{"id":11852,"date":"2025-01-01T00:03:11","date_gmt":"2024-12-31T23:03:11","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11852"},"modified":"2025-01-21T22:32:27","modified_gmt":"2025-01-21T21:32:27","slug":"panama-2024","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11852","title":{"rendered":"Panama (2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>28. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh, wie sch\u00f6n ist Panama!\u201c Der kleine B\u00e4r und der kleine Tiger, der eine ein guter Fischer, der andere ein versierter Pilzsammler, leben zufrieden am Ufer eines Flusses. Eines Tages fischt der B\u00e4r eine leere Kiste aus dem Wasser, die nach Bananen riecht. Auf der Kiste steht <em>Panama<\/em>. Der B\u00e4r glaubt, das m\u00fcsse das gl\u00fccklichste Land auf Erden sein, und \u00fcberzeugt den Tiger, sich auf die Suche nach diesem gelobten Land zu machen. Sie verlaufen sich, werden in die falsche Richtung geschickt, begegnen immer wieder Tieren, die auch nicht wissen, wo Panama ist. Also drehen sie sich im Kreis und kommen eines Tages, ohne es zu merken, an ihren alten Wohnort am Fluss zur\u00fcck. Alles hat sich ver\u00e4ndert, das Haus ist durch die Witterung angegriffen, die B\u00e4ume sind gewachsen, die Br\u00fccke ist nicht mehr intakt. Die Ver\u00e4nderungen sind so gro\u00df, dass sie ihr altes Zuhause nicht mehr erkennen. Vor ihrem Haus finden sie die Reste des Schilds, auf dem <em>Panama<\/em> steht. Es hat sich von der Kiste gel\u00f6st. Sie halten es f\u00fcr ein Ortsschild und glauben, in Panama angekommen zu sein. Sie reparieren das Haus und sind gl\u00fccklich, im Land ihrer Tr\u00e4ume angekommen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh, wie sch\u00f6n ist Panama!\u201c ist eine der ersten Assoziationen, die man mit Panama hat. Noch enger verbindet man das Land mit dem Panama-Hut und dem Panama-Kanal. Auf beides werde ich im Laufe der Reise sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal geht es darum, \u00fcberhaupt anzukommen. Dazu bedurfte es gestern einer langen, zehnst\u00fcndigen Fahrt in einem gl\u00fccklicherweise bequemen Reisebus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Stunden wegen des starken Verkehrs. H\u00e4tte noch schlimmer kommen k\u00f6nnen, wenn die Grenzprozeduren nicht einigerma\u00dfen z\u00fcgig \u00fcber die B\u00fchne gegangen w\u00e4ren. Es war schon sp\u00e4t, und wir waren nur eine kleine Gruppe im Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>In Panama wird an der Grenze das Gep\u00e4ck nicht kontrolliert, aber es wird streng darauf geachtet, dass man einen Nachweis \u00fcber die Ausreise hat. Und man muss ein Formular ausf\u00fcllen, das es in sich hat und unter anderem nach dem Autokennzeichen des Buses fragt. Das war mir zu dumm, und ich habe einfach eins erfunden. Hat keiner gemerkt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der heftige Regen, der uns die ganze Fahrt begleitete, l\u00e4sst nach, als wir nach David reinkommen. Bei der Einfahrt in den Ort \u00fcber eine unendlich lange, vierspurige, schnurgerade verlaufende Stra\u00dfe hat man den Eindruck, in eine US-Metropole einzufahren. Ich hatte mir David viel kleiner vorgestellt, aber es hat 400.000 Einwohner und ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Panamas.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der einzige, der hier aussteigt. Alle anderen fahren weiter nach Panama-Stadt. Sie haben noch f\u00fcnf Stunden Fahrt vor sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltestelle ist direkt an der Stra\u00dfe, \u00fcber die wir gekommen sind, nicht an einem Busbahnhof. Taxis fahren auf der Stra\u00dfe entlang, halten aber nicht an. Alle sind ohnehin auf der \u00dcberholspur. Aber dann merkt einer, dass ich dort stehe, f\u00e4hrt in einem Bogen in das Viertel ein und nimmt mich auf. 4 Dollar will er haben. Am Ende gebe ich ihm 5, einfach aus Erleichterung, angekommen zu sein. Die Vermieterin sagt mir sp\u00e4ter, ich solle demn\u00e4chst h\u00f6chstens 3 zahlen, die Einheimischen zahlten nur 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer scheint sich aber seine Dollars verdienen zu wollen. Die Fahrt zieht sich hin. Der gro\u00dfst\u00e4dtische Eindruck von der Einfahrt in die Stadt verschwindet sofort. Wir kommen in dunkle Viertel, ohne H\u00e4user. Ich f\u00fcrchte schon, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht, aber dann stehen wir vor einem erleuchteten Haus, und auf das Hupen hin erscheint sofort Melisa, die Vermieterin.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist nett und gespr\u00e4chig und hilfsbereit und f\u00fchrt mich in das kleine, aber gem\u00fctliche Apartment, das alles hat, was man braucht. Es laufen gleich drei Ventilatoren, zwei mache ich kurz danach aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir alles, fragt nach der Reise und erz\u00e4hlt von anderen G\u00e4sten. Die meisten w\u00fcrden ins Zentrum am liebsten zu Fu\u00df gehen, das dauere eine knappe Viertelstunde. Da haben wir mit dem Taxi l\u00e4nger gebraucht. Einen Supermarkt gebe es gleich um die Ecke. Und das Leitungswasser k\u00f6nne man trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen hat am Abend aufgeh\u00f6rt, so dass ich trockenen Fu\u00dfes in die Unterkunft gekommen bin. Dann ist es wieder volle Kanne losgegangen. Der Regen h\u00e4lt die ganze Nacht durch und auch am Morgen l\u00e4sst er nicht nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Vormittag wird aus dem Sturzregen auf einmal Nieselregen, und ich mache mich gleich auf den Weg. Als erstes bewundere ich den sch\u00f6n hergerichteten Vorgarten mit seinen \u00fcppigen Pflanzen und sch\u00fcttele den Kopf \u00fcber die \u00fcberbordende Weihnachtsdekoration, die Melisa an der Fassade angebracht hat. Sie l\u00e4sst kein Klischee aus: Weihnachtsmann, Schneemann, Glocke, Kugel, Schleifchen, buntes Lametta, k\u00fcnstliches Tannengr\u00fcn, S\u00e4ckchen f\u00fcr die Geschenke und <em>Merry Christmas<\/em> neben <em>Feliz Navidad<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir auf der Stra\u00dfe als erstes ins Auge f\u00e4llt: ein Auge. Auf einem Schild. Darauf ist nichts zu sehen au\u00dfer dem Auge. Muss eine Anspielung sein auf die zweite Bedeutung von <em>ojo<\/em> im Spanischen: Vorsicht! Scheint hier auch angebracht, denn gleich hinter dem Schild tut sich im B\u00fcrgersteig ein Graben auf. Das ist aber nicht gemeint. Auf den anderen Schildern mit Auge steht ein Text. Eine Warnung der Nachbarschaft an Diebe, Gauner, R\u00e4uber: Vorsicht! Wir haben dich im Auge!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Mensch unterwegs, und die Gegend sieht bei dem grauen Himmel trotz der B\u00e4ume und Str\u00e4ucher, darunter einige echte Baumriesen, ziemlich trostlos aus. \u00dcberall Pf\u00fctzen, aufgeweichte Wege, feuchtes Laub.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich an der Bushaltestelle einen Mann, der dort mit T\u00fcten hantiert. Ich frage ihn nach dem Weg zum Supermarkt. Den erkl\u00e4rt er mir sofort. Er selbst, sagt er, komme gar nicht von hier, sondern aus Boquer\u00f3n. Er ist sehr erfreut, als er h\u00f6rt, dass das mein n\u00e4chstes Ziel ist, obwohl ich etwas mit den Namen durcheinander komme. Boquete? Boquer\u00f3n? Egal, er meint, die ganze Gegend dort hei\u00dfe so. Er reicht mir die Hand und stellt sich vor. Er hei\u00dft Willam. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach den T\u00fcten, mit denen er herumhantiert. Die enthalten Leckereien, die er hier unter die Leute bringt, Hausmannskost sozusagen. Er hat Stammkunden in diesem Viertel. Mir verkauft er einen <em>tamal<\/em> \u2013 braucht man nur im Wasser zu erhitzen \u2013 und eine s\u00fc\u00dfe Masse, die <em>sabemebien <\/em>hei\u00dft. H\u00f6rt sich vielversprechend an. Dazu, wie so oft in Lateinamerika, gibt es K\u00e4se.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Supermarkt, dem <em>Romero<\/em>, ist wirklich kurz, nur einmal die Stra\u00dfe rauf. Der Supermarkt ist gut sortiert. Die Sonnencreme lacht mich h\u00f6hnisch an, und die Regenschirme stimmen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hygieneartikel sind teuer \u2013 das Rasiergel kostet 11 $ \u2013 das Obst ist g\u00fcnstig.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Preise sind in Dollar angegeben, vom Balboa ist nur auf einem Hinweisschild am Ausgang die Rede. Nach Ecuador und El Salvador ist Panama das dritte Land, das ich kenne, in dem au\u00dferhalb der USA der Dollar gilt. Es gibt aber einen Unterschied: In Ecuador und El Salvador wurde der Dollar vor 20 Jahren eingef\u00fchrt, in Panama war er schon seit der Unabh\u00e4ngigkeit 1903 in Gebrauch und wurde 1941 zur offiziellen Zweitw\u00e4hrung gemacht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Balboa ist benannt nach N\u00fa\u00f1ez de Balboa, dem spanischen Entdecker, Eroberer und Abenteurer. Er war der erste Europ\u00e4er, der, nach einer f\u00fcrchterlichen, qualvollen Durchquerung Panamas, den Pazifik gesehen hat. Datum und Stunde sind genau \u00fcberliefert: 25. September 1513, um 11 Uhr vormittags. Ich hoffe, im Laufe der Weiterreise noch mal auf diesen Haudegen und seine abenteuerliche Biographie zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich auf den R\u00fcckweg mache, hat der Regen wieder voll eingesetzt. Mir f\u00e4llt ein Auto ins Auge, das kein Nummernschild hat. Und dann noch eins. Und noch eins. <em>There\u2019s system in the madness<\/em>. Erst dann merke ich, dass sie hinten sehr wohl ein Nummernschild haben, nur vorne keins. Das ist hier die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause esse ich den <em>Tamal<\/em> und probiere etwas von dem S\u00fc\u00dfen mit K\u00e4se. Diese Kombination ist in ganz Lateinamerika bekannt. Das S\u00fc\u00dfe schmeckt etwa nach Schokoladenpudding, ziemlich fest in der Konsistenz. Der K\u00e4se ist salzig, hat mehr Geschmack als der andere K\u00e4se, den man hier bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bin am Ende froh, wenigstens kurz drau\u00dfen gewesen zu sein und schon die eine oder andere Entdeckung gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4hne kr\u00e4hen fr\u00fch, l\u00e4ngst vor Sonnenaufgang. Sp\u00e4testens ab 4 Uhr sind sie aktiv. Sie brauchen kein Tageslicht, um zu wissen, dass der Tag beginnt. Sie haben eine innere Uhr. Das haben japanische Forscher festgestellt, die sie mehrere Tage lang im D\u00e4mmerlicht &nbsp;hielten. Die H\u00e4hne fingen dennoch vor Sonnenaufgang an zu kr\u00e4hen. Sie kr\u00e4hen auch den Tag \u00fcber, nicht weniger als am Morgen, aber das Kr\u00e4hen in die morgendliche Stille hinein f\u00e4llt uns besonders auf. Deshalb verbinden wir das Kr\u00e4hen der H\u00e4hne mit dem Tagesanbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet nicht, und ich mache mich fr\u00fch auf die Socken. Kaum bin ich aus dem Haus, schon h\u00e4lt ein Taxi. Der Fahrer will mich f\u00fcr 2 $ ins Zentrum fahren. Aber nicht zum <em>Parque Central<\/em>. Ich meine bestimmt den <em>Parque Cervantes<\/em>, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Er arbeitet auch am Sonntag? Ja, sagt er, und zeigt auf seine Hose. Eine Arbeitshose mit gro\u00dfen Taschen und Leuchtstreifen. Er repariert Kabel. Das ist sein Zweitjob.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand ein Bulldozer und Bauarbeiter. Die setzen die Stra\u00dfe instand. Es hat Sch\u00e4den gegeben infolge der \u00dcberschwemmungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, den Regen werden wir wohl vorl\u00e4ufig nicht loswerden, der halte bis in den Januar hinein an, sagt der Fahrer. Nein, sagt er, das sei v\u00f6llig anormal f\u00fcr die Jahreszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt mich am <em>Parque Cervantes<\/em> ab. Der ist zwar nicht h\u00e4sslich, aber auch nichts Besonderes. Man wundert sich \u00fcber manche der Bewertungen im Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Platz zerstreut sieht man Drahtgestelle, die Rentiere darstellen und Sterne und Laubeng\u00e4nge. Au\u00dferdem Lichterketten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein Herz hat man hier aufgestellt, mit Pfeil. An das Gestell kann man sein Schloss als Zeichen ewiger Liebe h\u00e4ngen. Wird noch nicht so viel Gebrauch von gemacht. Die Erkl\u00e4rung an der Seite kommt auf Spanisch und auf Chinesisch! Die Tradition, erf\u00e4hrt man, begann an Br\u00fccken in Venedig und Paris, wurde aber \u2013 wie zu erwarten war \u2013 erst durch einen Hollywoodfilm weltweit popul\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz gibt es keine Skulptur, keine B\u00fcste, keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum der Platz <em>Parque Cervantes <\/em>hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass heute Sonntag ist, merkt man nicht. Alle Gesch\u00e4fte haben ge\u00f6ffnet, und es herrscht viel Betrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum Busbahnhof. Am Stra\u00dfenrand f\u00e4llt mir ein offener Lieferwagen auf. Voll beladen mit eng aneinander stehenden l\u00e4nglichen Fr\u00fcchten. Keine Ahnung, was das sein kann. Dann f\u00e4llt mein Blick auf die drei M\u00e4nner, die daneben stehen und die vermeintlichen Fr\u00fcchte mit einem Messer bearbeiten. Und zum Vorschein kommen \u2013 Maiskolben! Die M\u00e4nner erlauben mir gerne, ein Photo zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof herrscht echter Trubel. An einigen Stellen ist kaum ein Durchkommen, Verkaufsst\u00e4nde, Passanten, Offizielle, Wartende, Losverk\u00e4ufer, Reisende, die Schlange stehen, Polizisten. Es gibt \u00fcberhaupt keine Ausschilderung. Ich muss mich durchfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende stehe ich vor einem Schalter und werde nach links dirigiert. Es tut sich nichts in unserer Schlange, und wir werden ans andere Ende dirigiert. Ich frage nach einer Fahrkarte nach Panama. Nein, die sei jetzt noch nicht im Verkauf. Daf\u00fcr sei es viel zu fr\u00fch. Ich solle einen Tag vor der Reise noch mal kommen. Aber dann bin ich nicht hier in David.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe diesen Versuch auf und frage eine Polizistin nach der Verkaufsstelle von <em>Ticabus<\/em>. Die l\u00e4chelt mich &nbsp;freundlich an und sagt, ich solle ihr folgen. Wir gehen fast einmal komplett um das Geb\u00e4ude herum, und am Ende steuert sie einen Kiosk an, der gar nicht nach Fahrkartenverkauf aussieht. Sie fragt aber die Verk\u00e4uferin, ob ich hier meine Fahrkarte bek\u00e4me. Ja, sagt sie, ich solle mich in die Schlange stellen. Da gibt es erst einmal Verz\u00f6gerungen wegen der leidigen Frage des Wechselgeldes. Als ich an der Reihe bin, sage ich meinen auswendig gelernten Spruch runter. Sie nickt zustimmend und f\u00e4ngt an, von Costa Rica zu sprechen. Nein, nein, ich will nach Panama. Nach Panama! Von David nach Panama? Ja. Nee, daf\u00fcr habe sie keine Fahrkarten. Da m\u00fcsse ich dort hinten hin. Wo ich gerade herkomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe mich geschlagen und kaufe ein paar Sachen im Supermarkt. Als ich das Portemonnaie \u00f6ffne, merke ich auf einmal, dass da Balboas drin sind. Ob sie mir jemand untergeschoben hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme ein Taxi, um mich nach Hause fahren zu lassen. Der Fahrer vermutet, ich sei ein Gringo. Als er Deutschland h\u00f6rt, muss er einen Moment \u00fcberlegen. Dann spr\u00e4che ich also Englisch? Ja, aber als Fremdsprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einer Kirche vorbei, an der gerade Gl\u00e4ubige aus dem Gottesdienst str\u00f6men und in gro\u00dfen Gruppen vor der Kirche stehen. Ich frage den Fahrer, ob es eine katholische Kirche sei. Nein, die sei nicht katholisch, sondern \u2026 er muss nachdenken \u2026 evangelisch. Ich will nicht weiter nachhaken, aber mir kommt es so vor, dass mit <em>evangelisch<\/em> hier <em>evangelikal<\/em> gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, fragt der Fahrer mich, wie man <em>aqu\u00ed<\/em> auf Deutsch sage. <em>Hier<\/em>. Er wiederholt es mit perfekter Aussprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bezahle, frage ich nach dem Balboa. Nein, kein Problem. Die seien auch im Umlauf. 1 Balbo = 1 Dollar. Es scheinen aber nur M\u00fcnzen im Umlauf zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unverrichteter Dinge nach Hause gekommen, aber immerhin nicht nass geworden. Gegen Mittag setzt der Regen wieder ein. Ohne Ende. Im Fernsehen wird berichtet, dass der Flughafen von Panama vor\u00fcbergehend gesperrt war und dass in Boquete Arbeiten zur Sicherung der Stadt gegen den \u00fcber die Ufer tretenden Fluss ausgef\u00fchrt werden. Meteorologen raten dringend, sich von Fl\u00fcssen und Str\u00e4nden entfernt zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>30. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Rein zuf\u00e4llig sehe ich auf meine Uhr und aufs Handy gleichzeitig. Das stimmt was nicht mit der Uhrzeit. Ist die Uhr stehengeblieben? Nein. Aber sie hinkt um eine Stunde hinterher. Die Erkl\u00e4rung ist einfach: Panama ist um eine Stunde voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute regnet es nicht. Vor dem Haus fegt eine Frau das Laub weg. Bei dem Regen ist einiges zusammengekommen. Sie erkl\u00e4rt mir, dass es sich bei den Fr\u00fcchten an dem Baum vor dem Eingang um Papaya handelt. Die seien jetzt reif.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass sie Melisas Mutter ist. Die kommt und ruft mir ein Taxi. Sie findet es auch ganz normal, dass man die Fahrkarte nach Panama nicht vorher kaufen kann. Ich solle einfach fr\u00fch aus Boquete anreisen und dann hier den ersten Bus nehmen, in dem noch Platz ist. So machten das alle hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer kommt. Wir fahren am <em>Colegio Francisco Moraz\u00e1n<\/em> vorbei, das immer als Orientierungspunkt gedient hat. Ob denn jetzt nicht Ferien seien, frage ich. Doch, aber jetzt gehe es darum, Kreditpunkte zu bekommen, <em>ganar cr\u00e9ditos<\/em>. F\u00fcr jedes Fach gibt es eine unterschiedliche Zahl von Kreditpunkten, und man muss eine Mindestzahl in jedem Schuljahr erwerben, um weitermachen zu k\u00f6nnen. Ob man aber jetzt daf\u00fcr Pr\u00fcfungen ablegen muss oder einfach die Kreditpunkte \u201eeinsammelt\u201c, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Boquete, meint der Taxifahrer, sei es k\u00fchl, ich m\u00fcsse mit 17\u00b0 rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof bringt er mich genau an die Haltebucht, von der die Busse nach Boquete abfahren. Man bezahlt im Bus. Als wir ankommen, f\u00e4hrt gerade ein Bus ab, aber die fahren in kurzen Abst\u00e4nden, und meiner ist besonders sch\u00f6n. Au\u00dfen ganz bemalt, innen mit gr\u00fcnem Band \u00fcberall, an den Eisenstangen, am Lenkrad, an einer riesigen eisernen Kurbel. Neben dem Lenkrad Heiligenbildchen, und auf einer Eisenstange steht <em>Cristo te ama<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Was es mit der Kurbel auf sich hat, sieht man erst sp\u00e4ter: Damit wird die T\u00fcr geschlossen. Das ist aber vorl\u00e4ufig nicht n\u00f6tig, denn wir fahren immer mit offener T\u00fcr, der Junge Mann, der den Begleiter macht, steht vor der ge\u00f6ffneten T\u00fcr, h\u00e4lt sich mit einer Hand fest und h\u00e4lt das Handy in der anderen Hand. Er ist aber aufmerksam und hilfsbereit, vor allem den \u00c4lteren gegen\u00fcber, wenn die mit B\u00fcndeln oder Kindern auf dem Arm einsteigen. Genauso, wie er sich meinen Koffer geschnappt und im Kofferraum versteckt hat, sobald ich auftauchte. Er wei\u00df auch immer ganz genau, wo wer aussteigt und wie viel jeder zu zahlen hat. Bei mir sind es nicht einmal 2 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl noch viele Pl\u00e4tze frei sind, setzt sich eine neu zugestiegene alte Frau neben mich in die erste Reihe. Es ist etwas eng, zumal ich meinen vollen Rucksack zwischen den F\u00fc\u00dfen habe. Die Frau ist \u00fcber und \u00fcber mit Warzen best\u00fcckt, Gesicht und Arme. Kann einem leidtun, aber man f\u00fchlt sich unwillk\u00fcrlich etwas unwohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht bergauf, und es kommen Berge in Sicht. Aus dem Nichts heraus erscheint links ein rot-wei\u00df gestreifter Leuchtturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder bitten Passagiere, an der oder der Ecke rausgelassen zu werden, und immer wird dem Wunsch entsprochen. Auch bei mir. Ich steige laut der Empfehlung der Vermieterin bei der <em>Bakery Sugar &amp; Spice<\/em> aus. Von da an folge ich den sehr genauen Instruktionen der Vermieterin und biege bei <em>Todo a Dollar<\/em>, dem Vorbild unserer <em>1-Euro-Shops<\/em>, ab und komme bald an meinem Ziel an, dem <em>Top\u00e1s<\/em>, im Internet als Hotel ausgeschrieben. Ist aber eine Anlage mit kleinen Ferienapartments. Sieht ganz h\u00fcbsch aus, mit bemalten Hausw\u00e4nden und vielen B\u00e4umen auf dem Grundst\u00fcck. An einer Hauswand steht <em>Dornr\u00f6schen<\/em>. &nbsp;Ich habe mich schon gewundert, dass die Vermieterin mir auf Deutsch zur\u00fcckgeschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Empfang durch die Frau, die hier die Sache verwaltet, ist nicht gerade freundlich. Keine Begr\u00fc\u00dfung, keine Frage, kein Willkommen. Das Zimmer sei noch nicht fertig. Ich solle in die Stadt gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tue ich auch. Schon bei der Einfahrt in den Ort hat Boquete einen guten Eindruck gemacht, alles ist sehr adrett und h\u00fcbsch angelegt. Trotzdem fragt man sich bei n\u00e4herem Hinsehen, warum mit so viel Begeisterung davon gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die <em>Bakery Sugar &amp; Spice <\/em>und bestelle mir einen Kaffee und einen Muffin. Alles Selbstbedienung. Der Laden ist krachend voll, und an allen Tischen wird Englisch gesprochen, au\u00dfer an einem. Da wird Deutsch gesprochen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum <em>Parque Central<\/em> rauf. Der ist einigerma\u00dfen ansehnlich, jedenfalls mehr als der von David. Zu der Weihnachtsdekoration \u00e0 la Disney geh\u00f6ren hier auch Nussknacker.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes eine Uhr mit vier Zifferbl\u00e4ttern. Es wird aufgelistet, wer sich alles an der Finanzierung der Uhr beteiligt hat, darunter mehrere Stifter mit englischen Namen. Dennoch zeigt die Uhr zu allen Seiten die falsche Zeit an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich sch\u00f6n ist der Laubengang. Wie auf allen anderen Pl\u00e4tzen ist er auch aus Drahtgestellen gemacht, aber hier ist jeder Bogen von links unten bis rechts unten mit Blumenk\u00e4sten mit bl\u00fchenden Blumen best\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes steht ein Eisenbahnwagen, und kurz dahinter ist die Touristeninformation. Die wissen nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollen, bieten dann einen kurzen Gang \u00fcber den Platz an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beginnen an dem Eisenbahnwaggon. Der wurde auf einer Strecke eingesetzt, die von hier unter anderem nach David f\u00fchrte und nach Bar\u00fa, einem Ort, von dem hier immer im Zusammenhang mit einem Vulkan die Rede ist. Die Strecke diente zun\u00e4chst nur dem G\u00fctertransport, in erster Linie Bananen, sp\u00e4ter auch dem Personenverkehr. Die Bahnlinie wurde stillgelegt, als man in den 50er Jahren begann, Stra\u00dfen zwischen den Orten anzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Zug hier ankam, wurden die Wagen von den Jungen des Ortes, f\u00fcr die das ein Heidenspa\u00df war, in das Geb\u00e4ude geschoben, in dem heute der Markt untergebracht ist. Dahinter befanden sich Rangiergleise, aus denen die Wagen dann wieder in die andere Richtung gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Niedergang der Bananenwirtschaft hat man versucht, hier eine Kaffeekultur aufzubauen. Davon zeugen in paar Pflanzen und Schilder am Rande des Parks. Im Januar findet die <em>Feria del Caf\u00e9<\/em> statt, die offensichtlich Besucher von Nah und Fern anlockt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Touristeninformation befindet sich in dem ehemaligen Bahnhofsgeb\u00e4ude. Am dessen Kopf steht <em>Ferrocarril Nacional de Chiriqu\u00ed Boquete<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem alten Bahnhofsgeb\u00e4ude befindet sich neben der Tourismusinformation noch ein anderer Raum, vor dem ich vorher Leute Schlange stehen gesehen habe. Das ist die Post! Hier soll man tats\u00e4chlich Briefmarken f\u00fcr Post ins Ausland bekommen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mir sind zahlreiche Frauen aufgefallen, die in selbstgemachten traditionellen Kleidern zu sehen sind. Ja, sagen die beiden M\u00e4nner. Die geh\u00f6rten zum Volk der Ng\u00f6be-Bugl\u00e9. Zu dem im \u00dcbrigen diese beiden M\u00e4nner auch geh\u00f6ren. Die Indios der Ng\u00f6be-Bugl\u00e9 leben in kleinen Gemeinden und ern\u00e4hren sich durch den Anbau von Mais, Maniok, Pfirsichen und anderen Fr\u00fcchten. W\u00e4hrend der Kaffeeernte sind viele der M\u00e4nner als Wanderarbeiter unterwegs. Die Frauen sind f\u00fcr ihre Webkunst bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es f\u00fcr die Unterkunft immer noch etwas fr\u00fch ist, gehe ich in ein Lokal, das <em>Restaurante Bamboo<\/em>. Hier gibt es ein breites Angebot auf der Speisekarte. Die Pizza ist auff\u00e4llig billiger als alles andere. Die Erkl\u00e4rung findet sich, als die Pizza kommt. Sie ist klein. So eine kleine Pizza habe ich noch nie gesehen. Aber sie schmeckt ausgezeichnet. Dazu gibt es das erste panamaische Bier, <em>Cristal<\/em>, und dann gleich das zweite, <em>Balboa<\/em>. Das erste ist leichter, das zweite vollmundiger. Beide schmecken gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zur Unterkunft. Die Frau ist kurz angebunden, zeigt mir mein Zimmer und will wieder verschwinden. Ich muss nach allem selbst fragen, und jedes Mal will sie sich wieder aus dem Staub machen: Schl\u00fcssel, WiFi, K\u00fcche, Schwimmbecken, Bushaltestelle, Reinigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer ist eine Entt\u00e4uschung. Kein Schrank, nicht einmal ein Stuhl. Keinerlei Komfort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Stra\u00dfe runter zur Reinigung. Der Weg f\u00fchrt \u00fcber eine Br\u00fccke, und die f\u00fchrt \u00fcber einen kleinen Fluss. Die Str\u00f6mung ist stark, das Wasser rauscht, sieht sch\u00f6n aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau in der Reinigung begr\u00fc\u00dft mich mit einem offenen L\u00e4cheln. Ja, klar, kann sie sich um meine W\u00e4sche k\u00fcmmern. Ist morgen in Ordnung? Ja, nat\u00fcrlich. Ob ich keinen Auftrag bekomme oder irgendeinen Zettel. Nein, meint sie, sei nicht n\u00f6tig. An mein Gesicht werde sie sich schon erinnern. Ein zweischneidiges Kompliment. Aber wenn\u2019s der Sache dient. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>31. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht hat es geregnet, und man hat den rauschenden Fluss geh\u00f6rt. Aber am Morgen setzt der Regen aus, und im Laufe des Tages kommt sogar mal die Sonne raus. Da ist es dann von einem Moment auf den anderen richtig warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen den <em>Parque Central<\/em> ansteuere, um irgendwo zu fr\u00fchst\u00fccken, komme ich an einer Metzgerei vorbei, die <em>Corte Argentino<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich in der N\u00e4he der <em>S\u00faper Bar\u00fa<\/em>, ein Supermarkt, ganz auf touristische Bed\u00fcrfnisse ausgerichtet. Hier gibt es Gouda und Mozzarella, und im Brotregal steht Westf\u00e4lischer Pumpernickel!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hintergrund laufen spanische Weihnachtslieder: \u201eBel\u00e9n, Bel\u00e9n, campanas de Bel\u00e9n \/ que los \u00e1ngeles tocan \/ \u00bfqu\u00e9 nuevas me tra\u00e9is?\u201c Ich muss mich beherrschen, um nicht laut mitzusingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dem Supermarkt ein Gesch\u00e4ft, das <em>Tacoholics<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck in einem einfachen Caf\u00e9 am <em>Parque Central<\/em> l\u00e4sst lange auf sich warten und f\u00e4llt mickrig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir den <em>Mercado Central<\/em> an. Hier geht es ganz geordnet und ruhig zu. Ein ungewohntes Bild. Die Verkaufsst\u00e4nde sind fest in die Mauer eingelassen und durchnummeriert: <em>Local N<sup>o<\/sup> 27<\/em> verkauft Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg versuche ich mein Gl\u00fcck an einem Geldautomaten. Es dauert, und es gibt einiges Hin und Her, aber am Ende klappt es. Die Dollarnoten, die herauskommen, sind druckfrisch und sehen irgendwie unecht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mir gerade durch den Kopf geht, dass man hier keine Bettler sieht, treffe ich auf eine Frau, die am Stra\u00dfenrand sitzt und ihre Hand aufh\u00e4lt. Sie ist aber die einzige, die ich sehe. Auch in David war das schon so. Allerdings sah man dort viel mehr \u00e4rmliche, beinahe heruntergekommene Gestalten, mit abgetragener Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann kommt mir entgegen, der an einer Hand seine kleine Tochter f\u00fchrt, ein M\u00e4dchen mit einem ganz runden Kopf. Sie lernt zu laufen, noch etwas wackelig, aber mit der Sicherheit der Hand des Vaters. Als ich sie passiere, winkt sie mir mit der freien Hand zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau in der Reinigung ist wieder genauso freundlich wie gestern. Wei\u00df sofort, wo meine W\u00e4sche ist, obwohl der ganze Boden mit T\u00fcten vollgestellt ist. Morgen ist zu, aber \u00fcbermorgen hat sie ge\u00f6ffnet, und wenn ich ihr am Vormittag die W\u00e4sche bringe, wird sie im Laufe des Tages noch fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Als am Nachmittag die Sonne rauskommt, gehe ich kurzentschlossen ins Schwimmbecken. Das Wasser ist eiskalt, aber nach ein paar Bahnen hat man sich warmgeschwommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser ist sauber, obwohl an der Oberfl\u00e4che viele Bl\u00e4tter schwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vogel kommt und setzt sich aufs Gel\u00e4nder und sieht mir eine Zeitlang entspannt zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Beckens ein Baum, den man hier des \u00d6fteren sieht, ein Baum mit zapfen\u00e4hnlichen orangefarbigen Bl\u00fcten. Sehr photogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter noch mal in den Ort gehe, habe ich eine ganze Zeit zwei junge Indiofrauen in den traditionellen Kleidern vor mir, die eine in Blau, die andere in Gr\u00fcn. Ich kriege gerade noch rechtzeitig den Dreh und bitte sie, ein Photo machen zu d\u00fcrfen. Sie sind ganz scheu, sagen aber gerne zu. Das Photo wird richtig sch\u00f6n. Sie sprechen Spanisch miteinander, sprechen aber zu Hause mit der Familie das, was sie einen <em>Dialekt<\/em> nennen.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe wieder in dasselbe Lokal von gestern und bestelle diesmal Pasta. Auch die ausgezeichnet, die Nudeln genau richtig in der Festigkeit, die So\u00dfe ein Gedicht, sehr schmackhaft, mit einer leicht s\u00fc\u00dflichen Note.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits des Platzes, vor einer Polizeistation, weht die Flagge Panamas. Wieder die Farben Blau und Wei\u00df der zentralamerikanischen Staaten, dazu, wie in Costa Rica, das Rot. Aber die Flagge hat ein anderes Design. Sie ist in vier Rechtecke eingeteilt, und in zwei Rechtecken erscheint ein Stern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe etwas stadtausw\u00e4rts, \u00fcber eine sch\u00f6ne Br\u00fccke mit hintereinander geschachtelten B\u00f6gen. Auf dem Gehweg Fliesen in sch\u00f6nen Farben, die Muster und Mosaike bilden,<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluss hier ist genauso rei\u00dfend wie meiner, aber gr\u00f6\u00dfer. Ob es derselbe Fluss ist oder ein anderer, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen sieht man links ganz tief runter in eine Art Gartenstadt, ein gro\u00dfes buntes Beet neben dem anderen. Sieht eher nach einer G\u00e4rtnerei als nach einem Park aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Br\u00fccke gelangt man direkt in den <em>Mercado Artesanal<\/em>. Der hat allerdings von Kunsthandwerk reichlich wenig. Das meiste, was es hier zu kaufen gibt, sind ganz gew\u00f6hnliche Souvenirs. Die Ausnahme sind die gewebten T\u00fccher der Indiofrauen. Auch gibt es ein paar sch\u00f6ne bestickte Blusen und Hemden. Es herrscht wenig Betrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit einem Mann und einer Frau ins Gespr\u00e4ch, die in ihren angrenzenden St\u00e4nden beides im Angebot haben. Sie bieten mir die Sachen an, sind aber gar nicht aufdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob morgen auch ge\u00f6ffnet sei? Ja, nat\u00fcrlich, 365 Tage im Jahr. Urlaub kennen sie nicht. Sie m\u00fcssten viel arbeiten, aber die Arbeit w\u00fcrde ihnen Spa\u00df machen, man begegne so vielen unterschiedlichen Leuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau fragt mich, woher ich komme, und ich lasse sie raten. Kein Amerikaner, da ist sie sich ganz sicher. Auf jeden Fall Europ\u00e4er. Deutscher? Bingo!<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die meisten Touristen seien US-Amerikaner. Aber die k\u00e4men eher im Mai\/Juni. Jetzt, um diese Zeit, k\u00e4men auch viele Deutsche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gehe ich noch ein einem kleinen Lokal mit Holztischen drau\u00dfen einen Kaffee trinken. Die Frau hinter der Theke, eine junge Indiofrau, h\u00fcbsch gekleidet, ist sehr nett und etwas sch\u00fcchtern. An einem der Tische sitzt eine Ausl\u00e4nderin. Sie wird wohl ihre Chefin sein, vom Akzent her Franz\u00f6sin. Auch sie gr\u00fc\u00dft sehr freundlich. Und der Kaffee ist ausgezeichnet. Da kann man nicht meckern.<\/p>\n\n\n\n<p>Silvester \u2013 Neujahr, viel Aufhebens. Die Bedeutung relativiert sich, wenn man bedenkt, f\u00fcr wie viele Menschen dies <em>nicht<\/em> der Beginn des neuen Jahres, sondern ein Tag wie jeder andere ist: Chinesen, Muslime, Hindus, Juden und viele andere. Da kommen schon ein paar Milliarden zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>2025 \u2013 ein Heiliges Jahr, ein Jubeljahr. Die Tradition geht auf die mittelalterlichen P\u00e4pste zur\u00fcck. Erst sollte das Jubeljahr alle 50, dann alle 33 und dann alle 25 Jahre stattfinden. Das Jubeljahr war aber keine Erfindung der mittelalterlichen P\u00e4pste, sondern eine Kopie des Jubeljahrs der alttestamentarischen Juden. Das Jubeljahr, mit Schuldenerlass, R\u00fcckgabe von verkauftem Boden, Freilassung von Sklaven, wurde eingel\u00e4utet mit dem Klang des Widderhorns, und das hie\u00df auf Hebr\u00e4isch <em>yovel<\/em>. Daher unser Wort <em>Jubeljahr<\/em> und unsere Redewendung <em>alle Jubeljahre einmal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer st\u00fcrmischen Nacht hat sich die Sache beruhigt. Es gibt nur noch gelegentlich heftige Windst\u00f6\u00dfe. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach einem kleinen, im Reisef\u00fchrer w\u00e4rmstens empfohlenen Caf\u00e9, ganz in der N\u00e4he der Unterkunft, dem <em>Caf\u00e9 de Punto Encuentro<\/em>, in einer umgebauten Garage untergebracht. Das hat aber heute geschlossen. Als Ersatz gehe ich in das Lokal, wo ich gestern so einen guten Kaffee bekommen habe. Dort gibt es Bap\u00e9. Das sind Hamburger, die keine sind. Das Prinzip ist das gleiche, aber sie sind viel flacher und deshalb besser zu essen, und das Brot ist viel leckerer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort ist es heute merklich ruhiger, aber ein kleines Reiseb\u00fcro hat ge\u00f6ffnet. Ich frage nach Touren. Sie haben eine ganze Menge im Angebot, aber f\u00fcr mich kommen nur die Kaffeetour und die Wanderung in Frage. F\u00fcr die Wanderungen braucht man aber mindestens zwei Personen, die Kaffeetour wird immer angeboten. Kurzentschlossen buche ich die f\u00fcr morgen fr\u00fch. Der einzige Vorbehalt, den ich habe: Keine Tour \u00fcber eine Kaffeeplantage kann die von Filandia in Kolumbien \u00fcbertreffen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque Central<\/em> f\u00e4llt es mir besonders auf: Die Indios bleiben unter sich. Meistens sind sie in kleinen Gruppen unterwegs oder sitzen irgendwo auf Bordsteinen. Fast nie sieht man eine gemischte Gruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich weitergehe, kommt mir eine voll beladene Frau entgegen, in der einen Hand ineinander gestapelte Kartons, in der anderen ein B\u00fcndel von festgeschn\u00fcrten K\u00f6rben. Ich frage, ob ich ihr helfen kann, und die dr\u00fcckt mir, ohne zu z\u00f6gern, gleich beide Sachen in die Hand. Sie ist taubstumm und kann ich nur mit ein paar Geb\u00e4rden und kaum verst\u00e4ndlichen Lauten bemerkbar machen. Sie sieht, dass ich noch die Quittung von der Kaffeetour in der Hand habe, nimmt sie mir aus der Hand und steckt sie in die Brusttasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen \u00fcber zwei, drei Stra\u00dfen des Zentrums, dann kommen wir auf die Landstra\u00dfe. Allm\u00e4hlich wird das Tragen doch etwas m\u00fchsam. Meine Frage, ob es noch weit sei, kann sie nicht h\u00f6ren, und ich habe auch keine H\u00e4nde frei, um mich mit Gesten zu verst\u00e4ndigen. Wir biegen von der Landstra\u00dfe ab und dann noch in eine andere Stra\u00dfe, und dann sind wir endlich da. In der Haust\u00fcr steht eine Frau, die freundlich gr\u00fc\u00dft und sich bedankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck f\u00e4llt mir eine Kirche ins Auge. Die habe ich noch gar nicht gesehen. Wei\u00df, mit einer kleinen Doppelturmfassade. Daneben ist ein ausgesprochen h\u00fcbsches, zweist\u00f6ckiges Haus, das vielleicht vorher mal Pfarrheim gewesen sein k\u00f6nnte. Oben ein sehr sch\u00f6n geschm\u00fcckter Balkon und Fenster mit roten Sprossen, unten ist wohl ein Gesch\u00e4ft, in dem es alles gibt, von Kleidern bis zu Brutk\u00e4sten f\u00fcr V\u00f6gel.<\/p>\n\n\n\n<p>Da, wo zwei Stra\u00dfen zusammenlaufen, steht ein Denkmal, zwei M\u00e4nner mit einem gro\u00dfen Vogel. Was das wohl sein mag? Es gibt eine Erkl\u00e4rung. Denkmal errichtet zur Feier des 200. Jahrestags der Unabh\u00e4ngigkeit Panamas von Spanien. Die beiden M\u00e4nner lassen gemeinsam den Vogel frei. \u00dcber einem von ihnen weht ein Band mit den spanischen Farben, \u00fcber dem anderen ein Band mit den panamaischen Farben. Das ist die reinste Geschichtsklitterung: Vor 200 Jahren gab es noch kein Panama. Die Unabh\u00e4ngigkeit erlangte Panama als Teil von Kolumbien. Und eine Flagge mit den Farben der heutigen panamaischen Flagge gab es noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Barbier gegen\u00fcber, <em>El Lasso<\/em>, hat auch heute, am Neujahrstag, ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig sehe ich von hier aus das <em>Retrogusto<\/em>, ein weiteres Lokal, das im Reisef\u00fchrer empfohlen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich noch mal auf den <em>Mercado Artesanal<\/em> zu den netten Verk\u00e4ufern von gestern. Es gibt lange Verhandlungen wegen Gr\u00f6\u00dfe und Design, aber am Ende kaufe ich etwas, auch wenn es nicht das ist, was ich eigentlich wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sto\u00dfe ich hier, vor allem bei Eigennamen, auf das Trema der Ng\u00f6be-Bugl\u00e9, so bei einer Firma namens <em>Mr\u00e4ga<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich raus, als es schon stockdunkel ist. Man hat \u00fcberhaupt keine Angst, \u00fcberall sind noch Leute unterwegs. Nur beim Gehen \u00fcber die schlecht oder gar nicht beleuchteten Stra\u00dfen ohne B\u00fcrgersteig hat man kein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <em>Parque Central<\/em> ist jetzt richtig viel Betrieb. Kinder spielen in dem Eisenbahnwaggon, ganze Familien flanieren oder sitzen auf den B\u00e4nken. Alles ist erleuchtet. Trotz aller Ablehnung der Dekoration als schrecklicher Kitsch: Das hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Die V\u00f6gel machen sich jetzt am Abend ganz sch\u00f6n bemerkbar. In das Gezwitscher mischt sich immer der langgezogene Pfeifton eines Vogels. Das Konzert klingt anders als bei uns. Und die V\u00f6gel sind viel lauter!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf Richtung Retrogusto, dem Lokal, das ich heute Morgen in der N\u00e4he der Kirche gesehen habe. Aber es scheint geschlossen zu sein. Man sieht durch das Fenster einen sehr gem\u00fctlich aussehenden Speiseraum, aber der geh\u00f6rt wohl zu einem anderen Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gehe ich wieder in mein Stammlokal, das <em>Restaurante Bamboo<\/em>. Hier kann man drau\u00dfen sitzen. Obwohl es jetzt doch ein bisschen frisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es jetzt am Abend rappelvoll. Statt einer Kellnerin sind vier Kellnerinnen unterwegs. Es herrscht ein st\u00e4ndiges Kommen und Gehen. Viele G\u00e4ste machen hier nur eine Pause, um etwas zu trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist der Preis auf der Rechnung geringer als der auf der Speisekarte. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich frage nach. Ja, ich habe einen Rabatt bekommen. Einen Rabatt? Welchen denn? Seniorenrabatt!!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich nach der R\u00fcckkehr noch einen Moment lang nach drau\u00dfen setze, h\u00f6rt man das Quaken der Fr\u00f6sche vom Fluss her.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht ist es so st\u00fcrmisch, dass man immer wieder mal wach wird. Aber der Wind vertreibt die Wolken, und man sieht einen sternenklaren Himmel. Da es praktisch keine Lichter gibt, kommen die Sterne vor dem pechschwarzen Himmel besonders zum Vorschein. Den Mond kann ich von hier aus leider nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus zur Kaffeeplantage, ein Kleinbus, von einem Mann namens Carlos gefahren, kommt p\u00fcnktlich. Carlos hat ein zerfurchtes Gesicht, langes, fettiges Haar und tr\u00e4gt eine schreckliche Sonnenbrille. Wenn er eine Frau h\u00e4tte \u2013 hat er nicht, er ist geschieden \u2013 w\u00fcrde die ihn sofort zum Friseur schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erweist sich als guter Erz\u00e4hler und als Kenner der Kaffeekultur. Und ist sehr sprachinteressiert. Spanisch in Deutschland, ob das nicht ungew\u00f6hnlich sei. Nicht mehr so wie fr\u00fcher, sage ich. Inzwischen sei Spanisch die Fremdsprache Nummer 2 an deutschen Schulen. In Deutschland werde viel Latein gelernt, hat er geh\u00f6rt. Ja, das stimmt, sage ich, ich h\u00e4tte auch Latein als erste Fremdsprache gelernt. Aber das ist doch eine tote Sprache! Daf\u00fcr hat er nur Kopfsch\u00fctteln \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcbrigen Passagiere steigen erst sp\u00e4ter ein. Erstaunlich, wie viele von ihnen weit au\u00dferhalb wohnen. Neben mich nach vorne kommt eine US-Amerikanerin. Sie spricht flie\u00dfend Spanisch, ohne auff\u00e4lligen Akzent. Sie habe das von ihren Sch\u00fclern gelernt, sagt sie. Sie ist Englischlehrerin, und ihre Sch\u00fcler sind Einwandererkinder aus Mexiko und Guatemala. Mir kommt das etwas merkw\u00fcrdig vor, so gute Sprachkenntnisse nur durch den Kontakt zu den Sch\u00fclern. Dann stellt sich heraus, dass es eine viel engere Verbindung gibt. Ihr Schwiegervater, der auch mit von der Partie ist, ist Panamaer, und ihr Mann spricht auch flie\u00dfend Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer geht sie mit ihrem Mann auf (versp\u00e4tete) Hochzeitsreise. Nach Spanien. Nur Madrid und Barcelona. 10 Tage. Ihr Mann will unbedingt Atl\u00e9tico gegen Bar\u00e7a sehen. Ihr Mann sei schon viel gereist, in Deutschland ist er auch gewesen \u2013 Hamburg und K\u00f6ln, erz\u00e4hlt er mir sp\u00e4ter \u2013 sie nicht. Als Lehrerin verdiene man nicht so gut. Das finde ich etwas verwunderlich, als US-Amerikanerin kann man sich doch sicher Reisen nach Lateinamerika leisten. Muss ja nicht gerade Costa Rica sein. Oder Uruguay.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kommt aus Atlanta. Da sei es jetzt bitter kalt, sagt sie. Hier in Chiriqu\u00ed sei das Wetter gerade richtig, in Panama ist es ihr zu warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil macht Carlos ein paar interessante, aber nicht ganz plausible Aussagen \u00fcber Sprachen. Aber er tr\u00e4gt sie mit gro\u00dfem Selbstbewusstsein vor. In Mexiko spreche man das \u201ebeste\u201c Spanisch, das sei die einzige Variante, in der \/b\/ und \/v\/ unterschieden w\u00fcrden. In Costa Rica spreche man das \/r\/ mit \u201eenglischer\u201c Aussprache aus. Und in Puerto Rico verwechsle man gerne \/l\/ und \/r\/: <em>Puelto Rico<\/em>. Damit k\u00f6nnte er Recht haben, die beiden anderen Behauptungen sind meines Erachtens falsch. Er macht sp\u00e4ter noch uns\u00e4gliche Aussagen \u00fcber die Verwandtschaft von Franz\u00f6sisch, Englisch und Spanisch. Englisch und Franz\u00f6sische seien n\u00e4her mit einander verwandt. Das ist nat\u00fcrlich bl\u00fchender Unsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert eine Weile, es geht st\u00e4ndig bergauf, durch eine richtig sch\u00f6ne Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Anfang passieren wir den Fluss. Der hei\u00dft Caldera, erkl\u00e4rt Carlos, und ist nicht identisch mit dem Bach vor meiner Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er eine Bemerkung zur bevorstehenden <em>Feria del Caf\u00e9<\/em> macht, geht mir ein Licht auf. Die vielen Beete, die ich dieser Tage unter der Br\u00fccke gesehen habe, sind Teil dieser Feria. Die hei\u00dft n\u00e4mlich <em>Feria del Caf\u00e9 y de las Flores.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in Richtung des Bar\u00fas, der Hausvulkans Boquetes. Oben angekommen sieht man ihn, leider teils verdeckt durch die Wirtschaftsh\u00e4user der Kaffeefarm. Um ihn zu besteigen, brauchen Unge\u00fcbte 7 Stunden, pro Weg. Carlos, der fr\u00fcher L\u00e4ufer war, hat ihn einmal in 3 Stunden geschafft, beide Wege zusammen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen sofort in die Kaffeeplantage. Aber erst einmal geht es um Panama. Was verbindet man mit Panama? Den Kanal, den Hut, die Panama-Papers und, wie er hinzuf\u00fcgt, in Deutschland verbinde man Panama mit \u201eOh, wie sch\u00f6n ist Panama!\u201c Er hat ein Photo von der Tigerente und erz\u00e4hlt die Geschichte, l\u00e4sst aber die Volte am Schluss weg, die den eigentlichen Charme des M\u00e4rchens ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos selbst geh\u00f6rt auch zu dem Stamm der Ng\u00f6be-Bugl\u00e9 und spricht zu Hause deren Sprache. Er berichtet auch von den f\u00fcr die Webkunst bekannten Frauen des Volkes. Die Muster, die sie f\u00fcr ihre Kleider benutzen, hei\u00dft Nagua. Viele Details haben symbolische Bedeutung. Die Dreiecke dieses Musters stehen zum Beispiel f\u00fcr die Berge der Region.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kaffeefarm ist 126 Jahre alt, aber der Kaffee wird erst seit 25 Jahren systematisch angebaut und vertrieben. Carlos selbst ist als Kind, schon als Zehnj\u00e4hriger, zusammen mit seinen \u00e4lteren Geschwistern hierhergekommen, um Kaffee zu pfl\u00fccken. Der diente aber damals nur dem h\u00e4uslichen Konsum und wurde in kleinen Mengen an die Leute von Boquete verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist alles anders. Boquete, sagt er, habe sich gewaltig ver\u00e4ndert in letzter Zeit, in erster Linie wegen der vielen zugezogenen Fremden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe in den letzten Jahren in diesem Zusammenhang drei neue W\u00f6rter gelernt, <em>snowbirds<\/em>, <em>gated community<\/em> und <em>gentrification<\/em>. Bei den <em>snowbirds<\/em> handelt es sich um die Ausl\u00e4nder, meist Kanadier, die f\u00fcr ein halbes Jahr \u201eeingeflogen\u201c kommen und dann wieder in ihr Stammland zur\u00fcckkehren. Die <em>gated communities<\/em> sind diese gro\u00dfen, bewachten Wohnanlagen, die sich hinter hohen Mauern und verschlossenen Toren verbergen. Diese Anlagen haben bis zu 30 H\u00e4user. Alles ist streng geregelt, von der Farbe der H\u00e4user bis zur Zahl der Hunde, die man halten darf. Es ist nicht schwer, rauszufinden, was Carlos von ihnen h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und <em>gentrification<\/em>, das ist der Prozess, den Boquete in den letzten Jahrzehnten durchlaufen habe, durch den st\u00e4ndigen Zuzug von Ausl\u00e4ndern, durch die Umwandlung von Kaffeeplantagen in Wohnbezirke. Die Immobilienpreise sind gestiegen und die Preise f\u00fcr den Konsum mit ihnen. Er selbst habe das erfahren anhand eines Hauses, das er gekauft h\u00e4tte, wenn man ihm einen Kredit gegeben h\u00e4tte. Das Haus kostete damals 25.000 $ und ist k\u00fcrzlich f\u00fcr 300.000 $ verkauft worden. Der Stundenverdienst eines Panamaers liege bei 2,50 $, und ein Kaffee koste hier ohne weiteres 3 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wenden wir uns dem Kaffee zu. Zwischendurch kommen allerdings immer wieder witzige, teils auch zotige Kommentare von Carlos. Seine liebsten Zielscheiben sind Frauen, Schwiegerm\u00fctter und Franzosen, teils auch Italiener.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor 25 Jahren habe man hier angefangen, den Kaffeeanbau zu professionalisieren. Das sei so gut gelungen, dass man von einer Weltausstellung mit der Goldmedaille zur\u00fcckgekehrt sei und heute den teuersten Kaffee der Welt produziere, den Kaffee der Sorte <em>Geisha<\/em> (2019 bei einer Versteigerung f\u00fcr 1029 $ pro Pfund verkauft). Das Wort Geisha hat nichts mit Japan zu tun, sondern ist von einem \u00e4thiopischen Ort abgeleitet. \u00c4thiopien sei schlie\u00dflich das Ursprungsland des Kaffees.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweitteuerste Kaffee der Welt sei der in Sumatra, der erst durch den Verdauungstrakt von Katzen geht, gefolgt von einem aus \u00c4thiopien, der erst durch den Verdauungstrakt von Elefanten geht. Carlos h\u00e4lt das alles f\u00fcr nichts als eine Werbema\u00dfnahme.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00e4nder, in denen der meiste Kaffee angebaut wird, sind Brasilien, Vietnam, Indonesien, Kolumbien, \u00c4thiopien. Der meiste Kaffee getrunken wird in den skandinavischen L\u00e4ndern, mit Finnland als Spitzenreiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in Chiriqu\u00ed, wird 70% des panamaischen Kaffees angebaut, ausschlie\u00dflich Arabica. Der Rest, au\u00dferhalb Chiriqu\u00eds, sei ausschlie\u00dflich Robusta. Der ist nicht so anspruchsvoll, braucht weniger Regen und weniger fruchtbare B\u00f6den und beginnt schon nach 2 Jahren Frucht zu tragen. Der Arabica braucht 5 Jahre. Er braucht viel Regen, und den bekommt er hier in den Bergen. Hier gebe es nur zwei Jahreszeiten: vormittags die Trockenzeit nachmittags die Regenzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Boden hier in Chiriqu\u00ed ist vulkanisch, und darauf wachse der Kaffee besonders gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir pfl\u00fccken Kaffee von den hier ganz eng beieinander stehenden Str\u00e4uchern. Es gibt rote, gelbe und gr\u00fcne Fr\u00fcchte. Bei Kaffee handelt es sich um eine Frucht. Die roten und gelben sind verschiedene Sorten, die gr\u00fcnen sind noch nicht reif.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir probieren auch alle. Sie schmecken \u00fcberhaupt nicht nach Kaffee und sind \u00fcberhaupt nicht bitter. Die bittere Note komme erst durch das R\u00f6sten zustande.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kaffeestr\u00e4ucher \u2013 oder sind das B\u00e4ume? \u2013 werden bis zu 6 Metern hoch, aber so hoch l\u00e4sst man sie nicht wachsen, sondern stutzt sie, um das Pfl\u00fccken zu erleichtern. Hier sind sie nur mannshoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kaffeestr\u00e4ucher hier sind 20 Jahre alt, k\u00f6nnen aber auch 60 Jahre alt werden und immer noch Fr\u00fcchte tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Kaffeestr\u00e4uchern stehen hohe B\u00e4ume. Die haben ihre Funktion, denn sie locken V\u00f6gel an. Die V\u00f6gel fressen die Insekten, die dem Kaffee gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen, fressen aber selbst keinen Kaffee. Die B\u00e4ume dienen au\u00dferdem als Schattenspender. Zu viel Sonne tut dem Kaffee nicht gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee hat tiefe Wurzeln, und die sch\u00fctzen den Boden vor Erosion.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he w\u00e4chst ein hochgiftiger Strauch. Zusammen mit den \u00d6sterreichern und Schweizern versuchen wir, rauszufinden, wie der wohl auf Deutsch hei\u00dft. Das Wort hat irgendwas mit Rizinus zu tun. Dieses Gift wirkt nicht durch Ber\u00fchrung, nur durch Konsum. Wirkt mit Verz\u00f6gerung, ist aber immer t\u00f6dlich. Dieser Strauch dient hier auch als Insektenkiller.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kaffeefr\u00fcchte m\u00fcssen per Hand gepfl\u00fcckt werden, da nicht alle Fr\u00fcchte an einem Baum gleichzeitig reif sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nehmen wir die Kaffeefr\u00fcchte auseinander. Sie haben drei Schalen. Die \u00e4u\u00dfere ist leicht zu entfernen, die mittlere ist wie die, die man manchmal in Erdn\u00fcssen hat. Die letzte ist so fein, dass man sie praktisch nicht l\u00f6sen kann. Wenn man die Frucht dann aufbricht, glaubt man, eine Erdnuss in der Hand zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaffee, erkl\u00e4rt Carlos, werde ganz unterschiedlich konsumiert, in Vietnam mit Ei, in Kolumbien mit Zucker. In Kuba werde er so stark wie nur denkbar serviert, aber mit Zucker in rauen Mengen. Er selbst trinke seinen Kaffee schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie damals der Kaffeefarmer in Kolumbien empfiehlt auch er, den Kaffee nicht gemahlen zu kaufen. Er hebt ein St\u00fcck von einem Ast auf und sagt, so etwas komme in den gemahlenen Kaffee rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ordentlich polemisiert er gegen <em>Juan Valdez<\/em>, <em>Lavazza<\/em>, <em>Tchibo<\/em>, <em>Nescaf\u00e9<\/em> und viele andere. Bei Kennern gelte <em>nescaf\u00e9 <\/em>= <em>no es caf\u00e9<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir rauf und kommen zum Prozess des Trocknens. In langen K\u00e4sten stehen auf einer Wiese die Trockenbeete, mit Kaffeefr\u00fcchten in Beige, R\u00f6tlich und Dunkel. Das sind die drei verschiedenen Prozesse: &nbsp;gesch\u00e4lt und gewaschen (<em>washed<\/em>), gewaschen, aber nicht gesch\u00e4lt (<em>honey<\/em>), weder gewaschen noch gesch\u00e4lt (<em>natural<\/em>). Die g\u00e4ngigste Methode ist <em>washed<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fr\u00fcchte brauchen zweieinhalb Monate zum Trocknen, d\u00fcrfen aber nicht nass werden. Deshalb h\u00e4ngen an den K\u00e4sten Plastikplanen, mit denen man den Kaffee abdecken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in eine Halle. Hier wird maschinell getrocknet, in Trommeln. Das geht schneller. Heute wird der Kaffee meist nur f\u00fcr eine kurze Zeit an der Luft getrocknet und kommt dann in die Trommel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das R\u00f6sten findet nicht hier auf der Kaffeefarm statt, aber es gibt einen Ofen, anhand dessen der Prozess illustriert wird. Als Brennmaterial werden die Schalen der Kaffeefr\u00fcchte benutzt! Und die Asche kommt dann wieder als D\u00fcnger auf die Plantage!<\/p>\n\n\n\n<p>In einem gro\u00dfen Becken sehen wir, wie der Kaffee gewaschen wird. Zuerst kommt er in ein Wasserbecken. Was an der Oberfl\u00e4che flie\u00dft, wird aussortiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden die Kaffeefr\u00fcchte nach Gewicht und Gr\u00f6\u00dfe getrennt, unter anderem mit Hilfe eines Siebs. Was hat es damit auf sich? Wenn die Fr\u00fcchte unterschiedlich gro\u00df sind, werden sie nicht gleichm\u00e4\u00dfig ger\u00f6stet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen noch bedruckte S\u00e4cke, in denen der Kaffee verschickt wird, f\u00fcr den Export. Das Standardgewicht ist 60 Kilo. Der Kaffee wird unger\u00f6stet verschickt. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende geht es dann in das Haus und den Verkaufsraum. Zum Probieren. Jeder bekommt 7 Tassen mit unterschiedlichen Sorten, nach G\u00fcte (bzw. Preis) angeordnet. <em>Geisha<\/em> kommt ganz zum Schluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt 4 Durchg\u00e4nge: den trockenen Kaffee riechen, den Aufguss riechen, den Kaffee mit einem kleinen L\u00f6ffel schl\u00fcrfen und schlie\u00dflich trinken. Man w\u00fcnscht sich, bessere Geschmacksnerven und ein besseres Riechorgan zu haben. Die anderen machen lauter kluge Kommentare. Ich kann nur sagen, dass die beiden ersten, die \u201enormalsten\u201c, mir am besten schmecken. Was man wohl merkt, ist, dass die meisten Sorten von Probiergang zu Probiergang unterschiedlich werden. Mit dem <em>Geisha<\/em> kann ich nicht so viel anfangen, einige Kaffeesorten in der Mitte riechen nach gar nichts. Gekauft werden kann der Kaffee nat\u00fcrlich auch, und davon machen einige ordentlich Gebrauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es eine Runde Applaus f\u00fcr Carlos und wir machen uns wieder auf den Weg.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die anderen ihren Kauf machen, bin ich noch ins Gespr\u00e4ch gekommen mit dem panamaischen Schwiegervater, der mir erz\u00e4hlt, dass er Mittelamerika gut kennt und durch alle L\u00e4nder gereist ist, und mit einem jungen Deutschen aus Stuttgart, der auch alleine reist und von hier aus nach Kolumbien weiter will. Er will ganz in den S\u00fcden, nach Leticia, und dort mit einem Schiff \u00fcber den Amazonas nach Peru fahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Boquete versuche ich noch einmal mein Gl\u00fcck bei der Post, aber die Schlange ist mir zu lang. Stattdessen gehe ich ein Eis essen. 2 Kugeln. Ich habe 2 $ parat, aber es kostet 6 $!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nach Hause, eine Runde schwimmen, die Sonne ist gerade rausgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend versuche ich mein Gl\u00fcck beim <em>Caf\u00e9 de Punto Encuentro<\/em>, dem winzigen Lokal gleich in der N\u00e4he. Olga selbst nimmt mich in Empfang. Nein, leider nein, sie macht nur Fr\u00fchst\u00fcck, hat von 7 bis 11 ge\u00f6ffnet. Sie sagt <em>mi amor<\/em> zu mir, fragt nach meinem Namen, will wissen, woher in komme, umarmt mich zum Abschied und dr\u00fcckt mich wie einen alten Freund.<\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es wieder zur\u00fcck ins Zentrum. Die Schlange bei der Post ist nicht mehr ganz so lang. Eine uniformierte Aufpasserin fragt mich, ob ich Rentner sei. Wahrheitswidrig sage ich nein. Was ich denn wolle. Briefmarken. \u201c\u00bfSellos?\u201d, sagt sie, mit verst\u00f6rtem Blick. Damit kann sie nichts anfangen. Sie holt sich Hilfe. Ein Kollege kommt, ebenfalls uniformiert. \u201c\u00bfSellos?\u201d, sagt der, ebenso verst\u00e4ndnislos. Wof\u00fcr ich die denn br\u00e4uchte. F\u00fcr Briefe, Ansichtskarten. Er versinkt in Gedanken, und ich frage, ob das denn hier nicht die Post sei. Nein, die Post sei da dr\u00fcben. Ich habe immer vor dem falschen Laden gewartet.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Post ist \u00fcberhaupt keine Schlange. Ich frage die Frau hinter dem Schalter, ob ich hier Briefmarken kaufen k\u00f6nne. Ja. Auch f\u00fcrs Ausland? Ja. Dann h\u00e4tte ich gerne Briefmarken f\u00fcr Ansichtskarten nach Europa. Nach Europa? Nein, die haben wir nicht. Nur Amerika. Sie holt eine handgeschriebene Liste mit den L\u00e4ndern heraus, in die man Briefe verschicken kann. Nordamerika und S\u00fcdamerika. Sonst nichts. Ich beschlie\u00dfe, das Projekt Ansichtskarten endg\u00fcltig zu begraben. Und wieder wandern 20 in den Papierkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit von der Post entfernt ist das <em>Retrogusto<\/em>, das ich gestern gesehen habe und von dem auch Carlos gesprochen hat. Diesmal hat es ge\u00f6ffnet. Man sitzt drau\u00dfen, nach hinten raus, auf einer sehr sch\u00f6nen Terrasse, mit nicht ganz so sch\u00f6nem Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger, gewiefter Kellner, der mit todernstem Gesicht ironische Bemerkungen macht, bedient mich. Die reinste Freude. Er bringt mich dazu, mehr zu bestellen, als ich mir vorgenommen hatte. Aber das bereue ich nicht. Alles ist gro\u00dfe Klasse. Schon das ger\u00f6stete Brot mit hervorragendem \u00d6l und Essig ist den Besuch wert. Dann gibt es gef\u00fcllte Champignons und dann H\u00e4hnchen mit ged\u00fcnstetem Gem\u00fcse. Ein Gedicht!&nbsp; Und ein sch\u00f6ner Ausklang meines Aufenthalts in Boquete. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>3.Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor Sonnenaufgang stehe ich am Stra\u00dfenrand und warte auf den Bus. Es ist warm und es regnet nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus l\u00e4sst auch nicht lange auf sich warten. Und schon um 7.15 stehe ich in David in der Schlange am Fahrkartenschalter. Der n\u00e4chste Bus nach Panama geht um 7.30, und die Frau vor mir in der Schlange ist zuversichtlich, dass wir den noch kriegen. Aber es tut sich nichts. Die Frau hinter dem einzigen Schalter kramt in der Kasse, verschwindet, telefoniert, und dann geht das Ganze wieder von vorne los. Die Frau in der Schlange vor mir gibt entnervt auf. Als der Verkauf endlich beginnt, ist der Bus l\u00e4ngst weg, und wir m\u00fcssen auf den n\u00e4chsten warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Kauf der Karte muss ich meinen Reisepass vorlegen, und sp\u00e4ter im Bus gibt es nochmals eine Passkontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Wartesaal kaufe ich in dem winzigen Kabuff einen Kaffee. Ob das M\u00e4dchen neben ihr ihre Enkelin sei, frage ich die Frau hinter der Theke. Als ich sp\u00e4ter rausgehe, sagt sie: \u201eBye, te esperamos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wartezeit verbringe ich neben einer Frau aus der Schlange. Bis der Bus kommt, kenne ich ihre halbe Lebensgeschichte. Sie hat zahlreiche Kinder, noch mehr Enkel und auch schon Urenkel. Sie wohnt in Panama, stammt aber aus dieser Gegend. In Panama habe sie ein Gesch\u00e4ft, <em>un negocio<\/em>. Inzwischen habe ich gelernt, dass das kein Gesch\u00e4ft im engeren Sinne, mit Ladenlokal, sein muss, und so ist es auch bei ihr. Sie vertreibt von zu Hause aus Speisen, die sie selbst zubereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie will nat\u00fcrlich wissen, wie mir das panamaische Essen schmeckt. Pflichtschuldig sage ich ja, ohne allzu viel Enthusiasmus an den Tag zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Panamaer seien alle sehr freundlich, meint sie, vor allem die aus Chiriqu\u00ed. Wie denn das Leben in Deutschland sei, doch wohl eher \u201eruhig\u201c. Das bedeutet, wie ich ihren Kommentaren \u00fcber Panama entnehme: keine Feste, keine Feiern, kein Frohsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEuropa\u201c, sagt sie, und denkt einen Moment nach. Und dann kommt: \u201eEurasien\u201c. Sie habe eine Freundin in Dubai. Ob Deutschland da in der N\u00e4he liege. Nicht direkt, sage ich, und muss jetzt doch lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in der Schlange stehen, um unser Gep\u00e4ck im Bus aufzugeben, geht ein Mann aus der anderen Richtung an uns vorbei. Ich halte ihn sofort an und frage, ob ich ein Photo machen k\u00f6nne. Er tr\u00e4gt ein BVB-Trikot. Er setzt eine feierliche Miene auf und l\u00e4sst sich photographieren. Als ich ihn frage, wie er an das Trikot gekommen sei, sagt er: ein Geschenk.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich in die L\u00e4nge. Statt der kalkulierten 7 und der erhofften 6 Stunden, sind es am Ende 8 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Landschaft sieht man nicht viel, weil die Vorh\u00e4nge zugezogen sind. Durch einen Spalt sieht man erst viel Gr\u00fcn direkt am Wegesrand, sp\u00e4ter eine offene Landschaft mit T\u00e4lern und Bergen. Noch bevor wir nach Panama kommen, f\u00e4ngt es an zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir halten an einem gro\u00dfen, sch\u00e4bigen Busbahnhof, am Stadtrand von Panama. Hier in der Gegend gibt es gro\u00dfe Siedlungen, alles sieht etwas heruntergekommen aus. An diesem Busbahnhof steigen schon die meisten aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf, schon kurz vor dem Ziel, geht pl\u00f6tzlich gar nichts mehr. Wir kommen keinen Meter voran, und man kann auch nicht sehen, was los ist. Die Fahrerkabine ist nach hinten hin abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es endlich weiter geht, kommt die mit einem gro\u00dfen Bogen \u00fcberspannte <em>Puente de las Am\u00e9ricas <\/em>in Sicht. Sie ist Teil der <em>Panamericana<\/em> und war lange die einzige Stra\u00dfenverbindung zwischen Nord- und S\u00fcdamerika. Rechts das offene Meer, der Pazifik, links die Ausfahrt aus dem Panama-Kanal. Die Schleuse von Miraflores muss hier noch ein paar Kilometer entfernt liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof von Panama ist riesig und modern, mit einer eigenen Ebene f\u00fcr die Ankunft. Ich schiebe meinen Koffer runter zum Taxistand. Der erste Taxifahrer will 10 $ haben. Ich schnappe mir meinen Koffer und biege um die Ecke. Der dort macht es f\u00fcr 5 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hei\u00dft Esmeraldo, macht auch Taxidienste f\u00fcr Touristen, 15 $ pro Stunde, man kann ihn f\u00fcr den ganzen Tag mieten und sich dann \u00fcberall die Zeit nehmen, die man f\u00fcr die Besichtigungen braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft f\u00e4hrt er Besucher aus Mexiko. Die kommen eigens zum Einkaufen nach Panama. Sie lassen sich nach Col\u00f3n fahren, einer gro\u00dfen Freihandelszone, der gr\u00f6\u00dften der Welt nach Hongkong. Hier wird zollfrei importiert, gelagert, verkauft, neu verpackt und exportiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Esmeraldo erkl\u00e4rt mir, warum es bei der Einfahrt nach Panama so langsam ging. Abends werden drei Spuren stadtausw\u00e4rts freigegeben, und es gibt nur eine Spur stadteinw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in ein Wohnviertel, mit einer Reihe von gro\u00dfen, modernen Wohnbl\u00f6cken. Hier hat es vor einigen Jahren einen Brand gegeben, dem die Holzh\u00e4user der Gegend zum Opfer gefallen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Vermieterin mir genaue Angaben gemacht hat, sucht Esmeraldo. Er muss er ein paar Mal um den Block fahren, bis wir vor dem richtigen Haus stehen. Dort steigt er mit mir zusammen aus, schleppt den Koffer zum Eingang hilft mir beim \u00d6ffnen der T\u00fcr. Mit Code aus Zahlen und Symbol. Mit seiner Hilfe komme ich beim dritten Versuch rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es nach oben. Dort sieht es aus wie auf dem Flur eines Gef\u00e4ngnisses. Wieder stehe ich vor einer T\u00fcr, die ich mit einem Code \u00f6ffnen muss. Beim dritten Versuch klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00f6ffne die T\u00fcr und sto\u00dfe zuerst auf ein Paar Schuhe. Ein Mann erscheint. Ich entschuldige mich und sage, es m\u00fcsse wohl ein Missverst\u00e4ndnis gegeben haben. Er entschuldigt sich seinerseits. Er sei hier, um das Sofa zu reparieren, das die Mieter vor mir besch\u00e4digt haben. Er sei in ein paar Minuten fertig. Ist er auch. Er erkl\u00e4rt mir dann noch in aller Ruhe, wie das mit der T\u00fcr funktioniert und hilft mir, mich ins Netz einzuw\u00e4hlen. Dann verabschiedet er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist kleiner, als es auf den Photos aussieht, aber modern und in allem auf dem neuesten Stand. Es gibt alles, was man braucht und fast alles, was man sich w\u00fcnschen kann. Das Apartment erinnert mich an das erste der Reise. Da schlie\u00dft sich also ein Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich meine Sachen ausgepackt habe, merke ich, dass der Mann meine Fresst\u00fcten mitgenommen hat, sicher ein Versehen. Aber das bedeutet, dass ich noch mal raus muss. Zum Gl\u00fcck brauche ich nicht lange durch die dunklen Stra\u00dfen zu gehen, gleich um die Ecke ist ein gro\u00dfer Supermarkt. Vor dem Schlafengehen gibt es dann noch ein eiskaltes Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Dusche versuche ich vergeblich, warmes Wasser zu bekommen. Das kommt mir merkw\u00fcrdig vor bei diesem modernen Apartment. Dann kommt mir in den Sinn, den Hebel der Dusche von Rot auf Blau zu schieben. Bei Blau gibt es warmes Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet es so heftig, dass an einen Spaziergang nicht zu denken ist. Ich sehe mir stattdessen die Metro an.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Station, der <em>5 de Mayo<\/em>, bringt mich ein Taxifahrer, der daf\u00fcr nur 2 $ will. Als ich einsteige, sagt er, er behandle Ausl\u00e4nder genauso wie Einheimische. Ich sage, dass ich das richtig gut finde und erz\u00e4hle von meinen Erfahrungen mit einigen seiner Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterhalten uns angeregt. Er hei\u00dft Fran und stammt eigentlich aus Chiriqu\u00ed, ist aber schon seit 30 Jahren hier in Panama. Normalerweise f\u00e4hrt er Schulkinder, aber da jetzt Ferien sind, arbeitet er in dieser Zeit als Taxifahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Er meint, in Deutschland gehe doch alles ziemlich \u201estark\u201c zu. Da wei\u00df ich nicht, was er meint. Ja, sagt er, mit der Verfassung und so. Na ja, sage ich, eine Verfassung gebe es ja in allen L\u00e4ndern,&nbsp; und die werde doch in den meisten L\u00e4ndern respektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gespr\u00e4ch geht noch weiter, als wir schon angekommen sind. Er will wissen, ob ich die L\u00e4nder hier in Mittelamerika als sehr unterschiedlich wahrgenommen habe. Nicht sehr, sage ich. Das ist nicht die Antwort, die er erhofft hat. Vielleicht kann man sagen, dass es zum S\u00fcden hin etwas \u201eeurop\u00e4ischer\u201c wird. In Costa Rica und Panama habe ich keine Tuk-Tuks mehr gesehen und keine Eselskarren oder Frauen, die ihre Lasten auf dem Kopf tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der U-Bahn muss man sich erst eine Karte kaufen und die dann aufladen. Statt mich an den Automaten zu stellen, frage ich eine junge Frau hinter dem Schalter. Sie kommt raus und hilft mir. Mit den 2 $ f\u00fcr die Karte kann man noch keine Fahrt machen, aber mit den 3 $, die man aufl\u00e4dt, kann man drei Fahrten machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die U-Bahn ist modern und sauber, und alles ist hervorragend ausgeschildert. Sogar die R\u00e4ume auf den Bahnsteigen sind gekennzeichnet, in denen ausgestiegen wird und in denen man wartet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat offensichtlich von den Erfahrungen der U-Bahnbauer in Europa gelernt. Es gibt durchgehende Wagen, Sitzpl\u00e4tze gibt es nur l\u00e4ngs des Wagens, und es gibt genug Haltegriffe. Nat\u00fcrlich sind alle Anzeigen elektronisch, im Zug und auf dem Bahnsteig.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Z\u00fcgen keine B\u00e4nkels\u00e4nger, keine Bettler, keine Verk\u00e4ufer, keine Prediger, nicht einmal ein Fetzchen Papier auf dem Boden. Es wirkt fast steril.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre bis <em>San Miguelito<\/em>, einer gro\u00dfen Station, wo man in die andere Linie umsteigen kann. Unterwegs fallen mir die Namen der Stationen auf: <em>5 de Mayo <\/em>und <em>12 de Octubre<\/em>, <em>Los Andes<\/em> und <em>Pan de Az\u00facar<\/em>, <em>Iglesia del Carmen<\/em> und <em>Santo Tom\u00e1s<\/em> und <em>El Ingenio<\/em> und <em>Loter\u00eda<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich umsehe, f\u00e4llt mir auf, dass ich, mit der Ausnahme einer weit entfernt sitzenden blonden Frau, der einzige Wei\u00dfe bin. Panama ist von jeher ein Schmelztiegel gewesen, und hier gibt es jede Menge Variation. Das Haar ist immer schwarz, die Augen sind immer braun, aber bei der Haut gibt es jede Menge Abstufungen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gegen\u00fcber sitzt eine Frau mit einer Einkaufst\u00fcte mit folgendem Aufdruck: <em>Hoy es d\u00eda de Vino y Tapas<\/em>. Sie erlaubt mir, ein Photo davon zu machen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag, als der Regen nachgelassen hat, geht es in die Altstadt, ins <em>Casco Viejo<\/em>. Alle sprechen von <em>Casco Viejo<\/em>, aber auf den Schildern steht <em>Casco Antiguo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Unterkunft ist gerade au\u00dferhalb des <em>Casco Viejo<\/em>, in der N\u00e4he der <em>Plaza Santa Ana<\/em>. Das erste, was einem auff\u00e4llt, sind die m\u00e4chtigen B\u00e4ume mit ihren \u201eB\u00e4rten\u201c. Der Platz ist weder sch\u00f6n noch h\u00e4sslich, aber er ist auf jeden Fall Teil des ganz normalen Lebens der Stadt. Menschen sitzen unter B\u00e4umen, verkaufen Lose, scherzen miteinander, rufen Passanten etwas zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Casco Viejo<\/em> ist das anders. Hier regiert der Tourismus, und die Flaneure sind fast ausschlie\u00dflich Ausl\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Bau des Panamakanals war das <em>Casco Viejo<\/em> gleichbedeutend mit Panama. Mehr gab es nicht. Dann zogen die Wohlhabenderen weg, in neuere Stadtviertel. Das <em>Casco Viejo<\/em> wurde vernachl\u00e4ssigt und verkam immer mehr. Bis man es wiederentdeckte. Das Viertel wurde renoviert und letzten Endes sogar von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind eng, aber die H\u00e4user, obwohl meist nur zweist\u00f6ckig, daf\u00fcr ziemlich hoch. Nicht alle H\u00e4user sind renoviert, an denen kann man noch gut sehen, wie das Viertel vorher ausgesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Altstadt erst nach der Aufgabe von <em>Panama Viejo<\/em> erbaut wurde, stammen die meisten H\u00e4user aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Sie sieht deshalb anders aus die typischen Altst\u00e4dte in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich zwei Frauen, die sich an einem Baum zu schaffen machen. Sie pfl\u00fccken die gelben Bl\u00fcten. Diese Bl\u00fcten werden zur Herstellung von Parf\u00fcm verwandt. Erinnert mich an das Ylang-Ylang aus Honduras, aber die Frauen hier nennen die Bl\u00fcten <em>cananga<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Links kommt die Kirche <em>La Merced<\/em> in Sicht. Sie hat gro\u00dfe h\u00f6lzerne T\u00fcren mit sch\u00f6nen Eisenbeschl\u00e4gen. Innen herrscht das Gold vor. Panama hat l\u00e4ngst vor dem Kanal als Umschlagplatz f\u00fcr die Waren aus Peru nach Europa von seiner Lage profitiert. So ist denn auch eine der Figuren an den Seitenalt\u00e4ren eine Jungfrau mit einem Schiff in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne am Altar steht ein Korb, in dem man etwas f\u00fcr Bed\u00fcrftige hinterlassen kann, kein Geld, sondern Dinge. Er ist gut gef\u00fcllt mit ganz einfachen Sachen wie K\u00fcchenpapier.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kommt man auf die <em>Plaza de la Independencia<\/em>, dem Zentrum der Altstadt. Der hei\u00dft so, weil hier, im <em>Cabildo<\/em> (wohl so etwas wie der Sitz des Stadtrats) Panama 1821 seine Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien erkl\u00e4rte. Heute steht hier ein italianisierendes klassizistisches Geb\u00e4ude mit Balkonen, stockwerk\u00fcbergreifenden S\u00e4ulen und einer Inschrift auf Latein.<\/p>\n\n\n\n<p>An der anderen Seite die Kathedrale, teils erbaut mit Materialien aus <em>Panama Viejo<\/em>, das man nach seiner Aufgabe als Steinbruch benutzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale hat zwei wei\u00dfe T\u00fcrme, die man, obwohl nicht sonderlich hoch, auch aus anderen Teilen der Stadt sehen kann. Die T\u00fcrme sind wei\u00df, die Fassade ist steinsichtig, mit Apostelfiguren in den Nischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist f\u00fcnfschiffig, mit hohen Seitenschiffen und einem ganzen Wald von Pfeilern, 67 insgesamt, die immer wieder neue Perspektiven bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Hingucker ist ein modernes Gem\u00e4lde im n\u00f6rdlichen Seitenschiff. Es ist auff\u00e4llig, aus blauem Leinenstoff gemacht. Auf den ersten Blick ziemlich verwirrend. Im Zentrum erkennt man eine Jungfrau mit indigenen Gesichtsz\u00fcgen und traditioneller Kleidung. Aber was bedeuten die anderen Figuren, die Menschen, die Boote, die B\u00e4ume, die V\u00f6gel, das Spruchband? Alles ist dicht an dicht gedr\u00e4ngt. Es stellt sich heraus, dass die Szene die Passage der Migranten des 21. Jahrhunderts durch den Dari\u00e9n darstellt, den Weg durch die H\u00f6lle, ein Weg durch den Dschungel mit gef\u00e4hrlichen Tieren, mit unertr\u00e4glicher Schw\u00fcle, mit Moskitos und mit raubenden und t\u00f6tenden Verbrecherbanden. Diesen Weg nehmen die Verzweifelten auf sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA. Dabei werden sie erbarmungslos von Schleppern ausgenutzt, die sie in den Glauben versetzen, sicher durch den Dari\u00e9n von Kolumbien nach Panama zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00fcnstler, Aristides, will die Trag\u00f6die sichtbar machen und der Toten gedenken, deren Zahl unbekannt ist, die kein Begr\u00e4bnis bekommen, an die es keine Erinnerung gibt. Viele der Anspielungen in dem Bild versteht man nicht \u2013 Warum haben die Bootsleute Musikinstrumente? Was motiviert den gl\u00fccklichen Ausdruck auf manchen Gesichtern? \u2013 aber eindringlich ist es auf jeden Fall, vor allem die Gruppe um die Frau unten links mit dem Kind auf dem Arm und den Kindern um sich herum, die sich \u00e4ngstlich an sie klammern. Die Gesichter sind entindividualisiert, dr\u00fccken Beklemmung, Angst, Hilflosigkeit aus. Nicht umsonst bleiben viele Besucher der Kirche lange vor dem Bild stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen auf dem Platz l\u00e4sst ein Verk\u00e4ufer Touristen sich an dem Eisklotz versuchen, der gehobelt werden muss, um <em>raspado<\/em> zuzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer Verk\u00e4ufer versucht, mich zum Kauf eines Panama-Hutes zu bewegen. Er hat sie alle der Reihe nach an einem Zaun aufgeh\u00e4ngt. Die Einsicht, dass der Panamahut aus Ecuador kommt, ist hier vermutlich nicht sehr popul\u00e4r. Die falsche Bezeichnung setzte sich endg\u00fcltig durch, als Theodore Roosevelt beim Besuch des Panamakanals einen solchen Hut trug. Zu dem Zeitpunkt war der falsche Name aber schon im Umlauf, und zwar deshalb, weil die Waren aus S\u00fcdamerika nicht aus den Ursprungsl\u00e4ndern in die USA eingef\u00fchrt werden durften. Sie wurden alle \u00fcber Panama eingef\u00fchrt und trugen den Zollstempel <em>Panama<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist den Panamaern aber egal, sie machen ihr Gesch\u00e4ft mit dem Panamahut. Hier hat man sogar eine Stra\u00dfe, wie sonst mit Regenschirmen, mit Panamah\u00fcten dekoriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier auf dem Platz befindet sich auch das <em>Museo del Canal Interoce\u00e1nico<\/em>. Das widmet sich weniger dem Kanal als der Zeit vor dem Kanal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Menschen kamen vor ca. 10.000 Jahren nach Panama. Aber l\u00e4ngst vorher war das entscheidendste Ereignis der Geschichte Panamas eingetreten. Das ist, so wird angenommen, drei Millionen Jahre her. Da trafen im Meer zwei Erdplatten aufeinander und formten das, was wir heute Mittelamerika nennen. Damit wurden die Meere getrennt, die Kontinente aber verbunden. Es entstand eine Br\u00fccke, \u00fcber die Pflanzen, Tiere und sp\u00e4ter auch Menschen wanderten, in beide Richtungen. Die Trennung von Pazifik und Atlantik ver\u00e4nderte auch die Meeresstr\u00f6mungen und das Klima und hatte Auswirkungen bis nach Europa!<\/p>\n\n\n\n<p>Von den fr\u00fchen Menschen sind einige Artefakte ausgestellt, vor allem Keramik, darunter eine \u201eTasse\u201c, deren Rand wie ein Gesicht geformt ist, mit Schlitzen f\u00fcr Augen und Mund und hervortretenden Backenknochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n auch die Muscheln, aus denen man durch das simple Einf\u00fcgen von L\u00f6chern Musikinstrumente gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es schon bald um den Kanal. Die ersten Initiativen daf\u00fcr gab es schon im 16. Jahrhundert! Carlos V. beauftragte eine Kommission, die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Bau eines Kanals zu sondieren. Der Plan wurde dann unter seinem Sohn, Felipe II., aufgegeben. Mit der Begr\u00fcndung: Schon so locken wir viel zu viele Feinde an, das w\u00fcrde sich mit dem Bau eines Kanals noch verschlimmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste gr\u00f6\u00dfere Versuch wurde von den USA gemacht. Hier war es U.S. Grant, Pr\u00e4sident und B\u00fcrgerkriegsheld, der gleich zwei Forschungsteams aussandte, um zu sehen, wie und wo der Kanal gebaut werden konnte. Das Resultat: Das Unterfangen wurde f\u00fcr unrealisierbar erkl\u00e4rt!<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl von den Amerikanern als auch von den dann folgenden Franzosen gibt es Messinstrumente wie Geometer, Sextanten, Prismen, Ma\u00dfb\u00e4nder und ganz feine Pinzetten und Stifte zu sehen, alle, soweit man das sehen kann, von h\u00f6chster Qualit\u00e4t. Die Sache wurde auf jeden Fall ernst genommen und mit Professionalit\u00e4t angegangen. Trotzdem wurde das Projekt der Franzosen zu einem Desaster.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz gesagt, haben sie einfach die Schwierigkeiten untersch\u00e4tzt. Und das, obwohl Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, an f\u00fchrender Position beteiligt war. Aber beim Panamakanal war alles anders. Die entscheidenden Widersacher waren der Regen, die Moskitos, Malaria und Gelbfieber und vor allem \u2013 die Berge! Lesseps h\u00e4tte auf Humboldt h\u00f6ren sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde das Projekt, 1880 begonnen, zu einem Fiasko, letzten Endes auch zu einem Fiasko finanzieller Art. Ausgestellt sind hier Obligationen und Lotterielose, die man \u2013 sehr erfolgreich \u2013 unters Volk brachte. Der Kanal hatte alleine 100.000 Aktion\u00e4re. Alles nutzte nichts. Die Kosten fielen h\u00f6her aus, die Kanalgesellschaft ging Bankrott. 1889 war Schluss. Die Bilanz verzeichnete&nbsp; 20.000 Tote, darunter viele Selbstm\u00f6rder, und einen handfesten Skandal: Bestechung und Veruntreuung von Geldern waren wohl schuld an dem Schiffbruch des Projekts. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Detail gibt es \u00fcber die Abstimmung in der Kanalgesellschaft zu erz\u00e4hlen, der Abstimmung, bei der \u00fcber die beste der vorgeschlagenen Optionen abgestimmt wurde: Es gab 74 Stimmen daf\u00fcr, 8 dagegen, 16 Enthaltungen und 38 Abwesenheiten. Die meisten, die f\u00fcr den Plan stimmten, waren keine Ingenieure, und von den Ingenieuren, die daf\u00fcr stimmten, war nur ein einziger jemals in Panama gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesseps gro\u00dfer Traum war geplatzt. Man sieht Karikaturen von ihm, wie er mit einem Korkenzieher in die Erde bohrt, wie er breitbeinig \u00fcber der Landenge steht und wie er als alter Mann im Lehnstuhl zu Hause unter einer Decke liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Ausstellungsst\u00fcck ist bezeichnenderweise ein riesiger, verrosteter&nbsp; Eisenkessel, in dem der Aushub transportiert wurde. Er war in der Franzosenzeit in Gebrauch und wurde von den Amerikanern beim Bau des Kanals unter dem Schutt wiedergefunden. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum geht es wieder in die immer belebter werdende Altstadt. Pl\u00e4tze gibt es hier wie Sand am Meer. Immer wieder st\u00f6\u00dft man auf einen, den man noch nicht gesehen hat. An einem steht das klassizistische <em>Teatro Nacional<\/em>, mit allegorischen Figuren und mit ber\u00fchmten Autoren in Medaillons. Hier ist kein Mensch. Ganz anders als in den anderen Teilen des <em>Casco Viejo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz an der S\u00fcdspitze der Halbinsel, die das <em>Casco Viejo<\/em> bildet, liegt die <em>Plaza de Francia<\/em>. Hier wird der Rolle Frankreichs beim Bau des Kanals gedacht. Es gibt B\u00fcsten der Ingenieure und Politiker, die beteiligt waren, und oben auf einem Obelisk ein gallischer Hahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es auf eine nach oben f\u00fchrende Promenade am Meer entlang. Hier pr\u00e4sentiert sich die Skyline des Panamas mit den Wolkenkratzern, ganz so, wie man sich Panama vorstellt, wie eine Variante von Manhattan. Die meisten T\u00fcrme sind schlank und quadratisch, aber man achtet kaum auf die Details. Das Ensemble z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Altstadt wird umkreist von einem auff\u00e4lligen, einen weiten Bogen schlagenden Viadukt, mit Fahrspuren, aber wohl auch einer Spur f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. Der Viadukt ist Teil einer gr\u00f6\u00dferen Anlage, der <em>Cinta Costera<\/em>, ein dem Wasser abgerungener Streifen, gebaut mit dem Ziel, den Verkehrsfluss in der Stadt zu verbessern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einer Touristeninformation lande ich bei der Touristenpolizei. Die sind personell gut ausgestattet und tragen schicke Uniformen. Aber Ahnung haben sie keine.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza Santa Ana<\/em> ein Banner, das den Protest der Einwohner gegen die Entwicklung des <em>Casco Viejo<\/em> ausdr\u00fcckt: no a la gentrificaci\u00f3n \u2013 stop gentrification.<\/p>\n\n\n\n<p>5. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jogurt, den ich gestern gekauft habe, mit Geschmack nach <em>guan\u00e1bana<\/em>, schmeckt sehr gut. Die <em>guan\u00e1bana<\/em> ist eine stachelige, gr\u00fcne Frucht mit schwarzen Samen und gelblichem Fruchtfleisch. Als wenn das Auseinanderhalten der ganzen exotischen Fr\u00fcchte nicht schon schwer genug w\u00e4re, kann man auch noch <em>guan\u00e1bana<\/em> mit <em>guay\u00e1bano<\/em> verwechseln. Oder sollte das am Ende dasselbe sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach <em>Panama Viejo<\/em>. Dort lag Panama, bis es nach einem britischen Piratenangriff aufgegeben und hierher verlegt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der redselige Taxifahrer macht einen Rundumschlag, was das touristische Angebot Panamas angeht. Das Ausgrabungsgel\u00e4nde liegt ein ganzes St\u00fcck entfernt von der Innenstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird wieder ordentlich abkassiert: 17 $ Eintritt f\u00fcr Ausl\u00e4nder! Wo das ganze Geld wohl hingeht? In den Armenvierteln scheint es nicht anzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage ist weitl\u00e4ufig, und man wird mit einem B\u00e4hnchen zur <em>Plaza Mayor<\/em> gefahren. Unterwegs sieht man schon einige beachtliche Mauerreste. Erstaunlich, denn <em>Panama Viejo<\/em> wurde nicht nur von den Piraten zerst\u00f6rt, sondern sp\u00e4ter auch als Steinbruch benutzt. Gro\u00dfe Teile der Kathedrale wurden mit Materialien von hier erbaut.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der<\/em> Hingucker auf der <em>Plaza Mayor<\/em> ist der Kirchturm, der komplett erhalten und soweit instand gesetzt worden ist, dass man ihn besteigen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Aufstieg liest man an den W\u00e4nden Zitate aus der alten Zeit \u00fcber die Kathedrale: \u201eUna torre bien alta de tres cuerpos \u2026 con sus campanas sagradas, que su sonido consuela en las tempestades.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es einiges zu sehen. Zu einer Seite drei Inseln, die als Hafen f\u00fcr die Schiffe dienten, die mit allen Kostbarkeiten aus Peru hier ankamen. Panama war die erste spanische Stadt am Pazifik. Der Turm war Glockenturm, aber auch Wachturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer anderen Seite sieht man Santo Domingo und den Beginn des <em>Camino Real<\/em>. Der f\u00fchrte nach Portobelo, auf der anderen Seite, zum Atlantik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale wurde bei einem Brand zerst\u00f6rt, 1539. Dann folgte etwas, was ganz aktuell klang. Es wurde gestritten, ob man neu bauen oder reparieren sollte, ob der Neubau aus Holz oder aus Stein sein sollte. Man entschloss sich f\u00fcr Holz, aber der Bau zerfiel nach und nach. Wieder wurde notd\u00fcrftig geflickt. Es dauerte bis 1619, bis man sich f\u00fcr einen Neubau entschied. Der wurde 1626 vollendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit der Kathedrale war ihre Ausrichtung, mit dem Chor zum Meer hin, nach S\u00fcden statt nach Osten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza Mayor<\/em> war umgeben vom Haus einer f\u00fchrenden Adelsfamilie und von Patrizierh\u00e4usern, vom Gef\u00e4ngnis und vom <em>Cabildo<\/em>. Zu drei Seiten gab es Laubeng\u00e4nge, die Schutz vor Sonne, vor allem aber vor Regen boten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Ausgrabungen hat man in den H\u00e4usern der wohlhabenden Familien europ\u00e4ische Gef\u00e4\u00dfe, Kacheln aus Sevilla, Glasperlen und bestickte Teppiche gefunden, aber auch Waffen von hoher Qualit\u00e4t. Eine Familie betrieb hier wohl eine Waffenschmiede. Davon zeugen Musketen, Armbr\u00fcste, Hellebarden und ein Degen f\u00fcr Linksh\u00e4nder!<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich mir das Museum ansehe, mache ich eine kurze Pause bei einem Kaffee und einem s\u00fc\u00dfen Geb\u00e4ck, das &nbsp;<em>maicena<\/em> hei\u00dft. Neues Wort, aber bekannter Geschmack: Es ist Lebkuchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum hat einige \u00dcberraschungen zu bieten. So wird zum Beispiel diskutiert, ob die Stadt 1671 wirklich von Henry Morgan und seinen Piraten in Brand gesetzt worden ist. Man hat zwar ein paar verkohlte Waffen gefunden, aber sonst keine Spuren von einem verheerenden Brand. Auch die Mauern drau\u00dfen sehen nicht aus wie vom Feuer angegriffen. Vielleicht wurde die Stadt von den Spaniern selbst zerst\u00f6rt, um den Briten keine Bastion f\u00fcr den Aufbau eines Kolonialreiches in Mittelamerika zu hinterlassen. Und Pl\u00e4ne zur Verlegung der Stadt hatte es wohl auch schon vorher gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was auf jeden Fall stimmt: Morgan griff die Stadt mit der gr\u00f6\u00dften Piratenflotte an, die es je gegeben hatte. Sie pl\u00fcnderten die Stadt, nahmen Geiseln und forderten L\u00f6segeld und lebten einen Monat lang in Saus und Braus hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie waren sie \u00fcberhaupt hierhergekommen? Sie landeten am Atlantik und segelten den Chagres runter, musssten dann aber einen strapazi\u00f6sen neunt\u00e4gigen Fu\u00dfmarsch \u00fcber den Isthmus hinter sich bringen, um hierher an den Pazifik zu kommen. Trotzdem besiegten sie die Spanier. Sie stie\u00dfen sie auf eine v\u00f6llig \u00fcberforderte, schlecht ausgebildete und schlecht ausger\u00fcstete spanische Verteidigung. In ihrer Not lie\u00dfen die Spanier eine Herde Stiere auf die Gegner los, aber dieses Man\u00f6ver war nicht von Erfolg gekr\u00f6nt. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Charles II. bat sp\u00e4ter seinen spanischen Gegenpart \u2013 das muss Carlos II. gewesen sein, seinen Namensvetter \u2013 um Entschuldigung und gab vor, von dem Angriff nichts gewusst zu haben. Morgan sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Er wurde in Ketten nach England zur\u00fcckgeschifft, aber dort geschah nichts. Morgan lebte unbel\u00e4stigt die n\u00e4chsten drei Jahre dort und kehrte sp\u00e4ter als Vizegouverneur von Jamaika in die Karibik zur\u00fcck. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einem gro\u00dfen Modell im Museum sieht man, wie die Stadt, an zwei Seiten am Meer gelegen, ausgesehen hat. Es gab eine Vielzahl von Kl\u00f6stern und Konventen, fast alle innerhalb der Stadt. Nur zwei lagen in der Vorstadt, wo die Armen wohnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer Teil des Museums gilt den Indigenen vor der Ankunft der Europ\u00e4er. Sie waren in <em>cazicazcos<\/em> organsiert, einer Vereinigung mehrerer D\u00f6rfer unter der F\u00fchrung eines <em>cazique<\/em>, der in der Regel in einem eigenen Dorf, getrennt von seinen Untertanen, residierte. Von diesen <em>cazicazcos<\/em> gab es ca. 80. Sie trieben genauso gern Handel mit einander wie sie sich bekriegten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige sch\u00f6ne Objekte sind ausgestellt, vor allem die Musikinstrumente gefallen mir, Fl\u00f6ten und Okarinas, aus den Knochen von Rindern gefertigt. Am sch\u00f6nsten aber eine Halskette aus Austernperlen, in Orange und Wei\u00df, in bestimmten Intervallen abwechselnd angeordnet. Sie wurde als Grabbeigabe gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grabfunde sind der H\u00f6hepunkt des Museums. Da sieht man ein weibliches Skelett, eine Frau, mit ge\u00f6ffnetem Mund, einem seitlich abstehenden und nach oben gezogenen Bein, den Armen rechts \u00fcber den Brustkorb gelegt und den Kopf auf die H\u00e4nde ausgerichtet. Ihr K\u00f6rper wurde so positioniert, dass sie wie eine tanzende S\u00e4ngerin ausgesehen hat. Das Ganze muss mit Bedacht geschehen sein. Sie muss in diese Position gebracht worden sein, bevor der <em>rigor mortis<\/em> einsetzte. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch spektakul\u00e4rer ein anderes Grab, wieder das einer Frau, einer etwa vierzigj\u00e4hrigen reifen Frau, etwa auf 1230-1300 zu datieren. Auch ihr Mund ist ge\u00f6ffnet, und sie h\u00e4lt eine Hand unter ihrem Becken und eine Hand dr\u00fcber. Ihr K\u00f6rper liegt auf 10 m\u00e4nnlichen Sch\u00e4deln, aber die sind viel \u00e4lter als sie, in einem Fall ist der Sch\u00e4del vermutlich 700 Jahre \u00e4lter. Diese Sch\u00e4del m\u00fcssen also mit gro\u00dfer Sorgfalt \u00fcber Generationen aufbewahrt und ihr als besonderes Hoheitszeichen mit ins Grab gegeben worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>War eine gute Idee, sich <em>Panama Viejo<\/em> anzusehen. Zur\u00fcck geht es mit dem Bus. Ein \u00e4lteres Modell, das gleichzeitig brummt und pfeift. Er hat ein Drehkreuz f\u00fcr den Einstieg und f\u00fcr den Ausstieg. Wer hat sich das nur ausgedacht? Ist f\u00fcr alle l\u00e4stig, vor allem f\u00fcr die, die Lasten schleppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus hat seine Endhaltestelle in Albrook, wo auch die Fernbusse ankommen. Hier gibt es auch eine Shopping Mall und einen offenen Markt, auf dem es lebendig zugeht. Vom Sonntag merkt man nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Markt geht direkt \u00fcber in die Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe. Hier werden die Verkaufsst\u00e4nde vom Morgen gerade abgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo sto\u00dfe ich auf einen Wagen, der mit Ananas beladen ist. Ich m\u00f6chte eine mitnehmen. Was kostet die? 50 Cent! Ich gebe dem Verk\u00e4ufer einen Dollar, und da will er mir gleich eine zweite mitgeben. Die Ananas ist ein Traum, saftig und s\u00fc\u00df. Ich esse jeden Morgen eine Scheibe davon und genie\u00dfe es. Kann mich nicht erinnern, schon mal so eine leckere Ananas gegessen zu haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gehe ich ins <em>Masa<\/em>, einem italienischen Lokal an der <em>Plaza Santa Ana<\/em>. Die sieht am Abend mit der Beleuchtung richtig sch\u00f6n aus. Man sitzt mitten auf dem Platz, das Essen wird her\u00fcbergetragen. Die Portion Pasta f\u00e4llt allerdings ziemlich mickrig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, auf dem R\u00fcckweg, sehe ich endlich, was ich schon l\u00e4nger h\u00e4tte sehen sollen, die Mondsichel, die hier, wie ich von verst\u00e4ndiger Seite geh\u00f6rt habe, nicht vertikal, sondern horizontal am Himmel steht! Sieht ganz ungew\u00f6hnlich aus. Leider versteckt sich der Mond hinter einer Wolke genau in dem Moment, wo ich ein Photo machen will.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich Panama verlasse, ohne den Kanal gesehen zu haben, geht es heute nach Miraflores, zur Schleuse auf der Pazifikseite.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Uberfahrer polemisiert gegen die Taxifahrer. Die w\u00fcrden nur die Touristen ausnehmen, viel h\u00f6here Preise verlangen als von den Einheimischen. Man solle nie in ein Taxi einsteigen, da werde man \u00fcberfallen und ausgeraubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen am Hafen von Panama vorbei, dem <em>Puerto de Balboa<\/em>, an riesigen Hebekr\u00e4nen und kilometerlangen Reihen von \u00fcbereinandergestapelten Containern. Hier l\u00f6schen die Schiffe ihre Fracht, die nicht in den Kanal fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein gro\u00dfes Elektrizit\u00e4tswerk. Das ist Strom, der von dem Kanal selbst erzeugt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider habe ich mich auf eine Information verlassen, die ich im Internet gefunden habe. Danach ist die beste Zeit f\u00fcr die Besichtigung von Miraflores von 9-11, aber als ich um 9 Uhr ankomme, l\u00e4uft schon gerade das letzte Schiff aus. Den ganzen Prozess des Hebens der Schiffe verpasse ich. Dass man die Schiffe \u00fcberhaupt nur zu bestimmten Zeiten sieht, habe ich auch nicht gewusst. Ich dachte, die w\u00fcrden da Schlange stehen, um in die Schleuse zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich laufen die Schiffe am Vormittag in diese Richtung aus, am Nachmittag kommen sie aus der anderen Richtung, vom Atlantik her.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage ist der Kanal 24 Stunden am Tag in Betrieb, fr\u00fcher wurde nur bei Tageslicht gefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Durchfahrt durch den Kanal dauert etwa 10-12 Stunden. Die Fahrt durch den Kanal erspart einen Umweg von 2-3 Wochen um die S\u00fcdspitze Amerikas, kostet aber auch was. Das Schiff, was wir gerade auslaufen sehen haben, muss ca. 700.000 $ daf\u00fcr berappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen gibt es eine zweite, breitere Fahrrinne. Da sieht man hinten zwei Schiffe durchgleiten, ohne dass man das Wasser sieht. Vor uns hat sich derweil in aller Ruhe ein Pelikan am Wasser niedergelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser des Kanals ist S\u00fc\u00dfwasser. Es kommt nur vom Regen und vom Chagres, dem Fluss, der in den Kanal flie\u00dft. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Warum gibt es \u00fcberhaupt Schleusen? Und zwar nicht nur eine, sondern zwei oder sogar drei auf jeder Seite, hier am Pazifik mit einem Stausee, dem <em>Lago de Miraflores<\/em>, zwischen der <em>Esclusa de Miraflores<\/em> und der <em>Esclusa de Pedro Miguel<\/em>? Es liegt nicht an der Ungleichheit von Atlantik und Pazifik. Die liegen auf gleicher H\u00f6he. Man entschied sich f\u00fcr die Schleusenl\u00f6sung, um nicht noch mehr Erde ausheben zu m\u00fcssen. Das war so schon aufwendig genug. Der Durchbruch durch die <em>Corta Culebra<\/em> dauerte allein sechs Jahre, der Kanalbau insgesamt zehn Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser muss das ganze Jahr \u00fcber geregelt werden, aber wie genau das geschieht, verstehe ich nicht. Auf jeden Fall sind die ungleiche Verteilung der Niederschl\u00e4ge im Laufe des Jahres und die ungleiche Menge von Wasser, die der Chagres mit sich f\u00fchrt, ein echtes Hindernis, man denke nur an die prononcierten Trocken- und Regenzeiten hier in den Tropen. Zu viel Wasser scheint nicht so sehr ein Problem zu sein wie zu wenig Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwierigste Stelle bei der Durchfahrt ist die durch die Schleusen. Man hat zu beiden Seiten gerade mal einen Fu\u00df Entfernung zwischen Kanalmauer und Schiff. Das bedeutet, dass das Schiff selbst die Durchfahrt nicht bestreiten kann. Um Sch\u00e4den am Schiff oder am Kanal zu vermeiden, wird das Schiff von Zugbooten in die Schleuse gestupst und hier von einer schmalen Eisenbahn gesteuert, deren Schiene direkt parallel zum Kanal verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Pro Tag werden etwa 30-40 Schiffe durch den Kanal gesteuert, im Laufe eines Jahres sollen es 14.000 sein. Was transportieren die Schiffe? Vereinfacht gesagt: Autos, Baumaterialien, Nahrungsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schleusentore wurden in Italien gefertigt und dann mit einem Schiff hierhergebracht, das extra f\u00fcr diesen Zweck gebaut wurde. Vier mal vier Schleusentore kamen im Laufe von acht Monaten hier an.<\/p>\n\n\n\n<p>1914 durchlief das erste Schiff den Kanal, ein Dampfer, die S.S. Ancon. Von diesem Schiff ist hier ein Modell ausgestellt, genauso wie von der Lokomotive, von der es gezogen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Film sieht man Jimmy Carter, der einen Kommentar zur Er\u00f6ffnung des Kanals macht, gut 20 Jahre, nachdem er den entsprechenden Vertrag ausgehandelt und unterschrieben hatte, gegen den erbitterten Widerstand der Republikaner, wie er sagt. Die endg\u00fcltige \u00dcbergabe erfolgte am 1. Januar 2000. Gut f\u00fcr Panama, gut f\u00fcr die USA, sagt Carter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bef\u00fcrchtungen, dass Panama mit dem Kanal \u00fcberfordert sein w\u00fcrde, technisch und administrativ, erwiesen sich als unbegr\u00fcndet. Es hat seitdem keinen einzigen Unfall gegeben, und die Zahl der Durchfahrten \u2013 und damit vermutlich auch die H\u00f6he der Erl\u00f6se \u2013 hat sich verf\u00fcnffacht!<\/p>\n\n\n\n<p>Wo geht das ganze Geld hin? 60% der Ertr\u00e4ge gehen in den Erhalt des Kanals und die Geh\u00e4lter der 9.000 Angestellten. Und der Rest? Der Mann, der die Erkl\u00e4rungen abgibt, schaltet das Mikrophon aus und sagt, diese Gelder verschw\u00e4nden in unsichtbaren Kan\u00e4len.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem dreidimensionalen Film mit beeindruckenden Bildern, der im IMAX-Kino gezeigt wird, feiert der Kanal sich selbst und Panama. Vor allem wegen der Bewahrung der Natur um den Kanal herum. Da kommen einem nat\u00fcrlich Zweifel. Das beste Mittel, die Natur zu erhalten, ist es, erst gar keinen Kanal zu bauen und erst recht keine Erweiterung. Dazu kommt, dass Panama seit Jahrzehnten Regenwald opfert, um Weiden f\u00fcr die Viehwirtschaft zu schaffen. Und die Bewahrung der Natur um den Kanal herum, die wirklich beeindruckend ist, dient in erster Linie dem Erhalt des Kanals. Ohne Natur kein Fluss, ohne Fluss kein Regen, ohne Regen kein Kanal. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt in die Stadt f\u00fchrt an H\u00e4usern der damaligen US-Soldaten vorbei, die, zusammen mit vielen Zivilisten, den Streifen entlang des Panamakanals bewohnten. Noch heute verl\u00e4uft hier ein schnurgerader Zaun. Die Amerikaner lebten in der Kanalzone, jeweils 15 Meilen rechts und links des Kanals, wie in den USA, mit ihren eigenen Schulen, Gesch\u00e4ften, Golfpl\u00e4tzen, Kasinos. Faktisch, aber nicht rechtlich, war dies ein Teil der USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem ersten Zusammensto\u00df kam es, als amerikanische Sch\u00fcler, rechtswidrig, die Flagge der USA in der Kanalzone hissten. Studenten aus Panama reagierten und hissten die Flagge Panamas. Es kam zu Schl\u00e4gereien, dann zu Schie\u00dfereien, die Gewalt eskalierte, 22 Panamaer kamen ums Leben. Die Situation beruhigte sich wieder, aber es war endg\u00fcltig klar geworden, dass die Panamaer sich nicht mehr mit der Herrschaft der USA \u00fcber den Kanal abfinden wollten. Am Ende stand die \u00dcbergabe des Kanals an Panama.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohnehin waren die Amerikaner nur mit einem ziemlich \u00fcblen politischen Man\u00f6ver an den Kanal gekommen. Sie wollten das gescheiterte franz\u00f6sische Projekt wiederaufnehmen und erfolgreich zu Ende f\u00fchren, um sich die Eink\u00fcnfte aus dem Kanal zu sichern. Und zus\u00e4tzlich Geld zu sparen durch die verk\u00fcrzte Fahrt von der amerikanischen Ostk\u00fcste an die Westk\u00fcste. Das stie\u00df in Kolumbien auf keine Gegenliebe. Also machten die Amerikaner das, was Amerikaner am liebsten machen: Zwietracht s\u00e4en. Sie unterst\u00fctzten eine panamaische Untergrundorganisation. Es kam zum Umsturz, die USA lie\u00dfen sich die Rechte an dem Kanal als Dank f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung geben und f\u00f6rderten die Losl\u00f6sung Panamas von Kolumbien. Die kolumbianische Regierung setzte sich zur Wehr, musste aber nachgeben, als die USA Kriegsschiffe zu beiden Seiten des Kanals auffuhren. Der lukrative Kanal wurde vollendet und sp\u00fclte Geld in die Kassen der USA. Kolumbien guckte in die R\u00f6hre. Und Panama auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt mit dem Taxi geht weiter zur K\u00fcste, zur <em>Calzada del Amador<\/em>. Unterwegs gibt es eine Abzweigung in einen Stadtteil, der <em>Diablo<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Calzada de Amador<\/em> ist ein kilometerlanger Damm, der verschiedene kleine Inseln mit dem Festland verbindet. Er wurde beim Bau des Panamakanals aus dem Abraum aufgesch\u00fcttet. Zun\u00e4chst diente er als Verbindungsstra\u00dfe f\u00fcr das Milit\u00e4r. Heute ist der gepflasterte breite Weg entlang&nbsp; der schmalen Dammstra\u00dfe ein Paradies f\u00fcr Skater, Jogger, Spazierg\u00e4nger und vor allem f\u00fcr Radfahrer. Es gibt &nbsp;verschiedene Leihstellen f\u00fcr Fahrr\u00e4der, die erste ist gleich neben dem Biomuseum, das man schon von weitem sieht. Es ist untergebracht in einem sensationellen modernen Geb\u00e4ude mit einem bunten Zeltdach in knalligen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrradverleih kassiert ordentlich ab, aber so eine Gelegenheit darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Herrlicher Sonnenschein, wunderbares blaues Wasser zu beiden Seiten des Wegs, fantastische Fahrwege, breit und flach, und immer wieder Aussichtspunkte, von denen man aufs Meer gucken kann. Boote, Jachten, Frachtschiffe. Ein Vergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem steinigen Ufer sehe ich an einer Stelle eine ganze Kolonie von Geiern. Einige sitzen ganz friedlich auf den Steinen, andere balgen sich um etwas, dann fliegen alle wie auf Kommando weg. Zwei aber bleiben Seite an Seite auf einem alten Laternenpfahl sitzen und bieten mir ein phantastisches Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Photomotiv bietet ein verrostetes altes Boot, das hier verlassen im Wasser liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem dieser Aussichtspunkte entdecke ich auf einmal die <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em> hinter mir, nachdem ich sie die ganze Zeit vor mir gesucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg will ich bis an sie ran fahren, aber das klappt nicht, der Weg endet kurz davor. Ohnehin zieht der Himmel sich zu. Zeit, nach Hause zu fahren und sich um den Sonnenbrand zu k\u00fcmmern. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>7. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Portobelo, an die andere Seite, an den Atlantik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt f\u00fchrt \u00fcber die Autobahn und den R\u00edo Chagres. Dann biegen wir auf eine sch\u00f6ne, schmale Landstra\u00dfe ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts eine Jugendstrafanstalt, dann kommt eine Ort in Sicht, in dem es zuzugehen scheint wie in Col\u00f3n, der gro\u00dfen Freihandelszone weiter \u00f6stlich. \u00dcberall riesige L\u00e4den, die wie Gro\u00dfh\u00e4ndel aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Meer in Sicht, wunderbar blau das Wasser. Es geht mehrere Kilometer lang am Wasser entlang, mit kleinen Unterbrechungen. Am Wegesrand die typischen B\u00e4ume mit den gro\u00dfen Bl\u00e4ttern, die man hier immer wieder sieht, meist gr\u00fcne Bl\u00e4tter, aber immer ein paar rote dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Portobelo kommt man an ein paar Bootsanlegestellen und Pensionen vorbei, dann kommen wir in die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer antwortet auf die Frage, was man hier machen k\u00f6nne: Oh, alles, hier k\u00f6nne man essen \u2026 und einkaufen \u2026 und im Oktober gebe es ein gro\u00dfes Fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ort hat eine karibische Atmosph\u00e4re. Woran das liegt, wei\u00df ich nicht. Die Menschen vom Volk der Congo, das hier lebt, tragen wahrscheinlich auf unmerkliche Weise dazu bei, vielleicht durch ihre Art, zu sprechen oder ihre Art, sich zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist jedenfalls sehr authentisch, viele Einheimische unterwegs, es ist eher ruhig, kaum Touristen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche, San Felipe, ist meine erste Anlaufstation. Sie &nbsp;ist gro\u00df und ganz einfach, mit einer Holzdecke und wenig wertvollem Schmuck. Ganz anders als in Panama. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seite eine Krippe mit riesigen Figuren f\u00fcr die Heilige Familie und die K\u00f6nige. Die ganze Landschaft ist aber bev\u00f6lkert von unz\u00e4hligen kleinen Figuren, Hirten,&nbsp; Waschfrauen, Eselskarren, Frauen mit Lasten auf dem Kopf, Fischverk\u00e4ufer, Reiter, M\u00e4gde, das ganze Panorama.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Schatz der Kirche ist der <em>Cristo Negro<\/em>, ein kreuztragender schwarzer Christus, in einer Vitrine vor dem Chor untergebracht. Er gilt als der Christus der Salsa-S\u00e4nger und taucht auch in ihren Liedern auf. Seinetwegen findet das Fest im Oktober statt, von dem der Taxifahrer gesprochen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Ursprung ist unbekannt und es gibt, wie man sp\u00e4ter in der Ausstellung in der Aduana sieht, verschiedene Legenden zu seiner Herkunft. Nach einer dieser Legenden sollen die Leute von Portobelo die Figur eines San Felipe bestellt haben, aber als die am Hafen ankam, konnten sie die Kiste nicht \u00f6ffnen. Also nahmen sie die Figur aus der anderen Kiste, und das war der <em>Cristo Negro<\/em>. Als Entsch\u00e4digung gaben sie den Leuten des Nachbarortes die andere Kiste, und die enthielt den San Felipe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aduana, das gro\u00dfe, zweist\u00f6ckige Geb\u00e4ude etwas weiter, ist die ehemalige Zollstation. Portobelo war lange der wichtigste Hafen in der Karibik der Kolonialzeit, und die schweren Festungen sch\u00fctzten die teuren Waren, die von hier nach Spanien verschifft wurden und den urspr\u00fcnglich alle zwei Jahre stattfindende Markt. Dieser Markt konnte bis zu zwei Monaten dauern und war ein lebendiger und farbiger Austausch von Waren und ein bedeutender Treffpunkt, der K\u00e4ufer, H\u00e4ndler und Piraten aus allen Richtungen anlockte, genauso wie Menschen, die was erleben wollten oder das Abenteuer suchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aduana war das Epizentrum dieses Marktes. Unten wurden Waren gelagert, angeboten, verpackt und verzollt, oben waren Amtsstuben untergebracht, in denen das Gesch\u00e4ftliche geregelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der britische Vizeadmiral Edward Vernon attackierte Portobelo 1939 und zerst\u00f6rte Teile der Festungsanlagen, aber die Aduana kam ungeschoren davon. Nicht aber bei einem sp\u00e4teren Angriff unter der Leitung des Kommandeurs William Kingshill. Der gab innerhalb eines einzigen Tages 5.000 Sch\u00fcsse auf Portobelo ab und zerst\u00f6rte die meisten H\u00e4user und die Aduana. Als seine Flotte nach England zur\u00fcckkehrte, erlitt sie Schiffbruch. Die gesamte Besatzung kam ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fest des <em>Cristo Negro<\/em> wird bis heute mit karibischer Lebenslust gefeiert, mit sinnlichen T\u00e4nzen und geschw\u00e4rzten Gesichtern. Dabei verfolgen die Congo, bei feurigen Rhythmen, einen als Teufel verkleideten Mann und versuchen, ihn rituell zur Strecke zu bringen. Die M\u00e4nner tragen ihre Kleidung falsch herum, die Frauen tragen Kleider aus alten Stofffetzen. Das ist der Kirche ein Dorn im Auge. Es gibt einen Zeitungsausschnitt zu sehen, in dem die Di\u00f6zese ank\u00fcndigt, keine Priester zur Feier des <em>Cristo Negro<\/em> zu entsenden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung gibt es etwas \u00fcber die Sklavenhaltung in der Karibik zu erfahren. Hier geht es in erster Linie darum, wie Sklaven ihre Freiheit erlangen konnten. Dazu gab es drei Wege: Man konnte sich freikaufen, man konnte freigelassen werden und man konnte fliehen. Die Freiheit bedeutete nicht immer, am Ziel angelangt zu sein, denn man war sozial und finanziell in einer schwierigen Situation, musste sich durchk\u00e4mpfen. Die entflohenen Sklaven wurden zun\u00e4chst nat\u00fcrlich verfolgt, aber irgendwann m\u00fcssen die Sklavenhalter eingesehen haben, dass das letztlich zu nichts f\u00fchrte. Man erlaubte ihnen, ihre eigenen Dorfgemeinschaften zu gr\u00fcnden und besch\u00fctzte sie sogar. Da war bestimmt politisches Kalk\u00fcl im Spiel. Aber immerhin, es wird von einigen entflohenen Sklaven und auch von freigelassenen berichtet, die sp\u00e4ter den Weg ihren Weg in der kolonialen Gesellschaft machten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Vergleich zwischen den L\u00e4ndern sieht man, dass die erste Sklavenbefreiung in Amerika in Haiti stattfand, die letzte in Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es in die Festungen. Es gab insgesamt drei davon, ich komme in zwei direkt nebeneinander liegende. Man sieht Mauerreste, Kanonen und kleine Wacht\u00fcrme und kann von dort wunderbar auf das Meer blicken. Die Anlagen haben den Charme des Verfallenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die V\u00f6gel, schwarz mit wei\u00dfen Streifen, die hier so elegant und lautlos durch die Luft schweben, sind M\u00f6wen. Ganz anders als die M\u00f6wen bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der Landstra\u00dfe mache ich mich auf den Weg zu den Bootsanlegestellen, die ich vorher vom Bus aus gesehen habe. Gleich an der ersten mache ich Halt und erkundige mich. Man kann mit einem Boot auf eine Insel \u00fcbersetzen. Da bin ich sofort dabei. In der Wartezeit wird mir eine Kokosnuss serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>In das Boot zu kommen, ist eine wacklige Angelegenheit, und die beiden Puerto-Ricaner, die mit mir \u00fcbersetzen, Brenda und Howard, machen das viel eleganter als ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erweisen sich als sehr gespr\u00e4chig. Sie h\u00e4tten einen deutschen Freund. Den haben sie hier bei der Fahrt mit dem Katamaran nach Taboga kennengelernt. Er sei so was wie Freizeitcoach, veranstalte Touren und Kurse und Partys. Woher er ist, wissen sie nicht, aber sie haben einen Link zu seiner Website. Leipzig. Ob das bei mir in der N\u00e4he sei. Sie wundern sich, als ich ihnen erkl\u00e4re, was sein Nachname bedeutet. Er hei\u00dft <em>Friedhof<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Howard erkl\u00e4rt mir, sein Onkel sei f\u00fcnf Jahre lang in Deutschland gewesen, in Frankfurt. Was er denn da gemacht habe, will ich wissen. Er war in der Armee. In der Armee, in Deutschland, als Puerto-Ricaner? Nein, als Amerikaner. Sie sind v\u00f6llig verdutzt, als sie feststellen m\u00fcssen, dass ich nicht wei\u00df, dass Puerto-Ricaner die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft haben. Alle. Aber Puerto Rico geh\u00f6rt doch nicht zu den USA. Nein, es habe einen Sonderstatus, es sei ein <em>territory<\/em>. Vielleicht w\u00fcrden sie demn\u00e4chst zum 51. Bundesstaat der USA. Im Moment sei die Stimmung noch ziemlich geteilt, 60:40. Eine knappe Mehrheit ist gegen die Eingliederung in die USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen wir auf die Insel zu. Schon die Fahrt mit dem Motorboot ist ein Genuss, und der Strand, auf den wir zufahren, l\u00e4sst keine W\u00fcnsche offen: eine kleine Bucht, dicht von B\u00e4umen bestanden, Sandstrand, zwei einfache Kioske, ein paar Sonnenschirme, nur Einheimische am Strand, eine gel\u00f6ste, unaufgeregte Atmosph\u00e4re. Und das Wasser ist nicht so warm, wie man bef\u00fcrchten konnte. Die Temperatur ist ideal. Die Bucht liegt gesch\u00fctzt, es gibt kaum einen Wellengang, und man kann richtig schwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon ein bisschen drau\u00dfen bin, sehe ich, wie Brenda und Howard ins Wasser kommen, beide mit einer Dose Bier bewaffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Langweilig wird es einem hier nicht. Man kann immer mal kurz ins Wasser und dann wieder an den Strand gehen und die Kinder beim Spielen beobachten. Sie haben einen Baum, dessen gr\u00f6\u00dfter Ast sich dem Wasser zuneigt, als Sprungbrett entdeckt. Vom Ende des Astes springen sie ins Wasser, einige sogar mit Kopfsprung. Ich sehe, wie Howard es ihnen nachtut. Das will ich auch, aber ich komme kaum auf den Baum rauf und habe dann keine Traute, bis zum Ende zu balancieren. Da beobachte ich neidisch die Kinder, f\u00fcr die das im wahrsten Sinne ein Kinderspiel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden rechtzeitig abgeholt, damit ich einen Bus nach Panama erwische. Heimlich hoffe ich, dass die beiden mir anbieten, mich mitzunehmen, aber sie geben kein entsprechendes Signal ab. Als ich schon am Stra\u00dfenrand stehe, fragen sie dann pl\u00f6tzlich doch, ob sie mich mitnehmen k\u00f6nnen. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben einen Mietwagen genommen. Das sei am besten f\u00fcr die Fortbewegung hier. Da muss ich ihnen Recht geben, wenn ich h\u00f6re, wo sie \u00fcberall im Laufe der letzten Woche gewesen sind. Sie haben scheinbar keinen Strand in Panama ausgelassen und empfehlen au\u00dferdem den <em>Cerro Anc\u00f3n<\/em> und den <em>Parque Metropolitano<\/em>. Ich erfahre, dass sie Gesch\u00e4ftsleute sind. Es mangelt ihnen offensichtlich nicht an Kleingeld. Am Jahresbeginn machen sie immer so eine Fahrt, irgendwo in der Gegend, mal in die USA, mal nach Costa Rica, mal nach Jamaika. Demn\u00e4chst wollen sie mal nach Kolumbien.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Panama reinkommen, erw\u00e4hnen sie noch ein paar witzige Stra\u00dfennamen, auf die sie gesto\u00dfen sind wie <em>Pedro Deprimido<\/em>. Und sie fragen mich, ob ich <em>La Tuerca<\/em> gesehen h\u00e4tte, einen Wolkenkratzer, der sich wie eine Schraube nach oben dreht. Nein, habe ich nicht. Und dann taucht er direkt vor uns auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fahren zu ihrem Hotel, im Wolkenkratzerviertel gelegen. Dort \u00fcbergeben sie den Autoschl\u00fcssel an den Portier, damit der das Auto in die Garage f\u00e4hrt. Zu meiner \u00dcberraschung nehmen sie mein Angebot an, mich an den Spritkosten zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aussteige, winkt mir ein Taxifahrer zu. Muss eine Verwechslung sein. Denke ich. Ist es aber nicht. Er habe mich in Col\u00f3n gesehen, er sei am selben Strand gewesen, habe G\u00e4ste dorthin gebracht. Wir m\u00fcssen sogar kurz miteinander gesprochen haben, als es um eine Verwechslung von Taschen ging. Er ist ganz begeistert, mich nach Hause fahren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hunger treibt mich noch mal raus. Es gibt ein ordentliches, s\u00e4ttigendes Essen in einem Lokal, das den unpassenden Namen <em>Caf\u00e9 Coca-Cola<\/em> tr\u00e4gt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend lese ich, dass Panama, gemessen an der Ausdehnung, die l\u00e4ngste K\u00fcstenlinie aller L\u00e4nder hat.<\/p>\n\n\n\n<p>8. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steht eine Bootsfahrt \u00fcber den Kanal auf dem Programm. Eine teure Angelegenheit, und, was mich am meisten \u00e4rgert, ist, dass man erst nach der Reservierung erf\u00e4hrt, dass man weitere 20 $ abdr\u00fccken muss, f\u00fcr den \u201eEintritt\u201c in den Dschungel, und zwar in bar. Da hat man immer das Gef\u00fchl, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando, unser Fahrer und F\u00fchrer, ist sehr aufmerksam, achtet immer darauf, dass jeder zu seinem Recht kommt, und erkl\u00e4rt gut, aber viel zu wenig, zumindest zum Kanal. Andererseits: Er beantwortet alle Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind eine ziemlich internationale Gruppe: zwei Schweizerinnen, ein kanadisches Paar, zwei Spanierinnen, eine Deutsche aus Dortmund, eine Argentinierin und noch zwei oder drei, deren Nationalit\u00e4t ich nicht mitbekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dortmunderin kann ich mit meinem Photo von dem Mann mit dem BVB-Emblem auf dem T-Shirt nicht beeindrucken, sie h\u00e4lt zu Bochum.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie spricht gut Spanisch, hat ihr Spanisch in Argentinien gelernt, in C\u00f3rdoba. Da hat sie ein halbes Jahr gearbeitet und dann ist sie noch wochenlang durch Argentinien gereist, hat das ganze Land kennengelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie ihren Freunden in Deutschland sagte, sie wolle nach Panama, h\u00e4tten alle gesagt: Warum denn nicht nach Costa Rica? Best\u00e4tigt meinen Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spanierinnen sind aus Sevilla bzw. aus Salamanca. \u201eSalamanca!\u201c Sie ist ganz \u00fcberrascht von meinem begeisterten Ausruf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zum R\u00edo Chagres, um uns einzuschiffen. Unterwegs sehe ich ganz kurz die Br\u00fccke, die ich bei der Ankunft in Panama aus der Ferne gesehen habe. Fernando hilft, meine Verwirrung zu erkl\u00e4ren: Es sind zwei Br\u00fccken! Die <em>Puente Centenario,<\/em> weiter vor der Stadt, und die <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em>, am Stadtrand. Die eine ist wei\u00df und ihre Streben bilden ein Dreieck, die andere ist silbern und geschwungen. Beide sch\u00f6n. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht erst ganz langsam los mit dem Boot, dann wird zwischendurch immer wieder Fahrt aufgenommen. Der \u00dcbergang vom Chagres zum Lago de Gat\u00fan ist unmerklich. Man hat hier wirklich nicht den Eindruck, auf einem Kanal zu sein. Und doch kommt uns schon bald ein Lastschiff entgegen. Das transportiert Gas. Man sieht an der roten Linie am Bug, dass das Schiff nicht voll beladen ist. Fernando sagt, im Schnitt bezahle man etwa 500.000 $ f\u00fcr die Durchfahrt. Das d\u00fcrfte auch f\u00fcr dieses Schiff gelten. Sp\u00e4ter sehen wir noch ein Schiff, das Autos an Bord hat und ein weiteres mit unbekannter Ladung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapit\u00e4n des Schiffs muss vor den Einfahrt in den Kanal an den Panamakanalkapit\u00e4n abgeben. Nur der hat hier das Sagen. Und zwar ganz w\u00f6rtlich. Nur er spricht, die Kapit\u00e4ne der Begleitboote und die Leute an Land sprechen nicht, damit es kein Durcheinander gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando erkl\u00e4rt: Der R\u00edo Chagres floss fr\u00fcher ganz \u201enormal\u201c in den Atlantik. Er wurde dann aufgestaut und bildet nun den Lago de Gat\u00fan. Der hat eine Wassertiefe von 15 Metern.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht immer nur gr\u00fcn zu allen Seiten, dichte Vegetation, am Ufer und auf den unz\u00e4hligen Inseln. Wir fahren in ein paar Seitenarme des Sees. Hier ist das Wasser nicht tief genug f\u00fcr die Lastschiffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehen wir Kapuzineraffen auf einer Insel, mit ihren braunen K\u00f6pfen und dem schwarzen Fell. Sie fressen Fr\u00fcchte und kleine Schlangen und Leguane.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf sie keinesfalls f\u00fcttern, wohl aber photographieren. Am Abend bringt ein Boot ein bisschen Futter mit, damit sie sich f\u00fcr die Boote interessieren. Mehrere Monate pro Jahr verkehren hier gar keine Touristenboote. Die Affen sind dann wieder auf sich allein gestellt. Es wird behauptet, man tue das den Affen zuliebe, aber vielleicht ist es eher so, dass in der Regenzeit keine Nachfrage ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der n\u00e4chsten Insel sehen wir Br\u00fcllaffen. Die sind viel scheuer und schwer zu photographieren. Daf\u00fcr bieten sie uns ein Konzert, als wir n\u00e4her kommen. Wie auf Kommando fangen sie an, das zu tun, was sie ihrem Namen nach tun sollen: Sie fangen an zu br\u00fcllen. Ein tolles Erlebnis! Die Br\u00fcllaffen fressen nur Bl\u00e4tter, am liebsten die ganz jungen Triebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der dritten Insel sehen wir die putzigen&nbsp; Tamarine, kleine Affen, die wohl entfernt verwandt sind mit den Totenkopfaffen. Sie fressen Fr\u00fcchte und Insekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder auf den Chagres kommen, sehen wir auf einem Baumstamm faul ein Krokodil liegen. Vor ihm in aller Seelenruhe eine Schildkr\u00f6te. Die Krokodile warten auf die <em>\u00f1eques<\/em>, gro\u00dfe Nagetiere, die bald zum Trinken ans Wasser kommen. Als wir wieder losfahren, sehen wir einige von ihnen zwischen unbewohnten H\u00e4usern herumhoppeln. Sie haben unz\u00e4hlige unterschiedliche Namen, je nach Region. Auf Deutsch finde ich <em>Agutis<\/em> f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein einfaches Lokal an. Dort werden <em>empanadas<\/em> und <em>hojaldre<\/em> serviert sowie Ananas und Papaya. Beim <em>hojaldre<\/em> handelt es sich um ein einfaches, leckeres Geb\u00e4ck aus Bl\u00e4tterteig. Fernando zufolge das klassische Geb\u00e4ck zum Fr\u00fchst\u00fcck in Panama.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage die Schweizerinnen und die Kanadier, ob sie sich an ihrem Akzent erkennen. Ja, auf Anhieb. In beide Richtungen. F\u00fcr die Schweizer ist es schwerer, die Kanadier zu verstehen als umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Argentinierin sagt <em>auto<\/em>, wenn sie <em>Auto<\/em> meint, gebraucht dann aber auch <em>coche<\/em>. Wenn ich das richtig verstehe, ist damit ein Taxi oder ein Mietauto gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt noch eine kurze Wanderung durch den Dschungel. Etwas entt\u00e4uschend, Fernando l\u00e4sst uns allein, um uns am anderen Ende wieder einzufangen. Er f\u00fchrt uns aber noch zu einem Baum mit einem beeindruckenden St\u00fctzwerk unten am Stamm. Das ist der Baum, der dem Land seinen Namen gegeben hat, sagt er. Die Indios haben <em>Panama<\/em> nur f\u00fcr diesen Baum benutzt, die Spanier haben es auf das ganze Land bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg fahren wir an unbewohnten H\u00e4usern vorbei, die aber gut in Schuss zu sein scheinen. Es sind die ehemaligen Wohnh\u00e4user der US-Soldaten. Warum sie leer stehen \u2013 was eine Schande ist \u2013 verstehe ich nicht so richtig,&nbsp; eventuell sind sie von dem naheliegenden Luxushotel aufgekauft worden, an dem wir noch eine Photopause einlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt setzt mich Fernando direkt an einem Geldautomaten ab. Er gibt sich echt M\u00fche, einen zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause komme ich an einem Haus vorbei mit einem Ausspruch an der Wand, der mir seit Tagen schon als Anhaltspunkt dient, um den Weg zu finden: <em>Una vida no puede ser larga pero ancha y profunda<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht es auf die <em>Costa Cintera<\/em>, den Streifen Land am Meer entlang. Sowohl die Wolkenkratzer als auch die alten H\u00e4user der Innenstadt und der Viadukt sind beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es herrscht eine absolut friedliche, famili\u00e4re Atmosph\u00e4re. Auf der ganzen Promenade ist viel Volks unterwegs, bunt gemischt. Alles ist vertreten: Flaneure, Radfahrer, Jogger, Skater, Familien mit Hunden und Kindern, Souvenirverk\u00e4ufer und Imbissverk\u00e4ufer. Obwohl es schon stockdunkel ist, ist es noch fr\u00fch. Oder umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge zuerst der Spur eines der erleuchteten T\u00fcrme. Der ist mir in den letzten Tagen immer wieder von weitem aufgefallen. Er geh\u00f6rt zu San Franciso de As\u00eds. Was man erleuchtet sieht, sind die gro\u00dfen Klangarkaden und dazu noch eine Laterne ganz oben auf dem Turm. Die Kirche selbst sieht \u00fcberhaupt nicht spanisch aus. Sie k\u00f6nnte genauso gut in Venedig stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz ruhig ist es, anders als am Tag, an der <em>Plaza de Francia<\/em>. Hier bin ich fast alleine. Was der Reisef\u00fchrer sagt, dass man von hier aus die Schiffe sehen k\u00f6nne, die vor der <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em> auf die Einfahrt in den Kanal warten, stellt sich als Unsinn heraus. Man sieht kein Schiff, und die Br\u00fccke kann man nur ganz in der Ferne schemenhaft erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz am Anfang der Promenade befindet sich der <em>Mercado de Mariscos<\/em>. Ein irref\u00fchrender Name. Es handelt um keinen Markt, sondern um eine unendliche Reihe von Lokalen mit Schwerpunkt Fisch und Meerestieren. Laute Musik und bunte Beleuchtung \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde aber einen Platz, wo man es aushalten kann. Als ich gerade die Bestellung aufgegeben habe, h\u00f6re ich hinter mir eine Stimme, die etwas auf Deutsch sagt. Ein Mann erscheint. Wie bitte? Er wiederholt seine Frage: \u201eDu bist aus Trier?\u201c Ich bin v\u00f6llig verwirrt. Sieht man mir das an? Dann macht er mich darauf aufmerksam, dass ich das T-Shirt vom Lauftreff trage. Der Mann hat in Trier studiert und kennt Olewig vom Weinfest.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name des Landes wird in Panama ordentlich f\u00fcr die Bildung neuer W\u00f6rter ausgeschlachtet: <em>Pananfoto<\/em>, <em>Panag\u00e1s<\/em>, <em>Panacredit<\/em>, <em>Panapass<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es am Morgen in den Supermarkt. Ich besorge mir nur die Stofft\u00fcten mit Aufdruck, die sie hier als Traget\u00fcten verkaufen. An der Kasse muss ich angesichts der tropischen Gelassenheit, mit der die Kassiererin die Waren \u00fcber den Scanner schiebt, meine deutsche Ungeduld z\u00fcgeln. Am Ausgang werden die gekauften Waren mit der Quittung abgeglichen. Die sollte man tunlichst zur Hand haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es auf den <em>Cerro Anc\u00f3n<\/em>. Der Taxifahrer, sehr redefreudig, fragt, ob ich Wasser dabei h\u00e4tte. Da oben sei es warm, \u201ehace mucha calor\u201c, sagt er, mit <em>calor<\/em> im Femininum. Er betont auch, wie andere schon vorher in der Stadt, dass der Aufstieg gratis sei. Und die Toilettenbenutzung ebenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon vom Taxifahrer angek\u00fcndigt, geht es abwechselnd rauf, Stra\u00dfe \u2013 Treppe \u2013 Stra\u00dfe \u2013 Treppe. Die Stra\u00dfe ist autofrei und hat eine wilde Vegetation zu beiden Seiten, \u00fcber die man sich wundern w\u00fcrde, wenn man hier sie nicht schon so oft gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind fast nur Einheimische unterwegs. Einige machen den Aufstieg als Familienausflug, andere als sportliche Herausforderung, andere als Training f\u00fcr ihre Hunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch gibt der Wald schon mal den Blick nach unten frei, und oben gibt es gleich mehrere Aussichtspunkte. Im Wesentlichen sind es zwei. Der erst auf den <em>Casco Viejo<\/em> mit dem Viadukt und den Wolkenkratzern und dem auff\u00e4lligen bunten Zeltdach des Biomuseums. Ganz am Rand kann man so gerade die <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em> erkennen. Auf der anderen Seite der Hafen und der Kanal. Auf beiden Seiten gro\u00dfe Lastschiffe und viele kleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, die verschiedenen T\u00fcrme des <em>Casco Viejo<\/em> zu identifizieren. Man sieht die T\u00fcrme der Kathedrale, wenn man l\u00e4nger sucht, und einen Turm ganz am Ende der Halbinsel. Vielleicht ist das gar kein Turm, sondern der Obelisk. Der auff\u00e4lligste Turm, der, den man gestern Abend auch von der <em>Calzada de Amador<\/em> sehen konnte, ist der von San Francisco.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben steht ein Denkmal f\u00fcr Amelia Denis de Icaza, der ersten panamaischen Dichterin. Eine sitzende Figur, angetan mit einem langen Kleid. Am Sockel werden Verse aus einem Gedicht zitiert, in dem sie den Verlust des <em>Cerro Anc\u00f3n<\/em> ihrer Kindheit betrauert: \u201eYa no guardo las huellas de mis pasos \/ ya no eres m\u00edo, idolatrado Anc\u00f3n.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Begleittext ist davon die Rede, dass der Kanal von den Amerikanern \u201eentf\u00fchrt\u201c worden sei. Von der Beteiligung der panamaischen Rebellen an der Aktion ist nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch h\u00f6her, leider durch ein Gitter getrennt, die panamaische Flagge, ein Mammutexemplar, heute auf Halbmast. Heute ist der <em>D\u00eda de los M\u00e1rtires<\/em>. Der 9. Januar ist der Tag, als die panamaischen Studenten 1964 die Fahne des Landes im amerikanischen Korridor entlang des Kanals hissten, der Auftakt der Auseinandersetzung mit den Amerikanern \u00fcber den Panamakanal. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg folge ich den Lauten, die von unten bis hier nach oben reichen. Das sind die Stimmen der Festtagsredner, die mit gro\u00dfer Emphase und Lautst\u00e4rke ihre Parolen vortragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs treffe ich einen Brasilianer aus Rio, der nach dem <em>Mercado de Mariscos<\/em> fragt. Da war ich zwar gestern, aber den Weg dorthin wei\u00df ich nicht. Ich verlege mich auf die Antwort, die hier sowieso die g\u00e4ngigste ist: Am besten ein Taxi nehmen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unten komme ich an einem Geb\u00e4ude an, das mir in den letzten Tagen immer wieder aufgefallen ist. Es ist das Verwaltungsgeb\u00e4ude des Kanals. Heute ist es mit Wimpeln und Fahnen geschm\u00fcckt. Wegen des Jahrestags des Aufstands, aber auch wegen der R\u00fcckgabe des Kanals vor fast auf den Tag genau 25 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Demonstrationen, die eine scheint mehr gewerkschaftlich, die andere mehr patriotisch orientiert zu sein. Diese findet an einem offenen weltlichen Tempel statt, in dem die Ewige Flamme brennt, f\u00fcr die M\u00e4rtyrer. Daneben ein H\u00e4ufchen Asche. Das sind die Reste der US-amerikanischen Flagge, die hier heute Morgen verbrannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer auf dem R\u00fcckweg l\u00e4sst nicht locker. Er will mir, als er erf\u00e4hrt, was ich noch nicht gesehen habe, eine Stadtrundfahrt andrehen. Am Ende gebe ich nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser erstes Ziel ist der Aussichtspunkt f\u00fcr die <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em>. Hier erf\u00e4hrt man, dass die Br\u00fccke von den Chinesen erbaut wurde! Und zwar zum 125. Jahrestags der Ankunft der ersten Chinesen in Panama. Die Br\u00fccke wurde 2007 fertiggestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer erkl\u00e4rt mir, inzwischen gebe es einen Plan f\u00fcr eine neue, breitere Br\u00fccke. Die soll parallel zur jetzigen verlaufen, etwas n\u00e4her an der Kanalzone dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck und an einem Denkmal f\u00fcr Arias Madrid vorbei. Er war dreimal Pr\u00e4sident von Panama, aber immer nur f\u00fcr kurze Zeit. Jede Amtszeit wurde durch einen Staatsstreich beendet. Arias Madrid gilt als Reformer, als Modernisierer, als Politiker, der f\u00fcr den demokratischen Fortschritt steht und den Kampf gegen die \u00dcbermacht des Milit\u00e4rs. In der Skulptur wird er als gr\u00f6\u00dfer und ruhiger als alle anderen dargestellt, als \u00fcberlegen. Er reicht dem Volk \u00fcber die K\u00f6pfe der anderen hinweg das Buch, das ihnen Freiheit und Rechte gew\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das d\u00fcrfte eine ziemliche Besch\u00f6nigung der Wirklichkeit sein, aber auf jeden Fall scheint er in Panama etwas zu gelten. Seine Witwe, Mireya Moscoso, wurde sp\u00e4ter selbst Pr\u00e4sidentin, die erste Panamas. Als ihre Beziehung begann, war er 53, sie 15.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren runter zum Meer und sehen uns jetzt die Br\u00fccke von ganz unten an, aus unmittelbarer N\u00e4he. Wir sehen auf den Pazifik hinaus, hinter uns liegt Miraflores. Vom Meer her sieht man ein Lastschiff ankommen, beladen mit Containern von Hapag-Lloyd. Zwei gelbe Schleppboote fahren ihm entgegen und nehmen es kurz vor der Br\u00fccke in Empfang. Sie werden mit Seilen an dem Bug des Schiffes befestigt und ver\u00e4ndern ganz sanft den Kurs durch Anziehen der Seile, wenn das entsprechende Kommando von dem Kapit\u00e4n kommt. Das Schiff f\u00e4hrt langsam, nicht, weil es nicht schneller fahren kann, sondern damit es keinen gro\u00dfen Wellengang erzeugt. Ganz oben sieht man jetzt drei Flaggen, die von Panama, die des Landes, unter dessen Flagge das Schiff f\u00e4hrt und eine, die die Art der Ladung anzeigt. Langsam f\u00e4hrt das Schiff an uns vorbei. Es ist so gro\u00df, dass es durch die neue Fahrrinne durch den Kanal f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten an der winzigen Anlegestelle ist inzwischen ein Fischerboot angekommen. Die drei Fischer laden aus. Sie haben Langusten gefangen. Oben machen sie sich daran, sie zu sortieren, die gro\u00dfen von den kleinen zu trennen. Eine Frau wartet schon auf sie. Diese Frau ist die K\u00e4uferin des gesamten Fangs. Sie tut mir den Gefallen, zwei der Langusten hochzuhalten, so dass ich sie photographieren kann. Ganz langsam bewegen sie ihre langen Antennen und ihre d\u00fcnnen Beine, in vier Paaren angeordnet. Sie sind nicht so auff\u00e4llig gef\u00e4rbt, wie ich mir sie vorgestellt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fischer scheinen keinerlei Ausr\u00fcstung zu haben. Dem Taxifahrer zufolge m\u00fcssen sie tauchen, um die Langusten zu fangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg und fahren noch durch das Viertel, in dem damals der US-amerikanische Angriff zum Sturz von General Noriega erfolgte, ein Bombenangriff, mittendrin in der Stadt. Das ganze Viertel, durch das wir fahren, stand in Flammen, ein gro\u00dfer Teil wurde zerst\u00f6rt. Die USA f\u00fchrten den Angriff im Namen der \u201eWiederherstellung\u201c der Demokratie durch. Sie nahmen einfach f\u00fcr sich in Anspruch, das Recht darauf zu haben. Der Tod eines US-Soldaten gen\u00fcgte als Anlass f\u00fcr eine Invasion mit 20.000 Mann. Es war die gr\u00f6\u00dfte Luftlandeoperation seit dem 2. Weltkrieg. Innerhalb weniger Tage war Panama besiegt. Die Zahl der Toten wird auf 3.000-4.000 gesch\u00e4tzt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Noriega was eine zwielichtige Gestalt. Er arbeitete mit der CIA zusammen und half, die Drogenkartelle in Kolumbien zu bek\u00e4mpfen. Dabei wurde er von den USA kr\u00e4ftig unterst\u00fctzt. Er beteiligte sich aber selbst gewinnbringend am Drogenhandel und war am Drogenimport in die USA beteiligt. Er unterst\u00fctzte die USA auch bei dem Kampf gegen die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung Nicaraguas, kooperierte aber gleichzeitig mit Fidel Castro, von dem er sich Waffen liefern lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Noriega entging der Festnahme und fl\u00fcchtete sich in die Botschaft des Vatikans. Dort wurde er von den USA durch die Beschallung mit Musik \u2013 mit Liedern mit beziehungsreichen Texten \u2013 zur Aufgabe gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer setzt mich im <em>Casco Viejo<\/em> ab. Dort findet er einen Geldautomaten, an dem es auch am Feiertag Geld gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und es ist richtig hei\u00df geworden, nachdem es den ganzen Tag \u00fcber bedeckt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache ein Photo von der Fassade der Kathedrale, die mir jetzt sch\u00f6ner erscheint als dieser Tage. Vor allem der farbige Wechsel der Steine, Gelb, Braun, Grau, Ocker \u2013 der hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Casco Viejo<\/em> sieht man auch einige&nbsp; Kirchenruinen. Die eindrucksvollste ist die ehemalige Jesuitenkirche. Ganz kann ich die Geschichte nicht nachvollziehen, aber hier befand sich auf jeden Fall eine Universit\u00e4t, die \u00e4lteste des Isthmus, von 1749. Sie war in Betrieb bis 1767, als die Jesuiten ausgewiesen wurden. Was man heute sieht, sind die Reste einer Kirche, die wohl durch Brand und Erdbeben Schaden genommen hat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Unterkunft sehe ich, wie heruntergekommen das unmittelbar au\u00dferhalb des <em>Casco Viejo<\/em> gelegene Viertel ist. Einige H\u00e4user sind bauf\u00e4llig und unbewohnt, einige sind reine Ruinen, einige bereits abgerissen. Sie hinterlassen Grundst\u00fccke, auf denen das Gras kniehoch w\u00e4chst. Einige der H\u00e4user, die bewohnt sind, haben sogar einen gewissen Charme, den Charme des leicht Dekadenten, aber ob es die reinste Freude ist, dort zu wohnen, kann man bezweifeln. Die T\u00fcren und Balkone sind auf jeden Fall, auch wenn nicht im besten Zustand, richtig sch\u00f6n \u2013 oder waren es mal.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend steht ein Spaziergang durch das erleuchtete <em>Casco Viejo<\/em> an. Auf einer Schautafel ist von der Befestigung der Stadt in der Kolonialzeit die Rede. Es gab eine Mauer am Meer&nbsp; und eine auf dem Land. Die trennte <em>ciudad<\/em> und <em>arrabal<\/em>, die Stadt der Eliten und die Vorstadt der Masse der Bev\u00f6lkerung. Die Stadtmauer lie\u00df die <em>Plaza Santa Ana<\/em> gerade vor den Toren. Diese Trennlinie sp\u00fcrt man heute noch!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem gro\u00dfen Hotel merke ich, dass um einen Baum herum etwas durch die Luft flattert. Aber man h\u00f6rt keinen Laut. Warum sind die V\u00f6gel so still? Ganz einfach: Es sind keine. Es sind Flederm\u00e4use. Sie fliegen wild und scheinbar ziellos durch die Gegend, streifen einem dabei manchmal am Kopf entlang.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das leibliche Wohl sorgt zum Abschluss des Tages das <em>Caf\u00e9 Coca-Cola<\/em>, mit ganz wenigen G\u00e4sten am Abend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>10. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Statt des Hahns h\u00f6rt man hier am Morgen einen Vogel mit einem lang anhaltenden dreifachen Pfiff, in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Fernando uns bei der Bootsfahrt nicht erz\u00e4hlt hat: Die heutige Eisenbahn entlang des Kanals ist nicht die urspr\u00fcngliche. Die fiel dem Bau des Kanals zum Opfer. Sie war von den Amerikanern gebaut worden, l\u00e4ngst vor dem Bau des Kanals. Sie hatte aber ihre Bedeutung f\u00fcr die Amerikaner verloren, nachdem die erste Ost-West-Eisenbahn in den USA vollendet war. Aber sp\u00e4ter diente sie den Franzosen f\u00fcr den Transport von Arbeitern und Materialien beim Bau des Kanals.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Handyshop besorge ich mir zur Sicherheit noch einen weiteren Adapter. Das M\u00e4dchen hinter der Theke macht das gut, holt den Adapter aus der Packung und zeigt mir die verschiedenen Funktionen. Und erkl\u00e4rt stolz, das sei ein Universaladapter, den k\u00f6nne man in jedem Land der Welt benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, ob ich mit einem Hunderter bezahlen kann. Ja, sagt sie, nimmt meinen Schein entgegen und bespr\u00fcht ihn mit einer Fl\u00fcssigkeit. Wenn er sich schwarz verf\u00e4rbt, ist er gef\u00e4lscht. Das tut er aber nicht. Gott sei Dank. Ihre Vorsicht r\u00fchrt vermutlich daher, dass dieser Hunderter anders aussieht als die herk\u00f6mmlichen, vermutlich eine neue Ausgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Taxi geht es zum <em>Parque Metropolitano<\/em>. Der liegt in der Stadt, aber weiter au\u00dferhalb, als ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird man sehr zuvorkommend in Empfang genommen. Der Mann an der Rezeption erkl\u00e4rt, welche verschiedenen Wege es gibt und was man, wenn man Gl\u00fcck hat, sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach oben hat man zu k\u00e4mpfen, aber man hat ordentlich Schatten. Auch hier ist die Vegetation wieder unglaublich \u00fcppig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wunderbarer Anblick sind die Ameisen, die hier auf der schmalen Holzlatte am Wegesrand hoch und runter laufen, mit einem Blatt bergauf, ohne Lasten bergab. Sie kennen keine Rast, laufen wie die Wilden hin und her und sto\u00dfen dabei immer wieder aneinander, ohne sich davon aufhalten zu lassen. Irgendwann verlassen sie den Holzweg und verschwinden im Wald. Man steht fragend davor: Wohin schleppen sie die Bl\u00e4tter? Ist das Vorrat? Warum fressen sie die Bl\u00e4tter nicht gleich da, wo sie sie finden? Was treibt sie an, so gesch\u00e4ftig zu sein, wie kann es sein, dass sie nicht erm\u00fcden?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal kommt ein Tier einen Weg hinuntergehoppelt, und dann erscheinen mehrere aus dem Busch. K\u00f6nnten Waschb\u00e4ren sein, aber sie haben dunkles Fell, ein spitzes Maul und einen auffallend langen Schwanz, der steil nach oben zeigt. Ich bekomme mit, wie eine Besucherin der anderen erkl\u00e4rt, dass die M\u00e4nnchen einzeln auftreten, die Weibchen in Gruppen mit ihren Kleinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der B\u00e4ume sind mit Erkl\u00e4rungen versehen, darunter einer mit dem kuriosen Namen <em>Indio Desnudo<\/em>. Das ist ein Baum, bei dem die Rinde abbl\u00e4ttert, aber nicht ganz. Das Harz des Baumes wird als Weihrauch benutzt. Es dient auch als Insektenschutzmittel und als Klebestoff und zur Herstellung von Papier, Lack, M\u00f6beln und Spielzeugen!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen gibt es Ausblicke in verschiedene Richtungen. Unten sieht man die Schleuse von Miraflores, aber man muss genau hingucken, denn zu beiden Seiten wird sie von Gr\u00fcn begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt, allerdings ganz in der Ferne, auch mal die <em>Puente Centenario<\/em> ins Blickfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur anderen Seite hin sieht man die Wolkenkratzer, darunter die \u201eSchraube\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zeigt mir ein Inder, wie er Photo von zwei Faultieren gemacht hat, sehr sch\u00f6n, eins bewegt seine Pfoten, das andere kratzt sich am Bauch. Aber ich finde sie wieder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten sieht man an einem T\u00fcmpel Schildkr\u00f6ten, einige im Wasser, einige an Land, andere auf einem Baumstamm auf dem Wasser. Sie bewegen sich fast gar nicht, man k\u00f6nnte den Eindruck haben, dass sie gar nicht echt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder unten angekommen, verschwitzt, trotz des Schattens, stelle ich mich an den Stra\u00dfenrand und halte ein Taxi an. Im Radio l\u00e4uft Marco Antonio Solis: \u201eNo hay nada m\u00e1s dif\u00edcil que vivir sin ti.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer sucht das <em>Museo Afroantillado<\/em>, vergeblich. Er gibt sich redlich M\u00fche, aber es klappt nicht. Daraufhin sage ich ihm einfach, er solle mich im Zentrum rauslassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf gut Gl\u00fcck drehe ich eine Runde im Viertel und sto\u00dfe tats\u00e4chlich auf einen Friseursalon. Der ist klein, aber rappelvoll. Ein Mann wird gerade auf dem Frisierstuhl rasiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald ich reinkomme, steht ein \u00e4lterer Herr auf und bietet mir seinen Platz an. Ich danke, aber nehme das nat\u00fcrlich nicht an. Will nur wissen, ob sie alle in der Schlange stehen. Nee, kein einziger, sie sind nur aus Geselligkeit hier. Sofort wird ein zweiter Frisierstuhl frei, und ich bin an der Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Friseur sagt, offensichtlich zufrieden mit dem, was ich will, das sei ein <em>corte natural<\/em>. Und er macht sich \u00fcber die jungen Friseure von heute lustig, die gar nicht mehr mit der Schere schneiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4nde sind voll mit Schmuck, Urkunden, Verzierungen, Karikaturen, Uhren. Die Frisierger\u00e4te, die vorne liegen, sehen aus, als wenn sie zu einer Schlosserei geh\u00f6rten. Und die K\u00e4sten vorne sind mit schweren eisernen Schl\u00f6ssern verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fris\u00f6r macht seine Sache ausgezeichnet, mit Schere und Rasiermesser. Alles sehr gr\u00fcndlich. F\u00fcr 5 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende macht einer der Besucher ein Photo von mir und dem stolz dahinter posierenden Friseur.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein schlechter, aus dem Alltag gegriffener Abschluss einer Reise, die gezeigt hat, dass Panama mehr als der Kanal ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28. Dezember (Samstag) \u201eOh, wie sch\u00f6n ist Panama!\u201c Der kleine B\u00e4r und der kleine Tiger, der eine ein guter Fischer, der andere ein versierter Pilzsammler, leben zufrieden am Ufer eines Flusses. 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