{"id":11463,"date":"2023-02-06T14:03:36","date_gmt":"2023-02-06T13:03:36","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11463"},"modified":"2023-03-21T11:53:48","modified_gmt":"2023-03-21T10:53:48","slug":"mexiko-2023","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11463","title":{"rendered":"Mexiko (2023)"},"content":{"rendered":"\n<p>3. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der sp\u00e4ten Ankunftszeit hat Mar\u00eda es sich\nnicht nehmen lassen, mich am Flughafen abzuholen. Daf\u00fcr werde ich sp\u00e4ter noch\ndankbar sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Alles geht gut, bis ich an die Passkontrolle\nkomme. Wir sind nur ein paar Dutzend Reisende zu dieser sp\u00e4ten Zeit, aber die\nSchlange bewegt sich einfach nicht weiter. Es werden alle m\u00f6glichen Dokumente\nhervorgezogen und gepr\u00fcft, und zwischendurch ist der Beamte so tief in sich\nversunken, dass ich das Gef\u00fchl habe, er w\u00e4re eingeschlafen. Dann aber blickt er\nwieder auf und verl\u00e4sst seinen Posten. Er kommt mit provozierend langsamen\nSchritten zur\u00fcck und f\u00e4hrt mit der Pr\u00fcfung fort. <\/p>\n\n\n\n<p>An den anderen Schaltern ist es nicht anders,\ntrotzdem hat sich eine Schlange weiterbewegt, aber die Beamtin, die einen\neinweist, hat dort inzwischen sp\u00e4ter Ankommende geparkt. Irgendwann dirigiert\nsie uns an einem anderen Schalter. Wieder dasselbe Bild. Zwischendurch schimpft\ndie Frau mit mir, weil ich mein Handy hervorgeholt habe, um gewappnet zu sein,\nfalls ich nach Weiterreise oder Unterbringung gefragt werde. Handybenutzung sei\nverboten hier, sagt sie streng. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann endlich dran bin, geht alles ganz\nschnell. Jetzt geht die Suche nach dem Koffer los. Transportband 11. Ich gehe\ndie ganze leere Halle runter, aber bei 10 ist Schluss. Ich muss nach oben. Dort\nist 11 am Ende der Halle. Hier stehen noch ein paar verwaiste Koffer, nur\nmeiner nicht. Ein Aufseher brummt etwas widerwillig, ich solle hinter dem Band\ngucken. Dort ist er. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es auf langen Wegen Richtung Ausgang\nund zur Zollkontrolle. Da muss man Koffer und Rucksack durchleuchten lassen.\nUnd dann ist endlich der Ausgang erreicht. Ich habe darauf gedr\u00e4ngt, einen eindeutigen\nTreffpunkt auszumachen. Kein Problem, sagt Mar\u00eda, sie hat ihre Schwester\nkonsultiert, die hat gesagt, es gebe nur einen Ausgang. Zur Sicherheit: Ich\nsolle zu <em>Garabatos<\/em> kommen, vermutlich\nein Gesch\u00e4ft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme aus dem Ausgang, keine Mar\u00eda, kein <em>Garabatos<\/em>. Was tun? Ein freundlicher\nMann, der auf einen Passagier wartet, fragt mich, was ich denn suche. Er sagt\nmir, ich solle nach oben gehen. Dort sagt mir eine Polizistin, ich solle nach\nunten gehen. Hier oben sei nur Abflug. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, mich im Internet des Flughafens\nanzumelden. Das klappt. Wo bist Du denn? Keiner von uns wei\u00df, wo der andere\nist. Der Mann von vorher \u00fcbernimmt und spricht mit Mar\u00eda und erkl\u00e4rt ihr, wohin\nsie gehen soll. Dann taucht sie in der Ferne auf. Es gibt wohl doch zwei Ausg\u00e4nge.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Seit meiner Ankunft sind zwei Stunden vergangen.\nMar\u00eda hatte schon das Gef\u00fchl, dass ich nicht gekommen sei. Ihr Taxi, das\neigentlich warten sollte, hat sie weggeschickt. Insgesamt wartet sie schon vier\nStunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss ich noch schnell Geld wechseln. Die\nWechselstube hat noch auf, und es geht schnell und unb\u00fcrokratisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir buchen ein Taxi nach dem altbew\u00e4hrten System,\ndas mir noch von der letzten Reise in Erinnerung ist. Man kauft am Flughafen\nein offizielles Ticket. Damit bezahlt man den Fahrer. Betr\u00fcger oder nicht\nlizensierte Taxifahrer k\u00f6nnen damit nichts anfangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind leer, wir w\u00fcrden jetzt 20 Minuten\nbrauchen, wo man tags\u00fcber eine ganze Stunde brauche, sagt der Fahrer. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda will wissen, ob ich Hunger h\u00e4tte. Ja, aber\nlieber erst zum Hotel. Man kann nie wissen. Wir haben Namen und Adresse, kann\neigentlich nicht schief gehen. Das Hotel hei\u00dft <em>Templo Mayor. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein abgelegenes, dunkles Viertel,\ndas nicht gerade vertrauensw\u00fcrdig aussieht. Wir sind auf der richtigen Stra\u00dfe, <em>Carmen<\/em>. Wir m\u00fcssen zu 26, hier ist die 28,\naber es ist kein Hotel zu sehen. Wir versuchen es mit Google. Der sagt uns, wir\nseien am Ziel. Muss wohl falsch sein. Also fahren wir wieder die Stra\u00dfe runter,\ndann wieder rauf, kein Erfolg, auch die Polizistinnen vor einem offiziellen\nGeb\u00e4ude wissen nicht Bescheid, und ein paar n\u00e4chtliche Trinker auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda sagt, der Taxifahrer solle uns rauslassen.\nWir w\u00fcrden es jetzt zu Fu\u00df versuchen. Davon will er nichts wissen. Das sei zu\ngef\u00e4hrlich. Er werde nicht ruhen, bis er uns an das Hotel gebracht habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann wei\u00df jemand Bescheid. Wir sind an dem Hotel\nschon ein paar Mal vorbeigefahren, aber der Eingang ist nicht auf dieser\nStra\u00dfe, sondern auf der Stichstra\u00dfe, <em>San\nIldefonso<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Hunger spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich bin\nfroh, angekommen zu sein. Und Mar\u00eda besteigt ihr drittes Taxi heute, nachdem\nsie mich an der Rezeption abgesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel ist sch\u00f6n, mit einem Umlauf um die Halle\nauf den beiden oberen Etagen, und das Zimmer hat ein wunderbares Bad, mit\nsch\u00f6nen bemalten Kacheln. Aber es ist kalt. Eine Heizung gibt es nicht. Wohl\naber warme Decken. <\/p>\n\n\n\n<p>4. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Hotelzimmer aus sieht man hinunter auf eine\nriesige Statue. Ob die schon zu einem der Museen geh\u00f6rt?<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald h\u00f6rt man von der Stra\u00dfe die Stimmen der\nVerk\u00e4ufer. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda will mich zum Fr\u00fchst\u00fcck abholen, steckt aber\nim Verkehr fest und steigt jetzt von Taxi auf Metro um.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe runter und sehe mich schon mal um. Die\nriesige Statue, einen Mann darstellend, steht nicht in einem Museum, sondern\nauf der Stra\u00dfe, gleich vor dem Hotel, unter B\u00e4umen. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben eine innerst\u00e4dtische Notrufs\u00e4ule. Dort\nkann man sich melden, wenn man in Not ger\u00e4t. Gute Idee, aber man fragt sich,\nwie das in der Praxis ablaufen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>In unmittelbarer N\u00e4he des Hotels befinden sich\nzwei Museen. In dem langgestreckten, roten Backsteinbau in unserer Stra\u00dfe das <em>Museo de la Luz<\/em>, im ehemaligen\nJesuitenkolleg untergebracht. An der Kreuzung direkt gegen\u00fcber dem Hotel das <em>Museo<\/em> <em>de la Constituci\u00f3n<\/em>, in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Deren\nTurm ist ein gutes Erkennungszeichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist richtig was los, viel Verkehr, viele\nMenschen, alle kreuz und quer laufend, kleine L\u00e4den und richtige und\nimprovisierte Verkaufsst\u00e4nde. Zwei junger M\u00e4nner, die Kleidung verkaufen,\nmachen sich Konkurrenz, laut um Kunden werbend, der eine auf dieser, der andere\nauf der anderen Seite der Kreuzung. Obwohl sie ihren Lockruf immer wieder\nwiederholen, verstehe ich nicht, was sie sagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Um den knurrenden Magen zu beruhigen, kaufe ich an\neinem Kiosk eine T\u00fcte S\u00fc\u00dfigkeiten. Rosinen mit Schokoladen\u00fcberzug. Schmeckt gar\nnicht schlecht. Da der Verk\u00e4ufer kein Wechselgeld hat, lasse ich ihn in meinem\nPortemonnaie nach M\u00fcnzen suchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Mar\u00eda. Wir gehen \u00fcber unsere Stra\u00dfe,\ndie autofrei ist und schnurstracks verl\u00e4uft,&nbsp;\nam Jesuitenkolleg entlang. Das hat eine unendlich lange Front. Ganz\nhinten ist noch mal ein Portal, obwohl das Hauptportal ganz vorne ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir \u00fcber eine lebendige Stra\u00dfe ins\nhistorische Zentrum, und pl\u00f6tzlich stehen wir vor dem <em>Templo Mayor<\/em>, und die Erinnerungen kommen wieder. Der <em>Templo Mayor<\/em>, auch Namensgeber des\nHotels, ist die gro\u00dfe Ausgrabungsst\u00e4tte einer aztekischen Anlage. Ob es\nwirklich ein Tempel ist, ist umstritten, vielleicht hatte es im Laufe der Zeit\nauch unterschiedliche Funktionen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der <em>Z\u00f3calo<\/em>,\ndas Zentrum Mexikos, der riesige quadratische, leere Platz mit der Kathedrale\nan einer Seite und einem Regierungsgeb\u00e4ude auf einer anderen Seite. In der\nMitte h\u00e4ngt schlaff an einem Fahnenmast die \u00fcberdimensionale mexikanische\nFlagge. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Z\u00f3calo<\/em>\nhei\u00dft \u201aSockel\u2018, aber weit und breit ist kein Sockel zu sehen. Und das f\u00fchrt zu\nder wunderbaren Geschichte dieses Wortes. Urspr\u00fcnglich sollte hier eine Statue\nentstehen, irgendwas mit der mexikanischen Unabh\u00e4ngigkeit, die wurde aber nie\nvollendet. Nur der Sockel wurde errichtet. Als sich erwies, dass die Statue\ndoch nicht errichtet werden w\u00fcrde, trug man den Sockel ab. Inzwischen sprachen\ndie Leute aber schon vom <em>Z\u00f3calo<\/em>, und\nmeinten damit nicht nur den Sockel, sondern den Platz selbst. Auch als der\nSockel nicht mehr da war, hielt sich der Name. Und dann folgten andere\nmexikanische St\u00e4dte dem Beispiel und nannten ihre <em>Plaza Mayor<\/em> auch <em>Z\u00f3calo<\/em>,\nganz unabh\u00e4ngig von Statue oder Sockel!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des <em>Z\u00f3calo<\/em>,\nder wegen einer Veranstaltung gesperrt ist, treten ganz in Federkost\u00fcme\ngeh\u00fcllte M\u00e4nner auf, die wild h\u00fcpfend zu rhythmischer Musik tanzen. <\/p>\n\n\n\n<p>An mehreren Stellen werden auf Kohle irgendwelche\nKr\u00e4uter verbrannt. Mit dem Dampf oder vielmehr Qual werden Menschen\n\u201eeingerieben\u201c, um b\u00f6se Geister auszutreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>An jeder zweiten Ecke stehen Leierkastenspieler,\nM\u00e4nner wie Frauen, die alle gleich schlecht spielen, unrhythmisch und schrill.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am <em>Z\u00f3calo<\/em>\nbefindet sich auch eine Touristeninformation. Nur ein Kiosk, aber sie haben\ngenau das, was ich suche, eine Karte des historischen Zentrums mit der\nBezeichnung der Sehensw\u00fcrdigkeiten. Und das M\u00e4dchen hinter der Scheibe ist sehr\nnett. Mar\u00eda fragt auch noch nach \u00e4hnlichen Karten f\u00fcr Coyoac\u00e1n (wo ich wohnen\nsoll, hier sei es zu gef\u00e4hrlich) und von Chapultepec (was wir besichtigen\nsollen). Die bekommen wir auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe werde ich mal mit <em>caballero<\/em>, \u201amein Herr\u2018, mal mit <em>g\u00fcero<\/em> angeredet, \u201aBlonder\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die <em>Madero<\/em>, eine gesch\u00e4ftige, kerzengerade Stra\u00dfe im Fu\u00dfg\u00e4ngerzentrum.\nDort finden wir eine Bank mit Bankautomaten. Eine lange Schlange davor, aber es\ngeht schnell, es gibt bestimmt ein Dutzend Automaten, und ein Aufpasser weist\neinem den Platz zu, je nachdem, welchen Service man will. <\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Z\u00f3calo<\/em>\nund die <em>Madero<\/em> sind, wie Schilder\nanzeigen, komplett raucherfrei. Tats\u00e4chlich sehe ich w\u00e4hrend der ganzen Zeit\nkeinen Raucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehen wir in ein Warenhaus. Oben, in\nder obersten Etage, ist ein etwas auf edel gemachtes Restaurant. Mar\u00eda will nur\neine Kleinigkeit, ich bestelle ein vollst\u00e4ndiges Fr\u00fchst\u00fcck mit R\u00f6sti,\nSpiegelei, Br\u00f6tchen, Kaffee und Papaya. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehen wir am Rande des <em>Z\u00f3calo<\/em> die B\u00fcste von Cuauht\u00e9moc, dem\nAztekenf\u00fchrer, der in Mexiko einen besseren Ruf hat als Moctezuma. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann die gro\u00dfe Skulptur des Adlers mit der\nSchlange im Maul, dem Emblem Mexikos schlechthin, ein Verweis auf den\nGr\u00fcndungsmythos.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine mehrgeschossige Buchhandlung hat ganz oben\nauf der mit Kakteen bestandenen Terrasse ein Caf\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen \u00e4lteren H\u00e4usern im Zentrum steht <em>M\u00e1ximo Peligro<\/em>. Das sind H\u00e4user, die\ndurch&nbsp; Erdbeben besch\u00e4digt wurden und\njetzt nicht mehr bewohnbar sind. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es nicht nur Mototaxis, sondern auch\nBicitaxis, mit Muskelkraft betrieben. Mar\u00eda meint, ich sei zu schwer daf\u00fcr,\naber ich sehe, wie auf einem gleich drei Personen transportiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen am <em>Museo\nde San Ildefonso<\/em> vorbei. Wir verabreden uns f\u00fcr morgen davor. Hier gibt es <em>murales<\/em> zu sehen, die Wandmalereien, f\u00fcr\ndie Mexiko bekannt ist. Sie stehen bei Mar\u00eda auf der Hitliste ganz oben, neben\nsurrealistischer Kunst. Ihre helle Stimme \u00fcberschl\u00e4gt sich, wenn sie in\nBegeisterung verf\u00e4llt, und das tut sie bei Surrealismus immer. Und wenn sie\ngegen den amtierenden Pr\u00e4sidenten polemisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt mir noch zwei gute, klassische Lokale\nund verabschiedet sich dann, damit ich ein bisschen ausruhen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gehe ich noch mal raus. Ich gerate\nin ein Viertel, wo wahnsinnig was los ist. Man muss aufpassen, dass man in dem\nGewusel nicht den \u00dcberblick verliert. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es Gesch\u00e4fte, in denen es alles gibt.\nNur nicht das, was ich suche. Aber im Laufe der Zeit bekomme ich dann doch\nalles, Obst und Wasser und Kekse und Bier und einen Becher. Absicherung gegen\ndas Verhungern. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Moment kaufe ich eine Art Stange, die in\n\u00d6l gebraten wird, wie ein Spie\u00df, aber ohne Fleisch. Drinnen verbergen sich kleine\nSt\u00fccke von Schinken und K\u00e4se. Die sind mit einem Teig \u00fcberzogen. Diese Stangen\nhei\u00dfen, wie ich erfahre, <em>banderillas<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Stra\u00dfe verkehren auch die Metrobusse.\nErst glaube ich, sie h\u00e4tten eine eigene Spur, so viele von ihnen stehen hier\nhintereinander. Aber dann tauchen auch Privatautos und Motorr\u00e4der auf. Bei den\nMetrobussen wechseln sich hochmoderne, rote, gro\u00dfe Fahrzeuge ab mit den kleinen\nalten, knarrenden, die ich noch von fr\u00fcher kenne. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Gitter der Kathedrale steht ein Mann und\nmacht ein Photo. Ich bin neugierig geworden. Als er weg ist, gucke ich nach,\nwas es da zu sehen gibt. Auf einer Parkbank liegt ein in Decken geh\u00fcllter Mann.\nMan sieht nur die Formen, nicht den K\u00f6rper. Nur unten gucken die F\u00fc\u00dfe hervor.\nDie Skulptur hei\u00dft <em>Jes\u00fas sin Hogar<\/em>\nund spielt auf die Obdachlosen an. Daneben eine Tafel mit einem Text aus dem\nMatth\u00e4us-Evangelium. Der endet mit den Worten: \u201eWas ihr dem geringsten meiner\nBr\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan.\u201c&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, dass das eine Portal des\nJesuitenkollegs ge\u00f6ffnet ist. Ich gehe rein, um mir den Innenhof anzusehen,\naber hier muss man Eintritt bezahlen. Was ist das denn f\u00fcr ein Museum? Das <em>Museo de San Ildefonso<\/em>. Dasselbe, vor\ndem wir vorher standen, nur vom Hintereingang aus. Nur ein paar Schritte vom\nHotel entfernt. Und was ist mit dem <em>Museo\nde la Luz<\/em>? Das sei geschlossen, erfahre ich, schon seit drei Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Tussi an der Rezeption behauptet, bei der\nStatue vor dem Hotel handele es sich um San Ildefonso. Das ist bl\u00fchender\nUnsinn. San Ildefonso ist ein Heiliger aus dem fr\u00fchen Mittelalter, hier haben\nwir einen modernen Mann mit moderner Kleidung und mit einem Buch in der Hand.\nAlles unbekannt zu San Ildefonsos Zeiten. Und auf dem Sockel steht ein Zitat,\ndas etwas mit Lateinamerika zu tun hat. San Ildefonso hatte keine Ahnung, dass\nes Amerika gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Internet finde ich heraus, dass die Statue einen\ngewissen Jos\u00e9 Vasconcelos darstellt, einen Intellektuellen und Politiker, der\nals Minister eine gro\u00dfe Bildungs- und Kulturwelle lostrat. Er wird auch mit den\n<em>murales<\/em> in Verbindung gebracht und\nmit dem Konzept der <em>kosmische Rasse<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>5. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es viel ruhiger ist als gestern, sind schon\nviele Leute unterwegs, als ich mich auf den Weg mache. In der Sonne ist es\nrichtig sch\u00f6n warm. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich ins <em>Caf\u00e9 El Popular<\/em>, ein Tipp von Mar\u00eda. Davor stehen die Kunden schon\nSchlange, aber ich komme bald dran, weil ich mich drau\u00dfen hinsetze. Es gibt <em>Tamal oaxaque\u00f1o<\/em>, ein in Bananenschale\neingewickeltes Gericht mit H\u00e4hnchenfleisch und einer Maismasse. Es ist benannt\nnach Oaxaca, der sch\u00f6nen Stadt, die bei meiner letzten Reise Teil des Reiseprogramms\nwar. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda holt mich ab und wir gehen zusammen zum <em>Museo de Ildefonso<\/em>. An der Fassade kann\nman lesen, dass sich hier das Seminar von San Ildefonso befand, und dass dieses\nGeb\u00e4ude seit 1749 hier steht. Es war das Jesuitenkolleg. Was nach der Ausweisung\nder Jesuiten geschah, wei\u00df man nicht so genau, aber sp\u00e4ter wurde es dann zu\neiner Art staatlichen Kunstakademie. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Fassade lauter Schussl\u00f6cher, eins neben dem\nanderen. Sie stammen aus der Zeit der Studentenrevolte von 1968. Die verlief in\nMexiko viel gewaltt\u00e4tiger als bei uns. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude hat drei Innenh\u00f6fe, in schlichtem\nBarockstil, mit Halbkreisb\u00f6gen in allen drei Stockwerken. Das gibt sch\u00f6ne\nAnsichten, von oben, von unten und die G\u00e4nge entlang. Die Sonne tut ihr\n\u00dcbriges. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Geb\u00e4ude herrscht Maskenpflicht, und am Anfang\nhabe ich tats\u00e4chlich Schwierigkeiten, den F\u00fchrer zu verstehen. Ob es an der\nMaske liegt? Es ist allerdings auch nicht hilfreich, dass er sich manchmal von\nuns weg bewegt, w\u00e4hrend er weiter spricht. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda ist ganz Feuer und Flamme. Die <em>murales<\/em> h\u00e4tten ihren Ursprung in Mexiko\nund seien ein gro\u00dfer Beitrag zur Weltkultur. Tats\u00e4chlich stehen sie, allerdings\nwohl im Verband mit der ganzen historischen Altstadt, auf der UNESCO-Liste der\nWeltkulturg\u00fcter. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung taucht gleich zu Beginn der\nF\u00fchrung der Name <em>Vasconcelos<\/em> auf. Er\nwar Rektor der Universit\u00e4t und wohl auch der Vorsitzende der Kunstakademie. Er\nwar derjenige, der verschiedene moderne K\u00fcnstler einlud, das Geb\u00e4ude mit\nWandmalereien auszustatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn sehen wir das einzige Wandgem\u00e4lde hier,\ndas von Diego Rivera stammt, an der Front eines Saals, der heute Konzertsaal\nist. Das Gem\u00e4lde stellt eine Entstehung der Welt dar, in einer Mischung aus\nweltlichen und religi\u00f6sen Motiven. In der Mitte taucht der Mensch aus der Natur\nauf, zu den Seiten Adam und Eva und die vier Tugenden und alle m\u00f6glichen\nallegorischen Figuren, die Tradition, die Trag\u00f6die, die Poesie, alle als Frauen\ndargestellt. Rivera malte unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit. Es hei\u00dft, dass\nFrida Kahlo, die hier als Kunststudentin eingeschrieben war, als eine der\nersten Frauen (sie machte allerdings nie ihr Examen) sich eines Tages heimlich\nin den Saal schlich, um Rivera zu beobachten. Jedenfalls begegneten sie sich\nhier zum ersten Mal. Der Beginn einer lebenslangen, intensiven, konfliktreichen\nBeziehung. \u00b4<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Erkl\u00e4rungen zur Maltechnik, die ich nicht\nauf Anhieb verstehe. Sie hei\u00dft <em>Enkaustik<\/em>.\nDabei wird Farbe hei\u00df auf einen Untergrund von Wachs aufgetragen. Das ist alles\nandere als neu, schon seit der Antike bekannt und viel \u00e4lter als die \u00d6lmalerei.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Malereien in den G\u00e4ngen der Innenh\u00f6fe\nstammen von einem gewissen Orozco. Es sind sozialkritische Darstellungen, die\nGesichter der Dargestellten sind oft karikaturesk verzerrt. Auf einem Bild\nsieht man oben die Reichen bei einem Bankett. Grinsend sehen sie auf die Armen\nund Mittellosen und Klassenk\u00e4mpfer unter ihnen herab und zeigen auf sie. Die\nzerfleischen sich gegenseitig. Die Reichen handeln nach der Devise <em>Divide et impera<\/em>. Sie provozieren Streit\nund Uneinigkeit unter den anderen und genie\u00dfen ihre Privilegien.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter einem Treppenaufgang sieht man das Portr\u00e4t\nvon Cort\u00e9s und Malinche, seiner indianischen Geliebten. Sie sind beide nackt\ndargestellt, er mit wei\u00dfer Haut, sie mit brauner Haut. Die Nacktheit hebt die\nEssenz der menschlichen Natur hervor, und die unterschiedlichen Rassen betonen,\nso der F\u00fchrer, dass die Mexikaner sich aus zwei verschiedenen Quellen sch\u00f6pfen,\ndass sie alle Mestizen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf zwei Bildern erscheinen M\u00e4nner, deren\nGesichter man nicht sieht. Sie wenden sich vom Betrachter ab oder fallen nach\nunten, wie ein Soldat, der im Sch\u00fctzengraben f\u00e4llt. Neben ihm zwei weitere\nSoldaten, ein Toter und einer, der (noch) lebt. Diese Szene spielt auf die\nRevolutionskriege an, l\u00e4ngst nach der Unabh\u00e4ngigkeit, als Mexiko, l\u00e4ngst von\nden Spaniern befreit, in einen B\u00fcrgerkrieg versank. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben kommen zwei M\u00e4nner, nur in ganz groben\nZ\u00fcgen dargestellt, auf den Betrachter zu, drehen sich aber nach der in Flammen\nstehenden Stadt um, aus der sie fliehen. Das Bild hei\u00dft \u201eAbkehr vom alten\nMexiko\u201c und ist das Gem\u00e4lde, was mir wegen seiner Symbolik am besten gef\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch eine Ausstellung zu der\nHundertjahrfeier der \u201eGeburt\u201c der Wandmalerei, genau in diesem Jahr, aber die\nInformationen wollen angesichts der vielen Namen nicht mehr in meinen Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns auf eine Mauer mit dem R\u00fccken zur\nw\u00e4rmenden Sonne. Was ist denn eigentlich das Charakteristikum von Wandmalerei,\nfrage ich, au\u00dfer dass sie auf einer Wand gemalt wird? Und hat es das nicht\nschon immer gegeben? In der byzantinischen Zeit, in Pompei, von den\nFelsmalereien ganz zu schweigen? Ja, das findet sie auch. Mit <em>murales<\/em> im engeren Sinne sind wohl die\ngro\u00dffl\u00e4chigen, modernen, politisch oder historisch ausgerichteten Wandmalereien\ngemeint, und die sind in der Tat etwas authentisch Mexikanisches.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder spricht sie von \u201eden Spaniern\u201c und\nvon \u201euns\u201c und dem mexikanischen (oder lateinamerikanischen) Trauma der\nKolonialzeit. Aber: Ist sie selbst nicht Abk\u00f6mmling der Spanier? Wie ein Indio\nsieht sie nicht gerade aus mir ihrer wei\u00dfen Haut und den Sommersprossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung gehen wir in das Lokal auf dem\nDach der Buchhandlung. Man sitzt sozusagen \u00fcber den D\u00e4chern von Mexiko, im\nFreien, aber \u00fcberdacht. Es ist sonnig und warm, und hier oben zieht ein\nerfrischendes L\u00fcftchen durch. Man sieht auf eine Kuppel und auf den Platz unten\nmit mehreren repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden. Ganz um die Terrasse herum hat man\nKakteen verschiedener Art gepflanzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda bestellt <em>sopes<\/em>,\nkleine Maistortillas mit verschiedenen Bel\u00e4gen. ich bekomme <em>burritos<\/em>, gef\u00fcllte Weizentortillas,\nentfernt verwandt mit D\u00f6ner oder Calzone, jedenfalls in der Darbietungsform. Ich\nbin \u00fcberrascht, wie mild das alles ist, keine Spur von dem mexikanischen Essen,\ndas ich kenne, wo man sich schon beim Fr\u00fchst\u00fcck Luft vor den Mund f\u00e4chelt, so\nscharf ist das Essen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben geht es eher international zu. Viele der\nG\u00e4ste sind Ausl\u00e4nder, und auf der Speisekarte stehen auch Cr\u00eapes und Waffeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda gebraucht mehrmals das Wort <em>chavo<\/em>, zum Beispiel, wenn sie von dem\nF\u00fchrer im Museum erz\u00e4hlt. Hei\u00dft so was wie <em>Typ<\/em>,\n<em>Kerl<\/em>. Ich w\u00fcrde <em>t\u00edo<\/em> sagen, was hier keiner gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir runterfahren, sind wir uns nicht einig, ob\nwir im Aufzug <em>1<\/em> oder <em>PB<\/em> dr\u00fccken m\u00fcssen. <em>PB<\/em> ist richtig. Hier steht <em>1<\/em>\nalso f\u00fcr das erste Obergeschoss, anders als in Kolumbien oder Brasilien. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten entdeckt Mar\u00eda am Ausgang ein\nFrauenportrait, das aus B\u00fccherr\u00fccken gemacht ist. Das Portr\u00e4t stellt Sor Juana\nde la Cruz dar, die mexikanische Lyrikerin, eine ungew\u00f6hnliche Frau, eine\nNonne, die sich nicht scheute, die Konventionen ihrer Zeit au\u00dfer Acht zu\nlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir noch zur <em>Plaza Santo Domingo<\/em>. Erinnerungen an meinen fr\u00fcheren Mexikobesuch.\nAn der Querseite die Kirche, mit einem f\u00fcr eine Dominikanerkirche ungew\u00f6hnlichen,\ngro\u00dfen, mehrst\u00f6ckigen Turm (f\u00fcr sein Pendant auf der anderen Seite blieb wohl\nkein Geld) und dem sch\u00f6nen <em>Palacio de la\nMedicina<\/em>, fr\u00fcher dem Sitz der Inquisition, an der L\u00e4ngsseite. &nbsp;In der Platzmitte die sitzende Statue von Josefa\nOrtiz de Dom\u00ednguez, in Mexiko nur bekannt als <em>La Corregidora<\/em>, einer der Schl\u00fcsselfiguren in der mexikanischen\nRevolution. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Charakteristikum des Platzes sind die Arkaden\nan der anderen L\u00e4ngsseite. Die sind allerdings heute richtig schmuddelig. Hier\nsa\u00dfen fr\u00fcher die ber\u00fchmten Schreiber, M\u00e4nner, die, \u00fcber ihre Schreibmaschinen\ngebeugt, f\u00fcr Menschen, die nicht schreiben konnten oder keine besondere Gabe\nf\u00fcrs Formulieren hatte, Texte verfassten, Beschwerdebriefe, Gelegenheitsgedichte,\nBewerbungsschreiben, Liebesbriefe. Die Schreiber waren bei meinem ersten Besuch\nin Mexiko noch da, inzwischen sind sie eine aussterbende Spezies. Die kleinen\nHolzbuden, vor denen sie sa\u00dfen, hat man aber bewahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir an einem Caf\u00e9 vorbei,\nin dem es angeblich den besten Kaffee von Mexiko gibt. Mar\u00eda findet das auch.\nAlso gehen wir rein. Sie bekommt einen Cappuccino, ich bekomme einen\nMilchkaffee, bei dem der Kaffee im Glas serviert wird und dann die hei\u00dfe Milch\nin einem hohen Bogen von oben ins Glas gegossen wird, wie bei der Cidra in\nAsturien. Dazu gibt es <em>elote<\/em>, einen\nKuchen, einen feuchten Kuchen aus Maismehl. In Mexiko gibt es alles aus Mais. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda bringt mich noch zum Hotel und wir\nverabreden uns f\u00fcr morgen f\u00fcr den <em>Mercado\nde<\/em> <em>San Juan<\/em>, wo es exotische\nSpeisen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>6. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich packe meine Siebensachen und ziehe den Koffer\ndurch die menschenleeren Stra\u00dfen zur neuen Unterkunft. Geht alles glatt, kann\nsogar schon das Zimmer beziehen. Hier muss man allerdings den Koffer in die 3.\nEtage hochtragen. Macht nichts, die Lage ist super, mitten im historischen\nZentrum. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Stadtf\u00fchrung komme ich an einem\nLokal vorbei, in dem es Fr\u00fchst\u00fcck gibt. Ich bestelle Eier <em>a la mexicana<\/em>, das ist R\u00fchrei mit Tomaten, Zwiebeln und Paprika.\nDazu&nbsp; gibt es die braune Masse, die ich\nschon beinahe vermisst habe, ein Bohnenbrei mit kleinen wei\u00dfen K\u00e4sekr\u00fcmeln\nobendrauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung beginnt am <em>Palacio de Bellas Artes<\/em>, einem enormen Geb\u00e4ude mit einer\ngeschm\u00fcckten Fassade, die man grob dem Jugendstil zurechnen kann. An vier\nSeiten des Platzes vier Statuen auf einem Sockel, einem Mann mit wehender M\u00e4hne\nauf einem davonpreschenden Pferd: Pegasus vermutlich. Komisch: Ich kann keinen\nUnterschied erkennen. Sind sie wirklich alle gleich? <\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung beginnt mit der \u00fcblichen Versp\u00e4tung.\nDer F\u00fchrer spricht deutlich und hat die Sache gut in der Hand. Allzu viele\nhistorische Kenntnisse hat er vermutlich nicht, aber was er zu erz\u00e4hlen hat,\nist immer interessant. Leider sagt er gar nichts zum <em>Palacio de Bellas Artes<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen r\u00fcber zu dem wirklich sch\u00f6nen <em>Palacio<\/em> <em>Postal<\/em>. Sieht f\u00fcr mich italienisch aus, er sagt franz\u00f6sisch, sieht\nf\u00fcr mich nach Renaissance aus, er sagt gotisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich sollten wir reingehen, aber er hat\nvergessen, dass heute Feiertag ist. Der Bau ist geschlossen, aber man kann\ndurch das Gitter in die Eingangshalle sehen. Der <em>Palacio Postal<\/em> ist ein weiterhin als Postamt in Betrieb. Schon\ndeshalb m\u00fcsste man mal da rein. Die Schalter, Treppengel\u00e4nder und Aufz\u00fcge sind\naus Eisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer nutzt die Gelegenheit, um \u00fcber\nPorfirio D\u00edaz zu sprechen, den hei\u00dfgeliebten und tief verhassten Pr\u00e4sidenten\nund Diktator und Erbauer dieses Geb\u00e4udes. Seine Gegner r\u00e4umen ein, dass er\ntechnischen Fortschritt nach Mexiko gebracht hat. Er trieb die Elektrifizierung\ndes Landes voran und erweiterte das Eisenbahnnetz von 5.500 Kilometer zu Beginn\nseiner Amtszeit auf 22.000 zum Ende seiner Amtszeit. Und die Aufz\u00fcge hier waren\ndie ersten in Mexiko \u00fcberhaupt. Soziale Unterschiede wurden aber nicht\nnivelliert, die Landbev\u00f6lkerung lebte weiter wie vorher. <\/p>\n\n\n\n<p>Bevor er Pr\u00e4sident wurde, hatte er schon eine\nbeachtliche milit\u00e4rische Karriere hinter sich. Er war,&nbsp; mit einer Unterbrechung von 4 Jahren,\ninsgesamt 31 Jahre lang Pr\u00e4sident, in 9 Amtszeiten. Auf Photos erscheint er oft\nin Galauniform und sieht ein bisschen wie Kaiser Franz Josef aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Als er merkte, dass der Widerstand gegen ihn\n\u00fcberm\u00e4chtig wurde, ging er nach Frankreich ins Exil, ohne abzudanken. Das war\nder Beginn der Mexikanischen Revolution, in den Worten unseres F\u00fchrers\neigentlich ein B\u00fcrgerkrieg.&nbsp; Der dauerte\nneun Jahre, und am Ende stand eine Verfassung, die vorsah, dass jeder Pr\u00e4sident\nnur eine Amtszeit haben darf, von sechs Jahren. Das gilt bis heute. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nebenan ist der <em>Palacio de Miner\u00eda<\/em>. In dessen Vorhalle sind vier Meteoriten\nausgestellt, von denen drei an ein und demselben Ort heruntergekommen sind.\nDort \u2013 die beiden Mexikanerinnen, die an der F\u00fchrung teilnehmen, wissen das \u2013\ngibt es ungew\u00f6hnliche Naturerscheinungen, die etwas mit der Elektrifizierung\nder Luft zu tun haben, aber ich verstehe nicht genau, worum es sich handelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir drehen uns um und sehen eine Reiterstaue, die\nwie die eines r\u00f6mischen Imperators aussieht. Soll aber Carlos IV sein. Der hat\nvermutlich in seinem Leben \u00fcberhaupt nie auf einem Pferd gesessen. Und er galt\nals ungew\u00f6hnlich h\u00e4sslich, was man von dem Mann auf dem Pferd nicht sagen kann.\nEs ist die erste (oder sogar einzige?) Statue eines spanischen K\u00f6nigs in\nMexiko. Nie hat irgendein spanischer K\u00f6nig amerikanischen Boden betreten,\njedenfalls damals nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer macht eine Klammer und sagt ein paar\nS\u00e4tze \u00fcber die spanische Kolonialzeit. Ohne es ganz ausdr\u00fccklich zu sagen,\nscheint er die Spanier \u2013 er sagt lieber Europ\u00e4er \u2013 in Schutz zu nehmen. Spanien\nsei eine Gro\u00dfmacht gewesen und habe sich in den Kolonien Ressourcen verschafft.\nNichts Neues unter dem Himmel. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einer gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe und sehen auf\nein Geb\u00e4ude, dessen Fassade ganz mit Kacheln eingefasst ist. Ich denke sofort\nan Portugal. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man von hier aus zur\u00fcckblickt, sieht man\ndeutlich, dass verschiedene Geb\u00e4ude leicht schief stehen oder eine leichte\nBiegung in der Grenze zwischen den Geschossen haben. Das liegt an der\nurspr\u00fcnglichen Errichtung der Stadt, Tenochtitl\u00e1n, dem aztekischen Vorg\u00e4nger\nMexiko. Diese Stadt wurde, wie man heute noch in Coyoac\u00e1n sehen kann, in einem\nSumpfgebiet errichtet, mit Geb\u00e4uden, die durch Pf\u00e4hle gestutzt wurden, nicht\nviel anders als Venedig. Die Spanier legten gro\u00dfe Teile der Kan\u00e4le trocken, um\ndie Stadt zu erweitern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Stra\u00dfe h\u00e4ngen an einem Laternenpfahl\nganz oben zwei Lautsprecher. Wozu? Zur Warnung. Bei Erdbeben. Wenn die Sirenen\nert\u00f6nen, hat man 90 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen, und Sicherheit\nhei\u00dft in aller Regel: raus aus den H\u00e4usern. Die Vorkehrungen und auch die\nBaubestimmungen sind inzwischen so weit verbessert, dass die Folgen der\nErdbeben erheblich abgemildert werden. Bei dem Erdbeben im letzten Jahr gab es\nso gut wie keine massiven Sch\u00e4den und nur zwei Todesf\u00e4lle. Allerdings muss man\nnoch abwarten, was passiert, wenn wieder so ein starkes Erdbeben wie 1985\nkommt. Die letzten drei Erdbeben traten alle im September auf, wenn wir also\nwas erleben wollten, sollten wir im September kommen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was Besucher angeht, sei es ansonsten ganz sicher\nhier im Zentrum. Polizeipr\u00e4senz 24 Stunden am Tag, schon deshalb, weil hier ja\nauch der Pr\u00e4sidentenpalast sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem gekachelten Haus. Hier hatte\nPorfirio D\u00edaz ein Restaurant f\u00fcr die Hautevolee einrichten lassen. Nach seinem\nWeggang wurde es von zwei amerikanischen Br\u00fcdern gekauft und der \u00d6ffentlichkeit\nzug\u00e4nglich gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen rein, und auf einmal merke ich: Hier war\nich schon mal! Verr\u00fcckt, was man alles vergessen kann! Das Lokal, mit einer\noffenen Halle, die sich \u00fcber alle drei Stockwerke erstreckt, mit S\u00e4ulen, einem\nGlasdach, Kacheln und Wandgem\u00e4lden, ist wirklich sch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Kapelle des ehemaligen\nFranziskanerklosters. Leider sagt unser F\u00fchrer nichts \u00fcber deren auff\u00e4llig\nverzierte Fassade. Oder die sch\u00f6ne rote Kuppel. Wohl aber etwas \u00fcber die\nschwarz-roten Bausteine, wie sie auch im Jesuitenkolleg verwendet wurden. Hier\nverliere ich leider den Faden. Wenn ich das richtig verstehe, ist dies por\u00f6ses\nMaterial und stammt aus den Bauten der Azteken, die von den Spaniern zerst\u00f6rt\nwurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Franziskaner waren gemeinsam mit den Dominikanern\ndie Orden, die in <em>Nueva Espa\u00f1a<\/em> f\u00fcr\ndie Bekehrung zum Christentum &nbsp;und die\nAbkehr vom Polytheismus sorgten. Die Azteken errichteten f\u00fcr ihre G\u00f6tter die\nber\u00fchmten Stufenpyramiden, auf deren oberer Stufe der Altar errichtet wurde.\nDen G\u00f6ttern wurden Opfer gebracht, auch menschliche Opfer. Jungen M\u00e4nnern, die\ndazu speziell ausgew\u00e4hlt wurden, wurde von Priestern mit einem Obsidian-Messer\ndas Herz herausgetrennt. Das wurde dann verbrannt, nicht etwa gegessen.\nAnthropophagie war den Azteken unbekannt. Als Opfer ausgew\u00e4hlt zu werden, galt\nals besonderes Privileg und bedeutete einen Freifahrtschein in den Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen weiter die Stra\u00dfe entlang und kommen zur\n<em>Panader\u00eda Ideal<\/em>, der bekanntesten\nB\u00e4ckerei Mexikos. Eine wahre Pracht, was da angeboten wird an Torten,\nObstkuchen, Geb\u00e4ck und Pl\u00e4tzchen. Es sieht allerdings alles eher europ\u00e4isch als\nmexikanisch aus, mit Ausnahme der grellbunten Verzierungen auf den Torten. Ich\nkann der Versuchung nicht widerstehen und hole mir ein Cremet\u00f6rtchen. Der Kauf\nist ziemlich kompliziert. Man nimmt sich eine Zange und ein Tablett, sucht was\naus zwischen den langen Reihen von Backblechen, geht damit zu einer Theke,\nbekommt einen Schein, geht damit zur Kasse und bezahlt und geht dann mit der\nQuittung wieder zur Theke und holt sein verpacktes Geb\u00e4ck ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen komme ich kurz ins Gespr\u00e4ch mit der\nSpanierin, die an der F\u00fchrung teilnimmt. Sie ist beruflich hier, nur f\u00fcr zwei\nWochen, und nutzt den Feiertag f\u00fcr die Besichtigung. Sie wohnt in Madrid und\nist zum ersten Mal in Mexiko. Trier kennt sie nicht, aber sie war schon mal in\nBerlin und in M\u00fcnchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kommen wir zum Z\u00f3calo. Es folgen ein paar\nErkl\u00e4rungen zu den Geb\u00e4uden, der Kathedrale, dem Regierungspalast, mit den frei\nzug\u00e4nglichen <em>murales<\/em> von Diego Rivera\n(an die ich mich noch gut erinnern kann) und dem <em>Cabildo<\/em>, wohl so etwas wie das Rathaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der Kathedrale erfahren wir nur, dass die\nBauzeit 300 Jahre betrug und dass die zahlreichen, schweren Glocken nicht mehr\ngel\u00e4utet werden, um keine Erdbewegungen auszul\u00f6sen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlichere Erkl\u00e4rungen gibt es zum <em>Z\u00f3calo<\/em>. Auf Abbildungen sehen wir, dass\nsich hier fr\u00fcher ein sch\u00f6ner Park befand. Sp\u00e4ter entschied man dann, den Platz\nfrei zu lassen f\u00fcr Feierlichkeiten einerseits und Demonstrationen andererseits.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Statue, die auf dem Sockel stehen sollte, war\nder <em>\u00c1ngel de la Independencia<\/em>. Das\nwar eine Initiative des Pr\u00e4sidenten Santana, des schlechtesten Pr\u00e4sidenten, den\nMexiko je gehabt hat, in den Worten unseres F\u00fchrers. Er wurde bekannt f\u00fcr die\nEinf\u00fchrung von Steuern auf Fenster, Balkone, Hunde und andere G\u00fcter. Vor allem\naber war er verantwortlich f\u00fcr die Verluste gro\u00dfer Gebiete an die USA. In Texas\nhatte es eine Volksabstimmung gegeben, und die bef\u00fcrwortete einen Anschluss an\ndie USA. Santana intervenierte daraufhin milit\u00e4risch und l\u00f6ste den\nmexikanisch-amerikanischen Krieg aus. Der bedeutete am Ende den Einmarsch der\nUSA nach Mexiko und die Pr\u00e4senz amerikanischer Truppen hier auf dem <em>Z\u00f3calo<\/em>. Am Ende musste Mexiko, wegen des\nverlorenen Kriegs, nicht durch Verkauf, wie manchmal kolportiert wird, Alta\nCalifornia, Arizona und Nuevo M\u00e9xico an die USA &nbsp;abtreten, fast die H\u00e4lfte des Staatsgebiets. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wurde die Idee der Errichtung einer Statue\nmit dem <em>\u00c1ngel de la Independencia<\/em>\nwieder aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Nur kam der nicht hier zu stehen,\nsondern in <em>Reforma<\/em>, dem gro\u00dfen\nBoulevard, der nach <em>Chapultepec<\/em>\nf\u00fchrt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer verabschiedet sich mit Dank f\u00fcr unser\nInteresse und der Aufforderung, ordentlich Geld auszugeben. Das setze ich\ngleich am selben Tag in die Tat um. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda holt mich ab und es geht zum <em>Mercado de San Juan<\/em>, exotische Speisen\nprobieren. Wir m\u00fcssen ein ganzes St\u00fcck gehen und kommen dabei durch dichtes\nMenschengedr\u00e4nge in ein nicht sonderlich sch\u00f6nes Viertel, dominiert von der <em>Torre Latinoamericana<\/em>, dem h\u00f6chsten oder\nvielleicht sogar einzigen Wolkenkratzer der Innenstadt. &nbsp;Sie findet, dass es heute wegen des Feiertags \u201eruhig\u201c\nist. Das finde ich nun wirklich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder muss sie nach dem Weg fragen, obwohl\nsie den Markt gut kennt. Meistens werde sie von ihren Freunden im Auto\nmitgenommen, erz\u00e4hlt sie. <\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00e4nde mit exotischem Essen sind irgendwo\nhinten in dem Markt versteckt, und sonderlich einladend sieht es hier nicht\naus. Ich bereue es schon fast, mich darauf eingelassen zu haben. Sie fragt\nmich, ob hier oder in einem Lokal, dass sie kennt, da bin ich f\u00fcr das Lokal,\ndas sie kennt, und als wir ankommen, stellt sich heraus, dass sie hier\nreserviert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen nach oben, in einen kleinen Raum, und\nsind die ganze Zeit \u00fcber die einzigen G\u00e4ste. An einem Tisch sitzt ein Mann ein\nComputer und arbeitet. Manchmal blickt er l\u00e4chelnd zu uns hin\u00fcber, wenn ich mal\nwieder eine meiner merkw\u00fcrdigen Fragen stelle. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt macht das wunderbar. Er ist \u00fcberaus\nh\u00f6flich und erkl\u00e4rt alles mit gro\u00dfer Geduld. Da wir uns nicht zwischen Insekten\nund Fleisch entscheiden k\u00f6nnen, bietet er uns an, eine gemischte Platte zu\nmachen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorher kommen aber die Getr\u00e4nke, Mezcal f\u00fcr mich,\nTequila f\u00fcr Mar\u00eda. Sie vermischt ihn mit Wasser und Limonade, ich trinke pur.\nDer Mezcal ist wunderbar mild. Bevor man ihn trinkt, dr\u00fcckt man ein\nZitronenst\u00fcck in Salz (das wohl von W\u00fcrmern stammt, die Erkl\u00e4rung verstehe ich\nnicht) und bei\u00dft herein. Was denn der Unterschied zwischen Tequila und Mezcal\nsei, will ich wissen. Mar\u00eda meint, der Tequila habe weniger Alkohol, der Wirt\nerkl\u00e4rt, beide w\u00fcrden aus verschiedenen Teilen der Agave gemacht, aber im Internet\nhabe ich den Eindruck, dass Tequila nichts anderes als Mezcal aus einer\nbesonderen Region ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Platte. Sieht wunderbar aus, alles\nist sch\u00f6n angeordnet, drei Sorten Fleisch, drei Sorten Insekten, in kleinen\nPortionen, und in der Mitte eine Masse und drum herum Zitronen mit Insekten\ndrauf. Alles sieht appetitlich aus, au\u00dfer den W\u00fcrmern ganz oben. Also fange ich\nmit denen an. Sie schmecken vorz\u00fcglich, sind knusprig, gar nicht glitschig, wie\nman meinen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Fleisch handelt es sich um Wild, Strau\u00df\nund Krokodil, aber mit der anwachsenden Zahl der Mezcals verliere ich den\n\u00dcberblick, was was ist. Sie schmecken alle gut, aber nur eins, das dunkle\nFleisch, ist zart. Wild kann ich nicht herausschmecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt sind aber die Insekten. Es gibt Heuschrecken,\nSkorpione und eben die W\u00fcrmer, (gusanos de maguey). In der Mitte befinden sich\ndie Eier von Ameisen und auf den Zitronen sitzen winzige Spinnen. Alles\nk\u00f6stlich. Man kann sie pur essen oder sich mit Hilfe der <em>tortilla<\/em>, dem Maisfladen, ein <em>taco<\/em>\nmachen, indem man das Fleisch drauflegt, mit Guacamole bestreicht (scharfe So\u00dfe\nauf Avocado basierend) und sie dann zusammenklappt. Ich probiere beides. Mar\u00eda\nist ziemlich zur\u00fcckhaltend, probiert aber auch alles. Wenn sie mit ihren\nFreuden hierherkomme, nehme sie immer ganz normales Fleisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Beseelt von der kulinarischen Erfahrung und dem\nMezcal nebst ein paar Bierchen bedanke ich mich \u00fcberschw\u00e4nglich bei dem Wirt,\nund wir machen uns auf den R\u00fcckweg. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Caf\u00e9 machen wir Halt. Sie bestellt ihren\nobligaten Cappuccino, ich zur Abwechslung einen Kakao. Kontrastprogramm zu\nvorher. <\/p>\n\n\n\n<p>Als der Kellner kommt, fragt sie nach einem <em>perchero<\/em>. Was ist das denn? Ein St\u00e4nder\nmit Haken, an dem man seine Handtasche aufh\u00e4ngen kann. Sehe ich in den n\u00e4chsten\nTagen immer wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>In verschiedenen Teilen der Innenstadt gibt es\nInternet umsonst. Unser F\u00fchrer gestern hat gesagt, das werde von dem reichsten\nMann Mexikos finanziert, Carlos Slim, dem auch Sanborns geh\u00f6re, das Lokal in\ndem Haus mit den Kacheln. Mar\u00eda stellt das etwas anders da. Die Stadt sorge f\u00fcr\ndas Internet, Slim sei zwar irgendwie beteiligt, aber ohne finanzielle\nEinbu\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gespr\u00e4ch f\u00e4llt mir auf, dass sie auf\nmexikanische Art oft <em>Aha<\/em> sagt, wenn\nsie <em>S\u00ed<\/em> meint. Etwas verwirrend. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag verabreden wir uns f\u00fcr <em>Chapultepec<\/em>, was, wie ich aus der Heimat erfahre, \u201aHeuschreckenh\u00fcgel\u2018 hei\u00dft, abgeleitet von <em>chapul\u00edn<\/em>, einem der Tiere, die heute auf der Speisekarte standen. <\/p>\n\n\n\n<p>7. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mexiko ist das gr\u00f6\u00dfte spanischsprechende Land\n\u00fcberhaupt, mit 130 Millionen Einwohnern. Von denen d\u00fcrfte der allergr\u00f6\u00dfte Teil\nSpanisch sprechen. Nach Mexiko kommen Spanien und Kolumbien mit nicht einmal\nder H\u00e4lfte der Sprecher. Mexiko ist auch, wie ich aus der Heimat erfahre, weiter\nweg von zu Hause als jedes andere lateinamerikanische Land, und auch der\nZeitunterschied ist mit sieben Stunden am gr\u00f6\u00dften. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich zu <em>La Parroquia de Veracruz<\/em>, ein Tipp von Mar\u00eda, einem etwas feineren\nund auch etwas teureren Lokal. Auf der Speisekarte sind ein paar Spezialit\u00e4ten\ndes Hauses gekennzeichnet, und ein davon nehme ich. Es ist ein Teller mit zwei\nganz unterschiedlichen Gerichten, einmal R\u00fchrei mit Bohnen und dem obligaten\nKr\u00fcmelk\u00e4se obendrauf, einmal in einem Teigmantel gebratener Bananen mit\nSpeckst\u00fccken obendrauf, also einmal herzhaft, einmal s\u00fc\u00df. Lecker. Und\ns\u00e4ttigend.<\/p>\n\n\n\n<p>An anderen Tischen sitzen junge Leute und arbeiten\nam Laptop. Der Kellner best\u00e4tigt, das k\u00f6nne man ohne weiteres machen. Ich solle\nmeinen Laptop ruhig mitbringen. Sie h\u00e4tten auch Internetverbindung. <\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr steht am Ausgang <em>Empuje<\/em>, am Eingang <em>Jale<\/em>. Wieder\nwas f\u00fcr meine Sammlung von Beispielen sprachlicher Variation.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Chapultepec geht es mit dem Taxi. Die\nFarbgebung der Taxis, unten wei\u00df, oben rosa, ist etwas merkw\u00fcrdig. Vorbei sind\ndie Zeiten, als in Mexiko nur so wimmelte von den <em>Vochos<\/em>, den gr\u00fcnen K\u00e4fern, die \u2013 mit ausgebauter Beifahrersitz \u2013\nals Taxis dienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber die <em>Reforma<\/em>, den breiten, langen schnurgeraden Boulevard, der direkt\nnach Chapultepec f\u00fchrt. Immer wieder kommen wir \u00fcber einen Kreisverkehr, meist\nmit einer Statue in der Mitte, darunter der Angel de la Independencia, der\neigentlich auf dem Z\u00f3calo stehen sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Kreuzung eine originelle moderne\nSkulptur, nur aus gelben geometrischen Formen bestehend. Erst erkennt man\nnichts, dann sieht man aus einem Blickwinkel, dass sie ein Pferd darstellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir fast das Ende der <em>Reforma<\/em> erreichen, merke ich, dass ich hier schon mal war, und\nkilometerweit den Boulevard runtergegangen bin, nach der Besichtigung des <em>Ripley<\/em>, eines der \u00fcberfl\u00fcssigsten\nMuseen, die ich je besichtigt habe.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda hat einen langen, m\u00fchsamen Aufstieg\nangek\u00fcndigt, aber es ist ein ganz sanfter Aufstieg \u00fcber einen breiten, sch\u00f6n\nangelegten Weg. In der Ferne sieht man sie Silhouette der Stadt mit den\nWolkenkratzern. Hier im Zentrum merkt man nicht, wie gro\u00df Mexiko ist, mit\nimmerhin neun Millionen Einwohnern. Der offizielle Name der Stadt ist <em>Ciudad de M\u00e9xico<\/em>. Die Mexikaner sprechen\naber vom DF. Wenn sie <em>M\u00e9xico<\/em> sagen,\nmeinen sie in der Regel den Bundesstaat. Der Name Mexiko geht auf die Azteken\nzur\u00fcck, die sich selbst <em>mexica<\/em>\nnannten. Die Einwohner der Hauptstadt hei\u00dfen im Volksmund <em>chilangos<\/em>, Mar\u00eda ist eine davon. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagt, der Chapultepec, besser gesagt das Geb\u00e4ude\nauf dem Chapultepec, sei die einzige Burg Mexikos, aber nach einer Burg sieht\nes wirklich nicht aus. Die offiziellen Bezeichnungen sind aber tats\u00e4chlich <em>castillo<\/em> f\u00fcr einen Teil des Geb\u00e4udes und\n<em>alc\u00e1zar<\/em> f\u00fcr den anderen. Beides ist\nziemlich irref\u00fchrend. Es gibt keinerlei Verteidigungsanlagen. Es handelt sich\nschlicht und einfach um einen Palast. Daf\u00fcr spricht auch der Beginn der\nBauzeit, 1785.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Teil, der <em>castillo<\/em> hei\u00dft, ist das Museum untergebracht, in dem Teil, der <em>alc\u00e1zar<\/em> hei\u00dft, befinden sich die\nGem\u00e4cher von Maximilian und seiner, wenn man den Gem\u00e4lden glauben darf, sch\u00f6nen\nbelgischen Gattin Carlota. Hier sieht man das \u00dcbliche, Speisesaal, Musikzimmer,\nSchlafgem\u00e4cher. Alles f\u00fcrstlich eingerichtet. Maximilian war kein Kostver\u00e4chter\nund auch kein Sparfuchs. Die Ausgaben wurden wohl auch zu Stein des Ansto\u00dfes\nf\u00fcr die damalige Regierung. <\/p>\n\n\n\n<p>Carlota scheint eine sehr selbst\u00e4ndige Person\ngewesen zu sein. Wenn er selbst unterwegs war, vertraute Maximilian ihr die\nLeitung des Staatsrats an. Als die Lage sich dann zuspitzte und es brenzlig\nwurde, begab sie sich nach Europa, um bei den Monarchen dort und beim Papst\nHilfe zu suchen. Vergeblich. Aber vielleicht rettete der Ausflug ihr das Leben.\nMan kann nie wissen, wozu Reisen gut sein k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Maximilian, \u00d6sterreicher aus dem Hause Habsburg,\nwar das, was man eine tragische Figur nennen kann. Absolut wohlmeinend, aber\nzerrieben zwischen den Interessen der Parteien und Nationen. Er wurde von den\nLiberalen bek\u00e4mpft, von den Konservativen hofiert und wurde dann mit\nfranz\u00f6sischer Hilfe Kaiser von Mexiko. Als die Luft f\u00fcr Frankreich dann d\u00fcnner\nwurde, weil die anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chte den Einfluss Frankreichs in Amerika\nzur\u00fcckdr\u00e4ngen wollten, zog Napoleon III. seine Truppen zur\u00fcck und \u00fcberlie\u00df\nMaximilian seinem Schicksal. Der hatte es sich inzwischen mit den Konservativen\nverdorben weil es allzu liberale Ideen verfolgte. Das bedeutete sein Ende. Die\nrepublikanischen Truppen, f\u00fcr die er ein Usurpator war, drangen auf die\nHauptstadt zu und nahmen ihn gefangen. Er wurde vor Gericht gestellt,\nverurteilt und exekutiert. Seine Zeit auf dem Thron war kurz, viel k\u00fcrzer, als\nich in Erinnerung hatte, drei Jahre, von 1864 bis 1867. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Job in Mexiko hatte er nicht voller\nBegeisterung, mit fliegenden Fahnen \u00fcbernommen, sondern \u00e4u\u00dferst z\u00f6gerlich. Da\nhatte er die richtige Intuition. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda hat in Erinnerung, dass er in seiner Heimat sein\nTraumschloss am Meer hatte errichten lassen, <em>Miramar<\/em>. Am Meer? In \u00d6sterreich? Sie hat recht. Ich habe zu kurz\ngedacht. Wir sprechen von \u00d6sterreich-Ungarn, dem Riesenreich mit gro\u00dfen\nBesitzungen im Balkan und an der Adria. Sein Schloss war in Triest. In Analogie\nzu <em>Miramar<\/em> nannte er seine Residenz\nin Chapultepec dann <em>Miravalle<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Ausstellungsst\u00fccken in diesem Teil des\nPalasts geh\u00f6rt die Kutsche, mit der Maximilian und Carlota in der Regel\nunterwegs waren. Sie wurde nachher nicht etwa verschrottet oder beiseite\ngestellt, sondern von Benito Ju\u00e1rez benutzt, dem Feind Maximilians. Er lie\u00df das\nk\u00f6nigliche Emblem an der T\u00fcr durch das republikanische \u00fcbermalen. <\/p>\n\n\n\n<p>An den anderen Exponaten erkennt man die Pr\u00e4senz\nMaximilians in der feinen Gesellschaft seiner Zeit. Auf allen m\u00f6glichen\nObjekten prangen die Initialen MIM auf Taschenuhren, Manschettenkn\u00f6pfen,\nSchatullen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, das <em>Museo Nacional de Historia<\/em>, ist allererste Sahne. Tolle Exponate,\nmeist gut erkl\u00e4rt, mit n\u00fctzlichen Einf\u00fchrungstexten in jedem Saal.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Pancho Villa, dem Haudegen, Guerilla-K\u00e4mpfer,\nGeneral, Freiheitshelden, der emblematischsten Figur der Mexikanischen\nRevolution, f\u00fcr die einen ein blutr\u00fcnstiger Bandit, f\u00fcr die anderen der\nmexikanische Robin Hood, gibt es allerhand Accessoires zu sehen, seine\nkniehohen, ziselierten Stiefel, Pistolen, ein Schwert und ein\nenglischsprachiges Plakat, auf dem er als Verbrecher gesucht wird. Zum ersten\nMal erfahre ich, dass er sich den Namen Pancho Villa selbst zugelegt hatte. Er\nhie\u00df eigentlich Doroteo Aranga. Ihn ereilte am Ende ein gewaltsamer Tod, genauso\nwie Zapata, seinem Pendant, dem Bauernf\u00fchrer, der ebenfalls f\u00fcr die Revolution\nund gegen Porfirio D\u00edaz und f\u00fcr Madero k\u00e4mpfte. Auf Pancho Villa und seine\nGef\u00e4hrten wurde ein Attentat ausge\u00fcbt, als er als Zivilist am Steuer seines\nDodge sa\u00df. Zapata wurde aus dem Hinterhalt erschossen, als er auf der Hacienda\neines Obersts war, der ihn betr\u00fcgerisch freundlich empfangen hatte, Madero\nselbst wurde bei einem angeblichen Fluchtversuch erschossen, als er in Mexiko\nauf seinen Prozess wartete. Die Mexikanische Revolution verlief alles andere\nals sanft. <\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig neu ist f\u00fcr mich, dass es vor Maximilian\nschon mal einen Kaiser gab, Agust\u00edn I. Die liberalen Freiheitsk\u00e4mpfer w\u00fcnschten\nsich, als Mexiko von Spanien unabh\u00e4ngig geworden war, eine konstitutionelle\nMonarchie nach europ\u00e4ischem Vorbild, wie in Brasilien, aber von den\neurop\u00e4ischen Kandidaten fand sich keiner bereit, zu kandidieren. Also entschied\nman sich f\u00fcr einen mexikanischen Feldherrn und Politiker, Agust\u00edn de Iturbide.\nAnders als in Mexiko \u00fcberdauerte das Kaisertum aber nur kurz, und schon 1823,\nein Jahr nach seiner Kr\u00f6nung, dankte Agust\u00edn ab und kam damit seiner Absetzung\nzuvor. Er ging ins Exil, kehrte nach Mexiko zur\u00fcck, wurde vor Gericht gestellt\nund exekutiert. So erging es dem ersten Kaiser nicht anders als dem zweiten. In\nder Ausstellung sieht man eine kleine Bronzefigur, bei der die Unabh\u00e4ngigkeit\nund Agust\u00edn sich gegenseitig die Krone aufsetzen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den pr\u00e4kolonialen Objekten sticht ein\ngefalteter Kodex hervor, mit menschen\u00e4hnlichen, aber fremden Figuren (die man\naber auf den ersten Blick als amerikanisch erkennt) bei allen m\u00f6glichen, nicht\nidentifizierbaren Aktivit\u00e4ten. Blau ist die wichtigste Farbe beim \u201eAusmalen\u201c,\nauch Schwarz und Braun kommen gelegentlich vor. Es handelt sich um ein Faksimile,\nohne klare Datierung, Irgendwann in den Jahrhunderten vor der Ankunft der\nSpanier. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Darstellungen erscheinen immer wieder\nPunkte \u00fcber oder unter Linien, vermutlich Zahlen. K\u00f6nnten Datumsangaben sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu, abgesetzt von den Zeichnungen, Reihen von\nSchriftzeichen, in einzelnen Kreisen dargeboten. Man kann auf einzelnen zwar\nwas erkennen, aber es sind keine Piktogramme. Funktionieren wohl eher wie die\n\u00e4gyptischen Hieroglyphen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu gibt eine Fl\u00f6te und eine Trommel, beide\nklein, beide aus Keramik. Bei der Trommel sind sogar noch die Schlegel\nerhalten. Ob die aus Holz sind? <\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein gro\u00dfes Keramikgef\u00e4\u00df, mit allerlei Verzierungen,\ndas wohl rituelle Funktionen hatte, so etwas wie ein Weihrauchgef\u00e4\u00df. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hochinteressant eine Wand mit Totenk\u00f6pfen. Die erz\u00e4hlt\netwas \u00fcber die Zeit der Eroberungen. Die Chroniken berichten von der\nGrausamkeit, mit der die Europ\u00e4er bei der Eroberung von Tenochtitlan vorgingen,\nund von ihrer Unerbittlichkeit, aber auch von dem Schicksal, das den gefangenen\nEurop\u00e4ern bl\u00fchte. Diese Wand ist ein Zeugnis daf\u00fcr. Von den 12 Totenk\u00f6pfen sind\n7 die von Europ\u00e4ern, 5 die von&nbsp; Cempoaltecas,\nmit den Europ\u00e4ern verb\u00fcndeten Indios. Sie wurden von den Acolhuas\nunterschiedslos geopfert, ihre Sch\u00e4del als Gabe an die G\u00f6tter an dieser\nAltarwand ausgestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt auch, dass sp\u00e4ter Angeh\u00f6rige der\nTlaxcala von den Spaniern in den Adelsstand erhoben wurden. Sie waren\ngleichzeitig Eroberte und Verb\u00fcndete der Spanier, denn sie wollten die Dominanz\nder Azteken nicht akzeptieren. Hier ist ein Gem\u00e4lde ausgestellt, auf dem die\ngeadelten Tlaxcala in indianischer Festkleidung zu einem ihrer Alt\u00e4re\nparadieren. \u00dcber ihren K\u00f6pfen erscheinen die von den Habsburgern verliehenen Titel\nsamt Wappen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus der spanischen Zeit gibt es nautische\nMessinstrumente zu sehen, die mich an Portugal erinnern: Astrolab, Messstab,\nSextant, alle aus edlen Materialien hergestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Gem\u00e4lde von Sor Juana de la Cruz,\nder streitbaren und gebildeten Nonne. Sie sitzt im Ordensornat vor einem\nm\u00e4chtigen Schreibtisch und einer B\u00fccherwand, die die ganze H\u00f6he des Raums\neinnimmt. Zwischen den B\u00fcchern eine Uhr, ein Signum der Neuzeit. Sie hat eine\nHand auf einen gro\u00dfen Band auf dem Schreibtisch gelegt, die andere h\u00e4lt einen\nRosenkranz. Sie blickt den Betrachter mit zusammengebissenen Lippen an. Mar\u00eda\nsagt, jeder Mexikaner w\u00fcsste sofort, um wen es sich handelt, wenn er das Bild\nsieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein wunderbares Gem\u00e4lde von einem\nMarktstand, auf dem Fr\u00fcchte und anderes dargeboten werden, auf dem Boden, in\nSch\u00fcsseln, in K\u00f6rben, in K\u00e4stchen und oben an der Wand h\u00e4ngend: Ananas,\nKokosnuss, Mango, Granat\u00e4pfel. An der Wand h\u00e4ngen Fische, unten auf dem Boden\nliegt ein Haufen W\u00fcrmer. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Spanier brachten neue Technologien mit, vor allem\nPflug, Egge und Bew\u00e4sserungstechniken, die sie selbst von den Sarazenen gelernt\nhatten. Mit den Spaniern kamen auch neue Pflanzen und Tiere mit nach Amerika,\naus Europa und aus Asien: Weizen, Olivenb\u00e4ume, Weinst\u00f6cke, Reis, Zuckerrohr,\nCitrusfr\u00fcchte. Sie erg\u00e4nzten die klassischen amerikanischen Produkte: Mais,\nBohnen, Kakao, Tomate, K\u00fcrbis, Chile, Agave, Sapote. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist hier ein fr\u00fches Traktat zur\nLandwirtschaft. Erg\u00e4nzend dazu wurden Minen er\u00f6ffnet, vor allem die Silberminen\nvon Taxco. Das Silber aus der Neuen Welt zirkulierte bald auf der ganzen Erde.\nUnd diente auch dazu, die enormen Kriegskosten zu decken, vor allem die aus dem\nDrei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Und die Spanier finanzierten damit ihre eigene und die\nfranz\u00f6sische Flotte, die in Trafalgar den Briten unterlag. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist auch ein Paar Sporen. Sie stehen\nf\u00fcr die Bedeutung des Pferdes, das in Amerika unbekannt war. Die Azteken, hei\u00dft\nes, sahen die Pferde und die darauf sitzenden Reiter als ein einziges Wesen an.\nUnd waren entsprechend beeindruckt. Die Idee ist schon in den Kentauren der klassischen\ngriechischen Mythologie vorweggenommen. <\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten S\u00e4len geht es um die Unabh\u00e4ngigkeit.\nEin ganzer Saal ist Miguel Hidalgo gewidmet, der wie kein anderer in der\nvolkst\u00fcmlichen Vorstellung f\u00fcr den Beginn der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung steht.\nAuf einem gro\u00dfen Panoramagem\u00e4lde sieht man ihn vor einer Menschenmenge stehen,\nBauern, Soldaten, einfachen Leuten, Indios, Mestizen und Wei\u00dfen, mit einer\nFackel und einem Pamphlet in der Hand. Dies ist der Moment, wo er den <em>Grito de Dolores<\/em> ausst\u00f6\u00dft, der Schrei,\nder \u2013 im Nachhinein stark verkl\u00e4rt \u2013 die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung ausl\u00f6st. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die schwierigen Zeiten der jungen\nNation, mit den beiden Experimenten als Kaiserreich und den Republiken\ndazwischen und dem st\u00e4ndigen Hin und Her und Auf und Ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die territoriale Ausdehnung der neuen Nation war\nst\u00e4ndigen Wechseln unterlegen. Urspr\u00fcnglich geh\u00f6rte ganz Mesoamerika dazu, aber\ndas l\u00f6ste sich, bis auf Chiapas, 1823. Dazu kamen dann sp\u00e4ter die Verluste der\nnordamerikanischen Gebiete. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Symbol f\u00fcr die Zeit hat man hier das neue\nWappen des Staats ausgestellt, den Adler mit der Schlange im Maul, der sich auf\neinem Kaktus niederl\u00e4sst, der klassischen aztekischen Gr\u00fcndungslegende &nbsp;zufolge der Ort, wo die neue Stadt,\nTenochtitlan erbaut werden sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die mexikanischen Farben sieht man zum ersten Mal\nauf der Standarte einer Freimaurervereinigung, aber ob das Zufall ist oder sich\ndie Farben wirklich davon ableiten, findet man hier nicht heraus. Wie dem auch\nsei, uns geht so langsam der Atem aus. Wir gehen noch ein bisschen um das\nGeb\u00e4ude herum und photographieren den Brunnen mit der Heuschrecke in der Mitte.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum kauft Mar\u00eda unten an einem Stand,\nder mit S\u00fc\u00dfigkeiten vollgestopft ist, die meisten schrill bunt verpackt, ein\npaar Leckereien. Schmecken gar nicht schlecht. <\/p>\n\n\n\n<p>Da der Taxifahrer zu viel verlangt, bestellt Mar\u00eda\neinen <em>Didi<\/em>, die mexikanische Variante\nvon <em>Uber<\/em>, das es hier aber auch gibt.\nIst erheblich billiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in ein gutes Lokal, <em>Las Mayoras<\/em>. Auf ihre gastronomischen\nKenntnisse ist Verlass. Es gibt ohnehin drei G\u00e4nge, aber ich soll unbedingt\nzus\u00e4tzlich <em>nopal<\/em> probieren. Es ist\neine Kaktusart. Das Blatt der Pflanze wird in Oliven\u00f6l gebacken und mit K\u00e4se\nserviert. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellner sind sehr aufmerksam und erkl\u00e4ren alles mit Geduld. Wir nehmen das Menu. Die verschiedenen G\u00e4nge hei\u00dfen <em>tiempo<\/em> statt <em>plato<\/em>: <em>1\u00b0 tiempo, 2\u00b0 tiempo, 3\u00b0 tiempo<\/em>, wobei es sich bei dem dritten Gang nicht etwa um den Nachtisch handelt, sondern um den Hauptgang, gebratenes H\u00e4hnchen in einer k\u00f6stliche So\u00dfe. Davor gibt es Linsensuppe und Reis. Der bekommt erst dann Geschmack, wenn man ihn mit der gr\u00fcnen, nicht sehr scharfen So\u00dfe vermischt, die in einem Sch\u00e4lchen serviert wird und eigentlich auf die warmen Tortillas geh\u00f6rt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>8. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda schl\u00e4gt das Anthropologische Museum oder\nCoyoac\u00e1n vor, auf jeden Fall zwei H\u00f6hepunkte eines Mexiko-Besuchs, aber beide\nkenne ich vom der ersten Reise. Lieber noch mal was Neues. Wie w\u00e4re es mit dem <em>Museo de la Ciudad<\/em>? Sie ist\neinverstanden. Das kennt sie selbst auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Z\u00f3calo f\u00e4llt mein Blick auf eine der\nvielen kleinen Keramiktafeln mit Informationen, die hier \u00fcber in die Fassaden\nder historischen H\u00e4user&nbsp; eingelassen\nsind. Diese hier spricht von einem gewissen Enrico Mart\u00ednez, einem deutschen\nKartographen. Ein deutscher Kartograph mit dem Namen Enrico Mart\u00ednez? Ja, so\nist es. Er hie\u00df urspr\u00fcnglich Heinrich Mann und adaptierte seinen Namen an seine\nmexikanische Wahlheimat. Lange war nicht bekannt, aus welchem Land er stammte,\naber jetzt wei\u00df man, dass er Deutscher war und in Hamburg geboren ist. Er war\nder Autor der ersten B\u00fccher, die in der Stadt Mexiko gedruckt wurden, B\u00fccher,\ndie die Astrologie und die Medizin verbanden. Sp\u00e4ter verfasste er dann\ngeographische und anthropologische Schriften \u00fcber die Natur und die V\u00f6lker\nAmerikas. Bemerkenswert! Die Information verweist auf eine Statue in Sichtweise\nvon hier, fast an die Mauer der Kathedrale grenzend. Die war mir dieser Tage\nschon mal aufgefallen, aber ich habe geglaubt, da w\u00e4re eine Frau dargestellt.\nAm Sockel der Statue befinden sich verschiedene Messinstrumente auf. Die\nStelle, an der die Statue steht, gilt als Nullpunkt aller Entfernungsmessungen\nin Mexiko, obwohl der streng genommen etwas abseits liegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Museo de\nla Ciudad<\/em>, in einem alten Palast untergebracht, von denen es so unendlich\nviele in Mexiko gibt, stellt sich uns sofort eine F\u00fchrerin zur Verf\u00fcgung. Sie\nmacht das ganz toll. Immer wieder werden wir auf Dinge aufmerksam gemacht, die\nwir alleine nicht sehen w\u00fcrden. Das gilt schon f\u00fcr das Eingangstor, an dem wir\nachtlos vorbeigegangen sind. Es ist aus Holz, aus wei\u00dfer Zeder, wie wir\nerfahren, aber die Farben der T\u00fcren sind eher r\u00f6tlich-braun. Auf beiden Fl\u00fcgeln\nsind hervorragende Schnitzarbeiten angebracht, darunter die von Aiolos, der die\nBacken aufbl\u00e4st und die Winde \u00fcber die Erde schickt. Auf jedem Fl\u00fcgel ist auch\nein Helm dargestellt, einmal mit offenem Visier, einem mit geschlossenem\nVisier, als Einladung an gut gesinnte und Abschreckung an feindlich gesinnte\nG\u00e4ste. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen in dem sch\u00f6nen Innenhof mit Arkaden mit\nweiten Rundb\u00f6gen in beiden Geschossen. An den Pfeilern vier in den Stein\ngemei\u00dfelte Wappen, die sich an allen vier Seiten wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast, erfahren wir, geh\u00f6rte Hern\u00e1n Cort\u00e9s,\neiner von 39 Pal\u00e4sten, die ihm geh\u00f6rten. Er lebte selbst aber nicht hier,\nsondern \u00fcberlie\u00df den Palast und das dazugeh\u00f6rige einer Adelsfamilie als <em>encomienda<\/em>, einer Art Erbpacht, die man\nin Amerika immer wieder findet. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand ein Brunnen mit der Figur einer\njungen Frau mit Laute, vor einer gro\u00dfen Muschel dargestellt. Diese Figur\nbezieht sich auf eine Legende, die mit der Adelsfamilie in Verbindung steht.\nDie junge Frau war die Tochter eines Adeligen, die sich mit einem Pferdeknecht\neinlassen wollte. Wie das so war, wollte der Vater davon nichts wissen. Ich\nverliere mich in den Details der Geschichte, aber jedenfalls waren am Ende\nbeide tot. Und der Vater voller Reue. Die Blickrichtung der Figur an dem\nBrunnen hat noch etwas mit dem Vater oder dem Geliebten zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite ist der Aufgang\nins zweite Geschoss, mit einer Treppe, die sich nach oben verj\u00fcngt und einem eisernen\nGel\u00e4nder, das sich oben zweimal verzweigt. Man guckt von unten in ein helles\nAchteck und auf ein Gem\u00e4lde von Mexiko, als es noch Tenochtitl\u00e1n war. Sehr\nsch\u00f6n!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben sehen wir ein Portal mit steinernen\nVerzierungen. Auf den ersten Blick sieht man nur Verzierungen, erst als die\nF\u00fchrerin uns drauf hinweist, sehen wir auf beiden Seiten das Profil eines\nIndios. Das wurde von den Steinmetzen wohl \u201eheimlich\u201c hineingearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schlie\u00dft unserer F\u00fchrerin einen Raum auf, und\nman ist bass vor Erstaunen. Alle vier W\u00e4nde sind bemalt, von oben bis unten, in\nleuchtenden Farben, mit Hunderten von Gem\u00e4lden, die unterschiedlich gro\u00df sind\nund sich teils \u00fcberlappen. Eine unglaubliche Vielfalt, sowohl, was die Technik\nals auch was die Themen betrifft. Auf den ersten Blick wirkt alles eher\nimpressionistisch, aber es gibt auch ganz realistische Szenen und\nsurrealistisch verfremdete. Man sieht das schmale Gesicht einer Frau mit\ngro\u00dfen, breitkrempigem Hut, man sieht einen ganz schm\u00e4chtigen gekreuzigten\nChristus, man sieht einen Maler, hinter dem ein B\u00e4r erscheint, der ihn zu\nerdr\u00fccken scheint, man sieht wundersch\u00f6ne Landschaftsszenen, W\u00e4lder und Wiesen\nund Felder, man sieht Totenk\u00f6pfe, man sieht Pferde im Trab und im Galopp, man\nsieht das Gesicht einer nur ganz schemenhaft dargestellten Frau, die einen\nSchrei auszusto\u00dfen scheint, man sieht ein Einhorn, man sieht mehrere Akte,\nmeist von hinten, man sieht das von Wellen aufgew\u00fchlte Meer. Der Saal hei\u00dft Sala\nde las 1000 ventanas, und wie Fenster wirken die Bilder auch. Alles wurde\ngemalt von einem Spross der Adelsfamilie, einem Laien, der in seinem ganzen\nLeben kein einziges Bild verkaufte. Er arbeitet drei\u00dfig Jahre an diesem Saal.\nEin Schmuckst\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Unserer F\u00fchrerin \u00fcberl\u00e4sst uns &nbsp;unserem Schicksal, fragt aber vorher noch nach\nmeiner Reise. Sie will wissen, wie mir das mexikanische Essen schmeckt und ob\nich au\u00dfer Mezcal auch schon Pulque probiert h\u00e4tte. Nein, noch nicht, ich wei\u00df\ngar nicht, was das ist. Soll sich aber bald \u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben noch die M\u00f6glichkeit, uns in den anderen\nS\u00e4len umzusehen. Hier gibt es drei Ausstellungen. Eine davon ist eine\nKarikaturenausstellung. Man sieht Cervantes mit Zigarette im Mund vor einer\nelektrischen Schreibmaschine mit einer Windm\u00fchle als Ventilator im Hintergrund,\nman sieht Saramago mit zwei \u201eDekorationen\u201c, dem Nobelpreis und dem Bann durch\nden Vatikan, man sieht Hannah Schygulla vor dem Grab von Fassbinder, man sieht\nFrida Kahlo wie Salome mit dem Haupt von Diego Rivera auf einem Tablett, man\nsieht einen Hubschrauber mit einer Sprechblase, in der ein Politiker einen\nver\u00e4chtlichen Kommentar \u00fcber einen gewissen <em>Peje<\/em>\nmacht, einen seiner Konkurrenten. Dahinter verbirgt sich, wie Mar\u00eda mir\nerkl\u00e4rt, der amtierende Pr\u00e4sident, L\u00f3pez Obrador. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Saal gibt es Gem\u00e4lde, alle\nPortr\u00e4ts, mit breiten Pinselstrichen gemalt, meist Frauen. Sie sehen von nahem\nanders aus als von weitem. Sie stehen f\u00fcr verschiedene Charaktere oder\nGem\u00fctsverfassungen. Besonders in Erinnerung bleibt mir eine, die <em>Aflicci\u00f3n<\/em> hei\u00dft, was \u201aBetr\u00fcbnis\u2018,\n\u201aKummer\u2018&nbsp; hei\u00dft, ein ausdrucksstarkes\nGesicht mit intensivem Blick, direkt auf den Betrachter gerichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch ein Saal mit dem wir weniger\nanfangen k\u00f6nnen, Draht- oder Eisengestelle, die wohl abstrakt sind, manchmal\naber auch wie ein Objekt, etwa wie eine Br\u00fccke aussehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen aus dem Museum auf die gegen\u00fcberliegende\nStra\u00dfenseite, auf einen Platz. Dort ist eine weitere dieser Installationen\naufgestellt. Dahinter das Denkmal eines Mannes, der <em>Primo de Verdad<\/em> hei\u00dft. Ob sein Name ihn zur Wahrheit veranlasste.\nObwohl er Rechtsanwalt war?<\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda greift zum Telefon und ruft ihren Sohn an.\nOb er eine gute Pulque-Kneipe im Zentrum kenne? Die Antwort kommt postwendend: <em>La Burra Blanca. <\/em>Ein echtes Erlebnis.\nDie Wei\u00dfe Eselin ist eine Alterne-Kneipe irgendwo im Obergeschoss eines\nGeb\u00e4udes angesiedelt, man kommt \u00fcber eine Treppe mit schmalen Stufen ohne\nGel\u00e4nder hin. <\/p>\n\n\n\n<p>Bemalte Fenster und Pfeiler, Kritzeleien auf den\nTischen, bunte F\u00e4hnchen an der Decke, an den W\u00e4nden Plakate mit feministischen,\nprogressistischen Mottos, verschmierte T\u00fcren, Risse in den Polstern der St\u00fchle.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel zu fr\u00fch, nur an einem Tisch sitzen\nger\u00e4uschlos ein paar Junge Leute. Der Wirt versteckt sich hinter der Theke.\nMar\u00eda besorgt mir einen Pulque, genau genommen drei, einmal pur, zweimal mit\neiner Frucht. Er wird in bauchigen Keramikbechern serviert. Der Pulque ist ein\nleicht alkoholisches Getr\u00e4nk, aus dem fermentierten Saft verschiedener Agaven.\nBeim ersten Schluck verziehe ich das Gesicht, bei dem puren Pulque, danach geht\nes. Die beiden anderen Varianten schmecken eher s\u00fc\u00dflich. Nicht schlecht, aber\nich sehe keine Chancen, dass ich zu einem passionierten Pulque-Trinker werde. <\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend geht es in den <em>Palacio Postal<\/em>. Zwei Teile sind voneinander abgetrennt. In einem\nist ein richtiges Postamt, in dem anderen eine kleine Ausstellung. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Raumwirkung ist gro\u00dfartig. Alle tragenden\nBauteile sind aus Eisen, einem blassgoldenen Eisen: Treppe, Gel\u00e4nder, S\u00e4ulen,\nAufz\u00fcge, Arkaden. Das Material ist durchbrochen und dadurch wirkt alles nicht\nso schwer. \u00dcber allem eine flache Glaskuppel mit Eisentr\u00e4gern, durch die Licht\nin den Raum kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind ein schwerer eiserner Briefkasten\nvon Anno Dazumal, ein Safe f\u00fcr Wertsachen, eine ganz leichte Schreibmaschine\nf\u00fcr unterwegs sowie das Rad einer Postkutsche mit einer besonderen Vorrichtung:\nSie z\u00e4hlte die Umdrehungen des Rads berechnete somit die Entfernungen. &nbsp;Auch ein Briefmarkenautomat ist zu sehen, gro\u00df\nund klobig und schwarz. Dort konnte man f\u00fcr einen Centavo eine Briefmarke\nkaufen. Das ist die kleinere W\u00e4hrungseinheit, die l\u00e4ngst nicht mehr im Umlauf\nist. Jetzt ist die kleinste M\u00fcnze ein Peso, also hundert Centavos. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben, im <em>Palacio\nde Miner\u00eda<\/em>, sehen wir die Meteoriten. Sie wurden damals, 1895, unter\ngr\u00f6\u00dften technischen Anforderungen, aus der W\u00fcste in Chihuahua hierher gebracht.\nVargas Llosa, Garc\u00eda M\u00e1rquez und Clinton waren unter anderem hier, um sie zu\nsehen. Sie waren damals die gr\u00f6\u00dften \u00fcberhaupt bekannten Meteoriten auf der\nWelt. Sie wiegen zwischen 800 Kilogramm und 14 Tonnen. Meteoriten, die\nAu\u00dferirdischen, kommen mit 70.000 km\/h auf die Erde. Sie k\u00f6nnen aus Metall oder\naus Stein oder aus beidem sein. Diese hier, pechschwarz alle vier, sind aus\nEisen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Essen gehen wir ins <em>Caf\u00e9 Tacuba<\/em>, einem ganz feinen Lokal, das von au\u00dfen eher unscheinbar\nist. Wir bekommen sofort einen Platz, obwohl es ziemlich voll ist. Uniformierte\nKellner, wei\u00dfe Tischdecken, Glasmalerei, Kacheln, bemalte St\u00fchle, verzierte\nSpiegel. Der Kontrast zur <em>Burra Blanca<\/em>\nk\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon wieder bekomme ich ein neues mexikanisches\nGericht, <em>pozole<\/em>, einen Eintopf mit\nMaisk\u00f6rnern und kleinen St\u00fccken Schweinefleisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder drau\u00dfen sind, bleibt Mar\u00eda an einem\nStand stehen und kauf eine Zigarette. <em>Eine<\/em>\nZigarette! Das geht. Die Schachteln stehen nebeneinander aufgereiht und sind\nge\u00f6ffnet. Man nimmt eine und bezahlt. 7 Pesos. Viel Freude scheint sie nicht zu\nhaben nach an der Zigarette. Nach ein paar Z\u00fcgen dr\u00fcckt sie sie schon aus. <\/p>\n\n\n\n<p>9. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Z\u00f3calo<\/em>\nist gesperrt, wir m\u00fcssen einen Umweg gehen, um zu dem Gesch\u00e4ftsviertel zu\nkommen. Heute ist Einkaufen angesagt. Von <em>Z\u00f3calo<\/em>\nher h\u00f6rt man die mexikanische Nationalhymne, aber was gefeiert wird, bleibt\nunklar. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein echtes Erlebnis ist der Schuhkauf. Ein gro\u00dfes\nGesch\u00e4ft, auf mehreren Etagen. Im 3. Stockwerk sucht man die Schuhe aus. Die\nnimmt man dann im Karton mit in das 2. Stockwerk. Dort wird anprobiert. Vorher\nmuss man an einem Schalter vorbei. Hier wird kontrolliert, was in den\nSchuhk\u00e4sten ist. Man bekommt Plastikt\u00fcten und eine Matte mit. Zum Anprobieren\nmuss man sich die Plastikt\u00fcten \u00fcber die F\u00fc\u00dfe ziehen und sich auf die Matte\nstellen. Gehen kann man nicht, die Schuhe sind aneinander gebunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es wieder an der Kontrolle vorbei. Hier\ngibt man die Schuhe ab, die man nicht will und bekommt f\u00fcr die anderen eine\nQuittung. Mit der Quittung und den Schuhen geht man nach unten. Hier stellt man\nsich die Schlange. Das dauert. Viele Kunden, wie die beiden jungen Frauen vor\nuns, kaufen hier <em>en gros<\/em> ein, um die\nSchuhe dann wieder in ihrem Viertel oder in einem Park zu verkaufen. Die Frauen\nvor uns haben nicht nur unendlich viele Schuhkartons, sondern au\u00dferdem noch Kinderkleidung\nin gro\u00dfen Mengen. Wenn man an der Reihe ist, werden die Schuhkartons durchsucht\nund man bekommt die Rechnung. Dann geht man weiter zur Kasse. Dort zahlt man,\naber bevor man das tut, kontrolliert der Kassierer noch mal die Schuhkartons.\nDann geht es weiter zur n\u00e4chsten Kontrolle. Hier muss man seinen Beleg \u00fcber die\nZahlung vorweisen. Dann kommt die Ausgangskontrolle. Nochmals wird \u00fcberpr\u00fcft,\nob Zahlung und Inhalt der Schuhkartons \u00fcbereinstimmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Einkauf in der Apotheke ist dagegen ein\nKinderspiel, aber der Kauf eines Kulis erweist sich als gr\u00f6\u00dfere\nHerausforderung. Schreibwarengesch\u00e4fte gibt es weit und breit keine, wir m\u00fcssen\nin ein anderes Viertel. Dort taucht auch sofort ein Schreibwarengesch\u00e4ft auf.\nIch gehe rein. Sie haben ordentlich Auswahl. Ich nehme einen Kuli, aber die\nFrau hinter der Theke macht komische Gesten und sagt etwas von drei\u00dfig.\nDrei\u00dfig? Ja, ich kann keinen Kuli einzeln kaufen, es m\u00fcssen mindestens drei\u00dfig\nsein, und zwar von ein und demselben Modell. Wir gehen weiter und kommen an\neinem Kiosk vorbei. Dort bekomme ich einen Kuli. Einen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza\nde Santo Domingo<\/em> sieht man gut, wie die Geb\u00e4ude verzogen sind, vor allem\ndie Kapelle und die H\u00e4userreihe auf der Stra\u00dfe, die von dem Platz wegf\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann ich zum Geldautomaten gehen und bekomme\nein Erinnerungsphoto, auf der bronzenen Skulptur eines gro\u00dfen Fabeltiers\nsitzend. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht es mit dem Tequila-Museum aus? Ich habe\nviele negative Kommentare im Internet gelesen, schummrig, klein, schmuddelig,\nman wird bei den Eintrittspreisen \u00fcber den Tisch gezogen. Wir beschlie\u00dfen, es\ntrotzdem zu versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dorthin sehen wir an einem Platz etwas\nvon der Stra\u00dfenfront versetzt, eine kleine, sch\u00f6ne, achteckige, etwas\nverwahrloste Kapelle. Aus dem Dach wachsen \u00c4ste hervor. Die Kapelle steht\nleicht schief auf dem Boden, Opfer es sumpfigen Untergrunds Mexikos. Wir gehen\nhin und erfahren, dass hier im 19. Jahrhundert die Leichen der Mittellosen und\nBettler aufgebahrt (oder begraben?) wurden. Die Kapelle hei\u00dft <em>Capilla<\/em> <em>de los Muertos<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Museum f\u00fchrt \u00fcber eine h\u00e4ssliche,\nlaute Stra\u00dfe. An den Mauern h\u00e4ngen Plakate. Eins davon wirbt f\u00fcr den <em>Chavo Ruqueando<\/em>, vermutlich einen\nTrickfilm. Das f\u00fchrt zu einem anderen Titel, dem <em>Chavo del 8<\/em>, einer mexikanischen Fernsehreihe, die in ganz\nLateinamerika bekannt wurde, vom Publikum geliebt, von der Kritik geschm\u00e4ht.\nDie Serie spielt in einem Stadtviertel, wo der Protagonist, ein achtj\u00e4hriger\nJunge, und seine Kumpanen ihre Streiche spielen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Plaza Garibaldi, einem sehr\nsch\u00f6nen Platz, den man hier in der Gegend gar nicht erwartet. Die Lokale hier\nseien teuer und schlecht, sagt Mar\u00eda, aber sie sind auf jeden Fall in sch\u00f6nen\nGeb\u00e4uden untergebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Querseite des Platzes der ganz moderne\nBau, in dem das Tequila-Museum untergebracht ist. Es erweist sich als\nVolltreffer, hell, sauber, informativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass Mezcal und Tequila im Grunde ein\nund dasselbe sind. Der Tequila hie\u00df urspr\u00fcnglich einfach <em>Mezcal de Tequila<\/em>, und das wurde dann zu einer Art\nHerkunftsbezeichnung. Es gibt allerdings einen Unterschied in der Zubereitung.\nDer Mezcal wird l\u00e4nger gebrannt und ist daher rauchiger. Heute wird der Tequila\nallerdings meist aus einer bestimmten Agaven-Art gewonnen, dem <em>maguey azul<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Informationen gibt es \u00fcber die unendlich vielen\nAgaven-Arten, die f\u00fcr die Herstellung verwendet werden und die den Geschmack\nbeeinflussen k\u00f6nnen. Fast in ganz Mexiko wachsen Agaven, auf der Karte sieht\nman nur zwei wei\u00dfe Flecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n mit Figuren und Werkzeugen dargestellt\nist die Ernte. Die Agave, die hier <em>maguey<\/em>\nhei\u00dft, kann nur einmal geerntet werden, und zwar kurz bevor sie eingeht, und\nman muss gute Kenntnisse haben, um den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Geerntet\nwerden nicht die Bl\u00e4tter, sondern das Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Herz der Agave wird <em>aguamiel<\/em> gewonnen, und daraus wird sowohl Pulque gemacht als auch\nTequila und Mezcal. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mezcal hat in Mexiko eine lange Tradition. Sie\ngeht auf die vorkolumbianische Zeit zur\u00fcck. Man sieht den Mezcal auf\nAbbildungen mit aztekischen H\u00e4uptlingen, und es gibt auch arch\u00e4ologische Funde,\ndie den Konsum von Mezcal belegen. Allerdings glaubt man, dass der Mezcal nur\nin Ausnahmesituationen getrunken wurde. Fibern von <em>maguey<\/em> wurden in H\u00f6hlen und in Exkrementen gefunden, und man wei\u00df\ndaher, dass <em>maguey<\/em> gekaut wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Eroberung trugen die europ\u00e4ischen\nTechniken zur Weiterentwicklung des Herstellungsprozesses bei und der Mezcal\ntrat in Konkurrenz zu dem aus Europa mitgebrachten Wein, so sehr, dass die\nHerstellung verboten wurde. Mit voraussehbarem Resultat: Der Mezcal wurde\nillegal gebrannt und erst recht zu einem Zeichen der Identit\u00e4t. Und nach dem\nAbzug der Spanier zum Nationalgetr\u00e4nk. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Echte Freunde des Mezcal schw\u00f6ren auf die\nHerstellung aus wild wachsendem <em>maguey<\/em>.\nDie ist allerdings umst\u00e4ndlich und hart. Unwegsames, &nbsp;absch\u00fcssiges Gel\u00e4nde, und Abtransport mit\nEseln. Experten unterscheiden auch genau nach Herkunftsort, Bodenbeschaffenheit,\nAgavenart, nicht viel anders als beim Wein, nur das Alter scheint keine Rolle\nzu spielen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss gibt es in einer langen Vitrine eine\nganze Sammlung von Flaschen aller Art, bauchige, schlanke, dreieckige,\npyramidale, in Form eines Stiers, in Form eines Mexikaners mit Hut, in Form von\nTotenk\u00f6pfen, in Form eines Stiefels, als Uhr, in Form eines Gespensts, in Form\neines Wurms. Der Wurm hat eine besondere Bedeutung, denn einige Mezcals werden\nmit einem Wurm als Zugabe in der Flasche verkauft. Das erinnert mich an ein Treffen\nmit Studenten, die dem Mezcal gut zusprachen. Und auf einmal war der Wurm weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen nach unten und bekommen dort einen\nTequila und einen Mezcal serviert, ohne Wurm. Beide sind sehr mild und steigen\nsofort zu Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir \u00fcber eine Stra\u00dfe, ganz\nnahe an der Plaza Garibaldi, die auf beiden Seiten von mexikanischen S\u00e4ngern\nflankiert wird. Sie stehen auf Sockeln und sind in S\u00e4ngerpose oder mit Instrument\ndargestellt. Mar\u00eda kennt die meisten, ich kenne keinen. Sie sagt, ich solle ein\nPhoto von Juan Gabriel machen. Der sei eine echte mexikanische Ikone. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf meiner Einkaufsliste steht noch eine\nGeschichte Mexikos. Wir gehen in die Porr\u00faa, wo wir dieser Tage oben gesessen\nhaben. Auswahl gibt es reichlich. Ich nehme die k\u00fcrzeste. Auch hier ist es mit\ndem Bezahlen sch\u00f6n kompliziert. Man gibt den Band an einem Schalter ab, bekommt\neine Quittung, geht mit der Quittung zur Kasse, zahlt, bekommt einen Beleg und\ngeht mit dem Beleg wieder zur\u00fcck zu dem Schalter, um sein Buch abzuholen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Essen gehen wir zur Casa de To\u00f1o, einer Kette,\naber einer der besseren, wie Mar\u00eda meint. Das Lokal ist in einem\nEinkaufszentrum untergebracht, im Obergeschoss. Vor der T\u00fcr eine Schlange, man\nbekommt eine Nummer von einer mit einem Mikrophon bewaffneten Frau, die die\nWartenden hineinbittet, wenn sie an der Reihe sind. Ganz egal, ob es zwei oder\neine ganze Gruppe sind, die Tische werden von den flinken Kellnern, die st\u00e4ndig\nunterwegs sind, entsprechend zurechtger\u00fcckt. Wir bekommen einen Platz am\nFenster. Von hier aus sieht man direkt auf einen sch\u00f6nen Adelspalast auf der\nanderen Stra\u00dfenseite. Wie viele gibt es davon in Mexiko wohl?<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommt Bewegung unten auf die Stra\u00dfe.\nEine gr\u00f6\u00dfere Gruppe str\u00f6mt die Stra\u00dfe hinunter und bleibt unter unserem Fenster\nstehen. Ein paar sind mit Fl\u00fcstert\u00fcten ausger\u00fcstet, anderen machen die\ntypischen Gesten, die man bei Demonstrationen sieht. Nur sind alle ganz fein\ngekleidet, so als wenn sie auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier w\u00e4ren. Ein\nr\u00e4tselhafter Auftritt. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Kaffee gehen wir einen H\u00e4userblock weiter, in ein Caf\u00e9, da einstens wohl was dargestellt hat: Paneelen, Bodenfliesen, Wandmalereien, verziertes Eingangsportal. Heute gibt es hier entsetzlich d\u00fcnnen Kaffee in Pappbechern, mit Selbstbedienung an der Theke. <\/p>\n\n\n\n<p>10. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon am Morgen, noch vor der \u00d6ffnung der\nGesch\u00e4fte, werden die B\u00fcrgersteige gr\u00fcndlich geschruppt. Alles blitzsauber. Die\nB\u00fcrgersteige sind gut angelegt und haben kaum einmal eine Fu\u00dfangel.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Parroquia<\/em>\nbestelle ich wieder eine andere Spezialit\u00e4t des Hauses als Fr\u00fchst\u00fcck,\ngeschmortes Rindfleisch und Griebe auf einer Tortilla, mit Zwiebeln und\nAvocado. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Tradition des Hauses wird der schwarze\nKaffee in einem hohen Glas serviert. Sobald man dreimal mit dem L\u00f6ffel gegen\ndas Glas schl\u00e4gt, kommt der Kellner und sch\u00fcttet die Milch ein, in hohem Bogen\naus einer Kanne aus Metall. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck hier kostet meist um die 150 Pesos,\nin dem anderen Caf\u00e9 um die 100 Pesos. Das sind 7,50 bzw. 5 Euro, wobei in der <em>Parroquia<\/em> der Kaffee schon die H\u00e4lfte\nausmacht. Jedenfalls ist Mexiko nicht mehr so billig wie fr\u00fcher. Dazu kommt\nnoch, dass ich am Geldautomaten einen schlechteren Kurs bekommen habe als beim\nUmtausch. Ein Mittagessen gibt es auch schon ab 150 Pesos. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Kreuzung vor dem Hotel ist viel Betrieb.\nVerschiedene Dienstleistungen werden laut angeboten. Bei einer Frau schnappe\nich <em>planchar<\/em> auf, \u201ab\u00fcgeln\u2018. Was wird\ndenn hier geb\u00fcgelt? Die Frau bietet kosmetischen Dienstleistungen an. Beim\nzweiten Mal verstehe ich dann, was \u201egeb\u00fcgelt\u201c wird: die Augenbrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts ist naheliegender als das <em>Museo de las Constituciones<\/em>. Es ist\nschr\u00e4g gegen\u00fcber von dem Hotel. Mar\u00eda ist noch nie drin gewesen, sie sieht sich\nlieber Kunst an. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Geb\u00e4ude auf einer S\u00e4ule eine B\u00fcste, die\nman von weitem identifiziert: Dante. Eine Stiftung der italienischen Gemeinde\nMexikos. Warum er hier steht, ist unklar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude selbst hat viel Geschichte, die auch\nmit den Verfassungen verbunden ist. Es begann sein Leben als Kirche, wurde dann\naber zum Sitz des ersten gesetzgebenden Organs des unabh\u00e4ngigen Mexikos und\nSitz der ersten verfassungsgebenden Versammlung, die hier die erste Verfassung\nerarbeitete und auch verk\u00fcndete. Das war 1824.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nicht viele Ausstellungsst\u00fccke, aber viel\nText. Bei den Ausstellungsst\u00fccken handelt es sich im Wesentlichen um Exemplare\nwichtiger Verfassungen oder Dekrete und um M\u00fcnzen und Geldscheine aus\nverschiedenen Epochen. Die ersten Geldscheine sehen noch wie Dokumente aus, die\nsp\u00e4teren gleichen dann den heutigen, sind aber viel gr\u00f6\u00dfer. Unter den M\u00fcnzen\neine mit dem Konterfei des ersten, kurzlebigen Kaisers. Iturbide.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Texten Verfassungen aus verschiedenen\nEpochen und der \u2013 handschriftliche \u2013 Erlass Miguel Hidalgos (1810) zur\nAbschaffung der Sklaverei. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass es \u00fcberhaupt erstmals zu einer Verfassung\nkommen konnte, ist indirekt Napoleon zu verdanken. Der hatte Fernando VII. nach\nFrankreich gelockt und zur Abdankung \u00fcberredet, um in Spanien seinen Bruder\nJoseph auf den Thron zu setzen. In dieser zerrissenen Situation kam es zu den\nber\u00fchmten Cortes von C\u00e1diz, die 1812 die erste \u2013 und gleich sehr\nfortschrittliche Verfassung \u2013 f\u00fcr Spanien erlie\u00df. Diese wurde dann 1814\nteilweise auch f\u00fcr Mexiko g\u00fcltig. Nach der R\u00fcckkehr Fernandos ging es dann hin\nund her, mit R\u00fccknahme der Verfassung und Wiederherstellung der Verfassung. Im\nLaufe der Zeit gab es dann ein Hin und Her zwischen mehr zentralistischen und\nmehr f\u00f6deralistischen Verfassungen. Die jetzige ist f\u00f6deralistisch, was auch in\ndem offiziellen Namen des Staates zum Ausdruck kommt: <em>Estados Unidos Mexicanos<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant der Vergleich der Verfassungen im\nLaufe der Zeit. In den ersten ging es eher um politische Rechte, Gleichheit,\nFreiheit, Macht geht vom Volke aus, in den sp\u00e4teren eher um soziale Rechte,\nVersammlungsfreiheit, freie Wahl des Aufenthaltortes, Waffenbesitz,\nReligionsfreiheit. In den ersten Verfassungen war der katholische Glaube noch\nals Norm in die Verfassung eingeschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant auch die vielen Ver\u00e4nderungen. Von 136\nArtikeln blieben nur 22 unver\u00e4ndert, der Artikel \u00fcber die Rechte des Kongresses\nwurde 78 Mal ge\u00e4ndert. Dennoch hei\u00dft es, ist die Verfassung seit 1824 im Grunde\nstabil geblieben. Viele der Ver\u00e4nderungen waren nicht substantieller Art. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch noch etwas zur politischen Philosophie.\nEin Autor namens Jacques Ranci\u00e9re unterscheidet zwischen politischen\nAnalphabeten, die gar nicht wissen, dass die Politik einen Einfluss auf ihr\nLeben hat und den Apolitischen, die sich entt\u00e4uscht oder indifferent abgewandt\nhaben, und den Pr\u00e4politischen. Das sind solche, die alles f\u00fcr sich ausnutzen,\nwas g\u00fcnstig ist, \u00fcber alles schimpfen und alles besser wissen. Kann man lange\ndr\u00fcber diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein Zitat von einer gewissen Celia Amor\u00f3s,\ndas es mir angetan hat: \u201eLos sistemas de dominaci\u00f3n s\u00f3lo se hacen visibles a la\nmirada cr\u00edtica y extra\u00f1ada, la mirada conforme los percibe como lo obvio \u2013 Die Herrschaftssysteme\nenth\u00fcllen sich nur dem kritischen und erstaunten Blick, dem angepassten Blick\nerscheinen sie wie etwas &nbsp;Selbstverst\u00e4ndliches\u201c.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum \u2013 es ist inzwischen warm geworden\n\u2013 machen wir einen Spaziergang zum <em>Parque\nAlameda<\/em>, von dem frankophilen Porfirio D\u00edaz angelegt. Sch\u00f6n sind hier vor\nallem die Brunnen, aber auch die hohen, schattenspendenden B\u00e4ume. Abseits des\nPlatzes eine Kirche mit Doppelt\u00fcrmen und Kuppel, und am Ende des Parks der\nPalacio de Bellas Artes, der im Laufe der Zeit schon um fast zwei Meter in den\nBoden gesunken ist. Der Platz vor dem Palast liegt tats\u00e4chlich ein ganzes St\u00fcck\nunter dem Bodenniveau der Stra\u00dfe und des Parks. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Parks ein Denkmal f\u00fcr Jos\u00e9 Mart\u00ed. Ein\nKubaner in Mexiko? Ja, klar, der geh\u00f6re doch auch zu den Befreiern\nLateinamerikas. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen zur Abwechslung in ein italienisches\nLokal, das sich aber als zu teuer entpuppt. Aber der Weg lohnt sich. Pl\u00f6tzlich\nblicke ich, am \u00e4u\u00dfersten Rande des Platzes, einer Statue ins Gesicht, das mir\nsofort bekannt vorkommt: Alexander von Humboldt. Auf dem Sockel steht\n1799-1999, dem Jahr von Humboldts Ankunft in Mexiko und das zweihundertste\nJubil\u00e4um. Humboldt war ein ganzes Jahr in Mexiko, in verschiedenen Gebieten,\nund hatte auch Beziehungen zu den Bef\u00fcrwortern der Unabh\u00e4ngigkeit. Hier gibt es\nzwar ein Humboldt-Gymnasium, aber kein Museum. <\/p>\n\n\n\n<p>Humboldt ist als junger Mann dargestellt. Ein\nLeguan kriecht an seinem Bein hoch, hinter ihm eine Schnecke. Auf dem Rock\nsieht man das Profil von Amerika, und auf seinem Schenkel ruht ein Exemplar\nseines <em>Kosmos<\/em>, komischerweise mit\ngriechischem Titel. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zur\u00fcck und entdecken am anderen Rand des\nPlatzes ein weiteres Denkmal, eins von der deutschen Gemeinde Mexikos\nerrichtetes, mit einer B\u00fcste Beethovens am Sockel und einem gefl\u00fcgelten Wesen\noben drauf, das man nicht so leicht mit Deutschland in Verbindung bringen kann.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich mal was anderes essen will, landen wir in\neinem etwas schummrigen Lokal, in dem es schlechtes und keineswegs billiges\nEssen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda erz\u00e4hlt, sie kaufe nur organische\nLebensmittel. In ihrem Beruf sieht sie immer mehr Frauen, auch junge Frauen,\ndie Krebs haben. Sie f\u00fchrt das auf die industriell gefertigten Lebensmittel\nzur\u00fcck, auf Hormone im Fleisch und Quecksilber in den Konserven. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt auch von ihren treuen Hunden. Die\nseien w\u00e4hrend der 30 Tage, die sie mit Corona im Bett lag, nicht von ihrer\nSeite gewichen. Ihr Sohn habe sie morgens und abends ausgef\u00fchrt, aber sie\nh\u00e4tten nur schnell ihr Gesch\u00e4ft erledigt und seinen dann sofort zur\u00fcckgekommen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>11. Februar\n(Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cM\u00e9xico es muchos M\u00e9xicos\u201d ist der erste Satz der\nGeschichte Mexikos, die ich gekauft habe. Die Autoren weisen vor allem darauf\nhin, dass die Geschichte Mexikos meist die St\u00e4mme im Norden vernachl\u00e4ssigt, von\ndenen weniger bekannt ist. W\u00e4hrend im S\u00fcden systematisch Landwirtschaft\ngetrieben wurde, war die im Norden instabil, und die meisten Menschen waren\nJ\u00e4ger und Sammler. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist eine v\u00f6llig neugestaltete Version\neines Klassikers, mit neuen Autoren, neuer Aufteilung, neuer Chronologie, auch\nwenn die generelle Ausrichtung dieselbe bleibe, konkret und f\u00fcr ein\nLaienpublikum verst\u00e4ndlich. Aber man habe neue Erkenntnisse verarbeitet. Wenn\nman zwei Leben h\u00e4tte, w\u00fcrde man die neue und die alte Ausgabe lesen, um zu\nsehen, was sich ver\u00e4ndert hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen, als ich mich auf den Weg mache,\nirgendwo ein Fr\u00fchst\u00fcck zu ergattern, ist es eiskalt. Das ist die von der Heimat\nschon angek\u00fcndigte Kaltfront. Die Stra\u00dfen sind noch leer, obwohl es gar nicht\nmehr so fr\u00fch ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf gut Gl\u00fcck los und lande in einem ganz\nanderen Viertel. Zwei gro\u00dfe Kirchen, beide mit einer mit Fliesen verzierten,\nhohen Kuppel von Weitem sichtbar, stehen in <em>kurzer\nDistanz zueinander auf der Calle<\/em> Moneda. Die zweite ist Santo Esp\u00edritu,\nScheint bauf\u00e4llig zu sein, wird aber wohl zur Zeit saniert. An einem\nSeiteneingang tragen Bauarbeiter Sands\u00e4cke in die Kirche. Aus den\nStrebepfeilern wachsen Gr\u00e4ser und Blumen hervor. In eine Nische hat man eine\nhier v\u00f6llig fremd wirkende, kleine wei\u00dfe Skulptur eingestellt, mit einfachen\nGesichtsz\u00fcgen, wie aus einer vorgeschichtlichen Kultur. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche hat eine Fassade mit reichem\nSkulpturenschmuck, darunter ein Papst im Papstornat mit Tiara. Darunter, nach\ndem Motto \u201eDoppelt gemoppelt h\u00e4lt besser\u201c, in einem Medaillon eine weitere\nTiara. <\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Kirche ist ge\u00f6ffnet, hat aber innen\nnichts zu bieten au\u00dfer einer interessanten Geschichte. Es handelt sich um die\nKirche eines ehemaligen Nonnenklosters, Santa In\u00e9s (unsere Agnes). Es war die\nStiftung eines Adeligen, dessen Ehefrau In\u00e9s hie\u00df. Er verf\u00fcgte, dass hier immer\ngenau 33 Nonnen gratis untergebracht werden sollten, eine f\u00fcr jedes Lebensjahr\nvon Jesus. 1599 wurde hier die erste Messe gelesen. Es hei\u00dft, die Kirche weise\ndie typischen Merkmale einer Ordenskirche auf: parallel zur Stra\u00dfe, nur ein\nSchiff, ein Zwillingsportal in der Mitte und an den beiden Enden. <\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n gestaltet sind die h\u00f6lzernen T\u00fcren und das\nebenfalls h\u00f6lzerne Tympanon, mit Szenen aus dem Leben der Heiligen sowie aus\ndem Leben von Santiago, der sich hier den Job des Patrons mit In\u00e9s teilt. Die\nSchnitzereien sind eher grob, aber sehr plastisch, leider kann man nicht gut\nerkennen, welche Szenen dargestellt werden, au\u00dfer dem Martyrium von beiden, wo\nMesser gewetzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenstra\u00dfe \u00f6ffnet gerade ein Lokal,\neins mit Spezialit\u00e4ten aus Oaxaca, <em>Tlayudas\nXaachila<\/em>. Die gibt es wohl erst zum Mittagessen, aber was ich bestelle,\nkenne ich genauso wenig. Es ist ein Fladen mit zwei verschiedenen, scharfen\nSo\u00dfen. Dazu gibt es einen w\u00e4rmenden Kakao.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zur\u00fcckgehe, ist die Stadt l\u00e4ngst erwacht.\n\u00dcberall werden Kartons mit Waren in die L\u00e4den getragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen haben hier, wie in Quito, oft zwei\nNamen, einen alten und einen neuen. An einer Stra\u00dfenecke sehe ich die <em>Correo Mayor<\/em>, die fr\u00fcher <em>Calle del Indio Triste<\/em> hie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda holt mich ab, und wir gehen zum Z\u00f3calo. Ich\nhabe Kathedrale und Templo Mayor vorgeschlagen. Liegen vor der Haust\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Kathedrale hat man ein ganz merkw\u00fcrdiges\nGef\u00fchl, wenn man auf und ab geht. Man f\u00fchlt sich unsicher, so als wenn man auf\nkeinem festen Untergrund w\u00e4re. Das liegt einfach daran, dass sie Boden schief\nist, die Kathedrale im Laufe der Zeit zur einen Seiten etwas in dem Sumpf\ngesackt ist. Sehen tut man das nicht, aber dass ich mir das nicht einbilde,\nbest\u00e4tigt Mar\u00eda und best\u00e4tigt auch ein Paar, das mit schwingenden Armen durch\ndie Kirche gehen, so als wollten sie ein Schwindelgef\u00fchl imitieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4u\u00dferen Seitenschiffe sind, nach spanischer\nManier, alle mit Seitenkapellen versehen. Darunter befindet sich eine mit einem\nschwarzen Christus am Kreuz. Ich habe schon schwarze Madonnen gesehen, aber\nnoch keinen schwarzen Christus. Ob der etwas mit der Geschichte Lateinamerikas\nzu tun hat? Oder ob es gar kein Christus ist, sondern ein Schwarzer, der f\u00fcr seinen\nGlauben gekreuzigt wurde? Aber Schwarze kommen in der Bibel nicht so oft vor,\nund in Lateinamerika hat es keine Kreuzigungen mehr gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der Ausstattung gefallen uns besonders die\nOrgeln \u2013 davon gibt es zwei, identische \u2013 und die Kanzeln \u2013 von denen gibt es\ngleich vier, alle aus Marmor. Bei den Orgeln stecken nicht die Pfeifen einfach\nso in die Luft raus, sie wirken eher wie ein M\u00f6belst\u00fcck mit ihren sch\u00f6nen\nHolzverkleidungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus der Kathedrale kommen, sehen wir in\neine Stra\u00dfe mit schief stehenden H\u00e4usern. Diesmal kommt das sogar auf dem Photo\nzum Ausdruck. Woran ich dabei gar nicht gedacht habe: Muss ein komisches Gef\u00fchl\nsein, darin zu wohnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zum <em>Templo\nMayor<\/em>. Es ist wirklich das religi\u00f6se Zentrum der Azteken gewesen, nicht das\npolitische Zentrum. Der <em>Templo Mayor<\/em>\nist im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut worden. An einer Stelle sieht man,\nwie eine Stufenpyramide \u00fcberbaut wurde, um dar\u00fcber eine neue, gr\u00f6\u00dfere entstehen\nzu lassen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mauern sind ganz gut erhalten, aber man kann\nsich kaum vorstellen, wie das Ganze ausgesehen hat. Das liegt auch daran, dass\ndie Mauern oft ganz nah aneinander stehen und kaum Platz lassen, um zwischen\nihnen herzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Material, erf\u00e4hrt man, kam gro\u00dfenteils aus der\nUmgebung. Dabei ist viel vulkanisches Gestein. <\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen sind noch Figuren von\nTieren erhalten, die in der Glaubensvorstellung der Azteken eine Rolle\nspielten, darunter Kr\u00f6ten. Besonders gut erhalten sind zwei bunt bemalte, gro\u00dfe\nSchlangen, die sich auf dem Boden \u2013 ja, was tun Schlangen? \u2013 entlangschl\u00e4ngeln.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein R\u00e4tsel gibt der heilige Baum auf, <em>El \u00c1rbol Sagrado.<\/em> Er scheint nicht\neinfach nur so in der Gegend herumzustehen, sondern eine Bedeutung zu haben,\ndenn er ist eingemauert, steht auf der ersten Stufe der Treppe der Pyramide,\nund sein Stamm ist, vermutlich durch menschlichen Eingriff, in zwei Teile\ngeteilt. Vielleicht war er in Zeremonien die Verbindung mit dem Himmel und der\nUnterwelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum wird betont, dass die Vorstellungswelt\nder Azteken immer auf einer Dualit\u00e4t beruhte, auf Gegens\u00e4tzen, die sich\ngleichzeitig erg\u00e4nzten, M\u00e4nnlich gegen Weiblich, Wasser gegen Feuer, Himmel\ngegen Erde, Warm gegen Kalt. Alle Gegens\u00e4tze liefen hier, in Tenochtitl\u00e1n, dem\nNabel der Welt, zusammen. Diese Dualit\u00e4t durchdringt das ganze Leben. So steht\nzum Beispiel ein Steinmesser, assoziiert mit K\u00e4lte, im Gegensatz zum\nObsidianmesser, assoziiert mit W\u00e4rme, die Fl\u00f6te, assoziiert mit Wind, im\nGegensatz zur Trommel, dem Wind entgegengesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir noch ein bisschen \u00fcber das Gel\u00e4nde gehen,\nerinnert mich ein bl\u00fchender Bougainvillea-Strauch an die Kolibris, die sich\ndamals hier tummelten und so schnell waren, dass sie nicht aufs Photo gebannt\nwerden konnten. Heute halten sie sich versteckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Mauern des <em>Templo Mayor<\/em> sehen wir einen Kaktus und eine Agave, genau den\nbeiden Typen zugeh\u00f6rig, die in den letzten Tagen immer wieder vorkamen, <em>maguey<\/em> und <em>nopal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Essen gehen wir in eine weitere Kette, VIP.\nDas Lokal sieht wie eine Kantine aus, aber die Bedienung ist freundlich und es\ngibt mal was ganz anderes zu essen, einen leckeren Salat mit einer s\u00fc\u00dflichen\nSo\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Kaffee fahren wir auf die Terrasse eines\nHotels. Im Aufzug ist tats\u00e4chlich noch ein Mann t\u00e4tig, der die T\u00fcren \u00f6ffnet und\ndaf\u00fcr sorgt, dass man dahin kommt, wohin man will. <\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt auf einem ganz schmalen Balkon, mit\nBlick hin\u00fcber zur Fassade der Kathedrale, die man von hier aus besser einsehen\nkann als von unten. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda hat mir B\u00fccher mitgebracht f\u00fcr die Reise,\nzwei Romane und eine Biographie. Sie droht damit, mir die Freundschaft\naufzuk\u00fcndigen, wenn ich sie nicht annehme. <\/p>\n\n\n\n<p>12. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Tag in Mexiko. Heute geht es weiter\nnach Puebla. Stand schon bei der ersten Mexikoreise auf dem Programm. Wurde\naber gestrichen. Moctezumas Rache. <\/p>\n\n\n\n<p>In Puebla wurde der Vocho hergestellt, unser\nK\u00e4fer, und zwar noch lange, nachdem die Produktion in Deutschland bereits\neingestellt war. Au\u00dferdem verf\u00fcgt die Stadt \u00fcber eine Unzahl von Kirchen. Und\nhat eine interessante Umgebung. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda holt mich zum Fr\u00fchst\u00fcck ab. Es geht ins <em>Bisquets Obreg\u00f3n<\/em>. Es ist kalt, nicht nur\ndrau\u00dfen. Wir sitzen im Durchzug. Aber die Kellnerinnen sind unglaublich\nhilfsbereit. Erst schlie\u00dfen sie einen Fl\u00fcgel der Eingangst\u00fcr, dann sichern sie\nuns den ersten Platz, der frei wird, hinten im Caf\u00e9. Denn es ist rappelvoll. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kellnerin fragt, ob wir pan haben wollten.\nIch sage nein, und kurz darauf erscheint in Br\u00f6tchen auf dem Tisch. Was\nmissverstanden? Ja, das sei kein pan, das seien bollos. Wir bestellen dann doch\nein pan. Es ist s\u00fc\u00df und warm und schmeckt nach Butter und Vanille. Lecker!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das mit dem Kaffee bekommen die Kellnerinnen\ngebacken und r\u00fccken mit vier Kannen an. Mar\u00edas Kaffee soll lauwarm sein mit entfetteter\nMilch, meiner hei\u00df mit Vollmilch. Klappt perfekt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Rede kommt auf den Kaffee und auf Brasilien\nund Kolumbien. Ach Quatsch, der beste Kaffee kommt aus \u2013 Mexiko! Da ist sich\nMar\u00eda mit der Kellnerin einig. Die f\u00fcgt sogar noch die besten Anbaugebiete an,\ndarunter Oaxaca und Veracruz. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich drau\u00dfen warte, sehe ich auf dem schmalen\nBalkon des Hauses die Skulptur eines Mannes, in Rednerpose, mit einer Hand das\nGel\u00e4nder haltend, mit der anderen gestikulierend. Mar\u00eda glaubt zu wissen, wer\ndas ist, aber er kann es doch nicht sein, denn dann m\u00fcsste er nur eine Hand\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Mar\u00eda begleitet mich noch zu Busbahnhof, einem der\nBahnh\u00f6fe. Es gibt n\u00e4mlich sowohl hier als auch in Puebla mehrere. Mein Bus geht\nvon TAPO zu CAPU. Sie gibt mir noch ein T\u00fctchen Studentenfutter als Proviant\nmit und eins mit gezuckerten Fr\u00fcchten. Und l\u00e4sst den Wanderer seines Weges\nziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorh\u00e4nge im Bus sind zugezogen, und so sieht\nman von der Landschaft nichts. Als ich zwischendurch mal den Vorhang zur Seite\nschiebe, habe ich nicht das Gef\u00fchl, dass ich was verpasse. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen viel fr\u00fcher an als erwartet. In Puebla\ngreift das System des \u201esicheren Taxis\u201c. Man kauft an einem Schalter eine\nFahrkarte ins Stadtzentrum, geht nach drau\u00dfen, geht zu einem Kiosk, gibt die\nQuittung ab und bekommt ein Schild mit einer Nummer. Die bekommt der Fahrer. Die\nlange Fahrt kostet nur 93 Pesos, knapp 5 Euro. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer ist schlecht gelaunt und raunzt alle\nanderen Verkehrsteilnehmer an oder ma\u00dfregelt sie mit der Hupe. Er setzt mich\naber zuverl\u00e4ssig vor meiner Unterkunft ab: braunes Holztor mit wei\u00dfer Klingel. <\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal \u00f6ffnet jemand. Von jetzt an muss man sich\nden Code merken. Das Apartment liegt am Ende eines langen wei\u00dfen Hofs. Es hat\nzwei Etagen und eine halsbrecherische Wendeltreppe. Die Erkl\u00e4rungen zum warmen\nWasser h\u00f6ren sich etwas unglaubw\u00fcrdig an, aber ich will es erst mal am n\u00e4chsten\nTag versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es erst einmal ins Zentrum. Der\nStadtplan ist genial. Es gibt eine L\u00e4ngsachse und eine Querachse. Beide haben\n\u201erichtige\u201c Namen, und zwar jeweils zwei, einen links und einen rechts des\nSchnittpunkts, einen \u00fcber und einen unter dem Schnittpunkt. Die parallel zu den\nbeiden Achsen verlaufenden Stra\u00dfen sind durchnummeriert und hei\u00dfen auf der\nlinken Seite <em>Poniente<\/em> und auf der\nrechten <em>Oriente<\/em>, oben <em>Norte<\/em> und unten <em>Sur<\/em>. Bei der Z\u00e4hlung sind die ungeraden Zahlen unten und die\ngeraden oben. Man wei\u00df also sofort, dass <em>Poniente\n9<\/em> unten links ist, und zwar in passabler Entfernung zum Zentrum, denn die\nZahlung beginnt mit <em>Poniente 3.&nbsp; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter es zum Zentrum geht, umso sch\u00f6ner wird\nes. Vor allem die H\u00e4userfassaden, entweder farbig gefasst oder mit Kacheln\nbedeckt, sind sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zentrum bildet der Z\u00f3calo. Dort ist echt was\nlos. Stra\u00dfenk\u00fcnstler und Clowns treten auf, und h\u00fcbsch verkleidete M\u00e4dchen\ntanzen ungelenk und versch\u00e4mt l\u00e4chelnd zu orientalisch klingender Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Z\u00f3calo<\/em>\nhat auf drei Seiten Arkaden, auf der anderen Seite die Nordfront der m\u00e4chtigen\nKathedrale. Die ist im vorderen Teil grau, vermutlich mit Vulkanstein, und\nrot-wei\u00df im hinteren. <\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Z\u00f3calo<\/em>\nsind Schilder aufgestellt, die die heroische Geschichte Pueblas preisen und das\nZertifikat der UNESCO abbilden, mit dem Puebla zur Welterbest\u00e4tte erkl\u00e4rt\nwurde, 1987.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Touristeninfo, in einem Haus unter den Arkaden\nuntergebracht, hat noch ge\u00f6ffnet. Aber da kann ich nicht landen. Der erste\nkommerzielle Anbieter nimmt nur Anmeldungen von mindestens zwei Personen an,\nder andere hat nur was f\u00fcr Freitag, was f\u00fcr mich zu sp\u00e4t ist und f\u00fcr Donnerstag,\nwo er mindestens sechs Anmeldungen braucht. Bisher hat er noch keine. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der st\u00e4dtischen Information nimmt das M\u00e4dchen\neinen Stadtplan in die Hand und kreist alle m\u00f6glichen Zahlen ein, wobei sie\nherunterrasselt, was es da zu sehen gibt. Nicht sehr hilfreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe abseits des <em>Z\u00f3calo<\/em> in ein unverd\u00e4chtig aussehendes Lokal, habe mich aber versch\u00e4tzt. Das Essen ist nichts, und nicht einmal g\u00fcnstig. <\/p>\n\n\n\n<p>13. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es zur Reinigung, stadtausw\u00e4rts. Es\nist schon viel Verkehr auf den Stra\u00dfen, und auf dem B\u00fcrgersteig kommen mir\nHeerscharen von uniformierten Sch\u00fclern entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reinigung hat den uns\u00e4glichen Namen <em>Dalailava<\/em>. Hier wird jedes W\u00e4schest\u00fcck\neinzeln gez\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dorthin bin ich an einer kleinen\nWirtschaft vorbeigekommen, deren Eigent\u00fcmerin gerade die St\u00fchle rausstellte und\nmich freundlich gr\u00fc\u00dfte. Da gehe ich zum Fr\u00fchst\u00fcck hin. Sie empfiehlt mir zwei <em>arabes<\/em>. Im Grunde ist ein <em>\u00e1rabe<\/em> ein D\u00f6ner, und in den n\u00e4chsten\nTagen sehe ich auch immer wieder, wie sich vor bestimmten Lokalen der Spie\u00df\ndreht, wie bei uns. Die Idee wurde von Arabern, wohl von Einwanderern aus dem\nLibanon, mitgebracht. Die Mexikaner ersetzten das Pita-Brot durch einen\nMaisfladen, das Lammfleisch durch Schweinefleisch und das Gem\u00fcse durch K\u00e4se. <\/p>\n\n\n\n<p>Als die Wirtin h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland\nkomme, sagt sie mir, ihr Mann arbeite bei VW hier und sie habe dort auch f\u00fcnf\nJahre gearbeitet. Es stellt sich heraus, dass sie Kolumbianerin ist und gerade\nden <em>Eje Cafetero<\/em> besucht hat und\ndabei auch in Filandia war. Sie fragt mich dann, warum ich dies nicht\nbesichtigt und das nicht gesehen und hier und dort nicht gewesen bin. In\nKolumbien gebe es doch so viel zu sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir ein Plakat auf, in dem\nes um den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen geht: <em>Que un ni\u00f3 beba alcohol, no est\u00e1 chido<\/em>. Daneben ein Daumen, der\nnach unten zeigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Um 11 soll ein Stadtrundgang am <em>Z\u00f3calo<\/em> beginnen, aber ich sehe niemanden\nund steige stattdessen in den Touribus. Sch\u00f6ne Strecke, aber die Kommentare\nsind gehen auf die Nerven. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Nebensitz ein amerikanisch-mexikanisches\nPaar. Er stammt aus San Diego und hat deutsche Vorfahren, aus M\u00fcnchen, war aber\nnoch nie dort. Er ist seit zwei Jahren in Rente. Seitdem leben sie in Mexiko,\nin ihrer Heimatstadt: \u201eDa hat man mehr von seinem Geld.\u201c Am Ende der Tour sagt\nsie \u201eTake care\u201c und er \u201eAuf Wiedersehen\u201c. Und fragt mich abschlie\u00dfend noch, wie\nmir das mexikanische Bier schmecke. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Innenstadt geht es an sch\u00f6nen H\u00e4usern\nvorbei, die man von hier oben gut sehen kann. Darunter das Postgeb\u00e4ude, dessen\nFassade mit einer Mischung von Ziegelsteinen und Keramik gefasst ist. Die gilt\nals typisch f\u00fcr Puebla. Dann kommt das Haus mit dem irref\u00fchrenden Namen <em>Casa de las Mu\u00f1ecas<\/em>. Ich sehe mich nach\nPuppen um, aber sehe keine. Das Wort bezieht sich hier wohl auf die Figuren,\ndie an der Fassade abgebildet sind. Die haben von Puppen gar nichts, es sind\neher kr\u00e4ftige Kerle. Was sie darstellen, wei\u00df man nicht. Man w\u00fcrde am ehesten\nauf die 12 Taten des Herkules tippen, aber daf\u00fcr sind es zu viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen am <em>Museo\nAmparo<\/em> vorbei und an der <em>Biblioteca\nPalafoxiana<\/em>, die beide auf meiner Liste stehen, und an einer gro\u00dfen,\nblau-wei\u00dfen Kirche. Es sollte nicht die letzte sein. Die Stadt Puebla hat 270\nKirchen, der Bundesstaat Puebla 7000.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch ein sch\u00f6nes blau-gelbes Haus, <em>La Pasita<\/em>, mit einem Lokal, das man\nunbedingt besuchen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann fahren wir nach <em>Analco<\/em>, aus der Innenstadt heraus. <em>Analco<\/em> bedeutet \u201aJenseits des Flusses\u2018. Das ist ein v\u00f6llig anderes\nViertel, die Stra\u00dfen verlaufen quer, die H\u00e4user sind niedriger. Der Fluss, der <em>San Francisco<\/em>, ist nicht zu sehen, wohl\naber eine alte Steinbr\u00fccke, die ehemals \u00fcber ihn f\u00fchrte und die Grenze zwischen\nAltstadt und Analco markierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Barrio de la Luz, ein Viertel, das\ntraditionell f\u00fcr seine T\u00f6pferwerkst\u00e4tten bekannt ist. Die Kirche hier hat\nKeramik an der gesamten Fassade. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine sch\u00f6ne Markthalle, und schr\u00e4g\nversetzt an diesem sehenswerten Platz die \u00e4lteste Kirche Pueblas, die aber\nnicht so aussieht, weil sie im Rokoko mal ein Facelifting bekommen haben muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Leitmotiv der Rundfahrt ist der 5. Mai und der\nheroische Sieg der mexikanischen Armee \u00fcber die Franzosen, damals, wie es\nhei\u00dft, die m\u00e4chtigste Armee der Welt. Allerdings wird die kaum komplett in\nMexiko versammelt gewesen sein. Aber das wird nicht erw\u00e4hnt. An diesem Sieg hat\nauch die Stadt Puebla ihren Anteil, und der Sieg hat ihr ihren heutigen Namen\ngegeben, einer, der mich bei der Buchung ziemlich verwirrt hat<em>: Her\u00f3ica Puebla de Zaragoza<\/em>. Jetzt\nerfahre ich, dass <em>Zaragoza<\/em> der\nGeneral war, der die Schlacht leitete. Wir kommen an seinem Mausoleum vorbei,\nan der Festung, an dem <em>Museo 5 de Mayo<\/em>,\n\u00fcber den <em>Boulevard 5 de Mayo<\/em>, am <em>Monumento 5 de Mayo<\/em> vorbei. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Festung steigen wir aus. Hier gibt es eine\nPause. Es ist richtig hei\u00df geworden, und ich bin froh, dass ich hier eine\nFlasche Wasser erwische.<\/p>\n\n\n\n<p>Man blickt auf die Silhouette der Stadt und ins <em>Estadio Ol\u00edmpico<\/em> hinunter. Dort wurden\nbei den Spielen 1968 einige Wettbewerbe ausgetragen. Es ist in die Jahre\ngekommen und dient heute nur noch gelegentlich zur Austragung von\nBaseball-Spielen. Am meisten wird es assoziiert mit einem Konzert, das <em>Queen<\/em> hier vor Jahren gab. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon auf dem R\u00fcckweg kommen wir an einem Platz\nmit zwei bemerkenswerten modernen Geb\u00e4uden vorbei. Eins hat die Form einer\nPyramide und beherbergt das Planetarium, das andere, mit einer durchbrochenen\nroten Fassade mit einem wei\u00dfen Kreis davor, der wohl die Erde darstellt,\nbeherbergt das <em>Museo de la Evoluci\u00f3n<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Rundfahrt gehe ich kurz in die\nKathedrale. Sie hat die h\u00f6chsten T\u00fcrme in ganz Mexiko und ist auch sonst ein\nordentlicher Kaventsmann. <\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist sie nicht sonderlich sch\u00f6n, zu viel, zu\ngro\u00df, zu wuchtig. Im Chor steht ein \u00fcberfl\u00fcssiger Einbau aus S\u00e4ulen in der Art\nder Peterskirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man l\u00e4nger hinsieht, entdeckt man ein paar\nsch\u00f6ne Details, angefangen bei den schwarzen und roten Bodenfliesen. Auch die\nvergoldeten Gitter der Seitenalt\u00e4re sind sch\u00f6n, mit m\u00e4chtigen St\u00e4ben zum\nVerschlie\u00dfen der Gitter, die in Mondsicheln, Schl\u00fcsseln oder Wappen auslaufen.\nSch\u00f6n auch die musizierenden Engel an der Orgel, mit Fl\u00f6te, Schalmei und Trompete.\nSind leicht zu \u00fcbersehen. In der N\u00e4he h\u00e4ngt an einem Gitter eine Art\nSchellenkranz, ein h\u00f6lzernes Rad, um das herum Schellen unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe\nangebracht sind. Mit einer Kordel kann das Rad in Bewegung gesetzt werden.\nW\u00fcrde man gerne mal h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich durch die Kirche gehe, kommt mir eine Frau\nentgegen, die laut mit ihrer Tochter telefoniert und ihr erz\u00e4hlt, dass sie\nvorhabe, S\u00fc\u00dfigkeiten zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen posieren auf der das ganze Grundst\u00fcck umgebenden\nMauer Engel, die Hand zum Gru\u00df erhoben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Z\u00f3calo ist auf drei Seiten von Arkaden\numgeben. Die Sicht darauf wird durch die Restaurants und die Kioske verdeckt,\naber wenn man unter ihnen herl\u00e4uft, kommen sie gut zur Geltung, mit den\nSchatten, die ihre B\u00f6gen auf den Boden werfen. Die Sonne scheint nach\nHerzenslust. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche nach einem Reisef\u00fchrer von Puebla und\nwerde von der Buchhandlung zur Touristeninformation und von der\nTouristeninformation zum Kiosk und vom Kiosk zur Buchhandlung geschickt. Keine\nChance. Gibt es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die 5 de Mayo hinunter, eine lebendige Einkaufsstra\u00dfe.\nIn kurzen Abst\u00e4nden stehen hier moderne Bronzefiguren, mitten unter den Leuten,\nohne Sockel. Sie stellen vermutlich lokale Gr\u00f6\u00dfen dar. Einer der Dargestellten\nist ein Deutscher. Er h\u00e4lt einen Stadtplan von Puebla in der Hand. Die\nInschrift besagt, dass er der Autor eines Buchs \u00fcber die Stra\u00dfen von Puebla\nist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich biege ab Richtung <em>Mercado de Sabores<\/em>, und hier ist alles anders. Autoverkehr, kleine\nGesch\u00e4fte, alles wirkt mexikanischer im Gegensatz zur international wirkenden <em>5 de Mayo<\/em>. Bei einem freundlichen\nStra\u00dfenh\u00e4ndler bestelle ich einen Becher mit kleingeschnittenen Fr\u00fcchten:\nApfelsine, Papaya, Kokos, Melone, Gurke und eine wei\u00dfe Frucht, die die\nKonsistenz einer harten Birne hat. Schmeckt gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage eine Frau nach dem Mercado de Sabores,\nund sie zeigt mir den Weg. Als ich weggehe, sagt sie noch schnell: \u201eUnd passen\nSie auf Ihr Portemonnaie auf.\u201c Sie hat gesehen, wie es hinten aus der\nHosentasche hinausguckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mercado de Sabores ist nicht der sch\u00f6ne Markt von heute Morgen, sondern ein modernes, funktionales Geb\u00e4ude. Innen gib es an die 50 St\u00e4nde, alle gleich gro\u00df, an denen die Speisen frisch zubereitet werden. An Bannern, die von der Decke h\u00e4ngen, kann man ablesen, welche Spezialit\u00e4t in welcher Ecke der Halle angeboten wird: Memela, Mole, Camote, Cemita. Lauter b\u00f6hmische D\u00f6rfer. Bier gibt es nirgendwo, im ganzen Markt ist der Ausschank alkoholischer Getr\u00e4nke untersagt.  Ich probiere ein <em>cemita<\/em>. Im Grunde ein Hamburger, aber viel leckerer, da das Brot (Sesambrot) besser ist und das Fleisch auch (eine Art paniertes Schnitzel). Au\u00dferdem geh\u00f6ren zur F\u00fcllung Ei, K\u00e4se, M\u00f6hren und Avocado.  <\/p>\n\n\n\n<p>14. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In einem modernen, teuren Caf\u00e9 mit einer v\u00f6llig\n\u00fcberforderten Bedienung bekomme ich Pfannkuchen und den gewohnt lauen Kaffee. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Apotheke, die hier eher eine Verbindung on\nApotheke und Drogerie ist, bekomme ich, was ich brauche, obwohl die Bedienung\nkeine gro\u00dfe Ahnung zu haben scheint. Ein Missverst\u00e4ndnis gibt es, als ich nach\nPapiertaschent\u00fcchern frage \u2013 <em>pa\u00f1uelos de papel<\/em>\n\u2013 und zum Toilettenpapier gef\u00fchrt werde. Ach so, sagt die Verk\u00e4uferin, Kleenex!\nDie Apotheke hat beeindruckende \u00d6ffnungszeiten: von 7 Uhr morgen bis 11 Uhr\nabends!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meinem Leidwesen muss ich auch noch in einen\nLaden, in dem Sch\u00f6nheitsartikel verkauft werden. Am Ladentisch eine Kundin mit\nlangen und spitzen Fingern\u00e4geln wie der Struwwelpeter, alle unterschiedlich\nbemalt und verziert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur <em>Biblioteca\nPalafoxiana<\/em>, in einem alten Palast untergebracht. Auf drei Etagen sind in\nB\u00fccherregalen aus Holz in abgetrennten, durchnummerierten K\u00e4stchen Tausende von\nB\u00fcchern untergebracht. \u00dcber verschiedenen Regalen h\u00e4ngen Banner, die die\nThematik angeben: Kirchenv\u00e4ter, Kanonisches Recht, Zivilrecht, Liturgie,\nMoraltheologie, Kirchengeschichte, Weltgeschichte, Naturgeschichte usw. Viele\nder B\u00e4nde haben am Buchr\u00fccken handschriftlich angebrachte Titel. Sch\u00f6n, aber\nkaum zu entziffern. <\/p>\n\n\n\n<p>Literatur im engeren Sinne scheint nicht vertreten\nzu sein, es sei denn, man z\u00e4hlt Weihnachtslieder und die Gedichte von Sor Juana\nde la Cruz dazu, die hier neben einigen Panegyriken und Trauerreden ausgestellt\nsind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibliothek geht auf den Privatbestand des\nbeliebten Bischofs, Palafox, zur\u00fcck, und wurde im Laufe der Jahrhunderte immer\nmehr erweitert. Palafox wollte unbedingt, dass seine B\u00fccher der \u00d6ffentlichkeit\nzug\u00e4nglich gemacht werden und schuf damit die erste \u00f6ffentliche Bibliothek\nMexikos. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Raums ist ein gr\u00f6\u00dferes, h\u00f6lzernes\nRad ausgestellt, dessen Funktion mir nicht klar ist. Die Erkl\u00e4rung kommt aber\nin den n\u00e4chsten Tagen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mir dann das <em>Museo Amparo<\/em> ansehen, aber das ist ausgerechnet heute, am Dienstag,\ngeschlossen. &nbsp;Das Museum ist die Stiftung\neines Bankiers. Wo kommt der Name wohl her? Ein Schild gibt Auskunft: Amparo\nwar der Name seiner Frau!!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg komme ich wieder an zwei immensen\nKirchen vorbei, San Jer\u00f3nimo und San Juan de Letr\u00e1n. Die war einstmals mit dem\nHospiz verbunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>5 de\nMayo<\/em>, so hei\u00dft auf gut Mexikanisch die belebte Einkaufsstra\u00dfe, stehen auf\ndem Gehweg in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Bronzestatuen, die wohl lokale Gr\u00f6\u00dfen\ndarstellen, darunter ein Mann, der einem imagin\u00e4ren Gespr\u00e4chspartner ein\nMikrophon hinh\u00e4lt. Eine dieser Figuren stellt einen Deutschen dar! Es hat 20\nJahre und l\u00e4nger hier gelebt und sich intensiv mit der Stadtgeschichte\nbesch\u00e4ftigt. In der Hand h\u00e4lt er einen Stadtplan. Er ist der Autor eines Buchs\n\u00fcber die Namen der Stra\u00dfen von Puebla. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zu einer Kirche, die man sich\nunbedingt ansehen soll, die Dominikanerkirche. Hinter einer einfachen, fast abweisenden\nFassade verbirgt sich eine barocke Pracht, wie sie im Buche steht. \u00dcberall\nGold, am Hauptaltar und an den vier Seitenalt\u00e4ren im Querschiff, bei denen sich\njeweils zwei gegen\u00fcberstehen. An einigen Figuren sieht man, wie das Gold\nlangsam abbl\u00e4ttert. Darunter verbirgt sich Holz. Sollte man nicht glauben.\nNeben dem Altar steht eine alte Pendeluhr. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man geglaubt hat, das sei es jetzt mit der\nbarocken Pracht, wird man in der angrenzenden <em>Capilla del Rosario<\/em> eines anderen belehrt. Hier gibt es in dem\nganzen Raum keine freie Fl\u00e4che, alles verziert. Im Moment etwas zu viel f\u00fcr\nmeinen Geschmack. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gegenprogramm gibt es dann in dem dunklen,\nfast leeren unterirdischen Gang, den man f\u00fcr Besucher ge\u00f6ffnet hat, am anderen\nEnde der Innenstadt gelegen und etwas schwer zu finden. Die Mittagssonne\nbrennt. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gang handelt es sich um die Reste eines\nehemaligen unterirdischen Aqu\u00e4dukts aus der fr\u00fchen Kolonialzeit. Er diente zur\nBew\u00e4sserung vor allem der landwirtschaftlichen Betriebe. Wo das Wasser her kam,\nist nicht herauszukriegen. Aber der Gang durch das schummrig erleuchtete Gew\u00f6lbe\nhat was. An den Seiten sind in einigen Vitrinen Dinge ausgestellt, die man hier\ngefunden hat, \u00c4xte, Hufeisen, Keramikscherben, Waagen, sogar B\u00fcgeleisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bautechnik haben sich die Spanier bei den\nR\u00f6mern abgeguckt, die Bew\u00e4sserungstechnik bei den Arabern. Bautechnisch\nerw\u00e4hnenswert sind das Gegengew\u00f6lbe im ersten Teilst\u00fcck und der sich\nver\u00e4ndernde, kurvenreichere Verlauf im letzten Teilst\u00fcck. Der hatte den Zweck,\nden Lauf des Wassers zu verlangsamen, bevor es an die Oberfl\u00e4che kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich selbst wieder an die Oberfl\u00e4che komme,\nmerke ich, dass wir gleich unterhalb der Festung sind, an der wir gestern Halt\ngemacht haben. Da gibt es ein modernes Caf\u00e9, das mir jetzt gut zu pass kommt.\nIch m\u00fche mich in der Hitze die Treppen rauf, nur m festzustellen, dass das Caf\u00e9\nnoch nicht ge\u00f6ffnet hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird es dringend. Irgendwo weiter unten\nsitzt ein Junge in einem h\u00f6hlenartigen Eingang und verkauft Getr\u00e4nke und\nS\u00fc\u00dfigkeiten. Und er hat auch ein WC: 5 Pesos. Die zahle ich gerne, aber dann\ntrifft mich fast der Schlag, als er mich in den Hinterhof f\u00fchrt. Ger\u00f6ll, Hund,\nHahn, Huhn, wildes Gestr\u00fcpp, ein bl\u00fchender Baum. Hinten zwei Holzbuden mit\nbehelfsm\u00e4\u00dfig angebrachten Brettern Das sind die T\u00fcren der Toilette. Es gibt\nsogar zwei, eine f\u00fcr M\u00e4nner, eine f\u00fcr Frauen. Der Junge eilt mit voraus, um die\noffenstehende T\u00fcr der Frauentoilette zu schlie\u00dfen und dr\u00fcckt mir ein paar\nBl\u00e4tter Klopapier in die Hand. Die T\u00fcr schlie\u00dft man mit einem Strick, den man\nan einem Nagel an der Bretterwand befestigt. Aber: Es ist erstaunlich sauber.\nEs gibt sogar eine Klobrille. Als ich fertig bin, kommt der Junge aus seinem\nVerschlag und macht sich an einem Fass zu schaffen. Dort wird Wasser\neingef\u00fcllt, und unten gibt es einen Zapfhahn. Seife gibt es auch, und der Junge\nist sofort wieder mit Toilettenpapier zur Hand, damit ich mir die H\u00e4nde\ntrocknen kann. Er wei\u00df gar nicht, wie dankbar ich ihm bin f\u00fcr die Rettung in\nh\u00f6chster Not.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach dem Weg in die Stadt. Er \u00fcberlegt.\nIch m\u00fcsse das erste St\u00fcck zu Fu\u00df gehen. Hier g\u00e4be es keine <em>camiones<\/em>. Verr\u00fccktes Wort, aber der Zusammenhang macht klar, dass\ner Busse meint. In Spanien w\u00e4ren das Lastwagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg, in die von ihm\nangedeutete Richtung, und das es gerade so sch\u00f6n ist, lasse ich mich treiben\nund komme am Ende zu Fu\u00df in die Innenstadt zur\u00fcck. Unterwegs geht es durch das\nJosefsviertel, so benannt, nachdem ein Ungl\u00fcck, \u00dcberschwemmung oder Erdbeben,\ndas Viertel getroffen hatte und es dem Heiligen f\u00fcr seine Rettungsaktion\ngewidmet wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall in der Innenstadt gibt es WCs, auch hier: <em>Ba\u00f1os San Jos\u00e9<\/em>. Aber hier gibt es auch\nDuschen: <em>20 Pesos<\/em>. Es gibt bestimmt\nWohnungen, in denen es kein Bad gibt. Deren Bewohner m\u00fcssen hierher kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag habe ich beim <em>Museo Amparo<\/em> ein Lokal gesehen, das einen guten Eindruck macht.\nDort gehe ich jetzt hin, um die <em>Mole\nPoblano<\/em> zu probieren, ajs Puebla stammend, aber im ganzen Land bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Mole bezeichnet letztlich die So\u00dfe, aber sie\nwird in der Regel, wie auch hier, zu H\u00e4hnchen gereicht. Sie ist dunkel, fast\nschwarz und besteht aus Chiles, die in einem M\u00f6rser zerstampft werden und mit\nKakao ges\u00fc\u00dft und mit Wasser verd\u00fcnnt werden. Weitere Zutaten sind Mandeln,\nSesam, Fett und Gew\u00fcrzen. Schmeckt hervorragend. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinten an einem altarm\u00e4\u00dfig ausgebauten Tisch\nh\u00e4ngt, zwischen der mexikanischen und der deutschen Fahne, die Photographie\neiner \u00e4lteren Frau, aber ich verpasse die Gelegenheit, zu fragen, um wen es\nsich handelt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>15. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht eine Tagestour nach Atlixco und\nCholula auf dem Programm. Eine organisierte Tour, nicht ideal, aber praktisch.\nUnd sehr g\u00fcnstig. Kostet gerade mal 2600 Pesos, wenig mehr als das Fr\u00fchst\u00fcck,\nca. 13 Euro, und wir sind, mit Fahrer und Reisef\u00fchrerin, sechs Stunden\nunterwegs. <\/p>\n\n\n\n<p>Atlixco begr\u00fc\u00dft uns, als wenn es sich extra f\u00fcr\nuns in feinen Zwirn geh\u00fcllt h\u00e4tte. Alles sehr gepflegt, mit Blumenschmuck\n\u00fcberall, F\u00e4hnchen, einem feinen Platz mit Pavillon und gut erhaltenen\nKolonialh\u00e4usern. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Atlixco<\/em>\nbedeutet \u201aZwischen den Wassern\u2018 und enth\u00e4lt die Wurzel <em>atl<\/em>, die auch in <em>chocol-atl<\/em>\nsteckt, dem Wort f\u00fcr Schokolade, das eigentlich \u201abitteres Wasser\u2018 bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Marktplatz aus sieht man auf eine weiter\nentfernt liegende gelbe Kapelle auf einem H\u00fcgel und auf den rauchenden Popocat\u00e9petl,\ndessen Sich leider von dem ebenfalls auf einem H\u00fcgel oben \u00fcber der Stadt\nliegenden ehemaligen Franziskaner-Kloster verdeckt wird. Die Franziskaner,\nhei\u00dft es, h\u00e4tten sich dort oben wegen der Fl\u00fcsse hier unten und deren\ngesundheitssch\u00e4dlichen Ausd\u00fcnstungen zu entfernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht eine schmale Stra\u00dfe ohne Verkehr hinauf.\nAn den H\u00e4userw\u00e4nden naive Malerei, die Atlixco im Winter darstellt, mit zwei\nbl\u00fchenden Pflanzen, f\u00fcr die Region bekannt ist, und Szenen der Schlacht gegen\nNapoleon III., an der auch Atlixco seinen Anteil haben will. Man sieht Bauern\nund B\u00fcrger, die mit Spaten, Kn\u00fcppeln und Spie\u00dfen auf die gut bewaffneten\nfranz\u00f6sischen Soldaten losgehen. Stoff f\u00fcr Legenden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es eine steile Treppe schmalen Stufen\nhinunter. Die Stufenabs\u00e4tze sind bemalt, aber so oft man sich auch umsieht, man\nkann kein Bild erkennen, nur Farbfl\u00e4chen, bis man ganz unten ist. Dort sieht\nman dann auf der linken Treppenh\u00e4lfte eine in traditionelle Kleidung geh\u00fcllte\njunge Frau, neben ihr ein ebenso gekleideter junger Mann. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten am Platz angekommen, gibt es in einer\nEisdiele \u2013 der besten von Atlixco \u2013 drei Eisproben, davon eine mit\nMezcalgeschmack.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben etwas Zeit bis zum Treffpunkt, und ich\nlasse mich auf ein Bier in einem schattigen Lokal unter den Arkaden ein. Es\ngibt ein Missverst\u00e4ndnis, und statt eines normalen Biers bekomme ich ein Glas\nmit einer dunklen, bitteren, scharfen Masse, in die man das Bier f\u00fcllt. So gut\nwie ungenie\u00dfbar. Und die Rechnung bel\u00e4uft sich auf 110 Pesos, mehr als 5 Euro. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter nach Cholula, und jetzt bew\u00e4hrt\nsich die organisierte Reise, denn es gilt, drei weit entfernt voneinander\nliegende Ziele anzufahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst kommen wir zu einer auff\u00e4llig sch\u00f6nen\nKirche mit einer ganz in Keramik gestalteten Fassade, <em>San Francisco<\/em>. Auch der Turm und die salomonischen S\u00e4ulen sind aus\nKeramik, einfach alles. Das sieht sehr dekorativ aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein offener Glockenturm steht schr\u00e4g zur Fassade.\nWarum? Er ist auf das Dorf ausgerichtet, so dass der Schall der Glocken die\nGl\u00e4ubigen direkt erreicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wasserspeier haben die Form von Kanonen,\nangeblich, um die Indios abzuschrecken. <\/p>\n\n\n\n<p>. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf die ganze Kirche verteilt Hunderte von\nisolierten K\u00f6pfen, von denen nicht klar wird, was sie darstellen. Einige, aber\nl\u00e4ngst nicht alle, k\u00f6nnten Engel sein. Ich frage mich gerade, wie man so etwas\nsauber h\u00e4lt, denn auch die sind alle aus Keramik, als zwei Frauen mit einem\nStaubwedel auftauchen und sich an den K\u00f6pfen im Chor zu schaffen machen. Aber\nsie kommen nat\u00fcrlich nur an die ran, die einigerma\u00dfen in Fu\u00dfbodenn\u00e4he sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche wurde bei einem Erdbeben zerst\u00f6rt und\nwiederaufgebaut. Der Zufall wollte es, dass es professioneller Photograph, der\nVater von Frida Kahlo, kurze Zeit vorher hier gewesen war und die Kirche in\nallen Details photographiert hatte. Das erm\u00f6glichte den getreuen Wiederaufbau. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt an einem Gesch\u00e4ft, in dem\nKeramikwaren verkauft werden. Die ausgestellten Artikel sind ausgesprochen\ngeschmackvoll, und gar nicht teuer, ob Uhren, Serviettenhalter oder Salzstreuer.\nSie werden von der Eigent\u00fcmerin selbst hergestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin erkl\u00e4rt, dass der Ton aus drei\nverschiedenen Farbfarben zusammengemischt wird, Rot, Schwarz und Wei\u00df. Das\nergibt eine beige Masse. Die wird beim Brennen grau und wird dann mit einer\nwei\u00dfen, kratzfesten Schicht \u00fcberzogen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen zwei Lik\u00f6re zu probieren, einen aus\nRosinen und Kirschen, einen aus Schokolade. Schmecken beide gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einer weiteren Kirche. Die tr\u00e4gt\nihre synkretistische Natur schon im Namen: <em>Iglesia\nde Santa Mar\u00eda Tonantzintla<\/em>. Diese Tonantzintla ist eine Art Muttergott der\nindianischen Religion und ist hier gleich neben der Jungfrau Maria im Zentrum\nabgebildet. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Kanzel sind Guaven, Maiskolben, Mangos,\nChile und Bananen abgebildet, und zwischen all den Gesichtern erscheint ein\nb\u00e4rtiger Gott der indianischen Religion. <\/p>\n\n\n\n<p>Die unz\u00e4hligen Kinderk\u00f6pfe, die sich hier \u00fcberall\nbefinden, stehen f\u00fcr Indiokinder, die bei nat\u00fcrlichen Ungl\u00fccksf\u00e4llen wie Blitzschl\u00e4gen,\nErdbeben oder durch Ertrinken ums Leben gekommen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Kuppel erkennt man, aber nur wenn man\ndarauf hingewiesen wird und sich den Kopf verrenkt, ganz am Rande zwei Beine,\n\u201efalsch herum\u201c angebracht, mit den F\u00fc\u00dfen nach oben. Es ist ein vom Himmel\nfallender Indiojunge. <\/p>\n\n\n\n<p>Zahlen sind von gro\u00dfer Bedeutung, aber es geht zu\nschnell, um alles mitzubekommen. Jedenfalls gibt es im Querschiff plus\nHauptaltar 7 verschiedene Christusdarstellungen, und um die zentrale\nMarienfigur herum reihen sich 12 S\u00e4ulen mit 365 Kinderk\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Figuren sind, auch wenn es nicht so aussieht,\naus Gips und mit Gold \u00fcbermalt. Die braunen Engel mit Federschmuck oder Kr\u00e4nzen\naus Fr\u00fcchten sind aus einer Masse aus Lehm, Stroh und Agave gemacht, die dann\ngebrannt und \u00fcbermalt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Photographieren ist streng verboten. Die Gemeinde\nwird vom Vatikan nicht anerkannt und muss sich selbst versorgen, teils durch\nden Verkauf von Photos aus der Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Jeweils sind drei Familien in jedem Jahr\nausgew\u00e4hlt, die f\u00fcr die Aufsicht in der Kirche verantwortlich sind und sich um\nderen Erhaltung k\u00fcmmern. Als wir reinkommen, ist es eine alte Frau als ein\nMitglied der momentan zust\u00e4ndigen Familie, die alles im Blick hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, in einen anderen Stadtteil von\nCholula, zur Pyramide. Sie wird angek\u00fcndigt als die gr\u00f6\u00dfte Pyramide der Welt.\nDas gilt aber nur f\u00fcr ihren Umfang. Leider haben wir f\u00fcr die Besichtigung keine\nZeit, man kann aber von au\u00dfen durch ein Gitter und sp\u00e4ter bei dem Aufstieg zur\nder Kirche auf dem benachbarten H\u00fcgel, in das Ausgrabungsfeld hineinsehen. In\nder Pyramide hat man G\u00e4nge gefunden und Skelette, die darauf schlie\u00dfen lassen,\ndas sie eine Grablege war. Wahrscheinlich war sie fr\u00fcher h\u00f6her, sie sieht jetzt\netwas abgeschnitten aus. Die Besucher gehen die Stufen hoch, was nicht leicht\nist, denn die sind sehr schmal. Sie sind so ausgelegt, dass man aus Ehrfurcht\nvor den G\u00f6ttern nur seitw\u00e4rts raufgehen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich nutze die Zeit, um zur Kirche raufzugehen, &nbsp;<em>Nuestra\nSe\u00f1ora de Remedios<\/em>. Dabei kommt man ganz sch\u00f6n au\u00dfer Atem, aber es lohnt\nsich. Die Kuppel der Kirche macht sich sch\u00f6n hier oben gegen den blauen Himmel,\nund in der anderen Richtung sieht man ungest\u00f6rt auf den rauchenden Popocat\u00e9petl\nund seinen Zwilling, den wohl erloschenen Iztacc\u00edhuatl. Beide werden durch eine\nReihe von Legenden miteinander verbunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten bieten Hunderte von St\u00e4nden ihre Speisen und\nSouvenirs an, aber es herrscht eher eine tr\u00e4ge Stimmung, die meisten Verk\u00e4ufer\nsitzen angesichts der Hitze und der wenigen Besucher eher teilnahmslos herum.\nImmer wieder erscheinen auf den Speisekarten und Plakaten Speisen, deren Namen\nich immer noch nicht kenne. Auf einer Schiefertafel wird ausdr\u00fccklich auf ein\nseltenes Gut hingewiesen: \u00a1<em>Caf\u00e9 caliente<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier \u00fcberall Plakate, auf denen Personal\ngesucht wird, vor allem in der Gastronomie, K\u00f6che, Kellner, Kassierer. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend bin ich in Puebla l\u00e4nger auf der Suche nach etwas Essbaren. Am Ende lande ich, ohne es zu merken, in einer Kantine, die gleich in dem Haus neben meiner Unterkunft ist. Sieht nicht sehr einladend aus, schummrig und etwas schmuddelig, aber der \u00fcberaus nette Kellner l\u00e4dt mich ein und f\u00fchrt mich zu meinem Tisch. Er f\u00e4hrt einige Speisen auf, die ich nicht essen kann, andere, bei denen ich todesmutig ein paar Bissen probiere, wieder andere, die einfach gut schmecken. Immer wieder kommt er und fragt, ob er noch was tun k\u00f6nne und erkundigt sich nach meiner Reise. Er betont, dass es sich hierbei um eine <em>cantina<\/em> handele. Was das genau bedeutet, wei\u00df ich nicht, wohl keine <em>Kantine<\/em> im deutschen Sinne, sondern eher ein einfaches, familiengef\u00fchrtes Lokal. <\/p>\n\n\n\n<p>16. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Vormittag verbringe ich am PC mit\nReisevorbereitungen: 2 Fl\u00fcge, 2 Busreisen, 2 Unterk\u00fcnfte. Am Ende ist alles\nklar, aber da ahne ich noch nicht, dass ich mir durch einen Buchungsfehler die\nganze R\u00fcckreise versaue. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach ist Zeit f\u00fcr das Museo Amparo. Es ist in\neinem alten Palast untergebracht, aber hochmodern und hat echte Sch\u00e4tze\naufzuweisen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Anordnung ist weder regional noch chronologisch,\nsondern thematisch. Das ist gut, hat aber zur Folge, dass man kaum darauf\nachtet, woher die Exponate stammen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind viele Figuren ausgestellt, oft ganz kleine,\nFrauen wie M\u00e4nner, die zu Gruppen zusammengefasst sind. Sie sind so\naufgestellt, dass man den Eindruck hat, sie w\u00e4ren in einer Sitzung. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall vertreten sind gro\u00dfe Ohrringe und auff\u00e4llige\nNasenringe. Auch Lippen haben, wie beim modernen Piercing, oft Schmuck. <\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00e4deldeformationen wurden durchgef\u00fchrt, wie man\nhier an einem vereinzelt ausgestellten l\u00e4nglichen Sch\u00e4del sehen kann. Dem\nSch\u00f6nheitsideal entsprechend sollte der Sch\u00e4del einem Maiskolben gleichen.\nSolche Eingriffe scheinen der feineren Gesellschaft vorbehalten geblieben zu\nsein. <\/p>\n\n\n\n<p>Verzerrt dargestellt sind auch die menschlichen\nFiguren in anthropomorphen Gef\u00e4\u00dfen. Man hat das Gef\u00fchl, dass die K\u00fcnstler hier\nihre Freude daran gehabt haben, die K\u00f6rper dem Gef\u00e4\u00df anzupassen, wie bei einer\nFigur mit breiten H\u00fcften und breitem Hinterteil in einem bauchigen Gef\u00e4\u00df. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig auch viele Gesichter, die wohl auch so,\nohne K\u00f6rper, produziert wurden. Sie wirken fast wie Masken, waren aber keine.\nJede stellt eine andere Stimmungslage dar, dr\u00fcckt ein anderes Gef\u00fchl aus. Das\nist wirklich meisterhaft gemacht, man erkennt Trauer, Freude, Gleichg\u00fcltigkeit,\nSchrecken usw. am Gesichtsausdruck. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu den einzelnen St\u00fccken, die mir besonders\ngefallen, geh\u00f6rt ein Affe mit menschen\u00e4hnlichem Gesicht und Ohrringen, der eine\nKakaobohne in der Hand h\u00e4lt. Oder eine sitzende Figur, die das Gesicht in\nDenkerpose, wie wir sie auch kennen, auf die Hand st\u00fctzt. Oder eine halb\nhockende Figur, die in einer triumphalen Geste die F\u00e4uste vor dem Bauch ballt,\ndirekt an einen heutigen Fu\u00dfballspieler erinnernd. R\u00e4tsel gibt eine Figur auf,\ndie einen erwachsenen K\u00f6rper und einen kindlichen Gesichtsausdruck hat und\neinen Finger im Mund hat. Ist das ein Erwachsener, der sich anschickt zu\npfeifen oder ein Kind, das den Daumen lutscht? Oder etwa, wie die Beschriftung\nandeutet, jemand, der gerade einen fahren l\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Kultur der Olmeken ist einer ihrer\nkolossalen K\u00f6pfe ausgestellt. Diese K\u00f6pfe wurden vermutlich aus den Alt\u00e4ren\ngefertigt, die dieser hochgestellten Person gewidmet waren. Die K\u00f6pfe standen\nunmittelbar auf der Erde, es sollte so aussehen, als w\u00fcchsen sie aus der Erde\nheraus, wie der Mais. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer gesonderten Abteilung sind gro\u00dfe Stelen\nausgestellt, die einen Einblick in die Schrift der Maya geben. Die Kenntnis der\nSchrift ging im Laufe der Zeit verloren, aber die Forscher haben es geschafft,\nsie wiederzuerlangen. Das muss eine Mammutaufgabe gewesen sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schrift scheint so wie die \u00e4gyptischen\nHieroglyphen zu funktionieren. Einige der Zeichen sind Piktogramme, stehen f\u00fcr\ndas, was sie darstellen, aber andere sind Logogramme und stehen nicht f\u00fcr den\nGegenstand, den sie darstellen, sondern f\u00fcr die Laute des Wortes, das f\u00fcr\ndiesen Gegenstand steht, wie beim Rebus. Das muss die Entzifferung noch\nschwerer gemacht haben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Zeichen in der\nRegel von oben nach unten gelesen wurden, aber paarweise. Bei einigen Reliefs\nh\u00e4tte ich die Symbole, die neben einer Figur erscheinen, \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr\nSchriftzeichen gehalten, sondern f\u00fcr Dekoration. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehe ich mir noch kurz die sch\u00f6nen,\nsonnenbestrahlten Innenh\u00f6fe dieses wirklich sehenswerten Museums an. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag wird es Zeit f\u00fcr die Reinigung. Auf\ndem Weg dahin komme ich an einem gro\u00dfen Lokal mit offener K\u00fcche vorbei. Das\nsteuere ich an, nachdem ich die W\u00e4sche abgeholt habe. Es ist alles hell und\nsauber, in der K\u00fcche stehen mehrere K\u00f6che, aber ich bin der einzige Gast. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben den \u00fcblichen Gerichten gibt es hier als\nSpezialit\u00e4t des Hauses K\u00e4segerichte. Geschmolzener Manchego mit verschiedenen\nZutaten nach Wahl. Auf den Rat des Kellners nehme ich Chorizo. Auf meine\n\u00fcberfl\u00fcssige Frage, wie man den denn esse, kommt die zu erwartenden Antwort:\nmit Tortilla nat\u00fcrlich. Dumme Frage! Die Fladen werden dann auch warm dazu\ngereicht. Schmeckt g\u00f6ttlich, endlich mal wieder richtiger K\u00e4se, K\u00e4se, der wie\nK\u00e4se aussieht, nach K\u00e4se schmeckt und wie K\u00e4se riecht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist das Gericht verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig billig, das\nBier unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig teuer. Der Kellner bem\u00fcht sich um eine Erkl\u00e4rung, aber\nso richtig \u00fcberzeugend ist die nicht. An den Steuern, wie ich vermutet habe,\nliegt es jedenfalls nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>17. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal finde ich den Treffpunkt f\u00fcr den Stadtrundgang.\nDer findet aber nicht, wie angek\u00fcndigt, auf Spanisch statt, sondern auf\nEnglisch. Nur ein junger Franzose mit chilenischen Eltern und ich wollen\nSpanisch, werden aber mit ein paar Alibi-S\u00e4tzen abgespeist und m\u00fcssen drei\nStunden lang das gr\u00e4ssliche Englisch des Reisef\u00fchrers \u00fcber uns ergehen lassen,\neinschlie\u00dflich seiner Manie, jeden Satz mit <em>Yeah?<\/em> zu beenden. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer einem deutschen Ehepaar mit Sohn im\nSchlepptau, das hier seinen anderen Sohn besucht, sind alle Langzeitreisende:\nein englisches Paar, das schon seit drei Monaten unterwegs ist, eine junge\nDeutsche, die ein ganzes Jahr in Lateinamerika verbringen will und zu ihrem\nBedauern schon die H\u00e4lfte hinter sich hat, und der Franzose, der auch schon\nseit Monaten unterwegs ist und dabei von Ort zu Ort plant. <\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer ist schrecklich umschweifig und kommt nie\nso richtig auf den Punkt. Er handhabt mit viel Geschick ein Tablet und spricht\neigentlich mehr \u00fcber das, was man auf dem Tablet sieht als \u00fcber die\ntats\u00e4chlichen Gegenst\u00e4nde. Der Sieg der virtuellen Realit\u00e4t. Gelegentlich kommt\nman sich vor wie bei einem Vortrag und nicht wie bei einer Stadtf\u00fchrung. Immerhin\nerf\u00e4hrt man ein paar interessante Details. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Kathedrale h\u00e4lt er sich ewig lange mit den\nEingangsportalen auf. Von den drei sind nur die beiden \u00e4u\u00dferen ge\u00f6ffnet. Das\nmittlere, gro\u00dfe, die <em>Puerta del Perd\u00f3n<\/em>, ist geschlossen. Es wird nur\nalle 25 Jahre ge\u00f6ffnet oder wenn der Papst zu Besuch ist oder wenn der Bischof\nstirbt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die offensichtlichste Frage, n\u00e4mlich warum die\nKirche zwei so unterschiedliche Teile hat, kann er nicht beantworten. <\/p>\n\n\n\n<p>Puebla, erfahren wir, ist eine der reichsten St\u00e4dte\nMexikos und war in der Vergangenheit mal die reichste. Es hatte eine Ausdehnung\nvom Atlantik bis zum Pazifik und konnte deshalb nach Osten wie nach Westen\nhandeln. Das erkl\u00e4rt auch einige Bez\u00fcge zu den Philippinen, die in der Stadt\nauftauchen. So hei\u00dft der Stra\u00dfenmarkt, \u00fcber den wir sp\u00e4ter kommen, <em>Parian<\/em>,\nein Wort aus der philippinischen Sprache Tagalog. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Reichtum verdankte Puebla auch der fruchtbaren\nVulkanasche der gesamten Umgebung. Die Vulkanasche ist auch der Grund daf\u00fcr,\ndass hier so viel die Gesichtsmaske getragen wird, auch bei nachlassender\nCorona-Gefahr. Man ist es einfach gewohnt, weil bei Ausbr\u00fcchen je nach\nWarnstufe das Tragen der Maske empfohlen wird oder Pflicht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegr\u00fcndet wurde Puebla als Zwischenstation auf dem\nWeg zwischen Mexiko und Veracruz. Puebla ist eine \u201ewei\u00dfe Stadt\u201c, eine Stadt\nohne Indios und Schwarze, Resultat einer Entscheidung spanischer Siedler, die\neinfach unabh\u00e4ngig von Einheimischen eine Stadt aufbauen wollten, dabei ganz\nbewusst auf die Ausbeutung der Indios als billige Arbeitskr\u00e4fte verzichtend,\nganz nach dem Motto \u201eWir schaffen das auch alleine\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Das milde Klima ist ein weiterer Faktor, der Puebla\nzu einem attraktiven Ort macht. Auf der negativen Seite steht die\nUnfallstatistik. Die Unfallrate ist sehr hoch. Und das hat einen einfachen\nGrund: Man braucht keinen F\u00fchrerschein!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zur <em>Biblioteca\nPalafoxiana<\/em>. Hier erfahren wir,\ndass 50% der B\u00fccher auf Latein verfasst sind. Sie hat sieben Unikate, B\u00fccher,\nvon denen es nur dieses eine Exemplar gibt. Die Bibliothek war die erste\n\u00f6ffentliche Bibliothek Mexikos. Heute dient sie nur noch in Ausnahmef\u00e4llen als\nBibliothek und ist in erster Linie Museum. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer kann auch\nerkl\u00e4ren, was es mit der merkw\u00fcrdigen Ger\u00e4tschaft auf sich hat, die mitten im\nRaum steht und mir dieser Tage R\u00e4tsel aufgegeben hat. Es handelt sich um ein Lesepult,\nein <em>facistol<\/em>, auf dem man mehrere, auch schwerere B\u00e4nde\ndeponieren kann, ohne sie in der Hand halten zu m\u00fcssen. Durch Drehen des Pults\nkann man dann von einem Buch zum anderen \u201ebl\u00e4ttern\u201c. Das ist praktisch und aus\nKlosterkirchen f\u00fcr den Chorgesang bekannt. Ich habe dieses Pult nur deshalb\nnicht identifiziert, weil es vertikal, nicht horizontal gedreht wird. Von\ndieser Art gibt es weltweit nur drei. <\/p>\n\n\n\n<p>Unten im Innenhof des\nGeb\u00e4udes werden wir auf eine Tafel aufmerksam gemacht, die einen Text von\nVictor Hugo wiedergibt. Es handelt sich um einen Brief an das Volk von Mexiko,\naus der Zeit des Kriegs mit Napoleon III. Victor Hugo sagt, Mexiko befinde sich\nnicht im Krieg mit Frankreich, sondern mit Napoleon. Er, obwohl Franzose, stehe\nauf der Seite Mexikos. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen weiter und\nstehen irgendwann vor einem Stadtplan. Hier wird erkl\u00e4rt, dass jeder\nH\u00e4userblock genau 100 x 100 Meter gro\u00df ist. Man kann also die Entfernungen gut\nabsch\u00e4tzen, wenn man unterwegs ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann ich die Frage\nnach dem mysteri\u00f6sen Fluss stellen, dem San Francisco. Es erweist sich, dass\nder jetzt unterirdisch verl\u00e4uft, und zwar genau unter dem <em>Boulevard 5 de Mayo<\/em>. Der Fluss wurde unter die Erde verlegt, um\n\u00dcberschwemmungen zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberschwemmungen sind\nauch ein Thema bei einer Stra\u00dfe, die <em>Callej\u00f3n\nde los Sapos<\/em> hei\u00dft. Wo\nsind die Fr\u00f6sche? Nirgendwo. Aber fr\u00fcher wurden sie bis hierher geschwemmt,\nwenn der San Francisco \u00fcber die Ufer trat. Am Ende der Stra\u00dfe hat man ihnen ein\nDenkmal gesetzt in Form eines Brunnens, in den ein Frosch das Wasser spuckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stra\u00dfe wird, wie\nviele Stra\u00dfen von Puebla, von m\u00e4chtigen, schattenspendenden Eschen ges\u00e4umt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren noch, dass\nhier in Puebla der allerletzte K\u00e4fer produziert wurde, und zwar noch 2013. Das\nwar f\u00fcr Puebla ein Trauertag. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird mir auch klar,\nwas es mit <em>La Pasita<\/em> auf sich hat, dem winzigen Lokal mit der\nblau-gelben Fassade, an dem wir dieser Tage vorbeigefahren sind. Hier wird\neinzig der stadtbekannte Lik\u00f6r ausgeschenkt. Und man kann sich auf eine Wette\neinlassen. Man bekommt einen Geldpreis, wenn man innerhalb von zwei Stunden\nhundert Glas des Lik\u00f6rs trinkt. Der hat einen Alkoholgehalt von 12-14\u00b0.\nEin Mann hat die Wette vor ein paar Jahren mal gewonnen. Zwei Tage sp\u00e4ter starb\ner an einer Alkoholvergiftung. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf der Hauptstra\u00dfe kommen wir an ein\nGeb\u00e4ude, in dem das <em>Museo de la Revoluci\u00f3n<\/em> untergebracht ist. Die\nFassade ist voller Einschussl\u00f6cher. Hier ist nicht gezielt geschossen worden,\nsondern wild darauf losgeb\u00f6llert. Genau an diesem Ort, hei\u00dft es, habe die\nMexikanische Revolution ihren Anfang genommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen noch einen nicht enden wollenden\nVortrag \u00fcber Speisen und S\u00fc\u00dfigkeiten, die typisch f\u00fcr Puebla sind und dann als\nTrost eine Kostprobe eines Geb\u00e4cks aus der gegen\u00fcberliegenden Konditorei, <em>Tortitas\nde Santa Clara<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Das lange Stehen ist mir schwer geworden und ich\nmache mich auf dem Weg zum Museo Amparo. Auf dessen Terrasse kann man, habe ich\nvon dem F\u00fchrer erfahren, gut sitzen und ein Bier trinken. Aber ach, ich werde\nnicht reingelassen, weil ich mir Proviant f\u00fcr die lange Busfahrt besorgt habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder zur\u00fcck und besorge eine Schachtel <em>Tortitas\nde Santa Clara<\/em> f\u00fcr meine Gastfamilie in San Crist\u00f3bal. Die haben\nangek\u00fcndigt, mich vom Bahnhof abzuholen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf vielen Stra\u00dfen gibt es sch\u00f6ne B\u00e4nke aus\nGusseisen. Auf einer davon mache ich es mir bequem. Eine Frau, die einen Imbiss\nauf der Hand hat, setzt sich neben mich. Das kommt mir schon merkw\u00fcrdig vor.\nDann fragt sie nach meinem Namen und meiner Reiseroute, und sp\u00e4testens, als sie\neinen Kommentar zu meinen Augen macht, werde ich ganz argw\u00f6hnisch. Zu recht.\nBald holt sie irgendein Blatt heraus und beginnt, von irgendeiner obskuren\nOrganisation zu reden, f\u00fcr die sie Geld sammelt. Ich verabschiede mich h\u00f6flich\nund mach mich auf die Socken. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine n\u00e4chste Gelegenheit, mich irgendwo hinzusetzen\n\u2013 das Zimmer musste ich schon am Morgen r\u00e4umen \u2013 finde ich auf der <em>5 de Mayo<\/em>.\nHier finde ich eine weitere Statue, eine lesende Frau darstellend, die auf\neiner Mauerkante sitzt. Ich setze mich neben sie und schaue in das Buch hinein,\ndas sie liest. Auf der aufgeschlagenen Seite stehen ein paar Verse. Sie ist\neinfach und doch geschmackvoll gekleidet und nimmt eine charmante Pose ein. Am\neindringlichsten ist aber ihr Blick. Wie der K\u00fcnstler das wohl hingekriegt hat?\nDie Augen sehen geradezu echt aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon mehrfach in den letzten Tagen sehe ich\nhier Leute mit gro\u00dfen T\u00fcten Pommes frites vorbeigehen. Untypisch f\u00fcr Mexiko.\nIch gehe der Spur nach und finde in einem \u00fcberdachten \u00dcbergang tats\u00e4chlich eine\nVerkaufsstelle. Mit einer riesigen Schlange davor. Die Dinger scheinen echt\npopul\u00e4r zu sein. Der Verkaufsstand ist winzig, die Aufgaben sind klar verteilt.\nNur einer gibt die Pommes aus, einer macht sauber, eine kassiert und eine\nk\u00fcmmert sich um die Getr\u00e4nke. Mayonnaise und Ketchup und verschiedene So\u00dfen\ngibt es nebenan, mit Selbstbedienung. Alles bestens organisiert, und die\nSchlange bewegt sich schnell voran. Nur frage ich mich, wo die Pommes\nherkommen. Eine Fritteuse ist nirgendwo zu sehen. Dann, als der Vorrat fast\naufgebraucht ist, kommt die Erkl\u00e4rung in Form eines Mannes, der einen ganzen\nKarton Pommes von au\u00dfen an den Stand bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist genug Zeit vergangen und ich kann mich auf\nden Weg zum Busbahnhof machen. Aber erst muss ich noch meinen Koffer retten,\nden die M\u00e4dchen in der Rezeption, die sich die ganzen Tage nicht sonderlich\nhilfsbereit erwiesen haben, gerade in ihrem Kabuff einschlie\u00dfen wollten, als\nsie nach Hause gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>An der gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe in der N\u00e4he der Wohnung\nbleibt sofort ein Taxifahrer stehen. Er hat eine Frau auf dem Beifahrersitz.\nDas scheint ihn aber nicht weiter zu st\u00f6ren. Sie bleibt die ganze Zeit wortlos\nneben ihm sitzen, w\u00e4hrend er herzlich drauflos brabbelt. Sie steigt auch nicht\naus. Der Koffer kommt, wie hier so oft, neben mich auf dem Hintersitz. Warum\nman hier so unwillig ist, den Kofferraum zu \u00f6ffnen, bleibt mir unverst\u00e4ndlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer will genau meine Reiseroute wissen\nund mein n\u00e4chstes Ziel. Alles findet seinen Beifall, und dass ich alleine\nreise, findet er auch bemerkenswert. <\/p>\n\n\n\n<p>Sein eigentliches Thema ist aber die Sprache. Ich\nkann ihn nicht bremsen, obwohl ich genau wei\u00df, welchen Unsinn er verzapfen\nwird. Er sagt dann auch genau das, was ich erwartet habe. Mit einer Ausnahme:\nSpanisch, findet er, sei die schwerste Sprache. Er vertritt das vehement,\nobwohl er offenbar selbst keine andere Sprache spricht. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Bewohner von Veracruz, die <em>jarochos<\/em>,\nzieht er her. Die spr\u00e4chen schlecht, verschluckten viele Silben \u2013 er sagt\nnat\u00fcrlich Buchstaben \u2013 und seien sehr vulg\u00e4r in ihrer Ausdrucksweise. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof ist ordentlich was los. In der riesigen\nEingangshalle muss ich mich erst zurechtfinden. Ich muss zu dem Schalter meines\nBusunternehmens, um dort die Reservierung gegen ein Ticket zu tauschen.\nBahnsteig 3. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch fr\u00fch, und ich mache mich auf die Suche\nnach einer Toilette. Gar nicht so leicht, ganz w\u00f6rtlich genommen. Um dahin zu\nkommen, muss ich den schweren Koffer eine Treppe rauftragen und ihn dann, nach\nder Zahlung der obligatorischen 5 Pesos, durch ein Drehkreuz bringen. Das\nklappt aber nicht. Sofort kommt eine junge Frau hinzu und bietet an, auf den\nKoffer aufzupassen. Da findet man seinen Glauben an die Menschheit wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Da, wo ich zu Bahnsteig 3 durch will, l\u00e4sst man mich\nnicht durch. Das sei eine andere Busgesellschaft. Bei denen werden die Koffer\ndurchleuchtet. An einer anderen Stelle komme ich durch, aber keiner\ndurchleuchtet den Koffer. Ob ich etwas \u00fcbersehen habe? Aber hier sitzen alle\nmit ihren Koffern herum. Und der Mann an der Sperre sagt Bahnsteig 4, nicht 3.\nAlso wandere ich von Bahnsteig 4 nach 3 und wieder zur\u00fcck und warte darauf,\ndass mein Bus angek\u00fcndigt oder angezeigt wird. Es tut sich aber nichts. Alle\nm\u00f6glichen Busse werden angesagt und fahren dann auch ab. Es sind nur noch zehn,\ndann nur noch 5 Minuten, dann ist die Abfahrtszeit erreicht. Immer noch nichts.\nIrgendwo erfahre ich, dass der Bus Versp\u00e4tung hat, aber angezeigt wird die\nnicht. Es vergeht eine halbe Stunde, eine Stunde. Von meinem Bus ist nicht die\nRede, und die Wartehalle wird immer leerer. Dann frage ich eine Frau, die neben\nmir sitzt. Ja, sie f\u00e4hrt nach Tuxtla. Das ist dieselbe Strecke wie nach San\nCrist\u00f3bal. Erleichterung. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus endlich. Trotz erster Klasse hat\nman wenig Bewegungsfreiheit f\u00fcr die Beine, und das Internet, das ausdr\u00fccklich\nim Angebot enthalten war, funktioniert nicht. Sp\u00e4ter frage ich einen der\nFahrer, und der gibt mir recht, die Busgesellschaft m\u00fcsste ank\u00fcndigen, dass das\nmit dem Internet oft nicht gut klappt. Was noch eine Besch\u00f6nigung ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer h\u00f6rt laut mexikanische Schlager, gleich\nvor mir l\u00e4uft ein Film, und ein Mann in der anderen Reihe h\u00f6rt ein H\u00f6rspiel. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt irgendwann eine Pause, danach findet ein Fahrerwechsel statt, und dann wird es ruhiger. Und es beginnt, zu regnen. <\/p>\n\n\n\n<p>18. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als es hell wird, regnet es immer noch. Dann\n\u00e4ndert sich die Landschaft, es wird gebirgig, und der Regen h\u00f6rt auf. Wir\nbleiben mitten auf der Strecke stehen. Weit und breit keine Haltestelle zu\nsehen und auch niemand, der aus- oder einsteigen will. Dann \u00f6ffnet sich die\nT\u00fcr, und ein Mann \u2013 dicke Backen, Stiernacken, lautes Organ \u2013 erscheint aus dem\nNichts. Es ist der andere Fahrer. Er muss in einer Kaj\u00fcte irgendwo im Bus\ngeschlafen haben. Sofort beginnt er, laut und vernehmlich auf den anderen\nFahrer einzureden. Dabei legt er seine Fahreruniform an und b\u00fcrstet minutenlang\nsein Haar. Ohne jeden Effekt. Er hat eine von den Frisuren, wo jedes Haar am\nrichtigen Platz ist, ganz egal, ob gek\u00e4mmt oder nicht. Er dirigiert den anderen\nFahrer, der sich hier wohl nicht so gut auskennt, durch einen Vorort. Dabei\nlanden wir aber mitten in einer Baustelle, hier wird eine neue Stra\u00dfe gebaut.\nEr dirigiert ihn aber auch wieder hinaus, indem er ein halbes Dutzend Mal \u201eDate\nla vuelta\u201c wiederholt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in Tuxtla an. Hier steigen alle\naus, alle. Bin ich im richtigen Bus? Ja, kein Problem, erkl\u00e4rt der Fahrer mir,\nZeit f\u00fcr einen Kaffee, in zehn Minuten geht es weiter. Dann steigen auch andere\nPassagiere zu, und in knapp einer Stunde erreichen wir San Crist\u00f3bal, eine halbe\nStunde fr\u00fcher, trotz der versp\u00e4teten Abfahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es Internet, und ich erreiche Sof\u00eda, die\nVermieterin, sofort. Ich solle warten, ihr Vater komme, um mich abzuholen. Das\nist mir noch nie passiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater, Edison, kommt dann zusammen mit einem anderen\nMann, David. Sie reden sich gegenseitig mit <em>compadre<\/em> an, was unserem\nalten Wort Gevatter entspricht. Wie das Verh\u00e4ltnis genau ist, bekomme ich bis\nzum Ende nicht heraus. Erst glaube ich, sie seien die V\u00e4ter eines Ehepaars,\naber es taucht keins auf. Vielleicht ist David einfach der Taufpate von Sof\u00eda,\nEdisons Tochter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei, die beiden sind von einer\ngewinnenden Freundlichkeit. Wir fahren durch das historische Zentrum von San\nCrist\u00f3bal, an zwei Pl\u00e4tzen vorbei, und ich bekomme gleich eine Menge\nInformationen, fast ein bisschen zu viel f\u00fcr den Moment. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Haus, ein altes Haus, sehr sch\u00f6n renoviert und\ngeschmackvoll eingerichtet, mit wunderbaren M\u00f6beln aus Zedernholz, liegt in\neiner kleinen Stra\u00dfe am Rande der Innenstadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe ein eigenes Bad und kann sogar zwischen\nzwei Zimmern ausw\u00e4hlen. Danach soll ich runter kommen und einen Kaffee trinken.\n<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche treffe ich Sof\u00eda. Sie hat Kunst\nstudiert, und zwar in Spanien, in San Sebasti\u00e1n, und kennt auch K\u00f6ln und\nM\u00fcnster. M\u00fcnster? Ja, wegen des Skulpturenprojekts, der alle zehn Jahre\nstattfindenden Ausstellung. Wir haben sofort ein Thema und k\u00f6nnen uns sogar\n\u00fcber einige ganz spezifische Skulpturen unterhalten. 10.000 Kilometer von der\nHeimat entfernt. Sie wei\u00df auch viel \u00fcber Berlin, ist dort aber noch nicht\ngewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann lerne ich auch die beiden Ehefrauen kennen,\ndie eine sch\u00fcchtern-zur\u00fcckhaltend, die andere extrovertiert, mit einem\ngewinnenden Lachen. Sie machen sich sofort daran, mich zu bedienen, Kaffee und\nein Kuchen, der wie eine Quiche Lorraine aussieht, aber anders schmeckt, ein\n\u00dcberbleibsel von Sof\u00edas Geburtstagsfeier. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme noch genaue Instruktionen mit auf den\nWeg, wie ich in die Stadt komme, und den Tipp, auf jeden Fall ein <em>coleto<\/em>\nzu nehmen, ein auf Stra\u00dfenbahnwagen gemachter Bus f\u00fcr Touristen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Nu bin ich in der Innenstadt. Sie ist ganz\nanders als Puebla, Gebirge drum herum, und das Stadtbild wird von Indios\ngepr\u00e4gt. Die sitzen mit abwesenden, ausdruckslosen Gesichtern in langen Reihen\nauf den B\u00fcrgersteigen, in einer Schlange vor einer Bank oder mit ihren\nselbstgemachten Waren, die sie zum Verkauf vor sich ausgebreitet haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde sofort ein coleto, ein Mann preist an,\nwas man alles unterwegs sehen kann. Ja, aber wann geht es los? Sobald sie zehn\nTouristen zusammen haben. Bisher sind es zwei. <\/p>\n\n\n\n<p>Gut, dann komme ich gleich wieder und k\u00fcmmere mich\nerst mal um die Ausfl\u00fcge der n\u00e4chsten Tage. Ganz in der N\u00e4he ist ein Kiosk, und\neine junge Frau gibt mir eine Brosch\u00fcre mit. Alles, was das Herz begehrt, alle\ndrei Touren, die David mir empfohlen hat, sind zu haben, aber zu viel h\u00f6heren\nPreisen und mit ung\u00fcnstigen Abfahrtszeiten. Lieber weitersuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme wieder an dem <em>coleto<\/em> vorbei.\nImmer noch nicht mehr als zwei. Die beiden sitzen ganz hinten und vertreiben\nsich die Zeit mit ihrem Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Hotel vorbei. Das bietet auch\nAusfl\u00fcge an. Ein Mann sagt mir, ich solle einen Moment warten, er hole sofort\nden zust\u00e4ndigen Kollegen. Der kommt aber nicht. Ich frage den Mann noch mal,\naber der zuckt nur mit den Schultern. <\/p>\n\n\n\n<p>An einem weiteren Hotel bedient mich eine nicht\nsehr freundliche Frau. Sie hat mehr oder weniger dasselbe Angebot wie die aus\ndem Kiosk, aber sagt gleichzeitig, ich m\u00fcsse mich schnell entscheiden. Sie\nw\u00fcrden gleich zumachen und erst am Montag wieder \u00f6ffnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Also gehe ich wieder zu dem <em>coleto<\/em>. Immer\nnoch die beiden einzigen Passagiere, und weit und breit ist niemand zu sehen,\nder auch einsteigen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich weiter auf die Suche nach den\nAusfl\u00fcgen, diesmal mit Erfolg. Ich sehe mir die Brosch\u00fcre in Ruhe an. Auch hier\nhohe Preise und lange Fahrten. Daraufhin beschlie\u00dfe ich, eine der Fahrten zu\nstreichen und buche zwei, eine f\u00fcr den Montag, eine f\u00fcr den Mittwoch. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum <em>coleto<\/em>. Jetzt haben es auch die\nbeiden aufgegeben, und der Wagen ist komplett leer. Der Mann ist aber so nett,\nmir einen Tipp zu geben. Ich solle zum n\u00e4chsten Platz gehen, von da aus fahre\nman in k\u00fcrzeren Intervallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Echt Gl\u00fcck gehabt, hier ist der Wagen abfahrbereit\nund ich bekomme den letzten Platz, gleich neben dem Fahrer. Der Nachteil ist,\ndass ich wegen des Motors viele Erkl\u00e4rungen nicht verstehe, aber das ist egal.\nMan bekommt einen guten Eindruck von der Innenstadt mit ihren schmalen Gassen\nund bunten H\u00e4usern. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kathedrale ist ein Aufzug von Leuten mit\ntraditioneller Kleidung. Sie f\u00fchren eine Art Tanz auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale, wird betont, habe keine T\u00fcrme.\nWarum, das bekomme ich nicht mit. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur Treppe von San Crist\u00f3bal. Sie f\u00fchrt\nim Zickzack zu der Christophorus-Kapelle ganz oben auf dem H\u00fcgel. Am\nChristophorus-Tag kommen hier die Lastwagenfahrer der Region zusammen erklimmen\ngemeinsam die Treppe, die zur Kapelle f\u00fchrt, um ihrem Schutzpatron zu huldigen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bleiben unten, k\u00f6nnen aber aussteigen und ein\nPhoto machen und bekommen in einem L\u00e4dchen unten an der Treppe ein Getr\u00e4nk aus\nMandeln, Johannisbeeren und Schokoladenst\u00fcckchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt kommen wir an einem Geb\u00e4ude\nvorbei, das in der Mexikanischen Revolution eine Rolle spielte und dann an\neiner ganz in Wei\u00df gefassten Kirche ohne jeden Figurenschmuck. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Graffiti steht: <em>Nos quitan tanto que\nnos quitan el miedo \u2013 Sie nehmen uns so viel weg, dass sie uns auch die Angst\nnehmen.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einem Platz vorbei, auf dem die\nStatue von Bartolom\u00e9 de las Casas steht, dem bewundernswerten und gleichzeitig\numstrittenen Dominikanerm\u00f6nch, der f\u00fcr sein Eintreten f\u00fcr die Indios und ihre\nKultur bekannt wurde. Ihm verdankt die Stadt ihren vollst\u00e4ndigen Namen: <em>San\nCrist\u00f3bal de las Casas. <\/em>In den n\u00e4chsten Tagen sehe ich die Statue nicht\nwieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Fahrt sagen die Fahrg\u00e4ste noch alle,\naus welchen Bundestaaten sie kommen. Alle bekommen eine Runde Beifall. Ich bin\nder einzige Ausl\u00e4nder. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich an der Stelle, wo der Wagen stehen\ngeblieben ist, befindet sich ein Caf\u00e9 mit Spezialisierung auf Kakao und\nSchokolade. Ich bestelle mir einen hei\u00dfen Kakao, 50% Kakaoanteil, das ist\nzwischen s\u00fc\u00df und bitter. Schmeckt ganz gut, ist aber nicht hei\u00df genug. <\/p>\n\n\n\n<p>Die nicht sehr freundliche Bedienung erkl\u00e4rt mir\nnoch, was ein Schild bedeutet, das W\u00f6rter und Symbole einer Maya-Sprache\nverwendet: <em>Seli<\/em> <em>\u2013 Dali<\/em> bedeutet <em>Sonntag \u2013 Montag<\/em>, und die\nZahlensymbole \u2013 ein Querstrich mit drei Punkten dar\u00fcber und zwei Querstriche\n\u00fcbereinander \u2013 geben die Zeit an: 8-10.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu der wei\u00dfen Kirche. Die hat es mir\nangetan. Sie hie\u00dft Santa Luc\u00eda und war urspr\u00fcnglich mit einem Hospiz verbunden.\nDie Fassade wird gerade renoviert, und die Bauarbeiter schweben an Seilen davor\nwie Hochseilartisten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Christophorus-Treppe. Es geht,\nbeschwerlich \u00fcber Natursteine, mal gerade, mal quer rauf. Links befindet sich\nein Hotel, rechts eine Sprachschule, beide noch im unteren Drittel, aber\nimmerhin. Man muss die Treppe rauf, um hinzukommen. Auf halber H\u00f6he hat ein\ncleverer Gesch\u00e4ftsmann einen kleinen Laden er\u00f6ffnet, in dem man S\u00fc\u00dfigkeiten und\nWasser kaufen und das WC benutzen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapelle ist nichts Besonderes, hat aber einen\nsch\u00f6nen, ausdrucksstarken modernen Kreuzweg, dessen Bilder jeweils \u00fcber denen\ndes alten, konventionellen Kreuzwegs angebracht sind. Die neuen, in Erdt\u00f6nen,\nzeigen immer nur das Gesicht Jesu\u2018, mit immer anderen Ausdrucksformen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorne ein kitschiges Christophorus-Bild, ohne\nJesuskind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapelle ist ein bisschen aus dem Lot. Wenn man\nvon Westen her nach vorne sieht, steht der Altar nicht in der Mitte. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche steht ein alter K\u00e4fer. Von hier\noben hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die H\u00fcgel und die Wolken am Himmel. <\/p>\n\n\n\n<p>Runter geht es erstaunlich gut. Der Einfachheit\nhalber (und der Abwechslung halber) gehe ich in eine Pizzeria gleich am Fu\u00dfe\nder Treppe. Es gibt eine ausgezeichnete K\u00e4sepizza und leckeres, kaltes Bier.\nBeim zweiten kann ich die Kellnerin rechtzeitig davon abhalten, mir einzusch\u00fctten.\nNee, nee, das \u00fcbernehme ich lieber selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch ein bisschen durch die Stadt und komme an einem belebten Platz mit einem Pavillon in der Mitte vorbei. Die wichtigste Stra\u00dfe der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone geht auch von hier ab. Dort kommt mir eine Frau entgegen, die bettelnd ihre M\u00fctze vor sich h\u00e4lt. Ich will an ihr vorbeigehen, aber dann f\u00e4llt mein Blick auf ihr Gesicht. Es ist v\u00f6llig entstellt. Vermutlich verbrannt. Bei einem Unfall? Oder bei dem Racheakt eines Mannes? Es \u00fcberkommt einen das Gef\u00fchl des Mitleidens mit der geschundenen Kreatur. Ihr Gesicht kommt mir danach immer wieder in den Sinn.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><a>19. Februar (Sonntag)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Edison\nhat mein hartn\u00e4ckiges R\u00e4uspern bemerkt und hat gleich einen Hustenlutscher mit\nThymian, Zitrone und Honig f\u00fcr mich parat. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nwollen heute einen Ausflug mit mir machen, nach San Juan Chamula und Zinacant\u00e1n,\naber ich soll vorher noch auf einen Kaffee in die K\u00fcche kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es\nerweist sich, dass David der Dozierende, der Erkl\u00e4rer, der Wortf\u00fchrer ist,\nEdison ist der leisere, der zur\u00fcckhaltendere. <\/p>\n\n\n\n<p>David\nmacht einen interessanten Vergleich zwischen den Maya und Europa. Die seien\nweniger wie Rom gewesen, ein geschlossenes Imperium, eher wie Griechenland, ein\nVerbund von Einzelstaaten, die sich auch gegenseitig bekriegt haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Was\nunsere heutigen Ziele angeht, San Juan Chamula und <a>Zinacant\u00e1n<\/a>,\nso zeichneten die sich besonders durch ihre synkretistische Religion aus, meint\ner. Meinen Verweis auf Cholula, wo ich bereits Synkretismus gesehen habe, h\u00f6rt\ner nicht so gerne, auch wenn er das nicht explizit sagt. Aber er gibt mir das\nGef\u00fchl, dass das nichts sei im Vergleich zu dem, was mich heute erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nmachen uns fr\u00fch auf den Weg. Die Gegend ist sch\u00f6n, aber zersiedelt. Vor 35\nJahren sei dies alles noch Natur pur gewesen, sagt David. Er hatte damals bei\nder Durchfahrt zusammen mit seiner Frau, bei mexikanischer Musik im Radio, ein\nErweckungserlebnis gehabt und damals schon entschieden, eines Tages in diese\nGegend zu ziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nsehen Gem\u00fcsefelder zu Hauf, alles sieht sehr fruchtbar aus. Hier werde Kohl,\nMangold, Broccoli, Spinat und Blumenkohl angebaut. Ich frage mich nur, f\u00fcr wen.\nAuf der Speisekarte erscheinen die nicht. Vielleicht eher f\u00fcr den Hausgebrauch?\n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nBlumen w\u00fcrden hier gez\u00fcchtet, erkl\u00e4ren die beiden. F\u00fcr die gesamte Region. Wir\nmachen sp\u00e4ter einmal Halt und blicken in ein Tal voller Gew\u00e4chsh\u00e4user. Sie\nsprechen mit Stolz \u00fcber den Blumenanbau und zeigen auf die Gew\u00e4chsh\u00e4user, als\nob die eine Sehensw\u00fcrdigkeit w\u00e4ren. Das Tal w\u00e4re jedenfalls ohne sie\nsch\u00f6ner.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Bald\nkommen wir schon nach San Juan. Kaum sind wir im Dorf, schon befinden wir uns\nmitten im Trubel. Alles dr\u00e4ngt die schmale, von Verkaufsst\u00e4nden gerahmte Stra\u00dfe\nhinunter. In dem dichten Gedr\u00e4nge schaffen es die beiden dennoch, hier und da\nan einen Stand zu gelangen, um mir etwas zu erkl\u00e4ren. Was sind zum Beispiel\ndiese beiden Arten von Melonen. Warum sind die einen so viel dunkler als die\nanderen? Die sind mit Chile getr\u00e4nkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Abseits\nder Stra\u00dfe stehen M\u00e4nner in Umh\u00e4ngen oder M\u00e4nteln in Lammfell, und vor uns\nsehen wir Frauen in R\u00f6cken aus Lammfell. Die meisten sind traditionell\ngekleidet, aber eine tr\u00e4gt zu ihrem Lammfellrock eine moderne Jacke und\nSt\u00f6ckelschuhe. Auch eine Art von Synkretismus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nLammfelltrachten sind schwarz oder wei\u00df. Dabei bedeutet Wei\u00df einen h\u00f6heren\nRang. Die wei\u00df Gewandeten sind Autorit\u00e4ten, Amtstr\u00e4ger oder Polizisten. Die\n\u201enormale\u201c staatliche Polizei ist hier nicht vertreten, das Dorf ist au\u00dferhalb\njeder staatlichen Kontrolle, v\u00f6llig autark.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nIndios, und es sind hier fast nur Indios, sprechen Spanisch mit uns, aber\nuntereinander ihre Sprache, Tzotzil.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten\nauf dem Platz spielt sich eine farbenfrohe, laute, wilde Veranstaltung ab. Vom\nBalkon des Rathauses aus und von den vollbesetzten Trib\u00fcnen zu den anderen\nSeiten aus beobachten Zuschauer das Spektakel. Photographieren ist streng\nverboten. Eine Indiofrau schl\u00e4gt mir fast das Handy aus der Hand, als ich das\nRathaus photographieren will. Sie hatten uns gesagt, nur den Umzug d\u00fcrfe man\nnicht photographieren. Nein, das Rathaus auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Aller\nAugen sind auf den Umzug gerichtet, ein richtiges Spektakel. Von Kopf bis Fu\u00df\nverkleidete M\u00e4nner, mit Masken und Federschmuck und bunten Kleidern, springen\nmit wilden, tier\u00e4hnlichen Spr\u00fcngen gemeinsam nach vorne und kommen dann\npl\u00f6tzlich zum Halt. Dann r\u00fcckt die n\u00e4chste Gruppe auf. Die M\u00e4nner sind mit\nTrommeln und Tr\u00f6ten, mit Fahnen und Rauchgef\u00e4\u00dfen ausgestattet, wodurch der\nUmzug zu einem h\u00f6chst sinnlichen Spektakel wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ndr\u00fccken uns an den Trib\u00fcnen entlang und kommen zu der Kirche am anderen Ende\ndes Platzes. Hier wartet ein weiteres Erlebnis auf uns. Die Kirche ist\nfensterlos, aber von Hunderten, vielleicht tausenden von Kerzen erleuchtet. Die\nstehen auf in Gl\u00e4sern auf Tischen oder am Boden, in langen Reihen. Davor sitzen\nM\u00e4nner und Frauen, die mit einer kleinen Wasserspritze daf\u00fcr sorgen, dass die\nKerzen gleichm\u00e4\u00dfig abbrennen. Da, wo noch Platz ist auf dem Boden liegen\nduftende Pinienzweige herum. Vorne steht ein bunter Altar, und der ist das\neinzige Ausstattungsst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nverlassen die Kirche und zw\u00e4ngen uns zwischen den herbeistr\u00f6menden\nMenschenmassen hindurch zur\u00fcck zum Auto. Das steht oben auf einem H\u00fcgel. Von\nhier blickt man in das gr\u00fcne Tal hinunter auf den Friedhof des Ortes, auch ein\nganz besonderer Anblick. Der Friedhof ist ganz gr\u00fcn, \u00fcberall Wiese zwischen den\nGr\u00e4bern. Die haben keine Grabsteine, sondern nur einfache Kreuze und sind ganz\ndicht gedr\u00e4ngt, aber ganz unregelm\u00e4\u00dfig auf das Territorium verteilt. Den\nAbschluss nach hinten bildet die gut erhaltene Ruine einer Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Es\ngeht weiter in den n\u00e4chsten Ort, nach Zinacant\u00e1n. Auch hier findet ein Markt\nstatt, aber es geht hier, wie \u00fcberhaupt in diesem Ort, viel ruhiger zu, und die\nmeisten Verk\u00e4ufer r\u00e4umen ihre Ware schon ein. In diesem Ort sieht man auch die\nregul\u00e4re Polizei. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall\nsieht man M\u00e4nner und Frauen in der traditionellen Kleidung. Die ist ganz anders\nals in San Juan, allerfeinste Seidenstickerei. Die M\u00e4nner tragen Westen, die\nFrauen Kleider und einen Umhang, dessen Form an Flederm\u00e4use erinnern soll.\nZinacant\u00e1n bedeutet \u201aFledermaus\u2018. Zwei M\u00e4dchen in ihren traditionellen Kost\u00fcmen\nlassen sich mit mir photographieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWort Zinacant\u00e1n ist die spanische Version des Namens auf Nahuatl, die Sprache\neines fremden Volkes, das diese Gegend eroberte und lange beherrschte. Der\nTzotzil-Name des Ortes bedeutet aber auch \u201aFledermaus\u2018. Die Eroberer m\u00fcssen\nsich also mit den Beherrschten auseinandergesetzt haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nbesuchen zwei Kirchen und dann, als mir schon die Geduld ausgeht, noch eine\ndritte. In allen Kirchen geht es viel \u201egeordneter\u201c zu als in der von San Juan,\nund sie sind auch nicht so voll. In einer Kirche haben sich vorne Gl\u00e4ubige\nversammelt und beten gemeinsam auf Tzotzil. <\/p>\n\n\n\n<p>Allen\nKirchen gemeinsam ist die Verbindung von christlicher und indianischer\nReligion. Die manifestiert sich in bunten Terrakottafiguren von Tieren, die vor\ndem Altar aufgestellt sind, in allen Kirchen gleich. Wenn sie nicht in der\nKirche st\u00fcnden, w\u00fcrde man die religi\u00f6se Dimension nicht erkennen. Sie k\u00f6nnten\nauch im Wohnzimmer stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nBesonderheit gibt es auch noch. Zwei M\u00e4nner kommen auf uns zu, mit Gef\u00e4\u00dfen in\nder Hand. Es gibt einen Mezcal und dazu ein bisschen Salz. Das ist nicht nur\nZeichen der Gastfreundschaft, sondern auch eine spirituelle Angelegenheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden wollen mir unbedingt noch eine Weberei zeigen. Wir sind lange auf der\nSuche, die Leute wissen nicht Bescheid oder sagen, dass die heute geschlossen\nsei. Aber David gibt nicht auf. Er ist fr\u00fcher selbst Touristenf\u00fchrer gewesen\nund hat viele Besucher hierhergef\u00fchrt. Also dirigiert er&nbsp; Edison mal in die eine, mal in die andere\nGasse, vergeblich. Dann findet es sie doch. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nkommen in einen fensterlosen Raum, der hinten auf einen Innenhof hinausgeht.\nVon dort kommt das Licht herein. Alle W\u00e4nde sind voll von Produkten der\nWeberei, Umh\u00e4nge, Taschen, L\u00e4ufer, Kleinkram. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine\njunge Frau, die mit ihrer Schwester Tzotzil spricht, empf\u00e4ngt uns. David kennt\nsie von fr\u00fcher, als sie noch ein Kind war. Sie ist die Nummer 9 von 13\nGeschwistern. Ihre Eltern, die David noch kannte, sind inzwischen verstorben,\nund sie hat allem Anschein nach das Regiment \u00fcbernommen. Alle M\u00e4dchen erlernen\ndas Handwerk, die Jungen treiben Landwirtschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nspannt die Wolle um einen Pfeiler, setzt sich in einiger Entfernung davon auf\nden Boden und spannt sich ein Holzger\u00fcst, das mit der Wolle verbunden ist, um\nden R\u00fccken. Dann f\u00e4delt sie ein und zurrt den Faden mit heftigen, schnellen\nBewegungen mittels eines Querbalkens fest. Was da genau passiert, kann man\nnicht verfolgen, und ich verstehe auch nicht, wie sie ein Muster in den Stoff\nbekommt, aber man sieht, wie viel Arbeit das ist. Die Beine hat sie nach hinten\ngezogen. Ja, sagt sie, so k\u00f6nne man stundenlang sitzen. <\/p>\n\n\n\n<p>David\nnennt unsere Namen und fragt nach Entsprechungen auf Tzotzil. Nur meiner hat\neinen: <em>Chepil<\/em>. David nennt mich von jetzt an so. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\nkommt das Unvermeidliche: Ich soll etwas kaufen. F\u00fcr meine Tochter. Habe keine.\nF\u00fcr meine Frau. Habe keine. F\u00fcr meine Mutter. Ist verstorben. \u201eDann f\u00fcr deine\nSchwester!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Am\nEnde kommen wir aus der Nummer raus mit einem kleinen Obolus und Davids\nVersprechen, bald wiederzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, wieder in San Crist\u00f3bal angekommen, gehe ich noch mal in die Stadt und suche ein Lokal. Es gibt <em>Zopa Azteca<\/em> und H\u00e4hnchen. Das Essen ist gut, aber kalt. Daf\u00fcr ist das Bier warm. Als ich herausgehe, stelle ich fest, dass ich mich habe \u00fcber den Tisch ziehen lassen. Die beiden Gerichte, die ich einzeln bestellt habe, h\u00e4tte es auch f\u00fcr weniger Geld als Menu gegeben.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>20. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Um vier Uhr morgens ist schon Licht in der K\u00fcche.\nEdison macht mir einen Kaffee, trotz des fr\u00fchen Aufbruchs. Er hat auch meinen\nSturz mitbekommen und hat Schmerztabletten und Vaseline f\u00fcr mich. <\/p>\n\n\n\n<p>Um 4.20 kommt ein Kleinbus, es sind schon alle\nPl\u00e4tze bis auf einen ganz hinten besetzt. Eine junge Frau, die direkt neben der\nSchiebet\u00fcr sieht, macht mir Platz und geht nach hinten. Sie gibt mir dadurch\neine unverhoffte Beinfreiheit. Dass ihre Aktion nicht ganz uneigenn\u00fctzig war, merke\nich dann: Der Sitz ist schief. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird ein langer Tag mit einer langen Fahrt. Das\nliegt nicht so sehr an der Distanz als an der kurvenreichen Strecke mit\nst\u00e4ndigem Auf und Ab. Vor allem aber liegt es an den <em>topes<\/em>, den\nBodenschwellen. Im Laufe des Tages, k\u00fcndigt unser Fahrer an, werden wir 485\ndavon \u00fcberqueren, die meisten in einem von den Zapatisten beherrschten Gebiet.\nDie legen die Bodenschwellen selbst an. Der Staat mischt sich nicht ein und\ngew\u00e4hrt ihnen Autonomie, solange es friedlich zugeht. Die Zapatisten hatten\n1994 eine Rebellion angezettelt. Man hat sich jetzt stillschweigend darauf\ngeeinigt, dass die Zapatisten diesen Teil des Staates kontrollieren und daf\u00fcr\nFriede herrscht. Sp\u00e4ter sehen wir auch handgeschriebene Plakate, auf denen\nBu\u00dfgelder wegen Geschwindigkeits\u00fcberschreitung angedroht werden. Unser Fahrer\nsagt auch, dass man ihn im n\u00e4chsten Dorf anhalten und abkassieren w\u00fcrde, wenn\ner einem Hund anfahren w\u00fcrde. Das sind mafi\u00f6se Strukturen, ein Staat im Staate.\nMissmutig sagt unser Fahrer, fr\u00fcher habe man f\u00fcr die erste Teilstrecke\nanderthalb Stunden gebraucht, heute zweieinhalb. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Stunden Fahrt durch die Dunkelheit wird es\nlangsam hell und wir bekommen einen wunderbaren gescheckten Himmel in der\nFerne. Dann wird es auf unserer Seite taghell und gleichzeitig liegt das Tal\nauf der anderen Seite noch in der D\u00e4mmerung. Wunderbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Kaffeepause. Vor dem Lokal streunen Hunde\nherum, die darauf spekulieren, irgendeinen Rest abzubekommen. Auch auf der\nStrecke tauchen immer wieder unverhofft Hunde auf. <\/p>\n\n\n\n<p>An der Au\u00dfenmauer des Lokals sitzen auf dem Boden\nIndiofrauen, die sticken und ihre Produkte feilbieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm hier. Wir sind inzwischen von 2.200\nH\u00f6henmetern auf 800 runtergefahren und kommen sp\u00e4ter, in Palenque, noch auf\n100. Die Landschaft ist auch anders und statt Pinien wachsen hier Bananen, Mais\nund Palmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir erreichen die erste Sehensw\u00fcrdigkeit, die <em>Cascadas\nde Agua Azul<\/em>. Der Plural hat seine Berechtigung, denn es handelt sich um\neine ganze Reihe benachbarten Wasserf\u00e4lle. Sie laufen \u00fcber die braunen Felsen\noder st\u00fcrzen von ihnen hinab. Das Wasser ist, dem Namen zum Trotz, eher gr\u00fcn\nals blau. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Steinweg kann man an den Wasserf\u00e4llen\nentlanglaufen, immer weiter nach oben. Ob man da oben auch ins Wasser kann?\nNein, sagt mir jemand, baden k\u00f6nne man nur unten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse meine Klamotten bei einer Frau, die im\nHinterhof ihres Lokals Feuer macht. Ja, sagt sie, ich solle meine Sachen\neinfach auf den Tisch legen. Hier komme nichts weg. H\u00f6rt sich vertrauensw\u00fcrdig\nan, aber bei dem Gedanken, dass die Sache wegkommen k\u00f6nnten, wird mir doch ganz\nanders. Dann h\u00e4tte ich nur noch eine nasse Badehose, ein T-Shirt und Sandalen.\nUnd das Geld, die Klamotten, die Kreditkarte, der Personalausweis und das Handy\nw\u00e4ren weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Badestrand ist abgetrennt durch zwei B\u00e4nder. Es\nist nur eine kurze Distanz. Und niemand ist hier im Wasser. Komisch. Ob das\nrichtig ist? Ich frage noch die Verk\u00e4uferin an einem der unz\u00e4hligen\nVerkaufsst\u00e4nde und die sagt ja. Also geht es ins Wasser. Sp\u00e4ter kommt noch ein\nMann rein, der aber nur frierend an einer Stelle steht, und dann seine Frau,\ndie aber sofort wieder rausgeht. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kann aber hier schwimmen. Dabei k\u00e4mpft man\nflussaufw\u00e4rts gegen die Str\u00f6mung an, kommt kaum voran. Aber wenn man es bis zu\neinem Band geschafft hat, kann man sich wunderbar abw\u00e4rts treiben lassen. Die\nTemperatur ist gerade richtig, man sieht auf die paar Wolken am Himmel und auf\neine kleine Insel mit wildem Bewuchs. An den St\u00e4mmen der B\u00e4ume klettern\nPflanzen empor. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau hat gut auf meine Sachen aufgepasst und\nbietet auch noch eine Toilette zum Umkleiden an. Es ist noch alles da! <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Umkleiden kaufe ich irgendwo einen Saft.\nDie Verk\u00e4uferin empfiehlt einen Saft aus Limonen, aber der ist doch arg sauer. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, und wir machen noch an einem zweiten\nWasserfall Halt, Cascadas de Misol Ha. Der Plural scheint hier weniger\nberechtigt als bei dem ersten Wasserfall, denn es gibt nur einen, auch wenn der\nin zwei Str\u00e4hnen von den Felsen hinunterst\u00fcrzt. Es gibt hier keinen Fluss, das\nWasser st\u00fcrzt gleichm\u00e4\u00dfig von den Felsen in einen kreisrunden T\u00fcmpel. Auch hier\nkann man baden, das w\u00e4re vielleicht noch reizvoller gewesen, aber wir haben\nkeine Zeit dazu. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere ist, dass man hinter den Wasserfall\ngehen kann, auf einem nat\u00fcrlichen Steinweg. Von hier sieht der Wasserfall ganz\nanders aus. Nicht wie eine Gardine. Man erkennt, dass das Wasser gar nicht\ngleichm\u00e4\u00dfig, sondern in Sch\u00fcben herunterf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Luft ist feucht und warm, und \u00fcberall stehen\nStauden mit gro\u00dfen Bl\u00e4ttern, so gro\u00df, dass man sich beinahe reinlegen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Eingangsschild steht zweisprachig, wo es\nreingeht: <em>Entrada \u2013 Enter<\/em>. Am Wasserfall ein altes Schild mit Warnungen\nan die Besucher einem l\u00e4ngeren Text in haneb\u00fcchenem Englisch: <em>Inform you\nthat be careful to swim in the poza \u2026 <\/em><em>Is forbidden to swim whit heavy clothing \u2026 Use\nlifejacket if is at your won risk.<\/em> Immerhin erf\u00e4hrt man, dass der T\u00fcmpel 25 Meter tief ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, zu unserem n\u00e4chsten und wichtigsten\nZiel. Die Landschaft wieder langweiliger. Wir kommen nach Palenque, lassen die\nStadt aber rechts liegen, dann wird die Gegend wieder exotischer. Wir fahren\nnoch mehrere Kilometer bis zur Ausgrabungsst\u00e4tte, und dann noch mal zwei\nKilometer von der Einfahrt in den Park bis zum arch\u00e4ologischen Gel\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Chichen Itz\u00e1, Palenque, Tikal, Uxmal, Cop\u00e1n \u2013 alle\nNamen sind mir noch von fr\u00fcher in Erinnerung, aus einem Buch, das mir meine\nK\u00f6lner Sch\u00fcler zum Ende der Referendarzeit geschenkt haben, aus <em>G\u00f6tter,\nGr\u00e4ber und Gelehrte<\/em> und aus einer Ausstellung in Hildesheim, zu der ich mal\nmit meinen Bielefelder Sch\u00fclern gefahren bin. Aber noch nie habe ich eine der\nMaya-St\u00e4tten besichtigen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf unseren F\u00fchrer warten, spricht ein alter\nMann mich an. Auch er macht hier F\u00fchrungen, und zwar, wie er mir erz\u00e4hlt, seit\n60 Jahren. Es schaltet sofort auf Deutsch um, als er erf\u00e4hrt, dass ich aus\nDeutschland bin. Er habe vor 29 Jahren hier Helmut Schmidt durch das Gel\u00e4nde\ngef\u00fchrt. Was hier erz\u00e4hlt werde, das stimme ja alles nicht, sagt er. Das seien\nja gar keine Anlage der Maya. Als ich nachfrage, stellt sich aber heraus, dass\ner nur meint, dass der Name Maya nicht gesichert ist. Das ist mir aber egal.\nMan kann es einfach als ein bequemes und bekanntes Wort f\u00fcr die Kultur\nverstehen, als ein K\u00fcrzel. Ob die Maya sich selbst so genannt haben, ist da\nnicht so entscheidend. Bevor er noch weitere arch\u00e4ologische\nVerschw\u00f6rungstheorien von sich geben kann, rettet mich die Stimme unseres\nF\u00fchrers, der zum Aufbruch ruft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer Karte erfahren wir, dass gerade mal 2% des\ngesamten Areals ausgegraben sind. Der Rest verbirgt sich noch im Urwald. Woher\nman das wei\u00df? Ein amerikanischer Forscher hat ein ganzes Jahr, mit modernster\nTechnologie ausgestattet, hier verbracht und alles vermessen. Bis zum 19.\nJahrhundert war ja hier auch alles andere verborgen, der Urwald hatte sich nach\ndem Untergang der Maya ihrer Bauten bem\u00e4chtigt. Insgesamt handelt es sich um\nein 1700 Hektar gro\u00dfes Gebiet. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum ist die Kultur untergegangen? Dar\u00fcber ist\nlange spekuliert worden, es war von einem mysteri\u00f6sen Kollaps die Rede. Heute\ngeht man, wie unser F\u00fchrer erkl\u00e4rt, von einer Versorgungskrise aus. Als Folge\nvon Wetterkapriolen und D\u00fcrren konnte die gro\u00dfe Gemeinschaft \u2013 in Palenque um\ndie 250.000 \u2013 nicht mehr ern\u00e4hrt werden. In einer anderen Quelle sto\u00dfe ich\nsp\u00e4ter auf Kriege als Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Untergang. Aber die beiden Erkl\u00e4rungen\nschlie\u00dfen sich nicht aus. Der Versorgungsengpass hat die Kriege ausgel\u00f6st, und\ndie f\u00fcr die Kriege aufgewendeten Mittel haben dann in der Landwirtschaft\ngefehlt. Ein altes Muster.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen sofort auf den Hauptplatz von Palenque.\nWir stehen vor drei Geb\u00e4uden in der Art von Stufenpyramiden. Teils sind die\nGeb\u00e4ude nachgebaut, aber man kann nicht genau erkennen, was alt und was neu\nist. Auf jeden Fall sieht es auf Anhieb nach Maya aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stufen waren urspr\u00fcnglich schmaler, denn man\nging nicht geradeaus, sondern schr\u00e4g nach oben, als Zeichen der Reverenz vor\nden G\u00f6ttern oder den K\u00f6nigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude rechts ist gesperrt, es ist bauf\u00e4llig.\nEs reicht nicht, die alten Geb\u00e4ude auszugraben, auch die ausgegrabenen m\u00fcssen\ngepflegt werden, und das erfordert Geld und Personal. Dieses Geb\u00e4ude hat oben,\nam unteren Ende der Mauer, ein Relief mit einem Totenkopf, und davon hat er\nseinen Namen, <em>Templo de la Calavera<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Daneben zwei Geb\u00e4ude, die auf die Zeit des\nwichtigsten Herrschers von Palenque zur\u00fcckgehen, Pakal. Er \u00fcbernahm 615 schon\nmit 12 Jahren die Herrschaft von seiner Mutter, die vorher die Regentschaft f\u00fcr\nihn \u00fcbernommen hatte, und wurde 80 Jahre alt, sehr ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die Zeit.\nSein Tempel ist der Bau ganz links, das bekannteste Geb\u00e4ude von Palenque, der <em>Templo\nde las Inscripciones<\/em>, benannt nach den Inschriften auf Pfeilern, an Treppen\nund innerhalb des Tempels. Es war das letzte Bauprojekt Pakals und wurde zu\nseiner Grablege. Die Zahl der Stufen entspricht der Zahl seiner\nRegierungsjahre. Es war wohl von vornherein so geplant, und das erforderte\ngro\u00dfe technische Leistungen, weil man den Tempel mit der wachsenden Zahl der\nJahre anheben musste. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort oben befand sich die Grabkammer Pakals, mit\neinem Sarkophag, der fast den gesamten Raum einnahm, mit einer tonnenschweren\nGrabplatte. \u00dcberall Bilder und Inschriften, die sich auf die Herrschaft Pakals\nbeziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das mittlere Geb\u00e4ude ist die Grabkammer der \u201eRoten\nK\u00f6nigin\u201c, Pakals Gemahlin. Danach hat der Tempel seinen Namen, <em>Templo de la\nReina Roja<\/em>. Der Name bezieht sich auf die Substanz, mit der der K\u00f6rper der\nK\u00f6nigin und die Grabbeigaben bedeckt waren, eine helle, rote,\nquecksilberhaltiges Zinnober. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Nebenkammern. In denen wurden die\nHofdamen der Herrscherin begraben, und zwar bei lebendigem Leibe, wenn ich das\nrichtig verstanden habe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leider hindert mich mein morgendlicher Sturz daran,\ndie Treppen raufzugehen und mir die Grabkammern und die Inschriften anzusehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer erz\u00e4hlt eine bizarre Geschichte zur\nEntdeckung der Gr\u00e4ber hier. Als man die Grabplatte entfernt hatte, entdeckte\nman darunter eine weitere Abdeckung. Die wurde auch entfernt. Auf mysteri\u00f6se\nWeise sollen danach der f\u00fchrende Arch\u00e4ologe und seine unmittelbaren Helfer\ngestorben sein, wohl als Folge des Zinnobers, mit dem alles bedeckt war. Ob das\nalles so stimmt? Es erinnert ein bisschen an den \u201eFluch des Pharaos\u201c in\n\u00c4gypten, durch den mehrere Arch\u00e4ologen nach der \u00d6ffnung der Grabkammer\nTutanchamuns ums Leben gekommen sein sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gut erhalten auf einem H\u00fcgel, quer zu Pakals Grabmal\ngelegen, ist das Verwaltungsgeb\u00e4ude. Durch einen der T\u00fcrme kommt genau am 21.\nM\u00e4rz, also genau zur Tagundnachtgleiche, der Strahl der Sonne. Die Maya waren\nhervorragende Astronomen, und ihr Kalender, mit 28 Monaten zu 20 Tagen und\neiner Schaltfrist von 5 Tagen, war ganz genau. Sp\u00e4ter wird unser Geburtstag in\nBeziehung zu dem Maya-Kalender gesetzt und den Vorstellungen, die die Maya mit\ndiesem Datum verbinden. Bei mir ergibt sich, dass ich jemand sei, der seine\nFamilie herumkommandiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahl 9, erfahren wir, war von besonderer\nBedeutung. Leider verpasse ich die Details, aber es gab wohl 9 Planeten und 9\nTage, Frauen wurden nach der Niederkunft 9 Tage in einem Dampfbad \u201egereinigt\u201c,\nund der K\u00f6nig musste 9 Tage nach seinem Tod warten, bis er die Reise ins\nJenseits antreten konnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren auch noch etwas \u00fcber den\nSch\u00f6pfungsmythos der Maya. Die Sch\u00f6pfung des Menschen gelang erst im dritten\nVersuch, nachdem die Verwendung von Gold und Holz gescheitert war. Beim dritten\nMal wurde dann Mais verwendet. <\/p>\n\n\n\n<p>Einen Ballspielplatz gibt es in Palenque nur im\nKleinformat. Aber auch hier wurde Ball gespielt. Der schwere Ball durfte nur\nmit bestimmten K\u00f6rperteilen wie der H\u00fcfte und dem Oberarm gespielt werden. Dass\ndie Spieler anschlie\u00dfend geopfert wurden, sei aber ein Mythos, versichert unser\nF\u00fchrer, obwohl Menschenopfer durchaus bekannt waren. Aber die besten Spieler\nwaren die t\u00fcchtigsten Krieger, und der K\u00f6nig h\u00e4tte sich ins eigene Fleisch\ngeschnitten, wenn er sie geopfert h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem zweiten gro\u00dfen Platz von Palenque.\nHier stehen drei Stufenpyramiden, alle von Kan Bahlam, Pakals Sohn, errichtet: <em>Templo\nde la Cruz, Tempo del Sol, <a>Templo de la Cruz Foliada<\/a><\/em>,&nbsp;\nSie scheinen ein Ensemble zu bilden, bei dem die Zahl 3 von Bedeutung\nist und auch das Terrain, auf dem sie stehen und ihre Position, jede auf einer\nSeite des Platzes. Der <em>Templo de la Cruz Foliada <\/em>enth\u00e4lt eine Platte mit\nder Darstellung der Inthronisierung von Kan Bahlam. Sie zeigt einen auf einem Berg\nauf Mais stehenden Gott der Maya und den verstorbenen Vater Kan Bahlams, der\nauf einer Schnecke steht, aus der eine Maispflanze und der Kopf des Maisgottes\nhervorkommen. W\u00e4hrend die anderen raufgehen, um es sich anzusehen, bleibe ich\nunten in der Sonne stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Uns steht noch die lange R\u00fcckfahrt bevor. Unterwegs\nmachen wir Halt zum Abendessen und sp\u00e4ter noch mal einen kurzen Halt zum Beine\nvertreten. Dabei komme ich mit einem der M\u00e4nner aus einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe ins\nGespr\u00e4ch, die aus dem Norden Mexikos, aus Sonora, f\u00fcr die Hochzeit einer\nFreundin angereist ist. Der Mann macht viel Werbung f\u00fcr Sonora, da m\u00fcsse ich\nunbedingt beim n\u00e4chsten Mal hinreisen. Aber auch Mittelamerika, wo er wohl mal\nberuflich t\u00e4tig war, kann er empfehlen. Er kennt Guatemala, El Salvador, Honduras, Belize und Costa Rica. Man\nk\u00f6nne gut mit dem Bus durch die Gegend reisen. Muss man sich merken. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in San Crist\u00f3bal ankommen, ist es 11 Uhr und unser Fahrer hat einen Arbeitstag von 20 Stunden hinter sich. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>21. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bekomme ich Kaffee und Pfannkuchen und\nerz\u00e4hle vom Ausflug. Bei dem Gespr\u00e4ch stellt sich heraus, dass meine Gastgeber\naus Tabasco kommen. Sie sind jetzt froh, hier in Chiapas zu leben, auch weil\nsie so die Hitze des Sommers dort mit 40-45\u00b0 meiden k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Kathedrale zur Stadtf\u00fchrung. Die findet\nauf Spanisch statt. Wir sind eine kleine Gruppe, drei Franzosen, ein Pole, zwei\nSpanierinnen, ein Mexikaner.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz, auf dem wir stehen, hei\u00dft <em>Plaza de la\nCruz<\/em> oder <em>Plaza de la Paz<\/em>. Dieser Name bezieht sich auf den\nFriedensschluss von 1996 mit den aufst\u00e4ndischen Zapatistas nach deren Revolte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale wurde, wie andere Geb\u00e4ude des\nPlatzes, von dem Erdbeben vor 5 Jahren schwer getroffen. Man ist jetzt gerade\nwieder dabei, sie zu \u00f6ffnen, wenigstens teilweise. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Doppeladler an der Fassade erinnert an die\nHabsburger und die spanische Kolonialmacht. Die Verzierung der Kathedrale\nerinnert an einen <em>huipil<\/em>, den gestickten Schulterumhang der Indio-Frauen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem Platz aus hat man einen Blick auf zwei\nH\u00fcgel in der Entfernung. Der kleinere der beiden ist der mit der\nChristopherus-Kapelle. Auf dem anderen hat sich eine internationale\nGetr\u00e4nkefirma breit gemacht, deren Namen unser F\u00fchrer dezent verschweigt. Diese\nFirma, sagt er, grabe dem Ort das Wasser ab und verunreinige es. Als Folge\ndavon tr\u00e4ten immer mehr F\u00e4lle von Diabetes auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen Richtung Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und halten an einer\nStra\u00dfenecke. Dort steht ein Geb\u00e4ude, ein ehemaliges Theater (oder Kino?),\ndessen Bedeutung man nicht auf den ersten Blick sieht. Es war 1931 das erste\nSteingeb\u00e4ude der Stadt! Bis dahin waren alle Geb\u00e4ude aus <em>adobe<\/em>, also\nLehmziegel, gebaut. Kein guter Schutz vor Erdbeben. Auch bei den heftigen Regen\nin den Sommermonaten kein geeignetes Baumaterial. <\/p>\n\n\n\n<p>An der anderen Ecke der Kreuzung steht ein\nblau-wei\u00dfer Bau im maurischen Stil, darunter ein Stern mit acht Zacken, ein\nSymbol, das in San Crist\u00f3bal immer wieder auftaucht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden auf zwei Muster im Pflaster des\nB\u00fcrgersteigs aufmerksam gemacht. Ich bin hier schon oft vorbeigegangen und habe\nsie noch nie bemerkt. Sie stammen aus der Maya-Tradition: <em>Xocom Balumil<\/em>,\nein Rhombus mit Quadraten, das die Erde und das Kommen und Gehen von Leben\ndarstellt, und <em>Xpocox<\/em>, eine Kr\u00f6te, die die Verbindung der Maya zu Wasser\nund zum Meer darstellt. Je nachdem, ob die Beine angezogen oder ausgestreckt\nsind, handelt es sich um ein M\u00e4nnchen oder ein Weibchen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in den Handwerkermarkt gef\u00fchrt und sehen\ndort unter anderem Bernstein. Dabei handelt es sich eigentlich um Harz,\nMillionen von Jahren alt. Die Echtheit kann man mit einer Ultraviolettlampe\n\u00fcberpr\u00fcfen, wie unser F\u00fchrer der demonstriert. Wenn der Bernstein alle\nm\u00f6glichen Farben annimmt, ist er echt. Auch die Temperatur ist ein Hinweis.\nWenn der Bernstein warm ist, ist er vermutlich Imitation. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir inne den andern Markt, den f\u00fcr\nLebensmittel. Wunderbar, ein Feuerwerk von Farben, Ger\u00fcchen und Lauten. Unser\nF\u00fchrer zeigt uns verschiedene Fr\u00fcchte, die eine Kreuzung aus zwei anderen sind.\nDann probieren wir Kakaobohnen. Der Kakao macht seinem Namen, <em>chocolatl<\/em>,\nalle Ehre. Er ist bitter. Wir bekommen die Empfehlung mit auf den Weg, Kakao\nmit Wasser statt mit Milch zu trinken. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier sieht man Indiofrauen mit den schwarzen\nLammfellr\u00f6cken. Wir erfahren, dass die L\u00e4nge der Haare des Fells auch sozialen\nStand signalisieren: je l\u00e4nger, umso h\u00f6her gestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir pl\u00f6tzlich vor der Fassade von Santo\nDomingo. Wunderbar, voller Bauschmuck, und wirkt trotzdem nicht \u00fcberladen.\nAlles ist in Naturstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben sieht man salomonische S\u00e4ulen. Die sollen den\nKapokbaum darstellen, der den Indios heilig war, weil er hohl war und so die\nVerbindung von Himmel und Erde darstellte. Aber bei der Interpretation kommen\neinem doch Bedenken.&nbsp; Salomonische S\u00e4ulen\ngibt es schlie\u00dflich in Europa auch, und sie wurden nach Amerika exportiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein paar heidnische Elemente wie Sirenen, und\ndie Sonne, die ja auch ein christliches Symbol ist, sieht hier ach irgendwie\nheidnisch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Portal ein b\u00e4rtiger Mann, aus dessen Bart\nF\u00e4den flie\u00dfen. Sie stellen die ersten Worte Gottes bei der Erschaffung der Welt\ndar. Dar\u00fcber ein Kind, dessen Finger in Schlangen auslaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Santo Domingo war die erste Dominikanerkirche in\nMexiko \u00fcberhaupt und auch Wirkungsst\u00e4tte von Bartholom\u00e9 de las Casas, dem\nwunderbaren und gleichzeitig umstrittenen Dominikanerm\u00f6nch, der sich f\u00fcr die\nIndios und f\u00fcr die Bewahrung ihrer Kultur einsetzte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein das <em>Barrio Cerrillo<\/em>, ein\nanderes Viertel. Von hier aus hat man einen ungew\u00f6hnlichen Blick auf die\nKuppeln von Santo Domingo. Man steht selbst nur ein bisschen erh\u00f6ht, und es\nsieht aus, als w\u00fcrden die Kupplen aus der Erde herauswachsen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Platz steht die Kirche der <em>Transformaci\u00f3n<\/em>.\nEs hei\u00dft, Dal\u00ed habe sie besucht und angesichts der Christusfiguren am Altar\ngesagt, die Mexikaner k\u00f6nnten so gut Surrealismus, dass er dagegen gar nicht\nankommen k\u00f6nne.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem kleinen Caf\u00e9 machen wir Halt und unser\nF\u00fchrer serviert uns verschieden St\u00fccke <em>tamal<\/em>, den er vorher in dem\nLebensmittelmarkt besorgt hat, und dazu einen Kaffee aus dem Caf\u00e9. Man fasst\ndie Tasse mit der linken Hand an \u2013 gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig \u2013 und sagt <em>Kolabal<\/em>!\nDas bedeutet \u201aGesundheit\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ende der F\u00fchrung gibt es noch eine Probe von <em>pox<\/em>,\ndas Getr\u00e4nk, das den alten Maya Medizin f\u00fcr die Seele bedeutete. Es gibt ihn in\ndrei Varianten, pur, mit Jamaika und mit Schokolade. Auch hier fasst man das\nGlas mit der linken Hand an und sagt <em>Kolabal!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung lande ich, eigentlich auf der Suche\nnach einem anderen Lokal, in einer rustikalen Wirtschaft, in der nur ein Tisch\nmit drei Frauen besetzt ist. Wieder vergesse ich, beim Reinkommen <em>Qu\u00e9\naproveche<\/em> zu sagen, wie das die sp\u00e4ter neu hinzukommenden G\u00e4ste tun. Sollte\neigentlich nicht so schwer sein, es ist Usus in allen spanischsprechenden\nL\u00e4ndern, und geh\u00f6rt habe ich es oft genug.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann suche ich ein Reiseb\u00fcro f\u00fcr den Transfer nach\nTuxtla am Freitag. Im ersten verlangt man eine astronomische Summe, das zweite\nist besser, aber hier kann man nur bar bezahlen. Ich gehe in eine Bank, um Geld\nzu wechseln, aber daf\u00fcr braucht man den Reisepass. Der Personalausweis reicht\nnicht. Typisches Beispiel f\u00fcr die Hindernisse, die sich im Laufe der Reise\nimmer wieder vor einem aufbauten. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, als es schon d\u00e4mmert, findet auf dem anderen\nPlatz, dem hinter der Kathedrale gelegenen, in dem Pavillon ein Konzert statt,\nmit Trompeten und Schellenkr\u00e4nzen.&nbsp;\nBewacht wird die Szene von Soldaten mit Maschinengewehren auf offenen\nWagen. <\/p>\n\n\n\n<p>22. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Tag in Mexiko vor der R\u00fcckreise, die sich\nals beschwerlich und umst\u00e4ndlich erweisen sollte. Davon wei\u00df ich aber jetzt\nnoch nichts. Es geht noch einmal auf eine Tagestour. <\/p>\n\n\n\n<p>Um 9. soll die Abfahrt sein. Als um 9.15 noch\nniemand da ist, schreibe ich eine SMS. Die bl\u00f6de Tussi des Reiseveranstalters\nschreibt zur\u00fcck, die Abfahrt sei um 7.45. Meinen Anruf nimmt sie nicht\nentgegen. Dann schreibt sie, ich solle ihr Bescheid geben. Ich ihr? Dann ruft\nder Fahrer an. Er steckt im Stau. <\/p>\n\n\n\n<p>Um 9.30 kommt er. Wieder ist nur noch ein Platz\nfrei, wieder neben der Schiebet\u00fcr. Wir stellen uns vor. Neben Mexikanern ist\nauch ein US-Amerikaner vertreten, zwei Deutsche und eine Holl\u00e4nderin. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder verbringen wir Stunden im Bus, obwohl mir\nalle gesagt haben, es sei nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Stunde kommen wir nach Tuxtla Guti\u00e9rrez,\nder Hauptstadt von Chiapas. Tuxtla ist ein einheimisches Wort und bedeutet\n\u201aKaninchen\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es auf eine einsame Nebenstra\u00dfe, und es\ngeht bergauf. Von hier sieht man in das Tal mit Tuxtla hinunter, eine gro\u00dfe\nStadt mit 700.000 Einwohnern. Die Stadt w\u00e4chst in die Breite, denn an den\nanderen Seiten grenzt sie an die Berge und den darin gelegenen Nationalpark.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht rauf und rauf und rauf, und dann erreichen\nwir unseren ersten Aussichtspunkt. Man sieht in das enge Flusstal hinunter. Der\nFluss, der Grijalva, schl\u00e4ngelt sich durch das Tal und verschwindet dann\nzwischen den Felsw\u00e4nden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zu einem weiteren Aussichtspunkt. Diesmal\nhat man einen schwindelerregenden Blick direkt auf den in der Sonne glitzernden\nFluss unter einem.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht es in den Bus, und es dauert seine Zeit,\nbis wir die Bootsanlegestelle erreichen. Hier geht es sehr\ngesch\u00e4ftig-touristisch zu. Wir bekommen Schwimmwesten verabreicht und werden in\ndas entsprechende Boot man\u00f6vriert. Ich habe den zweitschlechtesten Platz, ganz\nvorne, nur die \u00e4ltere Dame neben mir hat es noch schlechter erwischt.\nAllerdings haben wir, wie sich sp\u00e4ter bei einem Gespr\u00e4ch herausstellt, das\nGl\u00fcck, nicht nass zu werden wie die Passagiere hinten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht an \u201eVersorgungsbooten\u201c vorbei, dem <em>Oxxo flotante<\/em>. Dort versorgen sich die\nMexikaner mit \u00fcberteuerten Getr\u00e4nken und Kartoffelchips. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein St\u00fcck den Fluss runter und erfahren,\ndass der Grijalva einer der wasserreichsten Fl\u00fcsse Mexikos ist und \u2013 ganz\nungew\u00f6hnlich \u2013 von S\u00fcden nach Norden verl\u00e4uft. Wir fahren also stromaufw\u00e4rts,\n57 Kilometer weit, in knapp zwei Stunden, bei brennender Sonne. Man ist froh,\nwenn die hohen Felsw\u00e4nde mal Schatten werfen. Der Grijalva entspringt in\nGuatemala und m\u00fcndet in den Golf von Mexiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Links sieht man ein Wasserkraftwerk, eins der\nleistungsst\u00e4rksten von ganz Mexiko. 60% des Stroms bleiben im Land, 40% werden\nexportiert, nach Mittelamerika. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein St\u00fcck den Fluss hinauf und sehen auf\ndem linken Ufer ein paar H\u00e4user. Dort wohnen noch ein paar wenige Menschen, die\nfr\u00fcher hier in dem Dorf wohnten, das heute komplett unter dem Wasser liegt. Die\nmeisten mussten in ein anderes Bundesland umziehen, denn sie hatten nicht nur\nihre H\u00e4user, sondern auch ihre Felder verloren, auf denen sie Landwirtschaft\nbetrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald hat man schon nur noch Natur pur um sich herum,\nberge auf allen Seiten und eine steile Felseninsel in der Mitte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine gr\u00fcne Insel, auf der die Geier\nnisten, die ich aus fr\u00fcheren Reisen kenne und die hier in Mexiko <em>zopilotes<\/em> hei\u00dfen. Einige sitzen in aller\nRuhe auf den B\u00e4umen, anderen fliegen um die Insel herum, um ihr frisch\ngewaschenes Gefieder zu trocknen. Die <em>zopilotes<\/em>, Rabengeier wohl, werden\nwei\u00df geboren und werden dann schwarz, mit dem wei\u00dfen Streifen unter den Fl\u00fcgeln\nals Erinnerung an die Kindheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum Eingang in die Schlucht. Das\nWasser ist hier 250 Meter tief, und die Felsenw\u00e4nde sind 500-600 Meter hoch,\ndreimal so hoch wie der K\u00f6lner Dom. Entzieht sich der Vorstellungskraft. Sp\u00e4ter\nkommen wir sogar zu einem Felsen, der 1.000 Meter hoch ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick nach oben wie der Blick nach vorne in den\nschmalen Spalt zwischen den Felsen und den blauen Himmel dahinter ist au\u00dfergew\u00f6hnlich\nsch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlucht ist erst seit der Gr\u00fcndung des Stausees\nund des Kraftwerks befahrbar. Fr\u00fcher zw\u00e4ngte sich hier ein rauschender Fluss\ndurch die enge Schlucht, heute scheint der Fluss eher gem\u00fctlich zu flie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>An einer Felswand ganz oben sieht man einen ganz\nfeinen Wasserfall, den man ohne den Hinweis des F\u00fchrers \u00fcbersehen h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu einer Grotte. Deren W\u00e4nde warten\nmit ungew\u00f6hnlichen Farbspielen auf, sie leuchten an verschiedenen Stellen\nrosarot. Die Mexikaner haben hier eine Statue der <em>Virgen de Guadalupe <\/em>hineingestellt. Die wird jedes Jahr am 1.\nDezember hier abgeholt und in Chiapa de Corzo bis zu ihrem Geburtstag am 8.\nDezember ausgestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Krokodile, erst sieht man sie kaum\ndurch das Wasser gleiten, dann sieht man ein ganz besonders pr\u00e4chtiges\nExemplar, das sich auf einem Felsbrocken im Fluss sonnt. Wir fahren ganz nah\nvorbei, aber es zeigt sich unger\u00fchrt, bewegt aber kurz, um zu zeigen, dass es\nkeine Skulptur ist, den Schwanz und kneift ein Auge zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Krokodile hier sind gut gen\u00e4hrt, denn der\nFischfang ist verboten. Wir sehen auch Kormorane und verschiedene Arten von\nReihern, wei\u00dfe, aber auch graue. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann, schon kurz vor der Ausfahrt aus der Schlucht,\nsieht man rechts Affen, die sich in den B\u00e4umen von Ast zu Ast schwingen, mit\nweit ausladenden Armen. Eins hat ein Baby auf dem R\u00fccken, aber das sehe ich\nnicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen aus der Schlucht heraus und fahren dann\nwieder \u00fcber einen ganz normalen Fluss. Die Ankunft ist in Chiapa de Corzo. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort haben wir noch eine Stunde Zeit. Ich sehe mir\ngerade einen ungew\u00f6hnlichen, knorrigen Baum an, den Pochota, und lese seine\nGeschichte. Der Baum ist jahrhundertealt. Um ihn herum wurde die Stadt 1528\ngegr\u00fcndet. 1945 wurde er von einem B\u00fcrger absichtlich in Brand gesteckt. Der\nwar genervt von der Baumwolle, den der Baum in bestimmten Jahreszeiten abwirft.\nMit Hilfe der B\u00fcrger des Ortes wurde das Feuer gel\u00f6scht, und ein Teil des Baums\nwurde gerettet. Eine lohnendende Aktion, denn heute gibt er ein pr\u00e4chtiges Bild\nab. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gerade in die Lekt\u00fcre vertieft bin, kommen\ndie beiden jungen deutschen Frauen und die ebenso junge Holl\u00e4nderin und fragen,\nob ich nicht mitgehen wolle, was zu trinken. Wir finden eine Eisdiele. Ich\nbestelle ein kaltes Getr\u00e4nk mit Saft, Fr\u00fcchten und Eisst\u00fcckchen, genau das\nRichtige bei der Hitze. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei haben, wie ich, ihre helle Freude an den\nMexikanerinnen gehabt, die auf dem Boot Photos von sich haben machen lassen,\nsich dabei wie&nbsp; Photomodels gerierend,\nmit wechselnden Posen, mal mit, mal ohne K\u00e4ppi, mal von vorne, mal von der\nSeite, unter den Blicken aller anderen Passagiere. <\/p>\n\n\n\n<p>Was man fr\u00fcher nur von M\u00e4nnern kannte: Als vom\nHoll\u00e4ndischen die Rede ist, warten die beiden deutschen Frauen sofort mit einem\nganz groben holl\u00e4ndischen Spruch auf, und die Holl\u00e4nderin kontert mit einem\nspanischen, den sie in ihren wenigen Tagen in Mexiko schon gelernt hat. Ich\nkenne beide nicht.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen haben alle drei ihren Job gek\u00fcndigt, um\netwas anderes zu tun, wobei sie noch nicht genau wissen, was das ist. Die\nHoll\u00e4nderin hat als Kunstlehrerin Ankn\u00fcpfungspunkte und hat auch schon\ngelegentlich mit Stra\u00dfenk\u00fcnstlern Kontakt aufgenommen, obwohl sie nur\nrudiment\u00e4r Spanisch spricht. In Mexiko ist sie nur gelandet, nachdem sie in\nKalifornien in einer Woche 2.000 \u20ac ausgegeben hat. Die beiden deutschen Frauen\nsind erst kurz hier, haben noch keine genauen Reisepl\u00e4ne, wollen aber auf\nunbestimmte Zeit bleiben. Es entspinnt sich ein unterhaltsames,\nabwechslungsreiches Gespr\u00e4ch \u00fcber Reisen, \u00fcber Mexiko, \u00fcber Lebensentw\u00fcrfe. <\/p>\n\n\n\n<p>So findet die Mexiko-Reise einen sch\u00f6nen und\nsprachlich ungew\u00f6hnlichen Abschluss. Auf Englisch statt auf Spanisch.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Februar (Freitag) Trotz der sp\u00e4ten Ankunftszeit hat Mar\u00eda es sich nicht nehmen lassen, mich am Flughafen abzuholen. 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Wir sind nur ein paar Dutzend &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11463\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11463"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11463"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11463\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11482,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/11463\/revisions\/11482"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}