbequeme Treppe mit ganz kleinen Stufen und Abs\u00e4tzen aus\nKopfsteinpflaster. Das zieht sich hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten sehe\nich dann, dass es als Alternative sogar eine Rolltreppe gibt, mitten in der\nStadt. Aber die f\u00fchrt wohl nur rauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt\ndie endlose Suche nach der <em>Tasca Z\u00e9 dos Cornos<\/em>, die unser F\u00fchrer, Bernardo,\ndieser Tage empfohlen hat. Ich kann mich erinnern, dass das war, unmittelbar\nbevor wir zur Metro <em>Martim Moniz<\/em> kamen. Das Lokal lag in einer Seitengasse\nan erh\u00f6hter Stelle, man konnte es aber von unten aus sehen. Ich drehe endlose\nRunden und frage bestimmt ein Dutzend Mal nach. Einige kennen das Lokal, andere\nnicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande\nich in der <em>Mouraria<\/em>. Dahin hat mich ein Mann geschickt der vermutlich\ndie <em>Tasca Z\u00e9 dos Cornos<\/em> mit der <em>Tasca Z\u00e9 da Mouraria<\/em> verwechselt\nhat. Macht nichts. Ist auch gut. Es gibt nur ein Problem. Die Kneipe ist\nrappelvoll, und drau\u00dfen stehen schon Leute an, die sich auf die Warteliste\nhaben setzen lassen. Das Warten wird mir zu lang. Ich laufe durch die <em>Mouraria<\/em>,\ndem ehemaligen Mohrenviertel, ein Viertel mit verwinkelten Gassen, in dem es\nauf und nieder geht und in dem Einfamilienh\u00e4user neben Mehrfamilienh\u00e4usern\nstehen. Das Viertel ist sehr bunt. Hier sieht man chinesische Lampions neben geh\u00e4kelten\nGardinen, einen arabischen Fris\u00f6r neben einem indischen Minimarkt und einem\nPlakat mit portugiesischen Fados\u00e4ngern. Nachts soll man dieses Viertel besser\nmeiden, hei\u00dft es, aber jetzt ist es friedlich und vor allem ganz still. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem\nPlatz sehe ich ein Lokal mit einer Terrasse. An den Tischen sitzen Einheimische\ngenauso wie Touristen. Auf dem qualmenden Grill liegen Sardinen. Die gebe es\naber nicht mehr, sagt mir er Wirt. Es m\u00fcsse Fleisch sein. Einverstanden. Das\nEssen ist keine Offenbarung, immer wieder der eint\u00f6nige Salat mit viel zu\ngro\u00dfen Zwiebelringen und viel zu gro\u00dfen Tomatenscheiben und die labbrigen,\nlauwarmen Pommes, aber das Fleisch ist ein Gedicht. Es gibt eine r\u00f6tliche\nWurst, ein St\u00fcck Rippchen und ein Kotelett. Alles sehr saftig, sehr\nschmackhaft. Abkassiert wird hier ohne Rechnung. Das passiert nicht so oft in\nPortugal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre\ndann noch mal nach Chiado. Es wimmelt nur so von Menschen, auf den B\u00fcrgersteigen\nkommt man kaum aneinander vorbei, Portugiesen gibt es hier nicht, und \u00fcberall\nwird Englisch gesprochen. Schrecklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging mit\nnur darum, mir noch einmal die R\u00faa Garrett anzusehen, Die soll bei dem Brand am\nmeisten betroffen gewesen sein. Wenn man es wei\u00df, k\u00f6nnte man meinen, dass man\nes sieht, der untere Teil der Stra\u00dfe sieht neuer aus als der obere. Und ganz\nunten, wo jetzt ein <em>Shopping Center<\/em> ist (das auch so hei\u00dft) war fr\u00fcher\nwohl eins der traditionellen portugiesischen Kaufh\u00e4user. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier h\u00e4lt\nmich nichts. Ich fahre zur\u00fcck. Die Tage in Lissabon enden in einer typisch\nportugiesischen Institution: bei Lidl. Dort gibt es Spekulatius, Dominosteine,\nSchokoladennikol\u00e4use und Adventskalender. <em>Do legst di nieder<\/em>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Oktober (Sonntag) Am Flughafen bewundere ich die Geduld, mit der einige V\u00e4ter ihre quengelnden und pl\u00e4rrenden Kinder mit Fragen und Hinweisen ablenken und beruhigen: \u201eGuck mal da, unser Flugzeug!\u201c \u2013 \u201eWas macht der Mann da?\u201c. 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