{"id":11627,"date":"2024-07-06T12:59:53","date_gmt":"2024-07-06T10:59:53","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11627"},"modified":"2024-07-13T09:10:51","modified_gmt":"2024-07-13T07:10:51","slug":"varna-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11627","title":{"rendered":"Varna 2024"},"content":{"rendered":"\n<p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">5. Juli (Freitag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u201eBulgarien? Wie kommst Du denn da drauf?\u201c Oft geh\u00f6rte, verst\u00e4ndliche Reaktion. Fr\u00fcher war Bulgarien in erster Linie bekannt als ein besonders treuer Satellit der UdSSR, heute als Billigreiseland f\u00fcr den Strandurlaub oder zum Auswandern. Kaum jemand in Deutschland wei\u00df, dass das heutige Bulgarien auf eine Vergangenheit zur\u00fcckblicken kann, die weit vor den R\u00f6mern und Griechen bereits hoch entwickelte Kulturen kennt. Bei mir haben ein Vortrag \u00fcber den Goldfund von Varna und eine Interview mit einer bulgarischen Arch\u00e4ologin Spuren hinterlassen, genauso wie ein Buch \u00fcber die Entstehung der Schrift, in der die Schwarzmeerkultur als Kandidat f\u00fcr die fr\u00fchesten Vorkommnisse von Schriftzeichen gehandelt wird, zusammen mit \u00c4gypten, Mesopotamien, dem Indus-Tal und China. Die Schwarzmeerkultur ist die einzige europ\u00e4ische darunter. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bulgare ist nat\u00fcrlich auch Christo, der den Pont Neuf und den Reichstag verpackt hat und in den Oberhausener Gasometer eine Wand mit farbigen W\u00e4ssern eingebaut hat. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Und Bulgare ist nat\u00fcrlich auch Hristo Stoichkov, das Enfant terrible des bulgarischen Fu\u00dfballs, der mit seiner Mannschaft Deutschland, den amtierenden Weltmeister, 1994 mit seiner Mannschaft im Viertelfinale aus dem Turnier geworfen hat. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dass meine Reise nach Varna geht, ans Schwarze Meer, daf\u00fcr spricht vor allem auch, dass es einen Direktflug gibt. Der dauert dreieinhalb Stunden, aber davon geht eine Stunde auf das Konto der Zeitzone. In Bulgarien gilt die Osteurop\u00e4ische Sommerzeit.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Vor dem Abflug kommen die Wahlergebnisse aus England. Erdrutschartiger Sieg von Labour. Die Tories so schwach im Parlament besetzt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch Liz Truss, die ehemalige Premierministerin, und der uns\u00e4gliche Jacob Rees-Mogg, ultrakonservativ, elit\u00e4r, haben ihr Mandat verloren. Aber die Ergebnisse t\u00e4uschen: Labour hat nicht viel mehr Stimmen bekommen als bei ihrer krachenden Niederlage vor f\u00fcnf Jahren \u2013 oder sogar weniger? \u2013 aber die sind besser verteilt. Das liegt vor allem an Nigel Farage und seiner UK Reform. Die haben den Tories Stimmen weggenommen und in vielen Wahlkreisen Labour den Sieg gegeben. Sie selbst haben mit 14% der Stimmen nur 1% der Mandate bekommen. \u00c4hnlich sieht es, wenn auch nicht so dramatisch, bei den Gr\u00fcnen. Bei uns h\u00e4tte eine solche Wahl eine ganz andere Verteilung der Mandate ergeben. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Unterwegs lese ich, dass die gesamte Flotte von Luxair nur 21 Flugzeuge umfasst. Die m\u00fcssen st\u00e4ndig unterwegs sein, bei all den Reisezielen, die angeflogen werden. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In einem Buch \u00fcber die deutsche Sprache und die Gesellschaft der Zeit, als die Sprache aufkam, lese ich: \u201eAuf Reisen ging nur, wer es unbedingt musste.\u201c Der Lebenskreis war auf den Wohnort und die n\u00e4here Umgebung beschr\u00e4nkt. Jenseits davon begann das Ausland \u2013 dort zu sein, hie\u00df im <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">elilenti<\/i> zu sein. Unsere W\u00f6rter <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Elend<\/i> und <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Ausland<\/i> haben dieselbe Wurzel!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Blick aus dem Fenster beim Anflug auf Varna zeigt eine vertraute Landschaft: Felder, W\u00e4lder, H\u00fcgel, D\u00f6rfer, ein Fluss. Dann kommen Industriegebiete und Hochh\u00e4user in Sicht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Man steigt aus und befindet sich noch auf dem Rollfeld im Hochsommer: Es ist sonnig und warm. Ein paar Wolken mehr als erwartet, und die Luft f\u00fchlt sich viel w\u00e4rmer an als die vom Pilot angek\u00fcndigten 24\u00b0. Im Laufe des Tages steigt die Temperatur auf 29\u00b0, und ich komme ins Schwitzen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wir gehen vom Rollfeld in die Abflughalle durch ein Tor, \u00fcber dem <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">\u0428\u0435\u043d\u0433\u0435\u043d<\/i> steht. Daneben in lateinischen Buchstaben: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Schengen<\/i>. Alle offiziellen Schilder haben die Angaben sowohl in kyrillischer als auch in lateinischer Schrift. Man kann die W\u00f6rter identifizieren, auch, wenn man sie nicht versteht. Bulgarisch hat, anders als Ukrainisch und Serbisch, dasselbe Buchstabeninventar wie Russisch. Nur das Weichheitszeichen taucht, wie ich in den n\u00e4chsten Tagen merke, an unerwarteten Stellen auf. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wegen Schengen brauchen wir nicht durch die Passkontrolle. Bulgarien ist erst vor kurzem, vor wenigen Monaten, dem Schengen-Abkommen beigetreten. Den Euro hat es noch nicht, steht aber wohl kurz davor. Einstweilen hei\u00dft es Geld wechseln. Am Flughafen kann man das \u00fcberall, aber zu einem schlechten Wechselkurs. Ich tausche nur 20 \u20ac um. Dabei f\u00e4llt mir auf, dass auf unseren Geldscheinen neben <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Euro<\/i> auch <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">\u0395\u03c5\u03c1\u03ce<\/i> und <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">\u0415\u0432\u0440\u043e<\/i> steht. F\u00fcr Griechenland und Bulgarien, denn Bulgarien ist das einzige Land der EU mit der kyrillischen Schrift. Die europ\u00e4ische Zentralbank hat also vorgesorgt.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Flughafen wird man von Taxifahrern bedr\u00e4ngt oder solchen, die sich als solche ausgeben. Einer verfolgt mich sogar bis zur Bushaltestelle. Ich nehme aber den Bus, wie von meiner Vermieterin, Yordanka, empfohlen. Der Busfahrer, bei dem ich bezahlen will, verweist mich auf den Ticketautomaten \u2013 <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">\u201eMaschina!<\/i>\u201c \u2013 und sofort steht ein Mann auf und hilft mir. Die Fahrt kostet 2 Lev. Bei g\u00fcnstigem Wechselkurs 1 Euro. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es geht auf die Stadtautobahn und bald stehen wir im Stau. Am Stra\u00dfenrand Industriegeb\u00e4ude, vor allem Autoh\u00e4ndler. Deren Namenszug ist immer in lateinischen Buchstaben. Manchmal gibt es komische Vermischungen. Ein Eiscrememarke hei\u00dft <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Happy<\/i>, und so steht es auch auf dem Werbeplakat, aber der Slogan darunter auf Bulgarisch und in kyrillischen Buchstaben. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wenn keine lateinischen Buchstaben gebraucht werden, ist die Entzifferung manchmal einfach: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">\u041e\u043f\u0442\u0438\u043a\u0430<\/i> = <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Optika<\/i>. Manchmal hangelt man sich an den Buchstaben entlang wie ein I-M\u00e4nnchen: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">C\u043c\u0430\u0440\u0442\u0444\u043e\u043d\u0438<\/i> = <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Smartfoni<\/i>. Witzig ist <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">\u0422\u0418\u041f-\u0422\u041e\u041f<\/i> = <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">TIP TOP<\/i>.<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0\u00a0 <\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Haltestellen werden auf einem elektronischen Laufband angek\u00fcndigt, auch \u201ezweisprachig\u201c.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Bus ist nicht viel anders als bei uns, vielleicht etwas \u00e4lter. Es k\u00f6nnen auch R\u00e4der mitgenommen werden. Ein junger Mann sitzt ganz ungeduldig auf seinem hypermodernen Mountainbike und wartet darauf, durchstarten zu k\u00f6nnen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wir kommen ins Zentrum, auf gro\u00dfe Boulevards. An einer Kreuzung steht die Kathedrale, mit ihren auff\u00e4lligen Kuppeln. Sie ist orthodox, aber weder russisch noch griechisch, sondern bulgarisch. Die Bulgarische Orthodoxe Kirche ist eine eigenst\u00e4ndige Kirche. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich komme mit einem jungen Mann neben mir ins Gespr\u00e4ch. Er will wissen, ob ich Amerikaner sei. Er selbst kommt aus einem Dorf in Zentralbulgarien, in der N\u00e4he von Veliko Tarnovo. Dar\u00fcber habe ich etwas gelesen. Es ist die ehemalige Hauptstadt Bulgariens. Und offensichtlich sehenswert.<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>Der Junge ist wegen der Arbeit hierhergekommen. Anfangs war er einsam, aber jetzt ist seine Freundin zu Besuch. Dabei weist er auf ein M\u00e4dchen in der andere Reihe, die uns zul\u00e4chelt. Er spricht gut Englisch, fl\u00fcssig, versteht alles, kann alles ausdr\u00fccken. Das sage ich ihm auch. Triumphierend guckt er zu ihr hin\u00fcber. Sie sage immer, sei Englisch sei nicht gut. Sie bereitet sich auf das <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Cambridge Certificate<\/i> vor. Ich muss aufpassen, dass ich meine Haltestelle nicht verpasse. Zum Schluss bringt er mir noch das Wort f\u00fcr Danke bei: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Blagodarya<\/i>.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bis jetzt waren alle Angaben von Yordanka richtig und klar. Aber jetzt f\u00fchrt mich ihre Instruktion, ich solle die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, in die Irre. Meine Stra\u00dfe, die Tsar Osvoboditel, ist da nicht. Die Suche wird erschwert durch fehlenden Stra\u00dfennamen und Hausnummern. Ich versuche es nach links, kein Erfolg, dann auf der anderen Stra\u00dfenseite nach links, dann nach rechts, dann wieder auf der anderen Stra\u00dfenseite nach links. Eine Frau in einem Reiseb\u00fcro sieht auf ihrem Handy nach. Das muss auf der anderen Seite sein. Da finde ich es dann. Haus mit schwarzer Gittert\u00fcr unten, keine Hausnummer. Auf mein Klingeln hin geht die T\u00fcr aber sofort auf. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Yordanka, eine nette \u00e4ltere Dame, kommt mir schon auf der Treppe entgegen. Das Treppenhaus ist nicht gerade einladend, etwas heruntergekommen, mit T\u00fcren, die wie die von Holzverschl\u00e4gen aussehen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Wohnung ist besser, sehr einfach, etwas altmodisch, mit einem winzigen Bad ohne L\u00fcftung, aber sie hat alles, was man braucht, eine kleine K\u00fcche mit der n\u00f6tigsten Einrichtung, einen Balkon mit einem riesigen Baum davor, und einen Tisch, an dem man essen und schreiben kann. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Yordanka erkl\u00e4rt mir alles, in fl\u00fcssigem Englisch, Schl\u00fcssel, K\u00fcche, Bad, Lage. Ob ich wirklich in Trier wohne, dem Trier in der N\u00e4he von Luxemburg. Ihre Nicht ist dort verheiratet und berufst\u00e4tig. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich habe Gl\u00fcck, brauche die Wohnung nicht zu teilen, das andere Zimmer ist nicht besetzt. Da wartet im Moment aber ihr Mann. Der l\u00e4sst sich nicht blicken, auch nicht, als sie sich verabschiedet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich mache mich gleich auf den Weg. Einen Stadtplan habe ich mir schon am Flughafen besorgt. Es geht die Tsar Osvoboditel runter, einen breiten Boulevard, dort biegt man auf einen anderen Boulevard ein. Dort sind eine Bank und eine Wechselstube. Vor denen wird \u00fcberall gewarnt, aber Yordanka hat gesagt, ich k\u00f6nne die ruhig nehmen. Das Wechseln geht ganz locker, ohne Ausweise oder Formulare und wortlos von Seiten des Mannes hinter dem Schalter. Ich bekomme 193 Lev f\u00fcr 100 Euro. Das ist in Ordnung. Auch einfach zum Rechnen, Preis einfach durch zwei teilen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die W\u00e4hrungseinheit ist der Lew, also der L\u00f6we, Plural Lewa. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span>Die kleinere Einheit ist der Stotinka, Plural Stotinki, abgeleitet von <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">sto<\/i>, \u201ahundert\u2018.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Kurz hinter der Wechselstube biegt man schon ab auf einen weiteren breiten Boulevard. In einem Schnellimbiss gibt es <span style=\"font-variant:small-caps\">\u0441\u0430\u043b\u0430\u0442<\/span><\/span><span lang=\"RU\" style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%;font-variant:small-caps;\nmso-ansi-language:RU\">\u0438<\/span><span lang=\"RU\" style=\"font-size:16.0pt;line-height:\n115%;font-variant:small-caps\"> <\/span><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:\n115%;font-variant:small-caps\">&#8211; \u043f\u0438\u0446\u0430 \u2013 \u043f\u0430\u0441\u0442\u0430 &#8211; <\/span><span style=\"font-variant:\nsmall-caps\"><span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><\/span><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%;font-variant:small-caps\">\u0431\u0443\u0440\u0433\u0435\u0440<\/span><span lang=\"RU\" style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%;font-variant:small-caps;\nmso-ansi-language:RU\">\u0438<\/span><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%;\nfont-variant:small-caps\"> = salate \u2013 pizza \u2013 pasta \u2013 burger<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich komme zur Kathedrale. Gleich gegen\u00fcber liegt die Touristeninformation. Eine junge Frau spricht mich an, und es stellt sich heraus, dass sie Deutsch kann. Sehr gut sogar. Wo sie das denn gelernt habe? In Zittau, sagt sie. Und f\u00fcgt schnell hinzu: Nicht Zwickaus, Zittau. Ja, kenne ich, ich war mal in G\u00f6rlitz. Sie hat dort ein Austauschsemester gemacht, sp\u00e4ter dann ein Praktikum in Berlin und dann, in einem anderen Studiengang, noch mal ein Austauschsemester in Hamburg. Viel Ahnung hat sie nicht, aber sie ist sehr bem\u00fcht. Jedenfalls gibt es morgen Vormittag den Stadtrundgang, von hier aus. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich gehe r\u00fcber, in die Kathedrale, auf einem gro\u00dfen Freiplatz gelegen. Sie ist erst im 19. Jahrhundert gebaut worden, teils aus den Erl\u00f6sen einer Lotterie, mit vergoldeten Kuppeln, die in der Sonne gl\u00e4nzen. Es handelt sich um einen Zentralbau mit einer Kuppel in der Mitte. \u00dcber dem Portal eine Inschrift, die kann ich nicht entziffern, sie ist in altkirchenslawisch, der Sprache, von der alle slawischen Sprachen abstammen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Innen ist nur die zentrale Kuppel zu sehen, die anderen sind h\u00f6chstens zu erahnen. Im ganzen Innenraum gibt es keine freie Fl\u00e4che, alles ausgemalt oder mit Heiligenbildern hinter Glas verziert. Die Kronleuchter h\u00e4ngen bis beinahe auf Kopfh\u00f6hne hinunter. An verschiedenen Stellen kann man die typischen d\u00fcnnen Kerzen anz\u00fcnden, \u00fcber einem Sandbett. Einige der Kerzen stehen etwa auf Brusth\u00f6he. Die sind f\u00fcr die Lebendigen. Andere auf Knieh\u00f6he. Die sind f\u00fcr die Toten. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich qu\u00e4le mich durch die Hitze zur\u00fcck, diesmal durch die Innenstadt. Auf einem Platz trinke ich Kaffee und Wasser. Das hat seinen Preis: 6,90 BGN. Bei der Rechnung hat der Kellner ungefragt auf 7,00 BGN aufgerundet. Laut Quittung habe ich auf <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Terminal 1<\/i> gesessen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich sehe eine Gruppe von Frauen mit identischen langen roten, bis zum Boden reichenden Kleidern und langen wei\u00dfen Kopft\u00fcchern. Sie trennen sich jetzt, vier gehen weiter, die andere bleibt sitzen und tauscht ihr Kopftuch gegen einen feschen wei\u00dfen Hut. Was f\u00fcr eine Verwandlung. Ich frage nach dem Kleid, aber sie spricht kein Englisch. Sie ist aber willens, meine Frage zu beantworten und zeigt auf verschiedene Dinge und am Ende auf ihr Kleid. Ich nicke. Usbekistan! Taschkent. Ob ich da schon mal gewesen sei, fragt sie mich, auf Russisch. Nein, leider nein. Deutschland m\u00f6ge sie sehr, sagt sie. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Irgendwann sehe ich am Stra\u00dfenrand eine armenische Kirche liegen. Auf dem Kirchhof die unvermeidliche Inschrift in Erinnerung an das Massaker durch die T\u00fcrken, zweisprachig, auf Bulgarisch und Armenisch. Eine Frau mit ernstem Gesicht l\u00e4dt mit wortlos mit einer Geste ein, die Kirche zu betreten. Auff\u00e4llig ist hier vor allem, dass sie ganz anders ist als die orthodoxe Kathedrale. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich verliere mich dann irgendwie in den Stra\u00dfen, komme aber am Ende zum <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Meeresgarten<\/i>, ohne es erst richtig zu merken. Der <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Meeresgarten <\/i><span style=\"mso-bidi-font-style:\nitalic\">(entsprechend zu engl. <\/span><i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Sea Garden<\/i><span style=\"mso-bidi-font-style:italic\">)<\/span>, eine irref\u00fchrende Bezeichnung, hei\u00dft auf Bulgarisch <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Primorski Park<\/i>, also so etwas wie \u201aPark am Meer\u2018. Das ergibt mehr Sinn. Der Park, im 19. Jahrhundert angelegt, ist riesig und zieht sich an der K\u00fcste entlang. Hier befinden sich das Delphinarium, der Zoo, das Planetarium und das Aquarium. Im S\u00fcden schlie\u00dft der Park an den Hafen an. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich gerate aber vom Park aus sofort an den Strand. Ein Strandlokal reiht sich an das andere. Ob die Str\u00e4nde \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sind, ist nicht klar. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich komme wieder zum Eingang des Park mit den hohen klassischen S\u00e4ulen. Gleich dahinter das Hotel Odessos. Das ist ein alter, griechischer Name von Varna. Es handelt sich vermutlich um das von Homer genannte Odessos. Die Benennung von Odessa in der Ukraine beruht wohl auf einer Verwechslung. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Endlich komme ich wieder auf meine Stra\u00dfe. Dort gibt es einen Carrefour. Dort kaufe ich eine Flasche Eistee. Eiskalt. Die Frau an der Kasse sagt: <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Three forty-nine<\/i>. Dann fragt sie: English? Nein, German. Daraufhin versucht sie es auch auf Deutsch. Und schafft es am Ende: <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Drei neunundvierzig<\/i>. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">6. Juli (Samstag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bulgarien ist kleiner als ich dachte, belegt nur etwa ein Drittel der Fl\u00e4che von Deutschland, etwas gr\u00f6\u00dfer als Ungarn, \u00d6sterreich und Portugal, etwa so gro\u00df wie<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>Kuba, Guatemala und Honduras.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es grenzt an Rum\u00e4nien im Norden, an Serbien und Mazedonien im Westen, an die T\u00fcrkei und Griechenland im S\u00fcden und an das Schwarze Meer im Osten. Die l\u00e4ngste Grenze ist die zu Rum\u00e4nien. Dort ist die Donau fast durchgehende der Grenzfluss, die verabschiedet sich dann kurz vor der M\u00fcndung nach Norden. Die gesamte Donauebene ist das unbekannte Bulgarien, wenig bereist, wenig bev\u00f6lkert. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von Saloniki und Kavala aus ist es gar nicht weit nach Bulgarien, und Edirne liegt fast an der Grenze. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von Osten nach Westen durchzieht das Land ungef\u00e4hr in der Mitte ein Gebirge \u2013 der Balkan! Unglaublich, das Wort Balkan habe ich schon so oft in den Mund genommen, ohne zu ahnen, dass es ein Gebirge bezeichnet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es gibt noch andere Gebirge wie die Rhodopen. Der h\u00f6chste Berg ist fast auf den Meter genau so hoch wie die Zugspitze, aber es gibt \u00fcber 100 Gipfel, die \u00fcber 2.000 Meter hoch sind. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Varna ist die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt Bulgariens, nach Sofia, der einzigen Millionenstadt, und Plovdiv, und vor Burgas, ebenfalls an der Schwarzmeerk\u00fcste gelegen. Sofia liegt im Westen, nahe der Grenze zu Serbien. Plovdiv gilt als die \u00e4lteste Stadt Europas \u00fcberhaupt, liegt s\u00fcdlich von Sofia. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die bekannteste Sehensw\u00fcrdigkeit Bulgariens ist das Rila-Kloster, auch im Westen gelegen, es gilt auch wegen seiner Lage als ganz besonders. Dort in der N\u00e4he, auch im Rila-Gebirge, liegen die Sieben Seen, die bekannteste Natursehensw\u00fcrdigkeit von Bulgarien. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von all dem bin ich hier an der Schwarzmeerk\u00fcste weit entfernt. Aber in Varna gibt es auch genug zu sehen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich in ein Caf\u00e9 gleich im Haus nebenan, hypermodern, mit angeschlossener Gem\u00e4ldegalerie. Es gibt alle m\u00f6glichen Kaffeespezialit\u00e4ten, darunter <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Raf<\/i>, nach dem ehemaligen Betreiber des Caf\u00e9s benannt, einem gewissen Rafael, der diesen Kaffee erst f\u00fcr sich selbst bereitete, worauf dann aber die G\u00e4ste aufmerksam wurden und den auch haben wollte. So kam er auf<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>die Speisekarte. Eine weitere Spezialit\u00e4t ist armenischer Kaffee. Dazu hei\u00dft es, dass Armenisch eine der wenigen Sprachen der Welt ist, die ein ganz anderes Wort f\u00fcr Kaffee haben: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Surch<\/i>. Es wird vermutet, dass das Wort von dem Wort f\u00fcr Schlurfen abgeleitet ist. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Frau hinter der Theke spricht gut Englisch, und es gibt wie selbstverst\u00e4ndlich eine Internetverbindung. Ich belasse es erst einmal bei einem normalen Kaffee. Dazu gibt es kleine runde Pfannkuchen, mit einer Art Frischk\u00e4se gef\u00fcllt, und mit Blaubeeren obendrauf, serviert mit warmer Vanilleso\u00dfe. Das Ganze hat nat\u00fcrlich einen Preis: 13,40 BGN. Das kann sich der Durchschnittsbulgare kaum leisten. Au\u00dfer mir ist auch kein Gast da, nur eine junge Frau kommt zwischendurch und holt sich einen Kaffee. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Diesmal gehe ich auf einem anderen Weg in die Stadt, \u00fcber die Knyas Boris I. Der Weg ist etwas l\u00e4nger, aber angenehmer. Boris I. ist f\u00fcr die Einf\u00fchrung des Christentums in Bulgarien verantwortlich, wobei es eher machtpolitische Gr\u00fcnde waren, die ihn dazu bewegten als Fr\u00f6mmigkeit. Er benutzte noch nicht den Titel <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Zar<\/i> \u2013 das tat dann sein Sohn Simeon \u2013 sondern begn\u00fcgte sich mit <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Knyas<\/i>, was so etwas wie \u201aF\u00fcrst\u2018 bedeutet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Schon um diese Zeit ist es 29\u00b0 warm, und man kommt ordentlich ins Schwitzen. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span>Alle fl\u00fcchten sich auf die Schattenseite der Stra\u00dfe.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An der Stelle, wo der Boulevard zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone wird, sind auf dem Platz in den Boden Platten eingelassen mit den Namen der Hauptst\u00e4dte vieler L\u00e4nder, von Belgrad bis Mexiko, jeweils mit dem Namen und dem Wappen der Stadt. Es gibt keine besondere Beziehung zu Varna, die Platten sind nur so angebracht, dass man die Entfernung und die Lage der St\u00e4dte im Verh\u00e4ltnis zu Varna einsch\u00e4tzen kann. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Rechts liegt eine orthodoxe Kirche, und von einer Bettlerin erfahre ich den Namen, auch wenn ich sie erst im dritten Anlauf verstehe: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Sveti Nikolkaj<\/i>. Sp\u00e4ter sehe ich dann an einer Au\u00dfenwand ein ikonen\u00e4hnliches Gem\u00e4lde von Nikolaus. Auch diese Kirche stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit der Osmanischen Herrschaft. Der M\u00e4zen der Kirche war ein Kaufmann, der zwischen Varna und Odessa hin- und herreiste und bei einer der \u00dcberfahrten in einen gef\u00e4hrlichen Sturm kam. Er machte das Versprechen, eine Kirche zu stiften, wenn er \u00fcberlebte, und die bekam dann das Patrozinium Nikolaus, weil der als Schutzpatron der Seeleute galt. Der Kaufmann selbst erlebte die Vollendung der Kirche nicht mehr. In dieser Kirche ereignete sich ein Ungl\u00fcck, das in Varna bis heute noch in Erinnerung ist: An einem Gr\u00fcndonnerstag kam es w\u00e4hrend eines feierlichen Gottesdienstes in der Frauenabteilung der Kirche zu einer Panik, weil sich das Ger\u00fccht verbreitete es sei ein Brand ausgebrochen. Alle dr\u00e4ngten zum Ausgang, die vorne wurden von den Nachdr\u00e4ngenden auf den Boden gedr\u00fcckt. Es gab Tote und Verletzte, insgesamt 20 Frauen und Kinder kamen zu Tode. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Stra\u00dfe ist als Fu\u00dfg\u00e4ngerzone genauso breit wie vorher als Verkehrsstra\u00dfe, modernen Gesch\u00e4ften und Lokalen, oft mit englischen Namen. \u00dcber einem Caf\u00e9 erscheint das Emblem von <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">J\u00e4germeister<\/i>. Nach einer Abbiegung<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>kommen Pl\u00e4tze, Springbrunnen, Sitzb\u00e4nke. Und hohe, schattenspendende B\u00e4ume. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Kuppeln der Kathedrale gl\u00e4nzen heute, bei dem wolkenlosen Himmel, noch st\u00e4rker als gestern. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Vor der Touristeninformation gibt es ein Lokal, das <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">\u0411\u0435\u0440\u0435\u0437\u043a\u0430<\/i> hei\u00df \u2013 Die Birke. So hie\u00dfen in Russland die L\u00e4den, mit denen man nur mit Devisen bezahlen konnte, das Pendant zum <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Intershop<\/i> der DDR. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann beginnt die F\u00fchrung. Die ist einigerma\u00dfen informativ, aber nicht sonderlich unterhaltsam. Viele Fakten werden etwas lustlos heruntergebetet. Daf\u00fcr arbeitet sich die F\u00fchrerin am Kommunismus ab, besonders an der Architektur und an der Namensgebung. Sie scheint die F\u00fchrung als l\u00e4stige Aufgabe anzusehen und spricht viel von sich selbst, ihren R\u00fcckenscherzen und ihrem Durst. Als es einmal eine Gelegenheit gibt, sich zu setzen, ist sie die erste, die sich setzt, ohne auch nur die paar Pl\u00e4tze neben ihr anzubieten. Wir h\u00f6ren stehend zu. Auf Fragen reagiert sie allergisch, man k\u00f6nne schlie\u00dflich nicht die gesamte Geschichte Bulgariens abhandeln, die sei ja so reich. Irgendwann will sie wissen, ob noch jemand eine Frage habe, und als das nicht der Fall ist, sagt sie \u201eGott sei Dank!\u201c<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es beginnt mit einem kurzen Kommentar zur Kathedrale auf der anderen Seite. Das sei keine typisch bulgarische Kirche, wenn wir die sehen wollten, m\u00fcssten wir nach Nesebar fahren. Davon spricht auch der Reisef\u00fchrer in h\u00f6chsten T\u00f6nen. Die Kathedrale heute am Rand der Innenstadt stehend, stand urspr\u00fcnglich au\u00dferhalb der Stadtmauern. Der gro\u00dfe Boulevard vor der Kirche zeichnet noch den Verlauf der Stadtmauern nach. Damals war diese Entscheidung sehr umstritten. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Kirche hei\u00dft Mari\u00e4 Himmelfahrt und befindet sich auf dem Platz Kyrill und Method, der beiden Heiligen, die in der orthodoxen Kirche stets pr\u00e4sent sind. Obwohl die Schrift nach ihm benannt ist, ist Kyrill nicht ihr Erfinder, genauso wenig wie Method. Die kyrillische Schrift wurde von ihren Sch\u00fclern entwickelt und nach ihnen benannt. Sie gingen vom griechischen Alphabet aus und passten es den slawischen Sprachen an. Einige Buchstaben sehen genauso aus wie ihre lateinischen Entsprechungen, haben aber einen anderen Lautwert. Das erinnert mich an das CCCP auf den Trikots der Athleten der Sowjetunion. Das stand f\u00fcr SSSR. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann lenkt die F\u00fchrerin unsere Aufmerksamkeit auf einen sch\u00f6nen Turm hinter der Touristeninformation. Der sei fr\u00fcher ein Feuerwehrturm gewesen. Varna sei mehrmals durch Br\u00e4nde oder durch Invasionen zerst\u00f6rt worden. Es sei deshalb keine \u201ealte\u201c Stadt. Das kann sich aber nur auf die Geb\u00e4ude beziehen, nicht auf die Geschichte. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In kurzer Entfernung von hier befinde sich das Arch\u00e4ologische Museum, das solle man auf jeden Fall besuchen, wegen des Goldschatzes. Er ist das Ergebnis eines Zufallsfunds, in einem Dorf weniger Kilometer au\u00dferhalb von Varna. Es stammt noch aus der Altsteinzeit, und man glaubte, dass man es mit einer F\u00e4lschung zu tun hatte, als das Gold gefunden wurde, denn man hatte angenommen, dass es zu dieser Zeit noch keine Metallverarbeitungstechniken gab. Es ist der \u00e4lteste Goldschatz nicht nur Varnas oder Bulgariens oder Europas, sondern der Welt!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann gibt es eine <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Tour de force<\/i> durch die wirklich komplexe Geschichte Bulgariens. Hier wird auch ein Thema aufgegriffen, das auch im Reisef\u00fchrer eine Rolle spielt: die Vereinigung von Slawen und Protobulgaren. Aus ihnen wurden die sp\u00e4teren Bulgaren. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Obwohl Bulgarien auch Teil des R\u00f6mischen Reichs war, spricht man hier, im Gegensatz zu Rum\u00e4nien, keine romanische Sprache und auch kein T\u00fcrkisch, trotz der f\u00fcnfhundertj\u00e4hrigen Zugeh\u00f6rigkeit zum Osmanischen Reich.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wir kommen zum Theater, vermutlich aus der Zeit nach dem Ende des Osmanischen Reichs und der kulturellen \u201eWiedergeburt\u201c Bulgariens. Es wurde teils durch Steuern finanziert. Jeder, der ein paar Eier kaufte, leistete seinen Anteil. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das viele Gr\u00fcn im Zentrum ist einem B\u00fcrgermeister zu verdanken, dessen Statue am Rande eines Platzes steht. Von Statuen h\u00e4lt unsere F\u00fchrerin auch nicht viel. Aber sie muss anerkennen, dass dieser B\u00fcrgermeister mit Weitsicht plante, zu einer Zeit, als die Anlage von B\u00e4umen im Stadtzentrum noch als ziemlich wunderlich galt und f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig gehalten wurde. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Als wir weitergehen, f\u00e4llt mir oben am Fenster eines alten Geb\u00e4udes der Name einer der vielen Sprachschulen auf, die es hier gibt: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Hi School<\/i>.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wir kommen zum Hotel London, gleich hinter einem gro\u00dfen Haus mit dem Abschluss wie das des Flat Iron Buildings gelegen. Der Erbauer des Hotels London hatte den Ehrgeiz, dass sein Haus h\u00f6her sein sollte als das Nachbarhaus. Also f\u00fcgte er irgendwo einen kleinen baulichen Zipfel hinzu, ein Dekorationselement, das man wirklich aus der Ferne sieht. Das Hotel London war das erste mit flie\u00dfendem Wasser und einem WC auf dem Zimmer. Das galt damals als ziemlich verr\u00fcckt. Was willst du denn mit einem WC auf dem Zimmer, wenn du eins im Treppenhaus hast?<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann stehen wir pl\u00f6tzlich vor einem Haus ganz anderer Art, aus der T\u00fcrkenzeit, wenn ich das richtig verstehe, ein sehr sch\u00f6nes zweist\u00f6ckiges Haus, das jetzt Sitz der Architektenkammer ist. Es hat unten Stein, oben schwarzes Holz.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Anl\u00e4sslich einer protestantischen Kirche, die hier irgendwo auftaucht, sagt unsere F\u00fchrerin, die Bulgaren seien eher abergl\u00e4ubisch als gl\u00e4ubig. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Varna hatte traditionellerweise unterschiedliche Viertel, ein t\u00fcrkische Viertel, ein griechisches Viertel und zwei j\u00fcdische Viertel. Die aschkenasischen Juden und die sephardischen Juden konnten sich nicht ausstehe und wollten nicht in einem gemeinsamen Viertel wohnen. Die Bulgaren befanden sich zu der Zeit in der Minderheit. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wir kommen zu den R\u00f6mischen Thermen. Hier gibt<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>es die einschl\u00e4gigen wohlbekannten Erkl\u00e4rungen, aber auch zwei interessante Details: Der Eintritt war gratis f\u00fcr Soldaten, Sklaven und Kinder. Die Thermen waren wohl das demokratischste Element im R\u00f6mischen Reich. Au\u00dferdem erf\u00e4hrt man, dass man die Thermen nicht barfu\u00df betreten konnte, dazu war der Boden zu hei\u00df. Die Thermen von Varna, hei\u00dft es, waren nach den Caracalla-Thermen und den Diokletians-Thermen in Rom sowie den Treveris-Thermen in Trier die viertgr\u00f6\u00dfte Anlage im R\u00f6mischen Reich. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann gibt es noch ein interessantes Detail. An der Mauer eines normalen Wohnhauses hat sich ein Teil der r\u00f6mischen Mauer erhalten. Unsere F\u00fchrerin erkl\u00e4rt, diese typische Mischung aus Stein und Ziegelstein mit dem M\u00f6rtel dazwischen sei auch ein Schutz gegen Erdbeben gewesen. Die einzelnen Lagen h\u00e4tten sich bewegen k\u00f6nnen, ohne einzust\u00fcrzen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zum Schluss geht es zum<i style=\"mso-bidi-font-style:normal\"> <\/i><a name=\"_Hlk171754063\"><span style=\"mso-bidi-font-style:italic\">Meeresgarten<\/span><\/a>. Hier erf\u00e4hrt man, dass der urspr\u00fcnglich gar nicht als Park angelegt war, sondern als Obst- und Gem\u00fcsegarten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es dann eine komplette Neuwidmung durch einen tschechischen Landschaftsarchitekten. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von hier aus habe ich es nicht so weit nach Hause und lege eine Pause ein. Sp\u00e4ter gehe ich dann noch mal zum <span style=\"mso-bidi-font-style:italic\">Meeresgarten<\/span>. Auf einem Platz esse ich ein Eis. Das ist richtig lecker, aber auch nicht gerade billig: 3,49 BGN f\u00fcr eine \u201eKugel\u201c, obwohl es ja Kugeln im klassischen Sinn nicht mehr gibt. Es gibt immer eine Quittung, auch wenn man nur ein kleines Eis kauft. Gutes Mittel gegen Steuerhinterziehung. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich frage die Verk\u00e4uferin nach Banitsa, den bulgarischen Teigtaschen. Wo kann man die am besten bekommen. Im Zentrum, in der N\u00e4he des Hotels Cherno More. Das kenne ich nicht, aber sp\u00e4ter finde ich heraus, warum nicht. Es verbirgt sich hinter hohen Bauger\u00fcsten. Es wird gerade saniert. Ich bin aber schon \u00f6fter daran vorbeigekommen. Dort gegen\u00fcber befinde sich Iglika. Dort gebe es gute Banitsa. Ich staune nicht schlecht, als ich sp\u00e4ter im Zentrum, ohne es zu merken, direkt vor dem Iglika stehe. Es hat aber schon geschlossen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der <span style=\"mso-bidi-font-style:italic\">Meeresgarten<\/span> ist wirklich ein wunderbarer Park, hohe, schattenspendende B\u00e4ume, einheimische und exotische, Laubb\u00e4ume und Nadelb\u00e4ume, Sonnenstrahlen zwischen ihnen, die frische Luft vom Meer. Es gibt verschlungene Wege, eine gro\u00dfe Chaussee, Springbrunnen, B\u00e4nke und Trinkwasserbrunnen. Auf einer B\u00fchne singen acht wei\u00df gewandete stimmgewaltige \u00e4ltere M\u00e4nner Volkslieder. Die Musik scheint aus der Konserve zu kommen, aber das schadet nicht. Es klingt sehr sch\u00f6n. Ich denke sofort an Spanien, an die wehm\u00fctigen Lieder der Fischer des Nordens, aber es ist wohl doch bulgarisch. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich gehe zum Strand runter und frage ein junges Paar in einem der vollgepackten Lokale nach dem Strand. Ja, der sei \u00f6ffentlich, hei\u00dft es, kein Privatstrand. Die Lokale \u00f6ffnen um 8, bis 3 Uhr morgens ge\u00f6ffnet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg stehe ich pl\u00f6tzlich vor einer Buchhandlung und erinnere mich an meinen Auftrag. Die Frau hinter der Theke versteht genug Englisch und sieht sofort in ihrem Computer nach. Auf Bulgarisch? Ja, auf Bulgarisch. Nein, sie h\u00e4tten kein Exemplar vorr\u00e4tig, aber in ihrer Filiale gebe es noch eins. Sie erkl\u00e4rt mir den Weg. Dort bem\u00fchen sich zwei junge Damen um mich, auch hier ist das Englische gerade ausreichend. Sie wollen den Titel wissen, ich nenne ihn auf Englisch, sie wollen ihn aber auf Deutsch. Oh, so kompliziert? Die eine guckt nach, findet das Buch aber nicht. Wieder gehen sie an den Computer, ich empfehle, einfach mal nach dem Autor zu gucken. Das klappt, und kurz darauf kommt die eine Frau freudestrahlend mit dem Buch zur\u00fcck. Es kostet 18 BGN. Das ist g\u00fcnstig.<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf diese Weise bin ich wieder ganz im Zentrum gelandet, und zwar auf der <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Slivnitsa<\/i>. Das ist <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">die<\/i> Flaniermeile Varnas. Hier ist auch das Hotel <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Cherno More<\/i>. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Halb Varna ist auf den Beinen, Eltern mit Kindern, junge Frauen in eleganten Kleidern, alte Ehepaare. Am Stra\u00dfenrand steppt der B\u00e4r. Ein Mann hat sich \u2013 bei diesen Temperaturen! \u2013 in das Kost\u00fcm eines riesigen Pandab\u00e4ren gezwungen und tanzt.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem Weg nach Hause f\u00e4llt mir ein Gesch\u00e4ftsschild auf, eigentlich wegen des Weichheitszeichens: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">\u0411\u044a\u043b\u0433\u0430\u0440\u0441\u043a\u0430 \u043a\u0443\u0445\u043d\u044f \u2013 Bulgarska Kuchnja<\/i>. Das Weichheitszeichen folgt gleich auf das B, und da die beiden sich \u00e4hneln, sieht es etwas verwirrend aus. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Da ich schon einmal da bin gehe ich auch gleich rein. Und frage nach einem typisch bulgarischen Gericht, worauf mir die Frau hinter der Theke Moussaka anbietet. Das ist mir nicht bulgarisch genug, eigentlich Quatsch, ich h\u00e4tte sie einfach nehmen sollen, das ist eben das Resultat der vielen Einfl\u00fcsse, die Varna in seiner Geschichte gehabt hat. Ich nehme stattdessen H\u00e4hnchenleber, mit Paprika und Zwiebeln. Dazu Zaziki. Und bulgarisches Bier. Die Gerichte werden auf einem Teller serviert und dann an der Kasse abgewogen. Essen kann man drinnen oder drau\u00dfen. Die meisten Bulgaren, die hier essen, nehmen eine Suppe und etwas, was die Frau hinter der Theke als Brot bezeichnet. Es ist aber gekocht. Muss in den n\u00e4chsten Tagen mal versuchen, rauszufinden, was das ist. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die M\u00f6wen, die hier ziemlich zahm sind und \u00fcberall auftauchen \u2013 selbst vor der Kathedrale stand eine &#8211;<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>machen einen Heidenl\u00e4rm, den ganzen Tag \u00fcber. Gott sei Dank machen sie nachts Pause.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">7. Juli (Sonntag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Heute geht es ins Arch\u00e4ologische Museum. Meine erste Station ist aber das Iglika. Davor jetzt schon eine lange Schlange, ein gutes Zeichen. Hier kaufen nur Bulgaren ein. Die Speisekarte an der Wand ist ganz auf Bulgarisch. Ich kann das eine oder andere entziffern, aber nicht alles. Es gibt die Banitsa mit Spinat, mit Apfel, mit Schinken und K\u00e4se, ohne alles. Und weitere Varianten. Bei der Bestellung geht aber etwas schief. Ich bekomme drei statt zwei und davon ist keine ohne alles. Die Banitsa ist frisch gebacken und noch ganz hei\u00df, eine Teigtasche mit Bl\u00e4tterteig. Eine ersetzt ein komplettes Fr\u00fchst\u00fcck, zwei Fr\u00fchst\u00fcck und Mittagessen, die dritte bekommt eine Stra\u00dfenkehrerin. Die nimmt sie ohne Z\u00f6gern an, nachdem ich auf meinen Bauch gezeigt habe, um anzudeuten, dass es zu viel ist. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Teigtaschen gibt es ja in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern, aber der Geschmack ist doch immer anders. Diese ist wirklich sehr lecker, ziemlich w\u00fcrzig. Das, was als Schinken angek\u00fcndigt ist, ist wohl eher Schinkenspeck, in W\u00fcrfeln.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Arch\u00e4ologische Museum ist ein einem riesigen, gro\u00dfz\u00fcgig abgetrennten neoklassischen Geb\u00e4ude untergebracht. Es nimmt eine ganze Stra\u00dfenbreite ein, der Haupteingang befindet sich auf einer anderen Stra\u00dfe als der Nebeneingang. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Hier geht es eher unfreundlich zu. Der Eintrittspreis wird wortlos kassiert \u2013 10 BGN \u2013 und man kann von Gl\u00fcck sagen, dass die Richtung angegeben wird, in die man gehen soll.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die \u00e4ltesten Exponate stammen aus der j\u00fcngeren Altsteinzeit. Die \u00e4ltesten Exponate, meist Faustkeile und Feuersteine, k\u00f6nnten 100,000 Jahre alt sein! Bis zur Mittelsteinzeit, bis vor etwa 10,000, waren die Menschen nicht sesshaft, aber ihr Lebensumfeld \u00e4nderte sich gewaltig. Die Eiszeit ging zu Ende, die gr\u00f6\u00dferen Tiere wanderten wegen der milderen Klimas weiter nach Norden, den Menschen ging ihre Beute verloren. Sie mussten sich von kleineren Tieren und V\u00f6geln ern\u00e4hren. Der gro\u00dfe Durchbruch bei der Jagd war die Erfindung des Bogens. Hier kann man reihenweise Pfeilspitzen betrachten, aus den unterschiedlichsten Materialien. Viele Funde aus der Mittelsteinzeit wurden im Stone Forest gefunden, au\u00dferhalb Varnas, einem Ort, an den ich noch hin will. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der ganz gro\u00dfe Umbruch kam mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit, eine Revolution. Mit der Sesshaftwerdung kam auch die Tierhaltung. Die ersten Keramikgef\u00e4\u00dfe kommen auf, hier in H\u00fclle und F\u00fclle vertreten. In der Kupferzeit werden sie dann anders, mit Verzierungen, mit einer Vielzahl von Formen. Einige der Ger\u00e4te haben jetzt F\u00fc\u00dfe. Ob das rein dekorativ war? Oder hatten die F\u00fc\u00dfe auch eine Funktion?<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In der Kupferzeit kommen dann auch rituelle Figuren auf, zoomorphe und anthropomorphe. Viele der hier ausgestellten Figuren haben \u00d6sen. Man konnte die Figuren also aufh\u00e4ngen oder um den Hals tragen, als magische Figuren, zur Abwehr von Unheil. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Besonders interessant ist das Aufkommen von Friedh\u00f6fen. Es ist ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Man muss es immer wieder sagen: Tiere begraben ihre Toten nicht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Hier kann man gleich anhand verschiedener Skelette einen Unterschied zwischen der Kultur im Inland, auf dem Balkan, und der Schwarzmeerkultur sehen: auf dem Balkan werden die Toten zusammengekauert begraben auf der linken Seite liegend, mit dem Kopf nach Osten, mit den Grabbeigaben an den Gliedma\u00dfen, am Schwarzen Meer liegend, mit dem Kopf nach Norden, und den Grabbeigaben am Kopf. Hier gibt es au\u00dferdem unterschiedliche Bestattungsformen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich finde das alles sehr beeindruckend. Man fragt sich, wie solche Traditionen entstanden sind, wie sie sich festgesetzt haben, was f\u00fcr Vorstellungen dahinter standen. Jedenfalls f\u00fchlt man sich diesen Menschen, so bizarr einige Gewohnheiten uns vorkommen m\u00f6gen, viel n\u00e4her als den J\u00e4gern und Sammlern. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Jetzt geht es aber zu dem ber\u00fchmten Goldschatz. Der ist anhand von Radiokohlenstoffdatierungen am Skelettmaterial der Bestatteten auf 4,500 v. Chr. datiert. Er ist also \u00e4lter als Stonehenge und die \u00e4gyptischen Pyramiden. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Vielzahl an Objekten und Formen, spiegelt ein hoch spezialisiertes Handwerk wider. Voraussetzung war die Entwicklung einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Funktionen, vor allem der Trennung von Landwirtschaft und Handwerk. Die brachte wiederum eine Hierarchisierung der Gesellschaft mit sich. Die mit Goldsch\u00e4tzen begrabenen Toten standen an der Spitze der Pyramide. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bemerkenswert ist vor allem das Grab eines 45-50 Jahre alten Mannes mit einem sehr gut erhaltenen Skelett. Man hat den Goldschmuck so platziert, wie er im Grab platziert wurde. Um den Kopf herum sind goldenen Pl\u00e4ttchen, ebenso zwischen den gekreuzten Beinen und auf der Stirn. An beiden Armen dicke, ganz glatte Armreifen, und neben dem toten K\u00f6rper noch verschiedene zylindrische Objekte. Das Gold repr\u00e4sentierte den sozialen Status. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In verschiedenen Vitrinen noch alle m\u00f6glichen anderen Objekte, alles aus Gold. Ich suche aber die beiden Bullen, die auff\u00e4lligsten Exponate der Ausgrabung, flach, unterschiedlich gro\u00df, mit einer unterschiedlichen Zahl von Punkten beschlagen. Aber sie sind auf Wanderschaft. F\u00fcr zwei Jahre in einem Museum in Amerika. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In der n\u00e4chsten Abteilung ist das griechische Odessos vertreten. Hier f\u00fchlt man sich tats\u00e4chlich sofort wie in Griechenland: Vasen, schwarz-rot, mit mythologischen Szenen, Statuetten aus Terrakotta von Nike und Aphrodite und von Satyren, eine Doppelstatue von Dionysos und Ariadne, aus einem St\u00fcck, sehen wie miteinander verwachsen aus. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Odessos war auf typische Weise wie eine Polis organisiert du hatte die Agora im Zentrum, drum herum die wichtigsten Verwaltungsgeb\u00e4ude. Man trieb regen Handel, einerseits mit den griechischen Stadtstaaten, andererseits mit den Thrakern im Inland. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In die R\u00f6mische Abteilung werfe ich nur noch einen kurzen Blick, obwohl es hier Exponate gibt, die man sonst nicht so oft sieht. Vor allem Pferdedarstellungen, Statuen und Reliefs, Soldaten, aber auch G\u00f6tter, mit wehendem Schal auf dem Pferder\u00fccken. Aus unerfindlichen Gr\u00fcnden ist darunter immer ein Stier abgebildet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es kommt dann noch eine Abteilung mit Gold aus der Sp\u00e4tantike. Da interessiert vor allem der Vergleich mit dem fr\u00fcheren Gold. Man sieht ohne weiteres die Unterschiede. Der Goldschmuck ist fein ziseliert, mit Ornamenten versehen, insgesamt kleiner, feiner. Dennoch w\u00fcrde man nicht auf den Gedanken kommen, dass ganze Jahrtausende dazwischen liegen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Ende bekomme ich in dem winzigen Museumsladen einen K\u00fchlschrankmagneten von Varna. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Drau\u00dfen, wieder an der anderen Front des Geb\u00e4udes, f\u00e4llt mir eine Skulptur in die Augen: ein j\u00fcdischer Schofar auf einem Sockel. Mit einer zweisprachigen Inschrift: Dem Volk der Bulgaren gewidmet von den Juden Varnas als Dank f\u00fcr die Rettung vom Holocaust. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit \u00fcber den Umgang der Bulgaren mit den Juden: Tats\u00e4chlich wurden die bulgarischen Juden, auch wegen Protesten aus der Bev\u00f6lkerung, nicht nach Deutschland ausgeliefert. Gleichwohl organisierte Bulgarien die Deportation von Juden aus den besetzten Gebieten in Mazedonien und Nordgriechenland in die deutschen Konzentrationslager. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich mache eine Pause in einem h\u00fcbschen kleinen Caf\u00e9, unter Sonnenschirmen und umgeben von Blumenk\u00e4sten mit bl\u00fchenden Blumen. Wie \u00fcberall ist hier Selbstbedienung an der Theke. Ich bekomme einen Frapp\u00e9 und Wasser f\u00fcr knapp vier BGN. Diesmal gibt es keine Quittung. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann geht es zu den R\u00f6mischen Thermen. Auf dem Gel\u00e4nde ist man schutzlos der Sonne ausgesetzt, und entsprechend gibt es kaum Besucher. Die Grundmauern sind bis \u00fcber Kopfh\u00f6he erhalten. Auf dem Gel\u00e4nde liegen dekorativ S\u00e4ulensch\u00e4fte und S\u00e4ulenkapitelle herum. Und Katzen huschen ger\u00e4uschlos von einem Stein zum anderen. Auch hier sind die M\u00f6wen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es gibt gro\u00dfe Abbildungen, so dass man sich etwas besser als sonst vorstellen kann, wo man ist und was die einzelnen \u201eR\u00e4ume\u201c bedeuten: Vestib\u00fcl und Umkleider\u00e4ume, Abk\u00fchlraum (Frigidarium), W\u00e4rmeraum (Tepidarium), Dampfbad (Caldarium), Toiletten (Latrinen), Kesselraum (Praefurnium). Der Umkleideraum war viel mehr, als sein Namen vermuten l\u00e4sst. Er war der gr\u00f6\u00dfte Raum, hier verbrachte man vor und nach dem Bad seine Freizeit. Dabei wurde \u00fcber Politik gestritten und der neueste Tratsch ausgetauscht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Thermen, es waren die Thermen der r\u00f6mischen Stadt Odessos, wurden relativ sp\u00e4t errichtet, Ende des 2. Jahrhunderts, und dann schon aufgegeben, Ende des 3. Jahrhunderts, als das R\u00f6mische Reich in seine erste Krise trat. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von hier aus ist es nicht sehr weit bis zum Hafen. Aber man gelangt gar nicht so einfach dorthin. Und die Hitze fordert ihren Tribut. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Ende komme ich doch noch hin, aber nicht an die lange Hafenmole, die eigentlich mein Ziel war. Macht nichts. Ich steuere auf ein altes Segelschiff zu, das hier \u201ean Land\u201c gegangen ist. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Je n\u00e4her ich komme, umso lauter wird es. Hier findet ein Spektakel statt. Man h\u00f6rt Beifall, Zurufe, rhythmische Musik aus dem Lautsprecher, eine Schiedsrichterpfeife. Es sind zwei Stadien aufgebaut worden. In das obere kann man nicht reingucken, aber in das untere wohl. Jetzt merke ich, was es ist: Beachhandball. Ein internationaler Wettkampf. Unten spielt Serbien gegen die Schweiz. Die spielen richtig gut, athletisch, ganz sicher im Fangen des Balls, mit akrobatischen Spr\u00fcngen beim Torwurf. Der Strafraum ist nicht abgerundet, sondern gerade, quer zum Spielfeld. Die Torh\u00fcterinnen gehen immer mit raus, sobald der Ball in den eigenen Reihen ist. Dadurch fallen st\u00e4ndig Tore. Man ist immer in der \u00dcberzahl. Wenn ein Tor f\u00e4llt, wird blitzschnell die gesamte Mannschaft ausgetauscht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Hinter den Spielfeldern tut sich der Strand auf. \u00dcberall braun gebrannte K\u00f6rper, im Wasser und am Strand. Ich gehe mit den F\u00fc\u00dfen ins Wasser. Eine Wohltat. Das Wasser hat genau die richtige Temperatur. Das Schwarze Meer, das ja streng genommen gar kein Meer ist, hat keine Gezeiten und einen niedrigen Salzgehalt. Ideal f\u00fcr einen Badeurlaub mit Kindern, und die sind hier auch entsprechend gut vertreten. Die Wellen kommen zwar mit sch\u00f6ner Schaumkrone, aber sind sehr flach. Zum Surfen wohl nicht geeignet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Sand ist so hei\u00df, dass man sich die F\u00fc\u00dfe verbrennt. Ich mache mich auf und davon. Oben gibt es unter zwei drachen\u00e4hnlichen Gestalten, die sich gegen\u00fcberstehen und freundlich anl\u00e4cheln, mit einem Ball zwischen ihnen, einen Brunnen. Wird flei\u00dfig genutzt. Ein Mann w\u00e4scht sich sein Gesicht, ein anderen w\u00e4scht hier sein Obst. Es scheint Trinkwasser zu sein. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Mir bleibt nur noch, mich in einem Supermarkt mit Fl\u00fcssigkeiten einzudecken und mich nach Hause zu schleppen. In den T\u00fcten befinden sich Wasser, Eistee, Ayran und Bier. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">8. Juli (Montag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bulgarien hat mit ca. 560 \u20ac das niedrigste Durchschnittseinkommen in Europa. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Zu diesem Einkommen gibt es Geld schwarz auf die Hand \u2013 womit der Arbeitgeber Sozialabgaben spart \u2013 und dazu gesellen sich die Zuwendungen der ausgewanderten Verwandten. Au\u00dferdem sind 90% der Bulgaren Hausbesitzer, und viele haben ein H\u00e4uschen mit Garten auf dem Lande, durch das sie sich mit Obst, Gem\u00fcse und Eingemachtem versorgen. Dennoch ist die Emigration ein Problem. Es wandern in erster Linie die jungen, gut ausgebildeten Menschen aus, alleine 1,5 Millionen in den letzten 25 Jahren, bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von 7,1 Millionen. Ein echter Aderlass. Die Unzufriedenheit mit dem Systemwechsel ist gro\u00df. Die Erwartungen haben sich nicht erf\u00fcllt. Der Kommunismus hatte zumindest eins gebracht: Stabilit\u00e4t. Der legend\u00e4re Erste Sekret\u00e4r der Kommunistischen Partei, Zhivkov, war von 1954 bis 1989 im Amt!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Autos hier sehen alle so aus, als w\u00fcrden sie aus Barcelona kommen. Aber das B auf den Nummernschildern steht hier f\u00fcr Varna.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An Zebrastreifen halten die Autos an, bisher ausnahmslos. Schon wenn man sich dem Zebrastreifen n\u00e4hert, verlangsamen die Autos ihre Fahrt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wie in England sind vor den Zebrastreifen Pfeile angebracht mit der Aufforderung, in diese Richtung zu schauen: \u043f\u043e\u0433\u043b\u0435\u0434\u043d\u0438.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Neben den Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln gibt es gelegentlich auch Fahrradampeln, und im Zentrum habe ich auch ein paar gut abgetrennte Radwege gesehen, aber noch nicht viele Radfahrer.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bulgarien gilt als Raucherparadies. Tats\u00e4chlich sieht man \u00fcberall Raucher, im Park, am Strand, in den Stra\u00dfencaf\u00e9s, aber so viele sind es auch wieder nicht. Und in Innenr\u00e4umen wird grunds\u00e4tzlich nicht geraucht. Auff\u00e4llig viele Raucher haben E-Zigaretten.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Heute geht es an den Strand, auf direktem Wege von der Wohnung durch den Park. Auch zu dieser fr\u00fchen Zeit ist hier schon ziemlich Betrieb, aber es geht dennoch ruhig zu. Alle Altersklassen sind vertreten. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Strand ist lang, aber nicht sehr breit, und ein Teil des Strandes wird von den Gastronomiebetrieben in Anspruch genommen. Die haben immer einen Teil \u2013 zahlungspflichtig \u2013 mit B\u00e4nken und Sonnenschirmen. Aber es ist auch sonst genug Platz.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Wassertemperatur ist ideal, und das Wasser ist sehr seicht. Ich gehe so weit raus wie wenige der anderen, aber auch hier kann man noch stehen. Aber man kann perfekt quer schwimmen, und sp\u00e4ter folge ich einigen anderen, die weiter raus schwimmen. Zur\u00fcck kommt man auch, ohne sich anstrengen zu m\u00fcssen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich frage ein paarmal nach Schlie\u00dff\u00e4chern, aber ohne Erfolg. Die meisten sagen zwar, sie k\u00f6nnten nur wenig Englisch, aber alle verstehen die Frage. Und keiner wei\u00df die Antwort. Sp\u00e4ter vermeldet Yordanka: Gibt es nicht.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Man h\u00f6rt keine Fremdsprachen, alles scheint fest in bulgarischer Hand zu sein. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Neben den Schwimmern gibt es hier auch noch die klassischen Sonnenanbeter, meist Frauen. Mit weit ausgestreckten Armen und Beinen und einem Hut auf dem Gesicht liegen sie reglos im Sand. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg mache ich Halt an einem Caf\u00e9 im Park, an einem Platz, wo ich dieser Tage schon mal war. Es gibt Milch mit Nescaf\u00e9 und einen Brownie, der mit einer Kugel Eis serviert wird. 14,40 BGN. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Rande des Platzes eine sch\u00f6ne, schlanke Statue einer Figur, die aus einem Baumstamm zu wachsen scheint. Muss wohl griechische Mythologie sein. Aber vielleicht ist es umgekehrt, als ich dachte. Die Frau wird zum Baum. Das war das Schicksal von Daphne. Die verwandelte sich in einen Lorbeerbaum, nachdem sie der Nachstellungen durch Apollo \u00fcberdr\u00fcssig war. Eros war sauer auf Apollo und schoss einen goldenen Pfeil auf Apollo, woraufhin der in Liebe entbrannte, aber einen bleiernen auf Daphne, so dass sie f\u00fcr alle Werbungen unempf\u00e4nglich wurde. Wunderbar, wie die Mythologie menschliche Erfahrungen sinnf\u00e4llig macht. <span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0<\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Nach einer kurzen Pause mache ich mich auf den Weg ins Zentrum, zum Museum der Optischen Illusionen, aber unterwegs sehe ich eine Wegweiser zum <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Museum der Nationalen Wiedergeburt<\/i>, das auch am Montag ge\u00f6ffnet hat, also biege ich spontan links ab. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wie immer, ist die Beschilderung im Zentrum ausgezeichnet, geht dann aber verloren. Etwas orientierungslos stehe ich an einem Platz in einer unbekannten Ecke Varnas. Eine junge Frau, mit nur ein paar Brocken Englisch, sagt, nach einigem \u00dcberlegen, links und dann wieder links, aber das bringt mich auch nicht weiter. Die n\u00e4chste junge Frau spricht sehr gut Englisch, guckt auf ihrem Handy nach und schickt mich in die andere Richtung. Sie hat ihr Englisch in Holland gelernt. Ob ich Deutscher sei. Ja, warum? Wegen des Akzents. Schlag in die Magengrube. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich komme aber immer noch nicht weiter. Die n\u00e4chste junge Frau, auch mit gutem Englisch, \u00fcberlegt einen Moment und begleitet mich dann einfach. Etwas schwer zu erkl\u00e4ren, meint sie. Wir gehen die einzige Stra\u00dfe Varnas hoch, auf der es bergauf geht, und sie liefert mich direkt vor dem Museum ab. Und verabschiedet sich mit festem Handschlag.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Museum der Nationalen Wiedergeburt \u2013 der Begriff Wiedergeburt ist wichtig, weil er eine (zweifelhafte) Br\u00fccke schl\u00e4gt zum Zarenreich des Mittelalters \u2013 ist in einem sch\u00f6nen, alten Geb\u00e4ude mit krachenden h\u00f6lzernen Treppen untergebracht. Die Begr\u00fc\u00dfung ist alles andere als herzlich. Die rundliche Aufpasserin ist nicht begeistert, dass sie ihren Kabuff verlassen und auf mich aufpassen muss. Zumal sie sich nachher auch noch die Treppe raufqu\u00e4len muss. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Hier sind alles Beschriftungen auf Bulgarisch, und man muss sich irgendwie einen Reim auf die Sachen machen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Unten gibt es S\u00e4bel, Kanonen, Flinten und ein riesiges eisernes Schloss mit Schl\u00fcssel. Dazu Zeitungen, Hefte, Kreuze in der typisch orthodoxen Form mit den vorhergehobenen Enden, einen Stempel und eine Ikone. Dass die Religion im Freiheitskampf eine Rolle gespielt hat, kann man sich vorstellen. Schlie\u00dflich waren die Besatzer Muslime. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Oben gibt es Abzeichen, Uniformjacken und ein gro\u00dfes Banner. Das hat alle m\u00f6glichen Insignien, die einen Bezug zur bulgarischen Identit\u00e4t haben m\u00fcssen: L\u00f6we, Krone, Inschriften auf Altkirchenslawisch und die Farben Gr\u00fcn, Rot und Wei\u00df \u2013 bis heute die bulgarischen Nationalfarben. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am interessantesten ist ein nachgebautes Klassenzimmer mit der Weste des Lehrers an einem Haken und dem Modell der ersten bulgarischen Schule in Varna, von 1860. Wenn Unterricht in der eigenen Sprache von eigenen Lehrern vorher wirklich verboten war, war dies nat\u00fcrlich ein Schritt zur Best\u00e4tigung der nationalen Identit\u00e4t. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An der Seite eine Tafel mit Buchstaben und Zahlen, zwei Alphabete, eins davon vermutlich Altkirchenslawisch. Und die Zahlen sind \u201eunsere\u201c Zahlen, also arabische. Ob im Osmanischen Reich andere Zahlen benutzt wurden?<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An der Wand ein l\u00e4ngeres Spruchband. Yordanka erkl\u00e4rt mir sp\u00e4ter, was es bedeutet. Man muss f\u00fcr jedes Ding seinen Platz haben und wissen, wo es ist. Im \u00fcbertragenden Sinne: Du musst wissen, wohin du geh\u00f6rst und muss dir diesen Platz verdienen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Sp\u00e4ter lese ich im Reisef\u00fchrer kurz nach, was der historische Hintergrund ist. Als Erweckungsmoment gilt die Publikation eines M\u00f6nchs auf dem Berg Athos, der nicht etwa gegen die Osmanen, sondern gegen die Griechen polemisierten, die die Kirche und das kulturelle Leben in Bulgarien dominierte. Der M\u00f6nch schreibt gegen das Unterlegenheitsgef\u00fchl der slawischen sprechenden Bulgaren gegen\u00fcber den Griechen an. Letztlich als Folge davon gewann dann die Bulgarische Kirche zuerst die Unabh\u00e4ngigkeit, vor dem Staat. Die Osmanen hatten nicht nach Ethnien unterschieden, sondern nach Religionen, Christen waren Christen, egal, ob Griechen oder Bulgaren. Es folgten dann verschiedene erfolglose Versuche der Bulgaren, sich politisch zu befreien. Das gelang erst mit der Hilfe von Russland, das dem Osmanischen Reich den Krieg erkl\u00e4rte und gewann. Dadurch wurde Bulgarien die wichtigste Macht auf dem Balkan. Das passte wiederum den Russen nicht. Es gab noch einiges Hin und Her, Ferdinand I., aus der Dynastie Sachsen-Coburg-Gotha, wurde K\u00f6nig (1887) und erkl\u00e4rte schlie\u00dflich die v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit Bulgariens und sich selbst zum Zaren (1908). Bis zum Ende des 2. Weltkriegs blieb Bulgarien konstitutionelle Monarchie. Erstaunlich, wie wenig man von all dem wei\u00df.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Vom Museum aus gehe ich auf denselben Weg zur\u00fcck. Hier war eins der Lokale, die im Reisef\u00fchrer empfohlen sind. Es ist eine Kette, auch im Zentrum habe ich sie schon gesehen. Ich habe aber vorher bei der Suche auch irgendwas gesehen, mit einer Speisekarte auf Bulgarisch drau\u00dfen. Ich finde es sofort wieder. Es ist das <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchurite<\/i>. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchurite<\/i> erweist sich als ein Volltreffer, in jeder Hinsicht. Man sitzt drau\u00dfen, in einem gesch\u00fctzten Innenhof. Das Haus hat unten Naturstein, oben schwarze Paneele. Die Sitze, die Tische und der Balkon sind aus schwarzem Holz, rustikal, und auf den Tischen liegen sch\u00f6ne gewebte Tischdecken, in leuchtendem Rot, mit farbigen Streifen dazwischen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Kellnerin ist freundlich und spricht gut Englisch. Sie \u00fcbersetzt die Speisekarte. Ich nehme eine Suppe, ein Reisgericht und Wein und Wasser. Die Suppe, Tarator, ist kalt, auf der Basis von Jogurt gemacht, mit vielen kleinen Gurkenst\u00fcckchen und kleinen Nussst\u00fcckchen, mit Dill und Oliven\u00f6l. Sie schmeckt gut, sieht sogar noch besser aus. Bei dem Hauptgericht, Reis mit gebratenen Schweinest\u00fcckchen,<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>ist es umgekehrt. Das sieht gut aus und schmeckt noch besser. Und der Wein, Logodaj, bulgarischer Rotwein, ist ebenfalls ausgezeichnet. Er kommt wohl aus Thrakien, an der Grenze zu Griechenland und Mazedonien. Das Ganze gibt es f\u00fcr sensationelle 24 BGN. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Und was ist mit <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchurite<\/i>? Die Kellnerin muss passen. Aber eine Frau an einem anderen Tisch, die jederzeit jeden Sch\u00f6nheitswettbewerb bestreiten k\u00f6nnte, erkl\u00e4rt: Es ist der Brunnen drau\u00dfen vor dem Tor. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Toilettent\u00fcren sind bezeichnet mit H und D. Exporte aus Deutschland? Und in dem Supermarkt, in dem ich unterwegs Halt mache, steht auf der Schranke am Eingang <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Herzlich Willkommen<\/i>. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg bitte ich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zwei Frauen, ein Photo von mir auf einer Bank zu machen, neben der Figur eines Mannes mit einer Rolle in der Hand. Sie sprechen Russisch mit mir. Ich solle doch erst einmal die unsch\u00f6ne Einkaufst\u00fcte unter der Bank zur Seite legen. Mach ich. Wer denn der Mann sei? Wissen sie auch nicht. Aber die entdecken irgendwo ein Schild: Architekt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann gehe ich in eine Wechselstube. Wieder l\u00e4uft alles glatt. Wieder gibt es denselben Betrag wie am ersten Tag. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An einem Platz steht an einem Brunnen die Statue eines Mannes, der einen Fisch in der Hand h\u00e4lt und ihn nachdenklich betrachtet. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Aber die Statue gef\u00e4llt mir. Und eine junge Frau macht ein Photo von mir neben der Statue. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Jetzt bleibt mir nur noch, den Busfahrplan f\u00fcr morgen zu studieren. Die Abfahrt zum Felsenkloster ist praktisch vor der Haust\u00fcr.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">9. Juli (Dienstag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die 500 Jahre Osmanischer Herrschaft haben in Bulgarien bis heute Spuren hinterlassen. Darunter haben die 750,000 t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bulgaren zu leiden, die hier leben. Sie sind immer wieder Gegenstand anti-t\u00fcrkischer Kampagnen, die sich gegen so harmlose Dinge wie eine zehnmin\u00fctige t\u00e4gliche Fernsehsendung auf T\u00fcrkisch wenden. Die inoffizielle \u201et\u00fcrkische\u201c Partei, korrupt und klientelistisch, tr\u00e4gt auch nicht gerade dazu bei, die Gem\u00fcter zu beruhigen. Jedenfalls geh\u00f6rt es zum bulgarischen Selbstverst\u00e4ndnis, dass die t\u00fcrkische Zeit eine Zeit der Willk\u00fcrherrschaft und Versklavung war. Der s\u00e4belrasselnde, b\u00f6sartige T\u00fcrke steht in der popul\u00e4ren Vorstellung<span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span>dem edlen, aufrichtigen Bulgaren gegen\u00fcber. Dieses Geschichtsbild ist Teil der bulgarischen Identit\u00e4t. Es ist ausgerechnet eine popul\u00e4re t\u00fcrkische Seifenoper, die jetzt Einblick in das t\u00fcrkische Erleben und Alltagsleben gew\u00e4hrt. Die bulgarischen Zuschauer leiden und bangen und hoffen mit den Protagonisten der Seifenoper und machen die erstaunliche Entdeckung: Die sind ja gar nicht so anders als wir!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Bus nach Aladzha, zum Felsenkloster, f\u00e4hrt nur einmal am Tag. Man sollte also tunlichst daf\u00fcr sorgen, dass man den kriegt. Yordanka hat mir den Weg zur Bushaltestelle beschrieben, aber den Namen des Platzes kann ich, wegen der lateinischen Transkription, weder auf der Karte noch im Internet finden, und die erste Frau, die ich unterwegs frage, kennt ihn nicht. Dann folge ich den Anweisungen Yordankas und komme zu einer Bushaltestelle, ohne Fahrpl\u00e4ne. Auf dem elektronischen Band erscheinen andere Linien, aber die nach Aladzha nicht. Eine junge Frau an der Haltestelle versichert mir, ja, das ist hier. Sie findet sogar die genaue Uhrzeit. Noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Ticketautomat im Bus bietet mir verschiedene Preise an, je nach Fahrzeit. Ich nehme wieder das f\u00fcr 2 BGN.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem R\u00fcckweg fahren wir an einem Fu\u00dfballstadion vorbei, wahrscheinlich die Stadien der Stadtrivalen <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Cherno More Varna<\/i> und <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Spartak<\/i> <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Varna<\/i>. Habe von beiden noch nie geh\u00f6rt.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der Bus wird immer voller. Es spricht kaum jemand. Es geht durch ein unansehnliches Gebiet, immer weiter aufw\u00e4rts, und zwischen den H\u00e4usern erwischt man hin und wieder einen Blick aufs Meer. Dann wird der Bus immer leerer, und die Landschaft wird immer gr\u00fcner. Am Ende ist nur noch eine \u00e4ltere Frau drin au\u00dfer mir, und sie macht mir klar: sitzen bleiben. Tats\u00e4chlich ist Aladzha die letzte Haltestelle. Der Bus dreht, und wir steigen aus.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es geht \u00fcber einen sch\u00f6nen gepflegten Weg in den Wald hinein, und bald steht man vor dem Eingang. Noch geschlossen. Eine Familie mit Kindern wartet auch auf den Einlass. Vor dem Eingang gibt es einen gut funktionierenden Getr\u00e4nkeautomaten. Am Eingangstor stehen die Preise, auf Bulgarisch, Russisch und Englisch. Dabei f\u00e4llt auf, wie \u00e4hnlich sich Bulgarisch und Russisch sind. Manchmal ist nur die Endung anders, wie bei den Studenten: \u0441\u0442\u0443\u0434\u0435\u043d\u0442\u0438 = \u0441\u0442\u0443\u0434\u0435\u043d\u0442\u044b. Auch bei den Kindern ist die Wurzel gleich: \u0434\u0435\u0446\u0430 = \u0434\u0435\u0442\u0438.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zuerst geht es ins Museum. Die Darstellung f\u00e4ngt bei Adam und Eva an, in diesem Fall dem Beginn der bulgarischen Arch\u00e4ologie. \u00dcber das Felsenkloster erf\u00e4hrt man nicht so arg viel, aber es gibt ein paar schematische Darstellungen, die es einfacher machen, sich das alles vorzustellen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Felsenkloster wurde vermutlich im 12. Jahrhundert gegr\u00fcndet. Die M\u00f6nche geh\u00f6rten einer Bewegung an, die ganz auf R\u00fcckzug, Einfachheit und Kontemplation setzten. Das Wort Aladzha ist eine sp\u00e4tere Benennung, aus dem Persischen, wem das Kloster urspr\u00fcnglich gewidmet war, wei\u00df man nicht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zuerst geht es zu den \u201eKatakomben\u201c. Die werden hier immer in Anf\u00fchrungszeichen gesetzt, weil man nicht so recht wei\u00df, was sie waren. Wohl eher ein Beinhaus. Das scheint aber mit dem Kloster nichts zu tun zu haben, es ist viel \u00e4lter. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es ist eine ganz sch\u00f6ne Strecke bis dahin, und viel zu sehen gibt es nicht, aber die Atmosph\u00e4re, hier, ganz alleine, in praktisch unber\u00fchrter Natur, nur begleitet von den Grillen und ein paar bunten Schmetterlingen und Tausenden von winzigen Wespen, die man eher h\u00f6rt als sieht, hinterl\u00e4sst ihren Eindruck. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Man befindet sich hier, wie h\u00e4ufig in Bulgarien, im \u201eUrwald\u201c. Hat nat\u00fcrlich nichts zu tun mit dem tropischen Regenwald, wohl aber mit einem Wald, der \u201enat\u00fcrlich\u201c gewachsen ist, nicht das Resultat von Aufforstungen ist. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann geht es zum Kloster. Man steht pl\u00f6tzlich vor einer hoch aufragenden Felswand, mit ein paar H\u00f6hlen und ein paar Felsvorspr\u00fcngen, aber ansonsten ganz glatt, von der Natur geformt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Von unten sieht der Stein ganz leicht gr\u00e4ulich aus, aber oben in der Sonne wirkt er strahlend wei\u00df. Es scheint sich um einen ziemlich por\u00f6sen Kalkstein zu handeln, mit lauter waagerecht \u00fcbereinander geschachtelten Platten.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Links gibt es eine Treppe, \u00fcber die man in die verschiedenen \u201eStockwerke\u201c kommt. Im unteren ist haupts\u00e4chlich die Kirche. Oder war. Man sieht noch einzelne Farbreste und ein paar verblasste Inschriften. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Oben sind verschiedene Kapellen. Man kann auf dem Ger\u00fcst an der Felswand entlang gehen und von hier in der Ferne auf das Meer sehen. Und stellt fest, wie sich die Besucher hartn\u00e4ckig weigern, der Bitte zu entsprechen, die hier keine Bittzettel aufzustellen. Jede kleine Nische ist voll davon. Und auf den Platten liegen M\u00fcnzen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann geht es durch einen fast verborgenen Gang in das Zwischengeschoss. Hier sind die Zellen \u2013 die des Abts etwas gr\u00f6\u00dfer als die der M\u00f6nche! \u2013 das Refektorium, eine \u201eKrypta\u201c. Vorstellen kann man sich das alles nicht, schon gar nicht, wie man in den \u201eZellen\u201c gelebt haben kann, aber beeindruckend ist es allemal. Als ich die Treppe runter gehe, sp\u00fcre ich schon meine Waden. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zur\u00fcck f\u00e4hrt der Bus auch nur einmal am Tag, und zwar um sieben Uhr am Abend. Der Reisef\u00fchrer empfiehlt eine Wanderung durch den Wald, die irgendwo unten an der Landstra\u00dfe endet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Mit einem etwas flauen Gef\u00fchl im Magen trete ich die Wanderung an. Ob ich den Weg wohl finde? Es gibt verschiedene Routen, und anfangs bin ich v\u00f6llig verwirrt, aber dann ist es mit der Kennzeichnung an den B\u00e4umen in unterschiedlichen Farben doch ganz einfach. Aber aufpassen muss man doch. Jede falsche Abbiegung kann gr\u00f6\u00dferes Ungemacht bedeuten. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die hohen B\u00e4ume sch\u00fctzen einen ganz gut vor der Sonne, aber die Luft ist trocken und warm. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem ganzen Weg kommen mir nur drei Menschen entgegen, darunter eine K\u00e4uferin und ein \u201erichtiger\u201c, voll ausgestatteter Wanderer. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Kr\u00e4fte schwinden schneller, als mir lieb ist, obwohl der Weg nicht unbequem ist, aber es geht f\u00fcr meine Gef\u00fchle etwas zu oft bergauf. Au\u00dferdem ist irgendwann das Wasser alle. Man freut sich, wenn hin und wieder ein Windsto\u00df durch den Wald f\u00e4hrt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Hinter jeder Biegung hofft man, auf eine Lichtung zu kommen, um mal was anderes als Wald zu sehen, wir aber immer wieder entt\u00e4uscht. Von dem, was der Reisef\u00fchrer angibt \u2013 Strommast, Blick aufs Meer, Picknickplatz \u2013 ist nichts zu sehen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann sieht man irgendwann zwischen den B\u00e4umen hindurch das Wasser glitzern, und bald darauf tritt man aus dem Wald heraus und hat weit unter sich das Meer liegen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Jetzt wird der Weg aber ganz schmal, und es geht steil bergab. Au\u00dferdem ist man schutzlos der Sonne ausgesetzt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Irgendwann kommt ein kleiner Ort, mit einer Baustelle, an der ein neues Haus gebaut wird. Ich zwinge mich zwischen den Maschinen und Ger\u00e4ten durch, aber kurz danach ist der Weg zu Ende. Ich muss wieder rauf. Dann kommt eine Asphaltstra\u00dfe in Sicht, und die f\u00fchrt hinunter an die Landstra\u00dfe, und dort ist eine Bushaltestelle. Geschafft!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Haltestelle hat eine Bank, aber kaum Schatten und keinen Fahrplan. Und es tut sich eine ganze Zeitlang nichts. Ob dies \u00fcberhaupt eine Bushaltestelle ist? Zwischendurch h\u00e4lt ein Taxi, aber unsere Verhandlungen verlaufen im Nichts.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann kommt der Bus doch noch. Ich bin der einzige Passagier, und der Fahrkartenautomat funktioniert nicht. Das scheint den Busfahrer aber nicht weiter zu interessieren.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Als ich zu Hause ankomme, freue ich mich \u00fcber zwei Dinge: dass die Wohnung eine Waschmaschine hat und dass im K\u00fchlschrank eine eiskalte Wassermelone auf mich wartet. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Sp\u00e4ter gehe ich ins <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Staria Chinar<\/i>, auch im Reisef\u00fchrer empfohlen. Es ist eine Kette, auch in anderen St\u00e4dten vertreten, und mit mehreren Filialen in Varna. Das empfohlene Lokal ist am Hafen, aber ich bin zu faul und nehme das erste Beste, am Eingang zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Lokal ist gro\u00df, modern eingerichtet, mit st\u00f6render Musik aus dem Lautsprecher. Der Kellner reicht mir die Speisekarte und sagt dabei \u201ePlease\u201c. Eine Form des internationalen Englisch\u2018, die es im Englischen selbst nicht gibt und die sich immer weiter verbreitet.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Als typisch bulgarisch wird mir Kebab empfohlen, aber das nehme ich dann doch nicht. Das Lokal gef\u00e4llt mir nicht, und die Preise schon gar nicht, aber die Speisen sind gut, sehr gut. Der Salat hat ganz normale Zutaten, aber er ist doch ein Hit wegen des intensiven Geschmacks der Gurken und der Tomaten. Die schmecken einfach besser als bei uns. Der gebackene Ziegenk\u00e4se hat einen ganz d\u00fcnnen Teigmantel und wird mit einer pikanten Tomatenso\u00dfe serviert. Gut, aber zu teuer (42 BGN). Bei der Rechnung schl\u00e4gt vor allem das Glas Rotwein zu Buche. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Internet hilft mir, den Namen des Restaurants zu verstehen: <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Staria Chinar<\/i> ist <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Die Alte Sykomore<\/i>. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">10. Juli (Mittwoch)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Im 1. Balkankrieg (1912) k\u00e4mpften Bulgaren, Griechen, Serben und Montenegriner gemeinsam gegen die T\u00fcrken und deren Herrschaft auf dem Balkan. Erfolgreich. Und was passierte dann? Die Sieger konnten sich nicht einigen und bek\u00e4mpften sich gegenseitig. Es kam zum 2. Balkankrieg. F\u00fcr Bulgarien endete das in einer nationalen Katastrophe. Und dann kam schon bald der 1. Weltkrieg. 1915 erkl\u00e4rte Bulgarien auf Seiten der Mittelm\u00e4chte Serbien den Krieg. Die bulgarische Armee wurde zum 3. Mal in 4 Jahren mobilisiert. Die Zahl der Opfer war enorm.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Nach dem verlorenen Krieg war dem Land ein drastischer Friedensvertrag aufoktroyiert worden, der, \u00e4hnlich wie in der Weimarer Republik, als \u201eSchandfrieden\u201c, als Diktat, als Diskriminierung empfunden wurde. Das ist bei uns so gut wie unbekannt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Heute geht es schon am fr\u00fchen Morgen zum Meer. Auch um diese Zeit sind schon welche im Meer und am Strand, aber die meisten einzeln oder zu zweit. Es ist schon 28\u00b0 warm. Man sieht hier sehr sch\u00f6n, dass man sich in einer Bucht befindet. Zu beiden Seiten wird sie von Landarmen mit gr\u00fcnen H\u00fcgeln umfasst. Auch, wenn es hier keine Hotels gibt, zieht sich doch den ganzen Strand die lange Reihe von Strandlokalen entlang, einige davon riesengro\u00df.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es ziehen ein paar Wolken auf, und im Laufe des Tages wird es immer schw\u00fcler.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Da ich jetzt schon so oft an der Nikolaj-Kirche vorbeigekommen bin, gehe ich jetzt auf dem Weg ins Zentrum mal rein. Sie ist wie eine verkleinerte Version der Kathedrale, auch mit gro\u00dffl\u00e4chigen Bemalungen. Ist aber gr\u00f6\u00dfer, als man von au\u00dfen glauben k\u00f6nnte.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In der Touristeninformation eine freundliche Frau, die mir den Weg zum Museum der Optischen Illusionen erkl\u00e4rt. Sie muss erst selbst nachgucken, es sei ein neues Museum.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Eingang zur Unterf\u00fchrung gebe ich einer Bettlerin eine M\u00fcnze. Am Ausgang der Unterf\u00fchrung wartet ein Bettler und bittet um Geld. Aber die Frau, die an einem improvisierten Stand ihm gegen\u00fcber ihre Ware anbietet, br\u00fcllt ihn und mich gleichzeitig an. Er solle verschwinden, ich solle ihm kein Geld geben, er w\u00fcrde sich nur Alkohol davon kaufen. Das Argument hat mir noch nie eingeleuchtet. Ich gebe selbst auch viel Geld f\u00fcr Unsinniges aus, auch f\u00fcr Alkohol. Warum soll der Bettler das nicht auch tun d\u00fcrfen? Leider lasse ich mich von der Lautst\u00e4rke und der Entschiedenheit der Frau beeindrucke und stecke das Portemonnaie wieder in die Tasche. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An einer Ecke frage ich eine Frau mit ziemlich verstelltem Gesicht, wohl Frage eines Schlaganfalls, nach dem Weg. Sie antwortet in gutem Englisch. Ihre Gesichtsz\u00fcge verziehen sich zu dem, was man als ein L\u00e4cheln interpretieren kann.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Museum der Optischen T\u00e4uschungen ist hochmodern und vermutlich privat gef\u00fchrt. Entsprechend wird hier abkassiert, und ich kann von Gl\u00fcck sagen, dass es Seniorenrabatt gibt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Der junge Mann an der Kasse begleitet mich und erkl\u00e4rt mir ein Exponat nach dem anderen, teils in mehr Ausf\u00fchrlichkeit, als mir lieb ist. Vor allem soll ich st\u00e4ndig Photos von mir machen lassen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Einiges ist Spielerei, einiges ist eher f\u00fcr Kinder, einiges ist echt interessant, einiges ist bekannt. Dazu z\u00e4hlen der Elefant mit den vielen Beinen, die Profile der beiden Frauen, bei denen der Zwischenraum zwischen den Gesichtern pl\u00f6tzlich zu einer Vase wird, die schwarz-wei\u00dfen Balken, die aus der Entfernung pl\u00f6tzlich aus dem Bild heraustreten und dreidimensional werden. Oft wird man an den unvergleichlichen Escher erinnert. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zwei schr\u00e4g zueinander stehende Kissen sind grau und wei\u00df, aber wenn man die Hand dazwischen legt, nehmen sie die gleiche Farbe an. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ein stehendes Pferd beginnt zu laufen, wenn man ein Blatt mit schwarzen Gittern dar\u00fcber zieht. Und eine Inschrift liest sich von rechts als <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Museum<\/i> und von links als <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Illusions<\/i>. Eine auf einer Glasscheibe angebrachte Gruppe von Tassen sieht in dem dahinter angebrachten Spiegel rund aus, aber wenn man die Scheibe bewegt, werden aus den runden Tassen eckige Tassen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Was mir gut gef\u00e4llt, sind die Bilder, die auf den Kopf gestellt, pl\u00f6tzlich eine ganz andere Sicht ergeben, wie der b\u00e4rtige Mann, der zu einem Huhn wird, das im Boden nach K\u00f6rnern pickt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In einem Raum ist ein Esstisch aufgebaut mit Tellern und Besteck und einer Zeichnung des Speiseraums an der Wand. Man setzt sich auf einen Stuhl, und im Photo wird man zu einem Teil des Bildes. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In einem anderen Raum scheint man auf dem Kopf zu stehen. Wahrscheinlich w\u00e4ren solche Effekte in der Zeit vor dem Internet viel sensationeller gewesen. Jetzt \u00fcberrascht einen gar nichts mehr. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Interessant auch ein Frosch in einer Schale, der aus der Schale herausguckt, wenn man nahe dran ist und dann verschwindet, wenn man sich abwendet. Wenn die Glaskugel entfernt wird, unter der alles steht, sieht man den Frosch unmittelbar vor sich, aber wenn man ihn mit dem Finger ber\u00fchren will, ist das gar nichts. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ganz interessant auch eine Weltkugel, die in der Luft zu schweben scheint und weder unten noch oben irgendwo befestigt ist.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Nach dem Museum mache ich im Caf\u00e9 gegen\u00fcber, das so \u201eeurop\u00e4isch\u201c ist, wie es nur sein kann, eine kurze Pause. Dann geht es weiter zum Puppenmuseum.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das ist ganz zentral, aber nicht einfach zu finden. Als ich da bin, komme ich erst an zwei verschlossene Eing\u00e4nge an dem Gitter, das das Gel\u00e4nde umgibt und dann zu einem Eingang, der aber nicht ins Museum, sondern ins Puppentheater f\u00fchrt. Ich muss noch einmal ganz rum und lande wieder vor einem geschlossenen Gitter. Erst nach einiger Zeit merke ich, dass man hier klingeln muss. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bei dem Puppenmuseum handelt es sich eigentlich um ein Marionettenmuseum, dem Marionettentheater angeschlossen, das seit 1952 existiert und am Wochenende regelm\u00e4\u00dfig Auff\u00fchrungen hat, teils auch drau\u00dfen vor dem Museum.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Alle Beschriftungen sind auf Bulgarisch, aber die Marionetten sprechen ihre eigene Sprache. Erstaunlich die Vielfalt, was die Gr\u00f6\u00dfe, die Machart und das Aussehen betrifft. Sie sind offensichtlich als Ensemble angeordnet, so, wie sie in den verschiedenen Auff\u00fchrungen zum Einsatz kamen. Sieht so aus, als w\u00fcrden immer wieder neue Marionetten hergestellt. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es gibt l\u00e4ngliche, feingliedrige Puppen mit stilvollen Gew\u00e4ndern und ganz einfache, rundliche, bemalte, ohne Gew\u00e4nder. Einer mit unb\u00e4ndigem rotem Haar und langer Nase muss wohl eine Art bulgarischer Pumuckl sein. Bei einer weiblichen Figur sieht man erst aus der N\u00e4he, dass die Haarpracht aus gedrehten B\u00e4ndern besteht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">K\u00f6nig und Prinzessin, lange Figuren mit w\u00fcrdevollen Gesichtern, sind genauso vertreten wie ein Hanswurst und b\u00f6se Feen mit d\u00fcsteren Mienen. Auch Tiere sind vertreten, darunter V\u00f6gel mit dicken, nach unten gebogenen Nasen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Namen der St\u00fccke sind wunderbar suggestiv: <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Der hinkende kleine Hahn<\/i>, <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Die Nachtigall<\/i>, <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Der Fischer und der alte Fisch<\/i>, <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Der sch\u00f6nste Krieg<\/i>. Auch <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Ein<\/i> <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Mittsommernachtstraum<\/i> ist vertreten, und als ich den Titel lese, verstehe ich pl\u00f6tzlich auch, was der L\u00f6we und der Esel dort zu suchen haben. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In einer Weihnachtsgeschichte steht ein wunderbar nachdenklicher Josef neben der Krippe, und die Heiligen Drei K\u00f6nige sehen wirklich wie persische Astronomen aus, w\u00e4hrend Herodes von einem Stuhl hinten die Szene beobachtet.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">In einer Vitrine sind Urkunden ausgestellt, darunter eine von den Internationalen Puppentagen in Mistelbach. Wo das wohl ist? <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Vom Museum ist es nicht weit zum <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchurite<\/i>. Dort erfahre ich, das <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchurite<\/i> Plural ist. Unterwegs haben die Leute oft <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Chuchura<\/i> gesagt. Das ist Singular. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Wieder gibt es den leckeren Wein, dazu einen Salat mit gebratenem Speck und einem verlorenen Ei, und dann ein unbekanntes Gericht, das \u043a<a name=\"_Hlk171753631\">\u0430\u0442<\/a>\u044a\u043a hei\u00dft. Bedeutet wohl so etwas wie Sauermilch. Was serviert wird, sind kleine B\u00e4llchen mit einem intensiven Geschmack nach K\u00e4se, mit Oliven und Toastbrot. Sieht nach nichts aus, ist aber echt s\u00e4ttigend. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg gehe ich zur Abwechslung am Ende der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone mal durch einen kleinen Park, der auch auf die <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Tsar Osvoboditel<\/i> f\u00fchrt. In diesem Park steht eine Statue von Gandhi. Der ist einfach \u00fcberall vertreten. Bei allem Respekt: Ob er so viel Verehrung verdient, ist doch zweifelhaft. Im Ausland hat kaum jemand Zweifel daran, in Indien sieht man das durchaus differenzierter. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><u><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">10. Juli (Donnerstag)<\/span><\/u><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Die Bulgaren trauern dem Kommunismus nicht nach, aber die gro\u00dfen Erwartungen haben sich nicht erf\u00fcllt. Es herrscht ein Gef\u00fchl der Entt\u00e4uschung vor. Korruption und Schattenwirtschaft gibt es weiterhin, und ein Teil der kommunistischen Elite hat sich an Land gezogen, was fr\u00fcher dem Staat geh\u00f6rte. Dazu kommt der Wegfall der UdSSR als wichtigstem Handelspartner. Bis 1989 kam noch 90% des Roh\u00f6ls aus der UdSSR.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Weitgehend unbemerkt vom Westen gab es 2013 eine monatelange Protestwelle, mit Hundertausenden von Demonstranten in vielen St\u00e4dten. Stra\u00dfen wurden blockiert, Stromrechnungen wurden verbrannt, der R\u00fccktritt der Regierung wurde gefordert. Die trat tats\u00e4chlich zur\u00fcck, wurde aber wiedergew\u00e4hlt. Es kam ein wirtschaftlicher Aufschwung, aber der wurde dann von der Pandemie blockiert. Von all dem merkt man hier im sommerlichen Varna nichts. Die Menschen sind gut gekleidet, gehen aus und flanieren mit ihren Familien durchs Zentrum. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Heute geht es wieder fr\u00fch an den Strand. Dasselbe Panorama wie gestern, aber etwas voller. Zwischen den Sonnenanbetern liegt auch ein Obdachloser. Der Strand ist in den Sommermonaten vermutlich keine schlechte Alternative.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Im Wasser betreiben einige M\u00f6wen Surfing. Sie liegen still auf dem Wasser und gleiten elegant an den Wellen auf und ab. Sie scheinen ihr Tageswerk schon getan zu haben. Jedenfalls sind sie ganz ruhig, wie auch ihre Artgenossen, die \u00fcber das Wasser oder den Strand kreisen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich schwimme diesmal etwas weiter die Bucht entlang, bis zu einem riesigen Lokal, das wie ein gestrandetes Schiff aussieht, dessen Bug fast bis ins Wasser reicht. Am Strandabschnitt dahinter ist es um einiges voller. Vielleicht gibt es hier doch Hotels oder Ferienwohnungen.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg hole ich mir bei Iglika eine Banitsa. Die zwei jungen Frauen hinter mir in der Schlange erkl\u00e4ren mir, dass das, was ich f\u00fcr Kirsche gehalten habe, Hot Dog ist. Also nehme ich eine mit Apfel. Schmeckt auch gut, aber kein Vergleich zu den herzhaften von neulich.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ein Gesch\u00e4ft ganz in der N\u00e4he der Wohnung gibt mir R\u00e4tsel auf. Drau\u00dfen an der Schaufensterscheibe steht \u043a\u0430\u0444\u0435. Bedeutet das <i style=\"mso-bidi-font-style:\nnormal\">Caf\u00e9<\/i> oder <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Kaffee<\/i>? In der Auslage sind ganze Regale voller T\u00fcten mit Maisk\u00f6rnern und Nusskernen und \u00e4hnlichem. Daneben ein paar Flaschen Oliven\u00f6l. Hinter der Theke gibt es Automaten. Kann sein, dass dort Kaffee gemahlen wird. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Vorhaben, zum Steinwald zu fahren, gebe ich auf. Wieder drei Kilometer an der Landstra\u00dfe entlang und dann ein Gel\u00e4nde ohne einen Baum \u2013 da komme ich lieber noch mal wieder und verbringe den letzten Tag in Varna \u2013 ohne Programm!<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es geht in den <span style=\"mso-bidi-font-style:italic\">Meeresgarten<\/span>. Dort sto\u00dfe ich auf eine Ecke, wo exotische B\u00e4ume angepflanzt worden sind. Identifizieren kann ich aber nur die Kakteen und die Zedern \u2013 wo sich die sibirischen, japanischen und karibischen B\u00e4ume verbergen, wei\u00df ich nicht.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Daf\u00fcr sto\u00dfe ich unverhofft auf einen \u201eSteinwald\u201c, in Miniatur. Sieht genauso aus <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Kobiti Kamani<\/i>, die geheimnisvoll aus der Erde herauswachsenden steinernen Stelen. Auch hier sieht es ganz so aus, als w\u00fcrden sie nat\u00fcrlich gewachsen sein. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Bei den B\u00e4umen sto\u00dfe ich sp\u00e4ter auf einen, leider nur einen, der ausdr\u00fccklich gekennzeichnet ist, den <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Cercis<\/i> <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">siliquastrum<\/i>, den \u201eJudasbaum\u201c, der popul\u00e4ren Vorstellung zufolge der Baum, an dem Judas sich aufgeh\u00e4ngt haben soll. Erst jetzt sehe ich, dass ein ganzes Geflecht \u00fcberirdischer Wurzeln, die teils auf St\u00fctzen liegen, auch zu diesem Baum geh\u00f6ren. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Immer wieder treffe ich auf Skulpturen, so unterschiedlich, wie sie nur sein k\u00f6nnten, darunter eine Parkbank, die sich am Ende in ein geschwungenes Herz verwandelt. Ganz anders die Figur von zwei Schwimmern, bei denen der Mann wohl ins Wasser springt, dabei aber aussieht, als w\u00fcrde er der Frau seine Reverenz erweisen, mit einer tiefen Verbeugung. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann kommt die Figur eines Mannes mit einem orientalisch gedrechselten Bart, den Kopf leicht nach oben ger\u00fcckt, mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Unten auf dem Sockel steht <span style=\"font-variant:small-caps\">\u0437\u0432\u0435\u0437\u0434\u043e\u0431\u0440\u043e\u0435\u0446.<\/span> Es bedeutet sowohl \u201aSternengucker\u2018 als auch \u201aTr\u00e4umer\u2018. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Es geht immer weiter den Park runter Richtung Osten, bis an einer Biegung ein \u00e4lteres Haus erscheint \u2013 das Naturkundemuseum. Hier f\u00fchrt der Weg runter, direkt an den Strand. Ich habe aber immer noch nicht das Ende der Bucht oder das Ende des Parks erreicht. Ein anderer Weg f\u00fchrt noch weiter raus. Dort liegen der Zoo und das Delphinarium. Der Park muss riesig sein.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Ich lasse mich treiben und komme an einen k\u00fcnstlichen See mit Vergn\u00fcgungspark f\u00fcr Kinder, mit Tretbooten, H\u00fcpfburgen und sogar einem Kettenkarussell. Hier bestelle ich in einem Caf\u00e9 Wasser und Kaffee. In der Speisekarte ist aus einem <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\"><span style=\"text-transform:uppercase\">\u043a<\/span>\u0430\u0444\u0435 <span style=\"text-transform:uppercase\">\u043b<\/span>\u0430\u0442\u0435<\/i> im Englischen ein <i style=\"mso-bidi-font-style:normal\">Late Coffee<\/i> geworden. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann geht es in die andere Richtung. Ich komme am Aquarium vorbei. Das ist wohl ge\u00f6ffnet, sieht aber ein bisschen verwahrlost aus. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Davor ein Modell des Schwarzen Meeres. Nicht ein kleines Holzmodell auf einer St\u00fctze, sondern ein in die Erde eingelassenes, gro\u00dfes Modell aus Stein. Leider hat das Schwarze Meer kein Wasser. Das nimmt der Anlage etwas den Reiz. Man sieht aber deutlich, dass das Ufer hier, wo ich stehe, in der N\u00e4he von Burgas, am westlichen Ende, viel flacher ist als am entgegengesetzten Ende, in Georgien. Der n\u00f6rdlichste Punkt ist in der Ukraine, der s\u00fcdlichste in der T\u00fcrkei. Ein wahrhaft internationales Meer.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An einer Br\u00fccke ist das Wappen von Varna angebracht, mit zwei L\u00f6wen. Hier steht Varna in kyrillischen Buchstaben, auf den Kanaldeckeln in lateinischen Buchstaben, wei\u00df der Henker, warum.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Zuf\u00e4llig entdecke ich einen Baum mit einem mehrgliedrigen Stamm, der inzwischen einen Stein, der hier wohl in der Gegend herumlag, in den Baum integriert hat. Dazu gibt es ein ganz bekanntes Pendant in Kreta, wo ein Baum im Laufe der Jahrhunderte einen Gedenkstein aus der Antike in sich aufgenommen hat. Auch hier sieht es nach einem nat\u00fcrlichen Prozess aus. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Als ich einmal nach oben gucke, sehe ich ein paar Turnschuhe, die oben an einen Ast gebunden sind. Dann sehe ich noch eins und noch eins und noch eins. An dem benachbarten Laternenpfahl h\u00e4ngt auch eins. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann komme ich zu einer kurzen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, der Wunschbr\u00fccke. Wenn man sie geschlossenen Auges \u00fcberquert, wird ein Wunsch wahr, an den man in dem Moment denkt. An W\u00fcnschen mangelt es nicht, aber ich schaffe es nicht \u00fcber die Br\u00fccke. Immer wieder \u00f6ffne ich unwillk\u00fcrlich die Augen, bevor ich am anderen Ende angelangt bin. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Dann tauchen pl\u00f6tzlich Kriegsger\u00e4tschaften auf, zun\u00e4chst eine riesige Kanone, aufs Meer gerichtet. Dann ein U-Boot, Schiffsschrauben, ein Auto mit Ladefl\u00e4che und im Hintergrund ein Hubschrauber \u2013 das Marinemuseum. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Schlie\u00dflich komme ich da an, wo ich dieser Tage schon mal gelandet bin \u2013 am Hafen. Ich habe das Ende des Parks erreicht. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Durch ein paar verwinkelte Stra\u00dfen geht es Richtung Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Da liegt, direkt an der Stra\u00dfe des 8. Novembers, ein sch\u00f6n unter Sonnenschutz gelegenes Restaurant. Speisekarte auf Bulgarisch. Da z\u00f6gere ich nicht. Mithilfe der Bulgaren am Nebentisch finde ich heraus, dass der Name des Lokals, \u043a\u044a\u0449\u0430\u0442\u0430, ganz einfach \u201aHaus\u2018 bedeutet. Und das Wort davor, \u043c\u0435\u0445\u0430\u043d\u0430, bedeutet einfach \u201aWirtschaft\u2018. Die Leute am Nachbartisch beantworten meine Fragen h\u00f6flich, aber ohne Interesse, und als sie kurz darauf aufbrechen, gehen sie gru\u00dflos davon. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Das Essen ist ausgezeichnet. Es gibt gebackenen K\u00e4se mit Walln\u00fcssen und Honig, und dann Schweinefilet in kleinen St\u00fccken mit Pilzso\u00dfe. Dazu Kartoffeln nach Art des Hauses. Das sind Wedges aus dem Backofen. Dazu kaltes bulgarisches Bier.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Als ich auf das Essen warte, f\u00e4llt mein Blick wieder auf einen Zettel, den ich schon gleich am Anfang gesehen habe. Jetzt geht mir auf einmal ein Licht auf: Nicht die Katzen f\u00fcttern. Davor steht \u043c\u043e\u043b\u044f. Das muss bitte hei\u00dfen. Habe ich schon \u00f6fter geh\u00f6rt in den letzten Tagen. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">An den Fenstern des gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4udes steht auf Aufklebern h\u00e4ufig wiederholt das Wort \u0413\u0415\u0420\u0411 \u2013 GERB. Das ist die Partei, die in Bulgarien seit langem das Sagen hat. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Auf dem R\u00fcckweg mache ich Halt an einem Eisstand, an dem auch Fruchts\u00e4fte verkauft werden. Ich nehme, gegen den Rat des Verk\u00e4ufers, Zitrone. Und bereue es bald. Viel zu sauer.<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">Am Abend geht es noch einmal ins Meer, und am n\u00e4chsten Morgen auch noch mal. Damit hat die Woche am Schwarzen Meer einen passenden Ausklang gefunden. <\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\"><span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0 <\/span><span style=\"mso-spacerun:yes\">\u00a0\u00a0<\/span><\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:11.0pt;line-height:115%;font-family:\n&quot;Calibri&quot;,sans-serif;mso-ascii-theme-font:minor-latin;mso-hansi-theme-font:\nminor-latin;mso-bidi-font-family:&quot;Times New Roman&quot;;mso-bidi-theme-font:minor-bidi;\nmso-font-kerning:0pt\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size:16.0pt;line-height:115%\">\u00a0<\/span><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. 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