{"id":11404,"date":"2022-11-27T14:34:23","date_gmt":"2022-11-27T13:34:23","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11404"},"modified":"2022-12-08T12:38:41","modified_gmt":"2022-12-08T11:38:41","slug":"uruguay-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11404","title":{"rendered":"Uruguay (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>Montevideo \u2013 was f\u00fcr ein Name! Ob er wirklich\nbedeutet, was er zu bedeuten scheint, \u201aIch sehe den Berg\u2018? Keiner wei\u00df es. <\/p>\n\n\n\n<p>Uruguay ist, wie Paraguay, nach einem Fluss\nbenannt, Brasilien nach dem Holz, Argentinien nach dem Silber, Venezuela nach\nder Erbauung auf Holzpf\u00e4hlen im Wasser, \u201aKlein Venedig\u2018, Kolumbien und Bolivien\nnach zwei M\u00e4nnern, die die Geschichte Amerikas gepr\u00e4gt haben, und Ecuador nach\nseiner Lage am \u00c4quator.<\/p>\n\n\n\n<p>Uruguay hat 3,3 Millionen Einwohner. Davon leben\n1,5 Millionen in Montevideo. Das ist ungef\u00e4hr so, als wenn Berlin 35 Millionen\nEinwohner h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcbergang von Brasilien nach Uruguay (morgens\num 4, als die uruguayische Grenzpolizei den Bus kontrolliert) bringt zwei\nUmstellungen mit sich: die W\u00e4hrung und die Sprache. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Busbahnhof in Montevideo, <em>Tres Cruces<\/em>, bekomme ich zum ersten Mal\nuruguayisches Geld in die Hand, uruguayische Pesos. Das Verh\u00e4ltnis zum Euro ist\nungef\u00e4hr 40:1.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Bahnhof geht es mit dem Bus Richtung Altstadt.\nDer Fahrer kennt die Stra\u00dfe nicht, zu der ich will, <em>Circunvalaci\u00f3n Durango<\/em>, aber eine freundliche Frau im Bus hilft mir\nund sagt mir, wo ich aussteigen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Eindruck, am Busbahnhof und bei der\nBusfahrt: Hier ist alles ein bisschen sauberer, moderner, besser in Schuss als\nin&nbsp; Brasilien. Schon der Busbahnhof sieht\nanders aus, der Fahrkartenverkauf ist an einem zentralen Schalter, die\nToiletten sind in einem besseren Zustand. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Bus ist moderner, und die Haltestellen\nwerden elektronisch angek\u00fcndigt. Und die Fahrer halten am Zebrastreifen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Eindruck setzt sich in der Altstadt fort.\nDie B\u00fcrgersteige haben weniger Unebenheiten, nicht so viele H\u00e4user verfallen\nlangsam vor sich hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas verloren gehe ich durch die am Morgen noch\nfast menschenleeren Stra\u00dfen der Altstadt. Keiner kenne die <em>Circunvalaci\u00f3n Durango<\/em>. Warum, das kl\u00e4rt sich sp\u00e4ter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie durch ein Wunder lande ich in einer\nTouristeninformation, und die ist sogar ge\u00f6ffnet. Ein \u00e4u\u00dferst h\u00f6flicher Portier\nh\u00e4lt mir die T\u00fcr auf, und die beiden M\u00e4dels an der Information versorgen mich\nmit allem, was das Touristenherz begehrt. Sie sind ausgesprochen freundlich und\nsehr hilfsbereit. Und sprachlich f\u00e4llt auch was ab. Sie sprechen mich mit <em>vos<\/em> an und sagen <em>major\u00eda<\/em>. Als sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme, sind sie\n\u00fcberrascht. Sie dachten, ich w\u00e4re Spanier. <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden finden auch heraus, wie ich zur <em>Circunvalaci\u00f3n Durango<\/em> komme. Ist nicht\nweit. Die finde ich aber trotzdem nicht. Ich frage zwei Polizisten, die kennen\nsie aber auch nicht. Sie sind aber sehr hilfsbereit. Sie sehen auf ihrem Handy\nnach, und der eine l\u00e4sst mich sogar bei ihm einloggen, damit ich die\nWegbeschreibung abrufen kann. Das Handy f\u00fchrt mich zum Ziel, aber hier hei\u00dft\nkeine Stra\u00dfe <em>Circunvalaci\u00f3n Durango<\/em>.\nEin \u00e4lterer Herr wei\u00df schlie\u00dflich Bescheid. Ich muss zur Plaza Zabala. Da war\nich schon zweimal. Ja, die Stra\u00dfe die um den Platz herumf\u00fchrt, hei\u00dft <em>Circunvalaci\u00f3n Durango<\/em>. Deshalb kennt\nsie keiner. Alle sprechen einfach von der <em>Zabala<\/em>.\nJetzt leuchtet mir auch <em>circunvalcaci\u00f3n<\/em>\nein. H\u00f6rt sich eher nach Umgehungsstra\u00dfe und nicht nach Altstadt an. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zabala ist ein sch\u00f6ner, gr\u00fcner Platz, und\njetzt am Morgen in der Stille und bei der Sonne pr\u00e4sentiert er sich besonders\nsch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment befindet sich in einem alten Haus,\nim 6. Stock. Die Gastgeberin, Graciela, verabschiedet gerade eine Frau, die bis\nheute hier \u00fcbernachtet hat, und hat oben noch ein befreundetes Ehepaar, das am\nAbend zuvor zu einem Gourmet-Essen hier war und auch hier \u00fcbernachtet hat. In\nder Wohnung herrscht ein gem\u00fctliches Durcheinander, und zwischen den F\u00fc\u00dfen\nlaufen zwei Katzen her, die das Talent haben, immer dann aufzutauchen, wenn man\nnicht mit ihnen rechnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Graciela ist eine kultivierte Frau, mit einem\nbesonderen Faible f\u00fcr gutes Essen und f\u00fcr Kunst. \u00dcberall h\u00e4ngen Drucke und\nGraphiken an den W\u00e4nden, und mit Begeisterung berichtet sie von den\nverschiedenen Kunstmuseen, die gleich hier in der N\u00e4he sind. Drei der\nwichtigsten Maler Uruguays seien hier vertreten. Das sagt mir nicht so viel, da\nich bisher noch keinen uruguayischen Maler kenne. <\/p>\n\n\n\n<p>Graciela spricht flie\u00dfend Franz\u00f6sisch, leidlich\nEnglisch, und hat auch lange Russisch gelernt und ist mehrfach in Moskau\ngewesen. Ihr Russisch will sie dringend wieder aufp\u00e4ppeln. Mit mir spricht sie\nSpanisch und wundert sich \u00fcber den nicht sehr ausgepr\u00e4gten Akzent. Wie ein\nDeutscher kl\u00e4nge ich nicht, findet sie. Sie kennt eine Deutsche, die nach 14\nJahren in Montevideo praktisch perfekt Spanisch spricht, aber mit Akzent. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie bietet mir Brot an, selbstgebacken, und\nKaffee, aus organischem Anbau. Milch hat sie nicht, jedenfalls keine Kuhmilch.\nSie trinkt Hafermilch. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist offensichtlich auch weitgereist und\nberichtet von ihrer bevorstehenden Reise: Lima \u2013 Murcia \u2013 Budapest (das sie sehr\ngut kennt) \u2013 Krakau (das sie noch nicht kennt). <\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer ist noch nicht fertig, und sie l\u00e4sst\nsich Zeit damit. In der Zwischenzeit spreche ich mit dem Mann von dem jungen\nEhepaar, das als Gast hier ist. Er erkl\u00e4rt mir, dass das Wasser, das man von\nhier aus sieht, der Fluss ist, nicht das Meer, der R\u00edo de la Plata. Der m\u00fcndet\nau\u00dferhalb von Montevideo ins Meer. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer, als es dann fertig ist, erweist sich\nals sehr sch\u00f6n hergerichtet. Es gibt Platz f\u00fcr alles und einen stabilen\nSchreibtisch. Auch vom Zimmer aus sieht man den R\u00edo de la Plata, in beide\nRichtungen. Von einem Fenster aus sieht man auf Durcheinander von H\u00e4userw\u00e4nden,\ndazwischen ein Kirchturm und ein weiterer Turm, und dahinter die Hafenkr\u00e4ne.\nVom anderen Fenster aus sieht man gleich auf den Platz hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken mache ich einen ersten\nSpaziergang, gleich zum R\u00edo de la Plata hinunter. Er ist hier so breit, dass\nman das andere Ufer nicht sieht. Trotzdem hat man nicht das Gef\u00fchl, am Meer zu\nsein. Dazu ist nicht genug Bewegung im Wasser. Der Fluss hat aber auch Str\u00e4nde,\nwie mir der Mann vorher schon gesagt hat. Und tats\u00e4chlich sind direkt vor mir\nein paar Badeg\u00e4ste am Ufer und ein paar im Wasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zum Fluss verl\u00e4uft eine sechsspurige\nStra\u00dfe, auf der kaum ein Auto unterwegs ist. Die Stra\u00dfen der Altstadt sind\nschachbrettartig angelegt, und immer wieder sieht man am Ende einer der Stra\u00dfen\nden Fluss. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe eine schnurgerade Stra\u00dfe entlang und\nkomme dabei \u00fcber die sch\u00f6ne <em>Plaza de la\nConstituci\u00f3n<\/em> und die weniger sch\u00f6ne <em>Plaza\nde la Independencia<\/em>. Und ich passiere die Stra\u00dfe <em>Treinta y<\/em> <em>Tres<\/em>, ein Name,\nder mich an eine Episode aus Madrid erinnert <\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach einem Geldautomaten erweist sich\nals schwerer als erwartet. Es gibt wenige, und einige von denen haben\ntats\u00e4chlich, wie von Graciela angek\u00fcndigt, am Wochenende geschlossen! Der\neinzige, den ich finde, akzeptiert meine Geldkarte nicht. Ich gehe noch mal\nzur\u00fcck und hole ein paar Euros, dann Wechselstuben gibt es hier alle Nase lang.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Land hat seine eigenen Daten, und was in\nBrasilien der 25 November und der 7. September ist, ist hier der 25. Mai, der\n25 August und der 18 Julio. Auf die st\u00f6\u00dft man immer wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auch an der Botschaft Nicaraguas vorbei.\nDie ist passenderweise in dem Haus Rub\u00e9n Dar\u00edo untergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he ein Feinkostgesch\u00e4ft mit Auslagen im\nSchaufenster. Darunter Clausthaler, Henkell Trocken und Liebfrauenmilch. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erlebe meinen ersten Preisschock, als ich in\neinem Caf\u00e9 einen Saft bestelle und daf\u00fcr im wahrsten Sinne des Wortes die\nRechnung bekomme: 270 Pesos. Das sind \u00fcber 6 Euro. Und das Trinkgeld ist, wie\nausdr\u00fccklich betont wird, nicht inbegriffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Woimmer ich hinkomme, Busbahnhof,\nTouristeninformation, Caf\u00e9, sage ich jetzt <em>Obrigado<\/em>\nstatt <em>Gracias<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich warte die Zeit auf einer Parkbank auf der\nschattigen <em>Plaza de la Constituci\u00f3n <\/em>ab.\nRundherum kleine Verkaufsst\u00e4nde, die alles Erdenkliche anbieten, aber denen vor\nallem eins fehlt: Kundschaft. Hier, wie \u00fcberall in der Altstadt, herrscht eine\nsehr gelassene Atmosph\u00e4re. Und es ist ruhig. Ein gro\u00dfer Teil der Altstadt ist\nverkehrsfrei. Der Stadtrundgang, zu dem ich mich angemeldet habe, beginnt erst\num 15.30.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der F\u00fchrerin stehen nur drei G\u00e4ste. Alle drei\nBrasilianer, zwei M\u00e4nner und eine Frau, zwei Berufssoldaten und eine\nJournalistin. Es stellt sich heraus, dass die F\u00fchrerin flie\u00dfend Portugiesisch\nspricht. Jetzt komme ich ihr in die Quere. Wir einigen uns aber auf einen\nKompromiss, sie erkl\u00e4rt auf Portugiesisch, ich frage auf Spanisch nach, wenn\nich nicht verstehe. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird auch generell kommentiert, wie die\nVerst\u00e4ndigung klappt, wenn einer Spanisch und einer Portugiesisch spricht.\nSchwerer als man allgemein annimmt, da sind wir uns alle einig. Eier der M\u00e4nner\nsagt, er verstehe schnell gesprochenes Englisch besser als schnell gesprochenes\nSpanisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden M\u00e4nner sind Berufssoldaten, aus Sao\nPaulo und aus Santa Catarina, unweit Florian\u00f3polis, die Frau aus Minas Gerais.\nErst im Laufe der F\u00fchrung merke ich, dass die drei gar nicht zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden M\u00e4nner tragen Fu\u00dfball-Shirts, einer von\nihnen das schwarz-wei\u00dfe vom FC Santos. Sie waren auch im Fu\u00dfballmuseum hier\nhaben sich vor dem Helden der Nation, dem Torsch\u00fctzen des 2:1 von 1950,\nphotographieren lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin hat l\u00e4nger in Florian\u00f3polis gelebt\nund dort Portugiesisch gelernt. Sie hat auch eine Zeitlang in Chile gelebt und\ndort einen deutschen Freund gehabt, der ein Lokal mit dem Namen <em>Hotzenplotz<\/em> betrieb. Ich kann ihr\nunterwegs sagen, was der Name eines Bekleidungsgesch\u00e4fts bedeutet, an dem wir\nvorbeikommen. Es hei\u00dft <em>Frau<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau macht ihre Sache ganz gut und\nbezieht uns alle immer wieder in die Erkl\u00e4rungen ein, fragt auch nach\nParallelen in unseren L\u00e4ndern. Aber die F\u00fchrung ist eher eine politisch-soziale\nals eine historisch-architektonische. Sie selbst ist auch wohl sehr engagiert\nund sagt, Uruguay sei eine sehr politische Nation. Auch die Frau aus Brasilien\nwidmet sich dem politischen Journalismus. Eine aktuelle Debatte, die hier das\nLand in zwei Bl\u00f6cke teilt, mit hauchd\u00fcnnen Mehrheiten auf der Seite einer\nKoalition, die sehr heterogen ist und sich nicht nach den traditionellen\nKriterien rechts und links ausrichtet, betrifft die Frage der Ausstellung von\nuruguayischen P\u00e4ssen an Russen und Schweizer, die dazu nicht berechtigt sind.\nEs handelt sich also wohl um eine Frage der Korruption. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung beginnt an der <em>Plaza de la Independencia<\/em>, dem gewaltigen Platz am Schnittpunkt von\nAltstadt und Neustadt, mit einigen Geb\u00e4uden, die man einfach nur h\u00e4sslich\nfinden kann, auch in der Bewertung der anderen G\u00e4ste. Daneben das hochmoderne\nGeb\u00e4ude des Pr\u00e4sidenten der Republik, und am anderen Ende ein ganz\nungew\u00f6hnliches Geb\u00e4ude, stilistisch kaum einzuordnen, vielleicht so etwas wie\nArt Deco, das erst auf den zweiten Blick gewinnt, der <em>Palacio Salvo<\/em>. Es war einst das h\u00f6chste Geb\u00e4ude S\u00fcdamerikas, in den\nzwanziger Jahren entstanden, und war wohl fr\u00fcher ein Hotel. Heute geh\u00f6rt es\neiner gro\u00dfen, mehr als tausend Mitglieder umfassenden Eigent\u00fcmergesellschaft, die\nsich bem\u00fcht, das Geb\u00e4ude in Schuss zu halten. In den meisten R\u00e4umen befinden\nsich B\u00fcros, es gibt aber auch Wohnungen und kleinere Pensionen. Das Geb\u00e4ude ist\nf\u00fcr Art D\u00e9co eigentlich ein bisschen zu m\u00e4chtig geraten und auf der einen Seite\neinen quadratischen Turm, der fast die H\u00e4lfte der Fl\u00e4che einnimmt. &nbsp;Aus irgendwelchen Gr\u00fcnden ist im Zusammenhang\nmit diesem Geb\u00e4ude immer von der Commedia Divina die Rede, aber ich verstehe\nnicht, worin dieser Zusammenhang besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes steht die gewaltige\nReiterstatue des Helden der Nation, Jos\u00e9 Gervasio Artigas, dem entscheidenden\nStaatsmann im Kampf um die Unabh\u00e4ngigkeit Uruguays. Die F\u00fchrerin vertritt die\nabenteuerliche These, dass Reiterstandbilder, bei denen das Pferd ein Fu\u00df in\nder Luft hat, symbolisch daf\u00fcr stehen, dass der Reiter im Kampf gestorben sei.\nLeider passt die Regel aber hier schon nicht. Artigas ist friedlich in seinem\nBett gestorben, und zwar in Paraguay, wo er sich im Exil befand. Seine\n\u00dcberreste wurden dann sp\u00e4ter hierher gebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie befinden sich jetzt in dem von Soldaten\nbewachten Mausoleum unter der Statue. Dort geht es um die Frage, was denn\nUruguay so interessant machte in den machtpolitischen Spielen des 19.\nJahrhunderts. Schlie\u00dflich hatte es weder Gold noch Silber. Es war der Hafen,\nder nat\u00fcrliche Hafen, den der Rio de la Plata hier bildet. Und der wichtigste\nAgent war England. Uruguay hatte ich zwar von Spanien gel\u00f6st, 1821, und hatte\ndabei die spanische Schw\u00e4che nach den napoleonischen Kriegen genutzt, war dann\naber zu Brasilien gekommen und dann erst durch britische Intervention\nunabh\u00e4ngig geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf dem Platz weht die uruguayische Flagge,\nblaue und wei\u00dft Streifen und eine Sonne im oberen&nbsp; linken Eck. Was die Sonne zu bedeuten haben,\nwill unsere F\u00fchrerin wissen. Keine Ahnung. Wir erfahren, dass es die Sonne ein\nSymbol der Freimaurer war. Die spielten in der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung eine\nwichtige Rolle. Aus diesem Grunde stehen auf dem Platz auch 33 Palmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Zugang zur Altstadt stehen die Reste eines Tors\nder ehemaligen Stadtbefestigung, der <em>Puerta\nde la Ciudadela<\/em>, die Zitadelle, die die Stadtmauer, die die Altstadt\nkomplett umschloss, zus\u00e4tzlich sch\u00fctzen sollte. Von dem Tor ist heute nur noch\nein ziemlich k\u00fcmmerlicher Rest vorhanden. Die Stadtmauer wurde wohl aufgrund\nder Intervention Brasiliens abgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs kommt irgendwann die Rede auf den\nehemaligen Pr\u00e4sidenten Uruguays, Pepe M\u00fajica, den Mann, der die Bescheidenheit\nan sich verk\u00f6rpert. Die Brasilianer sagen, er sei ein Freund Lulas. Pepe M\u00fajica\nkehrte nach dem Ende seiner Pr\u00e4sidentschaft wieder in sein einfaches Haus auf\ndem Lande zur\u00fcck, so als w\u00e4re er nie Pr\u00e4sident gewesen und lehnte die von allen\nSeiten angebotenen modernen Schlitten ab, um bei seinem alten VW-K\u00e4fer zu\nbleiben. Gl\u00fcckliches Uruguay, das so einen Pr\u00e4sidenten hatte!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen vor dem <em>Theatro Solis<\/em>, aber sie sagt wenig zu dem Geb\u00e4ude, eher etwas \u00fcber\ndie ehemalige Funktion des Theaters, bei dem es um Sehen und Gesehenwerden\nging, was zwei Logen zur Seite der B\u00fchne belegen, von denen aus man kaum etwas\nvon dem Schauspiel sehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Rede pl\u00f6tzlich auf Cannabis. Sie\nhat eine T\u00fcte dabei und l\u00e4sst uns einmal dran riechen. Cannabis ist in Uruguay\nlegal, wenn auch streng geregelt. Man darf pro Monat in bestimmten Stellen und\nunter Angabe der pers\u00f6nlichen Daten eine begrenzte Menge kaufen und\nkonsumieren. Sie findet das sehr streng im Vergleich zu Alkohol und Tabak. Das\nCannabis wird in Uruguay von staatlichen Stellen angebaut und vertrieben und\nauch ins Ausland verkauft. Eine zus\u00e4tzliche Einnahmequelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine Kirche und erfahren bei der\nGelegenheit, dass Uruguay ein streng laizistisches Land ist. Sogar das\nAufstellen von religi\u00f6s motivierten Statuen sei verboten. Ob das auch f\u00fcr die\nStatuen von Heiligen gelte, will ich wissen. Ja, auch f\u00fcr die. In Montevideo gebe\nes zwar zwei irgendwo, aber die seien eine Ausnahme. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen eine besondere Bar, heute geschlossen,\nmit dem Namen <em>Baar Fun Fun<\/em>. Hat wohl\nnichts mit engl. fun zu tun, sondern der gesamte Name soll eine Anspielung auf\neinen Ausspruch eines Stotterers sein. Die Bar ist in einem hochmodernen\nGeb\u00e4ude, bewahrt aber Ausstattung aus den alten Kaffeeh\u00e4usern.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Geb\u00e4ude, ebenfalls mit einer\nGlasfront, ebenfalls geschlossen, sehen wir eine Skulpturengruppe, drei M\u00e4nner\nan einem Tisch sitzend. Sie spielen <em>Truco<\/em>,\nein uruguayisches Kartenspiel. Gibt es in Brasilien auch, wie ich erfahre, in\neiner n\u00f6rdlichen und einer s\u00fcdlichen Variante.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem sch\u00f6nen Brunnen auf der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em>, an dem Daten\nzur uruguayischen Geschichte angebracht sind, sollen wir Rechtschreibfehler\nentdecken. Die sollen dem Umstand geschuldet sein, dass der Erbauer Italiener\nwar. Die Aufgabe erledigen wir mit Leichtigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Relief der damals noch ummauerten\nAltstadt kommt zuf\u00e4llig ein anderes sprachliches Detail zur Sprache. Im\nPortugiesischen gebraucht man das Wort <em>trem<\/em>,\num auf ein Ding zu verweisen, das man nicht so genau benennen kann, das Pendant\nzu unserem <em>Dingsbums<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir noch das wunderbare Jugendstilhaus,\nwo jetzt eine Buchhandlung untergebracht ist, mit einer gl\u00e4sernen Fassade, in\nder sich die Umgebung spiegelt. War mir vorher schon aufgefallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur Plaza Zabala und stehen fast direkt\nvor meiner Wohnung. Wieder ein Reiterstandbild, diesmal von Zabala, dem\nStadtgr\u00fcnder. Das Pferd hat alle F\u00fc\u00dfe auf dem Boden. Also ist der Reiter eines\nnat\u00fcrlichen Tods gestorben. Diesmal haut es hin.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Sockel stehen, nicht \u00fcberraschend, die\nW\u00f6rter <em>Uruguay<\/em> und <em>Montevideo<\/em>. Das Wort <em>Uruguay<\/em> stammt, genauso wie <em>Paraguay<\/em>, aus dem Guaran\u00ed, und beide\nW\u00f6rter bedeuten \u201agro\u00dfer Fluss\u2018, wobei mit Uruguay wohl \u201agro\u00dfer Fluss der V\u00f6gel\u2018\ngemeint ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Montevideo gibt es dann noch einmal eine\nabenteuerliche Erkl\u00e4rung. monte &#8211; vi \u2013 deo.\nDer sechste Berg von Ost nach West. Wer wohl darauf gekommen ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Offen bleibt die Frage nach dem offiziellen Namen\ndes Landes: <em>Rep\u00fablica Oriental del\nUruguay<\/em>. Wenn es eine <em>Rep\u00fablica\nOriental<\/em> <em>del Uruguay<\/em> gibt, m\u00fcsste\nes dann nicht auch eine <em>Rep\u00fablica\nOccidental del Uruguay<\/em> geben? Ich hatte das immer politisch verstanden, als\nForderung nach Gebieten, die auch zu Uruguay geh\u00f6ren sollten, aber unserer\nF\u00fchrerin versteht es rein geographisch. Liegt eben \u00f6stlich des Uruguay. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Konzentration l\u00e4sst nach und meine Beine\nwerden m\u00fcder. Wir gehen aber noch zum Hafen runter. Dort hat man aus der\nehemaligen Markthalle eine Fressmeile gemacht, vermutlich eher f\u00fcr Touristen.\nVor einem Gesch\u00e4ft, in dem es Spezialit\u00e4ten von Uruguay zu kaufen gibt,\nbekommen wir noch Erkl\u00e4rungen zu den Spezialit\u00e4ten des Landes. Davon bekomme\nich aber kaum noch etwas mit. Bei den Getr\u00e4nken <em>Medio &amp; Medio<\/em>, halb Wei\u00dfwein, halb Sekt, und bei den Speisen <em>chivito<\/em>, was, trotz des Namens, nicht\nZicklein ist, sondern Rindfleisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung setze ich mich auf die Terrasse\neines Caf\u00e9s in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und trinke ein Bier, ein uruguayisches Bier\nder Marke <em>Cabezas Bier<\/em>. Es ist\nziemlich bitter, und ein weiteres, das die Kellnerin mir in einem Probierglas\nanbietet, ist noch bitterer. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe habe ich Franz\u00f6sisch geh\u00f6rt, und\nhier am Nebentisch h\u00f6re ich Deutsch. Ein Schweizer Ehepaar, das mit\nprovozierender Langsamkeit miteinander spricht. Dann h\u00f6re ich hinter meinem\nR\u00fccken eine Sprache, die ich nicht identifizieren kann. Es ist Hebr\u00e4isch. F\u00fcnf\njunge M\u00e4nner, die ihren dreij\u00e4hrigen Wehrdienst hinter sich haben und jetzt auf\nReisen sind. Sie sind durch ganz Argentinien gereist und wollen nach Uruguay\nnach Brasilien. In Argentinien hat ihnen am besten in Bariloche gefallen. Sie\ngeraten geradezu ins Schw\u00e4rmen, als sie von den Sieben Seen berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach Hause komme, erwartet mich\nnoch ein weiteres Spektakel. An der Zabala, direkt vor unserem Haus, wird\nCandombe gespielt, das uruguayische Pendant zur brasilianischen Samba, ein Tanz\nmit Trommeln. Im Moment wird aber mehr ge\u00fcbt als gespielt, der \u00e4ltere Dirigent\nh\u00e4lt eine l\u00e4ngere Ansprache und unterbricht dann immer wieder nach ein paar\nTakten, um weitere Anweisungen zu geben. Es wird langsam dunkel, und wir\nZaung\u00e4ste \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 warten darauf, dass es endlich los\ngeht. Man kann aber ein bisschen erahnen, wie es l\u00e4uft, es ist ein \u201eDialog\u201c der\ntieferen mit den helleren Stimmen, begleitet von dem \u201eKommentar\u201c der\nSchlagst\u00f6cke. H\u00f6rt sich gut an, aber ich bin zu m\u00fcde, um weiter zu warten.\nSp\u00e4ter aber, vom Zimmer aus, kann ich h\u00f6ren und sehen, als es richtig los geht.\nDer Zug setzt sich in Bewegung, begleitet von tanzenden Menschen. Der Rhythmus\nist einfach mitrei\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Graciela ist noch munter und hat noch vor, zu\neinem Konzert zu gehen. Gibt mir aber vorher noch ein paar Restaurant-Tipps und\nerz\u00e4hlt von der bevorstehenden Reise. Ihre Tochter, die bis vor kurzem noch bei\nihr wohnte, hat an der <em>Complutense<\/em>\neinen Master gemacht und sofort eine Stelle in Madrid bekommen, unter lauter\nM\u00e4nnern, mit einem Argentinier als Chef. Sie trifft sich mit ihrer Tochter in\nMurcia und sie reisen zehn Tage lang gemeinsam durch die Gegend, um Weihnachten\nherum. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie best\u00e4tigt auch die Sache mit den Preisen.\nUruguay sei das teuerste Land S\u00fcdamerikas, und viele Uruguayos f\u00fchren am\nWochenende hin\u00fcber nach Argentinien zum Einkaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir auch noch eine Merkw\u00fcrdigkeit in\nBezug auf die Candombe. An dem Platz, an dem sie \u00fcbten, brannte ein offenes\nFeuer, auf einer Art Grill. Hat aber nichts mit dem Essen zu tun. Vor dem Feuer\nwerden die Felle der Trommeln erw\u00e4rmt und dadurch getrocknet. Durch den\nst\u00e4ndigen Kontakt mit den H\u00e4nden werden die im Laufe der Zeit feucht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>27. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Unselige Erinnerungen an die Zeit in Madrid: Am\nMorgen geht irgendwo eine Sirene los, und keiner k\u00fcmmert sich darum.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag pr\u00e4sentiert sich aber trotzdem freundlich,\nsonnig und hell, mit einem halb klaren, halb wolkigen Himmel. <\/p>\n\n\n\n<p>Graciela erz\u00e4hlt, das Konzert sei gro\u00dfe Klasse\ngewesen. Eine S\u00e4ngerin und Pianistin, die seit 25 Jahren nicht mehr in\nMontevideo aufgetreten sei. Das Konzert fand im Theatro Solis statt, wo wir\ngestern auch Halt gemacht haben. Sie habe viele alte Bekannte getroffen, bei\nsolchen Gelegenheiten seien immer die gleichen Verd\u00e4chtigen dabei. Kann man\nsich gut vorstellen. Danach hat sie dann noch zu Hause bis 4 Uhr einen Film\ngesehen. Scheint zu stimmen, was sie gestern gesagt hat, die Uruguayos sind die\nSpanier S\u00fcdamerikas. <\/p>\n\n\n\n<p>Graciela schw\u00e4rmt von den Museen Montevideos,\nbeklagt aber, dass es an Mitteln fehle und dass viele am Wochenende deshalb\nnicht \u00f6ffneten. Und das sie modernisiert werden m\u00fcssten. Der Eintritt sei\nmeistens frei, au\u00dfer bei den privaten, und die h\u00e4tten auch am Wochenende\nge\u00f6ffnet, wie das Gurvich, das sie als Kunstmuseum empfiehlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in ein kleines, noch fast leeres Caf\u00e9 in\nder Calle Sarand\u00ed. Hier gibt es auch Eis. Eine Kugel kostet 120 Pesos, 3 Euro.\nDa komme ich mit meine 200 Pesos f\u00fcr Kaffee und Kekse noch gut weg. Als ich\nmich bedanke, antwortet die Kellnerin <em>Por\nfavor<\/em>. Ist das eine uruguayische Variante?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sarand\u00ed hat ihren Namen von einer Schlacht, wie\nso vieles hier, einer Schlacht gegen die Brasilianer. All das gilt der\nBeschw\u00f6rung der eigenen Geschichte und der Konstruktion einer eigenen\nIdentit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sarand\u00ed ist wohl das historische Zentrum\nMontevideos und heute die wichtigste Stra\u00dfe der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach dem einen Museum, das ge\u00f6ffnet\nhat, sehe ich an einer Stra\u00dfenecke in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone eine interessante\nSkulptur. Ein Erdball, aus verrostetem Eisen, leicht verzogen, ist einem zarten\nBaumstamm aufgepflanzt. Der muss die Erde halten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum <em>Museo de Historia Nacional<\/em>, von Graciela empfohlen und tats\u00e4chlich\nge\u00f6ffnet. Eintritt gratis. Es ist eine Dependance des Museums, konkret die <em>Casa de Ribera<\/em>. Der war der erste\nPr\u00e4sident der Republik Uruguay. Einen \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte Uruguays,\nwie ich ihn mir versprochen hatte, gibt das Museum nicht. Auch ist von Ribera\nnur als einer von vielen die Rede. Es gibt ein paar interessante\nAusstellungsst\u00fccke, aber wenige Erkl\u00e4rungen, vor allem oben. <\/p>\n\n\n\n<p>Einige Exponate erkl\u00e4ren sich aber von selbst. Zu\nBeispiel ein Gem\u00e4lde gleich zu&nbsp; Anfang\nder Ausstellung, ein sch\u00f6nes Bild, mit impressionistischen Pinselstrichen\ngemalt. Es stellt das alte Montevideo dar (XVIII), noch mit der vollst\u00e4ndigen\nStadtmauer, mit m\u00e4chtigen Bastionen und der Zitadelle. Nach hinten der Fluss,\nnach vorne unbewohntes Land. Das Zentrum ist \u00fcberschaubar, die T\u00fcrme der\nKathedrale sind noch nicht vollendet. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sieht man das Schloss und den\nSchl\u00fcssel der Zitadelle, ein \u00d6lk\u00e4nnchen aus einem 1793 untergegangenen Schiff, ein\nTrinkgef\u00e4\u00df (aus Leder), mit Bronzen\u00e4geln beschlagen und andere Kuriosit\u00e4ten. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine eigene Abteilung ist dem Duellieren gewidmet,\nmit der Betonung der zivilisierenden Wirkung der Regeln und Verordnungen, die\neingef\u00fchrt wurden, um den Wildwuchs zu beenden. Man sieht mehrere\nPublikationen, die sich dem Thema widmeten und regelten, wer sich mit wem unter\nwelchen Bedingungen duellieren durfte. Auch die Waffen und deren Gebrauch\n(entweder Pistolen oder S\u00e4bel) wurden reglementiert. Als Folge davon entstanden\nsogar Fechtclubs, in denen der Gebrauch des S\u00e4bels ge\u00fcbt wurde. Man sieht\nDokumente \u00fcber das erste Duell, das so geregelt stattfand, zwischen zwei\nOffizieren. Der erste starb durch die erste Kugel, die abgeschossen wurde. F\u00fcnf\nBeteiligte wurden nach Argentinien ausgewiesen. Verboten wurde das Duellieren\nerst 1889. Bis dahin war die Ehre ein solches soziales Kapital, dass ein Duell\nals erforderlich angesehen wurde, wenn die Ehre in Verruf geriet. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Abteilung widmet sich einzig und allein Jos\u00e9\nArtigas, dem uruguayischen Nationalhelden, dem <em>Jefe de los Orientales<\/em>. Es geht aber nicht um seinen Lebenslauf\noder seine Heldentaten, sondern um seine pluralen Identit\u00e4ten. Ganz\nunterschiedliche Darstellung von ihm stehen nebeneinander, eine schwere\nBronzeb\u00fcste, ein Modell des Reiterstandbilds und Gem\u00e4lde. Man sieht ihn in\nUniform und in Zivil, einmal nachdenklich in die Ferne blickend, vermutlich vor\neinem soldatischen Zeltlager, einmal nachdenklich nach vorne blickend, als\nWanderer mit Stock und Umhang auf einem Felsen im Wald sitzend, man sieht ihn\nin heroisierenden Gem\u00e4lden als F\u00fchrer der Orientalen mit seinem ganzen Volk,\nbei Exodo del Pueblo Oriental (mit biblischen Ankl\u00e4ngen), man sieht seine\nTodesmaske, man ein Art Altersportr\u00e4t von ihm, ganz in Grau, mit Furchen im\nGesicht, aber auf den zweiten Blick noch ganz wach nach vorne blickend, und man\nsieht ihn in einem modernen Gem\u00e4lde, wo er in einen heutigen Kontext versetzt\nwird. Was fehlt sind Bilder aus der Privatsph\u00e4re, im eigenen Heim, mit Frau und\nKindern, sofern er welche hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen Raum zur Rolle der Kirche. Es\nwird vor allem klar, was f\u00fcr ein Umbruch auch f\u00fcr die Kirche gekommen war mit\nder Unabh\u00e4ngigkeit. Dazu kamen die Konflikte zwischen den Spaniern und den\nKreolen und die zwischen den fortschrittlichen und den konservativen. Sch\u00f6n\nveranschaulicht wird das durch B\u00fccher, die in einigen Exemplaren vertreten sind\n\u2013 Diderot, Rousseau, Montesquieu \u2013 die offiziell verboten waren, sich aber in\nder Privatbibliothek mancher Kleriker wiederfanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben ist man schlicht \u00fcberw\u00e4ltigt von der Vielzahl\nder Exponate, die alle etwas mit dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg und wohl auch mit dem\nB\u00fcrgerkrieg zu tun haben, die man aber als Fremder nicht richtig bewerten kann:\nKurzportr\u00e4ts der wichtigsten Figuren, darunter Ribera, Pistolen, Uniformen,\nOrden, Epauletten oder auch eine tragbare Druckerpresse. Man kann sich\nvorstellen, welche Rolle die Propaganda in den Auseinandersetzungen spielte.\nUnd wie wichtig es war, Aktuelles unter die Leute zu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gibt es noch eine \u00dcberraschung. Es ist von\neinem Laguarda Trias die Rede, und ich will mich schon abwenden, als irgendwas\nmein Auge trifft. Dieser Mann, der irgendwie mit der Medizin und der Armee\nverbunden ist, wurde im Laufe der Zeit zu einem bedeutenden Kartographen und\nEtymologen. Er reiste durch halb Europa, um die dort in Bibliotheken\nschlummernden Karten der fr\u00fchen Neuzeit (XV\/XVI) auszuwerten \u2013 und zu kopieren,\nper Hand, um sie zu Hause auch zur Verf\u00fcgung zu haben. Er besch\u00e4ftigte sich\nbesonders interessiert mit den Fortifikationen der Kolonialzeit und den\natlantischen Erkundungsfahrten. Besonders interessiert war er an Ortsnamen, und\ner machte auch Studien zum Namen Montevideo. Den f\u00fchrt er auf eine Inschrift\nAmerigo Vespuccis hier in Montevideo zur\u00fcck: <em>VIDI <\/em>1501. Diese Inschrift wurde mehr oder weniger totgeschwiegen,\nund zwar deshalb, weil Vespucci nicht h\u00e4tte hier sein d\u00fcrfen, seine Expedition\nverstie\u00df gegen den Vertrag von Tordesillas. Er selbst hat aber in alten\nDokumenten Hinweise auf diese Inschrift gefunden, und diese Inschrift kursierte\nunter Kartographen und Seefahrern. Aus ihr entstanden dann im Laufe der Zeit\nVarianten des Ortsnamens wie <em>Monte Vidio<\/em>,\n<em>Monte de<\/em> San <em>Ovidio<\/em>, <em>Monte Seredo <\/em>oder\nMonte Videu. Bis sich schlie\u00dflich <em>Montevideo<\/em>\ndurchsetze.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich zur Kathedrale. Wie so\nvieles andere ist auch die heute geschlossen, an einem Sonntag! Die Fassade ist\nschlicht, praktisch ohne Figurenschmuck und mit wenig Bauschmuck. Aber die\nKirche ist viel zu gro\u00dfe f\u00fcr den Platz. Sie passt nicht zu dem Platz, und der\nPlatz passt nicht zu ihr. Sie braucht einen gro\u00dfen Vorplatz, von dem aus man\ndie Fassade unbehindert sehen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs fragt ein Radfahrer die Passanten nach\nder Plaza Zabala. Ich erkl\u00e4re ihm den Weg, aber er ignoriert mich. Die anderen\nPassanten wissen es aber nicht, und dann mache ich ihm unmissverst\u00e4ndlich\ndeutlich, dass ich den Weg kenne, und jetzt h\u00f6rt er mir zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann stellt sich heraus, dass auch das Museum\nGurvich geschlossen ist, entgegen Gracielas Ank\u00fcndigung. Ich nehme die Flucht\nund gehe in die Neustadt, aber da ist noch weniger los. Die Stra\u00dfen sind hier\nauch ganz gleichm\u00e4\u00dfig angeordnet, aber breiter. Es geht an einem monumentalen\nDenkmal vorbei, wiederum Krieger in einer Schlacht um die Unabh\u00e4ngigkeit\ndarstellend, und dann einer Siegess\u00e4ule. Ich biege ab Richtung R\u00edo de la Plata.\nEs geht vorbei an einem Platz mit Justizgeb\u00e4uden, einer Skulptur und Zitaten zu\nRecht und Gleichheit, die in den Boden eingelassen sind, eins von einem der\nuruguayischen Unabh\u00e4ngigkeitshelden, eins von einem gewissen Gustav Radbruch. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ein gutes St\u00fcck an dem Fluss entlang,\n\u00fcber die Rambla, und komme dann wieder in die Altstadt. Ich sehe mir den\nsch\u00f6nen italienischen Brunnen an, mit drei d\u00fcnnen Schalen. Das Wasser\npl\u00e4tschert von oben und von der Seite, und die Wasserstrahlen begegnen sich. Am\nBrunnenrand kr\u00e4ftige Putten, die einen gro\u00dfen Fisch gefangen halten, an der\noberen Schale kleine Fische, die Wasser ausspucken. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Parkbank mache ich im Schatten eine\nPause und werde von zwei Frauen nach dem Weg gefragt, Damen im besten Alter,\ngut gekleidet, ganz in Wei\u00df. Sie wollen wissen, wie man zum Mercado kommt. Eine\nvon ihnen kommt aus Salta, das ist oben bei Paysand\u00fa, die andere ist hier aus\nMontevideo. Dass sie den Weg trotzdem nicht wei\u00df, liegt daran, dass sie die\nEcke um den Hafen herum eher meidet. Da f\u00fchle man sich als Frau alleine nicht\nso wohl. Aber ihrer Freundin wolle sie den Mercado doch zeigen. Ich kann ihnen\nnur die Richtung weisen, erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir ein, dass ich ja einen Stadtplan\nbei mir habe. Bevor sie sich verabschieden, sagt die eine: Moment mal, wir\nhaben uns jetzt die ganze Zeit auf Spanisch unterhalten. Haben Sie nicht\ngesagt, Sie w\u00e4ren aus Deutschland?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich spaziere ein bisschen weiter und komme wie\ndurch eine magische Hand gef\u00fchrt zu den orangefarbenen Fahrr\u00e4dern, die ich\nvorher vergeblich gesucht hatte, ganz in der N\u00e4he der Skulptur mit dem Globus\nvon heute Morgen. Wer denn daf\u00fcr verantwortlich sei, frage ich eine Kellnerin.\nDer Mann dort, der da vor dem Haus sitzt. Sehr freundlicher Mann. Morgen fr\u00fch\nab 10 Uhr. Alles gebongt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem weiteren Streifzug durch die Stadt komme\nich an der Kirche vorbei, deren Turm ich vom Zimmer aus sehe, San Francisco de\nAsis. Hier hat Garibaldi geheiratet! Man traut seinen Ohren nicht. Der ist\ntats\u00e4chlich hier gewesen, in Uruguay, hat hier mehrere Jahre gelebt und sich\nseine milit\u00e4rischen Sporen verdient. Vorher war er schon in Brasilien gewesen,\nauch mehrere Jahre lang. Hier in Uruguay hat er sich dem Partido Colorado angeschlossen,\nobwohl er in mehreren Punkten nicht mit dessen Prinzipien \u00fcbereinstimmte. Auch\nseine Frau war in die revolution\u00e4re Agitation verwickelt. Was in Montevideo, in\nseiner vornehmen Gesellschaft, nicht gerne gesehen wurde.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Garibaldis Wohnhaus ist auch Museum, aber es ist\ngeschlossen, und es gibt keine \u00d6ffnungszeiten am Eingang. Sp\u00e4ter lese ich, dass\ndas Museum wegen Renovierung vor\u00fcbergehend ganz geschlossen ist. In diesem\nZusammenhang lese ich, dass Garibaldi kirchlich geheiratet hat, obwohl er Atheist\nwar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, als ich die Hoffnung schon aufgegeben habe,\nkomme ich doch noch zu einem weiteren Museum, ganz in der N\u00e4he des ersten von\nheute Morgen. Auch hier befindet sich eine Dependance des <em>Museo de Historia Nacional<\/em>, hier ist es die Casa Lavalleja, ein\nkleines Museum mit einer Reihe von Kuriosit\u00e4ten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus hat einen sch\u00f6nen, sonnenbeschienenen\nInnenhof mit einer hohen Palme, die beide Stockwerke umfasst, und einem Umgang\nmit h\u00f6lzernem Gel\u00e4nder im zweiten Geschoss. <\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Hof stehen zwei Skulpturen, von denen\ndie kleinere von vornherein meine Aufmerksamkeit erregt. Sie spielt sp\u00e4ter bei\nder Besichtigung der R\u00e4ume eine Rolle. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit Lavalleja hat das wohl alles nichts zu tun,\nvielleicht ist es einfach sein Wohnhaus zu sehen. Was ausgestellt ist, ist das\nErgebnis der Sammelleidenschaft eines Mediziners, der sich f\u00fcr die l\u00e4ndliche\nAlltagskultur, die der Gauchos, interessierte. Ausgestellt ist unter anderem\nein kleiner Beh\u00e4lter, ein Phantasietier darstellend. Der K\u00f6rper ist aus\nKokosnuss, mit &nbsp;geometrischen Formen\nverziert, die F\u00fc\u00dfe sind aus Knochen, die Augen aus Glas, Schnauze und Schwanz\naus Kuhhorn. Das Beh\u00e4ltnis diente vermutlich zur Aufbewahrung von Tabak.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Vitrine drei Kugeln aus\nElfenbein, wie Billardkugeln aussehend. Sie wurden an einer Schnur befestigt,\nmit der man, auf dem Pferd sitzend, die Rinder trieb. Die Version aus Elfenbein\nist die Luxusversion. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beh\u00e4ltnis, wie ein kleiner Tragekorb,\nist aus dem Panzer eines G\u00fcrteltiers gefertigt, mit zwei Kordeln aus demselben\nMaterial zum Tragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es \u201eSchuhe\u201c f\u00fcr Pferdehufe, schwarz,\nschwer zu sagen, aus welchem Material, man k\u00f6nnte fast meinen, es w\u00e4re Seide,\naber das kommt f\u00fcr den Zweck wohl nicht in Frage. Sie wurden n\u00e4mlich \u00fcber die\nPferdehufe gest\u00fclpt, einerseits als Schoner bei langen Distanzen, andererseits,\num den L\u00e4rm der Pferdehufe zu d\u00e4mpfen, wenn Truppen in der N\u00e4he waren.\nIngeni\u00f6s!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss kommt die Skulptur, die mir schon\ndrau\u00dfen aufgefallen war. Hier drinnen das Original, aus Terrakotta, \u201eEl Gaucho\nOriental\u201c. Der Gaucho wird, mit nachdenklichem Gesicht, einen Becher in der\nHand, sich auf einen Pfeiler aufst\u00fctzend, dargestellt. In der anderen Hand h\u00e4lt\ner ein nicht zu definierendes Ger\u00e4t, das irgendeinen Zweck bei der Viehzucht\nhaben muss. Auf dem Kopf sitzt etwas schr\u00e4g ein Hut, es k\u00f6nnte Santiago sein,\naber es ist ein einfacher Gaucho, in seiner ganzen W\u00fcrde dargestellt. Die Augen\nsind aus Glas, auch das passt zu der religi\u00f6sen Analogie, denn solche Augen\nwurden nur bei religi\u00f6sen Figuren verwendet. Die Skulptur war ein Beitrag\nUruguays zur Weltausstellung in Wien 1873. Und war hier \u00e4u\u00dferst umstritten.\nExperten und Journalisten waren der Meinung, das sei keine w\u00fcrdige Darstellung\neines kultivierten Landes wie Uruguay. <\/p>\n\n\n\n<p>Bin froh, das Museum noch erwischt zu haben, und\nfinde dann auch noch eins von den von Graciela empfohlenen Lokalen \u2013 alle\nanderen sind geschlossen \u2013 <em>La Fonda<\/em>.\nHervorragendes Essen, eine Salat mit \u00c4pfeln und Blauschimmelk\u00e4se, der seinen\nNamen verdient, und Pasta, im Hause hergestellt, Sorrentinos, wie gro\u00dfe\nRavioli, gef\u00fcllt mit Ricotta, Pinienkernen und einer Kr\u00e4utermischung. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch kommt der Wirt raus und berichtet,\nDeutschland habe ein Tor geschossen, aber das sei aberkannt worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend noch einmal in die Altstadt gehe,\num ein Bier zu trinken, fragt die Kellnerin, als ich zahlen will, \u201e\u00bfQuiere\nabonar?\u201c Das ist entweder eine vornehme oder eine uruguayische Ausdrucksweise. <\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he der Bar befindet sich eine andere,\nheute geschlossen, mit dem Namen <em>Ojal\u00e1<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>28. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein einsamer Vogel beginnt am Morgen mit einem\nsch\u00f6nen, aber eint\u00f6nigen Zweitongesang, dann kommen die anderen dazu, und es\nwird ein echtes Konzert. Die Vogelstimmen kommen gleich vom Park, unter dem\nFenster. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen durch die Stra\u00dfen gehe, um\nirgendwo einen Kaffee zu bekommen, erwacht die Stadt noch. Viele Caf\u00e9s sind\nnoch geschlossen, aber es gibt auch viel weniger als in Brasilien. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Caf\u00e9, das ich schlie\u00dflich finde, l\u00e4uft der\nFernseher. Fu\u00dfball gibt es jetzt zum Fr\u00fchst\u00fcck, wegen der Zeitverschiebung.\nKamerun schie\u00dft gerade das 3:3 gegen Serbien. <\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es auf Radtour geht, bekomme ich noch die\nSozialgeschichte des Viertels geliefert, von Graciela, im Zeitraffer. Ja, die\nAltstadt sei sch\u00f6n, und auch beliebt. Das sei aber nicht immer so gewesen.\nFr\u00fcher war sie eher das Vergn\u00fcgungsviertel. \u201eRotlichtviertel\u201c. Dazu trug auch\ndie Hafenn\u00e4he bei. Die Mittelschicht wohnte in Cerro, einem Stadtviertel am\nRande der Stadt (das nicht umsonst \u201aH\u00fcgel\u2018 bedeutet), weit vom Fluss entfernt.\nStrand war nicht in. Als der Strand dann Mode wurde, kaufte die Mittelschicht\nsich in Pocitos ein. Dort hatte man ein Sommerhaus, den Winter verbrachte man\nweiterhin in Cerro. Die Altstadt blieb sich selbst \u00fcberlassen. Das \u00e4nderte sich\nerst vor kurzem, vor allem mit der Ankunft wohlhabender Europ\u00e4er \u2013 Schweden,\nEngl\u00e4nder, Schweizer \u2013 die genug Geld hatten, sich hier eine Wohnung zu kaufen,\naber nicht genug f\u00fcr eine Wohnung in Paris oder Mailand. Die Wohnungspreise\nwaren g\u00fcnstig. Sie selbst, Graciela, hat davon profitiert, einmal privat, weil\nihre Wohnung jetzt zehnmal so viel wert ist wie fr\u00fcher, sondern auch, weil sie\nals Maklerin leichtes Spiel hatte und Wohnungen in der Altstadt im Dutzend\nverkaufte. Den Europ\u00e4ern gefiel Montevideo, weil es so europ\u00e4isch war, und\nverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sicher. Das machte aus der Altstadt ein internationales\nViertel. Das wurde jetzt durch die Einwanderung von Kubanern und Venezolanern\nnoch verst\u00e4rkt. Auch die zieht es in die Altstadt. Sie sind legal hier, in\nUruguay kommt man leicht an eine Aufenthaltserlaubnis. Und die Kubaner und\nVenezolaner, die sich eine Reise nach Uruguay leisten k\u00f6nnen, geh\u00f6ren nicht zu\nden \u00c4rmsten der Armen. Mittelschicht. Vor allem viele \u00c4rzte. Die fehlen\nnat\u00fcrlich in ihren L\u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird es aber Zeit, dass ich mich auf den Weg\nmache. In der Innenstadt f\u00e4llt mir ein pr\u00e4chtiges Haus auf, mit einem\neigenwilligen neogotischen Stil. Habe ich bisher \u00fcbersehen. Montevideo hat eine\nunglaubliche Bausubstanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann vom Fahrradverleih steht bereit, die\nmeisten Fahrr\u00e4der sind schon verliehen. Die 450 Pesos verschwinden ohne weitere\nMa\u00dfnahme im Privatportemonnaie. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Fahrrad ist ein altes Modell, schwer, mit\nR\u00fccktritt, ohne Licht, ohne Klingel und mit einer Gangschaltung, bei der nur\ndie G\u00e4nge 2 und 3 funktionieren. Gl\u00fccklicherweise ist die Strecke flach, nur\nsp\u00e4ter bei der R\u00fcckkehr in die Innenstadt habe ich zu k\u00e4mpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht immer an der Rambla entlang, meist direkt\nam Ufer. Die Rambla ist so breit, dass man sich nicht in die Quere kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluss geht fast unmerklich ins Meer \u00fcber. Nur\ndie Farbe \u00e4ndert sich, und die Gezeiten sind zu sp\u00fcren. Aber wo genau die\nFlussm\u00fcndung ist, kann man nicht erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr angenehm zu fahren, die Hitze wird\ndurch den Wind abgemildert. Ich&nbsp; fahre\nbis nach Pocitos, gehe dort zum Strand runter und stecke die F\u00fc\u00dfe ins Wasser.\nHier sieht es ganz nach Meer aus, der Strand erstreckt sich \u00fcber die ganze\nBucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg habe ich an einem Caf\u00e9 mit Terrasse\nmit direktem Blick aufs Meer Halt gemacht. Am Nebentisch ein brasilianisches\nPaar. Er fragt den Kellner, nach brasilianischer Art, nach dem Namen. Mariano.\nDas sei in Uruguay ein gel\u00e4ufiger Name, aber nicht mehr in seiner Generation.\nDann macht der Brasilianer einen Kommentar dazu, aber den versteht der Kellner\nschon nicht mehr. Er will ihm sagen, dass es auch einen Marianen-Orden gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he dieses Caf\u00e9s sehe ich eins der\nr\u00e4tselhaftesten H\u00e4user der ganzen Reise. Sehr schmal, rundlich, r\u00f6tlich, &nbsp;an einem viel h\u00f6heren, h\u00e4sslichen Hochhaus\nangelehnt, in einem fast disneyartigen Burgenstil, mit Teilen wei\u00dfer\nklassischer Statuen an der Hausmauer. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Meeresufer ein B\u00fcste Gandhis. Die kommt hier so\n\u00fcberraschend wie ein Holocaust-Denkmal. Dessen zentrales St\u00fcck ist eine Mauer,\ndie in der Mitte auseinanderbricht, mit zwei Mauerteilen, die nach rechts und\nnach links auf den Boden zu fallen scheinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem weiteren Monument mache ich Halt, weil\nes so r\u00e4tselhaft ist. Es besteht aus drei Teilen, zwei Steinbl\u00f6cke,\naufeinandergesetzt, und ein St\u00fcck aus Eisen. Das Monument ist einem\nuruguayischen Gitarristen gewidmet, Abel Carlevaro, einem Gitarristen von\ninternationalem Renommee. Von dem hei\u00dft es, er habe uruguayische Kultur in die\nWelt getragen und aus Montevideo ein Zentrum der Gitarrenkunst gemacht. Ich\nstehe vor dem kubistisch verfremdeten Denkmal und \u00fcberlege mir, ob es einen\nGitarristen (Rumpf, Kopf, Gitarre) oder eine Gitarre (Korpus, Hals, Saiten)\nhandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der R\u00fcckkehr nach Montevideo mache ich Halt in\neinem Vorortviertel. Dort geht es zur Bar Tinkal, von Graciela empfohlen.\nDauert was, bis ich sie finde. Sie liegt in einem Wohnviertel und erscheint\npl\u00f6tzlich da, wo man sie kaum vermutet. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon drau\u00dfen wird hier klar gemacht, dass es um\nden ber\u00fchmten <em>chivito<\/em> geht und wie\nman ihn isst: <em>El chivito se come con la\nmano. <\/em>So mache ich es auch, obwohl auch Besteck mitgeliefert wird, als er\nserviert wird. Schmeckt wirklich gut, vor allem sehr saftig, aber ich hatte mir\nschon noch was Besondereres vorgestellt. Es ist wieder mal ein besserer Burger,\nbesser wirklich, weil er mit richtigem Rindfleisch und Speck serviert wird.\nWieder mal astronomische Preise. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Fernseher l\u00e4uft Brasilien gegen die Schweiz. Am\nK\u00fchlschrank ein Aufkleber mit einem weit hergeholten Wortspiel: <em>Hac\u00e9 Qatarsis en el Tinkal. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach Hause komme, fange ich mir\nerst mal eine R\u00fcge an. Wegen fehlender Kopfbedeckung w\u00e4hrend der Fahrt. Wie\nEurop\u00e4er w\u00fcrden das immer untersch\u00e4tzen, die UV-Strahlen seien hier viel\nst\u00e4rker als bei uns. Sie habe zahlreiche Freundinnen mit Hautkrebs. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag spielt Uruguay. Auf den Stra\u00dfen ist\nes ruhig, hier sieht man Fu\u00dfball in der Bar. Oder zu Hause. Obwohl ich ein paar\nMinuten zu sp\u00e4t komme, finde ich noch ohne Probleme Platz. Knapp 20 Zuschauer,\ndarunter nur eine Frau. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuschauer verfolgen das Spiel erstaunlich\nruhig, ohen Kommentare, fast lautlos. Viel gibt es in der ersten halben Stunde\nauch nicht zu sagen. Dann kommt Stimmung auf bei zwei Gro\u00dfchancen von Uruguay.\nDann erst wieder, als pl\u00f6tzlich das Bild weg ist. Keine Verbindung zum\nInternet. Als das Bild wieder da ist, bekreuzigen sich einige. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Halbzeit 0:0, wie zu erwarten war. Bisher\nstand es neunmal zur Halbzeit 0:0, bei sechszehn Spielen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Werbung wird auch der voseo gebraucht: <em>\u00bfTen\u00e9s todo lo que necesitas?<\/em> Mafalda\nl\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Halbzeit ist interessanter, und Uruguay\nhat viele Chancen, kassiert aber zwei Tore. Am Schluss Stille und entt\u00e4uschte\nGesichter. Zu recht. Nicht schlecht gespielt und doch verloren. Und noch keinen\nPunkt geholt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend noch mal rausgehe, erwische ich\nnur noch den halben knallroten Sonnenball, der am R\u00edo de la Plata untergeht.\nSehr sch\u00f6ne Szenerie, aber in Zeit von nichts ist alles vorbei und die Sonne\nhinten am Horizont verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Lokal spreche ich die Kellnerin\nauf die Unsitte an, dass ausdr\u00fccklich auf das fehlende Trinkgeld hingewiesen\nwird. Man muss ausdr\u00fccklich nein sagen, wenn man kein Trinkgeld geben will. Ich\nfinde das unangenehm. Sie findet es normal. Bei Bezahlung mit der Karte,\nerfahre ich, wird automatisch 10% Service draufgeschlagen, sofern man zustimmt.\n\u00dcber die H\u00f6he bestimmt man also auch nicht. K\u00f6nnte dann genauso gut von\nvornherein Teil des Preises sein.<\/p>\n\n\n\n<p>29. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den unvermeidlichen geschlossenen Lokalen\nlande ich in einer Konditorei in einer Seitenstra\u00dfe nahe der Plaza de la\nIndependencia. Durch eine Scheibe kann man sehen, wie hier alles hergestellt\nwird, handwerklich. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin wei\u00df den Weg zu der Skulptur mit den\nKarten spielenden M\u00e4nnern. Sie ist im Pr\u00e4sidentenpalast selbst. Man kann ohne\nKontrolle rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es lohnt sich, reinzugehen. Aus der N\u00e4he\nbietet sich einem ein ganz anderes Kunstwerk an. Dies ist keine Folklore, keine\nharmlose Darstellung eines Freizeitvergn\u00fcgens. Die Spieler werden verzerrt\ndargestellt, karikiert. Der eine, ein Pummel, sieht leicht selbstzufrieden aus,\nein anderer im wahrsten Sinne hochn\u00e4sig, der dritte, der gerade eine Karte auf\nden Tisch haut, mit weit aufgerissenem Mund und tiefen H\u00f6hlen in den Augen, ist\nv\u00f6llig au\u00dfer sich, aus Ver\u00e4rgerung oder aus einer Art aggressivem Triumph. Die\nFiguren sind zusammengesetzt aus einzelnen Blechteilen, oft grob\naufeinandergesetzt, gr\u00f6ber als es in Wirklichkeit der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es gleich ins Gurvich, eher\nzuf\u00e4llig, weil es gerade auf dem Weg liegt und jetzt gerade \u00f6ffnet. Es lohnt\nsich. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist hochmodern, und die Bilder gefallen\nmir ausgesprochen gut. Die H\u00e4ngung ist chronologisch, von oben nach unten,\nsodass man die Entwicklung gut nachvollziehen kann, von einem anf\u00e4nglichen\nStillleben bis zu einem langen Gem\u00e4lde, das nur aus wei\u00dfen, roten und schwarzen\nFl\u00e4chen besteht und die ganze Wand der unteren Etage einnimmt. Erst wenn man\nn\u00e4her hinsieht, erkennt man, dass die Formen an zwei Stellen Buchstaben bilden,\naus denen die W\u00f6rter Cerro und Uruguay entstehen. Gurvich hatte das Bild f\u00fcr\nein Unternehmen in Cerro gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Stillleben, mit Obst, Eiern, Karaffen und\nKr\u00fcgen, hat man unter dem Bild nachgestellt, mir realen Objekten, in genau\nderselben Verteilung wie auf dem Bild. Sehr gute Idee. Man sieht, wie die Kunst\ndie Wirklichkeit nicht einfach abbildet, sondern verfremdet, schon deshalb,\nweil das Bild zweidimensional ist. Aber auch die Konturen sind anders, und die\nFarben haben eine andere Qualit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Gurvich kam aus einem litauischen Schtetl nach dem\nKrieg nach Uruguay, als Kind j\u00fcdischer Eltern. Schon als Schuljunge fertigte er\nZeichnungen f\u00fcr seine Klassenkameraden an. Seine andere Leidenschaft war die\nMusik. Es hei\u00dft, dass er eines Tages ein Musikinstrument neben ein Bild\naufh\u00e4ngte und dann entschied, dass die Kunst sein Ding war. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe seines K\u00fcnstlerlebens reiste er auch nach\nIsrael, was wiederum seinen Niederschlag in der Kunst fand. In der Ausstellung\nsieht man eine Darstellung des Lebens im Schtetl, nicht als realistische\nDarstellung, sondern als Andeutungen, die das Gewimmel und die Bewegung im\nSchtetl wiedergeben. <\/p>\n\n\n\n<p>In der sp\u00e4teren Phase kommen auch dreidimensionale\nGem\u00e4lde hinzu, wie ein Flachrelief und ein Hochrelief, die aus ausgeschnittenem\nKarton bestehen, gr\u00e4ulich, br\u00e4unlich, Farben, wie man sie bei Braque finden\nkann. Man sieht die Konturen von M\u00e4nnern, Frauen, Geb\u00e4uden, Fischen, Augen, und\ndazwischen einige W\u00f6rter wie Fe, Montevideo, Vida, Calle. Eins der beiden Gem\u00e4lde hei\u00dft Constructivo en blanco y\nnegro, das andere Constructivo Montevideo.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Gem\u00e4lde, ganz farbenfroh, ein\nDurcheinander von scheinbar nicht zusammengeh\u00f6rigen Objekten, erinnert an\nMagritte, ein anderes an Klimt. Der K\u00f6rper eines Menschen, vermutlich einer\nFrau, steht dem eines anderen gegen\u00fcber, der auf dem Kopf steht. Das Gewand der\nFrau, golden leuchtend, ist \u00fcbers\u00e4t mit Objekten und K\u00f6pfen, H\u00e4nden, H\u00e4usern\nund Figuren, die teils \u00fcber den Rand des Gewandes hinausgehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir ein Bild aus einer fr\u00fcheren\nPhase, eine Vase mit einer einzigen Blume vor den ge\u00f6ffneten Fensterl\u00e4den, die\nden Ausblick auf die Stra\u00dfe gew\u00e4hren. Braunt\u00f6ne beherrschen das Bild, von denen\nsich die wei\u00dfe Vase und die rote Blume absetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es Zeit f\u00fcr die R\u00fcckkehr in die Wohnung\nund das Kofferpacken. Auf dem Weg zum Bahnhof erlebe ich im Bus meinen ersten\nStau in Montevideo. Au\u00dferhalb der Innenstadt ist dichter Verkehr, und am Ende\nwird es fast knapp mit der Abfahrt, als der Bus vor dem Bahnhof noch eine gro\u00dfe\nRunde dreht und ich dann erst in ein riesiges Shoppingcenter gelange. Dann kann\nich den Bahnsteig nicht finden, weil ich die Angaben auf der Fahrkarte nicht\nmit denen auf der Abfahrtstafel zusammenbringen kann, aber dann hilft ein\nfreundlicher Aufseher und zeigt mir den Weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag erreichen wir Paysand\u00fa. &nbsp;Es liegt am Uruguay, dem namengebenden Fluss.\nAuf der Fahrt mit dem Taxi zur Unterkunft durch die gesch\u00e4ftige Innenstadt\nsieht man in der Ferne die Br\u00fccke, die auf die andere Seite f\u00fchrt \u2013 nach\nArgentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft liegt in einem Wohnviertel mit\nniedrigen H\u00e4usern. Zum ersten Mal \u00fcberhaupt bin ich in einem Haus\nuntergebracht, das nicht durch ein Gitter von der Stra\u00dfe abgesperrt ist. Man\n\u00f6ffnet die Haust\u00fcr und ist drinnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Haus, einem Bungalow, herrscht ziemliches\nDurcheinander. \u00dcberall stehen Dinge herum, die besser irgendwo verstaut w\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermieterin, Cecilia, eine J\u00fcdin mit einem\nFaible f\u00fcr Deutschland, springt sofort auf meine Frage nach der Br\u00fccke nach\nArgentinien an. Da k\u00f6nnten wir hinfahren. Wann denn? Heute noch. Die Uruguayos\nfahren st\u00e4ndig r\u00fcber nach Argentinien, zum Einkaufen, zum Essen und zum Tanken.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann dauert es aber. Zuerst geht es um das\nEinloggen ins Internet. Das klappt nicht, weil sie den Code nicht wei\u00df. Der ist\nauf ihrem anderen Handy gespeichert, und das ist kaputt. Wir m\u00fcssen uns beim\nNachbarn einw\u00e4hlen. Am besten mit dem QR-Code. Das scheitert aber, vermutlich\nan meinem Handy. Irgendwann leuchtet es dann in ihren Augen. Sie erinnert sich\nwieder an den Code. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir k\u00f6nnen noch nicht los. Sie wartet noch\nauf einen Mann von der Reinigung. Ihre Waschmaschine ist kaputt. Au\u00dferdem muss\nsie noch in die Stadt, um Plastikbeutel zu kaufen. Die frisch gewaschene W\u00e4sche\nist f\u00fcr ihren Sohn, der in Montevideo lebt. Sie l\u00e4sst mir Geld da, damit ich\nden Reinigungsmann bezahlen kann, f\u00fcr den Fall, dass der kommt, w\u00e4hrend sie weg\nist. Der ist aber immer noch nicht da, als sie zur\u00fcckgekommen ist. Nach ein\noder zwei Telefonaten erscheint er dann. Jetzt k\u00f6nnten wir eigentlich los. Aber\nnein, sie wartet auch noch auf einen Schreiner. Der soll ein paar \u201eM\u00f6bel\u201c\nbringen, sagt am Ende aber ab. Er komme morgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kann es endlich losgehen. Wir passieren das\nAmphitheater am Flussufer, eine moderne Einrichtung, ein offenes Theater f\u00fcr\nAuff\u00fchrungen. Sie berichtet stolz, dass es 20.000 Zuschauer fasst und nennt\nallerlei Ber\u00fchmtheiten, die hier schon aufgetreten sind. Die ich aber nicht\nkenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es. Es sind nur f\u00fcnfzehn Kilometer bis\nzur Grenze, aber dort stehen wir am Ende einer langen Schlange. Die P\u00e4sse\nwerden kontrolliert und gestempelt, und es ist nur ein Mann daf\u00fcr da.\nZwischendurch scheint sich die Schlange gar nicht weiter zu bewegen. Es ist\ninzwischen dunkel geworden und mein Magen ist auf halb acht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt inzwischen von sich und ihrem Land.\nDas tauge nichts, zu viel Unzuverl\u00e4ssigkeit, zu schlechte Erziehung. Sie will\nauswandern. Nach Israel. Sie k\u00f6nnte schon jetzt auswandern, aber das scheitert\nan finanziellen Mitteln. Sie wartet auf die Best\u00e4tigung des israelischen\nStaats, die Bewilligung zur Teilnahme an einem halbj\u00e4hrigen Eingliederungskurs.\nDer wird ganz von Israel finanziert. Ihr Sohn, der auch auswandern will, hat\nschon eine Art freiwilliges Auslandsjahr in Israel verbracht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland zu leben, kann sie sich auch\nvorstellen. Nur scheitere das an der Sprache.&nbsp;\nIch frage vorsichtig nach, wie es denn mit ihrem Hebr\u00e4isch aussieht.\nSieht nicht unbedingt nach Erfolgsgeschichte aus. Sie hat ein paar Brocken\ngelernt, und kann viele Dinge der j\u00fcdischen Kultur und des Alltagslebens auf\nHebr\u00e4isch benennen, aber das ist es dann auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine selbst\u00e4ndige Frau ist sie auf jeden Fall. Sie\nist alleine durch Peru, Ecuador und Bolivien gereist, und die USA kennt sie\nauch sehr gut, ganz verschiedene Ecken. Sie m\u00f6chte unbedingt mal nach Colorado.\nAm besten kennt sie Miami, da k\u00f6nne man immer wieder hinreisen. Und da sei es\nso billig, dass sie immer mit einem leeren Koffer hinreise und mit einem vollen\nKoffer zur\u00fcckkomme. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihr gutes Verh\u00e4ltnis zu Deutschland resultiert aus\nverschiedenen Reisen. Vor allem Berlin hat es ihr angetan. Deutschland stelle\nsich seiner Vergangenheit, da h\u00e4tte man als J\u00fcdin keinerlei Vorbehalte. Eine\nganz besondere Erinnerung ist eine Reise nach Berlin mit der Mutter einer\nFreundin. Die war mit sieben Jahren als J\u00fcdin aus Berlin nach Uruguay gekommen\nund wollte unbedingt noch einmal in ihre Geburtsstadt. Sie sprach immer noch\nflie\u00dfend Deutsch und hatte in Deutschland keinerlei\nVerst\u00e4ndigungsschwierigkeiten. Sogar ihr Elternhaus hat sie noch\nwiedergefunden. Das hatte den Krieg \u00fcberlebt. <\/p>\n\n\n\n<p>Endlich sind wir an der Reihe und kommen durch die\nPasskontrolle. Erst m\u00fcssen wir aber noch tanken. An der ersten Tankstelle ist\ndas Benzin ausgegangen, es gibt nur noch Super. Sie tauscht aber schon mal\nuruguayische Pesos gegen argentinische Pesos bei dem Tankwart. Sie erh\u00e4lt ein\nganzes B\u00fcndel an Geldscheinen, Tausende von Pesos. Das Tauschen ist hier an der\nTagesordnung. <\/p>\n\n\n\n<p>An der zweiten Tankstelle gibt es dann Benzin.\nEndlich fertig. Aber sie muss jetzt erst noch die Scheiben reinigen. Als sie\ngerade dabei ist, bittet der Tankwart sie, vorzufahren, um den n\u00e4chsten Kunden\ndranzulassen. Das tut sie, und dann geht die Scheibenreinigung weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob wir noch was zu essen bekommen? Es ist schon\nkurz nach zehn. Ja, kein Problem, dies sei nicht Deutschland, meint sie. Dann\nbiegt sie noch einmal auf der dunklen Stra\u00dfe falsch ab, aber dann erscheint\ntats\u00e4chlich irgendwo das Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon von au\u00dfen sieht es gut aus, und das Innere\nh\u00e4lt, was das \u00c4u\u00dfere verspricht. Sch\u00f6ne Einrichtung, mit viel Holz und\nkunstfertig hergestellten Lampenschirmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und das Essen ist ein Gedicht. Kotelett,\nhauchd\u00fcnne, knusprige Kartoffelscheiben und eine Art Ratatouille, \u00fcber das\nFleisch verteilt. Ihr Gericht, ein Entrecote, sieht genauso gut aus. Die\nUnterhaltung geht derweil weiter, \u00fcber Gott und die Welt. Das Warten hat sich\ngelohnt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>30. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bietet Cecilia mir ein Fr\u00fchst\u00fcck an, Tee\nund Kekse. Das dauert aber was, immer wieder ist sie zwischendurch abgelenkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie selbst trinkt Mate, und jetzt verstehe ich,\ndass der Mate, den ich in Brasilien getrunken habe, nur ein m\u00fcder Abklatsch des\nechten Mate ist. Und ich verstehe, was all die Menschen getrunken haben, die\nich seit Tagen \u00fcberall mit diesen merkw\u00fcrdigen Bechern sehe. <\/p>\n\n\n\n<p>Cecilias benutzt f\u00fcr ihren Mate keine der\ntraditionellen, sondern moderne Ger\u00e4tschaften, aus Stahl, die den Mate besser\nwarm halten. Das eine ist eine Thermoskanne. Aus der wird immer wieder Wasser\nnachgegossen. Sie hat noch Ingwer in das Wasser geschnitten. Das andere ist der\nBecher, aus dem getrunken wird. Der ist bis zum Rand mit Mate gef\u00fcllt. Man\ngie\u00dft immer nur einseitig ganz vorsichtig Wasser nach. Getrunken wird durch\neinen Strohhalm, in diesem Fall einen st\u00e4hlernen Strohhalm. An dessen unteren\nEnde befindet sich ein Sieb, das verhindert, dass die Matebl\u00e4tter mit durch den\nStrohhalm gelangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach den Colorados und den Blancos, die\nich immer in die Zeit der Unabh\u00e4ngigkeitskriege verortet habe. Aber die geh\u00f6ren\nebenso, oder haupts\u00e4chlich, in die Zeit des B\u00fcrgerkriegs. Der habe Familien\ngespalten und Freunde getrennt. Es habe F\u00e4lle gegeben, wo man den eigenen\nFreund oder den eigenen Bruder get\u00f6tet habe. Sie selbst ist noch indirekt Zeuge\ndieser Auseinandersetzungen geworden. Ihr Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits war\nBlanco, ihr Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits war Colorado.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ihren Erz\u00e4hlungen benutzt sie immer wieder <em>capaz<\/em>. Durch den Kontext und die\nWiederholungen kann man, ohne nachzufragen, schlie\u00dfen, dass es \u201avielleicht\u2018\nbedeutet. So lernen Kinder ihre Sprache. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage sie, ob sie auch einen hebr\u00e4ischen Namen\nhabe. Ja, Sara. Nach dem biblischen Vorbild. Ihr Sohn hat es da einfacher. Er\nhei\u00dft sowieso schon Rafael.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach dem Uruguay und ob und wo der ins\nMeer m\u00fcndet. Nein, meint sie:\n\u201cEn el R\u00edo de la Plata, \u00bfno?\u201d Ganz sicher scheint sie nicht zu\nsein. Ist auch nicht so eindeutig. Der Uruguay verbindet sich mit dem Paran\u00e1\nund wird dann zum R\u00edo de la Plata. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir noch zusammen sitzen, kommt der Schreiner\nvon gestern mit&nbsp; den \u201eM\u00f6beln\u201c.\nHandgemacht. Sehr sch\u00f6n, helles Holz. Sieht sehr stabil aus. Eins der M\u00f6bel ist\nein ausklappbarer Tisch, f\u00fcr den Strand oder ein Picknick oder so. Aber das\nandere? Es ist wie ein h\u00f6lzerner Tragekorb, mit zwei runden L\u00f6chern und einem\nl\u00e4nglichen dazwischen. Wof\u00fcr k\u00f6nnen die nur dienen? Scheint eindeutig zu sein.\nDas eine runde Loch f\u00fcr den Mate-Becher, das andere f\u00fcr die Mate-Kanne. Und das\nl\u00e4ngliche? F\u00fcrs Handy!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt, wie ihr Vater dieses Haus gebaut hat\nund wie bedacht er dabei vorgegangen ist und wie es sie hier nach einigen Jahren\nin Montevideo wieder hierhergezogen hat. Das H\u00e4uschen ist richtig sch\u00f6n, hat\neine gute Aufteilung, verschiedene Durchblicke zwischen den Zimmern, eine Wand\naus Ziegelsteinen, und geht hinten auf einen Hof hinaus. Der Blick ist nicht\nsonderlich sch\u00f6n, aber daraus k\u00f6nnte man was machen, wie \u00fcberhaupt aus dem\nHaus. Sie wei\u00df das auch, es fehle dem Haus an ein bisschen <em>amor<\/em>, mit anderen Worten <em>dinero<\/em>.\nStimmt, aber auch mit <em>amor<\/em> k\u00f6nnte man\nschon was verbessern. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch einen offenen Kamin, sicheres Zeichen\ndaf\u00fcr, dass es hier im Winter kalt ist. Was man sich jetzt nicht so gut\nvorstellen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Fluss hinunter. Das ist die sch\u00f6nste\nStelle in Paysand\u00fa. B\u00e4ume, V\u00f6gel, Sandstrand, klares Wasser (es wirkt nur so\nbraun durch den Untergrund), ein paar fest installierte B\u00e4nke und Sonnenschirme\nund die Br\u00fccke in der Ferne. <\/p>\n\n\n\n<p>Die V\u00f6gel sind hier besonders aktiv. Nicht umsonst\nbedeutet <em>Uruguay<\/em> \u201aGro\u00dfer Fluss der\nV\u00f6gel\u2018. Besonders gut vertreten sind V\u00f6gel, die wie kleine Tauben aussehen,\naber nicht gurren. Wenn sie fliegen, kann man ihr sch\u00f6nes Federkleid von unten\nsehen, schwarz mit einem wei\u00dfen Zickzackstreifen am Ende. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser ist nicht kalt. Vor mir baden ein paar\nLeute im Fluss. Ich gehe nur bis zu den Knien rein. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter einem der B\u00e4ume kann man in aller Ruhe\nsitzen und sich die Gegend ansehen. Es ist warm, etwas zu warm f\u00fcr den Morgen,\naber die B\u00e4ume spenden Schatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann entdecke ich auf einer Wiese daneben eine\nganze Serie von Holzfiguren, jede kunstvoll aus einem einzigen Baumstamm\ngeschnitzt. Aus einem Baumstamm ist eine Parkbank geworden. Man nimmt Platz\nzwischen einem G\u00fcrteltier auf der einen und einem ??? auf der anderen Seite,\nund ganz am Rand schl\u00e4ngelt sich eine Schlange durch das Geb\u00fcsch. Unter den\nanderen Figuren gibt es Tiere, ein Pferd, eine Eule, und Gestalten, die aus\nLegenden oder M\u00e4rchen stammen k\u00f6nnten<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entdecke ich eine Touristeninformation. Eine\ngut aussehende junge Frau beugt sich \u00fcber den Stadtplan und zeichnet mir\numst\u00e4ndlich die Wege ein, die ich nehmen soll. Mit dem Effekt, dass man nachher\ndie Stra\u00dfenamen nicht mehr lesen kann. Sie benutzt, wie andere auch, das Wort <em>agarrar<\/em>, wenn sie sagt, ich solle die\nund die Stra\u00dfe nehmen. Man <em>ergreift<\/em>\neine Stra\u00dfe. Sie weist mich auf ein paar kleinere Museen hin und die <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> und den Alten\nFriedhof. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe gleich ins <em>Museo Hist\u00f3rico<\/em>. Eine junge, leicht gehbehinderte Frau nimmt mich\nin einem sch\u00f6nen Innenhof in Empfang. Sie begr\u00fc\u00dft mich freundlich, fragt mich\nwoher ich k\u00e4me, fragt nach meiner Reiseroute und erkl\u00e4rt mir, was es zu sehen\ngibt. Sie kommt dann hinter mir her in die Ausstellung und bietet weitere\nErkl\u00e4rungen an. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es um den Namen <em>Paysand\u00fa<\/em>. Die g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung f\u00fchrt den Namen auf einen\nJesuitenpater zur\u00fcck, den <em>Padre<\/em> <em>Sand\u00fa, <\/em>wobei <em>padre<\/em> die alternative Form <em>pae<\/em>\nauftritt. Daf\u00fcr scheint es aber keine Belege zu geben, was mich ein bisschen\nwundert. Es gibt aber auch alternative Erkl\u00e4rungen, darunter eine, die besagt,\nder Name gehe auch <em>Padre forcado<\/em>\nzur\u00fcck, auf einen erh\u00e4ngten Priester. Jemand hat auch herausgefunden, dass <em>pai<\/em> auf Guaran\u00ed auch \u201aerh\u00e4ngen\u2018\nbedeutet. Dann ist es kein \u201aerh\u00e4ngter Priester\u2018, sondern ein erh\u00e4ngte\nErh\u00e4ngter. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Lage am Fluss hat die Entwicklung von Paysand\u00fa\ngef\u00f6rdert. Das kann man sich vorstellen. Auch wenn die Parallelen, die hier\ngezogen werden, ein bisschen dicke aufgetragen sind \u2013 die Babylonier an Euphrat\nund Tigris, die altindische Kultur am Indus, Alt\u00e4gypten am Nil, Rom am Tiger \u2013\nes belegt eindrucksvoll, welche Rolle die Fl\u00fcsse spielen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen, in einem anderen Fl\u00fcgel des Geb\u00e4udes,\nObjekte aus der Welt der gutb\u00fcrgerlichen Schichten des 19. Jahrhunderts,\ndarunter ein Klavier,&nbsp; mit einem\naufgeschlagenen Liederbuch. Das Lied, das man sieht, hei\u00dft <em>El Sitio de Paysand\u00fa<\/em>. Die Heldengeschichte der Stadt hat auch\nEingang in die Musik gefunden. Der Titel bezieht sich auf die Belagerung von\nPaysand\u00fa durch die Truppen des Generals Venancio Flores und die verb\u00fcndeten\nbrasilianischen Truppen. Ihnen leistete eine weit unterlegene Truppe aus\nPaysand\u00fa unter dem General Leandro G\u00f3mez Widerstand und besiegte sie am Ende\nentscheidend. Dieser heldenhafte Widerstand ist der Kern der historischen\nErz\u00e4hlung von Paysand\u00fa, und man begegnet ihr \u00fcberall. Auch das Denkmal auf der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> ist Leandro\nG\u00f3mez gewidmet. Und hier im Museum ist eine <em>peineta<\/em>\nausgestellt, der traditionelle Zierkamm der Frauen der besseren spanischen Gesellschaft,\nauf der das Portr\u00e4t von G\u00f3mez abgebildet ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Desweiteren sieht man einen gro\u00dfen, auf F\u00fc\u00dfen\nstehenden Abacus mit zwei unterschiedlichen H\u00e4lften, ein Opernglas, eine\ntragbare Waage mit ganz feinen Werkzeugen zum Wiegen von Goldfunden und ein wunderbares\nRuderschiff, das ein verstecktes Schreibger\u00e4t ist, der Rumpf ist das Tintenfass\nund die Ruder sind die Federn.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich auf den Weg mache, verabschiedet sich\ndie junge Frau ganz herzlich. Sie hofft, mich am n\u00e4chsten Tag wiederzusehen.\nW\u00e4hrend der ganzen Zeit bin ich der einzige Besucher gewesen, mit Ausnahme\neiner jungen Frau, die kurz durch die Ausstellung gehuscht ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag mache ich mit der Hilfe von Cecilia\nauf die Suche nach einem Geldautomaten. Davon gibt es genug, aber \u00fcberall wird\nder komplizierte Vorgang irgendwann abgebrochen. Ich bitte sie, sich neben mich\nzu stellen, um nichts falsch zu machen, aber auch das nutzt nichts, auch an den\nAutomaten, die ausdr\u00fccklich ausl\u00e4ndische Kreditkarten zulassen. Wir ziehen von\nBank zu Bank, und dann, als wir schon beide nicht mehr glauben, dass es klappen\nwird, klappt es doch. Anschlie\u00dfend lade ich sie zu einem Eis ein. Die Kugeln\nsind so gro\u00df, dass die H\u00f6rnchen auf einem kleinen Pappteller serviert werden.\nDie Preise sind entsprechend. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch mal zum Fluss runter. Es\nist dr\u00fcckend hei\u00df, die Sonne geht&nbsp; unter,\nder Himmel zeigt sich zur Stadt hin&nbsp;\nschwarz-wei\u00df-blau, zum Fluss hin schimmert er golden. Und dann f\u00e4ngt es\nendlich an zu regnen. Ich stelle mich mit ausgebreiteten Armen in den Regen und\ngenie\u00dfe die Tropfen auf der Haut und die frische Luft beim Atmen. <\/p>\n\n\n\n<p>1. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum Alten Friedhof, der\nhier <em>Monumento a la Perpetuidad<\/em>\nhei\u00dft. Cecilia meint, ein Friedhof w\u00e4re nichts, was man besichtigen k\u00f6nne.\nDahin w\u00fcrde sie nur gehen, wenn es unbedingt sei m\u00fcsse. Sie findet auch, das\nw\u00e4re zu weit zum Laufen, aber ich mache es trotzdem. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht schnurstracks eine Stra\u00dfe entlang. Die\nH\u00e4user sind alle niedrig, ein- oder zweist\u00f6ckig. Und dabei ist alles vertreten,\nlanggestreckte, blockartige H\u00e4user, nichtssagende Durchschnittsbauten und sehr\nsch\u00f6ne, gut erhaltene \u00e4ltere H\u00e4user mit einem zur\u00fcckgesetzten zweiten\nStockwerk. In der Ferne sieht man das im Bau befindlich Hochhaus, das etwas\nabseits der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em>\nentsteht, sehr sch\u00f6n, rund, mit reifenartigen Verst\u00e4rkungen, die die Stockwerke\nvoneinander absetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Baum hat jemand den Boden einer Holzkiste\nrecycelt. Auf der R\u00fcckseite (der eigentlichen Vorderseite) steht ein frommer\nBibelspruch. Jetzt wirbt die andere Seite f\u00fcr leibliche Gen\u00fcsse: <em>Milanesa de Soja.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4her an der Stadt wirbt eine Sprachschule mit\neinem eigenwilligen Namen f\u00fcr ihre Dienste: <em>Be\nEnglish<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Touristeninformation an der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> erfahre ich,\ndass der Alte Friedhof geschlossen ist. Ein paar B\u00e4ume sind umgest\u00fcrzt, und man\nmusste ihn f\u00fcr Besucher sperren. Ich solle zum Neuen Friedhof gehen. Da gebe es\nauch interessante Grabm\u00e4ler, und dorthin w\u00fcrden ohnehin Grabm\u00e4ler aus dem Alten\nFriedhof \u00fcberf\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein guter Fu\u00dfmarsch, immer die 18 de Julio\nentlang, die danach ihren Namen \u00e4ndert. Dort kommt man an Gesch\u00e4ften und\nUnternehmen vorbei. An einem Gesch\u00e4ft steht <em>Cerrado.\nQue<\/em> <em>pena<\/em>. Autozubeh\u00f6r gibt es bei\nJuan M\u00fcller. An einem anderen Gesch\u00e4ft hei\u00dft es <em>Mate<\/em> \u2013 <em>luego existo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man dann zum Friedhof abbiegt, ist man\nschlagartig in einer anderen Welt, ohne Bebauung, ruhig. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof ist nicht so neu, wie sein Name\nnahelegt. Und die Besichtigung lohnt sich. Der Friedhof hat den Charme des\nVerfalls, Schmutz an den Grabsteinen, Rost an den Schl\u00f6ssern, verwelkende\nBlumen (selbst die k\u00fcnstlichen sehen verwelkt aus), Risse an den W\u00e4nden. Au\u00dfer\nmir sind nur zwei Friedhofsg\u00e4rtner da, und wenn die auch nicht da w\u00e4ren und es\nd\u00e4mmern w\u00fcrde, k\u00f6nnte man sich wie in einem Schauerroman f\u00fchlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Um die hohen Zypressen schwirren auch hier V\u00f6gel\nherum, auch wieder viele wie die vom Strand. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Namen der Toten stehen die Siri,\nPalazzi, Amighetti, Toscanini f\u00fcr die italienische Tradition Uruguays. Aber es\ngibt auch eine Familie Brasil, deren Nachnamen vermutlich auf ihre Herkunft\nverweist. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich gut einige der Grabskulpturen an den\nGr\u00e4bern der Reichen. Ganz beeindruckend die tiefe Trauer im Gesicht einer Frau,\ndie neben einem gefl\u00fcgelten Engel steht. An anderer Stelle eine kniende Frau,\nmit gefalteten H\u00e4nden, mit schwerem Umhang, die fast ausdruckslos in die Ferne\nsieht, am Grabmal vorbei. Dann kommt eine Frau, deren Gesicht man gar nicht\nsieht und die die Trauer mit ihrer K\u00f6rperhaltung ausdr\u00fcckt. Sie hat das Gesicht\nin den H\u00e4nden verborgen, die auf den Knien liegen. Eine Haarstr\u00e4hne hat sich\ngelockert und h\u00e4ngt an der Schl\u00e4fe herunter. Obwohl man ihr Gesicht nicht\nsieht, erahnt man, dass sei jung sei muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Friedhofsg\u00e4rtner, der mich beobachtet\nhat, kommt auf mich zu und zeigt mir weitere Denkm\u00e4ler, vor allem Engel, einen\nstreitbaren Engel mit Schwert und einen, der ganz oben auf einem Grabmal thront\nund sich in dunklem Grau von dem hellen Grau des Himmels absetzt. Er geh\u00f6rt zu\nden Menschen, die sich v\u00f6llig mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsplatz\nidentifizieren, und es macht Freude, ihm dabei zuzuh\u00f6ren. Am Ende verabschiedet\ner sich noch mit Nennung seines Namens: Lucas. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir auf, dass die Gesch\u00e4fte\ngeschlossen sind. Erst \u00fcberlege ich noch, warum wohl, dann sehe ich auf einem\nSchild: Mittagspause von 12-15 Uhr. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum liegt an einer Ecke <em>El Bar<\/em>, ein Lokal, das im Reisef\u00fchrer\nempfohlen wird: gro\u00dfe Speisekarte, Jung und Alt, sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re. Kann man im\nGroben best\u00e4tigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle eine <em>milanesa<\/em>, die es hier in allen denkbaren Variationen gibt. Es\nstellt sich heraus, dass es einfach die s\u00fcdamerikanische Abart vom Wiener\nSchnitzel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Frage nach dem WC korrigiere ich mich\njetzt selbst, aber die Kellnerin hat auch so verstanden: Wenn ich <em>lavabo<\/em> sage, meine ich <em>ba\u00f1o<\/em>. Das hat in den letzten Tagen ein\npaarmal f\u00fcr fragende Gesichter gesorgt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nach Hause zum Kofferpacken und\nweiter zum Busbahnhof. Die letzten Minuten des letzten Vorrundenspiels laufen\ngerade, als wir einsteigen. Als wir im Bus sind, ist es perfekt: Wir sind schon\nwieder nach der Vorrunde raus. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil der Strecke geht durch flaches,\ngr\u00fcnes Land. Kein Dorf, kein Haus weit und breit. Alles Weide und Wald. Und wir\nsehen bestimmt ein paar tausend der 12 Millionen Rinder Uruguays. Die stehen\nauf den Weiden, laufen aber auch, offensichtlich ohne Einz\u00e4unung, am Waldrand\nherum.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht bis zum Horizont. Der Himmel ist\nbedeckt, lauter grauer Wolken. Nur ganz hinten, am Horizont, ein leuchtend\nheller Streifen, die ganze Breite des Horizonts entlang. Der Kontrast hat etwas\nganz Besonderes. Dann wird der Streifen rot, und dann wird es ganz dunkel. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite H\u00e4lfte der Fahrt geht durch alle\nm\u00f6glichen Orte. Eine Haltestelle nach der anderen, deshalb dauert die Fahrt so\nlange. Als wir dann in Colonia ankommen, sind wir nur noch zu dritt im Bus. Es\nist fast Mitternacht geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss noch durch die n\u00e4chtliche Stadt zur\nUnterkunft laufen. Es st\u00fcrmt und es regnet. Ein einsamer Mann am Busbahnhof hat\nmir gesagt, ich solle lieber ein Taxi nehmen, aber der Taxifahrer sagt, da\nk\u00f6nne ich hinlaufen. Es ist wirklich nicht weit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermieterin, In\u00e9s, holt mich am Gitter des\nWohnblocks ab und begr\u00fc\u00dft mich trotz der sp\u00e4ten Ankunft sehr freundlich. Das\nZimmer ist gut, hat fast alles, was man braucht. <\/p>\n\n\n\n<p>In\u00e9s hat eine eigene kleine Firma, Design f\u00fcr\nEinladungen, Brosch\u00fcren, Briefk\u00f6pfe, Visitenkarten. Sie arbeiten f\u00fcr Firmen,\naber auch f\u00fcr private Kunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz wichtig: Wasser steht bereit, und sie zeigt\nmir, wo ich Nachschub holen kann. Dabei sorgt <em>heladera<\/em> einen Moment f\u00fcr Stutzen bei mir, aber es wird schnell\nklar, dass es <em>nevera<\/em> ist. <\/p>\n\n\n\n<p>2. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht hat es gest\u00fcrmt, gegen Morgen\nl\u00e4sst es nach. Es ist noch etwas windig und k\u00fchl, aber dann wird es ein richtig\nsch\u00f6ner Sommertag. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Weg f\u00fchrt zum Hafen. In\u00e9s hat geraten,\nm\u00f6glichst bald eine Fahrkarte f\u00fcr die F\u00e4hre zu buchen. Man k\u00f6nne nie wissen.\nAlle f\u00fchren zum Einkaufen nach Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfertigungshalle am Hafen, nur ein paar\nMinuten von hier entfernt, ein gro\u00dfes, hohes Geb\u00e4ude mit einer gl\u00e4sernen\nFassade, l\u00e4sst einen mit den Ohren schlackern. Es f\u00fchlt sich wie am Flughafen\nan. Drinnen dichtes Gedr\u00e4nge und eine lange Schlange zum Check-in. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich informiere mich an zwei Schaltern \u2013 verschiede\nFirmen \u2013 \u00fcber Abfahrtszeiten und Preise, aber die tun sich nicht viel. Teuer\nsind sowieso beide. Als ich das Ticket dann kaufen will, geht es nicht.\nReisepass erforderlich. Wieder nach Hause, und dann klappt es. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es Richtung Altstadt. Die sieht auch auf\nder Karte schon anders aus, ein dichtes Gewirr von Gassen, ganz unregelm\u00e4\u00dfig\nverlaufend. Sie befindet sich am \u00e4u\u00dfersten westlichen Ende der Stadt. \u00d6stlich\ndavon die \u201eNeustadt\u201c, die sich aber nur durch die regelm\u00e4\u00dfigere\nStra\u00dfenanordnung von der Altstadt unterscheidet. Auch hier lauter sch\u00f6ne H\u00e4user\nund hohe B\u00e4ume zu beiden Seiten der Stra\u00dfe. Nur ist die Altstadt, das <em>Casco Viejo<\/em>, autofrei. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann folgt die unvermeidliche Suche nach einem\nCaf\u00e9, einem ge\u00f6ffneten Caf\u00e9. Auf dem Weg komme ich zu einer Stelle, wo ein Mann\nauf einer Bank sitzt, umgeben von bl\u00fchenden Str\u00e4uchern und B\u00e4umen. Durch die\nhindurch sieht man auf den Fluss. Eine idyllische Szene. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde ein ge\u00f6ffnetes Caf\u00e9 an einem Platz. Die\nKellnerin, nach dem Namen des Platzes gefragt, sch\u00fcttelt den Kopf. Sie arbeitet\nseit zehn Jahren hier, aber wie der Platz hei\u00dft, das wei\u00df sie nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die <em>Plaza\nde Armas<\/em>, die Keimzelle Colonias, einer portugiesischen Gr\u00fcndung. Als\nGegengewicht gr\u00fcndeten die Spanier dann Montevideo. Auf dem Platz sieht man die\n\u00dcberreste, nicht viel, aber genug, um die Gr\u00f6\u00dfe zu erkennen, des Gouverneurspalasts,\ndes einzigen gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4udes der portugiesischen Stadt. Der Gouverneurspalast\nhatte eine Aussichtsplattform, um die Umgebung zu \u00fcberwachen. Wegen ihrer\nstrategischen Lage im Delta des R\u00edo de la Plata war sie st\u00e4ndig umk\u00e4mpft, von\nihrer Gr\u00fcndung 1680 bis zu dem Jahr, als sie endg\u00fcltig spanisch wurde, 1777.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite des Platzes die Basilika, eine\nKirche, der man ansieht, dass sie oft umgebaut wurde. Die Kacheln an den T\u00fcrmen\nund die Fassade, aus Stein und Lehm bestehend, gelten als typisch\nportugiesisch. An der Seitenwand erlauben zwei Fenster ganz oben den Blick auf\ndie meterdicke Mauer der Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf die <em>General Flores<\/em>, eine breiten Stra\u00dfe, die als einzige gro\u00dfe Stra\u00dfe\ndie Altstadt durchschneidet.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist die Touristeninformation. Der junge Mann\nrattert routiniert Informationen herunter, aber viel weiter bin ich am Ende\nauch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Von dort geht es wieder in die Altstadt, und\ndiesmal komme ich zur Plaza 25 Mayo, von der viele der kleinen G\u00e4sschen\nabgehen. Ein langgezogener Platz, mit vielen B\u00e4umen und bl\u00fchenden Str\u00e4uchern,\nalten H\u00e4usern zu allen Seiten, ein St\u00fcck der alten Stadtmauer an einer\nL\u00e4ngsseite und dem Durchblick auf den Fluss von verschiedenen Gassen der\nBreitseite. Einfach sch\u00f6n. Beim Herumstreifen wird mir deutlich, was Colonia so\nbesonders attraktiv macht. Erstens ist auch die Neustadt sch\u00f6n, nicht nur die\nAltstadt, zweitens gibt es zwar Tourismus und Souvenirl\u00e4den und\nStra\u00dfenverk\u00e4ufer und Lokale, aber \u00fcberhaupt keinen Rummel. Nirgendwo steht\njemand vor einem Lokal und versucht, einen reinzulocken, die Stra\u00dfenh\u00e4ndler\nsitzen ruhig auf ihren St\u00fchlen und warten, ob jemand kommt, der Interesse hat,\nund man sieht kaum einmal ein gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Touristen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich noch etwas um, und dann geht es zu\neinem Stadtrundgang. Wir sind international aufgestellt: ein Franzose, zwei\nMexikaner, zwei Brasilianer, ein Nicaraguaner und ich. Die F\u00fchrerin macht es\nnicht besonders gut und die Erkl\u00e4rungen kommen v\u00f6llig unstrukturiert, von einer\nJahreszahl zu einer Legende und zu einem typisch uruguayischen Gericht. Ich\nkann nur schwer folgen, und ich glaube, dem Franzosen geht es auch nicht\nbesser. Als sie irgendwann fragt, ob alles klar sei, antwortet der Mexikaner\nf\u00fcr uns alle zusammen: Ja, alles klar. Ich verstehe etwas nicht, was sie \u00fcber\nKanonen sagt, die hier ausgestellt sind, nur, dass sie aus dem Meer geborgen\nworden sind, nicht aber, was es mit ihnen auf sich hat. Dann frage ich aber\nnach <em>piedra<\/em> <em>seca<\/em>, ein Begriff, der immer wieder auftaucht. Das sind Mauern, die\nnur aus nicht bearbeiteten Steinen bestehen, ohne M\u00f6rtel, gro\u00dfen Steinen,\nzwischen die kleinere aus Gr\u00fcnden der Statik kleinere gesteckt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ist kurz, eigentlich nur von der <em>Plaza 25 Mayo<\/em> bis zur <em>Plaza de las Armas<\/em>. Unterwegs wird immer\nwieder das portugiesische Erbe betont. Die Stadt wurde von Rio de Janeiro aus\ngegr\u00fcndet, als portugiesisches Gegenst\u00fcck zu Buenos Aires, und wurde dann zum\nZankapfel zwischen Spanien und Portugal. <\/p>\n\n\n\n<p>Mehrmals verweist die F\u00fchrerin auf die Mauern von\nH\u00e4usern, aber ich verstehe lange nicht, was sie meint, bis ichzuf\u00e4llig an einem\nHaus eine Hauswand hinter einer Hauswand sehe. Nur ein kleines St\u00fcck ragt\nhervor. Dieses St\u00fcck geh\u00f6rt zu der portugiesischen Hauswand, steinsichtig,\ndavor haben die Spanier eine zweite Hauswand gesetzt, verputzt, vermutlich, um\ndas portugiesische Erbe unsichtbar zu machen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen \u00fcber eine h\u00f6lzerne Ziehbr\u00fccke, an deren\nSeite Reste der Stadtmauer stehen. Beide sind vermutlich neu wieder aufgebaut,\naber sie repr\u00e4sentieren den wehrhaften Charakter, den die Stadt in fr\u00fcheren\nZeiten hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer der vielen Volten kommt die F\u00fchrerin\npl\u00f6tzlich auf die Gegenwart und die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse zu sprechen und\nden gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber der Stadt: Pepsi Cola. Das Firmengel\u00e4nde befindet sich\nirgendwo am Stadtrand. Hier ist die Zentralstelle von Pepsi Cola f\u00fcr ganz\nS\u00fcdamerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei interessante Details \u00fcber Uruguay kommen zur\nSprache, mit denen die Mexikaner bereits vertraut sind. Der Pr\u00e4sident Uruguays\nmuss verheiratet sein, als Junggeselle hat man keine Chance. Es gab mal einen\nPr\u00e4sidenten, der sich hat scheiden lassen, und der musste sich dann wieder\nverheiraten, um im Amt zu bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das andere Detail betrifft die Lokale: Die Wirte\nd\u00fcrfen kein Salz auf den Tisch stellen. Es sei denn, der Gast fragt\nausdr\u00fccklich danach. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meistphotographierte Gasse Colonias ist die <em>Calle de los Suspiros.<\/em> Erkl\u00e4rungen f\u00fcr\ndie Seufzer in dem Namen gibt es, aber keine ist letztlich erwiesen und alle\nklingen irgendwie nach Folklore. Die <em>Calle\nde los Suspiros<\/em> hat dickes Kopfsteinpflaster und f\u00fchrt absch\u00fcssig zum Fluss\nrunter. In der Mitte eine Rinne f\u00fcr Unrat. Die Anlage dieser Stra\u00dfe geht noch\nauf die portugiesische Zeit zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sieht man bl\u00fchende Bougainvillea an\nden H\u00e4usern. Am Rande des Platzes sehen wir einen Baum, den <em>Ceibo<\/em>, der der typische Baum des Landes\nsein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommt es zwischendurch wie aus heiterem\nHimmel auch die Rede auf uruguayisches Essen. Auch sie nennt den <em>chivito<\/em>, und bei den Getr\u00e4nken <em>grapa-miel<\/em>, am besten gegen die K\u00e4lte im\nWinter. <\/p>\n\n\n\n<p>Angebaut wird <em>canola<\/em>\nim gro\u00dfen Stil in Uruguay, was auch einige schlechte Folgen hat, aber welche,\nbekomme ich nicht mit. Ich verstehe auch nicht, was <em>canola<\/em> ist, aber dann wird mir durch die Beschreibung klar, das\nmuss <em>colza<\/em> sein, Raps.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag spielt Uruguay. Ich laufe durch die\nAltstadt auf der Suche nach einem Lokal, wo das Spiel \u00fcbertragen wird. Gar\nnicht so einfach, im ersten gibt es nur eine Radio\u00fcbertragung, in den meisten\ngar keine, und in einem sind alle Pl\u00e4tze besetzt. Dann finde ich eine einfache\nBierkneipe, in der nur ein halbes Dutzend G\u00e4ste sitzt. Platz genug. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal macht Uruguay es gut, dr\u00e4ngt von\nvornherein auf ein Tor und ist auch bald erfolgreich. 2:0 zur Pause. Sieht gut\naus. In der zweiten Halbzeit ist das Spiel verteilt, aber Uruguay f\u00fchlt sich\nbenachteiligt, weil ein Foulelfmeter nicht gegeben wird. Und inzwischen ist ein\ndrittes Tor notwendig, weil sich die Sache in dem Parallelspiel gedreht hat. Am\nEnde h\u00e4ngende K\u00f6pfe. Uruguay ist auf dieselbe Art ausgeschieden wie\nDeutschland, mit einem Unentschieden, einer Niederlage und einem Sieg am\nletzten Spieltag, der aber wertlos ist durch das Ergebnis des anderen Spiels. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe w\u00e4hrend des Spiels zwei Bier getrunken.\nDie gibt es im Doppelpack, zwei Glas, jeweils 0,5 Liter, f\u00fcr satte 400 Pesos \u2013\n10 Euro! <\/p>\n\n\n\n<p>3. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen erz\u00e4hlt In\u00e9s, sie sei jetzt bis Januar\npraktisch ausgebucht. Um diese Jahreszeit herum sei die Nachfrage am st\u00e4rksten.\nIm Winter k\u00e4men jetzt aber immer mehr G\u00e4ste zum Arbeiten. Arbeiten? Gibt es\ndenn hier gr\u00f6\u00dfere Firmen, Unternehmen? Nein, die k\u00e4men, um online zu arbeiten,\nauch Lehrer, die Fernunterricht erteilen. Die nutzen die Gelegenheit, um neben\nder Arbeit eine sch\u00f6ne Stadt zu besichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich f\u00fchrt der erste Weg zu <em>Viaggio<\/em>, zum Fahrradverleih. Hier geht\nes professioneller zu als in Montevideo, und das Fahrrad ist auch etwas besser,\nhat allerdings auch keine Klingel, und eine der Bremsen funktioniert kaum. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht direkt auf die Rambla, und dann die Rambla\nrunter, immer am Fluss entlang. Wenige Menschen sind unterwegs. Der Radweg ist\nbreit und bequem, und es gibt sogar Entfernungsangaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke ist sch\u00f6n, aber nicht traumhaft sch\u00f6n.\nMan f\u00e4hrt direkt neben der Stra\u00dfe, die zu dieser fr\u00fchen Zeit aber kaum befahren\nist, und etwas entfernt, leicht erh\u00f6ht vom Fluss, der manchmal wie ein Fluss,\nmanchmal wie das Meer aussieht. Es gibt ein paar Str\u00e4nde, pure Sandstr\u00e4nde. <\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann bin ich pl\u00f6tzlich auf dem Gel\u00e4nde des\nSheraton-Hotels. Ich fahre zur\u00fcck und komme auf wieder auf den Radweg. Dann\nmerke ich irgendwann, hier war ich doch schon mal. Es geht wieder zur\u00fcck, und\ndiesmal merke ich vor dem Sheraton, dass die Rambla hier zu Ende ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kann aber rechts abbiegen, auf eine\nLandstra\u00dfe. Rechts kommt ein Pferdegest\u00fct und links eine Galopprennbahn, eine\nder bekanntesten des Landes. Das wichtigste Rennen findet hier am 25. August\nstatt, einem Datum, das immer wieder auftaucht. Es ist der Jahrestag der\nUnabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter kommt dann die Stierkampfarena. Von\nder hat sowohl die Frau in der Touristeninformation als auch In\u00e9s gesprochen.\nSie ist in einem nachgemachten maurischen Stil errichtet, mit Hufeisenb\u00f6gen\n\u00fcber Portalen und Fenstern. Wie gro\u00df sie ist, merkt man erst, wenn man einmal\nherumf\u00e4hrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich einen Stra\u00dfenh\u00e4ndler, der\nH\u00e4ngematten verkauft und einen, der Brennholz verkauft, pro B\u00fcndel (<em>atado<\/em>) 100 Pesos. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Autofahrer h\u00e4lt neben mir an und fragt mich\nnach dem Weg. Pech gehabt, der unvermeidliche Fremde. Er leitet seine Frage\nein, indem er <em>Una consulta<\/em> sagt. Habe\nich dieser Tage im Bus auc schon mal geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung ist hier immer im Singular: <em>Buen d\u00eda<\/em>. Mit <em>Buenos d\u00edas<\/em> f\u00e4llt man auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur\u00fcck und drehe dann etliche Runden\ndurch die Stadt. Auch eine sch\u00f6ne Art, die Stadt zu erkunden. Bei dem richtig\ndicken Kopfsteinpflaster muss man allerdings absteigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht die Suche nach einem Caf\u00e9 los, genauer\ngesagt, die Suche nach einem ge\u00f6ffneten Caf\u00e9. Ich habe inzwischen nicht nur\nLust auf einen Kaffee, sondern auch Hunger. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde ich an der Ecke zweier Altstadtstra\u00dfen\nein winziges, sehr gepflegt aussehendes Caf\u00e9, noch leer. Aber ge\u00f6ffnet. Man\nsitzt gleich unter einer bl\u00fchenden Bougainvillea. Zwischendurch kommt der Wirt\nraus und gie\u00dft sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen guten Kaffee und ein Croissant, das\nnicht wie ein Croissant aussieht, aber das spielt keine Rolle. Es ist gef\u00fcllt\nmit <em>dulce de leche<\/em>, auch so ein\nZauberwort, das hier \u00fcberall auftaucht. Schmeckt aber eher wie ein\nSchokoladenguss, und sieht auch so aus. Irgendwann kommt aber auch ein\nGeschmack nach Kondensmilch durch. Das ist wohl mit dulce de leche gemeint. <\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist das Lokal, das leicht auf Italienisch\nmacht, winzig klein, aber sehr geschmackvoll eingerichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Toilette ist gekennzeichnet mit einer Frau mit\nDirndl und einem Mann mit Lederhose. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den Wirt um die Speisekarte gebeten. Da\nkomme ich aber schnell an meine sprachlichen Grenzen. Die so\u00dfen, die es zu der <em>pasta<\/em> gibt, hei\u00dfen <em>carusso<\/em>, <em>fileto<\/em> und <em>bolo<\/em>. Keine Ahnung, was das ist. Er\nerkl\u00e4rt es mir, aber ich habe die Erkl\u00e4rung schon wieder vergessen, bevor er\ndamit fertig ist. Auf der Speisekarte steht auch <em>picadas<\/em>. Der Mann sieht mich etwas verst\u00e4ndnislos an, als ich\nfrage, was das sei. Scheint sowas wie Antipasti zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Bezahlen soll man hier m\u00f6glichst mit Bargeld. Bei\nKartenzahlung gibt es einen Aufschlag von 10%. Man kann aber mit uruguayischen\nPesos, argentinischen Pesos, brasilianischen Reales und mit Dollars bezahlen.\nUnd mit Bitcoin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jetzt f\u00fcr das Museum ger\u00fcstet. Aber das\nMuseum nicht f\u00fcr mich. \u00d6ffnungszeit 11.30. Die Uruguayos haben wirklich einen\nerstaunlichen Tagesrhythmus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nutze die Zeit, um zum Fluss hinuterzugehen und\nkomme an eine der Bastionen. Hier hat Magell\u00e1n Halt bei seiner Weltumseglung\nHalt gemacht, der portugiesische Seefahrer, der im Auftrag der spanischen Krone\nunterwegs war. Von hier aus segelte er weiter s\u00fcdlich und entdeckte die\nMagell\u00e1n-Stra\u00dfe, die Durchfahrt vom Atlantik in den Pazifik. Er war 1519 mit\nf\u00fcnf Schiffen und 240 Mann aufgebrochen. 1522 kam nur noch ein Schiff in\nSpanien an, mit 18 Mann an Bord, ohne Magell\u00e1n. Der war im Kampf mit\nEingeborenen get\u00f6tet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00f6ffnet das Museum. Gar nicht so leicht zu\nfinden, obwohl es direkt an der Plaza 25 de Mayo liegt. In der\nTouristeninformation und in Brosch\u00fcren hei\u00dft es Museo Municipal, tats\u00e4chlich\nhei\u00dft es aber Museo Bautista Rebuffo. Wie soll man das wissen? Jetzt wei\u00df ich\nes, und sie schicken mich von der Touristeninformation, wo ich nachgefragt\nhabe, wieder hin. Es ist aber geschlossen. Schwere gr\u00fcne Holzt\u00fcren, an denen\nich dr\u00fccke, \u00f6ffnen sich nicht. Wieder zur Touristeninformation. Doch, doch, das\nMuseum sei ge\u00f6ffnet, die T\u00fcren seien wegen der Klimaanlage geschlossen. Ich\ngehe wieder zur\u00fcck und r\u00fcttele energisch an den T\u00fcren, und dann \u00f6ffnet sich\neine gl\u00e4serne T\u00fcr nebenan. Dort ist der Eingang. <\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes gibt es in dem Museum die B\u00fcste eines\nCharr\u00faa zu sehen, von einem K\u00fcnstler nach Angaben eines Anthropologen\nangefertigt. Man sieht einen Mann mit kr\u00e4ftigen Gesichtsz\u00fcgen, einer flachen\nStirn, hervortretenden Backenknochen, einer starken Nase und eher dicken\nLippen. Der Gesichtsausdruck ist ernst und entschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gegend war bewohnt von den Charr\u00faas, den\nGuaran\u00ed und den Chana Timb\u00fa. Heute ist charr\u00faa zu einem allgemeinen, wohl eher\ndespektierlich gemeinten Namen f\u00fcr Uruguayos geworden.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Von denen sind \u00c4xte, Messer, M\u00f6rser ausgestellt,\nwobei \u00c4xte und Messer lediglich aus den aus Steinen gefertigten Klingen\nbestehen. Daneben gibt es ein Ger\u00e4t mit dem merkw\u00fcrdigen Namen <em>rompecabezas<\/em>, einem Wort, das man heute\nf\u00fcr Puzzle verwendet, weil man sich damit den Kopf zerbricht. Hier ist es\nw\u00f6rtlich zu verstehen. Nur dass man sich nicht den eigenen Kopf zerbricht. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle Objekte sind gekennzeichnet, aber alle mit\neinem Fragezeichen hinter <em>\u00e9poca<\/em>. Man\nkann es wohl nicht einordnen. Aussehen tun alle Werkzeuge wie\nSteinzeitwerkzeuge.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein gro\u00dfer Sprung in die Kolonialzeit.\nEs gibt zwei Stadtansichten (1735) und ein Stadtmodell (1762). Man kann die Stadtstruktur\ngut nachvollziehen, aber einzelne Pl\u00e4tze oder Stra\u00dfen oder gar Geb\u00e4ude kann ich\nnicht identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Portugiesen, hei\u00dft es, etablierten sich in\ndieser Zone, um ihr Territorium zu vergr\u00f6\u00dfern, um Teilhabe zu haben an Handel\nund Schmuggel und um zu den Silberminen von Potos\u00ed zu gelangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider wird hier nicht angesprochen, wie das\nVerh\u00e4ltnis von Eingeborenen zu Portugiesen und zu Spaniern war. Die F\u00fchrerin\nhat gestern angedeutet, dass das Verh\u00e4ltnis zu dem Portugiesen besser war, aber\nich habe nicht verstanden, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch allerlei interessante Kleinigkeiten\nzu sehen, darunter eine mexikanische <em>mantilla<\/em>\nund ein Paar Frauenschuhe aus Marokko, Belege f\u00fcr den Verkehr zwischen den\nverschiedenen spanischen Kolonien und vielleicht auch f\u00fcr die Mobilit\u00e4t der\nMenschen in den Kolonien. <\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Kultur ist vertreten durch eine\nSkulptur von Ophelia, die, schon verwirrt, Blumen aus ihrem Scho\u00df auf den Boden\nstreut. Ebenso gibt es eine Zither mit alpin aussehender Bemalung. Schweizerisch\naussehend, aber in Uruguay gefertigt ein Bierkrug mit Schweizer Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz merkw\u00fcrdig sechs, sieben gleiche R\u00f6hren, aus\nBlech, mit gr\u00e4ulichem Ton. Man fragt sich, was das wohl sein k\u00f6nnte. Es sind\nFormen f\u00fcr das Kerzenziehen!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schulabteilung ist eine Schreibtafel zu\nsehen, auf der das \u201ekonsequente\u201c p\u00e4dagogische Credo der Zeit steht: <em>La letra con sangre entra. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht ein altes Wappen von Uruguay,\nviergeteilt, von der streng dreinblickenden Sonne von oben be\u00e4ugt: ein Pferd,\nein Ochse, ein Berg mit einem Felsen und eine Waage. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben im Museum wechselt dann die Ausstellung\nabrupt. Hier geht es um die Tierwelt der Gegend. Ausgestopft in einer Vitrine\n\u00fcber 200 V\u00f6gel, alle dicht gedr\u00e4ngt und nummeriert, aber ohne Beschriftung. Es\nf\u00e4llt auf, wie grau das Gefieder bei den meisten ist. Bei den Schn\u00e4beln \u2013\nDarwin h\u00e4tte seine helle Freude daran \u2013 ist alles vertreten, von kurz und\nknackig bis lang und d\u00fcnn. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Hingucker sind aber zwei Skeletts oder\nSkelettteile. Ein Panzer, ein Riesending, stammt von einem Glyptodon, einem\nausgestorbenen S\u00e4ugetier, und das Skelett von einem Megatherium, einem <em>perezoso gigante<\/em>, das aber trotz seines\nNamens nichts mit dem heutigen Faultier zu tun hat. Die beiden nehmen zusammen\nden gesamten Raum ein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich noch in ein weiteres Museum,\ngleich hier am anderen Ende des Platzes gelegen, <em>Espacio Portugu\u00e9s<\/em>. Man hat ein altes, niedriges Haus aus der\nportugiesischen Zeit als Museum eingerichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich zu Anfang sind Objekte aus dem alten\nGouverneurspalast zu sehen, meist nur Bruchst\u00fccke, Scherben aus Glas und\nKeramik. Aber erstaunlich, was die Arch\u00e4ologen damit anfangen k\u00f6nnen. Sie haben\nin allen F\u00e4llen identifiziert, was die Gef\u00e4\u00dfe enthielten. Viele Gef\u00e4\u00dfe\nenthielten Bitter, ein Getr\u00e4nk, das sich in der Zeit (XVII und XVIII) gr\u00f6\u00dfter\nBeliebtheit erfreute. Es sind mit Brandy \u00fcber mehrere Tagen zum G\u00e4ren gebrachte\nWurzeln und Kr\u00e4uter. Interessant die verschiedenen Verwendungszwecke: als\nAbf\u00fchrmittel, gegen Magenschmerzen, als Appetitz\u00fcgler und \u2013 einfach zum Genuss.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch aus den Funden von Tierknochen kann man\neiniges ableiten. Es sieht so aus, als w\u00e4ren die Portugiesen schon damals\nbegeisterte Fleischesser gewesen. Aus dem Schnitt einiger Knochen kann man\nableiten, dass man versucht hat, an das Knochenmark zu kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Raum werden Landkarten aus der Zeit\nausgestellt, wunderbar in ihrer F\u00fclle. Da sieht man Tiere, Sternkreiszeichen,\nKastelle, Wappen, Fahnen. Eine auf den ersten Blick eher unscheinbare Karte (1502)\nist die wichtigste. Da sind Europa und Afrika ziemlich genau abgebildet, auch\nder vordere Orient und sogar Fernost sind \u2013 Ergebnis der portugiesischen\nEntdeckungsfahrten \u2013 in wesentlichen Konturen schon erhalten. Die Darstellung\nvon Amerika ist noch sehr l\u00fcckenhaft, aber die Demarkationslinie zwischen\nSpanien und Portugal ist da mit den entsprechenden Landmassen. Neufundland,\nauch auf der portugiesischen Seite von Tordesillas, erscheint oben, ist aber\nvon S\u00fcdamerika abgetrennt, so als ob es sich um zwei v\u00f6llig getrennte\nKontinente handelte. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden Uniformen ausgestellt, keine davon\noriginal, sehr farbenfroh, die meisten in Blau und Gelb. Und es gibt\nInformationen \u00fcber das Leben der Soldaten. Das war die reinste Misere. Da sich\nviele freikauften oder Netzwerke aufbauten, um der \u201elebensl\u00e4nglichen Strafe\u201c zu\nentkommen, wurden meist Vagabunden, Delinquenten, Tagel\u00f6hner rekrutiert. Oft\ngab es Zahlungsr\u00fcckst\u00e4nde, und in einem Bericht hei\u00dft es, dass ein Soldat ganz\nw\u00f6rtlich sein letztes Hemd verkaufen musste, um an Brot zu kommen. Daraufhin wurde\neine Regelung f\u00fcr die geordnete Bezahlung eingef\u00fchrt. Es gab einen fixen\nZahltag, an dem die Soldaten erscheinen mussten, und das Geld wurde in einer\nTruhe aufbewahrt, die sich nur mit drei Schl\u00fcsseln gleichzeitig \u00f6ffnen lie\u00df.\nEinen hatte der Schatzmeister, einen hatte der Schreiber, einen hatte der\nGouverneur. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Raum zur Sklaverei gibt es wenige\nAusstellungsst\u00fccke, aber unter den wenigen befindet sich ein Eisen, mit dem die\nHerren die Haut der Sklaven markierten, als Eigentumsmarke. Diese Eisen waren\noft dieselben, die auch f\u00fcr das Vieh benutzt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sklaven rekrutierten sich aus\nunterschiedlichen Gebieten Afrikas, einerseits aus dem Gebiet von Niger bis\nSenegal (f\u00fcr das Amerika n\u00f6rdlich des \u00c4quators) und aus dem Kongo-Delta (f\u00fcr\ndas Gebiet s\u00fcdlich des \u00c4quators). <\/p>\n\n\n\n<p>Es gab verschiedene Arten, auf die die Sklaven ihre\nFreiheit erlangen konnten. Einige wurden von ihren Herren freigelassen, andere\nkauften sich durch ihre Ersparnisse selbst frei, wieder andere wurden von\nPhilanthropen oder Organisationen aus anderen L\u00e4ndern freigekauft, anderen\nflohen und andere meldeten sich zum Milit\u00e4rdienst. Ein Historiker schreibt: Man\ngab ihnen die Freiheit, um ihnen das Leben zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Museumsbesuchen gehe ich in ein Lokal, in\ndas ich nie gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte es nicht der Reisef\u00fchrer empfohlen. Es liegt\nn\u00e4mlich in der <em>Calle de los Suspiros<\/em>,\nda, wo wie Touristen stehen und ihre Photos machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist winzig, mit zwei kleinen Tischen,\nfensterlos und einer ganz niedrigen Decke. Wenn man das Lokal durch die kleine\nPforte betritt, muss man sich b\u00fccken, auch wenn man kein Riese ist. Das Licht\nkommt nur durch diese Pforte, ist aber kr\u00e4ftig durch die helle Sonne. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Regalen am Ende des Raums stehen Flaschen\nmit \u00d6l und Essig, Honiggl\u00e4ser und Gl\u00e4ser mit eingelegten Oliven und Birnen. Das\nsieht alles sehr qualit\u00e4tsvoll aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Lautsprecher h\u00f6rt man Musik. Ein Lied\nerinnert mich an <em>Salto Grande<\/em>, ein\nemblematisches Lied \u00fcber Uruguay aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten, das ich seit\nJahrzehnten nicht mehr geh\u00f6rt habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gucken immer wieder mal Leute neugierig rein,\nwenden sich dann aber wieder ab. Einige kommen rein, um etwas zu kaufen, aber\ndie meisten ziehen unverrichteter Dinge wieder ab. Ich bin der einzige Gast. Es\ngibt eine einfache Pizza, die aber sehr gut schmeckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein englisches Ehepaar rein und setzt\nsich an den anderen Tisch. Der Mann spricht etwas Spanisch, nach eigenem\nBekunden nicht sonderlich gut, und er muss immer wieder nachfragen oder ins\nEnglische wechseln. Aber er l\u00e4sst sich nicht beirren. Aber seine Aussprache \u2013\nunglaublich. Sie ist nahezu perfekt, er klingt wie ein Spanier. Immer wieder\nmuss ich hinh\u00f6ren, und immer wieder bin ich verbl\u00fcfft. Beim Herausgehen, als\ngerade alle abgelenkt sind, beuge ich mich kurz zu ihm runter und sage es ihm.\n\u201eMuchas gracias, se\u00f1or.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die Reise in dieses kleine,\neigenwillige, interessante und teure Land. Wenn es das Budget noch einmal\nerlaubt, ist demn\u00e4chst der Osten an der Reihe. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montevideo \u2013 was f\u00fcr ein Name! Ob er wirklich bedeutet, was er zu bedeuten scheint, \u201aIch sehe den Berg\u2018? Keiner wei\u00df es. Uruguay ist, wie Paraguay, nach einem Fluss benannt, Brasilien nach dem Holz, Argentinien nach dem Silber, Venezuela nach &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11404\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11404"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11404"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11415,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11404\/revisions\/11415"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}