{"id":11589,"date":"2024-05-03T16:11:25","date_gmt":"2024-05-03T14:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11589"},"modified":"2024-05-20T15:16:17","modified_gmt":"2024-05-20T13:16:17","slug":"irland-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11589","title":{"rendered":"Irland 2024 (Galway)"},"content":{"rendered":"\n<p>25. April (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Hermanita ist es die erste Reise nach Irland, f\u00fcr mich schon die achte, aber unser Ziel, Galway, der Westen Irlands, ist auch f\u00fcr mich Neuland.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck haben wir eine Stra\u00dfenkarte und einen Adapter f\u00fcr die Steckdosen im Gep\u00e4ck, beide sollen uns wichtige Dienste leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Abflug m\u00fcssen wir durch die Passkontrolle. Irland geh\u00f6rt nicht zum Schengen-Bereich, obwohl es in der EU ist und den Euro hat. Die P\u00e4sse werden auf der Hinreise beim Abflug und bei der Ankunft kontrolliert, auf der R\u00fcckreise nur bei der Ankunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Propellermaschine geht es in zwei Stunden nach Dublin. Eine Stunde \u201egewinnt\u201c man wieder durch die unterschiedliche Zeitzone. \u00dcber den Wolken scheint man von den Konflikten dieser Welt abgeschnitten zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Dublin auf der Landebahn stehen, pl\u00e4tschern die ersten Regentropfen gegen das Fenster. Der Regen wird uns fast ununterbrochen bis zum Abend begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schalter der Autovermietung muss noch etwas Papierkram erledigt werden, und dann muss noch eine Kreditkarte hinterlegt werden. Obwohl die Rechnung schon bezahlt ist, wird jetzt noch ein zus\u00e4tzlicher Betrag genannt. F\u00fcr die Versicherung? Die ist fast so teuer wie die Miete. Stellt sich aber als Missverst\u00e4ndnis raus. Es fallen keine weiteren Kosten an.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Auto steht nicht vor der T\u00fcr, wir m\u00fcssen erst mit einem Shuttle-Bus zum Parkplatz fahren. Im Dauerregen sehen wir, wie die Wagen der anderen Autoverleiher vorfahren und eine Truppe nach der anderen wegkarren. Dann sind auch wir an der Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Abholung des Autos zeigt man sich kurz angebunden. Informationen gibt es keine, und Fragen werden abgewimmelt. Man sucht sein Auto auf dem Parkplatz und muss dann irgendwie damit zurechtkommen. Gl\u00fccklicherweise handelt es sich bei unserem Auto, einem nagelneuen Opel Corsa, um ein \u201enormales\u201c Auto ohne allzu viel Elektronik. Allerdings erscheint auf dem Display der Gang, aber nicht der, den man drin hat, sondern der, der empfohlen wird. Danach fahre ich st\u00e4ndig zu hochtourig. Auf dem R\u00fcckweg erscheint auf dem Display eine dampfende Kaffeetasse. Wir werden aufgefordert, eine Pause einzulegen. Das geht noch, aber der st\u00e4ndige Warnton beim Einparken und Wenden, der bei jeder Ann\u00e4herung an einen Strauch auf einen Meter aktiviert wird, geht mir in den n\u00e4chsten Tagen geh\u00f6rig auf die Nerven. Und das Spiel von Gaspedal und Kupplung ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Routenplaner des Handys verweigert zun\u00e4chst seine Dienste, aber die Stra\u00dfenkarte, die Hermanita vor sich hat, leistet gute Dienste. Wir m\u00fcssen erst mal aus Dublin rauskommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber mehrspurige Ausfallstra\u00dfen Richtung M50. Nicht ganz leicht, aber zu zweit ist es erheblich einfacher, und die Ausschilderung ist ganz gut, stimmt aber nicht immer mit den Angaben auf der Stra\u00dfenkarte \u00fcberein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der M50 muss Maut entrichtet werden, aber hier gibt es, im Unterschied zu allen anderen Autobahnen, keine Zahlstellen, man muss elektronisch bezahlen. Am Ende wissen wir wegen des langen Zubringers gar nicht, ob wir tats\u00e4chlich auf der M50 gelandet oder vorher abgefahren sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf die M4, die dann zur N4 wird, die dann zur M6 wird, die dann zur N6 wird. Der Unterschied ist teils nur durch die blauen gegen\u00fcber den gr\u00fcnen Schildern zu erkennen und die unterschiedliche Nummerierung der Ausfahrten. Etwas verwirrend, aber allm\u00e4hlich bekommen wir die Sache in den Griff. Nur noch an einer weiteren Stelle muss die Maut entrichtet werden. H\u00e4lt sich mit 3,60 \u20ac in Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auff\u00e4llig wenige Lastwagen und auff\u00e4llig wenige Baustellen. Erst auf dem R\u00fcckweg, ausgerechnet am Feiertag, am 1. Mai, ist dann starker Lastwagenverkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In Irland wird in Kilometern gerechnet, nicht in Meilen. Das gilt f\u00fcr die Geschwindigkeitsbegrenzungen und f\u00fcr die Entfernungsangaben. Und zum Gl\u00fcck haben die Mietwagen jetzt auch Kilometerz\u00e4hler. Zwar gilt offiziell die Kilometerz\u00e4hlung, aber wir h\u00f6ren in den n\u00e4chsten Tagen, wie eine junge Frau, die uns in Galway den Weg weist, von \u201e200 Yards\u201c und der Waldh\u00fcter am Thoor Ballylee von \u201eein paar Meilen\u201c spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird zwar, anders als in England, in Kilometern gerechnet, aber links gefahren. Obwohl links gefahren wird, gilt die Regel <em>rechts vor links<\/em>. Und auf den Verkehrsschildern an Kreuzungen steht nicht <em>Give Way<\/em>, wie in England, sondern<em> Yield<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist ziemlich nichtssagend, bis auf eine Strecke, wo am Stra\u00dfenrand Str\u00e4ucher in leuchtendem Gelb auftauchen. Wir werden sie im Laufe der n\u00e4chsten Tage immer wieder sehen. Und von unserer Vermieterin erfahren, dass es sich um Stechginster handelt, <em>gorse<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Stechginster eine braune Fl\u00e4che. Ich tippe auf Torf. Der ist mir im Zusammenhang mit Irland immer wieder begegnet. Als wichtigstes Heizmaterial in der Vergangenheit, als Motiv in der Literatur. Und in Cork konnte man im Butter-Museum erfahren, dass die Butter fr\u00fcher zur Konservierung im Torf aufgehoben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem gro\u00dfen Bogen umfahren wir Athlone. Scheint eine gr\u00f6\u00dfere Stadt zu sein. Dann geht es von der Autobahn runter, und die Landschaft wird irischer. Schafe und K\u00fche tauchen auf, die Stra\u00dfen werden enger, auch ein paar der typischen M\u00e4uerchen sind zu sehen, und es wird gr\u00fcner.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lawrencetown entdecken wir einen kleinen Laden, wo wir uns zu horrenden Preisen mit dem N\u00f6tigsten f\u00fcr den Abend und das Fr\u00fchst\u00fcck eindecken. Das Mineralwasser hei\u00dft <em>Ishka<\/em>, eine Abwandlung des irischen Wortes <em>uisce<\/em>. Das bedeutet \u201aWasser\u2018 \u2013 und gleichzeitig \u201aWhiskey\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage, ob er Joghurt habe, sagt der Verk\u00e4ufer: \u201eYes, we do. We do at the weekend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Killimor, unser Zielort. Er wirkt etwas gr\u00f6\u00dfer als erwartet. Aber wir wissen nicht, wohin. Auf unserer Adresse steht zur Verwirrung auch noch Kilmore, und das liegt wohl au\u00dferhalb von Killimore. Allerdings haben wir nicht den Namen der Stra\u00dfe. Wir sind verloren, halten im starken Regen am Wegesrand und schicken der Vermieterin eine Mail, mit der Bitte, uns anzurufen. Es kommt aber kein Anruf.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck hat sich das Handy inzwischen zur\u00fcckgemeldet und schickt uns Richtung Kilmore. Es geht auf einer schmalen Landstra\u00dfe weiter, und wir sehen nur nach rechts und links, ob wir unser Haus entdecken k\u00f6nnen. Von dem wir gl\u00fccklicherweise ein Photo haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich sehen wir rechts ein Haus, das in Frage kommt. Wir klopfen an. Erst Hundegebell, dann eine \u00fcberrascht blickende junge Frau, die best\u00e4tigt, dass sie nicht Rita sei. Sie kennt auch keine Rita, sie sei neu in der Gegend, sagt sie. Ob wir denn keine Adresse h\u00e4tten. Nee, nur so eine Art Postal Code. Es stellt sich heraus, dass das die Adresse <em>ist<\/em>. Ich hole die Unterlagen aus dem Auto und nenne ihr den Code. Sie gibt ihn in ihr Handy ein, und schon ist die Ortsbestimmung da. Drei Minuten von hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach etlichen Kurven kommt dann unser Haus in Sicht. Hermanita geht durch den str\u00f6menden Regen und klopft und klingelt \u2013 ohne Resultat. Dann gehe ich durch den str\u00f6menden Regen zum Nachbarhaus. Auch hier reagiert niemand auf das Klingeln, aber dann erscheint ein freundlich gr\u00fc\u00dfender Mann an der Seite des Hauses, Martin, Ritas Ehemann. Sie sei auf dem Golfplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schlie\u00dft uns auf und zeigt uns das Haus. Alles ebenerdig, drei Schlafzimmer, K\u00fcche, Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist ziemlich beengt, zu f\u00fcnft m\u00f6chte man hier nicht l\u00e4nger wohnen, und es ist vollgestopft mit allem m\u00f6glichen Krimskrams. Der Ofen bullert. Wie der denn beheizt werde, wollen wir wissen. Martin deutet mit dem Finger durch das Fenster auf zwei Tonnen vor dem Haus: Holz und Torf.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin kann man gut verstehen, obwohl er mit einem markanten irischen Akzent spricht und <em>tree<\/em> statt <em>three<\/em> sagt und <em>nord<\/em> statt <em>north<\/em>. Er kl\u00e4rt uns auch \u00fcber die Aussprache von <em>Killimor<\/em> und <em>Kilmore<\/em> auf. Ganz gegen jede Intuition: <em>Killimor<\/em> wird auf der 2. Silbe betont und reimt sich mit <em>climber<\/em>. <em>Kilmore<\/em> wird auf der 1. Silbe betont, und die reimt sich auf <em>file<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin ist pensionierter Lehrer \u2013 oder war zumindest im Erziehungsbereich t\u00e4tig \u2013 und besch\u00e4ftig sich jetzt als Hobbyg\u00e4rtner. Rita und er sind erst vor kurzem aus Australien zur\u00fcckgekommen. Dort wohnt ihr Sohn, in Melbourne.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir in der Aufregung v\u00f6llig entgangen ist, was aber Hermanita gemerkt hat: Es gibt auch Heizk\u00f6rper. Wie die funktionieren, bekommen wir nie so richtig raus, einige scheinen ganz ausgeschaltet zu sein, aber der im Wohnzimmer hat eine Schaltuhr und l\u00e4uft den ganzen Tag au\u00dfer von 13 bis 18 Uhr. Das reicht im Grunde, obwohl wir in den n\u00e4chsten Tagen auch noch mal zus\u00e4tzlich den Ofen anwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage Hermanitas, ob es auch einen Bus nach Killimor gebe, z\u00f6gert unser Mann etwas mit der Antwort: \u201eYes, I think there is one. There is one on Saturdays.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er gibt uns noch ein paar Tipps f\u00fcr Ausfl\u00fcge und sagt, wir k\u00f6nnten jederzeit ans Fenster klopfen, wenn wir Fragen h\u00e4tten. Dann verabschiedet er sich in den Regen.<\/p>\n\n\n\n<p>26. April (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter pr\u00e4sentiert sich besser als gestern, die Vorhersage f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage ist gemischt. Wir haben entschieden, zuerst nach Galway zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern haben wir ca. 200 km zur\u00fcckgelegt, heute werden es ca. 100 sein, insgesamt am Ende 1.100.<\/p>\n\n\n\n<p>Was uns gestern schon aufgefallen ist: Die einzelnen Geh\u00f6fte sind fast alle einst\u00f6ckig und liegen weit auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg nach Galway f\u00fchrt teilweise \u00fcber die Autobahn, dann \u00fcber Nationalstra\u00dfen. Es ist nicht mehr weit bis Limerick und bis zum Shannon Airport.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nichts so leicht, nach Galway hineinzukommen. In den Au\u00dfenbezirken hat man den Eindruck, in eine echte Gro\u00dfstadt zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns als Ziel ein ganz zentrales Parkhaus ausgesucht, aber da kommen wir erst hin, nachdem wir ein paar Haken geschlagen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Parkhaus sehen wir uns etwas verloren um. Wo ist denn hier der Ausgang? Ein Parkplatzw\u00e4chter, der gerade mit einem Wedel die Lampen s\u00e4ubert, hebt den Wedel \u00fcber die Schultern und sagt \u201eFollow me!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen fragen wir den ersten besten Passanten nach dem Eyre Square. Er antwortet \u00e4u\u00dferst freundlich und w\u00fcnscht uns gleich noch einen sch\u00f6nen Aufenthalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Eyre Square gelangen wir durch die h\u00fcbsche, lebendige Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Der Platz selbst ist gro\u00df und un\u00fcbersichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Eyre ist der Name eines ehemaligen B\u00fcrgermeisters, des B\u00fcrgermeisters, der daf\u00fcr gesorgt hat, dass diese Parzelle in einen st\u00e4dtischen Platz umgewandelt wurde. Sein Nachname ist vermutlich verwandt mit <em>Eire<\/em>, dem irischen Namen von Irland. Nach der Unabh\u00e4ngigkeit hie\u00df Irland zun\u00e4chst <em>Irish Free State<\/em>, dann <em>Eire<\/em>, jetzt <em>Republic of Ireland<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen Kurz zu dem Kiosk, wo der Stadtrundgang beginnt, und haben dann noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee am Rande des Platzes. Es ist der kleinste Macchiato, den wir je getrunken haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor der Stadtrundgang beginnt, fragen wir uns, was es wohl mit den Bannern auf sich hat, die hier in einer langen Reihe an Fahnenmasten h\u00e4ngen, alle bunt, alle mit einem Namen, der uns nichts sagt. Wir werden es bald erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer uns nimmt nur noch ein Ehepaar aus South Carolina an der F\u00fchrung teil. Unser F\u00fchrer, Connor, macht seine Sache wirklich gut, er macht, war er macht, voller Enthusiasmus, es sprudelt nur so aus ihm heraus. Die F\u00fchrung ist gleichzeitig unterhaltsam und informativ, und er spricht mit viel Ironie von sich und von Irland.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck aus einem unserer Reisef\u00fchrer best\u00e4tigt sich: Galway ist eine sehenswerte Stadt ohne Sehensw\u00fcrdigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehen wir eine alte Photographie vom Eyre Square, als der noch unbebaut war und als Viehmarkt diente. Das Photo k\u00f6nnte, so Connor, aus dem 18. Jahrhundert sein. Tats\u00e4chlich ist es von 1950.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt erfahren wir, was es mit den Bannern auf sich hat: Sie repr\u00e4sentieren die 14 Familien, die lange das Schicksal Galways bestimmten. Auf Englisch hei\u00dfen sie <em>tribes<\/em>, also St\u00e4mme. Das ist ein Spottname, den die Familien von Cromwell verpasst bekamen und den sie sich zu eigen machten und damit ins Positive kehrten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas verloren auf dem Platz in der N\u00e4he der Banner steht hinter einer Plastikwand <em>Browne\u2019s Doorway<\/em>, ein Fragment des Familiensitzes einer der 14 Tribes.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Familien sind die Abkommen der normannischen Familien, die hier angesiedelt wurden, nachdem die Normannen, 100 Jahre nach der Eroberung Englands, auch Irland eroberten. Die Normannen in Irland, sagt Connor, nahmen im Laufe der Zeit irische Gebr\u00e4uche, die irische Lebensweise und die irische Sprache an \u2013 sie wurden irischer als die Iren! Solche Entwicklungen muss man immer im Sinn haben, wenn man Irland verstehen will. Es gibt keinen einfachen Gegensatz Iren gegen Engl\u00e4nder. Es ist immer komplizierter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Normannen legten hier eine befestigte Stadt an, das Dorf am anderen Ufer des Flusses, Claddagh, die Keimzelle Galways, entwickelte sich dadurch eigenst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen vor einer Skulptur aus Roststahl, mit spitz zulaufenden, nach oben zeigenden dreieckigen Formen. Connor will wissen, was das ist. Der Mann aus South Carolina hat sofort die richtige Idee: Segelschiffe! Es sind die typischen, nach holl\u00e4ndischem Vorbild gebauten Schiffe, mit denen man zu den Hochzeiten Galways Handel trieb. Sie hei\u00dfen <em>Hooker<\/em> und werden heute fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr Regatten gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Galway hat 85.000 Einwohner, weniger als wir dachten. Davon sind 25.000 Studenten. Auch deshalb ist es eine junge, dynamische Stadt, mit einer bemerkenswerten Musikszene. In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sehen wir w\u00e4hrend des Rundgangs immer wieder Musikgesch\u00e4fte. Und Stra\u00dfenmusiker stehen an jeder Ecke. Connor zeigt uns ein Photo des jungen Ed Sheeran, das er selbst gemacht hat, als der noch durch die Stra\u00dfen Galways tingelte. Er bedauert, ihn nicht um ein Autogramm gebeten zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Galway ist auch bekannt durch die vielen Festivals, die hier stattfinden. Das bekannteste ist das <em>Race Festival<\/em> im Sommer (das mit Rennen aber nichts zu tun hat). Connor erz\u00e4hlt auch von seiner eigenen Erfahrung mit dem <em>Oyster Festival<\/em>. Dort bezahlt man eine pauschale Summe und bekommt daf\u00fcr Austern und Guinness bis zum Abwinken \u2013 ein perfektes Rezept f\u00fcr die Misere am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Galway sieht sich selbst als \u201egr\u00f6\u00dfte Kleinstadt der Welt\u201c und als das g\u00e4lische Pendant zu Dublin. Trotz intensiven Schulunterrichts \u00fcber viele Jahre, wird Irisch nicht von vielen Iren gesprochen. Connor zufolge sind es 6%, von denen leben 50% hier im Westen, in der Gaeltacht. Ich frage w\u00e4hrend des Rundgangs nach dem irischen Wort f\u00fcr \u201aHaus\u2018, das immer wieder auftaucht, <em>teach<\/em>. Es wird wie <em>chick<\/em> ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Connor spricht, wie fast alle Iren, <em>Dublin<\/em> wie <em>Doblin<\/em> aus und macht aus einsilbigen W\u00f6rtern zweisilbige: <em>film<\/em> ist <em>fillum<\/em> und <em>girls<\/em> sind <em>girruls<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Connor zeigt uns die Bronzestatue eines irischen Dichters, Patrick Joseph Conroy. Die jetzige Statue ersetzt eine Statue aus Stein, die eines Tages in einer n\u00e4chtlichen Aktion \u201egek\u00f6pft\u201c wurde. Jahre sp\u00e4ter fand man den Kopf in einem Studentenwohnheim.<\/p>\n\n\n\n<p>Conroy war Mitglied der <em>Gaelic League<\/em>, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, irische Traditionen und die irische Sprache wieder aufleben zu lassen. Das Irische hatte vor allem durch die Hungersnot und die Emigration im 19. Jahrhundert Federn lassen m\u00fcssen. Die betrafen beide die \u00e4rmeren Schichten, und bei denen war Irisch verbreiteter. Das Irische hatte sich aber auch schon vorher auf dem R\u00fcckzug befunden. Conroy hatte also im Prinzip kaum eine Leserschaft, damals sprachen noch weniger Iren Irisch als heute. Er lie\u00df sich davon aber nicht abschrecken, sondern bediente sich eines einfachen, knappen Stils, der Muttersprachlern und Lernen gleichzeitig zug\u00e4nglich war. Um die ganze Sache m\u00f6glichst authentisch aussehen zu lassen, ver\u00f6ffentlichte er seine Werke unter dem Namen <em>P\u00e1draic \u00d3 Conaire<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Teil des Platzes hat man in <em>Kennedy Park<\/em> umbenannt, nach Kennedys Besuch in Irland 1963, wenige Monate vor seiner Ermordung. Er war nach Irland gekommen, um den Ort zu besuchen, wo seine Vorfahren herstammten, New Ross. Ich habe selbst dort vor ein paar Jahren das ausgesprochen bescheidene Haus seiner Gro\u00dfeltern besucht. Connor erz\u00e4hlt, wie Kennedy in Irland glorifiziert wurde. Nicht zuletzt deshalb, weil er Katholik war. Im Wohnzimmer seiner Oma hingen nebeneinander die Photos von Jesus, Kennedy und dem Papst, und er dachte immer, dass Kennedy entweder ein Popstar oder der Erfinder des Christentums war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Besuch Kennedys bildeten sich mehrere Legenden aus. Ein Pub in der N\u00e4he, das <em>Kennedy<\/em> hei\u00dft, soll seinen Namen daher haben, dass Kennedy dort zum Klo gegangen sei, und das oberste Stockwerk des Hotel Meyrick am Rande des Eyre Square, das sich von den darunter liegenden unterscheidet, sei eigens f\u00fcr Kennedys Mannschaft errichtet worden. Kennedy war aber nur zwei Stunden in Galway und nie in einem Pub.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen den Eyre Square und gehen in die Einkaufsstra\u00dfe, die naheliegenderweise Shop Street hei\u00dft. Dort sehen wir eine Uhr, unter deren Ziffernblatt <em>Dublin Time<\/em> steht. Damit hat es folgende Bewandtnis: Fr\u00fcher war Irland in unterschiedliche Zeitzonen eingeteilt, und Galway war 20 Minuten hinter der Dublin-Zeit. Die Z\u00fcge fuhren aber in ganz Irland nach der Dublin-Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verkehr ist ein gr\u00f6\u00dferes Problem in Galway, wie wir sp\u00e4ter bei der R\u00fcckfahrt selbst feststellen k\u00f6nnen. Die Stra\u00dfen sind st\u00e4ndig verstopft. Das liegt daran, dass alle auf der einen Seite des Flusses leben und auf der anderen arbeiten und dabei immer durch die Stadt m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs f\u00e4llt mir <em>Flanagans<\/em> auf, eine Apotheke. Oben in die Fassade eingemei\u00dfelt steht <em>Chemist<\/em>, darunter in modernen Leuchtbuchstaben <em>Pharmacy<\/em>. Perfektes Beispiel f\u00fcr Sprachwandel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he eine Doppelstatue, zwei Dichter in sitzender Position. Die Statue ist ein Geschenk Estlands, als Dank f\u00fcr die irische Unterst\u00fctzung bei den Beitrittsverhandlungen f\u00fcr die EU. An einem Ende der Bank sitzt Oscar Wilde, der irische Dichter, am anderen Ende Eduard Wilde, der estnische Dichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen die sitzende Bronzestatue eines traditionell gekleideten M\u00e4dchens, dem <em>Galway<\/em> <em>Girl<\/em>. Sie ist Gegenstand des bekanntesten Lieds von Galway, das in den Pubs bis zum \u00dcberdruss gespielt wird. Jeder kennt die Zeilen \u201cShe played the fiddle in an Irish band \/ But she fell in love with an Englishman.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>An beiden Seiten ein paar interessante Pubs, darunter <em>The King\u2019s Head<\/em>. Der Name bezieht sich auf Charles I., den englischen K\u00f6nig. Als der in der Englischen Revolution \u2013 hundert Jahre vor der Franz\u00f6sischen \u2013 zum Tode verurteilt worden war, fand sich niemand bereit, die Hinrichtung zu vollziehen, bis ein Freiwilliger aus Galway seine Dienste anbot. Er erledigte seine Aufgabe unter gr\u00f6\u00dfter Verschwiegenheit. Das Amt des Henkers war verp\u00f6nt, man prahlte damit nicht. Das blieb auch so, als er nach Galway zur\u00fcckkehrte. Bis er eines Abends nach dem Genuss mehrerer Pints sein Geheimnis verriet, in diesem Pub. Ob Legende oder Wahrheit oder eine Mischung aus beiden, sch\u00f6ne Geschichte. <em>Ben trovato<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einem anderen Pub mit einer auff\u00e4llig grauen Fassade hei\u00dft es, drinnen h\u00e4nge ein Schild mit der Aufschrift \u201eWe understand English, but we speak Irish.\u201c W\u00e4hrend der gesamten Woche h\u00f6ren wir aber nie auch nur ein Wort Irisch, und das in der Gaeltacht!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Pub mit einem Hasen, der durch ein Fernrohr sieht, und mit einem B\u00fccherregal im Fenster geh\u00f6rte einem Tierliebhaber. Der war nicht zimperlich, wenn es darum ging, Mitmenschen zu bestrafen, die Tiere qu\u00e4lten. Er soll auch einige get\u00f6tet haben. Offensichtlich ohne den Widerspruch zu erkennen. Dieses Lokal hat einen irischen Namen, <em>Seasan Ua Neachtain<\/em>. Was das wohl bedeutet?<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Pubs mit englischem Namen befinden sich <em>The Bunch of Grapes<\/em> (nicht auf Wein, sondern auf Whiskey spezialisiert) und <em>Sonny Malloy\u2019s<\/em>, ebenfalls auf Whiskey spezialisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich ist die Frau aus South Carolina verschwunden. Ihr Ehemann ist aber ganz gelassen. Sie ist in ein Gesch\u00e4ft gegangen. An dessen Fassade steht ganz gro\u00df <em>Engagement Rings<\/em>. Dort gibt es die <em>Claddagh Rings<\/em> zu kaufen, Ringe mit einem traditionellen Design, mit H\u00e4nden, die ein Herz formen und eine Krone tragen, Symbole, so hei\u00dft es, f\u00fcr Liebe, Freundschaft und Treue. Wird der Ring nach innen getragen, ist man schon vergeben, wird er nach au\u00dfen getragen, ist man noch zu haben. Wenig sp\u00e4ter taucht die Frau wieder auf. Sie hat gleich zwei Ringe gekauft, in Silber. Als wir uns sp\u00e4ter die Ringe im Schaufenster ansehen, sind wir uns einig, dass wir sie nicht sonderlich sch\u00f6n finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he befindet sich <em>Lynch\u2019s Castle<\/em>, der alten Familiensitz einer der normannischen Kaufmannsfamilien, keine Burg im engeren Sinne, eher ein st\u00e4dtischer Wohnturm, aus dem Ende des Mittelalters stammend. Oben an der Fassade Wasserspeier, darunter, unregelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die ganze Fassade verteilt, verschiedene Reliefs, teils mit Familienwappen. Bei einem, hei\u00dft es, seien zwei Fabeltiere abgebildet, von denen eins f\u00fcr Irland, das andere f\u00fcr England stehe, ein Hinweis auf die Anpassung der Anglonormannen an ihre neue irische Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Haus verbindet sich die ber\u00fchmteste Legende Galways, auf historischen Fakten beruhend, aber von sp\u00e4teren Generationen so ausgeschm\u00fcckt, wie Connor sie uns jetzt erz\u00e4hlt. Der historische Kern der Legende: In einem Dokument ist nachgewiesen, dass der Sohn der Familie 1493 einen ausl\u00e4ndischen Reisenden erschlagen hat. Sein Vater, James FitzStephen Lynch, der B\u00fcrgermeister war, verurteilte ihn daraufhin, den Gesetzen gem\u00e4\u00df, zum Tode. Es fand sich aber, und damit kommt man in den Bereich der Legende, niemand, der das Todesurteil an dem beliebten jungen Mann vollziehen wollte. Daraufhin tat der Vater es selbst. Ob das wahr ist, wird immer wieder angezweifelt, aber die Geschichte illustriert bestens den Konflikt zwischen Gesetzestreue und Vaterliebe. Was ziemlich sicher Legende ist: Der Vater selbst hatte seinen Sohn, der ein Nichtsnutz war, zu einem Handelspartner nach Spanien geschickt, damit er sich die H\u00f6rner absto\u00dfe. Der kam gel\u00e4utert in der Gesellschaft des Sohns dieses Handelspartners zur\u00fcck. Der Vater war gl\u00fccklich, er mochte den fremden Gast, und der Sohn hatte den Ernst des Lebens begriffen und hatte in Galway eine passende Braut gefunden. Dann kam es, wie es kommen musste: Das M\u00e4dchen machte dem feurigen Latino sch\u00f6ne Augen, der lie\u00df sich nicht zweimal bitten, den Sohn packte die Wut, es kam zu einer Pr\u00fcgelei, bei der der Sohn den Konkurrenten mit einem Dolch erstach.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich wird dieser Herr Lynch als der Namensgeber des Wortes <em>lynchen<\/em> ins Feld gef\u00fchrt, aber die Ehre kommt wohl eher dem Captain William Lynch aus Pennsylvania zu, der viel sp\u00e4ter lebte. Immerhin war auch er irischst\u00e4mmig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen kurz Halt vor der <em>Collegiate Church of St. Nicholas of Myra<\/em>. Durch den Zaun sieht man auf eine Stele auf dem Kirchhof, in die auch ein Claddagh Ring eingemei\u00dfelt ist. In dieser Kirche soll Kolumbus bei einer seiner \u00dcberfahrten gebetet haben. Das Patrozinium, Nikolaus, wird hier auf seine Funktion als Patron der Seeleute zur\u00fcckgef\u00fchrt. Das passt zu Galways. Aber zu Galway w\u00fcrde auch seine Funktion als Patron der Kaufleute passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Corrib kommen wir an <em>McDonagh\u2019s<\/em> vorbei. Hier gibt es keine Hamburger, sondern Meeresfr\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Corrib River hinunter, einem so schnell flie\u00dfenden Fluss, wie man ihn selten sieht. Die Photos, die wir hier machen, sehen so aus, als w\u00e4ren sie auf dem st\u00fcrmischen Meer gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier steht <em>The Spanish Arch<\/em>, das einzige erhaltene Stadttor. Fr\u00fcher lag es direkt am Ufer. Hier wurden die Schiffe entladen zu einer Zeit, als Galway ein bedeutender Hafen und ein europ\u00e4isches Handelszentrum war. Vor allem mit Spanien und Portugal bl\u00fchte der Handel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier endet die Stadtf\u00fchrung und hier beginnt der <em>Long Walk<\/em>, der eigentlich ein ganz kurzer ist, und den wir beiden jetzt noch machen, w\u00e4hrend die anderen in die Stadt zur\u00fcckgehen. Auf dem Long Walk sieht man auf der anderen Flussseite Claddagh, das alte Fischerdorf, das l\u00e4ngst keins mehr ist. Vor uns haben wir einen wunderbar gescheckten Himmel, der sich \u00fcbergangslos mit dem Meer verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Lokal steht ein Schild mit der Aufforderung, reinzukommen: <em>It\u2019s Friday and sunny, come get some food, it\u2019s yummy<\/em>. Sonnig hat hier wohl eher seine Berechtigung wegen des Reims.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch die Collegiate Church an. Sie ist innen ganz anders als au\u00dfen, man kann das \u00c4u\u00dfere mit dem Inneren kaum in Verbindung bringen. Von dem Turm ist hier nichts zu sehen. Dabei diente der in fr\u00fcheren Zeiten den Handelsschiffen als Orientierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche muss eine verwickelte Baugeschichte haben, heute schwer nachzuvollziehen. Ein Seitenarm ist viel l\u00e4nger als der andere, und das Mittelschiff ist irgendwie gedrungen. Die Seitenschiffe sind sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt. Dabei gibt es eine Besonderheit: Alle drei Schiffe haben eine unterschiedliche Breite. Auf jeden Fall ist die Kirche sehr hell, was zumindest einem von uns sehr gut gef\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher war die Rede davon, dass die Kirche von verschiedenen Konfessionen gebraucht wird, darunter einer orthodoxen Gemeinde Davon ist aber nichts zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein paar interessante Ausstattungsst\u00fccke, darunter ein Weihwasserbecken, das frei steht und nicht in die Mauer eingelassen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das quadratische Taufbecken diente fr\u00fcher zur Ganzk\u00f6rpertaufe. Es ist verziert mit Lilien, mit einem Hund und mit einem Ornament, das wir zuerst nicht identifizieren k\u00f6nnen, eine Art Triskele, ein Symbol, das das Christentum von den Kelten \u00fcbernommen hat. Es kann f\u00fcr die Ewigkeit stehen. Hier, so hei\u00dft es, sieht man drei Beine, die in einen Kreis eingelassen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenkapelle, die kaum als Kapelle zu erkennen ist, weil sie als B\u00fcro benutzt wird, zeigt uns ein freundlicher junger Mann alte Grabsteine, die hier als Bodenplatten dienen. Es sind die Grabsteine von ganz jung gestorbenen Kindern, eine Reminiszenz an die hohe Kindersterblichkeit fr\u00fcherer Zeiten. Es gibt hier wohl noch ein paar interessantere Grabsteine, zum Beispiel eins von einem Schuster, aber die bekommen wir nicht zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt noch das Banner der <em>Connaught Rangers<\/em> ins Auge, einem Regiment, das hier seine Gottesdienste abhielt. Es geht auf die Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution zur\u00fcck und diente unter Wellington in Indien und auf der Iberischen Halbinsel, dann auf der Krim, in Burma, im Burenkrieg und im 1. Weltkrieg! Nach der Unabh\u00e4ngigkeit Irlands wurde es aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Kirche steuern wir zielsicher ein Pub an, und zwar <em>Taaffes<\/em>, das mit der grauen Fassade. Innen ist es rappelvoll. Wir erwischen so gerade noch einen freien Platz. An der Theke hat man uns \u2013 ungew\u00f6hnlich f\u00fcr ein Pub \u2013 gesagt, man bestelle auf dem Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind junge und \u00e4ltere G\u00e4ste da. Die W\u00e4nde h\u00e4ngen voll mit alten Photos von Galway, mit alten Werbeschildern, Zeitungsausschnitten, Trikots und Schals, wobei schwer zu sagen ist, um welchen Sport es sich handelt. Wenn in Irland von <em>Fu\u00dfball<\/em> die Rede ist, ist oft nicht unser, also der englische Fu\u00dfball gemeint, sondern <em>Gaelic Football<\/em>, eine Art Kreuzung von Fu\u00dfball und Rugby. Die andere \u201eirische\u201c Sportart ist Hurling, mit Schl\u00e4gern und einem Ball gespielt. Es gilt als das schnellste Ballspiel \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter h\u00e4ngt eine Plakette mit der Bewertung, die das Pub von dem Guinness-Guru f\u00fcr sein Guinness bekommen hat: 9,1 von 10 Punkten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber der Theke h\u00e4ngen kleine goldene Wimpel mit dem irischen Kleeblatt, dem Shamrock, dem Kleeblatt, mit den St. Patrick, der Legende zufolge, den Iren die Dreifaltigkeit erkl\u00e4rt hat. Das Kleeblatt wird oft als das offizielle Emblem Irlands angesehen, ist es aber nicht. Das ist die Harfe. Die Harfe ist auch auf den irischen Euro-M\u00fcnzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das irische Kleeblatt hat auch seinen Weg nach Deutschland gefunden, in unsere Heimat. Eine Zeche in Herne hie\u00df <em>Shamrock<\/em>, und sie geh\u00f6rte der Firma <em>Hibernia<\/em>. Das ist der lateinische Name f\u00fcr \u201aIrland\u2018. Das Kleeblatt ist das Firmenzeichen der <em>Hibernia<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Speisekarte stehen Baps. Wir m\u00fcssen erst einmal nachfragen, was das ist. Wie Hamburger, hei\u00dft es, nur l\u00e4nglich. Sind aber besser als Hamburger, das Brot ist knusprig und der Belag schmackhaft. Dazu gibt es ein paar Chips und ein paar Bl\u00e4tter Salat. Und Bier vom Fass. Wir sind uns sp\u00e4ter nicht einig, ob das Essen preisg\u00fcnstig oder teuer war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach dem Parkhaus erweist sich als leichter, als gedacht. Es ist gut, wenn man jemanden mit gutem Orientierungssinn an der Seite hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber den Corrib auf die andere Seite, nach Claddagh. Der Corrib speist sich, wie andere Fl\u00fcsse dieser Gegend auch, aus einem See (oder durchquert den), dem Lough Corrib. Das Wort <em>lough<\/em>, dem man hier in Eigennamen auf Schritt und Tritt begegnet, ist das irische Pendant zu dem schottischen <em>loch<\/em> (wie in <em>Loch Ness<\/em>) und wird genauso ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claddagh hat mit der alten Fischersiedlung nichts mehr zu tun, es verf\u00fcgt \u00fcber moderne mehrst\u00f6ckige Wohnh\u00e4user \u2013 uns f\u00e4llt im Laufe der Tage auf, dass man \u00fcberhaupt keine Hochh\u00e4user, geschweige denn Wolkenkratzer sieht \u2013 und eine breite Uferpromenade. Wir gehen hier entlang. Einige Kinder spielen am Strand, und ein paar Mutige sind tats\u00e4chlich im Wasser. Die Aufenthaltsdauer scheint aber eher kurz zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Meer ist grau, der Himmel auch, obwohl man immer wieder mal zwischen den Wolken einen dicken Sonnenstrahl entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am Ende der Promenade angekommen sind, sehen wir den Springturm, von dem Connor gesprochen hat \u2013 erstaunlich, dass das Wasser hier tief genug ist. Wir finden aber nicht, was wir suchen, die Stelle, an der man, wie wir von Connor wissen, <em>Kicking<\/em> <em>the Wall<\/em> betreibt. Das rangiert unter den zehn wichtigsten Freizeitbesch\u00e4ftigungen Galways. Wenn man das Ende der Promenade erreicht hat, tritt man, wie zur Best\u00e4tigung, gegen die Mauer. Wir wollen schon entt\u00e4uscht abdrehen, als ein findiges Auge doch noch was entdeckt, eine Plakette, die der Rotary Club hier angebracht hat. Wir treten weisungsgem\u00e4\u00df gegen die Mauer und lassen auch noch einen kleinen Obolus f\u00fcr einen wohlt\u00e4tigen Zweck zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Passenderweise gibt es auf der anderen Stra\u00dfenseite einen <em>Spar<\/em>, wo wir uns mit dem N\u00f6tigsten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage eindecken. Spar ist hier in Irland gut vertreten. Auch hier ist der Einkauf teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt biegen wir irgendwo falsch ab und, schwups, befinden wir uns im dicksten Stau der Rush Hour. Kann man nichts machen. Wir kommen an der Kathedrale vorbei, einem m\u00e4chtigen Neo-Renaissance-Bau. In einigen Reisef\u00fchrern kommt sie ganz gut weg, in einem wird so sehr \u00fcber den Bau hergezogen, dass man sich schieflacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auch an der Universit\u00e4tsklinik vorbei, vermutlich im Universit\u00e4tsviertel gelegen. Die Universit\u00e4t von Galway ist eine Nebenstelle des UCD, dem katholischen, \u201eirischen\u201c Gegenst\u00fcck zum protestantischen, \u201eenglischen\u201c TCD, beide in Dublin beheimatet. Das TCD, eine Gr\u00fcndung Elisabeths I., ist viel \u00e4lter als das UCD. Lange durften Katholiken nicht am TCD studieren, und als sie es durften, wollten sie es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an eine fl\u00fcchtige Begegnung im TCD mit einem Physikprofessor aus Galway. Der beschwerte sich bitter \u00fcber die Sprachregelung an seiner Universit\u00e4t: Jede Vorlesung, jedes Seminar, gleich in welchem Fachbereich, muss auch auf Irisch angeboten werden, und wenn nur ein einziger Student sich f\u00fcr Irisch entscheidet, muss die Veranstaltung auch auf Irisch stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir endlich zu Hause ankommen, nimmt Rita uns in Empfang, eine freundliche, redefreudige Frau. Sie bietet gleich frisch gelegte Eier von den H\u00fchnern ihres Hofs an, aber leider haben wir uns bei Spar schon mit Eiern eingedeckt. Sie gibt Tipps f\u00fcr Ausfl\u00fcge und bietet uns sogar ihre Fahrdienste an, falls wir abends mal ins Pub wollen. Sie meint Killimor, wenn sie <em>the village<\/em> sagt und Portumna, wenn sie<em> the town<\/em> sagt. <em>The Burren<\/em>, eine bizarre Landschaft in dieser Gegend, spricht sie aus wie <em>The Burn<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlicherweise ist sie gar nicht so gl\u00fccklich, dass ihr Sohn schon aus Australien zur\u00fcckkommen will. Er habe eine gute Arbeit dort und h\u00e4tte gut noch zwei, drei Jahre bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend lese ich in einem Reisef\u00fchrer, dass Galway auch die Heimat von Nora Barnacle ist, der Ehefrau von James Joyce. Ihr Geburtshaus ist heute ein kleines Museum. Das hat Connor uns vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Joyce buhlte lange um Nora, und sie wies ihn fast genauso lange ab. Sie waren so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten, er der gro\u00dfe Intellektuelle, der Schriftsteller, der die Moderne pr\u00e4gte wie kaum jemand sonst, sie eine einfache Frau, Stubenm\u00e4dchen, Kellnerin. Aber die Ehe hielt ein Leben lang. F\u00fcr mich bleibt sie unsterblich durch die Frage an ihn, die kein Literaturkenner zu stellen wagen w\u00fcrde: \u201eWhy don\u2019t you write books that people can read?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>27. April (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Warum hat das Irische so wenig Erfolg in Irland, trotz des obligatorischen Unterrichts und trotz der staatlichen Propaganda, die es zu einem Ausweis irischer Identit\u00e4t macht? Vielleicht <em>wegen<\/em> des obligatorischen Unterrichts und der staatlichen Propaganda. Etwas wird von oben oktroyiert, und dem entzieht man sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt gute Gr\u00fcnde, das Irische links liegen zu lassen. Es ist nicht sehr n\u00fctzlich. Man kann wenig damit anfangen, wenn man auswandern oder f\u00fcr eine internationale Firma arbeiten will. Da ist man mit Englisch besser dran. Viele Iren assoziieren Irisch mit einem militanten Nationalismus, mit dem sie als offene Europ\u00e4er nichts zu tun haben wollen. Und Irland unterliegt nat\u00fcrlich wie alle anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder dem Einfluss der US-amerikanischen Popkultur und der virtuellen Welt, und in beiden ist Englisch die beherrschende Sprache. Die N\u00e4he zu England kommt dazu. Au\u00dferdem ist Irisch nicht gerade leicht zu lernen. Seine Strukturen unterscheiden sich sehr vom Englischen, und schon das Verh\u00e4ltnis von Schrift und Lautung gibt R\u00e4tsel auf, wie wir das in diesen Tagen auch erfahren haben. Das Wort f\u00fcr den Premierminister ist <em>Taoiseach<\/em>, und es wird wie <em>teashuck<\/em> ausgesprochen. Kurioserweise hat das Irische den st\u00e4rksten Zulauf heute nicht in der Republik Irland, sondern bei den Nationalisten in Nordirland, denjenigen, die auf eine Vereinigung mit Irland setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rita hat uns auf den Tisch eine kleine Vase mit gelben und blauen Blumen gestellt, gelben Schl\u00fcsselblumen und blauen Blumen, die hier <em>bluebells<\/em> hei\u00dfen und auf die man \u00fcberall st\u00f6\u00dft, meist am Stra\u00dfenrand. Mir ist das Wort auch gel\u00e4ufig, obwohl ich nicht wusste, wie sie aussehen. Das W\u00f6rterbuch schl\u00e4gt als deutsche Entsprechung <a><em>Hasengl\u00f6ckchen<\/em> <\/a>vor. Das sagt mir gar nichts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein sch\u00f6ner Tag, und wir machen uns fr\u00fchzeitig auf den Weg. Killimor ist noch wie ausgestorben, aber in dem kleinen Laden, der auch Postamt ist, bekommen wir Briefmarken. Es stellt sich raus, dass der Laden auch Tankstelle ist. An den beiden verloren am Rande des B\u00fcrgersteigs stehenden Zapfs\u00e4ulen, eine f\u00fcr Diesel, eine f\u00fcr Benzin, kann man sich selbst bedienen und dann hier zahlen. Die Preise sind ungef\u00e4hr wie bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg Richtung Ennis, von Hermanita im Reisef\u00fchrer entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man sich einem Ort n\u00e4hert, steht auf dem Stra\u00dfenpflaster slow. Etwas weiter steht dann slower.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita achtet au\u00dfer auf die Strecke auch auf die Stromleitungen und die Formen der Strommasten. Die w\u00fcrde ich glatt \u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ennis ist es im Unterschied zu Killimor rappelvoll, und wir m\u00fcssen ein paar Runden drehen, bis wir einen Parkplatz finden. Am Rande des Parkplatzes steht der Schnellimbiss <em>The Snack Shack.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von dort geht es durch eine ganz schmale Gasse zur Hauptstra\u00dfe. In der Gasse ein Plakat mit dem ber\u00fchmtesten Slogan der Guinness-Vermarktung: Guinness is good for you. Der war mal Gegenstand einer \u00dcbersetzungs\u00fcbung an der Uni. Die Studenten kamen nach ein paar Anst\u00f6\u00dfen auf die beste \u00dcbersetzung: <em>Guinness tut dir gut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Hauptstra\u00dfe ein kleines Gesch\u00e4ft f\u00fcr Damenoberbekleidung und Accessoires, <em>Tricia\u2019s Closet<\/em>. Ein <em>closet<\/em> war zun\u00e4chst ganz einfach ein Zimmer ohne Fenster. Oft wurde es zum Ankleiden benutzt. Erst sp\u00e4ter wurde es dann zum <em>Klosett<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zu einem leicht erh\u00f6hten Platz, der sinnigerweise <em>The Height<\/em> hei\u00dft. Hier haben sie Daniel <a>O\u2019Connell<\/a> auf so einen hohen Sockel gestellt, dass man kaum etwas von ihm sieht. Er ist eine der Gestalten der irischen Geschichte, die im Ged\u00e4chtnis der Nation einen festen Platz haben. O\u2019Connell war Rechtsanwalt, einer der ersten katholischen Rechtsanw\u00e4lte Irlands, gut situiert und ausgesprochen gesetzestreu. Das wurde ihm zum Verh\u00e4ngnis. Sein gro\u00dfes Ziel hie\u00df <em>Catholic Emancipation<\/em>, gleiche Rechte f\u00fcr die Katholiken wie f\u00fcr die Anglikaner. Die Katholiken durften keine \u00f6ffentlichen \u00c4mter bekleiden, durften bestimmte Berufe nicht aus\u00fcben, durften nicht an Universit\u00e4ten studieren, keine eigenen Schulen und keine Bisch\u00f6fe haben, und es gab Einschr\u00e4nkungen bei Grunderwerb und Erbschaften. O\u2019Connel lie\u00df sich f\u00fcr die Parlamentswahl aufstellen und argumentierte, Katholiken d\u00fcrften zwar kein Parlamentsmandat haben, sich wohl aber zur Wahl stellen (<em>cannot sit in Parliament but can stand for election<\/em>). Er wurde gew\u00e4hlt und trat das Mandat nicht an. Aufgrund der Aktivit\u00e4ten O\u2019Connells, vor allem aber aufgrund der sich \u00e4ndernden \u00f6ffentlichen Meinung, wurden dann die meisten Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Katholiken aufgehoben (sie mussten aber weiterhin ihren Zehntel an die Anglikanische Kirche abtreten). Das ist alles verdienstvoll, aber f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Katholiken, die auf dem Land arbeiteten und mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt bestritten, war das alles mehr oder weniger irrelevant. Ihr Leben \u00e4nderte sich kaum. Trotzdem bekam O\u2019Connell auch aus den \u00e4rmeren Kreisen volle Unterst\u00fctzung. Dann ging er sein n\u00e4chstes Ziel an: <em>Home Rule<\/em>. Die Unabh\u00e4ngigkeit Irlands vom Vereinigten K\u00f6nigreich. Er organisierte Massenversammlungen, mit Hunderttausenden von Teilnehmern, teils an mythischen Orten der irischen Geschichte. Man fragt sich, wie das alles funktionierte, wie die Leute informiert wurden, wie sie zu den Versammlungen kamen, wie sie dort versorgt wurden. Aber der Widerhall war gro\u00df. Dann entschloss sich die britische Regierung, eine geplante Massenversammlung zu verbieten, und O\u2019Connell, in seiner Gesetzestreue und dem unbedingten Willen zu ausschlie\u00dflich friedlichen Protesten, sagte die Versammlung ab. Sein Stern begann zu sinken. Bis zur <em>Home Rule<\/em> sollten noch Jahrzehnte vergehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der H\u00f6he der Statue gelingt Hermanita von einem Winkel des Platzes aus noch ein sch\u00f6nes Photo von O\u2018Connell vor strahlend blauem Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zu einer Ruine, die wir vorher gesehen haben. Unterwegs entdeckt Hermanita an einer Ecke ein Caf\u00e9, das in einem der B\u00fccher von Joyce genannt wird. Dort steht <em>The Queen\u2019s Hotel has found it\u2019s place in literature.<\/em> Mit einem typischen Rechtschreibfehler, den nicht nur Ausl\u00e4nder machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ruine handelt es sich um ein ehemaliges Franziskanerkloster, das sich sp\u00e4ter die Anglikaner unter die N\u00e4gel rissen, um es dann, nach dem Neubau einer eigenen, gr\u00f6\u00dferen Kirche, verfallen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird Eintritt genommen, wie fast \u00fcberall. Es gibt zwar \u00fcberall Seniorenrabatt, aber es l\u00e4ppert sich im Laufe der Tage einiges zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden von John, einem enthusiastischen F\u00fchrer, in Empfang genommen. Durch unsere Kenntnis der biblischen Szenen f\u00fchlt er sich animiert und nimmt noch mehr Fahrt auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster war im Mittelalter ein bedeutendes Bildungszentrum, mit 350 M\u00f6nchen und 600 Sch\u00fclern!<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Gr\u00fcnderzeit erhalten blieb der Chor mit f\u00fcnfbahnigen Fenstern, durch die man auf den blauen Himmel dahinter oder auf bl\u00fchende B\u00e4ume sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>John erkl\u00e4rt detailliert die teils angegriffenen Kalksteinskulpturen, darunter die von Franziskus, die wir gegen die Sonne erst gar nicht entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einem Grab ist eine Tumba mit reichem Figurenschmuck erhalten. Vor allem die Apostel und ihre Insignien haben es ihm angetan. Petrus mit dem Schl\u00fcssel, Paulus mit dem Schwert, Bartholom\u00e4us mit dem Messer, Andreas mit dem Kreuz, Matth\u00e4us als Steuereintreiber. Besonderen Wert legt er darauf, dass Johannes als einziger bartlos ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erkl\u00e4rt er die Reliefs mit den biblischen Szenen, die wir der Reihe nach durchgehen: Gei\u00dfelung, Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung. Unter den vielen Marias am leeren Grab ist eine mit zeitgen\u00f6ssischem Kopfschmuck und Kleidern. Die r\u00f6mischen Soldaten bei der Kreuzigung sehen wie eine Mischung aus Kreuzrittern und Gnomen aus. Das Blut bei der Kreuzigung wird von fliegenden Engeln in Kelchen aufgefangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich ist unser F\u00fchrer verschwunden. Wir gehen noch in den dachlosen Kreuzgang \u2013 oder was davon noch \u00fcbrig ist \u2013 und genie\u00dfen die Stille und den Sonnenschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in das Caf\u00e9 an der Ecke. Es ist gut besucht, St\u00fchle und Tische sind ganz unregelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Raum verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin ist Spanierin, aus Madrid. Ich habe sie f\u00fcr eine Italienerin gehalten. Wir bestellen Kaffee und Kuchen, bei mir ist, es in Erinnerung an l\u00e4ngst vergangene Zeiten, <em>Bakewell Tart<\/em> (hie\u00df fr\u00fcher <em>Bakewell Pudding<\/em>), mit Marmelade gef\u00fcllt, aus Bakewell in Derbyshire.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch sitzt eine Frau, die ganz tief \u00fcber ein Heft gebeugt ist, in dem sie Zeichen nachzeichnet. Sie erkl\u00e4rt, was sie da macht. Es sind chinesische Charaktere. Sie kann leidlich Chinesisch sprechen, kann es aber nicht schreiben. Sie zeichnet also die Charaktere einen nach dem anderen nach. \u00dcber den Charakteren steht die Aussprache in lateinischen Buchstaben. Die Bedeutung steht nirgendwo, das \u00dcbungsheft richtet sich also nur an Lerner wie sie, die schon Chinesisch k\u00f6nnen. Ihre Eltern sind vor gut 20 Jahren nach Irland gekommen, und auch mit ihnen spricht sie oft Englisch. Sie fragt nach uns, woher wir k\u00e4men und ob wir hier im Urlaub w\u00e4ren. Als sie h\u00f6rt, dass wir aus Deutschland kommen, ist sie ganz \u00fcberrascht: \u201eI heard you speak another language before.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg zu den Cliffs of Moher. Unterwegs taucht am Wegesrand immer wieder die ukrainische Flagge auf. Was machen die Ukrainer hier in dieser verlassenen Gegend? Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass es die Flagge von County Clare ist, der Nachbargrafschaft, in der wir inzwischen gelandet sind. Noch sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass die Pr\u00e4senz der Flaggen \u2013 in Galway sehen wir sp\u00e4ter das violett-wei\u00dfe Pendant von Clare \u2013 der Tatsache geschuldet ist, dass jetzt gerade die Endrunde im Gaelic Football stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Cliffs of Moher, hat Hermanita in einem Reisef\u00fchrer herausgefunden, ist die am zweitmeisten besuchte Sehensw\u00fcrdigkeit Irlands. Und was ist die erste? Man mag es kaum glauben: Das <em>Guinness Storehouse<\/em> in Dublin!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen paradox: Man kommt, um Natur zu sehen, und wird erst einmal auf einen Parkplatz geleitet. Und muss bezahlen, und zwar nicht zu knapp.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen froh sein, zu dieser Jahreszeit hier zu sein. Es ist voll, aber nicht \u00fcberlaufen, und je weiter man sich vom Eingang entfernt, umso ruhiger wird es.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg windet sich nach oben, und von dort hat man einen sch\u00f6nen Blick zur\u00fcck auf die Klippen und das Meer. Die Sonne schimmert im Wasser, das blau und blaugr\u00fcn ist. Der Atlantik ist ruhig, und der Anblick der Klippen sch\u00f6n, aber undramatisch. Sie kommen wahrscheinlich bei einem wilden Sturm besser zur Geltung. Manchmal kann man dann sogar beobachten, wie Teile der Felsen abbrechen und ins Wasser st\u00fcrzen. Das kann man heute nicht einmal erahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders sch\u00f6n ist der Blick in eine Bucht, in der man, wenn man l\u00e4nger hinsieht, M\u00f6wen entdeckt, erst einzelne, dann Dutzende, dann Hunderte. Die Klippen sind, so scheint es, von Moos bedeckt, aber es sind ganz feine Grasb\u00fcschel. Die bewegen sich im Wind.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Besuchern h\u00f6rt man alle m\u00f6glichen Sprachen. Au\u00dfer Europ\u00e4ern sind vor allem Inder vertreten. Alle haben praktische, sportliche Kleidung an, bis auf eine Frau in einem wehenden d\u00fcnnen blauen Seidenkleid.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehen wir ein kleines W\u00e4gelchen von der Art, wie sie auf Flugh\u00e4fen oder Golfpl\u00e4tzen benutzt werden. Darin werden hier Besucher durch die Gegend gefahren. Sie hei\u00dfen hier <em>Lifts of Moher<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommt der schwierige Teil des Ausflugs. Wir wollen <em>The Burren<\/em> sehen, die Landschaft, die so ganz anders ist als der Rest von Irland, felsig, baumlos, karg, etwas unheimlich. Aber <em>The Burren<\/em> versteckt sich vor uns. Wir haben den Eindruck, ihn st\u00e4ndig zu umkreisen, ohne dorthin zu kommen. Es stellt sich heraus, dass der Name <em>The Burren<\/em> nicht nur f\u00fcr diesen relativ kleinen Ausschnitt gilt, sondern f\u00fcr die ganze Gegend, und die sieht nicht anders aus als andere Gegenden Irlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die erste Strecke zieht sich l\u00e4nger hin als erwartet. Wir sind zwar auf dem richtigen Weg, haben aber Liscannor mit Lisdoonvarna verwechselt, und das liegt viel weiter weg. Es ist ein verschlungener Weg \u00fcber schmale Stra\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch sonst, ist die Stra\u00dfendecke ganz gut, nur muss man immer mal mit vereinzelten Schlagl\u00f6chern rechnen. Und denen kann man nicht so gut ausweichen, wenn ein Auto entgegenkommt. Die Spuren sind schmaler als bei uns. Und au\u00dferdem gibt es links und rechts meist kein bisschen Raum, um ausweichen zu k\u00f6nnen. Zu allem \u00dcbel kommen gelegentlich auch noch Radfahrer oder Wanderer die Stra\u00dfe entlang. Gibt es hier keine Wanderwege? Keine Ausweichm\u00f6glichkeiten? Sieht nicht so aus. Wir finden auch bis zum Schluss keine M\u00f6glichkeit, anders als \u00fcber die Landstra\u00dfe von uns nach Killimor zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal taucht eins von den Warnhinweisen auf, die hier in Irland schwarz-gelb sind: <em>No verge!<\/em> Hahaha, als wenn das weiter bemerkenswert w\u00e4re. Einen Seitenstreifen gibt es nirgendwo!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigem Hin und Her fahren wir nach Kilfenora. Dort gibt es das <em>Burren Centre<\/em>. Aber auch hier ist vom <em>Burren<\/em> nichts zu sehen. Immerhin bekommen wir hier Auskunft und in dem Caf\u00e9 der Touristeninformation eine St\u00e4rkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollen uns auf jeden Fall noch die Kathedrale ansehen, nur ein paar Schritte entfernt. Kathedrale? Hier, am Ende der Welt? Die hei\u00dft wirklich so, aber in Irland hat das Wort wohl eine etwas weitere Bedeutung, bezieht sich auch auf das, was man als ganz normale Kirche ansehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal haben wir es mit einer Ruine zu tun. Sehenswert sind hier vor allem die Hochkreuze, besonders eins, <em>The Doorty Cross<\/em>, das, im Gegensatz zu den anderen, in der Kirche und nicht auf dem Kirchhof steht. Dessen Schaft wurde im Laufe der Geschichte von dem Kreuz selbst getrennt und diente als Grabmal der Familie Doorty. Daher der Name. Sp\u00e4ter wurden die beiden Teile wieder zusammengef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reliefs sind nur mit Hilfe der Beschreibung zu erkennen. Es gibt ein paar biblische Szenen, vor allem aber eine Seite mit einem Bischof, der einen, wie es hei\u00dft, \u201ekontinentalen\u201c Bischofsstab in der Hand h\u00e4lt, so einen, wie wir ihn kennen. Darunter sind zwei Kleriker, einer mit einem Bischofsstab mit einer offenen Kr\u00fcmmung und einer mit einem Bischofsstab in Form des Buchstabens Tau. Die gelten als \u201einsul\u00e4re\u201c Bischofsst\u00e4be. Diese beiden Bischofsst\u00e4be ruhen auf den K\u00f6pfen von zwei gefl\u00fcgelten Wesen, die auf den K\u00f6pfen zweier menschlicher Torsos stehen. Das ist an sich schon ganz kurios, weil ungew\u00f6hnlich und etwas mysteri\u00f6s, aber hat wohl eine historische Bedeutung, die etwas mit dem Konflikt zwischen der kontinentalen, r\u00f6mischen Kirche und der irischen Kirche zu tun hat. Aber dazu m\u00fcsste man den Hintergrund besser kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Weiterfahrt kommen wir an <em>Leamaneh<\/em> <em>Castle<\/em> vorbei, einem verfallenen Schloss, das einsam etwas erh\u00f6ht auf einer Wiese steht. Hier kann man nur ein Photo machen, alles ist abgesperrt. Man kann sich die Szene gut als Drehort f\u00fcr die Verfilmung eines Schauerromans vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreichen wir Poulnabrone. Hier steht, mitten in der Landschaft, ein Dolmen. Ein paar Autos auf dem Parkplatz, aber keine Mengen von Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dolmen, eine Struktur aus zwei vertikalen Felsbl\u00f6cken, bedeckt von einem horizontalen, der sozusagen als Dach dient, ist eins der denkw\u00fcrdigsten Erlebnisse unserer Reise, auch wenn er viel niedriger ist als erwartet. Zwischen 5.000 und 5.500 Jahren alt, \u00e4lter als die \u00e4gyptischen Pyramiden! Die Dolmen markierten eine Begr\u00e4bnisst\u00e4tte der Steinzeit. Man fragt sich unwillk\u00fcrlich, wie die Menschen dieser Zeit solche Felsbl\u00f6cke haben anschleppen und aufstellen k\u00f6nnen. Der horizontale Block wiegt anderthalb Tonnen. Es muss eine perfekte Organisation und Koordination gegeben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arch\u00e4ologen haben hier die Skelette von drei\u00dfig Menschen aus der Steinzeit gefunden und einige Grabbeigaben. Das ist leider alles im Museum in Dublin. Ob der Dolmen die urspr\u00fcngliche Begr\u00e4bnisst\u00e4tte war oder ob die Toten von anderen Orten hierhergebracht worden sind, wei\u00df man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt noch ein besonderes Detail: Neben den Skeletten aus der Steinzeit hat man auch das Skelett eines Babys aus der Bronzezeit gefunden. Das ist tausend Jahre sp\u00e4ter hier begraben worden!<\/p>\n\n\n\n<p>Einen zus\u00e4tzlichen Reiz hat die Gegend durch die Beschaffenheit des Bodens. Massive, gro\u00dfe Steinplatten, wei\u00dflich, mit fast regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden zwischen ihnen. Sie sehen aus wie gigantische Puzzlesteine, so als w\u00e4ren sie nicht gewachsen, sondern gemacht. In den Zwischenr\u00e4umen w\u00e4chst Gras. Aber auch kleine Blumen kommen zum Vorschein, die f\u00fcr viele Besucher Photomotiv sind. Wir sehen sp\u00e4ter noch mal \u00e4hnliche Landschaften, aber nirgends sind die Steinplatten so sch\u00f6n ebenm\u00e4\u00dfig geschliffen wie hier. Ob es sich bei dieser Sache um ein <em>turlough<\/em> handelt, einen Wintersee, wie er f\u00fcr den Westen Irlands charakteristisch ist, wissen wir nicht genau. Auf den Photos in den Reisef\u00fchrern sehen die anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu guter Letzt kommen wir dann nach einigem Navigieren doch noch zu <em>The<\/em> <em>Burren<\/em>. Zwei nebeneinander liegende steinerne Torten, bei denen sich die Felsen ringf\u00f6rmig nach oben winden. Aber zwischen uns und ihnen liegt ein See, wir kommen nicht hin. Man sieht auch keine Menschen dort, obwohl am Wegesrand viele Autos geparkt haben und vermutlich Wanderer unterwegs sind. Das Alles bleibt etwas unerkl\u00e4rlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Auto mache ich ein Photo von einem Rotkehlchen, das ganz unger\u00fchrt auf einem Zweig sitzt und sich in aller Ruhe photographieren l\u00e4sst. Ich bin ganz platt, erfahre dann aber, dass Rotkehlchen so sind, gar nicht menschenscheu.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns steht noch eine etwas langwierige R\u00fcckfahrt bevor, aber wir kommen noch bei Tageslicht zu Hause an.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle erscheint am Stra\u00dfenrand auf einmal ein St\u00fcck Wald mit abgestorbenen B\u00e4umen, ein gro\u00dfer Kontrast zur Landschaft drum herum. Auch in Irland scheint es Waldsterben zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem gr\u00f6\u00dferen Ort, es k\u00f6nnte Loughrea gewesen sein, machen wir bei <em>Aldi<\/em> Halt. An der Kasse vor uns ein Mann, der am Ende doch noch eine T\u00fcte haben will. Als er sie bekommt, wendet er sich an die Kassiererin und sagt \u201eCheers!\u201c. Ein \u00e4u\u00dferst n\u00fctzliches Wort, das jedem Englischlernenden zu empfehlen ist. Es bedeutet \u201aDanke\u2018 und \u201aProst\u2018 und \u201aAuf Wiedersehen\u2018!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause soll es R\u00fchrei geben. Aber wir bekommen den Herd nicht an. Welchen Schalter man auch bedient, die Herdplatten werden nicht hei\u00df. Dann hat Hermanita eine Erleuchtung: der Sicherheitsschalter! Bei praktisch allen Ger\u00e4ten gibt es einen zus\u00e4tzlichen Schalter, den man erst aktivieren muss, um Strom zu haben. Jetzt l\u00e4uft auch das Radio!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann klopft es an der T\u00fcr. Es ist Rita. Sie bringt selbstgebackene Scones. Einige davon erleben den n\u00e4chsten Tag nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>28. April Sonntag<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag hat einer von uns einen Sonnenbrand. Kommt davon, wenn man sich nicht eincremt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr heute haben wir uns eine k\u00fcrzere Strecke vorgenommen, wir wollen nach Portumna, da gibt es durchaus was zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gut, wenn man zu zweit unterwegs ist. Man achtet einfach auf sehr unterschiedliche Dinge. Hermanita stellt im Laufe der Tage, angesichts der vereinzelt, weiter auseinanderliegenden Geh\u00f6fte, Fragen, die mir gar nicht in den Sinn kommen w\u00fcrden: Wie kommen die Kinder zur Schule? Wo ist der n\u00e4chste Arzt? Wo gibt es eine Entbindungsstation? Ist man hier nicht auf Gedeih und Verderb auf ein Auto angewiesen? Wer melkt die K\u00fche? Woher bekommen sie Wasser? Nirgendwo sieht man eine Tr\u00e4nke. Bleiben sie das ganze Jahr \u00fcber auf der Weide? Man sieht keine St\u00e4lle in der N\u00e4he der Weiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die meisten Fragen gibt Rita sp\u00e4ter Antworten: Ja, ein Auto zu haben, das sei schon sinnvoll. Aber ihre Mutter (oder Schwiegermutter) habe immer alles mit dem Fahrrad erledigt. Was aber wohl nicht f\u00fcr den Weg zur Entbindungsstation gilt. Zur Grundschule m\u00fcssen die Kinder gebracht werden \u2013 oder gehen. Zu den weiterf\u00fchrenden Schulen fahren Busse. Wir sehen tats\u00e4chlich in den n\u00e4chsten Tagen noch den einen oder anderen Schulbus. \u00c4rzte gibt es in Portumna, zur Entbindung muss man nach Galway oder nach Loughrea. Die K\u00fche werden abends in den Stall geholt. Dort werden sie gemolken und mit Wasser versorgt. Wir sehen wirklich sp\u00e4ter h\u00e4ufig St\u00e4lle, sie sind zu einer Seite hin offen. Schrecklich kalt wird es hier wohl auch im Winter nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurze Strecke nach Portumna bringen wir schnell hinter uns. Irgendwo lesen wir im Laufe des Tages, was eigentlich offensichtlich ist: <em>Port-umna<\/em>. Da steckt der \u201aHafen\u2018 drin. Und <em>umna<\/em> hei\u00dft wohl \u201aBaum\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zuerst zum Workhouse, von Martin empfohlen, aber da beginnt die F\u00fchrung erst in gut einer Stunde. Wir fahren weiter in den Ort hinein und gehen \u00fcber einen Friedhof. Alte und neue Gr\u00e4ber, aber wenige. Wird hier nicht gestorben? Hermanita kommt auf die Erkl\u00e4rung: Es ist der Kirchhof einer anglikanischen Kirche, und Anglikaner gibt es hier nur wenige.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen w\u00e4hrend der ganzen Zeit \u00fcberhaupt keine Urnengr\u00e4ber. Ob die Feuerbestattung hier noch die ganz gro\u00dfe Ausnahme ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber der Kirche auf der Stra\u00dfenseite mit den Gesch\u00e4ften ein Zeitschriftenladen mit diesem Schild: <em>Open 7 days early til late<\/em>. Mit einem Rechtschreibfehler, der jedem Mittelstufensch\u00fcler angestrichen werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus gehen wir zum Schloss. Zuf\u00e4llig laufen uns zwei Angestellte \u00fcber den Weg. Wir sollten besser erst zum Workhouse gehen und sp\u00e4ter wiederkommen. Derweil k\u00f6nnten wir uns noch hier in der Klosterruine umsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tun wir. In der morgendlichen sonnt\u00e4glichen Ruhe hat die Ruine mit S\u00e4ulengang und Ma\u00dfwerkfenster mit dem satten Gr\u00fcn der Wiese und den B\u00e4umen au\u00dfen herum etwas. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, aber hell.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stand urspr\u00fcnglich eine Zisterzienserkapelle. Die wurde dann den Dominikanern \u00fcberlassen, die sie als Nukleus ihres Klosters \u00fcbernahmen. Was wir sehen, geht wohl noch auf die Zeit der Zisterzienser zur\u00fcck. Dies sei das erste Kloster in Irland, in der die Reformbewegung aus dem Kontinent angekommen ist, hei\u00dft es, eine Reformbewegung, die die R\u00fcckkehr zur strikten Befolgung der monastischen Regeln durchsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zum Auto und fahren zum Workhouse zur\u00fcck. Dort ist der Empfang etwas verhalten. Wir stehen etwas unvermittelt in einem Raum herum, der als B\u00fcro dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht aber die F\u00fchrung los. Au\u00dfer uns sind nur noch zwei Frauen dabei, eine \u00e4ltere und eine j\u00fcngere. Sie sehen asiatisch aus, sind aber vielleicht Australierinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin hat eine etwas ungl\u00fcckliche Art, vorzutragen, alles sehr informativ und auch relevant, aber etwas langatmig und ohne erkennbare Begeisterung. Man sehnt sich nach Connor aus Galway zur\u00fcck. W\u00e4hrend der ganzen langen Einleitung bewegen wir uns nicht vom Fleck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Initiative, Workhouses f\u00fcr die Armen einzurichten, kam urspr\u00fcnglich aus England. Das Grundmotiv war philanthropisch, reiche G\u00f6nner stellten Geld zur Verf\u00fcgung, damit die Armut der Massen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts immer dramatischer wurde, gemildert wurde. Allm\u00e4hlich waren die G\u00f6nner es aber leid, dass man ihnen immer an den Geldbeutel wollte. Daraufhin berief die Regierung eine Kommission ein. Die sollte Vorschl\u00e4ge machen, wie man der Armut in Irland zu Leibe r\u00fccken k\u00f6nne, und sie machte ihre Sache ausgesprochen gut: Der Erwerb von Grundbesitz f\u00fcr die Landarbeiter sollte erleichtert werden, es sollte mehr selbst\u00e4ndige Bauern geben. Die Fischfangindustrie sollte ausgebaut und gef\u00f6rdert werden. Das Bildungssystem sollte verbessert werden. Neue Industrien sollten angesiedelt werden. All das war sinnvoll, aber kostete Geld. Und wurde verworfen. Stattdessen wurden die Workhouses gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Workhouses waren keine Gef\u00e4ngnisse. Man konnte raus. Es gab sogar Insassen, die tags\u00fcber hierherkamen und abends wieder rausgingen, weil die Arbeit im Workhouse stigmatisiert war. Man wollte es den Bekannten gegen\u00fcber verheimlichen. Wenn man das Haus verlie\u00df, musste man die Uniform, die man beim Eintritt bekommen hatte, wieder abgeben. Wenn jemand einfach so ausb\u00fcxte, wurde nach ihnen gefahndet. Nicht, um sie wieder ins Workhouse zu bekommen, sondern um die Uniformen zur\u00fcckzubekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Familien wurden von vornherein getrennt, Frauen, M\u00e4nner, Kinder. Nur Kleinkinder bis zu zwei Jahren blieben bei den M\u00fcttern. Die Sterblichkeit war wegen der ansteckenden Krankheiten gro\u00df, und es konnte passieren, dass eine Frau, die das Workhouse verlie\u00df, dann erst erfuhr, dass ihr Kind oder sogar ihre Kinder nicht mehr am Leben waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nahrung war frugal. Es gab nur zwei Mahlzeiten am Tag f\u00fcr die Erwachsenen, drei f\u00fcr die Kinder. Haferflocken, Suppe, Milch, kein Gem\u00fcse, kein Obst, kein Fleisch. Man wollte mit allen Mitteln verhindern, dass die Leute ins Workhouse kamen, weil hier die Nahrung so gut war. Das wurde von einem Gef\u00e4ngnis in England berichtet. Dort begingen einige Arme eine Straftat, um ins Gef\u00e4ngnis zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen in dem Raum des Direktors. Zu einer Seite sind die Fenster lang und gew\u00e4hren den Blick auf den Rasen vor dem Haus. Zur anderen Seite sind nur Fenster, so dass die W\u00e4nde den Blick auf den Innenhof versperrten, wo die Insassen waren. Der Direktor betrat sein B\u00fcro von der Gartenseite aus und kam so nie mit den Insassen in Kontakt, nicht einmal in Blickkontakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt gab es in Irland 163 Workhouses, in zwei Phasen von 1840 an errichtet. Nach der irischen Unabh\u00e4ngigkeit wurden sie geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zur gro\u00dfen Hungersnot gab es genug Platz, aber dann waren die Workhouses v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt, jedenfalls die meisten. Hier in Portumna war das nicht der Fall. Das Geb\u00e4ude war f\u00fcr 600 Insassen gebaut, hatte aber nie so viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auf den Innenhof hinaus. An einer Ecke des Hofes werden wir gefragt, welche Funktion etwas wohl gehabt hat, das da in die Mauer eingelassen ist. Eine der Australierinnen kommt sofort darauf: Das war der Abort. Privatsph\u00e4re gab es hier nicht. Das Gesch\u00e4ft wurde in Gesellschaft erledigt. Die Sickergrube zu entleeren war eine beliebte Strafarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich daneben sieht man noch die Umrisse eines schmalen Raums. Das war die Gef\u00e4ngniszelle. Hier musste man stehend ohne Licht ausharren, wenn man etwas verbrochen hatte. Die N\u00e4he zur Sickergrube sorgte daf\u00fcr, dass die Strafe besonders unangenehm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in einen Schlafsaal hinauf. Es sind wohl Strohs\u00e4cke, die hier in Reihe und Glied auf dem Boden liegen, auf einem etwas erh\u00f6hten Absatz. Nachts wurden die T\u00fcren verschlossen, man durfte auch dann nicht raus, wenn man musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bel\u00fcftung, die uns auf den ersten Blick etwas mickrig vorkam, war im Gegenteil ganz ausgefeilt, mit Luftl\u00f6chern in der Wand und in dem Podest. Man wollte mit aller Macht das Aufkommen von Seuchen vermeiden, denn die w\u00fcrden dann von den Insassen, die das Workhouse verlie\u00dfen, in die Stadt getragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir einen Film. Darin geht es um einen besonders scharfen und am Ende auch korrupten Direktor dieses Workhouses. Der wird von dem katholischen Pfarrer von Portumna, der gleichzeitig das Workhouse als Geistlicher betreut, herausgefordert und beschuldigt, durch Nahrungsentzug und eine harte Gangart den Tod von mehreren Insassen und das Leid von vielen zu verantworten zu haben. Der Direktor verweist den Pfarrer in seine Schranken. Er sei hier von der Krone angestellt und solle sich gef\u00e4lligst f\u00fcgen. Der Geistliche antwortet, er sei katholisch und nicht der britischen Krone, sondern dem Papst verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Sache zu hei\u00df wurde, machte sich der Direktor mit 5.000 \u00a3 aus dem Staub, zehn Jahresgeh\u00e4ltern. Er ging nach Amerika, lie\u00df seine Familie nachkommen, wurde Steuereintreiber und geriet dann selbst in Schwierigkeiten. Er landete am Ende in einem Schuldgef\u00e4ngnis, das besonders f\u00fcr seine grausamen Methoden bekannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben sehen wir in einem anderen Raum noch Arbeitsmaterialien und Dokumentationen, unter anderem \u00fcber eine Frau, die hier mithilfe eines Lakens Selbstmord beging, und \u00fcber junge Frauen aus dem Workhouse, die nach Australien geschickt wurden. Das war eine willkommene Alternative, und man kam nur dorthin, wenn die Bewerbung erfolgreich war. Der Grund f\u00fcr diese Ma\u00dfnahme: In Australien gab es M\u00e4nner\u00fcberschuss. Die fr\u00fchen Auswanderer waren Soldaten, Bauern und Strafgefangene, und die Frauen aus Portumna waren ihnen sehr willkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird h\u00f6chste Zeit f\u00fcr eine Pause. Die bekommen wir in der Cafeteria des Schlosses. Hier gibt es Kaffee und Tee und wunderbare Scones, frisch, gro\u00df, innen weich, au\u00dfen knusprig, mit Butter, Marmelade und Sahne serviert. Wunderbar. Nur die Marmelade aus den industriellen Marmeladend\u00f6schen will nicht richtig passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann an der Rezeption des Schlosses geht mit jedem einzelnen Besucher vor die T\u00fcr und erkl\u00e4rt freundlich und geduldig, wo es langgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steuern zuerst den Kitchen Garden an, wollen dann schon entt\u00e4uscht abdrehen, als wir ein paar belanglose Beete sehen. Aber dann entdeckt ein aufmerksames Auge ein Schild in der Mauer: <em>Kitchen Garden<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der erweist sich als ein Volltreffer, mit seiner Mischung aus Ordnung und Verwilderung. Wir sehen Pflanzen mit originellen Namen wie <em>Honesty<\/em> und <em>Lamb\u2019s Ear<\/em>, <em>Wormwood<\/em> und <em>Mangetout<\/em>. Auch <em>Forget-me-nots<\/em> sind dabei. Es gibt violette und himmelblaue und knallgelbe Bl\u00fcten und alle m\u00f6glichen K\u00fcchenkr\u00e4uter, die Hermanita am Geruch erkennt. Wir sind die ganze Zeit \u00fcber ganz f\u00fcr uns alleine in dem Garten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Schloss, ein Bau aus der \u00dcbergangszeit von Mittelalter und Renaissance, keine Burg mehr, aber auch kein Prachtschloss.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schloss ist irgendwann abgebrannt und man kann nur eine Etage besichtigen. Es gibt nicht viel zu sehen, au\u00dfer ein paar alten Truhen, die damals die Funktion von Schr\u00e4nken hatten, und ein paar freigelegten Fresken.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der R\u00e4ume hei\u00dft <em>Garderobe<\/em>, aber das ist nicht das, was wir uns darunter vorstellen. Es war die Latrine. Hier gibt es zwei in die Wand eingelassene Pl\u00e4tze f\u00fcr den Stuhlgang, und drau\u00dfen gibt es Sch\u00e4chte, durch die die Notdurft abgeleitet wird. Man vermutet, dass es flie\u00dfendes Wasser gab. Eine lukrative, aber kaum f\u00fcr zarte Gem\u00fcter gedachte Arbeit war der Abtransport der F\u00e4kalien. Die wurden nur bei Nacht in ein Gebiet au\u00dferhalb der Stadtmauern gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Wort <em>Garderobe<\/em> gibt es eine ingeni\u00f6se Erkl\u00e4rung, die, wenn sie nicht wahr ist, wahr sein sollte: Man hing in diesem Raum, so hei\u00dft es, seine Kleider auf, weil man glaubte, das Ammoniak diente zu deren Desinfizierung und zur Abwehr von Bakterien und Insekten. Deshalb sei der Name von dem Ort auf die Kleidung \u00fcbertragen worden \u2013 oder umgekehrt. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Schloss ist noch eine besondere Geschichte verbunden. In einer Vitrine ist das komplette Skelett eines Hundes ausgestellt, und das spricht f\u00fcr den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Ein kleines M\u00e4dchen war aus dem Fenster des Schlosses gest\u00fcrzt und dabei auf den vorbeilaufenden Hund gefallen, der ihm dadurch unfreiwillig das Leben rettete. Neben dem Skelett des Hundes wurden N\u00e4gel gefunden, die zu einer h\u00f6lzernen Kiste geh\u00f6rten, in der der Hund begraben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend machen wir noch einen Versuch, den Shannon zu sehen. Er ist genauso schwer zu fassen zu bekommen wie <em>The Burren<\/em>. Der Shannon ist immerhin der l\u00e4ngste Fluss Irlands. Wir k\u00f6nnen uns nicht erinnern, ihn jemals \u00fcberquert zu haben. Jetzt bekommen wir ihn nach einigen Umwegen zu sehen, im Dauerregen. Wir gehen eine Promenade entlang und klagen einer Hundebesitzerin unser Leid. Die gibt gut gelaunt Auskunft. Einfach ein paar hundert Meter weiter gehen, und da ist er. Und was ist dieses Wasser hier? Das ist der <em>Lough Derg<\/em>. Als wir weiter gehen, sehen wir tats\u00e4chlich, wie der Shannon mit seiner breiten M\u00fcndung in den See flie\u00dft. Von dort aus geht es weiter Richtung Limerick und in den Atlantik.<\/p>\n\n\n\n<p>Der See ist aufgew\u00fchlt, sieht aus wie das Meer. Es ist windig und kalt. Wir fl\u00fcchten uns ins Auto. Vorher bekommen wir aber noch einen ungew\u00f6hnlichen Anblick geboten. In einem Nebenarm des Shannon liegt ein gr\u00f6\u00dferes Hausboot. Da die wilde Vegetation den Blick verdeckt, sieht man das Wasser nicht, und es sieht so aus, als liege das Boot auf dem Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs merkt Hermanita, dass meine Schuhe hinten Leuchtstreifen haben. Wusste ich nicht. Ich sehe die ja nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen wir kurz in Killimor Halt und gehen einmal durch den Ort, ein typisches Stra\u00dfendorf. Der Gang durch den Ort ist ein bisschen niederschmetternd. Er ist ziemlich heruntergekommen. Verlassene H\u00e4user, schmutzige Hausfassaden, eine geschlossene Apotheke, der Laden mit der Tankstelle, ein Hundesalon, ein paar Pubs. Die sehen nicht gerade einladend aus, nur <em>Treacy\u2019s<\/em> macht einen etwas besseren Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Vormittag \u00fcber haben wir Sonne gehabt, seitdem typisch irisches Wetter: heftige Regenschauer in schnellem Wechsel mit trockenen Phasen und Sonnenschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause fahren wir mal \u201eunsere\u201c Stra\u00dfe runter. Die scheint nirgendwohin zu f\u00fchren, es gibt auch keinen Richtungshinweis. Am letzten Tag machen wir dann eine erstaunliche Entdeckung, als wir von einem anderen Ort aus sozusagen durch die Hintert\u00fcr \u00fcber diese Stra\u00dfe kommen und pl\u00f6tzlich vor unserem Haus stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand wachsen <em>bluebells<\/em> in H\u00fclle und F\u00fclle, und auf der anderen Seite eine wei\u00df bl\u00fchende Pflanze, ganz dicht wachsend. Das ist B\u00e4rlauch. Der hat im Englischen gleich eine ganze Reihe von Namen, darunter <em>wild<\/em> <em>garlic<\/em> und <em>wood<\/em> <em>garlic<\/em> und <em>few-flowered leek<\/em>, und die machen die Verwandtschaft von <em>B\u00e4rlauch<\/em>, <em>Lauch<\/em> und <em>Knoblauch<\/em> deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>29. April (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Aus aktuellem Anlass zieht sich das Fr\u00fchst\u00fcck l\u00e4nger hin als sonst, aber wir haben auch keine gro\u00dfen Strecken zur\u00fcckzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wovon lebt Irland? Die Frage haben wir uns gestern gestellt. Die wichtigsten Einnahmequellen sind: Molkereiprodukte und Rindfleisch, Blei und Zink und Erdgas, zivile Luftfahrt, Pharmazie, Tourismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kommen wir im Verlauf des Tages endlich einmal \u00fcber einen \u201erichtigen\u201c Bahn\u00fcbergang und dann unter einer Eisenbahnbr\u00fccke her, aber einen Zug haben wir immer noch nicht gesehen. Und einen Bahnhof auch nicht. Dabei soll das Eisenbahnnetz gar nicht so schlecht sein, jedenfalls nicht, solange es um die Verbindung zwischen den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen, \u00fcber die wir heute fahren, sind meist kleinere Stra\u00dfen, und als uns auf dem R\u00fcckweg von <em>Thoor Ballylee<\/em> ein Auto entgegenkommt, muss ich zur\u00fccksetzen, da wir nicht aneinander vorbeikommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Thoor Ballylee<\/em> ist der Turm, in den sich Yeats einige Jahre lang zum Schreiben zur\u00fcckgezogen hat. Der Turm passte in jeder Hinsicht, er war abgelegen, inmitten der Natur, im irischen Westen und in der N\u00e4he des Landhauses seiner geistigen Freundin und F\u00f6rderin, Lady Gregory. Und das Schreiben im Turm statt in einer g\u00e4ngigen Wohnung hatte etwas Mysteri\u00f6ses und spiegelte gut die Atmosph\u00e4re seiner Texte wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Turm liegt bald zwei Kilometer abseits der Landstra\u00dfe mitten im Wald an einem Bach. Er ist ein ziemlicher Klotz, hat keinerlei Eleganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind ohne gro\u00dfe Ambitionen hierhergekommen, wohl wissend, dass der Turm zu dieser Jahreszeit geschlossen ist. Als wir uns gerade die Schautafeln vor dem Turm ansehen, h\u00f6ren wir pl\u00f6tzlich in der Einsamkeit eine Stimme hinter uns, die uns fragt, ob wir von weit her gekommen seien, um den Turm zu sehen. Es ist der W\u00e4chter, der Waldh\u00fcter, und er bietet uns an, den Turm eigens f\u00fcr uns zu \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ausgesprochen freundlich und erz\u00e4hlt gerne was zu dem Turm. Als Yeats ihn kaufte, war er nicht bewohnbar, er errichtete deshalb ein Cottage als vorl\u00e4ufige Behausung und baute dann den Turm aus. Jetzt ist noch eine Erweiterung hinzugekommen, f\u00fcr das Zentrum, f\u00fcr die G\u00e4ste. Hier gibt es eine Rezeption und ein paar Andenken zu kaufen. An normalen \u00d6ffnungstagen wird den Besuchern hier Tee serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer betreibt eigentlich den Turm? Das ist wohl nicht so eindeutig, jedenfalls verstehen wir die Erkl\u00e4rung nicht ganz. Es gibt wohl ein Gerangel zwischen einer staatlichen Gesellschaft und einem privaten Verein, die beide hier ihren Anteil haben. Man hat ca. 5.000 Besucher pro Jahr. Eine alte Wasserm\u00fchle an dem Waldweg vor dem Haus soll instandgesetzt werden und den Turm demn\u00e4chst mit Strom versorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Waldh\u00fcter l\u00e4sst uns alleine den Turm besuchen. Er hat drei Stockwerke, im ersten war das Arbeitszimmer von Yeats, im zweiten waren die Wohnr\u00e4ume, das dritte war f\u00fcr G\u00e4ste. \u00dcber eine enge Wendeltreppe geht es nach oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Arbeitszimmer hat man einen sch\u00f6nen Blick durch das ge\u00f6ffnete Fenster \u2013 die Fensterl\u00e4den, die nat\u00fcrlich gr\u00fcn sind, sind ge\u00f6ffnet \u2013 auf die Landschaft davor. In der Nische vor dem Fenster steht der Schreibtisch von Yeats mit Federkiel und Kerze, daneben Hefte mit handgeschriebenen Texten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden dreibeinige St\u00fchle gebraucht von der Art, die hier als <em>Sligo Chair<\/em> bekannt sind. Die sollen den unebenen Boden ausgleichen. Bei der Herstellung der St\u00fchle werden keine N\u00e4gel verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einige Schaubilder zum Werk von Yeats. Da wird unter anderem der Stellenwert von B\u00e4umen in seiner Dichtung herausgestellt. B\u00e4ume werden nicht nur als Teil der Natur gesehen, sie gehen immer auch in seinen Symbolismus ein (\u201ebroken boughs and blackened leaves\u201c). In dem Gedicht \u201eThe two trees\u201c tauchen sie als <em>Tree of Knowledge<\/em> und <em>Tree of Life<\/em> auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Yeats testete seine Gedichte immer mit dem Ohr. Der Klang, der Rhythmus waren von besonderer Bedeutung. Ich habe einmal eine Rezitation von ihm geh\u00f6rt. Da trug er seine Gedichte in einer Art Singsang vor. Man vermutet, dass die Weigerung seines Vaters, ihn Musikunterricht nehmen zu lassen, gerade dieses Interesse an den Rhythmen von Gedichten geweckt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder unten sind, macht sich der Waldh\u00fcter an einer Mauer zu schaffen, die auf beiden Seiten des Weges zum Turm f\u00fchrt. Baut er sie ab oder auf? Beides, sagt er. Die Mauer f\u00e4llt in sich zusammen und wird von Gr\u00fcn \u00fcberwuchert. Das kann man perfekt sehen, denn die Mauer auf der linken Seite ist noch nicht instandgesetzt, die auf der rechten Seite ist in Bearbeitung. Der Kontrast macht deutlich, wie viel Arbeit da drin steckt. Er macht die Mauer jetzt etwas breiter, damit sie besser h\u00e4lt. Alles wird ohne M\u00f6rtel gemacht, nur die Statik der Steine tr\u00e4gt die Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann arbeitet ganz alleine hier, aber nur halbtags. Die andere H\u00e4lfte der Zeit verbringt er bei einer zweiten Arbeit. Er hat, wie wir beide finden, ein ausgesprochen freundliches, liebenswertes Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss erkl\u00e4rt er noch, wie wir zum <em>Coole<\/em> <em>Park<\/em> kommen. Als wir dort unser Auto geparkt haben, kommen vier junge Frauen an uns vorbei, lebhaft in ein Gespr\u00e4ch vertieft, in einer unbekannten Sprache. Ich frage, welche Sprache sie sprechen, und es stellt sich heraus, sie sind Brasilianerinnen, sie sprechen Portugiesisch!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Coole Park<\/em> ist ein riesiges Areal und wirkt eher wie ein Wald denn wie ein Park. Das merken wir schon, als wir mit dem Auto reinfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes steuern wir den <em>Tea Room<\/em> an. Auch hier gibt es Scones, lecker, aber nicht so gut wie die von gestern. Sie sind mit Blaubeeren gef\u00fcllt. Es gibt sogar welche mit Spinat!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Information. Eine sehr freundliche Frau gibt uns einen Plan und erkl\u00e4rt uns, was man hier und in der Umgebung alles sehen kann. Hier in Coole Park, sagt sie, war das Haus, vermutlich eher eine Villa, der Lady Gregory. Yeats lud sich hier ein und verbrachte den Sommer hier (wobei Sommer so etwa M\u00e4rz bis November bedeutete). Als er dann heiratete, zog sie einen Schlussstrich, gleich zwei Personen durchzuf\u00fcttern, das war ihr doch etwas zu viel. Erst daraufhin kaufte Yeats den Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus von Lady Gregory steht nicht mehr, wohl aber der <em>Autograph Tree<\/em>. Dort hatten sich damals irische Dichter verewigt, darunter Shaw, Synge und O\u2019Casey und nat\u00fcrlich Yeats. Auch der erste irische Premierminister und Lady Gregory und ihr Sohn hinterlie\u00dfen hier ihre Unterschrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert eine Zeit, bis wir ihn finden. Er befindet sich im <em>Walled Garden<\/em>. Es ist eine pr\u00e4chtige, hohe, mit dichtem Laub bewachsene Rotbuche, deren \u00e4u\u00dfere Zweige fast bis zum Boden reichen. Der Baum selbst ist fast eine Sehensw\u00fcrdigkeit. Man hat eine h\u00f6lzerne Umz\u00e4unung um den Baum herum angebracht, um zu verhindern, dass sich auch Leute ohne literarische oder sonstige Meriten hier verewigen. Die Unterschriften der Prominenten selbst kann man so nicht erkennen. Au\u00dferdem liegt der <em>Autograph Tree<\/em> zur H\u00e4lfte noch in einer Baustelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch etwas in dem <em>Walled Garden<\/em> herum. Hier gibt es B\u00e4ume mit wunderbar knorrigen, dicken Baust\u00e4mmen, die sich auseinanderdividieren, und auch hier gibt es wieder B\u00e4rlauch in H\u00fclle und F\u00fclle. Aus der Ferne sehen wir einen Baum, der abzusterben scheint. Als wir n\u00e4herkommen, sehen wir, dass das eine optische T\u00e4uschung ist. Die \u00c4ste des Baums ziehen sich konzentrisch um den Stamm herum, und der innere Ring ist bereist gr\u00fcn, vielleicht weil er von den anderen gesch\u00fctzt ist oder weil er n\u00e4her an der Quelle ist, die \u00e4u\u00dferen Ringe sind gerade dabei, zu sprie\u00dfen. Hermanita z\u00fcckt ihr Handy, und das verr\u00e4t uns, um was f\u00fcr einen Baum es sich handelt: noch eine Rotbuche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erweitere auch meine Kenntnisse von Nistk\u00e4sten. Ich wusste gar nicht, dass es auch welche mit Schlitz gibt, und zwar mit schmalerem und breiterem Schlitz. Woher wissen die V\u00f6gel, wohin sie m\u00fcssen? Und warum braucht man \u00fcberhaupt unterschiedliche Nistk\u00e4sten?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen noch einen Spaziergang durch den Park. Es gibt lange Spazierwege, einer davon geht am See entlang. Nur an einer Stelle kann man durch das Geb\u00fcsch ans Ufer treten. Der See ist st\u00fcrmisch und grau.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo sind wir eigentlich inzwischen gelandet? Auf gut Gl\u00fcck gehen wir los und kommen wieder zum <em>Tea Room<\/em>, und von dort f\u00fchrt Hermanita uns zum Parkplatz, und zwar zu dem richtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Auto kennen wir inzwischen auch, aber es w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig, es ist immer das, das am schlechtesten geparkt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit dem Corsa einfach nicht zurecht. Ich nehme Bordsteinkanten mit, lege den falschen Gang ein, trete auf Gaspedal statt auf die Kupplung und verwechsle Scheibenwischer und Blinker. Und parke wie ein Blinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Links fahren ist an sich nicht schwer, man muss nur immer dran denken, auch dann, wenn man abbiegt oder in den Kreisverkehr f\u00e4hrt. Besonders schwer ist es, wenn man sich verfahren hat, dann wendet und zur\u00fccksetzt. Danach kann man leicht auf der falschen Stra\u00dfenseite landen. Da ist es gut, wenn vier Augen aufpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schalten mit der linken Hand ist ungewohnt, aber es geht im Laufe der Tage immer besser. Hermanita will in den ersten Tagen morgens immer an der Fahrerseite einsteigen. Merkw\u00fcrdigerweise ist es gar nicht leicht, als Fu\u00dfg\u00e4nger die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren. Das hat man so verinnerlicht, dass man oft schlechter aufpasst als im Auto.<\/p>\n\n\n\n<p>Den richtigen Weg finden wir immer, wenn auch nicht immer sofort. Hermanita hat am liebsten Stra\u00dfenkarte und Handy vor sich, und wenn dann die Frau auf dem Handy auch noch spricht, ist sie ganz gl\u00fccklich. Geleitet werde ich dann so: \u201eNach 400 Metern rechts abbiegen \u2026 300 Meter \u2026 200 \u2026 100 \u2026 rechts abbiegen, links fahren.\u201c Da kann nichts schiefgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren nach Portumna zur\u00fcck und gehen in einen kleinen Laden auf der Suche nach Brot, finden aber nichts Vern\u00fcnftiges. Die freundliche Kassiererin, eine Inderin, hilft uns. Weiter die Stra\u00dfe hinunter gebe es einen Supermarkt, die h\u00e4tten eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl. Und eine Post gebe es kurz vorher in der Stra\u00dfe rechts.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stammt aus S\u00fcdindien und ist eigentlich Krankenschwester. Hier komme sie nur zur Aushilfe hin. Woher wir k\u00e4men, will sie wissen. Und ob wir Irland teuer f\u00e4nden. Ja, sagen wir, teurer als Deutschland. Sie findet, vor allem in der letzten Zeit h\u00e4tten sich die Preise enorm erh\u00f6ht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir folgen ihren Anweisungen und kommen zur Post. Hermanita kauft Briefmarken f\u00fcr Postkarten in die Heimat. Die kosten sage und schreibe&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2,20 \u20ac! Bei uns zu Hause sind es 95 Cent!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Post finden wir dann auch endlich einen Briefkasten. Der ist nat\u00fcrlich gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Supermarkt ist riesig und mit allem best\u00fcckt, was man sich w\u00fcnschen kann, auch mit frisch zubereiteten Fertigspeisen. Man fragt sich, wie die bis zum Abend noch alle weggehen sollen. Jetzt sind so gut wie keine Kunden hier. Wir finden ein ordentliches Brot und noch ein paar Kleinigkeiten und gehen zur Kasse. Die Kassiererin sagt zur Begr\u00fc\u00dfung etwas, das es wohl nur in Irland gibt: \u201eAre you alright?\u201c Das hat mich schon immer aus dem Gleichgewicht gebracht, und ich wei\u00df bis heute nicht, wie man darauf reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon gestern ist uns ein Lokal an der Hauptstra\u00dfe aufgefallen, das <em>Modena<\/em>. Klingt italienisch, ist aber nicht italienisch, sondern indisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eingang liegt hinter der Stra\u00dfenfront zur\u00fcck, und die Steinfassade des Hauses unterscheidet sich von allem rings herum. Das Lokal ist riesig, und au\u00dferdem gibt es noch Pl\u00e4tze drau\u00dfen und in einem Pub, das an das Lokal angrenzt. Es ist, um es gelinde zu sagen, gem\u00fctlich warm hier drin. Wir sind vorl\u00e4ufig die einzigen G\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirtin ist aus Malaysia, der Wirt, ihr Ehemann, aus Bangladesch. Er sei schon seit 30 Jahren in Irland, sie seit 25. Sie kannten sich vorher schon. Was f\u00fcr eine Vorstellung, in ein so unbekanntes, fernes Land zu kommen und sich hier zurechtfinden zu m\u00fcssen! Zuerst haben sie in einer Fabrik gearbeitet, aber als die geschlossen wurde, haben sie sich entschieden, das Lokal zu er\u00f6ffnen. Ein Schritt, der Mut und Entschlossenheit verlangt. Man man kann nur den Hut ziehen vor Menschen, die sich auf so etwas einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bringen unseren Neffen ins Spiel, der mit den akademischen Meriten aus Malaysia. Als wir von Cameron Highlands sprechen, sagt sie, dort sei es kalt, aber nicht \u201eIrish cold\u201c. Um sich dagegen zu sch\u00fctzen, haben sie wohl die Heizung volle Pulle laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie verst\u00e4ndigen sich denn ihr Mann und sie? Manchmal auf Malaiisch, manchmal auf Bengali, manchmal auf Englisch. So richtig vorstellen kann man sich das nicht. Vermutlich hat sie nie Bengali und er nie Malaiisch gelernt, und Englisch ist auch f\u00fcr beide eine Fremdsprache. Ich erinnere mich an ein Paar in der Heimat, sie Kolumbianerin, er US-Amerikaner. Sie konnte kein Englisch, er konnte kein Spanisch. Er sprach flie\u00dfend Deutsch, ihr Deutsch war erb\u00e4rmlich. Sie wurden ein Paar, heirateten und bekamen zwei Kinder. Das geht wohl alles ohne viel Sprache. Ist vielleicht sogar einfacher. Verhindert Missverst\u00e4ndnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita l\u00e4sst sich nicht lumpen und l\u00e4dt ein. Als Vorspeise bekommen wir beide Pilze, sie in einer Pastete mit viel Sahneso\u00dfe, ich frittiert und paniert, mit Knoblauch. Als Hauptspeise bekommt sie Korma mit Lamm, ich bekomme Tandori Chicken Tikka. Dazu bekommen wir beide ein holl\u00e4ndisches Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir essen, wischt die Wirtin die hintere Ziffer der Preise an der Tafel aus. Dann l\u00e4sst die Tafel trocknen, damit man es nicht merkt. Dann schreibt sie neue Zahlen: Aus 6 wird 7, aus 13 wird 16.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Essen sehen wir uns noch die Kirche gegen\u00fcber an, St. Bridgid\u2019s Church, kaum einzuordnen, mit pseudo-gotischen Elementen, Satteldach, wirkt innen noch gr\u00f6\u00dfer als au\u00dfen. Die Kirche ist einschiffig und hat im Osten ein modernes Rundfenster. Links vom Altar steht die irische Fahne! Rechts eine gelb-wei\u00dfe Fahne, die ich f\u00fcr die Papstfahne halte, zumal Johannes Paul II. hier auch mal gewesen ist. Stimmt aber nicht, die Fahne hat mit dem Papst nichts zu tun. Wir machen zwei Kerzchen an und gehen wieder hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinten ein Hinweis auf einer Keramiktafel, der sich an die Hinterb\u00e4nkler wendet oder besser die, die noch hinter den Hinterb\u00e4nklern stehen: <em>People are not permitted to remain at back of Church while Bench accommodation is available.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder zu Hause sind, klopft Rita an die T\u00fcr. Mit 4 frisch gelegten Eiern. Sie nimmt die Einladung zu einem Glas Wein an und plaudert locker drauf los.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben 7 H\u00fchner, und die legen alle regelm\u00e4\u00dfig. Sie haben auch K\u00fche. 13 an der Zahl. Wer die denn melkt? Keiner. Es sind alles Rinder. \u201eWe keep them for the meat\u201c, sagt sie, das Offensichtliche sagend. Wenn sie <em>meat<\/em> sagt, klingt es wie <em>meach<\/em>. Auch das ist irisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie komme gerade vom Golfplatz. Schon wieder? Ja, sie spiele gerne Golf. Sie spielen Turniere, aber nur innerhalb des Clubs. Der Golfplatz habe \u00fcbrigens auch ein gutes Lokal. Ob ihr Mann auch Golf spiele? \u201eHe tries.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen, berichtet sie, f\u00fchren sie zu einer Taufe in eine benachbarte Grafschaft. Das Kind einer indischen Freundin werde getauft. Die stamme aus S\u00fcdindien und sei Krankenschwester. Das kommt uns bekannt vor. Und so haben sie sich kennengelernt: Die Inderin wohnte, hochschwanger, mit ihrem Mann hier in der Gegend und habe immer wieder nachgefragt, ob sie das Haus mieten k\u00f6nne. Das habe sie, Rita, abgelehnt, das wolle sie nicht, aus verschiedenen Gr\u00fcnden (Hermanita bemerkt sp\u00e4ter, dass die kurzfristige Vermietung ja schlie\u00dflich auch lukrativer sei). Am Ende habe sie nachgegeben. Sie h\u00e4tten sich angefreundet, und alles sei in Ordnung gewesen. Obwohl: nicht alles. Die Inder h\u00e4tten nie gel\u00fcftet, die Luft habe gestanden und die W\u00e4nde seien geschw\u00e4rzt gewesen von der schlechten Luft. Wie dem auch sei, morgen f\u00fchren sie also zur Taufe. Das Kind wird nicht nur getauft, sondern auch gleich gefirmt. Das mache man so bei den Christen im S\u00fcden Indiens.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie von der benachbarten County spricht, in die sie fahren, bin ich \u00fcberfragt. Nie geh\u00f6rt. Eigentlich kaum vorstellbar. Ich habe schon so oft irische Landkarten angesehen, dass ich den Namen schon mal geh\u00f6rt haben muss. Dann stellt sich heraus, dass es an der Aussprache liegt. Sie sagt so etwas wie <em>Mare<\/em>, und das ist die Aussprache von <em>Mayo<\/em>, von dem ich immer dachte, dass es wie <em>Mayo<\/em> in <em>Mayonnaise<\/em> ausgesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Rita erz\u00e4hlt von einem weiteren irischen Flughafen, einem, der sich eben dort, in Mayo, befindet. Werde von K\u00f6ln aus angeflogen. Aber nur im Sommer. Der Flughafen w\u00e4re ideal, wenn man ganz in den Westen wolle. Er befindet sich in einer Stadt namens Knock, einem wichtigen Wallfahrtsort. Ein Geistlicher aus dem Wallfahrtsort, ein Monsignore, habe ich jahrelang f\u00fcr einen Flughafen f\u00fcr die Pilger eingesetzt. Das wurde von den meisten f\u00fcr v\u00f6llig hoffnungslos gehalten. Aber am Ende habe er seinen Flughafen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erw\u00e4hne die F\u00fchrung im Workhouse, und sie sagt, wie schade, sie h\u00e4tte uns eine F\u00fchrung auf Deutsch organisieren kann. Diese Frau mischt \u00fcberall mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erw\u00e4hne auch den B\u00e4rlauch. Ja, sagt sie, daraus mache sie eine Suppe, genauso wie aus Nesseln. Und der B\u00e4rlauch komme auch ins Pesto.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kann auch noch eine weitere Frage beantworten, die wir uns gestellt haben. Wird hier nirgendwo Getreide angebaut? Nein, hier nicht, nur im Osten Irlands. Und was ist dann mit den Rundballen, die man hier \u00fcberall auf den Feldern sieht? Gr\u00fcnfutter f\u00fcr die Tiere sei das, also vermutlich Heu. Dabei begegnet mir ein Wort wieder, das ich seit Studentenzeiten kaum noch mal geh\u00f6rt habe, aber aus einer englischen Seifenoper im Radio kenne: <em>silage<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Mann habe den Hof von seinen Eltern \u00fcbernommen, sagt sie, und jetzt w\u00fcrden sie ihn in verminderter Weise weiter betreiben. Sie lebe jetzt auch schon seit 30 Jahren hier, denke aber dar\u00fcber nach, auf lange Sicht in die Stadt zu ziehen. Ob sie auch von hier stamme? Nein, antwortet sie ganz entsetzt, so als wenn sie aus der Mongolei stamme. Sie komme aus dem Westen Galways.<\/p>\n\n\n\n<p>30. April (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Karte von Irland entdecke ich, dass es auch hier ein Bangor gibt. Sogar im Doppelpack, eins in Nordirland, eins in der Republik. Das Bangor, das ich kenne, aus dem Lied von anno dazumal, liegt aber wohl in Wales.<\/p>\n\n\n\n<p>Die h\u00e4ufige Pr\u00e4senz von <em>kil<\/em> in irischen Ortsnamen (Killarney, Kilkenny) hat eine ganz einfache Erkl\u00e4rung: <em>kil<\/em> ist das irische Wort f\u00fcr \u201aKirche\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem witzigen und gleichzeitig informativen Buch \u00fcber Irland, <em>The Truth about the Irish<\/em>, lese ich etwas \u00fcber eine besondere Redewendung. Wenn man in Nordirland jemanden fragt, \u201cWhich foot do you dig with?\u201d, m\u00f6chte man wissen, ob man es mit einem Katholiken oder einem Protestanten zu tun hat. Danach graben Protestanten mit dem rechten, Katholiken mit dem linken Fu\u00df. Der Ursprung dieser Redewendung: &nbsp;Traditionellerweise wurden in unterschiedlichen Provinzen zwei unterschiedliche Spaten benutzt, der eine im vorwiegend katholischen Munster, der andere im st\u00e4rker protestantisch gepr\u00e4gten Ulster. Der eine hatte eine Einkerbung auf der rechten, der andere auf der linken Seite. Daher konnte man als Katholik oder Protestant identifiziert werden. Allerdings hat die Redewendung einen Haken: Bei ihr sind links und rechts verwechselt. Tats\u00e4chlich hat der katholische Spaten die Einkerbung auf der rechten, der protestantische auf der linken Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Wiese hinter dem Haus fliegen zwei V\u00f6gel, heftig mit den Fl\u00fcgeln schlagend, ganz knapp \u00fcber der Wiese. Wenn man es nicht besser w\u00fcsste, w\u00fcrde man auf Kolibris tippen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss geht es heute nach Clonmacnoise, von Hermita im Reisef\u00fchrer entdeckt. Ist gar nicht so weit, wie ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal geht es in die andere Richtung, bisher sind wir immer Richtung Galway oder Richtung Portumna gefahren. Jetzt geht es Richtung Dublin, und unterwegs kommen wir wieder an dem Laden vom ersten Tag vorbei, in Lawrencetown.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber eine einsame, schmale Landstra\u00dfe mit B\u00e4umen auf beiden Seiten, mit sattgr\u00fcnem Laubwerk. Die Baumkronen begegnen sich oben und bilden einen Baldachin. Einfach sch\u00f6n. Im Zusammenhang mit Irland als gr\u00fcner Insel bin ich mal auf <em>Fifty Shades of Green <\/em>gesto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer anderen schmalen Stra\u00dfe w\u00e4chst zu beiden Seiten ganz \u00fcppig der Stechginster mit seinen gelben Bl\u00fcten, so sehr, dass ich Halt mache und feststellen kann, dass er seinen Namen <em>Stechginster<\/em> wirklich verdient.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch Shannonbridge, und der Ort h\u00e4lt, was der Name verspricht. Er liegt an einer Br\u00fccke \u00fcber den Shannon. Der ist hier ganz breit.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sieht Hermanita eine irische Fahne, bei der der orange Streifen fehlt. Nur wei\u00df und gr\u00fcn sind \u00fcbriggeblieben. Ist das absichtlich gemacht? Als politisches Statement, einem Statement gegen &nbsp;die Orangemen? Oder hat der Wind ein politisches Statement gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Weiden hier stehen schwarze K\u00fche, pechschwarze. Dieser Tage bei den Cliffs of Moher haben wir rostbraune gesehen. Daneben die braun-wei\u00dfen und die schwarz-wei\u00dfen und auch fast komplett wei\u00dfe. Die K\u00fche scheinen sich immer einig zu sein. Entweder stehen sie und fressen gemeinsam oder sie liegen und verdauen gemeinsam. Wenn eine in eine Richtung l\u00e4uft, laufen die anderen hinterher, in dieselbe Richtung. Wir sehen im Laufe der Tage mehr K\u00fche als Schafe, und tats\u00e4chlich hat Irland, entgegen unseren Erwartungen, mehr K\u00fche als Schafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erste, was man von Clonmacnoise bei der Anfahrt aus der Ferne sieht, ist eine Mauer, die sich gef\u00e4hrlich schief zum Shannon hin neigt. Sie hat mit dem Kloster nichts zu tun, sie ist der Rest einer normannischen Befestigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Clonmacnoise ist eine der bedeutendsten Sehensw\u00fcrdigkeiten Irlands. Es war nicht nur Kloster, sondern auch k\u00f6nigliche Stadt und Bestattungsort der K\u00f6nige von Tara und Connaught.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch zu dieser Jahreszeit schon gut besucht, aber nicht \u00fcberlaufen. Man verliert sich auf dem h\u00fcgeligen, gr\u00fcnen Gel\u00e4nde inmitten all der Kirchenmauern, Hochkreuze, Rundt\u00fcrme, Grabsteine. Von dem H\u00fcgel blickt man auf den Shannon hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage des Klosters hier am Shannon war wohl bedacht. Sie hatte viele Vorteile. Der Fluss war Transportweg und Quelle f\u00fcr Nahrung und f\u00fcr Rohmaterialien: Lachs, Aal und St\u00f6r (der bis zu vier Meter lang werden konnten) landeten auf dem Teller ebenso wie Ente und Gans. Das Ried diente zur Bedachung, und Mergel zur D\u00fcngung sumpfiger B\u00f6den.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am Empfang unsere zwei Seniorentickets bestellen, sagt der Mann, der uns bedient: \u201eBrilliant.\u201c Als wir ihn auf Nachfrage informieren, wir k\u00e4men aus Deutschland, sagt er wiederum \u201eBrilliant.\u201c Es l\u00e4uft n\u00e4mlich gerade ein Einf\u00fchrungsfilm auf Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster wurde von einem gewissen <a>Ciar\u00e1n <\/a>gegr\u00fcndet (<em>Kieran<\/em> gesprochen), schon im 6. Jahrhundert. Irland war schon ganz fr\u00fch christlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ciar\u00e1n starb schon mit 33 Jahren, wenige Monate, nachdem er das Kloster gegr\u00fcndet hatte, und das hat zu der Ausbildung einer Legende beigetragen, die Parallelen zwischen ihm und Jesus sieht. Auch er war Sohn eines Zimmermanns und auch er soll Wasser in Wein verwandelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster bl\u00fchte und wurde zu einem wichtigen Bildungszentrum, fast so etwas wie ein Vorl\u00e4ufer einer europ\u00e4ischen Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten bleibt aus dem Einf\u00fchrungsfilm in Erinnerung, wie h\u00e4ufig das Kloster, nachdem die ersten zweihundert Jahre friedlich verlaufen waren, Gegenstand von Attacken war, wie h\u00e4ufig es zerst\u00f6rt wurde, und zwar von Wikingern, Normannen, Iren und Engl\u00e4ndern. Wenn es irgendwo was zu holen gab, unterschieden sie sich nicht gro\u00dfartig. Die Wikinger pl\u00fcnderten es achtmal, die Iren achtundzwanzigmal, die Normannen alle vier Jahre. Die englische Garnison von Athlone zerst\u00f6rte dann in ihrem S\u00e4kularisierungswahn s\u00e4mtliche Geb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher konnte das Kloster, von Mooren umgeben, nur \u00fcber den Shannon erreicht werden. Oder \u00fcber einen sog. Esker. Was das ist, wird hier erkl\u00e4rt, aber ganz raffen wir es nicht. Es hat etwas mit Strukturen aus der Eiszeit zu tun, die dann durch Schotter oder Ger\u00f6ll aufgef\u00fcllt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Originale der Monumente stehen alle im Museum, allen voran die Hochkreuze. Dazu eine gro\u00dfe Zahl von Steinplatten, einige mit einer Inschrift in Ogham, der merkw\u00fcrdigen altirischen Schrift, die fast nur aus Strichen bestand. Hier trifft man h\u00e4ufig auf die Bitte or-do, \u201aBitte f\u00fcr uns\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtiger als die Steinplatten sind aber die Hochkreuze, von denen die wichtigsten das <em>South<\/em> <em>Cross<\/em> (IX) und das <em>Great Cross<\/em> (XII) sind. Neben den christlichen Abbildungen, vor allem Szenen aus der Passion, sieht man Szenen von der Gr\u00fcndung des Klosters, einen Fl\u00f6tenspieler, einen Falkner und einen Streitwagen. Und man sieht v\u00f6llig unerwarteterweise einen keltischen Gott (oder Druiden) mit Hirschgeweih. Was der hier zu suchen hat, ist nicht ganz klar. Historisch gesichert ist, dass die Wikinger, die das Heidentum nach Irland zur\u00fcckbringen wollten, hier eine Frau zur Priesterin bestellten. Sie brachte heidnische Opfer auf dem Hochaltar dar und verk\u00fcndete in Trance Orakelspr\u00fcche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Hochkreuzen spielte die Wahl des Materials eine wichtige Rolle. Der Block durfte keine Risse haben und musste hart genug sein, um Wind und Wetter zu widerstehen und gleichzeitig weich genug f\u00fcr den Bildhauer. Man w\u00e4hlte einen quarzhaltigen Sandstein aus einem Steinbruch 35 Meilen von hier entfernt. Da war es gut, dass man den Shannon zum Transport hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine finden sich Knochenreste, einfach aufeinandergeh\u00e4uft. Damit soll gezeigt werden, welch wichtiges Material Knochen waren, wie vielf\u00e4ltig sie eingesetzt werden konnten. Aus Knochen machte man Griffe f\u00fcr kleine Werkzeuge, Perlen, Nadeln, K\u00e4mme, W\u00fcrfel und Schachfiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen tr\u00fcbt ein grauer Himmel das Panorama, aber man hat immer neue Sichten zwischen den Kreuzen und Grabsteinen (von denen gibt es 700!) hindurch auf den Fluss und hinauf auf den H\u00fcgel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht so richtig orientieren, was war hier wohl was, es scheinen lauter unabh\u00e4ngige Kirchengeb\u00e4ude gewesen zu sein. Es gab tats\u00e4chlich neun Kirchen, darunter eine Kathedrale! Besonders gro\u00df ist keine der Ruinen, und wir fragen uns, wo die restlichen Klostergeb\u00e4ude waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch an, wie aus den alten Gem\u00e4uern \u00fcberall eine violette Blume durchbricht. Sie bahnt sich ihren Weg durch den M\u00f6rtel zwischen den Steinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Rausgehen fallen mir die Piktogramme f\u00fcr die Toiletten auf, kleine gedrungene Gestalten, und das irische Wort f\u00fcr Toilette: <em>Leithris<\/em>. H\u00f6rt sich wie <em>Latrine<\/em> an.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein Caf\u00e9, wohl aber einen Souvenirladen, wo wir einen K\u00fchlschrankmagneten, einen Schal aus irischer Wolle und eine noch dringend ben\u00f6tigte Ansichtskarte bekommen. Hinter meinem R\u00fccken wird dann auch noch eine Karte mit Bildern und Zitaten von irischen Schriftstellern gekauft, die sp\u00e4ter bei mir auf dem Schreibtisch landet: Joyce, Wilde, Shaw, Beckett, Swift, Yeats. Das Zitat von Yeats lautet: \u201eThe world is full of magic things, patiently waiting for our senses to grow sharper.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat inzwischen angefangen, zu regnen, und bei der Weiterfahrt wird der Regen immer heftiger. Die entgegenkommenden Autos spritzen durch die Pf\u00fctzen, schie\u00dfen ganze Font\u00e4nen hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schaffen es irgendwie, immer wieder um Clonfert, dem letzten Ziel unserer Reise, herumzufahren, ohne dorthin zu gelangen. Clonfert war auch ein Tipp von Martin.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kriegen wir dann doch den Dreh. Clonfert, ein entlegenes, einsames Dorf, war fr\u00fcher einmal \u2013 heute kaum vorstellbar \u2013 ein wichtiges kirchliches Zentrum und ist heute noch Sitz der Di\u00f6zese. Und die Kirche, St. Brendan, ist eine Kathedrale!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist benannt nach dem Abt der Klostergemeinschaft, St. Brendan, dem legend\u00e4ren Amerika-Fahrer. Legende?&nbsp; Ist es fr\u00fchmittelalterliches keltisches Seemannsgarn oder gibt es einen realen Kern? Haben irische M\u00f6nche \u2013 lange vor Kolumbus und sogar vor den Wikingern \u2013 Amerika entdeckt?<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rt sich sehr unwahrscheinlich an, aber es gibt einen mittelalterlichen Bericht, die <em>Navigatio sancti Brendani abbatis<\/em>, von den Seefahrten Brendans. Der Bericht ist zwar erst vierhundert Jahre sp\u00e4ter erschienen, beruht aber auf langer m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung. Mit f\u00fcnfzehn Gef\u00e4hrten macht sich Brendan auf den Weg, um nach dem verhei\u00dfenen Land zu suchen. Die Fahrt dauerte sieben Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verl\u00e4ssliche historische Zeugnisse f\u00fcr die Seefahrten irischer M\u00f6nche bis zum Polarkreis, ja bis nach Gr\u00f6nland. Dar\u00fcber hinaus ist bekannt, dass die irischen M\u00f6nche umfangreiche geographische Kenntnisse besa\u00dfen, die geographischen Schriften des Ptolem\u00e4us kannten und auch schon wussten, dass die Erde keine Scheibe ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beschreibungen der <em>Navigatio<\/em> scheinen Hand und Fu\u00df zu haben und auf Fakten zu beruhen. Um die Skeptiker zu \u00fcberzeugen, baute ein irischer Historiker und Abenteurer, Timothy Severin, in den siebziger Jahren ein traditionelles irisches Boot nach, die <em>Curragh<\/em>, mit genau den Materialien, die in der <em>Navigatio<\/em> angegeben sind. Allen Unkenrufen zum Trotz erwies sich das Schiff als hochseet\u00fcchtig. Severin erreichte mit seiner Mannschaft \u00fcber die F\u00e4r\u00f6er, Island und Gr\u00f6nland wohlbehalten die K\u00fcste von Neufundland! Unglaublich \u2013 mit gegerbten und in Wollfett eingeschmierten Ochsenh\u00e4uten!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dagegen stehen weiter im Dauerregen auf dem verlassenen Kirchhof voller Kreuze. Dort erscheint dann auch ein Paar aus New Hampshire. Sie berichten, sie seien zum ersten Mal in Irland und h\u00e4tten sich erst einmal \u201eeinen \u00dcberblick\u201c verschaffen wollen. Dabei haben sie sich wohl etwas \u00fcbernommen. Sie sind in Dublin und in Belfast und in Cork und in Derry und wo sonst noch gewesen, immer mit dem Mietauto. Hierher, nach Clonfert, sind sie gekommen, weil ihr Sohn Brendan hei\u00dft. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist verschlossen, aber man kann das romanische Portal bewundern. Kreise, Kugeln, Bl\u00e4tter, Scheiben mit einem Loch in der Mitte, die wie ein Donut aussehen, und putzige Tierk\u00f6pfe sind in den B\u00f6gen der Archivolte angebracht. An der Seite ein musizierender Engel und die Figuren von zwei \u00c4bten, und in einem Dreieck \u00fcber der Archivolte, durch dreieckige Kantsteine getrennt, eine Vielzahl menschlicher K\u00f6pfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kirchhof ist auf einer Tafel von einer Steinplatte mit dem Abdruck von Katzenpfoten die Rede. Die soll den Bestattungsort von Brendan markieren, aber sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass er zwar hier begraben ist, aber man nicht wei\u00df, wo.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Amerikaner wollen in die Kirche rein. Irgendwo habe ich gelesen, dass man an dem Haus neben der Kirche einen Schl\u00fcssel bekommen kann. Sie versuchen es, kommen aber unverrichteter Dinge zur\u00fcck. Sie konnten nicht einmal das T\u00f6rchen \u00f6ffnen. Daraufhin versuche ich es auch, mit demselben Ergebnis. Dann sehe ich, dass etwas weiter noch ein Haus steht. Ich klopfe, und schon steht mir eine freundlich l\u00e4chelnde Frau mit dem Schl\u00fcssel in der Hand gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen wir in die Kirche rein, wissen aber nicht, wo das Licht angeht. Wir versuchen verschiedene Lichtschalter an verschiedenen Stellen \u2013 nichts. Die Frau mit dem Schl\u00fcssel hat mir etwas erkl\u00e4rt, aber ich habe es offensichtlich nicht verstanden. Dann finden wir in der Sakristei den Sicherungskasten. Und es ward Licht!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist einschiffig (das war wohl nicht immer so) und klein, aber sehr sch\u00f6n. Nach dem Verfall des Klosters \u2013 von dem gar nichts mehr \u00fcbrig ist \u2013 und der Vernachl\u00e4ssigung der Kirche hat man um das Jahr 1900 Ausstattung aus anderen Kirchen hierhergebracht, die gut passen: eine h\u00f6lzerne Kanzel mit l\u00e4nglichen Evangelistenfiguren, das Chorgest\u00fchl, eine Kommunionschranke aus Messing, einen Opfertisch und eine Orgel mit sehr sch\u00f6nem Prospekt. Im Chor hat man sehr sch\u00f6ne farbige Fliesen verlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufmerksamkeit auf sich ziehen ein Drache an einem der Pfeiler sowie eine Meerjungfrau. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, was sie in den H\u00e4nden h\u00e4lt: einen Spiegel und einen Kamm. Was hat so eine weltliche Figur mit entbl\u00f6\u00dftem Oberk\u00f6rper in der Kirche zu suchen? Man vermutet, dass sie auch eine Anspielung auf die Seereisen Brendans ist. Auf einer seiner Reisen, hei\u00dft es, habe er den Meerestieren gepredigt.<\/p>\n\n\n\n<p>In str\u00f6mendem Regen fahren wir nach Hause und kommen auch dort in str\u00f6mendem Regen an. Als wir uns ins Haus retten und an den Tisch setzen, hat der Regen schon wieder aufgeh\u00f6rt, und die Sonne strahlt vom Himmel. Irland eben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25. April (Donnerstag) F\u00fcr Hermanita ist es die erste Reise nach Irland, f\u00fcr mich schon die achte, aber unser Ziel, Galway, der Westen Irlands, ist auch f\u00fcr mich Neuland. 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