{"id":11665,"date":"2024-10-10T09:30:58","date_gmt":"2024-10-10T07:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11665"},"modified":"2024-10-15T06:44:16","modified_gmt":"2024-10-15T04:44:16","slug":"alcala-de-henares","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11665","title":{"rendered":"Alcal\u00e1 de Henares (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>10. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wo liegt eigentlich Alcal\u00e1? Bin ich in den letzten Wochen mehrmals gefragt worden. Antwort: In der N\u00e4he von Madrid. Fr\u00fcher h\u00e4tte die Frage gelautet: Wo liegt eigentlich Madrid? Antwort: In der N\u00e4he von Alcal\u00e1. Madrid war zwar nicht das unbedeutende Mancha-Dorf, als das es manchmal gesehen wird \u2013 Madrid hatte schon im Mittelalter eine Stadtmauer \u2013 aber es wurde von Alcal\u00e1 deutlich \u00fcberragt. Dessen Universit\u00e4t war eine der renommiertesten in Spanien, und im Goldenen Zeitalter studierten sie alle hier: Quevedo, Nebrija, Lope de Vega, Calder\u00f3n de la Barca, Tirso de Molina, Fray Luis de Le\u00f3n und andere. Und ganz nebenbei ist Alcal\u00e1 auch noch der Geburtsort von Cervantes. Dessen Geburtshaus steht noch, oder jedenfalls Reste davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Einwohnerbezeichnung, <em>el<\/em> <em>gentilicio<\/em>, von Madrid <em>madrile\u00f1os<\/em> lautet und die von Barcelona <em>barceloneses<\/em> und die von Valencia <em>valencianos<\/em>, wie hei\u00dft dann die von Alcal\u00e1? &nbsp;<em>Complutenses<\/em>! Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese scheinbare Abweichung liegt im lateinischen Namen von Alcal\u00e1, <em>Complutum<\/em>. So spricht man eben auch von der <em>Universidad Complutense. <\/em>Allerdings ist die gar nicht in Alcal\u00e1, sondern in Madrid. Als man im 19. Jahrhundert die Universit\u00e4t dorthin verlegte, nahm man den Namen gleich mit. Heute ist die Complutense die renommierteste der drei gro\u00dfen Universit\u00e4ten Madrids.<\/p>\n\n\n\n<p>Alcal\u00e1 liegt am \u00e4u\u00dfersten \u00f6stlichen Rand der Comunidad de Madrid, also des Bundeslandes. Hierher bin ich gestern nach einem verregneten Tag in Madrid mit dem Nahverkehrszug gekommen. Bis dahin hatte ich schon festgestellt, dass ich meine Karte f\u00fcr die Metro und meine Karte f\u00fcr die Renfe abgelaufen waren. Es mussten neue gekauft und aufgeladen werden. Das ging allerdings glimpflich aus. Die Karte f\u00fcr die Renfe kostete einschlie\u00dflich der Fahrkarte nach Alcal\u00e1 3,90 \u20ac. Allerdings l\u00e4sst der Zug sich auch Zeit. F\u00fcr die 40 Kilometer braucht er 55 Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>In Atocha, dem riesigen, aber \u00fcbersichtlichen Bahnhof, war richtig viel los. Ich musste den ersten Zug passieren lassen, er war rappelvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Gel\u00e4nder sind in den verschiedenen Sprachen Spaniens unterschiedliche Denkspr\u00fcche angebracht, die an den Terroranschlag in diesem Bahnhof von 2004 erinnern. Darunter: <em>Nadie muere mientras alguien le recuerde \u2013 Niemand stirbt, solange sich jemand an ihn erinnert. <\/em>Wie lange wird das bei uns sein? Zwei Generationen? Oder nur eine?<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Zug erwische ich sogar einen Sitzplatz. Das System bei den Z\u00fcgen in Spanien folgt dem der Metro. An den Drehkreuzen bei der Abfahrt und bei der Ankunft steckt man seine Fahrkarte ein. Dadurch er\u00fcbrigt sich die Kontrolle im Zug.<\/p>\n\n\n\n<p>In Alcal\u00e1 bin ich bei einer \u00e4lteren Dame untergebracht, Rosa, in einem winzigen Kinderzimmer, dessen Protagonist der Enkelsohn ist. Er ist hier mit \u00fcber 40 Photographien vertreten. Er muss sich den Platz teilen mit Johannes Paul II., allen m\u00f6glichen Schutzengeln und dem Don Quijote, dessen tausendseitige Geschichte hier in 40 Comic-Strips erz\u00e4hlt wird. Das Passwort f\u00fcr das Internet ist aus den beiden Vornamen des Enkels zusammengesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bett ist etwas kurz geraten, und die Bettfedern quietschen bei jeder Bewegung. Das Bettende dient gleichzeitig als Schreibtischstuhl, denn zwischen Bett und Schreibtisch ist kein Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Flug nach Madrid sind mir zwei Dinge aufgefallen. Erstens, dass die Distanz nach Madrid nur 1400 Kilometer betr\u00e4gt. Luftlinie. \u00dcber die Stra\u00dfe sind es ungef\u00e4hr 1700 Kilometer. Auch das ist weniger, als ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens ist mir aufgefallen, dass der Einstieg ins Flugzeug immer auf der linken Seite erfolgt, auf der Seite des Piloten. Daf\u00fcr gibt es bestimmt eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Von meinem letzten kurzen Aufenthalt in Alcal\u00e1 sind mir in Erinnerung geblieben ein langgestreckter, ziemlich leerer Platz im Zentrum, eine Stra\u00dfe mit Portalen in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone (wo sich auch die Casa Cervantes befindet), ein Friseursalon in der N\u00e4he meiner Unterkunft und vor allem die St\u00f6rche, die in der Altstadt \u00fcberall klappernd durch die Luft flogen und auf ihre Nester auf den T\u00fcrmen der historischen Geb\u00e4ude. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber die eisige K\u00e4lte mit Temperaturen um den Gefrierpunkt auch w\u00e4hrend des Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bietet sich die Stadt ganz anders dar: Es h\u00e4ngen dicke wei\u00dfe Wolken am Himmel, aber zwischen ihnen ist der Himmel blau, und die Temperaturen sind angenehm. Die St\u00f6rche sind verschwunden, sie sind nicht mehr oder noch nicht da, aber ihre Nester warten auf ihre R\u00fcckkehr. Und in der Altstadt ist es jetzt rappelvoll, es herrscht dichtes Gedr\u00e4nge, und auch der gro\u00dfe Platz, die Plaza Cervantes, ist voll. Es findet ein Mittelaltermarkt statt, und \u00fcberall sieht man Buden, verkleidete Menschen, Fressst\u00e4nde, Verzierungen, die mit dem Mittelalter herzlich wenig zu tun haben. Vor der Casa Cervantes eine lange Schlange, und vor den Skulpturen von Don Quijote und Sancho Pansa so ein dichtes Gedr\u00e4nge, dass ich die Flucht antrete.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fu\u00dfweg in die Altstadt dauert 20 Minuten, etwas l\u00e4nger, als mir lieb ist. In die Altstadt rein geht es an der ehemaligen <em>Puerta de los M\u00e1rtires<\/em>, einem Stadttor, von dem der Weg nach Guadalajara ausging.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier befinden sich die Geb\u00e4ude zweier ehemaliger Konvente. Vor mir das Jesuitenkolleg, das eine architektonische Neuheit seiner Zeit aufweist: einen Balkon. Nach der Ausweisung der Jesuiten diente das Geb\u00e4ude eine Zeitlang der Universit\u00e4t, dann wurde es Kaserne. Heute ist hier die Juristische Fakult\u00e4t untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Links von mir das Colegio de Santa Catalina M\u00e1rtir, heute Hotel. Der Orden hie\u00df auch Die Gr\u00fcnen, wegen der auff\u00e4lligen Farbe der Ordenstracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Touristeninformation, um nach einer Stadtf\u00fchrung zu fragen. Die werden von der Touristeninformation durchgef\u00fchrt, aber hier kann man sich weder anmelden noch kann man hier bezahlen. Das geht nur online. So ein Unsinn! Als ich das am Abend zu Hause mache, stellt sich heraus, dass es alles ziemlich kompliziert ist. Man muss sein eigenes Profil anlegen, einschlie\u00dflich Passwort, muss sogar seine Personalausweisnummer angeben und eine Provinz ausw\u00e4hlen, in der man lebt, eine spanische Provinz. Verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen entscheide ich mich f\u00fcr eine F\u00fchrung durch die alte Universit\u00e4t. Auf dem Weg dahin gibt es in einer Bar einen Milchkaffee und einen Toast mit Marmelade, <em>a la plancha<\/em>. Der Lautpegel, das Klappern mit dem Geschirr, die Kunden, die um die Theke herum sitzen, das Klimpern des Wechselgelds aus den Tellern, die schnellen Bewegungen der Kellner, das hat mir alles schon gestern Morgen in Madrid ein Gef\u00fchl von Spanien gegeben. Hier geht es etwas ruhiger zu, aber auch hier ist der Preis moderat: 2,70 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Universit\u00e4t komme ich fast zu sp\u00e4t, da ich einen kleinen Fu\u00dfweg \u00fcbersehe, der an einer Baustelle entlang f\u00fchrt. Aber dann bin ich Schlag 11 Uhr da.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Frau f\u00fchrt uns drei alte M\u00e4nner, au\u00dfer mir einen Spanier und einen redefreudigen Kubaner, der gerne von sich erz\u00e4hlt und dabei sein Licht nicht unter den Scheffel stellt. Er ist in Havanna geboren, hat dann in den USA gelebt, wo es ihm nicht gefallen hat, und lebt jetzt in der Schweiz, dem gelobten Land, im franz\u00f6sischsprachigen Teil der Schweiz, zusammen mit seiner italienischen Ehefrau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau macht ihre Sache gut, ist aber viel zu schnell. Man ist so mit dem Zuh\u00f6ren besch\u00e4ftigt, dass man keine Zeit hat, hinzusehen und die Details zu beachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Universit\u00e4t wurde 1499 vom Kardinal Cisneros gegr\u00fcndet, einem der einflussreichsten M\u00e4nner seiner Zeit. Seine Vorfahren kamen tats\u00e4chlich aus einem Ort namens Cisneros, daher der Nachname. Sein Vorname war Gonzalo, aber bekannt wurde er als Francisco de Cisneros. Er gab sich selbst einen neuen Vornamen, als er nach einer spirituellen Krise in den Franziskaner-Orden eintrat. Damit einher ging das franziskanische Ideal der Einfachheit. Das ist auch f\u00fcr das Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude relevant: Backsteine, Holz, Gips, Lehm sind die wichtigsten Baumaterialien. Die ber\u00fchmte Fassade, vor der wir stehen, stammt aus einer sp\u00e4teren Zeit! Links und rechts davon sieht man noch die Backsteinbauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade, dreist\u00f6ckig, aus Kalkstein und Granit, gilt als einer der H\u00f6hepunkte der spanischen Renaissance.&nbsp; Unter den&nbsp; Statuen sind allegorische Figuren, die Tugenden wie die Weisheit oder vielleicht auch die Jahreszeiten darstellen. Daneben auch klassisch gewandete M\u00e4nner, die eine S\u00e4ule umfassen, vielleicht Allegorien der Kraft. Dazu die Heiligen Paulus und Petrus und Ildefonso. Er ist der Namensgeber des Geb\u00e4udes, Colegio Mayor de San Ildefonso.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben das Wappen von Karl V., des K\u00f6nigs von Spanien und des deutschen Kaisers. Als er nach einer Sedisvakanz zum zweiten Mal Regent von Spanien und auf dem Weg war, Karl als dem neuen K\u00f6nig zu begegnen, verstarb Cisneros.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Fassade wird eingefasst von einer Kordel, in Anspielung auf den Franziskaner-Orden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere an Cisneros\u2018 Gr\u00fcndung war der Aufbau einer ganzen \u201eStadt\u201c des Lernens. Neben der Universit\u00e4t, den <em>Colegios<\/em> <em>Mayores<\/em>, gab es auch Schulen, <em>Colegios<\/em> <em>Menores<\/em>, an der Jungen von 12 Jahren aufw\u00e4rts ausgebildet wurden. Deshalb hat die Universit\u00e4t als solche heute de Welterbestatus, zusammen mit nur vier anderen Universit\u00e4ten weltweit, darunter Mexiko und Coimbra.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der wirkungsm\u00e4chtigen <em>desarmortizaci\u00f3n<\/em> des 19. Jahrhunderts, der \u00dcberf\u00fchrung kirchlicher G\u00fcter in Nationaleigentum und deren Ver\u00e4u\u00dferung an Privatleute, diente die Universit\u00e4t als Fabrik und als Viehhaltung. Seit der Neugr\u00fcndung der Universit\u00e4t 1997 ist sie der Sitz des Rektorats und anderer Verwaltungseinheiten. Die Fakult\u00e4ten und H\u00f6rs\u00e4le sind \u00fcber die ganze Stadt verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen rein und sehen uns zun\u00e4chst die Kapelle an, ein wahres Prachtst\u00fcck mit einer kunstvoll verzierten Holzdecke, dem, was man hier <em>artesanado<\/em> nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Seitenw\u00e4nden Verzierungen im isabellinischen und plateresken Stil, alle aus Gips, dem Ideal der Einfachheit folgend.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand erinnert eine Plakette an Nebrija,, einem Absolventen der Universit\u00e4t, dem Verfasser der ersten spanischen Grammatik. Der Beginn einer neuen Zeit, jetzt wurden auch die Nationalsprachen Gegenstand des Interesses und nicht mehr vom Lateinischen ausgestochen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der anderen Seite ein K\u00e4stchen mit den \u00dcberresten von Covarrubias, dem spanischen Renaissance-Architekten. Wirkt fast wie ein Reliquienschrein, ist aber einfach gestaltet. Warum seine \u00dcberreste hier in Alcal\u00e1 sind, verstehe ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne das Grabmal von Cisneros, aus Marmor, gegen seinen Willen nach seinem Tod geschaffen. Er wollte eine ganz einfache Bestattung. Allerdings ist dieses Grabmal, unserer F\u00fchrerin zufolge, ein Kenotaph, also leer. Bestattet sei Cisneros in der Kathedrale. In den Reisef\u00fchrern steht es anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Marmor hat im Laufe der Jahrhunderte \u2013 Ironie der Geschichte \u2013 seinen Glanz verloren, und sieht gar nicht mehr wie Marmor aus. Die Figuren, sie stellen die Kirchenv\u00e4ter und die sieben Artes Liberales dar, sind teils kopflos, Opfer der Napoleonischen Truppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit von Cisneros gab es nur drei Abschl\u00fcsse, Medizin, Theologie und (kanonisches) Recht, und es gab keine festen Studienzeiten oder Studienzyklen. Und auch keine Pr\u00fcfungen w\u00e4hrend des Studiums. Man besuchte die einzelnen Vorlesungen ohne feste Reihenfolge, und wenn man damit durch war, stellte man sich dem Endexamen, einer m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung mit einer hohen Durchfallquote. Im ersten Anlauf fiel praktisch jeder durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in den ersten Innenhof, sehr sch\u00f6n, dreist\u00f6ckig, mit Stockwerken, die nach oben hin immer niedriger werden. Eiene H\u00e4lfte liegt im Schatten, die andere im Sonnenschein. An den Seiten die Reliefs von Cisneros und von Santo Tom\u00e1s de Villanueva, dem ersten Absolventen von Alcal\u00e1, der die Priesterweihe erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum ein Brunnen mit dem Relief von Schw\u00e4nen an den Brunnenw\u00e4nden. Das ist eine Anspielung auf den Namen des Gr\u00fcnders: Schwan = cisne &gt; Cisneros.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Universit\u00e4t hatte Studenten aus solventen Familien, aber auch immer 33 Stipendiaten. Die mussten aus armen Familien kommen und nicht aus Alcal\u00e1 stammen. Sie w\u00e4hlten den Rektor. Dass sie nicht aus Alcal\u00e1 stammen durften, sollte Mauscheleien vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den ganzen Innenhof herum zieht sich oben ein Spruchband. Auf Latein. Der beginnt so: EN LUTEAM OLIM CELEBRA A MARMOREAM. Es ist eine Anspielung auf eine Begegnung zwischen Cisnernos und Fernando, dem Katholischen K\u00f6nig. Der besuchte die neu gegr\u00fcndete Universit\u00e4t und zeigte sich schwer beeindruckt, beklagte aber die einfachen Materialien, die bei dem Bau der Universit\u00e4t zum Einsatz kamen. Woraufhin Cisneros (prophetisch) gesagt haben soll: \u201cOtros har\u00e1n en m\u00e1rmol y piedra lo que yo construyo en barro \u2013 Andere werden in Marmor machen, was ich in Lehm mache\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es in den n\u00e4chsten Innenhof, den <em>Patio de los Fil\u00f3sofos<\/em>, mit einer Statue von Cisneros im Zentrum. Zu den Seiten zwei Tore, die <em>Puerta de la Gloria<\/em> und die (jetzt zugebaute) <em>Puerta de los Burros<\/em>. Durch die gingen die Pr\u00fcflinge nach Absolvierung ihrer Pr\u00fcfung. Vorher wurden sie von dem Leiter des Paraninfo abgeholt und in einer Prozession durch die Stadt gef\u00fchrt. Dieser Prozession konnte sich jeder anschlie\u00dfen. Dann ging es zur\u00fcck in den Paraninfo, den Pr\u00fcfungssaal, und dann ging es, je nach Ergebnis, durch die <em>Puerta de la Gloria<\/em> oder durch die <em>Puerta de los Burros<\/em> wieder in die Stadt hinaus. Die erfolgreichen Kandidaten gingen durch das Tor der Glorie, die anderen, die Mehrheit, durch das Tor der Esel. Die bestanden hatten, mussten dann die ganze B\u00fcrgerschaft einladen zu<\/p>\n\n\n\n<p>Wein und Imbiss. Es herrschte Volksfestatmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Absolventen schafften es gar nicht bis zur Pr\u00fcfung darunter einige Ber\u00fchmtheiten wie Lope de Vega. Feste Regeln f\u00fcr die Studenten waren: P\u00fcnktlichkeit, Latein sprechen und sich an die abendliche Ausgangssperre halten. Bei Zuwiderhandlung gab es Karzer oder Ausweisung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in den <em>Patio Triling\u00fce<\/em>. Sein Name spielt an auf die Bedeutung der drei Sprachen Latein, Griechisch und Hebr\u00e4isch. Cisneros selbst brachte eine fr\u00fche Bibel heraus, in der alle Teile in der Originalsprache stehen, Hebr\u00e4isch, Aram\u00e4isch, Griechisch, Latein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der von hohen Zypressen bestandene <em>Patio Trilig\u00fce<\/em> ist der einzige, der in seiner originalen Form erhalten ist, und der einzige, der auch damals schon aus Stein gebaut worden war. Im Zentrum ein Brunnen mit einer Muschel, dem Symbol der Santiago-Pilger.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den Paraninfo, urspr\u00fcnglich wohl Theatersaal, aber auch Pr\u00fcfungssaal. Hier wird jedes Jahr der Premio Cervantes verliehen, der prestigetr\u00e4chtigste Preis der spanischsprachigen Literatur. Er wird seit 1976 vergeben, stammt also aus der Zeit der Transici\u00f3n nach dem Tod Francos. Der erste Preistr\u00e4ger war Jorge Guill\u00e9n. Traditionellerweise wird es jedes zweite Jahr an einen Spanier und jedes andere Jahr an einen Lateinamerikaner vergeben. Unter ihnen befinden sich Jorge Luis Borges (der aber auf den Nobelpreis vergeblich wartete), D\u00e1maso Alonso, Octavio Paz, Rafael Alberti, Miguel Delibes, Mario Vargas Llosa, Camilo Jos\u00e9 Cela (der sich vorher \u00fcber den Preis lustig gemacht hatte, aber sp\u00e4ter in der Auswahlkommission sa\u00df), Carlos Fuentes, Ana Mar\u00eda Matute (als eine von sechs Frauen), aber auch viele andere, deren Namen man noch nie geh\u00f6rt hat. Es fehlt Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez, der aber daf\u00fcr den Nobelpreis bekam. Neben Spanien sind Argentinien, Uruguay, Kuba, Mexiko, Paraguay, Peru, Chile, Kolumbien, Nikaragua und Venezuela vertreten. Die Namen der Preistr\u00e4ger sind an der Wand vor dem Eingang in den Paraninfo angebracht, in wahlloser Reihenfolge. Viel Platz ist nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Paraninfo hat eine sehr sch\u00f6ne, farbig gefasste Decke, die aussieht, als w\u00e4re sie aus Holz, tats\u00e4chlich aber wohl aus Gips ist. Der Boden mit sch\u00f6nen Fliesen ist erneuert, offensichtlich zogen sich die Fliesen urspr\u00fcnglich auch die ganze Wand hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts befindet sich die Kathedra, auf allen anderen Seiten die Zuschauerb\u00e4nke. In der Mitte der Kathedra stand der Pr\u00fcfling und hielt seinen Vortrag, vor den Akademikern und den B\u00fcrgern. Links und rechts von ihm zwei Professoren, von denen der eine eine Lobrede auf ihn hielt, der andere eine ironische Schimpftirade abhielt. Dann wurde der Pr\u00fcfling von den Professoren examiniert. Das konnte Stunden dauern. Anschlie\u00dfend musste jeder der weiteren 80 Professoren auf den R\u00e4ngen mindestens eine Pr\u00fcfungsfrage stellen. Kein Wunder, dass die meisten durchfielen. An den W\u00e4nden sind die Namen ber\u00fchmter Absolventen von Alcal\u00e1 eingelassen wie Covarrubias, Lope, Nebrija, Quevedo, San Juan de la Cruz, Jovellanos, Ignacio de Loyola. Nur ganz wenige von ihnen bestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet diese interessante F\u00fchrung. Danach suche ich im Museumsshop nach einem Reisef\u00fchrer von Alcal\u00e1, kann aber nichts Passendes finden. Also gehe ich noch mal zur Touristeninformation. Die haben genau das Richtige, aber man kann nicht mit Karte bezahlen und muss das Geld passend haben. Das habe ich aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in eine kleine Bar und bestelle ein frisch gezapftes Bier und ein St\u00fcck Tortilla, <em>una ca\u00f1a y un pinchito de tortilla<\/em>. Neben mir an der Theke sitzen zwei Araber und unterhalten sich angeregt auf Arabisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen wird berichtet, dass Nadal seine Karriere beendet. Er hat allein Roland Garros 14-mal gewonnen, eine unglaubliche Karriere. Und bei uns sprechen sie immer noch von Borris Becker.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern kam die Nachricht, dass Iniesta seine Karriere beendet, f\u00fcr mich einer der feinsten Fu\u00dfballer, die es \u00fcberhaupt gegeben hat. Er hat nicht ganz die Reputation, die er verdient, bei all seinen Erfolgen mit Bar\u00e7a und mit Spanien, mehrmals Champions League, zweimal Europameister, Weltmeister. Und Torsch\u00fctze des entscheidenden Tores im Finale. Er ist in seiner Karriere keinmal vom Platz gestellt worden, wie Lineker.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich das n\u00f6tige Kleingeld und kann den Stadtf\u00fchrer in der Touristeninformation abholen. Die ist untergebracht in der <em>Capilla del Oidor<\/em>, der Kapelle des ehemaligen Klosters Santa Mar\u00eda La Mayor. Der Name Oidor bezieht sich auf den Gr\u00fcnder der Kapelle, der der <em>oidor<\/em>, vermutlich der Beichtvater von Juan II. von Kastilien war.<\/p>\n\n\n\n<p>Erhalten ist eine Stuckarbeit am \u00dcbergang zur Apsis, mit gotischem, verschlungenem Dekor. In der Mitte steht das Taufbecken. Hier wurde Cervantes getauft, genauso wie seine vier Geschwister. Ausgestellt ist ein Faksimile des Taufregisters, nicht zu entziffern, in dem die Taufe von Cervantes amtlich best\u00e4tigt wird. Die Taufe erfolgte am 9. Oktober, deshalb war gestern hier in Alcal\u00e1 Feiertag. Das Geburtsdatum ist nicht bekannt. Vielleicht der 29. September, dem Tag des Hl. Michael. Einer alten Tradtion zufolge erhielt man den Namen des Tagesheiligen des Tages, an dem man geboren wurde: Aber: H\u00e4tte man damals ein Kind so lange ungetauft gelassen? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich wieder \u00fcber die Plaza de Cervantes, mit dem Cervantes-Denkmal in der Platzmitte. An den vier Seiten des Sockels Reliefs mit Szenen aus dem Quijote und einer Karte des beachtlichen Territorium, auf dem die Ausfahrten Don Quijotes sich abspielten. Nat\u00fcrlich ist auch die Szene mit den Windm\u00fchlen abgebildet. Um die Szene zu verstehen, muss man wissen, dass Windm\u00fchlen damals eine Neuerung waren. Don Quijote hatte vermutlich vorher noch nie welche gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgebildet ist auch Rocinante, das Pferd Don Quijotes, das er zu einem pr\u00e4chtigen Ritterpferd aufgewertet hat. Der Name scheint willk\u00fcrlich gew\u00e4hlt, hat aber eine zweite Bedeutung. Er ist abgeleitet von <em>roc\u00edn<\/em>, und das bezeichnet einen Klappergaul. <em>Rocinante<\/em> ist also <em>roc\u00edn<\/em> <em>ante<\/em>, also ehemaliger Klappergaul.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer w\u00e4rmer, jetzt f\u00fchlt es sich fast sommerlich an. Kurz vor der Unterkunft gehe ich noch in eine kleine Bar, um einen Kaffee zu trinken. Das M\u00e4dchen hinter der Theke singt textsicher alle Schlager mit, die aus dem Lautsprecher kommen, nicht nur den Refrain.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, tut Rosa das, was spanische Frauen in ihrem Alter am liebsten tun: telefonieren.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Aranjuez. Vorher besuche ich aber noch die <em>Casa Cervantes<\/em> hier im Zentrum, in der Hoffnung, das am Morgen noch nicht so viel los ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme ins Zentrum \u00fcber die lange Stra\u00dfe mit den historischen, sch\u00f6n renovierten Geb\u00e4uden, den typischen Geb\u00e4uden aus Backstein mit steinernen Portalen und Balkonen. \u00dcber den Eing\u00e4ngen steht Ermita, Colegio, Residencia, Convento. Es ist noch k\u00fchl, aber sonnig. Kaum jemand ist auf der Stra\u00dfe. Zuf\u00e4llig gelange ich zum Fr\u00fchst\u00fcck wieder in dieselbe Bar wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der fr\u00fchen Stunde muss man an der Casa de Cervantes schon Schlange stehen. Eine Gruppe franz\u00f6sischer Sch\u00fcler ist vor mir dran. Es herrscht aber nicht so ein Gedr\u00e4nge wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme auch ein Photo auf der Bank zwischen Don Quijote und Sancho. Das haben die Planer der Skulptur clever gemacht. Da Platz zwischen den beiden ist, setzt man sich unwillk\u00fcrlich dahin und l\u00e4sst sich photographieren. Es d\u00fcrfte eins der wichtigsten Photomotive von ganz Spanien sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir sind vier \u00e4ltere, ziemlich alberne Spanierinnen an der Reihe, die sich in allen denkbaren Posen, einzeln, als Paar oder als Dreiergruppe photographieren. Sie machen aber anschlie\u00dfend sehr freundlich ein Photo von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Eingang wird auf einem Gedenkstein an Cervantes erinnert, mit verschiedenen Attributen, darunter <em>manco<\/em>. Das erinnert an Cervantes\u2018 Teilnahme an der ber\u00fchmten Seeschlacht von Lepanto gegen die Osmanen, bei der Cervantes einen Arm verlor. Er war sein Leben lang stolz darauf. Sp\u00e4ter erfahre ich bei einer F\u00fchrung, dass <em>Saavedra<\/em>, Cervantes\u2018 zweiter Nachname, eine spanische Variante des arabischen Wortes f\u00fcr \u201aeinarmig\u2018 ist. Ob das stimmt?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus, zweist\u00f6ckig, eher klein, mit einem Patio in der Mitte, ist zu gro\u00dfen Teilen rekonstruiert, gibt aber einen guten Eindruck von dem Wohnhaus einer wohlhabenden B\u00fcrgerfamilie der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen steht wohl fest, dass Cervantes tats\u00e4chlich hier in Alcal\u00e1 geboren wurde. Allerdings \u2013 das sagt man in Alcal\u00e1 nicht allzu laut \u2013 lebte er nur die ersten vier Jahre seines Lebens hier. Danach zog die Familie nach Valladolid. Der Vater war pleite gegangen und musste das Haus verkaufen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unten befinden sich die eher \u00f6ffentlichen R\u00e4ume, oben die privaten, vor allem die Schlafzimmer, mit den typischen kurze Betten der Zeit, in denen man eher sa\u00df als lag. Unter den Einrichtungsgegenst\u00e4nden der verschiedenen R\u00e4ume befinden sich ein Sekret\u00e4r, geschnitzte Kommoden, bronzene Kerzenst\u00e4nder, Keramikgef\u00e4\u00dfe, ein Spinnrad, gestickte Deckchen, ein paar B\u00fccher, einen <em>brasero<\/em>, also ein aus Messing gefertigtes Becken zur Aufnahme brennender Kohlen, An einer Wand h\u00e4ngt an feinen Ketten eine eiserne Lampe, deren Profil im Schatten an die Wand geworfen wird. Gem\u00e4lde und Figuren mit meist religi\u00f6sen Motiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Badewanne ist zu sehen, mit einem gro\u00dfen Tuch bedeckt. Damit hat es folgende Bewandtnis: In der Regel badete zuerst der Herr des Hauses, dann wurden die Kinder gebadet, und erst dann kam die Frau des Hauses dran. Deshalb lag unten in der Wanne ein Tuch, in dem sich der Schmutz der Vorg\u00e4nger gesammelt hatte. Bevor die Dame des Hauses in die Badewanne stieg, hievte sie das Tuch aus der Wanne raus&nbsp; und stieg in einigerma\u00dfen sauberes Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Frauengemach unten l\u00e4sst sich der arabische Einfluss f\u00fchlen. Man sa\u00df auf Teppichen auf dem Boden, zwischen Kissen und niedrigen M\u00f6beln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der interessanteste Raum ist der von Cervantes\u2018 Vater. Der war das, was man damals Chirurg nannte. Das beinhaltete auch Aderlasse und Z\u00e4hneziehen. Er arbeitete hier zu Hause, in seiner <em>botica<\/em>. Dort ist ein zur\u00fccklehnbarer Holzstuhl f\u00fcr die Behandlung der Patienten ausgestellt, und auch eine Rasiersch\u00fcssel. Auch das war im Aufgabenbereich eines Apothekers.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Restaurierungsarbeiten hat man einen Teil der originalen Wand entdeckt, aus Lehmziegeln und Holz. Darauf ist al fresco eine Wandverzierung angebracht, die einen bunten Vorhang vort\u00e4uscht. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Unterwegs noch mal eine Kaffeepause in einer Bar. Hier gibt es Rosquillas de Alcal\u00e1, eine typische lokale S\u00fc\u00dfigkeit, mit Cremef\u00fcllung und Zuckerguss. Nicht mein Ding.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand steht, man habe kein Internet, man solle sich untereinander unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Eingang zur K\u00fcche steht in bunten Buchstaben: <em>Hace muchos a\u00f1os ten\u00eda un mont\u00f3n de sue\u00f1os, hoy tengo mucho sue\u00f1o y un mont\u00f3n de a\u00f1os.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aranjuez befindet sich am \u00e4u\u00dfersten s\u00fcdlichen Ende der <em>Comunidad de Madrid<\/em>. Es sind nur 60 Kilometer von hier, aber ich muss \u00fcber Madrid fahren und dort umsteigen. Ziemlich umst\u00e4ndlich. Und nicht ohne Hindernisse. Erst finde ich in Alcal\u00e1 den Bahnhof nicht, der sich hinter einer gro\u00dfen Baustelle mit einem improvisierten \u00dcbergang befindet. Dann will und will in Atocha kein Zug nach Aranjuez kommen. Daf\u00fcr einer nach dem anderen nach Parla. Ich werde langsam unruhig, zur vereinbarten Zeit kann ich nicht mehr ankommen. Und Informationen \u00fcber Abfahrtszeiten gibt es keine. Dann kommt der Zug endlich, aber als ich Aranjuez aussteigen will, bleibe ich am Drehkreuz h\u00e4ngen. Meine Fahrkarte sei ung\u00fcltig. Die habe ich aber in Alcal\u00e1 am Schalter gekauft. Ich suche den ganzen Bahnsteig ab auf der Suche nach jemandem, den ich befragen k\u00f6nnte. Niemand zu finden. Dann entdecke ich irgendwo ein Interphon. Man l\u00e4sst mich durch. Die Fahrkarte ist nur bis zur letzten Station vor Aranjuez g\u00fcltig. Und f\u00fcr die R\u00fcckfahrt muss ich mir eine neue kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Aufwand lohnt sich aber. Meine englischen Freunde, schon seit Jahrzehnten hier ans\u00e4ssig, erwarten mich auf der Terrasse eines Restaurants gegen\u00fcber den Palastg\u00e4rten. Und laden mich zu einem hervorragenden Essen ein. Wir sind ganz allein oben auf dem Balkon und werden entsprechend bedient. Es gibt originelle Gerichte, und auf der Speisekarte erscheinen in der Rubrik Vegetarisch Seeigeleier und Rebhuhn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns viel zu erz\u00e4hlen, die Vertrautheit ist sofort wieder da. Es ist gut, alte Freunde zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend fahren wir noch zu ihnen in die gem\u00fctliche Wohnung, wo Doris, ihr Hund, schon sehns\u00fcchtig auf uns wartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf den R\u00fcckweg. In der N\u00e4he der Unterkunft finde ich die aus der Ferne empfohlene Bar <em>El<\/em> <em>Cordob\u00e9s<\/em>. Dort gibt es noch mal ein Bierchen und leckere Tapas. Es herrscht eine sehr spanische Atmosph\u00e4re. Im Schein der Laternen spielen Kinder auf dem Platz, laut lachend und rufend, und drum herum sitzen die Erwachsenen mit ihren gr\u00f6\u00dferen Kindern an den Tischen der Bars. Dabei herrscht viel Kommen und Gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause empf\u00e4ngt mich Rosa und fragt, wie es mir ergangen sei. Sie hat einen Maler im Haus, der heute ihr Zimmer gemacht hat und morgen das Bad machen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass sie urspr\u00fcnglich aus Uruguay stammt, aus Salto. Das ist gar nicht weit von Paysand\u00fa, wo ich war. Sie h\u00e4lt noch Kontakt zu ihrer Schwester und deren Familie und zu den Freundinnen ihrer Kindheit. Und sie reist auch noch regelm\u00e4\u00dfig dorthin, um sie alle zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist der Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, also hier Feiertag. Heute hei\u00dft er <em>D\u00eda de la Hispanidad.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein tr\u00fcber Tag, mit Nieselregen. Auf dem Weg in die Stadt wird der Regen st\u00e4rker, und dann, p\u00fcnktlich zu dem Beginn der Stadtf\u00fchrung, geht es so richtig los. Am Ende sind die Brosch\u00fcren und Notizbl\u00f6cke in meinem Rucksack durchweicht und in dem neuen Reisef\u00fchrer l\u00f6sen sich die Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Stadt muss ich wohl an der Bar vom Fr\u00fchst\u00fcck der letzten Tage vorbeigerauscht sein und lande in einer an der Plaza Cervantes: winziger Tisch, unfreundliche Bedienung, nur ein WC f\u00fcr das ganze Lokal, Frauen und M\u00e4nner zusammen, und 4,70 statt 2,70.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Regen und an den Massen vorbei suche ich den Treffpunkt f\u00fcr die Stadtf\u00fchrung und schaffe es nur so gerade, p\u00fcnktlich zu sein. Die anderen, lauter Spanier, warten schon. Eine Frau mit unvorteilhafter Frisur und einer uns\u00e4glichen Brille macht einer anderen ein Kompliment f\u00fcr ihre potth\u00e4sslichen Schuhe. Sie will wissen, wo sie die gekauft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Treffpunkt ist die <em>Casa de la Entrevista<\/em>, ein falscher Name, basierend auf der volkst\u00fcmlichen \u00dcberzeugung, hier habe die erste Begegnung zwischen den Katholischen K\u00f6nigen und Kolumbus stattgefunden. Die hat tats\u00e4chlich in Alcal\u00e1 stattgefunden, aber nicht hier, sondern im Erzbisch\u00f6flichen Palais.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin ist eine junge, stark geschminkte Frau, die sehr kenntnisreich und mit einer Affengeschwindigkeit, aber ganz deutlicher Aussprache zweieinhalb Stunden lang die Stadt erkl\u00e4rt, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung beginnt an der Kathedrale, der Keimzelle. Dies ist der Ort, an dem in der r\u00f6mischen Zeit zwei Kinder das Martyrium erlitten haben sollen, Justo und Pastor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist sehr einfach gehalten, und an den Seitenschiffen sieht man au\u00dfen, dass sie nach Zerst\u00f6rungen durch Brand und durch B\u00fcrgerkrieg stark erneuerte ist. An dem hohen Hauptportal, im flamboyanten Stil moderat verziert, sieht man das Wappen der Kirche und das Wappen von Cisneros sowie ein Relief San Ildefonso.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Stadien durchlaufen und ist von einer Colegiata zu einer Magistral und von einer Magistral zu einer Catedral geworden. Kathedrale ist die Kirche erst seit kurzem. In Alcal\u00e1 hei\u00dft sie gemeinhin Magistral.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Bischofspalast. Vom Platz aus kann man nur ahnen, wie gro\u00dfe der ist. Wir sehen, weit hinter der Umz\u00e4unung, einen l\u00e4nglichen Seitenteil. Um das zentrale Fenster herum ist das Wappen der Bourbonen angebracht. Das ersetzt das Wappen der Habsburger, das hier bis zur Thronbesteigung von Felipe V. angebracht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dessen j\u00fcngster Sohn wurde bereits mit 8 Jahren f\u00fcr den Posten des Erzbischofs bestimmt, aber als er vollj\u00e4hrig wurde und es so weit war, hatte er keinen Bock auf den Job. Er widmete sich den K\u00fcnsten, und wurde unter anderem ein wichtiger F\u00f6rderer Goyas.<\/p>\n\n\n\n<p>Links von uns ein Portal, das in einen leeren, ummauerten Innenhof f\u00fchrt. Das ist die <em>Albaca<\/em>, eine befestigte Stadt innerhalb der Stadt. Hierher zog man sich im Falle eines feindlichen Angriffs zur\u00fcck. Da hier sp\u00e4ter ein Gem\u00fcsegarten angelegt wurde, hei\u00dft das Grundst\u00fcck in Alcal\u00e1 <em>Huerta<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb dieser Mauern steht eine Ruine, die Ruine eines einst bedeutenden Geb\u00e4udes. Hier befand sich das erste Arch\u00e4ologische Museum. Es brannte bis auf die Mauern ab. Wichtige Sch\u00e4tze gingen verloren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier ziemlich trocken klingt, schildert unsere F\u00fchrerin ausf\u00fchrlich und mit viel Verve, und man h\u00f6rt ihr gerne zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fl\u00fcchten wir uns vor dem Regen in die Kirche eines ehemaligen Klosters, San Bernardo. Drinnen ein ganz unerwarteter Anblick, ein elliptischer Raum mit einer elliptischen Kuppel und sechs elliptischen Seitenkapellen, ganz in Wei\u00df gehalten, mit schmalen vergoldeten Streifen als Dekor. Der Hauptaltar, ganz vergoldet, steht mitten in der Apsis, nicht an der Wand. In den Seitenkapellen gro\u00dfformatige, stark nachgedunkelte Gem\u00e4lde in Chiaroscuro eines italienischen Malers.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin l\u00e4sst die Zeit der Gegenreformation vor unser Augen auferstehen, wie die Kirche es mit allen Mitteln versuchte, die lateinisch gelesene Messe dem weitgehend analphabetischen Publikum schmackhaft zu machen: das Gold und die Gem\u00e4lde, der Weihraucht, ein Lichtstrahl, der um die Mittagszeit aus einem elliptischen Fenster im Westen genau auf den Altar fiel, Rosenbl\u00e4tter, die aus der Laterne in der Kuppel in die Kirche flatterten. Da wurden die Sinne angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gr\u00fcnder des Klosters hie\u00df selbst auch Bernardo, und suchte sich seinen Namenspatron als Patron des Klosters aus. Er war ein Hans Dampf in allen Gassen und f\u00f6rderte auch die K\u00fcnste. Durch ihn konnte Cervantes den zweiten Teil des <em>Quijote<\/em> publizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass es sich hier wegen der riesigen Dimensionen um ein Kloster handelt, nicht um einen Konvent, wie es in der Regel bei kleineren innerst\u00e4dtischen Institutionen der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen, wieder im Regen, liest unsere F\u00fchrerin die Fassade f\u00fcr uns. Nach oben nimmt die Bedeutung zu, das erkennt man in den Inschriften und in der architektonischen Gestaltung. Ganz oben, wo Gottes Auge die Fassade durchbricht, ist Gott. \u00dcber ihm ist nichts, sagt sie. Au\u00dfer den St\u00f6rchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch das ehemalige j\u00fcdische und das ehemalige muslimische Viertel. Von beiden ist nichts \u00fcbrig geblieben, und sogar die Stra\u00dfenz\u00fcge sehen anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Viertel befindet sich das Geburtshaus von Manuel Aza\u00f1a, dem Pr\u00e4sidenten der Zweiten Republik. Sein Vater war B\u00fcrgermeister von Alcal\u00e1, ein engagierter Mann, der bis heute gro\u00dfen Respekt genie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hinten n\u00e4hern wir uns der Casa Cervantes an. In diesem Zusammenhang erf\u00e4hrt man, dass auf der R\u00fcckseite der M\u00fcnze, die die Preistr\u00e4ger beim Premio Cervantes bekommen, eine Hand abgebildet ist, die in einem Buch bl\u00e4ttert. Es ist nicht der Quijote, sondern die Galatea. Die wurde n\u00e4mlich in Alcal\u00e1 gedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Gedr\u00e4nge der Calle Mayor gehen wir zur Plaza Cervantes. Zu beiden Seiten die Laubeng\u00e4nge. Die Stra\u00dfe mit den l\u00e4ngsten in Spanien. Stimmt allerdings nur, wenn man beide Seiten einbezieht. Palencia hat einen ganzen Kilometer lang Laubeng\u00e4nge in der Altstadt, aber nur auf einer Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich waren hier die Verkaufsst\u00e4nde untergebracht, die von den Familien betrieben wurden, die hier wohnten. Die St\u00e4nde wurden nachts abgebaut. Ein interessantes Detail entdeckt man am Ende des Balkens, der das Dach der Arkaden st\u00fctzt: ein Loch! Das war ein Spion, durch den konnten die Eigent\u00fcmer von oben sehen, wer da zu Besuch kam und je nach Lage entscheiden, ob man den reinlassen sollte oder nicht.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur Plaza Cervantes. Die hat Laubeng\u00e4nge auf zwei von vier Seiten. Hier, auf diesem gro\u00dfen&nbsp; Platz, begegneten sich die Stadt der B\u00fcrger und die Stadt der Universit\u00e4t. Und Cisneros wollte keine Laubeng\u00e4nge. Das war ihm alles zu kommerziell.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung endet an der Universit\u00e4t. Die Fassade wird detailliert erkl\u00e4rt. Und als Leckerbissen gibt es noch den Hinweis, dass sich hier irgendwo ein fauler und ein flei\u00dfiger Student verbergen. Aber wo, das wird nicht gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung mache ich den Versuch \u2013 der gegen alle Wahrscheinlichkeiten gelingt \u2013 das alte Viertel zu finden, in dem ich bei meinem letzten Besuch gewohnt habe. Der Orientierungspunkt ist ein Kreisverkehr mit einer hohen, modernen, abstrakten Statue des Quijote aus grauem Eisen. Als ich damals ein Photo davon machen wollte, blieb ein Mann neben mir stehen und \u00e4u\u00dferte kopfsch\u00fcttelnd, aber nicht unfreundlich, sein Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Art von Kunst. Da k\u00f6nne man doch nichts erkennen. Ich antworte mit einem L\u00e4cheln, bin aber nur halb einverstanden. Die schlanke Gestalt veranschaulicht doch ganz gut das Vergeistigte, das Himmelsstrebende Don Quijotes.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in das Viertel komme, erkenne ich auch den Friseursalon von damals. Glaube ich wenigstens. Stimmt aber nicht. Den hier gibt es erst seit einem Jahr. Sie sehen aber alle gleich aus, und auch hier ist der Friseur Marokkaner. Es stellt sich heraus, dass er in Leipzig gewohnt hat und Deutsch spricht! Spanisch habe er nur auf der Stra\u00dfe gelernt, erkl\u00e4rt er mir. In die Sprachschule sei er nur einen Tag lang gegangen. Wir sprechen \u00fcber Spanien, Deutschland, Marokko, und als sich herausstellt, dass ich Fez kenne, seine Heimatstadt, zeigt er sich sehr erfreut. Der Haarschnitt kostet 10 \u20ac einschl. Trinkgeld!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die Bar, in die ich damals \u00f6fter gegangen bin. Kaum sitzt man, als schon Tischdecke, \u00d6l und Essig, Besteck und Brotkorb auf dem Tisch stehen. Als Vorspeise gibt es Nudeln mit Fleisch. Die schmecken asiatisch, und kurz darauf sehe ich tats\u00e4chlich die Gesichter von zwei Asiaten aus der K\u00fcche in den Schankraum gucken. Hier muss es einen Besitzerwechsel gegeben haben. Das zweite Gericht, ebenfalls sehr schmackhaft, knusprig gebratene H\u00e4hnchenfl\u00fcgel, wird mit Kartoffeln serviert. Nichts Asiatisches daran. Wohl aber die scharfe So\u00dfe, die es dazu gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ins Zentrum zur\u00fcck und mache noch mal einen Versuch bei dem <em>Corral de Comedias<\/em>. Der Kartenschalter ist immer noch geschlossen. Drau\u00dfen steht zwar, wann der Schalter auf macht, aber nicht, wann F\u00fchrungen stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe&nbsp; zur Touristeninformation und frage nach dem <em>Palacio de Laredo<\/em>, in der N\u00e4he des Bahnhofs gelegen. Dort kann man eine Ausgabe der viersprachigen Bibel von Cisneros sehen, aber ach, der Palacio hat den ganzen Sommer \u00fcber wegen Renovierung geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch ein bisschen durch die Stadt und sto\u00dfe in der N\u00e4he des Erzbisch\u00f6flichen Palasts auf eine Statue von Katharina von Arag\u00f3n. Die ist hier in Alcal\u00e1 geboren. Hier ist sie dargestellt als schlanke junge Frau, mit Buch und Rose in der Hand. Als junge Frau wurde sie nach England verschifft, mit vollem Hofstaat, als zuk\u00fcnftige Frau der Thronfolgers, Arthur. Bei der Hochzeit f\u00fchrte Heinrich sie an der Hand in die Kirche. Die Ehe sei nie vollzogen worden, behauptete sie ein Leben lang. Arthur starb dann kurz danach, dann starb der K\u00f6nig, der zweite Sohn, Heinrich, folgte ihm auf den Thron. Der erinnerte sich an seine Schw\u00e4gerin und machte ihr den Heiratsantrag. Sie bekam ein Kind, aber das falsche, ein M\u00e4dchen, Maria, die zuk\u00fcnftige K\u00f6nigin. Dann bekam sie einen Sohn, aber der verstarb schon im ersten Lebensjahr. Es wurde nichts mehr mit dem m\u00e4nnlichen Thronfolger, und Heinrich wollte sie loswerden. In der Bibel fand er eine Stelle, aus der er herauslas, dass man nicht die Frau seines Bruders heiraten d\u00fcrfe, und als dem Papst diese Argumentation nicht einleuchtete, gr\u00fcndete er die Church of England und lie\u00df sich scheiden. Katharina schrieb ihm noch auf dem Sterbebett einen liebevollen, z\u00e4rtlichen Brief und bat ihn, sich um Maria zu k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he die Statue der Katholischen K\u00f6nigin, Isabel. Ganz anders, sitzend dargestellt, mit Zepter und Krone und voller k\u00f6niglichem Selbstvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch weiter durch die Stadt und komme dabei an dem Friseursalon <em>La Pelu de Pili<\/em> vorbei, an dem Lokal <em>El gato verde <\/em>und an der <em>Boutique del cannabis medicinal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem der winzigen Balkone an einem Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude steht die Bronzefigur eines Mannes in Renaissancegewandung, mit auff\u00e4lliger, runder Brille, einen Hut in der einen, ein Buch in der erhobenen anderen Hand. Sieht nach Quevedo aus, aber ob er es wirklich ist und was er hier macht, ist nicht herauszufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Kreisverkehr steht eine Skulptur aus mehreren aufeinandergestapelten W\u00fcrfeln, mit den Entfernungsangaben nach Merida und Zaragoza: <em>Caesar Augusta<\/em> 282 km, <em>Emerita Augusta<\/em> 372 km. Dass die R\u00f6mer keine Kilometer kannten, dar\u00fcber kann man hinwegsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Asiaten bekomme ich Ansichtskarten und dann, aber nur durch den Ruf eines Kindes aufmerksam geworden, sehe ich auch den ersten Storch. Und den einzigen, den ich in diesen Tagen sehe. Vor zwei Jahren sind es Dutzende gewesen. Da stimmt also was nicht an der Behauptung von Rosa, best\u00e4tigt von der Frau der Touristeninformation, die St\u00f6rche blieben das ganze Jahr \u00fcber hier. Eine Brosch\u00fcre kl\u00e4rt auf: Die jungen St\u00f6rche ziehen, sobald sie das Fliegen gelernt haben, gemeinsam nach Nordafrika. Sp\u00e4ter ziehen sie dann nur noch nach S\u00fcdspanien, und irgendwann bleiben sie ganz hier!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Arch\u00e4ologische Museum ist, entgegen den angegebenen \u00d6ffnungszeiten, geschlossen, der <em>D\u00eda<\/em> ebenfalls, und auch die Bar <em>El Cordob\u00e9s<\/em> hat zu. Muss wohl wegen des Feiertags sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss komme ich noch, weil ich auf einen Umweg geraten bin, zuf\u00e4llig an einem Waschsalon vorbei. Adresse ist notiert.<\/p>\n\n\n\n<p>13. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Reisef\u00fchrer erkl\u00e4rt den Namen Alcal\u00e1 de Henares. <em>Alcal\u00e1<\/em> kommt von dem arabischen Namen der Stadt und ist mit dem Wort Alc\u00e1zar verwandt, bezeichnet also eine Burg. Henares ist der Name des Flusses, der hier in der N\u00e4he in den Jarama m\u00fcndet, der wiederum in den Tajo m\u00fcndet, der in Lissabon in den Atlantik flie\u00dft. Wo der Henares hier ist, wei\u00df ich nicht, er hat sich bisher noch nicht gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Henares teilt die Gegend in zwei unterschiedliche Teile, die Sierra, nackt und karg, und das fruchtbare Tal, die Vega. Die R\u00f6mer siedelten erst in der Sierra, wo sie ihre Verteidigungsanlagen aufbauten, und dann, als die Gegend gesichert war, im Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum finde ich eine Apotheke, die ge\u00f6ffnet hat. Dort werde ich gut versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der breiten Stra\u00dfe, der <em>Calle de los Libreros<\/em>, bekomme ich ein ausgezeichnetes Fr\u00fchst\u00fcck in der <em>Cueva de Antol\u00edn<\/em>. Sie haben auch eine verlockend aussehende Karte f\u00fcr das Mittagessen. Adresse ist notiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es nicht ganz so sonnig wie angek\u00fcndigt, aber moderat warm. Und es regnet nicht. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes geht es zum <em>Corral de Comedias<\/em>. Wieder ist der Schalter geschlossen. Zwei Frauen, die dort warten, und ein Ehepaar, geben es auf. Ich bleibe noch ein paar Minuten. Da kommt eine Frau angesaust und sagt, heute sei keine Auff\u00fchrung, da h\u00e4tten sie ge\u00e4nderte \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gehe ich zum Arch\u00e4ologischen Museum. Verriegelt und verrammelt. Ich will schon gehen, als ich 50 Meter weiter ein Portal sehe, das ge\u00f6ffnet hat. Und tats\u00e4chlich: Dort befindet sich der \u201eProvisorische Eingang\u201c. Auf den es aber keinen Hinweis am Haupteingang gibt. Nach der F\u00fchrung kann ich einer Familie helfen, die genauso verdutzt vor dem Eingang steht wie ich vorher.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, in gro\u00dfen, hohen S\u00e4len, nicht sonderlich geeignet f\u00fcr ein Museum. Und die Architektur des Klosters ist kaum zu erkennen, weil \u00fcberall Stellw\u00e4nde und Treppen angebracht sind. Aber die Besichtigung lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten, auf dem Weg zum Ausstellungssaal, geht es los mit einem riesigen r\u00f6mischen Dionysos-Mosaik, in Teilen pr\u00e4sentiert, von au\u00dfen nach innen. Die Mosaiksteinchen sind nicht glasiert und wirken auch nicht so fein geschliffen wie bei uns im Landesmuseum, aber die szenischen Darstellungen sind sch\u00f6n: gefangene Jaguars, die Allegorien der vier Jahreszeiten, vor allem aber Dionysos mit seinem Gefolge. Er ist dargestellt mit nacktem Oberk\u00f6rper, deutlich schwankend, und auch sein Gesicht dr\u00fcckt Trunkenheit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch interessant aus der r\u00f6mischen Zeit der Plan eines Hauses, mit dem Peristyl Zentrum. Drum herum angeordnet zehn Zimmer, mehr oder weniger gegen das Peristyl abgesondert. Am offensten das Tablinum, dorthin konnten G\u00e4ste praktisch ungehindert vom gegen\u00fcberliegenden Eingang gelangen. &nbsp;Auch ziemlich offen das Triclinium, der Speisesaal, wo der Hausherr seinen Reichtum, seinen Besitz zur Schau stellte. Stark abgeschirmt dagegen die Culina, dort hatte der Gast nichts zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist auch ein Brettspiel, das unserer Dame haargenau gleicht. Die W\u00fcrfel sind aus Knochen hergestellt, die Spielfiguren aus Elfenbein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelalter, im 10. Jahrhundert, a\u00df man in dieser Gegend H\u00fclsenfr\u00fcchte, Kirschen, Melonen, Tauben und Schwein. Woher man das wei\u00df? Man kann es aus dem M\u00fcll ablesen, in unterirdischen Silos wurden bestimmte Produkte frisch gehalten, und in denen finden sich organische Reste, Knochen und Samen, aus denen man ablesen kann, was dort einst gelagert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich ingeni\u00f6s die Techniken der Arch\u00e4ologen, etwas \u00fcber die Steinzeit zu erfahren. Man wei\u00df aus winzigen \u00dcberresten, dass mit den Steinwerkzeugen Fell, Fleisch und Holz geschnitten wurde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich bestimmte Werkzeuge f\u00fcr bestimmte Zwecke, w\u00e4hrend es vorher nur ein Einheitswerkzeug gab. Man hat hier drei Steinwerkzeuge reproduziert, die man in die Hand nehmen kann. Beide Seiten sind unterschiedlich bearbeitet, und alle Werkzeuge liegen perfekt in der Hand. Ergonomisch w\u00fcrde man heute sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr instruktiv aus der Zeit der Sesshaftwerdung der Vergleich zweier Sch\u00e4del, die in einer Vitrine ausgestellt sind, der eines Hausschweins und der eines Wildschweins. \u00c4hnlich, aber doch anders. Der Sch\u00e4del des Wildschweins ist l\u00e4nglicher, aerodynamischer, der des Hausschweins gedrungener. Man wei\u00df, dass die Sinne des Hausschweins nicht mehr so scharf waren, Geruchsinn, H\u00f6rsinn, Sehkraft hatten nachgelassen, sie waren nicht mehr so wichtig f\u00fcrs \u00dcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch interessant: Mit der Domestizierung der Schafe \u00e4nderte sich auch ihr Fell. Es wurde weicher und reichhaltiger!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Bestattungsriten. Am Anfang, als es den Menschen einfiel, dass man Menschen \u00fcberhaupt begraben konnte \u2013 etwas, was kein Tier tut \u2013 steht das kollektive Grab, erst in H\u00f6hlen, dann in Dolmen. Meistens wurden die K\u00f6rper einfach \u00fcbereinandergestapelt. Die K\u00f6rper wurden in Embryo-Stellung bestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann setzte sich die individuelle Bestattung durch, zun\u00e4chst ohne Differenzierung. Manchmal f\u00fcgte man Beigaben hinzu, Keramikteile oder Schmuck. Mit der zunehmenden Hierarchisierung der Gesellschaft wurden die individuellen Unterschiede immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst danach kamen Sarkophage auf. In denen wurden die K\u00f6rper lang ausgestreckt bestattet. Und zum Schluss kam die Tradition der Ein\u00e4scherung auf. Sie bedeutete eine Neuerung. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, h\u00f6re ich aus den hohen B\u00e4umen das Kreischen von papageienartigen V\u00f6geln, ein guter Vorgeschmack auf Amerika. Man h\u00f6rt sie, aber sehen tut man sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es durch das Gedr\u00e4nge des sog. Mittelaltermarkts zur\u00fcck zur Plaza de Cervantes. Hier versuchen Verk\u00e4ufer in vermeintlich mittelalterlicher Gewandung, den Leuten Baklava, Schl\u00fcsselanh\u00e4nger, Seidenschals, Waffeln, Stofftiere eine Laterne mit dem Wappen von Real Madrid und den Dudelsack als \u201emittelalterlich\u201c anzudrehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal hat der Schalter beim Corral de Comedias ge\u00f6ffnet, und die F\u00fchrung geht auch bald los. Zuerst ist man verwirrt, man kommt in ein geschlossenes Theater, nicht in einen offenen Hof, wie der Name naheliegt. Es ist ein kleines, gem\u00fctliches Theater mit neoklassischem Dekor, Parkett und zwei R\u00e4nge. Die elektrischen Lampen vor der Br\u00fcstung der R\u00e4nge sehen wie Kerzen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin erkl\u00e4rt mit starker Gestik und Mimik und viel Ironie die Geschichte des Theaters. Das Geb\u00e4ude ist offensichtlich praktisch ununterbrochen \u00fcber Jahrhunderte als Theater benutzt worden, war allerdings eine Zeitlang, bis 1971, Kino.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reste des alten Theaters entdeckt man nur mit der Hilfe der F\u00fchrerin. Durch den Glasboden vor unseren F\u00fc\u00dfen sehen wir auf den alten Steinboden. An den Ecken des Innenraums vier starke Holzpf\u00e4hle \u2013 heute statisch nicht mehr von Bedeutung \u2013 die ehemals den viereckigen Innenraum st\u00fctzten. Zu beiden Seiten der B\u00fchne ein Fenster. Das waren die Fenster ganz normaler B\u00fcrgerh\u00e4user. Die konnten praktisch durch das K\u00fcchenfenster das Theaterst\u00fcck verfolgen.&nbsp; Unten schlie\u00dflich W\u00e4nde aus Holzbalken und Mauerwerk aus Lehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das urspr\u00fcngliche Theater war offen, das Dach wurde erst im 18. Jahrhundert eingezogen. Vorne waren die billigen Stehpl\u00e4tze, dahinter standen die Musketiere, bewaffnet. Sie sorgten gegebenenfalls f\u00fcr Ordnung. Im ersten Rang das B\u00fcrgertum, im zweiten Rang der Adel. Frauen betraten das Theater getrennt von den M\u00e4nnern, zwei Stunden vor Auff\u00fchrungsbeginn. Sie wurden dann von einem Theaterdiener mit einer Stange zusammengepfercht, damit m\u00f6glichst viele reinpassten. Damals waren das 700 Zuschauer, heute sind es 125!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Enge gab es immer wieder Frauen, die ohnm\u00e4chtig wurden, aber umfallen konnten sie nicht. Ale Frauen benutzten einen F\u00e4cher, mit deren Sprache sie auch mit den feineren Herren auf den R\u00e4ngen flirten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gespielt wurde von Mai bis September, und zwar nachmittags, um 16 Uhr. Die Vorstellung dauerte mindestens drei Stunden, oft l\u00e4nger, da die Schauspieler \u2013 anfangs Studenten ohne Ausbildung- oft aufgefordert wurden, eine Szene zu wiederholen, die im allgemeinen Gejohle, im Lachen und in den Kommentaren untergegangen war. Es war echt was los. Der Reiz des Theaters lag auch darin, dass von vornherein, von 1602 an, die Volkssprache, also Spanisch verwendet wurde, nicht Latein, wie in der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Saison musste zun\u00e4chst einmal das Vieh \u2013 es handelte sich schlie\u00dflich um einen Corral \u2013 an das \u00e4u\u00dferste Ende des Grundst\u00fccks gedr\u00e4ngt werden. Auch musste der Bode notd\u00fcrftig ges\u00e4ubert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen nach unten. Dort stehen noch zwei Trommeln mit einer Kurbel, mit denen man t\u00e4uschend echt den Wind und den Donner nachmachen konnte. Daneben steht das Katapult. Mit dem wurden D\u00e4monen und Teufel von unten auf die B\u00fchne katapultiert. Interessante F\u00fchrung, man kann sich zumindest vorstellen, wie es damals zugegangen ist. Auf jeden Fall anders als heute im Theater.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach will ich noch auf den Turm steigen. Der ist gleich in der N\u00e4he. Soll einen sch\u00f6nen Blick auf die Altstadt gew\u00e4hren. Dort sind aber zu viele Leute oben, im Moment l\u00e4sst man niemanden rein. Also gehe ich zur Kathedrale. Dort ist Gottesdienst. Keine Besichtigungen. Also geht es wieder zur\u00fcck zu dem Turm. Der wird gerade geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe es auf und gehe zur <em>Cueva de Antol\u00edn<\/em>, mit Vorfreude auf ein leckeres Mittagessen. Aber das Lokal ist rappelvoll. Fr\u00fchestens in anderthalb Stunden, sagt man mir. Ich habe das Gef\u00fchl, dass Alcal\u00e1 es nicht gut mit mir meint.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, ohne den Mittelaltermarkt, finde ich die Stadt v\u00f6llig ver\u00e4ndert vor. Aus der Touristenstadt ist eine Studentenstadt geworden. Die angek\u00fcndigte Sonne zeigt sich aber immer noch nicht. Zeit f\u00fcr den Aufbruch.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Oktober (Donnerstag) Wo liegt eigentlich Alcal\u00e1? Bin ich in den letzten Wochen mehrmals gefragt worden. 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