{"id":11814,"date":"2024-12-12T15:44:10","date_gmt":"2024-12-12T14:44:10","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11814"},"modified":"2025-01-04T01:40:28","modified_gmt":"2025-01-04T00:40:28","slug":"costa-rica-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11814","title":{"rendered":"Costa Rica (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>11. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Costa Rica ist vermutlich das einzige Land Mittelamerikas, mit denen Europ\u00e4er was anfangen k\u00f6nnen. Ist auch als Reiseziel beliebter als die anderen L\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Costa Rica hat den Ruf, sch\u00f6n zu sein \u2013 und teuer. Was mir immer wieder gesagt wurde, wenn man erfuhr, dass ich nach Costa Rica reisen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Costa Rica lenkte auch die Aufmerksamkeit auf sich, und zwar weltweit, als man vor einigen Jahrzehnten, genau 1949, beschloss, die Armee einfach abzuschaffen. So ein Land kann sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass alles ist so teuer ist, gibt dem Namen <em>Costa Rica<\/em> eine ganz besondere Bedeutung. Bei der Fahrt hierher bekomme ich das gleich best\u00e4tigt: Ein Tellergericht in einem Selbstbedienungsrestaurant kostet 10 $!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Bierflasche der Marke <em>Imperial<\/em> steht <em>Pura Vida<\/em>. Es gibt kein Wort, das das Selbstverst\u00e4ndnis, das Lebensgef\u00fchl der Ticos besser ausdr\u00fcckt. Es wird, wie man liest, immer und \u00fcberall verwendet und hat inzwischen auch die Bedeutungen \u201adanke\u2018 und \u201abitte\u2018 angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Lokal kann man, laut Schild am Eingang, mit Col\u00f3n bezahlen, mit Dollar, mit Euro, mit der Visa- oder der Mastercard und mit einem Zahlservice per Handy. Nur eine Option ist durchgestrichen: der C\u00f3rdoba. In die nicaraguanische W\u00e4hrung scheint man nicht viel Vertrauen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich hin und dauert am Ende 11 Stunden! F\u00fcr die letzten 60 Kilometer brauchen wir anderthalb Stunden und f\u00fcr die letzten 10 Kilometer eine Dreiviertelstunde!<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwischendurch die eine oder andere Haltestelle, zum Beispiel in Libertad, wo ein paar Fahrg\u00e4ste aussteigen. Am Flughafen, weit vor der Stadt gelegen, steigen schon mehr aus. Man sieht ein hochmodernes Abfertigungsgeb\u00e4ude, mit viel Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt wirkt Costa Rica modern, moderner als man das von einem mittelamerikanischen Land erwarten sollte. Daf\u00fcr sind die Stra\u00dfen erstaunlich schlecht, genauer gesagt die Stra\u00dfendecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich angekommen, gilt es, ein Taxi zu finden. Vor dem Busbahnhof steht nur ein einziges. Der Fahrer verhandelt gerade mit einer gro\u00dfen, jungen Frau aus dem Bus. Es stellt sich heraus, dass sie zum Flughafen will! Sie hat nicht mitbekommen, dass wir dort gehalten haben! Die Arme!<\/p>\n\n\n\n<p>Er scheint sie aber nicht dorthin fahren zu sollen, will mich aber auch nicht fahren. Lohne sich nicht. Zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4hrt ein weiteres Taxi vor. Dem Fahrer ist es nicht zu kurz, vorausgesetzt, ich zahle 6 $. Unterwegs sagt er mir, genau die Strecke, an der wir jetzt entlang fahren, sei gef\u00e4hrlich, da solle man lieber nicht zu Fu\u00df langgehen. Nein, auch tags\u00fcber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu der Unterkunft. Die kann man leicht finden aufgrund der genauen Beschreibung im Internet und man kann sie erkennen an der Silhouette eines blauen Stuhls, die an dem wei\u00dfen Gitter vor dem Haus angebracht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vermieterin, Rita, eine kleine, \u00e4ltere Dame, kommt sofort raus und \u00f6ffnet das Tor. Sie f\u00fchrt mich ins Haus und weist mich in den Gebrauch der Schl\u00fcssel ein. Man braucht gleich vier verschiedene, zum Gl\u00fcck farblich gekennzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer hat alles, was man sich w\u00fcnschen kann und hat den Vorzug eines eigenen Bads.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zeigt sie mir noch die Ger\u00e4tschaften in der K\u00fcche. Da kann man alles nach Herzenslust benutzen, und Tee und Kaffee werden sogar den G\u00e4sten zur Verf\u00fcgung gestellt. Und Wasser kann man aus dem Wasserhahn trinken!!<\/p>\n\n\n\n<p>Am K\u00fchlschrank h\u00e4ngen Bilder von Kindern. Das sind doch bestimmt die Enkelkinder. Ja, zwei M\u00e4dchen, aber die seien inzwischen schon gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber alle m\u00f6glichen Magneten, darunter welche von St\u00e4dten, die sie bereist hat: London, Paris, Prag, ihr ganz besonderer Favorit. Auch in Deutschland ist sie gewesen, in drei St\u00e4dten, Berlin, Hamburg und \u2026 M\u00fcnchen, helfe ich ihr auf die Spr\u00fcnge. Ja, M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie best\u00e4tigt, was der Taxifahrer gesagt hat. Keinesfalls in Richtung Busbahnhof gehen. Aber in die andere Richtung, Richtung Innenstadt, k\u00f6nne man tags\u00fcber ohne Probleme gehen. Und auf demselben Weg gebe es Gesch\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich gestern gratis gereist bin. Bei der Buchung der Fahrkarte gab es Probleme, die Firma hat mich daraufhin angeschrieben und mir das elektronische Ticket zugesandt. Aber abgebucht wurde nichts, und auf dem Ticket steht unter Bezahlart <em>Bar. <\/em>An dem Schalter von Ticabus hatte ich schon meine 30 Dollar gez\u00fcckt, aber der Mann, der die Unterlagen \u00fcberpr\u00fcfte und die Kofferlabels austeilte, wollte sie nicht haben. Nein, hier fielen keine Kosten an. Im Bus hat auch niemand Anstalten gemacht, das Geld einzufordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schlechtes Wetter angesagt, und Rita erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tten regelrechte Sturmfluten gehabt in den letzten Wochen, mit Erdrutschen an allen m\u00f6glichen Stellen. <em>Pura Vida<\/em>. Deshalb h\u00e4tte sie auch im Garten wochenlang nichts machen k\u00f6nnen. Jetzt warte man auf den Januar, dann komme die Trockenzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus, erz\u00e4hlt sie, sei nach den Pl\u00e4nen ihres verstorbenen Mannes gebaut worden. Der war Ingenieur. Das Haus ist inzwischen 42 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 7 Jahren macht sie jetzt die Vermietung und ist hellauf begeistert. Tolle Begegnungen mit Leuten aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern. Und viele k\u00e4men wieder. <em>Pura Vida<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, ist es ziemlich windig, und als ich mich dem Zentrum n\u00e4here, wird es richtig st\u00fcrmisch. Den ganzen Tag kommt die Sonne nicht raus, aber wenigstens regnet es nicht. An einer S\u00e4ule in der Innenstadt werden 24\u00b0 angezeigt. F\u00fchlt sich k\u00e4lter an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ins Zentrum ist alles anders als sch\u00f6n, Autowerkst\u00e4tten und viele hermetisch abgeschlossene H\u00e4user mit finster wirkenden Gittern. Nur die entlang der B\u00fcrgersteige gepflanzten B\u00e4ume, mit ungew\u00f6hnlichen Formen und dicken Bl\u00e4ttern, sind ein Lichtblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch ein Hamburger-Imbiss und ein Supermarkt, der auch nicht gerade einladend aussieht, <em>Mini Super Nico<\/em>. Das Gitter am Eingang ist nur einen Spalt breit ge\u00f6ffnet. An der Wand ein Zettel mit einem Wohnungsangebot. Eine 1-Zimmer-Wohnung steht zur Vermietung an. 120.000 Colones, Strom und Wasser eingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der n\u00e4chsten Kreuzung ein Verkehrsschild, das das Abbiegen untersagt: no virar a la izqzuierda. Da w\u00fcrde man in Spanien vermutlich <em>girar<\/em> statt <em>virar<\/em> haben. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein fabrik\u00e4hnliches Geb\u00e4ude mit riesigen Gesch\u00e4ften, in denen es nur Ramsch gibt. Sieht jedenfalls von der Stra\u00dfe aus so aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird st\u00e4dtischer und auch etwas lebendiger, aber von der Innenstadt ist noch nichts zu sehen. Der Weg ist weiter, als ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann taucht direkt vor mir eine Bank auf, in einem turmartigen Hochhaus untergebracht, das gegen\u00fcber allen anderen Geb\u00e4uden drum herum heraussticht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man Geld wechseln. Aber leicht gemacht wird es einem nicht. Erst mal muss der Reisepass her. Die Angaben werden in den PC eingetragen. Dann wird die &nbsp;momentane Adresse erfragt. Und dann die Telefonnummer. Geld gibt es immer noch nicht. Die Frau hinter dem Schalter verschwindet mit meinem Reisepass. Vermutlich muss sie ihn kopieren. Endlich kommt es dann zur Auszahlung. F\u00fcr 100 $ gibt es 49.700 Colones. Die Umrechnung erfolgt so: Man l\u00e4sst die letzten drei Stellen weg und multipliziert mit zwei, dann hat man den Gegenwert in Dollar. 7.000 Colones sind demnach 14 Dollar. Obwohl die Rechnung einfach ist, tue ich mich schwer mit den Geldscheinen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie gelange ich am Ende doch ins eigentliche Zentrum, zun\u00e4chst zu einem riesigen, gelb gefassten, prunkvoll geschm\u00fcckten Geb\u00e4ude, das so breit ist, dass man nur den Mittelteil auf das Photo bekommt. Es beherbergt das Hauptpostamt. Auch ein Philatelie-Museum ist hier untergebracht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Postgeb\u00e4ude liegt an der Kreuzung, an der <em>Avenida 3<\/em> und <em>Calle 2<\/em> aufeinandertreffen. Die <em>Avenidas <\/em>laufen von Ost nach West, die <em>Calles<\/em> von Nord nach S\u00fcd.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie frage ich mich zum <em>Teatro Nacional<\/em> durch. Verpasse aber die letzte F\u00fchrung um 10 Minuten. Heute Nachmittag ist das Theater geschlossen. Die freundliche Frau am Schalter verkauft mir aber eine Karte f\u00fcr die erste F\u00fchrung morgen fr\u00fch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater hat ein sch\u00f6nes Caf\u00e9, im kolonialen Stil, mit Marmortischen und gefliestem Boden. Auf den Fensterb\u00e4nken stehen B\u00fcsten von wem auch immer. Man k\u00f6nnte zur Not auch in Wien oder Paris sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch nicht. Denn das Deckengem\u00e4lde zeigt, wenn auch im triumphalen Stil der Franz\u00f6sischen Revolution, eine Frau mit der Fahne Costa Ricas. Daneben eine Figur, die einen Grundriss in der Hand h\u00e4lt. Vermutlich den des Theaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Costa Rica, in der Vergangenheit auch Mitglied der Zentralamerikanischen Republik, hat ebenfalls die Farben Blau und Wei\u00df in der Flagge, aber dazu noch Rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee wird gefiltert, und zwar direkt am Tisch. Zum Kaffee bestelle ich ein St\u00fcck Kuchen, eine Feigentorte, <em>Queque de Higo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden im Reisef\u00fchrer empfohlenen Museen, das <em>Museo de Oro<\/em> und das <em>Museo Numism\u00e1tico<\/em>, befinden sich gleich auf dem Platz neben dem Theater, der <em>Plaza de la Cultura<\/em>, sind aber leicht zu \u00fcbersehen, weil sie unterirdisch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Eingang zu den Museen wird streng kontrolliert, und der Mann, der die Kontrolle durchf\u00fchrt, tut das im Stile eines Feldwebels. Aber die Verk\u00e4uferin der Eintrittskarten ist sehr freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Museen sind eine Wucht! Das eine wie das andere. Ganz moderne Pr\u00e4sentation, tolle Exponate und gute Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst gibt es ein paar Ausstellungsst\u00fccke, die mit dem Gold nichts zu tun haben. Es gibt Werkzeuge aus der Steinzeit zu sehen, und dazu Erkl\u00e4rungen, ausgehend von den primitiven Menschen, Nomaden, die als J\u00e4ger und Sammler lebten und \u00fcberlebten. Einen Einschnitt gab es vor 10.000 Jahren mit dem Aussterben der gro\u00dfen Tiere. Daher spezialisierten sich die Menschen auf die Jagd kleinerer Tiere, und gleichzeitig nahm die Vielfalt der gesammelten Fr\u00fcchte und Wurzeln zu. Vor 6.000 Jahren etablierte sich dann das jahreszeitlich bedingte Sammeln von Knollen, Fr\u00fcchten und Palmen. Das war schlie\u00dflich die Grundlage f\u00fcr den eigenen Anbau.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metallverarbeitung, die sich in der Alten Welt unabh\u00e4ngig im Mittleren Osten, auf dem Balkan und auf der Iberischen Halbinsel entwickelt hatte, entwickelte sich hier vermutlich in \u00e4hnlicher Weise. Immer wieder verbl\u00fcffend, wie so etwas geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Objekte aus Gold stammen aus den ersten f\u00fcnf nachchristlichen Jahrhunderten. Eine gr\u00f6\u00dfere Spezialisierung bei der Produktion erlaubte dann die Schaffung der wunderbaren Objekte, die man hier ausgestellt sieht, wie ein Tier, das halb wie eine Katze, halb wie ein Hund aussieht, mit erhobenem Schwanz und hochstehenden Ohren und halb menschlichen Gesichtsz\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen winzig kleine, fein ausgearbeitete Fig\u00fcrchen, mit kompliziertem Kopfschmuck, mit mehrteiliger Halskette, mit einer Art Stiefelchen an den F\u00fc\u00dfen. Einer spielt eine Tr\u00f6te. Auff\u00e4llig die Schlitzaugen und die immer wieder kehrenden schneckenartigen Formen, die Schmuck sein oder die Ohren darstellen k\u00f6nnen. Unglaubliche Kunstfertigkeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fchen Objekte, wie eine orientalisch anmutende Mondsichel, haben eine glatte Oberfl\u00e4che, dann kommen auch punzierte Objekte, wie eine dekorative Version des Schilds eines K\u00e4mpfers.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Vitrine ist der gr\u00f6\u00dfte Klumpen Gold ausgestellt, der je in Costa Rica gefunden wurde. 2,3 Kilo. Wenn man den findet, hat man ausgedient bis auf seine alten Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Die merkw\u00fcrdigen Wesen, die auf kleinen Amuletten erscheinen und wie K\u00e4mpfer aussehen, sind in Wahrheit Kr\u00f6ten und Fr\u00f6sche. Warum sind die ein Motiv f\u00fcr die K\u00fcnstler? Sie galten als Helfer der Bestatter und als W\u00e4chter der Verstorbenen. Sie wurden auch mit der Ank\u00fcndigung von Unwettern und Klimaver\u00e4nderungen verbunden. Wetterfr\u00f6sche eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins obere Stockwerk zu den M\u00fcnzen. Die Zentralbank von Costa Rica, <em>Banco Central de Costa Rica<\/em>, wurde erst 1950 gegr\u00fcndet, hei\u00dft es. Aber das brachte keine gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen mit sich, die alten M\u00fcnzen und Scheine wurden weiterhin gebraucht. Einen gr\u00f6\u00dferen Einschnitt bedeutete die Inflation. Da wurden die niedrigen M\u00fcnzwerte aus dem Verkehr gezogen und durch h\u00f6here ersetzt. Bis dahin war der h\u00f6chste Wert einer M\u00fcnze 50 Colones, jetzt 500 Colones.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden auch neue Geldscheine ausgegeben. Auf der Vorderseite ist die Fauna Costa Ricas vertreten: der Wei\u00dfkopfaffe, das Kolibri, das Dreifingerfaultier, der Schmetterling, der Wei\u00dfwedelhirsch. Auf der R\u00fcckseite Staatsm\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Indios waren M\u00fcnzen v\u00f6llig unbekannt. Ihre Wirtschaft beruhte auf Tauschhandel. Gehandelt wurde mit Kakaobohnen, Salz, Mais, Keramik, Baumwolle und Gold.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant, dass auch nach der spanischen Eroberung und der Einf\u00fchrung von M\u00fcnzen dieses System erhalten blieb und nicht nur von den Indios genutzt wurde. Denn Zugang zu M\u00fcnzen zu haben, war einer kleinen oligarchischen Kaste vorbehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich, wie sorgf\u00e4ltig schon die ersten M\u00fcnzen auf dem amerikanischen Kontinent ausgegeben waren. Auf der M\u00fcnze sieht man die B\u00fcste des Monarchen, eine Inschrift mit dem Namen des Herausgebers der M\u00fcnze, die Angabe des Jahres der Pr\u00e4gung, die Angabe des Pr\u00e4geortes, den Wert der M\u00fcnze, die Initiale des Entwerfers der M\u00fcnze und die Inschrift <em>Rey de Espa\u00f1a y las Indias<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran kn\u00fcpfte man sp\u00e4ter in Costa Rica an, mit der entsprechenden Anpassung von Symbolen: Tabakpflanze, Lorbeerblatt, Myrtenblatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr die kurzlebige Zentralamerikanische Republik (1825-1837) wurden eigene M\u00fcnzen gepr\u00e4gt. Interessant, dass sie auch sp\u00e4ter im Umlauf blieben. So schnell konnte man nach der Unabh\u00e4ngigkeit gar keine eigene W\u00e4hrung schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Costa Rica unabh\u00e4ngig wurde, f\u00fchrte man das Dezimalsystem ein, das das komplizierte spanische System abl\u00f6ste, bei der die Zahl 8 von zentraler Bedeutung war. Es gab Escudos und Reales und eine dritte Einheit, die umgangssprachlich Pesos hie\u00df, und dazu C\u00e9ntimos f\u00fcr jede dieser Einheiten. Man wundert sich, wie sie damit zurechtgekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl vor als auch nach der Unabh\u00e4ngigkeit wurde, wie das so oft geschieht, der Materialwert der M\u00fcnzen immer geringer, weil man statt Gold und Silber Legierungen oder andere Metalle verwendete. Dabei kamen M\u00fcnzen heraus, die so winzig klein sind, dass man sie selbst unter der Lupe in der Vitrine kaum erkennen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Geldscheinen ist es eher umgekehrt. Man wundert sich, welch gro\u00dfe Lappen urspr\u00fcnglich verwendet wurden, wohl noch eine Nachwirkung der fr\u00fcheren Schuldscheine, der Vorg\u00e4nger der Geldscheine. W\u00e4re heute eher unpraktisch. W\u00fcrden in kein Portemonnaie passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gibt es noch eine M\u00fcnzpr\u00e4gemaschine, eine vielarmige, schwarze Maschine der Marke <em>Heidelberg<\/em>, die hier lange im Einsatz war. Sie kam aus Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an das Museum kaufe ich in einem Supermarkt ein paar Kleinigkeiten. Vorsorglich habe ich eine Tragetasche mitgebracht. Rita hat gesagt, man gebe jetzt keine Tragetaschen mehr aus. Ganz stimmt das nicht, nur sind sie jetzt nicht mehr umsonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zum <em>Mercado Central<\/em> durch, habe aber kein Gl\u00fcck dabei. Irgendwie drehe ich mich immer im Kreis. Ein Losverk\u00e4ufer, der die Lose der Weihnachtslotterie \u2013 \u201eDie beste Lotterie in ganz Costa Rica\u201c \u2013 auf einem Bauchladen vor sich her tr\u00e4gt, begleitet mich ein St\u00fcck. Dann frage ich Mutter und Tochter, und als die Mutter mit der Antwort ansetzt, wird sie von der Tochter unterbrochen, die die Erkl\u00e4rung auf Englisch abgibt. Gutes Englisch. \u201eYes, I work for a company.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne es zu wollen, komme ich zur Kathedrale. Eine schlichte Fassade. Innen ganz dunkel, nur von ganz hinten im Chor kommt durch eine Kuppel helles Licht. Die Kathedrale ist gebaut worden, nachdem der Vorg\u00e4ngerbau durch ein Erdbeben zerst\u00f6rt wurde. Damit dieses Schicksal dem neuen Bau erspart bleibt, hat man bei dem Neubau auf Stabilit\u00e4t geachtet. Das hat zur Folge, dass der etwas klobig wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang ist in einem kleinen Kolonialgeb\u00e4ude die Sendestation von <em>Radio Fides<\/em> untergebracht, Gottes eigenem Sender.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die anderen Pl\u00e4tze der Stadt ist der Platz der Kathedrale nicht sonderlich sch\u00f6n. Das liegt an den bunt zusammengew\u00fcrfelten Geb\u00e4uden, an der mangelnden Geschlossenheit des Platzes, vor allem aber daran, dass eine Seite des Platzes eine viel befahrene Stra\u00dfe ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kathedralplatz ein tempelartiger \u201eKiosk\u201c, ein Geschenk von Somoza an San Jos\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der erneuten Suche passiere ich ein Schuhgesch\u00e4ft, dass mit seiner Rabattaktion wirbt: 365 Tage im Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann komme ich an einem Unternehmen vorbei, das <em>San Jos\u00e9<\/em> hei\u00dft. Der Name der Stadt geht zur\u00fcck auf eine Einsiedelei, die dem Heiligen Josef geweiht war, hier, in einer unbesiedelten Gegend. Die Stadt entwickelte sich erst sp\u00e4t, und den Status einer Hauptstadt musste sie sich erst in langen Auseinandersetzungen mit der alten kolonialzeitlichen Provinzhauptstadt Cartago erstreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme wieder in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Hier hat man in der Mitte einen zweispurigen Radweg angelegt, in Blau gekennzeichnet. Aber die Farben verblassen. Kein Rad ist zu sehen. Die Fu\u00dfg\u00e4nger haben das Terrain nicht preisgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Imbisslokal kaufe ich ein St\u00fcck Pizza. F\u00fcr auf die Hand. An der Kasse mir gegen\u00fcber steht eine auff\u00e4llig stark geschminkte junge Frau. Um den Hals hat sie eine T\u00e4towierung, die wie ein Schandkragen aussieht, ein beliebtes altes Folterinstrument aus Metall.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sto\u00dfe ich auf ein originelles Stra\u00dfenmusikerdenkmal, aus Blech. Ein Mann mit einer Gitarre, eine Frau mit einer Trommel, und neben ihnen ein dritter Musiker, der nur durch seine Sandalen vertreten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich doch noch zum <em>Mercado Central<\/em>. Sieht unscheinbar aus, aber es lohnt sich, da mal durchzugehen. Es gibt Krippenfiguren und Sch\u00fcrzen, traditionelle Kleider und jede Menge Essst\u00e4nde,&nbsp; Haushaltswaren und Spielzeug, Fisch und Fleisch, Putzger\u00e4te und eine Tierhandlung mit Kaninchen, Fischen, H\u00fchnern und Meerschweinchen. An dem Aquarium klopft ein Junge kr\u00e4ftig an die Scheibe und wird dabei von seiner Mutter unterst\u00fctzt. Direkt da, wo an der Scheibe die Bitte steht, nicht an die Scheibe zu klopfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten im Markt ist irgendwo eine Krippe aufgestellt, schon mit Jesuskind und allem. Weihnachtsdekoration sieht man in der Stadt nicht allzu viel, und sie ist nicht sonderlich auff\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber der Krippe ein Kr\u00e4uterstand. Der Verk\u00e4ufer wei\u00df ganz genau, was wogegen hilft. Mit seinen Kr\u00e4utern kann man praktisch alles heilen: Diabetes, Nierenleiden, Cholesterin, Bronchitis, Gastritis. Ein Kraut ist extra f\u00fcr die Sch\u00f6nheit von Frauen verantwortlich. F\u00fcr die Sch\u00f6nheit von M\u00e4nnern gibt es kein Kraut. F\u00fcr die gibt es nur was gegen Prostata.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich von dem Kr\u00e4uterstand ein Photo mache, macht mich ein Mann darauf aufmerksam, dass ich einen Zettel verloren habe. Er hat eine Gitarre und einen Lautsprecher dabei und ist gerade dabei, seine Sachen aufzubauen, um hier zu singen. Welche Musik er denn mache? Von allem etwas. Aus Deutschland k\u00e4me ich? \u201eIch kann ein bisschen Deutsch sprechen.\u201c Und dann intoniert er \u201eSo sch\u00f6n, sch\u00f6n war die Zeit.\u201c Und ich stimme mit ein: \u201eKein Gru\u00df, kein Herz, kein Kuss, kein Scherz \u2026 So sch\u00f6n, sch\u00f6n war die Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zum <em>Mercado Central<\/em> geh\u00f6rt auch das <em>Caf\u00e9 22<\/em>. Dort wird noch (sp\u00e4tes) Mittagessen aufgetragen. Sieht gut aus. Ich begn\u00fcge mich mit einem Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sehe ich gerade einen jungen Losverk\u00e4ufer an, der etwas gelangweilt an der <em>Chola<\/em> lehnt, der Skulptur einer dicken Frau mit m\u00e4chtigem Hinterteil. Ein Kameramann richtet seine Kamera auf mich, er will gar nicht mehr von mir ablassen. Dann kommt sein Kollege mit einem Mikrophon und fragt, ob er ein paar Fragen stellen k\u00f6nne. Costa Rica aus der Sicht des Touristen. Geht klar. Er fragt nach Sicherheit und Preisen. Und ich gebe artig Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden wissen aber auch nicht, wo die Skulptur ist, die ich suche. Das wei\u00df keiner. Aber die Angaben aus dem Reisef\u00fchrer sind ziemlich eindeutig. Zum Schluss hilft mir eine Polizistin, obwohl sie die Skulptur auch nicht kennt. Sie schickt mich wieder in die andere Richtung. Und erinnert mich daran, dass die geraden Stra\u00dfen in einer Richtung verlaufen und die ungeraden in der anderen Richtung, von der <em>Avenida 0<\/em> ausgehend. Also ist <em>Calle 4<\/em> ein ganzes St\u00fcck von <em>Calle 5<\/em> entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich eine Stra\u00dfenkehrerin, auf deren Jacke steht <em>Trabajamos para ustedes<\/em>. Das Motto von Ticabus, das ich gestern gesehen habe, ist <em>Viajamos por ustedes<\/em>. Das kam mir Spanisch vor. Die alte und immer wieder auftauchende Frage im Spanischen, <em>por <\/em>oder <em>para<\/em>?&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke sehe ich das im neoklassizistischen Stil errichtete Geb\u00e4ude der Firma <em>Juan Kn\u00f6hr Hijos<\/em>. Die Firma wurde von einem deutschen Kaufmann gegr\u00fcndet. Der Reisef\u00fchrer bezeichnet dieses Haus wegen des Gebrauchs von Beton als Beginn einer langen Liste von Baus\u00fcnden in San Jos\u00e9, aber es ist immer noch zehnmal besser als alles andere drum herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich sie doch gefunden, meine Skulptur. Sie steht hinter dem hohen Bankgeb\u00e4ude von heute Morgen. Es ist eine Gruppe von metallenen Figuren, die, vielleicht etwas stereotyp, aber eindringlich, die einfachen Bauern vom Land darstellt, die als die Essenz von Costa Rica gelten. Sie stehen etwas erh\u00f6ht, auf einer Plattform, die man betreten kann, hinter- und nebeneinander. Ernste Gesichter, hier l\u00e4chelt keiner in die Kamera. In einigen Gesichtern kann man Traurigkeit erkennen, in allen sieht man den t\u00e4glichen Kampf ums \u00dcberleben abgebildet. Die meisten sind barfu\u00df, alle tragen einfache Kleidung, die Frauen haben das Haar zu einem Zopf oder einem Knoten zusammengebunden. Erst auf den zweiten Blick sieht man in der hinteren Reihe ein Kind, das sich scheu an die Beine der Mutter lehnt. Eine eindrucksvolle Skulptur. Die lange Suche hat sich gelohnt.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>13. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Kassensturz gestern Abend hatte ich das Gef\u00fchl, dass mir eine ganze Stange Geld fehlt. Hat vielleicht eine der Verk\u00e4uferinnen, denen ich bereitwillig mein Portemonnaie hingehalten habe, zu tief ins Portemonnaie gegriffen? Am Ende stellt sich heraus, dass wohl doch alles in Ordnung ist. Erstens habe ich mehr Geld ausgegeben als ich gedacht habe, zweitens habe ich den Wert der M\u00fcnzen untersch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rita, die Vermieterin, hat mir schon am ersten Abend gesagt, hier w\u00fcrde ich manchmal auf eine ungew\u00f6hnliche Aussprache von <em>Jos\u00e9<\/em> sto\u00dfen, mit der Betonung auf der ersten statt auf der zweiten Silbe. Kenne ich auch aus Spanien. Im Internet gibt es eine ganze Menge dazu, Erkl\u00e4rungen und Diskussionen. Unter anderem geht es darum, ob man dann auch <em>Jose<\/em> statt <em>Jos\u00e9<\/em> schreiben solle. Schwer zu entscheiden. Einige bemerken, was mir einleuchtet, dass die Variante mit der Betonung auf der ersten Silbe eher etwas Vertrauliches, Liebevolles hat. Andere erkl\u00e4ren den Wechsel der Betonung mit zusammengesetzten Formen wie <em>Jos\u00e9 Agust\u00edn<\/em> oder <em>Jos\u00e9 \u00c1ngel<\/em>. Vor allem bei dieser letzten vermeidet man wahrscheinlich intuitiv die Betonung zweier aufeinanderfolgenden Silben. Rita vermutet wahrscheinlich nicht, was sie mit ihrer Bemerkung angestellt hat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlechte Wetter h\u00e4lt an, und sp\u00e4ter fallen ein paar Regentropfen, aber kaum genug, um den Schirm aufzumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Wegbeschreibungen werden hier oft Meterangaben verwendet: Oben abbiegen und dann 300 Meter geradeaus. Woher wissen die Leute das so genau? Ich vermute, jeder Block misst 100 Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone eine bunt angemalte Kuh. Gestern hat eine Mutter ihre ganz junge Tochter draufgesetzt. W\u00e4re in sch\u00f6nes Photo gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weihnachtslotterie geht der Endspurt los. Der Losverk\u00e4ufer schreit sich die Seele aus dem Leib, indem er die Nummer ausruft, die er zu bieten hat: \u201eTreinta y ocho, treinta y oooocho.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel gr\u00fcn wird \u2013 oder besser wei\u00df \u2013 ert\u00f6nt ein Ger\u00e4usch wie das von einer quakenden Ente.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Ecke der <em>Plaza de la Cultura<\/em> steht eine weitere Lotterieverk\u00e4uferin. Jetzt merke ich, dass das Brett, auf dem die Lose befestigt sind, entweder horizontal oder vertikal vor dem Bauch transportiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Teatro Nacional<\/em> ist das Gitter noch verschlossen. Ich frage eine Frau, ob sie auch auf die F\u00fchrung wartet. Sie versteht nicht ganz. Sieht wie eine Latina aus, ist aber angels\u00e4chsische US-Amerikanerin. Sie kommt aus Texas. Ist beruflich hier, eine Woche, heute gibt es frei f\u00fcr einen Tag San Jos\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ge\u00f6ffnet wird, erkennt der Wachmann von gestern mich noch. Er zeigt mir, wo im Foyer ich warten soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende sind wir eine ganz gemischte Gruppe, Schweizer, Franzosen, US-Amerikaner und ein vorlautes kanadisches Ehepaar. Alle sprechen Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffeeanbau in Costa Rica, im Jahrhundert zuvor begonnen, wurde ab 1837 zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Costa Ricas. Die Kaffeebarone schickten ihre S\u00f6hne nach Europa, und die brachten europ\u00e4ische Traditionen mit zur\u00fcck. Und so wollte man auch ein Theater nach franz\u00f6sischem Vorbild bauen. Die Idee wurde dann verwirklicht, indem gegen Ende des Jahrhunderts eine Zusatzsteuer auf den Kaffee aufgeschlagen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Foyer sieht man eine Reihe von Marmorskulpturen. Zwei davon sehen aus, als w\u00e4ren sie aus Zement. Sie standen fr\u00fcher drau\u00dfen, auf dem Dach des Theaters, und die Witterung hat ihnen ihren Glanz genommen. Das f\u00e4llt besonders im Vergleich zu den anderen beiden auf, die immer hier im Foyer gestanden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skulpturen zeigen die Kom\u00f6die und die Trag\u00f6die, den Tanz und die Musik. Die Trag\u00f6die ist m\u00e4nnlich, sieht grimmig aus und h\u00e4lt einen Dolch in der Hand, die Kom\u00f6die ist weiblich, sieht gelassen aus und h\u00e4lt ein Buch in der Hand. Zu ihren F\u00fc\u00dfen eine Maske. Tanz und Musik sind weiblich. Musik h\u00e4lt eine Leier in der Hand, zu ihren F\u00fc\u00dfen liegen eine Panfl\u00f6te und eine Flaute. Die dynamischste Figur ist der Tanz. Die Figur ist in Bewegung. Ein Bein ist angehoben, das Kleid ist nach oben gerutscht, ein Arm ist angewinkelt, eine Brust ist entbl\u00f6\u00dft. In der Hand h\u00e4lt sie Kastagnetten, zu ihren F\u00fc\u00dfen liegt eine Schellentrommel.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Figuren wurden in Italien gefertigt, dann per Schiff, per Zug (den es damals tats\u00e4chlich gab!) und per Ochsenkarren nach San Jos\u00e9 gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Theatersaal selbst hat drei R\u00e4nge und eine Besonderheit: Es gibt keinen Orchestergraben! Das Parkett konnte und kann angehoben werden, so dass es auf die H\u00f6he der B\u00fchne gebracht wird. Die Bestuhlung wird dann rausgenommen, und auf dem Parkett nimmt das Orchester Platz!<\/p>\n\n\n\n<p>So war es bei der Auff\u00fchrung von Gounots <em>Faust<\/em>, mit dem das Theater 1897 eingeweiht wurde, in franz\u00f6sischer Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen nach oben, in das zweite Foyer, wo man sich in der Pause bei Sekt und Canap\u00e9s zeigte. Drei Deckengem\u00e4lde stellen den Morgen, den Tag und die Nacht dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deckengem\u00e4lde im Treppenhaus wurden einem italienischen K\u00fcnstler anvertraut, der nie in Amerika war und dem H\u00f6rensagen nach malte. Die Gem\u00e4lde zeigen Alltagsszenen. Dabei ist eine falsch herum wachsende Bananenstaude zu sehen, eine Kaffeeplantage am Meer und eine mit elektrischem Licht beleuchtete Stra\u00dfe, zu einer Zeit, als es das hier noch gar nicht gab!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den zweiten Rang rauf. Hier gibt es Logen. Die erm\u00f6glichten die ungest\u00f6rte Unterhaltung w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung und das zwischenzeitliche Verlassen der Auff\u00fchrung, ohne dass man auffiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater hat eine Kapazit\u00e4t von 700 Zuschauern Maximum. Eine Eintrittskarte, etwa f\u00fcr das aktuell laufende Ballett, kostet 22.000 Colones, etwa 40 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir uns noch die einzige Skulptur, die von einem costa-ricanischen K\u00fcnstler geschaffen &nbsp;wurde. Auch sie steht im Foyer im Eingang. Sie hei\u00dft <em>H\u00e9roes de la Miseria<\/em> und zeigt eine einfache Bauernfrau mit Kopftuch, die ihr Kind auf dem Scho\u00df h\u00e4lt. Kam bei den Verantwortlichen nicht so gut an. Man wollte diesen Ausschnitt der Gesellschaft aus dem Theater fernhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine interessante, wenn auch nicht sonderlich gute F\u00fchrung. Danach bekomme ich in einem einfachen Lokal ein einfaches Fr\u00fchst\u00fcck, zu astronomischen Preisen, wie ich meine. Liegt aber nur daran, dass ich mich verrechnet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aufbreche und nach dem <em>Castillo Azul<\/em> frage, merkt die Eigent\u00fcmerin, dass ich als Tourist unterwegs bin und bietet mir ein Hotelzimmer an, f\u00fcr sp\u00e4tere Gelegenheiten. Da ich tats\u00e4chlich noch mal eins brauchen werde, lasse ich mir den Flyer geben, bin aber skeptisch. An der T\u00fcr stehen die Preise f\u00fcr 3 Stunden und f\u00fcr 12 Stunden \u00dcbernachtung. Ist das etwa ein Stundenhotel? Aussehen tut es danach nicht. Ich halte mir das erst mal in der Hinterhand, f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach dem <em>Castillo Azul<\/em> und passiere dabei die <em>Librer\u00eda Lehmann<\/em>. Bei der gibt es Produkte von <em>Staedtler<\/em>, <em>M\u00e4rklin<\/em> und <em>Tesa<\/em> zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein relativ reiches Land sieht man hier viele Bettler, einzeln an den H\u00e4userw\u00e4nden sitzend oder in Gruppen auf den Pl\u00e4tzen. Die an den H\u00e4userw\u00e4nden bleiben stumm, viele haben einen Zettel, auf dem sie ihre Not kundtun. Die auf den Pl\u00e4tzen sprechen einen immer an, und zwar auf Englisch, und schlimmstenfalls, wie das auch alle Stra\u00dfenverk\u00e4ufer tun, indem sie einen mit <em>my friend <\/em>ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen sehe ich pl\u00f6tzlich lauter Schl\u00fcssel auf dem Boden liegen. Dann sehe ich, dass Schl\u00fcssel fest in den B\u00fcrgersteig verankert sind. Sie sind eine Werbeaktion des Schl\u00fcsseldiensts, der hier seinen Laden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser Stra\u00dfe sieht man das wilde Durcheinander bei der Bebauung der Stadt: abgrundtief h\u00e4ssliche, teils auch verkommene Nachkriegsgeb\u00e4ude Seite an Seite mit Kleinoden aus dem alten San Jos\u00e9, mit modernen B\u00fcrohochh\u00e4usern und mit kleinen H\u00e4usern mit modernen und altert\u00fcmlichen Gesch\u00e4ften. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach dem <em>Castillo Azul<\/em> muss ich ganz sch\u00f6n vom Weg abgekommen sein. Das merke ich sp\u00e4testens, als ich unter einer dunklen Br\u00fccke herkomme, in der es stark nach Urin riecht. Das <em>Castillo Azul<\/em> kennt kein Mensch, und selbst die Frage nach dem <em>Museo Nacional<\/em> verursacht verst\u00e4ndnislose Blicke.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der uns\u00e4glichen Br\u00fccke komme ich in ein Viertel, das durchaus richtig aussieht, aber nicht ist. Irgendwann stehe ich vor einem Geb\u00e4ude, bei dem man glauben k\u00f6nnte, im Viktorianischen England zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies scheint eine Art Botschaftsviertel zu sein, nicht unsch\u00f6n, aber weitgehend menschenleer.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande eines Parks sehe ich einen kleinen Pavillon mit Kacheln, eine Art Brunnenh\u00e4uschen, gestiftet von der ehemaligen Schnapsfabrik. In deren Geb\u00e4ude befindet sich jetzt ein Kulturinstitut. Die Schnapsfabrik wurde urspr\u00fcnglich gegr\u00fcndet, um durch Verhinderung des unkontrollierten Schnapsbrennens etwas f\u00fcr die Volksgesundheit zu tun. Nebenbei, darf man vermuten, wurde damit auch Geld verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich auf eine Promenade, die von der Republik Argentinien angelegt worden ist. Dort ein Denkmal f\u00fcr Carlos Gardel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Parque Espa\u00f1a <\/em>die Monumentalstatue von Juan V\u00e1zquez Coronado, dem eigentlichen Eroberer Costa Ricas und dem Gr\u00fcnder Cartagos. Man sieht ihn in voller R\u00fcstung, das Schwert energisch vor sich haltend. Erinnert ein bisschen an Hermann den Cherusker.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an der Mexikanischen Botschaft vorbei, in einer wundersch\u00f6nen wei\u00dfen Villa untergebracht. Hier wurde einst Geschichte geschrieben. Nach dem blutigen B\u00fcrgerkrieg wurde hier 1948 ein Waffenstillstandsabkommen ausgehandelt. Teil dieses Abkommens war die \u00dcbergabe der Macht an die Revolutionskoalition und die Entscheidung, die Armee abzuschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich doch noch in den <em>Parque Nacional<\/em> und damit meinem Ziel etwas n\u00e4her. Der <em>Parque Nacional<\/em> ist ein richtiger Park, kein Platz, wie der Parque Central, mit vielen hohen B\u00e4umen, die Schatten spenden w\u00fcrden, wenn die Sonne schiene.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Platzes ein Denkmal, hoch auf dem Podest. Es erinnert an die heroischen Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfe, an das Gefecht von Rivas, 1856, bei dem der Nationalheld Juan Santamar\u00eda, ein Mulatte, ums Leben kam, und an das Gefecht von Santa Rosa 1856. Da wird allerdings m\u00e4chtig \u00fcbertrieben. Das war eine Schie\u00dferei von gerade einmal einer Viertelstunde. Aber wenn es dem nationalen Selbstverst\u00e4ndnis dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlachten bedeuteten den endg\u00fcltigen Sieg \u00fcber William Walker, den US-Amerikaner, der Costa Rica \u2013 wie das \u00fcbrige Zentralamerika \u2013 unter Wiedereinf\u00fchrung der Sklaverei in die USA eingliedern wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir dient das Denkmal als Motiv f\u00fcr das einzige gute Photo des Tages. Die Dramatik des Denkmals kommt bei dem Helldunkel des Himmels bestens zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gerade das Photo gemacht habe, f\u00e4llt mein Blick auf einen verr\u00fcckten Fahrradfahrer, der gerade im Gespr\u00e4ch mit einer Passantin ist. Sein unorthodoxer Auftritt hat auch ihre Aufmerksamkeit erregt. Er tr\u00e4gt einen Helm mit einer Grubenlampe, darunter eine Schirmm\u00fctze, und um die Brust etwas, das wie eine schusssichere Weste aussieht, alles ganz bunt. In einem Anh\u00e4nger mit einem Gitter hinter sich her zieht er einen Hund mit Taucherbrille, Wikingerhelm und einem bunten Schultertuch. Auf dem Dach eine Gie\u00dfkanne mit k\u00fcnstlichen Blumen und ein Korb mit k\u00fcnstlichen Blumen. Das ganze Gef\u00e4hrt, einschlie\u00dflich der R\u00e4der, ist mit bunten B\u00e4ndern verziert. Kann man den Mann ohne \u00dcbertreibung ein Original nennen. Er l\u00e4sst sich gerne photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt komme ich der Sache wohl n\u00e4her, passiere ein modernes Gerichtsgeb\u00e4ude und sto\u00dfe dann auf die <em>Plaza de la Democracia<\/em>. Am Rande des Platzes das <em>Castillo Azul<\/em>. Von einer Burg hat es herzlich wenig, sieht eher aus wie eine italienische Villa mit Altan. In dem <em>Castillo Azul<\/em> residierte fr\u00fcher der Pr\u00e4sident des Landes, danach eine noch wichtigere Person, der Botschafter der USA. Heute ist es Regierungsgeb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<p>Das etwas j\u00fcngere Pendant dazu ist die <em>Casa Amarilla<\/em>. Hier sitzt das Au\u00dfenministerium. In seinem Inneren befindet sich ein St\u00fcck der Berliner Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wichtigste, gr\u00f6\u00dfte und auffallendste Geb\u00e4ude an der <em>Plaza de la Democracia<\/em> ist ein gelb gefasstes Geb\u00e4ude mit Ankl\u00e4ngen an eine mittelalterliche Burg. Darin befindet sich das <em>Museo Nacional<\/em>. Bis zur Aufl\u00f6sung der Armee war es Kaserne. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg gestaltet sich einfacher. Ich gehe die Avenida 0 herunter, die breite Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, und komme schnurstracks zur <em>Plaza de la Cultura<\/em> und dem Theater. Hier in der N\u00e4he gibt es auch das Caf\u00e9 <em>Avenida Cero<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Avenida 0 kommen einem immer wieder M\u00e4nner entgegen, die einem Zigarren verkaufen wollen. Und immer wieder kommt ein verlockender Duft aus einer B\u00e4ckerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon fast zu Hause bin und vergeblich nach einem Hotel Ausschau gehalten habe, sehe ich doch noch eins, das <em>Hotel San Jos\u00e9<\/em>. Kann man sich leicht merken. In Zeit von nichts ist ein Zimmer gebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00e4lt ein Taxi am Stra\u00dfenrand an, in der richtigen Annahme, dass ich irgendwohin chauffiert werden will. Ja, zum Busbahnhof. Zum Fahrkartenkauf. Zum Gl\u00fcck sage ich gleich dazu, dass die Busreise nach Quepos gehen soll. Nach Quepos f\u00e4hrt n\u00e4mlich Tracopa, eine andere Buslinie, und die hat einen eigenen Busbahnhof!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer, Carlos, ist sehr nett, ein ganz besonnener Mann, nur nicht dann, wenn es ums Autofahren geht. Sobald der Wagen steht, dr\u00fcckt er auf die Hupe. Merkw\u00fcrdigerweise zeitigt das auch meistens Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio hat er einen Prediger laufen, mit dem typisch evangelikalischem Pathos. Ich schnappe aber ein Bild auf, das ganz sch\u00f6n ist: Wir k\u00f6nnen wissen, wie viele Samen in einem Apfel sind, aber wir k\u00f6nnen nicht wissen, wie viele \u00c4pfel in einem Samen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Prediger weiter predigt, kommen wir passenderweise an einer <em>Cl\u00ednica Biblica<\/em> vorbei. Was das wohl sein mag?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof angekommen, bietet Carlos mir an, auf mich zu warten. Die Wartezeit w\u00fcrde er nicht berechnen. Nehme ich gerne an. Der Fahrkartenkauf geschieht in Windeseile, und wir machen uns auf den Weg zur\u00fcck. Dabei kommen wir an der Feuerwehr vorbei. Dort hat man den Feuerwehrleuten eine Skulptur gewidmet. Ein Feuerwehrmann seilt sich von oben ab, ein anderer h\u00e4lt ein gerettetes Kind im Arm.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos setzt mich zu Hause ab und gibt mir noch seine Telefonnummer. Als ich den Schl\u00fcssel raushole, habe ich irgendwie das Gef\u00fchl, dass etwas fehlt. Mein Portemonnaie! Ich durchsuche alle Taschen \u2013 vergebens. Dann gehe ich noch mal ein paar Schritte zur\u00fcck, und da liegt es \u2013 im Bordstein. Wieder mal Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche sto\u00dfe ich auf Ritas Tochter, besser gesagt, eine von ihnen. Sie waren bzw. sind zu Hause zu siebt! Sie spricht von ihren \u00e4lteren und von ihren j\u00fcngeren Geschwistern. Zwei von denen und eine Nichte sind auf das <em>Colegio Humboldt<\/em> gegangen und sprechen Deutsch. Sie ist Physiotherapeutin. Ich sage ihr, die seien in Deutschland sehr begehrt. Ja, sagt sie, eine Cousine in Heppenheim sage ihr immer, sie solle doch kommen. Physiotherapeuten w\u00fcrden gesucht. Aber sie denkt, zu Recht, an die sprachliche H\u00fcrde, nicht nur f\u00fcr den Beruf, auch f\u00fcr den Alltag. Sie spricht Franz\u00f6sisch und sieht ihre Zukunft in einem Land, in dem Franz\u00f6sisch gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber Sprache, \u00fcber Kriege und das Milit\u00e4r und die Politik und \u00fcber Auswanderung, \u00fcber freiwillige, erzwungene und aus der Not geborene. Sie ist eine kluge Frau, tolle Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>14. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das auff\u00e4lligste Merkmal des Spanischen in Costa Rica ist der <em>voseo<\/em>. Auf einem Schild, das ist gestern gesehen habe, stand <em>Eleg\u00ed Pes\u00e1 Pag\u00e1<\/em>. Da ist es gleich dreifach vertreten, als Imperativ. Ich bin bestimmt nicht der einzige, der sofort an Argentinien denkt, wenn er <em>vos<\/em> h\u00f6rt. Bin ihm aber in Uruguay und in Paraguay auch schon begegnet. Mit Costa Rica h\u00e4tte ich es nie und nimmer in Verbindung gebracht. Ich habe es aber immer nur gelesen, nie geh\u00f6rt. Mich hat auch niemand jemals mit <em>vos<\/em> angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine archaisierende Sprachform, die es fr\u00fcher in Spanien auch gab, die aber ausgestorben ist. Die klassischen Sprachen machten keine Unterscheidung, das Lateinische begn\u00fcgte sich mit dem <em>Du<\/em>. Mit der sozialen Differenzierung im Mittelalter, dem Bed\u00fcrfnis der Patrizier, sich von den Plebejern zu unterscheiden, kamen vor dem Beginn der Renaissance im Spanischen zwei weitere Formen auf, <em>vos<\/em> und <em>usted<\/em> neben <em>t\u00fa<\/em>. Der Ursprung von <em>vos<\/em> liegt im Feudalismus. Die feudalen Herren waren, im ganz w\u00f6rtlichen juristischen Sinne,&nbsp; mehr wert als die Plebejer. Das Wort eines Herren galt doppelt so viel wie das eines Plebejers. Daher ist die Anredeform <em>vos<\/em>, von <em>vosotros<\/em>, also Plural f\u00fcr eine einzelne Person, nur folgerichtig. Die Ausbildung einer dritten Form geht ebenfalls auf sozialen Wandel zur\u00fcck: Der h\u00f6here Adel, die Adeligen bei Hof, unterschieden sich immer mehr von den anderen, den niedrigeren Adeligen, den <em>hidalgos<\/em>. F\u00fcr die blieb <em>vos<\/em> erhalten, f\u00fcr jene kam <em>usted<\/em> auf. Das <em>t\u00fa<\/em> gebraucht man unter den Plebejern, aber auch der K\u00f6nig, wird, abweichend von der Norm, manchmal geduzt, in den Kom\u00f6dien von Lope zum Beispiel. Auch im <em>Quijote<\/em> findet man Variation: Juana, Sanchos Frau, sagt <em>vos<\/em> zu ihm, er sagt manchmal <em>vos<\/em>, manchmal <em>t\u00fa<\/em> zu ihr. Zu Don Quijote sagt er <em>usted<\/em>, der sagt <em>t\u00fa<\/em> zu ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Rita erz\u00e4hlt mir, heute sei Karneval. Ja, ein Umzug in der Innenstadt. Karneval? Im Dezember? Dann korrigiert sie sich. Es ist die <em>Fiesta de las Luces<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos holt mich p\u00fcnktlich ab und schl\u00e4gt vor, die beiden Fahrten, die ich geplant habe, in einem Abwasch zu erledigen. Wir fahren zuerst zum Busbahnhof. Jetzt ist wieder der andere Bahnhof dran. Dort bekomme ich meine Fahrkarte nach Cahuita. Meine Planung f\u00fcr Costa Rica ist etwas kompliziert ausgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht ganz schnell, und Carlos setzt mich am <em>Museo del Jade<\/em> ab. Ein Geb\u00e4ude, bei dem man eher an eine moderne Fabrik denkt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier werden Ausl\u00e4nder ordentlich zur Kasse gebeten: 16 $! Das sind europ\u00e4ische Preise.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum hat allerdings einiges zu bieten. Es ist nicht nur ein Museum \u00fcber Jade, sondern ein Museum \u00fcber Kulturgeschichte, und es hat eine geradezu un\u00fcberschaubare F\u00fclle von Objekten, auf f\u00fcnf Etagen ausgestellt. Stein und Keramik sind genauso vertreten wie Jade.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jade kam aus Guatemala hierher, aus dem Tal des Montagua. Dort befindet sich eins der wichtigsten Jadevorkommen der ganzen Welt. Zuerst kamen einzelne, bearbeitete Teile nach Costa Rica, sp\u00e4ter das Material selbst, das dann hier bearbeitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine f\u00fcr Costa Rica typische Form ist das, was hier als \u201eAxt\u201c bezeichnet wird. Hat aber eher die Form einer Zunge. Ein solches St\u00fcck wurde mittels einer Schneidetechnik mit einem Faden (!) l\u00e4ngs in zwei Teile geteilt. Auf jedem der beiden Teile hinterlie\u00df das eine Linie, eine Art Rinne. Solche Steine galten als besonders sch\u00f6n.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jade war ein wichtiges Material bei der Herstellung von Schmuck. Um die Vielfalt der Formen zu illustrieren, hat man hier eine Halskette ausgestellt, die aus nicht zusammengeh\u00f6rigen Gliedern besteht, W\u00fcrfel, Zylinder, Kugeln, Kegel. Nicht alle sind gr\u00fcn, es gibt auch braune, graue und schwarze Jade. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Objekte matt sein oder gl\u00e4nzend.<\/p>\n\n\n\n<p>Halsketten gibt es mit gro\u00dfen und kleinen Steinen. Man kann sich kaum entscheiden, welche sch\u00f6ner sind. Sie dienten nicht nur als Schmuck, sondern auch als Grabbeigaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jade wurde aber auch f\u00fcr ganz praktische Zwecke eingesetzt, wie f\u00fcr die Spitze eines Bohrers und f\u00fcr Pfeilspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Thema, dem sich die Ausstellung im Detail widmet, sind die Schamanen. Sie werden in verschiedenen Formen dargestellt, als Figuren und als Amulette. Die Amulette sind meist aus Jade, die Figuren meist aus Keramik. Eine Figur ist deutlich als Frau zu erkennen \u2013 eine Schamanin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schamanen nehmen h\u00e4ufig die Gestalt von Tieren an \u2013 vor allem die von Jaguar oder Eidechse \u2013 sind aber auch als \u201enormale\u201c Menschen dargestellt, mit Kopfbedeckung, aber entbl\u00f6\u00dftem Glied, Trommel und Rassel in der Hand und Masken, die die Form von V\u00f6geln oder S\u00e4ugetieren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz h\u00e4ufig vertreten sind Darstellungen von M\u00e4nnern in Denkerpose. Sie sitzen, st\u00fctzen das Kinn auf die Hand oder die Ellenbogen auf die Knie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Idee hier, und die zentrale Idee f\u00fcr das ganze Museum: Die K\u00fcnstler stellten die Lebens- und Glaubenswelt der Eingeborenen dar. Und zwar mit erstaunlicher Kunstfertigkeit. Wenn man bei den Amuletten alle Kennzeichen des Schamanen auf ganz wenig Raum wiedergegeben sieht, muss man einfach beeindruckt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch k\u00f6rperliche Missbildungen werden dargestellt: Buckel, Zwergenwuchs, Abszesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Lebenswelt der V\u00f6lker z\u00e4hlten auch die Feste. Ausgestellt sind winzige tanzende Figuren und &nbsp;pfeifen\u00e4hnlichen Ger\u00e4te, durch die man halluzinogene Substanzen aufnahm. Auch Musikinstrumente sind vertreten. Wunderbar die winzigen Fl\u00f6ten, auf denen wiederum Figuren sitzen!<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere sind in allergr\u00f6\u00dfter Vielfalt vertreten, oft als Gef\u00e4\u00dfe. Dabei dient manchmal der K\u00f6rper des Tieres selbst als Gef\u00e4\u00df, manchmal tragen sie das Gef\u00e4\u00df auf dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ausstellungsst\u00fcck, das aus der Reihe f\u00e4llt, ist eine Scheibe, mit r\u00f6tlichem und br\u00e4unlichem Untergrund, aus Schiefer. Auf der Scheibe angebracht sind 16 Glyphen, in Grau. Es ist das einzige Ausstellungsst\u00fcck, das Schriftzeichen hat. Die sind inzwischen alle identifiziert. Die \u201eBotschaft\u201c, wie das bei so alten Inschriften meist der Fall ist, ist nicht gerade transzendent. Sie besagt, dass die Scheibe ein Geschenk eines Herrschers zur Geburt seines Sohnes Puma Tortuga ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bemalung der Keramik \u00e4ndert sich irgendwann, und zwar so deutlich, dass auch das Laienauge es sieht. Das hat was zu tun mit der Ankunft von V\u00f6lkern aus dem heutigen Mexiko, um 800. Die bedeutete das Ende der klassischen Periode. Die Keramik war vorher auch schon mehrfarbig, aber nicht so bunt wie jetzt. Und es gibt immer weniger unbemalte Fl\u00e4chen. Grob gesprochen wie der Unterschied zwischen Romanik und Gotik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur die Lebenswelt der Menschen, auch die Welt der Tiere ist in den Werken der K\u00fcnstler der vorkolonialen Zeit vertreten, in Keramik, in Gold, in Jade. Reiher, Geier, Enten, Tukane, Quetzale, Coyoten, Krokodile, Kr\u00f6ten, Fr\u00f6sche, Leguane, Eidechsen \u2013 die ganze Vielfalt der Tierwelt Costa Ricas ist vertreten. In Gold sieht man winzige gefl\u00fcgelte Insekten, vermutlich Bienen, in Keramik einen sch\u00f6nen Becher mit dem langen Schnabel des Pelikans auf dem Gef\u00e4\u00df, ebenfalls aus Keramik ein wunderbares Krokodil, dessen Schuppen die Verzierung des Gef\u00e4\u00dfes sind, aus Jade verschiedene Tiere, die kaum zu identifizieren sind. Wenn ich das richtig verstehe, dienten die wegen ihrer scharfen Kanten gleichzeitig als Schneidewerkzeug.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Eule tr\u00e4gt vor ihrem K\u00f6rper ein umgekehrtes Menschengesicht. Das ist eine Anspielung darauf, dass die Eulen daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, die Verstorbenen ins Jenseits zu transportieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Beschriftung hei\u00dft es, die Tiere seien teils stilisiert, teils realistisch wiedergegeben. Realismus kann ich nirgendwo entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz interessant der Totenkult. Dutzende von \u201eHockern\u201c, mit schr\u00e4ger Sitzfl\u00e4che, alle mit drei F\u00fc\u00dfen, sind hier ausgestellt. Bei den vermeintlichen Hockern handelt es sich um Mahlsteine, f\u00fcr praktische, vor allem aber wohl f\u00fcr rituelle Zwecke benutzt. Einige sind mit den F\u00fc\u00dfen nach oben ausgestellt, damit man die Verzierungen an der Unterseite sieht. Mit den F\u00fc\u00dfen nach oben wurden sie auch auf den in gerade liegender Haltung bestatteten Toten gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4ltere Bestattungssitte sah vor, dass die Reste des Toten \u2013 vermutlich in erster Linie die Knochen \u2013 in einem B\u00fcndel in der Erde vergraben wurden, zusammen mit Grabbeigaben aus Jade, Holz und Stein. Auch eine hier ausgestellte Halskette mit lauter gleichf\u00f6rmigen kleinen Menschenk\u00f6pfen aus Knochen geh\u00f6rt dazu. Das B\u00fcndel wurde mit Fasern, Kordeln und Gewebe verschlossen. Sehr erfolgreich. Diese B\u00fcndel, zeitlich um das Jahr 500 v.Chr. zu verordnen, wurden im Golf von Nicoya im Schlamm eines Mangrovenwaldes gefunden. 30 B\u00fcndel, von M\u00e4nnern, Frauen und Kindern, die der Schlamm bewahrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich explizit, wie man in einem weiteren Ausstellungssaal feststellen kann, die Darstellung der Sexualit\u00e4t: geb\u00e4rende Frauen, kopulierende Paare, im Sitzen wie im Stehen, M\u00e4nner, die an ihrem Gem\u00e4cht herumfummeln, eine bunt bemalte weibliche Brust oder der m\u00e4nnliche Phallus, gegebenenfalls mit Testikeln, als Ornamente. Tabus scheint es keine gegeben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den \u201eSch\u00f6nheitsoperationen\u201c geh\u00f6rte die Manipulation der Z\u00e4hne. Man fragt sich, wie das gemacht wurde, aber man sieht, sowohl an einem Gebiss wie an einer Keramik, dass die Schneidez\u00e4hne verkleinert wurden, so dass viele mehr wachsen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist uns fremd. Weniger fremd sind uns die T\u00e4towierungen, und die gab es auch in H\u00fclle und F\u00fclle. Kleine R\u00f6hrchen mit eingeschnittenen Mustern sind hier ausgestellt, in gro\u00dfer Zahl. Mit denen wurden, wei\u00df der Teufel wie, die T\u00e4towierungen auf der Haut angebracht. Man sieht Keramikgef\u00e4\u00dfe mit der Darstellung von Menschen mit Gesichtst\u00e4towierungen \u2013 Stirn und Wangen \u2013 aber man sieht auch Ganzk\u00f6rpert\u00e4towierungen, Gesicht, Brust, Oberarme, Beine. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ob die heute T\u00e4towierten wohl wissen, dass sie in einer uralten Tradition stehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei so vielen Anregungen verzeiht man dem Museum fast die 16 $ Eintrittsgeld. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he des Museum befindet sich ein Supermarkt, in dem es Geldautomaten gibt. Aber ich finde die Zeichen f\u00fcr Kreditkarten nicht. Eine junge Frau, die hinter einem Schalter sitzt, an dem es auch um Geld geht, begleitet mich und zeigt mir den Prozess. Alles perfekt, nur kann man hier wohl nur kleine Betr\u00e4ge abheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau erz\u00e4hlt, sie habe eine Freundin in Deutschland, eine deutsche Freundin. Spanischlehrerin. Die habe in der Schulzeit hier ein Austauschjahr verbracht, und der Kontakt habe sich gehalten!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem kurzen Fr\u00fchst\u00fcck im <em>Caf\u00e9 Colombia<\/em> streife ich durch die Gegend. Das Wetter ist zu gut f\u00fcr das vorgesehene zweite Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Geb\u00e4ude, das zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle ausl\u00f6st, ist das Parlamentsgeb\u00e4ude. Sieht aus wie ein hoher Bunker, mit gr\u00e4ulichen Betonplatten auf 13-14 Stockwerken und nur ganz schmalen Lichtschlitzen. Sieht trotzdem beeindruckend aus, wenn man gegen den Himmel sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem <em>Museo Nacional<\/em> die Statue, modern, in Bronze, eines Politikers, der nicht wie ein Politiker aussieht, Jos\u00e9 Figueres Ferrer. Er tr\u00e4gt eine schlapp sitzende Hose und abgelaufene Schuhe. Kein Jackett, keine Krawatte. Er h\u00e4lt auch nichts in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Figueres ist eine bemerkenswerte Figur. Nach dem B\u00fcrgerkrieg wurde er zum Vorsitzenden einer provisorischen Junta, zu der Christdemokraten und Kommunisten geh\u00f6rten \u2013 der \u201ehistorische Kompromiss\u201c, der in Italien nie gelang \u2013 und modernisierte die Verfassung, f\u00fchrte das volle B\u00fcrgerrecht und das Wahlrecht f\u00fcr alle ein, verstaatlichte die Banken und schuf den modernen costa-ricanischen Wohlfahrtsstaat. Und schaffte die Armee ab. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he des <em>Parque Nacional<\/em> ein bunt angemaltes Haus, starke Farben, einfache Formen, die ein Bild ergeben. Die Fenster und T\u00fcren sind sozusagen in das Bild mit einbezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter das alte Bahnhofsgeb\u00e4ude. Von hier aus fuhren urspr\u00fcnglich die Z\u00fcge nach Puerto Lim\u00f3n. Der Zugverkehr an die Karibikk\u00fcste wurde in den 1990er Jahren eingestellt, da ein Teil der Strecke bei einem Erdbeben zerst\u00f6rt und unter einem Erdrutsch begraben wurde. Seit 2005 arbeitet man an der Reaktivierung der Strecke. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Park selbst die unvermeidliche Statue von Jos\u00e9 Mart\u00ed und die B\u00fcste eines mexikanischen Pr\u00e4sidenten. Was hat der hier zu suchen? Nach der Losl\u00f6sung von Spanien und noch vor der Gr\u00fcndung der Zentralamerikanischen Republik hat sich Costa Rica Mexiko angeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins Barrio Chino. Auf der Avenida 0 sind inzwischen Barrieren f\u00fcr den Umzug aufgestellt, von zahllosen Polizisten bewacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang des Barrio Chino eine Skulptur, die drei Figuren zeigt, die sich um eine chinesische S\u00e4ule herum gruppieren. Sie stehen f\u00fcr die kulturellen Errungenschaften Chinas. Eine Figur h\u00e4lt ein Buch in der Hand, eine eine Weltkugel und die dritte einen Kochtopf!<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter die Kirche <em>La Sociedad<\/em>. Nichts Besonderes. Vor der Kirche, an Pfeiler angelehnt, zwei Figuren. Eine davon ist eine Heilige, die auf einem Propeller steht!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Stra\u00dfe weiter runter und suche nach der <em>Casa del Tornillo<\/em>. Hier entlang der Stra\u00dfe reiht sich ein Lokal an das andere. Die<em> Casa del Tornillo<\/em> kennt keiner. Steht aber im Reisef\u00fchrer. Hat an der Fassade eine gro\u00dfe Schraube. Schlie\u00dflich hilft mir ein Kalenderverk\u00e4ufer. Die <em>Casa del Tornillo<\/em> gibt es nicht mehr. Gut zu wissen. Als ich zur\u00fcckgehe, holt der Kalenderverk\u00e4ufer mich pl\u00f6tzlich wieder ein und zeigt mir, wo das Haus fr\u00fcher stand!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum <em>Parque Moraz\u00e1n<\/em>. Sch\u00f6ne Steinb\u00e4nke, mit geschnitzten L\u00f6wenk\u00f6pfen an den Enden. Auch hier eine ganze Reihe von Statuen und B\u00fcsten, darunter eine von Bol\u00edvar und die eines uruguayischen Politikers. Was dessen Verbindung zu Costa Rica ist, ist nicht herauszufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sch\u00f6nsten in diesem Park aber eine moderne Skulptur, \u201eEl beso\u201c, aus ganz glattem, schwarzen Material, das ein Liebespaar darstellt. Sie sitzen sich gegen\u00fcber, unbekleidet. Ihre K\u00f6rper ber\u00fchren sich ganz leicht. Sie hat ihn mit beiden H\u00e4nden umarmt, er hat seine Hand auf ihren Hinterteil gelegt. Ihre K\u00f6pfe gehen aufeinander zu. Ihre M\u00fcnder m\u00fcssen sich im n\u00e4chsten Moment ber\u00fchren. Hier sind Z\u00e4rtlichkeit, Innigkeit, Verbundenheit wunderbar ins Bild \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig komme ich an dem Geb\u00e4ude vorbei, gro\u00df, ganz h\u00fcbsch, in Altrosa, das mich dieser Tage an das Viktorianische England erinnert hat. Es ist ein M\u00e4dchengymnasium: <em>Escuela de Mujeres <\/em>steht oben an dem First. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Suche finde ich auch noch die <em>Casa Moraz\u00e1n<\/em>. Dies war das Wohnhaus des ber\u00fcchtigten Bananenbarons und Eisenbahnmagnaten Keith, von dem in der Geschichte Costa Ricas und ganz Mittelamerikas immer wieder die Rede ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant gegen\u00fcber mehrere in bunten Kacheln dargestellte Alltagsszenen aus dem Leben der einfachen Leute, eine Marktszene, eine Verkaufsszene \u2013 Holz auf einem Ochsenkarren \u2013 eine Hochzeit, eine Briefszene. Man sieht ihn an einem Tisch sitzen und in der Ferne sie an einem Tisch sitzen. Sie schreiben sich gegenseitig und fangen ihre Briefe beinahe wortgleich an. Alle Kacheln haben Bildunterschriften. Die sind eine echte Herausforderung. Ich verstehe wenig, und bei der Marktszene gar nichts! Da sprechen die Leute aus dem Volk ihr ganz eigenes Idiom.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich auf der anderen Seite ein Schild, das auf einen \u00f6ffentlichen Parkplatz hinweist. Parkeo P\u00fablico. Das einst ungeliebte <em>k<\/em> findet immer mehr Eingang in die Orthographie, meistens in Eigennamen. Wirkt wohl cool, originell.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem gro\u00dfen Lokal vorbei, das einen guten Eindruck macht und eine breite Speiseauswahl hat. Kann man hier mit der Kreditkarte bezahlen? &nbsp;Ja, selbstverst\u00e4ndlich! Und haben sie auch Bier? Ja, im Prinzip ja, sagt der freundliche junge Mann. Aber heute nicht. Heute nicht? Ja, wegen des Umzugs. Heute gilt die <em>Ley seca<\/em>. Alkoholausschank verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon profitiert ein Lokal bei uns im Viertel. Das ist weit genug vom Zentrum entfernt und darf auch heute Alkohol ausschenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, kniet Rita auf dem Boden, vor einem Heiligenbild. Im Hintergrund leise Musik. Sie betet. Sie betet f\u00fcr die Gesundheit ihres Enkels. Der hat keine lebensbedrohende Krankheit, aber eine Krankheit die ihm viel Pein bereitet, einen Art Hautausschlag. Der betrifft ihn an den H\u00e4nden und um den Mund herum und hat den ganzen R\u00fccken in Beschlag genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>15. Dezember (Sonntag) &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rita geht am Morgen in die Kirche, wird aber rechtzeitig wieder da sein, um mich zu verabschieden. Was f\u00fcr eine Kirche? Die katholische. Ja, sie sei Katholikin. Es stimme, hier in Lateinamerika w\u00fcrden die Evangelikalen und andere freikirchliche Konfessionen immer beliebter. Das sei auch in Ordnung. Die katholische Kirche sei f\u00fcr die da, die drin bleiben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ihre Kinder seien zu selbst\u00e4ndigem Denken erzogen worden. Zu Hause habe es immer Gespr\u00e4che gegeben bei der gro\u00dfen Familie, und Kontroversen waren an der Tagesordnung. Die Kinder h\u00e4tten ausdr\u00fccklich auch den Eltern widersprechen d\u00fcrfen. Gl\u00fcckliche Kinder!<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Verabschiedung gibt sie mir ein K\u00e4rtchen und S\u00fc\u00dfigkeiten f\u00fcr unterwegs mit. Bin v\u00f6llig baff.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kommt mit raus, als Carlos vorf\u00e4hrt. Sie machen sich miteinander bekannt. Sie k\u00f6nne immer f\u00fcr G\u00e4ste einen zuverl\u00e4ssigen Taxifahrer gebrauchen, und wenn er mal einen Fahrgast h\u00e4tte, der eine Unterkunft suche, hier sei eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zum Bahnhof, und Carlos erz\u00e4hlt mir, einer seiner S\u00f6hne lebe in Tschechien. Er sei als IT-Fachmann aus Costa Rica angeworben worden und sei inzwischen mit einer Arbeitskollegin, einer Philippinin, verheiratet. Inzwischen arbeite er schon nicht mehr bei der Firma, die ihn angeworben hat, sondern f\u00fcr die franz\u00f6sische Eisenbahn. Es gehe ihm gut, er verdiene gut, aber die Preise seien auch entsprechend hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine anderen Kinder mit Anhang h\u00e4tten seinen Sohn mal dort besucht und seien danach auch nach Frankreich, Italien und in die Schweiz gereist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof geht es ganz geregelt zu, und der Bus Richtung Quepos f\u00e4hrt p\u00fcnktlich ab. Die Strecke ist flach, aber auf allen Seiten von Bergen umgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an die K\u00fcste. Man hat einen wunderbaren Blick aufs Meer, aber nur kurz, dann geht es auf eine Landstra\u00dfe abseits des Wassers.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vegetation ist pl\u00f6tzlich anders. Bananen und Palmen und so dichtes Gew\u00e4chs, dass die Zweige bis an die Scheiben des Busses heranreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Palm\u00f6lplantagen, kilometerweit, auf beiden Seiten der Stra\u00dfe, bis unmittelbar vor dem Ort. Die sind das Resultat einer vertrackten Entwicklung. Der Kaffeeboom stand am Anfang. Um den Kaffee in die weite Welt zu bringen, ben\u00f6tigte man eine Eisenbahnstrecke vom zentralen Hochland an die K\u00fcste. Das Projekt wurde 1871 einem US-amerikanischen Eisenbahntycoon anvertraut. Das Projekt endete beinahe in einem Desaster: Unf\u00e4lle, Malaria, Kostenexplosion, Zahlungsunf\u00e4higkeit des Staates \u2013 es kam einiges zusammen. Das Projekt wurde aber am Ende abgeschlossen, 1890, aber die Betriebskosten konnten nie gedeckt werden. Bananen wurden zun\u00e4chst am Rande der Eisenbahn als billige Nahrung f\u00fcr die Arbeiter angebaut. In seiner Not verschiffte der Investor eine paar Ladungen nach New Orleans, und die Amerikaner wurden wild auf die Bananen. Eine verlockende Geldquelle. W\u00e4lder der Tiefebene wurden in Bananenplantagen verwandelt, die Bananen \u00fcbertrafen den Kaffee als erstes Exportgut Costa Ricas. Dann kam die Panamakrankheit, eine aggressive Pilzkrankheit, die die Bananen an der Wurzel angriff. Ein komplettes Desaster. Daraufhin verlegte man den Bananenanbau von der Karibik hierher, an den Pazifik. Aber auch hier schlug am Ende die Panamakrankheit zu. Dort, wo fr\u00fcher Bananen wuchsen, wachsen jetzt die \u00d6lpalmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Quepos. Dort sehe ich gleich gegen\u00fcber dem Busbahnhof eine kleine Halle mit Geldautomaten. Es ist voll hier drin. Ich versuche mein Gl\u00fcck, bleibe aber irgendwo h\u00e4ngen. Ein junger Mann hinter mir bietet seine Hilfe an, aber ich bin erst ziemlich abweisend. Das sind die Situationen, wo man besonders vorsichtig sein muss. Aber er macht so einen netten Eindruck, dass ich sein Angebot am Ende doch annehme. Er f\u00fchrt mich durch den Prozess, und es stellt sich heraus, dass ich irgendwann nicht noch einmal auf die Schaltfl\u00e4che <em>Colones<\/em> gedr\u00fcckt habe. Das Geld kommt, ich bedanke mich, mit etwas schlechtem Gewissen wegen meines Misstrauens. Mein Koffer, den ich inzwischen aus den Augen verloren habe, steht auch noch am anderen Ende des Raums.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Taxifahrer fragt, wo ich hinwolle. Er kennt das Haus und fordert genau den Betrag, den der Vermieter mir genannt hat. Der Taxifahrer ist sehr nett, sagt, viele seiner Kollegen kennten das Haus nicht, es sei nie ganz klar, was f\u00fcr einen Namen es habe. Das war mir bei der Buchung auch so gegangen. Er f\u00e4hrt extra von der Hauptstra\u00dfe ab, um mir zu zeigen, wo ich am besten zu Fu\u00df herlaufen kann. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein richtig sch\u00f6nes Wohnviertel, aber da ist die Unterkunft leider nicht, sondern au\u00dferhalb, am Rande einer Durchgangsstra\u00dfe. Der erste Eindruck ist fatal, man sieht nur einen heruntergekommenen Wellblechverschlag, aber die Unterkunft ist nebenan.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind kaum vorgefahren, schon erscheint Yoilin, die Gastgeberin, ein wahrer Wonneproppen. Sie f\u00fchrt mich die Treppe runter \u2013 steile Treppe ohne Gel\u00e4nder \u2013 und spricht dabei ununterbrochen. Am Ende der Treppe kenne ich schon ihren halben Lebenslauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist phantastisch, mit eigenem Bad und voll eingerichteter K\u00fcche. Yoilin zeigt mir, wie man den Gasherd bedient. Man braucht keine Streichh\u00f6lzer, die Flamme entsteht wie von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist mit Liebe zum Detail hergerichtet. Die Handt\u00fccher sind zu einer Schlange gefaltet und mit einer Sonnenblume geschm\u00fcckt. In einer Obstschale ein Begr\u00fc\u00dfungsgru\u00df und \u00c4pfel und Bananen als Begr\u00fc\u00dfungsgeschenk. Auf dem Regal ein Bl\u00fcmchen, und im Badezimmer auch. Sogar die Umrandung des Spiegels ist mit einer Blumenkette geschm\u00fcckt. K\u00fcnstliche Blumen allesamt, aber sch\u00f6ne Details. Das Klopapier ist so gefaltet, dass man kaum wagt, es auseinanderzufalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Yoilin fragt nach meinen Pl\u00e4nen und bietet Vermittlung f\u00fcr Ausfl\u00fcge an. Vor allem geht es um Manuel Antonio, den Nationalpark. Sie sagt, ich k\u00f6nne versuchen,&nbsp; selbst eine Eintrittskarte zu l\u00f6sen \u2013 auf jeden Fall vorher online buchen \u2013 aber es k\u00f6nnte sein, dass ich nichts bekommen w\u00fcrde. Die Reiseunternehmen kauften das ganze Kontingent auf, so dass man bei ihnen buchen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt mir einen Stadtplan von Quepos und spricht dabei unabl\u00e4ssig. Ist mir alles ein bisschen viel, aber eins wei\u00df ich jetzt definitiv: Quepos ist klein. Das betont sie immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt mir, wo die K\u00fcstenpromenade ist, der <em>malec\u00f3n<\/em>, und die Marina. Dort m\u00fcsse ich mir unbedingt den Sonnenuntergang ansehen. Der beginne um 17.10.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Schwimmen sieht es mau aus. Im Meer selbst kann man nicht schwimmen \u2013 wegen der Krokodile! Aber es gibt irgendwo eine Lagune, in die sie \u2013 angeblich \u2013 nicht reingehen. Schlie\u00dff\u00e4cher oder Aufbewahrungsorte gibt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gehe ich in den Ort runter. Und verlaufe mich prompt. Der Weg ist ges\u00e4umt von aggressiv bellenden Hunden. Die sind nicht herrenlos, sondern unbeaufsichtigt. Ihre Herrchen rufen sie zur Ordnung, aber ohne Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Fluss ein Schild, das Yoilins Warnung best\u00e4tigt, zweisprachig: Krokodile, bitte nicht schwimmen, bitten nicht f\u00fcttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schild ist auch sprachlich interessant. Dem englischen <em>crocodiles &nbsp;<\/em>entspricht das spanische <em>cocodrilos<\/em>. Da ist das <em>r<\/em> gewandert, hat sich einen neuen Platz gesucht. Metathese. Gibt es schon mal \u00f6fter. Haben wir auch in <em>Brunnen<\/em> und in <em>frisch<\/em> und in <em>Bottrop<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann komme ich dann doch zum Ufer. Sch\u00f6ne Sicht aufs Meer, aber ansonsten nichts Besonderes. Am Wasser ein Schild, das Verhaltensma\u00dfregeln f\u00fcr den Fall eines Tsunamis gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Marina ist das Gegenst\u00fcck dazu, allzu fein herausgeputzt, mit L\u00e4den und Lokalen, die schon teuer aussehen. Im Wasser eine Yacht neben der anderen \u2013 alle strahlend wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nicht so richtig wei\u00df, durch welche L\u00fccke ich zur Marina komme, gibt ein Mann mir nicht einfach Auskunft, sondern geht ein paar Schritte mit mir zur\u00fcck, zeigt mir die Treppe, \u00fcber die ich gehen muss und erkl\u00e4rt mir, welche Gesch\u00e4fte und Restaurants dort zu finden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sto\u00dfe ich auf den Supermarkt <em>Pura Vida<\/em>. Das ist aber nicht der, von dem Yoilin gesprochen hat. Dessen Name ist mir entfallen. In der Zwischenzeit habe ich aber meinen Einkauf in einem Minimarkt unterwegs gemacht, s\u00fcndhaft teuer. Eine normale Konserve kostet 5 $!<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he ein Geb\u00e4ude, nach oben strebend, hochmodern, in Silber und Blau, sieht wie der Sitz eines erfolgreichen Unternehmens aus. Es ist aber eine Kirche! Ganz oben ist der Name zu lesen: <em>Iglesia la Luz del Mundo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause versuche ich, eine Eintrittskarte f\u00fcr den <em>Parque Nacional Manuel Antonio<\/em> zu kaufen. Es wird einem so schwer wie m\u00f6glich gemacht. F\u00fcr den Anfang kommt man erst gar nicht auf die Website des Parks, sondern auf Tourenanbieter, und auf deren Websites wird man immer wieder zur\u00fcckgeleitet. Dann muss man ein kompliziertes Formular ausf\u00fcllen, einschlie\u00dflich Adresse und Telefonnummer in der Heimat, Handynummer, Mailadresse und Reisepassnummer. Das Kontingent f\u00fcr einige Tage ist bereits ausverkauft, an andern Tagen gibt es nur zu bestimmten Uhrzeiten was. Und wenn man dann doch was gefunden hat, werden nat\u00fcrlich noch die Daten der Kreditkarte abgefragt. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, klappt es doch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt wird das Internet immer schlechter, man kommt fast nur noch auf kommerziell betriebene Seiten. Selbst Wikipedia ist runtergerutscht. H\u00e4ufig bekommt man Angebote, nach denen man gar nicht gesucht hat. Man will zu einem Museum und bekommt eine Unterkunft angeboten. Und dann gibt es Suchanfragen, die positiv beantwortet werden, zum Beispiel nach Fl\u00fcgen oder Bussen, aber wenn man dann auf die Seite der Anbieter geht, stellt sich heraus, dass sie gerade f\u00fcr diese Strecke keine Angebote haben. Ich will nach Caracas, und sie schicken mich nach Miami. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>16. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr des Apartments steht <em>No Fumar en el departamento<\/em>. Wieder was f\u00fcr meine Sammlung. Ich erinnere mich noch, wie mich das Wort <em>departamento<\/em> in Mexiko verwirrt hat. Wie um mir zu sagen, dass die Dinge in der Sprache immer etwas komplizierter sind als man meint, treffe ich im Laufe des Tages noch auf dieses Schild: <em>Se alquilan apartamentos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist richtig hei\u00df heute, zu Hause l\u00e4uft die Klimaanlage, drau\u00dfen l\u00e4uft die Sonnencreme das Gesicht runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Ort hat es in sich, nicht wegen der Hunde heute, sondern wegen der Autos. Die Stra\u00dfe ist eine Durchgangsstra\u00dfe und hat keinen B\u00fcrgersteig und nicht einmal einen Seitenstreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal komme ich auf einem etwas direkteren Weg in den Ort. Ich finde den Weg zum Busbahnhof und kaufe eine Karte f\u00fcr die R\u00fcckfahrt nach San Jos\u00e9. Es gibt Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten, ich wei\u00df nicht, was die junge Frau von mir will. Am Ende erweist sich, sie will wissen, ob ich die Fahrt in Quepos antrete. Das habe ich als selbstverst\u00e4ndlich angenommen. Und dann bekomme ich die H\u00f6chststrafe: Statt mir den Preis zu nennen, zeigt sie ihn mir auf dem Taschenrechner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe weiter und werfe einen Blick in den Fluss, um zu sehen, ob ich ein Krokodil entdecken kann. Kein Ergebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann liegt pl\u00f6tzlich direkt vor mir auf dem B\u00fcrgersteig ein Leguan. Reglos. Kein kleines Tier. Aus der anderen Richtung kommt ein Mann, und der geht seelenruhig weiter. Ich wechsele lieber die Stra\u00dfenseite.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bevor man es sieht, riecht man das Meer. Das zeigt sich heute von seiner sch\u00f6nsten Seite. Durch die Zweige der B\u00e4ume, die man f\u00fcr Farne halten k\u00f6nnte, wenn sie keine B\u00e4ume w\u00e4ren, hat man einen phantastischen Blick in die Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten werden gerade Stra\u00dfensperren abgebaut. Hier hat gestern ein Triathlon stattgefunden. Ich befinde mich 20 Meter vor dem Ziel. Wo die wohl geschwommen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild sehe ich einen Mangrovenwald eingezeichnet, gleich an der K\u00fcste. Ich frage ein Ehepaar, wie man dahin komme. Wir reden etwas aneinander vorbei. Dann kl\u00e4rt sich die Sache auf. Ich habe ein Detail \u00fcbersehen: Der Mangrovenwald liegt auf einer Insel! Die beiden weisen nach rechts. Da hinten fahren die Boote ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich gerade dabei bin, frage ich gleich, wo man hier schwimmen kann. Nirgendwo. Hier k\u00f6nne man nicht schwimmen, hier sehe man nie jemanden im Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge ihrem Hinweis und komme zu einem sch\u00f6nen Lokal, der <em>Bah\u00eda Azul<\/em>. Der Kellner erkl\u00e4rt mir, wie ich zu der Anlegestelle komme. Ich muss eine schmale, abseits gelegene Stra\u00dfe runter. Da geht es irgendwann nicht mehr weiter. Eine winzige, spindeld\u00fcrre \u00e4ltere Frau kommt des Weges. Nein, ganz falsch. Ich m\u00fcsse wieder zur\u00fcck, und die ganze Strandpromenade entlang. Sie meint die Marina, versteht aber nach einigem Hin und Her, dass ich die Bootsanlegestelle meine. \u201eLas lanchas\u201c, sagt sie mit Bezug auf die F\u00e4hre. Da k\u00f6nne ich gleich mit ihr kommen. Sie f\u00e4hrt auch auf die andere Seite. Diese F\u00e4hre f\u00e4hrt gar nicht zu dem Mangrovenwald, aber egal, wenn ich schon einmal hier bin, fahre ich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00e4hre ist altert\u00fcmlich, und ehe ich\u2019s mich versehe, sind wir schon am anderen Ufer angekommen. Der Ort hei\u00dft El Cocal. Moment mal, davon hat Yoilin gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist man in einer anderen Welt, alles ganz d\u00f6rflich, einfach, \u00e4rmlich. Entlang einer Schotterpiste stehen kleine H\u00e4user, die gerade gut genug sind, um darin zu wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Gitter vor einem der H\u00e4user h\u00e4ngt ein erstaunlich modernes Plakat, das f\u00fcr etwas wirbt, was ich nicht verstehe. Hat irgendwas mit Costa Rica und Nicaragua zu tun. Aber interessant ist es alle Male: <em>Se paga 85 veses. Tica &amp; Nico. Pago inmediato y vaz jugando tu suerte<\/em>. Lateinamerikanische Orthographie: Wo ein <em>c<\/em> hingeh\u00f6rt, steht ein <em>s<\/em>, wo ein <em>s<\/em> hingeh\u00f6rt, steht ein <em>z<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Schotterpiste ein Palmenhain, durch den man auf den Strand sieht. Der ist wunderbar, reiner Sandstrand, streckt sich hin, soweit das Auge blickt. Klares Wasser. Jetzt schwant mir was: Kann man hier schwimmen? Ist das der Ort, von dem Yoilin gesprochen hat? Aber im Wasser ist keiner, und am Strand auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage eine Frau und einen alten Mann, die gem\u00fctlich auf Klappst\u00fchlen unter den Palmen sitzen. Ja, nat\u00fcrlich, hier k\u00f6nne man schwimmen. Nein, hier gebe es keine Krokodile. Hier k\u00e4men oft Leute zum Schwimmen hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe sowieso keine Ausr\u00fcstung dabei, aber lieber w\u00e4re mir ohnehin, wenn ein paar Badende da w\u00e4ren, damit die Krokodile wenigstens eine Auswahl h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es mit der F\u00e4hre. Der F\u00e4hrmann \u00f6ffnet meine Wasserflasche. Mir fehlt die Kraft dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach sehe ich an einem Haus ein Schild, das ich nicht verstehe: <em>Hay apretados<\/em>. Und sp\u00e4ter, im Ort, ein Schild, auf dem <em>Cabinas Alicia<\/em> steht. Auch unklar. K\u00f6nnte sich um Ferienwohnungen handeln, der H\u00e4ufigkeit des Vorkommens nach zu urteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es zur\u00fcck zur <em>Bah\u00eda Azul<\/em>. Sah zu verlockend aus, eine gro\u00dfe, \u00fcberdachte Terrasse unmittelbar am Meer. Zwei junge Frauen, die ich nach dem Weg frage, wollen mich in ein Taxi setzen und nach Manuel Antonio schicken. Schlie\u00dflich stellt sich heraus, dass der Fehler bei mir liegt. Ich habe nach dem <em>Agua Azul<\/em> statt nach der <em>Bah\u00eda Azul<\/em> gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang zu dem Restaurant noch ein interessantes Schild: prohibido fumar\/vapear. Ein neues Wort, f\u00fcr das Rauchen von E-Zigaretten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der umfangreichen Speisekarte des Lokals stehen hintereinander <em>Arroz con camarones<\/em> und <em>Camarones con arroz<\/em>. Das ist 500 Colones teurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme Reis nach Art des Hauses. Beim Bier stehen auf der Speisekarte keine Preise! Clever. Auf Nachfrage erfahre ich: 1.500 Colones. F\u00fcr eine kleine Flasche Bier, 3 $! Wer lange durch Mittelamerika reisen will, sollte seinen Aufenthalt in Costa Rica kurz halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das T\u00fctchen mit Mayonnaise bekomme ich nicht auf. Als ich den Kellner um Hilfe bitte, bringt er mir eine Schere!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel \u00fcber dem Meer ist voller V\u00f6gel, M\u00f6wen im Vordergrund und ebenso gro\u00dfe schwarze V\u00f6gel, die elegant durch die Luft gleiten, weiter hinten. Auf dem Gel\u00e4nder vor mir landet hin und wieder ein kleinerer schwarzer Vogel, wie eine Amsel, aber d\u00fcnner und gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort suche ich nach einem Lokal, das mir gestern aufgefallen ist. Dort trinke ich einen Kaffee. Alle Kellnerinnen sind blutjung und schlank, alle sind uniformiert und alle sind t\u00e4towiert, und alle tragen eng geschnittene, um mindestens zwei Gr\u00f6\u00dfen zu kleine Hot Pants. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Aufmerksamkeit gilt aber dem Schild an der Wand: <em>Spanish in Costa Rica in 10 seconds: Hi = Pura Vida, I\u2019m fine = Pura Vida, Thank you = Pura Vida, Yes = Pura Vida <\/em>usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck finde ich dann endlich den Supermarkt, von dem Yoilin gesprochen hat: <em>Pal\u00ed<\/em>. Brauche dringend Nachschub mit Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Tagen frage ich mich schon, woher das komische Gef\u00fchl resultiert, das man empfindet, wenn man hier durch das Zimmer geht. Jetzt f\u00e4llt der Groschen: Der Boden ist absch\u00fcssig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen des Hauses sto\u00dfe ich auf Yoilin. Das mit der F\u00e4hre zum Mangrovenwald k\u00f6nne ich vergessen, die gebe es nicht. Dorthin f\u00fchren nur Ausflugsschiffe, f\u00fcr Touristen. Sie will sich nach den Preisen erkundigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, in Cocal k\u00f6nne man schwimmen, aber das war nicht, was sie mir erz\u00e4hlt hat. Sie meinte den <em>Parque Nahomi<\/em>, hinter der Marina.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahin mache ich mich dann auch gleich auf den Weg. In der Innenstadt komme ich an einem SP vorbei. Das ist ein <em>Servipagos<\/em>, einer Stelle, wo man seine Rechnung f\u00fcr Strom und Gas und wohl auch f\u00fcr Telefon bezahlt. Das wird noch \u00fcberall in Mittelamerika pers\u00f6nlich erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend die Immunit\u00e4t der Lateinamerikaner gegen\u00fcber dem Krach. Auch an diesem ganz normalen Vormittag in der Woche dr\u00f6hnt aus jedem zweiten Gesch\u00e4ft laute Musik mit Werbespr\u00fcchen auf die Stra\u00dfe und die Aufforderung, unbedingt reinzukommen. Hier biete sich einem die Chance des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten an der Uferpromenade stehen Polizisten, eine Frau und ein Mann. Oder sind es Soldaten? Sie tragen keine Waffen, nur einen Gummikn\u00fcppel und ein Funkger\u00e4t, aber auf ihren Westen steht <em>Fuerza P\u00fablica<\/em>. Sie stehen unt\u00e4tig in der Gegend rum. Sie erf\u00fcllen ihre Aufgabe vermutlich durch ihre pure Pr\u00e4senz.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter auf der Promenade kommt mir ein h\u00fcpfender Mann entgegen. Der lacht mit seiner Freundin, die ihn begleitet. Im Pflaster ist <em>Himmel und H\u00f6lle<\/em> eingezeichnet, besonders sch\u00f6n, mit hellen Kreidefarben und Symbolen neben der \u201eLeiter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Marina muss ich abbiegen, in die falsche Richtung sozusagen, vom Meer weg. Dann kommt man zum <em>Parque Nahomi<\/em> \u2013 und ist sofort \u00fcberw\u00e4ltigt. Blicke aufs Meer wie aus der Reisebrosch\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Parque Nahomi <\/em>ist nicht auf einer Insel, wie ich dachte, sondern auf einer Halbinsel gelegen. Die geht wie eine Landzunge ins Meer. An der L\u00e4ngsseite ist das offene Meer, an beiden Querseiten eine Bucht. Das Wasser &nbsp;schimmert gr\u00fcn in der Sonne, die Wellen krachen an die Felsen und sp\u00fclen die strahlend wei\u00dfe Gischt an die K\u00fcste. Im Wasser schwarze Felsbrocken, oben Palmen, an den Steilh\u00e4ngen B\u00e4ume mit dichtem Laubwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine st\u00e4dtische G\u00e4rtnerin, die gerade hier das Laub aufsammelt, bietet an, auf mein Handy und mein Portemonnaie aufzupassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, hier k\u00f6nne man ohne weiteres schwimmen, hierher k\u00e4men die Krokodile nicht, versichert sie mir. Genauso ein Elternpaar, das gerade mit den Kindern aus dem Wasser kommt. Hoffentlich wissen die Krokodile auch, dass sie hier nichts zu suchen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Schwimmen ist es allerdings gar nicht mal so einfach. Der Strand ist voller Steine, das Wasser ist am Anfang ganz seicht, die Str\u00f6mung sp\u00fclt einen immer wieder an den Strand zur\u00fcck. Wer hat sich eigentlich den Namen <em>Pazifischer Ozean<\/em> ausgedacht, wenn der selbst hier in der Bucht so gewaltig ist? In der Schule hie\u00df er sogar <em>Stiller Ozean<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt Schwimmen muss man sich damit begn\u00fcgen, auf den Wellen zu reiten. Und muss dabei aufpassen, nicht hinausgetrieben zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer mir ist keiner im Wasser, aber dann kommen ein paar Kajakfahrer in Sicht. Sie m\u00fcssen Profis sein, mit gro\u00dfer Sicherheit steuern sie ihre Kajaks an den Strand. Und gehen \u00fcber die Steine den Strand rauf, als wenn sie \u00fcber einen Teppich liefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann taucht ein Gesicht im Wasser auf. Eine Schwimmerin n\u00e4hert sich aus einiger Entfernung dem Strand, und dann sehe ich weiter drau\u00dfen noch einen Kopf, schon am Ende der Bucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben im Park gibt es Fitnessger\u00e4te. Ich suche mir das leichteste aus und lasse mich in der Sonne trocknen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4rtnerin hat bestens auf meine Sachen aufgepasst, und ich kann den R\u00fcckweg antreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder sto\u00dfe ich auf das Schild <em>Se venden apretados<\/em>. Diesmal mit Bild. Erst denke ich, dass es sich um W\u00fcrste handelt, weil die Verpackungen so aussehen. Aber in einigen dieser \u201eW\u00fcrste\u201c verstecken sich Erdn\u00fcsse, in anderen Erdbeeren!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Innenstadt ein Pizzaservice. Ich nehme eine Pizza mit nach Hause. Und muss nachfragen, als die Frau hinter der Theke den Preis nennt. Habe ich richtig geh\u00f6rt? Ja. 25 $!!!!! Eine bleibende Erinnerung. Diese Quittung muss ich aufbewahren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich die Stra\u00dfe raufqu\u00e4le, l\u00e4sst sich gleich neben mir auf einem Zaun ein Raubvogel nieder. Schwarzes Gefieder, breite Schwingen, ein bl\u00e4ulich-r\u00f6tlicher Kopf. Vermutlich ein Geier. L\u00e4sst sich durch nichts beeindrucken und l\u00e4sst sich ohne weiteres photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Linienbus geht es nach Manuel Antonio. Hier sind fast nur Ausl\u00e4nder an Bord. Am Wegesrand liest man <em>Beach Front<\/em>, <em>Horse Riding<\/em>, <em>Welcome Center<\/em> und <em>Happy Hour<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor der Einfahrt in den Ort kommt das Meer in Sicht und im Ort selbst ein Sandstrand \u2013 wie aus dem Bilderbuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlange stehen muss man auch dann, wenn man schon eine Eintrittskarte gebucht hat, aber an der Kasse geht es dann schnell.<\/p>\n\n\n\n<p>Plastikflaschen darf man nicht mit reinnehmen. Die Affen grapschen danach. Davon profitieren die Stra\u00dfenverk\u00e4ufer. Sie bieten Wasser in Aluminiumflaschen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Pfade durch den Nationalpark. Einige davon enden an einem Strand, alle genauso toll wie der im Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eAusbeute\u201c an Tieren f\u00e4llt mager aus, was auch daran liegt, dass ich blind daf\u00fcr bin. Ein F\u00fchrer zeigt seiner Gruppe eine Echse, ein Basilisk \u2013 \u201eDas Weibchen!\u201c \u2013 auf einem Stein im Wasser sitzend. Alle sehen sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, nur ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu \u00fcbersehen sind die Kapuziner\u00e4ffchen. Die turnen auch auf dem Gel\u00e4nde rum. M\u00fctter tragen ihr Junges auf dem R\u00fccken. Auf ein Photo bekommt man sie aber auch nicht, sie sind einfach st\u00e4ndig in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso ein Tier mit buschigem Schwanz und langem R\u00fcssel, vielleicht ein Waschb\u00e4r, der st\u00e4ndig mit Fressen besch\u00e4ftigt ist und sich von einer Pflanze zur anderen fortbewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sieht man ganz oben auf einem Baum, halb vom Laub verdeckt, ein Faultier. Man erf\u00e4hrt etwas \u00fcber den Unterschied zwischen Zweifingerfaultier und Dreifingerfaultier, eins nachtaktiv, eins tagaktiv. Das Dreifingerfaultier ist st\u00e4ndig auf den B\u00e4umen. Es kommt nur runter, um seine Notdurft zu verrichten, alle acht Tage einmal! Es deponiert den Kot dann gleich unten am Baumstamm, als D\u00fcnger sozusagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut sehen kann man kleine Krebse mit auffallend roten F\u00fchlern. Sie bewegen sich kaum, liegen eher teilnahmslos in der Gegend herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Besser als all das gef\u00e4llt mir die Vegetation. Die Wurzeln der B\u00e4ume bilden Schaukeln, schl\u00e4ngeln sich am Boden entlang, wachsen von oben herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Baum mit auffallend glattem, rotbraunen Stamm, der schnurstracks in die H\u00f6he w\u00e4chst, gef\u00e4llt mir besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>Man passiert auch einen Mangrovenwald. Merkw\u00fcrdigerweise sieht man gerade hier vertrocknete B\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine bestimmte Palmenart \u2013 das kann man hier wunderbar sehen \u2013 deren B\u00e4ume so dicht beieinander wachsen, dass sie eine fast undurchdringliche Mauer bilden. Dennoch versuchen einige Tiere, die Mauer zu durchdringen, um an die s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte der Palme zu kommen. Diese Palmengattung hei\u00dft <em>Bactris<\/em>, wie ich nach l\u00e4ngerer Recherche im Internet herausfinde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung gibt es zu den verschiedenen Formen von dem, was hier <em>gambas<\/em> hei\u00dft. Auch da dauert es was, bis ich das deutsche Pendant finde: Brettwurzel. Eigentlich zur Gen\u00fcge bekannt, vor allem von den Kapokb\u00e4umen. Trotzdem interessant, hier mal eine Erkl\u00e4rung zu bekommen. Die Brettwurzeln, das sind die sternf\u00f6rmig um den Stamm angeordneten \u00fcberirdischen Wurzeln, die wie Rippen aussehen. Sie k\u00f6nnen Mannsh\u00f6he erreichen und noch viel mehr. Sie dienen dem Baum als St\u00fctzpfeiler, sorgen daf\u00fcr, dass es in die H\u00f6he wachsen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das ist n\u00f6tig wegen des sumpfigen Bodens der tropischen Regenw\u00e4lder. Daher sieht man sie bei uns fast nie. Hier wird gambas ganz weit gefasst und bezieht sich auch auf die von oben herunterwachsenden Wurzeln, die wie Anker wirken. Aber auch auf dickere, rundliche Formen, die sich vom Stamm selbst wegbewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6nte Photo des Tages ist am Ende nicht von eine Tier, sondern von einem Blatt \u2013 oder einem Pilz \u2013 der wei\u00df und mit feinen roten und schwarzen Adern durchzogen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der beste Pfad ist einer, der zu einem Wasserfall f\u00fchrt, einem Wasserfall, den es gar nicht gibt, jedenfalls nicht zu dieser Jahreszeit. Auf diesem Pfad ist es ganz still, die hohen B\u00e4ume, das bunte Durcheinander, der dichte Bewuchs, lassen das Gef\u00fchl aufkommen, im Urwald zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Franz\u00f6sin macht mich, ganz leise sprechend, auf ein Tier aufmerksam, das sich im Geb\u00fcsch versteckt. Kein Eichh\u00f6rnchen, aber so was von der Art, nur gr\u00f6\u00dfer. Man h\u00f6rt die Knackger\u00e4usche bis zu uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg soll es Schlangen geben, ich bekomme aber keine zu sehen. Auf Schautafeln geht es um den Unterschied zwischen Giftschlangen und ihrem Pendant, den nicht giftigen Schlangen. Die hei\u00dfen auf Englisch <em>snakes<\/em>, auf Spanisch <em>culebras<\/em>, habe runde Pupillen und gro\u00dfe Schuppen, die anderen hei\u00dfen <em>vipers<\/em> auf Englisch, <em>v\u00edboras<\/em> auf Spanisch, haben senkrechte Pupillen und kleine Schuppen. Gut zu wissen, werde mir das aber kaum merken k\u00f6nnen. Und dann ist da ja noch die Frage, was im Englischen mit <em>serpents<\/em> gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gibt es den Wasserfall doch. Es hat wohl noch genug geregnet in den letzten Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>In die einsame Betrachtung des Wasserfalls platzt ein US-amerikanisches Ehepaar herein, uralt. Sie sagt, sie bewundere die vielen Europ\u00e4er, die so gut Englisch spr\u00e4chen. Sie habe keine Fremdsprache n\u00f6tig, verk\u00fcndet sie stolz. Wo auch immer sie hinfahre, \u00fcberall spreche man Englisch. Eine ganz sch\u00f6n beschr\u00e4nkte Sicht von Sprache, aber auf die Diskussion lasse ich mich nat\u00fcrlich nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gehe ich zum Strand runter und laufe durchs Wasser. Zum Abk\u00fchlen. Das geht tats\u00e4chlich, das Wasser ist erstaunlich k\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir im Bus die ingeni\u00f6se Vorrichtung des Busfahrers f\u00fcr Kleingeld auf. Muss wohl aus Schaumstoff sein, aber aus besonders festem Schaumstoff. In der Mitte befinden sich Spalten, in die die M\u00fcnzen, fein s\u00e4uberlich voneinander getrennt, gesteckt werden. Am Rand befinden sich kleine K\u00e4stchen, da gehen die M\u00fcnzen erst mal alle durcheinander rein, um sp\u00e4ter geordnet zu werden. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>19. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In den Gespr\u00e4chen hier ist jetzt oft von dem beginnenden Sommer die Rede. Der wird wohl mit der Trockenzeit gleichgesetzt. Die Regenperiode ist der Winter. Die W\u00f6rter <em>Fr\u00fchling<\/em> und <em>Herbst<\/em> sind noch nicht gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon Nachmittag, als ich heute den Fu\u00df vor die Haust\u00fcr setze. Ich gehe zur Marina runter. Im Hafen liegen die Yachten dicht an dicht. Ich sehe nur eine einzige, die sich irgendwann in Bewegung setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weit gehen kann man nicht, zur einen Seite beginnt das Revier des Yachtclubs, zur anderen ist der Durchgang verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Promenade ersteht ein mehrst\u00f6ckiges Haus mit Balkonen zum Meer hin. Wahrscheinlich ein Hotel. Dort wird auch jetzt noch gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hinter der Stra\u00dfe ist eine Yacht aufgebockt. Zur Reparatur oder Wartung vermutlich. Dahinter stehen in einem offenen Lager, fein s\u00e4uberlich auf die Stockwerke verteilt, weitere Yachten, die darauf warten, dass sie an die Reihe kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich esse ein Eis. Das schmeckt hervorragend. Italienische Qualit\u00e4t. Aber es hat auch seinen Preis. 2.800 f\u00fcr zwei Kugeln, 5,60 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sonnenuntergang ist hier ein richtiger Event. Die oberen Terrassen der Lokale zu beiden Seiten f\u00fcllen sich, und unsere Treppe wird auch immer voller.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ehepaar spricht mich an. Ob ich Englisch spreche. Ob ich ein anderes Wort f\u00fcr <em>monkey<\/em> kenne. Da kann ihnen geholfen werden. &nbsp;\u201eApeman\u201c von den Kinks, von Anno Dazumal, dient als Ged\u00e4chtnisst\u00fctze. \u201eI don\u2019t feel safe in this world no more \/ I don\u2019t want to die in a nuclear war \/ I want to sail away to a distant shore \/ and live like an apeman.\u201d Ich singe aber nur leise in mich hinein. Die beiden wollen auch noch den Unterschied zwischen <em>monkey<\/em> und <em>ape<\/em> wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben eine Zeitlang in den USA gelebt, in New Jersey. Sie w\u00fcrden auch gerne mal wieder in die USA reisen, aber das mit dem Visum sei so kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter ihnen sitzen zwei M\u00e4dchen, Teenager. Ihre T\u00f6chter. Zwei S\u00f6hne haben sie auch. Die seien aber schon aus dem Haus. Gott sei Dank. Eins der M\u00e4dchen ist in Spanien gewesen. Malaga, Madrid und \u2026 das mit den Stierk\u00e4mpfen. Sevilla? Ja, Sevilla. Hat ihr sehr gefallen, sagt sie, und sieht mich dabei mit einem offenen L\u00e4cheln an, wie man es von einem Teenager in Deutschland nie und nimmer bekommen w\u00fcrde. Die Reise war ein Geschenk zum 15. Geburtstag. <em>Los quince<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern reisen auch gerne, aber immer mit Pauschalreisen. Der Mann sagt, er k\u00f6nne sich das gar nicht vorstellen, dann komme man in eine fremde Stadt, und dann?<\/p>\n\n\n\n<p>Costa Rica sei ein besonderes Land, wegen seiner Natursch\u00f6nheit. Aber das w\u00fcrden die Leute von hier gar nicht richtig sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit den Preisen sehen sie auch so, die seien wirklich hoch. Aber es gebe viele regionale Unterschiede. Da, wo sie wohnten, zwei Stunden von hier, sei es nicht so teuer. Aber Quepos sei eben ein touristischer Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie von Yoilin prophezeit, beginnt der Himmel um 17.10 sich zu verf\u00e4rben. Hinten erscheint ein erster roter Streifen. Aber der Sonnenuntergang ist eine halbe Sache. Wir sehen nicht nach Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor uns tritt eine Tanzgruppe auf. Sehr sch\u00f6ne Kost\u00fcme, schwarz, mit Silberstreifen, und roten B\u00e4ndern und Sch\u00e4rpen. M\u00e4nner und Jungen mit H\u00fcten, Frauen mit langen Kleidern. Sie sehen allesamt wie Sevillanos aus. Aber der Tanz passt nicht ganz zu den Kost\u00fcmen, und die Musik, schlagerartig, passt weder zum Tanz noch zur Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Lichter spielen auch hier in den Tropen eine gro\u00dfe Rolle, obwohl die Dunkelheit die Weihnachtszeit nicht so bestimmt wie bei uns. Hier unten hat man einen riesigen Weihnachtsbaum mit Lichtern aufgestellt und ein paar andere ziemlich kitschige Figuren daneben. Das entspricht den \u00e4sthetischen Vorstellungen der Latinos. Den gr\u00f6\u00dften Applaus bekommen folgerichtig zwei T\u00e4nzerrinnen, die mit beleuchteten Fl\u00fcgeln auftreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das etwas mulmige Gef\u00fchl, das ich hatte bei dem Gedanken, in der Dunkelheit am <em>malec\u00f3n<\/em> entlang zu gehen, verfl\u00fcchtigt sich in dem Moment, wo ich da bin. Es geht noch sehr famili\u00e4r zu. Kinder auf Rollern sind unterwegs, Familien, Touristen, Liebespaare.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>guacamayos<\/em> machen einen uns\u00e4glichen Krach&nbsp; in den B\u00e4umen, aber sehen tut man sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Supermarkt erkl\u00e4rt mir die Frau an der Kasse, dass ich auf die Flaschen Pfand zahlen m\u00fcsse. Ob ich damit einverstanden sei. Offensichtlich ist das noch neu hier. Sie bittet mich, dass einem Amerikaner an der anderen Kasse zu erkl\u00e4ren. Der ist ebenfalls erstaunt. Hat wohl kaum was anderes erwartet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>20. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen schiebe ich meinen Koffer den Berg runter Richtung Busbahnhof. Jetzt kann man die zankenden <em>guacamayos<\/em> mit ihren langen roten Schw\u00e4nzen und dem bunten Gefieder in den kolumbianischen Nationalfarben, nicht nur h\u00f6ren, sondern auch sehen. \u00dcber Tag verschwinden sie dann komplett.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin rechtzeitig, um am Busbahnhof noch ein Fr\u00fchst\u00fcck zu bekommen. Sehr freundliche Bedienung. Als sie das Fr\u00fchst\u00fcck serviert, fragt sie, ob ich Chili dazu haben wolle. Ist hier Standardfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus soll um 7.30 abfahren, aber um diese Zeit ist noch nichts von ihm zu sehen. Ich hatte erwartet, dass er hier eingesetzt wird. Er kommt aber aus Manuel Antonio, mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, als wir abfahrbereit sind, gibt es Gerangel um die Sitzpl\u00e4tze. Zwei Frauen haben dieselbe Platznummer. Der Busfahrer, schon abfahrbereit, muss einschreiten. Es stellt sich heraus, dass die Fahrkarte von einer der Frauen f\u00fcr den 8.15 ist. Sie muss raus, dieser Bus sei voll, sagt der Fahrer. Jetzt muss er erst einmal den Koffer der Frau aus dem Kofferraum holen. Die Frau neben mir stellt fest, dass sie auch im falschen Bus sitzt. Sie r\u00fchrt sich aber nicht. An der n\u00e4chsten Haltestelle kommt prompt ein Mann, der den Platz f\u00fcr sich fordert. Komischerweise findet die Frau einen neuen Platz. F\u00fcr mich ist das ein schlechter Tausch. Der Mann neben mir ist schwergewichtig und nimmt anderthalb Pl\u00e4tze ein. Und er f\u00fchrt unentwegt, aber wirklich unentwegt Telefongespr\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht langsam voran, wir haben Lastwagen vor uns, die wir nicht \u00fcberholen k\u00f6nnen, und bleiben an Baustellen stehen. Immer wieder versuche ich, eine Entfernungsangabe nach San Jos\u00e9 zu finden und zu kalkulieren, ob ich dort den Anschluss noch bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind es irgendwann noch 20 Kilometer nach San Jos\u00e9, dann 12. Als wir nach San Jos\u00e9 reinkommen, geht es z\u00fcgig weiter, aber dann bleiben wir im Stau stehen. Dann geht es in st\u00e4ndigem Wechsel weiter, mal schnell, mal langsam, und genauso \u00e4ndert sich meine Stimmung, zwischen Bangen und Hoffen. Zu allem \u00dcbel gibt es auch noch ein paar Haltestellen in San Jos\u00e9, bevor wir zum Busbahnhof kommen. Jedes Mal, wenn wir abbiegen, bilde ich mir ein, die Stelle wiederzuerkennen. Da muss doch der Busbahnhof sein. Ist er aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, ist es 11.45. Um 12.00 f\u00e4hrt der Bus nach Cahuita, aber nicht von diesem Busbahnhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich warte, bis mein Koffer frei ist und laufe zum Taxistand.&nbsp; Wir kommen gut durch. Um 12.02 sind wir an dem Busbahnhof. In dem Moment f\u00e4hrt ein Bus aus der Halle raus, aber man kann nicht sehen, wohin er f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige aus und werde von einem Taxifahrer angesprochen. Ich sage, ich w\u00fcsste nicht, ob ich am richtigen Busbahnhof sei und erz\u00e4hle alles Geschehene. Er unterbricht mich und sagt, verdammt noch mal, sag, wo du hin willst. Cahuita. Das ist der Bus, der gerade rausgefahren ist. Er dirigiert mich zu seinem Taxi und sagt, den holen wir ein. Wir setzen uns ins Taxi und er holt sein Handy raus. Er spricht mit dem Busfahrer. Der sagt, der Bus sei voll, aber mein Taxifahrer sagt, ich h\u00e4tte eine Fahrkarte. Ja, stimmt, ein reservierter Platz sei nicht eingenommen worden. Der Taxifahrer dr\u00fcckt auf die Tube. Schnell sagt er mir noch, er m\u00fcsse 5.000 nehmen, denn wir w\u00fcrden den Bus nicht mehr innerhalb der Stadt einholen. Dann m\u00fcsse er auf der Landstra\u00dfe, <em>la pista<\/em>, weit rausfahren, um wieder in die Stadt zu kommen. Nat\u00fcrlich bin ich einverstanden, ich habe in Gedanken schon das Geld f\u00fcr eine weitere \u00dcbernachtung ausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \u00fcberholen den Bus und kommen auf die <em>pista<\/em>. Dort bleiben wir an einer Haltestelle stehen. Der Taxifahrer winkt dem sich nahenden Busfahrer zu. Der ist schon auf der \u00dcberholspur, zieht aber r\u00fcber und nimmt mich auf. Koffer in den Kofferraum, und los geht\u2019s!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau muss den Platz r\u00e4umen, den ich reserviert habe, aber sie muss wohl hinten im Bus noch einen Platz finden, das kann ich aber nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben mir eine junge deutsche Frau. Sie ignoriert mich, erwidert nicht einmal meine Begr\u00fc\u00dfung. Was f\u00fcr ein Unterschied zu den Leuten hier. Angesichts der langen bevorstehenden Fahrt nehme ich ein Buch von Nadine Gordimer raus. Und lese auf einer der ersten Seiten: \u201eLike all the girls that age, she never looked at you.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus San Jos\u00e9 raus sind, \u00e4ndert sich die Landschaft: hohe Berge in Nebelschwaden, bis zum Gipfel mit B\u00e4umen bewachsen, Nieselregen. Es geht durch einen Tunnel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Hochebene. Als es dann auf die K\u00fcste zugeht, \u00e4ndert sich wieder alles. Flache Strecke, Bananenplantagen. Die Bananenstauden sind hier kurz gehalten und kontrastieren mit den hohen, wild wachsenden auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Puerto Lim\u00f3n. Dort liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ortsausgang ein Friedhof, riesengro\u00df, auf beiden Seiten. Alle Gr\u00e4ber sind wei\u00df und ohne jeden Blumenschmuck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren verschiedene Fl\u00fcsse, darunter den <em>R\u00edo Banano<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Meer in Sicht, dann verschwindet es wieder, dann kommt es in Sicht, dann verschwindet es wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand jetzt Kokosb\u00e4ume, mit den Fr\u00fcchten ganz oben am Stamm, wie an den Stamm geklebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in einen kleinen, etwas verlassen aussehenden Busbahnhof. Irgendwo steht Cahuita. Zu meiner \u00dcberraschung bleiben die meisten sitzen. Ich steige mit einer Handvoll anderer Fahrg\u00e4ste aus. Die nehmen ihren Koffer, aber ich finde meinen nicht. Ich frage den Busfahrer. Nein, dies hier sei noch nicht der Busbahnhof. Die Fahrt gehe noch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich wieder, aber dann schwant mir B\u00f6ses. Wir sind auf der Landstra\u00dfe. Und haben Cahuita hinter uns gelassen. Ich gehe nach vorne. Der Busfahrer sagt mir, ich solle hier aussteigen und auf der anderen Seite an der Bushaltestelle warten. Ich will mich beklagen, dass er mich nicht rausgelassen hat, aber er weist auf das Gep\u00e4ckfach. Da steht <em>Puerto Viejo<\/em> drauf. In der Eile hat vorher an der Landstra\u00dfe der Busfahrer den Koffer ins erste beste Fach gepackt, und diesem Busfahrer, seinem Kollegen, nicht Bescheid gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mich an die Haltestelle und gucke wie gebannt auf die ankommenden Autos, immer in der Hoffnung, dass entweder der Bus oder ein Taxi erscheint. Die Hunde in dem Haus hinter mir bellen sich die Seele aus dem Leib. Der Mann vor dem Haus l\u00e4sst sich einfach nicht vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir bleibt nichts anderes zu tun als zu warten. Und zu warten. Das Stehen wird mir selbst nach dem langen Sitzen m\u00fchsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der anderen Stra\u00dfenseite kommt jemand her\u00fcber, ein Mann, Indio, Mulatte. Er wartet auch auf den Bus. Wann der denn komme. \u201eAhorita\u201c, sagt er. Das l\u00e4sst Schlimmes bef\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Er hei\u00dft Esmeraldo. Ist ein ganz lieber, einfacher Mann. Er arbeitet hier, wohnt aber in Cahuita. Sein Chef ist US-Amerikaner. Ob der denn Spanisch spreche? Nein. Und er, Esmeraldo, Englisch? Nein. Wie verst\u00e4ndigen sie sich? \u201eMitad, mitad\u201c, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie weit es denn aus Deutschland sei, will er wissen. Wie viele Stunden im Flugzeug? Und wie das so sei, oben im Flugzeug. Und wie das Flugzeug lande: So oder so? Das fragt er immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob man von Deutschland aus auch in die Schweiz reisen k\u00f6nne, will er wissen. Ja, aber ist teuer. Und Russland? Er ist fast entt\u00e4uscht, dass es so weit weg ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Krieg in der Ukraine h\u00f6re man ja nicht mehr so viel, meint er. Den Eindruck teile ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in Israel? Das Land, das die Israelis bombardierten, das sei doch ihr eigenes Land. Das sei doch alles dasselbe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er erinnert mich an eine Passage bei Nadine Gordimer, die ich vorher im Bus gelesen habe: \u201eHow I would have hated to be him, working all his life in the fields wearing sacks. When you think like this about someone he seems something you could never possibly be, as if it\u2019s his fault, and not just the chance of where he happened to be born. At the same time I had a crazy feeling I wanted to tell him something wonderful, something he\u2019d never dreamed would happen, something he\u2019d fall on his knees and thank me for.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es dunkel geworden. Genau das, was ich vermeiden wollte wegen der Suche der Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus. Ich hieve meinen Koffer die Stufen hoch. Esmeraldo ist vor mir eingestiegen. Ein Mann in der ersten Reihe sagt mir, ich solle mich neben ihn setzen. Und nimmt ungefragt meinen Koffer auf seinen Scho\u00df, als der Busfahrer sagt, ich k\u00f6nne ihn nicht im Gang stehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Schwierigkeiten, den Mann neben mir zu verstehen. Aber ich bin nicht der einzige. Eine Frau in der anderen Sitzreihe, die er st\u00e4ndig mit Fragen \u00fcber Cahuita traktiert, versteht ihn offensichtlich auch nicht. Er ist vermutlich betrunken. Er kommt aus Nicaragua und kennt sich hier wohl auch nicht so gut aus. Immer wieder sagt er, wie viel man f\u00fcr so einen Koffer in Nicaragua zahlen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen nach Cahuita, zum Busbahnhof. Der ist jetzt noch verlassener als vorher. Ein Taxi ist nirgendwo in Sicht. Und jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich eine Stimme hinter mir. Ein Mann bietet mir an, mich zu chauffieren. Er sieht nicht wie ein Taxifahrer aus, und sein Auto auch nicht nach Taxi. Aber er kennt die Stra\u00dfe, La Uni\u00f3n. Und sagt mir sofort, wie man dahin komme. <em>Bohemian Monkey<\/em>, den Namen des Hauses, kennt er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stellt sich als unheimlich netter Mann heraus. Brabbelt ohne Unterlass. Er hei\u00dft Chiky. Seine Tochter habe ein Stipendium in Europa gehabt und dort 50 L\u00e4nder besichtigt. Er selbst sei nicht einmal in Nicaragua oder Panama gewesen. Arbeite nur von morgens bis abends. Ich k\u00f6nne ihn zu jeder, wirklich jeder Tages- und Nachtzeit anrufen. In zehn Minuten sei er da.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Tochter wohnt noch bei ihm. Aber wenn die auch aus dem Haus sei, dann w\u00fcrden er und seine Frau auch anfangen, zu reisen. 2 Kinder habe er also? Ach was, 7. Die anderen sind alle schon versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind wir von der Landstra\u00dfe abgebogen und auf eine unbeleuchtete Schotterpiste gekommen. Wir biegen noch mal ab, und dann sieht man im Scheinwerferlicht an der wei\u00dfen Mauer <em>Bohemian Monkey<\/em>. Chiky nimmt sich meines Koffers an und sagt mir, ich solle aufpassen, nicht in die Pf\u00fctzen treten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen vor einem gro\u00dfen Tor. Die Schl\u00fcsselbox, von der die Rede war, ist nicht zu sehen. Ich gehe mal in die eine, mal in die andere Richtung. Kein Erfolg. Chiky l\u00e4sst sich die Telefonnummer geben und ruft den Vermieter an. Anrufbeantworter. Dann eilt er um die Ecke. Da hinten sind lauter Leute, sagt er, tr\u00e4gt meinen Koffer dahin und verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage die Leute, alle ausl\u00e4ndische Touristen, nach <em>Bohemian Monkey<\/em>. Nein, das sei nicht hier, das sei um die Ecke. Da, wo ich vorher war. Was nun? Ich stehe mit dem Koffer und dem Rucksack im Dunkel ratlos hier in der Gegend herum. Zur\u00fccklaufen in die Stadt? Eine Unterkunft suchen? Aber es sah dort gar nicht so aus, als gebe es welche.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mir in den Sinn, mal an dem Tor zu ziehen. Es ist offen! Ich gehe in den Hof. Irgendwo brennt ein Licht. Durch das Fenster sehe ich zwei Chinesen beim Kochen. Der Mann kommt raus und begleitet mich um die Ecke. Da sei das zweite Apartment.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment h\u00f6rt man die Stimme von Daniel, dem Vermieter, von oben. Er komme runter. Er erscheint, mit blo\u00dfen Oberk\u00f6rper, \u00fcber und \u00fcber&nbsp; t\u00e4towiert. Er betreibt sein eigenes T\u00e4towierungsstudio hier auf dem Grundst\u00fcck, wie ich am n\u00e4chsten Tag sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist Ami und spricht wie selbstverst\u00e4ndlich Englisch mit mir. Und best\u00e4tigt den schlechten Eindruck, den er bei der ganzen vorherigen Kommunikation gemacht hat: Kein Wort zur Begr\u00fc\u00dfung, keine Frage, wie ich angekommen bin, keine Erkl\u00e4rungen zu dem Apartment. Was f\u00fcr ein Unterschied zu San Jos\u00e9, was f\u00fcr ein Unterschied zu Quepos, was f\u00fcr ein Unterschied zu Rita, was f\u00fcr ein Unterschied zu Yoilin!<\/p>\n\n\n\n<p>21. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Tisch im Wohnzimmer ein dicker Ordner. Den \u00f6ffne ich. Ergebnis: lauter kommerzielle Angebote, kein Wort \u00fcber das Apartment.<\/p>\n\n\n\n<p>Da muss ich wohl durch durch den Regen. Ich habe weder Geld noch was Essbares&nbsp; im Haus. Nass wird man auf jeden Fall bei diesem Regen, da nutzen auch die vereinten Kr\u00e4fte von Regenjacke und Regenschirm nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geht es auf dem ersten Teilst\u00fcck, der Schotterpiste, noch ganz gut. Die nimmt das Wasser einigerma\u00dfen auf, und die Pf\u00fctzen kann man umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts h\u00fcbsche kleine H\u00e4user, in die man praktisch reingucken kann. Sie sind vermutlich alle an Touristen vermietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Links das Gegenprogramm. Da verbirgt man sich hinter geschlossenen Mauern und geschlossenen Toren.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stra\u00dfe angekommen, sehe ich rechts ein Lokal, besser gesagt zwei, ein kleines, ein Caf\u00e9, und ein gro\u00dfes, ein Restaurant. Ich steuere das Caf\u00e9 an und bestelle ein Fr\u00fchst\u00fcck. Ich bin der einzige Gast.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man mit der Kreditkarte bezahlen? Ja, aber dann kommen 13% Mehrwertsteuer drauf, erkl\u00e4rt die junge Frau. Bei Barbezahlung entf\u00e4llt die.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das mit dem Regen um diese Jahreszeit normal sei, will ich wissen. Nach kurzem Z\u00f6gern sagt sie ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gibt die Bestellung auf. Ihre Mutter macht die K\u00fcche, sie die Bedienung.<\/p>\n\n\n\n<p>An beiden Geb\u00e4uden gibt es breite Regenrinnen. Die tun ihren Zweck. Auf das Dach prasselt der Regen herab. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, wie man ins Zentrum komme. Mit dem Bus am besten, sagt sie, und deutet auf eine Haltestelle. Verkehrt der h\u00e4ufig? Ja, sagt sie, jede Stunde. Aber dann kann ich ja gleich zu Fu\u00df gehen. Stimmt auch wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich denn untergebracht sei, fragt sie. In <em>La Uni\u00f3n<\/em>. Oh, da wohnt sie auch. Aber den <em>Bohemian Monkey<\/em> kennt sie nicht. Hat sie auch nichts verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen wei\u00df ich auch, dass sie Wendy hei\u00dft. Sie sagt, sie k\u00f6nne mich in die Stadt fahren. Ihre Mutter \u00fcberlasse ihr ihr Auto. Aber, hat sie denn was in der Stadt zu erledigen? Nee, nur so, sagt sie, weil es doch so regne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme ihr Angebot an. Unterwegs erkl\u00e4rt sie mir, wie ich zur\u00fcckkommen kann. Bei den Taxis sei Vorsicht geboten. Warum? Die w\u00fcrden den Ausl\u00e4ndern immer zu viel Geld abnehmen. Ich h\u00e4tte 3.000 bezahlt, sage ich. Das sei zu viel, 1.500 sei der g\u00e4ngige Preis. Aber dann erf\u00e4hrt sie, dass das am Abend war. Dann sei der Preis in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nne auch am Strand entlang in die Stadt kommen, sagt sie, aber vorl\u00e4ufig bin ich froh, dass ich erst einmal den Weg \u00fcber die Landstra\u00dfe finde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt mir, wo der Supermarkt ist und setzt mich vor der Bank ab. Und wiederholt noch mal, wie schon vorher im Caf\u00e9, wo es \u00fcberall Apotheken gebe. Sehe ich so mitgenommen aus?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe vor der Bank hat sich inzwischen in einen Bach verwandelt. Man muss da durchwaten. Die Schuhe werden dabei nat\u00fcrlich klatschnass. An der Seite sehe ich eine \u00e4ltere Frau, eine Einheimische. Die hat Badelatschen an. Gute L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Geldautomaten best\u00e4tigt sich, dass mit meiner zweiten Kreditkarte etwas nicht stimmt. Ich konnte im Caf\u00e9 damit nicht bezahlen und bekomme jetzt auch kein Geld. Als es auch mit der ersten Kreditkarte auf Anhieb nicht klappt \u2013 irgendwas mit dem Magnetband \u2013 sehe ich das vorzeitige Ende der Reise vor mir. Aber im zweiten Anlauf klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, eine Fahrkarte f\u00fcr die R\u00fcckfahrt nach San Jos\u00e9 zu kaufen, aber der Mann am Schalter hat kein Wechselgeld, und die Aktion muss abgeblasen werden. Er ist ganz verstimmt dar\u00fcber, dass ich es nicht klein habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kommunikation an den Fahrkartenschaltern ist immer besonders schwer. Die Scheibe ist voll geklebt mit Preislisten und Hinweisen, und man sieht den Mann hinter der Scheibe nicht. Das Sprechloch ist ganz unten, und man muss sich runterbeugen, um sich verst\u00e4ndlich zu machen. Das macht der Mann aber nicht. Er steht und spricht gegen die Scheibe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Supermarkt ist gut sortiert und adressiert eindeutig auch ausl\u00e4ndische Kundschaft. Hier gibt es Schweizer K\u00e4se zu kaufen und italienischen K\u00e4se, zu indiskutablen Preisen, und eine ganze lange Regalwand entlang gibt es nur Chips. Das billigste Shampoo kostet 10 $, aus den USA importiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich decke mich mit dem N\u00f6tigsten f\u00fcr zu Hause ein, vor allem Wasser. Statt \u00c4pfeln und Birnen gibt es Guave, Mango und Banane.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird mir auch endlich klar, was es mit der <em>Soda<\/em> auf sich hat, der man hier immer wieder begegnet, in den unterschiedlichsten und meist unpassenden Zusammenh\u00e4ngen. Es ist ein Markenname! <em>Soda<\/em> ist u.a. ein Hersteller von Keksen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Taxi ist nirgendwo zu entdecken, also schleppe ich mich und meine T\u00fcten nach Hause. Der Weg ist gl\u00fccklicherweise zu bew\u00e4ltigen, aber ich bin nass bis auf die Haut, und der Rucksack ist auch nass. Am schlimmsten sind die Schuhe. Die werden bis zur Abreise nicht mehr trocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlechte Aussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage: Regen, Regen, Regen. Die <em>Playa Negra<\/em> die <em>Playa Blanca<\/em>, der <em>Parque Nacional Cahuita<\/em>, der Fahrradverleih \u2013 alles f\u00fcr die Katz. Dabei hab ich bei der Buchung darauf geachtet, dass alles ganz nah ist. Habe mich aber nie um das Wetter gek\u00fcmmert. Bin um eine Illusion \u00e4rmer und um eine Erfahrung reicher.<\/p>\n\n\n\n<p>22. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liste der Pr\u00e4sidenten Costa Ricas ist erstaunlich gleichf\u00f6rmig. Schon seit den 50er Jahren erreichen alle Pr\u00e4sidenten das Ende ihrer Amtszeit, aber keiner wird wiedergew\u00e4hlt. Immer kommt ein neuer Pr\u00e4sident ins Amt. Es gibt zwei Ausnahmen, Ausnahmen von Politikern, die zweimal Pr\u00e4sident waren, aber mit gro\u00dfen Zeitabst\u00e4nden zwischen ihren Amtszeiten, in einem Fall 20 Jahre. Diese beiden sind auch wirklich besondere F\u00e4lle. Der eine ist Figueres, das ist der, der Costa Rica zu einem modernen Wohlfahrtsstaat gemacht hat. Dessen Statue habe ich in San Jos\u00e9 vor dem <em>Museo Nacional<\/em> gesehen. Der andere ist Oscar Arias Sanchez. Der hat in den 70er Jahren einen Friedensplan f\u00fcr ganz Mittelamerika ausgearbeitet.&nbsp; Der beinhaltete Meinungsfreiheit, freie Wahlen, nationale Gespr\u00e4che zur Friedenssicherung, die Einstellung der Unterst\u00fctzung der Guerilla-Bewegungen in den Nachbarl\u00e4ndern. Auch seine Opposition gegen die Unterst\u00fctzung der USA f\u00fcr die Contras spielte eine Rolle. 1987 erhielt er den Friedensnobelpreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Pr\u00e4sidenten entstammen nicht der klassischen Politiker-Kaste. Unter ihnen befinden sich Schriftsteller, Musiker, K\u00fcnstler. Die beiden letzten Pr\u00e4sidenten haben ein Doktorat im Ausland aufzuweisen, in Sussex bzw. Harvard. Was nat\u00fcrlich auch bedeutet, dass sie der Elite des Landes entstammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Jahrzehnte nach dem B\u00fcrgerkrieg gelten als das Goldene Zeitalter Costa Ricas. Die Bev\u00f6lkerung duplizierte sich, die Bananenproduktion multiplizierte sich, die Kaffeepreise stiegen, es wurden neue Wirtschaftszweige eingef\u00fchrt wie die Fleischproduktion. Aber nicht alles war golden am Goldenen Zeitalter. Die Industrialisierung verursachte \u00f6kologische Sch\u00e4den, gro\u00dfe Waldgebiete wurden abgeholzt, es setzte eine Landflucht ein, und die Bauern, die vorher ein karges, aber gen\u00fcgendes Auskommen hatten, landeten im Prekariat.&nbsp; Als dann die Kaffeepreise dramatisch fielen, kam es zu dem ungew\u00f6hnlichen B\u00fcndnis von Unternehmertum und Umweltsch\u00fctzern. Man \u201eerfand\u201c den \u00f6kologischen Tourismus. Und pr\u00e4sentierte sich der Welt als leuchtendes Vorbild im Umgang mit der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise habe ich bisher \u2013 muss an meiner Reiseroute liegen \u2013 weder Tabak- noch Kaffeeplantagen gesehen. Der Tabak wurde eingef\u00fchrt, nachdem die Kakaoproduktion, die die eigentliche St\u00e4rke des Landes war, im Laufe des 18. Jahrhunderts zum Erliegen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spanier hielten wenig von Costa Rica. Es erschien ihnen als das \u00e4rmste Land Mittelamerikas. Viele Siedler, die hier ankamen, zogen entt\u00e4uscht weiter. Das beeinflusste auch die weitere Entwicklung. Statt gro\u00dfer Latifundien wie in den Nachbarl\u00e4ndern wurde hier die Landwirtschaft auf kleinen H\u00f6fen betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Machtpolitisch war Costa Rica unbedeutend. Das wiederum verminderte die Rolle des Milit\u00e4rs. Die Abschaffung der Armee war zwar ein Meilenstein, aber einer, der nicht so schwer zu erreichen war. Au\u00dferdem st\u00f6rte das Milit\u00e4r bei dem inzwischen lukrativ gewordenen Schmuggelhandel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>23. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen h\u00f6rt es pl\u00f6tzlich auf, zu regnen. Sofort mache ich mich auf die Socken. Zuerst geht es zu Wendy. Aber die hat die St\u00fchle hochgeklappt. Weihnachtsferien? Ich traue mich auf den Hinterhof und gucke in die K\u00fcche des Restaurants. Da sieht man im Halbdunkel einen Mann und eine Frau. Beide antworten freundlich auf meine Fragen: Ja, das Caf\u00e9 habe heute geschlossen. Wegen Weihnachten? Nein, weil heute Montag ist. Und sie, im Lokal? Heute ge\u00f6ffnet. Und morgen? Caf\u00e9 ge\u00f6ffnet, Restaurant geschlossen. Und am 1. Weihnachtstag? Beide. Beide was? Beide ge\u00f6ffnet!<\/p>\n\n\n\n<p>Verhungern werde ich also nicht. Bis hierher kommt man auch bei dem dicksten Regen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die umgekehrte Richtung, zum Meer runter. Dahin ist es auch nicht weit. Kein Mensch ist unterwegs. Noch hat keiner gemerkt, dass es aufgeh\u00f6rt hat, zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Meer h\u00f6rt man, bevor man es sieht. Die Wellen donnern heran. Das Meer hier ist deutlich lauter als es in Quepos war. Warum, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Playa Negra<\/em> hat ihren Namen verdient, wenn sie auch streng genommen vielleicht eher dunkelbraun ist. Der ganze Strand liegt voller Ger\u00f6ll. L\u00e4dt nicht gerade zum Schwimmen ein. Aber ob man sich bei der st\u00fcrmischen See \u00fcberhaupt ins Wasser trauen w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es parallel zum Meer entlang, aber jetzt stellen sich kleine Ferienh\u00e4uschen zwischen den Weg und das Meer, und dann ein Wald zwischen den Weg und das Meer. Hier kann man durch die Bl\u00e4tter aufs Wasser sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen zu beiden Seiten Lokale und Tourenanbieter. Hier ist alles auf den Tourismus ausgerichtet. Aber es h\u00e4lt sich in Grenzen. Keine gro\u00dfen Hotelbauten, keine Reisebusse, keine Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe f\u00fchrt direkt zum <em>Parque Nacional Cahuita<\/em>. Auch der ist nur wenige Gehminuten entfernt. Ich gucke auf den Himmel und gehe dann kurzentschlossen rein. Wo ich schon einmal da bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur bis zum Fluss, sagt der Mann am Eingang mit warnender Stimme. Der Wanderweg, von dem im Reisef\u00fchrer und im Internet die Rede ist, ist gesperrt. Auf der linken Seite, zum Meer hin, mehrere umgest\u00fcrzte Baumriesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere sind keine zu sehen, aber der Park gef\u00e4llt mir gut, besser als der in Manuel Antonio. Der Park ist kleiner, der Weg ist ein Sandweg, mit vielen Wurzeln, zu&nbsp; den Seiten hin nicht begradigt, und man sp\u00fcrt das Meer hier viel intensiver als in Manuel Antonio.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Weg aus blickt man immer wieder auf die <em>Playa Blanca<\/em>. Auch die verdient ihren Namen, obwohl sie streng genommen eher sandfarben ist. Hier liegt nicht so viel Ger\u00f6ll am Strand, und die Wellen kommen nicht ganz so st\u00fcrmisch an. Trotzdem wird auch an einer Stelle ausdr\u00fccklich darauf hingewiesen, dass das Schwimmen hier gef\u00e4hrlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wundersch\u00f6n wieder die B\u00e4ume, so dicht beieinander, so dicht am Wegesrand, so unbotm\u00e4\u00dfig durcheinander. An einer Stelle sieht man ganz besonders sch\u00f6n, wie sich mehrere B\u00e4ume der gleichen Art zum Meer hin verbeugen. Sie suchen das Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle mit einem unheimlichen Wurzelgeflecht hat man eine Bank aufgestellt, auf der man sich photographieren lassen kann. Ich frage zwei Passanten, ob sie das \u00fcbernehmen f\u00fcr mich. Wir sprechen Spanisch miteinander, aber ich habe das Gef\u00fchl, dass sie Deutsche sind. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alleine ist man hier nicht. Es sind schon viele Gruppen mit Reisef\u00fchrer unterwegs, allerdings kleine Gruppen, aber weil es nur diesen einen Weg gibt, st\u00f6\u00dft man immer wieder auf welche.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder, innerhalb und au\u00dferhalb des Parks, sieht man Schilder, auf denen man gebeten wird, keinen M\u00fcll zu hinterlassen. Hier steht auf einem Schild la naturaleza no sabe que hacer con la basura usted si.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt man zu dem Fluss und dem Ende des Weges. Hier ist ein breiterer Strand, und hier sind auch viele Leute am Strand, aber keiner im Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Fluss ist ein Mangrovenwald. Auf einem Schild wird auf die Bedeutung der Mangrovenw\u00e4lder hingewiesen, einmal als Nahrungsquelle und dann als Auffanglager f\u00fcr Sedimente.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hingewiesen wird auf die V\u00f6gel des Parks. Als besonders wichtig gelten der Strandl\u00e4ufer und die Bachstelze. Die legen, obwohl sie so klein sind, bis zu 14.000 Kilometern zwischen Brutst\u00e4tte und Wohnort zur\u00fcck. In Cahuita legen sie eine Pause ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sehen bekommt man die V\u00f6gel allerdings nicht, nur ein paar fischende V\u00f6gel auf dem Wasser am Eingang zum Park, vermutlich Reiher.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Ausgang gibt es dann aber doch noch einen Affen zu sehen, in einem Baum \u00fcber unseren K\u00f6pfen. Ich halte ihn erst f\u00fcr ein Faultier, weil er sich so wenig bewegt, aber das liegt daran, dass er ununterbrochen mit Fressen besch\u00e4ftigt ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang des Parks gehe ich links, und in Windeseile bin ich am Busbahnhof. Da kommt man diesmal trockenen Fu\u00dfes hin. Und jetzt klappt es auch mit dem Fahrkartenkauf. 10 $, das ist f\u00fcr die lange Strecke ziemlich g\u00fcnstig. Anders der Supermarkt, wo f\u00fcr drei Artikel \u2013 kein Kaviar und kein Champagner \u2013 20 $ draufgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich meine Waren auf das Band legen will, greift pl\u00f6tzlich jemand in meinen Einkaufswagen. Nanu? Es ist eine Angestellte. Sie legt f\u00fcr mich die Waren auf das Band, verpackt sie und legt die T\u00fcten wieder in den Einkaufswagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage sie, ob sie morgen ge\u00f6ffnet h\u00e4tten. Ja, den ganzen Tag. Und \u00fcbermorgen? Auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Tourenanbieter vorbei, der auch Fahrr\u00e4der im Angebot hat. Es ist nicht mehr als ein Schuppen. Die Jungs m\u00fcssen erst den Opa herbeirufen. Ein Schwarzer. Hier in Cahuita gibt es mehr Schwarze als woanders in Costa Rica. Das sind die Nachk\u00f6mmlinge der Afrikaner, die f\u00fcr die Arbeit auf den Bananenplantagen geholt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Fahrr\u00e4der verleiht er. 5.000 pro Tag. Wohin man denn hier fahren k\u00f6nne. Bis zur <em>Playa Negra<\/em>. Na ja, nicht gerade eine Tour de France Etappe. Mal sehen. Wann er denn morgen \u00f6ffne, will ich wissen. 6.30. Wegen der Pferde. Die m\u00fcssen gef\u00fcttert werden. Auf denen bietet er Ausritte f\u00fcr Touristen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage noch nach einem Ausflug zu einer indigenen Siedlung, die er im Programm hat. Ja, aber der Weg dahin sei praktisch unpassierbar nach all dem Regen. Da wolle er ehrlich sein. Das danke ich ihm. Und frage noch, ob das mit dem vielen Regen normal sein. Nein, sagt er ganz entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Wiese sehe ich auf dem R\u00fcckweg H\u00fchner herumlaufen, lauter verschiedene Rassen. Zu welchem Haus geh\u00f6ren sie wohl? Zu einer Kirche! Oder wenigstens einer Kirchengemeinde, in einem normalen Wohnhaus untergebracht. \u00dcber dem Eingang die stilisierte Darstellung von Bibel, Kreuz und Taube. Dar\u00fcber steht&nbsp; <em>Asambleas de Dios<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an der vermutlich einzigen Skulptur vorbei, \u00fcber die Cahuita verf\u00fcgt. Aber die ist gar nicht schlecht. Stellt einen Gitarrenspieler dar, sitzend, Gitarre im Arm. Bullige Hose, Schlapphut, klobige Schuhe, ausdrucksstarkes Gesicht. Alles ist nur in groben Z\u00fcgen dargestellt, auch die Gitarre. Die scheint viersaitig zu sein. In einer Inschrift liest man, dass es sich um Ferguson handelt. Mit vollem Namen hei\u00dft er Walter Gavitt Ferguson Byfield. Ich erinnere mich, dass Rita in San Jos\u00e9 von einem Caf\u00e9 Ferguson gesprochen hat. Er gilt als einer der wichtigsten Liedermacher Costa Ricas und als \u201eK\u00f6nig des Calypsos\u201c. Geboren wurde er in Panama, kam aber schon mit zwei Jahren nach Cahuita, das damals nichts war als ein Fischerdorf. Cahuita ist Thema mehrerer seiner Lieder. Und er wurde zum Ehrenb\u00fcrger Cahuitas ernannt. Die Meeresluft scheint ihm gut bekommen zu sein. Er wurde 103.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he das seltene Bild bl\u00fchender B\u00e4ume. Oder Str\u00e4ucher. Nebeneinander einer der knall gelb bl\u00fcht und einer, der lachsrot bl\u00fcht. Sch\u00f6n.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und auf der Schotterpiste zanken sich drei Geier um einen Leckerbissen, den einer von ihnen aus der M\u00fclltonne herausgefischt hat. Ein anderer sucht weiterhin in dem M\u00fcll herum, in einer eisernen, \u00fcberquellenden Tonne. Weitere Geier auf der Wiese. Dann setzt sich einer direkt vor mir auf einen Pfahl und tut mir den Gefallen, sein Gefieder aufzuplustern. F\u00fcr Photo.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verpasse ich die Abbiegung Richtung Landstra\u00dfe, bin aber in der richtigen Richtung. Ich komme aber an eine Stelle, die komplett \u00fcberflutet ist. Gerade jetzt, wo die Schuhe wieder trocken sind. Nee, da suche ich lieber einen anderen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei verlaufe ich mich dann geh\u00f6rig. Komme noch an einer Stelle an der <em>Playa Negra <\/em>mit einer roten Fahne vorbei und bei <em>Brigitte Tours &amp; Lodging<\/em>, im Reisef\u00fchrer hoch gepriesen. Sie bietet praktisch alles an, was man sich denken kann, auch Nachtwanderungen. Auch bei diesem Wetter?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende klappt es dann doch, und ich kann die Sachen zu Hause ablegen, bevor ich zu dem Restaurant gehe. Hier wird ein Essen serviert, auf einer <em>tabla<\/em>, das wunderbar aussieht, aber nicht ganz so gut schmeckt. Es gibt kleine Fleischst\u00fccke, Rippchen oder Speck, dazu ganz fein geschnittenen Salat und <em>patacones,<\/em> so was wie Reibekuchen aus Kochbananen. Schmecken nach nichts, werden aber aufgewertet durch die drei verschiedenen So\u00dfen, die in Sch\u00e4lchen dazu serviert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Trockenen Fu\u00dfes und zufrieden erreiche ich dann wieder meine Unterkunft. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich auch herausgefunden, worum es sich bei den omin\u00f6sen <em>apretados<\/em> handelt. Das ist Eiscreme! Und zwar Eiscreme, die in der Familie hergestellt wird, um das Budget aufzubessern. Die <em>apretados<\/em> werden in l\u00e4ngliche Plastikschl\u00e4uche verpackt. Deshalb habe ich zuerst an W\u00fcrste gedacht! Und das erkl\u00e4rt auch das Nebeneinander von Erdbeere und Erdnuss. Offensichtlich handelt es sich um eine neuere Geldquelle, und um etwas, das man nur hier in Costa Rica kennt. Die Bezeichnung erkl\u00e4rt sich aus der w\u00f6rtlichen Bedeutung von <em>apretar<\/em>, \u201adr\u00fccken\u2018, \u201aspannen\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>24. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am 24. Dezember 1914 trauten sich bei Ypern zwei deutsche Soldaten aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben heraus. Sie hatten sich vorher mit den Engl\u00e4ndern auf der anderen Seite, gerade mal 100 Meter entfernt, durch Pfeifen und Zurufe notd\u00fcrftig verst\u00e4ndigt. Die deutschen Soldaten gingen mit erhobenen Armen ganz vorsichtig auf den englischen Sch\u00fctzengraben zu. Da kamen auch zwei englische Soldaten heraus und gingen ihnen entgegen. Man tauschte Zigaretten und Zigarren aus und schnitt sich gegenseitig Uniformkn\u00f6pfe ab, als Erinnerung. Dann begannen die Engl\u00e4nder in ihrem Sch\u00fctzengraben englische Weihnachtslieder zu singen, die deutschen Soldaten antworteten mit deutschen Weihnachtsliedern, und als die Engl\u00e4nder <em>Silent Night<\/em> intonierten, fielen die Deutschen mit <em>Stille Nacht<\/em> ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe mich aus gegebenem Anlass an diese bewegende Passage aus Robert Graves\u2018 Autobiographie <em>Good-bye to All That<\/em> erinnert. Er hat es selbst miterlebt. Im folgenden Jahr, 1915 \u2013 ein zweites Weihnachtsfest im Sch\u00fctzengraben \u2013 gab es dann von den Heeresleitungen strikte Anordnungen, diese Form von Verbr\u00fcderung zu unterlassen. Die Soldaten hatten im Feind pl\u00f6tzlich den Mitmenschen entdeckt, und das konnte den Befehlshabern nicht passen.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus wurde in Nazareth geboren. Er wuchs ja auch in Nazareth auf und er hie\u00df auch Jesus von Nazareth. Bei zwei der Evangelisten taucht das Wort <em>Bethlehem<\/em> gar nicht auf. Die beiden anderen \u201everlegten\u201c den Geburtsort nach Bethlehem aus ideologischen Gr\u00fcnden. Es musste die Prophezeiung des Propheten Mischa aus dem Alten Testament in Erf\u00fcllung gehen, der k\u00fcnftige Messias stamme aus der Stadt Davids. Und Nazareth hatte dar\u00fcber hinaus keinen guten Ruf (\u201eWas kann schon Gutes aus Nazareth kommen?\u201c). Die beiden Evangelisten, bei denen die Geburt \u00fcberhaupt Thema ist, widersprechen sich \u00fcberdies. Bei Matthias lebte die Familie dort, bei Lukas mussten sie wegen der Volksz\u00e4hlung dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist Jesus gott\u00e4hnlich oder gottgleich? Wenn man diese Frage f\u00fcr unwichtig h\u00e4lt, ist man in guter Gesellschaft. Kaiser Konstantin fand das auch. Aber seine Zeitgenossen fanden das nicht. Sie stritten sich bis aufs Messer \u00fcber diese Frage, und keine der beiden Seiten gab ein Jota nach. Denn um das Jota ging es, das Jota in &nbsp;\u1f41\u03bc\u03bf\u03b9\u03bf\u03cd\u03c3\u03b9\u03bf\u03c2&nbsp;(<em>homoio\u00fasios<\/em>), das in \u1f41\u03bc\u03bf\u03bf\u03cd\u03c3\u03b9\u03bf\u03c2&nbsp;(<em>homoo\u00fasios<\/em>) fehlt. Wenn man als Laie die Bibel liest, hat man durchaus das Gef\u00fchl, dass Jesus irgendwie untergeordnet ist. Er l\u00e4sst sich schlie\u00dflich von seinem Vater auf die Welt schicken und er spricht zu ihm wie zu jemandem in der Chefetage. Dann w\u00e4re er nicht \u201eeines Wesens mit dem Vater\u201c. Im Grunde ist das schon die erste Abspaltung vom strikten Monotheismus, wie ihn das Judentum kennt. Und mit dem Heiligen Geist k\u00e4me dann noch ein dritter \u201eGott\u201c dazu. Und wenn Jesus Mensch ist, auch wenn er Mensch und Gott gleichzeitig ist, ist er wesensverschieden mit dem Vater. Und aus der Menschwerdung resultieren dann noch weitere Fragen: Was war eigentlich mit Jesus, bevor er auf die Erde kam? Gab es ihn dann schon? Als Jesus? Oder als Teil Gottes? Das sind alles laienhafte Fragen, die Theologen, die sich damit besch\u00e4ftigen, sind nicht zu beneiden, denn die Sache ist noch viel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n<p>26. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet heute, am Abreisetag, scheint die Sonne. Aber bald versteckt sie sich schon wieder hinter den Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Chiky kommt nicht zur verabredeten Zeit. Ich schreibe ihm, ich ginge schon mal die Schotterpiste runter und dann zur Landstra\u00dfe, aber er taucht nicht auf. Ich gehe zu Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof sehe ich an der Wand hinter mir einen Aufkleber. Von einem deutschen Fu\u00dfballverein. Rot-Weiss Essen. Der Tag f\u00e4ngt ja gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus kommt mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung. Und ist schon voll. Einige sitzen vor den T\u00fcren oder stehen im Gang. Wenn man eine Fahrkarte hat, hat man das Recht auf einen Sitzplatz, aber auf keinen bestimmten. Ich bekomme den unbequemsten Sitz im ganzen Bus. Eine Pein f\u00fcr die Knie. Und f\u00fcr den R\u00fccken. Neben mir keine schm\u00e4chtige Frau, sondern ein gro\u00dfer, athletischer Mann, ein Ami. Der passt hier noch weniger rein, aber er kann seine F\u00fc\u00dfe auf den Gang stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel zieht sich weiter zu. Und es wird deutlich k\u00fchler.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren die Orte <em>Cairo<\/em>, <em>Germania<\/em>, <em>Mercedes<\/em>, <em>Babilonia<\/em>, <em>Francia<\/em>, <em>Bristol<\/em>, <em>Matina<\/em> und <em>Venecia<\/em>. Und &nbsp;<em>Gu\u00e1piles<\/em> und <em>Gu\u00e1cimo<\/em>. Denen liegt, genauso wie <em>Guadalquivir<\/em> und <em>Guadalupe<\/em> arab. <em>wadi<\/em> zugrunde, \u201aFluss\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise kommen wir z\u00fcgig voran, aber nur bis zu den Bergen, 50 Kilometer vor San Jos\u00e9. Dann hat die Qual ein Ende, nach viereinhalb Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in den Busbahnhof einfahren, sehe ich aus dem Bus, wie mir ein Mann drau\u00dfen zuwinkt. Es ist der Busfahrer von der Aufholjagd dieser Tage! Er f\u00e4hrt mich zum Hotel. Und sagt mir netterweise, morgen br\u00e4uchte ich kein Taxi, zu dem anderen Busbahnhof k\u00f6nne ich zu Fu\u00df gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum bin ich im Hotel, schon f\u00e4ngt es in Str\u00f6men an zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich in ein nicaraguanisches Lokal hier in der N\u00e4he. Keine Offenbarung. Und wieder der Unterschied zwischen den Preisen laut Speisekarte und dem Preis auf der Rechnung. Aus 5.600 wird 6.888. Aber wenigstens gibt es eine richtige Rechnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Tisch ein Zettel mit dieser Notiz: <em>No se separan cuentas<\/em>. Es wird nicht aufgedr\u00f6selt, was jeder einzelne konsumiert hat, man zahlt gemeinsam. Nicht vorgesehen ist das, was im Englischen <em>go Dutch<\/em> genannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann in einer kleinen B\u00e4ckerei einen guten Milchkaffee bekommen und ein Teilchen, das weniger wegen seines Geschmacks als wegen seines Namens gef\u00e4llt: <em>borrachos<\/em>. Der Name kommt wohl daher, dass in das Rezept eigentlich Wodka oder Lik\u00f6r geh\u00f6rt. Davon ist aber hier nichts zu schmecken. Und eigentlich sollte das Teilchen weich sein und nicht hart wie dieses hier.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Theke liegen hinter Glas die verschiedenen Waren, und alle sind gekennzeichnet, darunter auch die <em>Donas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage die Frau hinter der Theke nach <em>Sinpe<\/em>. Das ist, wie ich schon vermutet habe, ein nationales Zahlsystem. Erfordert ein Konto bei einer Bank in Costa Rica. Funktioniert per Handy. Ich habe schon gesehen, dass damit bezahlt, aber auch, dass auf das Konto eingezahlt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg entdecke ich dann noch auf einem Schild eine Besonderheit beim Gebrauch von <em>ser<\/em> und <em>estar<\/em>, dem ewigen Thema der spanischen Grammatik: <em>La entrada al local es en el edificio nuevo<\/em>. Ist auf jeden Fall der g\u00e4ngige Gebrauch, aber schwer zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Museo Nacional<\/em>, das damals dem guten Wetter zum Opfer gefallen ist, \u00f6ffnet um 8.30. Kurz danach bin ich schon da. Und kann an der Kasse noch mit den \u00fcbrig gebliebenen Colones bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ins Museum hinein f\u00fchrt durch einen Schmetterlingsgarten, mit hohem Dach. Hier flattern sie wie wild durcheinander. Auf den ersten Blick sieht man nur die gro\u00dfen, schwarz-blauen Schmetterlinge, echte Prachtexemplare. Auf ein Photo bekommt man sie nur, wenn sie sich setzen, und dann klappen sie sofort ihre Fl\u00fcgel zu, und die dunkle Unterseite kommt zum Vorschein. Da ist man ganz entt\u00e4uscht. Bis man genauer hinsieht. Die R\u00fcckseite, mit ihren Kreisen und Linien, ist n\u00e4mlich genauso sch\u00f6n wie die Vorderseite, nur nicht so auff\u00e4llig! Und gar nicht mausgrau. Beinahe eine Lektion f\u00fcrs Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter entdeckt man auch kleinere, schwarzgelbe Exemplare. Auch die sind sch\u00f6n, aber die gro\u00dfen dominieren einfach die Szene.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo steht ein Teller in der Gegend herum, mit irgendwas darauf, was entfernt an Speise erinnert. Darauf sitzen drei Schmetterlinge, unbewegt. Daneben ein Schild mit einer Erkl\u00e4rung. Ich halte das f\u00fcr eine Installation mit didaktischen Zwecken. Dann sehe ich pl\u00f6tzlich, dass einer der Schmetterlinge ganz langsam einen F\u00fchler bewegt. Die sind echt! Was hat es damit auf sich? Die gro\u00dfen Schmetterlinge ern\u00e4hren sich nicht nur vom Nektar, sondern auch von verfaultem Obst! Und von dieser Delikatesse hat man ihnen hier einen Teller bereitgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt auch etwas \u00fcber den Unterschied zwischen Tagesschmetterlingen und Nachtschmetterlingen, Nachtfaltern sozusagen. Die haben viel unauff\u00e4lligere Fl\u00fcgel, andere F\u00fchler und robustere K\u00f6rper<strong>. <\/strong>Vor allem der Kontrast bei den F\u00fchlern ist interessant. Die Form ist anders, sie gehen einfach geradeaus, und die Qualit\u00e4t ist auch anders, sie sehen haarig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Zeit der Metamorphose, von der Larve \u00fcber die Raupe und die Puppe bis zum Schmetterling, dauert mindestens drei Wochen und kann bis zu zwei Monaten dauern. Daf\u00fcr ist die Lebensdauer doch etwas mickrig. Selbst hier, wo sie keine Fressfeinde haben, betr\u00e4gt die Lebenserwartung nicht mehr als drei Monate.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung selbst geht es mit Mahlsteinen los, einige davon so sch\u00f6n verziert, dass sie wohl nur rituellen Zwecken gedient haben k\u00f6nnen. Einer sieht aus wie ein Tisch mit herabh\u00e4ngender, geh\u00e4kelter Decke, einer hat vorne einen Tierkopf, der wie aus Fischer-Technik gemacht aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mahlfl\u00e4che ist mal gerade, mal gekr\u00fcmmt, vermutlich nach dem Material, das bearbeitet wurde. Das war in der Regel Mais, konnte aber auch Kakao sein oder Chili oder Reis. In den rituellen Mahlsteinen ist diese Unterscheidung wohl beibehalten worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Statuen ragt die eines Kriegers heraus, mit dem Sch\u00e4del eines Besiegten in der einen, mit der Axt in der anderen Hand. Es scheint weitgehend unbekleidet zu sein, tr\u00e4gt aber eine eng anliegende M\u00fctze auf dem Kopf und ein verziertes Band um die H\u00fcfte herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrfach vertreten sind liegende Frauenfiguren, mit offenliegender Scheide. In den Oberk\u00f6rper ist eine Art Sch\u00fcssel eingearbeitet. Man vermutet, dass dort Kr\u00e4uter vermischt oder verbrannt wurden in Zeremonien, die der Fruchtbarkeit dienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch vertreten ist eine menschliche Figur mit einem tierisch anmutenden Kopf und einem geschwollenen Bauch. Man glaubt, dass es sich um die Darstellung einer Missbildung oder einer Krankheit handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Raum gibt es Gold zu sehen, in rauen Mengen. Gro\u00dfe Platten und Geh\u00e4nge und kleine und kleinste Figuren als Verzierungen. Herrlich ein Krokodil, das mit einer Kette zwischen Maul und Vorderbeinen diszipliniert worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine menschliche Figur ist ausgestellt, an der illustriert wird, wie ein Indio sich mit Gold schm\u00fcckte: ein Schild vor der Brust, ein breites gestanztes Band um den Hals, ein gestanzter Gurt um die H\u00fcfte, ein Armring, zwei Medaillons an der Schulter, ein Ohrring und ein Piercing mit einem waagerechten Stab an der Nase.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gold repr\u00e4sentierte Macht und soziale Hierarchie, wurde aber auch im Tauschhandel und zur Wiedergutmachung &nbsp;eingesetzt und wurde als Prestigeware geraubt. Es hatte aber auch, vor allem in der Darstellung von Tieren, vor allem von V\u00f6geln, eine religi\u00f6se Funktion, denn die Religion der Indios war animistisch. Sie glaubten, die Elemente der Natur h\u00e4tten ihr eigenes Leben und spezielle Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Kolonialzeit gibt es interessante Objekte aus dem Leben der Kolonialisten zu sehen, darunter kleine Tabakspfeifen mit einer austauschbaren Spitze. Die wurde vermutlich je nach Art des Tabaks eingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant eine Schautafel, die \u00fcber die Speisefolge eines normalen Tages berichtet. Leider wird nicht gesagt, ob das f\u00fcr die Indios oder f\u00fcr die Kolonialisten gilt. Oder vielleicht f\u00fcr beide. Es beginnt mit dem Mahlen von Mais f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck um 4 Uhr morgens. Um 8 Uhr gibt es ges\u00fc\u00dftes Wasser. Dann folgt das Mittagessen, um 10 Uhr: Tortillas und Fleisch, vielleicht auch Kartoffeln.&nbsp; Nachmittags gibt es Kakao, und um 5 Uhr folgt das Abendessen mit einem Topf Fleisch. Vor dem Schlafengehen um 7 Uhr gibt es noch mal hei\u00dfen Kakao.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n ein verzierter \u201eSchrank\u201c, eher eine Truhe, hier senkrecht stehend pr\u00e4sentiert mit offenen T\u00fcren. Sehr sch\u00f6n verziert mit Ornamenten und den Figuren zweier Erzengel. Der Schrank war urspr\u00fcnglich ein Schrein f\u00fcr eine religi\u00f6se Figur.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten aber der Ochsenkarren, \u00fcber und \u00fcber bunt bemalt, Seitenw\u00e4nde, R\u00e4der und Deichsel, f\u00fcr mich eine Erinnerung an eine spanische Sendung aus Zeiten vor dem Internet. Die Sendung bezog sich ganz spezifisch auf&nbsp; Costa Rica und den Stolz der Bauern auf die Ochsenkarren. Die Arbeit der Ochsenkarrenf\u00fchrer wurde inzwischen auch als immaterielles Erbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Ochsenkarren wurde, bis zur Einf\u00fchrung der Eisenbahn, der Kaffee aus dem zentralen Hochland nach Puntarenas an der K\u00fcste transportiert. Die Hin- und R\u00fcckfahrt dauerte 10-12 Tage. Auf der R\u00fcckfahrt wurden Waren transportiert, die gerade im Hafen angekommen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Saal geht es um Costa Rica in Zeiten der Industrialisierung. Eine afrikanische Maske steht f\u00fcr den Import afrikanischer Sklaven als Folge des Mangels einheimischer Arbeitskr\u00e4fte. Sie wurden auf den Plantagen eingesetzt, in der Landwirtschaft, vor allem aber im Haushalt. Da die Sklaverei erblich war, war der Preis f\u00fcr einen Sklaven hoch, besonders f\u00fcr die Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Zeichnung mit drei j\u00fcngeren Personen steht f\u00fcr die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung aus Schwarzen, Wei\u00dfen und Mestizen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bau der Eisenbahn kamen Arbeitskr\u00e4fte aus aller Welt. Einem Zensus von 1892 zufolge waren am st\u00e4rksten vertreten Nicaraguaner, Spanier, Kolumbianer, Salvadorianer, Deutsche, Italiener und Chinesen (in dieser Reihenfolge). Erstaunlich die insgesamt geringe Zahl, es m\u00f6gen wohl 6.000 gewesen sein. Und Costa Rica hatte insgesamt gerade mal 246.000 Einwohner! Heute sind es gut 5 Millionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit war Costa Rica l\u00e4ngst selbst\u00e4ndig. Daf\u00fcr stehen die Flagge und das Wappen des Landes. Die Flagge in ihrer heutigen Form stammt aus dem Jahr 1848, kurz nach der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit. Die Zugabe von Rot zu den zentralamerikanischen Farben Blau und Wei\u00df ist als eine Konzession an die Fahne Frankreichs und die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant die Entwicklung des Wappens, das hier in seiner dritten Version von 1848 zu sehen ist, als Gem\u00e4lde, auf Holz und Gips. Das heutige Wappen unterscheidet sich von diesem in verschiedenen Details: Aus 5 Sternen, die f\u00fcr die Provinzen des Landes stehen,&nbsp; sind 7 geworden, die Waffen sind durch Kaffeepflanzen ersetzt worden, und aus den Vulkanen steigt jetzt Rauch heraus!<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas genauer sehe ich mir eine Replik des Nationaldenkmals an, das ich im <em>Parque Nacional<\/em> gesehen habe, hoch auf einem Sockel stehend. Hier kann man es besser erkennen. Vorne sieht man den fliehenden William Walker und einen am Boden liegenden toten Soldaten, hinten sieht man die Figuren, die f\u00fcr die verb\u00fcndeten mittelamerikanischen Staaten stehen, Guatemala mit einer Axt, El Salvador mit einem Schwert, Honduras mit Pfeil und Bogen. Im Zentrum, alle \u00fcberragend, nat\u00fcrlich Costa Rica, Nicaragua in seinen Armen st\u00fctzend.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur j\u00fcngeren Vergangenheit des Landes gibt es Photos von der ersten Fu\u00dfballnationalmannschaft Costa Ricas, die sich f\u00fcr eine WM qualifizierte, 1990, von der ersten promovierten Indigenen, von der ersten Pr\u00e4sidentin der Republik und von der Nobelpreisurkunde von Oscar Arias. Aus nicht ganz verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden ist auch ein St\u00fcck aus der Berliner Mauer ausgestellt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen auf dem Innenhof hat man Steinkugeln aufgestellt. Die stammen alle aus der vorkolumbianischen Zeit und sind schon deshalb bemerkenswert, weil sie so rund sind. Muss man erst mal hinkriegen. Was man aber auf den ersten Blick gar nicht sieht: Sie haben alle Reliefs in die Oberfl\u00e4che eingearbeitet. Die kann man je nach Wetter und Lichteinfall deutlicher oder weniger deutlich sehen. Ich kann nicht mehr als ein paar Linien erkennen. Tats\u00e4chlich stellen diese Linien auf einem Stein das Profil eines Tapirs da, mit Schnauze, mandelf\u00f6rmigem Auge, gekurvtem R\u00fccken, kleinem Schwanz und vier Pfoten. Der Tapir ist Teil der Kosmovision der indigenen V\u00f6lker.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt ein ganz besonderer Baum auf, unten viel Holz, ein bisschen wie Bambus, aber aus anderem Holz und eher kreuz und quer wachsend. Und oben ganz gr\u00fcn. Noch nie gesehen. Was das wohl sein mag? Eine Putzfrau, die ich befrage, wei\u00df es auch nicht, aber sie ringt lange mit ihrem Ged\u00e4chtnis. So endet die Reise nach Costa Rica mit einem Fragezeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch nicht. Denn auf dem R\u00fcckweg komme ich an der Skulpturengruppe vor der Bank vorbei, <em>Los Presentes<\/em>. Und bekomme am Ende doch noch ein Photo von mir, zwischen den Figuren stehend. Doch noch ein Ausrufezeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst das ja auch alles erst einmal verarbeiten\u201c. Das ist ein Kommentar, den ich immer wieder h\u00f6re. Aber nur von Deutschen. Kann es sein, dass das eine interkulturelle Besonderheit ist? Wird dieser Satz nur im Deutschen benutzt? Gibt es in anderen Sprachen \u00fcberhaupt eine Entsprechung? Ich bin selbst immer \u00fcberfragt. Ich wei\u00df nicht, was ich verarbeiten muss, und wenn ich es w\u00fcsste, w\u00fcsste ich auch gar nicht, wie. Ich reise einfach weiter. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Dezember (Mittwoch) Costa Rica ist vermutlich das einzige Land Mittelamerikas, mit denen Europ\u00e4er was anfangen k\u00f6nnen. Ist auch als Reiseziel beliebter als die anderen L\u00e4nder. Costa Rica hat den Ruf, sch\u00f6n zu sein \u2013 und teuer. 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