{"id":11530,"date":"2023-10-24T08:32:15","date_gmt":"2023-10-24T06:32:15","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11530"},"modified":"2023-11-02T08:54:23","modified_gmt":"2023-11-02T07:54:23","slug":"bergamo-2023","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11530","title":{"rendered":"Bergamo (2023)"},"content":{"rendered":"\n<p>23. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Bergamotte<\/em>, die uns\u00e4glich bittere Frucht, der ich in Griechenland begegnet bin, ein Art Pomeranze, die sich dann aber in einem s\u00fc\u00dfen Nachtisch gut machte und die in \u00e4therischen \u00d6len und im <em>Earl Gray<\/em> verwendet wird, hat nichts mit <em>Bergamo<\/em> zu tun. Sie kommt von <em>Bergama<\/em>, dem heutigen Namen des antiken <em>Pergamons<\/em>, dessen Wurzel, <em>perk<\/em>, direkt in Verbindung steht zu <em>Berg<\/em> und <em>Burg<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Bergamasca<\/em>, ein schneller b\u00e4uerlicher Tanz, der am Ende von Shakespeares <em>Sommernachtstraum<\/em> getanzt wird, die kommt dagegen wohl aus <em>Bergamo<\/em>. Woher Shakespeare sie kannte, ist unklar. In Bergamo ist er wohl nie gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich aber. Oder auch nicht. Nur einmal, bei einer St\u00e4dtetour nach Mailand, habe ich Bergamo, eher unfreiwillig, betreten, weil die Billigfluglinie nicht den Flughafen von Mailand, sondern den von Bergamo anflog. Das wenige, das ich damals gesehen habe, macht Lust auf mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bergamo liegt nicht in der Toskana, nicht in Sizilien und ist nicht Venedig oder Rom. Scheint stattdessen aber zu der Klasse von St\u00e4dten zu geh\u00f6ren, die es mir in Italien besonders angetan haben, die Lucca, Ascoli, Bologna, Perugia.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist schon meine 17. Reise nach Italien, und das, obwohl die letzte schon 6 Jahre zur\u00fcckliegt und es 40 Jahre bis zu der ersten Reise gedauert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem etwas schmalbr\u00fcstigen Reisef\u00fchrer, den ich im letzten Moment ergattert habe, erfahre ich, dass Bergamo der Geburtsort von Donizetti ist. Er kam aus ganz armen Verh\u00e4ltnissen, als eins von sechs Kindern, die zusammen mit den Eltern in zwei Zimmern wohnten. Sein Leben machte eine Kehrtwende durch einen deutschen Komponisten namens Mayr, der sich Bergamo niedergelassen und dort eine Musikschule f\u00fcr Kinder gegr\u00fcndet hatte. Donizetti blieb dem Mann ein Leben lang verbunden und verga\u00df nie, was er ihm zu verdanken hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Reisef\u00fchrer hei\u00dft es, dass die Besonderheit von Bergamo die Doppelstadt ist, die historische Oberstadt, die Citt\u00e0 Alta, und die neuere Unterstadt, die Citt\u00e0 Bassa, die wohl erst im 19. Jahrhundert entstand, aber \u00e4ltere Wurzeln hat. Das mit den zwei St\u00e4dten ist sicher ein Charakteristikum von Bergamo, aber keine Alleinstellungsmerkmal: Lissabon, Saloniki, Marburg, Luxemburg teilen diese Charakteristik.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs lese ich in dem Roman von Italo Calvino, den ich mir f\u00fcr die Reise mitgenommen habe, <em>Il visconte dimezzato<\/em>. Der deutsche Titel lautet <em>Der geteilte Visconte<\/em>. Ich h\u00e4tte <em>Der zweigeteilte Graf<\/em> gesagt, auch wenn <em>visconte<\/em> und <em>Graf<\/em> nicht genau dasselbe ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Calvino wurde in Kuba geboren, in der N\u00e4he von Havanna (auf Italienisch L\u2019Avana), kam aber schon mit zwei Jahren nach Italien, nach San Remo und betrachtete sich selbst ein Leben lang als Italiener, als Ligurier. Er wuchs in einer ungew\u00f6hnlichen Familie auf, Naturwissenschaftler, Kosmopoliten, Freidenker. Er hatte einen Onkel, der Chemieprofessor und mit einer Chemikerin verheiratet war und zwei Tanten, die Chemikerinnen und mit Chemikern verheiratet waren. Er war das \u201eschwarze Schaf\u201c der Familie und interessierte sich f\u00fcr Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Eltern waren auch als Menschen ganz \u201eunitalienisch\u201c. Seine Mutter war, ihm zufolge, \u00e4u\u00dferst streng, herb, rigide, und auch sein Vater war streng, wenn auch mit einem aufbrausenderen Temperament versehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Vorwort gibt es einen Auszug aus einem Interview mit Calvino, das alleine ist schon das ganze Geld f\u00fcr das Buch wert. Calvino sagt, er habe die Geschichte geschrieben, um sich selbst zu unterhalten, und Unterhaltung sei ohnehin der wichtigste Zweck von Literatur.&nbsp; Angaben zu seiner Person mache er nur ungern und manchmal streue er dann ein paar Abweichungen von der Wirklichkeit ein, die dann von allen \u00fcbernommen w\u00fcrden. Er h\u00e4tte immer ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, wenn er sich in Lebensl\u00e4ufen aufgezeichnet sehe. Die sagten herzlich wenig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim <em>Visconte<\/em> geht es darum, dass ein zweigeteilter im w\u00f6rtlichen Sinne zweigeteilter) Graf nach einer Schlacht gegen die Osmanen in seinen Heimatort zur\u00fcckkehrt. Die eine H\u00e4lfte ist b\u00f6se und tyrannisiert die Bewohner. Dann taucht die gute H\u00e4lfte auf. Sie ist voller Mitgef\u00fchl und will allen beistehen. Und am Ende? Am Ende geht die eine H\u00e4lfte den Bewohnern genauso auf die Nerven wie die andere!<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Bergamo landen, ist der Himmel bedeckt und es kommt kein Sonnenstrahl hervor. Aber es ist nicht kalt und es regnet nicht. Noch nicht. F\u00fcr den Rest der Woche ist fast ununterbrochen Regen angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Ausgang wird man darauf aufmerksam gemacht, dass Bergamo, zusammen mit Brescia, der Partnerstadt, in diesem Jahr Italiens Kulturhauptstadt ist. Das farbenfrohe Logo daf\u00fcr sieht man \u00fcberall in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem wird man darauf aufmerksam gemacht, dass Bergamo die Stadt ist, in der die Stracciatella erfunden worden ist. Im Reisef\u00fchrer steht sogar die Eisdiele, deren Betreiber die Stracciatella erfunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dame bei der Touristeninformation am Flughafen ist freundlich und effizient. Ich bekomme, beinahe ungefragt, alles, was ich will, vor allem einen Stadtplan. Und genaue Informationen, wie ich zu meiner Unterkunft komme. Die ist in der Unterstadt. Sogar das Busticket kann ich bei ihr bekommen, gleich f\u00fcr drei Tage, f\u00fcr 14,50 \u20ac. Ob ich denn \u00fcberhaupt ein Busticket brauche, will ich wissen, ich wollte eigentlich alles zu Fu\u00df machen. Nein, meint sie, das sei doch ein bisschen weit. Damit sollte sie Recht haben. Mehr als mir lieb ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss in den Flughafenbus und dann an der Porta Nuova umsteigen. Ich habe gerade noch versucht, mich zu erinnern, was <em>Rucksack<\/em> auf Italienisch hei\u00dft \u2013 vergeblich. Eine Frau auf einem anderen Sitz tut mir den Gefallen und macht eine Bemerkung zu dem Rucksack des jungen Mannes an ihrer Seite: <em>lo zaino<\/em>. Danke!<\/p>\n\n\n\n<p>Angeblich sind es nur drei Kilometer bis in die Innenstadt, aber das kommt mir weiter vor. In der N\u00e4he des Stadtzentrums sieht man noch gelegentlich verlassene Telefonzellen. Unglaublich, wie schnell die aus der Zeit gefallen sind. Ob sie heute noch benutzt werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltestellen werden im Bus nicht angek\u00fcndigt, und die n\u00e4chste Haltestelle ist etwas schwer zu finden. Da muss man sich durchfragen. Die Porta Nuova scheint so etwas wie das Zentrum der Unterstadt zu sein. Dann geht es mit einem anderen Bus weiter, der 9. Der erste Teil der Strecke geht durch ein Spalier von sch\u00f6nen Geb\u00e4uden, dann kommen Au\u00dfenviertel, und mein Herz sinkt, als die Haltestelle nicht kommt und immer noch nicht kommt. Im Routenplaner hie\u00df es 39 Minuten zu Fu\u00df zur Altstadt, jetzt sieht es eher nach 39 Minuten mit dem Bus aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus, in dem die Unterkunft ist, ein mehrst\u00f6ckiges Haus, liegt gleich an der Haltestelle. Dann passiert das, was ich immer heimlich bef\u00fcrchte: Niemand antwortet auf mein Klingeln. Die Vermieterin hatte immer sofort auf meine Nachrichten geantwortet, nett und auch ausf\u00fchrlich, hatte aber meine Fragen nicht beantwortet. Beim dritten Klingeln \u00f6ffnet sich dann die T\u00fcr. Eine junge Frau \u00f6ffnet, aber sie ist selbst nur eine Mieterin. Dann kommt die Frau, die f\u00fcr die Einweisung zust\u00e4ndig ist. Sie ist nicht die Vermieterin. Es geht alles sehr schnell, ein bisschen zu schnell f\u00fcr meinen Geschmack. Ihr ist das wohl alles eher l\u00e4stig. Kurz macht sie mich noch die Bushaltestelle auf der anderen Stra\u00dfenseite aufmerksam und erkl\u00e4rt, ich k\u00f6nne die 8 oder die 9 nehmen. Mit ihrer Einsch\u00e4tzung \u201e5 Minuten bis zur Porta Nuova\u201c liegt sie allerdings ganz sch\u00f6n daneben. Sie sagt noch schnell, dass es auf dem Weg in die Stadt einen <em>Carrefour<\/em> gebe und ein Restaurant, <em>Al Carroponte<\/em>, aber das scheint wirklich nicht auf dem Weg zu liegen. Dann erg\u00e4nzt sie noch, in der Innenstadt, da gebe es nat\u00fcrlich \u201ejede Menge Lokale\u201c. Das sagen alle Vermieter. Sonderlich hilfreich ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist modern und geschmackvoll eingerichtet, aber alles ist etwas unpraktisch. \u00dcberall fehlt es an Steckdosen, wenn man den Wasserkocher anmachen will, muss man den K\u00fchlschrank ausstellen. In dem gro\u00dfen Schrank gibt es eine Stange, aber keinen einzigen B\u00fcgel, und die beiden Regalfl\u00e4chen sind fast vollst\u00e4ndig von Decken belegt. Der M\u00fcll wird perfekt getrennt, aber es gibt nur Sonderm\u00fcll. Was macht man mit dem Restm\u00fcll? Das Bad ist perfekt, aber auf dem Flur. Und einen Schreibtisch hat das Zimmer auch nicht. F\u00fcr das, was das Apartment bietet, ist es zu teuer. Aber die vorherigen vier Anl\u00e4ufe bei unterschiedlichen Anbietern, teils in der Oberstadt, waren alle fehlgeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>24. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bergamo liegt, grob gesprochen, zwischen dem Comer See im Westen und dem Gardasee im Osten. Etwa eine Stunde entfernt sind Mailand und Brescia. Auch nach Monza ist es nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Broseta scheint eine wichtige Einfallstra\u00dfe zu sein. Ich setze mich an den Tisch im Wohnzimmer und wundere mich, wie laut es ist. Dann merke ich, dass das Fenster offen ist. Aber auch so ist der L\u00e4rm nur abget\u00f6nt. Man h\u00f6rt die Busse und die Laster und die Krankenwagen und laute Musik. Die kommt von der gegen\u00fcberliegenden Bushaltestelle. Dort stehen die Leute im Regen und warten auf den Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt auf die 8 oder 9 zu warten, nehme ich den ersten besten Bus, in der Annahme, dass alle ins Zentrum fahren. Das bereue ich fast, aber es geht gut aus. Ein freundlicher Mann im Bus erkl\u00e4rt mir nicht nur, wo ich aussteigen muss, sondern auch, wohin ich von der Bushaltestelle gehen soll und wie ich in die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> komme.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Haltestelle brauche ich nur einmal um die Ecke gehen, und schon stehe ich an der <em>Porta Nuova<\/em>. Das erste, was ich sehe, ist merkw\u00fcrdigerweise auf der anderen Stra\u00dfenseite das Fangesch\u00e4ft von Atalanta Bergamo.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann mit Regenschirm spricht mich an und fragt mich, was ich suche. Die Touristeninformation. Oh, das wei\u00df er auch nicht so genau. Die sei fr\u00fcher hier gewesen. Er zeigt mir noch das <em>Teatro Donizetti<\/em> und die <em>Torre dei Caduti<\/em> und schickt mich dann zum Bahnhof. Soll mir recht sein, ist nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet in Str\u00f6men, und wenn man mal das Gef\u00fchl hat, dass der Regen etwas nachl\u00e4sst, schl\u00e4gt er erneut zu. Die afrikanischen Stra\u00dfenh\u00e4ndler haben schnell reagiert und verkaufen Regenschirme. Erinnert mich an eine \u00e4hnliche Situation in Florenz, wo ich mal f\u00fcr 10 DM einen riesigen Schirm gekauft habe, der dann lange Jahre seine Dienste tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bahnhofscaf\u00e9 bekomme ich einen Cappuccino und eine Brioche. Beides nichts Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Touristeninformation. Die Frau hinter dem Schalter ist ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Sie ist auch geduldig und bleibt beim Italienischen, auch wenn ich mich st\u00e4ndig verdattere.<\/p>\n\n\n\n<p>In erster Linie m\u00f6chte ich wissen, wie ich in das WiFi-Netz der Stadt Bergamo gelange. Ich habe zuhause eine SMS geschickt und eine Geheimzahl bekommen, aber wei\u00df nicht, wie es weiter geht. Ganz einfach, meint sie. Einfach den Einstellungen nach dem Netzwerk suchen und sich dort anmelden. Ja, aber wo ist das? Sie sieht \u00fcberrascht auf mein Handy \u2013 nichts. Dann probiert sie es auf ihrem \u2013 nichts. Die Stadt Bergamo erscheint einfach nicht. Wir versuchen dann, den Namen des Netzwerks einzugeben. Wird nicht erkannt. Sie ist ganz verdutzt. Muss wohl am Wetter liegen. Ganz \u00fcberzeugt klingt sie nicht. Ich solle es einfach im Laufe des Tages wieder versuchen. Das tue ich. Aber ohne Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt sie mir Informationen \u00fcber Bergamo, erkl\u00e4rt alles glasklar. Die Dinge in der Citt\u00e0 Bassa, die ich besichtigen will, sind alle ganz in der N\u00e4he. Leider sind sie gar nicht oder nur am Wochenende ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann frage ich noch nach einem Reisef\u00fchrer. Sie pr\u00e4sentiert drei und sagt mir, ich k\u00f6nne mir die in Ruhe ansehen. Am liebsten w\u00fcrde ich alle drei nehmen, entscheide mich dann f\u00fcr den mit dem kleinsten Format. Der hat auch einen praktischen Teil. Im Laufe des Tages merke ich dann, dass er zwar eine ganze Menge Stadtgeschichte und was zur Geschichte der Geb\u00e4ude hat, aber kaum mal ein Detail \u00fcber die Sehensw\u00fcrdigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit spricht sie mit einem spanischen Touristen \u2013 in flie\u00dfendem Spanisch. Vorher hat sie mit englischen Touristen flie\u00dfend Englisch gesprochen. Als der Spanier geht und ich meinen Reisef\u00fchrer bezahle, sprechen wir dann eine Weile Spanisch. Sie spricht ungew\u00f6hnlich gut, keine Interferenzen vom Italienischen und wenig Akzent. Ja, die Fremdsprachen, das sei schon immer ihr Hobby gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Avenue, die schnurstracks vom Bahnhof zur <em>Porta Nuova<\/em> f\u00fchrt, hei\u00dft <em>Viale Papa<\/em> <em>Giovanni XXIII<\/em>. Der kam aus Bergamo, aus der Provinz Bergamo.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter einem vorspringenden Geb\u00e4ude verbirgt sich eine Bar mit einem passenden Namen: <em>Bar Escondido<\/em>. Sie versteckt sich wirklich. Aber das ist doch nicht Italienisch? Das ist doch Spanisch. Um auf sich aufmerksam zu machen, haben sie Hinweisschilder auf den B\u00fcrgersteig gestellt. Es werden preiswerte Gerichte angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Porta Nuova<\/em> gibt es kein Tor. Nur der Name ist geblieben, von dem Stadttor der ehemaligen Stadtmauer der <em>Citt\u00e0 Bassa<\/em>, die dann abgerissen wurde. Es stehen aber an der Flanke des ehemaligen Stadttors zwei identische klassizistische Geb\u00e4ude, von schlichter Eleganz. Da gingen fr\u00fcher alle Waren durch, die in die Stadt eingef\u00fchrt wurden. Und hier wurde der Zoll erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sieht man hinauf auf die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> mit ihrer (fast) vollst\u00e4ndig erhaltenen Stadtmauer, f\u00fcnf Kilometer lang. Sie wurde von den Venezianern errichtet. Bergamo geh\u00f6rte jahrhundertelang, vom ausgehenden Mittelalter bis Napoleon, zur Republik Venedig. Der Erzfeind war Mailand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vollst\u00e4ndig erhaltene Stadtmauer ist eine Besonderheit Bergamos, aber auch kein Alleinstellungsmerkmal: Lucca, Lugo, Perpignan, Avila, Rothenburg haben sie auch. In Avila ist die Stadtmauer nur erhalten geblieben, weil man im 19. Jahrhundert kein Geld hatte, sie abzurei\u00dfen!<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz dahinter steht die auff\u00e4llige <em>Torre dei Caduti<\/em>. Wer sind hier die Gefallenen? Die Soldaten Bergamos, die im 1. Weltkrieg gefallen sind. Der Turm wurde von Mussolini eingeweiht. Oben, im Glockengeschoss, sieht man, statt der Glocken die Allegorie der siegreichen Italia. Das empfand man damals wohl als eine angemessene Form der Erinnerung an die Soldaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas seitlich davon ein Monument ganz anderer Art, das <em>Monumento al Partigiano<\/em>, eine modernes Bronzerelief mit einem mit dem Kopf nach unten aufgeh\u00e4ngten Jungen. Neben ihm steht eine Frau, die mit erhobener Hand auf ihn weist. Darunter eine Inschrift, die besagt, dass der Bildhauer genau so eine Szene bezeugt hat. Er h\u00e4tte ihn auch, wie die Frau auf dem Relief, gerne gestreichelt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite der <em>Porta Nuova<\/em> eine schr\u00e4g zum Platz stehende Kirche mit monumentaler Kuppel. Das ist die Kirche mit dem beeindruckenden Namen <em>Chiesa di Santa Maria Immacolata delle Grazie<\/em>. Geschlossen. Die sp\u00e4tmittelalterliche Kirche, die hier urspr\u00fcnglich stand, fiel der Errichtung der neuen Trasse vom Bahnhof zur <em>Porta Nuova<\/em> im 19. Jahrhundert zum Opfer. Teile der Ausstattung der alten Kirche sind aber erhalten geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer anderen Seite der <em>Porta Nuova<\/em> steht der m\u00e4chtige Bau des <em>Credito Bergamasco<\/em>. Davor ein Marmorbrunnen, auf dessen Wangen mehrere, vielleicht mythologische Gestalten und Putten zu sehen sind, die in ihren H\u00e4nden einen Wal, eine Muschel, einen Krebs, eine Amphore halten, aus denen Wasser in die Brunnenschale flie\u00dft. Interessant eine Gestalt, die, um nicht geblendet zu werden, die Arme hochrei\u00dft und die Augen sch\u00fctzen will. Vielleicht Phaeton, der die Kontrolle \u00fcber den Sonnenwagen verloren hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich daneben eine moderne Bronzeskulptur, gro\u00df, ein gefl\u00fcgeltes weibliches Wesen, ohne Kopf, darstellend, dessen Rumpf teilweise mit einer Art Federkleid bedeckt ist. Es ist ein Monument in Erinnerung an die Opfer der Corona-Epidemie, die in Bergamo so schlimme Ausma\u00dfe hatte wie sonst kaum irgendwo.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur anderen Seite der <em>Porta Nuova<\/em> erstreckt sich <em>Il Sentierone<\/em>, ein Name, auf den ich schon mehrfach gesto\u00dfen bin, ohne mir vorstellen zu k\u00f6nnen, was gemeint ist. Es scheint so etwas wie eine Promenade zu sein, breit, mit Kastanien auf der einen und einem Laubengang auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier befindet sich das <em>Teatro Donizetti<\/em>. Es war fr\u00fcher nach seinem Erbauer benannt, sp\u00e4ter, nach einem Jahrestag, dann nach dem Komponisten. Der urspr\u00fcngliche Bau entstand, durchaus umstritten, an der Stelle, wo bis dahin mobile Theater waren, die im Sommer aufgebaut und im Winter wieder abgebaut wurden. Das neue Theater brannte dann auch bald ab und wurde dann durch den heutigen Bau ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein etwas merkw\u00fcrdiges Monument f\u00fcr Donizetti und auch eine Hinweiszeichen auf sein Geburtshaus. Das befindet sich aber in der Oberstadt. Und ist nur am Wochenende ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter die Arkaden kann man sich vor dem Regen fl\u00fcchten. Hier sehe ich irgendwo eine Stra\u00dfe mit dem Namen <em>Monte Grappa<\/em>. Was das wohl zu bedeuten hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich streife noch ein bisschen herum und trinke irgendwo einen Cappuccino. Es ist gerade mal zw\u00f6lf, aber hier essen einige Kunden schon zu Mittag. W\u00e4re in Spanien undenkbar. Sie h\u00e4tten keine feste Speisekarte, jeden Tag ein anderes Menu. Kann man sich merken. Der Cappuccino ist allerdings auch keine Offenbarung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche f\u00fcnf Minim\u00e4rkte oder asiatische Billigl\u00e4den, um an Wasser und Teebeutel zu kommen. Obst gibt es nirgendwo, obwohl es in verschiedenen L\u00e4den Gem\u00fcse gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich einen <em>Tabaccaio<\/em> mit einem Hinweis im Schaufenster: <em>No monopattini. \u2013 Keine Roller.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an der <em>Taqueria Mexicana<\/em> vorbei. Hinweis auf dem Gesch\u00e4ftsschild: <em>Piccante su misura<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Platz in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ein ganz modernes Monument, zwei mit Spiegelglas verkleidete Streben mit einem Balken, der sie miteinander verbindet. Dieses Monument repr\u00e4sentiert die St\u00e4dtefreundschaft zwischen Bergamo und Brescia.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Apotheke zeigt die Temperatur an: 15\u00b0. Kalt ist es nicht. Aber der Regen will nicht aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Burgerlokal, <em>Burgez<\/em>, hat im Schaufenster den hintergr\u00fcndigen Slogan: <em>Try not to come back if you can.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe dann zur <em>Bar Escondido<\/em>. Ganz einfaches Interieur. Das Kotelett der Speisekarte erweist sich als hauchd\u00fcnnes paniertes Schnitzel. Die Kartoffeln, die es dazu gibt, sind eine Kreuzung aus Bratkartoffeln und Wedges, aber weich. Der reichhaltige Oregano, der auf beides gestreut ist, macht die Sache auch nicht viel schmackhafter. Bewertung: Kann man essen. Braucht man nicht noch mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin inzwischen ganz durchn\u00e4sst, und die Sachen in meinem Rucksack sind es auch, einschlie\u00dflich des neuen Reisef\u00fchrers. Zeit, nach Hause zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist voller Sch\u00fcler. Auch hier herrscht das Handy vor, aber es gibt auch viele, die sich unterhalten, meist im Duo, mit ged\u00e4mpften Stimmen. Ein M\u00e4dchen liest ein Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer voller, und ich bekomme Platzangst. An der n\u00e4chsten besten Haltestelle steige ich aus. Besser nass werden als ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu Fu\u00df weiter. Sp\u00e4testens, als ich am Stadion von Atalanta vorbeikomme, schwant mir, dass hier etwas nicht stimmt. Ich frage eine entgegenkommende Frau, die mir freundlich Auskunft gibt. Nachdem wir eine Zeitlang aneinander vorbei geredet haben, stellt sich heraus: Ich bin in die falsche Richtung gefahren. Deshalb hat sie st\u00e4ndig von der Porta Nuova gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer modernen Bar trinke ich einen Kaffee und frage den Mann hinter dem Tresen, was denn mit dem Stadion los sei. Wie, was soll da los sein? Ja, da f\u00e4nden doch Bauarbeiten statt. Ach so, ja, sie bauten eine neue S\u00fcdtrib\u00fcne. Vor Jahren h\u00e4tten sie Nordtrib\u00fcne erneuert, und jetzt sei die S\u00fcdtrib\u00fcne dran. Aber der Spielbetrieb gehe weiter. Kann man sich kaum vorstellen, bei den massiven Betonbl\u00f6cken, die da bewegt werden. Wie es denn mit Atalanta stehe, will ich wissen. Gut, F\u00fcnfter in der Serie A und beide Spiele in der Europaliga gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit dem Bus in die andere Richtung. Beim Aldi, zwei Stationen vor der Unterkunft, steige ich aus. D\u00fcrfte wohl Aldi S\u00fcd sein. Das Sortiment ist eigentlich wie bei uns, aber irgendwas ist anders, aber ich wei\u00df nicht genau, was. Ich bekomme Milch, \u00c4pfel, K\u00e4se, Tomaten und eine T\u00fcte, die ich zum M\u00fclleimer umfunktionieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es k\u00e4lter, aber trocken. Immer noch dichte Wolken, kein Sonnenstrahl in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestelle sehe ich zwei, drei Radfahrer vorbeifahren. Habe bisher noch nicht so viele gesehen, obwohl es am Bahnhof einen gro\u00dfes Fahrradparkhaus gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal steige ich etwas eher aus, da, wo die Kolonnaden beginnen. Dort kommt man in den sch\u00f6nsten Teil der <em>Citt\u00e0 Bassa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Bar unter den Kolonnaden bestelle ich einen Cappuccino und eine Brioche. Der Besitzer, ein gro\u00dfgewachsener Mann, ist Italiener, die Kellnerinnen sind Ausl\u00e4nderinnen, haben einen dunkleren Teint und andere Gesichtsz\u00fcge. Sie sprechen aber akzentfrei Italienisch, vermutlich aus der zweiten Generation von Einwanderern. Sie sehen sich alle \u00e4hnlich, als ob sie Schwestern w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus der Bar komme, erscheint der erste Sonnenstrahl. Durch eine L\u00fccke zwischen den H\u00e4usern sieht man einen sch\u00f6nen, mehrst\u00f6ckigen Campanile. Den sieht man immer wieder, aber ich wei\u00df nicht, zu welcher Kirche er geh\u00f6rt. Ist jedenfalls ein sch\u00f6nes Photomotiv, jetzt vor dem pl\u00f6tzlich fast wolkenlosen Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Hier gibt es ein paar sch\u00f6ne L\u00e4den, auch gut best\u00fcckte Buchhandlungen. In einem Schaufenster Harry Potter auf Italienisch, in allen m\u00f6glichen B\u00e4nden. Daneben ein Roman von Paolo Cognetti, einem Autor, auf den ich erst vor kurzem gesto\u00dfen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Fu\u00dfg\u00e4ngerampel versuche ich noch mal mein Gl\u00fcck mit dem Netzwerk von Bergamo. Diesmal erscheint es! Muss wohl doch am Wetter gelegen haben. Ich gebe meine Daten ein \u2013 nichts. Es kann keine Verbindung hergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe Richtung Seilbahn, zur <em>funiculare<\/em>, die als eine der Sehensw\u00fcrdigkeiten Bergamos angepriesen wird. Soll man sich keinesfalls entgehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum das eine Sehensw\u00fcrdigkeit sein soll, ist mir ein R\u00e4tsel. Es ist eine ganz gew\u00f6hnliche Seilbahn, der Wagen ist proppenvoll, es ist stickig, und man sieht nur die K\u00f6pfe der Mitreisenden und das Gr\u00fcne an der Mauer, an der man vorbeif\u00e4hrt. Ich bin froh, aussteigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seilbahn l\u00e4uft auf die <em>Piazza delle Scarpe<\/em> hinaus, benannt nach den Schuhmacherwerkst\u00e4tten, die hier im Mittelalter waren. Von hier aus gehen sieben Str\u00e4\u00dfchen in verschiedene Teile der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf gut Gl\u00fcck Richtung <em>Piazza Vecchia<\/em>. Es geht \u00fcber eine schmale Gasse mit Kopfsteinpflaster. An der Seite \u00fcberall Souvenirl\u00e4den und Bars. Ich gehe in einen Laden und bekomme dort einen K\u00fchlschrankmagneten und dann auch noch Spiralbl\u00f6cke f\u00fcr meine Notizen. Die haben hier ihren Preis, aber das ist es mir wert. Ich frage die freundliche Frau nach der Touristeninformation. Sie weist mir den Weg und sagt, ich solle einfach nach oben gucken, dann k\u00f6nne ich sie nicht verfehlen. Was sie meint, verstehe ich erst, als ich n\u00e4her komme. \u00dcber der Touristeninformation, die in einem alten Turm untergebracht ist, ist ein Netz gespannt, f\u00fcr Bauarbeiten. Was f\u00fcr ein Wort die Frau wohl gebraucht hat? Vielleicht <em>impalcatura<\/em>, also Ger\u00fcst, aber ein richtiges Ger\u00fcst ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00f6ffne die T\u00fcr, und da sitzt in dem kleinen Raum hinter der Theke \u2013 die Frau von gestern, aus der Touristeninformation vom Bahnhof. Auf den zweiten Blick erkennt sie mich und fragt, wie der Reisef\u00fchrer sei. Und was ich in der <em>Citt\u00e0 Bassa<\/em> gesehen h\u00e4tte. Dann zeige ich ihr mein Handy, sie sieht sich die Sache an, setzt irgendwo noch ein H\u00e4kchen, und dann klappt es auf einmal. Sie gibt mir dann noch ein paar Tipps f\u00fcr die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich um die Ecke ist die <em>Piazza Vecchia<\/em>, die fast synonym f\u00fcr die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> steht. Sie ist das eigentliche Zentrum der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>. Wichtiger war aber in der Geschichte die <em>Piazza<\/em> <em>Duomo<\/em>, gleich dahinter gelesen, trotz ihres Namens nicht nur in kirchlicher Hinsicht. Hier wurde auch Handel betrieben und Politik gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Pl\u00e4tze sind nur getrennt durch den <em>Palazzo della Ragione<\/em>, dessen hohe Torb\u00f6gen von einem auf den anderen Platz f\u00fchren. Er ist das \u00e4lteste kommunale Geb\u00e4ude Italiens und hie\u00df fr\u00fcher <em>Palazzo Vecchio<\/em>. Im Obergeschoss ist bei dem der venezianische L\u00f6we zu sehen, Reminiszenz aus der Zeit, als Bergamo zur Republik Venedig geh\u00f6rte. Er ist offensichtlich sp\u00e4ter angebracht, der Palazzo selbst ist \u00e4lter (XII). \u00dcber den Namen <em>Palazzo della Ragione<\/em> habe ich mich schon bei der Lekt\u00fcre gewundert. Der Name bezieht sich, so hei\u00dft es, auf die Rechtsprechung, die hier ausge\u00fcbt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des rechteckigen Platzes ein sch\u00f6ner Brunnen, an den Seiten, dem <em>Palazzo<\/em> <em>della Ragione<\/em> gegen\u00fcber, der <em>Palazzo Nuovo<\/em>, aus wei\u00dfem Marmor, und der <em>Palazzo del Podest\u00e0. <\/em>An der vierten Seite Wohnh\u00e4user, heute meist mit gastronomischen Betrieben. Darunter das <em>Caff\u00e8 del Tasso<\/em>, auf das 14. Jahrhundert zur\u00fcckgehend, eins der \u00e4ltesten Italiens. Le Corbusier fand den Platz einen der sch\u00f6nsten der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem steht aber die <em>Piazza Duomo<\/em> in nichts nach. Der Blickfang sind die Fassaden der Kirchen \u2013 oder ist es eine Kirche? \u2013 auf die man sieht, wenn man auf den Platz kommt, aber rechts und links stehen weitere bedeutende und sch\u00f6ne Geb\u00e4ude. An irgendetwas werde ich erinnert, aber ich wei\u00df nicht, was. Dann f\u00e4llt mir ein: Parma.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude rechts hat es mir besonders angetan, das Baptisterium, zweist\u00f6ckig, feingliedrig, mit sch\u00f6nen Archivolten. Aber ausgerechnet das ist ein Neubau, eine Rekonstruktion des alten Baptisteriums, das abgerissen wurde, als die Taufzeremonie in den Dom verlegt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dom ist nicht, wie man glaubt, das Geb\u00e4ude vor einem, sondern das zur Linken, mit wei\u00dfer, klassizistischer Fassade.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor sich hat man die <em>Basilica Santa Maria Maggiore<\/em>, die Kirche der B\u00fcrger, gleich hier neben dem Dom. Der erste Hingucker ist eine Reiterstatue in einer gotischen Vorhalle, vor die schlichte romanische Fassade gesetzt. Die stellt Alexander dar, den Patron Bergamos. Er ist auch der Patron des jetzigen Doms, der fr\u00fcher <em>San Vicenzo<\/em> hie\u00df. Der Name wurde \u00fcbernommen, als der alte Dom, an anderer Stelle gelegen, abgerissen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6nste Geb\u00e4ude ist die <em>Cappella Colleoni<\/em>, die, die gleich an die Basilika angrenzt. Oder sogar ein Teil von ihr ist. Der <em>Name Colleoni<\/em> kommt mir so bekannt vor, aber ich kann ihn nicht einordnen. Der Reisef\u00fchrer hilft weiter: Die Reiterstatue, die in jeder Kunstgeschichte vorkommt, stellt ihn da, die zweit\u00e4lteste der Neuzeit, nachdem die Kenntnis der Errichtung von Reiterstatuen seit der Antike f\u00fcr Jahrhunderte verlorengegangen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, in Form seiner Grabkapelle. Die Fassade, aus polychromem Marmor, ganz und gar Renaissance, aber nicht von der n\u00fcchternen Renaissance der fr\u00fchen Bauten in Florenz, ist eine Sternstunde der Dekoration. Eine tiefe Rosette mit geschm\u00fcckten Speichern in der Mitte, drum S\u00e4ulen, Arkaden, Nischen, eine Galerie und an den R\u00e4ndern Reliefs. Die stellen alttestamentarische Motive dar, aber auch die Taten der Herkules. Mit dem stellte sich Colleoni auf eine Stufe. Und seine Figur steht auch, mit R\u00fcstung, oben auf der Rosette. Er beherrscht das Rad der Fortuna. Man kann sich an den Details gar nicht satt sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus gehe ich \u00fcber eine enge Gasse, mit einem Lokal in jedem zweiten Haus, in die entgegengesetzte Richtung der <em>Piazza delle Scarpe<\/em>, ans andere Ende der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>. Dort kommt man auf einen gro\u00dfen, merkw\u00fcrdig leeren Platz \u2013 im doppelten Sinne, hier sind keine Touristen und keine Brunnen oder Statuen \u2013 der aus der Zeit stammt, als Bergamo den Visconti geh\u00f6rte, der Epoche vor Venedig. Von hier aus verl\u00e4sst man die Stadt und kommt an eine Aussichtsplattform. Man sieht Bergamo, wie es scheint, ganz in der Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck und dann \u00fcber eine ganz einsame, steil ansteigende Gasse zur Rocca,&nbsp; von&nbsp; der Frau im Touristenb\u00fcro empfohlen. Dies ist die h\u00f6chste Erhebung der Citt\u00e0 Alta, und hier war fr\u00fcher eine Festung, die heute als Museum dient. Auch von hier aus sieht man auf Bergamo hinab, aber alles ist n\u00e4her. Man sieht auf die Berge der Umgebung, hinter denen dunkle Wolken aufziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber noch ist es sonnig, und ich will das sch\u00f6ne Wetter nutzen, um \u00fcber die Stadtmauer zu gehen. Ganz rum geht es nicht, aber fast, hat mir die Frau in der Touristeninformation erkl\u00e4rt. Ich fange bei der Porta San Giacomo an. Der Weg ist breiter, als ich dachte, und man scheint auf der Mauer zu sein. Das \u00e4ndert sich aber bald. Anders als in Lucca oder in Lugo f\u00fchrt der Weg hier nicht \u00fcber die Mauer, sondern an der Mauer entlang, und die verdeckt den Ausblick. Auf der anderen Seite H\u00e4user, genauso wie oben, aber keine L\u00e4den oder Lokale, sondern normale Wohnh\u00e4user. Eine ganz normale Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeplant endet die dann auch in der <em>Citt\u00e0 Bassa<\/em>, an einer Ecke wo ich noch nicht gewesen bin, aber bald bin ich dann schon in halb vertrauter Umgebung. Wieder erscheint der sch\u00f6ne Campanile von heute Morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich glatt vergessen, in die alte Eisdiele zu gehen, in der das Stracciatella erfunden wurde. Stattdessen will ich es hier in der <em>Citt\u00e0 Bassa<\/em> versuchen. Gar nicht so leicht, eine Eisdiele zu finden, auch in Italien nicht, wenn man sie sucht. Eine Frau gibt mir freundlich Auskunft. Und tats\u00e4chlich sto\u00dfe ich nach ein paar Minuten auf eine Eisdiele. Drinnen ist kein Kunde, und ich kann in Ruhe meine Fragen stellen und ausw\u00e4hlen: eine Kugel Stracciatella und eine Kugel mit Mandeln mit Sahne in einem Becher. Es schmeckt zum Niederknien gut. Ich genie\u00dfe das Eis, um m\u00f6glichst lange was davon zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die Suche nach <em>La Scagna<\/em>. Ich kann jetzt den Routenplaner benutzen, aber der sagt mir schon unterwegs, dass <em>La Scagna<\/em> vielleicht schon bald schlie\u00dft. Ich gehe ein bisschen schneller, nach ein paar Minuten sagt der Routenplaner, ich w\u00e4re da. Aber nirgendwo ist ein Lokal zu sehen. Ich frage ein Ehepaar. Die kennen <em>La Scagna<\/em> nicht, versuchen es aber auf ihrem Handy. Wir stehen wohl auf der Hinterseite des Geb\u00e4udes, in dem <em>La Scagna<\/em> ist. Ich muss nur einmal um die Ecke gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Lokal sind alle Tische reserviert. Ich solle in zwanzig Minuten noch mal wiederkommen. Also gehe ich einen Kaffee trinken und stelle damit die Reihenfolge komplett auf den Kopf: erst Eis, dann Kaffee, dann Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Bar kommt ein spanischsprechendes Paar und l\u00e4sst sich von der Kellnerin die Speisekarte auf Spanisch erkl\u00e4ren. Sieht so aus, als w\u00e4re ich hier in einem spanischen Viertel gelandet. Vor einem anderen Lokal habe ich schon eine Speisekarte und eine Karte mit S\u00e4ften auf Spanisch gesehen. Und ich habe inzwischen aus verl\u00e4sslicher Quelle erfahren, dass Bergamo eine St\u00e4dtepartnerschaft mit Cochabamba hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in <em>La Scagna<\/em>. Es gibt ein Menu, aber ich will die Spezialit\u00e4ten Bergamos probieren. &nbsp;Das klappt auch. Als Vorspeise gibt es <em>casoncelli<\/em>. Die stehen in jedem Reisef\u00fchrer. Es sind halbmondartige Teigtaschen, wie Ravioli, mit Fleisch gef\u00fcllt. Ihr Pendant sind die <em>scarpinocc<\/em>, die sind statt mit Fleisch mit K\u00e4se gef\u00fcllt. Die zweite Spezialit\u00e4t Bergamos ist die Polenta. Die gibt es zur Hauptspeise, Kaninchen, als Beilage dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin empfiehlt mir einen Wein, aus der Gegend. Der ist mir eigentlich zu trocken, aber zu dem Essen passt er gut. Ich frage die Kellnerin, was den <em>scagna<\/em> bedeute. Ganz einfach: Stuhl. Das ist das Wort aus dem regionalen Dialekt, vermutlich venezianisch. Dann sagt sie, ich Italien habe jede Region einen eigenen Dialekt, ohne zu ahnen, dass sie mit so was auf die Palme bringen kann. Erst als ich auf das Essen warte, sehe ich den Stuhl \u00fcberall: Auf der Speisekarte, als Teils des Logos des Lokals an der Wand, auf den Servietten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe im Internet nach, und da ist von <em>scagna<\/em> und <em>cadr\u00e9ga<\/em> als zwei dialektalen W\u00f6rtern aus dieser Gegend die Rede, die beide \u201aStuhl\u2018 bedeuten. Jemand sagt, <em>cadr\u00e9ga<\/em> komme aus dem Lateinischen, <em>scagna<\/em> aus dem Germanischen. Das kommt mir merkw\u00fcrdig vor. Dann sto\u00dfe ich auf einen Kommentar, der vorsichtig darauf verweist, dass <em>cadr\u00e9ga<\/em> doch wohl von <em>kathedra<\/em> (\u03ba\u03b1\u03b8\u03ad\u03b4\u03c1\u03b1) und damit aus dem Griechischen komme und <em>scagna<\/em> von <em>scabellum<\/em>, also aus dem Lateinischen. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>casoncelli<\/em> sind sehr schmackhaft. Dazu tr\u00e4gt auch bei, dass sie in Butter schwimmen, mit K\u00e4se und ein paar Speckw\u00fcrfeln bestreut sind. Das muss ja schmecken. Das Kaninchen ist auch sehr gut, obwohl das Fleisch etwas trocken ist. Aber die Kruste ist ein Gedicht. Und die Polenta passt gut dazu. Das Ganze hat seinen Preis, aber es geht von dem geschwisterlichen Bildungsbudget ab.<\/p>\n\n\n\n<p>26. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlage das Wort <em>pelagra<\/em> nach. Die deutsche \u00dcbersetzung lautet <em>Pelagra<\/em>. Da bin ich so schlau wie vorher. Dann schlage ich <em>roncole<\/em> nach. Die deutsche \u00dcbersetzung lautet <em>Hippe<\/em>. Auch da bin ich nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Busse machen Werbung damit, dass sie mit Methangas fahren. Was f\u00fcr Auswirkungen das hat, wei\u00df ich nicht. Sie sind nicht laut, aber wohl auch nicht leiser als Busse, die mit Diesel betrieben werden. Vielleicht besser f\u00fcr die Luft?<\/p>\n\n\n\n<p>Vespas sieht man hier auch, aber kein Vergleich zu anderen italienischen St\u00e4dten, allen voran Bologna.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Busse muss man vorne einsteigen. Das ist nicht zu \u00fcbersehen, es gibt dicke gr\u00fcne und rote Pfeile und Kreuze, die darauf aufmerksam machen. Das wird aber oft nicht beachtet, und die Busfahrer scheinen es auch in Kauf zu nehmen. Bisher hat es nie Probleme gegeben. Heute Morgen aber wohl. Zwei Frauen sind noch dabei, einzusteigen, als der Busfahrer schon die T\u00fcr in der Mitte schlie\u00dft. Sie k\u00f6nnen sich noch gerade reinzw\u00e4ngen, heben aber ein ungeheures Gezeter an. Eine der beiden behauptet, der Busfahrer habe ihr die Rippen gebrochen \u2013 rotto le costole \u2013 was zumindest eine leichte \u00dcbertreibung ist. Der Busfahrer reagiert zun\u00e4chst ganz ruhig, weist darauf hin, dass man vorne einsteigen muss. Die Frauen protestieren weiter. Der Busfahrer sagt, jetzt etwas lauter, man m\u00fcsse vorne einsteigen. Ja, aber das sei doch kein Grund, ihr die Rippen zu brechen. Der Busfahrer sagt, man m\u00fcsse vorne einsteigen. Er k\u00f6nne von seinem Sitz aus die Mittelt\u00fcr nicht einsehen. Ob das stimmt? Jedenfalls hat er Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin bisher immer vorne eingestiegen. Noch nie hat ein Busfahrer nach meiner Fahrkarte gefragt, und ein Kontrolleur ist bisher auch nicht gekommen. Etwas schwieriger ist es mit dem Aussteigen. Wenn die Busse drei T\u00fcren haben, wei\u00df man nicht, ob man in der Mitte oder hinten aussteigen soll, und nicht immer werden beide T\u00fcren ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder steige ich an den Kolonnaden aus. Diesmal setze ich mich hin f\u00fcr Kaffee und Brioche. Das ist in Italien dann gleich teurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Seitenstra\u00dfe hei\u00dft <em>Via Gallicciolli<\/em>. Drei Doppelkonsonanten. Eignet sich f\u00fcr eine italienische Aussprache\u00fcbung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder komme ich an dem sch\u00f6nen, irgendwie isoliert in der Gegend herumstehenden Campanile vorbei. Ich frage einen Passanten, wie die Kirche hei\u00dfe: Sant\u2019Alessandro. . Um zu dem Campanile zu kommen, muss man durch eine Toreinfahrt gehen. Die sieht aus, als wenn sich dahinter ein Parkplatz bef\u00e4nde, aber es erscheint wirklich der Campanile. Und der scheint zu der Kirche zu geh\u00f6ren. Dass der Campanile in Italien gesondert von der Kirche steht, ist keine Seltenheit, aber hier wirkt es so, als h\u00e4tte er mit der Kirche gar nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er hier st\u00e4ndig vorkommt, schaue ich mal nach, was es mit diesem Sant\u2019Alessandro auf sich hat. Er war r\u00f6mischer Soldat und Mitglied der Theb\u00e4ischen Legion. Er sch\u00e4ndete in der Gegenwart von Kaiser Maximian antike G\u00f6tzenbilder, mit den vorauszusehenden Konsequenzen. Wie er zum Schutzpatron von Bergamo wurde, ist mir ein R\u00e4tsel. In irgendeiner mittelalterlichen Chronik hei\u00dft es wohl, er habe hier gebetet, aber ob er biographisch was mit Bergamo zu tun hat, ist nicht \u00fcberliefert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe so in die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> rauf, wie ich gestern runtergekommen bin. Da kommt man aber schnell ins Schnaufen. An der <em>Porta San Giacomo<\/em> sehe ich jetzt, von dieser Seite aus, den venezianischen L\u00f6wen. Die Stadtmauer wurde errichtet, nachdem Bergamo zu Venedig kam. Sie war notwendig, weil Bergamo ganz am Rand des venezianischen Territoriums lag, unter anderem an der Grenze zu dem befeindeten Mailand.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Piazza Vecchia<\/em> angekommen, suche ich das <em>Caff\u00e8 Tasso<\/em>, das ganz alte. Das habe ich bisher \u00fcbersehen. Es liegt ganz am Rand, unmittelbar vor der Porta della Ragione. Daneben befindet sich die <em>Pasticceria dei Mille<\/em>. Der Name verweist auf die Tausend, die sich freiwillig Garibaldi anschlossen, als er Sizilien eroberte und einen weiteren Schritt zur Einigung Italiens gemacht hatte. Unter den Tausend befanden sich auch 200-300 Bergamasker. Im R\u00fcckblick wird die Geschichte allerdings etwas verkl\u00e4rt. Bergamo w\u00e4re, wenn es nach dem Willen der Venezianer gegangen w\u00e4re, bei Venedig als unabh\u00e4ngigem Staat geblieben. Die Begeisterung f\u00fcr Italien hielt sich in Grenzen. Venedig war 1000 Jahre eine unabh\u00e4ngige Republik gewesen, und das gibt man nicht so schnell auf. Die Vereinigung von Venedig mit Italien ist nicht den Italienern zu verdanken, sondern Napoleon III. \u00d6sterreich und damit indirekt Preu\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6sterreichische Pr\u00e4senz in Bergamo zeigt sich hier oben in Einschussl\u00f6chern an mehreren Pfeilern der Porta della Ragione. Und der ganze Ausbau der Citt\u00e0 Bassa erfolgte unter der \u00f6sterreichischen Herrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die <em>Capella Colleoni<\/em>, nicht ohne mir vorher nochmal ein paar Details der Fassade angesehen zu haben. Sie ist erstaunlich klein. Quadratisch. Barock. Von au\u00dfen viel sch\u00f6ner.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hingucker sind die zwei Sarkophage, auf St\u00fctzen, einer \u00fcber dem anderen, der kleinere, oben, ist der von Colleonis \u00e4ltester Tochter, der gr\u00f6\u00dfere, unten, ist der von ihm selbst. \u00dcber der ganzen Struktur die goldene Reiterstatue Colleonis.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Sarkophage haben reichlichen Bauschmuck, biblische Szenen im Relief. Der untere die Kreuzigung und die Kreuzabnahme, der obere, der der Tochter, Geburt und Anbetung der K\u00f6nige. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod der Tochter muss ein wichtiger Einschnitt im Leben Colleonis gewesen sein. Er hatte eine besondere Verbindung zu ihr. Er hatte dann noch weitere sieben T\u00f6chter, aber keinen Sohn und damit keinen Nachfolger. Da war also nicht nur pers\u00f6nlich schmerzhaft, sondern auch von Konsequenz f\u00fcr die dynastische Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Fries unten am Sarkophag das Gegenprogramm zu den biblischen Szenen. Putten, zwischen 20 und 30 an der Zahl, halbnackt, mit prallen Formen. Einer streckt dem Betrachter sein Hinterteil entgegen. Das ist durch die Ber\u00fchrungen der Besucher ganz blank gerieben. Die Putten halten Medaillons mit dem Portrait von Herrschern und das Wappen der Colleoni. In dessen Mitte drei merkw\u00fcrdige Formen, ein bisschen wie kleine Teigtaschen aussehend. Und was die darstellen sollen, erf\u00e4hrt man aus Reisef\u00fchrer und Internet: Hoden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen sehe ich mir die Eisenst\u00e4be an, die in die Mauer von Santa Maria Maggiore eingelassen sind. Es sind Ma\u00dfe, Ma\u00dfeinheiten, deren Namen mir nichts sagen und die auf das Meter \u00fcbertragen, alles krumme Zahlen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gotische Vorbau von Santa Maria Maggiore mit der Reiterstatue Alexanders ruht auf S\u00e4ulen, die wiederum auf L\u00f6wen ruhen. Die stehen daf\u00fcr, dass hier fr\u00fcher Gerichtsbarkeit abgehalten wurden. An dieser Seite sind die L\u00f6wen rot, an der anderen wei\u00df. Um die zu sehen, muss man einmal um die Kirche herum gehen, und das lohnt sich, sie hat sch\u00f6ne romanische Apsiden und sch\u00f6ne Archivolten \u00fcber einem weiteren Eingang. Die Kirche scheint keinen Haupteingang zu haben, daf\u00fcr vier Nebeneing\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie alle Touristen, gehe ich von der <em>Piazza Duomo<\/em> aus rein. Der Eintritt kostet 7 Euro, aber ich bekomme Seniorenrabatt: 2 Euro!<\/p>\n\n\n\n<p>Was man von au\u00dfen nicht erwartet, hier st\u00f6\u00dft man auf barocke Dekorationsfreude im \u00dcberma\u00df: Stuck, Gem\u00e4lde, Skulpturen, liegende, stehende fliegende, rote L\u00f6wen, Pilaster, Gem\u00e4lde, Wandteppiche Intarsienarbeiten, Wappen. Es gibt kaum eine Stelle, an der man den Bauk\u00f6rper selbst sieht. Alles sehr farbenfroh.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Kontrast zu der barocken Pracht und leicht zu \u00fcbersehen ist ein Christus am Kreuz, ganz hoch \u00fcber dem Eingang zum Chor thronend. Das Holz ist nicht farbig gefasst, die Details des K\u00f6rpers zeichnen sich auf dem Holz ab, und der Kopf ist zur Seite gesenkt. Es ist vermutlich das \u00e4lteste St\u00fcck der Ausstattung der Basilika.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz interessant die Intarsienarbeiten im Chor. Da gibt es Szene um Szene, Detail um Detail zu entdecken. Und ich bin nicht der Einzige, der das tut. Man kann ganz nah rangehen. Die Figuren sind braun, der Hintergrund gelb. Es scheinen keine christlichen Motive zu sein. Man sieht Landschaften, b\u00e4uerliche Szene, st\u00e4dtische Szenen, wohl auch ein paar h\u00f6fische Szenen. Schiffe, Fischerboote, ein ausb\u00fcchsender Esel, eine Flirtszene, ein Mann, der in ein Krummhorn bl\u00e4st. Scheint alles profan zu sein. Erst ganz zum Schluss, als ich eine Szene sehe, in der ein Mann mit einer Axt auf einen am Boden liegenden Mann einschl\u00e4gt, kommen mir Zweifel: Kain und Abel? Sind das doch lauter biblische Szenen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz wunderbar gearbeitet auch die ganz fein geschnitzten Figuren in den Kapitellen der S\u00e4ulchen, die die Szenen voneinander trennen: Drachenk\u00f6pfe, Amphoren, Helme, Wappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grabdenkm\u00e4ler f\u00fcr Donizetti und Mayr sehe ich erst gar nicht. Sie stehen ganz hinten, im Westen, Seite an Seite, aber durch einen breiten Wandteppich voneinander getrennt. Die Sarkophage \u00e4hneln sich, sind gleich gro\u00df und aus demselben Material, aber unterschiedlich dekoriert. Mayr hat drei gefl\u00fcgelte singende Engel mit Lyra und Spruchband, Donizetti hat einen trauernden Engel und trauernde Putten in dem Fries unten. Einer scheint richtig w\u00fctend zu sein und seine Lyra auf dem Boden zerschmettern zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Todestag Donizettis im November legt der B\u00fcrgermeister in einer Zeremonie, die sehr beliebt ist, vor beiden Sarkophagen einen Kranz nieder. Man hat die Verdienste Mayrs nicht vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Dom an die Reihe, ein gro\u00dfer einschiffiger Raum mit sp\u00e4tbarocker Ausmalung, nicht ganz so farbenfroh, nicht ganz so \u00fcppig wie Santa Maria Maggiore. In der Kuppel die Apotheose Alexanders, der au\u00dfen die Bronzestatue Alexanders als Fahnentr\u00e4ger entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Chor in einem Schaukasten die Reliquien Alexanders, flankiert von den Statuen Vicenzos Alexanders, dessen alten und des neuen Patrons der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenkapelle ist die Tiara Johannes XXIII. ausgestellt. Hat jeder Papst seine eigene Tiara? Ich dachte, die w\u00fcrde einfach immer weitergegeben. Vor der Tiara eine \u00fcberlebensgro\u00dfe Bronzestatue des Papstes. Man erkennt ihn auf den ersten Blick. Als er das Zweite Vatikanische Konzil gegen\u00fcber den Kurienkardin\u00e4len ank\u00fcndigte, antworteten die mit eisigem Schweigen. Das Zweite Vatikanische Konzil war \u00f6kumenisch, aber auch global, anders als das Erste. Das war eine rein europ\u00e4ische Angelegenheit. Jetzt konnten auch Vertreter aus Amerika, Asien, Afrika und Australien anreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach mache ich mich auf die Suche nach dem etwas abseits gelegenen <em>Lavatoio<\/em>. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und ist das \u00e4lteste erhalten gebliebene. Diese <em>Lavatoios<\/em> sind eine Art Sammelstelle f\u00fcrs W\u00e4schewaschen, eingeteilt in eine Vielzahl von Parzellen, an denen sich ein Waschweib niederlassen und die W\u00e4sche waschen und dann gleich mit frischem Wasser reinigen konnte. Das sprudelt auch jetzt noch in aus den feinen Wasserh\u00e4hnen heraus. Die <em>Lavatoios<\/em> wurden f\u00fcr die Waschfrauen der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> gebaut und entstanden nach einer Typhusepidemie, als man erkannte, dass mangelnde Hygiene dem Ausbruch der Epidemie Vorschub leistete.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum <em>Museo Donizetti<\/em>. Das befindet sich in einem etwas abgelegenen, wenig belebten Viertel der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>. Der Weg dorthin f\u00fchrt \u00fcber die <em>Via Arena<\/em>. Der Name erinnert an das r\u00f6mische Amphitheater, das hier gestanden hat. Endlich mal eine Erw\u00e4hnung der R\u00f6mer, die schon im 2. Jahrhundert vor Christus hier ankamen, aber deren Spuren verschwunden zu sein scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum in ist in einem alten, etwas heruntergekommenen Palast, im Obergeschoss. Alles wirkt etwas verstaubt. Ich bin der einzige Besucher und bleibe es auch. Der Eintritt kostet hier 5 Euro und es gibt keine Erm\u00e4\u00dfigung, wie mir das gelangweilte M\u00e4dchen am Empfang mitteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist klein, anderthalb R\u00e4ume, an den W\u00e4nden Malereien von Amphoren, Musen, Instrumenten in Trompe-l\u2019\u0153il, und im Hintergrund l\u00e4uft Musik von Donizetti, feierlich.<\/p>\n\n\n\n<p>An den W\u00e4nden Portr\u00e4ts von Mayr und Donizetti, jeweils einmal jung, einmal alt, Mayr bartlos, Donizetti erst bartlos, dann mit dem typischen Schn\u00e4uzer und Backenbart und dem unb\u00e4ndigen Haarschopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind ein Spinett und ein Klavier. Ob die Donizetti geh\u00f6rten, wird nicht klar. Auf dem Spinett ist eine Metalltafel auf Deutsch angebracht. Vielleicht geh\u00f6rte es Mayr. Auf dem Klavier hat man auf einer Bronzeplatte einen Brief Donizettis reproduziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Donizetti wurde 1797 geboren und kam schon 1806 in die Musikschule. Die war \u00f6ffentlich und gratis und finanzierte sich durch Spenden, die der findige Mayr, der Gr\u00fcnder der Musikschule, bei Politikern und B\u00fcrgern eintrieb. Mayr hatte sich in Bergamo niedergelassen und war Kapellmeister in Santa Maria Maggiore. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Donizetti bekam Unterricht in Gesang, Theorie und Klavier. Er war nicht sonderlich gut im Gesang, und es ist ein Brief des Vaters ausgestellt, in dem er bittet, sein Sohn m\u00f6ge trotz der Probleme im Gesang weitermachen d\u00fcrfen. Der Bitte wurde stattgegeben. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Donizetti zeigte gro\u00dfes Talent im Komponieren, die ersten Autographen mit seinen Partituren, hier ausgestellt, stammen schon von 1813. Mayr schickte ihn, unter Zuschuss von Geldern aus seiner eigenen Schatulle, nach Bologna.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der R\u00fcckkehr nach Bergamo verkn\u00fcpfte er sich mit der Musikszene hier und schrieb geistliche Musik. Er schuf sich einen gewissen Ruf und bekam Engagements in Venedig, Rom und Mantua. Das war der Durchbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist eine Karikatur, die verschiedene Musiker in Paris zeigt, Meyerbeer, Rossini, Berlioz und viele andere, jeder in einer spezifischen Pose. Donizetti sieht man, wie er im Akkord Kompositionen auswirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind auch zwei Reiseetuis Donizettis, h\u00f6lzerne, zuklappbare K\u00e4sten, eins mit Hygieneartikeln \u2013 Nagelfeile, Pinzette, Dosen \u2013 eins mit Schreibutensilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man ein paar pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde, eine kurze, wie abgeschnitten aussehende t\u00fcrkische Pfeife, und ein paar kleinere Orden, die man an einer Schnur tragen konnte, alle verliehen, als er an verschiedenen Orten zum Ritter geschlagen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein Portr\u00e4t seiner Verlobten, Virginia, und darunter die Partitur eines Liedes, das er f\u00fcr sie komponiert hatte. Muss ein gutes Gef\u00fchl sein, wenn man f\u00fcr seine Verlobte was komponieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem kleinen Raum, der von diesem ausgeht, wird von den letzten Jahren berichtet, von der Zeit nach seiner R\u00fcckkehr nach Bergamo, wo er Aufnahme im Haus einer Bewunderin und bei ihrer Familie fand. Es sind ein Ohrensessel und ein Bett ausgestellt und ein Photo, auf dem man sieht, wie der Hausherr den kranken Donizetti in den Sessel hievt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine etwas entt\u00e4uschende Ausstellung, von keiner einzigen Oper ist die Rede, auch von der schwierigen Kindheit im Armenviertel von Bergamo nicht und auch nicht von der Krankheit im Alter und der zunehmenden Demenz. Vielleicht gibt es im Geburtshaus mehr dazu, aber das hat nur am Wochenende ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auch zu Fu\u00df wieder runter zur <em>Porta Nuova<\/em>. Die H\u00e4lfte der gro\u00dfen Geb\u00e4ude hier scheint von Banken eingenommen zu werden, dann gibt es ein paar Versicherungen und ein paar Regierungsgeb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es schnurstracks zum Bahnhof. Den Weg h\u00e4tte ich mir sparen k\u00f6nnen, denn meine Fahrkarten kriege ich auch beim Tabaccaio, sowohl f\u00fcr den Bus als auch f\u00fcr den Zug. Das Busticket f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage kostet wieder 14,50 \u20ac, und die Fahrt nach Brescia morgen gibt es f\u00fcr sensationelle 10,40 \u20ac &#8211; hin und zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an Vox vorbei, einem Restaurant. Nach kurzem Blick auf die Speisekarte gehe ich rein. Ein schlauchartiger Raum, mit wei\u00df eingedeckten Tischen, fast alle besetzt. Die meisten sehen nach berufst\u00e4tig aus. Wie oft in Italien, trinkt der eine oder andere ein Glas Wein, aber die meisten trinken Wasser. Ich bin mit einem weiteren Gast zusammen der einzige, der Bier trinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle <em>Antipasto Bergamasco<\/em> und eine Pizza. Das Antipasto bestehen aus ein paar dicken St\u00fcck Salami und ein paar dicken St\u00fcck K\u00e4se. Dazwischen gebratene Pilze in einer gr\u00fcnen So\u00dfe auf Polenta. Die Polenta schmeckt nicht nach viel, aber die Pilze sind lecker, und die Salami und der K\u00e4se \u2013 auf Nachfrage erfahre ich, dass er <em>Taleggio<\/em> hei\u00dft \u2013 sind ausgezeichnet. Die Pizza schmeckt wie bei uns. Die Rechnung ist auf den Cent genau die gleiche wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden anderen, die hier im Apartment wohnen, ein Mann und eine Frau, sind keine Italiener, wie ich dachte, sondern Albaner, und nicht Mann und Frau, wie ich dachte, sondern Cousin und Cousine. Er ist wegen einer medizinischen Behandlung hier, und sie betreut ihn. Jeden Morgen und jeden Abend bekommt er sein Essen serviert, immer gleich, Tomaten, Salat, K\u00e4se, hartgekochter Eier und Brot. Er isst immer alleine. Sie sieht man nie etwas essen. Sie sprechen kein Italienisch, was wohl ihre etwas wortkargen Antworten bis jetzt erkl\u00e4rt. Allerdings sind sie in den g\u00e4ngigen Gru\u00dfformeln beim Alltagsgespr\u00e4ch so gut, dass ich sie f\u00fcr Italiener gehalten habe. Morgen fliegen sie zur\u00fcck nach Albanien, direkt von Bergamo aus, in anderthalb Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich doch erfahren, was Sant\u2019Alessandro mit Bergamo zu tun hat \u2013 und dass er \u00fcberhaupt was mit Bergamo zu tun hat. Er diente in der r\u00f6mischen Armee, konvertierte zum Christentum und begann zu predigen, zun\u00e4chst in den eigenen Reihen, dann in der ganzen Gegend um Bergamo. Er wurde gefangen genommen und in Mailand in den Kerker gesteckt und aufgefordert, die heidnischen Idole anzubeten. Er weigerte sich und wurde daraufhin hingerichtet, und zwar an der Stelle, an der heute die Kirche <em>Sant\u2019Alessandro in Colonna<\/em> steht, die mit dem Campanile, in der Citt\u00e0 Bassa.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lese ich noch etwas \u00fcber den Turm, in dem die Touristeninformation in der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> untergebracht ist. Ich habe ihn in der Enge der Gasse da oben und wegen der Bauarbeiten nicht richtig beachtet, aber er gilt als so etwas wie das Erkennungszeichen Bergamos. Er stellt so etwas wie den Punkt Null der Stadt da und liegt genau da, wo sich der r\u00f6mische Decumanus mit dem Cardo kreuzte. Daher erkl\u00e4rt sich auch sein Name, <em>Torre Gombito<\/em>, von <em>compitum<\/em>, \u201aKreuzung\u2018: Er stammt aus dem 13. Jahrhundert und war urspr\u00fcnglich Privatbesitz einer Guelfen-Familie und ging dann in st\u00e4dtisches Eigentum \u00fcber. Heute ist er noch 52 Meter hoch, etwas k\u00fcrzer als fr\u00fcher, weil das Obergeschoss irgendwann wegen Einsturzgefahr abgetragen wurde. Man kann ihn besteigen, aber nur im Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name <em>Bergamo<\/em> kommt vom Lateinischen <em>Bergamum<\/em>. So nannten die R\u00f6mer die Stadt. Das war die latinisierte Form des keltischen Namens der Stadt, und der war \u2013 <em>Bergheim<\/em>! <em>Bergamo<\/em> hei\u00dft also <em>Bergheim<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es mit dem Zug nach Brescia. Schon auf dem Bahnsteig werden alle Stationen mit Angabe der Ankunftszeiten angegeben. Der Zug ist modern, sauber und auf die Minute p\u00fcnktlich, auf dem Hinweg wie auf dem R\u00fcckweg. Es gibt Buchsen, an die man sein Handy anschlie\u00dfen kann und eine Steckdose, unter jedem Sitz. Eine Verbindung zum Internet gibt es allerdings nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzelnen Orte, in denen wir halten, sagen mir nichts. Nur einer hat einen renommierten Namen: Cologne.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Einsteigen auf dem R\u00fcckweg frage ich den Mann, der dort sitzt, ob der Platz neben ihm frei sei: \u201eE libero qui?\u201c Er versteht mich, aber wie man es richtig macht, zeigt mir ein Schweizer, der sich kurz darauf zu uns setzt: \u201ePosso?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, wie wir einen Fluss \u00fcberqueren, und dann noch einen. Ich wei\u00df nicht, welche Fl\u00fcsse das sind. Irgendwo habe ich mal von einem Fluss namens <em>Adda<\/em> gelesen. K\u00f6nnte sein, dass diese Fl\u00fcsse aus den Alpen kommen. Die sind nicht weit. Der zweite Fluss, den wir \u00fcberqueren, hat eine Stromschwelle, und da bildet sich ein kleiner, aber rauschender Wasserfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Bergamo ankommen, zeigt sich zaghaft die Sonne. Dann wird es immer sch\u00f6ner, immer heller, immer w\u00e4rmer, so dass ich am Ende sogar drau\u00dfen auf einer Terrasse essen kann. Und das Ende Oktober!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg vom Bahnhof in die Innenstadt ist weiter als in Bergamo, und die Monumente liegen auch etwas weiter auseinander. Unterwegs sehe ich an einem Kiosk <em>Il Giornale di<\/em> <em>Brescia<\/em>, das Pendant zum <em>L\u2019Eco di Bergamo<\/em>. Lokale Tageszeitungen scheinen hier noch nicht ausgedient zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst komme ich auf einen Platz, mit dem ich nichts anfangen kann, gro\u00df, leer, nicht sehr als, mit dem kolossalen Post- und Telegraphenamt an einer der Stirnseiten. Sp\u00e4ter lese ich, dass dies die <em>Piazza della Vittoria<\/em> ist. Faschistische Architektur. Warum kann man damit wenig anfangen?<\/p>\n\n\n\n<p>Im einer modernen Fu\u00dfg\u00e4ngerpassage sto\u00dfe ich auf ein spanisches Lokal, dessen Name gleich angibt, was es dort gibt: <em>100 Montaditos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Innenhof dieser Einkaufspassage h\u00e4ngt ein Nilpferd. Es h\u00e4ngt an B\u00e4ndern und schwebt \u00fcber den Passanten, die hier durchgehen, unter dem Lichthof der Passage. Gut, dass es eine Erkl\u00e4rung dazu gibt. Die Skulptur wurde zur Hochzeit von Corona angebracht. Das Nilpferd, das sind wir selbst. Wir befinden uns in der Schwebe, haben vor\u00fcbergehend den Kontakt zum Boden verloren, h\u00e4ngen f\u00f6rmlich in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die <em>Piazza Paolo VI<\/em>. Schon wieder ein Papst. Er stammte aus der Provinz Brescia.<\/p>\n\n\n\n<p>Der langgestreckte Platz hat an den Endpunkten der L\u00e4ngsachse zwei identische Brunnen. Erinnert mich an einen (ovalen) Platz in Rom, aber ich wei\u00df nicht mehr, welchen. An der L\u00e4ngsseite eine riesige Kirche, wei\u00df, klassizistisch, mit einer Kuppel, von der es hei\u00dft, sie sei die drittgr\u00f6\u00dfte Italiens. Ich kann sie sp\u00e4ter von oben immer wieder sehen. Diese Kirche ist der <em>Duomo Nuovo<\/em>. Man hat \u00fcber 200 Jahre an ihm gearbeitet, von 1605 bis 1825.<\/p>\n\n\n\n<p>Links davon ein \u00e4lteres Geb\u00e4ude mit Turm, aber als ich darauf zusteuere, werde ich von einem Mann mit wild wedelnden Armen aufgehalten. Hier finden Bauarbeiten statt, Durchgang verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite der Kirche steht ein Geb\u00e4ude, kreisrund, aus Backsteinen, das man sofort f\u00fcr ein Burg h\u00e4lt. Aber was macht eine Burg hier unten auf einem solchen Platz? Es stellt sich heraus, es ist keine Burg, sondern der <em>Duomo Vecchio<\/em>. Einen gr\u00f6\u00dferen Kontrast zu dem <em>Duomo Nuovo<\/em> kann man sich nicht vorstellen. Wenn man es wei\u00df, sieht man es auch sofort: Der Bau ist mehrere Meter in die Erde gerutscht, die heutige Eingangst\u00fcr ist sp\u00e4ter angebracht worden, Der Umgang um das Geb\u00e4ude liegt mehrere Meter tiefer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild steht <em>Piazza Paolo VI \u2013 gi\u00e0 Piazza Vecchia<\/em>. Das hat mich fr\u00fcher verwirrt, denn <em>gi\u00e0<\/em> bedeutet hier das Gegenteil von sich selbst. Da kann ich mir ein Photo nicht entgehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich in einem anderen Viertel zu den Ausgrabungen, ein r\u00f6misches Forum, von der Stra\u00dfe aus einzusehen. Beeindruckend, was hier steht, u.a. ein r\u00f6misches Theater und Reste des r\u00f6mischen Forums. Nicht umsonst hat das r\u00f6mische Erbe Brescias den Status eines Weltkulturerbes. Erstaunlich, eie wenig bekannt das ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Ausgrabungsfelds ein Str\u00e4\u00dfchen, das nach oben ins Nichts zu laufen scheint. Wo keiner unterwegs ist. Es hei\u00dft <em>Vicolo Deserto<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es den beschwerlichen Weg zur Burg rauf. Die Sonne steht jetzt im Zenit, und man kann sich an den verschiedenen Ausblicken auf die Stadt und die Berge der Umgebung erfreuen. Von der Burg sieht man nicht allzu viel. Ihre Front blickt auf die Ebene hinaus, von der Stadt weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Runter komme ich auf einem anderen Weg. Der hat es in sich, mit ganz ungleichm\u00e4\u00dfigen Stufen, mit Kies zwischen den senkrecht stehenden Steinen. Sieht sch\u00f6n aus, ist aber ein Balanceakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter unten wird es dann gem\u00fctlicher, und wenn man sich der Stadt n\u00e4hert, geht man \u00fcber gro\u00dfe l\u00e4ngliche Bodenplatten, ganz eben, aber immer noch abw\u00e4rts. In jede Bodenplatte ist eine kleine Bronzeplatte eingelassen, etwa in der Art der Stolpersteine bei uns. Hier erinnert jede Platte, unter Angabe des Namens, des Berufs und des Datums, an ein Opfer des Terrorismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich, wieder in einem anderen Viertel, \u00fcber eine alte Stra\u00dfe, zwischen historischen Geb\u00e4uden, mit modernem Bodenbelag. Alles Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, aber es ist kaum jemand zu unterwegs. Wie \u00fcberall ist alles hier piccobello sauber und gepflegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier befindet sich das <em>Museo di Santa Giulia<\/em>, mit den r\u00f6mischen Funden. Es ist untergebracht in einem ehemaligen Nonnenkloster, mit romanischer Architektur. Von der Stra\u00dfe aus kann man zumindest eine Apsis erkennen. Schon ein kurzer Blick in das Foyer gibt einen Eindruck davon, wie besonders das ist, was es hier zu sehen gibt. Aus dem Titel der Ausstellung ergibt sich, dass <em>Brescia<\/em> in r\u00f6mischer Zeit <em>Brixia<\/em> hie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich durch ein heimeliges Viertel mit unregelm\u00e4\u00dfigen Gassen und kleinen Pl\u00e4tzen und sto\u00dfe dann unverhofft auf noch einen gro\u00dfen Platz, vielleicht den sch\u00f6nsten von Brescia, die <em>Piazza della Loggia<\/em>. Die Arkadengeb\u00e4ude mit den Laubeng\u00e4ngen oben erinnern an Venedig. An einer Stirnseite der sch\u00f6ne <em>Palazzo della Loggia<\/em>, elegant, zweist\u00f6ckig, auf Arkaden, mit einem besonderen Dach, das wie aus der Zeit des Jugendstils wirkt. Das Geb\u00e4ude ist stammt aber vom Ende des 15. Jahrhunderts und ist pure Renaissance.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke des Platzes steht eine wei\u00dfe Figur, die wie ein Engel aussieht, aber die siegreiche Italia darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Arkaden an der dem Palazzo della Loggia gegen\u00fcberliegenden Seite ein Monument an die Opfer einer terroristischen Attacke, die hier 1974 acht Todesopfer forderte und Verheerungen an den Geb\u00e4uden anstellte. Eine Bombe explodierte ausgerechnet, als hier gerade eine Demonstration gegen den rechten Terrorismus stattfand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Arkaden h\u00e4ngt eine wunderbare, verzierte astromische Uhr (XVI) Uhr, mit einem einzigen Zeiger mit einer vergoldeten Kugel, die auf die 24 r\u00f6mischen Ziffern auf dem Zifferblatt weist. Konzentrisch ordnen sich innerhalb des Zifferblatts verschiedene gemalte Szenen an und ein Fries mit den Tierkreiszeichen, einem Fries mit Verzierungen sowie dem Mond, dessen aktuelle Phase angezeigt wird. Die Sonne ist auf dem Zeiger angebracht. \u00dcber der Uhr thronen zwei Figuren, <em>i macc de le ure<\/em> genannt, die bei voller Stunde die Glocke schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Beine werden m\u00fcde, aber tragen mich noch sehr bereitwillig zur\u00fcck auf die <em>Piazza Paolo VI. <\/em>Dort habe ich vorher einen Kellner angesprochen. Ja, sie h\u00e4tten durchgehend ge\u00f6ffnet und nein, die <em>Gnochetti con stracciatella<\/em> seien nicht s\u00fc\u00df \u2013 er muss versuchen, nicht zu lachen \u2013 sondern <em>stracciatella<\/em> bezeichne hier einfach einen K\u00e4se. Ich bestelle das Gericht, und dazu empfiehlt er mir einen Wein vom Gardasee \u2013 gibt es Wein am Gardasee oder habe ich da was falsch verstanden? \u2013 der ausgezeichnet schmeckt. Ich genie\u00dfe die Sonne, das Essen, den Platz. Das alles hat hier verst\u00e4ndlicherweise seinen Preis, aber es lohnt sich. Zum ersten Mal auf dieser Reise werden hier auch nach altbew\u00e4hrter italienischer Art <em>Pane<\/em> e c<em>operto<\/em> berechnet: 3 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bergamo gehe ich den Gro\u00dfteil der Strecke zu Fu\u00df, denn im Bus ist es wieder sehr stickig. Dabei komme ich an einer Metzgerei vorbei und an einer Tankstelle. Das Benzin kostet 1,79. Ist das viel? Mehr als bei uns? Auf dem Gesch\u00e4ftsschild der Metzgerei steht <em>Carni e salumi equini<\/em>. Ein Pferdemetzger.<\/p>\n\n\n\n<p>28. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Albaner hier im Apartment machen sich fertig zur Abreise. Der Mann tr\u00e4gt zum ersten Mal keine M\u00fctze. Sein Kopf ist kahl. Es muss wohl eine Krebsbehandlung sein, wegen der er hier ist. Die Frau wird gespr\u00e4chig, als ich sie frage, ob sie sich auf die R\u00fcckkehr freue. Oh ja, unendlich, sie habe die Heimat vermisst. Schon seit zwei Monaten ist sie mit ihrem Cousin unterwegs. Wie es komme, dass ich sie nie essen sehe, frage ich. Ach, sie habe lieber einen Kaffee und ein Croissant. Sie isst also wohl ausw\u00e4rts. Aber am Abend habe ich sie noch nie rausgehen sehen. Die M\u00e4nner in Albanien h\u00e4tten es gut, bemerke ich, ihr Cousin bekomme ja immer alles auf dem Tablett serviert. Ja, das findet sie auch. Und muss lachen. Was sollen wir machen? Dann sind sie weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur <em>Academia Carrara<\/em>, dem Kunstmuseum. Dabei komme ich durch ein bisher ganz unbekanntes Viertel. Ich passiere die Piazza della Vittoria. Wieder ein riesiges Post- und Telegraphenamt, wieder faschistische Architektur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die <em>Academia Carrara<\/em>. Hier frage ich nur, ob sie am Montag ge\u00f6ffnet haben. Ja, haben sie. Dann kann ich bis Montag warten und am Wochenende die Museen ansehen, die nur jetzt ge\u00f6ffnet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise ist gleich neben der <em>Academia Carrara<\/em> der Aufstieg \u00fcber eine der Treppen, f\u00fcr die im Reisef\u00fchrer geworben wird. Davon gibt es ein knappes Dutzend. Diese sind die <em>Scalette della Noca<\/em>. Die ist breit und lang und hat einen flachen Aufstieg. Aber wenn man oben ist, ist man doch au\u00dfer Atem.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen steht man direkt vor dem Stadttor, der <em>Porta San Giacomo<\/em>. Denke ich. Stimmt aber nicht. Es ist die <em>Porta San Agostino<\/em>, der anderen zum Verwechseln \u00e4hnlich sehend. Aber ich bin in einem ganz anderen Teil der Stadt, viel weiter von dem Kern der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> entfernt. Die liegt ganz weit oben und ein ganzes St\u00fcck weiter hinten, hinter einer Ebene. Hier kann man sehen, wie gro\u00df die <em>Citt\u00e0 Alta<\/em> ist. Das t\u00e4uscht, wenn man sich nur oben bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hinter der Porta liegt die Kirche der ehemaligen Augustinerkirche (XIII), mit einer sch\u00f6nen Fassade. Sie wurde unter Napoleon entweiht, wurde Kaserne und dann Gef\u00e4ngnis. Dann wurde sie lange nicht genutzt und schlie\u00dflich zur Festaula der Universit\u00e4t gemacht. Drinnen spielt sich auch gerade in diesem Moment eine Zeremonie ab, und die Tore werden verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter bergauf, die <em>Via Porta Dipinta<\/em> hinauf. aber mit sanftem Anstieg. Der Weg endet auf der <em>Piazza delle<\/em> <em>Scarpe<\/em>, genauso wie der von der <em>Porta San Giacomo<\/em> aus. Hier mache ich erst einmal eine Kaffeepause. Heute ist es hier oben noch voller als sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Toiletten in dieser Region sind sauber und funktional, aber es gibt immer viel zu wenige, meist nur eine f\u00fcr M\u00e4nner und eine f\u00fcr Frauen. Hier ist es noch schlechter. Es gibt \u00fcberhaupt nur eine, und entsprechend ist die Schlange. Zu allem \u00dcbel ist die Toilette nicht sonderlich sauber, und es gibt kein Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe den schon vertrauten Weg zur <em>Piazza Vecchia<\/em> und kaufe unterwegs Postkarten und Briefmarken. Es herrscht zwar kein Gedr\u00e4nge, aber man muss sich so zwischen den vielen Besuchern hindurchwinden. Das Wochenende ist gekommen, und das Wetter ist passabel, nicht sehr sonnig, aber m\u00e4\u00dfig warm und trocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Palazzo del Podest\u00e0<\/em> sehe ich wieder ein Schild, das mir dieser Tage schon aufgefallen ist: <em>Universit\u00e0 degli Studi di Bergamo<\/em>. Hier oben soll eine Universit\u00e4t sein? Kann man sich kaum vorstellen. Stimmt auch nicht. Hier hat lediglich 1968 die Sitzung stattgefunden, bei der die Stadt, die Provinz und die Handelskammer sich auf die Gr\u00fcndung einer Universit\u00e4t geeinigt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier befindet sich auch das historische Museum, das ich mir ansehen will. Vorher aber geht es die <em>Torre Civica<\/em> rauf, die Teil des Geb\u00e4udes ist. Wieder geht es rauf, wenn auch diesmal \u00fcber Stufen. Es ist ein ganz ordentlicher Aufstieg. Vern\u00fcnftige Leute fahren mit dem Aufzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Aufstieg lohnt sich. Man hat auf zwei verschiedenen Stufen den Blick in drei Richtungen. Vor allem die Piazza Vecchia sieht man von hier ganz anders als von unten. Das sch\u00f6ne Dachgeschoss und den Turm von Santa Maria Maggiore sieht man von unten nicht, und jetzt sehe ich \u00fcberhaupt zum ersten Mal, wie die Kirche ausgerichtet ist. Weiter links sieht man die goldene Statur Alessandros, fast auf gleicher H\u00f6he. Auch die kann man von unten nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite sieht man die D\u00e4cher der H\u00e4user der Altstadt und blickt auf die Ausl\u00e4ufer der Alpen in der Ferne. Davor das <em>Valle Brebana<\/em>, nach dem <em>Brembo<\/em> benannt. Das k\u00f6nnte der Fluss sein, den ich auf dem R\u00fcckweg von Brescia gesehen habe. Von hier aus sieht man auch den Palazza Nuovo in seiner G\u00e4nze, und weiter hinten La Roca. Runter geht es dann mit dem Aufzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten ist ein Ausgrabungsfeld, 2-3 Meter tiefer gelegen. Man geht auf einem Steg dar\u00fcber und kann die Konturen mit Hilfe der Erkl\u00e4rungen ganz gut erkennen. Die Ausgrabungen stammen aus der r\u00f6mischen Zeit. Man sieht Kan\u00e4le, eine Taverne, eine Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Ausgrabungen ist man auf Reste aus der Zeit der r\u00f6mischen Republik, der r\u00f6mischen Kaiserzeit und der keltischen Epoche davor gesto\u00dfen. Die Kelten, Golasecchiani, hatten guten Grund, sich hier niederzulassen. Die Lage des Ortes, zwischen T\u00e4lern, Bergen und Ebenen, erlaubten Landwirtschaft, Bergbau und Viehzucht. Es wurden erstaunliche Eingriffe in die Natur gemacht, mit Nivellierungen, Terrassenanbau, Mauern und H\u00e4usern aus Holz und sogar aus Stein. Ab dem 4. Jahrhundert v.Chr. begann ein allm\u00e4hlicher Niedergang, \u00fcber dessen Gr\u00fcnde nichts gesagt wird. Als die R\u00f6mer im 2. Jahrhundert v.Chr. ankamen, waren nur noch Reste der Siedlung erhalten. Eine richtige Stadt erbauten die R\u00f6mer aber erst in der Kaiserzeit. Das Vorhandensein der keltischen Siedlung erkl\u00e4rt vielleicht die Lage der r\u00f6mischen Stadt, hier oben auf dem Berg. Sonst haben die R\u00f6mer immer die Ebene bevorzugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, das <em>Museo del Cinquecento<\/em>, hat kein einziges Ausstellungsst\u00fcck. Es ist eine reine Mediashow, aber ganz gut gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Raum handelt von dem Viertel Sant\u2019Alessandro. Dort fand, um den Jahrestag des Stadtpatrons Ende August herum, der Jahrmarkt statt. Das muss ein f\u00fcr uns kaum vorstellbares Erlebnis gewesen sein: fremde Stimmen, fremde Sprache, fremde Kleidung, unbekannte oder erlesene Waren: Stoffe, Schmuck, H\u00fcte, Waren, Eisenwerkzeuge, Kr\u00e4uter, Fette. Virtuell nachgestellt, ganz dramatisch, wird ein Feuer, das einmal auf diesen Jahrmarkt ausgebrochen ist. Von Bude zu Bude (<em>bottega<\/em>) breitete sich das Feuer aus, und in anderthalb Stunden war alles hin\u00fcber. Genau erfasst sind die Verluste, die jeder der H\u00e4ndler hatte, in zwei W\u00e4hrungseinheiten, <em>scudi<\/em> und <em>docati<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Raum geht es um die Ankunft des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Hier sieht man ein virtuelles Exemplar der ersten italienischen Bibel\u00fcbersetzung, beeinflusst von der Reformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab Sch\u00f6ne Literatur, Unterhaltung, Erziehung, Justiz, Handel, Freizeit, Lebensf\u00fchrung, ein viel breiterer F\u00e4cher von Themen als vorher. Auch suspekte Texte kamen so in den Umlauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekommt man Einblick in eine Apotheke, ein Ort, der sich ganz und gar von einer modernen Apotheke unterscheidet, nicht nur dadurch, dass Arzneien erst vor Ort gemischt wurden, auch durch das Warenangebot: Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelke, Rosenwasser, Tabak, Kakao. Neben diesen exotischen Waren gab es auch Wachs und Pigmente. Man kann dem Apotheker hier bei der Arbeit sozusagen zusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch elektronische Karten der Stadt vom Ende des 15. Jahrhunderts. Man gut sehen, wo sich die Stadttore befanden und wo die M\u00e4rkte. Es gab einen Fischmarkt, einen Heumarkt, einen Schuhmarkt (auf der <em>Piazza delle Scarpe<\/em>, meinem st\u00e4ndigen Anlaufpunkt in der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>), einen Viehmarkt, einen Holzmarkt und einen Stoffmarkt und, ein ganz klein wenig abseits, aber in kurzer Entfernung gelegen, ein Freudenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg, und da das Wetter ganz sch\u00f6n ist, gehe ich diesmal den ganzen Weg zu Fu\u00df. An einem Kiosk kaufe ich ein Exemplar des <em>L\u2019Eco di Bergamo<\/em>. 1,50 \u20acEs gibt einen l\u00e4ngeren Artikel \u00fcber den Papst, einen l\u00e4ngeren Artikel \u00fcber den Bischof und eine gr\u00f6\u00dfere Beilage mit einem vom Papst ver\u00f6ffentlichten Text. Sp\u00e4ter lese ich, dass die Kurie bei der Gr\u00fcndung oder bei der Leitung der Zeitung die Hand im Spiel hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer den Nachrichten \u00fcber die gro\u00dfe weite Welt, die man besser nicht liest, will man nicht der Verzweiflung anheimfallen, gibt es ein paar interessante Kurznachrichten: Die Zahl der Covid-F\u00e4lle ist im Vergleich zum Vormonat zur\u00fcckgegangen, ein Netzwerk von Versicherungsbetr\u00fcgern im Internet ist aufgeflogen, die Stimmung unter den Bewohnern und Unternehmern der Provinz ist so schlecht wie lange nicht mehr, aus Island kommt die Nachricht von einem neuen Medikament gegen Migr\u00e4ne, starke Niederschl\u00e4ge haben in der Provinz einen Erdrutsch verursacht und eine Provinzstra\u00dfe unpassierbar gemacht, in Rom hat ein aus dem oberen Stock eines Hauses herunterst\u00fcrzender Rottweiler eine schwangere Passantin verletzt. Bei den Todesanzeigen ist die j\u00fcngste der Betrauerten 74 und die \u00e4lteste 96.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei vielen Artikeln muss ich passen, da reichen meine Sprachkenntnisse nicht. Bei dem Artikel \u00fcber die Rentenerh\u00f6hung h\u00e4ngt alles an einem Wort, das immer wieder vorkommt: <em>conguaglio<\/em>. Die \u00dcbersetzungen, die man im Internet findet, helfen nicht. Jedenfalls scheint es so zu sein, dass die Renten jeweils der Inflationsrate angepasst werden, und da die im vergangenen Jahr doch etwas h\u00f6her war als die Rentenerh\u00f6hung, gibt es jetzt noch einen Nachschlag von 1%.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bleibe in dem Lokal h\u00e4ngen, wo ich dieser Tage eine Kellnerin spanischen G\u00e4sten die Speisekarte erkl\u00e4rte. Auch heute spricht sie Spanisch, mit G\u00e4sten aus Malaga, die hinter mir sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich bedient eine andere Kellnerin. Sie fragt auf Englisch, ich antworte auf Italienisch. Dann schwenkt sie auf Italienisch \u00fcber, aber jedes Mal, wenn sie wiederkommt, spricht sie Englisch mit mir. Sie hat mich inzwischen gefragt, woher ich k\u00e4me und warum ich Italienisch lerne und hat einen freundlichen Kommentar gemacht, aber besser w\u00e4re es, wenn sie einfach Italienisch mit mir sprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle Pasta und dann eine gef\u00fcllte Paprika. Die Pasta ist gut, die Paprika sehr gut. Das Gem\u00fcse, das es dazu gibt, schmeckt nach nichts. Da muss man mit Salz, Pfeffer und Oliven\u00f6l nachhelfen. Die werden ungefragt bereitgestellt. Dazu gibt es Bier vom Fass. 5 Euro pro Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Lokal aus gehe ich zu Fu\u00df nach Hause, um das Essen sacken zu lassen, und gehe kurz in den Aldi.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Aldi gibt es tschechisches, d\u00e4nisches, spanisches, deutsches, mexikanisches, holl\u00e4ndisches und belgisches Bier, aber das italienische muss man mit der Lupe suchen. Der Aldi hat auch morgen ge\u00f6ffnet, mit den ganz normalen gener\u00f6sen \u00d6ffnungszeiten des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, sind alle meine Sachen aus dem K\u00fchlschrank futsch, Tomaten, K\u00e4se, Milch, Salat, W\u00fcrstchen. Die Putzfrau hat gr\u00fcndlich aufger\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag kommt sie dann und bringt mir die Sachen zur\u00fcck. Will unbedingt, dass ich auch von den Sachen der Albaner war nehme. Sie entschuldigt sich tausendmal und tut mir fast leid. Ihr Italienisch ist ziemlich begrenzt, sie ist erst ein Jahr hier, auf den Spuren ihrer Tochter, die schon seit ein paar Jahren hier ist. F\u00fcr jede Information brauchen wir drei Anl\u00e4ufe, aber am Ende versteht sie meine Frage und erkl\u00e4rt, sie sei auch aus Albanien. Und Deutschland f\u00e4nde sie ganz wunderbar. Dabei kreuzt sie die Arme vor der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Erst aus der Heimat erfahre ich, dass heute Nacht die Uhr umgestellt worden ist. Eine Stunde zus\u00e4tzlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum hei\u00dft das Stracciatella eigentlich <em>Stracciatella<\/em>? Auf die Frage bin ich auch nicht selbst gekommen. Dabei ist sie so naheliegend. Ich habe eine vage Ahnung, dass <em>stracciare<\/em> etwas mit Streifen zu tun hat, stimmt aber nicht. Es hei\u00dft \u201azerfetzen\u2018, \u201azerrei\u00dfen\u2018. Stracciatella ist, wie ich inzwischen erfahren habe, nicht nur eine Eissorte, sondern auch eine K\u00e4sesorte und, wie ich jetzt erfahre, auch noch eine Suppe. Was wird bei den verschiedenen Speisen \u201ezerrissen\u201c? Beim Eis ist es die erkaltete Schokolade, die zerbrochen wird. Bei dem K\u00e4se wird die Masse zerst\u00fcckelt und reift dann in der Molke. Bei der Suppe ist es das zerschlagene Ei, das beim R\u00fchren Fetzen bildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter zeigt sich gemischt. Die Stra\u00dfe ist nass, der Himmel bew\u00f6lkt, aber hinten kommt die Sonne heraus. Danach wechselt den ganzen Tag der Nieselregen mit trockenen Phasen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestelle ein Info-Point des Tourismusb\u00fcros, elektronisch. Gute Idee, man braucht nur den Bildschirm ber\u00fchren und bekommt sofort ein ganzes Menu. So kann man sich die Wartezeiten verk\u00fcrzen. Nur: Sobald man einen Unterpunkt aktiviert, muss man den QR-Code kopieren. Ohne den geht gar nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Bus steigt eine alte Frau ein, winzig klein, tief zerfurchtes Gesicht. Auf dem Kopf hat sie ein Drittel wei\u00dfes Haar, ein Drittel Glatze, ein Drittel blaues Haar.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Innenstadt ist viel Betrieb. Die Leute sind in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone unterwegs, gehen einkaufen oder einfach flanieren oder Kaffee trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kette, auf deren Filialen man immer wieder st\u00f6\u00dft, hei\u00dft <em>Kasanova<\/em>. Sie macht sich die w\u00f6rtliche Bedeutung des Wortes zu Nutze, <em>casa nova<\/em>, \u201aneues Haus\u2018. Hier gibt es Haushaltswaren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Routenplaner schickt mich zum Geburtshaus von Donizetti wieder eine Treppe rauf, dann geht es auf einer schmalen Gasse weiter, immer bergauf, bis zum Forte San Domenico, und dann \u00fcber eine asphaltierte Stra\u00dfe, direkt an der Stadtmauer entlang, die sich rechts hoch auft\u00fcrmt. Obwohl es gerade mal zweieinhalb Kilometer vom Zentrum sind, ist dies der anstrengendste Aufstieg bisher, immer steil rauf. Der Routenplaner z\u00e4hlt mit provozierender Langsamkeit: 400 Meter \u2026 350 Meter \u2026 \u2026 300 Meter \u2026 \u2026 \u2026 250 Meter. Bin froh, als ich oben ankomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Donizettis Geburtshaus ist in der <em>Via Borgo Canale<\/em>, gerade au\u00dferhalb der Stadtmauern in der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>. In dieser Ecke bin ich noch gar nicht gewesen. Das Museum hat nur sonntags ge\u00f6ffnet. Die freundliche junge Frau an der Rezeption erkl\u00e4rt mir, in welcher Reihenfolge man das Museum besichtigt und nimmt mir bescheidene 3 Euro f\u00fcr den Eintritt ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Museum gibt es so gut wie keine originellen Ausstellungsst\u00fccke. Wo sind die nur alle abgeblieben? Aber die Erkl\u00e4rungen sind gut. Wie das Leben damals war, davon bekommt man nur im Souterrain eine Vorstellung, da, wo die Familie Donizetti tats\u00e4chlich wohnte, in zwei Zimmern mit sieben Personen. Es gab nur ein Schlafzimmer f\u00fcr alle und eine K\u00fcche. In der K\u00fcche gibt es einen Ofen mit Rauchfang. Das Schlafzimmer ist nach meiner Sch\u00e4tzung etwa 6&#215;4 Meter gro\u00df, die K\u00fcche \u00e4hnlich. Im Flur gibt es zwei R\u00e4ume, die man mit den Bewohnern der oberen Stockwerke teilte, f\u00fcr die Lagerung von Brennholz und f\u00fcr die Versorgung mit Wasser mittels eines Brunnens. Auch der Lokus drau\u00dfen war eine Gemeinschaftsangelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als j\u00fcngstes der f\u00fcnf Geschwister wuchs Donizetti hier, im Armenviertel Bergamos, als Sohn eines Textilarbeiters und seiner Frau auf. Wenig sprach daf\u00fcr, dass er dieser Welt eines Tages entkommen w\u00fcrde, nichts sprach daf\u00fcr, dass er eines Tages ein ber\u00fchmter Komponist werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam Mayrs Musikschule. Au\u00dfer ihm bewarb sich auch sein \u00e4lterer Bruder Giuseppe dort, aber der wurde abgelehnt. Er verfolgte aber auch eine musikalische Karriere, diente als Fl\u00f6tist f\u00fcr Napoleon und folgte ihm sogar nach Elba. Er wurde dann vom Sultan, Mahmud II., nach Konstantinopel geholt, um dort die europ\u00e4ische Musik bekannt zu machen. Er blieb das ganze Leben dort und wurde von Mhamuds Nachfolger sogar zum Pascha gemacht. In einem Brief an seinen Vater schrieb er, er freue sich, zu h\u00f6ren, dass sein Bruder Geatano <em>matto per la musica<\/em>, verr\u00fcckt nach Musik sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaetano erlangte zu Ber\u00fchmtheit 1822 in Rom beim Karneval. Danach bekam er Engagements in Neapel und Mailand, und dann eine feste Stelle in Neapel. Hier schrieb er <em>L\u2019elisir d\u2019amore<\/em>, <em>Anna Bolena<\/em>, <em>Lucrezia Borgia<\/em>, <em>Maria Stuart<\/em>, <em>Lucia di Lammermoor<\/em>. Er hatte wohl ein Faible f\u00fcr historische Frauenfiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte auch ein gro\u00dfes zeichnerisches Talent, und eine Zeitlang sah es so aus, als w\u00fcrde das sein beruflicher Weg werden. Aber er blieb der Musik treu und spielte fortan sein visuelles Talent in exakten Anweisungen f\u00fcr Regie und B\u00fchnenbild aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich hatte er gro\u00dfes Leid zu ertragen. 1837 starb seine Frau im Kindbett, und das Kind \u00fcberlebte auch nicht. Schon vorher hatten sie zwei Kinder verloren, eins durch eine Todgeburt, eins \u00fcberlebte nur wenige Tage. Donizetti war verzweifelt, fragte sich, was er alleine noch auf der Welt solle. Er st\u00fcrzte sich in die Arbeit und \u00fcbersiedelte dann, nachdem ihm er in Neapel auch mit einer Initiative auf taube Ohren gesto\u00dfen war, nach Paris. Und komponierte f\u00fcr die B\u00fchnen in Paris und Wien. Er pendelt zwischen Paris, Wien und Bergamo hin und her.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon 1843 gab es Anzeichen einer Gehirnerkrankung, und 1846 wurde er in ein Irrenhaus eingewiesen, im franz\u00f6sischen Ivry-Sur-Seine. Von dort holte ihn Francesco, ein weiterer Bruder, nach Bergamo zur\u00fcck, wo er 1848 im Alter von 51 Jahren starb. \u00dcber die Krankheit und deren Symptome wird hier nichts verraten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Raum des Museums wird der Lebensweg von Mayr nachgezeichnet. Der hatte es einfacher als Donizetti. Er kam aus einer Musikerfamilie. Sein Vater, sein Gro\u00dfvater und sein Onkel waren allesamt Organisten. Er machte eine internationale Karriere und galt zu seiner Zeit als einer der ber\u00fchmtesten Komponisten \u00fcberhaupt. Ich hatte den Namen noch nie geh\u00f6rt. In Bergamo fand er seine Heimat und konnte es sich leisten, Rufe nach Rom, Mailand, Venedig und Dresden abzulehnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der oberen Etage gibt es eine Photowand mit dem Theater von Bergamo und einer genauen Beschreibung der Einzelheiten. Davor stehen Kost\u00fcme von S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern mit historischen Rollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater von Bergamo geht zur\u00fcck auf die Initiative eines einheimischen Textilfabrikanten. Der begann damit, dass er 1784 illegal auf das Grundst\u00fcck, auf dem im Sommer immer das mobile Theater errichtet wurde, Steinbl\u00f6cke und Pfeiler verfrachtete und aufbaute. Es gab ein jahrelanges Tauziehen mit der Gemeinde, die aber am Ende nachgab. &nbsp;Das Theater wurde vollendet, wurde aber 1797 durch ein Feuer vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Der M\u00e4zen machte sich sofort an den Wiederaufbau und vergr\u00f6\u00dferte das Forum dabei auf 2.000 Zuschauer. Dann machte er Bankrott, das Theater wurde versteigert, die Erben ersteigerten es, und dann ging es schlie\u00dflich an die Gemeinde. Zum hundertsten Geburtstag des Komponisten wurde es dann in <em>Teatro Donizetti<\/em> umbenannt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder drau\u00dfen, sto\u00dfe ich gleich an der Ecke auf ein modernes Caf\u00e9 in einer alten Villa. Ich bestelle meinen Cappuccino und komme mit dem freundlichen Wirt ins Gespr\u00e4ch, \u00fcber Donizetti und das Reisen und Brescia.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nebenan ist die Station des <em>Funicolare San Vigilio<\/em>, und da ich schon genug gelaufen bin, steige ich ein. Aber sie f\u00e4hrt in die falsche Richtung, rauf statt runter. Egal, ist umsonst, wird mitgenommen. Oben komme ich in einem v\u00f6llig unbekannten Viertel der Altstadt an. Jetzt geht es wieder runter, zu Fu\u00df. Von hier aus blickt man in die Ferne und sieht, wie gro\u00df die Ebene ist, die die Kelten veranlasst hat, sich hier niederzulassen. Man sieht auch, wie gro\u00df die Citt\u00e0 Alta ist, denn Santa Maria Maggiore sieht man in guter Entfernung auf dem Nachbarh\u00fcgel. Wieder komme ich an San Vigilio vorbei, und immer weiter geht es runter. Ich passiere ein weiteres Stadttor, die Porta San Lorenzo. Ihren Namen hat sie von einer ehemaligen Kirche, die hier stand, aber den Verteidigungsanlagen weichen musste. Dieses Stadttor wurde sp\u00e4ter geschlossen, weil es bauf\u00e4llig war. Die Anwohner protestierten, denn sie mussten jetzt weite Umwege machen, um in die Stadt zu kommen. Daraufhin wurde das Stadttor wiederhergerichtet. Man kann die Bauarbeiten gut erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht noch weiter runter und dann komme ich unten an, in einem unbekannten Viertel. Der Blick auf die vor mir liegenden, halb in den Wolken verschwindenden Berge hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig sto\u00dfe ich auf eine Haltestelle, an der die 9 abf\u00e4hrt. Gl\u00fcck gehabt. Beim Blick auf den Fahrplan bin ich wieder mal leicht verwirrt wegen <em>feriale<\/em> und <em>festivo<\/em>. H\u00f6ren sich beide nach <em>Feiertag<\/em> an. Ich brauch nur zehn Minuten zu warten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Haltestelle wartet ein Mann mit Gehstock und Stockschirm. Das scheint gut zu gehen wie mit zwei St\u00f6cken. Allerdings hat er einen Rucksack um und eine Tasche umgeschnallt. Ich habe mal gelesen, dass der Erfinder des Knirpses ein Mann war, der einen Gehstock benutzte und den Knirps erfand, damit er die andere Hand frei hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe es mir im Bus bequem gemacht und achte gar nicht darauf, dass der an der <em>Porta<\/em> <em>Nuova<\/em> anders abgebogen ist, zum Bahnhof hin. Dann merke ich es, steige aus und gehe zur\u00fcck zur <em>Porta Nuova<\/em>. Da muss ich aber feststellen, dass die 9 sonntags gar nicht in diese Richtung f\u00e4hrt und die 8 erst in einer Stunde wieder kommt. Die muss gerade abgefahren sein. Also geht es zu Fu\u00df nach Hause. Als ich den ersten halben Kilometer hinter mir habe, f\u00e4hrt die versp\u00e4tete 8 an mir vorbei. Egal, es regnet nicht mehr, und so komme ich heute auch auf eine ordentliche Anzahl von Schritten. Und zu Hause wartet das italienische Bier aus dem Aldi.<\/p>\n\n\n\n<p>30. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern sind zwei neue G\u00e4ste gekommen, zwei Italiener. Sie sind am Abend ausgegangen und kommen erst sp\u00e4t zur\u00fcck. In der Nacht lassen sie das Licht im Flur, in der K\u00fcche und im Wohnzimmer brennen. Ich mache es aus, und als ich das n\u00e4chste Mal aufstehe, sind alle wieder an. Heute, als ich aus der Stadt zur\u00fcckkomme, sind sie schon wieder abgereist. Wieder brennen alle drei Lampen. Sie scheinen ein entspanntes Verh\u00e4ltnis zum Stromverbrauch zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Gl\u00fcck: Es hat die ganze Nacht geregnet, aber als ich mich auf den Weg zum Museum mache, hat es aufgeh\u00f6rt, zu regnen, und ich komme trockenen Fu\u00dfes an. Dann habe ich nochmal Gl\u00fcck: Als ich im Museum bin, regnet es, aber als ich rauskomme, h\u00f6rt es gerade auf. Dann habe ich aber mein Gl\u00fcck aufgebraucht. Wieder in der Stadt, f\u00e4ngt es an zu regnen, und dann h\u00f6rt es auch gar nicht mehr auf. Es ist der bisher wohl tr\u00fcbste Tag in Bergamo.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum mache ich Halt in einem Caf\u00e9. Dort gibt es ein bisschen Kakao oben auf den Cappuccino drauf, den besten, den ich bisher hier getrunken habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Academia Carrara<\/em> ist ein renommiertes Gem\u00e4ldemuseum, untergebracht in einem sehr musealen Geb\u00e4ude, mit einer Fassade, die zwischen Barock und Klassizismus oszilliert. Der Bau ist, wie eine Inschrift auf der Fassade verr\u00e4t, von 1810.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine originelle Sonderausstellung, in der sich alles um das Thema Theater dreht, aber ich sehe mir die Dauerausstellung an. Mit 8 Euro bin ich dabei \u2013 trotz Rabatt der bisher teuerste Eintritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung deckt die Sp\u00e4tgotik und die Renaissance ab, und fast alle Maler sind Italiener.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los mit einer anonymen Kreuzigung aus Siena (1310). Wie Florenz war Siena bekannt f\u00fcr Tafelbilder der Sp\u00e4tgotik und den eleganten, sch\u00f6nen, ausdrucksvollen Darstellungen. Nur hielt der Trend in Siena l\u00e4nger an, in Florenz vollzog sich eher die Entwicklung zu einer realistischen Darstellung unter der Beachtung der Perspektive, wie sie f\u00fcr die Renaissance charakteristisch wurde. Hier in der Kreuzigungsszene haben wir einen schr\u00e4g am Kreuz h\u00e4ngenden Christus mit bleicher Haut zwischen den in langen Gew\u00e4ndern gekleideten Johannes und Maria, sie in Gr\u00fcn-Rot, er in Rot-Gr\u00fcn. Ihre Trauergesten sind sehr unterschiedlich, aber beide etwas theatralisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Bild, ein Bild von Piselli (1450), bei dem man, obwohl \u00fcbermalt, noch ein Schl\u00fcsselloch erkennen kann. Solche Bilder waren f\u00fcr die Abdeckung von Truhen gemacht, in der Regel Truhen, in denen die Mitgift aufbewahrt wurde. Dazu wurde ein passendes Thema gew\u00e4hlt, die Geschichte von Griselda, von Boccaccio erz\u00e4hlt. Griselda wurde von ihrem k\u00fcnftigen Ehemann auf ziemlich harte Weise auf die Probe gestellt, um ihre Treue zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie bestand den Test. Deutlich zu erkennen ist der Kontrast zu dem ersten Bild in der Malweise. Hier erh\u00e4lt die Perspektive in der S\u00e4ulenhalle und in den K\u00f6rpern der davorstehenden Hunde Eingang in die Malerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein ganz ungew\u00f6hnliches Ausstellungsst\u00fcck, eine Sammlung von Tarok-Karten, 21 von insgesamt 56. Sie zeigen entweder Symbole wie Dukaten, Schwerter, Speere und Pokale oder Figuren: Frauen mit einer Mondsichel oder einem Stern in der Hand, androgyne H\u00f6flinge und langhaarige blonde Frauen mit Schwertern und auf dem Pferder\u00fccken. Man fragt sich, was sie wohl zu bedeuten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das einzige Bild der Sammlung, das nicht von einem italienischen, jedenfalls nicht aus Italien stammenden Malers stammt, eines Malers, dessen Name seine Herkunft verr\u00e4t: Giovanni d\u2019Alemagna (nicht <em>della Germania<\/em>!). Es zeigt die Hinrichtung von Sant\u2019Appolonia. Sie liegt am Boden, der Scharfrichter h\u00e4lt ihr das Messer an den Hals, ein strenger Richter mir hohem Hut sitzt auf dem Sockel einer S\u00e4ule, umgeben von Beamten und Zuschauern. Von oben auf der Treppe, gucken zwei Betrachter heimlich zu, und ein Kind versteckt sich hinter der S\u00e4ule, halb neugierig, halb ver\u00e4ngstigt dahinter hervorguckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Bild von Mantegna. Der kam schon in jungen Jahren in die Werkstatt Donatellos in Padua, der ihn sehr beeinflusste. Auch seine Beziehung zu seinem Schwager Bellini war wichtig f\u00fcr ihr. Er wurde dann sp\u00e4ter Hofmaler bei den Gonzaga in Mantua. Gro\u00df im Mittelpunkt des Bildes eine Madonna mit einem zahnenden Jesuskind, das sich an die Mutter klammert. Die sieht in liebevoll an. Hier steht die Beziehung im Vordergrund, das Bild ist kaum als sakrales Bild zu erkennen. F\u00fcr die besondere Technik Mantegnas, hei\u00dft es, war die Tempera verantwortlich, auf einer Mischung von Pigmenten mit Eigelb beruhend. &nbsp;Das erkl\u00e4rt den fast durchsichtig schimmernden Umhang der Madonna.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Bellini mit einem Christus zwischen Maria und Johannes, in Halbk\u00f6rperdarstellung. Der wei\u00dfe wei\u00dfer K\u00f6rper Christi mit geschlossenen Augen zwischen Maria und Johannes, mit unterschiedlichen Trauergesten. Es gibt keinen Hintergrund, nur die Figuren z\u00e4hlen. Das Bild erinnert an die fr\u00fche Darstellung aus Siena, k\u00f6nnte aber unterschiedlich gar nicht sein. Der gew\u00e4hlte Ausschnitt der Figuren ist viel kleiner als bei dem Gem\u00e4lde aus Siena, und die Figuren sind ganz nahe an Christus, schmiegen sich beinahe an ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem folgenden Bild, einer Geburt Mariens von Carpaccio (1502), gibt es immer neue Details zu entdecken, je l\u00e4nger man hinschaut. Die Geburt findet nicht in Pal\u00e4stina statt, sondern in einem venezianischen Herrenhaus mit Holzbalkendecke und gefliestem Boden. Auf das biblische Thema weist eine Wandtafel auf Hebr\u00e4isch hin, vor der sich gerade ein Vorhang \u00f6ffnet. Auf einem Wandregal stehen Leuchter, Dosen und Vase, und \u00fcber dem M\u00e4uerchen im Vordergrund h\u00e4ngt ein gewebter L\u00e4ufer. Maria liegt in einem Alkoven, sieht entspannt aus, den Kopf auf eine Hand gest\u00fctzt. Ein Dienstm\u00e4dchen kommt auf die zu mit einer Schale mit Suppe und einem L\u00f6ffel. Vorne im Zentrum eine Amme mit dem Jesuskind \u00fcber einem Zuber. Links davon Joachim, ein bisschen alt f\u00fcr die Rolle des Vaters, mit Stock und langem, grauen Bart. In der Mitte machen sich zwei Hasen \u00fcber die Nachgeburt her. Auf dem M\u00e4uerchen vorne eine Rolle Klopapier! Durch eine \u00d6ffnung links sieht man nach drau\u00dfen, und in der Mitte sieht man weitere R\u00e4ume nach hinten hin, in denen sich Dienstm\u00e4dchen mit der W\u00e4sche besch\u00e4ftigen. Ganz hervorragend das Spiel von Licht und Schatten, die genauen Schattenlinien, die der Vorhang, die Vasen, die Balken und die K\u00f6rper der Figuren werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt wieder ein Bild von Madonna mit Jesuskind. Wieder befinden sich Mutter und Kind in inniger Kommunikation. Aber hier gibt es im Hintergrund verschiedene Szenen zu sehen, rechts eine Burg und halb verdeckte B\u00e4ume, links in der Ferne eine Stadt mit schlanken T\u00fcrmen, und davor ein berittener J\u00e4ger mit Jagdgehilfen, die mit Speeren vor ihm hergehen, und zwei Sch\u00e4fer bei der Rast. Der absolute Hingucker ist aber eine Birne, vermutlich von symbolischer Bedeutung, vorne auf der Br\u00fcstung. Die sieht zum Reinbei\u00dfen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Saal geht es um Mittelitalien. Es gibt Bilder von Botticelli und Raffael und einem Maler namens Genga, die Taufe von Katechumenen durch San Agostino darstellend. Nicht der Heilige ist der Protagonist, auch nicht die Umstehenden, sondern die vier Katechumenen, leicht bekleidet, jeder in einer anderen Pose. Der eine zieht gerade ein Hemd aus, der n\u00e4chste steigt ins Taufbecken, der n\u00e4chste klettert heraus, und der vierten, bereits abgefertigt, liegt auf dem Boden. Es sind Muskelprotze, Bodybuilder, moderne Zehnk\u00e4mpfer, und durch die Bewegung kommen ihre verschiedenen Muskeln ganz zur Geltung, Oberarme, Waden, Pobacken, Schultermuskulatur usw. Das Bild ist wie eine anatomische Studie. Hier, hat man den Eindruck, k\u00f6nnte sich Michelangelo was abgeguckt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Raffael ist ein Sebastian erhalten (1502), den er mit gerade mal 20 gemalt hat. Keine Wundmale, kein Martyrium, einfach ein junger Mann, der etwas gedankenverloren, tr\u00e4umerisch in Richtung des Betrachters schaut. Er h\u00e4lt einen Pfeil in der Hand, aber der k\u00f6nnte ebenso f\u00fcr Amor wie f\u00fcr das Martyrium stehen. Interessant, wie hinten Himmel und Landschaft in blauer Pastellfarbe miteinander verschwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders ein Botticelli (1505), der eine r\u00f6mische Jungfrau, die auch noch Virginia hei\u00dft, zum Thema hat. Das ganze Bild ist voller Figuren, vielleicht werden verschiedene Szenen dargestellt, denn man glaubt, Virginia mehrmals zu erkennen. Ganz hinten in der Apsis Appio Claudio, von H\u00e4schern, Ratgebern und Soldaten umgeben, der Mann, der Virginia nachstellt, aber von ihr zur\u00fcckgewiesen wird. Virginia wird hingerichtet, aber ihr Tod bedeutet, wie bei Lucrezia, das Ende des Despoten. Auffallend die vielen Pferde im Vordergrund, braune, graue, schwarze, wei\u00dfe, in unterschiedlichen Szenen in unterschiedlichen Positionen. Ihre F\u00fc\u00dfe bewegen sie so wie es Dressurpferde tun, so als ob sie unterschiedliche Figuren darstellen wollten. Damit endet die Besichtigung&nbsp; in diesem sehenswerten Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen des Taxis morgen fr\u00fch habe ich an das Taxiunternehmen geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Beim Anruf heute Morgen bin ich auch nicht weitergekommen. Warum, wei\u00df ich auch nicht genau. Ich habe nicht alles verstanden, aber ich habe wohl eine Taxifahrerin unterwegs erwischt und nicht die Zentrale. Aber unter der Nummer, die im Internet angegeben ist. Jedenfalls hie\u00df es, sie k\u00f6nne keine Reservierung vornehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Taxistand an der Porta Nuova, und die Taxifahrerin sagt mir, hier st\u00fcnden nachts keine Taxis, wohl aber in der Regel am Bahnhof. Ich solle aber besser reservieren. Daraufhin schildere ich ihr mein Dilemma, und sie sagt nur achselzuckend, das verstehe sie auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Touristeninformation am Bahnhof und bitte die Frau dort, f\u00fcr mich anzurufen. Sie ist kurz angebunden und sagt nur, das k\u00f6nne sie nicht machen. Daraufhin gehe ich zu einem der Taxifahrer und der sagt mir, ja, w\u00e4hrend der Nacht k\u00f6nne ich hier ein Taxi bekommen. Hierher muss ich dann wohl laufen. Werde also auch morgen auf meine Schritte kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die Innenstadt zur\u00fcck und esse unterwegs in einem Caf\u00e9 eine <em>Polenta<\/em> <em>e osei<\/em>, eine s\u00fc\u00dfe Spezialit\u00e4t Bergamos. &nbsp;Es handelt sich um eine Halbkugel aus Biskuit, mit Creme gef\u00fcllt und mit einem gelben \u00dcberzug aus Kristallzucker. Oben drauf sitzt der namensgebende Vogel \u2013 <em>osei<\/em> ist das regionale Wort f\u00fcr <em>uccello<\/em> \u2013 aus schwarzer Schokolade. Hier muss man viel Phantasie aufwenden, um einen Vogel erkennen zu k\u00f6nnen. Habe schon bessere gesehen, in den Schaufenstern der Konditoreien der <em>Citt\u00e0 Alta<\/em>. Wie dem auch sei, dies ist die s\u00fc\u00dfe Imitation der urspr\u00fcnglichen <em>Polenta e osei<\/em>, die nicht s\u00fc\u00df, sondern herzhaft ist und wirklich aus Polenta besteht. Und der Vogel, der oben draufsitzt und den Fleischanteil ausmachte, war ein Singvogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Briefk\u00e4sten sind heutzutage eine Rarit\u00e4t, nicht nur in Deutschland. Ich streife durch die Innenstadt auf der Suche nach einem, lange vergeblich. Selbst an der <em>Porta Nuova<\/em> ist keiner. Dann sehe ich einen am Stra\u00dfenrand, gehe freudig drauf zu, muss aber feststellen, dass die Briefschlitze zugeklebt sind. Die Suche geht weiter. Ich finde nichts, muss also zum Bahnhof zur\u00fcck. Dort laufe ich etwas verloren \u00fcber den Platz, gehe ins Bahnhofsgeb\u00e4ude rein \u2013 nichts. Alle m\u00f6glichen roten K\u00e4sten, die vielversprechend aussehen, erweisen sich als Stromk\u00e4sten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Bushahnhof und irre dort umher, ohne Erfolg. Ich frage den Mann an der Information \u2013 keine Ahnung. Vielleicht auf den Gleisen? Also zur\u00fcck in den Bahnhof und die Gleise abklappern. Nichts. Dann kommt die L\u00f6sung. Eine Frau beim <em>Tabaccaio<\/em> sagt mir, auf der <em>Giovanne XXIII<\/em> sein einer, auf der linken Seite. Sie hat Recht. Erleichtert werfe ich meine Fracht ein. Wie das so ist, komme ich dann sp\u00e4ter auf dem Heimweg an einem Postamt vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Gelegenheit kaufe ich in einer Art Feinkostgesch\u00e4ft ein St\u00fcck Pizza, Margerita zum Mitnehmen. Das kostet 5 Euro! Und gleich gegen\u00fcber gibt es dann noch zwei Flaschen <em>Moretti<\/em> f\u00fcr heute Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vorher will ich noch mal in die Eisdiele, die Roma, dieselbe wie dieser Tage. Wieder zwei B\u00e4llchen, wieder ist Stracciatella dabei, wieder mit Sahne, wieder derselbe umwerfende Geschmack. Ich achte auf die Fragen des M\u00e4dchens hinter dem Tresen und erinnere mich an vergessen geglaubte W\u00f6rter: <em>cono<\/em>, \u201aH\u00f6rnchen\u2018, <em>copetta<\/em>, \u201aBecher\u2018, <em>pallina<\/em>, \u201aKugel\u2018. H\u00f6rt sich alles ganz einleuchtend an, aber aus dem aktiven Wortschatz ist das alles verschwunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. 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