{"id":11793,"date":"2024-12-01T23:26:32","date_gmt":"2024-12-01T22:26:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11793"},"modified":"2024-12-22T23:15:25","modified_gmt":"2024-12-22T22:15:25","slug":"nicaragua-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11793","title":{"rendered":"Nicaragua (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>26. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Somoza, die Sandinisten, Ernesto Cardenal, Daniel Ortega. Das assoziieren wir vielleicht mit Nicaragua. Das Eigenbild der <em>nicos<\/em>, der Nicaraguaner, ist anders. Sie sehen Nicaragua als das <em>Land der Seen und Vulkane<\/em>. Zumindest wird es als solches beworben.<\/p>\n\n\n\n<p>Werbung mit der Einreise k\u00f6nnen sie nicht machen. So kompliziert, wie es nur geht. Klare Informationen \u00fcber die Einreisebedingungen sind nicht zu bekommen, und wenn, dann sind sie widerspr\u00fcchlich. Ein Formular im Internet, das Voraussetzung sein soll, l\u00e4sst sich nicht ausf\u00fcllen, und selbst im Konsulat in San Salvador gibt es keine klare Auskunft.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Grenze wird dann alles aufgefahren, was man sich denken kann: Formulare werden ausgef\u00fcllt, der Transporter wird entlaust, Reisepass und Gelbfiebernachweis werden \u00fcberpr\u00fcft, Fingerabdr\u00fccke werden genommen, Photos gemacht, Telefonnummern erfragt. Und dann muss der ganze Wagen leerger\u00e4umt werden, einschlie\u00dflich unseres Gep\u00e4cks auf dem Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger. Und alles geht durch den Scanner.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht die reinste Freude, und ziemlich langwierig. Und das, nachdem wir schon drei weitere Grenz\u00fcberg\u00e4nge hinter uns gelassen und mehrere Polizeikontrollen am Wegesrand \u00fcber uns haben ergehen lassen. Bei denen wird die Taschenlampe gez\u00fcckt und nachgesehen, ob sich unter den Sitzen noch ein blinder Passagier versteckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu allem \u00dcbel machen zwei junge Deutsche auch noch einen Aufstand. Ich bin dumm genug, mich als Dolmetscher hineinziehen zu lassen. Sie haben gemerkt, dass der Stempel im Pass 10 $ als Eintrittsgeld f\u00fcr Nicaragua vermerkt, wir haben aber alle 20 $ gezahlt, und zwar direkt an den ersten Fahrer. Das kommt ihnen, zu Recht, suspekt vor. Sie stellen den Fahrer zur Rede. Der sagt, wir seien ja auch in Honduras eingereist. Ja, aber da haben wir die 3 $ direkt selbst bezahlt. Ja, aber hier in Nicaragua kommen noch 3 $ f\u00fcr die Entlausung dazu. Das kommt den beiden suspekt vor, aber sie akzeptieren es. Fehlen aber immer noch 7 $. Jetzt wird es polemisch, beide Seiten wiederholen immer wieder dieselben Argumente, der Fahrer sagt, sie m\u00fcssten schlie\u00dflich auch jede Menge Steuern bezahlen und droht, die beiden Deutschen zur\u00fcckzuschicken. Die beiden drohen, ihn bei dem Unternehmen anzuzeigen. Der Fahrer sagt, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, und der arme Dolmetscher tritt sich ins Hinterteil, weil er sich hat mit hereinziehen lassen. Sp\u00e4ter, in Le\u00f3n, haben sich die Gem\u00fcter beruhigt, der Fahrer gibt den beiden die Adresse, bei der sie ihre Beschwerden vorbringen k\u00f6nnen. Alles spricht daf\u00fcr, dass sie Recht haben. Trotzdem w\u00fcrde ich die Sache einfach auf sich beruhen lassen und den Fahrern diesen kleinen Extraverdienst g\u00f6nnen. Es tut keinem von uns weh. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder sind die Stra\u00dfen gut, aber es ist viel Verkehr. Die Fahrer dr\u00fccken echt auf die Tube und k\u00fcndigen mit lautem Hupen ihr Kommen an, gegen\u00fcber Motorr\u00e4dern und Fu\u00dfg\u00e4ngern (teils bei Dunkelheit an der Landstra\u00dfe auf dem schmalen Seitenstreifen entlang gehend). Unterwegs sto\u00dfen wir auf zwei Unf\u00e4lle, mit jeweils mehreren beteiligten Autos. Einmal ist ein Auto von zwei anderen eine B\u00f6schung raufgeschoben worden, einmal haben sich drei Autos ineinander verkeilt. Fl\u00f6\u00dft nicht gerade Vertrauen ein. Das wird nicht besser dadurch, dass unser Fahrer locker beim Fahren telefoniert und sein Handy konsultiert. Und \u00fcberall \u00fcberholt, wo es m\u00f6glich und auch da, wo es nicht m\u00f6glich ist. An einer Schlange von LKWs f\u00e4hrt er vorbei, auch wenn Gegenverkehr kommt. Er kreiert dann seine eigene Spur, indem er ganz links f\u00e4hrt. Die entgegenkommenden Motorr\u00e4der kommen ganz gut durch, aber die Autos m\u00fcssen abbremsen und sich durchzw\u00e4ngen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher hat es auf einsameren Landstra\u00dfen vor allem eins gegeben: K\u00fche. K\u00fche auf der Weide, K\u00fche am Stra\u00dfenrand, vom Kuhhirten gef\u00fchrt, und K\u00fche auf sich alleine gestellt, mitten auf der Stra\u00dfe und an den Haltestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, insgesamt sind wir 13 Stunden unterwegs, die Anfahrtszeit zur Abfahrtsstelle am Morgen nicht eingerechnet. Da hat sich die Kalkulation der Einheimischen \u2013 halbe Stunde reicht \u2013 als reichlich optimistisch erwiesen. Am Ende sind wir fast anderthalb Stunden unterwegs. Und dann passiert das, womit ich heimlich gerechnet habe: Kein Mensch wei\u00df, wo hier ein Bus nach Le\u00f3n abf\u00e4hrt. Nerv\u00f6s geworden, schnappe ich mir irgendwann meinen Koffer, laufe los in eine Richtung, in die ein Mann weist. Dort steht ein Polizist, der den Verkehr regelt. Ja, stimmt, hier ist die Abfahrt. Geschafft! Auf den letzten Dr\u00fccker. Nur um dann zu erfahren, dass der Bus Versp\u00e4tung hat, anderthalb Stunden. Die ganze Aufregung war umsonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind lauter Bleichgesichter im Bus, 12 Passagiere, Schweizer, Deutsche, Amerikanerinnen. An der Grenze werden wir unterschiedlich behandelt. Von mir werden keine Fingerabdr\u00fccke genommen, von den Amerikanerinnen wohl. Vielleicht brauchen sie ein Visum, genauso wie, wie ich dieser Tage mit heimlicher Freude gelesen haben, die Briten jetzt eins brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste, fl\u00fcchtige Eindruck von dem n\u00e4chtlichen Le\u00f3n ist ausgesprochen positiv. Aber noch besser ist es, dass der Shuttlebus uns alle zu unserer Unterkunft bringt! Damit hatte ich nicht gerechnet. Da alle anderen in Pensionen oder Hotels untergebracht sind, bin ich als letzter dran. Der Fahrer muss ein paar Mal um den Block fahren, aber dann \u00f6ffnet sich irgendwo ein gro\u00dfes Portal, und Lydia, die Gastgeberin, winkt uns zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das gro\u00dfe Portal geht es auf einen sch\u00f6nen Innenhof mit B\u00e4umen und Str\u00e4uchern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst werde ich begr\u00fc\u00dft von Ella, dem Hund der Familie. Sie klettert an mir hoch und ist offenbar erfreut, dass ich gekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stellt mich Lydia ihrer Mutter vor, spindeld\u00fcrr, genauso wie die Tochter. Beide sind froh, dass am Ende alles gutgegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Lydia spricht Deutsch, auf ihrem Profil erscheinen immer wieder Zitate auf Deutsch. Wie es denn komme, dass sie Deutsch lernt, frage ich. Sie ist mit einem Saarl\u00e4nder verheiratet! Der l\u00e4sst viele Gr\u00fc\u00dfe ausrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>27. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bei Sonnenschein sieht der Innenhof mit seinem vielen Gr\u00fcn genauso sch\u00f6n aus wie am Abend. Auf zwei Seiten gibt es einen breiten, gepflasterten Umgang mit h\u00f6lzernen Pfeilern und ziegelgedecktem Dach. Das Haus ist 200 Jahre alt und eine Art Erbst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Luxus darf man hier nicht erwarten. Das Zimmer, fensterlos und mit nackten W\u00e4nden mit ein paar Rissen und Flecken, hat nur das Allern\u00f6tigste, und das Wasser in der Dusche bleibt kalt. Eine Herausforderung besteht darin, sich ohne Spiegel zu rasieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen kommt zuerst Ella, um mich zu begr\u00fc\u00dfen. Sie klettert an mir hoch, sieht mich mit ihren Hundeaugen an und will gestreichelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Lydia und stellt mir ihren Sohn vor, Derek. Der ist in sein Tablet vertieft.<\/p>\n\n\n\n<p>Lydia zeigt mir ihr Deutschbuch. Wie immer, viel zu schwer f\u00fcr das, was sie kommunizieren kann. Sie w\u00fcrde viel mehr Elementares brauchen. Das scheinen die Lehrbuchautoren nicht zu kapieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Mann ist in einem Sabbatjahr hier gewesen und will tats\u00e4chlich nach Nicaragua ziehen und hier leben. Er kommt jetzt im M\u00e4rz\/April wieder, da werde er geh\u00f6rig ins Schwitzen kommen. Jetzt sei die beste Zeit, warm, aber nicht so hei\u00df und schw\u00fcl.<\/p>\n\n\n\n<p>Lydia wei\u00df, dass man im Saarland <em>Moin!<\/em> sagt statt <em>Guten Morgen!<\/em> oder <em>Guten Tag! <\/em>Und zeigt mir dann noch ein Buch mit regionaler Ausrichtung: <em>Deutsche Hausmannskost Saarland<\/em>. Das erste Gericht ist <em>Dibbe Labbes mit Apfelkompott<\/em>! Zur Komplettierung h\u00e4ngt an der Wand eine Karte des Saarlandes. Ihr Mann scheint ein Saarl\u00e4nder durch und durch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Haus ist das Fr\u00fchst\u00fcck einbegriffen. Es gibt Kaffee und ein sehr leckeres Omelette, mit Basilikum aus dem eigenen Garten, in dem Innenhof an einem gro\u00dfen Holztisch serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Lydia geht mit Derek aus dem Haus, macht sich auf den Weg zur Schule, wie ich vermute. Aber dann kommen sie mit einer ganzen Schar von Schulfreunden von Derek zur\u00fcck. Brauchen sie nicht zur Schule zu gehen? Nein, es sind Ferien. Sommerferien! Und heute ist der erste Ferientag!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe und noch ein paar Fragen stelle, kommt Ella und leckt&nbsp; an meinen Beinen. Habe ich etwa Fl\u00f6he? Nein, meint Lydia, Ella brauche Salz. Und nimmt meine Beine als Lieferanten daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen ist es schon knackig hei\u00df. Im Laufe des Tages wird es dann immer schw\u00fcler, und der Himmel zieht sich zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus liegt ganz zentral. Nach zwei Bl\u00f6cken bin ich schon am <em>Parque Central<\/em> und der Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade der Kathedrale ist strahlend wei\u00df, wird aber von Hunderten von Tauben in Beschlag genommen. Als ich sp\u00e4ter noch mal wiederkomme, sind sie weg.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00fcdlich der Kirche geht es gediegen, n\u00f6rdlich gesch\u00e4ftig zu. Im S\u00fcden ist es fast menschenleer. Dort befinden sich der Bischofspalast und ein Geb\u00e4ude mit sch\u00f6nen Holzbalkonen, das schwer einzuordnen ist. \u00dcber dem bunten Eingangsportal die Tiara und irgendeine Anspielung auf das Tridentinum. In den Innenhof wird man nicht reingelassen, da findet eine Versammlung statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich umdrehe, sehe ich eine Frau mit einer Sch\u00fcssel auf dem Kopf. Erst steht sie, in ein Gespr\u00e4ch vertieft, dann geht sie weiter. Ich kann aus der Distanz zwei Photos von ihr machen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00f6rdlich der Kathedrale gibt es L\u00e4den und Verkaufsst\u00e4nde, die gleich an die Kirche angrenzen, und gegen\u00fcber mehrere gr\u00f6\u00dfere Gesch\u00e4fte. Darin auch ein Supermarkt. Hier kann man Geld wechseln. F\u00fcr 100 $ bekommt man 3.650 C\u00f3rdoba. Das M\u00e4dchen, das das Geld wechselt, spricht kaum Spanisch. Sie kommt aus China.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geldscheine sehen wie gef\u00e4lscht aus und f\u00fchlen sich auch so an. Sind kaum abgenutzt. Auf der Vorderseite sind fast ausschlie\u00dflich Kirchen abgebildet, einmal ein Theater. Auf der R\u00fcckseite Vulkane und Volksfeste. Auf den M\u00fcnzen, die ich sp\u00e4ter zu sehen bekomme, ist auf der Vorderseite immer ein Dreieck, das auch ein stilisierter Vulkan sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale wirkt innen genauso gro\u00df wie au\u00dfen. Eine Mischung aus Barock und Klassizismus. Auch innen fast ganz in Wei\u00df. Die Kirche ist f\u00fcnfschiffig, mit m\u00e4chtigen B\u00fcndelpfeilern, an denen zwischen korinthischen S\u00e4ulen die Figuren der Apostel mit ihren Attributen stehen: Pfeil, Muschel, Axt, Andreaskreuz, Schl\u00fcssel, Schwert. Auch hier z\u00e4hlt Paulus als Apostel, obwohl er keiner war. Vor einem dieser Pfeiler steht Christus und weist auf das Grab eines Bischofs.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Seitenschiffsw\u00e4nden riesige Gem\u00e4lde, die die Kreuzwegstationen darstellen. Christus, in hellem Gewand und mit Heiligenschein, setzt sich deutlich von dem dunklen Hintergrund ab. Ein Leiden ist hier nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche, im <em>Parque Central<\/em>, glitzernde Weihnachtsdekoration und die Figur eines Riesen, wie man sie von Festen im Levante in Spanien kennt. Diese Figur reicht fast bis zur Oberkante des Hauses.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes die Statue eines gewissen M\u00e1ximo J\u00e9rez, in Denkerpose Er h\u00e4lt irgendwas in der Hand. Er war Schriftsteller und Denker, aber, wie so oft hier, auch Milit\u00e4r. Er gilt als einer der gro\u00dfen Verfechter der zentralamerikanischen Einheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz \u00fcberall Eisverk\u00e4ufer und Getr\u00e4nkeverk\u00e4ufer. Links ein Pavillon, rechts ein Haus mit der Inschrift <em>Capital de la Revoluci\u00f3n<\/em>. So stilisiert sich Le\u00f3n. Es gilt als das k\u00e4mpferische, lebendige, dynamische Pendant zu dem gediegeneren und sch\u00f6neren Granada, dem gro\u00dfen Konkurrenten im S\u00fcden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich schon in der Hauptstadt der Revolution bin, mache ich mich auf die Suche nach dem <em>Museo de la Revoluci\u00f3n<\/em>, muss aber feststellen, dass das nicht sonderlich bekannt ist. \u201e\u00bfMuseo? \u2026 Museo\u201c ist die gel\u00e4ufige Antwort. Klingt so, als ob es nur eins gebe. Ich werde hin und her geschickt und gebe mich am Ende geschlagen. Am Abend finde ich heraus, dass das Museum gleich am <em>Parque Central<\/em> liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache eine kurze Pause in einem Caf\u00e9 bei Kaffee und Teilchen. Und werde meine ersten 95 C\u00f3rdoba los.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach dem Museum komme ich an einem Geb\u00e4ude vorbei, das sich als Theater erweist. Es kommen gerade elegant gekleidete Eltern mit ihren kleinen Kindern heraus. Die Kinder tragen kn\u00f6cheltiefe blaue Umh\u00e4nge und ein blaues quadratisches Barett. Ich erfahre, dass es sich um eine Graduierung handelt, <em>una<\/em> <em>graduaci\u00f3n<\/em>, obwohl die Kinder gerade mal im ersten oder zweiten Schuljahr sind. Eine Mutter erlaubt mir, ein Photo von ihrer Tochter zu machen, und die posiert f\u00fcr das Photo, halb stolz, halb scheu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an einem Barbier vorbei, der am Gitter seines Friseursalons Werbung f\u00fcr Bananen und Eier macht, die er hier zum Verkauf anbietet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ausfahrt steht no estacionar und daneben sale carro. Das gibt ein Photo f\u00fcr meine kleine Sammlung lateinamerikanischer Besonderheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter, und wieder komme ich an der Franziskanerkirche vorbei. Davor eine Skulptur von Franziskus, der beruhigend auf den mit gefletschten Z\u00e4hnen vor ihm stehenden Wolf einspricht. Auf dem Boden Knochen und Sch\u00e4del der fr\u00fcheren Opfer des Wolfs.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber liegt das Haus von Rub\u00e9n Dar\u00edo. Wenn man schon mal in Madrid war, klingt einem sein Name im Ohr, von der nach ihm benannten zentralen Metro-Station.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich schon einmal hier bin, gehe ich auch rein. Der Mann, der mich in Empfang nimmt, wirkt nicht sonderlich freundlich, aber das ist vielleicht nur der Anschein. Zwei Dollar soll ich zahlen. Die nimmt er aber nicht in die Hand, ich solle sie direkt in den Schlitz werfen. Und dann, wie \u00fcberall hier, meinen Namen und mein Herkunftsland in eine Liste eintragen. Vor mir waren ein Besucher aus Belgien und einer aus der Schweiz hier.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Haus ist Rub\u00e9n Dar\u00edo nicht geboren, und hier ist er auch nicht gestorben. Er ist aber hier gro\u00df geworden. Dieses Haus war das Haus der Gro\u00dftante, bei der er aufwuchs, nachdem die Eltern sich getrennt hatten. Geboren wurde er in Metapa, einer Stadt, die heute seinen Namen tr\u00e4gt. <em>Dar\u00edo <\/em>ist ein K\u00fcnstlername, angelehnt an seine Vorfahren, die <em>Los Dar\u00edos<\/em> genannt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Informationstafeln berichtet von einer Kuriosit\u00e4t aus dem Leben Rub\u00e9n Dar\u00edos. 1884musste er sich vor Gericht verantworten. Der Anklagepunkt lautete <em>vagancia<\/em>, \u201aM\u00fc\u00dfiggang\u2018. Wenn man einfach so in der Gegend herumsa\u00df und Gedichte schrieb, dann war man verd\u00e4chtig, galt als Nichtsnutz, Taugenichts, Tagedieb. Wie der Prozess ausging, wird leider nicht berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Rub\u00e9n Dar\u00edos Tante betrieb eine Art Salon mit einem Kreis von Schriftstellern, Politikern, Milit\u00e4rs, K\u00fcnstlern, die hier einen literarischen Zirkel bildeten. Durch sie kam er schon ganz fr\u00fch in Kontakt mit Kunst und Literatur. Er soll schon mit 5 seine ersten Gedichte geschrieben haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er besuchte verschiedene Schulen, darunter eine Jesuitenschule,&nbsp; in der er die spanischen Klassiker kennenlernte und Latein und Griechisch lernte. Auch Musik stand hier ganz hoch im Kurs. Der Rhythmus wurde zu einem der bestimmenden Merkmale seiner Dichtung. Liebe deinen Rhythmus, sagte Rub\u00e9n Dar\u00edo und dichtete <em>Eres un universo de universos \/y tu alma una fuente de canciones. \u2013 Ein Universum von Universen tr\u00e4gst du in dir \/ und deine Seele ist ein Quell des Gesangs.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Rub\u00e9n Dar\u00edo wurde zu einem der Erneuerer der spanischsprachigen Dichtung. Ernesto Cardenal wird hier zitiert mit dem Satz, seine Dichtung sei die erste wahrhaft metaphysische der spanischen Literatur, bei der bis dahin die Themen Raum und Zeit im Vordergrund standen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rub\u00e9n Dar\u00edos einflussreiches Erstlingswerk trug den Titel <em>Azul<\/em>. Er entwickelte eine Sprache jenseits des Alltagsgebrauchs, mit ungewohnten Themen und Motiven, voller Klangexperimente. Diese Art von Dichtung wurde sp\u00e4ter als <em>Modernismo<\/em> bekannt. Den Schwan machte er zum Symbol seiner Dichtung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber <em>Azul<\/em> sagte Juan Valera: <em>Si me preguntase qu\u00e9 ensena su libro de usted y de qu\u00e9 trata, responder\u00eda yo sin vacilar: no ense\u00f1a nada y trata de nada y de todo. \u2013 Wenn man mich fragen sollte, was Ihr Buch lehrt und wovon es handelt, w\u00fcrde ich ohne Z\u00f6gern antworten: Es lehrt nichts und handelt von nichts und von allem.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fch begann Rub\u00e9n Dar\u00edo, andere L\u00e4nder kennenzulernen, lebte mehrere Jahre in El Salvador, in Guatemala, in Costa Rica und wurde sogar Honorarkonsul Kolumbiens in Buenos Aires!<\/p>\n\n\n\n<p>Er kam in Kontakt mit gesellschaftskritischen Kreisen und entwickelte eine immer gr\u00f6\u00dfere USA-Skepsis.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann begann er, Europa zu bereisen, Ungarn, \u00d6sterreich, Deutschland, England, vor allem aber Frankreich und Spanien. Getrieben wurde er von seelischer Unruhe, von Krankheiten, von zunehmendem Alkoholismus, von Beziehungsproblemen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner ersten Frau fand er eine Seelenverwandte. Sie hatte seine Gedichte gelesen, und dann stellte es sich heraus, dass sie unter einem Pseudonym mehrere Artikel in einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht hatte! Ihr Tod st\u00fcrzte ihn in eine schwere Krise. In dieser Zeit verkuppelten Freunde ihn mit einer fr\u00fcheren Verlobten, obwohl die eigentlich rechtlich gar nicht in der Lage war, zu heiraten. Die Beziehung war zutiefst ungl\u00fccklich. Auf einem Spaziergang mit Valle Incl\u00e1n in Madrid begegnete er einer ganz einfachen Frau, die irgendwo als Dienstm\u00e4dchen arbeitete. Er verliebte sich in sie, lebte mit ihr in \u201ewilder Ehe\u201c zusammen und bekam mit ihr mehrere Kinder. Eine gl\u00fcckliche Beziehung. Damit ist Rub\u00e9n Dar\u00edo ein neuer Eintrag auf meiner Liste von gro\u00dfen K\u00fcnstlern, die mit einfachen Frauen gl\u00fccklich wurden, nach Goethe, Heine und Joyce.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den vielen Ungl\u00fccksf\u00e4llen seines Lebens geh\u00f6rte auch der Kindstod. Von seinen vielen Kindern \u00fcberlebte nur eins, ein Sohn. Wenn ich die Stammtafel, die hier ausgestellt ist, richtig verstehe, hie\u00dfen drei seiner S\u00f6hne Rub\u00e9n Dar\u00edo.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Informationen findet man hier an den W\u00e4nden eines sch\u00f6nen Innenhofs. In den Zimmern sind M\u00f6bel aus der Zeit ausgestellt, darunter das Eisenbett, in dem er bis kurz vor seinem Tod den Kampf gegen eine Lungenentz\u00fcndung austrug. Er starb 1916, gerade mal 49 Jahre alt. Zwei Todesmasken sind zu sehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Reihe von Gedichten, teils als Autograph, ist hier ausgestellt. Am wichtigsten ein Gedicht mit dem urspr\u00fcnglichen Titel \u201eAzul\u201c, das sp\u00e4ter in \u201eLa Ventana\u201c umbenannt wurde. Es ist gleich neben dem Fenster ausgestellt, auf das sich der Titel bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich in eine Pizzeria. Obwohl es noch fr\u00fch ist, ist es schon rappelvoll. An mehreren langen Tischen finden Familienfeiern statt. Frauen mit eleganten Kleidern, St\u00f6ckelschuhen und hochgesteckten Haaren, M\u00e4nner mit Holzf\u00e4llerhemden und Schirmm\u00fctzen. Auf erh\u00f6ht stehenden Backblechen werden riesige Pizzen serviert, dazu gibt es literweise Cola aus Plastikkr\u00fcgen. Die Kinder haben die Schuhe ausgezogen, daf\u00fcr gibt es, wie ein Schild an der Wand verk\u00fcndet, extra einen <em>Locker<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle eine Pizza und ein Bier. Beides schmeckt hervorragend. Ich muss 490 C\u00f3rdoba bezahlen, und das bedeutet, dass ich wieder keinen F\u00fcnfhunderter gewechselt bekomme. Und es bedeutet, dass ich nicht in einem Billigreiseland bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach komme ich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone auf eine schmale, auf beiden Seiten von schmalen Laternenpf\u00e4hlen und von schmalen B\u00e4umen ges\u00e4umte Stra\u00dfe. Hier sehe ich einen Radfahrer und einen dicken Mann mit indigenen Z\u00fcgen, mit entbl\u00f6\u00dftem Oberk\u00f6rper, der die Speckfalten sehen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande dieser Stra\u00dfe ein kleiner Park, eigentlich eher ein Platz, obwohl er Parque hei\u00dft, mit einer Statue von Rub\u00e9n Dar\u00edo. Obwohl er ein Buch in der Hand h\u00e4lt, sieht er nicht wie ein Dichter, sondern eher wie ein Beamter aus, kerzengerade, mit einem knitterfreien Anzug. Vor der Statue ein Stein mit einer Inschrift. Hier ist von der Partnerstadt Le\u00f3ns die Rede. Das ist Hamburg! Und die Inschrift besagt, dass der Baum dahinter von den B\u00fcrgermeistern der beiden St\u00e4dte gepflanzt wurde, auf Hamburger Seite von Henning Voscherau!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter noch mal losgehe, um das Grab von Rub\u00e9n Dar\u00edo in der Kathedrale zu suchen, sehe ich auf einer Stange vor einem Haus einen Papagei sitzen und sp\u00e4ter zwei Wellensittiche, die unter der Decke eines Verkaufsstands herausgucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist geschlossen. Erst jetzt fallen mir an der Fassade die Figuren mehrerer Atlanten auf, die oben die Balken st\u00fctzen, an denen die Glocken h\u00e4ngen. Der Name der Kirche ist <em>Bas\u00edlica Catedral de la Asunci\u00f3n<\/em>. Der Bezug zur Himmelfahrt erkl\u00e4rt die Mondsichel unter der Marienfigur ganz oben an der Fassade.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gerade ein Photo mache, spricht mich pl\u00f6tzlich jemand von hinten an, spricht direkt in mein Ohr. Ich erschrecke mich zu Tode. Es ist ein Betteljunge. Er spricht mich zuerst als <em>amigo<\/em>, dann als <em>abuelo<\/em> an, aber weder der Freund noch der Opa l\u00e4sst was springen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenkreuzung, kurz bevor ich wieder zu Hause ankomme, steht ein Mann etwas ratlos vor seinem Auto, mitten auf der Kreuzung. Vor dem Auto liegt ein Motorrad auf dem Boden. Wieder ein Unfall. Kein Wunder, bei der improvisierten Fahrweise und den undurchsichtigen Vorfahrtsregeln, dass hier Unf\u00e4lle passieren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>28. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas verwirrt h\u00f6re ich am Morgen Punkt 7 eine Sirene. Am Mittag, als ich in der Stadt bin, ert\u00f6nt sie wieder, genau um 12. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt mir Lydias Mutter, was es damit auf sich hat. Es handelt sich um keine Warnsirene, sondern einfach um ein Zeichen f\u00fcr Schulen und Fabriken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lydia fragt mich, ob ich schon <em>Gallo Pinto<\/em> gegessen h\u00e4tte, das Nationalgericht. Nein, aber hatte ich vor. Sie bietet an, es zum Fr\u00fchst\u00fcck zu servieren. Es ist eine getreue Kopie des kubanischen <em>Arroz Man\u00ed<\/em>. Reis mit Bohnen und Spiegelei, dazu nat\u00fcrlich der allgegenw\u00e4rtige Maisfladen, nichts Besonderes, aber das h\u00e4lt die Leute nat\u00fcrlich nicht davon ab, es als kulinarischen H\u00f6hepunkt zu feiern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, wo ich wei\u00df, wo es ist, gehe ich schnurstracks zum <em>Museo de la Revoluci\u00f3n<\/em>. Dort wird einem ein F\u00fchrer an die Seite gestellt. Der betet routiniert seinen Text herunter, ohne Pausen, ohne Verst\u00e4ndnisfragen, ohne R\u00fccksicht auf Verluste. Ich habe M\u00fche, die eine oder andere Verst\u00e4ndnisfrage dazwischen zu bekommen. Daten, Fakten, Namen prasseln auf mich nieder, und ich wei\u00df nicht, ob ich weiter zuh\u00f6ren oder mir das Vorige merken soll. Wie erkl\u00e4rt sich so viel Unverm\u00f6gen, sich in die Lage des Uneingeweihten, des Fremden, des Ausl\u00e4nders zu versetzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Raum geht es nur um Sandino. Er wurde als unehelicher Sohn eines wohlhabenden Kaffeefarmers und einer Dienstmagd geboren. Sein Vater erkannte ihn zun\u00e4chst nicht, dann aber doch an.<\/p>\n\n\n\n<p>Als junger Mann ging er nach Guatemala, dann nach Mexiko, und erlebte dort den erdr\u00fcckenden Einfluss der USA, in Mexiko in der \u00d6lindustrie, in Guatemala auf den Bananen- und Zuckerrohrplantagen. Gegen die Willk\u00fcrherrschaft der USA richtete sich fortan sein Engagement. Er schloss sich der Liberalen Partei an, wurde einer der Chefs der Liberalen Streitkr\u00e4fte. Als diese unter dem Druck der USA ihre Waffen niederlegten und einen Kompromiss mit den Konservativen aushandelten, war das Verrat am Vaterland f\u00fcr Sandino. Der Vertrag, unter einem Pflaumenbaum geschlossen, ging als <em>Pacto del Espino Negro<\/em> in die Geschichte ein. Man sieht hier ein altes Photo von der Szene unter dem Pflaumenbaum, lauter seri\u00f6se Herren mit Sonnenh\u00fcten und Hosentr\u00e4gern.<\/p>\n\n\n\n<p>Sandino begann, in den Bergen und unter den Bauern eine Truppe zusammenzustellen, die sich, schlecht ausger\u00fcstet, aus gerade einmal 30 Mann bestehend, dem Kampf gegen die \u00dcbermacht widmete. Aus ganz Lateinamerika schlossen sich Freiwillige an, die Truppe wuchs auf zwischen 2.000 und 6.000 Mann an, und das Unglaubliche gelang: Die USA zogen sich aus Nicaragua zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird hier ausschlie\u00dflich als Verdienst Sandinos und seiner Leute dargestellt, aber man k\u00f6nnte sich fragen, ob nicht auch der Wechsel des Pr\u00e4sidenten in den USA, von Coolidge zu Roosevelt, eine Rolle gespielt hat. Jedenfalls war f\u00fcr Sandino damit seine Mission erf\u00fcllt. Er zog sich aufs Land zur\u00fcck. 1934 wurde er dann von Pr\u00e4sident Sacasa zur Feier der Unterzeichnung des Vertrags zum Abzug der USA nach Managua eingeladen. Dort wurde er in einen Hinterhalt gelockt und in der Gegenwart seines Vaters, zusammen mit einigen seiner Mitk\u00e4mpfer, erschossen. Da hatte auch der General Somoza seine H\u00e4nde im Spiel, der zwei Jahre sp\u00e4ter gegen Sacasa putschte und sich selbst zum Pr\u00e4sidenten machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sandino wurde nur 34 Jahre alt. Er war ein Leichtes, ihn zu einem Helden zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Saal geht es um den Kampf gegen Somoza und das Verm\u00e4chtnis Sandinos, dessen Name in den der Befreiungsfront FSLN einging, deren schwarz-rote Fahnen man hier in Nicaragua \u00fcberall sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre, dass es sich bei Somoza nicht um <em>einen <\/em>Diktator handelt, sondern um eine ganze Dynastie. Dem ersten Somoza folgte sein Sohn in das Pr\u00e4sidentenamt und dem folgte dessen Bruder. Die Herrschaft der Somozas dauerte ca. 45 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste der Somozas wurde von einem der Mitstreiter Sandinos get\u00f6tet. Er wusste, worauf er sich einlie\u00df, besuchte ein letztes Mal seine Mutter und las ihr ein Gedicht vor. Dann schlich er sich in eine Feier im Pr\u00e4sidentenpalast ein, schoss mehrfach auf Somoza ein und wurde selbst durch den Kugelhagel der Sicherheitsleute auf der Stelle get\u00f6tet. Somoza wurde in ein US-Milit\u00e4rhospital in Panama geflogen, wo er eine Woche sp\u00e4ter verstarb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kampf der FSLN \u00fcber die n\u00e4chsten Jahrzehnte war wechselnd in Intensit\u00e4t und Strategie. Nachdem der st\u00e4dtische Guerillakampf in der Zerst\u00f6rung der St\u00e4dte durch die Gegenattacken des Regimes endete, entschied man sich f\u00fcr den l\u00e4ndlichen Guerillakampf nach dem Vorbild der kubanischen Revolution\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kampf nahm an Intensit\u00e4t zu, nachdem der letzte Somoza abgew\u00e4hlt worden war, aber mit dem Sieger der Wahl einen Pakt schloss und im Amt blieb. Demonstrationen und Proteste in gro\u00dfem Stile folgten. Das Volk war die Somozas endg\u00fcltig leid. Das Regime antwortete mit brutaler Gewalt und mit Repressalien, was wiederum die Guerillabewegung anfeuerte. Schlie\u00dflich gelang es den Freiheitsk\u00e4mpfern 1979, Le\u00f3n einzunehmen. Man sieht Bilder von Stra\u00dfenfesten mit T\u00e4nzen und Musik und friedlich durch die Reihen fahrenden Panzer. Hier in Le\u00f3n wurde dann auch die erste provisorische Regierung gebildet und der erste Verfassungsentwurf geschrieben. Le\u00f3n hatte sich den Ruf der <em>Hauptstadt der Revolution<\/em> verdient. Von Le\u00f3n aus wurde dann auch der Rest des Landes eingenommen, und Somoza trat die Flucht an. Er erhielt Asyl im Paraguay Stroessners. Es ging ihm nicht schlecht, er war im Besitz einer Villa, mehrerer Unternehmen und einer Insel! Sein Verm\u00f6gen wurde auf 100 Millionen Dollar gesch\u00e4tzt. Davon hatte er aber nicht mehr lange was. 1980 wurde er von argentinischen Freisch\u00e4rlern ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die F\u00fchrung, obwohl wir uns noch kurz drei bemalte Mauern in dem sch\u00e4bigen Innenhof des Museums ansehen. Von der Herrschaft der Sandinisten, von Ortega und von den Contras ist nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache eine Pause bei einem leckeren Fruchtsaft in einem Ecklokal, wo ich gestern schon mal war. Die Auswahl ist beinahe un\u00fcberschaubar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich in die Kathedrale und finde dort das Grabmal Rub\u00e9n Dar\u00edos, vor dem Pfeiler mit der Figur des Apostels Paulus. Kann man wirklich leicht \u00fcbersehen, der L\u00f6we, der oben liegt, beherrscht das Grabmal. Der Name des Dichters steht nur auf einem Mauervorsprung dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder die schmale, inzwischen vertraute Stra\u00dfe in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hinuntergehe, kommt mir der dicke Indio von gestern entgegen \u2013 splitternackt. Scheint ihn nicht weiter zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage einen Mann nach dem <em>Museo Ortiz Guardian<\/em>, dem Kunstmuseum. Er wei\u00df erst nicht so recht, was ich meine, aber ein anderer Mann, der die Frage mitgeh\u00f6rt hat, zeigt, wo es lang geht und sagt, das sei das beste Kunstmuseum Mittelamerikas. Vermutlich keine \u00dcbertreibung. Der erste Mann schaltet schnell, f\u00fchrt mich dahin und erbittet sich am Ende eine kleine Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist so gro\u00df, dass es gleich zwei H\u00e4user auf gegen\u00fcberliegenden Seiten einer Stra\u00dfe einnimmt. Vor allem in dem zweiten Haus reibe ich mir die Augen, weil man in immer neue Innenh\u00f6fe und Ausstellungsr\u00e4ume kommt und am Ende die Orientierung verliert. Alles ist hoch modern und bestens pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem ersten Haus gibt es zentralamerikanische Gegenwartskunst zu sehen. Vertreten sind K\u00fcnstler aus Costa Rica, Guatemala, Kuba, El Salvador, Nicaragua, und, um die Sammlung zu vervollst\u00e4ndigen, gelegentlich sogar aus Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles vertreten, abstrakte und gegenst\u00e4ndliche Kunst und abstrakte Kunst, in der man, je l\u00e4nger man hinsieht, umso mehr Gegenst\u00e4nde erkennt. Dazu Collagen und Bilder, in die Objekte des Alltags eingebaut sind, eine CD oder das Motherboard eines Computers, und moderne Gem\u00e4lde mit antiken Zitaten wie der Mona Lisa oder musizierende Renaissance-Engel. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Suggestiv auch die Titel: <em>Sue\u00f1o tropical<\/em>, <em>La Virgen del Ma\u00edz<\/em>, <em>El Misterio de las Profundidades<\/em>, <em>Di\u00e1logo<\/em> (ohne menschliche Figuren), <em>Todo el Bien, Todo el Mal<\/em>, Obra de Dios (rein abstraktes Bild), <em>El Descanso<\/em>, <em>Word Rain<\/em>, <em>An\u00e1lisis de Vuelo<\/em>. In dem sieht man einen Radfahrer eine Steigung geradezu hinaufliegen, mehrere R\u00e4der hinter sich lassend.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>El Descanso<\/em>, einem scheinbar ganz und gar abstrakten Gem\u00e4lde, entdeckt man bei l\u00e4ngerem Hinsehen ein Wollkn\u00e4uel, eine Sonne, B\u00e4ume, einen See.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Bild sieht man einen Christus mit asiatischen Z\u00fcgen und einem Heiligenschein mit buddhistischen Symbolen. In der Hand h\u00e4lt er eine flatternde Taube, die nicht unbedingt wie eine Taube aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch ein paar moderne Skulpturen, sehr sch\u00f6n pr\u00e4sentiert am Rande des inneren Hofs, h\u00e4ufig neben einem Springbrunnen. Besonders gef\u00e4llt mir eine, die ein Paar darstellt. Ganz einfache geometrische Formen, der Kopf ist einfach ein Rechteck, ohne Gesichtsz\u00fcge. Der Torso und die Gliedma\u00dfen \u00e4hnlich. Die beiden Figuren sitzen sich gegen\u00fcber und beugen sich aufeinander zu. Eine der Figuren ber\u00fchrt ganz leicht das Bein der anderen. Irgendwie habe ich das Gef\u00fchl, dass das der Mann sein muss, obwohl man das aus der Darstellung nicht eindeutig herauslesen kann. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Haus gegen\u00fcber befindet man sich in einer ganz anderen Welt. Das erste Gem\u00e4lde ist ein sp\u00e4tmittelalterliches Diptychon aus Deutschland. Das stellt auf der linken Seite die Verm\u00e4hlung Mariens dar (dass auch Josef beteiligt ist, davon ist nicht die Rede). Man sieht europ\u00e4ische Kleidung und ein Haus mit gefliestem Boden und einen Leuchter an der Decke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann eine niederl\u00e4ndische Darstellung von lauter M\u00e4nnern mit der typischen Halskrause der Renaissance, alle mit ernsten Gesichtern, um den gekreuzigten Christus herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde, die Aufmerksamkeit auf sich ziehend, zeigt einen j\u00fcngeren Mann, der einem \u00e4lteren Mann das Auge zu untersuchen scheint. Es ist die biblische Geschichte von Tobias. Hier ist es der Sohn, der Tobias die Sehkraft wieder gibt. Habe ich anders in Erinnerung. War da nicht im urspr\u00fcnglichen Text eine Taube im Spiel?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann folgt ein Portr\u00e4t, das perfekt Rembrandt darstellen k\u00f6nnte und auch von Rembrandt gemalt sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine auff\u00e4llige Maria Magdalena, sehnsuchtsvoll nach oben blickend, aber mit langem Haar, das bis auf ihre entbl\u00f6\u00dften, \u00fcppigen Br\u00fcste f\u00e4llt. Die Vorstellung des Barocks von religi\u00f6ser Malerei.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann folgen noch ganze R\u00e4ume mit minimalistischer Kunst und mit Installationen, meist von US-amerikanischen K\u00fcnstlern. Bei den Installationen eine, bei der man auf dem Bildschirm sieht, wie eine Reiterstatue von einem Sockel gest\u00fcrzt wird. Die kurze Szene wird in Endlosschleife wiederholt. Vor dem Bildschirm liegen tats\u00e4chlich die rostigen Reste der Statue. Das Pferd weist nur einige L\u00fccken auf, von dem Reiter ist nur der Unterleib erhalten, und den sieht man nur auf den zweiten Blick. Ich will herausfinden, um welches Reiterdenkmal es sich handelt, finde aber keine Hinweise. Vielleicht ist das auch gar nicht n\u00f6tig, die Installation d\u00fcrfte universelle Bedeutung haben, sich nicht auf ein spezifisches Ereignis beziehen. Die Installation erinnert mich an ein Gedicht von Shelley, das eine ganz \u00e4hnliche Szene mit Bezug auf einen \u00e4gyptischen Pharao beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in den weiteren R\u00e4umen noch andere experimentelle Kunstwerke, darunter eins, das ein und dieselbe Szene in 70 verschiedenen kleinen Photos darstellt. Man sieht ein kleines St\u00fcck Strand, ein kleines St\u00fcck Meer und vor allem viel Himmel. Erstaunlich, wie unterschiedlich die Szenen sind, je nach Jahreszeit und Wetterlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gelungen ein l\u00e4ngliches Gem\u00e4lde mit den Figuren aus <em>Las Meninas<\/em> und Szenen aus <em>Guernica<\/em> im Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ein Kunstwerk aus alten Reifenteilen, ineinander verschlungen, vermischt mit Speichen, Ketten und Schl\u00f6ssern.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich ein gepanzerter Tuk-Tuk mit ganz schmalen Sehschlitzen, Gewehrkolben oben und einem Stierhorn vorne.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss sieht man noch ein Modell der Kathedrale. Hier erkennt man besser als in der Wirklichkeit, was f\u00fcr ein gro\u00dfes und komplexes Geb\u00e4ude man vor sich hat. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend gehe ich noch zur <em>Iglesia de la Recolecci\u00f3n<\/em>, in einem bisher unbekannten, volkst\u00fcmlichen Viertel gelegen. Die ist ganz anders als alles andere, was ich bisher gesehen habe, gelb gefasst, mit Ru\u00dfflecken, barock, mit einer sch\u00f6nen Fassade. Hier kommt man sich wie in Mexiko vor. Zwischen den S\u00e4ulen in allen, sich nach oben verj\u00fcngenden Stockwerken, in Medaillons Motive aus der Heilsgeschichte: Marterwerkzeuge, der Hahn, die Gesetzestafeln, der Rock der Kreuzigung, die W\u00fcrfel.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen etwas entt\u00e4uschend, hier ist nur sch\u00f6n, was aus Holz ist, die Decke, die T\u00fcren, die Beichtst\u00fchle. Habe aber f\u00fcr einen Tag sowieso genug gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, h\u00f6re ich merkw\u00fcrdige Stimmen und erkenne im Halbdunkel nur schemenhaft mehrere Gestalten, die um einen kleinen Altar versammelt sind. In einer fremden Sprache werden gebetsm\u00fchlenhaft die immergleichen Verse wiederholt, wie bei einer Litanei, nur mit noch weniger Variation. Eine m\u00e4nnliche Stimme macht den Vorbeter, die weiblichen Stimmen antworten. Es m\u00fcssen tats\u00e4chlich Lydia und ihre Mutter sein, die offensichtlich einem hinduistischen oder buddhistischen Ritus folgen. Ich habe sp\u00e4ter keinen Mut, danach zu fragen. Aus der Ferne h\u00f6re ich aber sp\u00e4ter, wie der Mann noch einen kleinen Vortrag h\u00e4lt. Eine Bemerkung schnappe ich auf: Man d\u00fcrfe nicht Wissen mit Weisheit verwechseln. Wie oft habe ich das schon geh\u00f6rt! Nur: Gegen wen richtet sich das denn? Gibt es jemanden, der Wissen mit Weisheit verwechselt? &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>29. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen sagt Lydias Mutter, ich solle eine Taxi zum Busbahnhof nehmen und dort nach den Bussen nach <em>Lapasentro<\/em> fragen. Wohin bitte? <em>Lapasentro<\/em>? Oder wie hie\u00df das noch? Nie geh\u00f6rt. Ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht. <em>Lapasentro<\/em>? <em>Pasentro<\/em>? Wie war das noch mal? Sie wiederholt es und dann noch einmal, und pl\u00f6tzlich f\u00e4llt bei mir der Groschen: <em>La Paz Centro<\/em>. Wunderbar! Ich bin regelrecht begeistert. Ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch. Warum versteht man in der Fremdsprache etwas nicht? Es liegt nicht an dem, was immer wieder angef\u00fchrt wird, nicht am Dialekt, nicht am \u201eSlang\u201c, nicht an der Geschwindigkeit, nicht an unbekannten Vokabeln. Es liegt daran, dass man die Wortgrenzen nicht erkennt. Und deshalb <em>bekannte<\/em> W\u00f6rter nicht identifiziert. Der Beleg daf\u00fcr: Geschrieben h\u00e4tte ich die Instruktion sofort verstanden. Die Schrift markiert, im Gegensatz zur gesprochenen Sprache, die Wortgrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich auf nach Lapasentro. &nbsp;Lydia schickt einen ihr bekannten Taxifahrer. Der holt mich vor der Haust\u00fcr ab. F\u00fcr 50 C\u00f3rdoba.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer hat eine Verbindung nach Deutschland. Seine Tochter lebt in Oldenburg, bei seiner Schwester. Sehr lateinamerikanisches Arrangement.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer hat es schwer, an den Busbahnhof heranzukommen. Hier wird es eng, Verkaufsst\u00e4nde, Lastentr\u00e4ger, Autos und Rischkas, die in der falschen Richtung unterwegs sind. Sie kommen uns entgegen, was nicht erlaubt ist. Das kontrolliert aber niemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den Oberlandbus. Obwohl die Stra\u00dfe gut und die Strecke flach ist, f\u00e4hrt der Fahrer auff\u00e4llig langsam. Links und rechts niedrige B\u00e4ume. Und das Gesch\u00e4ftsschild <em>El Palomo<\/em>. Was das wohl ist?<\/p>\n\n\n\n<p>In La Paz Centro h\u00e4lt der Bus auf einer Wiese. Hier muss man umsteigen. Der Bus nach Le\u00f3n Viejo wartet mit hochgeklappter Motorhaube. Fast verpasse ich ihn, weil ich noch irgendwo ein WC sehe. Eine Frau reicht mir wortlos einen Schl\u00fcssel durch ein Gitter. Auf meine Frage, welcher der Schl\u00fcssel der richtige sei, sagt sie nur, ich solle es ausprobieren. Klappt auf Anhieb. Aber das WC ist in einem Zustand, dass man sich fragt, warum hier \u00fcberhaupt abgeschlossen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist schon in Bewegung, als ich rauskomme, aber man h\u00e4lt an und wartet auf mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sehr l\u00e4ndlich. Keine Werbeplakate mehr. Immer wieder kommen frisch gepfl\u00fcgte Felder in Sicht. Wir \u00fcberholen Pferdefuhrwerke und fahren an einem Kuhhirten vorbei, der uns fr\u00f6hlich zuwinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Bushaltestelle hei\u00dft es: Vorsicht, USA, immer den Sicherheitsgurt anschnallen! Dann passieren wir das Hotel <em>CubaNic<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke ist weiterhin flach, aber vor uns taucht jetzt eine regelrechte Bergkette auf, vermutlich Vulkane.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer setzt mich an einem einsamen Feldweg ab und deutet in eine Richtung: Da geht\u2019s lang. Hatte ich mir etwas anders vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erscheinen aber Banner am Wegesrand, die die fehlende Distanz angeben und betonen, dass Le\u00f3n Viejo Weltkulturerbe der UNESCO ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum steht ein moderner Reisebus. Aber man sieht keine Besucher. Ich zahle 10 $ und bekomme einen F\u00fchrer. Im Laufe der Zeit merke ich, dass er die Texte der Schrifttafeln mehr oder weniger auswendig heruntersagt. Sp\u00e4ter vertraut er mir an, dass er die F\u00fchrungen erst seit kurzem mache, vorher war er als Parkw\u00e4chter besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beginnen im Museum, sp\u00e4ter schlie\u00dfen sich uns noch zwei nicaraguanische Besucher an.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine mit Exponaten aus der vorkolonialen Zeit sieht man winzige Musikinstrumente, nichts anderes als Steinchen mit L\u00f6chern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Keramikgef\u00e4\u00dfe, die wie Pantoffeln aussehen. Das sind Urnen. In die kam aber keine Asche rein. Sie wurden mit den Knochen der Verstorbenen gef\u00fcllt, die man teils durchbrechen musste, damit sie reinpassten. Ein sekund\u00e4res Begr\u00e4bnis, nachdem das prim\u00e4re eine Erdbestattung gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewohner dieser Gegend waren urspr\u00fcnglich aus Mexiko hier eingewandert. Die Materialien, die sie in einer ersten Phase f\u00fcr ihre Behausungen gebrauchten, sind hier in dem ersten Museum auch vertreten: Stroh, Holz, Zuckerrohr, Lehm, Palmen. Auch die ersten Spanier lebten in solchen H\u00e4usern. Im Laufe der Jahre wurde die Konstruktion dann sukzessive verbessert, es wurden jetzt auch Lehmziegel und Backsteine eingesetzt. Die sch\u00fctzten besser vor Br\u00e4nden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es lebten bei der Ankunft der Spanier ungef\u00e4hr 100.000 Indios hier. Unter ihnen bildete sich eine besonders angesehene Schicht heraus, die sich durch K\u00e4mpfe ihre Stellung erworben hatte, die Tapaliuis. Sie unterschieden sich in ihrem Aussehen von den anderen, trugen einen Zopf, der auf einem abrasierten Kopf wuchs, und hatten k\u00fcnstlich verl\u00e4ngerte Ohren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die vorkolumbianischen Indios erreichten mit&nbsp; ihren einfachen Kanus die Westk\u00fcste S\u00fcdamerikas, das heutige Ecuador und das heutige Peru, und tauschten Waren aus. Die Spanier fuhren sp\u00e4ter auf denselben Handelsrouten.<\/p>\n\n\n\n<p>Le\u00f3n Viejo war eine der allerersten st\u00e4dtischen Anlagen der Spanier in ganz Lateinamerika. Wie kam es zu dem Exodus? Es war etwas anders, als es oft dargestellt wird. Bei dem Ausbruch des Momotombo 1610 wohnten nur noch zehn spanische Familien hier, und die konnten rechtzeitig entkommen, nahmen sogar ihre M\u00f6bel und ihre Heiligenfiguren mit in den neuen Ort, in dem sie sich niederlie\u00dfen, dem heutigen Le\u00f3n.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war vorher passiert? Seuchen, Hungersnot, fehlende Arbeitspl\u00e4tze hatte die Indios bereits zum Aufbruch veranlasst, sie hatten sich in die ganze Gegend zerstreut. Die meisten Spanier waren ihrem Beispiel gefolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen \u00fcber das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde. Was erhalten ist, sind Umfassungsmauern, alle gr\u00e4ulich-schwarz. Sie sind wohl tats\u00e4chlich von der Vulkanasche bedeckt worden, obwohl zwischen dem Vulkan und dem Ort noch der See lag! Die ganze Anlage war in Vergessenheit geraten und wurde erst 1931 wiederentdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zentrum der Anlage war die Plaza Mayor. Hier wurden Feierlichkeiten abgehalten, T\u00e4nze, religi\u00f6se Prozessionen, Reiterspiele, hier wurden Erl\u00e4sse durch den Ausrufer, den <em>pregonero<\/em>, bekannt gemacht und hier fanden Exekutionen statt. Bei einer besonders grausamen Exekution wurden zehn Indios den Hunden zum Fra\u00df vorgeworfen, die sie bei lebendigem Leibe zerfleischten. Sie hatten sich gegen die spanische Herrschaft aufgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem Gouverneurspalast. Von dem hei\u00dft es, er habe nur eine T\u00fcr gehabt, nach hinten hin, und die war stark bewacht. So sehr f\u00fcrchtete der Gouverneur Angriffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu den Resten der Kirche des Ortes. In deren Krypta waren die Reste eines gewissen Francisco Hern\u00e1ndez de C\u00f3rdoba aufgebahrt, einem spanischen Eroberer und Gouverneur von Le\u00f3n Viejo. Auch er wurde exekutiert, auch ihm wurde Auflehnung gegen die Staatsgewalt vorgeworfen, aber er wurde nicht den Hunden vorgeworfen, sondern ordnungsgem\u00e4\u00df enthauptet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann erhalte ich eine Antwort auf eine Frage, ohne sie gestellt zu haben: Nach ihm ist die W\u00e4hrung Nicaraguas, der C\u00f3rdoba, benannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Gegenspieler war Pedro Arias de \u00c1vila, ebenfalls Gouverneur. Der verstarb mit 90 Jahren und erlag einer Krankheit, die man besch\u00f6nigend <em>Amor Apasionado<\/em> nannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steigen wir einen H\u00fcgel hinauf auf einen Aussichtspunkt. Vor uns haben wir den Lago Xolotl\u00e1n und dahinter den Momotombo. Bei dem Ausbruch verlor der 4 seiner 5 Krater. Rechts von ihm sein kleiner Bruder, der Momotombito, und hinter uns drei weitere Vulkane.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir ein Baum mit ganz dicken Fr\u00fcchten auf. Einer der anderen Besucher erkl\u00e4rt, das seien <em>j\u00edcaros<\/em>. Die deutsche Entsprechung scheint <em>Kalebassenbaum<\/em> zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein Baum ohne Bl\u00e4tter. Dieser Tage ist mir schon ein Baum mit gro\u00dfen, r\u00f6tlichen Bl\u00e4ttern aufgefallen, die sich br\u00e4unlich verf\u00e4rbten und teils abfielen. Aber dieser Baum verliert, im Gegensatz zu den meisten anderen, sein Laubwerk komplett. Ich erfahre, dass auf dem die <em>jicotes<\/em> wachsen, die leckeren pflaumenartigen Fr\u00fcchte, die ich schon mehrmals auf der Reise probiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich warte in der Mittagshitze auf den Bus f\u00fcr den R\u00fcckweg. Am Stra\u00dfenrand versuchen drei d\u00fcrre K\u00fche, etwas Nahrung in den sp\u00e4rlichen Grasb\u00fcscheln zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus bringt mich zur Umsteigestelle, aber hier nehme ich ein Tuk-Tuk, um wenigstens kurz nach La Paz Centro reinzufahren. Hier gibt es nicht viel zu sehen. Aber mir f\u00e4llt das Begr\u00fc\u00dfungsschild am Eingang zur Stadt auf: <em>Color a barro y sabor a quesillo<\/em>, als Motto der Stadt. Auch f\u00e4llt mir auf, dass man hier Toiletten mieten kann: <em>Se alquilan ba\u00f1os.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem <em>Parque Central<\/em> bestelle ich ein Erfrischungsgetr\u00e4nk und werde von einem jungen Mann angesprochen, der unbedingt Englisch sprechen will. Den Gefallen tue ich ihm. Sein Englisch ist zu gut f\u00fcr die zwei Jahre, seit denen er es angeblich lernt. Er unterschl\u00e4gt wahrscheinlich die Jahre in der Schule. Er unterrichte nun Englisch an einer Grundschule, sagt er, aber er wolle immer besser werden und aufsteigen. Deutsch wollte er schon immer lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er will ganz genau \u00fcber meine Reise informiert werden, stellt ganz spezifische Fragen: Reiseroute, Unterkunft, Transport, Organisation, Dokumente, Geld. Und er will wissen, in wie vielen L\u00e4ndern ich schon gewesen bin. Zur Illustration l\u00e4sst er sich die asiatischen aufz\u00e4hlen. Wir verabschieden uns sehr freundschaftlich voneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus auf dem R\u00fcckweg hat eine ganz heisere Hupe, die der Fahrer nach Herzenslust bet\u00e4tigt, indem er an einer Kordel am Seitenfenster zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich am Wegesrand das Schild: <em>Se vende arena<\/em>. Sand \u2013 eine immer seltenere, immer begehrtere&nbsp; Ressource.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer in Le\u00f3n setzt zwei Passagiere ab, und danach kommen wir ins Gespr\u00e4ch. Er ist aus Sutiaba, dem indigenen Ort, neben dem die gefl\u00fcchteten spanischen Familien sich niederlie\u00dfen, dem heutigen Le\u00f3n. Er fragt interessiert nach meiner Reiseroute und nach meinem Besuch in Le\u00f3n Viejo. Dann spricht er auch von irgendwelchen Spuren, ob ich die denn nicht gesehen h\u00e4tte, aber ich glaube, er meint Managua. Da gibt es so was. Er fragt mich, ob ich hier in Nicaragua lebe. Er ist heute schon der dritte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sehe ich mir noch einmal zum Abschied das abendliche Le\u00f3n an. Die bestrahlte Kathedrale kommt bestens zur Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den B\u00e4umen am <em>Parque Central<\/em> kommt ein ohrenbet\u00e4ubendes Kreischen und Pfeifen. Man muss l\u00e4nger konzentriert hinsehen, um \u00fcberhaupt mal einen Vogel zu entdecken. Dann sieht man pl\u00f6tzlich viele, aber nur als Schattenriss in der Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch einmal durch die Stadt mit dem leichten Bedauern, dass ich nicht noch einen weiteren Tag gebucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>30. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verabschiedung von Lydia und ihrer Mutter f\u00e4llt ausgesprochen herzlich aus. P\u00fcnktlich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck holt mich ein Shuttlebus vor der Haust\u00fcr ab. Lydia hat alles perfekt organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein St\u00fcck und halten dann an. Ich muss meine 25 $ abdr\u00fccken \u2013 viel, gemessen an der Strecke. Dann warten wir auf einen anderen Bus, in den wir umsteigen m\u00fcssen. Dieser hier muss gewartet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der kommt, werde ich, zum \u00c4rger einer deutschen Frau, auf den Beifahrersitz komplimentiert. Sie wollte ihre Tochter dort sitzen haben. Geht aber nicht. Ist verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 10.30 geht es dann los, wieder \u00fcber gute Stra\u00dfen. Nach Managua sind es rund 80 Kilometer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fragt mich der Fahrer pl\u00f6tzlich, wo denn meine Unterkunft sei. Ich glaub es nicht! Lydia hat ihrem Verbindungsmann bei dem Unternehmen die Wegbeschreibung, die Adresse und den Standort geschickt! Er fummelt an seinem Handy herum, und irgendwann hat er die Adresse dann doch lokalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gut ausgebauten Stra\u00dfe kommen uns auf dem schmalen Seitenstreifen immer wieder K\u00fche entgegen. Die K\u00fche haben aber keinen Respekt vor dem Seitenstreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir selbst \u00fcberholen einen Pick-up, auf dem an der Hinterwand ein Schwein festgebunden ist und zwei Pferdefuhrwerke, eins mit Heu, eins mit Melonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann warnen uns die entgegenkommenden Autos mit der Lichthupe. Vorsicht: Geschwindigkeitskontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild wird darauf hingewiesen, dass Managua 1,3 Millionen Einwohner hat. Eine enorme Gr\u00f6\u00dfe bei insgesamt gerade mal 7 Millionen Einwohnern. Dazu kommen die Nicaraguaner, die im Ausland leben. Nochmal gut eine Million.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild steht <em>No botar basura<\/em>. Darunter und dahinter \u00fcberall achtlos weggeworfener M\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es richtig gro\u00dfst\u00e4dtisch. Sch\u00f6n ist es hier \u00fcberhaupt nicht, Managua hat nicht den besten Ruf. Ich bin auch der einzige, der hier aussteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir meiner Unterkunft n\u00e4her kommen, wird es besser. Die Unterkunft liegt in einem Wohnviertel mit niedrigen H\u00e4usern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche noch nicht einmal zu klingeln. Margarita, die Mutter des Vermieters, steht schon an dem ge\u00f6ffneten Tor. Ich darf auch vorzeitig rein, es ist gerade mal Mittag.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita weist mich ein, nimmt meine Daten aus dem Pass auf und nennt mir die Handy-Verbindung. Einen Schl\u00fcssel brauche ich nicht, das Tor drau\u00dfen ist immer auf und an der Haust\u00fcr kann ich klopfen oder mich per Handy bemerkbar machen. Einer sei immer da, sie oder ihre Tochter oder ihr Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hat eine Kaffee- und Kakao-Fabrik, \u201eFabrik\u201c in Anf\u00fchrungszeichen. Er kauft Kaffee und Kakao in gro\u00dfen S\u00e4cken und vertreibt beides in handels\u00fcblichen T\u00fcten. Margarita zeigt mir einen Raum, in dem es wunderbar nach beidem riecht, nach Kaffee und nach Kakao. Ob hier auch gemahlen oder ger\u00f6stet wird, ist mir nicht klar. Jedenfalls ist der Sohn, Claudio, heute unterwegs, auf Einkaufstour.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch zwei Hunde. Einer davon kommt nicht ins Haus, der andere hat einen gro\u00dfen Ring um den Kopf, der ihm als Orientierung dient. Der arme Kerl hat n\u00e4mlich keine Augen. Nach einer Entz\u00fcndung musste ihm ein Auge entfernt werden, und dann war auch noch das zweite f\u00e4llig. Margarita kalkuliert, wie alt er wohl ist. 16 Jahre. Muss verdammt viel sein f\u00fcr einen Hund.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist wirklich ganz sch\u00f6n, sauber und gem\u00fctlich, ein Bungalow, wenn auch die Einrichtung reichlich kitschig ist, vor allem der Marienaltar an der Seite. Ich kann mich in mein Zimmer, aber auch an den Wohnzimmertisch oder nach drau\u00dfen setzen, in den Hof vor dem Haus, auf allen Seiten von Blumen ges\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal geht es aber in den Waschsalon. Zu meiner eigenen \u00dcberraschung finde ich ihn auf Anhieb. Das Waschen&nbsp; ist billig, aber das B\u00fcgeln ist teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die umgekehrte Richtung, zum <em>Paladar<\/em>, einem von Margarita empfohlenen Restaurant. Unterwegs sehe ich irgendwo ein gro\u00dfes Schild, auf dem \u00bfy ahora qu\u00e9? steht. Und dann, an einem Eisstand, ein Schild mit allen m\u00f6glichen Synonymen f\u00fcr lecker, in allen m\u00f6glichen Schriften: <em>Rica, Dulce, Sabrosa, Exquisita, No hay palabras, Divina, De muerte lenta <\/em>usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Paladar<\/em> ist es ganz sch\u00f6n voll, lauter Einheimische, immer ein gutes Zeichen. Man muss Schlange stehen und bekommt dann das Gericht der Wahl auf einen Teller serviert. Zu Reis und Fleisch und Cannelloni gibt es noch einen Salat dazu. Ich erkundige mich, was genau das ist. Er hei\u00dft <em>Hellen<\/em>. Nie geh\u00f6rt. Laut Internet ein Sommersalat, was immer das sein soll. Dann gibt es noch die Getr\u00e4nkeausgabe. Die Frau fragt zweimal, ob ich wirklich keine Eisw\u00fcrfel in mein Bier haben wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen haben wir im Hof ein interessantes Gespr\u00e4ch zu viert, Margarita, Claudio und ein Mann namens Enrique, vermutlich der Freund von Margarita. Er hat fr\u00fcher eine Art Kolonialwarengesch\u00e4ft betrieben, wenn das das richtige Wort ist, und hatte als einziger in der ganzen Stadt bestimmte Weine im Angebot, darunter Liebfrauenmilch. Tolle Verbindung mit der Heimat! Margarita will genau wissen, wie man das schreibt und was es bedeutet, denn Enrique hat ihr zu ihrer Graduation einen ganzen Tisch voll Weinen kredenzt, darunter eben Liebfrauenmilch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat Business Administration studiert und sich von Stipendium zu Stipendium gehangelt, denn zu Hause waren sie zu zehnt. Ihre Mutter hatte eine Erm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr kinderreiche Familien, aber das Studium wurde davon nicht bezahlt. Margarita hat das Stipendium f\u00fcr das erste Jahre von der GEZ erhalten. Vollstipendium, wie sie betont.<\/p>\n\n\n\n<p>Margaritas \u00e4ltester Sohn sei hier auf das <em>Colegio Alem\u00e1n<\/em> gegangen. Er habe sich ziemlich gequ\u00e4lt mit dem Deutschlernen und mit den hohen Anforderungen dort. Ob er die Schule abgeschlossen hat, wird nicht ganz klar. Jedenfalls lebt er inzwischen in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen aufs Sprachenlernen zu sprechen. Claudio sagt, lesen habe ihm viel genutzt. Seine Mutter k\u00e4mpft immer noch mit dem Englischen, will es aber unbedingt lernen. Da kann ich sie nur ermutigen. Ich solle doch hierher kommen und Sprachen unterrichten, hier gebe es jede Menge Nachfrage. Und das Haus nebenan stehe zum Verkauf an. Die beiden S\u00f6hne der verstorbenen Besitzerin h\u00e4tten es geerbt und sich nicht einigen k\u00f6nnen und wollten es deshalb verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben hier eine junge Deutsche wohnen gehabt, f\u00fcr vier Monate. Die habe ein Praktikum bei der Deutschen Botschaft gemacht, die liege auch ganz hier in der N\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ernesto Cardenal habe in diesem Viertel gelebt, gerade mal zwei Blocks weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudios Freundin ist Engl\u00e4nderin, aus Salisbury. Sie kommt morgen. Der Flug geht von London nach Miami und dann von Miami nach Managua. Sie wird 30 Stunden unterwegs sein und dann sechs Stunden Zeitunterschied zu \u00fcberwinden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudio ist auch schon bei ihr in England gewesen. Sie haben Cornwall, Wales und London bereist. Und in Stonehenge sind sie nat\u00fcrlich auch gewesen. England findet er teuer, London sei am schlimmsten. Auch in Venedig ist er gewesen, zur Karnevalszeit. Er bedauert die St\u00e4dte, die derma\u00dfen im Tourismus ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kennt Nicaragua wie seine Westentasche, und auch Costa Rica und Panama kennt er. Costa Rica sei f\u00fcrchterlich teuer. Wenn man hier f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck 4-5 $ veranschlagen m\u00fcsse, dann seien das in Costa Rica 12 $. Panama sei g\u00fcnstiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf meine stockenden Reiseplanungen zu sprechen, und in dem Zusammenhang erw\u00e4hnt er die vielen Venezolaner, die nach Nicaragua kommen. Nicht, um in Nicaragua zu bleiben, sondern um in die USA zu gelangen. Die Regierung von Nicaragua lasse sie ohne viel Papierkram herein und lasse zu, dass sei von Schleusern, <em>coyotes<\/em>, illegal in die USA gebracht w\u00fcrden. Letztes Jahr, so sch\u00e4tzt man, seien es 200.000 gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im mache mich auf den Weg. Mein erstes Ziel ist der <em>Parque Japon\u00e9s<\/em>. F\u00fcr lateinamerikanische Verh\u00e4ltnisse einigerma\u00dfen gepflegt. Auf Schildern wird die Verwandtschaft von Japan und Nicaragua betont, einmal durch die Vulkane, einmal durch die innige Verbindung zur Natur. Ein bewachsener H\u00fcgel imitiert den Fudschiyama, und der wiederum wird in Verbindung zum Momototo gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6lzerne Bogenbr\u00fccken, ein (ziemlich anspruchsloser) Steingarten, Bambusst\u00e4mme und Pavillons geben dem Park einen japanischen Touch.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle wird auf einen <em>Sishi Odossi<\/em> aufmerksam gemacht. Das ist ein akustisches Warnger\u00e4t zur Abschreckung von Wild.<\/p>\n\n\n\n<p>Katzen scheinen sich hier sehr wohl zu f\u00fchlen. Sie sitzen auf Br\u00fccken, auf Wegen, auf Felsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einem nahegelegenen Sportplatz kommen laute Anfeuerungs- und Jubelrufe her\u00fcber. Dort wird nicht Fu\u00dfball, sondern Basketball gespielt, auf Beton.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Taxifahrer h\u00e4lt und fragt mich, wohin ich wolle. Er reagiert v\u00f6llig verst\u00f6rt auf meine Frage nach dem Zentrum. Zentrum? Er kann sich darunter nur das <em>Metrocentro<\/em> vorstellen, ein Einkaufszentrum. Das habe aber heute geschlossen. Zur Kathedrale, sage ich, nur, um irgendwas zu sagen. Zur neuen oder zur alten? Das sei mir egal, ich wolle doch einfach nur ins Zentrum. Damit gibt er sich nicht zufrieden. Ob ich zur neuen Kathedrale wolle, ob ich die besichtigen wolle. Der Einfachheit halber sage ich ja. Er setzt mich vor dem Eingang ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohnt sich, schon wegen der Entstehungsgeschichte. Das Grundst\u00fcck geh\u00f6rte den Somozas, die es gerichtlich f\u00fcr sich zur\u00fcckforderten, aber abgewiesen wurden. Der Bau wurde zum gro\u00dfen Teil aus Spenden und mit amerikanischen Sponsoren finanziert und ist deshalb und wegen des Baus nicht &nbsp;unumstritten. Die Kirche hat 63 Kuppeln. Das entspricht der Zahl der Di\u00f6zesen, die zur Zeit der Erbauung zu dem Bistum geh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfen Beton pur, mit kleinen Schlitzen in den W\u00e4nden, in denen Glasfenster eingebaut sind. Ein gro\u00dfer, rechteckiger Turm, schmucklos, wie der Rest der Kirche. M\u00e4chtige Rundb\u00f6gen, die irgendwie arabisch wirken. Unter einer gr\u00f6\u00dferen Kuppel, die an das Seitenschiff angrenzt, befindet sich eine Kapelle in einer Art k\u00fcnstlicher Grotte, mit einer ganz modernen Kreuzigung. Ich kann nicht ganz nahe an das Gitter rangehen, da davor Gl\u00e4ubige knien, aber irgendetwas kommt mir an der Kreuzigung komisch vor. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Kirche herum hat man einen Weg angelegt, mit wei\u00dfen und gelben Fahnen und bunten Flatterb\u00e4ndern. Ein minimalistischer Kreuzweg besteht aus 14 gleichf\u00f6rmigen Wegsteinen, auf denen jeweils eine Zahl in r\u00f6mischen Ziffern steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gerade Gottesdienst. Vier rot gewandete Messdiener mit Kerzen, vier violett gewandete Priester und zwei weitere Zelebranten in Schwarz und Wei\u00df, vielleicht Diakone.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Combo mit Lautsprecherverst\u00e4rkung sorgt f\u00fcr die Musik. Die Messe wird im Radio und im Fernsehen \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist gut besucht, eher 500 als 200 w\u00fcrde ich sagen, auf vier Bankreihen verteilt, Alt wie Jung. Bei einigen Gebeten breitet man die H\u00e4nde aus, wie Muslime das tun. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Akustik der Kirche ist richtig schlecht. Als zum Schluss einer der Priester eine kurze Rede h\u00e4lt, verstehe ich nichts, aber wirklich gar nichts. Die anderen wohl. Jedenfalls klatschen alle an der richtigen Stelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Messe werden noch zwei Babys gesegnet. Auch das wird beklatscht. Und dann str\u00f6men alle nach vorne, um von einem der Priester einen Segen mit Weihwasser zu bekommen. Die \u00dcberzeugung der Befreiungstheologie, &nbsp;Christentum und Sozialismus seien miteinander vereinbar, wirkt hier offensichtlich nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wiederholt sich die Szene von vorhin, gleich dreimal, bei einer Frau vor der Kirche, einem Paar an der Hauptstra\u00dfe und dem Taxifahrer: <em>\u00bfCeeeentro?<\/em> Was um Himmels willen kann dieser Fremde damit meinen? Ich spezifiziere: <em>Palacio Nacional, Malec\u00f3n, Laguna<\/em> \u2013 diese Ecke<em>.<\/em> Aaaaah! Kann man ja nicht ahnen, dass das gemeint ist. Alle drei sind sich einig: zu weit, um zu laufen, und zu gef\u00e4hrlich. Genau das hatte Claudio auch gesagt. Margarita hat genau das Gegenteil gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also nehme ich ein Taxi. Wir kommen auf eine gro\u00dfe Avenue, die <em>Avenida Bol\u00edvar<\/em>, an einem Sonntag um diese Zeit fast menschenleer. An einer Kreuzung gibt es ein Denkmal f\u00fcr Hugo Ch\u00e1vez, und dann kommen wir an einem Schwimmstadion vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas z\u00f6gernd setzt mich der Taxifahrer auf der H\u00f6he des <em>Palacio Nacional<\/em> ab. So richtig \u00fcberzeugt ist er aber nicht, dass ich da wirklich hin will. Ganz Unrecht hat er nicht. Ich steuere zuerst einen Pavillon an, da gibt es gleich drei Lokale, und ich hoffe, dort irgendwo <em>nacatamales<\/em> zu bekommen, eine nationale Spezialit\u00e4t, die es hier meist nur sonntags gibt (laut Lydia in Le\u00f3n freitags und samstags). Gibt es aber nirgendwo. Und Fr\u00fchst\u00fcck gibt es nicht mehr, ist zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gehe ich mit knurrendem Magen weiter, sehe mir zuerst den <em>Palacio Nacional <\/em>an, fr\u00fcher der Pr\u00e4sidentenpalast, heute ein Sitz eines Kulturinstituts. Das ist Neoklassizismus in Reinkultur, wei\u00df nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitlich dazu eine barocke Kirche, und als ich genauer hingucke, wird mir klar, das ist die Alte Kathedrale. Sie ist durch ein Band abgesperrt. Betreten verboten. Durch die Schalll\u00f6cher kann man sehen, dass das Dach teils fehlt, und einige Fenster ebenso. Irgendwie sieht alles etwas hohl aus, aber der Bau selbst gef\u00e4llt mir, eindrucksvoll, aber nicht \u00fcberm\u00e4chtig. Hier war mal wieder ein Erdbeben im Spiel. Als die Kirche nicht mehr sicher war, entschloss man sich zum Bau der Neuen Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz davor hat man Weihnachtsdekoration in H\u00fclle und F\u00fclle angebracht. Schon vorher auf der gro\u00dfen Avenue, die direkt auf den See hinf\u00fchrt, habe ich riesige Figuren von musizierenden Engeln und jede Menge Marienalt\u00e4re gesehen. Hier steht jetzt der ganze Platz voll von Figuren aus Drahtgestell, mit Lichterketten oder mit bunten Flitterb\u00e4ndern, die in der Sonne gl\u00e4nzen. Da gibt es nichts, was es nicht gibt: einen Stern, eine Prinzessin, einen Stiefel, einen Weihnachtsmann, eine Lokomotive, einen Schneemann, eine Kutsche, Geschenkpakete, ein Herz, eine Burg, sogar ein H\u00e4schen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes ein Denkmal f\u00fcr Rub\u00e9n Dar\u00edo, ganz in Wei\u00df. Er als r\u00f6mischer Orator, mit langer Toga. Unter ihm, im \u201eWasser\u201c, ein Boot mit Putten und griechischen Musen, daneben Schw\u00e4ne, Rub\u00e9n Dar\u00edos Symbole.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Boulevards kommt man an die Uferpromenade, den <em>malec\u00f3n<\/em>. Hier verstecken sich nur zwei Verk\u00e4ufer im Schatten und zwei Turtelt\u00e4ubchen. Man kommt sich hier wie am Meer vor, und die M\u00f6wen sind auch mit dabei, aber man steht am Ufer des Sees, des <em>Lago Xolotl\u00e1n<\/em> oder <em>Lago de Managua<\/em>. Hinten reiht sich ein Vulkan an den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es wieder mit dem Taxi. Der Standardpreis betr\u00e4gt hier 100 C\u00f3rdoba, das sind etwa 3 $. Der Fahrer kennt sich sehr gut aus und setzt mich direkt vor der Haust\u00fcr ab. Er empfiehlt mir einen Orientierungspunkt, die <em>Funeraria Don Bosco<\/em>. Die kenne jeder Taxifahrer. Ein Beerdigungsinstitut als Wegmarke. Auch nicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages wird es immer windiger. Der Wind bl\u00e4st den Staub auf und l\u00e4sst die Temperaturen, jedenfalls die gef\u00fchlten, sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in ein auf mexikanisch getrimmtes Lokal nicht weit von der Wohnung entfernt. Passables Essen. Interessant bei der Wahl des Gerichts die Frage der Kellnerin, ob ich lieber Fleisch oder H\u00e4hnchen esse. Eine Unterscheidung, die das Deutsche nicht macht, das Spanische aber wohl. Kann man dann hier Vegetarier sein und H\u00e4hnchen essen? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>2. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen huscht eine junge Frau durch das Wohnzimmer, verabschiedet sich und steigt ins Auto. Das ist Margaritas Tochter. Sie ist Religionslehrerin an einer zweisprachigen Schule. Sie hat, wie ihr Bruder, Ingenieurswissenschaften studiert, dann aber einen andern Weg eingeschlagen Die Schule ist teuer, und sie scheint ein gutes Gehalt zu bekommen. Der Religionsunterricht ist immer katholisch. Wer sich an der Schule anmeldet, muss eben den katholischen Religionsunterricht akzeptieren. Die Unterrichtssprache ist Englisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Rede auf das Erdbeben, oder besser die Erdbeben, wie Claudio erkl\u00e4rt. 1931 war ein Stadion das Epizentrum. Dort lief gerade ein Spiel, und viele der Zuschauer kamen ums Leben. 1968 traf das Erdbeben die Zone des heutigen <em>Metrocentro<\/em> und zerst\u00f6rte ein ganzes Stadtviertel. Und dann kam 1972. Mehrere Ersch\u00fctterungen hintereinander trafen die Stadt, der Ausbruch erreichte eine St\u00e4rke von 6.2, t\u00f6tete 11.000 Menschen und zerst\u00f6rte 53.000 H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita hat es als zehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen erlebt, zusammen mit all ihren Geschwistern. Eine traumatische Erfahrung, obwohl sie alle mit dem Leben davonkamen. Das Dach des Hauses st\u00fcrzte ein und eine Wand, aber alle konnten sich retten. In der N\u00e4he kam eine Cousine ums Leben, deren Haus einst\u00fcrzte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der kindlichen Erinnerung hat sich auch besonders festgesetzt, dass das Erdbeben an einem 23. Dezember geschah und alles auf die Weihnachtstage und das Fest ausgerichtet war. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Erdbeben erkl\u00e4rt sich, laut Claudio, bis heute die Bauweise der H\u00e4user in Managua. Die Leute wollten nicht in Hochh\u00e4usern wohnen, und so habe sich die Stadt immer mehr ausgedehnt. Das erkl\u00e4re auch den schrecklichen Verkehr. Die innerst\u00e4dtischen Busse seien eine Katastrophe, voll und gef\u00e4hrlich, und keiner kenne so richtig die Route. Wenn man mit dem Taxi irgendwo in zehn Minuten hinkomme, k\u00f6nne das mit dem Bus eine geschlagene Stunde dauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Erdbeben habe Managua gerade mal eine Ausdehnung gehabt von der Lagune bis zum See. Alles andere sei Land gewesen. Das alte Managua, das Managua der Kolonialh\u00e4user, sei praktisch komplett durch das Erdbeben verschwunden. Es lebe nur noch in den Erz\u00e4hlungen der \u00c4lteren von fr\u00fcher weiter, einem Managua, das er sich gar nicht vorstellen kann. Seitdem sei die Stadt unkontrolliert gewachsen, es habe keine St\u00e4dteplanung gegeben, Managua habe auch kein Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst hat erlebt, wie sich Wohnviertel wie dieses hier ver\u00e4ndert haben. Hier habe es fr\u00fcher nur Wohnh\u00e4user gegeben, jetzt seien Gesch\u00e4fte dazugekommen, Lokale, der Autohof gegen\u00fcber, eine Billardhalle, ein Fitnesscenter. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Claudio erz\u00e4hlt von einer alten deutschen Gemeinde in Matagalpa, im Zentrum Nicaraguas. Das waren Goldgr\u00e4ber, die in die USA wollten, dann aber hier h\u00e4ngengeblieben sind. Da sie kein Gold fanden, sattelten sie auf Kaffee um. Einer der wichtigsten Kaffeefarmer hei\u00dft heute noch K\u00fchl. Das sei aber die vierte Generation, l\u00e4ngst in Nicaragua angekommen. Matagalpa ziehe aber heute noch Deutsche an, Auswanderer wie Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erw\u00e4hne, dass ich gestern in der neuen Kathedrale gewesen bin, und er fragt mich, ob ich dort den Christus in der Grotte, der Seitenkapelle gesehen h\u00e4tte. Ja, aber nur fl\u00fcchtig. Auf den Christus sei vor einigen Jahren ein Brandanschlag ver\u00fcbt worden. Jetzt f\u00e4llt mir wieder ein, dass die Skulptur mir irgendwie komisch vorkam. Claudio sagt, es gebe Augenzeugen f\u00fcr den Brandanschlag \u2013 er verd\u00e4chtigt die Regierung, ihre Hand im Spiel zu haben \u2013 aber man habe sich jetzt offiziell auf eine \u201enaturwissenschaftliche\u201c Erkl\u00e4rung verst\u00e4ndigt, eine ziemlich weit hergeholte Sache, die etwas mit der Entwicklung von Gasen unter bestimmten klimatischen Bedingungen zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anlass f\u00fcr die Aufstellung der Marienalt\u00e4re im Zentrum sei der 8. Dezember, das Fest der Unbefleckten Empf\u00e4ngnis. Jedes Ministerium m\u00fcsse seinen eigenen Altar aufbauen. Sozialismus und Christentum? Ach was, sagt er, das sei reine Symbolpolitik, Populismus, das Regime wolle den Leuten ein Spektakel bieten. Es sei das, was linke Kulturkritiker jetzt <em>Appropriation<\/em> nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich kommentiert er meine Beobachtung, dass die Pista Juan Pablo II beinahe auf die <em>Plaza de la Revoluci\u00f3n<\/em> zulaufe. Habe nichts zu sagen, als der Papst hier war, habe man ihn nicht reden lassen, und der habe sich geweigert, nur der Helden der Revolution zu gedenken, wie das die Regierung wollte. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Zusammenhang ist auch von der guten fr\u00fcheren Beziehung Nicaraguas zu Taiwan die Rede. Die sandinistische Regierung wandte sich stattdessen der Volksrepublik China zu. Die Taiwanesen, die hier ordentlich investiert hatten, f\u00fchlten sich verraten. Seitdem ist das Wort <em>taiwanizar<\/em> zu einem Synonym f\u00fcr <em>enga\u00f1ar<\/em> geworden, f\u00fcr <em>verraten<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck wollen sie wissen, ob ich schon in Rente sei. Ich erfahre, dass Enrique immer noch arbeitet, er k\u00f6nne sich nicht von seiner Arbeit trennen, meint Margarita. Er selbst meint aber, er tue es wegen der niedrigen Rente. Er arbeitet bei einem pharmazeutischen Unternehmen, dem gr\u00f6\u00dften Nicaraguas. Deutsche Arzneimittel h\u00e4tten sie nicht so viele, sagt er, aber er selbst halte viel von ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita ist seit zwei Jahren in Rente und hat sich jetzt voll in die Vermietung gest\u00fcrzt. Sie hat so etwas wie Wirtschaftswissenschaften studiert und in Sonderkursen an der Uni angehende Zollbeamte unterrichtet, die nicht im engeren Sinne Universit\u00e4tsstudenten waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele Zimmer sie denn f\u00fcr Reisende h\u00e4tte, frage ich. Drei, von denen vermiete sie im Moment aber nur zwei. Hat das Haus so viele Zimmer? Ja, neun! Das sieht man ihm nicht an. Soll man auch nicht. Man will nicht unn\u00f6tig die Aufmerksamkeit der staatlichen Steuereintreiber auf sich lenken. Deshalb habe man auch das Schild drau\u00dfen entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita klagt \u00fcber steigende Strompreise. Kommt einem bekannt vor. Aber bei ihr sei die Stromrechnung von einem Monat auf den n\u00e4chsten um das F\u00fcnffache gestiegen. Wie man das denn bezahlen solle? Dazu kommt noch, dass sie wenige Vermietungen gehabt h\u00e4tten wegen der Regenzeit. Das werde jetzt aber besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch erscheint die Putzfrau, Isabel. Sie fragt sehr vorsichtig und sehr h\u00f6flich, ob sie mein Zimmer reinigen k\u00f6nne. Sie hei\u00dft mit Nachnamen <em>Braham Derbyshire<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danach folgt noch eine, am Ende etwas langwierige Geschichte, wie der Staat ihre aus den USA importierte Kaffeemaschine mit 50% Steuern belegen wollte, obwohl es eine Regelung gibt, die den steuerfreien Import von Waren bis zu 500 $ erlaubt. Es ging hin und her, und am Ende konnte Margarita einen Bekannten beim Zoll einspannen, und man bekam den Betrag erstattet. Die meisten h\u00e4tten solche M\u00f6glichkeiten einfach nicht und m\u00fcssten zahlen, immer 50% auf den Wert des eingef\u00fchrten Artikels. Der wird gelegentlich von den Beh\u00f6rden h\u00f6her eingesch\u00e4tzt als der tats\u00e4chliche Wert, damit noch mehr Steuern flie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich mich auf den Weg mache, frage ich Margarita noch, wo ich Geld wechseln k\u00f6nne. Am besten gleich hier, bei ihr. Dollars sind immer willkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da noch einige Fragen offen sind, will ich zur Touristeninformation fahren, der INTUR. Ich habe die Adresse notiert und lese sie dem Taxifahrer vor. Ja, klar, das kenne er. Muss ganz im Zentrum liegen. Ich habe aber das Gef\u00fchl, dass er nicht die normale Route ins Zentrum nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt nach Deutschland. Ob das an Russland angrenze. Wie lange denn so eine Flugreise nach Moskau dauere. Oh, so lange, das ist ja wie von hier bis Miami. Ob denn Deutschland an die Ukraine angrenze. Nein, auch nicht. Gott sei Dank. Das sei doch eine verdammte Sache mit den Kriegen, meint er. Der Mensch sei schlecht, mache alles nur aus Geldgier und Machthunger. Zwischendurch sagt er immer wieder, mit nachdenklichem Ton, \u201eAlemaaania.\u201c Das muss wie aus einer anderen Welt klingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind in einem Wohnviertel angekommen, und da erscheint an einer gro\u00dfen Pforte tats\u00e4chlich das Schild INTUR. Wunderbar. Ich bezahle, und der Fahrer f\u00e4hrt weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Tor drei M\u00e4nner, alle von meiner Frage v\u00f6llig \u00fcberrascht. Information? Touristisch? Damit k\u00f6nnen sie nichts anfangen. Sie holen einen Stuhl f\u00fcr mich und rufen eine Frau zu Hilfe. Information? Auch sie ist v\u00f6llig \u00fcberfragt. Danach ist wohl noch nie verlangt worden. Was f\u00fcr eine Information denn? Sehensw\u00fcrdigkeiten, \u00d6ffnungszeiten, Stadtpl\u00e4ne, Eintrittspreise. Da ist sie v\u00f6llig verdutzt. Ja, wor\u00fcber ich denn diese Information haben wolle. \u00dcber Managua. Manaaaagua? Jetzt ist sie endg\u00fcltig verwirrt. Auf jeden Fall sei ich hier nicht richtig. Die Touristeninformation von INTUR sei in der Innenstadt, in der N\u00e4he der Lagune. Genauso, wie ich es dem Taxifahrer gesagt habe. Sie ruft dort an und teilt mir mit, Stadtpl\u00e4ne habe man dort auch nicht, und ob das Museum, nach dem ich gefragt habe, geschlossen sei, wisse man dort auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe es auf und entscheide, nicht weiter zu suchen. Nur: Wie soll ich hier wieder wegkommen? Dies ist ein Wohnviertel, vermutlich f\u00fcr bessere Leute. Um diese Zeit ist hier niemand unterwegs. Ich versuche es mal in der einen, mal in der anderen Richtung. Kein Erfolg. Dann taucht irgendwo ein Taxi auf, aber das hat schon Passagiere und f\u00e4hrt in die falsche Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig komme ich irgendwann auf eine etwas befahrenere Stra\u00dfe, ohne Seitenstreifen. Aber auch hier taucht kein Taxi auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gerate ich auf eine der Hauptstra\u00dfen, die ins Zentrum f\u00fchren, nur: In welche Richtung? Ein freundlicher alter Mann, der mir sofort zul\u00e4chelt und mir die Hand reicht, zeigt mir, in welche Richtung ich gehen muss. Ich komme zu einer Bushaltestelle. Ein Taxi h\u00e4lt. Der Fahrer wei\u00df Bescheid und bietet mir einen sehr g\u00fcnstigen Preis an. Hinten sitzt schon eine Frau. Wir fahren schnurstracks auf das Zentrum zu, dann biegt er pl\u00f6tzlich ab und schl\u00e4gt einen Haken nach dem anderen. Ich vermute, er bringt erst die Frau zu ihrem Fahrtziel, sonst h\u00e4tte er mich doch vorher schon absetzen k\u00f6nnen, aber auf einmal kommen wir von hinten auf den Parkplatz des <em>Palacio Nacional<\/em>. Er hat den Auftrag sehr pr\u00e4zis ausgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Palacio Nacional<\/em> hat tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet. Hier werden dem Ausl\u00e4nder 5 $ abgenommen, aber es lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich im ersten Raum geht es um die Entstehungsgeschichte des Landes, und man sieht in einem Schaubild, wie Mittelamerika entsteht, aus dem Meer emporw\u00e4chst, als einer der j\u00fcngsten Teile der Erde, mit Nicaragua als Nachz\u00fcgler. Das bedeutet, dass es urspr\u00fcnglich keine Landsperre zwischen Atlantik und Pazifik gab, dass beide sozusagen ein Meer waren! Wenn das stimmt, dann kann ich alles, was ich bisher \u00fcber die Entstehungsgeschichte Mittelamerikas geglaubt habe, auf den Haufen werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich werden im n\u00e4chsten Raum gleich Funde ausgestellt, die belegen, dass hier einst das Meer war, unter anderem das riesige Skelett eines Meeress\u00e4ugers, und eine kleine Muschel, aus der ein ganz fein ver\u00e4stelter Baum w\u00e4chst. Sieht aus, als wenn sich das jemand ausgedacht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Knochen und ganze Skelette von Landtieren, unter anderem von einem Mastodonten, riesengro\u00df. Aber auch die des Faultiers sind viel gr\u00f6\u00dfer als man es erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Innenhof Figuren, die ein indianisches Ritual nachstellen. Zuerst sieht man nur die Figuren von f\u00fcnf, sechs M\u00e4nnern, die, mit Pfeil, Bogen oder Lanze ausger\u00fcstet, leicht geb\u00fcckt im Kreis umhergehen, nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Dann sieht man \u00fcber ihnen in einiger H\u00f6he einen Ring in der Luft, und an dem Ring schweben zwei J\u00fcnglinge, mit Tiermasken vor dem Gesicht. Dieser Ring wiederum h\u00e4ngt an einem Pfahl, an dem ganz oben der Gott des Mais thront.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in der Ausstellung erf\u00e4hrt man, dass sich im Boden von Nicaragua in den \u00e4lteren Schichten Metalle befinden, in den j\u00fcngeren Schichten Mineralien ohne Metallanteile, in den j\u00fcngsten Schichten fossilisierter Kohlenwasserstoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Man unterscheidet vier Klimazonen. Als Extreme das <em>Tr\u00f3pico Seco<\/em> am Pazifik und als Gegenst\u00fcck dazu das <em>Tr\u00f3pico H\u00famedo<\/em> am Atlantik. Nur 6% der Niederschl\u00e4ge fallen am Pazifik, 94% am Atlantik. Diese Gegend &nbsp;zeichnet sich durch \u00fcppige Regenw\u00e4lder auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten R\u00e4umen gibt es pr\u00e4kolumbianische Keramik. Man kann die Entwicklung gut sehen, aber auch die ganz fr\u00fchen, noch nicht \u00fcppig dekorierten, sind sehr formsch\u00f6n. Die ganz sp\u00e4ten, ab 1200, haben dann mehrfarbige Dekoration in abgetrennten \u201eLagen\u201c, mit fratzenartigen Gesichtern und allen m\u00f6glichen Formen. Hier ist kein Quadratzentimeter mehr frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00e4\u00dfe, die ganz unschuldig aussehen, erweisen sich als Urnen. Es gab ein prim\u00e4res Begr\u00e4bnis, bei dem der Tote unter der Erde auf einer Art Strohmatte in liegender Position bestattet wurde. In dem sekund\u00e4ren Begr\u00e4bnis wurden dann die Knochen nach einigen Monaten ausgegraben und in den Urnen bestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Gef\u00e4\u00dfe mit den Darstellungen von G\u00f6ttern, alle miteinander furchterregend und alles andere als gutaussehend. Der Jaguar, die Schlange, die Eidechse sind vertreten. Abweichend davon ein Gef\u00e4\u00df, bei dem die Darstellung des Gottes geradezu witzig ausf\u00e4llt. Die Augen haben riesige schwarze Pupillen und konzentrische Ringe darum, und der schmale Mund ist mit einer unendlichen Folge ganz kleiner Z\u00e4hne best\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch etwas \u00fcber das Alltagsleben der pr\u00e4kolumbianischen Indios zu erfahren, darunter Ger\u00e4te, die ganz praktisch aussehen, aber rituelle Funktion hatten, wie ein Mahlstein. Aber es gibt auch Dinge aus dem Alltagsgebrauch wie ein Netz zum Fangen von Muscheln, Pfeilspitzen f\u00fcr verschiedene Zwecke, sehr sch\u00f6n gestaltete Schaber.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss dann noch ein Plakat zum Thema Mais. Unglaublich die Vielfalt, sowohl, was die Farbe als auch, was die Form der Maisk\u00f6rner betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang frage ich, wo das Theater sei. Da dr\u00fcben, sagt die Frau. Da dr\u00fcben ist aber nur die <em>Casa de los Pueblos<\/em>. Die ist, laut Claudio, der ehemalige Pr\u00e4sidentenpalast, jetzt nur noch f\u00fcr repr\u00e4sentative Zwecke wie diplomatische Empf\u00e4nge genutzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem gro\u00dfen Platz sind nur drei Personen unterwegs. Ich bitte sie, ein Photo von mir vor einer der Figuren zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es zur Lagune. Auf dem Weg dahin gibt es wieder Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten. \u201e\u00bfPara la Laguna? \u2013 \u00bfLaguna?\u201d Nie geh\u00f6rt. \u201e\u00bfPara la Laguna. \u2013 La una?\u201c Zum Verzweifeln. Dann gerate ich an einen sehr netten Mann. Der tritt an die Borsteinkante mit mir, weist auf ein wei\u00dfes Haus auf einem H\u00fcgel, ein Hotel, das wie ein Kreuzfahrtschiff aussieht. Da m\u00fcsse ich rauf, das sei mein Orientierungspunkt. Ich erfahre, dass er hier als Wachmann t\u00e4tig ist. Er bewacht einen der Marienalt\u00e4re. 24 Stunden, einmal rund um die Uhr. Dann bietet er mir noch an, ein Photo von mir neben einer Puppe zu machen, die wohl auch irgendwie zu dem Altar geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen h\u00f6re ich Kommentare der Passanten zu dem einen oder anderen Altar. Der sei gut, beim dem w\u00fcrde noch was fehlen, der da sei aber gar nicht gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem vorbei, bei dem die Madonna auf einem Flugzeug der nicaraguanischen Fluglinie steht!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall am Rande der Hauptstra\u00dfe und auf den Pl\u00e4tzen gro\u00dfe metallene Konstruktionen, stilisierte B\u00e4ume, mal in der einen, mal in der anderen Farbe. Das ist, wie Claudio mir erkl\u00e4rt hat, der <em>\u00c1rbol de la Vida<\/em>, ein von den Sandinisten kreiertes Symbol, das \u00fcberall vertreten ist, sogar auf den Autoschildern. Wenn man am Flughafen von Managua landet, st\u00f6\u00dft man zu seiner \u00dcberraschung als erstes auf ein ganzes Spalier dieser B\u00e4ume.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zieht sich hin, immer an der Hauptstra\u00dfe entlang. Das Wetter ist unangenehm geworden. Wind und Wolken beherrschen das Wetter. Die sonnigen Tage von Le\u00f3n sind vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Trinkhalle kaufe ich eine Flasche Wasser, muss aber die Verk\u00e4uferin bitten, sie f\u00fcr mich zu \u00f6ffnen. Sie schafft es, sie hat mehr Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es steil eine Stra\u00dfe rauf. Rechts und links Schautafeln, die die Geschichte und die Aufgaben der nicaraguanischen Armee schildern. Hier oben befindet sich der Generalstab.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen, gehe ich ein paar Stufen hoch, werde aber von den wachhabenden Soldaten zur\u00fcckgepfiffen. Verboten. Zur Lagune geht es links lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier muss man sogar Eintritt zahlen. Einen Dollar. Geht aber auch in C\u00f3rdoba.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fchsam geht es den Weg weiter rauf. Von oben sieht man dann endlich die Lagune. H\u00fcbsch, mit einem k\u00fcnstlichen Wasserfall am Rand und einem Wasserstrahl in der Mitte, aber mehr auch nicht. Habe ich mir mehr von versprochen. Es gibt kein Ufer, da alle Seiten dicht bewachsen sind, und man kann nur in die Lagune runtergucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt hier oben aber ein kleines Caf\u00e9, das au\u00dferdem ein WC hat. Nach einer kurzen Pause gehe ich wieder in die Stadt runter.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer der gro\u00dfen Rotonden stehe ich neben einer Frau mit Kr\u00fcckstock. Wir versuchen, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren. Sie schafft es vor mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich widerstehe der Versuchung, in dem gro\u00dfen Lokal an der Rotonde einzukehren, und auch das Lokal, wo ich dieser Tage kein Fr\u00fchst\u00fcck bekommen habe, lasse ich links liegen und schleppe meine m\u00fcden Beine noch bis zu dem See. Hier soll es links eine ganze Reihe guter Lokale geben, laut Claudio. Davon ist erst mal nichts zu sehen. Dann komme ich zu einer geschlossenen Anlage, nach Salvador Allende benannt und mit einem Zitat von ihm am Eingang versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4u\u00dferst freundliche und au\u00dferdem auch noch attraktive Polizistin fragt mich uncharmanterweise nach meinem Alter. Ja, wenn das so sei, dann komme ich umsonst rein. Ja, Lokale h\u00e4tten sie, einen ganzen Kilometer voller Lokale.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme das erste beste, <em>Lakun Payaska<\/em>, sicher ein indianischer Name. In dem gro\u00dfen Lokal ist nur ein Tisch besetzt. Man kann sich nach drau\u00dfen setzen, direkt an den See. Hier kommt man sich jetzt, besonders, weil es so windig ist, wie am Meer vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles sehr sch\u00f6n. Nur st\u00f6rend finde ich die englische Musik, in Endlosschleife: Madonna, Elton John, \u201eLife is live.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stadt direkt an einem See, das klingt doch gut. Ja, hat Claudio gesagt, aber der See sei v\u00f6llig verseucht. Er erw\u00e4hnt Deutschland in dem Zusammenhang. Von dort komme Geld und Know-how f\u00fcr die Bereinigung von Gew\u00e4ssern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf das Essen, Hahn in Weinso\u00dfe, m\u00fcsse ich 25-30 Minuten warten. Kein Problem. Das Essen ist ausgezeichnet, aber teuer. Und die Preise sind ohne Mehrwertsteuer und ohne Trinkgeld angegeben, das dann aber ungefragt auf der Rechnung erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich auf das Essen warte, erinnere ich mich an das Gespr\u00e4ch mit Claudio \u00fcber den Kanal heute Morgen. Nicaragua habe als Alternative zu Panama zur Diskussion gestanden f\u00fcr den Bau des Kanals. Da kann ich meinen Helden Alexander von Humboldt ins Spiel bringen, der schon im 19. Jahrhundert den Bau eines solchen Kanals und sowohl Nicaragua als auch Panama als geeignete Orte vorgeschlagen habe. Claudio wei\u00df nicht, wer Humboldt ist, aber er wei\u00df, dass es hier ein Humboldt-Gymnasium gibt. Ich kann auch auf gut informierte Mitglieder aus meiner Familie verweisen, die von den Nicaragua-Pl\u00e4nen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls erz\u00e4hlt Claudio, es habe vor einigen Jahren eine Initiative eines chinesischen Gesch\u00e4ftsmanns gegeben, der gro\u00dfspurig ank\u00fcndigte, den Bau des Kanals hier in Nicaragua in Angriff nehmen&nbsp; zu wollen. Er r\u00fcckte mit zwei Traktoren an, um den Bau zu beginnen. Das Ganze entpuppte sich als ein purer Werbegag. Jetzt gebe es aber echtes Interesse von Seiten der chinesischen Regierung. Man wollte urspr\u00fcnglich den Kanal durch den <em>Lago Xolotl\u00e1n<\/em>, also diesen hier, den <em>Lago de Managua<\/em>, f\u00fchren, aber der sei nicht tief genug. Jetzt wolle man sogar den <em>Lago Cocibolka<\/em>, oft einfach <em>Lago de Nicaragua<\/em> genannt, in Erw\u00e4gung ziehen, aber dagegen rege sich Widerstand. Der Lago sei Teil eines Naturschutzgebiets und geh\u00f6re in seiner unber\u00fchrten Form mit seinen Inseln und Vulkanen ganz und gar zum Selbstverst\u00e4ndnis der Nicaraguaner. Claudio selbst h\u00e4lt die Idee f\u00fcr ziemlich verr\u00fcckt, sie setzte nur auf zuk\u00fcnftigen Profit und vernachl\u00e4ssige soziale und ethnische Gesichtspunkte. Auch w\u00fcrden die Chinesen sich f\u00fcr die ersten 100 Jahre die Rechte \u00fcber den Kanal sichern. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg trete ich in Verhandlungen \u00fcber den Fahrpreis mit einem Taxifahrer. Ich nenne den Preis, den ich auf der Hinfahrt bezahlt habe. Ja, sagt er, das seien <em>taxeros<\/em>, keine <em>taxistas<\/em>, junge Leute, die keine Ahnung h\u00e4tten. Er sei seit 25 Jahren im Gesch\u00e4ft. Er stammt eigentlich aus Le\u00f3n, lebt aber schon sein halbes Leben hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Er dr\u00fcckt auf die Tube, das Auto dr\u00f6hnt, der Auspuff scheint kaputt zu sein. Dann kommen wir in eine Polizeikontrolle. Ausweise und Bescheinigungen werden verlangt, und w\u00e4hrend der Taxifahrer nach ihnen sucht, h\u00f6rt er nicht auf, zu schimpfen. Seit f\u00fcnf Jahren sei er nicht mehr angehalten worden, was das denn solle. Es ist aber alles in Ordnung, und wir d\u00fcrfen weiterfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcnf Jahre!\u201c, sagt er noch mal, als wir weiterfahren. Dann nehmen wir unser Gespr\u00e4ch wieder auf. Nach Granada wolle ich? Da sei alles doppelt so teuer wie hier. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Claudio mir gesagt hat. Das verrate ich ihm aber nicht. Als wir am Ziel ankommen, hat ihn unsere Unterhaltung ganz freundlich gestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend, als ich drau\u00dfen in der Dunkelheit unter dem Wellblechdach sitze, f\u00e4ngt es an zu regnen, nicht heftig, aber in dicken Tropfen. Die Luft wird schlagartig besser.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist Alice eingetroffen, Claudios englische Freundin, aus Salisbury. Sie wirkt erstaunlich frisch nach einem drei\u00dfigst\u00fcndigen Flug und einer Zeitumstellung von sechs Stunden. Alle dr\u00e4ngen sie, Spanisch zu sprechen, aber das ist leichter gesagt als getan. Sie hat Kenntnisse, landet aber jetzt pl\u00f6tzlich in einem authentischen Umfeld, und am ersten Tag ist es noch schlimmer. Sie bleibt aber gleich drei Monate und wird hier auch einen Sprachkurs machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist Vegetarierin, kein leichtes Schicksal in Nicaragua oder sonstwo in Mittelamerika. Sie sei damals gerade dabei gewesen, Veganerin zu werden, aber das habe sie dann angesichts des Essens hier aufgegeben. Eier und K\u00e4se sind schon beim Fr\u00fchst\u00fcck die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist schon mal hier gewesen und hat bei der Gelegenheit Claudio kennengelernt. Vorher war sie auch in Guatemala und Honduras. Besonders habe Antigua ihr gefallen. Sie kennt auch Cahuita, eins meiner zuk\u00fcnftigen Reiseziele, und ist davon genauso angetan wie Claudio. Beide best\u00e4tigen, dass in Costa Rica der Nachweis der Ausreise bei der Einreise besonders streng gepr\u00fcft werde. Das ist mein Zeichen f\u00fcr den Aufbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer kennt die Adresse, und ich habe zur Sicherheit einen Screenshot von der Internetseite gemacht. F\u00fcr Nicaragua empfiehlt er mir besonders die Isla de Ometeque und San Juan de Dios. Da scheint allgemeine \u00dcbereinstimmung zu herrschen. Ob ich Tica sei, will er wissen. Nein. Und dann kommt wieder \u201eAlemaaania.\u201c &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, lasse ich ihn nicht fahren, sondern frage erst, ob ich richtig bin. Ein ziemlich begriffsstutziger Polizist vor dem Eingang versteht meine Frage nicht, ob man hier Fahrkarten kaufen kann. Sp\u00e4ter versteht er auch nicht, was \u00d6ffnungszeiten bedeutet. Eine Passantin hilft weiter. Bin richtig hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl wir nur f\u00fcnf Kunden sind und es drei Schalter gibt, geht es einfach nicht weiter. Zwischendurch kommt ein freundlicher Mann aus einem B\u00fcro und fragt mich, ob er mir helfen k\u00f6nne. Ja, ich wollte im Internet eine Fahrkarte nach David buchen, aber es funktioniert nicht, obwohl \u00fcberall steht, dass Ticabus von San Jos\u00e9 nach David fahre. Ja, das stimmt auch, nur hei\u00dft David im Internet nicht David. Wie genau es hei\u00dft, das wisse er auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich endlich dran bin, dauert es was, weil ich das M\u00e4dchen hinter dem Schalter nicht verstehe und sie mich nicht. Dann haben wir endlich alles gekl\u00e4rt, und sie fragt nach meinem Reisepass. Reisepass? Um eine Busfahrkarte zu buchen? Ja, unerl\u00e4sslich.<\/p>\n\n\n\n<p>Resigniert suche ich ein Taxi und lasse mich zum Metrocentro fahren. Der Fahrer will wissen, was mein n\u00e4chstes Reiseziel in Nicaragua sei. Granada. Da k\u00f6nne er mich hinfahren. 40 Dollar. Ich lehne dankend ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Einkaufszentrum, gesichtslos, aber sauber wie alle Einkaufszentren, &nbsp;gibt es immerhin eine Apotheke und einen Supermarkt. Das M\u00e4dchen am K\u00fchlregal will mit mir und meinem Joghurt ein Photo machen, als Arbeitsnachweis f\u00fcr ihren Chef.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach Ansichtskarten verl\u00e4uft auch hier im Sande. Ich werde in eine Buchhandlung geschickt, aber auch die haben nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es wieder zur\u00fcck zur Unterkunft. Dieser Taxifahrer erz\u00e4hlt mir, er sei inzwischen 50 und noch nie im Ausland gewesen, nicht einmal in Honduras oder Costa Rica, und das, obwohl sein Bruder in San Jos\u00e9 lebe. Es habe sich noch nie eine Gelegenheit ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause nehmen mich Isabel und zwei Frauen, die mit der Kakaoproduktion besch\u00e4ftigt sind und gerade Pause machen, ins Kreuzverh\u00f6r: Heimatland, Ehefrau, Kinder, Spanisch, Reise. Zwei von ihnen kommen aus Le\u00f3n und freuen sich, dass ich dort gewesen bin, alle haben Kinder, Isabel hat neun und, wie sie stolz erg\u00e4nzt, schon viele Enkel und Urenkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wundern sich, dass ich alles verstehe, und klagen \u00fcber Alice. Die verstehe ja fast nichts. Ich versuche, eine Lanze f\u00fcr sie zu brechen, das sei ganz normal am Anfang. Ja, aber sie sei doch jetzt schon zum zweiten Mal hier, meinen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige wieder mal in ein Taxi und fahre wieder zur\u00fcck. Diesmal geht alles glatt, aber die Frau hinter dem Schalter fragt ihren Kollegen, was f\u00fcr eine Nationalit\u00e4t das denn da sei in meinem Reisepass. Sie hat sich nicht getraut, mich zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrkarte ist richtig teuer. Es gibt ein zweites Unternehmen, das die Fahrt viel billiger anbietet, aber deren Fahrkarten kann man hier nicht kaufen und online auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich rauskomme, spricht mich gleich ein Taxifahrer an. Wohin ich denn wolle. Zum Museum mit den Fu\u00dfstapfen, dem <em>Museo Arqueol\u00f3gico Huellas de Acahualinca<\/em>. Ich w\u00fcsste aber nicht, ob das ge\u00f6ffnet ist. Ja, ist es, auf jeden Fall, versichert er mir. Er will 10 $, also 360 C\u00f3rdoba. Ich lehne dankend ab. Ein Taxifahrer auf der anderen Stra\u00dfenseite verlangt 150, einer, der gerade G\u00e4ste hier absetzt, 100. Der bekommt den Zuschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs f\u00e4hrt er auf einmal rechts ran, reicht etwas durch die Scheibe, das ein junger Mann annimmt und f\u00e4hrt weiter. Das war eine Guave, eine <em>guayaba<\/em>, f\u00fcr seinen Sohn. Der betreibt hier am Stra\u00dfenrand einen Imbissstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in ein richtig sch\u00e4biges Viertel, und da, wo ein Gitter ist, w\u00fcrde man kaum ein Museum vermuten. Auch das Gel\u00e4nde des Museums, das man durch das Gitter sehen kann, sieht nicht gerade einladend aus. Es regt sich keiner aufs Rufen hin und auch nicht, als ich an dem Gitter r\u00fcttele. Scheint geschlossen zu sein. Sie haben sich nicht einmal die M\u00fche gemacht, ein Schild hinzuh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Claudio gesagt hat, dies sei nicht das gro\u00dfe Highlight, h\u00e4tte ich es mir gerne angesehen, einfach, weil es so ungew\u00f6hnlich ist. Hier haben sich Fu\u00dfabdr\u00fccke von Menschen \u2013 M\u00e4nnern, Frauen und Kindern \u2013 und Tieren \u2013 Waschb\u00e4ren, Rehwild, V\u00f6gel, Opossums \u2013 erhalten, die 6.000 bis 8.000 Jahre alt sind. Die Fu\u00dfabdr\u00fccke sind im Schlamm hinterlassen worden und haben sich fossilisiert. Man hat lange angenommen, Menschen wie Tiere seien vor einem Vulkanausbruch auf der Flucht gewesen, aber Arch\u00e4ologen haben wohl herausgefunden, dass sie sich nicht in Eile befanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer hat auf mich gewartet und bringt mich nach Hause zur\u00fcck. Das ist jetzt meine f\u00fcnfte Taxifahrt heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich sofort auf die Suche nach <em>La Ventecita<\/em>, einem von Claudio empfohlenen Lokal ganz in der N\u00e4he. Hier gibt es tats\u00e4chlich <em>nacatamales<\/em>, das Nationalgericht Nicaraguas, und zwar, wie ein gro\u00dfes Werbebanner verk\u00fcndet, t\u00e4glich. Man sitzt drau\u00dfen am Stra\u00dfenrand unter gro\u00dfen Sonnenschirmen, drinnen gibt es vermutlich gar keine Pl\u00e4tze. Neben mir ein Stammtisch mit vier biertrinkenden M\u00e4nnern, die sich gegenseitig an Lautst\u00e4rke zu \u00fcberbieten versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort erscheint eine freundliche Kellnerin und bringt mir einen Teller. Die Bananenbl\u00e4tter, in denen das Gericht ged\u00fcnstet wird, sind aufgeschlagen, und darin befinden kleine St\u00fccke Schweinefleisch, in einer Masse aus Kartoffelstampf, das aber ganz anders schmeckt als unser Kartoffelp\u00fcree. Sehr lecker, w\u00fcrzig, mit ganz intensivem Geschmack. Ein einfaches, aber schmackhaftes Gericht. F\u00fcr mich nicht ganz neu, weil ich <em>tamales<\/em> von fr\u00fcheren Reisen kenne, aber dort war es Reis statt Kartoffeln und ger\u00f6stet statt ged\u00fcnstet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter laden mich Claudio und Alice zu einer Tasse Tee ein. Sie sind heute in Sachen Schokolade unterwegs gewesen. Sie will voll ins Kaffeegesch\u00e4ft einsteigen und Claudios Kaffee demn\u00e4chst in England vertreiben. Jetzt ist sie hier, um von der Pieke auf die verschiedenen Schritte bei der Produktion kennenzulernen. Bis vor einem Monat hat sie in einem Rechtsanwaltsb\u00fcro gearbeitet. Eine ordentliche Umstellung, die ihr bevorsteht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kommt Margarita mit Enrique zur\u00fcck. Sie muss ihn st\u00fctzen. Sie kommen von einer Untersuchung aus dem Krankenhaus. Aber es ist Gott sei Dank nichts passiert, wie ich schon bef\u00fcrchtet habe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>4. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bietet mir Claudio zum Kaffee einen seiner selbstgemachten Kekse an. Etwas unansehnlich und unten leicht verbrannt. Aber er schmeckt phantastisch! Das zahlt sich der selbstgemachte Kakao aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita erz\u00e4hlt die Krankengeschichte von Enrique. Er hat schon lange ein Nierenleiden, jetzt kommt noch ein Herzleiden dazu. Gestern waren sie zu einer l\u00e4ngeren Untersuchung in der Klinik, einer Voruntersuchung, bei der es darum geht, ob eine Operation durchgef\u00fchrt werden kann. Heute haben sie einen weiteren Arzttermin, das ist eine monatliche Routineuntersuchung wegen der Niere.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie meint, ich solle ihn \u00fcberzeugen, in Rente zu gehen. Ich sei doch ein gutes Beispiel, dass man dann nicht in Langeweile verf\u00e4llt. Und er habe so viele Kenntnisse, die er auch au\u00dferhalb des Berufs anwenden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit serviert mir Isabel eine Tasse mit hei\u00dfem Wasser, mit zerriebenem Ingwer, ausgedr\u00fcckten Zitronen und Honig. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita erz\u00e4hlt von ihrer eigenen beruflichen Situation vor einigen Jahren. Sie stand vor der schwierigen Entscheidung, ihre sichere Stellung aufzugeben, um ein Angebot eines US-amerikanischen Unternehmens anzunehmen, das sich mit seinem nicaraguanischen Mitarbeiter \u00fcberworfen hatte. Bei dieser Stelle w\u00fcrde sie 6.000 $ im Monat verdienen, nicht nur f\u00fcr einen Nicaraguaner eine stolzes Gehalt. Nur w\u00fcrde der Vertrag zun\u00e4chst nur \u00fcber ein Jahr laufen. Sie nahm an, und nach einem Jahr wurde der Vertrag um ein Jahr verl\u00e4ngert, und dann noch einmal um ein Jahr. In der Zeit hat sie sicher einiges Geld zur\u00fccklegen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie spricht genauso gerne und genauso viel wie ihr Sohn und erz\u00e4hlt auch noch von dem Plan, das Haus aufzustocken und f\u00fcr weiteren Mietraum zu sorgen. Sie hatte an der Ausschreibung eines US-amerikanischen Konzerns teilgenommen und wegen der guten Begr\u00fcndung des Vorhabens den Zuschlag bekommen. Dann habe sie lange gez\u00f6gert, sagt sie. Sie schildert im Detail die Konditionen, davon verstehe ich nur, dass das alles sehr kompliziert war. Am Ende hat sie das Vorhaben gestoppt, sehr zur Ver\u00e4rgerung der US-amerikanischen Seite. Enriques Warnung hatte die Waagschale zum Ausschlag gebracht. Man solle auf keinen Fall den Verlust des Hauses als Risiko in Kauf nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nochmal versucht sie, mir das Unterrichten in Managua schmackhaft zu machen. Sie habe hier einen freien Raum, den k\u00f6nne man als Unterrichtsraum benutzen. Oder, noch besser, sie habe ein weiteres, leerstehendes Haus hier in Managua. Sie meint es ernst. Die Nachfrage sei riesengro\u00df, vor allem in der Ferienzeit, im Dezember und Januar. Und die Eltern seien bereit, gutes Geld zu zahlen und wollten au\u00dferdem ihre Kinder in den Ferien besch\u00e4ftigt sehen. Der Schulunterricht tauge nichts, aber es gebe eine Akademie, die gegen gutes Geld guten Unterricht anbiete. Dahin k\u00f6nne sie mich mitnehmen, damit ich mir das mal ansehe. Da w\u00fcrden 30 Sch\u00fcler unterschiedlicher Stufen gleichzeitig unterrichtet, Kinder und Erwachsene gemeinsam, und das funktioniere sehr gut. Sie w\u00fcrden vom Lehrer, aber auch voneinander lernen. So richtig vorstellen kann ich mir das nicht, aber es h\u00f6rt sich interessant an. Meine Einw\u00e4nde, n\u00e4mlich, dass das nicht meine Unterrichtsmethode sei und dass ich mich mit internetbasiertem Lernen nicht auskenne, l\u00e4sst sie nicht gelten. Das werde man alles hinbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur Reinigung und dann zu dem von Margarita empfohlenen Supermarkt <em>La Uni\u00f3n<\/em>. Der ist sehr gut ausgestattet, nur die Schreibwarenabteilung ist etwas mickrig. Der Kuli aus dem Adventskalender gibt allm\u00e4hlich seinen Geist auf und die Notizhefte gehen zu Neige.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen gibt es Werbung f\u00fcr <em>Macron<\/em>. Die sieht man hier \u00fcberall. Was das ist? Keine Ahnung. Scheint Outfit f\u00fcr Sportler zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch einmal zur <em>Ventecita<\/em>, aber es ist eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung. Das Essen ist schlecht, und die Kellnerinnen gehen mir auf die Nerven mit ihrem st\u00e4ndigen Abkassieren. Die eine wei\u00df nicht, was die andere macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg, gedankenverloren, verlaufe ich mich, irre etwas in der Gegend herum und komme dann wieder zur <em>Ventecita<\/em>. Auf dem Weg bin ich an einem Juweliergesch\u00e4ft vorbeigekommen, in einem sehr schmucken Haus untergebracht. Wie kommen die wohl an Kundschaft in diesem abgelegenen Viertel?<\/p>\n\n\n\n<p>5. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander von Humboldt hat mindestens f\u00fcnf Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Bau eines transozeanischen Kanals gemacht. Sein Favorit war Nicaragua, obwohl er die vielen Vulkane als Hindernis sah, von Panama hielt er am wenigsten. Wie immer, war er sehr gr\u00fcndlich in seinen Erkundigungen, musste sich aber auf fremde Quellen verlassen, weil er selbst nie hier in der Gegend war. Dass Panama so schlecht bei ihm wegkam, lag daran, dass die Karten, die ihm zur Verf\u00fcgung standen, die Berge Panamas dreimal h\u00f6her einsch\u00e4tzten als sie waren. Dennoch sollte er Recht behalten. Die Berge, auch wenn nicht so hoch waren wie von ihm veranschlagt, waren tats\u00e4chlich ein gro\u00dfes Hindernis beim Bau des Kanals. Die Franzosen mussten aufgeben, nachdem sie 300 Millionen Dollar und Tausende von Leben geopfert hatten. Da Panama keinen See hatte, musste der Chagres zu einem werden. Der so kreierte See \u00fcberflutete Hunderte von Quadratkilometern tropischen Regenwaldes. Dazu kommt, dass bis heute der eigentliche Kanal, zu beiden Seiten des Sees, st\u00e4ndig von Sedimenten und Steinen freiger\u00e4umt werden muss. Zweimal so viel Material ist seit dem Bau des Kanals freigelegt worden wie f\u00fcr den Kanal! In Nicaragua wollte Humboldt den Nicaragua-See ausnutzen sowie einen Fluss auf der Atlantik-Seite, der in den See m\u00fcndete. Auf der anderen Seite vermutete man auch einen Fluss, aber genaue geographische Kenntnisse fehlten. Der Nicaragua-Kanal h\u00e4tte auch gr\u00f6\u00dferen Schiffen die Durchfahrt erlaubt als der Panama-Kanal. Das ist heute ja immer wieder ein Thema. Trotzdem: Wenn Humboldt heute lebte, w\u00fcrde er vermutlich von diesem Projekt absehen, denn \u00f6kologische und soziale Faktoren waren f\u00fcr ihn auch immer von Bedeutung, und ein Kanal durch den Nicaragua-See w\u00fcrde einen Naturpark und viele gewachsene Strukturen zerst\u00f6ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles auch deshalb von Interesse, weil es heute nach Granada geht, und das liegt direkt an besagtem See, dem <em>Lago de Nicaragua<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr unterwegs gibt es noch mal ein besonders reichhaltiges Fr\u00fchst\u00fcck: Gallo Pinto, gebratene Tomaten, frittierter K\u00e4se, R\u00fchrei und dazu ein leckeres dunkles Brot mit Mandeln und N\u00fcssen, wohl auch aus eigener Produktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau, die bei der Schokoladen- und Kaffeeproduktion t\u00e4tig ist, erlaubt mir, ein Photo von ihr zu machen in dem Zimmer, in dem die verschiedenen Apparate stehen. Kein sehr gro\u00dfer Raum, aber offensichtlich genug f\u00fcr beide Prozesse. Jeder erfordert drei Apparate.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie arbeitet erst sechs Monate hier, macht aber die ganze Arbeit schon sehr selbst\u00e4ndig. Claudio und Alice sind den ganzen Tag unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die erste Arbeitsstelle ihres Lebens, vertraut sie mir an. Sie befinde sich in einer seelischen Krise, nachdem ihr Ehemann sie nach 28 Jahren verlassen hat. Sie braucht einen Psychologen, aber der kostet 50 $ pro Monat, und die kann sie sich nicht leisten. Ihre Tochter, unverheiratet, lebt bei ihr. Diese Tochter ist auch Religionslehrerin, an derselben Schule wie die Tochter des Hauses hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann tauchen auf einmal zwei Personen auf, die ich noch nie gesehen habe, ein Paar, ein Deutscher und eine Engl\u00e4nderin. Sie sind gerade am Tag davor angekommen und bleiben zwei Monate in Nicaragua.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht ganz gut Spanisch, hat es in Sprachkursen und dann in Mexiko gelernt. Will jetzt auch Portugiesisch lernen, nachdem er in Portugal das Gef\u00fchl hatte, dass ihm was fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie spricht phantastisch Deutsch, versteht alles, kann alles ausdr\u00fccken, macht so gut wie keine Fehler, und bei der Aussprache merkt man nur ganz gelegentlich einen leichten englischen Akzent. Ihre Mutter ist Deutsche, ist aber mit ihr nach London gezogen, als sie drei Jahre alt war. Von da an lag der Schwerpunkt auf Englisch. Sie lerne Deutsch \u201er\u00fcckw\u00e4rts\u201c, wie sie sagt, sie habe sich nie um Grammatik gek\u00fcmmert, tue das aber jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita und Enrique sind zu einem Arzttermin und Claudio und Alice sind in Sachen Kaffee unterwegs, also verabschiede ich mich nur bei Isabel und den beiden netten Frauen aus der Kaffeeproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Taxi geht es zum Busbahnhof. Der Taxifahrer h\u00e4lt zu Bar\u00e7a und will wissen, ob ich zu Bayern halte. Ich kann die Frage entschieden verneinen und mit Freude&nbsp; berichten, dass die gestern aus dem Pokal geflogen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus nach Granada steht schon bereit unter vielen anderen Bussen, und ehe ich mich\u2018s versehe, hat sich&nbsp; schon jemand meines Koffers angenommen. Erst steht der im Gang herum, dann verschwindet er irgendwann im Gep\u00e4ckraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Festival der Schirmm\u00fctzen, jeder zweiter Mann tr\u00e4gt eine, alle Varianten sind vertreten: Schirm nach vorne, nach hinten, zur Seite und schr\u00e4g nach hinten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach bew\u00e4hrtem Rezept wird der Bus vollgeladen, bis er aus allen N\u00e4hten platzt. Der schwergewichtige Beifahrer ruft schon vor der Ankunft an Haltestellen die Stationen aus: \u201eMasaya, Granaaada, Masaaaaya.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer ist aufmerksam. Er bietet der attraktivsten Frau des Busses, die mit kurzem, enganliegendem, schulterlosem Kleid erscheint, den ausklappbaren Sitz neben sich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor uns bremst ein Taxi unvermittelt, und wir m\u00fcssen eine Vollbremsung vornehmen. Noch mal gut gegangen. Der Fahrer bleibt auf der H\u00f6he des parkenden Taxis stehen, so dass der Beifahrer durch die ge\u00f6ffnete T\u00fcr auf den Taxifahrer eine Schimpfkanonade herunterprasseln lassen kann, von der ich nur <em>puta<\/em> verstehe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich l\u00e4nger hin als gedacht. Aus dem Lautsprecher kommt Juanes: \u201eOootra, oootra nocheee, otraaa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich leert sich der Bus, und als es in die Altstadt von Granada geht, sind nur noch ganz wenige an Bord. Man sieht auf den ersten Blick, warum Granada so einen guten Ruf hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich soll an der <em>Iglesia de la Merced<\/em> aussteigen, aber da f\u00e4hrt der Bus gar nicht vorbei. Ich werde irgendwo am Stadtrand rausgelassen. Mal wird mir empfohlen, ein Taxi zu nehmen, mal hei\u00dft es, man k\u00f6nne zu Fu\u00df gehen. Die Menschen sind \u00e4u\u00dferst freundlich, bieten spontan ihre Hilfe an, bevor man sie gefragt hat. So auch ein &nbsp;ganz freundliches Ehepaar, als ich an der <em>Merced<\/em> angekommen bin. Ich bin auf der richtigen Stra\u00dfe, sagen sie mir, eine Hausnummer hat die Unterkunft nicht. Daf\u00fcr aber einen Namen, <em>Gallo Pinto<\/em>, aber der steht an keinem Haus. Das Ehepaar sagt ganz entsetzt, das <em>Gallo Pinto<\/em> sei geschlossen, schon seit geraumer Zeit, aber es stellt sich heraus, dass sie ein Lokal dieses Namens meinen. Dann hilft ein Mann aus der Kabine seines Lieferwagens heraus, und dann stehe ich vor der Haust\u00fcr, und wieder steht das Ehepaar an meiner Seite. Ja, ihnen sei eingefallen, hier sei das. Sie finden auch die Klingel f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Benjamin, der deutsche Mann der Vermieterin, \u00f6ffnet und f\u00fchrt mich durch die Unterkunft. Der Innenhof ist sehr sch\u00f6n, das Bett hat ein Moskitonetz, die gemeinsam genutzte K\u00fcche sieht sauber aus, aber WC und Dusche sind nicht ans Zimmer angeschlossen. Das ist nachts etwas bl\u00f6d, man muss das Zimmer immer mit einem Vorh\u00e4ngeschloss schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Benjamin und seine Frau, Lorena, wohnen nicht hier, aber in der N\u00e4he und sind jederzeit erreichbar. Sie k\u00f6nnen auch Tagestouren buchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit Benjamin probiere ich die Schl\u00fcssel f\u00fcr die Au\u00dfent\u00fcr aus. F\u00fcr uns beide geht es ganz gegen die Intuition: Man schlie\u00dft nach links ab, nach rechts auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter mache ich einen Spaziergang&nbsp; in die Stadt und kann feststellen, dass der Weg ins Zentrum viel k\u00fcrzer ist, als man nach der Route des Busses h\u00e4tte annehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als einmal habe ich schon geh\u00f6rt, dass Granada einen an Antigua erinnere, und genau das ist der erste Gedanke, der aufkommt, wenn man am <em>Parque Central<\/em> anlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus st\u00fcrze ich mich in die Seitenstra\u00dfen, und von einem auf den anderen Moment wird es so, wie es immer hier wird: laut, bunt, eng. Es kommen haufenweise Bekleidungsgesch\u00e4fte, Apotheken, Handy-L\u00e4den, Billigl\u00e4den. Motorr\u00e4der, Radfahrer und Taxis zwingen sich zwischen den Verkaufsst\u00e4nden her, die die ganzen B\u00fcrgersteige, sofern es welche gibt, einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich in unverhofft in ein ruhigeres Viertel, hier werden Baustoffe verkauft. Als ich die Suche l\u00e4ngst aufgegeben habe, stehe ich pl\u00f6tzlich vor einem Schreibwarengesch\u00e4ft, fensterlos und schlauchartig, wie praktisch alle Gesch\u00e4fte hier. Es ist ein Volltreffer: Man hat alles, was das Herz begehrt und ist au\u00dferdem noch sehr freundlich. Alles gibt es zu einem Spottpreis. Die Verk\u00e4uferin wundert sich \u00fcber meinen Akzent. Und erkl\u00e4rt mir den Weg zum Supermarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist ziemlich finster, hat aber das, was ich suche. Die Kassiererin nimmt mir ein paar der M\u00fcnzen ab, die sich inzwischen in meinem Portemonnaie angesammelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann schnell die Sachen zu Hause deponieren und gehe dann in einen der typischen \u00fcberteuerten L\u00e4den, wo man Kaffee zu hohen Preisen in Plastikbechern bekommt, ohne am Tisch bedient zu werden. Egal, ich bestelle einen Eiscaf\u00e9. Hat mit unserem nicht zu tun. Es ist einfach kalter Kaffee mit Eisw\u00fcrfeln. Ist mir aber jetzt echt willkommen. Dem Kassierer halte ich mein Portemonnaie hin, damit er sich an den M\u00fcnzen bedient. Er fordert mich auf, alle M\u00fcnzen in seine Hand zu sch\u00fctten und sagt dann: Stimmt so. Wie? Ganz genau? Entweder geht es hier nicht mit rechten Dingen zu oder ist ein unglaublicher Zufall, dass mein M\u00fcnzgeld ganz genau dem Betrag entspricht, den ich zahlen muss. Jetzt habe ich keine einzige M\u00fcnze mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge Benjamins Empfehlung und steige auf den Turm der <em>Iglesia de la Merced<\/em>. Eine steile, enge Wendeltreppe, mit Gegenverkehr, f\u00fchrt nach oben, auf den Glockenturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus hat man zu zwei Seiten einen wunderbaren Ausblick, nach Westen, mit dem sich verf\u00e4rbenden Himmel und einer Kuppel der Kirche, und nach Osten, wo der Himmel noch blau ist und man auf die Kuppeln der Kathedrale sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann noch h\u00f6her steigen, aber ich lasse es dabei bewenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kommt Benjamin noch mal wieder, mit Familie, um nach dem Rechten zu sehen. Ich frage ihn nach dem Radverleih, der hier angeboten wird, aber er winkt ab: Von dem Radverleih werde kaum Gebrauch gemacht, man k\u00f6nne sich in der Stadt bewegen oder bis zur Lagune fahren, aber eben immer auf den normalen Stra\u00dfen, ausgebaute Radwege gebe es nicht. Man sieht zwar erstaunlich viele Radfahrer hier in der Stadt \u2013 grunds\u00e4tzlich ohne Licht \u2013 aber die benutzen das Rad nicht als Freizeitger\u00e4t, sondern als Verkehrsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen, das er auf den Armen tr\u00e4gt, ist seine Tochter, das Teenager-M\u00e4dchen, das immer bei ihnen ist, ist eine Nichte. Das M\u00e4dchen auf dem Arm ist ein K\u00f6lsches M\u00e4dchen, geboren w\u00e4hrend der Jahre, wo sie in K\u00f6ln gewohnt haben. Erst k\u00fcrzlich haben sie Nicaragua als festen Wohnsitz auserkoren \u2013 vorl\u00e4ufig. Er selbst hat als Student ein Freiwilligenjahr in Nicaragua gemacht und sp\u00e4ter seine Doktorarbeit in der Anthropologie \u00fcber Nicaragua geschrieben, \u00fcber Kleinkredite, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der Taxifahrer! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>6. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Robert Louis Stevenson hatte von Kind auf eine schwache gesundheitliche Konstitution und litt unter Atembeschwerden. Deshalb verlie\u00df er so oft er konnte das nasskalte Schottland und fuhr nach S\u00fcdfrankreich. Dort lernte er eine verheiratete Frau mit zwei Kindern kennen. Sie lie\u00df sich scheiden, sie heirateten und er nahm die Kinder an. Da es gesundheitlich weiter bergab ging, heuerte er einen Schoner an und ging mit der Familie auf S\u00fcdseereise. Am Ende blieb er in Samoa h\u00e4ngen. Dort erwarb er eine Plantage und lebte fortan dort mit seiner Familie und einem ganzen Clan. Eines Tages, als die Stimmung nicht so gut war, sagte er zu seiner Frau, er wolle eben runter gehen und eine Flasche Burgunder holen. Er sah sie an und fragte: \u201eDo I look strange?\u201c Dann brach er zusammen und verstarb. Er wurde nur 34 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jessy aus San Salvador schreibt mir von einem Fall, den sie medizinisch begutachten musste. Ein 72-j\u00e4hriger Mann, der gerade von seiner eigenen Geburtstagsfeier zur\u00fcckkam, erlitt am Steuer einen Zusammenbruch und starb noch an Ort und Stelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht hat es geregnet. Am Morgen ist es sch\u00f6n, bei der klaren Luft im Innenhof zu sitzen und durch die Palmen hindurch zu beobachten, wie es Tag wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts muss man aufpassen, dass man nicht auf die Katzen tritt und dass die einen nicht erschrecken, wenn sie einem um die F\u00fc\u00dfe streichen. Sie verfolgen einen \u00fcberall hin, sogar aufs Bad.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem winzigen Imbiss mit gerade mal drei Tischen bekomme ich ein einfaches Fr\u00fchst\u00fcck. Au\u00dfer mir ist nur noch ein weiterer Mann im Raum. Er spricht ununterbrochen, mit durchdringender Stimme, auf die Frau hinter der Theke ein. Er tr\u00e4gt eine kurze Hose, ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Latino.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerin antwortet ausf\u00fchrlich auf meine Frage nach dem Fr\u00fchst\u00fccksangebot. Dabei sagt sie irgendwann \u201eEs bien\u201c. Meine ich jedenfalls geh\u00f6rt zu haben. Kann das sein? Oder habe ich mich einfach verh\u00f6rt? Nein, habe ich nicht. Es kommt noch zweimal: \u201e\u00bfEs bien con pan?\u201c Und: \u201e\u00bfEs bien sin az\u00facar?\u201c. Das gibt es doch nicht! Ob man das in irgendeiner Grammatik findet? Die meisten Spanischlehrer w\u00fcrden es als Fehler anstreichen, aber hier steht eine lebendige Muttersprachlerin vor mir und gebraucht es mit aller Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Und: Der Muttersprachler hat <em>immer<\/em> Recht! Man sollte vorsichtig sein mit seinen Urteilen. Die Sprache hat schier unersch\u00f6pfliche Variation. Es gibt viel mehr, als man denkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Speisekarte ist unten der genaue Standort des Lokals verzeichnet: <em>Iglesia de la Merced, 25 varas al lago<\/em>. Kein Stra\u00dfenname, stattdessen die Kirche als Orientierungspunkt. Mit Entfernungsangabe: <em>25 varas<\/em>. Das ist ein etwas altert\u00fcmlich anmutendes L\u00e4ngenma\u00df, eine Elle. Und dann noch mit der Richtungsangabe: <em>al lago \u2013 zum See<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum <em>Parque Central<\/em> und sehe mich etwas um. \u00c4hnelt tats\u00e4chlich dem von Antigua, ist aber gr\u00f6\u00dfer und weniger geschlossen und hat auch weniger Bogeng\u00e4nge. Ein sch\u00f6nes, elegantes, zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude steht etwas versetzt zum Platz. Was das ist, ist nicht herauszufinden. Nur die Kathedrale kann man auf Anhieb identifizieren. Sie gleicht nicht der Kathedrale von Antigua, sondern der <em>Iglesia de la Merced<\/em> von Antigua. Sp\u00e4ter erkenne ich noch das Rathaus: <em>Palacio Municipal. <\/em>Er hat Schmuck \u00fcber dem Eingang, ganz oben eine Krone!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes ein etwas merkw\u00fcrdiger Brunnen, leider ohne Wasser, mit splitternackten J\u00fcnglingen um die Brunnenschale herum. Sie strecken &nbsp;beide F\u00e4uste in die Luft. Etwas halten sie in den H\u00e4nden. Ein V\u00f6gelchen und eine Wasserschale?<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein etwas s\u00fc\u00dfliches Monument der Mutterliebe, mit entsprechender Inschrift. Eine Mutter hat ein Kind auf dem Scho\u00df, umarmt das andere, das neben ihr steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur <em>Casa Museo San Francisco<\/em>, am Rande der Innenstadt gelegen. Die Kirche, mit wei\u00dfer Front, ist geschlossen, aber das ehemalige Kloster, jetzt Museum, hat ge\u00f6ffnet. Man zahlt den \u00fcblichen Obolus und muss sich in eine Liste eintragen. Vor mir waren Besucher aus Polen hier, davor aus Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster beherbergt quasi mehrere Museen oder Ausstellungen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Los geht es mit einem Loblied auf Granada, und am Ende steht ein leider nicht beschriftetes gro\u00dfes Modell von Granada, bei dem man gut sehen kann, wie die Au\u00dfenbezirke der Altstadt sehr gr\u00fcn sind, das eigentliche Zentrum nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Granada, erf\u00e4hrt man, sei die \u00e4lteste europ\u00e4ische Stadt auf dem amerikanischen Festland, habe eine Fl\u00e4che von 105 Hektar, 1.749 Geb\u00e4ude, von denen 376 denkmalgesch\u00fctzt sind und sieben Kirchen, die alle der Jungfrau Maria gewidmet sind!<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Ausstellungsraum geht es um Volksfr\u00f6mmigkeit. Anhand von Dioramen werden verschiedene Traditionen dargestellt, ein maritimer Kreuzweg, bei dem ein Kruzifix mit einem Boot von Station zu Station gefahren wird, eine wahre Kreuzfahrt. Dann ein tragbarer Marienaltar und Figuren mit den Masken von Teufeln, Gespenstern, D\u00e4monen, Hexen, Zwergen mit gro\u00dfen K\u00f6pfen, Skelette. All die kommen in &nbsp;einer Prozession bei dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, am 15. August, zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man Jungen mit Pfeifen, die in der Karwoche morgens um 5.30 zum Gottesdienst und zur Novene rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem n\u00e4chsten Raum gibt es naive Malerei zu sehen, eine Stilart, die von den Sandinisten gef\u00f6rdert wurde. Es gibt aber keine Propaganda-Bilder zu sehen, sondern Alltagsszenen. Die Techniken sind so unterschiedlich, wie sie nur sein k\u00f6nnen. Einige Bilder sehen wie Wimmelbilder aus. Mir gef\u00e4llt am besten ein Bild von einer l\u00e4ndlichen Szene, mit einem Bauernhaus, einem von Ochsen gezogenen Fuhrwerk, mit einer Frau, die in einer Tonne W\u00e4sche w\u00e4scht, mit einem M\u00fchlstein. Es gibt immer neue Details zu entdecken, und dennoch ist das Bild nicht \u00fcberladen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Raum ist, als Reverenz f\u00fcr Tischler, Schreiner, Dreher, Holzschnitzer und Korbschnitzer, der Raum einer gutb\u00fcrgerlichen Familie aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt, mit sch\u00f6nen, dunklen M\u00f6beln im Stile Louis XV.: St\u00fchle mit Weidengeflecht als Sitzfl\u00e4che, mit und ohne Lehne, um einen Tisch herum gruppiert, eine Anrichte, ein Klavier, ein Beistelltischchen, eine Standuhr, drei mit Einlegearbeiten verzierte unterschiedlich gro\u00dfe Tischchen, die man ineinander schieben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz \u00e4hnlich gibt es etwas zur Stickerei, auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Granada. Es gibt Blusen, Sch\u00fcrzen, Hemdkragen, Taufkleider, hauchd\u00fcnne Tuche zum Bedecken von Kinderw\u00e4gen zu sehen, alles in Wei\u00df. Sieht durch und durch europ\u00e4isch aus.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen auf einem Hof ist die arch\u00e4ologische Abteilung zu sehen. Es gibt ausschlie\u00dflich steinerne Skulpturen aus der vorkolumbianischen Zeit zu sehen, stark verwittert. Sie stellen das dar, was f\u00fcr die V\u00f6lker wichtig war: Jaguar, Katze, Schlange, Schildkr\u00f6te, Adler, Affe. Au\u00dfer der Reihe ist auch ein Erh\u00e4ngter dabei!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich zum See runter. Wieder Wind und Wolken, aber wenn die Sonne mal durchkommt, knallt sie ganz ordentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum See f\u00fchrt \u00fcber eine sehr sch\u00f6n angelegte, schnurgerade gepflasterte Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, mit Mosaiken auf dem Boden. An den Seiten farbig gehaltene einst\u00f6ckige H\u00e4user und dann zwischendurch in einem pr\u00e4chtigen Haus mit verzierter Fassade ein Hotel der Luxusklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verbreitert sich die Stra\u00dfe. Es wird immer windiger. Wenn man am Seeufer ankommt, hat man noch mehr das Gef\u00fchl, am Meer zu sein als in Managua.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck, wieder \u00fcber den immer belebten <em>Parque Central<\/em> zu <em>Eco<\/em>, einem von Benjamin empfohlenen Lokal ganz in der N\u00e4he der Unterkunft. Ich bin der erste Gast, aber dann f\u00fcllt es sich schnell auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles gut, das Essen, das Ambiente, die Bedienung, das Bier, sogar saubere Toiletten gibt es, mit Seife, Wasser, Papiert\u00fcchern. Das hat seinen Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon den ganzen Vormittag \u00fcber habe ich sehr elegant gekleidete Passanten gesehen, vor allem Frauen. Es scheint wieder ein Fest zu geben, eine <em>graduaci\u00f3n<\/em>, so, wie ich sie schon in Le\u00f3n gesehen habe. Die G\u00e4ste, die hier hereinkommen, sind alle Festg\u00e4ste. Das Schulkind, das ich sehe, tr\u00e4gt eine Schuluniform und eine Sch\u00e4rpe. Auch hier ein Mann mit kurzer Hose. Ein anderer Mann entspricht genau meinem Bild von einem Typ Latino. Die Haare, leicht lockig, gegelt, so dass sie wie nass aussehen, streng nach hinten gek\u00e4mmt, Schmerbauch und eine zu kurze Krawatte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang sehe ich einen Weihnachtsbaum aus Bierflaschen. Darunter Paulaner und Erdinger. Leider wird das Photo nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich noch mal Richtung <em>Parque Central<\/em> und gehe an einer Apotheke vorbei. Auf dem Weg sehe ich einen Mann, der sein Auto w\u00e4scht, indem er mit einer Sch\u00fcssel aus einem Eimer Wasser sch\u00f6pft, das \u00fcber die Karosserie verteilt und mit den H\u00e4nden abwischt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Mann schiebt sein Fahrrad, voll beladen, \u00fcber den Platz. Er hat ein B\u00fcndel von B\u00fcndeln geladen, lauter Stoffe vermutlich, und das Fahrrad schwankt gef\u00e4hrlich hin und her. Und dann f\u00e4llt es um. Ich helfe ihm, die Last wieder aufzuheben. Er l\u00e4chelt und sagt \u201eThank you.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ein bisschen spazieren, gucke in die Luft nach den Palmen und dem Himmel und den T\u00fcrmen und versuche dann, das Photo von gestern Abend, das verschwunden ist, nachzumachen, mit dem wuchtigen steinernen Kreuz im Vordergrund und dem Abendhimmel im Hintergrund, aber es will nicht gelingen.<\/p>\n\n\n\n<p>7. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen kommt Benjamin. Ich habe ihn nach Ausfl\u00fcgen gefragt. Er erkundigt sich bei den Anbietern, gibt Tipps f\u00fcr die Wahl der Wochentage und organisiert einen Fahrer f\u00fcr mich, der die Tour macht, die der Anbieter wegen mangelnder Nachfrage nicht anbietet. Und zu guter Letzt organisiert er auch noch einen W\u00e4sche-Service f\u00fcr mich. W\u00e4sche wird abgeholt und am selben Tag zur\u00fcckgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Granada hat eine ganz gro\u00dfe Touristenattraktion verloren, erz\u00e4hlt er, vielleicht <em>die<\/em> Touristenattraktion Nicaraguas, den Vulkan Masaya. Es gebe Touristen, die nur deswegen nach Nicaragua k\u00e4men. Sie wollten gleich nach ihrer Ankunft f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag (oder Abend) den Ausflug zum Masaya buchen. Und sind dann entt\u00e4uscht, wenn sie erfahren, dass das nicht geht. Fr\u00fcher konnte man bis zu dem Krater fahren und dann in den gl\u00fchenden Vulkan hineinsehen. Das ist nicht mehr m\u00f6glich, der Krater ist kollabiert, und der Vulkan setzt jetzt gef\u00e4hrliche Gase frei, die zu einer Eruption f\u00fchren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00e4tten hier monatelang tote Hose gehabt, erz\u00e4hlt Benjamin, mit ganz wenigen Buchungen, jetzt seien sie von Mitte Dezember mit Mitte M\u00e4rz so gut wie ausgebucht, 95%.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe ein bisschen im Zentrum spazieren. Mir f\u00e4llt auf, dass viele der historischen Geb\u00e4ude hier eher italienisch als spanisch aussehen, vor allem wegen der Balkone und der Dachfirste.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Zentrum werden Touristen in wei\u00dfen Pferdekutschen durch die Gegend gefahren. Passt irgendwie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sieht man, wie gefegt und geschrubbt wird, obwohl immer alles achtlos in den Rinnstein geworfen wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs f\u00e4hrt ein Motorrad an mir vorbei, auf dem der Beifahrer einen Tisch transportiert, auf dem Kopf, mit den F\u00fc\u00dfen nach oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum <em>Museo de Chocolate<\/em> komme ich an einem Haus vorbei, an dem <em>Museo de Bellas Artes Granada<\/em> steht. Ich sehe mal vorsichtig rein, denn das Haus selbst ist von Interesse, wie eine Schautafel an der Fassade verr\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein klassisches Museum, aber es ist auch nicht rauszukriegen, was es ist. Vielleicht ein Hotel? In einem der vielen Innenh\u00f6fe sitzen ein paar Leute bei einem Cocktail.<\/p>\n\n\n\n<p>Man zahlt keinen Eintritt, kann sich einfach so umsehen. In allen S\u00e4len h\u00e4ngen an allen W\u00e4nden Bilder der unterschiedlichsten Art. Einige sehen wie Kopien von Renoir aus, andere schildern ganz sch\u00f6ne Genreszenen: Zwei Frauen beim Weben, eine \u00e4ltere, eine j\u00fcngere, ganz in ihre Arbeit vertieft, ein Schulm\u00e4dchen \u00fcber ein Schulheft auf seinem Pult gebeugt, ganz gedankenverloren, ein alter Mann, der reglos in die Gegend sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Gem\u00e4lde sagen mir nichts, am ehesten interessant die ganz modernen, abstrakten, mit hellen Farben gemalten: Fl\u00e4chen, Linien, Punkte, aber nicht streng geometrisch, eher ineinanderlaufend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz \u00fcberraschend ist in mehreren S\u00e4len der Tisch gedeckt, mit silbernem Geschirr an langen Tafeln. Man hat nicht das Gef\u00fchl, dass jemand zum Essen erwartet wird, es sieht eher museal aus. Aber was hat das dann f\u00fcr eine Funktion?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist, laut Inschrift, das gr\u00f6\u00dfte von Granada, und das mag man wohl glauben, wenn man immer tiefer in das Haus und in immer neue S\u00e4le und Innenh\u00f6fe kommt. Und es hat seine historische Bedeutung. Erbaut wurde es um 1865 von einem gewissen Evaristo Carazo Aranda gebaut. Der war Offizier und Pr\u00e4sident von Nicaragua und diente als Oberst im Kampf gegen William Walker. Und der wiederum war eine der merkw\u00fcrdigsten Gestalten der Geschichte Mittelamerikas. Er war US-Amerikaner, Arzt und Rechtsanwalt, und militanter Anh\u00e4nger der Theorie, dass die USA das Recht und die Pflicht h\u00e4tten, sich nicht nur nach Texas und Kalifornien auszudehnen, sondern auch nach Mexiko, Kanada, Kuba und Mittelamerika. Er st\u00fcrzte sich in Gefechte gegen den rechtm\u00e4\u00dfigen Pr\u00e4sidenten Nicaraguas, unterst\u00fctzte die Partei, die den Pr\u00e4sidenten st\u00fcrzen wollte, und machte sich dann selbst zum Pr\u00e4sidenten Nicaraguas. In Mittelamerika wurden seine Aktionen als imperialistisch verstanden, in den USA wurde er als Held gefeiert. Am Ende formierte sich ein B\u00fcndnis aus Guatemala, Honduras und El Salvador, das ihn schlie\u00dflich in die Knie zwang. Er wurde verurteilt und 1860 von einem Exekutionskommando erschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Suche nach dem <em>Museo de Chocolate<\/em> gebe ich irgendwann auf. Keiner wei\u00df so richtig, wo es ist, man wird hierher und dahin geschickt, aber das sind alles Gesch\u00e4fte, die zwar kleine Touren anbieten, aber wohl eher Reibach machen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht wieder so viel Geld in einem Lokal zu lassen, gehe ich in einen Laden, um mich mit ein paar Kleinigkeiten zu versorgen, gebe dort aber am Ende genauso viel Geld aus wie gestern im <em>ECO<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist ein weiterer Benjamin aufgetaucht, ein Schweizer Rucksacktourist, mit seiner Frau im Schlepptau und einer Freundin der Frau. Sie haben in Panama angefangen und arbeiten sich jetzt langsam hoch. Nach Mittelamerika kommen noch Mexiko, die USA und Kanada. Sie lassen sich neun Monate Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist hier noch ein weiteres Paar aufgetaucht. Sie sehen wie Latinos aus, sprechen aber Englisch untereinander. Es stellt sich heraus, dass sie in den USA leben und Latinos der dritten Generation sind. Die Sprache, sagen sie, gehe so langsam verloren, und das wollen sie verhindern. Mit ihren k\u00fcnftigen Kindern wollen sie Spanisch sprechen, aber daf\u00fcr wollen sie erst einmal ihr Spanisch verbessern. Deshalb haben sie sich hier f\u00fcr einen Spanischkurs angemeldet. Am Montag geht es los. Dabei sprechen sie flie\u00dfend Spanisch. Aber sie wollen an ihrer Sprachrichtigkeit arbeiten und Grammatik machen. Tats\u00e4chlich fehlt ihnen manchmal die eine oder andere Form. Ich finde das eine tolle Aktion, eine bewundernswerte Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>8. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Tagen wird morgens und abends geb\u00f6llert. Das scheint aber nicht, wie ich erst dachte, verfr\u00fchte Silvesterknallerei zu sein, sondern mit dem heutigen Festtag, dem 8. Dezember, dem Fest der Unbefleckten Empf\u00e4ngnis, zu tun zu haben. Hat wohl fast den Rang von Weihnachten bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Innenhof wachsen Bananen, an verschiedenen Stauden mit riesigen Bl\u00e4ttern, unterschiedlich reif. An einem Baum wachsen runde, gr\u00fcne Fr\u00fcchte, die ich nicht identifizieren kann. Maura, die Frau, die hier aufr\u00e4umt, hilft mir weiter: Es sind Apfelsinen, schon reif, obwohl noch gr\u00fcn. Sie sind nicht zum normalen Verzehr geeignet, sondern kommen in S\u00e4ften und Speisen zum Einsatz. Wohl so was wie Bitterorangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich in die <em>Cueva Nica<\/em>, einer Pension f\u00fcr Rucksacktouristen mit angeschlossenem Lokal. Hier sieht man lauter blutjunge Leute, alle gertenschlank, die M\u00e4nner mit entbl\u00f6\u00dftem Oberk\u00f6rper. Man h\u00f6rt Englisch, Franz\u00f6sisch und Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf das Essen warte, sehe ich pl\u00f6tzlich Ansichtskarten an der Wand. Werden die hier verkauft? Ja, 50 C\u00f3rdoba pro St\u00fcck. Klasse! Nehme ich. Wo ich denn Briefmarken bekommen k\u00f6nne, frage ich. Hier leider nicht. Nur in Managua. Nur in Managua? Ja, in Granada gibt es keine. Aber: Wie soll ich die Ansichtskarte verschicken, wenn ich nicht in Managua bin?<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause versuche ich, per Internet einen Flug zu buchen. Klappt nicht, auch im dritten Anlauf nicht. Ich frage Benjamin, ob es hier so etwas wie Reiseb\u00fcros in unserem Sinne gebe. Ja, sagt er, aber nur in Managua.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin f\u00fclle ich bei der Fluglinie ein ellenlanges Formular aus, das immer wieder wegen unvollst\u00e4ndiger Angaben zur\u00fcckkommt. Am Ende fehlen nur noch die Vorwahl f\u00fcrs Telefon und die Buchungsnummer, aber in der Auswahl der Vorwahlen ist Deutschland nicht drin und eine Buchungsnummer habe ich nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweizer sprechen untereinander Schwyzerd\u00fctsch, aber die Frau, die mit dem Ehepaar reist, hat \u00fcberhaupt keinen Schweizer Akzent, wenn sie Hochdeutsch spricht. Ihre Eltern sind Deutsche, stammen aus Th\u00fcringen bzw. Brandenburg. Sie sind noch vor dem Mauerfall in die Schweiz \u00fcbergesiedelt, nachdem ein Kanton die Dienste des Vaters als Krankenpfleger angefragt hatte. Und man hat sie ziehen lassen! Drei Jahre sp\u00e4ter ist dann die Mauer gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es zu den Isletas. Benjamin hat alles organisiert, und ich werde vor der Haust\u00fcr abgeholt. Wir sammeln ein britisches Paar ein. Sie, Schottin, mit dem blassesten Teint, den man sich denken kann, er, ganz dunkelh\u00e4utig, mit Rastalocken. Sie sind ganz gro\u00dfe Wanderer, haben den <em>Camino de Santiago<\/em> schon zweimal gemacht, in unterschiedlichen Varianten, und haben jetzt in Kolumbien den <em>Camino Real<\/em> gemacht. Sie waren lange in Kolumbien und Peru. Jetzt stehen ihnen noch zwei Wochen in Costa Rica bevor. Danach ist ihre Amerikareise zu Ende, nach f\u00fcnf Monaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer weiht uns schon ein bisschen ein, worum es sich bei den Inselchen handelt. Es sind Inseln, die durch den Ausbruch des Mombacho vor Tausenden von Jahren auf dem Cocibolca, dem Nicaragua-See, entstanden sind. Es sollen 365 sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden auf ein Motorboot verfrachtet und bekommen Schwimmwesten. Und einen ausgezeichneten Bootsf\u00fchrer. St\u00f6rend sind nur die drei vorlauten Holl\u00e4nder, die sich auch dann lautstark unterhalten, wenn der Bootsf\u00fchrer spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der See ist einfach wunderbar. Durch die vielen Inseln ist man nicht mit der Unendlichkeit des Wassers konfrontiert, sondern bekommt immer neue Szenerien geboten. Manchmal hat man das Gef\u00fchl, durch einen Fluss zu fahren, manchmal hat man das Gef\u00fchl, auf offener See zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Inseln, an denen wir vorbeikommen, sind im Besitz \u00f6rtlicher Fischer. Aber die sind inzwischen in der Minderheit. 70% der Inseln sind im Besitz wohlhabender Ausl\u00e4nder. Sie kommen meist nur f\u00fcr 1-2 Monate im Jahr und haben eine einheimische Familie, die f\u00fcr den Rest der Zeit nach dem Rechten sieht. Es gibt Inseln ohne H\u00e4user und welche mit H\u00e4usern. Man kann auch eine Insel kaufen und dann ein Haus drauf errichten. Wenn man eine kaufen will, muss man zwischen 100.000 $ und 200.000 $ veranschlagen. Auf einigen der Inseln stehen H\u00e4user, die zu protzig f\u00fcr die Gegend sind, aber das sind die Ausnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes sehen wir einen am Seeufer stehenden Reiher, der gerade fischt. Fische gibt es reichlich, man kann der Aufz\u00e4hlung gar nicht folgen. Auch Kaimane gibt es und kleinere Haie. Das ist ungew\u00f6hnlich, denn der Cocibolca ist ein S\u00fc\u00dfwassersee, obwohl er durch den R\u00edo San Juan mit der Karibik verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlangen gibt es auch, darunter die Boa constrictor. Die verspeist am liebsten V\u00f6gel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir einen ganzen Baum voller Reiher. Fast auf jedem Ast sitzt einer. Sie ziehen sich langsam zum Schlafen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Insel mit Br\u00fcllaffen in den B\u00e4umen. Ich bin wieder der letzte, der sie sieht, und der einzige, der seine Kamera nicht rechtzeitig parat hat. Die Br\u00fcllaffen leben in gro\u00dfen Gruppen. Sie br\u00fcllen vorzugsweise am Morgen. Nur die M\u00e4nnchen br\u00fcllen. Sie verteidigen ihr Revier.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne sehen wir einen Vogel, der sich ausschlie\u00dflich durch Schnecken ern\u00e4hrt. Und dann gleich vor uns einen Vogel mit einem wunderbaren blau-schwarzen Federkleid. Das sei sein Lieblingsvogel, sagt unser Bootsf\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir Schwalben, in rauen Mengen durch die Luft schwirrend, alle in eine andere Richtung, wie es scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Klammeraffen. Sie sind nur auf einer einzigen Insel vertreten. Man sieht wunderbar, wie sie sich von Ast zu Ast schwingen, meist mit nur einer Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen kurz Halt auf einer Insel und steigen aus. Hier haben die Spanier ein Fort errichtet. Hier? Warum? Wof\u00fcr? Gegen wen? In dieser gottverlassenen Gegend? Hatte alles seinen Sinn. Das Fort sch\u00fctzte Granada, vor Piraten, und zwar vor franz\u00f6sischen und englischen Piraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne geht unter, und der Himmel zeigt sich uns zum Abschluss in den unterschiedlichsten Schattierungen. Da kann man sich fast nicht satt dran sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir mit dem Taxi zur\u00fcckfahren, sehen wir am <em>Parque Central<\/em> auf einer B\u00fchne eine Tanzgruppe, auch Teil des heutigen Festes. Es ist ein Formationstanz, M\u00e4nner und Frauen getrennt. Die Frauen bewegen sich um sich selbst mit fliegenden weiten R\u00f6cken, die M\u00e4nner treten rhythmisch mit dem Absatz auf.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es heute mal Obstsalat, sehr sch\u00f6n in einer Schale serviert, mit Jogurt und M\u00fcsli.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wenn wir uns abgesprochen h\u00e4tten, erscheint Ismael, der Fahrer, genau in dem Moment, wo ich aus dem Haus gehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutige Tour ist angek\u00fcndigt als Tour durch die <em>Pueblos Blancos<\/em>. Keiner wei\u00df so recht, warum sie so hei\u00dfen, keins von ihnen ist wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Name, Ismael, sagt Ismael, habe keine besondere Bedeutung. Er habe einfach seiner Mutter gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat zwei Standbeine, Taxifahrer und Chauffeur. Au\u00dferhalb der Saison arbeitet er haupts\u00e4chlich als Taxifahrer in Granada, aber wenn Nachfrage da ist, erledigt er bestimmte Auftr\u00e4ge. Solche Touren mit F\u00fchrung wie heute macht er selten, vertraut er mir sp\u00e4ter an, die mache sein Bruder in der Regel, der k\u00f6nne besser Englisch. Er selbst habe entweder einen Reisef\u00fchrer dabei oder einen Dolmetscher, aber meistens k\u00fcmmert er sich einfach nur um den Transport. Gestern Abend hat er ein paar G\u00e4ste zu einem Konzert nach Managua gefahren, dort auf die gewartet und sie dann wieder nach Granada zur\u00fcckgefahren. Kostenpunkt: 60 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren aus Granada raus und kommen auf eine gute, aber nur zweispurige Stra\u00dfe. Das sei die alte <em>Panamericana<\/em>, sagt er. Die sei jetzt durch eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe ersetzt worden, und auf die sto\u00dfen wir am n\u00e4chsten Kreisverkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher, am Rande der alten Stra\u00dfe, sehen wir eine ganze Schar von Geiern, Rabengeiern. Sie hei\u00dfen hier, wie in Mexiko, <em>zopilotes<\/em>. Sie h\u00e4tten das beste Verdauungssystem in der Tierwelt \u00fcberhaupt, sagt Ismael.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand K\u00fche, die sich wie Ziegen nach den h\u00f6her h\u00e4ngenden Bl\u00e4ttern der B\u00e4ume strecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ismael spricht von dem Vulkan Masaya. Er ist zuletzt dagewesen zwei Tage vor der Eruption. Man konnte mit dem Auto praktisch an den Kraterrand rauffahren. Er habe aber durchaus Angst gehabt bei dem Blick in den Krater.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt, Nicaragua habe unheimlich viel zu bieten. Vor allen an Natur. Auch sprachlich gebe es gro\u00dfe Variation. Als Beispiel f\u00fchrt er das Wort f\u00fcr <em>Eiskrem<\/em> an. Im Englischen gebe es nur ein Wort daf\u00fcr. Aber in Nicaragua w\u00fcrde schon in Masaya ein anderes Wort benutzt als in Granada. Und im S\u00fcden gebrauche man das Wort <em>chupete<\/em>, also \u201aSchnuller\u2018, f\u00fcr Eiskrem.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles interessant, und auch richtig, nur sagt er es, wie <em>alle<\/em> Sprecher <em>aller<\/em> Sprachen der Welt, mit Scheuklappen vor den Augen, in dem Glauben, solche Variation gebe es nur in der eigenen Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Ort, in den wir kommen, ist Diriomo. Nichts Besonderes, aber ein sch\u00f6ner <em>Parque Central<\/em>, gro\u00df, gepflegt. Ebenso die Kirche, mit sch\u00f6ner Fassade, fast zu gro\u00df f\u00fcr so einen kleinen Ort. Im Zentrum eine B\u00fcste von Rub\u00e9n Dar\u00edo.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des <em>Parque Central<\/em> ein Sportplatz, multifunktional, ganz mit Gittern umfasst. So erspart man sich das l\u00e4stige Ballwiederholen. Das Tor ist eine Kombination aus Basketballkorb und Handballtor. Der Boden ist gefliest.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier am <em>Parque Central<\/em> ein Schild, das das Rauchen verbietet. Ismael ist nicht meiner Meinung, dass hier wenig geraucht werde. Es werde viel geraucht, und auch getrunken werde viel. Das falle nur nicht so auf. Beim Essen trinke man in der Regel keinen Alkohol, wohl aber in den Bars. Vor allem Bier und Rum.<\/p>\n\n\n\n<p>Diriomo ist bekannt f\u00fcr seine Hexenmeister und hat als Beinamen <em>Ciudad de los Brujos<\/em>. Das r\u00fchrt daher, dass hier fr\u00fcher viele Quacksalber t\u00e4tig waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ismael fragt mich nach dem Wetter in Deutschland. Was ihn v\u00f6llig verwirrt, ist das mit den langen und den kurzen Tagen. Wie es denn lange und kurze Tage geben k\u00f6nne. Tag sei Tag. Die kurzen Wintertage sind ihm genauso suspekt wie die langen Sommertage.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser n\u00e4chstes Ziel ist San Juan de Oriente, Zentrum der Keramikproduktion. Wir biegen in eine sehr ruhige Seitenstra\u00dfe ab. Warum ist es hier so ruhig? Erstens, weil heute Feiertag ist, zweitens, weil sich viele der Betriebe von dem R\u00fcckschlag in der Pandemie nicht mehr erholt haben und geschlossen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir besuchen einen Betrieb, unter einem Wellblechdach untergebracht. Familienbetrieb. Im Moment sind alle drei mit Dekorieren besch\u00e4ftigt, die junge Frau macht ganz einfache, graue Becher, die beiden M\u00e4nner komplizierte Formen auf einer Vase und einem Teller.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Ton bekommen sie von Bauern aus der Gegend. Die bereiten den schon so auf, dass sie ihn sofort einsetzen k\u00f6nnen. Die Gef\u00e4\u00dfe werden bei 120\u00b0 gebrannt. Ich h\u00e4tte viel h\u00f6here Temperaturen f\u00fcr n\u00f6tig gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf langen Reihen stehen dicht gedr\u00e4ngt die fertigen Produkte. Es gibt eine gro\u00dfe Vielfalt, in Form und in Farbe, teils mit modernen, teils mit indianischen Motiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich am meisten \u00fcberrascht: Es gibt Imitationen von pr\u00e4kolumbianischen Gef\u00e4\u00dfen, aber auch authentische pr\u00e4kolumbianische Gef\u00e4\u00dfe! Es werden weiterhin alte Keramikgef\u00e4\u00dfe gefunden, vor allem bei Bauarbeiten, aber manchmal haben Bauern auch noch bei sich welche rumstehen. Der Eigent\u00fcmer des Betriebs setzt sich ins Auto und sieht sich in der Gegend um. Diese Gef\u00e4\u00dfe werden dann ganz vorsichtig mit Erde gereinigt. Den Unterschied zu den Imitationen sieht man sofort.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter, und unterwegs erkl\u00e4rt Ismael, hier mache man die Tortilla noch aus Mais. In Granada, Zeichen der st\u00e4dtischen Dekadenz, wird sie aus Mehl gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren kurz hintereinander die <em>Farmacia de la Estrella Roja<\/em> und die <em>Farmacia de la Merced<\/em>. Ein Apotheker mit politischer, einer mit religi\u00f6ser Ausrichtung?<\/p>\n\n\n\n<p>In Catarina fahren wir auf den Aussichtspunkt. Davon hatten schon die Schweizer erz\u00e4hlt. Von hier aus blickt man auf die <em>Laguna de Apoyo,<\/em> eine Lagune, die durch das in den Krater eines Vulkans eindringendes Regenwasser gebildet worden ist. Der Blick hinunter in die Lagune und in die Ferne ist echt sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann hier schwimmen, sagt Ismael, aber nur von anderen Orten an der Lagune hat man Zugang zum Wasser. Das Wasser sei ganz sauber und eiskalt, und nur direkt am Ufer k\u00f6nne man stehen, danach gehe es steil herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Catarina ist bekannt f\u00fcr seine G\u00e4rtnereien, <em>viveros<\/em>. Da reiht sich hier eine an die andere. Die Kunden k\u00e4men aus der ganzen Gegend. Er, Ismael, sei dieser Tage mit einer Freundin hier gewesen. Die habe sich gar nicht satt sehen k\u00f6nnen. Drei Stunden! Man merkt, dass er ihre Liebe zu den Pflanzen nicht ganz teilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Masaya rein. Ismael hat hier mehrere Jahre gearbeitet und kennt sich gut aus. Masaya sei ein wichtiges Drehkreuz, liege an zwei Handelswegen, die sich hier kreuzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt habe eine ganz katastrophale Dr\u00e4nage. Wenn es hier regnet, st\u00fcnden die ganzen Stra\u00dfen unter Wasser. Und geregnet hat es in den letzten Monaten reichlich. Auch, dass es jetzt immer wieder noch mal regnet, und zwar heftig, h\u00e4lt er f\u00fcr normal. Die Trockenzeit beginne erst Anfang Januar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den <em>Mercado Artesanal<\/em>. Fr\u00fcher war hier der eigentliche Markt, aber nach einem Brand verlegte man den und richtete hier den <em>Mercado Artesanal<\/em> ein. Wir sehen vor allem Schuhe. Handarbeit. Die st\u00fcnden vor allem bei Frauen aus Costa Rica hoch im Kurs. Die k\u00e4men extra deswegen nach Nicaragua.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen eine Wandmalerei mit einer etwas besch\u00f6nigenden Darstellung von Masaya. Man sieht zwei Kirchen und eine lange Prozession, der d\u00e4monische Gestalten vorausgehen. Diese Prozession findet am 31. Oktober statt, ist also ein \u00c4quivalent zu Halloween. Dabei gebe es eine h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Tradition. Die Leute vergraben Wochen vorher Eier irgendwo in der Erde, holen sie dann auf einmal hervor und bewerfen die anderen mit den faulen Eiern!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlage vor, einen Kaffee trinken zu gehen. Ist er sehr mit einverstanden. Er ist leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Er macht manchmal auch Touren zum Mombacho. An dessen H\u00e4ngen werde Kaffee angebaut. Die Touristen w\u00fcrden auf die Kaffeeplantagen mitgenommen und \u00fcber den Anbau informiert. Diese Etappe erspart er sich. Er ist aber dabei, wenn es sp\u00e4ter auf der Kaffeefarm ums R\u00f6sten und Trocken geht und der Kaffee serviert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Coyotepe. Dort liegt ganz oben eine Festung. Die letzten Meter m\u00fcssen wir zu Fu\u00df gehen. Am Wegesrand B\u00e4ume mit wei\u00dflichen Bl\u00fcten. Das sei der nationale Baum Nicaraguas, sagt er. Der Madro\u00f1o. Der Madro\u00f1o! Ich kann\u2019s kaum glauben. Ich erz\u00e4hle ihm die Geschichte des Madro\u00f1o als Emblem von Madrid und dass man in Spanien und Portugal daraus einen Schnaps mache. Das ist ihm alles unbekannt. Hier hat der Madro\u00f1o seine Funktion als Dekoration f\u00fcr die Marienalt\u00e4re. Ist also gerade jetzt relevant. Die Marienalt\u00e4re schm\u00fcckt man mit den Bl\u00fcten des Madro\u00f1os.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Festung aus sehen wir auf die <em>Laguna de Masaya<\/em>. Die sei, im Gegensatz zu der <em>Laguna de Apoyo<\/em>, v\u00f6llig verschmutzt. Dort werden Chemikalien und F\u00e4kalien eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter sieht man den Masaya, den ber\u00fchmten Vulkan. Seine Spitze ist abgeflacht, wie das bei allen Vulkanen in dieser Gegend der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu der Festung. Ein W\u00e4chter bietet an, uns gegen ein Trinkgeld durch die Tunnel zu f\u00fchren. Das nehmen wir gerne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schlauchartiger Gang f\u00fchrt nach unten. An der Decke h\u00e4ngen Flederm\u00e4use, scheinbar reglos, aber als sie uns h\u00f6ren, beginnen sie, wild flatternd durch die Gegend zu fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Festung hat nichts, wie man manchmal h\u00f6rt, mit den Spaniern zu tun, sie ist j\u00fcnger, stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts. Sie wurde von den Liberalen aus Le\u00f3n zur Bek\u00e4mpfung der Konservativen aus Granada errichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Somoza-Diktatur wurde sie dann zum Kerker f\u00fcr politische Gefangene gemacht. Die lebten unter unvorstellbar schlechten Bedingungen hier und wurden systematisch gefoltert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zelle, in der wir stehen, war f\u00fcr 100 Gefangene bestimmt. Allein die Vorstellung, mit 100 Menschen Tag und Nacht zusammen zu sein, die Ger\u00e4usche, die Ausd\u00fcnste, die Konflikte zu ertragen, sprengt die Vorstellungskraft. Dazu kommt, dass es nur eine Waschstelle gab und die Notdurft in einer Ecke im Hocken erledigt wurde. Licht kommt nur durch einen Lichtschacht. Dort wurden besonders renitente Gefangene eingesperrt. Sie lagen dann auf dem Beton in der Schr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4nde der Zelle sind voller Graffiti, aber die stammen aus neuerer Zeit. In anderen Zellen sehen wir Blutspritzer an den W\u00e4nden. Die stammen noch aus der Somoza-Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>10% der Gefangenen waren Frauen, sie waren in separaten Zellen untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als psychische Tortur wurde Dunkelheit eingesetzt. Wir gehen in eine kleine Zelle, und der F\u00fchrer macht die Taschenlampe aus. V\u00f6llige Dunkelheit. So wurden hier Gefangene \u00fcber Tage festgehalten. Den Weg zu der einzigen Waschstelle mussten sie sich ertasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine physische Tortur bestand darin, dass man Gefangene an einem Seil hochzog und dann immer wieder auf den Boden fallen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende der Somoza-Diktatur nutzten die Sandinisten die Festung noch ein paar Jahre als Gef\u00e4ngnis, gaben das aber bald auf. Danach lie\u00df man die Festung verfallen, und die Leute aus dem Ort kamen und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Eisenteile sind nur ganz wenige erhalten: zwei schwere Eisent\u00fcren und einige Eisengitter unter der Decke in einigen R\u00e4umen. Durch diese Gitter wurden die Gefangenen mit verfaulten Lebensmitteln beworfen und mit Urin bespritzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus der Festung kommen, sind wir erst einmal ganz still.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter, wieder nach Masaya rein. An einem Kreisverkehr am Ortseingang die Figur eines gewissen Tata Chomba, eines Mannes, der hier trotz seines dissoluten Lebenswandels als Heiliger verehrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ismael macht einen Kommentar, den ich in diesen Tage immer wieder geh\u00f6rt habe. Immer mehr kleine Gesch\u00e4fte mit Billigprodukten tauchten in letzter Zeit hier auf, deren Betreiber Chinesen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs m\u00fcssen wir einmal hinter einem M\u00fcllauto warten. Es ist ein offener Lastwagen mit Gittern an den L\u00e4ngsseiten, und ein ganzes Heer von M\u00fcllm\u00e4nnern wirft die Plastikbeutel, in denen der M\u00fcll gesammelt wird, auf die Ladefl\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es zum <em>Mercado Municipal<\/em>. Hier geht es hoch her: Bewegung, Rufe, Hupen, Durcheinander. Ein Mann, auf einer Kr\u00fccke gest\u00fctzt, weist uns beim Parken ein. Er ist kein offizieller Parkw\u00e4chter, er erhofft sich das eine oder andere Trinkgeld davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch innerhalb des Marktes ist viel Trubel. Man wird an jedem Stand angesprochen und gefragt, wonach man suche. Es gibt Schuhe, K\u00f6rbe, H\u00e4ngematten, Souvenirs, Bilder, H\u00fcte, Spazierst\u00f6cke und M\u00f6bel. Die M\u00f6bel hier seien noch ganz und gar aus Holz, sagt Ismael, und einigerma\u00dfen erschwinglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird richtig orientalisch, als wir in die Abteilung mit den Gew\u00fcrzen kommen. Gro\u00dfe Leinens\u00e4cke, bis zum Rand gef\u00fcllt, stehen nebeneinander. Wir sehen uns einige an. Die in der hinteren Reihe kenne ich alle \u2013 Anis, Lindenbl\u00fcten, K\u00fcmmel, Koriander \u2013 von denen in der vorderen Reihe kein einziges \u2013 <em>peric\u00f3n<\/em>, <em>alpestre<\/em>, <em>hombre<\/em> <em>grande<\/em>, <em>gordo lobo<\/em>, <em>boldo<\/em>. Eins von ihnen, <em>hombre grande<\/em>, sieht aus wie kleine Holzst\u00e4bchen. Ismael erkl\u00e4rt die Funktionen. Die meisten scheinen purgativ zu wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Verkaufsst\u00e4nden sieht man ganze Reihen von Artikeln, mit denen man auf Anhieb nichts anfangen kann. Dekoration? Fast. Es sind kleine, halbrunde Objekte, Weidengeflechte vermutlich, in verschiedenen Farben. Die werden gef\u00fcllt, mit Obst oder S\u00fc\u00dfigkeiten, und kommen auf den Marienaltar. Als Geschenk. Als Geschenk f\u00fcr die Jungfrau? Nein, nat\u00fcrlich nicht, als Geschenk f\u00fcr die Kinder. Da haben wir also eine Art \u00c4quivalent zu unserem Nikolaus. Sogar die Jahreszeit passt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand sehen wir einen Jungen mit einem BVB-Trikot, der aber gar nicht wei\u00df, was er da tr\u00e4gt. Sp\u00e4ter sehen wir eine Frau, die sich von einer Fris\u00f6se ihre Haare wellig machen l\u00e4sst, mit ganz kleinen Lockenwicklern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir widerstehen allen Versuchungen, etwas zu kaufen, und fahren weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in Masaya verkehren kleine Kutschen, wie Tuk-Tuks, aber von Pferden gezogen. Das ist das normale Transportmittel der Leute f\u00fcr den Weg vom Markt zu den Wohnvierteln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich auf Ismaels Vorschlag ein, zum Essen in ein Lokal einzukehren, auf das er auf dem Hinweg schon hingewiesen hat. Hier gibt es <em>baho<\/em>, das Nationalgericht, laut Ismael. Wenn es um <em>baho<\/em> gehe, komme nur das <em>Baho Vilma<\/em> in Frage. Das gibt es nur dreimal in Nicaragua. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat seinen Ruf verdient. In dem gro\u00dfen, mit Holztischen und sch\u00f6nen Fliesen ausgestatteten Lokal, sind fast alle Tische besetzt. Lauter Einheimische, und fast alle bestellen <em>baho<\/em>. Gleich neben unserem Tisch befindet sich eine gro\u00dfe Sch\u00fcssel auf einer Tonne. Da wird der <em>baho<\/em> zubereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als alternative Schreibweise findet man <em>vaho<\/em>, und das ist einleuchtender, denn das kommt von <em>vaporizar<\/em>, \u201ad\u00fcnsten\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gericht, sehr schmackhaft, besteht aus Rindfleisch, halb mager, halb fett, mit Yucca, gebackenen Bananen und einem Kraut, das im weitesten Sinne unserem Sauerkraut entspricht, auch eingelegt, nur sch\u00e4rfer. Zwischendurch kommt immer wieder mal der s\u00fc\u00dfe Geschmack der Bananen durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle ein kaltes Bier, und wenn man hier <em>kalt<\/em> sagt, meint man auch kalt. Um uns herum wird meist Cola getrunken oder das, was Ismael bestellt. Das Getr\u00e4nk hei\u00dft <em>tiste<\/em>, es ist ein Getr\u00e4nk auf der Basis von Mais mit ger\u00f6stetem Kakao! Und Eisw\u00fcrfeln. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages habe ich Ismael auf meinen schwindenden Dollar-Vorrat hingewiesen, aber er sagt, das sei doch gar kein Problem. Hier k\u00f6nne ich doch Dollars am Geldautomaten bekommen. Er macht auf dem R\u00fcckweg Halt an einer Tankstelle, f\u00fchrt mich zu einem Geldautomaten und zeigt mir, wie man Dollars bekommt. Klappt!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend bei der R\u00fcckkehr vom Supermarkt mache ich ein Photo von einem Turm der <em>Iglesia de la Merced<\/em>. Erst jetzt merke ich, wie sch\u00f6n verziert er ist. Die <em>Iglesia de la Merced<\/em>, etwas sch\u00e4big und nicht restauriert, gewinnt auf den zweiten Blick gegen\u00fcber der ganz propren Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>10. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bekomme ich mit, wie Benjamin ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch mit einem Freund in Deutschland f\u00fchrt. Er klagt, dass sie Flederm\u00e4use im Haus haben und dass jetzt wohl eine ganze Decke ausgehoben werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es zur <em>Laguna de Apoyo<\/em>. Das merke ich aber erst im letzten Moment. Der Ausflug ist als Ausflug zum Krater ausgeschrieben, aber die <em>Laguna de Apoyo<\/em> ist eben ein Kratersee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in einem Kleinbus an den See gekarrt und an der Anlage abgesetzt. Hier gibt es alles: Schlie\u00dff\u00e4cher, Umkleidekabinen, Duschen, Schwimmwesten, Kajaks, Schwimmreifen und sogar Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind lauter Ausl\u00e4nder, und au\u00dfer mir sind nur junge Leute vertreten, die meisten im Zweierpack. Einige st\u00fcrzen sich sofort in die Kajaks, drehen eine kleine Runde und kommen wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Keiner geht Schwimmen. Darf man hier nicht schwimmen gehen, frage ich den jungen Mann, der bei den Kajaks geholfen hat. \u00bfC\u00f3mo no? Also rein ins Wasser. Es ist nicht so kalt wie ich vermutet habe, eher lauwarm, aber wenn man etwas weiter hinausschwimmt, kommen unterschwellig kalte Wellen. Da es S\u00fc\u00dfwasser ist, erspart man sich den salzigen Geschmack im Mund, den man am Meer immer bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter folgen einige meinem Beispiel. Sie schnappen sich einen der dicken Schwimmreifen und lassen sich im Wasser treiben. Keine schlechte Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen ist zu einer h\u00f6lzernen Insel im Wasser geschwommen und ist darauf geklettert. Sie liegt stundenlang dort. Da w\u00fcrde es mir langweilig werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten bleiben in den Liegest\u00fchlen und ruhen sich aus. Drei Frauen lesen, alle dicke Schm\u00f6ker. Die anderen telefonieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ins Wasser gehe, sehe ich den Mann, der bei den Kajaks geholfen hat, mit einem gro\u00dfen Sieb im Wasser. Was macht der da? Sucht er Muscheln? Nein, er reinigt das Wasser! Extra f\u00fcr uns Touristen!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zum zweiten Mal reingehe, sehe ich zwei tote Fische an der Wasseroberfl\u00e4che. Das mit dem Sieb hat schon seinen Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vogel pfeift irgendwo eine wunderbare Melodie. Ich versuche, ihn zu finden. Ob es der unten am Wasser ist, mit dem blauschwarzen Gefieder?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne scheint, und es ist richtig warm. Ismael hat Recht behalten, man sollte sich nicht zu sehr auf die Wettervorhersage verlassen. Aber dann kommt ein kurzer, heftiger Regenschauer, und danach kommt die Sonne nicht mehr raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend, beim Abschied von Benjamin, bekomme ich noch eine Lektion in Sachen Nicaragua. Hier, wo sie jetzt Zimmer vermieten, habe es fr\u00fcher ein Restaurant gegeben. Das habe seine Frau betrieben. Die habe auch hier gewohnt. Benjamin ist dann ihr bester Kunde und dann ihr Freund geworden und schlie\u00dflich ihr Ehemann. Warum gibt es das Lokal nicht mehr? Das hat was mit der politischen Situation zu tun. Seit den Protesten von 2018 und deren Niederschlagung gebe es ein kulturelles Vakuum im Land. Alles sei verboten, alle Kulturinstitutionen geschlossen worden. Man sei in die Musikschulen gegangen und habe den Kindern die Instrumente abgenommen. In Granada habe es eine lebendige Kunstszene gegeben. Mit originellen K\u00fcnstlern und originellen Techniken. Als Relikte davon h\u00e4ngen hier noch zwei Gem\u00e4lde an der Wand, eins davon mit Kaffeepulver gemalt. Es zeigt zwei Affen, die v\u00f6llig verdutzt aussehen. Sie betrachten gerade ihr eigenes Bild im Spiegel.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in dem Lokal seiner Frau, habe es fr\u00fcher Konzerte, Lesungen, Tanzabende gegeben. Alles tot. Die wichtigsten K\u00fcnstler Nicaraguas sind alle im Ausland oder im Gef\u00e4ngnis. Das Oppositionsb\u00fcndnis wurde verboten, alle Nichtregierungsorganisationen des Landes verwiesen. Von den einstigen Gef\u00e4hrten Ortegas sei keiner mehr \u00fcbriggeblieben. Nur noch seine Frau. \u00dcber Ortega kursiert der Spruch <em>Ortega y Somoza \u2013 la misma cosa<\/em>. Das Regime habe sich alles unter den Nagel gerissen, sich mit dem Gro\u00dfkapital verst\u00e4ndigt und alles unter den wenigen f\u00fchrenden Familien aufgeteilt. Kein Wunder, dass man hier den Eindruck hat, dass der Kommerz regiert \u2013 es gibt nichts anderes. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. November (Dienstag) Somoza, die Sandinisten, Ernesto Cardenal, Daniel Ortega. Das assoziieren wir vielleicht mit Nicaragua. Das Eigenbild der nicos, der Nicaraguaner, ist anders. Sie sehen Nicaragua als das Land der Seen und Vulkane. 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