{"id":11681,"date":"2024-10-16T14:52:59","date_gmt":"2024-10-16T12:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11681"},"modified":"2024-11-02T00:36:36","modified_gmt":"2024-11-01T23:36:36","slug":"guatemala-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11681","title":{"rendered":"Guatemala (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>15. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Guatemala ist, was die Bev\u00f6lkerung angeht, bei weitem das gr\u00f6\u00dfte Land Mittelamerikas. Es hat 17 Millionen Einwohner, so viele wie Holland. Dann kommt schon Honduras, dann Nicaragua, dann El Salvador, dann erst Costa Rica und am Ende Panama. Guatemala und Nicaragua haben einheimische Namen, Costa Rica, Honduras und El Salvador haben spanischen Namen, bei Panama bin ich noch auf der Suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise beginnt in Guatemala Stadt. Die wird von den meisten Reisenden ausgelassen, sie gilt als laut, schmutzig, chaotisch, gef\u00e4hrlich. Aber Schmuddelkinder haben bekanntlich ihren Reiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Guatemala wurde nach einem Erdbeben in der ehemaligen Hauptstadt, in Antigua, zur neuen Hauptstadt, und so wurden am Flughafen La Aurora gestern auch sofort Transfers nach Antigua angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eEinwanderung\u201c, wie die Passkontrolle in Lateinamerika immer hei\u00dft, ging so glatt vonstatten wie nie zuvor. Drei, vier kurze Fragen, Stempel, Unterschrift. Erinnert mich an Mexiko, wo ich zwei Stunden in der Schlange stand und fast den Flug verpasst h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr dauert es hier am Kofferband umso l\u00e4nger, und beim Zoll geht es erst richtig los. Als ich dann in die kleine, erstaunlich leere Abflughalle komme, ist von dem Fahrer nichts zu sehen. Zum Gl\u00fcck k\u00fcmmert sich eine freundliche Frau am Telefon darum, und dann taucht er auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ankunft war es noch taghell, der erste Blick traf auf ein H\u00e4usermeer und ein Wolkenmeer. Jetzt wird es aber sofort dunkel, stockdunkel. Noch vor 6 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen richtigen Eindruck von der Stadt bekommt man so nicht, aber man sieht Hochh\u00e4user und Wolkenkratzer zu beiden Seiten der Stra\u00dfen. Das Stra\u00dfennetz ist nach r\u00f6mischem, in Lateinamerika weit verbreitetem System schachbrettartig, mit Avenidas und Calles, aber das merkt man bei der Fahrt nicht so richtig. Es geht langsam vorw\u00e4rts, qu\u00e4lend langsam, und die M\u00fcdigkeit fordert ihren Tribut. Besser voran kommen die Motorr\u00e4der, die sich zwischen den Autos durchdr\u00e4ngeln und immer wieder ganz pl\u00f6tzlich auftauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir uns der Zona 1, dem historischen Zentrum, n\u00e4hern, ver\u00e4ndert sich die Szenerie. Kleinere H\u00e4user und ein paar historische Geb\u00e4ude kommen zum Vorschein, und als wir gerade an der Kathedrale vorbei sind, sind wir am Ziel. Der freundliche Fahrer steigt mit mir aus, wartet, bis ich meinen Notizblock gefunden und es geschafft habe, die Haust\u00fcr zu \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es drei Etagen ohne Aufzug hoch, und auch oben klappt das \u201eAufschlie\u00dfen\u201c mit dem Code. Geschafft! Nach 8.500 Kilometern ist das Ziel erreicht. Gro\u00dfe Erleichterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen 3 Uhr morgens deutscher Zeit, 19 Uhr abends lokaler Zeit. Das Apartment ist gro\u00df, modern, hat eine Wohnk\u00fcche und sogar Waschmaschine und Trockner. Durch das Schlafzimmerfenster sieht man auf die Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Im K\u00fchlschrank ist eine Flasche Wasser, ein Segen. Die muss bis morgen halten. Zusammen mit ein paar Keksen, die ich im letzten Moment vor der Fahrt zum Flughafen gekauft habe. &nbsp;Und noch eine gute Nachricht: Der Adapter aus Kolumbien passt auch hier!<\/p>\n\n\n\n<p>16. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen geht es noch ruhig zu in der Stadt, obwohl auch schon viele Menschen unterwegs sind. Es sind nur ein paar Schritte von der Unterkunft bis zu dem zentralen Platz mit dem Brunnen. Ich bin direkt im Zentrum von Guatemala untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist warm, aber bew\u00f6lkt. Sp\u00e4ter, wenn die Sonne mal durchbricht, ist es f\u00fcr einige Momente immer wieder mal richtig hei\u00df. F\u00fcr den Nachmittag sind Schauer und Gewitter angesagt. Aber die bleiben aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes Anliegen ist der Geldwechsel. Der Fahrer gestern Abend hat mir empfohlen, das in einer Bank zu erledigen. Eine freundliche Polizistin am Rande des Platzes erkl\u00e4rt mir, die Banken seien noch geschlossen. Au\u00dferdem ben\u00f6tige man ein Konto, um Geld wechseln zu k\u00f6nnen. Sie empfiehlt Western Union und weist mir den Weg. Anhaltspunkt: <em>Taco Bell<\/em>, ein Gesch\u00e4ft. Dort schickt man mich ein paar H\u00e4user weiter die Stra\u00dfe runter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber einem Eisentor steht ein kleines Schild mit Western Union, das man leicht \u00fcbersehen kann. Alles verriegelt und verrammelt. Ich frage zwei M\u00e4nner, die auf den B\u00fcrgersteig stehen. Als sie erfahren, dass ich Geld wechseln will, schlie\u00dft einer der M\u00e4nner ein Eisentor auf und l\u00e4dt mich ein, ihm zu folgen. Ich z\u00f6gere ein bisschen, aber er l\u00e4chelt freundlich, und ich gehe mit einem etwas mulmigen Gef\u00fchl hinterher. Er selbst geht wieder raus. Ich stehe eine Minute etwas verlassen in der Gegend herum, dann kommt ein Mann und wechselt mir ohne Probleme 100 Dollar. Er inspiziert den Schein kurz, alles in Ordnung. Ich bekomme danach sogar eine Art Kassenzettel: 775 Quetzal. Ob ich da \u00fcber den Tisch gezogen worden bin? Erst einmal egal. Das kann ich sp\u00e4ter noch \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden M\u00e4nner auf dem B\u00fcrgersteig l\u00e4cheln mir freundlich zu, als ich den Daumen hebe und mich auf den Weg mache. Es geht gleich in ein Lokal, an dem ich vorher vorbeigekommen bin. Hier gibt es Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck bedeutet hier R\u00fchrei, in allen m\u00f6glichen Variationen. Ich nehme das erste Beste. Der Kellner ist \u00e4u\u00dferst freundlich, sehr h\u00f6flich, an der Grenze zur Unterw\u00fcrfigkeit. Er spricht gerne Englisch und h\u00e4lt mich nat\u00fcrlich f\u00fcr einen Gringo. Ich kl\u00e4re ihn auf und wir sprechen halb Spanisch, halb Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist ganz sch\u00f6n, in einer alten Fabrikhalle oder so was untergebracht, l\u00e4nglich, hoch, aber sch\u00f6n dekoriert, ohne Kitsch. Ein zweiter Kellner kommt und bringt auch noch eine Kerze in einem sch\u00f6nen eisernen Kerzenst\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird mir noch eine Tageszeitung gebracht. Schon auf der Titelseite erf\u00e4hrt man, dass Guatemala in Costa Rica verloren hat, 0:3, und ausgeschieden ist aus der Nations League. F\u00fcr das Viertelfinale hat sich daf\u00fcr Surinam qualifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Innenteil erscheint ein Artikel \u00fcber die Migrationspolitik in den USA. Sowohl Republikaner als auch Demokraten sprechen sich f\u00fcr eine h\u00e4rtere Gangart aus. Das betrifft die L\u00e4nder Mittelamerikas unmittelbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ung\u00fcnstige Klima hat eine Missernte beim Mais verursacht. Das betrifft vor allem Familien, die den Mais f\u00fcr sich selbst anbauen, als Lebensgrundlage. Es handelt sich um den <em>ma\u00edz criollo<\/em>, eine \u00e4ltere Variante des Mais, die sich im Allgemeinen gut den einheimischen Bedingungen anpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck wird serviert mit warmen Fladen und dem unvermeidlichen schwarzen Bohnen. Dazu d\u00fcnner schwarzer Kaffee. Am Ende zahle ich 33 Quetzal. D\u00fcrfte bei 4 Dollar liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich, den Instruktionen des Kellners folgend, auf den Weg zur Touristeninformation. Die Szenerie wechselt dabei ein bisschen. Es geht vor der Zone 1, dem <em>centro hist\u00f3rico<\/em>, in die Zone 4, dem <em>centro c\u00edvico<\/em>, mit h\u00f6heren, neueren Geb\u00e4uden, Banken, Regierungssitzen, Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Touristeninformation ist in einem Hochhaus untergebracht, in einem modernen B\u00fcrogeb\u00e4ude. Eine Frau dort nimmt sich alle Zeit der Welt f\u00fcr mich, erkl\u00e4rt geduldig alles, was ich wissen will und noch&nbsp; viel mehr, so dass mir am Ende der Kopf raucht. Sie k\u00fcmmert sich auch um meine n\u00e4chsten beiden Stationen in Guatemala und wie ich dorthin komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Was das Geld angeht, gibt sie Entwarnung: alles in Ordnung, g\u00e4ngiger Kurs. Und es gibt eine Bank, bei der man auch ohne Konto Geld wechseln kann, die <em>Banco Industrial<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Adresse habe ich falsch notiert. Richtig lautet sie: 8A Avda. 8-24. Die erste Zahl gibt die <em>Avenida<\/em> an, die zweite die <em>Calle<\/em>, die diese Avenida auf dieser H\u00f6he kreuzt, die dritte die Hausnummer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme verschiedene Brosch\u00fcren und Stadtpl\u00e4ne mit und am Ende sogar einen bunten Stoffball, auf dem Guatemala steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz ihrer Werbung f\u00fcr den Metrobus gehe ich zu Fu\u00df zur\u00fcck und lasse die Eindr\u00fccke auf mich wirken: Eine Frau verkauft Lose, ein Mann Kaugummis, eine junge Frau im kurzen Sommerr\u00f6ckchen schiebt einen Kinderwagen vor sich her, irgendwo geht pl\u00f6tzlich eine Sirene los, ich passiere einen Parkplatz extra f\u00fcr Motorr\u00e4der, ein Mann, auf einem Mauervorsprung sitzend, bietet seine Dienste als Taxifahrer an, aus den Mauern der Ruine eines Hauses sprie\u00dft das Gr\u00fcn, ein kleines Hotel mit einer sch\u00f6nen Fassade auf der anderen Stra\u00dfenseite. In einem Fris\u00f6rsalon kann man sich umsonst die Haare schneiden lassen. Hier wird ausgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bemerke ein kleines Lokal, in dem es Licuado gibt, ein popul\u00e4res Getr\u00e4nk. Auch hier freundliche Begr\u00fc\u00dfung. Der Wirt empfiehlt Erdbeere mit Milch. Schmeckt aber ganz anders als Erdbeermilch, wird auch viel k\u00e4lter serviert, mit vielen kleinen Eisst\u00fcckchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Lautsprecher kommt ganz leise Klaviermusik, sonatenhaft, im Adagio, ein wohltuender Kontrast zu den Ger\u00e4uschen, die von drau\u00dfen kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir ist nur noch ein Ehepaar an einem der h\u00fcbsch dekorierten Tischchen. Als der Mann bezahlt, spricht er mich an. Er ist etwas entt\u00e4uscht, dass ich kein Gringo bin. Er hat f\u00fcnf Jahre in den USA gelebt und spricht gerne Englisch. Da kann ich ihm einen Gefallen tun. Er hat sich hier den Unionisten angeschlossen, dort hat er die Gelegenheit, Englisch zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s Richtung Heimat. An einer Stra\u00dfenkreuzung ohne Fu\u00dfg\u00e4ngerampel frage ich mich, warum alle Autos (und Motorr\u00e4der nat\u00fcrlich) warten. Keine Ampel zu sehen. Die entdecke ich dann erst auf der anderen Seite der Kreuzung, hoch oben, zwischen \u00c4sten und Stromkabeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln z\u00e4hlen die Sekunden bis der verbleibenden Wartezeit, und da ist Geduld gefragt. An einer Kreuzung dauert es 85 Sekunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schuhputzer haben hier weiterhin eine Klientele. Die Gesch\u00e4ftsleute und Banker tragen weiterhin schwarze Lederschuhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele sind gut, aber \u00e4rmlich gekleidet. Der Unterschied zu Europa ist nicht zu \u00fcbersehen. Es gibt eine ganze Reihe von Bettlern und von Obdachlosen. Und viele andere sitzen irgendwo am B\u00fcrgersteig. Ob sie auf Arbeit warten? Einige scheinen einfach in den Tag hinein zu leben. Ein paar scheinen drogenabh\u00e4ngig zu sein. Alkohol sieht man auf der Stra\u00dfe nirgendwo.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Frauen sind klein und untersetzt, auch die M\u00e4nner sind keine Riesen. Die meisten haben die Physiognomie der Indios, mehr als ich in anderen L\u00e4ndern gesehen habe, vielleicht mit der Ausnahme vom S\u00fcden Mexikos.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Hauptstadt kein typisches Touristenziel ist, sp\u00fcrt man auf Schritt und Tritt. Ich begegne w\u00e4hrend des ganzen Tags keinem einzigen Ausl\u00e4nder. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme wieder Richtung Innenstadt und frage am <em>Palacio Nacional<\/em> nach den Besichtigungszeiten. Dann will ich in den <em>Mercado Central<\/em>, gleich in der N\u00e4he. Der ist aber nicht zu sehen. Es stellt sich heraus, dass der unterirdisch ist. Ein Verk\u00e4ufer an einer Stra\u00dfenecke gibt mir ungefragt diese Information.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Mercado<\/em> hat drei Ebenen. Oben gibt es Souvenirs. Die St\u00e4nde sehen alle irgendwie gleich aus. Hier fehlt nur eins: die Kundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>In der mittleren Etage geht es lebendiger zu. Hier gibt es Lebensmittel und Blumen und allerlei Imbissst\u00e4nde. Ungeachtet der fr\u00fchen Stunde essen viele Einheimische schon das, was bei uns als Mittagessen durchgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Obststand kaufe ich Bananen und eine unbekannte, kleine Frucht, die die freundliche Verk\u00e4uferin zum Probieren anbietet. Schmeckt k\u00f6stlich. Ich muss dreimal nachfragen, bis ich verstehe, wie sie hei\u00dft: <em>jocote<\/em>. Die Haut ist etwas hart, aber das Fruchtfleisch ist richtig lecker, saftig und s\u00fc\u00df. Erinnert entfernt an Pflaume. Bei den Bananen muss man bei der Bestellung aufpassen. Sie hei\u00dfen hier <em>bananos<\/em>, mit <em>pl\u00e1tanos<\/em> sind die Kochbananen gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem anderen Stand finde ich noch schwarzen Tee. Wird wohl nicht oft nachgefragt. Der Verk\u00e4ufer sucht selbst unter den dicht auf den Regalen an der Hinterwand gestapelten Paketen. Am Ende wird er f\u00fcndig. Etwas besorgt sagt er mir, das Ablaufdatum sei Dezember 2024. Kein Problem. Nehme ich.<\/p>\n\n\n\n<p>In der unteren Etage gibt es volkst\u00fcmliches Kunsthandwerk, meist aus Korb: H\u00fcte, Taschen, K\u00f6rbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder oben kaufe ich in einem kleinen Laden Wasser und Kekse und in einem anderen Bier. Das muss der Verk\u00e4ufer aus dem Lagerraum hinten an die Theke holen. Dann kaufe ich noch ein Viertel H\u00e4hnchen und mache mich auf den Weg nach Hause. Aber ach, ich kann den Eingang nicht finden. Ich bin genau auf der Kreuzung der Achten mit der Achten, aber das Haus ist einfach nicht zu finden. Eine freundliche Polizistin sieht sie die Adresse an und hilft mir. Aber es n\u00fctzt nichts. Ich gehe in alle Richtungen. Erfolglos. Dann entferne ich mich sogar von der Stra\u00dfenecke. Kann nicht sein, ich muss in der N\u00e4he der Kathedrale bleiben. Dann pl\u00f6tzlich sehe ich den Eingang. Warum bin ich vorher daran vorbeigelaufen? Weil ich nach Nummer 24 gesucht habe. Die Hausnummer ist aber 14. Habe ich das falsch notiert? Nein, sp\u00e4ter stellt sich heraus: Die falsche Hausnummer habe ich von der Vermieterin!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie hat der Fahrer gestern nur das richtige Haus gefunden? Da f\u00e4llt mir ein, dass ich ihm den Namen des Hauses genannt habe, <em>La Gloria Kiiper<\/em>. Den muss er in seinem Routenplaner gefunden haben. Ich erinnere mich noch, wie wir uns \u00fcber das merkw\u00fcrdige Wort <em>Kiiper<\/em> gewundert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erleichtert, mein Ziel gefunden zu haben, gehe ich die Treppe rauf. An der T\u00fcr des Apartments gebe ich den Code ein. Ergebnis: Ich komme nicht rein. Auch beim zweiten und dritten Versuch nicht. Irgendwas ist am Morgen mit dem Verschlie\u00dfen der T\u00fcr falsch gelaufen. Die Erkl\u00e4rungen der Vermieterin sind mir bis jetzt noch ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schicke eine Nachricht und bekomme gl\u00fccklicherweise bald Antwort: An der gegen\u00fcberliegenden Wand ist ein Schl\u00fcsselk\u00e4stchen. Das soll ich mit einem Code aufschlie\u00dfen und den Schl\u00fcssel zum \u00d6ffnen des Apartments nehmen. Leichter gesagt als getan, aber am Ende gelingt es. Da kommt aber nicht ein Schl\u00fcssel zum Vorschein, sondern gleich mehrere. Und die T\u00fcr des Apartments hat zwei Schl\u00f6sser. Nach einigem Probieren \u00f6ffnet sich am Ende die T\u00fcr. Geschafft: Inzwischen ist das H\u00e4hnchen kalt und das Bier warm.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>17. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Guatemala hat 1,2 Millionen Einwohner und ist damit die gr\u00f6\u00dfte Stadt Mittelamerikas. Ihr offizieller Name lautet <em>Nueva Guatemala de la Asunci\u00f3n<\/em>. Der Name <em>Guatemala<\/em> ist die hispanisierte Version von <em>Quauhtemalan<\/em>, einem Wort aus dem Nahuatl mit der Bedeutung \u201aOrt der vielen B\u00e4ume\u2018. Die Stadt liegt 1.600 Meter \u00fcber dem Meeresspiegel, im S\u00fcden des Landes. Im Norden grenzt es an Mexiko, im Osten an Belize, im S\u00fcden an Honduras und an El Salvador. Zur Pazifikk\u00fcste sind es ungef\u00e4hr 130 Kilometer, zur Atlantikk\u00fcste ist es viel weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder bin ich fr\u00fch auf den Beinen. Es ist ein Wetter f\u00fcr Pullover, d\u00fcnne Jacken, lange Hosen. So sehen es jedenfalls die Einheimischen. Nur einige wenige mit kurzem \u00c4rmel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mir die <em>Biblioteca Nacional<\/em> ansehen, ganz hier in der N\u00e4he. An der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> entsteht Unruhe unter den herrenlosen Hunden, und wildes Bellen und Umherrennen setzt ein. Keiner wei\u00df so richtig, was los ist, die Hunde vermutlich auch nicht. Jetzt rei\u00dfen sich auch andere Hunde von ihren Herren los und st\u00fcrzen sich ins Get\u00fcmmel. Andere wedeln nur wild mit dem Schwanz, halten aber vorsichtshalber Abstand. Dann tritt pl\u00f6tzlich wieder Ruhe ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Hunde ruhig sind, wird es wieder laut. Arbeiter rei\u00dfen Wellblechverschl\u00e4ge vor einer Baustelle ab und die Wellblechplatten klatschen laut auf den Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Geb\u00e4ude der <em>Biblioteca Nacional<\/em> hat ein moderner K\u00fcnstler ein modernes Hochrelief angebracht, wei\u00dflich, aus Granit und Zement und Gips. Man steht verdutzt davor, alles scheint keinen rechten Sinn zu ergeben. Man glaubt, irgendwo einen Schraubstock zu erkennen, irgendwo anders einen Hobel. Es gibt Formen, die wie Gardinen aussehen und andere, die wie Kieswege aussehen. Irgendwo eine entbl\u00f6\u00dfte weibliche Brust. Weiter oben phantastische Wesen, die Menschen oder Tiere darstellen k\u00f6nnten. \u00dcber das ganze Relief verteilt sind einzelne W\u00f6rter wie <em>muerte<\/em> oder <em>nada<\/em>, in ganz unterschiedlichen Buchstaben, und dann identifiziert man einige S\u00e4tze wie <em>no tenemos ganas de nada s\u00f3lo de vivir \u2013 wir haben Lust auf gar nichts, nur aufs Leben<\/em> und <em>los mejores cr\u00edticos somos los mudos \u2013 wir stummen sind die besten kritiker. <\/em>Wahrscheinlich gibt es hier verdeckte Anspielungen auf die Geschichte Guatemalas, aber mir ist das alles ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt neben der Bibliothek ein modernes Geb\u00e4ude mit einer Glasfront, mit Scheiben in Quadraten. Das Geb\u00e4ude verf\u00e4llt, die meisten Scheiben sind kaputt. Beim ersten Anblick dachte ich, es handele sich um moderne Kunst, aber das Geb\u00e4ude verf\u00e4llt einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes gibt es einen Fahrradverleih. Kleine, gr\u00fcne R\u00e4der, bestimmt ideal f\u00fcr die Innenstadt. Ich frage nach. Die erstaunliche Antwort: Die R\u00e4der d\u00fcrfen nur auf der <em>Sexta Avenida<\/em> gebraucht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich auf der Suche nach einem Lokal zum Fr\u00fchst\u00fccken einen Spaziergang die Sexta hinunter. Das venezianisch aussehende Geb\u00e4ude mit Bogeng\u00e4ngen oben erweist sich als Sitz eines Ministeriums.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst jetzt fallen mir die B\u00e4ume auf, die hier in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen stehen, nicht allzu hohe B\u00e4ume mit dichtem Laubwerk und glatten St\u00e4mmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr internationales Englisch. Da steht For Men\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gestern sind auch wieder Lastr\u00e4der unterwegs, aber nicht gefahren von fortschrittlich gesinnten Mittelstandseltern mit gr\u00fcnen Neigungen, sondern von M\u00e4nnern, die echte Lasten transportieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde nichts Richtiges und lande wieder in dem Lokal von gestern. Der Wirt erkennt mich noch. Wieder gibt es R\u00fchrei. Und Zeitung dazu. Auf der Titelseite hei\u00dft es, eine spanische Textilfabrik, <em>Nextil<\/em>, werde gro\u00df in Guatemala investieren. Die Firma hat m\u00e4chtig expandiert in den letzten Jahren, aber zwei Werke in den USA geschlossen, weil die Produktionskosten zu hoch sind. Guatemala profitiert von seiner N\u00e4he zu den gro\u00dfen H\u00e4fen der USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Redakteur klagt \u00fcber die zunehmenden Probleme beim Verkehr, nicht nur dem innerst\u00e4dtischen. Auch die Stra\u00dfe nach Antigua sei st\u00e4ndig verstopft, beklagt er. Oh je, da muss ich auch noch her. In der Stadt h\u00e4tten alle Modernisierungen kaum etwas gebracht, zumal die Autofahrer die Wirkung der intelligenten Ampeln torpedierten, indem sie auf die Kreuzung fahren und die dann blockieren. Als L\u00f6sung schl\u00e4gt er vor: Verbesserung des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs, mehr Radwege, Privatisierung und die Einf\u00fchrung einer Maut.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem nebenstehenden Artikel ist von der Entwicklung des Goldpreises die Rede, der wieder neue Rekorde erreicht. Dabei ist es von 1982 bis 2002 gerade mal von 304 auf 306 Dollar gestiegen, insgesamt von 1973 bis 2024 aber von 64 Dollar auf 685 Dollar. So richtig zu erkl\u00e4ren ist das nicht, und der Autor sagt zu Recht, dass der Goldpreis f\u00fcr die meisten Menschen ohnehin irrelevant sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bezahle, kommen wieder heimlich 3 Quetzal zu der Rechnung hinzu, wie gestern. Der Wirt erkl\u00e4rt mir aber daf\u00fcr den Weg zur <em>Panader\u00eda Berna<\/em>, von der ich irgendwo gelesen habe. Die muss auf der Sexta sein. Da finde ich sie aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und sehe mir die Kathedrale an. &nbsp;Der Haupteingang im Westen ist gesperrt, dort wird restauriert. Jetzt geht es in die Kathedrale durch den Eingang im S\u00fcden hinein, \u00fcber einen gro\u00dfen, leeren Innenhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst, wenn man drin ist, merkt man, wie gro\u00df die Kirche ist. Au\u00dfen ist der Eindruck durch die Baustelle anders. Die Kirche ist dreischiffig, mit m\u00e4chtigen Pfeilern, einem Tonnengew\u00f6lbe, ganz wei\u00df gefasst. Das lange Mittelschiff endet unter der Vierung. Dort steht der Altar. Erst dahinter der Chor.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Enden der Seitenschiffe brennen vor einem Altar Kerzen. Die kann man aber nicht hier kaufen, offensichtlich bringen die Leute sie mit. Einer dieser Alt\u00e4re hat ein Kreuz mit einem Christus mit pechschwarzem K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenkapelle im S\u00fcden, selbst fast so gro\u00df wie eine Kirche, wird eine Andacht abgehalten. Es wird kr\u00e4ftig gesungen und im Chor gebetet, alle sind sehr textsicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00f6rdlichen Seitenschiff mehrere vergoldete Holzfiguren von Heiligen, darunter zwei von heiliggesprochenen K\u00f6nigen, Fernando III. von Spanien und Ludwig IX. von Frankreich. Fernando ist das Resultat einer dynastischen Verbindung der K\u00f6nigsh\u00e4user von Le\u00f3n und Kastilien, seine Thronfolge war ein gro\u00dfer Schritt auf dem Weg zur Bildung eines spanischen Staats. Zu seinen \u201eVerdiensten\u201c geh\u00f6ren seine Marienfr\u00f6mmigkeit, die Einf\u00fchrung des Spanischen als offizielle Sprache in Kastilien und die Vertreibung der Mohren aus Ja\u00e9n, Cordoba und Sevilla. Ludwig wurde schon kurz nach seinem Tod heiliggesprochen. Er wird mit Krone und Zepter dargestellt, aber, wegen seiner Fr\u00f6mmigkeit, auch mit der Dornenkrone. Da auf dem Kopf kein Platz mehr ist, tr\u00e4gt er sie in der Hand. Zu seinen \u201eVerdiensten\u201c z\u00e4hlen neben seiner Fr\u00f6mmigkeit die Gr\u00fcndung von Hospizen und Hospit\u00e4lern, die Zeugung von elf Kindern und die Veranstaltung zweier Kreuzz\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich noch einen Moment in die Kirchenbank und sehe das lange Mittelschiff hinunter. Au\u00dfer mir ist, von den Gl\u00e4ubigen in der Seitenkapelle abgesehen, nur eine einzige weitere Person in dem gro\u00dfen Kirchenraum, ein Mann, der in einer der vorderen Reihen sitzt und der entweder kontempliert oder schl\u00e4ft. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr die Besichtigung des <em>Palacio Nacional<\/em>. Hier muss man sich ausweisen und, wenn man Ausl\u00e4nder ist, 40 Quetzal f\u00fcr die F\u00fchrung blechen. Der <em>Palacio Nacional<\/em> ist ein riesiges, eklektisches Geb\u00e4ude, dessen Fassade die ganze Breitseite der <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind eine kleine Gruppe, darunter zwei Mexikanerinnen und ein Einheimischer, der bei jeder Gelegenheit nachfragt oder kommentiert und dann mitten in der F\u00fchrung verschwindet. Die F\u00fchrerin spricht leise und undeutlich, und die G\u00e4ste so \u00e4hnlich. Zum ersten Mal habe ich richtige Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast wurde zun\u00e4chst als <em>Palacio Presidencial<\/em> gebaut, heute wird er als <em>Palacio de Cultura<\/em> genutzt. Das Geb\u00e4ude wurde von 1939 bis 1943, in erstaunlich kurzer Zeit, errichtet. Im Palast ist an einem Treppenaufgang eine Plakette angebracht mit allen Daten zur Errichtung des Palasts. Er war zwar teuer, mehrere Millionen&nbsp; Quetzal teuer, aber nicht so teuer, wie er h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, weil einfach die Arbeitskraft billig war. Er wurde von einem Heer von Strafgefangenen gebaut. An den Materialien wurde nicht gespart. Alle Treppengel\u00e4nder und Paneelen sind aus Teakholz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast entstand unter der \u00c4gide des Generals Ubico, eines Diktators mit einem Faible f\u00fcr europ\u00e4ische Architektur. Ubico hatte eine Vorliebe f\u00fcr die Zahl 5, weil sein Nachname aus f\u00fcnf Buchstaben bestand, sein Vorname, Jorge, ebenfalls, und der seiner Frau, Marta, ebenfalls. Das schl\u00e4gt sich in der Architektur des Palastes \u00fcberall nieder. 5 B\u00f6gen, 5 Brunnen, 5 Fenster sehen wir in dem ersten Innenhof, in dem wir stehen. Sein Dienstfahrzeug trug die Nummer 5, und ein Marsch Nr. 5 wurde zu seinen Ehren komponiert. Auch soll die Hausnummer des Palasts die 5 sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem sch\u00f6nen, quadratischen Innenhof, mit r\u00f6mischen B\u00f6gen im ersten, griechischen S\u00e4ulen im zweiten Geschoss und arabischen Brunnen unten kann man gut den eklektischen Charakter des Baus erkennen. Ebenfalls kann man verstehen, warum der Bau den Spitznamen <em>Guacamol\u00f3n<\/em> tr\u00e4gt. Der bezieht sich auf die charakteristische, gr\u00fcnliche Farbe der W\u00e4nde und Mauern, die der der Avocado, der <em>aguacate<\/em> \u00e4hnelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden durch ein Labyrinth von R\u00e4umen gef\u00fchrt, es wimmelt nur so von schimmerndem Messing, gl\u00e4nzendem Holz, gemei\u00dfeltem Stein und freskenbemalten W\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo sieht man beim Aufstieg eine besch\u00f6nigende Darstellung der Geschichte Guatemalas und einer Schlacht zwischen den Spaniern und den Maya. Die Spanier beritten, mit Uniformen, Feuerwaffen, Kutten, die Maya mit blo\u00dfem Oberk\u00f6rper, Federschmuck, Lanzen und Jade als Erkennungszeichen f\u00fcr ihren Rang. Interessanterweise k\u00e4mpfen beide im Zeichen der Sonne, aber die Sonne der Maya, mit gebogenen Strahlen, sieht anders aus als die der Christen, und neben der Sonne der Christen erhebt sich das Kreuz, neben die Sonne der Maya die Schlange.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Empfangssaal h\u00e4ngt ein zwei Tonnen schwerer b\u00f6hmischer Kronleuchter genau in der Mitte des symmetrischen Raumes. Dieser Raum hat ungeplant eine hervorragende Akustik, was Dirigenten vor einer Auff\u00fchrung \u00fcberpr\u00fcfen, indem sie sich vom Balkon an einem Ende des Saals etwas zufl\u00fcstern, was auf dem gegen\u00fcberliegenden Balkon perfekt verstanden wird. Wir selbst stellen uns an eine markierte Stelle in der Mitte des Raumes und sagen etwas, und unsere Stimmen verbreiten sich durch den ganzen Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Saal dient diplomatischen Empf\u00e4ngen. Auf der B\u00fchne eine \u00fcberdimensionale Fahne Guatemalas, mit den beiden hellblauen, angeblich f\u00fcr die beiden Meere stehenden Streifen, die durch einen wei\u00dfen Streifen in der Mitte getrennt sind. Hier in der Mitte das Wappen Guatemalas: zwei sich kreuzende Bajonette, eingerahmt von zwei \u00d6lzweigen, auf einem Bajonett der Quetzal mit seinem langen Schwanz und in der Mitte eine Schriftrolle: libertad \u2013 15 de septiembre de 1821. Vermutlich der Tag der Erkl\u00e4rung der Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Banketthalle \u2013 hier k\u00f6nnen theoretisch 160 G\u00e4ste gleichzeitig versorgt werden \u2013 sind, nicht ohne Ironie angesichts der blutigen Geschichte des Landes und der allgegenw\u00e4rtigen Korruption, 12 Glasfenster angebracht mit den Allegorien der 12 Tugenden, die einen gerechten Regierenden auszeichnen. In diesem Raum finden Akte statt, in denen der Pr\u00e4sident etwas f\u00fcr Guatemala tut \u2013 <em>para y por Guatemala<\/em>. Das war zum Beispiel der Fall, als die beiden guatemaltekischen Medaillengewinner von den Olympischen Spielen zur\u00fcckkehrten und hier geehrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den achtziger Jahren wurden diese Glasfenster bei einem Bombenanschlag zerst\u00f6rt, aber der K\u00fcnstler hatte seinen Studenten an der <em>Escuela de Artes<\/em> genaue Beschreibungen hinterlassen, wie die Glasfenster gefertigt wurden, so dass diese eine Kopie erstellen konnten. Seitdem arbeiten alle Studenten der <em>Escuela de Artes<\/em> f\u00fcr ihre Examensarbeit an einem Projekt bei der Restaurierung eines Teils des Palastes.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende sehen wir noch in einem Innenhof das Symbol f\u00fcr den Friedensschluss, der das Ende des B\u00fcrgerkriegs von 1966 bedeutete: zwei linke H\u00e4nde, die sich ber\u00fchren (links, weil es vom Herzen kommt) und zwischen sich eine Rose halten. Die Rose wird jeden Tag bei einer Zeremonie durch den Pr\u00e4sidenten durch eine neue ausgetauscht, und die alte wirft man einer Frau aus dem Publikum zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mir noch mehr vorgenommen, aber die M\u00fcdigkeit \u00fcberw\u00e4ltigt mich. Ich gehe noch ein bisschen im Zentrum umher, kaufe Ansichtskarten im <em>Mercado Central<\/em> und dann, an einem \u00fcberdeckten Stand bei zwei in traditionellen Kleidern gewandeten jungen Frauen, die laut f\u00fcr ihre Produkte werben, einen Becher voller Obst, in mundgerecht zugeschnittenen St\u00fccken, mit Honig. Der gemischte Becher enth\u00e4lt Wassermelone, Ananas, Kiwi, Apfel, Erdbeere, Honigmelone. Am besten schmecken die Ananas und die Wassermelone. Das Ganze gibt es f\u00fcr 10 Quetzal = 1,30 Dollar. Die beiden erlauben mir l\u00e4chelnd, ein Photo von ihnen und dem farbenfrohen Stand zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich auf eine Bank und lasse mir das Obst schmecken. Von \u00fcberall kommen die Rufe der Stra\u00dfenverk\u00e4ufer, der ambulanten und der mit festem \u201eSitz\u201c irgendwo auf dem B\u00fcrgersteig. Ein alter Mann, dessen Gesch\u00e4ft der Austausch von Batterien f\u00fcr Uhren ist,&nbsp; sitzt einfach auf dem Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir eine Frau, auch traditionell gekleidet, die einfach in der Gegend steht und leise, eher f\u00fcr sich als f\u00fcr andere, aus einem Buch vorliest. Was es damit auf sich hat, ist nicht herauszubekommen. Sie tr\u00e4gt ein knallrotes Kleid, das ihr bis zu den Kn\u00f6cheln geht, dar\u00fcber eine wollene graue Jacke und hat einen langen Seidenschal, der bis zur H\u00fcfte herunterh\u00e4ngt, wie einen Turban um den Kopf geschlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Quetzal, die W\u00e4hrung des Landes, hat seinen Namen von dem gleichnamigen Vogel, dem Wappentier Guatemalas. Der Wechselkurs zum Dollar ist seit langem ziemlich stabil, Guatemala hat nicht die Hyperinflation seiner Nachbarl\u00e4nder erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Quetzal gleicht 100 Escudos, aber die sind aus dem Alltag praktisch verschwunden. Als M\u00fcnze ist nur noch der 1 Quetzal im Umlauf, aus Messing, mit dem Wappen auf der einen Seite und einem Bild auf der R\u00fcckseite, bei denen die Formen des Quetzal und das Wort <em>Paz<\/em> ineinanderflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geldscheine zeigen auf der Vorderseite Politiker oder Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer, lauter M\u00e4nner, von 5 Quetzal bis 100 Quetzal. Interessant ist ausgerechnet der Schein, den ich bisher noch nicht in der Hand gehalten habe, der zu 200 Quetzal. Dort sind drei bekannte Marimba-Spieler abgebildet. Die Marimba ist ein Tasteninstrument, das mit Holzschl\u00e4geln gespielt wird. Hier im Zentrum habe ich schon mehrfach Marimba-Spieler in der Innenstadt gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckseite der Scheine eine architektonische Szenerie, eine Ernteszene (Kaffeeernte!), eine Schulszene und ein Szene aus einer Versammlung bei der Erkl\u00e4rung der Unabh\u00e4ngigkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist es etwas k\u00fchl am Morgen, aber im Laufe des Tages wird es immer w\u00e4rmer, und statt des f\u00fcr den Nachmittag angesagten Gewitters gibt es gerade mal ein paar Tropfen. Es ist bisher der w\u00e4rmste Tag hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass die B\u00fcrgersteige hier relativ gut sind, ohne die Unebenheiten und die Schlagl\u00f6cher, die ich von den L\u00e4ndern in S\u00fcdamerika in Erinnerung habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen hier in der Stadt sind alle Einbahnstra\u00dfen. Bei dem Schachbrettmuster des Stra\u00dfensystems kommt man aber schnell wieder in die richtige Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal finde ich die <em>Panader\u00eda Berna<\/em> auf Anhieb, aber ach, es riecht zwar gut, aber das Lokal ist voll. Es gibt zwei Schlangen, eine davon an so einer Absperrung entlang, wie man sie auf Flugh\u00e4fen sieht. Warum zwei Schlangen? Eine Angestellte gibt Auskunft: eine f\u00fcrs Bestellen, eine f\u00fcrs Abholen. Man muss also zweimal Schlange stehen. Daraufhin verzichte ich und gehe in der N\u00e4he des Apartments ins <em>Bavaria<\/em>. Auf der Speisekarte stehen unbekannte W\u00f6rter wie <em>Kruh<\/em> und <em>Hiladas<\/em>, und ich muss nachfragen. Eins bezeichnet eine Brotsorte, eins bezeichnet Rindfleisch. Was es dann gibt, ist nichts Besonderes, letztlich ein Toastbrot mit R\u00fchrei.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich zur Post. Briefmarken kaufen. Die Post ist untergebracht in einem riesigen Geb\u00e4ude im Zuckerb\u00e4ckerstil, mit zwei Fl\u00fcgeln, die durch einen hohen Bogen verbunden werden, den man von weitem sieht. Dieses Geb\u00e4ude wurde errichtet, nachdem die Erdbeben von 1917 und 1918 das ehemalige Franziskanerkloster zerst\u00f6rt hatten, in dem die Post bis dahin untergebracht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe rein und erhalte die \u00fcberraschende Auskunft: Wir k\u00f6nnen Ihnen zwar Briefmarken verkaufen, aber wir k\u00f6nnen ihre Karten nicht verschicken. Was? Ja, so sei das, wird mir erkl\u00e4rt, die staatliche Post verschicke nichts ins Ausland, dazu m\u00fcsse ich zur privaten Post gehen, und die sei in dem anderen Fl\u00fcgel untergebracht, gleich auf der anderen Stra\u00dfenseite. Aber dort werde erst um 9 ge\u00f6ffnet. Frustriert beschlie\u00dfe ich, die Sache aufzuschieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zur\u00fcckgehe, l\u00e4chelt mich ein Mann auf dem B\u00fcrgersteig freundlich an. Das ist der vom ersten Tag, der mir gezeigt hat, wo ich Geld umtauschen kann. Ich sage ihm,, alles sei in Ordnung gegangen und erkl\u00e4re, warum ich anfangs so z\u00f6gerlich war. Euros k\u00f6nne man hier auch tauschen, sagt er mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf dem Weg zur <em>Mapa en Relieve<\/em>, das ich mir unbedingt ansehen will. Es ist zwar ein ganzer Fu\u00dfmarsch, aber Bewegung tut mir gut. Die Szenerie \u00e4ndert sich, es geht durch ein ziemlich h\u00e4ssliches, sehr ruhiges Viertel und dann an einer Kreuzung entlang, wo sich auf allen Seiten ein Markt mit dicht aneinander gedr\u00e4ngten St\u00e4nden hinzieht. Es ist rappelvoll hier. Ich bin froh, als ich da vorbei bin und dann an eine weitere Kreuzung mit einem Springbrunnen in der Mitte komme. Hier muss es sein. Ich frage einen Mann: \u201e\u00bfEl mapa en relieve?\u201c, fragt der, fast entgeistert. Aber das sei doch in Zone 2. Ja, kann schon sein. Aber da sei ich doch v\u00f6llig falsch, das sei dahinten. Und da schwant mir was: Ich bin zwar die richtige Avenida runtergegangen, aber in die falsche Richtung!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte ein Taxi an. Es wird ja immer vor Taxis gewarnt, aber die hier machen einen guten Eindruck. Alle sind einheitlich, klein und wei\u00df, und haben das Wort Taxi und eine Nummer auf der Karosserie. Der Fahrer nennt auch einen festen Preis: 50 Quetzal. Soll man feilschen? Ich lasse es, und der Fahrer \u00fcbersetzt den Preis auch gleich f\u00fcr mich: 6 Dollar. Er ist sehr gespr\u00e4chig, und wir kommen z\u00fcgig durch. An einem gro\u00dfen Kreisverkehr, der an einen Park angrenzt, l\u00e4sst er mich raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eintritt ist nicht gratis, wie der Taxifahrer gemeint hat. Einheimische zahlen 5 Quetzal, Ausl\u00e4nder 25. Aber man k\u00f6nne mir gratis eine F\u00fchrung anbieten. Das machen die Praktikantinnen. Eine junge Frau \u00fcbernimmt das. Sie sieht noch wie ein Kind aus, hat aber ihr Studium schon beendet, es fehlen nur noch die Praktika. Sie hat Tourismus studiert und m\u00f6chte in der Gastronomie arbeiten, am liebsten m\u00f6chte sie im Ausland eine eigene Bar aufmachen, in der sie guatemaltekische Spezialit\u00e4ten anbietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir zur eigentlichen Sache kommen, streifen wir einen Park, wo die B\u00e4ume wachsen, aus deren Holz die Marimba gebaut wird. Sie hei\u00dfen <em>\u00e1rboles de hormiga<\/em>, \u201aAmeisenb\u00e4ume\u2018, weil sich in ihrem Innern Ameisen verbergen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum <em>Mapa en Relieve<\/em>. Was heute eine Touristenattraktion ist, war einst das Resultat einer Expedition. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zogen zwei Topographen, begleitet von einem Vermessungsingenieur und zwei Soldaten, aus, um das Land zu erkunden, zu Fu\u00df, auf Booten, auf Eselsr\u00fccken. Bis dahin war die Topographie des Landes unbekannt. Die Expedition ging auf die Initiative des Pr\u00e4sidenten zur\u00fcck. Nach der R\u00fcckkehr der M\u00e4nner baute man innerhalb von anderthalb Jahren diese getreue Abbildung des Landes, im Ma\u00dfstab 1:10.000. Man verwendete Zement, Ziegelstein und Bimsstein. Guatemala erscheint in Gr\u00fcn, die Nachbarl\u00e4nder in Wei\u00df, die Meere und Seen in Blau. Kurioserweise ist Belize noch in Gr\u00fcn, weil es noch als ein Teil Guatemalas angesehen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Seen sind abgebildet, von denen der Izabal bei weitem der gr\u00f6\u00dfte ist, dagegen ist der Atitl\u00e1n, mein n\u00e4chstes Reiseziel, gerade mal eine bessere Pf\u00fctze. Drei H\u00e4fen sind abgebildet und drei \u00d6lplattformen, von denen es heute nur noch eine gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wege sind gelb markiert, und auch die Eisenbahnlinien, die es heute nicht mehr gibt, sind eingezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrerin zufolge ist es im Norden kalt, im S\u00fcden hei\u00df, in der Mitte, also hier, ist die gem\u00e4\u00dfigte Zone.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht deutlich den Unterschied zwischen der Ebene im Norden, an der Grenze zu Mexiko, dem Pet\u00e9n, und dem Gebirge hier. Man k\u00f6nnte glauben, in den Anden zu sein. Aber, was mir meine F\u00fchrerin nicht anvertraut, man hat das Gebirge im Ma\u00dfstab 1:2000 gemacht, um es h\u00f6her erscheinen zu lassen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen noch auf eine Plattform, von der aus man einen besseren \u00dcberblick hat. Sie macht ein Photo von mir und verabschiedet sich. Das war eine lohnende Sache, trotz der verkorksten Anreise. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich rausgehe und mich ein bisschen in der Gegend umsehe, spricht mich ein Mann an, ob ich nicht das Baseballstadion besuchen wolle. Das liegt gleicht hier an dem Kreisverkehr. Man untersch\u00e4tzt immer die Bedeutung, die Baseball in diesen Breiten hat. Habe ich fr\u00fcher schon in der Dominikanischen Republik und in Kuba erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich unter den Schatten eines Baumes auf eine Bank. Ein streunender Hund, offensichtlich ein R\u00fcde, legt, nachdem er mich beschnuppert und offensichtlich f\u00fcr gut befunden hat, seine Pfoten auf meine F\u00fc\u00dfe. Ich komme mit dem alten Mann neben mir ins Gespr\u00e4ch. Er kennt ganz Mittelamerika. Sein Lieblingsland sei Costa Rica. El Salvador habe sich unter dem neuen Pr\u00e4sidenten sehr verbessert, aber Honduras und Nicaragua seien doch ziemlich r\u00fcckst\u00e4ndige L\u00e4nder. Guatemala sei in Ordnung, was ihn hier st\u00f6re, seien die <em>marras<\/em>. Was ist das? Das sind Bande von jungen M\u00e4nnern, die sich untereinander bek\u00e4mpfen, aber auch Fremde angreifen. Wenn man von denen angegriffen werde, d\u00fcrfe man sich keinesfalls wehren. Sonst, und er nimmt eine Geste zur Hilfe und macht mit Daumen und Zeigefinger einen Revolver.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verabschiedet sich, und ich gebe das Warten auf. Mit der Bestellung des Uber muss was schiefgelaufen sein. Kam mir heute Morgen schon komisch vor. Ich sehe mich nach einem Taxi um, aber es ist keins zu sehen. Also mache ich mich zu Fu\u00df auf den Weg. Das erste St\u00fcck, an einer breiten Stra\u00dfe mit einer Promenade in der Mitte, ist ganz sch\u00f6n, dann komme ich an eine Kreuzung, wo sich Guatemala von einer unangenehmen Seite zeigt. Krachender Verkehr, mit lauter schwarzen Rauch aussto\u00dfenden Zugmaschinen. Und: Wie kommt man hier \u00fcber die Kreuzung? Es geht links und rechts nicht, jedenfalls nicht ohne Lebensgefahr, dann entdecke ich eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Dahinter wird es richtig sch\u00f6n. Ich bin auf der Sexta, aber stadtausw\u00e4rts in anderer Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem kleinen, h\u00fcbsch dekorierten Caf\u00e9 mit Backsteinw\u00e4nden drinnen und einem Bogen, unter den man k\u00fcnstliche Blumen gestellt hat, die sich hier aber ganz gut machen, bestelle ich bei einem Mann mit einer bemitleidenswert hellen Stimme einen Kaffee und eine Waffel. An der Wand h\u00e4ngen Photos von ehemaligen Gr\u00f6\u00dfen der Popmusik: Beatles, Doors und sogar die Archies seligen Angedenkens.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es gest\u00e4rkt weiter. Da ich sowieso gerade am <em>Mercado Central<\/em> vorbeikomme, gehe ich rein und sorge f\u00fcr Nachschub bei den Ansichtskarten. Die sind wirklich sch\u00f6n. Und, da ich gerade in der Gegend bin, hole ich schnell noch Euros aus dem Apartment. An der Kreuzung gleich bei dem Apartment sehe ich, wie ein Mann eine Ziegenherde \u00fcber den Zebrastreifen treibt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es gleich zu dem Geldumtausch. Der Weg ist mir inzwischen vertraut. Dort geht wieder alles wie am Schn\u00fcrchen, ich erinnere mich, welche Prozeduren man in Mexiko oder Kolumbien durchlaufen musste, um Geld umzutauschen. Hier geht alles ohne jede Formalie. F\u00fcr meine 100 Euros bekomme ich sogar noch etwas mehr als f\u00fcr die 100 Dollars: 860 Quetzal statt 774.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso besser. Die Post ist ganz in der N\u00e4he. Jetzt ist auch der andere Fl\u00fcgel ge\u00f6ffnet. Hier sieht es noch palastartiger aus als in dem anderen. Es gibt verschiedene B\u00fcros f\u00fcr Briefmarkensammler und M\u00fcnzsammler. Alles in hohen B\u00fcror\u00e4umen mit viel schwerem Holz untergebracht. Als ich dran bin, frage ich beschwingt nach Briefmarken f\u00fcr meine Karten. Sie k\u00f6nne mir zwar Briefmarken verkaufen, aber keine Karten verschicken, sagt die Frau hinter dem Schalter. Dieselbe Auskunft wie heute Morgen nebenan. Warum denn nicht. Das ginge leider nicht, aus Guatemala k\u00f6nne man keine Post ins Ausland verschicken. Als sie mein ungl\u00e4ubiges Gesicht sieht, holt sie ein zweisprachiges Blatt hervor, auf dem ausdr\u00fccklich das steht, was sie mir gerade gesagt hat. Sie erkl\u00e4rt, es gebe keine Einigung mit den Fluglinien, die die Post transportieren. Im n\u00e4chsten Jahr soll sich das \u00e4ndern. Ich frage mich, aber nicht sie, wie das denn wohl mit der Gesch\u00e4ftspost ist und ob auch auf dem Landweg in die Nachbarl\u00e4nder keine Post gebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt noch Zeit f\u00fcr ein Museum. Ich entscheide mich f\u00fcr das Eisenbahnmuseum, einfach, weil es in Zone 1 liegt. Dabei habe ich aber die Entfernung untersch\u00e4tzt. Die F\u00fc\u00dfe werden langsam schwerer. Ich frage einen \u00e4lteren, auff\u00e4llig gut gekleideten Mann nach dem Weg. Er erkl\u00e4rt ihn, sagt aber, da hinten sie Vorsicht geboten. Erst verstehe ich nicht, was er meint, alles ist wie gehabt, doch dann komme ich in dichtes Menschengedr\u00e4nge an einer un\u00fcbersehbaren Zahl von Verkaufsst\u00e4nden vorbei. Und pl\u00f6tzlich geht mir ein Licht auf: Ich bin wieder da, wo ich heute Morgen, auf dem Weg zum <em>Mapa de Relieve<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Eisenbahnmuseum ist in einem gro\u00dfen Geb\u00e4ude untergebracht, vielleicht in einem ehemaligen Bahnhof, an der L\u00e4ngsseite eines gro\u00dfen Platzes mit einer Reiterstatue im Zentrum. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann in den Wagen eines G\u00fcterzugs und in den Wagen eines Personenzugs steigen und sogar auf eine Lokomotive klettern. Der G\u00fcterzug hat die klassischen F\u00e4cher f\u00fcr die Post und breite Holzregale, die an dicken Ketten h\u00e4ngen sowie einen eisernen Geldschrank. Im Personenzug gibt es zwei Sitzreihen, eine mit Einzelsitzen, eine mit Doppelsitzen. Und zwischen den Reihen ist reichlich Platz. Die Gep\u00e4ckf\u00e4cher sind gro\u00df und stabil. Da kann sich man moderner Zug ein Beispiel dran nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Ausstellungsr\u00e4umen wird anhand von Dioramen, Photos und vor allem Gegenst\u00e4nden: klobige Telefone, alte Schreibmaschinen und Rechenmaschinen, ein Apparat mit Lochkarten, ein gro\u00dfer Foliant, in dem mit gestochener Handschrift Abfahrten und Vorf\u00e4lle vermerkt sind, Waagen mit Gewichten, Stempel aller Art. Das B\u00fcro des Stationsvorstehers und ein Schlafwagen erster Klasse, der wie das Schlafzimmer zu Hause aussieht, sind getreu nachgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Bau einer Schiene mit Materialien und Werkzeugen ist naturgetreu nachgebildet, mit einer Draisine, die auf der Schiene steht. In der N\u00e4he ein Lastentr\u00e4ger, der mit einer Schubkarre in gebeugter Stellung einen Karren zieht, auf dem F\u00e4sser stehen. T\u00e4uschend echt ein Mann der, mit Spezialschuhen mit Eisenhaken ausger\u00fcstet, einen Telefonmasten erklimmt, um die Leitung zu reparieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den ausgestellten Uniformm\u00fctzen spielt die Farbe eine Rolle: Schwarz f\u00fcr den Lokomotivf\u00fchrer, den unumstrittenen Chef, Beige f\u00fcr den Schaffner, Blau f\u00fcr die Aufpasser.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die ersten schnellen Z\u00fcge gab es auch schon eine Black Box, wie man sie von Flugzeugen kennt. Mit der konnte aufgezeichnet werden, mit welcher Geschwindigkeit der Zug unterwegs war, wenn es zu Entgleisungen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles interessant, nur fehlt das Eigentliche: Die Geschichte der Eisenbahn des Landes. Wann gab es die ersten Strecken, welche Strecken wurden befahren, mit welchen Z\u00fcgen und, vor allem, wann und warum wurde der Betrieb eingestellt?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, bestelle ich in einem Lokal eine Limonade und nehme Wasser mit. Da die Gegend etwas unheimlich ist, frage ich einen Taxifahrer, ob er mich zu meinem Ziel bringen kann, einem Lokal mit den Namen <em>La Cocina de la Se\u00f1ora Pu<\/em>, im Reisef\u00fchrer empfohlen. Er sieht sich das auf dem Handy an, meint aber, das liege in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, da solle ich besser zu Fu\u00df hingehen. Also zwinge ich mich durch das Gedr\u00e4nge auf dem engen Weg zwischen Verkaufsstand und H\u00e4userwand entlang. Zum ersten Mal habe ich ein etwas mulmiges Gef\u00fchl. Ich bewege mich so schnell, wie es eben geht. Und atme auf, als ich wieder auf der Sexta bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Allgemeinen f\u00fchlt man sich sicher, die meisten Leute sind freundlich und hilfsbereit. Zum Gef\u00fchl der Sicherheit tr\u00e4gt auch die Pr\u00e4senz von Polizisten und Soldaten auf den Stra\u00dfen und von Wachpersonal vor den Banken und \u00c4mtern bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort kann ich ein Photo von zwei Marimba-Spielern machen, \u00e4lteren Herren, die hier ihr Konzert geben. Macht Spa\u00df, zuzuh\u00f6ren. Und zu sehen, mit welcher Inbrunst sie spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da, wo die <em>Se\u00f1ora Pu <\/em>sein soll, befindet sich ein anderes Lokal, <em>El Chap\u00edn<\/em>. Sieht klein aus, hat aber eine Vielzahl von kleinen Tischen, die fast alle besetzt sind. Lauter Einheimische. Die Qualit\u00e4t des Essens h\u00e4lt sich allerdings in Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder ins Zentrum komme, sto\u00dfe ich unverhofft auf das <em>Portal de la Sexta<\/em>, eine etwas erh\u00f6ht gelegte Verl\u00e4ngerung der Sexta auf die <em>Plaza de la Constituci\u00f3n<\/em> mittels eines modernen Bogengangs. Unten br\u00fcllt ein Mann mit missionarischem Anliegen in ein Megaphon. Die Welt ist aus den Fugen, mit der Moral geht es abw\u00e4rts. Es fallen W\u00f6rter wie <em>pecado<\/em>, <em>matrimonio<\/em>, <em>salvaci\u00f3n<\/em> und <em>fornicaci\u00f3n<\/em>. Offensichtlich ist es ein flammendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Monogamie. Wen will er \u00fcberzeugen? Warum dieser missionarische Eifer? Was geht wohl in ihm selbst vor?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause besorge ich mir noch ganz im Sinne der gesunden Ern\u00e4hrung eine T\u00fcte Chips und eine Dose Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher bin ich mit meinen 100 Dollar noch ganz gut ausgekommen, aber jetzt ist bald Ebbe im Portemonnaie. Und das, obwohl ich mir das Porto f\u00fcr die Ansichtskarten gespart habe.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Teile der Kathedrale, von wo auch immer man sie ansieht, scheinen irgendwie nicht zusammenzupassen: Die Sandsteinfassade, das wei\u00dfe Langhaus und die Kuppel mit den hellblau glasierten Kacheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne kommt heute bis zur Mittagszeit gar nicht heraus, dann erscheint sie, um dann wieder zu verschwinden. Dann ein paar Regentropfen. Insgesamt ein etwas grauer Tag mit vielen Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre ins Museum. Von all den Museen, die mir die Frau in der Touristeninformation empfohlen hat, ist das Arch\u00e4ologische Museum das, was \u201eunverzichtbar\u201c ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme gleich ein Taxi. Es wird ordentlich kassiert, aber die Fahrt ist auch lang, kilometerlang, fast bis zum Flughafen im S\u00fcden der Stadt. Da h\u00e4tte ich am Flughafen auch genauso gut ein Taxi nehmen k\u00f6nnen statt des teuren Transfers.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist ein riesiges, in Altrosa und Wei\u00df gefasstes Neorokoko-Geb\u00e4ude. Auch hier wird ordentlich abkassiert. Vor allem bei den Ausl\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung, bei der es ausschlie\u00dflich um die Maya geht, in hellen R\u00e4umen, mit wechselnder Anordnung, mal im Kreis, mal um einen Brunnen herum, mal im Rechteck, mit deutlichen Beschriftungen und&nbsp; viel Platz zwischen den absolut sehenswerten Exponaten, ist vorbildlich angeordnet. Nur fehlt bei den Beschriftungen die Angabe des Materials, und es gibt so gut wie keine Erkl\u00e4rungen. Daf\u00fcr wiederum habe ich keine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Prolog gibt es Pilze zu sehen, Figuren oder Formen&nbsp; mit einem Deckel obendrauf, die wie Pilze aussehen. Hab ich noch nie gesehen. Die Arch\u00e4ologen zerbrechen sich den Kopf dar\u00fcber, was das wohl bedeuten kann. Sie k\u00f6nnten magische Wirkung gehabt und das Gedeihen der Fr\u00fcchte bef\u00f6rdert haben, sie k\u00f6nnten so etwas wie Barhocker gewesen sein, sie k\u00f6nnten phallische Bedeutung haben oder sie k\u00f6nnten als Gussform bei der Produktion der B\u00e4lle f\u00fcr das ber\u00fchmte Ballspiel der Maya gedient haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Terminus Mesoamerika wurde offensichtlich von einem deutschen Arch\u00e4ologen gepr\u00e4gt. Er ist nicht identisch mit Mittelamerika, bezieht sich eher auf die pr\u00e4kolumbianischen Kulturen in dieser Gegend, grob gesprochen vom S\u00fcden Mexikos bis Nicaragua. Erstaunlicherweise gibt es unter den Olmeken, Azteken und Maya eine ganze Reihe von Parallelen: Das Mahlen von Mais mit Asche oder Kalk, der Gebrauch von Werkzeugen aus Obsidian, der Gebrauch von Spiegeln aus Pyrit, der aufwendige Kopfschmuck, das Tragen von Sandalen, Turbanen und Federschmuck und der Gebrauch von blow pipes als Wappen. Dann nat\u00fcrlich die Stufenpyramiden. Offensichtlich gibt es auch Parallelen im Kalender \u2013 Jahre von 260 bzw. 365 Tagen, im Zahlensystem, beim Tanz um einen Pfahl herum und dem rituellen Gebrauch von Papier und Gummi.<\/p>\n\n\n\n<p>In der eigentlichen Ausstellung gibt es scharfe Pfeilspitzen aus Obsidian zu sehen, Schmuck aus Jade, Stempel aus Keramik. Die Halskette aus dicken, ovalen Jadeperlen w\u00fcrde auch einer heutigen Frau gut zu Gesicht stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch Halsketten, bei denen die Perlen die K\u00f6pfe von Kojoten oder Jaguars nachbilden. Beide Tiere waren den Maya heilig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Exponate stammen aus der klassischen Zeit, und das bedeutet bei den Maya 250-250. Leicht zu merken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e4tselnd steht man vor einer Kr\u00f6te mit&nbsp; ausgeh\u00f6hltem R\u00fccken. Es stellt sich heraus, dass sie als Altar diente. Sp\u00e4ter sehe ich einen Thron, der dagegen wie ein Altar aussieht, mit Altartisch, Unterbau und Aufsatz, alles verziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wann immer man Darstellungen sieht \u2013 ob von G\u00f6ttern oder von Herrschern \u2013 sieht man die gleichen Merkmale: gro\u00dfe Nasenl\u00f6cher, ge\u00f6ffneter Mund, Zahnl\u00fccken, Schlitzaugen, Ohrgeh\u00e4nge, Kopfschmuck, Piercing in der Zunge. Ob das als ideal galt? Oder ob das normal war?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschend die vielen Gef\u00e4\u00dfe, die sich als Urnen erweisen. Oft stark verziert, manchmal mit einem Kopf auf allen vier Seiten. Sehr aufwendig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist die Keramik, immer gl\u00e4nzend, immer in br\u00e4unlich-r\u00f6tlichen Farben. Es gibt Vasen, Schalen, Teller, Sch\u00fcsseln usw. Vermutlich weniger f\u00fcr den tagt\u00e4glichen Gebrauch gemacht. Eher ungew\u00f6hnlich ein anthropomorphischer Becher, in Grau, einen menschlichen Fu\u00df und ein hohles Bein darstellend.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon von ihrer schieren Gr\u00f6\u00dfe her beeindruckend die vielen Stelen, teils mit Abbildungen von Kriegern oder G\u00f6ttern, teils mit Schriftzeichen, Glyphen. Die sind rechteckig, fast quadratisch, alle von derselben Gr\u00f6\u00dfe. Sie enthalten eine Abbildung und am Rand an einer oder zwei Seiten eine bestimmte Anzahl von Knoten. Die Knoten waren wohl keine Verzierung, sondern Teil des Schriftzeichens. Sie waren Hinweis auf dessen Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glyphen sind immer ganz regelm\u00e4\u00dfig angeordnet. Ich stehe vor einer Stele mit einer Reihe von 4 waagerecht und 12 senkrecht angeordneten Glyphen. Wie liest man die? Von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben oder boustrophedon, wie beim Ochsenpflug, wie bei den alten griechischen Schriftzeichen. Bei den Maya ist es offensichtlich so, dass man von links nach rechts und von oben nach unten liest, aber im Zweierpack. Wenn man unten angelangt ist, f\u00e4ngt man oben wieder an. Darauf muss man erst mal kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verabschiede mich aus dieser unwirtlichen Gegend der Stadt und nehme ein Taxi zur\u00fcck in die Innenstadt. Der Taxifahrer erweist sich als sehr gespr\u00e4chig, berichtet mir, dass er aus einem Dorf stammt und fr\u00fcher in der Landwirtschaft gearbeitet hat, erz\u00e4hlt mit leuchtenden Augen, was Christus f\u00fcr die Welt getan hat, tut seine Meinung kund, die Spanier seien b\u00f6se und gibt mir so viele Reisetipps, dass ich noch gut drei Monate in Guatemala bleiben k\u00f6nnte. Von dem <em>Chicken Bus<\/em>, nach dem ich mich erkundige, weil ich damit morgen an den Lago Atitl\u00e1n fahren will, wei\u00df er genauso wenig wie der Taxifahrer auf dem Hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Passend zur Ausstellung \u00fcber die Maya geht es zum Essen zur Cocina de la Se\u00f1ora Pu, das ich nach einiger Suche endlich finde. Es ist ein kleiner, sch\u00f6n eingerichteter, zur Stra\u00dfe hin offener Raum mit W\u00e4nden in leuchtenden Farben, jede Wand anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild steht xaq puaq. Das bedeutet, dass man nur bar bezahlen darf. Was mir fast zum Verh\u00e4ngnis wird, denn die Preise haben es in sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Speisekarte ist dreisprachig. Die Se\u00f1ora Pu empfiehlt ein H\u00e4hnchengericht, mit einer So\u00dfe aus Schokolade und einer aus Mais. Macht sich sehr sch\u00f6n auf dem Teller, Beige und Braun nebeneinander. Dazu gibt es allerdings nichts weiter au\u00dfer den unvermeidlichen Maisfladen, kein Gem\u00fcse, keine Kartoffeln, nichts. Und die Portion ist auch nicht so beeindruckend. Der Geschmack ist gut, erst wirkt er milder, s\u00fc\u00dflich, dann nimmt die Sch\u00e4rfe zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Der etwas stieselige Junge, der mich bedient hat, kommt mit der Rechnung, einem handgeschriebenen Zettel, auf der mit schmieriger Schrift die Betr\u00e4ge notiert sind. Das Trinkgeld hat er gleich dazu notiert. Ich komme so gerade hin, f\u00fcr ein zweites Bier h\u00e4tte es nicht mehr gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verschwindet mit dem Geld und kommt nicht zur\u00fcck mit dem Wechselgeld. Ich bleibe sitzen, auch wenn es nur 5 Quetzal sind. Der Junge und die Se\u00f1ora Pu fangen an zu tuscheln, und dann kommt sie und bringt mir die 5 Quetzal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich noch ein bisschen durchs Zentrum treiben und kaufe noch mal Obst bei den jungen Frauen an dem bunten Verkaufstisch. Das ist mein Nachtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Marimba-Spielern geht eine Frau im traditionellen Kleid auf die Knie und packt aus ihren Taschen aus. Aus einem gro\u00dfen Plastikbeh\u00e4lter gibt sie eine z\u00e4hfl\u00fcssige Speise in einen Becher, verschlie\u00dft ihn mit einer Serviette und gibt ihm einem der Marimba-Spieler. Dann zieht sie zum n\u00e4chsten Kunden weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Frau kommt vorbei, die mit gro\u00dfer Sicherheit in Paket Klopapier auf dem Kopf transportiert. Eine Frau hat eine Sch\u00fcssel in der Hand, eine auf dem Kopf. Mit der freien Hand sichert sie die Sch\u00fcssel auf dem Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verk\u00e4ufer an den Verkaufsst\u00e4nden haben eine Fliegenpeitsche in der Hand, die sie st\u00e4ndig \u00fcber ihrer Ware hin und her bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist schon \u00f6fter aufgefallen, dass an einigen H\u00e4usern noch die alten Stra\u00dfennamen stehen: <em>Calle de la Merced<\/em>, <em>Calle de los Mercaderes<\/em>. Auf die treffe ich dann zuf\u00e4llig in einer Beschreibung. Dabei geht es um die 6<sup>a<\/sup> und die 12<sup>a<\/sup>. So wie die eine die Stadt in S\u00fcden und Norden unterteilt, unterteilt die andere die Stadt in Westen und Osten. Meine Unterkunft ist ganz in der N\u00e4he des Schnittpunkts der beiden. Und die 8<sup>a<\/sup> ist die, die fr\u00fcher <em>Calle de los Mercaderes<\/em> hie\u00df. Sie wird auch heute noch ihrem Ruf gerecht. Nirgends sonst wimmelt es so sehr von ambulanten Verk\u00e4ufern und von Verk\u00e4ufern mit improvisierten L\u00e4den. Und in dem Erdgeschoss der H\u00e4user gibt es nichts als Gesch\u00e4fte. Kurios, wie sich solche Traditionen manchmal ungewollt fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nicht sowieso schon wach w\u00e4re, w\u00fcrde der Regen daf\u00fcr sorgen, aber ich habe Gl\u00fcck, als ich vollbepackt auf die Stra\u00dfe trete, hat der Regen aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde sofort ein Taxi und zeige dem Taxifahrer die Adresse, die mir die Frau von der Touristeninformation gegeben hat. Ja, die kennt er, da f\u00e4hrt der Chicken Bus ab, der aber hier nur unter Transporte Rebuli bekannt ist. Es soll nach Panajachel gehen, an den Lago Atitl\u00e1n. <em>Panajachel<\/em> hei\u00dft praktischerweise hier \u00fcberall nur <em>Pana<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer hei\u00dft Giovanni, mit zweitem Namen Eric. Das sei franz\u00f6sisch, versichert er mir, dass Giovanni italienisch sei, hat er noch nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist schon ein paar Stunden im Dienst und wird noch bis zum Abend fahren. Sonntag sei der eintr\u00e4glichste Tag, das m\u00fcsse man ausnutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Giovanni schw\u00e4rmt von Guatemala. Hier gebe es alles in H\u00fclle und F\u00fclle. Du k\u00f6nntest da dr\u00fcben auf dem B\u00fcrgersteig etwas s\u00e4en, und es w\u00fcrde aufgehen. Es sei eine Schande, dass die Menschen so wenig daraus machten, dass es so viel Gewalt, Betrug, R\u00fccksichtslosigkeit gebe. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der leeren Altstadt geht es Richtung S\u00fcden. Er schl\u00e4gt ein paar Haken, wegen der Einbahnstra\u00dfen, und wir kommen in ein verlassenes Industrieviertel. Er verlangsamt die Fahrt, um nach der Hausnummer zu gucken. Er setzt mich ab auf dieser einsamen Stra\u00dfe vor einem verschlossenen Eisentor. Hier muss es sein. Man kann durch einen Spalt des Tores gucken und dahinter einen Bus erahnen. Es ist ja noch fr\u00fch.<\/p>\n\n\n\n<p>Giovanni macht sich auf den Weg, ich verlege mich aufs Warten. Drei Frauen kreuzen die Stra\u00dfe und kommen direkt auf mich zu. Das sind vielleicht auch Passagiere, hoffe ich. Sind sie aber nicht. Ich frage nach den Bussen, und sie sagen, nee, die f\u00fchren schon seit Jahren nicht mehr hier ab. Ich m\u00fcsse zum Tr\u00e9bol, Calle 41. Davon habe ich irgendwo auch schon mal was gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe auf der einsamen Stra\u00dfe, und da kommt wie gerufen ein Taxi! Es ist Giovanni. Die Sache war ihm doch wohl etwas merkw\u00fcrdig vorgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren los, es ist noch eine sch\u00f6ne Strecke zur\u00fcckzulegen, und er f\u00e4hrt eine Tankstelle an. Bevor er tankt, geht er rein. Ob er erst bezahlen muss? Dann macht er sich an der Zapfs\u00e4ule zu schaffen. Kommt aber nicht richtig klar. Jemand erscheint, um ihm zu helfen. Er will Benzin tanken, aber das gibt es nicht, es muss Super sein. W\u00e4hrend er tankt, f\u00e4llt mein Blick auf die Preiss\u00e4ule. 30 Quetzal! 30 Quetzal? Das kann doch nicht sein. Das w\u00e4ren ja fast 4 Dollar! Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt er es mir. Es handelt sich nicht um den Preis f\u00fcr einen Liter, sondern f\u00fcr eine Gallone! Vermutlich eine amerikanische Gallone, das w\u00e4ren knapp 4 Liter.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s. Wir kommen \u00fcber eine Art Ringstra\u00dfe, und hier ist schon dichter Verkehr, und das am Sonntagmorgen! Dann sieht man schon weiter unten die ersten der bunten Busse stehen, und bald kommen wir auf einen langgestreckten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Giovanni hat die Fahrt verlangsamt, um zu gucken, wo er mich absetzen kann, und schon haben wir jemanden am Fenster, der nach unserem Fahrtziel fragt. Pana, ja da seien wir bei ihm richtig. Ich frage, ob es direkt dahin gehe. Nein, sagt er, der erste Direktbus gehe erst um 11.30. Ich m\u00fcsse da und da umsteigen \u2013 die Namen verstehe ich nicht \u2013 er w\u00fcrde mich dahin bringen. F\u00fcr 35&nbsp; Quetzal. Ist das nicht ein bisschen viel f\u00fcr den Zubringerservice? Ich gucke wohl noch etwas skeptisch, aber Giovanni gibt gr\u00fcnes Licht, und schon hat der Packer meinen Koffer gepackt und l\u00e4uft Richtung eines blauen Busses. Er versteut ihn ohne allzu gro\u00dfe Sanftheit in dem Gep\u00e4ckfach, und ich kann mir einen Platz aussuchen. Es sind noch wenige Pl\u00e4tze belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Busse sind ausrangierte US-amerikanische Schulbusse, farbenfroh bemalt und sehr in die Jahre gekommen. Man sitzt auf einer Bank, wie in der Schule. Die Sitze sind zu allen Seiten ausgefranst, aber bequem. Nur ist wenig Platz f\u00fcr die Beine.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Windschutzscheibe ist in der Mitte zerborsten. Das scheint hier der Normalfall zu sein. An der Windschutzscheibe h\u00e4ngt eine Kette. Was das wohl ist? Das erweist sich im Laufe der Fahrt: Es ist die Hupe. Wenn man an der Kette zieht, erklingt eine vollt\u00f6nende Hupe.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Fahrg\u00e4ste steigen ein. Auf der Bank neben mir eine Frau, die mich mit einem gewinnenden L\u00e4cheln ansieht und fragt, ob ich Spanisch spreche. Sie selbst ist Spanischlehrerin. Und hat eine Freundin in Deutschland. Ich frage, ob ich mich zu ihr setzen darf. Erst habe ich ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich ihren Platz einschr\u00e4nke, aber das er\u00fcbrigt sich im Laufe der Fahrt. Es wird voller und voller. Der Packer h\u00e4ngt an der offenen Beifahrert\u00fcr und ruft an jeder erdenklichen Stelle Xela. Dahin f\u00e4hrt der Bus. Und immer mehr folgen seinem Ruf. Am Ende haben wir noch einen dritten neben uns sitzen. Da wird es doch etwas ungem\u00fctlich. Aber er findet dann irgendwo einen Karton, auf dem er sich in den Gang setzt und dann nur noch eine Pobacke auf unserer Bank hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seite ein Schild, das die H\u00f6chstzahl der Passagiere mit 27 angibt. Zu Hochzeiten sind wir vermutlich bei knapp 50. Aber das scheint keinen zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Pausen werden nicht gemacht, und es gibt auch kein WC im Bus. Erstaunlich, wie die Leute das aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fahrpl\u00e4ne und feste Haltestellen gibt es nicht. Irgendwo habe ich gelesen, man m\u00fcsse zwischen 2,5 und 4 Stunden veranschlagen. Am Ende sind es 5. Und das f\u00fcr 146 Kilometer! Das liegt auch daran, dass der Verkehr z\u00e4h flie\u00dft und wir in einen Stau kommen. Lange geht es gar nicht weiter, dann nur schrittweise. Ein Unfall! Eine Baustelle? Dann stellt sich heraus, dass es ein Erdrutsch ist, auf der anderen Stra\u00dfenseite, und wir m\u00fcssen durch das Nadel\u00f6hr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Zeit geht es bergauf. Es nieselt die meiste Zeit, dicke Wolken h\u00e4ngen \u00fcber uns, und der Nebel steigt aus den T\u00e4lern auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommt der Packer und kassiert. Ich habe das Geld abgez\u00e4hlt, aber die meisten nicht, und es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit er z\u00e4hlt und wechselt. Wenn er gerade kein Wechselgeld hat, bekommt man einen abgerissenen Zettel mit der Summe, die er noch schuldet. Das ganze Prozedere muss immer wieder wiederholt werden, wenn neue Fahrg\u00e4ste zusteigen. Dabei windet er sich unglaublich beweglich an den Leuten auf dem Gang vorbei. Aber das wahre Kunstst\u00fcck kommt noch. Als kein Platz mehr f\u00fcr Gep\u00e4ck ist, verstaut er es auf dem Dach. Dann klettert er, bei fahrendem Bus, durch die offene T\u00fcr auf das Dach, um die Gep\u00e4ckst\u00fccke wieder runterzuholen, die den Fahrg\u00e4sten geh\u00f6ren, die demn\u00e4chst aussteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen bin ich mit meiner Nachbarin, Alma ins Gespr\u00e4ch gekommen. So allm\u00e4hlich komme ich dahinter, warum sie auf Reisen ist. Sie ist auf der R\u00fcckreise, hat ihren Sohn in der Sierra besucht. Sie ist schon seit Mitternacht unterwegs und hat noch 4 Stunden vor sich. Und die ganze Prozedur am Freitag schon mal. Was M\u00fctter alles tun, um ihre S\u00f6hne zu sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Was es denn mit ihrer Freundin in Deutschland auf sich habe, frage ich. Ob die ausgewandert sei, einen Deutschen geheiratet habe. Nein, sagt sie, sie sei eine Deutsche. Sie habe sie in Xela kennengelernt, wo sie wohl zum Spanischlernen war. Xela, das sagt mir gar nichts. Sie ist entsetzt. Xela sei die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Guatemalas. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass <em>Xela<\/em> die verk\u00fcrzte Form von <em>Quetzaltenango<\/em> ist! Sie spricht sehr positiv davon, es sei ein Ort, der authentischer ist als der Lago Atilt\u00e1n oder Antigua. Der Reiserf\u00fchrer, in dem ich am Abend lese, best\u00e4tigt das. Ein gutes Gemisch von Einheimischen und Ausl\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo in Deutschland ihre Freundin wohnt, wei\u00df sie nicht. Diese deutschen Namen seien ja alle so kompliziert. Sp\u00e4ter sucht sie in ihrem Handy: L\u00f6bau. Kenne ich nicht, aber klingt nach Osten. Dann sehe ich, dass in den Angaben ihrer Freundin irgendwo Fachhochschule Zittau steht. Jetzt kann ich es lokalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Freundin sie Sozialarbeiterin. Sie arbeite mit Fl\u00fcchtlingen. Habe ihr aber gesagt, dass das alles in Deutschland etwas aus dem Ruder laufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich verstehe ich auch das mit ihrer Arbeit. Sie kombiniert zwei Arbeite. Sie muss morgen fr\u00fch um 7.30 ran, in der Schule, und hat heute Nachmittag auch noch eine Stunde. Online. Mit einer in Kalifornien lebenden Israeli!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bessert sich mit dem Online-Unterricht ihr vermutlich karges Gehalt auf. Unterwegs bekommt sie eine Anfrage von einer Frau aus Australien! Sie ist weiter empfohlen worden. Das ist gut, denn online verdient sie mehr als in der Schule. Ich frage, ob sie es noch lange bis zur Rente habe. Rente? Das gebe es hier nicht. Sie arbeitet an einer privaten Schule, und da ist so was nicht vorgesehen. Man arbeitet, solange man kann. Sie will jetzt von dem Geld in der Schule leben und das vom Online-Unterricht zur\u00fccklegen, f\u00fcr sp\u00e4ter. Ich ermutige sie auch, ruhig etwas mehr zu nehmen. Das haben ihr andere wohl auch schon gesagt. F\u00fcr eine Israeli in Kalifornien und eine Australierin ist es kein so gro\u00dfer Unterschied, wenn sie zwei Dollar mehr bezahlen. Aber f\u00fcr sie ist es ein gro\u00dfer Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Der jetzige Pr\u00e4sident habe \u00fcberhaupt kein Interesse daran, die Erziehung zu f\u00f6rdern. Den k\u00f6nne man vergessen. Es hat fr\u00fcher mal einen Pr\u00e4sidenten gegeben, der auch die Bildung von Kooperativen im Kakao- und Kaffeeanbau f\u00f6rdern wollte. Aber daraus wurde nichts. Das seien zwei wichtige Exportartikel f\u00fcr Guatemala, und der guatemaltekische Kaffee sei sowieso besser als der kolumbianische. Ansonsten exportiere man vor allem Obst.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer dem Sohn in der Sierra hat sie noch drei T\u00f6chter. Eine verheiratet, mit einem Kind. Die beiden anderen leben noch bei ihr. Eine von denen wolle gar nicht heiraten. Sie wolle lieber Geld sparen und dann verreisen. Das verbreite sich jetzt so langsam bei der j\u00fcngeren st\u00e4dtischen Generation. Wohin denn Guatemalteken am liebsten verreisen, will ich wissen. Als erstes Mexiko, dann Honduras, aber am liebsten Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der ganzen Zeit ist Bewegung im Bus. Es steigen Bettler aus und ein und Verk\u00e4ufer. Wie die sich durch den Gang zw\u00e4ngen mit ihren Waren und dazu noch kassieren k\u00f6nnen, ist unglaublich. Ich kaufe uns jeweils eine T\u00fcte Obst. Was sie gerne annimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann krame ich meine spanischen Kekse heraus. Gar nicht so einfach bei der Enge. Die findet sie \u201edeliciosas\u201c. Ich verteile auch noch ein paar zur Seite und nach hinten und nach vorne. Niemand sagt nein. Und ich Idiot habe eine ganze Stange von diesen Keksen im Apartment in Guatemala gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Gitarrenspieler. Trotz der ruckeligen Fahrt \u2013 die Stra\u00dfen sind allgemein in einem guten Zustand, aber der in die Jahre gekommene Bus fordert seinen Tribut \u2013 spielt er mit traumwandlerischer Sicherheit und singt mit voller Stimme. Das ist alles richtig sch\u00f6n. Aber ach, die Strafe folgt auf dem Fu\u00df: Er h\u00e4lt eine Predigt. Mit der Lautst\u00e4rke, dem Pathos, der Verve eines evangelikalen Predigers. Als er endlich fertig ist, kommt ein zweiter, und die ganze Prozedur beginnt von vorn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich krame schon mal meine Regenjacke heraus und frage nach dem Regen. Der sei ungew\u00f6hnlich f\u00fcr diese Jahreszeit, meint Alma. Im Oktober sei die Regenzeit in der Regel vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir nach Los Encuentros, einem Ort mit viel Trubel. Hier muss ich raus und mich von Alma verabschieden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Bus steht schon parat. Dann wiederholt sich die Sache noch mal in Solol\u00e1. Erst dann geht es bergab, auf einer kurvenreichen Stra\u00dfe. Als wir auf Panajachel zu fahren, kommt zum ersten Mal der See kurz in Sicht, umgeben von schwarzen Vulkanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pana ist auch ein sehr betriebsamer Ort, hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Ich stehe an einem Kirchplatz und warte auf einen Tuk-Tuk. Die sausen hier alle durch die Gegend, sind aber alle besetzt. Und lassen mich im Regen stehen. Dann kommt einer mit einem Passagier und l\u00e4dt mich ein, mitsamt Koffer. Ich nenne den Namen der Stra\u00dfe, und er sagt: Ach so, am Strand!<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt den anderen Passagier ab und bringt mich dann in die Stra\u00dfe, die die Vermieterin genannt hat. Es ist eine Gasse, und an der reiht sich eine kleine Pension an die andere. Meine ist nicht zu finden. Der Fahrer des Tuk-Tuks bem\u00fcht sich, kann aber auch nichts machen. Passanten und ein Mann vor einer Pension wissen auch nicht Bescheid. Stra\u00dfennamen und Hausnummern gibt es nicht. Ich komme nicht auf die Idee, die Photos von der Unterkunft zu zeigen. Muss ich mir unbedingt f\u00fcr sp\u00e4tere Gelegenheiten merken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder auf die \u201eHauptstra\u00dfe\u201c runter, und da an der Ecke steht ein Mann und spricht mich an. Der wei\u00df Bescheid. Er begleitet mich die Gasse runter und deutet dann auf ein h\u00fcbsches Haus ganz am Ende. Er selbst arbeitet \u201eim Tourismus\u201c, macht aber keinen Versuch, mir irgendwelche Fahrten oder Dienste anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hotel wartet ein kleiner, freundlich l\u00e4chelnder Mann, der mich schon erwartet. Er l\u00e4sst mich kurz mit der Vermieterin sprechen und gibt mir dann den Schl\u00fcssel zu meinem Zimmer. Ich bin verw\u00f6hnt von dem Apartment in Guatemala. Das Zimmer ist winzig klein, hat keinen Schrank, keinen Tisch, keine Haken. Das ist alles etwas unpraktisch, vor allem f\u00fcr die klammen Klamotten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe an den Strand runter und suche zwischen all den Souvenirl\u00e4den, Lokalen, Imbissst\u00e4nden, Minim\u00e4rkten den Weg zum Strand. Gar nicht so leicht. Dann kommt der See in Sicht, in Dunst geh\u00fcllt. Nicht ganz der Anblick, den man vom Bus aus hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist rappelvoll, und \u00fcberall wird man vor den Lokalen aufgefordert, reinzukommen. Ich sehe irgendwo, dass H\u00e4hnchen auf offenem Feuer gegrillt werden. Genau das Richtige. Und das Ende eines denkw\u00fcrdigen Reisetags.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nicht sowieso schon wach w\u00e4re, w\u00fcrden die H\u00e4hne daf\u00fcr sorgen. Sie bestreiten einen lautstarken Wettbewerb, und er zieht sich \u00fcber zwei, drei Stunden hin. Als ich sp\u00e4ter zur\u00fcckkehre, sind sie immer noch zugange. Au jeden Fall besser als Autol\u00e4rm.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Dusche wird darum gebeten, mit dem Wasser vorsichtig umzugehen. Das f\u00e4llt schon deshalb leicht, weil es eiskalt rauskommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe auf den Innenhof, und da steht, unter dem Dach des Umgangs, ein Tisch! Wunderbar! Den kann ich zum Schreiben nehmen. Jetzt sehe ich erst, wie sch\u00f6n der dicht bepflanzte, jetzt von der Sonne bestrahlte Innenhof ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Edgar, der freundliche Mann von gestern, ist auch schon auf und fegt das Laub. Er ist ein kleiner Mann mit einer sehr freundlichen, milden Art. Er arbeitet hier, seitdem das Hotel gegr\u00fcndet wurde, wohl nach einem Umbau. Das mit dem Regen schreibt er dem Hurrikan zu, der k\u00fcrzlich Mittelamerika getroffen hat. Heute werde es aber sch\u00f6n. Damit soll er recht behalten. Jedenfalls bleibt der Dauerregen aus der Wettervorhersage aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich gesetzt habe, steht auf einmal eine Flasche Wasser neben mir, und kurz darauf folgt ein Becher Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg in die Stadt \u00fcber eine schmale, schnurstracks verlaufende Stra\u00dfe: Pick-ups, Fu\u00dfg\u00e4nger, Motorr\u00e4der, Hunde, Tuk-Tuks, alles reichlich vertreten. Im Zentrum dann eine breite Stra\u00dfe mit gro\u00dfen Gesch\u00e4ften und Werkst\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>An eine Stra\u00dfenecke verkaufen zwei M\u00e4nner Obst. Ich schlage gleich zu. Schmeckt hervorragend. Sie k\u00f6nnen mir auch gleich den Weg zur Touristeninformation, zum Inguat, erkl\u00e4ren. Dort kommt mir der Mann schon auf den Stufen entgegen, als er mich drau\u00dfen stehen sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beratung ist ganz gro\u00dfe Klasse. Alles klar, detailliert, aber nicht zu detailliert, und alles anhand eines Stadtplans erkl\u00e4rt. Sehr zufrieden mache ich mich auf den zur Wechselstube. Der Geldwechsel ist der Nebenerwerbszweig eines Souvenirladens der besseren Art. Hinter der Theke eine junge Frau. Zur Vorsicht frage ich nach dem Wechselkurs. 7,15. Katastrophe, es gibt viel weniger als in Guatemala. Und die Aktien des BVB sind auch gefallen! Ich h\u00e4tte in Guatemala mehr Geld tauschen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem gehe ich noch in eine etwas sch\u00e4bige Bar, wo es ganz leckere Pfannkuchen gibt, <em>panqueques<\/em>. Blo\u00df kein Kaffee dazu, lieber Wasser!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum Ufer, zum Landungssteg. Hier fahren die F\u00e4hren in alle m\u00f6glichen Richtungen ab. Meine geht nach Santiago de Atitl\u00e1n.<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint keine Abfahrtszeiten zu geben, man wartet, bis die F\u00e4hre voll ist, und das dauert. Der See ist auch heute etwas triste, aber nicht mehr so diesig wie gestern. Die Bergh\u00e4nge sind dicht bewachsen, ganz gr\u00fcn, und kontrastieren mit den drei Vulkanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es los. Neben mir sitzen zwei Maya-Frauen in der traditionellen Kleidung, das Oberteil, mit kurzen \u00c4rmeln, sehr sch\u00f6n bestickt mit bunten Bl\u00e4ttern, V\u00f6gel und Fr\u00fcchten. Neben ihnen sitzt ein M\u00e4dchen, westlich gekleidet, das wohl zu ihnen geh\u00f6rt, aber die ganze Zeit schweigt, w\u00e4hrend die Frauen ununterbrochen sprechen. Ich frage, welche Sprache sie sprechen. Die Sprache hei\u00dft Tz\u2019utujil. Auch die F\u00e4hrleute unterhalten sich auf Tz\u2019utujil. Hinter uns sprechen aber einige Maya-Frauen mit anderen Maya-Frauen Spanisch. Offensichtlich sind die unterschiedlichen Maya-Sprachen nicht untereinander verst\u00e4ndlich, jedenfalls nicht alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht fast schnurstracks gerade aus, vom n\u00f6rdlichen Seeufer zum s\u00fcdlichen Seeufer, und dauert etwa eine halbe Stunde. Als die H\u00e4lfte um ist, wird es mir etwas mulmig, dann wird mir richtig \u00fcbel, mit Bauschmerzen und Magenschmerzen, der Kopf scheint zu platzen und mir wird schwindlig. Ich versuche, einen Punkt unter mir zu fixieren, und es wird etwas besser. Endlich verlangsamt sich die Fahrt, und der Schwindel verschwindet. Noch ganz benommen lasse ich alle \u00fcber mich klettern und aussteigen. Der F\u00e4hrmann kommt und sagt, ich k\u00f6nne noch sitzen bleiben, solange ich wolle. Ich k\u00f6nne mich auch hinlegen. Davon mache ich Gebrauch. Er bietet mir sogar an, mir Wasser zu bringen, ganz f\u00fcrsorglich. Als ich dann auf schwankenden F\u00fc\u00dfen \u00fcber den Steg gehe, kommt er mir entgegen und bringt mich zu einer Toilette. Danach geht es mir schlagartig besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir ein kleines Dorf vorgestellt, aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Santiago ist die gr\u00f6\u00dfte Stadt am See, mit 26.000 Einwohnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die steile, von Souvenirgesch\u00e4ften ges\u00e4umte Stra\u00dfe rauf und werde von dem Fahrer eines Tuk-Tuks angesprochen. Er z\u00e4hlt genau auf, was in der Tour enthalten ist. Und der Preis? 120. Ich mache auf der Stelle kehrt und er geht auf 60 runter. Abgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es lohnt sich. Er ist nicht nur Fahrer, sondern auch F\u00fchrer. Als erstes geht es rauf zu einem Aussichtspunkt. Der Fahrer, V\u00edctor, erkl\u00e4rt, dies sei der Teil des Sees, den man vom Landungssteg aus nicht sieht. Man meint, der See w\u00e4re dort zu Ende, aber er zieht sich noch drei Kilometer weiter raus hinter Santiago. Der See hat eine Tiefe von bis zu 350 Metern! Und es werden vier Fischarten gefangen. Die z\u00e4hlt er auf und betont, welche beiden die leckersten seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir, wieder von einer steilen Stra\u00dfe aus hinunter auf ein Feld mit rechteckigen Betonkl\u00f6tzen, in unterschiedlichen Farben bemalt. Was ist das? Der Friedhof! Direkt neben uns haben wir zwei solcher Kl\u00f6tze, anhand deren er gut erkl\u00e4ren kann, wie da von verschiedenen Seiten aus bestattet werden kann. Es passen bis zu sechs Tote in jeden Klotz. Er handelt sich immer um Ganzk\u00f6rperbestattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann halten wir vor einem Privathaus und gehen durch einen schmalen Gang in einen abgetrennten, mit einer Art Girlanden an der Decke geschm\u00fcckten Raum. Hier begegnet man Maxim\u00f3n. Eine kleine, leichtes Schaudern erregende Figur eines Mannes, mit zwei H\u00fcten angetan, mit einer unendlichen Menge von Krawatten und mit einer Zigarre im Mund. Maxim\u00f3n ist einer der wichtigsten G\u00f6tter der Maya! Jedes Jahr verl\u00e4sst er seinen gegenw\u00e4rtigen Aufenthalt und wird woanders untergebracht. Neben ihm, in der Ecke, als Zeichen des typischen Synkretismus der Maya, ein Kreuz mit einem pechschwarzen Christus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Weiterfahrt komme ich mit V\u00edctor auch pers\u00f6nlich ins Gespr\u00e4ch. Er wohnt etwas au\u00dferhalb der Stadt, ist verheiratet und hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter ist schon 19, er habe fr\u00fch angefangen und schon mit 18 geheiratet. Fr\u00fch gefreit hat nie bereut?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt von oben ein wunderbarer Blick in die Bucht. Dort unten, in der Ferne, sieht man Frauen im Wasser stehen. An Steinb\u00e4nken. Was machen sie da? Sie waschen die W\u00e4sche! Nicht, weil sie keine Waschmaschinen h\u00e4tten, sondern aus Tradition. Und weil es so eben auch unterhaltsamer ist. Waschweiber eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur Kirche, die \u2013 wie auch anders \u2013 Santiago hei\u00dft. Sie sei sehr alt, erkl\u00e4rt V\u00edctor aus dem 16. Jahrhundert, und habe zwei Erdbeben unbeschadet \u00fcberstanden. 20 Stufen, die f\u00fcr 20 Tage oder \u00c4hnliches im Maya-Kalender stehen, f\u00fchren von dem gro\u00dfen Innenhof mit einem sch\u00f6nen Bogengang auf einer Seite, nach oben. Die Kirche ist aber geschlossen, wegen Renovierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Friedenplatz. Auch hier wird des Endes des B\u00fcrgerkriegs gedacht. Ein eingez\u00e4unter Bereich, auf dem einige Grabsteine liegen, die wie unsere aussehen. Sie sind aber nur Gedenksteine, hier liegt niemand begraben, Steine, im Gedenken an einige Opfer des B\u00fcrgerkriegs errichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Santiago, sagt V\u00edctor, sei ein sicherer Ort. In diesem Zusammenhang f\u00e4llt immer das Wort <em>tranquilo<\/em>. Genauso hat es Alma auf der Fahrt mit dem Chicken Bus benutzt. Ich bekomme eine Sch\u00e4tzfrage. Wie viele Polizisten gibt es wohl in Santiago mit seinen 26.000 Einwohnern. Ich versuche mich zu dr\u00fccken, habe aber keine Chance. 100? Die Antwort stellt ihn offensichtlich zufrieden. Es sind n\u00e4mlich 10.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere letzte Station ist eine Werkstatt, in der die klassische Kleidung der Maya hergestellt wird. Genauer gesagt, ist es der Ausstellungsraum. Zusammen mit mir ist eine Gruppe guatemaltekischer Besucher aus der Hauptstadt da. Eine junge Frau zeigt uns zun\u00e4chst die typische M\u00e4nnerkleidung. Wird nur an Sonntagen oder Festtagen getragen. Sie besteht aus einer bollerigen, bestickten wei\u00dfen Hose und einem roten Hemd. Bei den Frauen gibt es f\u00fcr Rock und Bluse eine Reihe von Grundmustern, aber die Art der Bestickung der Bluse, des <em>huipil<\/em>, ist individuell. Jedes St\u00fcck ist ein Einzelst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erfolgt noch die Erkl\u00e4rung weiterer Kleidungsst\u00fccke, die dazu getragen wird. Auf wunderbare Weise wird aus ein und demselben Kleidungsst\u00fcck erst Stola, dann Schal, dann Kopftuch. Und dann kommt noch der ber\u00fchmte <em>toyocal<\/em>, ein meterlanges Stoffband, das man \u00fcber die Schulter schwingen kann, das aber eigentlich um den Kopf gewunden wird, mit unendlich vielen, schnellen Bewegungen, bis es eine Art Turban bildet. Auf der M\u00fcnze zu 25 Centavos ist eine Frau aus Santiago abgebildet, keine Ber\u00fchmtheit, sondern eine Frau aus dem Volk. Sie war bei einem Wettbewerb die schnellste beim Binden des <em>toyocal<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war die erlebnisreiche Tour durch Santiago mit V\u00edctor. Er setzt mich am Landesteg ab. Aber es dauert noch etwas bis zur Abfahrt. Ich gehe wieder die Stra\u00dfe rauf. Erst jetzt sehe ich, dass man dabei unter einem Bogen hergeht, auf dem Tz\u2019ikin Jaay steht. Das ist der Maya-Name von Santiago. Er bedeutet \u201aHaus des Vogels\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Minimarkt finde ich Zwieback und Coca-Cola und mache mich wieder auf den Weg zum Landungssteg. Unterwegs treffe ich auf eine alte Frau, die einen Topf auf dem Kopf tr\u00e4gt, ohne ihm festzuhalten. Auch die B\u00fcrgersteige und das Kopfsteinpflaster machen ihr nichts aus. Ich frage sie, wie das geht, und sie l\u00fcftet im wahrsten Sinne des Wortes das Geheimnis: Darunter tr\u00e4gt sie den <em>toyocal<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige ins Boot und setze mich diesmal ans Fenster. Im letzten Moment steigt noch eine Frau ein, die wie eine Spanierin klingt und wie eine Deutsche aussieht. Sie hat einen gro\u00dfen Rucksack bei sich und Wanderst\u00f6cke. Sie tr\u00e4gt Wanderschuhe, eine Wollm\u00fctze, eine Maske, einen Kapuzenpullover und eine get\u00f6nte Sonnenbrille. Sie hat sicher den Vulkan bestiegen. Unterwegs dreht sie ein Video, wobei sie eine beschriftete Glasplatte vor das Handy h\u00e4lt, vermutlich Aufnahmen f\u00fcr einen Videoauftritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt verl\u00e4uft ohne Probleme und wird zu einem sinnlichen Erlebnis. Schwere wei\u00dfe und schwarze Wolken h\u00e4ngen \u00fcber uns, lassen aber Platz f\u00fcr blaue Flecken am Himmel. Der Fahrtwind und die Wasserspritzer, die man abbekommt, das heftige Aufprallen des Boots auf den Wellen und der laute Motor vereinen sich mit den Stimmen und dem Gel\u00e4chter der Passagiere, von deren Gespr\u00e4che man kein Wort versteht. Vor mir ein Mann mit zwei wundersch\u00f6nen Kindern, ein Junge und seine \u00e4ltere Schwester, beide mit gro\u00dfen, schwarzen Augen, pechschwarzem, seiden gl\u00e4nzendem Haar, er kurzgeschoren, sie lang in einen Pferdeschwanz gebunden, beide mit ganz feiner, makelloser Haut. Und als wir auf den Hafen von Pana zukommen, schweben Paraglider vom Himmel. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>22. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem gestern im Laufe des Tages nur ein paar Tropfen gefallen waren, gab es am Abend dann doch noch einen tropischen Regenguss, der es in sich hatte, den ich aber gesch\u00fctzt unter dem Dach des Innenhofs beobachten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs noch in einer Apotheke gewesen und die empfohlenen Tabletten bekommen. Die Packung sah furchterregend gro\u00df aus, aber die Apothekerin nahm einfach ein Blatt raus und gab es mir. Sehr praktisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann zuf\u00e4llig noch auf eine Reiseagentur gesto\u00dfen in einem winzigen, fensterlosen, zur Stra\u00dfe hin offenen Raum. Hervorragender Service und freundliche Bedienung, und gleich den Transfer zum n\u00e4chsten Reiseziel festgemacht. Man wird von Unterkunft zu Unterkunft gebracht, und der Transfer ist viel g\u00fcnstiger als das, was im Internet angeboten wird. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hab mich schon die ganze Zeit gewundert, dass man hier keine weiteren G\u00e4ste sieht. Gestern ist aber einer gekommen, sagt mir Edgar. Ein Wanderer. Er kam um Mitternacht und wollte um 4 schon wieder geweckt werden. Edgar hat ihn dann kurz vor vier geweckt, und eine Viertelstunde sp\u00e4ter war er schon wieder weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Woche k\u00e4men noch drei neue G\u00e4ste, erkl\u00e4rt mir Edgar, und n\u00e4chste Woche sei dann alles voll, insgesamt 12 Zimmer. Die Saison beginnt. Das erkl\u00e4rt die gute touristische Infrastruktur hier und die vielen L\u00e4den und Lokale.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich das Grundst\u00fcck verlasse, gr\u00fc\u00dft mich eine junge Frau, die laut mit ihren Freunden scherzt, mit den Worten \u201eHola, Papi.\u201c Dieser Tage in Guatemala habe ich geh\u00f6rt, wie eine Frau mittleren Alters einen jungen, vermutlich drogenabh\u00e4ngigen Mann freundlich abwies und ihn dabei mit <em>papito<\/em> ansprach. Das ist unabh\u00e4ngig von Verwandtschaftsverh\u00e4ltnis und Alter einsetzbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen mir streunende Hunde entgegen. Sie sehen alle irgendwie gleich aus. Auf zehn streunende Hunde kommt sch\u00e4tzungsweise eine streunende Katze.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Stadt sehe ich das Hotel <em>Las<\/em> <em>Jacarandas<\/em>. Das sind die B\u00e4ume, die ich auch schon auf vorigen Reisen gesehen habe, am auff\u00e4lligsten die mit den violetten Bl\u00fcten. Hier wachsen neben dem Eingang B\u00e4ume mit ein paar orangefarbenen Bl\u00fcten. D\u00fcrften aber die gleichen B\u00e4ume sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich ein Tuk-Tuk mit dem Namen <em>Regalo de Dios<\/em>, \u201aGottesgeschenk\u2018. Danach kommt als Gegenst\u00fcck eins, das <em>El d\u00f3lar<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zur Kirche durch, und als ich davorstehe, geht mir ein Licht auf: Hier war ich schon mal. Hier habe ich auf das Tuk-Tuk zum Hotel gewartet, nach der Ankunft in Pana.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche, mit einem gro\u00dfen Vorplatz, stammt von 1567, an der Stelle der entscheidenden Schlacht zwischen Maya und Spaniern von Franziskanern errichtet. Die Fassade, steinsichtig, ist sch\u00f6n, in 5 Bahnen und mit 4 nach oben immer schmaler werdenden Geschossen. Im Obergeschoss Glocken, darunter, in Nischen, ein paar Figuren, und in allen Geschossen mehrere Doppels\u00e4ulen. Je mehr man hinsieht, umso mehr entdeckt man, darunter verschiedene Reliefs, die in das Mauerwerk eingelassen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen erweist sich die Kirche, einschiffig, mit Balkendecke, als erstaunlich gro\u00df, mit einem enormen Langhaus. In jedem Joch h\u00e4ngen gr\u00fcne Vorh\u00e4nge von beiden Seiten herunter, und dazwischen immer die gleichen, sch\u00f6n mit Laub gestalteten Leuchter aus Messing in Form einer Krone.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne viel Kitsch, aber nicht \u00fcberladen. An beiden Seiten brennen Kerzen, wieder in Gl\u00e4sern, eigens f\u00fcr diesen Zweck bestimmte gerade Gl\u00e4ser mit Heiligenfiguren, aber auch Schnapsgl\u00e4ser und Kognakschwenker.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Ausgang kommt mir eine Frau entgegen, die auf Knien zum Altar rutscht. Sp\u00e4ter sehe ich sie auch noch im R\u00fcckw\u00e4rtsgang. Da kommt man sich irgendwie deplatziert vor, wenn man \u201eganz normal\u201c durch die Kirche geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Stadt komme ich am <em>Crossroads Caf\u00e9<\/em> vorbei. Dort sind die Entfernungen zu St\u00e4dten in aller Welt aufgelistet. Am weitesten ist es nach Abu Dhabi: 14.286 Kilometer. Seoul und Melbourne und Kapstadt sind auch ganz sch\u00f6n weit. Nach Luzern, das ist das n\u00e4chste an der Heimat, sind es 9.518 Kilometer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Weg f\u00fchrt mich zur <em>Posada de Don Rodrigo<\/em>, einem Hotel der Extraklasse, in einer park\u00e4hnlichen Anlage gelegen. Das beherbergt eine Ausstellung zu den Maya. Hier wird ordentlich Eintritt genommen, 80 Quetzal. Die Tage am See erweisen sich als teurer als die Tage in der Hauptstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ausstellung und die Forschungen, die zu ihr gef\u00fchrt haben, sind schon einmal Gegenstand einer Sondersendung der <em>National Geographic<\/em> gewesen, unter dem Titel <em>La<\/em> <em>Atl\u00e1ntica Maya<\/em>. Ausgestellt ist n\u00e4mlich Keramik, die man aus dem See gerettet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellungsst\u00fccke sind sehr sch\u00f6n pr\u00e4sentiert, gut beleuchtet, fast jedes in einer eigenen Vitrine, aber die Beschriftung l\u00e4sst zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Die Erkl\u00e4rungen zur Vulkanologie und zur Geschichte der Maya-Reiche \u00fcberfordern mich, und die Frage der Fragen wird nur ganz am Rand ber\u00fchrt: Wie kommen die Sachen in den See? Zwei M\u00f6glichkeiten werden vorgestellt: Der See war M\u00fclldeponie f\u00fcr nicht mehr gebrauchte Keramik, oder man hat sie aus rituellen Motiven in den See geworfen, versprach sich magische Wirkung davon. Beide Erkl\u00e4rungen klingen etwas an den Haaren herbeigezogen.&nbsp; Und der Titel der Sendung der <em>National Geographic<\/em> ist dann auch irref\u00fchrend. Unter <em>Atlantis<\/em> versteht man doch wohl eine im Wasser untergegangene Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei interessante Themen tauchen dennoch auf. Erstens, mit der wachsenden Bev\u00f6lkerung begann man, auch den Kraterrand als Anbaugebiet zu entdecken. Und zweitens, die St\u00e4dte der Maya waren gar keine. Es waren Orte f\u00fcr die Elite, etwa wie die europ\u00e4ischen F\u00fcrstenh\u00f6fe, nur von den Gouverneuren und Priestern bewohnt. Die gew\u00f6hnlichen Leute lebten, ohne zentrale Organisation, an ihren Feldern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es noch etwas \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Maya-V\u00f6lker untereinander, durch das ich mich best\u00e4tigt f\u00fchle in meiner Aversion gegen die simple Unterscheidung Spanier # Maya. Hier, um den See herum, lebten die Tz\u2019utujiles, im Westen und S\u00fcden des Sees, und die Cakchiqueles, im Norden und Osten des Sees. Sie sprachen unterschiedliche Sprachen, obwohl beide denselben Ursprung hatten. Die Cakchiqueles hatten sich in einer blutigen Revolte von den Quich\u00e9 losgel\u00f6st und ihr eigenes Reich gegr\u00fcndet. Die Rivalit\u00e4t zwischen den Quich\u00e9 und den Cakchiqueles gipfelte in einer Reihe grausam gef\u00fchrter Kriege, die das Reich der Quich\u00e9 schw\u00e4chten. Die Indios waren weder einig noch friedlich. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird es aber Zeit f\u00fcr die Exponate. Die Vielfalt der Formen ist beachtlich, und die der Funktonen auch: Teller, Sch\u00fcsseln, Kr\u00fcge, Vasen, Tassen. Anfangs (sofern die Ausstellung chronologisch ist) sieht man flache B\u00f6den, dann bekommen die Gef\u00e4\u00dfe F\u00fc\u00dfe, einige wenige mit den K\u00f6pfen von Ungeheuern verziert. Auch Henkel kommen erst sp\u00e4ter auf. Besonders gef\u00e4llt mir ein Objekt, das wie ein Erdbeerk\u00f6rbchen aussieht. Ganz wunderbar ein gro\u00dfes, bauchiges Gef\u00e4\u00df, dessen Hals als das Gesicht eines Mannes ausgestaltet ist, mit ganz einfachen Mitteln. Er umfasst seinen Bauch mit ganz schmalen, langen H\u00e4nden. Sieht gem\u00fctlich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei zwei Objekten scheint sich Lava-Masse au\u00dfen festgesetzt zu haben. Wie kommt die daran?<\/p>\n\n\n\n<p>Was war wohl die Funktion dieser Teile? Reine Gebrauchsst\u00fccke f\u00fcr den Alltag? Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr rituelle Zwecke? Wenn ich mich an das Arch\u00e4ologische Museum in Guatemala erinnere, k\u00f6nnten sogar Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr die Ein\u00e4scherung dabei sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur <em>Reserva Natural<\/em>, mit dem Tuk-Tuk. Die liegt nat\u00fcrlich ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb, es geht \u00fcber eine gewundene Stra\u00dfe und dann \u00fcber einen langen Schotterweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier bezahlt man Eintritt und wird sich dann selbst \u00fcberlassen. Halbwegs guten Wegweisern folgend, geht es in den Park hinein. Der Weg ist schmal und steinig und auf beiden Seiten von dichter, tropischer Vegetation ges\u00e4umt. Man ist sofort in einer anderen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es zu den Schmetterlingen, zum <em>Mariposero<\/em>. Schon au\u00dferhalb kommen einem einzelne kleine Schmetterlinge entgegen. Die sind vermutlich ausgeb\u00fcxt. Sobald man drinnen ist, schwirren sie einem vor den Augen und um den Kopf herum, aufgeregt die Fl\u00fcgel schlagend. Es sind Hunderte. Sofort f\u00e4llt einem auf, wie gro\u00df sie sind. Am besten vertreten sind die blau-schwarzen, aber es gibt jede Menge Variation. Die vielen Schmetterlinge im Flug auf ein Photo zu bannen, misslingt auf spektakul\u00e4re Weise. Aber einzelne bekommt man gut aufs Photo, entweder, wenn sie wie tot auf dem Boden liegen, um dann pl\u00f6tzlich wieder aufzufliegen, oder wenn sie sich mit ihrem R\u00fcssel an einer Bl\u00fcte zu schaffen machen. Entweder stehen sie dann ganz still oder sie schlagen mit den Fl\u00fcgeln. Das Ganze ist ein wunderbares Schauspiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es \u00fcber verschlungene Wege zum Wasserfall. Erst geht es \u00fcber eine Holzbr\u00fccke, die den Namen H\u00e4ngebr\u00fccke noch nicht verdient hat. Die n\u00e4chste aber wohl. Sie ist lang und kommt m\u00e4chtig ins Schwingen. Die zweite auch und die dritte und die vierte auch. Ich habe \u00fcber dem Abgrund nicht den Mut, das Handy f\u00fcr ein Photo herauszuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende finde ich auch noch die Plattform, von der aus man die Affen sehen kann, aber die lassen sich nicht blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder mit dem Tuk-Tuk zur\u00fcck in die Stadt. Der Fahrer l\u00e4sst mich irgendwo an einer Kreuzung raus und deutet vage in eine Richtung. Da vorne sei die Galerie. Ich laufe mir die Beine krumm, immer um das Gebiet der Kirche herum. Gleich gegen\u00fcber muss die Galerie laut Karte liegen. Aber keiner scheint sie zu kennen, die Karte ist nicht genau genug und verzeichnet auch nicht alle Stra\u00dfennamen, und die Namen der Stra\u00dfen sind den Leuten auch meistens nicht bekannt. Und mein Handy verweigert seine Mitarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gehe ich in eine etwas schummerig aussehende Bar und bestelle einen <em>Licuado<\/em>, mit Banane. Schmeckt k\u00f6stlich und ist gerade das Richtige jetzt. Ich komme mit den Frauen hinter der Theke ins Gespr\u00e4ch, Mutter und Tochter. Die Mutter kommt und sieht sich meine Karte genau an. Dann sagt sie, ja, sie wisse, wo das sei. Sie geht mit mir vor die T\u00fcr und zeigt mir den Weg. Als ich meinen <em>Licuado<\/em> beendet habe, schickt sie aber ihre Tochter mit. Die soll mir den Weg zeigen. Und tats\u00e4chlich, wir biegen in eine schmale Seitenstra\u00dfe ein, und da ist sie, die <em>Galeria Ixchel<\/em>. Mit einem sch\u00f6n verzierten Tor mit Maya-Motiven. Geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und setze mich in ein etwas gr\u00f6\u00dferes Lokal, wo ich zun\u00e4chst der einzige Gast bin. Ich bestelle den <em>Plato t\u00edpico<\/em>, mit Schweinelende, Chorizo, Reis, K\u00e4se, Knoblauchbrot und den unvermeidlichen Bohnen. Dazwischen tummelt sich ein St\u00fcck Melone, und daneben ein Avocado-Dip in einem Salatblatt. Da kann man nicht meckern. Das Bier, das es dazu gibt, kommt in der Flasche, obwohl es <em>Dorada Draft<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>23. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen ist es st\u00fcrmisch, und als ich auf die Stra\u00dfe gehe, weht mir der Wind den Sand in die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Zimmer komme, liegt auf einem Stuhl direkt vor der T\u00fcr meine W\u00e4sche, gewaschen und geb\u00fcgelt. Edgar hat ganze Arbeit geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den See herum mangelt es nicht an Heiligen: San Marcos, San Lucas, San Jorge, Santa Catarina, Santa Clara, San Pedro, San Pablo und Santiago, wo ich dieser Tage war. Heute geht es nach San Juan, am westlichen Rand des Sees gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der F\u00e4hre bin ich umgeben von albernen Latinas, die jedes Selfie und jeden ihrer Kommentare mit Gel\u00e4chter oder mit Kichern quittieren. Beim Photographieren lehnen sie sich weit aus dem Fenster. Das traue ich mich nicht. Daf\u00fcr mache ich aber ein Photo, als wir an einem kleinen Ort anlegen und mitten ins Schilf fahren. Besser als jedes Selfie.<\/p>\n\n\n\n<p>In den wenigen T\u00e4lern liegen ein paar kleinere Ortschaften, immer in etwas Distanz zum Ufer, steil ansteigend. Am Ufer selbst, sogar den Steilk\u00fcsten, einzelne H\u00e4user, und sogar a n den steilen Bergh\u00e4ngen sieht man einzelne H\u00e4user, teils mit moderner Glasfassade. Dort scheint gar keine Stra\u00dfe hinzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>San Juan ist kleiner und ruhiger als Santiago, aber genauso touristisch. Man geht durch ein Spalier von Verkaufsst\u00e4nden steil die Stra\u00dfe rauf in die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tuk-Tuk-Fahrer wollen astronomische Preise f\u00fcr die Tour, und diesmal lasse ich mich \u00fcber den Tisch ziehen und bezahle 100 Quetzal. Jetzt wei\u00df ich erst, was ich an meinem V\u00edctor in Santiago gehabt habe. Dieser Fahrer, passenderweise Juan, beschr\u00e4nkt sich aufs Fahren, und die Distanzen sind viel kleiner als in Santiago.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern, sagt er, habe er zum BVB gehalten, gegen Real Madrid, denn hier halte man zu Bar\u00e7a, und die spielen heute gegen Bayern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es zu den Bienen. In einer Kooperative werden Bienen gez\u00fcchtet, Honigprodukte verkauft (darunter Honigbier!) und F\u00fchrungen angeboten. Der junge Mann, der das macht erkl\u00e4rt alles mit viel Geduld. Auch hier in Amerika ist das Bienensterben ein Thema. Er macht das fest an der Lebenserwartung der Bienen, der Arbeitsbienen. Sie lebten fr\u00fcher sieben Wochen lang, heute nur noch vier Wochen lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeitsbienen suchen den Nektar und verspeisen ihn. Dann spucken sie ihn wieder aus, und bei der Verdauung ist aus dem Nektar Zucker geworden. Der dient der Ern\u00e4hrung der Bienen. Manchmal lassen sie den Nektar durch den Kopf passieren, und dabei wird durch eine Dr\u00fcse Kollagen produziert, und dabei entsteht der Gel\u00e9e Royale, Nahrung f\u00fcr die K\u00f6nigin. Bei der guten Ern\u00e4hrung kann die vier bis f\u00fcnf Jahre alt werden. Sie muss aber auch hart ran und etwa 1000 Eier pro Tag legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Bienen machen die Weibchen, die Arbeitsbienen, die ganze Arbeit. Anders als bei den Menschen. Und die M\u00e4nnchen sind nur zur Vermehrung da. Auch anders als bei den Menschen. Und es gibt viel zu viele von ihnen. Auch anders als bei den Menschen. Die K\u00f6nigin macht nur von 2% von ihnen Gebrauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir uns Bienenk\u00f6rbe an. Aus dem Loch des ersten guckt gerade eine hervor. Ich wundere mich, wie klein die ist, aber Oswaldo sagt mir, ich solle mal auf den n\u00e4chsten Bienenkorb achten. Noch kleiner, h\u00f6chstens so gro\u00df wie eine M\u00fccke. Und ich erfahre, zu meiner \u00dcberraschung: Die amerikanischen Bienen haben keinen Stachel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir noch ein Bambusrohr. Das ist der bevorzugte nat\u00fcrliche Bienenstock der Bienen. Wenn sie den nicht finden, bauen sie ihren eigenen Stock, und die zwei Materialien, die sie dabei benutzen, sind hier auch ausgestellt: Mist oder Lehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss kaufe ich noch eine Flasche Honig, dickfl\u00fcssig, golden, s\u00fc\u00df. Verkauft wird nur hier an Ort und Stelle. Es gibt sonst keinen Absatzmarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es zu einer anderen Kooperative, einer Baumwollweberei. Die junge Frau, die mir den Prozess zeigt, hei\u00dft Elena. Zuerst sehe ich helle und dunkle, br\u00e4unliche Baumwolle. Beide f\u00fchlen sich weich an. Sie legt sie auf ein Kissen und klopft mit einem doppelarmigen Kn\u00fcppel auf die ein. So wird die Baumwolle von Fibern befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Prozess des F\u00e4rbens. Sie zieht einen Strang Baumwolle durch eine Fl\u00fcssigkeit, und schon verf\u00e4rbt sie sich. Wenn man intensivere Farben haben will, muss man das wiederholen oder die Baumwolle in der Fl\u00fcssigkeit liegen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Bananenstaude ins Spiel. Wie das? Die gef\u00e4rbte Wolle wird in eine Fl\u00fcssigkeit gelegt, die man aus dem Stamm der Bananenstaude gewonnen hat. Und was ist der Effekt? Das verhindert das Verf\u00e4rben! Wer wohl auf so was gekommen ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen vor den vielen Materialien, die f\u00fcr das F\u00e4rben genutzt werden: R\u00fcbe, M\u00f6hre, Kamille, Avocado, Zeder, Basilikum und sogar Kohle und viele andere. Die meisten sind pflanzlich, nur f\u00fcr Rot, da werden Tiere gebraucht, Schildl\u00e4use, Hunderte und Tausende, aus deren Blut der Farbstoff gewonnen wird, genauso wie bei uns vor der Erfindung der chemischen Fasern. Und dann kommt noch ein Paukenschlag: Bei einer Pflanze ist das Ergebnis davon abh\u00e4ngig, ob bei Vollmond oder nicht geerntet wird: bei Vollmond blau, ohne Vollmond grau!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zeigt sie mir, auf dem Boden kniend, wie aus der Baumwolle mittels einer Spindel F\u00e4den gezogen werden, je nach Umdrehung mehr oder weniger d\u00fcnne. Das macht sie alles mit gro\u00dfer Leichtigkeit vor. Dann werden die F\u00e4den um ein Holzger\u00fcst gewunden, immer und immer wieder, wobei man h\u00f6llisch aufpassen muss, dass man sich nicht verz\u00e4hlt. Und schlie\u00dflich das Weben selbst, wieder auf dem Boden sitzend, mit einem Gurt hinter dem R\u00fccken und mit ruckartigen Bewegungen. Das habe ich schon mal in Mexiko gesehen und auch damals schon nicht verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist gerade mal 18 Jahre alt, arbeitet hier in der Kooperative und studiert nebenbei, so was wie Krankenschwester. Wir reden eine Zeitlang aneinander vorbei, als ich frage, wie sie die beiden Dinge miteinander verbindet. Am Ende stellt sich heraus, dass sie nur samstags nach Solol\u00e1 zum Studieren f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kooperative bekommt viele Produkte von Familien aus der Gegend, die sie bezahlt und gegen einen Anteil an dem Preis vermarktet. Insgesamt sind 40 Familien beteiligt. Das Ganze l\u00e4uft unabh\u00e4ngig, kein Unternehmen mischt sich da ein. Ich frage, ob auch schon mal an den Export gedacht worden ist. Ja, aber das scheitert an den b\u00fcrokratischen Hindernissen und den Kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Schokoladenfabrik, meinem n\u00e4chsten Ziel, handelt es sich um ein Unternehmen, keine Kooperative. Was man hier besichtigt, ist nur ein Ausstellungsraum. Ich halte zum ersten Mal eine Kakaofrucht in den H\u00e4nden. Bin erstaunt, wie leicht sie ist. Und wie doll es rappelt, wenn man sie bewegt. K\u00f6nnte ein Musikinstrument sein. Die Schritte des Herstellungsprozesses, Sch\u00e4len, Mahlen, Trocknen, R\u00f6sten usw. kenne ich von einer anderen Reise. Mir wird aber auch noch Neues geboten, eine Fl\u00fcssigkeit, die auf dem Kakao beruht. Bei der Destillation entsteht ein Getr\u00e4nk mit 70% Alkoholgehalt. Der wird dann auf 20% reduziert. Ich darf an der Flasche riechen. Riecht nach Schnaps.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch ein, zwei Sorten Schokolade zu probieren, unter einer Auswahl von 100% Kakao bis zu wei\u00dfer Schokolade. Die bekanntlich keine Schokolade ist. Am Schluss kaufe ich mir noch die teuerste Tafel Schokolade meines Lebens, 70% Kakaogehalt. Damit geht der Besuch von San Juan zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Warten auf die F\u00e4hre f\u00e4llt mir das h\u00e4ufige Vorkommen von Goldz\u00e4hnen bei den Einheimischen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen diesmal eine regelrechte Rundfahrt und legen immer wieder an kleinen Stegen an kleinen Orten an. Wenn man in der F\u00e4hre sitzt und auf den Steg blickt, sieht man nur die F\u00fc\u00dfe der Leute, mit H\u00fchneraugen und hochgewachsenen Zehenn\u00e4geln.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist m\u00e4chtiger Seegang, und der Aufprall der F\u00e4hre auf die Wellen ist unangenehm hart. Die meisten lachen, aber es ist ein gequ\u00e4ltes Lachen. Als wir endlich ankommen, bin ich froh, dass die n\u00e4chsten Transfers wieder auf dem Landweg erfolgen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>24. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl der See so touristisch ist, habe ich&nbsp; bisher, den Aufenthalt in der Hauptstadt eingeschlossen, nur ein paarmal sporadisch Englisch geh\u00f6rt, nur einmal ganz kurz Franz\u00f6sisch und noch keinmal Deutsch!<\/p>\n\n\n\n<p>Durch einen aufmerksamen Kommentar aus der Heimat werde ich darauf aufmerksam, dass <em>Atitl\u00e1n<\/em> kein Wort aus einer Maya-Sprache ist, sondern aus dem Nahuatl kommt. Es bedeutet so etwas wie \u201aZwischen dem Wasser\u2018, wobei <em>atl<\/em>, Wasser, auch das Wort ist, das in <em>chocolatl<\/em>, Schokolade steckt, \u201abitteres Wasser\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg f\u00fchrt mich zur Apotheke. Die Kasse funktioniert nicht, und die Frau hinter der Theke muss die Preise bei ihrer Chefin abfragen. Die kommen dann nicht per Packung, sondern pro Einheit, <em>la unidad<\/em>, und der Preis der gut abgez\u00e4hlten Tabletten wird dann mit dem Taschenrechner ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es, schon mit gepacktem Koffer, in das Lokal unten an der Ecke. Da war ich gestern Abend schon. Der Wirt erwartet mich schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Blick f\u00e4llt auf das Haus gegen\u00fcber. Erinnert mich an Griechenland. Das Erdgeschoss, ein l\u00e4nglicher, fensterloser Raum, ist schon fertig. Da ist ein Minimarkt drin. Das erste Obergeschoss befindet sich im Rohbau. Der Bau ist zur Stra\u00dfe hin offen, es gibt keinerlei Absicherung, und die Treppe, die ins n\u00e4chste Geschoss f\u00fchrt, endet kurz vor dem Abgrund. Gestern Abend haben da Kinder gespielt. Das n\u00e4chste Geschoss besteht bisher nur aus ein paar eisernen Stangen, die senkrecht nach oben ragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mit dem Koffer vor dem Lokal stehe, in Erwartung des Busses, dem ich die Fahrt die Gasse rauf ersparen will, f\u00e4llt mir auf, wie viele Frauen hier mit dem Motorrad unterwegs sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bus kommt ein Herold auf dem Motorrad, der die Namen der einzusammelnden Passagiere ausruft und dann auch gleich daf\u00fcr sorgt, dass die Koffer auf dem Dach verfrachtet werden-<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus. Lauter Bleichgesichter sitzen da drin. Es ist ein Bus f\u00fcr 12 Personen. Ich habe das Gl\u00fcck, dass der Platz neben mir frei bleibt. Noch mehr Gl\u00fcck hat die dicke Amerikanerin vor mir, deren Nachbarplatz ebenfalls frei bleibt. Der letzte Passagier, ein Amerikaner, der gut Spanisch mit einem furchterregenden Akzent spricht, wird auf den Beifahrersitz verfrachtet, Und damit verschwindet auch der Herold auf seinem Motorrad.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden von einer Frau gefahren. Die macht das gut, ganz souver\u00e4n. Es wird zwar immer wieder rechts \u00fcberholt, aber das scheint hier nicht gegen die Regel zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber eine gut ausgebaute, zweispurige Stra\u00dfe, in die Berge und den Dunst hinein. Dann f\u00e4ngt es auch noch etwas an zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich biegen wir ab, und es geht \u00fcber eine etwas holprige Landstra\u00dfe. Bequem sitzt man hier nicht, und man wei\u00df nie, wie lange die Fahrt noch dauern wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann kommen niedrige H\u00e4user in Sicht, wir fahren \u00fcber Kopfsteinpflaster und an H\u00e4usern mit Gittern vor den Fenstern vorbei. Wir sind da! Hat insgesamt nur drei Stunden gedauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes entsorgen wir den Ami auf dem Beifahrersitz, und prompt ist wieder ein junger Mann zur Stelle, der sich um die Koffer k\u00fcmmert. Das ist echt gut organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich setzen sie irgendwo auf der <em>Calzada Santa Luc\u00eda<\/em> ab. Ich sehe nach der Hausnummer, aber in 63 ist eine Bank untergebracht. Den Schl\u00fcssel soll ich in der Bar <em>El Churro<\/em> abholen. Die kennt hier niemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in eine Bar und frage den Mann hinter der Theke. Der guckt im Internet nach. Nichts. Dann wei\u00dft der auf ein Schild mit dem Passwort f\u00fcrs WLAN. Ich melde mich an und merke, dass ich mir die falsche Adresse notiert habe, die f\u00fcr den n\u00e4chsten Aufenthalt. Da geht es in die Bar <em>El Churro<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es dagegen durch einen Sch\u00f6nheitssalon, um in die Unterkunft zu gelangen! Dahinter verbergen sich in einem kleinen Innenhof die Zimmer. Die Unterbringung hat diesmal wirklich das Pr\u00e4dikat <em>einfach<\/em> verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder in das Caf\u00e9 von vorhin, um mich zu bedanken. Und bestelle einen K\u00fcrbiskuchen und einen Kaffee. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Es stellt sich heraus, dass er Hobbyphotograph ist. Auf einem Regal, das \u00fcber mehrere Seiten l\u00e4uft, hat er, in chronologischer Reihenfolge, Kameras aus verschiedenen Jahrzehnten platziert. Eine der \u00e4ltesten ist eine deutsche, er reicht mir auch eine weitere deutsche, die ist richtig schwer. Er verkauft sogar noch Filme! Ja, da gebe es immer noch Nachfrage, meint er.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe durch die Stadt, die alles von einer kleinen, schmucken Kolonialstadt hat. Es ist warm, und es wird immer w\u00e4rmer. Bisher der w\u00e4rmste Tag der Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes Ziel ist die Touristeninformation. Dort bekomme ich einen Stadtplan und die Adressen der unz\u00e4hligen Kirchen und Museen, die es hier gibt. Und eine Wegbeschreibung zur Bank. Dort soll ich am besten mein Geld wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher gehe ich aber noch \u00fcber den Kathedralplatz. Dort kann man Stadtf\u00fchrer anheuern. Ein Mann, der zwar einen Ausweis hat, aber nicht das Emblem, das er haben sollte, spricht mich an. Er versteht offensichtlich von der Sache was. Er fordert 30 Dollar oder 200 Quetzal, das scheint mir ganz sch\u00f6n heftig, aber hier in Antigua bekommt man sicher nichts nachgeschmissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bank ist in einem alten herrschaftlichen Geb\u00e4ude mit einem sch\u00f6nen Innenhof untergebracht. Beim Geldwechseln geht es sehr formal zu, mit einem von einem Soldaten bewachten Eingang, mit einer Nummer, die man ziehen muss, mit Vorlage des Passes und \u00dcberpr\u00fcfung der Dollarnoten auf Echtheit. Der Wechselkurs ist besser als in Pana, aber schlechter als in Guatemala.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg spricht mich eine Frau an, die gem\u00fctlich auf einem Steinvorsprung vor der Kathedrale sitzt. Sie bietet alle m\u00f6glichen touristischen Dienste an und auch den Verkauf von Souvenirs, muss aber am Ende selbst lachen, als sie sieht, dass sie dabei bei mir auf Granit st\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gehe ich noch in ein Gesch\u00e4ft mit dem verlockenden Namen <em>Dollar City<\/em>. Scheint eine Kette zu sein. So was wie ein besserer 1-Euro-Laden. Dort kaufe ich noch ein paar Kleinigkeiten und ziehe mich in meine Bude zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Oktober (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg f\u00fchrt mich zur Apotheke, und dann geht es gleich ins Zentrum, zum <em>Parque Central<\/em>, einem sch\u00f6nen, gr\u00fcnen Platz, wo es am Morgen noch ruhig zugeht. Eine Verk\u00e4uferin reagiert schnell, als sie sieht, dass sie bei mir mit Englisch nicht ankommt und sagt: \u201eKaufst du etwas!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin etwas unschl\u00fcssig, was ich machen soll und gehe noch mal an der Touristeninformation vorbei und dann in eine Buchhandlung mit dem Namen <em>El Tuerto<\/em>, \u201aDer Ein\u00e4ugige\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich frage ich mich zum <em>Museo Casa Santo Domingo<\/em> durch, am Rande der Innenstadt gelegen. Das soll alleine sieben Museen beherbergen, wobei das Wort <em>Museum<\/em> mit Vorsicht zu genie\u00dfen ist. Das \u201eArch\u00e4ologische Museum\u201c besteht aus ein paar Ausstellungsst\u00fccken, die im ehemaligen Kapitelsaal untergebracht sind, und das \u201ePharmaziemuseum\u201c ist eine hier wieder aufgebaute alte Apotheke.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein riesiger Komplex, mit offenen Pl\u00e4tzen, langen Korridoren, Kreuzg\u00e4ngen, S\u00e4len. Sogar an dem l\u00e4rmenden Pausenhof einer Grundschule kommt man vorbei. Anfangs glaubt man, nicht richtig zu sein, denn man betritt das Museum durch ein Hotel, an der Rezeption vorbei, durchs Foyer und am Swimming-Pool vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4u\u00dferst originell gemacht ist das Pr\u00e4kolumbianische Museum. Dort hat man den Exponaten der Maya modernere Exponate derselben Gattung gegen\u00fcbergestellt. Einer gro\u00dfen Urne aus Keramik mit der typischen Maya-Fratze vorne drauf hat man zum Beispiel eine ebenso gro\u00dfe Urne aus Glas aus dem Frankreich der Napoleonischen Zeit gegen\u00fcbergestellt. Man sieht auch, wie bestimmte Motive \u201eunsterblich\u201c sind. Neben einer weiteren Maya-Urne mit Schmetterlingen liegen bunte Schmetterlinge aus Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Maya-Urne, rechteckig, flach, mit Deckel, ist am Boden die Figur einer Gottheit angebracht, mit einem Loch am Nabel. Das Loch repr\u00e4sentiert den Ausgang des Toten ins Jenseits.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich der ideelle Wert, den viele Tiere im Universum der Maya hatten: Schlangen standen f\u00fcr Wiedergeburt und Verwandlung, Schmetterlinge standen f\u00fcr die Seelen der Krieger, der aus dem Wasser auftauchende Panzer der Schildkr\u00f6ten die Trennung der Erde von der Unterwelt, das Krokodil die Oberfl\u00e4che der Erde, Karnickel standen f\u00fcr den Mond!<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Museen sind angeordnet um die Reste der ehemaligen Klosterkirche herum. Dort stehen einige Heiligenfiguren aus dem Kloster, farbig gefasste Holzfiguren, darunter eine Maria Magdalena mit einem \u00fcberw\u00e4ltigend traurigen Gesichtsausdruck. Die Augen, mit pechschwarzen Pupillen, scheinen aus Glas gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Kirche hat man an einer Felswand eine bizarre Installation angebracht. Auf den Felsvorspr\u00fcngen sitzen musizierende Engel, Figuren, die wie Kinderpuppen aussehen, und daneben h\u00e4ngt eine spiralf\u00f6rmige Kette von Glocken. Alle paar Sekunden erklingt ein Glockenschlag, und das Ganze ist unterlegt mit einer leisen, sph\u00e4risch klingenden Tonfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kunstmuseum gibt es die Werke eines gewissen Jaime Arimany zu sehen, impressionistisch anmutende Werke verschiedener Gattungen, Stillleben, Portr\u00e4ts, Landschaftsmalerei. Am besten gef\u00e4llt mir ein Stillleben mit den Zutaten f\u00fcr eine Mahlzeit: Tomaten, mit schwarzen Stellen, ein Teller mit Fischen, mit roten Streifen und sonst silbrig gl\u00e4nzend, ein Baguette mit abgeschnittenen St\u00fccken, Trauben, die auf einem Glasteller liegen und teils herunterh\u00e4ngen. Mitten drin eine Korbflasche mit Wein. Arimany gilt als der Maler des langen Pinselstrichs, <em>de la pincelada larga<\/em>, und wenn man das einmal gelesen hat, f\u00e4llt es einem bei jedem Bild auf. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Von ganz anderem Kaliber sind die Bilder eines gewissen Marco Augusto Quiroa, in Stil und Themen. Man sieht zum Beispiel das Bild eines brennenden Hundes, mit scharfen \u00dcberg\u00e4ngen zwischen den Formen und eindeutigen Farben. Anders, aber ebenso merkw\u00fcrdig sind seine Figuren \u2013 scheinen in Glas geritzt zu sein \u2013 deren Titel wie Vater und Sohn nichts mit dem Dargestellten zu tun zu haben scheinen. Die Figuren sind eine Mischung aus Maya-Gottheit und Roboter.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Nahtstelle zwischen den Werken der beiden Maler sind auf einem Vorsprung die Utensilien eines Malers ausgestellt, wie ein Atelier im Kleinformat: Palette, Malkasten, Kittel, Pinsel, die in einer Wasserflasche stecken, ein Zertifikat. Man kann sich fragen, ob das ein Kunstwerk an sich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir noch die Klosterk\u00fcche an, zweigeteilt, der Teil mit Tischen und St\u00fchlen, in denen sich das Leben der Bediensteten abspielt, und die K\u00fcche selbst, mit Abzugshaube ganz oben in der Decke, dem Kaminofen unten und riesigen Kochger\u00e4ten, vor allem Sch\u00fcsseln aus Kupfer. Der Raumteil, in der die eigentliche K\u00fcche ist, hat die Form alter Maya-Behausungen, hei\u00dft es. Scheint zehneckig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich noch ein bisschen im Freien umherbummele, h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich das Kr\u00e4chzen und dann das Pfeifen eines Vogels direkt \u00fcber mir. Es ist ein Guacamaya, ein farbenpr\u00e4chtiger Vogel mit langem Schwanz. Von denen h\u00e4lt man hier vier oder f\u00fcnf Exemplare, alle anders im Federkleid. Sie k\u00f6nnen nicht ausgewildert werden, da sie in der freien Natur nicht zurechtk\u00e4men.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind sie ein beliebtes Photomotiv. Als ich zwei Frauen den Vortritt lasse und \u201e\u00a1Adelante!\u201c sage, entgegnet die eine mir, wohl in der Annahme, ich w\u00e4re ein Gringo, \u201eOh, Espanish!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin etwas unschl\u00fcssig, was ich nach dem Museum unternehmen soll. Am Ende mache ich den Versuch, auf den <em>Cerro de la Cruz<\/em> zu steigen, den H\u00fcgel am Rande der Innenstadt mit Aussichtsplattform. Die Stra\u00dfe dorthin geht best\u00e4ndig aufw\u00e4rts, und die m\u00fcden Beine wollen nicht so recht mitmachen. Am Stra\u00dfenrand verkaufen eine Frau und ein Mann Granizado, kommt mir sehr gelegen f\u00fcr eine Pause. Ich bestelle einen mit Zitrone. Der wird hier viel aufwendiger gemacht als in Spanien. Der Mann zertr\u00fcmmert das Eis mittels eines altert\u00fcmlichen, mit einer Kurbel betriebenen Apparats. Die Frau erledigt den Rest. Neben das Eis werden an den Rand des Bechers Gurkenscheiben platziert. Dann kommt Salz drauf, dann Erdn\u00fcsse, dann kommen geriebene K\u00fcrbiskerne dar\u00fcber, dann noch mal Salz, und erst zum Schluss kommt der Saft der frisch gepressten Zitrone dar\u00fcber. Ich setze mich auf einen Mauervorsprung und lasse mir die Erfrischung schmecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter die Stra\u00dfe rauf, und dann kommt der eigentliche Weg zum H\u00fcgel hinauf. Ich bin drauf und dran, umzukehren, aber dann gebe ich mir doch einen Ruck und packe die Sache an. Der Anstieg ist ganz sanft, und am Ende bin ich froh, durchgehalten zu haben. Die Aussicht ist sch\u00f6n, wenn auch nicht \u00fcberw\u00e4ltigend. Oben steht ein Kreuz, und alle, wirklich alle, lassen sich vor dem Kreuz und vor der Br\u00fcstung photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Stadt kann ich noch nicht so viel identifizieren, aber ein knallgelbes Geb\u00e4ude sticht so heraus, dass man es nicht \u00fcbersehen kann. Das ist <em>La Merced<\/em>, ein ehemaliges Nonnenkloster.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne kann man wenigstens einen von zwei Vulkanen erkennen, die quasi zur Stadt geh\u00f6ren, den <em>Volc\u00e1n de Fuego<\/em> und den <em>Volc\u00e1n de Agua<\/em>. Der Gipfel des Vulkans, auf den man blickt, liegt in den Wolken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck ins Zentrum will eine Frau, die ich nach dem Weg frage, wissen, woher in komme. Aus Deutschland? Sie arbeitet f\u00fcr Deutsche. Wohl als Haushaltsgehilfin. Ob sie gut behandelt werde, frage ich. Die Antwort kommt etwas z\u00f6gerlich. Ja, sie wohl, sie arbeite seit 28 Jahren f\u00fcr dasselbe Ehepaar, aber von den anderen h\u00f6re man andere Dinge. Die Deutschen seien sehr anspruchsvoll, <em>exigentes<\/em>, und auch <em>bravos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verabschiedet mich mit einem freundlichen L\u00e4cheln, offenkundig froh \u00fcber die kurze Begegnung. \u00dcberhaupt ist das hier das Land des L\u00e4chelns. Wenn man sich an jemanden wendet, um nach dem Weg zu fragen, kommt sofort ein L\u00e4cheln, noch bevor man gefragt hat. Auch vorbeifahrende Motorradfahrer oder Passanten schenken einem oft ein L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freundlichkeit manifestiert sich auch in der Sprache. Kaum mal beschr\u00e4nkt man sich auf ein nacktes Ja oder Nein. Oft h\u00f6rt man etwas altmodisch klingelnde Floskeln wie \u201ePara servirle.\u201c Als ich in einem Lokal nach dem WC frage, sagt die Kellnerin \u201ePor ah\u00ed, caballero.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Toiletten gibt es einen weiteren sprachlichen Aspekt zu beachten. Als ich in Guatemala nach der Toilette frage und <em>lavabo<\/em> gebrauche, sieht mich die Kellnerin verst\u00e4ndnislos an und deutet auf ein Waschbecken in der Ecke, keine drei Meter entfernt. Hier sagt man <em>ba\u00f1os<\/em>, wenn man die Toilette meint. Aber an den Toiletten steht dann <em>Sanitarios<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause komme ich an einem der vielen Lokale vorbei, bei denen die Speisekarte schon am Eingang ausliegt. Ich sehe mir die Speisekarte an und entscheide mich, reinzugehen. Das Lokal hei\u00dft <em>Madre Tierra<\/em>. Kein Lokal der Extraklasse, aber doch eher was f\u00fcr h\u00f6here Angestellte. Es sind ausschlie\u00dflich Einheimische vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das H\u00e4hnchen, das eigentlich der Protagonist des Gerichts sein sollte, spielt angesichts der vielen Beilagen nur eine mindere Rolle. Und das sind lauter Klassiker: Die Bohnen, als schwarze Masse pr\u00e4sentiert, fehlen nie, ebenso wenig die <em>tortillas<\/em>, die Maisfladen, warm in einem K\u00f6rbchen serviert.&nbsp; Auch wieder dabei die gebratenen Bananen, der Reis und die Avocado-Paste. Ein typischeres Gericht kann man sich also kaum vorstellen. Heute schmeckt alles gut, au\u00dfer dem H\u00e4hnchen, das viel zu trocken ist. Das Bier wird mit Strohhalm serviert!<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gehe ich gegen Abend noch mal raus und erlebe die Stadt in der D\u00e4mmerung und dann in der bald eintretenden Dunkelheit. Es ist viel Betrieb \u00fcberall, viele Touristen sind unterwegs. Antigua ist der meistbesuchte Ort Guatemalas und hat au\u00dferdem zahlreiche Sprachschulen. Trotzdem erdr\u00fcckt der Tourismus die Stadt nicht. Das Leben der Einheimischen geht weiter, und man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Heute beim Essen war ich der einzige Ausl\u00e4nder in dem Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz des vielen Betriebs herrscht \u00fcberhaupt keine Hektik. Stattdessen ist Gelassenheit angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque Central<\/em> \u00fcberall spielende Kinder zwischen den Souvenirverk\u00e4ufern, den flanierenden Touristen und den Einheimischen, die auf B\u00e4nken oder Mauervorspr\u00fcngen oder einfach auf dem Boden sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleines M\u00e4dchen leckt etwas aus, das in einer Box ist, den Kopf zur\u00fcckgelehnt. Die Box bedeckt das ganze Gesicht. Erst alles raus ist, gibt es sich zufrieden, und der kleine Kopf kommt hinter der Box hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganze Seite des gro\u00dfen <em>Parque Central<\/em> wird von der Kathedrale eingenommen, eine andere vom Rathaus, eine dritte von einem Arkadengang. In der Mitte ein Springbrunnen mit drallen Frauenfiguren, aus deren Br\u00fcsten das Wasser spritzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Brunnen herum konzentrieren sich die ambulanten Verk\u00e4ufer, teils mit Tapeziertischen ausgestattet, teils einfach auf dem Boden sitzend. Was es hier alles zu kaufen gibt! Erdn\u00fcsse und Mandeln, Portemonnaies und Armreife aus Leder, geh\u00e4kelte Wollpuppen mit Kn\u00f6pfen als Augen, gewebte T\u00fccher und Taschen, h\u00f6lzerne Brettchen und Sch\u00fcsseln und ein Schr\u00e4nkchen f\u00fcr Eier, k\u00fcnstliche Blumen, Handyh\u00fcllen und Handtaschen, Schirmm\u00fctzen und T-Shirts mit Guatemala oder Antigua als Aufdruck, Saft und Marmelade aus Quitten! Hoffentlich haben die Verk\u00e4ufer bei anderen mehr Gl\u00fcck als bei mir!<\/p>\n\n\n\n<p>26. Oktober (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Unterkunft muss der Busbahnhof sein. Von dort kommen \u00fcber eine schmale Stra\u00dfe lauter Chicken Buses zum Vorschein. Da sie hier auf der Stra\u00dfe wenden m\u00fcssen, springt der Packer raus und dirigiert mit lauten Rufen den Fahrer: \u201e\u00a1Aaaaale, aaaale!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Calzada de Santa Luc\u00eda werden heute Sonnenblumen verkauft, immer im Vierer- oder F\u00fcnferpack. Die Verk\u00e4ufer preisen sie an: \u201e\u00a1Girasoles, Girasoooles!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand sind in Reihe und Glied die Motorr\u00e4der geparkt, wohl an die 50.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Bettler spricht mich mit <em>Padr\u00f3n <\/em>an.  Ein anderer Bettler sitzt am Stra\u00dfenrand, auf seine Kr\u00fccken gest\u00fctzt. Einen Rollator habe ich bisher noch nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man einem Bettler was gibt, antwortet der \u201eQue Dios le bendiga\u201c. Das entspricht grob unserem \u201eVergelt\u2019s Gott!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite findet ein Stra\u00dfenmarkt statt, an festen St\u00e4nden unter einem Vordach. Das ist wohl nur was f\u00fcr Einheimische. Die <em>Calzada de Santa Luc\u00eda<\/em> scheint das touristische Antigua von dem der B\u00fcrger zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bew\u00f6lkt, und wieder kommt im Laufe des Tages nur ganz sporadisch die Sonne durch. Das Wetter ist bis jetzt eine Entt\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann mit Bar\u00e7a-Trikot kommt mir entgegen in dem Moment, wo ich das McCafe passiere. Die Gegenwelt zur der der Bettler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kehre irgendwo zum Fr\u00fchst\u00fcck ein. Sofort kommt mir eine junge Kellnerin, stark geschminkt, mit der Speisekarte entgegen und eskortiert mich zum Tisch. Ich sitze kaum, da kommt die n\u00e4chste junge Kellnerin, stark geschminkt, und bringt Besteck und Decke. Und ehe ich es mir versehe, steht schon eine Tasse Kaffee vor mir, bevor ich die Bestellung aufgegeben habe. Die wird dann von der dritten Kellnerin, stark geschminkt, entgegengenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck, das ich bestelle, hei\u00dft <em>Desayuno chap\u00edn<\/em>, also guatemaltekisches Fr\u00fchst\u00fcck, denn <em>chap\u00edn<\/em> ist der Spitzname der Guatemalteken, so wie <em>ticas<\/em> der der Einwohner von Costa Rica, <em>nicas<\/em> der der Nicaraguaner, <em>catrachos<\/em> der der Honduraner und <em>guanacos<\/em> der der Salvadorianer. Die Reise d\u00fcrfte eine gute Gelegenheit sein, sich das einzupr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist von einem Mittagessen kaum zu unterscheiden, wieder sind Wurst, Bohnen, gebratene Bananen vertreten. Dazu gibt es Omelette mit K\u00e4sef\u00fcllung und Knoblauchtoast.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Fernseher l\u00e4uft im Insert die Bundesligatabelle durch, aber ich verpasse die oberen R\u00e4nge. Jedenfalls sehe ich, dass es um den BVB nicht gut bestellt ist. Dann kommt schon die franz\u00f6sische Liga, dann die von Mexiko, dann die von Costa Rica.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen l\u00e4uft American Football, und ich sehe eine Szene mit einem klassischen Konterangriff, bei dem man auch ins Schw\u00e4rmen geraten kann, wenn man nichts davon versteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern Abend lief in einer Kneipe auf einem Bildschirm Basketball, auf einem anderen Baseball. Man konnte sehen, dass Baseball noch \u00fcberwiegend eine wei\u00dfe Sportart ist, beim Basketball waren nur ganz wenige wei\u00dfe Spieler vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg und komme an der Jesuitenkirche vorbei. Daran kann man gut die Geschichte Antiguas veranschaulichen. Das entscheidende Jahr war 1773. Da entschloss man sich endg\u00fcltig, die Hauptstadt von hier, von Santiago de los Caballeros de Guatemala, in einen anderen Ort zu verlegen, nach Nueva Guatemala de la Asunci\u00f3n, der heutigen Hauptstadt des Landes. Diese Stadt, die ehemalige Hauptstadt, wurde bekannt als Antigua Guatemala oder einfach Antigua. 1979 wurde die Stadt in das Welterbe der UNESCO aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Umzug in die neue Hauptstadt war Antigua der Sitz der spanischen <em>Capitan\u00eda General<\/em> gewesen, war also so etwas wie der zentrale Verwaltungs- und Regierungsort f\u00fcr ganz Mittelamerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Verlegung des Regierungssitzes war ein Erdbeben. Es war nicht das erste, auch nicht das zweite oder das dritte, sondern das vierte des Jahrhunderts, und irgendwann hatte man einfach den Kaffee auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erdbeben haben sogar ihren eigenen Namen: Das von 1773 hie\u00df Santa Marta. Davor hatte es 1751 das Erdbeben San Casimiro gegeben, 1717 das Erdbeben San Miguel und 1702 das Erdbeben Santo Domingo. Kirche und Konvent der Jesuiten kamen bei jedem dieser Erdbeben zu Schaden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jesuiten waren 1582 nach Guatemala gekommen, und die Kirche wurde 1626 vollendet. Schon 1689, kurz vor der Ausweisung der Jesuiten, hatte es schon ein Erdbeben gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 19. Jahrhundert&nbsp; diente das Gel\u00e4nde des Konvents dann dem Trocknen der Kaffeebohnen und sp\u00e4ter als <em>Mercado Principal<\/em>. Jetzt beherbergt das Konvent ein Kulturzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist eine Ruine, aber von der Fassade ist erstaunlich viel stehen geblieben. Einige der Statuen in den Nischen, Heilige, flankiert von namentlich benannten Engeln \u2013 Uriel, Saetiel, Barachiel, Jehudiel \u2013 sind stehen geblieben, wenn auch die meisten, aber nicht alle, kopflos.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ausstellung in dem Konvent sind 12 Lithographien von Dal\u00ed ausgestellt. Sie besch\u00e4ftigen sich auf phantasievolle, teils phantastische Art mit den kulinarischen Kreationen des Restaurants Maxim. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen die laufenden Uhren nicht fehlen, genauso wenig wie Gala. In einer Abbildung ist ihr Kopf voller Kekse, und mit dem Mund bl\u00e4st sie eine Glaskugel auf, in der eine dicht gedr\u00e4ngte Szene erscheint, die an Hieronymus Bosch erinnert. In einer anderen Lithographie sieht man ein erb\u00e4rmlich aussehendes totes Huhn und daneben das Leichentuch Christi.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gang durch den Konvent trifft man auf mehrere Kreuzg\u00e4nge, teils farblich auff\u00e4llig gestaltet. Einer davon hat zu zwei Seiten hin h\u00f6lzerne Bogeng\u00e4nge und zu den anderen beiden Seiten hellblaue Mauern. Man will hier vielleicht betonen, dass es sich um etwas Neues handelt. Und man nicht den Eindruck erwecken will, als handele es sich noch um den Jesuitenkonvent.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe h\u00f6re ich, wie ein paar Bar\u00e7a-Anh\u00e4nger eine Kellnerin fragen, ob bei ihr sp\u00e4ter das Spiel \u00fcbertragen werde und wann die Bar denn \u00f6ffne. Es geht n\u00e4mlich heute gegen Real Madrid. Beim Zuschauen muss man ja den Zeitunterschied beachten. Wenn das Spiel abends ausgetragen wird, ist es hier tags\u00fcber zu sehen. Jedenfalls werden sie sp\u00e4ter viel Freude daran haben. Bar\u00e7a wird das Spiel 4:0 gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum <em>Arco de Santa Catalina<\/em>, dem beliebtesten Photomotiv von ganz Antigua. Gelb gefasst und von einem Uhrenturm bekr\u00f6nt \u00fcberspannt er die gepflasterte Altstadtstra\u00dfe und gibt den Blick frei auf das dahinter liegende Kloster La Merced. Der Bogen wurde urspr\u00fcnglich gebaut, damit die in Klausur lebenden Nonnen von einem Teil ihres Klosters in den anderen gelangen konnten, ohne gesehen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier h\u00f6re ich zum ersten Mal Deutsch auf der Reise. Zwei hochgewachsene junge M\u00e4nner zusammen mit einer ebenso hoch gewachsenen Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Mauer links kann man durch ein Tor blicken und dort die Wagen und Figuren sehen, die bei den Prozessionen der Karwoche zum Einsatz kommen. Die <em>Semana Santa<\/em> von Antigua ist eine wichtige Touristenattraktion Antiguas.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es jetzt in das Kloster La Merced. Der Platz um das Kloster herum&nbsp; kann dem <em>Parque Central<\/em> Konkurrenz machen.&nbsp; Zu den Souvenirs, die hier angeboten werden, geh\u00f6ren Quietschenten und Rosenkr\u00e4nze.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster La Merced hat die Erdbeben gut \u00fcberstanden, es war wohl j\u00fcnger als die anderen und daher wohl stabiler. Das knallgelbe Geb\u00e4ude war mir gestern schon von dem Aussichtspunkt auf dem H\u00fcgel aufgefallen. Was man von oben nicht sehen kann, das sind die wei\u00dfen Stuckverzierungen, die sich \u00fcberall auf den Au\u00dfenmauern befinden, um die Nischen herum, auf den Pfeilern, an den beiden Glockent\u00fcrmen. Die machen den Bau noch auff\u00e4lliger. Vor allem die sich spiralf\u00f6rmig nach oben windenden Stuckverzierungen um die m\u00e4chtigen S\u00e4ulen herum sind ein Hingucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche kann nicht besichtigt werden, da Gottesdienst ist. Das scheint in den Kirchen hier der Normalfall zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in das Kloster kann man rein. Dort wird damit Werbung gemacht, dass man hier den gr\u00f6\u00dften Brunnen Lateinamerikas sehen kann. Ob das stimmt, sei dahingestellt, aber auf jeden Fall k\u00f6nnte der gut eine Sanierung vertragen. Die urspr\u00fcngliche Farbfassung in Rosa ist nur noch au\u00dfen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall ein beeindruckender Brunnen, und je genauer man hinsieht, umso sch\u00f6ner wird er. Aus der Brunnenschale oben, auf einer verzierten S\u00e4ule stehend, l\u00e4uft das Wasser in die achteckige Brunnenschale unten. Die Brunnenwand wird an vier Seiten von befl\u00fcgelten Sirenen bewacht. An den anderen vier Seiten waren urspr\u00fcnglich wohl Engel. Eine interessante Kombination, Sirenen und Engel.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es rauf. Vom n\u00e4chsten Geschoss aus hat sieht man in den Brunnenhof hinunter und erfasst erst so&nbsp; recht die Ausma\u00dfe des Brunnens.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es aufs Dach. Dort wandelt man zwischen den niedrigen Kuppeln und den Glocken hindurch auf die gro\u00dfe Kuppel zu, die von harmlosen, eher putzig aussehenden L\u00f6wen bewacht wird. Von hier oben hat man einen sch\u00f6nen Blick in die Stadt hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abstieg bitte ich eine junge, europ\u00e4isch aussehende Frau, ein Photo von mir zu machen. Sie spricht sehr gut Spanisch, ohne markanten Akzent. Es stellt sich heraus, dass sie Franz\u00f6sin ist. Aus Paris.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum <em>Parque Central<\/em> und mache ein Photo von den Strelitzien, die hier \u00fcberall bl\u00fchen. &nbsp;Dann will ich heimlich aus der Distanz ein Photo von einem Hutverk\u00e4ufer machen, der seine Ware auf dem Kopf tr\u00e4gt, bestimmt zwanzig \u00fcbereinander gestapelte H\u00fcte, die er mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Gegend tr\u00e4gt. Aber er torpediert mein Photo, indem er im entscheidenden Moment immer die H\u00fcte absetzt und sich irgendwo hinstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr Gl\u00fcck habe ich bei der Eisverk\u00e4uferin, einem zarten, f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen, assistiert von ihrer kleinen Schwester. Es gibt nur eine Sorte, Mangoeis, aber das macht nichts. Es ist Wassereis und der Geschmack der Frucht h\u00e4lt sich sowieso in Grenzen. \u00dcberall hier in Guatemala wird das Eis aus einem kleinen W\u00e4gelchen heraus verkauft, das einer Lokomotive gleicht. Man kann an einer festen Stelle bleiben oder mit dem W\u00e4gelchen durch die Gegend ziehen. Die beiden lassen sich gerne hinter dem W\u00e4gelchen stehend photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier am <em>Parque Central<\/em>, vermutlich im Rathaus, m\u00fcsste sich das <em>Museo del Libro Antiguo<\/em> befinden, aber keiner wei\u00df so richtig Bescheid. Ich versuche es am Eingang zum MUNAG, dem <em>Museo Nacional de Arte de Guatemala<\/em>. Der junge Mann hat keine Ahnung. Aber wo ich schon einmal hier bin, gehe ich auch gleich rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es verschiedene Ausstellungen zu sehen, aber mich interessiert am meisten die moderne Kunst. Als Prolog gibt es aber eine Skulptur aus einem der \u00e4ltesten Reiche der Maya, einen Jaguar, den <em>Gran Jaguar de Cotzumalguapa<\/em>. Bis zum 19. Jahrhundert wusste man von diesen verborgenen Sch\u00e4tzen gar nichts, und \u00fcber die alten Maya-St\u00e4tten waren allenfalls Ger\u00fcchte im Umlauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jaguar wird stehend dargestellt, mit ausgefahrenen Pranken, ge\u00f6ffnetem Maul, heraush\u00e4ngender Zunge und einer Art \u201eKrawatte\u201c, wie sie oft in den Skulpturen der klassischen Periode verwendet wird. Die Genitalien des Jaguars sind \u00fcberproportional gro\u00df, was als Symbol der Fruchtbarkeit verstanden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Ausstellung gelangt man durch einen kleinen, sch\u00f6nen Innenhof mit Brunnen. Wenn man eins hier sehen kann, dann ist es die gro\u00dfe Vielfalt der modernen Kunst. In einer Schautafel hei\u00dft es, die moderne Kunst zeichne sich aus durch die Einbeziehung des Betrachters. Die moderne Kunst verf\u00fcge \u00fcber Verfahren, die das Publikum herausfordern oder sogar provozieren. Das sei das Neue an der modernen Kunst und gleichzeitig das einigende Band f\u00fcr die verschiedenen Ausgestaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir einfach ein paar Werke an, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein Gem\u00e4lde sieht nach abstrakten Formen aus, mit einem wuscheligen dunklen Mittelteil und verschiedenen wei\u00dfen und gelben Flecken. Sieht etwas nach Kleckserei aus. Aber wenn man l\u00e4nger hinguckt, glaubt man, Landschaften zu erkennen, Felsen, einen See, einen Vogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gem\u00e4lde zeigt eine Frau mit rotem Kopftuch, das ihr bis auf die Schulter reicht. Wenn man sich das Bild genau ansieht, merkt man, dass es nur aus geometrischen Formen besteht, meist Dreiecken. Das gilt f\u00fcr die Gesichtsz\u00fcge, das Kopftuch und die Schultern. Und trotzdem kann man sich das Bild ansehen, ohne \u00fcberhaupt die geometrischen Formen wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n eine Figur, die aus Holz zu sein scheint, aber aus Gips ist. Sie zeigt eine halb liegende, dicke Frau mit \u00fcberdimensional gro\u00dfen Oberschenkeln und Oberarmen. Sie hat die Augen geschlossen und den Kopf auf einen ihrer Arme gest\u00fctzt. Die Figur hei\u00dft La Siesta. Mit minimalistischen Mitteln sind sowohl der K\u00f6rper der Frau als auch die Atmosph\u00e4re eingefangen. Die Frau schl\u00e4ft offensichtlich tief und fest und genie\u00dft die Erholung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch minimalistisch, aber in eine andere, gesellschaftskritische Richtung weisend, ist ein Trinkbecher von McDonalds mit Strohhalm. Er ist vergoldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Bild, auf dem deutlich Mann und Pferd zu erkennen sind, aber die modernen Formen geben kein realistisches Bild ab, und man fragt sich, was hier dargestellt ist: ein mittelalterlicher Ritter, ein Torero, ein Zentaur?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt noch die B\u00fcste eines Mannes, auch wie Holz aussehend, aber aus Gips hergestellt. Der Dargestellte ist nicht benannt, es ist kein Heiliger, kein Politiker, kein Krieger, kein Held. Die Formen sind wieder ganz einfach, minimalistisch \u2013 ein langes Kinn, nur ganz leicht ge\u00f6ffnete Augen, ein Schnurrbart \u2013 aber die Ausdruckskraft ist stark. Man sp\u00fcrt Nachdenklichkeit, Sorge, Innerlichkeit, Skepsis, vielleicht Kummer, aber keine Niedergeschlagenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann durch die anderen Ausstellungsr\u00e4ume nach oben gehen und hat von dem \u00fcberdachten Balkon da oben einen sch\u00f6nen Blick auf den gr\u00fcnen Platz unten und das bunte Treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Ausgang aus dem Museum frage ich im Souvenirladen noch mal nach dem <em>Museo del Libro Antiguo<\/em>. Die junge Frau hier wei\u00df Bescheid. Das Museum habe sich tats\u00e4chlich hier am Platz befunden, habe aber vor ein paar Monaten seine Pforten geschlossen, auf absehbare Zeit. Das guatemaltekische Kultusministerium wei\u00df davon noch nichts. Auf dessen Website ist das Museum weiterhin vertreten, mit \u00d6ffnungszeiten und Eintrittspreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Kathedrale, aber die kann nicht besucht werden. Gottesdienst. Stattdessen mache ich mich zu einer weiteren Ruine auf, der <em>Iglesia de Nuestra Se\u00f1ora del Carmen<\/em>. Die Wirklichkeit best\u00e4tigt, was die Bilder versprechen. Dass sich diese Fassade, majest\u00e4tisch, mit urspr\u00fcnglich 24 dicken, verzierten, in Zweierpackungen auf die beiden Stockwerke verteilt, in gro\u00dfen Z\u00fcgen erhalten hat, grenzt an ein Wunder. Die Kirche selbst scheint die Erdbeben nicht \u00fcberstanden zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg beobachte ich eine Frau, die den M\u00fcll nach Dosen durchsucht. Mittels einer langen Zange sieht sie die Dosen heraus und zerquetscht sie dann mit dem Fu\u00df. Ich spreche sie an und erfahre, dass sie das nicht aus eigenen St\u00fccken tut, sondern als Angestellte der Stadtverwaltung. Es ist wohl eine primitive Form von M\u00fclltrennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck f\u00e4llt mein Blick in einen Hauseingang. Dahinter ein hallenartiger Raum mit etwas, was nach einem Schnellimbiss aussieht. Pizza. Ich gucke kurz rein und frage, ob man auch hier essen k\u00f6nne. Ja, nat\u00fcrlich. Die junge Frau geht mir voran und f\u00fchrt mich, v\u00f6llig \u00fcberraschend, in einen verwunschenen Garten mit einem Becken in der Mitte, die Pl\u00e4tze unter einem begr\u00fcnten Laubengang. Vegetation der \u00fcppigsten Art, Farne, Gr\u00e4ser, Palmen, Bananenstauden. Eine h\u00e4ngt voller Bananen, gr\u00fcn, dick, ganz dicht gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich genie\u00dfe die Atmosph\u00e4re und bekomme eine schmackhafte Pizza. Am Nachbartisch knutscht eine Frau in falsch verstandener Tierliebe ihren Pudel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man hier bar bezahlen will, hei\u00dft es <em>en efectivo<\/em>, nicht <em>al contado<\/em>. Als die Rechnung kommt, sehe ich sie mir mal genauer an und merke einen Rechenfehler. Zu meinen Ungunsten. Der Kellner korrigiert, verliert aber weiter kein Wort dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder im Zentrum sehe ich, auf dem B\u00fcrgersteig sitzend, eine erb\u00e4rmlich aussehende, ausgemergelte alte Frau, an eine H\u00e4userwand gelehnt, mit ganz d\u00fcnnen \u00c4rmchen und Beinchen und eingefallener Haut. Mich \u00fcberkommt ein menschliches R\u00fchren und ich frage sie, ob ich ihr ein K\u00e4sebrot kaufen kann. Lieber was S\u00fc\u00dfes, sagt sie mit d\u00fcnner Stimme. L\u00e4sst sich machen, in der N\u00e4he sehe ich einen Schnellimbiss, in dem es jede Menge Variation an Donuts gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>27.Oktober (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Durch reinen Zufall habe ich erfahren, dass es in Venezuela eine Stadt mit dem Namen Pregonero gibt, ganz im Westen des Landes gelegen, hart an der Grenze zu Kolumbien. Im Internet werden die umstrittenen Gr\u00fcndungsumst\u00e4nde diskutiert, aber zum Ursprung des Namens erf\u00e4hrt man nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Den fr\u00fchen Morgen verbringe ich mit dem Ausf\u00fcllen eines Formulars f\u00fcr die Weiterreise, elektronisch. Manchmal werden Daten angefordert, die ich gerade nicht zur Hand habe manchmal welche, die ich gar nicht kenne. Irgendwie boxe ich mich durch, obwohl das Wischen bei der Festlegung von Daten risikobehaftet ist und alle vorherigen Eintragungen wieder verschwinden lassen kann. Am Ende des Formulars bekomme ich Daumen hoch, aber ich erhalte keine Best\u00e4tigung, weder per Mail noch per SMS.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wie gewohnt auf die Stra\u00dfe durch den Sch\u00f6nheitssalon, der aber heute geschlossen hat, ganz anders als die Friseursalons, an denen ich dann vorbeikomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter n\u00e4hert sich langsam der Wettervorhersage an und wird immer schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass es hier, anders als in Guatemala und am Lago Atitl\u00e1n, gar keine Obstverk\u00e4ufer gibt. Und da sehe ich heute einen auf dem Weg zur Touristeninformation. Aber die Auswahl f\u00e4llt knapper aus, man bekommt viel weniger, und die Pr\u00e4sentation ist auch nicht so sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Touristeninformation frage ich zur Sicherheit noch mal nach dem Museo del Libro Antiguo. Der Mann hinter der Theke best\u00e4tigt: Geschlossen. Als ich nach dem Grund frage, beginnt er, auf die Regierung zu schimpfen, vor allem die vorige. F\u00fcr die Schlie\u00dfung des Museums gebe es keinen vern\u00fcnftigen Grund, und sie wurde auch nicht gut kommuniziert. Jetzt hei\u00dft es, das Museum solle irgendwann an einem anderen Ort wieder er\u00f6ffnet werden, aber keiner wei\u00df wann und wo. Und der alte Standort sei doch ideal gewesen, genau da, wo sich die erste Druckerei Guatemalas befunden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach <em>Santo Domingo del Cerro<\/em>. Das empfiehlt er mir sehr. Wie viel denn wohl ein Tu-Tuk dahin koste, will ich wissen. Das k\u00f6nne er mir nicht sagen, sicher w\u00fcrden sie von mir mehr nehmen als von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe durch die Stra\u00dfen und schaue mich nach einem Tuk-Tuk um, und pl\u00f6tzlich bin ich wieder zu Hause, durch die Hintert\u00fcr heimgekommen, sozusagen. Da nutze ich die Gelegenheit und gehe gleich in die Cafegraf\u00eda, die Bar des netten Mannes vom Tag der Ankunft. Er erkennt mich sofort wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle ein Sandwich und bekomme einen Toast. Soll mir recht sein. Es wird eine sehr scharfe So\u00dfe dazu gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir steht in einer gl\u00e4sernen Vase eine k\u00fcnstliche Blume. Die Vase ist bis zum Rand gef\u00fcllt mit alten Filmrollen. Und auf der Toilette h\u00e4ngen dekorativ Filmrollen an der Wand, aus denen die Filme hinauslaufen und eine Art Vorhang bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich schon einmal in der Gegend bin, gehe ich einmal \u00fcber den <em>Mercado Principal<\/em>, an den fest installierten, von einem Vordach gesch\u00fctzten L\u00e4den an der Mauer entlang. Hier gibt es wirklich alles, vom Brautkleid bis zum Fahrrad. Dabei ist <em>Fahrrad<\/em> ganz w\u00f6rtlich zu verstehen. Hier werden n\u00e4mlich die einzelnen R\u00e4der eines Fahrrads zum Verkauf angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gelangweilte oder erm\u00fcdete Verk\u00e4uferin hat sich eine Kleiderpuppe geschnappt und sie sich auf den Scho\u00df gelegt. Auf der st\u00fctzt sie sich auf. Es ist eine m\u00e4nnliche Kleiderpuppe, mit Shorts bekleidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleiner alter Mann tanzt mit grazilen Bewegungen zu einer Musik, die irgendwo aus dem Lautsprecher kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stra\u00dfe stehen die wartenden Tuk-Tuks Schlange, und ich frage den ersten nach dem Preis. 30 Quetzal. Ich mache mich auf den Weg und \u00fcberlege mir, die Bewegung tue mir bestimmt gut, aber dann halte ich ein weiteres Tuk-Tuk an. 100 Quetzal. Sie versuchen es eben. Der n\u00e4chste sagt 60 und geht dann sofort auf 50 runter, als ich weitergehe.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig unerwartet findet sich eine andere L\u00f6sung. An der Rezeption des Hotels der <em>Casa Museo Santo Domingo<\/em>, wo ich am ersten Tag war, erkl\u00e4rt man mir, etwas weiter oben fahre vom Parkplatz aus jede Stunde ein Hotelbus hinauf. Ich sei aber kein Hotelgast, sage ich. Macht nichts. Ob ich denn die Fahrkarte im Bus kaufen k\u00f6nne. Nicht n\u00f6tig. Geht alles auf Koste des Hotels.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich erscheint dann der Bus und f\u00e4hrt uns \u00fcber die Kopfsteinpflasterstra\u00dfe, mit dichtem Gr\u00fcn zu beiden Seiten, in langen Windungen den Berg hinauf. Das ist an sich ein Erlebnis. Zwischendurch wird immer mal kurz der Blick in die Ebene frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Gel\u00e4nde ist gro\u00dfz\u00fcgig und gepflegt angelegt, mit exotischen B\u00e4umen und Str\u00e4uchern, \u00fcberdachten G\u00e4ngen und Skulpturen an jeder Wegwindung. Es gibt hier eine ganze Reihe von Museen darunter eins f\u00fcr Johannes Paul II.), aber mich interessiert nur eins: Das <em>Museo Miguel Angel Asturias<\/em>. Das Wort <em>Museum<\/em> ist vielleicht ein bisschen hoch gepokert, es ist nur ein einziger Ausstellungsraum, aber es lohnt sich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum zeichnet das Bild eines engagierten B\u00fcrgers, eines originellen Schriftstellers und eines sympathischen Mannes. Ausgestellt ist ein Exemplar seines bekanntesten Buchs, <em>El se\u00f1or presidente<\/em>, einer kaum verh\u00fcllten Attacke auf lateinamerikanische Diktaturen. Das Buch konnte wegen seiner politischen Implikationen 14 Jahre lang nicht erscheinen und erschien dann zuerst in Mexiko. Das passt zu dem, was ich bisher von Miguel Angel Asturias wusste \u2013 ohne jemals auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung erweitert den Blick. Asturias hat nicht nur Romane, sondern auch Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und Anthologien herausgegeben. Sein Werk wird dem magischen Realismus zugeschrieben. Er pr\u00e4sentiert reale Elemente der lateinamerikanischen Wirklichkeit, aber auf eine Art und Weise, dass sie unwirklich erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedene Wirklichkeiten, die Wirklichkeit, wie sie vom Erz\u00e4hler, die Wirklichkeit, wie sie vom Protagonisten und die Wirklichkeit, wie sie vom Leser wahrgenommen wird, vermischen sich und treten in Konkurrenz zueinander. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Besonderes Gewicht wird hier auf die Sprache gelegt, die mehr ist als Mittel zur \u00dcbermittlung von Bedeutung. Sie zeichnet sich aus durch Wiederholungen und Rhythmisierung, wie in diesem Satz: \u201eLos toros toronegros, los toros torobravos, los toros torotumbos, los torostorostoros.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind hier, au\u00dfer dem Exemplar von <em>El se\u00f1or presidente<\/em>, zwei weitere Romane, <em>El papa verde<\/em> und <em>Viento fuerte<\/em>, und ein zusammen mit Pablo Neruda verfasstes Werk mit dem kuriosen Titel <em>Comiendo en Hungr\u00eda<\/em>. Daneben eine Anthologie mit dem Titel <em>Leyendas de Guatemala<\/em>. Das Thema der Maya-Kultur war ihm von jungen Jahren an ein Anliegen. Asturias war gelernter Jurist und widmete sich schon in seiner Abschlussarbeit, <em>El problema social del indio<\/em>, diesem Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Asturias lebte lange in Paris, wurde dann aber Parlamentsabgeordneter in Guatemala und schlie\u00dflich Botschafter in Argentinien. Er kehrte nach Guatemala zur\u00fcck, wanderte dann aber, nach dem Sturz des Pr\u00e4sidenten, mit seiner argentinischen Ehefrau nach Argentinien aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er starb in London, 1974, wurde aber auf eigenen Wunsch in Paris beerdigt, auf dem Pere Lachaise, unter einer Maya-Stele, ganz in der N\u00e4he von Chopin und der Familie von Victor Hugo.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung sieht man ein paar pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde wie das letzte Portemonnaie, das er bei sich trug, mit franz\u00f6sischen und guatemaltekischen M\u00fcnzen. Das waren noch Escudos, muss noch vor der Einf\u00fchrung des Quetzal gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem ausgestellt ist ein Zeitungsartikel, der die Ver\u00f6ffentlichung einer Schallplatte ank\u00fcndigt, auf der Lieder mit seinen Texten zu h\u00f6ren sind. Dann ein Portr\u00e4t von ihm, modern, das die Gesichtsz\u00fcge und den etwas traurigen Gesichtsausdruck gut wiedergibt, und Briefe an seine Mutter, in deutlich lesbarer Schrift, mit niedrigen, aber langgezogenen Buchstaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich ist da der Frack, den er bei der Verleihung des Nobelpreises trug, sowie eine Kopie der Urkunde. Das war 1967.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich noch \u00fcber das Gel\u00e4nde, in der Hoffnung, einen Blick ins Tal und auf die Vulkane zu erwischen. Vergeblich. Daf\u00fcr sehe ich einen Baum, am dessen Zweigen unz\u00e4hlige Avocados h\u00e4ngen. Und gleich am Eingang, an einer Laube, die wunderbaren, teils geschlossenen, teils ge\u00f6ffneten Bl\u00fcten einer gelb-roten Blume, die wie an F\u00e4den aufgeh\u00e4ngt vom Dach herunterbaumeln.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bin ich ganz alleine in dem Bus und komme mit dem Fahrer insGespr\u00e4ch. Wie oft er diese Strecke wohl am Tage fahre. An die vierzig Mal, sagt er. Heute sei er von 5 Uhr morgens bis 7 Uhr abends im Dienst.<\/p>\n\n\n\n<p>Er korrigiert meinen Eindruck, Antigua habe sich noch trotz des Tourismus seine Eigenst\u00e4ndigkeit bewahrt, sei ein Ort f\u00fcr die Einheimischen. Nein, im Zentrum wohne keiner mehr, alle seien an die Peripherie gezogen, und selbst dort h\u00e4tten die Preise f\u00fcr Lebensmittel und Wohnraum zugenommen. Lissabon l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lande in einem Lokal mit einem unscheinbaren Eingang, das aber drei Etagen hat. Ich bekomme einen Platz ganz oben auf einer \u00fcberdachten Terrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand der Treppe nach unten h\u00e4ngen Bildchen mit allen m\u00f6glichen Zitaten und Witzen. Dabei sto\u00dfe ich auf eins, bei dem es um den Unterschied zwischen <em>ves<\/em> und <em>vez<\/em> geht, f\u00fcr Spanier kein Problem, wohl aber f\u00fcr Lateinamerikaner: <em>Si no sabes la diferencia entre ves y vez es porque siempre ves televisi\u00f3n y rara vez abres un libro. \u00bfAhora lo ves? O lo repito otra vez?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir sind hier an drei langen Tischen drei Familien mit Kindern vertreten. Es geht erstaunlich ruhig und unaufgeregt zu. Kein bisschen Quengelei.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der V\u00e4ter tr\u00e4gt die Baseballkappe falsch herum, mit dem Schirm nach hinten. Gibt es wirklich immer noch Leute, die das f\u00fcr originell halten? Das war es vielleicht 1951, als Holden Caulfield es sich in <em>The Catcher in the Rye<\/em> zum Markenzeichen machte. Die Tochter des Vaters hier macht es besser. Sie tr\u00e4gt ihre Kappe richtig rum. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann setzt sich, als er das Lokal verl\u00e4sst, einen gro\u00dfen modernen Motorradhelm auf. Die sind hier durchaus verbreitet, aber die meisten fahren ganz ohne Helm, auch die M\u00fctter mit ihren Kindern auf dem R\u00fccksitz, die die H\u00e4nde um die Mama gewunden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem kleinen Schmuckladen vorbei. Auf einem Plakat wird f\u00fcr die Herstellung und den Verkauf von Ringen f\u00fcr verschiedene Gelegenheiten geworben, angefangen von der Graduierung \u00fcber die Hochzeit bis zur Verlobung (die \u00fcber der Hochzeit steht!): <em>Graduaci\u00f3n<\/em> \u2013 <em>Matrimonio<\/em> \u2013 <em>Compromiso<\/em>. Ganz oben aber <em>Quince A\u00f1os<\/em>. Der 15. Geburtstag. Der wichtigste Tag im Leben einer Latina, weit \u00fcber dem Hochzeitstag rangierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch in einen ganz kleinen Laden, bei dem vor lauter Regalen die Theke und den Verk\u00e4ufer nicht sieht. Nachdem ich bezahlt habe, darf ich noch ein Photo von dem Regal hinter der Theke machen. Da ist alles ganz s\u00e4uberlich und ordentlich angeordnet. Die Flaschen stehen in Reih und Glied.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend noch mal rausgehe, ist es mir in der Dunkelheit erst etwas mulmig. Aber es gibt keinen Grund daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, auf der Calzada de Santa Luc\u00eda, ist es laut, und zwar nicht nur wegen der Motorradroller. Jetzt h\u00f6re ich zum ersten Mal die V\u00f6gel in den B\u00e4umen auf dem Mittelstreifen. Sie machen einen Heidenl\u00e4rm, halb kreischend, halb pfeifend. Es m\u00fcssten papageienartige V\u00f6gel sein, aber zu sehen bekommt man sie kaum. Aber die \u00c4ste bewegen sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf <em>La Merced<\/em> zugehe, explodiert pl\u00f6tzlich ein B\u00f6ller neben mir, keine zwei Meter entfernt, und l\u00e4sst mich zusammenzucken. Ich habe das B\u00f6llern schon in Pana abends immer geh\u00f6rt, aber nur aus der Distanz der Unterkunft. Hier erlebe ich es jetzt hautnah.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weitergeh, kommen mir Messdiener entgegen, rotgewandet. Sie f\u00fchren eine Prozession an. Nach ihnen kommen etwas blasiert aussehende Teenager in Anz\u00fcgen, M\u00e4dchen auf der einen, Jungen auf der anderen Stra\u00dfenseite. Dann Trommler und Fl\u00f6tisten, dann Priester und Diakone in wei\u00dfen Messgew\u00e4ndern, dann Weihrauch schwingende Messdiener, dann eine Blaskapelle (mit einer sehr profanen Melodie) und dann der Altar, der von mindestens 20 M\u00e4nnern schwankend, Schritt f\u00fcr Schritt fortschreitend, getragen wird. Am Rande der Prozession auffallend viele M\u00fctter mit ihren Babys, in gro\u00dfe Wollt\u00fccher geh\u00fcllt, auf dem Arm. Wahrscheinlich geht es um die Segnung der Babys.<\/p>\n\n\n\n<p>28. Oktober (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Internet sto\u00dfe ich auf eine noch aktuelle Seite aus einer Tageszeitung. Dort ist von Protesten die Rede, die hier k\u00fcrzlich stattgefunden haben. Taxifahrer und Tuk-Tuk-Fahrer haben sich, im wahrsten Sinne des Wortes, quergestellt. Sie haben von allen vier Seiten die Zufahrt \u2013 und den Zugang \u2013 zur Innenstadt blockiert. Damit protestierten sie gegen die Verkehrspl\u00e4ne der Stadt. Denen zufolge soll die Innenstadt verkehrsfrei werden. Es sollen Elektrobusse eingef\u00fchrt werden. Die Taxifahrer und Tuk-Tuk-Fahrer sehen ihre Gesch\u00e4fte beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Reisef\u00fchrer erfahre ich etwas \u00fcber den Hintergrund zu dem langen B\u00fcrgerkrieg. Nach einem Pr\u00e4sidenten, der das Gesundheits- und Sozialsystem Guatemalas modernisierte und einem weiteren, der sich um bessere Arbeitsbedingungen und um das Schicksal der Eingeborenen k\u00fcmmerte und eine Landreform in Angriff nahm, wurde es der CIA&nbsp; zu bunt. Mit ihrer Hilfe gelang zwei ehemaligen Generalen ein Staatsstreich (1954), der Pr\u00e4sident wurde abgesetzt, alle Reformen gestoppt. Gewalt und Unterdr\u00fcckung pr\u00e4gten die Zeit. Das wiederum bedingte das Aufkommen verschiedener linker Guerilla-Gruppen. Vier verschiedene Guerilla-Organisationen schlossen sich zur URNG zusammen. Die Reaktion des Staates war unbarmherzig. In 400 D\u00f6rfern wurden S\u00e4uberungsaktionen durchgef\u00fchrt, zahllose Menschen wurden, im Namen der \u201eStabilisierung\u201c, gefoltert und massakriert, 100.000 flohen nach Mexiko. Insgesamt kamen ca. 200.000 Menschen im Laufe der Gewaltt\u00e4tigkeiten zu Tode. Irgendwann zogen sich die Amerikaner zur\u00fcck, und eine liberale Regierung kam an die Macht. Der gelang schlie\u00dflich 1996 der Friedensschluss mit der URNG. Aber, auch wenn die Gewalt zu Ende kam, die Probleme blieben: Armut, Korruption, Analphabetismus, schlechte medizinische Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weitaus meisten Guatemalteken, hei\u00dft es, lebten in Ein-Zimmer-Wohnungen oder H\u00e4usern, aus Backstein oder Zement oder in den traditionellen <em>bajarreques<\/em>, mit Dach aus Stroh oder Wellblech, mit nicht gepflasterten Fu\u00dfb\u00f6den, einfachen Betten, einem Kamin und ein paar T\u00f6pfen. Von all dem bekommt man als Reisender nichts mit. Man registriert lediglich die Bettler und Obdachlosen in den St\u00e4dten.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wettervorhersage ist f\u00fcr jeden Tag gleich: morgens Sonne, dann Regen, dann Gewitter. Auch in den n\u00e4chsten 16 Tagen soll sich daran nichts \u00e4ndern. Gl\u00fccklicherweise richtet sich das Wetter nicht danach, aber einen richtigen Sonnentag hat es bisher noch nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt am Morgen sind in den B\u00e4umen der <em>Calzada de Santa Luc\u00eda<\/em> tats\u00e4chlich keine V\u00f6gel zu sehen oder zu h\u00f6ren. Es scheinen Nachtschw\u00e4rmer zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal ist keine Messe, und man kann in die Kathedrale rein. Erst ist man ziemlich verwirrt. Man kommt in einen, gemessen an den Ausma\u00dfen der Kathedrale, kleinen Kirchenraum, mit viel Gold und Glanz, der quer zum Eingang liegt, also genordet scheint. Parallel dazu ein Gang, von dem man nicht so recht wei\u00df, was es damit auf sich hat, und dann steht man wieder auf der Stra\u00dfe. Jetzt merke ich, dass ich die Kathedrale die ganzen Tage \u00fcber durch einen anderen Eingang h\u00e4tte besichtigen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Sperre, man zahlt Eintritt und betritt die Ruine der Kathedrale. Ein \u00fcberw\u00e4ltigender Eindruck. Vielleicht kommen die Ausma\u00dfe der Kirche noch mehr zur Geltung, weil Dach und Vierungskuppeln fehlen und die Fenster offen sind. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die dicken, quadratischen Pfeiler mit Vorlagen auf allen vier Seiten sind alle stehen geblieben, auch die meisten Au\u00dfenmauern und erstaunlicherweise auch die meisten Pfeiler. &nbsp;Durch die Fenster hindurch und zwischen den B\u00f6gen hindurch hat man einen freien Blick auf den Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die m\u00e4chtigen Pfeiler, viereckig mit Vorlagen zu allen vier Seiten, aus Backstein, aber verputzt, haben vielleicht dazu beigetragen, dass nicht alles zusammengebrochen ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vierung ist sogar das Stuckwerk in den Eckzwickeln erhalten, mit den Figuren von vier Engeln, jeweils \u00fcber einem Heiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Originalzustand ist nichts, alles ist ramponiert, br\u00fcchig, zerschlagen, und in einem Seitenschiff liegen riesige Bauteile herum, eins \u00fcber dem anderen, so als w\u00e4re das Erdbeben gerade erst passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale, aus dem 17. Jahrhundert, f\u00fcnfschiffig, mit 18 Seitenkapellen, jede mit ihrer eigenen Kuppel, galt als eine der pr\u00e4chtigsten des spanischen Kolonialreichs, und das kann man auch heute noch nachempfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung mache ich mich auf den Weg zur Bank vom ersten Tag. Unterwegs komme ich an einem Wohnhaus vorbei, dessen Name mit Keramikbuchstaben an der Fassade steht: <em>Casa Blanca<\/em>. Kurz darauf eine Bar mit dem Namen <em>ni fu ni fa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Bank geht es wieder sehr formell zu. Polizist am Eingang, der fragt, was man wolle. Dann drau\u00dfen warten. Dann drinnen Platz nehmen. Dann, nach den Anweisungen des Wachpersonals, immer einen Stuhl weiterrutschen, wenn jemand fertig ist. Dann Passkontrolle, Formular, \u00dcberpr\u00fcfung des Gelds auf Echtheit, Quittungen, Unterschriften, Stempel. Das dauert so lange, dass ich Zeit habe, zu bemerken, dass die Frau hinter dem Schalter ihre Augenbrauen ausgezupft hat. Wenn ich mir \u00fcberlege, wie der Geldwechsel in Guatemala \u00fcber die B\u00fchne ging!<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal habe ich Zeit, mir das Geb\u00e4ude anzusehen, ein Art Stadtpalast aus der Kolonialzeit, in der N\u00e4he des <em>Parque Central<\/em> und in der N\u00e4he der Stra\u00dfe nach Guatemala gelegen. Der Palast, mit sch\u00f6nem Innenhof mit Umgang in beiden Geschossen und einem Brunnen im Zentrum, stammt aus dem 16. Jahrhundert, ist also noch \u00e4lter als die Kathedrale. Warum das Geb\u00e4ude <em>El Jaul\u00f3n<\/em> hei\u00dft, verstehe ich auch mit Hilfe des W\u00f6rterbuchs nicht, obwohl es hier erkl\u00e4rt wird. Scheint etwas mit den Fenstern im oberen Stockwerk zu tun zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch mal zum <em>Parque Central<\/em>. Das Geb\u00e4ude, das ich leichtfertig als Rathaus bezeichnet habe, ist gar nicht&nbsp; das Rathaus, sondern der (ehemalige) Sitz der <em>Capitan\u00eda General<\/em>. Das Rathaus ist gegen\u00fcber, nimmt nur die H\u00e4lfte einer der Seiten ein, hat aber auch Arkaden in beiden Stockwerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der <em>Capitan\u00eda General<\/em> gucke ich mir die B\u00f6gen noch mal genau an. Es sind insgesamt 50, pro Stockwerk 25, 3 in der Mitte, 11 zu beiden Seiten. Die 3 in der Mitte sind etwas breiter, und dar\u00fcber befindet sich ein Aufbau mit Wappen und Krone. Irgendetwas stimmt mit den beiden Geschossen nicht, ist mir immer schon so vorgekommen. Die Arkaden oben wirken breiter. Aber sie stimmen genau mit denen im Erdgeschoss \u00fcberein. Der optische Eindruck wird dadurch erreicht, dass der obere Arkadengang niedriger ist und die Pfeiler oben dicker sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe etwas zur\u00fcck, um ein Photo aus der Ferne zu machen, denn der Berg, den man \u00fcber dem Dach des Geb\u00e4udes sieht, scheint einer der Vulkane zu sein. Wieder liegt sein Gipfel in Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben mir macht ein Taxifahrer gerade sein Auto sauber. Ich frage ihn, und er verweist mich an einen Kollegen. Der h\u00f6rt sich mein Anliegen an. Wir tauschen Telefonnummern aus, und er sagt mir zu, mich kurz vor 3 am Morgen abzuholen. Keine gro\u00dfe Distanz, aber sicher ist sicher. Er l\u00e4sst sich das gut bezahlen, aber immerhin muss er daf\u00fcr fr\u00fch aus dem Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch ein bisschen \u00fcber den <em>Parque Central<\/em> mit seinen B\u00e4umen und Blumen, seinem Springbrunnen, seinem bunten Treiben. Da ich die Hutverk\u00e4ufer sowieso nie mit den H\u00fcten auf dem Kopf erwische, bitte ich einen von ihnen, ein Photo machen zu d\u00fcrfen, gegen eine kleine Entsch\u00e4digung. Er sagt, ja klar, das sei \u00dcbungssache, es sei nicht so leicht, das Gleichgewicht zu halten, vor allem, wenn es windig ist. Unter dem Hutstapel tr\u00e4gt er eine Schirmm\u00fctze. Er will wissen, woher ich komme. Ich lasse ihn raten: Argentinien? Knapp daneben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kaufe ich in einem Minimarkt noch Kekse und Wasser. Am Ausgang steht <em>Hale<\/em> an der T\u00fcr. Das kenne ich auch als <em>Jale<\/em>. Was ist eigentlich der Unterschied? Das Internet kennt die Antwort: <em>Hale<\/em> ist formaler, <em>Jale<\/em> umgangssprachlicher. In Spanien wird in diesem Zusammenhang weder das eine noch das andere gebraucht, sondern <em>Empuje<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise nach Guatemala geht dem Ende entgegen. Es hat, obwohl ich nur einen kleinen Ausschnitt gesehen habe, eigentlich nur der Kaffee gefehlt. Aber es hat sich auf jeden Fall ein Fenster in ein unbekanntes Land ge\u00f6ffnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Oktober (Dienstag) Guatemala ist, was die Bev\u00f6lkerung angeht, bei weitem das gr\u00f6\u00dfte Land Mittelamerikas. Es hat 17 Millionen Einwohner, so viele wie Holland. 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