{"id":11883,"date":"2025-01-17T14:49:31","date_gmt":"2025-01-17T13:49:31","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11883"},"modified":"2025-02-25T09:03:53","modified_gmt":"2025-02-25T08:03:53","slug":"argentinien-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=11883","title":{"rendered":"Argentinien (2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>13. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Von Hamburg bis zum Nordkap sind es 2.000 Kilometer, vom S\u00fcden Argentiniens bis zum Norden sind es 4.000 Kilometer, von Ushuaia im S\u00fcden bis Salvador Mazza im Norden ist die Fahrstrecke 4.300 Kilometer. Hier gibt es also lange Strecken zur\u00fcckzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Argentinien ist von der Fl\u00e4che her das achtgr\u00f6\u00dfte Land der Erde. Deutschland passt ziemlich genau achtmal da rein. Argentinien hat aber nur gut die H\u00e4lfte der Einwohner Deutschlands. Hinter Brasilien und Kolumbien ist es das drittgr\u00f6\u00dfte Land S\u00fcdamerikas nach der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Buenos Aires ebenfalls gro\u00df ist, merkt man, wenn man in die Stadt reinf\u00e4hrt. Man l\u00e4sst gro\u00dfe Siedlungen und Slums hinter sich, auch das, in dem Maradona aufgewachsen ist. Der zeigt sich auch in \u00fcberdimensionaler Gr\u00f6\u00dfe auf einer H\u00e4userwand am Rande der Autobahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Da, wo die Mautstelle ist, kommt man von der Provinz Buenos Aires in die Stadt Buenos Aires. Die Fahrt geht erstaunlich z\u00fcgig, ohne jeden Stau. Der Fahrer behauptet, einen Gru\u00df auf Deutsch zu k\u00f6nnen. Aber den kann man nur mit viel Wohlwollen als <em>Guten Tag! <\/em>identifizieren. Er bietet mir Taxifahrten an alle m\u00f6glichen Orte an, an die ich gar nicht will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die <em>Avenida<\/em> <em>9 de Julio<\/em>, wo ich vor zwei Jahren gleich bei der Ankunft das Restaurant <em>Untert\u00fcrkheim<\/em> gesehen habe, kommen wir nach San Telmo. Wieder ist dort meine Unterkunft, diesmal in einem alten Patrizierhaus, mit Loge f\u00fcr den Portier (den es nicht mehr gibt) und mit den alten Aufz\u00fcgen mit gusseisernen Schiebet\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es empf\u00e4ngt mich Lili, die Reinmachefrau, \u00e4u\u00dferst freundlich. Sie f\u00fchrt mich durch die Wohnung und f\u00e4hrt dann auch noch mal mit mir runter, um das komplizierte Spiel der Schl\u00fcssel an den verschiedenen T\u00fcren zu durchlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung ist gro\u00df und sch\u00f6n eingerichtet und hat bis auf eine Waschmaschine alles, was man sich w\u00fcnschen kann. Es ist die Wohnung der Vermieterin, nur wird die im Moment nicht von ihr bewohnt. Sie hat mir auch gleich zwei Reisef\u00fchrer hiergelassen und schickt mir per Handy weitere Informationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich gleich auf die Suche nach einer M\u00f6glichkeit zum Geldwechseln. In den Banken wird nicht gewechselt, dort verweist man mich auf die Wechselstuben und, in erstaunlicher Offenheit, auf die <em>arbolitos<\/em>, die Geldwechsler, die in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone stehen und ihre Dienste anbieten. Ob das legal oder illegal, aber geduldet ist, habe ich nie rausbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg dorthin f\u00fchrt \u00fcber eine gro\u00dfst\u00e4dtische, aber nicht unbedingt sch\u00f6ne, sehr breite Stra\u00dfe. In den B\u00fcrgersteig sind Sterne eingelassen mit den Namen von argentinischen K\u00fcnstlern, und an einer Stra\u00dfenecke stehen Tonnen mit dem Konterfei von Maradona und Messi.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einkaufsstra\u00dfe, auf der <em>Florida<\/em> (hat nichts mit dem Bundesstaat Florida zu tun, sondern mit der Schlacht von Florida im Unabh\u00e4ngigkeitskampf) gehe ich gleich auf den ersten besten Geldwechsler zu. Er bietet mir einen guten Wechselkurs an. Der ist besser als der offizielle Wechselkurs. Dann f\u00fchrt er mich zu einem Kiosk und sagt dem M\u00e4dchen darin, sie m\u00f6ge Geld rausr\u00fccken, f\u00fcr 100 $. Die Scheine, die ich bekomme, sind neu und ziemlich bunt, nicht ganz vertrauenerweckend. Also probiere ich sie sofort aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme einen Kaffee und zwei H\u00f6rnchen f\u00fcr knapp 5.000 Pesos. Der Kurs ist einfach umzurechnen, das sind ziemlich genau 5 $. Nicht billig, aber auch noch nicht der gro\u00dfe Preisschock, den ich erwartet habe. Vor zwei Jahren hie\u00df es, in Argentinien sei alles spottbillig \u2013 was nicht stimmte \u2013 jetzt hei\u00dft es, in Argentinien sei alles s\u00fcndhaft teuer. Was hoffentlich auch nicht stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe auch noch zwei <em>empanadas<\/em>. Als ich sie zu Hause auspacke, wei\u00df ich nicht mehr, was was ist, aber es stellt sich heraus, dass der Inhalt in den Teig eingeschrieben ist! Hab ich noch nie gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause geht es an das Aufladen der Ger\u00e4te. Das klappt, weil ich das unversch\u00e4mte Gl\u00fcck gehabt habe, im letzten Moment einen Adapter gekauft zu haben, der sich als universal erweist. Man muss aber erst mal drauf kommen, wie das geht. Die beiden Stifte m\u00fcssen erst ausgeklappt und dann mit den Fingern schr\u00e4g gestellt werden, damit sie in die Steckdose passen!<\/p>\n\n\n\n<p>14. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bis ich meine \u201eHausaufgaben\u201c gemacht habe, ist es schon Mittag geworden. Dann mache ich mich gleich auf den Weg zum <em>Mercado de San Telmo<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Hunde und auch entsprechend viele Tretminen auf den B\u00fcrgersteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt an den Stra\u00dfen <em>Venezuela<\/em>, <em>Chile<\/em>, <em>Estados<\/em> <em>Unidos<\/em> usw. vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich an einem Baum ein Schild, auf dem <em>Fletes<\/em> steht, plus Telefonnummer. Keine Ahnung, was das sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den potth\u00e4sslichen Hochh\u00e4usern mit den Entl\u00fcftungsk\u00e4sten der Klimaanlagen an der Fassade gibt es immer wieder mal \u00e4ltere H\u00e4user, die sehr ansehnlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wandmalereien trifft man immer wieder. In einer etwas gesch\u00fctzten Ecke die Darstellung von Tango-T\u00e4nzern. Davor die Figur eines Tango-Interpreten, und an der Wand ein Zitat aus einem seiner Lieder: \u201eAlguien dijo que me fui de mi barrio, pero, \u00bfcu\u00e1ndo?, cuando siempre estoy llegando.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine breite Querstra\u00dfe. Schon von weitem sieht man dort eine Skulpturengruppe. Ich bahne mir den Weg dorthin. Es sind 14 knapp bekleidete Figuren mit athletischen K\u00f6rpern, man sieht die Muskeln auf dem R\u00fccken und an den Armen. Sie ziehen vereint einen &nbsp;Felsbrocken hinter sich her. Die Skulptur ist ein Lob der Arbeit, der k\u00f6rperlichen Arbeit und hei\u00dft <em>Canto al Trabajo<\/em>. Die f\u00fcnf Figuren vorne gehen voran, ziehen nicht mit an dem Strang. Sie repr\u00e4sentieren die Familie. Der Vater sieht heiter und gelassen aus, die Mutter sieht in die Ferne, Richtung Zukunft, die Kinder stehen f\u00fcr die Hoffnung. Die Skulptur ist getragen von dem Optimismus der Zeit um die Jahrhundertwende, vor Ausbruch des 1. Weltkriegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf kleinere Stra\u00dfen und an der <em>Universidad de Cine<\/em> vorbei. Buenos Aires hat hohen Stellenwert f\u00fcr Cineasten, wie ich von einem damaligen chilenischen Mitbewohner wei\u00df, der zum Studium hierhergekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Wohnh\u00e4usern sind man \u00fcppige Bougainivillea, rot bl\u00fchend. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die N\u00e4he des Marktes l\u00e4sst sich nach der n\u00e4chsten Abbiegung schon sp\u00fcren, H\u00e4user und Gesch\u00e4fte sind hier anders. Unter anderem komme ich an der <em>Cervecer\u00eda Baum <\/em>vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Markt, den ich beim letzten Mal nur ganz kurz gesehen habe, macht jetzt einen ganz anderen Eindruck. Das liegt wohl daran, dass ich einen anderen Eingang gew\u00e4hlt habe. Hier gibt es Lederwaren und Andenken, und es geht sehr ruhig zu. Au\u00dferdem ist es Mittag und Werktag.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Teil mit der Gastronomie ist mehr los. Die meisten St\u00e4nde haben ein paar Tische, verkaufen aber auch durchs Fenster an Passanten. Ich frage nach einem <em>chorip\u00e1n<\/em>. Das geh\u00f6rt zu den Dingen, die man in Argentinien unbedingt probieren muss. Dann mache ich aber einen R\u00fcckzieher, als ich den Preis h\u00f6re: 8.900. Dabei ist das <em>chorip\u00e1n<\/em> nicht viel mehr als ein besserer Hotdog.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu der sch\u00f6nen, gr\u00fcnen <em>Plaza Dorrego<\/em>. Hier wurde 1816 dem Volk die Unabh\u00e4ngigkeit Argentiniens verk\u00fcndet. Ein vielsagendes Ereignis, die Unabh\u00e4ngigkeit war nicht Resultat eines Volksaufstands, sondern eine Sache der Elite. Dem Volk wurde die Entscheidung \u201everk\u00fcndet\u201c!<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza Dorrego<\/em> befand sich urspr\u00fcnglich so gerade au\u00dferhalb der Stadt. Hier gab es eine Versorgungsstation f\u00fcr Ochsen und Pferde, bevor man in die Stadt einfuhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. \u00dcberall auf dem Platz verteilt sind die Tische der Gastronomiebetriebe, die sich um den Platz herum angesiedelt haben. Hier sieht man fast ausschlie\u00dflich ausl\u00e4ndische Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall wird ausdr\u00fccklich auf Fernet hingewiesen. Der gilt als ein typisches Getr\u00e4nk von Buenos Aires.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem freien Platz innerhalb des Platzes legt gerade ein Paar einen formvollendeten Tango hin. Man muss kein Freund des Tangos sein, um mit Begeisterung zuzusehen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen stolpere ich \u00fcber eine Plakette im Boden. Darin ist von gefangenen Frauen die Rede. Erst dann sehe ich, dass kurz dahinter der Eingang zum <em>Museo Penitenciario<\/em> ist, dem ehemaligen Frauengef\u00e4ngnis. Die T\u00fcr steht offen, aber es gibt noch keine Besichtigungen. Etwa ab Mitte Februar gehe es wieder los, erfahre ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz dahinter die die <em>Iglesia San Telmo<\/em>, eine der \u00e4ltesten der Stadt, mit zwei sch\u00f6nen T\u00fcrmen und einer flachen Kuppel dahinter. Scheint geschlossen zu sein. Hinten wird das Kirchengel\u00e4nde von einem Sportplatz begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>San Telmo gilt als Patron der Seefahrer und wird oft mit einem Schiff dargestellt. Seine Reliquien wurden aus Tuy hierher gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stra\u00dfe, die von hier nach unten f\u00fchrt, hat B\u00e4ume zu beiden Seiten, deren \u00c4ste sich oben ber\u00fchren und ein Dach bilden. Einfach sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Man biegt um die Ecke und ist in einer anderen Welt, an einer vielspurigen Stra\u00dfe. Auf der anderen Stra\u00dfenseite das <em>Museo Moderno<\/em>, in einem gro\u00dfen Backsteinbau untergebracht, einer ehemaligen Tabakfabrik oder deren Lagerr\u00e4umen. Links davon eine hochmoderne Erweiterung hinter einer Glasfassade. Das Museum hat dienstags geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo bekomme ich in einem Caf\u00e9 unter einer Markise einen Kaffee mit Geb\u00e4ck. Das wird mit Messer und Gabel serviert. Die Rechnung betr\u00e4gt 14.000 Pesos. Die Hoffnung, dass Argentinien vielleicht doch nicht so teuer sein k\u00f6nnte, hat sich endg\u00fcltig als Illusion erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wie in anderen Lokalen wird Werbung daf\u00fcr gemacht, mit Bargeld zu bezahlen. Es gibt manchmal sogar Rabatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf eine schmale Stra\u00dfe mit meist touristischen Angeboten: Lederwaren, Ausfl\u00fcge, Antiquit\u00e4ten. Ein Feinkostladen, <em>La Vaca Lechera de San Telmo<\/em>, ist gleich mehrfach vertreten, genauso wie <em>La Casa del Dulce de Leche<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, mit wechselndem Erfolg, zur <em>Casa M\u00ednima <\/em>durch, einer im wahrsten Sinne kleinen Sehensw\u00fcrdigkeit. Es ist das schmalste Haus von Buenos Aires, gerade mal 2,80 Meter breit. Zweist\u00f6ckig, mit einem kleinen Balkon im oberen Stockwerk, das sogar noch etwas schmaler ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt an einer Plakette an dem Haus, dass es hier sogar F\u00fchrungen gibt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich am <em>Zanj\u00f3n<\/em> vorbei. Hier hat man durch reinen Zufall bei Bauarbeiten unterirdische Reste des alten Buenos Aires gefunden, darunter Teile einer Br\u00fccke. Der Fluss, der hierher floss, war die gleichzeitig die Stadtgrenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas schwer zu finden ist die <em>Iglesia Dinamarquesa<\/em>, eine schmale Kirche, die ganz und gar aus dem Rahmen f\u00e4llt, ein Backsteinbau mit Treppengiebeln, erbaut von der evangelisch-lutherischen d\u00e4nischen Gemeinde von Buenos Aires. Auch diese Kirche ist verschlossen. Drinnen befindet sich das Modell eines d\u00e4nischen Schiffs, das einst bei der R\u00fcckreise nach Europa untergegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he befindet sich die Gruppe von Mafalda und ihren Freunden. Als ich vor zwei Jahren hier war, konnte ich mich in aller Ruhe in ihrer Gesellschaft photographieren lassen. Heute stehen die Leute Schlange.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe aber gelesen, dass Mafalda nur eine Figur ist hier auf dem <em>Paseo de la Historieta<\/em>. Es gibt weitere Comic-Figuren. Ich gehe einfach weiter und sto\u00dfe auf Isidoro. Die Gestalt kommt mir bekannt vor, aber ich wei\u00df nicht, um wen es sich handelt. Aus der Heimat kommt Hilfe: Isidoro ist ein leichtf\u00fc\u00dfiger Draufg\u00e4nger, der Prototyp des Playboys von Buenos Aires. Er macht es sich zur Aufgabe, das Geld seines wohlhabenden Onkels, eines Milit\u00e4rs, durchzubringen. Hier steht er mit gekreuzten Armen und einem selbstsicheren L\u00e4cheln im Gesicht. Nur zwei Amerikaner sind hier, um sich photographieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der am Ende vergeblichen Suche nach einer Touristeninformation, in der man mich vor zwei Jahren gut beraten hat, komme ich an diesem Schild vor einem Lokal vorbei: \u201eYa no estamos en la edad de andar con gente que no toma vino.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ungewollt komme ich auf den <em>Paseo Col\u00f3n<\/em>, einer der ganz gro\u00dfen Stra\u00dfen der Stadt, und stehe dann pl\u00f6tzlich auf der <em>Plaza de Mayo<\/em>, mit der <em>Casa Rosada<\/em> und dem <em>Cabildo<\/em>, das wie eine Kirche aussieht, aber Museum ist, und der Kathedrale, die wie ein Museum aussieht, aber eine Kirche ist. Oben im Tympanon ein figurenreiches &nbsp;Relief von der Ankunft der Israeliten beim \u00e4gyptischen Pharao. In der Kathedrale ist der argentinische Nationalheld San Mart\u00edn begraben. Dessen \u00dcberreste mussten aber aus Europa hierhergebracht werden, denn er hatte in Argentinien am Ende nicht mehr genug Unterst\u00fctzung. Diese Kathedrale war der Sitz des Erzbischofs Bergoglio, bevor er Papst wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer \u00dcbersichtskarte, die man am Rande des Platzes angebracht hat, kann ich mich orientieren. Die Stelle, an der man sich befindet, ist mit <em>Vos<\/em> gekennzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss F\u00fcgung sein. Auf dem Weg nach Hause wird mir das auf dem Tablett serviert, was ich im Moment dringender brauche als alle Sehensw\u00fcrdigkeiten: ein Schreibwarengesch\u00e4ft. Eins von der alten Art, mit einer Theke und gerammelt voll mit Waren. Die \u00e4ltere Dame ist sehr hilfsbereit, nimmt ohne Bedenken meinen USB-Stick entgegen, druckt ein Formular aus, l\u00e4sst es mich ausf\u00fcllen und scannt dann das Formular f\u00fcr mich. Alles erledigt. Ganz herzlichen Dank!<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich nach Hause gehe, frage ich schnell noch mal hier an der U-Bahn-Station nach dem Ticket, dem <em>Sube<\/em> f\u00fcr die <em>Subte<\/em>. Die Vermieterin, Valeria, hat mir zu Hause eine Karte hinterlegt, die man aufladen kann, aber es stellt sich heraus, dass die im Minus ist! Die Frau am Schalter gibt geduldig Auskunft. Ich kaufe eine Karte und lade sie so weit auf, dass es f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage reicht, f\u00fcr die Subte und f\u00fcr die Busse.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder f\u00e4llt mir die landestypische Form der Antwort auf <em>Gracias<\/em> auf: <em>No, por favor<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>15. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es zum <em>Museo Hist\u00f3rico Nacional<\/em>. Als ich es vor zwei Jahren besuchen wollte, war es geschlossen. Sie hatten keinen Strom.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum hat den falschen Namen. Es m\u00fcsste <em>Museo de la Revoluci\u00f3n<\/em> hei\u00dfen oder <em>Museo de la Independencia<\/em>. Es beginnt nicht in der Steinzeit, sondern 1808.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann hinter der Theke trinkt Mate. Sp\u00e4ter sehe ich andere, die im Bus Mate trinken und Stra\u00dfenverk\u00e4ufer, bei denen man das gesamte komplizierte Geschirr kaufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Frage nach dem Eintritt gibt mir der Mann mit dem Mate eine \u00fcberraschende Auskunft: Ist gratis!<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Ausstellungsst\u00fcck ist ein perfekt aus Originalen nachgestelltes Zimmer, das Schlafzimmer des Nationalhelden San Mart\u00edn in Boulogne. Das Wort Schlafzimmer ist etwas irref\u00fchrend. Es gibt zwar tats\u00e4chlich ein Bett, ein Himmelbett mit Baldachin und einem schweren Vorhang \u2013 der diente der Intimit\u00e4t, sollte aber vor allem vor der K\u00e4lte sch\u00fctzen \u2013 aber es gibt auch einen Schreibtisch und einen kleinen Beistelltisch zur Bedienung der G\u00e4ste. Man sieht, dass es sich bei den lateinamerikanischen Revolution\u00e4ren des 19. Jahrhunderts nicht um verwegene Burschen handelte, die sich mit Macheten durch den Busch k\u00e4mpften, sondern um Leute aus dem Gro\u00dfb\u00fcrgertum: Die schweren Vorh\u00e4nge, die Bilder, die M\u00f6bel, die Uhr, die B\u00fcste Napoleons, das ist alles \u00e4u\u00dferst wertvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand hinten h\u00e4ngt eine Zeichnung von Bol\u00edvar, dem Pendant zu San Mart\u00edn aus dem Norden S\u00fcdamerikas, sein Mitstreiter und Konkurrent. Was ist der Grund daf\u00fcr, dass der erfolgreiche San Mart\u00edn sich am Ende nach Europa zur\u00fcckzog und auch dort starb? Das bleibt offen, jedenfalls f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit der Revolution wird angesetzt auf 1808-1824. Der Startschuss kam aus Spanien. Napoleon hatte Fernando VII. abgesetzt und seinen Bruder Jos\u00e9 auf den Thron gehievt. Das l\u00f6ste in Spanien Unzufriedenheit aus, eine Gegenbewegung formierte sich. Das schwappte dann auch nach Lateinamerika \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Bewegung war also eher pro Spanien, bedeutete Unterst\u00fctzung des von der fremden Macht Beherrschten. Tats\u00e4chlich sieht man hier eine Medaille, die San Mart\u00edn f\u00fcr seine milit\u00e4rischen Verdienste in Spanien verliehen bekam!<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1810 begann dann hier die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Erst gab es einen Aufruf, sich an einer Versammlung zu beteiligen, den <em>Petiterio<\/em> <em>Popular<\/em>. Dieser Aufruf galt aber nur einer Elite, etwa 1% der Bev\u00f6lkerung! Und nur etwa die H\u00e4lfte dieser Elite wollte sich \u00fcberhaupt beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist das silberne Schreibger\u00e4t ausgestellt, mit dem der Aufruf verfasst wurde. Lesen konnte zu dem Zeitpunkt nur eine kleine Minderheit, schreiben konnten noch weniger. Zum Schreiben brauchte man auch das entsprechende teure Material: Feder, Tinte, Papier. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1813, das als das Jahr der Unabh\u00e4ngigkeit gilt, kam es dann zu einer Versammlung. Die brachte einiges zustande,&nbsp; was sp\u00e4ter relevant werden sollte, aber durchsetzen konnte sie davon noch nichts. Das Wichtigste waren eine Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung und eine Verfassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kreierte auch ein eigenes Wappen (auf dem das Konterfei von Carlos III. \u00fcbermalt wurde, wie man hier anhand einer technischen Darstellung sehen kann), man schrieb und komponierte die <em>Marcha Patri\u00f3tica<\/em> (der Grundlage der sp\u00e4teren Nationalhymne) und man entwarf eine Nationalflagge. Woher kamen die Farben Blau und Wei\u00df? Das waren die Farben der Bourbonen! So \u201evolksnah\u201c war die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es um den milit\u00e4rischen Teil der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, vor allem dem Marsch \u00fcber die Anden, dem royalistischen Heer entgegen. <em>El Ej\u00e9rcito de los Andes<\/em>, das ist jedem Argentinier ein Begriff. Es war in der Tat eine unglaubliche Kraftanstrengung. San Mart\u00edn hatte gesagt, er f\u00fcrchte die Anden mehr als das gegnerische Heer. Warum, das kann man hier sehen. Was da alles mitgeschleppt werden musste: Futter f\u00fcr die Pferde, Futter f\u00fcr die Maultiere, Verpflegung f\u00fcr die Soldaten (darunter Tabak), Waffen, Brennholz, Zelte, medizinisches Ger\u00e4t. Dazu kamen die Temperaturen, die zwischen 30\u00b0 plus und 10\u00b0 minus schwankten. Es gab Deserteure und Verletzte. San Mart\u00edn versuchte, die Sklaven am Ball zu halten, indem er ihnen die Freiheit versprach, wenn sie f\u00fcnf Jahre lang treu dienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pistolen waren schwer und mussten immer wieder neu geladen werden, und das konnte dauern. Man sieht hier einige davon. Schon beim Ansehen merkt man, dass sie schwer in der Hand liegen mussten. San Mart\u00edn setzte deshalb eher auf das, was hier <em>armas blancas<\/em> genannt wird, S\u00e4bel und Degen. Er selbst benutzte einen 700 Jahre alten Krumms\u00e4bel aus dem Orient! Der ist hier in einer Glasvitrine zu sehen. Ein Prachtexemplar. San Mart\u00edn fand, dass die krummen S\u00e4bel effektiver waren als die geraden, vor allem auf dem Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pritsche, auf der San Mart\u00edn schlief, ist hier auch ausgestellt. Sie ist an Einfachheit nicht zu \u00fcberbieten. Die gemeinen Soldaten schliefen auf dem Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sieht man einen Poncho. Was hat der hier zu suchen? Der war tats\u00e4chlich eine \u201eKriegswaffe\u201c. &nbsp;Die &nbsp;Soldaten des <em>Eje\u00e9rcito de los Andes <\/em>hatten solche Ponchos<em>.<\/em> San Mart\u00edn bestellte gleich 4.000 davon. Warum? Man konnte darunter die Waffe verbergen, der Poncho w\u00e4rmte als Mantel und konnte als Decke und als Schlafunterlage verwendet werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Sieg \u00fcber die Royalisten vereinigten sich die Heere des S\u00fcdens und des Nordens, San Mart\u00edn und Bol\u00edvar trafen sich. Dann aber r\u00e4umte San Mart\u00edn das Feld. Er \u00fcberlie\u00df den Sieg bei der entscheidenden Schlacht von Ayacucho seinem Konkurrenten. Und setzte sich nach Europa ab. Von wo aus er nie wieder in seine Heimat zur\u00fcckkehrte. Lebendig jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sieht man eine Lithographie, die den Triumph der Revolution feiert. Eine Frau, mit phrygischer M\u00fctze auf dem Kopf und in der Hand, l\u00e4sst die Pferde vor sich frei, sechs an der Zahl. Sie stehen f\u00fcr Mexiko, Guatemala, Kolumbien, Peru, Chile und Buenos Aires. Von Argentinien ist nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist vielsagend. Was sp\u00e4ter, aber erst sehr viel sp\u00e4ter Argentinien werden sollte, bestand aus&nbsp; vier Teilen, den <em>Provincias Unidas<\/em>, der (davon abgeschnittenen) <em>Liga de los Pueblos<\/em> <em>Libres<\/em>, dem Territorium der Indios in der Pampa und in Patagonien und dem Territorium der Indios aus dem Chaco.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was passierte, als die Unabh\u00e4ngigkeit erlangt war? Brach eine Epoche des Friedens und des Wohlstands aus? Im Gegenteil. Es kam zu einem B\u00fcrgerkrieg, einem B\u00fcrgerkrieg, in dem sich F\u00f6derale und Unionisten gegen\u00fcberstanden und der von 1828 bis 1831 dauerte. W\u00e4hrend dieses B\u00fcrgerkriegs kam es zur Hinrichtung von Dorrego, nach dem der Platz benannt ist, auf dem ich gestern den Tango gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch unz\u00e4hlige Gem\u00e4lde und Alltagsgegenst\u00e4nde aus der Zeit nach der Revolution. Die Szenen der Revolution wurden erst dann dargestellt, als die l\u00e4ngst vorbei war, meist glorifizierend. Hier sieht man auf einem riesigen Schinken, wie San Mart\u00edn eine Truppenparade abnimmt, bei der er nie war. Und ein Wasserkrug ist so modelliert, dass er die Gesichtsz\u00fcge eines der gro\u00dfen Offiziere des Unabh\u00e4ngigkeitskriegs wiedergibt. Die Bemalung gibt genau die Narbe an der Stirn wieder, die ihm eine Wunde in einer Schlacht eintrug. Die Revolution ist Teil des kollektiven Ged\u00e4chtnisses geworden und hilft dabei, eine Idee der \u201eArgentinit\u00e4t\u201c zu schaffen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Museumbesichtigung gehe ich noch in dem angrenzenden gro\u00dfen <em>Parque Lezema <\/em>spazieren. Die V\u00f6gel sind aktiv und machen einen ordentlichen L\u00e4rm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Park war, wie auch das Museumsgeb\u00e4ude, eigentlich Privatbesitz, wurde dann aber f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit freigegeben. Er ist gro\u00df und f\u00e4llt zu einer Seite zu einer der ganz gro\u00dfen Verkehrsadern der Stadt ab. Hier gibt es Tempel, Skulpturen und vor allem B\u00e4ume. Der Park hatte sogar urspr\u00fcnglich einen k\u00fcnstlichen See und ein Amphitheater. Das ist heute noch in moderner Form erhalten, mit Sitzreihen aus Beton.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus gleich \u00fcber eine schmale Stra\u00dfe sieht man auf die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren beinahe kitschigen blauen Kuppeln.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke des Parks ein gro\u00dfes Denkmal, der Inschrift zufolge dem Gr\u00fcnder von Buenos Aires gewidmet, Pedro de Mendoza. Diese Gr\u00fcndung, von 1536, hatte keinen Bestand. Die Siedlung wurde aufgegeben, und so kam es 1580 zum zweiten Mal zur Gr\u00fcndung von Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich au\u00dferhalb des Parks sto\u00dfe ich an einer Stra\u00dfenecke zuf\u00e4llig auf das <em>Hipop\u00f3tamo<\/em>, eins der klassischen Restaurants von Buenos Aires, von dem ich gestern Abend gerade gelesen habe. Als ich wegen eines Photos auf die andere Stra\u00dfenseite wechsle, sehe ich gleich gegen\u00fcber, nur ein paar Meter weiter entfernt, das <em>Bar Brit\u00e1nico<\/em>. Damit verbinde ich eine der intensivsten Erinnerungen an meine erste Reise nach Buenos Aires. , Damals \u201erettete\u201c eine Passantin mein Handy und empfahl mir mehr Vorsicht. Das hat Nachwirkungen bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf die <em>Defensa<\/em> und will in ein Caf\u00e9. Aber die T\u00fcr ist verschlossen. Dann tut sich was. Die Eigent\u00fcmerin schlie\u00dft hinter jedem Kunden ab! Es ist eine freundliche Frau mit einer quakenden Stimme. Sie gibt mir ein paar Hinweise, die mir die Orientierung hier im Viertel erleichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder f\u00fchrt der Weg vorbei an der <em>Plaza Dorrego<\/em>, an der &nbsp;<em>Cervecer\u00eda Baum<\/em> und an Mafalda. Kurz danach finde ich die <em>Librer\u00eda Quorum<\/em>, von meiner Vermieterin empfohlen. Hier finde ich tats\u00e4chlich das Buch mit den Zeichnungen von Buenos Aires, das bei ihr auf dem Tisch liegt. Es kostet sagenhafte 30.000 Pesos. Die Verk\u00e4uferin sagt, ja, das sei so, durch die Inflation sei vor allem das Papier teurer geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auf die <em>Plaza de Mayo<\/em> zu, dem gr\u00f6\u00dften und repr\u00e4sentativsten Platz der Stadt. In den Glasfassaden der modernen B\u00fcrogeb\u00e4ude, die hier die Stra\u00dfe s\u00e4umen, spiegeln sich die gegen\u00fcberliegenden, oft \u00e4lteren Geb\u00e4ude.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz bereitet man sich gerade auf eine Demonstration vor. Man sieht Spruchb\u00e4nder, auf denen Gerechtigkeit f\u00fcr die Lehrer von Juyjuy gefordert wird. Da w\u00fcrde man gerne wissen, worum es geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus ist es gar nicht mehr weit bis zur Unterkunft. Ich bin wirklich sehr zentral untergekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch am Abend geht es ins <em>Fenicia<\/em>, zum Essen mit Sergio, dem alten Freud meiner besten argentinischen Freundin aus der Heimat. Wir haben vor zwei Jahren an einem denkw\u00fcrdigen Abend, an dem es wie aus K\u00fcbeln sch\u00fcttete, zusammen das Viertelfinale gesehen und sind dann im <em>Desnivel<\/em> zum Abendessen gewesen. Da bin ich ausgerechnet heute zuf\u00e4llig wieder vorbeigekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich zu Fu\u00df auf den Weg, obwohl es eine ganze Strecke ist. Aber ganz langsam. Habe reichlich Zeit. Deshalb mache ich auch einen Schlenker zum Obelisken, als der auf einmal an der Seite auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Obelisk, am Kreuzpunkt von <em>Corrientes<\/em> und <em>9 de Julio<\/em>, den beiden gr\u00f6\u00dften Stra\u00dfen, gelegen, markiert sozusagen den zentralen Punkt der Stadt. Zum Obelisken kann man als Fu\u00dfg\u00e4nger nicht kommen, er ist vom Verkehr umflossen, aber jetzt ist er ohnehin unten einger\u00fcstet. Es gibt eine Treppe oder einen Aufzug drinnen, aber die werden wohl seit einiger Zeit nicht mehr benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Obelisk ist in erster Linie gro\u00df, weitgehend schmucklos, soweit man das sehen kann. Er hat aber ein paar Inschriften, wie man aus der Distanz so gerade erkennen kann. Unter anderem werden die Daten 1536 und 1580 genannt, die Daten der beiden Gr\u00fcndungen von Buenos Aires, und 1880, als Buenos Aires Hauptstadt von Argentinien wurde, das damals erst zu einem Land vereinigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erbauung des Obelisken hat nur 31 Tage gedauert. Er steht da, wo fr\u00fcher die Kirche San Nicol\u00e1s de Bari stand. Hat man die tats\u00e4chlich abgerissen f\u00fcr den Obelisken? Der passt wahrscheinlich besser zu dem Autoverkehr als eine Kirche, aber daf\u00fcr eine Kirche opfern? Ist vermutlich dem Zeitgeist der Gr\u00fcnderzeit zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu fr\u00fch an und stelle fest, dass Buenos Aires, wie viele andere St\u00e4dte, im Zentrum ein Manko hat, n\u00e4mlich das Fehlen von B\u00e4nken f\u00fcr die Passanten. Am n\u00e4chsten Tag sehe ich aber an einer langen Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe ein paar sch\u00f6ne kleine B\u00e4nke in kurzen Abst\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Sergio gibt es ein freudiges Wiedersehen. Kurz darauf st\u00f6\u00dft auch Carlos, ein Kollege und Freund von Sergio, dazu, ebenfalls Architekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kennt Asturien und ist einmal dorthin gefahren, um den Ort zu besuchen, dessen Name identisch ist mit seinem Nachnamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt von einer Kirche, die er dort entdeckte. Nimmt eine Serviette und einen Stift zur Hand und zeichnet mit ein paar Strichen die Fassade der Kirche. Und jetzt kommt das Merkw\u00fcrdige: In Buenos Aires hat er f\u00fcr einen verstorbenen Freund, auf Bitten von dessen Witwe, eine Kapelle entworfen, und die sah genauso aus wie diese Kirche in Asturien, die er vorher nie gesehen hat. Gibt es so etwas wie ein genetisches Kunstged\u00e4chtnis, fragt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden sind entsetzt, dass mir das <em>Somisa<\/em> noch nicht aufgefallen ist, das Geb\u00e4ude des gleichnamigen Stahlkonzerns, das gleich in der N\u00e4he meiner Unterkunft liegt. Es hat Stahltr\u00e4ger nach au\u00dfen, das erste Geb\u00e4ude dieses Typs, das in Argentinien gebaut wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sergio kennt die Elbphilharmonie und sogar das Denkmal im Teutoburger Wald. Er kennt auch Joseph Beuys&nbsp; und wei\u00df, dass die Elbphilharmonie von seinen Sch\u00fclern erbaut worden ist. Die Aktion in Kassel mit der Anpflanzung von Tausenden von B\u00e4umen bei der <em>Documenta<\/em> findet er gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Sergio als auch Carlos benutzen das Wort <em>weltanschauung<\/em>, als wir uns auf ein anderes, ein politischeres Terrain begeben. Sie wollen wissen, was man in Deutschland von Argentinien denkt und ob wir Milei kennen. Sie selbst sind froh, dass er die Inflation in den Griff bekommen hat. Alles andere ist offen. Vom Peronismus halten sie gar nichts. Das sei wie Chavez in Venezuela. Sie wundern sich, dass Meloni so eine schlechte Presse hat in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erweisen sich beide als, vorsichtig gesagt, unkonventionell, wenn es um Weltanschauung geht: Entnazifizierung, Israel, Fl\u00fcchtlinge, sie begn\u00fcgen sich nicht damit, nachzuplappern, was andere sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Geschichte Argentiniens betrifft, best\u00e4tigen sie, was ich am Morgen im Museum gesehen habe. Argentinien im heutigen Sinne gibt es erst seit etwa 1880. Erst dann habe es eine Vereinigung gegeben, erst dann seien die freien Territorien der Indios hinzugekommen. Diese Indios, sagen sie, seien gar keine \u201eArgentinier\u201c gewesen, sondern Chilenen, Mapuche, die \u00fcber die Anden gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Was meine Reisepl\u00e4ne angeht, optieren sie, wie alle hier, f\u00fcr den S\u00fcden, f\u00fcr Patagonien. Weite Landschaft, sp\u00e4rlich bewohnt, St\u00e4dte wie in den Alpen. Und Feuerland, das d\u00fcrfe ich mir keinesfalls entgehen lassen. Wie man das organisiert, in welcher Reihenfolge, und ob man zwischendurch immer wieder nach Buenos Aires zur\u00fcckkommen muss, das wissen sie auch nicht so genau.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach einem Reisef\u00fchrer f\u00fcr Argentinien \u00fcberrascht sie genauso wie alle anderen. Ob es so was \u00fcberhaupt gibt? Carlos macht sich die M\u00fche, seine Frau anzurufen. Die gibt einen Tipp f\u00fcr eine Buchhandlung, <em>Poema 20<\/em>. Die ist auf der <em>Esmeraldas<\/em>, das ist die Stra\u00dfe, \u00fcber die ich hierhergekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist ausgezeichnet, und der Wein auch. Danach gibt es einen Kaffee, der hier <em>pozillo<\/em> hei\u00dft, eine Art doppelter Espresso. Der einfache hei\u00dft <em>jarrito<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zur\u00fcckgehe, ist es ruhig geworden in der Stadt. Ein einzelner Radfahrer, ein Bettler, ein Mann, der seine Hunde ausf\u00fchrt, eine Maus, die sich an einem M\u00fclleimer zu schaffen macht, zwei Frauen auf hohen St\u00fchlen vor einer Kneipe, ein rauchender Wachmann vor einer Bank, ein Pizzafahrer, Obdachlose. Diese hier haben wenigstens eine Matratze, ich habe auch welche gesehen, die halb bekleidet auf ihrer Jacke lagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Lokal vorbei, das <em>Dunkel<\/em> hei\u00dft und an dem Kabuff auf der <em>Florida<\/em>, wo ich dieser Tage Geld getauscht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Viertel ist keine Menschenseele mehr zu sehen, und ich bin froh, als ich Punkt Mitternacht zu Hause ankomme.<\/p>\n\n\n\n<p>16. Januar (Donnerstag)<br>Mein erster Gang am Morgen ist zum <em>Edificio Somisa<\/em>, dem Stahlbau des Stahlkonzerns. Es liegt wirklich nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt, an einer belebten Kreuzung. Tats\u00e4chlich&nbsp; ein auff\u00e4lliges Geb\u00e4ude, mit seiner spitz zulaufenden Ecke, aber dass es etwas architektonisch Besonderes ist, h\u00e4tte ich nie und nimmer gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem gleich gegen\u00fcber liegenden Supermarkt sind die Artikel mit Warnhinweisen ausgezeichnet: zu fettig, zu kalorienreich, zu viel Zucker, zu viel Natrium. Einige Pakete haben sogar alle vier Aufdrucke!<\/p>\n\n\n\n<p>Der argentinische Papst hat seine Autobiographie ver\u00f6ffentlicht. Darin spricht er auch von seiner Jugendzeit und den beiden linken F\u00fc\u00dfen, die er hat, die aber seine Begeisterung f\u00fcr den Fu\u00dfball nicht tr\u00fcben konnten. Der Papst ist Anh\u00e4nger und Mitglied einer der gro\u00dfen 5 von Buenos Aires, San Lorenzo. Bei uns vielleicht nicht so bekannt, hat aber immerhin mehr als 80.000 Mitglieder, ist zw\u00f6lfmal argentinischer Meister geworden und hat einmal die <em>Copa Libertadores<\/em> gewonnen. Die Mannschaft ist sogar einmal Meister geworden, ohne ein einziges Spiel zu verlieren. San Lorenzo ist im S\u00fcden von Buenos Aires beheimatet, das Stadion hei\u00dft <em>El Gas\u00f3metro<\/em>, und der Spitzname der Mannschaft ist <em>Los Cuervos<\/em>. Gegr\u00fcndet wurde der Verein von einem Salesianerpater, der Papst ist hier also gut aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbertroffen werden <em>Los Cuervos<\/em> noch von den beiden ganz gro\u00dfen Rivalen von Buenos Aires, <em>Boca Juniors<\/em> und <em>River Plate<\/em>. In der Zahl der gewonnenen Meisterschaften liegt <em>River Plate<\/em> ganz knapp vorne. Beide haben, genauso wie <em>Independiente<\/em>, schon den Weltpokal geholt. Damit steht Buenos Aires in der Welt des Vereinsfu\u00dfballs ganz oben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Boca Juniors<\/em> und <em>River Plate<\/em> waren beide urspr\u00fcnglich im Stadtteil Boca untergebracht, <em>River Plate<\/em> zog dann in einen vornehmeren Stadtteil um. Was ihnen den Spottnamen <em>Die Million\u00e4re <\/em>eintrug. Bis heute ist das Image beider Vereine von der Antinomie gepr\u00e4gt: Die Kampftruppe gegen die Sch\u00f6nspieler, die Blutgr\u00e4tsche gegen den filigranen Doppelpass.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Vereine hatten urspr\u00fcnglich die Vereinsfarben Rot und Wei\u00df. Dann fand ein Entscheidungsspiel statt, um zu entscheiden, wer die behalten durfte. <em>River Plate <\/em>gewann. <em>Boca Juniors<\/em> spielt seitdem in Blau und Gelb. Der Legende zufolge sah man nach der Niederlage ein schwedisches Schiff in den Hafen einlaufen. Das gab den Ausschlag bei der Farbwahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Pokal gibt es in Argentinien noch nicht sehr lange. Bei der Meisterschaft \u00e4ndert sich der Modus alle Nase lang. Jedenfalls spielte man lange (und spielt vielleicht auch heute noch so) in zwei getrennten Ligen. Die beiden ersten bestritten dann ein echtes Endspiel!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Uber-Fahrer, der mich zum Stadium von <em>Boca Juniors<\/em> bringt, sagt mir netterweise, ich h\u00e4tte lieber zu <em>River Plate<\/em> fahren sollen: bessere Gegend, gr\u00f6\u00dferes Stadion. <em>Boca Juniors<\/em> sei in ein Wohnviertel eingezw\u00e4ngt und k\u00f6nne sich nicht vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland komme, wird er ganz hellh\u00f6rig. Kenne er. Sein Bruder lebe dort, in der N\u00e4he der Schweiz, in L\u00f6rrach. Er habe ihn einmal besucht, sei drei Monate dageblieben. Das war w\u00e4hrend der Krise in Argentinien. Man hatte ihm sein Auto gestohlen, sein Bruder habe ihn eingeladen und ihm den Flug bezahlt. Sein Bruder ist schon seit 30 Jahren dort, und ihm f\u00fchle sich wohl, und auch ihm selbst habe es sehr gefallen. Er habe seinen Neffen vom Kindergarten abgeholt, da k\u00f6nne man sich ja \u00fcberall bewegen, und nichts w\u00fcrde einem passieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Boca reinkommen, k\u00fcndigt sich die N\u00e4he des Stadions schon durch die Farben an. Hier ist alles Blau und Gelb, sogar die H\u00e4user. Vom dem Balkon eines Hauses gr\u00fc\u00dft der Papst als Pappmachefigur die Passanten. Auch Sportwagen, die am Stra\u00dfenrand stehen und in denen man sich photographieren lassen kann, &nbsp;sind in Blau und Gelb.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist viel los, und vor dem Stadion hat sich schon eine lange Schlange gebildet. Ist aber alles gut organisiert, sehr professionell. Kann man eigentlich auch erwarten bei dem Preis: 30.000 Pesos kostet der Eintritt. Museum und Stadion.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum sieht man den ersten Pokal, den der Verein \u00fcberhaupt geholt hat, 1906, eine Jugendmannschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist auch ein Wimpel von einem Freundschaftsspiel bei einer fr\u00fchen Europatournee. Der Gegner: Spvgg. Leipzig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus fr\u00fcheren Zeiten stammen auch Spieler-P\u00e4sse, die wie Reisep\u00e4sse aussehen, aber noch mit Schreibmaschine geschrieben, sowie die Ergebnisse von medizinischen Tests von Spielern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine schwarz-wei\u00df-Photographie zeigt Rattin, einen der beliebtesten Spieler aller Zeiten von <em>Boca Juniors<\/em>. Er spielte 15 Jahre lang f\u00fcr den Verein. Daneben ein Zitat von Pel\u00e9. Rattin sei der beste Gegenspieler, den er je hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus neuerer Zeit eine blau-gelbe E-Gitarre, die von einem argentinischen Rockmusiker nur einmal benutzt wurde, bei einem Konzert hier im Stadion.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man einen Ball, firmiert von dem Mann, der als der gr\u00f6\u00dfte Boca-Fan \u00fcberhaupt gilt und kaum einmal ein Training verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Figuren und Videos von den gro\u00dfen Stars der Vergangenheit. Bin \u00fcberrascht: Au\u00dfer Maradona sagen mir nur die Namen Riquelme und T\u00e9vez was.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pokal f\u00fcr den ersten Gewinn der <em>Copa Libertadores<\/em> ist ausgestellt und die Flamme, die bei der 100-Jahr-Feier durch ganz Buenos Aires getragen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird zur F\u00fchrung aufgerufen. Unsere F\u00fchrerin, in Blau und Gelb, macht ihre Sache wirklich gut. Sie hat ein kr\u00e4ftiges Organ, h\u00e4lt die Truppe zusammen und erkl\u00e4rt gut und mit Witz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste \u2013 und der bleibende \u2013 Eindruck, den man vom Stadion hat, wenn man reinkommt: Es ist klein. Und wirkt vielleicht noch kleiner, als es ist. Man sieht den Spielfeldrand kaum, die Trainerb\u00e4nke verschwinden unter der Haupttrib\u00fcne. Man ist ganz nah dran und hat den Eindruck, dass man hier von allen Pl\u00e4tzen aus gut sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden gefragt, woher wir kommen \u2013 Mexiko, Chile, Peru und vor allem Brasilien sind vertreten \u2013 und zu welchem Verein wir halten. Das wird dann von den anderen aus dem gleichen Land mit den entsprechenden Rufen quittiert. Ich bin der einzige, der nicht aus S\u00fcdamerika stammt.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau erz\u00e4hlt von dem legend\u00e4ren schwedischen Schiff, das \u00fcber die heutigen Vereinsfarben entschied. Sp\u00e4ter sehen wir sogar ein Gem\u00e4lde, das diese Szene darstellt, mit dem in den Hafen einlaufendem Schiff und den staunenden Fischern von Boca.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verein wurde 1905 gegr\u00fcndet. Anfangs spielte man auf gemieteten Pl\u00e4tzen, dann entstand, schon hier, das erste eigene Stadion, mit Holztrib\u00fcne. Dann wurde das jetzige Stadion gebaut und sp\u00e4ter mit einem zweiten Rang versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Spitzname des Stadions ist <em>La Bombonera<\/em>, und das steht auch auf einem Schild \u00fcber der Haupttrib\u00fcne. Der Name stammt von dem Architekten. Der hatte das Modell des Stadions in seinem B\u00fcro, und daneben lag eine Pralinenschachtel. Und ihm fiel die \u00c4hnlichkeit auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass es praktisch keine \u00dcberdachung gibt. Wenn, dann eher zuf\u00e4llig, wenn ein Rang sich etwas \u00fcber den darunter liegenden schiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen von der Haupttrib\u00fcne auf die Nordtrib\u00fcne, schon von weitem zu erkennen durch die blaue 12 auf dem gelben Rang. Das ist die Fan-Trib\u00fcne. Hier gibt es nur Stehpl\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Fantrib\u00fcne befindet sich die Umkleidekabine der gegnerischen Mannschaft, und die \u00e4rgert man vor Spielbeginn schon immer durch ein ordentliches Getrampel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4stefans sind auf der gegen\u00fcberliegenden Seite auf dem h\u00f6chsten Rang untergebracht, dort, wo man die schlechteste Sicht hat. Allerdings kommen zur Zeit \u00fcberhaupt keine gegnerischen Fans, au\u00dfer bei internationalen Spielen. In Argentinien hat man das nach gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen, die kein Ende nehmen wollten, untersagt. Das gebe es in anderen L\u00e4ndern auch, sagt die F\u00fchrerin etwas kleinlaut, aber es sei schade, dass das in Argentinien der Fall sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00fcben wir den Torschrei. Nat\u00fcrlich dem nach einem Tor von <em>Boca<\/em>. Der ist hier charakteristischerweise kurz: <em>\u00a1Gol!<\/em>, nicht <em>\u00a1Goooool!<\/em> Das klappt erst im dritten Versuch. Dann h\u00f6rt man, warum der kurze Torschrei seinen Reiz hat: Das Echo kommt von der anderen Seite!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Museum sehen wir noch Umkleidekabinen, Presseraum, Pokale und Zitate ber\u00fchmter Spieler zur <em>Bombonera<\/em>, aber das ist nicht mehr weiter erw\u00e4hnenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Argentinier an meiner Seite fragt, woher ich komme, und fragt, halb verwundert, halb bewundernd: \u201e\u00bfAlemania?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz in der N\u00e4he des Stadions befindet sich die <em>Calle Museo Caminito<\/em>. Das ist ein Str\u00e4\u00dfchen mit h\u00fcbschen, folkloristisch aussehenden H\u00e4usern, das zu einer Art Museum geworden ist und Touristen anzieht. Die Besonderheit von Boca als altem Arbeiterviertel ist aber nicht mehr zu erkennen, au\u00dfer in dem Namen <em>Rep\u00fablica de la Boca<\/em>, der hier \u00fcberall auftaucht. Heute ist hier alles dem Kommerz untergeordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Souvenirgesch\u00e4ft sehe ich ein Schild mit einem Ausspruch, der sich die T\u00fccken der spanischen Orthographie ironisch zu eigen macht: <em>La Bida es vella<\/em>. Trotz seiner Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer Ecke aus sieht man Hafenkr\u00e4ne am Wasser. An der Stra\u00dfe gibt es Bushaltestellen, und ich erwische gleich die richtige und den richtigen Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Bus hei\u00dft <em>Metrobus<\/em> und hat seine eigenen Fahrspuren einschlie\u00dflich Haltestellen in der Mitte der breiten Stra\u00dfen. So geht es ohne Stocken zur\u00fcck ins Zentrum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Radwege gibt es hier keine, aber in anderen Gegenden habe ich schon welche gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Wohnung begegne ich zum ersten Mal Kopftuchtr\u00e4gerinnen und dann einem jungen Mann mit einem Deutschland-Trikot.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Mafalda ist heute keine Schlange, und so komme ich doch noch zu meinem Photo.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder nehme ich zwei <em>empanadas<\/em> mit, von dem kleinen Stand in der N\u00e4he der Wohnung. W\u00e4hrend ich warte, spricht mich ein junger Mann neben mir auf mein Spanisch an. Ob ich hier in Argentinien lebe, will er wissen. Woanders in S\u00fcdamerika auch nicht? Er ist ganz baff.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich noch mal raus und mache mich auf die Suche nach der Buchhandlung <em>Poema 20<\/em>, die mir am Vorabend empfohlen worden ist, auf der <em>Esmeralda<\/em>. Da, wo sie sein sollte, ist sie nicht, aber kurz darauf sehe ich eine Buchhandlung. Die T\u00fcr ist abgeschlossen, aber die Buchh\u00e4ndlerin kommt sofort und macht auf. In dem Moment sehe ich aber, dass es sich um ein Antiquariat handelt. Nein, Reisef\u00fchrer habe sie nicht, sagt sie, wie zu erwarten war. Die Frau ist sehr freundlich, wir kommen richtig ins Gespr\u00e4ch. Nein, sagt sie, hier in der N\u00e4he kenne sie keine Buchhandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe raus, und in dem Moment sehe ich die Buchhandlung <em>Poema 20<\/em>. Gleich nebenan. Nutzt mir aber auch nichts, sie ist geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also mache ich mich auf den Weg zum <em>Ateneo<\/em>, einer Buchhandlung, die an sich eine der Sehensw\u00fcrdigkeiten von Buenos Aires ist. Ich gehe zu Fu\u00df, trotz der wiederholten Warnungen, dass es ziemlich weit sei. Und bei der Hitze! Im Laufe des Nachmittags erreichen wir 34\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich einen gro\u00dfen Boulevard passiere, sehe ich ein merkw\u00fcrdiges Denkmal. Auf den ersten Blick sieht es wie der Satan aus, auf den zweiten wie ein Schauspieler. Es ist Kolumbus!<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs versuche ich es in verschiedenen Buchhandlungen mit dem Reisef\u00fchrer Argentinien. Allgemeine Verwunderung angesichts der Frage. Nein, Reisef\u00fchrer h\u00e4tten sie nicht. In einer Buchhandlung wird mir ein mickriger Reisef\u00fchrer \u00fcber Buenos Aires angeboten. Sonst nur Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreiche ich endlich das <em>Ateneo<\/em>. Diese legend\u00e4re Buchhandlung ist in einem ehemaligen Theater untergebracht. Hierher kommen Leseratten, aber auch Besucher, die sich die Buchhandlung einfach ansehen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Foyer gibt es Sonderangebote, im Parkett Belletristik, im ersten Rang Sachb\u00fccher, im zweiten Rang Mangas, und auf der B\u00fchne ist ein Caf\u00e9. Alles erscheint im Licht der alten Theaterbeleuchtung. Man hat immer wieder neue Blicke, je nachdem, wo man steht. Am sch\u00f6nsten ist es von oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach Reisef\u00fchrern, und die Frau an der Information sagt ohne Z\u00f6gern ja, die habe man. Und weist mir den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich, da gibt es ein ganzes Regal voller Reisef\u00fchrer, von den einschl\u00e4gigen Verlagen. Ich finde alles, Guatemala, Paris, Thailand, nur eins finde ich nicht \u2013 Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es mit der Subte. Die Bahnh\u00f6fe sind in Ordnung, aber nicht gerade auf Hochglanz poliert. Bei den Z\u00fcgen ist alles vertreten, alt, sehr alt, modern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausschilderung ist gut, aber unzureichend. Man muss erst auf den Bahnsteig, um zu sehen, ob diese Linie in die richtige Richtung f\u00e4hrt. Es kommt zu einem Durcheinander, und am Ende steige ich einfach irgendwo aus und lande am Obelisken. Auf der anderen Seite der <em>9 de Julio<\/em> befindet sich das <em>Teatro Col\u00f3n<\/em>. Seine Schauseite hat es zur Stra\u00dfe hin, obwohl ich sp\u00e4ter die R\u00fcckseite fast sch\u00f6ner finde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eingang f\u00fcr die F\u00fchrungen ist an der Seite. Der Mann am Schalter ist freundlich und geduldig. Er gibt auch nicht auf, als es mit der Kreditkarte nicht klappt. L\u00e4sst sich die Karte geben, gibt alles von Hand ein und \u2013siehe da! Es klappt! F\u00fcr morgen habe ich eine Karte f\u00fcr eine F\u00fchrung. 26.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag muss ich erst meine Hausaufgaben erledigen. Dann geht es zum <em>Teatro Col\u00f3n<\/em>. Mit der Subte. Ich muss einmal umsteigen, wobei der Weg von einer Linie zur anderen richtig weit ist. Dann stellt sich heraus, &nbsp;dass ich gar nicht mehr in <em>Bol\u00edvar<\/em>, sondern in <em>Catedral<\/em> bin. Man kommt unterirdisch von einem Bahnhof zum anderen!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Subte-Station ist sch\u00f6n ausgemalt, mit einfachen, sich wiederholenden Mustern in kr\u00e4ftigen Farben, etwa im Stil von Mir\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Teatro Col\u00f3n<\/em> findet jede Viertelstunde eine F\u00fchrung statt, so stark ist die Nachfrage. Abwechselnd auf Spanisch und Englisch, und zwischendurch gibt es auch eine auf Portugiesisch.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Gruppe sind Mexiko, Peru, Chile, Kolumbien und Brasilien vertreten, aber auch Italien und Portugal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrung erfolgt in vier Etappen, mit der Besichtigung des Theatersaals als kr\u00f6nendem Abschluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es in das beeindruckende Foyer. Dort erf\u00e4hrt man, dass der Vorg\u00e4nger dieses Theaters sich an der <em>Plaza de Mayo<\/em>, in der N\u00e4he der <em>Casa Rosada<\/em>, befand. Das Gro\u00dfb\u00fcrgertum von Buenos Aires wollte dann etwas Repr\u00e4sentativeres, nach europ\u00e4ischem Vorbild, wie die Scala oder die Opera Garnier. Das passierte charakteristischerweise im Jahre 1880. Man beauftragte einen Architekten, der die Oper in eklektischem Stil nach italianisierender Art baute. Er starb aber kurz nach Baubeginn, mit 42 Jahren. Sein Nachfolger wurde in einem Duell mit seinem Rivalen, seinem Butler, dem Geliebten seiner Frau, get\u00f6tet. Er war auch 42. Ein Fluch schien \u00fcber der Oper zu liegen. Dann kam ein belgischer Architekt an die Reihe. Der war bereits \u00fcber 50, als er \u00fcbernahm, und er war nichts verheiratet. Er vollendete den Bau. Der wurde 1892 fertiggestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem zweist\u00f6ckigen Foyer f\u00fchrt eine Marmortreppe nach oben. Auch weiterer Marmor wird verwendet, aber die gro\u00dfen S\u00e4ulen sind aus Stuck, so geschickt \u00fcbermalt, dass sie wie Marmor aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sch\u00f6nsten ist das Fensterglas an der Decke, im Art- Nouveau-Stil. Feingliedrig, bunt, in matten Farben. Kontrastiert etwas mit den massigen S\u00e4ulen. Das Gem\u00e4lde zeigt Apollo und seine Musen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil ist die Skulpturengalerie. Ganz oben die B\u00fcsten von acht Komponisten, den wichtigsten Opernkomponisten. Bedingung war, dass sie 1892 nicht mehr lebten und dass sie zumindest eine Oper geschrieben haben mussten. Dass Verdi dabei ist, \u00fcberrascht nicht. Mit der <em>Aida<\/em> wurde diese Oper eingeweiht, mit der <em>Traviata<\/em> der Vorg\u00e4ngerbau. Aber wer sind die anderen? Die F\u00fchrerin verr\u00e4t es nicht, aber ich kann in einer Pause fragen: Bellini, Gounod, Wagner, Mozart, Bizet, und auch Beethoven ist mit seiner einzigen Oper vertreten. Wer der achte ist, habe ich vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das echte Highlight dieser Galerie ist aber eine Skulptur, die Skulptur eines deutschen Bildhauers. Aus Marmor, aus einem Block gearbeitet. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man an ein Liebespaar denken, aber daf\u00fcr ist der Mann etwas klein geraten. Es ist Cupido, und er liegt in den Armen seiner Mutter, Venus. Und er fl\u00fcstert ihr etwas ins Ohr. Das Geheimnis der Liebe. Nur die beiden kennen es.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skulptur ist wunderbar gearbeitet, auf dem Oberschenkel von Venus kann man sogar die Eindr\u00fccke sehen, die die Hand von Cupido hinterlassen!<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes geht es in den Goldenen Saal. Ein l\u00e4nglicher Gang, mit viel Gold und Glanz. Hier finden kleinere Konzerte statt, oft zu sehr g\u00fcnstigen Preisen, manchmal sogar umsonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher wurde hier geraucht. Der Qualm hat die Kunstwerke angegriffen und das Gold, und man musste eine gr\u00f6\u00dfere Renovierung in Angriff nehmen. Daher stammen die kleinen runden \u00d6ffnungen in den Deckengem\u00e4lden, die man gar nicht ohne weiteres sehen w\u00fcrde. Sie dienen der Bel\u00fcftung und der Regelung der Temperatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich geht es in den Theatersaal. Wir setzen uns ins Parkett, und als erstes merkt man, wie bequem die Sitze hier sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Saal ist gro\u00df und sch\u00f6n und sehr geschmackvoll eingerichtet. Es dominieren dunklere T\u00f6ne, in den R\u00e4ngen einem dunklen Rot, in dem Samt der Sessel des Parketts fast Schwarz. Nur das Deckengem\u00e4lde ist in helleren Farben gehalten. Es stellt die Geschichte des Theaters dar. Leider gibt es dazu keine weiteren Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Teatro Col\u00f3n<\/em> ist besonders f\u00fcr seine Akustik bekannt. Drei Faktoren spielen dabei eine Rolle: die Form (Hufeisen), die Materialien (Marmor und Samt unter anderem) und die Gitter am Boden im Parkett. Durch die werden die T\u00f6ne nach unten geleitet und haben so einen weiteren Resonanzboden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater hat sieben R\u00e4nge! Es fasst 3.000 Zuschauer! Davon sind einige Stehpl\u00e4tze, die ganz oben auf den billigen R\u00e4ngen, dem <em>gallinero<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Preise, die hier genannt werden, sind nicht so hoch, wie man meinen k\u00f6nnte, selbst f\u00fcr die teuersten Pl\u00e4tze nicht. So viel bezahlt man in Deutschland in jedem Provinztheater. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der B\u00fchne gibt es f\u00fcnf Logen, f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten und den Vizepr\u00e4sidenten, f\u00fcr den Ministerpr\u00e4sidenten und seinen Stellvertreter, und eine weitere f\u00fcr verschiedene Zwecke. Wenn die Politiker nicht kommen, werden diese Pl\u00e4tze an Mitarbeiter des Theaters vergeben, vom Intendanten bis zum Platzanweiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Loge ist aber hinten gegen\u00fcber der B\u00fchne. Die hat Platz f\u00fcr mehr als 30 Zuschauer und wird bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen benutzt. Wenn sie nicht belegt ist, kann jeder dort rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch eine Besonderheit, auf die unsere F\u00fchrerin uns aufmerksam macht: Ganz unten verlaufen am Parkett entlang eiserne Gitter. Die waren in den Anfangszeiten des Theaters f\u00fcr die Witwen bestimmt. Denen war das Auftreten in der \u00d6ffentlichkeit untersagt. Um ihnen trotzdem den Besuch der Oper zu erm\u00f6glichen, &nbsp;wies man ihnen die Pl\u00e4tze hinter den Gittern zu. Die wurden nur f\u00fcr die Auff\u00fchrung ge\u00f6ffnet, vorher und nachher und in der Pause aber verschlossen. Heute werden die R\u00e4ume dahinter als Stauraum f\u00fcr Requisiten und Apparaturen gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch eine Besonderheit: Es gibt einen Raum ganz oben \u00fcber dem m\u00e4chtigen Leuchter. Den kann man \u00fcber die h\u00f6chsten R\u00e4nge erreichen. Dort halten sich w\u00e4hrend der Auff\u00fchrungen Techniker f\u00fcr Ton und Licht auf. Bestimmte Stimmen, wie die Stimme Gottes, kommen nur von dort oben. W\u00e4hrend der Auff\u00fchrung wird der schwere Leuchter heruntergelassen, dann wieder hochgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die F\u00fchrung. Es gibt verdienten Beifall. Leider ist nur gar nichts zu dem Bau au\u00dfen gesagt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin zwischen den einzelnen Stationen mit drei Ecuadorianern ins Gespr\u00e4ch gekommen. Eine der Frauen und der Mann fragen mich unabh\u00e4ngig voneinander, ob ich auch auf den Galapagos-Inseln gewesen sei. Da m\u00fcsse ich unbedingt hin. Eine Reise nach Ecuador ohne Besuch der Galapagos-Inseln sei keine Reise nach Ecuador. Wegen der Besch\u00e4digung der Natur brauche man sich keine Gedanken machen. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Inseln sie sowieso den Besuchern nicht zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen anschlie\u00dfend noch einen Kaffee trinken. Sie machen viel Werbung f\u00fcr Ecuador und erz\u00e4hlen stolz von ihren vielen Kindern. Zwei von denen sind auch hier, m\u00fcssen aber heute arbeiten. Am Abend fliegen sie alle gemeinsam nach Iguaz\u00fa. Sie sehen sich die Wasserf\u00e4lle von der brasilianischen und von der argentinischen Seite aus an. Ich kann ein bisschen von meinen Erfahrungen berichten. Sie kommen am Sonntag schon zur\u00fcck, und dann geht es sofort weiter nach Bariloche. F\u00fcr eine der Frauen ist es das erste Mal, f\u00fcr den Mann das zweite Mal, f\u00fcr die andere Frau das dritte Mal Argentinien. Aber Bariloche und Iguaz\u00fa sind f\u00fcr alle neu.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragen auch ausf\u00fchrlich nach meiner Reiseroute und meiner Reiseweise. Und ich soll unbedingt nach Quito kommen, wenn ich das n\u00e4chste Mal in Ecuador bin. Das Ehepaar betreibt dort ein Restaurant, mit Spezialisierung auf Meeresfr\u00fcchte. Nirgendwo in Ecuador w\u00fcrden so viele Meeresfr\u00fcchte gegessen wie in Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sind in einem Gang in der Subte Comics von Mafalda auf den Kacheln angebracht. In einem steht Mafalda vor einem Globus und sagt zu ihrem Teddyb\u00e4ren: \u201eMira, esto es el mundo, \u00bfves? \u2013 \u00bfSabes por qu\u00e9 es lindo este mundo, ehh? \u2013 Porque es una maqueta. El original es un desastre.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend komme ich am <em>Caf\u00e9 Saint Moritz<\/em> vorbei, dort wo ich vor zwei Jahren die georgischen Schwestern kennengelernt habe, die zum Umfeld von Sergio geh\u00f6ren. Die sind auch heute dabei. Sergio hat zu sich eingeladen. Dabei ist auch der \u201eIre\u201c, ein Ire der dritten Generation, ganz und gar Argentinier. Zusammen mit dem echten <em>Porte\u00f1o<\/em> Sergio geben die vier ein sch\u00f6nes Bild des Einwandererlandes Argentinien ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Einwanderung ist auch eines der vielen Themen des Abends. Die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit des Einwandererlandes Argentinien. Das kam in einem Zeitungsartikel aus der Heimat zum Ausdruck. Da war die Rede von schwangeren Russinnen, die zur Niederkunft nach Argentinien kommen. Dadurch hat das hier geborene Kind automatisch die argentinische Staatsb\u00fcrgerschaft. Ja, diese Frauen sehe man hier auch \u00fcberall, best\u00e4tigen die anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gute Argentinier klagen sie \u00fcber die Hitze. Aber sie stimmen mir auch zu, dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, wenn man in Lokalen und Superm\u00e4rkten (und teils auch in der Subte) die Temperaturen auf arktisches Niveau senkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe es mit drei Architekten zu tun, und nat\u00fcrlich spielt das Thema Architektur eine Rolle. Ich erfahre, dass ein Geb\u00e4ude wie das <em>Somisa<\/em> in den USA nicht gebaut werden d\u00fcrfte. Stahl nach au\u00dfen ist dort verboten. Er muss ummantelt werden. Warum? Ist Stahl nicht besonders resistent gegen Feuer? Nein, erfahre ich, ganz im Gegenteil. Als das <em>Somisa<\/em> erbaut wurde, gab es in Argentinien nicht genug Expertise f\u00fcr diese Art des Bauens, und es wurden Unternehmen aus den USA hinzugezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die georgischen Schwestern sprechen Spanisch untereinander, k\u00f6nnten aber auch Georgisch miteinander sprechen. Auf dem Handy bekomme ich die georgischen Buchstaben zu sehen. Sehen sch\u00f6n aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden verfolgen die Entwicklung in der alten Heimat mit Bangen. Selbst sind sie vor zehn Jahren zuletzt dort gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irland kommt auch zur Sprache, das <em>Trinity College<\/em> und Galway und Joyce. Die beiden sind in Galway gewesen und haben dort gesehen, was mir entgangen ist, ein Ambiente, in dem das Irische vorherrschte. Es gebe Schulen, in denen alle F\u00e4cher auf Irisch unterrichtet w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Reiseroute steht auch zur Debatte. Wieder ein klares Pl\u00e4doyer f\u00fcr den S\u00fcden. Nur bleibt die Reiseroute weiterhin unklar. Kann man direkt vom \u00e4u\u00dfersten Norden in den \u00e4u\u00dfersten S\u00fcden fliegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Geldumtausch und die verschiedenen Zahlungsmethoden werden angesprochen. Ja, das stimme, mit Kreditkarte k\u00f6nne man hier nicht \u00fcberall bezahlen, wohl aber mit der Debitkarte. Vermutlich aber nicht mit meiner.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in diesem Zusammenhang auch eine brandaktuelle Nachricht. Die Regierung hat beschlossen, dass grunds\u00e4tzlich alle Preise auch in Dollar ausgezeichnet werden k\u00f6nnen. Wenn man bezahlt, hat man die Gewissheit, dass man nicht durch schwankende Kurse in die Bredouille kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt, erfahre ich, zwei hochwertige Zeitungen, <em>Clar\u00edn<\/em> und <em>La Naci\u00f3n<\/em>. Mir gef\u00e4llt <em>Clar\u00edn<\/em> wegen des Titels, das war auch das Pseudonym von Leopoldo Alas. Den hier nat\u00fcrlich auch alle kennen. Aber <em>La Naci\u00f3n<\/em>, hei\u00dft es, sei die bessere Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Tisch wird ordentlich aufgefahren. Es gibt Bier und Wein und Saft und Wasser und allerlei Leckereien, kalte mundgerechte Fleischst\u00fccke, Gurken, Kirschen, Hummuspaste und Avocadopaste. K\u00f6stlich. Nur, was ich mitgebracht habe, bleibt fast unber\u00fchrt stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n, in einem fremden Land auf Menschen zu treffen, die einen wie einen alten Freund behandeln. Unsere gemeinsame Freundin ist nat\u00fcrlich allgegenw\u00e4rtig in den Gespr\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sergio tut mir den Gefallen, mich nach unten zu begleiten und mir den Weg zur Subte zu zeigen. Da ist sogar der Schalter noch besetzt. Ein sehr freundlicher Mann erkl\u00e4rt mir, wie ich nach Hause komme, ohne umzusteigen. Auch unterwegs alle wieder sehr freundlich, auskunftsbereit. Das war\u2019s dann f\u00fcr heute.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den <em>empanadas<\/em> gibt es eine Sorte, bei der ich nicht wei\u00df, worum es sich handelt: <em>humita<\/em>. Das ist Mais. Bin auch auf <em>choclo<\/em> und <em><u>elote<\/u><\/em> gesto\u00dfen, in Spanien ist es in der Regel <em>ma\u00edz<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man Pizza mit <em>peperoni<\/em> bestellt, bekommt man keine Peperoni, sondern Salami!<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder Schwierigkeiten bei dem Wort f\u00fcr Briefmarken. Unter <em>sellos<\/em> versteht man hier wohl was anderes, so was wie Wertmarken. Die Briefmarken hei\u00dfen hier<em> estampillas<\/em>. Gut zu wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nutzt mir aber auch nichts. Beide Post\u00e4mter sind geschlossen. \u00d6ffnungszeiten nur von Montag bis Freitag.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise liegen sie nicht allzu weit voneinander entfernt. Auf dem Weg vom einem zum anderen komme ich am <em>Congreso<\/em> vorbei, dem Parlamentsgeb\u00e4ude. Das ist eine Riesenangelegenheit, schon der Eingang am Ende der Freitreppe liegt hoch, und dann kommen zwei hohe Stockwerke, auf riesige S\u00e4ulen gest\u00fctzt. Und dann ganz oben, \u00fcber dem Tympanon, noch eine Quadriga. Die ist so hoch, dass man sie von hier aus gar nicht voll sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Gitter am Eingang eine Bronzetafel mit den ersten Worten der Verfassung, mit dem antiquierten Pronomen <em>Nos<\/em> beginnend.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Parlamentsgeb\u00e4ude kann besichtigt werden, aber nicht am Wochenende. Ich bin mir nicht sicher, was genau mit <em>Congreso<\/em> gemeint ist. Vermutlich der Oberbegriff f\u00fcr beide Parlamentskammern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bew\u00f6lkt und l\u00e4ngst nicht mehr so hei\u00df wie in den letzten Tagen. Ich fahre zur <em>Plaza de Mayo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Sockel eines Reiterdenkmals herum liegen hinter einem Gitter unz\u00e4hlige Steine mit Namen und Daten. Diese Steine erinnern an die w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur Verschwundenen. Viele Jahre lang sind die M\u00fctter der Verschwundenen, jeden Donnerstag, mit einem wei\u00dfen Kopftuch angetan, hierhergekommen, um, wie ich vermute, stillschweigend Protest einzulegen, um die Wiederkehr der Verschwundenen zu erzwingen. Ob es die Demonstrationen heute noch gibt? Argentinien ist seit 1983 Demokratie, ohne eine Unterbrechung durch eine Diktatur, eine l\u00e4ngere Zeitspanne als je zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe runter zum <em>Puerto Madero<\/em>. Das ist weiter, als ich geglaubt habe. Hier ist alles gro\u00df, alles weit. Es gibt reichlich Platz f\u00fcr Gehwege und auch f\u00fcr Radwege. Aber Radler sieht man hier gar keine. Auch die gro\u00dfen Pl\u00e4tze sind fast menschenleer.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem dieser Pl\u00e4tze, in der N\u00e4he des monumentalen Verteidigungsministeriums, gibt es ein modernes Mahnmal f\u00fcr die Malwinen, eine Erinnerung aus Anlass des 40. Jahrestages des Kriegsbeginns. Das Mahnmal besteht aus einer durchl\u00f6cherten Eisenplatte. Durch die L\u00f6cher guckt man in die Ferne. Ich verstehe erst auf den zweiten Blick. Die Eisenplatte, blaugr\u00fcn bemalt, ist das Meer, die freigelassenen Fl\u00e4chen sind das Profil der Malwinen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he ein konventionelles Denkmal. Ein Eroberer, in der typischen Montur der fr\u00fchen Neuzeit, auf sein Schwert gest\u00fctzt, weist mit einer Hand energisch auf den Boden vor sich, wie besitzergreifend. Das ist Juan de Garay, der Inschrift zufolge der Gr\u00fcnder von Buenos Aires. Das Gegenst\u00fcck zu Pedro de Mendoza, dem Gr\u00fcnder des ersten Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum <em>Puerto Madero<\/em>, Sergio zufolge der neueste Stadtteil von Buenos Aires. Man sieht moderne Backsteinbauten, die wie alt aussehen, wie die Lagerh\u00e4user der alten H\u00e4fen in der Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter kommt Wasser in Sicht. Sieht wie ein Kanal aus. Entlang des Kanals eine Promenade, auf der man unter alten Hebekr\u00e4nen hergeht und auf ein Museumschiff zusteuert. Das liegt hinter der <em>Puente de la Mujer<\/em>, dem eigentlichen Hingucker hier, einem Werk von Calatrava. Schon aus der Ferne sieht man den wei\u00dfen \u201eDorn\u201c der von der ebenfalls wei\u00dfen Br\u00fccke in die Luft geht. Das sieht alles sehr leicht aus. Den Namen der Br\u00fccke und was sie mit der Frau zu tun hat, verstehe ich allerdings nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite das f\u00fcr Buenos Aires untypische Panorama der eng beieinander stehenden Wolkenkratzer. Auf der Br\u00fccke posieren alle f\u00fcr ein Photo.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck \u00fcber die <em>Plaza de Mayo<\/em> zur <em>Florida<\/em> und versuche dort mein Gl\u00fcck bei den Geldwechslern. Der vom letzten Mal hat heute frei. Eine Frau bietet mir einen Preis an, und wir machen uns schon auf den Weg zum \u201eB\u00fcro\u201c. Sie mich fragt, ob ich denn auch einen Hunderter h\u00e4tte. Nein, f\u00fcnf Zwanziger. Dann gebe es einen schlechteren Umtauschkurs. Was? Ich glaub, es hackt. 100 Dollar ist 100 Dollar. Sie bleibt aber bei ihrer Meinung, und ich winke dankend ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nutzt mir aber nichts. Bei der n\u00e4chsten Geldwechslerin dasselbe Spiel. Da muss ich klein beigeben.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Kiosk frage ich nach Zeitungen. Er hat nur noch ein Exemplar von <em>Clar\u00edn<\/em>. Die andere Zeitung, <em>La Naci\u00f3n<\/em>, hat er gar nicht. Die verkaufe sich nicht, sei zu teuer, 9.000 Pesos. <em>Clar\u00edn<\/em> kostet 3.900. Ich nehme das letzte Exemplar. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause immer wieder Lokale, in denen Personal gesucht wird: <em>Se busca personal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Schiefertafel mit verschiedenen Angeboten f\u00e4llt mir wieder das unbekannte Wort f\u00fcr einen Imbiss auf: <em>Pancho<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he der Unterkunft hat eine Obdachlosenfamilie unter einem Schutzdach Zuflucht genommen. Sie haben nur Pappe als Unterlage auf dem Boden. Ich sehe, wie der Vater der Familie mit seinen Kindern und seiner Frau auf dem Boden herumtollt und alle zum Lachen bringt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>19. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich herausgefunden, was <em>pancho<\/em> ist. Das ist eine Art Hotdog. Und auch, was <em>fletes<\/em> sind. Das sind Unternehmen, die beim Umzug und bei der Entsorgung von Hausrat assistieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gro\u00df Argentinien ist, sieht man daran, dass die Fahrt nach C\u00f3rdoba zehn Stunden dauert. Und man dann noch l\u00e4ngst nicht im Norden angekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel ist bew\u00f6lkt, und es fallen sogar ein paar Tropfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Uber-Fahrer zum Busbahnhof meint, Argentinien habe wegen der hohen Preise jetzt auch ordentlich an Touristen verloren. Die Uruguayer f\u00fchren jetzt nach Brasilien, und die Argentinier selbst auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof von Buenos Aires ist, wie zu erwarten war, riesig, aber einigerma\u00dfen \u00fcbersichtlich. Alle Busse fahren auf einer Ebene ab, auf einem Bahnsteig. Der hat wohl bis zu 50 Haltebuchten. Aber welche ist meine? Auf den Bildschirmen sind fast nur Ankunftszeiten vermerkt, kaum Abfahrtszeiten, und meiner ist nicht dabei. Ein Mann sagt mir, ich m\u00fcsse wissen, mit welchem Unternehmen ich fahre. Das wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht. Suche im Handy und finde es. Als ich auf den Bahnsteig komme, sieht mich der Mann von vorher und fragt, welches Unternehmen es sei und schickt mich zu dem richtigen Bahnsteig. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss noch ein bisschen warten, und dann erscheint die Anzeige. Auf den Bildschirmen hier steht <em>Arribos<\/em> und <em>Partidas<\/em> statt <em>Llegadas<\/em> und <em>Salidas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Einchecken m\u00fcssen einige ihren Ausweis vorzeigen. Vorsichtshalber krame ich meinen raus, werde aber nicht danach gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ganzen Fahrt gibt es nur einen Zwischenstopp, in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt. Das muss Rosario sein. Da steigt die halbe Belegschaft aus, aber der Bus wird wieder voll, bis auf den letzten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Neuzugestiegenen ist eine Frau mit einem Trikot von Bayer Leverkusen, aber sie sitzt unten, und ich bekomme sie nicht zu sehen. Wie kommt sie auf Leverkusen? Vielleicht ist es wegen Palacios.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es eine Toilette im Bus. Auf der T\u00fcr steht<em> Trancar<\/em> statt <em>Cerrar<\/em> an dem Hebel, mit dem man die T\u00fcr schlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht \u00fcber eine geb\u00fchrenpflichtige Autobahn, aber es f\u00fchlt sich ganz anders an als bei uns auf der Autobahn. Es gibt keinen Seitenstreifen und keine Rastpl\u00e4tze und keine Kurven und keine Bebauung an der Autobahn, und das Gr\u00fcn kommt auf beiden Seiten bis direkt an die Fahrbahn ran. Bis Rosario, etwa auf der H\u00e4lfte der Strecke, sehe ich nur zwei Tankstellen. Ausfahrten gibt es kaum, und auch Richtungshinweise sind rar, von Entfernungsangaben ganz zu schweigen. Br\u00fccken gibt es nur hinter den Ausfahrten, f\u00fcr diejenigen, die auf die andere Seite der Autobahn kommen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ist so flach, dass man in beide Richtungen meilenweit sehen kann, ohne jemals H\u00e4user zu erblicken, geschweige denn eine Stadt. Die B\u00fcsche und B\u00e4ume sind nicht so hoch und nicht so zahlreich, dass sie die Sicht behindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der Autobahn Felder, unendlich lange Felder. Man kann Sonnenblumen und Mais entdecken, aber hier wird wohl haupts\u00e4chlich Soja angebaut. In Argentinien wird auch viel Weizen angebaut, aber nach Getreide sieht das hier nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vereinzelt gro\u00dfe Kuhherden, aber die fallen in der Weite der Landschaft kaum ins Gewicht. Erst gibt es braune, dann schwarze, dann schwarz-wei\u00dfe K\u00fche. Man sieht auch ein paar Gauchos. Ob das hier schon die Pampa ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die eint\u00f6nige, wenn auch nicht unsch\u00f6ne Weite l\u00e4sst andere Dinge hervortreten. W\u00e4hrend der ganzen Fahrt fallen mir die Strommasten auf. Es beginnt mit ganz einfachen Strommasten, auf h\u00f6lzernen Pfosten ruhend, mit nur einer Stromleitung. Die verlaufen \u00fcber Kilometer und Kilometer schnurstracks entlang der Autobahn. Dann kommen moderne Strommasten aus Stahl, mit einer Vielzahl von Leitungen. Die verlaufen oft diagonal und kreuzen auch mal die Autobahn. Dann, nach Rosario, kommt nichts, man sieht keinen einzigen Strommasten mehr. Aber dann kommen doch wieder welche, auf Betonpfeilern ruhend, mit mehr Leitungen als die ersten und weniger als die zweiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder am Wegesrand Plakatw\u00e4nde, alle in der Gr\u00f6\u00dfe genormt. Hier wird f\u00fcr alles geworben, von Landwirtschaftsmaschinen \u00fcber Schokobonbons bis zu Rockkonzerten. Auf einer Plakatwand wird f\u00fcr <em>Super Walter<\/em> geworben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeitung lese ich, dass die Ernte in Argentinien im vergangenen Jahr wegen der langen D\u00fcrre schlechter ausf\u00e4llt als zuvor. Nur der Weizen kommt gut weg.<\/p>\n\n\n\n<p>In Brasilien haben dagegen Regen und Schw\u00fcle f\u00fcr Erdst\u00fcrze gesorgt, und zwar in Florianopolis, genau da, wo ich vor zwei Jahren war.<\/p>\n\n\n\n<p>Gefeiert und auf mehreren Seiten kommentiert wird der Handels\u00fcberschuss 2024. Es ist das erste Mal seit 14 Jahren, dass es wieder einen \u00dcberschuss gibt, und es ist der gr\u00f6\u00dfte \u00dcberschuss seit 16 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf C\u00f3rdoba zukommen, \u00e4ndert sich pl\u00f6tzlich die Landschaft, und man sieht auf eine geschlossene Gebirgskette am Horizont. Davor lieg die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor der Einfahrt in den Busbahnhof kommen wir an Eisenbahngleisen vorbei. Auf denen steht eine ganze lange Reihe von verrosteten, fensterlosen Waggons. Man fragt sich, warum die nicht entsorgt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>C\u00f3rdoba ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Argentiniens, sie hat 1,5 Millionen Einwohner. Der Busbahnhof ist entsprechend gro\u00df. In der Touristeninformation bekomme ich sogar einen Stadtplan. Kommt man in Buenos Aires nicht so leicht ran. Allerdings hat der Stadtplan einen viel zu kleinen Ma\u00dfstab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Taxifahrerin erkundigt sich nach meinen Reisepl\u00e4nen und zeigt stolz Videos von ihren beiden T\u00f6chtern. Eine lebt in Salta, die andere in San Luis. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach den verrosteten Eisenbahnwaggons, und sie erkl\u00e4rt, die seien im Einsatz. Es gebe einen Zug, mit dem man in die Sierra fahren k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Aussteigen bemerkt sie noch, wie sch\u00f6n mein Koffer sei und wie praktisch das Band, mit dem man den sichert. Wo man solche B\u00e4nder denn kaufen k\u00f6nne. Kann ich ihr leider nicht sagen. Die Fahrt kostet nur 4.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Man holt den Schl\u00fcssel zur Unterkunft in einem Obstgesch\u00e4ft ab, der <em>Verduler\u00eda Jardincito<\/em>. Dann geht die Suche los. Wo ist die Nummer 15? Nicht da, wo sie sein sollte. Dann finde ich sie mit Hilfe eines Nachbarn, neben einem Kiosk. Damit bin ich aber immer noch nicht drin. Erst will die T\u00fcre unten nicht aufgehen, dann die oben nicht. Als es dann doch soweit ist, atme ich einmal tief durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich nur noch kurz an den Kiosk und in das Obstgesch\u00e4ft und besorge mir das N\u00f6tigste. Der Mann&nbsp; am Kiosk spricht immer von Nueva C\u00f3rdoba. So hei\u00dft das Stadtviertel hier.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann im Supermarkt ist sehr freundlich. Es sucht mir die einzige Sonnencreme raus, die sie haben, sagt aber, bevor er kassiert, was sie kostet: 21.000 Pesos. Er versteht sofort, dass ich einen R\u00fcckzieher mache und empfiehlt mir die <em>Farmacity<\/em> auf der Hauptstra\u00dfe. Da k\u00f6nne ich vielleicht was G\u00fcnstigeres finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt das Drama mit der Waschmaschine. Nach dem Waschen geht die T\u00fcr nicht auf. Die Babysicherung ist aktiviert. Die Vermieterin schreibt, ich solle die und die Tastenkombination dr\u00fccken, und dann diese und jene. Und drei Sekunden halten. Die T\u00fcr geht nicht auf. Ich soll ihr ein Photo schicken. Dann die genaue Artikelmarke nennen. Sie sucht im Internet und kommt wieder mit Tastenkombinationen. Alles vergeblich. Dann soll ich den Strom abstellen. Und wieder anstellen. Nutzt nichts. Dann noch mal. Wieder nichts. Sie hat im Internet nachgeguckt und sagt mir, irgendeine Tastenkombination sei es. Ich solle alles ausprobieren. Nutzt alles nichts. Dann soll ich den Stecker ziehen. Aber an den kommt man in der Enge des Balkons nicht ran, und die Waschmaschine nach vorne ziehen, kann man nicht, ohne die Wasserleitung zu besch\u00e4digen. Die Vermieterin sagt, das sei in den zwei Jahren, wo sie die Wohnung vermietet, noch nie passiert. Jetzt h\u00f6rt es sich so an, als h\u00e4tte ich den Schwarzen Peter. Ihr selbst sei das aber auch mal passiert. Und sie hat es mit der Tastenkombination gel\u00f6st. H\u00f6rt sich so an, als lege es an mir. Hab mich nicht genug angestrengt. Ich solle es noch mal versuchen. Irgendwann sagt sie dann endlich was von einem Techniker, den sie holen will. Inzwischen l\u00e4uft die Waschmaschine wieder, durch irgendeine Tastenkombination dazu animiert. Und w\u00e4scht die saubere W\u00e4sche. Die Vermieterin fragt, wann sie vorbeikommen k\u00f6nne. Jederzeit. Dann ist der zweite Waschgang zu Ende, und das rote Schloss auf dem Display blinkt nur noch auf. Ich versuche eine Tastenkombination und \u2013 oh Wunder! \u2013 die T\u00fcr geht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gilt es noch, die Fahrt nach Salta zu buchen. Die dauert noch l\u00e4nger und ist noch teurer. Dann erreicht man zwar immer noch nicht die Nordspitze des Landes, aber immerhin die n\u00f6rdlichste Provinz, Juyjuy.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich raus. In die Stadt kommt man ganz einfach, immer \u201emeine\u201c Stra\u00dfe, die <em>Independencia<\/em>, runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber schon nach wenigen H\u00e4userblocks biege ich ab, nachdem ich die T\u00fcrme einer neugotischen Kirche gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seite der Kirche ein moderner Platz, auf dem man Skulpturen hingestellt hat, die aus altem Eisen gemacht sind. Viele bilden das Profil eines Tieres ab: Eule, Schlange, Giraffe und ein Wal, der ins Wasser sinkt. Von ihm sieht man nur noch die Schwanzflosse. Die ganze Anlage, mit einem modernen Glashaus und einem traditionellen Bau Typ Kolonialstil mit einem sch\u00f6nen schattigen Umgang, hei\u00dft <em>Paseo del Buen Pastor<\/em>. Was das genau ist, ist schwer zu sagen, vermutlich ein Kulturzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche, <em>El Sagrado Coraz\u00f3n<\/em>, ist ein echter Hingucker, schon von weitem, vor allem durch seinen fast unwirklichen schlanken Turm (bei dem anderen Turm ist es bei dem Stumpf geblieben) und die unz\u00e4hligen T\u00fcrmchen, die ziemlich zuf\u00e4llig \u00fcber das ganze Dach verteilt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die spielerische Note best\u00e4tigt sich an der Hauptfassade, vor allem durch die farblich unterschiedlichen Steine und S\u00e4ulen. Ist sehr sch\u00f6n anzusehen, beinahe am Rande des Kitsches anzusiedeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige geb\u00fcckte Gestalten scheinen die Last der Steine zu tragen wie die Atlanten der Klassik, aber sie sehen eher aus wie mittelalterliche Baumeister, wie wir sie in den N\u00fcrnberger Kirchen gesehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck auf die <em>Independencia<\/em> und schnurstracks auf das Zentrum zu, auf den zentralen Platz, der \u2013 &nbsp;nat\u00fcrlich \u2013 <em>Plaza de San Mart\u00edn<\/em> hei\u00dft. Der k\u00fcndigt sich schon aus der Entfernung durch die vielen dicht belaubten B\u00e4ume an.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte das Denkmal f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit, bekr\u00f6nt von der Reiterfigur des San Mart\u00edn. Am Sockel, schon etwas zu hoch f\u00fcr den Betrachter, Szenen aus dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg und unz\u00e4hlige Figuren, oft dicht hintereinander gestellt. Man sieht Soldaten, die schie\u00dfen, Soldaten auf Pferden, Soldaten, die gefangen genommen werden, Kanonen. Vorne die allegorische Darstellung des Sieges. Ein halb bekleideter Mann mit Messer und eine halb bekleidete Frau mit Siegerkranz r\u00e4keln sich am Boden, hinter ihnen posaunenblasende Putten. Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, so ein Denkmal zu konzipieren und erst recht, so ein Denkmal zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz ist insgesamt zu gro\u00df und zu uneinheitlich, um als Platz wahrgenommen zu werden. In den Geb\u00e4uden am Rande des Platzes sind Banken und Gesch\u00e4fte, die mit dem Platz wenig zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders ist das bei Kathedrale und <em>Cabildo<\/em>, Seite an Seite an einer Stirnseite des Platzes. Das <em>Cabildo<\/em>, ganz in Wei\u00df mit einem langen S\u00e4ulengang, beherbergt das Stadtmuseum. Heute geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Touristeninformation ist hier untergebracht. Das M\u00e4dchen hinter der Theke ist nicht sehr hilfreich. Sie kreist nur alle m\u00f6glichen Punkte auf meiner Karte ein und rasselt die Namen der Museen und die \u00d6ffnungszeiten herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Zugfahrt in die Sierra r\u00e4t sie mir ab. Das nehme zu viel Zeit in Anspruch. Man ist pro Weg mindestens vier Stunden unterwegs.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale, mit einer komplizierten Baugeschichte, ist das Gegenst\u00fcck zur <em>Sagrado Coraz\u00f3n<\/em>. Ganz kompakt, gedrungen. Hier strebt nichts in die H\u00f6he. Die Fassade ist komplett frei von Figurenschmuck, bis auf einen siegreichen Christus \u00fcber dem Tympanon. Selbst die daf\u00fcr vorgesehenen Nischen bleiben frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Farbgebung ist ganz einheitlich, Fassade, T\u00fcrme, Kuppel, tragende Teile. Sieht je nach Jahreszeit mal dunkler, mal heller aus, mal eher wie Gelb, mal eher wie Altrosa. Sieht ein bisschen wie Sand aus, und die Kuppel sieht wirklich aus wie eine steinerne Sandburg. Nur die Relieffiguren an den T\u00fcrmen weichen farblich ganz leicht ab, sie sind noch etwas dunkler. Sie stellen Indios dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcrme wurden ganz zum Schluss, im 18. Jahrhundert, erbaut. Der urspr\u00fcngliche Bau, von 1599, wurde durch einen Brand zerst\u00f6rt, bei dem der Pastor, der K\u00fcster und ein paar Gl\u00e4ubige ums Leben kamen. F\u00fcr den Neubau plante man dann gr\u00f6\u00dfer, ein dreischiffiger Bau wurde errichtet. Als die Schiffe fertig waren, aber der Chor noch nicht, baute man einfach eine Trennwand ein, um die Kirche wenigstens benutzen zu k\u00f6nnen. Seit dem Brand waren da schon 40 Jahre vergangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist der Bau ganz anders, als das \u00c4u\u00dfere vermuten l\u00e4sst. Es ist ein \u00fcppiger Prachtbau, mit vielen vergoldeten und bemalten Fl\u00e4chen. Der Farbton ist ziemlich einheitlich, so zwischen Beige und Ocker und Gold oszillierend. Davon weichen die Deckengem\u00e4lde in ihren hellen Farben ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz ihrer Pracht ist die Kathedrale auch innen eher st\u00e4mmig. Die Pfeiler sind so breit und so schwer, dass sie fast eine Wand bilden. Man hat fast den Eindruck, in einer einschiffigen Kirche zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder drau\u00dfen gehe ich noch ein paar Schritte in die \u201efalsche\u201c Richtung, zum <em>Museo Hist\u00f3rico Provincial<\/em>. Das ist in einem eleganten Kolonialgeb\u00e4ude untergebracht, ganz in Wei\u00df, mit schwarzen Gittern.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber ist ein Caf\u00e9. Ich bestelle einen Kaffee und ein Croissant und bekomme gleich zwei. Die sind heute im Sonderangebot. Das kostet 3.700 Pesos, ein klarer Hinweis, dass ich dieser Tage in San Telmo ordentlich \u00fcber den Tisch gezogen worden bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild hei\u00dft es, dass man nur in bar oder per \u00dcberweisung bezahlen darf. \u00dcberweisung, das scheint mit der Karte einer argentinischen Bank zu funktionieren. Ich habe schon h\u00e4ufiger Leute damit bezahlen gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer schmalen Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe befinden sich unter B\u00e4umen jede Menge von Stra\u00dfencaf\u00e9s, eins an das andere gereiht. Fast alle Tische sind besetzt. Von Krise oder Geldmangel ist nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich viele junge Leute, oft in ganzen Trauben zusammenhockend oder aus Eing\u00e4ngen kommend. C\u00f3rdoba ist eine der Universit\u00e4tsst\u00e4dte Argentiniens, mit 150.000 Studenten!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name eines Sportgesch\u00e4fts auf der <em>Independencia<\/em> lautet <em>Sport Geist<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel ist wolkenlos, und es ist richtig sch\u00f6n warm, warm, ohne schw\u00fcl zu sein, angenehm warm. Dabei hei\u00dft es, dass es jetzt, im Sommer, hier \u00fcberdurchschnittlich viel regne. Die Winter sind dagegen knatschtrocken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In ganz Argentinien kennt man den Akzent von C\u00f3rdoba. Es ist bekannt f\u00fcr seinen Singsang. Ich achte drauf, und tats\u00e4chlich h\u00f6re ich hier etwas ganz leicht Fremdes raus, aber ich k\u00f6nnte es nicht als eigenen Akzent identifizieren, und erst recht nicht als <em>acento cordob\u00e9s<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt sehe ich ein Gesch\u00e4ft, das <em>Guanaco<\/em> hei\u00dft. Erinnert an die Freunde aus El Salvador.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Bekleidungsgesch\u00e4ft werden reduzierte Preise f\u00fcr <em>Remeras<\/em> angezeigt. Hab ich dieser Tage zum ersten Mal geh\u00f6rt. Das sind T-Shirts. In Spanien w\u00fcrde hier <em>Camisetas<\/em> stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sonnig und warm, und am Himmel zeigt sich keine Wolke. Das <em>Cabildo<\/em> kommt dabei mit seinem gl\u00e4nzenden Wei\u00df bestens zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Cabildo<\/em> ist eins der wenigen erhaltenen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude aus der Kolonialzeit. Hier wurden Gesetze verabschiedet, Preise festgelegt, f\u00fcr Bildung und Sicherheit gesorgt. In den Laubeng\u00e4ngen drau\u00dfen gab es Verkaufsst\u00e4nde. Und drinnen ein Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner urspr\u00fcnglichen Form geht das <em>Cabildo<\/em> auf die Zeit der Gr\u00fcndung der Stadt, 1573, zur\u00fcck, zusammen mit Platz und Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier braucht man keinen Eintritt zu zahlen, nur seinen Namen und sein Herkunftsland angeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt sofort in einen doppelst\u00f6ckigen Innenhof. Sehr sch\u00f6n. Nur die Blumen im oberen Stock sehen etwas mickrig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie drau\u00dfen sieht man, dass das obere Stockwerk, das S\u00e4ulen hat, aus einer sp\u00e4teren Zeit stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es in einen weiteren, kleineren, bescheideneren Innenhof. Das ist, wie man sp\u00e4ter erf\u00e4hrt, die Keimzelle des <em>Cabildos<\/em>. Hier gibt es oben keine offene Galerie.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Nischen sind unten ein paar Skulpturen ausgestellt. Am besten gef\u00e4llt mir die des S\u00e4manns: barfu\u00df, mit aufgekrempelter Hose, kr\u00e4ftigen Armen und einem ernsten Gesichtsausdruck. Vor sich h\u00e4lt er in einer Hand das S\u00e4ckchen mit den Samen, in der anderen, sich gerade \u00f6ffnenden Hand, ein H\u00e4uflein Samen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung. Mit der kommt man in Teile des <em>Cabildos<\/em>, in die man sonst nicht kommt. Au\u00dfer mir sind alle anderen Argentinier.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen gleich in den Keller runter, in das ehemalige Verlie\u00df. Das urspr\u00fcngliche Bodenniveau war h\u00f6her, und da, wo wir heute bequem stehen k\u00f6nnen, konnten die Gefangenen nur geb\u00fcckt stehen, und am Rande des Raums konnten sie nur kauern. In diesem Raum waren 30-40 Gefangene untergebracht, alles M\u00e4nner. Das Verlie\u00df f\u00fcr die Frauen war woanders, aber es gab viel weniger weibliche Gefangene. Das scheint, bis heute, in der Geschichte der Menschheit immer zu gelten: Mehr M\u00e4nner als Frauen begehen Delikte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht am Rand des Raums die Reste der ehemaligen Treppe, die in den Innenhof f\u00fchrte, zum Ausgang. In das Verlie\u00df kommt nur von dort etwas Licht. Und f\u00fcr die Zirkulation der Luft gab es nur ein paar L\u00f6cher. Das Wasser, wie man an den Resten einer Leitung sehen kann, kam von dem R\u00edo Suqu\u00eda. Den habe ich bisher noch gar nicht gesehen, obwohl er die Innenstadt umflie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin weist auf die Bauweise der W\u00e4nde hin: Steine und M\u00f6rtel, also eine Mischung aus Wasser, Kalk und Sand. Der diente dazu, die Kosten zu senken. Steine waren rar und mussten hierher transportiert werden, M\u00f6rtel konnte man auf der Stelle produzieren. Die Bauweise erinnert an die Bauweise der R\u00f6mer, nur sind die Steine hier viel unregelm\u00e4\u00dfiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Ende noch einmal nachfrage, erkl\u00e4rt die F\u00fchrerin mir noch ein interessantes Detail: Die Jesuiten haben dem M\u00f6rtel noch Aloe Vera beigemischt. Das streckte die Masse, machte sie fester und undurchl\u00e4ssig gegen Wasser!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in den ersten Stock und in den Roten Saal. Der rote Teppich auf dem Weg dorthin ist zerschlissen, und im Saal selbst bl\u00e4ttert die Farbe von der Decke ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rote Saal hat seinen Namen von den schweren roten Vorh\u00e4ngen vor den Fenstern. Im Zentrum ein l\u00e4nglicher Tisch mit zehn St\u00fchlen. Da sa\u00dfen die M\u00e4nner, die \u00fcber das Schicksal von C\u00f3rdoba bestimmten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Balkon stellt die Verbindung mit dem Platz her. Durch das Glockengel\u00e4ut wurden die Leute, meist nach der Messe, auf den Platz gerufen, und dann wurden von hier vom Balkon aus die Entscheidungen bekanntgegeben. Schriftliche Rollen gibt es erst seit etwa 1800. Bis dahin wurde alle m\u00fcndlich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin verwechselt, wie so viele, <em>verbal<\/em> mit <em>oral<\/em>, <em>verbal<\/em> mit <em>m\u00fcndlich<\/em>. Auch m\u00fcndliche Kommunikation ist verbal.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stirnseite des Saals stehen drei Flaggen, die Flagge des Landes, die der Provinz, die der Stadt. Alle drei haben eine Sonne, aber die des Landes ist die Sonne der Unabh\u00e4ngigkeit, die der Provinz und die der Stadt ist die Sonne der Jesuiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in verschiedene S\u00e4le, in denen so etwas wie ein Museum eingerichtet ist. Im ersten sieht man unter den Funden der vorkolonialen Zeit die Reste einer Pfeife. Die Indios waren dem Rauchen zugetan. Die Europ\u00e4er hielten es eher mit dem Trinken, wie eine Bierflasche aus Ton aus Deutschland belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem anderen Raum sehen wir einen Prachtsessel,, samtbezogen, wohl von dem Vorsitzenden des <em>Cabildos <\/em>benutzt. Unten sind Kopf und Pfoten eines Ungeheuers aus der Unterwelt ins Holz geschnitzt, oben sieht man Sonne und Mond, f\u00fcr die Welt da oben, und dazwischen, auf der Erde, sitzt der Vorsitzende des <em>Cabildos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in einen Saal, in dem anhand einiger Objekte die Welt der Immigranten dargestellt ist. Das waren in erster Linie Spanier und Italiener und Polen und Araber. Die Spanier und Italiener widmeten sich eher der Landwirtschaft oder der Herstellung von Keramik oder Stoffen, die Polen und Araber widmeten sich eher dem Gewerbe. Ausgestellt ist hier der komplette Friseursalon eines polnischen Friseurs. Der erlangte Bekanntheit \u2013 und wurde auch geehrt \u2013 weil er sein Leben lang den Insassen der Nervenheilanstalt gratis die Haare schnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande ist ein fr\u00fcher K\u00fchlschrank ausgestellt. Eine tolle Konstruktion. Sieht wie ein Schr\u00e4nkchen aus. Wenn man die untere T\u00fcr aufmacht, sieht man ein mit Eisen beschlagenes Fach. Dort werden die Waren, die gek\u00fchlt werden sollen, reingelegt. Oben \u00f6ffnet sich ein Fach, in das in dicken Stangen Eis gelegt wird. So wird alles k\u00fchl gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem anderen Teil steht ein Klavier. Dazu erklingt Musik aus dem Lautsprecher. Das ist <em>Tunga Tunga<\/em>, die typische Musik von C\u00f3rdoba, eine Mischung aus dem spanischen Pasodoble und der italienischen Tarantella.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom oberen Stockwerk hat man einen sch\u00f6nen Blick auf den Turm der Kathedrale. Und von hier sind die Relieffiguren der Indios an den Seiten des Turms etwas besser auszumachen. Diese Figuren unterscheiden sich von den europ\u00e4ischen Figuren dadurch, dass sie einen Federbusch und ein R\u00f6ckchen tragen, und dadurch, dass sie bartlos sind! In der Hand halten sie ein Musikinstrument. Bei einem Europ\u00e4er w\u00e4re es ein Buch oder ein Rosenkranz. Und das Emblem zwischen den Figuren, hier ein stilisierter Federbusch, w\u00e4re bei den Europ\u00e4ern eine Muschel.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach dieser F\u00fchrung beginnt schon die im benachbarten <em>Museo de Arte Religioso<\/em>. Hier bin ich der einzige. Gef\u00fchrt werde ich von einem gebildeten Mann mit etwas femininen Geb\u00e4rden, der sich in seiner Begeisterung nicht bremsen l\u00e4sst dadurch, dass er nur einen Gast hat. Er kann alle Fragen beantworten, l\u00e4sst sich auch gerne auf einen Dialog ein und wei\u00df, dass in K\u00f6ln die Heiligen Drei K\u00f6nige begraben sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt mit der Gr\u00fcndung C\u00f3rdobas durch einen gewissen Juan de Tejera. Der war zusammen mit 111 M\u00e4nnern in einer Expedition hierhergekommen und entschied sich, zu bleiben. Hier entstand eins von drei G\u00fctern, die er am Ende besa\u00df. Er verdiente sein Geld durch Handel oder Herstellung von Tuchen und von Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Waren das lauter M\u00e4nner, die 111, will ich wissen. Ja. Und woher kamen die Frauen? Die waren in Santiago. Dort hatte man schon eine spanische Kolonie. Die Frauen wurden sp\u00e4ter nachgeholt. Es gab aber auch Spanier, die sich mit einheimischen Frauen verbandelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird erz\u00e4hlt, dass die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Tochter von Juan de Tejera pl\u00f6tzlich schwer erkrankte. Sie erlitt einen Herzstillstand. Tejera wendete sich an Teresa von Avila und versprach, ein Kloster zu gr\u00fcnden, wenn seine Tochter genesen sollte. Die wurde wieder gesund, und aus diesem Gut wurde ein Kloster, mit der Tochter als einer der ersten Nonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kloster existiert bis heute, nur haben die Barf\u00fc\u00dfigen Karmeliterinnen einen Schwund erlitten und 1968 diesen Teil des Klosters als Museum an die Stadt abgetreten. Das Kloster existiert noch, aber nur noch mit 7 statt der angestammten 21 Nonnen. Jetzt ist es geschlossen, die Nonnen befinden sich im Sommerurlaub.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nonnen widmeten sich dem Sticken, der Herstellung von Keramik und der Herstellung von S\u00fc\u00dfwaren. Am Eingang sieht man eine Drehscheibe, einen <em>torno<\/em>, durch den man Waren nach au\u00dfen abgeben und Geld kassieren konnte, ohne gesehen zu werden. Diese Drehscheibe ist original aus dem 18. Jahrhundert erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein F\u00fchrer, Ariel, sucht sich drei Objekte heraus, die hier in den Vitrinen stehen und zum Bestand des Museums geh\u00f6ren. Sie kommen aus der Kathedrale, aus dem Kloster und aus Spenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Kloster stammt eine Figur von Tobias, einen Fisch in der Hand, und dem Engel, der ihm erschien. Die Figuren sehen wie Porzellan aus, sind aber aus Holz gemacht und einfach geschickt \u00fcbermalt. Die Fl\u00fcgel des Engels scheinen mit Perlen besetzt zu sein, aber die scheinbaren Perlen sind aus Muscheln hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Spenden stammt eine Figur, die wie eine ganz normale Frau aussieht. Kein religi\u00f6ser Zusammenhang zu erkennen. Die Spenderin hat sie dem Museum als Jungfrau Maria vermacht. Aber welche? Damit kann man sich in der spanischen Welt nicht zufriedengeben. Durch den Vergleich mit anderen Figuren stellte sich dann heraus, dass es gar keine Maria, sondern eine Cecilia war. Nur ist ihr das Musikinstrument abhandengekommen, das sie in den H\u00e4nden hielt. Die Spenderin ist ganz ger\u00fchrt, denn der Freund, von dem sie die Figur geerbt hat, war ein gro\u00dfer Musikliebhaber.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Figur, aus der Kathedrale stammend, ist ein Reliquienkreuz. Oben sind Reliquien der Heiligen Drei K\u00f6nige, auf der anderen Seite ein Kreuzessplitter. Unten hat man nur Zahlen, deren Bedeutung man nicht kennt. Aber ganz unten gibt es noch eine Besonderheit. Dort ist in das Kreuz ein winziges St\u00fcck Papier eingearbeitet, und das tr\u00e4gt eine Unterschrift von Ignatius von Loyola. Die Kreuzreliquie wurde den Jesuiten von C\u00f3rdoba von den Jesuiten aus Flandern \u00fcberlassen, das damals zu Spanien geh\u00f6rte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in den Innenhof, einen von unz\u00e4hligen auf dem Klostergel\u00e4nde, aber dem sch\u00f6nsten. Der Innenhof ist deshalb sch\u00f6n, weil er voller B\u00e4ume steht: Bitterorangen, Zitronen, Granat\u00e4pfel. Die wurden hier angepflanzt, weil die Nonnen die Fr\u00fcchte zur Herstellung ihrer S\u00fc\u00dfwaren gebrauchten. Der Granatapfel gilt \u00fcberdies als Symbol der Christenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Innenhof ist aber auch deshalb sch\u00f6n, weil er vom anderen Ende her einen ungew\u00f6hnlichen Blick gew\u00e4hrt: Man sieht hinter den B\u00e4umen und \u00fcber die Mauern hinweg Turm und Kuppel der Kathedrale. Der Blick ist v\u00f6llig unverstellt, man sieht nur den blauen Himmel, kein einziges Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass die Kathedrale urspr\u00fcnglich wei\u00df war, dann aber aus irgendeinem Grund farblich neu gefasst wurde. Als man zu Wei\u00df zur\u00fcckkehren wollte, ergab sich Protest. Man wollte beim Gelb bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in verschiedene kleine R\u00e4ume, die sich um den Patio herum gruppieren. Im ersten, dem <em>locutorio<\/em>, konnten die Nonnen einmal im Monat mit einer Person von au\u00dferhalb des Klosters sprechen. Von dieser Person waren sie durch ein doppeltes Gitter getrennt. Das Gitter ist noch erhalten. Es wurde aber zus\u00e4tzlich durch einen Vorhang verdeckt. Damit die Nonnen nicht etwa auf den Gedanken kamen, Geheimnisse des Klosters auszuplaudern, war immer eine zweite Nonne als Anstandsdame dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Raum sehen wir einen St. Michael, der den Drachen t\u00f6tet. Ariel will in dem Michael indigene Z\u00fcge erkennen. Die kann ich nicht entdecken. Aber der Drache ist tats\u00e4chlich anders als in der europ\u00e4ischen Tradition. Sieht eher putzig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben sehen wir ein stark nachgedunkeltes Gem\u00e4lde vom J\u00fcngsten Gericht. Hier sind, entgegen der europ\u00e4ischen Tradition, Sonne und Mond mit eingearbeitet. Die waren heidnische G\u00f6tter. Hier stehen sie aber f\u00fcr Anfang und Ende. So wie die Sonne Anfang und Ende des Tages markiert, markiert der Mond Anfang und Ende der Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in einen Raum mit einem Beichtstuhl, der nicht als solcher zu erkennen ist. Er ist aus Beton und hat keinen Eingang. Jedenfalls keinen, den man von hier aus sieht. Der Eingang f\u00fcr den Priester war in der Klosterkirche. Auf diese Art und Weise wurde vermieden, dass Nonne und Priester sich sahen. Gebeichtet wurde t\u00e4glich. Man fragt sich, was die Nonnen, die ja weitgehend Schweigegebot hatten und keinen Zugriff auf Laster irgendeiner Art, zu beichten hatten. K\u00f6nnen nur Gedanken gewesen sein. Unkeusche Gedanken, feindselige Gedanken einer Mitschwester gegen\u00fcber, Glaubenszweifel?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in einen Raum mit einer gro\u00dfen Truhe. Hier wurde die Mitgift der Nonnen aufbewahrt. Die Truhe hat drei Schl\u00f6sser, und die drei Schl\u00fcssel waren in verschiedenen H\u00e4nden. Die Nonnen kamen in der Regel aus wohlhabenden Familien, denn sie mussten beim Eintritt ins Kloster etwas beisteuern. Aber sie entschieden sich f\u00fcr ein einfaches Leben hinter Klostermauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man in verschiedenen Vitrinen das 13-teilige Priestergewand, Kasel, Stola, Chormantel, Zingulum usw., aus Gold, Silber und Seide, das bei der Einweihung der neuen Kathedrale und seitdem erst dreimal getragen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen eine Figur des Antonius von Padua. Der ist, wie ich aus meiner Kindheit wei\u00df, zust\u00e4ndig f\u00fcr verlorene Gegenst\u00e4nde. Aber sein zweites Ressort ist die Suche nach dem Ehepartner. Hier hat sich in die Tradition ein heidnisches Element eingemischt: Die Frauen stellen den Antonius auf den Kopf, solange die Suche nach einem Ehemann ohne Ergebnis bleibt, danach wird er wieder auf die F\u00fc\u00dfe gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir die Figur eines sterbenden Josefs. Ein ungew\u00f6hnliches Motiv, denn in der Bibel ist von Josefs Tod nie die Rede. Er verschwindet einfach. Aber in den Apokryphen ist von seinem Tod die Rede. Demnach besichtigt ihn der Erzengel, der Maria die Geburt verk\u00fcndigt hat, und verk\u00fcndigt ihm seinen Tod. Er eilt nach Hause und stirbt in den Armen von Maria und Jesus. Er ist der einzige, dem das verg\u00f6nnt ist. Deshalb gilt er als <em>Santo de la Buena Muerte<\/em>. Hier liegt er allerdings allein und verlassen in seinem Bett, das aber, ganz so, wie man sich das in Pal\u00e4stina vorstellt, mit Brokatdecken ausgestattet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir noch ein ehemaliges, inzwischen zugemauertes Fenster zur Kirche hin. Dieses Fenster lie\u00df der bettl\u00e4gerige Juan de Tejera hier anbringen, damit er blo\u00df keine Messe vers\u00e4umte. Sp\u00e4ter schuf ein indigener K\u00fcnstler ein Diptychon, mit dem die Nische wieder verschlossen wurde. Das Diptychon zeigt auf beiden Seiten beider Tafeln eine Nonne, jeweils eine mit wei\u00dfem, eine mit schwarzem Schleier. Die Farbe zeigte den sozialen Status an. Die schwarzen Schwestern waren h\u00f6hergestellt, widmeten sich dem Gebet, die wei\u00dfen hatten einen niedrigeren Stand und mussten sich an der Arbeit beteiligen. Beten mussten aber auch sie. Siebenmal am Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besonderheit dieses Diptychons besteht darin, das der indigene K\u00fcnstler hier auf einem Holzbalken seinen Namen hinterlassen hat. Das war nicht \u00fcblich, erst recht nicht f\u00fcr indigene K\u00fcnstler.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet diese abwechslungsreiche und informative F\u00fchrung. Ich mache mich auf den Weg und gehe \u00fcber die San Mart\u00edn, auf der es jetzt rappelvoll ist, ein St\u00fcck stadtausw\u00e4rts. Hier wimmelt es nur so von L\u00e4den mit Billigwaren. Am Stra\u00dfenrand hat sich ein selbsternannter S\u00e4nger aufgestellt und kr\u00e4chzt etwas in das vor ihm stehende, nicht funktionierende Mikrophon.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sto\u00dfe ich auf eine Skulptur, eine in Bronze gl\u00e4nzende Figur eines Klavierspielers. Oder einer Klavierspielerin? Gar nicht so leicht auszumachen. Am Ende gibt eine Bodenplatte Auskunft: Leonor Marzano, eine Musikerin. Sie hat bei der Entwicklung von <em>Tunga Tunga<\/em> eine bedeutende Rolle gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich auf die Col\u00f3n. Hier geht es ruhiger zu. Statt Gesch\u00e4ften gibt es hier Stra\u00dfenh\u00e4ndler. Auf der Col\u00f3n befindet sich das Hauptpostamt. Ein gro\u00dfes Geb\u00e4ude mit vielen Abteilungen. Die Kunden ziehen einen Zettel und warten darauf, dass sie aufgerufen werden. In der ersten Abteilung bin ich offensichtlich falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Raum befindet sich ein Informationsschalter. Das M\u00e4dchen ist mit der Frage nach Briefmarken v\u00f6llig \u00fcberfordert. Sie geht an einen der Schalter und konsultiert einen Kollegen. Der gibt gr\u00fcnes Licht. Ich setze mich in die Reihen und warte geduldig, bis ich aufgerufen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann hinter dem Schalter macht ein verst\u00f6rtes Gesicht, als ich nach Briefmarken frage. Ziemlich umst\u00e4ndlich erkl\u00e4re ich, was ich mit denen anfangen will. So langsam geht ihm ein Licht auf. Wie viele von diesen Marken ich denn haben wolle, will er wissen, so ungef\u00e4hr. Ich sage es ihm ganz genau. Sein Kollege springt ihm bei und sagt, wo er nachschlagen k\u00f6nne. Der Kollege meint aber, das werde wohl 9.000 Pesos kosten. Pro Karte. Der Mann beginnt, umst\u00e4ndlich in einer Liste nachzuschlagen. Dann findet er den Preis. Ist aber nicht 9.000 pro Karte, sondern 11.600. Er nennt mir den Preis, gibt aber zu bedenken, dass da ja auf jede Karte jede Menge von Briefmarken drauf m\u00fcsste. Daf\u00fcr sei doch gar nicht genug Platz da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe auf. Der Mann sagt, ja, das sei alles hier ganz ungew\u00f6hnlich, er habe geh\u00f6rt, dass das in Europa, in Deutschland zum Beispiel, ganz und gar an der Tagesordnung sei. Man fahre in Ferien und verschicke dann Postkarten. Kommt ihm merkw\u00fcrdig vor.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he der Post befindet sich die Krypta. Derentwegen hat es dieser Tage in der Touristeninformation ein Missverst\u00e4ndnis gegeben. Es ist wirklich nur eine Krypta. Sie geh\u00f6rt zu nichts anderem. Die Geschichte der Krypta ist kompliziert, aber offensichtlich handelte es sich urspr\u00fcnglich um einen Bau f\u00fcr die Novizen der Jesuiten. Als die ausgewiesen wurden, wurde der Bau von einem anderen Orden \u00fcbernommen, den Bethlehemiten (dem einzigen in Amerika gegr\u00fcndeten Orden). Die widmeten sich der Krankenpflege und betrieben hier ein Krankenhaus. Als sie an einen anderen Ort zogen, verfiel das Geb\u00e4ude, aber die Bethlehemiten benutzen die Krypta in Zeiten von Epidemien. Hier wurden die Toten zwischengelagert. Deren K\u00f6rper wurden mit Kalk bestreut, bis sie wieder in das normale \u201eLeben\u201c zur\u00fcckkehren konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krypta ist gro\u00df, mit festen Mauern und Gew\u00f6lben, und hat die Form eines griechischen Kreuzes. Erstaunlich, dass sie \u00fcberlebt hat, nachdem jahrzehntelang niemand mehr was von ihr wusste.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Weg f\u00fchrt mich zur\u00fcck zur <em>Plaza San Mart\u00edn<\/em> und den Geldwechslern. Ein junger Mann f\u00fchrt mich in einen hinter einer verhangenen T\u00fcr gelegenen Raum eines anonymen Ladens. Von diesem Raum aus f\u00fchrt eine Schiebet\u00fcr in einen winzigen Schalterraum. Alles etwas geheimnisvoll. Als wir schon zum Wechseln bereit sind, sieht er meine Zwanzigerscheine und sagt, daf\u00fcr gebe es nur 89.000 Pesos. Ich erkl\u00e4re ihn f\u00fcr verr\u00fcckt und verlasse die gastliche St\u00e4tte. Dann wende ich mich an eine Frau, die auch Geld wechselt. Sie f\u00fchrt mich in dasselbe Kabuff, und jetzt bekomme ich 110.000 Pesos.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Kathedrale passiere, formiert sich vor dem Eingang gerade eine ganze Schar von blau-grau gekleideten Nonnen. Ergibt einen sch\u00f6nen Schnappschuss aus der Ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Feinkostgesch\u00e4ft bekomme ich Honig aus der Region und den Tipp, in einen Laden in einer Einkaufsstra\u00dfe zu gehen. Dort bekomme ich <em>Alfajores Cordobeses<\/em>, eine regionale Spezialit\u00e4t, bei der es an Kalorien nicht mangelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht es ins <em>Junior B<\/em>, einem Lokal ganz in der N\u00e4he der Unterkunft, vor dem ich dieser Tage eine Werbung f\u00fcr ein argentinisches Gericht gesehen habe. Ich gehe rein, aber auf der Speisekarte ist davon nichts zu sehen. Ich frage nach und erfahre, doch, das gebe es, es stehe nur nicht auf der Speisekarte. Es gibt Entrecote und zwei gedrungene W\u00fcrste, <em>chorizo<\/em> und <em>morcilla<\/em>. Dazu einen argentinischen Malbec. Ein Gedicht!<\/p>\n\n\n\n<p>22. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch ruhig auf den Stra\u00dfen, als ich rausgehe. Diesmal in die andere Richtung. Dabei komme ich an der gro\u00dfen <em>Plaza de Espa\u00f1a <\/em>vorbei. In der Mitte des Platzes merkw\u00fcrdige S\u00e4ulen, wohl moderne Kunst, am Rande des Platzes in einem alten Palast hinter schmiedeeisernen Gittern und einem Park ein riesiges Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Busbahnhof sehe ich die <em>Cervecer\u00eda Gl\u00fcck<\/em> und die <em>Cervecer\u00eda Vieja Barba<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in eine <em>Farmacity<\/em>. Dort finde ich Sonnencreme, die \u201enur\u201c 18.500 kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer netten Kellnerin bekomme ich in einem kleinen modernen Caf\u00e9 Kaffee und Geb\u00e4ck. F\u00fcr 4.000 Pesos. Da kann man nicht meckern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof angekommen, wei\u00df ich erst gar nicht, wie ich in das Geb\u00e4ude reinkommen soll. Dann suche ich die Schalter und als ich sie finde, sehe ich Fahrten nach Uruguay und Brasilien, aber nichts nach Alta Gracia. Nachdem ich alle abgeklappert habe und die M\u00e4dchen hinter dem Schalter bei ihren Handyunterhaltungen gest\u00f6rt habe, ohne was rauszufinden, sagt mir ein netter Mann, dass ich im falschen Busbahnhof bin, genauer gesagt, im falschen Terminal.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort angekommen geht die Suche weiter. Nirgends ist Alta Gracia zu finden. Aber irgendwie frage ich mich durch. Da ist der Schalter. Davor eine Schlange. Und die bewegt sich nicht. Es hei\u00dft warten und warten. Es ist inzwischen 9 Uhr, statt in Alta Gracia, wie geplant, stehe ich immer noch am Schalter in C\u00f3rdoba.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht alles ganz schnell. Ich brauche auch meinen Pass nicht vorzuzeigen, wie die Leute vor mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Haltebucht ist die richtige? Ich frage eine Frau vor mir in der Schlange. Die sagt ja, sagt dann aber, ich solle ihr den Platz freihalten, sie werde noch mal nachfragen. Ja, alles richtig, sagt sie. Als es dann ans Einsteigen geht, stellt sich heraus, dass sie falsch ist. Sie muss woanders hin. F\u00fcr mich ist es aber der Einstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist alt, hat aber sehr, sehr bequeme Sitze. Wieder kommen wir an der <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em> vorbei. Als ich sie mir am Abend dann mal ansehe, merke ich, dass alle S\u00e4ulen Reliefs haben, moderne Reliefs, verfremdende, die was mit der Geschichte Spaniens zu tun haben. Versteht man aber nicht ohne weiteres. Die S\u00e4ulen stehen um einen Platz mit einem Glasboden herum, auf dem ein originelles modernes Geb\u00e4ude steht, auch aus Glas. Darin ein Museum. Das w\u00e4re alles besser, wenn man sich nicht erst durch den dichten Verkehrs des Kreisverkehrs hierher man\u00f6vrieren m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach knapp einer Stunde kommen wir in Alta Gracia an. Hier gibt es bald ein Dutzend Haltestellen. Der Busfahrer selbst wei\u00df nicht Bescheid, wohl aber ein zugestiegener Fahrgast. Ich soll bis <em>Tajamar<\/em> fahren. Als wir dort ankommen, sind alle anderen schon ausgestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Zeit habe ich mir \u00fcberlegt, was wohl Tajamar sein k\u00f6nnte. Das ist der k\u00fcnstliche angelegte See, mit dessen Wasser die Jesuiten ihre Felder bew\u00e4sserten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an dem See entlang, und dann kommt auch schon die Jesuitenstation, die <em>Estancia Jesuita<\/em>, in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz am Rande der Anlage die perfekt erhaltene Kirche. Zu der f\u00fchrt eine sch\u00f6ne kleine Freitreppe rauf. Zusammen mit der Fassade ergibt sie ein sch\u00f6nes Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>In die <em>Estancia<\/em> selbst f\u00fchrt ein eigener Eingang. Auch hier ist die Besichtigung&nbsp; gratis.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand eines Modells sieht man, wie gro\u00df die <em>Estancia<\/em> war und was sie alles beinhaltete: St\u00e4lle, Schmiede, Werkstatt, Wasserreservoir sowie eine M\u00fchle am Tajamar und das, was hier <em>residencia<\/em> hei\u00dft, das Hauptgeb\u00e4ude. Hier gibt es in verschiedenen R\u00e4umen Gegenst\u00e4nde aus der Zeit, als die <em>Estancia<\/em> noch in Betrieb war.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht Reste einer Wasserleitung aus Ton, mit der man das Regenwasser auffing.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann das massive h\u00f6lzerne Joch f\u00fcr die Ochsen. Die m\u00fcssen einen Stiernacken gehabt haben, um das auszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant auch die jesuitischen Ziegelsteine. Sie sind quadratisch und flach. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schmiede ist das bemerkenswerteste Ausstellungsst\u00fcck der \u00fcberdimensionale Blasebalg. Eisen herzustellen bedeutete Geld und Prestige, denn das Eisen war in Amerika unbekannt, und Gegenst\u00e4nde aus Eisen wurden lange aus Spanien importiert. Die afroamerikanischen Sklaven, hei\u00dft es, erlangten im Schmieden eine ganz besondere Fertigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine ist das schwere, in Leder gebundene <em>Libro de Cuentas<\/em> ausgestellt, mit Texten, Zeichnungen, Zahlen, vor allem aber Tabellen. In s\u00e4uberlich angeordneten Zeilen wird alles festgehalten, was produziert und verkauft wurde, darunter Feigen, Weizen, Tabak, Zucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n ein zusammenklappbares Harmonium, das im Gottesdienst verwendet wurde. Zum Transport wurde es in eine Kiste gepackt. Wenn man das Harmonium sieht, sollte man nicht meinen, dass es in die Kiste passte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner, leicht kitschiger Christuskopf, das Gesicht zum Himmel erhoben, steht stellvertretend f\u00fcr die \u201eWende\u201c, die mit der Gegenreformation kam. Ignatius von Loyola selbst stellte Christus in den Vordergrund des Glaubens. Die Marienverehrung trat in den Hintergrund. H\u00f6rt sich wie eine Konzession an den Protestantismus an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz unten in der Vitrine ist etwas versch\u00e4mt eine Lutherbibel ausgestellt, mit einem Vorwort von Luther, dem Erzfeind. Auf Deutsch nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Besichtigung ist mir st\u00e4ndig die <em>Estancia Jesuita<\/em> in Encarnaci\u00f3n pr\u00e4sent, in Paraguay, die ich vor zwei Jahren gesehen habe. Hier in Alta Gracia ist mehr erhalten, aber die Ruinen von Encarnaci\u00f3n stehen noch ganz lebendig vor meinen Augen. Was dort viel klarer wurde, war die relative Autonomie der <em>Estancias<\/em> innerhalb des spanischen Kolonialreichs und die relative Autonomie der Indios innerhalb der <em>Estancias<\/em>. Die Jesuiten hatten zwar letztlich das Heft in der Hand, \u00fcberlie\u00dfen aber das Tagesgesch\u00e4ft und die Entscheidungen weitgehend den Indios. Und waren in der Minderheit. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage in einem Turm bei der Touristeninformation nach dem Museum von Che Guevara, aber mit der &nbsp;Erkl\u00e4rung kann ich nicht viel anfangen. Wenigstens die grobe Richtung habe ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Frauen stehen auf dem B\u00fcrgersteig gegen\u00fcber und halten ein Schw\u00e4tzchen. Einer Intuition folgend gehe ich r\u00fcber und frage die beiden nach dem Weg. Sollte sich lohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4ltere der beiden sagt, das sei nicht so leicht zu erkl\u00e4ren, aber ob ich was dagegen h\u00e4tte, dass sie mich dorthin bringt. Sie sei sowieso auf dem Sprung. Die beiden verabschieden sich, und ich werde ins Auto der freundlichen Frau verfrachtet. Sie hei\u00dft M\u00f3nica.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt mich zu dem Museum zu bringen, bietet sie mir eine Stadtrundfahrt. Ob ich denn wisse, dass es hier auch ein Falla-Museum und ein Dubois-Museum gebe. Von Dubois habe ich noch nie geh\u00f6rt \u2013 was M\u00f3nica mit Entsetzen zur Kenntnis nimmt \u2013 aber Falla, ja, da wollte ich sowieso hin. Wir kommen auch an dem Museum vorbei. Sei bleibt stehen, um mir zu zeigen, wo es ist, und ich will aussteigen. Wohin ich denn wolle. Nein, sie habe nur zur Orientierung angehalten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch die in diesem Viertel fast menschenleere Stadt, und sie erkl\u00e4rt bei jedem zweiten Haus, wem das geh\u00f6re und was f\u00fcr ein Haus es sei. Wir fahren an sch\u00f6nen H\u00e4usern vorbei und auch durch das Neureichenviertel. Hier gibt es auch einen Golfplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfen Wert legt sie darauf, dass ich zwischen den B\u00e4umen eine Kuppel ersp\u00e4he. Das sei die Kuppel der Lourdes-Grotte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auch an ihrem Haus vorbei, einem h\u00fcbschen Bungalow, aber sie macht keine Anstalten, stehenzubleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Architekturstudenten aus C\u00f3rdoba k\u00e4men in Exkursionen hierher, weil es so unterschiedliche Baustile gebe, erkl\u00e4rt sie. Dazu h\u00e4tten auch die Engl\u00e4nder beigetragen. Die seien wegen Kaiser hierhergekommen. Was bitte? Kaiser? Ja, Kaiser, das sei der Vorl\u00e4ufer von Renault und Peugeot, sagt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir pl\u00f6tzlich vor dem Che-Museum. Dort l\u00e4dt sie mich aus. Sie betont, man solle freundlich zu Fremden sein, selbst wolle man das ja auch, wenn man in der Fremde sei. Sie entl\u00e4sst mich, nicht ohne vorher noch das <em>Jardincito<\/em> und den <em>Pepe Negro<\/em> zu empfehlen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Che-Museum kann man eine Eintrittskarte f\u00fcr 3.000 Pesos erwerben, die auch f\u00fcr die anderen Museen gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Haus lebte der Che im Alter von 4-16 Jahren. Seine Eltern waren auf dem Paran\u00e1 unterwegs gewesen und mussten in Rosario eine Zwangspause einlegen. W\u00e4hrend der wurde der Che geboren. Die Eltern zogen dann aber hierher, nach Alta Gracia, wegen des Asthmas des Jungen. Alta Gracia hatte wegen seiner H\u00f6he ein besseres Klima.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Raum, dem Jungenzimmer von Che und seinem Bruder Roberto, sind pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde ausgestellt, Roller, B\u00fccher, Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand Photos, erstaunlich viele, vom Che alleine oder mit Familie und Gro\u00dffamilie. Das Photographieren muss damals noch eine teure Angelegenheit gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Photos Ansichtskarten, die der Che, vermutlich noch vor Eintritt in die Schule, seinen Verwandten geschickt hat, in krakeliger Schrift. Unterschrieben mit <em>Ernestino<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein Schulzeugnis. Interessant. Auf einem einzigen Blatt sind alle Noten aller Sch\u00fcler eingetragen. Da w\u00fcrden heute die Datensch\u00fctzer auf den Plan treten. Entsprechend klein die Schrift. Es gibt unendlich viele Noten, alleine f\u00fcr Spanisch gibt es Noten f\u00fcr Rechtschreibung, Lesen, Aufsatz, Grammatik und Sch\u00f6nschrift. Die Noten des Che variieren. Die schlechteste hat er in Sch\u00f6nschrift.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1943 ging es nach C\u00f3rdoba, auf eine weiterf\u00fchrende Schule. Hier versuchte der Che, sich vor allem beim Fu\u00dfball und beim Rugby hervorzutun, vielleicht gerade als Reaktion auf seine Krankheit, die ihn ein Leben lang verfolgen sollte. Er las aber auch mit Begeisterung Philosophie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ging es nach Buenos Aires, zum Medizinstudium. Hier sieht man seinen Studentenausweis ausgestellt, mit einem Photo, auf dem er sehr ernst guckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Studentenzeit stammt auch ein vielsagendes Schild. Auf dem steht: <em>Entrada prohibida<\/em>. Irgendwo in der freien Natur, an einem Felsen oder einem Fluss. Auf einem Photo sieht man, wie der Che zusammen mit einigen Mitstudenten dieses Schild ignoriert und trotzdem reingegangen ist. Erste Anzeichen von Rebellion?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Studium unterbrach er aber, um eine Reise durch Argentinien zu machen, mit vielen Stationen, alle im Norden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Raum ist das Motorrad ausgestellt, mit dem er&nbsp; dann die beiden gro\u00dfen Reisen durch Lateinamerika machte, die sein Leben ver\u00e4nderten. Diese Reisen f\u00fchrten ihn bis nach Mexiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Begleitet wurde er von seinem besten Freund. Dessen Asche ruht jetzt hier in einem K\u00e4stchen \u00fcber dem Motorrad.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Photos von Schie\u00df\u00fcbungen auf einem Schie\u00dfgel\u00e4nde in Mexiko und Photos von der Gef\u00e4ngniszelle, die er dort mit einem weiteren Gefangenen Teilte: Fidel Castro. Der Che ist l\u00e4ssig gekleidet, Fidel beinahe elegant.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt die Aktion mit dem \u00dcbersetzen auf der schwankenden alten <em>Granma<\/em> von Mexiko nach Kuba. Der Rest ist Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sind ein paar einschl\u00e4gige B\u00fccher ausgestellt, darunter eins vom Che \u00fcber Lateinamerika, <em>Am\u00e9rica Latina<\/em>, und eins \u00fcber den Che und seine Reisen durch Lateinamerika, <em>De Ernesto al Che<\/em>. Auch \u00fcber Mart\u00ed hat der Che ein Buch geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Photographien sieht man den Che mit seinen vier Kindern und den Che bei seiner Hochzeit, schon mit Uniform und Baskenm\u00fctze. Seine Frau tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Kleid.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fcche des Hauses ist auch erhalten. Dorthin zog sich der junge Che immer wieder zur\u00fcck, wenn sein Asthma ihm nicht erlaubte, mit den anderen zu spielen. Hier gewann er das Vertrauen von Do\u00f1a Rosaria, einer Hausangestellten, die so etwas wie seine Ersatz-Oma wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem abschlie\u00dfenden Raum sieht man ein Photo von Evo Morales und Fidel Castro bei dem gemeinsamen Besuch des Museums.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen hinterm Haus sitzt der Che in Bronze als Erwachsener mit Zigarre und Baskenm\u00fctze auf einer Bank, vor dem Haus sitzt der Che als Kind auf einem Gel\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein tolles Museum, aber leider erf\u00e4hrt man nichts \u00fcber den famili\u00e4ren Hintergrund, \u00fcber das wohl nicht ganz einfache Verh\u00e4ltnis von Vater und Mutter und deren unterschiedlicher Herkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es zum Museum von Manuel de Falla. Den habe ich \u00fcberhaupt nicht mit Lateinamerika in Verbindung gebracht. Die kam so zustande: Er wurde 1939 vom <em>Teatro Col\u00f3n<\/em> eingeladen, hier zu gastieren. Das Konzert, in dem er eigene Werke dirigierte, wurde zu einem riesigen Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt sind hier der Frack und die Weste, die er bei dem Konzert trug, der Taktstock, den er benutze, und ein Instrumentenkoffer mit seinen Initialen.<\/p>\n\n\n\n<p>Falla entschied sich, nicht in das Spanien Francos zur\u00fcckzukehren. Der B\u00fcrgerkrieg war gerade zu Ende gegangen. Dann erkrankte er aber an Tuberkulose. Ein wohlhabender Freund brachte ihn hier unter, in einem seiner zahlreichen H\u00e4user. Hier wohnt auch der Sohn des Freundes, ebenfalls an Tuberkulose erkrankt. Das Haus war ideal, denn es hat zwei getrennte Teile, jedes mit eigenem Zimmer und eigenem Bad. So lebten die Kranken getrennt von den Gesunden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Falla stirbt vier Jahre sp\u00e4ter, und Franco fordert ihn zur\u00fcck. Argentinien wagt es nicht, ihm die Stirn zu bieten. Der K\u00f6rper wird einbalsamiert und \u00fcberf\u00fchrt und in der Kathedrale von C\u00e1diz begraben, Fallas Heimatstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald man das Museum betritt, erklingt Musik von Falla, und in den Vitrinen sind Ausgaben seiner bekanntesten St\u00fccke ausgestellt: <em>El amor brujo<\/em>, <em>El sombrero de tres picos<\/em>, <em>Noches en los jardines de Espa\u00f1a<\/em> usw. Ein Autograph zeigt, wie Falla an einer Komposition herumfeilte und Ver\u00e4nderungen vornahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Klavier, an dem er hier komponierte, ist auch ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Falla wird Rubinstein zitiert, wie er seine Melancholie, seine Ernsthaftigkeit herausstellt. Er sei hager gewesen und immer in Schwarz gekleidet, und sogar sein L\u00e4cheln habe etwas Trauriges gehabt. Seine Musik sei aber ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe St\u00fctze Fallas war seine Schwester. Sie ertrug seine Launen, k\u00fcmmerte sich um die regelm\u00e4\u00dfige Einnahme der Medizin, bekochte ihn und stellte sich auf seinen unorthodoxen Tagesrhythmus ein. Er schlief lange, machte dies und jenes, legte dann noch eine Siesta ein und fing am Abend an zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schreibmaschine der Schwester ist auch ausgestellt. Sie lernte eigens Schreibmaschine schreiben, um ihm als Sekret\u00e4rin zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Fallas pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden ist eine merkw\u00fcrdige Vorrichtung vertreten, bestehend aus einem langen Gegenstand aus Holz und einem anderen l\u00e4nglichen Gegenstand aus Metall. Damit konnte man Zigaretten drehen! Auch das \u00fcbernahm die Schwester f\u00fcr ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Karikatur zeigt ber\u00fchmte Musiker in verschiedener Aufmachung. Bach sitzt in der Orgel und guckt zwischen den Orgelpfeifen raus, Brahms, das Nordlicht, f\u00fcllig, als gem\u00fctlicher Bayer mit Lederhose und Gamsbart, Falla, ausgezehrt, mit einem Kleid aus Notenbl\u00e4ttern, das ihm wie einer T\u00e4nzerin um die Beine weht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang ist noch der 100-Peseten-Schein ausgestellt, auf dem in alten Zeiten Falla zu sehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu <em>Pepe Negro<\/em> f\u00e4llt mir an einer Palme ein dickes B\u00fcndel von Samen auf, die an dem Stamm h\u00e4ngen. Was mag das nur sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pepe Nero sieht unscheinbar aus, wie eine Dorfkneipe, entpuppt sich aber drinnen als vollwertiges Restaurant, in dem am offenen Feuer gekocht wird. Es ist rappelvoll. Das Essen ist nichts Besonderes, aber der Besuch bleibt in Erinnerung. Die flotte und sehr freundliche Kellnerin serviert mir auf die Bitte nach einem einheimischen Bier ein <em>Stella Artois<\/em>, und die Rechnung ist was f\u00fcr die Ewigkeit: Essen 3.500, Bier 6.000!<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in C\u00f3rdoba aus dem klimatisierten Bus steige, trifft mich der Schlag: Sauna. Alta Gracia hat zu Recht seinen guten Ruf f\u00fcr sein vertr\u00e4gliches Klima.<\/p>\n\n\n\n<p>23. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute Vormittag ist es viel angenehmer als gestern Abend, aber im Laufe des Tages wird es wieder lecker hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehe ich eine Pappmachefigur. Die stellt einen Mann dar, der seinen Koffer abgestellt, den Hut abgenommen hat und sich mit dem Taschentuch den Schwei\u00df vom Gesicht wischt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf dem Weg zum Fluss, dem ich komischerweise bisher noch gar nicht begegnet bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dahin suche ich ein Nagelstudio, das ich im Internet gefunden habe, aber das gibt es nicht mehr. Das Lokal steht leer. Dann treffe ich zuf\u00e4llig noch auf ein zweites, aber das ist zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe schnurstracks geradeaus, immer weiter geradeaus. Der Weg ist doch weiter, als ich gedacht habe. Ich komme am <em>Kiosko<\/em> <em>Los Gringos<\/em> vorbei und gerate dann auf einen Teil der San Mart\u00edn, wo gar nichts los ist. Die f\u00fchrt am Ende aber direkt auf den Fluss zu und auf eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke der kompakten Art, auf der <em>R\u00edo Suqu\u00eda<\/em> steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluss, halb kanalisiert, f\u00fchrt mehr Wasser, als man meinen k\u00f6nnte und hat eine starke Str\u00f6mung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite kann man sch\u00f6n spazieren gehen. Hier hat man breite Radwege und daneben einen ebenso breiten Weg f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4nger angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand wachsen Johannisbrotb\u00e4ume \u2013 die mich immer an Antwerpen und das Rechnen in Karat erinnern \u2013 und B\u00e4ume mit roten Bl\u00fcten, die jetzt reihenweise runterfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus blickt man gleich auf die beiden n\u00e4chsten Br\u00fccken. Die erste ist eine Br\u00fccke f\u00fcr den Autoverkehr, die so aussieht wie eine moderne R\u00f6merbr\u00fccke. Die n\u00e4chste ist wieder eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, elegant, ganz in Wei\u00df. Erinnert ein bisschen an die <em>Puente de la Mujer<\/em> in Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ergibt sich ein Blick auf ein unbekanntes C\u00f3rdoba. Hinter den wei\u00dfen Streben der Br\u00fccke sieht man auf eine Reihe von modernen Hochh\u00e4usern, teils sehr originell. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die wei\u00dfe Br\u00fccke komme ich wieder auf die andere Seite, zu einem kleinen Park. Hier sitzt ganz verloren ein einzelner Mann, der ein Buch liest. Am Rande des Parks steht eine B\u00fcste. Wer k\u00f6nnte das wohl sein? Mozart! So ziemlich der letzte, mit dem ich hier gerechnet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht wieder zur\u00fcck in die Innenstadt und zu dem kleinen Caf\u00e9 mit dem guten Kaffee. Wieder gibt es ein zweites Teilchen dazu, als Sonderangebot. Das ist mir aber zu viel. Ich nehme es mit und dr\u00fccke es einem Rollstuhlfahrer in die Hand, der am Stra\u00dfenrand sitzt. Nimmt er gerne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich die Adresse eines weiteren Nagelstudios gefunden. Dort fragt man mich, f\u00fcr welchen Tag ich einen Termin machen wolle. Heute. Geht tats\u00e4chlich. Ich muss lange warten und ordentlich in die Tasche greifen, aber der Mann macht seine Sache gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wartesaal klagt eine Frau dar\u00fcber, wie&nbsp; sehr die st\u00e4dtischen Abgaben gestiegen sind. Man lasse sich hier die F\u00fc\u00dfe machen, und die Stadt schneide einem die Beine ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Frau erz\u00e4hlt von ihrer bevorstehenden Reise in den S\u00fcden. Sie f\u00e4hrt mit einer Reisegruppe, 22 Tage, die erste Station ist Bariloche.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich fertig bin, mache ich mich auf den Weg zu <em>La Ca\u00f1ada<\/em>. Das ist eine Promenade, die man entlang des gleichnamigen Baches angelegt hat. Es flie\u00dft zwar Verkehr zu beiden Seiten, aber der Weg ist trotzdem sch\u00f6n, wegen des Wassers und der Br\u00fccken, vor allem aber wegen der B\u00e4ume, der Tipas. Die finden in diesen Breiten oft Verwendung als schattenspendende Stra\u00dfenb\u00e4ume. Sie haben leuchtend gelbe Bl\u00fcten, aber die bl\u00fchen nur ganz kurz im Sp\u00e4tsommer. Ich bin zu fr\u00fch dran. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich \u00fcber die hohen Ufermauern f\u00fcr so einen kleinen Fluss wundern, aber in der Fr\u00fchzeit von C\u00f3rdoba ist die Stadt immer wieder von \u00dcberschwemmungen betroffen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo am Stra\u00dfenrand sehe ich eine merkw\u00fcrdige Skulptur. Da scheint ein spanischer Eroberer der fr\u00fchen Neuzeit eine Zeitung zu lesen. Irgendwas stimmt hier nicht, das ist ein Anachronismus. Entweder ist der Mann nicht, der er scheint, oder es ist keine Zeitung. Auf dem gro\u00dfformatigen Titelblatt steht <em>La Voz del Interior<\/em>. H\u00f6rt sich nach Zeitung an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder im Zentrum wechsle ich noch einmal Geld, wieder dasselbe Prozedere, und mache dann noch einen kleinen Einkauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend noch mal rausgehe, merke ich, dass gleich im Nachbargeb\u00e4ude ein Nagelstudio ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Junior B<\/em> bin ich noch zu fr\u00fch. Die haben erst ab 20 Uhr wieder eine vollst\u00e4ndige Speisekarte. Also komme ich doch noch in den Park, den <em>Parque Sarmiento<\/em>, der eigentlich f\u00fcr heute auf dem Plan stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder geht es zur <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em>. Dahinter verbirgt sich der Eingang oder einer der Eing\u00e4nge zu dem Park.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist so gro\u00df, dass er von mehreren breiten Stra\u00dfen durchschnitten wird. Der gro\u00dfe gedrechselte Turm, den man von weitem sieht und der als Orientierungspunkt dient, ist, wie ich sp\u00e4ter lese, ein moderner Leuchtturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang zum Park hat man eine ganze Reihe gro\u00dfer, eiserner Ringe in den unterschiedlichsten Farben aufgestellt, in kleinen, immer neuen Gruppen. Durch jeden Ring kann man auf jede Menge anderer Ringe blicken. Sehr gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Park hat stillere und lautere Teile. Zu den stilleren z\u00e4hlt ein Rosengarten, zu den lauteren ein Platz mit Karussells. In einem sind die Karussellfahrer an den Rand einer gro\u00dfen Sch\u00fcssel angebunden, und diese Sch\u00fcssel, schr\u00e4g gestellt, bewegt sich in unvorhersehbarer Weise mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dazu bewegt die Sch\u00fcssel sich noch auf und ab, h\u00fcpft auf der Stelle oder macht B\u00f6gen. Da wird einem schon beim Zuschauen ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke gerade Wasser, und da kommt ein k\u00fcnstlicher See in Sicht. Hier kann man es gut aushalten. Aber die sch\u00f6ne h\u00f6lzerne Br\u00fccke ist gesperrt und verhindert, dass ich auf die andere Seite komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe eine der Stra\u00dfen runter. Es sind fast nur junge Leute unterwegs, vermutlich Studenten. Viele in Sportkleidung, zum Joggen oder Gehen. Trotz der Temperaturen. Es sind immer noch 31\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4llt mein Blick auf die B\u00e4ume. Die haben gelbe Bl\u00fcten. Sollte ich doch noch auf die Tipas gesto\u00dfen sein?&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht\u2019s ins <em>Junior B<\/em>. Die junge Kellnerin fragt mich, woher ich komme. Und wie meine Reiseroute ist. Es stellt sich heraus, dass sie selbst noch nie in Buenos Aires war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist in Ordnung, aber nichts im Vergleich zu dem Essen vom letzten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aufbreche, bin ich schon der letzte Gast. Erst als ich an der T\u00fcr stehe, sehe ich es: Es regnet! Und wie! Sturzflutartig. Es sch\u00fcttet und sch\u00fcttet. Das Wasser kann nicht ablaufen, steht auf Stra\u00dfen und&nbsp; B\u00fcrgersteigen. Die Frau vor mir, die sich am Eingang Unterschlupf gesucht hat, nimmt ihren einen Hund auf den einen Arm und den anderen auf den anderen und watet durchs Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df gar nicht, in welche Richtung ich gehen soll, und bald verliere ich in der Dunkelheit die Orientierung. Die Leute lachen oder sch\u00fctteln den Kopf, springen \u00fcber die Pf\u00fctzen, stehen hilflos davor oder waten einfach hindurch. Zu Hause angekommen, bin ich v\u00f6llig durchn\u00e4sst, von Kopf bis Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>24. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof gibt es keine Information dar\u00fcber, wo die Busse abfahren. Nach mehreren Anl\u00e4ufen erfahre ich, dass es irgendwo auf den Haltebuchten 2-12 nach Salta geht. Aber da tut sich nichts. Die geplante Abfahrtszeit r\u00fcckt n\u00e4her, immer noch kein Bus in Sicht. Im Vor\u00fcbergehen h\u00f6re ich, wie eine Frau im Gespr\u00e4ch mit einer anderen das Wort <em>Salta<\/em> erw\u00e4hnt. Volltreffer! Sie wartet auch auf den Bus nach Salta. Erleichterung stellt sich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich kommt der Bus kurz danach in den Bahnhof eingefahren. Ein \u00e4lteres Modell, ohne Steckdosen oder Internetzugang.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange der Strom reicht, kann ich in meinem neu erworbenen elektronischen Reisef\u00fchrer lesen. Dort steht, dass es im Norden Argentiniens im Sommer viel regnet, im Winter aber kaum. Je mehr ich lese, umso mehr spricht mich der Norden Argentiniens an. Vielleicht sollte ich mir die langen Reisen in den S\u00fcden ersparen. Von zu Hause kommt Best\u00e4tigung, von kompetenter Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 14.00, nach vier Stunden Fahrt, machen wir eine Pause an einem unscheinbar aussehenden Rastplatz mitten in der Wildnis. Es gibt sch\u00e4bige Toiletten und eine sch\u00e4bige Bar, aber daneben ist ein kleiner Laden, vor dem die Leute Schlange stehen. Nicht von ungef\u00e4hr. Hier hat man, auf kleinstem Raum, eine erstaunlich vielf\u00e4ltige Auswahl an Speisen, vom kleinen Snack bis zum vollst\u00e4ndigen Mittagessen. Als ich das merke und endlich an der Reihe bin, ist es fast zu sp\u00e4t, aber ich bekomme noch ein paar wunderbare <em>empanadas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Beschilderung direkt \u00fcber den Speisen erfahre ich jetzt, was <em>picadas<\/em> sind. Kleine, quadratische Fleischst\u00fccke, garniert mit Oliven und Gurken. Genau die hat es dieser Tage bei Sergio gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen wieder ein, und mit einem Mal \u00e4ndert sich die Landschaft: Es wird h\u00fcgelig, und es tauchen Stechpalmen, Dornb\u00fcsche und vor allem Kakteen auf. Es ist noch gr\u00fcn, aber zwischendurch sieht man Steine oder Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erreichen Ojo de Agua. Am Busbahnhof ein verrostetes Ortschild, und der Platz davor mit Lehmboden und Pf\u00fctzen. Hier steigt tats\u00e4chlich einer aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist einsam, weit und breit nichts zu sehen, nicht einmal Strommasten. Dann taucht am Wegesrand ein einzelnes Haus auf, mit dem Auto unter einem Sonnensegel. Wo gehen die Leute einkaufen, zur Schule, zur Arbeit, was machen sie, wenn sie krank sind?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Landwirtschaft ist der Boden vermutlich nicht fruchtbar genug, und f\u00fcr K\u00fche das Gel\u00e4nde zu uneben. Aber was ist mit Ziegen? Als ich das gerade \u00fcberlege, taucht tats\u00e4chlich eine Ziegenherde auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus f\u00e4ngt es zwei Sitze vor mir an zu tr\u00f6pfeln, vom Gep\u00e4ckfach runter. Die beiden Passagiere nehmen Zuflucht nach hinten. Der gutm\u00fctige Busfahrer beruhigt. Das sei nur die Klimaanlage. Die muss allerdings tats\u00e4chlich Schwerstarbeit leisten. Die Temperatur wird auf 19\u00b0 runtergefahren. Die anderen h\u00fcllen sich alle in Decken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist eng, aber gut. \u00dcberholen ist hier ein Kinderspiel. Man kann meilenweit sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entdecke ich endlich eine Entfernungsangabe, nach 7 Stunden Fahrtzeit: Salta 469 km!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf Santiago zu. Pl\u00f6tzlich Wasser auf der Stra\u00dfe. Regnet es? Nein. Das ist immer noch der Regen von gestern. In der tiefer liegenden Dorfstra\u00dfe, die parallel zu unserer verl\u00e4uft, hat sich das Wasser so gestaut, dass es praktisch einen See bildet. Hier schwimmen und tollen und springen die Kinder des Dorfes, als wenn es ein Schwimmbad w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Santiago kommt in Sicht und mit ihm ein hochmodernes Fu\u00dfballstadion, das wie eine Raumf\u00e4hre aussieht. Auf das Stadion f\u00fchrt eine moderne rote Bogenbr\u00fccke zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist auch der Busbahnhof modern, aber es ist fast nichts los. Der Zubringer zum Busbahnhof weist jede Menge Bodenwellen auf, solche, die zum langsamen Fahren auffordern. Die hei\u00dfen hier <em>Lomadas<\/em>. So steht es auf den Warnschildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter, und ich wei\u00df jetzt, dass auch Argentinien ein Santiago hat, nicht nur Spanien und Chile und Kuba.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es dunkel und der Regen setzt ein. Der bleibt uns bis Salta erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder, wenn man mal ein Licht in der Ferne sieht, hofft man, dass es Salta sein m\u00f6ge, aber es ist immer nur eine Fata Morgana.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf eine breite, hell erleuchtete Stra\u00dfe. Aber nichts von einer Stadt zu sehen. Bis wir um eine Kurve fahren, und da liegt sie, unter uns, die hell erleuchtete Stadt. Ein wunderbares Bild, das man aber nur wenige Sekunden genie\u00dfen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist er da, der Busbahnhof. Ebenfalls hell erleuchtet. Ankunft um 1.00 Uhr, nach 15 Stunden Busfahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es nicht nur hell, es ist auch noch richtig Betrieb. F\u00e4hrg\u00e4ste, Busse, Nachtschw\u00e4rmer, Verk\u00e4ufer. Um ein Taxi zu bekommen, muss man sich sogar in die Schlange stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ankunft an der Unterkunft nur das obligatorische Herumfummeln an der Schl\u00fcsselbox. Aber die \u00f6ffnet sich dann doch, und ich betrete ein gro\u00dfes, bestens ausger\u00fcstetes Apartment.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Platz von Salta hei\u00dft <em>Plaza 9 de Julio<\/em>. Dort in der N\u00e4he ist praktisch alles, was es hier zu sehen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt am Platz die Kathedrale, das Erzbisch\u00f6fliche Palais und das <em>Cabildo<\/em>. Die Kathedrale hat eine auff\u00e4llige, rosafarbene Fassade. Das <em>Cabildo<\/em>, wei\u00df, mit zwei Stockwerken und Arkaden, \u00e4hnelt dem von C\u00f3rdoba, ist aber nicht so sch\u00f6n. Das erzbisch\u00f6fliche Palais hat einen besonders sch\u00f6nen Holzbalkon.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein paar Schritte davon entfernt befindet sich die auff\u00e4llige <em>Iglesia de San Franciso<\/em>. Sie sieht \u00fcberhaupt nicht wie eine Franziskanerkirche aus, ist reich dekoriert und hat einen Campanile. Die Frontseite der Kirche ist mit Ornamenten \u00fcberladen. Die betonte Vertikalit\u00e4t der Kirche nimmt ihr etwas von ihrer Schwere.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wende mich praktischen Dingen zu und erkundige mich bei einem Tourenveranstalter nach dem <em>Tren a las Nubes<\/em>, <em>der<\/em> Attraktion von Salta. Leider ist der inzwischen zu einem Opfer der Technik und der Tourismusindustrie geworden. Luxuri\u00f6se Ausstattung statt der alten Holzsitze, astronomische Preise und eine lange Anreise mit dem Bus, da der Gro\u00dfteil der Eisenbahnstrecke nicht mehr genutzt wird. So f\u00e4hrt man gerade mal 25 Kilometer \u00fcber Schienen. Der Tagesausflug dauert 14 Stunden und kostet 179 $, mit Aufschlag bei Bezahlung mit Kreditkarte und zus\u00e4tzlichen Kosten f\u00fcr das Mittagessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst bei gutem Willen w\u00e4re es jetzt schwer, etwas zu buchen, denn der Zug f\u00e4hrt nicht jeden Tag und f\u00fcr den kommenden Dienstag, der n\u00e4chsten Gelegenheit, ist ein Streik angesagt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau der Zugstrecke war einst ein Riesenprojekt. Es verfolgte das ambitionierte Ziel, die Anden auf dem Schienenweg zu \u00fcberwinden, um den Stillen Ozean zu erreichen. Verwegene M\u00e4nner machten sich 1921 mit einem Lastwagen und drei Fords auf den alten, von&nbsp; Lamatreibern seit Jahrhunderten benutzten Weg und erreichten nach knapp einem Monat den Hafen von Antofagasta. Die Machbarkeit des Projekts war bewiesen. Der Bau der Eisenbahn dauerte dann aber noch 27 Jahre. Die Strecke wies 1328 Kurven, 42 Br\u00fccken und 21 Tunnel auf. Unter den Bauarbeitern befand sich ein Mann namens Josip Broz. Den lernte man sp\u00e4ter als <em>Tito<\/em> kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den vielen Museen Saltas suche ich mir ein ganz spezielles heraus, eins, das eigens f\u00fcr sein wichtigstes Exponat gebaut worden ist. Es befindet sich auch an der <em>Plaza 9 de Julio<\/em>. Es beherbergt die Mumien von drei Inka-Kindern. Die Kinder waren Opfer von rituellen T\u00f6tungen, wie die Inka sie vornahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mumien, zwei M\u00e4dchen und ein Junge, wurden 1979 gefunden, in 6.700 Metern H\u00f6he, in Llullaillaco. Der eine Wortteil bedeutet \u201aWasser\u2018, der andere \u201aL\u00fcge\u2018. Damit wurde auf das Wasser verwiesen, das nicht nat\u00fcrlich flie\u00dft, sondern sich zu Beginn des Sommers aus dem Eis l\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum wird im Wechsel immer nur eine der Mumien ausgestellt, ganz am Ende der Besichtigung. Vorher gibt es Gegenst\u00e4nde, die mit den Riten in Zusammenhang stehen und Erkl\u00e4rungen zu dem Ablauf des Ritus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder werden, zusammen mit Priestern, auf eine lange Reise geschickt, von ihren D\u00f6rfern aus nach Machu Picchu. Dort werden sie, unter rhythmischen Ges\u00e4ngen, rituell verheiratet, die Tochter eines Dorf\u00e4ltesten mit dem Sohn eines Dorf\u00e4ltesten aus einer anderen Gegend. Das schwei\u00dft die D\u00f6rfer zusammen und st\u00e4rkt den Zusammenhalt des riesigen Reichs.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg d\u00fcrfen sie nicht den <em>Camino Real<\/em> benutzen. Sie m\u00fcssen immer geradeaus gehen und dabei alle nat\u00fcrlichen Hindernisse \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer Heimat angekommen, werden den Kindern festliche Kleider angelegt. Sie bekommen Chicha zu trinken, bis sie schlafen. Dann werden sie, mit reichen Grabbeigaben, bestattet. Wie genau sie zu Tode kommen, wird hier im Museum an keiner Stelle explizit gesagt. Werden sie etwa lebendig begraben?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Inka sind die Kinder nicht tot, sondern in das Reich ihrer Vorfahren ausgewandert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist hier unter anderem ein Umhang, aus einem Teil gewebt, \u00e4rmellos, der einem der Kinder um die Schulter gelegt worden war, als Opfergabe. Er tr\u00e4gt auf Dutzenden von Quadraten immer die gleiche Glyphe. Deren Bedeutung ist wohl nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonders interessantes Ausstellungsst\u00fcck ist ein kleines R\u00f6hrchen mit einem S\u00e4ckchen. Durch dieses R\u00f6hrchen nahm man Coca zu sich. Bei zweien der Kinder wurden Spuren von Coca an den Lippen und im Mund gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Coca hatte rituelle und magische Funktionen, aber auch kurative. Und wurde als W\u00e4hrung benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den anderen Grabbeigaben sind sehr sch\u00f6n gestaltete, feine Keramikgef\u00e4\u00dfe und Textilien aus Alpakawolle. Au\u00dferdem zu sehen ist eine Art eisernes Diadem, das eins der M\u00e4dchen um die Stirn trug sowie &nbsp;die symbolische Darstellung einer Karawane von Lamas.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Grabbeigaben geh\u00f6ren auch Figuren, die die Kinder mit sich trugen und die sie selbst darstellten, schon f\u00fcr die rituelle Verheiratung ausger\u00fcstet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Inkareich war zentralistisch, es wurde zusammengehalten durch das Ketschua als gemeinsame Sprache, durch ein ausgefeiltes Zahlensystem und durch die rigorose Kontrolle der D\u00f6rfer durch den Zentralstaat. Das Wohlergehen der Bev\u00f6lkerung beruhte auf erfolgreicher Viehzucht und auf der k\u00fcnstlichen Bew\u00e4sserung von Feldern. Letztlich sicherten sich die Inka aber ihre f\u00fchrende Position auch durch die fast vollst\u00e4ndige Ausmerzung aller Spuren der vorherigen Kulturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schluss der Ausstellung sieht man die Mumie des Jungen, in Hockstellung, so dick eingekleidet, dass man vom K\u00f6rper kaum etwas sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge war 7 Jahre alt, die M\u00e4dchen 6 bzw. 15 Jahre alt. Zwei von ihnen hatten eine konische Kopfdeformation, was als Zeichen des elit\u00e4ren Standes galt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle wurden in gleicher Himmelsrichtung begraben, nur eine Mumie war in der Richtung der aufgehenden Sonne begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge hatte kurzes Haar, auch ein Statussymbol, die M\u00e4dchen hatten langes Haar, zu Z\u00f6pfen geflochten.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der M\u00e4dchen war quasi geschminkt, hatte rotes Farbpigment auf einigen Stellen des Gesichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss erf\u00e4hrt man noch, dass eine der Mumien nachtr\u00e4glich vom Blitz getroffen wurde und teils verkohlt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr des Museums f\u00fchrt einen aus dieser fremden, aber faszinierenden, r\u00e4tselhaften Welt in die vertraute moderne Welt und die Hitze des argentinischen Sommers. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>26. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Cerro de San Bernardo<\/em> ist mehr Berg als H\u00fcgel, und man muss sich fragen, wie man dorthin gelangt: Taxi, Seilbahn, zu Fu\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Noch im Zentrum frage ich einen Mann nach dem Weg, der vor seiner Haust\u00fcr das Auto w\u00e4scht. Er stellt sofort den Schlauch ab, wendet sich in die richtige Richtung und erkl\u00e4rt mir den Weg. Als er h\u00f6rt, woher ich komme, sagt er, Zverev sei gestern im Endspiel gewesen. Und: Gewonnen? Nein, verloren. Gegen Sinner.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Deutschen, meint er, k\u00f6nne man sich verlassen. Wenn sie sagen, sie kommen am Freitag, dann kommen sie auch am Freitag.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Auto, das er gerade w\u00e4scht, ist er mit seiner Freundin durch ganz Patagonien gefahren. Von hier aus. Und durch Bolivien. Da sei es so hei\u00df gewesen, dass sie die Fahrt vorzeitig h\u00e4tten abbrechen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Auto sei man flexibel. Wenn sie irgendwo ankommen, wo sie bleiben wollen, dann bleibe er im Auto sitzen und seine Freundin mache sich auf die Suche nach einem Hotel. Im M\u00e4rz geht es nach Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Altersunterschied zwischen ihm und seiner Freundin betrage 34 Jahre. Sehr&nbsp; zu empfehlen. Bei seinen Eltern habe der Altersunterschied 25 Jahre betragen. Gl\u00fcckliche Ehe, f\u00fcnf Kinder und 50 Jahre verheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt mich nach meinem Alter. Er ist \u00e4lter, 78, was man ihm wirklich nicht ansieht. Jeden Morgen danke er Gott f\u00fcr seine Gesundheit. Vor allem f\u00fcr seine geistige Gesundheit. Er werde lieber im Rollstuhl sitzen als geistig verwirrt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er von meinen weiteren Reisepl\u00e4nen erf\u00e4hrt, erz\u00e4hlt er, er selbst stamme urspr\u00fcnglich aus Jujuy. In Santiago, der Hauptstadt, habe sein Vater den Balkon des Rathauses entworfen. War der Architekt? Nein, Kunstlehrer. Ich verspreche ihm, auf den Balkon zu achten, wenn ich dorthin komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst ist Arzt. Das alles hier \u2013 mit einer auslandenden Bewegung weist er hinter sich \u2013 geh\u00f6re ihm. Ich k\u00f6nne jederzeit kommen, wenn ich etwas br\u00e4uchte oder etwas wissen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg und muss mich anstrengen, bei dem Abschied meine R\u00fchrung nicht zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf kommt mir eine alte Frau entgegen, einen ledernen Wassereimer schleppend. Sie bittet mich, ihr beim Tragen zu helfen. Der Eimer ist richtig schwer, ich verstehe gar nicht, wie sie den \u00fcberhaupt hat tragen k\u00f6nnen. Ich muss immer wieder absetzen. Wozu sie denn das Wasser brauche, frage ich. Um sich den Kopf zu waschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinten, an dem Baum, sagt sie, da m\u00fcssen wir hin. Ich bleibe vor einem Hauseingang stehen, aber sie sagt, noch ein St\u00fcckchen weiter. Dann kommen wir zu einer Stelle, wo die H\u00e4userwand ein bisschen zur\u00fcckspringt, und jetzt geht mir ein Licht auf. Da steht ein Einkaufswagen voller alter Klamotten. Sie ist obdachlos. Am Ende bittet sie noch sehr h\u00f6flich um eine kleine Spende.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die Stra\u00dfe immer weiter runter bis zur <em>Plaza San Mart\u00edn<\/em>. Die habe ich bisher noch gar nicht gesehen. Sie ist riesig, so gro\u00df, dass man sie gar nicht als einheitlichen Platz wahrnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Platzes ein gro\u00dfer Park. Hier herrscht Feiertagsstimmung, spielende Kinder, Imbissst\u00e4nde, Sonntagsspazierg\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes die Seilbahn. Eine lange Schlange und hohe Preise. Ich nehme stattdessen ein Taxi.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der <em>Cerro San Bernardo<\/em> ein Berg und kein H\u00fcgel ist, merkt man bei der Auffahrt. Einen gro\u00dfen Bogen drehend, scheinbar von der Route abkehrend, fahren wir in gro\u00dfen Schleifen rauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor der Ankunft fragt mich der Taxifahrer, woher ich k\u00e4me. Daraufhin sagt er: \u201eSprechen Sie Deutsch?\u201c Es stellt sich heraus, dass seine Frau Deutsche ist. Aus der N\u00e4he von M\u00fcnchen. Er hat offensichtlich Freude daran, seine paar Brocken Deutsch an den Mann zu bringen und winkt mir noch mal zu, als er abf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Cerro San Bernardo<\/em> ist eigentlich nichts Besonderes, oben gibt es das typische touristische Angebot. Die Anlage ist ein bisschen zu h\u00fcbsch f\u00fcr meinen Geschmack. Der k\u00fcnstliche Wasserfall, der in verschiedenen Stufen hier herunterf\u00e4llt, ist aber sehenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seite eine moderne Skulptur. San Bernardo. Aber was f\u00fcr ein San Bernardo ist das? Auf dem Sockel steht <em>San Bernardo de Claraval<\/em>. Nie geh\u00f6rt. Es dauert etwas, bis der Groschen f\u00e4llt. Das ist Bernhard von Clairvaux!<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich steht der im Zusammenhang mit dem Namen der Berges. Aber das scheint eine nachtr\u00e4gliche Angleichung zu sein. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Name <em>Bernardo<\/em>, so bedeutend f\u00fcr Salta, aus einem Missverst\u00e4ndnis resultiert. Es ging um einen deutschst\u00e4mmigen Architekten, der gar nichts von einem Heiligen hatte. Aber irgendwer soll irgendwann <em>San Bernardo<\/em> geh\u00f6rt haben statt <em>Don Bernardo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Aussichtsplattform steht ein gro\u00dfes h\u00f6lzernes Kreuz und an anderer Stelle ein eiserne kreuztragende Christusfigur.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick nach unten macht einen baff: Salta ist riesig. Sieht zumindest so aus. Beinahe das ganze Tal vor der fast durchg\u00e4ngigen Bergkette ist bebaut. Man erkennt bestens die Schneisen zwischen den H\u00e4usern, die die geradlinig verlaufenden Stra\u00dfen bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Altstadt muss man geradezu suchen. Sie nimmt nur einen kleinen Raum ein. Man sieht T\u00fcrme und Kuppeln, aber identifizieren kann ich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Den R\u00fcckweg will ich zu Fu\u00df machen, aber nicht \u00fcber die Stra\u00dfe, das w\u00e4re zu weit. Es gibt eine Treppe. Aber wo ist die? Gar nicht so leicht zu finden. Aber die Leute sind alle sehr hilfsbereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht Stufen aus gro\u00dfen, unregelm\u00e4\u00dfigen Steinbl\u00f6cken runter. Etwas beschwerlich, aber dann geht die Treppe in einen Lehmweg \u00fcber, der sanft nach unten f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es ziemlich einsam. An einer Abzweigung, die nicht ausgeschildert ist, nehme ich einfach den Weg, der nach unten f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann komme ich an einen Wachturm. Eine Polizistin erscheint. Durchgang verboten. Ich m\u00fcsse zur\u00fcck und an dem Gatter rechts.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Gatter geht es nicht rechts. Nur geradeaus und links. Aber man kann rechts an dem Gatter vorbei. Der Weg zieht sich hin, nur ganz gelegentlich kommen mir Spazierg\u00e4nger entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer Stelle aus hat man einen wunderbaren Blick &nbsp;in die Tiefe. Das Gegenteil von dem Blick von vorher. &nbsp;Hier ist kein einziges Haus zu sehen. Nur eine Stra\u00dfe, die sich den Berg hinauf windet. Sonst nur unber\u00fchrte Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen mir zwei sportliche junge Erwachsene entgegen. Nein, sagen sie, hier sei ich v\u00f6llig falsch. Der Weg f\u00fchre nirgendwo hin, nur auf einen anderen Berg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe mit ihnen zur\u00fcck, schnellen Schritts. Das tut mir gut. Sie glauben, dass ich in Argentinien lebe und wundern sich, dass ich nur so als Reisender hier unterwegs bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir wieder auf dem <em>Cerro San Bernardo<\/em>. Sie zeigen mir, wo ich lang muss. Erst ein kleines St\u00fcck die Stra\u00dfe entlang, dann die Treppe runter. Die ist wie die von vorher. Muskelkaterf\u00f6rdernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter man nach unten kommt, umso mehr Wanderer kommen einem entgegen. Sie haben die Zeit abgewartet, wo es k\u00fchler wird. Einige joggen sogar die Treppe rauf. Alle Achtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleines M\u00e4dchen l\u00e4uft wie eine Gazelle die Treppe rauf, der Familie vorauseilend. Sie ruft ihnen zu, sie sollen kommen. Die Eltern folgen m\u00fchsam, und das Schwesterlein, einen Teddyb\u00e4ren in der Hand, sagt: Ich kann nicht mehr!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit weichen Knien kommt man unten an. Wo die Beine den ebenen Weg \u00fcber den Asphalt sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Park steht, auf einem hohen Sockel, als Reiterdenkmal, die triumphale Statue des Helden von Salta, hier als <em>Nationalheld<\/em> apostrophiert: Mart\u00edn Miguel de G\u00fcemes, einer der Helden der Revolution. Nach ihm sind Stra\u00dfen und St\u00e4dte benannt. Er ist jedem argentinischen Schulkind bekannt, als <em>El Gaucho<\/em>. Von einem Gaucho hatte er selbst nicht viel, er stammte aus einer wohlhabenden Familie, aber seine Eltern hatten eine Rinderfarm. Und im Befreiungskrieg f\u00fchrte er ein Heer von Gauchos an, die keine ausgebildeten Soldaten waren. Stoff f\u00fcr Legenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit des Denkmals sind die ledernen Lappen an beiden Flanken des Pferdes, vermutlich als Schutz gegen St\u00f6\u00dfe von Kuhh\u00f6rnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt gibt es zwei au\u00dfergew\u00f6hnliche B\u00e4ume zu sehen. Einer hei\u00dft <em>molle<\/em>, hat kleine rote Fr\u00fcchte und Bl\u00e4tter, die ein Aroma entwickeln, wenn man sie zwischen den Fingern reibt. Aus den Fr\u00fcchten wird Paprika gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere hat einen bauchigen, flaschenartigen Stamm. Erinnert mich an einen Baum, den ich in Kuba als <em>palmera pre\u00f1ada<\/em> kennengelernt habe, \u201aschwangere Palme\u2018. Dieser hier, volkst\u00fcmlich als <em>palo borracho<\/em> bekannt, \u201abetrunkener Stock\u2018, hat einen Stamm, der \u00fcber und \u00fcber mit Dornen besetzt ist. Zwischen den Dornen schimmert die gr\u00fcne Farbe des Stammes durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann setzt, wie fast zu erwarten war, der Regen ein. Aber diesmal komme ich noch einigerma\u00dfen ungeschoren davon.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mango, die es beim Fr\u00fchst\u00fcck gibt, z\u00e4hlt zu dem Leckersten, was ich auf der ganzen Reise gegessen habe. L\u00e4sst sich nicht so leicht sch\u00e4len und hat einen dicken Stein, aber der Rest entsch\u00e4digt daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe schlecht geplant. Heute sind alle Museen geschlossen. Und von denen gibt es einige in Salta.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alternative geht es nach San Lorenzo. Der Bus kommt genau in dem Moment, wo ich die Haltestelle erreiche. Aber man braucht eine Karte, von der der Fahrpreis abgebucht wird. Hab ich nicht. Sofort bietet mir eine junge Frau an, mich auf ihrer Karte mitzunehmen. Anfangs will sie nicht einmal den Fahrpreis daf\u00fcr annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand ein Schild mit der Aufschrift <em>Todo el mundo cree en algo, yo creo que tomar\u00e9 otra taza de caf\u00e9.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur <em>Quebrada de San Lorenzo<\/em>. Das ist die letzte Haltestelle, und ich bin inzwischen der einzige im Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Was eine <em>quebrada<\/em> ist, ist gar nicht so leicht zu sagen. Bezeichnet einerseits eine Schlucht, andererseits den Bach, der durch die Schlucht flie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum macht man sich auf den Weg, schon kommt man in eine v\u00f6llig ver\u00e4nderte Landschaft. Au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6n: ein wilder, rauschender Bach, der sich seinen Weg zwischen den Felsen und \u00fcber die Steine entlang sucht, moosbewachsene B\u00e4ume, Felsbrocken, frische Luft und Pfade, die kaum als solche auszumachen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo st\u00f6\u00dft man auf eine kleine h\u00f6lzerne Br\u00fccke, aber auf der anderen Seite gibt es keinen Pfad. Man muss wohl oder \u00fcbel an einer anderen Stelle durch den Bach, ohne Br\u00fccke. Das wird ganz unterschiedlich bewerkstelligt. Einige balancieren artistisch \u00fcber \u00c4ste oder Steine, andere ziehen die Schuhe aus und waten durchs Wasser. Denen schlie\u00dfe ich mich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite lande ich immer wieder in einer Sackgasse, probiere das eine oder andere aus, genie\u00dfe aber die sch\u00f6ne Umgebung. Irgendwann geht es steil bergauf, und man muss aufpassen, dass man auf dem feuchten Laub nicht ausrutscht und den Hang hinunterf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein ganz schmaler Pfad an einem Zaun entlang, steil aufw\u00e4rts, aber mir kommen zwei M\u00e4dchen entgegen, die abwinken: Da geht es nicht weiter. Es sind franz\u00f6sischsprechende Schweizerinnen. Sie f\u00fchren mich zu einer Stelle zur\u00fcck, wo man auf die andere Seite kommt. W\u00e4hrend sie wieder regelrechte Kunstst\u00fccke absolvieren, gehe ich einfach mit den Schuhen durchs Wasser. Die einfachste L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang zur Schlucht, wenn es sich denn um eine handelt, ist ein kleiner Kiosk. Davor schwirren Hunderte von Schmetterlingen in der Luft herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schild weist auf einen Baum hin: Da wachsen Tomaten dran, Wildtomaten vermutlich, die man gar nicht als Tomaten erkennen kann. Sehen eher wie Zitronen aus und f\u00fchlen sich auch so an. Der Baum hat einen kurzen Stamm, und an den \u00c4sten wimmelt es nur so von Tomaten. Die sollen eine ovale Form haben und ca. 100 Gramm wiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Kiosk gibt es einen Tee, der so schmeckt wie der Tee, der uns in der Kindheit als Medizin verabreicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal \u00fcberhaupt sehe ich Sonnenkollektoren, aber nur ein paar vereinzelte. Windr\u00e4der habe ich dieser Tage ein einziges Mal vom Bus aus gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Schild sto\u00dfe ich auf NOA, wie schon mehrmals zuvor. Das bezeichnet den Nordosten Argentiniens, <em>Noroeste Argentino<\/em>. Dazu geh\u00f6ren die Provinzen Salta, Tucum\u00e1n, Catamarca, Santiago und Jujuy, mein n\u00e4chstes Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt bin ich der einzige, der in den Bus einsteigt. Der Busfahrer sagt ganz gelassen, ich solle einfach einsteigen und sp\u00e4ter einen anderen Fahrgast bitten, mich mitzunehmen. So wird es dann auch gemacht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus hat rote Gardinchen mit Fransen an der Windschutzscheibe und am Spiegel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg f\u00e4llt mir auf einmal die breite Stra\u00dfe mit den gro\u00dfen Stra\u00dfenlaternen auf. Das muss die Stra\u00dfe sein, \u00fcber die ich nachts aus C\u00f3rdoba gekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>In Salta nehme ich ein Taxi zum <em>Mercado Artesanal<\/em>. Der befindet sich weiter drau\u00dfen. Auf der einen Stra\u00dfenseite gibt es Andenandenken aus China, alles Imitation.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite befindet sich ein wei\u00dfes Kolonialgeb\u00e4ude mit Arkaden und Innenhof. In dem Geb\u00e4ude befand sich fr\u00fcher die erste M\u00fchle von Salta, sp\u00e4ter eine Gerberei der Jesuiten. Hier ist alles echt. Es gibt Holzmasken und Figuren, Webarbeiten und Textilien aus Alpaka-, Lama- und Schafwolle. Hier wird man nicht angequatscht und zum Kauf aufgefordert und kann sich alles in Ruhe ansehen. Wenn im Koffer Platz w\u00e4re, w\u00fcrde ich gerne was mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen lasse ich das Geld in der Cafeteria des Marktes. Hier gibt es ein Gericht, das <em>salpic\u00f3n<\/em> hei\u00dft, hier in seiner bescheidensten Ausf\u00fchrung, ein Salat mit winzigen Fleischst\u00fcckchen. Dazu gibt es eine Limonade, aber nicht Limonade in unserem Sinne. Es ist frisch gepresster Zitronensaft mit Wasser und einigen Zutaten. Sehr lecker, hat einen s\u00fc\u00df-sauren Geschmack.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur\u00fcck zum Apartment und gehe sp\u00e4ter, nach einer Pause, noch einmal raus und sehe mich im Zentrum um, zuerst an der <em>Plaza San Mart\u00edn<\/em>. Dort ein weiteres Reiterdenkmal, aber nicht so aufwendig wie das f\u00fcr G\u00fcemes. Auf das Reiterdenkmal f\u00fchren Meilensteine zu, die Meilensteine in der argentinischen Geschichte, und das ist immer der Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, darstellen. Viele Schlachten, aber auch eine Begegnung von Belgrano mit San Mart\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es zum <em>Mercado Municipal<\/em>. Eine Zahn\u00e4rztin f\u00fchrt mich dorthin. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit. Die Praxis hat bis 21.30 ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist sehr besorgt, sagt mir, ich solle den Rucksack vorne tragen und das Handy in die Tasche stecken. Mit Hinblick auf meine Reiseroute sagt sie, sie selbst kenne auch den S\u00fcden Argentiniens nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich denn wisse, dass der <em>Mercado Municipal<\/em> abgebrannt sei. Nein, wann denn? Vor drei Monaten. Wie, und der steht schon wieder? Nein, nicht vollst\u00e4ndig, man sei noch mit den Aufbauarbeiten besch\u00e4ftigt. Der Grund f\u00fcr den Brand war eine defekte Elektroleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie liefert mich am Eingang zu dem Markt ab. Auf den ersten Blick sieht man nichts von dem Brand. Sp\u00e4ter komme ich in Teile des Marktes, die gesperrt sind. Dort stehen die L\u00e4den leer, und man sieht verru\u00dfte W\u00e4nde. Aber das Dach scheint vom Brand verschont geblieben zu sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht so aus, als w\u00e4re der Teil abgebrannt, in dem es die g\u00e4ngigen Lebensmittel gibt. Die sind in dem erhaltenen Teil kaum vertreten. Hier gibt es Spielzeug, Sonnenbrillen, Schirmm\u00fctzen, aber auch Gew\u00fcrzst\u00e4nde. Die sind der gro\u00dfe Renner. Alles lose, in kleinen S\u00e4ckchen pr\u00e4sentiert, mit den vielf\u00e4ltigen Farben der Gew\u00fcrze ein sch\u00f6ner Anblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Stand sehe ich drei gro\u00dfe S\u00e4cke, bis an den Rand mit Bl\u00e4ttern gef\u00fcllt. Sehen wie Lorbeerbl\u00e4tter aus. Was kann das sein? Ein Verk\u00e4ufer gibt die Antwort: Coca. Auch bei der Konkurrenz gibt es die zu Hauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verk\u00e4ufer haben wenige Kunden. Anders sieht es bei den Imbissst\u00e4nden und Restaurants aus. Dort ist m\u00e4chtig was los.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom <em>Mercado Municipal<\/em> aus f\u00fchrt die <em>Florida<\/em> Richtung <em>Plaza 9 de Julio<\/em>. Die <em>Florida<\/em> ist das Gegenst\u00fcck zur <em>San<\/em> <em>Mart\u00edn<\/em> von C\u00f3rdoba. Auch hier viel Volks unterwegs, auch hier viele Billigl\u00e4den und Stra\u00dfenverk\u00e4ufer. W\u00e4re nicht weiter erw\u00e4hnenswert, hat aber drei Dinge, die sie aufwerten: Laternen, B\u00e4nke, B\u00e4ume. Die B\u00e4nke werden auch flei\u00dfig benutzt, von Rentnern, die ein P\u00e4uschen einlegen, von Teenies, die ihre Handynachrichten austauschen und kichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Plaza 9 de Julio<\/em> findet eine Demonstration statt, klein, aber laut. Es sind Indios, die gegen ihre Behandlung protestieren. In dem Zusammenhang f\u00e4llt auch der Name Milei. Nicht unbedingt sehr schmeichelhaft, was \u00fcber ihn gesagt wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geb\u00e4ude um die <em>Plaza 9 de Julio<\/em> herum wirken heute sch\u00f6ner als vorgestern. Vielleicht liegt es am Licht. Die Fassade der Kathedrale mit ihrer ungew\u00f6hnlichen Farbe hat einen besonderen Reiz. Sie ist wohl Resultat einer nachtr\u00e4glichen Entscheidung, erst im 20. Jahrhundert aufgetragen worden. Der Bau stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ob die urspr\u00fcngliche Farbe Wei\u00df war?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale ist heute ge\u00f6ffnet. Es ist gerade Gottesdienst. Die B\u00e4nke im langen Mittelschiff sind gut gef\u00fcllt. Im Evangelium geht es um die Begegnung von Jesus mit den Schriftgelehrten im Tempel. Der Predigt zufolge werfen die ihm vor, vom Teufel besessen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das breite Mittelschiff gibt den Blick frei auf den prunkvollen, einer Monstranz gleichenden, fast die gesamte H\u00f6he des Chors einnehmenden Hochaltar. Ein Prachtexemplar, auch wenn man diese Art von Kunst nicht besonders mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch ein ganzes St\u00fcck ostw\u00e4rts, um mir den <em>Convento de San Bernardo<\/em> anzusehen, vor allem das Holzportal, das von indigenen K\u00fcnstlern aus Mahagoniholz geschaffen worden ist. Es befindet sich mitten in einer langen wei\u00dfen Mauer, die das Klostergel\u00e4nde umschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ner als das Tor ist der Blick zur\u00fcck auf die Silhouette der Stadt bei dem sanften Licht kurz vor Sonnenuntergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg lasse ich mich von einem Mann in ein Lokal locken, das noch fast leer ist. Er bietet mir eine Parrillada an, f\u00fcr 15.000 Pesos. Es lohnt sich, die Fleischplatte ist noch \u00fcppiger als die in C\u00f3rdoba, ich muss am Ende die Segel streichen. Als Appetith\u00e4ppchen gibt es eine <em>empanada salte\u00f1a<\/em> mit einer scharfen So\u00dfe und eingelegte Bohnen. Alles bestens. Da kann man Pommes und Salat links liegen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg \u00fcber die <em>Pueyrred\u00f3n<\/em> \u2013 es sind neun <em>cuadras<\/em> bis zu meiner Unterkunft \u2013 merke ich, dass die Stra\u00dfe eine echte Gastronomiemeile ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es dunkel ist, hat man keinerlei Bedenken, alleine durch die Stra\u00dfen zu gehen. Es sind viele andere unterwegs, und die Polizei ist auch vertreten. Einige Polizisten stehen einfach in der Gegend herum, wie fr\u00fcher bei uns die Schupos. Andere f\u00fchren Kontrollen durch. Sie haben aber nur betrunkene Autofahrer, keine betrunkenen Fu\u00dfg\u00e4nger im Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>28. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die argentinischen Geldscheine sind bunt und deshalb leicht zu unterscheiden, obwohl alle gleich gro\u00df sind. M\u00fcnzen sind nicht mehr in Gebrauch, weil ihr Wert einfach zu gering ist. Auch die kleinere Einheit existiert so gut wie gar nicht mehr. Der kleinste Schein ist der von 10 Pesos. Das ist gerade mal ein Cent bei uns. Der gr\u00f6\u00dfte Schein, auf den ich getroffen bin, ist der zu 20.000 Pesos, 20 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Vorderseite sind \u2013 bei den niedrigen Werten \u2013 Pers\u00f6nlichkeiten aus der Geschichte abgebildet, darunter eine Frau, Eva Per\u00f3n. Bei den h\u00f6heren Werten sind es Tiere. Auf der R\u00fcckseite Szenen aus der Natur und das Profil Argentiniens. Als Kontrast dazu ein Wolkenkratzer und der Aufmarsch eines Heers.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt entscheide ich, das Museum sausen zu lassen und mache einfach einen Spaziergang um die <em>Plaza 9 de Julio<\/em> herum. Das Wetter ist einfach zu sch\u00f6n. Ich mache Photos von den Palmen, dem Springbrunnen, den Laternen, den T\u00fcrmen, dem Reiterstandbild, alles vor dem blauen, wolkenlosen Himmel. Dann gibt es Photos von Glasfassaden der modernen B\u00fcrohochh\u00e4user, in denen sich die T\u00fcrme der Kirchen spiegeln. In der Kathedrale mache ich Photos vom Fu\u00dfboden und vom Hochaltar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich mit einem Mann ins Gespr\u00e4ch, der mit einem riesigen Palmzweig den Platz fegt. Ein Besen, der eine gro\u00dfe Fl\u00e4che mit einem Mal reinigt. Er l\u00e4sst gerne ein Photo von sich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch einen Kaffee in einem Stra\u00dfencaf\u00e9. Ich genie\u00dfe die ruhige morgendliche Atmosph\u00e4re des sch\u00f6nen Platzes. Auf dem R\u00fcckweg ist schon wieder ganz sch\u00f6n hei\u00df, 31\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Uber-Fahrer, der mich zum Busbahnhof bringt, hei\u00dft Walter. Das sei kein ungew\u00f6hnlicher Name hier, sagt er. Sein Bruder ist in Norwegen verheiratet. Da kann ich meine Schwester und meinen Neffen ins Spiel bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nach Jujuy, der n\u00f6rdlichsten Provinz Argentiniens. Jujuy grenzt an Bolivien und Chile, vor allem aber an die Provinz Salta, die es von zwei Seiten aus umfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Salta nach Jujuy gibt es eine abenteuerliche kurvenreiche Strecke, aber der Bus nimmt die einfachere, die gerade Strecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sieht man in der Ferne schwarz-gr\u00fcne Berge, bei denen nicht auszumachen ist, ob sie baumbestanden sind oder nicht. Entlang der Stra\u00dfe Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr. Die Landschaft ist immer noch gr\u00fcn, hat aber mehr trockene Flecken, an denen der Sandboden zum Vorschein kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Haltestelle dr\u00fcckt mir ein Verk\u00e4ufer ein Paket <em>empanadillas<\/em> in die Hand, und ich nehme eins, ohne Widerstand zu leisten. Sie sind gef\u00fcllt mit einer Frucht, die <em>chayote<\/em> hei\u00dft. Auf Deutsch <em>Chayote<\/em>. Nie geh\u00f6rt. Ist gr\u00fcnlich, sieht wie eine schrumpelige Paprika aus. Die <em>empanadillas<\/em> sind sehr s\u00fc\u00df und haben einen Zuckerguss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltestellen werden nicht ausgerufen, also verlasse ich mich auf den Fahrplan, der die Ankunft in Palpal\u00e1 f\u00fcr 14.28 vorsieht. Im letzten Moment sagt mir aber eine Frau, dies sei Perico. Warum wir Versp\u00e4tung haben, wei\u00df ich nicht. Wir sind p\u00fcnktlich abgefahren und glatt durchgekommen, und der Ein- und Ausstieg an den Haltestellen ist auch z\u00fcgig \u00fcber die B\u00fchne gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt sehe ich an einer H\u00e4userwand <em>Muerte a los chorros<\/em>. Wem hier der Tod gew\u00fcnscht wird, wei\u00df ich nicht. Auch das Internet hilft nicht so richtig weiter. Taschendiebe? Aber w\u00fcnscht man denen den Tod?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Palpal\u00e1 hat Evangelina eingeladen, eine alte Bekannte aus Mendoza, Retterin meines Handys und Geschichtslehrerin mit Kenntnissen vom Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat sogar Abholdienst am Busbahnhof angek\u00fcndigt, und tats\u00e4chlich \u2013 da steht sie. W\u00e4hrend ich auf meinen Koffer warte, sagt sie mir mit einer Bewegung des Kopfes, ich solle auf den Busfahrer achten. Der hat die Backe voll. Voller Coca.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist mit dem eigenen Wagen gekommen. Sie f\u00e4hrt langsam und unsicher und w\u00fcrgt den Wagen zweimal ab. Die nicht ganz transparenten Vorfahrtsregeln legt sie immer zu ihren Gunsten aus. Gl\u00fccklicherweise ist nicht viel Betrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat mehrmals um Verst\u00e4ndnis gebeten, dass alles bei ihr sehr bescheiden ist, aber das Haus ist ausgesprochen h\u00fcbsch, ein zweist\u00f6ckiges Haus mit viel Holz und einem kleinen Vorgarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch drinnen ist es sehr sch\u00f6n. Es gibt sogar einen Bogen, der zwei Teile des Wohnzimmers voneinander trennt. Das f\u00fchlt man sich fast wie in einer Villa.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat einen Hund, <em>Homero<\/em>, und der z\u00f6gert keinen Moment, seine feindselige Einstellung mir gegen\u00fcber kundzutun.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dr\u00fcckend hei\u00df, aber in den letzten Tagen, sagt Evangelina, habe es hier gro\u00dfe \u00dcberschwemmungen gegeben. Von denen sieht man aber nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ausgepackt habe, f\u00fchrt sie mich durch die Stadt. Palpal\u00e1 ist keine gewachsene Stadt, sondern eine Industriestadt, die aus dem Boden gestampft worden ist, nachdem man Eisenvorkommen entdeckt hat. Die Stadt ist reich gewesen, hat die besten Ingenieure Argentiniens angelockt und Wanderarbeiter aus Bolivien und Paraguay, ist der Stolz Argentiniens gewesen. Davon ist nichts \u00fcbriggeblieben. Die Eisenindustrie ist den Bach runtergegangen und durch nichts Ad\u00e4quates ersetzt worden. Es hat viel Abwanderung gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Spaziergang sieht man in erster Linie die Dekadenz, aber auch noch Zeichen der alten Pracht: Tennisplatz, Schwimmbad, Golfplatz, Kasino (Kasino wohl eher im Sinne von Festsaal als von Spielbank), ein gepflegter Park vor einem einstmals noblen Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an Einfamilienh\u00e4usern vorbei, in denen die Ingenieure und Verwalter wohnten. Deren H\u00e4user hatten immer gleich einen Bereich mit eigenem Bad f\u00fcr das Dienstm\u00e4dchen. Diese H\u00e4user wurden den Angestellten von dem Unternehmen (das wohl staatlich war) zur Verf\u00fcgung gestellt. Man wollte die besten Kr\u00e4fte anwerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur zeitlichen Einordnung erkl\u00e4rt Evangelina, der Boom habe so um 1945 eingesetzt, der Niedergang habe in den achtziger Jahren begonnen. Und was hat den Niedergang bewirkt? Die neoliberale Wirtschaft, der Versuch, ausl\u00e4ndische Investoren anzulocken und wohl auch der R\u00fcckgang der Eisenvorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat angefangen, zu tr\u00f6pfeln, und von einem auf den anderen Moment f\u00e4ngt es richtig an zu sch\u00fctten, und ein Gewitter zieht auf. Wir schaffen es nicht mehr, trockenen Fu\u00dfes nach Hause zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie aufschlie\u00dft, sehe ich, dass an ihrem Schl\u00fcsselbund <em>Rita<\/em> steht. Ja, erkl\u00e4rt sie, sie habe zwei Namen, die eine H\u00e4lfte ihrer Bekannten, Kollegen und Verwandten benutzten den einen, die andere H\u00e4lfte den anderen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend regnet es noch stundenlang. Aus der gesicherten Warte des Wohnzimmers ist es geradezu ein Spektakel, dem Klatschregen durch die offene T\u00fcr zum Garten hin zuzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt Evangelina von ihrer Arbeit. Sie ist an drei Schulen angestellt, f\u00e4hrt mit dem Bus von einer zur anderen und arbeitet an vier Tagen in der Woche bis 22.30. Das Wochenende, meint sie, gehe immer wie im Flug vorbei. Zur richtigen Erholung reiche es meistens nicht. Ganz nebenbei k\u00fcmmert sie sich auch noch um ihre alte Mutter, die hier ganz in der N\u00e4he wohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hat sie Sommerferien. Noch 2-3 Wochen. Dann geht es mit Sitzungen los, und bald darauf beginnt der Unterricht wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Sohn wohnt auch hier. Der ist aber im Moment mit Kumpeln in Brasilien unterwegs, mit einem Transporter. Sie haben schon dreimal eine Panne gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend f\u00e4hrt Evangelina zu ihrer Mutter. Homero liegt jaulend vor meiner Schlafzimmert\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Garten hat Evangelina auf einem Holzger\u00fcst Wein gepflanzt. Von dem vielen Regen sind die Bl\u00e4tter br\u00e4unlich geworden. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es Obst. Darunter Nektarinen. Die hei\u00dfen hier <em>pelones<\/em> und nicht <em>nectarinas<\/em> (Pfirsiche hei\u00dfen hier <em>duraznos<\/em> und nicht <em>melocotones<\/em>). Die Mandarine kann ich kaum erkennen, weil die Schale gr\u00fcn ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein echtes Spektakel sind die Kartoffeln, die Evangelina mir zeigt, drei oder vier verschiedene Arten, von denen kaum eine so aussieht wie unsere Kartoffeln. Kein Wunder. Schlie\u00dflich kommen die Kartoffeln aus den Anden. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat eine Besichtigung des <em>Teatro Mitre<\/em> organisiert, in Jujuy. Der offizielle Name des Ortes ist <em>San Salvador de Jujuy<\/em>, aber die meisten sagen einfach <em>Jujuy<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren mit dem Bus. Hier kann man die gleiche <em>Sube<\/em> benutzen wie in Buenos Aires. Sehr praktisch. Das ging in C\u00f3rdoba und Salta nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber eine mehrspurige Stra\u00dfe durch mehr oder weniger nichtssagende Landschaft. Parallel zur Stra\u00dfe ein breiter Radweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es nach Jujuy reingeht, sehe ich an einer H\u00e4userwand ein wunderbares Wortspiel, das in Spanien nicht (so richtig) funktionieren w\u00fcrde: <em>Ven Seremos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Jujuy passieren wir einen Fluss mit dem wunderbaren Namen <em>Xibi Xibi<\/em>. Am Fluss hat man eine Promenade angelegt, die der <em>Ca\u00f1ada<\/em> von C\u00f3rdoba gleicht. Beide St\u00e4dte, hei\u00dft es, seien historisch verbunden durch die Radikalen, aber wer das ist, verstehe ich nicht richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jujuy geht es ruhig zu auf der <em>Plaza Belgrano<\/em>. Sie ist nicht, wie in den anderen St\u00e4dten, das Zentrum des Alltagslebens. An der Plaza die typischen repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude, Kathedrale und <em>Cabildo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Iglesia de San Francisco<\/em> markiert den Beginn der langen Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe. Das Theater liegt weit entfernt von dem Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Theater bekommen wir eine private F\u00fchrung von einem netten Mann, der sich als Fernando vorstellt. Evangelina zufolge ist das <em>Teatro Mitre<\/em> eine kleinere Version des <em>Teatro Col\u00f3n<\/em>, aber Fernando zufolge ist dieses Theater \u00e4lter. Dann hat Buenos Aires was hier abgeguckt? Kannten die Architekten des <em>Teatro Col\u00f3n<\/em> das <em>Teatro Mitre<\/em>? Das wei\u00df er auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater, nach einem Staatsmann namens Mitre benannt, der sich besonders f\u00fcr Jujuy eingesetzt hat, ist gerade 2023 wiederer\u00f6ffnet worden, nach einer zweieinhalbj\u00e4hrigen Renovierung. Die Leute, sagt Fernando, seien schon ungeduldig geworden. Warum dauert das denn so lange? Es musste allerdings einiges gemacht werden, die gesamte Ton- und Lichttechnik, die Bestuhlung, der Anstrich, die Teppiche wurden erneuert. Ist alles bestens geworden, das Rot der St\u00fchle, der Teppiche und der Vorh\u00e4nge setzt sich sch\u00f6n von dem Wei\u00df der Galerien ab.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Verz\u00f6gerung bei der Renovierung war aber wohl auch das nur tr\u00f6pfelnd flie\u00dfende Geld von Seiten des Staates zust\u00e4ndig. Das Theater ist in staatlicher Tr\u00e4gerschaft und bekommt staatliche Subventionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater hat Parkett, drei R\u00e4nge und mehrere Logen. Sieht wirklich wie eine kleine Version des <em>Teatro Col\u00f3n <\/em>aus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jujuy hat ein eigenes Ensemble, aber der Kartenverkauf l\u00e4uft am besten, wenn es Gastspiele aus Buenos Aires gibt. Ich werfe sp\u00e4ter einen kurzen Blick auf die Titel, aber ich kenne keinen einzigen davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen auf die B\u00fchne, und hier reicht Fernando noch ein interessantes Detail zur Renovierung nach. Bei der sei auch der Boden der B\u00fchne erneuert worden. Der sei jetzt leicht absch\u00fcssig, das sei besser f\u00fcr Schauspieler und Zuschauer und eigentlich die Norm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das nicht immer so gewesen ist, liegt daran, dass hier urspr\u00fcnglich gar kein Theater war, sondern ein Festsaal. Da, wo jetzt das Parkett ist, wurde getanzt, auf der B\u00fchne sa\u00df das Orchester. Das Haus war in privater Hand. Das erkl\u00e4rt wohl auch, dass es so weit weg von der &nbsp;<em>Plaza Belgrano<\/em> liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen noch das Kleine Haus \u2013 es fasst 100 Zuschauer, das Gro\u00dfe Haus fasst 550 \u2013 einen kleinen Musiksaal und einen Platz f\u00fcr Freilichtkonzerte. Und verabschieden uns mit herzlichem Dank f\u00fcr die F\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es zum Markt. In einem ganz engen Gang gibt es allerlei kleine Kabuffs, bis zur Decke mit Waren gef\u00fcllt. Auch hier eine unglaubliche Vielfalt von Kartoffeln. Die Verk\u00e4uferin erkl\u00e4rt den unterschiedlichen Gebrauch der verschiedenen Sorten. An demselben Stand gibt es auch Kurkuma, lose. Hab ich noch nie gesehen. Und in T\u00fcten abgepackten roten Mais. H\u00e4tte ich nicht als solchen erkannt. Daneben <em>Aj\u00ed Verde<\/em>, ganz kleine gr\u00fcne Paprikaschoten, die Basis der klassischen Chili-So\u00dfe. An einem anderen Stand riesige, r\u00f6tliche K\u00fcrbisst\u00fccke. Der K\u00fcrbis hei\u00dft hier auch anders, nicht <em>calabaza<\/em>, sondern <em>zapallo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eier werden hier im Dutzend verkauft oder auf einer Palette mit 30 Eiern. Die hei\u00dft <em>maple<\/em>. Erst vor kurzem habe ich gelernt, dass solche Paletten auf Deutsch <em>Moppen<\/em> hei\u00dfen.&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb des Marktes sehen wir, fertig verpackt in kleinen T\u00fctchen, allerlei R\u00f6llchen, Schleifen und Gegenst\u00e4nde aus Papier. Die werden in Brand gesteckt und der Pachamama geopfert, im August, und stehen symbolisch f\u00fcr unerf\u00fcllte W\u00fcnsche, materielle und immaterielle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Lokal. Ich will unbedingt Gnocchi essen. Einer alten Tradition zufolge isst man in Argentinien am Ende des Monats, speziell am 29. des Monats, Gnocchi. Nach einiger Suche finden wir ein Lokal, das Gnocchi hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist die Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Sitte? Vermutlich ging gegen Ende des Monats das Geld aus und man musste sich mit einem Armengericht begn\u00fcgen. Und Kartoffeln waren immer preisg\u00fcnstig zu haben oder wurden im eigenen Garten angebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kommt es zu einer v\u00f6llig unerwarteten Aktion. Ich soll Evangelinas Cousine kennenlernen. Das erfordert aber eine bald unendliche Anfahrt, erst mit dem Bus, dann mit dem Taxi. Unser Ziel ist das Haus des Manns der Cousine. Das Haus liegt schon im Au\u00dfenbereich einer Gegend, die <em>Yunga<\/em> hei\u00dft. Das ist eine bewaldete Bergzone, eine Vorstufe zu den Anden. Davon kann man aber in der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Aber es ist merklich k\u00fchler hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden von Jes\u00fas freundlich empfangen, und bald kommt auch seine Frau, Mariana. Die ist ein ganzes St\u00fcck j\u00fcnger als Evangelina.<\/p>\n\n\n\n<p>Jes\u00fas zeigt uns stolz sein Anwesen. Er hat fr\u00fcher mit seiner Familie hier gelebt, jetzt lebt er allein und hat Teile des Hauses zu Ferienwohnungen umgebaut. Und das Ganze noch durch zwei Anbauten erweitert. Er vermietet jetzt kurzzeitig, f\u00fcr Ferieng\u00e4ste. Das sei eintr\u00e4glicher. Anfangs hatte er feste Mieter hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass Jes\u00fas und Mariana beide Englischlehrer sind und angehende Englischlehrer unterrichten. Mariana hat ein Stipendium an einer US-amerikanischen Universit\u00e4t erhalten, und Jes\u00fas hat in Irland Englisch gelernt. Urspr\u00fcnglich aber nur deshalb, um Chinesisch zu lernen. Das ging damals nur \u00fcber den Umweg \u00fcber das Englische. Wie kam es dazu? Ein M\u00f6nchsorden, ein deutscher Orden, wollte ihn zur Missionierung nach China schicken, in die Volksrepublik China. Dort sollte er im Untergrund wirken. Zuerst sollte er aber in Hongkong, das damals noch unabh\u00e4ngig war, Chinesisch lernen, Kantonesisch. Das hat er auch getan. Er gibt ein paar Proben ab. H\u00f6rt sich gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der ganzen Sache wurde am Ende aber nichts. Tiananmen kam dazwischen. Daraufhin ging er nach Argentinien zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein deutscher Orden war das denn? Die <em>Misioneros del Verbo Divino<\/em>. Nie geh\u00f6rt. Dann f\u00e4llt ein Wort, ein Ortsname, und bei mir f\u00e4llt der Groschen. Das sind die <em>Steyler Missionare<\/em>! Ich erz\u00e4hle von den Kalendern aus meiner Kindheit, und prompt steht Jes\u00fas auf und holt den aktuellen Kalender, l\u00e4nglich, wie fr\u00fcher auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass beide gerne reisen und ganz besonders auf Bolivien stehen. Da bekomme ich einen Tipp f\u00fcr ein Reiseziel. Was Jujuy angeht, meinen sie, man k\u00f6nne alles in Tagestouren von Palpal\u00e1 aus machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel von Vorurteilen die Rede, in Deutschland gegen\u00fcber Dunkelh\u00e4utigen, in Argentinien gegen\u00fcber Bolivianern und Paraguayern. Auf der anderen Seite loben sie die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit Argentiniens bei der Zuwanderung. Man brauche nur den Fu\u00df auf argentinischen Boden setzen, und sofort habe man alle Rechte, die auch ein Argentinier hat. Evangelina zitiert dazu auswendig eine Passage aus der Verfassung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jes\u00fas erz\u00e4hlt von der negativen Einstellung seiner Studenten Argentinien gegen\u00fcber. Alle wollten auswandern, das Land sei <em>una mierda<\/em>, nur Korruption und Inflation und schlechte Zukunftsaussichten. Jes\u00fas versucht, diese Urteile in Frage zu stellen und f\u00fchrt den Studenten die schwierige Lage von Auswanderern vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gegen Milei und neoliberale Politik polemisieren sie beide. Er habe den Rentnern einfach den freien Zugang zur Gesundheitsversorgung&nbsp; gestrichen. Er, Jes\u00fas, habe sich die Vermietung als zweites Standbein aufgebaut. Auf die Rente k\u00f6nne man sich nicht mehr verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt holl\u00e4ndisches Bier und bolivianischen Schnaps, <em>Singani<\/em>, einen Tresterbrand. Daraus wird mit Ginger Ale ein Cocktail namens <em>Chuflay<\/em>. Den scheint man in Argentinien \u00fcberall zu kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in die zweite Etage gehen, kann man gegen den immer noch nicht ganz dunklen Himmel die Bergkette erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>30. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>An Evangelinas K\u00fchlschrank h\u00e4ngen verschiedene&nbsp; Magneten, darunter einer von <em>Salsipuedes<\/em>. Die Stadt hei\u00dft wirklich so. Liegt in C\u00f3rdoba.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Wohnzimmertisch stehen getrocknete Blumen. Die hat sie aus Mais gemacht, erkl\u00e4rt Evangelina.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl der Wein drau\u00dfen verfaulte Bl\u00e4tter hat, gibt es viele Trauben. Die sind klein und s\u00fc\u00df. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen kommt Nicol\u00e1s, Evangelinas Sohn, von seiner Reise nach Brasilien wieder. Er l\u00e4sst sich die M\u00fcdigkeit und vermutlich auch die Frustration nicht anmerken. Nachdem das Auto, mit dem sie unterwegs waren, zum dritten Mal eine Panne hatte, ist der Besitzer mit dem Auto am Urlaubsort zur\u00fcckgeblieben, und die anderen sind mit Bussen zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch er ist Englischlehrer. Er unterrichtet an der Grundschule. Der Unterricht verl\u00e4uft eher spielerisch, mit Gesang und R\u00e4tseln und Bewegung. Englisch in der Grundschule, sagt er, das gebe es erst seit vier oder f\u00fcnf Jahren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina erz\u00e4hlt ihm von einem Video, das im Internet die Runde macht. Zwei Figuren, eine verk\u00f6rpert die Lehrerin, eine den Februar. Der Februar verfolgt die Lehrerin, wird immer schneller, um sie einzuholen, aber die Lehrerin wird auch immer schneller und f\u00e4ngt dann wie verr\u00fcckt an, zu laufen, um nicht eingeholt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag setzen wir den Spaziergang durch Palpal\u00e1 fort, der dieser Tage vom Regen unterbrochen wurde. Viel Sch\u00f6nes gibt es nicht zu sehen, aber durch die Erkl\u00e4rungen wird es ein interessanter Rundgang.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne sieht man die schwarz-gr\u00fcnen Berge. Jetzt kann man erkennen, dass die schwarzen Teile baumbestanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor die Ruine eines Hochofens, die stellvertretend f\u00fcr den Niedergang der Industrie steht. Oben br\u00f6ckelt es an der Kante schon ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht einen H\u00fcgel rauf, und dort steht die \u00fcberdimensionale Figur eines San Cayetano, des Ortspatrons. San Cayetano h\u00e4lt ein Kind auf den Armen. Das guckt nach vorne, auf die darunter liegende Stadt. Position und Gesichtsausdruck des Kindes sind wie bei den fr\u00fchmittelalterlichen Marienfiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Internet informiert: San Cayetano, Italiener aus Vicenza, ist der \u201ePatron der Arbeit und des Brotes\u201c. Sehr aktuell seine Einstellung: Er half vor allem den Armen und Kranken und den Prostituierten und gr\u00fcndete eine Bank, die zinslos Darlehen gab!<\/p>\n\n\n\n<p>Am 7. August, dem Festtag San Cayetanos, einem der wichtigsten Patronatsfeste Argentiniens, wirft sich Papal\u00e1 in Schale. Die Honoratioren der Stadt pr\u00e4sentieren sich, und es kommen Pilger aus allen Teilen Argentiniens. Die Kirche wird schon um Mitternacht ge\u00f6ffnet. Dann wird Brot geweiht, dass die Leute vorher zu Hause gebacken haben und dann unter die Pilger verteilen. Den Vorlauf des Patronatsfests bildet die <em>novena<\/em>, neun Tage, an dem verschiedene Gruppen mit verschiedenen Priestern rund um die Uhr beten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir vor dem Denkmal stehen, wird Evangelina von einer ehemaligen Nachbarin gegr\u00fc\u00dft. Die spielt hier mit ihrem Enkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat hier fr\u00fcher gewohnt, und hier wohnt auch eine weitere Cousine, die ich im Laufe des Tages unverhoffterweise noch kennenlernen werde. Ihr Haus ist noch unverputzt, und das zweite Stockwerk noch nicht ganz fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einzig sch\u00f6ne Teil des Spaziergangs ist der <em>Paseo de las Flores<\/em>, eine breite, baumbestandene Promenade. Aber auch hier sind die Bodenplatten br\u00fcchig, und ein ehemaliger Brunnen mit einer sch\u00f6nen Skulptur in der Mitte hat kein Wasser mehr. Die Skulptur stellt ein Liebespaar in inniger Umarmung dar, an den Beinen br\u00f6ckelt der Gips ab. Hat vielleicht auch was Symbolisches.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem gewissen Stolz spricht Evangelina von der Vergangenheit, als Palpal\u00e1 \u201eder Stolz von ganz Argentinien\u201c war. Tats\u00e4chlich hat das Unternehmen einiges getan, um das Leben der Angestellten zu verbessern. Vor allem wurde die medizinische Versorgung sichergestellt. \u00c4rzte wurden mit g\u00fcnstigen Arbeitsbedingungen aus anderen Landesteilen angelockt, und es wurde eine Polyklinik eingerichtet. An der kommen wir genauso vorbei wie an den h\u00fcbschen Einfamilienh\u00e4usern der \u00c4rzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sozialwohnungsbau wurde gef\u00f6rdert, und es wurden Sportst\u00e4tten eingerichtet, von denen Palpal\u00e1 heute noch profitiert: ein Sporthalle, vor allem f\u00fcr Basketball, Tennispl\u00e4tze, Rollhockeypl\u00e4tze, ein Stadion und ein gro\u00dfer Park mit Fu\u00dfballfeldern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu einem etwas heruntergekommen aussehenden Kiosk. Das war \u2013 das Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen! Hier gab es wirklich eine Bahnlinie. Hinter dem Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen sehen wir Gleise \u2013 die werden heute noch gelegentlich f\u00fcr G\u00fctertransporte benutzt \u2013 und das leerstehende Bahnhofsgeb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum ehemaligen Eingang der Fabrik, die genauso aussieht wie ein Eingang zu einer Fabrik, mit Gitter und S\u00e4ulen und Pf\u00f6rtnerloge. Hier ist inzwischen eine universit\u00e4re Einrichtung untergebracht, irgendwas mit Design.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem gro\u00dfen Platz steht erh\u00f6ht ein Denkmal, das den Platz dominiert, ein Denkmal f\u00fcr die Fabrik, f\u00fcr die Industrie, f\u00fcr die Arbeiter. Man sieht zwei Stahlkocher in Schutzkleidung, Werkzeuge in der Hand, neben einer absenkbaren Gussform, aus der das fl\u00fcssige Eisen l\u00e4uft. Nat\u00fcrlich sind die Figuren alle aus Eisen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine Kirche, auch die ist San Cayetano geweiht. Es ist die \u00e4lteste Kirche Palpal\u00e1s. Hier haben Evangelinas Eltern geheiratet. Sie wurden von einem deutschen Priester verheiratet, einem der Steyler Missionare.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen gerade irgendwo was trinken gehen, als ein Anruf von Nicol\u00e1s kommt. Er will uns abholen. Irgendwas bekomme ich nicht mit, und auf einmal finde ich mich mitten in der Abschiedszeremonie der Gro\u00dffamilie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Bruder macht sich mit Frau und T\u00f6chtern auf die Reise. Sie haben jetzt eine ganze Zeit bei der Mutter verbracht. Sommerferien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leben in Feuerland, haben jetzt also eine Fahrt durch ganz Argentinien vor sich, von der Nordspitze bis zur S\u00fcdspitze. Zwischendurch machen sie immer mal Pause f\u00fcr ein oder zwei Tage. Die n\u00e4chste Station ist in C\u00f3rdoba, bei Evangelinas Schwester. Warum sie jetzt am Abend aufbrechen, verstehe ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Bruder zeigt mir stolz Bilder von Feuerland, von Spazierg\u00e4ngen im krachenden Eis im Winter und von weiten unbewohnten Landschaften im Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind, wie ich sp\u00e4ter erfahre, nach Feuerland gezogen, weil man dort besser verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie abgefahren sind, bleiben wir noch vor dem Haus sitzen und genie\u00dfen den lauen Sommerabend bei Fanta.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter, eine \u00e4ltere Dame, die einen Kr\u00fcckstock benutzt und Hilfe beim Aufstehen ben\u00f6tigt, ist als ganz junges M\u00e4dchen auf eigene Faust nach Buenos Aires gegangen und hat dort jahrelang gelebt. Ganz genau kann sie sich nicht erinnern. Wie alt war sie, als sie weggegangen ist, wie lange war sie da? Vierzehn Jahre, wie es scheint. Aber zu ihrer Verheiratung war sie wieder rechtzeitig in der alten Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt interessiert nach meiner Reiseroute, nach den weiteren Stationen, fragt, ob mir das argentinische Essen schmecke, wundert sich, dass ich alleine unterwegs bin und fragt, ob ich schon in Rente sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Evangelinas Cousine ist Lehrerin. Die Rede kommt auf Arbeitsbedingungen f\u00fcr Lehrer und auf Aussichten hinsichtlich der Rente. Ich wundere mich \u00fcber die unzumutbaren Arbeitszeiten in Argentinien, sie wundern sich \u00fcber das Rentenalter in Deutschland. 67? Gilt das auch f\u00fcr Lehrer? In Argentinien gehen die mit 57 in Rente.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s hat seine erste Stelle ganz im Norden des Landes angetreten, in einem abgeschiedenen Dorf in den Bergen. Keine Kumpels, keine M\u00f6glichkeit auszugehen, kein Internet, bis zu 20\u00b0 minus im Winter! Geht man da freiwillig hin oder wird man vom Ministerium dahingeschickt? Er ist \u201efreiwillig\u201c gegangen, weil er sonst keine Stelle bekommen h\u00e4tte. Wenn man eine solche Stelle annimmt, erh\u00f6ht man seine <em>puntaje<\/em>, und die scheint allentscheidend zu sein f\u00fcr die Laufbahn eines Lehrers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen des Insektensprays in meinem Schlafzimmer kommt die Rede auch auf die Pandemie und wie man die erlebt hat. Argentinien sei sehr abgeschlossen gewesen. Ansonsten waren die Bedingungen ganz \u00e4hnlich wie bei uns, und die Ma\u00dfnahmen ebenfalls ziemlich umstritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Insektenspray dient der Vorbeugung gegen Dengue. Nicol\u00e1s hat es vor einigen Jahren erwischt, und er hat eine f\u00fcrchterliche Woche durchlebt. War so geschw\u00e4cht, dass er nicht von selbst aufstehen konnte. Was man sich bei dem gro\u00dfen, athletischen Kerl kaum vorstellen kann. Gl\u00fccklicherweise hat er die Version von Dengue erwischt, die schlimm, aber nicht t\u00f6dlich ist. Hat aber Wochen gebraucht, um wieder richtig auf dem Damm zu sein. Jetzt macht er neben dem Unterricht noch eine Ausbildung zum Sportlehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein unspektakul\u00e4rer Tag geht zu Ende, der mir aber viele interessante Einblicke in die argentinische Lebenswelt verschafft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>31. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina zeigt mir eine Medaille, die sie als Sch\u00fclerin bekommen hat. Da steht <em>Bandolero<\/em>drauf. Auf der R\u00fcckseite hat sie ihre Initialen anbringen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gibt mir zwei uralte Hefte \u00fcber Eva Per\u00f3n und will mir ein Lied \u00fcber sie vorspielen: <em>No llores por m\u00ed, Argentina<\/em>. Sie ist ganz baff, dass ich das kenne, den Text sogar fast auswendig kenne, allerdings in der englischen Version: <em>Don\u2019t cry for me, Argentina<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Mittagessen fahren wir zu Evangelinas Mutter. Die hat auch einen Hund. Der ist mir freundlicher gesinnt, springt an mir hoch und leckt an meinen Zehen und Waden.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter hat einen wunderbaren, verwunschenen Garten, alles dicht bewachsen, alles durcheinander, nur ganz schmale Wege. Sie zeigt mir, was hier alles w\u00e4chst auf dem kleinen Raum. Ohne sie h\u00e4tte ich das meiste \u00fcbersehen: Pampelmusen, Mandarinen, Feigen, Avocado, Papaya, Zitronen, Pflaumen und anderes mehr. Manchmal habe ich Schwierigkeiten mit den typisch amerikanischen W\u00f6rtern: <em>Palta?<\/em> Was war das noch mal? Avocado!<\/p>\n\n\n\n<p>Feigen gibt es wenige, sagt sie, die w\u00fcrden oft die Beute der V\u00f6gel. Auch der Hund macht sich an einigen Fr\u00fcchten zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Fr\u00fcchte sind noch nicht reif, aber Evangelinas Mutter wei\u00df in allen F\u00e4llen, wann es so weit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am interessantesten die Papaya. Die hat weibliche und m\u00e4nnliche Fr\u00fcchte. Wir schlagen uns durch das Geb\u00fcsch, damit ich beide zu sehen bekomme. Die m\u00e4nnliche Frucht w\u00e4chst an F\u00e4den vom Ast herunter, die weibliche, gr\u00f6\u00dfere, direkt am Ast.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem K\u00e4fig sind drei K\u00fcken, schon gro\u00df gewachsen, in einem anderen drei H\u00fchner und ein Hahn. Und dann, ganz hinten, drei winzige K\u00fcken, gerade ein paar Tage alt. Nicol\u00e1s holt eins aus dem K\u00e4fig und zeigt es mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Essen gibt es <em>tamales<\/em>. Die haben wir vorher von einem Laden mitgenommen. Die einen, flacheren, sind mit Mais gef\u00fcllt, die anderen mit Fleisch. Die mit Mais haben einen leicht s\u00fc\u00dflichen Geschmack. Die mit Mais, darauf besteht man, hie\u00dfen nicht <em>tamales<\/em>, sondern <em>humitas<\/em>. Ist aber dasselbe Prinzip. Bei beiden besteht die Verpackung aus Maisbl\u00e4ttern. Die sind kunstvoll ineinander gefaltet und an beiden Enden mit einer Schleife versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Karwoche gibt es hausgemachte <em>tamales<\/em>. Da m\u00fcssen alle mit ran. Vor allem das Maismahlen scheint eine Heidenarbeit zu sein, und f\u00fcr das Einpacken muss man wohl ein H\u00e4ndchen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s fragt nach typisch deutschen Speisen und nach deutschen Essgewohnheiten. Und er will wissen, in wie vielen L\u00e4ndern ich schon gewesen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Sportstudium, erz\u00e4hlt er, macht er neben der Arbeit. Er versuche allerdings, sich nicht allzu sehr unter Druck zu setzen. Er brauche den Abschluss nicht, mache das Studium in erster Linie, weil er gerne Sport treibt. Auch hier in Argentinien, sagt er, werde das Sportstudium oft untersch\u00e4tzt. Es nutzt nicht viel, wenn man gut Basketball spielen kann. Turnen und Schwimmen, das sind echte Herausforderungen. Und auch die Theorie hat es in sich: Sportmedizin, Sportpolitik, Didaktik, Geschichte des Sports, Sportpsychologie. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lieblingssport ist Tennis. Auf welchem Boden spielt man hier? Auf Asche, wie bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder nach Hause fahren, ist der Hund ausgeb\u00fcxt und springt wie wild am Auto hoch. Nicol\u00e1s f\u00e4ngt ihn wieder ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fahren wir nach Jujuy, ins <em>Museo de Arte Religioso<\/em>. Vorher sehen wir in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ein auff\u00e4lliges Denkmal. Jemand, der auf der Flucht zu sein scheint, wird von einem Reiter get\u00f6tet. Der dr\u00fcckt gerade ab, der Fl\u00fcchtige in einigem Abstand zu ihm hebt die H\u00e4nde. Das Ganze spiegelt eine historische Szene wider. Der General Lavalle, Unitarier, wurde von den F\u00f6deralen von Buenos Aires aus verfolgt. Er fl\u00fcchtete Richtung Norden und kam bis Jujuy. Hier endete seine Flucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz ins <em>Cabildo<\/em>. Dort ist in einem Innenhof eine moderne Skulpturengruppe aufgestellt, Dutzende von Figuren beinhaltend, in einem Pulk. Alle Figuren sind in demselben Grauton gehalten. Es ist offensichtlich ein Fl\u00fcchtlingstreck. Alles ist vertreten, alte M\u00e4nner auf St\u00f6cken, Frauen in weiten R\u00f6cken, Kinder, die mitgeschleppt werden, Honoratioren in feinem Zwirn, sogar Musikanten sind dabei. Auch Tiere haben sie mitgenommen, Ziegen, Schafe, Esel. Alle schleppen irgendein B\u00fcndel mit sich oder einen Sack. Auch hier wird auf ein historisches Ereignis angespielt, auf den Exodus von 1812, als die Revolution\u00e4re eine Politik der verbrannten Erde verfolgten und das Volk von Jujuy aufforderten, alles stehen und liegen zu lassen und sich auf den Weg nach S\u00fcden zu machen und der Royalistischen Armee keine Beute zu hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen kurz in die Kathedrale. Die hat eine besondere Kanzel und am Altar Figuren, die hohl sind und keine R\u00fcckwand haben. Die wurden deshalb so gestaltet, weil sie auf schwierigen Wegen von Peru aus hierher kamen und m\u00f6glichst wenig wiegen sollten, um den Transport zu erleichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kanzel, polychrom, mit Schalldeckel, ist aus einheimischem Holz geschnitzt und wohl von indigenen K\u00fcnstlern oder unter deren Mitwirkung entstanden. Die Treppenwand versinnbildlicht Jakobs Traum. Die meisten Fr\u00fcchte sind noch nicht reif, aber sie wei\u00df in allen F\u00e4llen, wann es so weit ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir in die Franziskanerkirche. Die ist, wie mein Adlerauge sofort entdeckt, eine Basilika Minor und als solche ausgezeichnet durch das Tintinnabulum und das Conopeum am Altar. Die Kirche ist innen genauso prunkvoll wie au\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend sehen wir uns das <em>Colegio Nacional<\/em> an. Hier hat Evangelina ihre Lehrerausbildung gemacht. Es handelt sich um einen klassizistischen Bau aus dem 19. Jahrhundert. Damals war die Einrichtung der Schule ein wichtiger Schritt in der Bildungspolitik, wenn auch anfangs eher f\u00fcr eine Elite. Endlich hatte Jujuy auch seine Sekundarschule und brauchte seinen Nachwuchs nicht mehr nach Buenos Aires schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau ist geschlossen, aber auch von au\u00dfen kann man erahnen, wie gro\u00df er ist. Er beherbergt unter anderem ein Museum und einen Hof f\u00fcr Freilichtkonzerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins <em>Museo San Francisco de Arte Religioso<\/em>. Am besten gef\u00e4llt mir gleich der erste Raum. Da hat man in einer kleinen, niedrigen Krypta alte Kirchenm\u00f6bel und Bauteile und Gegenst\u00e4nde so angeordnet, dass es gar nicht museal aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die besonderen St\u00fchle der Gemeinde sind vertreten, auf denen man sowohl sitzen als auch knien konnte, genauso wie schwere Holzsessel mit Ledersitzen f\u00fcr die besseren Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n am Ende des Raum gedrechselte farbige S\u00e4ulen aus Holz. Auch ein altes in Leder gebundenes Buch ist ausgestellt, ebenso wie ein Kruzifix. Das hat man eigens liegend ausgestellt, so dass man sehen kann, dass es innen hohl ist, wie die Altarfiguren in der Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem schmalen Gang sind weitere Gegenst\u00e4nde ausgestellt, die mit San Francisco verbunden sind. Den meisten Raum nehmen 13 Gem\u00e4lde in hellen Farben ein, die die Kreuzwegstationen darstellen. 13? Ja, eins ist abhandengekommen, keiner wei\u00df wie, und man wei\u00df nicht, ob es Nummer 3 oder Nummer 7 ist. Ein Hinweis k\u00f6nnte der Himmel sein. Der verdunkelt sich n\u00e4mlich mit jeder Station.<\/p>\n\n\n\n<p>Das interessanteste Ausstellungsst\u00fcck ist eine Geige, auff\u00e4llig durch ihre Form. Sie sieht anders aus als die europ\u00e4ische, weniger kurvig, und hat wohl auch weniger Saiten. Sie wurde von einem Indio hergestellt, wohl auch mit Anklang an traditionelle Instrumente der Amerikaner. Die Gitarre steht stellvertretend f\u00fcr das Bem\u00fchen der Franziskaner, den Indios ein Gewerbe beizubringen und ihnen eine gewisse Eigenst\u00e4ndigkeit zu gew\u00e4hren. In demselben Kontext sind auch Instrumente aus der Druckerwerkstatt zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich gibt es silberne Zeremoniengegenst\u00e4nde aus Potos\u00ed, wie eine Krone Mariens und die typische Mondsichel, auf der sie steht und die sie zur Immaculata macht.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Teil des Museums funktioniert das Licht nicht, und das ist schon eine Art Vorschau auf das Kloster, durch das uns einer der M\u00f6nche f\u00fchrt. Er kommt l\u00e4ssig gekleidet in sportlichem Outfit von Adidas und Nike.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall ist es etwas schmutzig, an jeder Ecke liegt Bauschutt herum, immer wieder funktioniert etwas nicht. Angesichts dessen bewundernswert der Optimismus des Paters. Sie h\u00e4tten das Kloster jetzt f\u00fcr Kulturveranstaltungen ge\u00f6ffnet, und er lieb\u00e4ugle damit, hier auch Kaffee und Kuchen anzubieten. In einem sch\u00f6nen, abgelegenen Innenhof hat inzwischen eine Yoga-Gruppe ihren Treffpunkt gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in das alte Refektorium \u2013 ist heute zu gro\u00df f\u00fcr die sechs verbliebenen Patres \u2013 und auf die Orgelb\u00fchne und auf den Kirchturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer Terrasse aus hat man einen Blick auf den Kirchturm und die Kuppel und die \u00f6den Wohnh\u00e4user dahinter. Die Kuppel sei vor kurzem undicht geworden, erz\u00e4hlt er. Da es sich um ein nationales Monument handelt, k\u00f6nnen sie nicht einfach t\u00e4tig werden, sondern m\u00fcssen die Baukommission einschalten. Der wird der Schaden vorgelegt, das Kloster \u00fcbernimmt die Materialkosten und das Bauamt sorgt dann f\u00fcr die Ausf\u00fchrung. Inzwischen ist die Kuppel wieder dicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause habe ich mich inzwischen um die Weiterreise gek\u00fcmmert, um das Programm f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage genauer gesagt. Die Erw\u00e4hnung von Tarija, der Stadt in Bolivien, hat mich nicht losgelassen. Also buche ich kurz entschlossen einen Bus dorthin. Ohne zu ahnen, worauf ich mich eingelassen habe. Noch heute Nacht soll es losgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst meine ich, irgendwas stimme nicht auf der Fahrkarte. K\u00f6nnen die nicht rechnen? Das sind doch 7, nicht 8 Stunden. Aber da habe ich die Rechnung ohne Bolivien gemacht. Die hinken eine Stunde hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>Um mich zu orientieren zeigt mir Evangelina auf einer Karte die beiden Routen, auf denen man von hier nach Bolivien kommt. Eine gegen direkt nach Norden, \u00fcber die <em>Quebrada de Humahuaca<\/em>, und eine geht \u00fcber Salta direkt nach Tarija.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die Abfahrt von Jujuy aus gebucht. Evangelina fragt, warum denn nicht von Palpal\u00e1 aus? Wei\u00df ich auch nicht, hat sich so ergeben. Sie ruft bei dem Busunternehmen an und fragt, ob ich nicht auch in Palpal\u00e1 einsteigen k\u00f6nne. Doch, das ginge, ich solle nur rechtzeitig da sein und das am Schalter dort noch mal best\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schon nimmt das Unheil seinen Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s bringt mich zum Busbahnhof von Palpal\u00e1. Dort sage ich am Schalter noch mal, dass ich von hier statt von Jujuy abfahren will. Die freundliche Frau macht ein kurzes Telefonat und sagt, alles sei in Ordnung. Sie hilft mir auch beim Ausf\u00fcllen eines Internet-Formulars, das man f\u00fcr die Einreise nach Bolivien ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus kommt p\u00fcnktlich. Der Fahrer schaut auf seine Liste und fragt mich, f\u00fcr welchen Tag ich gebucht h\u00e4tte. F\u00fcr heute. Auf seiner Liste bin ich aber nicht. Er l\u00e4sst sich meine Reservierung im Handy zeigen. Muss genauer hinsehen. Dann sagt er: Das ist ja ein anderes Busunternehmen. Sie m\u00fcssen nach Jujuy.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s dr\u00fcckt auf die Tube. So schnell bin ich noch nie von Palpal\u00e1 nach Jujuy gekommen. Aber es nutzt nichts. Der Bus ist weg. Und das Geld ist auch futsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s sieht, dass ein Bus abfahrbereit an der Haltebucht steht. In Windeseile kaufe ich eine Fahrkarte und komme so gerade noch in den Bus, bevor der abf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst jetzt d\u00e4mmert mir, dass der gar nicht nach Tarija f\u00e4hrt. Sondern nach La Quiaca. Wo ist das denn? Mein Nachbar erkl\u00e4rt: Das ist die letzte argentinische Stadt vor der Grenze zu Bolivien. Und dann? Wie komme ich weiter? Ich m\u00fcsse zu Fu\u00df \u00fcber die Grenze gehen und dann nach einem Bus nach Tarija suchen. Wie lange der denn brauchen w\u00fcrde? Das wei\u00df er auch nicht. Vielleicht drei, vier Stunden. Diese Prophezeiung wird sich als zu optimistisch erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach vier kommen wir in La Quiaca an. Es war zwar schon im Bus merklich k\u00fchler geworden, aber als ich aussteige, trifft mich der Schlag: Die Temperatur ist um den Gefrierpunkt herum. Alle sind dick vermummt, ich habe Shorts und ein T-Shirt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich auf den Weg \u00fcber die Grenze machen, aber ach, die ist noch geschlossen. Erst um acht Uhr geht es los.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier brennen \u00fcberall Lichter, in den unz\u00e4hligen kleinen Pavillons, und ich hoffe, irgendwo einen warmen Wartesaal zu finden oder ein Caf\u00e9. Aber alles ist geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann weist mich auf ein Hotel weiter die Stra\u00dfe runter hin. Da ist Licht, aber kein Mensch zu sehen. Ich klopfe an die Scheibe, und tats\u00e4chlich tut sich was. Ich bekomme ein Zimmer f\u00fcr die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen geht es los. Die Sonne scheint, w\u00e4rmt aber noch nicht. Dennoch kein Vergleich zur Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auf die Grenze zu. Bevor man die \u00fcberschreitet, sieht man rechts den Quiaca, den Fluss, dem der Ort seinen Namen verdankt. Man sieht, wie dort in aller Ruhe die Grenze illegal \u00fcberschritten wird, indem man durch den Fluss watet oder mit kleinen Transportr\u00e4dern durch den Fluss f\u00e4hrt, die Platz f\u00fcr die Schmuggelware haben. Das alles in Sichtweite der Grenzpolizei!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grenz\u00fcberschritt ist ganz problemlos. Nach dem Formular, das ich m\u00fchsam ausgef\u00fcllt habe, fragt keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Grenzkontrolle liegt Villaz\u00f3n, die erste bolivianische Stadt, eine quirlige Stadt mit Hunderten von L\u00e4den und gro\u00dfer Betriebsamkeit. In der entgegengesetzten Richtung, nach Argentinien, eine fast unendliche Schlange von Menschen, die auf den Grenz\u00fcbertritt warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe an der Schlange entlang in die entgegengesetzte Richtung, aber kein Busbahnhof kommt in Sicht. Der ist viel zu weit weg, wie sich herausstellt. Ich muss ein Taxi nehmen. Zum Gl\u00fcck nimmt der Taxifahrer Pesos an.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Schalter kaufe ich eine Karte nach Tajira. In anderthalb Stunden geht es los. Hier in der Schalterhalle machen die einzelnen Unternehmen laut Werbung f\u00fcr ihre Reiseziele: \u201e\u00a1La Paaaz, vamos a La Paaaz! \u00a1Suucre! \u00a1Potos\u00ed\u00ed\u00ed\u00ed!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>An einem kleinen Stand au\u00dferhalb des Bahnhofs bekomme ich einen Kaffee. Wieder kann ich mit Pesos bezahlen und bekomme sogar Bolivianos als Wechselgeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ist hier, obwohl gerade mal ein St\u00fcck jenseits der Grenze, wie in einer anderen Welt. Frauen mit breitkrempigen H\u00fcten, weiten R\u00f6cken und wollenen Umh\u00e4ngen, M\u00e4nner mit zerfurchten Gesichtern, Kinder mit rundlichen Gesichtern, Pausb\u00e4ckchen und schmalen Augen, alle klein, Erwachsene wie Kinder. Sch\u00fcchterne Blicke. Die Stra\u00dfe voller Staub, langsame Bewegungen, ein Singsang in der Intonation des Spanischen, Unterhaltungen in einer amerikanischen Sprache, vielleicht Ketschua, vielleicht Guaran\u00ed.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Wartezeit vorbei ist, steige ich in den Bus ein, ohne zu erahnen, was mich erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist \u00e4lteren Semesters und hat nichts von einem modernen Reisebus. Vorne an der Front fehlt eine Leiste, der Boden im Gang ist aufgerissen, die Fenster sind notd\u00fcrftig geflickt, die L\u00fcftung funktioniert nicht und die Armlehnen, aus Hartgummi, sind angefressen. Ein WC gibt es nicht, und der vollmundig an der Einstiegst\u00fcr angek\u00fcndigte Zugang zum Internet ist Fiktion. Als besonderer Passagier defiliert ein Hund den Gang auf und ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Jemand kommt durch den Gang und kassiert. Zwei Bolivianos per Nase. Wof\u00fcr? F\u00fcr den Gebrauch des Bushahnhofs. Zwei Touristinnen zeigen verwirrt ihre Fahrkarte vor, aber damit gibt sich der Mann nicht zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch eine v\u00f6llig ver\u00e4nderte Landschaft, trocken, unfruchtbarer Boden, mit Erde, Dornenb\u00fcschen, Steinen und Kakteen \u2013 Hunderte, Tausende von Kakteen, gro\u00dfe Kandelaberkakteen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke ist zuerst flach, man sieht nichts als die \u00f6de Landschaft, kein Feld, kein Dorf, keine Stra\u00dfe, kein Schild, keinen Fluss. Hin und wieder eine H\u00e4userruine, ein alter Autoreifen, ein verrosteter Kanister. Ein Lastwagen ist in einer Felsspalte steckengeblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist eng und nicht asphaltiert. Der Bus klappert die Stra\u00dfe entlang und wirft Staub auf. Pl\u00f6tzlich ist ein Lastwagen mit Anh\u00e4nger vor uns. Wie das \u00dcberholman\u00f6ver gelingt, kann ich bei dem aufgewirbelten Staub nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war nur der Auftakt. Jetzt kommt der Anstieg. Furchterregend. Auf der einen Seite, direkt neben uns, die Felswand, auf der anderen Seite, ebenso nahe, der Abgrund. Ohne Mauer, Begrenzung, Planke. Immer weiter steigen wir hoch, bei jeder Kurve bekomme ich Angstschwei\u00df, wenn ich an die Felswand oder in den Abgrund gucke, rutscht mir das Herz in die Hose.<\/p>\n\n\n\n<p>Bewundernd sehe ich nach links. Da sitzen die beiden Touristinnen und schlafen tief und fest. Mir gelingt es nicht einmal, die Augen zu schlie\u00dfen. Ich sitze senkrecht und halte mich an der Kopfst\u00fctze meines Vordermanns fest, so als ob das etwas n\u00fctzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweimal kommt uns ein Auto entgegen. Das kann doch nicht passen. Aber es passt doch irgendwie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es bergab, langsam, \u00fcber ebenso viele Kurven. Mit abnehmender H\u00f6he wird es mir etwas wohler, obwohl man auch hier genauso verloren w\u00e4re, wenn der Busfahrer einen kleinen Fehler macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann die gro\u00dfe Erleichterung, als wir unten sind. Eine v\u00f6llig ver\u00e4nderte Landschaft, Felder, B\u00e4ume, eine Flussaue. Wir kommen an einem Stausee vorbei. Dem ist die Vegetation wohl zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schraubt sich der Bus wieder rauf, aber jetzt scheint der Abhang nicht mehr ganz so steil zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen auch Tiere in Sicht, Ziegen, Schafe, Lamas, gro\u00dfe und kleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Wildnis kommt ein Schild mit der Aufschrift <em>Restaurante<\/em> in Sicht. 20 Minuten Pause. Gott sei Dank! Eine Toilette. Es gibt nur eine f\u00fcr alle, und man muss Schlange stehen. Die Sp\u00fclung funktioniert nicht, und jeder muss sich mit einem kaputten Plastikeimer an einem Fass mit Wasser bedienen, um f\u00fcr die Sp\u00fclung zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit einer der Touristinnen ins Gespr\u00e4ch. Sie ist Kanadierin, spricht gut Spanisch. Die andere ist Belgierin. Die Kanadierin war auch in Jujuy und ist ganz begeistert von dem, was sie dort erlebt hat, die Landschaft, die Musik, die Menschen. Jetzt geht es f\u00fcr sie weiter nach Paraguay. Sie ist richtig erfreut, als ich ihr sage, dass das ein sch\u00f6nes Reiseziel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest der Fahrt ist weniger aufregend, und wir fahren jetzt \u00fcber asphaltierte Stra\u00dfen. Wir erreichen Tarija auch eher als erwartet, aber dann ist es noch ein ganzes St\u00fcck von der Haltestelle in der Innenstadt bis zum Busbahnhof. Und zu allem \u00dcbel m\u00fcssen wir auch noch tanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist es endlich soweit. Nach sieben Stunden haben wir unser Ziel erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es zur Toilette. Da braucht man eine M\u00fcnze einen Boliviano, und die habe ich nicht. Ich bitte an einem Schalter um Wechselgeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werfe meinen Boliviano in den Schlitz, aber die Sperre \u00f6ffnet sich nicht. Voller Frustration schlage ich auf die Sperre, bis eine Frau erscheint und mich zur Ordnung ruft. Ich bitte um Entschuldigung.&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den gl\u00fccklichen Einfall, an den Schalter meines Busunternehmens zu gehen und nach der R\u00fcckfahrt zu fragen. Und tats\u00e4chlich: Ich stehe nicht auf der Liste der Fahrg\u00e4ste. Es dauert was, die Frau guckt lange handgeschriebene Notizen durch, dann ein Dutzend Fragen, der Reisepass und die Buchung im Handy. Alles in Ordnung. Ich bekomme eine Fahrkarte f\u00fcr die R\u00fcckfahrt, schon mit zugewiesenem Sitzplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt brauche ich nur noch zur Unterkunft. Vor dem Eingang steht ein Taxi. Der Fahrer will 25 Bolivianos haben. Ich habe nur noch 20. Es sei eine lange Strecke, sagt er, unter 25 tue er es nicht. Ob ich mit Pesos bezahlen k\u00f6nne. Nein. Ob ich mit Kreditkarte bezahlen k\u00f6nne. Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Busbahnhof suche ich nach anderen M\u00f6glichkeiten. Gibt es hier einen Geldautomaten? Nein. Eine Wechselstube? Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht nicht gut aus. Ich gehe wieder raus und frage einen anderen Taxifahrer. Der will 30 Bolivianos haben. Ich habe aber nur 20. Ich schildere ihm meine Bredouille, und am Ende sagt er, gut, dann eben f\u00fcr 20. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir die Gegend um den Flughafen verlassen, bekommt man einen ersten Eindruck von der Stadt, und der ist ausgesprochen positiv, perfekte, baumbestandene Stra\u00dfen, Parks, Spielpl\u00e4tze, Statuen und eine sch\u00f6ne wei\u00dfe H\u00e4ngebr\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer sagt, er komme gerade aus San Jacinto. Das h\u00f6re ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder. Das sei touristisch, sagt der Fahrer. Was gibt es da? Da kann man gut essen, sagt er. Und einkaufen. Und es gebe einen Wasserfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nennt noch weitere Orte, die f\u00fcr Touristen interessant sein k\u00f6nnten und z\u00e4hlt eine ganze Reihe von typisch bolivianischen Gerichten auf, aber das geht alles viel zu schnell, und die Namen sind mir alle unbekannt. Ich erinnere mich am Ende nur noch daran, dass ein Gericht <em>Ranga Ranga <\/em>hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir an der Unterkunft angelangt, einem gro\u00dfen, modernen Hochhaus. Sieht eher wie ein Hotel aus. Tats\u00e4chlich ist unten ein Portier. Die Portiersloge ist 24 Stunden am Tag besetzt. Ich bekomme den Schl\u00fcssel f\u00fcr mein Apartment in der vierten Etage. Jetzt gibt es nur noch ein Hindernis zu \u00fcberwinden. Wie kriegt man die T\u00fcr auf? Es gibt zwei Schl\u00fcssel f\u00fcr zwei Schl\u00f6sser. Als ich schon drauf und dran bin, aufzugeben, \u00f6ffnet sich die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich befinde mich in einem Apartment, das so gro\u00df ist, dass man hier genauso gut wohnen k\u00f6nnte wie ein paar Tage verbringen. Die Ausstattung ist geradezu luxuri\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist beworben worden mit dem Attribut <em>con vista a la Copa<\/em>. Ich habe kaum darauf geachtet, jetzt sehe ich, was es mit der <em>Copa<\/em> auf sich hat. Es ist ein Turm in der Form eines Weinpokals. Am Abend erleuchtet. Und was ist das? Ein Aussichtsturm. Praktisch vor der Haust\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>In Bolivien gibt es wieder andere Steckdosen. Mein \u201eUniversaladapter\u201c ist da nicht so gut drauf vorbereitet. Nach einigen Versuchen klappt es mit dem \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Stecker.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es bei herrlichstem Wetter zu Fu\u00df in die Stadt. Es ist noch sehr ruhig auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist der erste Eindruck sehr, sehr gut. Alles sehr gepflegt, gut ausgeschildert, viel Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss zusehen, dass ich an Bolivianos komme. Gar nicht mal so leicht. Der erste Bankautomat gibt nichts raus, der zweite auch nicht, der dritte ist abgeschlossen. Dann klappt es: 500 Bolivianos. Das sind 70 Dollar. Ist nicht so leicht zu rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher komme ich an einem sch\u00f6nen, gepflegten Platz vorbei, der <em>Plaza Uriondo<\/em>. Schattenspendende B\u00e4ume und davor gro\u00dfe Gipsfiguren, die Musikinstrumente aus den Anden darstellen, eine Trommel und eine Fl\u00f6te unter anderem.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Platzes die unvermeidliche Reiterstatue, Uriondo darstellend, einen der Helden der Unabh\u00e4ngigkeitskriege. Scheint ein exklusiv bolivianischer Held zu sein. In Argentinien bin ich ihm noch nie begegnet. Die Statue ist aus polierter Bronze, wie viele andere Statuen hier in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es durch eine sch\u00f6ne Gasse. Die ist hier statt mit Schirmen oder H\u00fcten mit K\u00f6rben geschm\u00fcckt. Die Korbwaren scheinen was Besonderes f\u00fcr diese Region zu sein. Sp\u00e4ter sehe ich eine Frau am Eingang zur Kathedrale auf dem Boden sitzen und ihre K\u00f6rbchen anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Mauer der Gasse eine h\u00fcbsche Aufforderung, keinen M\u00fcll wegzuwerfen, mit einem kleinen Wortspiel: <em>\u00bfLlevas tu bolso? <\/em><em>\u00bfLlevas tu mochila? \u00bfLlevas tu m\u00f3vil? Y tu BASURA, \u00bfla llevas?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum Platz der Kathedrale. Dort bereitet eine Frau an ihrem kleinen Stand die Maisbl\u00e4tter f\u00fcr die <em>tamales<\/em> zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben zwei Nonnen, die Geb\u00e4ck verkaufen. Im Moment habe ich weder f\u00fcr das eine noch f\u00fcr das andere Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale, jedenfalls die Fassade, ist eine n\u00fcchterne Angelegenheit, gedrungen, neoromanisch, mit dorischen Halbs\u00e4ulen, aber ganz und gar schmucklos. Sieht mit ihren zwei T\u00fcrmen aber in ihrer Schlichtheit trotzdem ganz h\u00fcbsch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist es ganz anders, hier herrscht barocke Pracht. Am Altar auf der einen Seite die bolivianische Fahne, auf der anderen Seite die des Vatikans.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Reihen sind fast bis auf den letzten Platz besetzt. Heute ist das Fest der <em>Virgen de la Candelaria<\/em>, eins der wichtigsten Feste im religi\u00f6sen Kalender Boliviens.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits der Kathedrale gibt es einen weiteren sch\u00f6nen Platz, mit Springbrunnen. Das ist die <em>Plaza Lizardi<\/em>. Die hie\u00dft fr\u00fcher, verr\u00e4t mir eine Verk\u00e4uferin, <em>Plaza de las Hormigas<\/em>, wegen der Figuren von Ameisen, die hier aufgestellt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Platz ist die Plaza Mayor, die hier <em>Plaza de Fuentes y Vargas<\/em> hei\u00dft. Die ist wundersch\u00f6n, \u00fcbertrifft die beiden anderen noch, mit riesigen Palmen bestanden, einem Springbrunnen und einem Pavillon in der Mitte und B\u00e4nken, auf denen die Leute den Sonntagmorgen und den Sonnenschein genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich inzwischen Geld habe, setze ich mich in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 und bestelle ein opulentes Fr\u00fchst\u00fcck, mit Omelette, Toast, Obstsalat, Orangensaft und Kaffee. Wunderbar! An den Nachbartischen wird etwas gegessen, das wie Geb\u00e4ck mit Schokolade aussieht. Das ist aber kein Geb\u00e4ck, das sind <em>empanadas<\/em>. Die isst man hier wohl auch zum (sp\u00e4ten) Fr\u00fchst\u00fcck. An einigen Tischen flie\u00dft auch schon das Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand steht ein K\u00e4fer. Sieht aus, als sei er gut in Schuss. Die R\u00e4der und die R\u00fccklampen sind erneuert, und als der Besitzer den Motor startet, h\u00f6rt es sich auch nicht nach dem alten K\u00e4fer-Motor an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00f6rt man Blasmusik. Alle Blicke gehen in dieselbe Richtung, eine schmale Stra\u00dfe hinauf. Dort kommt eine Prozession. Gruppen von Frauen und M\u00e4nnern, in Rot und Wei\u00df oder Schwarz und Wei\u00df, begleiten mit t\u00e4nzelnden Bewegungen, immer zur Seite, die Musik. Ganz vorne hoch auf einem Auto eine Madonnenfigur, <em>Virgen de la Candelaria<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Prozession vor\u00fcbergegangen ist, gehe ich zur Kathedrale zur\u00fcck. Jetzt kann ich auch an den St\u00e4nden was kaufen. Ein <em>tamal<\/em> auf der Hand bei der netten Verk\u00e4uferin, die mir demonstriert, wie sie aus den Maisbl\u00e4ttern, die sich auf ihren W\u00e4gelchen t\u00fcrmen, Verpackungen macht. Sie&nbsp; macht das mit gro\u00dfer Geschicklichkeit. Und l\u00e4sst gerne ein Photo von sich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nonnen sind Klarissen. Sie haben allerlei Geb\u00e4ck, nat\u00fcrlich aus eigener Herstellung, im Angebot. Ich nehme zwei P\u00e4ckchen mit. Mit einem Photo tun sie sich schwer. Das muss man respektieren. Aber trotzdem schade. W\u00e4re eine sch\u00f6ne Aufnahme geworden, die beiden Nonnen mit ihrer schwarz-wei\u00dfen Tracht unter dem Sonnenschirm und hinter ihrem Geb\u00e4ck.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach frage ich mich nach der <em>Casa Dorada<\/em> durch. Die ist ein echter Hingucker. Eher Palast als Haus, sollte man meinen. Da sie sich in einer schmalen Stra\u00dfe befindet, kommt die pr\u00e4chtige Fassade nicht ganz so zur Wirkung, wie sie es verdient h\u00e4tte. Alle tragenden Teile sind wei\u00df, alle dekorativen Teile sind in Gold, in beiden Stockwerken. Atlanten tragen das Geb\u00e4lk des Obergeschosses, und ganz oben auf dem Dachfirst lauter weibliche Figuren, ganz in Wei\u00df, die mit einer Hand eine Fackel in den Himmel recken. Der ist nat\u00fcrlich wolkenlos blau.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, wo das Hauptportal sein k\u00f6nnte. Alle Einzelteile der langen Fassade sehen gleich aus, keine ist hervorgehoben. Dann kapiere ich: Das Geb\u00e4ude, sowieso schon unendlich lang, geht hinter der Stra\u00dfenecke noch weiter. Der Haupteingang befindet sich an der Ecke, quer zur Stra\u00dfe. Die Konstruktion ist symmetrisch. Auf beiden Seiten vom Haupteingang befinden sich neun Eing\u00e4nge. Der Bau ist tats\u00e4chlich \u2013 kann man&nbsp; sich kaum vorstellen \u2013 f\u00fcr einen Privatmann gebaut worden, gegen Ende des 19. Jahrhunderts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es zu dem anderen emblematischen Geb\u00e4ude Tarijas, dem <em>Castillo Azul<\/em>. Ein freundlicher Mann erkl\u00e4rt mir wortreich den Weg. Und macht mich auf eine leuchtende Bronzeb\u00fcste an einem Laternenpfahl aufmerksam. Die Figur spielt ein unsichtbares Instrument, h\u00e4lt aber die St\u00f6cke der Trommel in der Hand. Er ist ein <em>chapaca<\/em>, so was wie Gaucho von Bolivien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreiche ich das <em>Castillo Azul<\/em>, ein Bau, der noch mehr ins Auge sticht als die <em>Casa Dorada<\/em>. Alles an der zweist\u00f6ckigen Fassade ist in Blau und Wei\u00df, die Farben zeichnen vertikale und horizontale Linien.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Gitter verschiedene Plaketten von Schriftstellervereinigungen, nicht nur aus Bolivien. Als ich mir die gerade ansehe, schlie\u00dft ein junger Mann das Tor auf. Er ist der Enkel des Erbauers. Vorne sei eine Bibliothek, erkl\u00e4rt er, die k\u00f6nne man auch besichtigen. Hinten wohnt er. In seine Wohnung gelangt er durch den Seiteneingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich auf den Weg zum Markt machen. Davon hat der Taxifahrer gestern gesprochen. Nur: Welchen Markt hat er gemeint? Es gibt mindestens vier. Ein Passant erkl\u00e4rt ausf\u00fchrlich, wie die hei\u00dfen und wo die sind. F\u00fcr mich ist der beste der <em>Mercado Campesino<\/em>, meint er. Am besten mit dem Taxi. Die Busse fahren heute, am Sonntag, sehr unregelm\u00e4\u00dfig. Ich versuche eins der Taxis anzuhalten, die vorne auf dem K\u00fchler F\u00e4hnchen haben. Das sind Sammeltaxis. Aber die sind vollbesetzt oder fahren in die falsche Richtung. Also nehme ich ein normales Taxi.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer will wissen, wo er mich rauslassen soll. Am Markt. Ja, aber wo da? Der Markt zieht sich \u00fcber mehrere Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze hin. Er setzt mich an einem zentralen Platz ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist man auf einmal in einem anderen Tarija, in einer anderen Welt. Gewimmel, Autos, Motorr\u00e4der, Verk\u00e4ufer, Handkarren, alles durcheinander, schmuddelig, laut und un\u00fcbersichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Stra\u00dfe gehe ich erst einmal in einen Laden, der etwa einer Drogerie entspricht. Die junge Verk\u00e4uferin bedient mich und fragt freundlich, woher ich k\u00e4me und wo ich Spanisch gelernt habe. Einen Kamm bekomme ich bei ihr sofort, die Pomade hat sie nicht. Aber sie nimmt mich mit nach nebenan, stellt sich hinter die Theke und gibt mir die Pomade. Sie scheint Herrin \u00fcber beide L\u00e4den zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den eigentlichen Markt. Dahin, wo Obst und Gem\u00fcse verkauft werden. In den engen G\u00e4ngen zwischen den St\u00e4nden herrscht gro\u00dfes Gedr\u00e4nge. Ein Verkaufsstand reiht sich an den anderen, alle sitzen unter einem Sonnenschirm und preisen ihre Waren an. Die Verk\u00e4ufer \u2013 meist Frauen \u2013 antworten auch geduldig auf die Fragen des Fremden. Am Boden sitzen weitere Verk\u00e4ufer und haben ihre bescheidenen Waren vor sich ausgebreitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt so ein vielf\u00e4ltiges Angebot, dass man kaum wei\u00df, wo man hingucken soll. Am meisten werden Bananen angeboten, die meisten schon leicht br\u00e4unlich, einige wenige noch gr\u00fcn. Man sieht M\u00f6hren, Zwiebeln, S\u00fc\u00dfkartoffeln, Yucca, Kirschen, Zitronen und eine Frucht, die <em>zapote<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe Weintrauben, \u00c4pfel, Tomaten und ganz kleine Birnen, die wie Minipaprika aussehen, und nat\u00fcrlich Bananen. Und am Ausgang des Marktes Schweinepf\u00f6tchen und frittiertes Gem\u00fcse. F\u00fcrs Abendessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck. Wieder mit dem Taxi. Auf der Kopfst\u00fctze des Fahrersitzes steht Cierre Despacio. Auf der Kopfst\u00fctze des Beifahrers fehlen die ersten beiden Buchstaben. Da steht dann Erre Despacio. Wunderbares Wortspiel. Zufall? Wohl nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Abend mache ich mich auf den Weg, um auf die <em>Copa<\/em> zu steigen. Die ist ganz nah bei der Unterkunft. \u00dcber die <em>Puente de San Mart\u00edn<\/em> geht es \u00fcber den Guadalquivir auf die andere Seite. Der hat ein breites Flussbett, nutzt aber nur einen Teil davon, und da rauscht er mit starker Str\u00f6mung ger\u00e4uschvoll \u00fcber die Steine.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser Br\u00fccke aus sieht man auf zwei moderne Br\u00fccken, sehr sch\u00f6n, elegant, wei\u00df, die eine mit einem Dreieck, die andere mit drei runden B\u00f6gen. Die erste ist die <em>Puente Milenario<\/em>, die zweite die <em>Puente Bicentenario<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Br\u00fccke frage ich eine junge Frau in Begleitung eines M\u00e4dchens und einer alten Frau nach dem Weg. Sie geht auch zur <em>Copa<\/em>, ich k\u00f6nne gleich mitkommen. Sie erweist sich als sehr gespr\u00e4chig, erz\u00e4hlt mir ihr halbes Leben beim Aufstieg \u00fcber die Stra\u00dfe. Sie hei\u00dft Maribel, ist alleinerziehend, 25 Jahre alt, studiert Marketing und arbeitet im Marketing. Sie kommt aus Potos\u00ed, aber da war es ihr zu kalt. Dann ist sie nach San Lorenzo gezogen, da war es ihr zu gef\u00e4hrlich. Jetzt ist sie seit vier Jahren in Tarija, und hier geht es ihr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur <em>Copa<\/em>, gehen auf die Aussichtsplattform und steigen dann rauf. Oben hat man einen sch\u00f6nen Rundblick, mit den Wolken am Himmel, durch die immer wieder die Sonne blickt, mit den Br\u00fccken und Parks und dem Fluss unten und den kahlen Bergen im Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Maribel ist ihre Tochter, Lia, sehr sch\u00fcchtern. Sie wendet sich versch\u00e4mt ab, wenn ich etwas frage. Die alte Frau dagegen reagiert auf meine Fragen, manchmal, indem sie mir leicht auf den Arm oder die Brust schl\u00e4gt. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. Sie spricht Ketschua. Sie versteht zwar Spanisch, spricht es aber nicht. Maribel ist zweisprachig, Lia spricht bisher nur Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Frau, klein, geb\u00fcckt, voller Runzeln, m\u00fcsste die Oma sein, sie sieht aus wie 90. Bewegt sich aber schneller als eine Neunzigj\u00e4hrige. Langsam d\u00e4mmert es mir: Sie ist nicht die Oma, sondern die Mutter!<\/p>\n\n\n\n<p>Maribel lacht viel, und h\u00e4lt sich immer den Mund zu, wenn sie lacht. Das tut sie auch, als ich ihre Frage nach meinem Alter antworte. Ich frage die alte Frau nach ihrem Alter. Sie holt ihren Personalausweis raus. Sie ist von 1955.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verabschieden uns herzlich, und ich gehe wieder runter. Unten an einem Stand bietet ein Mann etwas an, was ich nicht kenne. Er wird von seiner Tochter assistiert, die Erdbeeren und Bananen kleinschneidet. Was er da anbietet, ist <em>Crema de Leche<\/em>. Wird serviert wie Eiskrem, in kleinen Bechern, mit dem Obst vermischt. Oben drauf gibt es allerlei Kleinzeug, Waffeln und bunte Schokopralinen und So\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen will wissen, was man in Deutschland spricht. Deutsch. Und wie man auf Deutsch <em>Hallo<\/em> und <em>Willkommen<\/em> sagt. Ist ja wie Englisch, sagt sie. Sie ist in der Grundschule und kann schon ein paar Brocken Englisch. Freudig l\u00e4chelnd antwortet sie auf meine Fragen nach ihrem Namen und ihrem Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich gerade auf den Weg machen will, kommt Maribel mit Mutter und Kind auch an den Stand. Sie wollen auch <em>Crema de Leche<\/em>. Ich stecke dem Verk\u00e4ufer schnell die 20 Bolvianos f\u00fcr ihre Portion zu. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verabschieden uns noch einmal, und als wir uns sp\u00e4ter auf der Br\u00fccke noch mal sehen, muss Maribel wieder lachen und sich den Mund zuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bolivien hei\u00dft offiziell <em>Estado Plurinacional de Bolivia<\/em>. So steht es auch auf den M\u00fcnzen und Geldscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geldscheine sind, wie \u00fcberall hier, bunt und alle gleich gro\u00df. Auf der Vorderseite Helden der Geschichte, auf der R\u00fcckseite Szenen aus der Natur. Der h\u00f6chste Wert, den ich bisher in die Hand bekommen habe, ist 100 Bolivianos. Das sind gerade mal 14 $.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnzen gibt es zu 1, 2 und 5 Bolivianos, und es gibt sogar die kleinere Einheit, Centavos. Die M\u00fcnzen sind auff\u00e4llig leicht. Sehen wie Silber aus, sind aber vermutlich eine Legierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiten R\u00f6cke der Bolivianerinnen hei\u00dfen, wie ich aus zuverl\u00e4ssiger Quelle erfahre, <em>polleras<\/em>. Die haben mehrere Unterr\u00f6cke, bis zu zehn, und die lassen die Frauen etwas rundlich aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen erkundige ich mich im Zentrum nach einer Tour in die Weing\u00fcter, <em>La Ruta del Vino<\/em>. Das Angebot ist hier fast deckungsgleich mit dem der Konkurrenz, von der ich irgendwo ein Faltblatt bekommen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gleich heute Nachmittag, entscheide ich nach ein paar Erkl\u00e4rungen der Frau hinter der Theke. Kann man hier mit der Kreditkarte bezahlen? Nein, nur bar. Habe aber kein Bargeld. Da holt sie dann doch den Apparat raus. Wir machen zwei Versuche. Kein Erfolg. Dann bastelt sie ein bisschen an dem Apparat rum, und pl\u00f6tzlich klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum <em>Castillo Azul<\/em>, aber das ist, entgegen der Ank\u00fcndigungen, verschlossen und verriegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es im Zentrum ganz anders als gestern, es herrscht viel mehr Betrieb. Mir war schon an mehreren Schreibwarengesch\u00e4ften aufgefallen, dass Schulmaterialien angeboten wurden, und jetzt wird auch klar, warum: Heute ist der erste Schultag! Die gro\u00dfen Ferien sind vorbei! \u00dcberall sieht man Schulkinder in Uniformen, in Rot und Wei\u00df und Rot und Schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich kommt mir eine strahlend l\u00e4chelnde junge Frau entgegen. Kennen wir uns? Es ist die Kanadierin aus dem Bus! Sie begr\u00fc\u00dft mich mit K\u00fcsschen auf die Backe. Sie bleibt vier Tage hier in Tarija. Hat sich auch f\u00fcr die <em>Ruta del Vino<\/em> angemeldet, aber f\u00fcr morgen.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur <em>Iglesia San Roque<\/em>. Die war mir schon gestern aufgefallen, mit ihrer lila und wei\u00dfen Fassade. Steht dekorativ am Ende einer Treppe, die wiederum am Ende einer steil ansteigenden Stra\u00dfe liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen nichts Besonderes, bis auf die sch\u00f6ne Deckenbemalung, f\u00fcr jedes Joch ein neues Motiv, manchmal nur ein Emblem oder ein Symbol.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorne am Hochaltar thront wieder eine Madonna. San Roque ist in das Seitenschiff verbannt. So viel Schmuck um ihn herum, dass man nicht erkennen kann, ob auch sein Hund dabei ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem anderen Seitenschiff f\u00e4llt mir eine Figur auf, die eine S\u00e4ge in der Hand h\u00e4lt, und zwar eine normale, moderne S\u00e4ge. Ich denke an Simon, sehe dann aber, dass die Figur eine Handwerkersch\u00fcrze tr\u00e4gt. Es ist Josef, der Zimmermann. Neben ihm eine hockende Figur, die ich f\u00fcr einen Engel gehalten habe. Es ist Jesus als Kind. Er hat einen richtigen Hammer in der Hand und holt damit gerade aus. Er ist bei seinem Vater in der Lehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause sehe ich eine Frau, die auf dem B\u00fcrgersteig sitzt und gr\u00fcne Pflanzen zu Str\u00e4u\u00dfen bindet. Was ist das? <em>Alfalfa<\/em>, sagt sie mir. Keine Ahnung, was das ist. Sei gut bei An\u00e4mie und werde auch von den Tieren auf der Weide gefressen. Da denke ich an Klee. Der ist aber viel k\u00fcrzer. Sp\u00e4ter, im Internet, finde ich die deutsche Entsprechung: Luzerne. Ist wohl mit dem Klee verwandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Pause zu Hause wird es beinahe etwas knapp f\u00fcr den Treffpunkt f\u00fcr die <em>Ruta del Vino<\/em>. Ich lege einen Schritt zu, und als ich zwei Minuten vor zwei eintreffe, bin ich der erste. Die anderen trudeln im Laufe der n\u00e4chsten Viertelstunde ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren stadtausw\u00e4rts. Kommen an einer langen Mauer vorbei. Die wurde gebaut, um die Stadt vor \u00dcberschwemmungen durch den Guadalquivir zu sch\u00fctzen. Der hei\u00dft so, weil der Stadtgr\u00fcnder aus Sevilla kam. Der wollte ein Band zu seiner Heimatstadt kn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Gabelung fahren wir rechts. Links geht es in den Chaco und damit auch nach Paraguay. Erinnert mich an eine fr\u00fchere Reise und die verpasste Gelegenheit, in den Chaco Paraguays zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann unsere F\u00fchrerin ganz schlecht verstehen. Sie spricht ziemlich undeutlich, und ich sitze auch etwas ung\u00fcnstig, um gut zu h\u00f6ren. F\u00fcrs Grobe reicht es aber. Im Laufe des Nachmittags fallen mir die witzigen Diminutive auf, die sie gebraucht, wie <em>ahicito<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden 5 Bodegas besuchen. Insgesamt hat Bolivien 300, die meisten davon wohl in Tarija, nicht in der Stadt, sondern in der Provinz. Die haben denselben Namen. Die Provinzen hei\u00dfen hier zur Verwirrung <em>departamentos<\/em>, was auch \u201aWohnung\u2018 bedeutet, und nicht <em>provincias<\/em> wie in Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere F\u00fchrerin teilt die Bodegas in zwei Kategorien ein, <em>industriales<\/em> und <em>artesanales<\/em>. Wir besichtigen jeweils zwei, dazu eine Schnapsbrennerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Unterschied zwischen <em>industrial<\/em> und <em>artesanal<\/em> kann man auf den ersten Blick erkennen. Die ersten sind wie riesige Landg\u00fcter mit gro\u00dfz\u00fcgigen Anlagen und repr\u00e4sentativen Bauten. Bei der ersten sieht der Eingang wie der zu einer modernen Kirche aus. Die anderen sind bescheidener, wie Landh\u00e4user, die erst sp\u00e4ter umgewidmet und zu Weing\u00fctern wurden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkl\u00e4rungen zum Wein halten sich in Grenzen. Hin und wieder werden schnell die verschiedenen Trauben aufgez\u00e4hlt, die f\u00fcr den Wein angebaut werden, hin und wieder gibt es Zahlen, die in ein Ohr rein- und aus dem anderen rausgehen. In einem der gro\u00dfen Weing\u00fcter bekomme ich mit, dass man \u00fcber 2.000 Hektar Anbaufl\u00e4che verf\u00fcgt und 4 Millionen Liter Wein pro Jahr produziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine F\u00fchrerin betont, wie viel von der Qualit\u00e4t der Traube abh\u00e4ngt und wie stark, auch hier, das Wetter die Qualit\u00e4t des Jahrgangs bestimmt. \u00dcber Etikette, Vermarktung, Verkorkung, Vertrieb wird so gut wie gar nichts gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nirgendwo gehen wir in die Weinberge (oder besser gesagt Weinfelder) rein. Wir sehen sie aber auf dem Weg in die Weinkellerei. Sie stehen in Reih und Glied und tragen die Trauben etwa in der H\u00f6he der H\u00fcfte. Macht die Ernte leichter als bei uns. Die ersten Trauben, die ich sehe, sind alle blau und klein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Bodega h\u00e4ngt eine Seite aus der New York Times mit dem Titel <em>Never heard of Bolivian wine? That may be about to change.<\/em> Da ist von einer Blindverkostung die Rede, bei der ein bolivianischer Wein nach einem franz\u00f6sischen den 2. Platz belegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weine, die wir bekommen, schmecken ganz gut, aber ich w\u00fcrde keinen kaufen, auch wenn Platz im Koffer w\u00e4re. Der Ros\u00e9, ein junger Wein, ist etwas nichtssagend, der Rotwein ist mir zu s\u00fc\u00df. Vor allem der, den es gibt, als ein paar H\u00e4ppchen serviert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir der Besuch der Schnapsbrennerei. Hier gibt es die besten Erkl\u00e4rungen. Das Grundprinzip bei der Herstellung des Singani ist der Einsatz von W\u00e4rme und K\u00e4lte zur Trennung von Wasser und Alkohol. Der Alkohol lagert sich oben ab und wird durch einen Schwanenhals in ein Fass transportiert. So entstehen die einfachsten Varianten. Die werden in klassischen Schnapsflaschen angeboten, mit blauen bzw. roten Etiketten. F\u00fcr die besseren, und das hei\u00dft milderen Sorten, wird der derselbe Prozess wiederholt, und f\u00fcr die ganz guten Sorten noch einmal. Diese Sorten werden in Flaschen serviert, die an Whiskyflaschen erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alkoholgehalt bleibt immer gleich, 40%. Aber der gute Singani schmeckt besser und macht den Kater am n\u00e4chsten Tag ertr\u00e4glicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird der Singani als Cocktail serviert, als Chuflay, mit Eis, Zitronenscheibe und Ginger Ale. Schmeckt phantastisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der letzten Station, der <em>Casa Vieja<\/em>, verzichte ich auf die kostenpflichtige Probe und setze mich einfach auf eine Bank und genie\u00dfe den anbrechenden Abend und die Sonne und den Blick \u00fcber die Weinfelder bis zu den kahlen Bergen am Horizont.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Weinst\u00f6cken vor mir h\u00e4ngen keine Trauben. Wie kommt das? Als ich mich das frage, kommt ein Wagen aus dem Weinfelder, bis oben mit Trauben beladen. Neben dem Wagen die Erntehelfer, die sich ihrer Arbeitskleidung entledigen. Einer der Arbeiter dr\u00fcckt mir eine gro\u00dfe Traube Trauben in die Hand. Muskateller, wei\u00df, gro\u00df. Schmecken wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir bei der Tour am besten gef\u00e4llt sind die Dinge am Rande. Wir sind mit einem Transporter unterwegs. Der Fahrer muss immer weit r\u00fcbergreifen, zum Sitz des Beifahrers hin, um die Schaltung zu erreichen. Wer hat sich das nur ausgedacht? Dann d\u00e4mmert es mir irgendwann. Ich habe vorher japanische Schriftzeichen drau\u00dfen am Auto gesehen. Das Auto ist ein Import aus Japan. Linksverkehr! Die Schaltung wurde urspr\u00fcnglich mit links von dem Fahrer bet\u00e4tigt, der rechts sa\u00df, da, wo bei uns der Beifahrer sitzt. Das Lenkrad muss nachtr\u00e4glich nach links verlegt worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Bodega sind die Toiletten mit W\u00f6rtern aus einer amerindischen Sprache gekennzeichnet: <em>Cumita<\/em> f\u00fcr Frauen, <em>Cumpita<\/em> f\u00fcr M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Bodega hat es darauf angelegt, ihren Weinen originelle Namen zu geben: <em>Roba Besos<\/em>, <em>Ojo Alegre<\/em>, <em>Quitacalzones<\/em>. Der zieht einem die Unterhose aus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich von einer Besichtigung als erster zum Auto zur\u00fcckkehre, macht unser Fahrer mich auf einen Baum aufmerksam und die Fr\u00fcchte, die daran wachsen, kleine, runde Fr\u00fcchte, an einem Baum rot, an einem anderen gelb. Je l\u00e4nger man hinguckt, umso mehr entdeckt man, auch ganz oben am Baum h\u00e4ngen unz\u00e4hlige Fr\u00fcchte. Das muss der <em>molle<\/em> sein, den wir auch in Jujuy gesehen haben, nur ohne Fr\u00fcchte. Ich pfl\u00fccke ein paar. Das sind Pfefferk\u00f6rner!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hof einer der Bodegas wachsen an einem Baum gro\u00dfe gr\u00fcne Fr\u00fcchte, k\u00fcrbisartig in der Form. Sie h\u00e4ngen mit einem Stil an dem Ast, wie \u00fcberdimensionale Kirschen. Diese Fr\u00fcchte hei\u00dfen <em>porongo<\/em>. Aus ihrer Schale werden Gef\u00e4\u00dfe hergestellt, darunter der Becher f\u00fcr den klassischen Mate.&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So geht es, voller Eindr\u00fccke, nach Tijara zur\u00fcck. Auf dem Weg zur Unterkunft komme ich an einem einfachen Lokal vorbei, das bolivianische K\u00fcche anbietet. Ich gehe kurzentschlossen rein und bestelle <em>Saice<\/em>, das typische Gericht von Tijara, das klassische Gericht des <em>Chapacos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Tellergericht, mit Reis, Hackfleisch, Tomaten, Kartoffeln, Yucca und <em>chu\u00f1os<\/em>, den traditionellen Andenkartoffeln, die durch Wasserentzug haltbar gemacht werden. Eine fr\u00fche Form der Gefriertrocknung.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit der Besichtigung der <em>Casa Dorada<\/em>. Die F\u00fchrerin scheint anfangs etwas schroff, w\u00e4rmt aber im Laufe der F\u00fchrung auf. Au\u00dfer mir sind nur zwei Argentinierinnen dabei, eine aus Buenos Aires, eine aus Mendoza.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin zeigt sich ungehalten, als ich vom <em>Castillo Azul<\/em> und den verschlossenen T\u00fcren berichte. Sie schicke die Leute dahin, und dann w\u00fcrden die nicht \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum glaublich, dieser Stadtpalast, die <em>Casa Dorada<\/em>, ist tats\u00e4chlich von einem Privatmann gebaut worden, f\u00fcr sich und seine Frau. Er hatte j\u00fcdische, sie spanische Wurzeln. Sie verdienten ihr Geld durch den Export von G\u00fctern aus Europa, Luxusg\u00fctern in der Regel. In einem Raum sieht man Kataloge, gro\u00df, in schwarz-wei\u00df, aber schon modern in der Anlage, mit Zeichnungen und Werbespr\u00fcchen. Es gibt Kleidung, vor allem lange, taillierte Frauenkleider, es gibt kupferne und silberne Gef\u00e4\u00dfe zur Ausstattung des Salons, auch kunstvoll gestaltete T\u00fcrbeschl\u00e4ge, Tapeten und schwere Leuchter und Teppiche, eben alles, was wohlhabende Menschen haben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin erkl\u00e4rt, dass die Kundschaft keineswegs hier in Tarija zu finden war. Tarija war ein kleiner Ort, von Landwirtschaft gepr\u00e4gt, mit einer einfachen, armen Bev\u00f6lkerung. Die Kundschaft f\u00fcr die Luxusg\u00fcter war in Potos\u00ed und Sucre zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnr\u00e4ume befanden sich im Obergeschoss. Auch das hat Arkaden, die den Blick nach unten in den Innenhof gestatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein Prachtzimmer, das wohl nur der Repr\u00e4sentation diente, ein Musikzimmer und sogar eine eigene Kapelle zu sehen! \u00dcberall falsche Decken. Was das genau ist, verstehe ich nicht, aber es scheint sich um bemalte Leinent\u00fccher zu handeln, die unter der eigentlichen Decke angebracht wurden. Das erspart die Deckenbemalung.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sakristei sind Messgew\u00e4nder ausgelegt, in den f\u00fcnf liturgischen Farben, wie die F\u00fchrerin erkl\u00e4rt. Welche sind das? Ich gucke mich schnell um: Wei\u00df, Rot, Gr\u00fcn, Violett, Schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Musikzimmer stehen ein wertvolles Klavier deutscher Herkunft der Marke <em>Bl\u00f6hmer<\/em> und ein kurioser Apparat, mit dem Klaviermusik gemacht wurde, ohne dass man Klavier spielen musste. Das funktionierte mit Lochkarten. Die wurden mit Pedalen betrieben, und wie durch ein Wunder spielte das Klavier Melodien ohne einen Klavierspieler.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem der Zimmer h\u00e4ngt ein Photo des Ehemanns und daneben eins der Ehefrau, fast vom Boden bis zur Decke reichend, beide in feinem Zwirn, f\u00fcr das Photo posierend. Man k\u00f6nnte meinen, dass es sich um Gem\u00e4lde handelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unternehmerehepaar hatte keine Kinder, und als auch die Ehefrau, viele Jahre nach ihrem Ehemann verstarb, war nicht gekl\u00e4rt, was mit diesem Haus passieren w\u00fcrde. Keiner k\u00fcmmerte sich darum, es verfiel, bis sich die Stadt seiner annahm und es zu einem Museum machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles sehr interessant, aber man h\u00e4tte gerne noch etwas erfahren \u00fcber den eklektischen Stil des Hauses und m\u00f6gliche&nbsp; Vorbilder in Europa. Auch was die Zahl der Portale angeht, neun auf jeder Seite, h\u00e4tte man gerne eine Erkl\u00e4rung gehabt. Auf Nachfrage erfahre ich aber, dass das Gold an der Fassade kein Gold ist, sondern einfach ein goldener Farbton. Die vergoldeten Spiegel hier im Haus haben an einigen Stellen einen echten Gold\u00fcberzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe durch den <em>Mercado Central<\/em>. Das ist der eigentliche Markt, in einer Markthalle, mit zwei Stockwerken. Sieht wie in Spanien aus. Der Markt hat sogar eine Rolltreppe. Ich kaufe zwei s\u00fcndhaft teure Chirimoyas. Die sind so teuer, versichert mir die Verk\u00e4uferin, weil sie noch hart seien. Die reiferen, die zum sofortigen Verkehr, seien billiger.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand sehe ich etwas, das wie ein Schwamm aussieht. Was ist das? Eine B\u00fcrste, zur K\u00f6rperpflege. Aus Pflanzenfasern gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause sehe ich auf dem B\u00fcrgersteig eine Frau sitzen, die Feigen verkauft und eine Frucht, die <em>tuna<\/em> hei\u00dft, aus der Familie der Kakteengew\u00e4chse. Geh\u00f6rt in Mexiko, wie es hei\u00dft, zur Standardk\u00fcche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt komme ich ungewollt durch ein neues Viertel, weil ich einen anderen Heimweg ausprobiere. Wenn vorher an jeder Ecke eine Anwaltskanzlei war, ist jetzt an jeder Ecke ein Gesch\u00e4ft mit K\u00fcchenutensilien \u2013 vor allem Produkte aus Plastik \u2013 oder ein Gesch\u00e4ft mit Handyzubeh\u00f6r. Zum ersten Mal sehe ich eine Fahrschule. Dann kommen Gesch\u00e4fte mit Brautkleidern, lang, perlenbestickt, und mehrere Schneidereien. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag geht es ins Museum, ins <em>Munapar<\/em>. Das ist das <em>Museo Nacional Paleontol\u00f3gico Arqueol\u00f3gico de Tarija.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Museum wie aus alten Zeiten. Keine Videos, kein Spielchen, kaum ein Photo. Exponate und Beschriftungen. Aber es lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten gibt es sehr gut erhaltene, fast komplette Skelette von pr\u00e4historischen Tieren, so etwas wie fr\u00fche Elefanten und Nash\u00f6rner. Beeindruckend vor allem die riesigen K\u00f6pfe. Auch Pferde gab es!! Mit denen sp\u00e4ter dann die Spanier die Einheimischen beeindrucken konnten. Hier sind sie alle ausgestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant die Gegen\u00fcberstellung der Gebisse verschiedener Tiere, einige glatter, einige spitzer. Das h\u00e4ngt mit der Nahrungsaufnahme zusammen. Die Tiere mit dem glatten Gebiss fra\u00dfen vorzugsweise Gr\u00e4ser, die mit dem spitzen Gebiss Holz und Rinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich waren diese Tiere Einwanderer, aus Nordamerika. Im Pleistoz\u00e4n gab es eine gro\u00dfe Wanderung \u00fcber den Isthmus von Panama, in beide Richtungen. Sie hatten einen langen Atem: Die ersten von ihnen erschienen vor 2,5 Millionen Jahren, die letzten verschwanden vor 8.500 Jahren. Ist noch gar nicht so lange her.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Funde, die hier ausgestellt sind, stammen von hier, aus der Provinz Tarija, und einige wurden vor gar nicht so langer Zeit gefunden. Auf einem Photo sieht man eine Familie vor einem Skelett posieren. Das war pl\u00f6tzlich bei Bauarbeiten in ihrem Innenhof aufgetaucht!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Zeichnungen sieht man, wie die Tiere aussahen, alle merkw\u00fcrdig f\u00fcr unseren Geschmack, vor allem durch die Kopfform. K\u00f6nnten aus Science-Fiction-Filmen stammen oder aus Horrorfilmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es Fossilien, und gleich am Anfang meinen alten Favoriten, den Archaeopteryx,&nbsp; aus der Heimat bekannt. In der Beschreibung werden auch tats\u00e4chlich Solnhofen und Eichst\u00e4tt genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arch\u00e4opteryx war ein Saurier der kleineren Art, und der tat etwas, was die gesamte Nachwelt pr\u00e4gen sollte: Er entwickelte an zwei L\u00e4ufen den Ansatz von Federn \u2013 kann man hier in dem Fossil gut sehen \u2013 und konnte zwar noch nicht fliegen, aber doch durch die Luft gleiten, vielleicht von Baum zu Baum. Das Witzige bei ihm als \u201eVogel\u201c ist, dass er noch Z\u00e4hne im Gebiss hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein sehr sch\u00f6nes Fossil von einem Seestern, mit f\u00fcnf Armen. Man glaubt, das Tier selbst zu sehen, aber in Wirklichkeit ist es nur der fossilisierte Abdruck, den ein Seestern im feuchten Meeresboden hinterlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Baumst\u00e4mme, Bl\u00e4tter und Zapfen sind in Fossilien erhalten. Bei den Zapfen kann man gut den Unterschied zwischen den glatten und denen mit Schuppen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt was ganz Merkw\u00fcrdiges, zwei Fossilien, die man gar nicht identifizieren kann. Ein schwarzes in der Form einer S\u00e4ule, ein braunes in der Form eines Haufens. Auf dem Schild davor steht <em>Coprolito<\/em>. Das macht mich auch nicht schlauer. Aber darunter die Erkl\u00e4rung: Es sind F\u00e4kalien, Hinterlassenschaften der vorgeschichtlichen Tiere! Und so gro\u00df wie die waren, so gro\u00df sind auch die Haufen, die sie hinterlassen haben. F\u00fcr die Wissenschaftler eine wichtige Quelle zur Erforschung der Ern\u00e4hrungsgewohnheiten dieser Tiere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Mineralien gibt es vor allem einige sehr sch\u00f6ne Exemplare zu bewundern, mit unterschiedlichen Farbschichten. Ein Stein sieht aus wie Gorgonzola.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Schautafel wird gezeigt, wie die 35.000 Jahre der Menschheitsgeschichte Amerikas w\u00e4ren, wenn man sie auf ein Jahr reduzierte. Dann k\u00e4me im Januar die Einwanderung, der Beginn der Landwirtschaft f\u00e4llt in den September, die ersten D\u00f6rfer erscheinen erst im Oktober.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Gipsform sieht man den <em>Hombre de San Luis<\/em>, den \u00e4ltesten erhaltenen K\u00f6rper Boliviens, auch der aus Tarija. Er ist in der Position eines F\u00f6tus begraben worden, hat eine Hand hinter dem R\u00fccken, die andere unter dem Kopf, als St\u00fctze sozusagen. Man sch\u00e4tzt ihn&nbsp; 7.000 bis 9.000 Jahre alt. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon gehen will, f\u00e4llt mein Blick auf einen Stein, der am Eingang zu dem Museumsraum steht. Darauf befindet sich eine Kritzelei, eine kindlich aussehende Zeichnung eines lachenden, eher grinsenden Gesichts. Sicher kein Kunstwerk. Was f\u00fcr eine Bewandtnis hat es damit? Keine Ahnung. Dann sehe ich mir die Form des Steins genauer an. Es ist ein Phallus. Der Stein ist ein Fruchtbarkeitssymbol!<\/p>\n\n\n\n<p>5. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein dritter Versuch beim <em>Castillo Azul<\/em> endet auch erfolglos. Diesmal stehen auch andere Interessenten vor dem verschlossenen Tor. Eine Frau ruft an. Es sieht so aus, als m\u00fcsse man einen Termin machen. Der f\u00fcr heute Vormittag ist aber schon ausgebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur <em>Iglesia de San Francisco<\/em> und komme dabei in ein Viertel, in dem ich noch gar nicht gewesen bin. Die Kirche, ein langer, einfacher Backsteinbau, vor den man einen m\u00e4chtigen Glockenturm gesetzt hat, ist auch zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das <em>Cabildo<\/em> hat auf. Ich bekomme sogar <em>stante pede<\/em> eine F\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Eindruck ist entt\u00e4uschend. Hinter der kolossalen, tiefroten Fassade des Hauses mit den starken Pfeilern erscheint ein moderner Bau, der zwar die Formensprache der alten Baus aufnimmt, aber doch ganz anders ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau war lange vernachl\u00e4ssigt worden und musste dringend restauriert werden. Die Restaurierung wurde einem deutschen Architekten anvertraut, der hier in Tarija lebt. Er stabilisierte den vorderen Teil, erneuerte den hinteren Teil und bezog auch noch den Bereich des ehemaligen Strafgef\u00e4ngnisses mit einem gro\u00dfen Innenhof mit ein. Daraus ergab sich ein gro\u00dfer, funktionaler Bau f\u00fcr die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand ist ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde angebracht, dass die Fassade so darstellt, wie sie urspr\u00fcnglich war. Sieht schon anders aus, steinsichtig, aber die Arkaden sind geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Stock ist der Ratssaal. Es gibt nur neun Abgeordnete. Die sitzen auf sehr bequem aussehenden Ledersesseln im Hufeisen um den Pr\u00e4sidenten herum. Trotz der unmittelbaren N\u00e4he haben alle ein Mikrophon vor sich und eine elektronische Tafel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Rat sich zusammensetzt und welche Parteien beteiligt sind, wird nicht gesagt. Auf jeden Fall werden sie gew\u00e4hlt, aber wie der Ablauf der Wahl ist, das bekomme ich nicht mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne gro\u00dfe Hoffnung, was zu finden, gehe ich in einen Klamottenladen. Kein Erfolg. Gleich nebenan ein \u00e4hnlicher Laden in einem fensterlosen, schlauchartigen Raum. An den W\u00e4nden in doppelten Reihen R\u00f6cke und Kleider und Hemden. Die kurzen Hosen liegen ungeordnet in einem Haufen auf einem W\u00fchltisch. Ich mache mich etwas lustlos an die Suche. Man muss alles nach Augenma\u00df machen, denn die argentinischen Ma\u00dfe sind anders als unsere. Aber wie durch ein Wunder fische ich die richtigen raus. Bekomme gleich drei f\u00fcr 100 Bolivianos. Das sind gerade mal 15 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Hinweg ist mir ganz in der N\u00e4he des Apartments ein gutes Lokal aufgefallen, mit den auff\u00e4lligen Namen <em>El Fog\u00f3n del Gringo<\/em>. Das hat zwar nur Parillada und keine traditionellen Gerichte, aber es sieht alles sehr gut aus und riecht gut. Das Fleisch wird offen auf einem Grill vor dem Lokal zubereitet.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht alles sehr professionell zu, die Bedienung ber\u00e4t einen gut. Es gibt auch ein Salatbuffet, aber da herrscht bald Ebbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fleisch, <em>Ojo de Bife<\/em>, wohl eine Art Rippensteak, ist au\u00dfen knusprig, innen zart und sehr saftig. Mehr kann man nicht verlangen.&nbsp; Dazu gibt es ein bolivianisches Bier, das ich bisher noch nicht probiert habe, <em>Potosina<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon fertig f\u00fcr die Abreise bin, kommt Anita, die Vermieterin, noch zum Kennenlernen. Bei der Gelegenheit nimmt sie das zus\u00e4tzliche Geld f\u00fcr die sp\u00e4te Abreise in Empfang. In bar nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kennt Palpal\u00e1 und mag Argentinien, klagt aber \u00fcber die Preise. Das Essen und die Kleidung vor allem, f\u00fcr sie Bolivianer sei das alles sehr, sehr teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht viel Werbung f\u00fcr Bolivien, das sei ein Land mit gro\u00dfer Vielfalt, Natur, Essen, Menschen. Vor allem La Paz m\u00fcsse ich unbedingt kennenlernen. Vor allem wegen ihrer Lage sei das eine ganz besondere Stadt. Passende Abschiedsworte an meinem letzten Tag in Tarija.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Stunde des Tages verbringe ich an der Grenze. Wir stehen drau\u00dfen, stehen Schlange an einem einfachen Grenzw\u00e4rterpavillon. Neben uns im Sand ein paar Autowracks.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ganz still, die Leute schweigen, man h\u00f6rt nur die Grillen. Und sieht den wunderbaren Sternenhimmel. Wir sind mitten in der Wildnis, hier st\u00f6ren keine Lichter den Blick in den Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird reingelassen und dreht dann eine Runde, um erst an den bolivianischen Beamtinnen vorbeizukommen, dann an den argentinischen. Keine besonderen Kontrollen, keine Formulare, nur muss ich eine genaue Adresse in Argentinien angeben. Die von dem Busfahrer angek\u00fcndigten 21 Bolivianos f\u00fcr die Ausreise werden nicht einkassiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir weiterfahren, muss das ganze Gep\u00e4ck aus dem Bus geholt und durchleuchtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter. Jetzt kann ich noch etwas schlafen. Damit war es bisher nichts, die Ger\u00e4uschkulisse war zu gro\u00df. Im Fernsehen l\u00e4uft ein uns\u00e4glich schlechter Film mit wilden, phantastischen Verfolgungsjagden und st\u00e4ndiger Knallerei aus futuristischen Waffen. Hinter mir schreit ein Kind, eine Frau hustet sich durch die Reise, mein Nachbar h\u00f6rt Hiphop und auf der anderen Seite des Ganges l\u00e4sst eine junge Frau in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ihre Kaugummiblase ger\u00e4uschvoll platzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Dunkelheit kann man sehen, dass hier auch die Vegetation ganz anders ist. B\u00e4ume \u00fcber B\u00e4ume, auf beiden Seiten der Stra\u00dfe, bis dicht an die Fahrbahn ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in Jujuy an. Trotz der fr\u00fchen Stunde ist schon viel Bewegung am Bahnhof. Die Taxis stehen abfahrbereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina und Nicol\u00e1s nehmen mich in Empfang. Er hat frisch gepressten Pfirsichsaft gemacht. Au\u00dferdem hat er die Steckdosen ausgetauscht. Seine W\u00e4sche macht er selbst, und kochen kann er auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Schilderung der Reise werde ich ins Bett entlassen, um Schlaf nachzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter will nicht zum Essen kommen, also kommt das Essen zur Mutter. Wir schleppen die Sch\u00fcsseln ins Auto, und los geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hund, der tats\u00e4chlich <em>Morcilla<\/em> hei\u00dft, ist erfreut, mich zu sehen und leckt meine H\u00e4nde. <em>Homero<\/em>, der eher wie eine Wurst aussieht, tut sich dagegen schwer mit mir. Entweder weicht er im R\u00fcckw\u00e4rtsgang zur\u00fcck oder er bellt aus vollen Kr\u00e4ften.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat gekocht. Ein Fleischgericht namens <em>Bondiola<\/em> (vielleicht Schweineschulter?) mit Reis und Salat. Das Essen ist ein Gedicht. Das Fleisch so zart wie man es sich nur vorstellen kann und sehr schmackhaft. Dazu gibt es frischen Zitronensaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Dame fragt nach der Reise. Immer wieder sagt sie, dass ich wohl nicht damit gerechnet h\u00e4tte, nach Bolivien zu reisen. Das habe ich wirklich nicht. Wenn die beiden anderen von ihren Reisen nach Bolivien erz\u00e4hlen, kommt sie manchmal etwas durcheinander, was Entfernungen und Klima betrifft. Geht mir genauso.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach meiner argentinischen Freundin in der Heimat. Ob die denn nicht mal wieder nach Argentinien kommen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt von ihrer Arthrose und dass die das Resultat eines Sturzes ist, den sie als Kind erlitten habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s erz\u00e4hlt, der Schulbeginn sei wegen des Karnevals verschoben worden. Aber nur f\u00fcr die Schulkinder. Die Lehrer m\u00fcssen trotzdem p\u00fcnktlich antreten. Und was machen sie dann da? Nichts. Ein paar Listen ausf\u00fcllen, ein paar Konferenzen bestreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat bei ihrem Zahnarzt wegen eines Termins nachgefragt f\u00fcr eine Zahnreinigung. Der hat wider Erwarten gleich einen Termin f\u00fcr heute angeboten. 19 Uhr. Da sind bei uns die Zahnpraxen geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zahnarzt erscheint in sportlicher Kleidung mit Kopftuch und einer wei\u00dfen \u00c4rztejacke. Er ist Peruaner und betreibt die Praxis zusammen mit seiner Frau. Nach Peru m\u00fcsse ich unbedingt reisen, sagt er, jeder Mensch solle einmal Machu Picchu gesehen haben, bevor er stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Praxis ist modern eingerichtet, man kann sogar das&nbsp; Panorama der Zahnreihen auf einem Bildschirm sehen. Der einzige Unterschied zu uns ist die Abwesenheit einer Zahnarzthelferin.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Behandlung erz\u00e4hlt er von einem Nachbarn, dessen Tochter in Deutschland verheiratet ist. Sie sei nach Machu Picchu gereist und habe dort einen Deutschen kennengelernt. Kurz darauf habe sie sich in Deutschland wiedergefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erz\u00e4hlt er von einem Freund, mit dem er gerade telefoniert hat. Der habe geweint. Er hat gerade erfahren, dass sein Sohn, 24 Jahre alt, Student in Buenos Aires, an Leuk\u00e4mie erkrankt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl er Evangelina gut kennt, gibt es keinen Freundschaftspreis: 50.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen wir Halt an Evangelinas Schule. Das Geb\u00e4ude, tags\u00fcber eine normale Schule, verwandelt sich abends in eine Abendschule f\u00fcr Erwachsene. Dort unterrichtet Evangelina jeden Tag bis 22.30, vier Stunden am Tag. Ihre Sch\u00fcler haben teils nie eine Schule besucht, teils keinen Abschluss bekommen, teils ihre fr\u00fcheren Kenntnisse verloren. Sie nehmen unregelm\u00e4\u00dfig teil, kommen manchmal gar nicht, manchmal versp\u00e4tet, weil sie die Schule mit ihrem Arbeits- und Familienleben vereinbaren m\u00fcssen. Auf dem Stundenplan steht alles, was auch in der Grundschule auf dem Plan steht, aber das Budget f\u00fcr Erwachsene ist beschr\u00e4nkt, und deshalb werden einige F\u00e4cher wie Sport oder Kunst nicht unterrichtet. Religion wird an staatlichen Schulen grunds\u00e4tzlich nicht unterrichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schule sieht von au\u00dfen ganz vorzeigbar aus, ein wei\u00dfer, einst\u00f6ckiger Bau mit blauen Kacheln an der Fassade und \u00fcppigen Pflanzen davor, ziemlich wild wachsend. Innen merkt man aber schon die Unterschiede zu Deutschland. Es ist alles sehr einfach, sieht etwas veraltet aus, die T\u00fcren sind aus Eisen, \u00fcberall gibt es Gitter. Sieht wie eine Mischung aus Sporthalle und Gef\u00e4ngnis aus.<\/p>\n\n\n\n<p>7. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina \u00fcbernachtet bei ihrer Mutter, und Nicol\u00e1s ist kurz vor Mitternacht noch mal aus dem Haus gegangen. Ich bleibe mit dem jaulenden Homero alleine im Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Nacht hat es gesch\u00fcttet, und der geplante Ausflug zu den Salinas steht auf der Kippe. Evangelinas Mutter hat in den Nachrichten geh\u00f6rt, dass die Stra\u00dfe dorthin gesperrt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s hat in der Nacht noch Sport gemacht, Paddle, und jetzt steht er am B\u00fcgeleisen und b\u00fcgelt sein Hemd. Den Fernseher bei der Oma hat er auch selbst installiert. Das nennt man vielseitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00e4hrt mich anschlie\u00dfend zu einer Bank in Palpal\u00e1. Vor dem Geldautomaten eine lange Schlange. Als ich mich anstellen will, sagt mir jemand, nee, nicht hier, da hinten. Die Schlange geht auf der Stra\u00dfe weiter. Ich stelle mich an, aber es tut sich nichts, und wir geben es auf. Nicol\u00e1s kennt noch einen weiteren Geldautomaten. Da stehen nur zwei, drei Leute an. Aber als ich eintreffe, kommt eine Frau kopfsch\u00fcttelnd raus: \u201eNo hay.\u201c Es ist kein Geld da. Nicol\u00e1s sagt, das passiere \u00f6fter. Am schlimmsten sei es an verl\u00e4ngerten Wochenenden wie Karneval, da m\u00fcsse man dann mehrere Tage warten, damit wieder aufgef\u00fcllt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zur Tankstelle. YPF. Das ist eine staatliche \u00d6lgesellschaft. Die meisten Tankstellen geh\u00f6ren ihr. Wie? Kassiert dann der Staat den Gewinn aus dem Verkauf und die Steuern? Theoretisch ja, sagt Nicol\u00e1s.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Tankstelle wird man bedient. Ich lasse meinen ganzen Charme spielen und \u00fcberzeuge die junge Frau, bei mir zu kassieren. Nach einigem Z\u00f6gern tut sie das auch. Kontrolliert aber meinen Personalausweis, als ich ihr die Kreditkarte gebe.<\/p>\n\n\n\n<p>50.000 Pesos f\u00fcr einen vollen Tank f\u00fcr einen Ford Fiesta. Auf die Literzahl habe ich nicht geachtet. Aber es ist wohl etwas g\u00fcnstiger als bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zur\u00fcckkommen, muss Evangelina noch kurz was einkaufen, und dann haben wir lange genug rumgetr\u00f6delt: Die Stra\u00dfensperre ist wieder aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter f\u00e4hrt auch mit. Normalerweise, sagt Evangelina, tue ihr der Kopf weh oder das Knie, und dann klage sie, dass sie nie aus dem Haus komme. Heute ist sie aber mit von der Partie.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu ihr l\u00e4sst Nicol\u00e1s noch an einer Werkstatt den Reifendruck pr\u00fcfen. Das macht der Mann gegen ein Trinkgeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir holen die Oma ab, und los geht\u2019s. Im Radio laufen Lieder von <em>Los de Jujuy<\/em>. Eine weitere lokale Gruppe hei\u00dft <em>Los Changos<\/em>. Bei der Gelegenheit lerne ich, dass <em>chango<\/em> ein umgangssprachliches Wort f\u00fcr \u201aJunge\u2018 ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Musik wird den ganzen Tag laufen, und es erweist sich, dass Mutter und Sohn den gleichen Musikgeschmack haben. Obwohl Nicol\u00e1s Englischlehrer ist, laufen keine englischen Titel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren auf die Autobahn oder wenigstens eine geb\u00fchrenpflichtige vierspurige Stra\u00dfe. Das ist die Route, auf der ich letzte Woche in der Nacht meine verr\u00fcckte Fahrt nach Bolivien angetreten habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich zeigt Nicol\u00e1s auf die Berge am Horizont: Guckt mal! Da liegt Schnee. Wir sind bei 28\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch einen Ort, der Le\u00f3n hei\u00dft. Hier wird mit einem Monument und einer j\u00e4hrlichen Gedenkfeier einer Schlacht gedacht, nat\u00fcrlich einer gegen die Spanier, einer von diesen Schlachten, wo auf der Seite des sp\u00e4teren Siegers Bauern mit Schaufeln, Sensen und Kn\u00fcppeln in den Krieg ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in einen Ort, der Volc\u00e1n hei\u00dft. Weit und breit kein Vulkan zu sehen. Daf\u00fcr aber Eisenbahnschienen. Verkehrt hier etwa eine Eisenbahn? Ja, der <em>Tren Solar<\/em>. Er f\u00e4hrt an der <em>Quebrada de Humahuaca<\/em> entlang, bis Tilcara. Auf dem R\u00fcckweg sehen wir dann einen Zug. Sieht wie ein Schienenbus aus, wie es den bei uns fr\u00fcher gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen wir in die Berge, eine wundersch\u00f6ne, weite Berglandschaft mit baumbestandenen, hohen Bergen. So langsam tauchen zwischen den B\u00e4umen nackte Felsen auf, und statt der B\u00e4ume haben die Berge jetzt nur noch Matten. Er herrscht aber weiterhin Gr\u00fcn vor. Jetzt sind wir nur noch bei 23\u00b0, wie Nicol\u00e1s vermeldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlassen wir die Route des <em>Tren Solars<\/em> und biegen links ab, Richtung Chile. Die Umgebung wird immer rauer, die Berge immer phantastischer. Jetzt tauchen Kakteen und Zypressen auf. Die Felsen haben nur noch Bodendecker. Eine wilde Landschaft, ohne Zeichen von Zivilisation. Man ist geradezu ger\u00fchrt beim Anblick dieser majest\u00e4tischen Bergwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum <em>Cerro de los Siete Colores<\/em>, dem beliebtesten Fahrziel dieser Gegend, in jeder Brosch\u00fcre vertreten. Vor uns liegt eine Bergkette mit hintereinander- und \u00fcbereinanderliegenden Bergen. Jeder Berg hat seine eigene Farbe, einige Berge haben Farben in mehreren Schichten. Man kann zwar die Farben nicht so ganz haarscharf voneinander unterscheiden, aber ein pr\u00e4chtiger Anblick ist es auf jeden Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unterschiedlichen Farben erkl\u00e4ren sich aus den unterschiedlichen erdgeschichtlichen Epochen, in denen die Berge entstanden sind. Die \u00e4ltesten sind Grau, Dunkelgr\u00fcn und Violett. Es sind maritime Felsen, unvorstellbare 600 Millionen Jahre alt. Die j\u00fcngsten Felsen Hellrot und Rosa. Sie sind schlappe 21 Millionen Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier an der Haltebucht gibt es ein paar Verkaufsst\u00e4nde und Schilder mit Erkl\u00e4rungen. Nicol\u00e1s trifft einen Kollegen mit seiner Frau. Ein sch\u00f6ner Mann und eine sch\u00f6ne Frau. Ich belasse es bei einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung und gehe ein bisschen weiter die Stra\u00dfe runter, um Photos zu machen. Aber vergeblich. Der Anblick l\u00e4sst sich nicht einfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es richtig nach oben, die <em>Cuesta de B\u00e1rcena<\/em> hinauf. Am Wegesrand ein umgest\u00fcrzter Lastwagen. Der hatte Lithium geladen. Auf dem R\u00fcckweg sollen wir sp\u00e4ter sehen wir, wie die Stelle abgesperrt ist und die Ware gesichert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Argentinien hat neben Chile und Bolivien die gr\u00f6\u00dften Lithiumvorkommen der Erde. Eine hervorragende Einnahmequelle. Aber es ist das alte Elend. Nicol\u00e1s rechnet vor: Wenn man 100.000 $ f\u00fcr ein Kilo Lithium annimmt, dann bleiben 3.000 $ bis 7.000 $ in der Provinz.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der <em>Cerro de los Siete Colores<\/em> die meiste Reputation hat, diese Strecke steht ihm in nichts nach. Hier sind die Berge sogar noch ausladender. Die Farben treten nicht zusammen, sondern nacheinander auf, erst Gr\u00fcn, dann Grau, dann Schwarz, dann Rosa.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wachsen Kakteen zu Tausenden. Die Felsen sind ansonsten nackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu der Stelle, die heute Morgen gesperrt war. Durch den Regen war so viel Schlamm auf die Fahrbahn gesp\u00fclt worden, dass kein Durchkommen war. Jetzt sind die Bauarbeiter in den letzten Z\u00fcgen mit den Aufr\u00e4umungsarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt der glatten Felsen tauchen jetzt auf der anderen Seite auch Felsen auf, die wie Stalagmiten aussehen, Hunderte von dunkelgrauen Stalagmiten. Sehen wie Orgelpfeifen aus. Leider verpasse ich die Gelegenheit, Nicol\u00e1s bei einer Haltebucht rechtzeitig Bescheid zu geben, um ein Photo zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt die Rede auf die alte Konkurrenz von Salta und Jujuy. Evangelina beschwert sich, dass die von Salta alles M\u00f6gliche f\u00fcr sich in Anspruch n\u00e4hmen, was eigentlich zu Jujuy geh\u00f6re. Von Salta aus werden Touren zum <em>Cerro de los Siete Colores<\/em> und zur <em>Quebrada de Humahuaca<\/em> angeboten, so als wenn es Ausfl\u00fcge in die Provinz Salta w\u00e4ren. Auch im Fu\u00dfball ist man sich spinnefeind. Die beiden Erzrivalen haben zu allem \u00dcbel auch noch \u00e4hnliche Namen: <em>Gimnasia de Salta<\/em> und <em>Gimnasia de Jujuy<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle endet der glatte Stra\u00dfenbelag f\u00fcr ein paar Hundert Meter und wir fahren \u00fcber Rollsplitt. Unter uns eine Br\u00fccke. Die sei, erkl\u00e4rt Nicol\u00e1s, vor einiger Zeit eingest\u00fcrzt. Der Rollsplitt ist noch das letzte \u00dcberbleibsel der Wiederaufbauarbeiten.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Immer weiter windet sich die Strecke hinauf, in Kurven. Zwei uruguayische Radfahrer qu\u00e4len sich die Strecke rauf, genauso wie Sattelschlepper, die mit Autos beladen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind wir bei 18\u00b0, vermeldet Nicol\u00e1s. Er kennt diese Strecke sehr gut. Er hat eine Zeitlang in Susques gearbeitet, noch ein ganzes St\u00fcck n\u00e4her an der chilenischen Grenze. Sonntagabends ab 22 Uhr ab Jujuy, Ankunft in Susques um 2 Uhr. Kurzer Schlaf, und die Arbeitswoche begann. Er ist die Strecke zwar immer nachts gefahren, aber das sei auch sch\u00f6n gewesen, man habe die Lichterkette der Autos von oben sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es Probleme mit den Bussen gab, sind einige seiner Kolleginnen getrampt. Die Fahrer der Sattelschlepper h\u00e4tten sie dann in den Autos mitfahren lassen, die sie transportierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Nichts taucht pl\u00f6tzlich eine Kuh auf. Weiter unten ein paar Schafe, und \u00fcber uns ein elegant durch die Luft gleitender schwarzer Vogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man, wenn man ganz viel Gl\u00fcck hat, den Kondor sehen. Aber das Gl\u00fcck haben wir nicht. Nicol\u00e1s erw\u00e4hnt, der sei das Emblem von <em>Aerol\u00edneas Argentinas<\/em>. Ich erw\u00e4hne, dass wir den Kranich haben. Aber er glaubt, das w\u00e4re ein chinesischer Vogel. Das Missverst\u00e4ndnis k\u00f6nnen wir nicht kl\u00e4ren, das englische Wort kennt er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir n\u00e4hern uns dem h\u00f6chsten Punkt der Strecke. 12\u00b0. Unten im Tal ein abgest\u00fcrzter PKW. Der liegt da sicher schon Monate oder Jahre da.<\/p>\n\n\n\n<p>Der h\u00f6chste Punkt ist mit einem Meilenstein markiert: 4.170 Meter. Hier steigen wir aus und machen Photos.<\/p>\n\n\n\n<p>Von jetzt ab geht es bergab, und die Landschaft ist nicht mehr so dramatisch. Dann erreichen wir die Salinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht auf den ersten Blick etwas entt\u00e4uschend aus. Man steht vor einer braunen Fl\u00e4che. Meine Hoffnung, auf den Salzsee gehen zu k\u00f6nnen, sinkt, zumal der im Sommer bei dem vielen Regen manchmal unbegehbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt zu einem Besucherzentrum mit ein paar Verkaufsst\u00e4nden und Toiletten. Hier ist alles aus Salz: das Besucherzentrum, die Tische und B\u00e4nke, sogar das Lama, das man hier aufgestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Verkaufsst\u00e4nden werden u.a. Sonnenbrillen angeboten. Kluger Schachzug. Die braucht man hier. Genauso wie H\u00fcte. Wir sind mit allem ausgestattet. Dank Evangelina. Die Leute, die hier besch\u00e4ftigt sind, sind alle dick vermummt, mit Mundschutz und Kopftuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie schafft es Nicol\u00e1s, einen F\u00fchrer anzuheuern. Der f\u00e4hrt mit dem Motorrad voraus, und bald befinden wir uns mitten auf dem Salzsee. Alles wei\u00df, wohin man auch guckt. Eine schier unendliche Fl\u00e4che. Man f\u00fchlt sich wie in der Antarktis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren und fahren immer weiter, man hat nur die Wolken und die Berge als Orientierungspunkt, sonst ist alles gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann halten wir an einem der Gr\u00e4ben, in denen das Salz gef\u00f6rdert wird. Die verlaufen kerzengerade, parallel zueinander, und durchziehen die ganze Fl\u00e4che. Sie sind vielleicht einen halben Meter tief und einen halben Meter breit und mit Wasser gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste \u00dcberraschung, wenn man aussteigt: Es knirscht unter den F\u00fc\u00dfen wie im Schnee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen an einem der Gr\u00e4ben und tauchen den Finger ein. Das Wasser schmeckt ganz, ganz intensiv nach Salz. Es ist pures Salz. Was bedeutet das? Kein Jod-Zusatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite \u00dcberraschung. Die Salzfl\u00e4che ist nicht formlos, sondern strukturiert. Sieht genauso aus wie Bienenwaben. Das ist ein nat\u00fcrlicher Prozess!<\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer illustriert die formgebende Kraft des Salzes. Wir nehmen einen formlosen Haufen Salz aus dem Becken, und sofort er an die Luft kommt, verwandelt er sich in Kristalle. Unglaublich! Sieht wie ein Kunstwerk aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Erkl\u00e4rungen, denen ich leider nicht folgen kann. Auf jeden Fall ist dieser Salzsee kein ehemaliges Meer, wie Nicol\u00e1s vermutete, sondern die Folge des Aufeinandertreffens von Erdplatten und der Wirkung von Vulkanen. In der Ferne, unter den Bergen, befinden sich mehrere Vulkane. Aber wie die Salz produzieren k\u00f6nnen, wird mir nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Salz wurde in vorgeschichtlichen Zeiten hier schon von den Indios f\u00fcr ihre Tiere gesichert. In heutiger Zeit hat es alle m\u00f6glichen Funktionen. Unter anderem dient es zum Wei\u00dfen von Papier!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werden Photos geschossen. Unter Anleitung des F\u00fchrers. Der gibt Instruktionen, wie wir uns positionieren sollen und macht unter allerlei Verrenkungen, auch am Boden liegend, unendliche Photos von uns in den verschiedensten Konstellationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck, an den Buchstaben <em>Salinas Grandes<\/em> vorbei und einem Treppchen aus Salz. Auch hier werden Photos geschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir wieder ans Besucherzentrum. Wir setzen wir uns auf eine der Salzb\u00e4nke und essen die Stullen, die Evangelina mitgebracht hat. Ganz nebenbei gelingt es mir, ein Salzkristall als kleine Erinnerung an den Ausflug f\u00fcr die alte Dame zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hat mitbekommen, dass die Touristen am Nebentisch, ein junges Paar, Deutsche sind. Das vermeldet sie ganz stolz.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber haben uns Wolken begleitet, und die sind ein Schauspiel f\u00fcr sich, auch jetzt auf dem R\u00fcckweg. \u00dcber uns ganz d\u00fcnne Schleierw\u00f6lkchen, die alle m\u00f6glichen Bilder formen, an der Seite ein Wattebausch, der auf einem Berg zu liegen scheint, dunkle Wolken am Horizont, einige davon mit einem Lichterkranz von der Sonne, die sich hinter ihnen versteckt. Auf dem Salzsee ganz dicke Wolkenpackungen, die ganz hinten auf dem Salz zu liegen scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand Verkehrsschilder mit Warnungen vor kreuzenden Lamas. Nicol\u00e1s findet den richtigen Moment f\u00fcr einen Photostopp. Leider sehen wir aber kein Lama, obwohl es die hier genauso gibt wie Alpakas und Vikunjas.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage Nicol\u00e1s, ob er nicht m\u00fcde sei nach dem sp\u00e4ten Abend gestern und der anstrengenden Fahrt \u00fcber die kurvenreiche Stra\u00dfe. Nein, ist er nicht. Es stellt sich heraus, dass er nachts von 12-2 noch Paddle gespielt hat. Jetzt, wo es so warm ist, wolle niemand \u00fcber Tag spielen, und der fr\u00fche Abend war ausgebucht. Ich erfahre, dass Paddle eine Variante von Tennis ist, nur, dass das Spielfeld kleiner ist und W\u00e4nde hat. Es wird immer im Doppel gespielt, und die Z\u00e4hlweise ist dieselbe wie beim Tennis.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Purmamarca kommen, leitet uns Evangelina in den Ort. Sie war vor kurzem mit ihrer Mutter hier und will uns den Ort zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist richtig ansehnlich, aber man w\u00fcrde nicht auf den Gedanken kommen,&nbsp; dass er zum UNESCO-Welterbe geh\u00f6rt. Vielleicht aufgrund der Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein sehr touristischer Ort, mit vielen Verkaufsst\u00e4nden, vor allem f\u00fcr Wolle, aber mit wenigen Touristen heute. Evangelinas Mutter scheint das zu bedauern. Beim letzten Mal sei es hier richtig voll gewesen. F\u00fcr sie ist das ein G\u00fctesiegel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist vor allem der zentrale Platz. Hier spielen die Dorfjungen Fu\u00dfball, und die Alten sitzen auf B\u00e4nken und genie\u00dfen die Abendsonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns kurz die Kirche an. Von 1648. So steht es \u00fcber dem Eingang. Evangelina, ganz Geschichtslehrerin, wei\u00df sofort, welche Bedeutung diese Jahreszahl f\u00fcr uns hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche, einschiffig, ist ganz einfach, hat aber einen sch\u00f6nen gusseisernen Leuchter und vor allem eine sch\u00f6ne Holzdecke. Die Decke ist, wie Evangelina mir Ungl\u00e4ubigem versichert, aus <em>card\u00f3n<\/em>. Das ist ein Kaktus! Ein ganz besonderer Kaktus, der gerade in den Himmel w\u00e4chst und bis zu 20 Meter hoch werden kann. Er entwickelt dann St\u00fctzen, um nicht umzufallen. Dieser Kaktus ist genau der, den wir auf der Fahrt in Tausenden von Exemplaren gesehen haben. Er ist nicht nur der gr\u00f6\u00dfte Kaktus der Erde, sondern auch der langlebigste. Er kann zwei bis drei Jahrhunderte alt werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Caf\u00e9 und teilen uns zu viert ein St\u00fcck Kuchen. Das ist ausreichend. Ich verliere wieder beim Wettbewerb ums Bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s spricht von der Wichtigkeit von Fernet f\u00fcr Argentinien. Das sei wie ein Nationalgetr\u00e4nk. Er selbst trinkt keinen Wein, schon mal ein Bier mit seinen Freunden, aber h\u00e4ufiger Fernet. Mit Coca-Cola und Eis.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort sehen wir mehrere Exemplare eines Baums, der St\u00fctzen braucht, um nicht umzufallen. Das ist der Algarroba. Ein Baum, aus dem Holz f\u00fcr solide M\u00f6bel gemacht wird, dunkelbraun, mit leicht r\u00f6tlichem Einschlag. Evangelinas Haus ist voll von M\u00f6beln dieser Art. Ich habe das Wort aber auch in Zusammenhang mit der Gastronomie geh\u00f6rt. Und die Fr\u00fcchte, die wie H\u00fclsenfr\u00fcchte aussehen, werden auch f\u00fcr medizinische Zwecke verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ort f\u00e4llt mir eine Bodega auf, an der drau\u00dfen Bebidas steht und daneben Tragos. Hier wird genau <em>unterschieden.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Eingang zu einem Eisenwarengesch\u00e4ft h\u00e4ngen H\u00e4nde, die ein Werkzeug in der Hand halten, richtiges Werkzeug, einen Bohrer, eine Schleifmaschine, einen Zollstock.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in der Dunkelheit wieder nach Palpal\u00e1 kommen, haben wir zehn Stunden eines erlebnisreichen Tages hinter uns, und 260 Kilometer. Kam mir viel weiter vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erlebnisreiche Tag ist aber noch nicht zu Ende. Wir fahren, auf Vorschlag von Nicol\u00e1s, zu einem Imbissstand. Hier wird davon als <em>carrito<\/em> gesprochen. Seine Mutter gehe lieber in ein Lokal, aber da sei das Essen schlechter als beim <em>carrito<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer das auch sein mag, der <em>carrito<\/em> selbst ist ein Spektakel. Dicke Rauchschwaden, die man schon von weitem sieht, und eine lange Schlange vor dem Stand. Es gibt drei Gerichte zur Auswahl: <em>Chorip\u00e1n<\/em>, <em>Milanesa<\/em> und ein Gericht mit dem wunderbaren Namen <em>Matambre<\/em>. Was der Unterschied zwischen den letzten beiden ist, verstehe ich nicht, aber die beiden anderen betonen, dass die nichts miteinander zu tun h\u00e4tten. Alles wird in gro\u00dfe Baguettes verpackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten w\u00fcrde ich Chorip\u00e1n probieren, aber der ist noch nicht fertig. Das Fleisch ist noch nicht gar. Der riesige Wurstkringel liegt auf dem Grill.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei M\u00e4nner sind beteiligt. Alles ist perfekt koordiniert. Einer br\u00e4t in einer Pfanne gro\u00dfe Fleischst\u00fccke an, der n\u00e4chste bereitet die Sandwiches zu, der dritte verpackt und kassiert. Vor allem dem Mann in der Mitte zuzusehen ist eine Freude. Mit unglaublicher Geschwindigkeit schneidet er das Brot, f\u00fcllt es mit dem Fleisch, f\u00fcgt Salat hinzu und dann eine So\u00dfe. Dabei fragt er schon die n\u00e4chsten in der Schlange, was die haben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir nehmen unsere Portionen mit nach Hause und essen sie dort. Dazu gibt es Fernet \u2013 mit Coca-Cola und Eis.<\/p>\n\n\n\n<p>8. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vokabular f\u00fcr Essen und Trinken hat es in sich, aber auch das f\u00fcr Kleidung ist von keinen schlechten Eltern. In den letzten Tagen bin ich auf <em>campera<\/em>, <em>remera<\/em> und <em>chomba<\/em> gesto\u00dfen, alles neu. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auff\u00e4llig, dass hier <em>grande<\/em> f\u00fcr \u201aalt\u2018 gebraucht wird \u2013 oder gebraucht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Rucksack ist des vielen Reisens m\u00fcde. Er setzt sich zur Ruhe. In Jujuy finde ich auf Anhieb einen Nachfolger. Nur mit dem Bezahlen wird es eng. Mit der Kreditkarte geht es nicht, und der Geldautomat gibt kein Geld raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg ist der Bus rappelvoll. Und alle, wirklich alle, schleppen irgendein B\u00fcndel mit sich. Die Frau neben mir sogar eine gro\u00dfe Topfpflanze. Der gro\u00dfe Renner sind irgendwelche Spr\u00fchdosen. Die haben einige gleich dutzendfach gekauft. Ob das mit Karneval zusammenh\u00e4ngt?<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, als die Hitze nachgelassen hat, schnappen wir uns die Fahrr\u00e4der und machen uns auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Luft ist wunderbar, die Luft eines lauen Sommerabends.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00e4der sind sportlich, mit breiten Reifen, aber ohne Licht und Klingel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war von einem Radweg die Rede, aber erst geht es die Stra\u00dfe entlang, und zwar auf der linken Seite. Dann kommt aber wirklich ein Radweg, bestens befahrbar, zwar immer an der Stra\u00dfe entlang, aber von ihr durch einen Gr\u00fcnstreifen und durch Planken getrennt. Wir teilen uns den Radweg mit Fu\u00dfg\u00e4ngern und Joggern und auch mit Motorradfahrern, die ihn verbotenerweise benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang des Radwegs befinden sich Kreuzwegstationen, in wei\u00dfen Stein gemei\u00dfelte Reliefs. Dann kommen Marienstatuen, und irgendwo eine Messe im Freien. Das hat alles etwas zu tun mit der Verehrung der Ortsmadonna.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Jujuy kehrtmachen, kommt ein Motorradkonvoi mit Hupkonzert und Jubelrufen an uns vorbei. Vorne auf dem ersten Motorrad ein Pokal, ein silberner Pokal, der so gro\u00df ist, dass er wie eine Standarte aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg ist es viel stiller. Nicht mehr so viel Verkehr. Man h\u00f6rt die Grillen. Der Mond scheint. Und schon kommen die Fragen: Haben sie hier den zunehmenden Mond, wenn wir den abnehmenden haben? Oder ist das auf beiden Erdh\u00e4lften gleich? Und: Ist dies ein abnehmender oder ein zunehmender Mond? Vorl\u00e4ufige Antwort: Wir haben beide gleichzeitig den zunehmenden Mond, aber hier w\u00e4chst er \u201efalsch\u201c herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kreuzwegstationen sind jetzt beleuchtet. Sieht sch\u00f6n aus. Dann geht pl\u00f6tzlich das Licht aus. Stromausfall. Man steht von einem Moment auf den anderen in v\u00f6lliger Dunkelheit. Aber dann gew\u00f6hnt sich das Auge schnell daran, und wir k\u00f6nnen weiterfahren. In Palpal\u00e1 schieben wir dann das Rad \u00fcber die unm\u00f6glichsten Wege. Dabei kommen wir an einem Platz vorbei, den ich bisher noch nicht gesehen habe. Hier stehen \u00fcberall Kakteen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, haben die Gesch\u00e4fte immer noch ge\u00f6ffnet, und ich komme doch noch zu meinem wohlverdienten Bierchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>9. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei br\u00fcllender Hitze (33\u00b0) geht es zum Busbahnhof. Morgen steht eine Fahrt zum <em>Parque Nacional Calilegua<\/em> an, und der Bus geht so fr\u00fch, dass die Schalter dann noch nicht ge\u00f6ffnet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil hat Nicol\u00e1s im Garten den Grill angeworfen, einen provisorischen Grill. Die Holzkohle gl\u00fcht. Als Blasebalg dient ein alter Tischtennisschl\u00e4ger.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird aufgetischt. Eine riesige Fleischplatte, die f\u00fcr eine ganze Kompagnie reichen w\u00fcrde. Der Grillmeister ist der bescheidenste Esser, der Gast der unbescheidenste. Alles, ob Wurst oder Fleisch, ob Schwein oder Rind, ist erster Klasse. Da kommt man auch als Grillskeptiker ins Schw\u00e4rmen. Dazu gibt es Salate und Andenkartoffeln. Schon deren Anblick macht Appetit. Als Getr\u00e4nk gibt es einen Malbec mit dem Namen <em>Cordero de Piel de Lobo<\/em>, in ironischer Umkehrung des M\u00e4rchens mit dem Wolf im Schafspelz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Oma ist auch mit von der Partie. Sie bekommt nicht alles mit, kann aber beitragen, dass es im Mai eine besondere Kartoffelsorte gibt, die in knapp f\u00fcnf Minuten gar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde gefragt nach Grillen und Kartoffeln in Deutschland. Und scheitere kl\u00e4glich an der Aufgabe, die anderen davon zu \u00fcberzeugen, dass Grillen in Deutschland ebenso beliebt ist und dass es eine ganze Bandbreite von Kartoffeln gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage Nicol\u00e1s nach seinen Helden im Tennis. Die Nummer Eins f\u00fcr ihn ist Federer. Er ist einmal extra nach Buenos Aires gefahren, um ihn zu sehen. Er sollte gegen einen Argentinier spielen, aber der fiel verletzt aus, und da spielte Federer dann gegen Zverev. Und verlor prompt. Es war nur ein Schaukampf.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel verdienten die Tennisspieler nicht, meint er auf meinen Kommentar hin. Vielleicht 1-3 Millionen Dollar f\u00fcr einen Turniersieg. Na ja, nicht schlecht, wende ich ein. Ja, ja, aber die eigentliche Einnahmequelle seien die Vertr\u00e4ge mit den Sportartikelanbietern wie Nike.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s ist Anh\u00e4nger von <em>Boca Juniors<\/em>, obwohl der Fu\u00dfball f\u00fcr ihn zweitrangig ist. Auf jeden Fall kann ich mit meiner Erz\u00e4hlung vom Besuch in der <em>Bombonera t<\/em>rumpfen. Alle weiteren Erinnerungen an das Gespr\u00e4ch werden von dem Malbec getilgt.<\/p>\n\n\n\n<p>10. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Taxidienst geht niemand ans Telefon. Uber funktioniert hier nicht. Busse fahren zu so fr\u00fcher Stunde noch nicht. Und Nicol\u00e1s ist mit dem Auto unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als auf der Stra\u00dfe nach einem Taxi zu sehen. Aber es tut sich nichts. Ich gehe Richtung Busbahnhof und hoffe, dass irgendwann eins auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch die dunklen Stra\u00dfen. Ein einsamer Radfahrer, schlafende Hunde vor den Hauseing\u00e4ngen, fr\u00fche V\u00f6gel. Ich lege noch einen Schritt zu. Irgendwann kommt ein Taxi, aber das ist voll.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne erscheint der Busbahnhof. Es geht noch \u00fcber einen Platz und eine Wiese, dann bin ich da. Rechtzeitig. Gott sei Dank. Ich sehe in mein Portemonnaie. Und finde die Fahrkarte nicht. Die hab ich wohl zu Hause liegen lassen. In der Schlange ein Mann, der sein Portemonnaie z\u00fcckt. Kann man hier auch beim Fahrer bezahlen? Ja. Wieder Gl\u00fcck gehabt. Der Fahrer ist nicht gerade begeistert, das sei nicht seine Aufgabe, daf\u00fcr gebe es doch Schalter, aber er verkauft mir eine Fahrkarte. Nach Libertador General San Mart\u00edn. So einen komplizierten St\u00e4dtenamen muten sich die Argentinier nicht zu und sagen einfach Ledesma. Das ist der Name des Departamentos, dessen Hauptstadt Libertador General San Mart\u00edn ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch dunkel, aber im Osten taucht das erste Morgenrot auf. Auf der anderen Seite blaue Berge, eine Bergkette, die in verschiedenen Blaut\u00f6nen schimmert. Oder zu schimmern scheint. Es ist das Morgenlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es hell wird, kommen Zuckerrohrfelder in Sicht, kilometerlang. Verbindet man eigentlich nicht mit Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorbeifahren sehe ich das Schild <em>Parada de Remis<\/em>. Das Wort wird hier, aber wohl nur in Argentinien und Uruguay, als Synonym von <em>Taxi<\/em> gebraucht. Habe es in den letzten Tagen mehrmals geh\u00f6rt, vorher aber nie. Streng genommen gibt es einen Unterschied. Die Remis kamen in Buenos Aires zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, als es abends oft schwer war, nach dem Theater noch ein Taxi zu bekommen. Also f\u00fcllten Privatpersonen diese L\u00fccke. Sie boten ihre Fahrdienste an, durften aber nicht auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen auf Fahrg\u00e4ste warten. Man musste sie \u00fcber eine Agentur oder eine private Rufnummer kontaktieren. Sie hatten keine einheitliche Farbe und durften nicht das Schild <em>Taxi<\/em> verwenden, mussten aber als <em>Remis<\/em> auf dem Nummernschild gekennzeichnet sein. Mit der Wirtschaftskrise des beginnenden 21. Jahrhunderts boten immer mehr Privatleute ihre Dienste als Remis an und hielten sich dabei nicht immer an die Vorschriften. Heute scheint das System irgendwie geduldet zu werden. Die Remis halten auch an \u00f6ffentlichen Stellen. Sie haben aber keine Sicherheitsvorschriften und keine Unfallversicherung f\u00fcr mitgenommene Passagiere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Stunden sind wir da. Am Busbahnhof gibt es einen guten Kaffee in einem ganz einfachen Imbisslokal. Am Fernseher werden f\u00fcr heute bis zu 38\u00b0 angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es hier einen Geldautomaten? Ja, da hinten. Ich probiere mein Gl\u00fcck \u2013 wieder nichts. Langsam wird es knapp mit dem Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Abfahrt gibt es Gedr\u00e4nge und bange Fragen: Ist das der richtige Bus? Es f\u00e4hrt nur einer pro Tag. Der Fahrer sitzt auf einer Treppenstufe und spielt an seinem Handy herum. Ja, das ist der richtige. Wo bezahlt man? Einfach einsteigen und setzen. Kassiert wird sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein klappriger, alter Bus qu\u00e4lt sich \u00fcber eine schmale Stra\u00dfe, eine Schotterpiste. Wenn Gegenverkehr kommt, m\u00fcssen Ausweichman\u00f6ver gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine einsame Gegend, mit wuchernder Vegetation zu beiden Seiten, bis dicht an die Stra\u00dfe heran. \u00c4ste klatschen gegen das Dach oder streifen das Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es bergauf. Immer und immer weiter bergauf, \u00fcber unendlich viele enge Kurven.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter oben lichtet sich die Vegetation und erlaubt immer wieder mal den Blick tief, tief hinunter ins Tal.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann steht eine junge Frau auf. Sie kassiert. Ich sage, dass ich beim R\u00edo Jord\u00e1n aussteigen will. Dort wartet mein F\u00fchrer auf mich. In Ordnung. Sie will mir Bescheid geben. Dann beantwortet sie geduldig meine Fragen nach der R\u00fcckfahrt. Kalkuliert sogar die Stunden f\u00fcr mich. Ja, ich k\u00f6nne nach der Wanderung mit dem Taxi nach San Francisco fahren und von dort mit diesem Bus zur\u00fcck. Wenn ich die Fahrkarte jetzt schon kaufe, k\u00f6nne sie mir einen Platz reservieren. Ist gebongt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter. Als wir auf dem h\u00f6chsten Punkt sind, sieht man weiter unten ein Zelt, und dann kommt eine Statue von San Francisco. Wir halten an dem Zelt. Wir sind angekommen. Mit mir steigen noch ein paar weitere Touristen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Juan, mein F\u00fchrer, wartet direkt vor dem Bus. Meinen Rucksack k\u00f6nne ich dort oben bei der alten Frau lassen. Da gebe es auch ein WC.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben bei der alten Dame kommt von irgendwoher dichter Rauch. Ich dachte zuerst, hier w\u00fcrde gekocht. Aber es ist wohl nur Rauch zur M\u00fcckenabwehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eigens mitgebrachte M\u00fcckenspray, sagt Juan, br\u00e4uchte ich nicht. Ich sei so dick eingepackt, da machten sich die M\u00fccken nicht ran. Aber einen Helm muss ich aufsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem betr\u00e4chtlichen Geld f\u00fcr die F\u00fchrung wird auch noch f\u00fcr Versicherung und Eintritt kassiert. Alles vor dem Beginn der Wanderung zu entrichten. In bar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen einen Waldweg rauf. Steinig, aber gut machbar. Das sollte sich bald \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Juan zeigt mir zuerst einen jungen Nussbaum. Daneben ein dicker, verdorrter Stamm eines Nussbaums. Der sei ein Baum des Wassers, sagt Juan, im Fluss k\u00f6nne er locker 50 Jahre alt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt, wie man fr\u00fcher aus der Baumrinde D\u00e4cher machte. Die Rinde wurde ganz vorsichtig, ohne dem Stamm zu schaden, entfernt und dann drei Monate getrocknet. Dabei wurde sie glatt und konnte zum Bau von D\u00e4chern verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter einem Blatt deckt er ein paar ovale gr\u00fcne Fr\u00fcchte auf. Was ist das? Tomaten! Chilto-Tomaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4ser, die hier oft auf den Baumst\u00e4mmen wachsen, geh\u00f6ren nicht zu dem Baum, erfahre ich jetzt. Es sind Parasiten. Sie bieten einen kuriosen Anblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet der \u201egem\u00fctliche\u201c Teil der Wanderung. Jetzt geht es \u00fcber den Fluss, durch den Fluss und auf verwegenen Pfaden am Fluss entlang, wobei man sich an Halteseilen an den Felsen festhalten muss. \u00d6fter als mir lieb ist, muss ich Juans Hilfe annehmen und mich an seiner Hand festhalten. Einmal sogar an seiner Schulter anlehnen, als es darum geht, auf dem Hosenboden einen Felsen hinunterzurutschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name des Flusses, <em>Jordan<\/em>, hat nichts mit Pal\u00e4stina zu tun, sondern kommt von dem Nachnamen eines spanischen Eroberers.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluss ist eine echte Natursch\u00f6nheit. Das Wasser ist glasklar, man sieht jeden Felsbrocken und jeden Kieselstein am Flussbett. Das Wasser ist wunderbar k\u00fchl und erfrischend, man kann es bedenkenlos trinken und sich Gesicht und H\u00e4nde k\u00fchlen. \u00dcberall rauscht es, und immer wieder bilden sich kleinere Wasserf\u00e4lle und Buchten. Am Ende geht der Jordan durch eine Schlucht mit hohen Felsw\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle baden ein paar Touristen, tollen im Wasser herum und machen Kopfspr\u00fcnge. Bei der Gelegenheit f\u00e4llt mir auf, dass sie alle jung sind. Ich bin mindestens doppelt so alt wie der \u00c4lteste, dem ich auf der Wanderung begegne.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an verschiedenen markanten Punkten vorbei, der <em>Fuente del Tapir<\/em>, der <em>Fuente del Jaguar<\/em> und dem <em>Ca\u00f1on de los Loros<\/em>. Tats\u00e4chlich ist hier einmal ein Tapir aufgetaucht, von Hunden verfolgt. Er hat sich in das Becken gefl\u00fcchtet, das sp\u00e4ter seinen Namen bekam, mit dem R\u00fccken zur Wand, und konnte sich so gegen die Hunde wehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Jaguar gab es hier nie. Dieses Becken hei\u00dft so, weil es durch die hohen B\u00e4ume drum herum dunkel ist und die Sonne durch die Bl\u00e4tter Punkte zeichnet, die an das Fell des Jaguars erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Ca\u00f1on de los Loros<\/em> gibt es wirklich Papageien. Deren Schreie h\u00f6rt man von ganz weit oben, von den B\u00e4umen oben auf der Felswand. In der Felswand befinden sich, Juan zufolge, die Nester der Papageien. Aber man sieht keine. Ich kann auch keine Nester entdecken. Die wei\u00dfen Flecken an der grauen Felswand erinnern mich eher an den Kot der Kormorane bei uns an einem stillen Nebenarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die typischen Erkl\u00e4rungen von allen m\u00f6glichen Gestalten, die man angeblich in der Felswand sieht: eine Madonna, einen Christus mit Kreuz, einen Tapir, eine Riesenschildkr\u00f6te, das Gesicht eines Indios. Ich finde das immer etwas unangenehm, weil ich die Figuren einfach nicht erkenne und auch nicht vor Entz\u00fccken jauchze, wenn ich sie erkenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Wanderung geht es noch einmal zu der alten Frau rauf und ihrem abenteuerlich einfachen WC.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bestellt mir Juan ein Taxi, um nach San Francisco zu kommen. Ich frage den Taxifahrer \u201e\u00bfCu\u00e1nto es?\u201c, und er antwortet: Was? Kilometer? Minuten? Pesos? Alles. Dann sind es sechs Kilometer, zwanzig Minuten und 100.000 Pesos. Ha ha, das mit dem Preis m\u00fcssen wir noch mal verhandeln. Also gut, dann ausnahmsweise 10.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>San Francisco k\u00fcndigt sich mit einer gro\u00dfen Figur des Heiligen vor dem Ortseingang an. Es ist ein verschlafener Ort, der in der Hitze des Nachmittags br\u00fcht. Er hat eine Kapelle, San Francisco geweiht, mit einem sch\u00f6nen, dreist\u00f6ckigen Turm, der Turm einer Dorfkirche, wie er sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine Treppe geht es in ein Lokal, wo es ein schmackhaftes Lammgericht gibt. Und ein eiskaltes Bier zum Abk\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehe ich noch etwas durch den Ort und mache Photos von den hohen Bergen jenseits des Tals.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fl\u00fcchte ich mich in den Schatten eines Lokals mit Aussicht auf eben diese Berge. Ich bin der einzige Gast. Die Wirtin erz\u00e4hlt, das wei\u00dfe Geb\u00e4ude gegen\u00fcber, das sei die Grundschule. Und das in der anderen Richtung, hinter der Polizeistation, das sei die weiterf\u00fchrende Schule. Was? In diesem Nest gibt es eine weiterf\u00fchrende Schule? Ja. Kommen die Sch\u00fcler von ausw\u00e4rts? Ja, aber nur ganz wenige. Die meisten kommen aus dem Ort. Und wo sind die? Ausgeflogen. Es sind Ferien.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schatten des Lokals sitzen wir auf einer Treppe und warten auf den Bus. Eine pensionierte Lehrerin neben mir schimpft \u00fcber Trump. Irgendwie kommt sie immer wieder auf die USA zu sprechen, auch nachdem ich ihr gesagt habe, dass ich Deutscher sei. Auch als ich Kommentare zu den Preisen in Argentinien macht, glaubt sie, ich spr\u00e4che von den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus. Das M\u00e4dchen von der Hinfahrt erkennt mich und weist mir sofort meinen reservierten Platz zu. Und los geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Busfahrer, ein ganz junger Mann, fast noch ein Kind, f\u00e4hrt ganz l\u00e4ssig die steile kurvenreiche Stra\u00dfe runter, mit einer Hand am Steuer. Entgegen der Fahrtrichtung sitzt ein Polizist auf dem verl\u00e4ngerten Armaturenbrett und h\u00e4lt sich notd\u00fcrftig an der ge\u00f6ffneten T\u00fcr fest. In dem Trittbrett steht auf der untersten Stufe ein rundlicher Mann, der sich so gut wie gar nicht festh\u00e4lt. Er stopft Schokodragees in sich hinein und dann Coca, bis eine Backe ganz aufgeblasen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Passagiere sind, bis auf eine Handvoll Touristen, alle Ortsans\u00e4ssige. Alle schleppen ein B\u00fcndel mit sich herum. Einer eine alte Autobatterie, ein anderer einen ganz Sack voller Klopapier, eine junge Frau zwei Scho\u00dfhunde und ein junger Mann eine Musiks\u00e4ule, ein moderner Nachfolger des alten Ghettoblasters.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz bevor wir nach Ledesma reinkommen, h\u00e4lt der junge Fahrer mitten auf der einsamen Strecke an und \u00fcbergibt das Steuer an den Dicken vom Trittbrett. Der ist Busfahrer!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Stationen innerhalb der Stadt kommen wir endlich am Busbahnhof an. Als alle ausgestiegen sind, sehe ich, wie der junge Mann als einziger im Bus geblieben ist und den Busfahrer beim Rangieren dirigiert. Mir kommt ein Verdacht: Hat Daddy hier seinen Sohn fahren lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Weg f\u00fchrt ich zu einem Supermarkt, wo es eisgek\u00fchltes Wasser gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann halte ich ein Taxi an. Hier gibt es nur Sammeltaxis, und der erste Fahrer sagt gleich, er k\u00f6nne mich mitnehmen, zur <em>Posada del Sol<\/em>. F\u00fcr unschlagbare 1.600 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hotel erwartet Francisco, der Portier, mich schon. Er ist ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Fragt mich, ob ich am R\u00edo Jord\u00e1n gewesen sei und wie das mit meinem Spanisch komme und erkl\u00e4rt, wo ich morgen fr\u00fch Geld abheben k\u00f6nne. Er begleitet mich aufs Zimmer, erkl\u00e4rt alles und dr\u00fcckt mir ein Extra-Handtuch in die Hand. F\u00fcr den Swimming-Pool.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahin f\u00fchrt mich dann auch gleich mein erster Weg. In dem nicht gerade k\u00fchlen Wasser des herrlichen Swimmingpools drehe ich ganz f\u00fcr mich alleine ein paar Runden unter dem Schein des Vollmonds.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es zuerst zur Bank. Es ist schon wieder lecker warm, 29\u00b0 um 10 Uhr. Ich frage mich durch und komme zu einem Geldautomaten. Nichts. Dann finde einen weiteren. Wieder nichts. Ich gehe in die Bank und bitte um Hilfe. Der Bankbeamte ist v\u00f6llig inkompetent. Er erkl\u00e4rt mir, ich m\u00fcsse meine PIN wechseln, solle meine Bank anrufen und \u00fcberpr\u00fcfen, ob genug Geld auf dem Konto sei. Und das, nachdem ich ihm gesagt habe, dass ich gerade meine Hotelrechnung mit eben dieser Kreditkarte bezahlt habe und dass ich in Bolivien mehrmals problemlos habe Geld abheben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich, Franciscos Rat vom Vorabend folgend, auf den Weg zu Ledesma. Das ist der Name, identisch mit dem des Departamentos, der hier ans\u00e4ssigen Zuckerrohrfabrik. Die hat ein Museum, und da ist der Eintritt sogar gratis. Es liegt in einem gepflegten Viertel mit einem hinter einer hohen Hecke halb versteckten hochherrschaftlichen Geb\u00e4ude, vermutlich dem Wohnsitz der Unternehmerfamilie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei komme ich an einem Schild mit der Aufschrift <em>Baden<\/em> vorbei. Das scheint hier die Bezeichnung f\u00fcr die Bodenwellen zu sein, die zur Verringerung der Geschwindigkeit zwingen. Konkret bezieht sich <em>baden<\/em> nicht auf die Erh\u00f6hung der Fahrbahn durch gepflasterte Rampen, sondern auf Bremsschwellen, die auf die Fahrbahn aufgelegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ledesma ist ein Familienbetrieb, der auf eine Anlage in der Kolonialzeit zur\u00fcckgeht. Ledesma ist das gr\u00f6\u00dfte Unternehmen des argentinischen Nordostens und eins der gr\u00f6\u00dften des Landes. In den letzten Jahrzehnten hat man neben dem Zuckerrohr weitere Zweige aufgebaut, vor allem den Anbau von Zitrusfr\u00fcchten und die Rinderzucht. Der Basisbereich ist das Zuckerrohr, aus dem Zucker und Getr\u00e4nke hergestellt werden (Argentinien ist nicht sonderlich bekannt f\u00fcr seinen Rum), aber auch Papier und Kladden, vor allem f\u00fcr den Schulgebrauch. Zucker und Rum werden aus dem Saft des Zuckerrohrs gewonnen, Papier und Kladden aus den Fasern.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem gro\u00dfen Modell kann man gut die ganze Anlage erkennen: Fabrikhallen, Silos, Gr\u00fcnfl\u00e4chen, Wildw\u00e4chterh\u00e4uschen, einen Waldbereich, der von wilden Tieren bewohnt wird. Die Zitrusfr\u00fcchte werden per Hand von Erntehelfern auf Leitern gepfl\u00fcckt und von Traktoren abtransportiert, die Zuckerrohrernte ist voll automatisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe der Ernte l\u00e4sst sich daran ermessen, dass pro Jahr 48.000 LKW-Ladungen von Zuckerrohr geerntet werden. Die Ernte, die hier <em>zafra<\/em> hei\u00dft, dauert von Mai bis Oktober. Das Rohr wird bis auf etwa 20 Zentimeter \u00fcber dem Boden abgeschnitten, und schon im n\u00e4chsten Jahr ist die Pflanze wieder voll nachgewachsen. Auf durchschnittlich sechs Metern H\u00f6he. Bei Neupflanzungen ist die erste Ernte bereits im Folgejahr f\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zuckerbedarf der Erde wird zu 70% aus Zuckerrohr gedeckt, zu 30% durch die Zuckerr\u00fcbe, die vorwiegend in Europa und den USA angebaut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Energie des Betriebs wird aus der Biomasse gewonnen, die bei der Ernte als Abfall entsteht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zuckerrohr braucht ein feuchtes und warmes Klima, und das gibt es hier in der Yunga. Allerdings erfolgt die Bew\u00e4sserung durch k\u00fcnstliche Bew\u00e4sserungssysteme, um jederzeit eine gleichm\u00e4\u00dfige Menge zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zuckerrohr kommt urspr\u00fcnglich, obwohl wir es mit der Karibik verbinden, aus Neu-Guinea. Die Spanier haben es dann aus ihrer Kolonie Philippinen mit nach Amerika gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Decken des Museums und auch die des Ganges im Innenhof sind aus Zuckerrohr. In dem Innenhof hat man au\u00dferdem ein Schaust\u00fcck einer Zuckerrohrplantage&nbsp; angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dekoriert ist der Innenhof mit allen m\u00f6glichen Figuren, darunter einem Jaguar, die nur aus alten Maschinenteilen bestehen. Am sch\u00f6nsten eine Kugel aus Bolzen und Schrauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse es dabei bewenden und mache mich auf den Heimweg. In den&nbsp; n\u00e4chsten Tagen fallen mir in Caf\u00e9s immer wieder die Zuckert\u00fctchen von Ledesma auf.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Homero leckt an meinen Beinen. Da muss was Interessantes dran sein. Vielleicht sind es die M\u00fcckenstiche. Die M\u00fccken haben keine Veranlassung gesehen, von mir abzulassen \u2013 trotz der gegenteiligen Versicherung meines F\u00fchrers im Nationalpark.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina zeigt mir ein Video, das ihr Bruder geschickt hat, von seiner letzten Strecke auf der R\u00fcckreise nach Feuerland. Sie fahren durch Schneeregen an den schneebedeckten Bergen vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig kommen Nachrichten von Waldbr\u00e4nden aus Patagonien. Es hei\u00dft, die seien kein Resultat von Nachl\u00e4ssigkeit oder Hitze, sondern von Brandstiftung. Portugal l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben eine sprachliche Meinungsverschiedenheit: Ich behaupte, es hei\u00dfe <em>gorronear<\/em>, Evangelina behauptet, es hei\u00dfe <em>garronear<\/em>. Ich bin felsenfest \u00fcberzeugt, richtig zu liegen, denn <em>gorronear<\/em> muss mit <em>gorro<\/em> zusammenh\u00e4ngen, also dem Hut, den der Schnorrer aufh\u00e4lt. Evangelina ist felsenfest davon \u00fcberzeugt, richtig zu liegen, denn <em>garronear<\/em> muss von den <em>garras<\/em> kommen, den Klauen, mit denen der Schnorrer sich deiner Sachen bem\u00e4chtigt. Wir sehen nach, und es findet sich eine vers\u00f6hnliche Antwort: Es ist <em>gorronear<\/em> in Spanien, <em>garronear<\/em> in Argentinien!<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist schon \u00f6fter aufgefallen, dass sich an den Stromleitungen hier kleine B\u00fcschel von Pflanzen festsaugen. Evangelina findet die richtige Internetseite. Die sagt, bei denen handele es sich um einen festen Bestandteil der st\u00e4dtischen Landschaft, nur, dass die oft \u00fcbersehen werde, weil man daf\u00fcr nach oben gucken m\u00fcsse. Diese Pflanzen krallen sich nicht nur an Stromleitungen fest, sondern auch an B\u00e4umen und D\u00e4chern, an allem, woran sie sich festhalten k\u00f6nnen. Ihr wissenschaftlicher Name ist <em>Tillandsie<\/em>, hier sind sie auch als <em>Nelken der Luft<\/em> bekannt, bei uns als <em>Luftpflanzen<\/em>. Sie haben die F\u00e4higkeit, epiphytisch, also auf anderen Pflanzen zu wachsen, geradezu perfektioniert. Merkw\u00fcrdigerweise geh\u00f6ren sie zur selben Klasse wie die Ananas. Was der auskunftsreiche Artikel nicht erkl\u00e4rt, ist, warum einige Stromleitungen voll von ihnen sind, aber andere ganz frei von ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in die Stadt, um Besorgungen zu machen. Als wir aus dem Bus aussteigen, gr\u00fc\u00dft Evangelina freudig eine Nachbarin, die gerade einsteigt. Solche Begegnungen wiederholen sich im Laufe des Vormittags. Insgesamt z\u00e4hle ich sechs, die meisten mit Kolleginnen oder ehemaligen Kolleginnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es in ein Kurzwarengesch\u00e4ft, ganz so wie wir es von fr\u00fcher kennen. Alles voller Rollen und B\u00e4ndern und F\u00e4den und Kn\u00f6pfen, auf allen Seiten Schublade \u00fcber Schublade. Und \u00fcber dem Tresen h\u00e4ngen Etiketten aller Art zum Aufn\u00e4hen. Wir kaufen einen einzelnen Knopf und eine Rolle Faden und d\u00fcrfen ein Photo von diesem herrlichen Laden machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es zu Western Union. Meine letzte Zuflucht, nachdem nirgendwo Geld zu beschaffen war. Ich habe Evangelina Geld \u00fcberwiesen, sie soll es abholen und mir geben. Aber vor der Filiale von Western Union ist wieder eine unendliche Schlange. Warum? Hier kann man auch seine Rechnung f\u00fcr Strom und Wasser bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen geht es in eine Einkaufspassage. Auf verzweigten Wegen, vorbei an Gesch\u00e4ften mit sch\u00f6nen, geschmackvollen M\u00f6beln, geht es in einer ganz versteckten Ecke zu einem Uhrmacher. Mit dem hat die Familie nur gute Erfahrungen gemacht. Ich bekomme auf Anhieb ein dringend ben\u00f6tigtes neues Armband. F\u00fcr 12.000 Pesos. Absolut in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu einer anderen Filiale von Western Union. Auch hier eine Schlange. Aber die bewegt sich schnell. Wir kommen in ein dunkles Kabuff, aber alles l\u00e4uft ordnungsgem\u00e4\u00df ab. Und ich habe wieder Geld f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es in eine Apotheke. An der Wand ein gro\u00dfes Schild mit Werbung&nbsp; f\u00fcr Paracetamol von Bayer. Das, sagt Evangelina, sei hier oft beim Dengue-Fieber verschrieben worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Caf\u00e9, um das frisch verdiente Geld auszugeben, aber bekommen nichts. Stromausfall!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an einem Handygesch\u00e4ft vorbei. Hier bekommen wir eine H\u00fclle f\u00fcr mein und eine neue H\u00fclle f\u00fcr Evangelinas Handy. Und ich bekomme eine Schutzfolie f\u00fcr mein Handy. Der junge Mann macht das sehr gut, sehr sorgf\u00e4ltig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Busbahnhof finden wir dann doch noch ein Caf\u00e9, wo es Kaffee gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an mehreren Monumenten oder Pl\u00e4tzen vorbei, die was mit Belgrano zu tun haben. Das ist einer der Heroen des argentinischen Freiheitskampfs. Im Gegensatz zu San Mart\u00edn war er kein General, sondern Anwalt. Er schloss sich aber der Bewegung an und diente als Befehlshaber einer Heereseinheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Bus aus sehe ich ein Lokal mit dem Namen <em>Panchamama<\/em>. Ein Wortspiel mit <em>Pachamama<\/em>, der Mutter Erde der indigenen V\u00f6lker, und <em>Pancho<\/em>, einer Art Hotdog.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, als es k\u00fchler wird, gehen wir zu dem Platz mit den Kakteen. Die machen sich im beginnenden Zwielicht sehr gut als Photo-Objekte, vor allem die mit den Fr\u00fcchten an den Bl\u00e4ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Platzes ein Denkmal, das an die Urspr\u00fcnge des Landes erinnern soll und zwei Indios mit Weihegef\u00e4\u00dfen zeigt, die in die Luft gereckt werden. Das Denkmal ist aber nicht sehr gelungen. Die Figuren sind zu gro\u00df und zu athletisch und zu pathetisch und, einer Kollegin Evangelinas zufolge, eher Indios der Karibik als des S\u00fcdens.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es zum Busbahnhof, um die Fahrkarten f\u00fcr morgen zu kaufen, f\u00fcr die Fahrt in die ber\u00fchmte <em>Quebrada de Humahuaca<\/em>. Mal wieder ist alles sch\u00f6n kompliziert, man kann keine Fahrkarte von hier nach Humahuaca kaufen. Man muss zwei verschiedene Karten kaufen, obwohl es ein und derselbe Bus ist. Dann m\u00fcssen wieder Angaben gemacht werden, einschl. der Passnummer, und schlie\u00dflich gibt es Probleme bei der Bezahlung per Handy. Dass es am Ende doch gutgeht, grenzt an ein Wunder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg werden wir an jedem zweiten Haus von pl\u00f6tzlich aus dem Dunkel hervorst\u00fcrzenden und wild bellenden Hunden erschreckt. Und dann erwischt uns auch noch das aufziehende Gewitter. Hoffentlich gibt es morgen sch\u00f6nes Wetter.<\/p>\n\n\n\n<p>13. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder hat es die ganze Nacht gesch\u00fcttet, aber als wir am Morgen aufbrechen, fisselt es nur noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Gl\u00fcck und erwischen gleich einen Bus zum Busbahnhof. Das kurze St\u00fcck von der Haltestelle bis zum Bahnhof ist ein einziger Slalomlauf an den Pf\u00fctzen vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen die noch provisorische Hinfahrt bis Jujuy sofort festzurren, und Evangelina kann an einem anderen Schalter, bei der Polizei, eine Meldebest\u00e4tigung und ein F\u00fchrungszeugnis bekommen. Die muss man jedes Schuljahr neu vorlegen. Nur gut, dass man das hier schnell und unb\u00fcrokratisch \u2013 aber gegen eine Geb\u00fchr \u2013 erledigen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise kann man an dem Schalter des Busunternehmens auch Pakete verschicken und entgegennehmen. An der Fensterscheibe steht aber, dass man keine Coca verschicken darf \u2013 auch nicht die kleinste Menge. Hinten an der Wand h\u00e4ngt ein Kalender mit einem unglaublich kitschigen Jesus- Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Schalter der Polizei, der mir noch nie aufgefallen war, gibt es sogar einen Schalter der Touristeninformation. Die Frau an dem Schalter g\u00e4hnt gelangweilt. Wer kann hier wohl zu so fr\u00fcher Stunde nach Auskunft verlangen? Und wonach? Sicher nicht nach Palpal\u00e1. Wenn schon, dann nach der <em>Quebrada de Humahuaca<\/em>. Die geh\u00f6rt seit 2003 zum UNESCO-Welterbe und zwar, wenn ich das richtig verstehe, zum Natur- und zum Kulturrebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Zeit, und ich sehe mich zum ersten Mal in Ruhe an dem Busbahnhof um. Von weitem sieht der ganz vorzeigbar aus, aber wenn man genauer hinguckt, sieht man die ganzen Macken, die abbl\u00e4tternden Folien von den Scheiben, die kaputten Namensschilder, den Schmutz an den Schaltern und auf dem Pflaster davor (ein Mann fegt hier eifrig, aber vergeblich), die abgerissenen Sitzfl\u00e4chen der St\u00fchle, die sch\u00e4bige Wartehalle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es los. Der Bus, der aus Salta kommt, hat betr\u00e4chtliche Versp\u00e4tung. Nach kurzer Zeit biegt er von der Stra\u00dfe ab. Was ist jetzt los? Wir fahren \u00fcber eine schmale Stra\u00dfe in einen Ort hinunter. Dort ein riesiger Hof, auf dem \u00fcberall Busse von <em>Balut<\/em> stehen. Wir fahren in eine Werkstatthalle. Die T\u00fcr wird ge\u00f6ffnet, sofort macht sich ein Techniker ans Werk. Informiert werden die Passagiere \u00fcberhaupt nicht. Evangelina fragt den Techniker, was Sache sei. Die T\u00fcr muss repariert werden! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer halben Stunde geht es weiter. Danach muss ich kurz eingeschlafen sein. Als ich wieder wach werde, sind wir schon mitten in der <em>Quebrada de Humahuaca<\/em>, an der Stelle, wo wir dieser Tage zu den Salinen abgebogen sind. Auch hier wieder eine majest\u00e4tische Bergwelt. Auf der einen Seite sind die Berge gr\u00fcn, auf der anderen rosa. Die Wolken liegen unbeweglich auf den Bergen, als ob sie ein Teil davon w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen Bergen h\u00e4ngen einzelne Steine an den Bergh\u00e4ngen, so als ob sie als Schmucksteine hinzugef\u00fcgt worden w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Berge, die aussehen, als wenn sie aus lauter \u00fcbereinander gestapelten Mehls\u00e4cken best\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es eint\u00f6niger, die Berge sind formlos grau. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, nur ganz hinten bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand \u00e4rmlich aussehende H\u00e4user aus Lehmziegeln, einige verlassen, andere bewohnt, viele halb fertig gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Berge hier so kahl sind, wie sie nur sein k\u00f6nnen, erscheinen neben der Stra\u00dfe gr\u00fcne Felder, auf denen, wie Evangelina mir erkl\u00e4rt, M\u00f6hren, Kohl und Salat angebaut werden. Ob es hier ein Bew\u00e4sserungssystem gibt? Sieht fast danach aus. H\u00e4user sieht man keine. Die Felder, alle sehr sauber und ordentlich, m\u00fcssen von Bauern aus den Nachbarorten bestellt werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch einen Ort, Tilcara. \u00dcberall Schilder und Aufrufe, die gegen den Lithium-Abbau der Region protestieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in Humahuaca an. Wir werden sofort von einer Frau eines Tourenorganisators in Beschlag genommen. Die bietet eine Tour nach Hornocal an, dem eigentlichen Ziel der Reise. Eine Nachbargruppe diskutiert mit einem Reiseleiter, ob sich die Fahrt heute \u00fcberhaupt lohne, ob man bei dem Wetter \u00fcberhaupt etwas sehen k\u00f6nne. Wir lassen es einfach drauf ankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee und f\u00fcr den Ort. In dem Caf\u00e9 l\u00e4uft im Fernseher eine Hintergrundmusik zu einer Sendung. Ich kann sie kaum h\u00f6ren. Evangelina sagt, das seien Deutsche. Aus den achtziger Jahren. Sie habe sie geliebt. Sie h\u00e4tten sogar ein Konzert in San Pedro gegeben. An den Namen kann sie sich nicht erinnern. Sie glaubt, die h\u00e4tten auf Englisch gesungen. Ich bin v\u00f6llig \u00fcberfragt, deutsche Musiker, achtziger Jahre, sogar in Argentinien bekannt. Wer kann das sein? Sie sucht im Internet und zeigt mir ein Photo. Ich bekomme einen Lachanfall: <em>Modern Talking!<\/em> Ich brech\u2018 zusammen! Und kann damit punkten, dass ich Thomas Anders\u2018 Haus in Oberwerth kenne!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den Ort. Schon von weitem h\u00f6rt man Musik, rhythmische Musik einer Blaskapelle. Es ist Karneval! Schon kommt der Umzug auf den zentralen Platz. Lauter Kinder, verkleidet, ohne Kost\u00fcme im engeren Sinne. Sie h\u00fcpfen rhythmisch auf der Stelle und skandieren irgendwelche Losungen, aus vollen Kehlen. Sie verspr\u00fchen aus einer Dose eine Fl\u00fcssigkeit, die sich dann als Schneeflocken auf den K\u00f6pfen und Schultern der Leute niederlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter erfahren wir, dass dies der Auftakt zu Karneval ist. Am heutigen Donnerstag sind die Kinder dran, am n\u00e4chsten die M\u00e4nner, dann die Frauen. F\u00e4llt mit unserer Altweiberfastnacht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor 12 wird es pl\u00f6tzlich ganz still. In dem Turm der Kapelle \u00f6ffnet sich ein Spalt, und eine gro\u00dfe Figur im Ordensornat erscheint, Franziskus, und segnet die Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben noch Zeit, eine Treppe raufzugehen zu einem \u00fcberdimensionalen Monument, das zwar diesmal keinen General, sondern das Volk darstellt, aber auch in Verbindung mit den Unabh\u00e4ngigkeitskriegen steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg nach oben ist ges\u00e4umt von gro\u00dfen Kakteen. Als wir wieder runter kommen, kommt uns ein Junge mit einem BVB-Trikot entgegen. Evangelina will ein Photo machen. Die Mutter ist erstaunt. Warum das denn? Muss dann aber lachen, als sie die Erkl\u00e4rung h\u00f6rt. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit zum Aufbruch. Mit drei anderen Passagieren werden wir in einen Jeep mit Allradantrieb verfrachtet. Wir kommen durch eine ganz andere, w\u00fcsten\u00e4hnliche Landschaft, mit unz\u00e4hligen Kakteen, die eine gr\u00f6\u00dfer als die andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Lamas gibt es keine zu sehen, aber pl\u00f6tzlich tauchen vor uns Vikunjas auf, Mutter und Kitz. Sie sind kleiner und zierlicher als Lamas und erinnern mich eher an die Rehe bei uns, haben aber ein helles Fell. Sie sind etwas scheu, aber als sie in sicherem Abstand zur Stra\u00dfe und wieder zu ihrer Gro\u00dffamilie gesto\u00dfen sind, lassen sie sich gut photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in Hornocal an. Und sofort ist man von dem Anblick gefangen. Eine Bergkette, mit unterschiedlichen Farben, die wie gezeichnet aussieht, aus lauter verschachtelten Dreiecken zu bestehen scheint. K\u00f6nnte ein Bild aus einer innovativen Kunststr\u00f6mung des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts sein, Minimalismus oder Konstruktivismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Naturspektakel erinnert mich an ein altes Zitat, nach dem Kunst besonders attraktiv ist, wenn sie wie Natur aussieht und Natur, wenn sie wie Kunst aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann \u00fcber einen Sandweg runter und n\u00e4her an das Kunstwerk rangehen, aber dort stehen \u00fcberall Warnschilder: R\u00fcckweg nicht untersch\u00e4tzen, im Zweifelsfalle nicht weiter gehen, die H\u00f6henluft k\u00f6nnte zu schaffen machen. Wir befinden uns auf 4.300 Metern H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen trotzdem runter und genie\u00dfen die immer neuen Perspektiven, die sich einem hier bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kalt, 12\u00b0, aber man empfindet die K\u00e4lte nicht so sehr, solange kein Wind weht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten, wo man praktisch am Abgrund steht, treffen wir auf eine Gruppe junger Leute, die eine unbekannte Sprache sprechen. Ich tippe auf Hebr\u00e4isch \u2013 und liege richtig. Sie bitten uns, ein Photo von ihnen vor dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Hintergrund zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es rauf, Evangelinas Ratschlag folgend: schweigend, mit kleinen Schritten und gelegentlich einer kleinen Pause zum Wassertrinken. So geht es ganz leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben kaufe ich in einem Zelt Coca-Bonbons. Schmecken gut, wie Hustenbonbons, haben aber keinerlei Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht die Fahrt zur\u00fcck. In Humahuaca erwischen wir gleich einen Bus nach Tilcara. Dort f\u00fchrt mich Evangelina zu einem einfachen Lokal am Rande des Marktes. Sie war vor wenigen Wochen mit ihrer Mutter hier und hat unvergesslich gute Lammkoteletts gegessen. Die m\u00fcsse ich auch probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen des Krachs von der Musik vom Platz werden wir in die K\u00fcche verfrachtet. Die Koteletts sind ausgezeichnet, obwohl Evangelina meint, beim letzten Mal seien sie noch besser gewesen. Jedenfalls ist das Fleisch zart und f\u00e4llt direkt vom Knochen ab. Dazu gibt es Kartoffeln, dicke Bohnen, einen Maiskolben und Ziegenk\u00e4se.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt setzt sich am Ende zu uns und erkl\u00e4rt: Er sei Sportler, Radfahrer und L\u00e4ufer, und koche deshalb ohne Fett, mit Wasser, Wein und Knoblauch. Deshalb sei er auch, anders als die anderen K\u00f6che, so schlank. Warum das Fleisch beim letzten Mal noch besser war? Das war aus R\u00fccken oder Schulter geschnitten, sagt er, heute seien es die Haxen gewesen. Wegen des Karnevals habe es so viel Nachfrage gegeben, dass nichts anderes mehr \u00fcbrig geblieben sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita, eine Freundin von Evangelina, pensionierte Lehrerin und ehemalige Kollegin, hat uns eingeladen, bei ihr vorbeizukommen. Sie hat ein Ferienhaus hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott sei Dank ist es nicht weit, und Gott sei Dank gibt es nichts zu essen, nur einen Kaffee und etwas Brot und Marmelade, die man liegen lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bezeichnung <em>Ferienhaus<\/em> ist leicht untertrieben. Es ist ein vollst\u00e4ndiges, sch\u00f6n eingerichtetes Haus, das sich stufenweise weit nach hinten in das Grundst\u00fcck hineinzieht. Die Pl\u00e4ne hat ein befreundeter Architekt gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Haus, das die Hausnummer 444 hat, steht ein riesiger, gerade gewachsener Kaktus, vor dem ich mich photographieren lasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita f\u00fchrt uns in den Garten hinter dem Haus. Dort wachsen unter anderem am Boden sch\u00f6ne Sukkulenten, die ein bisschen an Seerosen erinnern. Dahinter ein dorniger Baum mit harten, ovalen, teils braunen und teils gr\u00fcnen H\u00fclsen. Hab ich noch nie gesehen. Der Baum hei\u00dft <em>tusca<\/em> auf Spanisch, und auf Deutsch wohl auch <em>Tusca<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stufen des Hauses sind inzwischen durch Rampen erg\u00e4nzt worden, denn Margaritas Mann sitzt im Rollstuhl. Er spricht langsam und m\u00fchsam, erw\u00e4rmt sich aber langsam und nimmt an der Unterhaltung teil. Er hatte gerade wieder mit dem Laufen angefangen, als ihm ein Zeh amputiert wurde. Jetzt muss er warten, bis die Wunde verheilt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dreh- und Angelpunkt der Unterhaltung ist aber Margarita, eine ebenso lebendige wie freundliche und h\u00e4ssliche Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ergeben sich ein paar kuriose \u00dcberschneidungen. Ihre Tochter lebt in C\u00f3rdoba und beide S\u00f6hne in Europa, in D\u00e4nemark bzw. in Spanien. Der d\u00e4nische Sohn hat gerade heute seine A1-Pr\u00fcfung in D\u00e4nisch abgelegt. Er hat das erste Jahr in D\u00e4nemark hinter sich und jetzt eine Verl\u00e4ngerung von f\u00fcnf Jahren bekommen. Er war urspr\u00fcnglich \u00fcberzeugt, nach Kanada zu kommen, und hatte sich schon eingehend mit kanadischer Landeskunde besch\u00e4ftigt, als er die Nachricht bekam, dass es nach D\u00e4nemark ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Der spanische Sohn lebt in Madrid. Margarita und Coco, ihr Mann, haben ihn dort besucht. Hat ihnen gut gefallen, aber besser hat ihnen Asturien gefallen, wo ein Freund des Sohnes ein Ferienhaus hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der spanische Sohn ist verheiratet. Mit wem, will ich wissen. Wie, mit wem? Ja, mit einer Spanierin oder einer Argentinierin? Weder noch! Mit einer Rum\u00e4nin! Sie seien auf Einladung der Familie auch in Rum\u00e4nien gewesen, erz\u00e4hlt Margarita. Dort hat der Vater &nbsp;der Schwiegertochter mehrere Besitzungen, und die beiden k\u00f6nnten jederzeit gratis und gro\u00dfz\u00fcgig dort leben. Aber der Sohn sagt, nein, lieber auf neutralem Grund, weder in Argentinien noch in Rum\u00e4nien.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gefragt werde, wo ich in Deutschland lebe, stellt sich heraus, dass ihnen Luxemburg kein Begriff ist. Nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina unterh\u00e4lt sich noch ein bisschen mit Margarita dar\u00fcber, wie es jetzt weitergehen soll. Sie zeigt sich erstaunlich zuversichtlich. Das kriegen wir schon hin!<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns wird es Zeit f\u00fcr die R\u00fcckfahrt. Ein langer Tag geht zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>14. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich mich mit <em>Expedia<\/em> und <em>Aerol\u00edneas<\/em> <em>Argentinas<\/em> herumschlage, bereiten Evangelina und Nicol\u00e1s das Mittagessen zu. Nicol\u00e1s hat einen Kurs im Anfertigen von Pastateig gemacht. Es gibt Nudeln, Cappelletti. Hab das Wort noch nie geh\u00f6rt, aber die Form kenne ich. Sehen in bisschen aus wie Ravioli. Die beiden machen sie in Gemeinschaftsarbeit. Sie werden mit frischem Spinat gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu gibt es H\u00e4hnchen, ged\u00fcnstet, mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Knoblauch. Sehr lecker, aber w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig gewesen, denn die Pasta ist so gut, dass man gar nichts anderes mehr haben will.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rede kommt auf den Karneval. Sie erz\u00e4hlen von der Beliebtheit des Karnevals im Norden der Provinz, dort, wo wir gewesen sind. Dahin pilgern alle aus der ganzen Provinz. Eine alte Sitte besteht darin, den Teufel auszugraben oder zu vergraben. An dem Tag wagen sich Tausende von Karnevalsjecken in bunten Teufelskost\u00fcmen einen Abhang runter, der es in sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erz\u00e4hle von meiner Not: <em>Expedia<\/em> hat mir einen Code geschickt, mit dem ich mich bei <em>Aerol\u00edneas Argentinas<\/em> einloggen kann, um den Stand meiner Reservierung zu \u00fcberpr\u00fcfen und die Bordkarte zu buchen. Aber dieser Code wird immer wieder als falsch zur\u00fcckgewiesen. Es hei\u00dft, ich m\u00fcsse sechs Buchstaben eingeben. Genau das tue ich. Vergebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, <em>Expedia<\/em> zu kontaktieren. Die haben einen Telefondienst, aber man muss ein halbes Dutzend Schritte machen, bevor man da landet. Ich scheitere am Ende daran, dass man nirgendwo die deutsche Vorwahl einf\u00fcgen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann versuche ich es bei <em>Aerol\u00edneas Argentinas<\/em>. Die haben eine Filiale in Jujuy. Adresse und Telefonnummer sind angegeben. Ans Telefon geht keiner ran. Sp\u00e4ter sagt Nicol\u00e1s, diese Filiale sei vor drei Monaten geschlossen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Webseite der Fluglinie stehen au\u00dferdem zwei Telefonnummern von Buenos Aires. Bei der einen hei\u00dft es, die Telefonnummer sei nicht g\u00fcltig, bei der anderen geht keiner ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann versuche ich, den Kundendienst von <em>Aerol\u00edneas Argentinas<\/em> zu erreichen, mit dem gleichen Resultat wie bei <em>Expedia<\/em>. Ich werde langsam unruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s f\u00e4hrt uns zum Flughafen. Ohne zu knurren. Dort gibt es keinen Schalter von <em>Aerol\u00edneas Argentinas<\/em>, aber wir stellen uns in die Schlange f\u00fcr die Gep\u00e4ckaufgabe. Der freundliche Mann hinter dem Schalter fragt weder nach meinem Namen noch nach meinem Flug. Nur nach den sechs Buchstaben. Er gibt sie ein. Alles in Ordnung! Flug f\u00fcr Sonntag ist gebucht und bezahlt. Zwei Stunden vor Abflug hier sein. Mir f\u00e4llt ein Stein vom Herzen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>15. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen erinnere ich mich an eine Aufschrift auf einem T-Shirt, das eine Frau auf einem Platz trug: <em>Make yourself a priority<\/em>. Was soll daran besonders sein? Oder gar verdienstvoll? Bewegt sich auf der H\u00f6he von <em>America first!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Argentinien, erfahre ich, gibt es ein eigenes Wort f\u00fcr die dicke Backe der Coca-Konsumenten: <em>acullico<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Oma hat einen Kuchen gebacken. Er hei\u00dft <em>Pastafrola<\/em>. Sieht wie ein Pfirsichkuchen aus, ist aber aus Quitten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zwei Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein Lokal gemacht, um zum Abschluss irgendwo gemeinsam essen zu gehen, aber ich werde \u00fcberstimmt: <em>El Dique<\/em> bekommt den Vorzug. Ich stimme zu, ohne zu ahnen, wie weit wir daf\u00fcr fahren&nbsp; m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschwerend kommt noch hinzu, dass beide Autos Schwierigkeiten mit den Reifen haben. Nicol\u00e1s f\u00e4hrt erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auto in die Werkstatt. Beide brauchen auf Dauer mindestens zwei neue Reifen. Das wird eine teure Angelegenheit. Auch bei den Reifen kassiert der Staat kr\u00e4ftig mit. Die Argentinier fahren sogar nach Bolivien und Brasilien, um dort neue Reifen zu kaufen!<\/p>\n\n\n\n<p><em>El Dique<\/em> ist ein Ausflugslokal an einem Stausee. Dient der zur Energieversorgung? Ja, auch, aber in erster Linie zur Bew\u00e4sserung der Felder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren aus der Stadt raus und kommen an Tabakfeldern vorbei. Kilometerlang ziehen sie sich hin. Sie sind schon abgeerntet, die Bl\u00e4tter sind vergilbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s macht auf ein merkw\u00fcrdiges Geschoss aufmerksam, das auf einem der Felder steht. Was ist das? Tats\u00e4chlich ein Geschoss. Mit dem werden die Wolken attackiert, wenn das Wetter dem Tabakanbau nicht f\u00f6rderlich ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Stausee kommt in Sicht. Aber das ist noch nicht unserer. Es gibt zwei benachbarte Stauseen, dieser ist der gr\u00f6\u00dfere. Hier ist es ganz ruhig. Nur ein paar Angler am Ufer. Nicol\u00e1s kommt auch zum Angeln hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Stausee ist eher eine Art Freizeitpark, mit Tretbooten, Wasserski, Badestrand. Aber trotzdem geht es ziemlich ruhig zu. Auch ein paar Fischerboote sind unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist riesig und hat zwei Terrassen. Wir warten lange genug und erwischen einen Platz direkt am Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch innen ist das Lokal gut besetzt, es gibt aber noch aufgestapelte Tische und St\u00fchle, um noch mehr Kunden unterzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die freundliche Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf: Fisch f\u00fcr die Frauen, Fleisch f\u00fcr die M\u00e4nner. Dazu teilen wir uns eine Portion Pommes frites und eine Portion Salat. Die anderen bestellen <em>gaseosa<\/em>, und das bedeutet hier Coca-Cola. F\u00fcr mich gibt es Wein, billigen Hauswein im Viertele.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina und ihre Mutter essen immer Fisch, wenn sie hierherkommen, vielleicht einmal pro Jahr. Auf der Speisekarte stehen Forellen, aber sie bestellen immer <em>pejerrey<\/em>, panierte kleine Fische. Daf\u00fcr finde ich im Internet die deutsche Entsprechung, die mir genauso wenig sagt: <em>\u00c4hrenfische<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sei es relativ ruhig, hei\u00dft es, sonst sei hier noch viel mehr los.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken auf die Reise, auf die Gastfreundschaft, auf&nbsp; das beginnende Schuljahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen wir Halt bei Mafalda. Nicol\u00e1s hat schon auf dem Hinweg darauf hingewiesen. Die Figurengruppe \u00e4hnelt der von Buenos Aires, mit Mafalda, Manolito und Susanita, aber die Figuren sind anders aufgestellt. Es habe eine gro\u00dfe Kontroverse gegeben, als das Projekt in Angriff genommen wurde. Man musste nach Buenos Aires gehen, verhandeln, die Rechte erwerben, die Figuren in Auftrag geben. Das alles habe Geld gekostet, zu viel Geld in der Meinung vieler. Das solle man besser f\u00fcr Schulen und Stra\u00dfen anlegen. Stimmt einerseits. Andererseits kann man mit dem Argument jedes Projekt unterlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins ist klar: Man kann hier im Sonnenlicht sehr sch\u00f6ne Photos machen, mal neben der einen, mal hinter der anderen Figur.<\/p>\n\n\n\n<p>16. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s f\u00e4hrt uns zum Flughafen. Es ist sein dritter Einsatz als Chauffeur am dritten Tage in Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Flughafen von Jujuy ist so, wie man sich einen idealen Flughafen vorstellt: klein, \u00fcbersichtlich, modern, mit freundlichem Personal und ohne den Slalomlauf an den \u00fcberteuerten Verkaufsst\u00e4nden vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages gehen sechs Fl\u00fcge nach Buenos Aires ab, f\u00fcnf davon, wie meiner, zum Aeroparque, dem kleineren Flughafen. Au\u00dferdem gibt es einen Flug nach C\u00f3rdoba und einen nach Asunci\u00f3n. Nach Bolivien gibt es keine Fl\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Koffer hat, wie ich schon bef\u00fcrchtete, \u00dcbergewicht. Auf Inlandsfl\u00fcgen darf man nur 15 Kilo Gep\u00e4ck mitnehmen. Aber der Koffer geht anstandslos durch. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Gelegenheit lerne ich das Wort f\u00fcr \u201aInlandsflug\u2018, das hier in Gebrauch ist: <em>cabotaje<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden warten geduldig, bis ich meinen Koffer aufgegeben habe. Beim Abschied muss ich mir eine Tr\u00e4ne aus dem Auge wischen. War eine sch\u00f6ne Zeit hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Kontrolle brauche ich zum ersten Mal \u00fcberhaupt meinen Laptop nicht aus dem Rucksack nehmen. Das erleichtert die Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen <em>Mamapacha<\/em>. Wieder ein Wortspiel mit <em>Pachamama<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abflug reicht das Gr\u00fcn der Natur zu beiden Seiten bis an die Startpiste heran.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Flug dauert 2 Stunden. Mit dem Bus h\u00e4tte es 22 Stunden gedauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Anflug erahnt man, wie gro\u00df Buenos Aires ist. Auf der einen Seite freies Feld, auf der anderen dichte Bebauung. Man kann das Schachbrettmuster von hier oben gut erkennen. Manchmal macht eine Vertikale einen kleinen Bogen, manchmal durchschneidet eine Diagonale das rechtwinklige Muster.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fliegen \u00fcber Wohnviertel mit Einfamilienh\u00e4usern mit roten D\u00e4chern und \u00fcber Viertel mit Wolkenkratzern, die meisten \u00e4lteren Datums, aber auch einige ganz originelle moderne Bauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen muss ich ein Taxi nehmen, um zum Busbahnhof zu kommen. Dazu muss man einen QR-Code scannen, aber damit komme ich nicht zurecht. Ich sehe mich um, und sofort kommt einer auf mich zu, der sich als Taxifahrer ausgibt. Wir gehen auf sein Auto zu, aber das hat kein Taxischild. Ich z\u00f6gere, frage ihn nach dem Preis und drehe dankend ab, als er 24.000 Pesos sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder an dem Taxistand kommt eine uniformierte junge Frau auf mich zu. Die hilft Internet-Analphabeten wie mir. Sie fragt nach dem Ziel, gibt alles in ihr Handy ein und l\u00e4sst mich ein Photo machen. Das soll ich dem Taxifahrer zeigen. 14.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist alles ganz transparent gemacht, um dem Betrug vorzubeugen: Im Taxi sind der Name des Fahrers, der Name des Halters, die Personalnummer des Fahrers hinten am Sitz angebracht sowie eine Telefonnummer, an die man sich wenden kann, wenn es \u00c4rger gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der nicht sonderlich freundliche Taxifahrer setzt mich am <em>Retiro<\/em> ab, dem Busbahnhof von Buenos Aires. Jetzt erst erinnere ich mich, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit von hier nach C\u00f3rdoba gefahren bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es nach San Antonio der Areco. Um auf Nummer Sicher zu gehen, will ich noch mal am Schalter meines Busunternehmens nachfragen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Es gibt nicht 20 oder 30 oder 50 Schalter, alle von unterschiedlichen Busunternehmen, sondern \u00fcber 100! Ich finde meins nicht und lande irgendwann im internationalen Teil. Hier sind die Busunternehmen angesiedelt, die nach Brasilien, Paraguay und Uruguay fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann sehe ich auf einer Schautafel, dass mein Unternehmen, <em>Central Argentino,<\/em> an Schalter 47 sitzt. Weiter geht die Suche, vorbei an Unternehmen, die mir schon bekannt vorkommen: <em>Andesmar<\/em>, <em>Balut<\/em>, <em>20 de Junio<\/em>, <em>El Cometa<\/em>, <em>La Veloz del Norte<\/em>, <em>Plusmar<\/em>. Dann komme ich zu Schalter 46. Daneben ist Schalter 48. Die 47 fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht die Suche, wieder in die andere Richtung. Und dann werde ich endlich f\u00fcndig. Alles in Ordnung, hei\u00dft es, keine weitere Aktion n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit wird mir lang. Ich habe einen allzu gro\u00dfen Puffer eingebaut zwischen Landung des Flugzeugs und Abfahrt des Busses. Abwechselnd gehe ich rein, wo es kalt, und raus, wo es hei\u00df ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder best\u00e4tigt sich der Unterschied zwischen <em>Taxi<\/em> und <em>Remis<\/em>. Die fahren auf unterschiedlichen Ebenen ab, und hier unten gibt es kleine Verkaufsst\u00e4nde, an denen Karten f\u00fcrs Remis, aber nicht f\u00fcrs Taxi verkauft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf gro\u00dfen Schildern wird Werbung gemacht f\u00fcr <em>Animal Bus<\/em>. Mit dem kann man Haustiere von einem Ort zum anderen transportieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ebenso gro\u00dfen Schildern wird kundgetan, dass hier, in der Provinz Buenos Aires, f\u00fcrs Autofahren gilt: 0% Alkohol am Steuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt 75 Haltebuchten f\u00fcr die Busse. St\u00e4ndig fahren Busse in den Busbahnhof ein, einer nach dem anderen, alle modern, alle zweist\u00f6ckig, jeder mit dem spezifischen Design seines Unternehmens: mal grell, mal einfach, mal spielerisch, mal elegant. Bald erkennt man sie schon von weitem, bevor man den Namen sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Busse fahren ganz vorsichtig in den Bahnhof ein. Sie m\u00fcssen \u00fcber mehrere Bodenschwellen fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mein Bus. Als wir abfahren, ist es noch taghell, aber bald schon ist es stockdunkel. Der Bus f\u00e4hrt und f\u00e4hrt durch die Nacht, macht keine Anstalten, zu halten. Und kein anderer Passagier macht sich zum Aussteigen bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir liegen 10 Minuten, dann 20 Minuten \u00fcber der geplanten Ankunftszeit, bei einer Fahrt von anderthalb Stunden. Ich werde immer unruhiger. Die Fenster sind zu, und durch die T\u00fcr kann ich die Schilder nicht erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann biegt der Bus endlich ab, aber wieder geht es auf einer Landstra\u00dfe weiter. Keine Stadt in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00e4lt der Bus pl\u00f6tzlich, der Fahrer \u00f6ffnet die T\u00fcr, holt meinen Koffer raus und dr\u00fcckt ihn mir in die Hand. Au\u00dfer mir steigt keiner aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe an einer hell erleuchteten Tankstelle. Irgendwo an der Landstra\u00dfe. Kein Taxistand in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage in der Tankstelle nach. Die junge Frau sagt mir, das k\u00f6nne schwer sein, wegen der Uhrzeit. Ich wei\u00df nicht, was ich tun soll, aber offensichtlich soll ich warten. Dann nimmt ein Mann das Telefon, macht einen Anruf und nickt: Taxi kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Taxi im eigentlichen Sinne, vielleicht ein Remis. Jedenfalls sieht das Auto wie ein Privatauto aus. Der Fahrer erweist sich als ausgesprochen freundlich und gespr\u00e4chsbereit. In Deutschland sei er noch nicht gewesen, wohl aber in Spanien, in Frankreich und in Italien. Auch in Mexiko und in Japan. Anlass sei immer der Fu\u00dfball gewesen. Er ist ein Fu\u00dfball-Junkie. Anh\u00e4nger von Boca. Gl\u00fccklicherweise habe seine Frau Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Leidenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lebt erst seit zwei Jahren hier, stammt eigentlich aus Buenos Aires. Aber er sei die Gro\u00dfstadt leid gewesen und die vielen Gefahren. Hier in San Antonio sei alles bestens. Schon nach einer Woche habe er sich an das Leben hier gew\u00f6hnt. Dazu geh\u00f6rt der t\u00e4gliche Mittagsschlaf. Es sei mittags so hei\u00dft hier, dass sich alle in ihre L\u00f6cher verkriechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kinder h\u00e4tten etwas l\u00e4nger gebraucht, um sich einzugew\u00f6hnen. Klar, die h\u00e4tten ihre Freunde in Buenos Aires zur\u00fcckgelassen. Er hat zwei erwachsenen S\u00f6hne und ein achtzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen. Die sei sein Augenstern. Papas M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben wir ein Wohnviertel erreicht, das den besten Eindruck macht, soweit man das in der Dunkelheit sehen kann. Er setzt mich vor einem Haus mit einer Mauer um das Grundst\u00fcck herum ab. Adresse: <em>Italia 84<\/em>. Er will nur 4.000 Pesos haben und wehrt sich erst gegen das Trinkgeld, das ich ihm geben will. Er kann wahrscheinlich gar nicht ermessen, wie froh ich bin, dass ich nicht an der Tankstelle gestrandet bin. Er wartet sogar noch, bis sich drinnen was tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort wird ge\u00f6ffnet. Ein ebenso freundliches Ehepaar, die Eltern des Vermieters, nehmen mich wortreich in Empfang und f\u00fchren mich in das bestens ausgestattete, geschmackvoll eingerichtete Apartment. Der Mann schleppt sogar meinen Koffer die eiserne Au\u00dfentreppe rauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, der Norden Argentiniens, sagen sie, sei ganz besonders sch\u00f6n. Sie kennen alles, was ich dort gesehen habe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie helfen mir noch kurz mit der Orientierung. In der einen Richtung geht es in die Innenstadt, vier H\u00e4userbl\u00f6cke entfernt, alles gut zu Fu\u00df machbar. In der anderen Richtung geht es zur Br\u00fccke und zu dem Museum auf der anderen Seite des Flusses. Das ist das <em>Museo Gauchesco Ricardo G\u00fciraldes<\/em>. Dass das so hei\u00dft, kann ich sp\u00e4ter nachlesen. Denn hier gibt es sogar Reisef\u00fchrer von Argentinien, auf Englisch und auf Spanisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Alles bestens also. Bis auf eins: Bei dem Sturm dieser Tage ist ihnen die Internetleitung kaputtgegangen. Sie hoffen, sie so bald wie m\u00f6glich wieder reparieren zu k\u00f6nnen. Morgen solle ich es am besten irgendwo in der Innenstadt versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch am Morgen gehe ich aus dem Haus und laufe durch die leeren Stra\u00dfen, der tief stehenden Sonne entgegen. Trotz der Hitze, f\u00fcr die San Antonio bekannt ist, ist es jetzt, fr\u00fch am Morgen, noch frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur zwei, drei Radfahrerinnen kommen mir entgegen, ansonsten ist es ganz ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist h\u00fcbsch, keine Sch\u00f6nheit im eigentlichen Sinne und gar nicht herausgeputzt, aber angenehm, und sehr authentisch. An einigen H\u00e4userw\u00e4nden h\u00e4ngen verrostete Werbeschilder, und einige T\u00fcren haben abbl\u00e4tternde Farben. Das alles macht sich gut als Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald komme ich auf den zentralen Platz, mit Palmen best\u00fcckt, sch\u00f6n angelegt. Die Caf\u00e9s sind alle noch geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso die Kirche, San Antonio de Padua geweiht. Die Jahreszahl der Erbauung, 1730, steht an der Fassade.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe einfach ein bisschen weiter und komme ungewollt an den Fluss und an die Br\u00fccke. Auf der anderen Seite ein Haus, in dem Eier aus eigener H\u00fchnerhaltung verkauft werden. Im Hof h\u00e4ngt W\u00e4sche zum Trocknen. Als ich gerade ein Photo machen will, sehe ich von irgendwoher einen Schatten: Ein Pferd defiliert vor der W\u00e4sche her.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an verschiedenen Schulen vorbei, aber Sch\u00fcler sind noch keine zu sehen. Lehrer auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem ebenfalls noch verschlossenen Lokal h\u00e4ngt ein Hinweisschild, dass man nicht mit blo\u00dfem Oberk\u00f6rper reingehen soll: <em>Prohibido ingresar con el torso descubierto.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An einer H\u00e4userwand ist in einer Emailleplatte ein Gedicht angebracht. Das handelt von einem gefl\u00fcgelten Pferd. Erst jetzt merke ich, dass auf dem Dach ein Wetterhahn mit einem gefl\u00fcgelten Pferd angebracht ist. Ein Wetterpferd.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer anderen H\u00e4userwand wird ein gewisser Na\u00f1ez in h\u00f6chsten T\u00f6nen gepriesen: Er habe geflochten so gut wie Bach Musik gemacht, wie Goya gemalt und wie Dante gedichtet hat. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um 8 Uhr komme ich zu dem zentralen Platz zur\u00fcck. In einem kleinen Pavillon, das wie ein W\u00e4chterh\u00e4uschen aussieht, ist die Touristeninformation, und die ist sogar jetzt schon besetzt. Ich bekomme einen Stadtplan und ein paar Informationen und den Hinweis, dass das <em>Museo Gauchesco <\/em>morgen geschlossen ist. Also sollte ich es heute besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Caf\u00e9 <em>El Tokio<\/em> werden gerade St\u00fchle und Tische auf den B\u00fcrgersteig gestellt. Ich gehe rein und bekomme einen Kaffee und Zugang zum Internet. Im Laufe der Zeit kommen andere Kunden, die ihren Laptop herausholen und sich ins Internet einw\u00e4hlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Caf\u00e9 komme, ist das Gitter vor der Kirche ge\u00f6ffnet. Innen sind die Seitenschiffe abgesperrt, dort werden die Kassettendecken erneuert.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Altar in zentraler Position Antonio mit dem Kind auf dem Arm. In den Fl\u00e4chen des Mittelschiffs \u00fcber den Arkaden Fresken von Heiligen: M\u00f6nche und Bisch\u00f6fe und Frauen, die eher wie antike Musen als wie Heilige aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinten l\u00e4chelt der Papst, der argentinische, von einem Plakat, und \u00fcber ihm auf der Orgelb\u00fchne gurrt eine Taube.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Parks eine Reihe von B\u00e4umen, die wie st\u00e4mmige Birken aussehen, aber h\u00fclsenartige Fr\u00fcchte tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde die <em>Italia<\/em> nicht sofort, als ich auf dem R\u00fcckweg bin. Schilder mit Stra\u00dfennamen gibt es hier keine. Eine freundliche Frau hilft. Sie lebt auch erst seit drei Jahren hier und f\u00fchlt sich auch sehr wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher glaubte ich mich hier vor Hunden sicher, aber als ich jetzt nach Hause komme, bellen mir gleich drei ihre feindliche Gesinnung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich am sp\u00e4ten Vormittag zum zweiten Mal auf den Weg mache, ist es schon lecker hei\u00df. Von den B\u00e4umen hinter der Br\u00fccke kommen das Gekr\u00e4chze und Geschreie der V\u00f6gel. Sie sind noch genauso aktiv wie am Morgen. Man h\u00f6rt sie, aber man sieht sie kaum. Man muss Geduld haben, dann erwischt man den einen oder anderen. Es sind gr\u00fcne, papageienartige V\u00f6gel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Museo Gauchesco<\/em> ist schlecht ausgeschildert oder besser gesagt gar nicht. Irgendwann kommt auf der linken Seite ein wei\u00df verputztes Backsteinhaus in Sicht. Da ist es drin. Ich bin noch ein paar Minuten zu fr\u00fch dran. Warum das Museum nach Ricardo G\u00fciraldes benannt ist, wird nicht so richtig deutlich. Wohl nur, weil er hier sehr bekannt ist, als Schriftsteller. In der Ausstellung sieht man sp\u00e4ter mehrere Exemplare seiner B\u00fccher, allen voran <em>Don Segundo Sombra<\/em>, sein bekanntestes Werk. Das Buch behandelt \u2013 in einer idealisierten Form \u2013 das Leben des Gauchos. Insofern besteht also eine Beziehung zu dem Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fciraldes entstammte einer Familie der Oberschicht, die immer schon l\u00e4ngere Zeiten in Europa verbrachte. Auf einem Photo sieht man die ganze Gro\u00dffamilie im Sommerurlaub auf Mallorca. Zu Zeiten vor den Pauschalreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst reiste schon als junger Mann unerm\u00fcdlich durch die Gegend: Frankreich, Jamaika, Russland, Indien, China, Japan, Mexiko. Seinen Universit\u00e4tsstudien bekam das nicht. Die schloss er nie ab.&nbsp; &nbsp;<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum besteht aus zwei Teilen, einem Freilichtmuseum, in dem ein typischer Hof der Gaucho-Kultur nachgebildet ist, und einem klassischen Museum, untergebracht in einem Herrenhaus, in dem Objekte ausgestellt sind, die etwas mit der Gaucho-Tradition zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Auftakt gibt es eine <em>Pulper\u00eda<\/em>, nachgebildet mit einer Pappmaschefigur hinter dem Tresen und allem, was man dort erwerben konnte, Schnaps, Gl\u00e4ser, Zwiebeln, Flaschen aus Keramik, Kannen aus Zinn, Zaumzeug, Schnur, Tabak, Laternen. Das ist gut nachgestellt, man hat in dem dunklen Raum fast das Gef\u00fchl, mitten drin zu sein in einer <em>Pulper\u00eda<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Pulper\u00eda<\/em> war nicht nur Laden, sondern auch Treffpunkt der Gauchos. Hier wurde getrunken, gesungen, hier wurden Nachrichten und Tratsch ausgetauscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen gibt es Karren und Kutschen, eine M\u00fchle, Pfl\u00fcge, einen Brunnen, einen Taubenschlag. Und einen Omb\u00fa, einen knorrigen Baum mit einem am Boden weit ausladenden Baumstamm, ein Baum, der botanisch kein Baum ist, trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe und seines Aussehens. Er gilt als Strauch. Ausschlaggebend daf\u00fcr ist die Tatsache, dass er keine Jahresringe hat!<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00fchle ist eine Tretm\u00fchle, die von Ochsen bewegt wurden. Denen wurden die Augen verbunden, damit das st\u00e4ndige Kreisen um die M\u00fchle keinen Schwindel erregte. In der M\u00fchle wurde Getreide gemahlen, aber auch Knollen, um daraus Mehl zu machen. Der Vorl\u00e4ufer der M\u00fchle war der pr\u00e4historische M\u00f6rser. Der wird bereits bei Homer erw\u00e4hnt, hei\u00dft es, und auch in der Bibel, im Zusammenhang mit Samson. Die R\u00f6mer erfanden dann die hydraulische M\u00fchle. Alle M\u00fchlen hatten zwei Steine, und das M\u00fchlrad wurde durch Wind, Wasser, Menschen oder Tiere bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taubenschlag hatte hier eine andere Funktion als in Europa, wo er meist der Z\u00fcchtung von Brieftauben diente. Hier ging es in erster Linie um die Versorgung der Gauchos mit Fleisch. Die Taubenschl\u00e4ge waren \u00fcberdies oben offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pflug wird hier als das revolution\u00e4rste Instrument in der Entwicklung der Landwirtschaft bezeichnet. Die \u00e4ltesten tauchen vor 5.500 Jahren im Mesopotamien auf. Sie waren aus Holz und wurden von Menschen bewegt. Die R\u00f6mer erfanden dann die eiserne Pflugschar und lie\u00dfen den Pflug von Ochsen ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ganz in Gedanken bin, meine ich pl\u00f6tzlich, meinen Namen zu h\u00f6ren. Tats\u00e4chlich. Es ist Edward. Er hat durch gut unterrichtete Quellen in der Heimat davon geh\u00f6rt, dass ich vorhatte, das <em>Museo Gauchesco<\/em> zu besuchen und ist flugs hierhergekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Zaun geben wir uns die Hand, und er erz\u00e4hlt von den Verw\u00fcstungen, die der Sturm in seinem Haus angerichtet hat. Das stand ganz unter Wasser. M\u00f6bel und Gem\u00e4lde mussten aus dem Haus geschafft werden. Gl\u00fccklicherweise ist es danach sehr warm gewesen, und alles konnte gut trocknen, aber wie er die Nerven aufbringt, mir jetzt Gesellschaft zu leisten, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass \u00dcberschwemmungen hier an der Tagesordnung sind, sieht man sp\u00e4ter im Empfangsraum des Museums, wo die Wand bis auf H\u00fcfth\u00f6he noch vergilbt ist von einer fr\u00fcheren \u00dcberschwemmung. Eine solche Kraft w\u00fcrde &nbsp;man dem friedlich aussehenden Fluss gar nicht zutrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Edward kommt rein und stellt mich gleich dem Enkel von Ricardo G\u00fciraldes vor, der hier der Hausherr zu sein scheint. Der fragt nach meiner Reise und erz\u00e4hlt, dass er fr\u00fcher ganz oben im Norden gelebt hat, in der N\u00e4he der bolivianischen Grenze, in La Quiaca. Er kennt auch die Route, die der Bus bei der abenteuerlichen Fahrt durch das bolivianische Hochland genommen hat und berichtet dem erstaunten Edward davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Edward begleitet mich ins Museum und erkl\u00e4rt mir ein paar Dinge. Als Reiter interessiert er sich besonders f\u00fcr alles, was mit Pferden zu tun hat. Man sieht hier kunstvoll gearbeitete Steigb\u00fcgel aus Holz (sehen aus, als ob sie aus Knochen w\u00e4ren), von denen man sich gar nicht vorstellen kann, dass sie im t\u00e4glichen Gebrauch waren. Ebenso kunstvoll gearbeitet ist ein breiter G\u00fcrtel, aus Silber, mit einer filigranen Schnalle. Der G\u00fcrtel ist hinten mit M\u00fcnzen geschm\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gauchos, erz\u00e4hlt Edward, stiegen immer von links aufs Pferd, da sie rechts das Lasso hatten. Wenn man von rechts aufs Pferd stieg, scheute das Pferd. Das sei noch heute so, sagt er, obwohl es kein Lasso mehr gebe. Die Konvention geht auf die Spanier zur\u00fcck, die rechts ihr Schwert trugen. Dagegen stiegen Indios von rechts wie von links auf das Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Sattel sieht man alle m\u00f6glichen zusammengefalteten Decken. Sieht so aus, als w\u00fcrden sie das Sitzen auf dem Sattel bequemer machen. Aber in erster Linie hatten sie den Zweck, nachts als Schlafunterlage und Decke zu dienen, wenn die Gauchos drau\u00dfen blieben.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand sieht man an beiden Stirnseiten eines Saals schwarze Formen aus Eisen. Sehen teils ganz dekorativ aus, sind aber sehr unterschiedlich. Was ist das? Das sind die Brenneisen, mit denen die Rinder gekennzeichnet wurden. Jeder Besitzer hatte Brenneisen mit einer bestimmten Form, die die Identifizierung erleichterte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Saal gibt es Gem\u00e4lde und Zeichnungen zu sehen. Sie stammen meist aus dem Umkreis von Ricardo G\u00fciraldes. Das interessanteste Bild, im Kleinformat, hei\u00dft <em>La Sortija<\/em>. Es stellt einen Wettbewerb dar. An einer Stange hoch \u00fcber dem Reiter h\u00e4ngt ein Ring. Der Reiter muss versuchen, im vollen Ritt einen Stab durch diesen Ring zu schieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6nste Bild hei\u00dft <em>Cruzando una laguna en el Tandil<\/em>. Man sieht einen von vier Pferden gezogenen Karren beim Durchqueren einer Furt. Auf dem Karren sitzt vorne ein Gaucho, die Z\u00fcgel in der Hand. Ganz wunderbar, wie sich im schimmernden Wasser die Profile der Pferde, die R\u00e4der des Karrens und die B\u00e4ume an der B\u00f6schung spiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung bietet Edward mir an, mich ein bisschen durch die Gegend zu fahren. Und das, obwohl er sich mit den Folgen der \u00dcberschwemmung abplagen und au\u00dferdem f\u00fcr heute Abend eine So\u00dfe f\u00fcr das Treffen im Rotary-Club zubereiten muss. Man trifft sich einmal pro Woche, isst gemeinsam und bespricht anliegende Projekte. Politik und Religion sind als Themen tabu.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorbeifahren macht er mich auf einen Vogel aufmerksam, der auf einer Steinbank hockt. Es ist ein kleiner Adler. Edward h\u00e4lt an, damit ich ein Photo machen kann. Genau in dem Moment \u00f6ffnet der Vogel seine Schwingen und hebt ab. Beim Wegfliegen f\u00e4llt mir das sch\u00f6ne braun-wei\u00dfe Gefieder auf. So einen Vogel habe ich auch im Norden schon mal gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt kommen wir an einem Denkmal vorbei, das zur Zweihundertjahrfeier der Unabh\u00e4ngigkeit errichtet wurde. Das Denkmal hat er, Edward, selbst entworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Br\u00fccke, erz\u00e4hlt er, sei auf trockenem Gel\u00e4nde errichtet worden. Man habe noch nicht die Technik gehabt, im Wasser zu bauen. Nach der Errichtung der Br\u00fccke hat man dann einfach den Fluss umgeleitet!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren noch an zwei Museen vorbei, die ich morgen besichtigen kann, und dann gehen wir ins <em>Almacen de Ramos Generales<\/em>. Der Name des Lokals verr\u00e4t, dass es sich um einen ehemaligen Laden handelt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist sch\u00f6n eingerichtet, hat Backsteinw\u00e4nde und Holzbalken, und ist gut gef\u00fcllt. Von Krise keine Spur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bestellen eine Portion Fleisch, eine Portion Salat und eine Flasche Bier und teilen alles unter uns auf. Ist trotzdem ausreichend. Und schmeckt hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p>Edward erz\u00e4hlt von seinen zwei Jahren in New York. Er hat mitten in New York City gearbeitet, in einem riesigen Ingenieursb\u00fcro. Dort war er zusammen mit einem Inder und zwei US-Amerikanern Teil eines Teams, das konkrete Pl\u00e4ne zur Durchf\u00fchrung eines Projekts erarbeitete. In den USA lasse der Arbeitgeber dem Angestellten viel Raum zum eigenst\u00e4ndigen Arbeiten. Man verlasse sich darauf, dass gute Arbeit geleistet w\u00fcrde. Und wenn nicht, dann wurde man einfach vor die T\u00fcr gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolkenkratzer, erfahre ich, seien praktisch ausschlie\u00dflich Stahlbauten. Mit Beton k\u00f6nne man nicht so hoch bauen. Das scheitere schon daran, dass der Beton mit einer Art Pumpe \u2013 er spricht von <em>bomba<\/em> \u2013 auf die oberen Stockwerke geschossen wird. Und da erreiche man irgendwann seine Grenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kinder h\u00e4tten alle zwei Staatsb\u00fcrgerschaften, erz\u00e4hlt er, und seine \u00e4lteste Tochter, noch in New York geboren, sogar drei: die irische, die amerikanische und die argentinische.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine seiner T\u00f6chter, die f\u00fcr eine NGO arbeite, k\u00f6nne jetzt durch irgendeine der vorschnellen Entscheidungen Trumps, durch den R\u00fcckzug der USA aus dem Projekt, ihre Arbeit verlieren, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Trump kommt die Rede auf Putin und auf Stalin. Er widerspricht meiner Meinung, die Niederwerfung des Nationalsozialismus sei ein Verdienst der Sowjetunion. Jedenfalls schr\u00e4nkt er es sehr ein. Erstens habe die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt mit Japan, Hitlers Verb\u00fcndetem, geschlossen und dadurch einen Zweifrontenkrieg verhindert. Zweitens sei die Sowjetunion von den USA versorgt worden, vor allem mit Waffen und mit Konserven. Die seien beinahe kriegsentscheidend gewesen und h\u00e4tten die Sowjetunion in einen Vorteil gegen\u00fcber Deutschland versetzt. Deutschland sei nur gut mit Panzern besetzt gewesen. Die seien schnell vorger\u00fcckt, h\u00e4tten aber eine L\u00fccke zwischen sich und der Infanterie gerissen. Und drittens habe Stalin, wie Putin heute, seine Soldaten als reine Schlachtmasse betrachtet. Wenn Soldaten starben, zu Tausenden, dann wurden sie einfach durch weitere Tausende von Soldaten ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich sind das alles ganz neue Gedanken. Lohnt sich, ihnen nachzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brechen auf, und ich mache mich durch die Hitze auf den R\u00fcckweg zum Apartment. Jetzt hat San Antonio wirklich geschlossen. \u00dcberall sind die L\u00e4den zu und die Gitter heruntergelassen. Kein Mensch auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich doch noch an einem Minimarkt die T\u00fcr einen Spalt aufstehen. Der hat ge\u00f6ffnet, und ich kann mich mit Wasser versorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, erreicht mich die freudige Nachricht, dass die Internetleitung wieder in Ordnung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meinem Leidwesen hat das <em>Museo Las Lilas de Areco<\/em>, das mit den Karikaturen des Gaucho-Lebens, nur von donnerstags bis sonntags ge\u00f6ffnet. Ich begn\u00fcge mich stattdessen mit dem Stadtmuseum. Das hei\u00dft hier <em>Museo Usina Vieja<\/em>, weil hier fr\u00fcher das Elektrizit\u00e4tswerk war. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Mitte des 19. Jahrhundert war hier die einzige Stra\u00dfenbeleuchtung der Vollmond. Dann k\u00fcmmerten sich Gesch\u00e4ftsleute um die erste Stra\u00dfenbeleuchtung. Aber nur die Zonen um die Gesch\u00e4fte herum wurden beleuchtet, und die Petroleumlaternen wurden von den Gesch\u00e4ftsleuten selbst angez\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang des 20. Jahrhunderts gab es dann einen Ansto\u00df zur Bildung einer Aktiengesellschaft. Sie kaufte Laternen und Z\u00fcndmaterialien in Buenos Aires und stellte einen Laternenanz\u00fcnder an. Vom Ende des letzten Schlags der Kirchenglocken bis 11 bzw. 12 Uhr (Winter bzw. Sommer) waren die Stra\u00dfen jetzt beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst sp\u00e4ter wurde auf Elektrizit\u00e4t umgestellt. Die wurde durch Wasserdampf erzeugt. Dazu wurde das Wasser des naheliegenden Flusses, des Arecos, genutzt. Hier im Museum sieht man unter dem Boden die alten Turbinen, die den Dampf erzeugten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Schautafeln wird die Entwicklung San Antonios skizziert: Es verdankt seine Existenz dem Areco und zwei weiteren Fl\u00fcssen. Am Mittellauf der Arecos lie\u00dfen sich vor 7.000 Jahren die ersten Menschen nieder, nachdem mit dem Beginn des Holoz\u00e4ns vor 12.000 Jahren sehr viel w\u00e4rmere Temperaturen aufgetreten waren. Der niedere Flusslauf wurde erst sp\u00e4ter besiedelt, auch von J\u00e4gern und Sammlern, die au\u00dferdem Fischer waren. Allm\u00e4hlich bildeten sich Kontakte zwischen beiden Gruppen aus. Das versuchen Arch\u00e4ologen heute durch die Keramikmuster nachzuweisen, die an den verschiedenen Orten gefunden wurden. Hier sind einige dieser Muster ausgestellt. Leicht kann man das Bem\u00fchen um sch\u00f6ne Gestaltung erkennen. Es ging schon fr\u00fch \u00fcber den rein praktischen Nutzen hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hier ausgestellte riesiger Panzer eines G\u00fcrteltiers gibt einem einen ganz kleinen Einblick in die Lebenswelt der Menschen aus dieser Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der spanischen Siedlung stand von vornherein die Religion Pate. Es entwickelten sich kleinere Siedlungen um Kapellen und Beth\u00e4user herum. Ein Ort im engeren Sinne entwickelte sich erst mit der Schaffung der Pfarrei San Antonio.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gewann der Ort dann immer mehr Bedeutung als Station auf dem <em>Camino Real<\/em>, der von Peru bis nach Buenos Aires f\u00fchrte. Ein Reisender, der unter dem kuriosen Pseudonym <em>Concolorcorvo<\/em> schrieb, berichtete &nbsp;\u00fcber die Rinder, vor allem aber \u00fcber die besonders korpulenten Maultiere des Ortes, von denen jede Familie 14-15 besessen haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Messung der Entfernungen auf dem <em>Camino Real<\/em> wurden L\u00e4ngenma\u00dfe eingef\u00fchrt. Es wurde in Meilen gemessen, in <em>leguas<\/em>, wobei eine Meile so viel war, wie man in einer Stunde bewerkstelligen konnte. Das entspricht einer L\u00e4nge von 5,2 Kilometern in unserer Skala. Diese Meile bestand aus 20.000 Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Man reibt sich die Augen, als man von der Bev\u00f6lkerungszahl liest. 1744 lebten gerade mal 187 Menschen hier!<\/p>\n\n\n\n<p>Im 19. Jahrhundert, nach der Unabh\u00e4ngigkeit, \u00e4nderte sich auch die wirtschaftliche Lage. Der Weizenanbau war nicht mehr profitabel, und die Rinderhaltung wurde zum neuen Erwerbszweig. Vor allem durch den Export von Rindfleisch, <em>tasajo<\/em>, nach Gro\u00dfbritannien und Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei dem Aufbau des Elektrizit\u00e4tswerks&nbsp; stand auch beim Bau der Br\u00fccke eine Aktiengesellschaft am Anfang. Die Aktion\u00e4re wurden entsch\u00e4digt durch den Br\u00fcckenzoll, der erhoben wurde. Nachts wurde die Br\u00fccke durch Ketten abgesperrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das ganze Museum verteilt stehen Objekte, die die moderne Entwicklung mit alten Apparaten illustrieren: Filmvorf\u00fchrger\u00e4te, Photoapparate, Schallplattenspieler, Radios. Bei allen ist gut zu sehen, dass die Entwicklung immer kleinere Ger\u00e4te hervorbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kinoprogramm wurde an zwei Stellen der Stadt per Lautsprecher bekannt gemacht. &nbsp;Jede Vorstellung beinhaltete zwei Vorf\u00fchrungen. Die Vorf\u00fchrungen fanden im Freien statt. Im Winter bewaffnete man sich mit Decken und Umh\u00e4ngen, um sich vor der K\u00e4lte zu sch\u00fctzen. Sp\u00e4ter hatte man einen Saal mit einem abhebbaren Dach f\u00fcr die Vorstellungen im Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Saal ist eine alte Druckerei ausgestellt, mit schweren, per Pedal oder Hand betriebenen Maschinen f\u00fcrs Heften der Papiere. Die stammten von der Firma Hogenforst aus Leipzig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufschlussreich der Blick in den Setzkasten. Man ben\u00f6tigte nicht nur die normalen Buchstaben, gro\u00dfe und kleine, sondern auch Zahlen, Buchstaben mit Akzent, Klammern, das Fragezeichen in beide Richtungen, das $ f\u00fcr die W\u00e4hrung, das &amp; f\u00fcr Firmennamen und das Logo der Druckerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande ist das Werk eines lokalen K\u00fcnstlers ausgestellt, der das macht, was Argentinier am meisten m\u00f6gen, Objekte aus alten Maschinenteilen: ein Leuchtturm, ein Wikinger, eine Gitarre, ein Pferdekopf, eine Schlange, ein Waffeleisen, ein Schmetterling, ein Saxophon. Man fragt sich, wie diese Ideen entstehen und aus welchen Maschinen die einzelnen Teile stammen. Am sch\u00f6nsten eine Ballettt\u00e4nzerin mit erhobenen Armen aus einem Lenker, einer Kette als Wirbels\u00e4ule, einem Lampenschirm als H\u00fcfte, zwei Schrauben f\u00fcr die Br\u00fcste und einer Radkappe als Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ecke des Museums gibt es ein Gedenken an den Einsatz von Soldaten aus San Antonio auf den Malinas. Ausgestellt sind ein Helm, ein St\u00fcck Erde, ein Buch, das einer der Soldaten \u00fcber den Einsatz geschrieben hat, eine Granate, Patronen, Stiefel. Daneben Briefe von Soldaten von der Front und eine Liste der Soldaten aus San Antonio, die dort zum Einsatz kamen. Einer von ihnen ist in dem Kampf gefallen. In einem Video berichtet ein Soldat von dem Einsatz und erw\u00e4hnt vor allem die K\u00e4lte (bis zu 6\u00b0 unter null) und die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber allem thront \u2013 oder schwebt \u2013 ein Flugzeug, eine Propellermaschine, die mit dem Krieg nichts zu tun hat, sondern das Werk eines begabten T\u00fcftlers aus San Antonio ist. Das Flugzeug war die Kr\u00f6nung seiner Karriere.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Pause mache ich mich auf die Suche nach einem Lokal f\u00fcrs Mittagessen. Das mit den Lokalen ist hier auch nicht so einfach. Alle, die empfohlen werden, haben entweder mittags nicht ge\u00f6ffnet oder erst ab Mittwoch. Am Ende lande ich in <em>El Tokio<\/em>. Argentinien erweist sich als Paradies f\u00fcr Vegetarier mit einem saftigen Kotelett und einem leckeren Salat dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder gibt es \u00c4rger mit der Kreditkarte. Funktioniert im Lokal nicht, bei Western Union nicht und am Geldautomaten nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter treffe ich mich noch einmal mit Edward. Der berichtet vom Abend bei den Rotariern. Sie sind insgesamt 17 0der 18, von denen in der Regel so um die 10 kommen. Sie organisieren in erster Linie Austauschprogramme f\u00fcr Jugendliche aus San Antonio mit Jugendlichen aus anderen L\u00e4ndern. F\u00fcr den Flug m\u00fcssen die Eltern aufkommen, f\u00fcr die Vermittlung und die Auswahl sorgen die Rotarier. Au\u00dferdem haben sie ein Programm, das Kindern mit Sehschwierigkeiten Brillen und \u00e4rztliche Betreuung verschafft. Beides k\u00f6nnen sich die Eltern oft nicht leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rotarier haben auch Nachwuchsprobleme. Die meisten fragten als erstes, was sie denn von einer Mitgliedschaft h\u00e4tten, rein materiell. Au\u00dferdem ist aufgrund der wirtschaftlichen Lage die Zahlung des Mitgliedsbeitrags eine H\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch Teile der Geschichte Irlands, Deutschlands und Schwedens durch, und ich erfahre noch etwas \u00fcber die Energiepolitik Argentiniens. Da gibt es gute Aussichten. Die Windkraft ist weiterhin ein Stiefkind, obwohl Patagonien dauerhaften und starken Wind hat, aber hier gibt es viele Interessen, die der F\u00f6rderung der Windkraft im Weg stehen. Aber Argentinien kann demn\u00e4chst ein wichtiger Produzent von Gas und Erd\u00f6l werden. Beides ist vorhanden genauso wie H\u00e4fen, die das Einlaufen der schweren Schiffe erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen tr\u00f6stlichen Gedanken \u00fcber die Zukunft des Landes verabschieden wir uns auf ein anderes Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Temperaturen sind gesunken. Heute Morgen sind es nur noch 17\u00b0. Und in der Heimat sind 18\u00b0 f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage angek\u00fcndigt. Das macht die Umstellung leichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Uber kommt nicht, es habe sich kein Fahrer gefunden, hei\u00dft es. Der Vermieter bietet mir auf der Stelle an, mich zu fahren. Wir m\u00fcssten nur noch kurz auf seine Frau warten. Die ist gerade bei Pilates. Bald darauf taucht sie aber auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie h\u00e4tten hier leider keinen Busbahnhof, man m\u00fcsse an der Tankstelle warten, erkl\u00e4rt er mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Sohn, nominell der Vermieter der Wohnung, lebt gar nicht hier, er ist in Miami, seit einem Jahr, wegen der schwierigen Lage hier in Argentinien. Die Mutter vermisse ihn sehr. Sie seien aber schon zweimal da gewesen. Seine Tochter lebt hier am Ort, ist Sportlehrerin und Physiotherapeutin. Kommt offensichtlich auch mit einer Stelle nicht zurecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er empfiehlt mir, beim n\u00e4chsten Mal Catamarca in die Reiseroute mit einzubeziehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Tankstelle l\u00e4sst er mich raus, an einem staubigen Platz. Dort steht ein H\u00e4uschen, in dem ein Tante-Emma-Laden untergebracht ist. Aus dem H\u00e4uschen kommt laute Tango-Musik. Auf einer der B\u00e4nke vor dem H\u00e4uschen l\u00e4sst sich der Besitzer des L\u00e4dchens von der Sonne bescheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er steht auf und bereitet mir ein <em>sandwich<\/em> zu. Das ist hier, wie in Frankreich, kein Sandwich, sondern ein Baguette. Es wird frisch zubereitet, mit reichlich Salami und K\u00e4se und, wie in Spanien, ohne Butter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin noch fr\u00fch dran und nehme jetzt seinen Platz in der Sonne ein. Dann kommen zwei \u00e4ltere Damen, auch mit Koffern. Sie setzen sich auf das andere B\u00e4nkchen und holen flugs ihr Handy raus. Das lassen sie bis zur Ankunft des Busses nicht mehr aus der Hand. Erinnert mich an den Kommentar eines Soziologen in einer Radiosendung gestern: Die alten Menschen beschwerten sich dar\u00fcber, dass die jungen st\u00e4ndig am Handy hingen. Aber wenn er einen Vortrag halte und es gebe eine kleine Pause, holten sofort alle Alten ihr Handy raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus kommt mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung und kommt doch auf die Minute p\u00fcnktlich in Buenos Aires an, am Busbahnhof. Was die K\u00e4lte angeht, gibt es Entwarnung: 28\u00b0. Kann man aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme sofort ein Taxi. Der Fahrer nennt mir den gesch\u00e4tzten Fahrpreis und wirft sein Taxameter an. Die Sch\u00e4tzung erweist sich als fast genau zutreffend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich solle mir mal seinen Nachnamen ansehen, auf dem Namensschild hinter seinem Sitz. Was das wohl f\u00fcr eine Sprache sei. Ukrainisch? Nein, Tschechisch. Sie Vater sei aus Tschechien eingewandert, genauer gesagt aus der Tschechoslowakei. Die habe sich sp\u00e4ter in zwei Staaten aufgeteilt, glaubt er, mir erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen. Nein, er selbst sei noch nie da gewesen, wohl aber seine Schwester, in Tschechien und in Deutschland. Die habe Schweinesamen mitgebracht. Schweinesamen? Er ist offensichtlich \u00fcberrascht, dass ich \u00fcberrascht bin. Ja, Samen f\u00fcr die Schweine, f\u00fcr die Zucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich schon mal in Buenos Aires gewesen sei, will er wissen. Ich m\u00fcsse sehr, sehr vorsichtig sein, sagt er. Von meinen Beteuerungen, ich h\u00e4tte bisher auf meinen Reisen in Lateinamerika noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, will er nichts wissen. Da vorne, vor dem Malinas-Denkmal, da habe man einen Japaner, der einfach nur ein Photo machen wollte, umgebracht. Erstochen. Das untermalt er mit der entsprechenden Geste.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rt mir, dass Theater da dr\u00fcben, das sei das <em>Teatro Col\u00f3n,<\/em> das zweitbeste der Welt, nach der Scala. Und die da vorne, die mit dem Profil an der Fassade des Hochhauses, das sei Evita. Das Haus sei schon 100 Jahre alt. Bauf\u00e4llig. Da sitzt aber das Gesundheitsministerium drin. Bei der Pandemie habe es dort gratis Medikamente gegeben. \u00dcberhaupt sei das mit der Gesundheitsversorgung hier in Argentinien sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Aber davon profitierten nicht nur die Argentinier, auch alle Einwanderer. Wir h\u00e4tten die Afghanen und Syrer und Ukrainer, sie h\u00e4tten die Bolivianer, Peruaner und Paraguayer. Das koste den argentinischen Staat viel Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rt noch wortreich, warum er hier nicht abbiegen kann und setzt mich dann vor dem Haus ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal nimmt mich Valeria selbst, die Vermieterin, in Empfang, eine sehr freundliche junge Frau. Sie arbeitet hier in Buenos Aires, von Montag bis Freitag, lebt aber in der Provinz, 50 Kilometer von hier entfernt. Sie wei\u00df noch nicht, wie wir das mit dem Schl\u00fcssel machen am Samstag.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat gute polnische Freunde, schon seit langer Zeit, sehr gute Freunde. Sie ist auch schon in Polen gewesen und mit ihren polnischen Freunden in Deutschland, Berlin und K\u00f6ln und an irgendwelchen Burgen, sie wei\u00df aber nicht mehr genau, wo das war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie geht, lasse ich mich h\u00e4uslich nieder und widme mich den Vorbereitungen.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Februar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum <em>Congreso<\/em>, dem Parlament, muss ich die <em>9 de Julio <\/em>\u00fcberqueren. Das schafft man nie in einem Zug. Man muss drei Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln und zwei doppelte Busspuren \u00fcberqueren. Ich schaffe es diesmal in zwei Z\u00fcgen. Komischerweise werden die verbleibenden Sekunden f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4nger in Rot angezeigt. Man \u00fcberquert die Stra\u00dfe also bei Rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme durch Montserrat. Hier gibt es, obwohl praktisch im Zentrum, schon ein paar schmutzige und \u00fcbelriechende Ecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4ndert sich wieder, wenn man sich dem <em>Congreso<\/em> n\u00e4hert. Hier mache ich einen weiteren Versuch, Geld abzuheben. Wieder nichts. Wird Zeit, dass ich nach Hause komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Parlamentsgeb\u00e4ude ist so gro\u00df, dass man zweimal um die Ecke biegen muss, um den Eingang f\u00fcr Besucher zu finden. Ein freundlicher Mann nimmt meinen Ausweis entgegen, macht eine Kopie und gibt mir eine Eintrittskarte f\u00fcr die F\u00fchrung. So kann ich noch in aller Ruhe einen Kaffee trinken gehen. Der Eintritt ist gratis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der einzige bei der F\u00fchrung. Sie machen die fr\u00fche F\u00fchrung diesen Monat als Testlauf. Scheint keinen gro\u00dfen Anklang zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Teil des Geb\u00e4udes kann nicht besichtigt werden, da im Senat heute eine Sitzung stattfindet. Dadurch ist die ganze H\u00e4lfte jenseits der zentralen Achse des Geb\u00e4udes abgesperrt. Aber das macht nichts, man bekommt auch so einen guten Eindruck und viele Informationen. Und da sonst niemand dabei ist, k\u00f6nnen wir nach Herzenslust \u00fcber \u00c4hnlichkeiten und Unterschiede der beiden L\u00e4nder sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen gleich in den Plenarsaal. Der sieht wie ein Theater aus. In den drei R\u00e4ngen befinden sich Zuschauertrib\u00fcnen. Die beiden oberen sind f\u00fcr allgemeine Besucher, der untere f\u00fcr G\u00e4ste aus Diplomatie oder Wirtschaft oder Kultur. Man kann nur auf Einladung an einer Parlamentssitzung teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sitze sind im Halbkreis angeordnet. Die Parlamentarier sitzen auf bequemen Ledersesseln. Die Lehnen der Sessel lassen sich nach unten dr\u00fccken. Dadurch wird ein Mechanismus ausgel\u00f6st, mit dem man feststellen kann, ob genug Abgeordnete da sind, ob man abstimmungsf\u00e4hig ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Parlament hat zwei Kammern, beide sind hier in diesem Geb\u00e4ude untergebracht. Die zweite Kammer, der Senat, ist f\u00f6derativ ausgerichtet und hat 72 Abgeordnete, die erste Kammer, das Abgeordnetenhaus, hat 257 Abgeordnete. Nur 257 Abgeordnete, m\u00f6chte man sagen. Im Senat hat jede Provinz drei Sitze, im Abgeordnetenhaus ist die Bev\u00f6lkerungszahl ausschlaggebend. Jedes Gesetz muss von beiden Kammern gebilligt werden. Wie in den USA, wird bei den Wahlen nicht das ganze Parlament erneuert, sondern nur ein Teil, in diesem Fall die H\u00e4lfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach der Verteilung der Abgeordneten im Halbkreis. Die ist anders als bei uns. Die Regierungspartei sitzt rechts, die gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei sitzt links, und die anderen Oppositionsparteien schlie\u00dfen sich der Gr\u00f6\u00dfe nach an, die kleinsten sitzen in der Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Parlamentssitzungen finden in der Regel nur mittwochs statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau wurde Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, aber erst lange danach abgeschlossen. Bei dem Bau wurden verschiedene Arten von Marmor verwendet, Marmor aus C\u00f3rdoba, Marmor aus Spanien, Marmor aus Italien, alle mit unterschiedlichen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in den l\u00e4nglichen Raum vor dem Plenarsaal, den <em>Sal\u00f3n de los Pasos Perdidos<\/em>. Hier finden Konzerte und Vortr\u00e4ge statt, und hier wird auch die Pressekonferenz abgehalten. An der gl\u00e4sernen Decke finden sich Allegorien von Landwirtschaft, Kunst und Kommerz. Oben an den Seiten gl\u00e4serne Abbildungen der Wappen der Provinzen.<\/p>\n\n\n\n<p>An beiden Enden ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde. Das eine, von einem uruguayischen Maler namens Blanes gemalt, zeigt das feierliche erste Zusammenkommen des Kongresses im Jahre 1886, noch in einem anderen Geb\u00e4ude, einem Geb\u00e4ude an der Plaza de Mayo. Die Abgeordneten tragen Frack und Zylinder und sind stehend dargestellt. Der Pr\u00e4sident, der die Sitzung leitet, war auf dem Weg von einem Demonstranten mit einem Stein an der Stirn getroffen worden, und auf dem Bild sieht man noch die Wunde. Blanes hatte die Angewohnheit, seine Gem\u00e4lde nicht zu firmieren und stattdessen in ihnen aufzutreten. Hier sieht man ihn auf der Besuchertrib\u00fcne &nbsp;im ersten Stock. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem gegen\u00fcberliegenden Gem\u00e4lde, ebenfalls gro\u00dfformatig, ist eine historische Szene von 1853 dargestellt. Der argentinische Maler, Alice, nahm sich zw\u00f6lf Jahre Zeit, um das Gem\u00e4lde zu vollenden. Es war keine Auftragsarbeit, er stand unter keinem Zeitdruck, und wollte alles so historisch korrekt wie m\u00f6glich darstellen. Dazu reiste er sogar in die Provinzen, um typische Gesichter der verschiedenen Regionen einzufangen, und studierte alle m\u00f6glichen Dokumente, um Details wie Stuhllehnen richtig darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Boden hier, wie der Boden in dem ganzen riesigen Geb\u00e4ude, ist gekachelt und stammt von einer Firma aus Deutschland \u2013 Villeroy und Boch!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage noch nach den Ausma\u00dfen des Baus. Er hat eine H\u00f6he von 80 Metern und eine Ausdehnung von 9.000 m<sup>2<\/sup>! Die Kuppel einschlie\u00dflich Trommel wiegt unglaubliche 30.000 Tonnen. Um sie zu st\u00fctzen, mussten zwei umgekehrte Kuppeln eingebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen, mache ich noch ein paar Photos von der Fassade und der Kuppel vor dem stahlblauen Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Subte sehe ich ein Schild f\u00fcr meine Sammlung sprachlicher Eigenheiten: <em>Cuidado con los Autos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der U-Bahn-Station sind Bilder eines K\u00fcnstlers namens Nine angebracht, die anl\u00e4sslich der Zweihundertjahrfeier der Unabh\u00e4ngigkeit entstanden sind. Das sieht man ihnen nicht auf den ersten Blick an. Es sind ausnahmsweise mal keine pathetischen Bilder von Schlachten, sondern Szenen aus dem Alltagsleben, die aber einen Bezug zur Geschichte habe. Auf einem Stillleben sieht man auf einem Tisch eine Pistole, ein Buch, ein Tintenfass. Die stehen f\u00fcr den Kampf, die Ideen und die Verfassung. Dass auf dem Tisch auch ein Glas Wein steht, wird hier nicht weiter kommentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem weiteren Bild sieht man Schiffe, die im Hafen einlaufen, und die alte Festung. Das Bild steht f\u00fcr die Anf\u00e4nge der Gesellschaft am R\u00edo de la Plata, und eine Mutter mit einem Kind in der Krippe steht f\u00fcr die Geburt der argentinischen Nation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder gefallen mir ausgesprochen gut, man kann sie auch ansehen, ohne die historischen Bez\u00fcge zu verstehen. Urspr\u00fcnglich sind es wohl Kreidezeichnungen gewesen, deren Besonderheiten gar nicht so leicht auf die Kacheln zu \u00fcbertragen waren. Alle Bilder haben fein abgestufte Farbt\u00f6ne, und die Figuren haben unscharfe Umrisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre zur <em>Plaza de Mayo<\/em> und gehe in die Kathedrale. Da war ich noch nie drin. Wie so oft in diesen Landen, haben Innen und Au\u00dfen der Kirche wenig miteinander zu tun. Au\u00dfen klassizistische Strenge, innen barocke Pracht. In der Kathedrale h\u00f6rt man fast nur Englisch. Ziemlich voll hier, aber man kann sich dennoch ungest\u00f6rt umsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist lang und nicht sehr hoch, mit einer Kuppel \u00fcber der Vierung, dreischiffig, mit Seitenkapellen, die jede ihre eigene Kuppel haben. Eine wird von Soldaten in Gardeuniform bewacht. Dort ruhen auf einem hohen Sockel die Reste des als Helden verehrten San Mart\u00edn, der mich in Argentinien auf Schritt und Tritt begleitet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Seitenschiff ein Plakat, das auf Jorge Mar\u00eda Bergoglio hinweist, der hier ab 1998 Erzbischof war und seit 2013 Papst ist. Man sieht ihn auf Bildern aus seiner Zeit in Buenos Aires. Irgendwo in der Kirche sollen pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde von ihm aufbewahrt sein, aber ich die kann nicht finden, und das Museum der Kathedrale kann man nicht besichtigen, obwohl die T\u00fcr offen steht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n sind in der Kirche nur einige Details wie der Blick durch die Fenster des Obergadens auf einen Ausschnitt einer Kuppel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n auch der gekachelte Fu\u00dfboden mit floralen Mustern und den dazwischen immer wieder auftretenden N\u00e4geln, wohl eine Anspielung auf die N\u00e4gel der Kreuzigung. Die Muster sind mit ganz kleinen Kacheln gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beeindruckend ein Kreuz am Eingang mit einem Christusk\u00f6rper, der das Leiden mit gro\u00dfem Realismus darstellt, mit dem geneigten Kopf, den tief in den K\u00f6rper eingeschnittenen Stigmata, vor allem aber mit den blau und violett unterlaufenen blutigen Beinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des s\u00fcdlichen Seitenschiffs liegt auf einer Bank eine in eine Decke geh\u00fcllte, zusammengekauerte Bronzefigur, von der man keinen K\u00f6rperteil, nur die Umrisse sieht. Das ist der <em>Cristo de los Pobres<\/em>, eine Reverenz an die Obdachlosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekomme ich zuf\u00e4llig eine Erkl\u00e4rung einer deutschen &nbsp;Reisef\u00fchrerin mit. Die steht vor einer Madonnenfigur, <em>Nuestra Se\u00f1ora de Buenos Aires<\/em>. Die Madonna h\u00e4lt auf einem Arm das Jesuskind, auf dem anderen ein Schiff. Damit hat es folgende Bewandtnis: Wenn der Wind von Norden kam, hatte das Wasser nicht die n\u00f6tige Tiefe, und die Schiffe konnten nicht in den Hafen einlaufen. Wenn der Wind von S\u00fcden kam, war es besser. Man wandte sich an die Jungfrau, damit sie g\u00fcnstige Winde schicke. Und die wurde dadurch zu <em>Nuestra Se\u00f1ora de Buenos Aires<\/em>, der Schutzpatronin der Seeleute, Garantin f\u00fcr g\u00fcnstige Winde f\u00fcr die Schiffe. Buenos Aires bedeutet also nicht \u201aGute L\u00fcfte\u2018, sondern \u201aGute Winde\u2018!<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfen sehe ich mir noch das Relief des Tympanons an. Es stellt die Begegnung von Jakob mit seinem Sohn Joseph in \u00c4gypten dar. Im Zentrum die beiden M\u00e4nner, die mit langen, wehenden Gew\u00e4nder und offenen Armen aufeinander zulaufen. Hinter Jakob sein Gefolge, alle M\u00e4nner mit kurzen R\u00f6ckchen bekleidet. Es sind aber auch Frauen dabei. Am Ende, in der Schr\u00e4ge des Tympanons, Schafe und eine Kuh. Denen entsprechen auf \u00e4gyptischer Seite Pferde, Schafe und ein Kamel. Ein \u00c4gypter f\u00fchrt ein Rad mit sich, wohl ein Hinweis auf Fortschritt und Wohlstand. Die \u00c4gypter haben auch die kurzen R\u00f6ckchen an, tragen aber die typische, den Nacken bedeckende Kopftracht der \u00c4gypter. Einer von ihnen h\u00e4lt einen gef\u00fcllten Korb bereit, wohl als Gastgeschenk. Einer der Israeliten hat offensichtlich schon die Seiten gewechselt. Er steht rechts von Joseph und begr\u00fc\u00dft einen \u00c4gypter. Da f\u00e4llt mir ein anderes Merkmal auf, das die beiden unterscheidet. Die \u00c4gypter sind glattrasiert, die Israeliten b\u00e4rtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt mache ich mich auf die Suche nach dem Schreibwarengesch\u00e4ft, in dem mir die \u00e4ltere Dame vor ein paar Wochen so gut geholfen hat. Aber es ist wie vom Erdboden verschwunden. Immer wieder gehe ich in die eine, dann in die andere Stra\u00dfe rein, die vom Platz abgehen. Nichts. Als ich es schon aufgeben will, stehe ich pl\u00f6tzlich davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss ich aber wieder einen Verkaufsstand finden, an dem ich vorher vorbeigekommen bin, aber auch der ist futsch. Unterwegs spricht mich ein junger Mann an, ob ich Geld tauschen wolle. Ja, will ich. Er bietet mir einen guten Kurs an, und wir machen uns auf den Weg. Er will wissen, ob ich auch in der <em>Bombonera<\/em> w\u00e4hrend der Tage in Buenos Aires und ist sehr erfreut, als ich das bejahen kann. Wir fachsimpeln \u00fcber Fu\u00dfball und die Endspiele zwischen Deutschland und Argentinien. Ob das Foul von Neuer damals denn kein Elfmeter gewesen sei, will er wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einem Haus, gehen am Portier vorbei und fahren in den siebten Stock. Hier ist weit und breit niemand zu sehen. Er klopft an eine T\u00fcr, wir gehen rein, und hinter einem Schalter sitzt ein anderer junger Mann. Ich lasse mich von ihnen einlullen, mit Gespr\u00e4chen \u00fcber Fu\u00dfball und mein gutes Spanisch. Dann bekomme ich ein ganzes B\u00fcndel von Geldscheinen, lauter Tausender. Die sind von einer Maschine gez\u00e4hlt worden. Ich stecke das B\u00fcndel in die Tasche und mache zu Hause die b\u00f6se Entdeckung:&nbsp; Sie haben mich \u00fcber den Leisten gezogen. Statt 110 Scheinen habe ich nur 80 bekommen. Dummheit wird bestraft. Aber ich entschlie\u00dfe, mich nicht zu \u00e4rgern. Bringt nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich wieder auf die Suche nach dem Verkaufsstand. Da bekomme ich ein paar hausgemachte Pl\u00e4tzchen. Und am Nachbarstand gibt es ein St\u00fcck Bondiola. Als Mitbringsel f\u00fcr die Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wie verhext. Wieder finde ich den Schreibwarenladen nicht, obwohl ich mir diesmal die Stra\u00dfe gemerkt habe. Alle kennen nur eine Buchhandlung auf dieser Stra\u00dfe, kein Schreibwarengesch\u00e4ft. Bis eine Frau Bescheid wei\u00df. Da vorne, nur ein paar Schritte entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich berichte der alten Dame hinter der Theke kurz, worum es geht und dr\u00fccke ihr das T\u00fctchen in die Hand. Sie kann nur kurz l\u00e4cheln und sagen \u201eNo, por favor.\u201c Da bin ich schon wieder raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Imbissbude in der N\u00e4he der Unterkunft auf meine Pizza warte, sehe ich, dass es hier auch Chipa gibt, eine Erinnerung, die unmittelbar mit Paraguay verbunden ist. Da gab es Chipa \u00fcberall, auf der Stra\u00dfe, am Bahnhof, in den Bussen. Die Rufe \u201eChiiipa, Chipa, Chiiiiipa\u201c klingen mir noch im Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Februar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Sergio hat seine Dienste als F\u00fchrer im <em>Museo de Arte Decorativo<\/em> angeboten. Das liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb, an der <em>Facultad de Derecho.<\/em> Aber die Subte bringt mich in die N\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ein St\u00fcck \u00fcber den riesigen Campus. Vor der n\u00fcchternen, aber nicht unsch\u00f6nen klassizistischen Fassade eine Skulptur von K\u00e4ngurus. Stehen die f\u00fcr die gro\u00dfen intellektuellen Spr\u00fcnge, die die Studenten hier machen?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Fassade geht auf eine breite, zehnspurige Avenue hinaus. Links ein Park, zwischen Stra\u00dfe und Park ein breiter Streifen f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer, der aber fast nur von Elektrorollern genutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles gut ausgeschildert. Nur ein paar Gehminuten entfernt liegt Recoleta, der ber\u00fchmte Friedhof. Der Weg dahin war damals umst\u00e4ndlich und beschwerlich. H\u00e4tte ich von hier aus einfacher haben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, dass es ein paar schattenspendende B\u00e4ume gibt. Wir sind schon wieder bei 32\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehe ich vor dem Museum. Das hat wegen der Vorbereitung einer Ausstellung geschlossen. Dann sehe ich: <em>Museo de Arquitectura y Dise\u00f1o<\/em>. Ich stehe vor dem falschen Museum!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kann ich aber zwei Entdeckungen machen. An der Stra\u00dfe gibt es ein modernes \u00dcberwachungssystem: Alle Autos, die unter einer Schranke herfahren, werden mit Autonummer registriert. Die Autonummer scheint oben auf einem Display. Was der Zweck ist, ist nicht sofort erkennbar. Geschwindigkeitskontrolle? Oder Kontrolle \u00fcber Zulassung?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme wieder zur <em>Facultad de Medicina<\/em>. Hier sind verschiedene Museen ausgeschildert, nur meins nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg f\u00fchrt an einem Park vorbei, und da sehe ich dann zuf\u00e4llig eine Skulptur, an der wir vor zwei Jahren an einem regnerischen Abend mit dem Auto vorbeigefahren sind. Es handelt sich um eine gro\u00dfe, silberne Figur in Form einer Blume, einer Tulpe vielleicht. Die \u00f6ffnet und schlie\u00dft sich mit der Sonne. Jetzt ist sie weit ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder frage ich nach dem Museum, aber alle verwechseln es mit einem der anderen, bekannteren Museen. Ausgerechnet ein Clochard in einem Park wei\u00df endlich Bescheid: Da dr\u00fcben, auf der anderen Stra\u00dfenseite.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum ein Caf\u00e9 mit Marmortischen, an einem Seerosenteich gelegen. Die Preise sind entsprechend. Ich leiste mir dennoch einen Kaffee, und dann noch einen. Ich bin noch viel zu fr\u00fch dran. Aus dem Lautsprecher erklingt Fran\u00e7oise Hardy. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Sergio. Er ist hier bekannt, f\u00fchrt seine Architekturstudenten hierher. Die Aufpasser \u2013 in jedem Raum einer \u2013 sind \u00fcberrascht, dass er heute nur mich im Schlepptau hat.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam d\u00e4mmert es mir, dass es sich gar nicht um ein Museum handelt, sondern um ein Palais, das man besichtigen kann. Jeder Raum, den wir besichtigen, auf zwei Etagen, ist museal. Schwer vorzustellen, dass man hier gewohnt hat, aber das Palais war urspr\u00fcnglich kein Museum, sondern ein Wohnsitz, der Wohnsitz einer Privatfamilie! Und das bei dieser Gr\u00f6\u00dfe! Das Ehepaar wohnte hier mit zwei Kindern und hatte 20 Bedienstete. Deren Zimmer waren oben im zweiten Obergeschoss. Im Keller befanden sich Vorratsr\u00e4ume und R\u00e4ume, in denen man sich sportlich bet\u00e4tigen konnte, zum Beispiel beim Fechten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sergio kennt hier jeden Stil, jedes Baumaterial, jedes Ausstattungsst\u00fcck, jedes europ\u00e4ische Vorbild. Da kann ich kaum folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Begriff, der immer wieder f\u00e4llt, ist Boisserie. Das ist Holzt\u00e4felung. Die ist der eigentlichen Wand vorgelagert und gibt vor, die Wand selbst zu sein. Davon wird hier reichlich Gebrauch gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders interessant f\u00fcr mich ist Sergios &nbsp;Herangehensweise. Die ist die eines Architekten. Er sieht R\u00e4ume und wie sie konzipiert sind. Wenn ich so ein Palais besichtige, suche ich mir ein paar Einrichtungsgegenst\u00e4nde aus, die mir auffallen \u2013 und das war\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sieht auch Dinge, die ich gar nicht sehe, wie die Gestaltung von Fu\u00dfb\u00f6den und welche Wirkung die hat, etwa einen Raum kleiner oder einen Gang l\u00e4nger wirken zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz besonders achtet er auf Symmetrie und Achsenbildung, und zwar nicht nur die ganz offensichtlichen, sondern auch die versteckten. Wie sind zum Beispiel die L\u00fcster angeordnet?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch, dass im Ballsaal Form und H\u00f6he der Spiegel an der Wand den Fenstern auf der anderen Seite entsprechen, h\u00e4tte ich nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder weist er hin auf falsche T\u00fcren, die nur den Zweck haben, ein Pendant zur wirklichen T\u00fcr auf der anderen Seite zu bilden. Einmal bittet er einen der Aufpasser, eine T\u00fcr kurz f\u00fcr uns zu schlie\u00dfen. Auf der R\u00fcckseite der T\u00fcr sieht man ein B\u00fccherregal, das dem B\u00fccherregal am anderen Ende der Wand entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sergio sieht auch genau, was nicht stimmig ist. Dazu geh\u00f6rt ein sp\u00e4ter eingebauter Kamin. Der st\u00f6rt die Symmetrie. Wenn man\u2019s wei\u00df, sieht man es auch als Laie.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den nicht stimmigen Dingen geh\u00f6rt auch der Speisesaal. Einen solchen gab es in Palais dieser Art nicht. Die Speisen wurden auf ausklappbaren Tischchen im Gemach aufgetragen. Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, dass es in Versailles keinen Speisesaal gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Empfangss\u00e4le der Hausherrin und des Hausherrn liegen im Erdgeschoss, nat\u00fcrlich genau gegen\u00fcber. Die dunkleren Farben des einen lassen den Raum als den Empfangssaal des Hausherren erkennen. Man empfing an einem bestimmten Wochentag, in der Regel am Dienstag.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende zeigt sich Sergio etwas entt\u00e4uscht wegen meiner Unkenntnis und den wenigen Fragen, die ich auf Lager habe. Mir f\u00e4llt einfach nichts ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken noch einen Kaffee und sagen dann auf Wiedersehen bis zum n\u00e4chsten Mal, in Argentinien oder in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>22. Februar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am letzten Tag mache ich noch eine neue Bekanntschaft. Meine Nachfolgerin im Apartment ist eine Freundin von Valeria. Die hat ganz vorsichtig angefragt, ob ich was dagegen h\u00e4tte, dass sie an dem Morgen schon kommt und den Schl\u00fcssel abholt. Kein Problem, kann sofort kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tut sie dann auch. Sie ist schon um 7 Uhr in Buenos Aires angekommen. Sie hei\u00dft Albertina.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie eintrifft, ist mein Koffer schon gepackt. Ich gehe einen Kaffee trinken, und sie kann sich h\u00e4uslich niederlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach hat sie dann noch Zeit, von sich zu erz\u00e4hlen. Ich trinke einen Tee, sie trinkt Mate. Der argentinische, erkl\u00e4rt sie, sei anders als der paraguayische. Der sei bitterer und werde kalt getrunken. Ich m\u00fcsse den argentinischen unbedingt demn\u00e4chst probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war jetzt ein paar Tage am Strand. Da kommt sie gerade her. Aber, ist das so eine weite Reise? Nein, sagt sie, der Bus sei um 1 Uhr morgens abgefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wohnt hier ganz in der N\u00e4he, in einer Wohnung, die sie g\u00fcnstig von einem Schweizer Ehepaar angemietet hat, mit der Auflage, dass sie zweimal im Jahr woandershin muss, wenn die Eigent\u00fcmer nach Buenos Aires kommen. Deshalb jetzt die Tage am Strand und die Tage in der Wohnung von Valeria.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist 28, sieht j\u00fcnger aus, und stammt aus einem kleinen Dorf in La Pampa. Schon mit 18 ist sie von zu Hause weggegangen, auf der Suche nach besseren M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sucht sie eine neue Orientierung, findet Buenos Aires anstrengend, aber hat momentan noch keine Alternative gefunden. Am liebsten m\u00f6chte sie nach Europa, nach Frankreich, aber auch Deutschland interessiert sie. F\u00fcr Frankreich spricht vor allem, dass sie Franz\u00f6sisch kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht Musik und Yoga, beides professionell, unterrichtet beides und wirkt in verschiedenen Projekten mit. Damit kommt sie zurecht, aber \u00fcbrig beh\u00e4lt sie nichts. Und ihre Arbeit bindet sie an die Gro\u00dfstadt. Eine Alternative zu Buenos Aires w\u00e4re C\u00f3rdoba. Das findet sie wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat nur einen Bruder, j\u00fcnger als sie. Der ist auch hierhergekommen, nach Buenos Aires. Aber nach einem halben Jahr ist er wieder zur\u00fcckgekehrt. Er konnte es in der Gro\u00dfstadt nicht aushalten. Kann man auch verstehen. Ist nicht jedermanns Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach meiner Reise und meinen Eindr\u00fccken von Argentinien. Was ich in Jujuy gesehen habe, kennt sie alles vom H\u00f6rensagen, aber dort gewesen ist sie noch nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die pers\u00f6nlichen Begegnungen h\u00e4tten mir deutlich gemacht, sage ich, dass man es in Argentinien nicht leicht habe, aber dass man ansonsten von der Krise nicht so viel merke. Die Lokale sind voll, die Leute sind gut gekleidet, die Stra\u00dfen sind hervorragend, alles ist gut organisiert. Nicht umsonst k\u00e4men ja so viele Bolivianer und Paraguayer nach Argentinien. Der Lebensstandard sei doch wohl h\u00f6her hier. Das leuchtet ihr auch ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie will auch noch wissen, wie ich das Essen fand, und ich sage, gut, vor allem das Obst und das Fleisch. Dass das Brot nichts taugt, lasse ich unerw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kommt ja vom Lande, und auch wenn sie heute wenig Fleisch isst, wei\u00df sie, wie gut dessen Qualit\u00e4t hier ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tag der Abreise bekomme ich also noch einmal Einblick in einen argentinischen Lebenslauf. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Taxi zum Flughafen. Es fieselt, der Himmel ist bew\u00f6lkt, kein einziger Sonnenstrahl ist zu sehen. Die Viertel, die wir auf dem Weg zum Flughafen passieren, sind nicht gerade sch\u00f6n, und der Taxifahrer schweigt. Das alles erleichtert den Abschied. Denn jetzt hei\u00dft es <em>Adi\u00f3s Argentina<\/em>. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Januar (Montag) Von Hamburg bis zum Nordkap sind es 2.000 Kilometer, vom S\u00fcden Argentiniens bis zum Norden sind es 4.000 Kilometer, von Ushuaia im S\u00fcden bis Salvador Mazza im Norden ist die Fahrstrecke 4.300 Kilometer. 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