{"id":12056,"date":"2025-11-04T08:09:35","date_gmt":"2025-11-04T07:09:35","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12056"},"modified":"2025-11-13T10:40:00","modified_gmt":"2025-11-13T09:40:00","slug":"madrid-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12056","title":{"rendered":"Madrid (2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>3. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland erstreckt sich \u00fcber 9 L\u00e4ngengrade, von G\u00f6rlitz bis Aachen. Das bedeutet: dieselbe Uhrzeit, aber ein anderer Sonnenstand. Der Westen hinkt dem Osten hinterher. Es gibt nur eine einzige Stadt in ganz Deutschland, wo die Sonne mittags um 12 im Zenit steht, und das ist G\u00f6rlitz, das genau auf dem 15. L\u00e4ngengrad Ost liegt. Eine Zeitzone umfasst 15 L\u00e4ngengrade, also ist man westlich von Dortmund, bei 7.5\u00b0 Ost, vom Sonnenstand her schon n\u00e4her am Nullmeridian dran, an Greenwich, als an G\u00f6rlitz. Das gilt nat\u00fcrlich erst recht f\u00fcr Spanien. Madrid liegt sogar westlich von Greenwich, auf 4\u00b0 West, Santiago sogar auf 9\u00b0 West. Trotzdem gilt hier unsere Zeitzone, MEZ. Bei Portugal ist das anders. Dort gilt &nbsp;GMT, wie in England. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Tagen haben wir nichts als Regen gehabt. In Madrid \u00e4hnlich, aber f\u00fcr diese Woche sieht es marginal besser aus. Apropos Regen: Wie schnell fallen eigentlich Regentropfen? Da bietet sich ein Vergleich mit Fallschirmspringern an. Die fallen mit einer Geschwindigkeit von 200 km\/h und mehr. Regentropfen sind leichter und sto\u00dfen auf mehr Luftwiederstand, fallen also langsamer. Wenn sie dick sind, gehen sie in die Breite, sind dann zwar schwerer, treffen aber durch ihre Breite auf mehr Luftwiderstand. Sie fallen also genauso langsam, mit einer Geschwindigkeit von ca. 20 km\/h (kann von 5 bis 50 variieren), und brauchen, wenn sie aus einer typischen Stratuswolke fallen, etwa drei Minuten bis zur Erde. Regentropfen sind also rund oder breit. Die typische Vorstellung, die wir von einem Regentropfen haben, ein Tropfen, der unten dicker ist und ober schmal ausl\u00e4uft, so wie man ihn auf der Wetterkarte oder in Symbolen auf Haushaltsger\u00e4ten sieht, den gibt es in Wirklichkeit nicht. Wenn \u00fcberhaupt, dann bei einem langsam tropfenden Wasserhahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Rollfeld in Luxemburg, \u00fcber das wir zum Flugzeug gehen, bl\u00e4st einem der Wind die Gischt ins Gesicht. Die Wetteraussichten f\u00fcr Madrid sind zwar auch nicht gerade vielverhei\u00dfend, aber es kann wohl nur besser werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Flugzeug bin ich von einer Gruppe franz\u00f6sischsprechender junger M\u00e4nner mit blau-gelben Fu\u00dfballschals umzingelt. Den Verein kann ich nicht identifizieren, aber das Internet hilf: Saint-Gilloise, belgischer Meister. Die spielen morgen gegen Atl\u00e9tico Madrid.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf den Abflug warten, kommt mir die Frage in den Sinn, warum bei Flugzeugen der Einstieg immer links ist, auf der Seite des Piloten. Vielleicht ist das die Schauseite. Die praktische Erkl\u00e4rung ist, dass rechts das Gep\u00e4ck eingeladen wird. Aber es k\u00f6nnte ja auch umgekehrt sein. Und es scheint, unabh\u00e4ngig von Kontinent und Fluglinie, \u00fcberall gleich zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In Madrid geht es z\u00fcgig am Flughafen. Bei der Touristeninformation empfiehlt man mir den Bus, um in die Stadt zu kommen. Der f\u00e4hrt nach Atocha, hat nur drei Haltestellen und kostet nur 5 Euro. Eigentlich wollte ich ein Taxi nehmen, nicht aus Bequemlichkeit oder wegen der M\u00fcdigkeit, sondern aus Angst vor der Suche nach der Unterkunft im n\u00e4chtlichen Madrid, mit allen Wertsachen und Unterlagen. Die Bef\u00fcrchtung erweist sich aber sp\u00e4ter als gegenstandslos.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus wird man aufgefordert, mit Geldkarte oder Handy zu zahlen. Der Mann vor mir, vermutlich Marokkaner, will bar bezahlen, aber der Busfahrer kann seine 20 Euro nicht wechseln. Also zahle ich erst einmal f\u00fcr beide, und sp\u00e4ter im Bus kramt der Mann ein paar M\u00fcnzen zusammen und gibt mir das Geld zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt durch das n\u00e4chtliche Madrid gleicht einer Sightseeingtour, nachdem wir das riesige Flughafengel\u00e4nde hinter uns gelassen haben: Puerta de Alcal\u00e1, Cibeles, Prado, Retiro, Neptuno und am Ende das palastartige Geb\u00e4ude des Landwirtschaftsministeriums, alle hell erleuchtet. Dann kommen wir in Atocha an.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Volks unterwegs, man kommt von der Arbeit oder trifft sich mit Freunden. Kleine Verkaufsst\u00e4nde am Stra\u00dfenrand. Ganz gelassene Atmosph\u00e4re, keine Spur von Gefahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bahnhof eine lange Schlange am Taxistand. Ich beschlie\u00dfe, es zu Fu\u00df zu versuchen. Es ist etwas k\u00fchl, aber nicht kalt, und es regnet nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df grob, in welche Richtung es geht, muss mich aber durchfragen: <em>Santa Mar\u00eda de la Cabeza<\/em>? Scheint nicht so bekannt zu sein, obwohl es eine gro\u00dfe Stra\u00dfe ist. Drei junge Leute zeigen mir, wo es langgeht, dann frage ich einen Aufpasser vor dem <em>Reina Sof\u00eda<\/em>. Der z\u00fcckt sein Handy und zeigt mir den Weg. Es geht \u00fcber zwei gro\u00dfe Kreuzungen. Ein Stra\u00dfenschild kann ich nicht entdecken, aber ein Mann in einem Kiosk best\u00e4tigt mir, dies sei die richtige Stra\u00dfe. Er geht sogar mit mir und klingelt nebenan an der Pension.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein gro\u00dfes, \u00e4lteres Mietshaus, und irgendwo ist die Pension. Ich fahre mit dem wackligen, etwas schmuddeligen Aufzug in die sechste Etage, aber hier ist nichts. Dann gehe ich die Treppe runter und schelle an der Pension. Der etwas unfreundliche Mann sagt, auf meinen Namen liege keine Reservierung vor. Er schickt mich in den sechsten Stock. Dort klingele ich an T\u00fcr Nummer 4, aber es tut sich nichts. Ich \u00fcberlege, f\u00fcr die erste Nacht hier in der N\u00e4he ein Hotel zu nehmen, bin schon an mehreren vorbeigekommen, da \u00f6ffnet sich doch noch die T\u00fcr. Ein freundlicher Mann mittleren Alters nimmt mich in Empfang. Er dr\u00fcckt mir sofort einen Schl\u00fcssel in die Hand und l\u00e4sst mich ihn ausprobieren. Es stellt sich heraus, dass er hier wohnt und dass ich der einzige Gast bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns, und er kramt eine Karte von Madrid hervor. Zeigt mir, wo wir sind und empfiehlt eine Ausstellung im <em>Reina Sof\u00eda<\/em> und eine in Atocha, in einem der Bahnhofsgeb\u00e4ude. Und sagt mir, ich br\u00e4uchte die Metro gar nicht, von hier aus k\u00f6nne ich alles zu Fu\u00df machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich zur Sache: Er zeigt mir das Bad und die K\u00fcche und dann mein Zimmer. Ja, hier k\u00f6nne ich alles ganz beruhigt liegen lassen. Hier komme kein Fremder rein. Am Ende bekomme ich noch den Internetzugang.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer ist winzig, ich finde kaum einen Platz, wo ich meine Sachen lassen kann. In einer Kommode bewahrt der Vermieter seine Sachen auf, und in dem Schrank auch, bis auf ein Fach mit zahlreichen B\u00fcgeln, das es f\u00fcr mich freigelassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich richte mich notd\u00fcrftig ein und mache mich fertig f\u00fcr die Nacht. Um ins Bad zu kommen, muss ich \u00fcber meinen Koffer und meinen Rucksack steigen. Aber damit werde ich f\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf Tage wohl zurechtkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>4. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde fr\u00fch wach und versuche erst einmal, mich etwas besser im Zimmer zu organisieren. Der Laptop passt so gerade auf den schmalen Schreibtisch, und dar\u00fcber sind ein paar schmale Regalbretter, auf die man Wertsachen, Schreibutensilien und Unterlagen deponieren kann. F\u00fcr den Koffer finde ich noch einen Platz neben seiner Koffersammlung oben auf dem Bett \u2013 man kann es zu einem Stockbett ausfahren \u2013 und mein Rucksack passt noch neben meine F\u00fc\u00dfe unter dem Schreibtisch. Schon besser. Gestern habe ich fast bereut, doch nicht das teure Hotel gebucht zu haben, in dem ich vor ein paar Jahren mal war, zumal diese Unterkunft auch nicht gerade billig ist. Aber jetzt habe ich mich doch ganz gut hiermit arrangiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Ziel am ersten Tag ist die Casa Lope de Vega, das Haus in dem der gro\u00dfe Dichter des spanischen Goldenen Zeitalters, der Konkurrent, Rivale und Feind von Cervantes in den letzten 25 Jahren seines Lebens wohnte. Die Casa Lope de Vega befindet sich ausgerechnet in der Calle Cervantes.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, ist es k\u00fchl und bew\u00f6lkt, aber trocken, und im Laufe des Tages verschwinden die Wolken und es wird immer w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Reina Sof\u00eda ist wirklich nur einen Steinwurf entfernt. Es liegt an der etwas un\u00fcbersichtlichen, langgezogenen Kreuzung, Carlos V., in die mehrere, teils sechsspurige Stra\u00dfen einm\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hier auf dem Platz gehe ich in die Bar Pando, zum Fr\u00fchst\u00fccken. Auf den Barhockern sitzen M\u00e4nner wie auf einer H\u00fchnerleiter, jeder mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Am Spielautomaten ein H\u00fcne von Mann, ein Einwanderer, und in den Tischen in dem gro\u00dfen Wirtsraum sitzen vereinzelt Paare.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Boden Papierfetzen, an der Theke vor dem Spalier von Flaschen \u2013 Whisky, Lik\u00f6r, Brandy \u2013 Lotterielose.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Lautsprechern kommt Musik, die eher karibisch klingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme zum Toast ungefragt Oliven\u00f6l und eine rote Paste statt Butter und Marmelade. 3,70 \u20ac f\u00fcr Kaffee und Toast. War auch schon mal g\u00fcnstiger. Von meinem letzten Aufenthalt habe ich Preise um die 2,50 \u20ac in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe den <em>Paseo del Prado<\/em> hinunter, da wo ich gestern in umgekehrter Richtung mit dem Bus entlanggefahren bin. Am Stra\u00dfenrand der eine oder andere Bettler und ein Obdachloser, so tief in seine Decke geh\u00fcllt, dass man gar nichts von ihm sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eisernen Rollladen der Gesch\u00e4fte, die fr\u00fcher mit einem Ruck und lautem Krach nach oben geschoben wurden, werden jetzt von einem Elektromotor nach oben geschoben, der die Rollladen nur noch leise quietschen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Neptunbrunnen geht es in die Calle Cervantes ab. Die wirkt wie eine Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, ist aber keine. Hier ist gef\u00fchlt jedes zweite Haus eine Bar oder ein Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Calle Cervantes geht die Calle Quevedo ab, einem weiteren Mitstreiter von Lope und Cervantes. Der war besonders G\u00f3ngora in inniger Feindschaft verbunden. Der wiederum wurde von Cervantes gelobt. G\u00f3ngora war bekannt f\u00fcr seinen obskuren Stil, seine kaum zu entschl\u00fcsselnde Dichtung, mit zahlreichen klassischen Anspielungen, lauter Doppeldeutigkeiten (<em>Atlas<\/em> bezieht sich gleichzeitig auf die mythologische Gestalt und auf den Stoff), verwickeltem Satzbau, k\u00fchner Metaphorik. Da stand ihm aber Lope, wie ich aus leidvoller Erfahrung wei\u00df, in nichts nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle vier \u2013 und au\u00dferdem noch Tirso de Molina, ein weiterer Stern am spanischen Literaturhimmel des Goldenen Zeitalters \u2013 wurden im 16. Jahrhundert geboren und starben im 17. Jahrhundert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Stra\u00dfenbelag vor dem Haus in goldenen Lettern die Auskunft, dass Lope hier gelebt hat, von 1610 bis 1635. Es ist ein zweist\u00f6ckiges Klinkerhaus mit Eisengittern vor den Fenstern und den typischen schmalen Balkonen oben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem T\u00fcrsturz ein lateinischer Spruch, den man gar nicht so leicht entziffern kann: <em>Parva propia magna \/ Magna alien parva.<\/em> Ungef\u00e4hr: Ungef\u00e4hr: <em>Das wenige Eigene ist viel \/ Das viele Fremde ist wenig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An ein Gel\u00e4nder am Stra\u00dfenrand hat jemand einen Aufkleber angebracht, auf dem 96 Kolsch steht, mit der stilisierten Doppelturmfassade des Doms als Striche \u00fcber den O. Aus zuverl\u00e4ssiger Quelle erfahre ich, dass das ein Aufkleber des FC-Fanklubs <em>Wilde Horde 1996<\/em> ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenan ein Haus, vermutlich ein Lokal, \u00fcber dessen Eingang steht: <em>Menos mal que nos queda Portugal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin noch viel zu fr\u00fch, es geht erst um 10 Uhr los. Also muss ich noch mal in eine Bar. Diesmal gibt es zum Kaffee Toast mit Butter und Marmelade: 3,50 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier l\u00e4uft der Fernseher, den aber, wie \u00fcblich, niemand beachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand eine sch\u00f6ne Collage von schwarz-wei\u00df-Photos von Madrid, die spanische Fahne und ein Schal von CD Retiro. Muss wohl ein lokaler Verein sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem WC ist der Griff, an dem man zur Sp\u00fclung zieht, ersetzt durch das zusammengedr\u00fcckte Innenteil einer Toilettenpapierrolle. Funktioniert!<\/p>\n\n\n\n<p>An dem K\u00fchlschrank ein Aushang mit s\u00fcdamerikanischen Speisen, die man hier bestellen kann: <em>Tamales peruanos<\/em>, <em>Pan de jam\u00f3n venezolano<\/em>, <em>Tarta<\/em> <em>de tres leches<\/em>. Ich frage den Wirt danach. Es stellt sich heraus, dass er aus Peru stammt und auch in Kolumbien und Venezuela gelebt hat. Und er erw\u00e4hnt mit einem L\u00e4cheln die <em>Bandeja paisa<\/em>, eins der beliebtesten traditionellen Gerichte in Kolumbien, eine Festplatte, die an \u00dcppigkeit nicht zu \u00fcbertreffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es soweit, und die F\u00fchrung in der Casa Lope de Vega beginnt. Nach der Einlasskontrolle sammeln wir uns im Garten, hinter dem Haus, rechteckig, von Mauern umgeben, B\u00e4ume, Str\u00e4ucher, Gr\u00e4ser. Er sieht irgendwie ungeordnet und doch geplant aus. Die Erkl\u00e4rung: Jede dieser Pflanzen findet irgendwo Erw\u00e4hnung im Werk von Lope. Die Pr\u00e4senz eines Orangenbaumes erkl\u00e4rt sich daher, dass Lope mehrere Jahre lang in Valencia im Exil war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes gehen wir in Lopes Arbeitszimmer. Wunderbar! Dicke Folianten in den Regalen, eisenbeschlagene St\u00fchle mit Ledersitzen, ein schwerer Schreibtisch, eine Feder mit Tintenfass, ein Kerzenst\u00e4nder aus Messing und ein paar B\u00fccher darauf. Ob die M\u00f6bel Lope geh\u00f6rten, wei\u00df man nicht, aber sie sind aus der Zeit, und das ganze Haus gibt die Atmosph\u00e4re der Zeit bestens wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Schreibtisch ein Portr\u00e4t von ihm, ganz charakteristisch. Man erkennt ihn sofort, mit gepflegtem Haarschnitt und gepflegtem Schn\u00e4uzer. Die schwarze Kleidung und die wei\u00dfe Halskrause lassen \u00fcberdies die Epoche erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem T\u00fcrsturz ein weiteres Gem\u00e4lde, ganz anders, wirkt wie ein Wimmelbild, k\u00f6nnte von Breughel sein, hat aber wohl einen religi\u00f6sen Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Lope soll 300 Dramen (oder mehr) geschrieben haben, von denen sind allerdings \u201enur\u201c 60 erhalten. Als Dichter konnte man damals reich werden, jedenfalls wenn man so viel Erfolg wie Lope hatte. F\u00fcr ein Drama bekam er 500 Reales, zu einer Zeit, als ein Arbeiter 1-2 Reales pro Monat bekam. Die Vorstellung seiner St\u00fccke waren ausverkauft, und \u201eEs de Lope\u201c wurde zu einer g\u00e4ngigen Redewendung, wenn etwas Qualit\u00e4t hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab aber auch Engp\u00e4sse: Die Zensur, \u00c4rger, wenn er sich mal wieder mit jemandem angelegt hatte, die Verbannung nach Valencia, nachdem er eine ehemalige Geliebte, eine verheiratete Frau, die ihn verlassen hatte, verleumdet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem hatte er einiges an Ausgaben. Er soll 14-16 uneheliche Kinder gehabt haben, einige sogar noch aus der Zeit, als er sich schon zum Priester hatte weihen lassen. Die letzte dieser unehelichen T\u00f6chter, Feliciana, wohnte in diesem Haus, \u00fcberlebte ihn und wurde seine Erbin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weihe zum Priester lie\u00df er nach einigen Schicksalsschl\u00e4gen vornehmen. Er hatte beide Ehefrauen und seine beiden T\u00f6chter aus der ersten Ehe und seinen Sohn aus der zweiten Ehe verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine letzte Geliebte war eine verheiratete Frau, die, als sie Witwe wurde, dennoch die Scheidung von ihrem Mann beantragte. Als ihre Sehf\u00e4higkeit abnahm und sie dement wurde, nahm er sie zusammen mit ihrer Tochter in sein Haus auf. Als die Frau bereits tot war, brannte die Tochter mit einem Mann durch, der sie dann sitzen lie\u00df. Feliciana nahm sie dann bei sich auf. Zu dem Zeitpunkt war Lope bereits tot. Lauter Geschichten, bei denen sich Hollywood bedienen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten beiden R\u00e4ume sind die f\u00fcr das gesellige Beisammensein, beide mit einem Kohlebecken, einem brasero, in der Mitte, der erste f\u00fcr die Herren, der zweite, der ganz orientalisch eingerichtet ist mit Sitzkissen auf dem Boden, f\u00fcr die Damen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der kleinen Kapelle ger\u00e4t sofort das Bild von San Isidro Labrador \u00fcber dem Altar ins Blickfeld, mit langem Haar und Bart, kurzen Stiefeln und einem Rock \u00fcber der Hose. In der Hand h\u00e4lt er ein Ger\u00e4t, vermutlich etwas f\u00fcr die Landarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ausgestellt in der Kapelle ist Lopes Messgewand, in Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch weitere religi\u00f6s motivierte Kunstwerke sieht man in anderen R\u00e4umen des Hauses, die Figur einer Madonna im Strahlenkranz, die ein Tier unter ihren F\u00fc\u00dfen zertritt, und ein wunderbar kontemplatives Bild einer Heiligen, einer Nonne in wei\u00dfem Ornat, die vor einem Kreuz betet. An der Seite ein Totenkopf als Symbol der Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen des Hauses ein Spiegel, aus Silber (statt Glas) und Ebenholz. Das muss ein Luxusgut gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso an verschiedenen Stellen kleine, wunderbare Kommoden und Anrichten, mit einer Unzahl von F\u00e4chern, Fl\u00e4chen und Schubladen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lopes Schlafzimmer gibt es eine kleine \u00d6ffnung in der Wand, durch die er direkt auf den Altar der Kapelle blicken kann, ganz so wie der K\u00f6nig im Escorial.<\/p>\n\n\n\n<p>Lopes Bett ist ein Himmelbett. Ziemlich kurz geraten, was nicht so sehr mit der Gr\u00f6\u00dfe der Menschen zu tun hat, sondern mit der sitzenden K\u00f6rperhaltung beim Schlafen. Daf\u00fcr hat man metaphysische Erkl\u00e4rungen gesucht, es hatte aber wohl auch mit Ern\u00e4hrung und Verdauung zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese schweren Mahlzeiten wurden in der K\u00fcche auf offenem Feuer unter einem Kamin zubereitet. Das Standardgericht war die <em>Olla podrida<\/em>, ein schwerer Eintopf. In der K\u00fcche sieht man Kacheln an den W\u00e4nden. Die stammen aus Lopes Zeit in Valencia.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf dem Kinderbett liegen alle m\u00f6glichen Amulette. Die wurden gegen jedes denkbare \u00dcbel getragen, besonders gegen das <em>mal de ojo<\/em>. Dass dieser Aberglaube mit dem christlichen Glauben kompatibel war, sieht man an der Madonna an der Stirnseite des Bettes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Lopes Tod in diesem Haus gab es eine neunt\u00e4gige offizielle Trauerfeier mit Leichenschau f\u00fcr das Volk. Der Friedhof, wo sich sein Grab befand, ging irgendwann in private H\u00e4nde \u00fcber, wurde vernachl\u00e4ssigt. Sp\u00e4ter wurden dann alle Knochen in ein Beinhaus \u00fcberf\u00fchrt, und das wurde irgendwann zugesch\u00fcttet. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Blumengesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der F\u00fchrung ist Eile geboten, damit ich die n\u00e4chste F\u00fchrung, f\u00fcr die ich eine Karte reserviert habe, nicht verpasse. Es geht zu den Descalzas Reales, dem alten Nonnenkloster.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe den Paseo del Prado entlang. Im Hintergrund kann man die T\u00fcrme von San Jer\u00f3nimo sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der breite Mittelstreifen f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Flaneure ist mit riesigen Platanen best\u00fcckt, deren glatte St\u00e4mme sich erst ganz oben teilen. Nur wenige Bl\u00e4tter auf dem Boden, die B\u00e4ume haben noch nicht viele verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Cibeles geht es auf die Calle de Alcal\u00e1, die breite Avenue, die direkt ins Zentrum f\u00fchrt. Hier kommt mir ein belgischer Fan mit dem blau-gelben Schal entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Alcal\u00e1 sieht man die typischen Hochh\u00e4user mit chafl\u00e1n, dem abgeflachten Ende eines schr\u00e4g auf den Platz m\u00fcndenden Hochhauses. Ebenfalls typisch: Eine Klosterkirche und direkt dahinter ein Hochhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an einem Verwaltungsgeb\u00e4ude der Comunidad de Madrid vorbei, mit den sieben wei\u00dfen Sternen auf rotem Untergrund, dem versteckten Hinweis auf den Gro\u00dfen B\u00e4ren, das Symbol des Bundeslandes Madrid.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Entsprechung findet er im dem an einem Baum lehnenden, aufrecht stehenden B\u00e4ren, dem Symbol der Stadt Madrid, dessen Statue an der Puerta del Sol steht. Da komme ich jetzt vorbei. Touristen ber\u00fchren den inzwischen glatt geriebenen Schwanz des B\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Corte Ingl\u00e9s kommen mit Teilnehmer einer Pal\u00e4stinenser-Demonstration mit Fahnen entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich zum Kloster. Die Front nimmt praktisch die ganze Breite einer Seite des Platzes ein. In der Mitte die Kirche, aus Ziegelsteinen, mit einem kleinen durchbrochenen Glockenturm, ebenfalls aus Ziegelsteinen. Zu beiden Seiten die Klostergeb\u00e4ude, mit der typischen Madrider Bauweise, Ziegelsteinen mit gr\u00f6\u00dferen Fl\u00e4chen von <em>mamposter\u00eda<\/em>, einem Gemisch aus Stein und M\u00f6rtel, mittendrin, zur Verbesserung der Statik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mehr als p\u00fcnktlich und muss sogar noch warten, bis die F\u00fchrung beginnt. Davor geht es aber noch durch die Sicherheitskontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer, ein ausgesprochen gut aussehender Mann mit akzentuierter Gestik und Mimik \u2013 immer wieder bewegen sich die H\u00e4nde synchron nach innen und nach au\u00dfen \u2013 spricht so deutlich, dass man jede Silbe versteht. Auch auf rhetorische Pausen versteht er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen durch eine Reihe abgedunkelter R\u00e4ume und kommen dann in ein wunderbares Treppenhaus, stehen auf dem Treppenabsatz und blicken nach unten und nach oben. Die W\u00e4nde und die Decke voller Fresken, man wei\u00df kaum, wo man zuerst hinsehen soll. Sehr sch\u00f6n verschiedene Darstellungen mit der Trompe-l&#8217;oeil-Technik. Bei einer scheint man in den Garten eines Palastes hineinzusehen. \u00dcber der Treppe scheint einer der Habsburger K\u00f6nige, vielleicht Felipe III., zusammen mit seiner Familie von einer Br\u00fcstung aus in das Treppenhaus zu schauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles hat nichts Kl\u00f6sterliches. Der Grund ist einfach: Anfangs handelte es sich bei dem Geb\u00e4ude um einen Palast. Erst von Juana de Austria wurde er dem Orden vermacht, den Descalzas Reales, eigentlich Klarissinnen, also Franziskanerinnen, die aber wegen ihrer nackten F\u00fc\u00dfe \u2013 nicht ganz, sie tragen Sandalen \u2013 und ihrer k\u00f6niglichen Herkunft \u2013 das Kloster war nur f\u00fcr Mitglieder der k\u00f6niglichen Familie bestimmt, war aber auch als soziale Einrichtung f\u00fcr Waisen und verarmte Priester gedacht \u2013 volkst\u00fcmlich Descalzas Reales genannt wurden und werden. Das Kloster war f\u00fcr 33 Nonnen vorgesehen, eine f\u00fcr jedes Lebensjahr Christus\u2018. Heute sind es, wenn ich das richtig mitbekommen habe, nur noch 16. Sie leben in Klausur und sehr asketisch. Sp\u00e4ter kommen wir in einen gro\u00dfen Saal, in dem im Fu\u00dfboden die Umrisse ihrer Zellen abgebildet sind. Dagegen ist sogar das Zimmer in meiner Unterkunft gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber durchaus auch hier Fresken mit religi\u00f6sen Motiven, aber sie dienten eher der politischen Propaganda, der Werbung f\u00fcr die Ideen der Gegenreformation. Deshalb sieht man hier Heilige und Engel und Blut, das aus dem Leichnam Christi am Kreuz in den Kelch tropft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen dann an einer Unzahl von kleinen Nischen mit Alt\u00e4ren vorbei, Laurentius, Antonius, Agnes und vielen anderen gewidmet. Laurentius sieht man siegreich mit dem Palmzweig des M\u00e4rtyrers, nur rechts unten im Bild sieht man die dunkle Szene seines Martyriums. Er soll, nachdem man ihn von einer Seite auf dem Rost gegrillt hatte, gebeten haben, auch von der anderen Seite gegrillt zu werden. Die Hl. Agnes ist mit einem Lamm dargestellt. Gibt es da etwa eine sprachliche Verbindung? Hat Agnes etwas mit <em>agnus<\/em> zu tun? Ist mir noch nie aufgefallen, aber unser F\u00fchrer scheint das nahezulegen. Antonius soll als Person sehr h\u00e4sslich gewesen sein, wird hier aber als bildsch\u00f6n dargestellt. Der Auftraggeber des Bildes soll gesagt haben, \u201eStelle mir nicht den K\u00f6rper, sondern die Seele dar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder dieser Alt\u00e4re wurde von einer Novizin gestiftet und war ein erwarteter Eintrittsakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wertvollste dieser Alt\u00e4re ist einer mit mehreren Reihen kleiner vergoldeter Reliquienschreine. Die Reliquienschreine werden von einem goldenen Gitter abgesperrt. Das Gem\u00e4lde, das eigentlich hier im Hintergrund war, wurde von Napoleon einkassiert und ist seitdem verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke bleiben wir vor einem Spiegel stehen, den man nicht als solchen erkennen kann. Er ist mit einer Paneele zugeklappt. In dem Spiegel soll sich aber jeder von uns bestens erkennen k\u00f6nnen. Wenn die Paneele zur Seite geschoben wird, erscheint auf dem \u201eSpiegel\u201c eine h\u00e4ssliche Fratze, ein unmenschliches menschliches Gesicht. Wie wahr! Hier k\u00f6nnen wir uns alle erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem anderen Gem\u00e4lde sieht man ein Kind \u2013 hier als Engel dargestellt \u2013 das versucht, mit einer Muschel das Meer zu leeren. Es sch\u00f6pft das Wasser aus dem Meer und f\u00fcllt es in ein Loch am Strand. Der Hl. Augustinus kommt vorbei und sagt dem Kind, das sei v\u00f6llig aussichtslos, was es da versuche. Das Meer k\u00f6nne man nicht \u201eersch\u00f6pfen\u201c. Daraufhin antwortet das Kind: \u201eEher gelingt es mir, das Meer zu leeren, als es dir gelingt, das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu verstehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he ist auf einem Gem\u00e4lde Uriel dargestellt, der Erzengel. Er wird mit einem Schwert dargestellt und mit einer Flamme, einer Anspielung auf die w\u00f6rtliche Bedeutung seines Namens. Warum ist er uns so wenig bekannt, warum denken wir eher an Gabriel, an Michael, an Raffael, wenn wir Erzengel h\u00f6ren? Das liegt daran, erfahren wir, dass die katholische Kirche ihn aus ihrem Heiligeninventar gestrichen hat. Er wird in den kanonischen B\u00fcchern der Bibel nicht erw\u00e4hnt, nur in den Apokryphen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Geb\u00e4udeteil, der auf den alten Palast zur\u00fcckgeht, sehen wir einen gro\u00dfen Empfangssaal, mit Portr\u00e4ts von Mitgliedern der k\u00f6niglichen Familie der Habsburger. Unser F\u00fchrer fragt, ob uns etwas auff\u00e4llt. Ja, sagt ein Mann, keiner tr\u00e4gt eine Krone! Tats\u00e4chlich, ist mir in all den Jahren noch nicht aufgefallen. Die spanischen K\u00f6nige werden nicht gekr\u00f6nt, sondern proklamiert. Nur von Gott k\u00f6nnten sie gekr\u00f6nt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Gem\u00e4lde, das Juana de Austria darstellt, sehen wir, wie sie, schwarz gekleidet, einen Handschuh in der Hand h\u00e4lt. Das ist ein Zeichen allerh\u00f6chster W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der K\u00f6nige tr\u00e4gt das Goldene Vlies, das <em>tois\u00f3n de oro<\/em>, die h\u00f6chste Auszeichnung, die Spanien zu vergeben hat. Es gibt insgesamt 16, wenn ich die Zahl richtig behalten habe. Sie werden vom K\u00f6nig verliehen, an besonders verdienstvolle Untertanen, aber nur f\u00fcr die Lebenszeit. Sie sind nicht vererbbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem gro\u00dfen Gem\u00e4lde sieht man eine gro\u00dfe Gruppe fein gekleideter Frauen und M\u00e4nner durch die Natur ziehen, schwer zu sagen, was das ist. Eine Prozession? Ein Spaziergang? Die Frauen, und nur die Frauen, tragen alle eine Maske vor dem Gesicht. Warum wohl? Es wird auf eine Pandemie getippt oder auf Karneval, aber die Erkl\u00e4rung ist viel einfacher: Sonnenschutz! Es ging darum, den blassen Teint zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommen wir noch in einen gro\u00dfen Saal mit riesigen Wandteppichen, in Flandern gewebt. Viele gehen auf Skizzen von Rubens zur\u00fcck. Auch hier wird Politik betrieben: Der siegreiche Wagen mit einer die Eucharistie tragenden Frauenfigur rollt \u00fcber die Ungl\u00e4ubigen hinweg, \u00fcber die Verr\u00e4ter, \u00fcber die Eitelkeit, als Frauenfigur, \u00fcber die Dummheit und die Blindheit, als M\u00e4nnerfiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seite ein Portr\u00e4t einer gewissen Isabel Clara Eugenia, aus dem K\u00f6nigshaus. Sieht beinahe wie das Portr\u00e4t einer Nonne aus, sie ist aber tats\u00e4chlich als Witwe dargestellt. Unser F\u00fchrer h\u00e4lt gro\u00dfe St\u00fccke auf sie. Sie sei klug und geschickt und gebildet gewesen, und eine ausgezeichnete Diplomatin. Es w\u00e4re besser gewesen, wenn sie die Thronfolge angetreten h\u00e4tte. Wir sollen auf den Wandteppich gegen\u00fcber schauen, und tats\u00e4chlich, da ist sie, in einer Heiligen, die ihre Gesichtsz\u00fcge tr\u00e4gt!<\/p>\n\n\n\n<p>Das war die zweite richtig gute F\u00fchrung des Tages, ich bin m\u00fcde, aber zufrieden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Erholung gehe ich schnurstracks in eine Chocolater\u00eda und bestelle <em>chocolate con churros<\/em>. Chocolater\u00edas sieht man heute mehr als fr\u00fcher, auch Nagelstudios und Fast-Food-L\u00e4den sind im Kommen. Dabei braucht kein Land die Fast-Food-Ketten so wenig wie Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es \u00fcber die Arenal, die bereits Weihnachtsschmuck hat, zum Mercado de San Miguel, einem typisch spanischen Mercado, aber in einem v\u00f6llig restaurierten Geb\u00e4ude mit viel Glas. Es ist rappelvoll hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es bei den Descalzas Reales keine von Nonnen hergestellten S\u00fc\u00dfigkeiten gibt, mache ich mich auf die Suche nach einem anderen Nonnenkloster, popul\u00e4r als Las Carboneras bekannt. Ich komme aber erst zum Tablao Flamenco mit demselben Namen, dann erst zum Kloster, nur um festzustellen, dass die Mittagspause haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ersatz besorge ich in einem feinen, kleinen Gesch\u00e4ft, wo es haupts\u00e4chlich turr\u00f3n gibt. Von dem bekomme ich ein leckeres St\u00fcck zum Probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich einen Versuch mit einem Los f\u00fcr die Weihnachtslotterie. Erst mal erkundige ich mich, wie das l\u00e4uft. Wenn man gewinnt, muss man den Gewinn binnen drei Monaten abholen, sonst verf\u00e4llt er. Und man muss ein spanisches Konto haben, um den Gewinn ausbezahlt zu kommen. Ich verlasse mich aber auf meine spanischen Freunde und kaufe f\u00fcnf Lose, eins f\u00fcr mich, die anderen zum Verschenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme \u00fcber den Pasadizo del Panecillo und die Calle del Codo. Die sch\u00f6nen Stra\u00dfenschilder aus Keramik erkl\u00e4ren die Bedeutung in ihren Darstellungen: M\u00f6nche, die auf der Stra\u00dfe Brot an Arme verteilen und ein Ellenbogen, auf den Verlauf der Stra\u00dfe anspielend.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Namen einer kleinen Buchhandlung entziffere ich erst auf den zweiten Blick: Ozymandias. Den kenne ich aus einem Gedicht von Shelley. Spielt, wenn ich mich richtig erinnere, auf Ramses II. an. Und ist ein beeindruckender Text zur Nichtigkeit von Macht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich fast ungewollt zum Teatro Real. Davor die Taberna Real, mit einem sch\u00f6nen Wirtschaftsschild vor blauem Himmel. Die Pl\u00e4tze vor der Taverne sind alle besetzt. Die Leute trinken ein Bierchen oder einen Aperitif.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich schon viel gelaufen bin heute, versuche ich es jetzt mit der Metro und stelle fest, dass auf einer alten Fahrkarte noch Guthaben ist. Erst traue ich dem Braten nicht so richtig, aber es klappt. Ich fahre nach Sol und nehme von dort die Linie 1 nach Atocha. Der Bahnhof ist blitzsauber, gut ausgeschildert, die Z\u00fcge sind modern, selbst hier, auf den alten Linien, und kommen in schnellem Takt. Sie m\u00fcssen hier alle Bahnh\u00f6fe erweitert haben, dann fr\u00fcher waren die Z\u00fcge viel k\u00fcrzer.<\/p>\n\n\n\n<p>In Atocha gehe ich gleich zu der Gedenkstelle f\u00fcr die Opfer des terroristischen Attentats von 2004. Auf dem Gel\u00e4nder um die runde Empore herum sind Gedenkspr\u00fcche in verschiedenen Sprachen angebracht: Spanisch, Katalanisch, Baskisch, Franz\u00f6sisch, Portugiesisch, einer slawischen Sprache, die ich nicht identifizieren kann, vielleicht Tschechisch, und einer asiatischen Sprache, die ich nicht identifizieren kann, vielleicht Bengalisch. In einem abgedunkelten Raum sind die Namen aller Opfer auf der Wand angebracht, mit den Vornamen in Gro\u00dfbuchstaben, so als w\u00fcrde man sie pers\u00f6nlich kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bahnhof haben afrikanische Einwanderer auf dem Boden vor ihnen Fu\u00dfballtrikots ausgebreitet, die sie zum Verkauf anbieten. Ihr Favorit ist Mbapp\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst beim dritten Versuch finde ich an dem gro\u00dfen Platz meine Stra\u00dfe, Santa Mar\u00eda de la Cabeza. Sie war, wie ich inzwischen rausgefunden habe, die Ehefrau von San Isidro Labrador, dem Patron von Madrid, einem einfachen Mann vom Lande. Ebenso war Mar\u00eda de la Cabeza eine einfache Landfrau. Sie wird meist mit einer Harke dargestellt. Obwohl die Legenden, die sich um sie ranken, im Mittelalter spielen, beginnt die schriftliche \u00dcberlieferung erst im 17. Jahrhundert. Der merkw\u00fcrdige Name erkl\u00e4rt sich daraus, dass ihre wichtigste Reliquie ihr Sch\u00e4del ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe aber noch mal zur\u00fcck und bestelle in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 Patatas bravas und ein Bier. Ich lasse mich von dem Verkehr genauso wenig st\u00f6ren wie die Spanier an den anderen Tischen. Aber dem Versprechen des Sonnenschirms, dass er f\u00fcr saubere Luft sorge, kann ich nicht Glauben schenken.<\/p>\n\n\n\n<p>5. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen geht es zum Bahnhof. Den Weg kenne ich ja inzwischen. Komischerweise verdankt Atocha dem K\u00f6nigshaus seine Existenz. Der Bahnhof und die Bahnlinie dienten dazu, die K\u00f6nige m\u00f6glichst schnell von Madrid zur\u00fcck in ihre Residenz nach Aranjuez zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aranjuez steht bei mir diese Woche auch auf dem Programm. Heute geht es aber erst einmal nach Almagro.<\/p>\n\n\n\n<p>Es herrscht Gro\u00dfstadtverkehr, von allen Seiten \u00fcberqueren Autos den Platz. Und ganze Horden von Menschen ziehen zu Fu\u00df Richtung Atocha. Vor dem Bahnhof eine riesige Schlange von Taxis, wohl an die 50, die typischen wei\u00dfen Taxis mit dem roten Querstreifen und dem Emblem von Madrid. Die Schlange bewegt sich aber st\u00e4ndig weiter. Es ist 7 Uhr und noch stockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Cafeteria im Bahnhof bekomme ich das gewohnte Fr\u00fchst\u00fcck, das hier aber 4,75 \u20ac kostet. Eine Bettlerin macht vergebliche Versuche, ein bisschen Geld zu bekommen. Ich gebe ihr einen Euro, aber sie beschwert sich, das sei nicht genug. Da nehme ich ihr den Euro wieder ab.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Zeitungsstand kaufe ich die heutige Ausgabe von El Pa\u00eds. Kostet nur 2 Euro. Hier gibt es auch die FAZ und die Bildzeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist hier organisiert wie am Flughafen. Selbst das Zugpersonal ist gekleidet wie die Flugbegleiter. In den Bahnhofsbereich kommt man nur mit einer Fahrkarte hinein. Die Begleiter m\u00fcssen sich vorher verabschieden. Dann kommt die Sicherheitskontrolle. Die Z\u00fcge werden auf gro\u00dfen, gut lesbaren Bildschirmen angezeigt. Von der Renfe gibt es den AVE, den Avant und den Alvia, dazu kommt noch ein Privatunternehmen: Iryo. Die Z\u00fcge fahren nach Malaga Mar\u00eda Zambrano, Barcelona Sants, Sevilla Sta. Justa, Toledo. Das Abfahrtgleis wird erst kurz vor der Abfahrt bekanntgegeben. Vor dem Betreten des Gleises gibt es eine weitere Fahrkartenkontrolle. Als die Abfahrt nach Algeciras bekanntgegeben wird, erheben sich ganze Heerscharen&nbsp; marokkanischer M\u00e4nner, mit ihren Frauen im Schlepptau.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Fahrkarten haben automatisch eine Sitzplatzreservierung. Der Zug braucht f\u00fcr die 160 Kilometer nach Ciudad Real genau eine Stunde und ist auf die Minute p\u00fcnktlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke ist eher \u00f6de, wenig abwechslungsreich, flach: brach liegende Felder, Zypressen, Olivenb\u00e4ume, Strommasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit f\u00fcrs Lesen. <em>El Pa\u00eds<\/em> berichtet von dem Tod von Dick Cheney, des Oberfalken, des Erfinders der Atomwaffen im Irak, des Kriegstreibers, des uns\u00e4glichen&nbsp; Vizepr\u00e4sidenten unter dem ebenso uns\u00e4glichen George Bush Junior. Ihm braucht man keine Tr\u00e4ne nachzuweinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso aus den USA die Nachricht von der Wahl eines blutjungen neuen B\u00fcrgermeisters, von den Demokraten aufgestellt, in Uganda geboren, erst seit 2009 im Besitz der Staatsangeh\u00f6rigkeit. Er will der gnadenlosen Trump-Politik, die nur auf Gewinn aus ist, etwas entgegensetzen, will sich vor allem um die Mietpreise k\u00fcmmern und die Gesundheitsversorgung k\u00fcmmern. Er hatte 100.000 Unterst\u00fctzer, die wochenlang von Haus zu Haus gegangen sind, um f\u00fcr ihn zu werben. Ob er Erfolg haben wird, ist eine andere Frage. Je gr\u00f6\u00dfer eine Stadt, umso gr\u00f6\u00dfer die Probleme, die es zu l\u00f6sen gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders der Bericht \u00fcber einen jungen Mann in Madrid, der einen Zeitungskiosk \u00fcbernommen hat. Er glaubt an die Zukunft der gedruckten Zeitung, verkauft auch B\u00fccher, kennt seine Kunden aus dem Viertel mit Namen. Ja, das Sterben der Zeitungskioske sei nicht zu \u00fcbersehen, meint er, man m\u00fcsse sich breiter aufstellen, er habe auch Spiele, Schirme, Taschen, Bonbons und \u2013 Abziehbilder von Fu\u00dfballern!<\/p>\n\n\n\n<p>David Beckham, erf\u00e4hrt man, wird zum Ritter geschlagen. Warum in aller Welt? Was hat er f\u00fcr Verdienste?<\/p>\n\n\n\n<p>Miguel R\u00edos ist inzwischen 81 und sagt, man k\u00f6nne sich ruhig daran machen, seinen Nachruf zu verfassen. Es gebe viel zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Atl\u00e9tico Madrid hat m\u00fchsam gegen St. Gilloise gewonnen, Xabi Alonso hat mit seinem Madrid in Anfield, bei seinem FC Liverpool, verloren, war mit 0:1 gut bedient.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vorsitzende der Europaliga im Basketball ist besorgt. Die NBA will eine eigene Europaliga gr\u00fcnden. Man habe schon drei Wettbewerbe, das sei genug. Stimmt. Aber auch die Europaliga will immer mehr, hat Israel als Mitspieler aufgenommen und Dubai und hat das letzte Endspiel in Abu Dhabi ausgetragen. Wo man hinschaut: Gier treibt alle an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dollar ist seit Trump um 11% gesunken, das Gold um 51% gestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Ciudad Real in Sicht, als erstes erscheinen die modernen Geb\u00e4ude der UCLM, der <em>Universidad de Castilla-La Mancha.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich steige aus, der Zug f\u00e4hrt weiter nach Portollano. Das erinnert mich an einen sehr sympathischen ehemaligen US-amerikanischen Kollegen. Der war in Portollano gewesen, bevor er nach Madrid kam. Nach zwei Jahren wollte er wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ciudad Real habe ich Aufenthalt. In der Cafeteria schiebt mir ein Mann, den ich um eine Photo gebeten habe, wortlos seine Tasche zu. Auf der steht (auf Deutsch): <em>Die Klapse hat heut Wandertag<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurze Weiterfahrt nach Almagro erfolgt mit einem Nahverkehrszug. Hier gibt es keine Kontrollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Almagro hatte schon zu r\u00f6mischer Zeit seine Bedeutung, weil es an der Heerstra\u00dfe von Toletum nach Hispalis, von Toledo nach Sevilla, lag. Zur Zeit Karls V. wurde es dann zu einer wichtigen Schaltstelle der Fugger f\u00fcr ihren Handel mit Nordafrika und S\u00fcdamerika. Der hoch verschuldete Kaiser hatte ihnen die Konzession f\u00fcr die Quecksilbergruben in Almad\u00e9n, 100 Kilometer von Almagro entfernt, \u00fcberlassen m\u00fcssen, und die waren eine wichtige Kapitalquelle.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem kleinen Provinzbahnhof von Almagro geht man \u00fcber die Gleise auf die andere Seite. Dort wartet Monika schon. Statt Ana, ihrer ecuadorianischen Freundin, wartet deren Sohn vor dem Bahnhof, ein ruhiger junger Mann, schon in Spanien geboren, im IT-Gesch\u00e4ft unterwegs, der uns in die Stadt f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana wollte eigentlich mitkommen, hat aber ausgerechnet heute ein Examen beim Roten Kreuz. Sie macht einen Kurs und demn\u00e4chst ein Praktikum, um sp\u00e4ter eine Stelle in einer Seniorenresidenz zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht gerade warm, aber warm genug, um drau\u00dfen zu sitzen und einen Kaffee zu trinken, auf der sch\u00f6nen Plaza Mayor, mit gr\u00fcnen Fensterl\u00e4den \u00fcber langen Kolonnaden. Monika ist stolz, die Zahl der Pfeiler zu kennen: 81. An der Schmalseite hinter uns das Rathaus. Die Plaza bildet ein Ensemble, dessen Bild man sofort mit Almagro in Verbindung bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Monika gr\u00fc\u00dft an jeder zweiten Ecke jemanden. Sie lebt seit 20 Jahren in Spanien, in Bola\u00f1os de Calatrava, wenige Autominuten von hier entfernt. Sie kommt jede Woche zum Markt hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs lerne ich ein hochaktuelles Wort von ihr, <em>andador<\/em>. So hei\u00dft hier der Rollator. Sieht man noch viel seltener als bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nach Spanien kam, konnte sie kein Wort Spanisch. Jetzt verst\u00e4ndigt sie sich perfekt, versteht alles, kann alles ausdr\u00fccken, und engagiert sich in einem karitativen Verein und in der PSOE. Sie spricht Spanisch mit un\u00fcberh\u00f6rbarem polnischen Akzent und ohne Artikel und Konjunktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Lieblingsthemen sind ihre Tiere \u2013 Hund, Katzen, V\u00f6gel, Hase \u2013 und ihre Krankheiten, gefolgt von dem nicht unproblematischen Verh\u00e4ltnis zu ihren beiden S\u00f6hnen und ihren Freundinnen. Ana, die Ecuadorianerin, verweigert jeden Kontakt zu Zulma, der Kolumbianerin, von der ich wei\u00df, dass sie jeden Tag drei Liter Coca-Cola trinkt. Ihr Augenstern ist Hassan, ihr junger marokkanischer Mitbewohner, den sie bekocht, von dem sie sich verw\u00f6hnen l\u00e4sst, wenn es ihr schlecht geht, und f\u00fcr den sie alle Beh\u00f6rdeng\u00e4nge erledigt, auf dem steinigen Weg zur Erlangung von Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Kleine Erfolge sind bereist erzielt. Hassan arbeitet aufopfernd in der Landwirtschaft, unter anderem im Winter bei der Olivenernte. Gemeinsam fechten sie K\u00e4mpfe gegen ihre erbarmungslose Vermieterin aus. Die Gefechte gehen in der Regel verloren. Die Heizung funktioniert nicht, das Dach ist leck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe ihr ein Los der Weihnachtslotterie und die Pralinen, die ich gestern gekauft habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen bis zum anderen Ende des Platzes. Dort steht die Reiterstatue von Diego de Almagro, dem Eroberer Chiles, einem mittellosen Hidalgo wie Don Quijote, nur, dass er seine Tr\u00e4ume tats\u00e4chlich verwirklichte. Ob der Ort seinen Namen von ihm hat oder umgekehrt, ist nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Monika f\u00fchrt mich in ihr Lieblingsgesch\u00e4ft, einem Laden mit Stickereien, Kl\u00f6ppelarbeiten und Keramik. Die Spitzenkl\u00f6ppelei wurde im 16. Jahrhundert aus den Niederlangen importiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4nde, die Regale, die Tische, selbst der Boden des Ladens, alles voller Ware, teils ziemlich kitschig, teils sehr ansehnlich, vor allem bei der Keramik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zur Plaza Mayor. An einer L\u00e4ngsseite ist der Zugang zum Corral de Comedias, dem einzigen aus dem Goldenen Zeitalter erhalten gebliebenen Freilichttheater Spaniens, eine echte Sehensw\u00fcrdigkeit. Monika hat es noch nie besichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Corral de Comedias<\/em> wurde 1628 erbaut und dient heute wieder im Sommer als Freilichttheater, wie zu alten Zeiten. Damals waren solche Theater die Normalit\u00e4t, genauso wie bei Shakespeares Globe und anderen Londoner Theatern. Der Umzug in geschlossene R\u00e4ume begann auch etwa um diese Zeit, meist aber nicht in eigentliche Theater, sondern in die S\u00e4le der Pal\u00e4ste. Wo das Theater nat\u00fcrlich nur den Adeligen zug\u00e4nglich war. Im Freilichttheater war das anders. Da&nbsp; waren alle soziale Schichten vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezeichnend ist auch, dass viele Freilichttheater wie der Corral de Comedias, aus Umbauten resultierten, aus Umbauten von Wirtsh\u00e4usern, und das viele dieser Theater sp\u00e4ter wieder zu Wirtsh\u00e4usern wurden. Aus mes\u00f3n mache teatro, aus teatro mache mes\u00f3n.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt das Theater von hinten, blickt auf die B\u00fchne am anderen Ende und die beiden R\u00e4nge an den L\u00e4ngsseiten, auf St\u00fctzen stehend. Der optische Eindruck ist ausgesprochen sch\u00f6n, die h\u00f6lzernen Galerien sind in r\u00f6tlich-brauner Farbe vom Wei\u00df der tragenden Teile abgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum ist rechteckig. Das muss f\u00fcrs Zuschauen m\u00fchsam gewesen sein, man musste das Gesicht zur Seite drehen, um auf die B\u00fchne sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Zuschauern gab es, wie beim Eintrittsgeld, eine klare soziale Unterscheidung. Die teuersten Pl\u00e4tze waren die auf den R\u00e4ngen an den Seiten. Die billigsten Pl\u00e4tze hatte man im Innenhof, unten, zwischen den R\u00e4ngen. Dort musste man stehen. Wenn man etwas mehr Geld investierte, konnte man auf Steinbl\u00f6cken in dem Raum unter den R\u00e4ngen sitzen. Alle diese Pl\u00e4tze waren f\u00fcr M\u00e4nner bestimmt. Der Platz f\u00fcr die Frauen war am anderen Ende des Theaters, der B\u00fchne gegen\u00fcber. Dort hatte man einen guten Blick auf die B\u00fchne und vor allem auf den ganzen Raum, wie wir selbst feststellen k\u00f6nnen, als wir da hinaufsteigen. Von hier aus kann man auch das beste Photo machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter befand sich ein Verkaufsraum. Dort konnte man Obst und N\u00fcsse kaufen und <em>aloja<\/em>, ein Getr\u00e4nk aus Wasser, Honig und Gew\u00fcrzen. Es ging offenbar damals im Theater ganz anders zu als heute.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leider ist nirgendwo die Rede davon, wie viele Zuschauer der Corral de Comedias fasste. Schwer zu sch\u00e4tzen, vielleicht um die Tausend herum. Das w\u00e4ren etwa so viele wie in einem modernen Theater, aber viel mehr auf die Gesamtzahl der Bev\u00f6lkerung bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fchne ist ganz einfach, rechteckig, hinten von einer zweist\u00f6ckigen Wand begrenzt. Es gab keinen Vorhang und keine M\u00f6glichkeit zur Verdunkelung. Vieles, was heute technisch gel\u00f6st wird, musste damals \u00fcber die Sprache kommuniziert werden, ob es Nacht ist oder der Wind pfeift oder man sich in einem Wald oder einem Gasthaus befindet. Und es gab kein Signal zum Auff\u00fchrungsbeginn. Die Schauspieler mussten sich mit ihrem Auftreten und ihrer Stimme Aufmerksamkeit verschaffen, sicher keine leichte Angelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der B\u00fchne befanden sich die Umkleider\u00e4ume f\u00fcr die Schauspieler und Platz zur Aufbewahrung der wenigen Requisiten. Im Boden der B\u00fchne gibt es eine mit einer Holzplatte geschlossene \u00d6ffnung. Durch dieses Loch konnten Geister und Gespenster die B\u00fchne betreten oder Dramenfiguren in den Orkus verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bezeichnung <em>Corral de Comedias<\/em> ist f\u00fcr uns heute leicht irref\u00fchrend. Das Wort <em>Kom\u00f6die<\/em> hat einen viel breiteres Bedeutungsspektrum und umfasste auch hochdramatische Problemst\u00fccke, solange die nur irgendwie noch ein gl\u00fcckliches Ende fanden. Sogar konnte <em>Kom\u00f6die<\/em> ganz allgemein einfach ein Synonym von Drama sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Von England wei\u00df ich \u2013 Monika nimmt es mit ungl\u00e4ubigem Staunen wahr \u2013 dass alle Rollen von M\u00e4nnern gespielt wurden, die Rollen von Frauen oft von jungen M\u00e4nnern vor dem Stimmbruch. Die Verkleidung tat ein \u00dcbriges. Das wird dann besonders heikel, wenn sich im St\u00fcck ein Mann als Frau oder umgekehrt verkleidet. Dann hat man zum Beispiel eine von einem Mann gespielte Frau, die sich als Mann verkleidet an ihren Angebeteten heranmacht und ihn auf merkw\u00fcrdige Art bezaubert. Der kann sich gar nicht erkl\u00e4ren, warum dieser junge Mann, sein Dienstbote, ihn so sehr anzieht. Und ist dann v\u00f6llig verwirrt, als es zum ersten Kuss kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung wollen wir irgendwo <em>Chocolate con churros <\/em>bekommen, aber es ist die falsche Tageszeit, entweder fr\u00fcher oder sp\u00e4ter. Stattdessen gibt es f\u00fcr sie einen Kaffee mit einem Pudding und f\u00fcr mich ein Bier mit einer <em>Berenjena de Almagro<\/em>, einer in Essig eingelegten Aubergine. Die sind, wie der Name schon verr\u00e4t, typisch f\u00fcr die Region. Sie werden in allen Gesch\u00e4ften in Einmachgl\u00e4sern oder Konservendosen angeboten. Es gibt sie in verschiedenen Varianten. Meine ist mit kleinen St\u00fcckchen Paprika gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach steuern wir auf gut Gl\u00fcck eine Kirche an, die sich ein St\u00fcckchen abseits der Plaza Mayor befindet, San Agust\u00edn, ein echter Volltreffer. Was das etwas n\u00fcchterne \u00c4u\u00dfere nicht vermuten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Blick in den Innenraum ist wie ein Paukenschlag. Man ist sofort gebannt, wei\u00df gar nicht, wohin man gucken soll bei all der barocker Pracht, einer barocker Pracht, die \u00fcberhaupt keine Schwere hat, sondern trotz der \u00dcppigkeit leicht wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall Verzierungen in Form von Girlanden, Medaillons, verzierten Kreisen und \u201egerahmten\u201c Gem\u00e4lden. Dazwischen zur Entlastung der Auges immer wieder auch wei\u00dfe Fl\u00e4chen. Einfach sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders die verzierte Kuppel, noch mehr aber das wunderbare gestaffelt wirkende Halbbogengew\u00f6lbe ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Das Gew\u00f6lbe richtet den Blick nicht auf den Altar, sondern auf eine gro\u00dfe Nische dar\u00fcber, wo einst eine Madonnenfigur stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bildmotive haben zwar h\u00e4ufig religi\u00f6se Symbolkraft, k\u00f6nnten aber genauso gut profan sein, wie das von einem Pfeil durchbohrte Herz an der Decke im Westen. Auch die f\u00fclligen, oft nackten Putten k\u00f6nnten genauso gut in der Dekoration eines Palasts auftauche. Im Osten an einer Seite des Chors gibt ein (gemalter) sich \u00f6ffnender Vorhang den Blick auf eine Szene frei. Das hat theatralische Wirkung. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns die Kirche von unten und von oben an, von der Empore im Westen und von der Nische im Osten. Man hat immer neue optische Eindr\u00fccke, ganz zu schweigen von den vielen Details, die man entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Monika kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ich habe das Gef\u00fchl, mit der Kirche kann sie mehr anfangen als mit dem <em>Corral de Comedias<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana l\u00e4sst weiter auf sich warten. Ihre Ankunft verz\u00f6gert sich immer mehr. Wir gehen schon einmal vor in ein Lokal, von dem wir oben einen sch\u00f6nen Blick auf die <em>Plaza Mayor<\/em> haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die lange Erwartete doch noch. Sie begn\u00fcgt sich mit einer <em>Sopa castellana<\/em>, mit Brot, Knoblauch, Ei und \u00d6l, wir bestellen, von Monika empfohlen, <em>Gachas<\/em> <em>manchegas<\/em>, einem weiteren typischen Gericht der Gegend, ebenso einfach und deftig, das Essen einfacher Leute. Ich hatte die Gachas noch nie probiert und auch den Namen noch nie geh\u00f6rt. Es ist eine Art Erbsenbrei, wie Kartoffelp\u00fcree aussehend, mit kleinen St\u00fcckchen Knoblauch, Paprika und Bauchspeck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana hat ihre Pr\u00fcfung mit einer 8 (von 10) bestanden und ist sehr froh dar\u00fcber. Monika sieht sie voller Bewunderung an.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt ihre Lebensgeschichte. Als j\u00fcngstes von neun Kindern entschied sie sich gegen ihren Verlobten und die bevorstehende Heirat und folgte der Bitte einer schwangeren Cousine, ihr nach Spanien zu folgen. Ihre Mutter sei untr\u00f6stlich gewesen. Das muss eine schwere Entscheidung gewesen sein, ein Scheideweg, die sie in eine Richtung f\u00fchrte und ihr Leben ganz anders verlaufen lie\u00df. Ihren Mann, einen Ecuadorianer, lernte sie dann hier in Spanien kennen. Alle vier Jahre f\u00e4hrt sie in die alte Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach meinen Reisepl\u00e4nen und empfiehlt mir ihre ecuadorianische Heimatstadt, Salcedo, etwa zwei Autostunden von Quito entfernt. Die sei bekannt f\u00fcr ihr Speiseeis. Da m\u00fcsse ich unbedingt hin. Auch auf die Galapagos-Inseln sollte ich fahren. Da gebe es von Quito aus 3-4-t\u00e4gigen Exkursionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie mich nach meinen kulinarischen Erfahrungen in Ecuador fragt und ich das cui nenne, das Meerschweinchen, sieht man ein L\u00e4cheln auf ihrem Gesicht, w\u00e4hrend Monikas Gesichtsz\u00fcge in sich zusammenfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit f\u00fcr den Aufbruch. Wieder ist Anas Sohn zur Stelle und f\u00e4hrt mich zum Bahnhof. Vorher gibt es nat\u00fcrlich noch die unvermeidlichen Abschiedsphotos, auf der sch\u00f6nen Plaza Mayor.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in Madrid ankomme, ist es stockdunkel und es regnet in Str\u00f6men.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>6. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen. Der Himmel ist bis auf ein paar Wolken klar, und wir liegen bei 11\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck geht es in die Bar Asturias. Bin ich dieser Tage dran vorbeigekommen. Ein kleiner Raum mit wenigen Tischen, alle Kunden sind M\u00e4nner, fast alle sitzen an der Theke. Eine riesige Auswahl an Flaschen \u00fcber der Theke, Whisky, Brandy, Wermut, Lik\u00f6re. An der Wand h\u00e4ngen mehrere ganze Schinken und allerhand W\u00fcrste. Auf dem Boden vereinzelte Papierfetzen und Zuckert\u00fctchen, an einem Regal die Lotterielose.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier bestellen die meisten ihren Toast mit Oliven\u00f6l, ich bleibe bei Butter und Marmelade. Beliebt ist hier auch die Porra zum Kaffee, die gro\u00dfe Schwester der Churros.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus geht es direkt zum Bahnhof. Inzwischen habe ich auch einen \u201eSchleichweg\u201c zum Bahnhof entdeckt. Vor mir eine ganze Reihe von M\u00e4nnern auf dem Weg dahin, jeder mit einem Rucksack auf dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Rucksack habe ich noch kurz vor der Abreise etwas zur deutschen Sprachgeschichte gelesen: Warum sagen wir R\u00fccken, aber Rucksack, nicht R\u00fccksack, und R\u00fccken, aber nicht Rucken. \u00c4hnlich: Warum hei\u00dft es Osnabr\u00fcck, aber Innsbruck? Das alles hat seinen guten Grund. Aus dieser sprachgeschichtlichen Entwicklung verdanken wir auch die Dubletten dr\u00fccken und drucken und n\u00fctzen und nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bahnhof eine riesige Baustelle. Habe im Internet gelesen, dass die Fertigstellung erst f\u00fcr 2030 vorgesehen ist. Unter anderem geht es auch um zus\u00e4tzliche unterirdische Gleise. Ist wohl eine Art Stuttgart 21.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name Atocha scheint von einem arabischen Wort zu stammen, das so etwas wie \u201aQuelle\u2018 bedeutet. Hier befand sich in der Zeit der Mauren wohl ein Brunnen. Es war aber wohl auch das Wort zur Bezeichnung des Hanfs, <em>atochal<\/em>, der von Valencia hierher nach Madrid transportiert wurde, ein wichtiges Material in der Vergangenheit f\u00fcr die Herstellung von Tauen und Matten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Versuch, eine Fahrkarte f\u00fcr morgen zu bekommen, f\u00fcr die Fahrt nach Aranjuez, scheitert. Man kann die Fahrkarten nur am Tag der Reise kaufen, und erst zwei Stunden vor der Abfahrt. Verstehe nicht, was das soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich auf der anderen Stra\u00dfenseite ein Lokal, das sich als <em>Restaurante, Cafeter\u00eda und Arrozer\u00eda <\/em>ausgibt. Es auf Reis spezialisiertes Lokal. Ein neues Wort f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museo de Am\u00e9rica ist nicht, wie ich dachte, in Cibeles, sondern in Moncloa. Da muss ich mit der Metro hin. Ich gehe rauf zu dem runden Geb\u00e4ude, an dem ich am Montag angekommen bin. Dort treffen sich die Nahverkehrsz\u00fcge und die Metro.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach einer Carta del Metro und bekomme einen Plano de Metro. Habe ich das falsche Wort gew\u00e4hlt?<\/p>\n\n\n\n<p>In dem dicht besetzten Zug versucht in der Mitte ein Mann die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, der ein Set mit Schl\u00fcsseln verkaufen will. Ansonsten habe ich in der Metro keine ambulanten Verk\u00e4ufer mehr gesehen, auch keine Musiker oder Heilsprediger. Ein Bettler sitzt auf der Treppe, die rauf zum Ausgang f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Sol geht es nach Moncloa. Oder soll es gehen. Aber der Zug bleibt in Arg\u00fcelles, der vorletzten Station, stehen. Wir werden gebeten, auszusteigen. Was nun? Der Zug f\u00e4hrt ohne uns weiter. Merkw\u00fcrdig. Dann kommt aber nach wenigen Minuten der n\u00e4chste und bringt uns nach Moncloa.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Metro-Station aus sieht man auf ein Gewirr breiter Stra\u00dfen hinunter. Die Orientation ist hier nicht leicht. In der Metro war die Ausschilderung noch gut, hier kommt nichts mehr. Ein freundlicher Herr an der Ampel beschreibt mir den Weg. Ich soll Richtung Faro de Moncloa gehen. Ob das wirklich ein Leuchtturm ist? Wenn ja, dann ist es einer der modernen Art, aus Glas und Stahl. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, dass man dort mit dem Aufzug nach oben fahren kann, aber die Sache ist aus technischen Gr\u00fcnden \u201evor\u00fcbergehend\u201c geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitlich davon befindet sich ein Tor, eine hohe Konstruktion mit einer Quadriga oben drauf, einem Vierergespann, von Minerva gezogen. Es ist tats\u00e4chlich ein Triumphbogen und erinnert an den B\u00fcrgerkrieg und den \u201esiegreichen\u201c Einmarsch in Madrid.<\/p>\n\n\n\n<p>In Atocha befindet sich auch der Palacio de Gobierno, der Sitz der Ministerpr\u00e4sidenten, aber das gro\u00dfe, rechteckige Geb\u00e4ude mit den vier Eckt\u00fcrmen, das ich in Verdacht habe, ist etwas anderes, das Heer- und Luftfahrtministerium.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich inzwischen zugezogen und es ist zu k\u00fchl f\u00fcr mein leichtes Outfit. Alle anderen sind dicker eingepackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum befindet sich in einem palastartigen Geb\u00e4ude auf zwei Stockwerken. Der Eintritt ist frei. Auf dem Weg die Treppe rauf machen sich meine Beine bemerkbar. Die haben in den letzten Tagen einiges geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. \u00dcber die einzelnen L\u00e4nder erf\u00e4hrt man nichts. Und trotz seines Namens hat das Museum auch Exponate aus China und den Philippinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin bekomme ich Ausstellungsst\u00fccke von den pr\u00e4-inkaischen Kulturen zu sehen, \u00fcber die ich in letzter Zeit etwas gelesen habe, Mochica, Chim\u00fa, Nazca.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang steht ein Auszug aus einem Brief von Kolumbus, 1493, nach der ersten Amerikareise geschrieben. Er beschreibt die Sch\u00f6nheit von Hispaniola, der Insel, auf der heute Haiti und die Dominikanische Republik liegen. Auff\u00e4llig die (vom heutigen Standard) abweichende Sprache: in der Rechtschreibung fallen <em>yervas<\/em>, <em>ay<\/em>, <em>hedificios<\/em> auf. In W\u00f6rtern wie <em>fermosa<\/em> hat sich der alte lateinische Anlaut erhalten. Und es fehlt das prothetische e in <em>Spa\u00f1ola<\/em> und <em>specier\u00edas<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den auff\u00e4lligsten Exponaten z\u00e4hlen ein bunter, runder Frauenhut aus Vogelfedern, ein winziger Einbaum in Form eines Schuhs, eine goldener Anh\u00e4nger mit einer halb menschlichen, halb tierischen Gestalt, die einen Schamanen in Trance darstellen soll, und S\u00e4gen (oder sind es Waffen?) aus Fischz\u00e4hnen. Ganz wunderbar ein d\u00fcnnes Geflecht, in zwei d\u00fcnne Netze auslaufend, die&nbsp; von einer Kordel gehalten wird. Sieht dekorativ aus, hat aber einen ganz praktischen Zweck: Es ist eine Waage, eine Waage f\u00fcr Kokabl\u00e4tter.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten vertreten sind allerdings die Figuren, aus Keramik oder aus Stein, oft anthropomorph oder zoomorph. Ein r\u00e4tselhafter dreieckiger Stein, der vorne in ein menschliches Gesicht ausl\u00e4uft, soll den Gott der Yucca darstellen. Eine andere Figur stellt einen Mann dar, der damit besch\u00e4ftigt ist, aus der Agave die Fl\u00fcssigkeit herauszupressen, die dann fermentiert und zum Pulque verarbeitet wird, den ich mal bei einer denkw\u00fcrdigen Gelegenheit in Mexiko probiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle m\u00f6glichen kleinen Gef\u00e4\u00dfe und kleine Menschenk\u00f6pfe aus Ton sind Grabbeigaben. Was man sich dabei gedacht hat, ist schwer zu sagen. Auch Musikinstrumente, meist Fl\u00f6ten, Blockfl\u00f6ten und Panfl\u00f6ten, spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Keramikkrug sieht man die Bilder der abgeschlagenen K\u00f6pfe von Feinden. Nach der alten Vorstellung ging die Energie der erledigten Feinde auf den Sieger \u00fcber. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Buntbemalte, kleine Figuren, weder Mensch noch Tier, fungierten als Tauschg\u00fcter, sie sollten Gl\u00fcck bringen. Erst mit den Spaniern kam dann Geld nach Amerika. Hier sieht man eine ganze Reihe von Reales und Escudos verschiedenen Werts ausgestellt, alle aus Gold und Silber.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Karten und Globen, ein Himmelsglobus und ein Erdglobus. Bei dem Erdglobus hei\u00dft der s\u00fcdliche Teil des Atlantiks <em>Oceanus Etiopicus<\/em>, auf der Karte hei\u00dft der Pazifik Mar del Zur. Auf dem Himmelsglobus erscheinen auch Tiere und Ungeheuer, die nicht zu den uns gel\u00e4ufigen Tierkreiszeichen geh\u00f6ren. Peru ist auf der Karte kleiner als heute, umfasst nur den breiten K\u00fcstenstreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen noch einige Vitrinen zu dem Thema Zahlen und Schrift. Man sieht ein Knotengeflecht, das den Inka zur Darstellung von Zahlen diente. Kompliziertes System: Es gibt unterschiedliche Klassen von Knoten und unterschiedliche Zahlen von Knoten. Entscheidend war aber wohl die Position der Knoten, ganz \u00e4hnlich wie bei unserem Zahlensystem. Das scheint im Reich der Inka perfekt funktioniert zu haben, und man hat das System wohl auch schon gut verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit der Schrift. Hatten die Inka wirklich, im Gegensatz zu den Maya und den Azteken, wirklich keine Schrift? Kann man so ein gro\u00dfes Reich ohne Schrift verwalten, zusammenhalten? Hier ist ein bunter gewebter Teppich ausgestellt, mit Rechtecken, die jeweils ein abstraktes Symbol enthalten, 8 in der Horizontalen und, wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe, 32 in der Horizontalen. Die Symbole wiederholen sich, offensichtlich ist die Anordnung nicht ganz zuf\u00e4llig. Was hat das zu bedeuten? Einige Arch\u00e4ologen vermuten hier die Darstellung eines Kalenders. Haben die einzelnen Zeichen dann auch einen Wert wie vielleicht die Piktogramme oder Ideogramme bei uns? Die Frage ist im Moment wohl noch offen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit lasse ich es bewenden und mache mich auf den R\u00fcckweg. Beim Umsteigen in Sol f\u00e4llt mir ein Mann auf, der etwas auf Arabisch in sein Handy spricht. Dabei f\u00e4llt mir auf, dass ich jetzt zum ersten Mal in diesen Tagen eine Fremdsprache h\u00f6re, jedenfalls eine, die nicht Spanisch ist, au\u00dfer einer kurzen Szene am Nebentisch in Almagro, wo ein paar Worte Englisch gewechselt wurden. Ich habe auch noch keine Touristen gesehen, au\u00dfer einer Gruppe spanischer Touristen, die in Almagro durch die Kirche gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr sieht man in der Metro Latinos zuhauf. Alle klein, mit glattem Haar, mit mehr oder weniger prononcierten indianischen Gesichtsz\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal steige ich an der <em>Estaci\u00f3n del Arte<\/em> aus. Die ist noch g\u00fcnstiger f\u00fcr mich. In den G\u00e4ngen der Metrostation sind Reproduktionen von Gem\u00e4lden aus den drei Museen zu sehen, die hier gleich in der N\u00e4he sind, Prado, Reina Sof\u00eda und Thyssen-Bornemisza: Monet, Juan Gris, Veronese, Mir\u00f3, Degas.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist das Wetter besser, es ist w\u00e4rmer, und die Sonne kommt heraus. Ich komme an der Fassade des Reina Sof\u00eda vorbei. Dort wird auf die Ausstellung von Maruja Mallo hingewiesen, die mir der Vermieter empfohlen hat. Daneben ein Bild von einer gewissen Elena Asins, \u201eEstructuras \u00f3pticas\u201c. Es besteht nur aus schwarzen und wei\u00dfen Linien und Kreisen, \u00fcber die sich wiederum spitz ein Quadrat aus schwarzen und wei\u00dfen Linien legt. Da entdeckt man immer was Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die Bar Asturias von heute Morgen. Das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft. An der Theke steht man in zwei Reihen, drau\u00dfen sind alle Tische besetzt, und die wenigen Tische in dem Schankraum auch. Erst jetzt sehe ich, dass es hinten auch noch einen Comedor gibt. Der scheint auch gut gef\u00fcllt zu sein. Nur dort sieht man die eine oder andere Frau. Alle anderen Kunden sind M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sitze kaum, schon steht neben dem frisch gezapften Bier ein kleiner Teller mit Essenresten von gestern auf dem Tisch. Kleine Wurstst\u00fccke und Zwiebeln und Paprika zwischen Kartoffelw\u00fcrfeln. Schmeckt hervorragend. Danach gibt es dann noch auf Kosten des Hauses einen Teller mit <em>lac\u00f3n<\/em>, kleine St\u00fccke gep\u00f6keltes Fleisch vom Schwein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich frage, ob es Fabada gebe, macht der Kellner eine ausladenden Bewegung mit den H\u00e4nden, sehr spanisch und sagt: \u201e!Hombre!\u201c Es sucht wohl nach einem sprachlichen Vergleich, so was wie in einem Bekleidungsgesch\u00e4ft zu fragen, ob es Hosen gibt. Schlie\u00dflich sind wir in Asturias.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fabada, in einer runden Steingutterrine serviert, h\u00e4lt alles, was man sich von ihr versprechen kann. Eine der besten, die ich jemals gegessen habe. Ich bedanke mich bei dem umsichtigen, aufmerksamen Kellner und verspreche, wiederzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>7. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich um 8 Uhr aus dem Haus gehe, regnet es (noch) nicht, aber die angezeigten 12\u00b0 f\u00fchlen sich k\u00e4lter an. Der Himmel, mit Wolken und blauen und r\u00f6tlichen Schattierungen, zeigt sich aber in aller Sch\u00f6nheit. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in der Bar Asturias meinen Kaffee trinke, kommt eine ganz Staffel von schwer bewaffneten Polizisten in schwarzen Uniformen in die Bar. Sie werden freundlich begr\u00fc\u00dft. Scheinen Stammg\u00e4ste zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zu den Toiletten ist mit <em>Servicios<\/em> ausgezeichnet, an den Toiletten selbst steht aber <em>Aseos<\/em>. Die Vielzahl der W\u00f6rter, die jede Sprache f\u00fcr dieses \u00d6rtchen hat, ist ein Widerhall auf das Unangenehme der T\u00e4tigkeiten, denen man an diesem \u00d6rtchen nachgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag geht es nach Aranjuez, zu Nigel und Hilary, den alten englischen Freunden. Die R\u00fcckfahrkarte kostet gerade mal 8,15 \u20ac. Geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre mit der C3, der Linie, mit der Nigel, der englische Freund, jahrelang zur Arbeit nach Madrid gefahren ist und \u00fcber die er ein wunderbares Buch geschrieben hat. Jedes Kapitel entspricht einer Station. Er beschreibt die Fahrg\u00e4ste und die Umgebung des Bahnhofs und w\u00e4hlt sich f\u00fcr jedes Kapitel ein landeskundliches Thema aus: spanisches Essen, spanischer Humor, spanische Fremdsprachenkenntnisse, spanische Einstellungen, und wie die Spanier fluchen und welche Redewendungen sie benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir treffen uns vor dem Restaurant Parterre, wo sie einen Tisch reserviert haben. Beim letzten Mal haben wir in einem benachbarten Restaurant gegessen, aber oben auf der Terrasse gesessen. Davon kann heute keine Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist zu vornehm f\u00fcr meine legere Kleidung, aber keiner l\u00e4sst sich was anmerken, die Kellner schon gar nicht. Sie sind alle freundlich und aufmerksam und unaufdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine ganze Reihe von Vorspeisen: gef\u00fcllte Kroketten, Austern, Pilze, Sardellen und dann, als Hauptgericht, entweder Lachs oder Spanferkel. Das wird nur in ganz kleinen, knusprigen Portionen serviert und schmeckt hervorragend. Es wird mit Rotkohl serviert, <em>lombarda<\/em>. Das kenne ich aus Spanien gar nicht. Doch, meinen die beiden, es sei eine klassische Beilage zum Weihnachtsessen. Zum Kaffee gibt es einen Schokoladenlik\u00f6r, der mir besser schmeckt als den beiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden haben durch ihre drei Wohnorte, zwischen denen sie st\u00e4ndig wechseln, die Hitze dieses Sommers besser \u00fcberstehen k\u00f6nnen als die meisten. Sie haben die Wohnung in Aranjuez, ein kleines Apartment an der K\u00fcste, in Oropesa, und einen Wohnwagen in der Sierra. Ins Schwitzen gekommen sind sie aber trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es darum geht, wer bezahlt, lassen sie, wie immer, keinen Zweifel aufkommen: Die Rechnung \u00fcbernehmen sie. Ich war gewappnet und habe aus der Heimat Pralinen und einen englischen Roman mitgebracht und noch ein Los der Weihnachtslotterie dazugetan.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend gehen wir zu ihnen, in ihre gem\u00fctliche Maisonettenwohnung. Dort werden wir freudig von Doris begr\u00fc\u00dft, ihrer H\u00fcndin. Sie ist \u00fcberhaupt nicht scheu und springt st\u00e4ndig an mir herauf und leckt an mir herum. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen \u00fcber Lebenseinstellungen, \u00fcber unserer Hoffnungen und Bef\u00fcrchtungen f\u00fcr die Zukunft, dar\u00fcber, wie man das Beste aus seinen letzten Lebensjahren machen kann, \u00fcber Beziehungen und Interessen. Bei ihnen steht demn\u00e4chst der 50. Hochzeitstag an. Nigel hat ein zweites Buchprojekt in der Pipeline und widmet sich neuerdings \u2013 mit Erfolg \u2013 der Aquarellmalerei, Hilary der Lekt\u00fcre und der Musik. Sie hat aber, im Gegensatz zu ihm, keinerlei Ambitionen. Ist froh dar\u00fcber, in den Tag hinein leben zu k\u00f6nnen, ohne gro\u00dfe Verpflichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigen sich sehr angetan von der Hilfsbereitschaft der Spanier. Als Hilary einmal unterwegs st\u00fcrzte und sich nicht mehr aufrichten konnte, kamen sofort zwei M\u00e4nner herbei, die ihr aufhalfen. Und als Doris einmal an dem Brunnen vor dem Schloss ihr Gesch\u00e4ft verrichtete, kam ein Mann, b\u00fcckte sich und, statt zu meckern, beseitigte den Unrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen auch \u00fcber die Vergangenheit und ehemalige Kollegen: eine irische Kollegin ist nach San Francisco zur\u00fcckgekehrt, woher sie damals nach Madrid kam, eine US-amerikanische Kollegin, die damals in Madrid schon in einem Chor sang, ist inzwischen Operns\u00e4ngerin, und ein sehr gesch\u00e4tzter US-amerikanischer Kollege, einer der wenigen, die Deutsch sprachen, ist inzwischen verstorben, tot von einem Nachbarn in der Wohnung aufgefunden worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine herzliche Umarmung zum Abschied. Gut, so treue Freunde zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich zu Fu\u00df auf dem Weg zum Bahnhof, durch den str\u00f6menden Regen. Der ist so heftig, dass auch die vereinten Kr\u00e4fte von Regenschirm und Regenjacke gegen ihn machtlos sind. Zu allem \u00dcberfluss tritt man in der Dunkelheit st\u00e4ndig in Pf\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber am Bahnhof habe ich Gl\u00fcck: Auf dem gegen\u00fcberliegenden Bahnsteig, Gleis 3, steht abfahrtbereit der Zug. Zur Sicherheit frage ich, bevor ich r\u00fcbergehe, ob das der Zug nach Madrid sei. Im Zug frage ich dann noch mal. Ja. Wir warten, aber es tut sich nichts. Dann kommt eine Bahnangestellt und sagt uns, dieser Zug fahre nirgendwo hin, er stehe hier nur rum. Wir m\u00fcssten zu Gleis 5. Wir laufen r\u00fcber, kommen aber zu sp\u00e4t. Der Zug f\u00e4hrt uns vor der Nase weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Zug soll in 20 Minuten von Gleis 4 abfahren. Tats\u00e4chlich steht er auch schon in Sichtweite des Bahnsteigs abfahrbereit. Aber er bewegt sich nicht. Die vorgesehene Abfahrtzeit vergeht, wir warten und warten, aber es tut sich nichts, obwohl alle paar Minuten eine Durchsage kommt, der Zug fahre gleich ein. Ein Gef\u00fchl von DB macht sich breit. Dann kommt der Zug endlich, aber zu allem \u00dcbel f\u00e4hrt er so langsam, dass die Fahrt doppelt so lange wie die Hinfahrt dauert. Ziemlich bedr\u00f6ppelt komme ich wieder in Madrid an.<\/p>\n\n\n\n<p>8. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen ist der Himmel blau, und die Sonne scheint. Statt, wie beabsichtigt, ins Arch\u00e4ologische Museum, gehe ich ins Reina Sof\u00eda, einfach, weil es so naheliegend ist, im wahrsten Sinne des Wortes. In zwei Minuten bin ich da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrete das Museum durch den modernen Annex, verlasse es sp\u00e4ter durch den alten Geb\u00e4udeteil mit den modernen Glasaufz\u00fcgen an der Fassade und komme auf den gro\u00dfen, vom Verkehr abgeschirmten Platz, der nach Juan Goytisolo benannt ist, den katalanischen Dichter und Verfasser des wunderbar tr\u00f6stlichen Gedichts \u201ePalabras para Julia\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes ger\u00e4t ein bekanntes Bild aus der fr\u00fchen Schaffensperiode von Dal\u00ed, \u201eFigura en una finestra\u201c, in mein Blickfeld, ein wunderbares Bild, das man noch mehr sch\u00e4tzt, wenn man sich in die Details vertieft. Dal\u00ed stellt seine Schwester dar, die, mit dem R\u00fccken zum Maler, aus dem Fenster auf das Meer sieht. Eine solche Darstellung widerspricht der ganzen Tradition der Portr\u00e4tmalerei, bei der die Portr\u00e4tierten nat\u00fcrlich immer von vorne dargestellt wurden. Diese Tradition wurde erst in der Romantik durchbrochen, etwa bei Caspar David Friedrich. Auch bei ihm blicken die Portr\u00e4tierten in die Ferne, in die Natur, was Sehnsucht und Innigkeit vermittelt. So auch bei Dal\u00ed. Besonders sch\u00f6n die Details: die drapierten hellblauen, zur Seite gezogenen Vorh\u00e4nge sind ein Widerhall des sich auch leicht w\u00f6lbenden hellblauen Kleids von Dal\u00eds Schwester und den gekr\u00e4uselten Wellen des hellblauen Meeres. Die wiederum reflektieren sich in ihrem leicht gekr\u00e4uselten Haar. In der Ferne sieht man die K\u00fcste, aber nur flache Felsen und Strandgew\u00e4chse. Keine Spuren&nbsp; von Zivilisation, keine Menschen, keine H\u00e4user. Die entdeckt man erst, wenn man genau hinguckt, in den Fensterscheiben, ganz am Rand, in denen sie sich spiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Juan Gris ist unter anderem mit \u201eLa guitarra\u201c vertreten, einem idealtypischen kubistischen Bild. Die Gitarre ist in ihre Einzelteile zerlegt, und wir sehen auf dem Bild mehr von ihr als jemals in der Wirklichkeit. Hier haben wir Vorder-, Hinter- und Seitenansicht gleichzeitig. Die Gitarre war so ein beliebtes Motiv sowohl f\u00fcr Juan Gris als auch f\u00fcr den Picasso der kubistischen Periode, dass die beiden sich einen Spa\u00df daraus machten, das Werk des einen f\u00fcr das des anderen auszugeben. In diesem Bild zeigt sich Juan Gris allerdings farbenfroh, im Kontrast zu seinem selbstgew\u00e4hlten Pseudonym Gris, das \u201aGrau\u2018 bedeutet. In einem anderen Gem\u00e4lde hier \u201ePortrait du Madame Josette Gris\u201c sind allerdings fast nur Graut\u00f6ne vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls kubistisch Mar\u00eda Blachards \u201eMujer con abanico\u201c. Hier dauert es l\u00e4nger, bis man die Fl\u00e4chen zu&nbsp; einem Bild zusammensetzen kann. Das klappt, wenn man sich Zeit nimmt und das Bild aus einigem Abstand ansieht. Man erkennt den (gelben) F\u00e4cher und die (roten) R\u00fcschen des Rocks. Beide heben sich von dem schw\u00e4rzlichen Hintergrund und der Bluse ab. Die einzelnen Fl\u00e4chen sind durch Linien scharf voneinander abgetrennt. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich die Bewegung in dem Bild. Auch der Hintergrund, der nicht glatt ist, tr\u00e4gt vermutlich dazu bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein unverkennbarer Mir\u00f3, \u201eRetrato II\u201c, ein beinahe kindlich aussehendes, abstraktes Portr\u00e4t, das nur aus Formen besteht, aus Dreiecken, Punkten, Ovalen, Kreisen, mit leuchtenden, stark voneinander abgesetzten Farben. Eigentlich erstaunlich, dass man \u00fcberhaupt ein menschliches Gesicht und eine menschliche B\u00fcste erkennen kann. Es ist ein weiter Schritt von der traditionellen Malerei weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Ernsts \u201eLa belle allemande\u201c, kein Gem\u00e4lde, sondern eine Skulptur, ist weder sch\u00f6n noch deutsch. Hier ist der Minimalismus auf die Spitze getrieben. Selbst die&nbsp; Mondgesichter unserer Kindheit waren differenziert im Vergleich. Die kleine Gipsscheibe, die das Gesicht (vermutlich) verk\u00f6rpert, hat nur zwei aufgeklebte Punkte, die Augen. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man unten eine l\u00e4ngliche Erh\u00f6hung vermutlich die Nase. Die ist aber viel zu tief im Gesicht angebracht. Dieses Gesicht wird mit zwei vertikalen Eisenstangen mit dem Fu\u00df verbunden, einer flachen Gipsscheibe, auf der die Skulptur ruht. Die Eisenstangen sind vermutlich die Beine. Erstaunlich, dass man das \u00fcberhaupt als menschliche Figur erkennen kann. Ob man auch erkennt, dass es sich um eine Frau handelt? Oder wei\u00df man das nur durch den Titel?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich und doch anders ist \u201eP\u00e9r\u00e9grinations de George Hugnet\u201c. Das besteht nur aus zwei Kinderspielzeugen, einem Pferd und einem Fahrrad. Das Pferd spricht durch den Rahmen des Fahrrads oder zumindest dabei, es zu tun. Der Titel hat mit dem Bildmotiv nichts zu tun, ist eine Anspielung auf einen Freund, der mit seinen Schriften die neue Kunst gefeiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Calder, der Meister des Mobiles \u2013 ich habe mal in Palma de Mallorca zwischen Kathedrale und K\u00fcste ein gro\u00dfes Mobile im Freien gesehen \u2013 ist mit einer ziemlich r\u00e4tselhaften Skulptur vertreten, die wie ein Mobile aussieht, aber vielleicht keins ist. Der stabile untere Teil besteht aus zwei oder drei ineinander verschobenen Metallplatten, von denen ein feines Drahtger\u00fcst ausgeht das in einen roten Kreis m\u00fcndet. Noch dar\u00fcber h\u00e4ngt ein feines Drahtschild mit dem Wort Almad\u00e9n. Scheint eine Anspielung auf die Quecksilbergruben in Ciudad Real zu sein. An einer Stelle des Ger\u00fcsts sieht man auch so etwas wie Tropfen. K\u00f6nnte das Quecksilber sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Den meisten Andrang gibt es vor Picassos \u201eGuernica\u201c. Davor gibt es eine Absperrung, neben der eine Aufpasserin sitzt, die nur f\u00fcr dieses Gem\u00e4lde zust\u00e4ndig ist. 1974 hat es einmal im MOMA einen Angriff auf das Bild gegeben. In einem \u201ekreativer Akt des Friedensvandalismus\u201c bespr\u00fchte ein Mann das Bild mit roter Farbe, als Protest gegen den Vietnamkrieg. Dazu w\u00e4hlte er sich ausgerechnet dieses Antikriegsbild aus. Der Attent\u00e4ter machte keinen Versuch zu fliehen. Die Direktorin des Museums kam sofort herbei und beseitigte die Farbe so gut, dass sie mit blo\u00dfem Auge heute nicht mehr zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gem\u00e4lde hat die enormen Ma\u00dfe von 8 x 3,50 Meter. Das war genau die Wandfl\u00e4che, die Picasso in seinem Pariser Atelier zur Verf\u00fcgung hatte. Erst durch den Angriff der Legion Condor auf Guernica entstand das heutige Bild. In den Nebenr\u00e4umen hier sieht man alle m\u00f6glichen Vorzeichnungen von Picasso und sogar fertige Bilder, die sp\u00e4ter ein Teil des Gem\u00e4ldes wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwarz-wei\u00df-graue Farbgebung setzt den Ton f\u00fcr die grausamen Szenen des Gem\u00e4ldes: Eine Frau h\u00e4lt ein totes Kind in den Armen, ein Speer durchbohrt ein Pferd, Flammen z\u00fcngeln aus einem brennenden Haus. Man sieht nicht, was die Ursache ist, man sieht keine Bomben, keine Granaten, keine Gewehre. Gerade das steigert die Wirkung des Bildes noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso viel Andrang herrscht vor Dal\u00eds \u201eVisage du grand masturbateur\u201c. Zu Recht. Hier k\u00f6nnte man stundenlang stehen, und in der surrealistischen Traumlandschaft immer neue Details entdecken. Da versagt die Sprache, um so ein Bild zu beschreiben. Erkennen kann man, wenn man so will, den Oberk\u00f6rper einer Frau und den Unterk\u00f6rper eines Mannes. Der Oberk\u00f6rper der Frau scheint aus dem K\u00f6rper eines Tiers herauszuwachsen, vielleicht einem Stier. Dessen Haut ist an verschiedenen Stellen von v\u00f6llig disparaten Dingen durchbrochen, B\u00fcscheln von bunten Gr\u00e4sern, Gew\u00fcrm, einer Fratze, einem Horn. Das Tier hat als Schwanz einen ganz normalen Regenschirm. Die ganze Szenerie ist in eine Art W\u00fcstenlandschaft eingebettet, mit merkw\u00fcrdigen Figuren. Wenn man die alleine betrachtet, ergeben sie ein Bild f\u00fcr sich.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse es bei dieser kleinen Auswahl bewenden. Heute ist der letzte Tag, und es stehen noch Reisevorbereitungen auf dem Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Ausgang durch den alten Geb\u00e4udeteil bietet einige sch\u00f6ne Blicke den langen gew\u00f6lbten, indirekt von der Sonne beschienenen G\u00e4nge entlang.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend trinke ich einen Kaffee in der <em>Bar Pando<\/em> und bestelle einen Cookie dazu. Der schreibt sich hier <em>Cuqui<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss will ich, einem Tipp des Vermieters folgend, zu einem Eisenbahnmuseum gehen, wo heute ein Markt stattfindet. Ich frage den Mann hinter der Theke nach dem Paseo de las Delicias. Er macht eine Handbewegung und sagt, \u201eLa que sube\u201c. Da f\u00fchrt mich mein Sprachgef\u00fchl auf die falsche F\u00e4hrte. F\u00fcr mich ist das die Stra\u00dfe, die von dem Platz aus aufsteigt, es ist aber die Stra\u00dfe, die zum Platz hin aufsteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>Delicias<\/em> komme ich an einem Fris\u00f6rsalon vorbei (wenn es denn einer ist), der den b\u00f6sartig-ironischen Namen <em>Corta Cabeza<\/em> tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Metrostation Delicias sto\u00dfe ich auf eine moderne Kirche, die sich den Namen des Viertels zu eigen macht in einem Spruch aus den Spr\u00fcchen an der Fassade der Kirche: <em>Mis delicias son los hijos de los hombres \u2013 Meine Freude habe ich&nbsp; an den Menschens\u00f6hnen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Eisenbahnstation schickt mich eine uniformierte Angestellte in die entgegengesetzte Richtung. Und die erweist sich als v\u00f6llig falsch. Das Eisenbahnmuseum ist gleich hierneben, etwas tiefer gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die falsche Stra\u00dfe runter und sto\u00dfe dabei auf die Bar <em>Ande Andar\u00e1s<\/em> und den Buchladen <em>Pulgarcito<\/em>. Dann geht es wieder zur\u00fcck, aber als ich die Schlange vor dem Museum sehe, h\u00f6re ich mir nur, in dem dichten Pulk vor den Absperrung stehend, ein Lied an und kehre unverrichteter Dinge wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Bar Asturia<\/em> ist es heute, obwohl Samstag, noch voller als w\u00e4hrend der letzten Tage. Entsprechend hoch der L\u00e4rmpegel. Die Kellner behalten trotz des Betriebs die Ruhe und die \u00dcbersicht, und ich gehe gut versorgt nach Hause, mit Marschverpflegung am Ende einer abwechslungsreichen Woche in Madrid.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. November (Montag) Deutschland erstreckt sich \u00fcber 9 L\u00e4ngengrade, von G\u00f6rlitz bis Aachen. Das bedeutet: dieselbe Uhrzeit, aber ein anderer Sonnenstand. 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