{"id":11724,"date":"2024-10-31T13:16:34","date_gmt":"2024-10-31T12:16:34","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11724"},"modified":"2024-11-28T13:44:34","modified_gmt":"2024-11-28T12:44:34","slug":"honduras-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11724","title":{"rendered":"Honduras (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>29. Oktober (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Cop\u00e1n Ruinas, meine erste Station in Honduras, ganz im Westen des Landes gelegen, hart an der Grenze zu Guatemala. Cop\u00e1n ist, neben Uxmal, Chich\u00e9n Itz\u00e1, Palenque und Tikal, eine der ganz gro\u00dfen Maya-St\u00e4tten, meine zweite nach Palenque. Cop\u00e1n, hei\u00dft es, habe architektonisch nicht das, was die anderen St\u00e4tten haben, mache das aber durch besonders gelungene Steinmetzarbeiten wett.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam kommt auch Licht in das gro\u00dfe Geheimnis um das Verschwinden der Maya-Kulturen. Man hat in sp\u00e4teren Knochenfunden Zeichen von Unterern\u00e4hrung gefunden, und die Lebenserwartung scheint auch zur\u00fcckgegangen zu sein. Das erkl\u00e4rt man durch das Bev\u00f6lkerungswachstum. Es muss zu einer regelrechten Bev\u00f6lkerungsexplosion gekommen sein. Folge: Die st\u00e4dtische Besiedlung griff immer mehr in die landwirtschaftlichen Gebiete aus, und die Landwirtschaft wurde nun in weniger fruchtbaren Gebieten betrieben. Dazu kamen Rodungen, die wiederum Erosion verursachten, die wiederum \u00dcberschwemmungen verursachte. Am Ende konnte die Bev\u00f6lkerung nicht mehr ern\u00e4hrt werden. Die gro\u00dfen St\u00e4tten verfielen, obwohl sie noch mehrere Jahrhunderte bewohnt waren. Der letzte K\u00f6nig kam 822 auf den Thron. Die Bauern blieben, aber um 1200 herum waren auch sie verschwunden. Am Ende griff der Urwald um sich und begrub die St\u00e4tten unter sich. Das blieb so bis zur deren Wiederentdeckung durch die Europ\u00e4er, durch die ber\u00fchmte Expedition von Stephens und Catherwood im 19. Jahrhundert. Allerdings, und das ist neu f\u00fcr mich, hatten sie Vorl\u00e4ufer. Schon im 16. Jahrhundert schrieb ein Spanier, Diego Garc\u00eda de Palacios, an Felipe II. und berichtete \u00fcber die Ruinen, die er entdeckt hatte. Nur noch f\u00fcnf Familien lebten dort, und sie wussten nichts von den Ruinen. Die Sache wurde nicht weiter verfolgt, und es mussten weitere 300 Jahre vergehen, bis ein anderer Spanier, Juan Galindo, die Ruinen besichtigte und eine Karte von ihnen anfertigte. Erst das war der Startschuss zu der Expedition von Stephens und Catherwood.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt also einen guten Grund, Cop\u00e1n zu besuchen, und die Stadt selbst macht bei der Ankunft auch gleich einen sch\u00f6nen Eindruck. Ankunft nach sieben Stunden Fahrt in einem bequemen Kleinbus \u00fcber gute Stra\u00dfen, mit viel Verkehr und Staus in Guatemala schon zwischen 4 und 5 Uhr am Morgen. Danach geht es z\u00fcgig voran, \u00fcber eine zweispurige Schnellstra\u00dfe, bis zu einer Abbiegung, und von da an \u00fcber eine einsame gr\u00fcne Gebirgslandschaft, einspurig, aber mit ganz wenig Verkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer kurzen Kaffeepause f\u00e4llt mir auf, dass an dem Eingang zu der Tankstelle <em>Hale<\/em> steht, nicht <em>Jale<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen 8 Wird ein Landgasthof angefahren. Dort findet ein Pferdewechsel statt. Unser Fahrer nimmt neue Fahrg\u00e4ste in Empfang und f\u00e4hrt nach Guatemala zur\u00fcck, wir fahren mit einem anderen Fahrer nach Cop\u00e1n.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Kaffee komme ich mit den anderen ins Gespr\u00e4ch, einem Ehepaar aus Zaragoza, bei dem die Frau aus Honduras stammt. Sie sind auf dem Weg nach San Pedro Sula, wo die Familie lebt. Sie ist v\u00f6llig europ\u00e4isiert, liebt Schengen und den Euro und erkl\u00e4rt die Briten f\u00fcr verr\u00fcckt, ist stolz, dass \u201ebei uns\u201c diszipliniert gefahren und ein Helm auf dem Motorrad getragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer den beiden ist nur noch eine Frau an Bord. Sie tr\u00e4gt ein T-Shirt mit einer Aufschrift auf Arabisch. Ich frage sie, woher sie komme, und die Antwort ist so \u00fcberraschend wie sie nur sein kann: Brasilien! Sie ist Anh\u00e4ngerin von Corinthians, und die sind politisch sehr engagiert, und ganz auf der Seite der Pal\u00e4stinenser. Sie hasse die Israelis, sagt sie, das seien Imperialisten und die hielten sich f\u00fcr was Besseres.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist viel unterwegs. Nach Cop\u00e1n reist sie zur\u00fcck nach Brasilien und dann nach Peru. Da war sie schon dreimal. So viel Zeit f\u00fcrs Reisen? Ja, sagt sie, sie sei 58. Pensionierte Biologin. Sie hat sich, wenn ich das richtig verstehe, mit Affen besch\u00e4ftig. Und sorgt sich unterwegs um die streunenden Hunde, die uns vors Auto zu laufen scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hei\u00dft Angelita und ist erfreut, dass ich Sao Paulo kenne und da sogar im Fu\u00dfballmuseum war \u2013 sie wohnt in unmittelbarer N\u00e4he \u2013 findet aber Florianopolis und seinen Strand, von dem ich so begeistert bin, schlechterdings h\u00e4sslich. Man m\u00fcsse weiter in den Norden fahren, um an gute Str\u00e4nde zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen teilt sie meine Begeisterung f\u00fcr <em>O meu p\u00e9 de laranja lima<\/em>, das brasilianische Kinderbuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie betreibt selbst eine Unterkunft Airbnb in Sao Paolo, was man sich f\u00fcr alle F\u00e4lle schon mal merken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht die Fahrt. Der Spanier telefoniert mit der Familie in San Pedro Sula. Er hat ein zusammenklappbares Handy. Das sieht echt praktisch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall am Wegesrand gibt es Werbung f\u00fcr <em>Caldo de Gallina<\/em>. Wir haben Spa\u00df daran, die gute alte H\u00fchnerbr\u00fche. Gibt es \u00fcberall, und wird von allen M\u00fcttern der Welt f\u00fcr ihre Kinder gekocht, wenn die erk\u00e4ltet sind. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auf die Grenze zu, und wir sprechen \u00fcber Geldwechsel. Die Spanier wollen nur ein paar Euro wechseln, sie zahlen alles mit der Kreditkarte. Ist das nicht teuer? Nein, sie haben ein Abkommen mit ihrer Bank geschlossen. Sie zahlen 3 Monate lang 3 Euro Geb\u00fchren, und daf\u00fcr wird ihnen w\u00e4hrend dieser Zeit keine Kommission in Rechnung gestellt. Perfekte L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer fragt mich, ob ich auch Geld wechseln wolle. Ich sage ja und krame meinen Pass und 100 Dollar raus. Wo kann man denn hier wechseln? Aber der Fahrer bewegt einfach wortlos seine Hand nach hinten. Ich soll ihm wohl meine Dollars in die Hand geben. Dann bleibt er irgendwo stehen und verhandelt mit einem Mann, der mit einem dicken Stapel Geld am Stra\u00dfenrand steht. Er wechselt die 50 Euro und f\u00e4hrt weiter. Halt! Was ist mit meinen Dollars? Er f\u00e4hrt an die Grenzkontrolle, holt sein eigenes Geld raus und dr\u00fcckt es mir in die Hand. Wortlos. 2250 Lempira.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in einen kleinen Raum. Hier sitzen wenige Meter entfernt die Grenzpolizei von Guatemala und die von Honduras. Bei Guatemala dauert es nur Sekunden, auch bei Honduras dauert es nicht lange, aber der Mann will mir partout meinen Pass nicht wiedergeben. Ich verstehe ihn sehr schlecht. Dann stellt sich heraus: Man muss Eintritt bezahlen! Gut bei Honnie abgeguckt. 80 Lempira. Ich gebe dem Mann meine 200. Aber irgendetwas funktioniert immer noch nicht. Dann verstehe ich: Er kann nicht wechseln. Und was jetzt? Ich solle raus gehen und irgendwo wechseln. Etwas unsicher geworden gehe ich wieder auf die Stra\u00dfe und sehe schon Angelita, die schon vor mir bei einem Geldwechsler angekommen ist. Sein Gesch\u00e4ft ist es eigentlich nicht, gro\u00dfe Scheine gegen kleine zu tauschen, aber er hilft uns bereitwillig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wieder zur\u00fcck an den Schalter. Stempel, Quittung. Alles erledigt. Keiner hat nach dem Formular gefragt, das ich m\u00fchsam ausgef\u00fcllt habe und keiner nach dem Nachweis der Weiterfahrt, die ich schon vor Monaten gebucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s und kurz danach kommt Cop\u00e1n in Sicht, klein, h\u00fcbsch. Wir werden an dem Hotel der Spanier herausgelassen. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zum Parque Central. Dort soll ich nach der Bar El Churro fragen. Der erste Passant kennt sie nicht, der zweite auch nicht. Dann kommen zwei Frauen. Die \u00e4ltere fragt noch mal nach und schickt mich dann in die richtige Richtung. Alles kurze Distanzen, aber mit dem Koffer \u00fcber die schmalen, oft br\u00fcchigen B\u00fcrgersteige, auf denen andere Fu\u00dfg\u00e4nger entgegenkommen \u2013 keine leichte Sache. Wenn man auf die Stra\u00dfe ausweicht, auch die ist schmal und hat Kopfsteinpflaster, dr\u00e4ngen sich die vielen Tuk-Tuks und auch schon mal ein Lastwagen an einem vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann die Bar nicht finden und frage weiter. Komischerweise versteht mich auch keiner auf Anhieb: Bar El Churro. S\u00ed, el Ch-u-rr-o.&nbsp; Allgemeines Kopfsch\u00fctteln. Nie geh\u00f6rt. Drei M\u00e4nner an der Ecke zum Parque Central wollen auf jeden Fall helfen. Einer ruft seine Tochter an. Sie wei\u00df Bescheid. Er schickt mich die Stra\u00dfe runter, ich glaube, ich bin hier schon mal gewesen, finde aber nichts. Dann frage ich eine Frau, und die fragt mich, ob ich es da und da schon versucht h\u00e4tte. Was wei\u00df ich, wo ich schon gewesen bin! Schlie\u00dflich erwische ich einen Mann, der die gute Idee hat, irgendwen anzurufen, und schon erscheint hinten an der Stra\u00dfenecke eine Frau, die mir zuwinkt. Paola. Sie hat den Schl\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen rauf und sie dr\u00fcckt mir den Schl\u00fcssel in die Hand. Will sich schnell wieder aus dem Staub machen. Halt! Welcher Schl\u00fcssel ist wof\u00fcr? Wie ist das Kennwort f\u00fcrs Handy. Wo ist denn jetzt die Bar El Churro? Sie macht eine Handbewegung und sagt \u201ePor ah\u00ed\u201c, als ob ich was damit anfangen k\u00f6nnte. Ich sage noch mal, dass ich die Bar vergeblich gesucht h\u00e4tte. Sie sagt, sie \u00f6ffne erst um 1. Aber: Wo denn da der Name der Bar stehe, will ich wissen. Nirgendwo. Der steht nirgendwo.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken gehe ich in die Bar San Rafael, gleich um die Ecke, zum Fr\u00fchst\u00fccken. Ich bin hingelockt worden, weil aus dem Lautsprecher <em>Norwegian Wood <\/em>erklingt und an der Tafel am Eingang ein Hinweis auf die Heimat zu finden ist: <em>Paulaner<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9, am Ende eines Ganges mit mehreren kleinen L\u00e4den, die alle dazugeh\u00f6ren, ist sehr gepflegt, mit Keramik und Gem\u00e4lden an den W\u00e4nden und Wein und Kaffee und Kakao in den Regalen. Das hat seinen Preis. Es gibt Spiegeleier auf Toast und einen riesigen Obstsalat, mit N\u00fcssen und Honig.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich noch zur Touristeninformation, die aber eigentlich keine ist. Hier ist das Rathaus, und hier ist man auf Fragen solcher Art nicht vorbereitet. Man schiebt sich gegenseitig die Verantwortung zu. Am Ende findet eine junge Frau in einem Stapel eine Art Stadtplan und sagt mir, hier gebe es nur das Arch\u00e4ologische Museum zu sehen. Das steht im Reisef\u00fchrer anders. Sie gibt sich aber M\u00fche, begleitet mich zu einem Tuk-Tuk-Fahrer und deutet die Stra\u00dfe runter. Da stehen M\u00e4nner, die Geld wechseln. Ich werde die n\u00e4chsten 100 Dollars los. Diesmal bekomme ich 2.300 Lempira.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Suche nach der Reinigung. In dem Apartment ist von der angek\u00fcndigten Waschmaschine nichts zu sehen. Alle wissen, wo die Reinigung ist, aber leicht zu finden ist sie deshalb nicht. Immer wieder passiere ich einen Soldaten mit Maschinengewehr, der vor einem kleinen, unscheinbaren Gesch\u00e4ft in einem Seiteng\u00e4sschen steht. Am Ende kapiere ich es. Die Treppe zu dem Wohnhaus auf der Ecke rauf. Dort, auf einem \u00fcberdeckten Gang, gibt es mehrere T\u00fcren und Fenster. Nirgendwo ein Schild. Ich klopfe hier und da an. Keine Reaktion. Als ich schon aufgeben will, sehe ich ein einen Spalt breit ge\u00f6ffnetes Fenster. Ich rufe rein, und pl\u00f6tzlich erscheint eine junge Frau. Die W\u00e4sche wird gewogen. Danach richtet sich der Preis. Ob die W\u00e4sche an der frischen Luft oder im Trockner getrocknet werden soll. Den Trockner gibt es nur gegen Aufpreis. Ich entscheide mich f\u00fcr die frische Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>30. Oktober (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist wirklich sehr sch\u00f6n, mit alten M\u00f6beln und T\u00fcren aus dunklem Holz und sch\u00f6nen, mehrfarbigen \u201eR\u00e4dern\u201c aus Glas \u00fcber den Fenstern. Und der Spiegel hat eine h\u00f6lzerne Einfassung. Nach oben, auf einen Alkoven, f\u00fchrt eine eiserne Leiter. Dort ist noch ein Bett. Hier k\u00f6nnten insgesamt mindestens f\u00fcnf G\u00e4ste \u00fcbernachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der praktische Nachteil: Es gibt keinen K\u00fchlschrank und keinen Wasserkocher, um sich mal schnell einen Tee zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich meine Sachen ordne, merke ich, dass einer der beiden USB-Sticks fehlt. Ich gehe alles noch mal durch, Kleidung, Rucksack, Koffer, Schreibtischschublade, Etui. Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment kommt die Nachricht von der Reinigung, dass die W\u00e4sche fertig ist. Und da geht mir ein Licht auf: die Hose! Ich habe den Stick \u201ezur Sicherheit\u201c in einer der Taschen mit Rei\u00dfverschluss getan. Immer dasselbe. Zuhause M\u00fcnzen, Geldscheine, Tempot\u00fccher. Und jetzt der Stick.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur Reinigung und frage die junge Frau, ob sie einen Stick gefunden habe. Ja, aber zu sp\u00e4t. Erst nach dem Waschen. Sie habe ihn zum Trocknen dann auch gleich in der Hose gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schleppe meine W\u00e4schebeutel nach Hause, fahre den Laptop hoch, stecke den Stick rein und, oh Wunder! Funktioniert, alle Daten vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Arch\u00e4ologische Museum hat geschlossen. Also entscheide ich mich f\u00fcr den Vogelpark. L\u00e4uft hier unter seinem englischen Namen<em> Macaw Mountain Bird Park<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Tuk-Tuk-Fahrer bringt mich hin. 30 Lempira. Ich gebe ihm 50. Er kramt in den Taschen. Ohne Erfolg. Er kann nicht wechseln: \u201eNo ando\u201c. Noch nie geh\u00f6rt in diesem Zusammenhang. Gl\u00fccklicherweise finde ich Kleingeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vogelpark sind die meisten V\u00f6gel in einer Voliere, nur wenige fliegen frei herum. Das hatte ich mir&nbsp; anders vorgestellt, aber es lohnt sich auch so, vor allem wegen der wunderbaren Anlage. Hohe B\u00e4ume, riesige Bl\u00e4tter, Wurzeln, die sich drehen und winden und um die Baumst\u00e4mme schlingen, Baumst\u00e4mme, die so dicht bewachsen sind, dass man sie hinter dem Laubwerk verschwinden, Schmetterlinge, die durch die Luft schwirren und ein rauschender Bach.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stars des Parks sind die <em>guacamayas<\/em>, das sind die <em>macaws<\/em> aus der englischen Bezeichnung des Parks, Papageien mit rotem, gelbem und blauem Federkleid. Sie sind die zahlreichsten, die auff\u00e4lligsten und die lautesten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber auch Eulen und Habichte und einen Vogel mit dem wunderbaren Namen <em>caracara<\/em> und, dann, zu meiner gro\u00dfen Freude, auch den Rabengeier,&nbsp; <em>zopilote<\/em>, denen ich in Mexiko so oft begegnet bin. Dessen Federkleid ist innen schneewei\u00df, au\u00dfen schwarz und wei\u00df, um den Hals hat er eine graue Halskrause, und der Kopf ist rot und gelb, mit schwarzen Trennstrichen. Die Augen sehen wie Kn\u00f6pfe aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist auch der Tukan, schwarz-gelb mit einem bunten, langen Schnabel. Der ist so auff\u00e4llig, dass er bei der Paarung ein Pluspunkt ist und auch als Warnung f\u00fcr Feinde dient. Zum K\u00e4mpfen ist er allerdings nicht geeignet, denn er ist aus Knochen und innen hohl!<\/p>\n\n\n\n<p>Von den <em>guacamayas<\/em> erf\u00e4hrt man, dass sie in der Freiheit bis zu 40 Kilometer am Tag zur\u00fccklegen, auf der Suche nach Futter. Dennoch hat man hier eine Gruppe junger guacamayas in einer Voliere zusammengef\u00fcgt, die man auf die Freilassung vorbereitet. Es habe schon vier oder f\u00fcnf \u00e4hnliche Aktionen in der Vergangenheit gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz allgemein erf\u00e4hrt man \u00fcber die Papageien noch, dass sie ihren Schnabel als dritten \u201eFu\u00df\u201c benutzen, wenn sie an B\u00e4umen herumklettern. Ihre Zehenanordnung ist zygodaktyl, d.h. der erste und der vierte Zeh zeigt nach hinten, die beiden anderen nach vorn, genauso wie bei der Eule und dem Kuckuck. Das gibt Halt! Bei den Singv\u00f6geln zeigt nur der erste Zeh nach hinten. Und dann gibt es noch eine Besonderheit: Viele Papageien sind monomorph, d.h. M\u00e4nnchen und Weibchen zeigen keine \u00e4u\u00dferlichen Unterschiede! Das Geschlecht muss durch DNA-Analyse festgestellt werden! Papageienbesitzer versuchen durch sekund\u00e4re Geschlechtsmerkmale herauszufinden, wer wer ist, Federkleid, Gewicht \u2013 denn die Papageien leben am liebsten als Paar zusammen \u2013 aber das ist nicht sehr zuverl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p>So belehrt, leiste ich mir noch einen leckeren <em>licuado<\/em> und sehe den V\u00f6geln zu, die vor mir durch die Luft schweben und dabei heftig mit den Fl\u00fcgeln flattern oder die sich in aller Ruhe auf einen Ast setzen und sich die Welt ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg habe ich einen cleveren Tuk-Tuk-Fahrer, der ein Gesch\u00e4ft riecht aber auch gut informiert ist. Er hei\u00dft Jes\u00fas. Und er \u201ekennt\u201c mich sogar. Ob ich nicht derjenige sei, der dieser Tage so lange mit seinem roten Koffer durch die Stadt gezogen ist. F\u00fcr die Weiterfahrt, erkl\u00e4rt er mir, &nbsp;m\u00fcsse ich erst nach Santa Rosa de Cop\u00e1n und dann nach Gracias. Die Fahrt geht vom Busbahnhof los. Nein, Fahrkarten braucht man vorher nicht zu kaufen, dort gebe es gar keinen Schalter. Die Fahrkarten kauft man im Bus. Er kennt auch die Abfahrtszeiten. Und will mich dann nat\u00fcrlich auch dorthin fahren. Wenn ich zum Arch\u00e4ologischen Park wolle, k\u00f6nne er mir einen guten F\u00fchrer vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag hat das Arch\u00e4ologische Museum ge\u00f6ffnet. Klein, aber fein, mit viel zu hohen Eintrittspreisen. Ich bin der einzige Besucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang sieht man auf einer Schautafel die Ausdehnung der Maya-Reiche, von denen es wohl um die 50 gegeben haben muss, verteilt auf das Gebiet vom S\u00fcden Mexikos bis El Salvador.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Unterscheidung kommen noch die zwischen Hochland und Tiefland und die verschiedenen Perioden, vorklassisch, klassisch und postklassisch, weitere Einteilungen innerhalb der Perioden. Als Vorl\u00e4ufer gelten die Olmeken, w\u00e4hrend die Zapoteken gegen Ende der Maya-Zeit eine wichtige Rolle spielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich von all dem nicht beeindrucken und sehe mir einfach die Exponate an. Als erstes f\u00e4llt mir die Figur eines Maya-Gouverneurs auf, mit seinem Schmuck: einer Halskette, zwei Armreifen, Ohrgeh\u00e4nge, einer Art Krone, von der rechts und links eine Hand ausgeht, ein G\u00fcrtel, an dem kleine Fr\u00fcchte baumeln, eine Art Lendenschurz, aufgespritzte Lippen und vor allem zwei Ringe um die Augen, die wie Brillengl\u00e4ser aussehen! Und was ist das Ganze? Eine Urne!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es einen ganz fein geschnitzten Stab, sieht wie Elfenbein aus, kann es aber kaum sein, auf dem man das Gesicht des K\u00f6nigs und der K\u00f6nigin erkennen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n eine Scheibe aus Jade, die auf den ersten Blick nur geometrische Formen erkennen l\u00e4sst, zwischen denen man dann aber ein Gesicht entdeckt!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Figur, die wie eine Maske aussieht, aber eine Axt ist. Man sieht das Profil eines Mannes mit gefletschten Z\u00e4hnen. Alles ist br\u00e4unlich, nur das wei\u00dfe Auge sticht hervor und verleiht dem Gesicht einen furchteinfl\u00f6\u00dfenden Charakter. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danach sehe ich mich noch ein bisschen auf dem Platz um. Rechteckig, nicht sehr gro\u00df, gr\u00fcne und gelbe Hecken, Palmen, an einer Seite eine Kirche, wie sie wei\u00dfer nicht sein kann. In der Mitte ein Brunnen, bei dem das Wasser aus den M\u00e4ulern von Maya-Ungeheuern l\u00e4uft. Ich bitte eine Passantin, ein Photo von mir zu machen. Sie reagiert \u00fcberrascht, fast etwas erschreckt. \u201e\u00bfYo?\u201c Dann macht sie es aber, und es wird ganz gut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall im Stadtzentrum stehen Nachbildungen von Stelen und Skulpturen der Maya herum, darunter auch Kr\u00f6ten. Die hatten wohl eine besondere Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der kleinen H\u00e4user sind in leuchtenden Farben bemalt, dunkelrot und hellblau vor allem, und W\u00e4nde und Tore sind oft bunt bemalt. \u00dcber zwei der Str\u00e4\u00dfchen, die auf den Platz f\u00fchren, flattern bunte B\u00e4nder, vom Anfang bis zum Ende der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt viele Souvenirl\u00e4den und H\u00e4ndler, aber wird kaum einmal angesprochen, und wenn \u00fcberhaupt, dann gar nicht aufdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Restaurant hei\u00dft <em>Vamos a Ver<\/em>, und verschiedene kleine Lokale sind <em>Pupuser\u00edas<\/em>. Muss wohl eine Spezialit\u00e4t sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen der Ank\u00fcndigung scheint die Sonne, und beim Umhergehen kommt man ordentlich ins Schwitzen. Am Abend, als ich schon zu Hause bin, f\u00e4llt dann heftiger Regen. Und dann kommt das angek\u00fcndigte Gewitter. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>31. Oktober (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal h\u00e4lt sich das Wetter an die Wettervorhersage. Es regnet. Zuerst geht es in ein Gesch\u00e4ft, um einen Schirm zu kaufen. Eine gr\u00f6\u00dfere Aktion. Die Schirme sind an einem Pfosten festgebunden, so gut, dass die Verk\u00e4uferin sie nicht losbinden kann. Ein Kollege kommt zu Hilfe. Der steigt auf die Kasse und schafft es.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Tuk-Tuk&nbsp; geht es zu den Ruinen. Unterwegs lesen wir ein M\u00e4dchen auf, das am Stra\u00dfenrand wartet. Dann bleibt der Tuk-Tuk stehen. Es ist Wasser in den Motor gekommen. Der Fahrer muss sich als Techniker bet\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen erz\u00e4hlt mir, sie fahre nach La Esperanza, da oben, auf den Berg. Zur Arbeit. Sie betreut ein dreij\u00e4hriges M\u00e4dchen. Die Eltern arbeiten. \u201eSind geschieden\u201c, f\u00fcgt sie noch hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist der Schaden beseitigt, und es geht weiter. Nach kurzer Fahrt werde ich am Eingang zu dem Arch\u00e4ologischen Park abgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird man, wenn man alles mitnimmt, einschlie\u00dflich F\u00fchrer, 85 $ los. Ich beschr\u00e4nke mich auf den Arch\u00e4ologischen Park und komme viel g\u00fcnstiger dabei weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eintrittspreise sind gestaffelt, Honduraner zahlen weniger als Mittelamerikaner und die zahlen weniger als alle anderen. Am besten kommen die Sch\u00fcler Honduras weg, gefolgt von den Rentnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gut, dass ich den Tipp im Reisef\u00fchrer gelesen habe, m\u00f6glichst fr\u00fch hier zu sein. Ich bin lange der einzige auf dem ganzen Gel\u00e4nde. Man wird von keinem F\u00fchrer bel\u00e4stigt und kann sich alles in Ruhe ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ist sofort auf einem breiten Waldweg mit exotischen B\u00e4umen. Die Luft ist feucht und warm, und man hat ein ganz klein bisschen ein Gef\u00fchl von Urwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand f\u00e4llt mein Blick auf einen Baum mit Dornen am Stamm, und dahinter einen mit einem auff\u00e4llig roten Stamm.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben zwei B\u00e4ume, die von der japanischen Prinzessin Sayako gepflanzt wurden, als \u201eZeichen der Verbr\u00fcderung der V\u00f6lker von Honduras und Japan\u201c! Der eine, 2015 gepflanzt, ist ein ganz d\u00fcnnes, gerade mannshohes B\u00e4umchen, der andere, von 2003, ein m\u00e4chtiger, in den Himmel wachsender Baum.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand Stelen, wie man sie auch im Museum gesehen hat, aber hier geh\u00f6ren sie hin, hier stehen sie an Ort und Stelle. Viele der Stelen repr\u00e4sentieren den 13. Herrscher der Dynastie der Maya von Cop\u00e1n oder markieren besondere Daten im Kalender der Maya. Es gab zwei Kalender, einen rituellen und einen zivilen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Maya war der Wald ein geheiligter Ort, und Quelle f\u00fcr Brennholz, Medizin und Nahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoch oben in den B\u00e4umen sieht man <em>guacamayas<\/em>. Das sind die aus dem Vogelpark freigelassenen. Noch sitzen sie ruhig und bewegungslos auf den \u00c4sten, sp\u00e4ter fliegen sie, kreischend und aufgeregt mit den Fl\u00fcgeln schlagend, durch die L\u00fcfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der gro\u00dfe Platz. Hier steht praktisch alles, was es in Cop\u00e1n zu sehen gibt. Ich teile mir den Platz mit einer Aufseherin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder gibt es Stelen zu sehen, meist mit der Abbildung eines Gottes, Priesters, Gouverneurs oder Kriegers vorne und mit Inschriften hinten. Bei einigen Stelen gibt es Inschriften an drei Seiten, bei einigen sehen sie so aus, als w\u00e4ren sie mit dem R\u00fccken des Kriegers verwachsen. Alle Glyphen sind im Hochrelief und sehr gut erhalten. Eine Stele zeigt sowohl vorne als auch hinten eine Gestalt, nach Osten bzw. nach Westen ausgerichtet. Das hatte wohl auch astronomische Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Stelen stammen aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Vermutlich waren sie bemalt, bei einigen sind noch Farbreste zu erkennen. Viele Stelen enthielten ein Gew\u00f6lbe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stele stellt ein Kaninchen bei der Thronbesteigung dar, eine andere hat einen Altar in Form einer Schildkr\u00f6te vor sich, wieder eine andere hat zwei Schlangen, eine gefederte und eine zweik\u00f6pfige, und eine zeigt einen Herrscher, der eine Maske tr\u00e4gt. Wie alle Herrscher tr\u00e4gt er den typischen komplizierten Kopfschmuck. Und dann gibt es noch eine mit der furchterregenden Darstellung von Chac, dem Regengott.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der N\u00e4he ist die Grabstelle von Dr. John Owen, einem US-amerikanischen Arch\u00e4ologen, der hier bei der Arbeit auf dem Ausgrabungsgel\u00e4nde starb. Das ist wie ein Bauer, der auf dem Feld, ein Ingenieur, der auf der Br\u00fccke, ein Lehrer, der im Klassenzimmer, ein Dirigent, der im Konzertsaal oder ein Dramatiker, der, wie Moli\u00e8re, auf der B\u00fchne stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer Stelen gibt es auch einige andere Formen, etwas, das wie eine gro\u00dfe Schale aussieht und vor allem eine wunderbare Schildkr\u00f6te, die gerade mal kurz unter ihrem Panzer hervorguckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite des Platzes gibt es die eigentlichen Bauten, eine Stufenpyramide, der Ballspielplatz und die Treppe mit den Glyphen. Dazwischen stehen Konstruktionen, die offensichtlich Alt\u00e4re waren, die man aber nicht als solche erkennt. In einem Altar hat man die Knochen von 15 Jaguars und Aras gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Stufenpyramide sind nur die ersten zwei oder drei Stockwerke erhalten, aber das Bauprinzip ist gut zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt der ganzen Anlage ist die Hieroglyphische Treppe, einmalig in der Welt der Maya. Sie tr\u00e4gt die l\u00e4ngste bekannte Inschrift aller Maya-Reiche. Sie stammt aus dem Jahr 731, ist 30 Meter lang und besteht aus 62 breiten Stufen. In der Mitte wird die Inschrift gelegentlich unterbrochen durch eine Figur, die aus der Treppe herausschaut. An beiden Seiten ein breiteres Laufband, ebenfalls mit Inschriften. &nbsp;Die Inschriften erz\u00e4hlen die Geschichte der Maya-Dynastie von Cop\u00e1n.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute spannt sich zum Schutz der Treppe ein gro\u00dfes Zeltdach dar\u00fcber, bis 1970 durfte sie noch von Besuchern betreten werden. Zur Zeit der Maya hatte sie vermutlich rein symbolische Funktion. Ohnehin war der ganze Bereich, Akropolis genannt, nur der Elite vorbehalten. Hier wurden Zeremonien abgehalten und K\u00f6nige begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben auf der Treppe arbeiten Arch\u00e4ologen an der Konservierung der Treppe. Ihr Geheimnis ist noch nicht ganz gel\u00fcftet, denn als die Cop\u00e1n entdeckt wurde, fehlte die ganze obere H\u00e4lfte, und man musste sie m\u00fchsam rekonstruieren mit den einzelnen Steinen, die hier \u00fcber herumlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auch deutlich, dass, zumindest unten, die Steine auf der rechten Seite stark verwittert sind. Auf der linken glaubt man st\u00e4ndig etwas zu erkennen, eine Schnecke, ein Fischmaul, eine Weinflasche, eine Spielzeuglokomotive.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Groben erz\u00e4hlt die Treppe die Geschichte der Dynastie, die der 16 gro\u00dfen Herrscher Cop\u00e1ns. Sie endet mit ihrem Gr\u00fcnder, Yax Pasaj Chan Yopaat. Die Herrscher hatten klingende Namen, die in der \u00dcbersetzung noch eigent\u00fcmlicher klingen als sie vermutlich im Original klingen: Rauchaffe, Wasserlilienjaguar, 18. Kaninchen, Mattenkopf, Erstes Morgenrot, Rauchmuschel.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt tauchen zum ersten Mal andere Besucher auf, ein junges Paar. Sie machen ein Photo von mir vor der Treppe, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie sind aus El Salvador und freuen sich, dass das mein n\u00e4chstes Reiseziel sein wird. Sie sind mit dem Auto hier, ihr erster Besuch in Honduras. Sie finden auch, dass der Besuch hier sich lohnt, schw\u00e4rmen aber von Tikal. Dort k\u00f6nne man eine Treppe raufsteigen und die ganze Anlage von oben betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4chstes Jahr reisen sie nach Europa, zuerst nach Dublin, wo ihre Schwester lebt, dann nach Madrid. Er selbst ist in Madrid auch schon mal gewesen und kennt auch Segovia, Toledo, Nizza, Siena und Rom. Sie geben mir noch ein paar Tipps f\u00fcr den&nbsp; Besuch in El Salvador, und wir verabschieden uns an dem Ballspielplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist ganz gut erhalten. Die Pelota war eine sportliche, aber auch eine rituelle Aktivit\u00e4t f\u00fcr die Maya. Das Spielfeld, 28 x 7 Meter, &nbsp;ist rechteckig und wird flankiert durch zwei aufsteigende steinerne Rampen. Das k\u00f6nnten Trib\u00fcnen gewesen sein, aber ich glaube eher, dass sie Teil des Spielfelds waren. An den Rampen sind auch K\u00f6pfe von <em>guacamayas<\/em> angebracht, die wohl so etwas wie Tore waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlendere noch ein bisschen \u00fcber das Gel\u00e4nde und lasse alles auf mich wirken. Als ich zum Ausgang komme, betreten ganze Horden von Besuchern den Park, vor allem Schulkinder zu Hunderten, in unterschiedlichen Schuluniformen. Als ich an der langen Schlange vorbeigehe, die sie bilden, gr\u00fc\u00dfen sie mich mit \u201eHello\u201c und \u201eHi\u201c und \u201eHow are you?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stra\u00dfe eine Reihe von Imbissst\u00e4nden, einer mit einer stacheligen Frucht. Ich frage die Verk\u00e4uferin, was das ist. Litschis. Als ich bitte, ein Photo machen zu d\u00fcrfen, bekomme ich ein entschiedenes Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich auf ein Tuk-Tuk warte, f\u00e4llt mein Blick auf ein Schild mit einem ganz besonderen Rechtschreibfehler: no votar basura. Unfreiwillig k\u00f6nnte sich hier ein ganz neuer Sinn ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tuk-Tuk bringt mich zum Parque Central. Dort gehe ich in die Kirche, dem Schutzpatron der Arbeiter geweiht, San Jos\u00e9 Obrero. Die Kirche ist ganz einfach, einschiffig, mit sch\u00f6ner Holzbestuhlung. An beiden Seitenw\u00e4nden gro\u00dfe Ventilatoren. Die Gem\u00e4lde an den Seitenw\u00e4nden sind schrecklich, die Figuren etwas besser, aber man wei\u00df nicht, wer dargestellt ist. Die meisten m\u00e4nnlichen Figuren tragen eine braune Kutte. Zwei weibliche Figuren tragen echtes menschliches Haar, was ihnen ein etwas unheimliches Aussehen verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von irgendwoher h\u00f6rt man Gebete, ohne jemanden zu sehen. Dann zeigt ein kurzer Blick in eine versteckt liegende Seitenkapelle, woher die Stimmen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in ein Caf\u00e9 und bestelle Kaffee und Wasser und ein St\u00fcck Kuchen, das eher wie ein Karamellpudding schmeckt. Lecker.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann versorge ich mich im Supermarkt noch mit Getr\u00e4nken. Dabei f\u00e4llt mir auf, dass Starren hier sozial akzeptiert ist. Die anderen Kunden sehen unbek\u00fcmmert in meinen Einkaufswagen und beim Bezahlen in mein Portemonnaie. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Lempira, die nationale W\u00e4hrung, hat ihren Namen von dem Kaziken Lempira aus dem Stamm der Lenca hat, einem Heerf\u00fchrer, der eine Truppe von 30.000 Soldaten gegen die Spanier f\u00fchrte, 1539. Er wurde besiegt und ermordet. Das war das Ende der fr\u00fchen Auflehnung gegen die spanische Herrschaft. Aber Lempira lebt in der kollektiven Erinnerung weiter als Nationalheld.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnzen scheint es keine zu geben. Den kleinsten Wert, 1 Lempira, gibt es auch als Geldschein. Auf dem erscheint auf der Vorderseite Lempira selbst. Auf den anderen Geldscheinen erscheinen vorne die Portr\u00e4ts von M\u00e4nnern, wohl meist aus dem 19. Jahrhundert, mit Ausnahme des 200-Lempira-Scheins. Den zieren zwei <em>guacamayas<\/em>. Auf der R\u00fcckseite meist Geb\u00e4ude, darunter eine Schule, aber auch ein Berg und das Ausgrabungsfeld von Cop\u00e1n Ruinas.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat die ganze Nacht heftig geregnet, und das Wasser steht in Pf\u00fctzen auf dem Kopfsteinpflaster. Auf den B\u00fcrgersteigen vor den L\u00e4den wird wieder kr\u00e4ftig geschrubbt. Das Wasser ist je heute schon da.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Suche nach einem Caf\u00e9, von dem sich herausstellt, dass es das nicht mehr gibt, komme ich mit zwei Frauen ins Gespr\u00e4ch, eine hochschwanger, mit einem kleinen Kind an der Hand. N\u00e4chsten Monat ist es soweit. Ob dann das M\u00e4dchen ein Schwesterchen bekomme? Nein, ein Cousinchen. Das Kind an der Hand geh\u00f6rt zu der anderen Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden empfehlen The Garden, ein Hotel, etwas abseits gelegen, und besser h\u00e4tte ich es nicht treffen k\u00f6nnen. Man sitzt auf einer breiten, \u00fcberdachten, h\u00f6lzernen Terrasse, mit bunten H\u00e4ngematten und mit Blumenk\u00f6rben, die vom Dach baumeln. Unten im Innenhof ein Brunnen, und dahinter der rauschende Fluss. Das Wasser ist nach den Regenf\u00e4llen braun gef\u00e4rbt, und das Wasser schwillt. Wenn es derselbe Fluss ist wie der im Vogelpark, ist er nicht wiederzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tuk-Tuks hier in Cop\u00e1n sind alle knallrot. Viele haben Namen: <em>Servicio Rural<\/em>, <em>Jaguarcito<\/em>, <em>Dios te bendiga<\/em>. Zum ersten Mal sehe ich heute auch eine Tuk-Tuk-Fahrerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes Ziel ist <em>Rastroj\u00f3n<\/em>, laut Internet \u201edie neue Attraktion der Maya-Welt\u201c. Einige kennen es nicht, andere verlangen \u00fcbertriebene Preise. Dann kommt einer, der Bescheid wei\u00df: \u201eEase clossid.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich auf zu den Kr\u00f6ten: Los sapos. Die stehen da irgendwo im Wald herum. Wir fahren aus der Stadt raus, \u00fcber den Fluss und dann, \u00fcber einen Lehmweg, ein ganzes St\u00fcck am Fluss entlang. Der ist hier breiter und nicht so st\u00fcrmisch. Wie hei\u00dft der Fluss eigentlich? El Cop\u00e1n. H\u00e4tte man sich denken k\u00f6nnen. Wir kommen ganz oben an, in San Agust\u00edn, an einem sch\u00f6nen Ausflugslokal. Man dr\u00fcckt mir eine Skizze in die Hand und schickt mich in den Wald. Kann man sich hier nicht verlaufen? Nee, immer dem Weg lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal ist es ganz ruhig, man h\u00f6rt keinen Laut, dann erst, ein St\u00fcckchen weiter, eine Vogelstimme und das Rauschen einer Quelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Skizze sind alle Nase lang Kr\u00f6ten am Wegesrand eingezeichnet, und ich vermute, dass die den Standort der Kr\u00f6ten bezeichnen, merke dann aber, dass sie nur den Weg markieren. Bis dahin bin ich kr\u00e4ftig dabei, jeden verd\u00e4chtig aussehenden Stein als Kr\u00f6te zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg hat es in sich, ein Wurzelweg, der rauf und runter f\u00fchrt. An einigen Stellen, vor allem beim \u00dcberqueren einer Br\u00fccke, hat man Gel\u00e4nder aus Bambusstangen angebracht. Die nimmt man dankbar zur Hilfe. Dass das Gel\u00e4nde glitschig ist, macht es auch nicht gerade leichter. Aber der Weg ist sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich immer noch keine Kr\u00f6te gesehen habe, kommt mir tats\u00e4chlich jemand entgegen, ein Waldh\u00fcter. Der sagt mir, ich sei genau richtig, da oben hoch. Leichter gesagt als getan, aber am Ende komme ich den Abhang zwischen den Felsbl\u00f6cken hoch, und hier oben gibt es tats\u00e4chlich eine Platte, die von den Kr\u00f6ten und ihrer Bedeutung spricht. Aber keine Kr\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie komme ich wieder zu dem Lokal. Die Zahl der Kr\u00f6ten, die ich gesehen habe, bel\u00e4uft sich auf genau Null. Das zeigen dann auch die Photos von den Kr\u00f6ten, die das M\u00e4dchen aus dem Lokal mir zeigt. Zur Entsch\u00e4digung gibt es ein kaltes Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in der Stadt mache ich einen weiteren Versuch, Tempo-T\u00fccher zu bekommen. Vergeblich. Das hilfsbereite M\u00e4dchen in dem Laden, sagt, als ich mich bedanke \u201eA la orden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hier begegnet man vielen M\u00e4nnern mit Cowboyhut, M\u00f6chtegern-Texaner. Einen sehe ich sogar auf einem Pferd mit vier anderen Pferden im Schlepptau.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gehe ich zum Arch\u00e4ologischen Museum. Der Mann an der Kasse geht erst in Verteidigungsstellung, gibt dann aber nach, als ich meine Quittung hervorziehe, die belegt, dass ich schon mal hier war. Er erlaubt mir, kurz reinzugehen und ein Photo zu machen, schickt mir aber als Begleitschutz eine junge Frau mit. Ich finde die Stelle auf Anhieb und mache das Photo. Die junge Frau ahnt wohl kaum, dass es mir gar nicht um die Figur geht, sondern um das Schild darunter. Darauf steht: <em>\u00bfQu\u00e9 colores vez en las orejeras?<\/em> Rechtschreibfehler, der viel \u00fcber die lateinamerikanische Aussprache sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach einer von einem Deutschen betriebenen Bar, kann sie aber nicht finden. Ich lande woanders, auch gut, hier gibt es ein leckeres Kotelett. Und mal keine Bohnen. Das Bier wird, wie immer, mit einer Serviette als Flaschenverschluss serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Lautsprecher kommt Bachata. Kenne ich aus der Dominikanischen Republik. Ist immer sofort zu erkennen, klingt gut, ist aber auf die Dauer etwas abwechslungsarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nebentisch zwei M\u00e4nner, die aufhorchen, als ich um die spanische Speisekarte bitte. Kein Amerikaner? Nein. Europ\u00e4er? Ja. Woher? Ich lasse sie raten. Deutscher? Volltreffer!<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort wollen sie wisse, ob ich zu Bayern halte, was ich guten Gewissens verneinen kann. Sie sind gut informiert, kennen Kevin Keegan, Andreas Brehme, Yogi L\u00f6w. Und fragen nach Hertha BSC, Eintracht Frankfurt und dem BVB.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass sie fr\u00fcher Sportreporter waren. Jetzt arbeiten sie f\u00fcr mehrere nationale Fernsehsender, Nachrichten ganz allgemein. Sie sind hier, weil heute hier ein Erntedankfest der Maya stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeremonie hei\u00dft <em>Tsikin<\/em>. Sie findet heute am Parque Central statt.&nbsp; Anschlie\u00dfend bekommen die Kinder, wenn sie durch die Stra\u00dfen ziehen, eine Kleinigkeit, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie richtig darum bitten: <em>Angeles somos \/del cielo venimos \/ tsikin pedimos \/ para nuestro camino<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner wollen auch noch wissen, wo ich Spanisch gelernt habe, wie ich hierhergekommen bin und ob wir Deutschen wirklich so viel Bier trinken. Und wie meine weitere Reiseroute ist. Der eine ist entt\u00e4uscht, dass ich nicht in Santa Rosa Halt mache. Da gebe es das beste Nachtleben in Honduras und die sch\u00f6nsten Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge den M\u00e4nnern auf den <em>Parque Central<\/em>. Da ist die Zeremonie bereits im Gange. Die beiden stehen mit ihren Kameras direkt neben dem Altar, einem improvisierten Altar aus Bl\u00e4ttern und mit Kerzen und Fr\u00fcchten auf dem Altartisch. Auf den Stufen zum Altar liegen riesige K\u00fcrbisse und Melonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Altar, mit dem R\u00fccken zum Volk, stehen vier Priester, die gar nicht priesterlich aussehen, sondern eher wie Bauarbeiter, in wei\u00dfen Overalls. Einer der Priester hat ein Mikrophon in der Hand und fleht die Heiligen an. Dabei erw\u00e4hnt er die Gottesmutter und die Pachamama in einem Satz. Dann f\u00e4ngt er auf erb\u00e4rmliche Art zu singen an. F\u00fcr mich das Zeichen zum Aufbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>2. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel in Honduras ist die Stadt mit dem wundervollen Namen <em>Gracias<\/em>. Die ist eigentlich nur eine Notl\u00f6sung, liegt aber etwa auf dem Weg nach Tegucigalpa. Eigentlich vorgesehen war eine Fahrt an die K\u00fcste, an den Atlantik, aber da hat es Reisewarnungen gegeben wegen der Verw\u00fcstungen, die der Hurrikan dort hinterlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Tuk-Tuk bringt mich zum Bus. Obwohl wegen des Koffers eigentlich kein Platz mehr ist, nehmen wir noch eine gut gekleidete junge Frau mit. Die kommt neben den Fahrer. Teilt sich mit ihm den Fahrersitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die entgegenkommenden Tuk-Tuks bespritzen uns, als sie durch den vom Dauerregen der Nacht aufgeweichten Lehm fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald sind wir da. Es handelt sich nicht um einen Busbahnhof, sondern einfach um einen Platz am Rande der Stra\u00dfe, wo noch ein, zwei weitere Busse stehen. An der Stra\u00dfe befindet sich aber ein Unterstell, den man als Bushaltestelle verstehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort ist jemand zur Stelle, schnappt sich meinen Koffer und verstaut ihn. Um 8 gehe es los. Da dr\u00fcben k\u00f6nnte ich noch einen Kaffee kriegen, sagt er. Das Caf\u00e9 ist in einem ganz einfachen, dunklen Holzverschlag mit Wellblechdach untergebracht. Aber immerhin, hier bekommt man Kaffee und sitzt vom Regen gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich geht es Punkt 8 Uhr los. Es ist ein alter, klappriger Bus mit erstaunlich bequemen Sitzen. Er donnert in einem Affentempo \u00fcber die Stra\u00dfe, wird dann aber bald ausgebremst, als die sich in einen Lehmweg verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist eher unansehnlich, gr\u00fcn, aber unspektakul\u00e4r, und am Wegesrand immer wieder h\u00e4ssliche Pl\u00e4tze und Anlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden hier mit kph angegeben, <em>kil\u00f3metros por hora<\/em>, mit schwarzen Buchstaben auf gelbem Untergrund, mit dem f\u00fcr das Spanische ungew\u00f6hnlichen Buchstaben <em>k<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen langsam voran, da der Bus alle Naselang h\u00e4lt und Passagiere einsteigen und aussteigen. Und weil bei den kleinsten Steigungen die LKWs, die sich hier hochqu\u00e4len, lange Schlangen hinter sich bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer voller, und als eine Frau mit gro\u00dfen Blumen, begleitet von einem Kind, ebenfalls mit gro\u00dfen Blumen, zusteigt, steht ein junger Mann auf und bietet ihnen seinen Platz an. Bald kann er sich aber wieder setzen, weil auf einmal viele aussteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Florida m\u00fcssen wir die Fahrt verlangsamen, da zwischen den beiden Autospuren eine Herde K\u00fche durch den Ort getrieben wird, einige mit K\u00e4lbern. Es gibt wei\u00dfe, braune und gescheckte K\u00fche. Sie sehen passabel gen\u00e4hrt aus, obwohl man bei einigen hinten die Rippen sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in Santa Rosa an. Hier ist viel mehr Betrieb als in Cop\u00e1n Ruinas. Kaum geht die T\u00fcr auf, als schon ein junger Mann davor steht und Reiseziele ausruft. Mit schnellen Bewegungen und gro\u00dfer Geschicklichkeit verstaut er Koffer, weist den Passagieren Pl\u00e4tze zu, \u00f6ffnet und schlie\u00dft T\u00fcren und klettert aufs Dach, um dort zus\u00e4tzliches Gep\u00e4ck unterzubringen. W\u00e4hrend der Fahrt lehnt er sich zu meinem Entsetzen immer wieder weit aus dem Fenster und wirbt Fahrg\u00e4ste an: \u201eGracia, pa Gracia\u201c, \u201eGracia pa Gracia\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zwischendurch kassiert er. Zum ersten Mal sehe ich, wie ein Mann sein Portemonnaie z\u00fcckt. In der Regel tr\u00e4gt man das Geld als B\u00fcndel in der Hosentasche oder in der Brusttasche. Bei den Geldwechslern, den Schaffnern und den Tuk-Tuk-Fahrern sind das dicke Geldb\u00fcndel, die sie mit der Hilfe von zwei Fingern durchsuchen, um Wechselgeld herauszugeben, so schnell und so geschickt, dass man es mit dem Auge gar nicht verfolgen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer voller, und die Fahrt in dem Kleinbus ist alles andere als bequem. Als kein Platz mehr frei ist, nehmen wir doch noch neue Passagiere auf. Irgendwo gibt es noch Sperrsitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft hier ist viel sch\u00f6ner, gebirgig, gr\u00fcn, mit den Gipfeln im Dunst. Und als wir auf Gracias zukommen, h\u00f6rt es auch auf, zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich zum ersten Mal \u00fcberhaupt ein Wahlplakat: <em>Xiomara s\u00ed cumple<\/em>, Das ist Xiomara Castro, die neue Pr\u00e4sidentin Honduras\u2018, die sich im Gegensatz zu ihrem Vorg\u00e4nger in Szene setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an. Es hat viereinhalb Stunden gedauert, obwohl die ganze Distanz gerade mal 120 Kilometer betr\u00e4gt. Bezahlt habe ich einmal 110 Lempira und einmal 70. Das d\u00fcrften so um die 8 $ sein-<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich hier konsequent weigert, eine Adresse f\u00fcr die Unterkunft zu nennen. \u201eNeben der Kirche La Merced\u201c was diesmal das H\u00f6chste, was ich rausfinden konnte, aber diesmal hat eine Angestellte des Vermieters, Judith, angeboten, mich vom Bus abzuholen. Und tats\u00e4chlich steht sie dann auch schon da, in Begleitung einer Freundin mit dem ungew\u00f6hnlichen Namen Osiri.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zum Apartment, und die beiden weisen mich kurz ein. Das meiste kriegt man aber nur auf Nachfrage raus, und der Mechanismus beim Verschlie\u00dfen der beiden T\u00fcren und beim Einsatz des Wasserkochers bleibt bis zum Schluss ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die beiden weg sind, gehe ich kurz in die Stadt. Am <em>Parque Central<\/em> geht es sehr gem\u00e4chlich zu. Laut ist es nur durch ein Potpourri von alten Beatles Songs, die aus einem Lausprecher kommen: <em>No Reply, Eight Days a Week, Ticket to Ride<\/em>. Aber der Wechsel geschieht so schnell, dass man kaum mitkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes ein moderner Pavillon, in dem oben ein Caf\u00e9 untergebracht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein buntes Schild, auf dem <em>Gracias<\/em> steht, flankiert von einer Statue von Lempira, dem Kaziken von der 1-Lempira-Note. Terrakotta. Lempira mit K\u00f6cher, Pfeil und Bogen und Kopfschmuck. Die Stadt hei\u00dft offiziell <em>Gracias Lempira<\/em>, aber das sagt kein Mensch. Der urspr\u00fcngliche Name war <em>Gracias a Dios<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Abseits des <em>Parque Central<\/em> ist viel mehr los. Hier findet ein Stra\u00dfenmarkt statt. Vor allem Obst und Gem\u00fcse gibt es in rauen Mengen. Die Kartoffeln sind gro\u00df, unregelm\u00e4\u00dfig und mit Erde bedeckt. Am meisten angeboten werden die Litschis. Judith hat mir erkl\u00e4rt, dass man die trotz der Stacheln ganz einfach mit den Fingern \u00f6ffnen k\u00f6nne. Oder mit dem Mund. Das Fruchtfleisch sei wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig entdecke ich die <em>Posada Don Juan<\/em>. Sieht erst nicht so einladend aus, aber der Eindruck t\u00e4uscht. Man wird in einen lichten Innenhof gef\u00fchrt, wo man unter Palmen und neben einem Schwimmbecken sitzt. Die Posada ist auch Hotel. Ein Einzelzimmer kostet hier um die 100 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Speisekarte sieht sehr verlockend aus. Am Ende bestelle ich Schweineschwarte, knusprig gebraten, <em>chicharrones<\/em>, mit Maniok und Kohl in einer Zwiebel- und Tomatenso\u00dfe. K\u00f6stlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich erneut auf die Suche nach Papiertaschent\u00fcchern. Ich werde von einem Supermarkt zum n\u00e4chsten und von einer Apotheke zur n\u00e4chsten geschickt. \u00dcberall sieht man mich verst\u00e4ndnislos an, auch als ich mein letztes Paket heraushole, um zu zeigen, was gemeint ist. Keine Chance. Als ich noch einen letzten Versuch in einer Apotheke mache und schon auf dem Weg nach drau\u00dfen bin, f\u00e4llt mein Blick auf ein Regal. Da sind doch welche! Ich zeige sie dem Apotheker. Der dreht sie ganz langsam in seinen H\u00e4nden. Guckt verst\u00e4ndnislos. Als ob er so was noch nie gesehen h\u00e4tte. Dann meint er, das sei was f\u00fcr Frauen. Ich kaufe auf Verdacht eine Packung, es ist genau das, was ich gesucht habe. Daraufhin kaufe ich seinen gesamten Vorrat auf.<\/p>\n\n\n\n<p>3. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie vielleicht kein anderes Land steht Honduras f\u00fcr das, was man <em>Bananenrepublik<\/em> nennt, ein Land, das autorit\u00e4r regiert wird und von fremdem, meist US-amerikanischem Kapital abh\u00e4ngig ist. Im Falle von Honduras bezieht \u2013 oder bezog \u2013 sich das ganz w\u00f6rtlich auf den Bananenanbau. 1892 lag der Anteil der Bananen am Export von Honduras bei 11%, 1903 waren es 42% und 1913 waren es 66%. Alles war fest in den H\u00e4nden der US-amerikanischen Firmen, die dadurch einen enormen Einfluss auf die Politik und die Politiker in Honduras nehmen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran hat sich nichts ge\u00e4ndert, auch wenn der Bananenexport nicht mehr denselben Stellenwert hat. Die dominante Rolle der USA ist aber weiterhin unangetastet. Das erwies sich auch bei dem spektakul\u00e4ren Prozess im Fr\u00fchjahr dieses Jahres gegen Juan Orlando Hern\u00e1ndez, den fr\u00fcheren Pr\u00e4sidenten von Honduras, dem nicht etwa in Honduras oder vor den Vereinten Nationen, sondern vor einem ordentlichen amerikanischen Gericht der Prozess gemacht wurde, nachdem Honduras ihn ausgeliefert hatte. Orlando Hern\u00e1ndez wurde zu 45 Jahren Haft verurteilt. Er war von 2014 bis 2022 Pr\u00e4sident von Honduras gewesen und hatte in dieser Zeit den Schmuggel von Drogen aus Venezuela und Kolumbien in die USA im gro\u00dfen Stil erm\u00f6glicht. Daf\u00fcr hatte er staatliche Strukturen ausgenutzt und sogar umgebaut, um daraus ein m\u00f6glichst lukratives Gesch\u00e4ft zu machen. Er habe Honduras wie ein Drogenunternehmen gef\u00fchrt, hei\u00dft es. Er soll auch in den Wahlk\u00e4mpfen Drogengelder benutzt haben, um das Ergebnis zu beeinflussen. F\u00fcr den Wahlkampf hatte er aber auch finanzielle Unterst\u00fctzung aus den USA bekommen, angeblich, um den Drogenhandel zu bek\u00e4mpfen, vielleicht aber auch, um das Gesch\u00e4ft der Kartelle zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Honduras war auch das von den USA gew\u00e4hlte Spielfeld f\u00fcr den Kampf gegen die Sandinisten in Nicaragua. Unter Reagan wurden riesige Summen und ein erhebliches soldatisches Kontingent nach Honduras geschmuggelt, und die Fl\u00fcchtlingslager f\u00fcr Nicaraguaner wurden zur Basis eines geheimen Kriegs der USA gegen Nicaragua. Dabei wurden Gelder verwendet, die die USA durch Waffenexport in den Iran verdient hatten!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beziehung zu den USA ist auch in anderer Weise noch relevant f\u00fcr Honduras. Mehr als eine Million Honduraner lebt in den USA. Fast jeder Honduraner hat irgendeinen Familienangeh\u00f6rigen, der dort lebt. Das Geld, was von dort in die Heimat \u00fcberwiesen wird, macht 17% der Wirtschaft von Honduras aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere Ereignis, das man mit Honduras in Verbindung bringt, liegt schon l\u00e4nger zur\u00fcck. Das ist der etwas irref\u00fchrend so genannte \u201eFu\u00dfballkrieg\u201c, ein Krieg zwischen Honduras und El Salvador. Letztendlich ausgel\u00f6st wurde er wirklich durch ein Fu\u00dfballspiel, ein Qualifikationsspiel f\u00fcr die WM von 1970. Anh\u00e4nger von El Salvador attackierten Anh\u00e4nger von Honduras, besudelten die Fahne und machten sich \u00fcber die Nationalhymne lustig. Jenseits der Grenze, in Honduras, begann man, Fl\u00fcchtlinge aus El Salvador zu attackieren. Die waren zu Tausenden angesichts der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Krise im Heimatland ausgewandert und hatten sich in der kaum besiedelten Region an der Grenze niedergelassen. El Salvador war viel kleiner, hatte aber mehr Einwohner al Honduras. Die Fl\u00fcchtlinge wurden von den Honduranern zum S\u00fcndenbock f\u00fcr die ebenfalls stockende Wirtschaft von Honduras gemacht. Man begann, sie zu attackieren. Die Fl\u00fcchtlinge aus El Salvador kehrten zu Tausenden in die Heimat zur\u00fcck und berichteten von den Grausamkeiten, denen sie in Honduras ausgesetzt waren.&nbsp; Schon vor dem Fu\u00dfballspiel war also die Lage alles andere als entspannt. Danach marschierte die Armee von El Salvador in Honduras ein, Honduras reagierte mit Luftangriffen. Nach nur sechs Tagen wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Milit\u00e4rische Konflikte gibt es zwischen den beiden L\u00e4ndern nicht mehr, aber die alte Rivalit\u00e4t besteht weiter. Nur, wenn es gegen Costa Rica geht, h\u00e4lt man zueinander.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;4. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wei\u00df ist die Farbe der Farben, wenn es um honduranische Kirchen geht. In leuchtend hellem Wei\u00df erstrahlt die Kirche La Merced, hier gleich gegen\u00fcber, ebenso wie die Kirche San Marcos, am Parque Central. Bei der sind die nicht tragenden Teile in feinen gelben Strichen gekennzeichnet, La Merced hat dagegen Stuckwerk an der Fassade, nat\u00fcrlich auch in Wei\u00df. Leider ist die Kirche verschlossen, ein Gitter versperrt den Zugang zum Innenhof. Und ausgerechnet da, im Innenhof, hat man eine Schautafel mit Informationen zur Kirche aufgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>5. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Wahlen in den USA stellt sich die Frage, warum dort immer an einem Dienstag gew\u00e4hlt wird. Und warum in Gro\u00dfbritannien immer an einem Donnerstag gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wunderlich helle, ohrenbet\u00e4ubende Glocke von nebenan ist mir Zeichen, es noch mal zu versuchen mit der Iglesia de la Merced. Jetzt ist das Tor auf. Drinnen findet eine Messe statt, mit Nonnen in den beiden ersten Reihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade ist sch\u00f6n, mit geb\u00e4nderten S\u00e4ulen im Unter- und im Obergeschoss. \u00dcber dem Eingang, mit einem breiten niedrigen Rundbogen, inmitten des Stuckwerks das Malteserkreuz, eingerahmt von einer Kordel. Ob Merced etwas mit Malteser zu tun hat? Jedenfalls steht die <em>Virgen de la Merced<\/em> ganz oben in einer Nische, flankiert von zwei weiteren Figuren, eher weltlich aussehend. Vielleicht stammen sie aus der Zeit der spanischen Eroberung. In komischem Kontrast dazu die Figuren in den Nischen unten. Ganz naiv, lauter wei\u00df gewandete M\u00f6nche, wie von einem Kind bemalt, mit schwarzem Bart, schwarzem Haar, schwarzen Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach k\u00fcndigt sich Judith an. Sie will mir einen Wasserkocher bringen und mir die merkw\u00fcrdigen Mechanismen der T\u00fcrschl\u00f6sser erkl\u00e4ren. Am Ende bekommt sie es hin, aber nicht ohne M\u00fche. Der Schl\u00fcssel will sich einfach nicht drehen im Schloss. Man kann weder einfach zuschlie\u00dfen noch einfach \u00f6ffnen. Eine weitere Einschr\u00e4nkung an einer Unterkunft, die \u00fcberhaupt nicht h\u00e4lt, was sie verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich durch zur <em>Casa Galeano<\/em>. Dabei hilft mir eine freundliche Frau, die stark lispelt. Das l\u00e4sst sie wie eine Spanierin klingen. Aber sie geht dar\u00fcber hinaus, spricht das <em>zeta<\/em> auch da, wo es im Spanischen ein <em>s<\/em> ist. Das l\u00e4sst sie wie eine Malague\u00f1a klingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das <em>Rinconsito del Sabor<\/em> f\u00e4llt mir auf. W\u00e4re in Spanien wohl <em>Rinconcito del Sabor<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bemerke ich ein Gesch\u00e4ftsschild, mit dem ich nichts anzufangen wei\u00df: <em>El<\/em> <em>Gallo m\u00e1s Gallo<\/em>. Es ist ein Motorradhandel.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Casa Galeano<\/em>, etwas au\u00dferhalb an einem stillen Platz gelegen, wird gerade die T\u00fcr zur Mittagspause geschlossen. Am Botanischen Garten ebenso.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite das Restaurant <em>La Estancia<\/em>. Ich gehe rauf und erkundige mich nach der Speisekarte. Der Koch ist \u00e4u\u00dferst freundlich und geht genau auf meine W\u00fcnsche ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die D\u00e4cher der H\u00e4user der Umgebung, alle einheitlich mit beigen bis br\u00e4unlichen Fliesen belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der einzige Gast. W\u00e4hrend ich auf mein Essen warte, kommt ein Motorradkurier und holt Bestellungen ab, genauso wie bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die <em>Casa Galeano<\/em>. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert, wirkt aber \u00e4lter. Zu dieser Zeit muss Honduras schon selbst\u00e4ndig gewesen sein, aber am Lebensstil der Kreolen hatte sich wohl nicht viel ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gut gefallen mir der Innenhof, der Licht und Schatten zul\u00e4sst, die bemalten W\u00e4nde in den Vorzeiger\u00e4umen und einige Fresken, die man an den W\u00e4nden des Innenhofs freigelegt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles, was aus Holz ist, einem r\u00f6tlich-braunen Holz, sieht sehr edel aus, geschmackvoll, mit klaren, schn\u00f6rkellosen Linien, darunter ein Schminktisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus soll die Form eines Ls haben, aber das merke ich beim Rundgang gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den Botanischen Garten. Auch hier bin ich alleine. Es gibt Mangob\u00e4ume, Drachenfruchtb\u00e4ume, Avocadob\u00e4ume, Pampelmusenb\u00e4ume und Pfefferb\u00e4ume. W\u00e4chst Pfeffer auf B\u00e4umen? Sieht ganz danach aus, denn hier hei\u00dft es, die Frucht habe lange im internationalen Warenverkehr als Ersatzw\u00e4hrung gedient. Fr\u00fcchte kann ich an all den B\u00e4umen aber nicht erkennen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso sch\u00f6n wie auff\u00e4llig sind die St\u00e4mme vieler B\u00e4ume, in viele verschiedene Str\u00e4nge ausdifferenziert und oben einen Bogen bildend. Als Gegenprogramm stehen ein paar Kastanienb\u00e4ume dazwischen, mit geraden, glatten St\u00e4mmen, die bis zum Himmel reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Namen der B\u00e4ume tauchen auch welche auf, die ich noch nie geh\u00f6rt habe wie <em>Macuelizo<\/em> oder <em>Pacaya<\/em>, und ein paar witzige Namen wie <em>Pelo de viejo<\/em>, \u201aHaar eines Alten\u2018 oder der <em>Caulote<\/em>, der auch <em>Tapaculo<\/em> hei\u00dft, sowas wie \u201aHinternabdeckung\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>6. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Da es keine M\u00fcnzen gibt \u2013 jedenfalls ist mir noch keine begegnet \u2013 ist das Auseinanderhalten der Geldscheine nicht so einfach, denn es gibt 9 g\u00e4ngige Werte, von 1 bis 500. Und alle sind gleich gro\u00df. Anders als bei uns ist auch, dass zwar einige Scheine nagelneu sind, andere aber sehr abgegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fcrgersteige sind hier so, wie ich sie von anderen Reisen in Erinnerung habe, hoch, mit vielen Bruchstellen und Tretminen. An Kreuzungen und Einfahrten muss man dann wieder auf das Stra\u00dfenniveau hinabsteigen und dann wieder auf den B\u00fcrgersteig rauf. Meist ohne Stufen. Das ist f\u00fcr einen Normalo schon schwer, wie sollen das aber alte Leute oder Leute mit Gehbehinderungen schaffen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Weiterfahrt gehe ich noch in das Caf\u00e9 im Pavillon am Parque Central. Man sitzt oben und sieht auf das Gr\u00fcn hinab. Und kann die \u00c4ste der B\u00e4ume fast ber\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he der Unterkunft wird ein Gesundheitszentrum saniert. Das Verdienst daf\u00fcr beanspruch Xiomara Castro f\u00fcr sich und ihre Regierung, nicht ohne Pathos: <em>\u00a1Estamos entregando alma, vida y coraz\u00f3n por Honduras! <\/em>Ob so was in Europa verfangen w\u00fcrde? Jemand, der behauptet, Seele, Leben und Herz f\u00fcr das Land einzusetzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Abfahrt komme ich dann noch mal geh\u00f6rig ins Schwitzen, als ich mich wieder einmal lange vergeblich an dem T\u00fcrschloss zu schaffen mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach La Esperanza \u2013 auch kein schlechter Name f\u00fcr einen Ort. Die ganze Gegend ist gepr\u00e4gt von der Kultur der Lenca, einem indigenen Volk, angesiedelt zwischen Maya und Kuna, dessen Ursprung sehr umstritten ist. Wie dem auch sei, mit den Spaniern gab es ein gutes, friedliches Miteinander \u00fcber lange Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Tuk-Tuk bringt mich zum Busbahnhof, einem anderen als bei der Ankunft, kleiner, aber an einer lebendigen Stra\u00dfenecke gelegen. Wieder schnappt sich jemand sofort meinen Koffer und parkt mich irgendwo in der Abfahrtshalle. Die Zeit vergeht, ein wohl leicht alkoholisierter Mann versucht, mich in ein Gespr\u00e4ch zu verwickeln, indem er auf das Titelbild der Tageszeitung deutet. Dort sieht man den Wahlsieger aus den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Warten f\u00e4llt mein Blick auf einen Laden gegen\u00fcber, der <em>Abarroter\u00eda<\/em> hei\u00dft. Nie geh\u00f6rt. Scheint ein amerikanisches Wort zu sein. So was wie ein Minimarkt oder vielleicht etwas gr\u00f6\u00dfer, wie der alte Tante-Emma-Laden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es tut sich weiter nichts, ein Bus f\u00fcllt sich und f\u00e4hrt ab. Da frage ich noch mal nach, und irgendwer sagt mir, der Bus fahre auf der anderen Stra\u00dfenseite ab. Er schnappt sich meinen Koffer, wird dann aber von einem Kollegen gestoppt. Nach ein paar Minuten ist es dessen Aufgabe, sich meinen Koffer zu schnappen und mir auf die andere Stra\u00dfenseite vorauszueilen. Er ist mit Koffer schneller als ich ohne.<\/p>\n\n\n\n<p>Und prompt kommt der Bus. Eng, etwas unbequem, mit vielen Haltestellen. Die Kalkulation des Reisef\u00fchrers erweist sich als zu optimistisch. Statt anderthalb Stunden brauchen wir zweieinhalb Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Tempo geht es auf die asphaltierte, aber holprige, kurvenreiche Strecke. Es geht st\u00e4ndig&nbsp; bergauf und bergab, vor allem aber bergauf. La Esperanza ist die h\u00f6chstgelegene Stadt von Honduras, 1770 Meter. Nicht gerade Bogot\u00e1 oder Quito, aber immerhin: Der Kahle Asten hat 842 Meter, der Erbeskopf 843, der Brocken 1141 und der Feldberg 1493.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir ein zauberhaft sch\u00f6nes M\u00e4dchen, vielleicht zwei Jahre alt, unmissverst\u00e4ndlich als M\u00e4dchen markiert, mit Kleidchen, Haarschleifen und Ohrringen, auf dem Scho\u00df ihrer Mutter. Sie versucht, ihrer Mutter den Schnuller der Trinkflasche in den Mund zu schieben. Immer wieder. Ohne Kennzeichen von Erm\u00fcdung.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter mir ein Mann, der lauter merkw\u00fcrdige Ger\u00e4usche von sich gibt, die die Blicke der anderen Passagiere immer wieder nach hinten richten. Als er aussteigt, ergibt sich ein Wortwechsel mit dem Beifahrer\/Kassierer\/Koffertr\u00e4ger, aber es klingt am Ende doch harmlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch qu\u00e4len sich Verk\u00e4ufer durch die Reihen. Tats\u00e4chlich werden sie das eine oder andere los. Und schaffen es immer, rechtzeitig wieder auszusteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen M\u00e4dchen in Schuluniformen, dunkelblaue Plisseer\u00f6cke und hellblaue Blusen. Sieht nicht schlecht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht allen bekommt die Fahrt gut, und zwei der Passagiere werden von unserem Schaffner mit T\u00fcten und Klopapier ausgestattet. Er ist auch sehr aufmerksam, wenn Leute aussteigen. Fast jeder hat ein B\u00fcndel (oder zwei oder drei) auf dem Scho\u00df, und er nimmt es ihnen ab und bringt es raus, damit sie ungehindert aussteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt La Esperanza, ganz anders als Cop\u00e1n Ruinas und Gracias, gr\u00f6\u00dfer, lauter, nicht sonderlich sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem etwas trostlosen Busbahnhof sehe ich mich nach einem Tuk-Tuk um, finde aber keins. Dann erwische ich ein regul\u00e4res Taxi. Der Fahrer sagt mir, die Tuk-Tuks seien hier verboten. Es gebe hier schon mal angetrunkene G\u00e4ste, die die Tuk-Tuk-Fahrer irritieren, bel\u00e4stigen oder attackieren. Im Taxi sei man dann etwas besser gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt mich vor der Unterkunft in einer unwirtlich aussehenden Gegend ab. Ich habe einen Code bekommen, um unten aufzuschlie\u00dfen, komme aber nicht rein, auch nach mehrmaligen Versuchen nicht. Nebenan ist ein winziges, dunkles Gesch\u00e4ft f\u00fcr Meeresfr\u00fcchte. Eine junge Frau kommt heraus und hilft mir. Sie gibt die Zahlen ein und dr\u00fcckt dann noch einen weiteren Schalter, und die T\u00fcr \u00f6ffnet sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten ist im Innenhof ein H\u00fchnerstall, mit einigen K\u00fcken in wei\u00dfem Federkleid. Auch h\u00f6rt man einen Hund, sieht ihn aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die etwas schmutzige und unregelm\u00e4\u00dfige Treppe rauf. Die T\u00fcr zur Unterkunft steht auf, im Schloss zwei Schl\u00fcssel, von denen bisher nicht die Rede war. Ich wei\u00df auch nicht, wie man die T\u00fcre unten verschlie\u00dft, weder von innen noch von au\u00dfen. Gl\u00fccklicherweise erhalte ich bald eine Antwort vom Vermieter und erfahre, wie.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier auf der Stra\u00dfe, einer reinen Durchgangsstra\u00dfe mit vielen Motorr\u00e4dern, finde ich einen Minimarkt und r\u00fcste mich mit dem N\u00f6tigsten ein. Dann stehe ich oben vor der T\u00fcr zum Apartment und komme nicht rein. Ich habe zwei Schl\u00fcssel, es gibt zwei Schl\u00f6sser. Nur ein Schl\u00fcssel scheint in ein Schloss zu passen, aber wie ich ihn auf drehe, die T\u00fcr bleibt zu. Versuche es noch mal. Dann versuche ich das andere Schloss und dann den anderen Schl\u00fcssel. Nichts. Ich schreibe eine Nachricht, bekomme aber keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas ratlos stehe ich da, \u00fcberlege, einfach rauszugehen und mir f\u00fcr die Nacht ein Hotel zu suchen. Versuche es dann aber doch noch mal, und wie durch ein Wunder, ich wei\u00df nicht, wie, \u00f6ffnet sich die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>7. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4hne sind auch hier schon am 2 Uhr morgens aktiv. Ich dachte fr\u00fcher immer, sie w\u00fcrden den Tag ank\u00fcndigen. Aber es ist noch stockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Tag dann anbricht, mache ich mich auf den Weg \u00fcber die staubige Stra\u00dfe Richtung Zentrum. Bin froh, als ich dem n\u00e4her komme. Ich frage eine junge Frau nach dem Weg. Sie ist v\u00f6llig verdutzt, wei\u00df mit <em>Parque Central<\/em> nichts anzufangen, hat vermutlich so eine Frage noch nie geh\u00f6rt. Sie steht stumm vor mir. Ich sage ihr, macht nichts, und will schon weiter gehen, da kommt auf einmal ein Redeschwall von ihr, von dem ich so gut wie nichts verstehe, immer nur <em>Kirche<\/em> (statt <em>Bahnhof<\/em>). Da zeigt sie auch mit dem Finger hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge ihrem Finger und komme in eine Marktstra\u00dfe, mit einem Verkaufsstand nach dem anderen, dazwischen alte Frauen, die ihre Ware auf einem Hocker platziert haben. Hier herrscht buntes Treiben, und eine nette Atmosph\u00e4re. Vor allem Obst- und Gem\u00fcsest\u00e4nde gibt es zu Hauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stra\u00dfe f\u00fchrt mich tats\u00e4chlich zur Kirche, und die steht an einer Seite des <em>Parque Central<\/em>. Der unterscheidet sich vom Rest der Stadt, ist gepflegt, gr\u00fcn, ruhig, mit langen Steinb\u00e4nken, auf denen die Leute in Ruhe den Tag auf sich zukommen lassen. Eine Verk\u00e4uferin l\u00e4uft still \u00fcber den Platz und bietet ihre Zeitungen an.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke des Platzes steht ein vergoldeter, dreischaliger Brunnen, an einer anderen eine B\u00fcste von Moraz\u00e1n, vermutlich Honduraner. Von ihm hei\u00dft es, er sei der erste Pr\u00e4sident der kurzlebigen Zentralamerikanischen Republik gewesen, \u00fcber die ich unbedingt mehr erfahren will.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich auf eine der Steinb\u00e4nke und genie\u00dfe den sch\u00f6nen Tag. Heute ist es fast wolkenlos, und es wird richtig warm im Laufe des Tages. Hier sitzt man aber unter schattenspendenden, hohen B\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche stehen ein paar Frauen in der traditionellen Lenca-Kleidung. Jede ist anders gekleidet, und doch haben alle was gemeinsam, am auff\u00e4lligsten das gro\u00dfe Kopftuch, mit quadratischen Mustern in verschiedenen Farben. Eins der Kleidungsst\u00fccke, meist entweder der Rock oder die Jacke, ist fliederfarben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche, dreischiffig, nicht sehr hoch, mit zwei Glockent\u00fcrmen, ist nat\u00fcrlich wei\u00df. Die nichttragenden Teile sind in einem dunklen Gelb abgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist man zuallererst \u00fcberrascht, wie lang sie ist. Der Altar, mit einem schwarzen gekreuzigten Jesus, ist von hier hinten kaum auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier h\u00e4ngen T\u00fccher, diesmal in Wei\u00df, zwischen den Pfeilern, die die Schiffe voneinander trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne ist eine Monstranz ausgestellt, und \u00fcber das Mittelschiff rutschen Frauen auf den Knien nach vorne. In den Seitenschiffen geht man, aber beim Verlassen der Kirche geht man r\u00fcckw\u00e4rts, man dreht dem Altar nicht den R\u00fccken zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Vater und Mutter mit Kind betreten die Kirche, jeder mit einer Kerze ausgestattet. Vorne brennen schon Hunderte von Kerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bleibe noch einen Moment sitzen und mache mich dann auf den Weg. An der Ecke liegt die <em>Posada Papa Chepe<\/em>, im Reisef\u00fchrer empfohlen. Sieht sehr einladend aus, aber hier gibt es kein Fr\u00fchst\u00fcck. Der junge Mann geht extra mit mir vor die T\u00fcr und weist auf einen Laternenpfahl. Da sei ein Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Recht hat er, und es ist auch ganz h\u00fcbsch, mit dunklen Holztischen und flotten Spr\u00fcchen an den W\u00e4nden. Sogar Internet gibt es hier. Es ist wohl eher was f\u00fcr ein junges Publikum, aber im Moment ist hier noch nicht viel los.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage die Kellnerin nach etwas Leichtem, und sie empfiehlt mir einen Avocado-Toast. Und als Getr\u00e4nk empfiehlt sie <em>tisana<\/em>. Was ist das denn? Scheint so was wie Fr\u00fcchtetee zu bedeuten und der <em>infusi\u00f3n<\/em> in Spanien zu entsprechen. Sie z\u00e4hlt verschiedene Varianten auf, und ich nehme praktische wahllos eine davon, irgendwas mit Apfel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>tisana<\/em> wird in einem gro\u00dfen, bauchigen Glas serviert, aber nicht etwa mit einem Beutel. Stattdessen ist die ganze Oberfl\u00e4che bedeckt mit den verschiedensten Zutaten. Das sind, lasse ich mir erkl\u00e4ren, Apfel, Zimt, Leinsamen, Rosinen, Zitronenschalen, Anis. Das Wasser verf\u00e4rbt sich leicht r\u00f6tlich. Man trinkt unter den Zutaten her, wie unter dem Schaum beim Bier. Man kann die Fr\u00fcchte auch essen, das mache jeder nach seiner Fasson, erkl\u00e4rt mir die junge Frau. Riecht gut, schmeckt gut, tut gut.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich auf meinen Avocado-Toast warte, merke ich, dass am Fernseher, auf drei gro\u00dfen Bildschirmen, Fu\u00dfball l\u00e4uft, MOT-OLA. Das, so stellt sich heraus, sind Motagua und Olancho, zwei Vereine der honduranischen Fu\u00dfballliga. Beide im oberen Drittel angesiedelt. Das Spiel geht 2:2 aus. Ein Tor f\u00e4llt durch einen wunderbaren Fallr\u00fcckzieher.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei jeder Spielunterbrechung, Freisto\u00df, Ecke usw. wird am unteren Bildschirmrand Werbung eingeblendet, manchmal sogar bei Mittelfeldszenen. Dazu die Bandenwerbung und die Trikotwerbung. Ja, habt ihr sie denn noch alle?<\/p>\n\n\n\n<p>La Esperanza hat keine gro\u00dfen Sehensw\u00fcrdigkeiten, aber doch eine Attraktion, eine oben in den Felsen gehauene Kapelle, die man schon von weitem sieht. Zu ihr f\u00fchrt eine Treppe aus Natursteinen, die in den drei\u00dfiger Jahren von Strafgefangenen aus dem Felsen geschlagen worden ist. Die Treppe verj\u00fcngt sich nach oben hin. Die Stufen sind hoch und uneben, und manchmal klettert man eher, als dass man geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen mache ich eine Verschnaufpause und komme mit einem jungen Honduraner ins Gespr\u00e4ch. Er will wissen, wie es sich in Deutschland lebt, wie viel ein Flug kostet und ob man ein Visum braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann noch weiter nach oben steigen, \u00fcber einzelne Stufen, die auch nicht ganz leicht zu bew\u00e4ltigen sind. Ich mache mich trotzdem daran und kraxele nach oben. Von der Leichtigkeit, mit der der junge Mann vorher hier runtergekommen ist, ist dabei nichts zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben entdecke ich einen schmalen Fu\u00dfpfad und probiere ihn einfach mal aus. Er f\u00fchrt an einem Wald entlang und dann tats\u00e4chlich auf die Stra\u00dfe, \u00fcber die ich in die Stadt zur\u00fcckkomme. Der schwierige Abstieg bleibt mir erspart.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum komme ich \u00fcber die <em>Avenida de Espa\u00f1a<\/em>. Nicht viele St\u00e4dte in Lateinamerika huldigen so der alten Imperialmacht. Hier scheint man das gelassener zu sehen. Die ist allerdings keine Gro\u00dfstadtavenue, sondern eine einspurige Kleinstadtstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann passiere ich noch ein Gesch\u00e4ft, in dem traditionelle Lenca-Kleidung hergestellt wird, mit dem Firmenschild: <em>Aqu\u00ed se hase la tela lenca<\/em>. Wieder einer f\u00fcr die Sammlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich frage ich mich noch zur <em>Casa de la Cultura<\/em> durch, wo man, dem Reisef\u00fchrer zufolge, etwas \u00fcber die Lenca-Kultur erfahren kann. Aber die ist eine einzige Entt\u00e4uschung. In den Innenhof hat man wahllos ein paar Kr\u00fcge und Skulpturen gestellt, und an einer Wandtafel h\u00e4ngen unz\u00e4hlige Photos, mit denen man ohne Beschriftung nicht viel anfangen kann. Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>8. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen mache ich mich mit Koffer auf den Weg \u00fcber die staubige Stra\u00dfe zum Busbahnhof. Der Weg \u00fcber die holprigen oder aufgerissenen B\u00fcrgersteige ist etwas beschwerlich. Ein Taxi erwische ich unterwegs nicht. Hatte sogar, angesichts all der Unw\u00e4gbarkeiten, \u00fcberlegt, den Taxifahrer zu fragen, wie viel eine Fahrt nach Tegucigalpa kosten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin habe ich am Vorabend, wenn auch sp\u00e4t, eine richtige Adresse, mit Stra\u00dfenname und Hausnummer, bekommen. Das dient der Beruhigung. Ich kenne aber die Abfahrtszeiten der Busse nicht und welche Busunternehmen wohin in Tegucigalpa fahren. Auf jeden Fall gilt es, Comayag\u00fcela zu vermeiden, der gilt als der gef\u00e4hrlichste Stadtteil der ohnehin nicht ganz ungef\u00e4hrlichen Stadt. \u00dcber die Dauer der Fahrt habe ich nur ger\u00fcchteweise geh\u00f6rt, etwa vier Stunden, aber heute ist Freitag, und da soll es besonders viel Verkehr geben. Es gilt die Fahrt, ohne Pinkelpause und ohne WC an Bord, zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof kommt man mir sofort entgegen, man scheint schon zu wissen, wohin die Reise geht. Die Fahrt kostet 165 Lempira, und schon steigt man in den dunklen Bus. Der ist schon fast voll. Immerhin ein richtiger Fernbus.<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt 7.30 geht es los. Aber im Schneckentempo. Die Fahrbahn hat genauso viele ebene Fl\u00e4chen wie Schlagl\u00f6cher. Die versucht der Busfahrer zu umfahren. Dann wird es noch schlimmer. Es kommt eine nicht asphaltierte Strecke. Wir kommen nur meterweise voran. Und dann bleiben wir stehen. Von hier hinten kann man nicht sehen, warum. Es stellt sich dann heraus, dass es eine Baustelle gibt und dass die eine Spur nur abwechselnd zu benutzen ist. Ab 9 Uhr wird es ein bisschen besser, und dann wird sogar vierspurig gefahren, immer bergauf und bergab.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sp\u00e4ter, als die Strecke flacher wird: Gebirge auf allen Seiten. Warum ist es hier \u00fcberall so gebirgig? Daf\u00fcr gibt es eine verbl\u00fcffend einfache Erkl\u00e4rung: Der ganze Kontinent hat hohe Berge im Westen \u2013 die Rocky Mountains in Nordamerika, die Anden in S\u00fcdamerika \u2013 und gro\u00dfe Ebenen im Osten \u2013 das Orinoko-Delta in Venezuela, den Chaco in Paraguay und nat\u00fcrlich das Amazonasbecken. Dieser Teil \u201efehlt\u201c in Mittelamerika. Das Wasser hat ihn weggetragen. In Mexiko hat er sich noch in Yucat\u00e1n erhalten, das sich vom Relief deutlich vom Rest des Landes unterscheidet. Aber eben nur Yucat\u00e1n. Der Rest ist verschwunden im dem, was heute der Golf von Mexiko ist. Wenn man sich Mittelamerika zusammen mit der Inselkette der Antillen im Osten ansieht, kann man noch gut erkennen, wie das fr\u00fcher einmal ausgesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist der Bus voll, es werden aber weiter neue Passagiere aufgenommen. Die ersten werden, halb stehend, halb sitzend, in den schmalen Raum hinter der letzten Sitzplatzreihe verfrachtet, und die n\u00e4chsten m\u00fcssen stehen. Trotzdem zwingen sich auch hier immer wieder Verk\u00e4ufer oder Bettler durch, genauso wie der Schaffner, der \u00fcberall kassieren muss. Und dabei noch Fahrscheine verteilt. Den Kuli hat er hinters Ohr geklemmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe einen Obstsalat bei einer Verk\u00e4uferin. Am besten schmeckt die Wassermelone. Und man kann etwas Fl\u00fcssigkeit aufnehmen, ohne zu trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird wieder leerer, und jetzt haben alle wieder einen Sitzplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich erfahren, dass unsere Endstation tats\u00e4chlich Comayag\u00fcela ist. Muss man nehmen, wie es kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Mautstelle! Wir fahren auf eine Autobahn! Jetzt geht es z\u00fcgig voran. Zum ersten Mal sehe ich Richtungsschilder, aber Entfernungsangaben gibt es nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam wird es st\u00e4dtischer am Rande der Autobahn. Links h\u00e4ngt \u00fcber einem Wellblechverschlag W\u00e4sche zum Trocknen raus, rechts an einem Abhang ein Friedhof, auf dem auf jedem, aber wirklich jedem Grab frische bunte Blumen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in die Stadt rein. Der Bus muss sich durch enge Stra\u00dfen qu\u00e4len, mit Essst\u00e4nden an den Seiten, mit qualmenden Feuerstellen. Das Fleisch ist so nah, dass man meint, es mit den H\u00e4nden ergreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bleibt der Bus stehen und setzt r\u00fcckw\u00e4rts in eine Halle ein. Wir sind da! Viereinhalb Stunden. Da kann man nicht meckern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Einfahrt des Busses wird die Halle erst einmal wieder verschlossen, so dass man sich in Ruhe sammeln und den Koffer in Empfang nehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang steht eine ganze Phalanx von M\u00e4nnern, die einem ein Taxi anbieten. Ich hole mein Notizbuch raus und lese, Zeile f\u00fcr Zeile, meine ellenlange Adresse vor. Irgendwann nicken sie, und dann hebt ein wildes Geschreie unter ihnen an. Es geht wohl darum, mit wem ich fahren soll. Am Ende werde ich mit einem der Fahrer zu seinem Taxi geschickt, einem wei\u00dfen Taxi mit Registriernummer. Ich nenne ihm noch mal den Namen der Stra\u00dfe und frage nach dem Preis. 260. Viel zu teuer. Er geht auf 200 runter, und dann auf 180.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu uns steigt dann noch eine Passagierin aus dem Bus. Sie wird zuerst weggebracht. Das Taxi, ein Toyota, hat schon bessere Zeiten gesehen. Der Fahrer dr\u00fcckt ordentlich auf die Tube und macht ein paar gewagte Abbiegeman\u00f6ver. Und verpasst keine Gelegenheit, zu hupen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen die Frau irgendwo ab und fahren weiter. Sch\u00f6n ist keins der Viertel, durch die wir kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Gelegenheit, nach dem Benzinpreis zu fragen. Hier wird, anders als in Guatemala, in Litern gerechnet. Der kostet so um die 25 Lempira, etwas mehr als ein Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein Wohngebiet. Pl\u00f6tzlich bleibt der Fahrer stehen. Wir seien jetzt bei Kilometer 2. Ja, aber wo ist die Stra\u00dfe, wo ist das Haus? Das wei\u00df er nicht. Stra\u00dfennamen haben einfach nichts zu bedeuten. Er l\u00e4sst sich die Telefonnummer der Vermieterin geben, und als die nach unz\u00e4hligen Versuchen endlich abnimmt, fahren wir die Stra\u00dfe ganz langsam runter und gucken dabei gebannt auf das Photo, das ich von dem Haus habe. Als wir vor einem Haus stehen und debattieren, ob es das richtige ist, kommt aus dem Nebenhaus eine freundlich l\u00e4chelnde, pummelige Frau mit einem Schl\u00fcsselbund. Das ist die Vermieterin, Angela.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eigentlich noch zu fr\u00fch, und in der Wohnung sind noch zwei Arbeiter, die mit Reparaturarbeiten besch\u00e4ftigt sind, aber sie l\u00e4sst mich rein. Das Schlafzimmer ist fertig, am Bad muss noch was gemacht werden, und in der K\u00fcche sind sie noch zugange.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin in einem etwas abseits gelegenen Viertel gelandet, einen Laden gibt es hier in der N\u00e4he nicht, und ein Restaurant auch nicht. Sie bietet mir sogar an, mich am Abend irgendwo hinzufahren. Weist mich aber noch darauf hin, dass es hier unten an der Stra\u00dfe eine <em>Pulper\u00eda <\/em>gebe. Klingt nach Tintenfisch. Bezeichnet in Mittelamerika aber einen Minimarkt. Dort r\u00fcste ich mich mit dem N\u00f6tigsten ein und verschiebe alles andere auf den n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>9. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Monat meiner Reise ist um. \u00dcber Mangel an Eindr\u00fccken kann ich mich nicht beklagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus gut informierter Quelle erreicht mich die Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Dienstag als Wahltag in den USA: Am Sonntag ging man in die Kirche, am Montag reiste man an, am Dienstag wurde gew\u00e4hlt!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu Fu\u00df in die Stadt. Einen Kleinbus, der, ziemlich vollbepackt, an mir vorbeif\u00e4hrt, verpasse ich. Erst dachte ich, dass w\u00e4re ein Sammeltaxi, aber das ist der Linienbus. Bei den Taxis verstehe ich es bis zum Schluss nicht so recht. Manchmal sammeln sie einen am Stra\u00dfenrand auf, dann ist es ein Sammeltaxi, und der Fahrpreis festgelegt. Wenn man aber ein freies Taxi anh\u00e4lt, um irgendwohin zu kommen, dann wird der Preis verhandelt, und meistens setzen die Taxifahrer dann ganz hoch an. Wie einer, den ich heute erwische, kurz bevor ich im Zentrum bin, dessen Dienste ich dann aber nicht in Anspruch nehme.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es nach langer Zeit ein Wiedersehen mit Chary. Sie wohnt in Santa Luc\u00eda, in den Bergen, einem Ort, der auch im Reisef\u00fchrer angepriesen wird. Sie will aber in die Stadt kommen, an die Kathedrale, um sich mit mir zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch Zeit, und ich kann mir die Kathedrale in Ruhe ansehen. Sie ist gro\u00df, mit zwei T\u00fcrmen und mit geb\u00e4nderten S\u00e4ulen an der Fassade, viermal im Doppelpack. Dazwischen Nischen mit gefl\u00fcgelten Figuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kathedrale zw\u00f6lf leere Podeste. Darauf standen urspr\u00fcnglich die Apostelfiguren. Alles vom Hurrikan Mitch hinweggefegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche hat trotz ihrer Gr\u00f6\u00dfe nur ein Eingangsportal. Sie hat auch nur ein Schiff kein Querschiff. Daf\u00fcr eine gro\u00dfe Kanzel und Vorh\u00e4nge und Galerien. Das sieht alles ein bisschen nach Gegenreformation aus, aber die Kirche ist j\u00fcnger, stammt aus dem 18. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus der Kirche komme, ist Chary noch nicht da, also sehe ich mich etwas auf dem belebten Platz um und schaue mir die Reiterstatue in der Mitte an. Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich, wie ein paar M\u00e4nner mich aus einiger Distanz anrufen und mit den Fingern auf den Boden zeigen. Ich brauche etwas, um zu merken, dass ich gemeint bin, dann drehe ich mich um und gucke auf den Boden. Dort liegt mein Handy! Ist mir aus der Tasche gefallen! Ich brauche etwas, um zur Besinnung zu kommen, dann gehe ich zu den M\u00e4nnern r\u00fcber, keine distinguierten Herren, eher Clochards. Mir ist ganz mulmig zumute, ich finde keine richtigen Worte, um mich zu bedanken, sage nur, dass ich das eine sehr sch\u00f6ne Geste finde und dass das keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, und da sagen sie: \u201ePara que vuelvas a Honduras \u2013 Damit du noch mal wieder nach Honduras kommst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss erst mal mit meinen Emotionen k\u00e4mpfen, dann gehe ich zu einem Stand und kaufe f\u00fcnf Erfrischungsgetr\u00e4nke und f\u00fcnf Tafeln Schokolade und bringe sie ihnen. Als ich frage, ob ich ihnen noch was kaufen k\u00f6nne, sagen sie, sie k\u00f6nnten gut 50 Lempira gebrauchen. Die bekommen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Verkaufsstand hat man die ganze Sache mitbekommen und ruft mir <em>Gringo<\/em> zu, als ich wieder dran vorbeikomme. Ich sage, nix Gringo, woraufhin sie wissen wollen, woher ich k\u00e4me. Ich lasse sie raten, und sie sagen auf Anhieb: \u201e\u00a1Alemania!\u201c. Und dann, mit offensichtlich positivem Unterton \u201e\u00a1Hitler!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Chary, sie hat mich in der Kirche gesucht, in der Vermutung, dass ich dort beten w\u00fcrde, um ein besserer Mensch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen einen Kaffee trinken, und ich erz\u00e4hle die Geschichte mit dem Handy. Dabei bekomme ich feuchte Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach meiner Reise durch Honduras und muss lachen \u00fcber meine vergeblichen Versuche, T\u00fcren und Zuckert\u00fctchen und Wasserflaschen aufzubekommen und \u00fcber meine Verwirrung angesichts des Wortes <em>pulper\u00eda<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchrt mich in einen Supermarkt. Sie meint, ich solle unbedingt Sodawasser trinken und kauft mir eine Dose. Dann zeigt sie mir ein Getr\u00e4nk in einer Flasche. Das sei jetzt ganz neu und der gro\u00dfe Renner hier. Ich brauche etwas, um zu merken, was das ist. Es ist Eierlik\u00f6r!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in eine Bank, haben aber keinen Erfolg. Wenn man hier Geld tauschen will, muss man ein Konto bei der Bank haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen in ein Taxi und fahren aus der Innenstadt raus. Dabei passieren wir das Stadion, das Nationalstadion. Ich hatte bei mir in der N\u00e4he ein Stadion gesehen, aber davon wei\u00df sie nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen bei einem Einkaufszentrum aus. Dort gehen wir in ein Gesch\u00e4ft, in dem sie irgendein Haarpflegemittel sucht, aber nicht findet. Diese Art von Gesch\u00e4ft sei jetzt neu in Honduras, in Deutschland gebe es reichlich davon. Es ist eine Drogerie.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Supermarkt kaufen wir Wasser, und als ich bezahle, bekomme ich zum ersten Mal \u00fcberhaupt eine M\u00fcnze beim Wechselgeld, eine golden leuchtende M\u00fcnze mit dem Quetzal.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Einkaufszentrum gibt es ein <em>Gallo m\u00e1s Gallo<\/em>. Sie besteht darauf, ein Photo von mir von dem Gesch\u00e4ft zu machen. Meine Frage zu dem Namen der Kette hat ihr gefallen. Jetzt wei\u00df ich, dass es sich nicht um zwei H\u00e4hne handelt, sondern um einen Hahn, der ich ganz besonderem Ma\u00dfe Hahn ist, wobei sich Hahn hier auf das stolze Gehabe bezieht. Der <em>Gallo m\u00e1s Gallo<\/em> verkauft so ziemlich alles, was man sich denken kann, der Ursprung, erkl\u00e4rt sie, liege bei wei\u00dfer Ware. Aber ich habe doch irgendwo in einem <em>Gallo m\u00e1s Gallo<\/em> Motorr\u00e4der gesehen. Ja, auch die verkaufen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in eine Bank. Hier hat sie ein Konto. Es ist alles ganz modern, nicht von einer modernen Bank in Europa zu unterscheiden. Wir m\u00fcssen lange warten, und als wir dran sind, geht es mit vielen Komplikationen: Ausweis, Formular, Adresse, Telefon, Unterschrift. Aber ihre M\u00fche lohnt sich f\u00fcr mich. Hier bekomme ich 25 statt 23 Lempira f\u00fcr einen Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zum Parkplatz des Einkaufszentrums, und da steht ihr Auto! Clever gemacht, um sich nicht im Zentrum zu verirren und dazu noch hohe Parkgeb\u00fchren zu zahlen, ist sie bis hierher mit dem Auto gekommen. Das Auto hat einen goldenen Chromlack, aber als ich das Wort <em>Gold<\/em> in den Mund nehme, bekomme ich eins auf den Deckel. Das Auto sei champagnerfarben!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren los und kommen an der Werkstatt vorbei, wo sie ihren \u00d6lwechsel machen l\u00e4sst. Von der ist sie ganz angetan. Die Jungs dort seien <em>chavo<\/em>, und die ganze Werkstatt <em>en ola<\/em>. So lerne ich im Vor\u00fcbergehen zwei neue W\u00f6rter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf eine Stadtautobahn, und aus dem Augenwinkel sehe ich, w\u00e4hrend ich ihr zuh\u00f6re, ein Werbeplakat: <em>El cemento de todos los catrachos<\/em>. Die <em>catrachos<\/em>, das sind die Honduraner, so wie die Guatemalteken <em>chapines<\/em> sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an der UNAH vorbei, der Universit\u00e4t. Wieder habe ich das Gef\u00fchl, dass die bei mir in der N\u00e4he ist, aber das kann h\u00f6chstens eine Unterabteilung sein. Wir sind in einer ganz anderen Gegend. Die Universit\u00e4t zieht sich gef\u00fchlte Kilometer an der Stra\u00dfe entlang. UNAH steht f\u00fcr <em>Universidad Aut\u00f3noma de Honduras<\/em>, einer staatlichen Universit\u00e4t, deren Gr\u00fcndung ein gro\u00dfer Fortschritt war, denn sie war eben autonom und nicht von privaten Geldgebern abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p>Chary beherrscht die Konversation, lacht aber manchmal selbst dar\u00fcber, wie sehr sie mich in Beschlag nimmt und wie ich \u2013 angeblich \u2013 zwischendurch abschalte. Sie siezt mich durchgehend. Muss wohl Respekt vor dem Alter sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zu einer Tankstelle. Hier wird man bedient. Es gibt irgendeinen \u00c4rger zwischen ihr und der offensichtlich schlecht gelaunten Frau, die sie bedient. Am Ende wird der Tank nicht ganz voll gemacht. Der Preis wird hier in Litern berechnet, und das Benzin kostet ungef\u00e4hr 1$ pro Liter.<\/p>\n\n\n\n<p>Chary erz\u00e4hlt von einer wohlhabenden Freundin, zu deren Hauseinweihung sie eingeladen war, eine Villa, in die ihr Haus f\u00fcnfmal reinpassen w\u00fcrde. Diese Freundin sei Million\u00e4rin. Dollar-Million\u00e4rin oder Lempira-Million\u00e4rin? Die Frage scheint ihr irrelevant. Million\u00e4rin eben. Wir machen uns trotzdem einen Spa\u00df daraus, die Rechnung aufzustellen. Um Lempira-Million\u00e4rin zu sein, br\u00e4uchte man 40.000 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur <em>Basilika de Suyapa<\/em>, einem Bau aus dem 20. Jahrhundert, der die <em>Capilla de Suyapa<\/em> erg\u00e4nzt, wo die Statue der <em>Virgen de Suyapa<\/em> steht. Die Kapelle ist aber viel zu klein, denn die <em>Virgen de Suyapa<\/em> ist nicht nur die Patronin von Honduras, sondern \u2013 per p\u00e4pstliches Dekret \u2013 die von ganz Mittelamerika. Die Basilika ist gro\u00df und hell und hat rundherum gro\u00dfe, helle Glasfenster. Hier wird aus vollen Kehlen gesungen, mit Gitarrenbegleitung und Lautsprecherverst\u00e4rkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht weiter Richtung Valle de los \u00c1ngeles. Wir bleiben an einem einsamen Stand am Stra\u00dfenrand stehen, wo es Kokosmilch gibt. Die Frau nimmt eine Machete zur Hand und macht sich an zwei Kokosn\u00fcssen zu schaffen. Dann wird auf irgendeine Weise noch ein Loch gebohrt f\u00fcr den Strohhalm. Schmeckt gut, eher nach Wasser als nach Milch, ist sehr erfrischend. Der Kokosgeschmack ist nur ganz leicht wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es auch Benzin zu kaufen: <em>Se vende gasolina<\/em> steht auf einem verblassenden, handgeschriebenen Schild. Das Benzin ist in Flaschen abgef\u00fcllt. Das wird dann durch einen Trichter in den Tank eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Chary kennt La Esperanza sehr gut, sie hat da jahrelang gearbeitet und Lenca-Frauen unterrichtet. Die seien ganz speziell gewesen, sehr liebensw\u00fcrdig. Einige h\u00e4tten den Kurs hinter dem R\u00fccken ihres Mannes besucht. In der \u00d6ffentlichkeit gingen sie immer einen Schritt hinter ihren M\u00e4nnern. Die Lenca-Frauen, immer in ihren traditionellen Kleidern, seien immer ungeschminkt gewesen, h\u00e4tten sich die Haare nicht gef\u00e4rbt, h\u00e4tten kein Deodorant benutzt und sich nicht die K\u00f6rperhaare entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s. Am Stra\u00dfenrand werden Weihnachtsb\u00e4ume angeboten. Das sind hier keine richtigen B\u00e4ume, sondern Rutenb\u00fcndel, wei\u00df eingesprayt, an denen dann die Weihnachtsdekoration aufgeh\u00e4ngt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Chary erz\u00e4hlt von Fujiyama, einem Japaner, der lange in den USA gelebt und dann Honduras f\u00fcr sich entdeckt hat. Er ist eine sehr beliebte Pers\u00f6nlichkeit hier. Ohne es recht zu wollen, ist er zu einem Influencer geworden, nachdem er zun\u00e4chst nur Videos ver\u00f6ffentlicht hatte, um seinen Freuden in den USA und in Japan von seinem Aufenthalt in Honduras zu erz\u00e4hlen. Inzwischen generiert der Kanal so viel Geld, dass er es f\u00fcr karitative Zwecke einsetzen kann. Er hat sich vorgenommen, 1000 Schulen in Honduras zu gr\u00fcnden, inzwischen ist er schon bei 100 angekommen. Reiche Freunde in der Heimat unterst\u00fctzen ihn, und er selbst l\u00e4uft Marathons und Ultramarathons quer durch Honduras, um Spendengelder zu sammeln. Die neueste Nachricht ist die von seiner bevorstehenden Heirat \u2013 mit einer Honduranerin selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Valle de los \u00c1ngeles, einem Ort, der einen guten Ruf hat, aber nicht h\u00e4lt, was er verspricht. Erst ganz zum Schluss, als wir zum <em>Parque Central<\/em> kommen, zeigt sich der Ort von seiner sch\u00f6nen Seite. Die Umst\u00e4nde sind etwas ungl\u00fccklich. Wir verlaufen uns und wir kommen in zwei ordentliche Regenschauer und werden nass, und Charys sch\u00f6ne Schuhe werden schmutzig auf den nicht befestigten Wegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht viel Werbung f\u00fcr ein Lokal, in dem es Rindersuppe gibt, aber das hat geschlossen. Wir landen woanders, und hier bekomme ich meine ersten <em>pupusas<\/em>. Die schmecken gut. Alle Honduraner wissen, dass die <em>pupusas<\/em> eigentlich aus El Salvador stammen, aber alle vergewissern im Brustton der Begeisterung, die in Honduras seien besser. Chary bestellt <em>anafre<\/em>, eine Art Fondue f\u00fcr eine Person, in einem irdenen Ton mit St\u00f6vchen serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir warten lange und kommen auf das eine und das andere zu sprechen, auch \u00fcber das, was mit uns passiert, wenn wir nicht mehr da sind. Ich erfahre, dass Ein\u00e4scherung in Honduras weiterhin beinahe tabu ist. Man muss die Leiche erst nach San Pedro Sula transportieren, nur dort d\u00fcrfen Ein\u00e4scherungen stattfinden. Dazu kommen die weiteren Kosten f\u00fcr eine Beerdigung. Sie f\u00fcrchtet, dass sie sich das nicht alles leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen des Ortes geht sie in den Verkaufsraum eines Baustoffhandels. Sie will sich \u00fcber die D\u00e4mmung des Dachs ihres Hauses erkundigen. Ihr Haus hat ein Satteldach. Ich reagiere etwas verbl\u00fcff: D\u00e4mmung? Wegen der K\u00e4lte? Ja, auch wegen der K\u00e4lte, aber haupts\u00e4chlich wegen der Feuchtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es nach Santa Luc\u00eda. Die Entfernungen sind doch weiter, als ich gedacht habe, aber jetzt gibt es wenigstens keinen Stau mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Chary wohnt in einem kleinen Haus in einer schmalen Gasse ganz am Rande der Stadt. Das Haus ist ausgesprochen sch\u00f6n, mit Blumen und Schmuck an der Hauswand. Innen ist es noch sch\u00f6ner, sehr geschmackvoll eingerichtet, mit viel Holz und dicken, roten Backsteinen an der Wand. Unten sind das Schlafzimmer und eine Wohnung mit K\u00fcche, und der Blick auf die Berge gegen\u00fcber ist un\u00fcbertrefflich. Oben ist eine Empore mit einem weiteren Zimmer. Die Empore erreicht man \u00fcber eine h\u00f6lzerne Treppe.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00fcr und das Dach sind aus Eisen. Sie h\u00e4tte lieber Holz gehabt, aber das w\u00fcrde die Feuchtigkeit nicht aushalten. Es habe jetzt sechs Monate lang geregnet, l\u00e4nger als jemals zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus liegt an einem Hang. Obwohl wir ebenerdig eingetreten sind, geht es von hier aus abrupt nach unten. Dort ist ihr \u201eGarten\u201c, beinahe eher eine wilde Plantage mit riesigen B\u00e4umen, darunter Bananenstauden, Kokosb\u00e4ume und Orangenb\u00e4ume. Sie hat letztes Jahr k\u00fcbelweise Orangen geerntet.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem der B\u00e4ume w\u00e4chst <em>barba de viejo<\/em>, \u201aBart eines Alten\u2018, eine Flechte, die einem \u00fcberall sofort ins Auge f\u00e4llt. Scheint ein Sch\u00e4dling zu sein. Die Assoziation zu Haar hat man unmittelbar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Chary zieht aus irgendeinem Korb eine verstaubte Flasche hervor. Die sei aus Deutschland, sie wei\u00df aber nicht, was drin ist. Die Flasche hat die Form eines Schwerts. Ich sehe mir das an, aber auf dem Etikett ist kein einziges Wort auf Deutsch. Es ist armenischer Kognak!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zu Fu\u00df in den Ort. Es wird allm\u00e4hlich dunkel, und man muss aufpassen, wohin man tritt. Als wir ankommen, ist es schon stockdunkel. Wir kommen an einen Weiher vorbei und steigen dann auf eine Aussichtsplattform.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs verpasst sie keine Gelegenheit, mir den Namen der Lokale und Hotels zu nennen, die wir passieren, und die besonderen Qualit\u00e4ten eines jeden zu preisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben ist alles erleuchtet, mit kitschiger Weihnachtsdekoration. Es gibt sogar schon eine Krippe, nur fehlt noch das Jesuskind.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf der Plattform kauft sie mir <em>t\u00e9 zacate de lim\u00f3n<\/em>. Das ist Zitronengras, wobei <em>zacate<\/em> ein ganz allgemeines Wort f\u00fcr Gras oder Unkraut zu sein scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gegenst\u00fcck zu der kitschigen Beleuchtung sind viele Pl\u00e4tze sehr sch\u00f6n mit bunten Lampions beleuchtet. Immer wieder st\u00f6\u00dft man auf welche, ob man runter oder rauf guckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein Viertel mit sch\u00f6nen, aber nichtssagenden Ausspr\u00fcchen an den Fassaden. Chary selbst zitiert einen besseren Ausspruch, von einer honduranischen Dichterin, <em>La loca Juana<\/em> oder auch <em>Juana la Loca<\/em>, wie die K\u00f6nigin. <em>Porque en Honduras s\u00f3lo se puede vivir enamorado, loco o a verga \u2013 Denn in Honduras kann man nur verliebt, verr\u00fcckt oder betrunken leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die dunkle Stadt gehen wir zur Kirche rauf. Chary bittet mich, etwas zu der Architektur er Kirche zu erz\u00e4hlen und h\u00f6rt and\u00e4chtig zu. Und fragt mich, wem ich denn sonst alle diese Sachen erz\u00e4hlen k\u00f6nne, die ich wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck nach Tegucigalpa bringt mich der Sohn einer Freundin, der sich als Uber-Fahrer bet\u00e4tigt. Zum Freundschaftspreis macht er es deshalb aber nicht, aber er bringt mich bis vor die Haust\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat in Tarragona studiert und dort einen Abschluss gemacht, aber als er dabei war, seine Doktorarbeit zu schreiben, kam die Pandemie und das Stipendium wurde aufgek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen \u00fcber Gott und die Welt und dabei auch \u00fcber Politik. Ich erfahre, dass Honduras fr\u00fcher enge Beziehungen zu Taiwan hatte. Und dass Taiwan viele Projekte in Honduras f\u00f6rderte, vor allem im Bereich der Wasserkraft, wo Honduras gro\u00dfes Potential hat. Ein fr\u00fcherer Pr\u00e4sident hat dann aber die Beziehungen zu Taiwan zugunsten deren zur Volksrepublik China vernachl\u00e4ssigt und damit Taiwan ver\u00e4rgert. Seitdem liegt die Sache brach.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat auch Irland besucht und ist voll und ganz begeistert von dem Land. In Deutschland ist er nicht gewesen, aber er mag Wei\u00dfbier und deutsche Wurst. Und dann erspart er mir am Ende doch nicht die leidige Frage, mit der ich schon so oft konfrontiert worden bin: Stimmt es, dass man in Deutschland rohes Fleisch isst?<\/p>\n\n\n\n<p>10. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Sonntag ist, kommt als erstes eine Dampfwalze den Berg runter. Danach ein Sammeltaxi. Das nimmt mich mit, obwohl es voll zu sein scheint. Ich steige zu zwei schwergewichtigen Frauen hinten ein. Rausgelassen werde ich am Stra\u00dfenrand, der Fahrer zeigt mit dem Finger in eine Richtung, da sei der <em>Parque Central<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes sehe ich nach, ob meine Freunde von gestern da sind. Sind sie aber leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Innenstadt sind alle Gesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet, und es herrscht genauso viel Betrieb wie an den Werktagen. Auch die Stra\u00dfenh\u00e4ndler sind unterwegs. Die Litschis werden hier, ganz w\u00f6rtlich, schubkarrenweise angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in eine B\u00e4ckerei. Hier gibt es Seniorenrabatt! Ich muss meinen Ausweis vorzeigen, und die Kassiererin notiert sich die Nummer auf der Quittung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist ein Wachmann. Er tr\u00e4gt einen Patroneng\u00fcrtel. Er antwortet sehr h\u00f6flich auf meine Frage nach dem <em>Museo para la Identidad Nacional<\/em> und geht mit mir vor die T\u00fcr, um mir den Weg zu weisen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich&nbsp; komme in eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Hier sieht es etwas besser aus als in den Stra\u00dfen rund um den <em>Parque Central<\/em>. Und dann komme ich aus dem Get\u00fcmmel in eine fast menschenleere schmale Stra\u00dfe mit zwei repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden an den Seiten. Das rechte ist zweist\u00f6ckig, und offensichtlich sp\u00e4ter aufgestockt worden. Hier ist das <em>Museo para la Identidad Nacional<\/em>. Der Eintritt ist kostenlos, aber wieder muss man seine Passnummer hinterlegen. In der Rubrik <em>Herkunft<\/em> soll ich einfach <em>Extranjero<\/em> eintragen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem gro\u00dfen Geb\u00e4ude verl\u00e4uft man sich leicht, die Beschilderung ist nicht sonderlich gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst glaube ich, im falschen Museum gelandet zu sein. Denn hier gibt es nur moderne Kunst. Ich habe Geschichte erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Saal lauter sch\u00f6ne Gem\u00e4lde, zeitgen\u00f6ssische Kunst, in leuchtenden Farben, kunsthistorisch vielleicht um 150 Jahre versp\u00e4tet. Besonders gef\u00e4llt mir ein Bild mit bunten Booten am Strand. Sch\u00f6n ist auch eine alte T\u00fcr, gr\u00e4ulich, mit Farbnasen, die man im oberen Teil so belassen hat, wie sie ist, w\u00e4hrend der K\u00fcnstler ihr unten rankende Blumen aufgemalt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es experimenteller. In einem Raum stehen lauter Figuren aus Pappmache, die wohl Engel darstellen sollen. An den Engeln aufgeh\u00e4ngt sind verschiedenfarbige B\u00e4nder mit Spr\u00fcchen drauf, wohl Segensw\u00fcnsche oder Bitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Bild sieht man ein spiralf\u00f6rmiges Geb\u00e4ude, in dessen Stockwerken nur ganz fein angedeutet Besucher zu sehen sind, die nach oben gehen. Das Bild hei\u00dft <em>Perspectivas<\/em>. Nicht schlecht. Jeder Besucher wird die Welt da drau\u00dfen vermutlich irgendwie anders sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer gr\u00fcnen Schale bricht ein rotes Objekt hervor, das aussieht wie eine getrocknete Tomate. Das Bild hei\u00dft <em>La llama de Prometeo<\/em>. Das ist also das Feuer, das Prometheus den Menschen geschenkt hat. Wof\u00fcr er von den G\u00f6ttern bestraft wurde. Das Feuer bricht die alte Welt auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gelange ich aber doch noch in die erw\u00fcnschte Abteilung. Die \u00e4ltesten Objekte, die ausgestellt sind, gefunden in einer H\u00f6hle, der <em>Gruta el Gigante<\/em>, sind 12.000 Jahre alt. Von dieser Zivilisation ist wenig bekannt, aber man ordnet ihre Sprache als Vorl\u00e4ufer der heutigen Lenca-Sprachen ein. Woher wei\u00df man das? Hat man die Sprache etwa entschl\u00fcsselt? Tats\u00e4chlich kommen in einem der Tongef\u00e4\u00dfe Hieroglyphen vor, aber auf so einer schmalen Basis kann man eine Sprache kaum erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig sind bei allen Gef\u00e4\u00dfen anthropomorphe oder zoomorphe Formen. Ein Tongef\u00e4\u00df hat F\u00fc\u00dfe, die als Tierf\u00fc\u00dfe ausgestaltet sind, und Henkel, die als Tierk\u00f6pfe ausgestaltet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Material erf\u00e4hrt man in den Beschriftungen nichts, aber es gibt reichlich Unterst\u00fctzung auf Computerbildschirmen. Ein Gef\u00e4\u00df, das wie Keramik aussieht, ist aus Bronze. Irgendwie passt das nicht zu der Datierung. Das w\u00e4re Bronze vor der Bronzezeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich sehe ich eine Mitra. Und dann B\u00fccher, dicke Folianten, ledergebunden, und dann liturgische Ger\u00e4te. Es dauert ein bisschen, bis der Groschen f\u00e4llt. Man hat auf der rechten Seite amerikanische Exponate ausgestellt, auf der linken spanische. Und irgendwann vereinigen sich die beiden Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der spanischen Seite finde ich eine Grubenlampe interessant, die man gar nicht als solche erkennt, die k\u00f6nnte auch ein amerikanisches Gef\u00e4\u00df darstellen, das f\u00fcr rituelle Zwecke verwendet wird. Auch interessant Flaschen aus Eisen, in denen Quecksilber transportiert wurde. Das brauchte man zur Verschmelzung mit dem Silber.<\/p>\n\n\n\n<p>Das auff\u00e4lligste Ausstellungsst\u00fcck auf der amerikanischen Seite ist eine Art Grabplatte, wohl aus Keramik, die <em>Mascar\u00f3n<\/em> hei\u00dft. Ein kompliziertes Geflecht von Figuren und Symbolen, die man nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Das <em>Mascar\u00f3n<\/em> bedeckte das Grab der Ehefrau des ersten Gouverneurs von Cop\u00e1n. Es hat zwei zentrale Figuren, einen Quetzal und einen Ara. Aus ihren Schn\u00e4beln guckt die Figur von K\u2019innich hervor, dem Sonnengott. Oben ist ein Fries, der die himmlische Sph\u00e4re darstellt, unten eins, das die weltliche Sph\u00e4re darstellt. Rechts ein Krokodil in Aufw\u00e4rtsbewegung, links eine Schlange in Abw\u00e4rtsbewegung. Unten ein K\u00e4stchen mit Zahlen. Die beziehen sich auf das <em>Neunte Baktum<\/em>, die Zeit des Todes der Ehefrau des Gouverneurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weiter gehe, achte ich auf einmal auf die Musik, die aus dem Lautsprecher kommt. Es ist ein Lied mit dem Refrain <em>Honduras sos Vos, Honduras soy yo<\/em>. Zum ersten Mal sto\u00dfe ich hier auf das vermeintlich argentinische <em>voseo<\/em>, das aber viel weiter Verbreitung hat, als man meint. &nbsp;Am n\u00e4chsten Tag sehe ich an einer Lottoannahmestelle <em>\u00a1Jug\u00e1 aqu\u00ed!<\/em>, also die Befehlsform. Das Lied ist eine Lobeshymne auf Honduras, spricht von W\u00e4ldern, von H\u00fcgeln, von Fl\u00fcssen, von Meeren, von der indianischen Vergangenheit, von der Dichtung und von Lempira. Im Refrain werden <em>amor, Caribe y caramba, caf\u00e9, ma\u00edz y tambor <\/em>genannt. Ein sch\u00f6nes, patriotisches Lied, aber ganz ohne Pathos, mit einem eing\u00e4ngigen Rhythmus. Der Nachname des S\u00e4ngers lautet Anderson.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich gibt es noch einen Auszug aus dem <em>Popul Vuh<\/em>, dem gro\u00dfen Buch der Geschichten der Maya. Hier wird der Sch\u00f6pfungsmythos nacherz\u00e4hlt. Zwei G\u00f6tter mit unaussprechlichen Namen hatten die Welt erschaffen, aber sie waren nicht richtig zufrieden, sie hatten niemanden, der sie anbetete, die Tiere taugten dazu nicht, also schufen sie den Menschen. Die ersten Menschen waren aus Lehm. Aber dieser Versuch war untauglich. Sie konnten sich kaum auf den Beinen halten, und wenn es regnete, l\u00f6sten sie sich auf. Die G\u00f6tter machten dann einen zweiten Versuch, diesmal aus Holz. Das war schon besser, die Menschen vermehrten sich und bev\u00f6lkerten die Erde. Aber sie konnten nicht denken, wussten nichts von ihrem g\u00f6ttlichen Ursprung und beteten die G\u00f6tter nicht an. Also beschlossen die G\u00f6tter, sie zu eliminieren. Das taten sie, indem sie eine Sintflut auf die Erde schickten. Beim dritten Versuch verwendeten die G\u00f6tter dann Mais bei der Erschaffung des Menschen, unter anderem gelben Mais f\u00fcr das Fleisch und roten Mais f\u00fcr das Blut. Dieser dritte Versuch war perfekt gelungen. Die Menschen waren intelligent, konnten sprechen und denken und kannten ihren g\u00f6ttlichen Ursprung. Das ging den G\u00f6ttern aber ein bisschen zu weit. Sie f\u00fcrchteten, die Menschen k\u00f6nnten sie \u00fcbertreffen und ihnen gef\u00e4hrlich werden. Also sandten sie eine neblige Fl\u00fcssigkeit, um den Verstand der Menschen zu vernebeln, gerade genug, damit sie in ihren Erkenntnissen nicht an die G\u00f6tter herankamen. Da ist genug Stoff zum Nachdenken drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum Ausgang. An der Rezeption frage ich nach der Abteilung zu der Zeit der Unabh\u00e4ngigkeit, und ich werde gefragt, ob ich denn die Computeranimation nicht gesehen h\u00e4tte. Nein, hab ich nicht. Sonst h\u00e4tten sie nichts zu dem Thema. Da gebe es zwei andere Museen, aber die sind sonntags geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe etwas verloren durch die Stra\u00dfen, bin etwas unschl\u00fcssig. Irgendwann erwische ich ein Taxi, und nach einigen Verhandlungen erkl\u00e4rt sich der Fahrer bereit, mich zum <em>Cristo del Picacho<\/em> zu fahren und dort auf mich zu warten. Er erweist sich als eine gute Wahl, wir kommen in ein lebendiges Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer hei\u00dft Ren\u00e9, ist auch schon ein \u00e4lteres Semester. Er ist geb\u00fcrtig aus Tegucigalpa (das hier alle nur <em>Tegus<\/em> nennen). Er habe viele Ver\u00e4nderungen im Laufe der vielen Jahre erlebt. Zum Besseren oder zum Schlechteren? Er z\u00f6gert ein bisschen und sagt dann: Zum Schlechteren. Unkontrollierter Zuzug von den D\u00f6rfern, keine Stadtplanung. Fr\u00fcher sei alles irgendwie \u00fcbersichtlicher gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tegus, erkl\u00e4rt er mir, bestehe eigentlich aus zwei St\u00e4dten, durch den Fluss, den Choluteca, getrennt, n\u00e4mlich Comayag\u00fcela und Tegucigalpa selbst. Ja, \u00fcber den Fluss muss ich auf jeden Fall gekommen sein, meint Ren\u00e9, als ich vom Busbahnhof zu meiner Unterkunft gefahren bin. Nichts davon mitbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen auch \u00fcber Sicherheit und die Gefahren, die auf einen Touristen lauern k\u00f6nnen. Er sagt, man solle nie so einfach in ein unbekanntes Taxi steigen. Ohne zu merken, dass ich das gerade getan habe. Und wenn \u00fcberhaupt, f\u00fcgt er hinzu, in das eines alten Taxifahrers.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt nach Deutschland und nach der Einwanderung dort und wie es der Wirtschaft gehe. Und dann erkl\u00e4rt er, was ihm immer auffalle bei den Fu\u00dfballspielern: Frankreich, Holland, Deutschland \u2013 alles Schwarze.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine <em>Pulper\u00eda<\/em>, und ich erz\u00e4hle ihm von meiner Verwirrung angesichts dieses Wortes. Er lacht, er kann sich gar nicht vorstellen, dass es etwas anderes bedeuten k\u00f6nne als das, was es bedeutet. Und fragt mich, ob ich wisse, warum die <em>pulper\u00eda<\/em> so hei\u00dfe. Nee. Das Gesch\u00e4ft sei eben wie ein Oktopus mit seinen vielen Armen. Es greife nach \u00fcberall hin, habe die verschiedensten Artikel im Angebot \u2013 im Griff sozusagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an meiner Unterkunft vorbei, und er gibt mir noch einen Tipp, was ich den Taxifahrern sagen kann, damit sie verstehen, wohin ich will.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter und weiter bergauf, und das alte Taxi hat seine liebe Not und M\u00fche. Dann kommt ein Platz in Sicht. Wir m\u00fcssen Eintritt bezahlen, damit wir auf den Parkplatz d\u00fcrfen. Wie selbstverst\u00e4ndlich \u00fcbernimmt er seinen Anteil selbst. Sp\u00e4ter muss noch der Parkplatz bezahlt werden, und ich muss noch mal zahlen, um die Christus-Statue zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg. Es ist noch ein ganzes St\u00fcck zu gehen, durch einen gro\u00dfen Naturpark mit Spielpl\u00e4tzen, Picknickpl\u00e4tzen, Imbissstuben. \u00dcberall Kinderstimmen, Eltern mit Luftballons und allem m\u00f6glichen Zubeh\u00f6r f\u00fcr eine Feier.&nbsp; Dies ist der klassische Ort f\u00fcr den Sonntagsausflug mit der Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Je n\u00e4her ich der Statue komme, umso leerer wird es, und als ich die letzte H\u00fcrde genommen habe, stehe ich alleine mit einer dreik\u00f6pfigen Familie unmittelbar vor der m\u00e4chtigen Statue. Was f\u00fcr ein Unterschied zu Rio! Ein Unterschied ist aber auch, dass die Plattform vor dem Christus viel k\u00fcrzer ist und man die Figur nicht so gut sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Cristo del Picacho<\/em> ist noch relativ neu, stammt von 1998, ist aber l\u00e4ngst Teil des honduranischen Erbes geworden. Die Figur, aus grauem Beton, ist 20 Meter hoch und steht auf einem 10 Meter hohen Sockel. Im Gegensatz zu dem <em>Cristo Redentor<\/em> von Rio breitet dieser Christus nicht die Arme aus, sondern \u00f6ffnet sie zum Betrachter hin. Erst auf dem zweiten Blick entdeckt man die F\u00fc\u00dfe, ganz steil gestellt, mit Wundmalen. Sie gucken unter dem langen Gewand hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt unter dem Christus breitet sich die Stadt aus, alle Geb\u00e4ude dicht an dicht. Man hat den Eindruck, hier ist kein Platz mehr frei. Im Kontrast dazu die gr\u00fcnen H\u00fcgel, die die Stadt auf allen Seiten ums\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder zu dem Parkplatz komme, sehe ich Rene schon weitem mit den Armen wedeln. Wir fahren Richtung Stadt. Ich habe ihn gebeten, mich in ein Restaurant zu fahren, im Zentrum. Im Zentrum gebe es sonntags nur Fast Food, meint er. Wir fahren durch mehrere Viertel und dann \u00fcber eine riesige, sechsspurige Stra\u00dfe, wo er mir unter anderem die amerikanische Botschaft zeigt. Wir kommen an einer Reiterstatue vorbei, ich tippe auf Moraz\u00e1n, aber diesmal ist es Bol\u00edvar. Der hat hier nicht dieselbe Bedeutung wie in S\u00fcdamerika. Dann kommen wir noch am <em>Mercado San Pablo<\/em> vorbei. Dort k\u00f6nne man gut essen, aber der hat nur an Werktagen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich setzt er mich an einer gro\u00dfen Stra\u00dfe am Restaurant <em>El Patio<\/em> ab. Gro\u00dfer Saal, Holztische, rappelvoll, ganze Gesellschaften tafeln hier. Drei Musiker versuchen vergeblich, sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Am Eingang Holzfiguren, die verschiedene V\u00f6lker von Honduras repr\u00e4sentieren. In deren H\u00e4nde liegen die Speisekarten. Alles ist ein bisschen auf typisch gemacht, ich komme mir etwas vor wie in einem bayerischen Bierkeller auf honduranisch. Die Kellnerinnen tragen traditionelle Kleider, schwarz, mit bunten Streifen, und auff\u00e4llige Kopft\u00fccher. Irgendwann f\u00e4llt mir ein Schriftzug auf, unten am Saum ihrer Kleider, einmal ganz herum. Dort steht pepsi-cola pepsi-cola pepsi-cola&nbsp; pepsi-cola.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>11. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich drau\u00dfen am Stra\u00dfenrand stehe, qu\u00e4lt sich ein Radfahrer den Berg hinauf. Ich kann ihm gerade noch ein paar Anfeuerungsrufe hinterherschicken, als schon ein Sammeltaxi anh\u00e4lt und mich aufliest.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum sehe ich mir zuerst die Reiterstatue von Moraz\u00e1n genauer an. Es steht erh\u00f6ht auf einem Sockel. Das Material ist Bronze. Das Pferd, mit ge\u00f6ffnetem Maul und gespitzten Ohren, scheint in gespannter Erwartung zu sein und setzt zum Galopp an, mit der erhobenen Vorderhand. Die M\u00e4hne und der Schwanz sind genau ausgestaltet. Moraz\u00e1n tr\u00e4gt hohe Reiterstiefel und einen Zweispitz. Die Uniform ist ein Geschenk aus Frankreich. Das hat lange Zeit dem Verdacht Nahrung gegeben, es handele sich gar nicht um Moraz\u00e1n, sondern um einen franz\u00f6sischen General.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus mache ich mich passenderweise auf zu seinem Geburtshaus, der Casa de Moraz\u00e1n, mitten im historischen Zentrum von Tegucigalpa gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist um einen Innenhof herum gebaut, der Arkaden auf zwei Seiten hat. Alles sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Er scheint kein Kind armer Eltern gewesen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach einiger Zeit merke ich, dass das Haus rechts einst\u00f6ckig, aber links zweist\u00f6ckig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es sich um ein Geburtshaus handelt, darf man keine neutrale Bewertung des Helden erwarten. Das wird deutlich bei einer Schautafel, die Moraz\u00e1n und Napoleon vergleicht. Napoleon hat f\u00fcr Frankreich und zum eigenen Ruhm gewirkt, Moraz\u00e1n nur f\u00fcrs Vaterland, Napoleon hat alte Strukturen genutzt, Moraz\u00e1n hat neue geschaffen, Napoleon war Autokrat, Moraz\u00e1n Demokrat usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde sind kaum erhalten, auch keine M\u00f6bel, aber oben hat man einen gro\u00dfen Saal mit M\u00f6beln der Epoche ausgestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr gibt es Portr\u00e4ts, B\u00fcsten und erstaunlich viele Gedichte, auch zeitgen\u00f6ssische, die Moraz\u00e1n zum Thema haben. Portr\u00e4ts gibt es in Zivil und in Uniform, alte und neue, sogar ganz experimentelle. Auf einer \u00e4lteren Zeichnung sieht er aus wie ein spanischer Dressurreitet, in einer Karikatur hat er drei Gesichter, eins nach vorne, eins nach links, eins nach rechts. Sicher eine Anspielung auf seine vielen und vielf\u00e4ltigen Facetten, k\u00f6nnte aber auch f\u00fcr die meisten von uns gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Briefmarken, die ihn darstellen, aus Honduras, El Salvador, Costa Rica und sogar Chile. Und einige von ihm unterzeichnete Dokumente, eins davon wenige Tage vor seiner Hinrichtung verfasst. Da war er Pr\u00e4sident von Costa Rica!<\/p>\n\n\n\n<p>Seine ganze Karriere ist mir weiterhin ein R\u00e4tsel. Wie konnte er milit\u00e4risch so erfolgreich sein? Er scheint keine Milit\u00e4rakademie besucht und in keiner Armee als Soldat gedient zu haben. Auch als Jurist hat er gearbeitet, ohne ein Studium und ohne eine solide Schulbildung. Das meiste hat er sich selbst beigebracht, in der Bibliothek eines Onkels. Da las er \u00fcber die Ideen der Aufkl\u00e4rung und der Revolution und erfuhr von den Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen in Lateinamerika, von der Unabh\u00e4ngigkeit Venezuelas und Ecuadors und von der noch fr\u00fcheren Unabh\u00e4ngigkeit Haitis. Da war er gerade mal 12 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall wurde er zum bedeutendsten Politiker in ganz Mittelamerika. Er war zweimal Pr\u00e4sident der Zentralamerikanischen Republik, zweimal Pr\u00e4sident von Honduras, zweimal Pr\u00e4sident von El Salvador und einmal Pr\u00e4sident von Costa Rica! Was genau ihm zum Verh\u00e4ngnis wurde, wird nicht klar. Waren seine Ideen einfach zu fortschrittlich? Aber reicht das als Erkl\u00e4rung? Irgendwo hei\u00dft es, er sei kein bisschen kompromissbereit gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wichtigste kommt gleich zu Anfang bei der Besichtigung. Da sieht man die heutige Nationalflagge von Honduras und die der Zentralamerikanischen Republik. Und die sind sich zum Verwechseln \u00e4hnlich! Die Einheit gilt also weiterhin als Ideal, trotz des Auseinanderbrechens der Republik. Und das gilt auch f\u00fcr die anderen L\u00e4nder: Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, alle haben wie Honduras die Farben Blau-Wei\u00df-Blau! (Costa Rica hat zus\u00e4tzlich noch einen roten Streifen). In der Flagge Nicaraguas erscheinen f\u00fcnf Vulkane, und die stehen f\u00fcr die f\u00fcnf L\u00e4nder, genauso wie die f\u00fcnf Sterne in der Flagge von Honduras. Und es geht noch weiter: In allen diesen L\u00e4ndern ist der 15. September der Nationalfeiertag, der Tag, an dem 1821 der Vertrag \u00fcber den Zusammenschluss unterzeichnet wurde!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein letztes Ziel ist das <em>Museo de la Memoria<\/em>. Schon das Geb\u00e4ude, der ehemalige Pr\u00e4sidentenpalast, sticht aus allem aus der Umgebung hervor, neoklassisch und neugotisch, von einem italienischen &nbsp;Architekten erbaut, mit dem Eingang schr\u00e4g zum Platz, bekr\u00f6nt von einer Kuppel, die nach Jugendstil aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann an der Rezeption kassiert 10 $, ein kleiner Willkommensgru\u00df f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Er fragt, woher ich komme und sagt dann: \u201eDeutschland? Deutschland ist wunderbar!\u201c Er hat ein bisschen Deutsch gelernt und tr\u00e4umt davon, in Deutschland zu studieren. Er hat auch schon einen passenden Studiengang gefunden, in Stuttgart, dort werden nur Grundkenntnisse des Deutschen verlangt, aber alle Studieninhalte sind auf Englisch. Hier in Honduras hat er bereits einen Abschluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ruft einen Mann herbei, der mich durch das Museum begleitet. Ein sehr netter, ganz ruhiger Mann, der im Laufe der F\u00fchrung langsam Vertrauen fasst und auch pers\u00f6nlich nachfragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausstellungsgegenst\u00e4nde im engeren Sinne gibt es hier kaum, es sind alles Photographien und Schautafeln, und die vielen Daten und Fakten \u00fcberfordern mich, aber ein grobes Bild bekommt man doch. Es wird deutlich, dass die neuere Geschichte von Honduras eine Geschichte von Gewalt, Kriegen und Aufst\u00e4nden ist. Den letzten Staatsstreich gab es noch 2009, den dritten innerhalb weniger Jahrzehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptaugenmerk scheint auf dem letzten B\u00fcrgerkrieg zu liegen. Darauf bezieht sich auch wohl der Name des Museums, das Ged\u00e4chtnis soll wachgehalten werden. Dieser B\u00fcrgerkrieg fand statt in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Er wurde ausgel\u00f6st durch einen Pr\u00e4sidenten, der das Ergebnis der Pr\u00e4sidentschaftswahlen nicht akzeptierte und sich verfassungswidrig im Amt halten wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht Bilder von schlecht ausger\u00fcsteten Soldaten in wei\u00dfen Anz\u00fcgen, die f\u00fcr ein Photo posieren. Das waren die Rebellen. Eine Gruppe geh\u00f6rte den Nationalen, eine andere den Liberalen an. Aus diesen Bewegungen entwickelten sich <em>Partido<\/em> <em>Nacional<\/em> und <em>Partido Liberal<\/em>, die heute noch die Geschicke Honduras bestimmen. Jetzt ist an deren Seite eine neue Partei getreten, <em>Partido Libre<\/em>. Der geh\u00f6rt die jetzige Pr\u00e4sidentin, Xiomara Castro, an.<\/p>\n\n\n\n<p>Honduras war das erste Land in Lateinamerika \u00fcberhaupt, das bombardiert wurde. Ausgestellt sind einige der Bomben, die auf Tegucigalpa fielen. Ausgestellt ist auch eine Exekutionsmauer, an der Rebellen hingerichtet wurden. Da l\u00e4uft einem ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auch ein Photo von grimmig aussehenden Rote-Kreuz-Schwestern in Uniformen mit R\u00f6cken, die bis zu den Kn\u00f6cheln reichen. Sie m\u00fcssen wichtige Arbeit geleistet haben. Es gab zum ersten Mal in der Geschichte von Honduras so etwas wie Versorgung von Verletzten und Verwundeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es Photos von Aufst\u00e4nden, Demonstrationen und Streiks, die in den verschiedenen Jahrzehnten zum Ziel hatten, bessere Arbeitsbedingungen, vor allem f\u00fcr die Bananenarbeiter, eine bessere Gesundheitsf\u00fcrsorge und das Wahlrecht f\u00fcr Frauen durchzusetzen. Das kam nach langen K\u00e4mpfen erst 1955. Man sieht Protestierende auf Mauern und auf Schiffen stehen. Die Bananenarbeiter hatten bis zu den Aufst\u00e4nden keine Arbeitsvertr\u00e4ge, einen miserablen Lohn und einen zw\u00f6lfst\u00fcndigen Arbeitstag, sechs Tage in der Woche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen ins Oval Office, dem bescheidenen Pendant zum Oval Office in Washington. Hier sind Objekte der Garifuna ausgestellt, einem Volk, das erst nach der Unabh\u00e4ngigkeit nach Honduras kam, aus Afrika, als Arbeiter auf den Plantagen. Es ist eine Trommel ausgestellt, und zu der erz\u00e4hlt mein F\u00fchrer, dass eine ganze bekannte Melodie der Garifuna ein Trauerlied ist, das zu einem Feierlied umfunktioniert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben liegt ein schlauchartiges Ger\u00e4t, aus Kokospalmenbl\u00e4ttern gefertigt, mit einer \u00d6ffnung an einem Ende. Das wurde, gef\u00fcllt mit Mais, am Haus aufgeh\u00e4ngt. Sp\u00e4ter wurde der Mais getrocknet. Das hatte einen ganz konkreten Sinn: Der Mais, den die Garifuna verwendeten, war n\u00e4mlich giftig, und durch diesen Prozess wurde ihm das Gift entzogen! Genial!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch einen sonnenbeschienen Innenhof, von dem aus man einen der T\u00fcrme des Geb\u00e4udes mit seinen Zinnen sehen kann, und dann treten wir oben auf eine riesige Terrasse, und dort ist er, der Choluteca, der mir so oft durch die Lappen gegangen ist. Auf der anderen Seite liegt bereits Comayag\u00fcela, der andere Stadtteil. Der Fluss hat ein breites Flussbett, ist aber nur zur H\u00e4lfte mit Wasser gef\u00fcllt. Dass er einst schiffbar war, kann man sich kaum noch vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flussufer gab es fr\u00fcher eine Art Tiergehege. Das wurde von Hurrikan Mitch 1998 weggefegt, einschlie\u00dflich der Tiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir \u00fcber die Terrasse gehen, sagt mein F\u00fchrer, er frage sich immer, was die Deutschen wohl von Hitler hielten. Das ist die Art der Fragen, auf die man nicht vorbereitet ist. Ich versuche mein Bestes.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann holt der Mann einen 20-Lempira-Schein heraus. Auf dessen R\u00fcckseite ist genau dieses Geb\u00e4ude, der ehemalige Pr\u00e4sidentenpalast, abgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Terrasse aus hat man einen weiten Blick in die Ferne, Und da ist dann auch der Picacho mit seinem Christus, den man allerdings nur in gro\u00dfer Distanz sieht. Auf der anderen Seite ein weiterer H\u00fcgel, der Berrinche. Er war einst f\u00fcr die Aufstellung des Christus vorgesehen, aber es stellte sich heraus, dass der H\u00fcgel eine geologische Verwerfung hat. Das hatte zur Folge, dass die komplette Siedlung beim Hurrikan Mitch zerst\u00f6rt wurde. Daran erinnert eine gro\u00dfe Inschrift, die in den Felsen eingelassen ist. Aber, was machen denn da die H\u00e4user auf der anderen Seite des Berrinche? &nbsp;Ja, sagt mein F\u00fchrer resigniert, da werde wieder gebaut, illegal, trotz der Gefahr. So sehr dr\u00fcckt die Wohnungsnot!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Ende dieser wirklich abwechslungsreichen F\u00fchrung durch den Pr\u00e4sidentenpalast. Zum Schluss zieht der F\u00fchrer einen Ast eines Baumes zu sich heran und pfl\u00fcckt eine strahlend gelbe Bl\u00fcte. Sie hat einen angenehmen Geruch. Es handelt sich um Ylang-Ylang, eine Pflanze, deren \u00d6l f\u00fcr die Herstellung von Parfum verwendet wird. So endet meine Zeit in Honduras mit einer aromatischen Note.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29. Oktober (Dienstag) Cop\u00e1n Ruinas, meine erste Station in Honduras, ganz im Westen des Landes gelegen, hart an der Grenze zu Guatemala. 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