{"id":11388,"date":"2022-10-20T10:47:20","date_gmt":"2022-10-20T08:47:20","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11388"},"modified":"2022-12-17T12:55:11","modified_gmt":"2022-12-17T11:55:11","slug":"rio-de-janeiro-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11388","title":{"rendered":"Brasilien (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>16. Oktober\n(Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer Brasilien wirklich zu erleben wei\u00df, der hat\nSch\u00f6nheit genug f\u00fcr ein halbes Leben gesehen. Das Leben an sich ist hier\nwichtiger als Zeit. Ein Rausch von Sch\u00f6nheit und Gl\u00fcck \u00fcberkam mich. So viel\nich sah, es war ie genug.\u201c So Stefan Zweig in seinem Buch \u00fcber Brasilien. Er\nschwelgt \u00fcber die Natur und \u00fcberh\u00f6ht die Geschichte Brasiliens, so sehr, dass\nman bald begann, sich \u00fcber das Buch lustig zu machen. Kein Wunder bei S\u00e4tzen\nwie \u201eIch wusste, ich hatte einen Blick in die Zukunft der Welt getan.\u201c Aber er\nwar dankbar, weg von allem zu sein, von dem Krieg und von der Verfolgung durch\ndie Nazis. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir mischen sich Vorfreude und Skepsis\nangesichts der Weite des unbekannten Landes. Meine erste Station ist Rio.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name Rio de Janeiro beruht auf einem\nMissverst\u00e4ndnis. Als die portugiesischen Entdecker in der Bucht von Guanabara\nankamen, glaubten sie, die M\u00fcndung eines riesigen Flusses entdeckt zu haben.\nDen Beinamen bekam die der Fluss durch das Datum der Ankunft im Januar, am 1.\nJanuar 1502. Als die ersten Siedler sp\u00e4ter den Irrtum entdeckten, hatte sich\nder Name bereits festgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von Lissabon geht es gleich \u00fcber den Atlantik\nRichtung S\u00fcdwesten. Wir kommen zwischen Madeira und Teneriffa her, haarscharf\nan der afrikanischen Westk\u00fcste vorbei und \u00fcber die Kapverdischen Inseln. Bei\nRecife kommen wir an die brasilianische Ostk\u00fcste, und dann geht es \u00fcber Belo\nHorizonte nach Rio, insgesamt 7689 Kilometer. Von all dem sieht man nichts,\nnicht nur weil wir \u00fcber den Wolken sind, sondern auch, weil die Kabine nach dem\nEssen sofort abgedunkelt wird.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Flugs wird mir beim Blick auf die\nKarte klar, wie viele Nachbarl\u00e4nder Brasilien hat. Es grenzt, bis auf Chile und\nEcuador, an alle L\u00e4nder S\u00fcdamerikas: Uruguay, Argentinien, Paraguay, Bolivien,\nPeru, Kolumbien, Venezuela und die drei Guayanas. Es ist letztlich auch nur\neins mehr als Deutschland hat, aber die Grenzen sind nat\u00fcrlich l\u00e4nger. Die\nl\u00e4ngste Grenze hat es mit Bolivien. Wie gro\u00df Brasilien ist, kann man auch daran\nermessen, dass es, wenn man Alaska nicht mitrechnet, noch gr\u00f6\u00dfer als die USA\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Kleine sprachliche Umstellung: Im Portugiesischen\nsagt man <em>em Lisboa<\/em> und <em>em Portugal<\/em>, aber <em>no Rio<\/em> und <em>no Brasil<\/em>. In\nbeiden Varianten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, ist es noch hell, ein Himmel mit\nein paar Wolken, 26\u00b0. Als wir aus dem Flughafengeb\u00e4ude kommen, ist es\nstockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Rio sieht man nichts au\u00dfer der Stadtautobahn\nund mehreren langen Tunnels und hohen Mietskasernen am Stra\u00dfenrand.\nZwischendurch eine hell erleuchtete neoromanische Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir folgen der Richtung Copacabana und kommen in\nein anderes Viertel, eher ein Wohnvierte. Vor den Hausnummer 147 werde ich\nabgesetzt: Da ist es. Das ist mir nicht ganz geheuer, und ich frage den Fahrer,\nob er mich nicht bis zum Eingang begleiten k\u00f6nne, um zu sehen, ob alles richtig\nist. Da macht er. Auf das Klingeln antwortet keiner. Dann kommt eine kaum\nh\u00f6rbare Stimme. Nee, hier sei das nicht. Hier wohne keine Mary. Ich bin froh,\ndass ich den Fahrer noch nicht entlassen habe. Der ist selbst verwirrt, zeigt\nmir die Adresse, ist dann aber selbst \u00fcberrascht, dass da bei dieser Adresse noch\nein anderer Name steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Er sucht in seinen Unterlagen, bl\u00e4ttert im Handy\nherum und macht einen Anruf, den keiner beantwortet. Dann \u00f6ffnet sich pl\u00f6tzlich\ndie T\u00fcr und eine Frau erscheint. Sie debattiert eine Zeitlang mit dem Fahrer,\ngibt ihm ihre Nummer und holt mich dann rein. Noch mal Gl\u00fcck gehabt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung f\u00e4llt dann aber doch ganz freundlich\naus. Sie serviert mir einen Saft, der <em>caju<\/em>\nenth\u00e4lt. Kenne ich nicht. Doch, sagt sie, ich kenne es als Nuss, Cashewnuss.\nDie meisten w\u00fcssten aber nicht, dass die Pflanze au\u00dfer der Nuss auch eine\nFrucht produziert. Und daraus wird Saft gemacht. Der Geschmack sei leicht\nbitter, deshalb habe sie ihn mit Birne und Ananas vermischt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass Mary flie\u00dfend Deutsch\nspricht. Sie habe, sagt sie, Portugiesisch erst mit 18 Jahren angefangen zu\nlernen. In dem Ort im S\u00fcden Brasiliens, wo sie aufgewachsen ist, wurde Deutsch\ngesprochen. Es gab nur wenige, die Portugiesisch konnten, und die konnten es\nnicht sonderlich gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner gro\u00dfen Erleichterung k\u00fcndigt sie an,\ndass sie uns \u2013 mich und einen weiteren neuen Sch\u00fcler \u2013 am n\u00e4chsten Morgen zur\nSchule begleiten wird. Da k\u00f6nnten wir auch gleich an einer Bank vorbeigehen.\nSie ist sehr gut organisiert, die Schl\u00fcssel gibt es an einem Band, das man um\nden Hals tr\u00e4gt. Und f\u00fcr den Schl\u00fcssel wird eine Kaution von 50 Reais kassiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lerne ich noch den zweiten Mitbewohner\nkennen, einen jungen Holl\u00e4nder namens Theis. Er ist schon l\u00e4nger hier. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es \u00fcber eine ganz enge Treppe nach oben.\nHier sind wir alle drei untergebracht und teilen uns das Bad. Alles ist sehr\neinfach, aber es funktioniert. <\/p>\n\n\n\n<p>3 Stunden Wartezeit am Flughafen, 10 Stunden Flug,\n4 Stunden Zeitumstellung, 2 Stunden vom Flughafen bis zur Ankunft in der\nUnterkunft. Kein Bedarf mehr, rauszugehen. <\/p>\n\n\n\n<p>17. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Feiertag. Feiertag der Verk\u00e4ufer. Das\nbedeutet, alles geht seinen normalen Gang, nur die Gesch\u00e4fte sind geschlossen.\nDie Restaurants sind ge\u00f6ffnet, Banken, \u00c4mter und Schulen auch. Analog zu diesem\nFeiertag gibt es auch Feiertage f\u00fcr andere Berufsgruppen wie Fris\u00f6re oder\nLehrer. Sp\u00e4ter bin ich \u00fcberrascht, dass doch einige kleinere L\u00e4den ge\u00f6ffnet\nsind und auch die Drogerien, von denen es hier, im Gegensatz zu Portugal, an\njeder zweiten Ecke eine gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck lerne ich den anderen Mitbewohner\nkennen, einen jungen Mann aus Schottland. Der ist schon in Brasilien\nherumgereist und erz\u00e4hlt von den Wasserf\u00e4llen von Iguaz\u00fa. Die seien eine\nZeitlang gesperrt gewesen, weil es einfach zu viel geregnet hatte! Irgendwie\nparadox. Er war gerade am ersten Tag der Wiederer\u00f6ffnung da gewesen und habe\nden Wasserfall sowohl von der argentinischen als auch von der brasilianischen\nSeite aus gesehen. Inzwischen sind die Wasserf\u00e4lle schon wieder gesperrt. Im\nInternet sieht man dramatische Bilder von braunen Wassermassen, die \u00fcber die\nLandschaft rauschen. Regen ist auch hier in Rio ein Thema. Sowohl Mary als auch\nunser Lehrer sagen, dass es den ganzen September \u00fcber geregnet habe, und in den\nletzten Jahren \u00fcberhaupt auff\u00e4llig mehr als sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass Mary flie\u00dfend Spanisch\nspricht. Meine beiden Mitbewohner sprechen auch Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist liebevoll zubereitet, und danach\nerweist sich Mary als perfekte Organisatorin. Sie sagt nicht einfach, hier sind\ndie Schl\u00fcssel, sondern l\u00e4sst jeden von uns jeden Schl\u00fcssel ausprobieren, mit\ngenauen Instruktionen, welche T\u00fcren wie zu schlie\u00dfen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bei Tageslicht sieht man besser, wie es sich\nmit dem Haus verh\u00e4lt. Es ist zweist\u00f6ckig, aber umstellt von viel h\u00f6heren\nGeb\u00e4uden. Ihr Haus hat einen kleinen abgetrennten Innenhof, in dem riesige\nPalmen stehen. Dann ist man \u00fcberrascht, wenn man in das niedrige, auf seine\nWeise ganz gem\u00fctlich eingerichtete Wohnzimmer kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>An jeder Stra\u00dfenecke bleibt sie stehen und erkl\u00e4rt\nuns Dinge, an denen wir uns orientieren k\u00f6nnen. Sie kann sich gut in die Lage\neines Neuank\u00f6mmlings versetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle H\u00e4user sind durch ein Gitter nach au\u00dfen\ngesch\u00fctzt, bei einigen gibt es zur Verst\u00e4rkung noch einen elektrischen Draht\noben auf dem Gitter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen auch Halt in einer Bank, wo ich\nvergeblich versuche, Geld abzuheben. Die Schule will einen Teil des Betrags bar\nhaben. Das hatte zu einigem Hin und Her bei der Anmeldung gef\u00fchrt. Ich bin\nbeunruhigt, aber Mary meint, das passiere schon mal, wir w\u00fcrden es morgen\nwieder versuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schule befindet sich, genauso wie die Wohnung,\nin Ipanema, gleich neben der Copacabana. Von einer Stra\u00dfenecke aus kann man\nkurz auf das Meer sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude, in dem sich die Schule befindet, hat\neine auff\u00e4llig mit Bildern gestaltete bunte Fassade. Das kann man nicht\nverfehlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist viel los. Es wimmelt nur so von Menschen.\nWer Lehrer und wer Sch\u00fcler ist, kann man nicht so ohne weiteres unterscheiden.\nIch werde mit dem Unterrichtsmaterial ausgestattet und nach oben geschickt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nur zu zweit. Es geht sofort los,\ndynamisch, kommunikativ, abwechslungsreich. Ein ganz anderes Unterrichten als\nin Lissabon. Wir diskutieren \u00fcber Sport, machen etwas Grammatik, ein Quiz \u00fcber\nRio und Kommentare zu portugiesischen Sprichw\u00f6rtern (von denen viele\ninternational sind). Dabei kommen nebenbei auch immer pers\u00f6nliche Dinge ins Gespr\u00e4ch.\nDer Lehrer, Dami\u00e3o, setzt oft das Internet ein, wenn es darum geht, eine\nunbekannte Person, eine unbekannte Aktivit\u00e4t oder ein unbekanntes Wort zu\nerkl\u00e4ren. Er macht das schnell und mit gro\u00dfer Geschicklichkeit. Und verweilt\nmeistens nicht zu lange dabei. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Grammatikeinheit macht er gut. Ein klares\nTafelbild, mit verschiedenen Farben, Erkl\u00e4rungen, Beispiele, und dann schreiben\nwir S\u00e4tze \u00fcber uns selbst, in denen wir die Struktur benutzen. Alles nicht neu,\naber eine gute \u00dcbung. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Texten macht er viel zu wenig, und er\nmacht viel zu viele Dinge selbst, statt uns ausprobieren zu lassen. Auch redet\ner etwas viel. Ich verstehe l\u00e4ngst nicht alles, aber es schult doch irgendwie,\nwenn auch nicht gerade systematisch, das H\u00f6rverstehen. Was er an Methoden nicht\ndrauf hat, macht er durch seine Dynamik wett. <\/p>\n\n\n\n<p>An landeskundlichem Wissen f\u00e4llt einiges ab,\nangefangen von der Einwohnerzahl von Rio, bei der wir beide drunter liegen, als\nwir sch\u00e4tzen sollten. Es geht auf die sieben Millionen zu, die Stadt Rio de\nJaneiro alleine wohlgemerkt, ohne den Bundesstaat Rio de Janeiro. Carioca, was\nw\u00f6rtlich \u201aHaus des wei\u00dfen Mannes\u2018 bedeutet, bezeichnet jemanden, der in der\nStadt geboren ist, Fluminense jemanden, der im Bundesstaat geboren ist.\nParallel dazu kommt ein Paulistano aus der Stadt, ein Paulista aus dem\nBundesstaat. Die anderen Herkunftsbezeichnungen sind kaum zu erraten und auch\nnicht so wichtig. Aber interessant ist noch Mineiro f\u00fcr die Einwohner von Minas\nGerais. <\/p>\n\n\n\n<p>Rio hat vier gro\u00dfe konkurrierende Fu\u00dfballvereine:\nFlamengo, Botafogo, Vasco nd Fluminense. Dami\u00e3o ist Anh\u00e4nger von Fluminense. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Zeit der portugiesischen K\u00f6nige, erfahre\nich, ist in Petropolis noch ein Palast erhalten. Es liegt in den Bergen\nn\u00f6rdlich von Rio.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit \u2013 es sind immerhin vier Stunden\nUnterricht mit einer Viertelstunde Pause \u2013 vergeht schnell, auch wenn ich\nzwischendurch den einen oder anderen Durchh\u00e4nger habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Sch\u00fcler, Joseph, hat eine ungew\u00f6hnliche\nBiographie. Er ist Pal\u00e4stinenser, ist christlicher Pal\u00e4stinenser, in\nKalifornien aufgewachsen. Er spricht Englisch mit markantem amerikanischem\nAkzent. Brasilien kennt er schon sehr gut und ist auch schon mehrmals hier bei <em>Caminhos<\/em> gewesen. Er hat sogar eine\nInvestition in Immobilien in Brasilia. Langfristig will er nach Brasilien\numsiedeln. Zurzeit hat er noch, zusammen mit seinem Vater, ein Hotel in der\nN\u00e4he von Jerusalem. Das soll verkauft werden, nur hat sich der Verkauf durch Corona\nhinausgez\u00f6gert. Sein Vater will sich dann zur Ruhe setzen und er will in\nBrasilien einen Neustart hinlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht gibt es eine kleine Begr\u00fc\u00dfung\nf\u00fcr die Neuank\u00f6mmlinge. Ziemlich bunt gemischt, England, USA, Spanien, vor\nallem aber Nigeria. H\u00e4tte nicht gedacht, dass es da so viel Nachfrage nach\nPortugiesisch gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Kaffee und Kuchen serviert und ein Saft,\nden keiner von uns kennt, <em>guaran\u00e1<\/em>,\nsehr s\u00fc\u00df. Die Pflanze hat harte, runde Kapseln, und die Fr\u00fcchte, die aus diesen\nKapseln herausspringen, sehen wie Augen aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Informationen zum Freizeitprogramm. Da ist\nalles M\u00f6gliche vertreten, Yoga und Samba und Beachvolleyball und Hanggliding.\nDie f\u00fcr mich in Frage kommenden Aktivit\u00e4ten finden alle am Mittwoch statt. Da\nmuss ich eine Auswahl treffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen noch einen Studentenausweis, mit dem\nman hier und da Erm\u00e4\u00dfigungen bekommt, und eine Leinentasche mit dem Logo von\nCaminhos. All das hat es in Lissabon nicht gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich, ziemlich unsicher, auf den\nR\u00fcckweg. Es ist eben nichts vertraut, und auch die Sprache kommt jetzt hier zum\nersten Mal im \u201erichtigen\u201c Leben zum Einsatz. In einem kleinen Laden bekomme ich\neine <em>chamu\u00e7a<\/em> und eine Art Hot Dog zum\nMitnehmen, und in einem Obstladen ein paar Mandarinen. Durch die Beschilderung\nwerde ich an <em>ameixa<\/em> und <em>abacaxi<\/em> erinnert, die W\u00f6rter f\u00fcr\n\u201aPflaume\u2018 und \u201aAnanas\u2018. Neben den Apfelsinen liegt die <em>laranja lima<\/em>, eine Pflanze, die ich nur aus dem Titel eines\nKinderbuchs kenne. Au\u00dfer Maniok (<em>aipim<\/em>)\nund der S\u00fc\u00dfkartoffel gibt es noch Rotebeete (<em>beterraba<\/em>) und ein Gem\u00fcse namens Chayote (<em>chuchu<\/em>). Und Wachteleier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm und ein bisschen schw\u00fcl. Nach Regen\nsieht es im Moment noch nicht aus, aber der soll in den n\u00e4chsten Tagen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend klopft es an der T\u00fcr und Mary bietet mir\nan, mir die Copacabana zu zeigen. Es geht los in die umgekehrte Richtung, und wieder\nhilft sie mir, Orientierungspunkte festzumachen, damit ich mich demn\u00e4chst\nselber zurechtfinde. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber zwei, drei Stra\u00dfen, und machen wir\nkurz Halt in einem Lokal, das eine Art deutscher Ausstattung hat, an Bildern\nund Uhren gut zu erkennen. Es wurde von einem Deutschen er\u00f6ffnet und dann von\neinem Portugiesen \u00fcbernommen, einem Mann aus Lissabon. Der ist der heutige\nEigent\u00fcmer. Sie stellt mich vor, und er erz\u00e4hlt etwas zu der Geschichte des Lokals.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach erreichen wir das Ufer. Es ist dunkel,\naber es sind noch viele Leute unterwegs. Es gibt eine breite Promenade. Zur\neinen Seite Imbissverk\u00e4ufer mit Handkarren, zur anderen Kioske mit einer\nTerrasse. Dahinter der Strand und das Meer. <\/p>\n\n\n\n<p>Links von uns eine vielspurige Stra\u00dfe und dahinter\nHotelbauten. Urspr\u00fcnglich, erfahre ich, ging das Meer bis hierher. <\/p>\n\n\n\n<p>Musik gibt es auch an verschiedenen Stellen. Wir\nbleiben bei einer S\u00e4ngerin stehen, die etwas vortr\u00e4gt, das unverkennbar\nbrasilianisch ist. Mary singt mit, das Lied hat einen Bezug zu Rio und zur\nCopacabana. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem der Handkarren wird Tapioka zubereitet. Der\nVorgang ist genau der wie bei den Crepes bei uns. Die trockene Masse sieht wie\nMehl aus, ist aber eine St\u00e4rke, die aus dem Maniok gewonnen wird und weitgehend\ngeschmacklos ist. Der Geschmack kommt durch die Zutaten, in diesem Fall durch\ngeriebenen K\u00e4se. <\/p>\n\n\n\n<p>Losgegangen sind wir fast am Startpunkt der\nCopacabana. Wir gehen ein ganzes St\u00fcck in die andere Richtung. Dort kann man\nbei Tageslicht in der Ferne den Zuckerhut sehen. Der Strand zieht sich sechs\nKilometer in diese Richtung. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist immer beunruhigt, wenn ich ein Photo\nmachen will. Handy am besten zu Hause lassen. Das ginge ganz schnell, und das\nHandy sei weg. Es sind keine Gelegenheitsdiebe, die mal ein Handy klauen,\nsondern Spezialisten, die am Tag bis zu 50 Handys klauen. Die seien einfach das\nbegehrteste Gut. Uhren sind out. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen den Strand, ich mit dem guten\nGef\u00fchl, schon am ersten Tag an der Copacabana gewesen zu sein. Bei dem Erlebnis\nschwingt auch deren geradezu legend\u00e4rer Ruf mit. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Lokal, in das sie h\u00e4ufig geht.\nGut, dass sie dabei ist und das Prozedere erkl\u00e4ren kann. Man bekommt gleich am\nEingang einen Zettel in die Hand gedr\u00fcckt. Man geht dann zum Buffet, bedient\nsich selbst und l\u00e4sst den Teller wiegen. Auf dem Zettel wird dann vermerkt, was\nman konsumiert hat, und beim Hinausgehen bezahlt man. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wieder allerlei exotische Sachen, deren\nErkl\u00e4rungen ich schon vergessen habe in dem Moment, wo ich sie geh\u00f6rt habe. Es\nist alles ganz lecker, aber ins Schw\u00e4rmen ger\u00e4t man nicht unbedingt. Die\nbestimmende Geschmacksrichtung ist fade. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns inzwischen stillschweigend auf\nDeutsch geeinigt, und ich bin gar nicht b\u00f6se dar\u00fcber. Ich erfahre noch, dass\nsie in einem Chor singt, wo sie am Nachmittag eine Probe hatte. Der Chor ist so\ngro\u00df, dass in zwei Abteilungen geprobt wird, aber irgendwann diese Woche ist\ndann Generalprobe f\u00fcr einen Auftritt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat fr\u00fcher als Stadtf\u00fchrerin gearbeitet, f\u00fcr\nReiseunternehmen und f\u00fcr Firmen. Das sei mit Corona alles zusammengebrochen,\nund man wisse nicht, ob es noch mal wieder aufbl\u00fchen werde. <\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00fcler von <em>Caminhos<\/em>\nhat sie fast das ganze Jahr \u00fcber, daneben aber auch G\u00e4ste von <em>Airbnb<\/em>. Das seien meistens Portugiesen,\nund die w\u00fcrden sich immer sofort zurechtfinden, aber daf\u00fcr blieben sie meist\nnur 3-4 Tage.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende bekomme ich noch ein bisschen\nAnschauungsunterricht in brasilianischer Landeskunde. Vor dem Haus stehen zwei\nM\u00e4nner, die hier in der Gegend als Portiers arbeiten. Sie kommt ins Gespr\u00e4ch\nmit ihnen. Aber davon verstehe ich kein Wort. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt sie mir, das seien\nLeute aus dem Norden, nach Rio gekommen, um ein besseres Leben zu haben. Sie\nspricht sehr positiv von ihnen. Sie w\u00fcrden nie ihren Humor verlieren und seien\nimmer freundlich, w\u00fcrden aber von vielen der Hauseigent\u00fcmer von oben herab\nbehandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>18. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mary begleitet mich noch einmal zur Bank. Diesmal\nklappt es, mit einem niedrigeren Betrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht h\u00f6ren wir kurz in unterschiedliche\nportugiesische Akzente rein. F\u00fcr mich klingen sie alle gleich, Angola ist wie\nPortugal, Mosambik wie Brasilien. Einen deutlich anderen Klang hat nur das\nPortugiesisch der Kapverdischen Inseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden Sportarten vorgestellt, die in Brasilien\nerfunden worden. Dazu geh\u00f6ren Hallenfu\u00dfball und Fu\u00dfballvolley. Wir werden\ngefragt, welche Sportarten in unseren L\u00e4ndern erfunden wurden. Das ist f\u00fcr Joe\neinfach: Baseball und American Football. Mir f\u00e4llt im ersten Moment nichts ein,\ndann kommt mir Handball in den Sinn. Stimmt sogar. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant die Geschichte der Capoeira. Die war\nlange verboten, da sie als Kampfsport galt, ein Kampfsport, mit dem sich die schwarzen\nSklaven zur Gegenwehr gegen die Sklavenhalter r\u00fcsten wollten. Damit es nicht zu\noffensichtlich wurde, integrierten sie die Bewegungen des Kampfsports in\nt\u00e4nzelnde Bewegungen. Bis heute sieht die Capoeira wie eine Mischung aus Tanz\nund Sport aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Grammatik geht es um zusammengesetzte\nZeiten. In den anderen romanischen Sprachen geht es bei den Verben immer um\nsechs Formen, beim Portugiesischen geht es in Portugal nur um f\u00fcnf Formen, weil\nes die 2. Person Plural nicht gibt, in Brasilien nur um vier Formen, weil es\nauch die 2. Person Singular nicht gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht mache ich mich auf den Weg ins\nZentrum, mit der Metro. Die Tickets gibt es nur an Automaten. Aber gl\u00fccklicherweise\nstehen da freundliche Helferinnen daneben. Man kauft Einzelkarten,\nVerg\u00fcnstigungen gibt es nicht. Mary hatte mir gesagt, dass ich als Senior sogar\numsonst fahren k\u00f6nne, aber wie man das anstellt, ist mir nicht klar. Die Karten\nwerden an dem Drehkreuz verschluckt, was mich erst verwirrt. Aber raus kommt\nman \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wege in den Bahnh\u00f6fen sind lang, die Z\u00fcge sind\nlang und die Wege zwischen den einzelnen Stationen sind auch lang. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro wurde, wie heute noch im Unterricht\ngesagt wurde, zu den Olympischen Spielen und erweitert und modernisiert. Daf\u00fcr\nsind die Anzeigen nicht sonderlich klar, weder au\u00dferhalb noch innerhalb der\nZ\u00fcge. Und es ist auch \u00fcberall ziemlich schummrig. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre Richtung Carioca, ins Zentrum. Nach ein\npaar Stationen steigen zwei M\u00e4nner vom Sicherheitsdienst ein, ausger\u00fcstet mit\nlangen Gummikn\u00fcppeln, Handschellen, Funkger\u00e4ten und einem Brustpanzer. Sie\nplatzieren sich zu beiden Seiten des Eingangs. An jeder Station tritt einer von\nihnen auf den Bahnsteig und sieht nach, ob alles in Ordnung ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Metroz\u00fcgen benutzen die Leute unbek\u00fcmmert\nihre Handys, auch ohne Sicherheitsdienst. Auch sonst sehe ich auf der Stra\u00dfe\nimmer wieder welche, die das Handy benutzen, meist zum Telefonieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in Carioca aussteigt, glaubt man, in\neiner anderen Stadt zu sein. Es ist viel ruhiger, die Leute sehen anders aus,\ngesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfiger, Moderne Wolkenkratzer bestimmen die Skyline, neben ziemlich\nunansehnlichen Hochh\u00e4usern. Das Gef\u00fchl der Unsicherheit von Ipamena\nverschwindet sofort. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist das <em>Real Gabinete Portugu\u00eas de Leitura<\/em>, aber meine Aufmerksamkeit wird\nhier von einem anderen Geb\u00e4ude angezogen, der neuen Kathedrale. Sie sieht aus\nwie eine oben abgeschnittene Pyramide, erinnert an die Pyramiden aus\nMittelamerika. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor der Kathedrale steht die Figur\nvon Mutter Teresa, in bekannt geb\u00fcckter Haltung. Daneben ein ambulanter\nVerk\u00e4ufer, der Nationalmannschaftstrikots von Brasilien verkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Atmosph\u00e4re innen hat etwas Besonderes. Schwer\nzu sagen, woran das liegt, vielleicht an dem Spiel von Dunkelheit und Licht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um einen zentralen Rundbau, die\nabgeschnittene Kuppel in der Vierung bildet ein griechisches Kreuz und ist eine\nder Lichtquellen. An allen vier Seiten ein die ganz Wand schr\u00e4g hinunterlaufendes\nGlasfenster, auf allen Seiten mit unterschiedlichen Farben, sehr intensiven\nFarben. Es sind nur einige Embleme zu&nbsp;\nerkennen und ein paar Figuren, aber nur schemenhaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Im S\u00fcden steht, v\u00f6llig unvermittelt, eine barocke\nKutsche, ganz in Wei\u00df,&nbsp; mit goldenen\nBeschl\u00e4gen. Darin eine Statue des Hl. Sebastian. Man wei\u00df nicht so recht, was\ndas soll, aber die Kutsche ist auf jeden Fall ein Hingucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Im S\u00fcden sind ist das Portal zur Seite geschoben,\nund von hier dringt intensives Licht in die Kathedrale. In der Kirche steht vor\ndem Portal die moderne Figur eines Heiligen mit einem Vogel auf der Hand,\nvermutlich der Hl. Franziskus. Vor dem hellen Licht von au\u00dfen kommt die\nbesonders gut zur Geltung, und hinter ihr spiegelt sich in der Fassade eines\nmodernen Gesch\u00e4ftshauses die Kathedrale. <\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein lohnender Abstecher. Auf dem Weg zu\ndem Real Gabinete Portugu\u00eas de Leitura ver\u00e4ndert sich die Szenerie wieder, hier\nist es eher wie in Ipanema. Ich komme in eine Gegend, die irgendwie europ\u00e4isch\naussieht, vor allem der Platz vor dem Gabinete. Rechts ein ehemaliger Palast\noder ein Patrizierhaus, mit verrosteten Eisenst\u00e4ben, beschmierter Fassade und\neinigen zerschlagenen Fenstern, aber offensichtlich bewohnt. An dem zentralen\nFenster steht eine Frau und blickt auf den Platz hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in das Real Gabinete Portugu\u00eas de\nLeitura, in einem Haus mit einer historisierenden Fassade untergebracht.\nDrinnen sieht man nur den einen Raum, aber der ist wirklich beeindruckend. Und\ndas empfinden auch die vielen Besucher, die erstaunlich leise, fast and\u00e4chtig,\nvor dieser Pracht stehen. 369.000 B\u00fccher mit Ledereinband, auf drei Etagen und\nauf alle vier Seiten verteilt. Die Treppen und die B\u00fccherborde, alle aus Holz,\nsind sch\u00f6n verziert, mit h\u00f6lzernen Streben und feinem Goldbeschlag. Man hat\nweniger den Eindruck, in einer Bibliothek zu stehen als in einem\nAusstellungsraum f\u00fcr bibliophile B\u00fcchern. Urspr\u00fcnglich hatten diese B\u00fccher aber\nihren Zweck, sie wurden tats\u00e4chlich gelesen. Die Sammlung geht zur\u00fcck auf die\nInitiative einer Gruppe portugiesischer Kaufleute, die 1837, also erst 15 Jahre\nnach der Unabh\u00e4ngigkeit, den portugiesischen Residenten in Rio die Gelegenheit\ngeben wollten, sich zu bilden und zu informieren. M\u00e4zenatentum der besten Art. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einen gro\u00dfen Platz\nmit einer Bronzestatue in der Mitte. Zu allen vier Seiten sind Fl\u00fcsse\nBrasiliens dargestellt, die die K\u00f6pfe von Indios haben. Am Rande des ansonsten\nleeren Platzes sitzen junge Leute in kleinen Gruppen. Ich komme mir hier etwas\nverloren vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich \u00fcber eine sehr gesch\u00e4ftige Stra\u00dfe.\nHier sehe ich zum ersten Mal \u00fcberhaupt eine Anspielung auf die bevorstehende\nWahl. An einem Haus steht an der oberen Etage: <em>Fora Bolsonaro<\/em>. Kein Wunder, etwas sp\u00e4ter komme ich an einem\nmodernen Haus vorbei, in dem eine Art Wahlb\u00fcro f\u00fcr Lula untergebracht ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Man muss auf alles gleichzeitig aufpassen, auf das\nHandy, auf das Portemonnaie, auf die Umgebung und auch auf den Boden. Die B\u00fcrgersteige\nhaben immer wieder L\u00f6cher, in denen man gut ausrutschen kann oder sich die\nHaxen brechen. Ich sehe mich nach einem Caf\u00e9 um, aber vergeblich. Vermutlich\ngeh\u00f6ren Caf\u00e9s nicht zu dem t\u00e4glichen Bedarf der Bewohner dieses Viertels. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich eine Zeitlang umhergeirrt bin, finde\nich einen ruhigen Platz vor der Presbyterianischen Kathedrale. Hier ist einem\nPrediger ein Denkmal gesetzt. Nicht nur der Predige selbst ist dargestellt,\nsondern auch die, die ihm zuh\u00f6ren. Sie sitzen auf drei B\u00e4nken vor ihm. Ich\nsetze mich auf den freien Platz und ruhe mich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zum Largo Carioca. Am Rande\ndes Platzes ein erstaunlich ruhiger Park. In so einem Park soll hier in der\nN\u00e4he 1822 die Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens proklamiert worden sein, aber wo genau\ndas war, ist nicht herauszufinden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann laufe ich mir noch die Zehen wund auf der\nSuche nach Santo Antonio. Die soll eine der \u00e4ltesten Kirchen Brasiliens sein.\nStattdessen finde ich aber nur die Kirche eines Franziskanerklosters, und auch\ndie erst nach einiger Sucherei. Und zwar deshalb, weil ich nicht nach oben\ngucke. Das Kloster liegt auf einem H\u00fcgel am Rande des durch h\u00e4ssliche\nHochh\u00e4user verunstalteten Largo Carioca, und es zieht sich ein ganzes St\u00fcck um\nden H\u00fcgel herum. Aber wie kommt man da rauf? Alles ist abgesperrt. Dann bemerke\nich einen Tunnel, gehe mit etwas gemischten Gef\u00fchlen rein und stelle fest, dass\nes richtig ist. Am Ende des Tunnels ist ein Aufzug, mit dem man rauff\u00e4hrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die einschiffige Kirche ist ganz schlicht, nur im\nChor nicht. Der ist dicht mit Figuren bestellt, alle vergoldet. Ich habe keine\nEnergie mehr, mir irgendwelche Details anzusehen. Jetzt geht es nur noch\nzur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>19. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht regnet es so stark, dass ich von dem\nauf die D\u00e4cher peitschenden Regen wach werde. Am Morgen ist es wieder trocken,\naber die Stra\u00dfen sind nass. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck stellt sich heraus, warum Dami\u00e3o\ndieser Tage mein Wort <em>reformado<\/em> f\u00fcr\nRentner so scharf zur\u00fcckgewiesen hat. In Brasilien bezieht sich das nur auf\nMilit\u00e4rs, der normale Rentner hei\u00dft hier <em>aposentado<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Joe, der junge Schotte, ist ausgebildeter\nIngenieur und hat schon ein paar Jahre lang als Ingenieur gearbeitet, hat sich\njetzt aber eine Auszeit genommen, um S\u00fcdamerika zu bereisen. Er ist unter\nanderem auch in Peru gewesen. Er ist ein oder zweimal geflogen, meist aber mit\ndem Bus unterwegs gewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht gibt es noch mal ein Brasilien-Quiz:\nWie viel Einwohner hat Brasilien? 230 Millionen. Was ist die Hauptstadt von\nBrasilien? Brasilia. Welches sind die beiden bekanntesten Feste? Karneval und <em>Festa Junina<\/em> (kalendarisch unserem\nMittsommer entsprechend, daher der Name). Welches ist das bekannteste Gericht? <em>Feijoada<\/em>. Welches ist das bekannteste\nGetr\u00e4nk? <em>Caipirinha<\/em>. Welche ist die\nbekannteste S\u00fc\u00dfigkeit? <em>Brigadeiro<\/em>. Welches\nsind die zwei bekanntesten Lieder? <em>Mais\nque nada<\/em> von Segio Mendes, <em>A garota\nde Ipanema<\/em> von Tom Jobim (kennt man wirklich beide). <\/p>\n\n\n\n<p>Joseph hat schon f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr f\u00fcr den\nKarneval ein Apartment in Rio reserviert. Das ist auch n\u00f6tig. Zur Zeit des\nKarnevals hat Rio eine bis anderthalb Millionen zus\u00e4tzliche Besucher!<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt auch noch mal die Rede auf die\nFu\u00dfballvereine. Der erfolgreichste der vier Vereine von Rio ist <em>Flamengo<\/em>. Deren schwarz-rotes Trikot,\nvon Frauen wie von M\u00e4nnern getragen, ist tats\u00e4chlich \u00fcberall pr\u00e4sent, das habe\nich in den paar Tagen selbst schon feststellen k\u00f6nnen, im Zentrum genauso wie\nin Ipanema. Es gibt auch sprachlich einen interessanten Aspekt: Um die\nVereinsfarben zu benennen, benutzt man weder das g\u00e4ngige Wort f\u00fcr \u201aschwarz\u2018\nnoch das g\u00e4ngige Wort f\u00fcr \u201arot\u2018. Man sagt <em>rubro-negro<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen auch \u00fcber die Einwanderungen vom\nBeginn des 20. Jahrhunderts, nach der Aufhebung der Sklaverei. Da kamen Siedler\naus Italien, Deutschland und vor allem Japan. S\u00e3o Paulo hat bis heute die\ngr\u00f6\u00dfte japanische Gemeinschaft au\u00dferhalb Japans. Diese Siedler sollen bevorzugt\nbehandelt worden sein, unter anderem, weil ihnen Land gegeben wurde. Dadurch\nkamen sie in eine privilegierte Position gegen\u00fcber den befreiten Sklaven, denen\nmeist nichts anderes \u00fcbrigblieb, als bei ihren alten Herrschaften zu bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal kommt die Rede auch auf die\nbevorstehenden Pr\u00e4sidentschaftswahlen, die zweite Runde. Entscheidend sind, so\n\u00e4hnlich wie in den USA, die Ergebnisse der einzelnen Bundesstaaten. Rio de\nJaneiro ist fest in der Hand von Bolsonaro. Das Z\u00fcnglein an der Waage ist Minas\nGerais. Wer Minas Gerais gewinnt, hei\u00dft es, wird Pr\u00e4sident. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Wahltag sind die Wahllokale bis 17 Uhr\nge\u00f6ffnet. So gegen 21 Uhr kennt man das in der Regel das Ergebnis. Wir bekommen\nnoch eine Warnung mit auf den Weg: Am Wahltag zu Hause bleiben! Er selbst, Dami\u00e3o,\ngeht nur schnell morgens zum W\u00e4hlen und dann nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht sehr positiv von Lula. Der habe erstens\netwas gegen die Armut unternommen, zweitens etwas f\u00fcr die Bildung. Er habe neue\nUniversit\u00e4ten gegr\u00fcndet \u2013 daran kann man auch die Macht des Pr\u00e4sidenten ablesen\n\u2013 und habe es geschafft, mehr Menschen aus den unteren Schichten an die Unis zu\nbringen. Auch das Verh\u00e4ltnis von Schwarz und Wei\u00df an den Unis sei inzwischen\n50:50. Wobei ich mich frage, wer hier als \u201eSchwarzer\u201c gilt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dami\u00e3o ist in seiner Familie das schwarze Schaf,\nder einzige, der Lula unterst\u00fctzt. Alle anderen sind eingefleischte Anh\u00e4nger\nvon Bolsonaro. Religi\u00f6s beeinflusst. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung. Die\nvon der Schule organisierte Besichtigung der Favela f\u00e4llt aus \u2013 mangels Interesse.\nSie haben sich alle f\u00fcr Samba und Hanggliding eingetragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Entt\u00e4uscht gehe ich durch den einsetzenden Regen\nnach Hause. Mache aber einen Schwank zur Copacabana. Dabei finde ich mich gut\nzurecht, mit Hilfe der Orientierungspunkte, auf die Mary hingewiesen hat. Ich\nkomme zum Strand und sehe zum ersten Mal den Zuckerhut. Er ist ganz in Dunst\ngeh\u00fcllt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Portugiesischen hei\u00dft der Zuckerhut <em>P\u00e3o de A\u00e7\u00facar<\/em>, also \u201aZuckerbrot\u2018. Das\nklingt fremd f\u00fcr uns, obwohl es ja das Original ist. Im Portugiesischen klingt\nes gar nicht absonderlich, weil <em>p\u00e3o de a\u00e7\u00facar\n<\/em>nicht nur den Berg, sondern auch den normalen Zuckerhut bezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu der Gastwirtschaft des Portugiesen,\nbei der wir dieser Tage Halt gemacht haben. Es hei\u00dft <em>Garota Copacabana<\/em>, in Anlehnung an den Liedtitel. Am Eingang zu dem\nLokal l\u00e4chelt mich eine junge Frau freundlich an. Ich glaube, sie sei eine\nKellnerin, aber sie hat mit dem Lokal gar nichts zu tun. Ihr L\u00e4cheln hatte wohl\neinen anderen Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme einen Tisch drinnen, wo ich der\neinzige Gast bin. Drau\u00dfen sitzt eine Gruppe von M\u00e4nnern an einer langen Bank\nunter dem Sonnenschutz, der jetzt Regenschutz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme die Speisekarte und kippe fast aus den\nLatschen. Astronomische Preise. Noch rechtzeitig erinnere ich mich an ein Menu,\ndas ich irgendwo drau\u00dfen gesehen habe. Daraufhin bekomme ich die andere\nSpeisekarte, und die hat \u201evern\u00fcnftige\u201c, brasilianische Preise. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle H\u00e4hnchen, vom Grill. Das hei\u00dft hier <em>galeto<\/em>. Wird mit Pommes und Reis\nserviert. Die sind beide in Ordnung, das H\u00e4hnchen schmeckt wunderbar. Dazu gibt\nes wieder das leckere Brahma, das einheimische Bier. Es gibt eine gro\u00dfe Flasche.\nDas Bier wird in einem Sektk\u00fchler serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Mich bedient eine hochschwangere junge Frau. Nachdem ich sie wohl etwas zu formal angesprochen habe, nennt sie ihren Namen: Andresa. Das Kind kommt im Januar. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>20. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht wird es laut. Stimmen, Schreie,\nB\u00f6llersch\u00fcsse, am Ende so etwas wie eine Explosion. Ist das Fu\u00dfball? Aber daf\u00fcr\nscheint es zu sp\u00e4t zu sein. Ist aber tats\u00e4chlich Fu\u00dfball, wie sich am Morgen\nherausstellt: Pokalendspiel, im Maracan\u00e3 ausgetragen! Mit Verl\u00e4ngerung und\nElfmeterschie\u00dfen! Am Ende gewinnt Flamengo 6:5. Das erkl\u00e4rt die ganzen\nschwarz-roten Trikots!<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ner Tag heute, kein Vergleich zu gestern. Auf\ndem Weg zur Schule stehen viele dieser B\u00e4ume, die neue Wurzeln aus den \u00c4sten schlagen.\nDie h\u00e4ngen dann lange als Streifen in der Luft, bis sie unten ankommen. In der\nfreien Wildbahn bilden sie dann neue Wurzeln. Hier werden sie vermutlich\nbeschnitten. Sie w\u00fcrden sonst die kompletten B\u00fcrgersteige f\u00fcr sich einnehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht geht es um portugiesische Legenden\nbzw. M\u00e4rchen. Eins handelt von einem Delfin, der sich in einen Mann verwandelt\nund immer einen Hut tr\u00e4gt, da er die Delle auf seinem Kopf verbergen muss. Er\nzieht durch die Lande und verf\u00fchrt einsame Frauen. Wenn sie schwanger sind,\nzieht er weiter und am Ende kehrt er ins Wasser zur\u00fcck. Kinder, deren V\u00e4ter\nunbekannt sind, nennt man deshalb <em>filho\nde boto<\/em>, Delfinkinder. Ziemlich merkw\u00fcrdig f\u00fcr ein M\u00e4rchen, man erwartet\nnoch eine Wende, eine Art Bestrafung. Ein anderes M\u00e4rchen, Curipipa, handelt\nvon einem Kind, dessen F\u00fc\u00dfe nach hinten zeigen. Es hinterl\u00e4sst seine Spuren und\nverwirrt damit die J\u00e4ger und sch\u00fctzt die Natur. Dann gibt es noch eins \u00fcber den\ntypischen Lausbuben, der allerhand ausheckt und f\u00fcr viel Verwirrung sorgt, aber\nim Grunde gutherzig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen zwar ein paar Exemplare in die Hand\ngedr\u00fcckt, aber keine M\u00f6glichkeit, mal einen Teil des Textes zu lesen. Auch die\nFrage nach M\u00e4rchen in unseren L\u00e4ndern wird zwar gestellt, aber ihre\nBeantwortung geht in Dami\u00e3os Monolog unter. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich geht es bei der Frage nach dem\nGl\u00fccklichsein. Auf dem Monitor erscheinen mehrere richtig gute Fragen: Sind\nreligi\u00f6se Menschen gl\u00fccklicher als nichtreligi\u00f6se Menschen? Kann man gl\u00fccklich\nsein, indem man seine Probleme unterdr\u00fcckt? Macht Geld gl\u00fccklich? Zu all dem\nk\u00f6nnte man eine Menge sagen, aber die Fragen verschwinden wieder vom\nBildschirm, ohne diskutiert worden zu sein. Vergebene Chancen. Immerhin haben\nwir alle drei die Gelegenheit, von einem Moment zu erz\u00e4hlen, in dem wir\ngl\u00fccklich waren. Allerdings dauert Dami\u00e3os Schilderung dreimal so lange wie\nunsere. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht fahre ich ins Maracana. Das\nhat eine eigene U-Bahn-Station, aber die liegt weiter weg. Unterwegs gibt es\ndie Haltestellen Flamengo und Botafogo, beides Stadtteile von Rio und beides\nauch die Namen der Vereine, die im Maracana spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro mag schnell und modern sein, aber\nbenutzerfreundlich ist sie nicht. In den Bahnh\u00f6fen sucht man nach dem einzigen\nStreckenplan, der irgendwo aush\u00e4ngt, in den Z\u00fcgen selbst gibt es nur \u00fcber den\nT\u00fcren eine Anzeige, und die Durchsage ist wegen des Krachs nicht zu verstehen.\nAm schlimmsten ist aber, dass an den Bahnsteigen der Name der Station nur\neinmal erscheint. Wenn man den aus dem Zug hinaus verpasst, sieht man alt aus.\nMadrid und Lissabon gewinnen den Vergleich mit Rio mit Abstand. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Stadion liegt gleich vor der U-Bahn-Station.\n\u00dcber einen Flyover geht es durch die Mittagshitze zum Eingang. Ich bekomme\nwieder einen Rentnerrabatt, und die F\u00fchrung soll in f\u00fcnf Minuten schon\nlosgehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt gar keine F\u00fchrung. Man wird \u00fcber eine\nEinbahnstra\u00dfe durch die Ausstellung geschleust und sieht sich die Sachen selbst\nan. Das ist ganz gut, weil man es in Ruhe machen kann, aber man erf\u00e4hrt nichts\n\u00fcber das Stadion selbst, die Planung und Architektur und die Umbauten.\nJedenfalls ist das Fassungsverm\u00f6gen jetzt auf das eines normalen gro\u00dfen\nFu\u00dfballstadions gestutzt, im Gegensatz zur Vergangenheit, wo von Zahlen\nzwischen 180.000 und 200.000, die Rede ist. F\u00fcr die Zahlen gibt es aber keine\nBelege. <\/p>\n\n\n\n<p>Von den Ausstellungsst\u00fccken sind die alten die\ninteressantesten. Alte Fu\u00dfb\u00e4lle, aus Leder, mit N\u00e4hten und Ventil, alte Trikots\nund Eintrittskarten, darunter eine f\u00fcr das legend\u00e4re Endspiel von 1950 hier im\nMaracana, wo Uruguay in letzter Minute und entgegen allen Erwartungen Brasilien\nden Titel entriss. Brasilien hat seine f\u00fcnf Weltmeisterschaften alle ausw\u00e4rts\ngewonnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant auch das Trikot der brasilianischen\nNationalmannschaft. Das war lange wei\u00df. Hier ist eins von der WM von 1930\nausgestellt, das war noch wei\u00df, sp\u00e4ter gab es dann einen Wechsel von Blau und\nGelb. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt durch einen kleinen Pressekonferenzraum\nund durch mehrere &nbsp;Umkleidekabinen. Dort\nsind Trikots von bekannten Fu\u00dfballern ausgestellt, und auf dem Weg die\nFu\u00dfstapfen von bekannten Fu\u00dfballern. Fast ausschlie\u00dflich Brasilianer. Die\nmeisten Namen kennt man, aber viele sind auch wieder in Vergessenheit geraten.\nF\u00fcr ein paar wie Pel\u00e9, Garrincha oder Ronaldinho gibt es Schautafeln, die die\nErfolge auflisten. Dabei ist auch Zico, einer, der in der Erinnerung nicht so\nverankert ist wie er es verdient h\u00e4tte. Es hei\u00dft, er sei einer von nur drei\nbrasilianischen Fu\u00dfballern, die in die <em>Hall\nof Fame<\/em> aufgenommen worden sei. Er ist als Spieler und als Trainer\nWeltmeister geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins Stadion hinaus. Was einem sofort\nauff\u00e4llt, ist die Weite der R\u00e4nge. Die steigen nicht steil auf, sondern nur\nganz sanft an. Sieht gut aus, aber wenn man ganz hinten sitzt, ist man doch\nverdammt weit vom Spielfeld entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie ist das Stadion schlecht gealtert, mit\nall seinem Beton und den verblassten, oft verkratzten Sitzen. Ganz schlimm ein\nTrainingsfeld drau\u00dfen direkt vor dem Eingang, mit einer verfallenden Trib\u00fcne\nund ungepflegtem Rasen. <\/p>\n\n\n\n<p>Man muss wohl sagen, dass das Maracana in erster\nLinie von seinem Ruf lebt, von seiner Geschichte. Schon f\u00fcr uns als Kinder\nhatte das Wort Maracana etwas beinahe Mythisches. Dass ich das Stadion einmal\nselbst besuchen w\u00fcrde, w\u00e4re jenseits aller Vorstellungen gewesen. Das ist so,\nals wenn man die \u00e4gyptischen Pyramiden oder die Chinesische Mauer besucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre danach noch mal zur Schule, um etwas\nnachzuschauen. Dabei komme ich mit Jascha ins Gespr\u00e4ch, einem Holl\u00e4nder, der\nmir in den letzten Tagen schon ein-, zweimal geholfen hat. Er geh\u00f6rt wohl zur\nLeitung der Schule, vielleicht so etwas wie ein Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Sein Name\nerkl\u00e4rt sich daher, dass er Vorfahren aus Belarus hat. Er stammt aus Utrecht, und\nnach einiger Zeit in Rio ist er mit der Familie auch dahin zur\u00fcckgekehrt. Wohl\nwegen der Einschulung der Kinder. Jetzt sind wohl Ferien, und sie sind\nvor\u00fcbergehend wieder in Rio, wo er sich vor Ort um die Schule k\u00fcmmern kann. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach einem Lokal, <em>La Carioca Cevicheria<\/em>. Das hat Dami\u00e3o\nempfohlen, als ich wegen <em>Pisco Sour<\/em>\nnachgefragt habe, einem Geheimtipp aus der Heimat. Es ist das peruanische\nNationalgetr\u00e4nk. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss ein bisschen suchen und komme dabei durch\ndas Viertel um die Schule herum. Das gewinnt auf den zweiten Blick, vor allem\nwegen der gro\u00dfen, schattenspendenden B\u00e4ume. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal liegt an einer Kreuzung, ist klein und\nhat Tische drinnen und drau\u00dfen. Ich frage nach dem Pisco Sour, bekomme eine\npositive Antwort und kann mich an einen der kleinen Tische drau\u00dfen setzen. Es\ndauert eine Zeitlang, bis das Getr\u00e4nk kommt, kein Wunder, es ist eine Art Zaubertrank\nmit unendlich vielen Ingredienzien. Schon der Anblick ist verlockend. Der Pisco\nwird in einem Cocktailglas serviert, die obere wei\u00dfe Schicht ist an einer Seite\nmit Pfeffer, an der anderen mit Zimt bestreut. Zu den Ingredienzien z\u00e4hlen\nZitronensaft, rote Zwiebel, Koriander, Pfeffer und etwas, was hier als <em>tiger milk<\/em> bezeichnet wird. Es stellt\nsich heraus, dass das das geschlagene Eiwei\u00df ist, das die obere Schicht des\nPiscos bildet. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann folgt eine einzigartige\nGeschmacksexplosion. Ein wunderbares Getr\u00e4nk, f\u00fcr Zunge und Gaumen. Obwohl der\nZitronensaft sehr dominant ist und der Pisco Sour seinen Namen wirklich\nverdient, ist der s\u00e4uerliche Geschmack nicht unangenehm, weil von so vielen\nanderen Geschmacksnoten begleitet. Alkohol scheint keiner drin zu sein, aber\nwenn man es nicht anders w\u00fcsste, k\u00f6nnte man es meinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat sich auch Hunger eingestellt. Ich\nbestelle <em>lomo saltado<\/em>, von Dami\u00e3o\nempfohlen. Es sind marinierte Rindfleischst\u00fccke, sehr zart, sehr schmackhaft. Es\ngibt Reis dazu und schmale Paprikastreifen ist der leckeren So\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause stehe ich am Ende einer\nkleinen Stra\u00dfe, in die zwei Stra\u00dfen einm\u00fcnden. Ist morgens, wenn noch wenige\nAutos unterwegs sind, noch nie ein Problem gewesen. Jetzt aber. Autos aus zwei\nRichtungen, kaum mal eine L\u00fccke dazwischen, und dann Motorr\u00e4der, die sich mit\ngro\u00dfer Geschwindigkeit dazwischen dr\u00e4ngen und selbst hier noch \u00fcberholen. Eine\njunge Frau, vermutlich auch Ausl\u00e4nderin, steht neben mir und sieht, halb erschreckt,\nhalb kopfsch\u00fcttelnd, wie sich die brasilianischen Fu\u00dfg\u00e4nger an unserer Seite\nins Get\u00fcmmel st\u00fcrzen. Es geht zweimal ganz sch\u00f6n knapp zu. Wir atmen auf, als\nsich dann eine auch f\u00fcr Ausl\u00e4nder akzeptable L\u00fccke ergibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio geh\u00f6rt: \u201eIch bin zerrissen und allein.\nAber bereit, es zu sein.\u201c (Camus)<\/p>\n\n\n\n<p>21. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck Unterhaltung mit den beiden\nanderen. Der Holl\u00e4nder ist ein ziemlicher Stinkstiefel, der Schotte ein\nSonnenschein. Der Holl\u00e4nder ist immer kurz angebunden und wei\u00df alles besser. Immerhin\nhat er sp\u00e4ter, nach dem Unterricht, die Gr\u00f6\u00dfe, anzuerkennen, dass ich recht\nhatte mit meiner Behauptung, dass f\u00fcr heute ein Fahrradausflug auf dem Programm\nsteht. Da weist er beim Fr\u00fchst\u00fcck noch barsch zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Schotten, Joe, geht es immer gut. Wir\nbleiben immer beim Portugiesischen, auch, wenn es mal hakt. Er erz\u00e4hlt, wie er\nbisher durch die Gegend gereist ist und dass er jetzt noch Brasilien entdecken\nwill. Weihnachten reist er dann nach Costa Rica. Dort trifft er dann seine\nFamilie. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Schule sehe ich an einer Kreuzung\nvor mir einen wei\u00dfen VW-K\u00e4fer vor mir abbiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder gibt es Schwierigkeiten mit der Bank. Diesmal\nkann man h\u00f6chstens 50 R$&nbsp; abheben. Das\nsind gerade mal 10 \u20ac. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht geht es um Religionen und deren\nVerteilung in Brasilien. Neben dem Christentum sind der Buddhismus, das\nJudentum, Jehovas Zeugen und animistische Religionen vertreten.\nAfrobrasilianische Religionen sind mit 2% vertreten. 10 % sind Atheisten. <\/p>\n\n\n\n<p>Am interessantesten ist aber die Verteilung der\nchristlichen Konfessionen. Es gibt 50% Katholiken und 31% Protestanten\n(Evangelikale). Das Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis zwischen den beiden hat sich in den\nletzten Jahrzehnten entscheidend ver\u00e4ndert. 1940 waren es noch 90% Katholiken\nund 2,7% Protestanten. In wenigen Jahren werden sie pari sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dami\u00e3o sagt, er betrachte sich als Protestanten.\nDa frage ich nach. Es stellt sich heraus, dass Religionszugeh\u00f6rigkeit kein\noffizieller Status ist, nirgendwo steht in irgendwelchen Dokumenten, ob man\neiner Religion angeh\u00f6rt oder nicht und wenn ja, welcher. Alle Zahlen beruhen\nalso auf Umfragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder l\u00e4sst er alle interessanten Fragen links\nliegen. Ein Unterricht mit lauter verpassten Chancen. Wir haben auch zweimal\nHausaufgaben gemacht. Beide Male wurden sie nicht \u00fcberpr\u00fcft. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Brasilienquiz kommen wieder ein paar\ninteressante Details ans Licht. Was sind die beiden gr\u00f6\u00dften W\u00e4lder Brasiliens? Amazonas\nund Tijuca. Wof\u00fcr stehen die Sterne in der brasilianischen Flagge? F\u00fcr die\nStaaten Brasiliens. Was steht auf der brasilianischen Flagge? <em>Ordem e Progresso<\/em>. Was ist <em>cacha\u00e7a<\/em>? Das ist die Spirituose, aus\nZuckerrohr gewonnen, die die Grundlage f\u00fcr Caipirinha ist. Umgangssprachlich\nhei\u00dft sie auch <em>pingo<\/em> oder <em>51<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach, wie man nach einer Quittung fragt.\nEs geht mir und die Stellung des Personalpronomens. Ich biete ihm drei\nVorschl\u00e4ge an. Nur eine ist richtig: <em>Pode-me\ndar o recibo?<\/em> Das schl\u00e4gt alles in den Wind, was ich in Portugal gelernt\nhabe. Die Verwirrung ist komplett.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir noch auf Netflix einen Ausschnitt\naus einem Film, in dem alte Motive aus einem brasilianischen M\u00e4rchen in\nmoderner Form als Krimi verarbeitet werden. Wir gucken zwanzig Minuten lang zu,\ndann macht er eine paar Kommentare dazu. Dabei bleibt es. Keine Frage zum\nInhalt, keine Frage zur Sprache. Keine Frage zum Verstehen und kein Versuch,\nHilfestellung zu leisten. Den Film h\u00e4tten wir uns genauso gut zu Hause ansehen\nk\u00f6nnen, ohne Lehrer. <\/p>\n\n\n\n<p>Der angek\u00fcndigte Ausflug mit dem Rad f\u00e4llt aus,\nweil der Park, in dem wir fahren wollten, geschlossen ist. Das erkl\u00e4rt mir\nDavi, derjenige, der f\u00fcr das Freizeitprogramm verantwortlich ist. Wir machen\neinen Spaziergang. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen an einer Bushaltestelle und irgendwie\nist von dem Fahrpreis die Rede. Ich glaube, wir f\u00fchren mit dem Bus, aber man\nhat zwei Wagen \u00fcber Uber gebucht. Eine der Teilnehmerinnen, eine Kolumbianerin,\nhat die Wagen gebucht. Au\u00dferdem dabei sind ein Argentinier, der Holl\u00e4nder und\nein junger Schweizer, aus Bern, mit dem schon vor der Schule beim Warten ins\nGespr\u00e4ch gekommen bin. Er ist schon l\u00e4nger an der Schule, konnte noch kein Portugiesisch,\nals er herkam. Daf\u00fcr hat es richtig gute Fortschritte gemacht. Er will in den\nAmazonas reisen. Wie genau das ablaufen soll, hat er noch nicht entschieden. Auf\njeden Fall ist die Anlaufstation Manaus. Irgendwo habe ich gelesen, dass man\nvon dort aus eine siebent\u00e4gige Schiffsreise durch den Amazonas machen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt stehen wir aber erst mal im Stau auf der <em>Avenida de Libertade<\/em>, der breiten Stra\u00dfe,\ndie an dem Strand von Copacabana entlangf\u00fchrt. Wir fahren bis zum Fu\u00df der\nFestung am \u00e4u\u00dfersten Ende des Strands. Die hatte Mary dieser Tage schon mal\nerw\u00e4hnt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren nur, dass das hier heute noch als\nKaserne dient, irgendwelche Hintergr\u00fcnde werden nicht erkl\u00e4rt. Aber macht\nnichts. Ist auch so sch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen beim Aufstieg bei dem schw\u00fclen Wetter\nganz sch\u00f6n ins Schwitzen. Aber der Weg ist wunderbar, auf einem breiten\nKopfsteinpflaster mit dichtem Wald zu beiden Seiten geht es nach oben. An den\nBaumst\u00e4mmen klettern kleine Affen hoch. Sie sind st\u00e4ndig in Bewegung. Es sind\nSchwarzb\u00fcschelaffen (<em>mico estrela<\/em>).\nAuff\u00e4llig das Gesicht, das mit wei\u00dfen Haaren bedeckt ist und sich von dem\ndunklen K\u00f6rper absetzt. Auff\u00e4llig auch ihre Ohrb\u00fcschel. Aus den Ohren wachsen\ndichte, schwarze Haare. So m\u00f6chte man selbst lieber nicht aussehen, aber f\u00fcr einen\nAffen ist es in Ordnung. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der Umgebung ist die ganze Zeit nichts zu\nsehen, da die B\u00e4ume die Sicht versperren. Ich bin gerade dabei, den Schweizer\nnach dem <em>Cristo<\/em> <em>Redentor<\/em> zu fragen, als wir oben ankommen. Ich sage ihm, ich h\u00e4tte\nihn bisher noch nicht einmal gesehen. Da zeigt er einfach nach vorne. Da ist\ner, in der Ferne. Und wenn man in den andere Richtung sieht, bekommt man den\nZuckerhut gleich dazu. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussicht hier oben ist phantastisch, denn sie\nkommt im Doppelpack. Vorne die Copacabana mit dem Berg, der mir gestern Abend\nim D\u00e4mmerlicht so gut gefallen hat, und rechts oben davon der <em>Cristo Redentor<\/em>, nach hinten der\nZuckerhut und wieder das Meer, aber ganz anders, verzweigt, so dass ich erst an\neine Lagune denke. Es ist aber das offene Meer. Dahinter noch mehr Berge. F\u00fcr\nmich sind zwei Dinge erstaunlich: wie gebirgig es hier ist und wie gr\u00fcn es hier\nist. Wenn man von hier aus ein Photo macht, ohne <em>Cristo Redentor<\/em> und ohne Zuckerhut, w\u00fcrde kein Mensch wissen, dass\ndas Rio ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bitte Davi, mir auf der Karte zu zeigen, wo\nwir sind. Wir sind am \u00e4u\u00dfersten s\u00fcdwestlichen Ende von Rio.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal erscheinen hier auch noch drei gro\u00dfe,\nschwarze V\u00f6gel. Sie lassen sich einen Moment auf dem Gel\u00e4nder nieder und sind\ndann wieder weg. Der Schweizer meint, es w\u00e4ren Reiher. Mir kommen sie eher wie\nGeier vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abstieg nimmt mich die Kolumbianerin in\nBeschlag. Sie ist aus Bogota, hat aber auch an der Grenze zu Venezuela und in\nPeru gelebt und ist \u00fcberhaupt weitgereist. Jetzt fliegt sie nach Lissabon, dann\nnach Madrid und nach Rom \u2013 wo wie \u00fcberall Freunde zu haben scheint \u2013 und dann\nnach \u00c4gypten. Ob das ein Sabbatjahr sei, will ich wissen. Nein, sagt sie, sie\narbeite die ganze Zeit, online. Sie ist bei einer Finanzbeh\u00f6rde angestellt. Das\nw\u00e4re so ziemlich das letzte, worauf man kommen w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist schon seit April hier und nimmt\nPortugiesischunterricht, Privatstunden, macht aber nicht den geringsten\nVersuch, Portugiesisch zu sprechen. Nee, sie habe nur das gelernt, was sie so\nf\u00fcr den Alltag brauche, Essen bestellen und Reisen organisieren. Sie spricht\nmit allen unterschiedslos Spanisch, mit einer Affengeschwindigkeit und fr\u00f6hlich\ndrauflosredend. Sie fragt mich, ob ich geschieden, verwitwet oder Single sei\nund ob ich Kinder h\u00e4tte und erz\u00e4hlt frank und frei von ihren letzten beiden\nBeziehungen und warum aus denen nichts geworden sei. Das Thema Kinderkriegen\nbesch\u00e4ftigt sie, sie ist 39, aber das geht sie mit gro\u00dfer Gelassenheit an. Wenn\nes sich ergebe, dann ja, wenn nicht, dann nicht. Als wir unten ankommen, kenne\nich ihre halbe Lebensgeschichte. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten trennen wir uns. Die drei anderen fahren zur\nSchule, wo es heute Caipirinha gibt, von Davi selbst zubereitet, ich gehe mit\ndem Argentinier und dem Schweizer den langen Weg an der Copacabana entlang. <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden haben es etwas n\u00e4her. Ich gehe noch\nweiter und gelange zu den gelben H\u00e4usern, Marys Orientierungspunkte. Hier muss\nman abbiegen. \u00c9s f\u00e4ngt an zu regnen. Danach sah es den ganzen Tag schon aus,\naber wir haben Gl\u00fcck gehabt. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal finde ich das Lokal, in dem wir dieser Tage waren, das Grill Inn. Die Abl\u00e4ufe kenne ich jetzt ja. Es gibt eine gro\u00dfe Auswahl, und ich bin so ausgehungert, dass ich von allem etwas nehme: Quiche, Empanada, Lasagne, Boeuf Stroganoff, Kroketten. Dazu Salat mit sehr gut schmeckenden Tomaten. Und das wunderbare, eisgek\u00fchlte Brahma. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>22. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Tagen frage ich mich, warum die V\u00f6gel am\nMorgen so vielstimmig und laut singen. Die Antwort ist einfach: Es ist\nFr\u00fchling. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck frage ich vorsichtig nach der\nReinigung. Ja, kein Problem, k\u00f6nnten wir sofort erledigen, wir k\u00f6nnten zusammen\ngehen. Und auf dem Weg dann auch gleich in die Bank gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin froh, dass sie mir den Weg zeigt, denn der\nist nicht so einfach zu finden. Als wir an der Reinigung ankommen, sehen wir,\ndass sie noch geschlossen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon und schw\u00fcl, obwohl es noch fr\u00fch ist.\nWir gehen in eine Bank, dann in noch eine, dann in noch eine, nirgendwo kann\nman mit ausl\u00e4ndischer Kreditkarte Geld abheben. Am Ende kommen wir zur\nSantander. Hier klappt es. In der Bank ist es so kalt, dass Mary Rei\u00dfaus nimmt.\nSie beschwert sich zurecht, dass man \u00fcberall so stark herunterk\u00fchlt. Auch in\nden Superm\u00e4rkten und vor allem in der Metro ist das so. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen zweiten Versuch bei der\nReinigung, aber die hat immer noch geschlossen. Mary sagt aber, sie wolle sich\nselbst sp\u00e4ter darum k\u00fcmmern, da sie wei\u00df, dass ich zur Stadtf\u00fchrung will. Nehme\nich dankbar an. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich auf den Weg machen will, sagt sie,\nsie wolle mich begleiten. Sie will mir zeigen, wie ich gratis mit der Metro\nfahren kann. An dem Drehkreuz steht eine Frau. Die sieht sich meinen Ausweis an\nund l\u00e4sst mich umstandslos durch. Ohne zu bezahlen. Diese Mary ist Gold wert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu fr\u00fch an dem Treffpunkt an. Der ist\ngenau an dem Platz, auf dem ich dieser Tage gewesen bin, dem Largo Carioca. Man\ntrifft sich unter der Uhr. Die ist ein Werk von 1911, sch\u00f6n geschmiedet, mit vier\ngleichen Zifferbl\u00e4ttern zu allen vier Seiten. Unten vier Frauengestalten, mit\nentbl\u00f6\u00dfter Brust, die Attribute der Industrie in den H\u00e4nden halten, ein\nZahnrad, eine Fackel, einen Anker. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch an einen kleinen Imbissstand und\nbestelle ein Wasser und lass mir erkl\u00e4ren, welche Kleinigkeiten es sind, die da\nzum Essen ausliegen, meist getoastete Brotscheiben. Das Prozedere ist\nkompliziert. Man kann nicht direkt bestellen, sondern muss erst zur Kasse und\nbezahlen und dann mit der Quittung zur\u00fcck zur Theke. Ich setze mich an einen\nTisch, und sofort kommt ein Bettler, mit nackter Brust. Er bittet um eine\nSpende. Sofort kommen ein paar Uniformierte, die ihn wegjagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Kellner und legt noch eine T\u00fcte mit\nK\u00e4seb\u00e4llchen auf meinen Tisch. Die habe ich wohl bestellt, ohne es gemerkt zu\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Uhr, wo inzwischen schon eine ganze\nMenge Leute wartet. Es kommt ein Bettler und zeigt auf die T\u00fcte mit den\nK\u00e4seb\u00e4llchen. Er nimmt zwei. Den Rest gebe ich einer alten Frau, die unter\neinem Baum auf dem Boden liegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Obdachlose und Bettler sieht man an jeder zweiten\nEcke, nicht in gro\u00dfer Zahl, aber nicht zu \u00fcbersehen. Meist sind es kleine\nGruppen von 4-5 Leuten. Man sieht auch viele \u00e4rmlich aussehende Menschen auf\nder Stra\u00dfe. Nicht die Mehrheit, aber doch eine ganze Menge. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat sich eine gro\u00dfe Gruppe hier\nangesammelt, so um die 60. Man kann teilnehmen, ohne sich anzumelden und\nbezahlt am Ende das, was einem die Tour wert ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es stehen drei F\u00fchrer bereit, und dann stellt sich\nheraus, dass sie drei verschiedene Sprachen anbieten: Englisch, Portugiesisch,\nSpanisch. Ich gehe mit der spanischen Gruppe. Unser F\u00fchrer, Fernando, stammt\naus Ecuador. Er hat einen langen Pferdeschwanz, einen buschigen Schn\u00e4uzer, du\ntr\u00e4gt Hut und Brille. Er hat au\u00dferdem alle m\u00f6glichen Dinge um die H\u00fcfte\ngeschwungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beginnen mit einer Vorstellung. F\u00fcnf M\u00e4dchen\naus Madrid, alle spindeld\u00fcrr, mit leichtem Sommerkleid und Sonnenbrille, eine\njunge Frau aus Logro\u00f1o, ein Ehepaar aus Argentinien und eine Kolumbianerin. <\/p>\n\n\n\n<p>Fernando macht seine Sache gut, vom Anfang bis zum\nEnde. Hier, erfahren wir, um den heutigen Largo Carioca herum, entstand\nseinerzeit ein neues Zentrum, weil man weiter von der K\u00fcste und den\nPiratenangriffen entfernt sein wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Zeit entstanden auch die beiden Kirchen\noben auf dem H\u00fcgel. Es sind wirklich zwei, Santo Ant\u00f3nio und S\u00e3o Francisco,\nunmittelbar nebeneinander. Warum ich Santo Ant\u00f3nio dieser Tage nicht gefunden\nhabe, verstehe ich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>In unmittelbarer Nachbarschaft das moderne\nB\u00fcrogeb\u00e4ude von Petrobr\u00e1s, in Form eines Kubus. Das ist mir dieser Tage schon\naufgefallen. Es hei\u00dft, die Architektur des Geb\u00e4udes greife die Form einer\n\u00d6lplattform auf. Nicht der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle\nBrasiliens, es sind Gas und Erd\u00f6l. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere erste Station ist ein Caf\u00e9 in einer\nschmalen Seitenstra\u00dfe, die <em>Confeitaria\nColombo<\/em>. Von der hat Mary schon gesprochen. Es ist rappelvoll hier, die\nLeute stehen Schlange, um einen Platz zu bekommen, aber wir d\u00fcrfen trotzdem\nrein und uns umsehen. Die Madrileninnen nutzen die Gelegenheit, um sich die\ntypischste aller S\u00fc\u00dfigkeiten des Caf\u00e9s zu besorgen, deren Namen mir entgeht.\nSehen wie Rumkugeln aus. Die M\u00e4dels werden jetzt sicher drei Tage lang nichts\nmehr essen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9 stammt aus dem 19. Jahrhundert, ein\nlanggestreckter Raum mit gro\u00dfen Spiegeln an beiden Seitenw\u00e4nden. Alle\nMaterialien wurden aus Europa importiert, der Marmor aus Italien, die Leuchter\naus Belgien, die Azulejos aus Portugal. Das einzige Material, das aus Brasilien\nstammt, ist das Holz, <em>pau brasil<\/em>,\nBrasilholz, das Holz, das dem Land seinen Namen gab. Die B\u00e4ume, aus denen das\nHolz gewonnen wurde, gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in freier Wildbahn.\nHier in Rio kann man es noch im Botanischen Garten sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf die R\u00faa Primeiro de Mar\u00e7o. Sie ist\neine der \u00e4ltesten und wichtigsten Stra\u00dfen Rios. Der Name bezieht sich\neigentlich auf das Datum des Endes eines Kriegs mit Paraguay, aber da es\nzuf\u00e4llig auch das Datum der Gr\u00fcndung von Rio de Janeiro ist, wird es heute\nmeist so verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier sieht man eine Reihe \u00e4lterer H\u00e4user. An einer\nFassade sieht man einen Davidstern, sicheres Zeichen daf\u00fcr, dass Rio keine rein\nportugiesische Angelegenheit ist sondern dass Juden, Muslime, Franzosen stark\nan der Entwicklung der Stadt beteiligt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht hier wie an anderen Stellen immer wieder\nein Nebeneinander von Alt und Neu. Ein schmales neoklassisches Wohnhaus neben\neinem riesigen modernen B\u00fcrogeb\u00e4ude, die Kirche der K\u00f6nige neben einem modernen\nGlasbau. <\/p>\n\n\n\n<p>Kirchen gibt es hier reichlich. Das erkl\u00e4rt sich\ndaraus, dass jede gesellschaftliche Gruppe ihre eigene Kirche hatte, die Kirche\ndes Hofs neben der Kirche des Milit\u00e4rs, der Kirche der Kaufleute usw. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf eine ruhige Seitenstra\u00dfe mit\ndem kuriosen Namen <em>R\u00faa Ouvidor<\/em>. Das\nbedeutet so etwas wie die Stra\u00dfe des H\u00f6rers. Der H\u00f6rer war ein Abgesandter der\nRegierung, der in diesen Vierteln die Anliegen und Klagen der Leute\nentgegennahm und sie an die zust\u00e4ndigen Stellen weitergab. Ein gutes, ganz\nmodern klingendes Konzept.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>R\u00faa\nOuvidor<\/em> reiht sich ein Lokal an das andere. Die Tische drau\u00dfen sind schon\ngedeckt. Die ersten G\u00e4ste d\u00fcrften bald eintreffen. Es wird in verschiedenen\nLokalen Feijoada angeboten. Traditionellerweise wird sie nur an einem\nbestimmten Wochentag gegessen, dem F\u00fchrer zufolge am Freitag. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf die Travessa do Com\u00e9rcio. Hier gibt\nes ein Theater, das Ber\u00fchmtheit erlangte durch Carmen Miranda, einer\nportugiesischen Sambat\u00e4nzerin, die nicht nur durch ihre Interpretation bestach,\nsondern auch wegen ihres Aufzugs. Sie f\u00fchrte den Tutti-Frutti-Hut ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch einen niedrigen Bogen gelangen wir auf die <em>Pra\u00e7a 15 de Novembro<\/em>. Ihr Name bezieht\nsich auf das Datum, an dem 1889 der erste Pr\u00e4sident Brasiliens, die Republik\nausrief. Auf dem Platz findet heute ein Antiquit\u00e4tenmarkt statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den <em>Pa\u00e7o Imperial<\/em>. Hier etablierte Dom Jo\u00e3o VI. nach seiner Flucht aus\nPortugal seinen Sitz in Rio.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns kurz im Innenhof und bekommen dann\ndie Gelegenheit, uns etwas zu trinken zu besorgen. Ich kaufe in der kleinen\nCafeteria eine Flasche Wasser. Als mich die Kassiererin um Kleingeld bittet,\nhalte ich ihr, weil ich mich mit den M\u00fcnzen noch nicht auskenne, einfach mein\nPortemonnaie hin. Sie bedient sich und legt das Geld an die Seite. Dann macht\nsie sich mit einem charmanten L\u00e4cheln weiter an meinem Portemonnaie zu\nschaffen. Erst verstehe ich nicht genau, worum es geht, dann f\u00e4llt der\nGroschen: Sie will noch mehr Kleingeld f\u00fcr die Kasse. Am Ende gibt sie mir f\u00fcr\ndas Kleingeld einen Geldschein. Und es bleibt noch eine einzige M\u00fcnze \u00fcbrig. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem <em>Pa\u00e7o\nImperial<\/em> gibt es eine Ausstellung zu den Entwicklungen nach der Verlegung\ndes K\u00f6nigshofs von Lissabon nach Rio. Trotz aller Bem\u00fchungen Fernandos kann ich\ndie ganze Sache nicht richtig entwirren, wer welcher Pedro mit welcher\nBedeutung ist, wird mir nicht klar. Aber eins wird mir doch klar: Brasilien ist\neinen Sonderweg gegangen. Die anderen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4nder sind nach der\nUnabh\u00e4ngigkeit sofort Republiken geworden, Brasilien war erste eine von\nPortugal unabh\u00e4ngige Monarchie. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem Ausl\u00e4ufer des Platzes. Von hier\nsieht man den Hafen in der Ferne. Das Terrain, auf dem wir stehen, ist dem Meer\nabgerungen. Wenn man es wei\u00df, erahnt man noch, wie weit es urspr\u00fcnglich ging.\nDort befindet sich heute noch eine steinerne Abgrenzung. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier f\u00e4hrt eine moderne Stra\u00dfenbahn entlang. Die\nf\u00e4hrt \u00fcber eine Trasse, die aus Anlass der Olympischen Spiele geschaffen wurde\nund zwei wichtige Stadtteile miteinander verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem <em>Pal\u00e1cio Tiradentes<\/em>, dem heutigen Sitz des Landesparlaments. Rio war\nfr\u00fcher nicht die Landeshauptstadt, das war Niteroi. Wohl aber war es Hauptstadt\nBrasiliens, bis Brasilia es wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesen merkw\u00fcrdigen Namen<em> Tiradentes<\/em> bin ich schon mehrmals gesto\u00dfen. Jetzt bekomme ich die\nErkl\u00e4rung. Vor dem Parlament steht die gro\u00dfe Figur eines gewissen Joaquim Jos\u00e9\nda Silva Xavier, mit Sitznamen &nbsp;<em>Tiradentes<\/em>. Er war Anf\u00fchrer einer fr\u00fchen\nRevolte gegen die portugiesischen Herren und landete auf dem Schafott. Er\ngeriet praktisch in Vergessenheit, wurde dann aber wieder ans Tageslicht\ngeholt, nachdem Brasilien unabh\u00e4ngig geworden war und als Held verkl\u00e4rt. Er\nhatte als B\u00fcrger verschiedene Berufe und war als Barbier auch f\u00fcrs Z\u00e4hneziehen\nzust\u00e4ndig. Daher der Name <em>Tiradentes<\/em>.\nWie er aussah, wei\u00df kein Mensch, die Abbildung bei der Statue ist also rein\nimagin\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Lapa, einem Viertel, das vor allem\nf\u00fcr sein Nachtleben bekannt ist. An der Ecke des Platzes, auf dem wir stehen,\nsteht eine portugiesische Kirche mit Azulejos an der Fassade. Der Name Lapa,\nobwohl er heute bei Brasilianern andere Assoziationen hervorruft, ist fromm und\nauch portugiesischen Ursprungs. Er nimmt Bezug auf eine Madonna mit dem Namen <em>Maria da Lapa<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter hinten sieht man die <em>Arcos da Lapa<\/em>, die wei\u00dfen Arkaden eines ehemaligen Aqu\u00e4dukts, aus\ndem 18. Jahrhundert stammend. Dass es eine Wasserleitung war, kann man noch an\ndem leichten Gef\u00e4lle ablesen. Heute ist der Aqu\u00e4dukt Teil der Strecke, die eine\nalte einwagige Stra\u00dfenbahn abf\u00e4hrt, zu reinen Vergn\u00fcgungszwecken. Fernando\nempfiehlt eine Fahrt mit der Stra\u00dfenbahn sehr. Genau in diesem Moment sehen wir\neine Stra\u00dfenbahn \u00fcber das Aqu\u00e4dukt fahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kr\u00e4fte lassen langsam nach, und das, obwohl\nFernando immer daf\u00fcr sorgt, dass wir im Schatten stehen und nach M\u00f6glichkeit\nsogar sitzen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend er die ganze Zeit in der Sonne steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute sieht man \u00fcberall die schwarz-wei\u00df gekleideten\nAnh\u00e4nger von Vasco da Gama. Bei ihnen geht es um den Wiederaufstieg in die\nErste Liga. Drei der vier gro\u00dfen Clubs von Rio, darunter auch Vasco, wurden als\nRudervereine gegr\u00fcndet. Das war damals der beliebteste Sport. Teils ist das\nnoch an den Vereinsemblemen abzulesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir kommen noch zu einem wichtigen Platz, <em>Cinel\u00e2ndia<\/em>. Hier befanden sich fr\u00fcher\ndie gro\u00dfen Kinos. Die mussten weichen, teils wegen Umbauarbeiten bei der\nErweiterung der Metro, teils weil sie in die neuen Shopping Centers integriert\nwurden, wo sie entsprechend modernisiert auftraten. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Kopfende des Platzes, der einen sehr\nfranz\u00f6sischen Eindruck macht, steht das <em>Theatro\nMunicipal<\/em>, Art D\u00e9co in Reinform. Daneben das imposante Geb\u00e4ude der\nNationalbibliothek, die von jedem in Brasilien ver\u00f6ffentlichten Buch ein\nExemplar aufnimmt. Dazu noch zwei palastartige Geb\u00e4ude, die beide Museen\nbeherbergen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir \u00fcber den Platz laufen, h\u00f6re ich eine Stimme\nhinter mir, f\u00fchle mich aber nicht angesprochen. Ich bin aber gemeint. Ein Mann\nhat es auf die Plastikflasche abgesehen, die ich gerade entsorgen will. Auf die\nscheint es Pfand zu geben. Kann er gerne haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere letzte Station ist die <em>Escadaria Selaron<\/em>, das bemerkenswerte Werk eines chilenischen, in\nBrasilien ans\u00e4ssigen K\u00fcnstlers, Jorge Selaron. Er begann 1990, einige Stufen\nder v\u00f6llig heruntergekommenen Treppe, die an seinem Haus vorbeif\u00fchrte,\nauszubessern und sie mit bunten Kacheln zu verzieren. Anfangs stie\u00df die bizarre\nZusammenstellung der Farben auf viel Verwunderung, aber im Laufe der Zeit kam\nimmer mehr Zustimmung. F\u00fcr Selaron selbst, f\u00fcr den die Treppe erst eine Art\nFreizeitbesch\u00e4ftigung neben seiner Malerei war, wurde die Aufgabe allm\u00e4hlich\nzur Obsession. Heute ist die Treppe, ausgestattet mit Kacheln und Motiven aus\nallen m\u00f6glichen L\u00e4ndern und knalligen Farben, eine der f\u00fcnf wichtigsten\nSehensw\u00fcrdigkeiten Rios. Zu denen geh\u00f6rt auch das Nationalmuseum. Wir sollen\nraten, was die anderen drei sind: Cristo Redentor, Zuckerhut und Maracana. Und\ndamit geht eine sehr unterhaltsame und informative F\u00fchrung zu Ende. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache einen Fehler, indem ich einfach in eine\nRichtung laufe, in der Hoffnung, auf eine Metrostation zu treffen. Das sollte\nman in Rio nicht tun. Dazu liegen die Stationen zu weit auseinander und decken\nauch nicht alle Teile der Innenstadt ab. Ich laufe und laufe, und komme\nirgendwann wieder da aus, wo ich schon mal gewesen bin. Als ich endlich eine\nMetrostation finde, habe ich mich zwei Stationen von unserem Ausgangspunkt\nentfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Metro wird mir zweimal ein Platz angeboten.\nMan sieht, dass man mich f\u00fcr einen Senior h\u00e4lt. Selbst will ich meinen Platz einer\n\u00e4lteren Dame anbieten, die hereinkommt, aber der Mann neben mir ist schneller.\nAuf jeden Fall sp\u00fcrt man hier viel Respekt, was ganz mit der v\u00f6lligen Absenz\njeder Form von H\u00f6flichkeit im Alltag kontrastiert. Man dr\u00e4ngt sich vorbei,\nbedankt sich nicht, wenn man durchgelassen wird, Kassiererinnen und Kellner\nvollziehen ihre Arbeit sehr gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig. Kaum mal ein L\u00e4cheln, kaum mal ein\nDankesch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>An unserer Station, General Osorio, mit der ich\njetzt schon ein bisschen vertraut bin \u2013 obwohl die Eing\u00e4nge weit auseinander\nliegen \u2013 gehe ich \u00fcber den gro\u00dfen Platz mit einem Park in der Mitte, auf Suche\nnach der von Dami\u00e3o empfohlenen <em>Casa de\nFeijoada<\/em>. Was immer man von ihm als Lehrer h\u00e4lt, als Hinweisgeber auf\ngastronomische Highlights hat er sich bew\u00e4hrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigem Suchen, als ich schon dabei war,\naufzugeben, finde ich das Lokal, etwas versteckt am Rande des Platzes gelegen,\ndoch noch. Ja, es gibt <em>Feijoada<\/em>, auch\nzu dieser Tageszeit. Ist nicht ganz billig, aber gut und absolut komplett. Zu\ndem Menu geh\u00f6ren auch ein kleiner Aperitif, eine Art Caipirinha, sehr gut\nschmeckend, eine Art Bratensaft, den man auch als Getr\u00e4nk serviert bekommt und\nein Nachtisch mit drei winzigen Kleksen von einer s\u00fc\u00dfen Masse, mit Bananen-,\nKokos- und Milchgeschmack. K\u00f6nnte aus der Molekulark\u00fcche stammen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch diskutieren eine Frau und zwei\nM\u00e4nner \u00fcber die bevorstehenden Wahlen,&nbsp;\noffensichtlich kontrovers. Leider verstehe ich nichts. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Feijoada<\/em>\nbesteht aus dunklen Bohnen, dem Namensgeber des Gerichts, einem Fleischtopf, in\ndem auch Ochsenschwanz, Schweineohr und Zunge vertreten sind, dazu Reis,\nManiok, einem Kohl und Apfelsinenscheiben, die erstaunlich gut dazu schmecken.\nIst ein tolles kulinarisches Erlebnis und auch ein St\u00fcck Landeskunde. Nur\nschade um all das Essen, das wieder zur\u00fcckgeht. Von der Portion h\u00e4tten auch\nzwei oder drei satt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach Hause komme, liegt die W\u00e4sche\nauf dem Bett, komplett gewaschen und geb\u00fcgelt. Unglaublich!<\/p>\n\n\n\n<p>23. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck habe ich zum ersten Mal die Mu\u00dfe,\nmir die Einrichtung des Wohnzimmers anzusehen. Die W\u00e4nde sind wei\u00df verputzt,\nbis auf eine Seite, die original erhalten ist, in Backstein. Die leicht\ngekr\u00fcmmte Laibung der Decke oben ist in Feuerrot von den wei\u00dfen W\u00e4nden\nabgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>An den W\u00e4nden h\u00e4ngen Bilder verschiedener\nHerkunft, darunter eins mit einer Stra\u00dfenszene im Regen, das mir\nau\u00dferordentlich gut gef\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Boden liegen Teppiche und L\u00e4ufer gleich nebeneinander,\ndie unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei schwere Sessel mit h\u00f6lzernen Lehnen.\nDie sind beide nach &nbsp;orientalischer\nTradition abgedeckt, damit sie keinen Staub fangen. Ebenso ein Sofa und ein Tisch.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Kommode und in einer Vitrine allerlei Figuren,\nPuppen und Vasen. An Ausstattung mangelt es in dem kleinen Raum auf jeden Fall\nnicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag Ruhetag, nach einer kr\u00e4ftezehrenden Woche.\nMeinen geschundenen F\u00fc\u00dfen biete ich eine Wassertherapie. Es geht immer an dem\nStrand der Copacabana entlang, mit nackten F\u00fc\u00dfen, immer so nah am Meer, dass\ndie F\u00fc\u00dfe ins Wasser kommen. Das Wasser ist nicht kalt, aber es sind relative\nwenige Personen im Wasser, obwohl der Strand ziemlich voll ist. Schwimmen tut\nhier niemand, es geht eher darum, die heranschwappenden Wellen auf sich\nzukommen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Kiosk sehe ich einen Werbespruch, der mit\n<em>n\u00e9?<\/em> endet. Scheint sehr brasilianisch\nzu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir zuf\u00e4llig ein kleines,\ngraues Geb\u00e4ude auf. Ich muss hier schon \u00f6fter vorbeigekommen sein. Das Geb\u00e4ude\nist bauf\u00e4llig, offensichtlich soll es restauriert werden. Man kann kaum sagen,\nwelche Funktion es hatte. Von der Form her k\u00f6nnte es eine Burg, eine Kirche\noder ein Wachturm sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio geh\u00f6rt: \u201eJeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.\u201c (B\u00fcchner) &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>24. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck zeigt mir Mary ein Faltblatt einer\nReiseagentur. Mit der sollte ich nach Petropolis reisen. Tagestour, alles\nenthalten, da br\u00e4uchte ich mich um nichts zu k\u00fcmmern. Keine schlechte Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterricht geht mit einer neuen Lehrerin\nweiter, Celi, blutjung, freundlich. Sie macht keinen Versuch, ihre st\u00e4mmigen\nOberschenkel zu verbergen, sondern tr\u00e4gt ganz kurze Shorts.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht gut los, mit einer bew\u00e4hrten \u00dcbung: Wahr\noder Falsch? Wir schreiben drei S\u00e4tze \u00fcber unsere Hobbies und drei \u00fcber unsere\nLieblingsorte, drei S\u00e4tze, von denen einer falsch ist. Wir beide, Joseph und\nich, liegen bei ihr, Celi, bei beiden Themen richtig, sie liegen bei mir bei\nbeiden Themen falsch. Am meisten freut mich, dass sie mich als begabten\nHeimwerker einsch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir ein Video \u00fcber Maria Carolina de\nJesus, eine schwarze brasilianische Schriftstellerin \u2013 sie benennt sich selbst als\n<em>Schwarze<\/em> \u2013 die aus der Favela stammt\nund entdeckt wurde, als ein Journalist eine Reportage \u00fcber ihre Favela drehte.\nSie ern\u00e4hrt sich und ihre Familie dadurch, dass sie die M\u00fcllberge nach brauchbaren\nDingen durchsucht und diese verkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Celi macht, ganz anders als Dami\u00e3o, durch ein paar\nFragen daraus eine halbwegs vern\u00fcnftige H\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung. Und l\u00e4sst uns dann\nein zweites Mal h\u00f6ren, um mehr zu verstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann lesen wir noch einen Auszug aus einem ihrer\nB\u00fccher. Darin schildert sie, wie sie aus dem Geburtstag ihrer Tochter trotz der\nmisslichen Lage noch einen gelungenen Tag macht. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser Gespr\u00e4ch kommt auch auf Reisen, und Joseph\nberichtet von einem ganz besonderen Ort in Kolumbien, die <em>Ciudad Perdida<\/em>, eine Ruinenstadt, hoch gelegen, die mehrere\nJahrhunderte lang in Vergessenheit geraten war. Man kann sie heute nur noch auf\neiner mehrt\u00e4gigen Trekkingtour erreichen. Joseph hat so eine Tour gemacht und\nberichtet begeistert davon. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht kaufe ich mir ein paar\nKleinigkeiten f\u00fcr unterwegs in einem Supermarkt. T\u00fcten und Plastikbeh\u00e4lter gibt\nes immer ungefragt und reichlich dazu, und die Kassiererinnen verpacken die\nArtikel f\u00fcr gleich selbst f\u00fcr die Kunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Cinel\u00e2ndia zur Nationalbibliothek.\nEs gibt F\u00fchrungen, aber nur auf Portugiesisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss noch eine halbe Stunde warten und kann\nmich in der Zeit ein bisschen unten umsehen. In einer Vitrine sieht man die\nPartitur eine Oper von einem gewissen Carlos Gomes, wohl dem ber\u00fchmtesten brasilianischen\nOpernkomponisten. Vor dem Theater gleich nebenan steht eine Statue von ihm. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ist das Modell des Schiffs ausgestellt,\nmit dem Dom Joao VI. nach Brasilien kam. Auf diesem Schiff kam auch das mit,\nwas bis heute den Grundstock der Nationalbibliothek bildet. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen originalen Plan von der Schlacht\nvon Tuyut\u00ed (1866), der, wie es hei\u00dft, blutigsten Schlacht in der Geschichte\nS\u00fcdamerikas. Brasilien und Argentinien, traditionelle Feinde, befanden sich mit\nUruguay in einer Tripleallianz gegen Paraguay. Die Kriege f\u00fchrten zu einer\nerheblichen Reduzierung des Territoriums von Paraguay, und die Schlacht beinahe\nzur Ausl\u00f6schung von Paraguay. Davon wissen wir in Europa kaum etwas. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Vitrine ist ein Exemplar von <em>Cultura e Opul\u00eancia do Brasil<\/em>\nausgestellt, das Werk eines italienischen Jesuiten (1711) mit einer\ndetaillierten Schilderung des Landes. Sie handelt vom Anbau von Zuckerrohr und\nTabak, von der Viehzucht, vom Brasilholz, von den Bergwerken, aber auch von\nMachtgier, Unterwerfung, von der Stellung der Frau und von der Sklavenhaltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung. Sie wird von einer Frau durchgef\u00fchrt.\nAuf eine sch\u00f6ne brasilianische Frau kommen 99, die es nicht sind. Unsere\nF\u00fchrerin geh\u00f6rt zu dem einen Prozent, die vier Frauen, die an der F\u00fchrung\nteilnehmen, zu den anderen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin spricht schnell und deutlich. Ich\nverstehe l\u00e4ngst nicht alles, vielleicht die H\u00e4lfte, und die verstehe ich, weil\nsie so klar artikuliert. Den Rest verstehe ich nicht deshalb nicht, weil sie\nschnell spricht, sondern einfach, weil ich zu wenig \u00dcbung im H\u00f6rverstehen habe\nund auch noch keine Strategien entwickelt habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mit dem Bau selbst los, ein f\u00fcnfst\u00f6ckiger\nPrachtbau mit einer flachen Kuppel im Zentrum und schweren S\u00e4ulen in den\nGeschossen. Auf den ersten Blick w\u00fcrde mach klassizistisch denken, aber unsere\nF\u00fchrerin betont, das sei es gerade nicht, es sei Art Nouveau. Das erkennt man\nam ehesten an den geschwungenen Gel\u00e4ndern, den schmiedeeisernen Leuchten und\nden farbig bemalten Glasd\u00e4chern der Kuppeln. Materialien wurden aus verschiedenen\neurop\u00e4ischen L\u00e4ndern importiert, aus Italien, aus Frankreich, aus Portugal und\naus Deutschland. Was wie Marmor aussieht, ist kein Marmor, sondern Gips. Sp\u00e4ter\nin den Leses\u00e4len sehen wir Regale und Tische aus Eisen, die aber wie dunkles\nHolz aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baubeginn war 1905, und 1910 war der Bau schon\nvollendet. Erstaunlich. Bis dahin wurden die Sch\u00e4tze in einer Musikhochschule\nhier in der N\u00e4he aufbewahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibliothek hat 10 Millionen Einzelb\u00e4nde und\nist damit die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcdamerikas und eine der gr\u00f6\u00dften der Welt. Die Regale\nhaben, wenn ich das richtig verstanden habe, eine L\u00e4nge von unglaublichen 66\nKilometern. Jedes neu publizierte Buch ist mit einem Exemplar vertreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehen wir, an einem Bildschirm, drei\nbesondere Sch\u00e4tze der Bibliothek: eine Originalausgabe der Lus\u00edadas, ein noch\nauf Pergament geschriebenes Evangelium aus dem 11. Jahrhundert und eine\nGutenbergbibel. Dar\u00fcber erscheint der Name Mog\u00fancia. Die F\u00fchrerin wei\u00df, dass\ndas auf Deutsch Mainz ist. Es stellt sich heraus, dass eine der Besucherinnen\nMainz kennt und auch Berlin und Heidelberg. Sie war sehr angetan von ihrer\nTour. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen dann verschiedene Leses\u00e4le, zuerst den\nder Zeitschriften. Dort stehen schwere eiserne Tresore. Sie enthalten die\nZeitschriften als Mikrofiche. Allm\u00e4hlich werden sie alle digitalisiert, aber es\nwird auch, wenn ich das richtig verstanden habe, alles Digitalisierte noch mal als\nMikrofiche gespeichert, zur Sicherheit. Sp\u00e4ter wird an einem Ger\u00e4t vorgef\u00fchrt,\nwie man so einen Beitrag auf Mikrofiche liest. Erinnerung an lang\nzur\u00fcckliegende Studentenzeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum eigentlichen Lesesaal. Dort\nsieht man aber keine B\u00fccher, sondern nur Karteik\u00e4sten. Man konsultiert die, um\nzu sehen, ob ein gesuchtes Buch vorhanden ist, geht dann zu einem Mann, der an\neinem Computer sitzt, und der bestellt dann das Buch, das daraufhin \u00fcber einen\nAufzug aus den oberen Etagen in den Lesesaal kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der ikonographische Saal. Hier ist\nalles aufbewahrt, was im weitesten Sinne mit Bildern zu tun hat, Landkarten, architektonische\nEntw\u00fcrfe, Kunstdrucke, Bildb\u00e4nde. Dann sehen wir noch den Saal, in dem es um\ndie Bibliothek selbst geht, Verwaltung, Leitung, Rechtsabteilung, und dann noch\nden sch\u00f6nsten Saal, der, in dem die besonderen Sch\u00e4tze der Bibliothek\naufbewahrt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die F\u00fchrung. Allerdings ist die F\u00fchrerin noch dabei behilflich, den besten Platz f\u00fcr ein Photo zu finden. Und sie bietet auch gleich an, die Photos selbst zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend esse ich in einer <em>Lanchonete<\/em>. Von denen gibt es an jeder Ecke eins. Sie sind mehr als\neine Imbissbude und weniger als ein Restaurant. Von meinem Platz aus sehe ich, wie\neine Frau vor dem Eingang zur U-Bahn Aufkleber verteilt, f\u00fcr Lula: <em>Lula \u2013 sem medo a ser feliz.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>25. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht geht es um vir und ver und deren\nFormen. Wunderbar. Genau das, was ich brauche. Aber ach, am Ende bin ich so\nklug als wie zuvor. Wir machen ein paar \u00dcbungen, aber am Ende ist mir genauso\nr\u00e4tselhaft wir vorher, was ve, vem, veem und v\u00eam sind. Ich erfahre nur noch,\ndass zu allem \u00dcbel vimos das Pr\u00e4senz von ver und die Vergangenheit von vir ist.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es um Ghosting. Jedenfalls ist das die\nAusgangsfrage. Dann weitet sich das Gespr\u00e4ch schnell aus auf die Benutzung und\nden Sinn und Zweck von Plattformen zum Kennenlernen. Da sind die beiden in\nihrem Element. Sie k\u00f6nnen auf pers\u00f6nliche Erfahrungen mit den verschiedenen\nPlattformen zur\u00fcckgreifen und zeigen sich gegenseitig, wie sie sich auf denen\npr\u00e4sentieren und wie sie die Kandidaten bewerten. Sie sind sich fast immer\neinig, und es dauert kaum ein paar Sekunden, bis jemand erw\u00e4hlt oder\nausgesondert ist. Es gibt einen kulturhistorischen Aspekt, und erst auf\nNachfrage wird eindeutig geantwortet: nach links wischen ist weg, nach rechts\nist bleibt. Also rechts ist gut, wie es in der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte\nimmer gewesen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Was das Ghosting angeht, f\u00fchre ich an, dass es das\nimmer gegeben habe, vor allem, wenn man in verschiedenen St\u00e4dten lebt. Die\nIntervalle zwischen Briefen und Telefonaten wurden immer l\u00e4nger, irgendwann blieb\nnur noch die Karte zu Weihnachten oder die zum Geburtstag, und dann wurde auch\nder vergessen und am Ende wusste keiner mehr so recht, wer den Kontakt abgebrochen\nhatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht viele Freunde mache ich mir mit der Frage,\nwarum solche Plattformen in L\u00e4ndern wie Brasilien denn \u00fcberhaupt n\u00f6tig seien.\nDie Brasilianer sind doch nach eigener Einsch\u00e4tzung so offen und so\nkommunikativ, dass man zigmal pro Tag die M\u00f6glichkeit haben m\u00fcsste, jemanden\nkennenzulernen, ohne auf elektronische Medien zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag leiste ich mir einen reinen\ntouristischen Programmpunkt, eine Fahrt mit der Bonde. Dazu muss ich wieder\neinmal nach Carioca. Auch in der Metro sehe Leute mit Aufklebern f\u00fcr Lula an\nHemd oder Bluse. Und eine Frau mit Lula 2022 als Aufdruck auf dem T-Shirt.\nSp\u00e4ter sehe ich auch noch Werbung f\u00fcr Lula an H\u00e4userfassaden. F\u00fcr Bolsonaro scheint\nhier niemand zu werben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Carioca stehe ich pl\u00f6tzlich unversehens vor\neinem Schreibwarengesch\u00e4ft. Genau das, was ich brauche. Ich gehe rein und frage\nnach einer Karte von Rio oder von Brasilien. Die junge Verk\u00e4uferin muss\nirgendwo aus der \u00e4u\u00dfersten Ecke ein am Boden liegenden Packen hervorkramen und\nzeigt mir dann, was sie hat. Von Rio gar nichts. Von Brasilien hat sie Karten,\naber die sind riesengro\u00df und nicht sehr detailliert. Sie eignen sich eher zum\nAufh\u00e4ngen im Klassenraum. Sie ist sehr freundlich und versteht, warum ich damit\nnichts anfangen kann. Sie verweist mich auf den Kiosk gegen\u00fcber. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort ist auch ein freundlicher Verk\u00e4ufer. Der\nverweist mich auf die Schreibwarenhandlung. Dann findet er aber doch etwas,\neine Karte von Rio, f\u00fcr touristische Zwecke. Auch die etwas unhandlich, aber\nimmerhin. H\u00e4tte nicht gedacht, dass man mit solch allt\u00e4glichen Besorgungen\nseine Schwierigkeiten haben w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Bonde. Das ist die elektrische\nStra\u00dfenbahn der alten Art, die aus teils nostalgischen Gr\u00fcnden weiterhin\nzwischen Carioca und einen Ortsteil namens Santa Teresa verkehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier komme ich mit meinem Seniorenrabatt nicht durch.\nDer gelte nur f\u00fcr Brasilianer. Ich muss wie jeder andere 20 R$ zahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn besteht nur aus einem Wagen, ist\nzu beiden Seiten offen und hat Sitzb\u00e4nke aus Holz. Es passen vielleicht 20-30\nPersonen rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren gleich \u00fcber das Aqu\u00e4dukt, aber das hat\nkeinen besonderen Reiz, weil man einfach das &nbsp;Aqu\u00e4dukt nicht sieht. Man hat aber von hier\noben einen guten Blick auf die Pl\u00e4tze und H\u00e4user unter einem. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die Stra\u00dfe, und die wird bald\nenger und kurviger, und es geht stets bergauf. Es ist gerade noch Platz f\u00fcr die\nbeiden Stra\u00dfenbahnschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auf Wellblechh\u00fctten und auf verlorene\nHinterh\u00f6fe hinab. Dann geht es an H\u00e4usern vorbei, die schon bessere Zeiten\ngesehen haben, H\u00e4user mit verzierten Portalen und steinernen Figuren auf den\nPortalen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00fctzmauer auf der linken Seite ist fast\ndurchgehend bemalt, teils mit szenischen Motiven, teils mit Motiven der Antifa.\nBesonders sch\u00f6n ist eine H\u00e4userreihe auf der rechten Seite, mit blauen Fensterl\u00e4den\nund blauen Fenstern. Auf der anderen Seite hat sie ihr genaues Pendant \u2013 aber\ngemalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich die Vegetation, es wuchert einfach\n\u00fcberall wild. W\u00e4rme kombiniert mit Regen \u2013 da l\u00e4sst sich die Natur nicht\nzweimal bitten. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts am Wegesrand steht ein goldgelber, bunt\nbemalter VW-K\u00e4fer, und links ein Bully, auf den man <em>Santa Kombi<\/em> gepinselt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bonde dient zwar in erster Linie touristischen\nZwecken, aber nicht nur. An allen Haltestelle steigen auch ganz normale\nFahrg\u00e4ste aus und ein, mit Einkaufstasche statt Handy. Sie gr\u00fc\u00dfen den Fahrer\nfreundlich beim Aussteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht immer weiter rauf. Gelegentlich sieht man\nam Wegesrand, erh\u00f6ht gelegen, burgen\u00e4hnliche, in romantisierendem Stil gebaute\nVillen, in denen die Reichen wohnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter oben \u00f6ffnet sich der Blick pl\u00f6tzlich nach\nrechts. Man sieht unten die Wolkenkratzer von Rio und vor sich eine Favela, die\nsich den ganzen Berg hinaufzieht. Sch\u00f6n ist der Ausblick nicht, romantisch\nschon gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben in Santa Teresa kann man sitzen bleiben, wenn\nman will. Die B\u00e4nke werden umgeklappt, damit man wieder nach vorne guckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Hause zur\u00fcck und esse wieder in einem kleinen Imbiss auf dem Weg nach Hause. Hier h\u00e4ngen handgeschriebene Schilder, dass man am kommenden Sonntag aus irgendeinem vorgeschobenen Grund geschlossen habe. Da bringt man sich vor der Wahlschlacht in Sicherheit. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>25. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nachname der Lehrerin endet auf <em>\u2013i<\/em>, ein fast untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr,\ndass er aus der Tupi-Sprache kommt. Und so ist es auch. Sie ist auch dabei,\nTupi zu lernen. Ihrer Darstellung zufolge bev\u00f6lkern die Tupi keine bestimmte\nRegion von Brasilien, sondern sind \u00fcberall vertreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht geht es um <em>vir<\/em> und <em>ver<\/em> und deren\nFormen. Wunderbar. Genau das, was ich brauche. Aber ach, am Ende bin ich so\nklug als wie zuvor. Wir machen ein paar \u00dcbungen, aber am Ende ist mir genauso\nr\u00e4tselhaft wir vorher, was <em>ve<\/em>, <em>vem<\/em>, <em>veem<\/em>\nund <em>v\u00eam<\/em> sind. Zu allem \u00dcbel ist <em>vimos<\/em> das Pr\u00e4senz von <em>ver<\/em> und die Vergangenheit von <em>vir<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es um Ghosting. Jedenfalls ist das die\nAusgangsfrage. Dann weitet sich das Gespr\u00e4ch schnell aus auf die Benutzung und\nden Sinn und Zweck von Plattformen zum Kennenlernen. Da sind die beiden in\nihrem Element. Sie k\u00f6nnen auf pers\u00f6nliche Erfahrungen mit den verschiedenen\nPlattformen zur\u00fcckgreifen und zeigen sich gegenseitig, wie sie sich auf denen\npr\u00e4sentieren und wie sie die Kandidaten bewerten. Sie sind sich fast immer\neinig, und es dauert kaum ein paar Sekunden, bis jemand erw\u00e4hlt oder\nausgesondert ist. Die Lehrerin, selbst mit T\u00e4towierungen an verschiedenen\nK\u00f6rperteilen, sagt, sie wische jeden sofort weg, der keine T\u00e4towierung hat. Ich\nhoffe, dass ich das missverstanden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen kulturhistorischen Aspekt, und erst\nauf Nachfrage wird eindeutig geantwortet: nach links wischen ist weg, nach\nrechts ist bleibt. Also rechts ist gut, wie es in der europ\u00e4ischen\nKulturgeschichte immer gewesen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Was das Ghosting angeht, f\u00fchre ich an, dass es das\nimmer gegeben habe, vor allem, wenn man in verschiedenen St\u00e4dten lebt. Die\nIntervalle zwischen Briefen und Telefonaten wurden immer l\u00e4nger, irgendwann\nblieb nur noch die Karte zu Weihnachten oder die zum Geburtstag, und dann wurde\nauch der vergessen und am Ende wusste keiner mehr so recht, wer den Kontakt\nabgebrochen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht viele Freunde mache ich mir mit der Frage,\nwarum solche Plattformen in L\u00e4ndern wie Brasilien denn \u00fcberhaupt n\u00f6tig seien.\nDie Brasilianer sind doch nach eigener Einsch\u00e4tzung so offen und so\nkommunikativ, dass man zigmal pro Tag die M\u00f6glichkeit haben m\u00fcsste, jemanden\nkennenzulernen, ohne auf elektronische Medien zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag leiste ich mir einen reinen\ntouristischen Programmpunkt, eine Fahrt mit der Bonde. Dazu muss ich wieder\neinmal nach Carioca. Auch in der Metro sehe Leute mit Aufklebern f\u00fcr Lula an\nHemd oder Bluse. Und eine Frau mit Lula 2022 als Aufdruck auf dem T-Shirt.\nSp\u00e4ter sehe ich auch noch Werbung f\u00fcr Lula an H\u00e4userfassaden. F\u00fcr Bolsonaro\nscheint hier niemand zu werben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Carioca stehe ich pl\u00f6tzlich unversehens vor\neinem Schreibwarengesch\u00e4ft. Genau das, was ich brauche. Ich gehe rein und frage\nnach einer Karte von Rio oder von Brasilien. Die junge Verk\u00e4uferin muss\nirgendwo aus der \u00e4u\u00dfersten Ecke ein am Boden liegenden Packen hervorkramen und\nzeigt mir dann, was sie hat. Von Rio gar nichts. Von Brasilien hat sie Karten,\naber die sind riesengro\u00df und nicht sehr detailliert. Sie eignen sich eher zum\nAufh\u00e4ngen im Klassenraum. Sie ist sehr freundlich und versteht, warum ich damit\nnichts anfangen kann. Sie verweist mich auf den Kiosk gegen\u00fcber. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort ist auch ein freundlicher Verk\u00e4ufer. Der verweist\nmich auf die Schreibwarenhandlung. Dann findet er aber doch etwas, eine Karte\nvon Rio, f\u00fcr touristische Zwecke. Auch die etwas unhandlich, aber immerhin.\nH\u00e4tte nicht gedacht, dass man mit solch allt\u00e4glichen Besorgungen seine\nSchwierigkeiten haben w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Bonde. Das ist die elektrische\nStra\u00dfenbahn der alten Art, die aus teils nostalgischen Gr\u00fcnden weiterhin\nzwischen Carioca und einen Ortsteil namens Santa Teresa verkehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier komme ich mit meinem Seniorenrabatt nicht\ndurch. Der gelte nur f\u00fcr Brasilianer. Ich muss wie jeder andere 20 R$ zahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn besteht nur aus einem Wagen, ist\nzu beiden Seiten offen und hat Sitzb\u00e4nke aus Holz. Es passen vielleicht 20-30\nPersonen rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren gleich \u00fcber das Aqu\u00e4dukt, aber das hat keinen\nbesonderen Reiz, weil man einfach das&nbsp;\nAqu\u00e4dukt nicht sieht. Man hat aber von hier oben einen guten Blick auf\ndie Pl\u00e4tze und H\u00e4user unter einem. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die Stra\u00dfe, und die wird bald\nenger und kurviger, und es geht stets bergauf. Es ist gerade noch Platz f\u00fcr die\nbeiden Stra\u00dfenbahnschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auf Wellblechh\u00fctten und auf verlorene\nHinterh\u00f6fe hinab. Dann geht es an H\u00e4usern vorbei, die schon bessere Zeiten\ngesehen haben, H\u00e4user mit verzierten Portalen und steinernen Figuren auf den\nPortalen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00fctzmauer auf der linken Seite ist fast\ndurchgehend bemalt, teils mit szenischen Motiven, teils mit Motiven der Antifa.\nBesonders sch\u00f6n ist eine H\u00e4userreihe auf der rechten Seite, mit blauen\nFensterl\u00e4den und blauen Fenstern. Auf der anderen Seite hat sie ihr genaues\nPendant \u2013 aber gemalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich die Vegetation, es wuchert einfach\n\u00fcberall wild. W\u00e4rme kombiniert mit Regen \u2013 da l\u00e4sst sich die Natur nicht\nzweimal bitten. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts am Wegesrand steht ein goldgelber, bunt\nbemalter VW-K\u00e4fer, und links ein Bully, auf den man <em>Santa Kombi<\/em> gepinselt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bonde dient zwar in erster Linie touristischen\nZwecken, aber nicht nur. An allen Haltestelle steigen auch ganz normale\nFahrg\u00e4ste aus und ein, mit Einkaufstasche statt Handy. Sie gr\u00fc\u00dfen den Fahrer freundlich\nbeim Aussteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht immer weiter rauf. Gelegentlich sieht man\nam Wegesrand, erh\u00f6ht gelegen, burgen\u00e4hnliche, in romantisierendem Stil gebaute\nVillen, in denen die Reichen wohnen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle hat jemand aus alten Autoteilen\nzwei Skeletts gebastelt und die auf ein Vordach postiert. Sehen wirklich\neindrucksvoll aus, fast furchterrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter oben \u00f6ffnet sich der Blick pl\u00f6tzlich nach\nrechts. Man sieht unten die Wolkenkratzer von Rio und vor sich eine Favela, die\nsich den ganzen Berg hinaufzieht. Sch\u00f6n ist der Ausblick nicht, romantisch\nschon gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben in Santa Teresa kann man sitzen bleiben, wenn\nman will. Die B\u00e4nke werden umgeklappt, damit man wieder nach vorne guckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Hause zur\u00fcck und esse wieder in\neinem kleinen Imbiss auf dem Weg nach Hause. Hier h\u00e4ngen handgeschriebene\nSchilder, dass man am kommenden Sonntag aus irgendeinem vorgeschobenen Grund\ngeschlossen habe. Da bringt man sich vor der Wahlschlacht in Sicherheit. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>26. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der exotische Vogel, dessen Schrei man morgens\nhinter dem Zwitschern der anderen V\u00f6gel h\u00f6rt, ist ein Kakadu. Mary wei\u00df sofort,\nwas ich meine, als ich danach frage.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall wird st\u00e4ndig gewischt und gefegt. Schon am\nMorgen h\u00f6rt man schon den Nachbarn, wie er die heruntergefallenen Bl\u00e4tter vom\nHof fegt. Gestern habe ich ihn zum ersten Mal in Person gesehen, beim\nHeimkommen, bis dahin habe ich immer nur seinen Besen geh\u00f6rt. Auch in den Lokalen\nsind die Kellerinnen st\u00e4ndig dabei, den Boden zu wischen, genauso wie in der\nSchule, wo es die Frauen machen, die den Pausenkaffee organisieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen des Hauses f\u00e4llt mir heute zum\nersten Mal ein hoher Baum auf, dessen Bl\u00e4tter sich in den oberen Zonen verf\u00e4rbt\nhaben. Sonst sieht man \u00fcberall immer nur sattes Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule habe ich, als ich in den Raum komme,\nzum ersten Mal die Gelegenheit, einen Ausdruck zu benutzen, den wir letzte\nWoche gelernt haben. \u201eNossa!\u201c. Ausdruck positiver \u00dcberraschung. Den Anlass\nbietet Celi, die Lehrerin, die heute mit offenem Haar auftaucht. Sieht ganz\nver\u00e4ndert aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Joseph erkl\u00e4rt, wie man im Arabischen <em>Mashallah!<\/em> gebraucht. Er ist ganz\nentz\u00fcckt, zu erfahren, dass es im T\u00fcrkischen auch gebraucht wird. Der Ausdruck\nbezieht sich, im Gegensatz zu Inschallah, nicht auf die Zukunft, dr\u00fcckt keinen\nWunsch aus, sondern dr\u00fcckt Dankbarkeit oder Anerkennung aus. Auch wird damit\nSchutz vor Leid oder Missgunst ausgedr\u00fcckt. Das Konzept wird mir irgendwie\nklar, aber wie es konkret benutzt wird, noch nicht so richtig. Scheint im\nDeutschen einerseits so was wie <em>Toi, toi,\ntoi!<\/em>, andererseits so was wie <em>Gro\u00dfartig!<\/em>\nzu bedeuten. <\/p>\n\n\n\n<p>Joseph hat bei seinen vielen Besuchen in Brasilien\nund dem Kontakt mit Einheimischen viele Versatzst\u00fccke der Alltagssprache\naufgegriffen und verwendet die souver\u00e4n. So sieht es jedenfalls aus. Aber er\nist ein Blender. Viele Dinge versteht er schlichtweg nicht, und andere benutzt\ner falsch. Ich frage nach, welche alternative Form er f\u00fcr die Bejahung einer\nFrage benutzt. Das kommt immer wieder vor, und das will ich gerne \u00fcbernehmen.\nEs ist <em>\u00e9 <\/em>statt <em>sim<\/em>. Nur jetzt, wo es zur Sprache kommt, stellt sich heraus, dass\ner es immer, unver\u00e4ndert, benutzt. Das stimmt aber nicht, e kann nur benutzt\nwerden, wenn in der Frage schon \u00e9 vorkommt: <em>\u00c9\npra Niteroi? \u2013 \u00c9.<\/em> Es wird also das Verb aus der Frage wiederholt: <em>Trouxe as sandalias? \u2013 Trouxe.<\/em> Wieder\nwas dazugelernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein richtig sch\u00f6ner, sonniger Tag, aber nur bis\nzum Nachmittag. Dann kommt Wind auf, und am Ende wird es richtig st\u00fcrmisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Da der Besuch der Favela wieder ausf\u00e4llt, gehe ich\nzu einer freien Extrastunde, die die Schule anbietet. Dort kann man sprachliche\nFragen kl\u00e4ren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir ist nur Lenk, der Argentinier vom\nFreitag, da. Die Lehrerin geht gut auf uns und unsere Fragen ein und ich\nbekomme ein paar gute kleinere Tipps. Das gro\u00dfe Problem, die Personalpronomina,\nbleibt ungel\u00f6st. Es ist einfach eine vertrackte Sache. Es gibt einen\nerheblichen Unterschied zwischen dem, was man \u201eeigentlich\u201c sagen sollte, was\n\u201erichtig\u201c ist, was in den Grammatikb\u00fcchern steht, und dem tats\u00e4chlichen\nSprachgebrauch. Der Lehrerin zufolge sprechen die Portugiesen \u201erichtig\u201c. Das\nscheint ein brasilianischer Topos zu sein. Damit kann man nat\u00fcrlich wenig\nanfangen. Das Problem ist ein ganz g\u00e4ngiges in Sprachen: Variation. Es gibt\nVariation in der Form und im Gebrauch, nicht nur zwischen Portugal und\nBrasilien, sondern auch innerhalb von Brasilien bei verschiedenen\nSprechergruppen. Zu allem \u00dcbel ist das Grammatikbuch, das einen guten Eindruck macht,\naber im Unterricht so gut wie gar nicht gebraucht wird, von portugiesischen\nAutorinnen geschrieben, mit Anpassungen an den brasilianischen Sprachgebrauch.\nIch versuche es mit ein paar konkreten Beispielen: <em>N\u00e3o o vi hoje<\/em>. L\u00e4sst sie gelten, aber gel\u00e4ufiger sei <em>N\u00e3o vi ele hoje<\/em>. <em>Vou-me embora<\/em> l\u00e4sst sie gelten, aber es klingt ihr sehr, sehr nach\nPortugal<em>. Quero comprar-o<\/em> weist sie\nzur\u00fcck, es m\u00fcsse hei\u00dfen <em>Quero o comprar<\/em>.\nZwei unbetonte Pronomina will sie gar nicht haben, wie in <em>Vou dar-lhe-lo<\/em>. Da w\u00fcrde sie sagen <em>Vou dar-o<\/em> <em>para ele<\/em>. Sie\nbesteht auf <em>Eu teria te ajudado<\/em>. Sie\nl\u00e4sst <em>te<\/em> weder vor dem Hilfsverb noch\nnach dem Vollverb zu. Da gibt es dann auf einmal doch verbindliche Regeln. Ob\ndie in Portugal auch gelten? Sie weist auf den interessanten Umstand hin, dass <em>te<\/em> tats\u00e4chlich gebraucht wird, obwohl es\nja eigentlich gar keine zweite Person gibt und obwohl die Subjektform niemals <em>tu<\/em>, sondern immer <em>voc\u00ea<\/em> &nbsp;ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nebenbei auch zur Sprache kommt, ist die\nJotierung in der Aussprache. Ist bei dieser Lehrerin, die auch aus Rio stammt,\ngenauso stark ausgepr\u00e4gt wie bei Celi. Bei ihnen klingt <em>dia<\/em> wie <em>djia<\/em>, <em>contente<\/em> wie <em>contentje<\/em>, <em>norte<\/em> wie <em>nortje<\/em>. Das ist besonders in Rio und in\nMinas Gerais anzutreffen, im S\u00fcden weniger, im Norden gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Unterricht mache ich mich auf den\nbeschwerlichen Weg zu einer Touristeninformation. Endlich eine Adresse im\nInternet gefunden. Sie liegt ganz am Ende der Copacabana. Eine Stunde Fu\u00dfmarsch\nhin, eine Stunde Fu\u00dfmarsch zur\u00fcck. Ergebnis: eine winziges B\u00fcro, besetzt mit\neinem alten Mann, der mir in schlechtem Deutsch Dinge erkl\u00e4rt, die ich l\u00e4ngst\nwei\u00df oder mir Dinge anbietet, die ich nicht will, wie einen Reiseveranstalter\nnebenan. Nein, das will ich gar nicht, ich m\u00f6chte ganz einfach Fahrkarten f\u00fcr\nden <em>Cristo Redentor<\/em>, f\u00fcr morgen, den\nvorl\u00e4ufig letzten Tag mit gutem Wetter. Nein, die gibt es hier nicht. &nbsp;Ich gebe es auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein sonderlich g\u00fcnstiges Reiseland ist Brasilien\nnicht. Die Preise sind vielleicht mit denen von Portugal zu vergleichen, eher\netwas h\u00f6her. Und ich habe auch f\u00fcr ein Essen schon mal, das war aber die gro\u00dfe\nAusnahme, 40 \u20ac bezahlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Einer Statistik zufolge haben 37% aller\nBrasilianer eine T\u00e4towierung. Hier in Rio w\u00fcrde man die Zahl noch h\u00f6her\nsch\u00e4tzen. Bei den jungen Leuten ist es so gut wie jeder.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wei\u00df ich nicht, ob ich an Brasilien oder an\nmir selbst verzweifeln soll. Es beginnt damit, dass ich gestern nach der Pleite\nmit der Touristeninformation doch noch per Internet eine Eintrittskarte f\u00fcr den\n<em>Cristo Redentor<\/em> gebucht habe, die aber\nnicht ausdrucken konnte und auch keine Nachricht aufs Handy bekommen habe.\nAu\u00dferdem habe ich kein Geld und muss rechtzeitig ankommen und damit Metro und\nBus benutzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet heute treffe ich auf dem Weg zur\nSchule auf Thys. Er geht provozierend langsam, aber ich will ihn nicht einfach\nstehen lassen, wo wir schon mal zusammentreffen. Er geht immer fr\u00fcher los, weil\ner vor dem Unterricht noch irgendwo einen Kaffee trinken geht. Es ist bei Bayer\nin Rotterdam besch\u00e4ftigt und hat ein Sabbatjahr genommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an der Bank ankommen, kann ich mich\nausklinken und bekomme auch gleich Bargeld. Dann geht es mit der Metro weiter.\nAls ich an der Station ankomme, sehe ich mich nach dem Hinweis auf den\nExpressbus um \u2013 vergeblich. Nirgendwo was zu sehen. Auch oben an der Stra\u00dfe\nnicht. Ich gehe wieder runter zur Metro und sehe \u2013 Flamengo. Ich bin zu fr\u00fch\nausgestiegen. Die Frau, die einen am Drehkreuz durchl\u00e4sst, ist mit einem\nanderen Fahrgast besch\u00e4ftigt, an dem einzigen Fahrkartenautomaten, den es hier\ngibt. Dessen Bildschirm ist schwarz. Sie muss erst den Automat \u00f6ffnen, Geld\nherausnehmen, das Geld an einen sicheren Ort bringen, und dann den Automaten\nneu starten. Das dauert, und ich werde immer nerv\u00f6ser. Neben mir stehen\ninzwischen zwei Frauen, die auch, immer ungeduldiger werdend, auf den Durchlass\nwarten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es wieder in die Metro. Diesmal geht es\nnach Largo do Machado. Der Bus kommt sofort. Man kann vorne beim Fahrer\nbezahlen. Und dann kommt schon bald die Abfahrtsstelle der Seilbahn in Sicht.\nEin regelrechter Bahnhof. Ich komme in die Vorzugsschlange, weil ich schon\nreserviert habe, aber das nutzt nichts. Zwei Spanierinnen, die auch im Bus\nsa\u00dfen, gehen schon an mir vorbei, obwohl sie nicht reserviert hatten. Man sieht\neine riesige doppelte Schlange in der Abfahrtshalle. <\/p>\n\n\n\n<p>An unserem Schalter geht es mit provozierender\nLangsamkeit. Die Vorzugsschlange wird auch von Reiseleitern benutzt, und bei\ndenen dauert die Prozedur besonders lange. Aber auch bei den drei\nEinzelreisenden vor mir geht es nicht richtig weiter. Zwischendurch macht der\nMann an der Kasse noch eine Durchsage und spricht mit einem Kollegen. Ich will\nmir das Photo zurechtlegen, das ich von meiner Reservierung gemacht habe, aber\npl\u00f6tzlich zeigt das Handy keine Photos mehr an. Ich drehe durch. Als die Frauen\nvor mir dann ihr Formular ausgef\u00fcllt und unterschrieben haben \u2013 man hat alle\nDaten einschlie\u00dflich Geburtsdatum und Ausweisnummer bei der Reservierung\nangeben m\u00fcssen \u2013 bin ich endlich dran, und auf einmal ist auch das Photo wieder\nda. Es klappt, ich bin wohl nicht der einzige, der keinen Ausdruck von seiner\nReservierung machen konnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Schlange in der Abfahrthalle. Es\ndauert, und es geht alles ziemlich durcheinander, weil sich unsere Schlange mit\nder von der Hubschrauberfahrt vermischt und weil Reiseleiter zur\u00fcckgebliebene\nMitglieder ihrer Gruppe zu sich heranwinken. Dann muss man noch an einem\nPhotographen vorbei, und dann ist es geschafft. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Standseilbahn, die man hier <em>bondinho<\/em> nennt, geht es rauf, immer\nweiter steil nach oben, auf den <em>Corcovado<\/em>,\nden \u201aBuckligen\u2018, 700 Meter hoch. Man sieht nichts, weil die B\u00e4ume und die\nFelsw\u00e4nde zu beiden Seiten bis dicht an die Gleise heran reichen. Aber die\nVegetation ist mal wieder wunderbar, sattes Gr\u00fcn, wilder Wuchs. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben er\u00f6ffnet sich aus der Bahn ein erster\nBlick auf den Cristo, von hinten. Wenn man dann auf die Plattform kommt, ist\nder erste Ausruf: \u201eBoah, was gro\u00df!\u201c Drei\u00dfig Meter klingt gar nicht so gewaltig.\nEs kommen noch acht Meter Sockel hinzu. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Statue sollte eigentlich, habe ich irgendwo\ngelesen, zur Hundertjahrfeier der Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens fertig gestellt\nwerden, 1922, aber ob das stimmt, ist nicht herauszubekommen. Offiziell geh\u00f6rt\nsie einer katholischen Kirchengemeinde an, und, weitgehend unbeachtet von den Besuchern,\nfindet in der Kapelle in dem Sockel jetzt gerade eine Messe statt. Endg\u00fcltig\neingeweiht wurde die Statue 1931. Die Errichtung der Statue geht auf eine\nKooperation mit Frankreich zur\u00fcck. Offensichtlich wurden die Teile der Statue\nsogar in Frankreich hergestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Christus mit den ausgebreiteten Armen steht\nf\u00fcr Frieden. Der Stil wird dem Art D\u00e9co zugerechnet. Auff\u00e4llig ist, dass alles\nglatt ist, Stirn, Nase, Hals, &nbsp;die Haare,\nder unter dem Obergewand hervorguckende Unterkleid, das in geraden Falten auf\nden Boden f\u00e4llt, auch Teile des von oben herunterfallenden Obergewandes. <\/p>\n\n\n\n<p>Viele Details wie die Wundmale an den H\u00e4nden\nerkennt man nicht, daf\u00fcr ist die Statue zu weit weg und es herrscht viel zu\nviel Gedr\u00e4nge hier auf der Plattform. Es ist kaum ein Durchkommen zum anderen\nEnde der Plattform, von der aus man den besten Blick auf die Umgebung und auf\nden Christus hat. \u00dcberall blockieren die Besucher den Weg, die sich \u2013 alle,\naber auch alle, mit ausgebreiteten Armen \u2013 vor der Statue photographieren lassen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Mich spricht ein junger Portugiese an, aus\nLissabon. Ob ich ein Photo von ihm machen k\u00f6nne. Mache ich. In beide\nRichtungen. Dann tauschen wir die Rolle. Er bleibt beim Englischen, obwohl ich\nirgendwann versuche, auf Portugiesisch umzusteigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Anders ein brasilianisches Ehepaar auf der anderen\nSeite des Christus, wo es etwas geruhsamer zugeht. Sie bleiben beim\nPortugiesischen. Auch wir machen Photos von einander. Damit ist der Pflicht\ngen\u00fcge getan. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Moment der \u201eStille\u201c sehe ich einen Vogel\nmit weiten Schwingen&nbsp; durch die Luft\ngleiten, langsam, ohne die Fl\u00fcgel zu bewegen. Dann nimmt er pl\u00f6tzlich Fahrt\nauf, wie aus dem Nichts, den Wind ausnutzend, und schie\u00dft voran, ohne auch nur\neinmal die Fl\u00fcgel zu bewegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin nicht ganz sicher, ob man diese\nUnternehmung wirklich machen muss, aber kompensiert wird das ganze Getue und\ndas Gedr\u00e4nge durch den traumhaft blauen Himmel, so wie ich ihn an den besten\nTagen in Lissabon erlebt habe. Und die Ausblicke zu den verschiedenen Seiten\nsind wirklich alles andere als allt\u00e4glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ausgleich fahre ich danach in den Botanischen\nGarten. Wieder mit dem Bus. Jetzt wei\u00df ich ja, wie es geht. Die Busse sind\nschwere Gef\u00e4hrte mit brummenden Motoren und ohne jede Federung, wie man meinen\nk\u00f6nnte. Vorne bezahlt man oder legt seine Karte an, und dann muss man durch ein\nschweres, eisernes Drehkreuz. Das ist schon, wenn man kr\u00e4ftig ist und kein\nGep\u00e4ck hat, ein St\u00fcck Arbeit, aber die armen Hausfrauen, die mit ihren\nEinkaufstaschen dadurch wollen, m\u00fcssen sich sichtlich anstrengen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Haltestelle muss man den Bus heranwinken,\nsonst f\u00e4hrt er vorbei. Und wenn man aussteigt, muss man, wie bei uns, vorher\nden Halteschalter bet\u00e4tigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, dass ich die Haltestelle nicht\nverpasse, denn die Haltestellen werden nicht angezeigt. Im Moment kann ich mich\nnoch auf die Hinweisschilder zum Botanischen Garten f\u00fcr den Autoverkehr\nverlassen. Dann mache ich einen Platz frei f\u00fcr eine junge Frau, die sich neben\nmich setzt und ganz freundlich auf meine Frage antwortet. Sie werde mir Bescheid\nsagen. Ich verfolge die Strecke auf meiner Karte. Und finde auch den <em>Parque<\/em> <em>Lage<\/em>, von dem sie spricht. Zum Botanischen Garten sei es noch ein\nSt\u00fcck. Vor der Haltestelle geht sie dann sogar noch zum Busfahrer und stellt\nsicher, dass ich an der richtigen Haltestelle aussteige. Eine sch\u00f6ne Begegnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Botanische Garten ist weitl\u00e4ufig und hat viele\nf\u00fcr uns exotische B\u00e4ume, und an einigen Stellen riecht es wie bei uns im\nGew\u00e4chshaus. Die Rezeption ist in einem langgestreckten, niedrigen, wei\u00df\nverputzten Geb\u00e4ude &nbsp;untergebracht, mit\neiner langen Reihe von gleichf\u00f6rmigen Fenstern, einem der \u00e4ltesten Geb\u00e4ude\nRios, noch aus der portugiesischen Kolonialzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Eingang befindet sich ein kleiner\nBrunnen mit Trinkwasser, mit der B\u00fcste der Thetis \u00fcber dem Wasserhahn. Man\nerf\u00e4hrt auch, was es mit der auf sich hat: Sie ist unter anderem die\ngriechische G\u00f6ttin des Wassers!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Botanische Garten ist sch\u00f6n angelegt. Es gibt\nBrunnen, Wasserf\u00e4lle, Weiher, Laubeng\u00e4nge und Skulpturen. Darunter Narziss und\nEcho, \u00dcberbleibsel einer gr\u00f6\u00dferen Skulpturengruppe, die fr\u00fcher irgendwo in der\nStadt stand und abgerissen wurde. Stehen die beiden erh\u00f6ht, in einiger\nEntfernung zueinander, und Narziss sieht passenderweise in den Teich hinunter,\nder zwischen ihnen liegt. Echo tut alles, um seine Blicke aus sich zu ziehen,\nsie entbl\u00f6\u00dft sogar ihre Brust, aber der Idiot beachtet sie nicht. Er beachtet\nnur sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Und es gibt Schatten und Ruhe. Eine\nrichtige Erleichterung nach dem Get\u00fcmmel auf dem <em>Corcovado<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Eingang gibt es schon Hinweise auf den <em>Pau Brasil<\/em>, den Baum, den ich auf jeden\nFall sehen will. Er ist der Namensgeber des Landes. Es ist ein hoher Baum,\nunten nackt, mit immer dichterem Blattwerk, je weiter es nach oben geht. Die\nRinde ist ziemlich rissig, und der Stamm leuchtet ganz leicht r\u00f6tlich, so dass\nman sich vorstellen kann, dass der Saft, den man aus dem Baum gewann, zum\nRotf\u00e4rben benutzt wurde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Baum mit gro\u00dfen, flaschenf\u00f6rmigen,\ngelblich-gr\u00fcnen Fr\u00fcchten f\u00e4llt auf, und die hab ich gerade bei der Fahrt den <em>Corcovado<\/em> hinauf auch gesehen. Bei den\nFachleuten am Eingang erfahre ich sp\u00e4ter, dass die Frucht <em>jaca<\/em>, der Baum <em>jaqueira<\/em>\nhei\u00dft. Auf Deutsch <em>Jackfrucht<\/em>. Nie\ngeh\u00f6rt. Mein Rechtschreibprogramm kennt sie auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso auff\u00e4llig B\u00e4ume, deren Fr\u00fcchte wie kleinere\nFu\u00dfb\u00e4lle aussehen. Von denen erfahre ich, dass sie, im Gegensatz zur\nJackfrucht, nicht essbar sind jedenfalls f\u00fcr den Menschen nicht, wohl aber von\nAffen gesch\u00e4tzt werden. Das h\u00e4tte ich schon am Namen erkennen k\u00f6nnen: <em>abric\u00f3-de-macaco<\/em>. Hei\u00dft auf Deutsch sehr\nanschaulich <em>Kanonenkugelbaum<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann, auf einem gerade Weg entlang laufend,\nsehe ich ihn pl\u00f6tzlich, den Christus, ganz oben, entfernt, aber deutlich zu\nerkennen. Von hier unten hat man das Gef\u00fchl, dass er ganz alleine ist da oben.\nEr kommt dann immer wieder in den Blick, und durch die Zweige hindurch sieht\ndas richtig sch\u00f6n aus, auch wenn man ihn immer nur von hinten sieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein Wiedersehen mit den W\u00fcrgefeigen,\nauch so ein biologischer Sonderfall, der einen immer wieder in den Bann nimmt.\nUnd dann kommen noch die B\u00e4ume mit dem glatten Stamm, die unten so eine Art\nF\u00fc\u00dfe ausbilden. Sie geh\u00f6ren zu den gr\u00f6\u00dften des Amazonas und zu den gr\u00f6\u00dften der\nErde \u00fcberhaupt, k\u00f6nnen bis zu 60 Meter hoch werden, zweimal so hoch wie der\nChristus. Ihr volkst\u00fcmlicher Name ist <em>Kapok<\/em>.\nIch habe sie auf Madeira schon mal gesehen und von dort in Erinnerung. Und\nauch, dass aus ihren Fr\u00fcchten Stoffe gewonnen werden, die f\u00fcr die F\u00fcllung von\nMatratzen oder Schwimmreifen genutzt werden. Das ist schon erstaunlich. Die\neigentliche Besonderheit ist aber der Prozess des Bl\u00fchen und Vergehens. Sie\nverlieren in einer bestimmten Jahreszeit innerhalb von ein bis zwei Wochen alle\nBl\u00e4tter. Und wei\u00dfe Bl\u00fcten, die an einem Tag, meist um 19 Uhr (unvorstellbar!),\nwie auf Kommando abfallen. Das muss ein unglaubliches Schauspiel sein. Diese\nBl\u00fcten haben Nektar und Pollen, und die rufen dann Tausende von Flederm\u00e4usen\nherbei, die ebenso wie auf Kommando erscheinen. Man empfindet eine Art\nEhrfurcht vor solchen Wundern der Natur und fragt sich gleichzeitig, was das\nalles soll.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein echter Hingucker, ein Baum mit\nbehaarten Zweigen, langen Haare, die dicht nebeneinander glatt herunterh\u00e4ngen.\nAuch das ist eine Art Feige, und dieser Baum produziert Latex. <\/p>\n\n\n\n<p>Einen eigenen Abschnitt haben die Kakteen.\nUnglaublich, wie viel Variation es da gibt! Gro\u00df und klein, l\u00e4nglich und rund,\nin die H\u00f6he und in die Breite wachsend und solche, die einen Baum als\nWirtspflanze nehmen und sich um dessen Stamm schlingen. Am interessantesten\naber ein \u201eBeet\u201c, auf dem Pflanzen stehen, die jeder Laie sofort als Kakteen\nbezeichnen w\u00fcrde, die aber keine sind. Den Prozess, der zur Ausbildung solcher\nFormen f\u00fchrt, nennt man evolution\u00e4re Konvergenz. Pflanzen, die genetisch nichts\nmiteinander zu tun haben, aber ein \u00e4hnliches Habitat besiedeln, gleichen sich\nim Laufe der Zeit in Form und Funktion aneinander an. Und sehen dann wie\nVerwandte aus. Toll!<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend gehe ich noch in das sch\u00f6ne Caf\u00e9 in\nder N\u00e4he des Eingangs. Man sitzt drau\u00dfen, aber im Schatten. Mit der Bedienung\nund dem Abkassieren dauert es was. Alles sehr umst\u00e4ndlich. Ja, hier bestellen,\nsetzen Sie sich doch, wir bedienen sie, aber halt, nehmen Sie doch ihr Wasser\nschon mal mit an den Platz. Als dann kassiert werden soll, wird erst der\nComputer, dann eine Kollegin, dann das Handy, dann noch eine Kollegin\nkonsultiert. Dann steht die Rechnung: 50 R$. Nicht billig, aber auch nicht\nteuer f\u00fcr Kaffee, Wasser und Kuchen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt erweist sich als schwierig. Eine\nMetrostation gebe es hier nicht, erfahre ich, ich k\u00f6nne aber die \u00fcberirdische\nMetro nehmen. Etwas verdutzt gehe ich auf die Stra\u00dfe und frage eine Frau auf\ndem B\u00fcrgersteig. Es stellt sich heraus, dass mit der \u00fcberirdischen Metro, die\nwirklich offiziell so hei\u00dft, die Busse gemeint sind. Warum, ist nicht\nersichtlich, nur, dass der Fahrpreis hier h\u00f6her ist: 6,50 R$. Aber so weit ist\nes noch nicht. Die Frau zeigt nach geradeaus, da sei eine Haltestelle. Dann\neilt sie mir hinterher, begleitet mich das ganze St\u00fcck bis zur Haltestelle und\nwartet dann einen Bus nach dem anderen ab. Nein, dieser nicht, nein, der auch\nnicht. Dann h\u00e4lt auf einmal einer, aber in zweiter Reihe und schon ein ganzes\nSt\u00fcck hinter der Haltestelle. Die Frau l\u00e4uft hinterher und fragt: Nein, nach\nIpanema fahre er nicht, ja, nach Botafogo wohl. Da kann ich in die Metro\nsteigen. Ich habe nur noch die Gelegenheit, der Frau ein lahmes Obrigado\nhinterherzurufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Haltestellen ist dann pl\u00f6tzlich Schluss.\nEndstation. Von Botafogo ist nichts zu sehen. Und der Fahrer ist auch schon\nverschwunden. Aber der Bus ist noch da. Wir stehen in der Hitze vor dem Bus mit\ndem laufenden Motor und warten. Es wird immer schw\u00fcler. Dann kommt eine\nBusfahrerin und sagt, ja, sie fahre nach Botafogo. Zehn Minuten sp\u00e4ter sind wir\nwieder am Botanischen Garten. Ich bin in die falsche Richtung gefahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Busfahren hat den Reiz, dass man etwas sieht,\naber man steht eben auch st\u00e4ndig im Stau, und vorw\u00e4rts geht es immer nur mit\nruckartigen Bewegungen und laut aufbrausendem Motor. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir nach Botafogo, an einen gro\u00dfen,\nl\u00e4nglichen Platz, wo richtig viel los ist. An einem Stand frage ich nach einem\nSaft und entscheide mich f\u00fcr einen aus <em>a\u00e7ai<\/em>.\nDem Wort begegnet man hier \u00fcberall, man findet es auf Schildern, Reklametafeln\nund in Gesch\u00e4ftsnamen. Das Wort kommt aus dem Tupi, einer Eingeborenensprache\nBrasiliens, und bezeichnet eine Frucht, eigentlich den Baum, die Palme, die\ndiese Frucht hervorbringt. Die Fr\u00fcchte sind klein, rund, mit glatter Haut und\ndunkelblau, wie gro\u00dfe schwarze Johannisbeeren. Sie werden seit Jahrhunderten im\nAmazonas als Nahrungsmittel und als Medizin verwendet. Der Saft schmeckt gut,\nerinnert entfernt an Kirschen, und ist sehr s\u00fc\u00df. Es scheint aber die nat\u00fcrliche\ns\u00fc\u00dfe der Frucht zu sein, die S\u00fc\u00dfe ist nicht unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Metrostation verteilt eine Frau Aufkleber:\nLula 13. Ich frage, was es mit der Zahl 13 auf sich hat. Es ist die Ziffer der\nPartei, hat keine tiefere Bedeutung. Bolsonaros Ziffer ist 22. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nach Hause zur\u00fcck und bestelle in der <em>Garota de Copacabana<\/em> einen Caipirinha,\nden ersten meines Lebens. Er wird mit Eis und kleinen Zitronenst\u00fccken serviert\nund einem Strohhalm. Er steigt sofort zu Kopf. Man muss Geduld mit dem Getr\u00e4nk\nhaben, denn solange das Eis noch nicht geschmolzen ist, schmeckt er doch arg\nsauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Tischen liegen schon Faltbl\u00e4tter mit\nWerbung f\u00fcr das Silvestermenu! Um Anmeldung wird gebeten. F\u00fcr uns besonders\nkurios: Es gibt zwei Varianten, eine f\u00fcr 500 R$ und eine f\u00fcr 600 R$. Das eine\nist drinnen, das andere drau\u00dfen, auf der Terrasse. Silvester auf der Terrasse\nam Meer!<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abendessen am Ende eines bewegten Tages lerne\nich dann noch, dass das Wort <em>chope<\/em>\n(oder <em>chopp<\/em>) auf sich hat. Es ist\nhier, in Brasilien, was das <em>imperial<\/em>\nin Portugal ist, ein gezapftes Bier!<\/p>\n\n\n\n<p>28. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis,\nteils wohl durch die spezifische Aussprache von Rio bedingt. Wir beide, Joe und\nich, verwechseln <em>abacaxi<\/em> und <em>abacate<\/em>, \u201aAnanas\u2018 und \u201aAvocado\u2018. Obwohl\nMary aus dem S\u00fcden stammt, ist sie schon lange genug in Rio, um sich dessen\nAkzent angelegt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Wahlen am Sonntag hat man die Wahl\nzwischen Bolsonaro und Lula und Branco und Nulo. Dabei bedeutet Branco so etwas\nwie Enthaltung, ich kann mich nicht so recht zwischen den beiden entscheiden,\nund Nulo so etwas wie Protest, die taugen beide nichts, das ganze System taugt\nnichts. Mary wird Branco w\u00e4hlen und ist im \u00dcbrigen des ganzen Wahlkampfs\n\u00fcberdr\u00fcssig. Bolsonaro f\u00fchre seit vier Jahren ununterbrochen Wahlkampf. Sie\nmeint, seine Chancen seien jetzt gefallen, weil sein Busenfreund, ein\nzwielichtiger Gesch\u00e4ftsmann, auf offener Stra\u00dfe mit einer Knarre herumgeballert\nund dabei zwei Polizisten verletzt hat. Sie ist aber stolz auf das moderne\nWahlverfahren, das es in diesem riesigen Land allen, auch in den weit\nentferntesten St\u00e4tten des Amazonas, erlaube, an der Wahl teilzunehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in der Schule ankomme, ist Joe schon da,\nobwohl er nach mir losgegangen ist. Er hat l\u00e4ngst eine Abk\u00fcrzung gefunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Da Joseph zu sp\u00e4t kommt, haben wir noch die\nGelegenheit, einen Text durchzusehen, den ich zu Hause geschrieben habe. Und\nich kann von meiner ersten Caipirinha erz\u00e4hlen. Ob die mit Zitrone gewesen sei?\nJa, das sei der Klassiker, aber es gebe sie auch mit Mango, Maracuja, Ananas\noder Cashew. Ihr Favorit ist Mango. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Portugiesen eher einen Vokal\nauslassen, f\u00fcgen die Brasilianer wohl eher einen hinzu. Jedenfalls f\u00e4llt mir\ndas bei Celi besonders auf: <em>ab(e)surdo<\/em>,\n<em>ob(e)jetivo<\/em>. Kann ganz sch\u00f6n\nverwirrend sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kommen im Unterricht \u00dcbungen vor, die die\nSprache vergewaltigen, nur der Grammatik halber. Interessanter wird es, als wir\nund die verschiedenen Anwendungen von <em>jeito<\/em>\nansehen, einem Zauberwort, mit dem man im Portugiesischen alles Erdenkbare\nausdr\u00fccken kann. Wir machen zwar halbherzig ein oder zwei \u00dcbungen, aber die\nsind nicht intensiv genug, um etwas zu behalten. In Erinnerung bleibt mir nur <em>\u00c9 o jeito! <\/em>In vielen Lebenslagen zu\nverwenden, so etwas wie <em>C\u2019est la vie.<\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz des sich anbahnenden Regens soll die\nWanderung stattfinden. Gleich um 2 Uhr geht es los, wir sind insgesamt zehn,\neinschlie\u00dflich Davi. Wieder wird Uber als Transportmittel gew\u00e4hlt. Wir brauchen\ndrei Wagen. Das funktioniert alles in Windeseile. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon vorher bin ich mit einer Britin ins Gespr\u00e4ch\ngekommen, die sehr gut Portugiesische spricht. Auf die Frage, woher sie komme,\nsagt sie Wales. Dabei sind ihre Eltern Engl\u00e4nder, und sie selbst studiert in\nLiverpool. Au\u00dfer Portugiesisch studiert sie auch noch Deutsch und Spanisch. Sie\nhat in Heidelberg als au pair gearbeitet und hat in Madrid an einer\n\u00f6ffentlichen Schule in einem Austausch Englisch unterrichtet, in demselben\nViertel, wo ich gearbeitet habe. Unsere Arbeitspl\u00e4tze hatten sogar dieselbe\nU-Bah-Station, Alonso Mart\u00ednez. Sie beginnt am Montag mit dem Unterricht und\nist jetzt gerade erst in Rio angekommen, aus Florianopolis. Das empfiehlt sie\nw\u00e4rmstens f\u00fcr einen Zwischenstopp. Sie ist eine Woche dort gewesen. Nach Rio\nist sie mit dem Flugzeug gekommen, wegen der Zeit. Der Flug dauert nur eine\nStunde, mit dem Bus ist man doch viele Stunden unterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit Davi bei\u00dfen wir uns beide an einem\nWort fest, das er verwendet, um den Ausgang der Wahlen am Sonntag zu\nbeschreiben, <em>insihado<\/em>. Wir einigen\nuns darauf, dass <em>encerrado<\/em> gemeint\nsein k\u00f6nnte, mit Carioca-Aussprache. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt auch wieder auf, dass <em>Copacabana<\/em>, ein denkbar einfaches Wort,\nauch anders klingt auf Portugiesisch, wie <em>Copecab\u00e4ne<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autos bringen uns zur Praia Vermelha. Von dort\nblickt man auf den Zuckerhut und die benachbarten Berge. Wir steigen auf den\nMorro da Urca. Es geht steil bergauf, \u00fcber einen Felsenweg. Die anderen legen\nein ordentliches Tempo vor, und ich gerate bald ins Hintertreffen. Und ins\nSchwitzen. Bald frage ich mich, ob ich es schaffe, bald bereue ich, mitgekommen\nzu sein, aber nach einer Verschnaufpause und etwas Wasser geht es dann doch\nganz gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben wieder zu beiden Seiten dichtes Gr\u00fcn und\nHinweisschilder auf giftige Schlangen. Zu sehen bekommen wir aber nur einen\nLeguan, der vor unseren Schritten schnell ins Geb\u00fcsch h\u00fcpft. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs hei\u00dft es irgendwann: Wo ist Lenk? Das\nist der Argentinier. Was war mit ihm, geht es ihm nicht gut? Nein, er wollte\nzur\u00fcck, an den Strand. Sein Aufenthalt in Rio ist eindeutig auf ein bestimmtes\nZiel ausgerichtet: sch\u00f6ne Brasilianerinnen. \u201eHe\u2019s very focussed\u201c, hei\u00dft es. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf der Plattform angekommen, sehen wir uns\nin der Gegend um und sehen wieder, wie vergangenen Freitag, diese gro\u00dfen\nschwarzen V\u00f6gel \u00fcber uns schweben. Es sind tats\u00e4chlich Geier, <em>urubus<\/em>. Bei der Gelegenheit erfahren wir\nauch, dass der Geier das Maskottchen von Flamengo ist. Wegen seiner Ausdauer. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter zieht sich zu. Au\u00dfer mir will nur noch\nSteve, ein Amerikaner aus San Diego, nach oben auf den Zuckerhut fahren. Die\nanderen wollen zur\u00fcck, entweder waren sie schon oben oder sie wollen auf\nbesseres Wetter warten. Sie wissen nicht, was sie verpassen. Gerade, weil das\nWetter nicht gut ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur scheitert meine Fahrt fast an einem\ntechnischen Detail: Man kann nur mit Karte bezahlen. Davi springt ein, er\nbezahlt mit Karte und bekommt von mir das Geld bar. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer hochmodernen Seilbahn geht es rauf.\nSteve steht vorne am Fenster und dreht ein tolles Video von der Fahrt nach\noben. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es eine Plattform, von der man auf\nverschiedenen Seiten auf Rio und auf das Meer hinunterblicken kann. Gerade\njetzt bilden sich Wolken, genau da, wo wir stehen, sie lassen uns manchmal im\nDunst v\u00f6llig verloren stehen, dann verschwinden sie wieder und geben die Sicht\nfrei. Das geschieht alles in Windeseile, im wahrsten Sinne des Wortes. Es\nbietet sich uns ein sensationelles Schauspiel, die Bergkette im Hintergrund in\nDunkelblau und Grau, die Stadt unter uns in einer Dunstglocke, durch die man\ndie Silhouette der Stadt aber gerade noch erkennen kann. Eine geradezu\nmysteri\u00f6se Atmosph\u00e4re. <\/p>\n\n\n\n<p>Man hat eher den Eindruck, in den Alpen als am\nAtlantik zu sein. Und es ist auf einmal auch empfindlich kalt. Es beginnt zu\nregnen, Steve will zu Fu\u00df runter, ich nehme die Seilbahn. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe in der Warteschlange im Regen und frage\nmich, ob es so eine gute Idee war, den Rucksack mit dem Regenschirm in der\nSchule zu lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten, wo es wieder warm ist, aber noch heftiger\nregnet, entscheide ich mich, ein Taxi zu nehmen. Ich verhandele vorher den\nPreis mit dem Fahrer, denn ich habe nur noch begrenzt Bargeld und keine\nKreditkarte dabei. Er deutet auf Taxameter und sagt, er sch\u00e4tze etwas 50 R$ bis\nzum General Osorio. Am Ende kostet es sogar nur 40 R$. Und das, obwohl es eine\nordentliche Strecke ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer ist sehr gespr\u00e4chig und kann kein\nEnglisch. Wunderbar. Er h\u00f6rt mit Interesse zu und fragt auch nach, wie das denn\nsie mit der Schule und mit dem Portugiesisch und dem Ausflug auf den Zuckerhut.\nOb mir Brasilien gefalle, will er wissen, und ob ich hier auch leben wollte.\nUnd wie das Essen sei. Da habe ich gl\u00fccklicherweise von der Feijoada zu\nerz\u00e4hlen. Er selbst stammt aus Rio, hat vier Kinder und auch schon ein\nEnkelkind. F\u00fcr mich ist das eine halbe Stunde Sprachunterricht, besser als jede\nSchulstunde. Ich muss h\u00e4ufig nachfragen, und es gibt auch mal ein\nMissverst\u00e4ndnis, aber am Ende biegen wir es hin. Als ich aussteige, meint er,\ner m\u00fcsse auch mal eine Sprachschule besuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in der Schule ankomme, bin ich v\u00f6llig\ndurchn\u00e4sst. Die Frau hinter der Rezeption reicht mir sofort den Rucksack und\ndr\u00fcckt ihr Bedauern aus, was den Regenschirm angeht. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause angekommen, sorgt Mary sofort daf\u00fcr, dass\nder Schirm drau\u00dfen unter dem Vordach und die Schuhe an der Eingangst\u00fcr geparkt\nwerden. <\/p>\n\n\n\n<p>29. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich war heute Ruhetag angesagt, aber das\nWetter ist einfach zu sch\u00f6n. Ich fahre nach Niteroi, eine Fahrt, die auch Thys\nschon gemacht hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal klappt alles. Ich bekomme Geld (wenn auch\nerst im dritten Anlauf), und finde den Weg von Carioca zur Pra\u00e7a XV und von der\nPra\u00e7a XV zum Hafen und zur Abfahrt der F\u00e4hre, weil ich beide Male sehr\nfreundliche und klare Erkl\u00e4rungen bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist jetzt, am fr\u00fchen Vormittag, schon richtig\nhei\u00df. Es sind noch nicht viele Menschen unterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt eine kleine Statue auf, die ich dieser\nTage schon mal bei dem Stadtrundgang aus dem Augenwinkel gesehen habe. Sie\nsteht auf einem niedrigen Sockel und stellt einen Zeitungsjungen dar, sehr\nexpressiv, mit der Zeitung unter dem Arm, nur als Rolle schwach angedeutet, und\nge\u00f6ffnetem Mund, man h\u00f6rt ihr f\u00f6rmlich rufen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Anlegestelle frage ich nach einem\nSeniorenrabatt und erfahre, dass ich sogar umsonst fahren kann. Und die F\u00e4hre\nsteht abfahrbereit, so, als wenn sie nur auf mich gewartet h\u00e4tten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mit einem kleinen Schiff, beinahe einem\nBoot gerechnet, aber es handelt sich um eine richtige F\u00e4hre, mit zwei Decks und\nSitzpl\u00e4tzen f\u00fcr \u00fcber 600 Passagiere. Wird vermutlich w\u00e4hrend der Woche von\nPendlern genutzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Lieder kann man nicht nach drau\u00dfen, und die\nFenster sind so schmutzig, dass man nicht viel sieht. Schade, denn vor einem\nliegt Niteroi mit Str\u00e4nden und links eine lange, elegant geschwungenen Br\u00fccke,\ndie vermutlich Rio mit Niteroi verbindet. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberfahrt ist ganz kurz, nach vielleicht einer\nViertelstunde sind wir schon da. Wir passieren eine Bucht, die Ba\u00eda da\nGuanabara. Das ist genau die Bucht, die die Portugiesen f\u00fcr ein Flussdelta\nhielten, als sie 1502 hier landeten. <\/p>\n\n\n\n<p>Niteroi ist ein gesch\u00e4ftiger Ort, das sieht man\nschon hier an der Strandpromenade und noch mehr sp\u00e4ter in den Stra\u00dfen der Stadt\nund einem Einkaufszentrum. Es reiht sich ein Gesch\u00e4ft an das andere, eine Bar\nan die andere, und es wimmelt nur so von Menschen. Merkw\u00fcrdigerweise f\u00fchle ich\nmich \u00fcberhaupt nicht unsicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich an der Strandpromenade steht ein kleiner\nKiosk mit Touristeninformation. Davon kann sich Rio eine Scheibe abschneiden.\nAber ob da \u00fcberhaupt jemand drin ist? Durch die abgedunkelten Scheiben sieht\nman nichts. Aber es ist tats\u00e4chlich jemand da. Eine ganz junge Frau und ein\nganz junger Mann, die beide sofort aufstehen und fragen, was sie f\u00fcr mich tun\nk\u00f6nnten. Sie sind fast dankbar, dass \u00fcberhaupt mal jemand kommt. Sagen mir, wo\ndas Museum ist, geben mir einen Stadtplan, fragen woher ich komme. Und erkl\u00e4ren\nmir, um wen es sich handelt bei der ungew\u00f6hnlichen Statue, die ich gleich nach\ndem Verlassen der F\u00e4hre hier gesehen habe, an der Strandpromenade, ein\nkr\u00e4ftiger, etwas primitiv aussehender Mann mit gekreuzten Armen und einem\nentschlossenen Blick, mit Lendenschurz und einer Halskette mit einem Kreuz.\nDiese Statue, erfahre ich, sei eine Reverenz von Niteroi an Ararib\u00f3ia, dem\neinzigen Indio, der in Brasilien eine Stadt gegr\u00fcndet hat. Er geh\u00f6rt den Tupi\nan. Auch der Name Guanabara stammt aus der Sprache der Tupi. Er half den\nPortugiesen bei der Eroberung der Bucht von Guanabara gegen Franzosen und Tamoios,\nein weiterer Beleg daf\u00fcr, dass es nicht immer Indios gegen Europ\u00e4er war,\nsondern dass es man sich oft gegen Feinde aus dem eigenen Lager verband. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr froh \u00fcber die vielen Informationen,\ndie ich bekommen habe. Als ich rausgehe, sagt die junge Frau noch, dass ihr\nmeine \u201eBluse\u201c (das ist das T-Shirt) sehr gefalle: \u201eAdoro.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme durch eine l\u00e4ngliche Halle, in der ein\nEinkaufszentrum untergebracht ist, mit vielen Essst\u00e4nden in der Mitte und\nkleinen Gesch\u00e4ften zu den Seiten. Am anderen Ende st\u00f6\u00dft man dann auf den\nCaminho Niemeyer. Das ist ein weites, offenes Feld mit zerstreut liegenden,\nhypermodernen Geb\u00e4uden, alle von Oscar Niemeyer konzipiert. Eins sieht wie ein\ngro\u00dfer Iglu aus, ein anderes wie ein Kasten. Auf den ersten Blick scheinen die\nGeb\u00e4ude keine Funktion zu haben, aber das k\u00f6nnte t\u00e4uschen. Das Hauptgeb\u00e4ude,\nvor dem ich stehe, hat elegant flie\u00dfende Linien und eine geschwungene Treppe,\ndie in nach oben f\u00fchrt. Sowohl dort oben als auch unten kann man \u00fcber das Meer durch\ndie Durchl\u00e4sse in der Architektur nach Rio blicken. Wundersch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorne an der Fassade, mit gelben Kacheln\ngeschm\u00fcckt, sind Zeichnungen einer Frau in Bewegung angebracht, wie\nFederzeichnungen, und alles nur in Andeutung. Was das zu bedeuten hat, merke\nich, als ich nach oben komme. Hier ist das Theater untergebracht. Die Frau in\nBewegung an der Fassade ist eine Ballettt\u00e4nzerin!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Strandpromenade zur\u00fcck, um zum <em>MAC<\/em> zu kommen, zum <em>Museu de Arte Contempor\u00e2nea<\/em>, dem wichtigsten Anziehungspunkt\nNiterois. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme ein Taxi. Der Taxifahrer bleibt stumm\nund f\u00e4hrt durch verschiedene Wohnviertel, was mir komisch vorkommt, weil das\nMuseum doch direkt am Meer liegt. Aber dann biegen wir ab und es kommt in\nSicht. Sensationell! Wie eine fliegende Untertasse, wei\u00dfes Dach, schwarze\nStreben an den l\u00e4nglichen, abgeschr\u00e4gten Fenstern. Und das mit direktem Blick\naufs Meer. Die Fahrt mit dem Taxi hat gerade mal 20 R$ gekostet. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie bei dem Theater hat man auch hier\neinen geschwungenen Aufgang, der nach oben f\u00fchrt, auf eine Plattform, und\n\u00e4hnlich wie dort hat man auch hier wunderbare Blicke auf das Meer dahinter. Man\nsieht von einer Seite aus den Strand von Niteroi, gleich nebenan, zur anderen\nSeite den Hafen von Niteroi mit der Strandpromenade, und nach hinten\nspektakul\u00e4re Ansichten von Rio. Man blickt durch den Bogen des Geb\u00e4udes auf\neine Bergkette mit dem Cristo an einem und dem Zuckerhut am anderen Ende,\nrechts davon die Br\u00fccke, und dann irgendwo noch eine Insel, die durch einen\nschmalen Sandstrand mit dem Festland verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Rezeption bekomme ich mal wieder\nSeniorenrabatt. Die Frau, die mir sagt, ich m\u00fcsse meinen Rucksack wegschlie\u00dfen,\nantwortet mir auf Spanisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass das Geb\u00e4ude hier der\neigentliche Protagonist ist. Man sieht eine Photoausstellung und \u2013 sonst\nnichts. Ob es irgendwelche Renovierungsarbeiten und geschlossene S\u00e4le gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung ist ganz sch\u00f6n, aber nicht\numwerfend. Alle Photos auf der Innenseite des Rondells sind in Schwarz und Wei\u00df\nund stammen von einer brasilianischen K\u00fcnstlerin. Sie haben drei Motive:\nLandschaften, allesamt ausged\u00f6rrt, mit aufbrechenden B\u00f6den, dann M\u00fcllhalden,\nauf denen Leute versuchen, irgendetwas Brauchbares zu finden, und Ansichten von\nFavelas, an Bergh\u00e4ngen gelegen, mit dicht an dicht aneinander stehenden\nniedrigen H\u00e4usern. Sieht auf den ersten Blick fast idyllisch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Au\u00dfenseite des Rondells gibt es weitere\nSchwarz-Wei\u00df-Photographien von anderen K\u00fcnstlern. Dabei sind Bilder aus dem\nAmazonas vertreten und Stadtansichten von Rio. Am besten sind die Photographien\nvon dem Geb\u00e4ude selbst, aus der Luft aufgenommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas entt\u00e4uscht von der Ausstellung mache ich\nmich auf den Weg zur\u00fcck zur F\u00e4hre. Diesmal gehe ich zu Fu\u00df. Die erste Strecke\nist wunderbar, direkt am Meer entlang, unter schattenspendenden B\u00e4umen. Einige\nJogger \u00fcberholen mich, auf dem Asphalt laufend, einige davon barfu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nicht mehr geradeaus, ich muss\nabbiegen und komme durch ein paar ziemlich verlassene Wohngebiete. Unterwegs\nmache ich ein Photo von der isoliert stehen gebliebenen, leeren Fassade eines\nalten Prachtbaus. Durch die mit Bauschmuck versehene Fassade sieht man auf ein\nh\u00e4ssliches Haus im Hinterhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt endlich das Meer wieder in Sicht. Kurz\nvor dem Erreichen der Strandpromenade sto\u00dfe ich auf eine Skulptur von zwei\nalten M\u00e4nnern auf einer Sitzbank. Der eine spielt mit dem Laptop, der andere\nsieht ihm \u00fcber die Schulter. Ich setze mich daneben und bitte eine junge Frau,\nein Photo von uns drei zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Rio angekommen, gehe ich durch die fast\nmenschenleere Innenstadt Richtung U-Bahn, sehe dann aber einen Bus, der in\nunsere Richtung f\u00e4hrt. Dauert auch nicht l\u00e4nger als mit der U-Bahn, da der\nerste Teil der Strecke \u00fcber die Stadtautobahn f\u00fchrt. Dann geht es noch \u00fcber\neine lange, gesch\u00e4ftige Avenida, immer geradeaus, und am Ende werde ich\npraktisch vor der Haust\u00fcr abgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich entscheide mich zur Abwechslung f\u00fcr eine\nPizza, in einem kleinen Lokal um die Ecke, in dem ich schon mal gegessen habe.\nDie verschiedenen Pizzen werden von der Kellnerin so schnell runtergebetet,\ndass ich kaum etwas mitbekomme, und ich bestelle auf gut Gl\u00fcck eine, die aus\nunerfindlichen Gr\u00fcnden Pizza Portuguesa hei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert was mit der Vorbereitung, und als sie\nkommt, habe ich schon meine erste Flasche Brahma intus. Das Bier kommt gleich\naus einem der drei riesigen K\u00fchlschr\u00e4nke, die den Kellnerinnen Spalier stehen,\nwenn sie die G\u00e4ste bedienen. Au\u00dfen befinden sich Temperaturanzeigen. Sie\nschwanken zwischen -0,5\u00b0 und -1,5\u00b0. Sch\u00f6n kalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen l\u00e4uft die Berichterstattung f\u00fcr das\nFinale, <em>O Grande Finale<\/em>, von heute.\nEs geht um die <em>Copa Libertadores<\/em>, der\namerikanischen Entsprechung zur Champions League. Wieder ist Flamengo\nbeteiligt, sie spielen gegen Athletico-PR, einen Verein aus Kolumbien. Der\nkommt in der Berichterstattung kaum vor. Es geht um den Torj\u00e4ger von Flamengo.\nDer hei\u00dft hier <em>artilheiro<\/em>, w\u00e4hrend <em>goleiro<\/em> den Torwart bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Pizza kommt, traue ich meinen Augen nicht.\nIch habe mich darauf eingelassen, eine gro\u00dfe zu bestellen, und die reicht f\u00fcr\ndie ganze Familie. Als ich bezahlen will, fragt die Kellnerin, ob ich den Rest\n\u201ef\u00fcr die Reise\u201c haben wolle, <em>pra viagem<\/em>.\nNehme ich an. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Pizza ist erstaunlich gut. Statt Tomatenmark\ngibt es Tomaten in kleinen St\u00fccken, und der K\u00e4se zerl\u00e4uft richtig sch\u00f6n. Der\nBelag ist viel zu reichhaltig. Es gibt Ei, Oliven, Schinken, Paprika, Zwiebeln und\nviel Oregano. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zahle, steht auf einmal eine andere Frau\nvor mir. Sieht jedenfalls so aus. Es ist die Kellnerin von vorhin, aber sie hat\nihre Berufskleidung ausgezogen und erscheint jetzt in schickem Blau, von Kopf\nbis Fu\u00df: \u201eNossa!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>30. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4hrend der Nacht nicht zu \u00fcberh\u00f6ren war, hat\nFlamengo das Endspiel gewonnen, 1:0. Es ist ihr dritter Sieg in der Copa de\nLibertadores. In der Liga liegen sie nur auf den Pl\u00e4tzen, mit gro\u00dfem Abstand\nzum Tabellenersten, Palmeiras. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist wohl erzwungener Ruhetag. Sieht so aus,\nals h\u00e4tten auch die Museen geschlossen, bei einigen von ihnen steht es explizit\nauf der Website. Museu do Indio\ngeschlossen, Museu do Amanh\u00e3 geschlossen, museu da republica<\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich der Wahl f\u00e4llt mir wieder Umberto Eco\nein, der \u00fcber Berlusconi sagte: \u201eAch lasst mich doch mit dem in Ruhe, der tut\nnur, was er tun muss. Zeigt mir lieber die Leute, die ihn w\u00e4hlen.\u201c Kann man\nauch von Bolsonaro sagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Spaziergang am Nachmittag stellt sich\nheraus, dass im Zentrum wirklich alles geschlossen ist, auch das Paco Real. Ein\ngro\u00dfes Geb\u00e4ude in Cinel\u00e2ndia ist ge\u00f6ffnet, erst glaube ich, es w\u00e4re ein Museum,\naber es ist wohl ein Gerichtsgeb\u00e4ude. Das ist f\u00fcr die Wahlen ge\u00f6ffnet. Am\nEingang werden P\u00e4sse oder Wahlbenachrichtigungen kontrolliert, und die W\u00e4hler\nwerden zu verschiedenen Eing\u00e4ngen des riesigen Geb\u00e4udes geschickt. Sp\u00e4ter fragt\nmich eine Brasilianerin nach dem Weg zu einem milit\u00e4rischen Geb\u00e4ude. Auch da\ngeht es vermutlich ums W\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sto\u00dfe auf die eine oder andere Kirche, aber\nauch die sind alle verschlossen. Santa Luzia ist eine sch\u00f6ne kleine Kirche im\nBarockstil, mit zwei integrierten T\u00fcrmen mit Schalll\u00f6chern und Fenstern \u00fcber\ndem Eingangsportal. Die Fassade ist wei\u00df verputzt, aber das tragende Mauerwerk\nnicht, was einen sch\u00f6nen Kontrast bildet. Die Stra\u00dfe Santa Luzia wurde geschaffen,\ndamit Dom Jo\u00e2o VI. von seinem Wohnsitz aus direkt zu der Kirche kommen konnte,\ndie er jeden Morgen aufgrund eines Gel\u00fcbdes zur Messe besuchte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich nach S\u00e3o Jos\u00e9. Die Kirche ist eine\nArt Halbschwester von Santa Luzia, auch Barock, auch einschiffig, auch wei\u00df\nget\u00fcncht bis auf das Mauerwerk, auch mit zwei T\u00fcrmen versehen. Hier gibt es\nFenster\u00f6ffnungen in beiden Geschossen. Mir gef\u00e4llt Santa Luzia wegen ihrer\nschlichten Eleganz noch besser. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich noch zu der Kirche, die einem schon\nvon weitem auff\u00e4llt wegen der glasierten Kacheln ganz oben auf den T\u00fcrmen. Die\nsind eine sp\u00e4tere Hinzuf\u00fcgung. Diese Kirche ist eigentlich eine Doppelkirche,\nbeide tragen das Wort Carmo im Namen, aber wie sie sich zueinander verhalten,\nwird nicht klar. Bei der linken Kirche fehlt der Turm zur Seite der anderen\nKirche, vielleicht wurde er bei dem Bau der zweiten Kirche abgerissen. Beide\nKirchen sind steinsichtig. Die mit dem fehlenden Turm scheint die Hauptkirche\nzu sein. Bei ihr handelt es sich wohl um die Alte Kathedrale, nach der ich so\noft vergeblich Ausschau genommen habe. Der sch\u00f6nste Blick auf die Doppelkirche\nbietet sich nicht von vorne, sondern von der Seite, wenn man beide Fassaden\nschr\u00e4g vor sich hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, nach zwei Wochen ununterbrochener\nBeschallung mit neuen Eindr\u00fccken, kommen mir Szenen in den Sinn, die ich nicht\nmehr einordnen kann. Irgendwo habe ich eine B\u00fcste von Chopin gesehen, von\nBrasilien seinen polnischen Einwanderern gewidmet, aber ich wei\u00df nicht mehr\nwann und wo.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann f\u00e4llt mir <em>Eisenbahn<\/em> ein. Dem Wort bin ich schon \u00f6fter begegnet, ohne zu\nwissen, was es ist. Es ist auch eine Biermarke. Immer wieder trifft man mal auf\neine deutsche Benennung, so wie eine Buslinie, deren Endstation <em>Meier<\/em> hei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Brasilien hat den gr\u00f6\u00dften schwarzen\nBev\u00f6lkerungsanteil aller L\u00e4nder au\u00dferhalb von Afrika. Hier f\u00e4llt vor allem die\nMischung auf. Man sieht einfach Menschen mit allen Hautschattierungen. Die\nPortugiesen haben sich (wie die Spanier und anders als die Engl\u00e4nder) immer mir\nden Eingeborenen vermischt und auch mit den Sklaven, das Ergebnis sieht man bis\nheute. Man sieht sie alle durcheinander, ob es eine Segregation gibt, ist\nschwer zu sagen, obwohl ich in unserem Viertel wenige Schwarze gesehen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Brasilianerinnen geizen nicht mit ihren\nReizen. Tiefe Ausschnitte, kurze R\u00f6ckchen, eng anliegende Hosen sieht man\n\u00fcberall. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob man alt oder jung, d\u00fcnn\noder dich, sch\u00f6n oder h\u00e4sslich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend die Radfahrer, die auch\nhier, wo es keine Radwege gibt, mutig \u00fcber die Stra\u00dfen fahren, teils in\nentgegengesetzter Richtung, meist ohne Licht und alle ohne Helm. Viele von\nihnen sind Paketboten, aber nicht alle. Die meisten Radfahrer fahren aber auf\nden Radwegen, aber auch auf dem B\u00fcrgersteig k\u00f6nnen sie pl\u00f6tzlich hinter einem\nauftauchen. Motorr\u00e4der und Roller sind \u00fcberall zu sehen. Und Leute mit\nHandkarren und solche, die mit gro\u00dfen, vollbepackten, undurchsichtigen\nPlastikt\u00fcten durch die Gegend laufen. Das alles f\u00e4llt mir heute besonders auf,\nweil sie alle nicht da sind. <\/p>\n\n\n\n<p>In Ipanema ist im Gegensatz zum Zentrum viel los.\nMan sieht immer mehr Anh\u00e4nger von Lula und auch einen Stand, an dem politische\nDevotionalien verkauft werden. An einer Ampel steht neben mir eine \u00e4ltere,\nfr\u00f6hlich vor sich hin plappernde Dame, in ein l\u00e4ngeres Kleid mit den Farben\nBrasiliens geh\u00fcllt, die einen Aufkleber f\u00fcr Bolsonaro tr\u00e4gt. Sie ist die\neinzige.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich auf dem Heimweg noch einen v\u00f6llig\nheruntergekommenen, ehemals wei\u00dfen VW-Bully. Nahe der T\u00fcr ist ein Aufkleber\nangebracht: <em>Lula 13!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und das Ergebnis\nl\u00e4sst auf sich warten. In der Berichterstattung nehmen die Ergebnisse\nGouverneurswahlen und der Wahlen f\u00fcrs Parlament fast mehr Raum ein, als die\nPr\u00e4sidentschaftswahl. Man neigt dazu, deren Bedeutung zu untersch\u00e4tzen,\nangesichts des dramatischen Zweikampfs. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Zeitlang liegt Bolsonaro leicht vorne, aber\nes hei\u00dft, das sei zu erwarten, und zwar deshalb, weil die Wahlkreise, in denen\nBolsonaro vorne liegt, reicher seien. Dort wird schneller ausgez\u00e4hlt als in den\nanderen. <\/p>\n\n\n\n<p>Von meinem Zimmer aus h\u00f6re ich die ersten\nJubelges\u00e4nge, als Lula gleichzieht, dann wieder, als er in F\u00fchrung geht. Als\ngut 98% ausgez\u00e4hlt sind, steht Lula als Wahlsieger fest. B\u00f6llersch\u00fcsse und\nJubelges\u00e4nge, es ist wie bei dem Finale gestern. Wenn man nicht w\u00fcsste, dass es\neine Wahl ist, w\u00fcrde man an Fu\u00dfball denken. <\/p>\n\n\n\n<p>31. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Lula gewinnt die Pr\u00e4sidentschaftswahlen (50,9 : 49,1),\naber in allen anderen Bereichen haben Bolsonaro und seine Verb\u00fcndeten die\nMehrheit. Der Bolsonarismus bleibt, hei\u00dft es, auch wenn Bolsonaro nicht mehr\nPr\u00e4sident ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Heimat ist es am Wochenende (mindestens) so\nwarm wie in Rio gewesen. Man h\u00f6rt begeisterte Kommentare und sieht sch\u00f6ne\nBilder von B\u00e4umen und deren farbiges Laub, aber auch ein paar weniger\nbegeisterte Kommentare: staubig, Kopfschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht so aus, als w\u00fcrde es nach gestern heute\neinen weiteren erzwungenen Ruhetag geben, denn montags haben die Museen alle\ngeschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nirgendwo ist etwas von den Wahlen zu sehen,\nirgendwo f\u00e4llt mal der Name <em>Bolsonaro<\/em>,\naber das ist schon fast alles. Ein ambulanter H\u00e4ndler springt aufs Treppchen und\nbietet seine Ware mit dem Zusatz <em>Lula<\/em>\nan.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich mangels Besch\u00e4ftigung auf den Weg\nzum Fris\u00f6r. Genauer gesagt, nach dem Fris\u00f6rsalon Olimpo, von dem ich so sicher\nbin, dass ich ihn auf dem Weg zur Schule gesehen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs entdecke ich ein paar Ladenpassagen, die\nich bisher immer \u00fcbersehen habe. In zwei gehe ich rein. Ganz sch\u00f6n ern\u00fcchternd.\nSogar in der Parterre sind viele Gesch\u00e4fte aufgegeben, andere haben\ngeschlossen. Es gibt hier sogar einen Fris\u00f6r, aber der \u00f6ffnet montags erst um\n15 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Gesch\u00e4ften am Wegesrand gibt es ein paar\ntraditionelle Familienbetriebe, einen Schuster, einen Glaser, einen\nTuchh\u00e4ndler, aber \u00fcberwiegend moderne Gesch\u00e4fte, darunter eins von denen, die\nnur Handyh\u00fcllen und meist keine Kundschaft haben. Daneben Drogerien wie Sand am\nMeer. Am Rande des B\u00fcrgersteigs Kioske, einer wie der andere. Scheinen auch\nnicht viel Betrieb zu haben. Zeitungen und Zeitschriften sieht man hier so gut\nwie keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo taucht Shinanigans auf, eine irische\nKneipe, die mir jeden Tag auf dem Weg zur Schule aufgefallen ist. Ich kann mich\nnoch an den Tag erinnern, als ich das Wort <em>shinanigans<\/em>\nzum ersten Mal geh\u00f6rt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Schule angekommen bin, ist der\nFris\u00f6rsalon Olimpo immer noch nicht aufgetaucht. Also geht es zur\u00fcck, um nach\nAdressen zu suchen. Die erste ist ein Flop. Da, wo der Fris\u00f6r sein m\u00fcsste, ist\nnichts. Man steht vor einer zugemauerten Wand. <\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste ist genau das, was ich suche. Ein\naltmodischer Fris\u00f6rsalon, nur f\u00fcr M\u00e4nner, in einem schlauchartigen Gebilde\nuntergebracht, das auch eine Garage sein k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche auch gar nicht zu warten. Die Leute,\ndie vor mir in der Schlange stehen, wollen gar nicht zum Fris\u00f6r, sondern zur\nLotterieannahmestelle, die ebenfalls hier untergebracht ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fris\u00f6r, mit altmodischer Brille und nicht sehr\nmoderner Frisur, l\u00e4sst sich auf meine Bedingungen ein: nicht zu kurz, und mit\nSchere schneiden. Er macht seine Arbeit langsam, sehr langsam, und sehr\nvorsichtig, aber richtig gut. Und das, obwohl die Schere nicht gut zu schneiden\nscheint. Am Ende sind wir beide zufrieden, und er l\u00e4sst sich gerne in seinem\nSalon photographieren. Der Haarschnitt hat mich 45 R$ gekostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, wo es hier in der Gegend\nBekleidungsgesch\u00e4fte gebe, er deutet nach links, sagt aber, der \u00f6ffne erst um\n15 Uhr. Es gebe aber auch C&amp;A. Darauf lasse ich mich ein. Bin t\u00e4glich an\ndem Gesch\u00e4ft vorbeigekommen. Am Ende belabert mich die Bedienung, die nicht so\ngerne \u00e4ltere Herren bedient, doch noch, ein weiteres Hemd zu kaufen, und ich\nverlasse das Gesch\u00e4ft, obwohl alles nicht ideal ist, um vier Kleidungsst\u00fccke\nreicher und gut 100 \u20ac \u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bezahle, stelle ich mit Entsetzen fest,\ndass das M\u00e4dchen, das mich bedient, keine T\u00e4towierung hat, aber als sie sich\numdreht, sehe ich eine Blume an ihrer Wade und bin beruhigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als sie ein Kleidungsst\u00fcck fallen l\u00e4sst,\nentgleitet ihr ein ged\u00e4mpftes <em>Pimenta!<\/em>,\nund ich bin um ein mildes portugiesisches Schimpfwort reicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich noch einmal zur Lanchonete um die\nEcke. Inzwischen kennt mich die Kellnerin. Ich starte mit einer Caipirinha,\nwieder Zitrone, das sei schlie\u00dflich der Klassiker, und die ist wirklich gut,\nbesser als die dieser Tage bei der <em>Garota\nde Ipanema<\/em>. Dann Tagesgericht und Brahma.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Kinderseite einer deutschen Zeitung wird nach der Gr\u00f6\u00dfe Brasiliens gefragt. Ist es 3x, 10x oder 24x so gro\u00df wie Deutschland? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Petr\u00f3plis, auf Anraten von Mary\nmit einer organisierten Reise. Es geht schon um 7 Uhr los. Ich bin der erste,\nder zusteigt, und dann beginnt das leidige Einsammeln der anderen an den\nverschiedenen Hotels. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind vier Brasilianer dabei, eine Familie, und\nzwei Mexikaner, ein Paar, alle anderen sind Chilenen, alle aus Santiago. Mit\nden Mexikanern komme ich im Laufe des Tages ins Gespr\u00e4ch. Sie ist aus dem DF,\ner ist aus Oaxaca, und sie sind sehr angetan, dass ich beides kenne. Wie gute\nMexikaner leben sie in den USA. In Chicago. Kalt, aber sch\u00f6n. Oder sch\u00f6n, aber\nkalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit zwei Chileninnen, Mutter und Tochter, komme\nich auch ins Gespr\u00e4ch, Stichwort Valpara\u00edso. Nach Chile m\u00fcsse ich unbedingt\nreisen. Da k\u00f6nne ich mich nicht vertun, immer geradeaus. Sie machen besonders\nWerbung f\u00fcr San Pedro de Atacama. Brasilien, sagen sie, sei auch f\u00fcr die kein billiges\nReiseland. Und Argentinien, h\u00f6re ich zu meinem Entsetzen, auch nicht. Beim\nMittagessen klagen sie hinter vorgehaltener Hand \u00fcber die vielen Einwanderer in\nChile, Venezolaner und Kolumbianer. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser \u00e4u\u00dferst sympathischer Reiseleiter, Julio,\nnimmt mit jedem pers\u00f6nlich Kontakt auf. Deutschland, ja, das kenne er, da reise\ner immer gerne hin. Was er denn kenne in Deutschland, will ich wissen: \u201eM\u00fcnchen\n\u2026 Berlin \u2026 Koblenz.\u201c Dass ich nach Argentinien weiterreisen will, findet er\nwunderbar. Buenos Aires ist eine seiner Lieblingsst\u00e4dte. <\/p>\n\n\n\n<p>Er ist froh, nicht meinetwegen noch in einer\nweiteren Sprache erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen. So kann er sich mit Spanisch und\nPortugiesisch begn\u00fcgen. Er spricht beides so gut, dass ich nicht entscheiden\nkann, was seine Muttersprache ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an der Copacabana entlang. Der Zuckerhut\nkommt von zwei verschiedenen Seiten in Sicht. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, aber der\neine oder andere Sonnenstrahl kommt durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es ziemlich \u00f6de, Industriegebiete. Dann\nscheinen wir auf eine Autobahn zu fahren, aber stattdessen geht es gleich\nrechts ab auf eine kurvenreiche, stetig ansteigende Landstra\u00dfe. Wieder ist es\n\u00fcberall sehr gr\u00fcn. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt an einer Lanchonete, die ausgerechnet\n<em>Casa do Alem\u00e3o<\/em> hei\u00dft. Dort trinke ich\neinen Kaffee und bestelle einen Kuchen, der hier als <em>tarta alem\u00e3<\/em> durchgeht, eine cremige Masse mit Biskuit und einem\nSchokoladen\u00fcberguss. Der Name erkl\u00e4rt sich sp\u00e4ter insofern, als es nicht ein\nKuchen aus Deutschland ist, sondern ein von einer deutschen Einwanderin\nkreierter Kuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Petr\u00f3polis. Unser erstes Ziel ist das\nCasino, das ehemalige Casino, an einem See gelegen, der die Konturen von\nBrasilien hat. Kann man leider von unserem Standort aus nicht erkennen. Das\nCasino war nur zwei Jahre in Betrieb. In dieser Zeit wurden t\u00e4glich 20.000\nEssen ausgegeben. Nach zwei Jahren ist Schluss, da das Gl\u00fccksspiel verboten\nwurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Szenerie hier ist eindeutig europ\u00e4isch. Man\nk\u00f6nnte genauso gut im Schwarzwald sein. Auch das Casino selbst, mit\nVerzierungen aus dunklem Holz, k\u00f6nnte in Europa stehen. Das kommt nicht von\nungef\u00e4hr. Pedro, der Gr\u00fcnder von Petr\u00f3polis, holte Baumeister und Handwerker\naus \u00d6sterreich, Deutschland und der Schweiz, um die Stadt aufzubauen. Und die\nhole Lage mit dem Wald drum herum war absichtlich so gew\u00e4hlt, denn es handelte\nsich ja um einen Sommersitz, und die Abicht war, der schw\u00fclen Hitze Rio de\nJaneiros zu entkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekommen wir, <em>stante pede<\/em>, direkt vor dem Teich stehend, eine Kurzfassung der Biographie\nPedros. Den Julio, unser F\u00fchrer, offensichtlich au\u00dferordentlich sch\u00e4tzt. Pedro wurde\nmit 5 Jahren von seinem Vater, der nach Portugal zur\u00fcckkehrte, in Brasilien\nzur\u00fcckgelassen, 1831, nachdem sein Vater, Pedro I. abgedankt hatte und nach\nPortugal zur\u00fcckgekehrt war, um dort seiner Tochter, Maria, den portugiesischen\nThron zu sichern. Schon mit f\u00fcnf Jahren wurde Pedro zum Kaiser ausgerufen,\nobwohl ein vom Parlament eingesetzter Rat zun\u00e4chst die Gesch\u00e4fte f\u00fchrte. Pedro\nwurde dann mit 14 Jahren vorzeitig f\u00fcr vollj\u00e4hrig erkl\u00e4rt und ein Jahr sp\u00e4ter,\n1841, zum Kaiser gekr\u00f6nt, als Pedro II. Das blieb er bis 1889, als die Republik\nausgerufen wurde. Wenige Monarchen \u00fcberhaupt herrschten l\u00e4nger als er. <\/p>\n\n\n\n<p>Pedro interessierte sich f\u00fcr Naturwissenschaften,\nKunst und Technik, und lernte schon als Junge sechs oder sieben Sprachen. Er\ntraf sich sp\u00e4ter mit Schliemann und f\u00f6rderte das Institut Pasteur in Paris. Er\nsoll von sich gesagt haben: \u201eN\u00e3o sou imperador, estou imperador\u201c. Wenn er nicht\n\u201ezuf\u00e4llig\u201c den Posten des Kaisers besetzt h\u00e4tte, w\u00e4re er Professor geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Julio ist auch angetan von dem Umgang Pedros mit\nGeld. Er habe alles, was nicht streng zum Amtsgesch\u00e4ft geh\u00f6rte, immer aus der\neigenen Schatulle bezahlt, darunter auch den Aufbau von Petr\u00f3polis und seine\nAuslandsreisen. Als die Monarchie gest\u00fcrzt wurde, habe er sich geweigert, die\nWerte, die dem K\u00f6nig geh\u00f6rten, f\u00fcr sich in Anspruch genommen. Die habe er dem\nbrasilianischen Volk vermacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser n\u00e4chstes Ziel ist das Museu Imperial, untergebracht\nin der ehemaligen Residenz des Kaisers in Petr\u00f3polis. Seine Affinit\u00e4t zur\nTechnik sieht man hier unter anderem darin, dass in seinem Arbeitszimmer ein\nTelefon steht, das erste in Brasilien. Er hatte auf einer Reise in die USA\nAlexander Bell kennengelernt und wollte so einen Apparat unbedingt auch f\u00fcr\nBrasilien. Wir vermuten alle, dass die Leitung vielleicht gerade mal ins Gemach\nseiner Gemahlin reichte, aber weit gefehlt, es wurde eine unendlich lange\nLeitung gelegt, bis in die N\u00e4he von Rio de Janeiro. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast hat \u00fcber vierzig R\u00e4ume, wurde aber nur\nvon vier Personen bewohnt. Von den vier Kindern des Kaiserpaars \u00fcberlebten nur\ndie beiden T\u00f6chter. Der Palast wurde in der Regel von November bis Mai bewohnt.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast hat keine K\u00fcche. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden.\nDie Brandgefahr war zu gro\u00df. Die K\u00fcche befand sich in einem eigenen Geb\u00e4ude,\nvierzig Meter von dem Palast entfernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen den Speisesaal, den Diplomatensaal, das\nArbeitszimmer Pedros, wo er die meiste Zeit verbrachte und auch ein Bett hatte,\ndas Gemach der Kaiserin, einen Musiksaal, einen Handarbeitssaal und was so ein\nPalast alles hat. Von den Ausstellungsst\u00fccken sind vor allem ein chinesisches\nN\u00e4hk\u00e4stchen und ein Thron bemerkenswert, ein h\u00f6lzerner Sitz mit einem Loch in\nder Mitte, auf dem man seine Gesch\u00e4fte erledigte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind Throninsignien zu sehen, darunter die\nbeiden Kaiserkronen, von Vater und Sohn. Die Krone des Vaters hat keine Perlen\n(mehr), denn der Sohn lie\u00df sie aus Sparsamkeitsgr\u00fcnden in seine Krone\neinarbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen mehrere Portr\u00e4ts der Kaiserin, und das\naus gutem Grund. Man musste f\u00fcr Pedro in Europa auf Brautschau gehen, und man\nwurde f\u00fcndig im K\u00f6nigreich beider Sizilien, bei einer der Prinzessinnen, Maria\nCristina. Es wurde ein Portr\u00e4t von ihr angefertigt, und das sagte Pedro zu. Es\nwurde eine Ferntrauung veranstaltet, und dann kam Maria Teresa nach Brasilien.\nAls Pedro sie auf dem Schiff in Empfang nahm, kehrte er auf der Stelle um und\nfl\u00fcchtete in seinen Palast. Das Portr\u00e4t hatte die Wirklichkeit besch\u00f6nigt. Wie\ndie aussah, davon bekommt man durch ein anderes Portr\u00e4t einen Eindruck. Das\nPortr\u00e4t zeigt unter anderem deutliche Spuren eines Damenbarts. Maria Teresa war\nau\u00dferdem bucklig und im Vergleich zu dem gro\u00dfgewachsenen Pedro geradezu ein\nZwerg. Auf jeden Fall kehrte Pedro am n\u00e4chsten Tag reum\u00fctig zur\u00fcck, holte Maria\nTeresa zu sich und begann, ihre anderen Qualit\u00e4ten zu entdecken. Die Ehe\ndauerte 46 Jahre. Nach dem Sturz der Monarchie gingen die beiden ins Exil. Dort\nstarb Maria Teresa zwei Jahre sp\u00e4ter, und Pedro zwei Jahre nach ihr. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr die beiden T\u00f6chter wurden Ehegatten in\nEuropa gesucht. Es wurde eine Doppelhochzeit geplant, f\u00fcr Isabel und\nLeopoldina. Als die beiden Kandidaten in Brasilien ankamen, entdeckte Isabel\nihre Zuneigung zu dem f\u00fcr Leopoldina Ausgew\u00e4hlten, und Leopoldina zu dem f\u00fcr\nIsabel Auserw\u00e4hlten. Pedro, statt auf dem Protokoll und den Vertr\u00e4gen zu beharren,\nnahm die Sache mit Gelassenheit und erlaubte den Tausch. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir das Museum verlassen, regnet es in\nStr\u00f6men. Der Museumshop macht ein gutes Gesch\u00e4ft du bringt Umh\u00e4nge aus Plastik\nunter die Leute. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung geht es zum Mittagessen und\ndann fahren wir, im Regen, durch die besterhaltene Stra\u00dfe Brasiliens, am Rand\ndes Palasts entlang, einer Stra\u00dfen mit Villen auf der einen und mit\npalastartigen Bauten auf der anderen Seite. Dann fahren wir noch am\nKristallpalast vorbei, aber der ist geschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die anderen dann zu einer Bierprobe\nfahren, gehe ich in das Haus von Santos Dumont, einem brasilianischen\nLuftfahrtpionier. Das selbst, an einem Hang gelegen, in der Form eines\nSchweizer Chalets, ist schon eine Sehensw\u00fcrdigkeit. Santos Dumont hatte viele\nJahre seines Lebens in Europa verbracht und das Haus selbst so geplant. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten gibt es eine kleine Ausstellung. Es gibt\nBerichte und Bilder von seinen ersten erfolgreichen Fl\u00fcgen, die ihn einmal 60\nMeter und einmal 220 Meter weit trugen, in einem selbst konstruierten Flugzeug\nmit Benzinmotor. Die Fl\u00fcge gelten als erste \u00fcberhaupt, die aus eigenem Antrieb,\nohne Startrampe erfolgten. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufzeichnungen von Santos Dumont sind erhalten, in\ndenen er aussagt, er habe nie Angst gehabt, das Fliegen sei ihm als die\nnat\u00fcrlichste Sache der Welt erschienen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden handgeschriebene Briefe von ihm\npr\u00e4sentiert, sowohl auf Portugiesisch als auch auf Englisch, und Photographien,\ndie zeigen, dass er allzeit sehr gepflegt und vornehm auftrat, tadellos\ngekleidet, mit Anzug, Stehkragen, Krawatte und Hut. Sieht eher wie ein\nPolitiker aus als wie ein Hasardeur, den es in die Luft zieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kuriosit\u00e4t des Hauses ist eine Treppe mit\nmerkw\u00fcrdig abgeschnittenen Stufen. Man wei\u00df nicht, ob es praktische Gr\u00fcnde hat\noder etwas mit Aberglauben zu tun hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch dieses Haus hat keine K\u00fcche. Santos Dumont\nlie\u00df sich sein Essen aus dem nahegelegenen <em>Palace\nHotel<\/em> kommen. Dort war er in Petr\u00f3polis immer abgestiegen, bevor er das\nHaus baute. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet immer noch, als ich aus dem Haus komme.\nGleich gegen\u00fcber befindet sich Katz, unser Treffpunkt, ein Caf\u00e9, in dem es auch\nfeine Schokolade zu kaufen gibt, darunter die Katzenaugen unserer Kindheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt verl\u00e4uft gut, wider Erwarten, denn\nman hatte eine Blockade durch Lastwagen erwartet, als politische Demonstration\ngegen das Wahlergebnis. Die bleibt uns aber erspart. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Einfahrt nach Rio im Dunkeln habe ich dann\nnoch ein besonderes Erlebnis, ein Eindruck, der im Ged\u00e4chtnis bleibt. Als wir auf\neiner Schnellstra\u00dfe in die Stadt fahren, auf der einen Seite der Bucht, mit dem\nMeer rechts von uns und der anderen Seite der Bucht wiederum rechts von uns,\nhabe ich den unzweifelhaften Eindruck, dass wir an einem Fluss entlang fahren \u2013\nRio de Janeiro. <\/p>\n\n\n\n<p>2. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vermieterin zufolge hat Brasilien die gr\u00f6\u00dften\nund die kleinsten Bananen der Welt. Von den kleinsten, <em>banana oro<\/em>, bekommen wir zwei zum Fr\u00fchst\u00fcck serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht Werbung f\u00fcr das <em>Museu da Amanh\u00e3<\/em>. Das sei ein Muss. Ich lasse mich darauf ein, w\u00e4re\naber von selbst wohl eher in ein anderes Museum gegangen, und das Resultat ist\nauch zwiesp\u00e4ltig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro ist voll. Fast alle mit T-Shirts in den\nbrasilianischen Nationalfarben oder in die Nationalflagge geh\u00fcllt. Fu\u00dfball?\nHeute ist Feiertag, und die Metro f\u00e4hrt Richtung Maracana. Aber eigentlich zu\nfr\u00fch f\u00fcr ein Fu\u00dfballspiel, und die Leute sehen auch irgendwie nicht danach aus.\nIch nehme meinen Mut zusammen und spreche einen Mann an. Nein, kein Fu\u00dfball, eine\nDemonstration, Politik. Ich frage nicht weiter nach, aber wir kommen ins\nGespr\u00e4ch. Woher ich k\u00e4me? Oh, Deutschland, sein Vater habe f\u00fcr Wella gearbeitet\nund sei in seinem Leben bestimmt einhundert Mal in Deutschland gewesen. Ihn\nselbst zieht es nach Belgien, selbst ist er in Deutschland noch nicht so oft\ngewesen, aber am besten gefalle ihm D\u00fcsseldorf. Er fragt nach meinem\nPortugiesisch und nach meinen Reisepl\u00e4nen. Das gef\u00e4llt ihm alles. Er macht\neinen sehr sympathischen Eindruck, und er ist auch der erste Brasilianer, der\ndas 1:7 erw\u00e4hnt. Aber inzwischen habe sich Brasilien ja wieder rehabilitiert.\nDa kann ich ihm nur zustimmen. Er hilft noch dabei, dass ich an der richtigen\nU-Bahn-Station aussteige und verabschiedet sich mit einem strahlenden L\u00e4cheln. Als\nich sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckfahre, ist die U-Bahn noch voller. Da kommen alle von\nder Demonstration zur\u00fcck. Obwohl es so voll ist, ist es ganz friedlich, alle\nsind adrett gekleidet und verhalten sich h\u00f6flich. Sp\u00e4ter lese ich dann, dass es\neine Demonstration f\u00fcr Bolsonaro war. Der nette Mann und all diese freundlich\naussehenden Leute Bolsonaro-Anh\u00e4nger? Ist wohl so. Eine Erfahrung, die auch\neine Lektion f\u00fcr mich ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es aber zuerst zum <em>Museu da Amanh\u00e3<\/em>. Dazu muss ich die Stra\u00dfenbahn nehmen. An der Haltestelle\nder Metro frage ich eine Angestellte nach der Stra\u00dfenbahn, und sie fragt:\n\u201eVTL?\u201c Ja. Das ist die Abk\u00fcrzung, die hier meist gebraucht wird. Das h\u00e4tte ich\nvor zwei Wochen noch nicht verstanden. Die Stra\u00dfenbahnhaltestelle ist auch\ngleich um die Ecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Mary zufolge kann ich die Stra\u00dfenbahn auch gratis\nbenutzen. Es gibt aber niemandem, dem man seinen Ausweis vorzeigen kann, wie in\nder Metro. Ich setze mich einfach rein, und prompt kommt eine Kontrolleurin.\nIch zeige meinen Ausweis, sie macht einen elektronischen Klick an einem der\nApparate, und alles ist in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn ist das moderne Gegenst\u00fcck zu den\nBussen. Sie hat eine eigene Trasse, ist hochmodern, mit langen, miteinander\nverbundenen Wagen und hat elektronische Anzeigen. Perfekt. Und es gibt eine\neigene Haltestelle f\u00fcr die Museen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu denen geh\u00f6rt auch das Kunstmuseum, in einem\nklassizistischen Geb\u00e4ude untergebracht, in der N\u00e4he der Haltstelle. Zum Museu\nda Amanh\u00e3 geht es auf den Platz am Hafen. Neben dem Museum zwei alte Lastkr\u00e4ne,\ndekorativ in der Gegend stehend, einer mit chinesischen Schriftzeichen, und an\nder R\u00fcckseite des Platzes ein Hochhaus, wie es auch in Moskau oder Madrid\nstehen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist sensationell, ein echter Hingucker,\nkommt bei gutem Wetter sicher noch mehr zur Geltung. Es ist ganz in Wei\u00df, ist\nlanggestreckt, mit der Form eines Hais, der mit der Flosse noch im Wasser ist\nund dessen Schnauze auf den Platz geht. Zwischen den Rippenknochen des Hais\nGlas, durch das man von innen auf das Meer blickt. Toll. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder gibt es Seniorenvorrechte, diesmal ist es\nmir fast schon peinlich. Nicht nur ist der Eintritt umsonst, ich werde au\u00dferdem\nnoch an der Schlange vorbeigef\u00fchrt und vor allen anderen bedient. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung selbst ist nicht so berauschend,\nes gibt viel Krimskrams und Schaueffekte und auch drinnen ein paar\narchitektonische Glanzpunkte, aber die Information muss man sich hart\nerk\u00e4mpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die untere Ebene, wo es eine Photoschau von\nSebastian Salgado gibt, eine Sonderausstellung, erweist sich als der interessantere\nTeil, aber die vielen Photos, so eindrucksvoll sie auch sein m\u00f6gen, erschlagen\neinen fast und nehmen auch ganz w\u00f6rtlich viel Raum ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer einfachen Karte S\u00fcdamerikas kann man\nsehen, dass Brasilien ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte des Kontinents einnimmt und der\nAmazonas ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte Brasiliens. Er verteilt sich auf acht L\u00e4nder! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer weiteren Karte erf\u00e4hrt man, dass Amazonas\nnicht gleich Amazonas ist. Es gibt sehr verschiedene Gebiete, darunter die Catinga\n(bedeutet \u201awei\u00df\u2018 in Tupi) mit W\u00fcste, die Cerrada mit Savanne und das Pantanal\nmit Sumpfgebieten. Dort wird Kautschuk gewonnen.&nbsp; Die Indios verteilen sich auf den ganzen\nAmazonas, aber immer in abgegrenzten Gebieten. Es ist wie ein Fleckenteppich. <\/p>\n\n\n\n<p>Einige Bilder zeigen <em>rios aereos<\/em>, also so was wie Luftfl\u00fcsse. Das sind Wassermassen, die\ndurch die Luft wandern. Sie transportieren insgesamt mehr Wasser, als der\nAmazonas. <\/p>\n\n\n\n<p>Mitten im Amazonas gibt es auch ein\nNaturschutzgebiet von 350.470 Hektar Gr\u00f6\u00dfe, mit 3300-400 Inseln, von denen\neinige zwischenzeitlich verschwinden k\u00f6nnen, weil das Wasser bis zu zwanzig\nMeter ansteigen kann! Das Naturschutzgebiet ist unbewohnt, bis auf Novo Airau,\neinem kleinen, von Indios bewohnten Dorf. <\/p>\n\n\n\n<p>Anhand von Photos und Informationstafeln werden\neinige Eingeborenenst\u00e4mme vorgestellt, darunter die Yamomani. Es gibt noch ca.\n40.000 von ihnen. Sie haben fr\u00fcher weit abgeschieden in den Bergen gelebt und\nsind dann im Laufe der Zeit, durch die Ber\u00fchrung mit Missionaren, Landvermessern\nund Abenteurern immer weiter ins Tiefland gewandert. Interessant die Parallele\nzu heute: Ihr K\u00f6rperschmuck w\u00fcrde heute als Piercing und T\u00e4towierung\ndurchgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Suruwaki kann man eine Parallele zu\nuns sehen: Sie pr\u00e4sentieren sich mit angespannten Muskeln, so wie Menschen, die\ndie sog. K\u00f6rperkultur betreiben. K\u00f6rperliche St\u00e4rke hat bei ihnen einen hohen\nStellenwert, und der findet seinen Ausdruck auch in eine rituellen Prozession,\nbei der gemahlenes Maniok zur Fermentierung an den Fluss getragen wird, in\neinem Korb, der zweieinhalb Meter gro\u00df ist und 600-800 Kilo wiegt! Bei den Suruwaki\ngibt es eine hohe Selbstmordrate. Sie sind gute J\u00e4ger und benutzen zur Jagd ein\nwirksames Gift, das auch zur Selbstt\u00f6tung angewandt wird. In ihrer\nGlaubensvorstellung gibt es drei Himmel oder Orte des Nachlebens. Die\nk\u00f6rperlich Fittesten kommen in den besten Himmel, die anderen Himmel sind f\u00fcr\ndie, die an einem Kobrabiss sterben oder an Altersschw\u00e4che. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben geht es um die Frage, was der Mensch ist. Die\nAntwort lautet: Materie, Leben, Denken. Aus diesen drei Bereichen wird anhand\nvon elektronischen Schautafeln einige Dinge veranschaulicht, darunter das Thema\ndes Verh\u00e4ltnisses vom Gewicht des Gehirns zum Gewicht des K\u00f6rpers und zu dem\nThema Geschwindigkeit, bei dem deutlich wird, dass die unglaublich schnelle\nSynapse des Gehirns eine Schnecke ist im Vergleich zur Geschwindigkeit des\nSchalls, der Sonne, der Erde oder des Lichts. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon beim Hinausgehen sto\u00dfe ich noch auf eine\nsch\u00f6ne Schautafel, in der derselbe Text in vier verschiedenen Schriften\ndargestellt ist, in Keilschrift, Arabisch, Kyrillisch und Blindenschrift. Was\nder Text aussagt, wei\u00df man aber nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich zu einem Wandbild, das\netwas weiter hier im Hafengebiet zu sehen ist. Der Weg f\u00fchrt vorbei an gut\nerhaltenen Lagerhallen auf der einen und verfallenden, mit kaputten Fenstern,\nauf der anderen Seite. Die sind mit allen m\u00f6glichen Bildern und Ausspr\u00fcchen und\nKarikaturen bemalt. An einem heruntergelassen eisernen Rollladen steht <em>O amor\ncura e segue sendo (pro)curado<\/em>, und an einer anderen Stelle ist die\nFigur eines Jungen, eines Rotschopfs, angebracht, verbl\u00fcffend t\u00e4uschend, Pinsel\nin der Hand, mit dem er gerade an die Wand geschrieben hat <em>Voc\u00ea faz o que ama?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Wandgem\u00e4lde selbst, angeblich das\ngr\u00f6\u00dfte der Welt. Es zieht sich \u00fcber mehrere gleich gro\u00dfe ehemalige\nFabrikgeb\u00e4ude hin und stellt f\u00fcnf Vertreter verschiedener Ethnien dar, darunter\neinen Eskimo. Man sieht nur ihre K\u00f6pfe, und die nehmen die ganze H\u00f6he der Wand\nein. Die Malerei ist direkt auf den Backstein aufgetragen, und dessen Struktur\nscheint noch ein bisschen durch. Die Gesichter haben klare Konturen, Augen,\nNase, Mund, Ohren, aber die \u00fcbrige Fl\u00e4che wird von Dreiecken und Quadraten eingenommen,\ndie Blau, Rot und Wei\u00df, und das gibt den Darstellungen etwas Besonderes. Es ist\ndas Kennzeichnen des K\u00fcnstlers, Kobra, dessen Signatur unter allen f\u00fcnf Bildern\nerscheint. Photographieren kann man immer nur einzelne Portr\u00e4ts, die ganze\nL\u00e4nge der Bilderwand passt nicht auf ein Photo. <\/p>\n\n\n\n<p>Da ich schon einmal hier in der Gegend bin und das\nschlechte Wetter nicht zu weiteren Aktionen einl\u00e4dt, beschlie\u00dfe ich, doch zum\nBusbahnhof zu fahren und mir die Fahrkarte f\u00fcr morgen zu besorgen. Soll\nangeblich nicht n\u00f6tig sein, aber am Ende bin ich froh, es getan zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof ist ein riesiges Gebilde und liegt\nin einer h\u00e4sslichen Gegend mit Absperrungen und Baustellen und mit Pf\u00fctzen auf\nden schlechten Stra\u00dfen und B\u00fcrgersteigen. Schon alleine, zum Busbahnhof zu\nkommen, ist ein kleines Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel los, vor und in dem Geb\u00e4ude, und ich\nbin doppelt vorsichtig mit Handy und Portemonnaie. Drinnen eine riesige Halle\nmit zwei Ebenen und Verkaufsst\u00e4nden \u00fcberall. Und Fahrkartenstellen. Es gibt\nnicht eine zentrale Stelle, wo man seine Fahrkarte kauft, sondern jeder Betrieb\nhat seine eigenen Schalter. Ich irre an allen vorbei, ohne meine zu finden, die\nCosta Verde. Dann erfahre ich, dass ich nach oben muss, aber auch dort ist sie\nnicht zu finden. Ich bin jetzt schon froh, damit nicht bis morgen gewartet zu\nhaben. Dann stellt sich heraus, dass ich zwar rauf, aber am Ende eines\nSeitengangs wieder runter muss, in eine andere Halle, und dort, am \u00e4u\u00dfersten\nEnde, ist die Costa Verde. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrkartenverkauf geht dann schnell und\nreibungslos, und der Preis f\u00fcr die Fahrt, 90 R$, ist auch mehr als akzeptabel. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich befinde mich am Hintereingang des Busbahnhofs,\nund von hier aus habe ich keine Chance, wieder zur Stra\u00dfenbahn zu kommen, also\nnehme ich wieder den Weg zur\u00fcck durch die Halle. Dabei bleibe ich beim <em>Nutty<\/em> <em>Bavarian<\/em> stehe und kaufe ein paar gebrannte Mandeln. Ich nehme\nunvorsichtigerweise eine mittlere T\u00fcte und zahle daf\u00fcr 47 R$, \u00fcber die H\u00e4lfte\ndes Fahrpreises nach Paraty. <\/p>\n\n\n\n<p>3. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen beim Fr\u00fchst\u00fcck polemisiert Mary gegen\nBolsonaro. Ja, er habe \u00f6ffentlich gesagt, dass er das Ergebnis akzeptiere, aber\nob er hinter dem R\u00fccken seine Anh\u00e4nger nicht doch dazu anspitze, die Blockaden\ndurchzuf\u00fchren, das wisse man nicht. Der Vergleich mit Trump will sie nicht\ngelten lassen. Der sei ungleich intelligenter. Mir leuchtet nur nicht ein,\nwarum sie dann nicht Lula gew\u00e4hlt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Schwer bepackt, geht es mit Metro und Stra\u00dfenbahn\nzum Busbahnhof. Ich bin noch einmal froh, dass ich das gestern schon mal\ngemacht habe. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Metro erinnere ich mich daran, dass ich\nirgendwann w\u00e4hrend all der Tage mal einen Wagen nur f\u00fcr Frauen gesehen habe,\naber nur dieses eine Mal. Da schien sich aber keiner dran zu halten. Vielleicht\nwar der Wagen ein Relikt aus einem ehemaligen, inzwischen aufgegebenen Projekt.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ank\u00fcndigung der Stationen der Stra\u00dfenbahn\nf\u00e4llt mir auf, dass auch Carioca anders klingt, als wir erwarten w\u00fcrden, eher\nwie <em>C\u00e4riooca<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich um 12 Uhr geht die Fahrt los. Der Bus\nist besser als die st\u00e4dtischen Busse, und auch die Stra\u00dfen sind au\u00dferhalb der\nStadt besser, mit weniger Unebenheiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet von der Abfahrt an unentwegt. Wir\npassieren Fabriken, die entschieden unmodern aussehen, und alle m\u00f6glichen\nLagerhallen. Dann wird es gr\u00fcn. Kurvenreich geht es weiter, rauf und runter.\nIrgendwo kommt eine Eisenbahnstrecke in Sicht, mit auff\u00e4llig schmalen Gleisen.\nMeist sieht man nur das Gr\u00fcn zu beiden Seiten, aber gelegentlich \u00f6ffnet sich\nder Blick auf eine Bucht, mit einzelnen verstreuten Inseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand \u00fcberall Waldarbeiter, die die\nwuchernden B\u00e4ume beschneiden. Die haben hier wahrlich genug zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs frage ich mich, warum hier so wenig\nbl\u00fcht. Auf der ganzen Fahrt kommt mal ein Strauch mit blassrosa Bl\u00fcten, mal\neiner mit roten Bl\u00fcten in Sicht, aber das ist auch alles. Es ist doch Fr\u00fchling,\nRegen und Sonne gibt es wahrlich genug, und es gr\u00fcnt an allen Ecken und Enden.\nIn Rio habe ich immer wieder mal B\u00e4ume gesehen, die wei\u00dfe Bl\u00fcten zu treiben\nschienen, aber die kamen aus Blument\u00f6pfer, die die Anlieger oder die st\u00e4dtische\nG\u00e4rtnerei an den St\u00e4mmen angebracht hatte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Stunden stehen wir im Stau, aber der\nh\u00e4lt nicht lange an und ist auch nicht, wie bef\u00fcrchtet, das Ergebnis einer\nBlockade. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach mehreren anf\u00e4nglichen Sitzplatzwechseln, die\ndazu f\u00fchren, dass eine junge Frau neben ihrem Freund (oder umgekehrt) und eine\nMutter neben ihrer Tochter sitzen kann, lande ich neben einem jungen, sehr\ngutaussehenden Brasilianer, der sich als \u00e4u\u00dferst gespr\u00e4chig erweist. Er hei\u00dft\nWallace und spricht gerne und viel Englisch. Er schl\u00e4gt vor, ich solle\nPortugiesisch sprechen, und er Englisch. Sein Englisch ist gut, deutlich besser\nals mein Portugiesisch, vor allem ist er sehr fl\u00fcssig. Er habe alles im\nSelbststudium gelernt, seit zwei Jahren. Alle Achtung. Zuf\u00e4llig entdecken wir,\ndass wir beide Anki, das Wiederholungsprogramm, benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat so etwas wie eine Ingenieursausbildung,\narbeitet aber als Seemann, auf einer \u00d6lplattform. Er hat am Morgen am\nBusbahnhof schon vier Bier getrunken, und legt jetzt, an der ersten\nHaltestelle, noch mal zwei drauf. Heineken. Das sei st\u00e4rker als das\nbrasilianische Bier. Er zeigt mir auch, dass Heineken Kronkorken zum\nAbschrauben hat. Das ist wirklich praktisch. Warum er schon am Vormittag so\nviel trinke, will ich wissen. Er hat Nachholbedarf, auf der \u00d6lplattform gebe es\nalles umsonst, aber Alkohol und Drogen seien strikt verboten. Und er war jetzt\nvier Wochen dort. <\/p>\n\n\n\n<p>Er macht mich auch vertraut mit <em>coxinha<\/em>, einem beliebten brasilianischen\nImbiss, in der Form einer Zipfelm\u00fctze. Sie enth\u00e4lt eine Masse mit klein\ngehacktem H\u00e4hnchenfleisch, die dann paniert und frittiert wird. Sei gebe es in\nzwei Varianten, mit und ohne. Was dieses mit ist, das will ihm nicht so richtig\ngelingen, zu erkl\u00e4ren. Am Ende einigen wir uns auf Saure Sahne. <\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst stammt aus Santos, und ist hocherfreut,\nals ich sofort kommentieren kann: \u201ePel\u00e9, FC Santos.\u201c Er selbst wohnt hier an\nder Strecke. Paraty sei gut, aber ich m\u00fcsse unbedingt zur <em>Ilha Grande<\/em>. Von der berichtet er im Detail, und von weiteren\nOrten, die ich auf keinen Fall auslassen d\u00fcrfe. Und ich m\u00fcsse aufpassen in\nParaty. Mich w\u00fcrde man sofort als Touristen erkennen. Ich behaupte, ich k\u00f6nne\neher in Brasilien als Brasilianer als in Portugal als Portugiese durchgehen,\naber das will er nicht gelten lassen. Meine Haut sei zu hell. Also nicht so mit\ndem Handy durch die Gegend wedeln. Ich verspreche es. <\/p>\n\n\n\n<p>Er hat keine Kinder, ist aber verheiratet. Wie\nseine Frau das denn mit der langen Abwesenheit sehe, frage ich. Na ja,\nbegeistert sei sie nicht. Aber das mit der Ehe sei ja sowieso so eine Sache.\nDabei belassen wir es. Aber ein Gutes habe das auf jeden Fall: Seine Frau sei\nKrankenschwester, und wenn er krank sei, br\u00e4uchte er nicht ins Krankenhaus,\nsondern k\u00f6nne zu Hause bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>An der vorletzten Station steigt er aus, und dann\nsind wir auch schon bald in Paraty, nach f\u00fcnf Stunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, ob ich f\u00fcr die kurze Strecke ein Taxi\nnehme oder nicht, erledigt sich, weil keine Taxis zu sehen sind.\nGl\u00fccklicherweise hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen, und ich mache mich auf den Weg.\nDann ergibt sich ein unerwartetes Problem: Nicht alle Stra\u00dfen haben\nNamensschilder. Aber irgendwie gelingt es mir, mich durchzufragen, und dann komme\nich auf die richtige Stra\u00dfe. Am Stra\u00dfenrand ein alter VW-K\u00e4fer, mit einem improvisierten\nVerschluss am Kofferrau, in Blau und Rot bemalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man schon von weitem ein h\u00fcbsches Haus\nmit gr\u00fcn gestrichener Fassade. Das muss die Casa Verde sein. Ist es aber nicht.\nIch muss noch ein paar H\u00e4user weiter, und dann stehe ich vor dem richtigen\nHaus, aber vor einem verriegelten Gitter, mit einem l\u00e4nglichen Weg dahinter, an\ndessen Ende eine Treppe zu einer Wohnung f\u00fchrt. Eine Klingel gibt es nicht. Eine\nSMS kommt nicht an. Sieht nicht so gut aus. Ich versuche, mich durch R\u00fctteln am\nGitter und lautes Rufen bemerkbar zu machen und \u00fcberlege, ob ich vielleicht in\nder Nachbarschaft nachfrage. Ich hatte der Vermieterin noch geschrieben, wann\nich ankommen w\u00fcrde und habe ein offenes Haus erwartet. Irgendwann h\u00f6rt man\nhinten Stimmen, aber ich bin nicht sicher, ob sie aus dem Haus kommen. Dann\nerscheint eine Frau und l\u00e4sst mich rein. Sie stellt sich vor, hat einen\nindigenen Namen und ist nicht die Yvonne, die ich erwartet habe. Macht ja\nnichts. Hauptsache rein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das kleine Apartment ist wirklich ganz sch\u00f6n, hat\nsogar Herd und K\u00fchlschrank und eine Kaffeemaschine und eine kleine Sitzecke.\nDie Frau redet schnell, mit reichlichen Erkl\u00e4rungen, aber ich kann nicht ganz\nfolgen. Irgendetwas stimmt mit dem Abzug des WCs nicht, aber sonst sei alles in\nOrdnung. Sie gibt mir auch noch den Internetzugang und den Schl\u00fcssel und l\u00e4sst\nmich dann auspacken. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch hell, und da es nicht mehr regnet,\nkann ich noch einen Spaziergang machen. Der erste Eindruck ist eher entt\u00e4uschend,\nnicht h\u00e4sslich, aber auch nicht h\u00fcbsch, von Kolonialstil nichts zu sehen. An\nder Stra\u00dfe entlang reihen sich L\u00e4den, Reiseagenturen, Lokale. Scheint sehr auf\nden Tourismus eingestellt zu sein. Die ganze Passage ist aber doch ertr\u00e4glich,\nweil die H\u00e4user zu beiden Seiten niedrig sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die eigentliche Altstadt,\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone, niedrige H\u00e4user aus der Kolonialzeit zu beiden Seiten, dickes\nKopfsteinpflaster auf dem Weg. Die H\u00e4user sind alle wei\u00df get\u00fcncht, mit farbigen\nStreifen um die Fenstereinfassungen herum. Sehr sch\u00f6n anzusehen, aber\nvielleicht etwas einseitig auf touristische Zwecke ausgerichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg, wieder an der belebten Stra\u00dfe,\ngehe ich in ein Lokal, um einen Caipirinha zu trinken. Schmeckt gut, und ich\nbin der einzige Gast im Lokal und kann die Ruhe genie\u00dfen und den Tag Revue\npassieren lassen. Aber der Caipirinha kostet 26,50 R$, fast doppelt so viel wie\nan der Copacabana. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich entdecke noch ein paar Kleinigkeiten entlang\ndes Weges. Ein Lokal hei\u00dftSorveteparia, auf einem T-Shirt steht <em>Brasil acima de tudo, Deus acima de<\/em> <em>todos<\/em>. Und an einer Hauseinfahrt: <em>Quando estou dentro quero sair, quando estou\nfora, quero entrar. <\/em>K\u00f6nnte man auch \u00fcber die Ehe sagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedene Lokale nennen sich <em>Efiharia<\/em>. Denen bin ich in Rio nicht\nbegegnet, und \u00fcberhaupt sonst noch nicht. Scheint eine syrische Sache zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, klopft es an der T\u00fcr.\nIch denke zuerst, es ist die Frau von vorhin, die Mutter, aber es ist Yvonne,\ndie Tochter, wie ein junger Klon ihrer Mutter: l\u00e4ngliches Gesicht, schmale,\ngraugr\u00fcne Augen, glattes, blondes schulterlanges Haar, in der Mitte\ngescheitelt, knallroter Lippenstift, runde Ohrringe. Und um die Sache\nabzurunden, tragen sie beide eine auff\u00e4llige Zahnspange. So was hab ich noch\nnie gesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie will nur wissen, ob alles in Ordnung sei und\nempfiehlt noch schnell das Lokal, das ihr Freund im Zentrum betreibt, die <em>Pizzeria da Cidade<\/em>. Kann man sich\nmerken. <\/p>\n\n\n\n<p>4. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ziemliche Tristesse: Es regnet, der Himmel ist\nwolkenverhangen, und die Berge der Umgebung liegen im Dunst. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg f\u00fchrt zur Reinigung, nur ein paar\nH\u00e4user weiter. Da habe ich gestern Abend schon nachgefragt. Scheint genauso gut\nzu laufen wie in Rio. Ich gebe einen ganzen Beutel schmutziger W\u00e4sche ab, und\nam Nachmittag soll die schon fertig sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Busbahnhof. Durch Pf\u00fctzen. Hier\nsind nur wenige Schalter ge\u00f6ffnet, an einem gibt es Fahrkarten nach S\u00e3o Paulo.\nWieder geht alles wie am Schn\u00fcrchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof gibt es das <em>Caf\u00e9 do Parque<\/em>, gelegen vor h\u00e4sslichen Betons\u00e4ulen und Bussen mit\nlaufenden Motoren. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bringe ich es tats\u00e4chlich fertig,\nmich zu verlaufen. Das hat aber auch ein Gutes: Es hat aufgeh\u00f6rt, zu regnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man hier nach dem Weg fragt, werden, wie in\nanderen lateinischen L\u00e4ndern auch, die W\u00f6rter rechts und links mit aller Macht\nvermieden. Stattdessen geht es rauf oder runter oder r\u00fcber, begleitet mit vagen\nArmbewegungen in die gemeinte Richtung: <em>Sempre\npra baixo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage eine Stra\u00dfenkehrerin nach dem Zentrum, <em>o centro hist\u00f3rico<\/em>. Sie wei\u00df nicht, wo\ndas ist. Oder vielleicht wei\u00df sie gar nicht, was das ist. Hat mir ihrem Leben\nnichts zu tun, hat keiner weitere Bewandtnis f\u00fcr sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Es tauchen ein paar h\u00fcbschen H\u00e4userreihen auf,\nauch au\u00dferhalb der Altstadt, abwechselnd paarweise in blassem Gr\u00fcn, Blau und\nRot gestrichen, zweist\u00f6ckig, mit etwas Rasen vor dem Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Der VW-K\u00e4fer, den ich gestern in unserer Stra\u00dfe\ngesehen habe, ist nicht der einzige, der hier verkehrt. Alle sind bunt bemalt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Caf\u00e9, das in der Ecke eines kleinen\nSupermarkts untergebracht ist, bekomme ich einen Kaffee. Dazu einen Banoffee.\nKann mich noch lebendig daran erinnern, wie ich das Wort in Irland zum ersten\nMal geh\u00f6rt habe. In der Vitrine entdecke ich dann auch die <em>coxinhas<\/em>, von denen Wallace gestern im Bus erz\u00e4hlt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pousada Coqueiro<\/em>, <em>Pousada Por do Sol<\/em>,\n<em>Pousada Marques<\/em>, <em>Pousada Villaggio<\/em>, einen Mangel an Pensionen scheint es hier nicht\nzu geben. Die meisten machen einen guten, gepflegten\nEindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Hauptstra\u00dfe, vielbefahren, sehe ich\neinen Baum mit den Bl\u00e4ttern eines Kaktus. Bin erst ganz verwirrt, dann erinnere\nich mich an den Botanischen Garten und an die Kakteen, die andere B\u00e4ume als\nWirt benutzen. So eine ist diese auch. Der Baum hat ganz andere Bl\u00e4tter und\ntr\u00e4gt Fr\u00fcchte, vielleicht Kokosn\u00fcsse. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann treffe ich auf einen ambulanten H\u00e4ndler, der\nauf einer schwer beladenen Schubkarre seine Ware anbietet: Ananas, alle\n\u00fcbereinander gestapelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Paraty bietet Bootsausfl\u00fcge aller Art an, aber das\nWetter erledigt die Entscheidung von selbst. Bin auch nicht so sicher, ob das\nwas ist f\u00fcr mich, 90 Personen auf einem Boot, laute Musik, Strandaufenthalte,\nund das ganze dauert sechs Stunden mit dem k\u00fcrzesten Programm. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gibt es einen Stadtrundgang. Vor dem\nStadtrundgang finde ich nach langem Suchen eine Bar, in der ich eine <em>coxinha<\/em> bekomme. Schmeckt ganz gut, ein\nbisschen trocken, obwohl ich, ohne gefragt zu werden, wohl die Version mit der\nsauren Sahne bekommen habe oder dem Frischk\u00e4se.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin, blutjung, ist ein Sch\u00e4tzchen, aber\ndie F\u00fchrung ist eine mittlere Katastrophe. Sie ist hibbelig, kommt von H\u00f6lzchen\nauf St\u00f6ckchen, lacht st\u00e4ndig \u00fcber sich und das, was sie erz\u00e4hlt und \u00fcber das\nDurcheinander, das sie verursacht und schiebt spontan immer wieder Empfehlungen\nein, was wir morgen machen sollen. Wir gehen von einem Punkt zum n\u00e4chsten,\nbekommen aber keine Vorstellung davon, wo wir sind und wie die Stadt aufgebaut\nist, und bei den verschiedenen Kirchen, vor denen wir stehen, verliert sie kein\nWort \u00fcber die Architektur, zum Beispiel \u00fcber die auffallende Asymmetrie mit\neinem Turm zur einen und keinen zur anderen Seite. Und ihr Englisch hat so\nviele Auff\u00e4lligkeiten, dass es manchmal schwer ist, sich auf den Inhalt zu\nkonzentrieren. Alle Kirchen und H\u00e4user sind weiblich bei ihr: \u201eShe is the\noldest curch of Paraty.\u201c Schwer, da irgendeine Art von Essenz herauszuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tour beginnt an der <em>Pra\u00e7a da Matriz<\/em>. Hier steht Paratys imposantestes Geb\u00e4ude, die Nossa Senhora dos Remedios. Es\nist bereits der dritte Bau an dieser Stelle, ein Resultat der schnell\nwachsenden Bedeutung Paratys. Diese Kirche wurde nur von Wei\u00dfen benutzt. Eine\nandere Kirche, die <em>Igreja do<\/em> <em>Ros\u00e1rio<\/em>, wurde von den Sklaven benutzt,\nwieder eine andere, am Meer gelegen und seit \u00fcber 80 Jahren geschlossen, nur\nvon wei\u00dfen Frauen. Und Santa Rita war schlie\u00dflich die Kirche der Mulatten. Die\ndrei kleineren Kirchen gleichen denen von Rio und stammen wohl aus dem 18.\nJahrhundert. <em>Santa Rita<\/em> stellt sich\nin dem abendlichen D\u00e4mmerlicht, als wir fast am Ende der F\u00fchrung angelangt\nsind, am sch\u00f6nsten dar. <\/p>\n\n\n\n<p>An ihr vorbei sieht man in eine der vielen\nschmalen Stra\u00dfen des Zentrums mit niedrigen, wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4usern und mildem\nLicht von Stra\u00dfenlaternen hinein. Das ganze Zentrum ist ein Gewirr von solchen\nStr\u00e4\u00dfchen. Auf den ersten Blick scheinen die H\u00e4user rein kommerziellen Zwecken\nzu dienen, aber sp\u00e4ter sieht man von der R\u00fcckseite auch, dass sie bewohnt\nwerden. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Zentrum ist ein echtes Gewirr von Gassen und\nStra\u00dfen, und das, obwohl Paraty als die erste geplante Stadt Brasiliens gilt.\nAber die Stra\u00dfen haben, mit wenigen Ausnahmen, einen nicht ganz geraden\nVerlauf, was der Abwehr der Piraten galt. Man kann, das k\u00f6nnen wir mit eigenen\nAugen ansehen, durch den krummen Verlauf der Stra\u00dfe nicht sehen, wie viele\nStra\u00dfen von ihr abbiegen, unter hinter den Abbiegungen hielt sich immer ein bewaffneter\nMann versteckt, der dann \u00fcberraschend hervortreten konnte. An den Stra\u00dfenecken\ngibt es eine Besonderheit, f\u00fcr die es keine richtige Erkl\u00e4rung gibt. Es sind\nimmer nur an drei, nicht an allen vier Ecken, steinerne Pfosten in die Mauern\nder H\u00e4user eingelassen. Einige vermuten, dass das dem Einfluss der Freimaurer\nzu verdanken ist, f\u00fcr die die Zahl drei von besonderer Bedeutung ist. Andere\nsehen darin eher eine praktische Funktion. Die drei Punkte h\u00e4tten zur\nBerechnung bestimmter Distanzen gedient. In die Pfosten sind zudem Rillen\neingelassen. Die sollten im Falle eines Angriffs als Schie\u00dfscharten dienen. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle Stra\u00dfen des Zentrums sind mit dicken,\nunregelm\u00e4\u00dfigen Steinen belegt. Sehen sehr dekorativ aus, machen das Laufen aber\nschwer, und heute erst recht, weil sich nach dem Regen einiges an Wasser\nangesammelt hat. Das hat aber auch was mit der urspr\u00fcnglichen Planung der Stadt\nzu tun. Das Wasser sollte n\u00e4mlich in die Stadt kommen. Der Boden war so\nniedrig, dass bei Flut die Stra\u00dfen der Stadt im wahrsten Sinne des Wortes\n\u00fcberflutet und damit gereinigt wurden! Das Stra\u00dfenniveau hatte die Form eines\nV, h\u00f6her an den Seiten, niedriger in der Mitte, so dass sich in der Mitte eine\nRinne bilden konnte, die als Kanalisation diente, denn in diese Rinne landeten\ndie F\u00e4kalien. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Pflastersteine werden auf Portugiesisch so\netwas wie Kindersteine genannt, denn sie wurden von den Kindern von Sklaven\nverlegt. Sie mussten den Lehm feststampfen und dann auf die Steine springen,\ndamit sie sich im Lehm festsetzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Stra\u00dfenpflaster wurde sp\u00e4ter wieder\naufgerissen, als Kanalisation und Stromleitungen verlegt wurden. Das f\u00fchrte zu\neiner Erh\u00f6hung des Bodenniveaus, was man sehr sch\u00f6n an Santa Rita sehen kann,\nderen Eingang deutlich tiefer liegt und jetzt nur noch zwei Stufen hat, weil\ndie dritte im Boden verschwunden ist. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenecke sehen wir zwei sich\ngegen\u00fcberliegende H\u00e4user von der Art, die mit dem zunehmenden Reichtum Paratys\nentstanden. Sie repr\u00e4sentieren zwei unterschiedliche Typen. Das bescheidenere\nHaus hat h\u00f6lzerne Balkone, das aufw\u00e4ndigere hat Balkone aus Schmiedeeisen, und\ndie wurden extra aus England importiert. So stellte man seinen Reichtum dar.\nDie Balkone sind au\u00dferdem mit eisernen Streben und Ananasfr\u00fcchten versehen\nsowie mit Pinien aus Keramik. Als Besonderheit kommen dann noch \u201eTrompeten\u201c\ndazu, Ablaufrohre an der Fassade, durch die das Regenwasser auf die Stra\u00dfe\ngeleitet wurde. Das alles galt als besonders wertvoll. <\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4user, die ausschlie\u00dflich T\u00fcren im\nErdgeschoss haben, waren L\u00e4den oder Handelsh\u00e4user, die, die sowohl T\u00fcren als\nauch Fenster haben, dienten als Wohnh\u00e4user. Das kann man an zwei\nnebeneinanderliegenden H\u00e4usern gut erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sehen wir noch H\u00e4user mit noch aufw\u00e4ndiger\ngestalteten Fassaden. An denen sind zahlreiche blaue Muster in Quadraten\nangebracht, geheime Symbole der Freimaurer, die den Eingeweihten Auskunft \u00fcber\ndie Beschaffenheit des Hauses und die Eigenschaften des Eigent\u00fcmers gaben. Auch\nhier spielt die Zahl drei eine Rolle. An einem Haus, das wir sehen, sind 3 x 11\n= 33 Symbole vertreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin erw\u00e4hnt es nur im Vor\u00fcbergehen,\naber Paraty hat auch zwei Fl\u00fcsse. Die scheinen die Altstadt an den beiden\nL\u00e4ngsseiten zu begrenzen so wie das Meer an einer der Querseiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Paraty entstand urspr\u00fcnglich als Endpunkt eines Weges,\nder im 16. Jahrhundert von S\u00e3o Paulo durch das Para\u00edba-Tal f\u00fchrte und in Paraty\nals Landweg endete. Von dort fuhr man mit dem Schiff weiter nach Rio de\nJaneiro. Dieser Weg war angelegt worden von einem Nomadenvolk, den Guaian\u00e1s, um\ndie besonders steil aufragenden Berge des K\u00fcstengebirges, die Serra do Mar zu\n\u00fcberwinden und so die Verbindung zum Hochland herzustellen. Paraty war ein\nSumpfgebiet, und auch die Kirchen in Meeresn\u00e4he wurden noch auf Pf\u00e4hlen erbaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Bedeutung erhielt Paraty als Verbindungspunkt\nzwischen Minas Gerais, wo das Gold geborgen wurde, und Rio de Janeiro, wo das\nGold nach Portugal verladen wurde. Es diente dann zum Umschlagplatz in beide\nRichtungen auf dem <em>Caminho do Oro<\/em>,\nzum G\u00fctertransport zu den Minen und zum Goldtransport an den Hafen. Das 18.\nJahrhundert war seine Glanzzeit, ziemlich genau vom Anfang bis zum Ende des\nJahrhunderts. Er erlebte dann einen gro\u00dfen Einbruch, die Einwohnerzahl ging bis\nauf 4.000 zur\u00fcck. Dann kam, erst im 20. &nbsp;Jahrhundert, als die Touristen kamen. Das\nhatte Paraty seiner Umgebung zu verdanken, aber auch der Tatsache, dass&nbsp; die alte Bausubstanz erhalten blieb, nicht,\nweil man es wollte, sondern weil man kein Geld f\u00fcr den Abriss hatte. Inzwischen\nhat die Stadt wieder \u00fcber 30.000 Einwohner. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Niedergang haben etwas mit der\nAbschaffung der Monarchie und der Abschaffung der Sklaverei zu tun, aber was,\ndas ist der umst\u00e4ndlichen Erkl\u00e4rung unserer F\u00fchrerin nicht zu entnehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe anschlie\u00dfend in die <em>Pizzeria da Cidade<\/em>, von Vivian empfohlen, der Betreiber sei ihr\nMann. Dort wei\u00df man davon nichts, und mit ihrem Namen kann man erst nach\nl\u00e4ngerer Erkl\u00e4rung was anfangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal habe ich mich auf etwas eingelassen,\nwas ich eigentlich nicht wollte. Und bereue es sp\u00e4ter. Das Essen ist nicht\nschlecht, ich esse das, was ich auch in Deutschland in einem italienischen\nLokal essen w\u00fcrde, Pasta und Salat. Dazu gibt es guten argentinischen Wein. Ich\nbin alleine in dem Lokal und muss mich der etwas aufdringlichen Aufmerksamkeit\ndes Kellners erwehren. Zu tun haben sie nichts, hinter der Theke stehen zwei\nM\u00e4nner, von denen einer gelangweilt auf sein Handy schaut, der andere ein paar\nWeinflaschen im Regal umdreht. Immer wieder l\u00e4uft ein weiterer, unheimlich h\u00e4sslicher\nMann mit Karte unter dem Arm durch das Lokal, ohne dass man erkennen kann,\nwozu. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass er die Leute von der Stra\u00dfe ins Lokal\nholt, und zwar im Laufe der Zeit mit mehr und mehr Erfolg. Am Ende f\u00e4llt die\nRechnung h\u00f6her aus als in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>5. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen der Wohnung f\u00e4ngt Vivian mich ab.\nOb alles in Ordnung sei. Ich frage nach einer Touristeninformation. Da seien\ndoch auf der Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe reihenweise Reiseveranstalter. Ich versuche, ihr\nklarzumachen, dass ich die nicht suche, sondern eine st\u00e4dtischen\nTouristeninformation, wo ich mir vielleicht mal einen Stadtplan besorgen\nk\u00f6nnte. Ich interessierte mich mehr f\u00fcr das, was es in der Altstadt zu sehen\ngebe als f\u00fcr Ausfl\u00fcge mit Jeeps oder Booten. Ja, das k\u00f6nne ich doch, meint sie,\nin der Altstadt gebe es doch alte Kirchen zu besichtigen. Ich gebe auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenigstens regnet es heute Morgen nicht, der\nHimmel ist bew\u00f6lkt, aber es ist wieder ein ganzes St\u00fcck w\u00e4rmer als in den\nletzten Tagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Weg in die Altstadt treffe ich tats\u00e4chlich\nauf eine Touristeninformation. Aber die hat geschlossen, und \u00d6ffnungszeiten\nsind nirgendwo zu entdecken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Weg durch die gerade erwachende\nGesch\u00e4ftsstra\u00dfe komme ich in die noch menschenleere Altstadt. Der Regen ist inzwischen\nabgeflossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum Meeresufer. Dort gibt es ein Caf\u00e9,\ndas von au\u00dfen mehr hermacht als es h\u00e4lt, aber es gibt einen guten Kaffee und\nman kann in dem kleinen Innenhof sitzen und auf den K\u00fcstenstreifen und das Meer\nblicken. In dem Moment kommt auch noch die Sonne raus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Santa Rita fallen mir L\u00f6cher im Lehmboden\nzwischen den Pflastersteinen auf, kleine L\u00f6cher, aber viele. Wer hat die nur\ngemacht? Irgendwo sehe ich einen K\u00e4fer herumkrabbeln, und immer wieder gibt es\nirgendwo Bewegung, sobald ich mich bewege. Ich bleibe l\u00e4nger stehen, und dann\ntut sich was. Winzige Tierchen mit gelblicher Haut und Scheren krabbeln aus den\nL\u00f6chern, verschwinden dann wieder darin und krabbeln dann wieder heraus. Das\nm\u00fcssen Krabben sein oder Garnelen oder irgend so etwas. Ob sie vielleicht\ngerade geschl\u00fcpft sind? Und jetzt versuchen, irgendwie ans Wasser zu kommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Santa Rita ist heute ein Museum, das Museum f\u00fcr\nsakrale Kunst. Es ist eine einfache, einschiffige Kirche, mit einem einfachen\nHolzdach im Langhaus und einem steinernen Tonnengew\u00f6lbe im Chor versehen. Die\nW\u00e4nde sind schmucklos, im Westen eine kleine Empore, im Norden eine aus der\nWand heraustretende steinerne Kanzel. Was an der Kirche Rokoko sein soll, wie\nes hier in der Beschreibung hei\u00dft, versteht man nicht. Hauptaltar und\nSeitenalt\u00e4re tragen allerhand Schmuck und unterscheiden setzen sich dadurch vom\nRest der Kirche ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der rechten Seite stehen in verschiedenen\nVitrinen Figuren, die die Tagesheiligen des Oktober und des November darstellen,\nohne jeden k\u00fcnstlerischen Anspruch, darunter eine primitive Teresa d\u2019Avila mit\nEinritzungen im Gesicht, die Nase und Mund darstellen und gleich eine ganze\nReihe von Statuen der brasilianischen Nationalheiligen, <em>Nossa Senhora Aparecida, <\/em>einer schwarzen Madonna.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter die Figuren auf der anderen Seite,\nbesonders die kleineren, alle polychromes Holz oder Terrakotta, alle aus dem\nXVII und XVIII, alle anonym. Man sieht Santa Rosa de Lima mit dem Palmzweig der\nM\u00e4rtyrer, eine schmerzenreiche Maria mit schmerzverkr\u00fcmmtem K\u00f6rper, ein Schwert\nin die Brust eindringend, San Roque mit der obligatorischen Pestbeule und dem\nobligatorischen Hund, der hier aber etwas in der Schnauze h\u00e4lt, das er dem\nHeiligen entgegenh\u00e4lt, vielleicht ein Buch. Dann eine sehr kecke Santa Suzana,\nmit h\u00fcbsch in einem Netz zusammengehaltenem Haar, einem Buch in der Hand und\neinem Loch in dem panzerartigen Brustschutz, den sie tr\u00e4gt. Diese L\u00f6cher in den\nStatuen hatten wohl irgendeine Funktion. Zum Schluss noch eine Anna, als\nLehrerin, ein Buch in der Hand. Maria, auf ihrem Scho\u00df sitzend, zeigt mit einem\nFinger auf eine Zeile in dem Buch. Der Thron, auf dem sie sitzen, hat die F\u00fc\u00dfe\neines schwarzen Vogels mit vergoldeten Enden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Schwalbe hat sich in die Kirche verirrt und\nversucht, wieder den Ausgang zu finden. Gl\u00fccklicherweise kommt helles Licht von\nhinten und von der Seite. <\/p>\n\n\n\n<p>Santa Rita, hei\u00dft es hier, sei eine Zeitlang auch\nMatriz war, zu der Zeit, als die andere Kirche abgerissen war und neu errichtet\nwurde. Auf diese Zeit geht wohl eine Prozession zur\u00fcck, von der hier die Rede\nist. Sie f\u00fchrte von der einen Kirche zur anderen. Diese Prozession muss\nirgendetwas Anr\u00fcchiges gehabt haben, zumindest in den Augen der Kirche, denn\nirgendein W\u00fcrdentr\u00e4ger verbot sie. Dagegen erhoben sich Proteste, und die waren\nerfolgreich. Jetzt wird die Prozession wieder durchgef\u00fchrt. Fr\u00fcher waren nur\nM\u00e4nner dabei, Frauen und Kinder waren ausgeschlossen, denn die Nacht stand\nunter der Herrschaft des F\u00fcrsten der Finsternis, und dagegen mussten sie\nnat\u00fcrlich gesch\u00fctzt werden.&nbsp; <em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Meer ist von hier aus ganz nah. Auf einem\nl\u00e4nglichen Steg und dann am Kai kann man am Ufer entlang laufen. Auf dem\nGel\u00e4nder des Stegs l\u00e4sst sich unmittelbar vor mir ein gro\u00dfer, langbeinger\nwei\u00dfer Vogel nieder, mit gelben Schnabel und schwarzen Beinen. Ich r\u00fchre mich\nnicht, er sich auch nicht, und ich kann eine wunderbare Nahaufnahme von ihm\nmachen, wobei ich ihm aber den Schnabel abschneide. Was f\u00fcr ein Vogel kann das\nsein? Vielleicht ein Reiher? Die F\u00fchrerin hat gestern von V\u00f6geln berichtet, die\nhier am Ufer auf Fischjagd sind, aber die m\u00fcssen ganz ungew\u00f6hnlich sein und\neinen krummen Schnabel haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Steg und am Kai liegen zahlreiche Schiffe und\nBoote, Ausflugsboote, Privatboote und Fischerboote. Die hei\u00dfen <em>Raul Trindade<\/em>, <em>Estrela Solitaria<\/em>, <em>Mestre Jonas<\/em>,\n<em>Globo Mar<\/em> und \u2013 <em>Lacoste<\/em>. Mit Krokodil.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Kais befindet sich der Fischmarkt. Es\nriecht nach Fisch und nach Meer. Hierher verirrt sich kaum ein Fremder. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder in der Stadt bin, sehe ich, dass\ndie Touristeninformation jetzt tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet hat. Ich bekomme einen\nStadtplan und ein paar Hinweise. Als ich dann wieder in der Altstadt bin, h\u00f6re\nich auf einmal eine Stimme hinter mir. Ich meine, meinen Namen zu h\u00f6ren. Es ist\nVivian. Sie sagt mir freudestrahlend, sie habe einen Stadtplan f\u00fcr mich\ngefunden. Sie h\u00e4tte ihn an meine T\u00fcr geh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hilfe des Stadtplans finde ich zur <em>Casa da Cultura<\/em>. Sie ist in einem der\ngr\u00f6\u00dften H\u00e4user der Altstadt untergebracht, in Gelb und Gr\u00fcn, den\nbrasilianischen Farben gehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus hat einen sch\u00f6nen Innenhof, aber die\nAusstellung ist eher bescheiden. Das Haus fungiert wohl eher als Treffpunkt,\nals Kulturzentrum. Es gibt sogar einen Vortragssaal und einen Auff\u00fchrungssaal. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung geht es um Meerestiere hier in\nder Umgebung von Paraty. Es gibt eine Video-Installation mit den typischen\nAufnahmen, die zwar ganz eindrucksvoll sind, aber nicht so vielsagend. Am\ntollsten ein steil aus dem Wasser aufsteigender Delphin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind auch ein paar Dinge ausgestellt, darunter\nZ\u00e4hne, nach Gr\u00f6\u00dfe angeordnet, vom Thunfisch (erstaunlich klein) bis zum\nSchwertwal. Beeindruckend der Sch\u00e4del eines Schwertwals und vor allem der\nR\u00fcckenwirbel eines Blauwals. Entspricht ungef\u00e4hr meinem Oberschenkelknochen. <\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass die jungen Delphine drei Jahre\nbei der Mutter bleiben, um das Jagen zu lernen, dass der Delphin beim auch im\nSchlaf weiterschwimmt und dass der Fleckendelphin ohne Flecken auf die Welt\nkommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich noch kurz in die <em>Igreja Matriz<\/em>, aber das lohnt sich\nnicht, trotz der sieben Alt\u00e4re, von der unsere F\u00fchrerin gestern noch so\nbegeistert erz\u00e4hlt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor der Kirche wird aufgebaut,\nB\u00fchnen f\u00fcr ein gro\u00dfes Literaturfestival, das im Laufe dieses Monats hier\nstattfindet. Paraty ist inzwischen weit \u00fcber seine Grenzen hinaus daf\u00fcr\nbekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Stadtplan in der Hand finde ich jetzt auch\nzu dem Fluss, oder zumindest zu einem davon. Eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke f\u00fchrt auf die\nandere Seite, wo es viel stiller ist als hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kleinen Pause gehe ich ins <em>Sabor da Terra<\/em>, einem im Reisef\u00fchrer\nempfohlenen Lokal an der Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe, au\u00dferhalb der Altstadt. Hier wird\nauch pro Kilo abgerechnet. Das ist alles ganz \u00e4hnlich wie in der Grill Inn in\nRio, und die Preise gleichen sich auch. Ein freundlicher Kellner kommt, nachdem\nich brasilianisches Bier bestellt habe, gleich mit zwei Sorten an, Brahma und\nTherez\u00f3polis. Das nehme ich, der Abwechslung halber. Schmeckt auch gut.\nTherez\u00f3polis ist die eigenwillige Schreibweise f\u00fcr den Ort, der Teres\u00f3polis\nhei\u00dft, in Petr\u00f3polis liegt und tats\u00e4chlich nach der Ehefrau Pedros II. benannt\nist, der \u201eMutter der Brasilianer\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich noch mal in die Altstadt. Ich tue\nmich bei dem Gehen \u00fcber die gro\u00dfen Pflastersteine schwer und wundere mich dar\u00fcber,\nmit welcher Sicherheit andere das sogar mit Flip-Flops bewerkstelligen. Locker\nbew\u00e4ltigen das auch die Pferde der Pferdekutschen. An einer Stelle hat jemand\nmit einem umgedrehten alten Schuh eine L\u00fccke zwischen zwei Pflastersteinen\ngeschlossen. In einer Stra\u00dfe gibt&nbsp; es in\nder Mitte einen schmalen Streifen mit glatten Steinen, aber der ist unter\nFahrradfahrern, Mopedfahrern und Fu\u00dfg\u00e4ngern umstritten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann erlebe ich noch zuf\u00e4llig Paratys Geschichte\nlive, als ich noch mal an die K\u00fcste komme. Hier gibt es einen Durchlass durch\ndie Kaimauer, und durch den str\u00f6mt gerade das Wasser und \u00fcberflutet die Stra\u00dfe.\nDie ist jetzt wirklich nicht passierbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann entdecke ich, dass die Krabben von heute\nMorgen auch verschwunden sind. Sie m\u00fcssen die Flut genutzt haben, um ins Meer\nzu gelangen!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach Hause komme, merke ich\npl\u00f6tzlich, dass ich den Fluss nicht in der Ferne h\u00e4tte suchen m\u00fcssen. Er\nverl\u00e4uft keine zwanzig Meter hinter dem Haus. Eine geschwungene Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke\nf\u00fchrt auf die andere Seite. Von der Br\u00fccke hat man einen sch\u00f6nen Blick in beide\nRichtungen, mit Hausbooten am Uferrand und den Bergen in der Ferne. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall in Paraty, aber in meiner Stra\u00dfe\nbesonders, sind Fahrr\u00e4der unterwegs. Sie sind alt, haben kein Licht und in der\nRegel keine Gangschaltung und keinen Gep\u00e4cktr\u00e4ger. Sie scheinen aber genau die\nrichtigen Reifen f\u00fcr dieses Pflaster zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Stra\u00dfe kann man vielleicht keine\nrichtige Armut, aber doch \u00e4rmliche Verh\u00e4ltnisse sehen, an den Fahrr\u00e4dern, den\nAutos, der Kleidung und den H\u00e4userfassaden. An einem Holzverschlag h\u00e4ngt noch\nein Aufkleber Lula 13 von der Wahl. Hier bin ich dem \u201ewahren\u201c Brasilien\nvermutlich n\u00e4her als bisher auf der Reise. <\/p>\n\n\n\n<p>6. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name der brasilianischen W\u00e4hrung ist <em>Real<\/em>. Das ist der Name einer uralten\nspanischen W\u00e4hrung. Im Portugiesischen ist der Plural, im Gegensatz zum\nSpanischen, aber <em>Reais<\/em>. Die Abk\u00fcrzung\nist R$, wobei das zweite Zeichen wie das des Dollars aussieht, aber, wie es\nhei\u00dft, ganz einfach f\u00fcr \u201aW\u00e4hrung\u2018 steht. Manchmal sieht es auch anders aus, so\ndass man es nicht mit dem Dollarzeichen verwechseln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geldscheine sind auf der Vorderseite alle\ngleich, haben die allegorische Figur der Republik, wohl eine Anlehnung an die\nfranz\u00f6sische Marianne. Auf der R\u00fcckseite sind wilde Tiere abgebildet, von Land,\nLuft und Wasser. Die Werte gehen von 2 Reais bis zu 200 Reais, also grob\ngerechnet 50 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geldscheine kleben h\u00e4ufig zusammen und sind\nsehr abgegriffen. Entweder ist das Material schlechter oder sie werden l\u00e4nger\nim Umlauf gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alten M\u00fcnzen haben auch vorne das Abbild der\nRepublik, bei den neuen gibt es etwas mehr Variation. Da sind ein\nUnabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer, ein Staatspr\u00e4sident und der erste Kaiser abgebildet.\nDie gr\u00f6\u00dfte M\u00fcnze ist 1 Real, es geht runter bis auf 1 Centavo, dabei ist auch\neine M\u00fcnze von 25 Centavos. Der Real sieht ein bisschen wie eine unserer\nEuro-M\u00fcnzen aus.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen der Vorhersage regnet es nicht. Das ist\nvor allem von Vorteil f\u00fcr den Weg mit Gep\u00e4ck zum Busbahnhof. Vivian gibt mir\nnoch mit auf den Weg, ich solle sie mit 10 Punkten bewerten. Die bekommt sie\nnicht. Dazu war das Wasser der Dusche zu kalt und die Matratze zu hart. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht auf die Minute p\u00fcnktlich los, nach\ndem Theater mit Gep\u00e4ckaufgabe und Ausweis- und Fahrkartenkontrolle. Im\nUnterschied zu dem Busfahrer dieser Tage macht dieser eine Ansage: Begr\u00fc\u00dfung,\nwir m\u00f6gen uns anschnallen, es gebe nur eine Pause von 30 Minuten, nach zwei\nStunden Fahrt, und mit der Ankunft in S\u00e3o Paulo k\u00f6nne gegen halb drei gerechnet\nwerden&nbsp; &#8211; wenn nichts dazwischenk\u00e4me. Er\nspricht sehr deutlich und ich verstehe, vielleicht zum ersten Mal, jede Silbe. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal bleibt der Platz neben mir frei. Hinter\nmir ein Paar, ein junger Mann und eine junge Frau, die w\u00e4hrend der gesamten sechs\nStunden Fahrt unentwegt reden, gl\u00fccklicherweise nicht mit brasilianischer\nLautst\u00e4rke. Sie sprechen Englisch, sind aber beide keine Muttersprachler,\nobwohl ihr Englisch ausgezeichnet ist, so gut, dass man sie schwer einordnen\nkann. Am Ende tippe ich auf Holl\u00e4nder und Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt ist wie eine Fortf\u00fchrung der Fahrt von\nRio nach Paraty, sowohl, was die Stra\u00dfe als auch was die Landschaft betrifft.\nNur kommt diesmal das Meer mehr zur Geltung. Immer wieder Str\u00e4nde, einige gut\nbesucht, andere fast verlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stromleitungen verlaufen hier immer\n\u00fcberirdisch, innerorts und au\u00dferhalb. In den Orten knubbelt sich das manchmal\nganz sch\u00f6n, vor allem an Stra\u00dfenkreuzungen, aber es gibt wenige \u201eDurchh\u00e4nger\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese noch mal den Reiseverlauf, den mir Angelika\nund ihr Mann, meine Frankfurter Gew\u00e4hrsleute, von ihrer Brasilienreise gegeben\nhaben. Sie waren ganze sechs Wochen hier, und das schien mir damals etwas\n\u00fcbertrieben f\u00fcr eine erste Brasilienerkundung. Aber jetzt sehe ich ein, dass\nsie alles richtig gemacht haben. Sie haben unheimlich viel gesehen, ohne sich zu hetzen: Rio de Janeiro,\nPantanal, Brasilia, Manaus, Amazonas, Salvador, Belo Horizonte, Ouro Preto,\nParaty, Curitiba, S\u00e3o Paulo. Ein richtig buntes, vielf\u00e4ltiges\nProgramm.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach genau zwei Stunden kommt die Pause, in einem\nOrt mit dem wunderbaren Namen Ubatuba. Das Lokal, eine Art Rastst\u00e4tte, hat die\nHausnummer 1739. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es auch eine Tankstelle. Der Preis\nbetr\u00e4gt 3,79 f\u00fcr Diesel und 4,99 f\u00fcr Benzin, also 1\u20ac. Die Autos k\u00f6nnen hier\nauch eine <em>ducha\nr\u00e1pida<\/em> bekommen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder sehr brasilianisch das Verfahren in dem\nCaf\u00e9. Man muss eine Karte aus einem Automaten ziehen und damit ein Drehkreuz\npassieren. Auf der Karte werden dann die anstehenden Zahlungen elektronisch\nverarbeitet. Beim Ausgang zahlt man, bekommt die Karte zur\u00fcck, und muss mit\ndieser wieder das Drehkreuz passieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen hinter der Theke fragt mich, als ich\neinen Milchkaffee bestelle, ob ich ihn <em>mais\nbranco<\/em> oder <em>mais preto<\/em> haben\nwolle. Danke sehr. <em>Mais<\/em> <em>branco<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich gerade, ob es in Brasilien keine\nAutobahn gibt, als wir auf eine fahren. Sp\u00e4ter kommen auch Mausstellen.\nTrotzdem sieht man auf dem Standstreifen sogar vereinzelte Radfahrer und zwei\nFu\u00dfg\u00e4nger, und das, obwohl weit und breit kein Ort zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter die Fahrt geht, umso dichter werden die\nWolken. Wir haben uns von der K\u00fcste entfernt und fahren durch unansehnliche\nIndustriegebiete. Irgendwo tauchen die ersten Wolkenkratzer auf, aber das ist\nnoch nicht S\u00e3o Paulo. K\u00f6nnte das Santos sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte es einmal Zweifel an S\u00e3o Paulo gegeben\nhaben, dann sind die durch zwei gewichtige Argumente entkr\u00e4ftet worden:\nFu\u00dfball-Museum und Museum der portugiesischen Sprache. Dazu kommt Luz, die\nerste durch die brasilianischen Krankenschwestern von St. Irminen vermittelte\n\u201eAnlaufstelle\u201c. Sie hat sogar darauf bestanden, mich am Bahnhof abzuholen.\nWiderstand zwecklos. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt S\u00e3o Paulo in Sicht. Wolkenkratzer \u00fcber\nWolkenkrater. Dagegen ist Manhattan rein gar nichts. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen etwa zur angek\u00fcndigten Zeit an, nach\nknapp sechs Stunden. Aber keine Lu in Sicht. Ich beschlie\u00dfe, erst mal noch zu\nwarten. Es ist noch fr\u00fcher Nachmittag. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich eine Frau in der Distanz, die mich\nansieht. Das muss sie sein. Wir haben uns gegenseitig nicht erkannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist perfekt zweisprachig, Portugiesisch und\nSpanisch. Von den Brasilianern spricht sie nicht sehr vorteilhaft, und von\nderen Portugiesisch auch nicht. Sie macht w\u00e4hrende der paar Stationen in der\nU-Bahn vier, f\u00fcnf Bemerkungen \u00fcber Sprache, zu denen ich vier, f\u00fcnf Vortr\u00e4ge\nhalten k\u00f6nnte. Das erspare ich ihr aber. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier kann man als Senior gratis mit der\nU-Bahn fahren. Die U-Bahn selbst ist wie in Rio, nur gibt es an den Bahnsteigen\nAbsperrungen, die nur da ausgelassen sind, wo sich die T\u00fcren \u00f6ffnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Netz der U-Bahn ist gr\u00f6\u00dfer als in Rio, und S\u00e3o\nPaulo selbst ist auch gr\u00f6\u00dfer. Wir brauchen nur mit einer U-Bahn-Linie zu fahren\nund passieren dabei Para\u00edso, dem unsch\u00f6nen Stadtteil mit dem sch\u00f6nen Namen, von\ndem in Nootebooms Roman die Rede war. <\/p>\n\n\n\n<p>In Ana Rosa steigen wir aus. Dort ist das Hotel.\nDas ist eine sehr bescheidene Angelegenheit. Das Zimmer hat fast nichts au\u00dfer\neinem riesigen Bett, das den Gro\u00dfteil des Raums einnimmt. Es gibt nur drei\nKleiderhaken, keinen Stuhl, nur eine ausklappbare Schreibplatte und nur eine\nSteckdose. Na ja, da muss man durch. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zur U-Bahn-Station Jap\u00e3o-Libertade.\nHier befindet sich das Viertel der japanischen Einwanderer, von denen, wie Luz\nbetont, es viel mehr als deutsche oder italienische gegeben habe. Und die haben\nsich vor allem in S\u00e3o Paulo niedergelassen. Sonntags findet hier ein\njapanischer Markt statt, mit allerhand Fressst\u00e4nden und Verkaufsst\u00e4nden, teils\nmit japanischen, teils mit brasilianischen Produkten, teils von Japanern, teils\nvon Brasilianern betrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe hat Laternen, die japanisch aussehen,\nund irgendwo gibt es eine Schautafel mit japanischen Schriftzeichen \u2013 die wohl\nauf die <em>Libertade<\/em> Bezug nehmen \u2013 aber\nman hat nicht das Gef\u00fchl, irgendwo in Japan zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken einen Saft, wieder mit starker\nnat\u00fcrlicher S\u00fc\u00dfe. Es ist Zuckerrohsaft, also Rum ohne Alkohol. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lerne, dass ein Kiosk hier <em>banca<\/em> hei\u00dft und der VW-K\u00e4fer <em>fusca<\/em> oder <em>fusquinha<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Es herrscht ziemlicher Trubel, und ich werde noch\neinmal ermahnt, besser auf meine Sache aufzupassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in dem Trubel sto\u00dfen wir auf eine bronzene\nStatue, auf dem Stra\u00dfenpflaster stehend und eine f\u00fcllige Frau darstellend.\nSieht nicht unbedingt japanisch aus. Ist sie auch nicht. Es ist eine\nBrasilianerin, die erste Sambalehrerin mit einer eigenen Schule. Kommt einem\nauf den ersten Blick komisch vor, dass es daf\u00fcr eine Statue gibt, aber die\nInschrift stellt es klar: Die Statue ist eine Hommage an eine Frau, die den Mut\nhatte, Unternehmerin zu werden und selbst\u00e4ndig eine private Schule zu\nbetreiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Kathedrale. Luz hat mich schon\nauf die Szene vorbereitet, Brasiliens Elend. Der ganze Platz ist voller\nObdachloser. Die einen liegen, auf den ganzen Platz verteilt, in Decken geh\u00fcllt\nauf dem Boden, die anderen bilden eine lange, mehrreihige Schlange. Sie warten,\noffensichtlich geduldig, darauf, einen Platz in den improvisierten Zelten und\neine warme Mahlzeit zu bekommen. Sie seien nicht gewaltt\u00e4tig oder gef\u00e4hrlich,\nmeint Luz. Einfach nur arm dran. In die Obdachlosenheime gingen sie nicht, weil\nsie dort schlecht behandelt w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zur\u00fcck nach Ana Rosa und gehen dann in\neiner Lanchonette etwas essen. Wir bestellen auch noch einen Nachtisch, wobei\nich eine Rumkugel im Kleinformat bekomme. Ich glaube, die wurde schon in Rio in\nder <em>Confeitaria Colombo<\/em> als\nbrasilianische Spezialit\u00e4t angepriesen. Bald hat&nbsp; Luz aber Mitleid mit mir und meinem m\u00fcden\nGesichtsausdruck und entl\u00e4sst mich in mein f\u00fcrstliches Appartement. <\/p>\n\n\n\n<p>7. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es einen gef\u00fchrten Stadtrundgang.\nDurchs Zentrum. Treffpunkt ist die <em>Pra\u00e7a da\nRep\u00fablica<\/em>. Praktischerweise ist dort gleich ein Kiosk der\nTouristeninformation. Und da gibt es einen Stadtplan, der einen guten \u00dcberblick\nbietet. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin ist eine Nervens\u00e4ge. Sie hat ein paar\nlockere Spr\u00fcche darauf, die sie bis zur Erm\u00fcdung wiederholt, und sie glaubt,\nuns irgendwie unterhalten statt informieren zu m\u00fcssen. Dazu kommen die\nst\u00e4ndigen Wiederholungen. Bei <em>jedem<\/em>\nHochhaus glaubt sie sagen zu m\u00fcssen, ob und wann man rauffahren kann und was\ndas ggf. kostet. Nat\u00fcrlich hat man von \u00fcberall her einen wunderbaren Ausblick. <\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass die Tour dreieinhalb Stunden\ndauert. Mit einer zwanzigmin\u00fctigen Kaffeepause. Ich h\u00f6re nachher einige der\nTeilnehmer ganz begeistert von ihr sprechen. Kommt wohl an. Ganz uniformativ\nist die F\u00fchrung nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e3o Paulo wurde 1554 gegr\u00fcndet, an dem Festtag der\nBekehrung des Apostels Paulus, daher der Name. Die Gr\u00fcnder waren Jesuiten, die\nin der N\u00e4he eine Missionsstation betrieben. Unter den Gr\u00fcndern befand sich\nManuel de N\u00f3brega, der sich sp\u00e4ter so kritisch mit der portugiesischen\nBesiedlung auseinandersetzte. <\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e3o Paulo war lange ein unbedeutendes Dorf. Bis\nder Kaffee kam. Und mit ihm Siedler aus Europa, vor allem aus Italien. Heute\nhat S\u00e3o Paulo 12 Millionen Einwohner, mit dem Umfeld 21 Millionen, und ist eine\nder gr\u00f6\u00dften Metropolregionen der Welt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es bildeten sich im Laufe vier Viertel aus, alle\nmit kleinem Abstand voneinander, die den Kern der Stadt bildeten: das Zentrum,\nPaulista, Pinheiro, Ibirapuera. Mit jeder Erweiterung entdeckte die Oberschicht\njeweils ein neues Viertel f\u00fcr sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser erster Halt ist vor einem eher unscheinbaren\nHochhaus, dem <em>Hiper<\/em>, dessen Bedeutung\ndarin besteht, dass es das erste \u201emodernistische\u201c Geb\u00e4ude der Stadt war, ein\nGeb\u00e4ude, das auf den typischen Fassadenschmuck der anderen H\u00e4user verzichtete\nund auf klare, n\u00fcchterne Architektur setzte. Durch den Kontrast mit einigen der\nhier erhaltenen \u00e4lteren Bauten wird das deutlich. Hier w\u00e4re man als Tourist\ngelangweilt vorbeigegangen, zumal die \u00e4lteren H\u00e4user, einschl. des <em>Hiper<\/em>, unter den umstehenden\nWolkenkratzern untergehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Geb\u00e4ude aus der Zeit vor dem <em>Hiper<\/em>, ein dreist\u00f6ckiges Haus, das, wenn\nich es richtig verstanden habe, einen Grundriss in der Form eines E hat. Es\nwurde gegr\u00fcndet als Schule, von jemandem, der die Erziehung der Kontrolle der\nJesuiten entziehen wollte. Heute ist es tats\u00e4chlich der Sitz des\nErziehungsministeriums, des <em>Minist\u00e9rio De<\/em> <em>Educa\u00e7\u00e3o<\/em>,\naber das E ist wohl eine zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt, an einer\nStra\u00dfenecke, schr\u00e4g zum Platz stehend, das auff\u00e4llige <em>Edif\u00edcio It\u00e1lia<\/em>, ein schmaler Wolkenkratzer mit der abgerundeten\nSeite zum Platz hin. Das wurde von den italienischen Einwanderern gebaut. Es\nist das zweitgr\u00f6\u00dfte Geb\u00e4ude S\u00e3o Paulos und eins der gr\u00f6\u00dften Lateinamerikas. Es\nist Heim eines italienischen Clubs, eines italienischen Theaters, eines\nitalienischen Restaurants und sein Architekt stammte aus \u2013 Deutschland. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das <em>Cop\u00e1n<\/em>, von Niemeyer gebaut. Es hat\nunglaubliche 1100 Wohnungen und eine eigene Postleitzahl. Eine Besonderheit des\nGeb\u00e4udes ist, dass es Wohnungen sehr unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe und Beschaffenheit\numfasst. Es soll f\u00fcr jeden Geldbeutel etwas dabei sein. Die Fassade ist\ngeschwungen, und man vergleicht das Haus mit einer Flagge oder einer Welle. Das\nist von hier aus nicht so gut zu erkennen, wohl aber auf Photographien aus der\nLuft oder aus gr\u00f6\u00dferem Abstand. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die <em>Igreja da Concei\u00e7\u00e3o<\/em>, neoromanisch, mit\nzwei kleinen und einem gro\u00dfen Turm und einer Rosette. In der N\u00e4he befindet sich\nder <em>Cemit\u00e9rio da Consola\u00e7\u00e3o<\/em>, der zur\nder Gemeinde geh\u00f6rige Friedhof, der \u00e4lteste der Stadt, von 1858. Also kein\nFriedhof zwischen dem Jahr der Gr\u00fcndung, 1554, und 1858! Das f\u00fchrte dazu, da\ndie Bestattung auf dem Kirchhof kostspielig und nur Privilegierten vorbehalten\nwaren, dass \u00fcberall illegale Friedh\u00f6fe entstanden. Noch heute st\u00f6\u00dft man bei\nBauarbeiten immer wieder auf alte Knochenfunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann blicken wir auf ein\nHochhaus mit einer interessanten Baugeschichte. Es wurde errichtet von\njemandem, der keine Lizenz als Architekt hatte und Freunde dazu bewegen musste,\nf\u00fcr ihn die Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Sein Vater war Nihilist und sprach\nsich gegen jede Art von offizieller beruflicher Laufbahn aus. Die Besonderheit\ndieses Baus ist die Fliegende Untertasse, auf blauen Pfeilern auf das Dach gesetzt.\nEs beherbergt ein Restaurant. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur\nNationalbibliothek. Sie ist benannt nach Mario de Andrade, einem der\nbekanntesten brasilianischen Autoren. Die Nationalbibliothek wurde von einem\nfranz\u00f6sischen Architekten entworfen und ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Brasiliens. Auf dem\nB\u00fcrgersteig vor der Bibliothek befindet sich ein Kunstwerk in der Form des\ngestalteten Pflasters, in schwarzen und wei\u00dfen Steinen ein Muster bildend. In\ndas Pflaster ist das Wort f\u00fcr <em>Bibliothek<\/em>\nin verschiedenen Sprachen eingelassen. Das Kunstwerk hei\u00dft <em>Para Ler<\/em>, \u201aZum Lesen\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das <em>Theatro Municipal<\/em>, die Oper S\u00e3o Paulos,\nvon Ramos de Azevedo nach dem Vorbild der Pariser Oper erbaut und 1911 er\u00f6ffnet.\nDie Oper war das erste Geb\u00e4ude mit elektrischem Licht in S\u00e3o Paulo und zog\ndeshalb bei der Er\u00f6ffnung 20.000 Zuschauer an, die nicht die Oper, sondern das\nerleuchtete Geb\u00e4ude sehen wollten. Sie verursachten den ersten Verkehrsstau in\nder Geschichte S\u00e3o Paulos. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen \u00fcber den <em>Viaduto do Ch\u00e1<\/em>, die \u201aTeebr\u00fccke\u2018, benannt\nnach einer Teeplantage, die sich hier befand. Heute unvorstellbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus hat man\neinen kuriosen Blick auf das \u00e4lteste Hochhaus S\u00e3o Paulos, mit grauer, geschm\u00fcckter\nFassade und einer Krone auf dem Dach. Es kommt deshalb besonders zur Geltung,\nweil es genau zwischen zwei modernen Wolkenkratzern durchblickt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Ende der\nBr\u00fccke befindet sich das Rathaus, geschm\u00fcckt mit drei Flaggen, der von\nBrasilien, der vom Staat S\u00e3o Paulo (schwarz-wei\u00df) und der von der Stadt S\u00e3o\nPaulo (rot-wei\u00df). Das Geb\u00e4ude, in einem sehr n\u00fcchternen Stil errichtet, war\nurspr\u00fcnglich das Kaufhaus eines italienischen Einwanderers, der es zum\nMultimillion\u00e4r brachte, Matarazzo. Er war unter anderem der erste, der\nK\u00fchlschr\u00e4nke vertrieb. \u00dcber den Balkonen liest man mmm. Was deren Bedeutung ist, ist umstritten. Das erste\nsteht wohl f\u00fcr den Kaufmann selbst, das zweite entweder f\u00fcr seinen Sohn oder\nf\u00fcr den Architekten, dessen Vornamen mit M beginnt \u2013 oder f\u00fcr Mussolini, mit\ndem Matarazzo eng verbunden war. Auf dem Dach des Hauses befinden sich ein\nGarten, dessen B\u00e4ume man von der Stra\u00dfe aus sieht, sowie ein eigener Teich mit\nPflanzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine der\n\u00e4ltesten Kirchen der Stadt, Santo Ant\u00f4nio, und kommen dann zum ersten Mal in\neine schmalere Stra\u00dfe, ohne Autoverkehr, einer Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe. Viele L\u00e4den sind\naufgegeben worden und \u00fcberall sieht man Schilder, die die Lokale zur Miete\nanbieten: <em>Aluga-se<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Kaffeepause\nsehen wir die Fassade einer eigent\u00fcmlichen Doppelkirche, <em>S\u00e3o Francisco<\/em>. Die Franziskaner hier k\u00fcmmern sich besonders um die\nObdachlosen und haben eine Einrichtung zu deren Versorgung mit Essen gegr\u00fcndet.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur\nKathedrale. Die F\u00fchrerin will nicht mit uns auf den Vorplatz der Kathedrale\ngehen, das sei zu gef\u00e4hrlich. Stattdessen sehen wir aus einiger Distanz von dem\nLaubengang einer Bank aus auf die Kirche. Sie bezeichnet den Bau als\nneogotisch, aber die Kuppel in der Mitte will nicht so recht dazu passen. Die\nKathedrale ist nicht weiter bemerkenswert, au\u00dfer durch ihre pannenbesetzte\nBaugeschichte. Erst wurde sie nicht rechtzeitig zu einem bestimmten Jubil\u00e4um\nfertig, dann wurde sie eingeweiht, obwohl noch die T\u00fcrme fehlten, dann regnete\nes irgendwann herein. Insgesamt zog sich die ganze Sache \u00fcber den gr\u00f6\u00dften Teil\ndes 20. Jahrhunderts hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen auf einen\nWandgem\u00e4lde, riesig, die gesamte Seitenwand eines Hochhauses einnehmend. Es\nstellt einen Indio mit einer Lanze und einer Art in der Brust dar. Dieses\nWandgem\u00e4lde, erfahren wir, sei gerade erst fertig geworden, vor wenigen Tagen.\nDer K\u00fcnstler legt Wert darauf, seine Farben im wahrsten Sinne des Wortes aus\ndem Boden S\u00e3o Paulos zu holen. So ist das Ocker dieses Wandgem\u00e4ldes aus dem\nBoden vor der Kathedrale entnommen worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir die rosa\nFassade eines Palasts, des Solar da Marquesa de Santos, der der Zufluchtsort\neiner von Pedro I. versto\u00dfenen M\u00e4tresse war. Der Palast bildet zusammen mit dem\nbenachbarten Geb\u00e4ude das heutige Stadtmuseum. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommen wir\nzur Keimzelle S\u00e3o Paulos, dem <em>P\u00e1tio do\nCol\u00e9gio<\/em>, bestehend aus der Jesuitenkirche und dem angrenzenden\nlanggestreckten Schulgeb\u00e4ude, zweist\u00f6ckig, mit sch\u00f6nen blau gerahmten Fenstern,\nallerdings wohl ein Nachbau der urspr\u00fcnglichen Schule. Nach der Ausweisung der\nJesuiten war dieses Geb\u00e4ude Regierungssitz. Heute ist es wohl eine Art\nKulturzentrum. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der F\u00fchrung bin\nich kurz mit zwei Frauen aus Puerto Rico ins Gespr\u00e4ch gekommen. Sie sind in\nBrasilien, um sich t\u00e4towieren zu lassen. Und dann mit einem jungen Mann aus\nSpanien und seiner brasilianischen Ehefrau. Sie haben sich in Spanien\nkennengelernt und leben in Salamanca. Er stammt aus Madrid. Sie ist seit f\u00fcnf\nJahren in Spanien und spricht ausgezeichnet Spanisch, er hat keine Lust,\nPortugiesisch zu lernen. Er h\u00e4lt von der Sprache nichts. Es ist sein erster\nBesuch in Brasilien. Sie sind auch in Manaus gewesen. Das habe ihm sehr\ngefallen. Von da aus brauche man nicht in den Amazonas fahren, das sei im\nAmazonas. Als ich ihn frage, ob die Reise teuer gewesen sein, antwortet er, er\nwisse es nicht. Das habe seine Frau bezahlt. <\/p>\n\n\n\n<p>8. November\n(Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht das <em>Museu do Ipiranga<\/em> auf dem Programm,\nallgemein eher bekannt als <em>Museu Paulista<\/em>.\nLuz will mitgehen. Erst sollen wir uns an der Metro treffen, dann will sie zum\nHotel kommen. Sie will um 10 Uhr da sein. Als sie um 10.30 immer noch nicht da\nist, bitte ich die Frau an der Rezeption, mir einen Wagen von Uber zu besorgen.\nMacht sie. In sieben Minuten sei er da. Kurz davor taucht Luz auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt f\u00fchrt durch\nein angenehmes, gr\u00fcnes Wohnviertel. Davon habe es fr\u00fcher viel mehr gegeben,\nerfahre ich. Aber die seien der Bodenspekulation zum Opfer gefallen. Das\nn\u00e4chste Viertel legt genau davon Zeugnis ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer entl\u00e4sst uns\nam Rande eines Parks. Dort steht, erh\u00f6ht auf einem Sockel, ein triumphales Denkmal\nf\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens. Davor ein Lehrer mit Schulkindern in\nUniform.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen den breiten,\nsanft ansteigenden Weg zum Museum rauf. An der Seite ein Baum, der lilafarben\nbl\u00fcht. Sieht wie Lavendel aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sonnig und\nwunderbar warm. Vor dem Museum befindet sich ein gro\u00dfer Brunnen mit\nverschiedenen Font\u00e4nen, die im Sonnenlicht glitzern. Von oben haben wir sp\u00e4ter\naus dem zweiten Stock einen sch\u00f6nen Blick auf den Brunnen und den Park und die\nSilhouette von S\u00e3o Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude selbst,\nockerfarben gehalten, breit, zweist\u00f6ckig, ist als Monument der Unabh\u00e4ngigkeit\nBrasiliens erbaut worden. Sp\u00e4ter erf\u00e4hrt man in der Ausstellung, mit welchen\nSchwierigkeiten der Bau verbunden war. Der urspr\u00fcngliche Plan, der ein noch\ngr\u00f6\u00dferes Museum vorsah, musste abge\u00e4ndert werden. Auch so war der Bau eine\nabsolute Neuheit, moderner und gr\u00f6\u00dfer als alles, was es bis dahin in Brasilien\ngab. Man sieht auf einem Gem\u00e4lde, wie isoliert es noch in der Landschaft lag,\nauf einem kleinen H\u00fcgel, Natur rund herum. Auf einem anderen Gem\u00e4lde sieht man\ndie Er\u00f6ffnungsfeier, mit 10.000 festlich gekleideten Schulkindern, mit einer\nMusikkapelle und mit Girlanden und F\u00e4hnchen an der Fassade. Muss ein\nGro\u00dfereignis gewesen sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau wurde von\nitalienischen Architekten errichtet, zum Teil mit italienischen Materialien.\nDen Stil k\u00f6nnte man als Neo-Renaissance bezeichnen. Es gibt Pfeiler und\nPilaster \u00fcberall und eine durchlaufende Balustrade auf dem Dach, aber keinen\nSkulpturenschmuck. Der Bau hat einen hervortretenden Mittelrisalit mit\nFreitreppe, zwei Seitenfl\u00fcgel und zwei daran anschlie\u00dfende Pavillons.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Eintritt erlebt man\nBrasilien mit seinen Widerspr\u00fcchen. Das Museum, gerade erst modernisiert und\nzur 200-Jahr-Feier der Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens neu er\u00f6ffnet, ist hypermodern,\nmit Ton und Bild in allen Ausstellungsteilen, der Kartenverkauf erfolgt\nausschlie\u00dflich elektronisch. An der Garderobe sitz aber eine einzige Frau, die\ndie Rucks\u00e4cke und Handtaschen entgegennimmt und ausgibt. Sie muss f\u00fcr jeden\nBesucher handschriftlich ein Formular mit dessen Namen und\nPersonalausweisnummer ausf\u00fcllen! Kein Wunder, dass es hier eine unendliche\nSchlange gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung beginnt\nim Foyer mit verschiedenen Gem\u00e4lden, darunter dem von Tibirica, dem ersten\nIndio, der eine Allianz mit den Portugiesen einging. Sein Verb\u00fcndeter war Joao\nRamalho, einer der ganz fr\u00fchen Kolonisatoren. Auch der ist hier abgebildet,\nzusammen mit seinem Sohn. Dessen Mutter war&nbsp;\nTibiricas Tochter. Tibirica nahm sp\u00e4ter auch einen portugiesischen Namen\nan, Martim Afonso, nach einem portugiesischen Entdecker. Zusammen mit Ramalho\ngr\u00fcndeten sie die erste portugiesische Siedlung in Brasilien. Wenn ich das\nrichtig verstanden habe, lag die im Stadtgebiet des heutigen S\u00e3o Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten\nAbteilung geht es um die <em>bandeirantes<\/em>,\ndie furchtlosen und sicher nicht zimperlichen M\u00e4nner, die das Landesinnere\nerforschten und f\u00fcr sich in Besitz nahmen. Sie sind hier auf Wandtellern, auf\nAndenken, auf Vasen, auf Briefmarken und als Maskottchen zu sehen. Jeder\nBrasilianer hat eine klare visuelle Vorstellung von ihnen: wei\u00df, langer Bart,\nbreitkrempiger Hut, eine besonderer Wams, <em>gib\u00e3o<\/em>,\neine Flinte, hohe Stiefel. Es gibt aber keine einzige Darstellung eines <em>bandeirantes<\/em> aus der Zeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Erkundungen der <em>bandeirantes <\/em>gibt es ein gro\u00dfes, helles\nGem\u00e4lde. Es zeigt sie aber nicht bei der Eroberung des Landes, sondern beim\nAufbruch von der Siedlung. Kisten und S\u00e4cke werden auf Boote verladen, am Ufer\nstehen M\u00e4nner, die ihre H\u00fcte in der Luft schwenken und Frauen mit Schleiern mit\nbesorgtem und traurigem Gesichtsausdruck. Die Indios sind nicht pr\u00e4sent. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferordentlich sch\u00f6n\nein ebenfalls langes Gem\u00e4lde von der \u00dcberschwemmung von V\u00e1rzea do Carmo, eines\nOrtes, der heute ein Stadtteil von S\u00e3o Paulo ist. Die \u00dcberschwemmung ereignete\nsich 1892. Man sieht auf den ersten Blick gar nicht, dass es sich um eine\n\u00dcberschwemmung handelt. Keine rei\u00dfenden Fl\u00fcsse, keine Wassermassen. Das Leben\nscheint wie gewohnt weiter zu gehen. Die Fabrikschornsteine rauchen, H\u00e4ndler\nund K\u00e4ufer dr\u00e4ngen sich auf dem Marktplatz, Pferde und Kutschen sind zu sehen,\nund auf zwei Stra\u00dfen ist die Stra\u00dfenbahn zu sehen, die weiterhin f\u00e4hrt. Das\nBild ist geradezu sch\u00f6n anzusehen, eine horizontale Linie teilt es in zwei\nTeile, der obere Teil stellt einen blauen Himmel mit ein paar wei\u00dfen und ein\npaar dunklen Wolken dar. Unterhalb der Linie die langgezogene Stadt, mit einem\ngr\u00fcnen H\u00fcgel an einer Seite, mit dem Fluss und einer Br\u00fccke in der Mitte und\nden Bergen im Hintergrund. Von Katastrophe keine Rede. Tats\u00e4chlich richtet die\nFlut schwere Sch\u00e4den an, es gab Todesopfer durch Ertrinken, Mauern st\u00fcrzten\nein, der Verkehr blieb stocken. Calixto, der Maler, wusste davon, zog es aber\nvor, eine moderne Stadt darzustellen, eine Stadt, die mit solchen\nUngl\u00fccksf\u00e4llen zurechtkommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passend eine\nfaszinierende Montage, bei der Gem\u00e4lde mit den Photos verglichen werden, nach\nderen Vorlage sie entstanden. Die Gem\u00e4lde wurden von dem Museum selbst 1860 in\nAuftrag gegeben. Auch hier gilt das Prinzip der Idealisierung. Ein Mann im Vordergrund\nbekommt einen anderen, antikisierenden Hut verpasst, einige Figuren\nverschwinden, andere kommen dazu, die Fassaden der H\u00e4user br\u00f6ckeln nicht ab,\ndie Kirche ist gr\u00f6\u00dfer als in Wirklichkeit, die Stra\u00dfen sind gepflastert und\nkeine Lehmpfade, und die auf einer Stra\u00dfe sich auft\u00fcrmenden Steine zur\nPflasterung sind im Gem\u00e4lde schon verarbeitet. Dazu kommt nat\u00fcrlich die Farbe\nder Gem\u00e4lde im Gegensatz zum Schwarz-Wei\u00df der Photos. Wunderbar. Da k\u00f6nnte man\nstundenlang zusehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Gem\u00e4lde\ndes <em>Grito de Ipiranga<\/em>, der Ausruf des\nKaisers zur Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens, mit dem pathetischen Spruch \u201eIndepend\u00eancia\nou Morte\u201d. Das Gem\u00e4lde, Geschichtsklitterung erster Klasse, haben wir bereits\nin Petr\u00f3polis gesehen. Wo das Original h\u00e4ngt, wei\u00df ich nicht. Und erst jetzt\nmerke ich, dass Ipiranga hier ist! Wir sind im <em>Museu do Ipiranga<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es handfestere\nDinge. Handwerkzeug und Ger\u00e4te, die ersten, die noch importiert werden mussten\nund trotzdem Menschen erforderten, die sie in Stand halten und reparieren konnten.\nSo was vergisst man leicht. Es sind B\u00fcgeleisen und N\u00e4hmaschinen zu sehen, aber\nauch S\u00e4gen, Zangen, Hobel, Kleiderb\u00fcgel und Fingerh\u00fcte. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders herausgestellt\nwird ein Werkzeug, das eine doppelte Funktion hat. Auf Portugiesisch hat es den\nwunderbaren Namen <em>bico de papagaio<\/em>,\n\u201aPapageienschnabel\u2018. Von der einen Seite ist es Rohrzange, von der anderen\nSchraubschl\u00fcssel. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird eine\ninteressante Parallele gezogen zwischen handwerklicher Fertigkeit und Lesen und\nSchreiben einerseits und Gehen andererseits. Alles seien keine \u201enat\u00fcrlichen\u201c\nFertigkeiten, alles m\u00fcssten m\u00fchsam gelernt werden, mit Unsicherheit und\nLangsamkeit am Anfang. Alle w\u00fcrden dann irgendwann so sehr assimiliert, dass\nman sich der einzelnen Schritte, die man m\u00fchsam lernen musste, gar nicht mehr\nbewusst ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke f\u00fchrt auch\nzu einem Loblied auf das Handwerk, das in dieser Hinsicht mit den\nintellektuellen Fertigkeiten \u00fcbereinstimmt. Es werden Handwerksberufe\ndargestellt, die auch die Industrialisierung \u00fcberlebten wie Schneider oder Schuster.\nDie seien durch Maschinen nicht zu ersetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen\nInformationen zur Entwicklung der Landwirtschaft in Brasilien. Die wurde meist\nvon Sklaven, Einwanderern und brasilianischen Migranten betrieben. Kaffee,\nZuckerrohr, Apfelsinen, Bananen wurden angebaut, ausschlie\u00dflich in Handarbeit.\nMan sieht sechs sch\u00f6ne Gem\u00e4lde, auf denen verschiedene Phasen des Prozesses\ndargestellt werden, Ernte, Trocknung, Verpackung und schlie\u00dflich der\nAbtransport in einer Prozession von Ochsenkarren. Bis 1960 lebte noch der\nallergr\u00f6\u00dfte Teil der brasilianischen Bev\u00f6lkerung auf dem Land. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst ab Mitte des 19.\nJahrhunderts wurde der Gesundheit und Hygiene Beachtung geschenkt. Ein\nWegbereiter war ein Ingenieur, Sohn eines Wei\u00dfen und einer schwarzen Sklavin.\nEr setzte sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr Verbesserungen ein, mittels eigener Planungen\nund mittels Initiativen. Die Ausstellung hat dazu Bilder unter dem Titel \u201eDie\nunsichtbare Stadt\u201c. Kanalisation, Entw\u00e4sserung, Pflasterung,\nStra\u00dfenbahnschienen. So wurde S\u00e3o Paulo allm\u00e4hlich zu einer modernen Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben l\u00e4ngst nicht\nalles, aber genug gesehen, und gehen anschlie\u00dfend in einen ganz in der N\u00e4he\ngelegenen Club, der von Unternehmen aus S\u00e3o Paulo finanziert wird. Hier finden\nLeseabende und \u00e4hnliche Veranstaltungen statt. Aus &nbsp;der Sporthalle h\u00f6rt man die Stimmen von\nJugendlichen. Von der Trib\u00fcne aus kann man sie beobachten. Die Volleyballer und\ndie Basketballer teilen sich das Spielfeld, und zwei Jungen spielen Tischtennis\nin einer originellen Variante: Jeder hat seine eigene Platte und man spielt auf\ndie Platte des Gegners. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir essen ein Sandwich\nin dem Garten. Dabei leistet uns ein gro\u00dfer, bunter Singvogel Gesellschaft,\naber photographieren l\u00e4sst er sich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend fahren wir\nmit dem Bus und der U-Bahn zur Avenida Paulista. Wir steigen in <em>Para\u00edso<\/em> um. Ich muss schnell noch ein\nPhoto von der U-Bahn-Station machen, in Erinnerung an unseren letzten Roman,\ndessen erste Szene in S\u00e3o Paulo spielt. Dabei wird auf die Ironie des Namens\nvor dem Hintergrund der d\u00fcsteren Wirklichkeit des Viertels hingewiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Paulista ist eine\nsechsspurige Stra\u00dfe und das Viertel Paulista das renommierteste Viertel S\u00e3o\nPaulos. Sie ist Anlass f\u00fcr einen bissigen Ausspruch zur Ehe, der in S\u00e3o Paulo\nverbreitet ist: <em>A Paulista \u00e9 igual a\ncasamento. Come\u00e7a no Para\u00edso e termina na Consola\u00e7\u00e3o<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man Wolkenkratzer\nsehen will, ist man hier richtig. Einer reiht sich an den anderen, zu beiden\nSeiten der Stra\u00dfe, und zwischen ihnen sieht man auf weitere Wolkenkratzer in\nder zweiten Reihe und dann immer wieder in den Seitenstra\u00dfen. Die Variation ist\nriesig. Sch\u00f6n sind vor allem die mit den gl\u00e4sernen Fassaden, in denen sich\nandere Geb\u00e4ude spiegeln, oder die mit unkonventionellen Formen, wie das des\nArbeitgeberverbandes, ein nach oben sich verengender Bau oder ein Rundbau oder\neiner mit schwarzen geometrischen Formen an der Fassade, die nach oben immer\nrarer und kleiner werden. Sie sehen wie Fenster aus, sind aber keine. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier haben Banken und\ngro\u00dfe Unternehmen ihren Sitz, ebenso Konsulate und das renommierteste\nKrankenhaus S\u00e3o Paulos, Santa Catarina. Au\u00dferdem sitzen hier das Landgericht\nund das Justizministerium. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall am Stra\u00dfenrand\nfliegende H\u00e4ndler. Bei einem sehen wir Cashew, Bestandteil des ersten Safts,\nden ich in Rio serviert bekommen habe, und die Jackfrucht, von dem Baum, den\nich die ich im Botanischen Garten in Rio gesehen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand wird <em>Palo Santo<\/em> angeboten, ein Holz, das\neinen Duft abgibt, der entfernt an Myrrhe erinnert, eine typische Sache aus\nPeru. Und: Ist der Mann an dem Stand Peruaner oder Brasilianer? Argentinier!\nIch solle, wenn ich nach Argentinien reise, unbedingt C\u00f3rdoba besuchen, seine\nHeimatstadt, nicht so sehr wegen der Stadt als wegen der Umgebung. <\/p>\n\n\n\n<p>Luz versucht, die\nHerkunft der M\u00e4dchen zu erraten, die Schmuck verkaufen. Bei den beiden ersten\nliegt sie richtig, beide sind Ecuadorianerinnen. Bei der dritten liegt sie\nfalsch. Sie tippt auf Peruanerin. Ist aber auch Ecuadorianerin. <\/p>\n\n\n\n<p>Der (halboffizielle)\nName f\u00fcr McDonalds in Brasilien ist Mequi. Als wir an einer Fiale mit dieser\nBezeichnung vorbeikommen, erfahre ich, dass Bolivien keinen McDonalds hat.\nGl\u00fcckliches Bolivien!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir\nvor dem Koreanischen Konsulat noch die Figur eines Mannes, der sich verbeugt.\nEine Anspielung auf die koreanische Praxis, mit einer Verbeugung seine Reverenz\nvor anderen zu erweisen und mit ihr einen Kontakt zu initiieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich in die\nLanchonete um die Ecke. Es gibt Kotelett mit Maniok, dem obligatorischen Reis\nund den ebenso obligatorischen Bohnen, die immer, aus irgendwelchen Gr\u00fcnden, in\neinem eigenen Sch\u00fcsselchen serviert werden. Dazu gibt es, ebenfalls in einem\neigenen Sch\u00fcsselchen, eine gelbe, k\u00f6rnige Masse, die, wie ich auf Nachfrage\nerfahre, <em>farofa<\/em> hei\u00dft. Das ist in\nButter ger\u00f6stetes Maniokmehl. Das Fleisch ist hervorragend, es f\u00e4llt wie von\nalleine vom Knochen und ist wunderbar saftig. Am Nebentisch ein Mann, der das\ngleiche Gericht bestellt hat und dazu einen Obstsaft trinkt. Scheint hier nicht\nso ungew\u00f6hnlich zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Nachtisch genehmige\nich mir dann endlich mal die <em>a\u00e7ai<\/em>,\nmit Bananenst\u00fcckchen in einer eisigen Fl\u00fcssigkeit serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Theke steht <em>N\u00e3o vendemos fiado<\/em>. Das muss ich erst im\nW\u00f6rterbuch nachgucken. Wir schreiben nicht an, bei uns kann man nicht auf Pump\nwas kaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>9. November\n(Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Um zum <em>Museo da Lingua Portuguesa<\/em> zu kommen,\nmuss man zur Metrostation Luz, der gr\u00f6\u00dften \u00fcberhaupt. Hier hat man Anschluss an\nvier weitere Linien und an die Vorortz\u00fcge. Die Metro von S\u00e3o Paulo ist gr\u00f6\u00dfer\nals die von Rio, und die Stationen sind besser gekennzeichnet drau\u00dfen, mit\neiner schlanken S\u00e4ule. Die Stationen haben klangvolle Namen wie Jabaquara,\nTucuruvi und Itaquaquecetuba, aber auch Eucaliptus, Villa Limpa und Sa\u00fade. <\/p>\n\n\n\n<p>In der gro\u00dfen Station\nist es nicht so leicht, sich zurechtzufinden, und dann ist auch noch der\nAusgang gesperrt. Man muss durch einen kleinen Aufzug nach oben. Aber dann\nbraucht man nicht weiter zu suchen. Man steht gleich vor dem Eingang des\nMuseums. Das ist in dem Bahnhofsgeb\u00e4ude untergebracht, einem viktorianisch\naussehenden Geb\u00e4ude mit Backstein und sch\u00f6n gestalteten Eisentr\u00e4gern und einem\nGlasdach \u00fcber den Gleisen. Von oben kann man auf die abfahrenden Z\u00fcge\nhinunterschauen. Hier verkehren Vorortsz\u00fcge. Zwischen den gro\u00dfen St\u00e4dten gibt\nes in Brasilien keine Z\u00fcge, nicht einmal zwischen S\u00e3o Paulo und Rio. Es soll\naber einer geplant sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bahnhofsgeb\u00e4ude\nerscheint dann Luz, noch ein paar Minuten sp\u00e4ter als ich, etwas knapp, denn wir\nhaben eine festgelegte Eintrittszeit. Das erweist sich aber alles als\nhinf\u00e4llig, denn die Karten, die sie besorgt hat, gelten nicht, hier gibt es\nkeinen Seniorenrabatt. Wir m\u00fcssen hier welche kaufen, und k\u00f6nnen das, entgegen\nihrer Behauptung, ohne Probleme tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, auf zwei\nEbenen angeordnet, ist ausgezeichnet, aber f\u00fcr mich nicht ideal: Das, was ich\nverstehe, wei\u00df ich schon, das, was ich nicht wei\u00df, verstehe ich nicht. Das gilt\nf\u00fcr die ganze obere Ebene. Die steht unter dem Motto <em>Lingua Viva<\/em>. Dort kann man an verschiedenen S\u00e4ulen Sprecher\nverschiedener Gesellschaftsgruppen h\u00f6ren, die etwas zur Sprache sagen,\nK\u00fcnstler, Kinder, S\u00e4nger, Einwanderer, Handwerker usw. Leider komme ich da gar\nnicht mit. Es wird alles in Geb\u00e4rdensprache \u00fcbersetzt, aber Untertitel gibt es\nnicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die untere Etage steht\nunter dem Motto <em>Viagens da Lingua<\/em>.\nDas ist vertrautes Terrain. Sehr gut hier die Darstellung unserer Sprachfamilie,\nmit elektronischen Pfeilen gemacht, durch die lange Horizontale besser verst\u00e4ndlich\nals in jedem Lehrbuch. Der Weg f\u00fchrt vom Protoindoeurop\u00e4ischen bis zum\nPortugiesischen. Man sieht gut die verschiedenen Abzweigungen und auch die\nverloren gegangenen Sprache, die abgestorbenen Zweige wie das Oskische bei den\nitalischen Sprachen oder das Attische bei den Sprachen Griechenlands. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Portugiesischen\nBrasiliens wird auf den Einfluss der Bandoleiros und der Eingeborenen bei der\nHerausbildung der Variation aufmerksam gemacht, aber auch auf den sp\u00e4terer\nEinwanderergruppen: Deutsche, Italiener, Japaner, Libanesen, Syrer, Polen,\ninsgesamt 5 Millionen in der Zeit von 1850-1950. Ein passendes Beispiel ist <em>Chau<\/em>, das aus dem Italienischen\n\u00fcbernommen, aber orthographisch angepasst wurde und hier, anders als im\nItalienischen, nur zur Verabschiedung gebraucht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Linguist erkl\u00e4rt die\nEntwicklung der Sprache und weist dabei auf <em>esp\u00edritu<\/em>\nhin, das eigentlich vier Silben hat, von einigen Sprechern aber einsilbig\nausgesprochen wird. Es sagt auch, dass wegen des Verlusts der Endungen im\nPortugiesischen, oder zumindest im brasilianischen Portugiesisch, der Gebrauch\nder Personalpronomen obligatorisch geworden sei. Das widerspricht allem, was\nich gelernt und beobachtet hat. Leider kann man das nicht mit ihm diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n die\nBeispiele, die zeigen, dass das Portugiesische nicht aus dem klassischen\nLatein, sondern aus dem Vulg\u00e4rlatein abgeleitet wurde. Deshalb haben wir <em>cavalo<\/em> (Vulg\u00e4rlatein <em>caballus<\/em>) und nicht <em>equus<\/em>, <em>casa<\/em> (Vulg\u00e4rlatein\n<em>casa<\/em>) und nicht <em>domus<\/em>, <em>estrela<\/em> (Vulg\u00e4rlatein\n<em>stella<\/em>) und nicht <em>sidus<\/em>, <em>beber<\/em> (Vulg\u00e4rlatein <em>bibere<\/em>)\nund nicht <em>potare<\/em>. Auch die Literatur\nnahm diese Sprachformen an, wie ein hier ausgestelltes Buch von 1499 belegt, <em>Batalha de Amor dem Sonho de Polifilo. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von den einzelnen\nW\u00f6rtern, die diskutiert werden, finde ich <em>manioca<\/em>\nam interessantesten. Das Wort kommt aus einer Eingeborenensprache. Die\nEingeborenen nutzten es schon seit Jahrtausenden, als die Europ\u00e4er kamen. Die\nwaren sehr davon angetan, sahen es als eine gute Alternative zu Weizen an, wo\nder nicht angebaut werden konnte. Die Indios konsumierten zwei Arten von\nManiok, die s\u00fc\u00dfe Variante, die auch <em>aipim<\/em>\nhei\u00dft, und die scharfe Variante. Die war von Natur aus giftig und musste\nstundenlang gekocht werden, um essbar zu werden. Levi-Strauss sieht die Domestizierung\ndes Manioks als eine der gro\u00dfen Leistungen der Zivilisation an, die\nTransformation eines Giftes in das t\u00e4gliche Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum f\u00fchrt\nmich Luz noch zum Denkmal f\u00fcr die lateinamerikanische Einigkeit. Auf einem\nriesigen, in der Mitte fast leeren Platz, auf den man nur auf Umwegen gelangt,\nsteht eine gro\u00dfe Hand mit einer Schnittwunde, aus der Blut l\u00e4uft, eine\nAnspielung auf Eduardo Galeanos Buch <em>Las\nvenas abiertas de Am\u00e9rica Latina.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In einem der Geb\u00e4ude ist\neine Ausstellung untergebracht, mit traditionellen Objekten aus den\nverschiedenen lateinamerikanischen L\u00e4ndern<em>,\n<\/em>Masken, Musikinstrumente, Schiffe, Kleider. Sehr sch\u00f6n eine Sammlung von\nMasken aus Paraguay. Kurios die anthropomorphen Tongef\u00e4\u00dfe in Form von Musikern\nmit den traditionellen Instrumenten wie Panfl\u00f6te.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter uns befindet sich\nein dreidimensionales Modell Lateinamerikas, mit Bergen, Fl\u00fcssen und Meeren,\neinigen St\u00e4dten und landestypischen Dingen. Es macht uns Spa\u00df, hin und her zu\nwandern und die verschiedenen L\u00e4nder und Gebiete zu identifizieren. <\/p>\n\n\n\n<p>10. November\n(Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es zum <em>Museu do Futebol<\/em>. Das ist in einem\nStadion untergebracht, dem <em>Est\u00e1dio do\nPacaemb\u00fa<\/em>. Es liegt etwas abseits, die Fahrt dahin nimmt einige Zeit in\nAnspruch. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Stadion, heute\noffiziell <em>Est\u00e1dio Municipal<\/em>, kann\nnicht besichtigt werden. Es wird umgebaut. Am Ende der Ausstellung gibt es\neinige Bilder und Informationen zum Bau des Stadions, das in den vierziger\nJahren zu den modernsten des Landes geh\u00f6rte. Dort wurden auch bei der WM 1950\nSpiele ausgetragen.&nbsp; Das Stadion war\nfr\u00fcher das von Corinthians, die spielen aber heute in einem anderen Stadion. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Schalter ein\nbest\u00fcrzendes Erlebnis. Ich frage nach Seniorenrabatt, und der Mann sagt mir\nl\u00e4chelnd, der habe er schon einberechnet. Das Gesicht reicht als Ausweis.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist\nhervorragend, auf verschiedenen Ebenen untergebracht, je weiter nach oben man\nkommt, umso mehr herrschen Bild und Ton vor. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Eingangshalle\neine gro\u00dfe Wand mit Nachbildungen von Pokalen, Wimpeln, Stadien, Fu\u00dfb\u00e4llen aus\nPappmache. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber die Fahnen der\nbei der WM in Katar beteiligten L\u00e4nder, und darunter ein altes Photo von Pele\nin Katar. Der hat damals mit seinem FC Santos ein Freundschaftsspiel in Doha\nausgetragen und damit das Fu\u00dfballfieber in Katar ausgel\u00f6st. Das war damals noch\nein armes Land mit Fischfang als wichtigsten Wirtschaftszweig. Heute schl\u00e4gt\nsich die Bedeutung von Fu\u00dfball in den modernen Stadien nieder, die sich alle in\neinem kleinen Umkreis befinden, und in Qatar Airlines als Sponsor bedeutender\nFu\u00dfballvereine. <\/p>\n\n\n\n<p>Fu\u00dfb\u00e4lle werden in einer\nganzen chronologisch angeordneten Reihe ausgestellt, von 1922 bis 2022. Der\nerste, aus Leder, br\u00e4unlich, mit deutlich sichtbaren N\u00e4hten und einem Ventil\nf\u00fcr die Blase, hat mit dem letzten nichts mehr gemeinsam. \u00c4hnlich eine\nAufreihung von Fu\u00dfballschuhen. Bei den ersten sieht man noch, dass sie sich den\nNamen <em>Fu\u00dfballstiefel<\/em> verdienen. <\/p>\n\n\n\n<p>Trikots der\nbrasilianischen Nationalmannschaft, auch chronologisch angeordnet, zeigen den\nwiederholten Wechsel von Gr\u00fcn-Gelb zu Blau-Gelb und zur\u00fcck, vor allem aber das\nwei\u00dfe Trikot, das anfangs lange Standard war. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Clubs hier in\nSao Paulo waren Clubs der Einwanderer und hie\u00dfen Palestra It\u00e1lia oder S.C.\nGermania. Der Fu\u00dfball wurde hier eingef\u00fchrt von einem gewissen Charles Miller,\nnach dem auch Pl\u00e4tze oder Stra\u00dfen hier benannt sind. Er spielte in V\u00e1rzea do\nCarmo, und lange war V\u00e1rzea do Carmo eine Art Synonym f\u00fcr Fu\u00dfball. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um die\nEingeborenen, unter dem Motto \u201eNo Brasil, todo mundo \u00e9 \u00edndio, exceto quem n\u00e3o\n\u00e9.\u201d Es werden Bilder von 1922 gezeigt, von einem Spiel Mato Grosso gegen Rio,\nbei dem eine indigene Mannschaft beteiligt war. Heute haben sie eine eigene\nLiga. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist, wie\n\u00fcberall in S\u00e3o Paulo, von den Modernisten die Rede. Sie scheinen l\u00e4ngst nicht\nnur mit Architektur zu tun zu haben, sondern eine weit aufgestellte Gruppe von\nIntellektuellen geworden sein, die eine Alternative zu Althergebrachtem suchen.\nIn der Fu\u00dfballsprache hatten sie zum Beispiel ein Instrument, die L\u00fccke zwischen\nder geschriebenen und der gesprochenen Sprache zu schlie\u00dfen. Es gibt hier eine\nAufstellung von Begriffen, die aus der Fu\u00dfballsprache kommen wie gol de placa,\nhazer cera oderfirloa. Sie untersuchten auch die Sprache der Radioreportagen,\ndie ab 1922 immer wichtiger wurden, und die der Fanges\u00e4nge oder Vereinshymnen,\ndie es ab den drei\u00dfiger und vierziger Jahren gab. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste brasilianische\nFu\u00dfballheld hie\u00df Arthur Friedenreich. Er wurde in den Jahren zwischen 1910 du\n1920 neunmal Torsch\u00fctzenk\u00f6nig. Er war der Sohn eines deutschen Ingenieurs und\neiner Schwarzen. Bei einem L\u00e4nderspiel gegen Argentinien sprach sich der\ndamalige brasilianische Pr\u00e4sident gegen seinen Einsatz aus, mit dem Argument,\ndann w\u00fcrde man in Argentinien glauben, wir seien leuter kleine \u00c4ffchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben geht es dann um die\nbekanntesten brasilianischen Fu\u00dfballer der Vergangenheit: Garrincha, Ronaldo,\nRivalino, Vav\u00e1, Romario (der letzte klassische Mittelst\u00fcrmer), Socrates (der\nseinem Namen alle Ehre machte und ausgebildeter Arzt war), Zico (der ohne Titel\nblieb), Zagallo (der <em>formiguinha<\/em>\ngenannt wurde, \u201akleine Ameise\u2018), Didi und viele andere, deren Namen man halb\nvergessen hat, die aber noch nachklingen. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Ausschnitte aus\nRadioreportagen h\u00f6ren Es geht um bedeutende Tore wie das von Didi gegen\nFrankreich 1958. Ein Fernsehreporter kommentiert den Kommentar zu Paolo Rossis\nTor gegen Brasilien 1982. Das sei das traurigste Tor der Geschichte gewesen.\nBrasilien hatte gerade ausgeglichen, und dann schoss Rossi das 3:2. Gar sch\u00f6nes\nTor. Und Brasilien war raus. Und Italien wurden Weltmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es eine\nVideoinstallation. In einem dunklen Raum werden auf verschiedenen Bildschirmen\nunterschiedliche Fanges\u00e4nge, Jubelschreie, Pfeifkonzerte gleichzeitig\nprojiziert. Es wird einem angst und bange dabei. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Raum, der\nsich einem nicht sofort erschlie\u00dft. Hunderte von alten Photos in Holzrahmen\nwerden an mehreren W\u00e4nden ausgestellt. Nach und nach erschlie\u00dft sich einem,\ndass es um die Rolle der Frau geht. Auf einem Photo sieht man ein Schild, das\nFrauenfu\u00dfball ausdr\u00fccklich verbietet, auf anderen sieht man Frauen am Steuer\neines Rennwagens, als Tennisspielerin, als Zirkusartistin, als T\u00e4nzerin, Frauen\nmit Kleid und Hut mit Federn am Strand, im Wasser stehend, und Frauen mit Rock,\nStr\u00fcmpfen und Pullover mit einem Ball am Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen Raum,\nin dem jede S\u00e4ule sich einer Weltmeisterschaft widmet, mit Bildern, Zitaten,\nAusschnitten. Man sieht Ronaldos Tor gegen Deutschland, Zidanes Tor gegen\nBrasilien, Tafarellis Elfmeterparaden von 1994 gegen Italien, Peles Tor in\nletzter Minute gegen Wales, ohne das Brasilien 1958 vielleicht nicht\nWeltmeister geworden w\u00e4re, G\u00f6tzes Tor gegen Argentinien (dem ersten\nentscheidenden Tor eines Auswechselspielers). 1994 hei\u00dft es, sei die tristeste\nWeltmeisterschaft Brasiliens gewesen, eine Mannschaft, die man bewundern, f\u00fcr\ndie man aber nicht schw\u00e4rmen konnte. Komischerweise gibt es zwar Bilder von\n1954 und 1958, aber keine von 1962.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung endet\nmit einer Auflistung von Rekorden, der kleinste, der gr\u00f6\u00dfte, der j\u00fcngste, der\n\u00e4lteste Fu\u00dfballspieler, die meisten Tore usw. Interessant ein Spiel, das 5:4\ngewonnen wurde, obwohl die Mannschaft vier Eigentore machte. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fahre ich\nzum Busbahnhof. Freundliche Frau am Schalter, alles geht flott, ohne jede\nProbleme.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch in der Station\nbestelle ich an einem Stand einen Mate, den gr\u00fcnen Tee, den man wohl zuerst mit\nArgentinien verbindet. Wenn man den Mate hei\u00df haben will, muss man ausdr\u00fccklich\ndarum bitten. Er schmeckt nicht nach gr\u00fcnem Tee und sieht nicht nach gr\u00fcnem Tee\naus, er schmeckt \u00fcberhaupt nicht wie Tee und sieht \u00fcberhaupt nicht wie Tee aus,\neher wie ein etwas d\u00fcnn geratener Kaffee. Es ist auch taxonomisch vermutlich\nkein Tee, sondern ein Aufgussgetr\u00e4nk, nicht anders als Kamillentee. Zucker muss\nunbedingt rein, der Tee ist ziemlich stark. Das Wort <em>Mate<\/em> kommt aus dem Ketschua und bezeichnete urspr\u00fcnglich das Gef\u00e4\u00df,\ndann erst den Tee selbst. Dabei hatte man aber vermutlich nicht so einen\nPlastikbecher im Sinne, wie er hier verwendet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre Richtung\nZentrum und gehe dann Richtung Theater. Unterwegs sehe ich ein Schild, auf dem\nvor dem Benutzen des Handys beim Autofahren gewarnt wird: <em>Celular ao volante, perigo constante<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie gro\u00df das Theater\nist, merkt man erst, wenn man einmal rund herum geht, und was die Fassade alles\nzu bieten hat, merkt man nur, wenn man etwas Abstand h\u00e4lt: riesige Atlanten,\ndie die Eingangspforten halten, dicke S\u00e4ulen, die den Altan tragen, stilisierte\nNotenschl\u00fcssel aus Eisen, Masken \u00fcber den Portalen und wie Vorh\u00e4nge mit Bommeln\naussehende Glas an den Nebenportalen. Auf dem Dach allerhand allegorische\nFiguren, die vermutlich f\u00fcr Drama und Musik stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach Karten\nf\u00fcr eine F\u00fchrung, und es gibt tats\u00e4chlich t\u00e4glich eine, aber sie sind f\u00fcr die\nn\u00e4chsten Tage alle ausverkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir dann noch\ndas Pflaster vor der Bibliothek an, mit seinem schwarz-wei\u00dfen Muster, das\nselbst als Kunstwerk gilt. Es ist wirklich sch\u00f6n anzusehen, aber dass es das\nWort <em>Bibliothek<\/em> in verschiedenen\nSprachen hier geben soll, das hat sich unserer F\u00fchrerin vermutlich ausgedacht.\nMan kann mit M\u00fche Teile des Wortes <em>Bibliothek<\/em>\nerkennen, das aber ohnehin in unseren Sprachen mehr oder weniger identisch\nw\u00e4re. Um Variation darzustellen, h\u00e4tte man besser das Wort Buch w\u00e4hlen sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>11. November\n(Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Frau an der\nRezeption bitte, den Kaffee ohne Zucker zu servieren, sagt sie einfach: \u201eTa\u201c.\nEinfache Form, Zustimmung auszudr\u00fccken. Muss ich mir merken. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute soll es zur\nAbwechslung mal kein Museum geben. Stattdessen steht ein Park auf dem Programm,\nder <em>Parque Ibirapuera<\/em>. Luz will\nmitkommen. Der Besuch steht unter keinem guten Stern. Der Weg dorthin ist\nbeschwerlich, und als wir endlich ankommen, stellen wir fest, dass wir gar\nnicht in dem eigentlichen Park sind, sondern in einem Nebenpark, der\nhaupts\u00e4chlich von Hundebesitzern benutzt wird. Immerhin: Am Eingang zum Park\nsteht ein Denkmal f\u00fcr den \u201egr\u00f6\u00dften &nbsp;Rennfahrer\naller Zeiten\u201c, Ayrton Senna. Auf einem Sockel sein Fahrerhelm, und in der Mitte\nein pechschwarzes Auto, das nicht mehr ganz heil ist. Aus der Fahrerkabine weht\neine schwarze Fahne. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in den\nPark selbst. Hurra, ein Fahrradverleih! Und der ganze Park ist perfekt auf\nFahrr\u00e4der ausgerichtet, mit breiten Radwegen. Wir leihen zwei R\u00e4der aus. Nach\n200 Metern ist Luz zweimal gest\u00fcrzt. Wir schieben die R\u00e4der zur\u00fcck und geben\nsie wieder ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es zu Fu\u00df\nweiter. Wir kommen in einen anderen Teil des Parks, an einen k\u00fcnstlich\nangelegten See, mit bl\u00fchenden B\u00e4umen drum herum. Auf einer Wiese steht eine\nKopie des Laokoons. Den habe ich noch nie so gut sehen k\u00f6nnen, und man kann\nauch die Finger \u00fcber die Muskeln und die Haare und die Schlange gleiten lassen.\nWir fragen uns, ob es eine Schlange ist, die alle drei erw\u00fcrgt oder ob es\nmehrere sind. Es ist tats\u00e4chlich nur eine. Laokoon selbst ergreift mit einer\nHand ihr Maul und mit der anderen ihren Schwanz. Das kann man sich alles in\nRuhe ansehen und auch einmal um die Skulptur herumgehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4ngt es an zu\nregnen, und zwar so, dass wir die Flucht antreten m\u00fcssen. Was der Park sonst\nnoch zu bieten hat, bleibt auf der Strecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Suche nach einem\nBus sehen wir noch das <em>Monumento \u00e0s<\/em> <em>Bandeiras<\/em>, das Denkmal an die\nmultiethnischen Mitglieder der Expeditionscorps, die ab dem 17. Jahrhundert das\nLandesinnere nach Land und Bodensch\u00e4tzen erkundeten. Das Monument zeigt einen\nganzen Trupp, angef\u00fchrt von zwei M\u00e4nnern mit Pferd. Dann folgen weitere M\u00e4nner\nund eine Frau mit einem Baby auf dem Arm. Hinten folgt noch ein Kanu. Die\nMenschen sind fast unbekleidet und haben sehr unterschiedliche Physiognomien.\nDa sie zentral auf dem Kreisverkehr stehen, entsteht der Eindruck, sie bewegten\nsich im Stra\u00dfenverlauf Richtung Norden. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehen wir ins <em>Mixtura<\/em>, ein peruanisches Restaurant.\nZum ersten Mal sehe ich ein brasilianisches Lokal mit einer ansehnlichen\nInneneinrichtung, richtig geschmackvoll. Die W\u00e4nde sind dekoriert, alle mit\nBezug auf Peru. <\/p>\n\n\n\n<p>Luz empfiehlt mir noch\nein Buch, das sie aus ihrer Studienzeit kennt, <em>Linguistica Rom\u00e2nica<\/em>, von einem gewissen Rodolfo Ilari, von\n1992.&nbsp; Auch ihre Ausgabe ist schon etwas\nin die Jahre gekommen. Ich sehe mir das Inhaltsverzeichnis an und lese ein,\nzwei Seiten: Wunderbar! Muss ich mir besorgen. Aber daf\u00fcr werde ich wohl erst\nzu Hause wieder die Ruhe haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist gut, und\nder <em>Pisco Sour<\/em> ist hervorragend \u2013 bei\nder Gelegenheit erfahre ich, dass Pisco eine Stadt und der Pisco eine Art\nTrester ist, gemacht aus Trauben, die eben in Pisco angebaut werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gerichte sind sehr\ngut zubereitet und werden sch\u00f6n serviert. Der Salat besteht aus unz\u00e4hligen\nIngredienzien, die alle in winzig kleinen W\u00fcrfeln oder St\u00fcckchen serviert\nwerden. Aber die Portionen sind so klein, dass ich sp\u00e4ter zu Hause noch ein\npaar Kekse nachlegen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>12. November\n(Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Uber geht es zum\nBusbahnhof. Es ist schon viel Verkehr, und da wir im Stau stehen, habe ich mal\ndie Gelegenheit, mir die Automarken anzusehen. Toyota, Hyundai und Chrysler\nsind am besten vertreten, bei den europ\u00e4ischen Marken hat Fiat die Nase vorn\nund bei den deutschen VW.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof herrscht echtes\nGedr\u00e4nge, bei den Autos, die kaum einen Platz finden, kurz zu halten, und bei\nden Passagieren, die kaum ins Geb\u00e4ude gelangen. Aber das ist alles nichts im\nVergleich zu dem, was drinnen los ist. Ein Wahnsinn. Kaum ein Durchkommen,\nheilloses Durcheinander. Das sah dieser Tage bei dem Fahrkartenkauf ganz anders\naus. Ich muss erst rauf und dann wieder runter. Alleine hier unten gibt es 50\nBahnsteige. Die darf man aber noch nicht betreten, bevor der Bus da ist, also\ndr\u00e4ngt sich alles i der Halle. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es etwas\nVerwirrung, weil ein Bus einf\u00e4hrt, der Curitiba zum Ziel hat, aber das ist der\nversp\u00e4tete von 9.00. Um auf Nummer Sicher zu gehen, frage ich eine Frau neben\nmir. Die hat auch Curitiba und auch Gleis 10, aber sie hat 9.30, ich habe 9.29.\nEs sind tats\u00e4chlich zwei verschiedene Busse. Was wollen nur alle die Leute in\nCuritiba?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert etwas\nl\u00e4nger als veranschlagt, sieben Stunden, um 17 Uhr sind wir am Ziel. Die Fahrt\nf\u00fchrt durch ganz einsame, gr\u00fcne Gegenden. Trotzdem sind hier viele Laster unterwegs\nund reihenweise Lastz\u00fcge, die Autos transportieren. Die Stra\u00dfe ist in einem\nerstaunlich guten Zustand, hat immer mindestens drei, manchmal vier Spuren.\nGelegentlich hat der Bus zu k\u00e4mpfen, denn es geht m\u00e4chtig bergauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Die schweigsame Frau\nneben liest ein Buch, das ihr immer wieder aus der Hand f\u00e4llt. Zuerst lese ich <em>Evoluc\u00e3o dos Bichos<\/em>, dann sehe ich den\nvollst\u00e4ndigen Titel und den Namen des Autors: <em>A Revoluc\u00e3o dos Bichos<\/em> \u2013 George Orwell. Es ist <em>Animal Farm.&nbsp; &nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Curitiba kommt bald\ndie klassische Skyline der brasilianischen St\u00e4dte mit unz\u00e4hligen Wolkenkratzern\nzum Vorschein. Curitiba, obwohl es bei uns kaum jemand kennt, hat 1,9 Millionen\nEinwohner. Es w\u00e4re bei uns wohl die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Stadtrand passieren\nwir das Stadion <em>Vila Ol\u00edmpica<\/em>.\nScheint aber nichts mit den Olympischen Spielen zu tun zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein freundlicher\nTaxifahrer f\u00e4hrt mich zum Hotel, dem Cervantes, ganz zentral gelegen. Es ist\nmir fast peinlich, so wenig verstehe ich ihn. Immer wieder muss ich nachfragen,\nimmer wieder scheitert die Kommunikation. Nur Oktoberfest verstehe ich, nachdem\ner erfahren hat, dass ich aus Deutschland komme. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Hotel komme ich dann\nwieder ins seelische Gleichgewicht, als die Verst\u00e4ndigung mit dem Mann an der\nRezeption (fast) reibungslos klappt und er mir sogar ein paar freundliche Worte\n\u00fcber mein Portugiesisch sagt, als er mir das Zimmer zeigt. Das Zimmer ist sehr\nsch\u00f6n, kein Vergleich zu dem in Sao Paulo, aber wieder gibt es keinen Tisch und\nkeinen Stuhl. Hier w\u00e4re wirklich Platz daf\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter noch mal\nrausgehe, ist es schon dunkel. Die Sonne geht in diesen Tagen um halb sieben\nunter, aber auch schon um halb sechs auf. Das sind jetzt vier Stunden mehr\nTageslicht als zu Hause. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme sofort einem\nPlatz mit einem sch\u00f6nen, erleuchteten Geb\u00e4ude, schwer einzusch\u00e4tzen, wo es\nstilistisch steht, eine Mischung aus Neoklassik und Jugendstil vielleicht,\ndreist\u00f6ckig, mit einem Turm, der das Geb\u00e4ude \u00fcberragt, in der Mitte, mit einer\nUhr ganz oben. Die Fenster sind sch\u00f6n und haben unterschiedliche Fensterlaibungen\nin allen drei Geschossen. Das ist, wie ich aber erst am n\u00e4chsten Tag erfahre,\nder <em>Pa\u00e7o da Libertade<\/em>, das ehemalige\nRathaus, heute ein Kulturzentrum.,<\/p>\n\n\n\n<p>Curitiba gilt als eine\nder fortschrittlichsten und wohlhabendsten St\u00e4dte Brasiliens, und es wirkt\nirgendwie aufger\u00e4umter, saubere als die anderen St\u00e4dte. Dieser Eindruck\nbest\u00e4tigt sich in den n\u00e4chsten Tagen. Heute t\u00fcrmt sich zwar der M\u00fcll am\nStra\u00dfenrand, aber er wird auch schon abgeholt. Es kommt ein alter Leiterwagen,\nder Papier und Pappe einsammelt und dann ein ganz moderner M\u00fcllwagen, der sich\num das k\u00fcmmert, was nicht als M\u00fcll gilt: <em>O\nlixo che n\u00e3o \u00e8 lixo<\/em>. Am n\u00e4chsten Tag sehe ich dann auch die ersten Ampeln\nmit einem Druckknopf f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch eine\nkulturelle Erfahrung: Als ich ein Wasser kaufe, nennt der Mann an der Kasse den\nPreis und stellt dann noch eine Frage. Die verstehe ich auch nach mehrmaliger\nWiederholung nicht, und er kann sich wohl nicht vorstellen, dass jemand so\netwas nicht versteht und kann immer nur die Frage wiederholen, nicht erkl\u00e4ren.\nAm Ende stellt sich heraus, dass es irgendetwas mit Finanzen zu tun hat, ob man\nseine Fiskalnummer nennen willen, was immer damit bewirkt werden mag. <\/p>\n\n\n\n<p>13. November\n(Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich v\u00f6llig\norientierungslos bin, mache ich das, was der Reisef\u00fchrer vorschl\u00e4gt und nehme\ndie <em>Linha Turista<\/em>. Ich \u00fcberlege,\ngleich die erste Abfahrt zu nehmen, 8.30. Dann wird noch nicht so viel los sei.\nAbfahrt ist von der <em>Rua 24 Horas<\/em> ab.\nAls ich auf dem Weg dahin bin, \u00fcberlege ich, was wohl der Grund f\u00fcr diesen\nNamen sein k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer H\u00e4userwand ein\nGraffiti mit r\u00e4tselhaften Zeichen, die wie Schriftzeichen einer unbekannten\nSprache aussehen, es aber wohl kaum sind. In dem hellen Licht mache ich einfach\nmal ein Photo, und das wird, trotz der h\u00e4sslichen H\u00e4userfassaden, irgendwie\nganz besonders. Sp\u00e4ter sto\u00dfe ich in Porto Alegre noch mal auf diese Zeichen und\nerkenne jetzt durch einen daneben angebrachten Ausspruch, dass es sich um ein\nGraffiti zur Abschaffung von Waffen handelt.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Kalkulation erweist\nsich als falsch. Es ist schon einiges los, kaum noch ein Platz frei. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auch gleich los.\nVor mir eine Gruppe von Brasilianern, die ohne Unterbrechung reden und\nherumwitzeln und nicht einmal aus dem Fenster sehen. Sie sind nur mit sich\nselbst besch\u00e4ftigt. Und k\u00f6nnten genauso gut in einer Kneipe sitzen. Die\nErkl\u00e4rungen interessieren sie auch nicht, und sie \u00fcbert\u00f6nen sie mit ihrem Reden\nso sehr, dass auch wir anderen nichts verstehen k\u00f6nnen. Am Botanischen Garten\nsteige ich aus, um sie loszuwerden, aber im letzten Moment sehe ich, dass sie\nauch aussteigen. Im n\u00e4chsten Bus telefoniert ein Brasilianer so laut, dass man\nauch nichts versteht, und im n\u00e4chsten verst\u00e4ndigen sich zwei \u00fcber den ganzen\nBus hinweg lautstark dar\u00fcber, wer welches Photo gemacht hat. Danach gebe ich es\nauf und lasse mir einfach den Fahrtwind um die Ohren wehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht los \u00fcber\ndie <em>Rua Westphalen<\/em> und f\u00fchrt dann\nstadtausw\u00e4rts. Es geht an dem <em>Teatro\nPaiol<\/em> vorbei, einem Rundbau, der nicht wie ein Theater aussieht. Eher wie\ndas Mausoleum von Ravenna. Tats\u00e4chlich war es urspr\u00fcnglich ein Lager f\u00fcr\nSchie\u00dfpulver und Munition. Sp\u00e4ter wurde es dann in ein Theater umgewandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren das <em>Memorial Arabe<\/em>. Es hat die Form der\nKaaba, ist aber langgestreckt und rot und hat oben einen Fries mit einer\nInschrift mit Koranversen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Stationen ist\ndie <em>Opera de Arame<\/em>, die \u201aDrahtoper\u2018.\nKann man aber von der Haltestelle aus nicht sehen. Zu den weiteren Haltestellen\ngeh\u00f6ren der <em>Parque Tangua<\/em> und der <em>Parque Tingui<\/em>. Alle vier bedeutenden Einwanderungsgruppen\nhaben auch ein eigenes Denkmal und eine eigene Haltestelle: <em>Memorial Ucraniano<\/em>, <em>Portal Italiano<\/em>, <em>Bosque Alem\u00e3o<\/em>\nund <em>Memorial Polon\u00e9s<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die sonderbaren B\u00e4ume\nmit den behaarten \u00c4sten sind hier oft zum Greifen nah. Ein Fris\u00f6rsalon nennt\nsich <em>Barbearia Hollywood<\/em>, und die <em>Carpintaria<\/em> <em>S\u00e3o Judas Tadeu<\/em> erinnert daran, dass Judas Thadd\u00e4us (der Tradition\nnach) Schreiner war. Ein Lokal wirbt ausdr\u00fccklich f\u00fcr seine <em>feijoada<\/em> am Samstag. Also ist doch\nSamstag der klassische Tag daf\u00fcr. So hatten es einige der Teilnehmer des\nStadtrundgangs in Rio behauptet. Der Reisef\u00fchrer hatte gesagt, es sei der\nFreitag.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Amerikaner, der in\nden Bus einsteigt, tr\u00e4gt ein T-Shirt mit der Aufschrift <em>Italian Stallion. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Ausstieg ist\nam Botanischen Garten. Am Eingang steht das Motto des Botanischen Gartens und\nwohl der Stadt insgesamt: <em>Curta Curit!ba.\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Hingucker, schon von\nweitem zu sehen, ist das Glashaus am Ende des H\u00fcgels, ein Treibhaus, das aber\nvor\u00fcbergehend geschlossen ist. Daneben gibt es einen Laubengang mit Blumen aus\nallen vier Jahreszeiten, chronologisch angelegt. Zu Anfang jeder Jahreszeit\nsteht eine klassische Figur, die Jahreszeit darstellend. Das hilft, ohne die\nh\u00e4tte ich nicht sagen k\u00f6nnen, was was ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise ist der\nBahnhof eine der Haltestellen, und ich nutze die Gelegenheit, die Fahrkarte f\u00fcr\ndie Weiterfahrt zu kaufen. Das ist inzwischen Routine, die Fragen sind\nvorhersehbar, wohin, wann, welche Uhrzeit, einfache Fahrt oder mit R\u00fcckfahrt,\nwelcher Sitzplatz, Personalausweis, bar oder Karte, Kredit oder Debit.. Ich\nwei\u00df inzwischen auch, dass die Fahrkarten nicht bilhete, sondern passagem\nhei\u00dft. Geht alles glatt. Und die junge Frau hinter dem Schalter ist ausgenommen\nfreundlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber ist der\nMercado Municipal. Den sehe ich mir auch gleich an. Bin erst etwas verwirrt,\nweil ich in den \u00e4u\u00dferen Ring geraten bin, dort, wo sich nur Waren des t\u00e4glichen\nBedarfs befinden, und die werden in richtigen kleinen L\u00e4den verkauft. Im\nengeren Ring sind aber die typischen Marktst\u00e4nde mit Essenswaren. An einem\nStand h\u00e4ngen getrocknete Bl\u00e4tter an einer Leine. Der Verk\u00e4ufer best\u00e4tigt auf\nAnfrage meine Annahme: Tabak?- Ja. An einem anderen Stand erlaubt mir ein\njunger Mann, ein Photo von seinen in kleinen wei\u00dfen S\u00e4ckchen wunderbar\npr\u00e4sentierten H\u00fclsenfr\u00fcchten und N\u00fcssen zu machen. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und\ner fragt mich, ob ich Portugiese sei. Ich f\u00fchle mich sehr geschmeichelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem WC des <em>Mercado Municipal<\/em> wird man gebeten, die\nWaschbecken nicht zum Rasieren zu benutzen. Woanders stand schon einmal, man\nd\u00fcrfe das WC nicht zu unz\u00fcchtigen Handlungen benutzen, und sp\u00e4ter kommt noch\neinmal Z\u00e4hneputzen dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steige ich an dem\nvielbesuchten <em>Bosque Alem\u00e3o<\/em> aus, ein\nin Erinnerung an die deutschen Einwanderer angelegtes W\u00e4ldchen. Hier hat man einen\nWeg angelegt, der an den Weg von H\u00e4nsel und Gretel durch den Wald erinnern soll\nund auch an einem Hexenh\u00e4uschen endet. Das hat allerdings wenig mit dem zu tun,\nwas wir unter Hexenh\u00e4uschen verstehen, es ist eher ein H\u00e4uschen f\u00fcr den Verkauf\nvon Souvenirs. Unterwegs werden an verschiedenen Stationen Ausz\u00fcge aus H\u00e4nsel\nund Gretel pr\u00e4sentiert. Bei der Gelegenheit erf\u00e4hrt man, dass H\u00e4nsel und Gretel\nauf Portugiesisch Joao e Maria hei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch ein oder\nzwei Dinge, die an Deutschland erinnern, eine von fr\u00fchen Einwandern gebaute und\nsp\u00e4ter hierher verfrachtete Kapelle, die jetzt f\u00fcr Musikauff\u00fchrungen genutzt\nwird, das Oratorium Bach, ein Denkmal an die deutschen Auswanderer und die\nFassade eines deutschen Hauses, die hier als den Durchblick auf das Gel\u00e4nde\nerlaubt. Am sch\u00f6nsten aber ein Aussichtpunkt mit h\u00f6lzernen \u201eFenstern\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chster Ausstieg\nist am <em>Museu Oscar Niemeyer<\/em>. Hier\nerinnert einiges an Niteroi, die wei\u00dfe Farbe, die Einbettung in die Landschaft,\ndie geschwungenen Linien. Au\u00dfen herum ist eine Parklandschaft angelegt. Von\nhier aus kann man in den Innenhof des Museums sehen, wo einige Skulpturen\nstehen, darunter eine, die mir wegen ihrer Einfachheit gef\u00e4llt, ein\nDrahtgeflecht, wei\u00df, das eine Schlange darstellt, die den K\u00f6rper in die H\u00f6he renkt\nund mit sich mit dem Ringelschwanz auf dem Boden abst\u00fctzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Reisef\u00fchrer und im\nInternet ist von einem \u201eGlasauge\u201c die Rede, das in die Architektur des Museums\neingebaut ist, aber ich kann es nicht finden. Ich sehe es erst bei der\nWeiterfahrt: Von der Seite sieht die gesamte Breite des Museums wie ein\nGlasauge aus, ein verbl\u00fcffender Effekt, denn das erahnt man von dem Museum aus\n\u00fcberhaupt nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Kern des\nMuseums ist ein wei\u00dfer Block, der auf St\u00fctzen ruht, zwischen denen man auf und\nab gehen kann, mit der Decke so nahe \u00fcber sich, dass man glaubt, sie ber\u00fchren\nzu k\u00f6nnen. In dieser Fl\u00e4che liegen mehrere braunrote Trichter aus Terrakotta,\nunregelm\u00e4\u00dfig auf die Fl\u00e4che verteilt. Ich finde das erst ein bisschen albern,\naber je l\u00e4nger ich hinsehe, umso besser gef\u00e4llt mir die Sache. Die Trichter\nlockern die Fl\u00e4che auf und erlauben sehr unterschiedliche Blicke. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ausstieg ist im\nhistorischen Zentrum. Zuerst stehe ich kurz vor der neugotischen Kirche auf dem\nKirchplatz. Vor mir ein modernes Denkmal, einen Indianer darstellend, muskul\u00f6s,\nlanghaarig, mit etwas finsterem Blick. Er tr\u00e4gt nur einen Lendenschurz und h\u00e4lt\neine Lanze in der Hand. Um den Hals tr\u00e4gt er eine Kette mit den Z\u00e4hnen von\nerledigten Tieren. Zu seinen F\u00fc\u00dfen ein Tier, vermutlich ein Hund, k\u00f6nnte aber\nauch ein Schwein sein. In der anderen Hand h\u00e4lt er die H\u00e4lfte einer Frucht, an\nder anderen H\u00e4lfte macht sich der Hund zu schaffen. Frage mich, was f\u00fcr eine\nFrucht das sein kann und was es mit den zwei H\u00e4lften auf sich hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem ziemlich\nverlassenen Platz geht es dann \u00fcber die Stra\u00dfe in das bunte Treiben auf der\nanderen Seite. Tolle Atmosph\u00e4re, hier ist echt was los. Eine Stra\u00dfe hinauf bis\nauf einen Platz ziehen sich Marktst\u00e4nde hin, daneben Stra\u00dfencaf\u00e9s, und als\ndekorativer Hintergrund dienen die sch\u00f6nen Kolonialh\u00e4user, darunter die\nvornehme Casa Hoffmann. Unten eine wei\u00dfe, neogotische Kirche, oben eine blaue\nneobarocke, beide klein genug, um den Rahmen nicht zu sprengen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der <em>Bar do Alem\u00e3o<\/em> steht man Schlange, um\neinen Platz zu bekommen. Gar nicht schlimm, auf diese Weise lande ich im <em>14 Bis<\/em>. Voll, laut, dunkel, lauter junge\nLeute, Erinnerungen an die Studentenkneipen von damals. Ganz so dunkel dann\ndoch nicht, denn durch die beiden gro\u00dfen Fenster zur Stra\u00dfe hin kommt doch\nLicht herein. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr freundliche\nKellnerin, es gibt Bier der Marke Kremer, und ich kann eine Gruppe von drei\njungen M\u00e4nnern beobachten, die sich selbst mit Bier bedienen, und zwar an einem\nsich nach unten verj\u00fcngenden Glaskrug mit Zapfhahn, der vor ihnen auf dem Tisch\nsteht. Von der Kellnerin erfahre ich, dass der Krug dreieinhalb Liter fasst.\nIch staune nicht schlecht, als die drei dann noch einen zweiten bestellen. Aber\nauch die M\u00e4dels halten gut mit. Am Nebentisch werden zwei von ihnen auch mit so\neinem Krug fertig. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Nachhauseweg\nsehe ich mir ein paar der Wandmalereien an, die man hier \u00fcberall sieht, wohl von\nlokalen K\u00fcnstlern ausgef\u00fchrt. Auf einem wei\u00dfen Hintergrund sieht man\nfarbenfrohe Motive, alte und neue Szenen aus dem Leben Curitibas darstellend, vermutlich,\nvon einer Frau, die in zwei gut gef\u00fcllten Taschen ihre Waren zu Markt tr\u00e4gt bis\nzu den futuristischen, r\u00f6hrenartigen Bushaltestellen, die man hier \u00fcberall\nsieht. <\/p>\n\n\n\n<p>14. November\n(Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet heute, am\nTag der Fahrt mit dem Serra Verde Express, regnet es. In Str\u00f6men. Mit\nRegenjacke und Schirm bewaffnet gehe ich durch die Pf\u00fctzen auf den\nB\u00fcrgersteigen zum Bahnhof. Der nette Mann an der Rezeption hat mir den Weg so\ngut beschrieben, dass ich ihn ohne Umst\u00e4nde finde. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin so fr\u00fch da, dass\nich kurz vor dem Bahnhof noch in eine Bar gehen kann. Hinter der Theke eine\nsehr freundliche Frau. Es ist noch keine Kundschaft da. Ich bekomme Kaffee,\nKuchen und zwei Teigtaschen f\u00fcr unterwegs f\u00fcr gerade mal 17 R$. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof, der hier Rodoferrovi\u00e1ria\nhei\u00dft, weil er Zug- und Busbahnhof gleichzeitig ist, ist schon viel los. Vor\ndem Geb\u00e4ude steht ein Mann, der als Touristenf\u00fchrer ausgewiesen ist. Ich frage\nihn, wohin ich gehen muss. Er antwortet ausf\u00fchrlich, erkl\u00e4rt mir noch etwas zu\ndem Zug und fragt dann, woher ich komme. \u201eAlemanha. \u2013 \u201eDeutschland?\u201c Er\nerkl\u00e4rt, er sei Deutsch-Brasilianer mit niederl\u00e4ndischen Wurzeln und russischen\nVorfahren. Er ist nie in Deutschland gewesen, spricht aber Deutsch wie eine\nMuttersprache. Oder als Muttersprache. Zu Hause spr\u00e4chen die aber Plattdeutsch.\nZur Demonstration nennt er die Zahlw\u00f6rter. H\u00f6rt sich doch wie Holl\u00e4ndisch an,\noder?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Begegnung tr\u00f6stet\nmich schon \u00fcber das schlechte Wetter hinweg. Er meint ohnehin, dass es noch\nbesser w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, ob ich mit\nmeinem Photo von der Buchung reink\u00e4me. Ja, das sei&nbsp; kein Problem, sagt eine freundliche Frau am\nSchalter. Tats\u00e4chlich geht es nachher ohne Schwierigkeiten, es gibt diesmal\nsogar keine Ausweiskontrolle. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Bahnhofshalle\nsind an der Wand ein paar Zeichnungen angebracht mit Informationen zum Serra\nVerde Express, einem der ganz wenigen Z\u00fcge Brasiliens, heute eine reine\nFreizeitangelegenheit. Die Fahrt geht nicht rauf, sondern runter. Curitiba\nliegt auf 934 Meter, Morretes, das Ziel, auf 10 Meter. Die Strecke ist 70 km\nlang und f\u00fcr die Fahrt braucht man dreieinhalb Stunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug hat 29 Waggons,\nmein Platz ist in Waggon 1. Die Waggons sind aufgeh\u00fcbschte \u00e4ltere\nEisenbahnwaggons mit Phototapete unter der Decke und Ledersesseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem langen Pfiff\ngeht die Fahrt los. Im Schritttempo. Sp\u00e4ter kommen wir an einem Stein vorbei,\nauf dem die H\u00f6chstgeschwindigkeit genannt wird: 25 km\/h.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wiesen stehen unter\nWasser, und die nassen Bl\u00e4tter der B\u00e4ume glitzern in der Sonne, die jetzt\ntats\u00e4chlich rauskommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen\nReisef\u00fchrer, der uns, mit Mikrophon ausgestattet, mit Informationen versorgt.\nVerstehen tue ich nur einen Bruchteil. Am besten versteht man die Regeln: nicht\naus dem Fenster lehnen, Kinder am Gang, keinen Abfall, auch keinen organischen,\naus dem Fenster werfen, nicht den Waggon verlassen und in einen anderen gehen,\nkein Alkohol. Das stand schon bei der Buchung auf dem Voucher, dass Alkohol\nnicht erlaubt ist. Sie wollen wohl vermeiden, dass die Fahrt zu einer Art\nbrasilianische n Kegeltour verkommt. Es wird aber sp\u00e4ter Bier an Bord verkauft.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Motor\nzwischendurch immer wieder aufst\u00f6hne, habe seinen Grund: Es ist ein Hybridmotor\nmit Diesel und Elektrizit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es hier eine\nEisenbahnlinie gab, gab es hier einen Handelspfad. Der f\u00fchrte nach Antonina,\nund das lag wiederum in direkter Linie auf dem Weg nach Asunci\u00f3n, der damals am\nweitesten entwickelten Stadt S\u00fcdamerikas. Der Bau der Eisenbahn zog sich dann\nim 19. Jahrhundert in die L\u00e4nge, einmal weil es technische Probleme gab, einmal\nweil es finanzielle Probleme gab, und dann, weil einer der Initiatoren und der wichtigste\nIngenieur der Eisenbahnlinie, ein gewisser Andr\u00e9 Rebou\u00e7as, pl\u00f6tzlich verstarb. Der\nmuss eine wichtige Figur gewesen sein, einer, der auf wissenschaftlichen\nFortschritt setzte und sich f\u00fcr die Abschaffung der Sklaverei einsetzte. Ich\nbin auf den Namen hier schon ein paarmal getroffen, ohne zu wissen, worum es\nsich handelte. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende nahm sich ein\nfranz\u00f6sisch-belgisches Konsortium der Sache an und vollendete die\nEisenbahnlinie, auf der es ausschlie\u00dflich G\u00fcterverkehr gab, meist, wenn ich das\nrichtig verstanden habe, zum Transport von Mate. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Stunde der\nFahrt ist nicht weiter erw\u00e4hnenswert. Dann geht es durch einen Tunnel, und die\nSzenerie ver\u00e4ndert sich schlagartig. Natur pur. Zu beiden Seiten reichen die\nB\u00e4ume so nah an die Gleise ran, dass die Bl\u00e4tter mit H\u00e4nden zu greifen sind.\nUnd dann \u00f6ffnet sich zwischendurch immer mal der Blick in die Ferne. Man sieht\neinen Stausee, eine Schlucht, eine Br\u00fccke, einen Wasserfall. Wenn man sie denn\nsieht. Aber das ist nicht so einfach. &nbsp;Alles\nspielt sich auf der linken Seite ab, und ich sitze ganz rechts. Nach einiger\nZeit gebe ich es auf, mich in das Get\u00fcmmel auf der linken Seite zu st\u00fcrzen und\nmich zwischen die anderen zu dr\u00e4ngen, um ein Photo zu machen. So sehe ich meist\nnur die R\u00fccken der anderen, die im Gang stehen und ihre Handy bereithalten, um\npraktisch auf das Kommando des Reiseleiters den kurzen Moment zu \u201egenie\u00dfen\u201c, wo\netwas zum Vorschein kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fcge mich in mein\nSchicksal, freue mich, dass es aufgeh\u00f6rt hat, zu regnen und sehe rechts aus dem\nFenster. Auch hier gibt es paar sch\u00f6ne Szenen, vor allem, wenn der Ipiranga in\nden Blick kommt, mit seinem ungeraden Verlauf, seinen Str\u00f6mungen und seinem\nklaren Wasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Morretes, unser Ziel,\nist ein h\u00fcbscher Ort. Hier ist es viel w\u00e4rmer als in Curitiba, es f\u00fchlt sich\nfast tropisch an. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal gilt es,\neine H\u00fcrde zu \u00fcberwinden. Die Passagiere, immerhin aus 29 vollen Waggons,\nwerden von verschiedenen Reiseunternehmen in Empfang genommen. Von mir will\nkeiner was wissen. Als ich das Photo vorzeige von meiner Reservierung, hei\u00dft\nes, ich h\u00e4tte nur die Hinfahrt nach Morretes gebucht, sonst nichts. Sieht\nwirklich so aus, aber ich verweise auf den Preis: 360 R$. Das ist nicht der\nPreis f\u00fcr eine einfache Fahrt. Gl\u00fccklicherweise kennen sich die Reiseleiter\nuntereinander, und einer schickt mich zur richtigen Stelle. Der Fahrer wei\u00df\nsofort, wer ich bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden zu einem\nLokal gefahren, das gleich hinter der Br\u00fccke liegt, die \u00fcber den Fluss mit dem\nunaussprechlichen Namen Nhundiaquara f\u00fchrt. Du auch nach der Br\u00fccke benannt\nist: <em>Ponte Velha<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Lokal werden wir an\neinen langen Tisch gef\u00fchrt. Eine Kellnerin kommt und erkl\u00e4rt das Procedere. Ich\nverstehe kein Wort. Also wende ich mich an meinen Nachbarn. Der hilft sehr\nbereitwillig aus. Sitzen bleiben, es wird alles serviert, man kann sich nach\nBelieben bedienen, nur die Getr\u00e4nke m\u00fcssten bezahlt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rt mir auch, was\nes gibt. Neben Vorspeisen und Fisch gibt es <em>barreado<\/em>,\ndie lokale Spezialit\u00e4t, einen geschmorten Eintopf aus Rindfleisch und Zwiebeln.\nEr selbst, sagt er, esse ihn am liebsten mit den reingeschnittenen\nBananenscheiben. Das Gericht verdankt seinen Namen dem Tontopf, in dem es\nserviert wird (und fr\u00fcher wohl auch gekocht wurde. Der Chef kommt und\ndemonstriert uns, wie es geht. Es f\u00fcllt einen guten Suppenl\u00f6ffel des ziemlich\nfl\u00fcssigen Gerichts auf den Teller, f\u00fcgt Maniokmehl dazu und beginnt, mit einer\nGabel das Ganze zu verr\u00fchren, und zwar kr\u00e4ftig. Dann nimmt er den Teller, hebt\nihn in die H\u00f6he, dreht ihn um und h\u00e4lt ihn \u00fcber den Kopf eines Jungen, der vor\nihm sitzt. Und es passiert \u2013 nichts. Die Masse bleibt fest am Teller kleben.\nEine Runde Beifall. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Vorspeisen\nbefinden sich frittierte Maniokstangen, wie gr\u00f6\u00dfere Pommes frites aussehend. In\nder Mitte des Tisches steht ein Teller mit einer wei\u00dflichen Masse, die man dazu\nisst, mit kleinen St\u00fcckchen von gr\u00fcnen und roten Kr\u00e4utern dazwischen. Ich\nfrage, was das sei. Mayonnaise. H\u00e4tte ich nicht gedacht. Sieht nicht aus wie\nMayonnaise und schmeckt auch nicht wie Mayonnaise. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Essens komme\nich mit dem Mann an meiner Seite ins Gespr\u00e4ch. Er ist mit seiner Frau und\nseinen beiden Kindern hier. Wenn ich aus Deutschland sei, dann k\u00f6nne ich doch\nbestimmt auch Englisch. Seine Frau und seine Tochter k\u00f6nnten auch Englisch. Als\nich sie aber auf Englisch anspreche, bleiben sie beim Portugiesischen. Dabei\ntr\u00e4gt die Tochter ein T-Shirt mit einer Aufschrift, die gute Englischkenntnisse\nverlangt: <em>They don\u2019t know that we know\nthey know we know<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann fragt nach\nmeiner Reise, der Reiseroute, und ob ich alleine unterwegs sei und wo und warum\nich Portugiesisch gelernt habe. Immer wundert er sich, wie gut mein\nPortugiesisch sei. Davon l\u00e4sst er sich auch nicht abbringen, als ich ihn daran\nerinnere, dass ich nichts, aber auch nichts von dem verstanden habe, was die\nKellnerin gesagt hat. Am Schluss sagt er mir noch hinter vorgehaltener Hand,\nmit dem Wort <em>rapariga<\/em> (im Fl\u00fcsterton)\nm\u00fcsse man in Brasilien vorsichtig sein. In Portugal ganz neutral, hier sei es\naber ein Wort f\u00fcr ein \u201aleichtes M\u00e4dchen\u2018. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aufstehen und\nich mein Bier bezahlen will, stellt sich heraus, dass er das bereits getan hat.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend kann man\nnoch ein bisschen f\u00fcr sich durch den Ort bummeln. Der ist wirklich idyllisch gelegen,\nmit dem Fluss und zwei alten Br\u00fccken und einem sch\u00f6nen Marktplatz mit St\u00e4nden\n\u00fcberall. Trotz des Besucherandrangs ist es ganz ruhig und unaufgeregt. An jeder\nEcke gibt es eine Eisdiele. Ich nehme auch ein Eis und bereue es sofort wieder:\nklebrige H\u00e4nde, klebriger Mund. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es wieder in\nden Bus, den Kleintransporter. Als wir alle sitzen, werden die Namen\naufgerufen, um zu sehen, ob alle da sind. Ich bin als letzter dran und habe bis\ndahin Gelegenheit, zu h\u00f6ren, was die anderen sagen, wenn ihr Name genannt wird:\n<em>Eu. \u2013 Ich. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann nach Antonina, ans\nMeer. Die Erkl\u00e4rungen auf der Fahrt dorthin verstehe ich schon wegen des\nkr\u00e4chzenden Mikrophons nicht. In Antonina essen die Brasilianer ein Eis am\nStiel, und wir blicken einen Moment aufs Meer. Ein unn\u00f6tiger Halt, aber er\nmacht sich auf der Werbebrosch\u00fcre vermutlich gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich in\nCuritiba noch ein Bier trinken. Diesmal gibt es <em>Eisenbahn<\/em>. Auf dem Etikett steht, dass es nach dem deutschen\nReinheitsgebot gebraut wird. <\/p>\n\n\n\n<p>15. November\n(Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Feiertag,\nJahrestag der Ausrufung der Republik. Wie oft bin ich jetzt schon auf den 15.\nNovember gesto\u00dfen, in Museen, bei F\u00fchrungen, bei der Lekt\u00fcre. Und jede Stadt,\nin der ich bisher war, hatte eine <em>Rua XV<\/em>\n<em>Novembro<\/em> oder eine <em>Pra\u00e7a XV Novembro<\/em>. Oder beides. <\/p>\n\n\n\n<p>Der offizielle Name von\nBrasilien, ergibt die Recherche, ist nicht <em>Estados<\/em>\n<em>Unidos do Brasil<\/em>, wie ich dachte,\nsondern <em>Rep\u00fablica Federativa do Brasil<\/em>,\nalso wie Deutschland, nicht wie Mexico. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fch sitze ich\nabfahrbereit an der Rezeption, in Erwartung des Taxis. Auf einem Bildschirm\nsteht: <em>N\u00e3o aceitamos \u2013 Don\u2018t accept American\nExpress. <\/em>Das Auslassen des Pronomens im Englischen in Analogie zum\nPortugiesischen f\u00fchrt in die Irre. <\/p>\n\n\n\n<p>Strahlender Sonnenschein\nund 24\u00b0, und es ist gerade mal 8 Uhr. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer fragt\nmich auf dem Weg zum Bahnhof, ob ich zur <em>Rodoferrovi\u00e1ria\nEstadual<\/em> oder zur <em>Rodoferrovi\u00e1ria\nInterestadual<\/em> wolle. Keine Ahnung. Ich will nach Florian\u00f3polis. Dann ist es\n<em>Interestadual<\/em>. Florian\u00f3polis liegt in\neinem anderen Bundesstaat, in Santa Catarina. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es ganz gem\u00fctlich\nzu, ganz anders als in S\u00e3o Paulo. Diesmal kommt keine Ansage des Busfahrers,\nund wir fahren die ganze Strecke durch, ohne Stopp. <\/p>\n\n\n\n<p>Florian\u00f3polis, Floripa\nim lokalen Jargon, liegt zum gr\u00f6\u00dferen Teil auf einer Insel, zum kleineren Teil\nauf dem Festland, das mit einer eleganten Br\u00fccke mit dem Festland verbunden\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Florian\u00f3polis ist\nbekannt f\u00fcr seine Str\u00e4nde. Sogar Argentinier und Uruguayer reisen im Sommer\nhier in Scharen an. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt verl\u00e4uft\nunaufgeregt. Wieder ist die Vegetation \u00fcppig. Von Waldsch\u00e4den oder \u00e4hnlichen\nSachen ist bisher nichts zu sehen gewesen. Ob es daran liegt, dass die meisten\nB\u00e4ume Laubb\u00e4ume sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Stunden kommt\ndas gr\u00fcne Meer in Sicht. Und dann die Br\u00fccke. Kurz danach kommt der Busbahnhof.\nDer ist geradezu ausgestorben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof liegt auf\ndem Festland, und meine Unterkunft am \u00e4u\u00dfersten entgegengesetzten Ende der\nInsel. Die Verhandlungen mit den Taxifahrern erweisen sich als schwer. Jeder\nwill erst mal wissen, zu welchem Strand ich denn wolle, aber ich habe nur den\nNamen der (privaten) Anlage und die Adresse. Als sie dann feststellen, wo das\nist, werden saftige Preise gefordert. Ein offizieller Touristenf\u00fchrer, der hier\nsteht, mischt sich ein und vermittelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist tats\u00e4chlich ein\nganzes St\u00fcck zu fahren, durch nicht weiter bemerkenswerte Gegend. Dass man \u00fcber\ndie Br\u00fccke f\u00e4hrt, merkt man gar nicht. Wie das sein kann, kann ich mir nicht\nerkl\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, muss\nder Fahrer immer wieder nachfragen, obwohl er eine Handy in der Hand h\u00e4lt mit\nder Wegbeschreibung. Mehrmals biegen wir in einer Stra\u00dfe ein, die sich als\nSackgasse erweist. Und dann landen wir endlich vor dem richtigen Haus. Da waren\nwir vorher schon mal gewesen \u00b4, haben aber die Hausnummer \u00fcbersehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Tor \u00f6ffnet sich und\nich werde in Empfang genommen von Leonardo, meinem Gastgeber. Der wirkt\nirgendwie cool, gelassen. Auf seinem Profilbild sieht man ihn beim\nWellenreiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Er kennt Deutschland.\nStraubing. Dort hat er einen Freund, einen brasilianischen Freund, der bei\neiner deutschen Firma Karriere gemacht hat. Autozulieferer. An den Namen der\nFirma kann er sich nicht mehr erinnern. <\/p>\n\n\n\n<p>Was sich hinter dem Tor\nauftut, ist vom Allerfeinsten. Ein zweist\u00f6ckiges Backsteinhaus mit roten\nZiegeln und einer Holztreppe, die nach oben f\u00fchrt, vor uns. Das ist seine\nWohnung. Daneben ein Blockhaus mit vier Eing\u00e4ngen f\u00fcr vier Apartments. Es muss\naber noch ein weiteres Blockhaus hinter dem Wohnhaus geben, denn ich habe die\nNr. 9. Auf dem Gel\u00e4nde stehen Palmen und weitere B\u00e4ume, mit sch\u00f6nen, dicken\nBl\u00e4ttern. Dazwischen Rasen und gepflasterte Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist es genauso\nsch\u00f6n. Tolle Einrichtung, richtig geschmackvoll, mit viel Holz. Wei\u00dfe W\u00e4nde,\nund nur ein einziges Bild, ein gerahmtes Photo von Meer und Wolken. Wenn ich\nselbst eine Ferienwohnung haben wollte, w\u00fcrde ich die genauso anlegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen stabilen\nSchreibtisch, fest in der Wand verankert, genauso wie das Bett und die\nBetttische und Regale f\u00fcr die Kleidung. Zum ersten Mal habe ich die\nGelegenheit, den Koffer auszupacken, nach Wochen! <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach einer\nReinigung, aber es gibt einen Raum mit Waschmaschine zur gemeinsamen Nutzung,\nund im Apartment selbst, leicht zu \u00fcbersehen, eine T\u00fcr, die zu einem schmalen\nGang f\u00fchrt, wo man die W\u00e4sche aufh\u00e4ngen kann. An alles gedacht! <\/p>\n\n\n\n<p>Also kann ich mich\nsofort auf Erkundung machen. An einer Stra\u00dfenecke ist ein kleiner Markt, in dem\nich Tee, Zucker, Seife, Pl\u00e4tzchen, Waschmittel und Insektenspray bekomme. Und\ndie Frau hinter der Theke mache ich gl\u00fccklich, indem ich ihr mein gesammeltes Kleingeld\nanbiete. Sie z\u00e4hlt alles ab und rundet dann sogar noch auf!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Strand:\nsauberes, blaues Meer, das Wasser glitzert in der Sonne, Strand mit ganz\nweichem Sand, Blick auf die Berge in der Umgebung. Der Strand ist gut besetzt,\naber es gibt kein Gedr\u00e4nge. Es ist genug Platz da. Als ich dann am Strand\nentlang immer weiter nach links gehe, wird es voller. Hier sind die\nRestaurants, und es gibt Verleih von Sonnenschirmen und Liegest\u00fchlen. Hier ist\nes etwas enger, aber das hat auch wohl mit dem Feiertag zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Fliegende H\u00e4ndler bieten\nverschiedene Getr\u00e4nke an, darunter <em>Caldo\nde<\/em> <em>Cana<\/em>. Der Name hat mich immer\nschon verwirrt, denn <em>caldo<\/em> h\u00f6rt sich\nnach Br\u00fche, Boullion an, und die will man bei diesem Wetter am Strand wohl eher\nnicht haben. Sieht aber so aus, dass die Kombination einfach \u201aZuckerrohrsaft\u2018\nbedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg f\u00fchrt \u00fcber\neine Stra\u00dfe mit einer Reihe von Wandmalereien auf der einen Seite. Auf dem Weg\nspricht mich eine junge Frau an. Ob ich ihr etwas helfen k\u00f6nne. Etwas ja, aber\nviel wird es nicht sein. Sie stimmt l\u00e4chelnd zu. Ob ich Gringo sei, will sie\nwissen. Kommt drauf an, was man darunter versteht. Nein, Amerikaner nicht, und\nEnglisch ist auch nicht meine Muttersprache: \u201eAlem\u00e2o?\u201c Bingo. Sie nimmt das\nGeld, \u00fcberlegt einen Moment und sagt: \u201eDanke sch\u00f6n!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch zu einem\nanderen Minimarkt. Will noch Bier kaufen. Und nehme gleich noch Apfelsinen und\nzwei gef\u00fcllte Teigtaschen mit. Noch warm. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zu Hause ankomme\nund alles auspacke, merke ich, dass die Teigtaschen fehlen. Wo sind sie\ngeblieben? Habe ich sie irgendwo abgestellt, als ich ein Photo machen wollte?\nWas nun? Bier mit Schokopl\u00e4tzchen? Ich entscheide mich, noch mal zur\u00fcckzugehen\nund lege mir vorher den Satz zurecht, mit dem ich nach den Teigtaschen frage.\nAls ich in das Gesch\u00e4ft komme, steht hinter der Theke ein anderer Mann, der\nwei\u00df nicht Bescheid. Aber dann kommt der Chef. Ach, da sind Sie ja, nein, nicht\nSie haben die Teigtaschen vergessen, ich habe sie vergessen. Ich bin noch\nhinter Ihnen hergelaufen, aber die waren schon weg. Waren Sie mit dem Auto da? <\/p>\n\n\n\n<p>16. November\n(Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen gehe ich\ngleich zum Strand. Es ist noch sehr einsam. Das Wasser ist kalt, ich gehe bis\nzu den Knien rein, dann wird es echt angenehm. Dann geht es eine ganze Strecke\nden Strand entlang. Ich merke sofort, wie das meinen geschundenen F\u00fc\u00dfen guttut.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag gehe ich noch\nmal zum Strand. An einem Haus ein Schild, das Anschauungsunterricht f\u00fcr\nPortugiesisch-Lerner ist: <em>Aluga-se\/Se\nalquila<\/em>. Da hat sich jemand nicht richtig entscheiden k\u00f6nnen, hat sich\nsprachlich zwischen zwei St\u00fchle gesetzt, in gewisser Weise zwischen den\nportugiesischen und den brasilianischen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Strand sehe\nich mir die Wandmalereien an. Da ist alles vertreten, von einem unter der\nDornenkrone schmachtenden Christus \u00fcber abstrakte K\u00f6rper bis zu einem\nmilitanten Aufruf zu Achtung von Transvestiten und Transsexualen und der\nErw\u00e4hnung einer ermordeten Frau, Isabelle Brunas, und weiteren Opfern: <em>Vivas nos queremos<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang zum Strand\nsteht die meist \u00fcbersehene Figur eines Fischers, aus leicht zerbr\u00f6ckelndem\nStein. Der Fischer zieht mit ganzer Kraft ein Netz in die H\u00f6he. Daneben ein\nGedicht auf den Fischer, \u201eO Pescador\u201c, das ich sp\u00e4ter trotz Nennung des Namens\ndes Autors im Internet nicht finden kann. Sch\u00f6n geschrieben, mit einem rhythmisch,\nohne Reim, spricht von Regen und Sonne und Wind, von mysteri\u00f6sen N\u00e4chten und\nder Ehrfurcht vor der Weite des Meeres. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach kommt ein Schild,\ndas den offiziellen Namen des Strands nennt: <em>Praia de Campeche<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Strand trinke ich in\neiner Bar einen Caipirinha. Es ist nicht ganz klar, wie der Bestellvorgang\nabl\u00e4uft, aber irgendwie klappt es. Schmeckt k\u00f6stlich. Eine echte Entdeckung der\nBrasilienreise. Steht nur noch hinter dem Pisco Sour zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Strand sehe ich eine\njunge Frau, in einem Mini-Tanga, der eigentlich alles offen l\u00e4sst, was bedeckt\nwerden sollte. Als Ausgleich f\u00fcr den fehlenden Stoff hat sie \u00fcberall\nT\u00e4towierungen, auch an den Stellen, die ein normaler Bikini verdecken w\u00fcrde.\nMan sollte es nicht tun, aber ich kann nicht umhin und mache heimlich ein Photo\nvon ihr \u2013 von hinten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch einmal in\nden Minimarkt mit den verlorenen Teigtaschen. Ein anderer Mann an der Kasse.\nAls ich bezahle, sagt er: \u201eGracias.\u201c Warum er meint, dass ich Spanier sei, will\nich wissen: \u201ePelo sotaque\u201c. Wegen des Akzents. Ich sei aber kein Spanier, sage\nich. Was denn dann? Er soll raten: \u201eUruguaio?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch\nmal an den Strand. Auch jetzt sind noch Leute hier, ein Liebespaar, Fu\u00dfball\nspielende Jungen, eine Gruppe, die auch jetzt noch unter einem Sonnenschirm\nsitzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Lokale am Strand\nschlie\u00dfen abends, daf\u00fcr \u00f6ffnen die im Ort. Das <em>Zeca<\/em>, von Leonardo empfohlen, ist immer voll. Irgendwann gebe ich\nes auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel ist viel\ndunkler als bei uns, fast schwarz, aber die Sterne sieht man trotzdem nicht\ndeutlicher. Es entstehen ein paar Photos vom Meer, ungewollt in Schwarz-Wei\u00df,\ndie nachher fast unwirklich aussehen. Passen gut zu verschiedenen\nWolkenbildern, die ich gestern und heute gemacht habe. <\/p>\n\n\n\n<p>17. November\n(Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon am fr\u00fchen Morgen\nbin ich am Strand. Ich bin nicht der einzige, aber der einzige im Wasser. Das\nWasser ist ein bisschen kalt, aber nur am Anfang. Schwimmen kann man im\neigentlichen Sinne nicht, dazu sind die Wellen zu stark, aber man kann sich in\ndie Wellen st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich am\nStrand entlang, in die andere Richtung. Dort tut sich eine D\u00fcnenlandschaft auf.\nDie D\u00fcnen sind meist bewachsen, mit Gras oder Str\u00e4uchern, und wirken stabil. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer D\u00fcne eine\nFrau, die mit gro\u00dfer Andacht Yoga treibt. Erst sehe ich sie stehen, danach\nsitzen, in Gebetshaltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann tauchen auf einmal\nschwarze Gestalten im Wasser auf, je l\u00e4nger ich hingucke, umso mehr entdecke\nich, wohl an die 50, alle im Neoprenanzug. Surfer. Das ist hier wohl die beste\nStelle zum Surfen. Sie m\u00fcssen mit viel Anstrengung das Surfbrett in die andere\nRichtung schieben oder darauf paddeln, um dann ein bisschen auf den Wellen\nreiten zu k\u00f6nnen. Sehr geschickt sehen sie nicht aus. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich\ndann die Erkl\u00e4rung: <em>Escola de Surf<\/em>.\nWo ist wohl der Lehrer? <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sitzt pl\u00f6tzlich ein\nGeier vor mir auf dem Strand, nur ein paar Schritte entfernt. Dann fliegt er\nauf und kreist mehrmals ganz dicht \u00fcber meinem Kopf hinweg. Sein Gefieder ist\noben schwarz, unten schwarz-wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages kommt\nzweimal ein Techniker, um nach der Klimaanlage zu sehen. Die funktioniert in\nmeinem Apartment nicht. Leonardo hat mir sogar angeboten, das Apartment zu\nwechseln, aber ich habe dankend abgelehnt, Brauche ich sowieso nicht. Er ist\nimmer sehr h\u00f6flich und vorsichtig, wenn er herein kommt und bleibt auch beim\nPortugiesischen, obwohl er gut Englisch spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag mache ich\neinen kleinen Spaziergang \u00fcber die gewohnten Wege im Ort hinaus. Es gibt eine\ngro\u00dfe Ausfallstra\u00dfe mit modernen Gesch\u00e4ften, einem Fris\u00f6rsalon, einem\nBlumenladen, einem Kosmetikgesch\u00e4ft und einem gro\u00dfen Supermarkt sowie vielen\nLokalen. So etwas wie ein Ortskern ist aber nicht zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenecke die\n<em>Igreja Baptista<\/em>. Wenn schon\nevangelisch, dann freikirchlich, ist das Motto in Brasilien. In Morretes habe\nich eine <em>Igreja<\/em> <em>Metodista<\/em> gesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier steht ein wunderbar\nbl\u00fchender <em>ip\u00ea<\/em>, lilafarben, so wie im <em>Parque<\/em> <em>Ipiranga<\/em> in S\u00e3o Paulo. Sp\u00e4ter sehe ich an einer Au\u00dfenmauer ein paar\nvereinzelte Bl\u00fcten, sehr sch\u00f6n, aber leicht zu \u00fcbersehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Wiese, die als\nmilit\u00e4risches Sperrgebiet ausgewiesen ist, liegen zwei K\u00fche, wei\u00df. Sie sehen\neigentlich wohlern\u00e4hrt aus, aber ihre Rippen kann man sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer kleineren,\nangenehmeren Stra\u00dfe sehe ich an einem ganz kleinen Wohnhaus, einst\u00f6ckig, gelbe\nPfeile, auf denen Speisen stehen. Das ist ein Lokal! <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter hat jemand\nseine Hausnummer auf einem Surfbrett angebracht, das an der Au\u00dfenmauer h\u00e4ngt.\nDaneben am Eingang eine wunderbar einfach gemachte Figur, aus\naufeinanderstapelten Steinen bestehend, ein M\u00e4nnlein darstellend, ein bisschen\nwie ein Schneemann aus Steinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vereinzelt trifft man\nimmer wieder auf streunende Hunde, die meisten von ihnen verletzt. Sie hinken\noder ziehen ein Bein nach. Sie sehen unschuldig aus und traurig. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild sehe\nich, dass jemand einen Tausch anbietet, aber ich muss erst im W\u00f6rterbuch\nnachsehen, was das ist. Es werden Pflanzen gegen D\u00fcnger getauscht: <em>Troco adubo por plantas<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Eins der Lokale im Ort\nhei\u00dft <em>Boteco Tens Tempo<\/em>, hat eine\nsch\u00f6ne Fassade mit Kacheln und dem portugiesischen Hahn. Habe irgendwo gelesen,\ndass es hier in der Gegend viele Einwanderer von den Azoren gegeben hat. K\u00f6nnte\ndamit was zu tun haben. Daf\u00fcr spricht auch der in Brasilien ungew\u00f6hnliche\nGebrauch von <em>tens<\/em>, der 2 . Person Singular.\nDie Bedeutung ist also wohl \u201aDu hast Zeit\u2018, und <em>boteco<\/em> ist einfach brasilianisch f\u00fcr \u201aKneipe\u2018.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Strand\nrunter. Auf dem Weg dahin sehe ich, wie der M\u00fcll eingesammelt wird. Er wird in\nBeuteln in eisernen K\u00f6rben gesammelt, die an der Mauer angebracht sind. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Imbissstand am\nStrand bestelle ich <em>a\u00e7ai<\/em>. Das gibt es\nin einem Becher, man kann sich zwei Zutaten dazu w\u00e4hlen. Ich nehme Eis und\nBanane. Schmeckt hervorragend, viel besser als das in Rio. Man muss lange\nwarten, bis es nicht mehr so kalt ist, dann entwickelt es erst seinen\nGeschmack. Noch besser ist vermutlich, wenn man kein Eis dazu nimmt, denn das\ngefrorene <em>a\u00e7ai<\/em> ist schon so etwas wie\nEis. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Strand werden\nsehr sch\u00f6ne, bunte T\u00fccher angeboten, <em>cangas<\/em>,\nStrandt\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sand am Strand ist\njetzt so hei\u00df, dass man sich die F\u00fc\u00dfe verbrennt. Besser ist es weiter unten, wo\ndas Wasser hinkommt. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Wasserlache\nsitzt ein kleines Kind und w\u00fchlt im Sand. Dann steht es aufgeregt auf und l\u00e4uft\nzur Mama. Es hat eine Muschel gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hand in Hand ein\nlesbisches Ehepaar, bei dem die Rollenverteilung klar zu sein scheint. Dieser\nTage habe ich im Bus ein schwules Paar gesehen, ganz junge M\u00e4nner, die sich\nst\u00e4ndig verliebt ansahen. Die glichen sich wie Zwillinge. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in das Lokal\nmit den gelben Hinweisschildern, das wie ein Wohnhaus aussieht. Man sitzt im\nVorgarten. Die Wirtin gegr\u00fc\u00dft mich freundlich und stellt sich gleich mit Namen\nvor: <em>Ana<\/em>. Klingt wie <em>Ahne<\/em>. Es gibt nur zwei Gerichte, und ich\nbekomme das, was ich nicht bestellt habe. Ist egal. Was ich bekomme, ist so\netwas wie vegetarische Frikadellen, Falafel. Dazu der obligatorische Reis und\ndie Bohnen. Und es gibt ein neues Bier: <em>Ceva\nMina<\/em>. Schmeckt wie Essig. Neben den \u00fcblichen Ingredienzien wird\nvegetarisch-feministisch orientiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Macht nichts, f\u00fcr einen\nereignislosen Tag ist eigentlich allerhand passiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Und immerhin hat sich\ndie Liste der probierten einheimischen Biere verl\u00e4ngert: <em>Antarctica<\/em>, <em>Brahma<\/em>, <em>Original<\/em>, <em>Therez\u00f3polis<\/em>, <em>Eisenbahn<\/em>, <em>Kremer<\/em>, <em>Ceva de Mina<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>18. November\n(Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder bin ich ganz fr\u00fch\nam Strand. Als ich ins Wasser gehe, stolziert neben mir, ganz unger\u00fchrt von\nmeiner Pr\u00e4senz, ein Vogel Richtung Wasser: schwarzer Schnabel, wei\u00dfes Gefieder,\nschwarze Beine, gelb F\u00fc\u00dfe. Keine schlechte Farbkombination. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich, wie viel\nVolks auch um diese Zeit schon unterwegs ist. Mehreren Hundert begegne ich wohl\nauf meinem Spaziergang: Jogger, Sonnenbadende, Hundebesitzer, Spazierg\u00e4nger,\nein Tierfilmer unter einem Sonnenschirm, eine junge Mutter, die ihr Baby vor sich\nan der Brust tr\u00e4gt, ein Schmetterlingsf\u00e4nger. Aber alles verteilt sich auf dem\nlangen Strand so sehr, dass alle wie isoliert wirken. Als ich sp\u00e4ter\nzur\u00fcckkehre, kommen mir ganze Heerscharen entgegen. Ist das schon das\nbeginnende Wochenende? <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bemerke ich, dass\nauf den D\u00fcnen auch Kakteen wachsen. Sie sind eher klein und sehen etwas\nverkr\u00fcppelt aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt \u201eentdecke\u201c ich\nauch die Insel, von der in einem Telefongespr\u00e4ch mit der Heimat die Rede war,\ndie Insel vor der Insel, h\u00fcgelig, bewaldet, unbewohnt. Ich habe sie direkt vor\nmeiner Nase. Man hat also Land zu allen vier Seiten. Hinter mir liegt das\nFestland der Insel, sozusagen, zu beiden Seiten die Ausl\u00e4ufer der Bucht auf der\neinen Seite bewohnt, auf der anderen unbewohnt. Ob das schon Florian\u00f3polis ist,\ndessen H\u00e4user man da in gar nicht so gro\u00dfer Entfernung sieht?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einige Dinge muss\nman erst von au\u00dfen gesto\u00dfen werden. Dazu geh\u00f6rt auch die erh\u00f6ht auf Pfosten\nstehende Wachstation des Lebensrettungsdienstes, an der ich schon mehrmals\nvorbeigekommen bin. Oben stehen immer zwei Mann und beobachten die Szenerie\naufmerksam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wei\u00dfen Wolken stehen\nv\u00f6llig bewegungslos am blauen Himmel, in dicken Watteb\u00fcschen. Sehen wie\naufgemalt aus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Dingen, auf die\nich auch erst von au\u00dfen gesto\u00dfen werde, geh\u00f6rt auch das Relief von Brasilien.\nBrasilien ist gar nicht so gebirgig, wie ich jetzt meinte, ich bin nur einfach\nin dem gebirgigsten Teil Brasiliens unterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt reichlich\ntechnische H\u00fcrden, die nicht so leicht zu bew\u00e4ltigen sind. Das Handy hat\nangefangen, Photos in einem anderen Format zu speichern, von Airbnb kommt eine\nNachricht, die Zahlung sei nicht eingegangen und die Buchung sei storniert\nworden, bei der Buchung der Busfahrten wird immer wieder nach der CGF gefragt,\neine Nummer, die ich nicht habe, oder die Telefonnummer wird nicht akzeptiert,\nobwohl ich die deutsche Vorwahl gew\u00e4hlt habe. Da steht man wie der Ochs vor dem\nBerg. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag geht es wieder\nzum Strand. Der Name der Stra\u00dfe, auf der wir untergebracht sind, <em>Rua das Corticeiras<\/em>, spielt an auf die\nKorkeichen, mit denen ich in Portugal so oft in Ber\u00fchrung gekommen bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Strand gibt es einen\nAndenkenladen, der dreisprachig f\u00fcr sich wirbt: <em>Souvenirs \u2013 Lembrancinhos \u2013 Recuerdos<\/em>. Als ich dort etwas kaufe,\nwerde ich wieder an das Wort <em>embalar<\/em>\nerinnert, \u201aeinpacken\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Devasso<\/em>, einem der Lokale mit einer erh\u00f6hten Terrasse mit Blick auf\ndas Meer, ist heute Platz, obwohl es am Strand ziemlich voll ist. Ich setze\nmich und bestelle einen Caipirinha. Der hat es in sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Brasilianer mit\netwas unorthodoxem Verhalten \u2013 er war mir vorher schon aufgefallen \u2013 fragt\nmich, als er an mir vorbeikommt, ob ich Deutscher sei. Er sei auch Deutscher,\ner hei\u00dfe Fritz, er sei Abk\u00f6mmling von Juden, die nach Brasilien ausgewandert\nseien. Es gibt bestimmt eine angemessene Art, darauf zu reagieren, aber mir\nf\u00e4llt keine ein. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Speisekarte des <em>Devasso<\/em> steht eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr,\nwarum es hier so viele Anspielungen auf Saint Exup\u00e9ry gibt, wie eine Stra\u00dfe,\ndie <em>O Pequeno<\/em> <em>Pr\u00edncipe<\/em> hei\u00dft. Saint Exup\u00e9ry war als Flieger der franz\u00f6sischen\nLuftwaffe unterwegs und war damit beauftragt, Verbindungen zwischen Paris und\nBuenos Aires aufrechtzuerhalten, indem er Korrespondenz in beide Richtungen\ntransportierte. Dabei war Florian\u00f3polis eine Station, wo er mehrmals Halt\nmachte, um das Flugzeug aufzutanken. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch\nmal an den Strand. Der ist diesmal fast ganz leer. Es kommt Wind auf. Das\nWetter scheint sich zu \u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in den Ort\nbeginnt es auf einmal ganz intensiv zu riechen, nach einer Bl\u00fcte. Das muss\nJasmin sein, der Geruch ist mir aus Saloniki in Erinnerung. Es sind aber\nnirgendwo Bl\u00fcten zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort sind gleich\nnebeneinander, auf engstem Raum, vier Lokale. Das eine, das \u201eportugiesische\u201c,\ndas <em>Tens Tempo<\/em>, mit Kacheln und dem\nHahn von Barcelos an der Hauswand, scheint kein Essen zu haben. Bleiben Sushi,\nHamburger und Pizza. Ich nehme Pizza. Das Lokal nennt sich, etwas\nhochgestochen, <em>Pizzarium<\/em>, und man\ngibt sich auch eher vornehm. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal liegt im\nObergeschoss des gleichen Hauses, in dem unten ein anderes Lokal ist, und man\nsitzt hier wunderbar, auf einer gesch\u00fctzten Veranda. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch sitzen\nzwei junge, nicht sehr brasilianisch aussehende Frauen, die sich angeregt\nunterhalten und locker zwei Flaschen Wein verdr\u00fccken. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wirklich nur\nPizza. Die ist in Ordnung, aber nicht mehr. Nicht sehr geschmacksintensiv. Dazu\ngibt es noch ein neues Bier, sogar ein lokales, eins aus Florian\u00f3polis, <em>Kairos<\/em>. Ein religi\u00f6s-philosophischer\nBegriff als Bezeichnung f\u00fcr ein Bier! Kann aber mit den Bieren mit den mond\u00e4neren\nNamen nicht mithalten. <\/p>\n\n\n\n<p>19. November\n(Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Aufwachen erinnere\nich mich an ein Schild, das ich gestern Abend gesehen habe, vor der Pizzeria,\nein handgeschriebenes Schild, auf dem stand: <em>Boa noite!<\/em> H\u00f6rt sich f\u00fcr uns so an wie Schluss jetzt, geht nach\nHause, wir machen zu. Ist aber nicht so gemeint. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet\neher, kommt rein, wir haben auf, herzlich willkommen. <em>Boa noite!<\/em> wird eben nicht nur zur Verabschiedung, sondern auch zur\nBegr\u00fc\u00dfung gebraucht. Leicht zu verstehen, aber gar nicht so leicht anzuwenden.\nJedes Mal, wenn ich abends irgendwo reinkomme, sage ich <em>Boa tarde!<\/em>, und dann kommt von meinem Gegen\u00fcber, mit einem L\u00e4cheln <em>Boa noite<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Strand ist es voller\nals sonst. Es treten auch mehr Gruppen auf. Yoga wird heute nicht von einer\neinzelnen Frau gemacht, sondern gleich von einer Gruppe, im Kreis sitzend, eine\nandere Gruppe r\u00fcstet sich f\u00fcr eine Fahrt im Motorboot, woanders steht eine\nGruppe von Jugendlichen und wartet auf etwas, Im Wasser eine Gruppe von\nPaddlern, und am Ausgang des Strands macht sich eine Gruppe junger Leute zu\neiner Fahrradtour bereit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Verkaufsst\u00e4nde vor\ndem Strand sind schon aufgebaut, und am Strand werden \u00fcberall Sonnenschirme\ninstalliert, wobei ein kurioses Instrument, so etwas wie eine gro\u00dfe Luftpumpe,\nzum Einsatz kommt, um die L\u00f6cher f\u00fcr den Sonnenschirm im Sand zu schaffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wellen sind heute\nst\u00e4rker als sonst, sie rei\u00dfen einen f\u00f6rmlich von den Beinen. Und als ich wieder\nnach Hause gehe, verdunkelt sich der Himmel. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Mittag zum\nStrand gehe, lenkt ein Vogel, auf einem blattlosen, etwas verkr\u00fcppelten Baum\nsitzend, mit seinem Gesang die Aufmerksamkeit auf sich. Auch er ist gr\u00f6\u00dfer als\nunsere Singv\u00f6gel. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag sehe ich vor\ndem Souvenirgesch\u00e4ft, was es dort alles zu kaufen gibt. Ein Wort verstehe ich\nnicht, <em>enfeites<\/em>, und zwei kann ich\nnicht auseinanderhalten. Der Rest ist klar. Zu Hause stellt sich heraus, dass <em>enfeite<\/em> Schmuck ist, <em>chaveiro<\/em> Schl\u00fcsselanh\u00e4nger und <em>porta-chaves<\/em> auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ins <em>Devassa<\/em> komme, kommt der junge Kellner\nvon gestern auf mich zu und fragt: \u201eCaipirinha!\u201c. Wie immer in Brasilien, wird\nkein Trinkgeld erwartet, schon gar nicht mit der Zwanghaftigkeit, wie das in\nDeutschland geschieht. Auch bei dem Ausflug nach Petr\u00f3polis machten weder\nReisef\u00fchrer noch Busfahrer die geringste Anstalt, ein Trinkgeld einzufordern. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Minimarkt bekomme\nich Bananen, Bier, Tee, Kekse und Teigtaschen, alles zusammen f\u00fcr 48 R$. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Nachmittag\nnoch mal runter gehe, ist es richtig hei\u00df geworden. Der k\u00fchle Wind vom Meer\nkommt da gerade recht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten\nSonnenschirme werden von Bierfabrikanten gesponsert, aber es sich auch welche\nvon einer Vereinigung dabei, die ein Wappentier hat, das dem der M\u00fcncher L\u00f6wen\nzum Verwechseln \u00e4hnlich sieht. Aber es hat nur einen Schwanz. <\/p>\n\n\n\n<p>Verr\u00fcckt: Als ich wieder\nin die schmale Stra\u00dfe komme, die vom Strand wegf\u00fchrt, f\u00e4llt mir wieder der\nVogel von heute Mittag an. Und dann sitzt er tats\u00e4chlich noch da, auf demselben\nBaum. Sein Gesang h\u00f6rt sich wie ein Trillern an, etwas eint\u00f6nig, aber sch\u00f6n.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen wird\nberichtet, die Nationalmannschaft Brasiliens sei in Katar eingetroffen, dem\nreichsten Land der Welt, wie es hei\u00dft. Die brasilianischen Anh\u00e4nger sind\noptimistisch, diesmal werde es f\u00fcr den Titel reichen. Es ist auch von der\nKontroverse um den Bierausschank die Rede,&nbsp;\neine Kontroverse zwischen FIFA und dem Ausrichterland. Der Kompromiss:\nBier darf nur an f\u00fcnf Stunden am Tag und nur an bestimmten Orten wie\ninternationalen Hotels ausgeschenkt werden. Und es ist das teuerste Bier in der\nGeschichte der Weltmeisterschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Brasilien spielt am Donnerstag\nzum ersten Mal, und zwar um 4 Uhr am Nachmittag, <em>hora de<\/em> <em>Brasilia<\/em>, wie es\nhei\u00dft. War mir bis jetzt noch nicht aufgefallen: Brasilien hat vier Zeitzonen.\nF\u00fcr mich bis jetzt noch nicht von Bedeutung gewesen, weil ich immer in der\nZeitzone von Brasilia gewesen bin. Es gilt immer die 12-Stunden-Uhr, mit dem\nZusatz <em>am<\/em> oder <em>pm<\/em>. Mit der 24-Stunden-Uhr kann man nicht umgehen. Als ich einmal\n14.45 schreibe, kommt die Nachfrage, ob ich <em>2.45\npm<\/em> meinte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Angabe gr\u00f6\u00dferer\nZahlen unterscheidet sich. Irgendwo lese ich in einem Text die Zahl <em>2,4 mil<\/em>. Das ist <em>2400<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Woche beginnt mit\ndem Sonntag, und so ist es auch in allen Kalendern aufgef\u00fchrt. Das ist bei der\nBuchung von Ausfl\u00fcgen oder Unterk\u00fcnften relevant. Man mag es nicht glauben,\naber das kann verwirrend sein. Ich habe dieser Tage eine Unterkunft falsch\ngebucht, weil ich intuitiv bei unserem Kalender war. <\/p>\n\n\n\n<p>20. November\n(Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Leonardo habe ich es\nzu verdanken, dass ich \u00fcberhaupt hier wegkomme. Nach meinen vergeblichen\nVersuchen mit Taxi, Uber und Bus hat er einen Uber bestellt und mich\nvergewissert, dass er mich im Notfall selbst zum Bahnhof bringen w\u00fcrde. Aber\nder Uber kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr gespr\u00e4chiger\nFahrer. Es geht um die deutschen Einwanderer, um seine in alle Winde\nzerstreuten Kinder, um Angela Merkel, um deutsche Str\u00e4nde, um Benzinpreise, um\nmein Portugiesisch und die Unterschiede zwischen dem europ\u00e4ischen und dem\namerikanischen Portugiesisch. Was die Reiseroute betrifft, empfiehlt er mir vor\nallem Gramado. Das kenne ich nicht. Aber ich sage ihn, dass ich von gerne noch\nden Parque do Caracol besuchen w\u00fcrde, Canela. Ja, genau, sagt er, Canela sei\ndie Nachbarstadt von Gramado. Er ist auch Rentner. Er f\u00e4hrt nur 2-3 Stunden am\nTag. Um sich etwas Geld zur Rente dazuzuverdienen? Nein, um zu Hause\nwegzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof geht es\nganz gem\u00e4chlich zu. Was f\u00fcr ein Unterschied zu Sao Paulo, vor einer Woche, auch\nan einem Sonntag! <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren mit\nVersp\u00e4tung ab, der freundliche Fahrer bittet ausdr\u00fccklich um Entschuldigung und\nk\u00fcndigt eine drei\u00dfigmin\u00fctige Mittagspause an. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nach Porto\nAlegre, die Hauptstadt des Bundesstaats Rio Grande do Sol. Der \u201aFr\u00f6hliche\nHafen\u2018 hat 1,4 Millionen Einwohner und liegt nicht am Meer, sondern an einem\nFluss, dem Rio Gua\u00edba. <\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet, aber nur ein\nbisschen, der Himmel ist bedeckt. Es geht \u00fcber Land und dann eine ganz Zeit am\nMeer entlang, das heute etwas tr\u00fcb aussieht, eher braun als blau. Die\nLandschaft wird deutlich flacher. Vor Porto Alegre endet offensichtlich der\nAusl\u00e4ufer des Gebirges, das mich die ganze Zeit begleitet hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Pause sagt der\nBusfahrer, wir m\u00f6chten uns die Nummer des Busses merken: <em>986 \u2013 nove \u2013 oito \u2013 meia<\/em>. Was ist das denn, <em>meia<\/em>? Meine Nachbarin hilft mir auf die Spr\u00fcnge: F\u00fcr das Zahlwort\nsechs gibt es zwei W\u00f6rter, <em>seis<\/em> und <em>meia<\/em>. Das sei sehr gebr\u00e4uchlich. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Souvenirshop an\nder Rastst\u00e4tte h\u00e4ngt ein Schild mit der Aufschrift<strong>:<\/strong> <em>Se aceptan pesos argentinos\/Se aceptan pesos uruguayos<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Restaurant gibt es\neinen abgetrennten Raum f\u00fcr Kunden mit Tieren: <em>Espa\u00e7o Pet<\/em>. Keine schlechte Idee. Wird aber im Moment nicht von\nGebraucht gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter. Wir\nhaben gut die H\u00e4lfte der Strecke hinter uns. Der Bus ist, wie alle Reisebusse\nhier, modern und bequem, und der Fahrer f\u00e4hrt ganz ruhig und gleichm\u00e4\u00dfig, so\ndass meine Nachbarin den gr\u00f6\u00dften Teil der Strecke schlafend verbringt. Als sie\ndann doch noch aufwacht, kommen wir noch ins Gespr\u00e4ch. Sie liest Hemingway, das\nBuch \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg, das auf Portugiesisch <em>Por Quem os Sinos Dobram<\/em> hei\u00dft. Das Buch\ngef\u00e4llt ihr sehr gut. Parallel dazu liest sie noch ein weiteres Buch, das sie\nzu Hause hat: <em>A Montanha<\/em> <em>M\u00e1gica<\/em>. Sagenhaft, was Thomas Mann da\nalles reingepackt habe. Das sei je ein richtig philosophisches Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach meiner\nReiseroute und nach meinen weiteren Pl\u00e4nen. Ja, Uruguay sei auch ein sch\u00f6nes\nReiseziel. Und ja, genauso solle ich es machen, in dieser Reihenfolge. Porto\nAlegre sei auch sehr sch\u00f6n, vor allem die Wege den Fluss entlang d\u00fcrfe ich mir\nnicht entgehen lassen. Sie kennt sogar die Stra\u00dfe, in der mein Apartment liegt,\nja, das sei gut, das sei im historischen Zentrum, und gar nicht weit vom Fluss\nentfernt. Sie verabschiedet sich sehr freundlich, als wir in Porto Alegre\nankommen. Ist sehr hei\u00df hier. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Taxi geht es zu\ndem Apartment. Das ist nicht weit entfernt und liegt in einer gro\u00dfen, aber ruhigen,\nganz gerade verlaufenden Stra\u00dfe. Als ich aus dem Taxi steige und den Eingang\ndes Geb\u00e4udes betrete, h\u00f6re ich schon meinen Namen. Fabiano hat unten gewartet,\nzusammen mit dem Portier. Er begr\u00fc\u00dft mich ausgesprochen freundlich und hei\u00dft\nmich auf Englisch und auf Portugiesisch willkommen. Er hat sich entschieden,\ndoch pers\u00f6nlich zu kommen, obwohl er mir schon detaillierte Informationen hat\nzukommen lassen, wie ich in das Apartment kommen kann. Das ist mir sehr lieb,\nes erleichtert die Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment liegt ganz\noben, im 7. Stock, und macht auf den ersten Blick schon einen guten Eindruck.\nFabiano erkl\u00e4rt alles, detailliert, immer mit Nachfrage, und in einem wunderbar\nverst\u00e4ndlichen Portugiesisch, Fernseher, Dusche, Gasherd, Schl\u00fcssel,\nKlimaanlage. Nachts solle ich die Rolll\u00e4den lieber runter machen, sonst k\u00e4men\nFlederm\u00e4use herein, <em>morcegos<\/em>,\nFlederm\u00e4uschen, besser gesagt. Kein Grund zur Besorgnis, die gingen einem nicht\nan die Kehle. Ich bin von allem sehr angetan und sage ihm das auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken drehe\nich eine Runde um den Block. Hier, in der Riachuela, gibt es einen Minimarkt\nund eine Kapelle, aber unter, in der Andradas, gibt es, wie Fabiano mir schon\ngesagt hatte, alles: Kirchen, &nbsp;Museen,\nLokale, Gesch\u00e4fte. Hier ist richtig Betrieb. Viele Leute sind auf den Beinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe immer wieder\nkleinere Gruppen, die alle ein T-Shirt in den brasilianischen Farben tragen,\nmit der Aufschrift <em>Meu partido \u00e9 o Brasil<\/em>.\nH\u00f6rt sich nach Fu\u00dfball an, ist aber politisch gemeint. Es handelt sich um\nBolsonaro-Anh\u00e4nger. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts eine riesige\nKirche mit einer monumentalen Freitreppe. Die k\u00f6nnte auch, meint man auf den\nersten Blick, in Rom stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich daneben ein\nmilit\u00e4risches Geb\u00e4ude, das <em>Quartel do\nComando Geral<\/em>. Oben an der Fassade ein Emblem und die Aufschrift: <em>Estados Unidos do Brasil<\/em>. Hie\u00df also\nfr\u00fcher wirklich mal so.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der linken Seite ein\nbreiter Durchgang unter einem Geb\u00e4ude, durch den man weit auf die n\u00e4chste\nStra\u00dfe sieht. Was es damit auf sich hat, erkl\u00e4rt eine Tafel. Es ist das\nehemalige <em>Hotel Majestic<\/em>, in der Zeit\ndes Ersten Weltkriegs von einem deutschen Architekten gebaut, einem gewissen\nTheo Wiederspahn. Das Hotel erstreckt sich \u00fcber zwei Fl\u00fcgel, die durch diesen\n\u00fcberbauten Bogengang miteinander verbunden sind, so dass sich ein Korridor\nbildet. Das habe, hei\u00dft es, einen besonderen Raum im historischen Zentrum\ngeschaffen. Seit der Schlie\u00dfung des Hotels ist hier ein Kulturzentrum\nuntergebracht, benannt nach M\u00e1rio Quintana, einem Dichter, der hier wohnte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zu Hause, schalte\nich den Fernseher an. Berichterstattung von der WM. Mit Analysen. Die Sendung\nhei\u00dft <em>Terceiro Tempo<\/em>, \u201aDritte\nHalbzeit\u2018 Es werden die Tore des Er\u00f6ffnungsspiels in Katar gezeigt. Ecuador hat\nKatar 2:0 geschlagen. Zum ersten Mal \u00fcberhaupt hat ein Gastgeberland ein\nEr\u00f6ffnungsspiel verloren. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem anderen Kanal\nl\u00e4uft <em>Quem Quer Ser Um Milion\u00e1rio?<\/em>Der Kandidat muss schon bei der dritten Frage das Publikum zur Hilfe\nnehmen. Um &nbsp;&nbsp;&nbsp;was\ngeht es bei der Philatelie? A) Briefmarken B) M\u00fcnzen C B\u00fccher D)\nKugelschreiber. Das Publikum bekommt es hin. Mit 53%.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprachliche Kuriosit\u00e4t:\nIn Portugal hie\u00df das Quiz <em>Quem Quer Ser<\/em>\n<em>Milion\u00e1rio?<\/em> Ohne Artikel. <\/p>\n\n\n\n<p>21. November\n(Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Aufzug steht ein T\nf\u00fcr das Erdgeschoss. Das steht f\u00fcr <em>t\u00e9rreo<\/em>.\nDagegen ist <em>terra\u00e7o<\/em> das Wort f\u00fcr die\nAussichtsterrasse oben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Eingangshalle des\nGeb\u00e4udes ist ganz sch\u00f6n, mit einem Gittertor, Pflanzen und einer Bank. Darauf\nachte ich jetzt zum ersten Mal, als ich am Morgen das Geb\u00e4ude verlasse. Gestern\nwar ich mit anderem besch\u00e4ftigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg hinunter\nkomme ich an einer Bar vorbei, deren Namen so geschrieben ist, dass man das\nGef\u00fchl hat, dass man beschwipst ist oder Schwindel empfindet: <em>Devaneio do velhaco \u2013 Phantastereien des\nSchurken. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Andradas finde\nich ein richtig geschmackvoll eingerichtetes Caf\u00e9, zum ersten Mal in Brasilien.\nAn den W\u00e4nden h\u00e4ngen Photographien von Porto Alegre, jede f\u00fcr sich einzeln\neingerahmt und signiert, gro\u00dfformatig. Sie zeigen nicht einfach\nSehensw\u00fcrdigkeiten, sondern ausgesuchte Details oder einfache Stra\u00dfenszenen.\nEinfach toll gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein wunderbares\nT\u00f6rtchen zum Kaffee, mit Apfel und Rosinen gef\u00fcllt, eins von vielen feinen\nLeckereien, die an der Theke sch\u00f6n pr\u00e4sentiert auf Kunden warten. Ich kann hier\nauch gleich Tee f\u00fcr das Apartment mitnehmen. Der kommt von Dr. Oetker. Und hat\nseinen Preis. Der Mann an der Kasse sagt etwas von heraufkommendem Regen. Ich\nglaube, er freut sich darauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach\nHause komme, ist der Portiersplatz besetzt,&nbsp;\nmit einem anderen Portier als gestern. Er tut seine Arbeit, l\u00e4sst mich\nnicht achtlos passieren, sondern fragt, wer ich sei und wo ich hinwolle. Dann\nstellt er sich selbst vor, Carlos und gibt da unvermeidliche Zeichen: Daumen\nhoch!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag geht es in\ndie Stadt, wieder \u00fcber die Andradas, die schon fast vertraut wirkt, bis zu\neinem Park und einem Platz. In dem Park sehe ich zum ersten Mal, dass der Baum\nmit den lila Bl\u00fcten und der Baum mit den haarigen \u00c4sten ein und derselbe ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann erledige ich verschiedene\nDinge hintereinander: Bank. Touristeninformation und Rodoviaria. Da kommt im\nLaufe des Vormittags eine ganz sch\u00f6ne Strecke zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenbei erledige ich\nauch noch einen Einkauf im Schreibwarengesch\u00e4ft. Hinter mir in der Schlange\nstehen mehrere Frauen. Alle haben Geschenkpapier unter dem Arm, alle mit\nWeihnachtsmuster. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Stra\u00dfe komme\nich am <em>P\u00e3o Alem\u00e3o<\/em> vorbei, an einem\nPlatz steht eine B\u00fcste eines Mannes, gewidmet den Brasilianern vom Volk von\nUruguay. In einer anderen Stra\u00dfe eine l\u00e4ngere Schlange vor einem Amt.\nVermutlich das Arbeitsamt. <\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter ich aus meinem\nViertel hinauskomme, umso mehr merke ich, dass ich wohl in der besten Ecke\nPorto Alegres gelandet bin. Auf dem R\u00fcckweg vom Bahnhof komme ich \u00fcber eine\nbreite, schnurgerade Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, mit Gesch\u00e4ften, Gesch\u00e4ften, Gesch\u00e4ften.\nAlle ziemlich vollgepackt mit Waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum <em>Mercado P\u00fablico<\/em>, wieder mit St\u00e4nden, in\ndenen es Nahrungsmittel, aber auch Dinge des t\u00e4glichen Bedarfs gibt. Der Bau\nist zweist\u00f6ckig, aber oben ist nichts, au\u00dfer ein oder zwei Restaurants, aber\ndie sind noch leer. Man sieht auch drau\u00dfen, dass die obere Etage in keinem\nguten Zustand ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen erf\u00e4hrt man\netwas \u00fcber die Geschichte dieses monumentalen Geb\u00e4udes. Auch dieses Geb\u00e4ude\nwurde von einem deutschen Architekten geplant. Es war urspr\u00fcnglich einst\u00f6ckig,\nwie man auf einer Photographie sieht. Das zweite Geschoss kam erst sp\u00e4ter dazu,\nund noch sp\u00e4ter das st\u00e4hlerne Dach. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin an einem\nentfernten Ende der Riachuela gelandet, und das Gehen wird mir bei der schw\u00fclen\nHitze etwas schwer. Es tr\u00f6stet mich aber der Gedanke, dass in der Heimat der\nerste Schnee gefallen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande ich in\neinem Restaurant auf der Andradas, um einen Saft zu trinken. Auf Anraten des\nKellners wird es ein Zitronensaft. K\u00f6stlich, ganz weich auf der Zunge. Als ich\nzahle, sehe ich, dass hier \u00fcberall zum Mittagessen Saft getrunken wird. Ist\nschon ein ganz besonderer Saft. <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nTouristeninformation sprach die Frau vom Gua\u00edba als See. See? Ja, sieht aus wie\ndas Meer, wird Fluss genannt und ist ein See. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag dann\nBegegnung mit Sonia, der zweiten von den brasilianischen Krankenschwestern\nvermittelten Kontaktperson. Sie spricht flie\u00dfend Italienisch, aber es h\u00f6rt sich\nwie Portugiesisch an. Zwischendurch scheint sie mal die Sprache zu wechseln,\naber man merkt es kaum. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dem\nSupermarkt, wo ich auf sie warte, gibt es einen Eisenwarenhandel, <em>Ferragem Do Alem\u00e3o<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlage vor, zum\nGua\u00edba zu gehen. Ein Fehler, denn sie begn\u00fcgt sich nicht mit den Kais, wo die\nAusflugsboote ablegen, sondern f\u00fchrt mich die ganze neu angelegte Uferpromenade\nentlang, und dann, als wir am Ende angekommen sind und ich auf ein Bier\nspekuliere, \u00fcber einen Sandweg auf die andere Seite, und da geht die\nUferpromenade weiter. Sie verweist mit Stolz auf die neuen, frei zug\u00e4nglichen\nSportanlagen, Tennis und Fu\u00dfball und Fitnessger\u00e4te, und die sind wirklich vom\nFeinsten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort komme ich auch zu\nmeinem ersehnten Bier, aber das schmeckt nicht einmal gut. Sie kennt sich sehr\ngut mit Einkaufszentren und Str\u00e4nden aus, und schafft es, die Sprache immer\nwieder darauf zu bringen. Ich erz\u00e4hle von einer Episode von Rio, und sie sagt,\nja, die Str\u00e4nde von Ipanema, die f\u00e4nde sie besonders sch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne sieht man\ndie Konturen eines Stadions, ganz in Wei\u00df. Das ist Verein, <em>Sport Club Internacional<\/em>, hier einfach <em>Inter<\/em> genannt. Hier wurden 2014 auch Spiele bei der WM ausgetragen.\nInter ist der brasilianische Verein mit den drittmeisten Titeln (hier werden\nMeisterschaft und Pokal immer zusammengez\u00e4hlt) und hat auch zweimal die <em>Copa Libertadores<\/em> gewonnen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Sonia erz\u00e4hlt, wie sie\n1990 in Italien war, als Deutschland gewonnen hat und sie ein Spiel der WM\ngesehen hat. Obwohl man es ihr nicht ansieht, ist sie schon Oma. Ihr Sohn lebt\nin Italien, und nat\u00fcrlich muss ich mir Photos von Sohn, Tochter und Enkel\nansehen und sie geb\u00fchrend bewundern. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie kennt alle St\u00e4dte,\ndie ich bereist habe, kennt aber vom Nordosten auch wenig. Vor kurzem habe sie\nmal die Gelegenheit gehabt, dann aber die Alternative Uruguay gew\u00e4hlt. Da habe\nes ihr sehr gut gefallen. Auch hier kennt sie ein paar Str\u00e4nde. Auf die\nUruguayos ist sie gut zu sprechen, auf die Argentinier weniger. Die seien\nfr\u00fcher immer so \u00fcberheblich gewesen, h\u00e4tten alles in ihrem Land besser\ngefunden, moderner, fortschrittlicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen Deutsch\nkann sie auch. Sie hat mal in M\u00fcnchen einen zweiw\u00f6chigen Sprachkurs gemacht und\nist mal in Garmisch-Partenkirchen gewesen. Den Namen des Ortes hat sie sich\ngemerkt und kann ihn richtig gut aussprechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme schlecht und\nrecht mit meinem Portugiesisch zurecht. Wenn ich <em>Nossa Senhora dos Dores<\/em> sage, findet sie, klinge das nach Portugal.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir, was es\nmit der ber\u00fchmten Frage im Supermarkt auf sich hat, die gestellt wird, wenn es\nans Bezahlen geht. Man kann seine Fiskalnummer angeben und nimmt dann an einer\nLotterie teil. Es dauert allerdings, bis ich sie dazu kriege, mir zu erkl\u00e4ren,\nwas das ist. Sie sagt immer nur, sie sage immer nein. Ja, aber auf welche\nFrage?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wohnt weiter in\ndiese Richtung und wollte eigentlich von hier aus einen Bus nehmen, aber als\nich sage, ich ginge zu Fu\u00df zur\u00fcck, kommt sie mit. Sie will irgendwo unterwegs\nden Bus nehmen. Das passiert aber nicht, und wir gehen wieder die endlose\nUferpromenade zur\u00fcck und dann in die Stadt. Hier wird es doch wohl eine\nBushaltestelle geben. Aber wir gehen immer weiter, die Andradas entlang, auf\nder H\u00f6he meines Apartments, aber sie macht keine Anstalten, mich zu entlassen.\nEs geht immer weiter bis zum Ende der Andradas, wo es eine gr\u00f6\u00dfere\nBushaltestelle gibt, aber da f\u00e4hrt ihr Bus auch nicht ab. Es geht noch um ein\npaar Ecken, und dann ist es geschafft. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber meine m\u00fcden Beine\nm\u00fcssen mich noch zur\u00fcck zum Apartment bringen. Es ist inzwischen dunkel\ngeworden, und die Andradas wirkt stiller als am Mittag, aber es sind doch noch\nviele Leute unterwegs, und einige Lokale haben noch ge\u00f6ffnet. Ich w\u00e4hle spontan\neins, das <em>Boteco Hist\u00f3rico<\/em>, mit einer\nsch\u00f6nen Fassade und Tischen drau\u00dfen,. Als ich nachher einmal reingehe, merke\nich, dass auch dieses Lokal, wie das Caf\u00e9 heute Morgen, richtig sch\u00f6n\neingerichtet ist, mit Holzbalken und Backsteinen an der Wand, einer sch\u00f6nen\nDecke und vielen Photos. Das scheint eine Besonderheit von Porto Alegre zu\nsein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Bier schmeckt hier\nviel besser als das an der Uferpromenade. Das Glas ist von <em>Amstel<\/em>, der Flaschenhalter von <em>Eisenbahn<\/em>,\nund das Bier ist ein <em>Brahma<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich auf mein Essen\nwarte, f\u00e4llt mir auf, dass ich seit Wochen keine Fremdsprache mehr geh\u00f6rt habe,\nalso keine au\u00dfer Portugiesisch. Zum letzten Mal habe ich vermutlich im <em>Museu do Amanh\u00e3 <\/em>in Rio eine andere\nSprache geh\u00f6rt. Ansonsten war ich immer nur unter Brasilianern.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Speisekarte\nstand <em>xis<\/em> in allen m\u00f6glichen\nVarianten. Ich habe auf gut Gl\u00fcck eins bestellt. Ist wie eine Abwandlung von\nHamburger, aber schmeckt richtig gut, richtig saftig. Zwischen zwei breiten\nBrotscheiben, vermutlich <em>a la plancha<\/em>\ngebraten, befindet sich eine unendliche Menge von Zutaten, Mais, Paprika,\nZwiebeln, Wurst, Salat, Senf, K\u00e4se und ein Spiegelei. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem kurzen Heimweg\nkomme ich an der hell erleuchteten <em>Nossa\nSenhora dos Dores <\/em>vorbei, der monumentalen Kirche, hell erleuchtet, und\ndann sehe ich sie noch einmal beim Aufstieg zur <em>Riachuela<\/em>, von der Seite, ein perfektes Photomotiv. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>22. November\n(Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind gestern vom\nRegen verschont geblieben, obwohl es st\u00fcndlich danach aussah. Nachts ging es\ndann los. Als es am Vormittag langsam nachl\u00e4sst, gehe ich zum Gua\u00edba, zum&nbsp; Abfahrtsort der <em>Linha Turismo<\/em>. Dummerweise f\u00e4hrt die gar nicht da ob, wo ich\ndachte, gleich in der N\u00e4he der Wohnung, sondern viel weiter raus. Erst muss in\nan der stark befahrenen Stra\u00dfe entlang, dann durch ein verlassenes Hafengebiet.\nEr wird mir fast etwas mulmig, aber ein Wachmann, der irgendwo steht, sagt, ich\nsei richtig. Und als ich vor einem schmuddeligen B\u00fcroraum an einem Platz mit\nalten Drahtz\u00e4unen und Lehmboden wieder umdrehe, weil ich mir nicht vorstellen\nkann, dass das hier ist, macht er mir von weitem eine Geste, doch, doch, da\nrein. Dann stellt sich heraus, dass ich die Abfahrt verpasst habe und der\nn\u00e4chste Bus erst in zwei Stunden kommt. Zwei Stunden in dieser unseligen Gegend\nzu warten, dazu habe ich keine Lust. Muss ich jetzt den ganzen bl\u00f6den Weg\nwieder zur\u00fcck? Nein, der Wachmann f\u00fchrt mich durch eine Unterf\u00fchrung und ich\nstehe \u2013 direkt vor dem <em>Mercado P\u00fablico<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Das passt gut. Ich nutze\ndie Gelegenheit, um mich hier umzusehen. Auff\u00e4llig die vielen St\u00e4nde, in denen\nin K\u00e4sten oder S\u00e4cken Kr\u00e4uter angeboten werden. Sie sind alle beschriftet, aber\ndie Namen sagen mir nichts. K\u00f6nnten auch Gew\u00fcrzmischungen sein, aber dann w\u00e4re\ndie Farbpalette gr\u00f6\u00dfer. Hier ist alles gr\u00fcn. Ein junger Verk\u00e4ufer l\u00e4sst mich\nein Photo machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann trinke ich in einer\nBar einen Saft, diesmal Papaya. Kein Vergleich zu dem von gestern, dies ist ein\nganz ordin\u00e4rer Saft, den sich jeder zu Hause selbst machen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bar hei\u00dft Ga\u00facho.\nDas ist eine Anspielung auf die Geschichte von Porto Alegre, denn die Stadt\ngewann erst dann als Bedeutung, als sie zur Schnittstelle des Handels mit\nRindfleisch wurde. Heute ist sie die Brasiliens gr\u00f6\u00dftes kommerzielles Zentrum\ns\u00fcdlich von S\u00e3o Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he des\nMarkts ist das Koffergesch\u00e4ft, das ich dieser Tage schon gesucht habe. Eine\nwirklich kompetente und hilfsbereite Verk\u00e4uferin ber\u00e4t mich, und ich komme mit\neiner Reisetasche hinaus, die die weitere Reise erleichtern sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder sehe ich die\nM\u00e4nner, die immer mit einem ganzen B\u00fcndel gro\u00dfer, schwarzer M\u00fcllbeutel durch\ndie Gegend laufen. Was ist da nur drin? Jetzt werde ich es gewahr: Flaschen.\nDie M\u00e4nner sammeln Plastikflaschen, um sich durch das Pfand ein bisschen Geld\nzu verdienen. Daf\u00fcr durchsuchen sie die gro\u00dfen M\u00fclleimer. Hartz V.<\/p>\n\n\n\n<p>Flucht vor dem Regen\nnach Hause, dann noch ein Versuch, als der Regen wieder nachl\u00e4sst. Diesmal\nkomme ich unten an der Andradas durch einen Park, ganz sch\u00f6n, sehr gr\u00fcn. Dort\nhat man eine Trommel aufgestellt, Teil eines Pfads durch Porto Alegre, der das\nErbe der schwarzen Bev\u00f6lkerung sichtbar machen will. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wieder die\nlila bl\u00fchenden B\u00e4ume, die mir weiter R\u00e4tsel aufgeben. Der untere und der obere\nTeil scheinen irgendwie nicht zusammenzugeh\u00f6ren. Unten die st\u00e4mmigen \u00c4ste, an\ndenen die Bl\u00e4tter direkt wachsen, oben ein fein verzweigtes Astwerk mit den\nBl\u00fcten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder h\u00f6re ich von etwa\nweiter unten die Stimmen Demonstranten, alle in T-Shirt mit den brasilianischen\nFarben gekleidet. Diesmal gehe ich hin uns sehe mir das an. Sie haben wirklich\nGeduld, Hunderte von Malen wird dasselbe wiederholt, so oft, dass ich am Ende\nverstehe, was sie da skandieren: <em>SOS \u2013\nFor\u00e7as Armadas<\/em>. Sie rufen die Streitkr\u00e4fte zu Hilfe. Sie sollen\nintervenieren und das Wahlergebnis revidieren. Deshalb stehen sie hier, vor dem\nSitz der <em>Brigada Militar<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Andradas komme wieder\nan dem Kulturzentrum vorbei, dem ehemaligen <em>Hotel\nMajestic<\/em>. Der Durchgang zur anderen Seite ist gar nicht durchgehend\n\u00fcberdacht, sondern hat breite Lichth\u00f6fe, die einerseits das Sonnenlicht\nreinlassen, andererseits einen Blick in den Himmel erlauben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zur\nwunderbar begr\u00fcnten <em>Pra\u00e7a Alfandega<\/em>,\ndem Schmuckst\u00fcck der Innenstadt. Ich finde auch eine Skulptur wieder, eine\nmoderne Skulptur aus Eisen. Sie zeigt zwei M\u00e4nner, \u00e4ltere Semester. Der eine\nsitzt auf einer Parkbank und wendet sich dem anderen zu, der hinter der\nParkbank steht, ein Buch in der Hand. Ich setze mich auch auf die Parkbank und\nbitte eine Passantin, ein Photo zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich gestern noch\n\u00fcberlegt habe, warum ich wohl in der ganzen Zeit noch kein einiges Postamt\ngesehen habe, komme ich jetzt auf dem Weg Richtung Markthalle an einem ganz\nmodernen Geb\u00e4ude vorbei, mit der Aufschrift: <em>Correios<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Markthalle kaufe\nich <em>caju<\/em>. Daf\u00fcr wird ganz sch\u00f6n\nabkassiert. Zu Hause stellt sich heraus, dass sie schwer zu essen sind. Das\nFruchtfleisch schmeckt auch nicht besonders gut, wohl aber der Saft. Die\nCashew-N\u00fcsse oder was dazu wird, gucken oben raus, so wie der Stilansatz bei\nPaprika. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur Besichtigung suche\nich mir den <em>Pa\u00e7o Municipal<\/em> aus,\ngleich neben der Markthalle. Auf dem Platz davor steht ein sch\u00f6ner Brunnen, mit\nblauen und wei\u00dfen Kacheln. Er ist ein Geschenk der spanischen Einwanderer an Porto\nAlegre. <\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Pa\u00e7o Municipal<\/em> war fr\u00fcher Sitz des Rathauses, heute ist er Museum.\nUnten gibt es eine kleine Kunstausstellung. Bilder von vermutlich einheimischen\nK\u00fcnstlern, die alle bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts gelebt haben. Die\nBilder gefallen mir ausgesprochen gut. Sie bewegen sich irgendwo zwischen\ngegenst\u00e4ndlich und abstrakt. Sehr sch\u00f6n eine Hafenszene mit nur in\ngeometrischen Formen dargestellten H\u00e4usern, Sandstrand, Boot, Kirche. Anders\nein fast etwas gespenstisch, aber doch sch\u00f6n aussehendes masken\u00e4hnliche Objekt,\nnicht identifizierbar. Wieder etwas anders eine vermutlich menschliche Figur,\nnur aus groben Pinselstrichen bestehend. Je n\u00e4her man hinguckt, umso mehr\nglaubt man zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Obergeschoss gibt es\neine Sonderausstellung zu Theo Wiederspahn, dem deutschen Architekten, dem ich\ngleich am ersten Tag als Erbauer des Hotels Majestic begegnet bin.\nBeeindruckend, was der alles gebaut hat, sowohl hier in Porto Alegre selbst als\nauch in Rio Grande do Sol au\u00dferhalb der Stadt. Man sieht Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine\nbunte Reihe von Geb\u00e4uden, alle auf Deutsch beschriftet: eine evangelische\nKirche, ein Lehrerseminar, die Erweiterung eines Hospitals, das Vereinshaus des\nTennisclubs, das Vereinshaus der Gesellschaft Germania und vieles mehr.\nAusgestellt sind auch ein Bierkrug von <em>L\u00f6wenbr\u00e4u<\/em>\nund zwei B\u00fccher, <em>Moderne Zimmermannskunst<\/em>\nund <em>Der brasilianische Bienenz\u00fcchter. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung bietet\nauch Informationen \u00fcber das Geb\u00e4ude selbst, von einem italienischen Architekten\ngeplant, in einem eklektischen Stil, mit einer reichen Fassade, im Sinne des\nPositivismus den Fortschritt durch Technik und Naturwissenschaft propagierend.\nEs gibt allegorische Figuren der Republik und der Freiheit, der Landwirtschaft\nund der Gerechtigkeit. Alle stehen oben auf dem Dach, in triumphierender Geste.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade hat Pilaster\nund Pfeiler (toskanische unten, korinthische oben), Triglyphen, Balustraden,\nBalkone,&nbsp; Giebel, je l\u00e4nger man hinsieht,\numso mehr entdeckt man an Details.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Geschoss weiter\noben kann man auf den Balkon treten und hat von hier aus einen erstaunlich\nsch\u00f6nen Blick, zwischen den H\u00e4usern hindurch, auf den See. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme\nich an einem Geb\u00e4ude vorbei, das symbolisch f\u00fcr Pracht und Verfall steht, die <em>Confeitaria Rocco<\/em>. Der Name ist mit\nStuck an der Fassade angebracht. M\u00e4chtige Atlanten tragen die Balkone des\nzweiten Geschosses, die Balkone haben schmiedeeiserne Gel\u00e4nder,\ngeschoss\u00fcbergreifende Pfeiler verbinden das zweite mit dem dritten Geschoss,\ndie Eingangsportale haben Girlanden und anderen Bauschmuck, eine Br\u00fcstung und\nFiguren bekr\u00f6nen das Dach, und das Geb\u00e4ude, auf zwei Stra\u00dfen hinausgehend, hat\neinen schr\u00e4g zum Platz stehenden Mittelteil zwischen den beiden Hauptteilen.\nJetzt ist alles verfallen. Die eisernen Rolll\u00e4den sind heruntergelassen und verschmiert,\ndie Figuren und die Fassade sind verschmutzt. Das Haus steht zum Kauf an. Dabei\nhat es, wie eine Plakette verk\u00fcndet, noch 2004 eine Sanierung gegeben. Alles\nf\u00fcr die Katz?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich passiere auch zwei\nsch\u00f6ne alte Buchhandlungen mit originellen Namen: so ler und beco dos\nlivros.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich zum Apartment\nkomme, mache ich noch ein Photo von der <em>Igreja<\/em>\n<em>dos Dores<\/em>, wieder von der Seite, wie\ngestern Abend, aber jetzt bei Tageslicht. Die Demonstranten sind immer noch\nzugange. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend in die\nAndradas zum Essen gehe, sehe ich zum ersten Mal, wie viele pr\u00e4chtige und auch\ngut erhaltene H\u00e4user hier stehen. Bei dem lebendigen Treiben auf der Andradas\n\u00fcbersieht man sie leicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abendessen werde\ndaran erinnert, dass die Speisekarte in Brasilien <em>card\u00e1pio<\/em> hei\u00dft und nicht <em>ementa<\/em>.\nUnd das portugiesisch <em>pasta<\/em> nichts\nmit unserer <em>Pasta<\/em> zu tun hat, sondern\n\u201aAktentasche\u2018 hei\u00dft. Unsere Pasta hei\u00dft <em>massa<\/em>.\n\u00c4hnlich verwirrend im T\u00fcrkischen. Das benutzt <em>makarna<\/em> f\u00fcr unsere Pasta und <em>pasta<\/em>\nf\u00fcr unsere Torte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich\n\u2013 alle Stra\u00dfenschilder haben Erkl\u00e4rungen \u2013 dass der Name meiner Stra\u00dfe, <em>Riachuelo<\/em>, der so unschuldig klingt,\nsich tats\u00e4chlich auf eine Schlacht im Krieg gegen Paraguay bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Lokal erlaubt\nman mir, ein Photo von einem Werbeplakat von Bohemia zu machen: a cerveja que criou a cerveja no brasil.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Demonstranten sind\nimmer noch bei der Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen wird\nberichtet, in Saudi-Arabien habe man nach dem Sieg gegen Argentinien einen\nzus\u00e4tzlichen Feiertag dekretiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dass Pablo Milan\u00e9s\ngestorben ist. Trotz seiner etwas piepsigen Stimme ein Aush\u00e4ngeschild der <em>Nueva Trova Cubana<\/em>. Und unsterblich mit\nseinem <em>Ojal\u00e1<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>23. November\n(Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen ist mein\nPersonalausweis weg. Die hektische Suche hat keinen Erfolg. Ich muss los.\nUnterwegs \u00fcberlege ich, ob es hier wohl ein Deutsches Konsulat gibt und wie ich\ndie Sache erledigen kann. Auf der Fahrt durchsuche in den Rucksack \u2013 nichts.\nUnd dann taucht der Personalausweis, als ich die Suche aufgegeben habe, an\nunerwarteter Stelle wieder auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Es fallen am Morgen noch\nein paar Tropfen, aber es ist schon wieder richtig warm. Am Bahnhof nehme ich\nmir Zeit f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck, und das wird mir fast zum Verh\u00e4ngnis. Ich finde die\nAbfahrtstelle nicht. Da, wo ich bin, ist nur die Ankunft. Ich muss durch den\nganzen Bahnhof hindurch, und dann stehe ich an den Abfahrtbuchten und sehe\neinfach nicht, wo die Nummerierung ist. Eine Frau, die ich frage, versteht mich\nnicht so richtig. Ob ich denn schon eine Fahrkarte h\u00e4tte, will sie wissen. Sie\nsieht sich meine Fahrkarte an und konstatiert \u201ePlataforma 43\u201c. Ja, das wei\u00df\nich, aber wo ist die? Sie weist mit dem Finger nach oben. Dort stehen die\nNummern. Nat\u00fcrlich ist die 43 ganz am anderen Ende, aber es reicht dann doch\nnoch. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nach Canela. Das\nbedeutet \u201aZimt\u2018. Warum die Stadt so hei\u00dft, verstehe ich nicht. Irgendwo ist von\nB\u00e4umen die Rede, aber was haben die mit Zimt zu tun? Sp\u00e4ter ergeht es \u00e4hnlich\nmit dem Namen des Parks. Warum der <em>Parque\ndo Caracol<\/em> hei\u00dft, wei\u00df wohl niemand so richtig. Einige behaupten, dass\nBecken, in dem sich das Wasser sammelt, bevor es zum Wasserfall wird, habe die\nForm einer Schnecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt ist bequem wie\nimmer, aber es zieht sich, und das, obwohl wir, wenn es bergauf geht, meist\neine \u00dcberholspur haben. Einige verwegene Radfahrer sind hier unterwegs, auf der\nStra\u00dfe, die keinen Seitenstreifen hat. Der Bus f\u00e4hrt in ganz geringem Abstand\nan ihnen vorbei, ein Radfahrer weicht auf die schmale Lehmpiste neben der\nStra\u00dfe aus, als er den Bus herankommen sieht. Bei einer anderen Gelegenheit,\nals der Bus selbst nach rechts ausweichen muss, weil ein Krankenwagen ihn\n\u00fcberholt, wird es mir um den Radfahrer richtig bange. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder sehe ich mehrmals\nSchilder, die zu einer <em>borracharia<\/em>\nf\u00fchren. Hat mich die ganzen Tage schon gewundert. H\u00f6rt sich f\u00fcr einen Spanier\nnach einer Art Saufanstalt an, ist hier aber eine Werkstatt, eine\nReifenwerkstatt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zus\u00e4tzliche Spur\nhei\u00dft <em>faixa adicional<\/em>, und <em>faixa<\/em> ist auch das Wort f\u00fcr die\nBodenschwellen, die es hier \u00fcberall in den St\u00e4dten gibt, auch in Canela. <\/p>\n\n\n\n<p>Canela ist kein\nBergdorf, sondern eine richtige Stadt. Am Eingang zur Stadt steht eine\nNachbildung der New Yorker Freiheitsstatue. Die passt hierher wie die Faust\naufs Auge. Canela gibt sich irgendwie alpin. Es soll nach Schweiz aussehen. Die\nH\u00e4user haben Satteld\u00e4cher und es gibt viel Holz, und Canela liegt auf immerhin\n830 Metern, aber kein Schweizer w\u00fcrde sich hier wie in der Schweiz f\u00fchlen. Es\nist allerdings blitzsauber auf den Pl\u00e4tzen und den B\u00fcrgersteigen, die Lokale\nsehen vornehm aus, und die Preise sind auch h\u00f6her als woanders. Das merke ich,\nals ich in einem feinen Caf\u00e9 einen Kaffee und ein kleines T\u00f6rtchen esse. Als\ndie Bedienung mir den Weg erkl\u00e4rt und dabei das Wort <em>rotat\u00f3ria<\/em> benutzt (in Portugal w\u00e4re es <em>rotunda<\/em> gewesen), mache ich mir klar, dass ich vorher schon zweimal\nan einem Kreisverkehr vorbeigekommen bin. Auch das ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Brasilien. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Weihnachtsdekoration\nauf den Stra\u00dfen ist bereits komplett angebracht. Viele rote\nWeihnachtsm\u00e4nnerm\u00fctzen und k\u00fcnstliche Tannen mit dicken Watteb\u00e4uschen. Hier\nregiert der Kitsch. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende einer steil\nansteigenden Stra\u00dfe steht die Kirche. Ist sogar eine Kathedrale. Die Fassade\nist originell und ein Blickfang, weil man sie von weit unten bereits sieht,\naber innen hat sie nichts Reizvolles. Sie ist der Muttergottes von Lourdes\ngeweiht. Vor der Fassade stehen Dutzende von Paaren, die sich photographieren\nwollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sonst gibt es hier nicht\nviel zu sehen, und so mache ich mich auf den Weg zum <em>Parque do Caracol<\/em>. Der Fahrer sagt, er habe wenig Benzin, ob er\nkurz an einer Tankstelle Halt machen k\u00f6nne. Heute Abend \u00fcbernehme ein Kollege\nseinen Wagen. Ist gebongt. An der Tankstelle wird man von einem Tankwart\nbedient. Habe ich zum letzten Mal in Griechenland gesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt f\u00fchrt an zwei\nVergn\u00fcgungsparks vorbei und am <em>Museu Eg\u00edpcio<\/em>\nund dem <em>Museu Do Caminh\u00e3o<\/em>. Ich bin\nwirklich \u00fcberrascht, was es hier alles gibt. Im Stadtzentrum gibt es dazu das <em>Museu do Autom\u00f3vel<\/em>. Der Fahrer macht vor\nallem f\u00fcr das Lastwagenmuseum Werbung, w\u00e4hrend ich mich frage, wie viel \u00c4gypten\nwohl in dem \u00c4gyptischen Museum steckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Park zahl man\nEintritt, und dann geht es \u00fcber gepflasterte Wege durch den Park. Das ist alles\nsehr sch\u00f6n, aber ich hatte es mir etwas wilder vorgestellt. Wenn man von den\nbeliebtesten Aussichtspunkten weiter wegkommt, wird es etwas besser. Leider ist\neine der wichtigsten Attraktionen des Parks geschlossen, eine Treppe, die \u00fcber\nmehr als 700 Stufen zum Wasserfall hinunterf\u00fchrt. Man sieht schon am Einstieg \u2013\ndas w\u00e4re es gewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Wasserfall, die\nHauptattraktion des Parks, l\u00e4sst nicht lange auf sich warten. Man sieht in weit\nunten von einer erh\u00f6hten Aussichtsplattform. Der ist wirklich spektakul\u00e4r. Vor\neinem braunen Felsen st\u00fcrzt das Wasser in zwei oder drei parallelen Strahlen\nkerzengerade nach unten, 130 Meter. Dazu kommt die sch\u00f6ne Umgebung, 360\u00b0 gr\u00fcn,\nganz dichter Wald, keine L\u00fccke, kein Zeichen von Zivilisation. Insgesamt ist\nnur ein F\u00fcnften des Parks zug\u00e4nglich, den Rest l\u00e4sst man wachsen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten B\u00e4ume sind\nAraukarien, f\u00fcr mich eine Erinnerung an Griechenland. \u00dcber die erf\u00e4hrt man hier\nsp\u00e4ter noch mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch tue ich\nnoch meine patriotische Pflicht und sehe mir ein paar Minuten des Fu\u00dfballspiels\nan. Zwei Wachm\u00e4nner sehen es an einem gro\u00dfen Bildschirm am Eingang zu der\nPlattform. Als ich wieder runter komme, ist der Ausgleich gefallen. Danach\nsollte es noch schlimmer kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch einen\nzweiten Wasserfall neben der <em>Cascata do\nCaracol<\/em>, die <em>Cascata do Moinho<\/em>.\nEr ist ganz anders, aber letztlich ist es wohl derselbe Wasserfall, sein oberer\nTeil. Hier f\u00e4llt das Wasser nicht so tief, aber breiter, aufgef\u00e4chert in\nmehrere kleinere Wasserf\u00e4lle. Das ist weniger dramatisch, aber fast genauso\nsch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir ein junges Paar,\ndas sich mit dem Photographieren Zeit l\u00e4sst. Erst ist sie dran, von links, von\nrechts, von vorne, mit Sonnenbrille und ohne. Dann beide zusammen, in\nverschiedenen Stellungen. Der Wasserfall alleine kommt nicht vor. Sie haben\nauch ihre Stunde warten m\u00fcssen, weil vorher ein alter Mann mit Handy-Stick dran\nwar. Der wollte den Wasserfall und sich selbst aus allen erdenklichen Winkeln\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschend sch\u00f6n auch\ndas nat\u00fcrliche Becken, in dem sich das Wasser sammelt, bevor es zum Wasserfall\nwird. Das findet wohl auch ein junger Mann, der regungslos auf einer steinernen\nBank sitzt und sich ganz der Natur \u00fcberl\u00e4sst. Die Sitzbank ist auf einer\nSteinplatte angebracht, und die befindet sich am Rande befindet, aber schon\nganz von Wasser umgeben. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein etwas bombastisch\nbenanntes <em>Centro Ecol\u00f3gico<\/em>, eine\neinfache Holzh\u00fctte in einem etwas abgelegenen Ecke des Parks. Ein\nAusstellungsraum mit etwas veralteten Bilder und Tafeln, aber sehr informativ.\nDa geht es einmal um die Araukarien und ihre vielf\u00e4ltige Nutzung. Ihr Holz wird\nverwendet f\u00fcr Spielzeug, M\u00f6bel, Musikinstrumente, den Griffen von Handwerkszeug,\nBauger\u00fcste, Holzkisten, Treppen, vorfabrizierte H\u00e4user und anderes, die\ngetrockneten \u00c4ste werden f\u00fcr Kompost genutzt, die gr\u00fcnen \u00c4ste und ihre Sprosse\ndienten den Indios als Heilmittel gegen An\u00e4mie, die Rinde diente\ntraditionellerweise als F\u00e4rbemittel, die Samen finden in der regionalen K\u00fcche\nVerwendung, die Pinienkerne in der Handwerkskunst und das Harz wird f\u00fcr Gummi,\nTeer und verschiedene \u00d6le genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwarz-Wei\u00df-Photos\nzeigen Canela und den Park in fr\u00fcheren Zeiten, Lastwagen mit dicken K\u00fchlerhauben\nund den Park und Canela im Schnee. Kommt wohl gar nicht so selten vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu den wenigen\nAusstellungsst\u00fccken z\u00e4hlt ein Baumstamm, eine Liguster. Die dient als Wirtsbaum\nf\u00fcr eine andere Pflanze, die Mistel, einen Parasiten. Die schlingt sich von\noben um die \u00c4ste und erw\u00fcrgt den Wirtsbaum, indem sie ihm wichtige Nahrung\nentzieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch etwas\nzu den Erdbeben in Brasilien. Es gibt erstaunlich viele, auch in dieser Gegend.\nDie Erdbeben werden seit 1720 systematisch erfasst. Erdbeben von der St\u00e4rke 5\ngibt es im Schnitt alle f\u00fcnf Jahre, Erdbeben von einer St\u00e4rke bis zu 3 gibt es\njede Woche. Sie sind \u00fcber alle Gebiete Brasiliens verteilt, mit Schwerpunkten\nim Amazonas und hier vor der K\u00fcste. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck nach\nCanela und zur\u00fcck nach Porto Alegre, mit dem seligen Gef\u00fchl, dass der\nPersonalausweis doch nicht weg ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend ist es in Porto\nAlegre, obwohl es schon dunkelt noch 26\u00b0 warm Beim Essen ergibt sich ein\nungew\u00f6hnliches Photomotiv. Wenn man nach oben guckt, tut sich zwischen den\nspitz zulaufenden Wolkenkratzern der blau-graue Himmel mit ein paar wei\u00dfen\nW\u00f6lkchen auf. <\/p>\n\n\n\n<p>24. November\n(Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag f\u00e4ngt erfreulich\nan, mit einem Verkaufsgespr\u00e4ch in der Reinigung. Die Frau ist nicht nur sehr\nfreundlich, sondern auch sehr geschickt darin, mir auf die Spr\u00fcnge zu helfen,\nwenn es mal hakt. Entweder wiederholt sie mit Betonung der wichtigen W\u00f6rter\noder sie nimmt Gesten zur Hilfe: Auf dem B\u00fcgel oder gefaltet? \u2013 Auf dem B\u00fcgel.<\/p>\n\n\n\n<p>Weniger erfreulich ist\nes bei der <em>Linha Turismo<\/em>. F\u00fcr den Bus\nbrauchen sie eine Mindestteilnehmerzahl von f\u00fcnf, und bis jetzt hat sich noch\nkeiner angemeldet. Und das Schiff f\u00e4hrt am Nachmittag. Da spielt Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich\nalleine auf den Weg, mit einem kurzen Zwischenstopp im <em>Mercado Municipal<\/em>. Dort erlaubt mir ein freundlicher Verk\u00e4ufer, ein\nPhoto von der Wurst zu machen. Die kringelt sich vom Boden nach oben bis zur\nH\u00fcfte. Es ist <em>lingui\u00e7a<\/em>, die im\nGegensatz zur <em>salsicha<\/em> frische Wurst.\nIch probiere ein St\u00fcck und nehme ein St\u00fcck mit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum <em>Monumento\naos A\u00e7orianos<\/em>. Das\nMonument erinnert an die ersten Azorer, die 1752 sich hier niederlie\u00dfen. Auf\ndie Azoren war ich in den letzten Tagen schon mehrmals gesto\u00dfen, unter anderem\nin dem Namen von zwei Apartmentblocks in meiner Nachbarschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein ganzes St\u00fcck\nzu gehen. Das Monument befindet sich auf einer Wiese, etwas erh\u00f6ht, nicht weit\nvon einer vielbefahrenen Stra\u00dfe entfernt. Es ist gro\u00df, sowohl hoch als auch\nlang und ist aus Rosteisen gemacht. Von weitem hat man den Eindruck, dass es\ndas Trojanische Pferd sein k\u00f6nnte.&nbsp; Ist\nes aber nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Eher ein Schiff, aber\nein Schiff, dessen Rumpf aus den sich \u00fcberlappenden K\u00f6rpern von M\u00e4nner besteht,\nein futuristisches Design. Vorne mag man zwei ausgeklappte Segel erkennen, aber\nes sind wohl eher die Fl\u00fcgel der Galionsfigur, einer Viktoria. Beeindruckend,\nwenn man drunter steht, aber auch aus der Ferne. <\/p>\n\n\n\n<p>Abseits steht ein\nweiteres Kunstwerk, einen Globus darstellend, aus Silber, bei dem nur die\nKontinente dargestellt sind, durch d\u00fcnne Platten, die das Profil der Erdteile\nabbilden. Der Globus wird bekr\u00f6nt von einem blauen Helm. Das Kunstwerk ist eine\nW\u00fcrdigung der brasilianischen Einheit, die zur Friedenssicherung im Nahen Osten\neingesetzt war, zur Sicherung der Grenze zwischen Israel und \u00c4gypten nach den\nKonflikten nach der Verstaatlichung des Suez-Kanals. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zur\nStadtmitte. Jetzt komme ich zum ersten Mal auf den zentralen Platz der Stadt,\nins politische Zentrum, etwas abseits vom kommerziellen Zentrum gelegen. Um den\nPlatz herum gruppieren sich alle m\u00f6glichen repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude, in den\nunterschiedlichsten Stilen gebaut, neu und alt, sch\u00f6n und weniger sch\u00f6n. Gar\nnicht so leicht, rauszukriegen, was was ist. Oben am Platz die Igreja Matriz,\nziemlich bombastisch, mit Mosaiken an der Fassade, auf der anderen Seite das\nsch\u00f6ne Theatro Sao Paulo, von schlichter Eleganz, neben der Kirche der Palacio\nPiratini, der Sitz des Gouverneurs, auch neoklassisch, wie das Theater, auch\nsch\u00f6n, aber etwas wuchtiger. Zu der Geschichte des Baus geh\u00f6rt die Rolle, die\ner bei einem Zusammensto\u00df zweier Parteien bei dem Kampf um das Pr\u00e4sidentenamt\nspielte. Er sollte damals zerst\u00f6rt werden, aber die Streitkr\u00e4fte verweigerten\nsich im letzten Moment. Der Platz ist so gro\u00df, dass er auch noch Raum bietet\nf\u00fcr den Justizpalast, hochmodern, und den in der Art des Rokoko zierlich\ndastehenden, in Rosa gefassten Palast eines Ministeriums. <\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Platz treffe\nich auch wieder auf das Wort <em>Farroupilha<\/em>,\nmit dem ich gar nichts anfangen konnte. Es bezieht sich auf eine Revolte gegen\nden Bundesstaat, eine Revolution, kann man sagen, als deren Folge 1836 die <em>Rep\u00fablica Rio-Grandense<\/em> ausgerufen\nwurde, ein Katalonien des 19. Jahrhunderts. Porto Alegre stand damals zehn\nJahre lang unter Beschuss und wurde belagert. Was es nicht alles gibt, wovon man\nnoch nie geh\u00f6rt hat!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entdecke ich noch\nein sch\u00f6nes Photomotiv: ein kleines Hotel, mit ganz niedrigen Geschossen, wei\u00df,\nmit braun gefassten Bauelementen wie Pilastern und Fensterlaibungen, zwingt\nsich zwischen zwei Hochhauskl\u00f6tze.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits des\nPlatzes treffe ich dann auch noch auf die <em>Biblioteca<\/em>\n<em>P\u00fablica<\/em>, an der ich dieser Tage mit\nSonia vorbeigekommen bin, vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammend, im\neklektischen Stil errichtet. An der Seitenfassade Medaillons mit den B\u00fcsten von\nM\u00e4nnern, die alle auf ihre Weise etwas mit B\u00fcchern zu tun haben, eine erstaunliche\nAuswahl: C\u00e4sar, der Apostel Paulus, Karl der Gro\u00dfe, Dante, Gutenberg.\nShakespeare!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag bin ich\nmit Sonia zum Fu\u00dfball verabredet. Das erste Brasilien-Spiel. Es wird an\nverschiedenen Stellen der Stadt auf gro\u00dfen Bildschirmen \u00fcbertragen. Wir gehen\nzum <em>Pa\u00e7o Municipal<\/em>. Es geht hier eher\nruhig zu, und man steht nicht so dicht gedr\u00e4ngt, wie man das von den\nFernsehbildern kennt. Erst im Laufe des Spiels f\u00fcllt sich der Platz, und es\nwird dann auch merklich lauter. Aufschreie gibt es immer dann, wenn\nzwischendurch das Bild mal verschwindet, meistens bei einer Strafraumszene. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Halbzeitpause\nbesorge ich mir bei einem Stra\u00dfenh\u00e4ndler ein Bier. Polar. Wieder eine neue\nMarke. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Halbzeit ist\nnicht sehr mitrei\u00dfend. Die brasilianische Deckung gef\u00e4llt mir besser als der\nSturm. Serbien hat im ganzen Spiel keine echte Torchance. In der zweiten H\u00e4lfte\ndreht Brasilien auf, und nach dem F\u00fchrungstreffer, v\u00f6llig verdient, gibt es\nkein Halten mehr. Es gibt bestimmt noch ein halbes Dutzend guter Torchancen,\ndarunter einen Lattenkracher von einem Verteidiger. W\u00e4hrend das erste Tor ein\nAbstauber war, ist das zweite, von demselben Spieler erzielt, ein Traumtor. Ich\nbin \u00fcberrascht, wie wenige brasilianische Fu\u00dfballer ich kenne. Au\u00dfer Neymar nur\nThiago Silva. Der wird mit seinem Einsatz bei diesem Spiel zum \u00e4ltesten\nBrasilianer, der je bei einer WM gespielt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehen wir in die\nMarkthalle und essen einen Grillteller. Sonia ist keine Kostver\u00e4chterin und\nschl\u00e4gt beherzt zu. Das Fleisch ist schmackhaft und saftig, und die So\u00dfe ist\nein Traum. <\/p>\n\n\n\n<p>Sonia hat in M\u00fcnchen\nWei\u00dfwurst probiert, und die hat ihr geschmeckt, und der Apfelsaft auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Sonia hat zu Hause eine\neigene Vorrichtung, um Churrasco zu machen, und sie hat nat\u00fcrlich auch ein\nPhoto davon. Ich sei herzlich eingeladen. Wird wohl erst bei der n\u00e4chsten\nBrasilienreise war raus. <\/p>\n\n\n\n<p>25. November\n(Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen weckt mich ein\nbrasilianischer Vogel mit seinem sch\u00f6nen, hellen Sprechgesang. Zum Auftakt des\nletzten Tags in Brasilien. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Reinigung mache\nich noch einen Versuch mit der Anlagestelle, und diesmal klappt es: Der Cisne\nBranco legt um 10.30 ab. Soll er jedenfalls. Tut er aber nicht. Obwohl wir\nPassagiere an Bord sind und vorher schon aufger\u00e4umt worden ist. Es passieren\nf\u00fcnfzehn Minuten, zwanzig, und es tut sich nichts. Das kommt die Erkl\u00e4rung:\nSchulkinder. Gleich mehrere Schulklassen, die mitfahren wollen. Auf die hat man\ngewartet. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es los. Hinter\nuns liegen die Lagerhallen und die Hochh\u00e4user des Stadtzentrums, vor uns der\nSee. Wir fahren auf eine Insel zu, und pl\u00f6tzlich wird es ganz l\u00e4ndlich. Die\nStadt ist nicht mehr zu sehen, rechts und links gr\u00fcnes Ufer. Hier hat man das\nGef\u00fchl, auf einem Fluss zu sein. Das Thema Fluss oder See wird auch\nthematisiert. Er hei\u00dft, es handele sich eindeutig um einen See. Sp\u00e4ter kommen\nwir auch noch zu einem Fluss und sehen vor uns die Stelle, an der der Fluss und\nder See zusammenflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schulkinder, die urspr\u00fcnglich\nunten waren, kommen jetzt nach oben aufs Deck. Sie verhalten sich wie\nSchulkinder. Sie bellen Hunde auf Uferrand an, sie schreien laut auf, wenn\nirgendwo ein Vogel auffliegt, und sie gr\u00fc\u00dfen ekstatisch jeden Passagier auf\neinem Boot, an dem wir vorbeikommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann weitet sich die Szenerie\nwieder. Wir kommen an weiteren Inseln vorbei. Es gibt insgesamt \u00fcber zwanzig,\ndarunter die Ilha do Polvora, die Ilha das Flores und die Ilha dos Marineiros.\nEinige von denen sind durch eine Br\u00fccke verbunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ufer der gr\u00f6\u00dften\nInsel Boote, Hausboote und Bootsh\u00e4user, die auf Pf\u00e4hlen im Wasser stehen. Hier\nhat man das Gef\u00fchl, weit ab der Zivilisation zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meldet sich aber\nbald wieder. Vor uns sieht man das Stadion von Inter, und am Horizont den H\u00fcgel\nS\u00e3o Pedro, die h\u00f6chste Erhebung Porto Alegres. Die Fernseht\u00fcrme oben drauf\nsehen wie Minarette aus, und f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Moment f\u00fchlt man sich wie in\nIstanbul.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck. Wir\nfahren an der langen, langen Reihe der Markthallten vorbei, alle mit einem flachen,\ndreieckigen Giebel versehen, viele verfallen, einige offensichtlich noch in\nGebrauch. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt der\nGasometer, von dem hier so oft die Rede ist. Eigentlich eine falsche\nBezeichnung, denn der Name kommt von den fr\u00fcher in der Umgebung der Fabrik\nstehenden Gasbeh\u00e4ltern. Diese Fabrik selbst benutzte Kohle als Energietr\u00e4ger. Der\nGasometer ist ein l\u00e4ngliches Geb\u00e4ude mit einem hohen, schlanken Schornstein,\ndas heute als Kulturzentrum dient. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die Fahrt,\nbei der ich wieder viel Sonne abbekommen habe und viel frischen Fahrtwind. Ich\ngehe schnurstracks in die Andradas und dort in die <em>Lancheria Alto Astral<\/em> (hier in der Gegend ist <em>lancheria<\/em> eher in Gebrauch als <em>lanchonete<\/em>).\nZum Abschluss gibt es noch einmal Reis und Bohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich auf den Weg\nzum Bahnhof mache, sind die Demonstranten immer noch aktiv. Sie&nbsp; haben jetzt einen neuen Slogan. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend verabschiedet\nmich die Mondsichel an einem violett leuchtenden Himmel von Brasilien. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. 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