{"id":11424,"date":"2023-01-01T00:30:10","date_gmt":"2022-12-31T23:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11424"},"modified":"2023-01-03T01:36:27","modified_gmt":"2023-01-03T00:36:27","slug":"paraguay-2022","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11424","title":{"rendered":"Paraguay (2022)"},"content":{"rendered":"\n<p>16. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Paraguay sollte man schon deshalb reisen,\nweil es sonst niemand tut. Aber man muss erst mal reinkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon der erste Bus um 6.30 ist bis auf den\nletzten Platz besetzt, und zwar bis auf den letzten Stehplatz. Je n\u00e4her wir der\nGrenze kommen, umso mehr verlangsamt sich die Fahrt, und dann stehen wir im\nStau. Schier endlos. Nicht f\u00fcr schwache Blasen. Ich bin etwas unruhig, weil man\nim Internet und im Reisef\u00fchrer darauf hingewiesen wird, man m\u00fcsse selbst daf\u00fcr\nsorgen, an der richtigen Stelle auszusteigen. Eine Engl\u00e4nderin war im Bus\nsitzen geblieben und befand sich auf einmal illegal in Paraguay. Das kann \u00c4rger\neinbringen und teuer werden. Als wir uns der Grenze n\u00e4hern und ich Grenzg\u00e4nger\nzu Fu\u00df \u00fcber die Br\u00fccke gehen sehe, werde ich nerv\u00f6s. Irgendwo habe ich gelesen,\ndas m\u00fcsse ich auch tun. Es ist aber alles in Ordnung. An der Grenzkontrolle\nl\u00e4sst mich der Busfahrer raus und \u00fcbergibt mir meinen Koffer. Der Bus f\u00e4hrt\nweiter, ich bin der einzige, der hier als Ausl\u00e4nder gilt und aussteigen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die \u00fcbliche Warterei plus Prozedur bei\nder Grenzkontrolle, aber dann bekomme ich meinen Stempel.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gilt es, auf den n\u00e4chsten Bus zu warten,\naber der muss von derselben Gesellschaft sein. Ein Taxifahrer spricht mich an\nund bietet mir an, mich zum Busbahnhof zu bringen, aber ich will erst mal\nabwarten, ob der Bus kommt. Der Taxifahrer fragt mich, woher ich sei. Deutschland?\nIst das dasselbe wie England? Nee, nicht genau. <\/p>\n\n\n\n<p>Er begibt sich in Lauerstellung und ich sehe die\nparaguayische Flagge am Grenz\u00fcbergang und den zweisprachigen Willkommensgru\u00df \u2013\nSpanisch und Guaran\u00ed.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus, schneller als geglaubt. Und er\nist \u2013 fast leer. Die anderen Passagiere haben ihre Freude daran, wie ich von\ndem vollen Bus erz\u00e4hle und von meinen Sorgen, nicht rechtzeitig wegzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind in Ciudad del Este, eine Stadt mit\nschlechtem Ruf. Die Stadt sei einseitig auf Kommerz ausgerichtet, gef\u00e4hrlich\nund v\u00f6llig \u00fcberlaufen. Halb Brasilien kommt hierher zum Einkaufen. Alles ist\nbilliger, vor allem elektronische Ger\u00e4te. <\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich reiht sich in der ersten,\nlanggestreckten Stra\u00dfe ein Gesch\u00e4ft an das andere, und vor den Gesch\u00e4ften in\nmehreren Reihen Verkaufsst\u00e4nde. Es ist voll, aber es herrscht kein Gedr\u00e4nge,\ndie Leute gehen in aller Ruhe die Stra\u00dfe entlang, sogar mit dem Handy in der\nHand. Das soll einem angeblich auf der Stelle entrissen werden, hat man mir\ngesagt. Bald nach der Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe kommt sogar ein ganz sch\u00f6ner Park, es ist\nganz ruhig hier, und ich frage mich, warum ich mich so habe ins Bockshorn jagen\nlassen. Ciudad del Este hat ein Museo Guaran\u00ed und den Itaipu-Staudamm, einen\nder gr\u00f6\u00dften der Welt. Das h\u00e4\u00e4te ich mir gerne angehen. Wird unter \u201everpasste\nChancen\u201c verbucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof herrscht eifriges Treiben, aber ohne\njede Hektik. Und ich habe \u00fcberhaupt kein Gef\u00fchl, irgendwie gef\u00e4hrdet zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau am Schalter gibt mir eine ungef\u00e4hre\nAhnung, wie das Verh\u00e4ltnis von Euro und Guaran\u00ed ist: 1:7500. Darauf muss man\nsich erst einmal einstellen. Am Geldautomaten klappt alles perfekt, aber ich\nstutze, als ich das Geld heraushole. Ich m\u00fcsste 700.000 Guaran\u00ed bekommen habe,\nhabe aber nur 700. Kein gutes Gef\u00fchl. Dann sehe ich, dass neben der 100, schr\u00e4g\ngesetzt, auch noch das Wort mil\nsteht, also hat der einzelne Schein einen Wert von 100.000, nicht 100.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Toiletten wird hier kassiert. Da ich nur\ngro\u00dfe Scheine habe, frage ich die Toilettenfrau, ob ich auch mit argentinischen\nPesos bezahlen k\u00f6nne. \u201eS\u00ed, se\u00f1or.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der kleinen Cafeteria bekomme ich mein Geld\ngewechselt, aber bei der Nennung des Preises und beim Wechselgeld habe ich so\nmeine Schwierigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen ist viel los. Auf Handkarren werden S\u00e4cke\nin die Busse verladen, M\u00e4nner laufen umher, die einem das Geld umtauschen\nwollen, ein Mann bietet an, f\u00fcr den anderen zu beten \u2013 gegen Bezahlung,\nversteht sich \u2013 und Frauen laufen herum und bieten Selbstgebackenes an: \u201eChiiipa,\nchipa, chiipa\u201c. An den Reifen eines Busses macht sich ein junger Mann zu\nSchaffen. Er pinselt die Reifen mit einer Fl\u00fcssigkeit ein. Seine Antwort auf\nmeine Frage, was er da mache, verstehe ich nicht, und er versteht\nwahrscheinlich auch meine Frage nicht. Ist doch klar, was er da macht. Eins ist\nauf jeden Fall unbestritten: Die Fl\u00fcssigkeit, die er da auftr\u00e4gt, ist genau\ndas, wonach es aussieht: Saft. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus, mit dem er besch\u00e4ftigt ist, ist ein\nFabrikat von Marco Polo, aber vorne an der K\u00fchlerhaube hat er sich drei\nMercedes-Sterne anbringen lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht die Fahrt los. Unser Bus ist moderner\nals alle die anderen, die hier angekommen sind, aber nicht gerade ein Luxusbus.\nDie Sitze sind nicht sonderlich bequem und etwas zerschlissen, und auf vielen\nliegen noch Kr\u00fcmel von den anderen Passagieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch eine flache Gegend, mit auff\u00e4llig\nrotem Boden. Weite Felder mit jungen gr\u00fcnen Pflanzen. Ob das Getreide ist? Dann\nkommen Felder mit Mais und Kuhwiesen und Weinfelder. In beide Richtungen kann\nman unendlich weit sehen. Auf den Feldern stehen M\u00e4hdrescher von Claas, und an\nBetrieben wird Werbung f\u00fcr Stihl gemacht. Auf einem Wahlplakat sieht man das\nGesicht des Kandidaten German Solinger. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute im Bus sehen irgendwie paraguayisch aus,\nvor allem die M\u00e4nner. Sie erinnern mich an einen ehemaligen Bundesligaspieler,\naber ich wei\u00df nicht mehr, wie er hie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Haltestellen steigen Leute ein und bieten\nWasser, Limonade und Selbstgemachtes an. Und nat\u00fcrlich \u201eChiiipa, chipa,\nchiipa.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Ziel in Sicht, Encarnaci\u00f3n. \u00dcber\neine gro\u00dfe Br\u00fccke geht es \u00fcber den Paran\u00e1 in die Stadt hinein. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof erweist es sich, dass meine Stra\u00dfe,\nEduardo Chamorro, die unbekannteste Stra\u00dfe der Stadt ist. Selbst die Taxifahrer\nkennen sie nicht und geben sich auch keine gr\u00f6\u00dfere M\u00fche. Selbst als ich kurz davor\nbin, wei\u00df keiner Bescheid. Es ist aber noch ein weiter Weg dorthin. Statt der\nzehn Minuten, von denen der Routenplaner gesprochen hat, dauert es eine\ngeschlagene Stunde. Die B\u00fcrgersteige haben richtige L\u00f6cher, und ich kann den\nKoffer h\u00e4ufig gar nicht ziehen oder er bleibt h\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich fast da bin, wei\u00df ich das immer noch\nnicht, denn die Stra\u00dfe hat kein Stra\u00dfenschild. Eine junge Frau, die ich frage,\nzeigt nach links, als ich <em>Eduardo\nChamorro<\/em> sage und nach rechts, als ich <em>Edificio\nMaCar<\/em> sage. Das nehme ich. Aber die Klingeln, die hier angebracht sind,\nstimmen nicht mit den Angaben \u00fcberein, die ich bekommen habe. Ich stehe hilflos\nvor einem gro\u00dfen Eisentor. Auf gut Gl\u00fcck probiere ich es bei 5, denn die Zahl\ntaucht auch in meinen Angaben auf, aber da meldet sich keiner. Ich bitte in dem\nbenachbarten Gesch\u00e4ft um Hilfe. Eine Frau reagiert ziemlich lustlos, ein Mann\nbem\u00fcht sich sehr, kann aber mit den Angaben auch nichts anfangen. Den Namen der\nVermieterin kennt auch niemand. Dann versuche ich es auf gut Gl\u00fcck an einer\nanderen Klingel, und jetzt kommt die Antwort: Karina? Ja. Sie brauche aber noch\nf\u00fcnf Minuten. Das finde ich doch ziemlich komisch. Ich habe Durst und brauche\ndringend eine Toilette. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann erscheint sie, und ich schleppe meinen Koffer\nin den dritten Stock rauf. Es scheint sich um ihr eigenes Apartment zu handeln.\nSie ist noch damit besch\u00e4ftigt, Teller abzuwaschen und den Tisch zu s\u00e4ubern,\nf\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse des Angekommenen scheint sie nicht viel Verst\u00e4ndnis zu\nhaben. Sie erkl\u00e4rt mir zwar ein paar Dinge, aber nicht genau genug. Wie geht\ndas mit dem Schl\u00fcssel, wie funktioniert die Waschmaschine? Auch auf meine Frage\nnach einem Markt und einem Lokal gibt sie viel zu vage Antworten: Da m\u00fcssen Sie\ndie <em>Costanera<\/em> entlanggehen. Ja, und\nwo ist die <em>Costanera<\/em>? Wie komme ich\nda hin? In welche Richtung muss ich gehen? <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende packt sie ihre Siebensachen und\nverschwindet. Ich richte mich ein bisschen ein und merke dabei, dass der\nSchrank voll ist. Ich muss aus dem Koffer leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kleinen Pause gehe ich raus und suche nach\nder <em>Costanera<\/em>. Das ist die lange\nStra\u00dfe, die kilometerweit am Paran\u00e1 entlang l\u00e4uft, ganz nahe an der Unterkunft.\nIch habe einen sch\u00f6nen Blick auf den abendlichen Himmel mit dem Fluss und der\nBr\u00fccke. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist breit, aber um diese Zeit kaum\nbefahren. Daf\u00fcr sitzen auf einzelnen Flecken immer noch, obwohl es schon dunkel\nist, Leute auf Klappst\u00fchlen und kl\u00f6nen. An einer Stelle ist sogar noch ein\nEisverk\u00e4ufer t\u00e4tig. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einem Lokal stehe pl\u00f6tzlich vor\nder modern aussehenden Touristeninformation, gar nicht weit von der Unterkunft.\nEin Wachmann steht davor und sagt mir, dass morgen schon ab 7 Uhr ge\u00f6ffnet sei.\nWas ich denn wissen wolle? \u201eLas ruinas jesuitas\u201c. Er l\u00e4sst es sich nicht nehmen\nund schlie\u00dft auf und gibt mir mehrere Prospekte zu den Ruinen. Wir kommen ins\nGespr\u00e4ch, er ist wirklich sehr freundlich und will am Ende wissen, ob ich am\nSonntag zu Argentinien oder Frankreich halten werde. Hier seien die meisten f\u00fcr\nFrankreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der weiteren Suche nach einem Lokal komme ich\nin ein Wohnviertel. Auch hier sitzen Leute auf Klappst\u00fchlen drau\u00dfen vor dem\nHaus. Die Paraguayos verbringen einen guten Teil ihres Lebens sitzend. Hat\nvielleicht was mit der Hitze zu tun. Ich frage an einem Haus nach Lokalen, und\nnach einer kurzen Diskussion, wohin sie mich schicken sollen, steht einer\neigens auf und zeigt mir den Weg. Das passiert in den n\u00e4chsten Tagen mehrmals. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lande in der \u201egastronomischen Zone\u201c, aber hier\nsind alle Lokale bis auf einen Hamburger-Laden geschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr&nbsp; komme\nich an einem Laden vorbei, der auch um diese Zeit noch ge\u00f6ffnet hat. Rappelvoll\nmit Waren, auf Regalen, an der Wand bis oben hin, auf St\u00e4ndern. Da h\u00e4ngen ganze\nReihen von Rucks\u00e4cken und Schulranzen, teure Geschenkk\u00f6rbe stehen neben\nPutzmittel und die Nivea steht neben dem Smirnoff. Ich bekomme eine Flasche\nWasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einer ganz einfachen,\netwas schmuddeligen Imbissbude vorbei. Drinnen ein paar Jugendliche aus dem\nOrt. Drau\u00dfen, an der Stra\u00dfe, stehen zwei kleine Tische. Ich setze mich\nersch\u00f6pft hin und bestelle eine Art Schnitzelbr\u00f6tchen, das schrecklich\nschmeckt, aber den Hunger stillt und ein Bier, das den Durst l\u00f6scht. Beim\nWechselgeld taucht dann zum ersten Mal eine M\u00fcnze auf: 1.000 Guaran\u00edes. <\/p>\n\n\n\n<p>17. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gehe ich in die andere Richtung. Hier im\nViertel gibt es wirklich gar nichts. Ich muss steil rauf \u00fcber die br\u00fcchigen\nB\u00fcrgersteige bis zur Avenida. Die erw\u00e4hnen hier alle, scheint ein wichtige\nDurchgangsstra\u00dfe zu sein. Auff\u00e4llig hier die vielen Betriebe, die mit Autos zu\ntun haben, Autoh\u00e4ndler, Ersatzteillager, Reparaturwerkst\u00e4tten. F\u00e4llt mir in den\nn\u00e4chsten Tagen in Paraguay immer wieder auf. Irgendwo habe ich gelesen von\neiner Rallye, der gef\u00fcrchteten <em>Trans-Chaco-Ralley<\/em>\ngelesen die hier jedes Jahr stattfindet, im Chaco, dem d\u00fcnn besiedelten Teil des\nLandes westlich des Paraguays. Ob die Pr\u00e4senz von so viel Autounternehmen etwas\ndamit zu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Da komme ich aber zu einem sch\u00f6nen, modernen Caf\u00e9,\ndessen geschmackvolle Einrichtung mit der kitschigen Weihnachtsdekoration\nkontrastiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Touristeninformation komme ich an\neinem Stadion vorbei, in Flussn\u00e4he, eine gerade, breite Asphaltbahn mit\nTrib\u00fcnen zu beiden Seiten. Was mag das nur sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann bei der Touristeninformation ist\nbem\u00fcht, aber die Auskunft ist eher mager. Organisierte Ausfl\u00fcge zu den <em>Ruinas Jesuitas<\/em> gibt es nicht, man muss\nselbst sehen, wie man dorthin kommt. Am besten mit dem Bus. <\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof.\nDabei komme ich durch ein Wohnviertel und sehe vor einem Haus ein Tischchen mit\nallerlei s\u00e4uberlich angeordneten Kr\u00e4utern darauf. Davor ein gro\u00dfes Schild mit\nder Aufschrift terer\u00e9. Eine junge\nFrau kommt die Treppe hinunter und erkl\u00e4rt mir bereitwillig, was es damit auf\nsich hat und l\u00e4sst mich ein Photo machen. Das sind die Kr\u00e4uter, die die Leute\nzus\u00e4tzlich in ihren <em>terer\u00e9<\/em>, das\nNationalgetr\u00e4nk, mischen, aus Gr\u00fcnden des Geschmacks und aus gesundheitlichen\nGr\u00fcnden oder Gr\u00fcnden des Wohlbefindens. Sie selbst kauft die Kr\u00e4uter auch. Und\nzerkleinert sie f\u00fcr die Kunden mit einem St\u00f6\u00dfel. Was das denn alles sei, will\nich wissen. Das wei\u00df sie auch nicht. Die Kunden w\u00fcssten das und suchten selbst\naus, was sie brauchen. Interessantes Gesch\u00e4ftsgebaren und sch\u00f6ne Begegnung. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand einer der auff\u00e4llig orangefarben\nbl\u00fchenden B\u00e4ume, die man hier immer wieder sieht. Irgendwann bekomme ich das\nmit den B\u00e4umen auseinandergedr\u00f6selt: Die orangefarbenen, die hei\u00dfen <em>chivato<\/em>, die violetten hei\u00dfen <em>jacaranda<\/em>, die gelben <em>lapacho<\/em>. Sie sind alle auff\u00e4llig und\nbeleben das sonst etwas triste Stadtbild. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann taucht auf einmal eine orthodoxe Kirche auf,\nmit der typischen Kuppel und dem typischen Kreuz, in hellen, etwas kitschigen\nFarben gehalten. Die Inschriften \u00fcber dem Eingang sind in kyrillischer Schrift.\nDie orthodoxen Kirchen hier zeugen von der starken Einwanderung aus der\nUkraine.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof die bekannte Betriebsamkeit. Kleine\nL\u00e4den, davor Verkaufstische mit Billigkleidung, M\u00e4nner, die laut rufend\nFahrkarten anbieten oder Devisen und nat\u00fcrlich \u201eChiiipa, chipa, chiipa\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Bus steht abfahrbereit, im letzten Moment\nerwische ich noch eine Flasche Wasser, aber als ich im Bus sitze, bekomme ich\nden Verschluss nicht auf. Das nennt man Pech. Dann kommt eine Frau hinein und\nverkauft Wasser. Das nennt man Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kann losgehen. Der Bus f\u00fcllt sich immer mehr.\nAm Ende muss eine Frau stehen, nicht jung, aber j\u00fcnger als ich. Ich biete ihr\nmeinen Platz an, und sie nimmt ohne die \u00fcblichen Abwehrbewegungen an. Jetzt\nsitzen in dem Bus lauter Paraguayos, und ich als einziger Ausl\u00e4nder stehe. Dann\nsteht aber ein Mann f\u00fcr eine deutlich \u00e4ltere Frau auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter mir sprechen zwei M\u00e4nner Guaran\u00ed. Ich\nversuche, irgendwelche Charakteristika herauszuh\u00f6ren, kann das aber nicht. Ich\nk\u00f6nnte nicht einmal sagen, wie die Sprache klingt. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorne an der Fahrert\u00fcre stehen die zehn Gebote.\nDas dritte Gebot lautet hier: <em>Santificar\nlas fiestas \u2013 Du sollst die Festtage heiligen<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Trinidad, ich steige aus, alle anderen\nfahren weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin noch nicht da. Es geht durch ein Tor und\ndann einen langen, schattenlosen Weg entlang bis zum Eingang. Dort ist das\nEmpfangsschild auch zweisprachig, genauso wie sp\u00e4ter alle Schilder auf dem\nGel\u00e4nde. Die Aufpasser sprechen alle Guaran\u00ed untereinander. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zuerst einen Einf\u00fchrungsfilm. Ich bekomme\nihn auf Deutsch. Auff\u00e4llig der Gebrauch von urt\u00fcmlich statt urspr\u00fcnglich und\ndie \u00dcbersetzung des Leitspruchs der paraguayischen Touristenbeh\u00f6rde: <em>Paraguay \u2013 hay que sentirlo. <\/em>\u2013 <em>Paraguay \u2013 man muss es h\u00f6ren. <\/em>Gemeint\nist wohl eher <em>Paraguay \u2013 man&nbsp; muss es f\u00fchlen. &nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen ein Modell der ehemaligen Anlage. Man\nsieht sofort, wie gro\u00df sie war. Zur Hochzeit lebten 608 Familien hier.\nInsgesamt gab es 60 solche D\u00f6rfer, das erste wurde 1609 gegr\u00fcndet, dieses hier,\nTrinidad, 1706. Mit der Ausweisung der Jesuiten hatte die Sache ein Ende. Die\nF\u00fchrerin erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, die Dominikaner h\u00e4tten versucht, von den Jesuiten zu\n\u00fcbernehmen, aber die Indios h\u00e4tten ihnen nicht vertraut. Sie waren emotional an\ndie Jesuiten gebunden. Das Gel\u00e4nde lag dann 150 Jahre lang brach. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Haupterwerbsquellen des Dorfes waren Viehzucht\nund Keramik. Es wurden aber auch f\u00fcr die Selbstversorgung Felder bestellt,\nGem\u00fcse und Getreide. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag begann um 4 Uhr und hatte einen festen\nRhythmus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder lernten lesen und schreiben und sangen\nund beteten auf Spanisch, Guaran\u00ed und Latein. <\/p>\n\n\n\n<p>Was mich am meisten \u00fcberrascht: Auf die 3.000\nIndios kamen nur 2 Jesuiten. Das hei\u00dft, die Jesuiten hatten zwar das Heft in\nder Hand, die Mission war die Antriebsfeder, aber das Dorf war ein Dorf f\u00fcr die\nIndios. Das bedeutet auch, dass F\u00fchrungsaufgaben auch von den Indios \u00fcbernommen\nwurden. Auch die Lehrkr\u00e4fte kamen aus den Reihen der Indios. Die Indios wurden hier\nim Dorf, in einer entfernten Ecke des spanischen Imperiums, auch der spanischen\nStaatsmacht entzogen und vor Versklavung&nbsp;\nund Krankheiten gesch\u00fctzt. Diese D\u00f6rfer kamen dem jesuitischen Ideal der\n<em>Civitatis Dei<\/em> nahe. Die Bewohner\nsollten Autonomie, Wohlstand, Gleichheit genie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Verm\u00e4chtnis der Jesuiten ist aber die\nSprache. Sie haben das Guaran\u00ed studiert und aufgezeichnet und ihm (vermutlich)\nauch erst eine Schriftform gegeben. Damit haben sie genauso wie durch die\nD\u00f6rfer zum Erhalt der Sprache beigetragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann werde ich zusammen mit einem argentinischen\nEhepaar \u00fcber das Gel\u00e4nde gef\u00fchrt. Wir kommen zuerst zur Kirche, bis auf das\nDach, das aus Holz war, relativ gut erhalten. Die Kirche ist dreischiffig und\ngro\u00df. Sch\u00f6n sind der aus einem Stein gehauene, verzierte Taufstein, ebenso die\nKanzel. Im Chor hoch oben ein sch\u00f6ner Fries mit musizierenden Engeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinten im Langhaus gibt es im Seitenschiff ein\nFenster zu einem anderen Geb\u00e4ude. Das war das Gef\u00e4ngnis. Durch das Fenster\nverfolgten die Indios die Messe. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders sch\u00f6n, wie immer bei solchen Ruinen, der\nBlick durch die Fenster auf den blauen Himmel dahinter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen ein cleveres Bodenheizungssystem mit\nSteinen, die mit Dampf erw\u00e4rmt werden, und ein cleveres Bew\u00e4sserungssystem, bei\ndem das Wasser aus dem Brunnen &#8211; Regenwasser und Grundwasser \u2013 mittels d\u00fcnnen\nR\u00f6hren auf die Felder geleitet wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu der alten Kirche, der\nVorg\u00e4ngerkirche. Sie ist einschiffig und kleiner, und hier stehen nur noch die\nAu\u00dfenmauern. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewohnungen der Caciques, der H\u00e4uptlinge der\nIndios, sind in Grundmauern erhalten, die anderen Bewohnungen nicht, weil sie\nnicht aus Stein waren, sondern aus Lehmziegeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch vom Kreuzgang ist nichts erhalten. In dessen\nMitte steht ein pr\u00e4chtiger Baum. Was f\u00fcr ein Baum das ist, verstehe ich nicht,\naber er gilt wohl als Nationalbaum Paraguays und tritt auch oft symbolisch auf,\nauch im Bauschmuck der Kirche. Was ich nicht verstehe, auch als ich mich sp\u00e4ter\nnoch im Museum umsehe, ist der Einfluss der Indios auf den Bauschmuck. Ich kann\nda keine Z\u00fcge erkennen, die von dem abweichen, was wir kennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, in viele Paraguayos lebten\nin Argentinien. Sie f\u00e4nden hier einfach keine Arbeit. Hier in Paraguay gebe es\neine neue Welle von Einwanderern aus Deutschland. Die kauften Grundst\u00fccke und\nerrichteten H\u00e4user. Das sei alles sehr g\u00fcnstig zu haben, und auf diese Weise\nw\u00fcrden Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Die Argentinier erw\u00e4hnen einen Ort hier in der\nN\u00e4he, wo mehr als die H\u00e4lfte der Bewohner Deutsch spricht. Sie wollen sp\u00e4ter\nnoch dahinfahren. Zum Abschied dr\u00fccke ich ihnen noch die Daumen f\u00fcr morgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es durch die Hitze zur Bushaltestelle.\nObwohl es eine Haltestelle im eigentlichen Sinne nicht gibt. Einen Fahrplan\nschon gar nicht. Aber ein Dach, unter dem man Schutz vor der Sonne suchen kann.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autos, vor allem Lastwagen, rauschen vorbei,\nund immer wenn einer oben an der Kuppe erscheint, glaube ich, dass es der Bus\nist. Ist es aber nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit sehe ich mir die Dorfjugend\nan, wie sie auf ihren Mopeds krachend losfahren und eine Runde drehen. Einen\nHelm tr\u00e4gt fast niemand. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht so recht, wo ich fragen soll und\ngehe am Ende wieder zur\u00fcck zu den Jesuiten. Die F\u00fchrerin ist inzwischen nach\nHause gegangen. Die junge Frau an der Rezeption sagt, einen Busfahrplan gebe es\nnicht. Aber des komme schon. Allerdings verkehre der am Wochenende seltener. Na\nja, Hauptsache es kommt noch einer. Doch, das kann sie mir versichern. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme, sitzt an der Haltestelle auf\neinem Stein eine junge Frau. Hoffnungsfroh spreche ich sie an, aber sie\nversteht kein Spanisch. Wenig sp\u00e4ter kommt ihr Sohn, noch ein Kind, mit einer\nEinkaufst\u00fcte heran und dann erscheint ihr Mann auf einem Moped. Zu dritt\nrauschen sie ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich, wie ein Taxi einen Fahrgast\nabsetzt, etwas weiter, an einem Hotel. Ich versuche, den Taxifahrer zu mir\nheranzuwinken. Der kommt tats\u00e4chlich, ist aber nicht frei. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Warten in der Sonne am Rand der Stra\u00dfe geht\nweiter. Immerhin gibt es einen Stein, auf den man sich setzen kann. Ich komme\nmir vor wie mitten in einem Film. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus! Gro\u00dfe Erleichterung. Der\nSchaffner ist derselbe wie heute Morgen. Es kommt zu mir und will kassieren:\n20.000. Was, frage ich, 20.000? Heute Morgen habe ich 15.000 bezahlt. Ja, die\nPreise seien gestiegen, meint er. Wie, seit heute Morgen? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich nutze die Gelegenheit, mir die Geldscheine\nanzusehen und die Zahlw\u00f6rter. Auf Guaran\u00ed ist <em>sa su<\/em> 10.000, <em>popa su<\/em> ist\n50.000. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht die obligatorische Suche nach einem\nLokal wieder los. Nachdem ich schon mehrmals in die Leere geschickt worden bin\nund ein halbes Dutzend geschlossener Lokale gesehen habe, darunter eins mit dem\nWerbespruch <em>Nosotros sabemos cocinar<\/em>,\ntreffe ich auf eine junge Frau, die sich auskennt: Entweder ein russisches\nLokal auf der 14&nbsp; de Mayo oder das\nVicio\u2019s, hier weiter runter. Sie wei\u00df aber nicht, ob das jetzt ge\u00f6ffnet ist.\nIch probiere es und habe Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr zum Restaurant f\u00e4llt mir auf, dass hier\n<em>Estire<\/em> gebraucht wird. Ist in Spanien\n<em>Tire<\/em> und in Kuba <em>Hale<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist riesig, mit einer hallenartig hohen\nWand und Uhren, die die Zeit in den Metropolen der Welt angeben. Die Kellner\nsind uniformiert, und alle Tische sind eingedeckt. Aber das Lokal ist leer. Und\nbleibt es auch, bis ich gehe. Ich muss mich der etwas aufdringlichen\nFreundlichkeit der beiden Kellner erwehren, bekomme aber ein passables Essen zu\neinem passablen Preis. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Stadtplan sehe ich mir an, wo die 15 de\nMayo mit dem russischen Lokal ist, sto\u00dfe dabei aber auf die 14 de Mayo. Hab ich\nvielleicht falsch in Erinnerung. Oder doch nicht? Es gibt beide Stra\u00dfen! Das\nhat was mit der paraguayischen Geschichte zu tun. Als 1911 die\nUnabh\u00e4ngigkeitsbewegung ihren H\u00f6hepunkt erreichte und man in den Palast des\nspanischen Gouverneurs eindrang, da war es noch Abend, 14. Mai. Der Gouverneur\nerbat sich Bedenkzeit und unterschrieb seinen R\u00fccktritt dann im Morgengrauen.\nAm 15. Mai. Also feiert Paraguay den Jahrestag seiner Unabh\u00e4ngigkeit im\nDoppelpack. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe h\u00f6re ich unter den B\u00e4umen wieder\ndie V\u00f6gel, die sich lautstark bemerkbar machen. Klingt auf jeden Fall anders\nals bei uns. Was ist das? Gezeter? Geschrei? Gekreische? Nicht unangenehm, aber\nkein Gesang und auf jeden Fall laut. Verzweifelt versuche ich unter dem Baum\nauch nur einen einzigen Vogel zu entdecken. Keine Chance. Dabei scheinen sie\ngleich \u00fcber meinem Kopf zu sein. Ich versuche es auch noch in einem kleinen\nPark, vielleicht sind die Chancen bei mehr B\u00e4umen besser. Auch hier:\nFehlanzeige. <\/p>\n\n\n\n<p>18. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen komme ich zur <em>Plaza de Armas<\/em>, dem Stadtzentrum, einem palmenbestandenen Platz mit\neinem Sammelsurium von kleineren Denkmalen \u00fcber den Platz verstreut. In der\nMitte steht eine Art Obelisk, an einer Seite befindet sich ein japanischer\nGarten mit rotem, geschwungenem Eingangstor, in einer Vitrine eine\naufgeschlagene Bibel, an einer Seite eine sch\u00f6ne, wei\u00dfe Statue einer Mutter mit\nKind, dem <em>Monumento a la Madre<\/em>, und\neinem Baum, einem Curupay, dem man hier auch die Funktion des <em>Monumento al Arbol<\/em> zugeschrieben hat.\nDer Baum, ein Curupay, war einer der Ausgangspunkte des Marsches f\u00fcr die\nUnabh\u00e4ngigkeit. Hier wird ihm auf einer Tafel von 1980 gedankt f\u00fcr 195 Jahre\nSchatten spenden, in Paraguay ein wichtiges Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz ist nicht sonderlich sch\u00f6n, hat aber\neine angenehme Atmosph\u00e4re. Familien wandern umher, ein paar Touristen sogar,\nein wandelnder Eisverk\u00e4ufer und unter einem Sonnenschirm ein Verk\u00e4ufer von <em>Panchos<\/em>. Ich bin neugierig, was das wohl\nsein kann und frage den Mann. Eine Wurst in einem Brot &#8211; ein schlichter Hot\nDog. Ich lehne erst ab, aber dann tut mir das leid und ich kaufe doch einen.\nSchmeckt scheu\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Colegio, an dem ich gestern schon\nvorbeigekommen bin, ist das Tor ge\u00f6ffnet, und im Innenhof stehen Leute an\nverschiedenen T\u00fcrchen Schlange. Was die da wohl machen? Ich frage eine Frau am\nEnde einer Schlange. Es ist ein Wahllokal. Heute sind die internen Wahlen f\u00fcr\ndie Pr\u00e4sidentschaftswahlen im n\u00e4chsten Jahr. Intern bedeutet, alle Parteien\nstellen verschieden Kandidaten auf, die dann den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf\nbestreiten werden. Die internen Wahlen sind eine Art Vorentscheidung, denn\nnormalerweise stellen die Colorados den Pr\u00e4sidenten. Sie sind schon einmal 70\nJahre ohne Unterbrechung an der Macht gewesen. Der Ehemann der Frau kommt auch\ndazu und befragt mich nach meiner Reise. Zeigt sich erstaunt, fast beeindruckt.\nIch bedanke mich und gehe wieder zu dem Tor, da kommt er noch mal hinterher und\nerkl\u00e4rt mir, dies sei eine \u00f6ffentliche Schule, eine Schule f\u00fcr 5.000 Sch\u00fcler.\nVon dieser Schule gebe es in allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Paraguays eine, sie\ngeh\u00f6rten zu den besten des Landes. Sie gehen noch auf die \u00c4ra Stroessner\nzur\u00fcck. Am Ende will er auch noch wissen, ob ich heute zu Frankreich halte. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme a <em>Centro\nMunicipal de Arte<\/em> vorbei, laut Schild heute geschlossen, aber die T\u00fcr steht\noffen. Ganz am Ende des Gangs ein Aufpasser. Auch er sehr gespr\u00e4chig, fragt\nauch nach der Reise. Ja, das Zentrum sei heute geschlossen, es beherbergt auch\neine Musikschule und ein Lernzentrum, aber die Ausstellung k\u00f6nne ich mir gerne\nansehen. Es ist eine Ausstellung von Bildern, die von Sch\u00fclern gemalt worden\nsind. Gar nicht schlecht, eine Flusslandschaft mit B\u00e4umen, eine n\u00e4chtliche\nWaldszene mit einem Hirsch und leuchtenden Sternen, zwei flirtende V\u00f6gel auf\neiner W\u00e4scheleine. Am besten gef\u00e4llt mir ein Stillleben mit Birnen und Trauben.\nWunderbar, wie hier Licht und Schatten wiedergegeben sind, wie die Fr\u00fcchte\nperspektivisch angeordnet sind und wie man die Qualit\u00e4t der Schalen geradezu\nerf\u00fchlen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr das Endspiel. Ich komme zum\nBusbahnhof und erkunde mich nach den Fahrtzeiten f\u00fcr morgen, nach Asunci\u00f3n. Bei\nder Gelegenheit frage ich, wo man wohl das Spiel sehen k\u00f6nne. Die junge Frau\nweist auf das andere Ende des Platzes und sagt: Da dr\u00fcben l\u00e4uft es schon. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein \u00fcberdachter Verkaufsstand in einer\nganzen Reihe von Verkaufsst\u00e4nden. Im Halbkreis sitzen M\u00e4nner auf Plastikst\u00fchlen\nvor dem erh\u00f6ht stehenden Bildschirm. Die Verk\u00e4uferin sieht mich und r\u00fcckt mir\nwortlos einen Stuhl zurecht. Ich habe nicht nur irgendeinen Platz, sondern\neinen privilegierten Platz. Ich frage, ob sie Terer\u00e9 habe. Sie nickt, serviert\nihm mir wortlos und r\u00fcckt ebenso wortlos ein H\u00f6ckerchen zurecht auf das die\nGer\u00e4tschaft gestellt werden kann. Dann zeigt sie mir noch, immer noch\nschweigend, wie es geht. Aus dem gro\u00dfen Krug gie\u00dft man ganz vorsichtig,\nvorsichtiger als ich das mache, das eiskalte Wasser in den mit der Mate\ngef\u00fcllten Becher, und zwar ganz am Rand. Man trinkt, ebenso vorsichtig,\nmithilfe des st\u00e4hlernen Strohhalms, der dazu serviert wird. Von Zeit zu Zeit\ngie\u00dft man Wasser nach. Die meisten M\u00e4nner um mich herum trinken auch Terer\u00e9. Er\nschmeckt erfrischend, aber bitter. Oder bitter, aber erfrischend. Ich bitte die\nFrau noch, ein Photo von mir zu machen. Auch das tut sie ohne Worte. <\/p>\n\n\n\n<p>Einige der M\u00e4nner um mich herum \u2013 es sind nur\nM\u00e4nner da, und alle trinken Terer\u00e9 \u2013 lassen dicke B\u00fcndel von Geldscheinen durch\ndie Hand gleiten. Sie haben eine kleine Tragetasche um den Hals. Sp\u00e4ter erfahre\nich, dass sie Geldwechsler sind, mit offizieller Lizenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Spiel l\u00e4uft, Argentinien spielt Frankreich an\ndie Wand, f\u00fchrt zur Halbzeit schon 2:0, mit einem wunderbar herausgespielten\nzweiten Tor. Frankreich hat in der ganzen Zeit keinen einzigen Torschuss. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Pause bestellen einige der M\u00e4nner ein Bier.\nDer Mann der Verk\u00e4uferin serviert es. Immer wieder holt er in Plastik verpackte\nEisblocks aus der K\u00fchltruhe und zerschl\u00e4gt die auf dem Tisch. Mit den\nEisst\u00fcckchen werden der Terer\u00e9 und das Bier gek\u00fchlt. Ich bestelle auch ein Bier\nund frage nach Essen. Die Frau f\u00fchrt mich schweigend zu einem Grill vor dem\nNachbarstand. Ich bestelle einen Fleischspie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite H\u00e4lfte geht weiter wie die erste\naufgeh\u00f6rt hat. Argentinien dominiert nach Belieben. Frankreich kommt kaum\neinmal dem Tor nahe. Man wartet auf das 3:0. Dann bekommt Frankreich einen\nElfmeter und gleicht eine Minute sp\u00e4ter aus. Das Spiel ist auf den Kopf\ngestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Verl\u00e4ngerung. Ich nutze die Pause, um\nweiterzuziehen. Als ich die Frau nach der Rechnung frage, gibt sie zum ersten\nMal einen Laut von sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem modernen\nFeinkostgesch\u00e4ft vorbei. Drinnen l\u00e4uft der Fernseher. Lauter junge Leute,\nM\u00e4nner wie Frauen. Ob ich gucken k\u00f6nne, frage ich. Ja, selbstverst\u00e4ndlich, sehr\nfreundlich wird mir ein Platz offeriert. Hier stehen \u00fcberall auf den Regalen\nerlesene Getr\u00e4nke und Konserven herum. An der Seite h\u00e4ngen Trinkspr\u00fcche auf\nPortugiesisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Spiel geht weiter, Chancen auf beiden Seiten.\nDie Leute hier teilen sich auf in frenetische Anh\u00e4nger von Argentinien und\nfrenetische Anh\u00e4nger von Frankreich. Sind das vielleicht Brasilianer, die\nArgentinien nichts Gutes g\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Messi erzielt per Abstauber das 3:2, aber\nFrankreich bekommt noch einen Elfmeter und gleicht zwei Minuten vor dem Ende\naus. <\/p>\n\n\n\n<p>Elfmeterschie\u00dfen. Bei jedem erfolgreichen oder\nverschossenen Elfmeter rennen die jungen Leute wie von der Tarantel gestochen\ndurch den Raum oder auf die Stra\u00dfe.&nbsp; Argentinien\nschie\u00dft nicht sonderlich platziert, aber alle vier Elfmeter gehen rein.\nFrankreich verschie\u00dft zwei Elfmeter, und Argentinien ist Weltmeister.\nHochverdient. Nach einem 1:2 im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend komme ich zuf\u00e4llig an einem Lokal vorbei,\ndas wohl typisch paraguayisch ist, au\u00dfer dass es ge\u00f6ffnet ist. Drau\u00dfen vor dem\nEingang liegt Fleisch auf dem Grill. Man kann dort schon w\u00e4hlen. Ich nehme das\nH\u00e4hnchen. Das Lokal ist etwas schmuddelig, mit etwas klebrigen Plastiksets, aber\ndas Essen ist wirklich gut, Maniok und Salat und vor allem das Fleisch. Als\nkleine Beigabe landet noch ein St\u00fcck Rippchen auf dem Tisch. Ein Gedicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernseher l\u00e4uft etwas ohne Bilder, nur mit\nwechselnden Zahlen. Erst glaube ich, es w\u00e4re irgendein Tippspiel, aber es ist\ndie Berichterstattung \u00fcber den Ausgang der Wahlen. Wahlkreis f\u00fcr Wahlkreis wird\ndurchgegangen mit dem Ergebnis und einem kurzen Kommentar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Haus vorbei, vor\ndem auf der Terrasse unter einem Schutzdach eine Gruppe von Menschen sitzt.\nErst glaube ich, es w\u00e4re ein Lokal, aber es ist ein <em>Consultorio Psicol\u00f3gico<\/em>. Die Psychologin h\u00e4lt eine flammende Rede\nund bekommt lauten Beifall. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an einer Autowerkstatt vorbei. Hier\nsteht jetzt noch ein Mechaniker in Schutzkleidung und lackiert ein Auto!<\/p>\n\n\n\n<p>19. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen schleppe ich meinen Koffer zum\nBusbahnhof. Ich hoffe, vor der langen Fahrt noch einen Kaffee zu erwischen,\naber das sch\u00f6ne Caf\u00e9 von vorgestern hat geschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr sehe ich auf der gegen\u00fcberliegenden Seite\nimprovisierte Verkaufsst\u00e4nde: Honigmelonen, Mais, Apfelsinen, Zitronen,\nTomaten, Mandioka. Ein sch\u00f6nes buntes Bild. Aus einem Topf staken H\u00fchnerbeine\nheraus, und aus einem Sack gr\u00fcne Strunks, die ich nicht identifizieren kann.\nDas sei <em>choclo<\/em>, wird mir gesagt. Eine\nMaissorte. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich kurz vor dem Bahnhof, um auf Nummer Sicher\nzu gehen, eine Frau noch mal nach dem Weg frage, strahlt sie mich an. Wir\nkennen uns doch. Was? Ja, Sie haben mich gestern schon mal nach dem Weg\ngefragt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof gibt es schnell eine Fahrkarte. Nach\nAsunci\u00f3n fahren alle Busunternehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang f\u00e4llt mir dieses Schild auf: <em>Taxis \u2013 Colectivos<\/em>. Hier das g\u00e4ngige\nWort f\u00fcr die \u00f6rtlichen Busse, in Spanien nie geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bus geht es jetzt sogar \u00fcber die dritte\nBr\u00fccke. Nach der Br\u00fccke kommt Land und dann wieder Wasser zu beiden Seiten. Der\nParan\u00e1 breitet sich hier so aus, dass die Stadtteile lauter Halbinseln oder\nsogar Inseln sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch weite Ebenen mit einzelnen Palmen,\ndann Kuhweiden und schlanke, in Reihen angebaute B\u00e4ume, wie die Pappeln bei\nuns. <\/p>\n\n\n\n<p>Dicke wei\u00dfe Wolken h\u00e4ngen bewegungslos am Himmel,\nso als w\u00e4ren sie nicht echt. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eChiiipa, chipa, chiipa\u201c. Diesmal kommt ein Mann\nin den Bus, mit der <em>chipa<\/em> in einem\nKorb unter T\u00fcchern versteckt, damit sie warm bleibt. Diesmal nehme ich eine. Schmeckt\nhervorragend, besser als alle anderen, die ich in den n\u00e4chsten Tagen probiere.\nDie <em>chipa<\/em> ist eine Kugel (oder auch\nein Ring) aus Mandioka-Mehl, mit geschmolzenem K\u00e4se gef\u00fcllt. Sp\u00e4ter frage ich\neine Passagierin, was der Verk\u00e4ufer da gefragt hat, als er die <em>chipa<\/em> anbot. Die Frage lautet <em>tradicional<\/em> oder <em>so\u2019o<\/em>. Die Variante <em>tradicional<\/em>\nist die mit K\u00e4se, die andere ist die mit Fleisch. Jedenfalls bleibt \u201eChiiipa,\nchipa, chiiipa\u201c die Erkennungsmelodie von Paraguay.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, auch wegen der vielen\nHaltestellen. Gl\u00fccklicherweise k\u00f6nnen wir Lastwagen und Viehtransporter\n\u00fcberholen, weil die Stra\u00dfe schnurgerade verl\u00e4uft und auf viele hundert Meter\neinsehbar ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende sind es sieben statt sechs Stunden, und\nich bin froh, am Ziel zu sein. Mit dem Taxi geht es zu der Unterkunft. Der\nTaxifahrer spricht auch Guaran\u00ed. Er nennt als Beispielsatz <em>Woher kommen Sie?<\/em> Das sagt er auf Spanisch und auf Guaran\u00ed. Und\nerwartet wohl, dass ich auf Guaran\u00ed antworte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft ist ein ganzes Haus, in dem auch\nder Vermieter wohnt. Den bekomme ich aber die ganze Zeit nur einmal zu sehen.\nMan l\u00e4sst sich selbst mit einem Code ins Haus ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier stehen auch K\u00fcche und Waschmaschine zur\nVerf\u00fcgung, das Zimmer ist klein, hat aber einen Schreibtisch und eine\nhervorragende Klimaanlage. Es stehen hei\u00dfe Tage bevor. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der langen Fahrt mache ich mich noch auf den\nWeg in die Innenstadt. Es ist alles andere als sch\u00f6n hier. Aber das Panorama\n\u00e4ndert sich fast schlagartig, als ich zur <em>Plaza<\/em>\n<em>Uruguaya<\/em> komme. Die wird in den\nn\u00e4chsten Tagen zu einem Orientierungspunkt. Sie ist gr\u00fcn, und auch hier wieder\nsind die V\u00f6gel zu h\u00f6ren, aber nicht zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Kathedrale, wei\u00df, Neoklassik. Am\nRande an einer Mauer eine Inschrift, die ich nicht verstehe, irgendwas von\neinem Fluss, der hier vorher verlief. Daneben ein Wahlplakat, auf dem eine\nPartei f\u00fcr ihre Kandidatin Rosa Bella wirbt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Regierungsviertel mit einem\nschweinchenrosa Geb\u00e4ude und einem weiteren Geb\u00e4ude, in etwas milderem Rosa\ngehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Paraguay sehe ich in der Ferne, wei\u00df aber\nnicht, wie ich hinkommen kann. Und es wird auch schon dunkel. <\/p>\n\n\n\n<p>Den R\u00fcckweg schaffe ich bis zur Plaza Uruguaya,\ndann bin ich verloren. Nach einigem Suchen komme ich zu einer breiten\nFreitreppe zwischen B\u00e4umen. Oben leuchtet der Himmel r\u00f6tlich. Ich gehe einfach\nrauf. Dahinter kommt ein Geb\u00e4ude in Sicht, vor dem die Leute Schlange stehen. Es\nist ein Theater. Die Frau am Ende der Schlange gibt mir Bescheid. Ich bin ganz\nfalsch und muss wieder zur\u00fcck. Zu Fu\u00df sei das etwas weit. Ich solle lieber\neinen Bus nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestellt steht ein Mann, zahnlos, wie\nsich herausstellt. Den frage ich, &nbsp;wie\ndas alles geht und welche Busse in Frage kommen. Ich kann nicht beim Fahrer\nbezahlen, man muss eine Karte haben, die man aufladen kann. Er bietet mir sogar\nan, mich mitzunehmen auf seiner Karte, das ist hier, wie sich in den n\u00e4chsten\nTagen herausstellt, ganz \u00fcblich. Man gibt dann dem Kartenhalter den\nentsprechenden Betrag. Da aber kein Bus kommt, der f\u00fcr mich in Frage k\u00e4me,\nverzichte ich darauf und mache mich zu Fu\u00df auf den langen Weg. Gl\u00fccklicherweise\nimmer geradeaus.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gehe ich \u00fcber etwas anderen Weg in die\nStadt. Und es lohnt sich. Ich komme sofort an einem Caf\u00e9 vorbei, dem <em>Bana Bana<\/em> Dort gibt es einen sehr guten\nKaffee und dazu einen knatschtrockenen Kuchen, <em>bata flora<\/em>. An der Tafel steht, neben einem selbstgemalten\nWeihnachtsbaum <em>Conf\u00eda en la magia de los\nnuevos comienzos<\/em>. Ich frage nach der Karte f\u00fcr den Bus. Die bek\u00e4me ich\ngleich nebenan. Dort ist ein kioskartiger kleiner Laden. Nein, wird mir dort\ngesagt, sie h\u00e4tten keine. Ich solle es in dem Supermarkt weiter unten in der\nStra\u00dfe versuchen, dem <em>24 Horas.<\/em>\nVorher komme ich aber noch zu einem weiteren Kiosk. Der junge Mann hat auch\nkeine und sagt mir, weiter unten in der Stra\u00dfe w\u00fcrde ich keine finden. Das\nk\u00f6nne er mir garantieren. Ich solle abbiegen. Das will ich aber nicht, weil\ndieser Weg mich zur Touristeninformation f\u00fchrt. Also versuche ich es in dem <em>24 Horas<\/em>. Nein, haben wir nicht. Auf der\nanderen Stra\u00dfenseite ist ein Chinese. Der sch\u00fcttelt nur den Kopf. Ich komme an\neiner B\u00e4ckerei vorbei, aus der es wunderbar nach frisch Gebackenem riecht. Kindheitserinnerungen.\nDas sage ich dem B\u00e4cker und verspreche, sp\u00e4ter wiederzukommen. Jetzt brauche\nich erst einmal die Karte f\u00fcr den Bus. Die bek\u00e4me ich bei <em>Biggie<\/em>, dem Supermarkt weiter unten auf der Stra\u00dfe. Bei <em>Biggie<\/em> spricht man sein Bedauern aus,\nman k\u00f6nne hier zwar die Karte aufladen, aber nicht kaufen. &nbsp;Dann kommt noch ein Chinese. Kopfsch\u00fctteln.\nIch versuche es in einer Apotheke. Auch nichts. Ich solle es doch bei <em>Biggie<\/em> versuchen. Da war ich schon.\nUngl\u00e4ubiges Staunen. Noch eine Apotheke. Auch nichts. Aber in dem Supermarkt, dem\n<em>Paran\u00e1<\/em>, weiter unten in der Stra\u00dfe,\nda h\u00e4tten sie welche. Auch der <em>Paran\u00e1<\/em>\nhat keine, und ich entschlie\u00dfe, Asunci\u00f3n eben zu Fu\u00df zu erkunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fcrgersteige hier in Asunci\u00f3n haben Flicken\nund Schlagl\u00f6cher, aber auch lose Steine und richtige L\u00f6cher, mit Abfall,\nBauschutt, Pf\u00fctzen. In einer wird mir ein Kabel bald zum Verh\u00e4ngnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einer Tierhandlung vorbei. Dort gibt\nes Wellensittiche, Kanarienv\u00f6gel, Papageien. Jetzt wei\u00df ich auf einmal, woran\nmich das Gekreische der paraguayischen V\u00f6gel erinnert. <\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig im Stadtbild sind die bunten Busse,\nteils noch mit nach vorne herausragender K\u00fchlerhaube, und die vielen Tankstellen,\nimmer an einer Stra\u00dfenecke, alle gro\u00df. Erst im Laufe der Zeit merke ich, warum\nsie so gro\u00df sind: Die Zapfs\u00e4ulen stehen in weitem Abstand zueinander. Die\nw\u00fcrden wir auf dem halben Platz unterbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zur Touristeninfo durch. Ein nettes\nM\u00e4del gibt mir einen Stadtplan una erkl\u00e4rt, wo die Museen sind. Die\nStadtrundfahrt gibt es leider nicht mehr, gerade daf\u00fcr wollte ich so fr\u00fch hier\nsein. Sch\u00f6n sei ein Gang zur <em>Costanera<\/em>,\nzum Paraguay hinunter, aber nicht jetzt, dort gebe es keine B\u00e4ume, kein\nSchatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen komme ich an einem wundersch\u00f6nen\nInnenhof vorbei, ehemaliges Haus eines italienischen Gesch\u00e4ftsmanns, der in\nAsunci\u00f3n reich wurde. Das Haus war sp\u00e4ter Sitz der paraguayischen\nTelefongesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann noch ein sch\u00f6ner Innenhof. Hier ist ein Lokal\nuntergebracht, das Munich. Es gibt Wasser und Kaffee unter einem Baum, der aus\nder Wand herauszuwachsen scheint und den ganzen Innenhof bedeckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe kaufe ich noch einen Obstsalat.\nSehr lecker der Saft. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Brunnen steht <em>No pisar<\/em>. Ich mache ein Photo wegen der Verwechslungsgefahr mit dem\nDeutschen, wo man an was anderes als <em>Nicht\nBetreten<\/em> denkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche des <em>Museo\nEtnogr\u00e1fico<\/em> gestaltet sich schwierig. Auf dem Stadtplan sieht es nicht so\nschwer aus. Das Museum ist nur ein St\u00fcck abseits eines gr\u00f6\u00dferen Platzes, aber\nwo genau, ist nicht herauszubekommen. Das Museum ist gerade au\u00dferhalb des\nKartenabschnitts, und ich habe keine Adresse. Interessant auch die Reaktion der\nLeute. \u201e\u00bfEtnogr\u00e1fico?\u201c Scheint kein gel\u00e4ufiges Wort zu sein. Wenn sie das Wort\nMuseum h\u00f6ren, wollen mich alle zum Eisenbahnmuseum schicken, das hier an dem\nPlatz liegt. Das kennen alle. Selbst als ich endlich auf der richtigen Stra\u00dfe,\nder <em>Avenida Espa\u00f1a<\/em> und nur f\u00fcnfzig\nMeter vom Eingang entfernt bin, scheint die Sache noch zu scheitern. Eine Frau,\ndie hier einen Verkaufsstand hat, hat noch nie von dem Museum geh\u00f6rt und sagt\nmir ich sei sowieso falsch. Dies sei nicht die <em>Avenida Espa\u00f1a<\/em>, sondern die <em>Avenida<\/em>\n<em>Estados Unidos<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich im Museum, das Eingangsportal ist offen,\nstehe ich vor einem verschlossenen Gitter. Es gibt aber eine Klingel. Nach\neiniger Zeit h\u00f6rt man Schritte, ein Mann kommt und schlie\u00dft mir auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist in einem altehrw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude\nuntergebracht und ziemlich altmodisch. Sein erster Museumsdirektor war ein\ngewisser Max Schmitt aus Berlin. Der legte die Grundlagen. Die zweite\nDirektorin, Branislava Susnik, sorgte dann f\u00fcr die Fortf\u00fchrung. In der\nEingangshalle wird ihr Wirken dokumentiert, sowohl, was die Feldforschung als\nauch, was die Publikationen angeht. Genaue Studien zur Phonetik und Grammatik\nder Sprache verschiedener St\u00e4mme, vor allem der Mak\u00e1. &nbsp;Beeindruckend. Sie hat ihr Leben den Indios\nund ihrer Erforschung gewidmet. Und kr\u00e4ftig gesammelt. Das Ergebnis sieht man\nhier. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los mit gro\u00dfen, sch\u00f6n mit Schnurtechnik\nverzierten Tonkr\u00fcgen. Die waren f\u00fcr die Bestattung bestimmt. Die Toten wurden\nin Hockstellung hineingesetzt. Die Mak\u00e1 glaubten nicht an ein Leben nach dem\nTod, wohl aber an die Wiedergeburt. Der Erhalt der Gebeine war deshalb von\nBedeutung. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen K\u00f6rbe aller Art und Gr\u00f6\u00dfe, aus\nPalmenbl\u00e4ttern gefertigt. Die dienten zum Sammeln von Fr\u00fcchten. Sehen\nerstaunlich fest aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Bunter Federschmuck folgt, und dann ein Kanu, mit\nerh\u00f6htem Bug und Heck. Das diente zum Fischfang, aber auch f\u00fcr Raubz\u00fcge in feindlichem\nGebiet im Chaco. Dort wurde nach Herzenslust geraubt, gepl\u00fcndert und\ngesch\u00e4ndet. Von friedfertigen Indios keine Spur. <\/p>\n\n\n\n<p>Beeindruckend die Palette von Pfeilspitzen f\u00fcr die\nJagd. Je nach Tier gibt es unterschiedlich lange und unterschiedlich geformte\nPfeile. Einige haben eine Art Spirale, andere sind glatt. Die Pfeile selbst\nsind lang, zwei bis zweieinhalb Meter lang. Sie mussten immer gr\u00f6\u00dfer sein als\nder J\u00e4ger selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlicher Schmuck ist aus Wolle gefertigt und\nsehr bunt, mit einem leuchtenden Rot als Grundfarbe. Es gibt G\u00fcrtel,\nUmh\u00e4ngetaschen, Stirnb\u00e4nder, Armreifen, Kopfschmuck. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Sammlung Max Schmitt. Hier gibt es\nExponate von anderen St\u00e4mmen zu sehen. Man sieht das auf den ersten Blick,\nalles ist weniger bunt, ged\u00e4mpfter. Der Kopfschmuck des Caciques ist hier nicht\nbunt, wie bei den Mak\u00e1, sondern schwarz-wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Am interessantesten ein \u201eAltar\u201c, nicht sofort als\nsolcher erkennbar. Auf drei d\u00fcnnen St\u00e4ben ruht ein Schiff, und auf dem Schiff\nwiederum drei Kreuze, mit haarartigen Verzierungen an allen drei Enden. Ein\nperfektes Beispiel f\u00fcr den Synchronismus, das christliche Kreuz in Verbindung\nmit dem Schiff des mythischen Tupa, mit dem er vom Regen im Osten in den Westen\nf\u00e4hrt, wo das Fest des Mais stattfindet. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz kurios auch die Ausstattung f\u00fcr ein Spiel,\ndas unserem Hockey \u00e4hnelt. Es gibt gestopfte B\u00e4lle und zwei Arten von\nSchl\u00e4gern, einen einfachen und einen, bei denen der Schl\u00e4ger in zwei Enden\nausl\u00e4uft, die mit B\u00e4ndern verbunden sind. Vielleicht macht man mit denen den\nAbschlag. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gelungen eine Maske aus Holz mit offenem Mund\nund kleinen Z\u00e4hnen. Sieht richtig furchterregend aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Der W\u00e4chter l\u00e4sst mich raus und befragt mich noch\nkurz zu meinen Reisepl\u00e4nen. Dann schlie\u00dft er das Gitter wieder hinter sich. Man\nhat nicht den Eindruck, dass er es noch mal \u00f6ffnen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich schon einmal in der Gegend bin, sehe ich\nmir auch noch das Eisenbahnmuseum an. Es ist in dem alten Bahnhof\nuntergebracht, einem Kopfbahnhof. Die&nbsp;\nBahnhofshalle ist wirklich ansehnlich. Es gibt nur zwei Bahnsteige. Die\nSchienen sind breiter als bei uns, da ist man wohl dem spanischen Modell gefolgt.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Gleisen steht eine alte Dampflok mit\nF\u00fchrerstand im Freien und unterschiedlich gro\u00dfen R\u00e4dern. Woanders ein paar alte\nWaggons, von denen man einen besichtigen kann, den Speisewagen. Breite\nLedersitze und eine praktische h\u00f6lzerne Vorrichtung zum Halten von Flaschen und\nGl\u00e4sern an den Tischen. In der Bar Whisky, Rum, Cognac. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Museum lernt man etwas von der Geschichte\nder Eisenbahn, eine Geschichte voller H\u00fcrden und Hindernisse. 1861 gab es das\nDekret zur Schaffung der Eisenbahnlinie Asunci\u00f3n \u2013 Villarica, 1999, erst 1999,\nwurde die Eisenbahnlinie endg\u00fcltig geschlossen. Es gab von vornherein\nFinanzierungsprobleme und Auseinandersetzungen zwischen dem britischen Investor\nund dem paraguayischen Staat, und als die Strecke zumindest teils fertig war,\nwurde sie w\u00e4hrend des Kriegs der <em>Triple\nAlianza<\/em> niedergelegt, dann wiederaufgebaut. Die endg\u00fcltige Schlie\u00dfung\nerfolgte nach einer \u00dcberflutung der Strecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum ausgestellt eine riesige Bahnhofsglocke\nund eine ebenso riesige Schlussleuchte \u2013 hatte schon vergessen, dass es die mal\ngut \u2013 sowie ein alter Fahrkartenautomat, der Fahrkarten auf schmalen, dicken\nPappstreifen ausgibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich kurz in eine Apotheke und\ndann in die B\u00e4ckerei vom Morgen. Dort gibt es ein Geb\u00e4ck, das <em>budin<\/em> hei\u00dft, ein Wort, das eine Variante\nunseres <em>Puddings<\/em> ist. Es ist ein\nBrot, das wie Kuchen schmeckt, etwa wie eine weichere Variante von Stollen. Das\ngibt es in zwei Versionen, mit Schokolade oder mit Fr\u00fcchten gef\u00fcllt. Auf\nEmpfehlung des B\u00e4ckers nehme ich das mit den Fr\u00fcchten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich vom Weg ab, aber es\nlohnt sich. Am Wegesrand f\u00e4llt mir ein Mann auf, der sich an irgendetwas zu\nschaffen macht, irgendetwas herzustellen scheint. Dann sehe ich am Stra\u00dfenrand\nlauter Krippen, die er auch im Angebot hat. Aber was macht er denn da? Er\nbastelt eine Art Schiffchen aus der Schale der Kokosnuss, in die er wiederum\netwas hineintut, das wie Getreide aussieht, aber wohl auch von der Kokosnuss\nstammt. Dieses Schiffchen wird dekorativ vor die Krippe gelegt, es riecht gut\nund es bringt Gl\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau und der Sohn des Mannes kommen n\u00e4her und\nverfolgen unsere Unterhaltung. Die Frau nickt best\u00e4tigend zu allem, was der\nMann sagt. Dann f\u00e4llt mein Blick auf den Sohn. Er tr\u00e4gt ein gelbes\nFu\u00dfballtrikot. Und was f\u00fcr eins! Das vom BVB. Es folgen Lachen,\nSchulterklopfen, Photos. Die Reise nach Paraguay hat sich gelohnt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich wieder durch nach Speiselokalen.\nBekomme mehrere, eher vage Hinweise. Und die typisch ausholende Handbewegung,\nbei der man nie genau wei\u00df, ob man abbiegen oder weitergehen soll. Genauso bei\ndem Wort cruzar, das auch gebraucht wird, wenn es nichts zu kreuzen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende habe ich aber Gl\u00fcck: <em>La Farola<\/em>, ein gro\u00dfes Lokal, an einem Stra\u00dfeneck gelegen. Es ist\nrappelvoll. Gegessen wird hier nach brasilianischem Vorbild, mit Buffet und\nWaage. Das Essen ist nicht billig, aber sehr schmackhaft, mit knusprigem\nH\u00e4hnchen und Kartoffeln in einer leckeren Sahneso\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zu Hause ankomme, merke ich, dass ich\nvergessen habe, Wasser zu kaufen. Ich versuche es in unserem Viertel, in der\nentgegengesetzten Richtung. Es gibt zwar ein paar kleine L\u00e4den, aber alle haben\nein Gitter runtergelassen. Ich stelle mich vor eins der Gitter, es kommt eine\nFrau, ich bestelle Wasser und sie reicht mir das Wasser durch eine kleine Luke\nin dem Gitter. Gerettet! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>21. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hotel Guaran\u00ed, gleich im Zentrum von Asunci\u00f3n,\ntreffe ich mich mit Lili M\u00fcller, meiner Reisef\u00fchrerin. Sie spricht trotz ihres\nNamens kein Wort Deutsch. Ihre Urgro\u00dfeltern sind aus Deutschland hierher\neingewandert. Sie sprachen nur Deutsch und Guaran\u00ed. Sie selbst spricht auch\nGuaran\u00ed und macht davon im Laufe des Tages immer wieder Gebrauch, indem sie\nOrtsnamen und im Original nennt und \u00fcbersetzt. Hier in Paraguay habe es keine\nVersklavung gegeben, und das sei der Grund daf\u00fcr, dass sie so viel von dem\nindigenen Erbe behalten h\u00e4tten, sagt sie, darunter eben die Sprache. Ihr\ndeutscher Name, sagt sie im Laufe des Tages, habe ihr manche T\u00fcre ge\u00f6ffnet.\nDeutsche Namen haben positive Assoziationen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht alles im Schnelldurchlauf, wir kratzen\nimmer nur an der Oberfl\u00e4che herum, einen Einblick in die Geschichte der Stadt\noder gar des Landes bekomme ich nicht. Aber es wird ein erlebnisreicher Tag. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel <em>Guaran\u00ed<\/em>\nliegt an dem zentralen Platz von Asunci\u00f3n, eigentlich einem Ensemble von vier\nPl\u00e4tzen, der Plaza de los H\u00e9roes. Um den Platz herum liegen einige der\nwichtigsten Geb\u00e4ude der Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Asunci\u00f3n wurde, wie es hei\u00dft, auf sieben H\u00fcgel\nerrichtet, dem r\u00f6mischen Mythos folgend. Wir befinden uns an der Stelle des <em>Loma de Cabras<\/em>, des Ziegenh\u00fcgels. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir besichtigen, ohne unn\u00f6tig Zeit zu verlieren,\ndie Kathedrale, eine Apotheke, deren \u00e4ltester Teil zu einem Museum umgebaut\nworden ist, und das Pantheon. Ein Zentralbau mit Kuppel, der wie eine Kirche\naussieht. Und urspr\u00fcnglich war es auch eine Kirche, das <em>Oratorio Nuestra Se\u00f1ora de<\/em> <em>Asunci\u00f3n<\/em>,\nder Marienfigur, der die Stadt ihren Namen verdankt. Ihr werden die \u00fcblichen\nWunder zugeschrieben. Ihre Statue, mit voller Bekleidung und Schwert, steht\nhier erh\u00f6ht in hinter Glas in der Apsis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Vorbild des Invalidendoms von Paris wurde\ndie Kirche dann umgestaltet und zur Grablege der bedeutendsten paraguayischen\nHerrscher. Das sind, Lili zufolge, diese drei: Rodr\u00edguez de Francia, Carlos\nAntonio L\u00f3pez und dessen Sohn, Francisco Solano L\u00f3pez, der hier meist Mariscal\nL\u00f3pez hei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in eine Eisdiele, wo wir die einzigen\nG\u00e4ste sind. Die landestypische Sorte ist leider ausverkauft. Wir nehmen beide\nnur eine Kugel, aber die ist so gro\u00df, dass sie liegend auf einem Pappteller\nserviert wird. Lili l\u00e4sst sich gerne einladen. Das f\u00fchrt zu einer ausgedehnten\nDiskussion \u00fcber den Verhaltenskodex von M\u00e4nnern Frauen gegen\u00fcber, ob man die\nT\u00fcr aufhalten oder in den Mantel helfen oder zum Eis einladen erlaubt ist oder\nnicht. Sie findet, das m\u00fcsse erlaubt sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, mit ihrer Hilfe etwas Licht in die\nparaguayische Geschichte zu bringen. Der erste der genannten Pr\u00e4sidenten,\nRodr\u00edguez de Francia, war der erste Pr\u00e4sident Paraguays \u00fcberhaupt, nach der\nUnabh\u00e4ngigkeit (1811) zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt (1814). Schon wenig sp\u00e4ter (1816)\nerkl\u00e4rte er sich zum Pr\u00e4sidenten auf Lebenszeit und wurde f\u00fcr fast drei\u00dfig Jahre\nParaguays erster Diktator und isolierte das Land vom Ausland. Das habe zu\ngro\u00dfem Wohlstand gef\u00fchrt, meint Lili, aber das will mir nicht so recht\neinleuchten. Wenn es Wohlstand gab, dann wohl eher aufgrund der von ihm\nvorangetriebenen Industrialisierung, und ob die f\u00fcr die Landbev\u00f6lkerung so\nertragreich war, k\u00f6nnte man auch bezweifeln. Dann kam Carlos Antonio L\u00f3pez und\ndann dessen Sohn, der Mariscal. Den findet Lili besonders toll. In seine Zeit\nfiel aber der verh\u00e4ngnisvolle Krieg der Triple Alianza, bis heute f\u00fcr Paraguay eine\ntraumatische Erfahrung. Ein Krieg gegen die Dreierallianz von Brasilien,\nUruguay und Argentinien. Wie es dazu kam, verstehe ich nicht, aber die\nKonsequenzen waren verheerend. Paraguay verlor einen Gro\u00dfteil seines\nTerritoriums (und wohl auch den Zugang zum Meer) sowie unglaubliche 70% seiner\nBev\u00f6lkerung. <\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte ein weiterer Krieg, <em>La Guerra del Chaco<\/em>, diesmal gegen Bolivien. Hier ging es wohl um\n\u00d6lvorkommen. Auch hier war Paraguay der Verlierer. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den beiden Kriegen lagen allerdings 52\nJahre, bei Lili h\u00f6rt es sich so an, als folgte der eine direkt auf den anderen.\nDas Ergebnis aber war, wie sie sagt, dass acht Frauen auf einen Mann kamen. Sie\nglaubt, das erkl\u00e4re die St\u00e4rke und Selbst\u00e4ndigkeit der paraguayischen Frauen.\nDie h\u00e4tten einfach viele Aufgaben und Arbeiten \u00fcbernommen, die sonst nur in den\nH\u00e4nden von M\u00e4nnern lagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Erkl\u00e4rung bekomme ich aber noch, die ich\ndieser Tage schon vergeblich versucht habe, dem Taxifahrer abzuringen: Wie\nhei\u00dft Asunci\u00f3n eigentlich auf Guaran\u00ed? Es hei\u00dft <em>Paragua\u0177<\/em>, und das unterscheidet sich in der Orthographie und in der\nAussprache von dem Namen des Flusses, <em>Paraguay<\/em>.\n&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe, macht Lili mich auf einen\nOrangenbaum mit noch unreifen Fr\u00fcchten aufmerksam, einen <em>Naranja H\u00e1i<\/em>, eine Art Bitterorange, mit wohlriechenden Bl\u00e4ttern.\nWir reiben ein paar Bl\u00e4tter zwischen den Fingern, und der volle Duft entfaltet\nsich. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann schleppt sie mich zur Touristeninformation\nund zeigt mir die vielf\u00e4ltigen Souvenirs, die hier angeboten werden, Schmuck\nund Holzfiguren, sehr geschmackvoll gemacht. Auch ein Schachspiel gibt es zu\nsehen, in denen die Figuren Bezug nehmen auf die <em>Guerra de la Triple Alianza<\/em>. Erstaunlich, dass ein so verheerender\nKrieg so in die Folklore Eingang findet. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Touristeninformation steht ein\nWeihnachtsbaum mit typisch paraguayischem Schmuck. Sieht ganz anders aus als\nbei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur <em>Casa\nde la Independencia<\/em>, einem der \u00e4ltesten Geb\u00e4ude der Stadt. Hier trafen sich\ndie Promotoren der paraguayischen Unabh\u00e4ngigkeit in geheimen Sitzungen. Heute\nsind Objekte aus der Zeit ausgestellt. Die interessanteste Skulptur ist eine\nHeiligenfigur, mit leicht indigenen Z\u00fcgen (vor allem einer auff\u00e4llig\ndreieckigen Nase) und leicht unproportionierten H\u00e4nden. Diese Figuren wurden\nvon den Indios hergestellt, und zwar in Zusammenarbeit. Verschiedene K\u00fcnstler\nstellten verschiedene Teile her, die dann zusammengesetzt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Innenhof dieses sch\u00f6nen Geb\u00e4udes steht ein\nbl\u00fchender Jasmin, gro\u00df wie ein Baum. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum <em>Centro Cultural Manzana de la Rivera,<\/em> einem ganzen Komplex von\nkleineren Museen in einem alten Geb\u00e4ude. Im <em>Museo\nMemoria de la Ciudad<\/em> gibt es Texte, Karten, Alltagsgegenst\u00e4nde, Grafiken,\nGem\u00e4lde aus verschienen Zeiten zu sehen. Hier k\u00f6nnte man einen ganzen Tag\nverbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant zwei Modelle, die die Stadtentwicklung\nveranschaulichen. Der erste Stadtplan richtete sich nach den Fl\u00fcssen aus, die\nStra\u00dfen verliefen entsprechend unregelm\u00e4\u00dfig. Dann gab es einen gr\u00f6\u00dferen\nEingriff \u2013 l\u00e4sst entfernt an das Paris Hausmanns erinnern \u2013 bei dem die Fl\u00fcsse\nunterirdisch verlegt und die Stra\u00dfen begradigt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganz gro\u00dfe Rolle spielt hier die Harfe. Die\nwird hier wohl als das Nationalinstrument angesehen. Harfen verschiedener\nMachart sind ausgestellt, und in Videos kann man Kostproben zuh\u00f6ren. Im Zentrum\nsteht die Wasserharfe, aber trotz Nachfrage verstehe ich nicht, welche Funktion\ndas Wasser hier hat. In einem Video sieht es fast so aus, als h\u00e4tte die Harfe\nkeine eigentlichen Saiten, sondern als w\u00e4ren Wasserstrahle die Saiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganz anderes Thema greifen Zeichnungen der\nchristlichen Missionare \u00fcber die Gewohnheiten der Eingeborenen auf. Auf den\nBildern sieht man, dass es sich um Menschenfresser handelte. Die Opfer wurden\nden G\u00f6ttern dargebracht. Es waren oft erfolgreiche Krieger. Verschiedenen\nSchichten des Stammes kamen dann verschiedene K\u00f6rperteile zu. Das Herz war sehr\nbegehrt weil damit die Eigenschaften des Kriegers auf den Konsumenten\n\u00fcbergingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lili wird \u00fcberall freundlich begr\u00fc\u00dft von den\nAufpassern. Sie ist bekannt und tr\u00e4gt trotz der Hitze eine Jacke mit dem ihrem\nNamen und dem Emblem des Tourismusverbandes. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir besuchen auch einen Raum, der sich mit Medien\nbesch\u00e4ftigt, Schallplatten und Filmkassetten und alte Filmrollen sind\nausgestellt. Sie zeigt mir zwei CDs mit Filmen, die in Paraguay spielen und\ndann die Schallplatte eines S\u00e4ngers, der Heldenstatus genie\u00dft, Jos\u00e9 Asunci\u00f3n\nFlores, der Sch\u00f6pfer des Guarania, eines Musikgenres. Seinen zweiten Vornamen\nhat er sich zugelegt, es ist eine Art K\u00fcnstlernamen. Er wuchs in einem\nArmenviertel von Asunci\u00f3n auf und verdingte sich als Schuhputzer und\nZeitungsjunge. Er experimentierte aber schon als Junge mit verschiedenen\nVersionen eines alten paraguayischen Liedes und begann dann, eigene Lieder zu\nschreiben. Durch die Zusammenarbeit mit einem paraguayischen Dichter kam dann\nder Durchbruch. Die Texte sind auf Guraran\u00ed, aber es gibt auch spanische\nVersionen. Sein emblematischstes Lied ist &#8220;Recuerdos de Ypacara\u00ed\u201c (auf das\nwir im Laufe des Tages noch sto\u00dfen werden). Dann kam es zu politischen Verwicklungen,\nund er wurde in der \u00c4ra Stroessner des Landes verwiesen. Er starb im Exil,\nwurde sp\u00e4ter aber rehabilitiert. Seine sterblichen Reste wurden nach Asunci\u00f3n\n\u00fcberf\u00fchrt und an einem Platz, der jetzt seinen Namen tr\u00e4gt, beigesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch auf die Terrasse hinten am Geb\u00e4ude.\nVon hier hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die R\u00fcckfront des rosafarbenen\nRegierungspalasts und seine G\u00e4rten. Der Palast wurde unter dem \u00e4lteren der\nL\u00f3pez errichtet. Er kontraktierte einen englischen Architekten, um einen Hauch\nvon Europa nach Paraguay zu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Lili meint, weil ich die anderen Museen schon\ngesehen h\u00e4tte, sollten wir lieber einen Ausflug machen, in ihrem Auto, zum Lago\nYpacara\u00ed. Das Benzin m\u00fcsste ich allerdings bezahlen. Das sei teuer in Paraguay.\nZ\u00e4hneknirschend stimme ich zu. Was Sie mir nicht erz\u00e4hlt, ist, dass sp\u00e4ter auch\nnoch Mautgeb\u00fchren dazukommen. Mautgeb\u00fchren? &nbsp;Die fallen in Paraguay an, wenn man von einer\nRegion in eine andere wechselt. Nicht gerade wirtschaftsf\u00f6rdernd, sollte man\nmeinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren erst in die Richtung ihres Wohnorts,\nLouque, am Paraguay entlang. Hier sind der paraguayische Sitz der FIFA und der\nSitz des paraguayischen Olympischen Komitees. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne sieht man die Pfeiler einer im Bau\nbefindlichen Br\u00fccke, die den Verkehr nach Argentinien erleichtern soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tankstelle wird von der Kette <em>Petropar<\/em> betrieben. Ja, best\u00e4tigt sie,\nParaguay habe Erd\u00f6l und eben auch sein eigenes Erd\u00f6lkonzern.<\/p>\n\n\n\n<p>Stolz verweist sie darauf, Paraguay sei zu dem\ngr\u00fcnsten Land S\u00fcdamerikas gek\u00fcrt worden. Ebenso stolz verweist sie auf einen\nzweispurigen Radweg, der zwischen den Trassen der Stra\u00dfe angelegt worden ist.\nDer werde morgen eingeweiht, und zwar von ihr, der einzigen Radf\u00fchrerin\nParaguays. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihre G\u00e4ste seien meistens Argentinier, sagt sie.\nAber auch Brasilianer. Die Argentinier sagen immer, alles sei <em>cheto<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf die Wahlen zu sprechen, und sie\nerkl\u00e4rt, viele W\u00e4hler verkauften ihre Stimme. Der g\u00e4ngige Preis liege bei 100.000\nGuaran\u00edes. Eine Tankf\u00fcllung. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren nach Aregu\u00e1 und dort zum <em>Cerros Koi y Chorori. <\/em>Diese Felsen sind\nbekannt als eine Besonderheit der Natur. Sie sind durch gr\u00f6\u00dfere magmatische\nBewegungen vor Jahrmillionen entstanden und habe r\u00f6hrenartige Formen\nausgebildet, wie man sie in Europa aus Basalt findet. Hier ist es roter\nSandstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns registrieren, um den Park\nbesichtigen zu k\u00f6nnen. Es geht steil rauf, auf steinigen Wegen, zwischen den\nFelsen und Gestr\u00fcpp her. Manchmal bilden die Felsen schieferartige,\naufeinandergeschichtete Platten. Die Sonne brennt. Wir machen ein paar Mal\nHalt. Lili will, wie w\u00e4hrend des gesamten Tages, Photos machen, von mir, von\nihr, von uns beiden. Irgendwann sage ich, jetzt sei es gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen hat sieht man auf den riesigen,\nblauen See. Hier holt sie das Handy raus und spielt \u201eRecuerdos de Ypacara\u00ed\u201c.\nDessen Text nimmt genau auf diese Stelle Bezug, allerdings, wie sich das\ngeh\u00f6rt, auf eine Vollmondnacht. Die Angebetete sang auf dem Weg hierher traurige\nLieder auf Guaran\u00ed. <\/p>\n\n\n\n<p>Uns steht jetzt der Abstieg bevor. Danach geht es\nzur Erholung in ein sch\u00f6nes Lokal in Aregu\u00e1 mit so was wie einem Biergarten.\nHier zahlt sich Lilis Ortskenntnis aus. Wir genie\u00dfen den Schatten. Und essen\neine Empanada, die fast ein komplettes Mittagessen ersetzt. Sie erz\u00e4hlt,\nStroessner, der langlebigste Diktator S\u00fcdamerikas \u2013 er blieb 34 Jahre an der\nMacht \u2013 habe auch heute noch seine Anh\u00e4nger, 33 Jahre nach seine Absetzung.\nIhre Mutter lasse nichts auf ihn kommen. Er sei der beste Pr\u00e4sident, den\nParaguay je gehabt habe. Nach Stroessners Entmachtung 1989 erkl\u00e4rte sich\nParaguay zur Republik. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde am liebsten noch sitzen bleiben, aber\nsie will mir mit aller Macht auch noch San Bernardino zeigen, die zweite\nSommerfrische am Yparagu\u00ed. Wir steigen ins Auto. Um das Lokal herum stehen\nB\u00e4ume, bei denen die \u00c4ste von der Last der Mangos herunterh\u00e4ngen. Am Boden\nliegen Dutzende verfaulte Fr\u00fcchte herum. <\/p>\n\n\n\n<p>In San Bernardino hat sie eine Freundin, die ein\ndeutsches Lokal betreibt, das sie mit ihrem ehemaligen deutschen Freund\ngegr\u00fcndet hat. Der hatte selbst ein Lokal namens <em>Hotzenplotz<\/em>, ein Wort, das Lili akzentfrei und ohne Nachdenken\nproduzieren kann. Die Freundin hat jetzt einen neuen Freund, auch einen\nDeutschen. Sie selbst, erz\u00e4hlt sie freim\u00fctig, habe auch schon eine\nsiebenj\u00e4hrige Ehe hinter sich. Der Mann sei sehr sportlich gewesen und habe sie\nzu sehr eingebunden und in seine sportlichen Aktivit\u00e4ten involviert. Sie ist\nauch schon einen Marathon gelaufen. Will sie aber nicht noch mal machen. Ihren\njetzigen Freund werde sie nur so lange tolerieren, wie der ihre Freiheitsliebe\nakzeptiere.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>In San Bernardino m\u00fcssen wir feststellen, dass das\nLokal der Freundin nicht ge\u00f6ffnet hat. Es liegt sehr sch\u00f6n, fast direkt am\nStrand. Der See sieht hier ganz und gar wie ein Meer aus, mit Sandstrand und\nPalmen und Sonnenschirmen aus Bast. Im Sommer und an Wochenenden soll es hier\nrappelvoll sein. Heute ist es aber ganz ruhig. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen ein St\u00fcck am See entlang und kommen zu\neiner Stelle, wo eine ganze Reihe von silbernen Pfeifen aufgestellt ist, eine\nneben der anderen. Wenn man mit der Hand an denen entlangf\u00e4hrt, erklingt \u201eRecuerdos\nde Ypacara\u00ed\u201c.&nbsp; Nach ein paar Versuchen\ngelingt uns das ganz gut. Allerdings haben wir Konkurrenz von einem\nPresslufthammer einer Baustelle an der Stra\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg l\u00e4chelt ein Junge mich an, der auf\neinem M\u00e4uerchen mit seiner Schwester und seiner Mutter sitzt. Er gr\u00fc\u00dft auf\nDeutsch. Ich gr\u00fc\u00dfe zur\u00fcck und stelle eins, zwei Fragen. M\u00f6chte gerne wissen,\nwoher er wei\u00df, dass ich Deutscher bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen aber unbedingt noch in die Panader\u00eda\nAlemana. Lili hat mir die ganze Zeit von den leckeren bollos erz\u00e4hlt, die es\nhier gibt. Trotz Erkl\u00e4rung habe ich nicht verstanden, um was es geht. In der\nB\u00e4ckerei erfolgt die Aufl\u00f6sung an einem gro\u00dfen Plakat in den deutschen\nNationalfarben. Darauf steht: <em>Berliner\nPfannkuchen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann merkt Lili, dass ihr ihre rote Tasche fehlt,\nmit Kreditkarte und Ausweis. Wir durchsuchen das Auto. Fehlanzeige. Sie muss\nsie in dem Lokal \u00fcber dem Stuhl haben h\u00e4ngen lassen. Es geht nach Aregu\u00e1\nzur\u00fcck. Unterwegs hat sie schon eine Freundin beauftragt, nach der Tasche zu\nsehen. Dann kommt die Erfolgsmeldung: Die Kellnerin hat die Tasche an der Theke\nabgegeben. Lili kann sie abholen. <\/p>\n\n\n\n<p>22. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Museo de\nBellas Artes<\/em> finde ich ohne Umwege. Das Museum befindet sich in einem\nsch\u00f6nen, einst\u00f6ckigen Bau, etwas von der&nbsp;\nStra\u00dfe versetzt, mit dunkelblauer Fassade und einer etwas unpassenden\nKuppel. Man dr\u00fcckt die Klinke runter und steht gleich vor den ersten\nAusstellungsst\u00fccken. Kein Aufseher, keine Rezeption. Da f\u00fchle ich mich doch\netwas unwohl. Gehe wieder raus, suche jemanden: &nbsp;Ja, kein Problem, man kann alles so\nbesichtigen. Eintritt frei. Im wahrsten Sinne des Wortes. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe aber noch schnell auf der anderen\nStra\u00dfenseite einen Kaffee trinken. Bei den Preisen verwirre ich den jungen Mann\nhinter der Theke, weil ich 100 und 1000 verwechsle.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist richtig gut. Ich kenne keinen\neinzigen der ausgestellten Maler, aber es gibt viele sch\u00f6ne Gem\u00e4lde. Auch\nSkulpturen gibt es, aber die ziehen mich nicht so an. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlung geht zur\u00fcck auf einen Mann namens\nJuan Silvano Godoy (verwandt mit <em>dem<\/em>\nGodoy?), er will die Kunst in Paraguay etablieren, und seine Sammlung gilt als\nAnschauungsmaterial. Es ist alles vertreten: Portr\u00e4ts, Landschaften,\nGenre-Szenen, Stillleben, Veduten, historische Szenen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum besteht aus zwei Teilen. Im ersten ist\neurop\u00e4ische Kunst ausgestellt, die Godoy nach Paraguay gebracht hat, im zweiten\nTeil sind paraguayische K\u00fcnstler ausgestellt. Es gibt jeweils drei kleine S\u00e4le.<\/p>\n\n\n\n<p>Godoy selbst ist mit einem wundersch\u00f6nen Portr\u00e4t\nvertreten. Ernster Blick, Stirn in Falten, gezwirbelter Schurbart, Buch fest in\nder Hand haltend, so als wolle es ihm jemand wegnehmen. Ein Charakterportr\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Tolle Szene mit einem J\u00e4ger im Boot auf einem\nFluss, Flinte in der Hand. Vorne in dem Boot sein Hund, in Lauerstellung. Die\nSonne schimmert im teils mit Pflanzen bedeckten Wasser des Flusses, herrlich\ngescheckter Abendhimmel. Das Opfer der beiden J\u00e4ger ist nicht zu sehen,\nbefindet au\u00dferhalb des Bildes. Die Spannung ist f\u00f6rmlich zu sp\u00fcren. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n auch das Portr\u00e4t eines M\u00e4dchens am\nKlavier. Ihr wei\u00dfes Kleid kontrastiert mit ihren dunklen Augen und mit dem\nschwarzen Klavier. Der Hintergrund, nur angedeutet, wird erst sichtbar, wenn\nman l\u00e4nger hinsieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann eine bunte italienische Stra\u00dfenszene mit\nMusikern vor einem Haus, einem tanzenden Paar, neugierig aus dem oberen\nStockwerk zuschauenden Frauen, einem Bettler, der unbewegt neben der Haust\u00fcr\nsitzt die Beine von sich gestreckt, zwei Frauen, die nur halb von hinten zu\nsehen sind, mit sch\u00f6nen, hochgesteckten Haaren und bestickten Schultert\u00fcchern.\nDie Gitter des Hauses sind leicht verrostet, der Putz bl\u00e4ttert ab und l\u00e4sst die\nZiegelsteine dahinter erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIl terzo incomodo\u201c ist der Titel einer weiteren Genreszene.\nEin Mann, auf einem Stuhl sitzend, lehnt sich weit zu der neben ihm sitzenden\nFrau hin\u00fcber. Die Frau, mit langem Rock und sch\u00f6nem Haar, W\u00e4sche vor sich auf\nBoden vor sich liegend, blickt ihn charmant an, lehnt sich aber in einer Art\nAbwehrhaltung zur\u00fcck. Neben ihr eine weitere Frau. Die versucht angestrengt,\nwegzugucken, den Kopf auf die Hand gest\u00fctzt. Die Szene ist ihr peinlich. Sie\nist die dritte, die im Titel des Bilds erscheint. Als Betrachter kann man sich\nin sie, aber auch in die beiden anderen versetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Godoy hatte offensichtlich ein Faible f\u00fcr Frauen,\nzumindest als Gegenstand von Gem\u00e4lden. Das zeigt sich an einer stillenden\nMadonna mit dem\u00fctigem Blick genauso wie an einer Maritornes in Marseille,\nver\u00e4chtlich und doch aufreizend zwei M\u00e4nner anblickend, von denen sie sich\ngerade entfernt. Dann das Portr\u00e4t einer fein gekleideten Frau mit R\u00fcschen und\nKopfzier und charmantem, bescheidenen L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt aber der Akt einer halb von hinten\ndargestellten Frau mit feiner Nase, feinen Ohrringen und hochgestecktem Haar.\nIhr f\u00fclliger K\u00f6rper nimmt fast das ganze Gem\u00e4lde ein. K\u00f6rperrundungen und Haut\nsind so gut dargestellt, dass man sie fast erf\u00fchlen kann. Sie hat den Kopf auf\ndie Hand gest\u00fctzt und ist abgelenkt, denn sie sieht sich Drucke oder\nZeichnungen an, die vor ihr auf dem Bett liegen Daher der Titel des Gem\u00e4ldes,\n\u201eLa distracci\u00f3n de la modelo\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten S\u00e4le widmen sich der paraguayischen\nKunst. Sie konnte sich auf zweierlei Weise entwickeln, durch europ\u00e4ische Maler,\ndie hierher kamen oder durch paraguayische Maler, die ein Stipendium f\u00fcr einen\nStudienaufenthalt in Europa bekamen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Techniken sind weitgehend europ\u00e4isch, aber\ndaf\u00fcr werden einheimische Themen in Angriff genommen. Ein Bild zeigt die\nKathedrale von Asunci\u00f3n. Sieht hier ganz anders aus als heute. Dann gibt es\neine Stadtansicht von Asunci\u00f3n vom Meer aus gesehen, mit rauchenden\nFabrikschornsteinen. \u00dcber dem Oratorium weht die paraguayische Flagge im\nAbendlicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Indios erscheinen in einem gro\u00dfen Gem\u00e4lde,\nIndios der Parejabara. Sie sind entweder bei einer Zeremonie oder einer\nZusammenkunft. Einige stehen, andere hocken, alle sind nur leicht bekleidet.\nNicht eindeutig zu erkennen, ob es alles M\u00e4nner sind. Einer tr\u00e4gt eine\ngeflochtene Umh\u00e4ngetasche, einer raucht Pfeife, einer tr\u00e4gt eine Halskette aus\nTierz\u00e4hnen, einer den Federschmuck des H\u00e4uptlings. Vor ihnen auf dem Boden\nliegen verschiedene Objekte, die man nicht identifizieren kann. Da w\u00fcsste man\ngerne, was hier dargestellt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es Bauern bei der Arbeit, an der Presse\nin einem Hof besch\u00e4ftigt. Es ist nicht genau zu erkennen, was sie machen, aber\ndie Kraftanstrengung, die n\u00f6tig ist, um die Presse mittels zweier Holzbalken zu\nbewegen, kommt voll heraus. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gelungen die Portr\u00e4ts, alle Dargestellten\nsind Paraguayos: ein selig nach oben blickender Junge, ein junger Mann,\nselbstbewusst den Betrachter anblickend, ein trauriger alter Mann, der in die\nFerne blickt, ein Mann mit Brille, dem man den Intellektuellen ansieht, ein\nunsicher&nbsp; und sch\u00fcchtern dreiblinkender\njunger Mestize, ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und geschlossenen Augen,\ndem nur noch das Lebensende bleibt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass\ndie besten Museen die sind, in denen man alleine ist und sich alles in Ruhe\nansehen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem weiteren Weg komme ich an <em>Lo de Osvaldo<\/em> vorbei, einer Kneipe. Auf\ndem Wirtshausschild ein dribbelnder Ochse, mit dem Ball am Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine ehemalige Rock-Kneipe, in einem\nalten, jetzt etwas verfallenden Haus, mit Gitarre und Musiknoten als Graffiti\nan der Fassade. Ist zu vermieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Tag in Paraguay wird zum Tag des\nKonsums. Zuerst komme ich an ein Kleidungsgesch\u00e4ft vorbei. Die \u00e4ltere Dame\nwartet nach Kundschaft. Ich frage nach einer kurzen Hose. Da muss sie im\nBestand im Keller nachgucken. Kommt mit einer Hose rauf. Die ist wohl zu gro\u00df\nf\u00fcr sie. Ist sie nicht. Die nehme ich. 60.000 Guaran\u00edes. Auf der m\u00fchselig\nhandschriftlich ausgestellten Rechnung steht <em>Bermudas<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen leckeren Obstsalat bei einer\nStra\u00dfenverk\u00e4uferin, mit viel Fl\u00fcssigkeit. Ich esse ihn an einer schattigen Stelle\nder <em>Plaza de los H\u00e9roes<\/em>. Dort l\u00e4sst\nsich Atmosph\u00e4re einatmen: Verkaufsst\u00e4nde mit Keramik und Kleidung, gelangweilte\nSchuhputzer, improvisierte Essst\u00e4nde, ambulante Verk\u00e4ufer von G\u00fcrteln und\nSonnenbrillen, Leute, die zusammen sitzen und Terer\u00e9 trinken, ein\nChipa-Verk\u00e4ufer, der seine Ware auf dem Kopf tr\u00e4gt. Und M\u00e4nner bei einem Brettspiel.\nIch frage, was da gespielt wird: Dame! H\u00e4tte man auch drauf kommen k\u00f6nnen. Als\nSpielsteine nehmen sie die Verschlusskappen von Wasserflaschen. Blau gegen Rot.\nSie erkl\u00e4ren mir, es gebe zwei Varianten. Die Brasilianer spielten anders.\nTats\u00e4chlich spielen die M\u00e4nner hier anders als wir. Man kann auch r\u00fcckw\u00e4rts und\nim Zickzack spielen. Die Spielz\u00fcge erfolgen ganz schnell aufeinander, die\nSpieler scheinen nicht nachdenken zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Essen in dem von Lili empfohlenen <em>Bolsi<\/em>. Drinnen sind alle Pl\u00e4tze besetzt.\nEs gibt keine Tische, alle sitzen an vier Seiten um die quadratische Theke\nherum. Drau\u00dfen ist Platz. Ich bestelle das empfohlene <em>Bori bori<\/em>, eine Art Suppe mit einem H\u00e4hnchenschenkel drin und\nmehligen Kl\u00f6\u00dfen. Dazu ein Bier vom Fass, das ich bisher noch nicht probiert\nhabe: <em>Sajonia<\/em>. Ist mir zu bitter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde an einem Stand ein knallrotes T-Shirt mit\neinem Trinkspruch auf Guaran\u00ed (leider mit englischer \u00dcbersetzung). Das habe ich\ngestern schon zusammen mit Lili gesehen. ich frage nach dem Preis. Der ist in\nOrdnung, aber man kann nur bar bezahlen. So viele Guaran\u00edes habe ich nicht\nmehr. Ich z\u00e4hle der Verk\u00e4uferin vor, was ich noch habe, und damit gibt sie sich\nzufrieden. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Plaza\nde los H\u00e9roes<\/em> gibt es dann noch einen wunderbaren, kalten, frisch\ngepressten Saft: <em>durazno &#8211; Pfirsich<\/em>.\nUnd auf dem R\u00fcckweg in der B\u00e4ckerei eine Flasche Wasser. Der B\u00e4cker kennt mich\nschon. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich doch noch an den Paraguay.\nZuf\u00e4llig. Pl\u00f6tzlich liegt er vor mir. Ich gehe zum Flussufer hinunter. Hier ist\nder Hafen, man sieht auch eine Zollstation, aber sonst nicht viel. Von der anderen\nSeite kommt eine F\u00e4hre hin\u00fcber. In der Ferne sieht man die Pfeiler der im Bau\nbefindlichen Br\u00fccke, die den Verkehr mit Argentinien und Brasilien verbessern\nsoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Paraguay teilt das Land in zwei ganz\nunterschiedliche Teile. Der Chaco, der etwas gr\u00f6\u00dfere, aber ganz d\u00fcnn besiedelte\nTeil liegt westlich des Paraguay. Da komme ich jetzt doch nicht mehr hin, weil\nich bei der Buchung einen Fehler gemacht habe. Schade. Hier kommt man so\nschnell nicht wieder hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf dem R\u00fcckweg bin, kommt eine Frau aus\neinem Gesch\u00e4ft, blickt mich kurz an und sagt \u201eAdi\u00f3s\u201c. Adi\u00f3s.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Dezember (Freitag) Nach Paraguay sollte man schon deshalb reisen, weil es sonst niemand tut. Aber man muss erst mal reinkommen. 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