{"id":11451,"date":"2023-01-21T17:12:08","date_gmt":"2023-01-21T16:12:08","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11451"},"modified":"2023-02-12T14:11:24","modified_gmt":"2023-02-12T13:11:24","slug":"kolumbien-2023","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11451","title":{"rendered":"Kolumbien (2023)"},"content":{"rendered":"\n<p>18. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Kolumbien-Reise war eine St\u00e4dtereise:\nBogot\u00e1 \u2013 Medell\u00edn \u2013 Cartagena. Das soll diesmal anders werden, auch wenn die\nAusgangsstation wieder Medell\u00edn ist. Ich bin ganz im Zentrum von Medell\u00edn\nuntergekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Pf\u00f6rtner frage ich nach <em>La Candelaria<\/em>. Das alles hier sei <em>La Candelaria<\/em>. Ja, ja, aber ich meine die Kirche. Wei\u00df er nicht so\nrichtig, hilft mir aber, indem er grob die Richtung angibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine letzten Pesos reichen noch so gerade f\u00fcr\neinen Kaffee und ein Plunderteilchen, das das M\u00e4dchen hinter der Theke extra\nwarm macht. Es ist mit einer s\u00fc\u00dfen Masse gef\u00fcllt, <em>arequipe<\/em>, einer z\u00e4hfl\u00fcssigen Creme aus Milch, Zucker und Vanille.\nOb der Name was mit <em>Arequipa<\/em> zu tun\nhat, der Stadt in Peru? Die wird immer wieder genannt, wenn es um die\nH\u00f6hepunkte einer Reise durch Peru geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Viel Verkehr, Hupkonzerte, Hochh\u00e4user. Auf dem\nschmalen B\u00fcrgersteig liegen Obdachlose, tief schlafend, nur mit einem d\u00fcnnen\nMantel bedeckt. Ich habe heute Nacht eine Wolldecke gebraucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste gro\u00dfe Kreuzung ist die von meiner\nStra\u00dfe, <em>Calle 54<\/em>, mit der <em>Carrea 46<\/em>. So werden hier die gro\u00dfen\nStra\u00dfen angegeben, die waagerecht und die senkrecht verlaufenden, nach\nUS-amerikanischem Muster. Oder ist es umgekehrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00e4ndert sich pl\u00f6tzlich die ganze Atmosph\u00e4re.\nEs kommt ein gro\u00dfer Park. Hier hat man den Verkehr auf eine schmale Spur\nbegrenzt. Der Park hat gro\u00dfe, breite B\u00e4ume mit Luftwurzeln. An denen steht <em>Caucho<\/em>, aber darunter als\nwissenschaftlicher Name doch wieder etwas von <em>Feige<\/em>. In den Beeten Str\u00e4ucher mit gro\u00dfen, bl\u00e4ulichen Bl\u00e4ttern.\nSieht wie Rotkohl aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Platz ist die \u201eErfindung\u201c eines Engl\u00e4nders.\nDie Altstadt endete urspr\u00fcnglich hier, er wollte ein unbewohntes Areal\nbesiedeln,&nbsp; die <em>Vila Nueva<\/em>. Daf\u00fcr schlug er die Schaffung dieses Parks unter Ausnutzung\nder vorhandenen B\u00e4ume vor, samt Errichtung einer gro\u00dfen Kirche an einer\nStirnseite des Parks und einem Reiterstandbild Bol\u00edvars in der Mitte. Dessen Pferd\nwird im Trab dargestellt, Bol\u00edvar hat den Hut gez\u00fcckt und blickt nach unten. Am\nSockel verschiedene Zitate von ihm, darunter der Satz, dass er gerne ins Grab\nsinken w\u00fcrde, wenn sein Tod die Uneinigkeit beende. War wohl nicht der Fall. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich durch den Park gehe, fragt mich ein junger\nMann, was ich denn da mit mir herumtrage. Einen Beutel schmutziger W\u00e4sche. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage eine Frau nach dem Weg. Sie scheint mich\nerst gar nicht zu beachten, dreht sich dann zu mir um und macht eine heftige\nHandbewegung. Ich wei\u00df sofort, wo und in welche Richtung ich abbiegen muss.\nDann zeigt sie gerade aus, dann rechts, und dann hebt sie drei Finger in die\nLuft. Glasklar. Dritte Stra\u00dfe rechts nach der Abbiegung. Dann macht sie noch\neine Geste zu ihrem Mund hin, und endlich d\u00e4mmert es mir: Sie ist taubstumm!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme, ihren Anweisungen folgend, direkt auf die\n<em>Plaza de Botero<\/em>. Hier stehen, auf den\nganzen unregelm\u00e4\u00dfigen Platz verteilt, seine ber\u00fchmten dicken Figuren, alle aus\nBronze, alle mit ganz glatter Oberfl\u00e4che. Ein gedrungenes Pferd mit viel zu\nkleinen Beinen, sieht wie ein Spielzeug aus, ein rundlicher Reiter auf einem zu\nklein geratenen Pferd, eine Katze in Lauerstellung, die Zungenspitze zwischen\nden Lippen, und ein Hund in Lauerstellung, die Zungenspitze zwischen den\nLippen. Beide Zungen sind viel zu schmal und zu rund. Ein Mann, der vorw\u00e4rts\nschreitet und gar nicht merkt, dass er dabei \u00fcber den K\u00f6rper eines liegenden\nMannes schreitet. Ein r\u00f6mischer Soldat, nackt, mit dicken Hinterbacken, eine\nschlafende Venus, die aber die Augen ge\u00f6ffnet hat) mit dicken Oberschenkeln. Und\ndann noch eine auf der Seite liegende Frau mit Spiegel, aber ohne Spiegel. Wo\nist der Spiegel? Soll man sich den nur vorstellen? Dann sehe ich. Sie hat den\nStumpf in der Hand, man hat ihr den Spiegel abgebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich vor die wei\u00dfe Kirche, von der ich\ndachte, das w\u00e4re die <em>Candelaria<\/em>. Sie\nhei\u00dft aber <em>Veracruz<\/em>. Und sieht auch\nmexikanisch aus, mit den offenen Glockenst\u00fchlen und den nach oben sich\nverengendem Giebel. Gloria ist nicht da, wie zu erwarten war. Ich warte auf der\nParkbank, gehe dann zu der anderen Kirche am anderen Ende des Platzes, die gar\nkeine Kirche ist, aber da ist sie auch nicht. Ich setze mich auf eine Parkbank\nvor der <em>Veracruz<\/em>. Neben mir ein alter\nMann mit zerfurchtem Gesicht, der sich ein Fr\u00fchst\u00fcck mit Reis und H\u00e4hnchen\ngenehmigt. Er tr\u00e4gt Sandaletten und hat alle seine Habseligkeiten in einen\nschwarzen Plastikbeutel gezw\u00e4ngt. Um die Wade hat er einen Verband, der\naussieht, als w\u00e4re er aus Baumrinde. Er k\u00f6nnte aber auch einfach so alt sein,\ndass er inzwischen deren Farbe angenommen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet hier auf dem Kirchplatz haben sich\ndie leichten M\u00e4dchen aufgebaut, alle blutjung und d\u00fcnn. Eine setzt sich neben\nmich, l\u00e4sst aber von mir ab, als sie merkt, dass ich auf ihre Gespr\u00e4chsangebote\nnicht eingehe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, da das Handy nicht funktioniert, einen\nMann auf der Parkbank nach der Uhrzeit. Er fragt, &nbsp;woher ich denn k\u00e4me und ob ich in Kolumbien\nlebe. Er sagt mir ausdr\u00fccklich, ich solle vorsichtig sein, dies sei ein\ngef\u00e4hrliches Pflaster. Merkw\u00fcrdigerweise habe ich Kolumbien von der ersten\nReise gar nicht als gef\u00e4hrlich in Erinnerung. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich entscheide, mich erst mal um mein Handy zu\nk\u00fcmmern. Es gibt viele L\u00e4den hier in der Innenstadt, aber in den meisten sitzt\nnur eine junge Frau, die einem bestenfalls eine neue H\u00fclle verkaufen kann.\nDavid, der Vermieter, hat ein Einkaufszentrum empfohlen, aber wei\u00df der Kuckuck,\nwo das ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer langen Ladenzeile, von der\nFu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe mit dem wunderbaren Namen <em>Carabobo<\/em>\nabgehend, sehe ich ein etwas gr\u00f6\u00dferes Gesch\u00e4ft, mit f\u00fcnf jungen M\u00e4nnern hinter\nder Theke. Ich sage genau, was Sache ist, sie h\u00f6ren gut zu und scheinen sofort\ndie L\u00f6sung zu kennen. Das Mundst\u00fcck, in das das Kabel gesteckt wird, muss\nausgetauscht werden. Gehen auch keine Daten verloren? Bis wann kann das\nerledigt werden? Wie viel kostet das? Sie geben auf alles eine plausibel\nklingende und klare Antwort, und ich lasse das Handy zur Reparatur zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer noch schleppe ich meinen W\u00e4schesack mit mir\nherum. Aber hier gibt es weit und breit keine Reinigung. Ich steuere die\nTouristeninformation an. Die ist auf der <em>Plaza\nCisneros<\/em>. Als ich dort ankomme, sagen mir zwei W\u00e4rter vor dem\nErziehungsministerium, dies sei nicht die <em>Plaza\nde<\/em> <em>Cisneros<\/em>, dies sei die <em>Plaza de las Luces<\/em>. Das ist\noffensichtlich ihr popul\u00e4rer Name. Von einer Touristeninformation haben sie\nnoch nie was geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Parkbank sitzt noch ein Uniformierter.\nEr sagt mir bedeutungsvoll, mit Fragen komme man bis nach Rom, wei\u00df aber auch\nnicht, wo die Touristeninformation ist. Ich versuche mein Gl\u00fcck am Ende des\nPlatzes, in einer Bibliothek. Da ist die Touristeninformation. Der junge Mann\ndort dr\u00fcckt sich ausgesprochen gew\u00e4hlt aus und ist sehr h\u00f6flich, hat aber auch\nkeine Ahnung. Er gibt mir einen Stadtplan, der so klein ist, dass man nichts\nerkennen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg \u00fcber eine andere Stra\u00dfe, auch hier\nviel los, sehe ich mich noch mal nach einer Reinigung um. Vergeblich. Ich bin\neinigerma\u00dfen bedient. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die frohe Kunde: Das Handy funktioniert\nwieder. Der Mann demonstriert mir, dass er es angeschlossen hat und dass es\naufl\u00e4dt. Er ist auch einverstanden, ein paar Minuten zu warten, bis die n\u00e4chste\nProzentzahl erreicht ist. Funktioniert. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kreditkarte bezahlen kann man nicht, und der\nMann, der mir angeboten hat, Dollars zu tauschen, ist nicht mehr da. Es gibt\naber hier im Geb\u00e4ude einen Geldautomaten, und so l\u00f6st sich auch dies Problem.\nAls ich zahle, spricht mich der entscheidende Mann, den ich ganz schlecht\nverstehe, noch mal auf die Dollars an. Er meinte wohl, das sei ein\nUmtauschgesch\u00e4ft unabh\u00e4ngig von der Reparatur. Er gibt mir dann auch den\nInternetzugang von dem Gesch\u00e4ft. Gloria geht ran. Sie warte vor der Kirche. Ich\ngehe hin, nichts von ihr zu sehen. Wieder zur\u00fcck zu dem Laden, um zu\ntelefonieren, und es erweist sich, dass wir vor zwei verschiedenen wei\u00dfen\nKirchen stehen, und ich muss kleinlaut zugeben, dass meine die falsche war.\nIhre hei\u00dft wirklich <em>La Candelaria<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchrt mich auf eine Stra\u00dfe in der\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone, die besonders gut sei: \u201eDa gibt es auch viele Ausl\u00e4nder!\u201c Warum\nich diesen Zusammenhang witzig finde, versteht sie nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber in der Aussage mit den Ausl\u00e4ndern hat sie,\nohne es zu ahnen, eine historische Kontinuit\u00e4t angesprochen. Die <em>Iglesia de Veracruz<\/em> hie\u00df n\u00e4mlich fr\u00fcher\ntats\u00e4chlich <em>Ermita de la Veracruz de los\nForasteros<\/em>, von und f\u00fcr Ausl\u00e4nder gebaut, und deren Grablege.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir suchen ein Caf\u00e9, und wir finden eins mit\nTerrasse oben, direkt an der <em>Plaza de\nBol\u00edvar<\/em>, gleich mit mehreren Gastst\u00e4tten. Man sieht auf die B\u00e4ume mit den\nLuftwurzeln hinunter und auf Handkarren mit Obst und Gem\u00fcse. Auf einem liegen\nMangos in ganz unterschiedlichen Farben, auf dem anderen runde rote Fr\u00fcchte.\nK\u00f6nnten das Baumtomaten sein? Nein, meint sie, die s\u00e4hen anders aus. Aber diese\nkann sie von hier aus nicht erkennen. Als wir sp\u00e4ter unten an dem Karren vorbei\nkommt, erkennt sie sie: <em>chontaduros<\/em>.\nNoch nie gesehen, noch nie geh\u00f6rt. Sie wachsen an einer Palme und haben eine\nentfernte \u00c4hnlichkeit mit Pfirsichen. Deshalb hei\u00dfen die B\u00e4ume auf Englisch\nauch <em>peach palm<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der redselige Kellner der uns bedient, h\u00f6rt gar\nnicht mehr auf, nachdem Gloria ihm eine Frage zu Guatap\u00e9 gestellt hat, meinem\nn\u00e4chsten Reiseziel. Die beantwortet er auf der Stelle, aber damit begn\u00fcgt er\nsich nicht. Er erkl\u00e4rt, wie man dorthin kommt und worauf man achten muss. Auch spricht\ner Warnungen aus, sowohl vor Guatap\u00e9 als auch vor dem Park hier. Alles\ngef\u00e4hrliches Terrain. <\/p>\n\n\n\n<p>Gloria trinkt einen Saft, aus <em>guanabano<\/em>, der <em>Frucht des\nLebens<\/em>, wie sie auch hei\u00dft. Gloria erkl\u00e4rt, sie habe wei\u00dfes, weiches\nFruchtfleisch. Das Bild kommt mir bekannt vor. Aber ich kann mich nicht\nerinnern, wann ich sie probiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ist jetzt nach einem Bier zumute, und ich\nw\u00e4hle die Variante <em>michelada<\/em>, eine\nalte Bekannte aus Mexiko. Im Glas eine Zitronenschale, und um den Rand des\nGlases herum fest gefrorenes Salz. Schmeckt gut, echt erfrischend. <\/p>\n\n\n\n<p>Gloria ist sehr fromm, betet regelm\u00e4\u00dfig und hat\nein naives Gottvertrauen. Man muss nur alles in Gottes H\u00e4nde legen, dann wird\nes gut. Gott sorgt f\u00fcr uns wie ein Vater. Ob das die Obdachlosen, die Bettler,\ndie Hungernden auch so sehen, will ich wissen. Die h\u00e4tten sich von Gott\nabgewandt. Sie sollten sich Gott zuwenden, dann werde alles gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht eine Unterscheidung zwischen <em>rezar<\/em> und <em>orar<\/em>. Das, was ihre Eltern in der katholischen Kirche machten, das\nsei <em>rezar<\/em>, immer dieselben Gebete,\nsie in ihrer Kirche w\u00fcrden mit Gott sprechen, das sei <em>orar<\/em>. Als ich ein bisschen genauer wissen will, was f\u00fcr eine Kirche\ndas denn sei, muss sie passen. Ihr Bruder will davon nichts wissen, das sei\neine Sekte. K\u00f6nnte Recht haben. Solange sie ihr nicht das Geld aus der Tasche\nziehen. Die Sache scheint irgendwie aus den USA zu kommen, eine von einer Frau\ngegr\u00fcndete Glaubensgemeinschaft, grob gesprochen der Evangelikalen Richtung\nzuzuordnen. Von den Glaubenss\u00e4tzen ihrer Kirche wei\u00df sie so gut wie gar nichts.\nIhr gef\u00e4llt einfach die Atmosph\u00e4re dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen \u00fcber Katholiken und Protestanten und\ndass die in Europa im Allgemeinen auf die verschiedenen L\u00e4nder verteilt sind,\nau\u00dfer in Deutschland, wo sie etwa pari vertreten sind. In dem Zusammenhang\nerw\u00e4hne ich Luther. Ja, den kennt sie. Ein Schwarzer! Ein Schwarzer? Ja, sie\nh\u00e4tten ihn umgebracht. Nein, Gloria, das ist Martin Luther King. Da liegen 500\nJahre dazwischen. Sie nimmt sofort Kontakt mit ihrer Tochter in der Schweiz\nauf. Die kennt Luther und best\u00e4tigt auch, was ich ihr von Calvin erz\u00e4hlt habe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Guatap\u00e9 ist sie schon dreimal gereist und hat\nzweimal den Felsen von Guatap\u00e9, bestiegen. Beim dritten Mal hat sie sich\ngeweigert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will gerne die genaue Abfahrtszeit des Busses wissen,\naber die braucht man nicht, man geht einfach hin und nimmt den ersten besten\nBus, so wie man bei uns den Stadtbus nimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, immer noch mit dem\nW\u00e4schesack bepackt, begr\u00fc\u00dft mich David sehr herzlich und fragt sofort nach dem\nHandy. Und dann entledigt er mich auch der Sorge um die W\u00e4sche. Er selbst\nbietet einen W\u00e4scheservice an.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist sch\u00f6n eingerichtet, \u00fcberall\nBlumen und B\u00fccher. Und Musiknoten. Ich lerne einen Jonathan kennen, von David\nvorgestellt, als wenn er Mitbewohner, Freund, Partner w\u00e4re. Aber irgendwann\ntaucht auch eine telefonierende Frau auf, die sich hier heimisch zu f\u00fchlen\nscheint. Und eine Putzfrau. Und am n\u00e4chsten Tag die ganze Gro\u00dffamilie. Ich\nhalte mich zur\u00fcck und bleibe auf dem Zimmer. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Armaturen im Bad werden von der Firma Corona\ngestellt. An dem Waschbecken h\u00e4ngt nich ein Schild: <em>corona \u2013 garant\u00eda de por vida. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der f\u00fcr Medell\u00edn so typische\nWetterumschlag: Regen und Gewitter am Nachmittag, nachdem es am Vormittag ein\nrichtig sch\u00f6ner Fr\u00fchlingstag mit sommerlichen Temperaturen war. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einfachheit halber gehe ich in eine kleine\nImbissstube gleich gegen\u00fcber. Das Apartment ist im 13. Stock, und wenn man\nrunter f\u00e4hrt, muss man <em>1 <\/em>dr\u00fccken. Das\nist das Erdgeschoss. Darunter befindet sich <em>S<\/em>,\nvermutlich <em>Soterr\u00e1neo<\/em>, das ist schon\nder Keller. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Aufzug h\u00e4ngt ein Hinweisschild, wie man mit\nHunden umgehen soll. Dabei entdecke ich ein neues Verb, <em>hangar<\/em>. Hier taucht es als <em>hangan<\/em>\nauf. Dann merke ich, dass es gar kein neues Wort ist, sondern ein Fehler, eine\nnicht existierende Form von <em>hay<\/em>. Gemeint\nist <em>hagan<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Imbisstube gibt es eine ausgesprochen\nleckere Teigtasche, gef\u00fcllt mit Hackfleisch, Pilzen und So\u00dfe. Endlich mal nicht\nso trocken. <\/p>\n\n\n\n<p>19. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen durch die Stra\u00dfen gehe, f\u00e4llt\nmir auf, dass ich der einzige in kurzer Hose bin. Medell\u00edn hat das ganze Jahr\n\u00fcber ein mildes Klima, es ist eigentlich immer Fr\u00fchling, aber die Leute tragen\neinen Pullover oder eine leichte Jacke. Nur wenige im T-Shirt. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder ein Lichtblick, auch an den\nvielbefahrenen Stra\u00dfenkreuzungen: die vollbeladenen Handkarren mit den\nexotischen Fr\u00fcchten. Mango hat momentan Vorfahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben mir auf der Stra\u00dfe eine junge Frau, die\neinen Einkaufswagen aus dem Supermarkt zu ihrem Verkaufsstand umfunktioniert\nhat. Sie verkauft Bonbons. Oben auf der Ware ein Plastikschemel und ein\nzusammengefalteter Sonnenschirm. Sie wird ihren Stand jetzt wohl irgendwo am <em>Parque Bol\u00edvar<\/em> aufbauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lande in einem ganz merkw\u00fcrdigen, unregelm\u00e4\u00dfig\naufgebauten Lokal, mit einer schr\u00e4g im Raum stehenden Verkaufstheke, einem\nPfeiler mitten im Raum und einem Aufbau mit Schlie\u00dff\u00e4chern. An der Wand naive\nStillleben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme das, was man in diesen Gegenden unter\nFr\u00fchst\u00fcck versteht: gebratenes H\u00e4hnchen, Bohnen, Reis, eine <em>arepa<\/em> mit K\u00e4se, R\u00fchrei. Dazu gibt es\nungefragt Kakao. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem vollbesetzten Kleinbus geht es nach\nGuatap\u00e9. Die Strecke ist gut ausgebaut, aber uninteressant. Immer wieder\nsteigen Verk\u00e4ufer zu, Mandeln, Bananenchips, Mittel zur Reininung des Magens,\nund dann auch zwei Musiker, beide mit Lautsprecher und Mikrophon ausgestattet.\nDer zweite ist Venezolaner, er singt zu einem Hip-Hop-Rhythmus von seinem Land\nund seiner Situation in Kolumbien erz\u00e4hlt. Er macht die Ank\u00fcndigung auch auf\nEnglisch, einschlie\u00dflich des Verweises auf seine Website: <em>Ees een Eenglish<\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sieht man aus dem Fenster, wie M\u00e4nner\nS\u00e4cke aus Leinen von einem Karren auf einen Haufen in einem Innenhof schaffen.\nWas da wohl drin ist? Die Antwort gibt dann einer der S\u00e4cke, der etwas\neingerissen ist: Es ist Recycling-Ware. <\/p>\n\n\n\n<p>Sobald wir von der Hauptstra\u00dfe abbiegen, wird es\nsch\u00f6n, eine gr\u00fcne Landschaft mit Bergen und T\u00e4lern. Der Bus muss sich jetzt\n\u00fcber die kurvenreiche Stra\u00dfe qu\u00e4len.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Fels in Sicht. Er hat eine\nunheimliche \u00c4hnlichkeit mit dem Zuckerhut. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Amerikaner ist nicht ganz sicher, ob er hier\naussteigen muss. Der Grund: Er spricht von <em>roca<\/em>,\nder Schaffner sagt <em>piedra<\/em>. Beides\nsind Untertreibungen. Es handelt sich um einen richtigen Berg. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer sch\u00f6ner. Der Blick f\u00e4llt auf den\nverzweigten, gr\u00fcnen See, die Berge drum herum und den gescheckten Himmel. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einer idyllischen Stelle vorbei, wo\nJames Rodr\u00edguez sein Haus hat, der kolumbianische Fu\u00dfballer, der bei der WM\n2014 die ganze Fu\u00dfballwelt verzauberte. Er war dann bei Real Madrid und bei\nBayern und ist jetzt in Griechenland gelandet.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Guatap\u00e9, eine Stadt, die auch f\u00fcr sich\ngenommen einen Besuch lohnt, nicht nur als Ausgangspunkt f\u00fcr den Felsen. Die\nH\u00e4user, mit h\u00f6lzernen, farbigen Gittern vor den Fenstern, sind bunt bemalt,\nselbst in den neueren Geb\u00e4uden werden diese Farben wieder aufgenommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bekannt ist Guatap\u00e9 f\u00fcr seine <em>z\u00f3calos<\/em>, den Sockeln. Gemeint sind hier die Sockelgeschosse der\nH\u00e4user. Die haben, in der gesamten Innenstadt, herrlich naive bunte\ndreidimensionale Bilder, von bunten V\u00f6geln und Eselstreibern, von Bauern und\nFischern und w\u00fcrdevoll aussehenden Pastoren. Ein Mann tr\u00e4gt einen anderen\nHuckepack. Aber auch moderne Motive fehlen nicht: ein Kellner und ein\nSouvenirverk\u00e4ufer, ein Mann am PC und eine Frau, nachdenklich \u00fcber ein Brettspiel\noder eine Notiz gebeugt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche am Hauptmarkt ist wei\u00df, doppelt\u00fcrmig.\nMacht sich gut an dem Platz. Innen kitschig, aber mit einem einheitlichen\nErscheinungsbild. Alles in Holz, S\u00e4ulen und Alt\u00e4re und Dach, und alles mit ganz\nfeinen Goldf\u00e4den durchzogen. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder tauchen die Apostelsymbole auf, auch\nan der Au\u00dfenwand.&nbsp; Matth\u00e4us, als Mensch\ndargestellt, sieht aus wie ein Indianer mit wehendem, rotem Haarschopf. Innen\ngibt es interessante, aber etwas weit hergeholte Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Symbole. <\/p>\n\n\n\n<p>Um zur Unterkunft zu kommen, frage ich bei der\nTouristeninformation nach. Eine junge Frau, die Personifizierung der\nInkompetenz, wei\u00df keine Antwort auf die Frage, wo die Carrera 24 sein k\u00f6nnte.\nWie denn das Hotel hei\u00dfe. Hat keinen Namen. Ist eine Privatunterkunft. Wie die\ndenn hei\u00dfe. Die hat keinen Namen. Dann k\u00f6nne sie mir nicht helfen. Hier w\u00fcrde\nsich keiner nach den Stra\u00dfen richten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Polizist vor der Touristeninformation wei\u00df\nsofort Bescheid: Immer geradeaus, \u00fcber die Br\u00fccke, dann an einer Gabelung nach rechts.\nIn der Zwischenzeit ist der Chef der Touristeninformation auch herausgekommen.\nEr hat wohl gemerkt, wie d\u00e4mlich sich die junge Frau angestellt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist nach den Angaben des Polizisten\nleicht zu finden, aber das Haus nicht. Es gibt keine Hausnummern. Eine\nNachbarin wei\u00df auch nicht Bescheid, aber inzwischen hat die Vermieterin wohl\ngemerkt, dass nach ihr gesucht wird und \u00f6ffnet das schwere Holztor. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es sehr formal zu. Alle Daten werden\naufgenommen, einschlie\u00dflich Personalausweisnummer. Ein junger Mann macht das\nalles mit sehr seri\u00f6ser Miene. Am Ende erkl\u00e4rt er noch, wie man abends\nhineinkomme. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer, erh\u00f6ht gelegen mit Blick auf die\nUmgebung, ist hervorragend, modern, aber heimelig, mit einem neuen Bad und\nsch\u00f6nen M\u00f6beln. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder in die Stadt zur\u00fcck und von hier\naus an das Seeufer. Da bieten Bootsleute ihre Dienste an. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Uferpromenade flitzen Mototaxis entlang.\nDie hei\u00dfen hier <em>Motochivas<\/em>. Wo sich\nder Name herleitet, vergesse ich zu fragen. Ob es was mit <em>chiva<\/em> im Sinne von <em>Zicklein<\/em>\nzu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Der See ist kein richtiger See, obwohl er ganz so\naussieht, sondern das, was der Kellner gestern <em>represa<\/em> nannte, ein Stausee, mit seiner eigenen Geschichte. Schon\nin den zwanziger Jahren gab es erste Warnungen, dass Medell\u00edn eines Tages kein\nWasser mehr haben w\u00fcrde. In den f\u00fcnfziger Jahren erfolgten dann\nwissenschaftliche Studien, und schlie\u00dflich wurde eine Initiative zum Bau eines\nStausees gestartet und der Staat wurde aktiv. Lange war unklar, wo der Stausee\nentstehen sollte, am Ende entschied man, dass ein ganzes Dorf weichen musste, El\nPe\u00f1ol. Die Menschen wurden evakuiert und umgesiedelt. Auf alten Abbildungen\nsieht man noch den Kirchturm von El Pe\u00f1ol aus dem Wasser ragen. Heute bedeckt\nder Stausee ein Drittel der Fl\u00e4che von Guatap\u00e9 und sorgt f\u00fcr ein Drittel der\nkolumbianischen Stromversorgung. Wer immer die Erbauer des Stausees waren, sie\nhaben gute Arbeit geleistet und eine k\u00fcnstliche Natursch\u00f6nheit geschaffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich in einem kleinen Lokal\nau\u00dferhalb der Innenstadt Halt. Es gibt ein leckeres Kotelett mit allerhand\nZutaten. Jetzt, wo es d\u00e4mmert, wird es in Windeseile kalt. <\/p>\n\n\n\n<p>20. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Unterkunft gibt es eine\nB\u00e4ckerei mit lauter wohlriechenden Waren. Vor dem Geb\u00e4ude steht der B\u00e4cker\nselbst und backt <em>bu\u00f1uelos<\/em>, in \u00d6l\nfrittierte Teigkugeln, etwa in der Art von Krapfen. Sie sind noch warm und\nschmecken richtig gut, sind aber \u00fcberraschenderweise nicht s\u00fc\u00df, sondern\nschmecken nach K\u00e4se. <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder \u00fcberraschend der Kaffee. Kolumbien\nist der zweit- oder drittgr\u00f6\u00dfte Kaffeeproduzent der Welt und bekannt f\u00fcr die\nQualit\u00e4t seines Kaffees, aber im Lande selbst trinkt man \u00fcberall einen d\u00fcnnen,\ns\u00fc\u00dflichen Kaffee. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer motochiva geht es zum Felsen. Auf\nSpanisch hei\u00dft der <em>Pe\u00f1\u00f3n de<\/em> <em>Guatap\u00e9<\/em> oder <em>Piedra del Pe\u00f1ol<\/em>, die Leute hier sagen einfach piedra. Es ist noch\nfr\u00fch, aber die Sonne kommt schon rauf. Nach der Landstra\u00dfe geht es ein ganzes\nSt\u00fcck \u00fcber eine Schotterpiste. Noch am Abend habe ich einen ganz aktuellen\nZeitungsartikel zu Guatap\u00e9 gelesen, h\u00f6chst kritisch, da wurde die schlechte\nInfrastruktur beklagt, darunter der Zustand der Stra\u00dfen. Ebenfalls das Fehlen\njeder Regelungen zu dem Schiffsverkehr auf dem See, jeder kann dort ohne\nKontrolle herumfahren und Geld verdienen. Dazu kommt, dass der Felsen \u2013 man mag\nes kaum glauben \u2013 in Privatbesitz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Felsen sieht von Nahem fast entt\u00e4uschend aus,\ngrau, schroff, karg,&nbsp; und seine besondere\nForm kann man aus der N\u00e4he gar nicht richtig sch\u00e4tzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Umso sch\u00f6ner ist der Aufstieg. Es geht \u00fcber eine\ngut ausgebaute Treppe mit festen, geraden, wenn auch etwas hohen Stufen, mit\neinem steinernen Gel\u00e4nder, das ganz sch\u00f6n, aber nicht sehr n\u00fctzlich ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Abstieg erfolgt auf einem anderen Weg, das ist\nnat\u00fcrlich sehr hilfreich, es gibt keinen Gegenverkehr, au\u00dfer von einem\nverwirrten Geisterl\u00e4ufer sp\u00e4ter beim Abstieg. Schon jetzt, obwohl es noch so\nfr\u00fch ist, h\u00f6re ich die ersten Leute herunterkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stufen sind nummeriert. Bei 50 bleibe ich zum\nersten Mal stehen, aber dann geht es z\u00fcgig weiter. Ein junges Paar mit Tochter\n\u00fcberholt mich und der M\u00fcllmann, der die Plastikabf\u00e4lle einsammelt und nach oben\ntr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausblick auf die Gegend ist umwerfend! Immer\nwieder bleibt man unwillk\u00fcrlich stehen. Der weitverzweigte See, heute bl\u00e4ulich\nschummernd, mit seinen B\u00e4umen am Seeufer, immer wieder neue, unregelm\u00e4\u00dfige\nWasserfl\u00e4chen, und lauter kleine, dicht bewachsenen Inseln im Wasser, mit ganz\nunterschiedlichen Formen. Eine ganz l\u00e4ngliche sieht so aus, als h\u00e4tte man hier\neine Sprungschanze aus Sand errichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende sind es \u201enur\u201c 675 Stufen, wenn man die\nStufen zum Aussichtsturm nicht mitz\u00e4hlt. Der Aussichtsturm ist auch mit\nbebilderten Sockeln versehen. Auf einem Bild erscheint der erste Ersteiger des\nFelsens. Der hatte noch keine Treppe zur Verf\u00fcgung. Daneben eine l\u00e4ngliche\nFurche, die den ganzen Berg von unten nach oben durchzieht, die Axt des\nTeufels, <em>hacha del diablo<\/em>. In diese\nFurche hat man die Treppe gebaut. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es Souvenirl\u00e4den und Lokale, aber das\nsieht alles nicht einladend aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Abstieg sind die Treppen nicht ganz so gut\nausgebaut und au\u00dferdem nass, aber daf\u00fcr gibt es, au\u00dfer in den Kurven, ein\neisernes Gel\u00e4nder, an dem man sich gut festhalten kann. Am Ende habe ich\ninsgesamt gerade mal eine Stunde gebraucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten sehe ich mich noch ein bisschen in den\nSouvenirgesch\u00e4ften um. Keine Postkarten. Scheint in Amerika ein rares Gut zu\nsein. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es zu Fu\u00df \u00fcber die Schotterpiste und\ndann an der Stra\u00dfe entlang. Ich frage nach dem Bus nach Medell\u00edn. Ja, da\ngegen\u00fcber, da sei eine Bank. Da solle ich warten. Aber ist das denn eine\nHaltestelle? Egal, einfach winken, der Busfahrer h\u00e4lt schon. Tut er\ntats\u00e4chlich. Als ich einsteige und zahlen will, sagt mir der Fahrer, ich solle\nmich erst mal setzen. Zahle k\u00f6nne ich sp\u00e4ter noch. Das tue ich dann beim\nAussteigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt erkennt man deutlich den Kessel,\nin dem Medell\u00edn liegt, auf allen Seiten von gr\u00fcnen Bergen umschlossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter treffe ich mich mit Gloria an der\nU-Bahn-Station. Wir gehen Richtung Parque Bol\u00edvar und essen in einem versteckt\nhinter einer Mauer liegenden Restaurant eine Suppe, immer eine g\u00fcnstige und\nleckere Alternative in diesen Breiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie wohnt in Sabaneta, im S\u00fcden Medell\u00edns. <em>Sabaneta<\/em> h\u00f6rt sich nach <em>s\u00e1bana<\/em> an, \u201aBettlaken\u2018, aber das ist\nnat\u00fcrlich nicht gemeint. Es hat eher was mit Savanne zu tun, einer\ngrasbewachsenen, aber baumlosen Zone, die sich f\u00fcr die Aufzucht von Rindern\neignet. <\/p>\n\n\n\n<p>Als mir bei der Schilderung meiner Erlebnisse ein\nKraftausdruck rausrutscht, protestiert sie. Solche W\u00f6rter solle ich nicht\nbenutzen. Ich verteidige den Gebrauch von Kraftausdr\u00fccken, in der passenden\nSituation gebraucht k\u00f6nnen sie der Erz\u00e4hlung Emphase verleihen. Sie findet, das\nsei typisch f\u00fcr die Spanier, die gebrauchten doch st\u00e4ndig solche Ausdr\u00fccke. Die\nKolumbianer nicht? Doch, die auch. Sie nennt mir dann, einigem Z\u00f6gern, sogar\nein Wort, allerdings ohne es zu nenne, durch ein paar Buchstaben und eine\nAndeutung: <em>gonorrea<\/em>. Ich dr\u00e4nge dann\nnicht weiter, obwohl ich schon gerne wissen m\u00f6chte, wie es gebraucht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht sich dann auf dem Weg nach Hause,\nMutters Geburtstag wird gefeiert, eine vielfache Uroma von 79 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>21. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag bleibe ich, solange es geht, in der\nWohnung, denn die Weiterfahrt nach Mompox ist erst am Abend. David, bei den\nwenigen Kontakten, die wir hatten, freundlich wie immer, bietet mir an, den\nKoffer bis zum Abend hier stehen zu lassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die breite, sechsspurige Avenue entlang.\nHier ist viel los, auf der Stra\u00dfe wie auf dem B\u00fcrgersteig. Dort haben\nObsth\u00e4ndler ihre Karren aufgebaut. Einer hat seine Mandarinen zu M\u00e4nnchen\naufeinandergestapelt, ein anderer zu Pyramiden. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine mir entgegenkommende Frau verliert etwas.\nSieht wie zusammengekn\u00fclltes Papier aus. Es sind aber zwei Geldscheine. Ich\nlaufe hinter ihr her und sage ihr, das habe sie verloren: \u201eOh, really?\u201c ist die\nReaktion. Dann gibt sie mir zu verstehen, dass sie das nicht gewesen sein kann.\nAuch gut. Es sind nur zwei Scheine, 3.000 Peso. Die bekommt eine Frau, die auf\ndem B\u00fcrgersteig sitzt, an eine Hauswand gelehnt. Sie nimmt sie wortlos\nentgegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald komme ich zum <em>Parque San Antonio<\/em>, meinem Ziel, mit der zerst\u00f6rten Statue, die ich\nnoch von meiner ersten Kolumbienreise in Erinnerung habe, aber nicht mehr\ngenau. <\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Parque<\/em>\nist ein gro\u00dfer, leerer, nicht sehr ansehnlicher Platz, mit ein paar B\u00e4umen an\neiner L\u00e4ngsseite und mehreren gleichf\u00f6rmigen Trinkst\u00e4nden. <\/p>\n\n\n\n<p>An dieser L\u00e4ngsseite steht der <em>P\u00e1jaro<\/em> von Botero, die Statue, die bei\neinem f\u00fcrchterlichen Attentat 1995 zerst\u00f6rt wurde. Botero entschied, sie als <em>Monument an den Schwachsinn<\/em>, <em>Monumento a la Imbecilidad<\/em>, stehen zu\nlassen und daneben eine Replik von der originalen Statue aufzustellen. Der\nzerst\u00f6rte Vogel ist in sich zusammengesackt, ist kleiner als er war, aber wie\nstark die Zerst\u00f6rung ist, sieht man am besten von hinten, an den durchl\u00f6cherten\nFl\u00fcgeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den Statuen hat man in gro\u00dfem Format die\nTitelseite der Tageszeitung angebracht, die am Tag nach dem Attentat erschien.\nEs gab 22 Tote und Hunderte Verletzte. Auf dem Sockel der zerst\u00f6rten Statue\nstehen die Namen der Opfer. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem M\u00e4uerchen sitzt ein \u00e4lterer Mann. Der\nwill mir die wahre Geschichte erz\u00e4hlen. Denn das stimme alles gar nicht, was da\nstehe. Und er m\u00fcsste es wissen, er sei pr\u00e4sent gewesen. Es habe sich nicht um\neine <em>bomba<\/em>, sondern um zwei <em>explosivos<\/em> gehandelt, wobei mir nicht\nklar ist, was der Unterschied sein soll. Ansonsten weicht sein Bericht, soweit\nich ihn verstehe, gar nicht von der offiziellen Version ab. Die Bomben waren in\nGeschenkpapier geh\u00fcllt, es herrschte eine Festtagsatmosph\u00e4re, auf dem Platz wurde\ngetanzt, und niemand ma\u00df den \u201eGeschenken\u201c irgendeine Bedeutung bei. Er habe\ngesehen, wie man die einzelnen K\u00f6rperteile in Plastikt\u00fcten gepackt habe und er\nhabe die Schmerzensschreie der Verletzten geh\u00f6rt. Er selbst sei hier gewesen,\nmit Recycling besch\u00e4ftigt, wie er es nennt, wohl dem Sammeln von M\u00fcll.\nAbschlie\u00dfend fragt es, warum die Terroristen unschuldige Opfer in Kauf n\u00e4hmen\nstatt gleich auf die Verantwortlichen loszugehen, die Politiker. Am Ende bittet\ner um eine <em>monedita<\/em> f\u00fcr seinen\nBericht. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei meiner ersten Kolumbienreise lag das Attentat\nschon 13 Jahre zur\u00fcck, und trotzdem war es so sehr in das europ\u00e4ische\nGed\u00e4chtnis eingebrannt, dass alle mir von einer Reise nach Kolumbien abrieten.\nDas ich dann als ganz und gar friedlich erlebte. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits des Platzes steht die <em>Iglesia de San Antonio de Padua<\/em> (der ja\neigentlich aus Lissabon stammte). Als ich in die Kirche gehe, schiebt gerade\neiner sein Fahrrad heraus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist ganz in Rot und Wei\u00df gehalten, mit\nvergoldeten Kapitellen, aus Holz, genauso wie die S\u00e4ulen. Am Hauptaltar scheint\nChristus vom Kreuz zu steigen, mit gekr\u00fcmmtem K\u00f6rper, und sich in die Arme von\nSan Antonio fallen zu lassen. Ob sich die Szene an eine Legende anlehnt?<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen sind die Zeiten f\u00fcr den Gottesdienst\nangeschlagen. Sonntags: 7.00 am, 9.00 am, 12.00 am, 4.00 pm, 5.00 pm.\nWerkstags: 7.00 am, 7.30 am, 4.00 pm, 5.00 pm, 6.00 pm.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer parallel zur Avenida verlaufenden Stra\u00dfe\nauf der anderen Seite des Platzes geht es zur\u00fcck. Hier reiht sich ein Lokal an\ndas andere. Jedes zweite ist bis auf den letzten Platz besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich aus dem Viertel San Antonio ins\nViertel San Jos\u00e9. An einem Stand bestelle ich einen kalten Saft. Die\nVerk\u00e4uferin fragt mich, ob ich Zucker will. Keine Ahnung, wei\u00df nicht genau, wie\ns\u00fc\u00df der Saft ohne Zucker ist. Als ich nein sage, ist sie \u00fcberrascht, wirklich\nkeinen Zucker? Und \u00fcberredet mich, den Saft doch mit etwas Zucker zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sonnig und hei\u00df, f\u00fchlt sich eher nach\nSommer als nach Fr\u00fchling an. Auf einer Bank am Rande eines Platzes lasse ich\nmir den Saft schmecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der n\u00e4chsten Stra\u00dfe ist ein Flohmarkt. Wieder\nVerkaufsst\u00e4nde in rauen Mengen: Sonnenbrillen, gebrauchte B\u00fccher, Parfum,\nBatterien, Billigschmuck. Parallel dazu L\u00e4den, auch einer an den anderen\ngereiht. Halb Kolumbien scheint als Verk\u00e4ufer t\u00e4tig zu sein. Die andere H\u00e4lfte\nist zum Einkaufen unterwegs. Die H\u00e4user m\u00fcssen leer sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zur Metro-Station Parque del\nBerr\u00edo. Hier ist es noch voller, und ich versuche Abstand zu halten. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch dichtes Gedr\u00e4nge gehe ich die <em>Carabobo<\/em> hinunter, um ein Photo von dem\nStra\u00dfenschild zu machen. Gar nicht so einfach. Entweder ist das Stra\u00dfenschild\ndurch eine Mauer halb verdeckt oder der Name <em>Calle 54<\/em> erscheint statt <em>Carabobo<\/em>.\nAm Ende klappt es aber. Gloria hat vermutet, der Name bedeute nicht, was er zu\nbedeuten scheint \u2013 einer, der ein bl\u00f6des Gesicht macht \u2013 sondern bezeichne\neinen Ort in Venezuela. Tats\u00e4chlich hei\u00dft eine der angrenzenden Stra\u00dfen <em>Venezuela<\/em>. Das Internet gibt ihr Recht. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an einem Stand mit frisch gemachten <em>bu\u00f1uelos<\/em> vorbeikomme, f\u00e4llt mir ein, wie\nich den Jungs vom Handygesch\u00e4ft meinen Dank abstatten kann. Ich kaufe eine T\u00fcte\nvoll und bringe sie bei ihnen vorbei. Scheint gut anzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg Richtung Heimat will vor mir ein\nBetrunkener die Stra\u00dfe \u00fcberqueren. Er macht zwei Schritte nach vorn, obwohl von\nrechts Autos kommen, dann einen Schritt zur\u00fcck, aber er torkelt und macht\nwieder einen Schritt nach vorne. Der erste Autofahrer merkt, was Sache ist und\nwill ihn passieren lassen. Der Betrunkene geht \u00fcber die Stra\u00dfe, und in dem\nMoment kommt mit Vollgas ein Motorradfahrer an, der, wie das hier so \u00fcblich\nist, das Auto rechts \u00fcberholt. Er bleibt im letzten Moment stehen. Das h\u00e4tte\nschlecht ausgehen k\u00f6nnen. Ich muss an eine Szene in Athen vor vielen Jahren\ndenken, als ich einer ganz \u00e4hnlichen Situation ein f\u00fcrchterlicher Unfall\npassiert ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, und am Ende finde ich doch noch\neinen Fris\u00f6r. Tolle Sache. Ein kleiner, fensterloser Raum, zur Stra\u00dfe hin\noffen. Auf dem B\u00fcrgersteig davor haben sie eine Bank und ein paar St\u00fchle\ngestellt, auf der andere Kunden warten. Ich frage, ob sie alle warteten, und\nein Mann sagt ja. Ich will schon wieder weitergehen, als einer der Fris\u00f6re\nsagt, kein Problem, ich sei als n\u00e4chster dran. Die anderen sind wohl nur zum\nPlaudern hier oder warten auf einen der Kunden auf den Frisierst\u00fchlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Mann kommt und setzt mich auf den\nfreien Stuhl. Er dreht mich merkw\u00fcrdigerweise zur Stra\u00dfe hin und macht sich an\ndie Arbeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei Friseure haben einen Kurzhaarschnitt,\ngenauso wie die Modelle auf einem Werbeplakat, mit Frisuren, in die Muster\neingelassen sind. Auch die beiden anderen Kunden bekommen einen Kurzhaarschnitt\nverpasst. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Friseur macht sich mit Verve an die Arbeit,\ndabei pfeifend oder singend zu der Musik, die aus dem Lautsprecher kommt. Er\nscheint st\u00e4ndig in Bewegung zu sein, schneidet, k\u00e4mmt, schneidet wieder, immer\nwieder kleine Korrekturen anbringend. Dabei geht er nicht zimperlich vor. Aber\nmacht das echt gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau auf Kr\u00fccken kommt vorbei und bittet um\neine M\u00fcnze. Tats\u00e4chlich bekommt sie von allen Friseuren etwas. Tolle Geste, sie\nsind bestimmt nicht reich. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommt der zweite Durchgang. Mit einem\nwinzigen Ger\u00e4t in der Hand macht sich mein Mann an den unliebsamen H\u00e4rchen zu\nschaffen, die sich schon mal da pr\u00e4sentieren, wo sie nicht sein sollten. Er\nmacht das wieder mit gro\u00dfer Akribie und ebenso gro\u00dfer Geduld. Nachher frage ich\nihn, was f\u00fcr eine Wunderwaffe er denn da in der Hand hatte. Eine Rasierklinge,\nwaagerecht in zwei Teile geteilt. Damit hat er mir eine solch gr\u00fcndliche Rasur\nverschafft, wie ich sie noch nie bekommen habe. Abschlie\u00dfend gibt es noch eine\nDusche mit Haarspray und eine mit Puder, was f\u00fcr mich eine Erinnerung an fr\u00fcher\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Trinkgeld, das er verdient h\u00e4tte, kann ich ihm\nnicht geben, aber er ist auch so zufrieden und l\u00e4sst gerne ein Photo von sich\nmachen. Der Haarschnitt hat 12.000 Pesos gekostet. 2,50 \u20ac. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Plaza Bol\u00edvar gehe in eins der Lokale, von\nderen obere Terrasse man auf den Platz hinunterblickt. Diesmal geht es ganz\nvegetarisch zu. Als ich nach der Rechnung frage, sagt die junge Kellnerin\n28.000. Ob ich eine schriftliche Rechnung bekommen k\u00f6nne, frage ich. Ja, klar.\nDann kommt sie mit der Rechnung. 30.000. Hat sie vorher nicht 28.000 gesagt?\nJa, sie habe die Suppe vergessen. Aber die kostet doch 5.000. Wie kann das\nsein? Das kann sie sich auch nicht erkl\u00e4ren. Ich addiere noch mal die drei\nSummen. Sie ergeben 29.500, nicht 30.000. Ja, da habe sie sich wohl bei der\nAddition vertan, sagt sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hole mein Gep\u00e4ck aus der Wohnung und\nverabschiede mich von David und dann von dem freundlichen Portier, der wissen\nwill, wohin es mich zieht. Er meint, ich wolle zum Flughafen, aber als wir das\nMissverst\u00e4ndnis gekl\u00e4rt haben, entl\u00e4sst er mich in die Innenstadt. Nein, jetzt\nam helllichten Tag k\u00f6nne nichts passieren. Ich k\u00f6nne ruhig zu Fu\u00df gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme \u00fcber die Ausl\u00e4nderstra\u00dfe und dort an dem\nLokal <em>Cuernavacas<\/em> vorbei, benannt\nnach dem mexikanischen Ort, der wirklich so hei\u00dft: \u201aKuhhorn\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Basis des Namens dieser Stra\u00dfe, erf\u00e4hrt\nman auf einer Schautafel, ist ein ganz spezifisches Wort entstanden: <em>juniniar<\/em>, auf der <em>Carrera Jun\u00edn<\/em> flanieren, sehen, gesehen werden, Schaufenster gucken\nund Freunde treffen. Damals, in jenen glorreichen Zeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gewimmel vor der Metrostation <em>Parque Berr\u00edo<\/em> ist mir ein bisschen\nmulmig zumute. Ich trage jetzt alles mit mir herum. Es geht aber gut, obwohl\nich den Koffer die Treppen raufschleppen muss. Bei der phantastischen\nErneuerung der Verkehrsmittel in Medell\u00edn vor einiger Zeit hat man die\nRolltreppen vergessen. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen sieht man, was es mit dem Gewimmel\nunten auf sich hat: Es wird getanzt! Mitten auf dem Platz. Eine ganze Menge,\nalle in Paaren, bewegen sich zu der Musik einer jungen S\u00e4ngerin, einige\nelegant, andere unbeholfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof bin ich viel zu fr\u00fch, aber die Zeit\ngeht auch noch um. Als es schon dunkel ist, geht es los. Man sieht das\nn\u00e4chtliche, hell erleuchtete&nbsp; Medell\u00edn\nmit H\u00e4usern, wohin man auch guckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist richtig bequem und hat\nInternetverbindung, aber die Fahrbahn ist schlecht. Und es ist eiskalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Internet bietet Unterhaltung, und\naufgrund der Verbindung bekomme ich noch die neuesten Nachrichten aus der\nHeimat, als es dort schon morgen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>22. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Morgen wird die Fahrbahn besser und die\nStra\u00dfe ist nicht mehr so kurvenreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen sechs Uhr wird es hell. Eine flache, gr\u00fcne\nLandschaft, obwohl kein ganz so sattes Gr\u00fcn wie sonst. Man sieht, dass es hier\nnicht oft regnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig viele Pferdekuppeln, auff\u00e4llig viele Kapokb\u00e4ume.\nDann kommen Rinder, wei\u00dfe. Ein sch\u00f6ner schwarz-gelber Vogel macht sich davon,\nals wir uns n\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der linken Seite Wasser, ein toter Flussarm.\nUnd dann kommt auf der rechten Seite der R\u00edo Magdalena. Breit, gem\u00e4chlich vor\nsich hin flie\u00dfend. Das Wasser reicht bis zu den Str\u00e4uchern an der B\u00f6schung.\nSchiffe sieht man keine. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Magdalena, l\u00e4nger als der Rhein, ist\nKolumbiens wichtigster Fluss, obwohl er nicht der l\u00e4ngste ist. Er ist in der\nGeschichte und der Folklore pr\u00e4sent, und durchflie\u00dft das ganze Land, von S\u00fcden\nnach Norden, von den Anden bis in die Karibik. F\u00fcr die Ureinwohner und f\u00fcr die\nEroberer war der Magdalena angesichts des gebirgigen Landes der wichtigste\nVerkehrsweg. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist sch\u00f6n, sehr gr\u00fcn, wird aber\nverschandelt von dem vielen M\u00fcll, das am Flussufer und am Stra\u00dfenrand deponiert\nwird. Ob es hier \u00fcberhaupt eine M\u00fcllabfuhr gibt? An einer Stelle haben Vater\nund Sohn auf einer Schubkarre M\u00fcll gesammelt und suchen ihn nun nach\nVerwertbarem ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Magangu\u00e9. Die Passagiere vor mir\nsteigen aus, die neben mir steigen aus, die hinter mir steigen aus. Was ist\nlos? Endstation? Umsteigen? Nein, alles in Ordnung, es geht gleich weiter. Nach\nMompox will keiner. Das hat seinen Grund: Mompox, am Magdalena und an der\nEinm\u00fcndung seines gr\u00f6\u00dften Nebenflusses gelegen, war jahrzehntelang das\nwichtigste Handelszentrum dieser Gegend. Warum sich das ge\u00e4ndert hat, wird mir\nnicht ganz klar, aber es hat etwas mit Versandung und mit einer Ver\u00e4nderung des\nFlusslaufs zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nur noch zu f\u00fcnft in dem gro\u00dfen Bus. Der\nMagdalena verschwindet wieder, aber auf beiden Seiten immer wieder\nWasserstellen, vielleicht durch \u00dcberschwemmungen ausgel\u00f6st. An einer steht eine\nganze Schar wei\u00dfer Reiher um die Pf\u00fctze herum. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00fcberqueren wir zweimal den Magdalena \u00fcber\ngro\u00dfe, geschwungene Br\u00fccken. Das ganze Land hier scheint Schwemmland zu sein.\nEs gr\u00fcnt \u00fcberall. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwindet der Magdalena wieder. Irgendwo\nam Stra\u00dfenrand bleibt der Busfahrer stehen und steigt aus. Die anderen klettern\nihm hinterher. Ich folge ihrem Beispiel. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Busfahrer hat es sich inzwischen bequem\ngemacht auf einem Plastikstuhl. Hier gibt es an einem Stand, von Mutter, Vater\nund Sohn betrieben, Kaffee und <em>arepa de\nhuevo<\/em>. Noch nie geh\u00f6rt. Noch nie gesehen. Der Teig wird glatt geklopft und\nin runde Scheiben geformt. Darauf wird ein Ei platziert, wie ein Spiegelei.\nDann wird der Teig eingeklappt und in \u00d6l frittiert. Man erh\u00e4lt eine Teigtasche\nmit einem harten Spiegelei drin. Schmeckt gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter. Das dicke Ende kommt noch. Jetzt\ngeht es \u00fcber eine echte Marterstrecke, und der flotte Busfahrer muss sich und\nden Bus bremsen. Man wird hin und her geschaukelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Mompox. Ganz anders als ich es mir\nvorgestellt habe. Von Kolonialstadt nichts zu sehen. Ausgeladen wird man am\nRande der Landstra\u00dfe. Hier geht es ziemlich lebendig zu. Ein Mototaxi wartet\nschon auf Fahrg\u00e4ste. Es hat sogar hinten einen Kofferraum. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann bringt mich die kurze Strecke zur\nUnterkunft, aber wo die genau ist, wei\u00df er auch nicht. Als Orientierungspunkt\nist das <em>Centro de<\/em> <em>Rendimiento<\/em> genannt worden, eine gro\u00dfe,\nwei\u00dfe, moderne Halle, die v\u00f6llig aus der Reihe f\u00e4llt, mit dem Rest des Ortes\nnichts zu tun hat. Sie wird bewacht von Soldaten mit Maschinengewehren.\nVielleicht ein Leistungszentrum f\u00fcr Sportsoldaten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft soll \u201ediagonal\u201c dazu liegen, aber\nw\u00e4hrend wir noch \u00fcberlegen, was das wohl zu bedeuten hat, winkt mir eine Frau\nmit gelber Kappe etwas weiter hinten zu: Sandry. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder bin ich reingefallen auf die Bezeichnung\nder Stockwerke. Das 1. Stockwerk, in dem die Wohnung der Beschreibung nach\nliegen soll, ist das Erdgeschoss!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung ist echt herzlich. Es gibt sogar ein\nWillkommenspr\u00e4sent. Ein Sch\u00e4chtelchen mit einem Fl\u00e4schchen Wein, einem T\u00fctchen\nKaffeepulver und einem Begr\u00fc\u00dfungstext. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Was ist dieses Ger\u00e4usch? Sie beantwortet\nmeine Frage, bevor ich sie stellen kann. Keine Sorge, wir haben Probleme mit\nder Wasserversorgung, und diese Pumpe wird eine Stunde pro Tag aktiviert, und\ndann ist Ruhe. Wasser wird immer vorhanden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht noch etwas Werbung f\u00fcr Mompox: sch\u00f6ne\nStadt, freundliche Leute und v\u00f6llig ungef\u00e4hrlich. Sie sei gerade ganz offen mit\ndem Handy in der Hand hierhergekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir noch schnell, wo der n\u00e4chste\nSupermarkt ist, und verschwindet. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg ist zu dem Supermarkt, einem D1:\nWasser, Coca-Cola, Bier. Die Coca-Cola sieht ganz echt aus, ist es aber wohl\nnicht. Auf dem Etikett steht <em>Sabor\noriginal<\/em>. Also ein Imitat? Das wird ohne die Erlaubnis von Coca-Cola wohl\nnicht gehen. Vielleicht eine Vereinbarung: Wir machen unsere eigene Cola und\nvermarkten sie, als ob es Coca-Cola w\u00e4re. Beim Bier z\u00f6gere ich, nur eine Marke,\nin Dosen: <em>Brunania<\/em>, mit einem\nSchriftzug auf den deutschen Farben. Schmeckt hervorragend!<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es in die Stadt. Die ganze Umgebung\nhier ist einfach, aber ganz sch\u00f6n, lauter kleine H\u00e4user, alle einst\u00f6ckig. An\ndie B\u00e4ume hat man alte, ausgeschnittene Waschmitteldosen geh\u00e4ngt, die als\nBlument\u00f6pfe dienen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Kolonialstadt. Auch hier alle\nH\u00e4user einst\u00f6ckig, aber viel h\u00f6her. Alle in Wei\u00df. Man kann in die Innenh\u00f6fe\nsehen und auch in viele R\u00e4ume. Die meisten sind mit alten M\u00f6beln ausgestattet.\nViele von ihnen dienen als Hotels, aber hier in der Gegend ist kaum jemand zu\nsehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Haus ist das <em>Centro de Cultura<\/em> untergebracht. Kann man besichtigen. Ich schiebe\nes aber auf morgen auf, da \u00f6ffnen sie schon um acht Uhr. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist sch\u00f6n, aber eine einzige Baustelle.\nGanze Stra\u00dfenz\u00fcge sind aufgerissen, \u00fcberall stapeln sich Pflastersteine. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber einen kleinen, belebten Platz, auch\nBaustelle, komme ich zu dem Platz mit der alten Markthalle, ein sch\u00f6ner,\nzweist\u00f6ckiger Bau mit einem S\u00f6ller in der Mitte. Unten eine Art Durchgang, und\nwenn man sich dem n\u00e4hert, sieht man pl\u00f6tzlich auf der anderen Seite den\nMagdalena!<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Geb\u00e4ude ist auch die Touristeninformation\nuntergebracht, aber die ist geschlossen. Auf dem Schild die Schweizer Fahne,\noder das, was man daf\u00fcr h\u00e4lt. Es ist die Fahne von Mompox. Identisch mit der\nSchweizer. Sie taugt hier \u00fcberall auf. Das Kreuz bezieht sich vermutlich auf\nden kompletten Namen der Stadt, <em>Santa\nCruz de Mompox<\/em> (oder <em>Momp\u00f3s<\/em>, wie\nman auch immer wieder mal liest, da scheint es keine einheitliche Regelung zu\ngeben). <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite des Platzes eine\nKirche, die Inmaculada. Sie hat eine sch\u00f6ne Kuppel und, wie viele Kirchen\ndieser Gegend, einen einseitigen Glockenturm. Innen dreischiffig, mit einem\nKreuzweg an den W\u00e4nden der Seitenschiffe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Fluss hinunter. Hier kann man ein\nganzes St\u00fcck entlang promenieren. Ein Reiher steht auf einer Mini-Insel am\nUferrand, ein Leguan klettert einen Baumstamm hinauf. Auch hier wieder\nwunderbare, st\u00e4mmige B\u00e4ume, mit ungew\u00f6hnlichen Formen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier am Fluss geht es etwas touristisch zu, und\n\u00fcberall wird f\u00fcr Flussfahrten und f\u00fcr den Wein von Mompox geworben.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter man vom Marktplatz wegkommt, umso\nruhiger wird es. Ich gehe in das letzte Lokal der Reihe, auch in einem Bau aus\nder Kolonialzeit untergebracht. Sieht einladend aus. Nur zwei alte Damen sitzen\nhier. Sie gr\u00fc\u00dfen freundlich und rufen die Bedienung herbei. Ein ganz junge\nFrau, sie rattelt herunter, was es alles gibt, aber in dem Moment taucht der\nWirt auf und \u201e\u00fcbernimmt\u201c. Auch er z\u00e4hlt auf, was es alles gibt, und als das\nWort <em>t\u00edpico<\/em> f\u00e4llt, unterbreche ich\nihn und sage, das wolle ich haben. Ein echter Volltreffer! Wird in einer\nSch\u00fcssel serviert und mit einem Holzl\u00f6ffel gegessen. Leider verpasse ich es,\nden Namen des Gerichts zu notieren. Es ist ein Eintopf mit Mais, Jukka, Bohnen,\nverschiedenen Fleischst\u00fccken. Dazu wird <em>suero\ncoste\u00f1o<\/em> serviert, eine Creme. Wenn man die hinzuf\u00fcgt, \u00e4ndert sich der\nGeschmack noch mal. Mit und ohne \u2013 beides ausgesprochen lecker. <\/p>\n\n\n\n<p>Der redselige Wirt steht die ganze Zeit dabei und\nunterh\u00e4lt mich. Diese alten H\u00e4user seien aus Lehmziegel gefertigt. Das sieht\nman ihnen nicht an. Er selbst verweist auf den T\u00fcrsturz des Lokals. Den habe er\nmit Beton verst\u00e4rken m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht auch von den regelm\u00e4\u00dfigen\n\u00dcberschwemmungen. Erkl\u00e4rt auch, wann die auftreten, wobei ich nicht ganz\nverstehe, was er mit <em>Winter<\/em> meint.\nDie letzte jedenfalls hat die Bananenernte betroffen, er nennt mir genau den\nBetrag, um den der Preis f\u00fcr Bananen gestiegen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Als er h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland komme,\nbeginnt er sofort, von seinen vielen internationalen Freunden zu sprechen. In\nBerlin hat er einen Freund namens Max. Er zeigt mir die Telefonverbindung.\nGespeichert hat er ihn unter <em>Max Berlin<\/em>.\nSo sind fr\u00fcher einmal Nachnamen entstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um den Wein. Er macht viel Werbung\nf\u00fcr den Wein von Mompox. ER habe einen Alkoholgehalt von 14%, verk\u00fcndet er\nstolz. Die Etiketten auf den braunen Flaschen \u00e4hneln sich \u00fcberall. Auch er hat\nein ganzes Regal mit seinen Weinen best\u00fcckt. Wo denn die Weinfelder seien, will\nich wissen. Hab keine gesehen. Nein, Weinfelder gebe es keine. Wein ohne\nWeinfelder? Dann langsam f\u00e4llt bei mir der Groschen: Der Wein hier wird nicht\naus Weintrauben hergestellt! Ich muss zweimal nachfragen, um zu verstehen: <em>corozos<\/em>. Das sind die Fr\u00fcchte, aus denen\nder Wein gemacht wird!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch mal in die Stadt. Wie Sandry\ngesagt hat, hier ist es v\u00f6llig ungef\u00e4hrlich, auch im Dunkeln rauszugehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick fallen die Sterne gar nicht\nso auf, aber wenn man l\u00e4nger hinguckt, werden sie immer deutlicher \u2013 und\nscheinbar immer mehr. Der Himmel ist dunkel, fast schwarz, und von dem heben\nsich die Sterne deutlich ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Kolonialh\u00e4usern f\u00e4llt mir auf, dass sei\nkeine Fensterscheiben haben. Man schlie\u00dft sie mit Fensterl\u00e4den. Davor\ngeschmiedete Gitter. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Fluss komme ich zu Santa Barbara, der meist\nphotographierten Kirche der Stadt. Sie ist so sehr mit bunten Lichtern\nbeleuchtet, dass man von der Fassade fast nichts sieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluss ist nur schwach beleuchtet. Irgendwas\nschwimmt darin, in schneller Geschwindigkeit. Tiere? Gar Krokodile? Baumst\u00e4mme\nk\u00f6nnen es nicht sein, die w\u00e4ren nicht so schnell. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem der alten H\u00e4user stehen mehrere\nSchaukelst\u00fchle, mit geflochtenen Sitzen. F\u00fcr die ist Mompox bekannt. Immer\nwieder st\u00f6\u00dft man auf sie. Hier sitzt ein kleines M\u00e4dchen in einem unter dem\nDach vor dem Haus, v\u00f6llig gedankenverloren. <\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Gegend ist gediegener Tourismus.\nReisende sitzen zu zweit oder in kleinen Gruppen vor den Lokalen. Es geht ruhig\nzu. An einem Lokal kann ich ein Photo machen von der Tafel, auf denen\nangepriesen wird, was sie alles haben, darunter <em>Tinto<\/em>, also schwarzer Kaffee. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gegenteil dieser Gegend erlebe ich dann, als\nich nach Santo Domingo komme, au\u00dferhalb des Kolonialbereichs. Hier ist echt was\nlos. Der ganze Platz ist voll mit Menschen, von Kleinkindern bis zu Senioren,\nviel Bewegung, viel Krach. Die Dorfjugend ist auf Motorr\u00e4dern unterwegs, auch\nviele junge Frauen. An den Stra\u00dfenr\u00e4ndern stehen die Motorr\u00e4der aufgereiht. Ich\nversuche, ein Photo zu machen, aber das ist gar nicht so leicht. St\u00e4ndig bleibt\neins direkt vor mir stehen, dann kommt eins um die Ecke, dann startet eins\ngleich vor mir, und immer sind es drei, vier hintereinander, die die Stra\u00dfe\nhinunterkommen. Eine lebendige Stadt, obwohl fernab von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p>23. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den H\u00e4hnen kommen schon die Verk\u00e4ufer, die an\nunserem Str\u00e4\u00dfchen entlang ziehen und laut ihre Ware ausrufen, einer zu Fu\u00df,\neiner auf dem Fahrrad, einer auf dem Moped. Ich kaufe <em>almojabanas<\/em> und lerne dabei mal wieder war Neues kennen,\nMilchbr\u00f6tchen aus Reismehl, mit K\u00e4segeschmack. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal k\u00fcmmere ich mich um die Weiterfahrt\nmorgen. An der Hauptstra\u00dfe soll ein Busunternehmen ein B\u00fcro haben. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Hauptstra\u00dfe erlebe ich mal wieder die\nUnempfindlichkeit der Kolumbianer gegen L\u00e4rm. Das Durcheinander der knarrenden,\nhupenden Autos, Motorr\u00e4der und Mototaxis reicht nicht, aus einem Lautsprecher\ndr\u00f6hnt Musik, aus einem anderen h\u00f6rt man die Stimme eines Bananenverk\u00e4ufers:\n\u201ePl\u00e1tanos verdes. Pl\u00e1tanos amarillos. 12 a 10.000. A la orden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite ist tats\u00e4chlich das\nB\u00fcro, in einem Verschlag untergebracht, kaum zu erkennen. Von den beiden\nM\u00e4nnern tut der eine ganz unbeteiligt, der andere gibt bereitwillig Auskunft,\nist aber mit Preisen und Abfahrtszeiten und Fahrtdauer so schnell dabei, dass\nich nicht mitkomme. Als ich schon rausgehe, begleitet mich ein dritter Mann,\nder wie aus dem Nichts auftaucht und mir in Ruhe alles erkl\u00e4rt: Morgen fr\u00fch\neinfach hierher kommen, sich an den Stra\u00dfenrand stellen. Von hier aus nach\nSanta Ana fahren. Dort einen Bus nach Santa Marta nehmen. Der gebe mehrere im\nLaufe des Vormittags. Der letzte fahre um 2 Uhr ab, also m\u00f6glichst fr\u00fch\nstarten. Nein, Karten k\u00f6nne man vorher keine kaufen. Platz gebe es immer. Sein\nWort in Gottes Ohr. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder Richtung Innenstadt gehend, sehe ich vor\neinem Haus und einer Werkstatt verschiedene M\u00e4nner auf St\u00fchlen sitzen, im\nFreien. Einer steht an einem der St\u00fchle und macht sich an dem Kopf eines der\nSitzenden zu schaffen. Es ist ein Freiluftfriseurladen. Ich bin in einiger\nDistanz und will heimlich ein Photo machen, aber der Friseur hat mich l\u00e4ngst\nbemerkt und l\u00e4chelt freundlich in die Kamera.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem obligatorischen Gang zum Geldautomaten\nkomme ich wieder \u00fcber einen Platz, den ich von gestern kenne, eine einzige\nBaustelle. Das hindert die Verk\u00e4ufer aber nicht daran, ihre Ware oder Dienste anzubieten:\nSchuhputzer, Aphrodisiaka, Telefonate. Hier kann man f\u00fcr den entsprechenden\nPreis das Handy des Anbieters benutzen und damit telefonieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zur Touristeninformation. Der junge Mann\nist genauso inkompetent wie seine Kollegen in Medell\u00edn und Guatap\u00e9. Ein echtes\nTrauerspiel. Einen Stadtplan hat er nicht, wie das typische Gericht von gestern\nhei\u00dft, wei\u00df er nicht, und als ich nach dem Cauca frage, den gr\u00f6\u00dften Nebenfluss\ndes Magdalena, und wo der hier in den Magdalena des Magdalena, zeigt er auf\neine Karte, wo man alle m\u00f6glichen Nebenfl\u00fcsse sieht, nur den Cauca nicht. Er\nliest mir die Namen der Fl\u00fcsse vor. Ich frage stattdessen nach dem anderen Arm\ndes Magdalena. Dies ist ist doch eine Insel. Davon wei\u00df er nichts. Stattdessen\nweist er auf den QR-Code, den solle ich einscannen, da w\u00fcrde ich alle\nInformation finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe es auf und gehe zum Friedhof.\nVorsichtshalber frage ich ihn nicht, wo der ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingangsportal zwei entz\u00fcndete Fackeln, die\nnach unten zeigen, ein traditionelles Symbol des Todes. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof sieht von hier aus wunderbar\naus:&nbsp; wei\u00dfe Marmorgr\u00e4ber und wei\u00dfe\nMarmorstatuen zu beiden Seiten der wei\u00dfen Kapelle hinter dem wei\u00dfen\nEingangsportal. <\/p>\n\n\n\n<p>Weiter hinten sieht man rechts und links davon und\nhinter der Kapelle \u00e4rmere, richtig heruntergekommene Gr\u00e4ber, aber auch die\nhaben teils ihren Reiz, wie eins mit zwei kupfernen Kerzenhaltern, an denen das\nheruntergetropfte Wachs noch festklebt. Besser kann man Verg\u00e4nglichkeit nicht\nversinnbildlichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gr\u00e4ber haben moderne, farbige Photos der\nVerstorbenen oder kitschige Christusdarstellungen. Auf einer sieht er aus wie\nConchita Wurst. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem besseren Teil des Friedhofs gef\u00e4llt mir\nvor allem die Statue eines Engels, der den Finger zum Schweigen an den Mund\nlegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Weg die Grabplatte f\u00fcr einen gefallenen\nSoldaten, der zu allem \u00dcbel auch noch <em>Guerrero<\/em>\nhei\u00dft. Mit 20 im Koreakrieg ums Leben gekommen. Was hat ein zwanzigj\u00e4hriger\nKolumbianer in einem Krieg in Fernost zu suchen, um dort f\u00fcr die Interessen\neiner fremden Macht zu k\u00e4mpfen und zu sterben? Es ist ein Elend mit dieser\nWelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und zum Fluss runter. Ein Leguan\nklettert einen Baum rauf, ein Reiher steht auf einer winzigen Insel am\nFlussufer. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu Santa Barbara, die sich heute ganz\nanders pr\u00e4sentiert als gestern Abend. Jetzt kann man die eigenwillige Fassade\ngut erkennen, in einem Zuckerb\u00e4ckerstil, mit einem Rundturm irgendwo in der\nMitte, der besser zu einer sp\u00e4ten Burg oder einem fr\u00fchen Schloss passen w\u00fcrde.\nDennoch: Die Fassade hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flussufer verkauft ein Mann etwas, das ich\nnicht kenne. Er identifiziert mich sofort als Deutscher, als ich nachfrage. Er\nverkauft ein Getr\u00e4nk, das <em>raspado<\/em>\nhei\u00dft. Mit einer alten, eisernen M\u00fchle zerkleinert er einen Eisblock, indem er\nan einer Kurbel dreht. Die Maschine selbst ist schon ein Photo wert. Das\nzertr\u00fcmmerte Eis wird in einen Becher gegeben. Da kommt eine r\u00f6tliche\nFl\u00fcssigkeit rein und oben drauf eine s\u00fc\u00dfe So\u00dfe. Schmeckt gar nicht schlecht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir einige der Kolonialh\u00e4user an. Ein\ndurch seine Galerie ganz auff\u00e4lliges ist das ehemalige Wohnhaus einer\numtriebigen Marquise, der letzten Generation der Adeligen angeh\u00f6rend, ehe die\nRevolution den Adel abschaffte. Sie hatte hier unter anderem Humboldt und\nBonplang zu Besuch. Die langgezogene Galerie st\u00fctzt sich auf Holzs\u00e4ulen und hat\nein schr\u00e4ges Schindeldach, ein Haus. Die machen das Geb\u00e4ude unverwechselbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Haus tr\u00e4gt den Namen <em>Casa Malib\u00fces<\/em>. Hier war in alten Zeiten\ndie <em>Tesorer\u00eda Real<\/em> untergebracht, so\nwas wie das koloniale Schatzamt. Hier wurden alle Waren gepr\u00fcft und gesch\u00e4tzt,\nvom Vieh \u00fcber den Tabak, den Kakao, die Baumwolle bis zu Reis, Mais und Salz.\nDer Name bezieht sich auf eine indigene Sprache. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Suche finde ich die Casa de Cultura\nvon gestern wieder. Die T\u00fcr ist nur einen Spalt weit ge\u00f6ffnet. Das Haus ist\ngeschlossen? Warum denn, auf den \u00d6ffnungszeiten steht doch, dass montags\nge\u00f6ffnet ist. Ich bekomme die wenig einleuchtende Erkl\u00e4rung, man habe gestern\nge\u00f6ffnet und m\u00fcsse deshalb heute schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu San Agust\u00edn, einer weiteren der\nbekannten Kirchen von Mompox. Innen hat man die Ausstattung sinnvoll erg\u00e4nzt:\nAn jedem Pfeiler h\u00e4ngen zwei Ventilatoren!<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann in den ehemaligen Kreuzgang gehen. Auf\ndem Klostergel\u00e4nde oder was davon \u00fcbriggeblieben ist, ist heute eine Art\nAusbildungsst\u00e4tte f\u00fcr Kunsthandwerker untergebracht. Ganz schlau werde ich\ndaraus nicht. Das erkl\u00e4rt wohl auch die Pr\u00e4senz einer merkw\u00fcrdigen Skulptur,\nmitten im Innenhof, einen bebrillten Mann darstellend, der etwas unheimlich\nsteif auf einem Stuhl sitzt und H\u00e4nde wie die eines Roboters hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder lande ich auf dem Platz vor der alten\nMarkthalle. Erst jetzt sehe ich mir das schwarze, filigran gearbeitete Kreuz\nan, das auf einem Sockel im Zentrum des Platzes steht. Auf dem Sockel <em>In hoc signo vinces<\/em>, Konstantins Motto,\ndas hier von der spanischen Kolonialmacht adoptiert worden ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Versunken vor dem Kreuz stehend, werde ich von\neinem Mann angesprochen, der etwas verkauft, das ich nicht kenne. Ich muss\nnachfragen, bis ich verstehe: <em>queso de\ncapa<\/em>. Ein K\u00e4se in der Art von Mozzarella wird in mehrere Schichten\ngewickelt zu einem kleinen B\u00fcndel, das man mit der Hand essen kann. Es gibt\nzwei Varianten, mit und ohne <em>bocadillo<\/em>.\nWieder stehe ich auf dem Schlauch. Wo soll da das Br\u00f6tchen drin sein? Ich kaufe\neins mit <em>bocadillo<\/em>, und als ich\nreinbei\u00dfe, erinnere ich mich wieder: In Kolumbien ist <em>bocadillo<\/em> kein Br\u00f6tchen, keine Stulle, sondern eine s\u00fc\u00dfe gezuckerte\nMasse, auf einer Frucht basierend, wie man sie als Brotbeleg verwendet. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend lande ich auf der Suche nach etwas\nEssbarem in einem unscheinbaren Hinterhof. Hier sitzen nur zwei M\u00e4nner, die\nsofort die Bedienung rufen, als ich erscheine, dann aber bald aufbrechen. Ich\nbin und bleibe der einzige Gast, bekomme aber ein richtig leckeres Essen, mit\neiner kraftvollen Suppe und einem Hammelgericht, das k\u00f6stlicher nicht sein\nk\u00f6nnte \u2013 und zarter auch nicht. Zum zweiten Mal Gl\u00fcck gehabt mit dem Essen in\nMompox. <\/p>\n\n\n\n<p>24. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abnahme der Wohnung erfolgt durch Sandrys Vater.\nIn knapp einer Minute erledigt. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Hauptstra\u00dfe das \u00fcbliche Gewimmel und\nDurcheinander von Stimmen und Ger\u00e4uschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann verkauft auf einem Holztisch rohes\nFleisch, ohne Verpackung und Unterlage. Ein Motorradfahrer transportiert quer\nhinter sich eine ganze Matratze. Erst als er vorbei ist, sieht man, dass hinten\nnoch einer sitzt, der die Matratze festh\u00e4lt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche gar nicht nach dem Ziel zu fragen,\nsofort kommen mir M\u00e4nner entgegen, die fragen, wohin ich will und mich sofort\nan ein wei\u00dfes Auto verweisen. Scheint eine Art Sammeltaxi zu sein. Ein\nPassagier sitzt schon drin, einen zweiten holen wir an einem Hotel ab. Der\nerscheint aber nicht und antwortet auch nicht auf Anrufe und auf lautes Rufen.\nIrgendwann kommt er dann doch und setzt sich gru\u00dflos und ohne Entschuldigung nach\nvorne. Dann sammeln wir noch eine schm\u00e4chtige alte Dame ein. <\/p>\n\n\n\n<p>In Santa Ana kommen gleich auch M\u00e4nner auf mich\nzu, die verschiedene Reiseziele anbieten, aber ich frage erst mal bei der\nBusgesellschaft nach. Deren erster Bus f\u00e4hrt erst um 14 Uhr, also begebe ich\nmich in die H\u00e4nde der M\u00e4nner am Stra\u00dfenrand. Sofort wird mir ein Plastikstuhl\nunter den Hintern geschoben. Andere Passagiere sitzen hier auch schon. In 20\nMinuten geht es los.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt ein moderner Kleinbus, mit zwei Fahrern\nausgestattet. Der erste ist sehr freundlich und fordert mich ausdr\u00fccklich auf,\nauszusteigen, als eine Pause gemacht wird. Hier gebe es Toiletten und Kaffee \u2013\numsonst. Als ich dann an dem kleinen Kiosk ankomme und eine Kleinigkeit\nbestelle, hat er mir schon einen Kaffee gezapft. Der geht auf Kosten des\nHauses. <\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Dach des Hauses wird auf die Passanten in\nregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Wasser heruntergesprayt. Tolle Erfindung!<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Fahrer \u00fcbernimmt, und es geht z\u00fcgig\nweiter. Wir passieren eine Stadt mit dem wunderbaren Namen <em>El Dif\u00edcil<\/em>, und in einem lebendigen Ort geht es rechts nach Bogot\u00e1\nund links nach Santa Marta. Irgendwo erscheint ein Wegweiser nach Aracataca,\neinem meiner Ziele. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke ist flach, aber pl\u00f6tzlich erscheinen\nvor uns Berge \u2013 und was f\u00fcr welche! Das ist die Sierrra de Santa Marta, mit\nBergen, die \u00fcber 5000 Meter hoch sind! Die Sierra ist die h\u00f6chste der Welt in\nMeeresn\u00e4he und die h\u00f6chste der Welt in der tropischen Zone. Hier leben noch\nverschiedene Eingeborenenst\u00e4mme ganz isoliert von der Zivilisation. Und hier\nbefindet sich die sagenumwobene <em>Ciudad\nPerdida<\/em>, die Ruinen der Stadt einer unbekannten pr\u00e4kolumbianischen\nZivilisation, die ich mir leider entgehen lasse. Mangel an Entschlossenheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt schon das Meer in Sicht. \u00dcber eine\nbreite Stra\u00dfe geht es auf Santa Marta zu. Am Stadtrand ist pl\u00f6tzlich Schluss.\nWir werden auf einzelne Taxis verladen, die uns zu den individuellen Zielen\nbringen. Daf\u00fcr muss man noch mal 10.000 draufzahlen. Das hatte ich anders\nverstanden. Ich habe vorher schon 30.000 und 60.000 f\u00fcr die Busse bezahlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Taxi ist so voll, dass die Koffer aufs Dach\nkommen. Sie werden mit einer einfachen Kordel festgebunden, aber so gut, dass\nnichts passiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin als letzter dran. Auf einer schmalen\nStra\u00dfe mitten im gesch\u00e4ftigen, wirbeligen Zentrum werde ich ausgeladen. Eine\nFrau, die im Auftrag der Gastgeberin arbeitet, steht schon bereit und schlie\u00dft\ndas Gitter auf. Sie zeigt mir ohne viel Aufhebens, wo alles ist und\nverschwindet wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe Richtung Meer. Der erste Eindruck ist alles\nandere als sch\u00f6n, es ist staubig, schmutzig, Lastwagen werden rangiert, die\nB\u00fcrgersteige sind holprig und der Wind wirbelt den Staub auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum Ufer, direkt an den Hafen. Zwei\ngro\u00dfe Ladekr\u00e4ne und mehrere Lastschiffe. Ganz nahe dabei eine sch\u00f6ne\nFelseninsel. Trotzdem kein sch\u00f6ner Anblick. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter Richtung Innenstadt wird es etwas\ngef\u00e4lliger, ich passiere ein paar Pl\u00e4tze, ein paar Kirchen und eine Gasse mit\nWirtschaften f\u00fcr Touristen. Hier wirkt die Sache schon etwas freundlicher. L\u00e4sst\nf\u00fcr die n\u00e4chsten Tage hoffen. <\/p>\n\n\n\n<p>25. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Santa Marta ist eine Stadt, die sp\u00e4t in die G\u00e4nge\nkommt und abends fr\u00fch die B\u00fcrgersteige zuklappt, aber dazwischen gibt es das\nsatte Leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erlebe die morgendliche Ruhe vor dem Sturm,\nkaufe bei einem der wenigen ambulanten Verk\u00e4ufer ein paar Bananen und nehme ein\nTaxi. Zur Quinta de San Pedro Alejandrino kommt man nur so. Ein gutes Gesch\u00e4ft\nf\u00fcr die Taxifahrer, wie man dort sieht. Als der Fahrer auf eine Tankstelle\nf\u00e4hrt, ahne ich schon, was das soll: Er schneidet eine Kreuzung ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Quinta kann man sich angesichts\nder gro\u00dfen Br\u00fccken, der vielen Laster und Industriegeb\u00e4ude kaum vorstellen,\ndass hier Sim\u00f3n Bol\u00edvar vor 200 Jahren mit der Pferdekutsche entlang gefahren\nist, die man sp\u00e4ter in der Quinta ausgestellt sieht.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Das wird anders, sobald man abbiegt und \u00fcber die\nlange Allee auf die Quinta zuf\u00e4hrt. Im Tor ist die Rezeption untergebracht.\nAusl\u00e4nder bezahlen hier mehr als Einheimische, aber alte Ausl\u00e4nder weniger als\njunge Ausl\u00e4nder. Die Frau hinter dem Gitterfenster ist die Freundlichkeit\nselbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00fchrt wird man von Freiwilligen, ich als\neinziger Ausl\u00e4nder in einer Gruppe von Kolumbianern, einschl. einer Familie mit\nzwei schlecht erzogenen Kindern. Der freundliche, etwas sch\u00fcchterne F\u00fchrer, der\nwie junger Valderrama aussieht, macht sogar selbst im Laufe der Zeit eine\nentsprechende Bemerkung. <\/p>\n\n\n\n<p>Bol\u00edvar kam hierher, erfahren wir, nachdem er drei\nMonate lang vergeblich in Cartagena auf die Ausschiffung auf Europa gewartet\nhatte. Er wollte sich dort behandeln lassen. Als das nicht klappte, kam er\nhierher, mit der genannten Pferdekutsche, einer Berline, franz\u00f6sisches\nFabrikat, deutsches Modell. Vorher hatte er eine Einladung eines anderen\nGutsbesitzers abgelehnt, weil der Spanier war. Das kommt mir f\u00fcr einen\nFreiheitshelden und einen aufgekl\u00e4rten Menschen als sehr kleinlich vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier konnte man es jedenfalls aushalten. Das gro\u00dfe\nGel\u00e4nde ist gepflegt, mit sch\u00f6nen Wegen und Parks ausgestattet und einladend\naussehenden niedrigen Geb\u00e4uden. Es ist brennend hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang zum ersten Geb\u00e4ude sieht man eine\nkleine Kapelle, dem Hl. Petrus von Alexandrien gewidmet, dem Namensgeber der\nQuinta, einem spanischen Theologen aus der Schule von Salamanca. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Eingangsportal der letzte Aufruf\nBol\u00edvars, eine Art politisches Testament. Es ist an die \u201eColombianos\u201c\ngerichtet, womit aber nicht nur Kolumbier im heutigen Sinne gemeint sind,\nsondern alle Einwohner des damaligen <em>Gran\nColombia<\/em>. Er muss aber schon selbst geahnt haben, dass dessen Einheit nicht\nhalten w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechts davon das Sterbezimmer Bol\u00edvars. Er war\nbettl\u00e4gerig gewesen, war dann aber wieder ein paar Tage wieder auf gewesen und\ndann pl\u00f6tzlich verstorben. Einer seiner Gefolgsleute durchschlug das Pendel der\nPendeluhr in dem Sterbezimmer, so dass die bis heute den Zeitpunkt des Todes\nanzeigt. Auch sonst wurde alles wie vorher belassen in dem Sterbezimmer. Das\nwar 1830.<\/p>\n\n\n\n<p>Bol\u00edvar starb an Tuberkulose, genauso wie sein\nVater und seine Mutter. Die Tuberkulose war aber nicht erblich, sondern einfach\ndie g\u00e4ngigste Todesursache der Zeit. Vielleicht auch ein Wort, mit dem man\nandere, bis dahin unbekannte Krankheiten bezeichnete. <\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten \u00fcberrascht mich das Alter: Bol\u00edvar\nwurde nur 47. Irgendwie hat man durch die staatsm\u00e4nnischen Darstellungen immer\nden Eindruck, dass es sich um einen \u00e4lteren Herrn gehandelt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt der Quinta hatte bis zum Schluss drei\nArzneien verordnet, ein Heilkraut, H\u00fchnerbr\u00fche und Wein. Aber auch die konnten\nnichts mehr anrichten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Autopsie wurde merkw\u00fcrdigerweise in der Backstube\nvorgenommen. Nur die hatte einen Tisch, der lang genug war. Hinten an der Wand\nder Backstube sieht man eine Durchreiche. Durch wurden den Sklaven der Quinta\ndas Essen gereicht. Das Betreten der Quinta selbst oder seines Hauptfl\u00fcgels war\nihnen verboten. Auch komisch: halb Amerika befreien und sich von nicht\nbefreiten Sklaven bedienen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wohnzimmer ist der Tisch gedeckt mit einem\nService aus S\u00e8vres. Schlecht lebte man hier nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bibliothek werden einige der B\u00fccher\naufbewahrt, die Bol\u00edvar besa\u00df, darunter Rousseaus <em>Contract Social<\/em>, eine <em>Vulgata<\/em>\nund der <em>Don Quijote<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>In den \u00fcbrigen R\u00e4umen werden Bol\u00edvar und seine\nZeit dokumentiert. Eine liegende Skulptur von ihm hat einen Kopf, der nach der\nTotenmaske geformt wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Raum h\u00e4ngt ein Photo eines Gem\u00e4ldes, das\ndie Hochzeit Bol\u00edvars darstellt. Es sieht so aus, als habe er in Spanien\ngeheiratet! Auf dem Photo tr\u00e4gt der Br\u00e4utigam den Brautstrau\u00df, unserem F\u00fchrer\nzufolge ein Zeichen daf\u00fcr, dass der Br\u00e4utigam j\u00fcnger als die Braut ist. Jedenfalls\nwaren beide noch blutjung. Seine Frau starb schon acht Monate nach der\nEheschlie\u00dfung an Gelbfieber, und Bol\u00edvar legte an ihrem Sterbebett das Gel\u00fcbde\nab, nie wieder zu heiraten. Was er auch nicht tat. Er hatte allerdings\nzahlreiche Geliebte, aber keine Kinder, jedenfalls keine von ihm anerkannte\nKinder. <\/p>\n\n\n\n<p>In den anderen R\u00e4umen sieht man Portr\u00e4ts seiner\nMitstreiter und von Francisco Mariano, den Vorl\u00e4ufer Bol\u00edvars und Vordenker der\nUnabh\u00e4ngigkeitsbewegung, dessen Bedeutung immer untersch\u00e4tzt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Photographien von der Hundertjahrfeier\nder Wiederkehr des Sterbetags, 1930, mit riesigen Paraden und volksfestartigen\nAufl\u00e4ufen. Das ist wohl der Beginn der Heldenverehrung. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb des Haupthauses sieht man noch die\nDestille, mit gro\u00dfen Kesseln, das Geb\u00e4ude, wo das Zuckerrohr geschnitten wurde\nund das Geb\u00e4ude, in dem der Abfall des Zuckerrohrs gelagert wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Gel\u00e4nde ist bestanden mit riesigen,\nimposanten B\u00e4umen und hat einen etwas verwilderten Garten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der Mitte, ganz in Wei\u00df, von den anderen,\nbeigefarbenen und niedrigeren&nbsp; Geb\u00e4uden\nabgesetzt, befindet sich das anl\u00e4sslich der Hundertjahrfeier aufgestellte\nDenkmal, passend <em>Altar de la Patria<\/em>\ngenannt. Es hat wirklich religi\u00f6se Z\u00fcge. Im Zentrum steht die Siegesg\u00f6ttin, mit\nRechtsbuch und K\u00f6cher in den H\u00e4nden, mit den F\u00fc\u00dfen das spanische Joch\nzertretend, links davon die Allegorie des Reichtums mit dem F\u00fcllhorn in der\nHand, rechts davon die Allegorie der Freiheit. \u00dcber allem thront Bol\u00edvar, hier\nimmer nur <em>El<\/em> <em>Libertador<\/em> genannt. Er tr\u00e4gt Schwert und Uniformmantel. In der\nFigur gibt es eine interessante optische T\u00e4uschung. Sie sieht von nahem \u00e4lter\naus als von weitem, besonders alt von der Seite. Das Schwert sieht dann wie ein\nGehstock aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem langgestreckten Platz vor dem Denkmal\nstehen zu beiden Seiten hohe Flaggenst\u00e4be mit den Fahnen aller\nlateinamerikanischen L\u00e4nder. Erstaunlich, wie wenige man davon identifizieren\nkann. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung geht es wieder mit dem Taxi\nzur\u00fcck in die Stadt. Vor der Quinta stehen schon mehrere Leute Schlange. Der\nAufseher sorgt davor, dass immer neue Taxis anr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>In Santa Marta bleibt noch Zeit f\u00fcr die\nBesichtigung des <em>Museo de Oro Tairona<\/em>,\nim \u00e4ltesten Geb\u00e4ude Santa Martas untergebracht, einem sch\u00f6nen, zweist\u00f6ckigem\nKolonialgeb\u00e4ude mit einem umlaufenden Balkon aus Holz. Das Haus selbst ist auch\neinen Besuch wert. Von dem Balkon aus hat man einen sch\u00f6nen Blick in\nverschiedene Richtungen, auch auf das nahegelegene Meer. <\/p>\n\n\n\n<p>Passt gut zu der Besichtigung der Quinta: Auch\nhier war Sim\u00f3n Bol\u00edvar zu Gast, wohl eine l\u00e4ngere Zeit. Dieser Aufenthalt wird\nin <em>El General en su Laberinto<\/em>\nthematisiert. Garc\u00eda M\u00e1rquez erz\u00e4hlt, wie Bol\u00edvar sich meist nicht in dem\nZimmer aufhielt, das ihm zugewiesen war, sondern in dem einzigen, das eine\nVorrichtung f\u00fcr eine H\u00e4ngematte hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Im oberen Stockwerk geht es um die Geschichte von\nSanta Marta. Sie ist Kolumbiens \u00e4lteste Stadt. Wenn man das ihr nicht ansieht,\nliegt das an dem Erdbeben von 1834, das gro\u00dfe Teile der Stadt zerst\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die moderne Entwicklung\nder Stadt hatte der Bau der Eisenbahn. Sie erreichte in 24 Jahren nur eine\nL\u00e4nge von 95 Kilometern, bis Fundaci\u00f3n, aber f\u00f6rdere entscheidend Anbau und\nHandel von Bananen. Der wiederum zog Migranten an, auch aus dem Ausland, und\nbewirkte&nbsp; ein rasantes Anwachsen der\nBev\u00f6lkerung. Als dann in der \u00d6lkrise Energieknappheit zum Thema wurde, stellte\nman um von Bananen auf Kohle, und aus dem <em>Tren\nde Banano <\/em>wurde der <em>Tren de Carb\u00f3n<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Ausstellung ist aber im\nErdgeschoss untergebracht. Es geht, trotz des Namens des Museums, nicht nur um\nGold, auch wenn die erstaunlichsten Exponate aus Gold sind. Man steht\nbewundernd vor der Kunstfertigkeit, aber auch der Phantasie der K\u00fcnstler. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um die Tairona, im engeren Sinne nur eine\nvon mehreren von den Spaniern identifizierten St\u00e4mmen, der aber im Laufe der\nZeit zu einem Sammelbegriff f\u00fcr mehrere St\u00e4mme wurde. Auf einer Karte sieht man\nsehr gut, wie diese St\u00e4mme sich in zahlreichen D\u00f6rfern \u00fcber vier verschiedene\nZonen verteilen, mit unterschiedlichem Schwerpunkt: <em>Gente de Mar, Gente de Sierra, Gente de R\u00edo, Gente de Sabana. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie es zeitlich einzuordnen ist, wird nicht so\nganz klar, aber die \u00e4ltesten Exponate stammen aus vorchristlicher Zeit. Die\nganze Zeitspanne umfasst vielleicht tausend Jahre. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter den \u00e4ltesten Exponaten befinden sich\nPfeifen, die wie die aus unseren Stutenkerlen aussehen. Man kann aber nicht\nerkennen, welchen Zweck sie hatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind auch Keramikgef\u00e4\u00dfe mit\nmenschlichen oder menschen\u00e4hnlichen Gesichtern. Die dienten der Aufbewahrung\nmenschlicher Knochen. Es wurde eine sog. <em>sekund\u00e4re\nBestattung<\/em> vorgenommen. In die Keramikgef\u00e4\u00dfe kamen die Knochen von vorher\nbereits Bestatteten. Das erlaubt den Arch\u00e4ologen wiederum eine Unterscheidung\nvon anderen St\u00e4mmen, die <em>prim\u00e4re Bestattung<\/em>\nbetrieben.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit der Tairona ist das Verbergen\nvon Sch\u00e4tzen, wohl als Opfer an die G\u00f6tter gedacht, zum Erhalt von Wohlergehen\nund Fruchtbarkeit. Solche verborgenen Sch\u00e4tze hat man an Lagunen, Tempeln,\nWegen und an Behausungen. Sie enthalten vor allem Ketten, Muscheln,\nKeramikbeh\u00e4lter, Goldschmiedearbeiten, aber auch Baumwolle und Samen. Ein\nwahrer Schatz f\u00fcr die Arch\u00e4ologen. <\/p>\n\n\n\n<p>Viele kleine Keramikfiguren sind ausgestellt,\ndarunter ein Affe, der die H\u00e4nde vors Gesicht schl\u00e4gt. Ob das als Amulett\ngetragen wurde?<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Exponate erlauben R\u00fcckschl\u00fcsse auf die\nLebensweise der Tairona. Es gibt zum Beispiel Figuren mit einer aufgeblasenen\nBacke auf einer Seite. Das signalisiert das Kauen von Coca-Bl\u00e4ttern. Das wurde\npraktiziert, um bei der Arbeit nicht so schnell zu erm\u00fcden, aber auch bei den\nlangen Ritualen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Figur hat ein zylindrisches Holz quer\ndurch die Nase gesteckt. Aus den Erl\u00e4uterungen geht hervor, dass Piercing, auch\nwenn das Wort noch nicht erfunden war, g\u00e4ngige Praxis war. Nichts Neues unter\nder Sonne. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den wunderbar filigran gearbeiteten\nGoldschmiedearbeiten sieht man immer wieder Spiralen, in einigen Objekten\nmehrere ineinandergreifende Spiralen unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders phantasievoll sind die Mischwesen\ngestaltet, Katzenmenschen, Schlangenmenschen, Eidechsenmenschen, Vogelmenschen.\nDie, so glaubte man, kontrollierten durch Rituale die Natur, die kosmische\nOrdnung und die Aktionen der Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig auch die Figur einer Schlange mit einem\nKopf vorne und einem Kopf hinten, und eine menschliche Figur mit der Haut einer\nSchlange und eines Jaguars, die einen \u201eRucksack\u201c auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt. Der wird\nin der Vitrine durch einen Spiegel sichtbar gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das wichtigste Thema ist aber die Fledermaus. Der\nH\u00e4uptling des Stammes nahm bei den Festen die Figur einer Fledermaus an. Masken\nund verschiedene Ornamente dieses Rituals sind ausgestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fledermaus ist auch Teil des vielleicht\nkomplexesten Ausstellungsst\u00fccks, einem Vogel mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln, auf\ndem Fledermausmenschen in hockender Stellung abgebildet sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich gibt es auch noch ein interessantes\ntechnisches Detail. Zwei identische Ausstellungsst\u00fccke h\u00e4ngen nebeneinander,\neins kupferfarbig gl\u00e4nzend, das andere golden gl\u00e4nzend. Es handelt sich um\nSt\u00fccke aus Tumbaga, einer Legierung. Mittels eines Bades in Salzwasser und\nvegetarischen S\u00e4uren wurde der Kupferanteil entfernt und das St\u00fcck, im wahrsten\nSinne des Wortes, vergoldet. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich noch ein bisschen durch\ndie Innenstadt. Ich frage eine Polizistin nach dem Weg zur Kathedrale und ob\ndie Kathedrale und San Francisco dasselbe seien. Nein, das seien zwei\nverschiedene Kirchen, sagt sie. Wie denn die Kathedrale hei\u00dfe, frage ich\n\u00fcberfl\u00fcssigerweise. Die hei\u00dfe einfach Kathedrale, meint sie. Als ich dann zur\nKathedrale komme, stellt sich heraus, dass sie den naheliegendsten aller Namen\nhat: Santa Marta.<\/p>\n\n\n\n<p>26. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen gehe ich zum Kai runter, noch ist nichts\nlos in der Stadt, unten am Meer ist aber schon Betrieb. Das Meerespanorama wird\nvon Tag zu Tag sch\u00f6ner. Selbst der Hafen mit den Lastkr\u00e4nen und den\nContainerschiffen sieht nicht mehr so abschreckend aus. Der helle Sonnenschein\ntr\u00e4gt seinen Teil dazu bei. Vor dem Hafen liegen ein paar Fischerboote, eigentlich\neher Schiffe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe einmal den ganzen Kai hinunter. Unterwegs\nsind sehr sch\u00f6ne Fitnessger\u00e4te aufgebaut. Ein Opa gibt mit seinem Enkel den\nTakt vor, und ich schlie\u00dfe mich an. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Kais ist ein Yachthafen. Auf dem\nR\u00fcckweg bestelle ich bei einem Kaffeeverk\u00e4ufer einen <em>perico<\/em>, schon um das Wort mal auszuprobieren. Er hat zwar keinen,\nversteht mich aber. Statt des <em>perico<\/em>\nnehme ich dann einen <em>tinto<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bus geht es zum Strand, zum <em>Rodadero<\/em>, au\u00dferhalb der Stadt. Der Bus\nwartet regelrecht auf mich, der Schaffner steht auf der Stra\u00dfe und proklamiert\nlaut den Namen des Fahrtziels. <\/p>\n\n\n\n<p>Komischerweise geht es in die Berge. Ob das\nrichtig ist? Ich vertraue auf die Badekleidung einer Frau in der ersten Reihe. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren mit offenen T\u00fcren, und an einer Ampel\nkauft eine Frau schnell f\u00fcr ihr Kind durch die Bust\u00fcr hindurch eine Flasche\nWasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Kaum am <em>Rodadero<\/em>\nangekommen, wird man \u00fcberfallen mit Ausflugsangeboten zur Playa Blanca und nach\nTaganga. Beide sollen sch\u00f6nere Str\u00e4nde sein, und sind es wohl auch wirklich,\naber f\u00fcr meine Anspr\u00fcche gen\u00fcgt der hier. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der typische Badestrand f\u00fcr die ganze\nFamilie. Der Strand ist gut besetzt, aber nicht \u00fcbervoll. Im Wasser ganz vorne\nschwimmen \u00fcberdimensionale Enten, und Eltern spielen mit ihren kleinen Kindern\nim Wasser. Am Strand entstehen Sandburgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Badestrand, vielleicht einen Kilometer\nlang, ist ges\u00e4umt Hochh\u00e4usern mit Hotels. Die scheinen, den Balkonen und den\nMarquisen nach zu schlie\u00dfen, nicht voll besetzt zu sein. Hochsaison ist hier um\nWeihnachten und um Ostern herum. Baden kann man hier das ganze Jahr \u00fcber, auch\njetzt, mitten im Winter.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich leihe einen Plastikstuhl aus, und kaum habe\nich es mir darauf bequem gemacht, erscheint ein Strandw\u00e4chter, begleitet von\nzwei streng blickenden Touristenpolizistinnen, und trommelt die Herumsitzenden\nzusammen, um es nicht jedem einzelnen sagen zu m\u00fcssen. In hochbeamtlichem Ton\nl\u00e4sst er uns wissen, diese sei eine verbotene Zone f\u00fcr St\u00fchle und fordert uns\nauf, sie weiter hinter aufzustellen. Ist schnell erledigt, aber kein Grund f\u00fcr\nso viel Theater. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bitte einen vertrauensw\u00fcrdigen Mann, auf meine\nSiebensachen aufzupassen und st\u00fcrze mich ins Wasser. Die Temperatur ist ideal,\nnicht zu kalt und nicht zu warm. Und hinten, wo man nicht stehen kann, hat man\nauch genug Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name des Strandes, <em>Rodadero<\/em>, soll mit <em>rodar<\/em>\nzusammenh\u00e4ngen, \u201arollen\u2018. Und das wiederum kommt daher, dass man fr\u00fcher von\neinem sandigen H\u00fcgel aus sich ins Meer rollen lassen konnte. Tolle Vorstellung!\nVom Wasser aus sieht man tats\u00e4chlich einen H\u00fcgel, der daf\u00fcr in Frage k\u00e4me.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Strand zieht sich an einer Bucht entlang,\nbegrenzt von niedrigen Bergen an beiden Enden. Kein Hingucker. Sch\u00f6n dagegen\nist die einsame Felseninsel mitten im Wasser, von Ausflugsboten umrundet. Oben\nauf dem Felsen zwei langgestreckte H\u00e4user. Wie man da wohl lebt?<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald man wieder sitzt, kommen Verk\u00e4ufer auf\neinen zu und bieten ihre Ware an: Schmuck, Pi\u00f1a Colada, Garnelen, Strohh\u00fcte,\nAusfl\u00fcge, Churros, Sonnenbrillen, Massagen: \u201eA la orden.\u201c Sie reden mich\nunterschiedlich mit <em>Amigo<\/em>, <em>Padr\u00f3n<\/em> oder <em>Papi<\/em> an. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Verk\u00e4ufer sind von Kopf bis Fu\u00df eingepackt,\ntragen am Kopf Schirmm\u00fctze, Halstuch und Kopftuch. Wenn sie dann noch eine\nSonnenbrille tragen, sieht man gar nichts mehr von ihnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Essen wird von konkurrierenden Anbietern in\nStyropordosen angeboten. \u201eRico almuerzo, barato, arroz con coco, carne, pollo.\u201c\nIch greife zu, H\u00e4hnchenbrust mit Reis und Linsen, schmeckt richtig gut, und\nwird einem auf dem Platz serviert. Man isst alles mit dem L\u00f6ffel, oder mit den\nH\u00e4nden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Verk\u00e4ufer, dem ich schon mehrmals sein Essen\nausgeschlagen habe, sagt mir, er mache sich langsam Sorgen um meine Gesundheit.\nAlle Umstehenden lachen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00f6rt man pl\u00f6tzlich Freudenschreie: Delfine am\nStrand. Sie machen ihre Sprung\u00fcbungen, genauso, wie man es aus Filmen kennt.\nAls alle mal an der Reihe waren, machen zwei dann einen Doppelsprung in\nperfekter Abstimmung. Und noch einen. Und noch einen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg dieselbe Szene wie auf dem Hinweg.\nDer blaue Bus, eine <em>buseta<\/em>, steht\nbereits abfahrbereit, und ich habe l\u00e4ngst aufgegeben, den noch zu kriegen, aber\nder Schaffner steht drau\u00dfen und wartet, bis ich da bin: \u201eA la orden,\ncaballero.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sieht man deutlich die karge\nLandschaft, mit kahlen B\u00e4umen, ein paar d\u00fcrren Str\u00e4uchern und vielen Kakteen.\nAn einem Berghang eine einsame Bergziege. Im Hintergrund die Sierra. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter einer Kurve kommt dann unerwartet die Bucht\nvon Santa Marta in Sicht. Auch jetzt fahren wir mit offenen T\u00fcren, und man\nsteigt einfach da aus, wo es einem am besten passt. Bei mir ist das die\nKathedrale. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz hat neben der dominierenden Kathedrale\nden (ehemaligen) Bischofspalast und das (ehemalige) Rathaus, alle drei in\ngl\u00e4nzendem Wei\u00df. Die Kathedrale hat einen Glockenturm und drei unregelm\u00e4\u00dfig auf\ndas ganze Geb\u00e4ude verteilte Kuppeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber Interessantes zu erfahren: Der\nurspr\u00fcngliche Kirchenbau wurde finanziert durch Steuern, und zwar durch die\nSchnapssteuer! Der ganze Bau wurde, hei\u00dft es, w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs zerst\u00f6rt\n(Was f\u00fcr ein B\u00fcrgerkrieg?), genauso wie das Rathaus. Er wurde dann in einem\nklassizistischen Stil neu errichtet und sp\u00e4ter, durch Pius XII., zur <em>Basilika Minor<\/em> gemacht. Deshalb sprechen\nhier alle von Basilika, nicht von Kathedrale. <\/p>\n\n\n\n<p>Da die Kirche geschlossen ist, gehe ich noch zum <em>Parque de los Novios<\/em>, schon wegen des\nNamens ein Anziehungspunkt. Dort stelle ich aber fest, dass ich da dieser Tage\nschon mal vorbeigekommen bin. In der Mitte steht die Statue von Santander, dem\n\u201eMann der Rechte\u201c, dem Revolution\u00e4r, der sich am meisten um die Gesetzgebung der\nneuen Republik k\u00fcmmerte. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz selbst hat im Laufe seiner Geschichte\nverschiedenen Namen gehabt, darunter <em>Plaza<\/em>\n<em>Madrid<\/em>. Der Name bezieht sich aber\nnicht auf die Stadt, sondern auf einen Mann namens Madrid.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Diese ganze Gegend ist eine Mischung aus\nTouristenzentrum und Schickimicki, aber der Durst ist zu \u00fcberw\u00e4ltigend, und ich\nbestelle in einer harmlos aussehenden Pizzeria ein Bier, aus Versehen das\nfalsche, <em>Stella Artois<\/em>. Ich habe\nEstela verstanden. Ich gucke mich um, als die Rechnung kommt: 12.000. Mehr als\nich f\u00fcr das komplette Mittagessen am Strand bezahlt habe! Und doppelt so viel\nwie ein einheimisches Bier gekostet h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen windig geworden, so sehr, dass\nmehrere Sonnenschirme umkippen, hier und im Lokal nebenan. Einer landet sanft\nauf meinem Kopf. L\u00e4chelnd macht man sich daran, die Schirme einzuklappen und\nf\u00fcr heute aus dem Dienst zu entlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem kleinen Lokal, wo ich mein abendliches Bier\nkaufe, erfahre ich noch was zum Wind. Den gebe es immer um diese Jahreszeit,\nsonst nicht. <em>Las brisas locas<\/em> ist die\nlokale Bezeichnung daf\u00fcr. Man sollte \u00f6fter Bier kaufen gehen. Ist sehr\ninstruktiv. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend finde ich noch das hier zum B\u00fcrgerkrieg\ndes 19. Jahrhunderts. Der konfrontierte Konservative und Liberale mit ihren\nzwei unterschiedlichen Auffassungen vom Staat, einem zentralistischen und einem\nf\u00f6derativen. Die Liberalen gewannen und setzten ihre Idee eines f\u00f6derativen\nStaats durch. Es sei das einzige Mal in der Geschichte des Landes, hei\u00dft es,\ndass die aufst\u00e4ndische Seite einen Konflikt gewonnen habe. Der B\u00fcrgerkrieg\ndauerte von 1860-1862, spielte sich also ab, nachdem Kolumbien schon 30 Jahre\nunabh\u00e4ngig war und bereits <em>Colombia<\/em> hie\u00df\nund nicht mehr <em>Nueva Granada<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>27. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aracataca<\/em>\n\u2013 das ist der vollklingende Name des Geburtsorts von Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez. Auch\nhier ist es sch\u00f6n warm das ganze Jahr \u00fcber, so sehr, dass Garc\u00eda M\u00e1rquez in\nBarcelona und in Mexiko immer ein Heiz\u00f6fchen auf dem Zimmer hatte. Es hei\u00dft, er\nhabe nur schreiben k\u00f6nnen mit den F\u00fc\u00dfen auf dem Heiz\u00f6fchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider ist Aracataca doch weiter von Santa Marta\nentfernt, als ich gedacht habe, und wieder muss ich in den Bus \u2013 in zwei genau\ngenommen. Erst in einen Stadtbus zum Bahnhof, dann in den Bus nach Aracataca. <\/p>\n\n\n\n<p>Sobald ich aus dem Haus bin, mache ich wieder eine\nBegegnung mit der unglaublichen Freundlichkeit der Kolumbianer. Ich frage einen\nApotheker nach dem Bus zum Busbahnhof. Er wei\u00df gut Bescheid und erkl\u00e4rt mir den\nWeg, aber damit gibt er sich nicht zufrieden, sondern h\u00e4lt einen Bus an und\nruft dem Fahrer die Frage zu. Der best\u00e4tigt, was er gesagt hat. Als ich der\nHaltestelle nahe komme, ruft mir sofort ein Mann, der vor einer Hauswand auf\ndem Boden sitzt, die Frage zu, wohin es gehe. Ja, das hier sei richtig, und er\nnennt mir noch das Wort, das auf dem Bus stehen muss, damit ich den richtigen\nerwische. Dann kommt ein Bus nach dem anderen, kleinere Busse, die hier <em>buseta<\/em> genannt werden, einer so blau wie\nder andere. Mindestens jeder zweite Fahrer h\u00e4lt an und fragt mich, wohin ich\nwolle. Ich bin so \u00fcberw\u00e4ltigt von der Freundlichkeit, dass mir das Warten\nnichts ausmacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt endlich mein Bus. Ich erwarte 3-4 Haltestellen, aber es sind eher 30-40. Ist das wirklich der Bus zum Busbahnhof? Ja, ist richtig. Auf dem letzten Teil der Strecke bin ich alleine, alle anderen sind ausgestiegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir vor einer roten Ampel stehen, steigt ein\nJunge durch die offene T\u00fcr schnell in den Bus und bietet Wasser an. Bevor die\nAmpel auf Gr\u00fcn springt, ist er schon wieder drau\u00dfen. Ich kaufe ihm eine Flasche\nab: 1.000 Pesos. Auf der Flasche steht der Originalpreis: 500 Pesos. Er\nverdient an einer Flasche 500 Pesos, das sind gerade mal 10 Cent. Wie viele\nFlaschen muss er verkaufen, um \u00fcber die Runden zu kommen? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof kauft man dann die Fahrkarte nach\nAracataca. Es soll zwei Stunden dauern, ich habe mit einer gerechnet, am Ende\nsind es anderthalb.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt in dem Bus schrecklich eingezw\u00e4ngt, und\nes ruckelt gewaltig angesichts der schlechten Stra\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann auf der anderen Seite br\u00fcllt in sein\nHandy, ohne zu merken, dass er damit die gesamte Gesellschaft unterh\u00e4lt. Als er\nendlich fertig ist, nimmt er sich seinen Nachbarn vor, mit derselben\nLautst\u00e4rke. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Aracataca. Am Ortseingangsschild steht\nAracataca und darunter Macondo. So hei\u00dft der Ort in <em>Hundert Jahre Einsamkeit<\/em>. Es hat einmal eine Abstimmung gegeben,\nden Ort in Aracataca-Macondo umzubenennen, aber die ist an Mangel an\nBeteiligung gescheitert. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Mototaxi geht es ins Zentrum. Wir\nbleiben am Bahn\u00fcbergang stehen und m\u00fcssen einen Zug passieren lassen. Der ist\nunendlich lang. Der Fahrer vermeldet stolz: 125 Waggons, alle 20 Minuten so ein\nZug. Transportiert Kohle. Die werde in andere L\u00e4nder exportiert. Kolumbien\nhalte andere L\u00e4nder warm. <\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt mich direkt vor dem Geburtshaus ab. Ich\nhabe Gl\u00fcck, bin noch vor der Mittagspause da. Hier wird man sofort von\nStadtf\u00fchrern angesprochen, und auf der Stra\u00dfe werden Souvenirs verkauft, aber\nsonst ist Aracataca, wie ich sp\u00e4ter feststellen kann, ein ganz normaler Ort. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geburtshaus ist nicht original, sondern eine\nRekonstruktion, zu der Garc\u00eda M\u00e1rquez aber seine Zustimmung gegeben hat. Das\nHaus ist gro\u00df, ein Zimmer reiht sich an das andere. Das Haus ist niedrig,\ngem\u00fctlich, alle W\u00e4nde wei\u00df gekalkt. Die R\u00e4ume haben keine T\u00fcren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung ist gut gemacht. Jeder Raum hat\neine Beschreibung, ein passendes Zitat aus der Autobiographie und ein passendes\nZitat aus einem Roman. Au\u00dferdem sind in jedem Raum ein paar originale Objekte\nzu sehen, eine alte Schreibmaschine, ein altes W\u00f6rterbuch, alte Taschen und\nTruhen und ein sehr sch\u00f6nes Service auf dem Esstisch. In einem Raum h\u00e4ngen die\nkleinen Fische, die einer der Charaktere in dem Roman herstellt. Der lehnt sich\nan den Gro\u00dfvater von Garc\u00eda M\u00e1rquez an. Der sei, sagt er, der wichtigste Mann\nin seinem Leben gewesen. Er erregte sein Interesse an Sprache und an\nGeschichte, von Kind auf. Garc\u00eda M\u00e1rquez wuchs bei seinen Gro\u00dfeltern auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Interesse an Geschichten aller Art erweckten\ndie vielen Frauen im Haus, die Gro\u00dfmutter, verschiedene Tanten, die hier lebten\nund die beiden Indio-Frauen, die irgendwann irgendwoher auftauchten und hier,\ngenauso wie in dem Roman, Unterschlupf fanden. Sie lebten in einem etwas weiter\nhinter gelegenen H\u00e4uschen. Garc\u00eda M\u00e1rquez h\u00f6rte seine Gro\u00dfmutter mit ihnen in\nihrer Sprache sprechen. Das muss eine magische Wirkung auf ihn gehabt haben.\nVon den Indio-Frauen h\u00f6rte er die Erz\u00e4hlungen ihres Volkes, von einer der\nTanten wurde er in die westliche Literatur eingeweiht. Sie habe die Gabe\ngehabt, hei\u00dft es, die <em>Odyssee<\/em> oder\nden <em>Don Quijote<\/em> so zu erz\u00e4hlen, dass\nKinder sie verstehen konnten. Alle diese Frauen konnten die verr\u00fccktesten Dinge\nso erz\u00e4hlen, als w\u00e4ren sie das normalste in der Welt. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine dritte Quelle waren die B\u00fccher selbst. Es\ngibt einen Abstellraum, dessen Betreten verboten war. Eines Tages, erz\u00e4hlt\nGarc\u00eda M\u00e1rquez in seiner Autobiographie, habe er sich unbemerkt\nhineingeschlichen und die <em>1001 Nacht<\/em>\nentwendet, ein weiteres Werk, das ihn nachhaltig beeinflusste. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch mit dem Tod machte er fr\u00fch Ber\u00fchrung. Zwei\nder Tanten starben noch, w\u00e4hrend er in diesem Haus lebte. Ihr Leichnam wurde\nhier aufgebahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>In allem sp\u00fcrt man die Verbindung von Leben und\nLiteratur, und in den Erz\u00e4hlungen die Mischung aus Realismus und Phantasie, die\nso sch\u00f6n in dem Wort <em>magischer Realismus<\/em>\nihren Ausdruck findet. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch mit der Politik und der Gesellschaft kam\nGarc\u00eda M\u00e1rquez fr\u00fch in Ber\u00fchrung, und zwar durch das Auftauchen der <em>United Fruit Company<\/em>, in Aracataca wie in\nMacondo. Mit ihr und dem Bananenboom kamen Migranten aus allen Ecken nach\nAracataca und destabilisierten das soziale Gleichgewicht. Das Monopol der\nUnited Fruit Company bedeutete Kontrolle der Preise und den Ausschluss der\nkleinen Gesch\u00e4ftsleute und der kleinen Bauern vom Handel mit Bananen. Die\nAuseinandersetzung \u00fcber die L\u00f6hne und Leistungen der Arbeiter sorgten f\u00fcr\nsoziale Spannung und f\u00fcr Unruhe. Garc\u00eda M\u00e1rquez erlebte das Ende einer Epoche. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum geht es in die Stadtmitte. Auf dem\nzentralen Platz steht eine Kirche mit einer wundersch\u00f6n verspielten Fassade,\nganz in Wei\u00df wie hier \u00fcblich. Auf dem Platz vor der Kirche eine Bronzeskulptur,\ndie Garc\u00eda M\u00e1rquez darstellt, vor der Schreibmaschine sitzend, die er mit zwei\nFingern traktiert. Er ist sofort zu erkennen, mit den kantigen Gesichtsz\u00fcgen,\nden buschigen Augenbrauen und dem m\u00e4chtigen Schn\u00e4uzer. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer dem Geburtshaus ist auch noch das\nTelegraphenamt zu besichtigen. Hier gibt es (noch) nicht viel zu sehen, das\nMuseum befindet sich noch im Aufbau. Aber es spielte eine Rolle im Roman wie in\nder Geschichte. Der Vater war der erste Telegraphist hier, ein Amt, das Rang\nund Ansehen bedeutete. Die Telegraphie war die einzige Kommunikationsform\nzwischen zwei Parteien, die sich nicht am gleichen Ort befanden. Und ich\nverstehe jetzt endlich, wie es sich mit den Eltern verh\u00e4lt: Die waren, wegen\neiner Anstellung des Vaters, mit den j\u00fcngeren Geschwistern nach Sucre gezogen\nund hatten den \u00e4ltesten Sohn in der Obhut des Gro\u00dfvaters gelassen. Als der\nstarb, musste der Sohn auch ins ungeliebte Sucre, und dann kehrte die ganze\nFamilie nach Aracataca zur\u00fcck, als der Vater das Amt des Telegraphisten\nerlangte. Garc\u00eda M\u00e1rquez spricht sehr positiv von seinem Vater, einem Menschen,\nder viel Wert auf Bildung legte und seinem Sohn alle Freiheiten lie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich streife noch ein bisschen durch den Ort und\nmache mich dann auf den Weg zu der Landstra\u00dfe, diesmal zu Fu\u00df. Wieder muss ich\nan dem Bahn\u00fcbergang stehen bleiben, wieder kommt so ein langer G\u00fcterzug. Ein\njunger Mann hat sich mit seinem W\u00e4gelchen strategisch gut hier aufgestellt, wo\nalle warten m\u00fcssen. Er verkauft <em>borojaso<\/em>,\ngenau genommen <em>borojaso coste\u00f1o<\/em>. Was\nist das nun wieder? Vereinfachte Antwort: ein Energydrink. Gemacht aus\nnat\u00fcrlichen Fr\u00fcchten, aus dem <em>boroj\u00f3<\/em>,\neiner Frucht, f\u00fcr die es kein deutsches \u00c4quivalent zu geben scheint. Nahrhaft\nund energiereich. Das Getr\u00e4nk hat hier eine lange Tradition und gilt unter\nanderem als Aphrodisiakum. Wird hier mit zersto\u00dfenem Eis und einer Creme oben\ndrauf serviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Santa Marta komme ich beim Bummeln durch\ndie Stadt noch zu einer weiteren Kirche, wieder wei\u00df, wieder Kolonialstil,\nwieder mit einem seitlich versetzten Kirchturm. Am interessantesten ist die\nleidvolle Geschichte der Kirche. Sie wurde schon fr\u00fch von englischen, franz\u00f6sischen\nund holl\u00e4ndischen Piraten besetzt und als Gef\u00e4ngnis benutzt, wurde dann bei dem\nErdbeben zerst\u00f6rt und dann noch einmal bei einem Brand im 20. Jahrhundert. Bei\ndem Wiederaufbau blieb nur noch die Fassade dem Original treu. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Magen h\u00e4ngt auf halb acht, aber ich sehe\n\u00fcberall nur Touristenlokale. Irgendwo entdecke ich dann doch noch von weitem\ndas Schild <em>Almuerzo<\/em> vor einem Lokal.\nEs ist ein Volltreffer, auch wenn die Einrichtung an eine Kantine erinnert.\nAber das Essen ist hervorragend, vor allem das saftige und gleichzeitig\nknusprige H\u00e4hnchen. <\/p>\n\n\n\n<p>28. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz fr\u00fch am Morgen geht es los. Es ist st\u00fcrmisch,\nder Wind heult und treibt alle m\u00f6glichen Gegenst\u00e4nde \u00fcber die Stra\u00dfe und l\u00e4sst\nsie an die Hausw\u00e4nde prallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der fr\u00fchen Stunde steht sofort ein Taxi\nbereit. Es geht zum Flughafen. Zwei kurze Fl\u00fcge ersparen mir zwei lange\nBusfahrten. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer dr\u00fcckt ordentlich auf die Tube und\nf\u00e4hrt ungeniert \u00fcber alle roten Ampeln. Irgendwann biegen wir von der\nSchnellstra\u00dfe ab und kommen in eine ganz l\u00e4ndliche Gegend. Ob das alles so\nseine Richtigkeit hat? Ja, hat es, da tauchen in der Ferne die Lichter des\nFlughafens auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer kn\u00f6pft mir 40.000 ab. Er behauptet,\ndas sei der Standardpreis f\u00fcr den Flughafen. Ich hatte unsere Vereinbarung aber\nanders verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfertigung geht schnell, noch ist kaum jemand\nda, und ich muss sogar noch warten, bis das erste Caf\u00e9 um 6 Uhr \u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Flugzeug ist erstaunlich gro\u00df und bis auf den\nletzten Platz besetzt. Der Abflug \u00fcber das Meer und den Anflug an Bogot\u00e1 mit\nden gr\u00fcnen Bergen sind ausgesprochen sch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>In gut einer Stunde sind wir in Bogot\u00e1. Dort ist\nes merklich k\u00e4lter, sogar in dem Flughafengeb\u00e4ude. Bogot\u00e1 liegt auf 2.000\nMetern H\u00f6he. Es ist die viertgr\u00f6\u00dfte Stadt S\u00fcdamerikas, mit \u00fcber 8 Millionen\nEinwohnern, doppelt so viel wie Berlin. Die viertgr\u00f6\u00dfte? Was sind die anderen\ndrei? S\u00e3o Paulo und Buenos Aires fallen mir sofort ein. Die dritte will mir\nnicht in den Sinn kommen. Am Ende entscheide ich mich f\u00fcr Lima. Stimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Flugzeug nach Pereira ist gro\u00df und voll,\nich habe aber das Gl\u00fcck, dass der Platz neben mir frei bleibt. Pereira liegt im\n<em>Eje Cafetero<\/em>, dem Kaffeedreieck\nKolumbiens. Hei\u00dft in der Alltagssprache <em>Pa\u00eds\nPaisa<\/em>, und seine Bewohner sind die <em>paisas<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Flughafen geht es mit dem Taxi nach Pereira.\nDas hat nichts weiter zu bieten, aber zwei Dinge will ich auf jeden Fall sehen,\nbevor es weiter geht nach Filandia, meinem eigentlichen Ziel. Allerdings nennt\nder Taxifahrer noch eine dritte Sehensw\u00fcrdigkeit, das <em>Centro Comercial<\/em>. Mir gelingt es so gerade, das nicht zu\nkommentieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Platz hei\u00dft nat\u00fcrlich <em>Parque Bol\u00edvar<\/em>, und hier liegen auch\ngleich die beiden Sehensw\u00fcrdigkeiten, die ich im Sinne habe, die Statue von\nBol\u00edvar und die Kathedrale. Das Monument ist wahrlich monumental, viel gr\u00f6\u00dfer,\nals ich es mir vorgestellt habe. Bol\u00edvar, den Kopf energisch nach vorne\ngewandt, sitzt nackt auf seinem nach vorne sprengenden Pferd. Wenn das Monument\neins verk\u00f6rpert, dann Dynamik. Warum Bol\u00edvar nackt dargestellt wird, ist nicht\nso klar, und so war die Statue anfangs auch sehr umstritten. Inzwischen ist sie\naber zum Wahrzeichen Pereiras geworden. Sowieso ist der nackte K\u00f6rper doch sehr\ndezent abgebildet. <\/p>\n\n\n\n<p>Am selben Platz steht die Kathedrale, mit einer\nsehr, sehr eigenwilligen Fassade, deren unterer Teil, auch sehr originell,\n\u00fcberhaupt nicht zu dem oberen passen will. Der untere Teil ist sehr sch\u00f6n, aus\nBackstein, mit S\u00e4ulen, die oben eingestellt sind. Es sieht fast r\u00f6misch aus.\nDer obere Teil ist so eine Art Klassizismus und sieht wie in Cellophanpapier\neingepackt aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist vor allem das Dach bemerkenswert. Es ist\nganz aus Holzstreben gemacht, die sich noch ein St\u00fcck die Wand runterziehen und\nverschiedene Muster bilden. Sch\u00f6n und gleichzeitig originell.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Busbahnhof, wieder mit dem Taxi,\nund dann mit dem Bus nach Filandia. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort wird man am Stra\u00dfenrand rausgelassen. Ich bin\nzuversichtlich, dass man mit der Adresse, die ich im allerletzten Moment vor\nder Abreise bekommen habe, die Unterkunft finden kann, zumal die Unterbringung\nauch noch einen Namen hat, <em>Altos de\nBremen<\/em>. Da habe ich mich aber verkalkuliert. Die Leute sind alle sehr\nhilfsbereit, vor allem der erste Mann, der gleich seinen Pinsel fallen l\u00e4sst\nund mich ein St\u00fcck die Stra\u00dfe runter begleitet. Das Stadtviertel, das ich\nsuche, sei nicht hier, sondern weiter unten. Dann habe ich eine Frau im\nSchlepptau, die mich in die Stadtmitte bringt. Hier fragen wir bei einem\nReiseveranstalter. Die Frau sagt, sie k\u00f6nne mir sagen, wo das sei, aber es sei\nganz weit von hier entfernt. Das h\u00f6re ich dann immer wieder. Sp\u00e4ter stellt sich\nheraus, dass die Eigent\u00fcmerin des Apartments selbst eine Finca hat, die auch\nAltos de Bremen hei\u00dft, wie das Apartment. Ich laufe durch die wundersch\u00f6ne\nInnenstadt, kann aber die Sch\u00f6nheit der H\u00e4user und das bunte Treiben kaum\nrichtig wahrnehmen. Einzig in der N\u00e4he einer Aussichtsterrasse mache ich einmal\nHalt, wo eine dreik\u00f6pfige Rentnerband mit einer zahnlosen Oma als S\u00e4ngerin das\nVolk unterh\u00e4lt und zum Tanzen bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht rauf und runter, runter und rauf, ich\nwerde m\u00fcde und des Suchens \u00fcberdr\u00fcssig. Kann es sein, dass ich die Adresse\nfalsch notiert habe? <em>Manzana 1, Casa 9<\/em>.\nVielleicht ist es <em>Manzana I<\/em>, <em>Casa 9<\/em>. Hier haben n\u00e4mlich alle Viertel\neinen Buchstaben im Namen. Aber ein I ist nicht dabei. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon habe ich fast die Hoffnung aufgegeben, da\nstehe ich wieder vor dem Mann mit dem Pinsel. Er legt wieder seinen Pinsel aus\nder Hand, wir gehen eine Stra\u00dfe rauf, eine runter und wieder eine rauf. Hier\nist tats\u00e4chlich die Manzana 1. Jetzt gilt es nur noch, das richtige Haus zu\nfinden. Gar nicht so einfach, denn die Nummern gehen um den H\u00e4userblock herum.\nAber dann sind wir da. Ich kann ihm nur ein m\u00fcdes <em>Gracias<\/em> hinterherrufen, er ist schon verschwunden. Ich klopfe an.\nKeine Reaktion. Noch mal. Wieder keine Reaktion. Dann erscheint oben auf dem\nBalkon ein Mann. Nein, er wohne nicht hier, er sei auch Gast. Aber er hat eine\nTelefonnummer. Nicht von der Vermieterin, aber von der Verwalterin. Die wohnt\num die Ecke, ist nach zwei Minuten da, schlie\u00dft aus und entschuldigt sich. Man\nhabe mir eine Nachricht geschickt und nach der Ankunftszeit gefragt. Aber ich\nkann Nachrichten unterwegs nicht empfangen. Egal, jetzt bin ich da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache noch einen Spaziergang durch die Stadt.\nDie ist wirklich wie aus dem Bilderbuch, ein einziges sch\u00f6nes Ensemble mit\nlauter kleinen, bunt bemalten H\u00e4usern. <\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Platz hei\u00dft nat\u00fcrlich Parque Bol\u00edvar.\nAm Rande des Platzes t\u00fcrmt sich die Kirche auf, zu gro\u00df und stilistisch\nunpassend, aber sehr sch\u00f6n mit ihren zwei abwechselnden Farben an der Fassade\nund den abgerundeten T\u00fcrmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Innen sieht man Bilder von dem Erdbeben. Das hat\neinen Teil der Wand der Kirche rausgerissen und das benachbarte Pfarrhaus\nzerst\u00f6rt. Das hat man inzwischen wieder aufgebaut. Das Epizentrum des Erdbebens\nwar in Armenia, und Filandia ist weitgehend verschont geblieben, wie ich sp\u00e4ter\nerfahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he befindet sich eine wunderbare\nB\u00e4ckerei, in der ich in den n\u00e4chsten Tagen Stammgast werde. St\u00e4ndig wird frisch\nGebackenes aus dem Ofen geholt, und es riecht so gut wie es schmeckt. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Stra\u00dfen und den Souvenirl\u00e4den dr\u00e4ngen sich\ndie Leute, aber ohne jede Hektik. Eher angenehme Betriebsamkeit. Angesprochen\nwird man an jeder Ecke, aber die Leute sind nicht aufdringlich. Schon bin ich\nfast f\u00fcr die bl\u00f6de Suche nach der Unterkunft entsch\u00e4digt. <\/p>\n\n\n\n<p>29. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Suche nach dem Treffpunkt, f\u00fcr den ich\neine Adresse habe, hilft mir eine Frau, die mich sogar begleitet. Sie f\u00fchrt\nmich in eine Richtung, die nach meiner Kalkulation falsch ist, aber ich folge\nihr einfach mal und versuche, mit dem Photo, das ich bekommen habe, den\nrichtigen Ort zu lokalisieren. Wir kommen an die Stelle, wo in einer Art Garage\neine Frau an einem Tisch sitzt. Davor steht ein Mann. Wir fragen nach der\nAdresse, aber damit kann er nichts anfangen. Was ich denn suche, will er\nwissen. Kaffeeplantage? Juli\u00e1n? Das ist hier! Da erwarte mich ein sch\u00f6ner Tag,\nJuli\u00e1n mache das ganz wunderbar. Ich soll auf jeden Fall p\u00fcnktlich sein, aber\nes ist noch Zeit f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck in der wunderbaren B\u00e4ckerei. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme, hat sich schon einiges\nangesammelt an Ausfl\u00fcglern. Der Mann von vorher \u00fcbernimmt die Organisation:\nWandern \u2013 hier r\u00fcber, Kaffeeplantage \u2013 dort dr\u00fcben. Au\u00dfer mir zwei Schweizer\nund zwei Kolumbianer. <\/p>\n\n\n\n<p>Und schon kommt Juli\u00e1n, mit seinem Allradwagen.\nDer ist auch n\u00f6tig, auf der holprigen Strecke zu der Finca. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon auf dem Weg unterh\u00e4lt er uns mit allen\nm\u00f6glichen Details \u00fcber Filandia. Dies sei eine Gegend, die stark von\neurop\u00e4ischen Einwanderern gepr\u00e4gt sei, daher alle die europ\u00e4ischen Ortsnamen: &nbsp;<em>Montenegro<\/em>,\n<em>Armenia<\/em>, Barcelona, <em>Bremen<\/em>, <em>C\u00f3rdoba<\/em>, <em>Salento<\/em>. <em>Filandia<\/em> sollte eigentlich <em>Finlandia<\/em> hei\u00dfen, aber das habe es wohl\neinen Rechtschreibfehler gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das mit den farbigen H\u00e4usern sei eine baskische\nTradition. Anfangs signalisierten die Farben die Berufe: Gr\u00fcn stand f\u00fcr Kaffee,\nGelb f\u00fcr Landwirtschaft, Rot f\u00fcr Viehzucht. Aber dann habe sich das alles in\nein rein dekoratives Element verwandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Filandia lebe in erster Linie vom Kaffee, in\nzweiter Linie vom Tourismus. Die Stadt hat 13.000 Einwohner, auf Stadt und Land\ngleichm\u00e4\u00dfig verteilt und kann zu Hochzeiten am Wochenende 100.000 Besucher\nhaben. Der dritte Erwerbszweig ist der Avocado, der hier \u00fcberall angebaut wird.\nDabei gibt es sehr verschiedene Sorten, gro\u00df und glatt und hell und klein und\nschrumpelig und dunkel, dass man meinen k\u00f6nnte, es handele sich um\nunterschiedliche Fr\u00fcchte. Jeder einzelne Baum liefert 300 Kilogramm pro Jahr. Das\nvierte Element der Wirtschaft Filandias ist die Korbflechterei. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit der Gegend ist eine Palme, eine\nPalme, die sich nicht reproduzieren l\u00e4sst. Sie ist au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00df und\nwird au\u00dfergew\u00f6hnlich alt. F\u00fcr die Vermehrung werden Papageien ben\u00f6tigt. Die\nm\u00fcssen die Samen essen und wieder mit dem Kot ausscheiden, dann w\u00e4chst eine\nneue Palme. Es klappt nur beim Papagei. Ein von einem Pferd verdauter Samen\nnutzt nichts. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser Mann, Juli\u00e1n, erkl\u00e4rt auch, dass mit <em>Eje Cafetero<\/em> ein Dreieck gemeint ist. Er\nnennt auch die drei Orte an den Spitzen des Dreiecks, aber ich verpasse es, die\nrechtzeitig zu notieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00e4tten Gl\u00fcck gehabt, wir h\u00e4tten jetzt mehrere\ntrockene Tage gehabt, in der Regel regnet es hier jeden Tag. Der Kaffee braucht\noffensichtlich Regen. H\u00e4tte ich nicht gedacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf die Finca, wo wir zun\u00e4chst mit\neinem Hut und einem um den Bauch gewundenen Korb ausgestattet und mit einem\nKaffee begr\u00fc\u00dft werden. Juli\u00e1n selbst tr\u00e4gt auch einen Ranger-Hut, hat beringte\nFinger, tr\u00e4gt einen Bart und hat einen Fingernagel in den Farben Kollumbiens\nbemalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie seien eine kleine Farm, er habe 3 Hektar Land,\nsein Nachbar habe 100 Hektar. Deshalb k\u00f6nne er es sich leisten, das alles so zu\nmachen, wie er es f\u00fcr richtig h\u00e4lt, organisch, nachhaltig, unabh\u00e4ngig. Die\nF\u00fchrung best\u00e4tigt das sp\u00e4ter eindrucksvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee schmeckt gut und ist nicht so stark wie\nerwartet. Er selbst trinke bis zu 20 Tassen Kaffee am Tag, auch vor dem\nSchlafengehe. Kaffee sei gesund \u2013 wenn er richtig angebaut werde. Er h\u00f6rt gar\nnicht mehr auf, die positiven Eigenschaften aufzuz\u00e4hlen. Da fragt man sich\ndoch, ob der Kaffee nicht auch negative Eigenschaften hat. Auch, dass er so\nabf\u00e4llig von anderen Kaffeemachern spricht \u2013 alles Abfall \u2013 gef\u00e4llt mir nicht\nso gut, aber davon abgesehen ist alles v\u00f6llig einleuchtend und instruktiv. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie betreiben die Finca in f\u00fcnfter Generation. Auf\ndem R\u00fcckweg frage ich ihn sp\u00e4ter, ob die sechste Generation denn auch\n\u00fcbernehme. Nein, wohl nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Plantage kommen wir an einem\nH\u00fchnerstall vorbei. Die H\u00fchner h\u00e4lt er aus drei Gr\u00fcnden, sie liefern Eier und\nFleisch, und ihr Kot wird als D\u00fcnger verwandt. Der Kot riecht ja gar nicht.\nWarum? Es wird das verbrannte Holz der abgeholzten Kaffeeb\u00e4ume beigemischt. Das\nHolz steht in einem Schlag schon bereit, kleingehackt. <\/p>\n\n\n\n<p>Er z\u00fcchtet die neuen Kaffeeb\u00e4ume selbst. Zun\u00e4chst\neinmal wird eine Kaffeebohne mit dem krummen Teil nach unten in Erde gedr\u00fcckt\nund w\u00e4chst dort einige Zeit. Dann wird das Ganze in einen kleinen Blumentopf\nmit Kompost umgepflanzt, und nach einiger Zeit erscheint eine Bl\u00fcte, eine\nrichtig sch\u00f6ne wei\u00dfe Bl\u00fcte. Es entsteht der Trieb. Der wird dann gepflanzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffeebaum wird bis zu sechs Meter hoch, wird\naber gestutzt, damit man an die Fr\u00fcchte dran kommt. Wir sehen drei Exemplare in\nn\u00e4chster N\u00e4he, einen einj\u00e4hrigen, einen dreij\u00e4hrigen, einen f\u00fcnfj\u00e4hrigen. Bei\ndem ist der Baumstamm nicht mehr so glatt \u2013 Alterserscheinung. Der Baum wird\nnach drei Durchl\u00e4ufen gestutzt, und f\u00e4ngt, wenn alles gut geht, noch mal von\nvorne an. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir best\u00e4tigen uns jetzt als Kaffeepfl\u00fccker. Keine\nleichte Arbeit, obwohl hier in Terrassen angebaut wird und obwohl der Boden\neinigerma\u00dfen trocken ist. Unsere Ernte ist ziemlich miserabel, man sieht\n\u00fcberall nur gr\u00fcne, keine braunen Fr\u00fcchte, und es ist nicht so leicht, sich\ndurch das Pflanzendickicht zu k\u00e4mpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Von einer Stelle haben wir einen Blick in die\nUmgebung. Ist das alles Kaffee? Ja. H\u00e4tte ich vorher nicht erkannt, und es gibt\nauch gro\u00dfe Unterschiede zwischen den jungen und den alten Plantagen und den\nAnbauweisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Kaffeeb\u00e4umen stehen Avocados,\nBananen, Zitronen und andere Pflanzen. Die Kaffeepflanzen in deren N\u00e4he riechen\ntats\u00e4chlich unterschiedlich. Die Banane hat gleich mehrere Funktionen: Sie\nsch\u00fctzt mit ihren Bl\u00e4ttern den Kaffee vor allzu viel Regen und allzu viel\nSonne, und sie zieht Spinnen an. Die tun dem Kaffee nichts zuleide, fressen\naber die Insekten. Au\u00dferdem liefert die Banane nat\u00fcrlich Nahrung f\u00fcr die\nFamilie und die Angestellten. <\/p>\n\n\n\n<p>Geerntet wird zweimal pro Jahr, das ist\nungew\u00f6hnlich. Er hat aber eine feste Mannschaft. Die M\u00e4nner bekommen au\u00dferhalb\nder Erntezeit einen festen Lohn, in der Erntezeit arbeiten sie nach Akkord. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee hat zwei Feinde, Milben und\nW\u00fcrmer.&nbsp; Milben haben sie hier keine,\nvielleicht wegen der organischen Anbauweise. Aber W\u00fcrmer. Da keine chemischen\nMittel eingesetzt werden, muss st\u00e4ndig kontrolliert werden, ob einzelne Fr\u00fcchte\nW\u00fcrmer haben. Wenn eine befallen ist, kann der Rest des Baumes trotzdem gesund\nsein, also muss man Frucht f\u00fcr Frucht durchsuchen. Juli\u00e1n zeigt uns, wie man\ndas erkennen kann: Ganz oben befindet sich ein kleines Loch. Er \u00f6ffnet die\nFrucht, und drinnen bewegt sich der Wurm!<\/p>\n\n\n\n<p>Er legt ein Blatt auf die Hand der Schweizerin,\nund darauf legt er eine Bl\u00fcte, eine gr\u00fcne, also unreife Frucht, eine braune,\nalso reife Frucht und eine Kaffeebohne. Wir m\u00fcssen wieder ran. Die Frucht muss\nzuerst geknackt werden, nach einigen Versuchen geht das ganz gut. Dann muss\nnoch die Schale entfernt werden, und zum Vorschein kommt die zweiteilige\nKaffeebohne. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir, wie das mechanisch gemacht wird.\nDie Fr\u00fcchte kommen in einen Beh\u00e4lter und gehen durch eine Maschine, die sie\nknackt und von der Schale befreit. Das funktioniert perfekt. Die Fr\u00fcchte fallen\ndann in ein Wasserbecken. Was oben schwimmt ist Abfall und wird wiederum dem\nKompost zugef\u00fcgt, was unten schwimmt, wird zu Kaffee. <\/p>\n\n\n\n<p>Der muss jetzt erst einmal getrocknet werden. Das\ngeschieht auf einem Dachboden mit einer Plane als Dach. Es ist richtig hei\u00df\nhier. Der ganze Boden liegt voller Kaffeebohnen. Sie m\u00fcssen immer mal wieder\nmittels eines Schiebers bewegt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann setzen wir uns und bekommen zur Erfrischung\nein Bier. In einem kleinen Topf wird der Kaffee, nur zur Illustration,\nger\u00f6stet. Sp\u00e4ter wird er dann gemahlen. Aus f\u00fcnf Kilo bei der Ernte kommt 1\nKilo gemahlener Kaffee heraus. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss wird uns noch Kaffee serviert, mit\ndrei verschiedenen Zubereitungsformen: mit einer \u201efranz\u00f6sischen\u201c Kaffeepresse,\nmit einem \u201edeutschen\u201c Filter und mit einer \u201eitalienischen\u201c Espressomaschine. Er\nbereitet mit allen einen Kaffee zu und erkl\u00e4rt noch ein paar Details, auf die\nman achten soll, zum Beispiel, dass man bei der&nbsp;\nEspressomaschine den Deckel nicht herunterklappt. Welche denn die beste\nZubereitungsform sei, wollen wir wissen. Reine Geschmackssache. Mir schmeckt\nder Filterkaffee am besten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch zwei Varianten, einen Kaffee mit\nZitrone und einen Kaffee mit Zitrone und Schnaps. Herrlich! <\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden, alle richtig zufrieden mit dem\nAusflug, wieder nach Filandia gekarrt. Heute Nachmittag steht f\u00fcr Juli\u00e1n die\nn\u00e4chste Besuchergruppe auf dem Plan. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort bleibt mir noch Zeit f\u00fcr ein kleines Museum.\nEs hat kaum richtige Exponate, fast nur Plakate, Zeitungsausschnitte, Photos.\nDer Betreiber ist Historiker und hat sich der Geschichte Filandias verschrieben.\nEr erkl\u00e4rt etwas zu einem sensationellen Goldschatz, der hier vor einigen\nJahren gefunden wurde. Hier kann man Photos davon sehen. Er stammt von den\nQuimbaya. Juli\u00e1n hatte erz\u00e4hlt, man habe den Schatz grundlos der spanischen\nKrone vermacht. Aber ganz so einfach ist es nicht. Vier F\u00fcnftel des Schatzes\nwurden von den Findern eingeschmolzen, das restliche F\u00fcnftel ging nach Spanien,\nals Anerkennung f\u00fcr eine Vermittlung in einem Streit zwischen Kolumbien und\nVenezuela. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall h\u00e4ngen Photos von den Darstellern und von\nSzenen eines hier in Filandia verfilmten Romans, <em>Caf\u00e9 con aroma de mujer<\/em>. Scheint ein gro\u00dfer Publikumserfolg gewesen\nzu sein. Je mehr ich dar\u00fcber lese, umso mehr habe ich den Eindruck, dass es\nsich bei <em>novela<\/em> nicht um einen Roman,\nsondern um eine <em>telenovela<\/em> handelt,\neine Seifenoper. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem kleingedruckten Teil einer Zeitung kommt\nauch noch was zu dem Namen Filandia zum Vorschein. Es werden drei Philologen\nvorgestellt, die nicht glauben, dass es sich um einen Rechtschreibfehler\nhandelt. Sie glauben, dass der Namen von lat. <em>filius<\/em> und den <em>Anden<\/em>\nkommt, also so was wie \u201aSohn der Anden\u2018 bedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach all dem Kaffee und dem fr\u00fchen Fr\u00fchst\u00fcck ist\nmir nach einem herzhaften Essen zumute. Und ich finde das Richtige, eine <em>bandeja<\/em> <em>paisa<\/em>, das klassische, deftige, fleischhaltige Gericht dieser Gegend,\nin ganz Kolumbien bekannt. Ich nehme die dreigeschossige. Es gibt sogar eine\nviergeschossige. Auf jedem Geschoss der Etagere wird etwas anderes serviert,\ndas man dann nach Belieben mischen kann. Am kr\u00e4ftigsten schmeckt die\nSpeckgriebe, <em>chicharr\u00f3n<\/em>, ganz oben\naufder Etagere. Man muss sie zur Not mit den Fingern essen. <\/p>\n\n\n\n<p>30. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht am Morgen, wie stark die Stadt vom\nTourismus gepr\u00e4gt ist. Das Wochenende ist vorbei, die Stadt wirkt beinahe leer\nim Vergleich zu gestern. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme am <em>Hotel\nShaddai<\/em> vorbei. Ungew\u00f6hnlicher Name. Im Internet finde ich sp\u00e4ter, dass <em>Shaddai<\/em> eine der hebr\u00e4ischen\nBezeichnungen f\u00fcr Gott ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der wunderbaren B\u00e4ckerei, wo ich beinahe\nStammgast bin, liegt in der Vitrine ein Geb\u00e4ck, das wie Speckgriebe aussieht,\nund auch so aussehen soll und auch so hei\u00dft: <em>chicharr\u00f3n<\/em>. Daneben ein Geb\u00e4ck, das wie ein Hot Dog aussieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann auf der anderen Stra\u00dfenseite, der mich\nlaut anspricht, bringt mich in den Genuss einer weiteren Anredeform: \u201e\u00a1Oye,\npaisano!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Museen sind, und jetzt f\u00e4ngt es\ntats\u00e4chlich an zu regnen. Ich ziehe mich in die Wohnung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag hat der Regen wieder aufgeh\u00f6rt, und\neins der Museen, das <em>Museo del Abuelo<\/em>,\nhat ge\u00f6ffnet. Die T\u00fcr ist noch halb angelehnt, und ich bin der erste Besucher.\nSp\u00e4ter kommt noch eine kolumbianische Familie herein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, in einem sch\u00f6nen alten Haus\nuntergebracht, ist auf beiden Etagen ausgestopft mit Alltagsgegenst\u00e4nden von\nAnno Dazumal: Schreibmaschinen, Heiligenbildchen (darunter, wie ich erfahre,\nder Hl. Caetano, der nie fehlen darf, weil er f\u00fcr Wohlstand sorgt), B\u00fcgeleisen\n(die modernen schon mit Kohle betrieben), Grammophone, Monatshefte mit den\nPortr\u00e4ts ber\u00fchmter M\u00e4nner), Henkelm\u00e4nner, Kruzifixe, ein Samowar (den man hier\nKaffeemaschine nennt), Milchkannen. Der Betreiber des Museums, selbst\nvermutlich Opa, hat das Sammelsurium zusammengetragen, in m\u00fchsamer Kleinarbeit,\n\u00fcber inzwischen drei\u00dfig Jahre, unter der Mithilfe von Verwandten, Freunden,\nBekannten, Nachbarn und auch dem M\u00fcllhaufen. Hier hat kein Einzelteil\nirgendeinen Wert, wohl aber das Ensemble. <\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es Photos, ein Gem\u00e4lde und Dokumente zu\neiner gewissen Olga de Chica. Nie geh\u00f6rt, vermutlich aber schon mal gesehen.\nSie ist eine produktive K\u00fcnstlerin und hat schon viele Weihnachtskarten f\u00fcr die\nUNICEF gestaltet. Tats\u00e4chlich kommen mir einige bekannt vor. Sie wird hier als <em>Poetisa del color<\/em> pr\u00e4sentiert. Sie\nklammert aus ihren Bildern alles Ungemach dieser Welt aus, pr\u00e4sentiert eine\nWelt nicht wie sie ist, sondern wie sie sein sollte und wie sie vielleicht\nmanchmal in den K\u00f6pfen von Kindern ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne ein Wort nicht in der Beschriftung eines\nGegenstandes, den ich auch nicht kenne: <em>bejuco<\/em>,\nund der freundliche Mann erkl\u00e4rt nicht nur, sondern erz\u00e4hlt dazu auch noch eine\nbewegende Geschichte. Filandia ist bekannt f\u00fcr seine Korbwaren, und das\ngeschlossene Museum handelt eben davon. Man sieht K\u00f6rbe aller Art auch in den\nTouristenl\u00e4den. Sie werden aus dem Holz des <em>bejuco<\/em>\ngemacht, das bedeutet offenbar \u201aLiane\u2018. Das Ger\u00e4t, das man hier sieht, dient\nzum Sch\u00e4len des Stamms der Liane. Dieses Ger\u00e4t, nebst dem danebenliegenden\nArbeiterhemd und einer M\u00fctze, geh\u00f6rte einem alten Mann, der sich sein ganzes\nLeben lang der Herstellung von K\u00f6rben gewidmet hatte und sich das Material dazu\naus dem Wald besorgte. Bis ein junger Umweltsch\u00fctzer auf den Plan trat und ihn\nbeschimpfte, ihm Vorw\u00fcrfe machte, ihm klarmacht, er w\u00fcrde den Wald zerst\u00f6ren\nund ihn aufforderte, den Wald nicht mehr zu betreten. Der alte Mann h\u00f6rte sich\ndas wortlos an, versank in sich, ging nicht mehr in den Wald und verstarb drei\nWochen sp\u00e4ter, voller Gram, wie es im M\u00e4rchen hei\u00dfen w\u00fcrde. Als Andenken an ihn\nwerden diese Gegenst\u00e4nde jetzt hier pr\u00e4sentiert. Die Witwe des Mannes gab ihr\nEinverst\u00e4ndnis, obwohl es ihr peinlich war, das Hemd in diesem Zustand hier\nausgestellt zu sehen. Es war n\u00e4mlich nicht gewaschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch eine ganz andere Geschichte. An\neinem Pfeiler h\u00e4ngt ein Plakat von einem Film, der in Filandia gedreht wurde, <em>Milagro en Roma<\/em>. Das Drehbuch stammt von\nGarc\u00eda M\u00e1rquez und beruht auf einer Erz\u00e4hlung mit dem Titel <em>La Santa<\/em>. Sie handelt von einem Mann,\nder mit dem unversehrten K\u00f6rper seiner Tochter durch Rom streift und den Papst\nbittet, seine Tochter heiligzusprechen, aber abgewiesen wird. Als der Erz\u00e4hler\nJahre sp\u00e4ter noch mal nach Rom kommt, wo l\u00e4ngst verschiedene P\u00e4pste auf dem\nThron gesessen haben, ist der Mann immer noch da und tr\u00e4gt sein Anliegen dem\nneuen Papst vor. Wieder wird er abgewiesen. So endet die Geschichte. Wie der\nMann hier im Museum weise sagt: Der Vater ist der eigentliche Heilige dieser\nGeschichte, nicht die Tochter. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschluss der Dreharbeiten hier in\nFilandia brannte der Brunnen des Ortes zusammen mit vier H\u00e4usern ab. Der Film\nbewahrt die Erinnerung daran. An der Wand steht eine Kopie des Schildes, das\nfr\u00fcher auf den Brunnen verwies und das im Film eine gro\u00dfe Rolle spielte. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach lande ich in einem Lokal mit dem Namen <em>Mil de Cilantro<\/em>. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen\nPlakate mit Ausspr\u00fcchen, die die vielen positiven Eigenschaften des Korianders\npreisen. Unter anderem dient er als Appetitanreger. Den brauche ich aber nicht.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle <em>Sancocho<\/em>,\ndas kolumbianische Nationalgericht, das es in unendlichen Variationen gibt, im\nGrunde ein Eintopf mit Kartoffeln, Jukka, M\u00f6hren usw. &nbsp;Und einem m\u00e4chtigen Knochen, an dem man, wenn\nman gut sucht, doch noch eine Menge Fleisch findet. Zu dem Gericht werden zwei\nSch\u00e4lchen serviert, eins mit einer feurigen So\u00dfe, das andere mit \u2013 Koriander. <\/p>\n\n\n\n<p>31. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf kolumbianische Art und Weise erfolgt die\nR\u00fcckfahrt nach Medell\u00edn. Man stellt sich an den Stra\u00dfenrand und wartet auf den\nn\u00e4chsten Bus zum Busbahnhof, nach Pereira. Dort angekommen, l\u00f6st man an einem\nSchalter eine Fahrkarte zum Zielort, nach Medell\u00edn. Bei der Aufgabe des Koffers\nh\u00f6re ich vor mir Sabaneta und frage nach. Ja, der Bus h\u00e4lt auch in Sabaneta.\nDas erleichtert die Sache. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings dauert die Fahrt sieben statt der\nvorgesehen f\u00fcnf Stunden. Warum, das wird im Laufe der Fahrt klar: Baustellen,\nellenlange Baustellen, Stra\u00dfenarbeiten. Wir stehen lange ganz an einer Stelle,\nund auch sonst geht es nur langsam voran, die Strecke ist kurvenreich, die\nFahrbahn schlecht, und die vielen Steigungen bew\u00e4ltigt der Bus nur mit \u00c4chzen\nund St\u00f6hnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorne l\u00e4uft ein Film, in dem es Sch\u00fcsse und\nExplosionen als menschliche Stimmen gibt, und wenn die mal auftauchen, dann\nmeist als Schreie. Dazu schrille Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Landschaft entsch\u00e4digt daf\u00fcr. Wo man\nhinsieht, ist es gr\u00fcn, Natur pur, H\u00fcgel, soweit die Augen blicken k\u00f6nnen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder Kaffeeplantagen, obwohl <em>Plantagen<\/em> eher irref\u00fchrend ist. Es sind\neher Felder, oft an den H\u00e4ngen liegend, mal ganz fein geordnet wie ein\nWeinfeld, mal wild durcheinander wachsend wie auf der Finca in Filandia. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Strecke passieren wir Orte mit den Namen <em>Palestina<\/em>, <em>Marruecos<\/em> und <em>J\u00e9rico <\/em>und\nschlie\u00dflich einen mit dem wunderbaren Namen <em>Bolombolo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Mitreisende, die sieht, wie ich meine Photos\nRevue passieren lasse, eine ganz kleine Frau, deren Beine nicht bis auf den\nBoden reichen, erkl\u00e4rt mir den Namen des Restaurants von gestern: <em>Mil de Cilantro<\/em>. Scheint so etwas wie\n\u201aeine Prise Koriander\u2018 zu bedeuten. Ist aber in keinem W\u00f6rterbuch zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Mittagspause taucht auf einmal der Cauca\nauf, der verlorene Fluss von Mompox. Er ist breit genug, um der gr\u00f6\u00dfte\nNebenfluss des Magdalenas zu sein. Jetzt geht es durch ein enges Tal, immer am\nFluss entlang. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00f6ffnet sich die Landschaft wieder, jetzt mit\nhohen schroffen Bergen hinter den gr\u00fcnen H\u00fcgeln. Der auff\u00e4lligste ist der <em>Cerro Tusa<\/em>, eine fast einmalige\nNaturerscheinung. Seine Form ist ein perfektes Dreieck, wie mit dem Lineal\ngezogen. Am Fu\u00dfe des Berges gibt es auch Spuren einer alten Zivilisation, der\nder Berg heilig war. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt tauchen auch einzelne H\u00e4user und H\u00fctten am\nWegesrand auf, und dann kommt Medell\u00edn, genauer gesagt Sabaneta. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer kann weder mit der Adresse noch mit\ndem Namen des Geb\u00e4udes, <em>Nevada Loft<\/em>,\nwas anfangen, und mir geht das Geld aus. Ich sage ihm, er solle mich hier am\nRande der Hauptverkehrsstra\u00dfe rauslassen. Kaum stehe ich auf dem B\u00fcrgersteig,\nschon spricht mich ein Mann an und fragt, was ich suche. Er hat seine kleine\nTochter im Schlepptau. Er z\u00fcckt sofort sein Handy, sucht nach der Adresse und\nerkl\u00e4rt mir den Weg. Hinter der Tankstelle abbiegen, und dann in ein Wohnviertel\nrein. Trotz der miserablen Beschreibung des Zugangs durch die Vermieterin mit\nzwei verschiedenen Codes komme ich in das Apartment, das klein, aber modern\nist, sogar reichlich Steckdosen hat, was sonst hier ein rares Gut ist. <\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Portemonnaie ist Ebbe, nur noch ein paar\nM\u00fcnzen, aber ich frage mich zum Euro durch, einem gro\u00dfen Supermarkt mit\nangeschlossenen Gesch\u00e4ften. Dort gibt es Geldautomaten. Vor denen steht eine\nSchlange, die sich die halbe Rampe runterzieht, aber es geht flott voran, weil\nes vier Geldautomaten gibt und alle funktionieren. Erleichtert steuere ich ein\nkleinen Schnellimbiss an und esse ein paar H\u00e4hnchenfl\u00fcgel. <\/p>\n\n\n\n<p>1. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Haus gehe und etwas\nverloren in der Gegend herum stehe, werde ich sofort wieder von jemandem\nangesprochen und gefragt, was ich denn suche. Einen Ort zum Fr\u00fchst\u00fccken. Ob ich\ngerade aus der <em>Nevada Loft<\/em> k\u00e4me, will\ner wissen. Ja. Dann sei ich doch sicher der Deutsche. Er ist der Hausmeister\ndes <em>Nevada<\/em> <em>Lofts<\/em>. Er nimmt sich Zeit mit der Erkl\u00e4rung, fragt, was meine\nPr\u00e4ferenzen seien, begleitet mich bis an die Ecke, zeigt mir ein kleines Caf\u00e9\ndirekt vor uns, zeigt dann aber auf die n\u00e4chste Kreuzung. Da sei eine B\u00e4ckerei.\nDa kaufe er selbst sein Brot. Da gehe ich nat\u00fcrlich hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Bestellung hapert es mit dem Verst\u00e4ndnis.\nIch muss nachfragen, obwohl diese Situation doch l\u00e4ngst Routine ist. Die\nVerk\u00e4uferin will wissen, ob ich einen Plastikbecher oder eine Tasse haben will.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht der Tag unter dem Signum des\nGeldausgebens. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck leiste ich mir ein Taxi, um zur Reinigung zu\nkommen. Der Betrag ist nicht sehr hoch, aber er kassiert mehr als das, was der\nTaximeter anzeigt, das sei der Minimalbetrag. Er wartet auf mich, ohne die\nWartezeit zu berechnen, und auf dem R\u00fcckweg wieder dasselbe Spiel. Er rundet zu\nseinen Gunsten auf. Auf dem R\u00fcckweg, als es durch das Wohnviertel geht, habe\nich den Eindruck, dass ich das auch h\u00e4tte zu Fu\u00df machen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gloria ist besch\u00e4ftigt, mit Aerobic am Vormittag\nund Kirche am Abend, und au\u00dferdem steht die Wohnungssuche an, aber sie nimmt\nsich Zeit, mich auf meinen Besorgungen zu begleiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Wohnungssuche steht heute kein Termin an,\naber ihr Bericht dar\u00fcber gibt auch einen kleinen Einblick in die Alltagskultur.\nSie und ihre Eltern m\u00fcssen ausziehen, das Haus soll verkauft werden, der Termin\nist Mitte Februar. Seit September wissen sie Bescheid. In den letzten Wochen\nhat es bestimmt ein halbes Dutzend Angebote gegeben, alle abgelehnt: zu klein,\nzu weit, zu hoch gelegen, nur ein WC. So viele Nerven w\u00fcrden die meisten von\nuns nicht haben. Man m\u00fcsste in so einer Situation nehmen, was man kriegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst versuchen wir, einen Termin f\u00fcr eine\nZahnreinigung zu bekommen. Wir machen drei Versuche, bei allen bekommt man\nheute oder morgen einen Termin, die Preise sind unterschiedlich. Wir nehmen\neinen f\u00fcr heute. <\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt noch Zeit f\u00fcr den Kofferkauf. Dazu muss\nman ins Einkaufszentrum. Das ist ein ganzes St\u00fcck zu gehen, und dann kommt noch\nmal die Sucherei im Einkaufszentrum dazu. Am Ende erfolgreich. Wir kommen zu\neinem Gesch\u00e4ft, in dem es <em>Totto<\/em> gibt,\neiner, wie mit Stolz vermerkt wird, kolumbianischen Marke. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Verk\u00e4uferin ist freundlich und macht ihre\nSache gut, aber die Entscheidung f\u00e4llt mir schwer: Gr\u00f6\u00dfe, Farbe, F\u00e4cher,\nSchale, Preis, so viele Faktoren, so viele Kandidaten. Am Ende bin ich meiner\nUnentschlossenheit \u00fcberdr\u00fcssig und entscheide mich endlich. Ein Exemplar des\nKoffers muss aus dem Lager geholt werden, aber da ist keins mehr, also wird\neins aus einer anderen Filiale geholt. Das dauert, und dann gibt es keinen mehr\nvon der gleichen Farbe. Ich versuche, f\u00fcr das Vorf\u00fchrexemplar noch einen Rabatt\nrauszuschlagen, vergebens. Egal. Der wird jetzt genommen. F\u00fcr den Kauf muss man\nden Personalausweis vorlegen und eine Mailadresse angeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir schieben den Koffer \u00fcber den unebenen\nB\u00fcrgersteig zur\u00fcck ins Zentrum. Es ist inzwischen richtig hei\u00df. Gloria erinnert\nsich an zwei verwaiste Flaschen Bier, die noch bei ihr im K\u00fchlschrank liegen\nund l\u00e4dt mich zu sich ein. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem sch\u00f6nen, kleinen Haus mit Vorgarten und\nvielen Kr\u00e4uterk\u00e4sten auf der kleinen Terrasse werde ich von den Eltern begr\u00fc\u00dft,\nVater im Schaukelstuhl vor dem Fernseher, Mutter in der K\u00fcche beim Wischen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde zum Essen eingeladen, nehme an und\nbekomme ein k\u00f6stliches Mittagessen serviert, Schweinepfoten mit den \u00fcblichen\nZutaten, Kartoffel, Jukka, Reis. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich vorstellen, warum die Eltern hier\nnicht wegwollen. Das kleine Haus mit gro\u00dfem Vorgarten und vielen Kr\u00e4utert\u00f6pfen\nauf der kleinen Terrasse vor dem Eingang sieht gem\u00fctlich aus. In dem Vorgarten,\ndicht mit B\u00e4umen und Str\u00e4uchern besetzt, tummeln sich exotische V\u00f6gel, <em>guacharacas<\/em>, wie ich erfahre. Sie werden\nvon Glorias Bruder mit Leckereien verw\u00f6hnt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Zahnreinigung. Es ist alles wie\nbei uns: das Licht, der Stuhl, die Apparate, die Prozedur, die kleinen\nSchmerzensstiche, die man zwischendurch sp\u00fcrt. Und auch das Gef\u00fchl der\nErleichterung ist dasselbe, wenn die Prozedur zu Ende ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich leiste mir zur Feier des Tages \u2013 schlie\u00dflich\nist heute der 1. Februar \u2013 ein weiteres Taxi und lasse mich und meinen Koffer\nzur Nevada Loft bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kaufe ich an einem winzigen Pizza-Stand\neine Pizza. Das Spanisch des Verk\u00e4ufers kommt mir nicht ganz koscher vor. Er\nist Italiener. Sobald er h\u00f6rt, dass ich Deutscher bin, wechselt er aufs\nDeutsche. Er spricht flie\u00dfend, fast ohne Akzent, muss aber nach Worten ringen.\nEr hat jahrelang in der Schweiz gelebt und hat dort auch noch Kinder und Enkel\nvon seiner ersten Frau, einer Italienerin. Jetzt lebt er schon zw\u00f6lf Jahre hier\nin Medell\u00edn. Als Jugendlicher hat er zwei Jahre in Frankfurt gearbeitet, und\nhier in Medell\u00edn hat er einen deutschen Freund, aus Mannheim. Am Ende geht es\nmit den Sprachen ziemlich durcheinander, und wir sprechen ein Kauderwelsch aus\ndrei Sprachen und verstehen uns dabei pr\u00e4chtig. <\/p>\n\n\n\n<p>2. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Tante-Emma-Laden mache ich die Erfahrung,\ndass man in Kolumbien Klopapierrollen auch einzeln kaufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In der B\u00e4ckerei lasse ich mir einen Geldschein\nandrehen, den ich nachher nicht mehr loswerde: Da m\u00fcssen Sie zur Bank gehen,\ndie wechseln Ihnen den. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Laden, bei dem man den Einkauf\nauf der Stra\u00dfe stehend erledigt, antwortet mir der Verk\u00e4ufer in auff\u00e4llig gutem\nEnglisch. Er fragt, woher ich komme, und als ich meine Standardantwort an den\nMann bringe \u2013 \u201eAbroad\u201c \u2013 die sonst immer f\u00fcr Verwirrung sorgt, lacht er laut.\n\u201eGood answer.\u201c Ich lasse ihn raten, woher ich komme. \u00dcber England geht es nach\nAustralien und dann nach Holland und die Schweiz. Auf Deutschland kommt er\nnicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Gesch\u00e4ft vorbei, das <em>La Media Naranja<\/em> hei\u00dft und eine halbe\nApfelsine im Emblem tr\u00e4gt und an einer Agentur, die Feiern ausrichtet, darunter\n<em>15 a\u00f1os<\/em>, das unglaublich aufw\u00e4ndige\nFest, das jede lateinamerikanische Mutter f\u00fcr ihre Tochter ausrichtet, wenn die\n15 wird, ein klassischer Initiationsritus. Aus dem M\u00e4dchen wird eine Frau. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz eng auf dem knappen Platz auf einem\nB\u00fcrgersteig stehen zwei Frauen, bekittelt, mit T\u00f6pfen vor sich. Ich frage\nneugierig nach, was das denn sei: <em>mazamorra<\/em>.\nSie erkl\u00e4ren, sie seien nur einmal pro Woche hier, immer am Donnerstag, und\nsind hoch erfreut, als ich ein Photo von ihnen machen will. Wie so oft bei\nBegriffen aus der K\u00fcche kann <em>mazamorra<\/em>\nalles M\u00f6gliche bedeuten, in diesem Fall scheint es ein gut gekochter Getreidebrei\nzu sein. Schmeckt nach nichts. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Ecke zum Park werden gerade frische <em>bu\u00f1uelos<\/em> gemacht, wie in Guatap\u00e9, in\nunterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen, und in einem Laden in der N\u00e4he gibt es <em>tamal<\/em>, die in Bananenschalen\neingewickelten Gerichte, die man hier fertig kaufen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Gloria hat Gymnastik am Morgen und muss dann\nBesorgungen machen \u2013 <em>diligencias<\/em> \u2013\naber ich soll zum Mittagessen kommen. Mama kocht <em>bandeja<\/em> <em>paisa<\/em>, und es ist\ngenug \u00fcbrig. In einem Supermarkt kaufe ich Wein als Mitbringsel. Am Ausgang\nsteht ein Wachmann. Der bittet mich, die Quittung des Einkaufs vorzuzeigen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Supermarkt auf dem Weg ins\nZentrum achte ich zum ersten Mal, durch eine Frage aus der Heimat angeregt, auf\ndie Einkaufswagen. Die sind kleiner als bei uns und haben keinen M\u00fcnzschlitz.\nMan benutzt sie einfach so, wenn man will, aber die meisten machen keinen\nGebrauch davon. Man k\u00f6nnte auch gar nicht mit ihnen nach au\u00dfen entkommen,\nselbst wenn man wollte, denn alles ist im Blickwinkel des Kassierers. Und hier\nf\u00e4hrt keiner mit dem Auto vor dem Supermarkt vor. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Schlange vor dem Geldautomaten komme ich\nmit zwei Frauen ins Gespr\u00e4ch, Schwestern, von denen die eine hier, die andere\nin Kanada lebt. Sie erz\u00e4hlt, wie bequem sie mit einer Airline jetzt hierher\nkomme, nur mit einem kurzen Zwischenaufenthalt in Panama. Morgens um 9 in\nMontreal weg, nachmittags um 5 in Medell\u00edn. Nicht schlecht. Wir unterhalten uns\n\u00fcber das Reisen und \u00fcber Kolumbien, und sie beginnen, ein Loblied auf Kolumbien\nzu singen. Bevor das ausgreift, sind sie aber an der Reihe. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Geldautomaten f\u00e4llt mir zum ersten Mal auf,\ndass man geduzt wird, wenn der Automat schreibt, aber gesiezt wird, wenn der\nAutomat spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Gloria zu Hause ist alles wie gehabt. Vater\nschl\u00e4ft im Schaukelstuhl vor dem Fernseher, Mutter steht in der K\u00fcche. Wir\nbeide essen alleine, es schmeckt spitzenm\u00e4\u00dfig. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir noch zum <em>Parque<\/em> und trinken einen Kaffee und essen anschlie\u00dfend noch ein\nEis. Eins ist klar: Kolumbien entl\u00e4sst mich mit Sommertemperaturen und\nSonnenschein. <\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend machen wir noch ein Photo von <em>Golosa<\/em>, dem Kinderspiel, bei dem man in\nK\u00e4stchen h\u00fcpft oder diese \u00fcberspringt. Hier sind die K\u00e4stchen fest in den B\u00f6den\neingelassen, fr\u00fcher malte man sie mit Kreide auf das Pflaster. Inzwischen habe\nich gelernt, dass das Spiel auf Englisch <em>hopscotch<\/em>\nhei\u00dft und wir es als Kinder <em>Hinkeln<\/em>\ngenannt haben, obwohl nicht ganz klar ist, ob es sich um ein und dasselbe Spiel\nhandelt. Bei uns gibt es offensichtlich auch die Variante <em>Himmel und H\u00f6lle<\/em> (wie ein Photo aus der Heimat belegt), vielleicht\nn\u00e4her am <em>hopscotch<\/em> dran. Wie dem auch\nsei, es gibt unendlich viele Varianten des Spiels und noch mehr Namen. Und das\nSpiel hat eine uralte Tradition: In England ist es schon im 17. Jahrhundert\ndokumentiert, aber auch bei den alten R\u00f6mern und den alten Persern wurde es\nschon gespielt! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Januar (Mittwoch) Die erste Kolumbien-Reise war eine St\u00e4dtereise: Bogot\u00e1 \u2013 Medell\u00edn \u2013 Cartagena. 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