{"id":11755,"date":"2024-11-13T13:39:46","date_gmt":"2024-11-13T12:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11755"},"modified":"2025-01-04T02:03:44","modified_gmt":"2025-01-04T01:03:44","slug":"el-salvador-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11755","title":{"rendered":"El Salvador (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>12. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>El Salvador galt als eins der gef\u00e4hrlichsten L\u00e4nder der Welt, es war sogar mal weltweit Spitze, wenn es um die Rate von gewaltsamen Todesf\u00e4llen pro Einwohner geht. Das ist nicht mehr so, El Salvador ist in dieser Tabelle weit \u201eabgerutscht\u201c. Dass das so ist, ist vor allem einem Mann zu verdanken, Nayib Bukele, dem jetzigen Pr\u00e4sidenten, einem hoch umstrittenen, noch jungen Politiker, der sich als B\u00fcrgermeister von San Salvador einen Namen gemacht hatte und dann, 2019, Pr\u00e4sident des Landes wurde. Er sagte der Kriminalit\u00e4t den Kampf an und griff mit harter Hand durch, wobei die Mittel und Wege oft umstritten waren. Aber der Erfolg stellte sich ein, mit dem Ergebnis, dass er bei den Wahlen 2014 als Pr\u00e4sident wiedergew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>El Salvador ist klein, hat aber die gr\u00f6\u00dfte Bev\u00f6lkerungsdichte in Mittelamerika, 315 Einwohner pro Quadratkilometer. Guatemala hat 157, Honduras 90, Nicaragua 56, Costa Rica 101 und Panama 59. Zum Vergleich: Deutschland hat 238.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>El Salvador ist das einzige Land in Mittelamerika, das nur Zugang zum Pazifik, keinen zum Atlantik hat. Von hier, von San Salvador aus, d\u00fcrfte es h\u00f6chstens eine Autostunde an die K\u00fcste sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Anfahrt \u00fcber gute Stra\u00dfen und bei der Fahrt durch das Zentrum hatte man den Eindruck, dass &nbsp;das Land einen relativ hohen Lebensstandard hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grenz\u00fcbertritt erfolgte im Osten, bei El Amatillo. Sp\u00e4ter ging es \u00fcber einen Fluss, den Lempa, und \u00fcber eine Stadt mit dem Namen Berl\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in El Salvador wird der Dollar gebraucht, ich bekomme also keine Gelegenheit, mich mit einer neuen W\u00e4hrung vertraut zu machen. Der Taxifahrer erz\u00e4hlt, der Dollar habe 2001 den Col\u00f3n ersetzt, jedenfalls in der Praxis. Das d\u00fcrfte etwa mit der Zeit zusammenfallen, in dem in Ecuador der Dollar den Sucre ersetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland werde doch so viel Bier getrunken. Ob es da nicht viel Alkoholismus gebe, fragt er besorgt. Ja, gibt es, sage ich ihm, aber vom Biertrinken alleine werde man so leicht nicht zum Alkoholiker. Aber das Bier k\u00f6nne eine Art Einstiegsdroge sein. Immerhin h\u00e4tten wir 60.000 Alkoholtote im Jahre, fast drei\u00dfigmal so viel wie Verkehrstote.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft ist an einer verkehrsreichen Kreuzung gelegen, l\u00e4sst aber sonst keine W\u00fcnsche offen. Platz f\u00fcr die Kleidung, ein Schreibtisch, eine Kaffeemaschine, ein Nachttischchen mit Leselampe \u2013 die Aufz\u00e4hlung k\u00f6nnte endlos weitergehen. Dazu kommt die pers\u00f6nliche Aufmerksamkeit: Kaum war ich da, schon standen ein Teller mit Obst und frisches Trinkwasser da, und die Waschmaschine wurde auch sofort angeworfen. Allerdings musste die zum Trocknen aufgeh\u00e4ngte W\u00e4sche reingeholt werden, da es zu regnen anfing. Regen bestimmt auch das Wetter in den n\u00e4chsten Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterkunft hat den Namen Segen. Schon bei der Buchung habe ich mich gefragt, was das wohl zu bedeuten hat, und es stellt sich heraus, es bedeutet \u2013 Segen. Es ist Deutsch. Die Vermieterin, Cristina, hat ihre beiden Kinder auf eine deutsche Schule geschickt, mit dem Resultat, dass sie jetzt beide in Deutschland leben, die Tochter im Schwarzwald, der Sohn in der N\u00e4he von Darmstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde gleich zu einem kleinen Snack eingeladen, einem leckeren Toast mit H\u00e4hnchen und Gurken. Auch dabei ist eine weitere Frau, Araceli, die wohl hier aushilft. Auch Cristinas Bruder wohnt hier, und heute soll ein weiterer Gast aus Deutschland kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden fragen nach meinen Pl\u00e4nen und geben Tipps. Ein Ortswechsel sei auf jeden Fall angebracht, um die Gegend um Santa Ana im Osten kennenzulernen. Suchitoto, n\u00f6rdlich gelegen, sollte ich keinesfalls verpassen. Das sei wie Antigua. Die Playas de Oriente seien viel besser als die ber\u00fchmteren Playas de Occidente. Auch meine Fragen zu Ruinen und Vulkanen k\u00f6nnen sie beantworten. H\u00f6rt sich alles vielversprechend an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich mich zu einer Stadtf\u00fchrung angemeldet habe, finden sie gut. Da bekommt man einen \u00dcberblick. Das ist \u00fcbermorgen. Ob ich morgen schon was vorh\u00e4tte? Nein, noch nicht.&nbsp; Da habe sie jemanden f\u00fcr mich, Jessy, eine gute Freundin, die k\u00f6nne mir ein paar Sachen in der Umgebung zeigen. Ein Anruf gen\u00fcgt, und die Sache ist gebongt. Jessy wird sich mit mir in Kontakt setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>13. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Cristina erz\u00e4hlt mir am Morgen, dass auch ihr Bruder, Gerardo, hier lebe. Den habe ich gestern nur am Ende des Flurs kurz gesehen.&nbsp; Ihr Bruder habe einen Schlaganfall erlitten, sagt sie. Er k\u00f6nne sich bewegen, aber mit Einschr\u00e4nkungen, eine K\u00f6rperh\u00e4lfte sei fast komplett gel\u00e4hmt. Als er noch gesund war, hat das ganze Land durchk\u00e4mmt (sie benutzt dabei <em>peinar<\/em> genauso wie im Deutschen <em>durchk\u00e4mmen<\/em>), um zu untersuchen, was es zu bieten hat. Die Quintessenz: Der Osten wird untersch\u00e4tzt, m\u00fcsste st\u00e4rker gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann meldet sich Jessy. Ob ich Lust h\u00e4tte, ans Meer zu fahren. Eine Freundin habe sie eingeladen. Die habe ein <em>rancho<\/em>. Es stellt sich heraus, dass damit ein Strandhaus gemeint ist. Ich br\u00e4uchte nirgendwo hinzukommen, sie w\u00fcrde mich abholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt sie vorgefahren. Ihr Auto hat Weihnachtsdekoration au\u00dfen und Weihnachtsdekoration drinnen, und es l\u00e4uft eine CD mit Weihnachtsliedern. \u201eIch mag Weihnachten\u201c, f\u00fcgt sie \u00fcberfl\u00fcssigerweise hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren Namen spricht sie <em>Yessy<\/em>, nicht <em>Jessy<\/em>, aus. Ihre Schwester hat einen ganz konventionellen spanischen Namen. Wie ihre Eltern auf Jessy gekommen seien, will ich wissen. Sie meint, der Name habe ihnen gefallen. Was zu hoffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat einen ganz sanften Charakter und ein d\u00fcnnes Stimmchen, aber f\u00e4hrt wie Fittipaldi. Ab und zu muss ich sie durch einen Warnruf von einem \u00dcberholman\u00f6ver abhalten. So fahre man hier eben, das sei ganz normal, meint sie. Ja, vielleicht, aber nicht mit mir an Bord.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist \u00c4rztin, arbeitet in der Gerichtsmedizin, in Santa Tecla, einem Ort, den ich auch aus dem Reisef\u00fchrer kenne, eine Art gentrifizierter Zwillingsstadt von San Salvador, in der diejenigen wohnen, denen es hier zu eng ist \u2013 und die es sich leisten k\u00f6nnen. Man spricht jetzt manchmal auch von <em>San Salvador Nuevo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber ein paar gro\u00dfe Avenues, dann zickzack durch ein Wohnviertel, dann stehen wir vor ihrem Haus. Schon von drau\u00dfen h\u00f6rt man drei kl\u00e4ffende und knurrende Hunde, die sich auch nicht beruhigen, als wir reingehen und mich die ganze Zeit verfolgen, was mein Wohlbefinden doch etwas beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist ganz sch\u00f6n, aber reparaturbed\u00fcrftig an verschiedenen Stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall liegen Dinge herum, meist Pl\u00fcschtiere und Weihnachtsdekoration, auch auf den Tischen und Sofas.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bekommt einen Einblick in das Leben einer Mittelklassefamilie des Landes. Sie wohnen zu siebt hier. Ihre Tochter und ihr Sohn, beide Architekten, beide fest liiert, aber vorl\u00e4ufig ohne Aussicht auf eine eigene Bleibe, wohnen oben. Unten sind ihr Zimmer und das Zimmer ihres Neffen. Und in einem dritten Zimmer schlafen ihre Schwester und ihr Schwager zusammen mit ihrer zwanzigj\u00e4hrigen Tochter, Universit\u00e4tsstudentin. Die hat noch nie ein eigenes Zimmer gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren los, Richtung Costa del Sol. Die hei\u00dft wirklich so. An einer Tankstelle halten wir und tanken das Auto voll. Der Preis liegt bei ca. 3,50 $. Hier wird wieder in Gallonen gerechnet. Also Literpreis von ungef\u00e4hr 1 $. Als sie fertig ist, bedankt sie sich bei dem Mann, der sie bedient hat: \u201eGracias, pajarito\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang lerne ich auch das hier gebr\u00e4uchliche umgangssprachliche Wort f\u00fcr Geld, <em>pisto<\/em>, das in Spanien ein Gericht bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber eine Schnellstra\u00dfe, aber bald kommt ein Engpass. Dort gibt es eine Baustelle an einem Erdrutsch. Da ist eine ganze Wand runtergekommen. Oben \u00fcber dem Abhang schweben H\u00e4user, hoffentlich inzwischen evakuiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy weist auf einen Berg in der Ferne. Da oben lebe man gut, es sei sch\u00f6n k\u00fchl, und dort gebe es wundersch\u00f6ne H\u00e4user. Aber es ist nicht mehr so k\u00fchl, wie es fr\u00fcher mal war. Warum nicht? Weil im ganzen Land abgeholzt wird, um neuen Wohnraum zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio l\u00e4uft Werbung f\u00fcr <em>La Casa del Cuc\u00fa<\/em>, einem deutschen Lokal in San Salvador. <em>Un pedazo de Alemania en San Salvador<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt in Olocuita, ber\u00fchmt f\u00fcr seine <em>pupusas<\/em>. Ich erfahre, dass die <em>pupusas<\/em> s aus Mais oder aus Reis gemacht werde k\u00f6nnen. Jessy zieht die aus Mais vor. Wir m\u00fcssen lange warten, bis die <em>pupusas<\/em> fertig sind. Zwischendurch ist der K\u00fcche das Gas ausgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bestellen einen Melonensaft, der hier, wie alle S\u00e4fte, in einem gro\u00dfen, pokalartigen Glas serviert wird, mit Strohhalm. Ich bekomme eins hinter die Ohren, weil ich den Strohhalm falsch ausgepackt habe. Den d\u00fcrfe man nur in der Mitte ber\u00fchren, nicht an den Enden. Das mit der Hygiene sei \u201ein diesen L\u00e4ndern\u201c nicht so wie bei uns. Jedes Mal, wenn sie <em>en estos pa\u00edses<\/em> sagt, <em>in diesen L\u00e4ndern<\/em>, klingt das etwas abwertend. Und es schwingt Bewunderung f\u00fcr entwickelte L\u00e4nder mit. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war noch nie in Europa, mag aber L\u00e4nder, in denen es kalt ist. In El Salvador leidet sie unter der Hitze und dem Verkehr. Von der Natur und den Monumenten spricht sie aber mit viel Begeisterung. Ganz positiv spricht sie von Guatemala. Das scheint ihr das beste unter den mittelamerikanischen L\u00e4ndern zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bezeichnet sich selbst als \u201elangweilig\u201c. Sie sei noch nie in einer Diskothek gewesen, m\u00f6ge keine gro\u00dfen Feiern und keine Menschenaufl\u00e4ufe. Ihr Medizinstudium, das acht Jahre dauerte, habe sie voll in Beschlag genommen, und dann kamen die beiden Kinder dazu, nachdem sie sich im Streit von ihrem Mann getrennt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter, und sie macht mich auf Kameras an einer Br\u00fccke aufmerksam. Geschwindigkeitskontrolle. H\u00f6chstgeschwindigkeit: 90 km\/h. Bei \u00dcberschreitung zahlt man, sch\u00e4tzt sie, 30 $. \u00dcberhaupt sind die Preise hier h\u00f6her, als man erwarten kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren ein Motel. Das bedeute nicht das, was man meinen k\u00f6nnte, sagt sie. Ein Motel ist hier das, was man bei uns Stundenhotel nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren die Schnellstra\u00dfe entlang. An einer Stelle kommt uns auf dem Seitenstreifen eine Kuh entgegen. Und dann noch eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Wasserlachen auf dem Seitenstreifen, und dann steht die ganze Stra\u00dfe unter Wasser. Die entgegenkommenden Autos haben es noch etwas schwerer als wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in El Salvador habe ich schon \u00f6fter Richtungsschilder gesehen, und jetzt kommt sogar eine Entfernungsangabe: Costa del Sol 2 km.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren eine Stra\u00dfe entlang, an der sich ein <em>rancho<\/em> nach dem anderen befindet, alle gro\u00dfz\u00fcgig angelegt. Das Meer befindet sich hinter dem <em>rancho<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir da. Ein Wachmann \u00f6ffnet die Pforte, und wir fahren rein. Es ist eine Anlage mit einer ganzen Reihe von H\u00e4usern, alle Bungalows, und einer park\u00e4hnlichen Anlage, die alle verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Haus wunderbar gepflegter Rasen, der aber ganz anders aussieht als bei uns. Die Halme sind l\u00e4nger und breiter. Sieht so aus, als d\u00fcrfe man kaum einen Schritt darauf machen, aber wir parken darauf. Das halte der aus, meint Jessy.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden begr\u00fc\u00dft von Ana Gladys, Jessys Freundin. Die wiederum hat eine wohlhabende Schwester in den USA, die dieses Haus gebaut hat, f\u00fcr die ganze Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist erstaunlich gro\u00df, viel gr\u00f6\u00dfer als Jessys Haus in San Salvador, hier gibt es Schlafpl\u00e4tze f\u00fcr mindestens zw\u00f6lf Personen. Jedes Schlafzimmer hat ein eigenes Bad.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild, das sich einem bietet, ist wie aus dem Bilderbuch: Eine gro\u00dfe Glasfront, dahinter ein Swimming Pool, eine H\u00e4ngematte, eine Hecke mit roten Bl\u00fcten, der gepflegte Rasen und Kokosb\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana Gladys ist auch \u00c4rztin, Zahn\u00e4rztin, auch sie arbeitet in der Gerichtsmedizin in Santa Tecla.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kennt Italien, weil sie und ihr Mann eine Reise bei einer Verlosung der Kreditkartenfirma gewonnen haben! Sie haben ein Auto gemietet, haben im Auto geschlafen, um Kosten zu sparen, und sind durch das ganze Land gefahren. Am besten habe ihr Assisi gefallen, besser als Venedig oder Florenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat auch eine Kreuzfahrt in der Ostsee gemacht, auf Einladung ihrer wohlhabenden Schwester. Die hat in den USA Karriere gemacht, den <em>American Dream <\/em>verwirklicht. Hat als Putzhilfe ohne Englischkenntnisse angefangen. Jetzt hat sie ein Haus in den USA, ein Ferienhaus an der Bucht von San Francisco, ein Haus in San Salvador und das Strandhaus hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Faszinierend auch die Geschichte von Ana Gladys\u2018 Sohn, der inzwischen wieder bei den Eltern wohnt. Er wollte unbedingt zum Studium nach Europa. Hat im Internet eine Ausschreibung f\u00fcr ein Stipendium gefunden an einer privaten Universit\u00e4t, die auf die Initiative von Nelson Mandela zur\u00fcckgeht. Hat sich beworben und das Stipendium bekommen. Also ist er nach Europa gegangen, nach Armenien! Hat dort Studenten aus allen L\u00e4ndern kennengelernt und hat aus der Zeit auch noch einen deutschen Freund. Dann ist er nach Ohio gegangen, hat einen weiteren Abschluss gemacht, aber dann hatte er genug vom Ausland und wollte wieder in die alte Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir essen die <em>pupusas<\/em> und dazu eine H\u00fchnersuppe, die Ana Gladys gekocht hat. Man darf es ja nicht laut sagen, aber die H\u00fchnersuppe schmeckt mir besser als die <em>pupusas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach ihrer Meinung zu Bukele. Sie halten nicht so viel von ihm. Ja, er habe die Mitglieder der Jugendbanden, der <em>maras<\/em>, weggesperrt und da Land sicherer gemacht, aber das sei langfristig keine L\u00f6sung. Und er wirtschafte auch in die eigene Tasche, wie alle Politiker.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Jessy eher pummelig ist, ist Ana Gladys eher athletisch. Gertenschlank ist sie auch nicht gerade, meint aber, ich k\u00f6nne durchaus etwas abnehmen. Bewegung sei wichtig. Sie macht Yoga und Aerobic und geht jeden Morgen, zu ganz fr\u00fcher Stunde, eine Stunde lang spazieren, in San Salvador im Park, hier am Strand entlang. Da sei noch kein Mensch unterwegs. Ob das nicht gef\u00e4hrlich sei, will ich wissen. Nein, \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die beiden Kaffee trinken, stecke ich die Beine in den Swimming-Pool. Der hat sogar einen Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir zum Strand herunter. Der Weg dahin wird \u00fcberall von bl\u00fchenden Str\u00e4uchern ges\u00e4umt, Geld, Wei\u00df, Rot. Das sind Ixora, mit r\u00f6hrenf\u00f6rmigen Bl\u00fcten. Sieht f\u00fcr uns irgendwie exotisch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser glitzert in der Sonne. Der Sand ist etwas dunkel, aber ganz weich. Es gibt \u00fcberhaupt keine Steine, und nur ein paar ganz winzige Muscheln. An der Wasserlinie erkennt man den gro\u00dfen Unterschied, den Ebbe und Flut ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Auge hat hier keinen Anhaltspunkt, kein Land, kein Schiff, keine Boje, kein Schwimmer, nur die Immensit\u00e4t des Meeres.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen ein ganzes St\u00fcck am Strand entlang. Die Wellen sind nicht so harmlos, wie sie aussehen. Man muss aufpassen, dass man nicht umgeworfen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der einen Seite bescheint die Sonne das Meer, auf der anderen Seite steht der volle Mond blass am Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder zu Hause sind, beschlie\u00dfen die beiden, zum <em>estero<\/em> zu fahren. Das scheint so etwas wie eine Lagune zu sein, oder ein Flussdelta. Dort gibt es einen Pier, wo wir uns ganz ans Ende setzen und etwas trinken. Man sitzt praktisch \u00fcber dem Wasser, in der D\u00e4mmerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles viel gr\u00f6\u00dfer, als ich es mir vorgestellt habe, Wasser zu allen Seiten, nur am Horizont von Land begrenzt. Das Meer selbst kann man von hier aus nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf <em>guanacos<\/em> zu sprechen, in El Salvador das Pendant zu den <em>chapines<\/em> in Guatemala und den <em>catrachos<\/em> in Honduras. Warum hei\u00dfen die Salvadorianer <em>guanacos<\/em>? Jessy meint, weil sie so neugierig seien, wenn irgendwo etwas passiere, w\u00fcrden sie stehenbleiben und sich das ansehen, eben die wie <em>guanacos<\/em>. Zum ersten Mal sehe ich die Verbindung zwischen dem Wort, das f\u00fcr mich nichtssagend war, und den Tieren. Einen Moment stehe ich auf dem Schlauch. Wie hei\u00dfen noch mal <em>guanacos<\/em> auf Deutsch? Wir gucken im Internet nach: Sie hei\u00dfen <em>Guanakos<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aufbrechen, ist es stockdunkel. Wir setzen Ana Gladys ab und fahren Richtung San Salvador. Jessy tut mir leid, sie muss \u00fcber die unbeleuchteten Stra\u00dfen ohne Seitenstreifen oder Mittelstreifen. Aber sie sagt, das mache ihr nichts, sie fahre gerne, sie habe immer davon getr\u00e4umt, den F\u00fchrerschein zu machen, und jetzt habe sie sogar ein eigenes Auto. Den F\u00fchrerschein hat sie erst 2009 gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00e4hrt auch durch den abendlichen Verkehr von San Salvador und setzt mich vor der Haust\u00fcr ab. Das Ende eines erlebnisreichen Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>14. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Cristina bedankt sich f\u00fcr eine Nachricht, die ich ihr geschickt habe. Ich habe ihr gesagt, wie gut es mir hier gef\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt von ihren Kindern in Deutschland, beide haben so etwas wie Business Administration studiert, die Tochter hat ihren verpflichtenden Auslandsaufenthalt in El Salvador gemacht, und dabei ist am Ende die Anerkennung des deutschen Abschlusses in El Salvador herausgekommen. Die Tochter lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald und ist mit einem Mann verheiratet, der aus Portugal stammt. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, einer modernen Firma, wo Knochenarbeit geleistet und erwartet wird. Der Sohn arbeitet im Ingenieurbereich. Seine \u00e4lteren Kollegen bedauern das Nachlassen der Standards in Deutschland und den gro\u00dfen Zuzug von Ausl\u00e4ndern. Sie sagen das zu ihm, so als wenn er kein Ausl\u00e4nder w\u00e4re, und glauben das im dem Moment wahrscheinlich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Cristina selbst ist letztes Jahr drei Monate in Deutschland gewesen, immer abwechselnd, eine Woche hier, eine Woche dort. Anfangs lebten beide Kinder in Frankfurt, und als sie da zu Besuch war, sei ihr als erstes aufgefallen, wie viele Ausl\u00e4nder da waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre beiden Kinder h\u00e4tten ihren Weg gemacht, aber sie w\u00fcrden immer Ausl\u00e4nder bleiben, sagt sie, und gibt mir eine glasklare Analyse der St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der deutschen Gesellschaft. Sie sei aber Deutschland auf ewig dankbar, dass es ihren Kindern diese M\u00f6glichkeit gegeben habe. Pl\u00f6tzlich wird sie von R\u00fchrung \u00fcberw\u00e4ltigt, und die Tr\u00e4nen beginnen zu laufen. Mit erstickter Stimme sagt sie, sie sei froh, wenn sie daf\u00fcr hier ein bisschen was wiedergutmachen k\u00f6nne, indem sie Ausl\u00e4nder aufnehme.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg ins Zentrum, frage mich zu einer Bushaltestelle durch. Als ich an einem Zebrastreifen stehe, kommt mir ein Mann mit breitem L\u00e4cheln entgegen, gibt mir die Hand und geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freundlichkeit hier variiert zwischen minimal freundlich und \u00fcberbordend freundlich, meistens an einem der beiden extremen Punkte angesiedelt. Oft endet die Frage nach dem Weg mit einem Handschlag, manchmal mit der Frage nach der Herkunft und manchmal mit einem Kommentar &nbsp;zu meinen Spanischkenntnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit dem Bus erweist sich als etwas schwierig: Wo ist die Haltestelle, welche Busse, wenn \u00fcberhaupt, fahren ins Zentrum? Aber am Ende klappt es. Die Busse sind uralt, aber, soweit man das sehen kann, in einem guten Zustand. Ich reiche dem Fahrer einen Dollar und bekomme noch mehrere M\u00fcnzen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs zeigt er mir an einer Haltstelle, dass ich hier aussteigen und in welche Richtung ich gehen soll. Nach kurzer Zeit komme ich in eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Hier ist pl\u00f6tzlich alles anders. Man hat dem Kern der Innenstadt in den letzten Jahren einen guten Facelift verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Um neun Uhr bin ich an der Reiterstatue, dem Treffpunkt f\u00fcr die Stadtf\u00fchrung. Es ist noch genug Zeit f\u00fcr ein kleines Fr\u00fchst\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich wieder an den Treffpunkt, aber kein Mensch erscheint zur abgesprochenen Zeit und auch danach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz macht eine Frau das, worauf Freiheitsstrafe nicht unter f\u00fcnf Jahren stehen m\u00fcsste: Sie f\u00fcttert die Tauben. Die einem dann wild um die Ohren fliegen. Und die Kinder machen das, was alle Kinder der Welt machen: Sie scheuchen die Tauben auf. Das ist eine Universalie, genauso wie die, dass alle Kinder raufklettern m\u00fcssen, wenn sie ein M\u00e4uerchen sehen und reintreten m\u00fcssen, wenn sie eine Pf\u00fctze sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Wartens habe ich mich hier ein bisschen umsehen k\u00f6nnen. Der Platz ist gro\u00df und irgendwie unorthodox bebaut. An der Stirnseite der pr\u00e4chtige, neoklassische <em>Palacio Nacional<\/em>, mit Tympanon und kannelierten S\u00e4ulen und der Landesflagge ganz oben, an einer Querseite des Platzes die stilistisch nicht einzuordnende, zu gro\u00df geratene Kathedrale, an der gegen\u00fcberliegenden Seite ein hypermodernes sch\u00f6nes Geb\u00e4ude, die Nationalbibliothek, und an der vierten Seite eine park\u00e4hnliche Anlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Bibliothek bunte Buchstaben, die <em>El Salvador<\/em> bilden. Ich bitte ein Paar, ein Photo von mir zu machen, hinter den Buchstaben stehend. Es stellt sich heraus, dass sie aus Guatemala sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor verl\u00e4uft ein leuchtend blau eingef\u00e4rbter zweispuriger Radweg, und daneben in Fahrradst\u00e4nder. Da steht wirklich ein Rad drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Bronzetafel am Rande des Parks eine Erkl\u00e4rung: San Salvador kann, dank des Einsatzes von Tausenden von Helfern, im Jahre 197 nach der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit, zur <em>Municipio libre de analfabetismo<\/em>, zur Stadt ohne Analphabetismus, erkl\u00e4rt werden. Sie ist schon die 94. Stadt in El Salvador. H\u00f6rt sich sch\u00f6n an, aber ob das der Wirklichkeit Stand h\u00e4lt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reiterstatue im Zentrum stellt Gerardo Barrios dar, nach dem der Platz auch benannt ist. Er scheint ein zweiter Moraz\u00e1n gewesen zu sein, hat auch zusammen mit ihm gek\u00e4mpft und die zentralamerikanische Einheit gef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den Gittern, die den <em>Palacio Nacional<\/em>, den ehemaligen Pr\u00e4sidentenpalast, abschirmen, zwei stehende Figuren, die man schon von weitem sieht. \u00dcberraschenderweise stellen sie Kolumbus und Isabel la Cat\u00f3lica dar, die hier sogar <em>Madre de las Am\u00e9ricas<\/em> genannt wird, ein seltenes Tribut eines lateinamerikanischen Landes an die alte Kolonialmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hohe und breite Fassade der Kathedrale ist praktisch schmucklos, was sie noch etwas erdr\u00fcckender aussehen l\u00e4sst. Einzige Ausnahme: \u00dcber dem Eingangsportal eine Christusfigur mit der Inschrift: <em>El Salvador del Mundo<\/em>. Der Namensgeber des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist die Kirche eklektisch, keine stilistische Linie zu erkennen, und man muss lange gucken, bis man ein sch\u00f6nes Ausstattungsst\u00fcck findet. Das sind die runden Leuchter aus Messing, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von der Decke des Langhauses herunterh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig sch\u00f6n ist einzig das Fresko in der Kuppel. An einem Gel\u00e4nder, das rund um die Kuppel l\u00e4uft, werden volkst\u00fcmliche Szenen dargestellt, spielende Kinder, ein Wassertr\u00e4ger, ein Paar in innigem Gespr\u00e4ch, Schwarze und Indios. Zwischen ihnen geht ganz friedlich ein L\u00f6we spazieren. Und \u00fcber ihnen schwebt eine Auferstehungsszene. Es hei\u00dft, hier sei auch irgendwo Oscar Romero abgebildet, aber ich kann ihn nicht finden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kathedrale h\u00e4ngen mehrere Portr\u00e4ts von ihm, eins in dem wei\u00dfen Ornat des Bischofs, wie ich vermute, eins in dem schwarzen Ornat des Priesters. Auf beiden Bildern wird er von Leuten aus dem Volk begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Um sein Grabmal zu sehen, muss man in die Krypta gehen. Der Zugang ist au\u00dferhalb der Kirche. Sieht eher wie eine gro\u00dfe Halle aus als wie eine Krypta.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ostende das Grabmal des inzwischen heiliggesprochenen Bischofs. Es ist eine gro\u00dfe liegende Bronzefigur, bewacht an den vier Enden von den vier Evangelisten, die wie Nonnen aussehen. Sie halten Schilde mit ihren Symbolen in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Figur Oscar Romeros tr\u00e4gt eine Mitra, an der Seite liegt der Bischofsstab. Auf dem Grab ein Rosenzweig als Zeichen seiner Marienverehrung, ein \u00d6lzweig als Zeichen des Friedens und ein Palmzweig als Zeichen seines Martyriums.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Brust treffen sich zwei Linien, die wie ein Kreuz, aber auch wie ein Fadenkreuz aussehen. An der Schnittstelle ein Stein aus Jade, da, wo ihn die Kugel in der Brust traf. Als das passierte, stand er am Altar und las die Messe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hin und wieder finden sich Gruppen von Betenden vor dem Grabmal ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Grabmal ein Schild, auf dem man aufgefordert wird, nicht die Kerzen und Blumen mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oscar Romero war eigentlich ein staubtrocken konservativer Bischof und stand sogar dem <em>Opus Dei<\/em> nahe. Aber als er das ganze Elend sah, erhob er dann doch die Stimme. Das passte nicht allen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg und komme zu einem weiteren Platz, <em>La Libertad<\/em>. Das ist das popul\u00e4re Gegenst\u00fcck zu der repr\u00e4sentativen <em>Plaza Barrios<\/em>. Hier gibt es Losverk\u00e4ufer, Zeitungsverk\u00e4ufer, Schuhputzer (sogar eine Schuhputzerin),&nbsp; Tagtr\u00e4umer, Bettler.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo sto\u00dfe ich auf ein Eisenwarengesch\u00e4ft, das&nbsp; <em>Ferreter\u00eda Alem\u00e1n<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite die graue, nichtssagende Fassade der <em>Iglesia El Rosario<\/em>. Dahin geht es als n\u00e4chstes.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt die Kirche durch einen unscheinbaren Nebeneingang, der aber tats\u00e4chlich der Haupteingang ist. Hier zahlt man 2 $ Eintritt. Das ist die Kirche aber wirklich wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Effekt ist sofort da, wenn man die Kirche betritt. An beiden Seiten sind Glasbausteine in Betonbl\u00f6cke eingelassen, farblich immer abwechselnd, von Gelb \u00fcber Blau bis fast Wei\u00df. Das h\u00fcllt die Kirche in ein fast mystisches Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist ganz kurz, aber daf\u00fcr sehr breit. Im Osten eine Wand mit dicken roten Backsteinen und einem Kreuz. Flankiert wird es von zwei Figuren in einer Vitrine, die namensgebende Virgen del Rosario links und San Domingo de Guzm\u00e1n rechts. Beide halten einen Rosenkranz in den H\u00e4nden. Die Madonna, mit Krone,&nbsp; wird dabei unterst\u00fctzt von dem Jesuskind, ebenfalls mit Krone.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Pendant auf der anderen Seite zwei weitere Figuren, Santa Rosa de Lima, die erste lateinamerikanische Heilige auf der einen Seite, und San Mart\u00edn de Porres auf der anderen Seite. Er wird dargestellt mit einem Kind und mit einem Besen in der Hand. Er hei\u00dft auch <em>Fray Escoba<\/em>, \u201aBruder Besen\u2018, weil er in seinem Kloster als Portier und Aufseher t\u00e4tig war.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An der S\u00fcdseite ein experimenteller Kreuzweg, nur aus Betonbl\u00f6cken und einzelnen Eisenteilen bestehend. Man hat eine 15. Station hinzugef\u00fcgt, eine Auferstehung, nur aus Eisenstangen und N\u00e4geln bestehend, die aber dennoch ein wunderbares Bild vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht \u00fcbersehen kann man an der Westseite einen \u201eFries\u201c, auch wieder nur aus Eisenteilen bestehend. Es werden geometrische Figuren abgebildet, aber auch ein Hammer, eine Leiter, ein Winkelma\u00df, ein Kreuz, eine Sonne. Das sieht alles ganz weltlich aus. Erst langsam d\u00e4mmert es mir, dass das auch alles was mit der Passion zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder auf den Platz und frage mich zum <em>Teatro Nacional<\/em> durch. Gar nicht so leicht, alle zeigen bei der Frage nach dem <em>Teatro Nacional<\/em> auf den <em>Palacio Nacional<\/em>. Am Ende finde ich das Theater auf einem weiteren Platz, von dem man einen ganz ungew\u00f6hnlichen Blick auf die Kathedrale hat. Dort f\u00fcgen sich H\u00e4user an die Kathedrale an, die dazugeh\u00f6ren zu scheinen, aber ganz unabh\u00e4ngig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nach Theaterf\u00fchrungen fragen, aber hier finden gerade Fernsehaufnahmen statt, und der ganze Platz vor dem Theater ist abgeriegelt. Ich versuche, irgendwo eine L\u00fccke zu finden, aber vergebens. Dann f\u00e4llt mein Blick auf eine elektronische Tafel an der Fassade mit wechselnden Informationen. Da erfahre ich dann, dass die F\u00fchrungen ausgesetzt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich treffe die dumme Entscheidung, zu Fu\u00df nach Hause zu gehen. Das zieht sich hin, die Schritte werden immer k\u00fcrzer, der Rhythmus immer langsamer, und die Hitze nimmt zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss an der verkehrsreichen Juan Pablo II entlang,&nbsp; mit einem ganz schmalen B\u00fcrgersteig. Sp\u00e4ter kann ich ein St\u00fcck parallel dazu durch ein Wohnviertel gehen. Hier ist alles ganz anders. Ich komme an einem wunderbaren B\u00fccherladen vorbei, garagen\u00e4hnlich, in dem vor den Gittern die B\u00fccher meterhoch \u00fcbereinandergestapelt sind. Dann sehe ich einen Schneemann, aus Drahtgestell gemacht, aber dem unseren ganz \u00e4hnlich sehend. Auch hier ist die Nase eine M\u00f6hre. Hinter einem Zaun lugt unter einem riesigen Bananenblatt ein ganzes B\u00fcndel gr\u00fcner Bananen hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich wieder auf die Hauptstra\u00dfe und gehe an dem Zaun eines gr\u00f6\u00dferen Gel\u00e4ndes vorbei. K\u00f6nnte der Botanische Garten sein. Hier hat man Schilder aufgestellt mit Bildern aus dem <em>Kleinen Prinzen<\/em>, begleitet von den entsprechenden Zitaten, auf Spanisch und auf Nahuatl: <em>Naja se sakamistun, inak ne sakamistun. Shiwi shimawilti&nbsp; nuwan, kilwij nekunenatuktianitzin, Sujsul nimutechtia ninemi \u2013 Soy un zorro, dijo el zorro. <\/em><em>Ven a jugar conmigo, le propuso el principito . Estoy tan triste. <\/em>Gibt einem zumindest eine Ahnung vom Wortbildungsmuster des Nahuatl.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem waghalsigen \u00dcberqueren einer Stra\u00dfe sehe ich \u00fcber einer Unterf\u00fchrung den Slogan einer Bank: <em>El poder de tu dinero lo ten\u00e9s vos<\/em>. Wieder das <em>voseo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende habe ich es dann doch geschafft und komme zu Hause an, aber der Hunger treibt mich nochmal raus, auf der Suche nach einem Supermarkt. Auf dem Weg dahin sehe ich an der mehrspurigen Avenida Bernal einen \u00e4lteren und einen j\u00fcngeren Mann am Stra\u00dfenrand sitzen, die inmitten des L\u00e4rms, des Gestanks und der Hitze ein paar unscheinbare Dinge aus ihrem Warenangebot an den Mann bringen wollen. Der Kontrast zu den Besitzern der <em>ranchos<\/em> von gestern k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Dass hier ein Fu\u00dfg\u00e4nger vorbeikommt, ist eher unwahrscheinlich. Sie m\u00fcssen darauf spekulieren, dass die Autos anhalten m\u00fcssen und schnell durch das Fenster etwas kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Supermarkt ist gro\u00df, hier kommt man sich wie in den USA vor. Auch die Regale sind gro\u00df. Beim Obst stehe ich etwas unentschlossen vor den Bananen. Die sehen nicht recht koscher aus. Eine Kundin hilft mir: Nein, das hier seien <em>pl\u00e1tanos<\/em>, Kochbananen, die zum Essen, die <em>bananas<\/em>, seien da dr\u00fcben. Nicht genug damit, dass in Spanien die Essbananen <em>pl\u00e1tanos<\/em> hei\u00dfen. Dazu kommt noch, dass auch hier der Gebrauch nicht ganz konsistent ist. Ich habe auch schon geh\u00f6rt, dass man hier die Essbananen <em>pl\u00e1tanos<\/em> nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse mache ich dann noch eine kultur\u00fcbergreifende Erfahrung. Es hat keinen Sinn, die Schlange zu wechseln, die eigene ist immer die langsamste. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>15. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch am Morgen spreche ich mit Cristina. Sie ist, obwohl gerade mal 60, schon pensioniert, ich wei\u00df aber nicht, was sie fr\u00fcher gemacht hat. Wie viele Jahre sie denn schon die Vermietung mache, will ich wissen. Seit Februar!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt von einer Begebenheit in der Schweiz, in Basel. Sie stieg in die Stra\u00dfenbahn ein, fand einen Platz und wunderte sich, dass die ganze Zeit, bis zum Ausstieg, niemand kam, um zu kassieren. Am n\u00e4chsten Tag dasselbe. Bis sie sah, wie ein Kontrolleur durch die Reihen ging. Da ging ihr ein Licht auf: Man muss die Fahrkarten vorher kaufen. Angst, Sorge, Bedr\u00e4ngnis. Was soll ich nur machen? An der n\u00e4chsten Haltestelle, unmittelbar, bevor sie dran gewesen w\u00e4re, stieg der Kontrolleur aus. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy ist krank, sie hat Hexenschuss. Kann sich aber selbst Spritzen injizieren. Unser geplanter Ausflug am Samstag muss ausfallen. Ich setze alles M\u00f6gliche in Bewegung, frage bei Cristina nach, die l\u00e4sst mir durch einen Freund einen Tagesausflug mit Preisangabe mitteilen, und ich bin gerade dabei, zuzusagen, als eine Nachricht von Jessy kommt. Ihre Freundin Rina habe heute frei, die k\u00f6nne mit mir in ein Museum gehen, das h\u00e4tte ich doch sowieso vor. Also gut, dann warte ich mal, bis Rina sich meldet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rina meldet sich, will mich abholen, kommt aber mit reichlich Versp\u00e4tung. Sie hat am falschen Ort auf mich gewartet, und das, obwohl ich ihr den Standort geschickt habe. Sie h\u00e4tte einfach <em>Condominio San Antonio<\/em> eingegeben und auf alles andere nicht&nbsp; geachtet. H\u00e4tte ich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich denn gerne in San Salvador sehen w\u00fcrde, fragt sie. Ich erw\u00e4hne ein, zwei Dinge, und sie sagt spontan, gut, dann fahren wir nach Cer\u00e9n. Ich bin \u00fcberrascht, aber sehr angetan. Joyas de Cer\u00e9n steht hoch auf meiner Liste. Und sie kennt es auch noch nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Rina ist \u00c4rztin, Haus\u00e4rztin, hat sich jetzt aber vorzeitig zur Ruhe gesetzt, weil sie demn\u00e4chst, 2026, ein Parlamentsmandat antritt. Die Zeit bis dahin hat sie sich freigenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist bereits gew\u00e4hlt, und zwar genau f\u00fcr den Bezirk, durch den wir jetzt kommen. Was ist denn das f\u00fcr ein Parlament? Das zentralamerikanische Parlament. Das gibt es tats\u00e4chlich! Muss so was wie das Pendant zum Europ\u00e4ischen Parlament sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Biographie ist hochdramatisch. Sie war in der Guerrillabewegung aktiv, nicht im milit\u00e4rischen, aber im organisatorischen Bereich. Damit ich es verstehe, erkl\u00e4rt sie mir den Hintergrund. El Salvador sei ein Land, das lange von 14 Familien dominiert war, Gro\u00dfgrundbesitzern, denen das Land quasi \u201egeh\u00f6rte\u201c. Die erste systematische Auflehnung dagegen gab es 1932, gef\u00fchrt von einem gewissen August\u00edn Farabundo Mart\u00ed, dem Gr\u00fcnder der Sozialistischen Partei El Salvadors. Er f\u00fchrte ein Heer von Bauern und Indios an, das gegen das System, vor allem die Herrschaft der Kaffeebarone, aufbegehrte. Die Herrschenden reagierten mit allergr\u00f6\u00dfter Brutalit\u00e4t. Es kam zu einem Massaker, das als <em>La Matanza<\/em> in die Geschichte eingegangen ist. Jeder, der im geringsten Verdacht stand, gewerkschaftsnah oder Indio zu sein, wurde abgeschlachtet. Es kam zu 30.000 Toten. Mart\u00ed wurde von einem Erschie\u00dfungskommando hingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entwickelten sich verschiedene Untergrundbewegungen, die sich am Ende zusammenschlossen unter dem Dachverband des FMLN, der den Namen Mart\u00eds in seinem Namen trug. Wie es dann genau weiterging, wei\u00df ich nicht, aber letztlich kam es zum B\u00fcrgerkrieg. Der Ermordung Romeros gilt dabei als einer der Ausl\u00f6ser. Das war 1980. Ins gleiche Jahr f\u00e4llt die Vergewaltigung und Ermordung von vier US-amerikanischen Nonnen, die hier Entwicklungshilfe leisteten. Der B\u00fcrgerkrieg dauerte bis 1992, als es ein Friedensabkommen mit der FMLN gab. Die trat dann selbst zu Wahlen an und entwickelte sich zu einer&nbsp; politischen Partei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Rina? Sie ist w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs ins Exil gegangen, und zwar nach Schweden. Und spricht Schwedisch. Vad kul! D\u00e5 kan vi talar svenska!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie liebt Schweden, f\u00e4hrt heute noch oft dorthin und sagt, sie sei Schweden bis heute dankbar, dass es sie aufgenommen hat. Warum Schweden? Nur Schweden, Australien und Kanada h\u00e4tten politisches Asyl angeboten. Ich h\u00e4tte gedacht, dass man als politisch Verfolgter auch in Deutschland jederzeit Asyl beantragen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rinas Schwester lebt bis heute in Schweden. Auch zwei Neffen leben in Schweden. Au\u00dferdem hat sie eine Tochter in New York und Neffen in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Pension ist es nicht so toll, aber sie hatte vor ein paar Jahren die gute Idee, einen Teil ihres Hauses in eine Einliegerwohnung zu verwandeln und zu vermieten. Die bringt zus\u00e4tzliche 600 $ ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sie nach Schweden reist, fliegt sie zuerst von hier nach New York, wo sie bei ihrer Tochter wohnt. Von dort auf Direktflug nach Schweden, wo sie bei ihrer Schwester wohnt. Nicht schlecht. Und sie hat wohl einen Riecher f\u00fcr billige Fl\u00fcge. Die Preise, die sie f\u00fcr ihre letzten Fl\u00fcge nennt, sind unschlagbar g\u00fcnstig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie reist aber sonst auch, war vor kurzem in Venezuela und kennt Peru gut. Und schw\u00e4rmt von Guatemala. Da kam sie immer wieder hin, denn da lebte ihre leibliche Mutter, vom Ehemann getrennt. Sie, Rina, ist dann sp\u00e4ter, als die Mutter dement wurde, f\u00fcr drei Monate dorthin gezogen und hat die Mutter bis zu deren Tod gepflegt. Ein aufregendes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen irgendwo Halt, um einen Kaffee zu trinken, wie sie vorschl\u00e4gt. Aus dem Kaffee wird dann H\u00e4hnchen. Soll mir recht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ihr zeigen, dass ich genauso verpeilt bin wie sie, verliere ich dann unser Parkticket. Nach vergeblicher Suche in allen Jackentaschen, Hosentaschen und Rucksacktaschen findet sie es auf dem Tisch, an dem wir gesessen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht die Fahrt. Sie erz\u00e4hlt von ihrem Einsatz in dieser Gegend \u2013 offenbar ist sie fr\u00fcher schon mal Abgeordnete in diesem Bezirk gewesen \u2013 wo sie \u201eSprechstunde\u201c im wahrsten Sinne des Wortes geleistet hat. Die B\u00fcrger konnten zu ihr kommen, um ihre Anliegen vorzutragen und bekamen gleichzeitig \u00e4rztliche Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Skandal, der bis heute noch sp\u00fcrbar ist, war die unsachgem\u00e4\u00dfe Entsorgung von Batterien. Als Folge davon gab es haufenweise Bleivergiftungen und sogar Kinder mit Deformationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg sehe ich ein Hinweisschild auf einen Ort mit dem Namen <em>Ateos<\/em>, und dann \u00fcberqueren wir, unmittelbar vor Cer\u00e9n, den <em>R\u00edo Sucio<\/em>. Er hei\u00dft wohl so, weil der Schlamm, den er mit sich f\u00fchrt, ihn schmutzig erscheinen l\u00e4sst. Er ist aber auch hoch kontaminiert. Auf Nahuatl war er der \u201aFluss der Asche\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir nach Cer\u00e9n. Das Besondere an Joya de Cer\u00e9n, wie es offiziell hei\u00dft: Hier wurde ein Maya-Volk unter der Asche eines Vulkans begraben. Das lag jahrhundertelang verborgen und wurde erst 1976 durch einen Zufall wiederentdeckt. Eine Planierraupe legte Dinge frei, von denen man bald erkannte, dass sie alt sein mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt hier ein Museum und ein Ausgrabungsgel\u00e4nde. Im Museum ist vor allem Keramik zu sehen. Die Gef\u00e4\u00dfe, auch die Gebrauchsgegenst\u00e4nde, sind sehr sch\u00f6n gestaltet, meist mit erdfarbenen Mustern. In einer Sch\u00fcssel glaubt man, Hieroglyphen zu erkennen, in einer anderen sieht man am Boden noch die Kratzspuren der Fingern\u00e4gel, die die Esser hinterlassen haben, denn hier wurde mit der Hand gegessen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Fundst\u00fcck ist ein Stein, mit dem das Skelett eines Tieres, einer Ente, verwachsen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles wird erst richtig in Kontext gebracht, als wir \u00fcber das Ausgrabungsfeld gef\u00fchrt werden, Gott sei Dank komplett unter Planen gelegen, so dass uns der Dauerregen nicht st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat hier eine ganz normale Siedlung ausgegraben, kein religi\u00f6ses oder staatliches Zentrum. Sie bestand aus &nbsp;mehreren kleineren Komplexen, jeweils mit bestimmten Bauten. Die D\u00e4cher sind alle eingest\u00fcrzt, aber die Mauern stehen und oft auch die Zwischenw\u00e4nde. Interessant das Haus der Schamanin, bei der die Ascheschicht die Hauswand st\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen, wie sich eine Ascheschicht \u00fcber die andere gelegt hat, insgesamt sind es 14. Der Ausbruch des Vulkans dauerte drei Wochen! Das geschah vor etwa 1400 Jahren, um das Jahr 650.<\/p>\n\n\n\n<p>El Salvador hat insgesamt 242 Vulkane, erfahren wir, von denen noch 36 aktiv sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat viele Alltagsgegenst\u00e4nde gefunden, auch Essensreste, und kann die Funktionen der einzelnen Bauten erstaunlich gut bestimmen: ein Wohnhaus, ein Schlafraum, eine Vorratskammer, eine Sauna, das Haus der Schamanin. Sogar eine Abfallgrube hat man gefunden, mit Scherben, Essensresten und sogar einem Hundezahn. Den hat man vermutlich entsorgt, weil sich die Kinder daran h\u00e4tten schneiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vorratskammer hat man Kakao, Mais, Agave, Chile und Korn gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Maguey wurde gefunden, aber hier wurde es nicht f\u00fcr die Produktion von Tequila benutzt, sondern f\u00fcr die Produktion von Zwirn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Fundst\u00fcck ist eine Maske aus Hirschgeweih, die aber nicht ausgestellt ist, weil sie zu zerbrechlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ganz besonders sind Funde aus Jade, denn die gab es hier nicht. Sie resultierten aus dem Handel mit V\u00f6lkern in Guatemala, die daf\u00fcr Mais bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sauna, mit erhitzten Steinen und Kr\u00e4utern betrieben, war keine Sauna in unserem Sinne, sondern eine rituelle Angelegenheit. Es ging um spirituelle Reinigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus der Schamanin ist als Haus einer h\u00f6hergestellten Person zu erkennen, unter anderem dadurch, dass es das einzige mit einer <em>celos\u00eda<\/em> ist, einem Gitterfenster, durch das man nach drau\u00dfen, aber nicht nach drinnen sehen kann, so, wie man sie auch an arabischen Pal\u00e4sten findet. Woher wei\u00df man, dass es sich um eine Frau handelte? Weil in einer Vertiefung vor dem Eingang des Hauses <em>malacates<\/em> gefunden wurden, kleine rundliche Keramikst\u00fccke mit einem Loch in der Mitte, die beim Weben und Spinnen benutzt wurden und mit der weiblichen Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besonderheit bei der Architektur von Joya de Cer\u00e9n ist der Gebrauch von Erde beim Bau der H\u00e4user, da andere Materialien nicht verf\u00fcgbar waren. Dabei kam besonders eine Technik zum Einsatz, die man <em>bajareque<\/em> nennt, wohl der Gebrauch von Rohr und Lehm zur Verst\u00e4rkung der Erde. Es hat sich herausgestellt, dass diese Bauweise besonders resistent gegen Erdbeben ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss bleibt noch die Frage der Fragen: Warum hat man keine menschlichen Skelette gefunden? Haben die Menschen sich alle rechtzeitig retten k\u00f6nnen? Oder ist das jetzige Ausgrabungsfeld nur ein kleiner Teil einer gr\u00f6\u00dferen Siedlung, die es noch zu entdecken gilt?<\/p>\n\n\n\n<p>Tolle Frage zum Schluss, aber wir k\u00f6nnen noch nicht Schluss machen, da es so f\u00fcrchterlich regnet, dass wir uns alle unter der Plane verstecken. Das gibt Rina Gelegenheit, sich mit unserer F\u00fchrerin, Julia, zu unterhalten. Deren Traum war es immer gewesen, Arch\u00e4ologie zu studieren, aber daf\u00fcr hatte sie kein Geld. Dann hat sie irgendwas mit Tourismus studiert und kann jetzt hier ihrer Leidenschaft f\u00fcr Arch\u00e4ologie fr\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rina hat die Besichtigung auch gut gefallen, aber sie hat jetzt noch eine lange Fahrt durch das dunkle San Salvador mit verstopften Stra\u00dfen vor sich. Sie bringt mich aber sicher nach Hause und sagt, sie wolle sich mit Ana Gladys kurzschlie\u00dfen, um zu sehen, ob wir morgen etwas gemeinsam unternehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>16. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute soll es zum Boquer\u00f3n gehen, dem Hausvulkan San Salvadors. Ana Gladys hat mir die Adresse f\u00fcr den Treffpunkt geschickt, und ich habe sie zur Sicherheit handschriftlich notiert. Ich sage dem Taxifahrer, wohin ich will, und zeige ihm vorsorglich noch die Adresse auf meinem Notizblock. Kein Problem, das kenne er, da k\u00f6nne er mich hinfahren. Kaum sitzen wir, schon fragt er, wie war das noch mal mit der Adresse? Er gibt etwas in sein Handy ein, und los geht die Fahrt. Als wir auf das Ziel zufahren, wird er unsicher, verf\u00e4hrt sich und sucht dann auf dem gro\u00dfen Gel\u00e4nde des Einkaufszentrums nach dem <em>Pollo Campero<\/em>. Da erscheint tats\u00e4chlich ein Schild mit diesem Namen, und kurz daneben <em>Ciudad Merliot<\/em>, eine andere Angabe aus der Adresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erst halb neun, ich gehe abwechselnd rein in das Einkaufszentrum und dann wieder vor den Eingang. Es wird 9 Uhr, es tut sich nichts. Ich warte noch mal eine Viertelstunde, immer noch nichts. Dann versuche ich es mit einem Anruf, komme aber nicht durch. Dann sehe ich auf der T\u00fcr des <em>Pollo Campero<\/em>, dass es hier gratis Zugang zum Internet gibt. Ich gehe rein und frage. Das Internet funktioniert nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es halb zehn. Ich frage einen Wachmann und zeige ihm die Adresse. Ja, dies ist <em>Pollo Campero<\/em> und dies ist <em>Ciudad Merliot<\/em>, aber dies ist nicht <em>Las Ramblas<\/em>. Der Taxifahrer hat mich an den falschen Ort gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wachmann ruft ein Taxi, und dieser Taxifahrer wei\u00df gut Bescheid. Inzwischen erreiche ich Ana Gladys und sage, dass ich unterwegs bin. Der Taxifahrer setzt mich vor dem <em>Pollo Campero<\/em> ab. Drinnen ist es rappelvoll, verschiedene R\u00e4ume, fast alle Tische besetzt. Keine Spur von Ana Gladys. Bin ich etwa wieder im falschen Lokal? Als ich so verloren durch die Reihen gehe, kommt pl\u00f6tzlich eine unbekannte Frau auf mich zu: \u201eAre you looking for someone?\u201c Es ist Ana Gladys Schwester, die zuf\u00e4llig mit ihrer Familie hier ist, und wei\u00df, dass Ana Gladys gerade zur Toilette gegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erscheint sie und f\u00fchrt mich zum Auto, wo Rina bereits wartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zu Ana Gladys. Ein sch\u00f6nes Haus mit einem Garten, der zu allen Seiten Pflanzen als Sichtschutz hat. An einer Wand wachsen Minze, Oregano, Rosmarin, alle intensiv duftend.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes lerne ich das M\u00e4dchen kennen, das heute auf die Tochter aufpasst, dann den Sohn, dann den Mann und dann die Tochter. Der Sohn ist der mit der armenischen Vergangenheit. Und er wei\u00df nat\u00fcrlich, wo Ludwig wohnt, sein deutscher Freund. In Speyer. Er ist selbst dort gewesen und hat bei der EM 2020 in einer Kneipe ein Spiel gesehen, das Deutschland gegen Frankreich verloren hat. Die beiden sprechen Englisch miteinander.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ana Gladys\u2018 Mann begr\u00fc\u00dft mich mit ausgesuchter H\u00f6flichkeit. Er spricht langsam und deutlich, und es klingt alles ein bisschen wie ein Vortrag. Er liebt den Konjunktiv. Er scheint immer wieder Strukturen zu suchen, die den Konjunktiv erfordern, vor allem den Konjunktiv Imperfekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt die Tochter, klein, etwas verwachsen. Sie sieht wie 12 aus, ist aber 24. Sie hat keine Luftr\u00f6hre und keine Speiser\u00f6hre. Ein Geburtsfehler. Wie Ana Gladys mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, muss alle Nahrung zu Brei verarbeitet und k\u00fcnstlich eingef\u00fchrt werden. Es ist bewegend, wie sie mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, wie sie und ihr Mann zun\u00e4chst mit ihrem Schicksal gehadert, es dann aber angenommen haben. Die Tochter macht einen ganz aufgeweckten Eindruck. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt mir Ana Gladys, dass sie einen Videokanal betreibt und 2.000 Abonnenten hat. Da k\u00f6nnen sich andere noch eine Scheibe von abschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir den Berg rauffahren \u2013 wenn ich das richtig verstanden habe, ist das der \u00e4u\u00dfere Hang des Vulkans \u2013 kommt die Rede auf einmal auf die Wahl zur Miss Universum. Die fand letztes Jahr hier in El Salvador statt. Da geh\u00f6rte der Vulkan auch zum Besichtigungsprogramm. Die Wahl hat eine Frau aus Nicaragua gewonnen, aus ganz einfachen Verh\u00e4ltnissen kommend. Sie hat alle beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Any Gladys Mann, Jorge, sagt mit einigem Pathos, hier k\u00f6nne man in den Bergen fr\u00fchst\u00fccken, am Meer zu Mittag essen und in der Stadt zu Abend essen. Diesen Spruch bringt er im Laufe des Tages noch zweimal. An Originalit\u00e4t gewinnt er dabei nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einer Art Landhotel vorbei, San Cristobal. Dort, sagt Ana Gladys, verbringe sie einmal im Monat zusammen mit Jorge und manchmal auch mit ihrer Tochter eine Nacht. Damit ich das auch richtig verstehe, wiederholt sie das im Laufe der Zeit noch dreimal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vegetation ist hier besonders \u00fcppig. Kein Wunder bei all dem Regen. Oder hat das was mit dem fruchtbaren Vulkanboden zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sieht man einen zweiten H\u00fcgel, den Picacho. Der wurde beim letzten Vulkanausbruch, 1917, gebildet, durch den Auswurf aus dem Vulkankrater. Bei diesem Ausbruch verschwand auch die Lagune im Boquer\u00f3n. Auf einem Photo in der Ausstellung sieht man noch ein Boot \u00fcber das Wasser fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen das Auto stehen und gehen zu Fu\u00df weiter. Vor dem Eintritt in den eigentlichen Park liegt ein Restaurant mit Aussichtsterrasse. Hier sind wir die einzigen. Wir bestellen Kaffee und <em>pupusas<\/em>. Die sind hier ausgesprochen lecker, besser als die aus Olocuita.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gespr\u00e4ch schnappe ich ein neues Wort auf, <em>muy yuca<\/em>. Das bedeutet \u201asehr schwer\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Jorge hat als junger Mann f\u00fcnf Jahre in New York gelebt. Daran hat er viel konkretere Erinnerungen als an all die anderen Jahre davor und danach. Er schw\u00e4rmt von New York und m\u00f6chte immer wieder dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gerade von den Wahlen in den USA die Rede gewesen ist und die M\u00f6glichkeit diskutiert wird, dass bis zu 100.000 Salvadorianer zur\u00fcckgeschickt werden, frage ich, wie das denn bei ihm gewesen sei mit der Einwanderung. Er sei auch illegal dagewesen, sagt er. Das ging ohne weiteres. Das Gehalt gab es blank auf die Hand. Ob denn nie jemand nach einer Aufenthaltserlaubnis oder einer Arbeitserlaubnis gefragt habe, will ich wissen. Nein, er habe sogar ein Auto dort gekauft. Alles lie\u00df sich mit seinem Pass aus El Salvador regeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie kommt die Rede auf die EU. Der deutsche Freund ihres Sohns habe irgendwelche Schwierigkeiten. Da sei doch ein Land aus der EU ausgetreten. Frankreich? Deutschland? Ach ja, England, das war es!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der gemeinsamen Reise nach Italien, erz\u00e4hlt Jorge, habe er die amerikanischen Lokale vermisst. Die Italiener h\u00e4tten ja keine Ahnung von Fast Food. Immer nur <em>panini<\/em>. Da k\u00f6nne man ja stundenlang durch die Gegend fahren, ohne auf einen McDonalds zu sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Unterhaltung f\u00e4llt mir auf, dass die anderen sich siezen, mich aber duzen. Leider verpasse ich es, darauf zu achten, ob auch die Eheleute sich untereinander siezen. Das <em>voseo<\/em> habe ich noch nirgendwo geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es in den Park selbst geht, m\u00fcssen wir Eintritt bezahlen, aber zwei der anderen kommen als Senioren kostenlos rein. Ich werde gefragt, woher ich k\u00e4me, und da sagt einer der Uniformierten: \u201eAus Deutschland? Herzlich willkommen in El Salvador!\u201c Er gibt mir die Hand: \u201eEs ist mir eine Freude, sie kennenzulernen!\u201c. Und als wir uns weiter unterhalten, benutzt er irgendwann das Wort <em>hammerhart<\/em>. Er war, wie Rina, als politischer Fl\u00fcchtling im Ausland, in Deutschland. Rina erz\u00e4hlt von ihrem Exil in Schweden, und dann stellt sich heraus, dass er auch in Schweden war, in Malm\u00f6. Und auch Schwedisch spricht. Da werfen wir uns zu dritt schwedische sprachliche Brocken zu, an einem Krater mitten in El Salvador! Als wir uns auf den Weg machen, ruft mir der Mann noch hinterher: \u201eIch w\u00fcnsche Ihnen eine gute Wanderung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wege bei dem Aufstieg zum Kraterrand sind sehr gut angelegt, selbst Rina in ihren Sandalen kommt hier gut rauf. Ja, das habe die neue Regierung gemacht, sagt Ana Gladys, das m\u00fcsse man ihr lassen, sie f\u00f6rdere den Tourismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand gelbe glockenartige Blumen. Es wird eine Zeitlang \u00fcberlegt, wie die noch mal hie\u00dfen. Einer der Wachm\u00e4nner wei\u00df die Antwort: <em>floripondio<\/em>. Das Internet sagt mir sp\u00e4ter, dass sie auf Deutsch <em>Engeltrompete<\/em> hei\u00dft. Rina erz\u00e4hlt, sie habe halluzinogene Wirkung. Schon ein ganz klein bisschen davon k\u00f6nne einen einschl\u00e4fern. Einem italienische Touristen hier an der K\u00fcste hat sie das Leben gekostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen immer h\u00f6her, man hat hier drei verschiedene Aussichtsplattformen errichtet, von denen aus man aus immer einem anderen Winkel in den Krater gucken kann. Ganz unten sieht man eine Auslassung im Boden. Dort k\u00f6nnte sich die Lagune befunden haben. Alle Seiten des Kraters sind gr\u00fcn, nur an einer Stelle kommt der Felsen durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana Gladys sagt, schade dass es heute so neblig ist. Sonst k\u00f6nne man von hier aus die ganze Stadt und an einem klaren Tag sogar bis ans Meer sehen. Damit ich das auch richtig verstehe, wiederholt sie es auf jeder Aussichtsplattform.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zum Auto zur\u00fcck und bleiben an einem Verkaufstisch stehen. Ich komme etwas eher an und frage die Frau, ob ich ein Photo machen kann. Sie hat Blumen auf dem Tisch und Obst, in kleinen Portionen sch\u00f6n pr\u00e4sentiert: Jocotes, Granat\u00e4pfel, Guayaba, Litschis und Brombeeren. So gro\u00dfe Brombeeren habe ich noch nie gesehen. Aber Cristina erkl\u00e4rt mir sp\u00e4ter, die seien schon gegoren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter runter. Pl\u00f6tzlich bleibt Rina stehen. Am Wegesrand steht eine uralte Frau mit zerfurchtem Gesicht. Sie hat mehrere B\u00fcndel neben sich stehen. Rina \u00f6ffnet das Fenster und fragt die Frau, ob sie rauf oder runter wolle. Die Frau ist schwerh\u00f6rig, aber am Ende versteht sie, was wir wollen. Sie muss rauf, also falsche Richtung. Rina sagt, die Frau sei \u00fcber 90 und schleppe immer noch jeden Tag ihre B\u00fcndel den Berg rauf und runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich schon auf dem R\u00fcckweg nach San Salvador sehe, biegen wir pl\u00f6tzlich ab und fahren eine ganz einsame steile Stra\u00dfe rauf. Wir steigen vor einem Haus aus, und Ana Gladys sagt mir, f\u00fcr den Fall, dass ich meinen k\u00f6nnte, dass dies die <em>Plaza de la Libertad<\/em> ist: \u201eEsto es el campo.\u201c Lieber w\u00e4re mir, zu wissen, was wir hier machen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass wir eine weitere Freundin besuchen, Vidalia, und ihren Mann, Jos\u00e9. Herzliche Begr\u00fc\u00dfung durch die beiden. Wir setzen uns erst auf die Terrasse, m\u00fcssen dann aber vor dem Regen ins Haus fl\u00fcchten. Es gibt Obstsaft und etwas Geb\u00e4ck mit Oliven. Die w\u00fcrden aus Spanien importiert, erfahre ich. Ist das erste Mal auf der Reise, dass ich welche sehe. Sp\u00e4ter gibt es eine Suppe mit Bohnen und Schweinefleisch. Die schmeckt sensationell gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beobachte eine kleine sprachliche Marotte bei den anderen, vor allem bei Rina. Sie sagt <em>no<\/em>, auch wenn sie best\u00e4tigen will, was du sagst: \u201eLo sopa est\u00e1 riqu\u00edsima. \u2013 No, Vidalia es una buena cocinera.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vidalia spricht am Anfang besonders deutlich und langsam mit mir, dann merkt sie, dass das nicht n\u00f6tig ist. Bei ihrem Mann, einem pensionierten Juristen, ist das anders. Er tr\u00e4gt in wohlgesetzten Sentenzen vor, wie auf dem Katheder, sinniert laut nach \u00fcber das Altwerden, die Bewegung, die Gesellschaft. Am meisten interessiert ihn Rechtsphilosophie, und er nennt einen deutschen Rechtsphilosophen, von dem ich noch nie geh\u00f6rt habe. Er spricht sehr abstrakt, am Anfang bin ich gespannt aufmerksam, aber dann kann ich nicht mehr folgen. Die anderen f\u00fchren l\u00e4ngst ein eigenes Gespr\u00e4ch. Er macht immer weiter, ohne jemals eine Frage an mich zu stellen oder mich sonst irgendwie einzubinden. Irgendwann merkt Rina, was los ist und rettet mich mit irgendeiner Frage zum politischen System in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erz\u00e4hle von einigen sprachlichen Entdeckungen, die ich gemacht habe im Laufe der Tage, und Vidalia reagiert so, wie das viele tun. Sie erkl\u00e4rt, was die W\u00f6rter bedeuten, von denen ich gerade gesagt habe, dass ich sie gelernt habe. Habe mich immer schon gefragt, was f\u00fcr einen Zweck das hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir drinnen sitzen, sieht Jorge gebannt auf sein Handy. Barcelona gegen Real Madrid. Was? Die haben doch vor zwei Wochen gerade gegeneinander gespielt. Es ist Frauenfu\u00dfball. Aber er interessiert sich f\u00fcr alles. Und ist gut im Bilde. Hier verfolge man in erster Linie die spanische und die englische Liga. Er ist Anh\u00e4nger von Bar\u00e7a und City. Da gibt es noch Verbesserungsbedarf. Spricht aber auch mit Respekt von dem, was Xabi Alonso in Leverkusen bewirkt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rede kommt auf Vidalia und was sie so treibt. Sie baut ihren eigenen Kaffee an und betreibt <em>caba\u00f1as<\/em>. Das sind Ferienh\u00e4user. Meist von Nordamerikanern gemietet. Sie hat das alles hier selbst aufgebaut, B\u00e4ume gepflanzt, Wege angelegt, die ganze Anlage geplant. Wie kommen denn ihre G\u00e4ste zu ihr? Hat sie irgendeine Internetplattform? Nein, das spreche sich einfach so rum. Die meisten G\u00e4ste seien Wiederholungst\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen sprechen mit Hochachtung von ihr, sie aber auch von sich. Sie lebe im Einklang mit der Natur, verstehe etwas von Architektur, bezahle ihre Arbeiter gut. Deren Kinder k\u00f6nnten so zur Universit\u00e4t gehen. Ihr Auftritt erinnert mich an die spanische Redewendung <em>No tiene abuela<\/em>. Wenn man keine Oma hat, die das tut, muss man sich eben selbst loben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist auch politisch engagiert, und es entwickelt sich ein reges politisches Gespr\u00e4ch, ganz facettenreich. Jos\u00e9 bleibt die ganze Zeit stumm, Ana Gladys schaut auf ihr Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>El Salvador, hei\u00dft es, sei einst der zweitgr\u00f6\u00dfte Kaffeeproduzent der Welt gewesen. Und was ist dann passiert, will ich wissen. Die Preise w\u00fcrden von einer Handelsgesellschaft bestimmt, die ihren Sitz ausgerechnet in London habe. Die w\u00fcrden die Preise diktieren, und da fiele f\u00fcr den Produzenten selbst wenig ab. Ja, gut, sage ich, aber das erkl\u00e4rt noch nicht, warum El Salvador jetzt nicht mehr so viel Kaffee produziert. Dann kommt die Rede auf den B\u00fcrgerkrieg. Jetzt kommen wir der Sache n\u00e4her. Im B\u00fcrgerkrieg wurden viele Kaffeeplantagen von den linken Rebellen zerst\u00f6rt, einfach um die Wirtschaft und die herrschende Oligarchie zu schw\u00e4chen. Dazu kam eine Plage, spanisch <em>roya<\/em>, eine Art Getreiderost, der auch den Kaffee sch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Zusammenhang f\u00e4llt auch der Name Bukele. Von dem halten sie gar nichts. Er sei jetzt auch Kaffeeplantagenbesitzer. Dabei habe er einfach einen Kaffeeplantagenbesitzer enteignet und sich selbst an dessen Stelle gesetzt. In der Innenstadt gebe es St\u00e4nde, an denen man gratis eine Tasse Kaffee vom Pr\u00e4sidenten kredenzt bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam wird es Zeit f\u00fcr den Aufbruch. Rina hat noch eine Taufe, Jorge hat heute noch ein Fu\u00dfballspiel. Er spielt in einer Amateurmannschaft, in einer Liga, in der verschiedene Berufsmannschaften gegeneinander spielen, verkleinertes Spielfeld, 2 x 35 Minuten. Er selbst spielt bei den \u00c4rzten, obwohl er eigentlich bei den Beamten spielen m\u00fcsste, aber das sehe man nicht so eng. Er spielt im Mittelfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Kopf ist zu, und ich hoffe inst\u00e4ndig, dass es jetzt nach Hause geht. Aber wir m\u00fcssen noch Halt bei San Cristobal machen. Ana Gladys will mir unbedingt das tolle Hotel zeigen, in dem sie \u00fcbernachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zimmer liegen auf einer erh\u00f6hten Terrasse, man braucht nicht in das Hotel rein, man hat von au\u00dfen Zugang zu ihnen. Es wird extra eine Zimmerfrau &nbsp;gerufen, die das Zimmer aufschlie\u00dfen soll. Ich habe meine helle Freude daran, sie dabei zu beobachten, wie sie mit zwei Schl\u00fcsseln in zwei Schl\u00f6ssern, mal nach rechts, mal nach links, vergeblich versucht, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Ich sehe mich selbst an ihrer Stelle stehen. Dann geht die T\u00fcr doch auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer ist sch\u00f6n, mit einer sch\u00f6nen Aussicht, aber nicht umwerfend sch\u00f6n, und mit keiner umwerfend sch\u00f6nen Aussicht. Ana Gladys zeigt mir mit Stolz jedes Teil, von der Mikrowelle bis zum Fernseher, und betont, wie toll das alles sei. Und dann folgt noch, als Belohnung f\u00fcr mein geduldiges Zuh\u00f6ren, die Information, dass sie jeden Monat einmal mit ihrem Mann und manchmal mit ihrer Tochter hierherkomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auf den Innenhof und Ana Gladys sagt mir, ganz ergriffen von ihrer eigenen Ergriffenheit, El Salvador sei ein wundersch\u00f6nes Land. Und seine Einwohner \u2013 fast alle \u2013 ganz wunderbare Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck. Auf dem R\u00fcckweg frage ich Rina, ob ihr Name eine Abk\u00fcrzung sei, Caterina oder so. Nein, sagt sie, der Name sei biblisch. Sie habe ihre Mutter kurz vor ihrem Tod einmal gefragt, warum sie diesen Name gew\u00e4hlt habe. Die Mutter hat ihr gesagt, Rina, das sei der Name einer Lehrerin, die ihr in der Grundschule immer etwas zu essen gegeben habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen die anderen zu Hause ab, und Rina setzt mich dann an unserem morgendlichen Treffpunkt ab. Hier kann ich einkaufen, finde dann aber weit und breit kein Taxi. Ich laufe, inzwischen ziemlich bepackt, im Dauerregen an der vielbefahrenen Stra\u00dfe entlang und dann immer wieder auf den Parkplatz des Einkaufszentrums. Es ist wie verhext. Kein Taxi weit und breit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gehe ich todesmutig \u00fcber die Stra\u00dfe und treffe dort auf eine offensichtlich wartende junge Frau. Sie sagt, ja, ich k\u00f6nne jeden beliebigen Bus ins Zentrum nehmen und h\u00e4lt den n\u00e4chsten besten f\u00fcr mich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme nur noch einen Stehplatz an der ge\u00f6ffneten T\u00fcr. Dem Fahrer, der ziemlich durch die Gegend brettert, gebe ich \u00fcber die anderen Passagiere hinweg mein Geld, und er gibt das Wechselgeld auf dem gleichen Wege zur\u00fcck. Die Fahrt kostet 30 Cent. Allm\u00e4hlich komme ich von der T\u00fcr weg. Je weiter man kommt, umso stickiger wird es. Das mit der offenen T\u00fcr hat schon seinen Sinn. \u00dcber mir dr\u00f6hnt aus dem Lautsprecher monotone Hip-Hop-Musik. Eine Frau bietet mir ihren Platz an, aber ich bleibe stehen. Ob wir schon in der N\u00e4he des Zentrums seien? Da muss sie fast lachen. Nee, das dauere noch eine Weile. Sp\u00e4ter bietet mir eine Frau an, meine T\u00fcten auf ihren Scho\u00df zu nehmen, aber dummerweise nehme ich das Angebot nicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann leert sich der Bus, und ich steige auf gut Gl\u00fcck irgendwo aus. In der Ferne sehe ich die Kuppel der Kathedrale. Hier aber wimmelt es nur so von Verkaufsst\u00e4nden. Der Unterschied zwischen den ungepflasterten Stra\u00dfen hier und denen um die Kathedrale herum ist frappierend.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he des Kathedralplatzes organisiert eine junge Frau die Taxidienste, mit Funkverehr. Sie ruft mir ein Taxi. Ich frage nach dem Preis: 6 $. Ist das nicht ein bisschen viel? Ja, normalerweise 5 $, aber durch die \u00dcberschwemmungen sei der Verkehr so schlimm, dass sie etwas mehr nehmen m\u00fcssten. Ob es durch die \u00dcberschwemmung ist oder nicht, auf jeden Fall hat der Taxifahrer seine liebe Not und M\u00fche, sich durchzuk\u00e4mpfen, erst zwischen den Verkaufsst\u00e4nden und den Menschenmassen hindurch, dann \u00fcber verstopfte Kreuzungen. Er kann sich den einen oder anderen Fluch nicht verkneifen. Setzt mich dann aber vor der Haust\u00fcr ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sind gerade neue G\u00e4ste eingetroffen, zwei junge M\u00e4nner aus Belgien, die in Kanada leben. F\u00fcr ein oder zwei Kleinigkeiten ist meine \u00dcbersetzungshilfe gefragt. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, sie erz\u00e4hlen von Costa Rica und fragen mich nach Honduras.<\/p>\n\n\n\n<p>Cristina sagt, die beiden seien schon mal hier gewesen. Das ist doch immer ein gutes Zeichen, wenn jemand wiederkommt. Das findet sie auch. Wie um zu zeigen, wie verdient das Lob ist, k\u00fcmmert sie sich dann um mein Obst, w\u00e4scht es mit Wasser aus einer extra daf\u00fcr vorgesehenen Vorrichtung und gibt mir noch ein paar Tipps zur Aufbewahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>17. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio h\u00f6re ich, dass der Dosen\u00f6ffner erst 60 Jahre nach der Konservendose erfunden wurde. Bis dahin musste man den Konserven mit Axt und S\u00e4ge zu Leibe r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kanadier haben Fr\u00fchst\u00fcck bestellt, und Cristina fragt mich, ob ich mit ihnen fr\u00fchst\u00fccken wolle. Sie finden es hier bei Cristina auch sehr sch\u00f6n, sch\u00e4tzen es vor allem, mal wieder warmes Wasser in der Dusche zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlen von einem Ausflug zu einem Vulkan irgendwo hier im Lande, wo sie die Nacht drau\u00dfen verbracht haben. Und von einer Fahrt mit einem flugzeugartigen Gef\u00e4hrt \u00fcber eine ruckelige Stra\u00dfe, bei der sie ganz sch\u00f6n durchgesch\u00fcttelt wurden. Den R\u00fcckweg haben sie dann hinten auf einem Pick-up sitzend zur\u00fcckgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Panama haben sie in acht Stunden besichtigt, zwischen Ankunft aus Montreal und Abflug nach El Salvador. Sie haben direkt am Flughafen ein Tour gebucht und haben sowohl die Stadt als auch den Kanal besichtigt.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gehen sie ins Stadion, El Salvador spielt in der amerikanischen <em>Nations League<\/em> gegen Montserrat. Das ist ein winziger Staat auf den kleinen Antillen, ein britisches \u00dcberseegebiet. F\u00fcr El Salvador ist es ein wichtiges Spiel. Sie wollen die Tabellenf\u00fchrung festigen und in die Liga A aufsteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, gegen Vormittag l\u00e4sst der Regen etwas nach, aber bei mir springt heute nichts als ein kleiner Spaziergang in der Nachbarschaft heraus. Bei der Gelegenheit will ich kurz ausspionieren, wo sich Nelly befindet, ein Restaurant, das Cristina empfohlen hat. Es stellt sich aber heraus, dass es nicht gerade um die Ecke liegt, wie sie mir gesagt hatte, sondern mehr als drei Kilometer entfernt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen lande ich bei Elsy\u2019s, einer Konditorei mit wunderbaren Torten in der Auslage. Die Temperatur ist auf Iglu-Niveau heruntergek\u00fchlt, aber das Tortenst\u00fcck, das ich zu dem Kaffee bekomme, ist ein Gedicht. Beides zusammen f\u00fcr 2,30 $.<\/p>\n\n\n\n<p>18. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist besser, eine Tasse Kaffee oder eine Tasse Tee? Was den \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck betrifft? Eindeutig: eine Tasse Tee. Der Tee braucht weniger Anbaufl\u00e4che, weniger Wasser, und von den geernteten Teebl\u00e4ttern bleibt mehr \u00fcbrig als von den geernteten Kaffeebohnen. Dazu kommt, dass man nur ca. 3 Gramm Tee pro Tasse braucht, aber 6 bis 8 Gramm Kaffee. Au\u00dferdem ist die Verarbeitung des Kaffees aufw\u00e4ndiger ist als die des Tees. Der Kaffee wird getrocknet, gewaschen, ger\u00f6stet, gemahlen, der Tee im Wesentlichen nur getrocknet. Der lose Tee ist besser als der Beuteltee, aber da ist der Unterschied nicht so gro\u00df. Was mir aber das Wichtigste erscheint: Alle diese Faktoren verblassen gegen\u00fcber dem Faktor, der fast alles entscheidet: Das Kochen des Wassers bei der Zubereitung. Das nimmt mehr Energie in Anspruch als alles andere vorher zusammen! Am wenigsten schl\u00e4gt der Transport zu Buche. Der erfolgt meistens per Schiff, und da spielen ein paar Container Tee oder Kaffee kaum eine Rolle!<\/p>\n\n\n\n<p>Der ungebetene Gast hier hei\u00dft Sara, ein tropischer Regensturm. W\u00e4hrend es hier \u201enur\u201c regnet, sieht es in Honduras viel d\u00fcsterer aus. Dort hat es Erdrutsche und \u00dcberschwemmungen und einst\u00fcrzende Br\u00fccken gegeben. Es scheint allgemein so zu sein, dass El Salvador durch die Berge von Honduras immer noch einigerma\u00dfen davonkommt, auch bei Hurrikans, die voll auf Honduras, Cuba und den S\u00fcden der USA treffen, aber hier nur sekund\u00e4re Wirkung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kanadier fliegen heute zur\u00fcck. Nur einer von ihnen lebt in Kanada, in Montreal, ist aber erst als erwachsener Mann ausgewandert. Es hat beide P\u00e4sse und den Fehler gemacht, hier mit seinem kanadischen Pass eingereist zu sein. Dadurch musste er eine Geb\u00fchr bezahlen, mit dem belgischen w\u00e4re er gratis reingekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind beim Fu\u00dfball gestern ordentlich nass geworden. El Salvador hat gewonnen, 1:0, aber Montserrat habe sich gut geschlagen, sagen sie. Es hat gerade mal 5.000 Einwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber die alten Zeiten im Fu\u00dfball und das Sammeln von Panini-Bildern. Ich erinnere mich noch von ganz fr\u00fcher an Paul van Himst, aber das war vor ihrer Zeit. Er spielte f\u00fcr RSC Anderlecht. Das ist der Verein des Kanadiers, der andere h\u00e4lt zu Standard L\u00fcttich. Er versteht erst gar nicht, als ich das sage, dass damit Li\u00e8ge gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy hat heute frei und will mich zur <em>Puerta del Diablo<\/em> fahren, einer besonderen Steinformation, einem klassischen Ausflugsziel in San Salvador. Aber der Ausflug f\u00e4llt ins Wasser, im w\u00f6rtlichen Sinne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute fehlen auch die Stra\u00dfenk\u00fcnstler, die man sonst an den Kreuzungen sieht, Jongleure, Stelzenl\u00e4ufer, Autoscheibenputzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy schl\u00e4gt vor, einfach eine Runde im Auto durch die Stadt zu drehen, und das machen wir dann auch. Wir kommen an einem Gymnasium vorbei (\u201eeins der besten\u201c), an einer Leichenhalle, an der <em>Plaza Salvador del Mundo<\/em>, an einer Methodistenkirche, die aussieht wie das Empire State Building in klein, an der amerikanischen Botschaft (\u201eder gr\u00f6\u00dften der Welt\u201c), an einem Park, an einem Einkaufszentrum, an noch einem Einkaufszentrum, an noch einem Einkaufszentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einer Klinik vor, ein ziemlich niedriger Zwillingsbau. Sie erkl\u00e4rt die Bauweise als Resultat der Erfahrung mit Erdbeben, die gr\u00f6\u00dfere Geb\u00e4ude zum Einsturz gebracht h\u00e4tten. Dagegen spricht aber das riesige Gerichtsgeb\u00e4ude, an dem wir sp\u00e4ter vorbeikommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten zeigt sie mir, wo es teure H\u00e4user gibt, und nennt mit Ehrfurcht die Preise. Mit <em>Haus<\/em> ist in der Regel ein Einfamilienhaus gemeint, aber auch die Wohnungen in den teuren Wolkenkratzern am Fu\u00dfe des Vulkans z\u00e4hlen dazu. Auf dem R\u00fcckweg kommen wir auch noch an dem Stadion vorbei, dem <em>Estadio Cuscatl\u00e1n<\/em>, schon ganz in der N\u00e4he meiner Wohnung. Das Wort Cuscatl\u00e1n ist in den letzten Tagen immer wieder aufgetaucht, es scheint eine \u00e4ltere Stadt zu sein, die jetzt mit San Salvador verw\u00e4chst. Auch hier gibt es teure H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen essen in dem Lokal einer Kette mit dem Namen San Mart\u00edn. Sie isst Lasagne, ich esse einen Salat. Dazu gibt es einen Saft, den ich noch nie getrunken habe. Sieht blau-gr\u00e4ulich aus, und die winzigen Samen schwimmen oben im Glas. Die Frucht hei\u00dft Chia, wird hier aber <em>chan<\/em> genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen regnet es weiterhin in Str\u00f6men. Das Wetter kann sie sich \u00fcberhaupt nicht erkl\u00e4ren. So eine Regenperiode um diese Zeit, das habe sie noch nie erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Fenster f\u00e4llt mein Blick auf ein Firmenschild au\u00dferhalb: Freund. Wir gehen rein, einfach um zu sehen, was das ist. Es ist kein Einkaufszentrum, wie ich vermutet habe, sondern \u2013 ein Baumarkt! Mein erster lateinamerikanischer Baumarkt. Die Artikel, alle sehr s\u00e4uberlich pr\u00e4sentiert, scheinen chinesischer Provenienz zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fahren wir nach Santa Tecla und an Jessys Arbeitsstelle vorbei, der Gerichtsmedizin. Sie arbeitet seit 22 Jahren dort. Viel ver\u00e4ndert habe sich nicht, sagt sie, nur die Protokolle seien umst\u00e4ndlicher geworden. Sp\u00e4ter fahren wir auch noch an dem Gerichtsgeb\u00e4ude vorbei, wo sie als Expertin aussagen muss, wenn die Todesf\u00e4lle ungekl\u00e4rt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat heute Nachtdienst gehabt, bis um 7 Uhr, hat dann ihre demente Mutter, die am Wochenende bei ihr wohnt, zu ihrem Haus gefahren, wo sie w\u00e4hrend der Woche betreut wird, und hat dann noch das Auto in die Werkstatt bringen m\u00fcssen. Von M\u00fcdigkeit keine Spur, aber vielleicht ist sie nur zu h\u00f6flich, das zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00f6nne bei der Nachtschicht ganz gut schlafen, m\u00fcsse aber nat\u00fcrlich immer bereit sein. Heute Nacht habe es nur ein <em>levantamiento<\/em> gegeben, das muss wohl so Art Leichenschau sein, ein Verkehrsunfalltoter. Sie haben einen Fahrer und einen Sanit\u00e4ter. Sie selbst begutachtet die Leiche nur, sie braucht sie nicht zu ber\u00fchren. Sie muss bei ihrem Beruf schlimme Dinge erleben, spricht aber relativ gelassen dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg frage ich noch nach dem Dollar und der Einf\u00fchrung des Dollars als W\u00e4hrung. Ja, erst einmal sei das ein bisschen ein Verlust nationaler Identit\u00e4t. Auch sei es kostenintensiv f\u00fcr den Staat. Ob es unter dem Strich gut oder schlecht ist, will sie nicht sagen, es habe Vor- und Nachteile. Man dann aber noch eine Rechnung auf, die zeigen soll, dass die Eink\u00e4ufe f\u00fcr den Alltag fr\u00fcher mit dem Col\u00f3n g\u00fcnstiger waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sie vom Dollar spricht, sagt sie meist <em>Peso<\/em>. Ja, das sage man so, meint sie. Was sie aber nicht wei\u00df: Tats\u00e4chlich war Peso der Name der W\u00e4hrung, bevor der Col\u00f3n kam, der dann vom Dollar abgel\u00f6st wurde! Das habe ich in dem Museum in Santa Ana gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, erz\u00e4hlt Cristina, n\u00e4chste Woche komme ihr Sohn aus Deutschland zu Besuch. Ich verpasse ihn um zwei Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>19. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Cristina ist ganz aufgel\u00f6st. Sie hat Handwerker gehabt, die die Arbeit begonnen, aber nicht abgeschlossen und ihr jetzt gesagt haben, dass sie nicht wiederkommen. Und das, obwohl sie schon einen Vorschuss bekommen haben. Sie hat ein oberes Stockwerk des Hauses gemietet und will dort auch an Reisende vermieten. Das sollte alles bis Dezember fertig werden, denn Dezember ist der beste Monat. Da kommen die ganzen Exil-Salvadorianer nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Sohn kommt eher, denn er hat im Examens-Stress vergessen, sein Studentenvisum zu verl\u00e4ngern und muss jetzt mit einem Schreiben seines Arbeitgebers nach El Salvador kommen, hier 90 Tage bleiben und versuchen, das bei der Deutschen Botschaft zu regeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einem Fernbus f\u00fcr die Weiterreise sto\u00dfe ich auf ein Busunternehmen, das \u2013 auf Englisch \u2013 damit wirbt, dass es bei ihnen an Bord Fernsehen, verstellbare Sitze und ein WC gibt. Das WC hei\u00dft bei ihnen <em>Batroom<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessante kulturelle Erfahrung an der Supermarktkasse. Ich lege meine Waren auf das Band, und die Kassiererin fragt: \u201e\u00bfTicket?\u201c Was? Ticket? Brauche ich ein Ticket? H\u00e4tte ich irgendwo ein Ticket ziehen m\u00fcssen? Die Kassiererin merkt meine Verwirrung und kassiert einfach. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt Cristina: Man muss die Frage nach dem Ticket bejahen, wenn man eine besondere Rechnung, z.B. f\u00fcr gesch\u00e4ftliche Zwecke, ben\u00f6tigt!<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Santa Ana. Auf dem Weg zum Bushahnhof f\u00e4llt mir auf, dass bei den Autos hier asiatische Fabrikate vorherrschen: Toyota, Nissan, Hyundai, Kia. Dazwischen gelegentlich ein Chevrolet. Deutsche Fabrikate sieht man kaum, franz\u00f6sische und italienische auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Busbahnhof stehen auf dem ganzen Hof verstreut Dutzende von Bussen, aber man schickt mich sofort zu dem richtigen. Die Fahrt kostet gerade mal 1,30 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt 11 Uhr geht es los. Wir fahren eine geschlagene halbe Stunde im Schritttempo. Dann kommt ein Fahrerwechsel. Den nutzen ambulante Verk\u00e4ufer, um im G\u00e4nsemarsch durch den Gang zu eilen und laut rufend ihre Produkte anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir an einer Baustelle, aber danach geht es doch ganz z\u00fcgig weiter, \u00fcber eine Landstra\u00dfe in passablem Zustand. Viel von der Gegend sieht man nicht, da \u00fcberall die Vorh\u00e4nge zugezogen sind. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, aber es gibt Wolkenl\u00fccken, und es regnet nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt gibt mir Gelegenheit, etwas \u00fcber El Salvador zu lesen. Als erstes stolpere ich \u00fcber den Namen <em>Cuscatl\u00e1n<\/em>, den Namen der Stadt oder des Stadtteils, durch den wir gestern gekommen sind. Das ist der alte Name des Landes, von Einwanderern aus dem heutigen Mexiko, Azteken und Olmeken, mitgebracht. Er bedeutet \u201aLand der Juwelen\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor der Kaffee der gro\u00dfe Renner war \u2013 er machte Anfang des 20. Jahrhunderts 92% des nationalen Einkommens aus \u2013 war Indigo der wichtigste Exportartikel. Der geriet durch die Erfindung chemischer Fasern ins Hintertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die FMLN, die fr\u00fchere Guerillabewegung, kam, nachdem sie sich zu einer normalen politischen Partei entwickelt und in den Friedensverhandlungen wichtige Sozialreformen durchgesetzt hatte, 2009 an die Macht. Aber bei den n\u00e4chsten Wahlen reichte es nur noch zu einer Minderheitsregierung, und dann kamen Korruptionsskandale ans Licht und die Konservativen kamen an die Macht. Es verbreitete sich die Stimmung, dass links und rechts gleich korrupt seien, und das bereitete den Weg f\u00fcr den Populisten Bukele.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben mich hat sich ein hagerer, uralter, fast zahnloser Mann mit Ho-Chi-Min-Bart gesetzt. Er bewegt sich auf&nbsp; Kr\u00fccken. Die hat er an seine Seite gestellt. Seine Enkelin reicht ihm seine Brille, eine Brille mit dicken Gl\u00e4sern, und er liest in einer Zeitung, schl\u00e4ft aber nach zwei Minuten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Ziel wird er wach und spricht mich an. Ich habe h\u00f6llische Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, aber das eine oder andere Detail kommt am Ende doch dabei heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kommt aus San Miguel, einer Stadt im Osten des Landes, der zweitgr\u00f6\u00dften. Er bl\u00e4ttert in seiner Zeitung und zeigt am Ende auf eine Seite, wo Bilder von einem Sch\u00f6nheitswettbewerb zu sehen sind. Er zeigt auf die Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin und sagt voller Stolz, die komme aus San Miguel. Immer wieder f\u00e4llt das Wort Karneval, es scheint jetzt hier Karnevalszeit zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob er hier zu Besuch ist in Santa Ana, frage ich. Nein, er kommt zu einem Gerichtstermin. Irgendwer hat ihn auf der Stra\u00dfe angefahren, und es geht um Schmerzensgeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland komme, sagt er \u201e\u00bfAlemania?\u201c. Und dann, nach einigem Nachdenken: \u201e\u00a1Hitler!\u201c Und lacht in sich hinein. Hitler, ja das sei ein <em>p\u00edcaro<\/em> gewesen, ein Spitzbube. Aber ihm habe Deutschland zu verdanken, dass es ist, was es heute ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen, statt an einem Busbahnhof, am Stra\u00dfenrand aus. Hier ist ganz sch\u00f6n was los. Verkaufsst\u00e4nde, Imbissst\u00e4nde, Autos, Motorr\u00e4der, alles ziemlich durcheinander. Beim \u00dcberqueren der Kreuzung muss man h\u00f6llisch aufpassen, aber ich richte mich nach den Einheimischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Taxifahrer kann mit meiner Adresse nichts anfangen, er will unbedingt den Namen des Hotels wissen. Eine Frau an einer Tankstelle wei\u00df auch nicht Bescheid. Ein Passant r\u00e4t mir, den Bus zu nehmen und in die Innenstadt zu fahren. Gl\u00fccklicherweise bin ich leicht bepackt. Ein junger Mann zeigt mir, in welchen Bus ich einsteigen soll, steigt selbst mit ein und deutet, als ich ihn schon l\u00e4ngst aus den Augen verloren habe, an, wo ich aussteigen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum bin ich ausgestiegen, schon sehe ich \u00fcber die D\u00e4cher der H\u00e4user hinweg die Spitzen der T\u00fcrme der Kathedrale. Und auf dem Weg dorthin komme ich zuf\u00e4llig an der 1<sup>a<\/sup> Avenida Norte vorbei. Da ist meine Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe aber kurz zu dem zentralen Platz mit der Kathedrale. Die ist ganz unamerikanisch, neugotisch, aber so \u201egut\u201c gemacht, dass man glaubt, vor einer mittelalterlichen Kirche zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite des Platzes liegt das Theater, und ein Mann sagt mir sehr freundlich durch die Gitter hindurch, heute sei geschlossen, aber morgen gebe es ab 10 F\u00fchrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck zur 1<sup>a<\/sup> Avenida Norte, kann aber auf Gedeih und Verderb die Unterkunft nicht finden, obwohl ich auch die Querstra\u00dfen kenne, zwischen denen sie liegt. Die meisten haben keine Ahnung, aber eine junge Frau wei\u00df Bescheid: noch zwei Bl\u00f6cke weiter. Dann sagt mir ein Mann, da dr\u00fcben, das wei\u00dfe und gelbe Haus, da sehe er \u00f6fter Reisende ein- und ausgehen. Und er hat recht. Das ist das Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der T\u00fcr ein Gitter. Aber man kann durch die St\u00e4be greifen und das Gitter von innen aufmachen. Dann steht man vor der T\u00fcr. Dort ein Ger\u00e4t mit einem Display, das aber schwarz ist. Nach einigem Hin und Her \u00f6ffnet sich durch Ber\u00fchren ein Zahlenfeld. Ich gebe meine Ziffern ein und dr\u00fccke auf ein Symbol unten links. Nichts. Dann auf ein Symbol unten rechts. Wieder nichts. Pl\u00f6tzlich steht die junge Frau von vorhin neben mir. Ich solle mal beide Symbole gleichzeitig dr\u00fccken. Auch nichts. Oben&nbsp; an der Wand sei auch eine Klingel. Da m\u00fcsse doch jemand \u00f6ffnen. Es tut sich aber nichts. Sie bietet mir sogar an, ihr Telefon zu benutzen, aber ich habe keine Telefonnummer,&nbsp; kann den Vermieter nur \u00fcber die Plattform erreichen. Gibt es nicht vielleicht irgendwo ein Lokal, wo man Internetzugang hat? Ja, gibt es, das <em>Pollo<\/em> <em>Campero<\/em>. Sie begleitet mich dorthin. Sie hei\u00dft Ester. Sieht viel j\u00fcnger aus, aber ist schon 29 und hat bereits einen Universit\u00e4tsabschluss. Momentan betreibt sie einen Internethandel mit Kleidung, aber demn\u00e4chst wolle sie in die USA. Ihr Mann lebt bereits da.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Pollo Campero<\/em> funktioniert das Internet tats\u00e4chlich, und ich bekomme umgehend Antwort. Ich sei zu fr\u00fch, sagt der Vermieter, er habe die Verbindung noch nicht freigeschaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann klappt es mit dem Zutritt zu der Unterkunft. In meinem Zimmer, sehr bescheiden eingerichtet, liegt ein Schl\u00fcssel, aber es gibt keine weitere Information.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt weitere Zimmer und eine etwas schmuddelig aussehende K\u00fcche. Dann erscheint eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Sie zeigt mir, wo ich den Internetzugang finde und wie ich die Haust\u00fcr von innen und von au\u00dfen verschlie\u00dfen kann. Beim Verschlie\u00dfen von au\u00dfen muss man die Hand \u00fcber das Display legen. Wie man von selbst darauf kommen soll, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder zum <em>Parque Libertad<\/em>. So hei\u00dft hier der zentrale Platz mit der Kathedrale. Die ist der Nachfolgebau eines fr\u00fcheren Baus, der durch einen Blitz zerst\u00f6rt und dann endg\u00fcltig abgerissen wurde. Bei dem Neubau ging jeder koloniale Eindruck der Kirche verloren. Das erkl\u00e4rt, dass man sich hier wie in Europa vorkommt. Vielleicht mit der Ausnahme, dass die Kirche wei\u00df gefasst ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade, mit zwei aufgesetzten, spitz zulaufenden T\u00fcrmen, hat kein Bildwerk, aber gotische Fenster und einer Rosette. Lisenen mit gotischen Formen rhythmisieren die Fassade und betonen die Vertikale.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist auch innen der erste Eindruck. Der Blick geht automatisch in die H\u00f6he, auch die Seitenschiffe sind sehr hoch, fast in der Form einer Hallenkirche. Die S\u00e4ulen haben eine ungew\u00f6hnliche Farbe, so etwas wie altrosa.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstattung ist nichts Besonderes, die Gem\u00e4lde sind kitschig, und im Westen steht im s\u00fcdlichen Seitenschiff ein Christus mit Dornenkrone mit nat\u00fcrlichem Haar, der gruselig aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Seitenaltar die mexikanische Flagge. Gleich im Doppelpack. Die Madonna muss die <em>Virgen de Covadonga<\/em> sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Einzig ganz sch\u00f6n die Figur des Hl. Rochus, der seinen Rock anhebt, um auf seine Pestbeule zu zeigen. Neben ihm der Hund, sein typisches Attribut. Rochus, urspr\u00fcnglich aus Montpellier stammend, hatte sich in Italien um die Pestkranken gek\u00fcmmert und war dann selbst erkrankt. Daraufhin zog er sich in einen Wald zur\u00fcck. Der Hund eines hohen Herrn aus der Stadt sp\u00fcrte, dass was nicht stimmte und brachte ihm jeden Tag ein St\u00fcck Brot, das er von dem Tisch seines Herrn gestohlen hatte. Der wunderte sich irgendwann, dass der Hund immer in derselben Richtung verschwand und folgte ihm eines Tages, fand Rochus und nahm ihn bei sich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei lasse ich es im Moment bewenden. Gegen Abend gehe ich noch mal raus, um mich in einem Supermarkt mit dem N\u00f6tigsten auszustatten. Als ich herauskomme, ist es stockdunkel, und ich werde mit der Ansicht der hell erleuchteten Kathedrale belohnt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>20. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum <em>Parque Libertad<\/em> merke ich, warum das mit der Orientierung hier im Zentrum gestern so ein Problem war. Die Stra\u00dfenschilder stehen nicht l\u00e4ngs, sondern quer zu der Stra\u00dfe, die sie bezeichnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque Libertad<\/em> steht auf der einen Seite die Kathedrale, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der neoklassische, gelb gefasste <em>Palacio Municipal<\/em>, mit einem Uhrenturm, der sofort ins Auge f\u00e4llt, weil der Uhr die Zeiger fehlen. An der Seite das Theater, in Lindgr\u00fcn, zweist\u00f6ckig, mit offenen Arkaden unten und oben. Quer zum Platz steht an einer Ecke noch ein weiteres Geb\u00e4ude, das ganz aus dem Rahmen f\u00e4llt und nur schwer einzuordnen ist. Hat was von Jugendstil. Es handelt sich um das Kasino. Damit ist nicht <em>Kasino<\/em> im Sinne von Spielbank gemeint, sondern ein Saal f\u00fcr Feste, Kongresse, Seminare. Alle diese Bauten d\u00fcrften innerhalb weniger Jahrzehnte um die Jahrhundertwende herum entstanden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz und um den Platz herum herrscht eine sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re, es ist viel Volks unterwegs, aber es geht dabei ganz ruhig zu. Viele sitzen einfach auf den Steinb\u00e4nken und genie\u00dfen den Tag. Das Wetter spielt auch mit, heute kommt sogar mal die Sonne raus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes ein Pavillon, und an einem Ende des Parks eine Freiheitsstatue, mit Fackel und K\u00f6cher, auf einem niedrigen Podest.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Parks f\u00e4llt mir ein Schild ins Auge: <em>Prohibido fumar<\/em>. Jetzt erst merke ich, dass ich in all den Tagen hier noch niemanden habe rauchen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ins Theater, zu der F\u00fchrung. Ausl\u00e4nder zahlen 5 $. Die F\u00fchrung geht auch gleich los. Au\u00dfer mir nur noch ein mexikanisches Ehepaar. Die Frau ist still und macht Photos, der Mann l\u00e4sst keine Gelegenheit aus, Kommentare zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Foyer erfahren wir, dass die Initiative zum Bau des Theaters auf einen Pr\u00e4sidenten zur\u00fcckgeht, der aus Santa Ana stammte. Er schlug einfach eine Zusatzsteuer auf den Kaffee drauf, und man konnte das Theater mit den besten Materialien errichten. Verschiedene Ausstattungsst\u00fccke kommen aus Belgien, der Architekt ist Italiener. Der Pr\u00e4sident selbst erlebte die Vollendung des Theater nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Theatersaal ist sch\u00f6n, mit Weinrot als Grundfarbe. Das Theater hat Parkett und drei R\u00e4nge. Der obere war f\u00fcr Arbeiter reserviert. Die kamen durch einen gesonderten Eingang ins Theater. Sie sollten nicht in Kontakt mit der Oberschicht kommen. Besondere Regelungen galten auch f\u00fcr Witwen. Die mussten zwei Jahre Trauer tragen, und im Theater waren ihnen die Logen neben der B\u00fchne vorbehalten. Sie wurden vor allen anderen Zuschauern eingelassen und nach allen anderen rausgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es passten damals 600 Zuschauer in das Theater, heute sind es 400. Die Eintrittspreise variierten zwischen einem halben und drei Col\u00f3n.<\/p>\n\n\n\n<p>In der flachen Kuppel mehrere Gem\u00e4lde, wie ein Rad um das Zentrum herum angeordnet. Am Rande des Kuppel die Portr\u00e4ts bekannter Komponisten der Zeit, darunter Verdi und Wagner.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kuriosit\u00e4t gibt es hinsichtlich der Bestuhlung. Es gab St\u00fchle mit und ohne Armlehne. Die mit Armlehne waren f\u00fcr die M\u00e4nner, die ohne Armlehne waren f\u00fcr die Frauen. F\u00fcr deren weite Krinoline-Kleider w\u00e4ren Armlehnen nur st\u00f6rend gewesen. Sp\u00e4ter sehen wir in einem Ausstellungsraum zwei Exemplare dieser St\u00fchle, mit einer geflochtenen Sitzfl\u00e4che aus Korb, lose stehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater wurde 1910 mit dem <em>Rigoletto<\/em> eingeweiht, verfiel aber im Laufe der Jahrzehnte und wurde dann in ein Kino umgewandelt. In der Ausstellung sieht man noch Filmrollen und einen Projektor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine sch\u00f6ne, geschwungene Treppe geht es nach oben. Dort befindet sich im Zentrum ein gro\u00dfer Ballsaal, mit Parkettboden. An der Decke ein Gem\u00e4lde, das die Apotheose der Kunst zeigt, mit gefl\u00fcgelten Gestalten mit Leier und Harfe. Diese Gem\u00e4lde wurden nicht an die Decke gemalt, sondern auf dem Boden gemalt und dann oben angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Seiten die B\u00fcsten von Shakespeare und Dante, wobei Dante eigentlich im Theater kaum etwas zu suchen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ballsaal geht auf die gro\u00dfe Terrasse hinaus, von der man einen sch\u00f6nen Blick auf den <em>Parque Libertad<\/em> hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Seiten des Ballsaals jeweils ein Salon, einer f\u00fcr die Damen, einer f\u00fcr die Herren, deckungsgleich, aber mit \u201eweiblichen\u201c und \u201em\u00e4nnlichen\u201c Farben, unserer F\u00fchrerin zufolge. Was damit wohl gemeint ist? Die weiblichen Farben sind wohl eher Pastellfarben, die m\u00e4nnlichen Farben eher Erdfarben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier Deckengem\u00e4lde, wobei das in dem Salon der Herren auf dessen Funktion als Rauchzimmer anspielt: eine nackte, durch die Luft fliegende Venus mit einer brennenden Zigarre in der Hand!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung mache ich irgendwo eine kleine Trinkpause und frage mich dann zum Museum durch, dem <em>Museo Regional<\/em>. Hier treffe ich an der Rezeption auf einen Mann, der auf mein Spanisch mit Englisch antwortet. Er wolle einfach sein Englisch praktizieren. Den Gefallen tue ich ihm. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und als ich ihn nach der F\u00fchrung nach dem <em>Simmer Down<\/em> frage, einem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Restaurant, begleitet er mich sogar dorthin. Und verr\u00e4t mir, dass er <em>Douglas<\/em> hei\u00dft. Wie Kirk und Michael. Aber <em>Duglas<\/em> gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Museum werde ich von einer jungen Frau gef\u00fchrt. Es ist eher f\u00fcr Kinder konzipiert, soll die Kinder mit der Vergangenheit des Landes vertraut machen. Lohnt sich aber auf jeden Fall, obwohl es kaum echte Exponate gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt mit dem Mais, der Lebensgrundlage der alten Kulturen ganz Lateinamerikas. Hier ist ein ganzes Maisfeld aus Pappmache aufgestellt. An jeder Pflanze h\u00e4ngt ein Schild mit einem Bild und dem Wort f\u00fcr dieses Objekt auf der R\u00fcckseite. Ich suche mir eine Schnecke raus. Die hei\u00dft <em>shuti<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sind Gef\u00e4\u00dfe der alten Maya ausgestellt: eins mit zoomorphischen Ornamenten, man sie immer wieder sieht, eine bemalte Sch\u00fcssel mit Hieroglyphen und ein sch\u00f6ner Becher f\u00fcr rituelle Zwecke.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Vitrine ist Indigo ausgestellt, in Form des Farbstoffes selbst sowie in Form von bedruckten Baumwollt\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist von dem <em>Volc\u00e1n Molesto<\/em> die Rede, dem <em>Erbosten Vulkan<\/em>. Damit ist der Izalco gemeint. Der ist n\u00e4mlich 1932 ausgebrochen, nach dem Massaker an den Indios. Die hatten sich aufgelehnt, nachdem ihre Arbeitsbedingungen immer schlechter wurden und sie, teils durch Bestechung, teils durch Druck, immer mehr eigenes Land verloren hatten. Das Land ging in die H\u00e4nde der Ladinos \u00fcber, Mestizen, die so genannt wurden, weil sich <em>al lado<\/em>, am Rande der Siedlungen der Indios wohnten. Auf einem Photo sieht man den Unterschied in der Qualit\u00e4t der Behausungen. Als letzter Ausl\u00f6ser der Rebellion kam die Weltwirtschaftskrise hinzu, die die Lebensverh\u00e4ltnisse noch weiter verschlechterten.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand h\u00e4ngen die typischen Anz\u00fcge der Maya-M\u00e4nner, aus Leinen. Auch sie stehen im Zusammenhang mit dem Massaker, denn sie wurden Jahre sp\u00e4ter in den Massengr\u00e4bern entdeckt, teils noch blutgetr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein christliches Kreuz, mit einer Art Stola beh\u00e4ngt und mit allerlei Fr\u00fcchten drum herum. Dies ist ein Beispiel f\u00fcr den Synkretismus der Maya-Religion, denn das Kreuz ist aus einem Holz gefertigt, <em>jiote<\/em>, das wieder neu w\u00e4chst, wenn man es in die Erde rammt. Es dient deshalb als Fruchtbarkeitssymbol.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum B\u00fcrgerkrieg sieht man Zeichnungen, die Kinder gemacht haben, die den B\u00fcrgerkrieg erlebt haben, einige ganz neutral, andere, in denen die Grausamkeit auf kindliche Art ihren Ausdruck findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Weltkarte sind F\u00e4den gespannt, die alle ihren Ausgang in El Salvador haben. Sie zeigen, in welche L\u00e4nder die Salvadorianer ausgewandert sind w\u00e4hrend oder wegen des B\u00fcrgerkriegs, n\u00e4mlich in praktisch alle. Allein in die USA, sagt mir die junge Frau, seien damals 1 Million Menschen von insgesamt 4 Millionen ausgewandert. Unvorstellbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und als sich herausstellt, dass ich aus Deutschland komme, sagt sie, sie m\u00f6ge Deutsch und wollte es schon immer gerne lernen. Sie sagt auch verschiedene kurze S\u00e4tze auf Deutsch, mit perfekter Aussprache. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch in einer Vitrine eine Urne zu sehen, modern, aber den alten nachgebildet. Das ist die Urne von Claribal Alegr\u00eda, einer Dichterin, \u00dcbersetzerin und Sprachwissenschaftlerin, von der hier ihr Roman <em>Cenizas de Izalco<\/em> ausgestellt ist. Sie stammte aus Nicaragua, war aber El Salvador ebenso verbunden wie ihrem Heimatland. Deshalb ruht die H\u00e4lfte ihrer Asche hier in dieser Urne, die andere H\u00e4lfte in Nicaragua.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend geht es noch in den Keller. Hier befand sich der Tresorraum der Nationalbank, die in diesem Geb\u00e4ude, wo jetzt das Museum ist, beheimatet war.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht zuerst Kakaobohnen, die klassische Ersatzw\u00e4hrung der Maya. F\u00fcr die meisten Waren scheint es feste Preise gegeben zu haben, vom Maiskolben bis zum Sklaven.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten M\u00fcnzen, Silberm\u00fcnzen, gab es in der Kolonialzeit. Sie hie\u00dfen <em>Macacos<\/em>. Sie hatten keinen festen nominellen Wert, was z\u00e4hlte, war der materielle Wert. Deshalb wurden sie oft geteilt, St\u00fccke wurden abgetrennt, um dem Preis der jeweiligen Ware zu entsprechen. Alle hier ausgestellten M\u00fcnzen sind entsprechend \u201eangefressen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Unabh\u00e4ngigkeit wurden sowohl M\u00fcnzen als auch Geldscheine oft von Privatbanken gepr\u00e4gt, Privatbanken, die von den gro\u00dfen Landbesitzern betrieben wurden. Die Motive der Geldscheine betonen &nbsp;die Bedeutung der Landwirtschaft, das Design ist eher europ\u00e4isch, denn die S\u00f6hne der Familien wurden oft auf Bildungsreise nach Europa geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst ziemlich sp\u00e4t kommen M\u00fcnzen und Geldscheine auf, die von der Nationalbank gepr\u00e4gt wurden. Zuerst war es der Peso (die 25-Peso-M\u00fcnze hie\u00df <em>Peseta<\/em>), erst dann kam der Col\u00f3n, dann der Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz modern sieht die neueste Serie der Geldscheine des Col\u00f3n aus, aber ihnen war keine lange Lebensdauer verg\u00f6nnt. Schon kurz danach kam der Dollar. Die Scheine mit den h\u00f6heren Werten wurden zwar noch gedruckt, kamen aber gar nicht mehr in den Umlauf!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung gehe ich ins <em>Simmer Down<\/em>, gleich am <em>Parque Libertad<\/em> gelegen. Dort sieht man ein ganzes Heer von uniformierten Kellner, K\u00f6chen und Bediensteten an der Theke. Hier wird vor Ort gegessen, aber auch bestelltes Essen abgeholt. Immer wieder klingelt die Glocke an der Theke, und Kellner schreiten mit gro\u00dfen Tabletts durch den Raum und die Treppe rauf. Ich bestelle Pasta und ein Bier, das erste seit drei Wochen. An den anderen Tischen werden Gerichte serviert, die Lust auf Wiederkommen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter bei offener T\u00fcr zu Hause am Schreibtisch&nbsp; sitze, kommt die Frau mit den beiden Kindern von gestern in die Anlage. Sie arbeitet hier, als Putzfrau. Den Kindern gebe ich eingepackte Geb\u00e4ckst\u00fccke, die ich gestern in rauen Mengen im Supermarkt gekauft habe. Die Mama nimmt auch eins. Das Geb\u00e4ck habe ich gekauft wegen des wunderbaren Aufdrucks. Oben steht <em>Pan dulce alemana<\/em> und unten <em>Hay cosas que s\u00f3lo son Salvadore\u00f1as<\/em>. Dann biete ich den Kindern an, die Weintrauben zu probieren, die ich gestern gekauft habe. Das M\u00e4dchen nimmt ein paar und nimmt gleich ein paar f\u00fcr die Mama mit. Der kleine Junge, vielleicht zwei Jahre alt, kommt zu mir, bleibt vor der ge\u00f6ffneten T\u00fcr stehen, guckt mich sch\u00fcchtern an, kommt rein und pfl\u00fcckt dann mit M\u00fche eine einzige Traube und verschwindet. Diese Aktion wiederholt sich dann immer und immer wieder. Nie nimmt er mehr als eine Traube. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>21. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Magret Mead als auch Derek Freeman, beide Anthropologen, machten \u00fcber viele Jahre Feldforschung in Samoa. Sie lernten die Sprache, wurden mit den Kulturen vertraut und von den Einheimischen akzeptiert. Und dennoch kamen sie zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen. F\u00fcr Mead waren die Samoaner das Paradebeispiel des \u201eedlen Wilden\u201c, freiheitsliebend, im Einklang mit der Natur, frei von gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen, lebensbejahend, das Gegenprogramm zur westlichen Kultur. Freeman dagegen sah eine Gesellschaft, die von Zw\u00e4ngen, \u00c4ngsten und Tabus gepr\u00e4gt war und von Gewalt in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor allem, was die Heranwachsenden betrifft, hatten sie ein v\u00f6llig anderes Bild von den Samoanern. Wie kann das sein? Beide waren vor Ort, beide haben Gr\u00fcndlichkeit walten lassen und sich viel Zeit genommen. Die g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung lautet: Freeman hat seine Studien etwas sp\u00e4ter als Mead und an einem anderen Ort vorgenommen. Aber: Reicht das als Erkl\u00e4rung? Ich habe das Gef\u00fchl, dass da noch was anderes dahintersteckt, n\u00e4mlich die Perspektive des Forschers. Beide sahen das, was sie sehen <em>wollten<\/em>. Das ist kaum zu vermeiden, auch, wenn es nicht immer zu so extrem unterschiedlichen Schlussfolgerungen f\u00fchrt. F\u00fcr mich bedeutet das in erster Linie: Vorsicht vor allem, was angeblich \u201ewissenschaftlich bewiesen\u201c ist. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen will ich in der Kathedrale eine Kerze anz\u00fcnden, aber es ist gerade Gottesdienst. Die Gl\u00e4ubigen verlieren sich in der gro\u00dfen Kirche, aber 50-60 d\u00fcrften es sein, an einem Werktag!<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque Libertad <\/em>steht ein Schild, auf dem von dem <em>Parque Kessler<\/em> die Rede ist. Scheint ein anderer Name f\u00fcr denselben Platz zu sein. Kessler war ein Holl\u00e4nder, der gro\u00dfen Einfluss auf die Musikszene El Salvadors gehabt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier in El Salvador gilt, was f\u00fcr viele lateinamerikanische L\u00e4nder gilt: Die Stra\u00dfen sind besser als die B\u00fcrgersteige. Der Weg zur Bushaltestelle best\u00e4tigt das.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sagt mir eine Frau, ich k\u00f6nne denselben Bus wie sie nehmen, aber erst einmal m\u00fcssen wir warten. Ein Bus einer anderen Linie blockiert die Stra\u00dfe. Der Motor springt nicht mehr an. Hinter dem Bus wildes Hupkonzert, aber das nutzt auch nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau f\u00fchrt mich zu einer anderen Bushaltestelle, und dort bekommen wir sofort einen Bus zum Bushahnhof. Der Fahrpreis betr\u00e4gt gerade mal 20 Cent! Den Fahrschein bewahre ich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof reicht mich die Frau gleich an eine andere Frau weiter, die mit ihrem kleinen Neffen hier wartet. Sie nimmt auch den 218, steigt aber eher aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus ein Mann, der Rasierer verkauft und erstaunlich viel Erfolg hat. Eine junge Frau preist ihre S\u00fc\u00dfigkeiten in lautem Sing-Sang an. Sp\u00e4ter, auf dem R\u00fcckweg, kommt ein Prediger, der seine Dienste auch nicht umsonst anbietet, und dann ein junger Mann mit S\u00fc\u00dfigkeiten. Ich kaufe eine T\u00fcte, und dann noch eine. F\u00fcr die Kinder der Putzfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist Tazumal, eine arch\u00e4ologische St\u00e4tte. Eine Frau im Bus sagt mir, hier solle ich aussteigen, aber wir sind an einer betriebsamen Kreuzung, und nichts sieht nach Ausgrabungen aus. Eine gutaussehende Polizistin, leider mit Sonnenbrille, l\u00e4chelt mir schon von der gegen\u00fcberliegenden Seite zu und erkl\u00e4rt mir, ich sei zu fr\u00fch ausgestiegen. Ich m\u00fcsse weiterfahren. Bis zum Friedhof. Also wieder rein in den Bus und weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kommen wir nach kurzer Zeit an. Die Kasse ist gerade nicht besetzt, und man sagt mir, ich solle schon mal reingehen. Man ist sofort auf dem Ausgrabungsgel\u00e4nde, mit gepflegtem Rasen \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wichtigste Bauwerk des Komplexes ist die Pyramide, eine typische Stufenpyramide. Dazu kommen ein Tempel, ein Ballspielplatz, ein Oratorium und eine S\u00e4ulenhalle. Das alles ist nur sehr rudiment\u00e4r erhalten, au\u00dfer der Pyramide. Die hat es auch ins kollektive Ged\u00e4chtnis der Salvadorianer gebracht, weil sie auf dem alten 100-Col\u00f3n-Schein abgebildet war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Struktur versteht man nicht so ganz, zwei Treppen f\u00fchren die Pyramide rauf, aber sie passen nicht zueinander. Das hat was mit der Entwicklung des Ortes zu tun. Jedes Mal, wenn irgendein besonderes Ereignis geschah, hat man die vorherigen Strukturen ver\u00e4ndert oder sogar begraben und was Neues errichtet. Das sieht man auch an einer Vertiefung auf dem Gel\u00e4nde, in der man eine m\u00e4chtige Treppe freigelegt hat, die sp\u00e4ter einfach zugesch\u00fcttet wurde. Das erinnert mich an Mexiko, und nicht umsonst. Denn Tazumal, das seine klassische Periode von 350-900 erlebte, wurde sp\u00e4ter durch Einwanderer aus dem Norden, aus dem heutigen Mexiko, ver\u00e4ndert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Pyramide kann man nicht steigen, wohl aber auf eine Steinkonstruktion gegen\u00fcber, auf der man auf der gleichen H\u00f6he wie die Pyramide steht und eine ganz andere Perspektive bekommt. Leider hat sich der Himmel zugezogen, und die Pyramide kommt nicht so gut zur Geltung wie auf den Photos, die hier ausgestellt sind, und &nbsp;schon gar nicht, wie auf den Photos, die aus der Luft gemacht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann \u00fcber das Gel\u00e4nde gehen und dabei sehen, dass die R\u00fcckseite der Pyramide gleichzeitig eine der Begrenzungen des Ballspielplatzes ist. Das Ballspiel war weniger Sport als Ritual.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Komplex war der Oberklasse vorbehalten und diente der Verwaltung und den Zeremonien. Es handelte sich nicht um eine Wohnsiedlung. Im Oratorium und an der S\u00e4ulenhalle wurden Gr\u00e4ber mit reichen Grabbeigaben gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum besonders sch\u00f6n die Schmuckobjekte aus Jade, vor allem die Halsketten. Jade galt den Maya als Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnlich einige Objekte, die aus Vulkanstein gemacht sind. Praktisch alle Objekte, ob Gef\u00e4\u00dfe oder Figuren, dienten rituellen Zwecken, waren keine Alltagsobjekte, auch wenn sie so aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich das Gel\u00e4nde verlasse, muss ich kurz der Versuchung widerstehen, rauszugehen, ohne zu bezahlen und mir die 5 $ zu sparen. H\u00e4tte keiner gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Bushaltestelle f\u00e4llt mir wieder auf, dass die meisten Minim\u00e4rkte ihr Gitter verschlossen halten. Die Ware und das Geld gehen durch die Gitterst\u00e4be hindurch. Sicher ist sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf den Bus warte, kommt ein bis oben mit S\u00e4cken beladener LKW vorbei. Oben auf den S\u00e4cken sitzen, halb liegend, zwei junge M\u00e4nner in Fu\u00dfballtrikots. Hoffentlich muss der Fahrer keine scharfe Bremsung machen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestelle auch eine Arztpraxis, mit dem klingenden Namen <em>La Bendici\u00f3n<\/em>. Die \u00c4rztin hat den vollt\u00f6nenden Namen <em>Dra. Silvia Marlene Salas de Marroqu\u00edn<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Santa Ana, schon im Stadtbus, komme ich mit einem jungen Mann ins Gespr\u00e4ch, Edwin. Der ist auch \u00e4lter als er aussieht, 29, und hat schon ein Studium hinter sich. Er arbeitet bei Walmart, in einer Telefonzentrale. Dort nimmt er Anrufe der Kunden entgegen, teils Fragen, teils Beschwerden. Alle diese Kunden sitzen in den USA. Er muss also meistens Englisch sprechen, hat aber auch viele Einwanderer aus Lateinamerika am Telefon, mit denen er Spanisch sprechen kann. Walmart spart sich viel Geld mit der Verlegung der Anrufzentrale ins Ausland: In den USA zahlen sie 10 $ pro Stunde, hier 2 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter mache ich einen Spaziergang durch die Stadt. Dabei f\u00e4llt mir ein Fahrschulauto auf, das hier im Stau steht: <em>Escuela de Manejo<\/em> hei\u00dft es hier, nicht <em>Escuela de Conducir<\/em>, wie in Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in einen Sch\u00f6nheitssalon. Wird h\u00f6chste Zeit. An der Wand kitschige Weihnachtsdekoration, davor spielende Kinder. Auf dem Frisierstuhl ein Junge. Seine Mutter wartet auf ihn, Geld in der Hand. Die Friseuse ist eine \u00fcbergewichtige Frau in viel zu enger Kleidung, die auf den ersten Blick \u00e4lter aussieht als sie ist. Schon im Bus ist mir aufgefallen, dass viele der Frauen hier korpulent sind, mehr als die M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage der Frau, dass ich nur Pedik\u00fcre brauche, ohne Schnickschnack. Ist gebongt. Sie macht ihre Sache ordentlich, aber mehr auch nicht. Sie nimmt 5 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Haareschneiden gehe ich lieber ein paar Schritte weiter, in einen Friseursalon. Dort sitzt auf dem Frisierstuhl ein junger Mann, der sich einen Undercut schneiden l\u00e4sst. Als er fertig ist, muss ich konstatieren: Steht ihm gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann macht sich Josue, der Fris\u00f6r, an meinem Haar zu schaffen. Er macht das ausgezeichnet, gr\u00fcndlich, geduldig. Kein noch so kleines \u00fcberfl\u00fcssiges H\u00e4rchen entgeht ihm. Die reinste Freude. Er hat sich die 5 $ dreimal verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt nach meiner Reiseroute und best\u00e4tigt, dass der Regen in dieser&nbsp; Jahreszeit allen Wahrscheinlichkeiten widerspreche. Es sei doch schlie\u00dflich \u201eSommer\u201c. Das habe ich jetzt schon \u00f6fter geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon mit 16 hat er angefangen, als Fris\u00f6r zu arbeiten. Eigentlich wollte er Gerichtsmediziner werden, aber daraus wurde dann nichts, als die Mutter verstarb.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ft laufe im Moment im Moment etwas lau, meint er, er wisse auch nicht warum, hoffe aber auf eine Jahresendrallye. Heute sieht es aber gut aus. W\u00e4hrend er meine Haare schneidet, kommen noch mehrere andere Kunden rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist zu jung, um den Col\u00f3n noch erlebt zu haben. Als er noch in jungen Jahren war, gab es schon den Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher sei es ganz ungew\u00f6hnlich gewesen, hier einen Ausl\u00e4nder zu sehen. El Salvador habe ja so einen schlechten Ruf gehabt. Da habe es morgens um 4 meist schon den ersten Mord gegeben. Ob das nur die Jugendbanden untereinander gewesen seien, frage ich. Nein, es konnte auch jeden unschuldigen Passanten treffen. Es waren Territorialk\u00e4mpfe. Von den potentiellen Opfern wurde der Personalausweis verlangt, und wenn du nicht im richtigen Viertel wohntest, konnte es dir an den Kragen gehen, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss erlaubt er mir noch, von sich und dem Salon ein Photo zu machen. Ich verspreche, wiederzukommen, falls ich jemals nach Santa Ana zur\u00fcckkehren sollte.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Einkauf im Supermarkt f\u00e4llt mir die Yukka im Gem\u00fcseregal auf. Die anderen Gem\u00fcsesorten fallen nicht weiter aus dem Rahmen, sehen aber alle anders aus als bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr teuer sind <em>Snickers<\/em> und <em>Ferrero<\/em>, und auch die Konserven sind teuer, genauso wie die Butter. Auf der Packung steht neben <em>Mantequilla<\/em> auch <em>Butter<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich eine vertraute Sprache. Ein deutsches Ehepaar mit Tochter. Es reicht nur zu einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung. Die Stimmung in der Familie scheint etwas angespannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe spricht mich ein Verk\u00e4ufer an, der einen kleinen Stand an der Ecke hat. Er holt ein paar Euro-M\u00fcnzen heraus. Erst glaube ich, er wolle tauschen, aber er pr\u00e4sentiert sie mir nur voller Stolz. Dann holt er auch englische und australische M\u00fcnzen heraus und syrische. Zu Hause habe er noch mehr. Leider kann ich gar nichts tun, um seine Sammlung zu erg\u00e4nzen. Ich habe meine Euros in San Salvador gelassen. Er verabschiedet mich dennoch mit einem breiten Lachen und einer breiten Zahnl\u00fccke und einem Handschlag. Und l\u00e4sst ein Photo von sich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor 6 verf\u00e4rbt sich der Himmel, aber das h\u00e4lt nur wenige Minuten an. Punkt 6 Uhr wird es stockdunkel. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>22. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen in der Stadt schon das typische bunte, laute Treiben. Es dauert was, bis ich zum Busbahnhof finde. Dort stellt sich heraus, dass es mit meiner \u201eAbk\u00fcrzung\u201c nichts wird. Ich wollte direkt nach Juay\u00faa, in der Mitte der <em>Ruta de las Flores<\/em> gelegen, aber der Bus f\u00e4hrt erst in zwei Stunden. Da solle ich besser den 210 nehmen, der bringt mich nach Ahuachap\u00e1n, den Startpunkt der <em>Ruta de las Flores<\/em>, einem der beliebtesten Ausflugsziele des Landes, einer Reihe von kleineren Orten in der Sierra.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Assistent des Fahrers, der Ausrufer, wirbt mit kr\u00e4ftiger Stimme f\u00fcr das Reiseziel: \u201eAhuacha, Ahuacha, Huacha, Huacha!\u201c W\u00e4hrend der Fahrt steht er an der offenen T\u00fcr, lehnt sich dann halb raus, wenn wir uns einer Haltestelle n\u00e4hern, springt noch w\u00e4hrend der Fahrt ab und rennt wie wildgeworden am Bus entlang, laut das Ziel des Buses verk\u00fcndend. Dann verschwindet er hinten und taucht irgendwann wieder vorne auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist die Stra\u00dfe gut, wir kommen z\u00fcgig voran. Am Stra\u00dfenrand eine Filiale von K\u00e4rcher, ein Autofriedhof, Strommasten, Verkehrsschilder, Werbeplakate zuhauf. Kaum Orte, aber viele Haltestellen. An denen kann man so gerade durch die B\u00e4ume hindurch das eine oder anderen einfache steinerne Haus oder einen Wellblechverschlag erkennen. Als Gegenst\u00fcck auf der anderen Seite ab und zu eine Villa, mit Umfassungsmauer und Stacheldraht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgebockt am Stra\u00dfenrand ein altes Auto, auf dem steht: <em>Se venden partes<\/em>. Das scheint zum Gro\u00dfteil schon geschehen zu sein, es ist nicht mehr viel \u00fcbrig von dem Auto.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Verk\u00e4ufer im Bus schreit sich bald die Seele aus dem Leibe, um seine Naturheilmittel an den Mann zu bringen. Der Fahrer telefoniert seelenruhig w\u00e4hrend der Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ahuachap\u00e1n ist so viel los, dass ich \u00fcberlege, gleich weiterzufahren, dann besinne ich mich aber eines Besseren.<\/p>\n\n\n\n<p>Je n\u00e4her man dem Zentrum kommt, umso ruhiger wird es, und um die Kirche herum ist es ganz einsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Kirche zu fragen, ist keine gute Idee, dann kommt immer als Gegenfrage: Welche? Besser nach dem Rathaus fragen, das hier unweigerlich <em>Alcald\u00eda <\/em>hie\u00dft, nicht <em>Ayuntamiento<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche mit ihren wei\u00dfen T\u00fcrmen und der wei\u00dfen Kuppel kommt gegen den stahlblauen Himmel bestens zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen eine sch\u00f6ne steinerne Altarumfassung, passend dazu das Ambo und der Altar. Am Rande des Chors ein sch\u00f6ner geschnitzter Christus am Kreuz, den Kopf auf eine Schulter gesenkt, mit herabh\u00e4ngenden Armen und ausgestreckten Knien, mit Wundmalen, aber ruhig, nicht mehr leidend. Der Kampf ist ausgestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich Halt in einem Caf\u00e9 f\u00fcr eine kurze Erfrischung. Am Nebentisch vier Frauen, die hier gefr\u00fchst\u00fcckt und au\u00dferdem einen Hut gekauft haben. Nat\u00fcrlich muss jede von ihnen den Hut anprobieren, &nbsp;eine nach der anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im hinteren Raum ein Schild mit der Aufschrift no armas no drogas, und neben der Theke ein Schild mit der Aufschrift el postre primero &#8211; der nachtisch zuerst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck und weiter mit dem 210. Die n\u00e4chste Station ist Ataco. Als wir ankommen, schl\u00e4gt ein Mann, der zusammen mit mir aussteigt, vor, gemeinsam ein Tuk-Tuk ins Zentrum zu nehmen. Einverstanden. Ich verstehe ihn sehr schlecht, bekomme aber raus, dass er fast alle L\u00e4nder Mittelamerikas kennt. Er vermutet einen Gringo in mir, aber als ich ihm sage, ich k\u00e4me aus Deutschland, sagt er kopfsch\u00fcttelnd \u201e\u00a1Alemania!\u201c. Das verbl\u00fcfft ihn. Dann sagt er noch mal \u201e\u00a1Alemania!\u201c, und als er aussteigt, noch mal \u201e\u00a1Alemania!\u201c. So richtig begreifen kann er es immer noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ataco gilt als der Bilderbuchort der <em>Ruta de las Flores<\/em>: niedrige H\u00e4user, h\u00f6lzerne Arkaden, bemalte Fassaden, Kopfsteinpflaster, Kaffeetradition, \u00fcbersichtlich. Stimmt alles, alles sehr pittoresk, aber man kommt sich dennoch ein bisschen verloren vor hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Souvenirl\u00e4den, aber hier sind nur Einheimische unterwegs, und die interessieren sich eher f\u00fcr die die Obst- und Gem\u00fcsest\u00e4nde mit ihren \u00fcppigen Auslagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder, aber wirklich jeder begegnet einem mit einem L\u00e4cheln, wenn sich zuf\u00e4llig ein Augenkontakt ergibt, und h\u00e4ufig wird man von v\u00f6llig Fremden gegr\u00fc\u00dft. Dabei ist <em>Buenas<\/em> viel popul\u00e4rer als <em>Hola<\/em>, das man nur ganz selten h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier eine Kirche mit einer sch\u00f6nen Fassade, strahlend wei\u00df, mit blauen Zierstreifen, die Kuppel genauso. Immer wieder tauchen solchen Kuppeln auf, und ich denke zuerst, die st\u00fcnden auf normalen B\u00fcrgerh\u00e4usern. Aber es sind alles Kirchen, nur sind die auf drei Seiten ges\u00e4umt von L\u00e4den, so dass man sie kaum als Kirchen erkennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in ein Caf\u00e9 mit einem sch\u00f6nen Innenhof und bestelle Kaffee und Kuchen. Hier gibt es sogar Internet kostenlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang des Ortes ist ein Aussichtspunkt angezeigt: <em>Mirador<\/em>. Den will ich mir nicht entgehen lasse. Ein schwei\u00dftreibender Weg f\u00fchrt \u00fcber eine Treppe mit kaputten Stufen nach oben. Am Wegesrand bringen sich H\u00fchner vor mir in Sicherheit, durch die Luft fliegen Schmetterlinge, der Wind weht Staub auf. Dann wird der Weg flacher, ich kann durchatmen, aber pl\u00f6tzlich stehe ich vor einem verschlossener Gitter. Es gibt ein Schlupfloch, aber das hilft mir auch nichts. Hier gabelt sich der Weg in drei Richtungen. Welche nehmen? Dann hilft der Zufall. Ein Tuk-Tuk kommt den Berg rauf, und der Fahrer sagt mir, ich m\u00fcsse umkehren, ich sei zu weit gelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg entdecke ich dann die Abzweigung, ein schmaler Pfad zwischen B\u00e4umen f\u00fchrt auf eine offene Fl\u00e4che. Hier steht ein riesiges wei\u00dfes Kreuz, und man sieht auf die Stadt hinunter und die Berge dahinter. Der Wind l\u00e4sst die Bl\u00e4tter rauschen und biegt die Bambusst\u00e4mme. Am auff\u00e4lligsten in der Stadt die vielen Kuppeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Bus komme ich an einem Blumengesch\u00e4ft vorbei: venta de pi\u00f1atas y flores y mucho m\u00e1s. Die <em>pi\u00f1ata<\/em> ist ein typischer Bestandteil der Kindergeburtstage hier, ein Sack voller S\u00fc\u00dfigkeiten und kleinen Geschenken. Er wird an einer Schnur hoch \u00fcber den K\u00f6pfen der Kinder angebracht, und die versuchen, mit einem Kn\u00fcppel, einen Loch in die <em>pi\u00f1ata<\/em> zu schlagen, damit die Geschenke herauspurzeln. Die ersten Versuche sind meistens vergeblich, aber dann fallen die ersten Geschenke raus, und dann kommt irgendwann die ganze Flut.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen sehe ich an einer Hauswand ein Zitat, das auch \u00fcber meiner Reise stehen k\u00f6nnte: <em>Ning\u00fan mar en calma hizo experto a un marinero \u2013 Ein ruhiges Meer hat noch nie einen t\u00fcchtigen Seemann gemacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht es in den 210. Das n\u00e4chste Ziel soll Apaneca sein. Der Busfahrer will mir Bescheid geben. Irgendwann bleibt er am Stra\u00dfenrand stehen und sagt mir, ich solle aussteigen. Ob das hier Apaneca sei, frage ich die anderen Fahrg\u00e4ste. Nein, da seien wir schon l\u00e4ngst dran vorbei, sagen die. Unschl\u00fcssig steige ich aus und stehe etwas verloren am Wegesrand. Dann sehe ich ein Schild nach Juay\u00faa. Auch an der <em>Ruta de las Flores<\/em>. Dahin sind es nur noch 2 Kilometer. Also entschlie\u00dfe ich, dahin zu fahren. Ein Mann sagt mir, ich k\u00f6nne hier warten, aber auch da dr\u00fcben, da komme ein Bus aus einer anderen Richtung, der fahre auch nach Juay\u00faa. Tats\u00e4chlich kommt bald ein Bus, aber nicht ein Bus in unserem Sinne, sondern ein Leiterwagen, auf dem man im Stehen f\u00e4hrt. Der scheint voll zu sein, aber der \u201eSchaffner\u201c fordert die Leute auf, n\u00e4her zusammenzur\u00fccken. Da werden hinten noch mal zwei Pl\u00e4tze frei. Ich stehe ganz hinten und halte mich an dem Gitter fest, muss aber noch mein Geld aus der Tasche holen. Ganz wohl ist einem dabei nicht. Aber die Vorsehung hat es so eingerichtet, dass gleich hinter uns das Auto eines Beerdigungsinstituts f\u00e4hrt: <em>Funerales Monte Sion<\/em>. Die haben dann gleich Kundschaft. Aber vor mir ist noch der Schaffner dran. Der steht n\u00e4mlich nicht drinnen, sondern h\u00e4ngt drau\u00dfen an dem Gitter. Genauso wie ein alter Mann, den wir noch am Stra\u00dfenrand als weiteren Passagier aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um eine Erfahrung reicher, sehe ich mir Juay\u00faa an. Und finde raus, dass man von hier direkt auf einer anderen Route nach Santa Ana zur\u00fcckkehren kann. Eine Polizistin sagt mir, der Bus fahre um 4, aber eine Stra\u00dfenkehrerin, die mitgeh\u00f6rt hat, sagt, nein, heute, Freitag, fahre der Bus um 3. Trotzdem noch genug Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Juay\u00faa hat vor allem einen wundersch\u00f6nen zentralen Platz, mit sehr sch\u00f6nen B\u00e4umen und einem wunderbaren Brunnen im Zentrum. Den kann man sich von allen Seiten immer wieder ansehen. Das Wasser glitzert in der Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Ende des Platzes die v\u00f6llig \u00fcberdimensionierte Kirche des Ortes. Die hat einen ber\u00fchmten schwarzen Christus. Ich gehe rein, aber es findet gerade ein Gebet statt. Eine Frau kniet am Altar und spricht ununterbrochen. Sie dankt Gott daf\u00fcr, dass er so gut, dass er so gerecht sei, dass er uns alle immer wieder aufnehme, obwohl wir das nicht verdient h\u00e4tten. Ob die Bettler drau\u00dfen das auch so sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Ende des Platzes eine Mauer mit dem Davidstern und dem Siebenarmigen Leuchter. Und ein Gesch\u00e4ft, das einem gewissen Levi geh\u00f6rt. Es scheint hier eine hebr\u00e4ische Tradition zu geben, aberJuay\u00faa ist eher bekannt f\u00fcr seinen pr\u00e4kolumbianischen Ursprung. Hier lebten die Pipil, die urspr\u00fcnglichen Bewohner der Region. Man sch\u00e4tzt die Einwohnerzahl von Juay\u00faa auf 300 im Jahre 1550. Von Sonsonate aus setzte dann die Mission durch die Franziskaner ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird eine Legende um eine Prinzessin von Juay\u00faa erz\u00e4hlt. Sie soll um Mitternacht an einem Wasserfall hier in der N\u00e4he immer wieder erscheinen. Genaueres ist nicht herauszubekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen um den zentralen Platz herum sind alle aufgebrochen, hier wird Kopfsteinpflaster angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ins <em>San Jos\u00e9<\/em>, einem gut besuchten Lokal direkt am Platz. In dem Lokal verbindet sich guter Geschmack mit allerhand Kitsch, vor allem Weihnachtskitsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle Kaninchen. Das schmeckt richtig gut, die Beilagen weniger. Salz fehlt an allen Ecken und Enden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat lange gedauert, bis das Gericht serviert wird, und es geht m\u00e4chtig auf 3 Uhr zu. Ich schaffe es aber noch rechtzeitig, nur um zu erfahren, dass der Bus doch erst um 4 f\u00e4hrt. Die Polizistin hatte recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch einmal zur Kirche. Der Eingang wird von einem Hund bewacht. Er liegt genau auf der Schwelle zum Mittelschiff. Das Gebet dauert an, ich bekomme den Christus nicht zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an einer Ecke ein Photo mache, br\u00fcllt direkt hinter mir ein Mann mir etwas ins Ohr. Ich erschrecke mich zu Tode, aber das scheint ihn nicht weiter zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich trinke noch irgendwo einen Kaffee, und als die freundliche Bedienung mir den Kaffee bringt, taucht ausgerechnet dieser Mann auf. Ein Kandidat f\u00fcr den Stinkefinger, aber ich belasse es bei einem b\u00f6sen Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Haltestelle treffe ich auf einen US-Amerikaner. Die Unterhaltung beginnt auf Spanisch, aber dann geht er auf Englisch \u00fcber. Er freut sich, dass ich Portland kenne. Seine Lieblingsstadt in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst kommt aus Chicago, seine Eltern sind Mexikaner. Er hat fr\u00fcher schon mal Costa Rica besucht, sich aber vor den anderen L\u00e4ndern gef\u00fcrchtet, weil die so einen schlechten Ruf h\u00e4tten. Der sei aber ganz und gar unberechtigt, wie er jetzt festgestellt hat. Au\u00dferdem sei es hier \u00fcberall billiger als in Costa Rica.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierigkeiten habe er bisher nur in Kolumbien gehabt. Er f\u00fchrt das auf seine T\u00e4towierungen und seinen Akzent zur\u00fcck. Damit muss er wohl irgendwie ins Fadenkreuz der Gangs gekommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich Mexiko kenne, will er wissen. Ja, was um Himmels Willen h\u00e4tte ich denn in Sinaloa verloren? Vom Chepe hat er noch nie was geh\u00f6rt. Oaxaca habe in den USA einen schlechten Ruf, wenn man aus Oaxaca komme, sage man lieber, man komme aus Mexiko, der Hauptstadt. Von Cuernavaca h\u00e4lt er gar nichts. Zu touristisch, zu teuer, zu viele US-Amerikaner. Chiapas findet er dagegen gut, besonders San Crist\u00f3bal.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schlange hinter mir eine Ordensschwester. Sie tr\u00e4gt Blumen mit sich. Ob die echt seien, frage ich. Ja, ich solle mal f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige vor ihr ein und bezahle ihre Fahrkarte gleich mit. Sie setzt sich neben mich und bedankt sich: \u201eQue Dios le pague.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00e4hrt zum Studieren nach Santa Ana, Lehramtsstudium. Samstag ist Studiertag. Sie f\u00e4hrt freitags hin, samstags zur\u00fcck. Morgen ist die Abschlusspr\u00fcfung. F\u00fcr dieses Jahr. Sie hat einen Vortrag und eine m\u00fcndliche Pr\u00fcfung. Der Vortrag ist schon um 6.45. Kein Problem, um die Zeit bin ich l\u00e4ngs wach und kann ihr die Daumen dr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Notensystem geht hier von 1 bis 10, wobei 10 die Bestnote ist, 7 das Minimum zum Bestehen. In Guatemala sei das anders, da w\u00fcrden die Noten in Prozentzahlen angegeben. Sie kennt Guatemala und Honduras gut, vor allem Honduras, dort hat sie lange in der Mission gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie geh\u00f6rt einem Franziskanerorden an. Ihre Kongregation feiere n\u00e4chstes Jahr ihr 150. Bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Tagen f\u00e4nde in der Kirche ein 48-Stunden-Gebet statt. Ach so, das erkl\u00e4rt einiges. Das gehe aber morgen zu Ende, dann k\u00f6nne ich den schwarzen Christus sehen. Nur bin ich dann nicht mehr da.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht durch die Berge, und es ist merklich k\u00e4lter hier. Der Bus hat seine liebe Not und M\u00fche mit den Steigungen. Wir brauchen anderthalb Stunden f\u00fcr die 45 Kilometer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, ist es noch hell, aber wir werden an der Stra\u00dfe rausgelassen, weil hier alles im Stau steht. Und als ich an der Bushaltestelle ankomme, ist es stockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder im Zentrum, habe ich noch Zeit, einen kleinen Einkauf zu machen. An einer Kasse steht <em>Caja de Remesa<\/em>. Muss mal rauskriegen, was das bedeutet. Sie ist heute nicht besetzt, und war es dieser Tage auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, gibt es eine kleine Menschenansammlung vor der Haust\u00fcr. Zwei Chinesen, die nicht wissen, wie sie reinkommen sollen, und zwei Salvadorianerinnen, die vergeblich versuchen, ihnen zu helfen. Die chinesische Frau spricht ganz passabel Englisch, und die beiden atmen einmal tief durch, als die T\u00fcr endlich aufgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>23. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach einigem Suchen und zwei Bussen finde ich die Haltestelle f\u00fcr die R\u00fcckfahrt nach San Salvador. An der Haltestelle begr\u00fc\u00dft mich ein junger Mann, der einen dieser runden kabellosen Lautsprecher mit sich tr\u00e4gt, die man jetzt immer wieder sieht. Er lernt online Englisch, m\u00f6chte aber schneller Fortschritte machen. Manchmal habe er Gelegenheiten, hier mit US-amerikanischen Touristen zu sprechen, das sei besser, so Angesicht zu Angesicht. Er will wissen, wie lange ich gebraucht habe, um Spanisch zu lernen. Spanisch sei doch bestimmt schwer zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das Englische in Frankreich und Deutschland anders sei als das amerikanische. Da muss ich ihn erst einmal entt\u00e4uschen. Erkl\u00e4re, dass man dort andere Sprachen spreche und sage stattdessen etwas \u00fcber das britische und amerikanische Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir einsteigen, stellt sich heraus, dass er sich mit Rap-Gesang im Bus sein Geld verdient. Daf\u00fcr hat er den Lautsprecher dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, und in San Salvador ist alles zu. Hatte gehofft, dass es an einem Samstag besser sein w\u00fcrde. Kurz vor dem Ziel passieren wir das Nationalstadion, nach M\u00e1gico Gonz\u00e1lez benannt. Muss nachgucken, wer das noch mal war, obwohl mir der Name bekannt vorkommt. M\u00e1gico Gonz\u00e1lez verhalf der Nationalmannschaft von El Salvador, sich f\u00fcr die WM in Spanien 1982 zu qualifizieren. Dort fiel er durch seine Spielweise auf und wurde von spanischen Vereinen umworben. Er spielte dann l\u00e4nger in Europa, wurde bekannt f\u00fcr seine feine Technik und seine Tore, aber auch f\u00fcr seine mangelnde Disziplin und seine Eskapaden. Er gilt als der beste Fu\u00dfballspieler Mittelamerikas.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof soll ich ein Taxi nehmen und dann gleich zu Jessy kommen. Der Taxifahrer macht gerade ein Nickerchen, aber als er aufwacht, kommen wir schnell ins Gesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs, wieder lange im Stau stehend, berichtet er von seiner Arbeit: Er hat heute um halb f\u00fcnf am Morgen angefangen und arbeitet bis halb acht. Er m\u00fcsse t\u00e4glich 12 Dollar an den Eigent\u00fcmer des Autos und 12 Dollar an die Tankstelle abf\u00fchren. Das scheint ein Pauschalpreis zu sein. Aber demn\u00e4chst h\u00f6re das mit dem Taxifahren sowieso auf. Wieso? Zu viel Konkurrenz von anderen Anbietern wie Uber. Schon jetzt sehe man viel weniger Taxis hier als fr\u00fcher. Er will dann Lastwagen oder Bus fahren oder irgendwo in den Wachdienst treten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Viertel angekommen, kurven wir l\u00e4nger herum, ohne das Haus zu finden, aber am Ende erreicht der Fahrer Jessy am Telefon und l\u00e4sst sich dirigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist das Haus voll: Schwester, Schwager, Mutter, Sohn mit Freundin, Neffe, Nichte. Herzliche Begr\u00fc\u00dfung durch alle. Der interessanteste Gespr\u00e4chspartner ist der Schwager, Jorge, unglaublich belesen und an allem interessiert. Er ist Jurist, spricht aber auch mit viel Expertise \u00fcber Medizin und kennt die Bedeutungen der Namen aller Orte, an denen ich gewesen bin. Er selbst stammt aus Juay\u00faa.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist auch in der Guerilla und auch im Exil gewesen, wie Rina. Er war im Mexiko, in Baja California. Im Gegensatz zu Rina war in der sozialdemokratischen Bewegung aktiv. Er war damals noch Student. In der Bewegung war er verantwortlich f\u00fcr die medizinische Versorgung der Guerilleros in der Provinz und f\u00fcr die Verbreitung von Informationsmaterialien. Daf\u00fcr habe er sich sp\u00e4ter oft rechtfertigen m\u00fcssen gegen\u00fcber denen, die im milit\u00e4rischen Bereich aktiv waren. Einmal wurde verd\u00e4chtiges Material bei ihm gefunden. Daraufhin ist er eine Nacht verh\u00f6rt und gefoltert worden. Das l\u00f6ste dann seinen Entschluss aus, nach Mexiko zu gehen. Nach dem Friedensschluss sei es keineswegs leichter geworden, vorher sei man im Untergrund gewesen, sp\u00e4ter habe man sich \u00f6ffentlich rechtfertigen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf <em>Freund<\/em> zu sprechen, den Baumarkt. Jorge hat eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Namen. Das seien Juden gewesen, die aus Nazideutschland geflohen seien. &nbsp;Ein salvadorianischer Pr\u00e4sident, der sich ganz der Theosophie verschrieben habe, hat dann alles ausgewiesen, was nicht in sein Weltbild passte, darunter Schwarze und Juden. Die Juden h\u00e4tten sp\u00e4ter die M\u00f6glichkeit bekommen, zur\u00fcckzukehren, die Schwarzen nicht. Deshalb sehe man in El Salvador viele Menschen mit indigenen Z\u00fcgen, aber keine Schwarzen. Und wo sind die abgeblieben, die Schwarzen? In Honduras!<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Ern\u00e4hrung angeht, da sieht er alles ganz gelassen. Er habe das Gef\u00fchl, dass die Speisen in Deutschland und Frankreich immer ziemlich s\u00fc\u00df seien. Ob das stimme. Eher nicht, sage ich. Hier w\u00fcrde jedenfalls ordentlich gesalzen, und der K\u00f6rper brauche auch Salz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird zu Tisch gebeten. Es gibt Fr\u00fchlingssuppe und dann H\u00e4hnchen mit Reis. Dazu ein Bier einer unbekannten Sorte: <em>Cerveza Roja<\/em>. Sieht etwas wie Alt aus, schmeckt aber anders. Das salvadorianische Bier habe so 4-5% Alkohol, das deutsche sei doch viel st\u00e4rker, liege so bei 10%. Da muss ich ihm widersprechen. Aber in dem deutschen Lokal hier w\u00fcrden sie immer so starkes Bier servieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sitzen zu acht am Tisch. Ob das am Wochenende immer so sei, will ich wissen. Nein, die jungen Leute, die <em>cipotes<\/em> (neues Wort f\u00fcr mich) gingen doch meist ihrer eigenen Wege, und in der Woche habe sowieso jeder seinen eigenen Rhythmus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00fcsse unbedingt wiederkommen, es gebe noch so viel, was sie mir von El Salvador zeigen k\u00f6nnten. Vor allem den Norden mit seinen Bergen. Jorge will sich dann extra frei nehmen, um mich durch die Gegend zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen aufbrechen. Jessy hat sich mit den Freundinnen verabredet. Die haben heute auch alle irgendwo im Stau gestanden und haben die Pl\u00e4ne ge\u00e4ndert. Jetzt fahren wir auf einen Berg, La Cima, in ein Restaurant mit einer gro\u00dfen Aussichtsterrasse, <em>El<\/em> <em>Cadejo<\/em>. Von hier aus sieht man auf den Boquer\u00f3n und in die Stadt hinunter. Hier oben ist es ganz sch\u00f6n frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist eher vornehm, aber nicht steif. Auf jeden Fall von der \u201ebesseren\u201c Sorte. Es gibt Cappuccino und Kuchen und sehr leckere, frittierte B\u00e4llchen, mit Schokolade oder K\u00e4se gef\u00fcllt. Das hat seinen Preis, wie ich feststellen kann, als ich schnell die Rechnung begleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme noch eine ganze Reihe von Tipps f\u00fcr die Weiterreise, Reiseziele, aber auch Verhaltensregeln, was ich essen und was ich nicht essen soll, wo ich mich unbeschwert bewegen kann und wo nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage Ana Gladys, warum sie so viel mehr Zeit habe als Jessy, obwohl sie an derselben Arbeitsstelle ist. Sie arbeitet Teilzeit, vier Stunden am Tag. Ihre Arbeit als Zahnmedizinerin sei auch anders als die von Jessy. Fr\u00fcher sei es oft um die Identifizierung von Toten gegangen, das komme heute kaum noch vor. Sie kommt mit Toten kaum in Ber\u00fchrung, sondern mit Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Sie erstellt dann ein Gutachten, welche Sch\u00e4den und Beeintr\u00e4chtigungen entstanden sind. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal ist auch Lizette dabei, eine weitere Freundin. Sie ist sehr modisch gekleidet und sieht irgendwie europ\u00e4isch aus. Sie hat auch Medizin studiert, ist aber bei der ersten Leichenschau gleich umgekippt und hat dann eine andere Richtung eingeschlagen. Sie hat privat einen doppelten Schicksalsschlag erlitten, wie mir Jessy anvertraut hat. Ihre erwachsene Tochter hat sich das Leben genommen, und dann hat sie ihren sechsj\u00e4hrigen Sohn bei einem Autounfall verloren. Kaum vorstellbar, wie man damit fertigwerden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause hat Cristina bereits alles gerichtet. Das Zimmer ist fertig und blitzsauber. In der Zwischenzeit seien zwei junge Deutsche hier gewesen, sagt sie, und jetzt sei eine Peruanerin gekommen. Das Gesch\u00e4ft boomt.<\/p>\n\n\n\n<p>24. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Forscher berichtet, dass die Schrift der Maya noch \u00fcberhaupt nicht entschl\u00fcsselt war, als er begann, sich daf\u00fcr zu interessieren. Heute k\u00f6nnen die meisten Texte gelesen werden. Und man beginnt, sich daf\u00fcr zu interessieren, wie sich die Schrift ver\u00e4ndert hat, vor allem, ob es Vereinfachungen gegeben hat. Die Schrift der Maya ist hochkomplex und diente meist der Verfassung von politischen und religi\u00f6sen Texten. Jetzt gilt es, das Spektrum zu erweitern. Man st\u00f6\u00dft immer wieder auf neue Stelen, h\u00e4ufig als Folge der Mithilfe der modernen Maya, die den Urwald auf der Suche nach Kautschuk und anderen Ressourcen durchstreifen und dabei Zufallsfunde machen. Die Forscher sind meist nachts unterwegs, weil die Schriftzeichen bei k\u00fcnstlichem Licht von der Seite besser zu erkennen sind als bei Sonnenlicht von oben!<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch am Vormittag holt Jenny mich ab. Ausflugsziel: <em>Puerta del Diablo<\/em>. Da lohnt es sich, fr\u00fch da zu sein, sp\u00e4ter wird es dort sehr voll. Klassisches Ausflugsziel f\u00fcr Einheimische am Sonntag.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs erkl\u00e4rt sie mir, was es mit der <em>Caja de Remesa<\/em> im Supermarkt auf sich hat. Dort k\u00f6nnen Einheimische Geld abholen, das ihnen von Verwandten aus den USA geschickt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind noch so gut wie leer. \u00dcber uns sehen wir ein Eichh\u00f6rnchen \u00fcber eine Stromleitung laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an dem ehemaligen Zoo vorbei. Als Reminiszenz an fr\u00fchere Zeiten steht an der Kreuzung noch ein dicker Elefant. Der Zoo wurde geschlossen, weil die Gehege und die Tiere nicht gut gepflegt wurden. Hat man nicht vor, die Sache noch mal wieder zum Leben zu erwecken? Doch, aber nicht als Zoo, sondern als Park. H\u00f6rt sich gut an, denn das, was man von der Stra\u00dfe aus sieht, wirkt zwar etwas vernachl\u00e4ssigt, aber durchaus ansehnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf kleinere Stra\u00dfen und sehen eine Gruppe von Frauen in langen, altmodischen Kleidern und altmodischen Kopft\u00fcchern. Sie geh\u00f6ren einer religi\u00f6sen Sekte an, den Evangelischen, wie Jessy sie nennt. Sehen eher wie die Amish aus, aber Jessy sagt, damit h\u00e4tten sie nichts zu tun. Sp\u00e4ter sieht man sie auch im Familienverbund an der Stra\u00dfe entlanggehen. Die M\u00e4nner scheinen normale westliche Kleidung zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen immer h\u00f6her. Hier gibt es jede Menge Ausflugslokale, darunter eins, das <em>Cachivaches<\/em> hei\u00dft. Unser Lokal hei\u00dft <em>El \u00c1tico<\/em>, von den Freundinnen empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellner sind wieder alle ausgesprochen freundlich. Jessy bestellt <em>pupusas<\/em>, ich bestelle ein Omelett. Zu den <em>pupusas<\/em> gibt es eingelegten Kohl <em>curtido<\/em>. Schmeckt etwa wie unser Sauerkraut, ist aber etwas sch\u00e4rfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonntags habe niemand Lust, zu kochen. Dann fahre man raus zum Fr\u00fchst\u00fccken oder zum Mittagessen. Ja, aber k\u00f6nnen sich die Leute das leisten? Nein, sagt sie, das gelte nur f\u00fcr die Mittelklasse und aufw\u00e4rts. Ihre Familie mache viel Gebrauch davon, sie sei die einzige Ausnahme. Vor allem Schwester, Bruder und Neffe \u2013 allesamt Juristen \u2013 seien st\u00e4ndig unterwegs. Keiner von ihnen kenne El Salvador so gut wir ihr Neffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich gestern schon gewundert, dass ihr Sohn und seine Freundin jeden Tag ein Uber nehmen, um zur Arbeit zu fahren. Sie arbeiten f\u00fcr eine US-amerikanische Firma, so etwas wie ein Online-Autoversicherer.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern ist mir aufgefallen, dass Katja, ihre Schwester, manchmal etwas ruckartige Bewegungen machte, wenn sie von der K\u00fcche an den Tisch kam \u2013 was h\u00e4ufig vorkam, da sie alle st\u00e4ndig bediente und sich ihr eigenes Essen f\u00fcr sp\u00e4ter aufbewahrte. Jessy erz\u00e4hlt, sie habe ein Blutgerinnsel im Hirn gehabt und sei offen am Hirn operiert worden. Ihr Mann sei verzweifelt gewesen. Aber sie habe sich wieder erholt und k\u00f6nne jetzt ein weitgehend normales Leben f\u00fchren. Sie arbeitet auch wieder als Rechtsanw\u00e4ltin in einer Anwaltskanzlei.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit, aufzubrechen zur <em>Puerta del Diablo<\/em>. Das ist eine besondere Felsformation, mit einer L\u00fccke zwischen zwei Felsen und einem weiteren Felsen fast direkt daneben. Den Felsen hat man die sch\u00f6nen Namen <em>El Chulo<\/em>, <em>El Chulito<\/em> und <em>El Chul\u00f3n<\/em> gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geologische Erkl\u00e4rung besagt, dass es infolge von drei Erdbeben an der K\u00fcste im Abstand von wenigen Jahren am Ende des 18. Jahrhunderts hier zu St\u00fcrmen und \u00dcberschwemmungen kam, die einen Erdrutsch verursachten. Durch einen weiteren Regensturm Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann endg\u00fcltig die L\u00fccke geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen diese langweilige wissenschaftliche Erkl\u00e4rung setzt der Volksmund die Legende des Teufels. Der freite in Person die Tochter der Familie, die hier gro\u00dfe L\u00e4ndereien besa\u00df, woraufhin die Einwohner des Ortes beschlossen, ihn zu vertreiben. Der Teufel, der nicht wusste, wohin, sprengte ein Loch zwischen die Felsen und verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy kennt diesen Ort noch, wie er fr\u00fcher war, einfach l\u00e4ndlich. Inzwischen hat man ihn f\u00fcr den Tourismus entdeckt, es gibt Parkpl\u00e4tze und Souvenirl\u00e4den und ein Plateau mit Informationstafeln und einem Caf\u00e9, gl\u00fccklicherweise alles so, dass die Aussicht nicht beeintr\u00e4chtigt wird. Jeder Felsen hat auch seine eigenen gl\u00e4serne Aussichtsplattform, und die Sicht ist wirklich spektakul\u00e4r, mit dem Tal, den begr\u00fcnten H\u00fcgeln und einem Vulkan ganz hinten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Tal liegt Panchimalco, ein pr\u00e4kolumbianisches Dorf mit sch\u00f6nen H\u00e4usern und Pl\u00e4tzen, eine Gr\u00fcndung der Tolmeken.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht ganz vereinzelt Menschen ganz oben auf dem Chulo und auf dem Chul\u00f3n. Wir begn\u00fcgen uns mit dem Aufstieg auf den Chulito, und der ist abenteuerlich genug. Man muss sich von Felsbrocken zu Felsbrocken hinaufhangeln, mit einer Kette an der Seite als Absicherung, und mit Gegenverkehr. Erstaunlich, wie gut einige \u00e4ltere, schwergewichtige Frauen das bew\u00e4ltigen. Jessy ist auch noch nie hier oben gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg zur\u00fcck. Jessy setzt mich zu Hause ab und f\u00e4hrt selbst in ein Einkaufszentrum, um Strom und Wasser zu bezahlen. Das macht sie per Bareinzahlung. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. November (Dienstag) El Salvador galt als eins der gef\u00e4hrlichsten L\u00e4nder der Welt, es war sogar mal weltweit Spitze, wenn es um die Rate von gewaltsamen Todesf\u00e4llen pro Einwohner geht. 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