{"id":11430,"date":"2023-01-04T13:23:59","date_gmt":"2023-01-04T12:23:59","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11430"},"modified":"2023-01-19T14:24:03","modified_gmt":"2023-01-19T13:24:03","slug":"ecuador-2023","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11430","title":{"rendered":"Ecuador (2023)"},"content":{"rendered":"\n<p>3. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEcuador. Beginnen Sie mit Ecuador.\u201c Das war, vor\nvielen Jahren, der Rat eines lateinamerikaerfahrenen Beraters in meinem\nReiseb\u00fcro. \u201eEcuador ist klein, hat eine gute Infrastruktur und drei v\u00f6llig\nunterschiedliche Landschaften: den Regenwald, die K\u00fcste, das Hochgebirge. Und\nHochgebirge ist wirklich nicht zu hoch gegriffen. Quito liegt auf 2850 Metern\nH\u00f6he, keine Kleinigkeit. Die Zugspitze auf 2962. Man soll es langsam angehen\nlassen in den ersten Tagen, hei\u00dft es. Und das Kauen von Coca-Bl\u00e4ttern wird als\nGegenmittel gegen die H\u00f6henluft empfohlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber erst muss man mal ankommen, am Flughafen von\nQuito. Der nennt sich der beste S\u00fcdamerikas. Und tats\u00e4chlich: die Wege sind\nkurz, alles ist hervorragend ausgeschildert, und das Procedere bei\nPasskontrolle und Zoll ist schnell. Die Koffer laufen schon \u00fcber das Laufband,\nals wir dort ankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst muss ich mir Geld besorgen. Auch das geht\nschnell. Der Automat spuckt Dollars aus. Ecuador hat 2000 unter seinem\nPr\u00e4sidenten Mahuad den Sucre abgeschafft und durch den Dollar ersetzt. Mahuad\nwurde von seinem Vizepr\u00e4sidenten Noboa aus dem Amt gedr\u00e4ngt, aber der setzt die\nVerdollarung fort. <\/p>\n\n\n\n<p>Da ich nur gro\u00dfe Scheine bekomme, bestelle ich in\neiner Cafeteria einen Kaffee und ein Teilchen. Das kostet 7,35 $. Dabei hei\u00dft\nes \u00fcberall, Ecuador sei ein besonders billiges Reiseland. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Touristeninformation helfen mir zwei sehr\nfreundliche junge Frauen. Die eine gibt mir einen wirklich brauchbaren\nStadtplan, auf dem sogar in einem Ausschnitt meine Stra\u00dfe im historischen\nZentrum zu sehen ist, die Gal\u00e1pagos. Die andere erkl\u00e4rt mir, wie ich ins\nZentrum komme. Da m\u00fcsse ich zwei Busse nehmen. Erst den hier vor der T\u00fcr zum\nTerminal Carcel\u00e9n \u2013 das scheint der Busbahnhof zu sein \u2013 und dann den\nTrolleybus in die Stadt, zur Plaza Chica. Auch das ist auf dem Stadtplan alles\nbestens nachzuvollziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Busfahrer sieht mich schon von weitem und ruft\n\u00bf\u201eCarcel\u00e9n? Jaaa, bitte. Er verstaut meinen Koffer und sagt mir, ich solle\nschon mal reingehen. Bezahlen k\u00f6nne man sp\u00e4ter. Als es dann losgeht, kassiert\ner trotzdem nicht ab, erst beim Aussteigen. Zwei Dollar f\u00fcr die lange Fahrt.\nDer Flughafen liegt weit au\u00dferhalb der Stadt, l\u00e4stig f\u00fcr Reisende, aber gut f\u00fcr\ndie Bewohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber eine moderne Autobahn, aber was f\u00fcr\neine Landschaft! Tiefe Schluchten und hohe Berge, mit einem schwarz-wei\u00df-blauen\nBilderbuchhimmel. Die H\u00e4nge zur anderen Seite sind alle gesichert, von Kopf bis\nFu\u00df, und zwar mit Zementplatten. Der Erdrutsch ist hier keine Sache, die man\nauf die leichte Schulter nehmen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es st\u00e4dtisch, mit vielen Industriezonen\nund vielen Leuten auf der Stra\u00dfe. Dann kommt endlich der Busbahnhof. Ich frage\nnach dem Trolleybus, ein Mann weist auf die andere Seite des Bahnhofs, und ich\nmache mich auf den Weg. Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich eine Stimme hinter mir: \u201eSe\u00f1or, \u00a1el\npasaje!\u201c Was, wie? Pasaje? Es stellt sich heraus, dass man Eintritt zahlen\nmuss, um in die andere H\u00e4lfte des Bahnhofs zu kommen. 35 Cent. Daf\u00fcr braucht\nman dort den Bus nicht zu bezahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist aber noch nicht der Trolleybus, ich muss\nnoch einen Bus nehmen, um zur Station des Trolleybusses zu kommen. Es ist nur\neine Station, aber was f\u00fcr eine! Quito muss eine unglaubliche Ausdehnung haben.\nIch muss zur <em>Estaci\u00f3n Norte<\/em>. Die\nFahrt zieht sich hin, die Gegend ist unsch\u00f6n, und langsam wird es dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, spricht mich ein Mann an, der\nmitgeh\u00f6rt hat, wie ich nach der <em>Estaci\u00f3n\nNorte <\/em>gefragt habe. Wohin ich denn jetzt wolle. Gut, dann solle ich gleich\nmit ihm kommen, er nimmt auch den Trolleybus. Er stammt aus Quito und hat gerade\nseine Frau und seinen Sohn im Norden Ecuadors besucht. Der Sohn studiert dort,\nInformatik. Mit der Information, dass ich aus <em>Alemania<\/em> komme, kann er nicht viel anfangen. Muss irgendein fremdes\nLand sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Trolleybus hat, jedenfalls auf dem ersten Streckenabschnitt,\neine eigene Trasse, so dass es flott vorangeht. Es sind aber noch mal 14\nStationen. Der alte Bus knattert und schaukelt hin und her \u00fcber die unebene\nStra\u00dfe. Bezahlen braucht man auch hier nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt mir, ich solle keinesfalls zu Fu\u00df gehen,\nwenn ich an der <em>Plaza Chica<\/em> ankomme.\nGef\u00e4hrlich. Tages\u00fcber kein Problem, nachts nur zu viert. Ich solle gleich\ngegen\u00fcber auf den Platz gehen und ein Taxi nehmen. Er passt auf, dass ich an\nder richtigen Stelle aussteige selbst f\u00e4hrt weiter. Hat mir sehr geholfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe an der <em>Plaza Chica<\/em> nur kurz einen Blick f\u00fcr die Umgebung, aber die sieht\nwunderbar aus mit den wei\u00dfen, beleuchteten H\u00e4usern. Ich bin mitten in der\nAltstadt gelandet, die meisten Touristen wohnen au\u00dferhalb. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer muss kurz nachdenken, als ich ihm\ndie Adresse nenne. Ach, da oben. Tats\u00e4chlich, es geht steil eine Stra\u00dfe mit\nKopfsteinpflaster hinauf. Oben sieht man die erleuchteten T\u00fcrme einer Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer wei\u00df nicht genau, wo die Adresse ist,\nund einmal muss er kurz zur\u00fccksetzen, die steile Stra\u00dfe rauf. Das klappt erst\nim dritten Anlauf. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir die Hausnummer suchen, geht pl\u00f6tzlich\ndirekt vor uns eine Haust\u00fcr auf. Meine Unterkunft. Eine f\u00fcllige Frau, in\nBegleitung einer j\u00fcngeren Frau und deren Tochter erscheinen hinter dem Gitter.\nIch danke dem Fahrer und gebe ihm zwei Dollar, Trinkgeld inbegriffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Dame f\u00fchrt mich nach oben. Sie hat selbst\ngenauso viele Schwierigkeiten, die enge Treppe raufzukommen wie ich mit meinem\nKoffer. Das Zimmer ist gut, hat alles, was man braucht. Dann zeigt sie mir noch\nvoller Stolz die Terrasse oben, mit einem phantastischen Blick hinunter auf die\nAltstadt. Habe es hier gut angetroffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung macht sich die Frau auf den\nWeg. Nein sie wohne nicht hier. Sie komme auch nicht mehr, ich solle den\nSchl\u00fcssel einfach im Zimmer lassen am Tag meiner Abfahrt. Sogar daf\u00fcr gibt es\neine eigene Vorrichtung mit Schild neben der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur zu essen gibt es nichts mehr. Hier in der\nGegend gebe es nichts, und jetzt rauszugehen, sei zu gef\u00e4hrlich.\nGl\u00fccklicherweise gibt es einen Wasserkocher und ein paar Teebeutel.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>4. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Fenster meines Zimmers aus blicke ich direkt\nauf die Fassade einer Kirche, am Ende einer steilen Treppe gelegen. Es ist die\nKirche des Klosters der Augustinerinnen. Sch\u00f6ne Fassade, ganz in Wei\u00df gehalten,\nmit moderner Rosette und einem Aufsatz, der an unsere Mattheiser-Kirche\nerinnert. Gestern Abend war sie hell erleuchtet, jetzt sehe ich sie bei\nTageslicht. Entgegen der Vorhersagen ist es sonnig und trocken, aber kalt. Die\nWollsocken kommen zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe Richtung Stadt, die Gal\u00e1pagos runter. Der\nobere Teil ist ruhig, im unteren wird es gesch\u00e4ftiger. Vor allem\nKlempnergesch\u00e4fte gibt es hier, eins neben dem anderen. Waschbecken und\nKlosch\u00fcsseln h\u00e4ngen an den Fassaden etwas heruntergekommener Kolonialh\u00e4user. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Haus wird eine Wohnung zur Vermietung\nangeboten: <em>Arriendo Departamento<\/em>.\nBeide W\u00f6rter w\u00fcrden in Spanien nicht benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Gal\u00e1pagos<\/em>\ngeht steil runter, am unteren Ende sind sogar Treppen. Zwei Frauen tragen einen\nKinderwagen runter, ein Motorradfahrer schiebt sein Motorrad runter \u2013 sieht\nalles andere als leicht aus \u2013 und ein Mann schleppt eine Gasflasche auf dem\nR\u00fccken hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum <em>Parque\nGarc\u00eda Moreno<\/em>, dem Treffpunkt f\u00fcr den Stadtrundgang, mit der imposanten,\ndoppelt\u00fcrmigen Basilika oben als Abschluss des steil an einem H\u00fcgel angelegten\nParks.&nbsp; Am Rande des Parks liegen auf der\nWiese zwei Indio-Jungen, in dicke Schlafs\u00e4cke und Wolldecken eingeh\u00fcllt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage einen Taxifahrer nach Caf\u00e9s und L\u00e4den.\nF\u00fcr die L\u00e4den ist es noch zu fr\u00fch, f\u00fcr die Kaffees soll ich oben in die andere\nRichtung gehen. Aber auch die Caf\u00e9s sind noch geschlossen, und in einem gibt es\nkeinen Kaffee. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt an einer gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe ein Caf\u00e9, in\ndem es wie in einer Backstube riecht. Und es sieht auch so aus wie eine\nBackstube. Das M\u00e4dchen serviert mir aus Versehen hei\u00dfe Milch statt Kaffee.\nNehme ich gerne. Als ich rausgehe, nehme ich noch ein Brot und ein Teilchen\nmit. Die Auswahl ist gro\u00df, und alles ist frisch gemacht. Gerade werden aus der\nB\u00e4ckerei Wagen mit frisch gebackenen Waren in das Lokal geschoben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zum Treffpunkt hat man an\nverschiedenen Stra\u00dfenkreuzungen einen Blick auf die H\u00fcgel der Umgebung. Hoch\noben auf einem steht ein gefl\u00fcgeltes Wesen. Das muss der <em>Panecillo<\/em> sein, und sie muss, wegen der Fl\u00fcgel nicht so leicht zu\nidentifizieren, die <em>Virgen de Quito<\/em>\nsein. Der H\u00fcgel hat seinen Namen von seiner Form. Sieht wie ein Br\u00f6tchen aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor der Basilika wartend herumstehe, werde\nich pl\u00f6tzlich von hinten von zwei Frauen angesprochen. Touristenpolizei. Keine\nAngst, sie wollten mir nur sagen, dass ich gut auf Handy und Geld aufpassen und\nnachts nicht alleine durch die Stra\u00dfen laufen soll. Den Pass k\u00f6nne ich im Hotel\nlassen. Eine Kopie w\u00fcrde gen\u00fcgen. \u00a1Bienvenido!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild der Stadt wird bestimmt von Indios und\nMestizen, Wei\u00dfe sind eindeutig in der Minderheit. Vor der Basilika laufen\nFrauen in traditioneller Kleidung umher, mit sch\u00f6n bestickten Kleidern und den\ntypischen Bowler-H\u00fcten, die in Europa von M\u00e4nnern getragen werden. &nbsp;Sie bieten selbst gewebte Stoffe und selbst\ngemalte Bilder an. <\/p>\n\n\n\n<p>Da sich noch nichts tut, sehe ich mir die Fassade\nder Basilika an. Die hat n\u00e4mlich etwas Besonderes. Die Wasserspeier an den\nTraufrinnen sind keine Drachen, sondern einheimische Tiere: Leguane,\nSchildkr\u00f6ten, Krokodile. Macht Spa\u00df, die zu entdecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine offensichtlich auch wartende Frau spricht\nmich an. Sie ist Italienerin und will auch an der F\u00fchrung teilnehmen. Sie ist schon\nl\u00e4nger in Ecuador und ist vorher auch schon in Peru gewesen. Sie erz\u00e4hlt, ihre\nTochter habe bei der Einreise nach Ecuador Schwierigkeiten gehabt. Sie habe ein\nFormular zu Corona ausf\u00fcllen und einen Nachweis \u00fcber die Ausreise vorlegen\nm\u00fcssen, sonst h\u00e4tte man sie nicht reisen lassen. Kommt mir bekannt vor. Sie und\nihr Mann seien dagegen ohne weiteres eingereist, niemand h\u00e4tte danach gefragt.\nSie h\u00e4tte ihrer Tochter, die denselben Vornamen hat, in ihrer Not ihr\nFlugticket zugeschickt, und mit dem habe sie einreisen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin kommt mit reichlich Versp\u00e4tung.\nSie springt f\u00fcr ihren Chef ein. Sie ist sehr jung und hat nicht viel Ahnung,\nund mit ihrem d\u00fcnnen Stimmchen f\u00fchlt man sich st\u00e4ndig wie in einer\nM\u00e4rchenstunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen erst die <em>Calle de las Siete Cruces<\/em> entlang, benannt nach den sieben\nidentischen Steinkreuzen, die in dem Vorhof von sieben Kirchen aufgestellt\nsind. Die Stra\u00dfe hei\u00dft jetzt Garc\u00eda Moreno. Fast alle Stra\u00dfen der Altstadt\nhaben zwei Namen, der alte Name ist oft noch in den Mauern in der Form sch\u00f6n\ngestalteter Kacheln eingelassen. Ich sehe das sp\u00e4ter bei der R\u00fcckkehr auch bei\nder <em>Gal\u00e1pagos<\/em>, die fr\u00fcher <em>Guaragua<\/em> hie\u00df. Da wiederum ist der Name\ndes Lokals, das ich sp\u00e4ter suche. Das befindet sich aber in der <em>Calle Espejo<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt an dem Portal eines Klosters, dem <em>Monasterio del Carmen<\/em>, mit einer\ngeschnitzten T\u00fcr. Das ist alles sehr kunstvoll gemacht, und die Motive sehen\nnicht religi\u00f6s aus. Es ist wohl das Wappen des Patrons des Klosters. Die Mauern\nsind aus grauem Vulkanstein, auch einheimisch. Quito hat seinen eigenen\nHausvulkan, den Pichincha. Der ist 1999 zum letzten Mal ausgebrochen. Das Wort <em>Pichincha<\/em> taucht immer wieder auf, es ist\nauch die Bezeichnung der Provinz, des Bundeslandes sozusagen, zu dem Quito\ngeh\u00f6rt. Auch eine gro\u00dfe Bank hei\u00dft <em>Pichincha<\/em>\nund ein Restaurant. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Name <em>Quito<\/em>\nkommt aus dem Ketschua und bedeutet so etwas wie \u201al\u00e4ndlich\u2018, \u201avom Lande\u2018.\nAusgerechnet die Bewohner der Hauptstadt, die <em>quite\u00f1os<\/em>, hei\u00dfen so. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen um die Ecke und stehen pl\u00f6tzlich auf\nder Plaza Grande, ein Platz, der einem den Atem verschl\u00e4gt. Auf allen Seiten\nperfekt erhaltene Kolonialh\u00e4user, alle in Wei\u00df, mit Araukarien und Palmen in\nder Mitte. Der Platz hat seinen Namen nicht umsonst, er ist wirklich gro\u00df. Auf\ndrei Seiten nimmt ein Geb\u00e4ude die ganze Breite des Platzes ein, der\nBischofspalast, der Pr\u00e4sidentenpalast, die Kathedrale. \u00dcber dem\nPr\u00e4sidentenpalast weht die ecuadorianische Flagge, blau, rot, gelb, dieselben\nFarben wie die von Kolumbien und Venezuela, Erinnerung an die Zeit, als aus\nallen dreien (plus Panama) ein einziges Land werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den Bischofspalast und seinen\nwundersch\u00f6nen Innenhof. Hier ist heute Gastronomie untergebracht. Wir bekommen\nein landestypisches Bonbon zu probieren. Man l\u00e4sst es auf der Zunge zergehen\nund dann tritt ein Lik\u00f6r aus. Das Bonbon ist sehr s\u00fc\u00df, aber bei mir ist statt\nLik\u00f6r wohl Schnaps drin, und der bildet einen leckeren Kontrast dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke steht das ehemalige Geb\u00e4ude der Bank\nvon Ecuador, heute Museum. Die F\u00fchrerin hat den Wechsel von Sucre zu Dollar\nnicht mehr mitbekommen, aber ihre Eltern wohl. Sie haben damals die Abschaffung\ndes Sucre bedauert. Da seien eben auch ecuadorianische Motive zu sehen gewesen\nsein auf den M\u00fcnzen und Scheinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz in eine \u00fcber und \u00fcber mit Gold\nausgestattete Kirche und kommen dann an der extravagantesten Kirche Quitos,\nausnahmsweise steinsichtig, vorbei, der Kirche der Jesuiten mit einer tollen\nbarocken Fassade mit salomonischen S\u00e4ulen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die ebenso gro\u00dfe Plaza de San\nFrancisco, mit der erh\u00f6ht liegenden Franziskanerkirche, wieder ganz in Wei\u00df, an\neiner Seite des Platzes. Die Fassade mit den beiden T\u00fcrmen sieht gar nicht\nfranziskanisch bescheiden aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur Kirche f\u00fchrt eine Treppe hinauf, an deren\nSeiten eine Schutzmauer steht. Dort gibt es steinerne Ablaufrinnen f\u00fcr Wasser,\nsieben auf der einen, acht auf der anderen Seite. Dazu erz\u00e4hlt die Legende, dass\nein Junge namens Benjamin wegen seines frechen Betragens und seines\nLotterlebens dazu verurteilt worden war, den gesamten Platz vor der Kirche\ninnerhalb eines gesetzten Frist zu pflastern. Die Frist verstrich, und Benjamin\nwandte sich in seiner Verzweiflung an den Teufel. Der versprach Hilfe, forderte\ndaf\u00fcr aber Benjamins Seele. Der gab sein Einverst\u00e4ndnis, unter der Bedingung,\ndass kein Stein fehlen d\u00fcrfe. Der Teufel vollendete sein Werk innerhalb einer\nNacht und forderte Benjamins Seele. Der aber hielt den einen Stein in der Hand,\nden die Teufelchen vergessen hatten, einen Stein der achten Ablaufrinne. Der\nOberteufel verwandelte in seiner Wut die Teufelchen in Tauben, und die tummeln\nsich heute auf dem Platz vor der Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem der Pflastersteine vor der Kirche ist\neine vierstellige Nummer eingeritzt. Der Stein erinnert an jetzt fast\nabgeschlossenen den Bau Metro, die auch hierher verl\u00e4uft. Da der Platz unter\nDenkmalschutz steht \u2013 ganz Quito ist auch Weltkulturerbe \u2013 musste jeder\neinzelne Stein nummeriert und wieder an derselben Stelle eingesetzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Fassade der Kirche verbirgt sich ein\nriesiger Klosterkomplex mit mehreren gro\u00dfen Kreuzg\u00e4ngen oder Innenh\u00f6fen. Hier\nlebten ehemals bis zu 500 M\u00f6nche, jetzt sind es noch 20.<\/p>\n\n\n\n<p>Der nicht bewohnte Teil des Klosters ist jetzt\nMuseum. Hier kann man sogar die ehemalige Brauerei besichtigen, die \u00e4lteste\nQuitos. Ein deutscher M\u00f6nch namens Ricke hatte die Gerste aus Deutschland\nmitgebracht. Damit begann die Tradition der Klosterbrauerei. Die M\u00f6nche bekamen\neinen Liter zum Fr\u00fchst\u00fcck und einen Liter vor dem Schlafengehen. Es musst also\nordentlich gebraut werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht die alten Ger\u00e4tschaften und verfolgt den\nHerstellungsprozess. Der unebene Boden mit der Rinne in der Mitte diente dem\nTransport der Fl\u00fcssigkeit von einer Stelle zur anderen. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen\nalte Bilder, auf denen die Beteiligten, wie der K\u00fcfer oder der Brauer, ihre\nArbeit beschreiben \u2013 auf Deutsch! <\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist im Original&nbsp; erhalten, nur die Flaschen nicht. Man hat\nkeine Beschreibungen oder Bilder von den Kr\u00fcgen, aus denen getrunken wurde.\nAnhand eines Modells sieht man eine typische M\u00f6nchsmahlzeit: Brot, K\u00e4se, Suppe,\nBier. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch R\u00e4ume, in denen die Decken aus\nHolzlatten und Baum\u00e4sten besteht. Diese Decken haben alle Erdbeben unbeschadet\n\u00fcberstanden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunst, meist sakrale Kunst, aber nicht nur,\nist in den endlosen G\u00e4ngen des Klosters untergebracht. Man sieht ein wunderbar\ngemachtes Tischchen aus Marmor und Schildkr\u00f6tenpanzer,&nbsp; ganz ohne N\u00e4gel oder Klebstoff, einfach wie\nein Mosaik zusammengesteckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Abendmahl, eher konventionell, sieht\nman, wie das Brot in Weidenk\u00f6rben in gro\u00dfen St\u00fccken aufgetragen wird. Dazu\nserviert ein M\u00f6nch eine Suppe. An der Seite ein gro\u00dfer Krug Bier. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht eine verzierte Grablege. Hierin wurde\nder Leichnam des verstorbenen M\u00f6nchs drei Tage lang aufgebahrt. Am hinteren\nEnde eine Uhr, die eine unm\u00f6gliche Zeit anzeigt, Anspielung auf die andere\nZeitregelung, die im Jenseits gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am interessantesten ist der Ersatz von Holz bei\nden Skulpturen durch Stoff. Die Stoffe werden tagelang gest\u00e4rkt, dann in Form\ngebracht und den Holzskulpturen umgeh\u00e4ngt. In einigen F\u00e4llen sind nur Kopf und\nHand aus Holz, innen, unter dem Gewand, ist alles hohl. Bei einer Christusfigur\nsoll sogar das Bein aus Stoff sein. Man kann es kaum glauben. Bei einigen\nFiguren ist der Kopf nicht aus Holz, sondern ein echter Menschenkopf. Bei einem\nPetrus sieht man sogar die Z\u00e4hne durch leicht ge\u00f6ffneten Mund. Unglaublich!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auf die Empore und sehen in das auf\nallen Seiten vergoldete Kirchenschiff hinunter. Hier oben ist auch so eine\nMosaikdecke angebracht, wie bei dem Tischchen. Darunter steht das gro\u00dfe\nNotenpult f\u00fcr den M\u00f6nchsgesang. Das Pult hat ein Eingangst\u00fcrchen. Dort konnte\nein M\u00f6nch sich einlassen und das Notenpult drehen, so dass die M\u00f6nche auf\nbeiden Seiten mitsingen konnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss steigen wir noch auf den Turm. Der\nist jetzt nur noch einst\u00f6ckig. Der alte zweist\u00f6ckige Turm wurde bei einem\nErdbeben zerst\u00f6rt, wie man auf Photographien sehen kann. Man ging bei dem\nWiederaufbau dann auf Nummer Sicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Von oben hat man einen sch\u00f6nen Blick auf den\nPlatz, auf die D\u00e4cher der Stadt, auf die Marienstatue und auf den Vulkan auf\nder anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort in der N\u00e4he, erkl\u00e4rt die F\u00fchrerin, habe eine\nbedeutende Schlacht stattgefunden, aber worum es ging, wann sie stattgefunden\nhat und wer gegen wen k\u00e4mpfte, wei\u00df sie nicht. Stattdessen spricht sie gerne\n\u00fcber die schwerste Glocke, das gr\u00f6\u00dfte Gem\u00e4lde oder die \u00e4lteste Kirche Quitos. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch in ein Wohnhaus, wo der\nVerkaufsraum einer Schokoladenfabrik untergebracht ist. Schokolade mit einem\nSchokoladenanteil mit bis zu 100%. Ob das schmeckt? Die Italienerin kauft sich\neine. Die Schokolade wird als die \u201ebeste der Welt\u201c beworben und ist\nentsprechend teuer. <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung geht zu Ende. Die F\u00fchrerin bringt mich\nnoch zu dem Lokal, das ich suche, dem Guaragua. Unterwegs kaufe ich einem\nambulanten Verk\u00e4ufer Coca-Bl\u00e4tter ab. Bisher habe ich die d\u00fcnne Luft allerdings\nnoch nicht gesp\u00fcrt, auch nicht bei dem Aufstieg auf die T\u00fcrme der\nFranziskanerkirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Guaragua ist ein kleines Lokal in der\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone, aber abseits der Pl\u00e4tze mit den touristischen Lokalen. Ich nehme\ndas Menu. Es gibt eine Suppe, eine Kartoffel-Gem\u00fcse-Suppe mit Kr\u00e4utern, die <em>Sopa de Abuela<\/em> hei\u00dft und auch in anderen\nL\u00e4ndern von der Oma zubereitet sein k\u00f6nnte. Dann gibt es H\u00e4hnchen mit Reis und\nSalat und zum Abschluss ein winziges Papayat\u00f6rtchen. Das kostet insgesamt 3,25\n$. Eine kleine Flasche Bier kostet 3 $. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich noch in einen Supermarkt,\nzur Aufstockung von Tee und Wasser und Keksen. Ich sehe mich noch ein bisschen\num. Milch gibt es \u00fcberhaupt nicht, daf\u00fcr Joghurt in gro\u00dfer Auswahl. Schinken\ngibt es auch nicht, nur verschiedene Sorten von falschem Kochschinken, der wie\nMortadella aussieht und vermutlich auch so schmeckt. K\u00e4se gibt es als\nWeichk\u00e4se, als Hartk\u00e4se nur in Scheibenform und teuer. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es durch ein unbekanntes Viertel mit\nviel Volks und Gesch\u00e4ften und Lokalen nach Hause. Am Ende steht der steile\nAufstieg die <em>Gal\u00e1pagos<\/em> hinauf. <\/p>\n\n\n\n<p>5. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit Coca. Ich versuche es erst\neinmal als Tee, als Aufguss. Schmeckt nach nichts. Da muss wohl eine st\u00e4rkere\nDosis ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Das der Wohnung gegen\u00fcberliegende Kloster der\nAugustinerinnen ist noch in Betrieb. Die Nonnen leben zur\u00fcckgezogen und stellen\nS\u00fc\u00dfigkeiten und Fruchts\u00e4fte her. Urspr\u00fcnglich waren sie in Popay\u00e1n, in\nKolumbien, ans\u00e4ssig, wurden dort aber ausgewiesen und kamen auf Eselsr\u00fccken die\n600 Kilometer hierher. Der Bischof wies ihnen das von den Augustinern\nverlassene Kloster zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Stadt komme ich an einer\nImbissstube vorbei, die auch Fr\u00fchst\u00fcck anbietet. Wieder bekomme ich hei\u00dfe Milch\nstatt des Kaffes. Jetzt merke ich, was Sache ist: Man bekommt zu der Milch\neinen Glas mit l\u00f6slichem Kaffee. Den Milchkaffee bereitet man sich selbst zu.\nEs gibt Saft, wohl Maulbeersaft, einen Toast und Spiegeleier. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Weg f\u00fchrt mich zur Touristeninformation,\ndirekt an der Plaza Grande gelegen. Die beiden M\u00e4dchen erledigen ihre Aufgabe\npflichtschuldig, aber ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Eifer. Halb zufrieden mit der\nInformation ziehe ich weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum <em>Museo Nacional<\/em> passiere ich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone eine lange\nSchlange, die bis um die Ecke geht. Ich sehe erst nicht, was das ist. Es ist\neine Bank. Ein Mann erkl\u00e4rt mich, was los ist: Man muss eine Geb\u00fchr f\u00fcr seine\nImmobilie bezahlen. Die wird jedes Jahr am Anfang des Jahres f\u00e4llig. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Schlange steht eine moderne\nBronzeskulptur. Sie stellt einen Architekten dar. Er sieht sehr dynamisch aus,\nist in Bewegung und hebt eine Hand in die H\u00f6he, um auf etwas aufmerksam zu\nmachen. In der anderen Hand h\u00e4lt er eine zusammengerollte Zeichnung. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite steht vor einem\nweiteren Kloster eins der Kreuze, die die <em>Calle\nde los Siete Cruces<\/em> ausmachen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss abbiegen auf die <em>Guayaquil<\/em>, der gr\u00f6\u00dften Stra\u00dfe der Altstadt. Sie ist benannt nach\nEcuadors gr\u00f6\u00dfter Stadt, an der K\u00fcste gelegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage einem Mann nach dem Weg zum <em>Parque El<\/em> <em>Ejido<\/em>. Er besteht darauf, Englisch zu sprechen. Und empfiehlt mir\nden Trolleybus. Die Haltestelle ist gleich hier. Zwei Stationen. Man zahlt den\nFahrpreis, 35 Cent, an einem Kassenh\u00e4uschen und geht dann durch ein Drehkreuz.\nDie Empfehlung des Mannes hat sich gelohnt. Es ist noch ein ganzes St\u00fcck weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Park muss man noch ein ganzes St\u00fcck gehen.\nIch bin jetzt in einem ganz anderen Viertel, <em>La Mariscal<\/em>, dem zweiten Viertel Quitos von touristischem Interesse.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute wissen nicht, wo das <em>Museo Nacional<\/em> ist. Es ist gerade\nrenoviert und neu er\u00f6ffnet worden, und ich verspreche mir davon, das zu\nbekommen, was es gestern bei dem Stadtrundgang nicht gab. Zwei junge Leute\nwissen Bescheid. Und k\u00f6nnen auch erkl\u00e4ren, warum keiner das <em>Museo Nacional<\/em> kennt.&nbsp; Es l\u00e4uft hier unter dem Namen <em>Casa de la Cultura<\/em>. Sie sagen mir, wo\nich lang gehen soll, sagen mir, ich solle vorsichtig sein und nennen zwei\nOrientierungspunkte: Das <em>Museo Nacional <\/em>liegt\ngegen\u00fcber von <em>Kentucky Fried Chicken<\/em>\nund <em>McDonalds<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Park hat einen Triumphbogen mit vielen\nFiguren, eine moderne Skulptur, die einen B\u00e4ren darstellt und viele auff\u00e4llige\nB\u00e4ume, vor allem Platanen und Araukarien (die anders aussehen als bei uns) und\nZypressen, die nicht wie Zypressen aussehen, mit einem breiten Stamm, der sich\nschon in Knieh\u00f6he in verzweigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt endlich die <em>Casa de la Cultura<\/em>. Sie ist ein gro\u00dfer Komplex mit Theater, Kino,\nKonzertsaal und Skulpturengarten und einem alten und einem neuen Geb\u00e4ude. Man\nmuss um das neue einmal fast rum gehen, um an sein Ziel zu kommen. Ich frage\nden Wachmann, ob das der Eingang sei. Er nickt, sagt aber \u201eNo hay atenci\u00f3n\u201c. Es\ndauert was, bis der Groschen f\u00e4llt bei mir: Geschlossen. Es gibt kein Licht.\nMorgen vielleicht wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Bl\u00f6d. Zumal auch das Lokal, das ich mir\nrausgesucht habe, hier in der Gegend, in <em>La\nMariscal<\/em>, liegt. Aber f\u00fcrs Mittagessen ist es zu fr\u00fch. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck in die Stadt, diesmal mit einem\nanderen Trolleybus. Beim Eingang gibt es Verwirrung. Der Mann hinter der\ndunklen Scheibe gibt mir Geld, aber keine Fahrkarte. Es gibt nur Wechselgeld.\nMan muss das Geld in einen Schlitz vor dem Drehkreuz eingeben.&nbsp; Ich muss jemanden bitten, mir bei der\nIdentifizierung der M\u00fcnzen behilflich zu sein: 25 plus 10 Cent. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt geht es von einem weiteren Busbahnhof\naus zu Fu\u00df eine steil ansteigende Stra\u00dfe rauf Richtung Plaza Grande. In der\nfu\u00dfl\u00e4ufigen Stra\u00dfe ist viel Betrieb, ein kleiner Laden reiht sich an den\nanderen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Ersatz f\u00fcr das <em>Museo Nacional<\/em> entscheide ich mich f\u00fcr das <em>Museo Numism\u00e1tico<\/em>, auch aus praktischen Gr\u00fcnden. Ich wei\u00df, wo es\nist. Vorher sehe ich mir aber noch die Jesuitenkirche an, <em>La Compa\u00f1\u00eda<\/em>, mit seiner beeindruckenden Barockfassade. Die wurde\nvon einem deutschen Jesuiten begonnen und von einem italienischen vollendet.\nDer Baubeginn war 1605, die Einweihung der noch nicht vollendeten Kirche 1613. Als\ndie Jesuiten 1767 ausgewiesen wurden, blieb die Kirche verlassen, bis sie 1807\nan einen anderen Orden ging und dann, 1860, an die Jesuiten zur\u00fcckging. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird Eintritt genommen, 5 $ f\u00fcr Ausl\u00e4nder,\ndie H\u00e4lfte f\u00fcr Einheimische. Daf\u00fcr darf man nicht photographieren und es gibt\nkeine Brosch\u00fcre und keinerlei Beschriftungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck ist von Beginn an \u00fcberw\u00e4ltigend, was\nauch immer man von dieser Kunst h\u00e4lt. An den m\u00e4chtigen Pfeilern h\u00e4ngen Gem\u00e4lde,\naber alles andere ist vergoldet die Pfeiler, die S\u00e4ulen, die Kanzel, die Decke,\ndie Orgelb\u00fchne, die Alt\u00e4re, die Br\u00fcstungen. Das eigentliche Mauerwerk ist,\nau\u00dfer in den Kuppeln, nirgendwo zu sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Wirkung zeigt die Decke. Kreuz,\nRose und Jesuitenemblem setzen sich in einer scheinbar unendliche Folge fort,\nund dazwischen sind Schmuckelemente, die wie die Schriftzeichen einer\nunbekannten Schrift aussehen, etwas zwischen Hindi und Arabisch. Die Wirkung\nist durch den Lichteinfall der Kuppel ganz von vorne ganz anders als von\nhinten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gem\u00e4lde an den Pfeilern stellen Propheten aus\ndem Alten Testament dar, Jeremias, Habakuk, Daniel, Abdias, mit Spruchb\u00e4ndern\nin den H\u00e4nden. Sie sehen athletisch aus und stehen in einer wahrlich\nalttestamentarischen Landschaft. Die Gem\u00e4lde und Figuren an den Seitenalt\u00e4ren\nsind dagegen reiner Kitsch. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Kanzel sieht man sehr weltlich aussehende,\nleicht bekleidete Engelchen und Galionsfiguren zwischen den Heiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Westen f\u00fchrt neben dem Ausgang eine\nWendeltreppe auf die Orgelb\u00fchne. Auf der anderen Seite des Ausgangs hat sie ihr\nPendant in einer gemalten Wendeltreppe in <em>trompe-l\u2019\u0153il<\/em>-Technik.\n&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es gleich zum <em>Museo Numism\u00e1tico<\/em>. Aus unerfindlichen Gr\u00fcnden muss man drau\u00dfen\nSchlange stehen. Dabei ist drinnen kaum jemand. Dann muss man zur Rezeption und\nsich mit Namen, Ausweisnummer&nbsp; und\nTelefonnummer registrieren. Um ein Museum zu besuchen. Eintritt frei, aber nur\nf\u00fcr Einheimische. Ausl\u00e4nder zahlen einen Dollar. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Gegenst\u00e4nde und Materialien aus der\nVorzeit, die etwas mit dem Geldgesch\u00e4ft zu tun haben, aus Perlmutt, Obsidian\nund Muscheln. Es ist aber umstritten, ob sie eine regul\u00e4re W\u00e4hrung bildeten. Es\nscheint keine Produktionsst\u00e4tten gegeben zu haben, obwohl einige flache \u00c4xte\naus Kupfer so gleichf\u00f6rmig aussehen, als w\u00e4ren sie in Serie entstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der spanischen Zeit gibt es eine Reihe von\nM\u00fcnzen, darunter den Maraved\u00ed. Die Einheit war nicht 12 und auch nicht 10,\nsondern 8. F\u00fcr 8 Maravedi\u00e9s gab es einen Tost\u00f3n und f\u00fcr 8 Tost\u00f3n einen Escudo.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ecuador gab es schon bald nach der\nUnabh\u00e4ngigkeit den Sucre, aber ohne eine Zentralbank, die den Geldverkehr und\ndie Geldproduktion in der Hand hatte. Die Zentralbank wurde erst 1926\ngegr\u00fcndet, von da an gab es kontrollierte W\u00e4hrung, mit dem Sucre als Einheit\nund dem Centavo als Untereinheit. In verschiedenen Zeiten wurden verschiedene\nGeldscheine ausgegeben. Alle haben gemeinsam, dass sie sehr bunt sind und dass\ndie Gr\u00f6\u00dfe kaum auf den Wert schlie\u00dfen l\u00e4sst. Die Motive sind bunt gemischt, mal\nSim\u00f3n Bol\u00edvar, mal ein Wappen, mal eine Schildkr\u00f6te, mal eine allegorische\nFigur, mal ein Pr\u00e4sident. <\/p>\n\n\n\n<p>Die wirtschaftliche Lage bestimmt die W\u00e4hrung. In\nder Wirtschaftskrise der drei\u00dfiger Jahre kam es zu einer Inflation und zur\nAusgabe von Geldscheinen bis zu 500 und 1000 Sucre. Die Wirtschaftskrise war\nbedingt durch den fehlenden einheimischen Absatzmarkt, durch Ausbeutung,\ninstabile Politik und soziale Probleme. Dazu kam zu allem \u00dcbel noch ein Krieg\nmit Peru. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der vierziger Jahre kam es zu einer\nleichten Erholung, die typischen Produkte wie Reis, Kaffee, Baumwolle und das\nStroh f\u00fcr den Panama-Hut fanden wieder besseren Absatz. Dann kam der gro\u00dfe\nBananen-Boom. In Ecuador florierte die Gesellschaft, letztlich eine Folge des\nNiedergangs des Bananenanbaus in Mittelamerika. Jetzt wurden wieder neue\nGeldscheine herausgegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann drehte sich das Blatt wieder in den neunziger\nJahre. Es kam erneut zu Krise und Inflation. Geldscheine mit Werten bis zu\n50.000 Sucre wurden ausgegeben. Die hie\u00dfen volkst\u00fcmlich wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe <em>s\u00e1banas<\/em>, \u201aBettt\u00fccher\u2018. Zur gleichen Zeit\nwurden auch M\u00fcnzen gepr\u00e4gt, die nie in Umlauf kamen, wegen der unpopul\u00e4ren\nAufrundung der Preise, die sie bedeuten w\u00fcrden. Sie hie\u00dfen im Volksmund <em>borrachitas<\/em> wegen der Vorliebe des\nabgebildeten Pr\u00e4sidenten f\u00fcr Spirituosen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Einf\u00fchrung des Dollars legt das Museum\nden Mantel des Schweigens. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, hat es angefangen zu\nregnen. Gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Verk\u00e4ufer haben sofort Regenschirme im Angebot. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fl\u00fcchte vor dem Regen in das erstbeste Lokal.\nDas Menu ist fast identisch mit dem von gestern, erst Suppe, dann H\u00e4hnchen mit\nReis und Salat. Es gibt keinen Nachtisch, daf\u00fcr ein paar Bananenst\u00fccke und\nPopcorn. Und das Essen ist noch etwas g\u00fcnstiger: 3 $. <\/p>\n\n\n\n<p>6. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Von den ersten vier Autos, die ich am Morgen sehe,\nsind drei Taxis. Sie begegnen sich an der kleinen Kreuzung vor dem Haus. Zwei\nkommen steil runter aus unterschiedlichen Richtungen, eins muss steil rauf auf\nder schmalen Stra\u00dfe mit den Pflastersteinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es steht ein Ausflug zur Mitad del Mundo an. Ich\nsoll um halb neun abgeholt werden. Um Viertel vor neun bekomme ich die\nNachricht, dass der Bus in zehn Minuten komme. Der kommt dann um neun. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Warten l\u00e4sst sich aber gut aushalten. Es ist\nsonnig und einigerma\u00dfen warm. Und von hier an der Ecke hat man einen sch\u00f6nen\nBlick die Stra\u00dfe runter, der mir sonst entgangen w\u00e4re. Auf der rechten Seite\nh\u00fcbsche Wohnh\u00e4user in unterschiedlichen Farben, dahinter die wei\u00dfen Kircht\u00fcrme\nder Stadt und hinten die Berge. Vorne, wie ein Vorhang, das Gewirr der\nStromleitungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist ein Kleinbus, ganz modern. Hinten\nsitzen ein Brasilianer und eine Franz\u00f6sin mit ihrem kolumbianischen Freund. Wir\nlernen uns im Laufe des Tages kennen. Sie haben schon gestern eine\nStadtbesichtigung mit unserem Reisef\u00fchrer gemacht und erz\u00e4hlen davon. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht durch La Mariscal du dann durch\nh\u00e4ssliche Au\u00dfenbezirke, und es geht nur schleppend weiter. Dann fahren wir an\neine Tankstelle. Hier soll Alejandro, unser F\u00fchrer, zusteigen, aber der ist\nnoch nicht da. Wir drehen ein paar Runden um den Block, blo\u00df damit die Zeit\nvergeht. Ich frage mich langsam, ob es eine gute Idee war, diesen Ausflug zu\nbuchen. Es sind schon zwei Stunden vergangen, seit ich mich vor der Haust\u00fcr\npostiert habe. Aber die Bef\u00fcrchtungen erweisen sich als unberechtigt. Es wird\nein richtig toller Tag. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Alejandro, ein sympathischer, gewiefter\nMann, der zu allem etwas zu erz\u00e4hlen hat. Er fragt mich, wie es vorgestern\ngewesen sei, und erst dann begreife ich, dass er vorgestern eigentlich die\nF\u00fchrung h\u00e4tte machen sollen, dann aber seine Stellvertreterin geschickt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch einen Vorort. Dies ist immer noch\nQuito. Alejandro erz\u00e4hlt, Quito habe eine Nord-S\u00fcd-Ausdehnung von 76\nKilometern! Ost-West seien es nur 5 Kilometer. Quito sei wie eine Wurst. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Zusammenhang wird auch die Metro erw\u00e4hnt.\nWir haben vorgestern bei dem Rundgang schon den Eingang zu einigen\nMetrostationen gesehen, aber die Metro steht erst kurz vor der Er\u00f6ffnung.\nAlejandro zufolge wird die Strecke vor allem die s\u00fcdlichen Stadtteile mit dem\nZentrum verbinden, der Norden wurde bei der Planung vernachl\u00e4ssigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand sieht man eine Gruppe von\nDemonstranten mit orangefarbenen Fahnen &nbsp;und\norangefarbenen T-Shirts, Anh\u00e4nger eines politischen Partei, einer\ntraditionellen, aber heute unbedeutenden Partei. Es stehen Wahlen\nGemeindewahlen an. B\u00fcrgermeister und Stadtverordnete werden gew\u00e4hlt. F\u00fcr das\nAmt des B\u00fcrgermeisters gibt es gleich 20 Kandidaten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vorort ist der Geburtstag von Garc\u00eda\nMoreno, den ich bisher nur von dem Stra\u00dfennamen her kenne. Er ist ein\nehemaliger, sehr umstrittener Pr\u00e4sident. Er wurde Opfer eines Attentats, und seine\nK\u00f6rperteile sind auf verschiedene Orte verteilt, einer davon die Kathedrale: <em>Que sus piezas descansen en paz \u2013 M\u00f6ge seine\nTeile in Frieden ruhen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jemand fragt nach dem Milit\u00e4rdienst. Ist nicht\nmehr obligatorisch, seit ungef\u00e4hr zehn Jahren. Der Fahrer bemerkt, fr\u00fcher, als\ner noch obligatorisch war, h\u00e4tten sich alle gedr\u00fcckt, heute, wo es nicht mehr\nobligatorisch ist, k\u00f6nne sich die Armee vor lauter Bewerbungen nicht retten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an der Schule vorbei, zu der Alejandro\ngegangen ist. Das Schulsystem teilt sich in zweimal sechs Jahre auf, sechs\nJahre Primarstufe, sechs Jahre Sekundarstufe. <\/p>\n\n\n\n<p>Langsam kommen wir unserem Ziel n\u00e4her, es wird\nl\u00e4ndlicher, kein Verkehr mehr, und dann kommen wir in eine raue, kahle\nGebirgslandschaft. Es geht immer weiter rauf, und pl\u00f6tzlich wird es wieder\ngr\u00fcner. Die Erkl\u00e4rung gibt es sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die <em>Reserva Geobot\u00e1nica Pululahua<\/em>. Am Eingang m\u00fcssen wir uns registrieren,\naber nichts bezahlen. Wir kommen an ein Gel\u00e4nder, und unter uns bietet sich ein\nrichtiges Naturspektakel dar. Ein Kessel, umgeben von hohen, gr\u00fcnen Bergen, mit\neiner gro\u00dfen, flachen Ebene, eingeh\u00fcllt in Nebelschwaden. Unten in dem Kessel\nH\u00e4user und Felder. Wir stehen vor einem Vulkan! <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vulkan ist vor 2500 Jahren, erdgeschichtlich\neine kurze Zeit, ausgebrochen und hat den Krater mit dem fruchtbaren Boden\ngeschaffen. Das erkl\u00e4rt auch, dass es hier gr\u00fcner wurde, als wir h\u00f6her kamen.\nHier unten werden Agaven angebaut und Beeren und Orchideen. Eine gelb bl\u00fchende\nOrchideenart wird besonders mit dieser Gegend verbunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach Alexander von Humboldt, den\nAlejandro vorher mit einem Zitat erw\u00e4hnt hat. Alejandro berichtet, dass er hier\nnicht nur die Natur erforsch hat, sondern auch politisch aktiv war im Rahmen\ndes Kampfes f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit. Carlos de Mant\u00fafar, Humboldts Freund, &nbsp;war ein ecuadorianischer Adeliger und einer\nder F\u00fchrer der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Alejandro erz\u00e4hlt, dass man vermutet,\ndass ihre Freundschaft keine rein platonische war. Das ist bei Humboldt bei\nallen seinen Freunden so. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter und kommen zur <em>Mitad del Mundo<\/em>. Hier hat man die Lage\nam \u00c4quator f\u00fcr touristische Angebote ausgeschlachtet, aber es ist nicht \u00fcberlaufen,\n\u00fcberall herrscht eine angenehme Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Alejandro erkl\u00e4rt, die ganz genaue Stelle des\n\u00c4quators befinde sich 300 Meter von hier entfernt, in den Bergen. Wir sind auf\ndem L\u00e4ngengrad 0,003232. Das ist nah genug. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man sich vor oder hinter den Buchstaben <em>Mitad del Mundo<\/em> photographieren lassen.\nDas tun wir auch alle. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einem Teil, wo man drei\nunterschiedliche H\u00fctten der Ureinwohner nachgebaut hat, eine aus dem Amazonas,\neine aus der Cordillera, eine aus der K\u00fcste. Sehr interessant. Auf den ersten\nBlick sehen sie gleich aus. Sind sie aber nicht. Die H\u00fctte des Amazonas hat\nleichte W\u00e4nde aus Rohren, die der Cordillera sind aus Adobe, Ziegeln aus Lehm,\nStroh, Sand und Tierkot. Es sind richtig dicke W\u00e4nde. In der Amazonas-H\u00fctte sind\ndie Betten kurz mit einer Halterung f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe. Der Grund ist, dass man sie\nauch f\u00fcr die Arbeiten benutzt. Dann sitzt man auf dem kurzen Bett und st\u00fctzt\ndie Beine auf die Halterung davor. In dieser Lage kann man zum Beispiel\nKakaobohnen oder Mais mahlen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand der Amazonas-H\u00fctte h\u00e4ngen ein\nFederschmuck und ein Skalpell, der <em>Tzantza<\/em>.\nWenn ein Feind besiegt wurde, wurde der Kopf des toten Anf\u00fchrers des Gegners entleert,\nsodass nur noch die Gesichtshaut und die Haare \u00fcbrigblieben. So geschrumpft, konnte\ner konserviert und an der Wand der H\u00fctte aufgeh\u00e4ngt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Cordillera-H\u00fctte besteht aus zwei Teilen,\neinem privaten und einem \u00f6ffentlichen. Der \u00f6ffentliche ist rund und hat ein\nTotem in der Mitte. Um das Totem herum wurde getanzt, in der Pr\u00e4senz des <em>Diablo Huma<\/em>, einer doppelgesichtigen\nausgestopften und bunt bekleideten Puppe, deren vorderes Gesicht das irdische\nGeschehen betrachtet und das hintere das geistige Geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem privaten Teil liegt auf dem Bett das Fell\neines m\u00e4nnlichen Lamas. Das war die Bettdecke. <\/p>\n\n\n\n<p>Um das Feuer in einem Loch im Boden herum stehen\ndrei Steine als Sitzgelegenheiten, f\u00fcr Vater, Mutter und Kind. Jeder von ihnen\nwar beim Kochen nur f\u00fcr eine Sache zust\u00e4ndig, Yucca, Mais, Fleisch oder\n\u00c4hnliches, denn sie mussten die gesamte Gro\u00dffamilie versorgen. Arbeitsteilung\nwar angesagt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Cordillera-H\u00fctte hat sogar ein extra\nStockwerk, eine Art Mezzanin-Stockwerk. Dort wurden die Lebensmittel verwahrt.\nWenn jemand heiraten wollte, war er vorher ein Jahr lang f\u00fcr die Verwaltung und\nKonservierung der Lebensmittel zust\u00e4ndig. Wenn am Ende des Jahres noch genug da\nwar, hatte er die Probe bestanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fcsten-H\u00fctte steht, aus naheliegenden Gr\u00fcnden,\nauf Stelzen. Sie ist ganz aus Bambus gemacht, und \u00fcberall sind Ger\u00e4tschaften\nf\u00fcr den Fischfang ausgelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Dach ist aus Stroh gedeckt, aus paja toqilla.\nAn der Wand h\u00e4ngt ein Hut. Was hat es mit dem auf sich? Es ist ein\nhandgeflochtener Hut, aus demselben Stroh gemacht. Es gibt unterschiedliche\nQualit\u00e4ten, die wiederum mit der Herstellungszeit zusammenh\u00e4ngen. Die kann bis\nzu 3-4 Monate f\u00fcr einen einzigen Hut betragen. Diese H\u00fcte stammen aus Ecuador,\nhei\u00dfen aber bei uns Panamahut, F\u00fcr die Verwechslung wird folgende Erkl\u00e4rung\nangeboten: Ein ecuadorianischer Pr\u00e4sident traf sich mit Roosevelt in Panama und\nbrachte ihm einen Hut aus Ecuador mit. Als Roosevelt nach Hause kam, war das\neben der \u201eHut aus Panama\u201c, der <em>Panamahut<\/em>.\nDie Verwechslung hat aber noch fr\u00fchere Wurzeln, darunter die Regelung, dass\nWaren aus Amerika nicht direkt in die USA exportiert werden durften, sondern\nden Umweg \u00fcber Panama machen mussten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck in die Gegenwart. Wir kommen\nzu einer Eisdiele. Dort k\u00f6nnen wir eine Kupfersch\u00fcssel in die Hand nehmen, um\nzu sehen, wie schwer sie ist. In dieser Sch\u00fcssel wird das Eis hergestellt. Nur\nFruchtmasse und Eis. Also ein Wassereis. Es gibt eine ordentliche Auswahl an\nexotischen Fr\u00fcchten: Maracuja, Kokosnuss, Bitterorange, Feige und andere, deren\nNamen ich nicht kenne oder an die ich mich nicht erinnere, darunter <em>guanabo<\/em> und <em>taxo<\/em>. Beim Eisessen entspinnt sich eine lebendige Konversation \u00fcber\nexotische Fr\u00fcchte und Vorlieben und Sprache. Die Franz\u00f6sin kennt sich gut aus,\nder Kolumbianer und unser Reisef\u00fchrer sprechen \u00fcber verschiedene Bezeichnungen\nf\u00fcr ein und dieselbe Frucht oder dasselbe Wort mit unterschiedlichen\nBedeutungen. Ich bekomme nur mit, dass <em>taxo<\/em>\nin Kolumbien <em>curuba<\/em> hei\u00dft. Ich tippe\nauf Passionsfrucht im Deutschen, aber die Franz\u00f6sin meint, das sei noch was\nanderes. Eine andere Frucht ist wie der Granatapfel, aber von anderer Farbe und\nGeschmack. <\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00f6\u00dfere Verwirrung gibt es, Alejandro zufolge, mit\nden W\u00f6rtern <em>guava<\/em> und <em>guayaba<\/em> und <em>guanabana<\/em>. Zwei sind identisch, eine ist anders, und zu allem \u00dcbel\nverwendet das Englische eins der W\u00f6rter f\u00fcr eine andere Frucht als das\nSpanische. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie kommentieren auch mein Spanisch und die\ntypischen W\u00f6rter und Wendungen, die f\u00fcr sie nach Spanien klingen. Der Kolumbianer\nhat ein feines Ohr f\u00fcr Unterschiede. Ich frage, ob sie, Ecuadorianer und\nKolumbianer, sich auch an der Sprache identifizieren k\u00f6nnen. Beide sagen ja.\nIch h\u00f6re keinen Unterschied. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Franz\u00f6sin ist mir aufgefallen, dass sie\noft <em>chevere<\/em> sagt. Das hat sie\nnat\u00fcrlich von ihrem Freund \u00fcbernommen. Sie bringt mir noch <em>chimba<\/em> als etwas deftigere Alternative bei. Vorsicht, sagt\nAlejandro, in Ecuador bedeutet ein ganz \u00e4hnliches Wort, <em>chimbo<\/em>, genau das Gegenteil. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kolumbianer ist Franz\u00f6sischlehrer und wohnt\njetzt zusammen mit seiner Freundin in Nizza. Er stammt aus Medell\u00edn und kennt\nnat\u00fcrlich auch Sabaneta. Der Brasilianer war Weihnachten dort. Wie er\ndahingekommen ist, wei\u00df man nicht, aber er scheint ein gutes Netzwerk von\nFreunden zu haben. Dort f\u00e4hrt er hin, kommt irgendwo billig unter und arbeitet\nonline. Auch hier in Quito arbeitet er. Demn\u00e4chst will er nach Albanien. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Eis kommt das Bier. Wir besichtigen das Biermuseum.\nEs stellt sich heraus, dass Alejandro viel versteht von dem Gesch\u00e4ft, sogar\nBiersommelier ist. Er kennt auch ausgefallene Sorten wie Berliner Wei\u00dfe. Die\nErkl\u00e4rungen sind so verwickelt, dass ich den Faden verliere. Interessant die\nKontrolle der Temperaturen. Erst einmal muss man wissen, dass Wasser nicht\nunbedingt bei 100\u00b0 kocht. Mit gr\u00f6\u00dferer H\u00f6he ist eine niedrigere Temperatur\nnotwendig. Beim Brauprozess geht es bei den beiden Fermentationsprozessen auch\nin erster Linie um die Temperatur. Beim ersten muss die Temperatur, ohne Zugabe\nvon anderen Dingen, von dem Siedepunkt auf 10\u00b0 gek\u00fchlt werden, beim zweiten\ngeht es darum, die Temperatur l\u00e4ngere Zeit stabil zu halten. Kleinere\nAbweichungen w\u00fcrden sofort den Geschmack ver\u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen eine Bierprobe, verschiedene Sorten,\ndunkle und helle. Mir schmeckt die g\u00e4ngigste am besten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem eigentlichen Punkt, an dem\nder \u00c4quator bezeichnet ist, mit einem riesigen, viereckigen Klotz in der Mitte,\nvon dem aus in alle vier Richtungen gelbe Streifen einen geraden Weg markieren.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen verschieden Experimente, die belegen\nsollen, dass wir am \u00c4quator sind. Gl\u00fccklicherweise wird uns das Experiment mit\ndem unterschiedlich abflie\u00dfenden Wasser erspart, aber auch die anderen grenzen\nan Hokuspokus. Da behalte ich aber f\u00fcr mich. Wir laufen zum Beispiel mit\ngeschlossenen Augen \u00fcber die gelbe Linie. Angeblich soll das hier schwieriger\nsein. Tats\u00e4chlich machen die Franz\u00f6sin und ich es schlecht, aber der\nKolumbianer und der Brasilianer machen es gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter ist eine Sonnenuhr, die nicht die\nStunde, sondern die Jahreszeit angibt. Hier wird gefragt, wie die Indios, die\nQuitos, die urspr\u00fcnglichen Bewohner der heutigen Provinz Pichincha (die sp\u00e4ter\nvon den Ketschuas assimiliert wurden), schon wussten, dass sich hier der\n\u00c4quator befindet. Sie hatten Handelsbeziehungen zu anderen St\u00e4mmen, und bei\nihren Reisen fiel ihnen auf, dass dort die Tage unterschiedlich lang waren,\nw\u00e4hrend hier die tage das ganze Jahr \u00fcber gleich waren. Der andere Hinweis war\nder Schatten und wie der sich im Laufe des Jahres verk\u00fcrzt. An zwei Tagen des\nJahres, zur Sommersonnenwende und zur Wintersonnenwende, gibt es f\u00fcr ein paar\nMinuten gar keinen Schatten. Beide Tage waren f\u00fcr die Quitos Festtage. Diese\nzwei Linien sind hier an der Sonnenuhr markiert. Je n\u00e4her man an der\nSonnenwende ist, umso k\u00fcrzer wird der Schatten, bis er auf kurze Zeit ganz\nverschwindet. Muss ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl sein, das zu erleben. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss k\u00f6nnen wir noch Photos machen, mit den\nBeinen zu beiden Seiten der gelben Linie stehend, mit einem Bein auf der\nNordhalbkugel, mit dem anderen auf der S\u00fcdhalbkugel. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt legt der Brasilianer einen\nSchlaf ein. Ich unterhalte mich mit den beiden noch \u00fcber Gott und die Welt,\n\u00fcber P\u00fcnktlichkeit, \u00fcber Reisen und \u00fcber Sprache. Sie sind auch verbl\u00fcfft \u00fcber\nden gelassenen Umgang der Ecuadorianer mit P\u00fcnktlichkeit. Auch zwischen ihnen\nbeiden ist es ein Thema. Er sei zwar nicht unp\u00fcnktlich, mache alles aber auf\nden letzten Dr\u00fccker. Damit tut sie sich schwer. Sie berichten von ihrer Reise\nnach Peru.&nbsp; Dort waren sie mehrere Tage\nganz tief im Urwald. Erz\u00e4hlen ganz begeistert davon. Mit ihrer Einreise nach\nKolumbien haben sie es clever gemacht. Sie haben f\u00fcr die Ausreise ein Ticket\ngebucht, das man stornieren kann! Clever gemacht! <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hole meinen Reisef\u00fchrer raus und \u201eteste\u201c ihn,\nfrage, ob er die umgangssprachlichen W\u00f6rter kennt, die dort aufgelistet sind.\nEr kennt sie alle! Spricht f\u00fcr die Aktualit\u00e4t des Reisef\u00fchrers. Am besten\ngef\u00e4llt mir <em>perico<\/em>. Das kann sowohl\nKokain als auch ein Milchkaffee als auch ein R\u00fchrei mit Tomaten sein! Sie sagt\nvon ihm, er sei ein <em>bu\u00f1uelo<\/em>, ein\nschlechter Autofahrer. Kann auch ganz allgemein jemand sein, der ungeschickt\nist. Ich habe danach sogar noch Gelegenheit, das Wort selbst an den Mann zu\nbringen, als er nach Deutschland fragt, Mobilit\u00e4t, regionale Unterschiede,\nMentalit\u00e4t. Er stellt kluge Fragen und h\u00f6rt interessiert zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer bringt die beiden jetzt noch zum\nBahnhof, sie reisen am Abend noch weiter, nach Cotopaxi, s\u00fcdlich von Quito. Wir\nanderen steigen der Reihe nach aus. Mich l\u00e4sst der Fahrer an der <em>Plaza Santo Domingo<\/em> raus, dem dritten\ngr\u00f6\u00dferen Platz von Quito. Auf dem R\u00fcckweg mache ich dort ein paar\natmosph\u00e4rische Photos vor dem sich verdunkelnden Himmel, von der Kirche und von\ndem in der Mitte des Platzes stehenden Sucre, dem Held der\nUnabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Die Photos sehen aus wie Schwarz-Wei\u00df-Photos,<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gehe ich eine steile Treppe hinunter, die\nRonda, eine der \u00e4ltesten Stra\u00dfen der Stadt. Sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re. Hier gibt es\nKunstgalerien, kleine L\u00e4den, Caf\u00e9s und Bars. Ich gehe zu <em>Le\u00f1a Quite\u00f1a<\/em>, von Alejandro empfohlen.&nbsp; Das Lokal sieht schon von au\u00dfen gem\u00fctlich\naus. Es hat zwei niedrige Stockwerke. Oben eine Terrasse, von der aus man auf\ndie H\u00e4user des Platzes, auf die D\u00e4cher des Nachbarviertels und auf die Jungfrau\nauf dem H\u00fcgel blickt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier zahle ich so viel wie f\u00fcr alle bisherigen\nEssen zusammen, aber daf\u00fcr bekomme ich auch gleich zwei der Spezialit\u00e4ten, die\nich ohnehin irgendwann probieren wollte: <em>mote<\/em>\nund <em>cuy<\/em>, eins als Vorspeise, eins als\nHauptspeise. Bei der <em>mote<\/em> handelt es\nsich um Getreide, das im Wasser gekocht wird, in diesem Falle Mais. Dazu gibt\nes Salat, eine S\u00fc\u00dfkartoffel (die au\u00dferordentlich gut schmeckt), eine gebratene\nBanane, eine gebratene Avocado und ger\u00f6stete Erdn\u00fcsse. Bei dem <em>cuy<\/em> handelt es sich um die\nlandestypische Speise, die wir heute schon unterwegs auf dem Grill gesehen\nhaben: Meerschweinchen. Schmeckt ausgezeichnet, vor allem die knusprige Haut.\nDas Fleisch ist am Ende nicht so gut abzutrennen mit Messer und Gabel, und da\nkommt die alte Devise \u00fcber das H\u00e4hnchenessen zu tragen, die man hier auch\ngelten lassen kann: \u201eKnigge sprach zu seinen J\u00fcngern, H\u00e4hnchen isst man mit den\nFingern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>7. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeckter Himmel, kalt, kein Wetter f\u00fcr Quito von\noben, weder vom <em>Panecillo<\/em> noch von\nder <em>Cruz Loma<\/em> aus, zu der eine\nSeilbahn hinauff\u00e4hrt. Eher Museumswetter.<\/p>\n\n\n\n<p>Alejandro hat das <em>Museo de la Ciudad<\/em> vorgeschlagen, auch, weil es einfach zu\nerreichen ist. Ich brauche nur immer die Stra\u00dfe runter, bis ans \u00e4u\u00dferste Ende\nder Altstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist untergebracht in dem ehemaligen\nHospital San Juan de Dios. Es hat einen doppelst\u00f6ckigen Innenhof, in den man\ngleich hineinkommt, und einen weiteren Innenhof dahinter. Die Ausstellung folgt\neinem verwirrenden Pfad durch die R\u00e4ume entlang der Innenh\u00f6fe. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Umgangs kommt man auch in die Kirche,\ndie dem Hospital angeschlossen war. Von oben blickt man auf die vergoldeten\nAlt\u00e4re an den Seiten und im Chor hinunter. Die Kirche ist so angelegt, dass sie\nauch von au\u00dfen zug\u00e4nglich ist und damit neben den M\u00f6nchen auch den Gl\u00e4ubigen\ndes Viertels offenstand. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auch einen nachgebildeten Krankensaal,\nauf der Grundlage eines Gem\u00e4ldes aufgebaut! Alles ist genau nachgestellt, mit\nFiguren von M\u00f6nchen, die den Kranken Arznei und Mahlzeiten bringen und einer\nNonne (haben hier wirklich M\u00f6nche und Nonnen zusammengewirkt?), die Arzneien\nzusammenmischt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kranken liegen in Nischen an den beiden W\u00e4nden\nentlang, mit einem kleinen Fenster zum Innenhof, einem kleinen Heiligenbild und\neiner Kerze. Jeder hat eine Nische f\u00fcr sich. Vor der Nische ein Vorhang. Und\nunter den Betten Stauraum f\u00fcr pers\u00f6nliche Objekte und darunter f\u00fcr Schuhe und\nden Nachttopf. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Tischchen liegen medizinische Instrumente\nherum, auch welche, um den Aderlass durchzuf\u00fchren, die \u00e4rztliche\nStandardmethode der Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist chronologisch angeordnet. Die\nVorgeschichte ist modern und didaktisch aufgebaut, und hier tummeln sich auch\ndie meisten Sch\u00fcler. Es wird auf die Bedeutung der Beherrschung des Feuers\naufmerksam gemacht: Es brachte W\u00e4rme, diente zum Kochen und als Schutz vor\nwilden Tieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um die Kenntnis von Pflanzen. Die\nMenschen lernten allm\u00e4hlich, welche Pflanzen wo wachsen und wann reif waren und\ndann, wie man wie und wo man deren Samen s\u00e4en konnte. Das war der\nvorentscheidende Schritt zur Entwicklung der Landwirtschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Erzeugnisse waren Bohnen, Kichererbsen,\nMais und Kartoffeln und andere Gem\u00fcsearten. Fr\u00fcchte gab es wenige.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich kam es zu Sesshaftigkeit und\nBev\u00f6lkerungswachstum, immer wieder unterbrochen durch Vulkanausbr\u00fcche.\nPululahua, Pichincho und Cotopaxi waren alle aktiv, alle in der N\u00e4he von Quito.\nMan organisierte sich in einem Verbund mehrerer D\u00f6rfer von 200-300 Einwohnern\nin einem sog. Cacigazo, mit einer deutlich hierarchischen Struktur. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge waren in der Vorstellung dieser Menschen\nvon Geistern bewohnt. Man errichtete ihnen <em>apachitas<\/em>,\nkleine Haufen aus \u00fcbereinandergelegten Steinen. Hier im Museum ist eine\nNachbildung zu sehen. Keine Erfindung der Santiago-Pilger.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um den Totenkult. Immer gab es\nGrabbeigaben, Kleidung, Schmuck und Gef\u00e4\u00dfe. Einige Dinge sind einfach\nuniversal. Die Toten wurden in runden Gr\u00e4bern begraben, vermutlich eine\nReflexion der Weltsicht der Indios, bis zu 16 Metern tief. Sie wurden mit\nangezogenen Armen und Beinen in Hockstellung begraben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nach oben, und es kommt ein gro\u00dfer\nzeitlicher Sprung in die spanische Kolonialzeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Man stellt sich die Kolonisten als eine homogene\nGruppe vor, aber das stimmt nicht einmal f\u00fcr den Klerus. M\u00f6nche und weltliche\nPriester, Pfarrer und Bisch\u00f6fe und verschiedene Glaubensinstitutionen konnten\nsehr unterschiedliche Ansichten haben, unterschiedliche Ans\u00e4tze verfolgen. Dazu\nkamen die verschiedenen Orden, von den Franziskanern (1534) bis zu den Jesuiten\n(1586) kamen insgesamt f\u00fcnf Orden nach Ecuador. Das, was sie alle, bis auf\neinen gemeinsam hatten, war die Einrichtung von Bildungsanstalten. <\/p>\n\n\n\n<p>In denen wurde nicht nur Lesen und Schreiben\ngelehrt, sondern auch Handwerk und Musik. Man sieht Nachbildungen von\nAusbildungsst\u00e4tten und Bauh\u00fctten, in denen es sehr lebendig zuging. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer nachgebauten K\u00fcche sieht man die\nwichtigsten Nahrungsmittel der Zeit. Die kamen aus drei Quellen, den Anden\n(Bohnen, Lupinen, Meerschweinchen, Lama, Rebhuhn, guayaba, guaba), Europa\/Asien\n(Weizen, Reis, Bananen) und Amerika (Mais, Tomaten, Kakao, Kartoffeln). Man\nkonservierte Lebensmittel durch Trocknen oder P\u00f6keln. <\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich steht man mitten im Museum im Urwald,\nzwischen Baumriesen und einem Ritter in Ritterr\u00fcstung. Hinter dem Urwald geht\ndie Ausstellung weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt eine Beschreibung des verheerenden\nErdbebens von 1587. Darunter wird berichtet, wie das Erdbeben ein Erholungsheim\ntraf, in dem alle ums Leben kamen au\u00dfer einem Kind, das in den H\u00e4nden seiner\nAmme unter einen Schemel Schutz fand. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Zusammenhang mit einem Erdbeben, dem von\n1660, steht die Bef\u00f6rderung der <em>Virgen de\nla Merced<\/em> zur <em>Virgen de Quito<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf gro\u00dfen Wandbildern sieht man eine Szene von der\nErrichtung des <em>Monasterio de San\nFrancisco<\/em> und eine Szene von einem Stierkampf auf einem Platz. In beiden\nBildern wimmelt es nur so von Menschen. Der Stierkampf findet in keiner Arena\nstatt, es sind gleich drei Stiere, die auf dem Platz von jungen M\u00e4nnern gejagt\nwerden, ohne Waffen. Wohl eher eine Mutprobe. Auf einer improvisierten B\u00fchne\nschauen verschleierte Frauen von oben dem Spektakel zu. Weiter oben, vor der\nKirche, geht das Leben ganz normal weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um H\u00f6hepunkte in der Stadtgeschichte.\nDazu z\u00e4hlt die Einrichtung eines Wassergerichts, das sich um die faire\nVerteilung von Wasser k\u00fcmmerte, um die Einrichtung des ersten Krankenhauses und\num die Einf\u00fchrung einer Pockenimpfung. Es gab viel Widerstand gegen die\nImpfung, viele weigerten sich, sich impfen zu lassen. Ein vertrautes Bild. <\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6hepunkte des 21. Jahrhunderts bilden\nverschiedene Ungl\u00fccksf\u00e4lle, darunter die Absenkung eines auf sumpfigem Gel\u00e4nde\nerrichteten Stadtviertels, der Solana. Der Ausl\u00f6ser war vermutlich der Bau der\nMetro. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden Gegenst\u00e4nde aus dem Alltagsleben wie\nWebst\u00fchle und eine Vorrichtung zum Kerzendrehen gezeigt sowie Objekte aus dem\nHaushalt einer reichen Familie wie bemalte Schatullen und vergoldete\nPantoffeln, ein Fernrohr und eine Harfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Mich zieht es aber weiter, in die Zeit der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.\nEs hatte im 18. Jahrhundert, nach 200 Jahren der spanischen Herrschaft, schon\neinige Aufst\u00e4nde gegeben, meist in Stadtvierteln. Meist ging es um neue\nZumutungen der Kolonialverwaltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es dann ernst.\nDie Grundlage wurde von Intellektuellen, Klerikern und Professoren gelegt. Sie\nverbreiteten ihre Ideen durch Flugbl\u00e4tter, auf Sitzungen und in informellen\nGespr\u00e4chen. <\/p>\n\n\n\n<p>1809 f\u00fchrte ein Aufstand zur Absetzung von Ruiz de\nCastilla, des spanischen Gouverneurs. Der kehrte aber nach drei Monaten mit der\nUnterst\u00fctzung von Truppen zur\u00fcck und besetzte wieder seinen alten Posten. Er\nreagierte mit Repressalien, und das wiederum f\u00fchrte, vor allem nach der\nErmordung einiger Anh\u00e4nger der Bewegung und einiger Unbeteiligter, zum\nendg\u00fcltigen Aufstand. Der aber wurde wiederum unterdr\u00fcckt durch Fernando VII.,\nder nach dem Ende der Napoleonischen Herrschaft in Spanien, auf den Thron\nzur\u00fcckkehrte und das Rad der Geschichte zur\u00fcckdrehen wollte, mit der\nWiedereinf\u00fchrung des Absolutismus. Aber die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung war nicht\nmehr zu stoppen, und der Sieg der Aufst\u00e4ndischen in der Schlacht am Pichincha\nf\u00fchrte endg\u00fcltig zur Losl\u00f6sung von Spanien. Quito bildete zuerst, losgel\u00f6st vom\nRest Ecuadors, eine eigene Republik mit Venezuela und einem weiteren\nTerritorium. Als sich dann der Staat Ecuador bildete, gab es lange\nStreitigkeiten zwischen den Vertretern eines f\u00f6deralen und eines\nzentralistischen Staats, aber einig war man sich, dass der neue Staat eine\nRepublik mit einem repr\u00e4sentativen Wahlsystem sein sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach kommen noch die H\u00fcrden, die der neue&nbsp; Staat zu nehmen hatte, vor allem bei den\nVerkehrsverbindungen und der Einf\u00fchrung einer W\u00e4hrung. Das sehe ich mir nicht\nmehr im Detail an. Der ganz gro\u00dfe Durchblick ist auch mit diesem Museum nicht\ngekommen, aber eine ungef\u00e4hre Ahnung von den Abl\u00e4ufen. <\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten R\u00e4umen des Museums bekommt man das,\nwas zu erwarten ist: Stra\u00dfenbeleuchtung, K\u00fchlschr\u00e4nke, die Stra\u00dfenbahn,\nTelegraphen. Dann kommt doch noch eine \u00dcberraschung: Ecuador hatte eine\nfunktionierende Eisenbahn, von Quito nach Guayaquil. Sie verband also die\nbeiden gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte des Landes. <\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen vom Balkon hat man einen Blick auf&nbsp; die Berge, auf den Panecillo und&nbsp; den Pichincha. Der Panecillo war in der\nVorzeit ein Ort der Anbetung, in der spanischen Zeit, man mag es kaum glauben,\nwurde dort Weizen angebaut! Der Panecillo markierte in der Vergangenheit lange\ndas \u00e4u\u00dfere Ende der Stadt. Er war die Quelle eines r\u00f6tlichen Steins und von\npurem Wasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Erdbewegung ver\u00e4ndert sich die Lage\nQuitos ganz langsam: Die Stadt liegt jedes Jahr zwei Millimeter h\u00f6her \u00fcber dem\nTal. Die Erdbewegungen haben in fr\u00fcheren Zeiten regelrechte Gr\u00e4ben geschaffen.\nSo ist die heutige 24 de Mayo entstanden durch die Aufsch\u00fcttung eines von einem\nErdbeben verursachten Grabens. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum lasse ich mich ein bisschen\ntreiben durch dieses bisher noch unbekannte Viertel Quitos. Hier geht es bunt\nzu. Ein Gitarrentrio aus drei \u00e4lteren Herren macht wunderbare Musik, rhythmisch\nund melodisch gleichzeitig, vermutlich moderne Versionen von Liedern aus den\nAnden. Sie spielen viel zu gut, um auf der Stra\u00dfe zu spielen. Konkurrenz\nbekommen sie von einer benachbarten Band, bei der zwei junge Frauen, die ihr\nSchreien f\u00fcr Singen halten, den Ton angeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Allgegenw\u00e4rtig Frauen, die ihr Produkt an den Mann\nbringen wollen. Die eine verkauft Kaffeefilter, die andere Gummihandschuhe, die\nn\u00e4chste Bohnen und Erbsen. Der g\u00e4ngige Preis scheint ein Dollar zu sein: \u201e\u00a1Dolar,\na dolar!\u201c Ich kaufe Kirschen von einer Verk\u00e4uferin. Was kosten die? Einen\nDollar! Schmecken ausgezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke steht eine Frau mit einem Kochtopf.\nIch frage, was das sei, verstehe aber ihre Antwort nicht. Ich nehme trotzdem\neinen Becher. 50 Cent. Es ist ein lauwarmes Getr\u00e4nk, s\u00fc\u00dflich, tr\u00fcbe. Darin\nschwimmt etwas. Aber was? Vielleicht gekochte Getreidek\u00f6rner. Ein daneben\nstehender Mann sagt mir, das sei &nbsp;<em>chaguarmishqui<\/em>. Sehr gesund. Soll die\nNieren reinigen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer kleinen Schreibwarenhandlung, in der die\nHefte in den Regalen auf Millimeter genau \u00fcbereinandergestapelt sind, bekomme\nich Nachschub f\u00fcr meine Notizhefte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich noch in das <em>Museo Casa de Sucre<\/em>. Gar nicht so einfach zu finden. Es befindet\nsich in einem Eckhaus, aber der Eingang ist zur Stra\u00dfe hin. Bei der Suche sto\u00dfe\nich in einem Eckhaus auf die botica y\ndroger\u00eda alemana, vor der eine\nlange Schlange steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum muss ich eine Stunde warten, dann gibt\nes die n\u00e4chste F\u00fchrung. Am Ende hat sich eine ganze Menge an Leuten\nangesammelt, die an der F\u00fchrung teilnehmen wollen. Wie so oft in Ecuador, muss\nman sich registrieren. Ein Offizier tr\u00e4gt die Personalausweisnummer in kleinen\nBuchstaben umst\u00e4ndlich handschriftlich in ein winziges Heft ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in den Innenhof gef\u00fchrt, sch\u00f6n,\ndoppelst\u00f6ckig, ganz spanisch aussehend. In der Mitte steht ein achteckiger Brunnen.\nDie Zahl 8 tritt immer wieder auf, sie wurde von den Bewohnern als magische\nZahl gegen das Ungl\u00fcck angesehen. Auch die Kapitelle der h\u00f6lzernen St\u00fctzen sind\nachteckig, und der Eingang, mit Kieselsteinen und Tierknochen gepflastert, hat\nein achteckiges Muster. Und oben, im Salon, hat die Balkendecke ein achteckiges\nGew\u00f6lbe, das wie ein Spinnennetz aussieht. Am Kopf des Brunnens befinden sich\nvier Fr\u00f6sche, in vier Himmelsrichtungen blickend, ausdr\u00fccklich auf den Wunsch\ndes Hausherrn hier angebracht. Es gibt aber keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten ist der ehemalige Pferdestall zu einem\nVortragssaal umgebaut worden. Ein interessanter Raum ist die K\u00fcche, die\nF\u00fchrerin macht das ganz famos, bindet die Leute immer wieder mit ein und l\u00e4sst\nraten, was f\u00fcr einen Zweck&nbsp; die\nverschiedenen Gef\u00e4\u00dfe wohl gehabt haben k\u00f6nnten und wie sie hei\u00dfen. Die Leute\nmachen freudig mit. F\u00fcr mich sind das alles b\u00f6hmische D\u00f6rfer. Sehr sch\u00f6n ein\nausgeh\u00f6hlter por\u00f6ser Stein, unter dem ein Topf steht. Der Stein ist aus\nBimsstein. In oberen Topf wird Wasser gef\u00fcllt, das dann in den unteren Topf\nl\u00e4uft. Dabei wird das Wasser gereinigt. Interessant auch der Herd. Der ist so\ngemauert, dass er vier getrennte \u201eHerdplatten\u201c hat, mit einem eigenen Fach\nunter jedem f\u00fcr das Feuer. Unter diesem wiederum ein Fach, in dem Fach, in dem\ndas Brennholz gestapelt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Der sch\u00f6nste Raum ist der Salon oben, hell und\nsch\u00f6n m\u00f6bliert. Er erstreckt sich \u00fcber beide Stra\u00dfenseiten und hat eine Unzahl\nvon Fenstern. Es gibt verschiedene Sitzecken mit sch\u00f6nen Holzm\u00f6beln. Die\nTrennw\u00e4nde zu den angrenzenden R\u00e4umen sind aus Adobe, also mit Stroh, Kot und\nSand vermischte Lehmziegel. Diese w\u00e4nde werden dann, wie alle W\u00e4nde des Hauses,\nmit Kalk verputzt, zum Schutz gegen Keime und Schimmel. Macht au\u00dferdem die\nR\u00e4ume heller. Die Adobe-W\u00e4nde gehen nur bis zur Mitte, dann kommt eine Schicht\naus waagerechten \u00c4sten mit Zwischenr\u00e4umen, dann wieder Wand, dann wieder die\n\u00c4ste. Es wird nicht erkl\u00e4rt, was das ist, aber ich vermute, es dient der\nDurchl\u00fcftung. Sieht au\u00dferdem sch\u00f6n aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber was hat das Haus mit Sucre zu tun? Um den\nging es mir ja eigentlich. Er hat hier eingeheiratet, hat sich die Tochter\neiner adeligen Familie geangelt. Das Paar hat dann aber nur zwei Jahre hier\ngewohnt. Von hier aus ist er wieder in den Kampf gezogen, in ein Gebiet im\nheutigen Kolumbien, und ist auf dem R\u00fcckweg in einem Waldst\u00fcck ziemlich brutal\nermordet worden. Auf einem naiven Bild eines anonymen Malers wird die Szene\ndargestellt, in der er hier mit Frau und Kindern zusammen ist, bevor er ins\nGefecht zieht. Der Ausdruck auf dem Gesicht seiner Frau ist besorgt, traurig,\nsie wollte tats\u00e4chlich nicht, dass er noch mal in den Kampf geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bis heute nicht gekl\u00e4rt, wer die Attent\u00e4ter\nwaren, vermutlich Revolution\u00e4re anderer Fraktionen, vermutlich welche, deren\nNeid er provoziert hatte, weil Bol\u00edvar ihn offen zu seinem Nachfolger gek\u00fcrt\nhatte. Wir sehen nachher einen Auszug aus dem Brief, in dem er alles in seine\nH\u00e4nde legt. Vielleicht gab es aber auch politische Motive. Welche Bedeutung\nSucre f\u00fcr Ecuador hat, l\u00e4sst sich schon daraus schlie\u00dfen, dass er der\nNamensgeber der fr\u00fcheren W\u00e4hrung war. Auch sein Wiedererkennungswert ist gro\u00df.\nWenn die F\u00fchrerin raten l\u00e4sst, wer auf einem Bild dargestellt ist, liegen die\nBesucher bei Sucre immer sofort richtig. Erkennungsmerkmale sind die gro\u00dfe\nHakennase und die \u00fcberlangen Koteletten. <\/p>\n\n\n\n<p>Er ist, genauso wie die anderen Freiheitsk\u00e4mpfer,\nmeist in Galauniform dargestellt. Man sieht, dass die Revolution keine\nRevolution der Unterschichten war. Alle Aufst\u00e4ndischen kamen aus dem Adel oder\ndem Bildungsb\u00fcrgertum. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch interessant die \u201eInternationalit\u00e4t\u201c der\nUnabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer. Sucre wurde im heutigen Venezuela geboren, wurde sp\u00e4ter\nder erste Pr\u00e4sident Boliviens und auf eigenen Wunsch in der Kathedrale von\nQuito begraben. <\/p>\n\n\n\n<p>Jemand fragt nach Francisco de Miranda, der auch\nauf einem Portr\u00e4t dargestellt ist. Ja, das sei eine Generation fr\u00fcher gewesen,\nsagt die F\u00fchrerin. Er ist der einzige, der in Zivil dargestellt ist. Er war\nDiplomat, Schriftsteller und Humanist. Aber er war auch Soldat, und was f\u00fcr\neiner! Er hatte in der Amerikanischen Revolution <em>und<\/em> in der Franz\u00f6sischen Revolution gek\u00e4mpft, und war dann der\nVordenker des Aufstands gegen die spanische Kolonialmacht. Auf ihn sollen die\nFarben der drei L\u00e4nder, Bolivien, Ecuador und Venezuela,&nbsp; zur\u00fcckgehen. Auch er war geb\u00fcrtig aus\nVenezuela. Seine Vorstellung ging \u00fcber alles hinaus, was man sich heute\nvorstellen kann: ein einheitliches Reich vom Mississippi bis Feuerland,\nBrasilien eingeschlossen. Sein Name sollte <em>Colombia<\/em>\nsein. Er stellte sich als ideale Regierungsform eine Erbmonarchie vor. Der\nKaiser sollte <em>Inka<\/em> hei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Lokal mit einem sehr\ndiensteifrigen Kellner bekomme ich ein Essen, schon auf dem Weg nach Hause. Das\nLokal ist voll von Plakaten, Ornamenten, Krimskrams, Kalendern, Bildern und\n\u00e4hnlichen Sachen, darunter eine Abendmahl von Leonardo, das zur H\u00e4lfte von\neiner Bierreklame \u00fcberklebt ist. Wenn man das Lokal auf Vordermann bringen\nwollte, m\u00fcsste man alles rausschmei\u00dfen, au\u00dfer einem alten Maschinenteil aus\nEisen, das zu einem Kerzenst\u00e4nder umfunktioniert worden ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist aber in Ordnung. Bei der Rechnung\nbekomme ich eine \u00dcberraschung, als f\u00fcr das Bier 3 $ berechnet wird. Auf der\nFlasche steht doch 2 $. Ja, das sei der Einkaufspreis. Nicht schlecht, eine\nGewinnmarge von 50%.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>8. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder Wolken, wieder kalt. Wird wohl nichts mehr\nmit dem Aufstieg zur <em>Virgen<\/em> oder gar\nauf die <em>Cruz Loma<\/em>. Ich versuche\nstattdessen mein Gl\u00fcck mit der Kathedrale. Vergeblich. Es gibt zwar keine\nSchlange heute, man kann aber nur eintreten, um die Krippe zu sehen. Nein, die\nKirche k\u00f6nnen Sie nicht besichtigen. H\u00f6chstens sp\u00e4ter, um neun, durch das\nandere Portal. Dann f\u00e4ngt die Messe an. Ja, aber ich will doch die Kathedrale\nnicht w\u00e4hrend der Messe besuchen. Ich gebe es auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Da bei uns oben noch alles ausgestorben ist, versuche\nich es hier mit dem Fr\u00fchst\u00fcck. In der <em>Venezuela<\/em>\nreiht sich ein Caf\u00e9 an das andere. Alle haben dasselbe Fr\u00fchst\u00fccksangebot: <em>Desayuno Continental \u2013 Desayuno Serrano \u2013\nDesayuno Completo.<\/em> Da es heute lange vorhalten muss, nehme ich das <em>Desayuno Completo<\/em>. Es treten auf:\nKaffee, ein getoastetes Sandwich, eine Scheibe Melone, Reis, eine\nH\u00e4hnchenkeule, Salat, Saft. Meine Bef\u00fcrchtung, dass hier abgezockt wird, weil\nman in unmittelbarer N\u00e4he der Kathedrale ist, erweist sich als gegenstandslos:\n2,50 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wolkendecke rei\u00dft auf, und in der Sonne wird\nes pl\u00f6tzlich warm. Ich versuche vielleicht doch den Aufstieg auf den <em>Panecillo<\/em>. Als ich in die Richtung gehe\n\u2013 die Statur sieht man \u00fcberall in der Stadt \u2013 kommen mir&nbsp; auff\u00e4llig viele Radfahrer entgegen. Bisher\nhabe ich nur ganz vereinzelt jemanden gesehen, der sich diese Steigungen antut.\nDann fallen mir die gelben B\u00e4nder auf. Die Stadt ist heute autofrei, es ist\nRadfahrersonntag. V\u00e4ter mit S\u00f6hnen, ganze Familien, einzelne Athleten haben\nihre Freude an den Abfahrten und Steigungen. Ein Taxi ist hier nicht zu\nbekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter die Stra\u00dfe hoch finde ich dann doch eins.\nDer Fahrer f\u00e4hrt Slalom, um die Unebenheiten der Stra\u00dfe zu umgehen. Es geht\nenge Kurven rauf, oben wird es richtig gr\u00fcn und fast einsam. Dann stehen wir\npl\u00f6tzlich auf dem Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Virgen<\/em>\nist wirklich ziemlich seltsam. Sie sieht aus wie in quadratisch gemustertes\nPackpapier eingepackt, von Kopf bis Fu\u00df. Ihr Gewand verdeckt den ganzen K\u00f6rper\nund auch den Kopf bis auf das Gesicht. Auf ihren Lippen ein zufriedenes\nL\u00e4cheln. Ein Fl\u00fcgel steht aufrecht, einer h\u00e4ngt herab. Eine Hand h\u00e4lt sie wie\nzum Gru\u00df erhoben, die andere h\u00e4lt eine dicke Eisenkette. Was sie mit der wohl\nmacht? F\u00fc\u00dfe scheint sie keine zu haben, untenrum sieht sie eher wie eine\nMeerjungfrau aus. Aber das ist eine T\u00e4uschung. Sp\u00e4ter, von unten, sieht man,\ndass sich ein Drache um ihre F\u00fc\u00dfe wickelt, und den h\u00e4lt sie mit der eisernen\nKette gefangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausblick von hier oben ist nicht unbedingt\nsch\u00f6n, aber beeindruckend. Man sieht weit in die Ferne. Und man sieht, wie gro\u00df\nQuito ist. H\u00e4user, wohin man blickt, 360\u00b0, bis auf die H\u00fcgel hinauf. Nur hinten\nsind ein paar H\u00fcgel oben (noch) nicht bebaut, und der Pichincha und seine\nNachbarberge auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man weiter runter geht, sieht man klar die\nKonturen der Altstadt. Rechteckige Stadtanlage, obwohl die Stra\u00dfen nicht\nschnurgerade verlaufen. Als erstes er kenne ich die Basilika, weiter hinten,\nerh\u00f6ht, dann die <em>Plaza San Francisco<\/em>,\ndann die <em>Plaza Grande<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Gl\u00fcck gehabt, genau die eine Sonnenstunde\nerwischt f\u00fcr den <em>Panecillo<\/em>. Oben\nsteht ein Taxifahrer, der mich nur bis nach unten zur Stadt bringen kann, nicht\nnach Hause. Sonst m\u00fcsste ich Aufschlag zahlen. Wegen der Radfahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist sehr gespr\u00e4chig, fragt mich, wo ich schon\n\u00fcberall gewesen sei und wohin ich noch wolle und gibt mir Tipps f\u00fcr die\nWeiterreise. Und ob mir Quito gefalle. Ja, die Altstadt sei wirklich ein\nSchmuckst\u00fcck, sage ich ihm. Das sei alles nur Correa zu verdanken, dem\nPr\u00e4sidenten Ecuadors, von 2007 bis 2017. Die Daten wiederholt er mehrmals.\nCorrea habe endlich was f\u00fcr das Land getan, ihm sei zu verdanken, dass Quito\nsich heute in diesem guten Zustand befinde. Sp\u00e4ter habe er viel Gegenwind\nbekommen, aber das sei nur deshalb gewesen, weil er links gewesen sei. Das habe\nden Rechten nicht gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir bei der Abfahrt kurz Halt machen, damit\nich ein Photo machen kann, sagt er, dies sei ein wichtiger Ort f\u00fcr die\nEcuadorianer. Ich wei\u00df schon, was kommt: <em>Batalla\nde<\/em> <em>Pichincha<\/em>. \u201eDie Spanier dort,\nwir hier. 24. Mai 1822.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich wisse, was Alexander von Humboldt \u00fcber die\nEcuadorianer gesagt habe. Ja, das wei\u00df ich: \u201eLos ecuatorianos son seres raros:\nduermen tranquilos en medio de crujientes volcanes, viven pobres en medio de\nincomparables riquezas y se alegran con m\u00fasica triste \u2013 Die Ecuadorianer sind\nseltsame Wesen: Sie schlafen ganz ruhig mitten unter knisternden Vulkanen, sie\nleben arm inmitten von unermesslichen Reicht\u00fcmern und sie freuen sich \u00fcber\ntraurige Musik.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Platz, wo er mich rausl\u00e4sst, f\u00e4llt mir ein\nHaus mit allen m\u00f6glichen, sehr ordentlich angebrachten Bildern, Symbolen und\nAusspr\u00fcchen auf, darunter un mundo donde\nquepan muchos mundos, follow dreams not orders und el arte es un camino. Gleich gegen\u00fcber\nder Eingang zu einer Metrostation, die nur darauf zu warten scheint, ge\u00f6ffnet\nzu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt ist das Leben inzwischen erwacht. Ein\npaar Musiker laufen mit ihren Instrumenten zwischen den Leuten her, und dann\nkommen ganz Heerscharen von M\u00e4dchen in traditionellen Kleidern. Eine Frau\nerkl\u00e4rt mich, was das ist: Ein Umzug der Schulkinder, sie feiern die Geburt des\nChristkinds. Nur die aus den katholischen Schulen, f\u00fcgt sie vielsagend hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ein letztes Mal die <em>Gal\u00e1pagos<\/em> rauf. Wo ich schon mal dabei\nbin, gehe ich gleich noch einen Block weiter zur Basilika. Dort mache ich noch\neinmal Photos von den Wasserspeiern. Rechts gibt es auch Affen, Pumas und\nAmeisenb\u00e4ren. Damit schlie\u00dft sich der Kreis. Ich bin wieder da, wo ich am\nDienstag angefangen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mein Taxi, von der Vermieterin in Tena\nempfohlen, unserem Zielort. Er holt mich vor der Haust\u00fcr ab. Er ist der erste\nEcuadorianer, der sich f\u00fcr seine Versp\u00e4tung entschuldigt. Stau. Wegen der\nRadfahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen sofort ins Gespr\u00e4ch, es geht um\necuadorianische K\u00fcche und ums Essen insgesamt. Was meinen Salzkonsum angeht,\ngibt er Entwarnung: Wir m\u00fcssten viel Salz essen, gerade weil wir so viel\ntrinken. Das Wasser entzieht dem K\u00f6rper Salz, und da muss nachgelegt werden.\nWas machen die Araber, wenn sie die W\u00fcste durchstreifen? Trinken sie Wasser?\nNein, sie nehmen Salz zu sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren die Vororte Richtung Flughafen. Ich\nwarte die ganze Zeit darauf, dass wir irgendwo anhalten, um weitere Fahrg\u00e4ste\nzu uns zu nehmen, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Ganz geheuer ist mir\ndas nicht. 20 $ f\u00fcr eine Fahrt \u00fcber 200 Kilometer? Meine Verwirrung wird noch\ngr\u00f6\u00dfer, als er davon erkl\u00e4rt, der Transfer vom Flughafen in die Innenstadt\nkoste 30 $. Am Ende, nach einer f\u00fcnfst\u00fcndigen Fahrt \u00fcber die Berge, zahle ich\ntats\u00e4chlich nur 20 $. Und der Fahrer freut sich sogar noch \u00fcber ein kleines\nTrinkgeld, das er sich wahrlich verdient hat. Er f\u00e4hrt schnell, aber unheimlich\nsicher, kennt die Strecke wie seine Westentasche. Auch bei Unebenheiten auf der\nFahrbahn, die ich kaum erkenne, ist er immer aufmerksam, f\u00e4hrt an ihnen herum\noder bremst ab. Es gibt aber auch hin und wieder richtige Schlagl\u00f6cher und auf\nmal <em>faldas<\/em>, das sind Risse in der\nStra\u00dfe, die durch die Erdbewegungen verursacht werden. Insgesamt ist die Stra\u00dfe\naber gut, erst drei- oder vierspurig, im zweiten Teil dann zweispurig, aber wir\nhaben meist nur Gegenverkehr, und es wenige Lastwagen unterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Flughafen sind wir pl\u00f6tzlich in einer\nganz einsamen Landschaft, eine sch\u00f6ne, gr\u00fcne Gebirgslandschaft, nicht\nidyllisch, eher imposant. Einzelne Baumgruppen, aber meist sind die Felsen nur\nmit Gras oder Gestr\u00fcpp bewachsen. Aber alles gr\u00fcn. Umso besser kommen die\neinzelnen Stellen zur Geltung, wo der nackte Felsen zum Vorschein kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem ganzen Weg begegnet uns ein Fluss, mit\nkristallklarem Wasser und dicken, hellen Felsbrocken sowie Kieselsteinen im\nFlussbett, manchmal in weiter Entfernung, h\u00f6her gelegen, manchmal passieren wir\nihn \u00fcber eine Br\u00fccke. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Bergen immer mal wieder ganz&nbsp; schmale Wasserf\u00e4lle, die wie in silbriges\nBand den Felsen runterlaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Papallactos haben wir den Pass erreicht. Von da\nan geht es bergab. Tema liegt auf 500 Metern H\u00f6he, 2300 Meter tiefer als Quito.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand immer wieder Hinweisschilder, wenn\nwir nahe am Wasser sind, man m\u00f6ge keinen Unrat in den Fluss werfen, man m\u00f6ge\ndas Wasser schonen, denn davon w\u00fcrden wir alle leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Hinweisschilder auf wilde Tiere, vor\nallem Brillenb\u00e4ren.&nbsp; Ich frage den\nFahrer, ob er schon mal welche gesehen hat. Ja, schon oft. Wir haben heute aber\nkein Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ganzen Strecke gibt es keinen Ort au\u00dfer\nBaeza, eher einer Ansammlung von H\u00e4usern mit Gesch\u00e4ften und Verkaufsst\u00e4nden.\nIrgendwo ist unterwegs eine Thermenanlage, aber ansonsten kein Zeichen\nmenschlicher Zivilisation.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei tapfere Radfahrer kommen uns entgegen, und\neinmal \u00fcberholen wir zwei Fu\u00dfg\u00e4nger. Wohin die wohl gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>In Baeza machen wir eine Pause. Es ist warm hier,\nrichtig hei\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch spricht der Fahrer in sein Handy und\ngibt, in einer sehr formalisierten Sprache, der Zentrale seinen Standort an:\n\u201eKeine Vorkommnisse\u201c. Sie fahren dreimal am Tag von Quito nach Tena und zur\u00fcck,\num f\u00fcnf Uhr morgens, um zw\u00f6lf und um f\u00fcnf am Nachmittag. Ob er heute noch\nzur\u00fcck muss, wei\u00df er noch nicht. Kommt drauf an, ob es Kundschaft gibt. Dann\nwird es doch schon dunkel sein? Nicht so toll zum Fahren. Die Dunkelheit mache\nihm nicht so viel aus, meint er, schlimmer sei der Nebel.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist nur durch die Pandemie zum Fahren gekommen.\nVon Hause aus ist er Techniker, ich verstehe nicht genau, was. In dieser\nFunktion ist er ein Jahr auf den Gal\u00e1pagos gewesen. Und? Wie war\u2019s? Das Beste,\nwas er je gesehen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Er ist auch zwei Jahre in Spanien gewesen, in der\nExtremadura und in Murcia. Da hat er Aufzucht von Schweinen f\u00fcr die Produktion\nvon Schinken gelernt &nbsp;und den Anbau von\nObstb\u00e4umen. Er ist sehr \u00f6kologisch eingestellt, vor allem spricht er immer von\nNahrungsmitteln ohne Zusatzstoffe und den Einsatz von Chemikalien beim Anbau.\nAn der K\u00fcste hat er ein Projekt laufen f\u00fcr ein Haus mit Selbstversorgung bei\nder Energie und Platz und M\u00f6glichkeiten zur Lebensmittelproduktion f\u00fcr die\neigene Versorgung. Immer wieder preist er die Vielfalt von Fr\u00fcchten in Ecuador.\nEr wei\u00df genau, wie viele Sorten es von Bananen oder Bitterorangen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann, erst kurz vor Tena, ver\u00e4ndert sich die\nLandschaft. Wir kommen in eine Ebene, mit Bambus, Bananenstauden, gro\u00dfen Farnen,\nPalmen. Und es beginnt zu regnen. Je n\u00e4her wir Tena kommen, umso st\u00e4rker regnet\nes. Man kann kaum noch den Weg vor sich sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt die Suche nach der Unterkunft. Die\nVermieterin hat sich strikt geweigert, mir die genaue Adresse zu geben, ich\nhabe nur den Namen der Stra\u00dfe. Und den einer Minibar in der N\u00e4he. In der ganzen\nGegend sieht es aber etwas unheimlich aus, es stehen h\u00f6chstens ein paar\nBaracken herum mit matschigen Wegen davor. Dem Fahrer ist das nicht ganz\ngeheuer. Er ist regelrecht besorgt. Ich h\u00e4tte ja seine Adresse, ich k\u00f6nne ihn\njederzeit kontaktieren. Ob die Vermieterin denn einen kolumbianischen Akzent\ngehabt habe? Das wei\u00df ich nicht. Jedenfalls scheint er das als kein gutes\nZeichen zu deuten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren wieder zur\u00fcck in die Stadt. Die\nVermieterin hat mir in letzter Minute aufs Band gesprochen er solle mich am\nRedondel Jumandi herauslassen. Dort w\u00fcrde sie mich schon sehen. Das ist\nleichter gesagt als getan. Schon beim Aussteigen bin ich kn\u00f6cheltief im Wasser,\nund dann muss ich noch \u00fcber die Stra\u00dfe. Und dann stehe ich wie bestellt und\nnicht abgeholt unter meinem Regenschirm, der hier auch nicht viel nutzt, in der\nMitte des Kreisverkehrs. Dann winkt mich der Fahrer zu sich. Er hat die\nVermieterin inzwischen erreicht. Sie steht in einer Apotheke. Wir drehen noch\neine Runde, ich verabschiede mich und schleppe meinen Koffer durch die\nWasserlachen in die Apotheke.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermieterin ist Clara, Apothekerin. Die\nApotheke hat heute nicht ge\u00f6ffnet, aber sie seien dort, weil sie etwas\numger\u00e4umt h\u00e4tten. Sie fragt beherzt und interessiert nach meinen Reisen, meinem\nSpanisch und meinem Alter. Empfiehlt mir f\u00fcr die Weiterreise Cuneca, ihre\nHeimatstadt. Sehr freundlich, aber ich w\u00fcrde jetzt am liebsten sehen, wo die\nUnterkunft ist. Aber wir sollen erst mal den Regen abwarten. Was mir ziemlich\noptimistisch erscheint. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen h\u00f6rt auch tats\u00e4chlich nicht auf, und der\nMann, der die ganze Zeit stumm daneben gestanden hat, winkt mich zu seinem\nAuto. Man Herz sinkt mit jedem Kilometer, den wir uns weiter vom Ort entfernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald wir im Auto sitzen, wird er gespr\u00e4chig. Er\nkenne Frankfurt, da sei er auf dem Weg nach Katar gewesen, zur WM. Tolle\nErfahrung. Was die da alles aufgebaut haben, in k\u00fcrzester Zeit. Sie h\u00e4tten bis\nzur WM nur ein Stadion gehabt, und jetzt neun. Die seien alle ganz nahe\nbeieinander.&nbsp; Sie h\u00e4tten an einem Tag\ndrei Spiele gesehen. Ecuador sei ja leider ausgeschieden, mit vier&nbsp; Punkten, genauso wie Deutschland. Ein Mann,\nder wegen einer Behandlung zwei Jahre in England gewesen sei, h\u00e4tte bei seiner\nR\u00fcckkehr sein Land nicht mehr wiedererkannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen von der Stra\u00dfe ab und fahren einen Schotterweg\nhinunter, voller Schlamm. Dann stehen wir vor dem Eingangstor von Zahara, der\nFerienanlage, in der ich unverhofft gelandet bin. Aber der Mann will noch nicht\naussteigen, wir sollen erst den Regen abwarten. Er redet gerne. Als es dann\ndoch nicht aufh\u00f6rt, gehen wir durch die Pf\u00fctzen zum Tor. Das wird ge\u00f6ffnet von\nSara, der Tochter Claras, eine junge Frau, die etwas d\u00fcmmlich aussieht. Und es\nwohl auch ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann in mein Zimmer gehen und die nassen\nSachen an die Seite legen. Etwas sp\u00e4ter kommt Sara mit einer Tasse Kaffee. Ich\nfrage sie, warum es kein Wasser im Bad gibt. Sie hat vergessen, den Haupthahn\naufzudrehen. Das macht sie. Aber es kommt kein Wasser. Irgendwas an der\nzentralen Wasserversorgung, ganz Tena sei betroffen. Aber es kommt bestimmt\ngleich wieder. Hoffen wir das Beste! In der Zeit habe ich meinen heimlichen\nSpa\u00df an der absurden Situation: Von oben kommt Wasser, aus der Leitung keins. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach Laden und Lokal. Es stellt sich\nheraus, dass die Anlage selbst ein Restaurant hat. Umso besser. In einer\nStunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage ist ganz sch\u00f6n, und das \u201eRestaurant\u201c\nbefindet sich an einem Ende des Innenhofs unter einem gro\u00dfen Ziegeldach. Platz\ngibt es reichlich. Ich bin der einzige, und langsam d\u00e4mmert es mir: Ich bin der\neinzige Gast auf der ganzen Anlage. Sie sind offensichtlich noch in der\nEr\u00f6ffnungsphase. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein sehr leckeres Essen, sogar mit\nVorspeise, und dann dem ecuadorianischen Standard: Suppe gefolgt von H\u00e4hnchen\nund Reis. Die K\u00f6chin ist Adriana, eine junge Frau, mit Indio-Z\u00fcgen. Sie\nvermeidet Augenkontakt und antwortet immer nur einsilbig. Grenzt an\nUnh\u00f6flichkeit, aber sie vermutlich einfach sch\u00fcchtern. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist die einzige, die tats\u00e4chlich hier wohnt. Sara\nverabschiedet sich. Sie sagt mir noch, man k\u00f6nne hier sch\u00f6n zum Fluss\nspazieren, der sei ganz nah. Ich frage, was f\u00fcr ein Fluss das sei, und sie\nantwortet, der k\u00e4me von den Bergen herunter. Ja, aber ob der auch einen Namen habe.\nSie denkt lange angestrengt nach, dann erhellt sich ihr Gesicht und sagt: \u201eR\u00edo\nTena\u201c. Ich glaube nicht, dass sie versteht, warum ich das witzig finde. <\/p>\n\n\n\n<p>9. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum fr\u00fchen Morgen hat es geregnet, dann hat\nder Regen aufgeh\u00f6rt. F\u00fcrs Wecken sorgen die H\u00e4hne. Die sind schon vor 4 Uhr\naktiv, dabei ist es zu der Zeit noch stockdunkel. Der Tag ist auch hier\nziemlich genau zw\u00f6lf Stunden lang und dauert von sechs bis sechs. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge liegen im Dunst, es ist stark bew\u00f6lkt,\naber ganz hinten klart es etwas auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich unter das Dach des Lokals, die Luft\nist frisch, aber man kann drau\u00dfen sitzen. Dann kommt schon die Indio-Frau,\nobwohl wir eine sp\u00e4tere Zeit f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck vereinbart haben. Sie serviert mir\nein opulentes und richtig leckeres Fr\u00fchst\u00fcck: Omelette mit Schinken,\nPfannkuchen, Bananen und Trauben (ob die auch hier wachsen?), Kaffee und einen\nSaft. Der ist von der <em>tomate de \u00e1rbol<\/em>.\nDavon habe ich in den letzten Tagen schon h\u00e4ufiger geh\u00f6rt. Ich habe erst an\nStrauchtomaten gedacht, es ist aber was ganz anderes und hei\u00dft auf Deutsch\nBaumtomate, eine Frucht. Der Saft ist z\u00e4hfl\u00fcssig, cremig, tr\u00fcb, schmeckt ein\nbisschen nach Banane.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Adriana \u00fcbernimmt auch meine W\u00e4sche. Wird die bis\nmorgen trocken? Ja, sie meint, heute werde es nicht regnen, es h\u00e4tte ja gestern\nschon geregnet. Sie h\u00e4ngt tats\u00e4chlich ihre W\u00e4sche drau\u00dfen auf. F\u00fcr den Fall der\nF\u00e4lle habe sie auch einen Trockner. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie bietet sogar von selbst an, mir den Weg zur\nBushaltestelle zu zeigen. Wir gehen den Schotterweg hinunter. An einer Stelle\nh\u00e4lt sie pl\u00f6tzlich an. Hier sei die Haltestelle. Tats\u00e4chlich kommt kurz darauf\nein Bus, der sich in diesen Winkel der Welt verloren hat. Auf dem R\u00fcckweg\nerz\u00e4hlt sie, sie arbeite hier erst seit einem Monat. Das Kochen hat sie von Oma\nund Mama gelernt. Sie hat einen Sohn. Der sei jetzt in der Schule. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mein F\u00fchrer, von Sara vermittelt. Er\nhei\u00dft Luis, hat offensichtlich reichlich Erfahrung und detaillierte Kenntnisse.\nEr erkl\u00e4rt genau, welche M\u00f6glichkeiten es gibt und macht mir auch eine genaue\nRechnung auf. Ein teurer Spa\u00df. Die Alternative ist Baja Amazon\u00eda oder Alta\nAmazon\u00eda. Wir sind in der Alta Amazon\u00eda. Ich nehme die Baja Amazon\u00eda, obwohl\ndas die teurere Variante ist. Aber das kommt mir eher als etwas vor, was ich\nbisher noch nie gesehen habe. Ich spreche meine Sorge wegen der Kleidung an. Kein\nProblem, er hat Stiefel, 50 Paare. Und er werde sich an die Pacha Mama wenden,\ndamit es morgen nicht regne. Dann w\u00fcrden es auch meine Sportschuhe oder\nSandalen tun. Wir verabreden uns f\u00fcr acht Uhr in Tena.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen beide gleichzeitig raus und gehen\ngemeinsam zur Bushaltestelle. Wir nehmen nicht die erste beste, sondern gehen\nbis zur Stra\u00dfe. Er kennt jeden Baum und jeden Strauch und hat einen guten Blick\nf\u00fcr Fr\u00fcchte. Er zeigt mir hoch oben zwei verschiedene Sorten von <em>guaba<\/em>, die so unterschiedlich sind, dass\nman kaum glaubt, dass sie was miteinander zu tun haben.&nbsp; Wir pfl\u00fccken mehrere Fr\u00fcchte von den B\u00e4umen,\ndarunter eine guayaba. Er isst nur das Fruchtfleisch, nicht die Kerne, obwohl\ndie auch essbar sind. Er isst aber die kleinen Maden, die sich zwischen den\nKernen befinden. Die seien gesund, und es gebe sie auch als Spezialit\u00e4t in\nLokalen. Dann zeigt er mir K\u00fcrbisse an einem Baum. Die h\u00e4tten die Eingeborenen\nals Trinkgef\u00e4\u00dfe genutzt. Einfach in der Mitte durchschneiden und das\nFruchtfleisch entfernen. Von einem gelb bl\u00fchenden Strauch pfl\u00fcckt er eine Bl\u00fcte\nab. Das sei die <em>copa de obispo<\/em>. Warum\ndie so hei\u00dfe? Er zupft die \u00e4u\u00dferen Bl\u00fctenbl\u00e4tter ab und \u00fcbrig bleibt \u2013 ein\nKelch! <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bus fahren wir ins Zentrum, an einer\nSchule mit einem riesigen Schulgel\u00e4nde vorbei, dem einer der renommiertesten\nSchulen der Gegend. Guter Orientierungspunkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum will er mich nicht aussteigen lassen,\nsondern will bis zum Busbahnhof fahren. Von dort f\u00fchrt er mich zu einer Bank\nmit Geldautomat. Und dann in eine touristische Zone, die er als besonders sch\u00f6n\nank\u00fcndigt. Hier hat man drei Br\u00fccken hintereinander angelegt, allesamt\nFu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccken. Die verbinden zwei Flussufer und die Flussufer mit einer\nInsel inmitten des Flusses. Er sagt mir noch, wo ich sp\u00e4ter einsteigen muss und\nverabschiedet sich. Ich gehe auf den Aussichtsturm auf der Insel. Von hier aus\nkann man zumindest erahnen dass man im Amazonas ist. Deutlicher ist das weiter\nunten, dort befindet sich der Eingang zu einem Naturpark. Ein W\u00e4rter nimmt\neinen in Empfang. Ich d\u00fcrfe nur bis zum Eingang gehen, weiter nur mit F\u00fchrer,\naus Sicherheitsgr\u00fcnden. Aber es lohnt sich sogar, bis zum Eingang zu gehen.\nHier f\u00fchrt ein enger, dunkler Weg in den Dschungel. Das hat schon was von\nAmazonas. Und die Luft ist auch anders. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch einen Kakao trinken in ein von Luis\nempfohlenes Caf\u00e9. Das Caf\u00e9 ist sch\u00f6n eingerichtet, aber der Kakao schmeckt\nnicht besonders. Genauso wenig wie die <em>churros<\/em>,\ndie ich sp\u00e4ter unterwegs kaufe. <\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der R\u00fcckfahrt ist gar nicht so einfach. Erst\nbin ich auf der falschen Seite der Br\u00fccke, dann auf der falschen Stra\u00dfenseite,\ndann kommt immer nur die 1, und als die 2 endlich kommt, steige ich nicht ein,\nweil sie nicht nach San Pedro f\u00e4hrt. Darauf solle ich achten, hat mir Adriana\ngesagt. Ich nehme dann aber die n\u00e4chste 2, und nachdem ich erst einige Zweifel\nhabe, ob es richtig ist, taucht die Schule auf, und kurz danach sind wir am\nEingang zum Schotterweg. Dort befindet sich auch ein kleiner Laden. Warum hat\nmir davon keiner was gesagt? Ich bekomme f\u00fcr wenig Geld etwas Obst und die\nInformation, dass sie morgen schon um 7 Uhr \u00f6ffnen. Da kann man dann noch mal\nin letzter Minute was kaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich Adriana am Nachmittag um einen Kaffee\nbitte, serviert sie mir im Anschluss unaufgefordert einen Saft, einen aus <em>aguayusa<\/em>, wenn ich das richtig\nverstanden habe. Gestern hat es schon einen aus <em>jamaica<\/em> gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann erlebe ich mein Wunder, als ich aufs Zimmer\ngehe. Der ganze Boden steht unter Wasser. Der Wasserhahn, aus dem vorher kein\nWasser kam, ist jetzt nicht mehr zu schlie\u00dfen. Gl\u00fccklicherweise ist es kein\nHolzfu\u00dfboden. Und meine Sachen sind auch nicht in Mitleidenschaft gezogen\nworden. Adriana regelt die Sache erst einmal, indem sie den Haupthahn zudreht. <\/p>\n\n\n\n<p>10. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es Wahlkampf, auch hier geht es um\ndas B\u00fcrgermeisteramt. Das sieht man an den Wahlplakaten an der Bushaltestelle.\nHier kandidiert Omar Constante (Blau) gegen Lenin Grifo (Rot). Wird noch\ndoller, wenn man wei\u00df, dass <em>grifo<\/em>\n\u201aGreif\u2018 hei\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren am dem Fu\u00dfballplatz vorbei. Der ist\njetzt wieder trocken. Dieser Tage bei der Ankunft stand er unter Wasser. Vorne\nlinke und&nbsp; vorne rechts wachsen\nGrasb\u00fcschel. Das sind die Teile des Feldes, wo am wenigsten gespielt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir kurz vor dem Busbahnhof sind und ich mich\nnoch mal vergewissern will, ob wir richtig sind, frage ich die Frau vor mir. Es\nist Adriana. Warum hat sie nichts gesagt? Sie muss gesehen haben, wie ich\neingestiegen bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz p\u00fcnktlich bin ich nicht. Luis wartet schon.\nUnd nimmt mich mit einem kr\u00e4ftigen Handschlag in Empfang. Wir gehen schnellen\nSchrittes zu einer anderen Bushaltestelle. Hier f\u00e4hrt unser Bus ab. Man bekommt\neine Fahrkarte mit ausgewiesenem Platz. Es ist nicht das letzte Mal heute, dass\nich f\u00fcr beide zahle. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir warten, kauft er Biskuit. Ich z\u00f6gere\nerst, nehme dann ein St\u00fcck und dann noch eins. Schmeckt echt gut. Und hat mit\nZwieback nichts zu tun, wie das Wort erwarten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert eine Stunde nach Ahuano dauert\neine Stunde. Unterwegs erz\u00e4hlt er mir, dass er zusammen mit drei\nUniversit\u00e4tsprofessoren Initiator eines Antrags ist, bei der UNESCO den Status\ndes Weltkulturerbes zu erlangen. Der erste Antrag wurde abgelehnt. Teils z\u00e4hlen\nauch Details, wie das Logo, das immer und \u00fcberall pr\u00e4sent sein muss, immer in\nderselben Form. Ja, die UNESCO ist streng. Ich erz\u00e4hle ihm von den\nAuseinandersetzungen in Dresden und im Mittelrheintal, von der m\u00fchevollen\nBewerbung&nbsp; Hamburgs. Er h\u00f6rt interessiert\nzu. V\u00f6llig sprachlos ist er, als er erf\u00e4hrt, dass ich in einer Stadt wohne, die\nauch zum Weltkulturerbe geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt mir, er geh\u00f6re zum Stamm der Kichwa. Im\nLaufe des Tages merkt man, wie sehr er sich mit dem Stamm und seinen\nTraditionen identifiziert. Er isst deshalb auch kein Schweinefleisch. Das ist\nbei den Kichwa Tabu. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder erkl\u00e4rt er auch, was einzelne W\u00f6rter\nbedeuten. \u00dcber Jumandi, den Helden der Kichwa, erz\u00e4hlt er, dass das die\nspanische Form des Namens sei. Auf Kichwa hei\u00dfe der <em>Humandi<\/em>, aber das konnten die Spanier nicht aussprechen. <em>Humandi<\/em> bedeutet so etwas wie \u201akluger\nKopf\u2018. Jumandi, dessen Statue am Rondell Jumandi steht, an dem ich vorgestern\nangekommen bin, ist der erste, der sich gegen die spanische Herrschaft\naufgelehnt hat, als Indio, lange vor der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung der Wei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ahuano liegt am Napo. Hier sollen wir unser Boot\nbesteigen. Es hat mit einem Kanu, das Luis angek\u00fcndigt hat, wenig zu tun. Es\nist ein gr\u00f6\u00dferes, wenn auch schmales Schiff mit \u00dcberdachung und Motor, mit\nSitzb\u00e4nken, auf denen ein halber Kegelclub Platz findet. Und es gibt einen\nF\u00e4hrmann. Luis steuert nicht selbst. Als es losgehen soll, h\u00f6re ich irgendwas\nvon Niedrigwasser in einem kurzen Austausch zwischen den beiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los. F\u00fcr das richtige Urwaldgef\u00fchl ist der\nFluss etwas zu breit, und das Flussufer ist zwar bewachsen, aber sehr exotisch\nsieht das nicht aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder schrammt der Rumpf des Bootes an\nSteinen entlang, und nach zehn Minuten stehen wir. Vor uns ein Hindernis, ein\nbreites Bett aus dicken Kieselsteinen, zwischen denen so gerade noch das Wasser\nzu sehen ist. Ende des Ausflugs? <\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung steigen die beiden aus und\nschaffen Steine an die Seite. Sieht nach einem unm\u00f6glichen Unterfangen aus.\nWeiter hinten auf der Steinbank ist ein Mann auch schon damit besch\u00e4ftigt. Ich\nsoll sitzen bleiben. Nach einiger Zeit versuchen sie, das Boot zu bewegen.\nVergeblich. Dann steige ich auch aus und schiebe mit. Kein Erfolg. Weitere\nSteine werden wegger\u00e4umt, wir versuchen es wieder und kommen immer mal wieder\nein paar Zentimeter voran. Dann auf einmal einen ganzen Schub. Dann ist\nSchluss. Die M\u00e4nner besorgen Pf\u00e4hle \u2013 wei\u00df der Kuckuck, woher sie die haben \u2013\nund legen sie unter das Schiff.&nbsp; Es geht\nm\u00fchsam weiter, immer wieder wird die Lage der Pf\u00e4hle unter dem&nbsp; Boot neu ausgerichtet. Wir versuchen es mit\nallen Kr\u00e4ften, auf Kommando. Es geht weiter, aber dann stecken wir wieder fest.\nAber es kommt Hilfe. Vom anderen Flussufer kommen zwei M\u00e4nner in einem Boot zu\nuns her\u00fcber, stehend, mit Stechpaddel. Jetzt sind wir schon zu sechs, und dann\nkommen wir in ein paar gro\u00dfen Sch\u00fcben weiter und erreichen den anderen Fluss. Der\nAusflug findet doch statt.<\/p>\n\n\n\n<p>In schneller Fahrt geht es \u00fcber den tr\u00fcben,\nbreiten, einsamen Fluss. Es riecht nach Regenwald, sieht aber nicht danach aus.\nDas \u00e4ndert sich schlagartig, als wir an einer kleinen Lehmstelle am Ufer\nanhalten und aus dem Boot krabbeln. Man macht ein paar Schritte und steht\nmitten im Urwald! Phantastisch! Hohe B\u00e4ume zu allen Seiten, B\u00fcsche zu beiden\nSeiten des schmalen Weges, der kaum auszumachen ist. Sattes Gr\u00fcn \u00fcberall, ganz\ndichte Bewachsung. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich kommt der erste Hammer: An einem Baum sieht\nman am unteren Ast eine Art Kropf, wie aus vielen kleinen Ohren bestehend. Was\nkann das nur sein? Ein Ameisenhaufen! Oben am Baum. Die Ameisen hei\u00dfen\nOhrenameisen, wegen der auff\u00e4lligen Form, die ihre Haufen haben. Die Indios\nzerdr\u00fccken die Ameisen und reiben sich mit ihnen die Haut ein. Sch\u00fctzt gegen\nMoskitos.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Termitenhaufen, auch nicht sofort\nals solcher zu erkennen.&nbsp; Luis malt mit\neinem Finger ein lachendes Gesicht in den Haufen. Die Indios verbrennen die\nTermiten, auch als Schutz gegen die Moskitos. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir eine merkw\u00fcrdige Palme, mit einer\nganzen Reihe von d\u00fcnnen \u201eBeinen\u201c, die schr\u00e4g von dem Stamm abstehen, wie die\nBeine eines Stativs. Es ist eine <em>Wanderpalme<\/em>.\nSie \u201ewandert\u201c, indem sie immer neue Beinchen ausbildet. Sie braucht sie als\nSt\u00fctze, weil sie schnurstracks nach oben w\u00e4chst. Die Rinde der F\u00fc\u00dfe ist\nstachelig und kann als Reibe in der K\u00fcche verwandt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann pfl\u00fcckt Luis irgendwo drei gro\u00dfe Bl\u00e4tter,\nalle in unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, und legt eins auf das andere. So wird hier das\nEssen gegart. Man legt einen Fisch in das kleinste Blatt, klappt die ganze\nSache von mehreren Seiten zu und legt sie dann zum Garen auf gl\u00fchende Kohlen.\nEs m\u00fcssen immer drei Bl\u00e4tter sein, so gart die Speise gleichm\u00e4\u00dfig und nicht zu\nstark. Der Baum, von dem diese Bl\u00e4tter stammen, hei\u00dft Achitra, volkst\u00fcmlich\nauch Blumenrohr, spanisch <em>bijao<\/em>. Man\nnennt die Bl\u00e4tter auch <em>nat\u00fcrliches\nAluminium<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Baumstamm wachsen wei\u00dfe Pilze. Sehen eher\nwie Bl\u00fcten aus. Sie sind umschw\u00e4rmt von winzigen Fliegen. Schon zu sp\u00e4t f\u00fcrs\nSammeln, sagt Luis, man m\u00fcsse genau den richtigen Zeitpunkt erwischen. Dann\nerkl\u00e4rt er, wei\u00dfe Pilze dienten zum Verzehr, farbige als Medizin, schwarze als\nRauschmittel. Ob das stimmt?<\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rt, wir k\u00e4men durch zwei Bereiche des\nUrwalds, den prim\u00e4ren und den sekund\u00e4ren. In den habe der Mensch schon\neingegriffen. Ich sehe aber keinen Unterschied. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Baum sehen wir eine dicke Frucht, die\nLuis als K\u00fcrbis bezeichnet, <em>calabaza<\/em>.\nDie Indios teilen sie quer in der Mitte, entfernen das Fruchtfleisch und haben\nzwei Trinkbecher. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist unglaublich, was der Mann alles kann, sieht\nund wei\u00df! Irgendwo rei\u00dft er eine Bl\u00fcte ab, zupft ein paar Bl\u00e4tter ab, dr\u00fcckt\nsie zusammen und heraus kommt ein Vogel! Dann erntet er irgendwo den Ast eines\nBaums mit sehr biegbarem Holz. Schnell hat er daraus einen Kreis gemacht,\nschl\u00e4gt die Bl\u00e4tter nach innen und setzt ihn mir auf, als Krone f\u00fcr den K\u00f6nig\ndes Urwalds. Sp\u00e4ter bastelt er im Handumdrehen eine Angel, und unterwegs findet\ner ein stacheliges rundes Etwas, ein nat\u00fcrlicher Kamm. Funktioniert wirklich!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen \u201efalsche Bananen\u201c, sie sind rot und\nwachsen nach oben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Baum der B\u00e4ume. Von dem hat er\nschon vorher gesprochen. Es ist ein Kapokbaum, <em>ceibo<\/em> oder <em>ceiba<\/em> (habe\nich schon mehrmals gesehen, aber nicht in dieser Gr\u00f6\u00dfe). Das ist der gr\u00f6\u00dfte\nBaum des Dschungels, vielleicht sogar der gr\u00f6\u00dfte Ecuadors. Er hat \u00fcberirdische\nWurzeln, Brettwurzeln, die stehen wie W\u00e4nde vom Stamm ab und dienen dem Baum\nals St\u00fctze. Der Zwischenraum ist so gro\u00df, dass man hier ein ganzes Haus\neinrichten k\u00f6nnte. Und die Indios haben den Baum tats\u00e4chlich als provisorische\nBehausung genutzt. Man braucht nur Bl\u00e4tter f\u00fcr das Dach, schon ist die\nBehausung fertig. Die Rinde des Baumes ist ganz glatt, und die Wurzeln wurden\nfr\u00fcher f\u00fcr alle m\u00f6glichen Zwecke genutzt, weshalb der Baum, der den Indios\nheilig war, lange Zeit gef\u00e4hrdet war. Ist er jetzt aber nicht mehr. Wie gro\u00df\nder Baum tats\u00e4chlich ist, sieht man auf dem Photo, auf dem ich zwischen zwei\nWurzeln stehe und zwischen denen regelrecht verschwinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier durch die Gegend zu streifen kann man einfach\nnur genie\u00dfen. Wir sind die ganze Zeit \u00fcber alleine. Luis kann gut Vogelstimmen\nnachmachen. Sie antworten ihm, aber lassen sich nicht sehen. An einem schmalen\nSteg vertreibe ich aus Unaufmerksamkeit einen gro\u00dfen schwarzen Schmetterling,\nder sich auf einem Ast niedergelassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen am anderen Ende des Weges raus, und\nunser F\u00e4hrmann wartet dort schon auf uns. Wir fahren den Fluss weiter hinunter\nund kommen zu einer Anlegestelle. Hier befindet sich eine Auffangstation f\u00fcr\nTiere des Urwalds. Wir werden zusammen mit einer Gruppe, die uns schon\nerwartet, durch das Gel\u00e4nde gef\u00fchrt, von einem jungen Mann, der sehr gut\nerkl\u00e4rt und st\u00e4ndig ein L\u00e4cheln auf den Lippen hat, auch wenn er sagt, dies\noder das Tier sei aggressiv oder wenn er sagt, dies oder das Tier habe ihm\nschon mal den Arm zerkratzt. Er nimmt die Tiere einfach, wie sie sind.\nAkzeptiert sie als Tiere. Typisch seine Reaktion, als er gefragt wird, ob die\nTiere Namen h\u00e4tten. Nein, mit Ausnahme eines gro\u00dfen Affen nicht. Man solle\nTieren keine Namen geben. Sehr reif f\u00fcr so einen jungen Mann. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehen wir eine Anakonda. Das hei\u00dft, wir\nm\u00fcssen uns den Hals verrenken, denn sie liegt am \u00e4u\u00dfersten Rand des Beckens,\nzusammengerollt. Man sieht ihr ihre acht Meter nicht an. Das ist wenig f\u00fchr ihr\nAlter. Wenn sie in Freiheit lebte, w\u00e4re sie schon gr\u00f6\u00dfer. Die Anakondas fressen\nnur in gro\u00dfen Intervallen, und dann ordentlich. Eine Anakonda kann ein ganzes\nSchaf und oder einen Tapir verdr\u00fccken. Hat dann f\u00fcr Wochen genug. In der Natur\nscheint es alles zu geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir ein Tapir, getrennt von zwei\nanderen auf der anderen Seite des Wassers. Sie scheinen sich nicht so gut zu\nverstehen, ein Thema, das immer wieder vorkommt. Tiere m\u00fcssen getrennt werden,\nweil sie sich gegenseitig attackieren. Das Tapir ist das gr\u00f6\u00dfte Tier\nS\u00fcdamerikas, ist aber Vegetarier. Und Menschen gegen\u00fcber ganz friedlich. Seine\nJungen sind gestreift, wie unsere Frischlinge. \u00dcberhaupt hat es irgendwie das\nAussehen eines Wildschweins. Es lebt an Land, aber seine Notdurft verrichtet es\nnur im Wasser! Deshalb haben die Gehege hier Zugang zum Wasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir einen Kaiman, genau genommen nur\nseine Schnauze, die so gerade aus dem Wasser ragt. Die Kaimane sind im\nallgemeinen nicht gef\u00e4hrlich, greifen Menschen nicht an. Der junge Mann\nerz\u00e4hlt, er habe sich einmal pl\u00f6tzlich im Wasser an der Seite eines Kaimans\nwiedergefunden. Er sei ruhig geblieben, ganz langsam weggeschwommen, nichts sei\npassiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kapuziner\u00e4ffchen befindet sich ganz alleine in\neinem gro\u00dfen Gehege. Die Kapuziner\u00e4ffchen gelten als die kl\u00fcgsten Affen. Dieses\nhier k\u00f6nne zum Beispiel eine Verriegelung \u00f6ffnen, um an Nahrung zu kommen.\nEinmal sei es einer Freiwilligen entwischt, die das Tor nicht richtig\nverschlossen hatte. Es sei drei Tage im Dschungel gewesen, dann aber wieder\naufgetaucht. Merkw\u00fcrdig: Zieht es die Gefangenschaft der Freiheit vor? Kann\ndurchaus sein. Hier ist es sicher und bekommt immer Nahrung. Da kommen einem\nParallelen zu uns Menschen in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg kommen uns immer wieder einzelne\nSchildkr\u00f6ten entgegen. Wir lassen sie in Ruhe passieren. Dann sind es auf\neinmal zwei, ein M\u00e4nnchen und ein Weibchen. Das Weibchen fl\u00fcchtet vor den\nNachstellungen des M\u00e4nnchens. Wie bei uns Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an ein gro\u00dfes Gehege mit einer\nganzen l\u00e4rmenden Affenschar. Unser F\u00fchrer erz\u00e4hlt, die Jungen der Affen w\u00fcrden\nin der Regel nach ein paar Wochen ausgesetzt, die Muttertiere blieben dagegen\nhier. Sie h\u00e4tten sie auch mal ausgesetzt, aber dann wieder eingefangen, weil\nsie die Besucher attackierten. Er attestiert den Besuchern aber auch falsches\nVerhalten. Sie liebkosten die Affen und wollten sie dann wieder loswerden, wenn\ndie Affen ihnen l\u00e4stig w\u00fcrden. Das w\u00fcrden die sich aber nicht gefallen lassen.\nGenauso kritisch sieht er das Halten von wilden Tieren als Haustiere. Die seien\nam Anfang ganz niedlich, aber wenn sie dann gr\u00f6\u00dfer w\u00fcrden, w\u00fcrden sie aggressiv\nund gef\u00e4hrlich. Und landen dann oft hier. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich sehen wir noch einen Tukan. Der war\nauch fr\u00fcher gef\u00e4hrdet, weil er wegen seines bunten Schnabels gejagt wurde. Der\nwurde f\u00fcr medizinische Zwecke verwendet. Der F\u00fchrer erz\u00e4hlt, der Schnabel des\nTukans, der ganz hart aussieht, sei in Wirklichkeit ganz weich, das sei alles\nnur Gewebe. Auch wenn er ziemlich harmlos aussieht, ist der Tukan ein echter\nAllesfresser. Neben Bl\u00e4ttern und Insekten verdr\u00fcckt er auch gerne andere V\u00f6gel\noder deren Eier. Das Tapir ist Vegetarier, der Tukan Allesfresser. Sollte man\nnicht glauben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder am Ausgang, machen wir auf einer Bank vor\nder Auffangstation Rast. Luis schl\u00e4gt eine gro\u00dfe Frucht mit gelber Schale vom Baum\nund spaltet sie dann mit ein paar Schl\u00e4gen auf der Bank in zwei Teile. Zum\nVorschein kommt eine wei\u00dfe, flauschige Masse, mit gelblichen Samen zwischen den\nbeiden H\u00e4lften. Was das sei, will&nbsp; er\nwissen. Keine Ahnung. Kakao! Danach sieht es wirklich nicht aus. &nbsp;Wir greifen zu und lutschen die wei\u00dfe s\u00fc\u00dfliche\nMasse ab und zum Vorschein kommen die Kakaobohnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann von der F\u00fchrung kommt und setzt\nsich dazu. Sie unterhalten sich \u00fcber die Auffangstation. Luis selbst hat auch\nhier gearbeitet, erst als Freiwilliger, dann als Mitarbeiter. Genauso wie der\njunge Mann. Als Mitarbeiter bekommt man einen kleinen Lohn, als Freiwilliger\nnicht. Jede Woche werde im Wechsel jemand abgestellt, der das Essen f\u00fcr die\nganze Kohorte kocht. Die Arbeitsbedingungen seien ganz sch\u00f6n hart, und viele\ng\u00e4ben nach kurzer Zeit auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins Wasser. Wir ziehen uns an statt\naus, denn wir m\u00fcssen die Rettungsjacke anlegen. Allzu sehr braucht man sie\nnicht, denn man kann fast \u00fcberall stehen, und die Str\u00f6mung ist eher schwach. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00e4hrmann f\u00e4hrt voraus und wir springen ins\nWasser. &nbsp;Die Temperatur ist ideal, weder\nkalt noch warm, und es ist ein Genuss, sich einfach treiben zu lassen und die\nGegend anzusehen. Gelegentlich kommen Boote vorbei. Die Leute sehen uns mit\ngro\u00dfen Augen an. Luis meint, ich sei eine Ausnahme, die meisten w\u00fcrden das\nAngebot zum Schwimmen ablehnen. Tats\u00e4chlich haben wir im Laufe des Tages sonst\nkeine Schwimmer gesehen. Am Rande des Flusses sieht man auch gelegentlich\nFischerboote der Einheimischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Luis erz\u00e4hlt von seinen F\u00fcnftagetouren in den\nDschungel, drei Tage hin, zwei zur\u00fcck. Der letzte Rest der Strecke wird mit dem\nBus zur\u00fcckgelegt. Es h\u00f6rt sich alles verlockend an. Und ich nehme mir vor, das\nirgendwann nachzuholen. Wie ist es mit dem Gep\u00e4ck? Kein Problem, das f\u00e4hrt im\nKanu mit. Das Kanu ist er st\u00e4ndige Begleiter der Exkursion.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an der Stelle mit einem umgest\u00fcrzten Baum\nankommen, der unser Ziel markiert, bemerkt Luis auf einmal, als wir uns\numziehen, dass ich an einem Bein lauter M\u00fcckenstiche habe. Nur an einem? Erst\nsieht es so aus, aber nee. An beiden. Nur an den Unterschenkeln. Die sind\nregelrecht \u00fcbers\u00e4t mit Einstichen. Wie haben die Viecher es nur geschafft,\ndarein zu kommen, zwischen Stiefeln und langer Hose?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind auf einer Insel gelandet, der letzten\nStation des heutigen Tages. Wir gehen zu einem Kichwa-Dorf mit runden H\u00fctten\nund H\u00e4usern auf Stelzen. Die Kichwa hier leben fr\u00f6nen ihren Traditionen, aber\nsie sind v\u00f6llig vertraut mit der modernen Zivilisation. Es gibt noch zwei\nSt\u00e4mme hier in der Gegend, die fernab von aller Zivilisation leben und Fremden\ngegen\u00fcber feinselig sind. Sie greifen alles an, was in ihre N\u00e4he kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer H\u00fctte bereitet Maria, eine Indio-Frau,\ndas Feuer vor. W\u00e4hrenddessen versuchen wir uns an dem traditionellen&nbsp; Jagdinstrument, dem Blasrohr, der <em>cerbatana<\/em>. In einiger Distanz wird auf\neinem Pfahl eine h\u00f6lzerne Eule aufgestellt. Luis zeigt mir, wie das Blasrohr\nmit seinem breiten Mundst\u00fcck aufgebaut ist und aus welchen Materialien es\nbesteht. Dann demonstriert er, wie es geht. Er betont, dass man nicht gerade\nstehen und das Blasrohr vor sich halten darf, sondern in die Hocke gehen muss,\nund das Blasrohr seitlich vom K\u00f6rper h\u00e4lt. Der Pfeil kommt rein, er nimmt Ma\u00df\nund \u2013 zack, Volltreffer! Dann bin ich an der Reihe. Ich habe Sorge, ob ich den\nPfeil \u00fcberhaupt herausbekomme, aber es geht ganz leicht und \u2013 Volltreffer!\nAnf\u00e4ngergl\u00fcck? Ja, denkste, der zweite Pfeil sitzt auch!<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen bem\u00fcht sich Maria darum, die Glut zum\nBrennen zu bekommen, aber es funktioniert nicht so recht. Luis nimmt sich der Sache\nmit zwei, drei Griffen an, und das Feuer lodert. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Topf werden die Bohnen, die vorher ein\npaar Tage lang getrocknet worden sind, ohne weiteren Zusatz ger\u00f6stet. Man muss\nordentlich r\u00fchren. Die Bohnen sind fast schwarz, als wir sie vom Feuer nehmen.\nJetzt wird die Schale entfernt. Gar nicht so einfach, die hei\u00dfen Bohnen\nanzufassen. Erst gelingt es mir gar nicht, dann klappt es auf einmal. Man muss\nnur feste genug auf die Bohnen dr\u00fccken. Die gesch\u00e4lten Bohnen kommen auf eins\nder gro\u00dfen Bl\u00e4tter. Sieht sehr dekorativ aus. In einem Topf wird Wasser\nerhitzt, und in das erhitzte Wasser mit Zitronenbl\u00e4ttern und Zimt kommen die\nBohnen. Wieder muss ger\u00fchrt werden, dann entsteht eine braune, z\u00e4hfl\u00fcssige\nMasse. Die wird \u00fcber Bananen und Erdbeeren gesch\u00fcttet, und fertig ist der Lohn\nf\u00fcr die getane Arbeit. Lecker!!<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir besch\u00e4ftigt sind, erz\u00e4hlt Luis, Maria\nspreche Deutsch. Sie ist bis jetzt sch\u00fcchtern-zur\u00fcckhaltend gewesen und hat nur\neinsilbig geantwortet, aber als ich sie auf Deutsch anspreche, wird sie fast\ngespr\u00e4chig. Sie hat mehrere Jahre in der Schule Deutsch gelernt, aber jetzt\nschon seit elf Jahren nicht mehr weiter gelernt. Daf\u00fcr kommt sie wirklich ganz\ngut zurecht. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich vor der H\u00fctte noch einen ihrer Verwandten, der\nebenfalls Deutsch spricht. Es gibt wohl eine Schule in der N\u00e4he, die als erste\nFremdsprache Deutsch unterrichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage sie, ob die auch Kichwa spreche. Ja,\nnat\u00fcrlich dumme Frage. Kichwa ist f\u00fcr alle die Muttersprache, die Sprache, die\nzu Hause gesprochen wird. Zur Demonstration machen die beiden einen kurzen\nDialog auf Kichwa. Luis erz\u00e4hlt, seine Mutter spreche nicht besonders gut\nSpanisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Maria ist inzwischen wieder t\u00e4tig geworden. Sie\nhat einen Topf mit gekochter Jukka mitgebracht. Sie will uns zeigen, wie <em>chicha<\/em> hergestellt wird, das\ntraditionelle Getr\u00e4nk der Kichwa, mal als Bier, mal als Schnaps bezeichnet. Sie\nreibt eine andere Knolle klein, wobei sie tats\u00e4chlich die Rinde der Wanderpalme\nbenutzt. Geht ihr leicht von der Hand. Die geriebene Masse wird mit der Jukka\nvermischt und mit einem h\u00f6lzernen Ger\u00e4t, das auch direkt aus dem Dschungel zu\nkommen scheint, zu einem P\u00fcree gestampft. Das kommt jetzt in einen Topf mit\nkochendem Wasser und wird mit dem Wasser verr\u00fchrt. Heraus kommt eine\nwei\u00dfgelbliche Fl\u00fcssigkeit. Fertig ist die <em>chicha<\/em>.\nDas hei\u00dft, nicht ganz. Im normalen Leben wird sie jetzt noch gek\u00fchlt. Dabei\nfermentiert die Fl\u00fcssigkeit. Von der Zahl der Tage h\u00e4ngt es ab, wie stark der\nAlkoholgehalt ist. Nach vier Tagen ist die <em>chicha<\/em>\nso weit, dass sie bei Festen getrunken wird und eine leicht anregende Wirkung\nhat. Ein sanftes alkoholisches Getr\u00e4nk f\u00fcr die ganze Familie. Wir bekommen eine\nsiebent\u00e4gige <em>chicha<\/em>, Luis in einem\ngro\u00dfen, ich in einem kleinen Becher. Er haut sich das Zeug sofort rein und\nbestellt gleich noch mal nach.&nbsp; Die <em>chicha<\/em> wird serviert in der Schale eines\nin der Mitte geteilten K\u00fcrbisses, wie wir ihn vorher im Dschungel gesehen\nhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss gehen wir noch zur Lagune der Kaimane. Auf den ersten Blick ist nichts zu sehen in dem tr\u00fcben Wasser, dann registriert man mehr und mehr, wie an verschiedenen Stellen die Spitze einer Schnauze und ein Paar Augen zum Vorschein kommen. Wir stehen auf einem Steg, Luis hat Futter mitgebracht, Lunge von der Kuh, der Leibspeise der Kaimane. Er wirft die Teile mit Wucht in verschiedene Teile des Wassers, und im Nu ist jemand da und schnappt sich die Beute. Dann bastelt er sich eine Angel und reizt die Kaimane mit dem Fleisch, das am Ende der Angel h\u00e4ngt. Jetzt zeigen sich die Kaimane, springen in die Luft, um an die Leckerbissen zu kommen. Jetzt ist nur noch ein Teil da. Er wirft es in das Wasser vor uns, und wieder ist sofort jemand da, um sich das St\u00fcck einzuverleiben. Aber kein Kaiman, sondern eine Schildkr\u00f6te! Sie lebt friedlich vereint mit den Kaimanen im selben Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder in Ahuano sind, gehen wir in das\nRestaurant direkt an der Anlegestelle. Luis erkl\u00e4rt mir, was es mit dem Saft\nauf sich hat, den Adriana mir serviert hat. Es ist <em>guayuso<\/em>, eine wahres Wunder von Getr\u00e4nk, so etwas wie ein\nnat\u00fcrlicher Energy-Drink. Er soll alle m\u00f6glichen positiven Wirkungen haben. F\u00fcr\ndie gibt es noch keine wissenschaftliche Erkl\u00e4rung, aber die Wissenschaftler\nsind der Sache auf der Spur. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch der bekannte spanische Trinkspruch\nauf Kichwa. Ich versuche mich daran, beim ersten Mal nicht so gut, beim zweiten\nMal schon ganz passabel. Wir machen es dann zweisprachig: <em>Ahuama \u2013 Aiipama \u2013 Chaupina \u2013 Upishun <\/em>und <em>Arriba \u2013 Abajo \u2013 Al centro \u2013 Adentro. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>11. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar die H\u00e4hne halten sich am Morgen zur\u00fcck, so\nsehr pl\u00e4stert es. <\/p>\n\n\n\n<p>Was macht man im Regenwald, wenn es regnet? Erst\nmal abwarten. Als der Regen ein wenig nachl\u00e4sst, fahre ich doch noch in die Stadt.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus und in der Stadt sieht man immer wieder\njunge Frauen, die ihre Kinder in einer Schlinge um den Hals tragen. Scheint ein\nganz einfaches Prinzip zu sein. Die Kinder sitzen weder vorne noch hinten,\nsondern an der Seite. Man wundert sich, dass sie nicht rausfallen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Tena steige ich aus und habe gleich an der\nHaltestelle einen Mann vor mir, der eine auff\u00e4llig bunte Sch\u00fcrze tr\u00e4gt. Auf der\nSch\u00fcrze sieht man den Bundesadler mit seinem roten Schnabel und den\nDeutschlandfarben im Hintergrund. Er wei\u00df, dass es das deutsche Emblem ist und\nl\u00e4sst sich bereitwillig photographieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Park komme ich an einem Lokal&nbsp; vorbei, an dem drau\u00dfen die Gerichte gegart\nwerden, in Bl\u00e4tter eingeschlagen, genauso, wie Luis es mir gestern gezeigt hat.\nIn den flachen Paketen befindet sich Fisch, das H\u00e4hnchen ist in kleinen oben\nzugeschn\u00fcrten S\u00e4ckchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Park kommt mir gleich ein Parkw\u00e4rter entgegen.\nEr stellt sich als Cleve vor und bietet an, mich herumzuf\u00fchren. Con mucho\ngusto. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch drau\u00dfen vor dem Eingang sehen wir Zierblumen,\nrote. Die sind der Anziehungspunkt f\u00fcr Kolibris. Die sehen wir allerdings jetzt\nnicht, sie kommen regelm\u00e4\u00dfig zwischen 16 und 17 Uhr nachmittags und holen sich\nihre Portion Nektar. Verr\u00fcckte Natur! Woher wissen sie, wie sp\u00e4t es ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein Strauch mit sch\u00f6nen, gelben Bl\u00fcten.\nDie schlie\u00dfen sich nachts und \u00f6ffnen sich morgens wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Park lebt ein friedlicher Tapir. Der zeigt sich\naber nicht. Bei dem Wetter zieht er sich lieber zur\u00fcck. Ebenso wie die Affen,\ndie hier leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwar ein paar Stege, aber man ist trotzdem\nsofort im Urwald, sobald man in den Park kommt. Mitten in der Stadt!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wachsen die Wanderpalmen von gestern.\nAuch Cleve spricht davon, wie die verschiedenen Teile genutzt werden. Die\nBl\u00e4tter sind wasserundurchl\u00e4ssig und werden f\u00fcr D\u00e4cher gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganz besonderes Erlebnis haben wir am\nTermitenhaufen. Cleve macht mir vor, wie man es macht. Man h\u00e4lt die offene\nHandfl\u00e4che drauf, die Termiten kleben fest, man leckt sich die Hand ab f\u00fcr eine\nkleine Zwischenmahlzeit, sch\u00fcttelt die restlichen Termiten ab und reibt sich\ndann mit den Handfl\u00e4chen die Haut ein. Ist gesund und sch\u00fctzt gegen Moskitos.\nH\u00e4tte ich gestern schon mal machen sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist \u00fcberall rutschig, und man muss aufpassen,\ndass man nicht f\u00e4llt. An einem kleinen Loch zwischen zwei Stegen reicht Cleve\nmir die Hand, aber statt einen Schritt zu machen, springe ich und st\u00fcrze unter\nden Steg. Ist aber noch mal gut gegangen. Er ist sehr besorgt, weil ich eine\nordentliche Schramme abbekommen habe und etwas blute. Er will von seiner Regel\neine Ausnahme machen und den Drachenblutbaum anschneiden, um Medizin f\u00fcr mich\nzu gewinnen, aber ich winke ab, und er ist einverstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Er hat eine Machete dabei, die er immer wieder\ngeschickt einsetzt. Im Nu hat er mir einen Stock geschnitten, auf den ich mich\nst\u00fctzen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder betont er den Geruch der unbekannten\nPflanzen. Er zerreibt ein Blatt mit den Fingern und l\u00e4sst mich riechen. Alles\nriecht sehr intensiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich hat er im Vor\u00fcbergehen ein Blatt gepfl\u00fcckt,\ndas er mir in die Hand gibt. Zu einer Kugel kn\u00fcllen, in den Mund stecken und\nkauen. Es ist Coca. Zum ersten Mal bekomme ich die Fl\u00fcssigkeit heraus und\nbekomme den leicht bitteren Geschmack zu sp\u00fcren. Also nix mit unter die Zunge\nlegen. Kauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu einem Strauch, wieder mit\ngro\u00dfen gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern. Wenn man sie herumdreht, sieht man, dass sie auf der\nanderen Seite eine rote Zunge haben. Aus diesen Bl\u00e4ttern bereiten sich Frauen\neinen Aufguss, den sie bei Menstruationsschmerzen trinken. Ob die rote Farbe\ndie Indios wohl dazu gebracht hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Cleve hat mal wieder einen Ast abgeschnitten. Mit\ngeschickten Bewegungen flicht er daraus ein sch\u00f6nes, gr\u00fcn und wei\u00df gemustertes\nStirnband und setzt es mir auf den Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier sehen wir wieder eine W\u00fcrgefeige mit dem\nsprechenden Namen <em>matapalo<\/em>, ein\nbesonders beeindruckendes Exemplar, wie gestern, wo man sieht, wie die d\u00fcnnen\nWurzeln sich langsam um den Wirtsbaum wickeln. Diese Form der Ann\u00e4herung wird\nhier <em>abrazo mortal<\/em> genannt, t\u00f6dliche\nUmarmung. Man denkt unwillk\u00fcrlich an die Parallele zu uns Menschen. Man erf\u00e4hrt\nhier aber noch ein interessantes Detail: Die W\u00fcrgefeige nutzt den Wirtsbaum gar\nnicht zur Nahrung. Sie klettert nur an ihm hoch, um nach oben, ans Licht zu kommen.\nT\u00f6tet sie, ohne es zu wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zerteilt Cleve mit den Machete eine am Boden\nliegende Guava, eine l\u00e4ngliche, dickliche, gelbe Frucht. Die Kerne sind mit\neiner wei\u00dfen Watteschicht bedeckt, gar nicht so anders als gestern bei dem\nKakao. Man kann die leicht s\u00fc\u00dfliche Watte essen, und \u00fcbrig bleibt ein schwarzer\nKern. Leider verpasse ich die Gelegenheit, mir ein paar Samen oder Steine\neinzustecken und sie mit zur\u00fcck in die Heimat zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an einen gro\u00dfen Baum. Cleve\nschneidet einen Zweig mit drei Bl\u00e4ttern ab. Wieder ein Blatt nehmen, eine Kugel\ndraus machen und ab in den Mund. Was ist das? Ich kann es kaum glauben \u2013 Zimt!\nSchmeckt ganz intensiv nach Zimt. H\u00e4tte nicht gedacht, dass der auf B\u00e4umen\nw\u00e4chst!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verabschiede mich mit einem dicken Wort des\nDankes. Das war eine instruktive F\u00fchrung. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch den wieder einsetzenden Regen gehe ich \u00fcber\ndie Br\u00fccke auf die andere Seite. An der Stelle, wo die beiden Fl\u00fcsse, Pano und\nTena, zusammenflie\u00dfen, herrscht eine starke Str\u00f6mung. Das kann man mit blo\u00dfem\nAuge sehen.&nbsp; Die fr\u00fcheren Br\u00fccken wurden\nimmer wieder zerst\u00f6rt durch die Str\u00f6mung. Seit 1979 trotzt diese Br\u00fccke den\nAttacken durch das Wasser. Das erkl\u00e4rt wohl auch den Stolz der Stadt auf das\njetzt hier stehende Br\u00fcckentrio. Auf den ersten Blick nichts Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf der Suche nach dem von Luis\nempfohlenen Lokal <em>Las&nbsp; Delicias<\/em> bin \u2013 ich erinnere mich nur\nnoch, dass es irgendwo in der N\u00e4he der Busstation war \u2013 werde ich von zwei\nSch\u00fclern angesprochen, auff\u00e4llig gut gekleidet. Sie wollen wissen, ob ich hier\nauf Reisen bin. Und woher ich komme. Ich lasse sie raten: \u201e\u00bfEstados Unidos? \u2013\nNo, de Europa. \u2013 \u00bfInglaterra? \u2013 No, de Centroeuropa. &#8211; \u00bfSuecia? \u2013 No. &#8211;\n\u00bfIsrael? \u2013 No. &#8211; \u00bfMarruecos? \u2013 No, Alemania.\u201c H\u00f6rt sich verr\u00fcckt an, aber man\nfrage mal einen deutschen Mittelstufensch\u00fcler nach den L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas. Sie\nsind Kolumbianer, aus der N\u00e4he von Cucut\u00e1, gehen aber hier zur Schule. Warum?\nIhre Mutter sei als Touristin hierhergekommen und hier h\u00e4ngen geblieben. Sie\nwollen meinen Namen wissen und meine Telefonnummer bekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde ich doch noch <em>Las Delicias<\/em>. Kein Schlemmerlokal, wie von Luis angek\u00fcndigt. Solide\nHausmannskost, w\u00fcrde man sagen. Aber es ist sch\u00f6n, hier unter dem Schutzdach\ndrau\u00dfen zu sitzen und den Regen auf die Stra\u00dfe prasseln zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Hauptspeise bestellt habe und nach\neiner Suppe frage, hei\u00dft es, sowieso mit drin. Ein Essen ohne Suppe scheint f\u00fcr\ndie Ecuadorianer unvorstellbar zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Suppe ein dicker, fast fleischloser\nKnochen. Ich teile ihn in zwei St\u00fccke und gebe&nbsp;\neins dem Stra\u00dfenhund. Ich denke, er wird ein bisschen daran\nherumknabbern und ihn dann liegen lassen, aber er bei\u00dft so lange darauf herum,\nbis der Knochen ganz verschwunden ist. Zur Belohnung bekommt er auch noch den\nzweiten Teil. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Haltestelle steht Adriana mit ihrem Sohn\nund dem M\u00e4dchen, ihrer Cousine, das auch bei ihr auf der Anlage wohnt. Wir\nwarten und warten und warten, es kommen immer neue Busse, nur unserer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben uns eine alte Frau, in ein langes Kleid\ngeh\u00fcllt, mit Hut und einer Maske, die ihr halbes Gesicht verdeckt. Sie hat ein\nBuggy zum Verkaufswagen umgebaut und verkauft Kaugummi und Zigaretten. Da bin\nich leider kein Abnehmer f\u00fcr sie. Sie fragt nach meiner Reise und wie es mir in\nEcuador gefalle. Und macht ein paar Bemerkungen zum Land. Ecuador habe viele\nSch\u00e4tze, aber sie w\u00fcrden nicht gut gepflegt. Es gebe viele Menschen, die sich\nnicht um die Natur und die Geschichte k\u00fcmmerten. Aber die m\u00fcssten gepflegt\nwerden. <\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen aus der Anlage, Adrianas Cousine,\nsieht mich unverwandt an. Dann merke ich, dass ich immer noch Cleves Stirnband\ntrage. Ich frage das M\u00e4dchen, ob es ihm gef\u00e4llt. Sie sagt ja, ich nehme es ab\nund setze es&nbsp; ihr auf. Steht ihr viel\nbesser als mir mit ihrer braunen Haut und dem pechschwarzen Haar. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>4.14 Uhr. Der Fahrer ist eine Minute vor der\nvereinbarten Abfahrtzeit da. Ich stehe bereit, kann aber nicht raus. Adriana\nh\u00f6rt mein Klingeln nicht. Ich habe Gl\u00fcck, die Verbindungst\u00fcren zu ihrem Bereich\nsind nicht abgeschlossen, und auf mein Rufen kommt ein verschlafenes \u201eYa voy\u201c.\nNa, Gott sei Dank. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht los. Der Fahrer brettert \u00fcber den\nrumpligen Weg ohne gro\u00dfe R\u00fccksicht auf das Auto.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt holen wir eine junge Frau ab-. Ohne\nGep\u00e4ck. Sie ist Pendlerin, arbeitet in Tena, wohnt in Quito. Dann kommt noch\neine zweite Frau hinzu, auch ohne Gep\u00e4ck. Und kurz vor Quito nehmen wir noch\neine weitere Frau auf, aus einem anderen Wagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in die Nacht hinein. Schon au\u00dferhalb\ndes Ortes \u00fcberholen wir eine Mopedfahrerin, mit Helm, aber ohne Licht. Hier ist\ndie Stra\u00dfenbeleuchtung aber noch gut. Dann kommen uns irgendwann Fu\u00dfg\u00e4nger\nentgegen. Mit Stirnlampen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwindet die Stra\u00dfenbeleuchtung. Aber die\nSeitenstreifen sind gut markiert, mit Leuchtdioden. Pl\u00f6tzlich steht eine Kuh\nauf der Stra\u00dfe, quer zur Fahrtrichtung. Der Fahrer hat sie rechtzeitig gesehen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen sechs Uhr d\u00e4mmert es. Der Fahrer dr\u00fcckt auf\ndie Tube. Er f\u00e4hrt schon mal 80, wo die Geschwindigkeitsbegrenzung 40 ist. Und\nschneidet alle Kurven. Einmal m\u00fcssen wir f\u00fcnf Tankz\u00fcge in einem Zug \u00fcberholen.\nGeht gut. Ein Taxi vor uns bahnt uns den Weg. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind bald schon kurz vor Quito. Ob ich den Bus\num 9 Uhr noch kriege? Ja, auf jeden Fall, sagt der Fahrer, aber er hat die\nRechnung ohne die Rushhour gemacht. Es geht nur schleichend weiter. Dann gibt\nes noch Uneinigkeit \u00fcber die Stelle, an der eine der Frauen aussteigen soll,\nund als wir in Carcel\u00e9n ankommen, sind die Busse weg. Um 9 Uhr herum gibt es\ngleich drei, von verschiedenen Unternehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich soll, dem Vermieter in Tonsupa zufolge, am\nbesten mit Esmeralda fahren, das seien die bequemsten Busse. Ich muss zwei\nStunden warten, es ist kalt, und es gibt keinen Raum, in dem man warten kann.\nDie durchnummerierten kleinen Essst\u00e4nde haben nur Pl\u00e4tze drau\u00dfen. Ich nehme\ntrotzdem ein Fr\u00fchst\u00fcck, kein Leckerbissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gegen\u00fcber eine Frau, die mich fragt, ob ich\nals Tourist hier sei. Sie selbst wohnt an der K\u00fcste. Sie k\u00f6nnte hier nicht\nleben, viel zu kalt. Sie ist in eine dicke Wolljacke geh\u00fcllt. Ich habe nur ein\nT-Shirt an.&nbsp; Da, wo sie herkomme, gebe es\ndie besten Bananen der Welt. Sie arbeitet in einer Fabrik, die die Bananen zu\nP\u00fcree verarbeitet und exportiert, vor allem nach Europa. Was macht man denn mit\nBananenp\u00fcree? Der wird als Bestandteil von Backwaren verwendet. Sie will mir\nerkl\u00e4ren, wo das ist, und f\u00e4ngt mit Guayaquil an. Nicht schlecht. N\u00f6rdlich oder\ns\u00fcdlich? Das wei\u00df sie nicht. Pl\u00f6tzlich wendet sie sich an den Mann ihr\ngegen\u00fcber, neben mir. Der geh\u00f6rt zu ihr. Hat die ganze Zeit schweigend\ndanebengesessen. Der wei\u00df aber auch nicht, ob ihr Ort n\u00f6rdlich oder s\u00fcdlich von\nGuayaquil ist. Wir einigen uns darauf, dass es weit von meinem Zielort entfernt\nist, von Tonsupa, in Esmeraldas. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem der mit Waren vollgepfropften\nVerkaufsst\u00e4nden besorge ich mir Biskuit. Schmeckt aber l\u00e4ngst nicht so gut wie\ndas, was Luis dieser Tage gekauft hat. Die Verk\u00e4uferin l\u00e4sst sich gerne\nphotographieren und setzt dazu ihr sch\u00f6nstes L\u00e4cheln auf. Die Verk\u00e4ufer\npreisen, wenn man vor\u00fcbergeht, ihre Ware an: \u201eA la orden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist etwas w\u00e4rmer geworden. Beim Warten f\u00e4llt\nmir das Hinweisschild auf die Fahrkartenschalter auf: <em>Boleter\u00eda<\/em>. Das w\u00e4re in Spanien <em>Billeter\u00eda<\/em>.\n&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bahnsteig sitzend, sehe ich gleich\ngegen\u00fcber eine ganze Flotte der bunten ecuadorianischen Reisebusse, alle vom\ngleichen Fabrikat. <\/p>\n\n\n\n<p>Stunde um Stunde geht es durch gr\u00fcne\nGebirgslandschaft. Sch\u00f6n, aber: Wo bleibt die K\u00fcste? Das Meer kommt erst zum\nVorschein, als wir nur noch f\u00fcnf Minuten von Tonsupa entfernt sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegend um die Haltestelle an der\nDurchgangsstra\u00dfe sieht nicht gerade einladend aus. Aber das kompensiert das <em>mototaxi<\/em>, mit dem es zur Unterkunft\ngeht. Erinnerungen an Havanna und die gelben <em>cocos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann in dem zum Taxi umgebauten Moped f\u00e4hrt\ngleich hier in die unbefestigte Seitenstra\u00dfe rein, und biegt dann ab, den\nexzellenten Anleitungen von Gonzalo, meinem Vermieter folgend. Die ganze Gegend\nsieht sehr heruntergekommen aus. Umso mehr sticht das Haus hervor, in dem ich\nunterkomme: <em>Inti Wasi<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung durch Gonzalo, einem schm\u00e4chtigen\n\u00e4lteren Herrn mit einem gewinnenden L\u00e4cheln, k\u00f6nnte herzlicher gar nicht sein. Man\nkommt sich wie ein Freund und nicht wie ein Besucher vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Eingangs kommt man in einen Innenhof,\nund pl\u00f6tzlich h\u00f6rt man das Rauschen des Meeres. Er ist,, als w\u00e4re es mitten im\nHaus. Durch einen Lattenzaun hindurch sieht man die wilden Wellen. Gonzalo\n\u00f6ffnet ein T\u00f6rchen, und wir stehen gleich am Strand. Sagenaft!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Meer hier ist\nsehr wild, und Schwimmen ist gef\u00e4hrlich. Das best\u00e4tigt Gonzalo auch. Aber es\nhat seine Tage. Jetzt sei es ganz wild, aber in den n\u00e4chsten Tagen werde es\nwieder zahmer. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann lerne ich auch\nRaquel kennen, seine Lebensgef\u00e4hrtin. Sie begr\u00fc\u00dft mich genauso herzlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich mich kurz\neingerichtet habe, setzen wir uns oben auf den Balkon und trinken ein Bier. Wir\nsprechen vom Reisen und von Begegnungen mit Menschen in anderen L\u00e4ndern. Es\nsind die Alltagssituationen, die es ausmachen, da sind wir uns einig. Und die\nL\u00e4nder, die nicht ganz so hoch auf der Favoritenliste der Touristen stehen.\nGonzalo spricht von seiner Reise nach Bolivien und den <em>islas flotantes<\/em> auf dem Titicacasee. Was genau das ist, bekomme ich\nnicht mit. Seine d\u00fcnne Stimmt at es schwer, gegen die Wellen anzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihren Hunden\nbr\u00e4uchte ich keine Angst zu haben. Es sind auch nur vier, nicht f\u00fcnf, wie ich\nanfangs bei all dem Gebell dachte. Die Mutter lebt oben, in ihrem Bereich, ihre\nKinder unten, in meinem Bereich, hinter einem Lattenzaun. Einer von ihnen ist angebunden.\nDer ist wohl nicht ganz so friedlich wie die anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich solle immer, wenn\nich rausgehe, eine Mototaxi nehmen. Sie h\u00e4tten die Nummer und k\u00f6nnten mir\njederzeit eins rufen. Das Handy keinesfalls mit zum Strand nehmen. Morgen\nw\u00fcrden wir einen Ausflug zu dem Leuchtturm machen, den man auf einem Felsen in\nder Distanz aufblinken sieht. Diese Seite sieht sehr sch\u00f6n aus, auf der anderen\nsieht man auf eine Bettenburg, in drei Kilometern Entfernung. <\/p>\n\n\n\n<p>13. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht \u00fcber hat mich das Rauschen des\nMeers begleitet. Manchmal wird es f\u00fcr einen Moment still, dann f\u00e4ngt es wieder\nan zu rauschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen ein leckeres Fr\u00fchst\u00fcck serviert. Wir,\ndas sind Gonzalo und ich. Raquel steht in der K\u00fcche. Sie kommt erst zu uns, als\nsie mit allem fertig ist. Er muss aber nachher den Abwasch machen. Es habe eine\nZeitlang gedauert, bis sie ihn so weit hatte, sagt sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Balkon, Richtung Strand, kreuzen sich die\n\u00c4ste von zwei B\u00e4umen so sehr, dass man meinen k\u00f6nnte, es w\u00e4re ein und derselbe,\nwenn ihre Bl\u00e4tter nicht so unterschiedlich w\u00e4ren. Der mit den kleineren\nBl\u00e4ttern ist ein <em>adormidera<\/em>, auf\nDeutsch finde ich daf\u00fcr <em>Schlafmohn<\/em>.\nEr legt sich nachts schlafen, seine Bl\u00e4tter kr\u00e4useln sich zusammen, fast wie\ndie Nadeln eines Nadelbaums. Jetzt, am Morgen, stehen sie weit auseinander. Der\nandere Baum ist ein Mandelbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dach der Terrasse ist mit Toquila-Stroh\ngedeckt, dem Stroh, aus dem die sog. Panamah\u00fcte sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gel\u00e4nder des Balkons ist aus ganz dicken\nBambusst\u00e4mmen gefertigt. Das haben sie selbst gemacht. Es sieht sch\u00f6n und sehr\nstabil aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das der Lattenzaun zum Strand in ist eigene\nProduktion. Er kann wohl nur die Funktion haben, unerbetene G\u00e4ste abzuhalten.\nDas Wasser h\u00e4lt er nicht auf. Das kommt aber bis auf ein paar Meter an das&nbsp; Grundst\u00fcck ran. Fr\u00fcher sei das nicht so\ngewesen, da h\u00e4tte das Meer auch bei Flut mindestens zehn Meter mehr Abstand\ngehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gonzalo zeigt mir zwei Bilder, die er von seiner\nReise nach Bolivien mitgebracht hat. Die Reise scheint ihn sehr beeindruckt zu\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, wie lange sie sich kennen. Seit zwanzig\nJahren. Er hatte beruflich in Santo Domingo zu tun, es ging um eine Art\nKooperative, und die Treffen fanden auf verschiedenen Geh\u00f6ften statt. Auf einem\nvon denen hat er dann die sch\u00f6ne Tochter des Gutsbesitzers entdeckt. Ihre\nEltern betrieben damals Rinderzucht. Sie wohnen noch heute da, aber machen\njetzt Kakao. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sind sie dann hierher gekommen? In Santo\nDomingo wohnten sie zur Miete, wollten aber ein Haus kaufen. Wieder kam der\nZufall zu Hilfe. Wieder war er beruflich hier, und diesmal sah er ein Schild an\ndiesem Haus. Das stand zum Verkauf an. Und er wollte schon immer am Meer\nwohnen. Hat geklappt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden fahren mit der alten H\u00fcndin- sie lebt\noben, die anderen drei unten \u2013 zum Tierarzt. Ich sitze auf dem Balkon und\ngenie\u00dfe die Meeresluft und das Rauschen des Meeres. Raquel hat gemerkt, dass\nich huste, und sofort bekomme ich einen Ingwer-Aufguss mit Zimt und Honig\nserviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag machen wir einen Strandspaziergang.\nMit drei Hunden. Jeder kriegt einen an der Leine. Ich bekomme den artigsten.\nIst auch gut so. Er zieht immer nach oben, vom Wasser weg. Dort riecht er an\nSteinen und H\u00f6lzern und hinterl\u00e4sst nach intensiver Pr\u00fcfung seie Duftmarke. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind tats\u00e4chlich ein paar Leute im Wasser. Sie\nhaben ganz sch\u00f6n zu k\u00e4mpfen mit der Str\u00f6mung. Es sind auch zwei Kinder dabei,\nsie verschwinden unter den Wellen, tauchen dann aber wieder auf. Ganz wohl ist\nmir bei dem Gedanken nicht. Ihre Eltern sind zwar da, aber weiter hinten im\nWasser.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Bereich ist der Strand leer, weiter\nhinten gibt es Bars, Sonnenschirme, Eisverk\u00e4ufer, Musik. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Hunde kommen mit heraush\u00e4ngender Zunge von\nunserem Spaziergang zur\u00fcck. Wir nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>14. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Verwaltungseinheiten Ecuadors geh\u00f6ren, wie\nich auf der Hinfahrt gesehen habe, auch die Kantone. Tonsupa liegt im Kanton\nAtacames und in der Provinz Esmeraldas. Die Ecuadorianer denken aber in\nProvinzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig: Im Deutschen ist das Adjektiv <em>ecuadorianisch<\/em>, im Spanischen <em>ecuatoriano<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erfahre, ich was <em>Inti Wasi<\/em> bedeutet, der Name dieses\nHauses: <em>Haus der Sonne.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist dieser Tage der hohe Benzinpreis an der\nTankstelle aufgefallen: 2,50 $ f\u00fcr die billigste Variante. Aber hat Ecuador kein\nErd\u00f6l? Doch, im Osten. Hier in der N\u00e4he f\u00fchren Tanker ab, die das\necuadorianische \u00d6l in alle Welt verschifften. Es ist das alte Leid: Die\nBodensch\u00e4tze sind da, aber es fehlen Technik und Inverstoren, damit das \u00d6l im\nLand selbst raffiniert werden kann. Die Profiteure sitzen im Ausland. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage danach, wie sie es mit den Hunden\nhalten, wenn sie auf Reisen gehen. Einer bleibt immer zu Hause. Das sei eine\nechte Einschr\u00e4nkung, gestehen sie beide. Raquel f\u00e4hrt morgen nach Quito und\nbleibt dort gleich einen ganzen Monat. Ende Januar ist der Stichtag f\u00fcr die\nGeburt ihres ersten Enkelkinds. Sie haben eine eigene Wohnung dort, und da\nwerden die Winterklamotten verwahrt. Sie kann also mit leichtem Gep\u00e4ck fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Balkon aus sieht man in den Garten des Nachbarn.\nDort steht ein Baum mit Papaya-Fr\u00fcchten. Sie schlingen sich oben um den Stamm\nherum.<\/p>\n\n\n\n<p>Raquel kommt zeigt mir zwei gelbe Fr\u00fcchte. Ob ich\ndie kenne. Nein, keine Ahnung. Es ist Maracuja. Die Fr\u00fcchte selbst isst man in\nder Regel nicht, sie sind sehr bitter. Sie macht aber mit Hafermilch einen Saft\ndaraus, und der schmeckt sensationell gut! Cremig, nicht zu s\u00fc\u00df, ganz gro\u00dfe\nKlasse, einer der leckersten S\u00e4fte, die ich jemals getrunken habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Gonzalo erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tten fr\u00fcher in Santo\nDomingo selbst Maracuja angebaut. Die m\u00fcsse man z\u00fcchten, sie w\u00fcchsen an St\u00e4ben\nhoch, so wie Bohnen, stelle ich mir vor. Es dauere sechs bis sieben Monate, bis\ndie ersten Fr\u00fcchte k\u00e4men, und von da an g\u00e4be es immer Ernte \u2013 jeden Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen Ausflug mit dem Auto. Zuerst geht\nes durch Tonsupa. Das ist nicht mehr als eine Ansammlung von Gassen, die alle,\nwie stolz vermeldet wird, schnurstracks zum Strand f\u00fchren. 54 H\u00e4userbl\u00f6cke. Man\nwundert sich, worauf man so alles stolz sein kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir nach Atacames. Die Hauptstra\u00dfe hat\nnichts Besonderes zu bieten. Hingewiesen wird auf ein Fu\u00dfballfeld, immerhin mit\nRasen, und auf di langgezogene Friedhofsmauer. An der sind in grellen Farben\nBilder angebracht, die Wesen zeigen, die aus einer amerikanischen\nScience-Fiction-Serie stammen k\u00f6nnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen ins Zentrum von Atacames. Hier herrscht\neifriges Treiben, man hat sofort den Eindruck, in einem lateinamerikanischen\nAmbiente zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter, nach S\u00faa, zu einem Felsen, der <em>Pe\u00f1on<\/em> <em>del Suicida<\/em> hei\u00dft, \u201aFelsen des Selbstm\u00f6rders\u2018. Der Name steht\n\u00fcberraschenderweise in gro\u00dfen bunten Lettern \u00fcber dem Abhang. Steil abw\u00e4rts\ngeht es hier wirklich. Allerdings ist der Selbstmord das tragische Ende einer\nLegende, die von der Liebe zwischen der Prinzessin S\u00faa und dem Prinz Tonsupa\nhandelt. Der Prinz musste in den Krieg ziehen. Es verbreitete sich das Ger\u00fccht,\ner sei im Kampf ums Leben gekommen. S\u00faa st\u00fcrzt sich vom Felsen in den Tod.\nTonsupa kehrt zur\u00fcck und st\u00fcrzt sich ebenfalls von dem Felsen. Um bei ihr zu\nsein. Pyramus und Thisbe. Romeo und Julia. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bucht ist wirklich sch\u00f6n. Auf der einen Seite\nsieht man hin\u00fcber zu unserem Strand, ganz und ganz Sandstrand und ganz und ganz\nbebaut. Wir sind jetzt sieben Kilometer vom Haus entfernt. Die beiden\nberichten, sie seien die ganze Strecke schon mal mit den Hunden abgegangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur anderen Seite sieht man auf eine v\u00f6llig\nnat\u00fcrliche Bucht mit einem Felsen, der aus dem Wasser ragt. Sch\u00f6nes Photomotiv.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter nach Tonchig\u00fce, ein Fischerdorf. Je\nweiter wir kommen, umso mehr merkt man das Fehlen von Wasser. Am Anfang ist der\nGesamteindruck noch gr\u00fcn, dann kommen immer wieder Fl\u00e4chen mit kahlen B\u00e4umen\nmit wei\u00dfen St\u00e4mmen, br\u00e4unlich-graue Bl\u00e4tter unter ihnen, die den ganzen Boden\nbedecken. Dann kommen ganze Waldst\u00fccke, die wie unsere absterbenden W\u00e4lder\naussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute ist es wieder trocken, auch wenn die\nSonne nicht herauskommt. Aber es ist warm, um die 25\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>In Tonchig\u00fce halten wir an einem ganz einfachen\nStand, an dem Fisch verkauft wird. Auf dem Tisch liegen einige wenige Fische,\ndarunter ein gro\u00dfer grauer Fisch, eine Goldbrasse, <em>dorada<\/em>. Raquel bleibt hier, um Fisch zu bestellen, wir fahren zum\nStrand, einem Strand mit grauem Kies und grauem Meer. Am Ufer liegen ein paar\nblaue Fischerboote, oben am Kai sitzen die Fischer und plaudern. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Himmel kreisen gro\u00dfe schwarze V\u00f6gel, und\ndrei von ihnen machen sich am Strand \u00fcber ein St\u00fcck Fisch her. Es sind Geier.\nMit vorsichtigem Abstand stehen ein paar M\u00f6wen daneben und hoffen, noch etwas\nvon der Beute abzubekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich nach Muscheln an und finde ohne M\u00fche\nein paar Prachtexemplare, ganz anders als gestern an unserem Strand. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sammeln Raquel wieder ein. Sie hat <em>dorada<\/em> gekauft. Die Verk\u00e4uferin hat ihr\nden Fisch filetiert und kochfertig zubereitet. Die Ausbeute beim Fischfang sei\ndiesmal mager gewesen. Bei der heftigen Flut z\u00f6gen sich die Tiere weiter ins\nMeer zur\u00fcck. F\u00fcr ein Pfund <em>dorada<\/em>\nzahlt man vier bis f\u00fcnf Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Preise werden in Ecuador in Pfund angegeben. Als\nich irgendwann mal <em>ein halbes Kilo<\/em>\nvon etwas bestelle, versteht die Verk\u00e4uferin mich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe gebeten, in Atacames aussteigen zu\nd\u00fcrfen. Dort begleiten sie mich aber noch zum Geldautomaten und nehmen das Geld\nan sich, zur Sicherheit. Sie sind wirklich um mich besorgt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, wie ich mich bemerkbar machen k\u00f6nne,\nwenn ich wieder zur\u00fcckkomme. Eine Klingel gibt es nicht, und den Schl\u00fcssel habe\nich stecken lassen. Kein Sorge, Du brauchst gar nichts zu machen. Die Hunde\nk\u00fcmmern sich darum, uns auf Dich aufmerksam zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir das Treiben rund um den Parque an, der hier, wie \u00fcberall, kein richtiger Park ist, sondern eine Verbindung von einzelnen B\u00e4umen und Statuen und Spielpl\u00e4tzen. Hier ist sogar ein Teil des Rasens Kunstrasen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In einer vom <em>Parque<\/em>\nabgehenden Seitenstra\u00dfe findet Wahlkampf statt, in der N\u00e4he der Parteizentrale\nder Gelben. In Jeeps und in einem Leiterwagen sitzen Anh\u00e4nger der Partei mit\ngelben M\u00fctzen, gelben Hemden und gelben Fahnen. Aus dem Leiterwagen dr\u00f6hnt\nReggae-Musik, mit Texten, in den W\u00f6rter wie <em>B\u00fcrgermeister<\/em>\nund <em>Zukunft<\/em> und <em>Atacames<\/em> vorkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Stadtbild wird bestimmt von den wunderbaren\nbunten knatternden Mototaxis. Ich versuche, m\u00f6glichst viele auf einmal auf ein\nPhoto zu bekommen, aber das ist gar nicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer vom <em>Parque<\/em>\nabgehenden Seitenstra\u00dfe findet ein kleiner Wochenmarkt statt. Die Verk\u00e4ufer,\nauf niedrigen Schemeln sitzendend, haben die Ware vor sich auf dem Boden\nausgelegt. Ich frage nach dem Preis von Erdbeeren, Trauben und Kirschen. Die\nKirschen sind am teuersten. Sie k\u00e4men von weiter her. Ich nehme Erdbeeren f\u00fcr\nRaquel und Weintrauben f\u00fcr mich mit. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem werden Bananen angeboten, gr\u00fcne und\ngelbe, einzeln und in gro\u00dfen Stauden. An einem Moped h\u00e4ngt hinten links und\nrechts jeweils eine Bananenstaude. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand sitzt eine Frau mit l\u00e4nglichen\nNetzen vor sich. Was mag da nur drin sein? Als ich n\u00e4her hinsehe, merke ich,\ndass sich da was bewegt. Ich frage nach: Es sind Krebse. In einem K\u00e4fig daneben\nhat die Frau ein paar Reserveexemplare. Ziemlich gro\u00df, mit roten Zangen und einem\nunwirklich aussehenden blauen Panzer. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Rand des Platzes ist ein Lokal, das Gonzalo mir\nempfohlen hat, aber dort gibt es kein Mittagessen mehr. Der Wirt zeigt mir aber\nden Weg zu einem Lokal um die Ecke. Alle Pl\u00e4tze besetzt. Als ich mich umsehe,\nwinkt mich ein Ehepaar zu sich. Ich solle mich ruhig dazusetzen. Als ich\nbestellt habe und nach Bier frage, stellt sich heraus, dass sie kein Bier\nhaben. Aber die Kellnerin erkl\u00e4rt sich bereit, welches zu besorgen. Sie kommt\nunverrichteter Dinge zur\u00fcck. Man hat ihr als Angestellte eines Lokals kein Bier\ngegeben. Ich frage, ob ich mir das Bier selbst holen d\u00fcrfe, aber schon bietet\nder Mann an, das f\u00fcr mich zu erledigen. Ich dr\u00fccke ihm zwei Dollar in die Hand,\nund bald kommt er mit einem kalten Bier zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben wir uns schon ein bisschen\nkennengelernt und uns vorgestellt. Sie hei\u00dft Gladys, er hei\u00dft Ram\u00f3n. In seinen\nFragen und Erz\u00e4hlungen taugt immer wieder China auf. Er sollte als 13-j\u00e4hriger\nJunge auf Veranlassung eines chinesischen Verwalters, v\u00e4terlichen Freunds oder\nVormunds \u2013 wie das Verh\u00e4ltnis ist, wei\u00df ich nicht genau \u2013 aber daraus ist\nnichts geworden. Heute betreiben sie eine Garnelenzucht. Auch hier spielt China\neine Rolle, denn sie haben das Gel\u00e4nde von einem Chinesen gepachtet. &nbsp;Irgendwann habe es eine starke\nEinwanderungswelle von China nach Ecuador gegeben, vermutlich zur Zeit der\nchinesischen Revolution, und die Chinesen h\u00e4tten <em>peu \u00e0 peu<\/em> \u00fcberall Grundst\u00fccke gekauft. Auch heute sei das beliebt\nbei Ausl\u00e4ndern, Amerikanern und Europ\u00e4ern. Die Grundst\u00fcckspreise seien niedrig\nhier. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragen nach meiner Reise, und ich sage ihnen,\ndas Sch\u00f6nste an der Reise seien diese pers\u00f6nlichen Begegnungen. Und dass es\nsich lohne, auch in nicht so von Touristen \u00fcberlaufene Orte zu gehen. Atacames\nist zwar ein Ferienort, aber die G\u00e4ste sind am Strand, nicht hier im Zentrum. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Ram\u00f3n unterwegs ist, fragt mich Gladys, ob\nich verheiratet sei. Nein? Sie habe noch ein paar unverheiratete T\u00f6chter. Warum\nich das witzig finde, scheint sie nicht zu verstehen. Wie viele T\u00f6chter sie\ndenn habe. Acht. Und zwei S\u00f6hne. Sie will mich auf die Sch\u00fcppe nehmen. Nein,\ndas stimme. Als Ram\u00f3n zur\u00fcckkommt, best\u00e4tigt er das. Ja, er sei Vater von zehn\nKindern. Jetzt will ich doch genauer wissen, wie das sein kann. Sie sehen viel\nzu jung daf\u00fcr aus, sie vor allem. Das sei so alle zwei Jahre passiert. Die\n\u00e4lteste Tochter ist jetzt 30, die j\u00fcngste 10. Ich bin platt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aufstehe und bezahlen will, hat er das\nschon f\u00fcr mich erledigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will sie noch in die Eisdiele einladen, aber\nsie m\u00fcssen weg. Wollen sich aber wieder melden. <\/p>\n\n\n\n<p>In die Eisdiele gehe ich dann alleine. Die\nBestellung ist so kompliziert wie bei einem Drei-G\u00e4nge-Menu. Aber das Eis\nschmeckt richtig gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Hause ist es dann mit einem knallgelben\nMototaxi gefahren. Der Fahrer kennt die Adresse nicht. Wieder kommt mir Gonzalos\ngenaue Wegbeschreibung zugute, mit Bildern von jeder Abbiegung. Wir knattern\n\u00fcber die Stra\u00dfe, der Wind bl\u00e4st einem ins Gesicht. Am Ende l\u00e4sst der Fahrer\nbereitwillig ein Photo von sich und seinem Gef\u00e4hrt machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Raquel erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tten mal eine indische\nBesucherin gehabt. Die sei ganz begeistert gewesen und habe immer \u201eTuck-Tuck\u201c\ngerufen. Die Mototaxis waren eine Erinnerung an ihre Heimat. <\/p>\n\n\n\n<p>15. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bellt der angebundene Hund mich zum\nersten Mal nicht an, und die alte Dame oben begr\u00fc\u00dft mich schon wie einen alten\nBekannten. Einer der Hunde knurrt, er fordert sein Fr\u00fchst\u00fcck, bekommt aber\nnichts. Er geht mit auf Reise, nach Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Balkon aus sehen wir, wie gestern Abend,\nein kleines Fischerboot, nicht viel mehr als ein schwarzer Punkt, hinten im\nMeer. Raquel sagt, das seien einfache Boote, ohne Motor. Die Fischer fahren\nmorgens und abends aus. Der Fang besteht fast ausschlie\u00dflich aus kleinen\nFischen und dient der Selbstversorgung. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee wird hier nicht mit Zucker ges\u00fc\u00dft,\nsondern mit <em>panela<\/em>. Die ist auch aus\nZuckerrohr gemacht, aber nicht raffiniert und gilt deshalb als \u201egesund\u201c, wie\ndie beiden immer wieder betonen, bei allem, was wir zu uns nehmen. Die <em>panela<\/em> wird aus dem Saft des Zuckerrohr\ngewonnen, der lange gekocht und dann gepresst wird, zu kleinen Quadern. Hier\ngibt es ihn aber in Pulverform. F\u00fcr den Kaffee ist das praktischer, da kann man\nbesser portionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Raquel macht sich auf die Reise nach Quito, und\nGonzalo schl\u00e4gt einen Ausflug vor. Er will mir ganze W\u00e4lder von gelb bl\u00fchenden\nB\u00e4umen zeigen. Er ist aber nicht ganz sicher, ob die jetzt schon oder noch\nbl\u00fchen. Mir schwant nichts Gutes, bei so was kommt man <em>immer<\/em> zur falschen Zeit. Und ich sollte Recht behalten. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Fahrt zu gelb bl\u00fchenden B\u00e4umen, die\ngerade nicht bl\u00fchen, sind wir verdammt lange unterwegs, meist aus\nSchotterpisten. Ich habe vor der Abfahrt nicht richtig nachgefragt, was auf dem\nProgramm steht, und jetzt bekomme ich die Quittung. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ortsausgang von Atacames passieren wir ein\ngr\u00f6\u00dferes Gel\u00e4nde mit Baracken, notd\u00fcrftig zusammengeschustert. Hier, auf dem\nGel\u00e4nde einer aufgegebenen Finca, haben sich Leute aus der Sierra\nniedergelassen, die es an die K\u00fcste verschlagen hat. Niemand hat sie daran\ngehindert, aber niemand hat ihnen auch dabei geholfen. Kanalisation gibt es\nhier bestimmt nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Palmenplantage, zur Produktion von\nPalm\u00f6l. Sie haben aber offensichtlich den falschen Ort daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt, wie\nGonzalo auch sagt, die Palmen sehen armselig aus und viele sind vertrocknet. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist nicht sonderlich sch\u00f6n, der Weg\nwird bestimmt von Bananenstauden, oft auf beiden Seiten, aber zwischendurch\ngibt es immer wieder echte Lichtblicke, wenn sich pl\u00f6tzlich die Sicht \u00f6ffnet\nund man unerwartet in eine Meeresbucht oder ein gr\u00fcnes Tal hinunter blickt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann befinden wir uns pl\u00f6tzlich in einer\ngeisterhaften Umgebung. Hier hat es gebrannt. Tausende von d\u00fcnnen St\u00e4mmen ohne\n\u00c4ste und ein verkohlter Boden. An den wenig \u00fcbrig gebliebenen \u00c4sten h\u00e4ngt noch\nein vereinzeltes Blatt, wie eine Erinnerung an eine Zeit vor dem Untergang. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Waldbr\u00e4nde entstehen nicht aus Unachtsamkeit\noder durch das Wirken der Natur, sondern werden gelegt, wie Gonzalo erkl\u00e4rt.\nMan will damit Ungeziefer und Krankheitskeime vernichten. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder biegen wir in kleine Fischerd\u00f6rfer\nab, deren Namen Gonzalo bedeutungsvoll ank\u00fcndigt, so als w\u00e4re von Amsterdam,\nVenedig oder Paris die Rede. <\/p>\n\n\n\n<p>Die D\u00f6rfer sind alle ziemlich nichtssagend, und\nman sp\u00fcrt eine l\u00e4hmende Atmosph\u00e4re, aber die Buchten und die Blicke aufs Meer\nsind phantastisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Raquelita habe diese kleinen Abstecher nicht so\ngerne, sagt Gonzalo, die wolle lieber z\u00fcgig weiter. Leider steht sie zur\nUnterst\u00fctzung heute nicht zur Verf\u00fcgung. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Dorf hat einen ganz sch\u00f6nen Strand, aber der\nist voller Strandgut. Und ganz verlassen. In einem anderen Dorf hat das Meer\nVerw\u00fcstung angerichtet. Die ganze Uferbefestigung ist auseinandergebrochen,\nBetonkl\u00f6tze und Steine liegen quer \u00fcbereinander, die Uferb\u00f6schung sieht aus,\nals ob ein Riese darein gebissen h\u00e4tte. Man ist \u00fcberw\u00e4ltigt von der Gewalt des\nMeeres.<\/p>\n\n\n\n<p>Gonzalo hat einen guten Blick f\u00fcr einzelne\nPflanzen und zeigt mit Zuckerrohr, einen Mahagonibaum und die <em>toquilla<\/em>, den Baum, der das Stroh f\u00fcr\nden Panamahut liefert. Er hat einen d\u00fcnnen gr\u00fcnen Stamm und f\u00e4chert sich nach\noben aus, wie ein Regenschirm. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier findet in den D\u00f6rfern und auch auf den\nStra\u00dfen \u00fcberall Wahlkampf statt. Ganze Autos und ganze H\u00e4userfassaden sind mit\nden in den Farben der jeweiligen Partei und den Namen der Kandidaten versehen\nworden. Es finden Kommunalwahlen statt und Wahlen f\u00fcr die Provinz Esmeraldas,\nalso so was wie Landtagswahlen. Die Kandidaten, unter ihnen viele Frauen,\ntreten immer im Doppelpack auf. Es gilt, zwei \u00c4mter zu vergeben, eins mit\nZust\u00e4ndigkeit f\u00fcr das Land, das andere f\u00fcr die Stadt. Die Bezeichnungen sind\nverwirrend, klingen eher nach B\u00fcrgermeister als mach Ministerpr\u00e4sident. <\/p>\n\n\n\n<p>Mitten auf der Landstra\u00dfe kommen uns immer wieder\nstreunende Hunde entgegen, dann blockieren K\u00fche (mit sch\u00f6nen krummen H\u00f6rnern)\ndie Stra\u00dfe, und dann kommen drei Esel die Stra\u00dfe hinauf, voll bepackt, aber\nohne Begleitung. Sie scheinen den Weg zu kennen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem etwas gr\u00f6\u00dferen Ort, wo mehr los ist,\n\u00fcberholen wir ein Moped, auf dem gleich vier sitzen, vermutlich Geschwister,\nder \u00e4ltere Bruder am Steuer. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach mehreren vergeblichen Anl\u00e4ufen in den Orten\nfahren wir in die Anlage einer Kooperative zum Essen. Man muss sich anmelden\nund Eintritt bezahlen, um \u00fcberhaupt hineinfahren zu d\u00fcrfen. Ich finde das eher\nl\u00e4stig und nicht gerade einladend, Gonzalo feiert es als Zeichen von\nSeriosit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Restaurant liegt oben, erh\u00f6ht auf einem H\u00fcgel,\nda kann man nur zu Fu\u00df hin. Das Restaurant, in der Form einer traditionellen\nH\u00fctte gebaut, mit Bambus und Stroh, aber im Gro\u00dfformat, ist ausgesprochen\nsch\u00f6n, und der Blick hinunter auf die Bucht und das Meer ist phantastisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen ein Essen, das nicht sonderlich gut,\naber daf\u00fcr teuer ist. Gonzalo hat Garnelen, ich bekomme Reis mit Bohnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter uns tagt eine Gruppe, wohl auch eine Art\nKooperative, lauter Schwarze, lauter M\u00e4nner bis auf eine einzige Frau. Sie\nkommen aus dem Norden Ecuadors. Der Vorsitzende gibt lautstark Anweisungen, wie\ndie Sitzordnung ist und wie das Procedere sein wird. Dabei verweist er immer\nwieder auf die Satzung. Dann kommen Beitr\u00e4ge von anderen, immer sehr\nemphatisch, oft von Beifall unterbrochen. Gonzalo zufolge ist das alles hei\u00dfe\nLuft, es ist noch nichts Konkretes besprochen worden, das meiste hat\nAppellcharakter. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir auf eine gut ausgebaute\nLandstra\u00dfe, und Gonzalo dr\u00fcckt auf die Tube. Wir unterhalten uns \u00fcber das\ntriste Leben der Leute, vor allem der jungen Leute, in den Fischerd\u00f6rfern, ein\nLeben ohne viel Abwechslung und ohne gro\u00dfe Perspektiven. Er selbst findet auch,\ndass es da Initiativen geben m\u00fcsste, Versuche, etwas Inhalt in das Leben der\nD\u00f6rfer zu bringen, aber da fehle es an Anregungen. <\/p>\n\n\n\n<p>16. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute machen wir M\u00e4nner das Fr\u00fchst\u00fcck selbst. &nbsp;Gonzalo ist noch unbeholfener als ich, aber\ngemeinsam kriegen wir es im wahrsten Sinne des Wortes gebacken. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Brot wird auf einer flachen Pfanne ger\u00f6stet,\nohne alles. Sie haben die Pfanne von einem Italiener geerbt. <\/p>\n\n\n\n<p>Gonzalo erz\u00e4hlt von einem deutschen Ingenieur, den\nsie zu Besuch hatten, ein gro\u00dfer Freund von Pizza. Er wollte eigentlich nur\nzwei Tage bleiben, blieb dann aber f\u00fcnf. Der Ofen funktionierte nicht, ein Teil\nwar defekt, und daf\u00fcr gab es kein Ersatzteil mehr. Der Mann experimentierte so\nlange an dem Ofen herum, bis er wieder funktionierte und machte ihnen dann eine\nwunderbare Pizza. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Mototaxi geht es nach Atacames. Gonzalo\nl\u00e4sst es sich nicht nehmen, mich zur Stra\u00dfe zu bringen und dem Fahrer\nAnweisungen zu geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs lesen wir noch eine junge Frau mit Kind\nauf. Die fahren zum Parque, ich zum Strand. Wir bezahlen beide, so lohnt sich\ndie Fahrt f\u00fcr den Fahrer mehr. Es scheint in den Mototaxis nur m\u00e4nnliche Fahrer\nzu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ein ganzes St\u00fcck den Strand entlang.\nJunge M\u00e4nner balancieren auf ihren Schultern Tabletts mit Bechern mit klein\ngeschnittenem Obst. Sie gehen mit Leichtigkeit \u00fcber den Sand und durch das\nWasser, w\u00e4hrend ich mich im Wasser kaum aufrecht halten kann.&nbsp; Einer b\u00fcckt sich sogar und hebt eine Muschel\nauf, die er dann in einem Eimer legt. <\/p>\n\n\n\n<p>An eine H\u00e4userwand hat jemand <em>Hecuador<\/em> geschmiert. Ist das ein Scherz? Oder ein Rechtschreibfehler?\nIst wie <em>D\u00e4utschland<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich leiste mir einen Liegestuhl. Der Mann sagt\nerst ein Dollar, will dann aber zwei. Das will ich aber nicht. Da gibt es sich\nmit einem zufrieden. <\/p>\n\n\n\n<p>Von einem vor\u00fcbergehenden K\u00e4ufer bekomme ich einen\nBecher Kokosmilch. Sehr s\u00fc\u00dflich, aber mit viel Eis. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hutverk\u00e4ufer tr\u00e4gt seine Ware auf dem Kopf,\n6-7 aufeinandergestapelte H\u00fcte. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist hei\u00df, aber hier merkt man das wegen der\nBrise vom Meer nicht so sehr wie sp\u00e4ter in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe, die parallel zum Strand verl\u00e4uft, ist\neine echte Touristenmeile. Hier muss in der Hochsaison der B\u00e4r los sein. Aber\njetzt stehen die Wirte und Verk\u00e4ufer gelangweilt herum, es sind fast nur\nEinheimische vertreten. Hier gibt es viele Schwarze unter den Einheimischen,\nmehr als bei meinen vorherigen Stationen in Ecuador. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der linken Seite reiht sich ein Lokal an das\nandere, auf der rechten Seite Gesch\u00e4fte. Ich kaufe etwas in einer Apotheke, und\ndie Verk\u00e4uferin warnt mich vor den M\u00e4dchen, die Massagen anbieten. Die lie\u00dfen\nnachher nicht mehr locker und z\u00f6gen einem das Geld aus der Tasche. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Luft wieder diese wunderbaren V\u00f6gel, mit\nauff\u00e4llig schmalem K\u00f6rper f\u00fcr die langen, geschwungenen Schwingen. Sie schweben\nin der Luft, ohne einen einzigen Fl\u00fcgelschlag, manchmal scheinen sie fast in\nder Luft zu stehen. Einmal sehe ich sechs in direkter Reihe hintereinander, die\nmeisten fliegen aber alleine. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall wird <em>encebollada<\/em>\nangeboten, das Standardgericht der Region, ein Fischgericht mit Zwiebeln. Ich\nbekomme irgendwo in einer gro\u00dfen, fast leeren Gastst\u00e4tte eine H\u00e4hnchenkeule mit\ndem unvermeidlichen Reis mit Bohnen. 6 Dollar. Daf\u00fcr bekommt man in Quito fast\nzwei Essen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque<\/em>\nwarte ich auf Ram\u00f3n und Gladys. An den Spielger\u00e4ten machen sich Schulkinder in\nUniform zu schaffen, Blau und Grau, Blau und Wei\u00df und (am sch\u00f6nsten) Braun und\nWei\u00df. Sieht alles sehr gepflegt aus. Die j\u00fcngeren M\u00e4dchen tragen R\u00f6cke und\nKrawatten, die \u00e4lteren l\u00e4ssige Hosen. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist wieder Wahlkampf, diesmal unter Einsatz\nvon Tr\u00f6ten, Trommeln und Trompeten.<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich um zwei erscheinen die beiden. Statt in die Eisdiele wollen sie in eine benachbarte Bar, wo es Milchmixgetr\u00e4nke gibt. Merkw\u00fcrdigerweise bestellen sie einen Toast dazu. Diesmal lassen sie mich die Rechnung \u00fcbernehmen. Sie sprechen ausf\u00fchrlich \u00fcber Atacames und benachbarte Orte, \u00fcber das Leben in Ecuador und seinen reichen Vorrat an Fr\u00fcchten. Ram\u00f3n ist der Wortf\u00fchrer, was Gladys einmal zu einer ironischen Bemerkung veranlasst. Er scheint internationale Freunde \u00fcberall zu haben, Aussiedler, die hier leben und andere, in der Schweiz, in Barcelona und in Deutschland \u2013 in Johannisburg. Nee, meine ich, das sei nicht in Deutschland. Doch, er ist sich da ganz sicher, dann kommen Zweifel auf. Eine gro\u00dfe Stadt mit Hafen. Hamburg? \u2013 Ja, Hamburg! <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auch um Geld. Immer wieder nennt Ram\u00f3n\nGrundst\u00fcckspreise in Ecuador, so als wenn ich ein potentieller K\u00e4ufer w\u00e4re.\nDann kommen die Fragen, auf die ich nie eine Antwort habe: Was kostet ein\nGrundst\u00fcck in Deutschland? Was kostet ein Haus in Deutschland? <\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt auch immer wieder von Reisen nach\nKolumbien, die er plant oder durchgef\u00fchrt hat, so ganz klar wird mir das nicht.\nJa, die Ecuadorianer f\u00fchren gerne nach Kolumbien. Da sei alles billiger. Das\nwundert mich. Ja, sagt er, sie h\u00e4tten ja den Dollar. Das war mir noch nie klar\ngeworden, dass der Dollar nicht nur Landesw\u00e4hrung, sondern auch Devise ist.\nDavon profitieren die Ecuadorianer. F\u00fcr mich ist der Dollar nicht relevant, und\nEcuador eher billiger als Kolumbien. <\/p>\n\n\n\n<p>Er best\u00e4tigt auch, dass Quito innerhalb von\nEcuador am g\u00fcnstigsten sei. An der K\u00fcste und im Dschungel sind die Preise durch\ndie Touristen wohl h\u00f6her. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt zuf\u00e4llig eine ihrer T\u00f6chter vorbei. Sie\nist 21 und hat selbst auch schon zwei Kinder. Sie m\u00f6chte gerne im Ausland\narbeiten, Chile und die USA sind ihre Favoriten. Wir sprechen dar\u00fcber, wie man\nso etwas angeht und welche H\u00fcrden es gibt. Am besten bekommt man von einem\npotentiellen Arbeitgeber eine Einladung. Das erleichtert die Sache. Ich wei\u00df,\ndass viele Ecuadorianer in Spanien leben. Das best\u00e4tigen sie. Ob es da Abkommen\nzwischen Ecuador und anderen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern mit Spanien gibt? Und\nwelche Auswirkungen hat das auf das Aufenthaltsrecht in anderen L\u00e4ndern der EU?\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragen nach meiner Reise morgen und begleiten\nmich noch zum Busbahnhof, damit ich eine Karte kaufen kann. Der fr\u00fche Bus f\u00e4hrt\naber nicht hier in Atacames ab, sondern in Esmeraldas. Da muss ich selbst\nsehen, wie ich dahin komme. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus dem Bahnhof kommen, f\u00e4llt mein Blick\nauf etwas in gr\u00fcne Bl\u00e4tter Eingewickeltes an einem Verkaufsstand. Ich will\neigentlich nur wissen, was das ist, aber im Handumdrehen haben sie mir zwei\ngekauft. Wir verabschieden uns, aber nicht ohne vorher das obligatorische Photo\ngemacht zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag habe ich dann endlich doch noch mal\nGelegenheit, ins Meer zu gehen. Gonzalo sorgt daf\u00fcr, dass die Hunde nicht entwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat das Meer direkt vor sich, und diesen\nStrandabschnitt f\u00fcr sich alleine. &nbsp;Das\nWasser ist weder kalt noch warm. Die Wellen kommen niedrig rein, haben aber\nganz sch\u00f6n Kraft. Um im Notfall ein SOS absetzen zu k\u00f6nnen, gehe ich r\u00fcber zu\neiner Gruppe von Jugendlichen, die etwas weiter Richtung Ort im Meer sind. Drei\nJungen bauen sich immer gegenseitig eine Br\u00fccke mit den H\u00e4nden, wie bei der\nR\u00e4uberleiter, so dass einer drauf steigen kann und dann im hohen Bogen in die Wellen\ngeworfen wird. Die anderen lassen sich einfach von den Wellen erfassen und\numwerfen. \u00dcber uns wieder die eleganten V\u00f6gel, jetzt sogar einmal in Formation.\nEinen sehe ich von ganz nahe, er hat einen wei\u00dfen Kopf, der K\u00f6rper ist schwarz.\nDer Himmel \u00fcber uns ist gescheckt, und es wird langsam windiger. Gerade\nrechtzeitig gekommen. Keine schlechte Art, eine Reise zu beenden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Januar (Dienstag) \u201eEcuador. Beginnen Sie mit Ecuador.\u201c Das war, vor vielen Jahren, der Rat eines lateinamerikaerfahrenen Beraters in meinem Reiseb\u00fcro. \u201eEcuador ist klein, hat eine gute Infrastruktur und drei v\u00f6llig unterschiedliche Landschaften: den Regenwald, die K\u00fcste, das Hochgebirge. 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