{"id":11410,"date":"2022-12-06T02:31:40","date_gmt":"2022-12-06T01:31:40","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11410"},"modified":"2022-12-30T16:22:35","modified_gmt":"2022-12-30T15:22:35","slug":"argentinien-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11410","title":{"rendered":"Argentinien (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>4. Dezember\n(Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Yo extra\u00f1o lugares donde nunca estuve<\/em>. Das gilt f\u00fcr viele Orte, auch f\u00fcr\nBuenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>In ein fremdes Land mit der F\u00e4hre kommen \u2013 mal was\nanderes. W\u00e4hrend der \u00dcberfahrt \u00fcberlege ich noch, wie ich es bei der Ankunft i\nBuenos Aires mache, aber da komme ich ins Gespr\u00e4ch mit einem argentinischen\nEhepaar und bekomme gute Tipps.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Abfahrt stehe ich drau\u00dfen, aber dann wird\nes zu warm und ich gehe rein. Sp\u00e4ter, als die Skyline von Buenos Aires in Sicht\nkommt, gehe ich noch mal raus, aber dann ist es bald zu windig. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wechselstube macht nach einer Viertelstunde auf. Ich wechsele die \u00fcbriggebliebenen uruguayischen Pesos und, um einen \u00dcberblick zu bekommen, 100 Euro. Daf\u00fcr gibt es 22.000 Pesos.  Alles in Scheinen. In Argentinien gibt es keine M\u00fcnzen, jedenfalls keine, die im Umlauf sind.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das argentinische Ehepaar erweist sich als sehr\ngespr\u00e4chig, nachdem ich Mut gefasst und die beiden bei ihren Handyrecherchen\nunterbrochen habe. Die erste Frage ist, wie macht man es mit dem Taxi am Hafen?\nKeinesfalls die ersten nehmen, da hat sich eine Taxi-Mafia etabliert. Sie\nwerden mit mir einen Block weiter gehen und mir zeigen, wo ich zuverl\u00e4ssige\nTaxis finden kann. Daf\u00fcr bringen wir uns rechtzeitig in Stellung. Die Frau\nsagt, die Leute k\u00fcmmerten sich immer darum, schnell aufs Schiff zu kommen, aber\nnicht darum, schnell runter zu kommen. Das lohne sich aber denn man muss durch\ndie Passkontrolle \u2013 <em>migraci\u00f3n<\/em> \u2013 und\nwenn man hinten dran w\u00e4re, k\u00f6nne das l\u00e4nger dauern als die \u00dcberfahrt. Es stellt\nsich alles als richtig heraus, wir sind schnell durch, obwohl er noch mit\nseinem neuen Fernseher beim Zoll aufgehalten wird. Den hat er in Uruguay in\neiner Verlosung gewonnen und will ihn seiner Schwester schenken. Die Z\u00f6llner\nlassen tats\u00e4chlich ein Photo gelten, das er von der Verlosung gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wartezeit haben wir f\u00fcrs Kl\u00f6nen genutzt. Die\nFrau kennt Hamburg gut, da hat ihr Vater oft gesch\u00e4ftlich zu tun gehabt, und er\nkennt die Schweiz. Wir sprechen \u00fcber die \u00e4hnliche Situation Schweiz\/Deutschland\nund Uruguay\/Argentinien. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, in Argentinien w\u00fcrde ich alles f\u00fcr einen Appel\nund ein Ei bekommen, Transport kostet so gut wie gar nichts, Essen billig, nur\nbei der Kleidung solle ich aufpassen. Die sei im Allgemeinen teuer. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie geben mir auch noch einen guten Ausflugstipp:\nTigre. Dort k\u00f6nne man mit einem Katamaran zwischen den Inseln herumfahren. H\u00f6rt\nsich gut an. Die Erkl\u00e4rung, wie man dahin kommt, ist mir aber zu kompliziert.\nUnd f\u00fcr das Spiel von Argentinien am Freitag empfehlen sie mir einen Park in\nder N\u00e4he der Amerikanischen Botschaft. Da werde das Spiel auf gro\u00dfen Leinw\u00e4nden\n\u00fcbertragen. Passt gut. Mein letzter Tag in Buenos Aires ist Freitag. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie empfehlen mir noch, in der U-Bahn und bei\n\u00e4hnlichen Gelegenheiten eine Maske zu tragen, es sei speziell f\u00fcr Buenos Aires\neine neue Welle ausgebrochen, aber sie selbst tragen auf dem Schiff keine\nMaske, und alle anderen auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an Land sind, gehen wir ein St\u00fcck bis zu\neiner gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe. Dort stellen wir uns in den Schatten am Stra\u00dfenrand und\nwinken Taxis heran. Bald darauf sind sie verschwunden, und ich komme dann auch\nbald dran. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer ist sehr nett, das alte Taxi m\u00fcht\nsich eine aufsteigende Avenue rauf. Er l\u00e4sst sich auch auf mein kleines\nSpielchen ein: kurz am Hotel Circus anhalten, Schl\u00fcssel abholen, dann weiter\nzur Unterkunft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Wirtschaft, die ich in Buenos Aires zu\nGesicht bekomme, als wir daran vorbeifahren, hei\u00dft <em>Untert\u00fcrkheim<\/em> und serviert <em>Warsteiner<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt es bald zu einem Missverst\u00e4ndnis, aber\nder Taxifahrer passt auf. Ich habe Irigoyen gesagt, aber von der Sorte gibt es\nzwei, Hip\u00f3lito Irigoyen und Bernardo Irigoyen. Das ist meine. Ist ganz in der\nN\u00e4he, aber er muss ein paar Runden drehen, weil es hier \u00fcberall Einbahnstra\u00dfen\ngibt. Das erkl\u00e4rt er mir geduldig. Dann sind wir am Ziel. Hausnummer 1022. Er\nnimmt 700 Pesos f\u00fcr die Fahrt, das ist sehr g\u00fcnstig, aber das wei\u00df ich jetzt\nnoch nicht, ich tue mich mit dem Umrechnen etwas schwer. Es sind jedenfalls\nkeine vier Euro. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die Wohnung hoch, und die macht\nvom ersten Moment an keinen guten Eindruck. Es ist auch keine Privatvermietung,\nsondern eine verkappte Pension. Die Vermieterin l\u00e4sst sich nicht blicken, und\nes wimmelt nur so von Leuten hier, mehr als die vier angek\u00fcndigten, und wir\nalle teilen uns zwei B\u00e4der (nicht drei, wie angek\u00fcndigt), von denen eins auf\nder anderen Etage liegt. Alles ist schmuddelig, viel funktioniert nicht oder\nfunktioniert schlecht, das Licht ist eine Funzel, und im Bad sieht es nicht\ngerade sauber aus. Man k\u00f6nnte die M\u00e4ngelliste noch fortf\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mich kurz bei den anderen vor, lauter\njunge Leute, USA, Holland, Frankreich, Chile, Brasilien, Spanien. Dann r\u00e4ume\nich \u00fcbel gelaunt meine Sachen aus und mache mich auf den Weg, um etwas zu essen\nzu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Juan, der junge Chilene, hilft mir. Er studiert\nhier, Filmwissenschaften, Buenos Aires habe einen guten Ruf daf\u00fcr. Er selbst\nkommt aus einer Stadt s\u00fcdlich von Santiago \u2013 1000 Kilometer weiter s\u00fcdlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge den Instruktionen und komme von der\nvermeintlich ruhigen \u2013 was f\u00fcr ein Fehlschluss! \u2013 Bernardo Irigoyen in ein\nbelebtes Viertel, San Telmo. Hier gibt es eine Markthalle und in der Markthalle\nund um sie herum einen Flohmarkt, vor allem aber Lokale, Lokale, Lokale. Alle\nrappelvoll. Von der Krise ist nichts zu sp\u00fcren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu einem Lokal, wo es noch ein paar\nfreie Pl\u00e4tze gibt. Ein sehr freundlicher und sehr gespr\u00e4chiger Kellner bedient\nmich und gibt mir Tipps. Nein, von dem Lamm rate er ab. Als ich frage, warum,\nsagt er enigmatisch, zwanzig Jahre Erfahrung h\u00e4tten ihn gelehrt, dass das\nnichts f\u00fcr den ersten Tag f\u00fcr einen Fremden sei. Ich solle besser <em>lomo<\/em> nehmen, Lendenfilet. Auch die Vorspeise\nnehme ich auf sein Anraten hin. Im Laufe der Zeit wird er mir ein bisschen zu\nfreundlich, aufdringlich, und bald merke ich, worauf es hinausl\u00e4uft. Er sagt,\nwie sehr die Pandemie ihnen zugesetzt hat, wie viel er vorher verdient habe,\nund dass das doch alles f\u00fcr einen Deutschen spottbillig sei. Da muss ich ihm\nallerdings widersprechen. Die Rechnung bel\u00e4uft sich am Ende auf 6.950 Pesos,\nsatte 31 Euro (bei dem vermutlich schlechten Wechselkurs, den ich bekommen\nhabe). Das Essen ist gut, aber das ist ziemlich happig, vor allem nach all den\nAnk\u00fcndigungen, wie billig hier alles sei.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>5. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Haus gehe, best\u00e4tigt\nsich, was der Verkehrsl\u00e4rm der Nacht und des fr\u00fchen Morgens schon haben\nvermuten lassen: Die Irigoyen ist \u00fcberhaupt keine ruhige Stra\u00dfe. Sie ist Teil\nder Avenida von Buenos Aires, so breit, dass sie sogar drei Namen hat. Der\nzentrale Teil hei\u00dft Avenida 9 de Julio. In der Mitte hat sie vier Busspuren,\nund zu beiden Seiten jeweils zwei weitere Stra\u00dfen mit mehreren Fahrspuren. Ich\nkomme auf insgesamt 16, die Busspuren nicht mit eingerechnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon richtig hei\u00df, obwohl es gerade mal\nneun Uhr ist. Kein L\u00fcftchen weht. Fu\u00dfg\u00e4nger sind auch allerhand unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Stra\u00dfe entlang und \u00fcberquere die <em>Venezuela<\/em>, die <em>M\u00e9xico<\/em> und die <em>Estados\nUnidos. &nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An einem Hochhaus auf der anderen Seite der\nIrigoyen das Profil von Evita fast die H\u00e4lfte der Fassade einnehmend. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf meiner Seite ein auff\u00e4lliger Baum mit einem\nungew\u00f6hnlichen, glatten Stamm, der wie ein K\u00fcrbis aussieht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise findet man in Buenos Aires\nleichter ein Caf\u00e9, und noch dazu ein ge\u00f6ffnetes Caf\u00e9 am Morgen, als ich\nMontevideo. Ich nutze die Gelegenheit und mache kurze Pause bei Kaffee und\nH\u00f6rnchen. Dann geht es weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Kreuzung eine Figurengruppe, aus leichtem\nMaterial gemacht, sieht fast wie Pappmache aus, zwei Frauen, beide mit Koffern,\nzwei unterschiedliche Typen darstellend, die eine mit Kleid und Hut, die andere\nmit Hose und Pullover, die eine mit einem eleganten Rollkoffer, die andere mit\neinem Koffer, der wie eine Kiste aussieht. Beide mit sehr eng anliegender\nKleidung. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich noch, was diese Darstellung wohl\nbedeutet, muss aber dann abbiegen in die Belgranound sehe dann in der Ferne das Panorama mehrerer Wolkenkratzer, in\netwas Entfernung voneinander. Sieht gar nicht schlecht aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wieder gro\u00dfe, kr\u00e4ftige B\u00e4ume mit dichtem\nBlattwerk auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen. Ich komme dann \u00fcber einen Platz, der <em>Plaza de Armas<\/em> hei\u00dft und auch so\naussieht, und dann komme ich auf einen weiteren Platz und stehe unverhofft vor\nder <em>Casa Rosada<\/em>. Der Tradition\nzufolge ist die Farbe das Resultat einer Entscheidung des damaligen\nPr\u00e4sidenten, Sarmiento. Der wollte nach dem B\u00fcrgerkrieg die beiden verfeindeten\nParteien miteinander vers\u00f6hnen und w\u00e4hlte Rosa (ob man den Farbton wirklich als\nrosa bezeichnen w\u00fcrde, ist noch eine andere Frage) als Kompromiss zwischen dem\nWei\u00df der Unionisten und dem Rot der F\u00f6derativen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes weht die argentinische\nFlagge. Die unterscheidet sich nicht besonders von der uruguayischen. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Flagge ein Reiterdenkmal, und drum herum\nKieselsteine mit den Namen von Menschen. Es sind Menschen, die an Covid\ngestorben sind. Auf Transparenten wird daf\u00fcr die Regierung verantwortlich\ngemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Ecke des Platzes steht die Kathedrale. An\neiner der Seitenw\u00e4nde eine Kachel mit der Darstellung des Hl. Martin und einem\nLobgesang auf Buenos Aires f\u00fcr die Entscheidung, ihn zu seinem Patron zu\nmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessiert aber erst einmal die\nTouristeninformation, die hier in der N\u00e4he ist. Als ich sie endlich finde,\nmerke ich, dass ich schon ein paarmal dran vorbeigelaufen bin, denn sie\nbefindet sich in einem Kiosk. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe alle meine Fragen parat, aber bekomme\nkeine Antwort, auf keine einzige. Der Mann ist nicht sonderlich hilfsbereit und\nziemlich kurz angebunden. Er verweist mich st\u00e4ndig aufs Internet. Und sagt\ntats\u00e4chlich, er habe keinen Stadtplan! Nein, auch bei den anderen\nTouristeninformationen gebe es keinen Stadtplan, jedenfalls nicht auf Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziemlich frustriert mache ich mich auf den Weg, um\neine Reinigung zu finden. Unterwegs sto\u00dfe ich auf eine alte Buchhandlung.\nDrinnen drei Verk\u00e4ufer, kein Kunde. Ob sie Karten von Buenos Aires h\u00e4tten, will\nich wissen. Nein, Karten nicht, aber einen Reisef\u00fchrer, mit Karte. Ist mir erst\nzu teuer, aber dann will ich ihn doch nehmen. Gott sei Dank macht der\nBuchh\u00e4ndler sich die M\u00fche, nachzugucken, ob wirklich eine Karte drin ist. Ist\nnicht. In dem n\u00e4chsten auch nicht. In dem dritten wohl. Er will die Karte erst\nherausnehmen, geht nicht, dann auseinanderfalten, geht auch nicht. Er\nakzeptiert meine Entscheidung, den Reisef\u00fchrer nicht zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ziemlich frustriert mache ich mich auf den Weg und\nkomme an einer nett aussehenden Kneipe vorbei. Drinnen ist es sch\u00f6n k\u00fchl, und\nich entscheide mich trotz der fr\u00fchen Stunde f\u00fcr ein Bier, um den Frust zu\nbek\u00e4mpfen, dann f\u00fcr noch eins, dann f\u00fcr ein Essen, H\u00e4hnchen mit Champions. Hier\nwerde ich um 2.800 Pesos erleichtert, nicht mal die H\u00e4lfte von gestern. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Kiosk frage ich nach einem Stadtplan. Ja,\ner hat einen. Sieht auf den ersten Blick ganz gut aus, erweist sich aber als\nziemlich unbrauchbar. Viel zu gro\u00dfer Ma\u00dfstab, keine Ausschnitte f\u00fcr das\nZentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde dann endlich die Reinigung. Alles vollgestopft,\nziemlich unaufger\u00e4umt, und die alte Frau hinter dem Tresen will sich nicht so\nrichtig klar ausdr\u00fccken \u00fcber den Preis. Ich solle die Dinge vorbeibringen. Sehr\nvertrauenserregend sieht die Sache nicht aus. Vielleicht doch besser nach einer\nanderen suchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will es doch noch mal an einer anderen\nTouristeninformation versuchen. Auf dem Weg dahin wieder viele Ampeln. Bei den\nFu\u00dfg\u00e4ngerampeln in Brasilien hielt einen eine Hand auf, wenn man die Stra\u00dfe\nnicht \u00fcberqueren sollte, in Uruguay waren die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln genauso wie die\nf\u00fcr Autofahrer. Hier gibt es M\u00e4nnchen, einer stehend, einer in Bewegung, aber\nder ist nicht gr\u00fcn, sondern wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs kommen mir erst gr\u00fcn gewandete, dann\nblau gewandete Demonstranten mit eingerollten Fahnen auf dem R\u00fcckweg von einer\nDemonstration entgegen. Morgen soll es Demonstrationen im gro\u00dfen Stil geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Touristeninformation ist man viel\nhilfreicher. Zwei M\u00e4dchen nehmen sich meiner an. Sie haben sogar einen\nStadtplan. Nein, zum Ausgeben sei der nicht, nur zum Zeigen, es ist das einzige\nExemplar. Immerhin schicken sie ihn an meine Mailadresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie geben mir auch eine Internetadresse f\u00fcr\nStadtf\u00fchrungen. Ja, die w\u00fcrden von der Stadt durchgef\u00fchrt. Der andere Mann\nhatte mir gesagt, es gebe nur private Stadtf\u00fchrungen, und ich solle auf die\nSeite der Anbieter gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der M\u00e4dchen sucht auch nach einer Reinigung\nf\u00fcr mich. Ja, da gebe es eine, nur einen Block von mir entfernt, Irigoyen 1294.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Museen am besten das <em>Hist\u00f3rico<\/em> <em>Nacional<\/em>, aber\ndas \u00f6ffnet erst \u00fcbermorgen wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen hat ganz nebenbei Mafalda erw\u00e4hnt. Ja,\ndie steht hier ganz in der N\u00e4he, nur ein paar Block entfernt. Wenn auch in der\nfalschen Richtung f\u00fcr mich. Lasse ich mir nat\u00fcrlich nicht entgehen. Es sind\nkleine Figuren, vermutlich aus Plastik, ich h\u00e4tte sie fast \u00fcbersehen. Auf einer\nParkbank sitzen Mafalda, Susanita und Manolito. Es fehlt Felipe. Zwei Frauen,\ndie hier zusammenstehen, merken schon, was ich will, bevor ich die Frage\nstelle: ein Photo.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die umgekehrte Richtung zur\u00fcck,\nauf m\u00fcden Beinen. An einer Ecke sehe ich ein Reiseb\u00fcro und gehe kurz\nentschlossen rein. Nette Frau, nimmt sich Zeit, und wir gehen die verschiedenen\nOptionen f\u00fcr die Weiterreise nach den Tagen in Buenos Aires durch. Ja, meint\nsie sie k\u00f6nne es auch so organisieren, dass ich nicht zwischendurch nach Buenos\nAires zur\u00fcckkommen m\u00fcsse, sondern zwei Ziele miteinander verbinden kann. Sie\nwill sich wieder melden. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s. An einem milit\u00e4rischen Geb\u00e4ude\nh\u00e4ngt ein Schild mit der Aufschrift: <em>Las\nIslas Malvinas son argentinas. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich passiere die Bar mit dem gewagten Namen <em>Bar de lo Cojones<\/em>, mit einem ziemlich\nwild aussehenden Stier auf dem Namensschild. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur St\u00e4rkung kaufe ich bei einer Frau auf der\nStra\u00dfe einen frisch gepressten Orangensaft. Erstaunlich, wie viele Orangen in\nso einen Saft hineingehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim \u00dcberqueren einer gro\u00dfen Stra\u00dfe sehe ich\nStra\u00dfenarbeiter, die mit Presslufthammern und Staub und Teer besch\u00e4ftigt. Da\nhabe ich wirklich keine Veranlassung, mich zu beklagen, wenn mal nicht alles\nglatt l\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an einer Bank vorbei. Auf dem\nPflaster davor eine ganze Reihe von Platten, mit dem Namen von M\u00e4nnern, die in\ndieser Bank gearbeitet haben. Sie sind w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur verschwunden\nund nie wieder aufgetaucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht jetzt zur\u00fcck Richtung Wohnung, ich will ja\nnoch zu der Reinigung. Immer wieder frage ich vergeblich nach der Bernardo\nIrigoyen, bis ein junger Mann in sein Handy schaut und ausruft: \u201eAh, 9 de\nJulio\u201c. Nur unter diesem Namen kennt man sie hier. Jetzt kann er mich in die richtige\nRichtung schicken. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an einem Platz mit einem Obelisk ankomme,\nmerke ich, dass mich das M\u00e4dchen von der Information einen ordentlichen Umweg\nhat machen lassen. Aber egal, ich bin ja jetzt auf der Bernardo Irigoyen. Nur,\nwelche Richtung? Ich versuche es in einer Richtung und merke, dass es stimmt.\nDie Hausnummern gehen rauf. Als ich an der 1294 bin und keine Reinigung sehe,\nmerke ich, dass ich auf der falschen Stra\u00dfe bin. Ich bin am Obelisk in die\nfalsche Richtung gegangen. Jetzt muss ich also die 1294 zur\u00fcck und dann noch\nmal 1294 in die andere Richtung. In einem kleinen, k\u00fchlen Caf\u00e9 mache ich Pause\nbei einem Kaffee und einem kleinen, gutschmeckenden H\u00f6rnchen. Ein Glas Wasser\nwird einfach so dazu serviert. Kann ich gut vertragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Obelisk und dann geht es in die\nandere Richtung. Aber hier stimmt was nicht. Als ich bei 1290 angekommen bin,\nist die Stra\u00dfe zu Ende. Es gibt eine gro\u00dfe Stra\u00dfenkreuzung mit einem\nSpaghettiknoten. Ist wohl etwas schief gelaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe nach Hause zur\u00fcck und sehe im Internet\nnach. Es stellt sich heraus, dass die Reinigung auf der Hip\u00f3lito Irigoyen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss aber noch mal raus. Ein Handtuch kaufen.\nDie Vermieterin, die keine Handt\u00fccher bereitgestellt hat mit dem Argument,\neinige wollten das wegen Covid nicht, hat angek\u00fcndigt, heute Handt\u00fccher\nvorbeizubringen, hat das aber nicht getan. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich klappere die Gesch\u00e4fte auf meiner Seite ab,\nnichts. Ein Gesch\u00e4ftsmann sagt mir, ich solle es doch auf <em>Constituci\u00f3n<\/em> versuchen. Ja, auf die andere Stra\u00dfenseite und dann\nnach links. Das tue ich auch. Es stellt sich aber heraus, dass es noch richtig\nweit bis dahin ist, weiter als bis zu der 1294 auf der anderen Seite. Dann\nkommt ein Platz in Sicht, und drum herum ein ziemlich heruntergekommenes\nViertel, mit wenig vertrauensvoll aussehenden M\u00e4nnern und mit leichten M\u00e4dchen,\ndie mir aber gl\u00fccklicherweise nicht ihre Dienste anbieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder klappere ich verschieden Gesch\u00e4fte ab,\nwieder nichts. Dann leuchtet bei einem der Gefragten ein Licht auf, da hinten,\nneben McDonalds. Er hat recht, hier befindet sich eine Markthalle mit\nRamschwaren, und an einem der St\u00e4nde bekomme ich tats\u00e4chlich ein Handtuch. Kostet\naber 2.000 Pesos, fast 10 Euro. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Frage nach den Handt\u00fcchern verstehen mich\ndie Argentinier schlecht oder gar nicht, jedenfalls, solange ich <em>toallas<\/em> in gewohnter Weise ausspreche.\nIch versuche es dann mit einer \u201eargentinischen\u201c Aussprache, und es klappt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Drogerie bekomme ich dann auch noch die\ndringend ben\u00f6tigte Sonnencreme, eine Hautcreme und Zahnpasta, und schon wieder\nbin ich 3.700 Pesos los. Argentinien als Billigland ist ein Mythos. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es endlich zur\u00fcck nach Hause. Als ich\nrauf komme, sehe ich an meiner Zimmert\u00fcr eine T\u00fcte h\u00e4ngen \u2013 die Handt\u00fccher. <\/p>\n\n\n\n<p>6. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Gegr\u00fcndet wurde Buenos Aires zweimal, 1535 und\n1580. Beim ersten Mal waren es nur ein paar Spanier, die sp\u00e4ter wieder abzogen.\nBeim zweiten Mal durfte der Kaplan der Truppe den Namen aussuchen: <em>Puerta de Nostra Se\u00f1ora de Santa Mar\u00eda del\nBuen Aire.<\/em> Der Wind weht hier etwas frischer als anderswo, und dieser Ort\nist, von Norden kommend, der erste Ort ohne Malaria. Von dem frischen Wind ist\nin diesen Tagen hier nicht viel zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>2010 war Argentinien Gastland bei der Frankfurter\nBuchmesse. Evita Perr\u00f3n, Ch\u00e9 Guevara, Carlos Gardel, Diego Maradona, das waren\ndie <em>Big Four<\/em>, die die argentinische\nRegierung ausgesucht hatte, um Argentinien auf der Buchmesse zu repr\u00e4sentieren.\nArgentiniens Buchwelt ist entsetzt: kein einziger Schriftsteller. Also wird\nnoch schnell einer hinterhergeschoben, Jorge Luis Borges, Argentiniens\nliterarische Ikone.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen f\u00fchle ich mich ausgeruhter als erwartet.\nVersuche es gleich noch einmal mit der Reinigung, diesmal auf der richtigen\nIrigoyen. Ist weiter als gedacht, weiter als es aussieht und weiter, als das\nM\u00e4dchen von der Touristeninformation meinte. Und es ist schon wieder hei\u00df. Im\nWetterbericht ist von extremen Temperaturen in den n\u00e4chsten Tagen die Rede. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal klappt es. Geb\u00fcgelt wird nicht, machen wir\nnicht, aber darauf kann ich zur Not verzichten. Die Reinigungsfrau meint, ich\nh\u00e4tte nicht den typischen deutschen Akzent. Sie h\u00e4tte mit nicht als Deutschen\nidentifiziert. Wie sie dann wei\u00df, was ein typisch deutscher Akzent ist, frage\nich sie nicht. Solche Aussagen \u00fcber die Aussprache der anderen haben immer was\nvon Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an der <em>Universidad de Mor\u00f3n<\/em> vorbei. Muss sich\nf\u00fcr einen Engl\u00e4nder wie ein Witz anh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher sehe ich an einem Caf\u00e9: <em>Tomate un buen caf\u00e9<\/em>. Tomate mit Kaffee?\nKomisch. Dann f\u00e4llt der Groschen: <em>T\u00f3mate\nun buen caf\u00e9<\/em>. Die Bedeutung der diakritischen Zeichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Heimat habe ich einen guten Tipp erhalten,\num der Hitze der Stadt zu entkommen: Tigre. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu muss ich zuerst wieder zu der ungeliebten\nPlaza de la Constituci\u00f3n. Der Bahnhof Constituci\u00f3n, mit einer gro\u00dfen hellen\nHalle, hebt sich aber positiv von seiner Umgebung ab. Es handelt sich, und die\nFassade l\u00e4sst keinen Zweifel daran, um einen \u201erichtigen\u201c Bahnhof, der aber,\nneben den Vorortz\u00fcgen, auch eine U-Bahn-Linie hat. Die U-Bahn hei\u00dft hier <em>Subte<\/em>. &nbsp;Mit der geht es von Constituci\u00f3n bis zum\nanderen Ende der Linie, Retiro. Die Metro ist modern, schnell, sauber. <\/p>\n\n\n\n<p>In Retiro wartet dann eine andere \u00dcberraschung auf\neinen, ein Kopfbahnhof, eine Abfahrtshalle, wie man sie in gro\u00dfen europ\u00e4ischen\nMetropolen findet, mit einem langen, gebogenen Glasdach. Von hier aus m\u00fcssten\nZ\u00fcge nach Rio, Sao Paulo oder Lima fahren, es sind aber nur Vorortz\u00fcge. Mit\neinem von denen geht es nach Tigre.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug zockelt so vor sich her, es ist eine\nUnzahl von Haltestellen, und die Strecke ist nicht sonderlich beachtenswert.\nZweimal kommen wir durch Vororte, die wie eigenst\u00e4ndige St\u00e4dte aussehen, und\nzweimal durch h\u00fcbsche, gr\u00fcne Wohnviertel mit H\u00e4usern mit Satteldach und\nZiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es aus dem k\u00fchlen Zug an die hei\u00dfe Luft\ndrau\u00dfen. Die Temperaturen sind noch mal gestiegen, es werden im Laufe des Tages\nbis zu 36\u00b0 angegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Karten f\u00fcr das Schiff kann man gleich am Bahnhof\nkaufen. Am Flussufer gibt es verschiedene Stege, von denen die Ausflugsschiffe\nstarten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch etwas Zeit, und ich suche etwas weiter\nentfernt, im Ort, nach einem Lokal. Das ist ein echter Treffer. Ein schmaler\nHof, in dem man gesch\u00fctzt sitzt, unter Sonnenschirmen und Weinranken, ist zu\neiner Art Au\u00dfenterrasse umgebaut worden. Wie der Wirt mir erkl\u00e4rt, als\nNotl\u00f6sung w\u00e4hrend der Zeit der Pandemie. Er erkl\u00e4rt mir, was er im Laufe der\nZeit hier so alles angepflanzt hat, Bananen, Avocado, Minze viele der Namen\nanderen Namen kenne ich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kleinen St\u00e4rkung geht es dann zum Kai.\nEin nicht allzu gro\u00dfes wei\u00dfes Boot f\u00e4hrt uns \u00fcber den Tigre. Die meisten\nPassagiere fl\u00fcchten sich nach unten in die K\u00fchle Kabine, ganz wenige sind oben.\nIch komme mit einer in Paris lebenden Italienerin ins Gespr\u00e4ch. Die kennt\nArgentinien schon von fr\u00fcheren Besuchen und ist jetzt durch Peru und Bolivien\ngereist. Wochenlang, mit einer Freundin. Jetzt habe sie mal gesagt, sie wolle\nmal ein paar Tage alleine reisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Fahrtwind kann man es oben ganz gut\naushalten, aber der ist tr\u00fcgerisch und l\u00e4sst die Sonne nicht in ihrer ganzen\nKraft sp\u00fcren. Dann wird es mir doch zu viel und ich gehe nach unten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df gar nicht so recht, wo wir hier sind, und\ndie Karte in der Brosch\u00fcre ist nicht sonderlich klar. Man kann aber erkennen,\ndass es sich um ein weitverzweigtes Flussnetz handelt. Diese Fl\u00fcsse gelangen\nalle irgendwie in den Luj\u00e1n, dem Fluss, an dem wir losgefahren sind, und der\nwiederum m\u00fcndet in das Delta des R\u00edo de la Plata. Der Tigre, nach dem die\nExkursion und wohl auch die Stadt benannt sind, ist auch einer der Fl\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Fahrt gibt es immer wieder Einm\u00fcndungen\nanderer Fl\u00fcsse, oder aber wir biegen auf einen anderen Fluss ab. Bei dem Land,\ndas wir sehen, handelt es sich ausschlie\u00dflich um Inseln, auch, wenn man das\nnicht sieht. Die H\u00e4user sind fast alle mit Holzstegen versehen, und das Boot \u2013\nhier ist von <em>lancha<\/em> die Rede \u2013 ist\ndas wichtigste Verkehrsmittel. Schulkinder werden morgens eingesammelt und\nnachmittags wieder zur\u00fcckgebracht. Es gibt eine Postboot, ein Krankenboot, ein\nBoot mit einem Tante-Emma-Laden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist lieblich, das Wasser br\u00e4unlich,\naber klar, und die Flussufer haben dichte, sattgr\u00fcne Vegetation. So kann man es\naushalten bei diesen Temperaturen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Buenos Aires sehe ich in einem\nSupermarkt beim Kauf der x-ten Flasche Wasser, dass die am Donnerstag und am\nFreitag geschlossen haben. Ohne weitere Begr\u00fcndung. Als ich dann in einer\nReinigung, an der ich zuf\u00e4llig vorbeikomme, nachfrage, best\u00e4tigt mir der Mann:\nJa, geschlossen, zwei Feiertage. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kommt in Buenos Aires dann endlich das\nTreffen mit Elenas Freundinnen aus Kindheitstagen zustande. Sie kennen sich\njetzt schon seit sechzig Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst kommt das aktuelle politische Thema zur\nSprache: Christina Kirchner, CFK, die ehemalige Pr\u00e4sidentin, aktuelle\nVizepr\u00e4sidentin und Witwe eines ehemaligen Pr\u00e4sidenten, ist zu sechs Jahren\nGef\u00e4ngnis verurteilt worden. Wegen Korruption. Die Nation scheint erfreut, aber\nnicht die ganze Nation. Es gibt scharfe Proteste und Demonstrationen, die heute\ndie Stra\u00dfen so blockiert haben, dass eine der Damen nicht zu ihrer\nCorona-Impfung kommen konnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den beiden Damen handelt es sich um\nSchwestern, kultiviert, weitgereist, aus einer Familie mit georgischem\nHintergrund. Sie haben lange in einem gr\u00f6\u00dferen Haus am Stadtrand von Buenos\nAires gelebt, dem sie wohl immer noch nachtrauern. Aus praktischen Gr\u00fcnden sind\nsie dann in dieses Viertel gezogen, Palermo. Hier sieht alles gepflegter,\nbesser aus, als in meinem heruntergekommenen Montserrat. Montserrat, genauer\ngesagt, San Telmo, erkl\u00e4ren sie mir, sei aber die Keimzelle von Buenos Aires.\nNach einer Epidemie habe die Mittelklasse das Viertel aber verlassen und sei nordw\u00e4rts\ngezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9, in dem wir uns treffen, St. Moritz, ist\neins der renommiertesten von Buenos Aires, an die alte Kaffeehauskultur\nerinnernd. Hier sollen Borges und Bioy Casares gesessen und ihre Werke verfasst\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind sehr stolz auf Buenos Aires, es habe\nviele sch\u00f6ne Viertel und liebe einfach die Show, dazu geh\u00f6re der Fu\u00dfball\ngenauso wie die Oper. Theater gibt es wie Sand am Meer, mit Gastspielen der\nrenommiertesten europ\u00e4ischen B\u00fchnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Avenida 9 de Julio, sagen sie, galt als\nbreiteste Stra\u00dfe der Welt, mit 140 Metern. Die Busse im Zentrum mit ihren\neigenen Spuren, das sei der Metrobus. Der Obelisk steht an der Stelle, wo zum\nersten Mal die argentinische Flagge gehisst wurde, und der Name bezieht sich\nauf die argentinische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, am 9. Juli 1816.<\/p>\n\n\n\n<p>An der 9 de Julio, sagen sie, habe man die B\u00e4ume\nso gepflanzt, dass zu verschiedene Zeiten Bl\u00fcten in verschiedenen Farben zu\nsehen sind. Im Moment ist Gelb dran. Die wichtigsten B\u00e4ume der Stra\u00dfe sind\nCeibo, Jacaranda und Kirsche. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Wetter leiden sie auch. Das sei v\u00f6llig\nungew\u00f6hnlich f\u00fcr diese Jahreszeit. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine weiteren Planungen f\u00fcr die Reise nach\nBuenos Aires erweisen sie sich nicht als sehr hilfreich, sie finden einfach\nalle meine Vorschl\u00e4ge gut, alles sei \u201emuy bonito\u201c. F\u00fcr das Fu\u00dfballspiel am\nFreitag empfehlen sie mir einen anderen Ort. Wir wollen uns aber vor meiner\nAbreise noch einmal sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einig werden wir uns in der Frage um <em>vos<\/em> und <em>t\u00fa<\/em>. Meine Vermutung, da sei etwas in Bewegung, weisen sie\nentschieden zur\u00fcck. In Argentinien gebe es kein <em>t\u00fa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie empfehlen mir einen anderen R\u00fcckweg, \u00fcber die\nFlorida. Hier sieht tats\u00e4chlich alles besser aus als bei mir, in der Gegend um\nden Obelisken herum kommt man sich ein bisschen wie in London vor, Soho und\nPicadilly Circus. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dunkel, und die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hat\nWeihnachtsbeleuchtung. Es sind noch viele Leute unterwegs, vor allem junge\nLeute. <\/p>\n\n\n\n<p>7. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, den Grund f\u00fcr die Feiertage\nherauszubekommen. Morgen ist Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis, da h\u00e4tte ich auch selbst drauf\nkommen k\u00f6nnen. Was \u00fcbermorgen los ist, ist nicht herauszufinden, vielleicht ist\nes nur ein Br\u00fcckentag. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon vom Zimmer aus h\u00f6re ich am Morgen\nDemonstranten vorbeiziehen, ihre skandierten Spr\u00fcche mit Trommelwirbel\nuntermalend. Als ich dann zur Reinigung sehe, kommt mir die ganze Demonstration\nentgegen, ein Aufmarsch der lateinamerikanischen Linken, gegen die\nLebensbedingungen und das System protestierend. Fast alle haben wei\u00dfe Fahnen\nund Banner, dann kommt zum Schluss noch eine Gruppe mit schwarzen Fahnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie nutzen die ganze Breite der 9 de Julio aus und\nmarschieren teils in die eine, teils in die andere Richtung. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Banken stehen lange Schlangen von\nMenschen, die an die Geldautomaten wollen. Ist die Lage so ernst, dass sie ihr\nGeld in Sicherheit bringen wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Pause mache ich mich auf den Weg\nzum <em>Museo Hist\u00f3rico Nacional<\/em>. Es geht\nRichtung San Telmo, \u00fcber ein paar ruhige Stra\u00dfen. An einer Ecke sehe ich eine\nReinigung viel n\u00e4her an der Unterkunft als die von heute Morgen. Der Mann\narbeitet auch morgen und \u00fcbermorgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich unverhofft an einem Fris\u00f6rsalon\nvorbei, Family Barber. Man braucht keinen Termin zu machen. Es ist ein winziger\nSalon, mit zwei St\u00fchlen nur, an denen die beiden Fris\u00f6re mit ihren Kunden\nbesch\u00e4ftigt sind. Ich bekomme einen Hocker und einen schwanzlosen,\npotth\u00e4sslichen Hund zur Gesellschaft, der meine F\u00fc\u00dfe beriecht. <\/p>\n\n\n\n<p>Der eine der Kunden, ein ganz junger Mann, sieht\nwie ein Zombie aus mit seinem unbewegten Blick unter dem langen Umhang, und die\nFrisur verspricht nichts Gutes. Aber der junge Friseur versteht sein Gesch\u00e4ft,\nes wird von Minute zu Minute besser, und am Ende steht da ein junger Mann mit\neiner perfekten Frisur, der jetzt auch anf\u00e4ngt, freundlich zu l\u00e4cheln und mit\ndem Fris\u00f6r spricht. Dann setzt er sich eine Schirmm\u00fctze auf und bringt die\nFrisur wieder zum Verschwinden. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Fris\u00f6r macht seine Sache auch gut, langsam\nund pr\u00e4zis. Wir sprechen \u00fcber Fu\u00dfball und das Wetter. Bei dem Wetter k\u00f6e man\n\u00fcberhaupt nicht dazu, mal Wein zu trinken. Es m\u00fcsse immer Bier sein, meine ich.\nDa sagt der andere Fris\u00f6r, bei dem Wetter brauche man viel Vitamin C: Cerveza.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider kann man nicht mit der Geldkarte bezahlen,\nund jetzt herrscht Ebbe in meinem Portemonnaie. Nicht einmal f\u00fcr einen Kaffee\nreicht es mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zu einem park\u00e4hnlichen Platz und\nsehe entlang des Platzes schon das Geb\u00e4ude des Museums, aber als ich hinkomme,\nist es verschlossen und verriegelt. Warum, heute m\u00fcssten doch normale\n\u00d6ffnungszeiten sein? Sie h\u00e4tten kein Licht und keinen Strom, lautet die\nAntwort. Stromausfall. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas frustriert frage ich in der <em>Bar Brit\u00e1nico<\/em> an der Ecke, ob man mit Kreditkarte\nbezahlen k\u00f6nne. Ja, kann man. Es ist ein traditionelles, sch\u00f6n eingerichtetes\nWirtshaus, das weder mit <em>Brit\u00e1nico<\/em>\nnoch mit <em>Bar<\/em> viel zu tun zu haben\nscheint. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein ausgezeichnetes gef\u00fclltes\nBrath\u00e4hnchen, und dazu etwas Vitamin C. Ich sitze am offenen Fenster, und immer\nwieder kommen fliegende H\u00e4ndler heran und wollen etwas verkaufen. Ich setze\nmich etwas herum, halb mit dem R\u00fccken zum Fenster, aber eine Frau l\u00e4sst sich\ndadurch nicht abwimmeln. Sie will gar nichts verkaufen. Sie sagt mir, ich solle\ndas Handy nicht so offen auf dem Tisch liegen lassen, da k\u00f6nne jederzeit jemand\nschnell zugreifen und w\u00e4re in Windeseile weg. Recht hat sie. <em>Muchas gracias, se\u00f1ora. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Tisch in dem Wirtshaus sehe ich ein Schild\nzum <em>Museo de Arte Moderno<\/em>. Soll nur\nf\u00fcnf Minuten von hier entfernt sein. Ist zwar weiter, aber immerhin ist mal\netwas ausgeschildert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum selbst ist genauso modern wie die\nAusstellungsst\u00fccke. Die besten St\u00fccke sind gleich unten. Mit den Installationen\nund Videos im oberen Stock, die sich der Desintegration des normalen Lebens\ndurch die Pandemie und der Aufl\u00f6sung der Geschlechter annehmen, kann ich nicht\nviel anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich im ersten Saal zieht ein Kunstwerk, das <em>Haiti<\/em> hei\u00dft, die ganze Aufmerksamkeit\nauf sich. Es besteht aus K\u00f6pfen aus Terrakotta, s\u00e4uberlich auf mehreren\nparallel verlaufenden Regalen ausgestellt. Es sind wohl bis an die 500. Was\nstellen sie da? Menschen? Schweine? Geister? Und was hat das mit Haiti zu tun?\nVielleicht eine Anspielung auf den Voodoo-Kult? Jedenfalls muss man hingucken,\nvon weitem und von nahem. Das macht auch eine Frau, die sich direkt davor&nbsp; gestellt hat, als ich gerade in gro\u00dfem\nAbstand dazu stehe. Ich mache ein Photo von ihr, wie sie davorsteht. Das hat\nwas. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein Hingucker: Eine dreidimensionale Collage\nvon Figuren und Figurenteilen, meist K\u00f6pfe, aber auch Arme und Beine, die auf\nden ersten Blick alle aus der Antike zu stammen scheinen, vor allem vom\nParthenon. Sie sind aber aus der gesamten europ\u00e4ischen Kunstgeschichte\nentnommen, auch aus Renaissance und Romantik, alles ziemlich durcheinander,\nalles gl\u00e4nzend vergoldet, obwohl das Material Emaille ist. Was haben sie alle\ngemeinsam? Alle dr\u00fccken Trauer oder Schmerz aus, haben mit Tod und Leid zu tun.\nAlle zeigen, wie die Kunst in der Lage ist, solche Gef\u00fchle auszudr\u00fccken, und je\nl\u00e4nger man hinguckt, umso gr\u00f6\u00dfer wird die Bandbreite der Empfindungen. Das Gold\nverbindet die europ\u00e4ische Tradition schlie\u00dflich mit dem Leid der\nlateinamerikanischen V\u00f6lker. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der abstrakten Kunst geht es vor allem gegen\ndie Tradition der Kunstwerke als \u201eFenster\u201c. Man sieht einen Ausschnitt aus der\nWirklichkeit, und die verl\u00e4ngert das Auge des Betrachters automatisch in den\nRaum au\u00dferhalb des Bildes. Bei der abstrakten Kunst ist am Bildrand Schluss\noder der Rahmen wird dem Bild angepasst. Es gibt Rahmen mit schr\u00e4g versetzten\nRahmenteilen oder Bilder, bei denen die Bestandteile selbst den Rahmen bilden. <\/p>\n\n\n\n<p>Und es gibt ein sch\u00f6nes abstraktes Bild, in dem\nman versucht ist, in den Formen Gegenst\u00e4nde wie Arme zu entdecken. Tats\u00e4chlich\n\u00fcberlagern sich hier die verschiedenen, nur aus Grundformen bestehenden\n\u201eK\u00f6rper\u201c des Gem\u00e4ldes, wobei durch die Farbpalette und das Licht der Eindruck\nentsteht, dass eine Form \u00fcber der anderen liegt. Gef\u00e4llt mir sehr, vor allem\ndurch die vielen Farben, die leuchtenden und die matten, die irgendwie ganz\nfein abgestuft zu sein scheinen. W\u00fcrde ich mir sofort in die Wohnung h\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>Genial in seiner Einfachheit ist ein Bild, das nur\naus einem einzigen Wort besteht: <em>Colombia<\/em>.\nDas steht in Wei\u00df auf rotem Grund. Keine Kunst, w\u00fcrde man sagen. Aber: Der\nSchriftzug von <em>Colombia<\/em> ist der von <em>Coca-Cola. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gem\u00e4lde, vor dem man die meiste Zeit\nverbringen kann, zeigt eine Landschaft, mehrere Meter lang, \u00d6l auf Leinwand,\naber nicht gerahmt. Es ist einfach an Ringen oben befestigt, wie ein Vorhang,\nund h\u00e4ngt an einer schr\u00e4gen Wand. Es macht einen melancholisch, nachdenklich,\ntraurig, aber vers\u00f6hnt auch. Man sieht eine menschenlose Landschaft, eine\nflache Steppe mit viel Gras und, auf das Bild verteilt, einzelnen,\nverkr\u00fcppelten B\u00e4umen und anderen, meist Palmen, die gut erhalten sind. Es gibt\nkein Zeichen von Zivilisation, kein Haus, keine Stra\u00dfe, kein Acker. In&nbsp; den feuchten Stellen der Steppe gl\u00e4nzt das\nWasser in der Sonne. Die bricht am Himmel durch die Wolken und erzeugt ein\nmystisches Licht, das die ganze Landschaft erf\u00fcllt. Ist das die Apokalypse? So\nkann man es wohl verstehen. Der Mensch ist verschwunden, die Erde \u00fcberlebt. Ein\neindrucksvolles Bild. <\/p>\n\n\n\n<p>8. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Feiertag. L\u00e4den und Gesch\u00e4fte sind zu, und viele\nLokale auch. Wenig Verkehr, wenige Menschen unterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg f\u00fchrt mich zur Reinigung, aber der\nReinigungsmann hat es sich anders \u00fcberlegt. Er \u00f6ffnet morgen doch nicht. Ich\nkann meinen W\u00e4schebeutel wieder nach Hause tragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur <em>Manzana de las Luces<\/em>. Unterwegs sieht\nman an den W\u00e4nden Reihen von Plakaten, in Schwarz und Wei\u00df, wie Todesmeldungen\naussehend, die gegen die Verurteilung von CFK protestieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Zentrum sehe ich von weitem auf einem\nHaus, das andere \u00fcberragt, zwei Kuppeln. Eine Kirche? Als ich dahin komme, sehe\nich, dass das Geb\u00e4ude einger\u00fcstet ist, von oben bis unten. Eine Kirche kann es\nnicht sein. Unten ist ein Starbucks Cafe drin. <\/p>\n\n\n\n<p>In der ganzen Gegend wird saniert und restauriert.\nZwischen den historischen Bauten immer wieder Bauruinen. An vielen Ecken stinkt\nes unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Museo\nMunicipal<\/em>, das Teil des historischen Zentrums der <em>Manzana de las Luces <\/em>ist, hat geschlossen Ebenso das <em>Museo<\/em> <em>de la Casa Rosada<\/em>. Hier gibt es noch nicht einmal ein Schild mit\nden \u00d6ffnungszeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in eine U-Bahn-Station, um mich zu\nerkundigen. Dies muss eine der Stationen aus der Anfangszeit der U-Bahn sein.\nIn einer kleinen Kabine hinter einem Gitter aus Holz sitzt eine Frau. Ich\nerfahre, dass ich keine Einzelfahrkarte kaufen kann, ich muss auf jeden Fall\neine <em>Sube<\/em> kaufen. Ja, dann h\u00e4tte ich\ngerne eine. Nein, hier gibt es die nicht, die m\u00fcssen sie an einem Kiosk kaufen.\nGar nicht so leicht, die meisten Kioske sind auch geschlossen, und andere\nverkaufen die <em>Sube<\/em> nicht. Dann werde\nich aber f\u00fcndig. F\u00fcr 650 Pesos bekommt man die. Es sind nur zwei Fahrten drauf,\ndann muss sie wieder aufgeladen werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme \u00fcber die Florida zur\u00fcck. Hier ist mehr\nBetrieb, und die meisten Gesch\u00e4fte sind ge\u00f6ffnet. Haben aber kaum Kunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle paar Meter \u2013 ohne \u00dcbertreibung \u2013 h\u00f6rt man <em>Cambio?<\/em> <em>Cambio dolares!<\/em> <em>Cambio euros!<\/em>\nPrivate Geldwechsler, die ihre Dienste anbieten. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass es\nsogar ein Wort f\u00fcr sie gibt. Sie hei\u00dfen <em>arbolitos<\/em>,\n\u201aB\u00e4umchen\u2018:<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf die Suche nach einer Bank.\nImmer noch gab es \u00fcberall Schlangen vor den Banken. Die erste Bank weist meine\nKarte als ung\u00fcltig zur\u00fcck, in der zweiten klappt es. Erleichterung. Aber\nsogleich kommt der n\u00e4chste Schreck. Das Geld ist da, aber die Karte kommt nicht\nheraus. Dann merke ich, dass man den Vorgang erst beenden muss, damit die Karte\nrauskommt. Alles in Ordnung. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag geht es dann mit der U-Bahn zum <em>Cementerio de la Recoleta<\/em>, einer der\nwichtigsten Sehensw\u00fcrdigkeiten von Buenos Aires. &nbsp;Die eine Stunde Anfahrt ist nicht zu gro\u00dfz\u00fcgig\nkalkuliert, ich komme gerade rechtzeitig nach zweimaligem Umsteigen. Die\nAusschilderung in der U-Bahn ist nicht sonderlich gut, ich muss mehrmals nachfragen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt in ein ganz anderes Viertel, hier sieht\nes weniger gro\u00dfst\u00e4dtisch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Um zum Eingang zu kommen, muss man um das gro\u00dfe,\nvon einer hohen Mauer umgebene Areal herumgehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dr\u00fcckend hei\u00df, und schon beim Warten auf\ndie F\u00fchrung suchen alle einen Platz im Schatten. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Eintrittskarten kann man nicht mit Bargeld\nbezahlen. Grunds\u00e4tzlich nicht. Es wird ausdr\u00fccklich darum gebeten, nicht darauf\nzu bestehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht die F\u00fchrung los. Wir sind eine gro\u00dfe,\neigentlich zu gro\u00dfe Gruppe, aber die F\u00fchrerin hat uns gut im Griff, und durch\ndas Mikrophon, mit dem sie spricht, kann man alles verstehen, auch wenn man\nAbstand h\u00e4lt und sich entweder f\u00fcr einen Moment auf einen Steinvorsprung setzt\noder den Schatten sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Friedhof zu besichtigen ist ein Erlebnis,\ner nimmt einen sofort in den Bann, vor allem durch zwei optische Reize, den\nBlick in die langen, ganz gleichm\u00e4\u00dfig verlaufenden Wege (die F\u00fchrerin spricht\nsogar von <em>calles<\/em>)und den Blick nach\noben, zu den Kuppeln, Engeln, Kreuzen ganz oben auf den Mausoleen vor dem\nblauen Himmel. Immer&nbsp; wieder hat man neue\nPerspektiven. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof wurde 1822, also kurz nach der\nUnabh\u00e4ngigkeit, gegr\u00fcndet. Er war von vornherein \u00f6ffentlich, gratis und allen\nReligionen zug\u00e4nglich. Der Ort weit au\u00dferhalb der Innenstadt war bewusst\ngew\u00e4hlt. Man bediente sich des Gartens eines Klosters, des Klosters der\nRecoletos-M\u00f6nche (daher der Name). Das ging deshalb, weil Kl\u00f6ster teils\nzwangsenteignet werden konnten f\u00fcr \u00f6ffentliche Belange.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage eines Friedhofs war bei der wachsenden\nBev\u00f6lkerungszahl dringend geboten. &nbsp;Bis\ndahin hatte man die Toten in Kirchen bestattet oder sonstwie entsorgt,\nteilweise in den Fluss. Es gab anfangs keine Regeln f\u00fcr die Bestattungen hier,\nkeine Parzellen, jeder begrub seine Toten, wo er wollte. Das f\u00fchrte dazu, dass\nder Friedhof 1881 v\u00f6llig neu angelegt wurde. Das f\u00fchrte zu der heutigen Form. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof hat \u00fcber 5000 Mausoleen (in denen\nstehen bis zu 25 S\u00e4rge). Hier sind 29 argentinische Pr\u00e4sidenten begraben, und\nauch der erste argentinische Nobelpreistr\u00e4ger ist hier begraben. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist der Friedhof weiterhin \u00f6ffentlich, aber\nnicht mehr gratis. Hier ist nur begraben, was Rang und Namen hat \u2013 oder das\nn\u00f6tige Kleingeld. Man sieht \u2013 oder bemerkt \u2013 wenige religi\u00f6se Symbole, sie\ngehen in der Monumentalit\u00e4t unter. Ob es auch nicht-christliche Gr\u00e4ber gibt?\nErkennen kann man das nicht auf den ersten Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer der wichtigsten Kreuzungen steht die\nFigur eines alten Mannes mit Bart, der mit bed\u00e4chtigen Schritten den Friedhof\nentlang zu schreiten scheint. Die F\u00fchrerin fragt uns, wer das denn sein k\u00f6nne.\nKeiner kommt auf die Antwort: Jesus. Wohl bewusst, wegen der Umgebung, so\ndargestellt, die Trauer hat aus ihm einen alten Mann werden lassen. Es ist zu\nviel Betrieb, sonst h\u00e4tte ich sie gefragt, woher man wei\u00df, dass es Jesus ist\nund wie alt die Skulptur ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Mausoleen gibt es auch Grabst\u00e4tten (<em>tumbas<\/em>). In denen ist nur eine Person\nbestattet. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr Aramburo, einem argentinischen\nStaatspr\u00e4sidenten, der sich besonders durch seine Tatkraft hervortat. Er setzte\nauf Fortschritt, trieb die Industrialisierung voran In dem Grabmal ist er als\ndynamische Figur dargestellt, mit gestikulierenden H\u00e4nden, so als w\u00fcrde er gerade\nein Pl\u00e4doyer f\u00fcr etwas halten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem Paar, das zwanzig Jahre\nlang kein Wort miteinander wechselte. Als sie aus Uruguay nach Argentinien\nzur\u00fcckkehrten und er Pr\u00e4sident wurde, gefiel sie sich in ihrer Rolle als\nPr\u00e4sidentengattin, Einladungen, Bankette, Oper, Kleidung, Schmuck. Bis er an\nsein finanzielles Limit kam und in allen Zeitungen gro\u00dfformatige Anzeigen\naufgab, dass er nicht mehr f\u00fcr Ausgaben aufkomme, die seine Frau mache. Sie\nweigerte sich daraufhin, weiter mit ihm zu sprechen, und zwanzig Jahre lang\nkommunizierten sie nur durch Dienstboten. Hier sind sie zwar zusammen bestattet\nund als Skulptur verewigt, aber sie kehrt ihm ihren R\u00fccken zu!<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin macht uns auf Engel mit\nausgebreiteten Fl\u00fcgeln aufmerksam. Das sind Engel, die die Seele \u2013 dargestellt\ndurch eine menschliche Figur \u2013 in den Himmel tragen. Die Engel mit\neingeklappten Fl\u00fcgeln sind trauernde Engel. An vielen Grabm\u00e4lern sieht man\nFackeln, die brennen, aber nach unten gerichtet sind, und an vielen sieht man\nauch Figuren \u2013 meist weibliche Figuren \u2013 deren Gesicht man nicht sieht, es ist\nunter Haaren und H\u00e4nden begraben, eine andere Form, Trauer auszudr\u00fccken. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Grabmal steht ein Engel, der eine genaue\nKopie eines Engels vom <em>P\u00e8re Lachaise<\/em>\nist. An diesem Grabmal machten sich ein paar junge Leute zu schaffen und klaute\neien Sarg, um dann L\u00f6segeld zu fordern. Man lie\u00df ich scheinbar auf ihre\nForderungen ein zahlte mit falschem Geld, bekam den Sarg zur\u00fcck. Die jungen\nLeute wurden gefasst, konnten aber nicht verurteilt werden. Es gab es\nStraftatbestand noch nicht! <\/p>\n\n\n\n<p>Das Grabmal von Alfons\u00edn, dem ersten Pr\u00e4sidenten\nnach der letzten Milit\u00e4rdiktatur (vor vierzig Jahren) ist moderner gestaltet\nals die anderen. In die Wand sind die ersten S\u00e4tze der neuen Verfassung\neingelassen. Alfons\u00edn setzte sich vor allem daf\u00fcr ein, dass die Milit\u00e4rs zur\nVerantwortung gezogen wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem Grabmal des einzigen\nnormalen, bescheidenen Mannes, der hier bestattet ist, einem ehemaligen\nFriedhofsg\u00e4rtner. Er hatte so viel Zeit hier auf dem Friedhof verbracht, dass\ner auch hier bestattet werden wollte, aber seine Gesuche wurden immer wieder\nabgelehnt. Er reichte einen Entwurf f\u00fcr sein Grabmal ein, das eine Art\nMarmorimitation vorsah. Als auch das abgelehnt wurde, reiste er nach Genau,\nbeauftragte einen italienischen K\u00fcnstler, sein Grabmal zu fertigen \u2013 mit\nGie\u00dfkanne und Hacke \u2013 und kehrte nach Buenos Aires zur\u00fcck. Einen Tag sp\u00e4ter\nlebte er nicht mehr. Er hatte sich umgebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he das Grabmal des einzigen hier\nbestatteten Sportlers, eines argentinischen Boxers, Luis Angel Firpo. Es steht\nvor seinem Grabmal, im Bademantel, zum Kampf bereit. Er wurde bekannt durch\neinen Kampf gegen den hohen Favoriten Jack Dempsey. Der Kampf war aber v\u00f6llig\nausgeglichen, und es gab eine Szene, in der Dempsey sogar aus dem Ring flog.\nUnd angez\u00e4hlt wurde. Die unklare Situation und die schlechte Qualit\u00e4t der\nRadio\u00fcbertragung sorgten daf\u00fcr, dass Firpo schon als Sieger gefeiert wurde. Der\nKampf ging aber weiter, und Dempsey siegte. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Mausoleum von Evita ist erstaunlich einfach,\nweder besonders gro\u00df noch irgendwie&nbsp;\nherausgehoben, sondern in einer l\u00e4ngeren Reihe mit anderen Mausoleen.\nW\u00fcrde man normalerweise nicht beachten. Das hat alles etwas mit ihrer\nLebensgeschichte und mit der argentinischen Zeitgeschichte zu tun. Sie war\nkeine Politikerin, sondern S\u00e4ngerin und Schauspielerin, mischte sich aber nach\nihrer Heirat mit Per\u00f3n in die Politik ein, sehr volkst\u00fcmlich, eine Person, die\nspaltet, die entweder geliebt oder gehasst wird. Sie starb schon mit 33, an\nKrebs, zu einer Zeit, als sie selbst f\u00fcr das Amt der Vizepr\u00e4sidentin\nkandidierte. Kurz nach ihrem Tod kam der Umsturz, der Peronismus geriet unter\nGeneralverdacht, Per\u00f3n ging ins Exil nach Spanien (in Francos Spanien), in Argentinien\nwurden seine Politik und seine Epoche quasi ausgel\u00f6scht. Unter diesen Umst\u00e4nden\nverbargen Evitas Freunde ihren Leichnam, er wurde sp\u00e4ter sogar nach Italien\ngeschafft und dann erst, nach der Wiedereinf\u00fchrung der Demokratie, nach\nArgentinien gebracht und dann ohne gr\u00f6\u00dfere Umst\u00e4nde, in dieses Grab gebracht.\nIhr Sarg liegt f\u00fcnf Meter unter der Erde. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt dann noch die unvermeidlichen Geschichten\n\u00fcber Gespenster, die den Friedhof nachts heimsuchen. Darunter die junge\nverstorbene Tochter eines argentinischen Autors, der das Mausoleum seiner\nFamilien nach ihrem Tod umgestalten lie\u00df, mit der liegenden Figur seiner\nTochter, ganz in Wei\u00df, als Blickfang. Das Grabmal ist durch ein schmales Gitter\nvom Weg abgetrennt, aber dazwischen ist Platz gelassen. Auf diesem Platz\nschlief die Mutter der Toten drei Monate lange jede Nacht, und ihre Pr\u00e4senz\nmuss wohl zu der Geschichte mit der wandelnden Toten gef\u00fchrt haben, die ein\njunger Mann in einer Nacht gesehen und gesprochen haben will. Mit diesen\nkleineren Geschichten endet diese ausgezeichnete F\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gibt es Wasser, Erdn\u00fcsse und Schatten in\neinem kleinen Park am Rande des Friedhofs. Wunderbar. Dazu spielt eine kleine\nJazzband, Hunde und Kinder laufen herum, und es ist alles ganz friedlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend suche ich in San Telmo das <em>Patenque<\/em>, ein von Graciela aus Uruguay\nempfohlenes Lokal. Das hat aber noch geschlossen. Aber selbst wenn nicht, es\nw\u00fcrde mir schwerfallen, die Empfehlung eines jungen Paars in den Wind zu\nschlagen: Ich solle ins <em>Atis<\/em> gehen,\ndas gebe es gutes Essen und die Terrasse oben sei einer der sch\u00f6nsten Pl\u00e4tze\nvon Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben recht. Man sitzt in einem blass\nerleuchteten Innenhof zwischen efeuberankten &nbsp;Mauern und Balkonen. Flankiert werden die von\nL\u00f6wen, die ihre Tatzen auf Kugeln legen oder Wappen in den Klauen halten. Auf\ndem unteren Teil der Mauern sch\u00f6ne blau-gelbe Kacheln. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine l\u00e4ngere Sitzreihe, aber auch kleinere\nPl\u00e4tze auf verschiedenen Ebenen und auf einem kleinen Balkon, von dem aus man\nauf den Hof hinabsieht. Die Atmosph\u00e4re k\u00f6nnte kaum besser sein. Es hat auch ein\nkleines bisschen abgek\u00fchlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle Tische sind besetzt. Ich habe Gl\u00fcck gehabt,\neinen freien Platz zu erwischen. Es gibt eine eigene Platzanweiserin, die per\nKopfh\u00f6rer und Mikrophon mit der Frau korrespondiert, die als Zerberus unten am\nEingang steht. Als ich sp\u00e4ter wieder rausgehe, hat sich dort eine lange\nSchlange gebildet. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder h\u00f6re ich, diesmal von dem Chefkeller, <em>No, por favor<\/em> als Antwort auf <em>Gracias<\/em>. Scheint eine s\u00fcdamerikanische\nEigenart zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist ausgezeichnet, ein saftiges,\nkaramellisiertes Steak, mit den typischen hauchd\u00fcnnen Kartoffelscheiben und\nger\u00f6stetem Gem\u00fcse serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das kostet nat\u00fcrlich was. Bei der Bezahlung gibt\nes die Besonderheit, dass es bei Barzahlung 10% Rabatt gibt. Aber f\u00fcr mich\nspielt das keine Rolle. Was ich hier spare, kn\u00fcpfen mir die Banken beim\nGeldabheben wieder ab.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Feiertag. Gesch\u00e4fte geschlossen, viele Lokale\ngeschlossen, wenig Verkehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Caf\u00e9 der besseren Kategorie vorbei,\ndas hat ge\u00f6ffnet. Marmortische, gro\u00dfe Spiegel, uniformierte Kellner. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle zum Kaffee eine <em>tostada<\/em>, aber das ist nicht ein Toastbrot der herk\u00f6mmlichen Sorte.\nEs sind ger\u00f6stete Baguette-St\u00fccke. Die bestreicht man mit der landestypischen\nCreme, <em>dulce de leche<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche eine Metrostation, um ins Zentrum zu\nfahren und komme an einen geschlossenen Eingang, in dem der M\u00fcll von Monaten\nherumliegt. Und entsprechend riecht. Mitten in Buenos Aires!<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Eingang ist besser. Am Bahnsteig sehe\nich auf einem Plakat <em>Ponetelo. <\/em>H\u00f6rt\nsich nach missgl\u00fccktem Spanisch an, ist aber eine Imperativform des <em>voseo<\/em> und hier, in Argentinien,\nangebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ins <em>Cabildo<\/em>,\neinem alten Kolonialgeb\u00e4ude, das fr\u00fcher wohl mal Sitz der Regierungssitz des Vizek\u00f6nigreichs\ndes R\u00edo de la Plata war und heute Museum ist. Es geht um die Revolution vom Mai\n1807.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der unteren Ebene werden Objekte aus der Zeit\nausgestellt, private wie \u00f6ffentliche, darunter sehr sch\u00f6ne Laternen mit\nSchutzblechern gegen den Wind an den Seiten und sch\u00f6ne Holzt\u00fcren. Bei den\nObjekten aus Eisen erf\u00e4hrt man, dass die Kolonien das Eisen aus Spanien\nimportieren&nbsp; mussten, weil man die\neinheimische Wirtschaft unterst\u00fctzen wollte. Das kommt mir sehr kurzsichtig\nvor. <\/p>\n\n\n\n<p>Eiserne Fu\u00dffesseln und h\u00f6lzerne Daumenschrauben,\ndie hier ausgestellt sind, stehen f\u00fcr die Zeit des Geb\u00e4udes als Gef\u00e4ngnis (bis\n1725). Das waren Ma\u00dfnahmen, um die Zahl der Fluchtversuche zu verringern.\nEntlassene H\u00e4ftlinge wurden oft Polizisten! <\/p>\n\n\n\n<p>Oben wird es politisch. Hier geht es um die\nRevolution, die zur Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fchrt. Hier wird einem klar, welche\nBedeutung die internationale Lage hatte. Spanien war durch die franz\u00f6sische\nInvasion geschw\u00e4cht, die franz\u00f6sische und die amerikanische Revolution brachten\nfreiheitliche Gedanken, England versuchte in S\u00fcdamerika Fu\u00df zu fassen. Dabei\nwurde Buenos Aires erobert, dann wieder verloren. Dann lancierte England einen\nzweiten Versuch,, Buenos Aires zu erobern, und der scheiterte an dem Widerstand\nder Argentinier, ein bedeutendes Ereignis f\u00fcr das argentinische\nSelbstverst\u00e4ndnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden Gem\u00e4lde ausgestellt, die die Ereignisse\noder die handelnden Figuren darstellen, aber um das zu sch\u00e4tzen, m\u00fcsste man\nmehr von der argentinischen Geschichte wissen <\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich aber doch noch eine Entdeckung, die\nmir im Ged\u00e4chtnis bleiben wird. Auf einer Karte sieht man, die das sp\u00e4tere\nArgentinien aus vier Teilen bestand. Nur zwei davon waren spanisch. Die beiden\nanderen waren Indio-Gebiete. Die hat sich nicht Spanien, sondern das\nunabh\u00e4ngige Argentinien einverleibt! Erstaunlich, wie wenig bekannt das ist.\nVon Freiheitskampf und Widerstand ist oft die Rede, von Eroberungen\nweniger.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Oben kann auf dem gesch\u00fctzten Balkon treten und\nauf die sonnenbeschienene Plaza de Mayo hinuntersehen. Einer der sch\u00f6nsten\nMomente der Tage in Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag steht das Viertelfinale an, und ich\nhabe eine Einladung bekommen, die ich nicht ablehnen kann. Im Hause eines\n\u00e4lteren Herrn, Sergio, einem Architekten, gebildet frankophil, mit einem Faible\nf\u00fcr Deutschland. Er kennt W\u00f6rter wie <em>Zeitgeist<\/em>\nund <em>Gesamtkunstwerk<\/em> und verweist\nstolz auf seinen zweiten Nachnamen, der deutsch ist und der auf seiner\nVisitenkarte steht. Er ist gleichzeitig eingefleischter Fu\u00dfballfan. Er f\u00fchrt\nmich durch die Wohnung. Soviel Zeit ist noch, obwohl ich mich mal wieder\nelendig verlaufen habe und erst kurz vor dem Spiel eintreffe. Eine sch\u00f6n\neingerichtete und praktische Wohnung, die fr\u00fcher einen eigenen Teil f\u00fcr das\nDienstpersonal hatte. Die Trennung kann man noch gut erkennen. Auf den\nB\u00fccherregalen lauter B\u00fccher zur Architektur, darunter ein gro\u00dfer Band zum\nBauhaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir durch die Wohnung gehen, stellt er mir\neine Frage, die nicht ganz ernst gemeint sein kann, aber aussagekr\u00e4ftig ist. Er\nwill wissen, was ich denn da immer sagte, dieses <em>Vale,<\/em> was dann den bedeute. Es kann kaum sein, dass er es nicht\nwei\u00df, aber es stimmt, dass eins der allerwichtigsten W\u00f6rter aus Spanien in\nS\u00fcdamerika nicht gebraucht wird.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Es fehlt auch nicht an einer Warnung vor meinem <em>coger el metro<\/em>, das komme hier nicht so\ngut an, ich solle besser <em>tomar el metro<\/em>\nsagen. Leichter gesagt als getan. <\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt, ob ich verwirrt war, als ich unten in\ndas Geb\u00e4ude kam. Ja, das war ich wirklich. Man kommt in das Foyer hinein und\nsteht vor lauter verschlossenen T\u00fcren. Keine Treppe, kein Aufzug zu sehen. Auch\ndas noch, nach all der Suche und der Rennerei. Es stellt sich heraus, dass der\nAufzug \u2013 man sollte eher Fahrtstuhl sagen \u2013 sich hinter einer der T\u00fcren\nverbirgt. Wo die Treppe ist, wei\u00df ich am Ende immer noch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Spiel beginnt, Argentinien macht es gut, f\u00fchrt\nv\u00f6llig verdient 2:0, und man wartet nur auf das dritte Tor. Dann schl\u00e4gt\nHolland zur\u00fcck, mit zwei Toren in letzter Minute. Verl\u00e4ngerung,\nElfmeterschie\u00dfen. Es geht gut aus. Argentinien hat verdient gewonnen. Der\nenthusiastische Kommentator spricht vom <em>Messi-ahs.\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Berichterstattung merke ich, dass <em>penaltis<\/em> hier <em>penales<\/em> sind, dass der <em>portero<\/em>\n(das sei ein Portier, gibt mir Sergio zu verstehen) hier <em>arquero<\/em> hei\u00dft, und dass der Einwurf hier nicht <em>saque de banda<\/em>, sondern <em>lateral<\/em>\nhei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken noch ein letztes Bier auf den Sieg. Er\nfragt mich, was ich von der gendergerechten Sprache halte. Oh je, ein\nabendf\u00fcllendes Thema. Ich versuche, nur kurz anzudeuten, wie ich dazu stehe. Er\nmacht verschmitzt l\u00e4chelnd, in Anlehnjung an die politisch korrekte Form <em>nosotres<\/em>, den Kommentar: \u00a1Qu\u00e9 pene!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Er ruft Gunlara an, und wir verabreden uns mit ihr\nauf eine Rundfahrt durch das abendliche Buenos Aires. Als wir aus dem Haus\ngehen, fallen die ersten Tropfen, und dann geht es richtig los. Es ist kein\nHalten mehr. Man sieht noch Fu\u00dfballanh\u00e4nger mit v\u00f6llig durchn\u00e4ssten Trikots\noder mit entbl\u00f6\u00dftem K\u00f6rper durch den Regen laufen, aber das Wasser sammelt sich\nauf den Stra\u00dfen, es spritz auf allen Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber gro\u00dfe Avenidas, sehen verschiedene\nMuseen und Theater, blicken auf den noch leicht r\u00f6tlich schimmernden R\u00edo de la\nPlata und fahren an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Jura vorbei, in einem Geb\u00e4ude, das jedem\nF\u00fcrsten gut zu Gesicht stehen w\u00fcrde. Auf dem Gel\u00e4nde befindet sich eine silbern\ngl\u00e4nzende, gro\u00dfe Skulptur in Form einer Lilie. Die \u00f6ffnet und schlie\u00dft sich von\nselbst, je nach Sonnenstand. Die Skulptur geht auf eine Initiative des\nehemaligen Dekans zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs testet er mich mit ein paar Witzen mit\nWortspielen, mit gro\u00dfem Erfolg. Ich verstehe keinen einzigen. Auch sp\u00e4ter\nkommen immer wieder leicht sp\u00f6ttische, aber ausgesprochen liebensw\u00fcrdige\nAnspielungen. Wir haben schnell eine gemeinsame Sprache gefunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht von Proust und seiner Begeisterung f\u00fcr\nihn und von Borges, und kommt dann noch mal mit einem deutschen Ausdruck, den\ner aus einem Fellini-Film kennt: <em>die\nSeele reinigen<\/em>. Er wundert sich, dass ich das nicht kenne. Am n\u00e4chsten Tag\nsehe ich im Internet, dass es sogar ein Heimspiel gewesen w\u00e4re: Der Ausdruck\ngeht auf Hildegard von Bingen zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen ab und kommen in ein Kneipenviertel. Es\ngeht ins <em>Desigual<\/em>, einem\nhemds\u00e4rmeligen Lokal, in einer Seitenstra\u00dfe gelegen. Was da auf dem Grill\nliegt, sieht gut aus und riecht gut und ist ein eindeutiger Beleg daf\u00fcr, dass\nArgentinien ein Land ist, in dem Fleisch regiert. Wir bestellen <em>entra\u00f1a<\/em>, was nichts mit Innereien zu tun\nhat, sondern ein gegrilltes St\u00fcck Rindfleisch ist. Dazu gibt es Salat und\nPommes. Gunlara bedient sich bei denen, aber sehr bescheiden. Sie ist der ganze\nKontrast zu Sergio und Vegetarierin. Seit 36 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00fcbernimmt die Rechnung, da l\u00e4sst er gar keinen\nZweifel aufkommen, und anschlie\u00dfend bringen sie mich noch bis vor die Haust\u00fcr.\nIch gehe aber schnell noch durch das n\u00e4chtliche Viertel und mache ein Photo vom\nUntert\u00fcrkheim, dem ersten Lokal, das ich bei der Ankunft in Buenos Aires\ngesehen habe. Ein vers\u00f6hnlicher Abschluss der Tage in Buenos Aires. <\/p>\n\n\n\n<p>10. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht alles gut, ich bekomme die Haust\u00fcr\nzu und erwische gleich vor der T\u00fcr ein Taxi. Der Taxifahrer sagt, die Feier\ngestern sei im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen. Es sei nichts los\ngewesen in der Nacht. F\u00fcr das Finale w\u00fcnscht er sich Argentinien gegen England.\nDer Gewinner bekommt die Malvinas. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Flughafen, der kleinere von Buenos Aires,\nhei\u00dft Aeroparque, aber trotzdem ist hier sogar um diese nachtschlafene Zeit\nganz sch\u00f6n was los. Beim Check-in gibt es Unklarheiten bei Aerol\u00edneas\nArgentinas. Bin ich in der richtigen Schlange? Mendoza ist unter den s\u00fcdlichen\nZielen aufgelistet, liegt aber nicht im S\u00fcden, und irgendwo gibt es eine andere\nSchlange, die sich viel schneller bewegt. Vor mir sind aber auch Leute, die\nnach Mendoza wollen. &nbsp;Unsere Schlang bewegt\nund bewegt sich nicht, ich werde langsam nerv\u00f6s. Dass kommt endlich jemand und\nholt einige Leute aus der Schlange raus, deren Flug bald abgeht, und pl\u00f6tzlich\ngeht alles ganz schnell. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon um 6 Uhr sind wir in Mendoza. Der Taxifahrer\ndr\u00fcckt ordentlich auf die Tube. Und erz\u00e4hlt von einer Reise, die er gemacht\nhat, mit ein paar Freunden, mit dem Motorrad. Von Mendoza Richtung S\u00fcden, nach\nChile r\u00fcber, nach Bolivien und dann wieder zur\u00fcck. Die Stra\u00dfen seien gut\ngewesen, sie seien oft von morgens bis abends unterwegs gewesen. 26.000\nKilometer in vier Wochen, kaum vorstellbar. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Unterkunft nimmt mich statt Omar seine\nMutter in Empfang, Norma, eine sehr freundliche Frau. Ich lerne gleich auch\nDavid kennen, einen Amerikaner aus Arizona. Erst denke ich, er sei ein weiterer\nGast, aber im Laufe der Zeit wird mir klar, dass es hier eine andere Rolle hat.\nOmar selbst, Rechtsanwalt, lebt in einer anderen Stadt in der Region Mendoza. Er\nhat diesen Namen, weil sein Vater Libanese ist. Libanesische Einwanderung habe\nes hier lange gegeben. Sp\u00e4ter komme ich an einem Haus vorbei, in dem die <em>Sociedad Libanesa de Mendoza<\/em> ihren Sitz\nhat. <\/p>\n\n\n\n<p>Norma zeigt mir das winzige, aber wunderbar\nhergerichtete Zimmer, das alles bietet, was das Herz begehrt, au\u00dfer einem\nSchreibtisch. Als ich danach frage, wird mir sofort der Schreibtisch im\nWohnzimmer angeboten. Auch der Gebrauch der Waschmaschine wird sofort\nangeboten. Mein Zimmer liegt am Ende eines knallrot gestrichenen Hofs mit\nallerlei Pflanzen, alles ist sauber und sch\u00f6n, ein Aufatmen nach Buenos Aires.\nUnd das Haus selbst ist sehr geschmackvoll eingerichtet, modern, mit viel Kunst\nan den W\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Norma sagt mir, sie kenne meine Stadt. Ich wei\u00df\nnicht genau, was sie meint. Sie meint tats\u00e4chlich Trier, da sei sie gewesen.\nUnd in meinem Profil st\u00e4nde, dass ich dort wohne. Ihre Tochter lebt in Bonn,\nspricht flie\u00dfend Deutsch, und sie hat sie dort gerade dieses Jahr erst wieder\nbesucht. Am K\u00fchlschrank h\u00e4ngen Aufkleber aus allen m\u00f6glichen St\u00e4dten, die sie\nkennt, darunter \u2013 Koblenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz M\u00fcdigkeit mache ich gleich einen Spaziergang\nin die Innenstadt. Ich komme an einem gr\u00fcnen Platz vorbei, mit sch\u00f6nem\nSpringbrunnen, dann an noch einem gr\u00fcnen Platz, dann finde ich irgendwo ein\nCaf\u00e9. Die Stadt ist noch im Erwachen, f\u00fcr mich f\u00fchlt es sich viel sp\u00e4ter an. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zur Touristeninformation durch.\nFreundliche junge Frau, die mich mit einem Stadtplan und ein paar Tipps\nausstattet. Auf ihren Rat gehe ich zu einem Reiseb\u00fcro. Da sitzt eine\ngelangweilte junge Frau und zeigt mir die Brosch\u00fcre mit den Tagesausfl\u00fcgen. Ich\nk\u00f6nne mir das alles in Ruhe \u00fcberlegen, sie sei bis acht Uhr hier. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck zu dem zentralen Platz der Stadt,\nder Plaza de la Independencia. Es gibt keinen Stadtrundgang, sondern eine\nStadtrundfahrt, da habe ich etwas missverstanden, aber egal, ich mache es\neinfach. Ist gar nicht so schlecht. Und man sitzt oben unter einer Plane und\nbekommt den Fahrtwind ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir sitzt ein Paar, er Mexikaner, sie\nVenezolanerin. Sie fragen mir L\u00f6cher in den Bauch \u00fcber Auswanderung nach\nEuropa, welches ist das beste Land, wo kommt man am besten mit Englisch\nzurecht, welche H\u00fcrden gibt es. Die meisten Fragen kann ich nur so halb\nbeantworten, aber sie sind sehr zufrieden und sch\u00fctteln mir zum Abschluss die\nHand. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Rundfahrt wird eins schnell klar: Mendoza\nist die Stadt der Pl\u00e4tze: <em>Plaza de la\nIndependencia<\/em>, <em>Plaza<\/em> <em>Italia<\/em>, <em>Plaza Espa\u00f1a<\/em>, <em>Plaza Sarmiento<\/em>,\n<em>Plaza<\/em> <em>San Mart\u00edn<\/em>. Alle sehr gr\u00fcn, genauso wie die Stra\u00dfen. Die Zweige der\nB\u00e4ume auf beiden Seiten der Stra\u00dfe treffen sich oben und bilden eine Art\nBaldachin. Sch\u00f6n anzusehen und sch\u00f6n schattig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mendoza hat keine gro\u00dfen Sehensw\u00fcrdigkeiten, aber\nauch keine h\u00e4sslichen Seiten wie die anderen St\u00e4dte S\u00fcdamerikas. Es ist ein\nsch\u00f6nes Ensemble, aus Altstadt und Neustadt bestehend. <\/p>\n\n\n\n<p>Das einschneidendste Ereignis der Stadtgeschichte\nwar das Erdbeben von 1861. Es forderte 4000 Leben (bei einer Bev\u00f6lkerung von\n11500). Das Feuer dauerte vier Tage lang. Danach wurde die Altstadt wieder\naufgebaut und die Neustadt angelegt. Sie unterscheiden sich eigentlich nur\ndurch die Breite der Stra\u00dfen. An das Erdbeben erinnert auch die lokale\nJungfrau, <em>Nuestra Se\u00f1ora del Terromoto<\/em>,\ndie einige Bewohner gesch\u00fctzt haben soll. Ebenfalls die Ruinen der ehemaligen\nJesuitenkirche zeugen von dem Erdbeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es \u00fcber die Avenida Avellaneda, die\naber keine Pappeln tr\u00e4gt, sondern Akazien und ein Baum, der <em>Tipa<\/em> hei\u00dft oder <em>Tipuana<\/em> <em>Tipo<\/em> und in\nS\u00fcdamerika oft an Stra\u00dfen anzutreffen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren Eisenbahngleise. Die habe ich vorher\nschon mal passiert und mich gefragt, was es damit auf sich hat. Es ist eine\nstillgelegte Strecke, auf der heute eine Stra\u00dfenbahn verkehrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Held der Stadt ist San Mart\u00edn. Er hat nicht\nnur seinen eigenen Platz, sondern auch sein eigenes Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Altstadt gibt es ein sog. Amphitheater,\nbenannt nach Gabriela Mistral, eine Reverenz an das Nachbarland. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es am Ende einer langgestreckten Avenida\ndurch schmiedeeiserne Tore in einen Park. Riesengro\u00df. Er beherbergt u.a. einen\nReitclub, einen Ruderclub, ein Velodrom und einen Golfplatz. Und hier befindet\nsich auch das Stadion des lokalen Fu\u00dfballvereins. Der hei\u00dft tats\u00e4chlich <em>FC Malvinas Argentinas<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00e4ume hier wurden alle angepflanzt und mussten\nlange bew\u00e4ssert werden, bis sie sich an das trockene Klima gew\u00f6hnten. Besonders\nsch\u00f6n der gro\u00dfe Brunnen des Parks, die <em>Fuente\nde los Continentes<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Park hat auch ein Naturkundemuseum, das\nSkelette von Dinosauriern ausstellt, die hier vor Ort gefunden wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir aus der Stadt heraus und befinden\nuns pl\u00f6tzlich in einer anderen Welt. Alles trocken, steinig, Wildnis, hohe\nBerge in der Distanz. Der Kontrast zu der gr\u00fcnen Stadt k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer\nsein. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht einen schmalen Weg hinauf, ganz steil. Am\nWegesrand wachsen Eukalyptusb\u00e4ume, Kiefern und Zypressen. Der Ausblick wird\nimmer spektakul\u00e4rer, geradezu schwindelerregend. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Gegend leidet unter der Trockenheit. Und\nunter den gewaltigen St\u00fcrmen und Gewittern, die vereinzelt auftreten und den\nBoden erodieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben an der Spitze des H\u00fcgels steht irgendein\nMonument, und dann geht es steil bergab. Am Rande sieht man ein\nVeranstaltungsort, in der Form eines r\u00f6mischen Theaters. Hier findet die\nAbschlussfeier des Weinfestivals von Mendoza statt, einem der gr\u00f6\u00dften\n\u00fcberhaupt, wie man erf\u00e4hrt. Das Weinfestival findet jedes Jahr am Ende der\nWeinlese statt \u2013 im M\u00e4rz! <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir pl\u00f6tzlich wieder auf der\nbaumbestandenen, ebenen Avenida Avellananeda und kommen zu unserem\nAusgangspunkt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Bustour gehe ich wieder in das Reiseb\u00fcro.\nDie Frau sagt, gut, dass sie kommen, wir wollten gerade schlie\u00dfen. Aber sie\nwollten doch bis acht Uhr hier sein. Ja, aber jetzt hat mein Chef angerufen und\ngesagt, wir sollten zu einer Sitzung kommen. Dass mir das nicht viel nutzt,\nscheint sie nicht zu st\u00f6ren. In provozierender Umst\u00e4ndlichkeit stellt sie dann\nVoucher aus f\u00fcr zwei Tagesausfl\u00fcge aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause holt eine freundliche Frau\nihr Handy raus, um mir den Weg zu zeigen und gleich noch einen Tipp f\u00fcr ein\nLokal mitzugeben. Sie fragt, woher ich komme, was meine Reiseziele seien und\nsagt \u201eBienvenido en Argentina\u201c. Ich w\u00fcrde sie am liebsten gleich mitnehmen in\ndas Lokal. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Restaurant ist einfach, es gibt einfaches\nEssen mit Salat und Pommes und Portionen f\u00fcr Holzf\u00e4ller. Im Fernsehen zeigen\nsie, wie Marokko auch noch Portugal rauswirft. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, fragt Norma, ob ich\nnicht mit ihnen essen wolle. Ja, gerne. Sie bereitet einen wunderbaren Salat\nvor und auf dem Grill ein paar ordentliche St\u00fccke Fleisch. Irgendwie\n\u00fcberraschend bei dieser schm\u00e4chtigen Frau. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr abwechslungsreiches Gespr\u00e4ch. David kennt\nEuropa gut, Amerika noch besser. Er ist durch die Gegend getingelt und hat sich\ndabei Zeit gelassen. Er habe erst drei Monate f\u00fcr Ecuador, Peru und Bolivien\neinkalkuliert, dann seien es drei Monate f\u00fcr Ecuador alleie geworden. Jetzt ist\ner in Mendoza h\u00e4ngen geblieben, und wohl nicht nur, weil es eine sch\u00f6ne Stadt\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Norma kommt aus Buenos Aires. Sie ist wegen ihres\ndamaligen Mannes und dessen Beruf nach Mendoza gezogen und hat sich anfangs\nganz schrecklich gef\u00fchlt. Kaum auszuhalten. Jetzt m\u00f6chte sie nicht mehr von\nhier fort, auch wenn ihre Familie weiterhin in Argentinien wohne. <\/p>\n\n\n\n<p>11. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es in die Berge. Die Fahrt geht\nRichtung Luj\u00e1n de Cuyo, wobei <em>Cuyo<\/em>\ndie Bezeichnung der Region ist, einer von acht Argentiniens. Die Einwohner\nhei\u00dfen <em>cuayanos, <\/em>&nbsp;die von Mendoza hei\u00dfen <em>mendocinos<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Norma hat recht, ich werde tats\u00e4chlich vor dem\nHaus abgeholt, und zwar als erster. Dann geht das Einsammeln los, und als nach\nanderthalb Stunden immer noch kein Wort von der Reiseleiterin gefallen ist,\nwerde ich langsam ungeduldig. Aber das Warten lohnt sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist \u00fcberw\u00e4ltigend, und es gibt\nimmer wieder ungew\u00f6hnliche Szenarien unterwegs, einen Eisenbahntunnel, der mit\ndem Felsen verwachsen zu sein scheint, weil er aus demselben Stein gebaut\nworden ist, zwei unvermittelt mitten in der Landschaft herumstehende Br\u00fccken\neiner ehemaligen Eisenbahnlinie, den <em>Cerro\nde los Pendientes<\/em>, der aussieht, als w\u00fcrden M\u00f6nche ihn auf dem Weg zur\nKathedrale oben erklimmen, W\u00e4nde am Ufer des Mendoza, bis zu zwanzig Meter\nhoch, schwarz, wie von Menschenhand erschaffen, aber tats\u00e4chlich durch Erosion\nentstanden.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Eine beeindruckende, majest\u00e4tische Landschaft, die\nuns zwischendurch alle vor Andacht schweigen l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es eine ganze Zeit gar nichts zu sehen.\nDas \u00e4ndert sich schlagartig, als wir einen langen Tunnel durchqueren und dann\npl\u00f6tzlich vor einem See mit unwirklich blauem Wasser und einem beeindruckenden\nBergpanorama stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Stausee, aber das sieht man ihm nicht\nan. Aus diesem Stausee wird ganz Mendoza mit Wasser versorgt, einem hier\nbesonders wertvollen Gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier legen wir die erste Photopause ein. Man wei\u00df\ngar nicht, in welche Richtungen man schauen soll, es ist alles sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir dann wieder im Bus sitzen, ist pl\u00f6tzlich\nmein Handy weg. Taschen durchsucht, Rucksack durchsucht, auf den Nebensitz,\nunter den Sitz, zwischen den Sitzen gesucht \u2013 nichts. Noch mal alle Taschen und\nden Rucksack durchsucht. Nichts. V\u00f6llige Ratlosigkeit. Kann es so gewiefte Diebe\ngeben, dass sie einem beim Einsteigen in den Bus in die Tasche greifen? Kann\nich das Handy irgendwo hingelegt haben? Aber wo? An dem Stand, wo ich ein\nWasser gekauft habe? Alles kaum denkbar, aber das Handy ist weg. Da kommt von\nhinten eine Stimme, \u201eSe\u00f1or, \u00bfest\u00e1 buscando su celular?\u201c. Ich sehe mich um, eine\njunge Frau, die mich ansieht und mit dem Finger nach vorne weist. \u201eEst\u00e1 sentado\nencima\u201c. \u2013 Tats\u00e4chlich. Ich sitze drauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Kaffeepause setzen wir uns nebeneinander\nund stellen uns vor. Sie hei\u00dft Evangelina, kommt aus Jujuy, im Norden\nArgentiniens, und hat sich ein paar Tage frei genommen, um diesen Teil ihres\nLandes kennenzulernen. Sie ist Geschichtslehrerin, macht unterwegs eifrig\nNotizen und stellt kluge Fragen. Wir sind sofort auf einer Wellenl\u00e4nge. Sp\u00e4ter,\nbeim Mittagessen, hilft sie mir bei der Identifizierung der Speisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind in der Precordillera, die wird von der\nCordillera Principal unterschieden, nicht nur wegen der H\u00f6he, sondern auch\nwegen der Entstehungszeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht \u00fcber die N6 Nacional\/Internacional.\nHier sind lauter Lastwagen unterwegs, die Stra\u00dfe ist der wichtigste Weg f\u00fcr den\nWarentransport zwischen Chile und Argentinien. Und sie bedeutete das endg\u00fcltige\nEnde der Eisenbahn. Denn die gab es hier wirklich mal, wie ein mitten in der\nkargen Landschaft herumstehender alter Bahnhof bezeugt. Der Bau der\nEisenbahnstrecke war wegen der vielen Tunnels und Br\u00fccken ein Mega-Unterfangen,\nganz abgesehen von den typischen finanziellen und administrativen Problemen.\nAber man hat es geschafft, 1910 war die Eisenbahn fertig und bis 1984 in\nBetrieb. Es gab allerdings wegen des Schnees und der Erosion immer wieder\nProbleme, au\u00dferdem war die Eisenbahn eingleisig und wurde mit Dampf betrieben,\nso dass immer wieder Wasser nachgef\u00fcllt wurde und Zeit verloren ging. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem schade, und vielleicht keine gute\nEntscheidung. Die Abgase und die W\u00e4rme der Autos haben es n\u00e4mlich mit sich\ngebracht, dass der Schnee schmilzt. Wir kommen an einer trist aussehenden\nehemaligen Skistation vorbei, jetzt aufgegeben und komplett verfallend, wegen\nSchneemangels. Als Folge davon ist auch die Schneeschmelze nicht mehr so\nergiebig. Der Stausee hat so wenig Wasser wie nie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schneeschmelze hat es auch mit sich gebracht,\ndass irgendwo in den Bergen die Leiche eines Kindes aus der vorkolonialen Zeit ans\nLicht gekommen ist, einer mit Papageienfedern geschm\u00fcckten Mumie der Inkas. Sie\nwar jahrhundertelang im Schnee begraben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ganzen Fahrt begleitet uns der R\u00edo Mendoza.\nSein Wasser ist sauber, sieht aber schmutzig aus, weil er so viele Sedimente\nmit sich tr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge, meist gr\u00e4ulich, haben oft bilderbuchartige\nfarbige Stellen, das Resultat von Mineralien. Rote Stellen als Ergebnis des\nVorkommens von Ton und gelbe Stellen durch das Vorkommen von Schwefel und Kalzium,\nEisen und verursacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren ein graues, nichtssagend aussehendes\nGeb\u00e4ude, das aber f\u00fcr die Region wichtig ist. Es beherbergt die Fabrik Alfajor,\nin der die bekannteste S\u00fc\u00dfigkeit Cuyos hergestellt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an einer Thermenanlage vorbei, Cacheuta,\neiner Therme der luxuri\u00f6sen Art. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ebene zwischen den Bergen befindet sich\ndie Zollstation. Die hat man hierher vorgezogen, weil oben an der Grenze wenig\nPlatz ist und die Passage immer wieder wegen der Witterung gesperrt ist, oft\nmehrere Tage lang. Hier unten haben die Lastwagen mehr Platz und die Fahrer\nhaben es w\u00e4rmer. Denn im Winter ist es hier eiskalt. Kann man sich kaum\nvorstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf unserem h\u00f6chsten Punkt sind, auf fast\n3000 Metern, sehen wir bei einer Pause zwei Kondore, aber sie fliegen in gro\u00dfer\nH\u00f6he, weit \u00fcber uns. Wir erfahren, dass man Kondore an ihrer wei\u00dfen Halskrause\nund den fingerartigen Fl\u00fcgeln erkennen kann, aber das ist von hier aus nicht zu\nsehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorher hat uns die Reisef\u00fchrerin auf einen gr\u00e4ulich-wei\u00dfen\nFelsen aufmerksam gemacht. Da haben die Kondore ihren Kot hinterlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu der Stelle, wo drei kleinere Fl\u00fcsse\nsich zum R\u00edo Mendoza vereinigen und dann zu einer historischen Steinbr\u00fccke. Sie\nist denkmalgesch\u00fctzt, aber man kann unten an den Fluss gehen und sie von\nmehreren Seiten ansehen. Sie spielte eine Rolle in dem Kampf um die\nUnabh\u00e4ngigkeit. Hier wurde eine kleinere milit\u00e4rische Einheit, Teil des <em>Ej\u00e9rcito de los Andes<\/em>, von den Spaniern\n\u00fcberrascht. Sie waren auf dem Weg \u00fcber die Anden, nach Chile. Es ging darum,\nsich dort mit vielen anderen Einheiten aus verschiedenen Himmelsrichtungen zu\ntreffen und die Spanier zu attackieren, und das war am Ende erfolgreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf dem Weg erw\u00e4hnt die Reisef\u00fchrerin den <em>Cementerio Andino<\/em>. Ich verstehe nicht\nauf Anhieb, aber es ist tats\u00e4chlich ein Friedhof f\u00fcr Bergsteiger, die in dieser\nGegend abgest\u00fcrzt und ums Leben gekommen sind. Sie sind begraben in einer\nGegend, die ihnen viel bedeutete. <\/p>\n\n\n\n<p>Der h\u00f6chste Berg der Gegend, der alles\nbeherrschende Aconcagua, misst 6.960 Meter. Seine Kuppe ist schneebedeckt, aber\nl\u00e4ngst nicht mehr so wie in fr\u00fcheren Zeiten. Er sieht von unterschiedlichen\nSeiten ganz anders aus, und unser freundlicher Busfahrer f\u00e4hrt uns zu den\nStellen, von denen man die besten Blicke hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Aconcagua ist beliebtes Ziel unter den\nBergsteigern, und die Reiseleiterin z\u00e4hlt allerlei Rekorde auf. Der j\u00fcngste\nBergsteiger, der es bis zum Gipfel geschafft hat, ein Junge aus den USA von 9\nJahren, der \u00e4lteste ein Japaner von 76 Jahren, die schnellste Besteigung einschlie\u00dflich\nAbstieg, 25 Stunden, die l\u00e4ngste Verweildauer, 61 Tage. Verr\u00fcckt, wozu Menschen\nso alles in der Lage sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren bis direkt an die chilenische Grenze,\ndrehen vor dem Tunnel wieder um. Hier gibt es noch mal eine Rast. Als ich kurz\nmit dem Busfahrer \u00fcber die steilen und kurvenreichen Stra\u00dfen spreche, antwortet\ner nach kurzem Z\u00f6gern. Mein Wort <em>conducir<\/em>\nist ihm fremd, er sagt <em>manejar<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auch mit einem brasilianischen Ehepaar\nins Gespr\u00e4ch. Sie erz\u00e4hlen, dass es zwischen Curitiba und Florian\u00f3polis einen\nFelssturz gegeben habe, genau auf der Stra\u00dfe, auf der ich auch unterwegs\ngewesen bin. Es hat Unf\u00e4lle gegeben und Tote und Verletzte. Wir unterhalten uns\n\u00fcber ihre und meine Reise, sehr angenehme Gespr\u00e4chspartner, sie spricht flie\u00dfend\nSpanisch, er spricht <em>Portu\u00f1ol<\/em>, mit\ndeutlich \u00fcberwiegendem Portugiesisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier an der Grenze gibt es auch einen <em>Cristo<\/em> <em>Redentor<\/em>, aber der Weg dorthin ist versperrt und von hier unten\nkann man ihn nicht sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber eine Besonderheit gibt es noch, bevor wir uns\nauf den R\u00fcckweg machen: <em>El puente del\nInca. <\/em>Das ist eine von der Natur, vom Thermalwasser geschaffene Br\u00fccke, r\u00f6tlich-gelb,\nso wie in Tropfsteinh\u00f6hlen. Es ist ein wunderbarer Anblick. Die Br\u00fccke ist dadurch\nentstanden, dass das Thermalwasser einen breiten Fels im unteren Teil\nausgeh\u00f6hlt hat, und jetzt sieht der \u00fcbrige Felsbogen so aus, als w\u00e4re er eine\nBr\u00fccke. Stoff f\u00fcr Legenden. Die Legende besagt, dass ein Inkaf\u00fcrst mit seinem\ngel\u00e4hmten Sohn an die Thermalquellen kommen wollte, aber den rei\u00dfenden Fluss\nnicht \u00fcberqueren konnte. Daraufhin bildeten seine Krieger eine menschliche\nBr\u00fccke. Die \u00fcberquerte er mit seinem Sohn. Als er zur\u00fcckblickte und seinen\nKriegern danken wollte, sah er, dass sie zu einer Br\u00fccke versteinert waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die moderne Fortsetzung der Geschichte der Br\u00fccke\nhat eine tragische Seite. Hier befand sich ein Thermalbad mit einem Hotel, das\ndurch einen unterirdischen Gang mit den Thermalquellen verbunden war. Das wurde\n1953 durch einen Erdrutsch komplett zerst\u00f6rt. Dabei kamen alle ums Leben, die\nsich in dem Hotel oder in den Quellen aufhielten. Gerettet wurden nur vier\nMenschen, die in der Kapelle war, die etwas entfernt vom Hotel stand und wundersamerweise\nerhalten blieb. Man sieht sie auf der anderen Seite stehen, Dokument und\nMonument gleichzeitig. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen nach einer Bank frage, um Geld\nabzuheben, gibt es eines Sturm des Entr\u00fcstens bei Norma und David: Kreditkarte!\nUm Gottes Willen! Dollars, Zoom, Western Union, alles besser als Kreditkarte.\nMit Iguaz\u00fa ergeht es mir nicht besser. Um diese Jahreszeit? Viel zu warm.\nBesser im April. Alles gut gemeint, aber nicht sehr hilfreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter in einer Bank Schlange stehe und\nmit dem Geldautomaten zu k\u00e4mpfen habe, dirigiert mich ein Mann hinter mir:\nJetzt best\u00e4tigen, jetzt Geheimzahl angeben, jetzt Auszahlung. Es klapp!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache durch die erstaunlich frische Luft einen\nSpaziergang Richtung Innenstadt. Gehe an den Caf\u00e9s am Stra\u00dfenrand vorbei und\nwerde daf\u00fcr belohnt: ein sch\u00f6nes Caf\u00e9 in einem versteckten Innenhof, mit\nStr\u00e4uchern und B\u00e4umen und Efeu an der Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau fegt umst\u00e4ndlich, erst mit einem selbst\ngebastelten, dann mit einem normalen, aber viel zu kleinen Besen, die Terrasse.\nEine Sisyphusarbeit. Mit jedem Windsto\u00df verliert der Baum neue Bl\u00fcten. Sehr\nsch\u00f6ner Baum, mit Bl\u00e4ttern, die Farn aussehen, und ganz weich aussehenden, aber\nkratzigen Bl\u00fcten. Was f\u00fcr ein Baum das denn wohl ist? Der Kellner wei\u00df es\nnicht, sein Kollege auch nicht, dann macht die Frage die Runde. Am Ende traut\nsich einer: wohl eine Art Akazie. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau mit dem Besen, der ich gesagt habe, dass\nes hier richtig sch\u00f6n sei, fragt mich, ob es mein erstes Mal sei. Da ich nicht\nwei\u00df, worauf sich die Frage bezieht, antworte ich: \u201ePrimera vez en este caf\u00e9,\nprimera vez en Mendoza, primera vez en Argentina.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Plaza\nde la Independencia<\/em> suche ich jemanden, der ein Photo von mir macht vor den\ndort aufgestellten Buchstaben mendoza. &nbsp;Dann kommt ein junger Argentinier und will\ndasselbe. Wir helfen uns gegenseitig. Wunderbar. Zwischen den gro\u00dfen Buchstaben\nkann man uns sehen, aber nur ganz unscheinbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe weiter zur <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em>. Hier reagiert die Kachel: Kacheln an den Sitzb\u00e4nken,\nKacheln an den St\u00fctzpfeilern der Laternen, Kacheln an den Treppenstufen. Auch\nder Brunnen in der Mitte des Platzes ist ganz gekachelt. Am Ende des Platzes\nbebilderte Kacheln. Die erz\u00e4hlen die Geschichte der Entdeckung Amerikas und\nfeiern die Konfraternit\u00e4t zwischen Spaniern und Einheimischen. Alles friedlich\ngelaufen. Am Rande ein Auszug aus dem Dekret, das die Anlage der <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em> bestimmte, immerhin\nschon von 1638.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auch an der Plaza Italia vorbei. \u00dcberall\nSkulpturen, ziemlich bunt zusammengew\u00fcrfelt, die Bezug auf Italien nehmen. Im\nZentrum ein Brunnen, der auf Dantes <em>Comedia<\/em>\nanspielt. Die einzelnen Szenen, die H\u00f6lle, Purgartorium und Himmel darstellen,\nbleiben mir unverst\u00e4ndlich. Verstehen kann ich nur die Figur von Dante, am\nunteren Ende einer Art Rampe stehend. Er sieht Beatrice in die h\u00f6heren Sph\u00e4ren\ndes Himmels entschwinden, in denen er nichts zu suchen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einer H\u00e4userwand\nvorbei, an der ein Mafalda-Comic angebracht ist, mit Farbe und Sprechblasen und\nallem Drum und Dran. Mafalda dr\u00fcckt emphatisch ihre politischen \u00dcberzeugungen\naus, Miguelito antwortet, es k\u00e4me doch eher auf Verst\u00e4ndnis an und darauf, sich\nnicht f\u00fcr besser zu halten als andere. Am Ende steht Mafalda nicht mehr auf der\nRednerb\u00fchne, sondern l\u00e4chelnd neben einem Stapel mit den drei Buchstaben p a z.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es losgeht, gehe ich noch schnell zur\nSt\u00e4rkung in ein mexikanisch angehauchtes Lokal mit mexikanischen Wendungen an\nder Wand. Es l\u00e4uft Musik, die sich auch mexikanisch anh\u00f6rt, wohl \u00e4lteren\nDatums. Auf dem Bildschirm erscheint ein Plattencover, das ich mir nicht\nerkl\u00e4ren kann. Der Kopf des Interpreten und darunter <em>Las<\/em> <em>N\u00famero<\/em>. Da stimmt gar\nnichts, weder Genus noch Numerus. Was kann das zu bedeuten haben? Dann sehe\nich, dass der Kopf des Interpreten in eine 1 eingebettet ist, und die muss\nmitgelesen werden: <em>Los N\u00famero 1.<\/em> &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor unserem Haus stehe und auf den Bus zur\nTour zu den Bodegas warte, sehe ich auf der anderen Stra\u00dfenseite eine Frau, die\nmich freundlich anl\u00e4chelt: Evangelina. Sie hat zwar bei einer anderen Agentur\ngebucht, aber die haben ihre Klienten wohl zusammengelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Teilnehmer werden an verschiedenen Stellen\neingesammelt. Am Schluss steigen noch zwei \u00e4ltere Damen zu. Es gibt nur noch\nzwei Einzelpl\u00e4tze f\u00fcr die. Ich stehe auf und biete ihnen an, den Platz zu\nwechseln, damie sie nebeneinander sitzen k\u00f6nnen. Hocherfreut nehmen sie mein\nAngebot an und sagen, sie wollten sp\u00e4ter den jungen Mann dann zu einem Glas\nWein einladen. Daraus wird aber nichts. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren nach Osten, Richtung Maip\u00fa. Schon sieht\nman am Stra\u00dfenrand die ersten Weinfelder. Haupts\u00e4chlich angebaut werden Malbec,\nCabernet Sauvignon und eine geheimnisvolle Rebe namens Carm\u00e9n\u00e8re. Sie galt seit\neiner Reblausplage in Frankreich als verschwunden und wurde es wiederentdeckt\ndurch einen Biologen, der sie identifizierte. Die Winzer hatten jahrzehntelang\ngeglaubt, Cabernet Sauvignon anzubauen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Der chilenische Wein, erfahren wir, ist dem\nargentinischen \u00e4hnlich, aber s\u00e4uerlicher, Folge der anderen Anbaubedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00dcberraschung kommt, als wir das erste Weingut\nanfahren. Hier werden die Weinfelder bew\u00e4ssert, mit einem ausget\u00fcftelten\nSystem, bei dem jedem Winzer an bestimmten Tagen zu bestimmten Zeiten ein\nbestimmtes Quantum an Wasser zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Er bestimmt dann\nselbst, ob das Wasser gleich auf die Weinfelder geleitet oder in Zisternen\ngespeichert wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Irgendjemand fragt, ob man die Trauben, aus denen\nWein gewonnen wird, denn auch essen k\u00f6nne. Ja, kann man, aber sie sind kleiner,\nhaben weniger Wasser und eine h\u00e4rtere Schale. <\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es zum Wein geht, besichtigen wir aber eine\n\u00d6lm\u00fchle, die \u00d6lm\u00fchle der Firma Laur, franz\u00f6sisch, heute in italienischer Hand.\nDie Produkte werden aber unter dem Namen Laur vermarktet. Stolz wird darauf\nhingewiesen, dass man als bester \u00d6lproduzent weltweit ausgezeichnet worden sei.\nWer h\u00e4tte das gedacht? \u00d6l aus Argentinien!<\/p>\n\n\n\n<p>In der sengenden Hitze suchen wir alle ein\nbisschen Schatten und erfahren, dass die ersten \u00d6lb\u00e4ume vor 130 Jahren aus\nFrankreich hier kamen. Das trockene Klima erwies sich als sehr geeignet. Diese\n\u00d6lb\u00e4ume stehen noch immer und liefern immer noch ab. 130 Jahre ist ein\njugendliches Alter f\u00fcr einen \u00d6lbaum. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind die Oliven klein, es ist genau die\nZeit, wo in Kreta die Ernte beginnt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Schatten der alten \u00d6lm\u00fchle sehen wir, wie die\nOliven gepresst und dann Wasser und \u00d6l getrennt wurden (\u00d6l schwimmt oben). <\/p>\n\n\n\n<p>Eine niedrige S\u00e4ure, (etwa 0,5) ist gut. Und je\nk\u00e4lter die Pressung, umso besser. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es im Winter richtig kalt, was man sich\nkaum vorstellen kann, und wir erfahren, dass \u00d6l sich bei niedrigen Temperaturen\nverfestigen kann. Das sei kein Problem, h\u00f6ren wir zu unserer \u00dcberraschung. Wenn\ndie Temperaturen dann steigen, verfl\u00fcssige es sich eben wieder. Ohne\nQualit\u00e4tsverlust. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Probe. Es gibt vier Sch\u00e4lchen mit\n\u00d6l und zwei mit Essig. Die ersten drei \u00d6lproben kann ich kaum unterscheiden,\naber sie schmecken alle gut, die vierte noch besser, ist aber ein bisschen\nbitter im Abgang. Der Essig ist ein Gedicht, beide s\u00fc\u00dflich, beide nicht zu\naufdringlich im Geschmack. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach komme die beiden Weing\u00fcter, ein modernes,\nein traditionelles. Bei der F\u00fchrung wird mir vor allem klar, wie schwierig es\nist \u2013 und in der Vergangenheit gewesen sein muss \u2013 die Kerne zu entfernen, und\nzwar ohne dass sie zerbrechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin im ersten Weingut will nichts von\nAlternativen zum Korken wissen. Der Korken der Korkeiche sei essentiell f\u00fcr\nBarrique-Weine, f\u00fcr die anderen benutzten sie Korken aus Zuckerrohr. Von\nPlastikverschl\u00fcssen will sie nichts wissen. Die F\u00fchrerin im zweiten Weingut hat\nvon Verschl\u00fcssen aus Zuckerrohr noch nie geh\u00f6rt. Sie hat daf\u00fcr eine\n\u00dcberraschung parat: veganer Wein. Der werde jetzt immer mehr angebaut. Da muss\nich aber doch mal nachfragen: veganer Wein? Sind nicht alle Weine vegan? Nein,\nhei\u00dft es, normalerweise werde Eiwei\u00df zugesetzt. Noch nie geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von den insgesamt sechs Proben, die wir an den\nbeiden Stellen bekommen, schmeckt mir zur eigenen \u00dcberraschung der Ros\u00e9 gut,\nder Sekt hervorragend, der Rotwein m\u00e4\u00dfig bis schlecht, am schlechtesten der\nCarm\u00e9n\u00e8re. Haben meine Geschmacksnerven unter dem ganzen Bierkonsum gelitten?\nOder ist es einfach zu hei\u00df f\u00fcr Rotwein? <\/p>\n\n\n\n<p>Die gut aufgelegte Frau im zweiten Weingut fragt\nuns, woher wir k\u00e4men: Argentinien, Mexiko, Venezuela, Brasilien, alles\nvertreten. Und zweimal Deutschland. Ich spreche den anderen Deutschen an, einen\nsehr sympathischen jungen Mann mit einer unglaublich abwechslungsreichen\nBiographie f\u00fcr sein junges Alter. Er stammt aus G\u00f6ttingen, studiert in\nRotterdam so etwas wie Wirtschaftsstatistik, hat gerade ein Auslandsemester in\nBuenos Aires hinter sich und hat vorher schon mal ein freiwilliges Jahr in\nChile verbracht. Und er ist eingefleischter Fu\u00dfballfan, Anh\u00e4nger von Werder. Er\nhat vor, in den n\u00e4chsten Tagen nach Chile zu fliegen, hat sich aber noch ein\nzus\u00e4tzliches R\u00fcckflugticket nach Buenos Aires besorgt f\u00fcr den Fall, dass\nArgentinien ins Endspiel kommt. Evangelina kommt auch sofort ins Gespr\u00e4ch mit\nihm und dann noch eine perfekt spanisch sprechneden Brasilianerin. Sie kommt\naus Brasilia, hat in Madrid gearbeitet und ist schon mehrmals in Deutschland gewesen,\nmeist bei ihrer besten Freundin, die in Bonn lebt. Sie trinkt am liebsten\nRiesling. Dann kommt noch ein Argentinier dazu, ein \u00fcberzeugter Biertrinker und\nFu\u00dfballfan. Er kann noch fast die ganze deutsche Mannschaft von der WM von 1974\nauswendig. Er will wissen, ob wir Anh\u00e4nger von Bayern sind. Das k\u00f6nnen wir\nbeide guten Gewissens verneinen.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>13. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann von Gl\u00fcck sagen, dass ich Normas Hilfe\nhabe. Erst im vierten Versuch bekommt sie ein Taxi. Das stellt ich dann aber\nsofort ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen merke ich, wie die Weinberge bis\nunmittelbar ans Flughafengeb\u00e4ude herankommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlange am Schalter ist \u2013 nicht existent. Ich\nbin sofort dran, und auch bei der Gep\u00e4ckkontrolle ist kaum jemand. In\nRekordzeit sitze ich schon am Gate. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen eine Zwischenlandung in Jujuy,\nEvangelinas Stadt. Wir k\u00f6nnen aber im Flugzeug sitzen bleiben. In der Reihe vor\nmir setzt sich ein Jude sein K\u00e4ppi auf, legt einen Gebetsumhang \u00fcber die\nSchulter und Gebetsriemen um die Arme. Dann holt er sein Gebetbuch heraus (ist\ndas die Thora?), aber als er sich gerade darin vertieft hat, muss er aufstehen,\num f\u00fcr seinen Nachbarn Platz zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Iguaz\u00fa kommen, pr\u00e4sentiert sich unten\neine gr\u00fcne, dicht bewaldete Landschaft mit einem Fluss mit braunem Sediment.\nSieht fast tropisch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen steht schon der Bus bereit, ein\nuralter Bus der Firma <em>R\u00edo Uruguayo<\/em>,\num uns in die Stadt zu bringen, zum Busbahnhof. Vor dort m\u00fcsste es eigentlich\nschnell gehen, ich brauche nur einen H\u00e4userblock weiter, aber ich kann einfach\ndie 316 nicht finden. Jetzt bin ich schon am Ende der Stra\u00dfe Richtung\nStadtausgang gelandet, und es wird immer hei\u00dfer und immer leerer, das\nHalbfinale wartet. Eine freundliche junge Frau nimmt ihr Handy raus, lokalisiert\nmeine Unterkunft und zeigt mir sogar das Photo davon: Da vorne, an dem gr\u00fcnen\nTor. Ich komme hin. Es stellt sich heraus, dass das Haus keine Hausnummer hat!<\/p>\n\n\n\n<p>In Empfang genommen werde ich von vier Hunden, von\ndenen der j\u00fcngste gleich an mir hochspringt. Der kennt mich. Dann kommt die\nHerrin der Hunde und beruhigt sie (und mich), das seien ihre <em>chicas<\/em>, die seien ganz harmlos. Sie\nhei\u00dft Gloria und ist mindestens 25 Jahre \u00e4lter und 25 Kilo schwerer als auf\nihrem Profilphoto. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage ist sehr sch\u00f6n, alles ein ganz klein\nbisschen schmuddelig und etwas ungeordnet, aber gem\u00fctlich. Unter einem Dach\nstehen ein alter K\u00fchlschrank und ein paar M\u00f6bel, dann kommt eine Wiese mit ein\npaar Pflanzen und am Ende das sch\u00f6ne, zweist\u00f6ckige Backsteinhaus, mit vier\nApartments. Das Apartment hat alles, was man sich w\u00fcnschen kann, hier kann eine\nFamilie einen ganzen Urlaub verbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gastgeberin ist nett und sehr couragiert. Sie\nhat gleich zwei Pl\u00e4ne f\u00fcr mich, einen von der Stadt, einen von den\nWasserf\u00e4llen. Und zeigt mir gleich, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Sie\nhabe selbst fr\u00fcher im Tourismus gearbeitet und reise selbst viel, deshalb wisse\nsie von beiden Warten aus, was f\u00fcr den Reisenden von Bedeutung sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir diskutieren meine Pl\u00e4ne. Von meinem Vorhaben,\ndie Wasserf\u00e4lle nur von der brasilianischen Seite aus zu sehen, will sie nichts\nwissen. Wenn man schon mal hier ist. Klar, Brasilien habe die sch\u00f6neren\nAnsichten, aber in Argentinien sei man viel n\u00e4her dran. <\/p>\n\n\n\n<p>Von meiner \u201eNotl\u00f6sung\u201c Paraguay f\u00fcr die Weiterfahrt\nist sie sehr angetan, aber von&nbsp; Ciudad\ndel Este will sie gar nichts wissen: reiner Kommerz, gef\u00e4hrlich, \u00fcberf\u00fcllt, da\nk\u00f6nne man keinen Schritt machen, ohne von irgendwem angelabert zu werden. Aber\nich wollte doch in das Guaran\u00ed-Museum und an den Staudamm. F\u00fcr den Staudamm\nk\u00f6nne sie mir jemanden besorgen, der k\u00f6nne mich gleich morgen nach den\nWasserf\u00e4llen dorthin fahren. Wir verbleiben so, dass ich mir die Sache durch\nden Kopf gehen lasse. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gehe sie erst mal Fu\u00dfball gucken. Glorias\nSohn spielt auch Fu\u00dfball, wohl professionell, in der Dominikanischen Republik.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum ist sie weg, muss ich sie schon wieder rufen.\nEs gibt zwei Internetverbindungen, mit so komplizierten Eingangsdaten, dass ich\nkeine der beiden zustande bringe. Sie schafft es dann aber im dritten Anlauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg in die Stadt und laufe\ndabei Glorias Tochter \u00fcber den Weg, mit Argentinien-Trikot. Sehr freundlich,\nfragt woher ich komme und was ich jetzt vorh\u00e4tte und gibt mir einen Tipp mit\ndem Schl\u00fcssel. Am besten hier h\u00e4ngen lassen, an dem Schl\u00fcsselbrett, dann kann\ner unterwegs nicht verloren gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird schon Zeit. Als ich ein Lokal gefunden\nhabe, hat das Spiel schon begonnen. Es geht eher abwartend los, dann bekommt\nArgentinien wieder einen Elfmeter. Dann kommt ein Tor, das eine Mischung aus\nkunstvoll und Slapstick ist. 2:0 zur Pause. Sieht gut aus, Argentinien l\u00e4sst\nnichts mehr zu und macht dann nach einem unglaublichen Dribbling von Messi das\n3:0. Finale. Wie haben diese Kroaten nur Brasilien schlagen k\u00f6nnen? <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Lokal wird das Spiel auf zwei Leinw\u00e4nden\n\u00fcbertragen, oben und unten. Oben und auf der Treppe sitzen die echten Anh\u00e4nger,\nunten sitzen wir anderen, die das Spiel eher unaufgeregt verfolgen. Es gibt\neine Zeitverz\u00f6gerung, wir sind immer zu sp\u00e4t dran. Die Begleitger\u00e4usche von\noben passen nicht zu den Bildern, die wir sehen, und als das dritte Tor f\u00e4llt,\nl\u00e4uft bei uns noch eine harmlose Mittelfeldszene. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum <em>Hito<\/em> <em>Argentino<\/em>,\nvon Gloria empfohlen. An einer Stra\u00dfenkreuzung feiernde Argentinier, darunter\nMopedfahrer, die den Sieg zelebrieren, indem sie rhythmisch den Motor aufheulen\nlassen. Passend dazu komme ich kurz darauf an einem Schild vorbei, in dem von\nL\u00e4rm als Umweltbel\u00e4stigung die Rede ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es pl\u00f6tzlich ganz einsam. B\u00e4ume, V\u00f6gel,\nein altes Zollhaus im Kolonialstil. Die Jubelges\u00e4nge h\u00f6rt man nur noch von ganz\nweitem. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00f6ffnet sich der Weg und ich stehe am Fluss.\nAber an welchem? Und wo ist der andere? Ich versuche, mich an einer Karte zu\norientieren, aber vergeblich, hier verlaufen mehrere Wege, die sich kreuzen.\nIch klopfe an einem Reiseb\u00fcro an, sonst ist hier weit und breit niemand zu\nsehen, und eine junge Frau gibt mir freundlich Bescheid.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht bergauf, und oben kommt es dann in den\nBlick, das Deutsche Ecke Argentiniens. Hier flie\u00dft der Iguaz\u00fa in den Paran\u00e1.\nGenau an der richtigen Stelle ist ein Lokal, etwas zu vornehm aussehend f\u00fcr\nmeinen Aufzug und au\u00dferdem auf Abendessensg\u00e4ste ausgerichtet. Aber ich k\u00f6nne\nauch nur etwas trinken. Und k\u00f6nne w\u00e4hlen, wo ich sitzen wolle. Sie h\u00e4tte einen\nBalkon und eine Terrasse. Was ist denn der Unterschied zwischen <em>balc\u00f3n<\/em> und <em>terraza<\/em>? Es stellt sich heraus, dass beide Aussichtsterrasse sind,\nauch beide \u00fcberdacht, aber die eine h\u00f6her gelegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus hat man eine sch\u00f6ne Aussicht auf die\nFl\u00fcsse, die gr\u00fcnen Flussufer, ein paar Bote und eine elegante H\u00e4ngebr\u00fccke, die\nzwei Flussufer miteinander verbindet. Ich setze mich und stelle die\nunvermeidliche Frage: Was ist was? Hier ist Argentinien, dr\u00fcben ist Brasilien,\nund auf der anderen Seite ist Paraguay. Die Br\u00fccke verbindet Paraguay mit\nBrasilien. Sp\u00e4ter entdecke ich in der anderen Richtung eine weitere Br\u00fccke. Die\nverbindet Brasilien und Argentinien. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich genie\u00dfe die Ruhe und die Aussicht&nbsp; und bestelle ein Bier. Dazu, passend zur\nGelegenheit, eine <em>Sopa paraguaya<\/em>. Hat\nnichts mit Suppe zu tun, erkl\u00e4rt die Kellnerin. Wie der irref\u00fchrende Name\nentstanden ist, wei\u00df man nicht. Das Gericht, ein H\u00e4ppchen eher, sieht ein\nbisschen aus wie eine <em>Tortilla espa\u00f1ola <\/em>und\nwird in mundgerechten St\u00fccken serviert. Ist eine Art Maisbrot, aber weich, mit\nMaismehl, Fett, Eiern und anderen Dingen zubereitet. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den R\u00fcckweg nehme ich den anderen Weg, keine\ngute Entscheidung, es geht durch ein gesch\u00e4ftiges Viertel mit viel L\u00e4rm und\nUnebenheiten auf den B\u00fcrgersteigen. Zwischendurch ist f\u00fcr einen Moment die\nBebauung ganz weg, es ist fast einsam, und man h\u00f6rt wieder die V\u00f6gel schreien. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt, schon nahe der Stadt, eine Kreuzung,\nund hier wird richtig gefeiert. Die Fans singen, dirigiert von einem auf einem\nPfosten stehenden Flaggenschwenker. Das h\u00f6rt sich gar nicht so schlecht an.\nAber das meiste ist nicht anders, als das, was man in jedem Land hat:\nAutokorso, Hupkonzert, Nationalmannschaftstrikots, Fahnen. Bei den Umstehenden\nviele fr\u00f6hliche, aber auch halb nachdenkliche Gesichter. <\/p>\n\n\n\n<p>14. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Fahrkartenschalter am Busbahnhof sind drei\nKunden vor mir dran, aber es dauert eine Ewigkeit. Der erste bucht gleich\nmehrere Fahrten, der zweite muss f\u00fcr eine siebenk\u00f6pfige Familie sorgen und der\ndritte zahlt per Handy, wie das hier die meisten machen. Es scheint gut zu\nfunktionieren, aber sehr kompliziert zu sein. Immer wieder m\u00fcssen neue Angaben\ngemacht und die beiden Handys miteinander koordiniert werden. Mit Bargeld h\u00e4tte\nman das l\u00e4ngst erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Aufseher bemerkt meinen suchenden Blick und\nsagt, Treppe rauf und dann \u00fcber den Steg. Wo ich denn noch schnell einen Kaffee\nbekommen k\u00f6nne, will ich wissen. \u201eDa vorne. Wenn Sie meinen Namen nennen,\nbekommen Sie 0,001% Rabatt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zu den Cataratas de Iguaz\u00fa, einer <em>der<\/em> Sehensw\u00fcrdigkeiten S\u00fcdamerikas. Habe\nin der Heimat so viele begeisterte Kommentare geh\u00f6rt, aber meine Skepsis\ngegen\u00fcber solchen Weltwundern (oder deren Besichtigung) findet bei der Anfahrt\nwieder neue Nahrung. Nach dem Anstehen bei der Fahrkartenausgabe wartet man auf\nden Bus, dann auf dessen Abfahrt, dann m\u00fcssen an der Grenze alle raus,\nPasskontrolle, wieder Schlange stehen, wieder in den Bus. Bei der Gelegenheit\npassieren wir die Br\u00fccke, die ich gestern am Dreil\u00e4ndereck gesehen habe. Dann\nkommt die letzte Haltestelle, und man glaubt, am Ziel zu sein. Dann muss man\naber die im Internet gebuchten Voucher erst gegen eine Eintrittskarte\numtauschen. Wieder Schlange stehen. Dann muss man darauf warten, eingelassen zu\nwerden (passiert nur in bestimmten Intervallen), dann steigt man auch hier in\neinen Bus, wartet auf dessen Abfahrt und l\u00e4sst sich dann noch kilometerlang\ndurch den Naturpark kutschieren, bevor man am Ziel ist. Aber es lohnt sich\ndoch. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht einen sch\u00f6nen Fu\u00dfweg runter, an beiden\nSeiten dichtes Gr\u00fcn, und dann er\u00f6ffnet sich der Blick auf die Wasserf\u00e4lle. Und\nman ist sofort gebannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass es <em>Cataratas\nde Iguaz\u00fa<\/em> hei\u00dft, im Plural, hat seinen Grund. Man sieht eine ganze Reihe\nvon Wasserf\u00e4llen, mehr als ein Dutzend, breitere und schmalere, durch Felsen\nvoneinander getrennt. Wie Gardinen h\u00e4ngen sie an den Felsen, und links glaubt\nman sogar eine Gardinenstange zu erkennen. In der Mitte, da, wo die Str\u00f6mung am\nst\u00e4rksten ist, verf\u00e4rbt sich das Wasser sogar gelblich. Rechts haben die\nWasserf\u00e4lle sogar zwei Stufen, was den Reiz noch erh\u00f6ht. Je l\u00e4nger man\nhinguckt, umso mehr Wasserf\u00e4lle entdeckt man, kleinere, an der Seite und weiter\nunten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit einem brasilianischen Ehepaar mit\nSohn ins Gespr\u00e4ch. Wir photographieren uns gegenseitig. Am Ende, als sie\nerfahren, dass ich aus Deutschland bin, gucken sie ihren Sohn bedeutungsvoll\nan. Er lernt Deutsch in der Schule. Am Anfang ist der arme Kerl ganz \u00fcberw\u00e4ltigt,\nals pl\u00f6tzlich jemand Deutsch mit ihm spricht, aber am Ende kann er doch ein\npaar S\u00e4tze sagen. Und mir erkl\u00e4ren, dass er aus S\u00e3o Paulo kommt und Jo\u00e3o hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf dem Weg weiter und die\nWasserf\u00e4lle entziehen sich dem Blick. Am n\u00e4chsten Aussichtspunkt hat man dann\neinen Blick aus der N\u00e4he und nicht mehr aus der Ferne. Und beginnt zu erahnen,\ndass die ersten Wasserf\u00e4lle, die man gesehen hat, nur ein kleiner Teil ist. Es\nsind \u00fcber zweihundert einzelne Wasserf\u00e4lle. Von hier aus sieht man oben und\nunten einen \u201eSee\u201c, eine Art Lagune, die der Fluss oben bildet, weil er an die\nFelsen ger\u00e4t, und unten, weil er das Wasser aufsammelt. Hier ist die Variation\nder Wasserf\u00e4lle noch gr\u00f6\u00dfer, und man beginnt auch das Rauschen immer deutlicher\nzu h\u00f6ren. In der Ferne sieht man einen Wasserfall, vielleicht den gr\u00f6\u00dften, bei\ndem das Wasser meterhoch nach oben spritzt und eine Art Nebelschicht bildet. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon auf dem Weg mit dem Bus durch den Park hat\nman Hunderte von Schmetterlingen gesehen, gelbe, dunkelgelb und hellgelb, und\njetzt habe ich einen Schmetterling unmittelbar vor mir. Er sucht mit seinem\nR\u00fcssel das Gel\u00e4nder ab. Ich \u201eerwische\u201c ihn einmal mit geschlossenen, einmal mit\noffenen Fl\u00fcgeln. Die geschlossenen Fl\u00fcgel sind br\u00e4unlich, mit einem schwarzen\nBesatz, die offenen Fl\u00fcgel violett, mit ein paar hellen Punkten. Wundersch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, und man kommt den Wasserf\u00e4llen\nimmer n\u00e4her. An einer Station kommt ein Tier mit langem Schwanz und spitzem\nMaul aus dem Geb\u00fcsch, und dann entdeckt man dort auch ein paar Junge. Ein\nBrasilianer sagt mir, was das f\u00fcr Tiere sind, aber ich verstehe ihn nicht\nrichtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man, dass in dem unteren See ein Schiff\ndie Besucher noch n\u00e4her an die Wasserf\u00e4lle bringt, und dann sieht man einen\nSteg, der direkt \u00fcber dem Wasser zu einem der Wasserf\u00e4lle f\u00fchrt. Das muss die\nargentinische Seite sein. Ist es aber nicht, es ist unsere. Man kann den Steg\nentlang laufen, direkt \u00fcber dem Wasser. Hier spritzt die Gischt. Einige haben\nin weiser Voraussicht ein Regencape mitgebracht (einige sogar Schutzh\u00fcllen f\u00fcrs\nHandy), wir anderen werden ordentlich nass. Aber es ist ein Erlebnis. Man hat\nWasserf\u00e4lle zu drei Seiten, zwei kommen von oben runter, einer st\u00fcrzt von uns\naus runter. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz zum Schluss kommt man, wieder auf dem\nHauptweg, direkt an den gro\u00dfen Wasserfall, ganz von der Seite, wieder eine neue\nPerspektive, und ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Rauschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein tolles Naturerlebnis. Wie muss es f\u00fcr die\ngewesen sein, die die vergessenen, nur von den Eingeborenen gekannten\nWasserf\u00e4lle entdeckt haben, also ohne \u201eVorwarnung\u201c auf sie gesto\u00dfen sind. &nbsp;Das geht mir durch den Kopf, als ich, statt\nmit dem Aufzug, \u00fcber den einsamen Felsenweg wieder nach oben steige. <\/p>\n\n\n\n<p>15. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besuch der Wasserf\u00e4lle auf der argentinischen\nSeite ist einfacher, man braucht keine Grenze zu passieren und es gibt auch\nkeinen Bus innerhalb des Parks. Es kann also sofort losgehen, und zwar nicht\nmit dem B\u00e4hnchen, das hier verkehrt, sondern \u00fcber einen der Wege, den Sendero\nVerde. Der hat seinen Namen verdient, es ist wirklich gr\u00fcn hier. Auf beiden\nSeiten des Wegs B\u00e4ume mit exotischen Namen, darunter einer mit einem kurios\ngedrechselten Stamm. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Hinweisschild ist von einem Vagabunden\ndie Rede, einer \u201epittoresken Pers\u00f6nlichkeit\u201c, einem Mann, der jahrelang mit seinem\nB\u00f6llerwagen durch die Gegend gezogen war und sich dann entschieden hatte, sich\nhier, in Iguaz\u00fa, niederzulassen. Er brachte verschiedene Pflanzen mit, die er\nhier anbaute, die aber den einheimischen Pflanzen zum Feind wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00f6rt wieder das vollt\u00f6nige Schreien der V\u00f6gel\nund dar\u00fcber einen einzelnen mit einem hohen langgezogenen Piepton. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Circuito Interior, den ich, einer\nAufpasserin zufolge, vor dem Superior nehmen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts ein rei\u00dfender Bach, es ist, wie sich\nherausstellt, ein Nebenfluss des Iguaz\u00fa, der <em>Iguaz\u00fa Inferior<\/em>. Der hat wiederum seine eigenen Wasserf\u00e4lle. An\nsich schon eine Sehensw\u00fcrdigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der erste Wasserfall in Sicht, gar\nnicht so spektakul\u00e4r, aber durch die gr\u00fcnen Zweigen zu sehen, eine der\nsch\u00f6nsten Ansichten der Cataratas. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke ein auff\u00e4lliger Geruch. Der stammt,\nwie man erf\u00e4hrt, von den Flederm\u00e4usen. Die haben hier eine H\u00f6hle. Ich suche und\nsuche, kann aber nichts finden. Vielleicht ist der Eingang der H\u00f6hle zur\nanderen Seite. Beim Herumsp\u00e4hen sehe ich dann aber etwas, das sich im Geb\u00fcsch\nraschelnd bemerkbar macht: einen Leguan. <\/p>\n\n\n\n<p>Man gelangt zu einem Aussichtspunkt. Von hier\nblickt man auf die Isla de San Mart\u00edn, mit einem 50 Meter hohen Basaltblock als\nWand, an der ein Wasserfall herunterrauscht. <\/p>\n\n\n\n<p>Darunter kommt der <em>Iguaz\u00fa Inferior<\/em> in Sicht, mit Stromschnellen. Echtes Wildwasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider ist die Garganta del Diablo geschlossen,\nder spektakul\u00e4rste Wasserfall, und auch der Circuito Inferior geht irgendwann\nnicht mehr weiter. Man muss umkehren und auf den Circuito Superior. Von dort\nhat man wunderbare Aussichten auf viele weitere Wasserf\u00e4lle, darunter <em>Las dos Hermanas<\/em>, die friedlich wie\nSchwestern nebeneinander den Felsen herunterrauschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird es aber immer voller, oft versperren die\nLeute mit Selfies den Weg, das Gedr\u00e4nge gef\u00e4llt mir nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder am Ausgang bin, frage ich, wo man\nnoch hink\u00f6nne. Da gebe es noch den Sendero Macuco, hei\u00dft es. Das seien aber\nnoch mal dreieinhalb Kilometer hin und dreieinhalb zur\u00fcck. Und es gebe weder <br>\nWasser noch Toiletten. Nach kurzem Z\u00f6gern lasse ich mich darauf ein. Hier ist\nman in einer anderen Welt. Von den Wasserf\u00e4llen ist nichts zu sehen und nichts\nzu h\u00f6ren, es geht \u00fcber einen sandigen, manchmal steinigen einsamen Waldweg. Am\nEingang zu dem Weg wird vor Schlangen und Jaguars gewarnt, mit\nVerhaltenshinweisen, und jedes Mal, wenn es im Geb\u00fcsch raschelt,, schreckt man\nkurz zusammen, jedenfalls am Anfang. Dann legt sich das. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige sind hier unterwegs, meist zu zweit.\nDer Weg wird mir etwas lang, und der Wasservorrat geht langsam zuneige. Da\nkommt mir eine freundlich l\u00e4chelnde Frau entgegen und sagt mir, es sei nicht\nmehr weit. Sie hat mich wiedererkannt. Eine Amerikanerin, die ich vorher einmal\nnach dem Weg gefragt habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Weges ist ein Wasserfall, aber man\nkann nicht ran, nicht einmal ans Wasser. Einige verwegene Jugendliche haben\nsich auf die Felsen \u00fcber dem Wasser gewagt, aber davon lasse ich lieber die\nFinger. Etwas entt\u00e4uschend, hatte gedacht, hier k\u00f6nne man die F\u00fc\u00dfe ins Wasser\ntauchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt hat sich Glorias Ank\u00fcndigung, auf der\nargentinischen Seite komme man n\u00e4her ans Wasser heran, als unzutreffend\nerwiesen, vielleicht aufgrund der gesperrten Wege. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gibt es aber noch eine\nEntsch\u00e4digung. Im Wald raschelt es, die B\u00e4ume neigen sich zur Seite, man h\u00f6rt\ngelegentliches Kreischen: Seiden\u00e4ffchen. Eine ganze Bande. Unglaublich ihre\nTreffsicherheit, wenn sie den n\u00e4chst h\u00f6heren Ast ergreifen oder sich von Baum\nzu Baum schwingen. Man bekommt sie leicht vor die Kamera, obwohl sie scheu sind\nund das Laub dicht, aber immer nur von hinten. Es dauert eine Zeit, bis man sie\nganz aufs Bild bekommt: hellbrauner R\u00fccken, hellbraunes Gesicht, dunkelbrauner\nKopf, dunkelbraune Beine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin inzwischen v\u00f6llig ausgetrocknet, aber da\nkommt ein Brunnen am Wegesrand. Nur kann ich das verrostete Schild nicht lesen.\nSteht da Agua Potable oder Agua no Potable? Ich lasse lieber die Finger davon\nund rette mich noch ins Ziel. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt mit dem Bus nach Puerto Iguaz\u00fa\nsehe ich aus dem Fenster ein Gesch\u00e4ftsschild, das mir gestern schon aufgefallen\nwar. Ich steige schnell aus, mache ein Photo und nehme daf\u00fcr noch einmal ein,\nzwei zus\u00e4tzliche Kilometer in der sengenden Sonne in Kauf. Aber es lohnt sich.\nDas Lokal hei\u00dft <em>Ll\u00e1mame como quieras<\/em>.\nNoch mal ein kleines sprachliches Schmankerl zum Abschluss der\nArgentinienreise. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Dezember (Sonntag) Yo extra\u00f1o lugares donde nunca estuve. Das gilt f\u00fcr viele Orte, auch f\u00fcr Buenos Aires. In ein fremdes Land mit der F\u00e4hre kommen \u2013 mal was anderes. W\u00e4hrend der \u00dcberfahrt \u00fcberlege ich noch, wie ich es bei &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11410\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11410"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11410"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11410\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11422,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11410\/revisions\/11422"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}