{"id":12048,"date":"2025-09-30T00:04:36","date_gmt":"2025-09-29T22:04:36","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12048"},"modified":"2025-09-30T00:04:36","modified_gmt":"2025-09-29T22:04:36","slug":"kolumbien-2009","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12048","title":{"rendered":"Kolumbien (2009)"},"content":{"rendered":"\n<p>15. September (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon am fr\u00fchen Morgen ist in Frankfurt viel Betrieb. Es ist ausgerechnet der erste Tag der IAA. Am Flughafen ist es dagegen noch ruhig. Ich bin viel zu fr\u00fch da.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Abflughalle sind alle uniformiert, mit dunklen Anz\u00fcgen und Krawatte und<br>Tasche mit Laptop. Ich bin auch uniformiert, in meinem Safari-Outfit, aber hier sehe ich<br>wie ein Individualist aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Flug nach Madrid sitze ich neben einem Schwaben, der schon \u00f6fter in Kolumbien war. Er fragt mich nach den Reaktionen, die meine Reisepl\u00e4ne zu Hause ausgel\u00f6st haben. Verbl\u00fcffung bis Entsetzen: Bist du verr\u00fcckt? Viel zu gef\u00e4hrlich! Die knallen dich ab oder sprengen dich in die Luft. Das kennt er. Dabei sei Kolumbien das sicherste Land S\u00fcdamerikas. Er fliegt nach Bogot\u00e1 und dann weiter nach Santa Marta. An die Karibikk\u00fcste. \u201eZehn nach halb vier\u201c sei es jetzt in Bogot\u00e1, meint er, als er die Uhr umstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Santa Marta liegt am Atlantik, im Norden des Landes. Der wird durch Panam\u00e1, das fr\u00fcher zu Kolumbien geh\u00f6rte, von der etwa gleich gro\u00dfen Pazifikk\u00fcste weiter s\u00fcdlich abgetrennt. Von meinen Reisezielen liegt nur Cartagena an der K\u00fcste, Bogot\u00e1 liegt im Hochland, ziemlich zentral, Medell\u00edn etwas weiter westlich. Die gro\u00dfen St\u00e4dte liegen fast alle in der Nordwest-H\u00e4lfte des Landes, die S\u00fcdosth\u00e4lfte ist eine Tiefebene mit vielen Fl\u00fcssen, an das Amazonasgebiet angrenzend. Kolumbien hat aber auch sein eigenes St\u00fcck Amazonas. Das bildet die Grenze zu Brasilien. An den Atlantik im Norden schlie\u00dft sich Venezuela an, an den S\u00fcden am Pazifik Ecuador. Unten am Amazonas treffen sich Peru, Brasilien und Kolumbien.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolumbien ist das viertgr\u00f6\u00dfte Land S\u00fcdamerikas. Das klingt nach nicht so viel. Aber es nimmt eine Fl\u00e4che ein, die der von Frankreich, Spanien und Portugal zusammen entspricht. Brasilien, Argentinien und Peru sind noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwabe fragt mich nach dem Fernsehduell der Schlachtrosse von CDU und SPD vor den Wahlen. Er fand es nichtssagend, wie die meisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Iberia gibt es auf den europ\u00e4ischen Fl\u00fcgen nichts mehr zu essen und zu trinken. Ryan Air l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht die 17 zu so einer besonderen Zahl? \u201e17 Jahr, blondes Jahr\u201c, \u201eIch m\u00f6chte noch mal 17 sein\u201c, \u201eMit 17 hat man noch Tr\u00e4ume\u201c, \u201eMan kann nicht immer 17 sein\u201c. Auf so was kommt man beim Fliegen. <em>Trick 17 mit Selbst\u00fcberlistung<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Barajas ist nicht mehr wiederzuerkennen. Es gibt einen neuen Terminal in einem hypermodernen Flughafengeb\u00e4ude, in das man mit einem Kurzstreckenzug kommt. Die Strecke ist aber viel l\u00e4nger als in Frankfurt.<\/p>\n\n\n\n<p>Madrid bewirbt sich f\u00fcr die Olympischen Spiele. Die Entscheidung steht in den n\u00e4chsten Wochen an. Mitbewerber sind u.a. Rio und Tokio.<\/p>\n\n\n\n<p>Der lange Flug von Madrid nach Bogot\u00e1 gibt reichlich Gelegenheit zur Lekt\u00fcre. Benzinautos trafen bei der Bev\u00f6lkerung anfangs fast einhellig auf Ablehnung. Sie waren ruckelnde, stinkende Monster. Beim Fahren produzierten sie schwarze Rauchwolken und knallende Z\u00fcndger\u00e4usche. Ihr explosiver Treibstoff galt als ebenso gef\u00e4hrlich wie Dynamit. Die leiseren und saubereren Elektroautos waren klar im Vorteil. Wegen der schlechten \u00dcberlandstra\u00dfen spielten sie in den USA noch l\u00e4nger eine bedeutende Rolle. In den St\u00e4dten konnten sie ihre Vorteile voll ausspielen. Noch 1900 war nur ein F\u00fcnftel der Autos Benziner, der Rest war dampf- oder elektrobetrieben. Das Elektroauto verlor erst durch die Autorennen an Boden. Da konnte es nicht mithalten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den neuen Sprachtest bei der Einwanderung muss man 650 W\u00f6rter passiv und 300 aktiv k\u00f6nnen und alle Grundfunktionen der Sprache beherrschen. Das ist eine ganze Menge. Viele Einwanderer \u00fcberfordert das. Sie sind das Lernen nicht gewohnt, haben oft, wenn \u00fcberhaupt, nur die Grundschule besucht. Viele Lehrer des Goethe-Instituts halten den Test f\u00fcr zu schwer, einige Juristen halten ihn f\u00fcr verfassungswidrig, da T\u00fcrken, Vietnamesen und Ukrainer ihn ablegen m\u00fcssen, Amerikaner und Japaner aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Pasolinis Tod ist bis heute unaufgekl\u00e4rt. Er wurde mehrfach von einem Auto \u00fcberrollt, in Ostia, 1975. Er hatte zuerst als Volksschullehrer gearbeitet, an der Adria. Nach Bekanntwerden seiner Homosexualit\u00e4t wurde er aus dem Staatsdienst und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Er ging nach Rom, wo ihn das Milieu der Diebe und Strichjungen in den Vorst\u00e4dten anzog. Er deb\u00fctierte erst als Schriftsteller, sp\u00e4ter erst als Regisseur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen, die in den KZs zur Prostitution veranlasst wurden, wurden angetrieben von der Hoffnung auf die Flucht vor den katastrophalen Lebensumst\u00e4nden in den KZs, Hunger, mangelnde Hygiene, K\u00e4lte, Misshandlungen. Moralische Bewertungen sind da fehl am Platze. F\u00fcr diese Frauen galt auch, dass sie ihre weibliche Identit\u00e4t rekonstruieren konnten. Sie wurden besser ern\u00e4hrt und konnten sich die Haare wachsen lassen. Selbst in den Lagerbordellen blieb nichts dem Zufall \u00fcberlassen. In dem System hatte jeder seinen Platz und seine Rolle. Die Zwangsarbeiterinnen mussten arisch sein, und deutsche M\u00e4nner wurden nur deutschen Frauen zugef\u00fchrt. Selbst die Dauer des Bordellbesuchs war pedantisch festgelegt. Der b\u00fcrokratisch organisierte Mikrokosmos des Lager-Bordells war ein genaues Abbild der Gro\u00dfstrukturen des 3. Reichs.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein Drittel der Deutschen findet, die Demokratie funktioniere im Gro\u00dfen und Ganzen gut. Ein Drittel meint sogar, dass wir gar nicht in einer Demokratie leben. Das wird durch den Klamauk vor den Wahlen nicht besser. Im Grunde wissen doch alle, dass das alles eine Farce ist. Es wird auch mit den Liberalen keine gro\u00dfe Steuersenkung geben, auch mit den Gr\u00fcnen keinen \u00f6kologischen Umbau der Gesellschaft, mit den Linken keine grundlegende Umverteilung des Besitzes, mit der SPD keine vier Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser ganzes Wirtschaftssystem beruht darauf, dass wir Dinge kaufen von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht m\u00f6gen. Beschr\u00e4nkte sich jeder auf das, was er braucht, br\u00e4che alles zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der <em>France Telecom<\/em> haben sich in anderthalb Jahren 23 Menschen das Leben genommen. Sie hielten den beruflichen Druck nicht mehr aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfertigung am Flughafen in Bogot\u00e1 ist kompliziert, aber gut geregelt. Noch vor dem Ausgang gibt es eine Stelle zum Geldwechsel. Auch das ist kompliziert. Ich stelle mich etwas d\u00e4mlich an, weil ich nicht verstehe, was das M\u00e4dchen an dem Schalter sonst noch von mir will. Formular, Unterschrift, Geld und Pass hat sie schon. Dann kapiere ich es: Fingerabdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgeholt werde ich von einer aus Belgien stammenden, deutschsprechenden Reiseleiterin. Das ist alles von dem Reiseb\u00fcro zu Hause organisiert worden, genauso wie die Unterk\u00fcnfte und die Fl\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen in ein Taxi. Die Frau redet w\u00e4hrend der Fahrt ins Zentrum pausenlos auf mich ein. Sie spricht Deutsch mit holl\u00e4ndischem und Spanisch mit so einem deutschen Akzent, dass jeder Satz wehtut. Deutsche M\u00e4nner, sagt sie mir, seien hier sehr begehrt. Man m\u00fcsse vor lauter Angeboten auf die B\u00e4ume fl\u00fcchten. Sch\u00f6ne Aussichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Verkehrsprobleme zu bek\u00e4mpfen, hat man den Transmilenio eingef\u00fchrt, einen Bus mit eigener Trasse, Resultat des 30 Jahre w\u00e4hrenden Kampfs um den Bau einer U-Bahn. Behoben sind die Verkehrsprobleme damit nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bogot\u00e1 hat 7 Millionen Einwohner und ist die viertgr\u00f6\u00dfte Stadt Lateinamerikas. Was sind wohl die anderen drei? Mexiko und Sao Paulo kommen mir in den Sinn. Die andere ist vielleicht Lima?<\/p>\n\n\n\n<p>Bogot\u00e1 liegt auf einer H\u00f6he von 2.600 Metern. Damit ist es die dritth\u00f6chste Hauptstadt S\u00fcdamerikas, nach La Paz und Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der gesamten Fahrt gie\u00dft es in Str\u00f6men, und die Strecke ist alles andere als sch\u00f6n. Erst, als es ins Zentrum geht, wird es etwas ansehnlicher. Und richtig sch\u00f6n wird es, als wir dem Hotel n\u00e4herkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das <em>Hotel de la \u00d3pera<\/em>, so zentral gelegen, wie man sich es nur vorstellen kann, mitten im historischen Kern des zentralen Stadtviertels, <em>La Candelaria<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel ist vom Allerfeinsten. In einem alten Kolonialgeb\u00e4ude untergebracht, mit Innenh\u00f6fen und Galerien, geschnitzten Gel\u00e4ndern und bleigefassten Fenstern. Alles sehr geschmackvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer hat die Gr\u00f6\u00dfe eines Apartments und ist mit einem Bogen in zwei Teile geteilt. Es hat einen h\u00f6lzernen Balkon mit Glas\u00fcberdachung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend mache ich mit einem vom Hotel zur Verf\u00fcgung gestellten Regenschirm einen Spaziergang durch das Viertel um das Hotel herum. Man muss den spritzenden Autos ausweichen, gar nicht mal so leicht auf den schmalen B\u00fcrgersteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter probiere ich im Hotel kolumbianisches Bier, ein helles, leichtes, das nach nichts schmeckt, und ein dunkles, kr\u00e4ftigeres, das gut schmeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel hat auch freien Internetzugang. So beantworte ich studentische Anfragen am Ende meines ersten Urlaubstages.<\/p>\n\n\n\n<p>16. September (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht mehr. Bogot\u00e1 hat das ganze Jahr \u00fcber sehr stabile Temperaturen. Die durchschnittliche Tiefsttemperatur sinkt nie unter 10\u00b0, die durchschnittliche H\u00f6chsttemperatur steigt nie \u00fcber 20\u00b0. Wenn es einmal 8\u00b0 oder 22\u00b0 ist, dann empfindet man das als extrem kalt oder warm. Schwankungen w\u00e4hrend des Jahres sind ebenfalls minimal.<\/p>\n\n\n\n<p>In Medell\u00edn ein \u00e4hnliches Bild, aber 5\u00b0 mehr, in Cartagena auch ein \u00e4hnliches Bild, aber 10\u00b0 mehr. Hier sind die Unterschiede zwischen H\u00f6chst- und Tiefsttemperaturen sogar noch geringer. Jahreszeiten ergeben sich nur durch die Niederschl\u00e4ge. In Medell\u00edn und Cartagena gibt es nur zwei, in Bogot\u00e1 gibt es vier Jahreszeiten. Jetzt ist der Beginn der Regenzeit. Wie ich gestern feststellen konnte. Aber der Regen wird als Segen empfunden. Die traditionelle Prozession, die zu einem Heiligtum au\u00dferhalb Bogot\u00e1s f\u00fchrt, ist eine Regenprozession, eine Prozession mit <em>Bitte<\/em> um den Regen, anders als bei uns die Hagelprozession.<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen h\u00f6re ich ein merkw\u00fcrdiges Ger\u00e4usch an der T\u00fcr. Ich bin wegen der<br>Zeitumstellung hellwach und bef\u00fcrchte schon das Schlimmste. Es ist gar nichts: Zum<br>Service des Hotels geh\u00f6rt es, dass eine Tageszeitung unter der T\u00fcr hergeschoben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es ab 6 Uhr. Seit 3 Uhr stehe ich in den Startl\u00f6chern, und um 5 nach 6 bin unten, in einem \u00fcberdachten Innenhof. Dort sitzen schon drei M\u00e4nner, gut gekleidete Gesch\u00e4ftsleute.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein reichhaltiges Fr\u00fchst\u00fccksbuffet. Es gibt gebackene Bananen und Yucca und Pfannkuchen mit Honig und Ananas und Papaya.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt an schmiedeeisernen Tischen auf schmiedeeisernen St\u00fchlen, mit leicht gebogenen St\u00e4ben. Das passt alles gut zu dem Ambiente und gibt dem Haus einen vornehmen, aber gleichzeitig l\u00e4ndlichen Charakter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kellnerin kommt zu den drei M\u00e4nnern und nimmt die Bestellung auf. Der erste bestellt einen Tinto. Und ich denke mir, mein lieber Mann, der f\u00e4ngt ja gut an, mit Rotwein morgens um 6. Dann schlie\u00dft sich der zweite an. Der will auch einen Tinto. Der dritte auch. Ich bin echt bass. Ist das hier so \u00fcblich? Dann kommt die Kellnerin. Und bringt 3 Tassen Kaffee, schwarzen Kaffee. Der hei\u00dft hier <em>Tinto<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Fast ebenso verwirrend: Ein <em>bocadillo<\/em> ist hier keine Stulle, sondern eine S\u00fc\u00dfspeise, ein Nachtisch, meist mit einer Paste aus Guaven, <em>guayaba<\/em>, oder einer Melasse aus Zuckerrohrsaft, <em>panela<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der oberen Ebene des kolonialen Innenhofs stehen die Teilnehmerinnen einer Tagung herum, die hier stattfindet. Alle mit Handy in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber dem Hotel befindet sich der Palacio de San Carlos, heute Sitz des Au\u00dfenministeriums. Eine Tafel an der Fassade erinnert \u2013 auf Lateinisch! \u2013 an eine Episode aus dem Leben Bol\u00edvars. Der entkam hier eines Tages knapp einem Attentat, in einem Moment, als er gerade in der Badewanne sa\u00df. Er musste, halbnackt und eingeseift, durch ein Fenster fliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich neben dem Hotel befindet sich das <em>Teatro Col\u00f3n<\/em>, mit sch\u00f6ner, reich ornamentierter Fassade. Es wurde zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist im Schachbrettmuster angelegt und die Stra\u00dfen sind durchnummeriert: <em>Carrera 8, Calle 10<\/em>. Die beiden Angaben geh\u00f6ren zusammen, eine bezeichnet die Nord-S\u00fcd-Achse, die andere die Ost-West-Achse. F\u00fcr die Einwohner scheint das klar zu sein, f\u00fcr den Touristen ist es gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Manche Stra\u00dfen haben au\u00dferdem noch einen \u201erichtigen\u201c Namen, aber der wird kaum gebraucht. Ich sto\u00dfe auf die <em>Calle de las Culebras<\/em> und die <em>Calle del Divorcio<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Tour geht es ohne Uhr. Man soll keine Begehrlichkeiten wecken \u2013 wird mir eingetrichtert \u2013 und ohne Pass. Kopie gen\u00fcgt. Zuerst geht es zur <em>Plaza Bol\u00edvar<\/em>, dem zentralen Platz der Altstadt. Er ist zu leer, um sch\u00f6n zu sein, obwohl er von Tauben und blauuniformierten Schulkindern bev\u00f6lkert wird. In der Mitte steht die Bronzefigur von Bol\u00edvar. Fast scheint es, mit r\u00f6mischer Toga, aber das sieht nur von weitem so aus. Um den Sockel herum verschiedene Zitate. In einem davon sagt er, er werde lieber B\u00fcrger als Befreier genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geb\u00e4ude, die sich um den Platz herum gruppieren, sind eine Stilmelange der besonderen Art. Die barocke Fassade der Kathedrale, das neoklassische Kapitol (Sitz des Kongresses), ein breites Geb\u00e4ude im Stil der franz\u00f6sischen Klassik (Sitz des B\u00fcrgermeisters), das \u00e4lter aussieht als es ist, mit endlosen Reihen wei\u00dfer Sprossenfenster, und der ganz moderne Oberste Gerichtshof. Dass es aus dem Rahmen f\u00e4llt, hat seinen Grund: Es wurde beim <em>Bogotazo<\/em> abgebrannt, das nachfolgende Geb\u00e4ude wurde bei einem Sturmangriff der Guerilla zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass man Kolumbien mit Gewalt assoziiert, kommt nicht von ungef\u00e4hr, aber dabei wird vergessen, dass die Gewalt in den St\u00e4dten, und \u00fcberhaupt in den meisten bewohnten Gegenden, l\u00e4ngst vergangen ist. Die Drogenbanden, die haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Gewalt verantwortlich sind, haben sich in die unzug\u00e4nglichen Gebiete im S\u00fcdosten des Landes zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl ich auf der Hut bin und mich st\u00e4ndig nach allen Seiten umschaue, habe ich hier \u00fcberhaupt nicht das Gef\u00fchl, dass irgendwo Gefahr lauern k\u00f6nnte, nicht einmal von Taschendieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Typischerweise ist die einzige Situation, in der ich w\u00e4hrend der gesamten Reise in Gefahr komme, eine, die nichts mit organisierter Gewalt oder mit Kriminalit\u00e4t zu tun hat, sondern mit dem Verkehr. Als ich in Medell\u00edn eine Stra\u00dfe \u00fcberquere, entkomme ich nur knapp einem mit H\u00f6chstgeschwindigkeit durch die Gegend rasenden, auf die Nebenstra\u00dfe abbiegenden Motorradfahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kann ich mich aber erst einmal in aller Ruhe der Besichtigung widmen. Die Kathedrale, die ich mir als erstes ansehe, ist eine dreischiffige, barocke Angelegenheit, mit so hohen Schiffen, dass man sie als einen einzigen Raum wahrnimmt. Die vielen Seitenkapellen verst\u00e4rken den Eindruck noch.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Seitenkapelle das Grabmal des Gr\u00fcnders von Bogot\u00e1, Quesada, mit einer liegenden Marmorfigur. Er gab dem Ort den Namen <em>Santa Fe<\/em>, nach seiner spanischen Heimatstadt, und w\u00e4hrend der Kolonialzeit war es fast ausschlie\u00dflich unter diesem Namen bekannt. Heute gebraucht man in der Regel <em>Bogot\u00e1<\/em> oder, wenn man es ganz staatsm\u00e4nnisch haben will, <em>Santa Fe de Bogot\u00e1<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ner als die Kathedrale ist ihr Gegenst\u00fcck, die gleich daneben liegende <em>Capilla del<\/em> <em>Sagrario<\/em>, ein einschiffiger Raum mit einer Ausstattung in Rot und Gold und einem ebensolchen Gew\u00f6lbe. Dieser Stil hei\u00dft <em>santafere\u00f1a<\/em>, nach dem alten Namen von Bogot\u00e1.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke des Kolonialplatzes befindet sich ein sch\u00f6nes altes, wei\u00df get\u00fcnchtes Kolonialgeb\u00e4ude, mit Balkon in schwarzem Holz. Darauf weht die kolumbianische Flagge. Hier ist das Museum f\u00fcr die K\u00e4mpfer f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit untergebracht. Leider geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite des Platzes erinnert eine Gedenktafel an Helden, die auf diesem Platz ihr Leben gelassen haben, darunter Camilo Torres, der Priester und Befreiungstheologe.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits des Platzes ein Geb\u00e4ude mit einer sch\u00f6nen Kuppel, und gleich hinter dem Platz die Ausl\u00e4ufer der Cordillera. Bei sch\u00f6nem Wetter gibt das bestimmt was her.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann unterbreche ich die Besichtigung f\u00fcr einen Briefmarkenkauf. Der gestaltet sich schwierig, obwohl ich der einzige Kunde bin und nur eine Sorte Marken ben\u00f6tige. Am Ende bekomme ich ein Sammelsurium von Marken. Die sind sch\u00f6n, aber teuer. Das Geb\u00e4ude, grau, mit dicken Glasscheiben am Schalter, durch die man durch eine Ritze spricht, erinnert an die sechziger Jahre, ebenso die Auslagen in einem Gesch\u00e4ft f\u00fcr Herrenkleidung nebenan.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kaufe ich, als Reverenz an Kolumbien, noch eine Erz\u00e4hlung von Garc\u00eda M\u00e1rquez. Alle B\u00fccher sind eingeschwei\u00dft, man kann nicht hineinsehen. Das Buch kostet 21.000 Pesos. Das sind 7,21 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Umgebung der <em>Plaza Bol\u00edvar<\/em> befindet sich in einem Park ein wei\u00df-grauer, turmartiger Bau, die Sternwarte, das Astronomische Observatorium, das erste \u00fcberhaupt in Amerika (1803).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dahin sto\u00dfe ich auf das ehemalige Konvent <em>Santa Clara<\/em>. Der l\u00e4ngliche Bau ist nur von der Stra\u00dfe aus durch zwei Holzt\u00fcren zug\u00e4nglich und fast fensterlos. Der Innenraum ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Er ist \u00fcber und \u00fcber mit Gem\u00e4lden und in Rot und Gold gehaltenen Schnitzereien versehen. Diese \u00fcppige F\u00fclle ist deshalb ertragbar, weil es keine barocken Struktur- oder Bauelemente gibt, sondern einen ganz einfachen, einschiffigen Raum mit Tonnengew\u00f6lbe. Im Westen eine geschnitzte Empore. Auf der stand der Chor. Und im Norden ein \u00e4hnlich geschnitzter Vorbau zur Aufbewahrung der Instrumente. Die Chormitglieder hatten eine hohe Stellung im Orden, sie kamen gleich nach der \u00c4btissin. Die wurde gew\u00e4hlt und alle drei Jahre durch eine andere abgel\u00f6st. Eine Tafel erinnert daran, dass damals das Klosterleben die einzige Alternative zur Rolle der Ehefrau und Mutter f\u00fcr die Frauen war \u2013 und der einzige Zugang zu Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs gehe ich in eine Imbissstube, wo es eine mit Reis gef\u00fcllte Empanada und ein Sandwich gibt, das nur durch gro\u00dfz\u00fcgige Beigabe von Senf zu retten ist. Dazu gibt es eine s\u00fc\u00dfe Limonade, die auch mit Senf nicht zu retten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4ste versuchen, lauter als der Fernseher zu sprechen. In dem ungem\u00fctlichen Raum steht eine mit Farbe bekleckste Leiter herum. An den verputzten W\u00e4nden entlang verlaufen provisorisch befestigte Kabel. Und dar\u00fcber und darunter und daneben h\u00e4ngen Spiegel aller Art, selbstgemachte Aquarelle, ein paar schiefe blaue Lampen, nicht funktionierende Telefonapparte, schwarz-wei\u00df-Photos des alten Bogot\u00e1, ein Schrein mit arabischer Inschrift und Plakate und PC-Ausdrucke: Rauchen verboten! <em>Toilettenbenutzung 500 Pesos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Theke bestellen will, sagt man mir, ich m\u00f6ge mich setzen, ich w\u00fcrde wie ein K\u00f6nig bedient werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter wird immer besser. Auf der Stra\u00dfe bieten H\u00e4ndler auf Handkarren frisch zubereitetes Obst an, andere Naschzeug auf umgearbeiteten Kinderwagen. An einer Stra\u00dfenecke gibt es sogar H\u00e4ngematten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Goldmuseum, das wichtigste Museum Bogot\u00e1s und das vielleicht bedeutendste Goldmuseum der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich im Eintritt bezahlen will, werde ich gefragt, ob ich zur <em>tercera edad<\/em> geh\u00f6re. Dann gebe es Seniorenrabatt. Entr\u00fcstet lehne ich ab und bestehe darauf, den vollen Preis zu<br>bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gold wurde in den unterschiedlichsten Teilen der Welt unabh\u00e4ngig voneinander gefunden und verarbeitet, so in Anatolien, in den Anden, in China, in Nordamerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erf\u00e4hrt, wie schwierig der Prozess des Schmelzens ist. Und wie erfindungsreich die Menschen waren. In einem Gef\u00e4\u00df wird Kohle zum Brennen gebracht, der Schmelztiegel wird auf die Kohle gelegt. Mittels eines Rohrs, das mit dem Gef\u00e4\u00df verbunden ist, kann der Bl\u00e4ser Luft unter die Kohle pumpen, um eine gleichm\u00e4\u00dfig hohe Temperatur zu erreichen. In einem modernen Experiment konnten drei Versuchspersonen, die sich abwechselten, tats\u00e4chlich eine Temperatur von 1200\u00b0 aufrechterhalten, genug, um Gold zum Schmelzen zu bringen. Damit der Bl\u00e4ser sich nicht die Zunge verbrannte, wurden eigens Mundst\u00fccke gefertigt. Davon sind hier zahlreiche Exemplare zu sehen. Eins davon ist tats\u00e4chlich an einem Ende angesengt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe, geschwungene Muschel aus Gold bildet eine nat\u00fcrliche Muschel perfekt nach. Wie ist das m\u00f6glich? Die Antwort: Das Gold wurde auf einer Muschel aufgetragen. Die brach im Laufe der Jahre weg, der Gold\u00fcberzug blieb. Die Natur ist verschwunden, die Kunst bleibt!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es in einer ganzen Reihe von S\u00e4len unendlich viele Objekte aus Gold aus verschiedenen Kontinenten und Teilen Kolumbiens: Totenmasken, Grabbeigaben, Schmuck, Phantasiegestalten, Musikinstrumente, mystische Gestalten, rituelle Gegenst\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n einige winzige, kunstvoll gefertigte Fabeltiere mit Fischschwanz, V\u00f6gelfl\u00fcgeln und Jaguarkopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ber\u00fchmteste St\u00fcck der Ausstellung ist das Flo\u00df der Muisca, einem Volk der Chibcha, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts ausgedehnte Gebiete im Nordwesten S\u00fcdamerikas bewohnten bis weit hinein nach Mittelamerika. Auf dem sehr fein gearbeiteten Flo\u00df steht der H\u00e4uptling, mit Kopfschmuck und mit Gold best\u00e4ubt, ansonsten nackt, umgeben von seinen Priestern und von sechs Ruderern. Es wird die Szene dargestellt, in der der H\u00e4uptling auf dem Weg zur Mitte des Sees ist, dem er Opfergaben aus Gold darbietet. Das Gold, assoziiert mit der Sonne, stellt das m\u00e4nnliche Element dar, der See das weibliche Element, den Uterus. Damit wird rituell der Fortbestand der Welt heraufbeschworen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr kulturspezifisch sind kleine, als Figuren gestaltete Beh\u00e4lter. F\u00fcr Kalk. Den nahm man zu sich, wenn man Kokabl\u00e4tter kaute, zum \u201eVerdauen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Muisca und einigen anderen V\u00f6lkern gab es auch Mumien. Die wurden durch Wasserentzug \u201ehaltbar\u201c gemacht und in besonders trockenen H\u00f6hlen aufbewahrt. Sie nahmen aber weiter am Leben teil und wurden auch auf Schlachten mitgenommen, in Jutes\u00e4cken. Ein besonders beunruhigendes Exemplar hat man hier mit der Mumie eines H\u00e4uptlings, der mit hohlen Augen und fast vollst\u00e4ndig erhaltenen Z\u00e4hnen aus seinem Jutesack hervorguckt, die H\u00e4nde wie entsetzt an sein Kinn fahrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein erst wie ein Kanu aussehender rundlicher Holzkasten entpuppt sich als Sarg. Die \u00d6ffnung scheint viel zu klein zu sein und passt auch gar nicht zu dem breiteren Deckel dar\u00fcber. Die Erkl\u00e4rung: Das Holz hatte sich im Boden unversehrt erhalten, aber als es in Ber\u00fchrung mit der Luft kam, zog es sich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich einen Aufseher bitte, mir zu sagen, wie sp\u00e4t es ist, und mich frage, ob er wohl eine Uhr hat, sagt er mit vollendeter H\u00f6flichkeit, \u201eJa, selbstverst\u00e4ndlich!\u201c und zieht sein Handy aus der Tasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg von dem <em>Museo de Oro<\/em> komme ich, sehr angemessen, an lauter<br>Juweliergesch\u00e4ften vorbei, Dutzende kleiner Gesch\u00e4fte mit l\u00e4nglichen R\u00e4umen. Hier gibt es<br>aber nicht nur Gold, sondern vor allem Smaragde. Das ist einer der wichtigsten<br>Exportartikel Kolumbiens. Kolumbien produziert 50% weltweit und hat vielleicht sogar 90%<br>der weltweiten Vorr\u00e4te. Aber nicht alles ist Gold im Smaragdland: Auch hier gibt es, wie<br>beim Kokain, Banden, die sich bek\u00e4mpfen, bis aufs Messer. Der Staat hat die Kontrolle<br>dar\u00fcber verloren. In einer besonders hei\u00dfen Phase des Smaragdkriegs hat es innerhalb<br>weniger Jahre Tausende von Toten gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend mache ich mich auf die Suche nach der <em>Puerta Falsa<\/em>, dem \u00e4ltesten Lokal Bogot\u00e1s und vielleicht ganz Kolumbiens. Auf dem Weg spricht mich vor dem Supermarkt ein Obdachloser an. Ob ich ihm Reis kaufen k\u00f6nne. Er bettelt nicht, er will kein Geld \u2013 man l\u00e4sst ihn einfach nicht rein!<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist alles einfach, und es gibt alles, Reise geradezu s\u00e4ckeweise. Vor den Kassen lange Schlangen, obwohl elektrisch kassiert wird. Es dauert so lange, weil die Kassiererinnen nicht nur kassieren, sondern die Ware auch gleich einpacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Puerta Falsa, gegr\u00fcndet 1802, ist ein winziges Lokal. Unten besteht es nur aus einer l\u00e4nglichen Theke, hinter der gekocht wird, und einer parallel dazu verlaufenden Bank, mit einem Brett an der Wand. Da k\u00f6nnen vielleicht 3-4 G\u00e4ste essen. An der Stirnwand h\u00e4ngt die Speisekarte, und darunter in einer verglasten Nische eine Jungfrau Maria. An ihr vorbei geht es nach oben, wo es 4-5 Tische gibt f\u00fcr nicht mehr als 15-20 Personen. Die gesamte rechte Seite des Raums ist verspiegelt, damit er gr\u00f6\u00dfer aussieht, aber er ist maximal drei Meter breit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es traditionelle Gerichte. Eins davon bekomme ich. Es besteht aus Panela, einem hei\u00dfen, wie Tee aussehenden, nach Honig schmeckenden Getr\u00e4nk, einem St\u00fcck Schmelzk\u00e4se, Brot und einem entfernt nach trockenem Berliner ohne F\u00fcllung schmeckenden Geb\u00e4ck. Jetzt kommt der Clou: der Schmelzk\u00e4se kommt nicht aufs Brot, sondern in die Panela! Da bleibt er so lange, bis er halb geschmolzen ist und F\u00e4den zieht. So l\u00f6ffelt man ihn aus der Tasse heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Musiker. Auch die passen hier noch rein, einer auf, der andere am Fu\u00df der Treppe stehend. Beide spielen Gitarre. Die eine klingt normal, die andere hat einen hohen, etwas st\u00e4hlernen Klang. Sie hat einen langen Steg mit 10 oder 12 \u201eKn\u00f6pfen\u201c. Ob sie auch so viele Saiten hat, kann ich nicht sehen. Sie spielen zun\u00e4chst einen Pasillo, typische Musik aus Bogot\u00e1, dann zwei St\u00fccke aus anderen Regionen. Das klingt alles sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>17. September (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ein Missverst\u00e4ndnis habe ich offensichtlich eine Stadtf\u00fchrung verpasst, die mir<br>zustand. Das finde ich nicht so tragisch, aber nehme gerne das Angebot an, stattdessen zu der <em>Laguna de Guatavita<\/em> gefahren zu werden, der heiligen Statte der Muisca. Da w\u00e4re<br>man mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer hingekommen. Es f\u00e4hrt mich die Tochter<br>der belgischen Touristenf\u00fchrerin. Die hat fr\u00fcher bei Avianca gearbeitet und sich dann als<br>Dienstleisterin f\u00fcr verschiedene Organisationen, Ministerien, Tourismusunternehmen<br>selbst\u00e4ndig gemacht. Mit Stolz erz\u00e4hlt sie, Avianca sei die zweit\u00e4lteste Fluglinie der<br>Welt, nach KLM. Ihr Handy klingelt unentwegt, und sie nimmt alle Gespr\u00e4che ohne Z\u00f6gern an \u2013 das meiste ist gesch\u00e4ftlich \u2013 und nimmt sich ihre Zeit daf\u00fcr, obwohl es verboten ist,<br>wie sie selbst immer wieder sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00e4tten zwei Autos, erkl\u00e4rt sie mir, diesen hier, ganz neu, und einen alten Hyundai. Das hat seinen Grund. Die Autos in Bogot\u00e1 haben, je nach Kennzeichen, zwei Tage pro Woche Fahrverbot. Wenn man zwei Autos hat, kann man das Fahrverbot aushebeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Autos sind Chevrolets oder Renaults oder japanische Marken. F\u00fcr deutsche Autos bekommt man schlecht Ersatzteile. Ihr Mann hatte einen Passat, und sie musste die Ersatzteile von ihren Fl\u00fcgen aus Brasilien mitbringen.<br><br>Obwohl das Auto nagelneu ist, fehlt schon der rechte Au\u00dfenspiegel, genauer gesagt, nur<br>das Glas. Es gibt Banden, die sich darauf spezialisieren, an Stra\u00dfenkreuzungen durch<br>einen Druck auf das Glas sekundenschnell den Spiegel rauszudr\u00fccken. Der wird dann an<br>Taxifahrer weiterverkauft. Die nutzen dasselbe Fabrikat.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stra\u00dfenkreuzung verdienen sich Jungs als Jongleure Geld. Sie lassen B\u00e4lle in der<br>Luft kreisen, mit viel Geschick, aber das Besondere dabei ist, dass einer auf den<br>Schultern des anderen steht.<br><br>Mar\u00eda Jos\u00e9 ist keine Touristenf\u00fchrerin, aber unterwegs erfahre ich allerhand \u00fcber das<br>Alltagsleben in Kolumbien, unter anderem, dass Motorradfahrer eine Weste tragen m\u00fcssen,<br>auf den in gro\u00dfen, leuchtenden Lettern die Zahlen des Kennzeichens des Motorrads<br>erscheinen, eine Ma\u00dfnahme zur Bek\u00e4mpfung der Gewalt. Fr\u00fcher wurde oft von vorbeifahrenden Motorr\u00e4dern aus auf wirklich oder vermeintliche Gegner im Drogenkrieg geschossen, und die Fahrer konnten nicht identifiziert werden. Das ist an sich schon interessant, aber noch sch\u00f6ner ist, dass ich sp\u00e4ter, in Medell\u00edn, M\u00e4dchen auf der Stra\u00dfe sehe, die Jacken tragen, die diese Westen imitieren. Aus der staatlichen Ma\u00dfnahme ist Mode geworden.<br><br>Freundlicherweise f\u00e4hrt die Frau nicht \u00fcber die Autobahn, sondern \u00fcber die Landstra\u00dfe. Das sei die sch\u00f6nere Strecke. Trotzdem m\u00fcssen wir zwischendurch Maut bezahlen. Die Stra\u00dfen werden von privaten Firmen betrieben, und die holen sich so ihre Investition wieder rein.<br><br>Wir fahren durch den vornehmen Norden von Bogot\u00e1. An den S\u00fcden des Zentrums schlie\u00dfen sich riesige Slum-Gebiete an, die ich w\u00e4hrend der ganzen Zeit nicht zu sehen bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4user in Bogot\u00e1 brauchen weder eine Heizung noch eine Klimaanlage, obwohl viele ein<br>Heiz\u00f6fchen haben, das im Bedarfsfall eingesetzt werden kann. Es gibt auch kaum Klagen<br>\u00fcber die Kosten f\u00fcr Elektrizit\u00e4t, wohl aber \u00fcber die f\u00fcr Wasser und Abwasser, mehrere<br>Hundert Dollar alle zwei Monate. Die Herde haben im Normalfall sowohl Gas als auch<br>Elektroplatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abgaben f\u00fcr Wasser und Elektrizit\u00e4t werden nach <em>estratos<\/em> bezahlt, nach sozialem Stand. Je h\u00f6her der Stand, umso h\u00f6her die Preise. Aber: Wie findet man heraus, zu welchem Stand jemand geh\u00f6rt? Ganz einfach: durch die Wohnlage. Ausschlie\u00dflich.<br><br>Arbeitslosengeld gibt es nicht. Wohl aber eine Krankenversorgung, die im Zweifelsfalle<br>auch gratis gew\u00e4hrt wird. Allerdings ist man, wenn es sich um besondere Eingriffe<br>handelt, dann oft am Ende einer langen Schlange, und die besser Gestellten haben<br>eine oder sogar zwei Krankenversicherungen, mit denen sie eine bessere oder gute Versorgung sicherstellen.<br><br>Wir kommen an einem Staudamm vorbei, der von einem Deutschen namens Wiesner, noch zu der Zeit Humboldts, gebaut wurde und der heute noch f\u00fcr die Wasserversorgung von Bogot\u00e1 sorgt.<br><br>Nach l\u00e4ngerer Fahrt durch erstaunlich gr\u00fcne Gegend, mit Bergen zu einer und Abh\u00e4ngen zur anderen Seite, kommen wir an einem weiteren, riesigen Wasserreservoir vorbei. Es befindet sich in einem Tal, in dem einst ein Dorf war. Die Bewohner dieses Dorfes wurden<br>umgesiedelt, und es wurde ihnen ein neues Dorf gebaut, in einem historisierenden Stil, wie ein andalusisches Dorf aus der fr\u00fchen Neuzeit, mit wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4userw\u00e4nden. Das Dorf hei\u00dft Guatavita, wie die Laguna, zu der wir fahren. Auf dem fast leeren Dorfplatz<br>begegnen wir zwei alten M\u00e4nnern in Umh\u00e4ngen, <em>ruanas<\/em>, aus Wolle gefertigt. Hier kann es<br>schon mal kalt werden. Bogot\u00e1 liegt auf 2.600 Metern H\u00f6he, Guatavita auf 2.900, die Lagune auf 3.100!<br><br>Als wir aussteigen, kommt ein Junge auf uns zu und bietet an, uns die Legende der Lagune<br>von Guatavita zu erz\u00e4hlen. Er hat seine Sache perfekt auswendig gelernt und betet sie mit<br>gro\u00dfer Monotonie herunter, mit dem Ergebnis, dass man kaum folgen kann. Als er von der<br>Bedeutung des Wortes <em>Guatavita<\/em> spricht, bitte ich ihn, das zu wiederholen und bringe ihn<br>damit v\u00f6llig aus dem Konzept. Er muss wieder ganz von vorne anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um die Tochter eines Cacique, die nicht den Mann heiraten wollte, der f\u00fcr sie ausgesucht war und deshalb voller Verzweiflung in die Lagune sprang. Dort lebte aber ein Drache, und diesen Drachen ehelichte sie. Noch heute soll der Drache in der Lagune gelegentlich zu sehen sein, wie das Monster von Loch Ness. Es gibt auch ein paar pikante Details wie die Hoden irgendeines Mannes, die irgendwem zum Essen serviert wurden, aber ich wage nicht, den Jungen noch mal zu unterbrechen.<br><br>Wir trinken in dem leeren Lokal einen Kaffee und fahren dann weiter zu der Lagune. Dort<br>werde ich einer Gruppe hinterhergeschickt, die gerade losgegangen ist. Es ist eine<br>Schulklasse. Sofort werde ich von dem F\u00fchrer, einem Indio mit Pferdeschwanz, herzlich<br>begr\u00fc\u00dft. Er macht seine Sache gut und bezieht die Kinder durch Fragen geschickt ein:<br>Stellt euch vor, ihr w\u00e4rt ein Spanier aus dem 16. Jahrhundert und wolltet an das Gold aus<br>der Lagune kommen. Wie w\u00fcrdet ihr das machen? Die Kinder nennen die verschiedenen M\u00f6glichkeiten, und er diskutiert mit ihnen, wie schwierig die alle sind. Tauchen ist unter anderem deshalb schwierig, weil der See zu tief ist, um ohne Hilfsmittel zum Boden zu gelangen, und weil er auch zu kalt ist,<br><br>Dann geht es weiter hoch, \u00fcber einen sch\u00f6nen gepflasterten Weg mit Holzgel\u00e4nder, der<br>durch dichtes Gew\u00e4chs f\u00fchrt und ab und zu den Blick auf die sch\u00f6ne Gegend frei gibt.<br><br>Oben angekommen, ist man zuerst einmal \u00fcberrascht, wie klein die Lagune ist. Man k\u00f6nnte<br>ohne weiteres durchschwimmen. Dann \u00fcberrascht die Form. Die Lagune ist kreisrund. Und<br>dann \u00fcberrascht die Farbe. Das Wasser ist gr\u00fcn und passt sich perfekt den sie umgebenden<br>H\u00e4ngen an. Die Lagune liegt vielleicht 50 Meter unter uns. Das ist das Ergebnis der<br>vielen Versuche, sie auszutrocknen oder das Wasser umzuleiten. Urspr\u00fcnglich reichte sie<br>bis zu der H\u00f6he, auf der wir stehen. Im Allgemeinen sagt man, es handele sich um einen<br>Meteoriteneinschlag, aber unser F\u00fchrer stellt das in Frage und weist auf winzige glitzernde<br>Steinchen hin, die auf dem Boden vor unseren F\u00fc\u00dfen liegen: Salz. Dies konnte urspr\u00fcnglich<br>das Meer gewesen sein.<br><br>Am Ende m\u00fcssen die Kinder noch raten, wie die Muisca die Mitte des Sees ausmachten. Sie<br>sind mit der Orientierung an den Himmelsrichtungen nah dran, aber es fehlt ihnen ein<br>Werkzeug: das Seil. Das wurde von Norden nach S\u00fcden und von Osten nach Westen gespannt, und da, wo sie sich trafen, war die Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den gro\u00dfen Reichen der Azteken, der Maya und der Inkas gab es in Kolumbien zahlreiche kleinere Reiche, auf die Anden und die K\u00fcsten des Pazifiks und des Atlantiks verteilt: Muisca, Tayrona, Tolima, Tumaco, Nari\u00f1o usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Muisca den Spaniern nicht standhalten konnten, lag vor allem daran, dass sie selbst in zwei befeindete Lager aufgespalten waren, den Zipa aus Bogot\u00e1 und den Zaque aus Tunja.<br><br>Der Weg zur\u00fcck nach Bogot\u00e1 geht \u00fcber die Autobahn, aber er kommt mir unendlich vor. Dann biegen wir ab und verfahren uns auch noch. Wir m\u00fcssen zwei Studentinnen von einer Schule abholen. Als wir ankommen, sieht man an ihren langen Gesichtern, dass sie das Warten leid sind, aber sie \u00fcberspielen das bald und sind trotzdem ausgesprochen h\u00f6flich. Jedenfalls erfahre ich etwas Neues: Die beiden verdienen sich Geld, indem sie an verschiedenen Schulen Informationsveranstaltungen durchf\u00fchren und \u00fcber ihre Universit\u00e4t, die <em>Universidad Externado<\/em>, informieren \u2013 und f\u00fcr sie werben. Die Informationsveranstaltungen werden m\u00f6glichst so gelegt, dass sie sich nicht mit Vorlesungen \u00fcberschneiden. Aber wie das denn heute gewesen sei, will ich wissen. Die Antwort: Es gibt gerade eine Woche Ferien. Am Ende bekomme ich noch einen Kuli von der Uni geschenkt. Alle Universit\u00e4ten kosten Geld, \u00fcber Schulen bekomme ich keine einheitlichen Informationen. Mir scheint, dass auch die kostenpflichtig sind.<br><br>Ich werde am Stadtrand von Bogota herausgelassen, gleich am Eingang zu der <em>Quinta de<br>Bol\u00edvar<\/em>. Sie wurde um 1800 gebaut, zu einer Zeit, als Bogot\u00e1 gerade einmal 23.000<br>Einwohner hatte. Damals lag sie au\u00dferhalb der Stadt. Die Bezeichnung <em>Quinta<\/em> kommt daher, dass urspr\u00fcnglich ein F\u00fcnftel der Gewinne, die man auf so einer Quinta durch Obst- und Gem\u00fcseanbau erwirtschaftete, an den Staat abgetreten werden musste. Diese Quinta war aber schon lange nicht mehr eine Quinta in diesem klassischen Sinne, sondern eine Art Wochenendhaus. Ihren Namen tr\u00e4gt sie deshalb, weil Bol\u00edvar hier eine Zeitlang lebte, aber nur ca. 10 Jahre, und w\u00e4hrend dieser 10 Jahre verbrachte er insgesamt keine 2 Jahre hier. Die Quinta wurde ihm 1821 von einem kolumbianischen Freund geschenkt, als Dank f\u00fcr seinen Kampf f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Kolumbiens.<br><br>Die Quinta ist einst\u00f6ckig und ganz symmetrisch aufgebaut: Hinter der breiten Front<br>befinden sich zu beiden Seiten der Eingangshalle gleich gro\u00dfe, sch\u00f6n eingerichtete R\u00e4ume,<br>mit Mobiliar der Zeit, links der Raum Bol\u00edvars, rechts der von Manuelita, der Frau, mit<br>der ihn eine oft st\u00fcrmische und vor allem sehr unbest\u00e4ndige Beziehung verband.<br><br>Das Mobiliar ist keineswegs l\u00e4ndlich-rustikal, sondern eher vornehm, im Empire-Stil. In<br>Bol\u00edvars Raum befindet sich unter anderem ein Kamin, einer von insgesamt nur dreien, die<br>es zu dieser Zeit in Bogot\u00e1 gab. Auf dem Kamin eine bronzene, figurenbekr\u00f6nte Standuhr.<br>\u00dcberhaupt sieht man, dass man es keineswegs mit einem Proletarier zu tun hat, wie man<br>sich einen Revolution\u00e4r vielleicht vorstellt, sondern mit einem Mitglied der Bourgeoisie<br>mit aristokratischen All\u00fcren, nicht so sehr anders als die Leute, die er bek\u00e4mpfte.<br><br>Die Symmetrie des Hauses wird dadurch gest\u00f6rt, dass Manuelitas Raum keinen Zugang zu dem Innenhof dahinter hat. Man vermutet, dass dieser Raum urspr\u00fcnglich als Kapelle benutzt wurde.<br><br>Eine weitere Asymmetrie fand ihre Erkl\u00e4rung, als man sich an die Renovierung des Hauses<br>machte, das zwischenzeitlich u.a. als Werkstatt und als Irrenhaus gedient hatte: Im Speisesaal befand sich nur zu der einen Seite ein Bullauge, mit Aussicht auf den Innenhof. Das kam den Renovierern komisch vor, und sie buddelten und siehe da, hinter einem Putz<br>erschien das zweite Bullauge.<br><br>In Manuelitas Raum sind bis auf ein winziges Pianoforte, dem Vorl\u00e4ufer des heutigen<br>Klaviers, keine M\u00f6bel, die ihr geh\u00f6rten. Sie starb an Diphterie, und es wurde alles<br>verbrannt, womit sie in Ber\u00fchrung gekommen war.<br><br>Im hinteren Teil des Innenhofs befinden sich in kleinen, fensterlosen R\u00e4umen die K\u00fcche,<br>der Abstellraum und der Schlafplatz von Jose Palacio, dem sagenumwobenen Diener Bol\u00edvars, der in der Eingangsszene von <em>Der General in seinem Labyrinth<\/em> zum Leben erweckt wird.<br><br>Ausl\u00e4ndische Besucher vermerkten \u00fcberrascht, dass man in Kolumbien zu der Zeit f\u00fcnf<br>Mahlzeiten am Tag einnahm, um 7, um 10, um 12, um 17 und um 22 Uhr. Es kann sich aber um ein sprachliches Missverst\u00e4ndnis handeln. Unter diesen f\u00fcnf Mahlzeiten befinden sich n\u00e4mlich zwei, die <em>chocolate<\/em> hei\u00dfen. Ich habe hier auch manchmal schon auf die Frage, ob man schon gegessen habe, die Antwort bekommen: Ja, einen Kaffee. Und der <em>caf\u00e9 raspao<\/em>, den wir sp\u00e4ter in Medell\u00edn zu uns nehmen, wird gegessen.<br><br>Bol\u00edvar lebte, nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben, sehr gesund. Er a\u00df viel Obst und Gem\u00fcse und legte Wert auf eigenen Anbau. Im Innenhof kann man tats\u00e4chlich auch heute noch Gem\u00fcsebeete sehen. Bol\u00edvar zitierte eines Tages einen spanischen G\u00e4rtner zu sich. Der war voller Angst, denn er f\u00fcrchtete, als K\u00f6nigstreuer angeklagt oder bestraft zu werden. Er<br>f\u00fcrchtete sogar um sein Leben, und war v\u00f6llig ver\u00e4ngstigt, als Bolivar ihn nach seiner<br>Herkunft und seinen pers\u00f6nlichen Daten befragte, und entsprechend erleichtert, als<br>Bol\u00edvar ihm dann den Posten seines G\u00e4rtners anbot.<br><br>Bolivar selbst starb hier, krank, verlassen, entt\u00e4uscht. Er soll auf dem Totenbett gesagt<br>haben: In der Geschichte hat es drei Trottel gegeben: Jesus, Don Quixote und mich. Zeugt<br>nicht gerade von Bescheidenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst am Abend geht es dann den Montserrate hinauf, mit der Drahtseilbahn. Die wurde<br>passenderweise von Schweizern gebaut. Es ist fast v\u00f6llig leer hier oben, aber merkt an den<br>Vorrichtungen und den vielen Lokalen, dass hier an Wochenenden der Teufel los ist.<br>Oben hat man einen sch\u00f6nen Blick auf das erleuchtete Bogota. Man sieht deutlich den<br>kerzengeraden Verlauf der Stra\u00dfen. Als ich aus der Bahn auf den Platz trete, pfeift ein<br>kalter Wind. Dies ist vermutlich das einzige Mal w\u00e4hrend der Reise, dass ich friere. Ich<br>gehe in die Kirche, in der die hochverehrte Skulptur des <em>Se\u00f1or ca\u00eddo<\/em> am erleuchteten<br>Altar der eigentliche Anziehungspunkt war, bevor das Ganze sich in einen Ausflugsort<br>verwandelte. In einem kleinen Lokal gibt es <em>canelazo<\/em>, eine Art Zuckerrohrsaft mit<br>Schnaps, der nach Anis schmeckt. Gro\u00dfartig, und genau das Richtige bei der K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>18. September (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit einem traumhaften Geschmackserlebnis: Pitahaya, eine Frucht mit gelber, dicker Schale, die aufgeschnitten wird. Das Fruchtfleisch wird dann ausgel\u00f6ffelt. Die vielen kleinen Samen sind so weich, dass man sie gar nicht sp\u00fcrt. Die wird von einem der freundlichen Kellner serviert, die allzeit zur Stelle und nie aufdringlich sind. Er stellt sich vor, es hei\u00dfe Nestor, und f\u00fcgt mit Stolz hinzu, er sei seit 3 Uhr am Morgen auf, um das Fr\u00fchst\u00fccksbuffet vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich am fr\u00fchen Morgen der einzige Gast bin, will einer den anderen an Dienstfertigkeit \u00fcbertreffen. So komme ich auch noch an Maracuja-Saft und das allgegenw\u00e4rtige <em>tamal<\/em>, eine Art Nationalspeise. Es besteht aus Maisteig und wird mit verschiedenen Zutaten gef\u00fcllt. Es gibt vegetarische und nicht-vegetarische Varianten. Sie wird in gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern serviert. Nach einem erfolglosen Versuch, diese Bl\u00e4tter durchzuschneiden, frage ich, ob man die Bl\u00e4tter mitesse und bekomme ein emphatisches <em>Nooooo<\/em> zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss mich gestern wohl brav verhalten haben, die Belgierinnen bieten einen weiteren Ausflug an. Wieder sind Mutter und Tochter dabei, und sie haben zur Erg\u00e4nzung noch eine Nichte mitgebracht, eine junge Kolumbianerin, f\u00fcr die dies ein Feiertag ist, sie kennt unsere Ausflugsziele selbst nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre, dass der B\u00fcrgermeister hier im Stadtviertel <em>La Candelaria<\/em> Farbt\u00f6pfe gratis an die Bewohner verteilt hat, damit sie ihre Fassaden streichen. Daher die vielen bunten Fassaden in intensiven Farben. Aber auch die Innenh\u00f6fe der nicht bemalten H\u00e4user sehen gepflegt aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen am <em>Hospital Militar<\/em> vorbei. Dort gibt es ein Bettenkontingent f\u00fcr nicht versicherte Unfallopfer.<\/p>\n\n\n\n<p>In Usme, einem Stadtviertel im Norden Bogot\u00e1s, hat man beim U-Bahn-Bau Muisca-Gr\u00e4ber gefunden, mit Kindern mit krampfhaft geschlossenen H\u00e4nden. Wurden sie lebendig begraben? In den Gr\u00e4bern hat man kein Gold gefunden, wohl aber Werkzeug.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere erste Station ist Zipaquir\u00e1. Das ist, einer Umfrage zufolge, mit seiner Salzkathedrale Kolumbiens wichtigste Sehensw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Eindruck ist eher entt\u00e4uschend, denn statt wei\u00df ist alles grau oder schwarz. Sp\u00e4ter entdeckt man aber immer wieder wei\u00dfe Flecken, Stellen, die man gereinigt hat als Experiment f\u00fcr eine General\u00fcberholung der Salzkathedrale. Wasser kann hier logischerweise nicht zum Einsatz kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch einen langen Schacht geht es an modernen, mit einfachen Mitteln gestalteten Kreuzwegstationen vorbei \u2013 der Fall unter dem Kreuz wird ohne Figuren dargestellt, durch ein immer tiefer sinkendes Kreuz, das Schwei\u00dftuch der Veronika durch eine schattierte Wand. Der Gang f\u00fchrt direkt in die Kirche. Von der Chorb\u00fchne aus hat man einen Blick auf das \u00fcberdimensionale Kreuz hinter dem Altar. Steht es? H\u00e4ngt es? Schwebt es? Keins davon. Es ist eine optische T\u00e4uschung. Das Kreuz ergibt sich durch die Auslassung der Form in der von hinten beleuchteten Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Altarraum sieht man auch, dass nicht alles Salz ist. Zwischen dem Salz verlaufen dunkle Streifen: Kohle! Und hin und wieder gibt es rote Flecken. Das ist Eisenerz! Das Salz macht insgesamt 80% aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Kreuz der Altar, ein rechteckiger Block, der urspr\u00fcnglich ein einziges St\u00fcck war,<br>dann aber in drei Teile zerschnitten werden musste, und zwar f\u00fcr den Transport aus der<br>alten in die neue Kathedrale. Das war n\u00f6tig, weil die alte einzust\u00fcrzen drohte. Man kann<br>sich kaum vorstellen, dass Salz solche Objekte formen kann, da man es als<br>Normalverbraucher nur rieselnd kennt. In der Kathedrale wird tats\u00e4chlich jeden Sonntag<br>eine Messe abgehalten.<br><br>Der urspr\u00fcngliche Stimulus, eine Kathedrale aus Salz zu bauen, ergab sich, als diese<br>Salzmine geschlossen wurde, nachdem man eine ertragreichere in der Umgebung gefunden hatte. Kolumbien hat geradezu unersch\u00f6pfliche Vorr\u00e4te an Salz.<br><br>Zwei Dinge sind \u00fcberraschend, die miteinander in Verbindung stehen: Es ist hier nicht<br>feucht, und es bilden sich auch keine Stalaktiten und Stalagmiten. Irgendwo steht ein<br>Auffangbecken f\u00fcr Wasser herum, und es ist tats\u00e4chlich ganz salzig, aber woher das Wasser<br>kommt, wei\u00df man nicht. Das zweite ist die Atemluft, die gut ist, obwohl man nicht wei\u00df,<br>woher die frische Luft kommt. Dringt sie von dem Eingang bis hierher vor? Oder sind die<br>W\u00e4nde por\u00f6s?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht die Fahrt weiter. Immer wieder machen wir Halt und probieren etwas bei den Stra\u00dfenh\u00e4ndlern: Bananen (lecker!), Erdn\u00fcsse (die hier, wie in Kuba, <em>man\u00ed<\/em> hei\u00dfen und nicht <em>cacahuetes<\/em>), Turr\u00f3n, Rosinen, Hafergeb\u00e4ck und <em>ajonjol\u00ed<\/em>. Das sind Sesamkerne. Die sollen sehr gesund sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolumbien, erfahre ich, exportiert Roh\u00f6l, importiert aber raffiniertes \u00d6l aus Venezuela. Es hat nicht genug Raffinerien.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolumbien ist ebenfalls ein gro\u00dfer Exporteur von Blumen. Rosen, Nelken, sogar Christsterne. Und Chrysanthemen. Kolumbien ist der weltweit gr\u00f6\u00dfte Exporteur von Chrysanthemen. Unsere \u201eholl\u00e4ndischen\u201c Blumen stammen aus Kolumbien. Drei Flugzeuge pro Tag bringen sie nach Deutschland. Wir fahren hier, in der \u201eSavanne\u201c, an einer endlosen Kette von Treibh\u00e4usern vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand sieht man, wie auf Handkarren Gr\u00fcnzeug transportiert wird. Was ist das? Futter f\u00fcr die Kanarienv\u00f6gel!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lerne ich einen Ausspruch kennen: Siempre palante, nunca patr\u00e1s, ni para coger <em>impulso \u2013 Immer vorw\u00e4rts, nie r\u00fcckw\u00e4rts \u2013 nicht einmal, um Anlauf zu nehmen<\/em>. Angeblich bezieht sich das auf die Frau Lots, die sich gegen die Regel umblickte und zur Salzs\u00e4ure erstarrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur <em>Laguna de F\u00faquene<\/em>, dem heiligen See der Muisca. Am Seerand Binsen und Verkaufsst\u00e4nde, an denen K\u00f6rbe, Schalen und Matten aus Binsen angeboten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute befindet sich hier das Zentrum der Milchwirtschaft, und entsprechend viele K\u00fche weiden hier, Holsteiner und <em>Pardo Suizo<\/em>, hellh\u00e4utige K\u00fche, die urspr\u00fcnglich aus der Schweiz kamen und dann nach Amerika exportiert wurden. Hier probieren wie Guaven mit K\u00e4se.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir halten an einer Tankstelle. Das Benzin wird in Gallonen gemessen. Die Umrechnung ist etwas kompliziert, aber es d\u00fcrfte auf einen Dollar pro Liter hinauslaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name eines Lokals ist <em>Indio comido, indio ido<\/em>. Das ist eine ironische Bezeichnung f\u00fcr jemanden, der zum Essen kommt und dann sofort die gastliche St\u00e4tte verl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Stra\u00dfenh\u00e4ndler verkaufen <em>llamadas<\/em>, Telefonanrufe. Sie \u00fcberlassen dir ihr Handy, damit du einen Anruf t\u00e4tigen kannst. Die Preise schwanken zwischen 180 und 250 Pesos. Pro Anruf, vermute ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in <a>Chiquinquir\u00e1 <\/a>an, dem religi\u00f6sen Zentrum Kolumbiens. Dort verkauft ein Junge an einem Karren Kaffee. Der Karren hat einen Baldachin in den kolumbianischen Nationalfarben und blankgeputzte Messingger\u00e4te. Wir bekommen Erkl\u00e4rungen zu den verschiedenen dampfenden Kesseln und einen hei\u00dfen Mokka, einen der besten Kaffees, die ich \u00fcberhaupt jemals getrunken habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zwei weitere Jungs mit Handkarren. Sie verkaufen allerhand exotische Sachen, die ich nicht identifizieren kann, darunter <em>durazno<\/em>, eine Frucht, die wie Pfirsich schmeckt, und <em>chontarudo<\/em>, die wie eine kurze, gelbe M\u00f6hre aussieht. Sie wird in zwei Varianten gegessen, mit Salz und mit Honig. Die mit Salz schmeckt mir besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die sonnenbeschienene wei\u00dfe Basilika. Nichts Besonderes. Auch, dass Johannes Paul II. schon hier war, ist nichts Besonderes. Vor einem Heiligenbild im Chorumgang gibt es Votivgaben aus Wachs, die mit der Sache, um die es geht, in Verbindung steht, wie ein Arm f\u00fcr eine \u00fcberstandene Verletzung, ein Baby f\u00fcr einen Kinderwunsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor der Basilika eine \u00e4ltere Frau in traditioneller Kleidung. Man w\u00fcrde sie auf den ersten Blick in die Anden, nach Peru oder nach Bolivien verorten. Sie tr\u00e4gt einen kurzen Rock, rosafarbene Kniestr\u00fcmpfe, einen Hut und einen ponchoartigen Umhang und hat indigene Gesichtsz\u00fcge. Sie bittet um Geld und l\u00e4sst sich im Gegenzug daf\u00fcr photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Chiquinquir\u00e1 geh\u00f6rt noch zu der Provinz Cundinamarca, die Bogot\u00e1 umschlie\u00dft. Am Wegesrand sieht man wei\u00dfbl\u00fchende Holunderb\u00e4ume, Orchideen und <em>pilanzias<\/em> (?), ein Gew\u00e4chs mit grauwei\u00dfen F\u00e4den, die ich dichten B\u00fcndeln von dem Baum herunterh\u00e4ngen, in dem es sich eingenistet hat, ein Parasit vermutlich. Man kann die F\u00e4den einfach mit der Hand herunterziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Provinz Condinamarca geht es dann in die Provinz Boyac\u00e1, mit einem abrupten Szenenwechsel. Statt gr\u00fcner Wiesen kahle H\u00e4nge. Es geht best\u00e4ndig bergab und es wird immer w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Boyac\u00e1 ist die einzige Region in Kolumbien, wo Oliven angebaut werden. Sogar Wein<br>wird hier angebaut, aber der kolumbianische Wein hat keinen guten Ruf. Hier trinkt man<br>teure Exportweine aus Chile und Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Boyac\u00e1 ist im doppelten Sinne historisch bedeutend, als Nukleus der spanischen Besiedlung und als Schauplatz der wichtigsten Schlachten im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewohner von Boyac\u00e1 betrachtet man mit einer Art freundlicher \u00dcberheblichkeit. Sie gelten als etwas hinterw\u00e4ldlerisch und eigenbr\u00f6tlerisch. Und sie sind f\u00fcr ihre altmodische H\u00f6flichkeit bekannt: <em>Buenos d\u00edas, vuestra merced<\/em>, <em>Buenos d\u00edas, vuestra persona<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An Tunja, der Hauptstadt von Boyac\u00e1, fahren wir vorbei. Aber in diesem Zusammenhang taucht auf einmal der Name Hitler auf. Was hat der hier zu suchen? Es geht um einen gewissen Adolf Sch\u00fcttelmayor (vermutlich eher Sch\u00fcttelmayer), der hier nach dem Ende des 2. Weltkriegs lebte. Auf einem Photo hat er eine verbl\u00fcffende \u00c4hnlichkeit mit Hitler. War Hitler doch nicht tot? Hatte er es geschafft, sich nach Kolumbien abzusetzen? Man wei\u00df, dass verschiedene alte Nazis hier lebten. Die CIA (oder deren Vorg\u00e4ngerin) ging der Sache jedenfalls nach. Die Amerikaner hatten keine Beweise f\u00fcr das Ableben Hitlers im Bunker. Stalin hatte ziemlich verl\u00e4ssliche Beweise, aber die teilte er, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, nicht mit den Amerikanern. Unterm Strich: Alles eher unwahrscheinlich, aber ein verlockender Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes geht es nach R\u00e1quira, einem Stra\u00dfendorf, das in einen sch\u00f6nen Platz ausl\u00e4uft und das ein einziger Souvenirladen ist. Das liegt an der Keramikproduktion, die hier beheimatet war. In Erinnerung daran stehen auf dem Platz gro\u00dfe tonfarbene Kr\u00fcge und Figuren herum, dekorativ zwischen einem Brunnen und bunten Blumenbeeten aufgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Obergeschoss eines sch\u00f6nen, rot gefassten Hauses gibt es das beste Esslokal der Umgebung, aber ich werde auf sp\u00e4ter vertr\u00f6stet, auf <em>Robertico<\/em>. Als der nach der Weiterfahrt durch eine eher \u00f6de Gegend in Sicht kommt, haben wir spanische Essenszeiten erreicht. Wir sind die letzten G\u00e4ste, die eintreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Warten hat sich gelohnt. Es gibt wunderbare, deftige Kost, die man drau\u00dfen sitzend genie\u00dfen kann: mit Reis und Erbsen gef\u00fcllte Rippchen, gef\u00fcllte Blutwurst, verschiedene Arten von Kartoffeln, von denen die <em>papas criollas<\/em> am besten schmecken. Man solle sie aber, wird mir erkl\u00e4rt, nicht allzu oft essen, denn sie produzieren Winde. Auch die Teigtaschen, <em>arepas<\/em>, gibt es wieder, aber die sind hier, in Boyac\u00e1 s\u00fc\u00df statt herzhaft. Zu all dem gibt es verschiedene So\u00dfen und Cremes. Dazu kann man nur Bier trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es \u00fcber einen rumpligen Feldweg nach El F\u00f3sil. Was es mit dem ungew\u00f6hnlichen Namen des Ortes auf sich hat, verstehe ich erst, als wir ankommen. Hier steht das pr\u00e4historische Skelett eines Kronosaurus, eines im Wasser beheimateten Sauriers, der hier lebte, als die Gegend noch Meer war. Der Kronosaurus ist 120 Millionen Jahre alt!<\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde gefunden, als der Sohn eines Bauern mit der Hacke das Feld bearbeitete, aber wegen des harten Bodens nicht weiter kam. Sein Vater sagte ihm, er solle sich nicht so schw\u00e4chlich anstellen, er solle ordentlich zuschlagen. Das tat der Sohn und zertr\u00fcmmerte damit im Schwei\u00dfe seines Angesichts eine der Extremit\u00e4ten des Sauriers.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest blieb aber erhalten (bis auf den Schwanz) und ist an Ort und Stelle auf einer Schr\u00e4ge ausgestellt. Weil der Schwanz fehlt, ist das Skelett nur 7 Meter lang. Mit Schwanz w\u00e4re es 12 Meter lang. Das Tier ist durch die lange Wartezeit unter der Last der Erde etwas plattgedr\u00fcckt und sieht auf den ersten Blick eher wie ein Krokodil aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In Vitrinen daneben sind unz\u00e4hlige weitere Funde ausgestellt, darunter Bl\u00e4tter, Schnecken, Muscheln, einige davon tiefschwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fund gab es Streitereien, und der \u00f6rtliche Pfarrer bem\u00e4chtigte sich zweier weiterer Saurierfossilien und gr\u00fcndete sein eigenes Museum. Wir sehen uns aber das \u201erechtm\u00e4\u00dfige\u201c, das der Gemeinde, an.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier geht es nach Villa de Leyva. Hier f\u00fchlt man sich in die Vergangenheit versetzt. Die Zeit seit der spanischen Besiedlung scheint stehengeblieben zu sein. Wei\u00df get\u00fcnchte H\u00e4user mit gr\u00fcnen T\u00fcren und Fensterl\u00e4den und rostfarbenen runden Dachziegeln. Die unvermeidlichen Souvenirgesch\u00e4fte sind hier in sch\u00f6nen Innenh\u00f6fen und Fluren versteckt, so dass nichts den einheitlichen Eindruck st\u00f6rt. Der riesige Platz, der hier einmal nicht nach einem Helden benannt ist, sondern einfach <em>Plaza Mayor<\/em> hei\u00dft, hat Kopfsteinpflaster mit unregelm\u00e4\u00dfigen und ungleich gro\u00dfen Steinen. Im Zentrum ein Brunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Platz herum finden sich etwas h\u00f6here Kolonialbauten, darunter die Kirche und das Rathaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Villa de Leyva hat sich Nari\u00f1o, einer der wichtigsten Mitstreiter Bol\u00edvars, zum Sterben zur\u00fcckgezogen. Auch er litt nach all den Feldz\u00fcgen durch feuchte Gegenden unter Tuberkulose.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren auf eine Anh\u00f6he, wo man von dem Balkon eines sch\u00f6nen Hotels aus den besten Blick auf die Stadt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor dem Hotel Blumen von allerlei Farben, vor allem Bougainvillea. Die waren eines Tages \u00fcber Nacht komplett verschwunden. Was war passiert? Ein Tierh\u00fcter hatte vergessen, die T\u00fcr zum Stall der Lamas zu schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder auf den Platz kommen, verschwindet die Sonne hinter den Bergen. Wir kommen zu dem letzten Punkt unseres Ausflugs, der <em>Puente de Boyac\u00e1<\/em>. Hier fand die allerletzte Schlacht im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg statt, und von hier aus zog Bol\u00edvar siegreich nach Bogot\u00e1 ein. Die Schlacht dauerte nur zwei Stunden, und es waren lediglich 250 K\u00f6nigliche, die 300 Aufst\u00e4ndischen gegen\u00fcberstanden. Trotzdem ist sie Teil des kollektiven Ged\u00e4chtnisses der Kolumbianer und Teil ihrer \u201eglorreichen\u201c Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die steinerne Br\u00fccke f\u00fchrt \u00fcber einen rauschenden Bach. Die Br\u00fccke l\u00e4uft zur Mitte hin spitz zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Br\u00fccke herum allerhand Symbole, die das Ereignis pathetisch feiern: Fahnen, Flammen, Figuren und nat\u00fcrlich die unvermeidliche Statue von Bol\u00edvar, in Deutschland gefertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig, dass Bolivien und nicht sein Heimatland Venezuela nach Bol\u00edvar benannt ist, und Kolumbien und nicht Amerika nach Kolumbus. Dabei setzte Kolumbus nie seinen Fu\u00df auf kolumbianischen Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck nach Bogot\u00e1. Obwohl es gerade mal 7 Uhr ist, ist es schon stockdunkel. Und obwohl Wolken zu sehen sind, ist der Himmel sternenklar.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die schlecht beleuchtete Autobahn geht es zur\u00fcck nach Bogot\u00e1. Vor der Einfahrt in das Stadtgebiet eine unendliche Autoschlange, an der wir aber vorbeifahren. Das sind Autos, die die \u201efalsche\u201c Nummer haben und darauf warten, dass es 8 Uhr wird. Ab dann sind sie wieder dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Was dann noch an Strecke \u00fcbrigbleibt, gibt einem einen Eindruck davon, wie gro\u00df Bogot\u00e1 ist. Am Ende bin ich von M\u00fcdigkeit \u00fcberw\u00e4ltigt und voller Respekt f\u00fcr unsere unerm\u00fcdliche Fahrerin. Und voller Dank f\u00fcr einen Tag, der das Pr\u00e4dikat erlebnisreich wirklich verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>19. September (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Kaffee mit Milch hei\u00dft <em>perico<\/em>, schwarzer Kaffee hei\u00dft, wie ich schon vom Fr\u00fchst\u00fcck am ersten Tag wei\u00df, <em>tinto<\/em>. Abbiegen ist <em>voltear<\/em>, nicht <em>girar<\/em>, ein Parkhaus ist ein <em>aparcadero<\/em>, wenn etwas Wind aufkommt, sagt man <em>ventea<\/em>. Statt <em>la computadora<\/em> ist <em>el computador<\/em>, und die Zahlen 1, 4 und 7 sehen anders aus: 1 hat einen Unterstrich, 4 ist so wie die auf dem PC, 7 hat einen Haken oben links.<br><br>Zum Abschluss gibt es noch einmal ein pr\u00e4chtiges Fr\u00fchst\u00fcck im Hotel: Papaya und Melonen, dazu Saft aus Guaven (<em>guayaba<\/em>), dann gef\u00fcllte Schinkenr\u00f6llchen, frittierte Yucca und <em>envueltos<\/em>, eine frittierte Masse aus gemahlenem Mais und Mehl und Eiern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Aufenthalts f\u00fcllt man im Hotel einen Fragebogen aus. Ich kann \u00fcberall immer<br>nur <em>excelente<\/em> ankreuzen. Erst als es zu sp\u00e4t ist, f\u00e4llt mir doch noch ein kritischer<br>Punkt ein: die uns\u00e4gliche, seichte Hintergrundmusik, darunter die immer wieder gespielte<br>Melodie eines Weihnachtsliedes.<br><br>Am hypermodernen Flughafen von Bogot\u00e1 geht alles, trotz vieler Kontrollen, schnell und glatt. Im Wartesaal gibt es eine ganze Reihe von Steckern, an denen man kostenlos sein Handy, MP3 oder Laptop aufladen kann.<br><br>Der Flug dauert nur eine halbe Stunde, kommt aber mit fast anderthalb Stunden Versp\u00e4tung in Medell\u00edn an. Die <em>rolos<\/em>, die Bewohner von Bogot\u00e1 und der umgebenden Condinamarca, haben mir schon eine Vorstellung von den <em>paisas<\/em> gegeben, den Bewohnern von Medell\u00edn und seines Departements, Antioquia. Die <em>paisas<\/em> sind flei\u00dfig und geschickt und k\u00f6nnen dir alles aufschwatzen, was sie wollen. Man sieht sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis. Zu sehen gibt es in Medell\u00edn, sagt man mir, nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht so viel wie in Bogot\u00e1. Da kommt der Stolz des kulturbeflissenen Hauptstadtbewohners zum Tragen.<br><br>Die Begr\u00fc\u00dfung am Flughafen f\u00e4llt herzlich aus. Sofort geht es mit dem Taxi in die Stadt, genauer gesagt hinunter in die Stadt, denn die liegt in einem Kessel, auf allen Seiten von Bergen umschlossen. Es ist warm und wird immer w\u00e4rmer, je weiter runter wir kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Stadt selbst in Sicht, viel gr\u00f6\u00dfer, als ich erwartet habe, mit drei Millionen<br>Einwohnern.<br><br>Ich kann auch hier das Spanische ganz gut verstehen, aber vielleicht mit etwas mehr Schwierigkeiten als in Bogot\u00e1. Auffallend ist von Anfang an die kuriose Intonation der <em>paisas<\/em>: ein gedehnter Vokal in der betonten Silbe, was das Ganze etwas \u00fcberemphatisch erscheinen lasst, wie aus einem Kinderbuch vorgelesen.<br><br>Das Hotel befindet sich in der touristisch so benannten <em>Zona rosa<\/em>, die Einwohner von Medell\u00edn sagen eher <em>El Poblado<\/em>. Das Hotel ist neu und modern, von ganz anderem Charakter als das von Bogot\u00e1.<br><br>Sofort geht es in der wunderbaren Fr\u00fchlingsluft \u2013 f\u00fcr uns eher&nbsp;Sommer, es d\u00fcrften so um<br>die 25\u00aa sein \u2013 in einem Spaziergang durch&nbsp;die Zone, durch sehr gepflegte Parks und \u00fcber<br>sehr gepflegte Platze,&nbsp;wo kein Schnipsel Papier auf dem Boden liegt. Nicht gerade die&nbsp;<br>klassische Vorstellung, die man von Kolumbien hat. In dieser Zone&nbsp;befinden sich Hotels,<br>Anwaltspraxen, Versicherungen. Am Rand \u00fcberall&nbsp;wei\u00df und blau bl\u00fchende Str\u00e4ucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort geht es auf einen Spaziergang durch <em>El Pobaldo<\/em>. Erst durch den <em>Parque Lineal<\/em>. Dort gibt es Beete mit Pflanzen, die ein merkw\u00fcrdiges Blau haben, wie Rotkohl. Dann kommt der <em>Parque Lleras<\/em>. Das ist der traditionelle Abendtreff dieses Viertels. Man sitzt drau\u00dfen auf den B\u00e4nken und Mauern. Hier explodierte die letzte Bombe in Medell\u00edn, vor mehr als zehn Jahren.<br><br>Gleich werde ich belehrt, dass Medell\u00edn eigentlich die Hauptstadt Kolumbiens sein m\u00fcsste. Es sei viel weiter entwickelt, <em>m\u00e1s avanzado<\/em>. Modernit\u00e4t z\u00e4hlt. Mit Stolz wird die neue Metro pr\u00e4sentiert, die einzige Kolumbiens, und die tats\u00e4chlich jeder europ\u00e4ischen Metropole<br>gut zu Gesicht stehen wurde. Es gibt allerdings streng genommen nur eine Linie mit ein paar Abzweigungen. Die Fahrt kostet etwa 50 Cent.<br><br>Von der Metro geht es direkt weiter auf die <em>Metro Cable<\/em>, der ganze Stolz Medell\u00edns. Sie ist gerade mal seit zwei Jahren in Betrieb und hat bunt bemalte rundliche Gondeln, in denen ungef\u00e4hr sechs Personen Platz haben. Wo zahlt man denn hier? Nirgendwo. Das ist im Metro-Ticket inbegriffen. Die Bahn f\u00e4hrt in \u201eDauerschleife\u201c, sie braucht oben und unten<br>nicht zu stoppen, da man bei langsamer Fahrt ein- und aussteigen kann, nicht viel anders als bei einer Rolltreppe.<br><br>Die Fahrt geht \u00fcber verschiedene Lagen den Berg hoch und zieht sich ziemlich lange hin. Endlich sehe ich auch das erste Fu\u00dfballstadion auf der Reise, eine hypermoderne Konstruktion, mit ineinander verwobenen, hellgrauen Stahlstangen. Das ist aber nur der erste Blick. Diese moderne Konstruktion ist nur der Vorbau oder der Neubau des eher<br>herk\u00f6mmlichen Stadions, das dahinter liegt. Der neue Bau ist f\u00fcr die panamerikanischen Spiele im n\u00e4chsten Jahr, so hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor der Ankunft oben kommen drei gro\u00dfe, unregelm\u00e4\u00dfige, schwarze Bl\u00f6cke in Sicht, mit feinen wei\u00dfen, l\u00e4nglich verlaufenden Schlitzen, wie Felsbrocken, die ein Riese<br>achtlos weggeworfen hat. Das ist die <em>Biblioteca Espa\u00f1a<\/em>. Was es genau auf sich hat mit ihr<br>ist nicht herauszufinden.<br><br>An den verschiedenen Abh\u00e4ngen des Berges sieht man dann Reihen und&nbsp;Reihen von <em>chabolas<\/em>, behelfsm\u00e4\u00dfig zusammengebauten H\u00fctten aus Holz&nbsp;und Wellblech. Dies ist das arme Medell\u00edn, an die Abh\u00e4nge des Berges&nbsp;und aus der Stadt verbannt. Ein gr\u00f6\u00dferer Kontrast als der mit der modernen&nbsp;Kabelbahn ist nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen sieht es wieder anders&nbsp;aus. Hier entstehen neue Siedlungen, man ist \u00fcberrascht, wo noch \u00fcberall etwas hinpasst. Es sind Hochh\u00e4user mit vielleicht acht Etagen, mit Wohnungen mit drei Schlafzimmern, einem kombinierten&nbsp;Wohn- und Essraum und zwei B\u00e4dern, alles das auf nicht einmal 50 m<sup>2<\/sup>. Man kommt&nbsp;in den Genuss der Wohnung durch eine <em>recompensaci\u00f3n<\/em> genannte&nbsp;Einrichtung, ein Begriff, den ich schon mehrmals geh\u00f6rt, aber nicht&nbsp;richtig verstanden habe. Es handelt sich um eine staatliche Einrichtung,&nbsp;die einem den Zuschlag und auch einen ordentlichen Zuschuss gew\u00e4hrt.&nbsp;Den Rest muss man selbst auftreiben und eine Teilzahlung leisten, um&nbsp;den Kredit zu bekommen<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ins Zentrum, das mit <em>El Poblado<\/em>, der Zone des Hotels, nichts zu tun hat. Und auch ein ganzes St\u00fcck entfernt liegt. Im Zentrum, das sieht man schon von einer Passage in der U-Bahn, ist der Teufel los. Mengen von Menschen und Autos dr\u00e4ngen sich durch die engen Stra\u00dfen und an den unz\u00e4hligen Verkaufsst\u00e4nden vorbei. Ein dritter Teil<br>Medell\u00edns, wieder ganz anders.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Verkaufsst\u00e4nden sich hoch auft\u00fcrmende Stapel mit Waren. Hier bieten Indios selbst gewebte Kleidung, Kappen, R\u00f6cke, Umh\u00e4nge an. Nur: Wer tr\u00e4gt denn hier so etwas, bei den Temperaturen? In der \u201eStadt des ewigen Fr\u00fchlings\u201c. Alles ist aus reiner Wolle, und man kann sich kaum vorstellen, dass es irgendwann mal nicht zu warm f\u00fcr solche Kleidung ist. Und auf der Stra\u00dfe sieht man auch niemanden mit dieser Kleidung. F\u00fcr meine Verwunderung finde ich kein Verst\u00e4ndnis.<br><br>Auf einem Platz steht ein bemerkenswerter, gro\u00dfer neo-romanischer Palast mit farblich abwechselnden Steinen, in grau und wei\u00df. Es ist jetzt ein Kulturzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den ganzen Platz herum stehen Skulpturen von Botero, dem bekanntesten Sohne Medell\u00edns, der jetzt allerdings in Miami lebt. Alle sind nach dem bekannten Muster gefertigt, auf den ersten Blick als Botero erkennbar: rundliche, dicke Figuren aus einem grau-schwarzem Material \u2013 Granit? \u2013 die Menschen und Tiere darstellen, Typen statt Individuen: Ein Hund mit herausgestreckter Zunge, ein Mann, der \u00fcber einen anderen, am Boden liegenden hinwegtritt, ohne ihn auch nur zu bemerken, Adam und Eva. Eine etwas abseits des Platzes stehende Figur \u2013 <em>La Gorda<\/em> \u2013 ist der bekannteste Treffpunkt Medell\u00edns.<br><br>Die Einkaufsstra\u00dfen sind verstopft, weil heute Samstag ist und au\u00dferdem <em>El D\u00eda del Amor y la Amistad<\/em>, das kolumbianische Gegenst\u00fcck zu unserem Valentinstag. In den Gesch\u00e4ften wird allerhand Kitsch zu dieser Gelegenheit angeboten und ein besonderer Einpackservice.<\/p>\n\n\n\n<p>In den anderen Gesch\u00e4ften gibt es viel Ramsch, und in Schaufenstern und an den W\u00e4nden wird jeder Quadratmeter ausgenutzt, um Ware auszustellen. Besonders f\u00e4llt mir ein<br>Schuhgesch\u00e4ft auf, das an allen drei W\u00e4nden s\u00e4uberlich in geraden Reihen auf Holzleisten Hunderte von Schuhen ausgestellt hat, in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden neben- und untereinander.<br><br>Dann gibt es Essen in einer besseren Imbissbude, das erste nicht sonderlich gut schmeckende Essen in Kolumbien, mit gro\u00dfen, geschmacklosen Pommes Frites und ein J\u00e4gerschnitzel, das nicht so hei\u00dft.<br><br>Als es im Zentrum Abend wird, habe ich das Gef\u00fchl, dass irgendetwas nicht stimmt, finde es aber zuerst nicht heraus. Dann f\u00e4llt der Groschen: Es ist dunkel und warm. Das passt irgendwie nicht. Wenn es bei uns so warm ist, ist es noch hell, und wenn es bei uns dunkel ist, ist es k\u00e4lter.<\/p>\n\n\n\n<p>20. September (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hotel in Medell\u00edn gibt es Fr\u00fchst\u00fcck in einem offenen Innenhof mit Pflanzen und<br>Springbrunnen. Auch hier gibt es etwas Neues zu entdecken: <em>granadina<\/em>, eine Frucht, die<br>nur aus Kernen und einer geleeartigen Masse zu bestehen scheint, aber erstaunlich gut<br>schmeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>paisas<\/em> stellen die Mehrheit der einflussreichen Leute in Politik und Wirtschaft.<br>Dazu z\u00e4hlt auch der gegenw\u00e4rtige Pr\u00e4sident Uribe \u2013 ein Name, auf den man hier st\u00e4ndig<br>st\u00f6\u00dft \u2013 ein h\u00f6chst umstrittener Rechtskonservativer, der mit harten Ma\u00dfnahmen den<br>Drogenhandel bek\u00e4mpft und dabei, zumindest was die Sicherheit in den St\u00e4dten angeht,<br>erstaunliche Erfolge gelandet hat.<br><br>Der Morgenspaziergang f\u00fchrt mich wieder nach El Poblado, dem Vorzeigeviertel Medell\u00edns, Ausgehmeile f\u00fcr Kolumbianer und Treffpunkt f\u00fcr Touristen. Hat aber trotzdem seinen Charme.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Popcorn- und Zuckerwatteverk\u00e4ufer, Palmen aller Art, Bambusstauden mit gr\u00fcnen und solche mit gelben St\u00e4mmen, Farne, so gro\u00df wie B\u00e4ume. Aus einer Kirche kommt der schleppende Gesang der Gemeinde, einem modernen Bau mit weit herabh\u00e4ngendem Ziegeldach. Die Kirche ist so voll, dass einige vor der T\u00fcr stehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem konventionellen Spielplatz mit bunten Wippen und Schaukeln vorbei. Der ist leer. Und dann an einem Abenteuerspielplatz mit H\u00fcpfburgen und Kletterger\u00fcsten. Der ist voll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schuhgesch\u00e4ft ist geschlossen, ein anderes ge\u00f6ffnet. Ge\u00f6ffnet ist auch <em>\u00c9xito<\/em>, eine Art Edeka im Baumarktformat. Hier gibt es mehr und bessere Waren als in dem in Bogot\u00e1. Auch Blumen gibt es hier. Und das Einpacken an der Kasse wird von jungen Angestellten besorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an einem deutschen Sonnenstudio vorbei \u2013 es gibt nichts, was es nicht gibt in Medell\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gesch\u00e4ft mit Reizw\u00e4sche \u00f6ffnet erst um 12 mittags, schlie\u00dft aber erst um 12 Uhr nachts. Ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Miederwaren hat ein Wortspiel im Namen: <em>F\u00e1jate<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Lokal bestelle ich das klassische Gericht der Gegend, in ganz Kolumbien bekannt: <em>Bandeja Paisa<\/em>. Bohnen, Speckschwarte, Chorizo, Blutwurst, Avocado, Kochbanane, Reis, Spiegelei \u2013 ein Fest der Sinne. Und sattmachend.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Anh\u00f6he in <em>El Poblado<\/em> ist vor ein paar Jahren ein Ungl\u00fcck passiert: H\u00e4user sind<br>eingest\u00fcrzt und den Hang hinuntergerutscht. Das Besondere daran: Sie wurden als <em>Casas<\/em> <em>inteligentes<\/em> gebaut und verkauft.<br><br>Die U-Bahn f\u00fchrt an einem Fluss entlang. Fluss? Ich wusste gar nicht, dass Medell\u00edn einen &nbsp;<br>Fluss hat. Wie hei\u00dft der denn? Medell\u00edn!<\/p>\n\n\n\n<p>21. September (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der steil abfallenden Stra\u00dfe vom Hotel gibt es eine ganze&nbsp;Reihe von Gesch\u00e4ften<br>mit sch\u00f6nen Rattanm\u00f6beln, kleiner als die in&nbsp;Deutschland angebotenen, gerade richtig f\u00fcr<br>meine Wohnung. K\u00f6nnte&nbsp;ich glatt mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sommersonne geht es zur Metro. Unterwegs komme ich an den Lokalen mit den Namen <em>Indio Comido<\/em>, <em>La Ruana Juana<\/em>, <em>Desayunadero La 10<\/em> und <em>Q`RRIKO POLLO<\/em> vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Metro h\u00f6ren sich die Durchsagen \u201espanisch\u201c an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf einem zentralen Platz zur Iglesia Veracruz. Hier kommt man sich wie in Mexiko vor, bei der wei\u00df get\u00fcnchten Kirche und dem durchbrochenen Glockenturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor dem Eintreten fallen mir die Messen auf: Samstags und sonntags gibt es 5, werktags 6 Messen!<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen herrscht Kitsch vor. Eine Jungfrau jagt die andere. Aber es gibt einen beeindruckenden Christus, nach der Kreuzabnahme, mit Blut an F\u00fc\u00dfen, H\u00e4nden und Knien und einem gebrochenen Arm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum <em>Museo de Antioquia<\/em>. Als ich im Museum etwas hilflos um mich sehe, fragt mich ein M\u00e4dchen von der Garderobe her: <em>\u00bfColaboro?<\/em> Ich z\u00f6gere einen Moment und wei\u00df nicht, ob ich und, wenn ja, was gemeint ist. Dann f\u00e4llt der Groschen: Kann ich Ihnen helfen? Alles in ein Wort gepackt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Museum gibt es alles von der Pr\u00e4historie bis zur Moderne. Dazu geh\u00f6rt ein wirres Bild voller gebrauchter Malerpinsel, alle durcheinander. Erst auf den zweiten Blick erkennt man alle m\u00f6glichen Teile von Musikinstrumenten, die sich halb versteckt hinter oder zwischen den Pinseln befinden. Das Werk stammt von Armand Fern\u00e1ndez und hei\u00dft <em>Expansi\u00f3n Sinf\u00f3nica<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he Frank Stellas <em>Doble Desmodulador Gris<\/em>, ein Beispiel nichtgegenst\u00e4ndlicher Kunst. Zwei Gem\u00e4lde Seite an Seite, beide bestehen nur aus Quadraten, die von au\u00dfen nach innen immer kleiner werden, mit unterschiedlichen Farben in beiden Bildern, einmal von Warm nach Kalt, einmal von Kalt nach Warm. Erstaunlicherweise scheinen sie dreidimensional zu sein, wobei eins wie eine Pyramide, das andere wie Grube aussieht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Lokalmatador, Fernando Botero, hier nicht mit einer Skulptur, sondern mit einem Gem\u00e4lde vertreten. Die Figuren sind aber genauso wie die seiner Skulpturen, gedrungen und, plump, aber farbig. Die beiden Figuren, beide etwas d\u00fcmmlich aussehend, sollen Ludwig den XVI. und Marie Antoinette darstellen. Der Anlass f\u00fcr das Gem\u00e4lde war der Wunsch von Boteros Mutter, nach Versailles zu reisen. Bevor sie die Reise antreten konnte, verstarb sie aber. Daher beschloss Botero, das K\u00f6nigspaar nach Medell\u00edn zu \u201eholen\u201c. In dem Gem\u00e4lde lugt die Mutter neugierig hinter der T\u00fcr hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine verst\u00f6rende Plastik stellt einen am Boden liegenden Christus dar, aus Wachs, mit Dornenkrone und Tunika. Er st\u00fctzt sich auf und hat den K\u00f6rper leicht erh\u00f6ht. \u00dcber ihm eine weitere Christusfigur, sich auch aufst\u00fctzend, etwas weiter erh\u00f6ht, die sich aber die Beine mit der ersten Christusfigur teilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz wunderbar in seiner Einfachheit ein Bild mit rotem Untergrund und dem Schriftzug <em>Colombia<\/em> in Wei\u00df. Nichts Besonderes, nur: Der Schriftzug ist der von Coca-Cola.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es ein Werk, das <em>Escopetarra<\/em> hei\u00dft, eine Kombination aus Gewehr und Gitarre, <em>escopeta<\/em> und <em>guitarra<\/em>. Der Griff und der Abdr\u00fccker sind von dem Gewehr, der Lauf ist der der Gitarre. Es ist als ob man mit dem Ausl\u00f6ser T\u00f6ne statt Sch\u00fcsse abfeuern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Leopoldo Carrasquilla stammt eins der \u00e4ltesten Frauenportraits Kolumbiens. Diese Frau gilt als Heldin und M\u00e4rtyrerin des kolumbianischen Unabh\u00e4ngigkeitskriegs. Sie schloss sich den Aufst\u00e4ndischen an, und wurde zur Anf\u00fchrerin einer Guerillatruppe. Die machte es sich zur Aufgabe, Schreiben der K\u00f6niglichen abzufangen. Die Frau wurde sp\u00e4ter verraten und exekutiert. Auf dem Portr\u00e4t sieht sie ganz harmlos aus, k\u00f6nnte auch das Portr\u00e4t einer Frau aus der gehobenen Mittelschicht sein. Nur ihr Blick ist ziemlich durchdringend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heiligenbilder, wie das der Heiligen Barbara (XIX), gelten der Bek\u00e4mpfung des Protestantismus. Die Bilder stammen von anonymen K\u00fcnstlern, sind Ausdruck des Glaubens und wollen durch Emotionen den Gl\u00e4ubigen die Heiligen nahebringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Bild, das den Arbeitstag des K\u00fcnstlers darstellt. Um eine Uhr herum gruppiert sich die Darstellung der immergleichen Szene. Am Morgen ist das Blatt noch leer, dann f\u00fcllt es sich allm\u00e4hlich. Dabei lasse ich es bewenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum <em>Parque San Antonio<\/em> sehe ich eine Verk\u00e4uferin mit einer Schubkarre, die hoch mit Bananen beladen ist, und einen Avocadoverk\u00e4ufer mit einem Einkaufswagen. Es geht an der B\u00e4ckerei <em>Al pan pan<\/em> vorbei, einem Namen mit einer Anspielung auf das Sprichwort <em>Al pan pan y al vino vino<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sieht man die <em>chivas<\/em>, die bunt bemalten alten Busse mit der gro\u00dfen Schnauze. Sie waren \u2013 und sind es in l\u00e4ndlichen Gebieten auch noch \u2013 kosteng\u00fcnstige Transportmittel, um Menschen, Tiere und Waren \u00fcber bergige Wege zu bef\u00f6rdern. Heute werden sie auch als Partybusse und f\u00fcr Stadtrundfahrten genutzt. Sie haben hinten eine Leiter, \u00fcber die man zu dem Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger kommt. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Parque San Antonio<\/em> steht die Figur <em>El P\u00e1jaro<\/em> von Botero. Sie wurde in einem verheerenden Attentat zerst\u00f6rt, gerade als hier ein Volksfest stattfand. Es gab Tote und Verletzte. Und allgemeines Entsetzen \u00fcber die barbarische Tat. Botero entschied, die zerst\u00f6rte Statue als Denkmal menschlicher Dummheit stehenzulassen und eine zweite, identische, aber intakte Statue daneben aufzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an der <em>Iglesia San Jos\u00e9<\/em> vorbei. Dort steht auf einem Plakat: Sie brauchen ihr Handy nicht, um mit Gott zu sprechen. Schalten Sie es aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an der <em>Iglesia La Candelaria<\/em> vorbei. Drau\u00dfen Dutzende von Bettlern und Obdachlosen, die es sich an der Kirchenmauer \u201ebequem\u201c gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich nicht wei\u00df, wie sp\u00e4t es ist, komme ich auf die Idee, auf die Quittung vom Supermarkt zu gucken. Da steht die Uhrzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo komme ich mit einem Mann ins Gespr\u00e4ch, der in Europa gewesen ist. Er hat neun L\u00e4nder bereist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Losverk\u00e4uferin spricht <em>1500 <\/em>irgendwie merkw\u00fcrdig aus. Das muss der <em>Acento Paisa<\/em> sein.<\/p>\n\n\n\n<p>22. September (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute lasse ich mich von Taxis durch die Gegend fahren. Die Wege sind zu weit. Als erstes<br>geht es in das <em>Museo el Castillo<\/em>, dem gotisierten Herrenhaus eines reichen<br>Landbesitzers, das trotz seines Aussehens vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammt. Man<br>wird in einer nicht sehr stimulierenden Tour durch das Haus gef\u00fchrt. In allen R\u00e4umen:<br>Gem\u00e4lde, Gobelins, L\u00fcster, Porzellan, Figuren, Kerzen, Vitrinen zu Hauf. Alles sehr<br>europ\u00e4isch, und wohl auch meistens aus Europa eingef\u00fchrt. Aus der Kolonialzeit stammen<br>nur ein paar Lederst\u00fchle und Degen aus der Zeit der Eroberung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlafraum des Hausherrn ist diskret von dem der Herrin des Hauses getrennt, aber durch eine T\u00fcr verbunden, die sich aber versch\u00e4mt hinter einem Vorhang verbirgt. In einer Vitrine eine bemerkenswerte Sammlung von Sch\u00fchchen aus Porzellan, von Ballettschuhen \u00fcber Bauernstiefel und Holzschuhen bis zu St\u00f6ckelschuhen. In einer anderen Vitrine die Kopie des angeblich kleinsten Buchs der Welt, gerade mal einen Fingernagel gro\u00df. Es enth\u00e4lt das Vaterunser in sieben Sprachen. Das Original befindet sich \u2013 in &nbsp;Mainz, im Gutenbergmuseum!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben gibt es einen Holzboden mit einer technischen Besonderheit, die ich aber trotz Nachfrage nicht ganz verstehe. Die Technik hei\u00dft <em>machinbr\u00e1<\/em> und erlaubt es, die \u201em\u00e4nnlichen\u201c und \u201eweiblichen\u201c, spitz zulaufenden Streben ohne weitere Hilfsmittel zu verlegen.<br><br>Im Garten sind Arbeiter besch\u00e4ftigt, die alle, wie hier \u00fcberall, freundlich gr\u00fc\u00dfen, wenn<br>man vorbeigeht. Mit Schubkarren und Baggern werden Erdmassen bewegt. Vermutlich werden Terrassen angelegt. Der Garten, obwohl \u201eeurop\u00e4isch\u201c angelegt, ist voller \u201eexotischer\u201c<br>B\u00e4ume und Pflanzen.<br><br>Dann gehe ich die lange Zufahrt zum dem Herrensitz Richtung Stadt hinunter und erwische<br>irgendwo ein Taxi. Der schwergewichtige Fahrer, der erste richtig dicke Kolumbianer,<br>den ich sehe, ist Anh\u00e4nger von <em>Atl\u00e9tico Nacional<\/em>, einem von drei Clubs von Medell\u00edn. Es<br>l\u00e4uft in dieser Saison so mittelpr\u00e4chtig. Sie liegen im oberen Mittelfeld der Tabelle, der<br>gro\u00dfe Lokalrivale ist Tabellenerster. Die Konkurrenz kommt haupts\u00e4chlich aus Cali. Im Lokaljargon wird der Verein <em>El Nacho<\/em> genannt, so wie die Nationale Universit\u00e4t <em>La Nacho<\/em> ist.<br><br>Er erkl\u00e4rt mir auch, was es mit den Banderolen auf sich hat, die an Stra\u00dfenkreuzungen,<br>sobald die Ampel rot wird, ausgerollt werden: Es ist Wahlpropaganda f\u00fcr die<br>bevorstehenden Vorwahlen zum Pr\u00e4sidentenamt. Es werden die Kandidaten der einzelnen<br>Parteien gew\u00e4hlt. Wenn ich das richtig verstanden habe, k\u00f6nnen sich alle daran beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ausgesprochen freundlich und benutzt etwas altmodisch klingende H\u00f6flichkeitsformeln wie <em>A su mando<\/em>, sehr charakteristisch f\u00fcr das Spanisch Kolumbiens.<br><br>Als wir am Ziel, dem <em>Cementerio de San Pedro<\/em> ankommen, kann er meine 50.000 Pesos nicht wechseln. Was tun? Er ist sehr h\u00f6flich und entschuldigt sich sofort, dass er mich nicht darauf hingewiesen hat \u2013 statt mir die Schuld zu geben. Ich sage, ich h\u00e4tte ehrlich<br>geglaubt, er w\u00fcrde wechseln k\u00f6nnen, worauf er mir erz\u00e4hlt, das sei ein richtig gro\u00dfer<br>Betrag. Die Gesamteinnahmen des Tages liegen gerade mal bei 40.000. Ich frage, ob man<br>hier nicht irgendwo wechseln k\u00f6nne, aber das geht nicht. Am Ende will er sich mit dem<br>Kleingeld das ich habe, 6.000 Pesos, zufriedengeben, obwohl ich 11.000 bezahlen muss. Das ist mir aber nicht recht und ich biete ihm Dollars an. Ich gebe ihm 5 Dollars, woraufhin<br>er mir das kolumbianische Kleingeld wieder zur\u00fcckgeben will. Ich wollte aber die Dollars<br>zus\u00e4tzlich zu den Pesos dazu geben, was ihm wiederum nicht recht ist. Am Ende einigen wir uns irgendwo in der Mitte. Ich steige aus, beeindruckt von der Ehrlichkeit und Korrektheit, auf die man hier \u00fcberall trifft.<br><br>Der Friedhof ist im spanischen Stil gehalten. Es wird nicht in der Erde bestattet,<br>sondern in W\u00e4nden, sogenannten Galerien, in die der Sarg l\u00e4ngs hineingeschoben wird. Das<br>Grab wird mit einer Steinplatte abgeschlossen. Einige sind ganz schlicht gehalten, mit dem<br>Namen und dem Todesdatum (in der Regel ohne das Geburtsdatum) des Toten. In einem Fall steht lediglich <em>R. 13\/91<\/em> auf der Platte. Wof\u00fcr wohl die 13 steht? Die Namen sind oft in<br>Kursivschrift angebracht und oft auch in der Handschrift des Toten, der sozusagen sein<br>eigenes Grab signiert.<br><br>Auch hier ist <em>Uribe<\/em> der h\u00e4ufigste Name, gefolgt von <em>Escobar<\/em>. Ein <em>Carlos Uribe Escobar<\/em><br>vereint beide Namen. Zwischen all denen ein <em>Hugo Knobloch<\/em> und ein <em>Walther Gerstenkorn<\/em>.<br><br>Andere Grabplatten haben Briefe, Banderolen, Gedichte, Heiligenbildchen, welke und<br>frische und k\u00fcnstliche Blumen, Photos, Tierchen, Nippesfiguren, Schleifen, sogar<br>Aufkleber von Fu\u00dfballvereinen. Auch vor dem Friedhof macht die Rivalit\u00e4t nicht Halt: Der<br>Name des Clubs ist an einem Grab ausgeritzt worden.<br><br>Trotz des \u00fcberw\u00e4ltigenden Kitsches ist man unwillk\u00fcrlich ger\u00fchrt, wenn man die naiven<br>Mitteilungen liest. Aus der Ferne beobachte ich eine Mutter mit Sohn. Sie l\u00e4sst ihre Hand<br>mehrmals \u00fcber die Grabplatte gleiten, er steigt auf einen Hocker und klopft dreimal an<br>die Grabplatte. Das kann einen nicht kalt lassen.<br><br>In dem \u201ebesseren\u201c Teil des Friedhofs befinden sich die Mausoleen der Reichen, einige mit<br>sch\u00f6nen Grabfiguren. Die Zypressen, die Stille, die V\u00f6gel erzeugen trotz des Ortes ein<br>Gef\u00fchl von innerer Ruhe.<br><br>Ich gehe vom Friedhof aus Richtung Botanischer Garten. Der liegt gleich in der N\u00e4he.<br>Statt mir B\u00e4ume anzusehen, steuere ich sofort die Cafeteria an. Hier bekomme ich ein<br><em>bu\u00f1uleo<\/em>, ein wie ein gro\u00dfer Berliner aussehendes, fluffiges Geb\u00e4ck, das warm serviert<br>wird. Lecker, obwohl ich den Geschmack des K\u00e4ses, der eigentlich drin sein soll, nicht<br>merke.<br><br>Der Botanische Garten hat einen Orchideenhain, eine \u201emedizinische\u201c Sektion und einen<br>wunderbaren Urwald im Miniaturformat. Und einen Teich, an dem ein M\u00e4dchen, wie eine<br>Prinzessin in einem langen, rosafarbenen Kleid, f\u00fcr Photos posiert, f\u00fcr <em>Los Quince<\/em>, den<br>15. Geburtstag, der in ganz S\u00fcdamerika ein ganz besonderer Tag f\u00fcr M\u00e4dchen und dessen Feier wie ein Initiationsritus ins Erwachsenenalter ist.<br><br>Dann wende ich aber doch noch den B\u00e4umen zu. Es gibt Gew\u00e4chse mit exotischen Namen wie <em>badea<\/em>, <em>iraca<\/em> und <em>manito de Dios<\/em>, von denen ich einige auf den Fahrten gesehen habe. Auch hier kann man sie kaum identifizieren, da wenige in Bl\u00fcte stehen. Die <em>badea<\/em> ist ein Baum mit sich \u00fcber den Boden ausbreitenden Wurzeln, die sich bis zu 20 Meter von dem Stamm entfernen k\u00f6nnen. In diesem Fall hat sie sich um das Schild gewickelt, auf dem sie<br>beschrieben wird! Eine apfelartige Frucht, auf die ich sto\u00dfe, hei\u00dft <em>totumo<\/em>. So hei\u00dft auch ein Vulkan hier in der N\u00e4he, der eine Touristenattraktion ist. Die <em>iraca<\/em> ist ein Baum, aus dessen Bl\u00e4ttern ein Hut gemacht wird, der hier den sch\u00f6nen Namen <em>jipijapa<\/em> hat \u2013 der Panamahut.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mir gerade die Batterien der Kamera ausgehen, findet sich nat\u00fcrlich noch ein sch\u00f6nes<br>Motiv: eine runde, gr\u00fcne Frucht, wie ein riesiger Apfel, die nicht etwa am Zweig, sondern<br>gleich am Stamm w\u00e4chst \u2013 so als wenn jemand einen Ball in den Baum geschossen h\u00e4tte.<br><br>Am Abend geht es in die Video Bar. Dort werden Schnulzen aus den 60er Jahren gespielt,<br>mit Videoeinspielungen an zwei gro\u00dfen Leinw\u00e4nden. Jetzt, mitten in der Woche, ist es<br>nicht sehr voll, aber am Wochenende muss es hier brechend voll sein. Erstaunlicherweise<br>sind fast ausschlie\u00dflich junge Leute hier, Menschen, die man eher bei Punk oder Hip Hop<br>vermutet, und wenn schon beim Schlager, dann nicht bei so altem Zeug. Alle singen<br>begeistert mit. Ich kenne kein einziges Lied, kenne aber zwei der Interpreten: die<br>Pantoja und Miguel Bose. Die Kleidung wirkt im Nachhinein wie eine Ermahnung, nicht jeden Modetrend mitzumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>23. September (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es weiter nach Cartagena. Erst jetzt, beim Wegfahren, merke ich, wie sch\u00f6n Medell\u00edn liegt, mit den gr\u00fcnen Bergen auf allen Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Fahrer h\u00f6re ich, dass ich die beste Stadt Kolumbiens besucht h\u00e4tte, Medell\u00edn. Dass er aus Medell\u00edn stammt und hier lebt, spielt vermutlich keine Rolle. Dies sei das Paradies, hier gebe es kalte und warme Brisen, in Cartagena nur warme. Ich solle mich schon mal auf 40\u00b0 einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht mich auf Fu\u00dfball an und will wissen, f\u00fcr welchen Verein ich bin. Er tippt, als er Deutschland h\u00f6rt, auf Manchester City. Knapp daneben.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Familie sind alle Anh\u00e4nger von <em>Nacional<\/em> (Gr\u00fcn-Wei\u00df), Cousins eingeschlossen. Bis auf einen, einen Onkel, der ist f\u00fcr <em>Independiente<\/em> (Blau-Rot). <em>Nacional<\/em> hat zweimal den Amerika-Pokal gewonnen. Der Verein mit dem merkw\u00fcrdigen Namen <em>Millonarios<\/em> ist aus Bogot\u00e1. Er wurde vor ein paar Jahren von einem Bruderpaar aufgekauft. Million\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen bekomme ich an einem Stand, an dem es <em>Croasans<\/em> gibt, eine warme Kugel aus Fleisch und Kartoffeln. Lecker, und wie eine vollst\u00e4ndige Mahlzeit. Die nette Verk\u00e4uferin l\u00e4sst mich ein Photo machen, will aber selbst nicht auf das Bild: \u201eNo me gustan las fotos\u201c. Die erste Kolumbianerin, die nicht gerne posiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel in Cartagena, das <em>Tres Banderas<\/em>, ist gegen\u00fcber den anderen nichts als eine bessere Jugendherberge. Der Putz bl\u00e4ttert von den W\u00e4nden, ein schmutziger L\u00e4ufer f\u00fchrt eine Eisentreppe hinauf, es gibt kein Telefon, die Klimaanlage l\u00e4sst sich nicht ausschalten, das Zimmer schlie\u00dft man mit einem altert\u00fcmlichen, riesigen Eisenschl\u00fcssel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser wird nicht richtig warm, das Waschbecken ist im Zimmer, und das Fr\u00fchst\u00fcck ist mager. Es gibt haupts\u00e4chlich Marmelade, und die ist nirgendwo gut hier. Auch die S\u00e4fte sind nicht so gut, w\u00e4ssrig. Und ich probiere auch den ersten Saft, der mir nicht schmeckt: <em>Maracuya<\/em>. Ist mir zu bitter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel hat aber einen sch\u00f6nen Innenhof, und das niedrige Geb\u00e4ude im Kolonialstil hat seinen Reiz. An der Rezeption drei blutjunge Angestellte, zwei M\u00e4dchen und ein Junge, die einen mit einer warmherzigen Freundlichkeit bedienen. Und mir erlauben, ein Photo von ihnen zu machen.<br><br>Wie immer bei St\u00e4dten, die so gelobt werden, ist der erste Eindruck entt\u00e4uschend. Es gibt<br>\u00fcberall Gewimmel und Gewusel, man verliert sich in dem symmetrischen Stra\u00dfensystem, man wird als Bleichgesicht nicht in Ruhe gelassen, und es gibt neben den sch\u00f6nen alten<br>Stra\u00dfenz\u00fcgen h\u00e4ssliche Hochh\u00e4user und vielbefahrene Stra\u00dfen. Au\u00dferdem sind die Preise<br>h\u00f6her. F\u00fcr eine Flasche Wasser zahlt man hier doppelt so viel wie in Medell\u00edn.<br><br>Ich komme durch eine Gasse mit Blumenst\u00e4nden, einer nach dem anderen. Die Blumen sind so reich und bunt und vielf\u00e4ltig, dass ich erst glaube, sie w\u00e4ren k\u00fcnstlich. Sind sie aber nicht.<br><br>Am Abend zeigt sich die Stadt von ihrer besseren Seite. Die erleuchteten Geb\u00e4ude und<br>Pl\u00e4tze schaffen in der warmen Luft eine Bilderbuchatmosph\u00e4re. Auf den Pl\u00e4tzen tanzen<br><em>morenos<\/em> schnelle Rhythmen zu Trommelbegleitung, einmal mit langen Kleidern, einmal mit glitzernden, eng anliegenden Kost\u00fcmen. Die nackten Beine stampfen abwechselnd mit gro\u00dfer Geschwindigkeit auf dem Boden auf, die M\u00e4dchen bewegen dazu ihre H\u00fcften, wie aufgedreht, nach hinten und nach vorne, und die Jungen machen Akrobatik auf dem Boden, schlangenartige Figuren, die den K\u00f6rper so verformen, dass man gar nicht hinsehen mag.<br><br>\u00dcberall Touristen, meist Paare, mit Photoapparaten. Einige in voller Touristenmontur.<br>Ich habe noch eine lange Hose an, aber das wird sich morgen \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>24. September (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst Cartagena, die kleinste meiner St\u00e4dte, hat 1,7 Millionen Einwohner!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es als erstes in den Inquisitionspalast. Die Ausstellung ist wie ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Der Inquisitionspalast ist eines der pr\u00e4chtigsten Geb\u00e4ude Cartagenas, und wurde<br>\u00fcberkuppelt, um ihm einen sakralen Charakter zu verleihen. Sowohl die Pracht des Baus als auch die Kuppel sprechen B\u00e4nde.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Mann, der seine Dienste als F\u00fchrer anbietet, weist gleich zu Anfang darauf hin,<br>dass hier die Inquisition \u201enur\u201c ca. 250 Jahre am Werk gewesen sei. Wenn man etwas<br>Schlimmes eingestehen muss, mildert man es ab, indem man es mit etwas noch<br>Schlimmerem vergleicht.<\/li>\n\n\n\n<li>Als die Inquisition abgeschafft wurde, wurden praktisch alle Folterinstrumente<br>verbrannt. Das passt aber den modernen Touristen nicht. Die beschwerten sich, sie wollten Folterinstrumente sehen, ohne sich klar zu machen, dass sie sich so zu Mitl\u00e4ufern der Inquisition machen, und so wurden Kopien angefertigt.<\/li>\n\n\n\n<li>Neben den Folterinstrumenten steht in dem ersten Raum ein breiter Schreibtisch. Hier wurde alles, was getan und gesagt wurde, akribisch festgehalten. Parallelen zu anderen \u00dcberwachungssystemen, gerade in Deutschland, sind nicht zu \u00fcbersehen.<\/li>\n\n\n\n<li>An der Fassade befindet sich zwischen zwei gro\u00dfen Fenstern mit Holzgittern ein<br>drittes, niedriger angebrachtes. Durch dieses Fenster konnten B\u00fcrger ihre \u201eBeobachtungen\u201c schriftlich an die Autorit\u00e4ten weiterleiten, ein gut organisiertes Spitzelsystem.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Formen und die Vielfalt der Folterinstrumente belegen, dass menschliche<br>Vorstellungskraft auch im Grausamen ihren Spielplatz sucht. Es gibt Gei\u00dfeln, W\u00fcrgeeisen, einen Eisenring mit Stacheln, welche lebensfrohen Frauen in die Brust gebohrt wurden, und einen Eisenring, der um den Hals befestigt wurde und eine nach oben zeigende Spitze hatte, die sich in die Kehle bohrte, sobald man den Kopf senken lie\u00df. Man musste also Haltung bewahren.<\/li>\n\n\n\n<li>Indios wurde nicht vor die Inquisition gef\u00fchrt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Zur Anklage gebracht wurde unter anderem die Hexerei. Auf einem Tisch sind Accessoires<br>der Hexenkunst ausgestellt: Kr\u00f6ten und V\u00f6gel, Kr\u00e4uter, ein Totenkopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es zur Kathedrale. Das ist eine lichte, dreischiffige Kirche mit hohen halbrunden B\u00f6gen und S\u00e4ulen zwischen den Schiffen. Licht kommt von ganz oben aus den Dachfenstern. Die m\u00e4chtigen W\u00e4nde sch\u00fctzen vor Hitze. Die Decke ist im Mud\u00e9jar-Stil, von der Decke h\u00e4ngen gro\u00dfe spinnenartige Eisenleuchter, die W\u00e4nde sind wei\u00df gehalten, im Chor beige.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei seinem Angriff schoss Drake in die noch im Bau befindliche Kirche ein. Drei S\u00e4ulen brachen zusammen, das Dach st\u00fcrzte ein. Die Kirche wurde sp\u00e4ter neu aufgebaut und im 19. Jahrhundert nochmals ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche scheint gro\u00df f\u00fcr die Zeit, aber Cartagena wuchs schnell, hatte eine kosmopolitische Bev\u00f6lkerung, Eingeborene, Kreolen, Spanier, Holl\u00e4nder, Mail\u00e4nder, Neapolitaner, Portugiesen \u2013 alle Untertanen des spanischen K\u00f6nigs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hochaltar ist in Gold gefasst, mit symboltr\u00e4chtigen Figuren: Sebastian, der Patron von Cartagena, Luis de Beltr\u00e1n, der Patron von Nueva Granada, Katharina, die Patronin der Kathedrale, Toribio, der Patron von Lima, der Hauptstadt des K\u00f6nigsreichs, zu dem Cartagena geh\u00f6rte, Santa Rosa de Lima, der Patronin der Neuen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schwert, das Katharina tr\u00e4gt, soll das Schwert von Blas de Lezo gewesen sein. Er soll die Stadt mit 2.500 schlecht ausgebildeten Soldaten gegen die englische Armee von 25.000 verteidigt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur Festung, zum <em>Castillo de San Felipe de Barajas<\/em>, der gr\u00f6\u00dften Festung, die jemals von den Spaniern in der Neuen Welt errichtet wurde. Sie wurde auch nie eingenommen, obwohl es an Versuchen nicht mangelte. In der Festung konnten 20.000 Personen Zuflucht finden. Davon wurde etwa bei einem Ausbruch von Gelbfieber im 18. Jahrhundert Gebrauch gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Festung aus hat man einen guten Blick auf die Stadt und aufs Meer. Unter der Festung verl\u00e4uft ein komplexes Tunnelsystem, das die Verteilung von Vorr\u00e4ten und schnelle Evakuierung erm\u00f6glichte. Das akustische System ist so gut, dass man an jeder Stelle auch den geringsten Laut von \u00fcberall her vernehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung sieht man eine Karte, auf der deutlich wird, dass man sich hier in der Karibik befindet und dass Kuba und Haiti nicht weit sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Modell der Stadt hat man beinahe den Eindruck, dass Cartagena eine Insel ist. Scheint von allen Seiten vom Wasser umgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist eine schwarze Glocke aus Palenque, die von dort hierhergebracht wurde. Daneben zwei Schwerter, zum Vergleich: ein kurzes spanisches, ein langes englisches. Das spanische hat einen sch\u00f6n verzierten Knauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gibt es Dokumente, Handschriften, Karten, Erlasse des Vizek\u00f6nigs und des Stadtrats, Skizzen zur Besiedlung. Der karibische Name der Gegend war <em>Calamar\u00ed<\/em>, und das bezeichnete ein Gehege mit einer steinernen Umfassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegr\u00fcndet wurde die Stadt von Pedro de Heredia. Er benannte sich nach seiner spanischen Heimatstadt. Zur Vermeidung von Verwechslungen mit anderen St\u00e4dten gleichen Namens wurde dann daraus <em>Cartagena de Indias<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Heredia wurde sp\u00e4ter wegen Korruption, Nepotismus, Veruntreuung und Missbrauchs der einheimischen Bev\u00f6lkerung vor Gericht gestellt und verurteilt. Er wollte nach Spanien zur\u00fcckkehren, um gegen das Urteil Widerspruch einzulegen, aber erlitt Schiffbruch. Er versuchte, an die K\u00fcste zu schwimmen, aber schaffte es nicht. Seine Leiche wurde nie gefunden. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt erlebte 1697 den gr\u00f6\u00dften Piratenangriff der Geschichte in der Karibik, zur Zeit Ludwigs XIV., durch eine kombinierte Aktion der regul\u00e4ren franz\u00f6sischen Flotte unter dem Marineoffizier de Pointis und einer Flotte von Freibeutern. Die einen attackierten Cartagena auf dem Landweg, die anderen auf dem Seeweg. Die Festung wurde bei der Gelegenheit wohl doch eingenommen. Die Spanier hatten sich allzu sehr auf die Befestigungsanlagen verlassen, und ihre Kanonen waren durch Oxydation rostig geworden, weil sie so lange nicht zum Einsatz gekommen waren. De Pointis erbeutete unglaubliche Reicht\u00fcmer, Silber, Edelsteine, sakrale Ger\u00e4te. Die landeten alle in Versailles. Was noch schlimmer war: Die Freibeuter \u2013 die, im Gegensatz zu gew\u00f6hnlichen Piraten, im Auftrag und quasi \u201egesetzlich\u201c handelten \u2013 f\u00fchlten sich bei der Verteilung der Beute ungerecht behandelt und attackierten die Stadt erneut. Sie sperrten Frauen und Kinder in der Kathedrale ein und brandschatzten und verw\u00fcsteten alles, was ihnen in die Finger kam. Am Ende brach eine Epidemie aus, bei der Tausende von Soldaten ums Leben kamen. Von all dem hatte ich noch nie was geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr des Museums hat man <em>estoperoles<\/em> angebracht. Das sind kurze N\u00e4gel mit gro\u00dfen, runden K\u00f6pfen, wie sie im Schiffsbau Verwendung finden.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Schie\u00dfscharten ist eine Kanone mit dem Emblem des englischen Marineoffiziers Edward Vernon ausgestellt. Er verlor die entscheidende Schlacht gegen Blas de Lezo, was die Vorherrschaft Spaniens in der Karibik zementierte. Er war allerdings von seinem Sieg so \u00fcberzeugt, dass er bereits vor der Schlacht M\u00fcnzen pr\u00e4gen lie\u00df, auf denen Blas de Lezo vor ihm niederkniet und um Gnade bittet.<\/p>\n\n\n\n<p>In den G\u00e4rten der Festung komme ich an der Statue von Blas de Lezo vorbei. Er ist als <em>General cojo, tuerto y manco<\/em> in die Geschichte eingegangen. Er verlor im Spanischen Erbfolgekrieg sein linkes Bein, im selben Krieg drang ein Bombensplitter in sein rechtes Auge ein, dessen Sehkraft f\u00fcr immer verloren ging, und schlie\u00dflich bekam er im Krieg in Katalonien einen Schuss aus einer Muskete in den rechten Arm, den er seitdem nicht mehr bewegen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls hier befindet sich eine Ikone Cartagenas, die Skulptur der <em>Zapatos viejos<\/em>, alte Schuhe, einer liegend, einer stehend, vergoldet. Die Skulptur ist eine Anspielung auf einen Dichter Cartagenas, der am Ende eines Gedichts Cartagena mit alten Schuhen vergleicht, die man liebgewonnen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>25. September (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Taxifahrer Cartagenas scheint anzunehmen, dass ein Fremder&nbsp;st\u00e4ndig auf der Suche<br>nach einem Taxi ist. Jedes Mal wird beim&nbsp;Vorbeifahren gehupt, so als wenn man keine<br>Augen im Kopf h\u00e4tte und&nbsp;keins der unz\u00e4hligen kleinen gelben Bomber sieht.<br><br>Die Kolonialh\u00e4user sind alle unterschiedlich und doch alle gleich.&nbsp; Das macht wohl ihren<br>Reiz aus. Die meisten sind zweist\u00f6ckig, auf den&nbsp;gro\u00dfen Pl\u00e4tzen stehen daneben auch<br>schon mal dreist\u00f6ckige. Auf einem&nbsp;der beiden dreieckigen Pl\u00e4tze im Zentrum, der <em>Plaza<br>de la Aduana<\/em>, mit der Kolumbusstatue im Zentrum, steht mitten zwischen ihnen&nbsp;ein<br>sechsst\u00f6ckiges, nichtssagendes modernes B\u00fcrohaus, das in seiner&nbsp;vertikalen Ausrichtung<br>die Harmonie sprengt. Der angrenzende dreieckige Platz ist die <em>Plaza de los Coches<\/em>, mit<br>der Statue von Heredia im Zentrum und dem Uhrenturm an der L\u00e4ngsseite. Der Platz verdient auch heute seinen Namen noch, denn hier sammeln sich die Pferdekutschen, die die Touristen abends durch die erleuchteten Stra\u00dfen fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Spaziergang durch die Stadt beginnt am Inquisitionsplatz. Gleich gegen\u00fcber liegt die <em>Plaza Mayor<\/em>, die ihrem Namen keine Ehre macht. Sie ist klein und eher ein Park als ein Platz, sehr sch\u00f6n, mit den typischen Versatzst\u00fccken: Springbrunnen, Pflanzen, B\u00e4nke. Statue. Hier wurde die Unabh\u00e4ngigkeit proklamiert.<br><br>Es geht \u00fcber verschiedene kleine Stra\u00dfen, mit Gesch\u00e4ften im Erdgeschoss und Wohnungen oben. An mehreren W\u00e4nden sind Gedichte des Lokalhelden der Dichtung, eines gewissen<br>Luis Carlos L\u00f3pez, angebracht. Das ist der mit den Schuhen. Die dazugeh\u00f6rige Skulptur gibt es auch auf Postkarten.<br><br>Dann geht es unter dem Uhrenturm her aus der Innenstadt hinaus. Da treffe ich, &nbsp;<br>bezeichnenderweise au\u00dferhalb des Zentrums, auf das erste Theater Cartagenas. Rechts davon ein moderner Bau, ein Kongresszentrum, das die alte Markthalle ersetzt. Die ist in die Luft geflogen. Das kam so: In der Markthalle wurde unter anderem Pulver aufbewahrt, und zwar in gro\u00dfen Mengen, n\u00e4mlich f\u00fcr den Karneval, an dem m\u00e4chtig geknallt wird. Durch einen Kurzschluss ging alles in die Luft. In dem Zusammenhang versuche ich, rauszufinden, wann denn hier Karneval ist. Die Antwort: 11. November!<br><br>Gegen\u00fcber steht eine Bronzestatue von Cervantes, sitzend beim Schreiben dargestellt, ein<br>Bein \u00fcber das andere geschlagen. Als die Statue errichtet wurde, fehlte nach wenigen<br>Tagen schon die Feder. Der Dieb wurde gefasst und die Feder ersetzt. Cervantes hat sogar<br>zwei Federn, eine in der Hand und eine im Tintenfass. Ob das der tats\u00e4chlichen<br>Schreibroutine entsprach, wei\u00df ich nicht. Jedenfalls ist Cervantes ganz dargestellt, noch<br>mit dem Arm, den er in der Schlacht von Lepanto verlor.<br><br>Ich gehe durch eine L\u00fccke in der Stadtmauer und dann ein St\u00fcck au\u00dfen entlang. Unter dem Druck der Bev\u00f6lkerung, die sich \u00fcber die Enge und die stickige Luft beschwerte, wurde dieser Teil irgendwann abgebrochen, aber der Rest ist erhalten. Die Mauer l\u00e4uft kilometerlang um die Stadt herum, nicht unbedingt sch\u00f6n, aber beeindruckend. Die Mauer war kein Resultat systematischer Planung, sondern wurde St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck gebaut. Und als sie beendet war, kam kurz danach schon die Unabh\u00e4ngigkeit.<br><br>Wieder im Zentrum, komme ich an der Kirche <em>Santo Domingo<\/em> vorbei. Die hat einen krummen Turm, von der die Legende, wie bei allen krummen T\u00fcrmen, sagt, er sei das Werk des Teufels. An der Seitenwand ist die glatte Wand aufgel\u00f6st und durch m\u00e4chtige Streben<br>verst\u00e4rkt. Das wurde n\u00f6tig, als man kurz nach der Vollendung des Baus merkte, dass er<br>einzust\u00fcrzen drohte.<br><br>An einer Stra\u00dfenecke treffen ein Kolonialbau und ein Haus des sogenannten Republikstils<br>aufeinander. Man sieht deutlich den Unterschied. Der Republikstil ist aufwendiger in<br>Materialien und gleichzeitig einfacher, strenger, mit einer fast glatten, wei\u00dfen Fassade,<br>ohne die typischen, weit \u00fcberh\u00e4ngenden Balkone der Kolonialbauten.<br><br>An einem Platz steht ein gro\u00dfer, r\u00f6tlich verputzter Bau. Es war zuerst das Kloster <em>Santa<br>Teresa<\/em>, dann Hauptquartier der Polizei, dann Hotel. Irgendwie haben die ja auch alle was<br>miteinander gemeinsam.<br><br>Dann geht es an der Kirche <em>San Pedro <a>de Claver<\/a><\/em> vorbei. Davor steht die eindrucksvolle<br>Statue des Heiligen mit einem Negersklaven. San Pedro de Claver setzte sich f\u00fcr die Sklaven ein und erhielt den Beinamen <em>Sklave der Sklaven<\/em>. Er war der erste Mensch, der in der Neuen Welt heiliggesprochen wurde. Der Gesichtsausdruck des Sklaven in der Statue ist beeindruckend festgehalten. Wie ein unverst\u00e4ndiges Tier, das nicht wei\u00df, warum ihm Leid geschieht, mit der flehenden Bitte um Unterst\u00fctzung, aber auch schon unter dem Eindruck der Menschlichkeit des M\u00f6nchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Altar der Kirche ist aus Marmor aus Carrara. Man muss sich mal den Aufwand<br>vorstellen, das Zeug hierher zu bekommen!<br><br>Unter den Pl\u00e4tzen der Innenstadt stechen zwei gro\u00dfe, beieinander liegende Pl\u00e4tze hervor,<br>beide gro\u00df, beide dreieckig, beide sch\u00f6n. Einer davon war der Umschlagplatz f\u00fcr Sklaven.<br>Cartagena hatte daf\u00fcr eine Art Handelsmonopol.<br><br>Dann geht es ein St\u00fcck an der Stadtmauer an der anderen Seite der Stadt, Richtung Meer, entlang. Hier kann man ein St\u00fcck auf der breiten Mauer entlang gehen.<br><br>Der weitere Weg f\u00fchrt \u00fcber die <em>Calle del Porvenir<\/em>, die Stra\u00dfe der Zukunft. Die hei\u00dft tats\u00e4chlich so, weil hier die erste staatliche Universit\u00e4t stand \u2013 und immer noch steht.<br><br>In der Kirche <em>Santo Toribio<\/em> lassen sich die Sch\u00f6nen und Reichen trauen, darunter auch<br>Montoya. Zur Feier der Hochzeit wurden die Stra\u00dfen der Innenstadt gesperrt, und es wurde<br>ein Autorennen durchgef\u00fchrt!<br><br>Da ich nicht mehr Sonne vertragen kann, fl\u00fcchte ich mich anschlie\u00dfend in das <em>Museum San Pedro Claver<\/em>. Auch hier wird man gef\u00fchrt, von einem jungen Mann, der alles sehr emphatisch, mit in die L\u00e4nge gezogenem <em>r<\/em> hersagt, so als deklamiere er ein Heldenepos. Immerhin erf\u00e4hrt man ein paar interessante Details: San Pedro wurde in Katalonien geboren. Er kam als 30-J\u00e4hriger nach Amerika und wurde schlie\u00dflich Jesuitenpater.<\/p>\n\n\n\n<p>In der nicht sonderlich sch\u00f6nen Kuppelkirche liegt er hinter Glas unter dem Hauptaltar begraben. Man sieht den Kopf des Skeletts. Er starb an einer Krankheit, die damals Veitstanz genannt wurde \u2013 Parkinson. Das ist bemerkenswert, denn er scheute sich nie, K\u00f6rperkontakt mit den erkrankten Negersklaven aufzunehmen, wie auf einer Reihe von naiven Bildern im Obergeschoss dargestellt wird. Sein Todestag ist der 8. September, wurde aber von einem kolumbianischen Pr\u00e4sidenten auf den 9. September verlegt, dem Tag der Menschlichkeit der UNESCO.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansteckungsm\u00f6glichkeiten gab es damals zuhauf: Pocken, Ziegenpeter, Lepra. In der Kuppel ist der Ehrentitel des Heiligen festgehalten, auf Latein: <em>Petrus Claverus, Aethiopum Sempre Servus<\/em>. Die Neger hie\u00dfen einfach <em>\u00c4thiopier<\/em>. Dass er trotz aller Auflehnung gegen die Behandlung der Neger ein Diener seines Herrn war und unerbittlich seine Ideologie verteidigte, zeigt sich in der Zahl der Neger, die er taufte: 300.000.<br><br>Am Abend mache ich einen weiteren Spaziergang und komme dabei wieder auf den dreieckigen Platz, dessen offizieller Name <em>Plaza Rafael Nu\u00f1ez<\/em> ist.&nbsp;Hier ist der B\u00e4r los. Es gibt ein Konzert aus Anlass irgendeines Gedenktages im Zusammenhang mit Cartagena. Nach einer unendlichen Reihe von Vorreden kommt \u2013 noch eine Vorrede! Pathetisch wird der Fortschritt beschworen und die Stadt gelobt. Dann endlich kommt der, von den jungen, vor allem weiblichen Fans erwartete Julio, der Star der lokalen Musikszene. Als er angek\u00fcndigt<br>wird, ist von <em>sangre cartagenese<\/em> die Rede. Von einer jungen Moderatorin. Ohne rot zu werden und ohne Z\u00f6gern.<br><br>Von einem wieder unglaublich netten Verk\u00e4ufer kaufe ich eine <em>arepa de queso<\/em>. Er h\u00e4lt<br>meine Dinge f\u00fcr mich fest, so dass ich das Portemonnaie herausnehmen kann. Sp\u00e4ter, als er mich mit der benutzten Serviette vorbeikommen sieht, nimmt er mir sie sofort ab und<br>entsorgt sie. Umwerfend. Vorbildlich.<\/p>\n\n\n\n<p>26. September (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Tag ohne \u00dcberraschung. Heute kommt sie gleich, als ich an der Rezeption frage, wie<br>ich meine Ansichtskarten verschicken kann. Ich hatte mich schon mal hier und da nach<br>einem Briefkasten umgesehen. Die Antwort: Es gibt in ganz Cartagena nur einen Ort, von<br>dem aus man Karten verschicken kann, und das ist der Flughafen!<br><br>Erst muss ich Geld abheben. Die Automaten befinden sich innerhalb des <em>\u00c9xito<\/em>, des<br>Supermarkts, der passenderweise gerade um acht Uhr \u00f6ffnet. Die Operation ist gar nicht so<br>einfach: Man f\u00fchrt die Karte nicht ein, sondern zieht sie durch, und dann kommen<br>verschiedenen Optionen, bei denen man manchmal raten muss. Unter anderem wird man<br>offensichtlich gefragt, in welchen Werten man das Geld haben will. Verwirrend ist auch<br>die Werbung f\u00fcr eine karitative Organisation, die mit jedem Schritt wechselt. Ich bin<br>geradezu erleichtert, als am Ende Geld rauskommt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse im <em>\u00c9xito<\/em> ist vor mir ist eine Frau an Reihe, die Kleidung gekauft hat &#8211; im <em>\u00c9xito<\/em> scheint es alles zu geben. Erst wird mit karibischer Ruhe ein Objekt nach dem anderen \u00fcber den Sensor gezogen, dann werden noch langsamer die Sicherheitsetiketten entfernt, dann die B\u00fcgel. Erst dann geht es an die komplizierte Abrechnung mit Bonuspunkten und Kundenkarte und Unterschrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Taxi geht es zum <em>Convento de la Popa<\/em>, dem h\u00f6chsten Punkt Cartagenas, 145 Meter<br>\u00fcber dem Meeresspiegel auf einem scharf geschnittenen, horizontalen Felsen gelegen. Das <em>Convento de la Popa<\/em> hei\u00dft so, weil seine Form an das Heck einer Galeere erinnert!<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs kauft der Taxifahrer Zigaretten. Er h\u00e4lt abrupt an und ruft einen<br>Stra\u00dfenh\u00e4ndler zu sich: &#8220;\u00a1Chino!&#8221;. Dann kauft er Zigaretten, aber nicht etwa ein Paket,<br>sondern drei einzelne. Der Verk\u00e4ufer zieht sie aus einer vollen Packung und gibt sie ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>chino<\/em> bezeichnet eine junge Person. In anderen Regionen ist es <em>pelao<\/em>. Ein Freund ist ein parcelo, vor allem in Medell\u00edn.<br><br>Den Weg hinauf h\u00e4tte man ganz gut zu Fu\u00df machen k\u00f6nnen, aber aus Sicherheitsgr\u00fcnden wird davon abgeraten. Es geht Serpentinen hoch, mit \u00e4rmlichen H\u00e4usern zu beiden Seiten. Vor den H\u00e4usern Ger\u00f6ll und Grashalme. Alle H\u00e4user sind einst\u00f6ckig und immerhin aus Stein, und viele haben ganz sch\u00f6ne Gitter. In den H\u00f6fen und auf den Gittern flattert<br>W\u00e4sche, und in den Eing\u00e4ngen sitzen die Leute, in aller Ruhe. Das sieht fast idyllisch<br>aus, aber wohnen m\u00f6chte man hier wohl doch nicht. Ob es Ventilatoren gibt?<br><br>Oben am Kloster gibt es die typischen Souvenirverk\u00e4ufer, die man abwimmeln muss, und<br>hinter dem Eingang steht ein uralter Mann, der sich als F\u00fchrer anbietet. Eher aus Mitleid<br>sage ich ja. Er ist uralt, mit einzelnen, langen Haaren, die aus Backe und Hals<br>herauswachsen, Speichel, der aus dem Mund quillt, unregelm\u00e4\u00dfigen Z\u00e4hne und, wie ich erst sp\u00e4ter feststelle, Mundgeruch. Statt vom Kloster erz\u00e4hlt er mehr von sich selbst, und ich bin froh, als er mich wieder entl\u00e4sst und ich mir das Kloster alleine ansehen kann.<br><br>Von hier aus hat man einen guten Blick auf Cartagena, aber man verliert leicht den \u00dcberblick angesichts der vielen Meeresbuchten und des Sumpfgebiets, der <em>ci\u00e9naga<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten liegt das Stadtviertel <em>Manga<\/em>, das so hei\u00dfen kann, weil dort Mangob\u00e4ume wuchsen, weil eine Familie namens <em>Manga<\/em> eine der ersten am Platze war oder weil die Bucht die Form eines \u00c4rmels hat.<br><br>Das Kloster ist ein Augustinerkloster, das 1821 aufgel\u00f6st und 1966 nach einer gr\u00fcndlichen<br>Restaurierung wieder als Kloster er\u00f6ffnet wurde. Der sch\u00f6ne Innenhof hat an allen Seiten<br>ganz erstaunlich modern klingende Zitate des Hl. Augustinus, darunter eins \u00fcber Touristen!<br><br>Der wichtigste Anziehungspunkt des Klosters ist nat\u00fcrlich eine Gottesmutter, die <em>Virgen<br>de la Candelaria<\/em>. Die kitschige Figur im Hauptaltar, vermummt wie eine Muslima, lenkt ab von der sch\u00f6nen, dunklen Holzdecke und den Leuchtern an den Seiten und an<br>der Decke.<br><br>Dieser Ort, da hoch und im Osten gelegen, war schon den Calamar\u00eds heilig, Indios, die die<br>Sonne verehrten. Sie hielten hier ihre Riten ab. Das wird heute, wie zu der Zeit<br>der Christianisierung schon, als schlimmster Teufelskult dargestellt: schrille Ges\u00e4nge<br>und Schreie, Anbetung eines Ziegenbocks, schaurige T\u00e4nze, vulg\u00e4re Gesten, nackte<br>K\u00f6rper, K\u00fcsse auf das Hinterteil usw. Bis ein heroischer spanischer M\u00f6nch kam, furchtlos<br>dazwischentrat und den Ziegenbock die Schlucht hinunterwarf, die bis heute nach ihm<br>benannt ist \u2013 nach dem Ziegenbock, nicht nach dem M\u00f6nch.<br><br>Dann geht es in die Stadt zur\u00fcck und in die Kirche in der N\u00e4he des Hotels, die bisher<br>immer verschlossen war, <em>Santo Toribio<\/em>. Deren Hauptattraktion ist eine Kugel. Sie<br>schlug w\u00e4hrend eines Gottesdienstes bei dem Sturmangriff auf die Stadt durch Vernon in die Kirche ein und schlug auf dem Boden auf, wunderbarerweise, ohne jemanden zu verletzen. Sie ist jetzt hinter Glas in einem der Pfeiler eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier sitzen auf den ganzen Kirchenraum verteilt einzelne Gl\u00e4ubige, Luft kommt von Ventilatoren an den Pfeilern. Auch hier vorne Kitsch, oben Kunst: eine wunderbar gearbeitete, bemalte Holzdecke.<br><br>Gestern bin ich an der <em>Universit\u00e4t Rafael N\u00fa\u00f1ez<\/em> vorbeigekommen, an der <em>Plaza Rafael N\u00fa\u00f1ez<\/em> und an einer Statue, die Rafael N\u00fa\u00f1ez darstellt. Auch der Flughafen ist nach Rafael Nu\u00f1ez benannt.<br><br>Grund genug, sein Geburtshaus aufzusuchen. Es liegt au\u00dferhalb der Stadtmauern, und der Weg f\u00fchrt ein ganzes St\u00fcck durch die brennende Sonne. N\u00fa\u00f1ez ist besonders bekannt als Autor des Textes der kolumbianischen Nationalhymne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nationalhymne war eigentlich ein Gedicht, das er auf seine Heimatstadt, Cartagena,&nbsp;<br>geschrieben hatte und das dann, adaptiert, zur Nationalhymne wurde. In der vierten Strophe ist allerdings noch von den heroischen M\u00e4nnern von Cartagena die Rede. Der Text ist so pathetisch, wie es nur dem 19. Jahrhundert ertr\u00e4glich sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Haus, eine kleine Villa, liegt am Rande eines sehr gepflegten Parks. Es ist die Villa, in die er sich in die letzten Jahre zur\u00fcckgezogen hatte, zusammen mit seiner Frau. Das Wort <em>Villa<\/em> ist allerdings irref\u00fchrend. Es handelt sich um einen zweist\u00f6ckigen, offenen, lichten und luftigen Bau, unten Stein, oben Holz, mit Balkonen, Galerien, Treppen zu allen Seiten, alle tragenden Teile in Wei\u00df, das andere in Gr\u00fcn abgesetzt: B\u00e4nke, Fensterl\u00e4den, Gitter, Gel\u00e4nder, sogar die Klappe des wei\u00dfen Ofens ist gr\u00fcn, und die Blumen sind gr\u00fcn-wei\u00df! Der Innenhof ist bepflanzt. Hier kann man es aushalten.<br><br><a>N\u00fa\u00f1ez <\/a>war zuerst Journalist und dann Parlamentarier. Er war Abgeordneter f\u00fcr Panam\u00e1, das damals noch zu Kolumbien geh\u00f6rte. Er verbrachte mehrere Jahre in Europa und wurde unter anderem von Spencer beeinflusst. Hier zitiert wird dessen Satz, dass ein Individuum in industrialisierten Gesellschaften nicht dem Staat ausgeliefert sein d\u00fcrfe, sondern von<br>ihm besch\u00fctzt werden m\u00fcsse. Nach seiner R\u00fcckkehr nach Kolumbien wurde N\u00fa\u00f1ez zum Mitverfasser und Verfechter der Verfassung von 1886, einer Verfassung, die wegweisend war, eher zentralistisch als f\u00f6deralistisch, eher protektionistisch als liberal (Das Motto lautete allerdings: politische Zentralisierung, administrative Dezentralisierung). Die Verfassung propagierte entschieden die Vers\u00f6hnung mit der katholischen Kirche. N\u00fa\u00f1ez wurde bewundert, aber auch angefeindet, als Reaktion\u00e4r, als Tyrann, als Verr\u00e4ter. Aber die Verfassung wurde erst 1991 durch die Magna Carta abgel\u00f6st.<br><br>Dann gehe ich in ein kleines Lokal in der N\u00e4he des Hotels. Ein etwas einf\u00e4ltiger,<br>rundlicher Junge, der normalerweise am Eingang steht und, stets l\u00e4chelnd, ohne<br>Aufdringlichkeit und mit vollendeter H\u00f6flichkeit einl\u00e4dt, so als gehe es um eine<br>Privateinladung, ist gerade heute nicht da. Ich hatte ihn schon mehrmals vertr\u00f6stet und<br>wollte heute mein Versprechen einl\u00f6sen. Sp\u00e4ter erscheint er dann doch und ist hoch<br>erfreut, mich zu sehen. Als ich zum ersten Mal an dem Lokal vorbeikam, kannte er mich<br>schon. Bis heute wei\u00df ich nicht, woher. Wahrscheinlich hatte ich ihn irgendwo nach dem Weg gefragt.<br><br>Ich bestelle ein weiteres typisches Landesgericht, das ich bisher noch nicht probiert<br>habe, <em>ajiaco<\/em>. Bei der Bestellung werde ich gleich gewarnt: Es handele sich um eine Variante dieses Gerichts, es sei <em>costera<\/em>, die besondere Ausrichtung des Nationalgerichts in der K\u00fcstenregion. Das macht nichts. Mir geht es ums Probieren. Und ich bereue es nicht. Es ist ein wunderbarer Eintopf aus Rindfleisch und klein gehacktem Gem\u00fcse, so klein, dass es nicht zu erkennen ist. M\u00f6hren und kleine Zwiebeln geh\u00f6ren wohl dazu, aber der ganz besondere Geschmack kommt von den Bananen! Ein Leckerbissen. Dazu bestelle ich ein Bier, und als ich es bekomme, glaube ich, es w\u00e4re ein Missverst\u00e4ndnis: Es ist gelblich, hat keinen Schaum, und wird mit Eis und Strohhalm serviert. Es sieht nicht nach Bier aus, und es schmeckt auch nicht nach Bier. Ich frage noch einmal nach und es wird mir best\u00e4tigt: Ja, es ist Bier, Marke <em>\u00c1guila<\/em>. Mexikanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten unfreundliche Kolumbianer getroffen,<br>besonders in Gesch\u00e4ften: wortkarg, ohne L\u00e4cheln. Die Verk\u00e4uferin im Supermarkt erg\u00e4nzt das noch mit einer geradezu provozierenden Langsamkeit. Aber sie sind hier die Ausnahme.<br><br>Auf der Stra\u00dfe treffe ich wieder auf unendlich viele nette Leute, viele von denen,<br>aber nicht alle, etwas verkaufen wollen, und die, die nichts an den Mann bringen, sind<br>trotzdem weiterhin freundlich. Fast alle stellen sich mit Namen vor und verabschieden<br>sich mit Handschlag. Ein Verk\u00e4ufer will mir Wasser verkaufen und verlangt 3.000 Pesos. Ich finde das teuer und er geht auf 2.500 runter. Ich finde das immer noch teuer, und er sagt, der Preis des Wassers sei gestiegen: \u201eHa subido el agua\u201c. Ich muss lachen und sage ihm: Aber doch wohl nicht in der halben Stunde, seitdem ich die letzte Flasche gekauft habe. Er geht auf die normalen 2.000 Pesos runter. Von da an sind wir Freunde. Er macht einen Umweg, um mir etwas zu zeigen, und kehrt dann mit seinem Wagen wieder um.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend trinke ich das vielleicht teuerste Wasser meines Lebens. Wieder geht es um<br>das Wechselgeld, das nicht vorhandene. Dabei habe ich diesmal vorher angek\u00fcndigt, dass ich es nicht klein habe. Aber der Verk\u00e4ufer, den ich schon kenne, kann meine 20.000 doch nicht wechseln. Er versucht es bei verschiedenen Taxifahrern, erfolglos. Am Ende will er mir das Wasser umsonst \u00fcberlassen. Das will ich nicht. Ich sage ihm, wir machen jetzt die Probe der Ehrlichkeit der Kolumbianer. Er beh\u00e4lt die 20.000 und in den n\u00e4chsten Tagen hole ich mir das Wechselgeld oder den Wert in Waren ab. Er steht immer vor dem Uhrenturm. Im schlimmsten Falle bin ich um eine Erfahrung reicher, habe mein Wasser bekommen und ca. 8 Euro ausgegeben. Das ist mehr Gewinn f\u00fcr ihn als Verlust f\u00fcr mich. Und in Venedig auf dem Markusplatz habe ich vor kurzem ein Caf\u00e9 gesehen, in dem ein Cappuccino genauso viel kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>27. September (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Moment kann ich eine Fahrt zum Vulkan El Totumo reservieren, einem Vulkan, der statt Lava oder Asche Schlamm speit. Als ich f\u00fcr die Anmeldung zur Exkursion meinen Namen buchstabieren muss, kommt es zu Verst\u00e4ndigungsproblemen. Das M\u00e4dchen versteht nicht, was mit w gemeint ist. Erst als ich es mit <em>Whisky<\/em> versuche, klappt es. Das <em>w<\/em>, ohnehin f\u00fcr die Hispanos ein merkw\u00fcrdiger Buchstabe, hei\u00dft hier nicht uve doble, sondern &nbsp;<em>doble ve<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles geht innerhalb von Minuten, und eine halbe Stunde sp\u00e4ter werde ich auch schon vor der Haust\u00fcr abgeholt. Es ist eine organisierte Tour in einem Kleinbus, meine einzige Konzession an den \u201eMassentourismus\u201c w\u00e4hrend der Reise. Es ist sonst sehr schwer, dort hinzukommen. Und die Fahrt ist nicht teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Taxi geht es zum Bus. Wieder ein Taxifahrer, der mir eine Lektion in Linguistik<br>erteilt. Das beste Spanisch spreche man in Kolumbien, sagt er. Sagen die Kolumbianer, sage<br>ich. Sagen die Spanier, sagt er. Na, dann muss es ja wohl stimmen.<br><br>Im Bus eine gemischte Gruppe aus verschiedenen Nationen, fast alle sprechen Spanisch oder Englisch. Das tun auch die adrett mit gr\u00fcnen H\u00fctchen ausgestatteten Begleiterinnen. Aber ob mit Mikrophon oder ohne, ob Spanisch oder Englisch, man versteht ohnehin nichts. Macht nichts. Das meiste wird sich schon ergeben.<br><br>Es geht erst am Strand von Cartagena vorbei, den ich auf diese Art mal zu sehen bekomme,<br>dann an gr\u00fcnen Bergen, und dann geht es durch eine gr\u00fcne Ebene mit Str\u00e4uchern und B\u00fcschen. Diese Berge wurden von den Spaniern als Steinbruch f\u00fcr die Stadtmauer von Cartagena benutzt. Die Steine wurden mit Galeonen \u00fcber das Meer transportiert.<br><br>Nach einer guten Stunde Fahrt \u00fcber eine Art Schnellstra\u00dfe geht es ein St\u00fcck \u00fcber einen<br>Feldweg, und dann sind wir da. Von dem Vulkan ist nichts zu sehen, wohl aber eine Lagune<br>im Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin v\u00f6llig hilflos als man mir empfiehlt, ich solle einen <em>bloqueador<\/em> benutzen. Wer oder was soll hier blockiert werden? Die Sonnenstrahlen! Ein <em>bloqueador<\/em> ist ein Sonnenschutzmittel, <em>bronceador<\/em> in Spanien.<br><br>Nur mit Photoapparaten, Schuhen und Badehose bewaffnet machen wir uns auf den Weg. Entgegen den Instruktionen nehme ich auch noch ein T-Shirt mit. Das soll sich bew\u00e4hren, denn man muss eine ganze Zeit in der Sonne Schlange stehen.<br><br>Es geht \u00fcber eine sehr provisorische Treppe einen kahlen H\u00fcgel hinauf, einer nach dem<br>anderen. Dann kommt der Vulkan in Sicht. Er ist klein, viel kleiner als erwartet, wie ein<br>privater Swimmingpool. Und er ist rappelvoll mit schlammbedeckten Menschen, stehend und liegend. Im Wasser sind einheimische Helfer, die beim Einsteigen helfen und Massagen<br>verabreichen und vom Rand aus Photos machen, f\u00fcr jeden speziell mit der eigenen Kamera.&nbsp;<br>Die neu Eingestiegenen werden auf den R\u00fccken gelegt und vorerst in die Ecke geschoben.<br>Das sieht aus, als wenn man einen Toten \u00fcber eine glatte Fl\u00e4che schubst.<br><br>Wenn man ins Wasser steigt, oder vielmehr in den z\u00e4hfl\u00fcssigen, grauen Schlamm, \u00fcberkommt einen sofort ein wohliges Gef\u00fchl. Auf dem R\u00fccken liegend, muss man erst Vertrauen zu dem Schlamm entwickeln, um den Kopf wie auf ein Kopfkissen aufzulegen. Der Schlamm h\u00e4lt einen an der Oberfl\u00e4che. Wenn man auf die F\u00fc\u00dfe gestellt wird, kippt man leicht nach hinten oder vorn um und kann sich dann nur noch m\u00fchsam aufrichten. Ich frage einen der Masseure, ob man auf dem Boden stehen kann. Ganz lakonisch sagt er: Nein, der Vulkan ist 2.300 Meter tief. Gut, dass man nicht untergeht.<br><br>Die Massage ist wunderbar, vor allem am R\u00fccken und an den Waden. Dann wird man<br>rausgezogen und der Schlamm wird abgestreift. Wir nehmen alle ein bisschen Vulkan mit,<br>aber das scheint dem nichts zu machen, er regeneriert sich wieder. Wenn es regnet, erfahre<br>ich sp\u00e4ter, vermischt sich das Regenwasser nicht mit dem Schlamm, sondern bildet eine<br>eigene Schicht obendrauf.<br><br>Dann geht es auf einem hei\u00dfen, steinigen Weg zu der Lagune. Dort wird man von Frauen<br>abgewaschen, die mit einfachen Plastiksch\u00fcsseln immer wieder neue Ladungen von Wasser<br>\u00fcber einen gie\u00dfen und den ganzen K\u00f6rper gr\u00fcndlich abreiben. Um mich k\u00fcmmert sich Mar\u00eda, eine \u00e4ltere Frau, die ein paar zotige Bemerkungen macht und, als ich mich dankend<br>verabschiede, mir sagt, ich solle ihr lieber nachher ein ordentliches Trinkgeld geben.<br>Das hat sie sich auch verdient, genauso wie der Masseur und der Photograph, die sich ihre<br>Kunden alle bestens gemerkt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlamm soll alle m\u00f6glichen Mineralien enthalten, die gesundheitsf\u00f6rdernd sein sollen. Ob stimmt&#8217;s, wei\u00df man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachher f\u00fchlt man sich hungrig, wohlig warm und etwas m\u00fcde, nicht anders als nach dem Schwimmen.<br><br>Mit dem Bus geht es dann zu einem Lokal gleich am Strand. Wir sitzen keine f\u00fcnf Meter vom Ufer entfernt. Das Wasser ist grau, soll aber sehr sauber sein.<\/p>\n\n\n\n<p>An meinem Tisch sitzen eine gemischte argentinisch-chilenische Gruppe und ein gutaussehender, schlecht gelaunter Mann mit seiner bildsch\u00f6nen Freundin. Nach ein paar Kommunikationsversuchen zu beiden Seiten gebe ich auf und widme mich dem Essen. Das ist mittelm\u00e4\u00dfig.<br><br>Verk\u00e4ufer kommen an unseren Tisch, und die Touristen machen ungefragt Photos von den bunt gekleideten Frauen, die eine Schale mit S\u00fc\u00dfigkeiten auf dem Kopf tragen. Nach dem Essen kaufe ich einer von ihnen die selbst gemachten S\u00fc\u00dfigkeiten ab. Es sind verschiedene<br>getrocknete Fr\u00fcchte, die in einer Art Sirup gekocht werden. Sie sehen sehr pr\u00e4sentabel<br>aus und schmecken besser als das Essen.<br><br>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4ngt es an zu regnen. Es ist der erste Regen seit dem Tag der Ankunft in Kolumbien, und das in der Regenzeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit einem Belgier ins Gespr\u00e4ch, der in Nicaragua und El Salvador gewesen ist und auch Kuba, vor allem Havanna, sehr gut kennt. Wir finden heraus, was wir beide in Havanna kennen und was wir so toll finden. Nicaragua und El Salvador vergleicht er mit Kuba und der Dominikanischen Republik. Nicaragua arm, das zweit\u00e4rmste Land Lateinamerikas und sehr politisiert, mit einer v\u00f6llig intakten Kolonialstadt, Le\u00f3n, die deshalb so gut erhalten ist, weil wegen des st\u00e4ndigen Streits zwischen Granada und Le\u00f3n das ehemalige Dorf Managua zur Hauptstadt gemacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Nachmittag von meinem Wasserverk\u00e4ufer mein Wechselgeld zur\u00fcckholen will, sorge ich fast f\u00fcr einen Auflauf \u2013 ungewollt. Als ich zum Uhrenturm komme, sehe ich zuerst eine Wasserverk\u00e4uferin, die mich ruft, gehe zwei Schritte auf die zu und sehe dann an der<br>anderen Seite einen Mann. Das muss mein Wasserverk\u00e4ufer sein. Er behauptet aber, ein anderer zu sein. Er hei\u00dfe Diego, von William wisse er nichts. Kann sein. Also kaufe ich ihm eine Flasche Wasser ab. Dann gehe ich zu der Wasserverk\u00e4uferin. Sie w\u00fcrdigt mich keines Blickes. Ich spreche trotzdem mit ihr, und am Ende antwortet sie ganz pikiert, sie habe mich zuerst gerufen und dann sei ich zu dem anderen gegangen. Ich versuche zu erkl\u00e4ren, aber sie scheint mir nicht richtig zu glauben. Dann kaufe ich auch ihr als Zeichen des guten Willens eine Flasche Wasser ab. Als ich sie auf habe, taut sie langsam auf und will wissen, wie der Wasserverk\u00e4ufer denn aussah. Das wei\u00df ich nicht mehr. Dann mischt sich noch eine, zuerst auch ganz brummige Anrufverk\u00e4uferin ein, und am Ende kommt noch ein Polizist hinzu. Man erkl\u00e4rt mich f\u00fcr verr\u00fcckt, so etwas riskiert zu haben. Und verd\u00e4chtigt den Jungen am anderen Ende des Tors. Der sei neu. Und er habe eine wei\u00dfe Kiste. Eine wei\u00dfe Kiste hatte auch der Verk\u00e4ufer von gestern. Am Ende sagt man, vielleicht sei er heute nicht da, weil Sonntag ist. Ich solle es morgen noch mal versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend eine weitere kolumbianische Erfahrung. Als ich am Abend in einem Lokal in der<br>N\u00e4he des Hotels ein Bier trinken will, bekomme ich keins. Ich frage mich, ob ich mich<br>wohl daneben benommen habe, als mir erkl\u00e4rt wird, heute sei Wahltag, und an Wahltagen<br>d\u00fcrfe man drau\u00dfen kein Bier trinken. Jedenfalls kein richtiges. Nur Leichtbier. Da gehe<br>ich doch lieber rein. Da erfahre ich dann auch noch, dass Motorradfahrer an Wahltagen<br>keinen Beifahrer mitnehmen d\u00fcrfen.<br><br>Kurzer Abriss zur Gewalt in Kolumbien: Als sich N\u00fa\u00f1ez, eigentlich ein Liberaler, mit<br>anderen Liberalen mit den Konservativen zusammentat und ein umfassendes konservatives<br>Projekt anging \u2013 Verstaatlichung der Banken, Gr\u00fcndung einer Zentralbank (bei der<br>Gelegenheit wurde auch das Papiergeld eingef\u00fchrt), Wiederaufwertung der Kirche, die<br>praktisch das gesamte Erziehungssystem \u00fcbernahm, St\u00e4rkung des Milit\u00e4rs \u2013 hatten die<br>Liberalen dem nichts entgegenzusetzen als Gewalt. Inzwischen war aber der Staat<br>milit\u00e4risch so stark, dass die Liberalen eine katastrophale Niederlage erlitten \u2013 woraufhin<br>einige von ihnen in den Untergrund gingen. Das war im 19. Jahrhundert. Traditionell<br>hatten sich die beiden Parteien immer bis aufs Messer bek\u00e4mpft. Beide hatten ein<br>starkes Milit\u00e4r verhindert, weil sie sich lieber eigene Kampftruppen aufbauten. Das<br>f\u00fchrte dazu, dass politische Auseinandersetzungen, obwohl die ideologischen Unterschiede<br>gar nicht so gro\u00df waren, traditionell immer mit Gewalt ausgetragen wurden. Nach<br>vielen Jahrzehnten blutiger B\u00fcrgerkriege sahen dann die beiden ein, dass es nicht so<br>weiter gehen konnte und formten ein B\u00fcndnis, die Nationale Front. Sie teilten sich die<br>Pfr\u00fcnde und lie\u00dfen alle anderen au\u00dfen vor. Andere Parteien wurden sogar verboten, und<br>selbst das Pr\u00e4sidentenamt teilte man sich durch vorherige Absprachen, indem abwechselnd<br>f\u00fcr 16 Jahre immer die eine, dann die andere Partei dran war. Das trieb wiederum alle<br>anderen, die von dem Kuchen nichts mitbekamen, in den Untergrund, da legale Opposition<br>praktisch unm\u00f6glich war. Diese illegalen Untergrundorganisationen wurden dann im Kalten<br>Krieg ideologisch aufgewertet und fanden bei vielen Intellektuellen und Studenten und im<br>b\u00fcrgerlichen Milieu Unterst\u00fctzung. Au\u00dferdem kam dann materielle und logistische<br>Unterst\u00fctzung aus Moskau (f\u00fcr mehr proletarisch ausgerichtete Gruppen) bzw. Havanna (f\u00fcr mehr intellektuell ausgerichtete Gruppen) hinzu. Als mit dem Fall der Mauer diese<br>Unterst\u00fctzung wegfiel, mischten die Untergrundorganisationen im Drogenhandel mit, um<br>ihren Kampf zu finanzieren. Gleichzeitig ging die Unterst\u00fctzung breiter Teile der<br>Bev\u00f6lkerung immer weiter zur\u00fcck, da bei den Aktionen immer mehr Unbeteiligte verletzt und get\u00f6tet wurden. Urspr\u00fcnglich war das anders, da die Organisationen konkrete Arbeit in<br>Armenvierteln und D\u00f6rfern leisteten. Dazu kam, dass einige Organisationen, um sich Geld<br>zu beschaffen, wahllos \u00dcberlandbusse \u00fcberfielen, um Geiseln zu nehmen und Geld zu<br>erpressen. Diese \u00dcberf\u00e4lle wurden aber auch von R\u00e4uberbanden und den Paramilit\u00e4rs<br>ausgef\u00fchrt und dann den Revolution\u00e4ren in die Schuhe geschoben. Die Paramilit\u00e4rs waren<br>die Untergrundorganisation der anderen Seite, der staatskonformen, die mit gleichen<br>Mitteln vorgingen: Raub, Erpressung, Attentate auf alle und jeden. Und auch sie mischten im ertragreichen Drogengesch\u00e4ft mit. Diese Paramilit\u00e4rs wurden und werden oft heimlich vom Staat geduldet oder unterst\u00fctzt.<br><br>So ergibt das fast einen \u201eSinn\u201c. Man sieht, wie die Dinge ihre eigene Dynamik<br>entwickelten. Wo der Geburtsfehler lag, oder ob es \u00fcberhaupt einen gibt, ist schwer zu<br>sagen. Die Politik hat mit unterschiedlichen Strategien reagiert: Ausgerechnet ein<br>konservativer Pr\u00e4sident, Betancour, hat versucht, alle an einen Tisch zu bringen, ohne<br>vorherige Forderungen. Das Niederlegen der Waffen sollte Folge, nicht Vorbedingung sein.<br>Es sah lange sehr gut aus, und verschiedene Untergrundorganisationen verwandelten sich in politische Parteien oder gr\u00fcndeten politische Parteien und hatte Abgeordnete auf allen<br>Ebenen. Dann endete doch wieder alles in Gewalt. Der Ausl\u00f6ser war, wenn ich das richtig<br>verstanden habe, die Besetzung des Obersten Gerichtshofs in Bogot\u00e1 durch das M-19, die<br>blutig endete. Bis heute wei\u00df man nicht, welche Rolle Betancourt dabei spielte.<br><br>Der jetzige Pr\u00e4sident, Uribe, ein Ultrakonservativer, geht einen anderen Weg. Er<br>betrachtet alle Untergrundk\u00e4mpfer als Feinde, nicht als Verhandlungspartner. Damit hat er<br>zwei Dinge erreicht: 1) Er ist der popul\u00e4rste Politiker Lateinamerikas und hat entgegen<br>den Bestimmungen der Verfassung, erreicht, eine zweite Amtszeit an die erste anzuf\u00fcgen.<br>2) Die K\u00e4mpfe sind praktisch aus den St\u00e4dten verschwunden. Die St\u00e4dte sind sicherer<br>geworden, sicherer als die meisten lateinamerikanischen St\u00e4dte. Aber der Kampf geht in<br>den abgelegenen Zonen, im Kaffeedreieck und im Urwald, weiter, und die Probleme sind<br>ungel\u00f6st. Die Ungerechtigkeiten sind nicht beseitigt.<\/p>\n\n\n\n<p>28. September (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Den Morgen verbringe ich mit Photographieren im Zentrum: Wasserverk\u00e4ufer,<br>Imbissverk\u00e4ufer, St\u00e4nde, die mit Haushaltsgegenst\u00e4nden aus Eisen und Messing beh\u00e4ngt<br>sind, und eine ganze Reihe winziger, kleiner Reparaturst\u00e4nde f\u00fcr Uhren, deren Fenster mit<br>Ersatzteilen so zugeh\u00e4ngt sind, dass man die Verk\u00e4ufer dahinter erst gar nicht sieht.<br><br>Auch am letzten Tag gibt es noch kulinarisches Neuland zu entdecken: Am Tresen einer Eckkneipe in der N\u00e4he des Hotels gibt es <em>papa rellena<\/em>, mit Fleisch und M\u00f6hren gef\u00fcllte und panierte Kartoffeln. Das passt ins Bild der typischen Gerichte. Aber dazu passt auch die Quibbe, ein arabisches Gericht \u2013 Cartagena hat traditionell einen hohen Anteil an arabischen Einwanderern. Das Gericht besteht aus gemahlenem Weizen, in l\u00e4nglicher Form, auch gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge hinter dem Tresen wei\u00df nicht, wie man es buchstabiert, aber sofort springt jemand ein und gibt die entsprechenden landeskundlichen Informationen dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend auf der Stra\u00dfe von den ambulanten Kaffeeverk\u00e4ufern, die jederzeit und \u00fcberall anzutreffen sind, einen schwarzen, s\u00fc\u00dfen, hei\u00dfen und nicht sonderlich starken Kaffee zu einem Spottpreis bekommen. Schmeckt gar nicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag mache ich noch einen Spaziergang und treffe meine Freundin, die<br>Wasserverk\u00e4uferin, wieder. Ich frage sie, ob sie mir noch b\u00f6se sei, und sie sagt, im<br>Gegenteil, sie wolle sich entschuldigen. Sie habe sehr schroff reagiert. Das finde ich<br>geradezu r\u00fchrend. Und kaufe ihr daraufhin noch eine Flasche Wasser ab.<br><br>Im Zentrum fordere ich das Risiko heraus, indem ich den Geldwechslern nicht nur das<br>Gesch\u00e4ft verweigere, sondern ihnen in freundlichem Ton ein paar unfreundliche<br>Worte sage. Anschlie\u00dfend habe ich einen Moment lang den Eindruck, von einem oder zwei verfolgt zu werden, aber die typischen kleinen Spielchen \u2013 stehenbleiben, umdrehen, sich an die Hauswand lehnen, abbiegen \u2013 haben bald Erfolg.<br><br>Am Abend geht es nach Bocagrande, den Badevorort von Cartagena, den alle empfehlen. Er ist allerdings eher entt\u00e4uschend, Bocagrande k\u00f6nnte eigentlich \u00fcberall sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ergibt sich aber eine Gelegenheit, Kaffee zu kaufen, und zwar von Juan Vald\u00e9z \u2013 der Marke, auf die die Kolumbianer schw\u00f6ren \u2013 sowie mit Kaffee gef\u00fcllte S\u00fc\u00dfigkeiten. Das andere Mitbringsel ist ein Photo von einem Hotel, einem hochmodernen, in die H\u00f6he strebenden Bau. Das Photo hat wirklich nichts mit dem zu tun, was wir mit Kolumbien assoziieren, und auch nichts mit dem anderen Kolumbien, aber es ist auch ein Teil der Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute taucht mein Wasserverk\u00e4ufer nicht auf. Es bleibt also bei dem teuersten Wasser<br>meines Lebens. Er hat sich offensichtlich aus dem Staub gemacht. Na ja, h\u00e4tte ich<br>vielleicht auch gemacht. Ob er ein schlechtes Gewissen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>29. September (Dienstag)<br>\u00dcber Bogot\u00e1 geht es zur\u00fcck nach Hause. Die Flugzeuge von Avianca sind hochmodern, mit bequemen Sitzen, einem Bildschirm f\u00fcr jeden Passagier und einem Aufh\u00e4nger f\u00fcr Jacken und einem Halter f\u00fcr Becher.<br><br>In Bogot\u00e1 kaufe ich eine Tageszeitung. \u00dcber die deutschen Bundestagswahlen steht nichts<br>drin. Deutschland ist weit entfernt, und die Resultate standen vielleicht gestern drin.<br>Hier interessieren die Abstimmungen \u00fcber die Pr\u00e4sidentschaftskandidaten im eigenen Land<br>und ein paar Dinge \u00fcber Ecuador. Im Sportteil geht es haupts\u00e4chlich um den kubanischen<br>Niedergang im Baseball und um das kolumbianische Versagen in der Qualifikation f\u00fcr die<br>Fu\u00dfball-WM. Kolumbien habe St\u00fcrmer, aber keine Torj\u00e4ger, hei\u00dft es. Entschuldigend wird allerdings hinzugef\u00fcgt, die Qualifikation in der S\u00fcdamerika-Gruppe sei viel schwerer als die in Europa. Hier gebe es keine San Marinos und Liechtensteins.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Gef\u00fchl allergr\u00f6\u00dfter Zufriedenheit kehre ich nach Hause zur\u00fcck. Es war eine tolle Reise, meine erste nach S\u00fcdamerika. Ich bin froh, dass ich trotz all der Unkenrufe \u00fcber die Gewalt in Kolumbien an der Reise festgehalten habe. Statt Gewalt habe ich \u00fcberw\u00e4ltigende Freundlichkeit erlebt. Und drei sch\u00f6ne St\u00e4dte, eine anders als die andere. In der allgemeinen Einsch\u00e4tzung steht Cartagena oben und Bogot\u00e1 unten, auch bei den Kolumbianern, aber die Einsch\u00e4tzung teile ich nicht. Auf jeden Fall macht Kolumbien Lust auf mehr. Es soll nicht meine letzte Reise nach S\u00fcdamerika gewesen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. September (Dienstag) Schon am fr\u00fchen Morgen ist in Frankfurt viel Betrieb. Es ist ausgerechnet der erste Tag der IAA. Am Flughafen ist es dagegen noch ruhig. Ich bin viel zu fr\u00fch da. 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