{"id":11520,"date":"2023-09-04T16:32:14","date_gmt":"2023-09-04T14:32:14","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11520"},"modified":"2023-09-04T16:32:14","modified_gmt":"2023-09-04T14:32:14","slug":"mosel-ruhrgebiet","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11520","title":{"rendered":"Mosel &#8211; Ruhrgebiet"},"content":{"rendered":"\n<p>29. August (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher Aufbruch, noch im Morgengrauen. Es ist kalt, k\u00e4lter als in den letzten Jahren. Da hatte ich es mal mit Hitze, mal mit Wind, mal mit Regen zu tun, aber nie mit K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Kilometern steige ich zum ersten Mal ab: Licht an! Man sieht zwar gut, wird aber vielleicht nicht so gut gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre nicht direkt zur Mosel runter, sondern auf&nbsp; vertrauten Wegen nach Schweich. Das spart ein paar Kilometer, und Mosel gibt es w\u00e4hrend der Tour ja noch genug. Es geht durch Wohnviertel, durch ein Gewerbegebiet, durch Ruwer. Die letzten Kilometer vor Schweich geht es direkt an der Autobahn entlang. Aber ich werde durch den sch\u00f6nen Blick auf die Berge vor mir entsch\u00e4digt, deren Kuppen im aufsteigenden Dunst liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Schweich geht es dann an die Mosel. Deren Oberfl\u00e4che gl\u00e4nzt, sie scheint sich kaum zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist einsam. Eine einzige Radfahrerin \u00fcberholt mich, f\u00e4hrt an mir vorbei und verschwindet hinter der n\u00e4chsten Kurve.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Reiher hebt mit lautem Fl\u00fcgelschlag ab, ein paar V\u00f6gel zwitschern vereinzelt, irgendwo raschelt es im Geb\u00fcsch. Ansonsten ist es still.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Moselseite Weinberge. Einer reiht sich an den anderen. In einen haben sie mit Kalk oder mit Steinen von oben nach unten den Namen <em>Mehring<\/em> eingeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an Longuich vorbei, dessen sch\u00f6nen Ortskern ich vor ein paar Tagen erst entdeckt habe. Dann kommt der Campingplatz mit dem ungarischen Lokal, das ich schon immer mal ausprobieren wollte. Auf den Zeltpl\u00e4tzen bilden die Campingwagen mit den fest verbundenen, hohen Zelten eine Einheit. Es ist wie ein Haus. Worin der Reiz einer solchen Urlaubsgestaltung liegen soll, erschlie\u00dft sich mir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der <em>Alte Moselbahnhof<\/em>, der inzwischen in einen Biergarten umgewandelt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen auch auf meiner Seite Weinberge. Die Trauben sind klein, aber h\u00e4ngen in dicken Trauben vom Rebstock hinab. Ein Winzer hat am Fu\u00df seines Weinbergs Werbeprospekte ausgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch Detzem. Der Ort verdankt seinen Namen den R\u00f6mern. Er ist verwandt mit <em>Dezimeter<\/em> und benennt die Entfernung nach Trier: 10 r\u00f6mische Meilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 25 Kilometern und gut anderthalb Stunden lege ich die erste Trinkpause ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt von der Mosel weg, es geht ein St\u00fcck steil bergauf. Hier stehen Weinfelder, ganz flach. Sie stehen zu beiden Seiten Spalier, auf der einen Seite gerade, auf der anderen schr\u00e4g, als es wieder zur\u00fcck zur Mosel nach K\u00f6werich geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort geht es an der Bundesstra\u00dfe entlang, aber auf einem abgetrennten Radweg. Hier gibt es ein paar Obstfelder, mit Apfelb\u00e4umen und einem Strauch mit dicken, knallgelben Zitronen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trittenheim mit seiner Kirche mit dem spitzen Turm liegt auf der anderen Seite. Zu beiden Seiten der Mosel steht ein F\u00e4hrturm. &nbsp;Zwischen diesen beiden F\u00e4hrt\u00fcrmen verkehrte fr\u00fcher eine F\u00e4hre, eine antriebslose Drahtseilf\u00e4hre. Vor 100 Jahren gab es an der deutschen Mosel nur 14 Br\u00fccken, aber 50 solcher F\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 9 Uhr habe ich die ersten 40 Kilometer hinter mir, kurz vor Neumagen. Hier steht mitten in einem Weinfeld eine kleine Kapelle, wei\u00df, niedrig, fast quadratisch, mit einem spitzen Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name <em>Neumagen<\/em> erkl\u00e4rt sich, wie <em>Dormagen<\/em> und <em>Remagen<\/em>, aus dem alten keltischen Wort <em>magos<\/em>. Das bedeutete \u201aFeld\u2018. Als die Kenntnis der keltischen Sprachen verloren gegangen war, konnten die Leute damit nichts mehr anfangen und formten den Namen im Laufe der Zeit um. Ein typischer Fall von Volksetymologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Radweg f\u00fchrt direkt durch Neumagen hindurch. An Strau\u00dfenwirtschaften&nbsp; und Caf\u00e9s mangelt es hier nicht. Haben aber noch alle geschlossen. Das verlockend aussehende Dorfcaf\u00e9 h\u00e4tte schon auf, wenn heute nicht Dienstag w\u00e4re: Ruhetag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Neumagen mache ich an einem rauschenden Bach noch mal eine Trinkpause. Es ist nicht mehr ganz so kalt, aber immer noch dunstig. Allm\u00e4hlich kommen die Leute aus ihren L\u00f6chern. Zahlreiche Radfahrer kommen vorbei, meist Paare, lauter Rentner.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 50 km kommt Piesport. Die neue Br\u00fccke spiegelt sich mit ihrem Gew\u00f6lbe im Wasser. Ich bin nicht der einzige, der f\u00fcr ein Photo anh\u00e4lt. Auf der anderen Seite steht in den Weinbergen der Name der bekannten Lage: <em>Piesporter Goldtr\u00f6pfchen.<\/em> &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es ein St\u00fcck steil rauf, und dann ein St\u00fcck an der Bundesstra\u00dfe entlang, dann \u00fcber Feldwege. Gedankenverloren fahre ich weiter. Irgendwo lese ich an einem gro\u00dfen Geb\u00e4ude kletterhalle. Es ist aber kelterhalle.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wintrich finde ich endlich ein ge\u00f6ffnetes Caf\u00e9. Man kann auf der Terrasse vor dem Haus sitzen. Es ist noch kein anderer Gast da. Die Kellnerin versteht meine Frage erst nicht richtig. Polin? Ukrainerin. Ich bestelle Kaffee und Apfelkuchen und sie l\u00e4sst sich auf ein kurzes Gespr\u00e4ch auf Russisch ein. Sie ist seit drei Jahren hier, lernte Deutsch in einem Sprachkurs. Das Aufnehmen der Bestellung geht gut auf Deutsch, und die Zahlen kann sie perfekt: 6,50 \u20ac. Aber ansonsten geht es auf Russisch besser. Sie hat keine Kinder, auch keinen Mann. Geschieden. Sie zeigt auf eine Narbe an ihrem Hals und sagt etwas von Operation. Aber ich verstehe nur die H\u00e4lfte. Ich verstehe aber, dass sie in die Ukraine zur\u00fcck will. Warum? Zuhause sei eben Zuhause, sagt sie lapidar. Den Krieg erw\u00e4hnt sie nicht. Ich auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 10.30 geht es weiter. Der Routenplaner weist mir den Weg. Das System kann in der Sprachansage nicht zwischen <em>Weg<\/em> und <em>weg<\/em> unterscheiden: <em>Folgen Sie dem weg 200 Meter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt von der Mosel weg. Es geht \u00fcber Feldwege weiter. An einem Weinstand, der auch jetzt schon von einigen frequentiert wird, steht: <em>Zutritt nur mit tagesaktuellem Durst<\/em>. Auf dem Feld nebenan steht ein Strohballen mit der Figur eines Radfahrers, der in den Strohballen gefahren ist. Sein Kopf guckt am anderen Ende heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Durchfahrt gibt es durch Brauneberg, die Mosel links, Schieferh\u00e4user rechts. Die Stra\u00dfenschilder sind blau, mit Frakturschrift: <em>Engels Gaass<\/em>, <em>Schnaaps Gaas<\/em>. An einem Haus lese ich <em>Schiefer Traum<\/em>, es ist aber <em>Schiefertraum<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In Brauneberg gibt es eine wiederhergestellte r\u00f6mische Kelteranlage. Die R\u00f6mer bauten hier blaue und wei\u00dfe Trauben an, heute werden nur noch wei\u00dfe angebaut. Hier werde seit 1.800 Jahren Wein angebaut, hei\u00dft es. Ob das stimmt? Hat man immer, auch nach dem Abzug der R\u00f6mer, auch im Mittelalter, durchgehend Wein angebaut?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 66 Kilometern kommt Bernkastel. Die Uferpromenade, wie immer, voller Autos, man kann von hier aus kaum erahnen, was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Ort das ist. Die Ruine des Kastells, von dem der Ort seinen Namen hat, thront ganz oben auf dem Fels. Der Namensteil <em>Bern<\/em> ist irref\u00fchrend, hat nichts mit <em>Bern<\/em> oder <em>Bernstein<\/em> zu tun, sondern mit <em>Prim<\/em>. Gemeint ist also das \u201aErste Kastell\u2018, das bedeutendste.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es, an der Sonnenuhr im Weinberg vorbei. Die Oberschenkel machen sich langsam bemerkbar, aber Kraft zum Weiterfahren habe ich noch. Nur das Sitzen wird immer ungem\u00fctlicher. Dann stellt sich heraus, dass die Strecke heute l\u00e4nger ist als erwartet, und zu allem \u00dcbel f\u00e4ngt es auch noch an zu regnen. Weiterfahren? Unterstellen? Einkehren? Ich bin unschl\u00fcssig, fahre erst mal weiter, kehre dann aber in die <em>Kaffeem\u00fchle<\/em> bei Zeltingen ein. Hier sitzt man gesch\u00fctzt unter gro\u00dfen Sonnenschirmen. Gro\u00dfe Kuchenauswahl, darunter <em>Rotk\u00e4ppchen<\/em> und <em>Sekttorte<\/em>, aber ich belasse es bei Kaffee und Wasser. Hier hat man eine gute L\u00f6sung gefunden f\u00fcr \u201eNichtg\u00e4ste\u201c (komisches Wort), die die Toilette benutzen. Sie zahlen 50 Cent, und die gehen an die <em>Villa Kunterbunt<\/em> in Trier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die freundliche Wirtin macht mir Mut, das mit dem Regen werde schon nicht so schlimm werden, aber ihre Prophezeiung&nbsp; bewahrheitet sich erst mal nicht. Im Gegenteil. Der Regen wird st\u00e4rker. W\u00e4hrend sich die anderen Radfahrer dick eingemummt haben, ziehe ich meinen Pullover aus. So wird der wenigstens schon mal nicht nass.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein tapferer Jogger kommt mir entgegen. Auf seinem T-Shirt steht be what you are. Warum schreiben die Leute so was auf ihr T-Shirt? Was bedeutet das? Wer ist der Adressat dieser Botschaft? Wie soll ich mein Verhalten, mein Leben ver\u00e4ndern, um dem gerecht zu werden? Und kann ich \u00fcberhaupt was anderes sein als ich selbst?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf kommt ein Wohnwagen mit der Aufforderung <em>Lebe deinen Traum<\/em>. Leuchtet mir genauso wenig ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine gro\u00dfe Br\u00fccke geht es \u00fcber die Mosel, Richtung Traben-Trarbach. Hier ist nur noch Trarbach ausgeschildert. Liegen die beiden Ortsteile auf verschiedenen Seiten der Mosel, wie Bernkastel und Kues?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre an stattlichen H\u00e4usern aus der Gr\u00fcnderzeit vorbei, heute fast ausschlie\u00dflich mit gastronomischen Betrieben best\u00fcckt, vermutlich gehobene Gastronomie.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist der Regen in Nieselregen \u00fcbergegangen, und bald h\u00f6rt er ganz auf. Die Wirtin hat Recht behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier f\u00e4ngt mein Routenplaner an, verr\u00fcckt zu spielen. Wo auch immer ich hinfahre, ist es falsch. Ich steige ab und verfolge die Instruktionen ganz genau. Dann bin ich nur noch sieben Meter von der Route entfernt. Die f\u00fchrt direkt auf einen Ausflugsdampfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert mich an eine Szene in Holland, wo ich im Rheindelta direkt ins Wasser gef\u00fchrt wurde. Da hat sich aber herausgestellt, dass ich eine F\u00e4hre nehmen musste. Aber der Ausflugsdampfer kann ja wohl nicht ernsthaft gemeint sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre auf gut Gl\u00fcck weiter, Richtung Ortsausgang. Eine ortskundige \u00e4ltere Dame gibt mir freundlich Auskunft. Ihre Auskunft erweist sich als richtig, aber zuerst als etwas irref\u00fchrend. Sie hat mir als Anhaltspunkt ein Dachdeckerunternehmen genannt. Aber dort geht es nur zur Jugendherberge. Ich soll aber zur F\u00e4hre.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Radwegschild, aber das ist so verblichen, dass man den gr\u00fcnen Pfeil nicht mehr erkennen kann. Das wiederholt sich im Laufe der Tour noch zweimal. Ich biege auf gut Gl\u00fcck links ab. Es geht steil bergauf, von der Mosel weg, und dann eine Landstra\u00dfe entlang, parallel zur weit unten liegenden Mosel. Die Kr\u00e4fte schwinden. Dann sehe ich zu meiner Erleichterung <em>Enkirch<\/em> in den Weinbergen eingeschrieben. Enkirch ist mein Ziel. Aber es ist auf der anderen Seite. Und ich bin von der Mosel durch ein breites abgesperrtes St\u00fcck Land getrennt. Hier gibt es eine Schleuse, aber keine Br\u00fccke. Eine F\u00e4hre auch nicht, und wenn es die gibt, kann ich nicht hinkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, und dann erscheint pl\u00f6tzlich die von der Dame angek\u00fcndigte F\u00e4hre von K\u00f6venig. Der F\u00e4hrmann wartet auf Passagiere. Ich gehe auf die winzige F\u00e4hre und zahle 1,50 f\u00fcr mich und 1,50 f\u00fcrs Fahrrad. Der F\u00e4hrmann legt ab, mit unbewegtem Gesicht und mechanischen Handbewegungen setzt er die F\u00e4hre in Gang. Aber es geht nicht zielstrebig ans andere Ufer. Wir scheinen uns eher im Kreis zu bewegen. Dann sehe ich, dass er noch einen weiteren Passagier auf dem Landesteg entdeckt hat und noch mal zur\u00fcckkehrt. Wir laden den anderen ein, und r\u00fcber geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite stehen auf einem Campingplatz lastwagenartige Wohnwagen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Aber hier scheinen sie alle zusammenzukommen. Auf einem steht <em>Wechfahrhaus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schiebe mein Rad den H\u00fcgel rauf auf den h\u00fcbschen, menschenleeren Brunnenplatz, und dann die Dorfstra\u00dfe rauf, mit Kopfsteinpflaster, einer alten Apotheke, einem Fachwerkhaus mit schiefer Fassade, Stra\u00dfen mit originellen Namen und dem <em>Backhaus<\/em>, einem Caf\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meinen Routenplaner bin ich immer noch au\u00dferhalb meiner Route, aber dann hat er mich wieder und sagt: <em>Die Navigation wird fortgesetzt. Du hast dein Ziel erreicht<\/em>. Ich stehe vor dem Gasthof <em>Zur Sonne<\/em>. Habe aber die Rechnung ohne meine eigene Reservierung gemacht, auf der ausdr\u00fccklich steht: <em>Zimmerbelegung ab 14.30<\/em>. Die fehlende halbe Stunde verbringe ich im <em>Backhaus<\/em> gleich gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht alles schnell und unkompliziert in dem Gasthaus. Und ich kann die F\u00fc\u00dfe ausstrecken. Und die Speisekarte studieren. Im gleichen Haus, nur die Treppe runter, befindet sich n\u00e4mlich das Lokal. Die Unterkunft ist so gut wie perfekt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am fr\u00fchen Abend runter gehe, ist die Wirtsstube schon voll besetzt, und man muss sich wohl oder \u00fcbel nach drau\u00dfen setzen, obwohl es etwas kalt ist. Aber auch hier sitzen welche, eine Gruppe von M\u00e4nnern und zwei Paare. Vermutlich lauter Radfahrer. Man sitzt gesch\u00fctzt unter gro\u00dfen Schirmen. Auf denen steht <em>Benediktiner Weissbier<\/em>. Ich bin \u00fcberrascht \u00fcber die Schreibweise, mit <em>ss<\/em> statt <em>\u00df<\/em>, aber das Benediktiner schreibt sich wirklich mit <em>ss<\/em>, wie <em>Rot Weiss Ahlen<\/em> und <em>Rot-Weiss Essen<\/em>, aber anders als <em>Rot-Wei\u00df Oberhausen<\/em> und <em>Rot-Wei\u00df Erfurt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von meinem Platz aus blickt man auf das sch\u00f6ne Eingangsschild des Gasthauses <em>Zur Sonne<\/em>, mit einer dicken, gelben Sonne, das ich vorher bei der Suche \u00fcbersehen habe. Der Name des Gasthauses folgt dem der Besitzer, Sonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier auf der Terrasse wachsen Zitronen, an einem Strauch gleich neben mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner sind fr\u00f6hlich, sprechen laut, lachen. Und bestellen immer wieder: \u201eNoch sieben Pils!\u201c Als das Essen kommt, werden sie ruhiger. Danach f\u00e4ngt einer an, von seiner Scheidung zu sprechen. Seine Frau habe vertraglich zugesagt, auf ihre Rentenpunkte zu verzichten, weil er ihr das gemeinsame Haus \u00fcberschrieben habe. Dann habe sie sich aber einfach geweigert, das einzul\u00f6sen. Er habe zw\u00f6lf Jahre lang jeden Monat 400 \u20ac Unterhalt gezahlt. Seine Frau habe kein bisschen nachgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mein Essen. Es gibt den Enkircher Zwiebelteller und einen Enkircher Wei\u00dfwein. Aber nur ein Glas. Morgen steht eine weitere anstrengende Etappe an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>30. August (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es erst um 8.00, also verz\u00f6gert sich die Abfahrt bis 8.30. Als ich kaum auf dem Rad sitze, h\u00f6re ich <em>Du hast die Route verlassen.<\/em> Ich drehe um und bekomme <em>Die Navigation wird fortgesetzt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber Radwege, mal an der Bundesstra\u00dfe entlang, mal hoch \u00fcber der Mosel, mal verschwindet die Mosel. Es ist wieder kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6nste Strecke ist die vor Zell, direkt an der Mosel, gr\u00fcn zu allen Seiten, die Bundesstra\u00dfe weit oben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zell steht im Kreisverkehr eine gro\u00dfe schwarze Katze mit einem gef\u00fcllten Weinglas in den Pfoten, zum Zuprosten erhoben. Das spielt auf den Namen des \u00f6rtlichen Qualit\u00e4tsweins an, die <em>Schwarze Katz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Name <em>Zell<\/em> ist lateinisch. Er kommt von <em>cella<\/em>, der Bezeichnung f\u00fcr einen kl\u00f6sterlichen Gutshof.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kilometerz\u00e4hler bewegt sich so langsam, dass ich glaube, dass er kaputt ist. In Zell habe ich gerade mal 14 km hinter mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Zell kommt, nachdem es erst gar nicht gut aussah, noch mal eine sehr sch\u00f6ne Strecke, bis Bullay. Hier soll ich die F\u00e4hre nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite Wald. Die B\u00e4ume beginnen sich zu verf\u00e4rben, aber nur auf dieser Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo taucht pl\u00f6tzlich eine Ruine auf, von B\u00e4umen umstanden. Nur die Fassade, ausgerechnet die Fassade, ist stehen geblieben. War fr\u00fcher sicher mal ein stattliches, hohes zweist\u00f6ckiges Haus. Durch die leeren Fenster sieht man auf die B\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtung Cochem geht es direkt an der Bundesstra\u00dfe entlang. Hohe Weinberge links von ihr, auf kantigen Schieferfelsen. Ein echter Hingucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Calmont stehen Touristen, die aus dem Bus ausgestiegen sind und machen Photos. Er gilt als der steilste Weinberg Europas. Der Name scheint tats\u00e4chlich was mit <em>caldo<\/em> zu tun zu haben und &nbsp;\u201aWarmer Berg\u2018 zu bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme es jetzt mit dem Wind zu tun, und es f\u00e4llt auch etwas Regen. H\u00e4lt sich aber in Grenzen. Als ich an einem Imbisstand meine erste Pause mache bei einer Portion Pommes, ist es schon wieder trocken. Es ist inzwischen 12 Uhr, und ich habe 40 km hinter mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werde ich von der Mosel weggeleitet, \u00fcber die Peter-Altmeier-Br\u00fccke. Das kommt mir alles etwas merkw\u00fcrdig vor. Ich stehe vor einer steil aufsteigenden Landstra\u00dfe ohne Radweg. Da soll ich rauf? Ich entscheide mich dagegen, fahre zur Mosel zur\u00fcck und folge den Schildern Richtung Cochem, in der bangen Erwartung, wie viele zus\u00e4tzliche Kilometer das wohl bedeuten wird. Bei all der Aufregung verpasse ich die Schleuse von Bruttig-Fankel, von der ich unbedingt ein Photo machen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin etwas beruhigt, als ich in Klotten sehe, dass es nur noch knapp 50 km nach Koblenz sind, jedenfalls f\u00fcr die Autofahrer, und ganz so weit brauche ich nicht. In Klotten mache ich auf einer \u00fcberdachten Terrasse Pause bei Kaffee und Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel zieht sich immer weiter zu, und ich versuche, noch einen Zahn zuzulegen. Das klappt auch. Es ist eine lange, \u00f6de Strecke, aber man merkt jetzt doch das Gef\u00e4lle, auch wenn man es nicht sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite die Burg Thurant mit Alken. Da lasse ich mir die Gelegenheit nicht entgehen, ein Photo zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meiner Seite, in L\u00f6f, ein Caf\u00e9: <em>Kaffee Klatt\u2019sch<\/em>. Ich wundere mich \u00fcber den unorthodoxen Apostroph, aber der hat seinen Grund: Die Inhaberin hei\u00dft <em>Klatt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es, schon kurz vor Kobern, meinem Ziel, steil rauf, von der Bundesstra\u00dfe weg, neben der Eisenbahn her. Das ist sch\u00f6ner zu fahren, aber daf\u00fcr geht es auch rauf und runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Ortsschild von Kobern. Aber es sind noch drei Kilometer bis zur Unterkunft. Die werden mir schwer. Es geht in den historischen Ortskern, aber dann wieder raus, an gro\u00dfen Superm\u00e4rkten vorbei. Ich steige ab und schiebe das Rad ein St\u00fcck. Dann steige ich wieder auf, und bald kommt <em>Du hast dein Ziel erreicht. <\/em>Aber was f\u00fcr eins? Hier sind nur Mietsh\u00e4user, keine Alte Kellerei zu sehen. Und ich bin auch nicht auf der Marktstra\u00dfe. Ich schiebe das Rad durch den Ort, frage nach der Marktstra\u00dfe und suche dann die Hausnummer. Hier muss es sein. Es erweist sich, dass der heutige Name des Hotels nicht mehr Alte Kellerei ist. So steht es aber noch im Internet. Vielleicht aus Werbezwecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wuchte mein Fahrrad \u00fcber die Stufen rauf auf die Terrasse. Vor dem Eingang steht <em>Heute Ruhetag<\/em>. Das beunruhigt mich erst mal nicht, ich hatte im Internet gelesen, dass das Lokal heute geschlossen hat. Aber angenommen, dass an der Rezeption jemand sein w\u00fcrde. Da ist aber keiner. Man muss anrufen. Es meldet sich ein Mann mit holl\u00e4ndischem Akzent. Er sei im Moment selbst nicht da, werde mich aber am Telefon anleiten. Erst gibt es ein Missverst\u00e4ndnis \u00fcber das, was er <em>Schl\u00fcsseltresore<\/em> nennt, aber am Ende komme ich an meinen Schl\u00fcssel. Ich nehme an, ich kann jetzt einfach aufschlie\u00dfen, aber weit gefehlt. Er lenkt mich um die Geb\u00e4ude herum, an einer Schnapsbrennerei vorbei und dann auf die Stra\u00dfe, auf die mich der Routenplaner geschickt hat. Der&nbsp; Mann sagt mir, wie ich in das Haus komme und wo mein Zimmer sei. Wo kann ich denn das Fahrrad unterstellen? Ja, daf\u00fcr hat er jetzt auch keine L\u00f6sung. Er sei heute nicht vor Ort. Ich solle das einfach in den Gang stellen. Leichter gesagt als getan. Man muss die T\u00fcr \u00f6ffnen und dann das Fahrrad die Treppe hinaufschieben. Aber dann ist die T\u00fcr schon wieder zugefallen. Am Ende klappt es, und ich komme in mein spartanisch eingerichtetes Zimmer. In dem es, entgegen der Beschreibung, keinen Schreibtisch gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>31. August (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann an der Rezeption fragt mich, wie es gewesen sei, und als er meine Kommentare h\u00f6rt, bietet er einen Preisnachlass an: 50 \u20ac statt 59 \u20ac. Immerhin. Eine nette Geste.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kalt, ich bin zu d\u00fcnn angezogen, aber die Strecke entsch\u00e4digt daf\u00fcr. Wundersch\u00f6n, etwas erh\u00f6ht, Weinst\u00f6cke auf Augenh\u00f6he und dann ganz unregelm\u00e4\u00dfig sich den ganzen Felsen hochrankend, rechts die Eisenbahnlinie und weiter unten die Mosel. Zwischen den beiden die Bundesstra\u00dfe, an der ich heute noch mein Wohlgefallen haben soll, die aber jetzt, fr\u00fch am Morgen, nicht weiter st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist stark bew\u00f6lkt, aber oben k\u00e4mpft sich die Sonne durch die Wolken und verbreitet einen matten Glanz zwischen den dunklen Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme durch Winningen. Kopfsteinpflaster, Fachwerkh\u00e4user, Steinh\u00e4user auf beiden Seiten, die durch wilden Wein verbunden und alle beflaggt sind, in Blau und Rot mit dem Stadtwappen. Unten, am Weinhof, erfahre ich warum: Das Weinfest findet in diesen Tagen statt, das \u00e4lteste Deutschlands, wie es hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Winningen geht es an verlassenen Gartengrundst\u00fccken vorbei und dann durch ein Wohngebiet. Vielleicht ist dies schon ein Vorort von Koblenz. Links erscheint eine gro\u00dfe Christuskirche mit zwei T\u00fcrmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hei\u00dfen die Friseursalons <em>Hair Lounge<\/em> oder <em>Haarmanufaktur<\/em>. Auf dem Weg hierher hie\u00dfen sie <em>Damen- und Herrensalon<\/em> und <em>Ihr<\/em> <em>Friseursalon<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Ortseingangsschild Koblenz, Stadtteil Metternich. <em>Du hast die Route verlassen<\/em> wird von da an mein treuer Begleiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf eine gro\u00dfe, dem Routenplaner zufolge 470 Meter lange Br\u00fccke. Am Ende hei\u00dft es <em>Du hast die Route verlassen<\/em>. Wie bitte? Wie kann das denn sein? Am Anfang der Br\u00fccke war ich doch noch richtig. Und am Ende der Br\u00fccke gibt es als Alternative zu meinem Weg nur eine Schnellstra\u00dfe, und die kommt nicht in Frage. Soll ich etwa in die Mosel springen? Ich schiebe das Rad langsam zur\u00fcck, und dann entdecke ich tats\u00e4chlich eine kleine L\u00fccke im Gel\u00e4nder, die ich \u00fcbersehen habe. Hier ist eine Wendeltreppe. Ich muss das Rad die Treppe runtertragen, wohl oder \u00fcbel. Zwischendurch muss ich zweimal verschnaufen. Die mit entgegenkommenden Fu\u00dfg\u00e4nger m\u00fcssen lachen. Wie kommt der nur darauf, sein Rad eine Treppe runterzutragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es Richtung Koblenz. Man sieht in der Ferne die T\u00fcrme von St. Florian. Es geht Richtung Deutsches Eck, aber hier ist alles durcheinander, nicht nur wegen der vielen Touristengruppen, die schon unterwegs sind \u2013 ich h\u00f6re Englisch und Spanisch \u2013 sondern auch, weil die ganze Gegend mit h\u00e4sslichen Plastikbannern abgesperrt ist. Morgen wird der Kaiser 30.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an <em>Du hast die Route verlassen<\/em> irre ich durch die Gegend, komme <em>Du hast die Route verlassen<\/em> irgendwie in die Altstadt <em>Du<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>hast die Route verlassen<\/em> und an St. Florian vorbei. Dann sehe ich endlich einen Radweghinweis Richtung Andernach. Beherzt schlage ich die Richtung ein. <em>Du hast die Route verlassen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Routenplaner schickt mich durch ein Gewerbegebiet, \u00fcber einen Spaghettiknoten, durch ein Industrieviertel, durch das Hafenviertel und dann Kilometer und Kilometer lang an der Bundesstra\u00dfe entlang. Parallel zu ihr verl\u00e4uft die Autobahn. Rheinromantik pur.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle bleibe ich ganz stecken. Der schmale Lehmpfad am Rande der Bundesstra\u00dfe ist aufgerissen. Hier werden Leitungen verlegt. Arbeiter kommen mir entgegen, die die m\u00e4chtigen Kabel von einer Trommel wegziehen m\u00fcssen. Ich gucke kurz, ob ich ein St\u00fcck \u00fcber die Bundesstra\u00dfe fahren kann, wie es ein anderer, mutiger Radfahrer macht, aber angesichts der heranbrausenden Lastwagen entscheide ich mich dagegen. Ich lasse die Arbeiter vorbeiziehen und schiebe dann das Rad \u00fcber den schmalen Streifen, der noch von dem Weg verbleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer weiter geht es an der Bundesstra\u00dfe entlang. Ich hoffe auf Erl\u00f6sung, und die kommt auch dann bald. Allerdings geht es ins Hafenviertel, aber wenigstens von der Bundesstra\u00dfe weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hafenviertel werde ich von einem Lastzug \u00fcberholt. Der hupt protestierend, ich hebe protestierend den Arm, dann kommt der Lastzug zur\u00fcck und bleibt neben mir stehen. Die Fahrerin ruft etwas durch das offene Fenster, aber ich kann das wegen des Motorenl\u00e4rms nicht verstehen. Ich sage, so laut ich kann, da hinten sei doch das Schild mit dem Radweg. Sie antwortet etwas, was ich wieder nicht verstehe. Aber sie macht eine Bewegung zur anderen Seite der Stra\u00dfe. Sie hat Recht. Da ist ein roter Streifen f\u00fcr Radfahrer in den Asphalt markiert. Ich hebe entschuldigend die Hand und br\u00fclle ihr noch zu, dass ich jetzt auf den Radstreifen fahren werde. Sie winkt mir kurz zu und f\u00e4hrt weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich zum Rhein runter. Hier ist es nicht sch\u00f6n, aber immerhin ruhig. Ich mache eine kleine Trinkpause auf einer Parkbank und esse einen Apfel. Es ist inzwischen 11 Uhr. Meinem Kilometerz\u00e4hler zufolge habe ich 33 km hinter mir, dem Routenplaner zufolge 18. Ich glaube meinem Kilometerz\u00e4hler.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, nach Wei\u00dfenthurm, kommt eine richtig sch\u00f6ne Strecke, direkt am Rhein entlang, ohne Get\u00f6se. Zum Genie\u00dfen. Allerdings h\u00e4lt die Freude nicht lange an. Bald hat mich die Bundesstra\u00dfe wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Andernach sollte man demn\u00e4chst mal besichtigen. Macht einen schmucken Eindruck, und an Geschichte scheint es nicht zu mangeln. Ich steige ab und schiebe mein Fahrrad in die Innenstadt, durch ein altes Stadttor und an einer Kirche mit Dachreiter vorbei, vermutlich einer ehemaligen Klosterkirche. Irgendwo sehe ich einen geschichtstr\u00e4chtigen Rundturm, und dann kommen zwei Pl\u00e4tze. An einem mache ich Pause bei einer B\u00e4ckerei. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s. Auf dem n\u00e4chsten Teilst\u00fcck f\u00fchrt der Weg immer wieder mal unter der Eisenbahnunterf\u00fchrung hindurch auf die andere Seite der Eisenbahn und dann wieder zur\u00fcck. Dabei muss man immer wieder rauf und runter. Die Bundesstra\u00dfe bleibt immer in der N\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Bad Breisig, mit einer sch\u00f6nen, gepflegten, etwas nach Kurort aussehenden Flussfront, gibt es noch mal eine sch\u00f6ne Passage am Rhein. Dann kommt wieder die Bundesstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Remagen mache ich noch mal eine Trinkpause, nicht ahnend, dass ich noch mal fast anderthalb Stunden brauchen w\u00fcrde, bis ich an der Unterkunft ankommen w\u00fcrde. Die liegt etwas au\u00dferhalb von Remagen, in Rolandseck.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Remagen selbst ist kaum was zu sehen, au\u00dfer der ber\u00fchmten Br\u00fccke, deren Stumpf man als Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat stehen lassen. Sie st\u00fcrzte im M\u00e4rz 1945 ein, nachdem Wehrmachtssoldaten vorher vergeblich versucht hatten, sie zu sprengen. Es war die erste feste Br\u00fccke, \u00fcber die die Alliierten auf die andere Seite des Rheins gelangen und das Ruhrgebiet angreifen konnten. Damit deutete sich endg\u00fcltig das Ende des Krieges an.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es, in Rolandseck angekommen, immer an der tosenden Bonner Stra\u00dfe entlang. Der Routenplaner z\u00e4hlt die letzten Kilometer runter, und dann kommt 0. Aber wo soll ich jetzt hin? Ich stehe vor einer Tankstelle und einem benachbarten t\u00fcrkischen Lokal. Von Ferienwohnung nichts zu sehen. Ich fahre weiter geradeaus und habe die Route verlassen, ich fahre zur\u00fcck und habe die Route verlassen, ich fahre zum Arpmuseum hoch und habe die Route verlassen, ich fahre zum Rhein runter und habe die Route verlassen. Dann stelle ich den Routenplaner aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als kleinen Aufheller sehe ich unterwegs ein Lokal mit dem selbstironischen Namen <em>Restaurant Bellvuechen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schiebe das Rad die Bonner Stra\u00dfe runter, bis ich an die richtige Hausnummer komme. Kurz davor fallen die ersten dicken Tropfen, aber richtig nass werde ich nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft ist in einem etwas heruntergekommenen Patrizierhaus alter Tage mit einem verwilderten Garten. Wieder muss man anrufen, um ins Zimmer zu kommen. Am anderen Ende meldet sich ein Mann mit ausl\u00e4ndischem Akzent. Er sei in zehn Minuten da.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft bedeutet noch mal einen geh\u00f6rigen Abstrich gegen\u00fcber gestern. Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Auf dem Boden liegen ein gebrauchter Ohrenreiniger, ein St\u00fcck Farbband, ein Blatt, an der Wand L\u00f6cher, wo ehemals ein Bild hing. Der Zimmerschl\u00fcssel passt von innen nicht, und neben der T\u00fcr ist eine kaputte Steckdose.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich den Mann, Afrikaner, nach dem Zugangscode zum Internet frage, deutet er auf ein Gekritzel an der Wand. Da steht <em>aisha1999<\/em>. Die Tochter des Propheten? Nein, die Frau des Propheten. Mit Allahs Hilfe klappt die Anmeldung im Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das WC ist auf dem Flur. Wo ich denn das Fahrrad sicher abstellen k\u00f6nne, will ich wissen. Am besten auf dem Zimmer. Fahrrad auf dem Zimmer, WC auf dem Flur.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zimmer gibt es einen Wasserkocher und eine Auswahl an Tee. Es gibt Erdbeertee, <em>Women\u2019s Balance<\/em> und Magentee aus Peru. Nach einiger Suche finde ich aber irgendwo dazwischen auch noch einen <em>Earl Grey<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich klettere aufs Bett und von dort auf die Fensterbank. Nur so kann man das Oberlicht schlie\u00dfen. Jetzt kommt der Autol\u00e4rm von der Stra\u00dfe etwas ged\u00e4mpft ins Zimmer. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nebenan liegt die <em>Pizzeria Avanti!<\/em>, und die \u00f6ffnet schon fr\u00fch. Ich bin der erste Gast. Es ist eigentlich eher eine bessere Imbissbude, und die meisten Kunden kommen wohl, um bestellte Speisen abzuholen. Die Betreiber sprechen untereinander Arabisch. Sie kommen aus dem Libanon, sind aber schon seit den achtziger Jahren in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Bier gibt es nur in der alkoholfreien Variante, aber es gibt Wein, mit Alkohol. Ich bestelle einen Chianti, aber der wird viel zu kalt serviert. Die meisten Kunden wollten das so, sagt der Wirt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis das Essen kommt, habe ich noch Zeit, mich in dem Raum umzusehen. In der Ecke steht eine Pendeluhr, in der sich die sieben Gei\u00dflein verstecken k\u00f6nnten, auf den Fensterb\u00e4nken stehen Schiffsmodelle, lauter Dreimaster, an der Wand h\u00e4ngt ein Spiegel, der in einen Sattel eingefasst ist, und an der Wand h\u00e4ngen k\u00fcnstliche Lampen mit flackernden Kerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist richtig gut, ein lecker angemachter, gro\u00dfer Salat und ein Makkaroni-Auflauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach bin ich froh, dass es nur noch wenige Schritte bis zur Unterkunft sind.<\/p>\n\n\n\n<p>1. September (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aufwache, regnet es noch nicht, aber f\u00fcr den ganzen Tag ist Regen angesagt. Als ich fertig zum Aufbruch bin, sch\u00fcttet es aus allen L\u00f6chern. Da bleibt nichts anderes \u00fcbrig als zu warten. Ich setzte mich auf die Loggia vor dem Haus und sehe dem Regen zu. Kein Nachlassen. Ziemlich trostlos. Die Autos rasen \u00fcber die graue Stra\u00dfe durch den grauen Tag und spritzen Wasser zu allen Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann habe ich den Eindruck, dass der Regen nachl\u00e4sst, aber vielleicht ist das nur Wunschdenken. Ich nehme meinen Rucksack auf die Schulter und trage die Satteltaschen auf die Loggia. Und <em>rrrummms<\/em>, f\u00e4llt die T\u00fcr hinter mir ins Schloss. Fahrrad drinnen. Schl\u00fcssel drinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00e4hle die Nummer von gestern, keiner geht ran. Es gibt noch zwei weitere Nummern, Anrufbeantworter und noch mal Anrufbeantworter. Ich versuche die erste Nummer noch mal. Nichts. Ich klopfe an die T\u00fcr, in der vagen Hoffnung, dass mich jemand h\u00f6rt. Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Telefonnummern nur drau\u00dfen vor dem Haus an der Fassade stehen, bin ich schon zum ersten Mal f\u00fcr heute nass geworden. Aber nicht zum letzten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe unschl\u00fcssig vor dem Eingang und warte. Probiere die Nummer noch mal und noch mal. Dann meldet sich irgendwann eine verschlafene Stimme. Das muss der Afrikaner sein, aber ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Das Gespr\u00e4ch wird unterbrochen, das wiederholt sich dann noch mal, dann sagt er, er werde versuchen, jemanden im Haus zu erreichen. Tats\u00e4chlich kommt nach ein paar Minuten ein freundlich l\u00e4chelnder junger Mann die Treppe runter und \u00f6ffnet mir. Ja, das sei ihm auch schon mal passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Los geht\u2019s, trotz des Regens. Ich fahre die schreckliche Bonner Stra\u00dfe entlang. Die Regenjacke h\u00e4lt den Regen gut ab. Noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet ununterbrochen. Es sch\u00fcttet geradezu. Ohne Regen w\u00e4re dies eine richtig sch\u00f6ne Strecke, immer am Rhein entlang, auf dem Radweg. Alles ruhig. Nur ganz wenige sind unterwegs bei dem Wetter. Ein Radfahrer kommt mir entgegen, dick eingepackt, wir l\u00e4cheln uns unwillk\u00fcrlich zu, eine Joggerin, die dem Wetter trotzt, eine Frau, die mit Hund und Regenschirm unter einen Baum gefl\u00fcchtet ist und eine Frau, die v\u00f6llig unger\u00fchrt, ohne Regenkleidung, durch den Regen spazieren geht.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam geht der Regen in Nieselregen \u00fcber und h\u00f6rt dann ganz auf. Ich komme gut voran, nach gut einer Stunde habe ich schon 20 km hinter mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommen bekannte Namen wie Bad Honnef, K\u00f6nigswinter und Bad Godesberg. Dann kommt Bonn. Mit Museumsmeile und Universit\u00e4t nicht weit vom Radweg entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es vom Radweg ab, und \u00fcber die D\u00f6rfer. In Widdig trifft man \u00fcberall auf Plakate, die gegen irgendeinen Plan protestieren: <em>Nein zur Rheinspange \u2013 Ja zur Nulll\u00f6sung<\/em>. Vermutlich ein Verkehrsprojekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht weil ich mich habe ablenken lassen, bin ich pl\u00f6tzlich die Radwegehinweise los. Ich fahre im Ort hin und her, ohne Erfolg. Dann kommt mir eine einzelne Dame mit Regenschirm entgegen \u2013 freiwillig geht bei dem Regen niemand vor die T\u00fcr \u2013 und die wimmelt sofort ab. Slawischer Akzent. Sie wohne noch nicht lange hier, sie kenne sich hier nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie komme ich, einem Pfeil folgend, zum Rhein runter und fahre direkt am Rhein entlang, aber in die \u2013 gef\u00fchlt \u2013 falsche Richtung. Ich fahre trotzdem weiter, bis zum n\u00e4chsten Richtungsschild. Der Hinweis auf K\u00f6ln ist verloren gegangen, es stehen Bonn und Br\u00fchl zur Auswahl. Bonn ist definitiv falsch, Br\u00fchl h\u00f6rt sich auch nicht richtig an. Ich fahre dennoch Richtung Br\u00fchl und komme an eine Abzweigung. Der Radweg f\u00fchrt unten geradeaus, aber in der Ferne sieht man dort eine Sperre. Links f\u00fchrt ein Weg nach oben, und an der Verzweigung ist ein Pfeil angebracht, von dem man nicht wei\u00df, wohin er weist. Ich fahre rauf, irre wieder durch den Ort, ohne eine Alternative zu finden. Jetzt stelle ich den Routenplaner an, der schickt mich wieder dahin, wo ich hergekommen bin, und dann stracks auf die Sperre zu. <em>Baumarbeiten<\/em>. Ich hieve das Fahrrad hoch, um an der Sperre vorbeizukommen, in der Hoffnung, dass so fr\u00fch noch keine Landschaftsg\u00e4rtner unterwegs sind. Aber dann sehe ich sie schon aus der Ferne. Und ihre Maschine nimmt die ganze Breite des Weges ein. Kein Vorbeikommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ersp\u00e4he eine L\u00fccke zwischen den B\u00e4umen links und schiebe das Fahrrad zwischen ihnen den Hang hoch. Und habe Gl\u00fcck. Oben ist ein Wanderweg, mitten durch den Wald, sehr sch\u00f6n, wenn auch mit unbekanntem Ziel. Der Untergrund ist nicht leicht zu befahren, es ist ein Kiesweg mit einigen Steinen als Flicken und etwas Asphalt. Man f\u00e4hrt \u00fcber die glitschigen Steine und durch die Wasserlachen. Aber der Weg ist wirklich sch\u00f6n, und am Ende erscheinen wundersamerweise Radweghinweise, sogar wieder Richtung K\u00f6ln.<\/p>\n\n\n\n<p>In Rodenkirchen, dem damaligen Wohnort meiner gro\u00dfartigen K\u00f6lner Ausbildungsleiterin, geht es endlich an den Rhein, aber die Idylle ist hier auch etwas durch die Stra\u00dfenbahn und die vierspurige Bundesstra\u00dfe beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt <em>Dat hellije Coellen<\/em> mit dem Dom und den Heiligen Drei K\u00f6nigen und St. Ursula und den 11.000 Jungfrauen. In Erinnerung an die befinden sich elf Flammen im Wappen von K\u00f6ln. Die Zahl 11.000 verweist nat\u00fcrlich, wie vielleicht die ganze Geschichte, ins Reich der Legende. Wie sollten auch 11.000 Jungfrauen auf einmal zusammenkommen? Und wer h\u00e4tte etwas davon gehabt, sie zu t\u00f6ten. Vermutlich waren es 11 Jungfrauen, und die Zahl 11.000 erkl\u00e4rt sich aus einem Lesefehler: <em>XI.M.V.<\/em> wurde nicht als <em>11 martyres virgines<\/em>, sondern als <em>11 milia virgines <\/em>gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zur Rheinpromenade. Dort befindet sich eine Gro\u00dfbaustelle. Hier wird die ganze Anlage neu gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Rheinpromenade, schon in der Altstadt, sehe ich <em>Entresan<\/em>, einen winzigen t\u00fcrkischen Imbiss. Die Frau hinter der Theke sieht meine&nbsp; von Wasser und Elend triefende Figur wie einen Geist an, aber ich bekomme doch einen Tee und ein verpacktes Croissant. Dann noch einen Tee. Tut gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Baguettes sind hier nach Ortsteilen von K\u00f6ln benannt: <em>Porz<\/em>, <em>Chorweiler<\/em>, <em>Altstadt<\/em>, <em>Rhein<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schiebe mein Rad an der Uferpromenade entlang, vorbei an der Bastei, der <em>Ex-Vertretung<\/em> und an Gro\u00df St. Martin mit seinem wunderbaren Dreikonchenchor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke von K\u00f6ln Richtung Leverkusen ist ausgesprochen sch\u00f6n. Erst am Rhein entlang, dann etwas erh\u00f6ht durch den Gr\u00fcng\u00fcrtel, an den <em>Akaluwien<\/em> vorbei, den Akademischen Lustwiesen. Die sind aber bei diesem Wetter nicht belegt. Es hat wieder angefangen zu regnen, und der Regen wird immer heftiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Norden von K\u00f6ln kommt Worringen. Das ist der Ort der siegreichen Schlacht der B\u00fcrger von K\u00f6ln \u00fcber den Erzbischof. Der musste die Stadt verlassen, schlug sp\u00e4ter seine Residenz in Br\u00fchl auf. K\u00f6ln war freie Reichsstadt, der Wunschtrau aller deutschen St\u00e4dte hatte sich erf\u00fcllt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter wird immer schlechter, inzwischen ist alles nass geworden. Und meine Stimmung geht immer weiter den Bach hinunter. Dann komme ich irgendwie von der Route ab und komme in ein Industrieviertel. Ich fahre zur\u00fcck und sehe irgendwo einen Pfeil, den ich \u00fcbersehen habe, und den man auch \u00fcbersehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es durch den str\u00f6menden Regen in ein Wohnviertel. Dann komme ich wieder von der Route ab und gelange in eine gottverlassene Gegend. Der Radweg endet, hier fahren nur Lastz\u00fcge her, die kommen reihenweise aus der Ausfahrt aus einem Zementwerk. Verlassen stehe ich am Stra\u00dfenrand, im Regen, traue mich nicht auf die Stra\u00dfe, und schiebe das Fahrrad \u00fcber die schmale Grasnarbe am Rande der Stra\u00dfe zur\u00fcck, ohne zu wissen, wo ich bin und wohin ich fahren soll. Der H\u00f6hepunkt der Trostlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaffe es bis unter eine Br\u00fccke, wo ich mich unterstellen kann. Ich hole das Handy aus der Jackentasche, das ist inzwischen auch nass. Ich suche nach Papiertaschent\u00fcchern, finde erst keine. Dann tauchen welche in irgendeiner der vielen Taschen des Rucksacks auf, auch feucht. Behelfsweise reibe ich das Handy trocken und lasse es irgendwo in den Tiefen des Rucksacks verschwinden, in der Hoffnung, dass es die Sache \u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann taucht unverhofft irgendwo ein Radweg auf, aber nach ein paar Minuten ist die Herrlichkeit schon wieder vorbei. Baustelle. Es gibt ein Umleitungsschild. Ich werde vom Radweg weggelotst und dann eine Stra\u00dfe steil bergauf. Ich habe das Gef\u00fchl, dass das nicht sein kann, fahre auf gut Gl\u00fcck in eine Stichstra\u00dfe gegen\u00fcber und habe Gl\u00fcck. Ich lande auf dem Radweg, hinter der Baustelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es beschwingt weiter, obwohl die Kr\u00e4fte schwinden und der Regen unvermindert anh\u00e4lt. Die Strecke ist sch\u00f6n, mehrere einsame Kilometer geht es auf dem Radweg weiter, und langsam schrumpft die Entfernung nach Dormagen. Sogar der Regen g\u00f6nnt sich eine Pause.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten vier, f\u00fcnf Kilometer wird es wieder ungem\u00fctlicher, mit vielen Stra\u00dfen und vielen Ampeln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich endlich am Hotel ankomme \u2013 der Nieselregen hat wieder eingesetzt \u2013 ist die Rezeption noch nicht besetzt. Die \u00f6ffnet erst um 16 Uhr. Ich muss noch eine Stunde warten, v\u00f6llig durchn\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schiebe das Fahrrad die K\u00f6lner Stra\u00dfe zur\u00fcck in die Altstadt. Dort gibt es <em>Lemkes Cafeserie<\/em>, ein beliebter Treffpunkt. Die haben einen gut gesch\u00fctzten Wintergarten. Ich hole ein paar trockene Sachen aus meinen Satteltaschen, verschwinde kurz und ziehe mich um. Dann gibt es Kaffee und Kuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wintergarten ist fast voll besetzt. Zwei junge Frauen an einem Tisch, eifrig in ein Gespr\u00e4ch vertieft, zwei \u00e4ltere Frauen an einem anderen Tisch, eine Gruppe von M\u00e4nnern, die eine Runde K\u00f6lsch nach der anderen bestellt, ein Ehepaar und vier t\u00fcrkischst\u00e4mmige junge M\u00e4nner, alle mit schwarzem Haar mit modernen Kurzhaarschnitten und ganz in Schwarz gekleidet. Sie trinken Kaffee und rauchen, einer daddelt ununterbrochen an seinem Handy rum, was ihn aber nicht davon abh\u00e4lt, sich am Gespr\u00e4ch zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es auf 4 Uhr zugeht, setzt der Regen wieder richtig heftig ein, noch heftiger als zuvor. Die Leute von der Einkaufsstra\u00dfe fl\u00fcchten mit ihren Schirmen unter das Dach des Wintergartens, die Frauen im Wintergarten m\u00fcssen sich an einen anderen Tisch setzen, weil es inzwischen von der Seite rein regnet, alle schauen dem Treiben kopfsch\u00fcttelnd zu, und auf der anderen Stra\u00dfenseite gehen die automatischen T\u00fcren einer Bank auf, ohne dass ein Passant vorbeigeht. Der auf den Boden prasselnde Regen sorgt daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl oder \u00fcbel muss ich warten auf die warme Dusche. Als das Schlimmste vorbei ist, schiebe ich das Rad zum Hotel, den Schirm mit der anderen Hand \u00fcber mir. Die Regenjacke ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Alles, wirklich alles ist nass, sogar die Geldscheine, die im Portemonnaie im Rucksack waren. Gott sei Dank haben Notebook und Handy den Regen unbeschadet \u00fcberstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine freundliche Frau mit tiefer Stimme und starkem Makeup h\u00e4lt mir die T\u00fcr auf und zeigt mir, wo ich das Fahrrad unterstellen kann. Dann kommt der H\u00f6hepunkt des Tages. Eine warme Dusche.<\/p>\n\n\n\n<p>2. September (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel, das wegen seiner sch\u00e4bigen Fassade von dem aufgegebenen Lokal nicht den allerbesten Eindruck macht, bietet unten in v\u00f6llig renovierten R\u00e4umen ein mehr als ordentliches Fr\u00fchst\u00fcck an.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Lautsprechern h\u00f6rt man einen der lokalen Radiosender, mit Popomusik, einer angestrengt fr\u00f6hlichen Moderatorin und jeder Menge Werbung. Da ist man sofort mit dem Leben vers\u00f6hnt, wenn man daran denkt, dass man das nicht jeden Morgen \u00fcber sich ergehen lassen muss. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Start erfolgt diesmal etwas sp\u00e4ter. Ich schiebe mein Fahrrad durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone Richtung Stadtausgang. Im <em>Polski<\/em> <em>Sklep<\/em> gibt es polnische Artikel, von Backwaren bis zu Spirituosen. Das Modegesch\u00e4ft <em>El\u00e9gance<\/em> macht R\u00e4umungsverkauf, der <em>Ratskeller<\/em> steht zum Verkauf an, und die <em>City-Buchhandlung<\/em> ist leer.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ortsausgang f\u00e4llt mein Blick auf ein Stra\u00dfenschild: <em>Mithras-Stra\u00dfe<\/em>. Mithras? Hier in Dormagen? Ein kleines Erg\u00e4nzungsschild gibt Auskunft: Der Mithras-Kult wurde von den R\u00f6mern an den Niederrhein gebracht, und zwei Weihereliefs aus dem 2. Jahrhundert belegen den Opferkult f\u00fcr Dormagen. Mithras wurde zum eigentlichen Konkurrenten des Christentums, mit dem es einige Elemente gemeinsam hatte: Licht, Blut, Monotheismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kommt der Radweg und mit ihm eine Entfernungsangabe nach D\u00fcsseldorf: 20 km. Der Radweg ist bestens und f\u00fchrt durch eine sch\u00f6ne Gegend. Der Himmel ist zwar noch bedeckt, aber es ist heller als gestern und vor allem \u2013 trocken. Es hat sich ausgeregnet. Ideale Bedingungen f\u00fcrs Radfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zons, einem Ort, den ich schon immer mal besichtigen wollte, mache ich kurz Halt au\u00dferhalb der Stadtmauer. Dahinter sieht man die historische M\u00fchle und einen spitzen Kirchturm. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird der Radweg kurz verlassen. Auf einer Dorfstra\u00dfe biegt ein Auto auf die Stra\u00dfe ein und \u00fcbersieht mich. Ich kann ausweichen, aber es ist knapp. Ein schwarzer SUV. Ich atme erst einmal tief durch und nehme dann langsam Fahrt auf. Vor mir immer noch der SUV, der scheint seine Fahrt zu verlangsamen. Dann biegt er rechts ab, Richtung Radweg. Der Wagen bleibt stehen, und mir schwant nichts Gutes. Ich will mit geh\u00f6rigem Abstand vorbeifahren, da \u00f6ffnet sich die T\u00fcr und der Fahrer, mit ausl\u00e4ndischem Akzent, bittet um Entschuldigung: \u201eIch habe Sie \u00fcbersehen.\u201c Alles in Ordnung, kann passieren, nichts passiert, sage ich, und wir w\u00fcnschen uns noch freundlich einen guten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit der F\u00e4hre auf die andere Rheinseite. Der Weg f\u00fchrt durch einen Vorort von D\u00fcsseldorf und direkt auf eine Baustelle zu. Neben mir ein Fahrer auf einem Rennrad. Er ist genauso verdutzt wie ich, kennt sich auch nicht aus und bemerkt, das sei nicht seine erste Baustelle heute. Wir kreisen verloren durch das Wohnviertel und kommen immer wieder in eine Sackgasse oder einen Wendehammer. Der andere Radfahrer verschwindet hinter einer Ecke. Wieder taucht vor mir eine Baustelle auf, mit einem Sackgassenschild, aber eine Dame, die mir entgegenkommt, gibt freundlich Auskunft. Da k\u00f6nne ich mit dem Fahrrad entlang fahren, kein Problem, und dann nennt sie noch einen Stadtteil, an dem ich mich orientieren soll. Sie hat Recht, ich kann weiterfahren, aber die Baustelle zieht sich lang hin und dazwischen sind keine befestigten Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird die Fahrt etwas bequemer, auf gut asphaltierten Radwegen, aber mit vielen Ampeln, da man immer wieder die Bundesstra\u00dfe \u00fcberquert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre an einem Standbild von Johannes Rau vorbei, \u00fcber den Platz, der auch nach ihm benannt ist, Richtung Zentrum und dann \u00fcber viel befahrene Stra\u00dfen, aber immer auf Radwegen zum Rheinufer hinunter, zu den Kasematten. Das war der Treffpunkt. Als ich gerade mein Rad abgestellt habe, h\u00f6re ich Rufe von weiter unten, und bald darauf werde ich in Empfang genommen, von Schwester, Bruder, Schw\u00e4gerin. Sie haben schon ein paar H\u00fcrden hinter sich gebracht im Laufe des Vormittags und freuen sich jetzt auf eine Pause an der Rheinterrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es gemeinsam los. Den Rest der Strecke brauche ich nicht alleine zu absolvieren. Und die Strecke ist dank gr\u00fcndlicher br\u00fcderlicher Vorbereitung und dem entsprechenden Orientierungssinn sch\u00f6n und gut zu befahren, abseits der vielbefahrenen Stra\u00dfen, \u00fcber Radwege, \u00fcber Dorfstra\u00dfen, an Feldern entlang. Ich genie\u00dfe es, mich um nichts k\u00fcmmern zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mir die letzten Kilometer vor unserer Pause im Duisburger Innenhafen etwas sauer werden, werden meine best\u00e4ndigen Fragen nach den verbleibenden Kilometern (\u201eIst es noch weit?\u201c) geduldig beantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>An Innenhafen bekommen wir eine St\u00e4rkung in Form von Nachos und einer Brotauswahl. Ein freundlicher, schneller, effizienter Kellner bedient uns, und wir sehen mit Bewunderung zu, wie er am Ende alles, Teller, Gl\u00e4ser, Tassen, Besteck, Brotkorb, gebrauchte Servietten, auf einer Hand h\u00e4lt und sicher die Treppe hinauftr\u00e4gt und die andere Hand noch frei hat f\u00fcr das Glas, in dem Besteck und Servietten bereit standen. Beim Aufladen der ganzen Ger\u00e4tschaft verr\u00e4t er uns das Berufsgeheimnis: <em>Der faule Kellner ist der beste Kellner<\/em>. Der ist zu faul, zweimal zu gehen und nimmt lieber alles auf einmal mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pause hat uns gutgetan, aber die allerletzten Kilometer ziehen sich. Ich werde mit Schokolade und Wasser versorgt und mit Anfeuerungsrufen unterst\u00fctzt, als die Kr\u00e4fte schwinden. Am Ortseingang bekomme ich dann noch ein Photo vor dem Ortseingangsschild mit den Partnerst\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst der allerletzte Teil der Strecke ist mir vertraut, und dann laufen wir im heimatlichen Hafen ein. Die Unterkunft hier ist die beste der ganzen Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>1) Dienstag: Trier \u2013 Enkirch, 0-99 = 99 km, 6.30-14.00 = 7,5 Std.<\/p>\n\n\n\n<p>2) Mittwoch: Enkirch \u2013 Kobern-Gondorf, 99-191 = 92 km, 8.30-15.00 = 6,5 Std.<\/p>\n\n\n\n<p>3) Donnerstag: Kobern-Gondorf \u2013 Remagen, 191-264 = 73 km, 8.30-14.30 = 6 Std.<\/p>\n\n\n\n<p>4) Freitag: Remagen \u2013 Dormagen, 264-347 = 84 km, 9.00-15.00 = 6 Std.<\/p>\n\n\n\n<p>5) Samstag: Dormagen \u2013 Oberhausen, 347-422 = 75km, 10.00-19.00 = 9 Std.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29. August (Dienstag) Fr\u00fcher Aufbruch, noch im Morgengrauen. Es ist kalt, k\u00e4lter als in den letzten Jahren. Da hatte ich es mal mit Hitze, mal mit Wind, mal mit Regen zu tun, aber nie mit K\u00e4lte. 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