{"id":11550,"date":"2023-12-20T06:42:15","date_gmt":"2023-12-20T05:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11550"},"modified":"2023-12-31T06:48:58","modified_gmt":"2023-12-31T05:48:58","slug":"malaga-2023","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11550","title":{"rendered":"M\u00e1laga (2023)"},"content":{"rendered":"\n<p>18. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach einer komplizierten Anreise endlich bei der Unterkunft vor der Haust\u00fcr stehe, macht keiner auf. Ich klingele nochmal \u2013 nichts. Dann merke ich, dass die Haust\u00fcr offensteht. Durch den dunklen Hausflur \u2013 der vermeintliche Lichtschalter ist der T\u00fcr\u00f6ffner \u2013 k\u00e4mpfe ich mich bis zum Aufzug rauf und fahre in den dritten Stock. Um die Eingangst\u00fcr herum alle m\u00f6glichen Schilder und Bilder, mit netten Spr\u00fcchen, die keinem wehtun. Ich klingele \u2013 nichts. Ich klingele nochmal \u2013 wieder nichts. Dann klopfe ich an die T\u00fcr. Auch nichts. Ich hole mein Handy raus und sehe, dass die Vermieterin, Thamarita, mir eine Nachricht geschickt hat. Neben der T\u00fcr h\u00e4ngt eine Box. Die \u00f6ffnet man mit einem Code, und darin befindet sich ein Schl\u00fcssel. Eigentlich sollten es zwei sein, aber egal. Ich komme rein. Etwas Licht kommt von einem kleinen Weihnachtsbaum mit bunten Lichtern. Ein gr\u00f6\u00dferes Wohnzimmer, eine gut eingerichtete K\u00fcche und ein Flur mit mehreren Zimmern. Meins steht auf. Es ist winzig, aber hat eine kleine Schreibplatte und ein paar kleinere Regalf\u00e4cher, in die erstaunlich viel Kleidung passt. Auf dem Bett liegt ein vollst\u00e4ndiger Schl\u00fcsselbund.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Wohnung \u00fcberall Bilder und Ausspr\u00fcche, in meinem Zimmer mehrere Selbstportr\u00e4ts mit Zitaten von Frieda Kahlo. In dem Regalfach neben der Kleidung liegen ein paar B\u00fccher, meist Biographien: Johanna die Wahnsinnige, Marie Antoinette, Katharina die Gro\u00dfe. Wohl nicht zuf\u00e4llig lauter Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche K\u00fchlschrankmagneten aus aller Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kleine Bad hat ein sehr sch\u00f6nes verziertes Wasserbecken aus Keramik und eine ebenso sch\u00f6ne Umrandung des Spiegels, ebenfalls aus Keramik. Auch der Boden ist gefliest. Die Wasserh\u00e4hne sind aus Kupfer. Das WC und die Dusche passen nicht dazu, beide m\u00fcssen viel sp\u00e4ter eingebaut worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin erleichtert, dass am Ende doch alles geklappt hat, aber eigentlich hatten wir abgemacht, dass Thamarita hier sein w\u00fcrde. Und als ich vom Flughafen aus schrieb, dass wir Versp\u00e4tung haben, hie\u00df es noch: Kein Problem. Am Flughafen war ich durch die Dunkelheit geirrt, auf der Suche nach dem Stadtbus. Einmal bin ich nach oben, dann wieder nach unten geschickt worden. Die Haltestelle ist nicht so leicht zu finden. Hier ist alles auf den organisierten Tourismus ausgerichtet. Man kommt leichter nach Torremolinos als nach M\u00e1laga.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende finde ich aber die Haltestelle. Ja, sagt der freundliche Busfahrer, als er im zweiten Anlauf meine Frage versteht \u2013 ich soll am <em>Mercado de<\/em> <em>Huelin<\/em> aussteigen \u2013 da f\u00e4hrt er hin, und ja, ich kann hier die Fahrkarte kaufen, und ja, man kann bar bezahlen und ja, die Haltestellen werden angesagt. Alles bestens. Und die Fahrt dauert gar nicht besonders lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Haltestelle aus kann man gut zu Fu\u00df in die <em>H\u00e9roe de Sostoa<\/em> kommen, eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe, die wohl auch Richtung Stadtzentrum f\u00fchrt. Das d\u00fcrfte so zwei Kilometer von hier entfernt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es d\u00fcrfte so um die 10\u00b0 sein, weit entfernt von den angek\u00fcndigten Sommertemperaturen, aber eine Wohltat nach der schneidenden K\u00e4lte in Luxemburg heute Morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrachte mich gl\u00fccklich, in Spanien zu sein. Obwohl es schon nach neun Uhr ist, hat noch eine Apotheke ge\u00f6ffnet und ein kleiner Markt. Tablette und Wasser, was will man mehr?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich im Bett liege, h\u00f6re ich, dass die Wohnungst\u00fcr aufgeht und jemand hereinkommt. Ob die anderen Zimmer auch vermietet sind? Oder ob das Thamarita ist? Spuren von Bewohnern gibt es weder im Wohnzimmer noch in der K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich um f\u00fcnf Uhr kurz raus muss, stehe ich v\u00f6llig verwirrt in dem engen Flur. Alle T\u00fcren sind geschlossen, welche davon ins Wohnzimmer f\u00fchrt, wei\u00df ich nicht. Will aber auch nirgendwo die Klinke runterdr\u00fccken. K\u00f6nnte ja ein Zimmer sein. Das Bad ist gleich gegen\u00fcber, aber auch das sieht jetzt anders aus als vorher. War da nicht ein Knauf, mit dem man die T\u00fcr \u00f6ffnen kann? Jetzt ist er weg. Ist da was kaputt gegangen? Die T\u00fcr ist verschlossen. Ich versuche, den Drehmechanismus ohne Knauf zu \u00f6ffnen, aber es geht nicht. Man h\u00f6rt nichts, das Bad scheint nicht benutzt zu sein. Oder vielleicht doch? Ich gehe ins Zimmer zur\u00fcck und versuche es nach f\u00fcnf Minuten noch mal. Wieder dasselbe Ergebnis. Ich klopfe und frage, ob jemand drin ist. Keine Reaktion. Ich versuche, die T\u00fcr einfach aufzusto\u00dfen. Sie gibt etwas nach, aber auf geht sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Windeseile ziehe ich mich an, stecke Schl\u00fcssel und Handy in die Tasche und mache mich auf die Suche nach einem Park. Schon nach ein paar Metern komme ich, noch auf der <em>H\u00e9roe de Sostoa<\/em>, an einer Bar vorbei, erleuchtet, das Gitter halb heruntergelassen. Ich bin schon fast vor\u00fcber, drehe mich dann noch einmal um und frage einen Raucher, der vor der Bar steht, ob hier schon ge\u00f6ffnet sei. Ja, einen Kaffee k\u00f6nne man wohl bekommen. Ich gehe rein und stelle dem Wirt dieselbe Frage. Halb ge\u00f6ffnet, sagt er. Aber einen Kaffee k\u00f6nne ich bekommen. Ich bestelle und gehe schnurstracks zur Toilette. Die ist besetzt. Da nehme ich die Damentoilette nebenan.<\/p>\n\n\n\n<p>Erleichtert gehe ich zum Tresen zur\u00fcck. Da steht schon mein Kaffee. Der ist hervorragend. Der Wirt sagt, offiziell d\u00fcrfe er erst um 6 Uhr \u00f6ffnen, deshalb das halb runtergelassene Gitter. Als er den Preis f\u00fcr den Kaffee nennt, falle ich aus allen Wolken: 1,30 \u20ac. Er ahnt nicht, wie viel ich bezahlt h\u00e4tte, allein, um die Toilette zu benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und versuche noch mal mein Gl\u00fcck mit der Toilette. Wenn man dagegen dr\u00fcckt, scheint die T\u00fcr nachzugeben. Aber sie geht nicht auf. Dann \u2013 die Bewegung mache ich, ohne es richtig zu wollen \u2013 \u00f6ffnet sie sich pl\u00f6tzlich. Man muss schieben statt zu dr\u00fccken!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter aus dem Haus gehe, so gegen 10 Uhr, ist es kalt, gef\u00fchlt k\u00e4lter als die 10\u00b0, die irgendwo angezeigt werden. K\u00e4lter als bei meinem ersten Besuch in M\u00e1laga vor f\u00fcnf Jahren. Das war Ende November. Heute dominieren bei den Passanten Wollm\u00fctzen, Schals, Steppjacken. Aber: Je weiter ich komme, umso w\u00e4rmer wird es, und an der Marina angelangt, ist es fr\u00fchlingshaft warm. Jetzt verbinden sich die Wollm\u00fctzen mit Sonnenbrillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne lange zu \u00fcberlegen, gehe ich wieder in die Bar vom fr\u00fchen Morgen, der <em>Bar Puffi<\/em>, zum Fr\u00fchst\u00fccken. Der Mann, der vorher hinter der Theke war, ist jetzt in der K\u00fcche. W\u00e4hrend ich warte, sehe ich mich in dem Lokal um: An der Wand ein Feuerl\u00f6scher und ein Erste-Hilfe-Kasten, ungenutzte Kleiderhaken, zwei gro\u00dfe Wanduhren, ein Wandkalender von einem Transportunternehmen, ein Schild einer Brauerei mit <em>Happy Hour<\/em>, ein gro\u00dfes gerahmtes Photo vom Meer mit Felsbrocken. Vor einem Pfeiler ein einarmiger Bandit, von der Decke h\u00e4ngt ein riesiger Fernseher, den niemand beachtet, obwohl der Ton l\u00e4uft. Hinter der Theke Schilder mit den Wappen des FC M\u00e1laga und von Real Madrid und Lose f\u00fcr die gro\u00dfe Weihnachtslotterie. An der Wand ein K\u00fchlschrank und ein gro\u00dfer, industrieller Gefrierschrank. Daneben aufgestapelte Bierk\u00e4sten mit Leergut, Kartons mit Papiertischdecken, ein Teller mit Bananen, eine Schale mit Zitronen und ein Schnellkochtopf. Auf dem WC zwei zusammengeklappte Leitern, mit Farbe verschmiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind fast nur M\u00e4nner in der Bar, vor dem Tresen und an den Tischen. An meinem Nachbartisch liest jemand die unvermeidliche Sportzeitung: <em>Alaba problema central<\/em> lautet die Schlagzeile. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt sagt mir, ich solle einfach die <em>H\u00e9roe de<\/em> <em>Sostoa<\/em> entlang gehen, dann k\u00e4me ich ins Zentrum. Das tue ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite ein riesiger <em>Lidl<\/em>, auf dieser Seite etwas sp\u00e4ter <em>Carrefour<\/em>, sein franz\u00f6sisches Pendant. Auf dieser Seite all m\u00f6glichen Gesch\u00e4fte, moderne mit gro\u00dfer&nbsp; Glasfassade und alte, die mit aller Art von Artikeln vollgestopft sind: kleine M\u00e4rkte, Friseursalons, ein Pilates-Trainingszentrum, ein Handyladen, eine Metzgerei, in der das Fleisch <em>halal<\/em> ist. Hin und wieder herabgelassene Gitter mit buntem Graffiti vor offensichtlich aufgegebenen Gesch\u00e4ften. Schon n\u00e4her am Zentrum gibt es ein Gesch\u00e4ft mit Lebensmitteln mit kunsthandwerklicher Herstellung. Entsprechend modernisiert die Schreibweise: <em>Picnik<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo sehe ich das Symbol der Metro. Die stand damals nach vielen Jahren der Uneinigkeit und der Zerw\u00fcrfnisse kurz vor der Er\u00f6ffnung. Jetzt scheint es wirklich zwei Linien zu geben. Die l\u00e4ngere f\u00fchrt vom Zentrum aus am Bahnhof vorbei nach Westen, in das Gebiet von Universit\u00e4t, Klinik und ins Justizviertel. Kommt f\u00fcr mich wohl nicht in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt <em>Maria Zambrano<\/em>, der Hauptbahnhof von M\u00e1laga. Das ist eine gute Nachricht. Der ist gerade mal zehn Minuten von der Unterkunft entfernt. Der Bahnhof ist in ein Einkaufszentrum integriert, wird sosehr von diesem beherrscht, dass man nach dem Bahnhof regelrecht suchen muss. Ich werde von Pontius nach Pilatus geschickt, dann stehe ich vor dem Informationszentrum. Man soll drau\u00dfen warten. Drinnen ist nur ein Schalter besetzt, und die Abfertigung dauert unendlich lange. Dann l\u00e4sst mir das Ehepaar vor mir in der Schlange den Vortritt. Das sieht schon besser aus. In dem Moment kommt ein junger Mann, geht einfach an uns vorbei in das Informationszentrum hinein. Gerade jetzt nimmt die zweite Angestellte ihre Arbeit auf. Er kommt sofort an die Reihe. Wir sch\u00fctteln alle drei den Kopf: <em>\u00a1Qu\u00e9 cara!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann taucht aus dem Nichts eine uniformierte Angestellte vor mir auf und fragt, ob sie mir helfen k\u00f6nne. Ja, gerne. Zum <em>Caminito del Rey<\/em>. Da m\u00fcsse ich von hier zur Station El Chorro fahren, die Tickets soll ich im Internet kaufen. Aber auf der Strecke habe es einen Unfall gegeben, und die sei momentan gesperrt. Ich solle das mal im Internet weiter verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gehe ich meines Weges. Der Himmel ist wolkenlos, und ganz oben schweben wei\u00dfe V\u00f6gel \u00fcber uns, M\u00f6wen vermutlich, aber der gr\u00f6\u00dferen Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es \u00fcber die <em>Puente de la Misericordia<\/em> \u00fcber den Guadalmedina, einen fast ausgetrockneten Fluss. Wassermangel ist in Andalusien bestimmt ein Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite des Flusses beginnt schon die historische Altstadt. Bald komme ich in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Auf dem schmalen Balkon eines altehrw\u00fcrdigen Hauses steht oben eine Frau mit Kaffee und Zigarette. Das w\u00e4re ein Motiv f\u00fcr einen Maler.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe ist von hohen Palmen ges\u00e4umt. Man h\u00f6rt Schreie von papageienartigen V\u00f6geln. Zu sehen bekommt man sie nicht. Auf dem R\u00fcckweg sitzt einer auf einem Ast und l\u00e4sst sich betrachten. Nicht gro\u00df genug f\u00fcr einen Papagei, zu gro\u00df f\u00fcr einen Wellensittig.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Stra\u00dfe sehe ich den <em>Mercado de<\/em> <em>Atarazanas<\/em>, mit seinem charakteristischen Dach mit gl\u00e4nzenden Kacheln, seinem Eingang mit Hufeisenbogen und der gro\u00dfen Darstellung von M\u00e1laga in dem bunten Fenster am Ende des Ganges. Den habe ich noch gut von dem letzten Besuch in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Platz ein mehrst\u00f6ckiges altes Haus, auf dessen Balkonen allerlei Teddyb\u00e4ren stehen. An den schmiedeeisernen Gittern h\u00e4ngen verpackte Weihnachtsgeschenke.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Larios-Statue geht es vorbei, am Eingang zur <em>Calle Larios<\/em>, der kerzengeraden Hauptstra\u00dfe M\u00e1lagas. Ich gehe aber in die andere Richtung, zur Marina, zur Touristeninformation. Das M\u00e4dchen am Schalter versorgt mich mit allem N\u00f6tigen, Stadtpl\u00e4nen, \u00d6ffnungszeiten, Vorschl\u00e4gen. Besonders legt sie mir das M\u00e1laga-Museum ans Herz, von der Steinzeit bis zu Picasso. Da hat sie mich schnell \u00fcberzeugt. Sie verabschiedet mich mit einem L\u00e4cheln \u2013 \u201eHa sido un placer\u201c \u2013 und &nbsp;schickt mich auf die andere Seite, in die Touristeninformation f\u00fcr die Provinz, in einem stattlichen Palast untergebracht. Hier ber\u00e4t mich eine \u00e4ltere Dame, auch sie sehr freundlich und geduldig. Das mit dem <em>Caminito del Rey<\/em> erweist sich als schwierig. Man muss Fahrkarte und Eintrittskarte vorher im Internet reservieren und die beiden Zeiten miteinander koordinieren. Dabei muss man die Fahrtzeit bis El Chorro ber\u00fccksichtigen, dann aber auch noch die Fahrt mit dem Bus vom Ausgang der Schlucht bis zum Eingang, und dann die L\u00e4nge der Wanderung, um die richtige Zeit f\u00fcr die R\u00fcckfahrt zu buchen. Dazu kommt, dass die Karten oft ausverkauft sind. Bus? Da winkt sie ab. Kann man vergessen. Da ist man den ganzen Tag unterwegs, nur um dorthin zu kommen. Taxi zu teuer, Auto habe ich nicht. Immerhin druckt mir ihre Kollegin am Ende den Fahrplan f\u00fcr den Zug aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau spricht mit <em>ceceo<\/em>, dem Gegenst\u00fcck zu dem sonstigen andalusischen (und amerikanischen) <em>seseo<\/em>: Sie sagt <em>m\u00e1z o menoz <\/em>und<em> lucez. <\/em>Wenn man in Madrid <em>sencillo<\/em> und in Buenos Aires <em>sensillo<\/em> sagt, w\u00fcrde sie <em>cencillo<\/em> sagen. Ich muss mich anstrengen, um auf das zu achten, was sie sagt, so sehr bin ich damit besch\u00e4ftigt, darauf zu achten, wie sie es sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alternative zum <em>Caminito del Rey<\/em> empfiehlt mir die Frau eine Fahrt nach Nerja mit einem Abstecher nach Frigiliana. Da kann man mit dem Bus hinfahren. Der fahre gleich hier vorne ab, am Kai, sagt sie. Ich bedanke mich und gehe gleich dorthin. Auf dem Weg f\u00e4llt mir ein Baum mit einem k\u00fcrbisartigen Stamm auf. Was das wohl ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Kai gibt es eine ganze Reihe von Fahrkartenb\u00fcdchen, jede von einem anderen Busunternehmen betrieben. An einem erhalte ich einen Zettel mit dem Fahrplan f\u00fcr Nerja. Das sieht gut aus, die Busse fahren alle Nase lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Genug der Organisation. Ich gehe ein St\u00fcck die Uferpromenade entlang. Hier ist alles wei\u00df, die Kreuzfahrschiffe, der Leuchtturm an einer Einfahrt in den Hafen, die Gitter, das moderne, auf St\u00fctzen stehende Verwaltungsgeb\u00e4ude der Provinz und die wunderbar geschwungene hohe Pergola, die sich die ganze Uferpromenade entlang zieht und Licht und Schatten gleichzeitig spendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Kai, auf dem der Leuchtturm steht und dem gegen\u00fcberliegenden mit Lastkr\u00e4nen blickt man kurz auf das offene Meer hinaus. Den Spaziergang am Strand entlang habe ich noch in guter Erinnerung. Da steht eine Wiederholung auf dem Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg lasse ich mich treiben und komme durch ein anderes Viertel: Fahrradverleih, Segway, die Bar <em>Er Pichi de C\u00e1i<\/em>. Keine Ahnung, was das bedeutet, ist wohl andalusisch. Dann kommt ein Optiker, in dessen Schaufenster steht: <em>Te queremos viendo bien<\/em>, wohl ein Wortspiel mit <em>sehen<\/em> und <em>aussehen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, die <em>Soho<\/em> hei\u00dft. Dort gehe ich in ein Caf\u00e9 an der Ecke und bestelle <em>chocolate con churros<\/em>. Erst kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis, aber das kl\u00e4rt sich auf. W\u00e4hrend ich warte, sehe ich mich in dem Raum um: Zwei stilvolle Wanduhren. Auf der einen ist es halb acht, auf der anderen zwanzig nach acht. Tats\u00e4chlich ist es Viertel nach zw\u00f6lf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch ein Afrikaner, der telefoniert, und das so tut, wie Afrikaner das eben tun: laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die <em>churros<\/em>. Die Schokolade ist so dickfl\u00fcssig, dass man die <em>churros<\/em> reinstellen kann. Schmecken wunderbar. Kosten f\u00fcnf Euro. Und sind jeden Cent wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe weiter die schmale Stra\u00dfe hinunter, an einem Lokal vorbei, an dessen Eingang eine Schiefertafel mit einer Aufschrift steht. Ich bin schon vorbei, aber irgendwas ist da nicht ganz koscher. Wer wurde da angesprochen? Stand da <em>Dear Liver?<\/em> Habe ich richtig gelesen? Ja, das stand tats\u00e4chlich da: <em>Dear liver, this month will be a rough one. <\/em><em>Stay strong.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An einem Zebrastreifen sehe ich ein Auto mit dem Kennzeichen GBZ. Was ist das? Gibraltar! Das Kennzeichen hat aber einen Haken: Es hat noch das Wappen der EU.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal geht es \u00fcber eine andere Br\u00fccke \u00fcber den Guadalmedina, eine moderne Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Vor der Br\u00fccke ist das <em>Centro de Arte<\/em> <em>Contempor\u00e1neo<\/em>, mit dem merkw\u00fcrdigen K\u00fcrzel CAC.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum eine moderne Statue, einen Mann darstellt, der sich mit einem merkw\u00fcrdig gekr\u00fcmmten K\u00f6rper nach hinten umsieht. Schwer zu sagen, was f\u00fcr ein Material das ist. Sieht beinahe wie Pappmache aus. Unter der Statue spielen Schulkinder. Aber sie werden von einem Lehrer mit der Stimme einer Lehrerin zum Aufbruch gemahnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite der Br\u00fccke, entlang einer gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe, Orangenb\u00e4ume, die voller Fr\u00fcchte h\u00e4ngen. Dann kommt die <em>Taberna<\/em> <em>Rega\u00f1aa<\/em>, wohl auch eine Anspielung auf die andalusische Aussprache. Kurz darauf eine Art \u00c4nderungsschneiderei mit dem Namen <em>El Dedal<\/em>. Bei einer Radtour bin ich mal auf ihr deutsches Gegenst\u00fcck gesto\u00dfen: <em>Der Fingerhut<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich auf die <em>Cuarteles<\/em>, das ist gut, ich wei\u00df inzwischen, dass sie in die <em>H\u00e9roe de Sostoa<\/em> \u00fcbergeht. Hier sieht man \u00e4ltere Herrschaften mit Rollator, in Spanien noch kein so gew\u00f6hnlicher Anblick. Die meisten sehen aber aus wie Einkaufsw\u00e4gelchen auf vier R\u00e4dern.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer <em>Academia<\/em> gibt es Kurse zur Vorbereitung auf die <em>Oposiciones<\/em>, die staatlichen Pr\u00fcfungen f\u00fcr staatliche Posten. Hier geht es meist um Posten in der Verwaltung. Es sind eine ganze Menge ausgeschrieben, mehrere tausend f\u00fcr die Provinz M\u00e1laga alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Platz vor dem Bahnhof vor einem Brunnen vier Figuren, eine Skulptur, die <em>Homenaje a la Familia G\u00e1lvez <\/em>hei\u00dft. Dazu gibt es eine Bronzeplatte mit einer Erkl\u00e4rung, aber die Buchstaben sind verwittert, der Text ist nicht zu entziffern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich noch eine Wechselstube: 82 W\u00e4hrungen. Wir haben uns so an den Euro gew\u00f6hnt, dass wir die gar nicht mehr richtig auf der Rechnung haben. Aber es gibt die Tschechen, die Polen, die Schweden, ganz zu schweigen von den Japanern, den Russen und den Chinesen. Sie alle m\u00fcssen Geld wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause begn\u00fcge ich mich mit Essensresten von zu Hause und mitgebrachten Weihnachtspl\u00e4tzchen, statt noch mal vor die T\u00fcr zu gehen. Ich gucke aber noch nach, um wen es sich bei dem <em>H\u00e9roe de Sostoa<\/em> handelt. Gemeint ist ein gewisser Tom\u00e1s de Sostoa. Er stammte aus Uruguay, lie\u00df sich aber in M\u00e1laga nieder, heiratete ein Malag\u00fce\u00f1a und bekam zehn Kinder mit ihr. Er war ein Held im doppelten Sinne: Er k\u00e4mpfte in den spanischen Freiheitsk\u00e4mpfen gegen Napoleon und in den amerikanischen gegen England.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermieterin, Thamarita, ist bisher noch nicht aufgetaucht. Daf\u00fcr ist am Abend zweimal eine andere Frau so gut wie gru\u00dflos durch das Wohnzimmer gehuscht. Wohl eine weitere Mieterin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mal in der spanischen Fu\u00dfballtabelle nach. Immer noch steht Girona, die \u00dcberraschungsmannschaft der Saison, ganz vorne, vor Real Madrid. Und M\u00e1laga? Sind gar nicht mehr in der <em>Primera Divisi\u00f3n<\/em>. Und in der <em>Segunda<\/em> auch nicht. Sie sind in der zweigeteilten <em>Tercera<\/em>, die jetzt <em>Primera Federaci\u00f3n<\/em> hei\u00dft. Stehen auf einem Relegationsplatz f\u00fcr den Aufstieg.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Museen gibt es in M\u00e1laga reichlich. Neben den gro\u00dfen Kunstmuseen (darunter Carmen Thyssen, Picasso und Centre Pompidou) gibt es ein Weinmuseum, ein Glasmuseum, ein Museum zu den Traditionen der <em>Semana Santa<\/em>, ein Flamencomuseum, ein Flugzeugmuseum, ein Museum des Automobils und der Mode (!), ein Museum der Imagination (was mag das wohl sein?), das Museum des FC M\u00e1laga, ein Musikmuseum, die Museen verschiedener Br\u00fcderschaften und das Dommuseum, ganz abgesehen vom R\u00f6mischen Theater, von der Burg und von der Arch\u00e4ologischen Ausgrabungsst\u00e4tte. Man muss l\u00e4nger bleiben oder wiederkommen, um das alles zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Besuch wert w\u00e4re auch das Haus von Gerald Brenan, dem britischen Schriftsteller und Spanienkenner, dessen Grab ich bei der ersten Reise auf dem Protestantischen Friedhof gesehen habe. Sein Buch \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg gilt als eins der besten, auch dadurch, dass er nicht Partei bezieht. Leider ist das Haus ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb des Zentrums.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es erst einmal in die Russische Kunstsammlung. Der Weg dahin f\u00fchrt die Stra\u00dfe runter in die umgekehrte Richtung. Es ist 10\u00b0, aber es f\u00fchlt sich viel k\u00e4lter an, es weht ein eisiger Wind. Der ist so stark, dass er an der <em>Bar Am\u00e9rica<\/em> ein Fahrrad umgeworfen hat und eins der Reklameschilder, in denen auf besondere Angebote des Lokals hingewiesen wird. Dadurch, dass es umgefallen ist, achte ich darauf, was da drauf steht: Am 25. Dezember und am 1. Januar vormittags ge\u00f6ffnet! Ich werde also nicht verhungern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich in die n\u00e4chstbeste Bar. Typisch spanische Einrichtung: schwere, quadratische, relativ hohe Holztische, dazu passende St\u00fchle. Alles in Schwarz. Die Bar ist viel aufger\u00e4umter, gepflegter als die <em>Bar Puffi<\/em>. Der Kaffee ist hervorragend, der Toast, der hier <em>sandwich<\/em> hei\u00dft, ist nicht so toll.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die breite <em>Calle Princesa<\/em> hinunter, mit h\u00e4sslichen Hochh\u00e4usern auf der einen und sch\u00f6nen, irgendwie kolonial aussehenden Wohnh\u00e4usern auf der anderen Seite. Die Sonne steht \u00fcber dem Wasser und strahlt, ich gehe direkt auf sie zu und muss mir die Hand vor die Augen halten, um nicht geblendet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei zwei Seitenstra\u00dfen muss ich Vokabeln wiederholen: <em>Hoz<\/em> und <em>Navas<\/em>, denn <em>hoz<\/em>, <em>haz<\/em> und <em>faz<\/em> habe ich immer gerne verwechselt. Aber da liege ich richtig, <em>hoz<\/em> bedeutet \u201aSichel\u2018. Bei <em>nava<\/em> habe ich keine Chance. Es bedeutet \u201aSenke\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der <em>Princesa<\/em> ist man schon am Meer. Ich habe jetzt den Leuchtturm und den Kai von gestern links von mir, und vor mir ist direkt das offene Meer, mit den Sonnenstrahlen, die sich im Wasser brechen. Hab schon unsch\u00f6nere Dinge gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Uferpromenade entlang hat man einen zweispurigen Radweg angelegt. Der wird aber meist von E-Rollern benutzt. Auch in der Stadt gibt es an verschiedenen Stellen Radwege.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Colecci\u00f3n de Arte Ruso<\/em> befindet sich in einem der Geb\u00e4ude der ehemaligen Tabakfabrik, einem gr\u00f6\u00dferen Ensemble von Geb\u00e4uden im Neomud\u00e9jar-Stil (mit ein paar anderen, neueren, die diesem Stil angepasst sind), ein gro\u00dfes Gel\u00e4nde, auf dem auch das Automobilmuseum untergebracht ist und eine Dependance des Stadtverwaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Hausecken und an den Fenstereinfassungen ist die Fassade mit Backsteinen verkleidet und bildet damit einen Kontrast zu dem wei\u00dfen Hintergrund. Die einzelnen Friese sind mit Glaskeramiksteinen gestaltet. Auf den D\u00e4chern Terrassen mit Pyramiden an den Enden, die von einer Kugel bekr\u00f6nt werden. Man kommt sich wie in Sevilla vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist das Museum erstaunlich modern, mit hellen, wei\u00dfen R\u00e4umen und Pfeilern und einer Rolltreppe, die nach oben in die Sammlung f\u00fchrt. Ich bin der einzige Besucher, und daran \u00e4ndert sich auch nichts im Laufe des Vormittags.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles dreisprachig, von den Titeln der Bilder bis zu den Wegweisern zur Toilette.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlung, die russische Kunst aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts umfasst, ist von einem spanischen Bankier und Unternehmer, Vorstandsmitglied in verschiedenen Stiftungen, zusammengetragen worden. Sie ist ziemlich gro\u00df. Ich kenne keinen der Maler mit Namen, aber es gibt wirklich sehenswerte Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Saal unterscheidet sich ein Bild von einem Maler namens Bogotevski von allen anderen, die \u201esch\u00f6ner\u201c, lieblicher sind, ein eingeschneites russisches Dorf mit einem Mann im Vordergrund, der etwas auf einen Pferdekarren l\u00e4dt, bunte Boote an einer Bucht, ein buntes russisches Dorf au\u00dferhalb Moskaus mit H\u00e4usern, die wie Datschas aussehen, ein wunderbarer Winterabend im Zwielicht. Da kann man sich fast mit dem Winter anfreunden. Der Bogotevski ist anders. Seine Felsen am Meer sehen wir Skulpturen aus, die gleichf\u00f6rmigen Sterne am blauen (!) Himmel unnat\u00fcrlich leuchtend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Saal ein Bild, das unterschiedlich nicht sein k\u00f6nnte, ein Portr\u00e4t Suchanows, von einem Maler namens Annikov, in helleren und dunkleren Graut\u00f6nen. Sieht wie eine Zeichnung aus, ist aber wohl ein Gem\u00e4lde. Suchanow blickt selbstsicher und irgendwie herausfordernd zur Seite, vom Betrachter weg. Im Hintergrund lauter angedeutete Figuren von Bauern, Matrosen und mit Bajonetten bewaffneten Soldaten. Die individualisierten Gesichtsz\u00fcge von Suchanow unterscheiden sich von den anonymisierten der Soldaten. Suchanow war ein Verfechter der Russischen Revolution, geriet aber in deren M\u00fchlen und starb durch ein Erschie\u00dfungskommando in der Stalin-Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel eines Bilds von Boris Anisfeld lautet <em>Espa\u00f1a<\/em>. W\u00fcrde man nicht drauf kommen. Anisfeld war ein Freund und Bewunderer Spaniens, aber das Bild ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Vorne schwarz vermummte Gestalten, Frauen in langen Gew\u00e4ndern und berittene Soldaten, alle so gut wie gesichtslos. Die Pferde auch dunkel, nur schemenhaft zu erkennen, eines streckt seinen feuerroten Hintern dem Betrachter entgegen. Ganz im Hintergrund, golden leuchtend, die Silhouette einer Stadt, mit aufget\u00fcrmten Geb\u00e4uden, an die klassischen Darstellungen von Toledo erinnernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Filipp Maljawin, auch ein exilierter Maler, mit einer gro\u00dfen Liebe zu seiner Heimat und deren Landleben, stellt eine bunt gewandete Frau dar, vor einem ockerfarbigen Wald im Hintergrund. Die Frau hat einen Arm hinter den Kopf geworfen, den beugt sie leicht nach hinten, und mit einer Hand h\u00e4lt sie sich den Mund zu. Das Bild hei\u00dft <em>Risa Reprimida \u2013 Unterdr\u00fccktes Lachen<\/em>. Das wird hier positiv interpretiert, die Freude der Landleute ausdr\u00fcckend. Auf mich macht es einen ganz anderen Eindruck, eher bedr\u00fcckend. Da h\u00e4lt sich jemand den Mund zu, um sich nicht den Mund zu verbrennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Bild, das mir am meisten Eindruck macht, eine US-amerikanische Autobahn in den drei\u00dfiger Jahren darstellend, von einem Alexander Deineka. Der Titel ist irref\u00fchrend, es ist keine Autobahn, es ist eine Landstra\u00dfe. Die schl\u00e4ngelt sich durch die einsame Gegend, f\u00fchrt auf und ab und verschwindet oben am Horizont. Die malerischen Mittel sind sehr reduziert, einfache Formen und abget\u00f6nte Farben dominieren. Die Landschaft ist gelblich-braun, die Stra\u00dfe wird flankiert von schwarzen Strommasten und einem verdorrten schwarzen Baum, an der Seite ein paar H\u00e4uschen, auch in der Form nur angedeutet, genauso wie die wenigen Autos, die sich in gro\u00dfem Abstand zueinander durch die Gegend winden. Wieder ist die Interpretation hier positiv, die amerikanische Gesellschaft mit dem New Deal und die russische Gesellschaft nach der Russischen Revolution f\u00fchren in eine gl\u00fccklichere Zukunft. Mir scheint die Stra\u00dfe eher ins Ungewisse zu f\u00fchren, das Bild eher eine Metapher f\u00fcr das Leben zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Malerin, Ljubow Popowa, die Picasso und Braque und Leger kannte und sich daraufhin dem Kubismus verschrieb, ist hier mit einem Bild vertreten, das man auf den ersten Blick als kubistisch erkennt. Es sind einfache Formen \u2013 blau, gr\u00fcn, braun \u2013 die \u00fcbereinander und nebeneinander liegen, ein Dreieck, ein Halbmond, ein Quadrat, ein Trapez. Man kann sie nicht zu einem Gegenstand zusammenf\u00fcgen, sie sind einfach nur Formen. Deutlich erkennbar ist aber die Dreidimensionalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommen Aquarelle und Photographien mit den unterschiedlichsten Motiven. Bei den Aquarellen hat man manchmal den Eindruck, eine Mosellandschaft zu sehen, aber es sind dann die Bretagne oder die Loire.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden letzten Bilder, die ich mir ansehe, stammen von einem katalanischen und einem italienischen Maler, Joaquim Mir und Pietro Ruffo. Mirs Sujet ist das n\u00e4chtliche Mallorca, aber es gibt nichts, was darauf hindeutet. Die Szene k\u00f6nnte \u00fcberall sein. Das Bild zieht einen an, weil es wie verschwommen aussieht, so, wie manchmal Photographien sind. Man erkennt auf den ersten Blick nichts. Dunkles Gr\u00fcn und Schwarz dominieren. Aus etwas Distanz erkennt man dann Felsen und B\u00e4ume. Obwohl es dunkel ist, ist die Dunkelheit nicht total, aber wie das gemacht ist, kann ich nicht erkennen. Das Bild wirkt wie von einem Impressionisten, der den Impressionismus leid ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte, gro\u00dfformatige Bild ist ein einziges R\u00e4tsel. Es stellt Hegel dar. Wenn man nahe herangeht, sieht man, dass nur das Haar, die Augen und der Kragen gemalt sind, und zwar aufgetragen auf eine Landkarte des Deutschen Reichs (vermutlich aus der Zeit Hegels). Die Backen, die Stirn, die Nase ergeben sich aus dem Profil der Landkarte. Verr\u00fcckt! Aber das ist noch nicht alles. Die Landkarte ist in vier Teile zerschnitten, die etwas getrennt voneinander angebracht sind, woraus sich ein senkrechter und ein waagerechter Mittelstreifen ergeben. Eine Anspielung auf Hegels Philosophie? Dann gibt es noch eine Besonderheit. Unter dem Kinn ist die Landkarte ausgestochen und stellt die Fliege da, die Hegel tr\u00e4gt. Obwohl es von weitem wie eine Fliege aussieht, ist es tats\u00e4chlich eine Libelle. Und diese Libelle wiederholt sich ganz regelm\u00e4\u00dfig auf dem ganzen Bild, neun mal neun Mal. Ein R\u00e4tsel, aber ein Hingucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum herauskomme, ist die Temperatur auf sagenhaft 11\u00b0 gestiegen, und es f\u00fchlt sich wirklich etwas w\u00e4rmer an. Und das, obwohl der Wind weiterhin sein Unwesen treibt. Die Reklameschilder der <em>Bar Am\u00e9rica<\/em> sind jetzt alle umgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Ampeln haben einen Sekundenz\u00e4hler. Man hat relativ viel Zeit, um die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren, muss aber auch meist lange warten. Das tun die meisten auch ganz brav, aber wenn die Stra\u00dfe ganz frei ist und weit und breit kein Auto kommt, geht man vern\u00fcnftigerweise auch bei Rot r\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es alle Nasen lang Nagelstudios. Da kann man sich f\u00fcr viel Geld k\u00fcnstliche Fingern\u00e4gel anbringen lassen, die einen dann im Alltag behindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleinen M\u00e4rkte, die es hier in rauen Mengen gibt, werden entweder von Arabern oder von Chinesen betrieben. Ich suche nach schwarzem Tee. In der Wohnung gibt Kr\u00e4utertees in den verr\u00fccktesten Variationen und Kombinationen. Aber ich habe kein Gl\u00fcck. Schwarzen Tee gibt es nirgendwo. Die Chinesen haben es schwer mit der Frage und der Antwort, denn sowohl in <em>negro<\/em> als auch in <em>verde<\/em> kommt ein r vor. Nachdem ich f\u00fcnfmal ein Nein bekommen habe (\u201eS\u00f3lo verde\u201c) gebe ich mich geschlagen und versuche bei Lidl mein Gl\u00fcck. Wieder dieselbe Geschichte. Kr\u00e4utertees in allen Varianten, kein schwarzer Tee. Aber hier bekomme ich frische Milch. Das Obst kaufe ich dann aber doch bei dem Araber: Apfelsinen und ein Obst, das ich nicht kenne: <em>persim\u00f3n<\/em>, ebenfalls rund und gro\u00df wie eine Apfelsine, r\u00f6tlich, aber mit glatter Schale. Die Frau hinter der Theke, die vorher mit ihrem Mann Arabisch gesprochen hat, erkl\u00e4rt mir in perfektem Spanisch, wie man die ist und dass sie \u00c4hnlichkeit mit Khaki hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe, schon aus Dankbarkeit, wieder in die Bar Puffi, um etwas zu essen. Der Mann hinter der Theke rasselt die verschiedenen Namen der Gerichte herunter und deutet dabei auf die Sch\u00fcsseln unter der Glasverdeckung. So schnell komme ich nicht mit. Ich stoppe ihn, als ich das Wort <em>sangre<\/em> h\u00f6re. Habe ich richtig geh\u00f6rt? Blut? Ja, so ist es. Es dauert ein Weilchen, bis wir das ausgehandelt haben. Es ist Fleisch von H\u00e4hnchen, in St\u00fccken, sieht wie Nierchen aus und schmeckt wie Leber, ist aber wirklich Blut, also geronnenes Blut, wie bei der Blutwurst. Schmeckt aber ganz anders. Dazu gibt es ein gut schmeckendes, frisch gezapftes Cruzcampo.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Wohnung komme, stolpere ich fast \u00fcber einen M\u00fcllbeutel. Hier wird reingemacht. Es ist Thamarita, die Vermieterin, sehr freundlich, sehr gespr\u00e4chig und nicht so p\u00fcppchenhaft, wie sie auf den Photos aussieht. Es stellt sich heraus, dass sie Argentinierin ist, aus der Provinz Mendoza. Da kann ich nat\u00fcrlich gleich mitreden, ihr erz\u00e4hlen, dass ich in Argentinien gewesen bin und in Trier eine argentinische Bekannte habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie muss meinen Pass kontrollieren und die Angaben irgendwo eingeben und ben\u00f6tigt eine Unterschrift. Das geht alles elektronisch, sie macht das zack-zack mit dem Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung, erkl\u00e4rt sie, habe drei B\u00e4der. Zwei geh\u00f6ren zu je einem Zimmer, ich teile mir eins mit der spukhaften Frau, die gestern durch die Wohnung gehuscht ist. Sie selbst, Thamarita, wohnt nicht hier, aber gleich nebenan. Ich k\u00f6nne sie jederzeit kontaktieren, wenn ich etwas br\u00e4uchte. Mit dem schwarzen Tee kann sie mir aber auch nicht weiterhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein unglaublich langwieriges, kompliziertes Verfahren zur Reservierung einer Eintrittskarte f\u00fcr den <em>Caminito del Rey <\/em>hat mir gestern Abend den Schwei\u00df auf die Stirn gebracht. Mindestens zweimal war ich drauf und dran, aufzugeben, aber am Ende hat es geklappt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Entsch\u00e4digung daf\u00fcr einen wunderbaren Link bekommen mit der Erkl\u00e4rung einer deutschen Redewendung: <em>Iss den Teller leer, dann gibt es morgen gutes Wetter.<\/em> Immer schon r\u00e4tselhaft gewesen, warum sollte ein leerer Teller f\u00fcr gutes Wetter sorgen. Und was war, wenn der eine den Teller leer machte und der andere nicht? Berechtigte Fragen, denn eigentlich ging es gar nicht um das Wetter: Die plattdeutsche Version lautete: <em>Et dien T\u00f6ller leddig, dann givt dat morgen goods wedder<\/em>. Bei der \u00dcbersetzung lief was schief, denn <em>wedder<\/em> bedeutete nicht \u201aWetter\u2018, sondern \u201awieder\u2018. Also: Wenn man den Teller leermachte, dann gab es am n\u00e4chsten Tag wieder was Gutes!<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen komme ich mit den Wochentagen durcheinander und muss im Kalender nachgucken, ob heute Mittwoch oder Donnerstag ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Durchw\u00fchlen von Thamaritas Dosen in der K\u00fcche sto\u00dfe ich auf einen Teebeutel ohne Etikett. Ich versuche es auf gut Gl\u00fcck \u2013 es ist schwarzer Tee.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Nerja. Ich w\u00e4hle den Weg an der Uferpromeade entlang statt durch die Innenstadt. Keine gute Idee, der Weg zieht sich in die L\u00e4nge und vom Meer sieht man nichts, da \u00fcberall Tanks oder Warenlager den gut angelegten Weg vom Ufer trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich ein wilder Schwarm von V\u00f6gel, alle wild durcheinander fliegend, wahrscheinlich Hunderte, mit wei\u00dflichem Gefieder, aber zu klein f\u00fcr M\u00f6wen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Abfahrtstelle gibt es viel Durcheinander wegen der verschiedenen Busunternehmen. Es gibt fast niemanden, der durch Fragen sich noch mal r\u00fcckversichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt nach einiger Wartezeit unser Bus. Drinnen eine ganze Truppe von jungen Asiatinnen, vermutlich Japanerinnen, alle schm\u00e4chtig, alle still wie in der Messe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch die Au\u00dfenbezirke. In einer Eckkneipe hat <em>El Palo<\/em> seinen Sitz, ein Fanclub von Real Madrid. Scheint hier beliebter zu sein als der FC Barcelona.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die Autobahn und wir kommen z\u00fcgig voran. Nerja liegt am \u00e4u\u00dfersten \u00f6stlichen Rand der Provinz M\u00e1laga. Torremolinos und Marbella liegen in umgekehrter Richtung, nach Westen. Unsere Autobahn geht nach Almer\u00eda. Der Name deutet auf die Mauren hin. Almer\u00eda enth\u00e4lt, genauso wie die <em>Alhambra<\/em> von Granada und der <em>Mercado de Atarazanas<\/em> von M\u00e1laga den arabischen Artikel <em>al<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir Nerja. Das erste, was ich hier sehe, ist ein Lidl.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm hier, die meisten tragen keine Jacke. Ich mache gleich einen Spaziergang durch den Ort, eine Kleinstadt mit un\u00fcbersehbar touristischer Ausrichtung, mit all den typischen Souvenirl\u00e4den, Boutiquen und Bistros. Nerja scheint auch ein wichtiges Ziel f\u00fcr Auswanderer zu sein. Es gibt ein deutsches Bestattungsunternehmen und einen schwedisches Immobilienunternehmen, beide in der Landesprache ausgeschildert (<em>Fastighetsbyr\u00e5n<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel aller Spazierg\u00e4nge und Spazierg\u00e4nger ist der <em>Balc\u00f3n de Europa<\/em>, eine auf einer Felsnase angelegte Terrasse, von der aus man direkt aufs Meer hinuntersieht. Wei\u00dfe Geb\u00e4ude rings herum, wei\u00df sind auch der Boden und das Gel\u00e4nder. Auch die Kirche ist wei\u00df. Sie ist dreischiffig mit einem kurzen Querschiff und hat eine sch\u00f6ne Artesanado-Decke, ganz in Schwarz. Es hei\u00dft, sie sei eine der wenigen Kirchen in der Welt, in der alle drei Erzengel dargestellt sind. Drei? Gab es nicht vier? Auf jeden Fall bin ich neugierig geworden. Es ist aber anders, als erwartet, sie sind nicht etwa zusammen, sondern getrennt dargestellt, Michael und Rafael als Skulpturen in den Seitenschiffen, Michael mit goldener R\u00fcstung und Lanze, Rafael mit wei\u00dfer Kleidung und einem Fisch und einem Wanderstab in der Hand. Gabriel ganz anders, auf einem etwas kitschigen Wandgem\u00e4lde bei der Verk\u00fcndigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass Rafael den Fisch in der Hand h\u00e4lt, weil er auf die heilenden Kr\u00e4fte der Innereien des Fischs hinweist und dass der Wanderstab das Bild f\u00fcr die schwere Wanderung durch das Leben ist, auf dem Rafael uns begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert die Erkl\u00e4rung zu Michael. Man glaubt, die biblische Erz\u00e4hlung habe folgenden physikalischen Hintergrund: Man hatte beobachtet, dass die Venus ihre angestammte Umlaufbahn verlie\u00df und mit ihrer Leuchtkraft in den Wettbewerb mit der Sonne trat. Sie schien die Sonne herausfordern zu wollen. Der Name der Venus war Luzifer \u2013 die Leuchtende! Am Ende verlor sie den Kampf gegen die Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Touristeninformation sagt mir der Mann, nicht genug Zeit f\u00fcr die Fahrt nach Frigiliana und den Besuch der H\u00f6hle. Ich solle lieber zu der H\u00f6hle fahren. Da fahre ein Zug hin. Er gibt mir eine Wegbeschreibung und einen Fahrplan.<\/p>\n\n\n\n<p>Nerja ist nicht gro\u00df, aber gro\u00df genug, damit ich mich verlaufe. Immer wieder frage ich und suche verzweifelt nach Eisenbahnschienen. Mal werde ich in die eine, mal in die andere Richtung geschickt. Schlie\u00dflich komme ich an Vater und Sohn. Die sind sich auch nicht einig. \u201eDa hin\u201c, \u201eNein, da hin!\u201c. Am Ende setzt der Sohn sich durch. Ich gehe in diese Richtung und werde auf einmal von einer uniformierten Frau angesprochen, ob ich zur H\u00f6hle wolle. Ja, wo denn die Haltestelle sei. Hier? Hier, wie, hier? Es stellt sich heraus, dass mit Zug dieses uns\u00e4gliche B\u00e4hnchen gemeint ist, das Touristen in aller Welt durch die Gegend f\u00e4hrt. Es wird ordentlich abkassiert: 21 \u20ac. All inclusive. Trotzdem teuer. Die Frau verdient bestimmt daran. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, dass eine Frau f\u00fcr eine einfache Fahrt gerade mal 4 \u20ac bezahlt. Alles einzeln zu l\u00f6sen w\u00e4re billiger gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder muss ich warten. Ich gehe zum Meer hinunter. Hier ist ein einsamer Platz, vom dem aus man auf das Meer hinunter sieht und auch auf den Hausstrand von M\u00e1laga. Da sitzen ein paar Leute am Strand, und zwei Wagemutige haben sich sogar ins Wasser gewagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz, menschenleer im Unterschied zum <em>Balc\u00f3n de Europa<\/em>, eine S\u00e4ule, die aus 16 unterschiedlichen, aber gleichgro\u00dfen Steinbl\u00f6cken besteht, jeder aus einem anderen europ\u00e4ischen Land und einer aus Nerja.<\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00e4hnchen bringt uns nach einigen Verz\u00f6gerungen zu der H\u00f6hle. Unterwegs gibt es aus dem pl\u00e4rrenden Lautsprecher spanische Weihnachtslieder, <em>villancicos<\/em>, von einem Kinderchor gesungen, mit flotten Rhythmen, wie man sie bei einem deutschen Weihnachtslied eher nicht findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die H\u00f6hle geht man \u00fcber asphaltierte Wege mit festen Gel\u00e4ndern, es ist alles sehr bequem, geht aber Auf und Ab, und die L\u00e4nge ist beachtlich. \u00dcberhaupt sind es die Dimensionen, die diese H\u00f6hle, vor ein paar Jahrzehnten zuf\u00e4llig von einigen Jungen entdeckt, ausmacht. Eine Galerie ist gr\u00f6\u00dfer als die andere, breiter, h\u00f6her, bis zu 30 Meter H\u00f6he und 15 Meter Umfang bei einem der Pfeiler. Einige der Galerien sind so gro\u00df, dass man hier Konzerte veranstaltet. Der eigentliche Eingang ist nur durch ein Loch zu erreichen, der heutige wurde k\u00fcnstlich f\u00fcr uns Besucher geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist weder kalt noch feucht, obwohl die H\u00f6hle wie eine Tropfsteinh\u00f6hle aussieht, mit den typischen bizarren Formen und den zusammenwachsenden Stalaktiten und Stalagmiten. Aber vielleicht hat sie eine andere Entstehungsgeschichte. Hier ist wohl Wasser eingedrungen und hat erst die H\u00f6hle geschaffen. Ob die Formen durch Lava gebildet wurden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6hlen wurden in der Steinzeit bewohnt, man diskutiert aber noch die Datierung, grob gesprochen vor 20.000 Jahren, nicht vom Neandertaler, sondern vom modernen Menschen. Man hat Essenreste gefunden, auch Knochen, die auf Haustierhaltung hindeuten, Stein- und Knochenwerkzeuge und Feuerstellen sowie einige Felszeichnungen. Alles das bekommt man nicht zu sehen, es ist den Forschern vorbehalten, viele Galerien sind zu ihrem eigenen Schutz nicht zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre mit dem B\u00e4hnchen zur\u00fcck, nachdem ich noch eine gl\u00fccklicherweise kurze dreidimensionale F\u00fchrung durch die H\u00f6hle \u00fcber mich habe ergehen lassen, von der Frau in Nerja sehr empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Nerja angelangt, treibt mich der Hunger an. Ich versuche, die Lokale gleich am Meer zu vermeiden und finde eins an einer Ecke, das ganz gut aussieht. Aber auch hier wird man auf Englisch angesprochen. Es gibt holl\u00e4ndisches Bier und einen C\u00e4sar-Salad (wer hat sich nur diesen Namen einfallen lassen?), der ausgesprochen gut schmeckt, den man aber in keinem spanischen Lokal antreffen w\u00fcrde. Ich sitze als einziger drinnen, drau\u00dfen wird Franz\u00f6sisch und Deutsch gesprochen. Eine Franz\u00f6sin, eine \u00e4ltere Dame, erkl\u00e4rt mir den Weg zum <em>Museo de Nerja<\/em>. Da sei nicht so leicht zu finden. Es ist tats\u00e4chlich ein bisschen abseits am Rande der Plaza Mayor gelegen, einem gro\u00dfen, modernen Platz mit nichtssagendem Weihnachtsschmuck und ein paar verh\u00fcllten Verkaufsbuden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr zum Museum steht offen, aber das Museum ist zu. Wir schlie\u00dfen um vier Uhr. Das ist eine Zeit, wo spanische Museen in der Regel gerade mal wieder f\u00fcr den Nachmittag \u00f6ffnen. Auch hier hat man sich den Ausl\u00e4ndern angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf anderen Wegen zur\u00fcck zur Bushaltestelle. Vor den Lokalen, alle mit englischer Speisekarte und Lockrufen, sitzen alte, reiche Ausl\u00e4nder, die Aperol Spritz trinken und glauben, es gehe ihnen gut. Definitiv nicht meine Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestelle gibt es gro\u00dfes Gedr\u00e4nge und das \u00fcbliche Durcheinander. Fast alle Busse fahren nach M\u00e1laga, aber auf unterschiedlichen Zeiten f\u00fcr unterschiedliche Unternehmen. Dazu kommt noch, dass man nicht reingelassen wird, wenn der Bus voll ist, obwohl man die Fahrkarte f\u00fcr genau diese Zeit reserviert hat. Am Ende bleiben au\u00dfer mir nur noch drei Asiatinnen und drei Engl\u00e4nder \u00fcbrig. Auch wir versichern uns gegenseitig, dass wir wohl noch warten m\u00fcssen, dass unser Bus noch kommen muss. Auf die Frage, woher sie k\u00e4men, sagen die asiatischen M\u00e4dchen, aus Edinburgh. Sehr schottisch sehen sie nicht aus. Es ist wohl ein sprachliches Missverst\u00e4ndnis. Sie kommen aus China. Bei den drei Engl\u00e4ndern muss ich die Ohren spitzen. Ist das \u00fcberhaupt Englisch? Ja, doch, kein Zweifel. Irgendwas aus dem Norden? Nachdem wir ins Gespr\u00e4ch gekommen sind, erfahre ich auch, woher: Newcastle. Geordies. Eine der Frauen fragt mich, ob mir Nerja gefallen habe. Ich gebe eine etwas ausweichende Antwort, deute aber an, dass ich lieber authentische spanische St\u00e4dte besuche, dass M\u00e1laga mir besser gefalle. Damit habe ich ihr wahrscheinlich auf den Schlips getreten, denn sie leben hier. Und warum fahren sie jetzt nach M\u00e1laga. \u201eFor the lights\u201c, sagt sie und blick mich mit Unverst\u00e4ndnis an. Jemand, der in M\u00e1laga Urlaub macht und nichts von der Lichterschau wei\u00df! Unglaublich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich in die L\u00e4nge, denn es geht nicht \u00fcber die Autobahn, sondern \u00fcber die D\u00f6rfer. Als wir auf M\u00e1laga zukommen, geht die Sonne unter, und als wir ankommen, um halb sieben, ist es stockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Wohnung komme, sind Thamarita und ihr Freund kr\u00e4ftig bei der Arbeit, sie mit einem Aufnehmer, er mit einem Bohrer. Sie klagt \u00fcber die spanischen Handwerker. Sie braucht einen Anstreicher, der zwei kleinere Arbeiten in zwei Zimmern erledigt. Sie k\u00fcndigten an, n\u00e4chste Woche und in der n\u00e4chsten Woche dann wieder n\u00e4chste Woche, und wenn sie dann k\u00e4men \u2013 sie, Thamarita, hat drei Monate gewartet \u2013 w\u00fcrden sie abkassieren und schlechte Arbeit leisten. Das sei ja in Deutschland alles viel besser, sagt sie mit einem Sto\u00dfseufzer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>22. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die unbekannte Frucht, <em>persim\u00f3n<\/em>, schmeckt richtig gut, erinnert an Apfel, an Pfirsich und an Ananas. Es ist eine Variante des Khakis, eine Z\u00fcchtung, die es erm\u00f6glicht, die Frucht zu essen, wenn das Fruchtfleisch noch fest ist. Beim Khaki muss man warten, bis das Fruchtfleisch weich ist, um den bitteren Geschmack zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal geht es wieder durch die Stra\u00dfen der Stadt ins Zentrum, nach Soho. Wie \u00fcberall in Spanien, werden st\u00e4ndig die B\u00fcrgersteige geschruppt, bis sie gl\u00e4nzen. Dabei wird ein charakteristisches Putzmittel verwandt, dessen Geruch ich sofort mit Spanien in Verbindung bringe.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Weg sowieso am Bahnhof vorbeif\u00fchrt, gehe ich gleich rein und erkundige mich nach den Fahrkarten. Die f\u00fcr die Fahrt zum Flughafen kann man erst am Reisetag kaufen, aber die f\u00fcr den <em>Caminito del Rey<\/em> gibt es hier, allerdings an einer anderen Stelle. Die Frau am Schalter ist freundlich und zuvorkommend und erledigt alles in k\u00fcrzester Zeit. Die Fahrkarte kostet gerade mal 7 \u20ac &#8211; hin und zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bahnhof ist nach Mar\u00eda Zambrano benannt, der spanischen Schriftstellerin. Ich kenne den Namen, aber keinen Text von ihr. Sie ist geb\u00fcrtig aus M\u00e1laga, aus der Provinz M\u00e1laga. Nach dem B\u00fcrgerkrieg war sie im Exil, u.a. in Kuba und Mexiko. Sp\u00e4ter erhielt sie als erste Frau den Cervantes-Preis. Sie habe, hei\u00dft es, einen Exil-Begriff entwickelt, der mehrere Etappen umfasst und deren Verlauf der Mensch einen Geschichts- und Ichverlust erlebt, eine Daseins-Negation erf\u00e4hrt und schlie\u00dflich unverortet ist. Als Metapher daf\u00fcr galt ihr die Insel. Das klingt modern und ist gut nachvollziehbar, und auch ein inneres Exil reicht, um diese Erfahrung zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter Richtung Soho. Unterwegs, wenn ich nach dem Weg frage, f\u00e4llt mir wieder die spanische Angewohnheit auf, bei den Erkl\u00e4rungen ohne <em>rechts<\/em> und <em>links<\/em> auszukommen. Beide W\u00f6rter werden regelrecht vermieden, auch bei einer Nachfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>In Soho angekommen sehe ich zwei Asiatinnen, die ein Haus photographieren. Das h\u00e4tte ich \u00fcbersehen. Es ist ein ganz normales, modernes Haus mit einer streng angeordneten Fassade. Was gibt es hier zu photographieren? Die Begr\u00fcnung. Wild w\u00e4chst es in den senkrechten Streifen zwischen den Fenstern. Platz ist genug da, weil die Fenster nicht mit der Fassade abschlie\u00dfen, sondern wie mit einem Erker hervorragen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Soho, wo schon viel Betrieb ist, setze ich mich in das Caf\u00e9 gegen\u00fcber dem mit den <em>churros<\/em> von vorgestern. Man kann drau\u00dfen sitzen, und es gibt ein getoastetes Croissant und einen leckeren Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Zuckert\u00fctchen stehen Fragen zu M\u00e1laga. Wie hei\u00dft der Botanische Garten von M\u00e1laga? La Concepci\u00f3n. Was ist das typischste Emblem von M\u00e1laga? Biznaga. Da muss ich passen. Sp\u00e4ter, in der Touristeninformation, erfahre ich, was das ist: die Bl\u00fcte des Jasmins.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Bettler versucht sein Gl\u00fcck hier und in dem gegen\u00fcberliegenden Caf\u00e9, beide Terrassen voll besetzt. Ich gebe ihm einen Euro, bei allen anderen hat er kein Erfolg. Kein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft, und au\u00dferdem m\u00fchsam und unangenehm. Ob die Weihnachtszeit ihm Gl\u00fcck beschert?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he ist der Fahrradverleih, den Thamarita mir empfohlen hat. Zwei M\u00e4nner sitzen hinter der Theke. Der \u00e4ltere beantwortet meine Fragen und reicht mich dann an den j\u00fcngeren weiter, mit dem ich die Formalien erledigen soll. Ich solle Englisch mit ihm sprechen. Englisch? Wir sind doch in Spanien. Ja, aber der kann kein Englisch. Der junge Mann ist Holl\u00e4nder. Auf meine Frage, woher er sei, sagt er \u201eFrom Holland\u201c, nicht \u201eFrom the Netherlands\u201c. Wir erledigen die Formalien und kommen dabei ins Gespr\u00e4ch, in einem Mischmasch aus Englisch, Deutsch und Holl\u00e4ndisch. Ich zahle meine 14 \u20ac und mache mich auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Man \u00fcberquert die Hauptstra\u00dfe und ist sofort auf einem perfekt angelegten Radweg. Der f\u00fchrt durch ein Wohnviertel und dann gleich zum Ufer runter. Und die Sonne scheint. Alles nahezu perfekt, aber dann endet der Radweg und es geht \u00fcber die Landstra\u00dfe, zweispurig, mit viel Verkehr. Die rechte Spur ist allerdings vorzugsweise f\u00fcr Fahrr\u00e4der ausgelegt&nbsp; &#8211; <em>Preferencia Bicicleta<\/em> \u2013 und auf der Fahrbahn erscheint wiederholt das Fahrradsymbol, zusammen mit der Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkung: 30. Das Meer erscheint zwischendurch immer wieder mal zwischen den H\u00e4userl\u00fccken und verschwindet dann wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Kilometern geht es wieder ab zur K\u00fcste. Jetzt ist der Radweg mal gepflastert, mal nicht. Dann f\u00e4hrt man \u00fcber schwarze, festgestampfte Erde mit Schotter. Eine Zeitlang ruckelt es ganz sch\u00f6n. Da ist die F\u00fcllung zwischen den ungleichm\u00e4\u00dfigen Steinplatten ausgewaschen. Man wird ordentlich durchgesch\u00fcttelt. Rechts, am Strand, ist es ganz einsam, links fast ununterbrochen mehrst\u00f6ckige Geb\u00e4ude mit Ferienwohnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtungsschilder oder Entfernungsangaben gibt es nicht. Unterwegs hin und wieder Schautafeln, aber die geben nur den ganz kleinen Ausschnitt des Strands wieder, und wenn mal eine l\u00e4ngere kommt, ist der eigene Standort nicht markiert. Dadurch frage ich zweimal nach. Ein spanischer Radfahrer erkl\u00e4rt mir, was hinter mir und was vor mir liegt. Als ich nach Pedregalejo frage, deutet er zur\u00fcck. Auf meinen Kommentar hin, man habe mir gesagt, da sei es besonders sch\u00f6n, sagt er, typisch spanisch, hier in M\u00e1laga sei es \u00fcberall sch\u00f6n. Mit einer solch differenzierten Aussage bin ich \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter frage ich ein Ehepaar, das mir entgegenkommt. Oh, kein Spanisch, <em>fran\u00e7ais<\/em>, sagen sie. Ich muss umschalten, komme ins Schwitzen, aber am Ende klappt es. Oh nein, ich m\u00fcsse noch nicht umkehren, sagt sie, das gehe noch zwanzig Kilometer weiter. Und den <em>Tintero<\/em>, den habe ich schon l\u00e4ngst hinter mir gelassen. <em>El Tintero<\/em> nennt sie <em>Le Tinterooo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil wird es immer w\u00e4rmer, die Sonne scheint mit voller Wucht, und das Ende Dezember.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle f\u00e4hrt man durch einen Tunnel. Auf einer Plakette, in der an die tapferen Widerstandsk\u00e4mpfer erinnert wird, erf\u00e4hrt man, dass der Tunnel durch eine Granate entstanden ist, die die franquistischen Angreifer von einem Kriegsschiff aus aufs Land warfen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer besonders sch\u00f6nen Stelle liegt ein grober Felsen im Wasser, der <em>Pe\u00f1\u00f3n del Cuero<\/em>, nur wenige Meter vom Strand entfernt. Hier m\u00fcndet ein Bach in das Meer. Er hat Kraft und hat sich seinen Weg durch den Felsen gebahnt. Hier ist der Sand durch Quarz- und Kalkablagerungen heller als sonst, wo er dunkelgrau ist. In kurzer Entfernung ragt hinter dem K\u00fcstenstreifen ein Berg auf, der immerhin \u00fcber 1.000 Meter hoch ist, wie alle Berge hier mit karger Vegetation.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach kommt als Gegenprogramm eine gro\u00dfe Zementfabrik. Ob sie was mit den Kalkablagerungen zu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man erh\u00f6ht einen alten Wachturm. Er ist der einzige erhaltene von mehreren, die hier an der K\u00fcste zur Abwehr gegen die Piraten errichtet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommt eine gr\u00f6\u00dfere Baustelle. Man muss das Rad durch den tiefen Sand schieben. Ich nehme das zum Anlass, umzukehren. Ich bin bis zum <em>Rinc\u00f3n de la Victoria<\/em> gekommen, etwa zehn Kilometer von M\u00e1laga entfernt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich auf einem Campingplatz Campingwagen aus Bremen, Hannover, Essen, Frankfurt, N\u00fcrtingen und R\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, n\u00e4her an der K\u00fcste zu bleiben, um die Landstra\u00dfe zu vermeiden. Das geht, aber man muss oft schieben, auf der Uferpromenade ist es ziemlich voll, vor allem da, wo Lokale sind. Alle machen Werbung mit ihren Fisch- und Meerestierspeisen, und auf den Grills sieht man die <em>espetas<\/em>, das typischste f\u00fcr M\u00e1laga, bei denen die Fische, meist Sardinen, aufgespie\u00dft und \u00fcber dem offenen Feuer gegrillt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache Halt in Pedregalejo und frage eine Verk\u00e4uferin am Strand, wo es nach Pedregalejo gehe. Dies sei Pedregalejo, antwortet sie. Ich versuche zu erkl\u00e4ren, dass ich das Zentrum suche, einen Platz, eine Kirche, einen Markt. Die Frage scheint sie zu \u00fcberfordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schiebe das Rad dann einfach eine Gasse rauf und suche in dem wie ausgestorben wirkenden Ort nach dem Ortskern \u2013 vergeblich. Pedrejalejo soll doch so sch\u00f6n sein. Ich sto\u00dfe auf einen Mann, und der sagt mir, das gebe es hier nicht. Sch\u00f6n sei hier der Strand. Das ist das spanische Verst\u00e4ndnis von einem sch\u00f6nen Ort. Er empfiehlt mir noch schnell, an einem Platz Halt zu machen, der El Balneario hei\u00dft, au\u00dferhalb des Ortes, aber der hat nichts mit dem zu tun, was ich suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme am <em>Tintero<\/em> vorbei, dem wunderbaren Lokal, wo die Kellner durch die Reihen spazieren und ihre Speisen anbieten, mit lauten, wiederholten Lockrufen, bis der erste Gast anbei\u00dft. Schweres Herzens fahre ich weiter, es ist noch etwa fr\u00fch f\u00fcrs Essen und noch etwas fr\u00fch f\u00fcr den <em>Tintero<\/em>, und hier macht es mehr Spa\u00df, wenn man in einer Gruppe ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungewollt komme ich an der Marina an und fahre gleich an dem Leuchtturm vorbei, der sich mit seinem Wei\u00df sch\u00f6n von dem wolkenlosen blauen Himmel abhebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz dahinter das <em>Centre Pompidou<\/em>, einem erstaunlichen, sch\u00f6nen und ganz experimentellem Bau. Er ist ein Quader aus unterschiedlich farbigen Quadraten aus Glas, deren Farben sich in der Sonne brechen und auf dem Boden spiegeln. Das Museum selbst sieht man nicht. Ob es unterirdisch ist? Durch eine Auslassung in einer Skulptur hindurch mache ich ein Photo von dem Bau. Das ist originell, hat aber einen Sch\u00f6nheitsfehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur Touristeninformation und erfahre dort alles, was ich wissen will f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage. Der Mann ist geduldig und notiert mir alles auf Karten und Ausdrucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bringe ich das Fahrrad zur\u00fcck. Leider ist morgen schon die letzte M\u00f6glichkeit, noch mal ein Rad zu leihen. Danach machen sie Weihnachtsferien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in das Lokal von heute Morgen und bestelle Tapas: <em>Magro de tomate<\/em>, <em>Carne Stroganoff<\/em> und <em>Ensaladilla rusa<\/em>. Dazu gibt es ein leckeres Alhambra. Alles sehr gut, vor allem das Stroganoff mit seinen Pilzen und seiner s\u00e4migen So\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen sich, trotz der kurzen Distanz auf dem Fahrrad, die Beine bemerkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>23. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Thamarita putzt, als ich aus dem Zimmer komme. Heute trifft ein neuer Gast ein. Sie will f\u00fcr immer in M\u00e1laga bleiben, erstens, weil die Lage in Argentinien schwierig ist, zweitens weil sie einen zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Sohn hat, in dessen N\u00e4he sie bleiben will. Sie lebt von dem Vater getrennt, hat aber ein gutes Verh\u00e4ltnis zu ihm und m\u00f6chte, dass der Junge beide Eltern in der N\u00e4he hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die lange Hose in der W\u00e4sche ist, muss ich heute mit kurzer Hose raus. Ich habe die Bef\u00fcrchtung, dass die Leute mich komisch ansehen, aber als ich aus dem Haus komme, l\u00e4uft mir sofort ein Mann \u00fcber den Weg, der auch eine kurze Hose tr\u00e4gt. Wir sind aber eine verschwindende Minderheit. Immerhin gibt es ein paar Frauen, die kurze R\u00f6cke tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum mache ich Halt in der gro\u00dfen Cafeteria, die immer voll besetzt ist. Auch heute. Ich erwische gerad noch einen freien Platz. Hier hat man erst gar nicht den Versuch gemacht, den Raum irgendwie gem\u00fctlich zu machen oder aufzuh\u00fcbschen, aber das scheint seiner Attraktivit\u00e4t keinen Abbruch zu tun. Der Ger\u00e4uschpegel ist hoch, auf dem Boden liegen gebrauchte Servietten und Quittungen, und die Bedienung l\u00e4uft gesch\u00e4ftig zwischen den Tischen auf und ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein weiter Weg zum <em>Museo de M\u00e1laga<\/em>. Erst der gewohnte Weg zur Br\u00fccke und dann Richtung Zentrum, und dann erst geht es die gro\u00dfe Stra\u00dfe entlang \u2013 sechs Spuren und eine zus\u00e4tzliche Busspur \u2013 die passenderweise <em>Alameda Principal<\/em> hei\u00dft. Auf beiden Seiten gibt es breite Promenaden f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger, so dass man von dem Verkehr gar nicht so viel mitkriegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Alameda Principal<\/em> geht dann in den <em>Paseo de<\/em> <em>Parque<\/em> \u00fcber, und erst an dessen Ende befindet sich das Museum, in einem palastartigen, klassizistischen Geb\u00e4ude, das fr\u00fcher der Sitz der Zollverwaltung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist neueren Datums. Der Eintritt ist frei. Erst gibt es eine gro\u00dfe Gem\u00e4ldeausstellung, in einem Geschoss, auf viele S\u00e4le verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Auftakt bildet eine Allegorie von M\u00e1laga (1870), ein \u00d6lgem\u00e4lde, das als Gewinner aus einem Wettbewerb hervorging. Es spiegelt Wohlstand und Fortschritt wider, mit Zuckerfabrik, Bahnhof, Hochofen, einem neu errichteten Depot f\u00fcr Handelsg\u00fcter usw., alles auf engstem Raum zusammengefasst. Im Vordergrund ein Tempelchen mit dem Gott Merkur mit Merkurstab, dem Gott des Handels, der in der anderen Hand die Gebote des Handels tr\u00e4gt. Vorne, wo ein paar Stufe ins Wasser f\u00fchren \u2013 dies muss der alte Hafen sein \u2013 wimmelt es nur so von Menschen, spielende Kinder, Fischer, ein Lautenspieler, stillende M\u00fctter. Eine hat beide Br\u00fcste entbl\u00f6\u00dft, weil sie Zwillinge versorgen muss. Ein Pferdefuhrwerk, ein Heuwagen, ein Sch\u00e4fer mit Hirtenstab und Hirtenhut, der bei seinen Schafen sitzt. Eine Frau reckt ihr nacktes Kind dem Merkur entgegen, als wolle sie es ihm weihen. So gut hat er, ist die Implikation, f\u00fcr die Stadt gesorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einzelne Ausstattungsst\u00fccke aus den 1848 s\u00e4kularisierten Kl\u00f6stern. Allein in M\u00e1laga waren das acht Kl\u00f6ster, darunter das von Johanna der Wahnsinnigen 1507 gegr\u00fcndete Kloster La Merced. Daraus gibt es Teile des Chorgest\u00fchls mit Fabelwesen mit eher menschlicher und mehr tierischer Gestalt. Eins l\u00e4sst die Daumenspitze zwischen Zeigefinger und Mittelfinger hervorgucken, eine Geste, die bestimmt eine Bedeutung hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Kloster Santa Clara stammt ein Brunnenfries mit einer Inschrift in einer Schrift arabischer Provenienz. In dem Text wird um Gesundheit f\u00fcr Mohammed und seine Familie gebeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Heiligenbildern auffallend ein San Francisco de Paula von Murillo. Kutte und Hintergrund dunkel, hell die herausgestreckte bittende Hand, die Kordel und das flehentlich nach oben gerichtete Gesicht. Ganz oben rechts leuchtet der Himmel in einem St\u00fcck gelb-r\u00f6tlich und verhei\u00dft Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaftsmalereien werden \u2013 wen wundert\u2019s? \u2013 vom Thema Meer beherrscht. Viele sind einfache, gef\u00e4llige Szenen von bunten Segelschiffen im sicheren Hafen. Als totaler Kontrast zwei hochdramatische, hochromantische Gem\u00e4lde Havarien auf hoher See. Man sieht automatisch hin. Die See ist in beiden aufgew\u00fchlt, und die Farben und Pinselstriche entsprechen dem, der Kontrast zu den anderen Gem\u00e4lden k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Auf dem ersten Bild sieht man im Vordergrund M\u00e4nner auf einem h\u00f6lzernen Rettungsboot, das von den Wellen hochgeworfen wird. Zwei, drei Ruderer versuchen verzweifelt, gegen die Wellen anzukommen, aber man sieht nicht einmal, wohin der Weg f\u00fchren soll, wo die Rettung sein k\u00f6nnte. Vielleicht in der Richtung des Betrachters, denn dahin richten sich die Blicke der anderen, wie einfache Fischer gekleideten M\u00e4nner, deren existenzielle Angst sich auf ihren Gesichtern widerspiegelt. Das havarierte Mutterschiff sieht man am \u00e4u\u00dfersten Bildrand. Von dort kann keine Hoffnung mehr kommen. Ein Bild, das einem nahegehen kann, auch wenn man noch nie auf hoher See war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere stellt den Untergang der spanischen Armada dar, ein ungew\u00f6hnliches Sujet von einem spanischen Maler. Nationale Niederlagen werden nicht so gerne zum Thema von Gem\u00e4lden gemacht. Vorne sieht man ein Schiff, das bereits havariert ist und auf der Seite liegt, ein anderes, das gerade zur Seite kippt und ein drittes, das gerade anf\u00e4ngt zu kippen. Hinten links, in der Distanz, folgen weitere Schiffe, alle noch intakt, aber schon im Kampf mit den Wellen. Sie fahren in dieselbe Richtung, ihrem Schicksal entgegen. Auch hier ist der malerische Protagonist die See mit den blau-grau-wei\u00df schimmernden Wellen. Die Dramatik wird betont durch die hoch am Himmel stehende, bleiche Sonne, die noch ihr Licht auf die Wellen wirft und ganz oben am Firmament einen r\u00f6tlichen Schimmer hinterl\u00e4sst, die aber auch ihrem Untergang entgegengeht. Historisch richtig wird hier dargestellt, dass die spanische Armada nicht,&nbsp; wie in der englischen Malerei und in der popul\u00e4ren Vorstellung, von der englischen Flotte, sondern vom Meer besiegt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In eine ganz andere Welt kommt man, wenn man den Saal mit den Portr\u00e4ts betritt. Hier sieht man unter anderem das Portr\u00e4t eines spanischen Ministers, des Ministro de Ultramar, mit pelzbesetzter Robe vermutlich in seinem privaten Arbeitszimmer stehend, auf einem schweren Teppich, vor einem schweren Vorhang und einem B\u00fccherbord mit schweren Folianten. Die Malweise ist zwischen realistisch und impressionistisch angesiedelt. Das Bild gibt zwei R\u00e4tsel auf: Was h\u00e4lt der Minister zwischen den Fingern in der einen Hand und was steht auf dem Blatt Papier, das von einem Schemel vor ihm auf den Boden gefallen ist? Beide enthalten vielleicht Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Portr\u00e4ts.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6ne Bilder gibt es in einem weiteren Saal von einem Maler namens Mu\u00f1oz Degrau. Es sind Landschaftsmalereien von einer Art, die den Impressionismus hinter sich lassen will, oft ganz menschenleer, suggestive Bilder, bei denen es gar nicht so sehr darum geht, was dargestellt wird: eine Br\u00fccke \u00fcber einen Bach, eine Landschaft in Arag\u00f3n, ein Fluss, alles in leuchtenden Farben. Ganz wunderbar ein Bild, das \u201eNoche en la Caleta\u201c hei\u00dft, eine Szene am Strand, in der man auf den ersten Blick nur helle Punkte vor einem dunklen Hintergrund sieht. Allm\u00e4hlich erkennt man die Gegenst\u00e4nde und Figuren: das Heck eines Schiffs, Fischer, tanzende Frauen, einen Lautenspieler, ein Lagerfeuer und ganz hinten die Lichter der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder das Gegenprogramm in einem anderen Saal mit einem Bild, das eine Genreszene darzustellen scheint, das es aber in sich hat. Am ge\u00f6ffneten Fenster sitzt ein Kleriker, der zusammen mit einem Gehilfen B\u00fccher untersucht. Die werden ihm von einer Magd angereicht, die sie, auf einem Schemel stehend, von einem B\u00fccherbord holt. Auf dem breiten Fenstersims liegen mehrere B\u00fccher, daneben steht eine Frau, die sie mit Verve aus dem Fenster wirft. Hier wird Zensur ausge\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die arch\u00e4ologische Abteilung beginnt mit den H\u00f6hlen. Es wird auf das Paradoxon aufmerksam gemacht, dass die H\u00f6hlen f\u00fcr den fr\u00fchen Menschen Refugium bedeuteten, aber sp\u00e4ter Angst verbreiteten. F\u00fcr uns heute haben sie etwas Anziehendes, Faszinierendes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Steinzeitmenschen, die die H\u00f6hlen von M\u00e1laga bewohnten, waren Vorg\u00e4nger des modernen Menschen, keine Neandertaler. Sie unterschieden sich von dem in der Herstellung und Art ihrer Werkzeuge \u2013 hier kann man deutlich sehen, dass sie schmaler und l\u00e4nglicher sind \u2013 und dadurch, dass es getrennte Instrumente f\u00fcr den Haushalt und die Jagd gab. Au\u00dferdem kannte der moderne Mensch schon die symbolische Darstellung. Man sieht hier Schmuckst\u00fccke, aus den Z\u00e4hnen von Tieren oder aus Schalentieren gefertigt, die um den Hals getragen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den H\u00f6hlen von Nerja hat man Feuerstellen gefunden, in denen Pinienzapfen verbrannt wurde, so dass man an Pinienkerne kam. Aber ansonsten basierte das \u00dcberleben auf Sammeln und Jagen. Gejagt wurden vor allem Ziegen, Bergziegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach scheint die Entwicklung in Riesenschritten zu erfolgen, allerdings k\u00f6nnen hier auch schon mal ein paar tausend Jahre zwischen einer Vitrine und der n\u00e4chsten liegen. Die Entwicklung wurde vorangetrieben von der Ankunft neuer Menschen. Die konnten schon Instrumente, um Holz und Getreide zu bearbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, vom 4. Jahrtausend an, erscheinen Begr\u00e4bnisst\u00e4tten, in Dolmen, mit gro\u00dfen Steinbl\u00f6cken gebaut. Das f\u00fchrt zu einer \u201eMonumentalisierung der Landschaft\u201c. Ein wichtiger Schritt, der den Menschen endg\u00fcltig vom Tier unterscheidet, seine Verstorbenen zu bestatten. Merkw\u00fcrdigerweise stehen die Dolmen der Verstorbenen hier im Kontrast zu den Lebenden, die weiterhin keine feste Behausung haben. Das \u00e4nderte sich mit der Bronzezeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ankunft der Ph\u00f6nizier stellte einen weiteren Einschnitt in der Geschichte dieser Gegend dar. Die Ph\u00f6nizier gr\u00fcndeten Handelsniederlassungen, darunter Malaka. Ein ungew\u00f6hnliches Ausstellungsst\u00fcck ist ein Teil einer Stra\u00dfe, aus Muscheln und Lehm gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Punischen Kriege wurden M\u00fcnzsch\u00e4tze von Privatleuten Kr\u00fcgen in der Erde vergraben. Die wurden dann erst viel sp\u00e4ter von den Arch\u00e4ologen wiederentdeckt. Hier sieht man ganze Sammlungen von platten M\u00fcnzen aus Silber, zusammen mit den Kr\u00fcgen, in denen sie gefunden wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ph\u00f6nizier verbrannten ihre Toten und bestatteten sie in Urnen, zusammen mit Schmuckst\u00fccken und Versorgung f\u00fcr das Bankett im Jenseits. Im Laufe dieses Jahrtausends, etwas vom 7. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr., ersetzt dann die K\u00f6rperbestattung die Verbrennung. Immer wieder faszinierend, so etwas zu lesen. Es bleibt ein R\u00e4tsel, wie solche Entwicklungen zustande kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die gut dokumentierte R\u00f6merzeit, mit den g\u00e4ngigen Ausstellungsst\u00fccken. Mein Interesse wird angelockt von zwei besonderen. Zuerst Buchstaben und N\u00e4gel aus vergoldeter Bronze, wohl Teil einer Inschrift. Kann mich nicht erinnern, so was schon mal gesehen zu haben. Die Buchstaben sind ausgesprochen sch\u00f6n gestaltet, und sogar die N\u00e4gel haben eine sch\u00f6ne Form.<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere ist die liegende Statue, ziemlich verwittert, von Attis, einem r\u00f6mischen Hirten. Er wurde unter Claudius pl\u00f6tzlich modern \u2013 auch bei der Heiligenverehrung gibt es Moden \u2013 und man veranstaltete Feste zu seinen Ehren. Attis entmannte sich selbst, weil er eine Frau heiraten sollte, die ihm nicht passte. Aus dem Blut seiner Hoden wuchsen die Veilchen. Er selbst \u00fcberlebte den Eingriff nicht, wurde aber von der G\u00f6ttin Cibeles, die sich in ihn verliebt hatte, wieder zum Leben erweckt, wie Lazarus von Jesus. Attis findet sich deshalb oft in Begr\u00e4bnisst\u00e4tten, weil er f\u00fcr die Wiedergeburt steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in M\u00e1laga betrieben die R\u00f6mer eine Garum-Fabrik, auch die Amphoren, in denen das Garum aufbewahrt und transportiert wurden, wurden hier hergestellt und sind hier im Museum zu sehen. Das Garum, eine Art Sardellenpaste, die ein Wundermittel gegen fade Speisen war, war ein wichtiges Handelsgut.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende der R\u00f6merzeit kommen, wie in ganz Spanien, die Westgoten, aber die wurden \u2013 und das ist mir ganz neu \u2013 hier auf einem Streifen ganz im S\u00fcden der Halbinsel, von Byzanz verdr\u00e4ngt. Dieser Teil Spaniens geh\u00f6rte also zu Ostrom, zum Byzantinischen Reich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fand sein Ende mit der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Sarazenen. Dar\u00fcber gibt es hier, neben den g\u00e4ngigen Ausstellungsst\u00fccken, Information \u00fcber Bobastro, die Hauptstadt der Rebellen, angef\u00fchrt von einem gewissen Umar Ibn Hafsun, der sich gegen die Vorherrschaft des Emirats von C\u00f3rdoba auflehnte und sogar zum Christentum konvertierte! Eine wunderbare Geschichte, die noch einmal ganz eindringlich zeigt, dass es mit der platten Gegen\u00fcberstellung Christen \u2013 Araber nicht getan ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hiermit endet der arch\u00e4ologische Teil. Leider gibt es nichts zu der Entstehung der modernen Stadt M\u00e1laga, wie ich das erwartet hatte, aber macht nichts. Lohnt sich auch so.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten gibt es eine Photographieausstellung eines britischen Photographen, Martin Parr, der wohl hier ans\u00e4ssig ist. Ganz verr\u00fcckte bunte Bilder vom Alltag in der Stadt, trivial, kitschig, Alltagsbanalit\u00e4ten, die kein klassisches Sujet f\u00fcr die Photographie sind, hier aber ihre Wirkung erzielen. Sie sind wie ein ironischer Kommentar auf unsere Wirklichkeit. Auf einem Photo sieht man eine blonde Engl\u00e4nderin in Shorts, die vor ihrer Bar steht, mit britischer Flagge verziert. Hier gibt es English Breakfast (All day), Chips, Day Trips, Sandwiches und nat\u00fcrlich Liquers, Spirits, Beers. Er nehme, sagt der Photograph, \u201edie Kom\u00f6die sehr ernst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten gibt es einen Raum zu Picasso. Ganz zu Anfang sieht man ein ganz fr\u00fches Bild, die Darstellung eines alten Paars, in der Stube sitzend, sich gegenseitig ansehend. Realistisch, stimmungsvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen Werke sind aus sp\u00e4teren Epochen. Besonders gef\u00e4llt mir eine Vase, in Wei\u00df, Grau und Schwarz, mit einfachen, eleganten Formen. Auf dem Bauch der Vase mit ein paar Pinselstrichen, die man sofort Picasso zuschreibt, das Profil eines weiblichen Gesichts und eines Uhus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den anderen Werken sieht man vor allem, wie Picasso immer wieder ein und dasselbe Thema variiert. Hier gibt es Lithographien zum Stierkampf, alle gleich gro\u00df, in Schwarz und Wei\u00df, insgesamt 26, und Ansichten eines Fauns, etwas gr\u00f6\u00dfer, moderat farbig, auch mehr als ein Dutzendmal vertreten.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, ist es richtig warm geworden. Die kurze Hose ist jetzt ganz passend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich ein bisschen treiben, an der Kathedrale vorbei, und komme an Ecken, an Skulpturen, an Kneipen und an Pl\u00e4tzen vorbei, die mir bekannt vorkommen. \u00dcber die Larios mit wenig geschmackvollem Weihnachtsschmuck gehe ich bis zur <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em>. Auch die habe ich gut in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schaufenster eines Feinkostgesch\u00e4fts bleibe ich h\u00e4ngen: ganze Schinken, qualit\u00e4tsvoller Wein, getrocknete Feigen und Datteln, Konserven mit Thunfisch und Muscheln. Und drinnen t\u00fcrmen sich die K\u00e4selaibe auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich am Markt vorbei und sehe, wie die Kellner gro\u00dfe Platten mit Meeresfr\u00fcchten an die Biertische nach drau\u00dfen tragen. All das sieht verlockend aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es \u00fcberall voll \u2013 und laut. Aber es besteht gar keine Hektik.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter ich Richtung Unterkunft komme, umso ruhiger wird es. Mein Blick f\u00e4llt auf <em>Todo por dos<\/em>, einem Laden mit Billigartikel. Fr\u00fcher muss es mal <em>Todo por uno<\/em> gehei\u00dfen haben, aber die Inflation fordert ihren Tribut und macht Schluss mit den Ein-Euro-L\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kaufe ich in einer B\u00e4ckerei zwei Teigtaschen, die ausgesprochen gut schmecken. Das Angebot in den B\u00e4ckereien hat sich ordentlich erweitert, aber der Klassiker bleibt das Baguette \u2013 <em>la barra de pan<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>24. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus komme, f\u00e4llt mein Blick auf das Nagelstudio gegen\u00fcber: <em>Miss u\u00f1as<\/em>. Das Wortspiel f\u00e4llt mir jetzt erst auf. Etwas weiter an der Ecke ist ein Gesch\u00e4ft, das <em>Booh!<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht erst so aus, als w\u00fcrde es mit dem Fr\u00fchst\u00fcck nichts werden heute. Die Bars in der N\u00e4he sind alle geschlossen, damit habe ich nicht gerechnet. Auch die meisten Gesch\u00e4fte sind zu, bis auf die gro\u00dfen Superm\u00e4rkte und die M\u00e4rkte der Araber und Chinesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Friseursalon in der N\u00e4he der Unterkunft hat auf. Ich frage, ob man einen Termin machen m\u00fcsse. Nein, kommen Sie rein. Ich bin sofort an der Reihe. Ich h\u00f6re, wie die Friseure untereinander Arabisch sprechen. Marrokaner? Ja. Die haben es nicht weit bis hierher. Der junge Mann, der mir die Haare schneidet, macht seine Sache richtig gut, gr\u00fcndlich, sauber, schnell. Als ich ihn frage, was ich ihm schuldig bin, sagt er auf Deutsch: \u201dSieben\u201c. Ich gebe ihm ein f\u00fcrstliches Trinkgeld und habe immer noch die H\u00e4lfte gespart.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der gro\u00dfen Cafeteria vorbeikomme, wo heute nur gereinigt wird, f\u00e4llt mir ein Plakat im Schaufenster in die Augen. Am 25. Dezember und am 1. Januar, hei\u00dft es, werde kein Alkohol ausgeschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die ganze lange Stra\u00dfe hinunter, ohne dass ich eine Bar finde, die offen hat. In der Ferne sehe ich in der Seitenstra\u00dfe aber eine Markise, und dort ist tats\u00e4chlich ein Bar, und die hat ge\u00f6ffnet. <em>Pura Vida<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt ist \u00fcberrascht, als ich ihm sage, ich h\u00e4tte einige Zeit gesucht. Ich bestelle den obligatorischen Milchkaffee und einen Toast mit Marmelade. Die, sagt der Wirt, sei aus eigener Herstellung. Seine Frau ist daf\u00fcr zust\u00e4ndig. Als sie mir das Fr\u00fchst\u00fcck serviert, verr\u00e4t sie mir, was das ist: Mango mit Walnuss. Habe ich sicher noch nie probiert. Schmeckt gut, sehr s\u00fc\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einrichtung der Bar ist das genaue Gegenteil von der von gestern. Ein unglaubliches Sammelsurium an den W\u00e4nden, darunter ausgesprochen geschmackvolle, gerahmte Spiegel mit arabischen Schmuckmotiven. Dazu alte Filmplakate, ein paar Schallplatten und B\u00fccher auf einem B\u00fccherbord, ein alter Wohnzimmerschrank, Werbeplakate von verschiedenen Brauereien, einen Aufkleber mit Mafalda, Reproduktionen von modernen Gem\u00e4lden, ein Dartsbord, eine Uhr mit Pendel, ein ziemlich \u00e4rmlich aussehender Kaktus, k\u00fcnstliches Efeu und drei kleine Weinf\u00e4sser auf einem Regal. Der Tisch, an dem ich sitze, ist eine umfunktionierte N\u00e4hmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tresen steht der einzige andere Kunde, ein \u00e4lterer Mann. Er doziert \u00fcber die Weihnachtstage. Heute seien die Gesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet, die Friseursalons und die M\u00e4rkte, das sei ja wohl klar, man m\u00fcsse ja noch mal einkaufen k\u00f6nnen, im letzten Moment falle einem noch ein, dass Mehl oder \u00d6l fehle. Morgen, das sei eine andere Sache, morgen sei ein gro\u00dfer Tag, der gr\u00f6\u00dfte Tag des Jahres, da m\u00fcsse nat\u00fcrlich alles geschlossen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bezahle, sagt mir der Wirt, doch, doch, heute h\u00e4tten sie noch bis vier Uhr ge\u00f6ffnet, es gebe am Mittag noch was zu essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine gute Nachricht. Die Speisekarte sieht verlockend aus. Als ich mich sp\u00e4ter wieder auf den Weg mache, ist die Stadt erwacht. Viel mehr Bewegung, auf dem B\u00fcrgersteig, auf der Stra\u00dfe. Auch die Losverk\u00e4ufer sind jetzt noch mal aktiv, und ein paar weitere Gesch\u00e4fte haben ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck ins Pura Vida. Auf der Speisekarte steht unter den Getr\u00e4nken <em>Randler<\/em>. Das ist ein Tippfehler. Das Wort Radler hat inzwischen seinen Weg ins Spanische gefunden, aber nat\u00fcrlich ist die w\u00f6rtliche Bedeutung nicht bekannt. Bei der Milanesa hat man die Wahl zwischen <em>carne<\/em> und <em>pollo<\/em>, Fleisch und H\u00e4hnchen. H\u00e4hnchen z\u00e4hlt im Spanischen nicht als Fleisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle <em>codillo<\/em>, eine Schweinshaxe, und einen Rotwein, einen Tempranillo. Als Gabe des Hauses gibt es ein paar St\u00fccke Chorizo und dann hausgemachtes Aioli mit Brot. Die Schweinshaxe ist ausgezeichnet. Das Fleisch ist ganz zart, es hat keine Schwarte und ist mit einer hervorragenden Kr\u00e4uterso\u00dfe gew\u00fcrzt, mit Thymian und Rosmarin. Ein Leckerbissen. Dazu gibt es Pommes. Es fehlt lediglich an Salz.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Theke steht ein \u00e4lterer Herr, distinguiert aussehend, mit dunkelblauem Blazer mit Einstecktuch, wei\u00dfen Jeans, braunen Lederschuhen und hellblauen Socken, die zum Vorschein kommen, weil die Hose zu kurz ist. Mit weit ausholenden Gesten erz\u00e4hlt er von irgendeiner Begebenheit, ich versteh immer nur pueblo. Sein Publikum ist der Wirt, und der h\u00f6rt ihm konzentriert zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Von drau\u00dfen st\u00fcrzen drei M\u00e4nner gleichzeitig in die Wirtsstube. Sie dr\u00e4ngeln sich gegenseitig vor, jeder will bezahlen. Sie haben drau\u00dfen an einem Biertisch gestanden. Sp\u00e4ter bringt die Wirtin die Flaschen rein und stellt sie auf die Theke. Sie haben zwanzig Flaschen Bier geschafft. An ihnen verdient die Bar besser als an mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch auf Kosten des Hauses einen Lik\u00f6r, einen <em>patxar\u00e1n<\/em>, einen Schlehenlik\u00f6r. Der Mann an der Theke prostet mir zu, und als ich den Raum verlasse und frohes Fest w\u00fcnsche, klopft er mir auf die Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Joseph Moor, der Mann, der den Text von Stille Nacht, heilige Nacht gedichtet hat, war Hilfspfarrer in Oberndorf bei Salzburg. Als uneheliches Kind musste er einen p\u00e4pstlichen Dispens bekommen, um Pfarrer zu werden. Schon bald hatte er den Unwillen seines Vorgesetzen auf sich gezogen. Pfeifenrauchend durch die Stra\u00dfen zu ziehen, das geh\u00f6re sich f\u00fcr einen Priester nicht. Au\u00dferdem spiele er Gitarre, und zwar im Wirtshaus, und spiele dabei nicht nur beschauliche Lieder. Freundschaftlich verbunden war er mit dem Organisten, Franz Xaver Gruber. Den bat er 1818 eine Melodie zu schreiben zu dem Text, den er schon zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Weihnachten 1818 wurde das Lied, mit Gitarrenbegleitung, dann zum ersten Mal aufgef\u00fchrt. Die Begleitung mit Gitarre ist, so hei\u00dft es, dem Umstand zu verdanken, dass die Orgel der Kirche im letzten Moment gerade am Tag der Christmette kaputt gegangen war. Deshalb sei Mohr noch am Morgen des Tages bei Gruber vorstellig geworden und ihn gebeten, eine passende Melodie zu finden. Aber das ist vermutlich eine fromme Legende, jedenfalls gibt daf\u00fcr keinerlei Beleg, keinerlei Hinweis. Die Legende f\u00fcllt eine L\u00fccke und erkl\u00e4rt, warum das Lied zuerst mit Gitarrenbegleitung aufgef\u00fchrt wurde. Bekannt wurde das Lied allerdings nicht durch Mohr oder durch Gruber, sondern einem Orgelbauer aus dem Zillertal, der tats\u00e4chlich, aber ein paar Jahre sp\u00e4ter, nach Oberndorf kam, um dort und in den umliegenden Gemeinden Orgeln zu bauen oder zu reparieren. Er nahm das Lied mit ins Zillertal, wo traditionell Volksmusik gepflegt und wo es von fahrenden H\u00e4ndlern aufgenommen wurde, die es nach Deutschland, Russland und England brachten, wo sie es in Parks, Gasth\u00e4usern, Salons und Konzerts\u00e4len auff\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es \u201eStille Nacht, heilige Nacht\u201c in mehr als 300 Sprachen. In Amerika h\u00e4lt man es f\u00fcr ein amerikanisches Volkslied. Ber\u00fchmt wurde die Szene aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben von Ypern, wo 1914 \u00fcber die Weihnachtstage die Waffen schwiegen, und deutsche und britische Soldaten durch die N\u00e4he zueinander Kontakt aufnahmen und dann gemeinsam das Lied intonierten, jeder in seiner Sprache. Wenige Tage sp\u00e4ter wurde wieder geschossen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weihnachtsinsel im Indischen Ozean wurde erstmals am Weihnachtstag von europ\u00e4ischen Seefahrern entdeckt, im Jahre 1643. Daher tr\u00e4gt sie ihren Namen. Heute leben allerdings mehr Buddhisten und Moslems dort als Christen, und die treten Weihnachten die Flucht in den Urlaub an, denn sie arbeiten in der Phosphat-Industrie. Die Insel geh\u00f6rt heute zu Australien, wurde nach der Entdeckung des Phosphats von Gro\u00dfbritannien und im Krieg von Japan annektiert. Die Insel, die nahe des Javagrabens liegt, hat ein spektakul\u00e4res Korallenriff. Jenseits des Riffs f\u00e4llt das Wasser steil ab. An dem Korallenriff zerschellte vor einigen Jahren in Schiff mit Fl\u00fcchtlingen. In den Wintermonaten bietet die Insel ein besonderes Naturschauspiel mit der Krabbenwanderung. Die roten Krabben str\u00f6men in riesigen Mengen \u2013 es ist von Millionen die Rede \u2013 aus den W\u00e4ldern zur K\u00fcste, um dort ihre Eier abzulegen. Die Wanderung der streng gesch\u00fctzten Tiere ist ein Spektakel f\u00fcr die Touristen, f\u00fcr die Einheimischen ist sie eher l\u00e4stig.<\/p>\n\n\n\n<p>26. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, ist es, einer elektronischen Anzeige zufolge, 6\u00b0. Im Schatten ist es wirklich kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Bushaltestelle komme ich an einem Fahrradverleih vorbei und entscheide spontan, mit dem Rad statt mit dem Bus zum Botanischen Garten zu fahren. Das M\u00e4dchen f\u00fcllt ein Formular aus, kassiert den Betrag und erkl\u00e4rt mir dann genau, wo ich her fahren soll. Das wird zum Desaster. Ich biege um die erste Ecke nach links ab und lande in einer Sackgasse vor einer Hauswand. Hier sollte es eigentlich zur Alameda Principal gehen. Gl\u00fccklicherweise ist die Touristeninformation in der N\u00e4he. Dort frage ich. Ganz einfach, nur hier links die schmale Stra\u00dfe entlang und dann \u00fcber die Alameda Principal. Die schmale Stra\u00dfe ist Einbahnstra\u00dfe. Schieben \u00fcber die schmalen B\u00fcrgersteige ist auch nicht einfach, st\u00e4ndig muss man den Fu\u00dfg\u00e4ngern ausweichen und auf das Fahrrad \u00fcber die Stra\u00dfe schieben, dem entgegenkommenden Verkehr entgegen. Die Stra\u00dfe \u00fcberquert zwar mehrere gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfen, aber die Alameda Principal ist nicht dabei. Am Ende lande ich am Hafen. Ich versuche es nach Gef\u00fchl, und irgendwann kann ich tats\u00e4chlich die Alameda Principal \u00fcberqueren. Rechts oder links? Ich frage eine Passantin auf einer Br\u00fccke. Sie l\u00e4chelt und sagt, weder noch. Weiter in diese Richtung. Sie geht mit mir zur\u00fcck zum Ende der Br\u00fccke, weist in die Ferne und sagt mir, bis zu dem Punkt solle ich fahren und dann an La Rosaleda vorbei, dem Fu\u00dfballstadion, und dann immer weiter geradeaus. Es sei aber ganz sch\u00f6n weit, sagt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es keinen Radweg, aber man kann teils \u00fcber den breiten B\u00fcrgersteig fahren. Auf dem Weg f\u00e4llt mir ein Gesch\u00e4ftsschild auf, ein Fischlokal: <em>Er<\/em> <em>Juani<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenecke frage ich ein Ehepaar, das sehr freundlich erkl\u00e4rt, noch weiter geradeaus, und dann an dem Fluss entlang, der f\u00fchre mich direkt zum Botanischen Garten. Es sei aber ganz sch\u00f6n weit, meinen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weiterfahre und an ein Hochhaus komme, geht mir pl\u00f6tzlich ein Licht auf. Ich erinnere mich an die Erkl\u00e4rung der Frau auf der Br\u00fccke und pl\u00f6tzlich wird mir klar, was ich jahrzehntelang \u00fcbersehen hatte. Die Frau auf der Br\u00fccke hatte in die Ferne gedeutet und mich gefragt, ob ich den Turm dahinten s\u00e4he, <em>la torre<\/em>, den wei\u00dfen, den gr\u00f6\u00dften. Ich habe kleinlaut ja gesagt, mich aber gewundert. Es war zwar ein Turm zu sehen, aber richtig wei\u00df war der nicht, er war auch nicht der gr\u00f6\u00dfte und knapp neben der Richtung, in die sie deutete. Jetzt wird mir klar: Sie meinte nicht den Turm, sie meinte das Hochhaus, <em>torre<\/em> bezieht sich auf alles, was gro\u00df ist, es braucht kein Turm zu sein. Schon habe ich das Gef\u00fchl, dass sich der Ausflug gelohnt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gibt es einen Radweg und wenn nicht, wenigstens einen Schotterweg abseits der Stra\u00dfe. Ich komme an <em>La Rosaleda<\/em> vorbei. An der Au\u00dfenwand des Stadions hat sich ein Fanclub verewigt. Der hei\u00dft <em>Boquerones<\/em>, \u201aSardellen\u2018. Das ist der Spitzname der <em>malag\u00fce\u00f1os<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme ganz aus dem Zentrum von M\u00e1laga raus, es geht durch Wohnviertel und dann \u00fcber eine einsame Landstra\u00dfe. Hier geht es ganz sch\u00f6n bergauf, und mit dem Fahrrad muss man sich ganz sch\u00f6n abstrampeln, auch im 1. Gang. Ich habe eine gute Stunde gebraucht, das M\u00e4dchen in dem Laden hatte 40 Minuten gesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang spricht mich der Mann, der die Karten verkauft, auf Englisch an. Dann schaltet er aber um. Woher ich denn k\u00e4me? Alemania. \u2013 \u00bfAlemania? \u2013 S\u00ed, Alemania. \u2013 \u00bfDe d\u00f3nde? \u2013 Una peque\u00f1a ciudad, al oeste de Alemania. \u00bfC\u00f3mo se llama? \u2013 Treveris. &#8211; \u00bfTr\u00e9veris? Lo conozco, la porta romana. Dann erz\u00e4hlt er mir, dass er gerne reise, aber am liebsten nach Deutschland. Und z\u00e4hlt auf, was er alles kennt. Aachen, Bremen, Berlin, M\u00fcnchen, K\u00f6ln, Trier, die bayerischen Schl\u00f6sser und so weiter. In Berlin habe er eine Bekannte, die flie\u00dfend Deutsch spreche und dort am Museum der Mitte angestellt sei. Und hier im Botanischen Garten gebe es auch einen Bezug zu Deutschland. Die Villa und das Tempelchen seien beide von deutschen Architekten entworfen worden, im klassizistischen Stil. Er zeigt mir noch, wo ich das Fahrrad abstellen kann und wo ich einen Kaffee bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in der Cafeteria nach dem Preis frage, sagt das M\u00e4dchen hinter der Theke: \u201eDo(s) euro(s)\u201c. Wir sind in Andalusien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Botanische Garten befindet sich da, wo einst die Felder eines Bauerngutes waren. Die wurden von zwei gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familien aufgekauft und auf schwierigem Gel\u00e4nde in einen Botanischen Garten verwandelt. Tats\u00e4chlich geht es st\u00e4ndig auf und ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Strecke des Weges, der zu dem urspr\u00fcnglichen Teil des Botanischen Gartens f\u00fchrt, ist auch gleich die sch\u00f6nste. Ein breiter asphaltierter Weg schl\u00e4ngelt sich langsam nach oben, flankiert von hohen Platanen, deren \u00c4ste sich oben so weit zur Seite biegen, dass sie einen perfekten Baldachin bilden. Die Bl\u00e4tter scheinen vertrocknet und sind r\u00f6tlich verf\u00e4rbt, sind aber noch nicht abgefallen. Zwischen den Platanen stehen Pinien, Palmen, Eukalyptusb\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt hoch zu der Villa, von der der Mann am Eintritt gesprochen hat. Davor hat man ein Plateau&nbsp; geschaffen, auf dem fr\u00fcher eine kleine Theaterb\u00fchne eingerichtet war. Die Kinder der Besitzer f\u00fchrten hier St\u00fccke auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Villa eine Konstruktion, die hier als Laube bezeichnet wird, aber keine Laube in unserem Sinne ist. Es handelt sich um einen Gang mit abgerundeten Eisenstangen \u2013 die Besitzer waren in der Eisenindustrie t\u00e4tig &#8211; an denen Glyzinien hochranken. Die bl\u00fchen im M\u00e4rz und dann ist alles hier lila. Statt Laube ist das spanische Wort <em>cenador<\/em> wohl passender, hier wurde vermutlich getafelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt man zu einem Aussichtspunkt mit dem Tempelchen. Der Weg wird von Zypressen flankiert. Hier ist es schattenlos. Es wird immer w\u00e4rmer, die anderen Besucher ziehen ihre Jacken aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Pflanzen man am Wegesrand sieht, ist nicht immer so leicht herauszufinden. Sie sind mit ihrem lateinischen Namen bezeichnet, und die spanischen Entsprechungen, wie <em>Dorata<\/em>, sind oft ganz \u00e4hnlich und sagen mir nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht hin und her und auf und ab. Irgendwann kommt eine Anlage mit Kakteen aller Art und Gr\u00f6\u00dfe. Hier kommt man sich wie in Mexiko vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter komme ich an einem Bambuswald vorbei. Die St\u00e4mme der B\u00e4ume sind ganz d\u00fcnn und dunkel, fast schwarz. Die B\u00e4ume stehen so eng beieinander, dass sie nur ganz oben, wo sie ans Licht kommen, Bl\u00e4tter haben. Nur die ganz au\u00dfen stehenden haben \u00fcberall Bl\u00e4tter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt man an Zitruspflanzen vorbei. Ein Baum h\u00e4ngt voller dicker, knallgelber Zitronen. Hier erf\u00e4hrt man, dass die Zitronen urspr\u00fcnglich aus China stammen und um das Jahr 1000 nach Europa kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss gibt es noch Beete mit Beispielen von Pflanzen aus verschiedenen Ecken der Erde, Kalifornien, Madeira, Chile, Kanarische Inseln, S\u00fcdafrika, Australien. Dabei wird jeweils erw\u00e4hnt, wie hoch der Anteil endemischer Pflanzen ist, erstaunlich hoch, finde ich: Kanarische Inseln 27%, Kalifornien 35%, Australien 75%.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pflanzen haben sich an die Lebensbedingungen angepasst. In Chile gibt es etwa viele pflanzenfressenden Tiere, vor allem Lamas. Deshalb haben die Pflanzen Dornen ausgebildet. Daf\u00fcr haben sie keine gute Regenerationskraft bei Waldbr\u00e4nden, weil Waldbr\u00e4nde selten vorkommen. In Australien ist es anders. Dort gibt es keine pflanzenfressenden Tiere, und die W\u00e4lder regenerieren sich schnell, weil es so viele Waldbr\u00e4nde gibt. Alles sehr instruktiv, obwohl die meisten Pflanzen hier etwas k\u00fcmmerlich aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg in die Stadt geht leichter, und es geht auch ein ganzes St\u00fcck den Radweg entlang. An einer Ampel steht neben mir eine Frau mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck <em>Rolling Stones<\/em> und der Zunge von <em>Sticky Fingers<\/em>. Die Stones waren schon alt, als sie geboren wurde, jetzt sind sie uralt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es aber doch verwickelt. Als ich in die Stadt komme, bringt mich der Radweg vom rechten Weg ab. Es geht hin und her, immer wieder frage ich von Neuem, immer weniger werden die Wege, \u00fcber die man mit dem Rad fahren kann. Als ich dann an die Marina komme, merke ich, dass ich gar keine Adresse von dem Fahrradverleih habe. Das M\u00e4dchen hat mir nichts mitgegeben. Dieser Tage hatte ich einen Durchschlag des Formulars. Wieder drehe ich mich st\u00e4ndig um die eigene Achse, mal hierher, mal dorthin, am Ende muss ich den Laden ein paarmal ganz knapp verpasst haben. Ein Aufatmen, als ich endlich davor stehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm geworden, einer elektronischen Anzeige zufolge 21\u00b0. Und es ist etwas sp\u00e4t geworden, so dass ich mich unterwegs einfach auf eine Terrasse setze, wo viel los ist. Normalerweise ein gutes Zeichen. Ist aber ein Fehler. Die Tapas sind nicht besonders schmackhaft und ziemlich teuer. Nur das Bier ist gut.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich in die <em>Princesa<\/em>. Dort kennen sie mich schon. Der Kellner erkl\u00e4rt mir,&nbsp; mit welch bildreichen W\u00f6rtern der Anteil des Kaffees beim Milchkaffee angegeben wird: <em>sombra<\/em>, <em>nube<\/em>, <em>mitas<\/em> usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Kellnerin aus Venezuela sagt mir, ihre Heimatstadt sei Maracaibo. Der Name kommt mir bekannt vor, aber ich h\u00e4tte ihn nicht in Venezuela verortet. &nbsp;Sie zeigt mir ein paar Photos, sieht sch\u00f6n aus. Liegt wohl in der N\u00e4he der kolumbianischen Grenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage sie, ob sie nie frei habe. Doch, sonntags und montags ist die Bar geschlossen. Und abends auch. Sie ist mit ihrem Freund nach Spanien gekommen. Und wie war das mit den Formalien? Sieht so aus, als g\u00e4be es ein besonderes Abkommen zwischen Spanien und Venezuela, vielleicht auch zwischen Spanien und anderen amerikanischen L\u00e4ndern, das die Einwanderung erleichtert. Wie sieht das dann wohl mit der EU aus? Ob man da dieselben Rechte der freien Aufenthalts- und Arbeitsplatzwahl hat? &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende einer Fahrt mit Hindernissen von dreieinhalb Stunden Dauer stehe ich um 16.05 vor dem Haus von Gerald Brenan, weit au\u00dferhalb des Zentrums. Das Haus \u00f6ffnet um 16.00.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Hinfahrt bin ich durch Torremolinos gekommen, also viel zu weit gefahren, habe aber feststellen k\u00f6nnen, wie uns\u00e4glich h\u00e4sslich der Ort ist. Da entsch\u00e4digt auch der Blick aufs Meer von oben nicht. Irgendwann, irgendwo in der Pampa sitzend, habe ich das Angebot eines Taxifahrers ausgeschlagen, mich f\u00fcr 15-20 Euro zu Gerald Brenans Haus zu bringen, weil ich zu kniepig war. In M\u00e1laga habe ich im letzten Moment an der Marina den Bus erwischt, nur um festzustellen, dass er eine Haltestelle gleich gegen\u00fcber der Unterkunft hat. Auf dem R\u00fcckweg musste ich lange in der Hitze an einem unwirtlichen Ort auf den Bus warten, und der war dann so voll, dass die an den weiteren Haltestellen Wartenden nicht mehr mitgenommen werden konnten. 23 Haltstellen lang eingequetscht zwischen einem Kinderwagen und einem Buggy in einem Bus, wo die Luft immer schlechter wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus von Gerald Brenan ist einen Besuch wert, aber ob es eine solche Anfahrt wert ist? Das Haus liegt in Churriana. Auch kein sch\u00f6ner Ort, aber hier kann man noch erahnen, warum es Brenan hier so gut gefallen hat. Er spricht begeistert von dem Haus, dem Ort, der ganzen Gegend, die damals noch viel authentischer gewesen sein muss. Er spricht aber auch schon davon, wie der Kommerz langsam Besitz nimmt von zwei oder drei Orten an der K\u00fcste, darunter Torremolinos.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus, in eine H\u00e4userzeile in einer Nebenstra\u00dfe eingef\u00fcgt, ist gro\u00df, viel gr\u00f6\u00dfer, als man das von au\u00dfen vermutet. Oben befindet sich neben einer \u201eWerkstatt\u201c, in der sich jeden Freitag englische, spanische und deutsche Senioren zu einem Austausch treffen, ein riesiger Vortragssaal, der aus den urspr\u00fcnglich vier Arbeitszimmern gemacht wurde, die Brenan hier hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Leben in diesem Haus bekommt man keinen Eindruck mehr, wo K\u00fcche oder Schlafzimmer waren, ist nicht zu erkennen, und von dem pers\u00f6nlichen Besitz ist wenig erhalten. Man sieht die Schreibmaschine, auf der er seine Werke produzierte, und einen tragbaren Schallplattenspieler in einer Holzkiste, der ihn ein Leben lang begleitete. Die Schallplatten, die auch hier ausgestellt sind, zeugen von seinem Musikgeschmack: klassische Musik und Oper einerseits, Flamenco und Copla andererseits.<\/p>\n\n\n\n<p>An den W\u00e4nden stehen in beiden Etagen B\u00fccherschr\u00e4nke, aber sie erhalten nur Zeitschriftenb\u00e4nde in langer Folge. In Vitrinen sind einige B\u00fccher ausgestellt, solche, die er gelesen, und solche, die er geschrieben hat. Einen gro\u00dfen Einfluss hatte Rimbaud auf ihn, und \u00fcber ihn hat er auch eine Studie ver\u00f6ffentlicht. Dasselbe gilt f\u00fcr Juan de la Cruz. Sein Buch \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg, <em>The Spanish<\/em> <em>Labyrinth<\/em>, ist auch ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Prosa schrieb Brenan vor allem Lyrik. An der Wand h\u00e4ngen einige handgeschriebene Exemplare, darunter ein Gedicht, das in nostalgischem Ton, das die gl\u00fcckliche Kindheit heraufbeschw\u00f6rt, in sch\u00f6ner, einfacher Sprache und eing\u00e4ngigen Rhythmus, der an ein oder zwei Stellen etwas hakt. Oder man muss es anders lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>An den W\u00e4nden auch gelegentlich spanische Verse, die sich so gut anh\u00f6ren, dass sie original zu sein scheinen. Ob er selbst auch auf Spanisch geschrieben hat? Genau kann man das hier nicht feststellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls sind hier ein paar Aphorismen \u00fcber das Leben festgehalten, mit einem eher pessimistischen Grundton.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die R\u00e4ume so leer sind, hat man unten moderne Skulpturen und einige Zeichnungen einer K\u00fcnstlerin ausgestellt, die offensichtlich mit ihm in irgendeiner Beziehung stand, in welcher, wird nicht klar. Er heiratete nach einer st\u00fcrmischen Beziehung zu einer englischen Designerin eine amerikanische Dichterin, mit der er bis zu ihrem Tod 1968 zusammen blieb, in diesem Haus. Danach wurde es ihm einsam hier, das Haus schien leer zu sein, und er zog in ein anderes Dorf in der N\u00e4he. Er \u00fcberlebte seine Frau um mehr als drei\u00dfig Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als Kind war er aufgrund der Stelle seines Vaters, eines Offiziers, ganz sch\u00f6n in der Welt herumgekommen, war in S\u00fcdafrika, Indien, Irland, Malta gewesen und hatte dann auf Dr\u00e4ngen seines Vater als Soldat am 1. Weltkrieg teilgenommen und war unter anderem bei der Schlacht an der Somme dabei. Er war dann nach Spanien gezogen, aber wieder nach England zur\u00fcckgegangen, als der Spanische B\u00fcrgerkrieg ausbrach, um danach wieder nach Spanien zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Eingangshalle geht man unten in den Garten. Der war fr\u00fcher noch viel gr\u00f6\u00dfer, ist aber heute begrenzt an zwei Seiten von gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4uden, die es zu Brenans Zeit noch nicht gab. Das Haus ist ausgesprochen sch\u00f6n, modern, alles hat glatte Formen, innen ist alles hellwei\u00df, die Au\u00dfenmauer dunkelrot. Hier lie\u00df es sich leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin die ganze Zeit der einzige Besucher gewesen. Als ich wieder in den Ort gehe, sehe ich mich nach einer geeigneten Bar um, finde aber nichts. Alles irgendwie touristisch verseucht. Stattdessen gehe ich in einen Lidl hinter der Haltestelle. Gro\u00df, modern, praktisch ohne Kunden. Hier werden jetzt auch Spekulatius bekannt gemacht, unter dem Namen <em>Spicy Biscuits<\/em>. An einem <em>Tedi<\/em> bin ich bei der Hinfahrt auch schon vorbeigekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in M\u00e1laga mache ich mich auf die Suche nach <em>Fotogramas<\/em>, einer Zeitschrift, die ich mitbringen soll. Zun\u00e4chst erfolglos, aber der Mann am Bahnhof sagt mir, die m\u00fcsste in den n\u00e4chsten Tagen kommen. In einem kleinen Laden gleich nebenan sagt mir der freundliche Verk\u00e4ufer, ich k\u00f6nne ihm meine Bordkarte per Mail oder Handy schicken, sobald ich sie h\u00e4tte. Er w\u00fcrde sie dann f\u00fcr mich drucken. Die Angaben findet man an der Wand. <em>Informaci\u00f3n Watsap<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite findet sich ein Gesch\u00e4ft, das \u041f\u0440\u043e\u0445\u043b\u0430\u0434\u0430 hei\u00dft. Russisch? Ukrainisch? Bulgarisch?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg durch die dunklen Stra\u00dfen auf der Suche nach einem Lokal zum Abendessen. Das erweist sich als schwierig. Die meisten schlie\u00dfen nach dem Mittagessen, und die vielen Lokale, die sich auf dem Weg zur K\u00fcste aneinanderreihen, sind entweder Trinklokale oder Cafeterien. Auch jetzt noch sitzen viele hier drau\u00dfen bei <em>Chocolate con churros<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Gesch\u00e4ft sehe ich einen Aushang mit Verweis auf ein Haus, das zum Verkauf ansteht: 6 Zimmer, 4 B\u00e4der, Terrasse, Waschk\u00fcche, Autostellplatz. 130.000 Euro. Nicht gerade teuer. <em>Casa seminueva<\/em> hei\u00dft es in der Beschreibung, wobei herauszufinden w\u00e4re, was mit <em>seminueva<\/em> gemeint ist, und <em>casa<\/em> ist vermutlich kein Haus, sondern eine Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende lande ich in der Bar Americana. Ganz lecker, wenn auch keine Offenbarung. Und es ist ziemlich ungem\u00fctlich. Es gibt <em>Pollo<\/em> <em>al ajillo<\/em> und einen Salat, der sich <em>Ensalada malag\u00fce\u00f1a<\/em> nennt, mit Kartoffeln, Ei, Oliven, Paprika, Thunfisch. An dem Pfeiler h\u00e4ngt ein Schild mit dem Hinweis auf \u00d6ffnungszeiten zum Jahreswechsel. Da hei\u00dft es <em>\u00a1Estamos abierto!<\/em>&nbsp; Singular und Plural gemischt, aber es h\u00f6rt sich richtig an.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>28. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich in eine B\u00e4ckerei. Die Brotauswahl in den spanischen B\u00e4ckereien ist viel gr\u00f6\u00dfer als fr\u00fcher, aber der Klassiker bleibt das Baguette, <em>la barra de pan<\/em>.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum komme ich an der Kathedrale und am Picasso-Museum vorbei. Dichtes Gedr\u00e4nge \u00fcberall, so voll habe ich die Stadt noch nicht gesehen,&nbsp; Einheimische und Touristen, meist in gef\u00fchrten Gruppen. Sobald ich auf die Beatas komme, wird es ruhiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, das <em>Museo del Vidrio y Cristal<\/em>, ist in einem alten Stadtpalast untergebracht, das sch\u00f6n in einer ruhigen Zone an einem kleinen, unregelm\u00e4\u00dfigen Platz liegt. Es ist heute in Privatbesitz, der Eigent\u00fcmer wohnt oben, auf den beiden ersten Etagen ist die Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast ist voll eingerichtet, weniger zum Bewohnen als zum Repr\u00e4sentieren: Sofas und Sessel, Sekret\u00e4re und Kommoden, L\u00fcster und Spiegel, und \u00fcberall dicke Teppiche. Bei einer Gelegenheit erf\u00e4hrt man angesichts zwei nebeneinanderstehender Sessel, warum der eine eine Armlehne hat, der andere nicht. Der ohne Armlehne war der f\u00fcr die Frauen, weil die nicht einfach Konversation trieben, sondern dabei stickten und ihre Arme zur Seite ausbreiten mussten. Ein sch\u00f6nes h\u00f6lzernes N\u00e4hk\u00e4stchen mit verschiedenen F\u00e4chern steht zur Anschauung daneben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine gleich dar\u00fcber sieht man kunstvoll verzierte, in Elfenbein, Silber oder anderen wertvollen Materialien eingebundenen kleinen Notizheftchen, mit Ornamenten oder szenischen Darstellungen. Was ist das nur? Das sind die Heftchen, die bei B\u00e4llen zum Einsatz kamen. Hier vermerkte die Frau, welcher Mann sie f\u00fcr welchen Tanz \u201ereserviert\u201c hatte. Der Tanz war die einzige Gelegenheit, in der sich unverheiratete Frauen und M\u00e4nner begegnen konnten, ohne gegen die Gesetze der Sittlichkeit zu versto\u00dfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00fchrt werden wir von einer jungen Frau, die gerne, unentwegt, schnell und ausufernd redet. Sie bezeichnet sich selbst als <em>dispersa<\/em>, und dem wird sie wirklich gerecht. Sie kommt von H\u00f6lzchen auf St\u00f6ckchen, kommt auf Ikea, auf Spotify, auf Dior, auf Nina Hagen, auf Birkenstock und auf Handyh\u00fcllen zu sprechen und auf ihre eigene Statur, ihren Akzent, ihre Sprechweise und einen Marokkaner, der sie eingeladen hat, mit ihr ein paar Tagen an den sch\u00f6nen Str\u00e4nden Marokkos zu verbringen. Das kann ziemlich erm\u00fcdend sein, und manchmal w\u00fcnschte ich mir, sie w\u00fcrde von den Exponaten sprechen, vor denen wir stehen, aber Ahnung hat sie. Man erf\u00e4hrt viel Neues und bekommt allerhand besondere Objekte zu sehen. Au\u00dferdem identifiziert sie mich aufgrund des Aufdrucks auf meinem T-Shirt sofort als Deutschen und kommt darauf immer wieder zu sprechen, wenn es deutsche Ausstellungsst\u00fccke gibt. Es&nbsp; gibt unter anderem ein Glas von der Rheinischen Glash\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat ein wunderbar banales, einleuchtendes Beispiel f\u00fcr das Motto des modernen Kunsthandwerks <em>Form follows function<\/em>. Sie tr\u00e4gt es in der Hand. Es ist eine Wasserflasche, die in der Mitte eine Vertiefung hat, so dass man sie besser halten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4ltesten Exponate stammen aus \u00c4gypten und dem \u00f6stlichen Mittelmeer, aus etwa vom 5. bis zum 1. vorchristlichen Jahrhundert. K\u00e4nnchen und kleinere Flacons, vermutlich f\u00fcr Parf\u00fcm. Sehen wie Keramik aus, ist aber wohl Glas. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es etwas ganz Kurioses, Trinkbecher und wiederum Flacons, wie verziert aussehend, mit unterschiedlichen Farbschattierungen auf dem Gef\u00e4\u00df, gr\u00fcnliche T\u00f6ne, bis ins Schw\u00e4rzliche gehend. Die Gef\u00e4\u00dfe sahen aber eigentlich gar nicht so aus, das, was man heute als Verzierung wahrnimmt, es sind Flecken durch Schmutz und Verwitterung. Der Zahn der Zeit hat an den Gef\u00e4\u00dfen genagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Beitrag Roms war die Kunst des Glasblasens. Was genau das f\u00fcr einen Effekt hatte und wie man das vorher machte, verstehe ich nicht richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Niedergang des R\u00f6mischen Reichs ging die Kenntnis der Glasherstellung zun\u00e4chst verloren und wurde dann, wie so vieles andere, von den Arabern wiederentdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz besonders sch\u00f6n sind zwei identische Trinkgef\u00e4\u00dfe aus Barcelona, denen man ihr Alter nicht ansieht (XVI). Die waren von den Sarazenen hergestellt. Nach ihrer Ausweisung aus Spanien war es damit vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei gl\u00e4serne Pokale aus B\u00f6hmen, die nebeneinander stehen, haben eine ganz besonders Bedeutung. Der linke, mit einer breiten Schale, ist der f\u00fcr den Mann. Der andere, etwas eleganter und zierlicher, ist der f\u00fcr die Frau. Wenn man heiratete, wurde der weibliche Pokal auf (nicht unter!) den m\u00e4nnlichen gestellt, sein Fu\u00df war genauso breit wie der Rand der Schale des m\u00e4nnlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Erfindung des Porzellans kamen Ersatzprodukte auf, darunter etwas, das unsere F\u00fchrerin <em>opalina<\/em> nennt, Glasporzellan. Hier ist ein blau-wei\u00dfes Gedeck von Wedgwood zu sehen, das dem Porzellan t\u00e4uschend \u00e4hnlich sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor ein Tisch, aus sch\u00f6nem Holz. Er hat keine Tischdecke, weil man das Holz zeigen wollte. Um Tische an die engeren R\u00e4ume in der Stadt anzupassen, kamen die Ausziehtische auf. Diesen hier kann man von 40 Zentimeter auf 1,20 vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Zugabe von S\u00e4ure gelang es in Frankreich, Porzellan farbig zu machen. Sp\u00e4ter ist auch von der Zugabe von Blei die Rede, die das Porzellan transparenter machte und sogar von der Zugabe von Knochen, wozu auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kamen exotische Motive auf, mit denen die St\u00fccke verziert wurden. Dabei orientierte sich Frankreich an Japan, England an China, Spanien an den Arabern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem sch\u00f6nen, dunkelroten Paar aus Kanne und Sch\u00fcssel sind chinesische Motive abgebildet. Man wei\u00df aber, dass diese Gef\u00e4\u00dfe nicht aus China kommen k\u00f6nnen, auch wenn sie chinesisch aussehen, ganz einfach deshalb, weil eine Spinne abgebildet ist. Das tat man in China nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In verschiedenen S\u00e4len h\u00e4ngen auch Glasfenster, oft mit religi\u00f6sen Motiven. Man sieht einen etwas s\u00fc\u00dflichen Jesus, der die Kinder zu sich nimmt, von William Morris. Jesus hat ein Kind auf den Arm genommen, die anderen drei ziehen an seinem Gewand und wollen seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Unter das Zitat aus der Bibel, wo Jesus sagt, lasset die Kinder zu mir kommen. Dieses Glasfenster, erkl\u00e4rt unsere F\u00fchrerin, sei <em>colorado<\/em> und <em>pintado<\/em>. Was bedeutet das? Glas unterschiedlicher Farbe wird in einzelnen, gro\u00dfen Mosaiksteinen zu dem Bild zusammengesetzt, so dass man die ganze Szene erkennt. Dann wird das Glas aber noch bemalt, um Schattierungen und Profile herauszubringen. Das sieht man sehr gut an dem Fleisch der Beine bei den Kindern. Die Muskeln und die Details der Haut sind erst durch die Malerei sichtbar geworden. Sonst h\u00e4tte man ein k\u00fcnstliches, undifferenziertes Farbfeld gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Vitrinen mit modernen Glasgef\u00e4\u00dfen, aus Skandinavien, Japan, den USA. Bei den Gef\u00e4\u00dfen aus den siebziger Jahren, mit glatten Oberfl\u00e4chen und knalligen Unifarben, sieht man, dass das damals sehr modern gewirkt haben muss. Heute wirkt es nicht mehr so.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Skandinaviern gef\u00e4llt mir eine Schale von einer gewissen Vicke Lindstrand am besten. Sie schimmert bl\u00e4ulich, hat quer verlaufende d\u00fcnne blaue und dickere schwarze Linien, die wiederum von d\u00fcnnen schwarzen Linien gekreuzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie magisch ist ein ziemlich flacher, transparenter Teller von einer deutschen K\u00fcnstlerin, Uta Majmudar. Wenn man daneben steht, hat er nichts Besonderes, lediglich ein paar konzentrische Kreise, die von kleinen Rillen gekreuzt werden. Wenn man sich dar\u00fcber beugt oder den Teller aus der Distanz ansieht, wird der Teller bunt, das hei\u00dft, das Glas beginnt zu funkeln und zeichnet ein ganzes Prisma von Farben in die Luft. Wie von Zauberkraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Einzelst\u00fcck stammt von Dal\u00ed, ein eleganter feuerroter Sektkelch mit einem feinen dunkelroten Stil, der etwas an einen Finger erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnlich ein blass transparentes Objekt, das zun\u00e4chst nur wie ein Klotz mit Rillen aussieht. Wenn man sich b\u00fcckt und den Kopf zur Seite neigt, erkennt man darin einen halben m\u00e4nnlichen Kopf. Hier geht es wohl in erster Linie um die Virtuosit\u00e4t des K\u00fcnstlers.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir vor einem Exponat eines japanischen K\u00fcnstlers, und alle lachen schon l\u00e4ngst, bevor ich auch den Witz verstehe. Der Stil des Glases hat die Form eines m\u00e4nnlichen Fingers, und die Schale l\u00e4uft unten in eine weibliche Brust aus, die der Finger umschlie\u00dft. Sicher in Japan eine besondere Provokation.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Museumsf\u00fchrung mit vielen Aha-Erlebnissen. Bei der Verabschiedung sagt die F\u00fchrerin <em>\u00a1Feliz Navidad! <\/em>Am 27. Dezember! Zur Verabschiedung!&nbsp; Das ist durchaus an der Tagesordnung hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich \u00fcber eine Stra\u00dfe mit einem kuriosen Namen, der <em>Calle Cabello<\/em>. Die ist schmal, wird von sch\u00f6nen H\u00e4usern flankiert und hat ein sch\u00f6nes Stra\u00dfenpflaster aus schwarzen und wei\u00dfen Kieselsteinen. Hier ist es ganz einsam. Kann auch daran liegen, dass die Mittagszeit inzwischen angebrochen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem lebendigeren Teil der Innenstadt komme ich an dem argentinischen Restaurant <em>El Ceibo<\/em> vorbei, und in Soho an einem Lokal, das <em>Cantina<\/em> <em>Canalla<\/em> hei\u00dft. Hier bin ich wieder auf gewohntem Terrain, in der <em>Trinidad Grund<\/em>. Ein Fris\u00f6r wirbt mit <em>Look good \u2013 feel good<\/em>. Etwas f\u00fcr den Englischunterricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es auf die <em>Cuarteles<\/em>. Hier sehe ich eine Seitenstra\u00dfe, die \u00d6lm\u00fchle hei\u00dft, <em>Molinillo del Aceite<\/em>, und ein Lokal mit dem Namen <em>Lo G\u00fceno<\/em>. Auch das d\u00fcrfte eine Anspielung auf den andalusischen Akzent sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Cuarteles<\/em> klaue ich eine Apfelsine von einem der Orangenb\u00e4ume, die sich die ganze Stra\u00dfe lang hinziehen. Ich sch\u00e4tze 25-30 auf jeder Seite, mit 40-50 Fr\u00fcchten pro Baum. Die Gefahr, f\u00fcr den Raub im Knast zu landen, ist \u00fcberschaubar, und ich brauche nur einen kleinen H\u00fcpfer zu machen, um an eine Apfelsine ranzukommen. Sie ist knochenhart.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich im <em>Pura Vida<\/em> ankomme, bin ich der erste Gast. So ab 3 Uhr f\u00fcllt es sich dann allm\u00e4hlich. Ich beobachte, wie an den anderen Tischen Wasser, Cola oder Bier getrunken wird, Wein bestellt niemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirtin und der Wirt haben beiden dick t\u00e4towierte Unterarme, und sie hat eine Art gekappten Irokese-Schnitt, mit ganz oben feuerrot gef\u00e4rbtem Haar.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gibt es Rippchen, <em>costillas<\/em>, wieder sehr lecker, mit Salat und Pommes. Dazu denselben Rotwein vom letzten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Bezahlen habe ich nur einen 100-Euro-Schein. Statt ihn einfach auf den Teller zu legen, spreche ich das erst einmal an. K\u00f6nnen Sie den wechseln? Da wirkt Reiseerfahrung nach, ein unsch\u00f6nes Erlebnis in der Studentenzeit aus London wirkt bis heute nach. Aber hier ist es sicher eine unn\u00f6tige Vorsichtsma\u00dfnahme. Die netten Wirte hier w\u00fcrden nicht auf die Idee kommen, jemanden um sein Geld zu betr\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit dem Probieren der geklauten Apfelsine. Resultat: Sie ist sehr saftig, was man bei ihrer harten Schale gar nicht vermuten w\u00fcrde, viel saftiger als die gew\u00f6hnliche Apfelsine, aber ziemlich bitter. Der Geschmack erinnert an eine Pampelmuse.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast schaffe ich es, zu sp\u00e4t zum Bahnhof zu kommen und den Zug zu verpassen. Aber es geht noch gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bahnsteig Franzosen, Briten, Holl\u00e4nder, Italiener, Deutsche, Schweden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert eine knappe Stunde. Am Wegesrand Pinien und Palmen und ein baumhoher Strauch, der in einer Art Palmwedel endet. Immer wieder gr\u00f6\u00dfere Plantagen von Olivenb\u00e4umen und Orangenb\u00e4umen. Daf\u00fcr, dass der Boden so trocken aussieht, ist es noch erstaunlich gr\u00fcn. Die Sicht wird begrenzt von hohen, grauen, nackten Bergen. Vereinzelt halb aufgegebene Bauernh\u00f6fe, mehrere Haltestellen an halb verlassen aussehenden Orten, deren Namen ich noch nie geh\u00f6rt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>El Chorro ist zwar die Endstation des Zugs, aber nicht der Anfangspunkt des Caminito del Rey, sondern sein Zielpunkt. Also muss man jetzt erst einmal einen Bus nehmen, um zum Ausgangspunkt zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in El Chorro ist ordentlich Betrieb, \u00fcberall streifen Leute suchend durch die Gegend, aber Gewimmel l\u00f6st sich auf, als die F\u00fchrer ihre Gruppen zusammenrufen. Wir anderen sind nur wenige, und so kann man hier noch in aller Ruhe seinen Kaffee trinken, zu einem passablen Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf den Weg. Die gesamte Strecke ist knapp acht Kilometer lang. Die erste Strecke des Weges, etwa zwei Kilometer, geh\u00f6ren noch nicht zum <em>Caminito del Rey<\/em>, sie f\u00fchren erst dorthin. Der Boden hier ist aus festgestampfter Erde, mit ein paar Steinen und Wurzeln, ganz bequem. Ich brauche eine halbe Stunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erstaunlich einsam, ich bin ganz alleine, und man h\u00f6rt keinen Laut au\u00dfer mal einen zwitschernden Vogel. Ich begegne nur einem Ehepaar auf der ganzen Strecke. Die anderen haben sich in Luft aufgel\u00f6st. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Haben sie doch nicht. Am Eingang zum Caminito tauchen sie wieder auf. Hier, an einem Kiosk, muss man warten. Strenge Einlasskontrollen, wir werden in drei Gruppen eingeteilt, Eintrittskartenk\u00e4ufer, mit F\u00fchrer, ohne F\u00fchrer. Hier hei\u00dft es warten, man wird nicht einzeln eingelassen. Dann bekommt man einen Helm und Anweisungen: nicht rauchen, Helm tragen, nicht vom Weg abweichen. Es gibt unterwegs kein WC, keinen Papierkorb, kein Wasser. Unterwegs liegt wirklich nirgendwo auch nur ein Schnipselchen Papier herum, und die Leute halten sich an die Vorgaben. Nur ein Franzose hat seinen Helm abgesetzt. Und eine Amerikanerin l\u00e4uft telefonierend durch die Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht abwechselnd \u00fcber Planken, hoch \u00fcber dem Abgrund, und \u00fcber den alten Weg, der so \u00e4hnlich ist wie der Weg bis zum Eingang, hier blickt man zur Seite in die Schlucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecken \u00fcber die Planken, am Anfang und am Ende des Wegs, sind die spektakul\u00e4rsten. Hier hat man Ausblicke, die sonst nur Bergsteiger haben. Sowohl der Blick nach vorne, durch die Felsen hindurch in die Ferne als auch der Blick zur Seite, auf den Felsen und der Blick nach unten, in den Abgrund, ist grandios, \u00fcberw\u00e4ltigend. Wenn ich nach unten blicke, wird mir es mir an zwei, drei Stellen etwas mulmig, und erst recht auf der Br\u00fccke aus Gitterst\u00e4ben, die beim Gehen etwas nachgibt. Hier bin ich zuf\u00e4llig einmal ganz alleine, sonst hat man auf den Planken meist gr\u00f6\u00dfere Gruppen vor sich, die sich in Schneckentempo vorw\u00e4rts bewegen und die man nicht \u00fcberholen kann, weil der Weg zu schmal ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang der Strecke, vor dem Eingang, passiert man einen Stausee, hier auf dem eigentlichen Caminito, verl\u00e4uft unter einem der Guadalhorce, ein rei\u00dfender Fluss, der sich durch die Schlucht zwingt. Sein Rauschen h\u00f6rt man bis hier oben hin. An einer Stelle soll man fast hundert Meter \u00fcber dem Abgrund sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die allersch\u00f6nste Aussicht ergibt sich an einer Stelle, wo der Weg einen Winkel bildet, und man von der eigenen Warte aus \u00fcber den Abgrund hinweg auf die Felswand blickt, an der die Wanderer festzukleben scheinen. Atemberaubend. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon gegen Ende des Wegs kommen auf einmal Eisenbahnschienen in Sicht, auf der anderen Seite. Kann das sein? Am Ende des Weges gibt eine Schautafel Auskunft: Man hat hier Ende des 19. Jahrhunderts, tats\u00e4chlich zwei technische Wunderwerke geschaffen: den Stausee mit einem Wasserkraftwerk und die Eisenbahnlinie. Den Passagieren muss der Atem gestockt haben, wenn sie hier entlang gefahren sind. Die Eisenbahnlinie wurde gebaut, um M\u00e1laga mit anderen Teilen Andalusiens zu verbinden und war tats\u00e4chlich bis 2007 in Betrieb, als M\u00e1laga an den AVE angeschlossen wurde. Mit dem Stausee begann eine neue \u00c4ra bei der Elektrifizierung M\u00e1lagas.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam l\u00e4uft der Weg aus, ich bin auf dem letzten Teil der Strecke, die jetzt wieder wie der Anfang ist, wieder fast alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreicht man <em>El Chorro<\/em>. Der Weg m\u00fcndet in eine kleine Stra\u00dfe, die ges\u00e4umt ist von Imbissbuden und Andenkenbuden. Irgendwo sehe ich das Schild <em>Hay caf\u00e9 \u2013 Here is coffee<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Strecke zum Bahnhof hin ist noch mal ein ganz sch\u00f6ner Anstieg, und ich merke, wie meine Beine schwerer werden. Gott sei Dank kann man von hier direkt nach M\u00e1laga fahren, und auf den Zug brauche ich keine f\u00fcnf Minuten zu warten. F\u00fcr den ganzen Weg habe ich keine zweieinhalb Stunden gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder in M\u00e1laga bin, bekomme ich am Bahnhof ohne Probleme die <em>Fotogramas<\/em>. Es ist ein Riesenpaket, denn die Zeitschrift wird zusammen mit einem Kalender und einer Beilage ausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Gesch\u00e4ft am Bahnhof, und dann bei Carrefour und am Ende bei Lidl bekomme ich ein paar Kleinigkeiten, typische Weihnachtsgeb\u00e4ck und ein paar Konserven, die ich mit in die Heimat nehmen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich es mir zu Hause gem\u00fctlich mache mit einem Tee und mich am Ende endlich in einem v\u00f6llig unaufger\u00e4umten Zimmer ans Kofferpacken machen will, finde ich die <em>Fotogramas<\/em> nicht. Ich stelle alles auf den Kopf \u2013 weg. Muss ich wohl irgendwo liegen lassen haben. Ich suche bei Lidl und frage nach. Nichts. Dann bei Carrefour, wo man besonders freundlich und geduldig ist. Ein junger Mann guckt hinter der Theke nach, im B\u00fcro, bei den Einkaufswagen. Erst hat er nicht richtig verstanden, was ich wollte, aber jetzt ist ihm ein Licht aufgegangen. Ja, er habe so etwas gesehen, in einem Einkaufswagen, den eine Kundin benutzte. Mit dem Photo einer Schauspielerin auf dem Cover. Aber die Zeitschrift taugt nicht auf. Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg zum Bahnhof, um ein neues Exemplar zu kaufen. Dann mache ich an einer B\u00e4ckerei noch mal kehrt, und da kommt er mir mit der Zeitschrift entgegen!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter ins n\u00e4chtliche M\u00e1laga gehe, komme ich auf dem Weg zum <em>Mes\u00f3n Las Piedras<\/em>, wo ich dieser Tage zu fr\u00fch war, durch ein paar sch\u00f6ne Stra\u00dfen mit schmalen, zweist\u00f6ckigen Wohnh\u00e4usern mit erleuchteten, geschm\u00fcckten Balkonen. Eine ganz andere Welt als die <em>H\u00e9roe de<\/em> <em>Sostoa<\/em> und die Parallelstra\u00dfe mit ihren h\u00e4sslichen Wohnbl\u00f6cken, die sie verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild wird Strafe angedroht, wenn man die Hinterlassenschaften seines Hundes nicht beseitigt: 500 \u20ac!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser gro\u00dfen Stra\u00dfe sehe ich die Metzgerei <em>Matahambre<\/em> und das Reformhaus (<em>herborister\u00eda<\/em>)&nbsp; mit dem kuriosen Namen <em>Culito de Rana<\/em> \u2013 <em>Froschschwanz<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Mes\u00f3n de Piedra<\/em>s nehme ich auf Anraten des Wirts die Schweinbacken, <em>carrillada de cerdo<\/em>, ein Gedicht und ein guter kulinarischer Abschluss der Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, als ich mich auf den Heimweg mache, regnet es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Dezember (Montag) Als ich nach einer komplizierten Anreise endlich bei der Unterkunft vor der Haust\u00fcr stehe, macht keiner auf. 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