{"id":12067,"date":"2025-11-11T11:24:21","date_gmt":"2025-11-11T10:24:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12067"},"modified":"2025-11-23T23:47:26","modified_gmt":"2025-11-23T22:47:26","slug":"kolumbien-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12067","title":{"rendered":"Kolumbien (2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>10. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Popay\u00e1n \u2013 eine unbekannte Stadt in einem bekannten Land. Soweit s\u00fcdlich bin ich in Kolumbien bisher noch nicht gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ankunft mit einem Tag Versp\u00e4tung, nach einer Reise mit Hindernissen. Wenn die Planung schiefgeht, stellt sich alles \u2013 andere Uhrzeit, anderer Stecker, andere W\u00e4hrung, neue Umgebung \u2013 komplizierter dar als sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende komme ich an, m\u00fcde, schmutzig, aber zufrieden. Der Vermieter nimmt mich, anders als angenommen, pers\u00f6nlich in Empfang und erspart mir das komplizierte Procedere, das n\u00f6tig ist, um alleine hineinzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kleine Apartment hat alles, was man braucht, sogar eine Waschmaschine. Die wird sofort in Gang gesetzt. Dann geht es, geduscht und rasiert, gleich ins Zentrum, die <em>Carrera 11<\/em> entlang, bis zur <em>Calle 5<\/em>, die direkt ins Zentrum f\u00fchrt. Die Stadt ist schachbrettartig angelegt. Die <em>carreras<\/em> verlaufen von Nord nach S\u00fcd, die <em>calles<\/em> durchschneiden sie und verlaufen von Ost nach West.<\/p>\n\n\n\n<p>Popay\u00e1n ist gr\u00f6\u00dfer als ich dachte \u2013 250.000 Einwohner \u2013 und eine sehr gesch\u00e4ftige Stadt, wie ich schon im Taxi auf dem Weg zur Unterkunft feststellen konnte. Aufpassen muss man vor allem wegen der kleinen, wendigen Motorr\u00e4der. Die sind unberechenbar und sto\u00dfen in jede L\u00fccke, die sich ihnen bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch auf der <em>Carrera 11<\/em> komme ich an einem kleinen Caf\u00e9 vorbei, ganz einfach, eine indigene Frau hinter der Theke, kein Gast da. Ich bestelle einen Kaffee und ein Teilchen, und als die Frau mir den Namen sagt, f\u00e4llt es mir wieder ein: <em>chicharr\u00f3n<\/em>. Ein gef\u00fclltes Plunderteilchen. Seinen Namen \u2013 <em>Speckschwarte<\/em> \u2013 verdankt es nur seinem Aussehen. Daneben rundliche Teilchen, die <em>peras<\/em> hei\u00dfen, obwohl man h\u00f6chstens auf den zweiten Blick mit viel M\u00fche erkennen kann, dass sie wie Birnen aussehen. Die gibt es mit Kokos und mit Erdnuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter die Stra\u00dfe runter sehe ich, wie ein junger Mann in einem Fris\u00f6rsalon den Boden fegt, und da gerade kein anderer Kunde da ist, nutze ich die Gelegenheit und lasse mir die Haare schneiden. Vorher muss ich nach dem Preis fragen, denn ich habe nur einen Notvorrat an Pesos. Haut aber hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann stammt aus Pasto, 8 Stunden von hier entfernt, mit dem Bus vermutlich. Da m\u00fcsse ich unbedingt mal hin. Erinnert mich an ein Gespr\u00e4ch im Flugzeug, mit meinem Sitznachbarn, Nelson. Der kommt aus La Guajira, im Norden des Landes. Da m\u00fcsse ich unbedingt hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fris\u00f6r macht seine Sache gut, fast so gut wie damals sein Kollege in Medell\u00edn. Zum Schluss kommt auch noch die in der Mitte geteilte Rasierklinge zum Einsatz, mit der die letzten feinen H\u00e4rchen entfernt werden. Den Wunsch, das Haar nicht ganz so kurz zu schneiden, ignoriert er aber v\u00f6llig, wie alle Fris\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt, was ein Haarschnitt in Deutschland koste. Ich sage ihm einen ungef\u00e4hren, nach unten korrigierten Preis. Dann w\u00fcrden die Fris\u00f6re in Deutschland ja gut verdienen meint er. Da muss ich schnell noch hinzuf\u00fcgen, dass nicht nur die L\u00f6hne, sondern auch die Preise h\u00f6her sind. Daran hat er noch nicht gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist mit seinen Eltern hierhergekommen, sein Vater hat hier eine Arbeitsstelle bekommen. Seine Verlobte ist aus Popay\u00e1n. Sie h\u00e4tten vorher eine Fernbeziehung gehabt, erkl\u00e4rt er. Die ganze Erz\u00e4hlung kommt mir etwas unstimmig vor. Er hat auch gesagt, Pasto liege im Norden des Landes, dabei liegt es im S\u00fcden, noch s\u00fcdlich von Popay\u00e1n, und scheint auch nicht so weit entfernt zu sein, wie er sagt. Vielleicht wei\u00df er das einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bezahlen will, stellt sich heraus, dass er nicht wechseln kann. Macht nichts, er werde eben in das Gesch\u00e4ft gegen\u00fcber gehen und wechseln. Das ist hier gang und g\u00e4be, kommt bei uns kaum mal vor. Ich finde dann aber noch genug kleine Scheine, um zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald man in die <em>Calle 5<\/em> abbiegt, ver\u00e4ndert sich die Szenerie. Auf beiden Seiten niedrige H\u00e4user aus der Kolonialzeit, alle wei\u00df, und so viel Betrieb auf den B\u00fcrgersteigen, dass man immer wieder mal auf die Stra\u00dfe ausweichen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem etwas gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4ude, einem Teil der Stadtverwaltung, treffe ich zum ersten Mal auf ein Schild, das auf das Erdbeben von 1983 hinweist. Das hat die ganze Stadt betroffen, vor allem das historische Zentrum. Alles ist so gut wiederaufgebaut worden, dass man als normaler Besucher keine Spuren des Erdbebens mehr sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch auf der <em>Carrera 11<\/em>, dr\u00e4ngt sich hier ein Gesch\u00e4ft ans andere: Kleidungsgesch\u00e4fte, Kopierl\u00e4den, Handygesch\u00e4fte, vor allem aber Lokale, alle klein und einfach. Vor mehreren Geb\u00e4uden Schlangen von Menschen, die hier irgendwelche Geldgesch\u00e4fte t\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der <em>Parque de Caldas<\/em>, der zentrale Platz Popay\u00e1ns, die <em>Plaza Mayor<\/em> sozusagen. Es vergeht kein Gespr\u00e4ch \u00fcber Popay\u00e1n, ohne dass der Name <em>Parque de Caldas <\/em>f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Park im Zentrum ist auf allen Seiten umgeben von hohen, repr\u00e4sentativen Kolonialh\u00e4usern. Die sind alle wei\u00df. Ihnen verdankt die Stadt ihren Beinamen <em>Ciudad Blanca<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich streife ein bisschen auf dem Platz herum und lasse die Atmosph\u00e4re auf mich wirken. Der angek\u00fcndigte Regen ist ausgeblieben, und es ist schw\u00fcl-warm. Meine Kleidung ist f\u00fcr k\u00fchles Regenwetter geeignet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf eine Gruppe von Polizisten zu und frage einen von ihnen nach der <em>Oficina de Turismo<\/em>. Gro\u00dfes Erstaunen. Er wei\u00df damit wohl nichts anzufangen. Nein, so was gebe es hier nicht, meint er. Aber ich solle warten. Wir w\u00fcrden den Chef fragen. Der, anders uniformiert, ist gerade mit zwei Jugendlichen besch\u00e4ftigt. Als er fertig ist, leitet der andere meine Frage an ihn weiter. Nein, so etwas gebe es nicht. Was ich denn da wolle, will er wissen. Meine Antwort befriedigt ihn nicht. Was ich wissen wolle, k\u00f6nne er mir auch sagen. Dies sei die Ciudad Blanca, und die Museen seien ab 8 Uhr ge\u00f6ffnet. Ich will mich resigniert abwenden, als er sagt, da hinten, in der <em>C\u00e1mara de Comercio<\/em>, da k\u00f6nne man mal nachfragen. Der ganze Tross setzt sich in Bewegung. Der Chef geht rein, kommt raus. Ergebnis: Ja, das sei die &nbsp;<em>Oficina de Turismo<\/em>. Man sieht ihm seine \u00dcberraschung an.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen eine sehr freundliche Frau, die mir alle sagt, was ich wissen will und auch einen Stadtplan f\u00fcr mich hat. Montags seien die Museen geschlossen, die anderen \u00d6ffnungszeiten st\u00fcnden hier. Die meisten haben eine Mittagspause.<\/p>\n\n\n\n<p>Popay\u00e1n, erkl\u00e4rt sie, sei gleich zweimal auf der Liste der UNESCO der immateriellen Kulturg\u00fcter vertreten, mit seiner Gastronomiemesse im Herbst und mit der Osterprozession, der Prozession in der <em>Semana Santa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen Ausflug empfiehlt sie Silvia, einen Ort in der Sierra, wo es dienstags einen indigenen Markt gebe. Den hatten schon der Vermieter und der Fris\u00f6r erw\u00e4hnt. Einfach zu Busbahnhof gehen und dort in einen der regelm\u00e4\u00dfig fahrenden Busse einsteigen. Der Markt kommt f\u00fcr morgen auf die Agenda.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Markt in Silvia, erkl\u00e4rt sie mir, sei <em>chevere<\/em>, und verwendet dabei <em>das<\/em> kolumbianische Wort \u00fcberhaupt. Auch verwendet sie <em>acaso<\/em> f\u00fcr <em>quiz\u00e1s<\/em>, ein Wort, das man in Spanien nicht h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, nat\u00fcrlich gebe es Wechselstuben, sagt sie. Der Vermieter und die Polizisten wussten von denen nicht. Etwas weiter die Stra\u00dfe runter, in einer kleinen Ladenstra\u00dfe, da gebe es eine <em>Casa de Cambio<\/em>. Ich entdecke sp\u00e4ter sogar eine direkt neben der Kathedrale.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich nach der von dem M\u00e4dchen aus der Touristeninformation genannten Wechselstube durch. Finde sie ohne Probleme, in einem etwas dunklen Gang, hinter einer Ecke verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann hinter dem Schalter mit der Panzerglasscheibe informiert mich, untersucht eingehend meine beiden Hundertdollarscheine, fragt nach meinem Pass und f\u00fcllt ein kompliziertes Formular aus. Der Raum hinter ihm ist n\u00fcchtern, etwas d\u00fcster, mit zwei, drei kleinen grauen Geldschr\u00e4nken. Die einzige Verzierung ist ein gro\u00dfes Poster von New York.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekomme ich die Abrechnung und das Geld: 756.000 Pesos f\u00fcr 200 Dollar. Der Kurs ist 3,780. Schwer zu rechnen, ich werde der Einfachheit auf 4 aufrunden. Und weniger als beim letzten Mal, der Peso muss wohl gestiegen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem halten sich die Kosten in Grenzen. Beim Fris\u00f6r habe ich 20.000 bezahlt, beim Taxi 8.000, jeweils Trinkgeld inbegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf den Platz zur\u00fcck und sehe mich etwas um. Stra\u00dfenverk\u00e4ufer zuhauf, sowohl im Park als auch am Rande des Platzes. Es gibt viel Kitsch zu kaufen, auch S\u00fc\u00dfes und Telefongespr\u00e4che. Dort wird einem gegen die entsprechende Bezahlung das Telefon des anderen \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen verkauft Obst, zwei Sorten, beide proportioniert, in Plastikbechern. Ich muss fragen, was das ist. Die erste Sorte, das seien <em>ciruelas<\/em>, sagt sie. Sehen nicht wie Pflaumen aus. Ob die gewaschen seien, frage ich. Nein, aber sie k\u00f6nne sie f\u00fcr mich waschen. Sie f\u00fcllt den Inhalt des Bechers in eine Plastikt\u00fcte, sch\u00fcttet Wasser aus einer Wasserflasche rein, r\u00fcttelt das Ganze ordentlich durch und sch\u00fcttet das Wasser aus. Die Pflaumen wandern dann wieder in den Plastikbecher.<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere, erfahre ich, seien <em>madro\u00f1os<\/em>. Die Fr\u00fcchte habe ich noch nie gesehen, die B\u00e4ume mal im S\u00fcden Portugals. Am besten kenne ich den aus Madrid, als Baum, an den sich der Madrider B\u00e4r lehnt, auf der <em>Puerta de Sol<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pflaumen schmecken nicht nach Pflaumen und bestehen haupts\u00e4chlich aus Kern. Einige sind s\u00fc\u00df, die meisten etwas zu bitter. Kein Leckerbissen, aber die Freude, sie probiert zu haben, \u00fcberwiegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe kurz in die Kathedrale. Nichts Besonderes auf den ersten Blick, au\u00dfer dem monumentalen Altarbild. Da sieht man Maria, nicht Jesus, auferstehen. In einem sich wallenden wei\u00dfen Gewand f\u00e4hrt sie gen Himmel, nur der \u00e4u\u00dferste Zipfel des Gewandes ber\u00fchrt noch den Globus unter ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich trete den Heimweg an. Auf der <em>Carrera 11<\/em> reiht sich ein Lokal ans andere, alle einfach und klein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber der Unterkunft gibt es einen kleinen Laden, auf den der Vermieter mich aufmerksam gemacht hat. Es ist aber kein Laden, wie ich ihn mir vorgestellt habe, sondern eine Art Kiosk, mit schweren schwarzen Gittern verschlossen. Man gibt seine Bestellung durch das Gitter auf. Ich bestelle Wasser, Bier, Erdn\u00fcsse und Kekse. Es gibt ein paar sprachliche Hindernisse, aber das macht nichts. Die <em>salchich\u00f3n<\/em>, die ich bekomme, ist keine Salami oder \u00e4hnliches, sondern eine Art Mortadella, in einer Pelle serviert, so wie bei uns die Leberwurst. Und das <em>bocadillo<\/em>, das ich bestelle, erweist sich als ein kleines, trockenes St\u00fcck Brot, das nach nichts schmeckt. Als ich die Erdn\u00fcsse bestelle, liegt mir schon <em>cacahuetes<\/em> auf der Zunge, erinnere mich dann aber, dass die hier <em>man\u00ed<\/em> hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau ist sehr freundlich, fragt, wo ich wohne und sagt mir, ich solle auf mich aufpassen. Wie sie das meine? Ja, ich solle auf meine Wertsachen aufpassen, mich nicht beklauen lassen. Immer wieder eine sch\u00f6ne Erfahrung, wie in L\u00e4ndern, die als gef\u00e4hrlich gelten, die meisten \u00e4u\u00dferst freundlich und geradezu besorgt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>11. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen gehen mir einige Szenen der letzten Tage durch den Kopf. Dieser Tage im Flugzeug habe ich begonnen, <em>Pygmalion<\/em> zu lesen, den ersten Akt. Gleich in den ersten Szenen haben die verschiedenen Akzente ihren Auftritt, die man in London h\u00f6rt. Dabei versucht der Autor, den Akzent des Blumenm\u00e4dchens, aus der Londoner Unterklasse,&nbsp; schriftlich wiederzugeben, keine leichte Sache, auch f\u00fcr den Leser nicht. Nach ein paar Eins\u00e4tzen des Blumenm\u00e4dchens gibt er es auf, sie spricht von hier an weitgehend \u201enormal\u201c. Auf der B\u00fchne geht das allerdings nicht. Da muss man eine Schauspielerin haben, die den Cockney-Akzent auch weiterhin zum Besten gibt. Bei \u00dcbersetzungen stellt sich die Frage, wo man das St\u00fcck spielen l\u00e4sst, welchen Akzent man Eliza, dem Blumenm\u00e4dchen, verpasst. Zum Beispiel im Deutschland: Berlinerisch? Hessisch? S\u00e4chsisch? Und wie ist es in der Schweiz oder in \u00d6sterreich? Heute k\u00f6nnte man nat\u00fcrlich auch eine Einwanderin nehmen, deren ausl\u00e4ndischer Akzent in Standarddeutsch verwandelt und dadurch hoff\u00e4hig wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nelson, mein Sitznachbar auf dem Flug nach Popay\u00e1n, hat mich gefragt, was man denn in Europa von Gustavo Petro halte, dem neuen kolumbianischen Pr\u00e4sidenten. Kleinlaut muss ich zugeben, dass man von dem gar nichts wei\u00df. Scheint ein ganz bemerkenswerter Mann zu sein. Er will einiges ver\u00e4ndern, will die Privatisierungen der letzten Jahrzehnte r\u00fcckg\u00e4ngig machen und bietet den USA die Stirn. Er weigert sich, die Kokapflanzen mit Pestiziden auszumerzen, das w\u00fcrde nicht nur die Kokapflanzen, sondern auch alles andere, den ganzen kolumbianischen Urwald, treffen. Und er bezichtigt die USA der Doppelmoral: den Handel mit Kokain unterbinden und immer neue Sch\u00fcrfrechte auf Kohle und Erd\u00f6lvorhaben in Kolumbien fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Fahrt zum Flughafen ist mir aufgefallen, dass alle Autos, die irgendeine \u00f6ffentliche Funktion haben, darunter auch die Taxis, an den Seitent\u00fcren gro\u00dfe, von Weitem erkennbare Aufdrucke ihrer Kennzeichen haben, so wie ich das damals in Medell\u00edn bei den Lederjacken der Motorradfahrer gesehen habe. Unter dem Kennzeichen steht dann in kleineren Lettern der Zulassungsort. Darunter befindet sich auch Madrid, eine Gemeinde in Cundinamarca, in der Metropolregion Bogot\u00e1.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen selbst habe ich einen Imbissstand mit dem Namen <em>Pa\u2018 llevar<\/em> und einen mit dem Namen <em>oma<\/em> gesehen. Und auf den B\u00e4nden bei der Sicherheitskontrolle das Konterfei von Shakira.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Buchhandlung am Flughafen stehen im Schaufenster Hitler und Dante Seite an Seite, <em>Mi Lucha <\/em>neben <em>La Comedia Divina<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir aber die Begegnung mit drei reizenden jungen Kolumbianern, V\u00edctor, Norelis und Amanda bei dem Abendessen an dem unfreiwilligen zus\u00e4tzlichen Tag in Bogot\u00e1. Sie sind alle Elektrotechniker, haben offensichtlich anspruchsvolle Berufe. Ja, das Leben in Kolumbien sei sehr angenehm, meinen sie, die Leute seien freundlich und es gehe wohl gelassener zu als in Europa. Aber das gelte nur f\u00fcr die Freizeit und vielleicht f\u00fcr das Privatleben. Bei der Arbeit herrsche Stress vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte erst, dass V\u00edctor und Norelis ein Paar w\u00e4ren, aber sie sind nur Arbeitskollegen. V\u00edctor ist verheiratet, Norelis ist alleinerziehende Mutter. Das ist auch in Kolumbien kein Zuckerschlecken. V\u00edctor verr\u00e4t uns \u2013 ein ungew\u00f6hnlicher Vertrauensbeweis \u2013 dass er im Mai sei erstes Kind erwartet. Die Nachricht muss noch ganz frisch sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Norelis nennt sich Angie, weil ihr Name ihr nicht gef\u00e4llt. Mir gef\u00e4llt er, aber meine Versuche, rauszubekommen, woher er kommt, bleiben erfolglos. Es scheint wirklich ein Name zu sein, den irgendwer irgendwann erfunden hat. Das kommt selten vor. Shakespeares Jessica ist ein weiteres, seltenes Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann in Europa zu arbeiten, oder auch nur dorthin zu reisen, das w\u00e4re ein Traum f\u00fcr sie. V\u00f6llig verbl\u00fcfft sind sie, als sie h\u00f6ren, dass man bei uns \u00fcber die Grenze zu einem anderen Land fahren kann, ohne dass es eine Grenzkontrolle gibt. Das ist ja wirklich alles andere als selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vom Sommer in Europa spreche, wissen sie nicht, wann das ist. So etwas haben sie hier nicht, nur Trocken-und Regenzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende verabreden wir uns f\u00fcr Freitag. Da wollen wir in Popay\u00e1n gemeinsam einen Spaziergang machen, den Morro de Tolc\u00e1n hinauf. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Silvia. Popay\u00e1n liegt auf 1.760 Metern H\u00f6he. Hierher fl\u00fcchteten sich die fr\u00fchen Siedler aus der Schw\u00fcle des Cauca-Tals. Silvia liegt auf 2.520 Metern H\u00f6he, wird also noch mehr Frische bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Wohnungst\u00fcr abschie\u00dfe, drehe ich den Schl\u00fcssel intuitiv nach rechts. Falsch. Hier wird nach links abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Busbahnhof mache ich wieder Halt bei dem kleinen Caf\u00e9 von gestern. Diesmal probiere ich eine von den Kugeln, die <em>pera<\/em> hei\u00dfen. Zu s\u00fc\u00df und zu m\u00e4chtig, aber der Hunger ist gestillt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem improvisierten Grill am Stra\u00dfenrand stehen auch jetzt am Morgen die Leute schon Schlange, genauso wie gestern sp\u00e4ter am Tag. Hier gibt es wohl so etwas wie gef\u00fcllte Fleischtaschen. Muss man mal probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen, etwas erh\u00f6ht liegenden Park am Rande der Stra\u00dfe lenkt eine Gymnastikgruppe meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie bewegen sich zu Musik, einige schnell, andere langsam. Der Vorturner ist ein Mann, unter den anderen entdecke ich erst ganz am Schluss einen Mann. Alle anderen sind Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter ist wider Erwarten gut, wieder regnet es nicht, und die Sonne scheint und es ist warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir kommen unz\u00e4hlige Motorr\u00e4der entgegen. Meistens tragen die Fahrer einen Helm, die Beifahrer nicht. Gelegentlich ist es auch umgekehrt. Zwischen beiden sitzt manchmal noch ein Kind. An einer Kreuzung, an der ich an der Ampel warte, z\u00e4hle ich 24 Motorr\u00e4der bei 3 Autos. Sp\u00e4ter sehe ich auch noch motorisierte Tuk-Tuks. Einer ist so schwer beladen, dass er sich die Stra\u00dfe nur ganz m\u00fchsam hinaufqu\u00e4len kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sieht man M\u00e4nner und Frauen, mit Mundschutz und einer Uniform wie die von Wildh\u00fctern, die die Wege fegen. Die B\u00e4ume verlieren Bl\u00e4tter, und das macht sich auf dem Boden auch bemerkbar, aber sie werfen nie das ganze Laub ab. Was verloren geht, w\u00e4chst auch wieder nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an einem Haus vorbei, in dem sich das <em>Centro Homeop\u00e1tico de Cuba<\/em> befindet. Das Schild hat die kubanischen Farben Blau-Wei\u00df-Rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Stiftung, <em>Fundaci\u00f3n Forensis<\/em>, deren Zweck mir nicht ganz klar wird. Jedenfalls geht es um den Einsatz f\u00fcr eine bessere Zukunft. An der Fassade ein Herz, das aus vielen verschiedenen Handabdr\u00fccken gemacht ist, in allen m\u00f6glichen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u00fcber einen Fluss, der richtig sch\u00f6n sein k\u00f6nnte, wenn er nicht als M\u00fcllhalde benutzt w\u00fcrde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich ein Hinweisschild auf ein historisches Geb\u00e4ude, wie ich sie am Parque Caldas gesehen habe. Nur gibt es kein Geb\u00e4ude. Was ist los? Die Erkl\u00e4rung: Das Geb\u00e4ude ist beim Erdbeben von 1983 v\u00f6llig zerst\u00f6rt worden. Es war damals eine Polizeistation, war aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Casa de la Moneda gewesen, seit 1729, ein Zeichen der Bedeutung und des Reichtums von Popay\u00e1n. Hier wurden die Metalle aus den Minen von Cauca, vor allem das Gold, gewogen und geschmolzen und zu M\u00fcnzen verarbeitet, die dann nach Spanien verschickt wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Tankstelle, an der eine S\u00e4ule gesperrt ist, lerne ich ein neues Wort. Auf dem Schild steht <em>Isla Fuera de Servicio<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier \u00fcberquere ich die vielbefahrene Stra\u00dfe auf Anraten einer freundlichen Frau \u00fcber die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Und komme zum Busbahnhof. Sp\u00e4ter sehe ich auf einer Karte, dass der Flughafen gleich nebenan ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof ist ordentlich Betrieb, Verkaufsst\u00e4nde auf der einen, Fahrkartenschalter auf der anderen Seite, einer neben dem anderen. Die Angestellten hinter den Schaltern preisen ihre Fahrziele laut und emphatisch an und versuchen, sich gegenseitig zu \u00fcbertreffen: <em>Cali-Cali-Cali-Caaaali<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche den Schalter f\u00fcr die Fahrkarte nach Silvia. Bitte um eine Karte, bezahle und bekomme das Wechselgeld. Dann sagt die Frau: \u201eUnd Ihr Ausweis?\u201c&nbsp; Ausweis? Was f\u00fcr ein Ausweis? Ein Ausweis um eine bl\u00f6de Busfahrkarte zu kaufen. Ja, so seien die Regeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Kopfsch\u00fcttelnd wende ich mich ab, schnappe mir ein Taxi, bitte den Fahrer, zu warten, hole meinen Ausweis, und zur\u00fcck geht\u2019s zum Busbahnhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, von dem Fahrer eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr etwas zu bekommen, was mir schon in Bogot\u00e0 aufgefallen ist. Einige Autos haben Aufkleber, auf denen steht: \u00bfC\u00f3mo conduzco? Und darunter eine Telefonnummer, die man anrufen und bei der man den Fahrstil des Fahrers kommentieren kann. Er kann mit der Frage nichts anfangen, meint ausweichend, so was h\u00e4tten nur gro\u00dfe Autos. Ich habe das aber auch auf Taxis gesehen. Vielleicht steht es sogar auf seinem. Dann kommen wir wieder am Busbahnhof an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau hinter dem Schalter sieht sich meinen Ausweis gr\u00fcndlich an, notiert Namen, Nummer, Ausstelldatum und macht ein Photo des Ausweises, von beiden Seiten. So, kann ich jetzt meine Fahrkarte bekommen? Nein, ich muss ihr auch noch die Adresse der Wohnung nennen, wo ich untergekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekomme ich endlich meine Fahrkarte. Um auf den Bussteig zu kommen, muss man noch durch eine Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort steht eine Unmenge von Bussen und Transportern, alle wei\u00df, aber es tut sich nichts. Man sieht keinen Bus abfahren oder auch nur, dass irgendwo Bewegung in die Sache kommt. Auf den B\u00e4nken warten die Passagiere geduldig. Ein kleines M\u00e4dchen, noch auf unsicheren Beinen, kommt auf mich zu gewackelt und nimmt mir Notizblock und Kuli aus der Hand. Sie betrachtet beide mit intensiver Aufmerksamkeit, so wie sie nur Kindern gegeben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es tut sich noch nichts, und eher aus Langeweile als aus Hunger kaufe ich an einem Stand einen <em>Dedo de queso<\/em>. Er hat seinen Namen verdient. Hat die Form eines Fingers und ist mit K\u00e4se gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich los. Der Bus scheint bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt, aber zwischendurch h\u00e4lt der Fahrer noch zweimal mitten auf dem Weg und nimmt zwei weitere Passagiere auf. Die kommen auf die Klappsitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt durch die Au\u00dfenbezirke von Popay\u00e1n ist schleppend, es ist viel Verkehr und wir stehen st\u00e4ndig vor roten Ampeln. Aber dann kommen wir auf eine gut ausgebaute Stra\u00dfe, und es geht z\u00fcgig voran. Bis die Stra\u00dfe wieder einspurig wird. Jetzt h\u00e4ngen wir hinter Lastwagen, die sich nur im Schneckentempo die Stra\u00dfe hinaufbewegen. Dann kommen wir an eine Baustelle. Dann an noch eine. Dann an noch eine. Immer wieder kommen wir ganz zum Stillstand. Immer wieder muss der Fahrer den Motor ausschalten. Von den Baustellen steigen Staub und Ru\u00df. Ich bin m\u00fcde und gelangweilt und beneide die Fahrg\u00e4ste, die tief und fest schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann geht es wieder weiter. Die Szenerie ver\u00e4ndert sich, es wird gr\u00fcn, einsam und gebirgig. In engen Kurven geht es st\u00e4ndig bergauf. Der Fahrer dr\u00fcckt auf die Tube, ignoriert die Geschwindigkeitsbegrenzungen und schreibt Nachrichten in sein Handy. Die Seitenstreifen sind nicht befestigt, und manchmal knarrt es betr\u00e4chtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in einen Ort, und einige steigen aus, aber es ist immer noch nicht Silvia.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sind wir endlich da. F\u00fcr die 59 Kilometer haben wir 2 Stunden gebraucht. Und ich hatte in meinem Wahnsinn vor, einen \u201eTagesausflug\u201c nach San Agust\u00edn zu machen. Das ist 136 Kilometer entfernt. Und die Stra\u00dfe soll noch schlechter sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort ist man mitten in dem lauten, farbenfrohen turbulenten Treiben auf dem zentralen Platz der Stadt. Die Atmosph\u00e4re ist aber, trotz der vielen Indios in ihren traditionellen Kleidern, eher st\u00e4dtisch als l\u00e4ndlich. An dem Platz gibt es Gyros und Handys, und in der Mitte des Platzes findet eine Lotterie statt, bei der man ein Motorrad gewinnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein echter Blickfang ist die Kirche an dem erh\u00f6hten Ende des Platzes, <em>San Antonio de Padua<\/em>. Sie ist ganz in Wei\u00df gehalten, aber die Friese, eine Balustrade, die Fenstereinfassungen und einige Fl\u00e4chen sind in Rot davon abgesetzt. Die beiden doppelst\u00f6ckigen T\u00fcrme haben bunte Fenster, und zwischen ihnen, ganz oben, \u00fcber dem Eingang, breitet ein Christus, ganz in Wei\u00df, seine Arme aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch innen ist die Kirche ganz besonders, nicht wegen der kitschigen Ausstattung, sondern wegen der Konstruktion des Innenraums. Das Mittelschiff verk\u00fcrzt sich zum Altar hin, und die beiden Seitenschiffe laufen diagonal auf den Altar zu. Daher ergeben sich aus verschiedenen Blickwinkeln immer neue Perspektiven, so etwas wie die Mezquita de C\u00f3rdoba im Kleinformat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde gerne eine Kerze anz\u00fcnden, aber das geht nicht. Man kann keine Kerzen kaufen, man muss sie mitbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche gelingt mir ein Schnappschuss von einem kleinen Jungen, der auf dem Boden vor der Kirche sitzt und, voller Konzentration, einen Becher ausl\u00f6ffelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den ganzen Platz herum sieht man alte, bunt bemalte Busse mit gro\u00dfer Schnauze f\u00fcr den Motor und Gittern statt Fenstern und einem Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger. Mit diesen Bussen werden Waren und Besucher gleichzeitig nach Silvia zum Markt transportiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall werden Dinge geschleppt, in T\u00fcten, in S\u00e4cken, in Taschen, in der Hand, unterm Arm, auf der Schulter. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gewichte stehen Jungs mit Lastkarren bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nicht nur das, was von den Bauern der Gegend produziert wurde, sondern alles, was das Herz begehrt, an unz\u00e4hligen St\u00e4nden innerhalb und au\u00dferhalb des Marktes, von S\u00e4gen bis zum Klopapier, von Babyschuhen bis zu Steckdosen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall, wo ich nachfrage, bekomme ich freundlich Antwort. Eine junge Frau an einem Stand h\u00e4lt mir die Flasche mit Speise\u00f6l in die Kamera, nach der ich gefragt habe. Auf dem Etikett steht <em>El Frit\u00f3n<\/em>. Nie geh\u00f6rt. Aber sp\u00e4ter kommen mir Zweifel. Das scheint die Marke zu sein, ich wollte wissen, was f\u00fcr ein \u00d6l das ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sehr auskunftsfreudig sind die Verk\u00e4ufer \u2013 meist M\u00e4nner &#8211; &nbsp;die ihre Ware in offenen S\u00e4cken anbieten. Den Mais gibt es gleich in drei Versionen: ungesch\u00e4lt, gesch\u00e4lt, gemahlen. Daneben Reis. Die Verk\u00e4ufer nehmen eine Handvoll aus dem Sack und lassen alles langsam wieder in den Sack rieseln.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns besonders interessant sind die Kartoffeln. Nur wenige von ihnen sehen aus wie unsere Kartoffeln, und die haben eine dunklere Farbe. Daneben alle m\u00f6glichen anderen Arten: r\u00f6tlich, klein, rund, und andere Knollenfr\u00fcchte. Da merkt man, dass man in Amerika ist, der Heimat der Kartoffel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die anderen b\u00e4uerlichen Produkte, vor allem Obst und Gem\u00fcse, lenken die Aufmerksamkeit auf sich, teils schon durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, wie bei den M\u00f6hren und den Strauchtomaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ergibt ein farbenfrohes Bild, vor allem beim Obst. Es gibt Mango und Papaya, Kiwi und Drachenfrucht (<em>pitahaya<\/em>), Aubergine und Passionsfrucht (<em>maracuy\u00e1<\/em>), Brombeeren und Erdbeeren, Avocado und Kochbananen und eine orangenfarbige Frucht, von der ich erfahre, dass sie <em>lulo<\/em> hei\u00dft, und wieder andere, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, als ich sie gerade geh\u00f6rt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme Erdbeeren mit. Die haben einen intensiven Geschmack und vor allem eine ganz feste Konsistenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich noch auf die Suche nach K\u00e4se, im Reisef\u00fchrer empfohlen. Aber als ich ihn sehe, will ich fast wieder den R\u00fcckw\u00e4rtsgang einlegen. Es ist kein Hartk\u00e4se, sondern der \u00fcberall in Kolumbien anzutreffende, geschmacklose Weichk\u00e4se. Ich kaufe ihn aber der Indio-Frau zuliebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich fragen muss ich nach dem Wort f\u00fcr die br\u00e4unlichen, quaderf\u00f6rmigen Klumpen, die hier \u00fcberall aufeinandergestapelt angeboten werden. Das ist \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 <em>panela<\/em>, der Zucker aus Zuckerrohr, unraffiniert, der \u00fcberall in S\u00fcdamerika zum S\u00fc\u00dfen verwendet wird. Wie oft habe ich den schon probiert!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende sehe ich mich noch bei den Handarbeiten der Indio-Frauen um. Ich habe mehr Geh\u00e4keltes erwartet, aber meist handelt es sich um Halsketten und Armb\u00e4nder aus kleinen Perlen. Auch die gibt es in allen Formen und Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heimlich beobachte ich w\u00e4hrend der ganzen Zeit die traditionelle Kleidung der Indios, und verstohlen und unbemerkt mache ich aus der Distanz auch das eine oder andere Photo. Die klassische Kombination ist Schwarz und Violett, Schwarz beim Rock (den M\u00e4nner und Frauen tragen), Violett beim Poncho. Das Violett wiederholt sich dann in feinen Streifen im Rock.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle tragen H\u00fcte, M\u00e4nner wie Frauen, genau die europ\u00e4isch aussehenden, schwarzen H\u00fcte, wie man sie aus Bolivien kennt. Nur die jungen Frauen, vermutlich die unverheirateten Frauen, tragen andere H\u00fcte, kleinere, flachere, und sie tragen sie nicht auf dem Kopf, sondern auf der Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle tragen auch eine geh\u00e4kelte Umh\u00e4ngetasche. Bei denen, die etwas verkaufen, ist die gleichzeitig das Portemonnaie. Die Geldscheine sind lose darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich noch etwas in der Gegend umsehen und mache mich auf den Weg zum Lago Chim\u00e1n. Es geht aus dem Ort hinaus \u00fcber eine Treppe, deren Stufen so hoch sind, dass man praktisch klettern muss. Erst auf dem R\u00fcckweg sehe ich, dass die Treppenstufen alle bunt bemalt sind, mit Blumenmotiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Man \u00fcberquert einen wunderbaren, rauschenden, unregelm\u00e4\u00dfig verlaufenden Bach voller dicker Steine. Am Wegesrand lauter B\u00e4ume, die etikettiert sind. Es handelt sich um Kiefern und Eukalyptusb\u00e4ume und um eine Duftakazie, die <em>guarango<\/em> hei\u00dft. Am meisten vertreten ist ein Baum, der <em>galv\u00eds<\/em> hei\u00dft. Alle haben, was die St\u00e4mme betrifft, eine gewissen \u00c4hnlichkeit miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Der See ist ganz klein, viel kleiner als erwartet, eher ein Weiher. Als ich n\u00e4her komme, habe ich ein D\u00e9j\u00e0-vu: Auf den beiden B\u00e4umen einer kleinen Insel in dem See sitzen Hunderte von wei\u00dfen V\u00f6geln, vielleicht Reiher. Wo hab ich das schon mal gesehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben, auf der Kuppe eines gegen\u00fcberliegenden H\u00fcgels, sieht man eine Kapelle, Bel\u00e9n, die kleine Schwester der Kirche im Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur\u00fcck in den Ort. Dort finde ich an der Ecke des Platzes eine Bar, in der es Caucano gibt, den bekannten Schnaps des Ortes, einen Zuckerrohrschnaps mit Anisgeschmack. Jedenfalls soll es den geben, so steht es auf dem Plakat an der T\u00fcr zur Bar. Die Frau hinter dem Tresen fragt mich, was das sei. Das kenne sie nicht. Kopfsch\u00fcttelnd verlasse ich das Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Abfahrtsstelle des Busses sagt man mir, erst in einer halben Stunde werde man die Fahrkarten verkaufen. Solange gehe ich in die Bar gegen\u00fcber und trinke einen Kaffee. Der Mann, der mich bedient, ist an Eifer kaum zu bremsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor mich hin sinniere, sehe ich an der gegen\u00fcberliegenden Wand ein Schild, auf dem darum gebeten wird, kein Kaugummi unter die Tische zu kleben: <em>No pegar chicles debajo de la mesa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich zahle, nutze ich noch schnell die Gelegenheit, das WC aufzusuchen. An der T\u00fcr steht: <em>S\u00f3lo para orinar.<\/em> Tats\u00e4chlich gibt es kein Klopapier. Daf\u00fcr aber eine Dusche.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich zur\u00fcck zur Verkaufsstelle f\u00fcr die Fahrkarten nach Popay\u00e1n. Ich zahle, bekomme mein Wechselgeld, bekomme die Fahrkarte und setze mich in den Bus. Kein Dokument, kein Formular, keine Photos, keine Adresse. Ich glaub, es hackt.<\/p>\n\n\n\n<p>12. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich gestern geglaubt habe, der R\u00fcckweg werde glatter verlaufen, dann war das eine Illusion. Im Gegenteil, es wurde noch schlimmer. Diesmal muss wohl unterwegs irgendwo ein Unfall passiert sein. Wir stehen noch l\u00e4nger im Stau und erreichen Popay\u00e1n erst nach 3 Stunden. Schnitt von 20 km\/h.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche mir, einzureden, dass es Schlimmeres gibt, aber die Langeweile, die kribbelnden F\u00fc\u00dfe, die schw\u00fcle Luft und die Dudelei aus dem Lautsprecher sind doch ziemlich nervig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber noch nicht alles: Jetzt f\u00e4ngt es auch noch an, zu sch\u00fctten. Auf einmal merke ich, dass mein Rucksack feucht geworden ist. Hat es reingeregnet? Nein, er ist nur unten feucht. Und meine Oberschenkel sind es auch. Es ist nicht der Regen, sondern der K\u00e4se. Der ist, trotz einer weiteren Plastikt\u00fcte um die Plastikt\u00fcte der Verk\u00e4uferin herum, ausgelaufen und hat alles in Mitleidenschaft gezogen, Reisef\u00fchrer, Notizblock, Kugelschreiber, Buch, Brosch\u00fcren. Ich hoffe, die Hose ist noch zu retten, der Rucksack d\u00fcrfte hin\u00fcber sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende komme ich v\u00f6llig durchn\u00e4sst und todm\u00fcde zu Hause an. Derweil gibt es in der Heimat mitten im November das sch\u00f6nste Oktoberwetter. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das einzig Gute an der langen Busfahrt: Ich habe Pygmalion zu Ende gelesen. Fazit: wenig \u00fcberzeugend, nicht so gut, wie ich es in Erinnerung hatte von der letzten Lekt\u00fcre, aus den Zeiten des Studiums. Die Charaktere sind nicht sehr glaubw\u00fcrdig: Higgins ist unglaubw\u00fcrdig in seiner Borniertheit, seine Mutter in ihrem grenzenlosen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Eliza, deren Vater in seiner Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen M\u00fcllmann und Mann von Welt, Eliza in ihrer Verwandlung vom Blumenm\u00e4dchen zur Lady, Freddy in seiner Hingabe f\u00fcr Eliza. Elizas Vater sagt am Ende immer noch <em>Enry Iggins<\/em> und <em>them two<\/em>, spricht aber von <em>middle-class consciousness<\/em> und von <em>condescension<\/em>. Passt nicht. Schlimmer ist aber, dass der Erziehungsprozess von Eliza weitgehend hinter der B\u00fchne stattfindet. Nur die erste Lektion findet vor den Zuschauern statt, und die ist wie eine p\u00e4dagogische Bankrotterkl\u00e4rung. Man ver\u00e4ndert seine Aussprache nicht, indem man das Alphabet aufsagt. Man sieht, dass Shaw dezidierte Anschauungen \u00fcber Sprache hatte, aber keine Ahnung vom Sprachenlernen, vermutlich nicht einmal von Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ihn spricht ist der Schluss des Dramas. Er macht Higgins und Eliza nicht, wie das bl\u00f6de Musical, zum Paar. Das entspricht romantischen Vorstellungen von Beziehungen, aber nicht der Wirklichkeit. Bei Shaw wird deutlich, trotz einer kurzen, aus dem Rahmen fallenden, beinahe z\u00e4rtlichen Ann\u00e4herung zwischen den beiden, dass sie nicht zusammenpassen, und dass Eliza f\u00fcr Higgins nichts als ein Experimentierfeld war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das St\u00fcck uraufgef\u00fchrt wurde \u2013 in verschiedenen L\u00e4ndern eher als in England \u2013 verursachte es aber einen Skandal, der v\u00f6llig von der Bedeutung des St\u00fcckes ablenkte. Es wurde vorher schon gemunkelt \u2013 ohne dass das Wort erw\u00e4hnt geworden w\u00e4re \u2013 dass ein ungeheuerliches, sozial v\u00f6llig inakzeptables Wort aus der schmutzigsten Sprachschicht auf der B\u00fchne zu h\u00f6ren sein w\u00fcrde. Und so war es dann auch. Dieses Wort war bloody. Das erregt heute kein Schaudern mehr, keine Reaktion, auch in den \u201ebesten Kreisen\u201c nicht. In Fernsehen und Medien ist es mit gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es angesichts der gestrigen Strapazen ein gem\u00fctliches Programm mit einem kleinen Spaziergang durch die Innenstadt. Ich nehme diesmal die Calle 4, und die bringt mich direkt zur Franziskanerkirche. Leider geschlossen. Mich hat vor allem die Nachricht von zwei mumifizierten Leichen von Franziskanerm\u00f6nchen angelockt, die im danebenliegenden ehemaligen Kloster im 16. Jahrhundert lebten. Die sind heute in der Kirche ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp; urspr\u00fcngliche Bau ist bei einem \u00e4lteren Erdbeben v\u00f6llig zerst\u00f6rt worden, und danach ist, im 18. Jahrhundert, dieser Bau entstanden. Er hat wenig von franziskanischer Bescheidenheit, hat eine stark dekorierte Fassade und einen noch sp\u00e4ter entstandenen, m\u00e4chtigen Glockenturm. In den Nischen zwei Franziskanerm\u00f6nche, in M\u00f6nchskutte, mit Kordel und Rosenkranz, die, die gekreuzten H\u00e4nden vor der Brust, etwas zu fromm gen Himmel gucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Calle 4 f\u00fchrt direkt auf den Parque Caldas. Im Zentrum die Figur des namensgebenden Mannes, der hier, in bester lateinamerikanischer Weise, zum \u201eM\u00e4rtyrer der Unabh\u00e4ngigkeit\u201c stilisiert wird. Er hat einen offenen Gehrock und Stiefel an. Zu seinen F\u00fc\u00dfen ein Globus und ein Gewehr, und in der Hand vermutlich Schreibutensilien. Er scheint zu den Intellektuellen unter den lateinamerikanischen Revolution\u00e4ren zu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Kathedrale, in einem weiteren wei\u00dfen Bau, der Uhrenturm. Die Uhr hat r\u00f6mische Ziffern und nur einen Zeiger. Gut f\u00fcr die, die es nicht ganz so genau mit der Zeit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geb\u00e4ude um den Platz herum sind alle irgendwie anders, formen aber dennoch ein perfektes Ensemble. Sie beherbergen das Rathaus und die Handelskammer, ansonsten meistens Banken und auch einige Gesch\u00e4fte, ein Bekleidungsgesch\u00e4ft, ein Juweliergesch\u00e4ft, an einer Ecke des Platzes auch ein paar erstaunlich normale Lokale. Es gibt keine Leuchtreklame, und die Beschriftungen an den Geb\u00e4uden sind aufs Notwendigste begrenzt und allesamt in vergoldeten Lettern angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den B\u00e4umen mit den glatten St\u00e4mmen des Parks auch einer mit einem ganz rauen, wie abgebl\u00e4ttert aussehender Stamm. Ein Hingucker. Wie immer in den Tropen sieht man wenige Bl\u00fcten. Erst bei genauerem Hinsehen entdecke ich einen Baum mit rosa, einen mit gelben, einen mit wei\u00df-violetten Bl\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem autofreien Platz ist es gesch\u00e4ftig und dennoch ruhig. Man sitzt auf den B\u00e4nken im Park und au\u00dferhalb des Parks: Studenten, M\u00fctter mit Kindern, Rentner, Krankenschwestern und zwei Touristen (mit mir drei). Vor allem aber Tauben, Tauben auf den D\u00e4chern, auf den B\u00e4umen, auf dem Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Platz herum Eisverk\u00e4ufer, Schuhputzer und eine Frau mit Gitarre, die allerdings predigt, statt zu singen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe die Calle 3 runter, an der mir, knapp abseits des Platzes gelegen, der Templo de Encarnaci\u00f3n auff\u00e4llt. Auch dieses Geb\u00e4ude wurde Opfer des Erdbebens und ist nach dem Wiederaufbau zum Sitz des Colegio T\u00e9cnico der Universit\u00e4t geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenecke kaufe ich einen Becher Mango und esse ihn unterwegs. In der Calle 3, wie eine Fortsetzung der Plaza Caldas mit niedrigeren Geb\u00e4uden, scheint jedes zweite Haus historische Bedeutung zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann frage ich mich zum <em>Puente del Humilladero<\/em> durch, schon des Namens wegen. Dessen Ursprung ist nicht ganz gekl\u00e4rt, aber man vermutet, dass die Steigung, \u00fcber die man vor dem Bau der Br\u00fccke in die Stadt gelangte, so steil war, dass man den Hang auf Knien raufrutschen musste, so dass man \u201egedem\u00fctigt\u201c, \u201ebesch\u00e4mt\u201c wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Br\u00fccke \u00fcberquert keinen Fluss, sondern einen Park. Abseits des Parks sieht man H\u00e4user, die hier, nur ein paar Meter vom Vorzeigezentrum entfernt, erstaunlich einfach und \u00e4rmlich aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Br\u00fccke steht auf steinernen Pfeilern, hat eine steinerne Br\u00fcstung und Pflastersteine auf dem Gehweg, der ziemlich steil bergab f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau in der Mitte der Br\u00fccke sitzt eine Bettlerin. Ich biete ihr den Rest meines Mango-Bechers an, und sie nimmt gerne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg frage ich eine Frau, auf welcher Carrera wir gerade sind. Die Orientierung, eigentlich leicht, wird erschwert, weil an vielen Stra\u00dfenecken die Stra\u00dfenschilder fehlen. Sie sagt mir Bescheid und empfiehlt mit Nachdruck, \u00fcber den Parque Caldas zur\u00fcckzugehen und nicht den Weg zu nehmen, den ich im Sinn hatte. Scheint ein unsicheres Viertel zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Pause zu Hause gehe ich in das kleine Lokal ganz in der N\u00e4he der Wohnung, das mir der Vermieter empfohlen hatte, <em>El Caserito<\/em>. Es liegt an einer Stra\u00dfenecke, man h\u00f6rt den Verkehr, aber er st\u00f6rt nicht sonderlich. Der Raum hat keine W\u00e4nde, sondern Gitter, man befindet sich also halb im Freien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt etwa ein Dutzend kleine quadratische Tische, fast alle sind besetzt. Ich bekomme aber noch einen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt sieht mich entsetzt an, als ich ein Bier bestelle. Nein, so etwas gebe es hier nicht. Stattdessen gibt es Brombeersaft, juguito de moro, wie an allen anderen Tischen auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Br\u00fche und dann ein Tellergericht mit Rippchen, Reis, kalter Pasta und einen Salat aus ganz klein gehackten G\u00fcrkchen und M\u00f6hrchen und Zwiebelchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man zahlt an der Theke. Dort kassiert die Mutter der Familie ab, die anderen kochen und bedienen. Die Rechnung ist ein kleiner Zettel, auf der handschriftlich, unter der Tischnummer, der Betrag vermerkt ist: 13.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Alkoholpegel nicht allzu tief sinken zu lassen, kaufe ich dann noch in dem L\u00e4dchen von neulich zwei Dosen Bier. Dazu Kekse und ein St\u00fcck Kuchen. Kostenpunkt: 12.200 Pesos. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>13. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag f\u00e4ngt schlecht an, mit Regen und Wolken, klart aber bald auf. Schon an der Drogerie, ein St\u00fcckchen die Carrera 11 runter. Noch bevor sie mich fragt, was ich will, sagt die junge Frau hinter der Ladentheke: \u201e\u00a1Qu\u00e9 ojos m\u00e1s bonitos!\u201c Lohnt sich doch, so weit zu reisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an der Kirche San Jos\u00e9 vorbei. Auch die ist ein Neubau nach dem Erdbeben von 1793. Der Neubau entstand dank einer frommen Frau aus der Gemeinde. Die finanzierte den Bau, indem sie ein ganzes Jahrzehnt lang ihre <em>Empanadas de pipi\u00e1n<\/em>, typische Teigtaschen aus der Region, verkaufte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Nische sieht man San Jos\u00e9 mit dem Jesuskind auf dem Arm, einem Motiv, dem man hier viel \u00f6fter begegnet als bei uns. Voller Z\u00e4rtlichkeit ber\u00fchren sich die Wangen von Vater und Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute fallen mir zum ersten Mal die schwarzen, gusseiseren Laternen auf, die an den Fassaden der wei\u00dfen H\u00e4user h\u00e4ngen. Ein sch\u00f6ner Kontrast.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zum Parque Caldas komme, h\u00f6re ich Musik aus der Kathedrale kommen. Ich gehe hinein und werde Zeuge eines echten Spektakels. Die Kathedrale ist proppenvoll, in allen drei Schiffen sind die B\u00e4nke gut, wenn auch nicht bis auf den letzten Platz, besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik geht zu Ende, der Priester nimmt die Monstranz und bewegt sie, von Gl\u00f6ckchenklang begleitet, in alle Richtungen. Die Gl\u00e4ubigen heben beide Arme nach oben. Als der Priester fertig ist, gibt es tosenden Applaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann str\u00f6men alle nach vorne. In dichten Reihen steht man vor dem Altar, hebt Kerzen, Wasser und Rosenkr\u00e4nze in die H\u00f6he. Das wird alles von dem Priester gesegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlassen alle die Kirche. Fast jeder hat f\u00fcr die Bettler vor und hinter dem Ausgang eine M\u00fcnze \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Parque Caldas bemerke ich zum ersten Mal, dass das sch\u00f6ne neoklassische Geb\u00e4ude das <em>Edificio de la Gobernaci\u00f3n de Cauca<\/em> ist. Popay\u00e1n geh\u00f6rt zum <em>Departamento de Cauca<\/em>, einer von mehr als 30 kolumbianischen Provinzen, und hier befindet sich so etwas wie die Bezirksregierung. Cauca liegt im S\u00fcdwesten Kolumbiens, nur durch Nari\u00f1o von Ecuador getrennt, mit Zugang zum Meer, zum Pazifik. Es sind nur gut 150 Kilometer von hier bis zur K\u00fcste, aber es gibt keine Stra\u00dfe, die von hier aus direkt dorthin f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an eine Stra\u00dfenecke, an der ein Schild mit einem \u201erichtigen\u201c Stra\u00dfennamen ist: <em>Calle Santo Domingo<\/em>. Die Kirche an dieser Ecke, die sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist also die Dominikanerkirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen sehr sch\u00f6n die dicken, verglasten Backsteine, aus denen die Pfeiler bestehen, und die sch\u00f6n, ebenfalls aus Backsteinen gefertigten Friese und Verzierungen in den Zwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfen ebenso sch\u00f6n der der eigentlichen Fassade vorgeblendete Vorsatz, mit Hunderten von verzierten Steinen, \u00fcber, neben und in dem Torbogen. Alle sind farblich ein bisschen anders, keiner hat eine fig\u00fcrliche Darstellung, lauter Formen, geometrische, florale, die&nbsp; eigentlich nichts Erkennbares darstellen. Bei den Farben herrschen Grau und Beige vor, und die kommen meist im Wechsel zum Einsatz. Einfach sch\u00f6n. Absolut passend dazu der Brunnen auf dem Vorplatz, aus den gleichen Materialien gefertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber befindet sich ein Caf\u00e9, das einen einl\u00e4dt, hineinzukommen und ganz in Ruhe einen Kaffee zu genie\u00dfen, langsam, so langsam, wie sich ein Beh\u00f6rdengang im Rathaus hinzieht: <em>Quiero tomarme un caf\u00e9 contigo, tan lento que parezca tr\u00e1mite de la alcald\u00eda<\/em>.&nbsp; &nbsp;Da sage ich nicht nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen lauter Studenten, an ihren Laptops sitzend. Die Leute hinter der Theke sind blutjung, die Preise etwas erh\u00f6ht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Ende nach dem Museo Mosquera frage, begleitet mich einer von ihnen nach drau\u00dfen und zeigt mir den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museo Mosquera, in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht, ist benannt nach Tom\u00e1s Cipriano de Mosquera, einem Politiker, General und Historiker, der einen Rekord h\u00e4lt: Er war viermal Pr\u00e4sident Kolumbiens, so oft wie niemand sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man genauer hinguckt, merkt man allerdings, dass er streng genommen Pr\u00e4sident von vier verschiedenen Einheiten war, von vier verschiedenen Staaten, wenn man so will, mit vier nicht zusammenh\u00e4ngenden Amtszeiten zwischen 1845 und 1867. Man braucht die Einzelheiten nicht zu verstehen, um einzusehen, wie viel damals in Bewegung war, zwischen der Zeit als Teil des spanischen Kolonialreichs und der Zeit der heutigen Republik Kolumbien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist ein einst\u00f6ckig, die Geb\u00e4udeteile gruppieren sich um einen sch\u00f6nen Innenhof herum. Im ersten Raum ist gleich hinter dem Eingang eine Urne in die Wand eingelassen. Darin ruht das Herz Mosqueras.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Leben ist wirklich eine Achterbahnfahrt: Niederschlagung eines Handwerkeraufstands, Verbot der Jesuiten (die waren ihm politisch nicht geheuer), Verkauf von Kircheng\u00fctern zur Unterst\u00fctzung der Armen, Exil in Peru, Putschversuch, F\u00f6rderung der Tabakindustrie, Einf\u00fchrung der Dampfschifffahrt auf dem R\u00edo Magdalena, Konzession von Transitrechten \u00fcber die Landenge von Panama an die USA (Panama geh\u00f6rte noch zu Kolumbien).<\/p>\n\n\n\n<p>In etwas verstaubten Vitrinen sind pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde ausgestellt: ein G\u00fcrtel mit Schnalle f\u00fcr das Schwert, sehr weiblich aussehende bestickte Pantoffeln, ein Schnapsbecherchen mit Emblem, ein Stempel mit seinem Wappen, Medaillen und ein Stein der Weisen, eine piedra filosofal. Davon hatte ich bisher immer nur im \u00fcbertragenden Sinne geh\u00f6rt, hier ist es ein echter, kleiner Stein, den man vermutlich mit sich trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben Instrumente zur Himmelsbeobachtung: ein Fernglas, ein Teleskop, ein Astrolabium, alle gro\u00df und schwer, aus Eisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann Schreibwerkzeug und ein Kalender, an dem man mittels eines Drehknopfs Jahr, Monat und Tag einstellen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Salon sieht man, dass es sich um keinen Armen handelte: eine Obstschale aus Porzellan, eine Uhr mit einem trommelnden und einem trompetenden Engel obendrauf, ein sehr sch\u00f6ner, eleganter Sekret\u00e4r mit F\u00e4chern und Schubladen, ein versilberter Spiegel und ein Schmuckk\u00e4stchen mit Einlegearbeiten in Perlmutt (n\u00e1car) und Bronze.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwere M\u00f6bel \u00fcberall und Gem\u00e4lde aller Art, darunter ein Portr\u00e4t von Bol\u00edvar, der zweimal hier zu Besuch war und Mosquera beim Unabh\u00e4ngigkeitskampf an seiner Seite sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Innenhof ist Bewegung, denn hier befindet sich auch eine Dependance der Universit\u00e4t, eine Verwaltungseinheit, wie es scheint. Ich bin der einzige Besucher des Museums.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich rausgehe, f\u00e4llt mir eine Photoausstellung im Innenhof ins Auge, Schwarz-Wei\u00df-Photos, kleines Format, Alltagsszenen. Alle spielen sich auf der Stra\u00dfe ab, in glei\u00dfendem Sonnenlicht, mit Licht und Schatten, fast immer bildet eine H\u00e4userwand den Hintergrund: Eine Nonne schreitet in eine Richtung, ihr entgegen kommt ein nicht mehr ganz junges Ehepaar in viel zu enger Kleidung, ein Obdachloser liegt schlafend auf einer Treppe, und \u00fcber ihm an der Wand steht Todos merecemos un techo, ein Fu\u00dfg\u00e4nger mit Schirm und Spazierstock scheint nur ein Schatten zu sein, ein Passant schreitet im Gleichschritt mit Caldas auf dem Sockel \u00fcber ihm. Sehr gut gemacht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber befindet sich das <em>Museo Ayerbe<\/em>. Ich gehe rein, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Hier werde ich von einer jungen Frau gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau macht ihre Sache gut, aber es ist viel zu viel, was es in den sechs R\u00e4umen zu sehen gibt: M\u00f6bel, Waffen, Porzellan, Ikonen, Bronzen, Gem\u00e4lde und Skulpturen und Figuren, die bei der Prozession der Semana Santa getragen werden. Darunter eine komplettes Abendmahl, mit lebensgro\u00dfen Figuren der elf Apostel (Judas Iskariot ist nicht vertreten), mit ihren Marterwerkzeugen oder Symbolen. Sie werden begleitet von einem Hund und einer Katze, Symbole f\u00fcr Gut und B\u00f6se, die zu F\u00fc\u00dfen des Tisches liegen und fast lebendig aussehen. Sie sind ausgestopft.<\/p>\n\n\n\n<p>In Erinnerung geblieben ist mir ein M\u00f6belst\u00fcck, das Semanario hei\u00dft, eine Kommode mit sieben Schubladen, eine \u00fcber der anderen. In jeder von ihnen bewahrte man die Kleidung f\u00fcr einen Tag der Woche auf, daher der Name Semanario.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Skulpturen besonders beeindruckend eine, die das Gesicht eines Mannes mit schmerzverzerrtem Ausdruck und ge\u00f6ffnetem Mund darstellt. Der Kopf ist hinten hohl, die Sch\u00e4deldecke bricht einfach ab. Diese Skulptur repr\u00e4sentiert den Schrei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer Uhr mit r\u00f6mischen Ziffern macht mich die F\u00fchrerin auf die Vier aufmerksam: IIII. Das war die eigentliche, in Rom gebr\u00e4uchliche Form. Die IV ist eine Erfindung der Renaissance.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht erwartet man in diesem Kontext ein sch\u00f6nes, kleines Gem\u00e4lde mit einer Szene aus einer holl\u00e4ndischen Stadt, ein Szenerie, die man durch das schmale Haus im Hintergrund sofort als holl\u00e4ndisch identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleines sch\u00f6nes Salontischchen, an dem bestenfalls zwei Personen sitzen und Tee trinken k\u00f6nnen, erweist sich als umklappbar. Auf der anderen Seite ist die Oberfl\u00e4che aus gr\u00fcnem Samt. Ein Spieltischchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der indigenen Kunst eine ganz merkw\u00fcrdige Darstellung von Josef und Maria in der Krippe. Die Figuren tragen beide eine k\u00f6niglich aussehende silberne Krone und haben bewegliche Gelenke, wie Puppen. Das Jesuskind ist, in indigener Art, so eingepackt wie eine \u00e4gyptische Mumie. Die Frau benutzt das Wort <em>enchumbado<\/em>, um diese Art des Wickelns zu bezeichnen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Silberservice in einer Vitrine f\u00e4llt die Figur eines L\u00f6wen auf, eine Anspielung auf England. Es handelt sich n\u00e4mlich nicht um Zierrat, sondern um eine Teekanne. Der L\u00f6we hat an der Seite einen \u201eSt\u00f6psel\u201c, den man entfernen kann, um den Tee einzuschenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Krone von besonderer Bedeutung f\u00fcr Popay\u00e1n, die Corona de los Andes. Aus Angst vor der Pest, die sich in Kolumbien ausbreitete, wandten sich die Bewohner Popay\u00e1ns an ihre Patronin, die Virgen de la Asunci\u00f3n (die ich auch in der Kathedrale gesehen habe). Sie blieben verschont und sammelten Geld, um diese Krone zu stiften. Die Krone verschwand dann irgendwann und tauchte sp\u00e4ter in einem Museum in Washington wieder auf. Dort ist sie immer noch, was wir sehen, ist eine Kopie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein K\u00e4stchen mit Indianerschmuck, ein Pektoral und ein Kopfschmuck aus Federn. Dessen Bedeutung verstehe ich erst gar nicht. Es sei ein Geschenk der Indios an die kolumbianische Armee gewesen. Wie das? Es sieht so aus, dass Kreolen und Indios sich zusammentaten, als die Gefahr von au\u00dfen kam, und zwar von Peru. Das streckte seine Finger nach diesem Teil Kolumbiens aus, und zwar noch im 20. Jahrhundert! Davon wusste ich gar nichts. Die Peruaner wurden zur\u00fcckgeschlagen. Dabei kamen auch Pfeile zum Einsatz. Einer von denen wird in diesem K\u00e4stchen aufbewahrt. Die Indios tr\u00e4nkten die Pfeilspitze in die K\u00f6rperfl\u00fcssigkeit einer Kr\u00f6te, und die ist so giftig, dass man damit auch einen Elefanten zur Strecke bringen kann!<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir mit der F\u00fchrung durch sind, fragt mich der Direktor des Museums, woher ich k\u00e4me. Ich lasse ihn raten. Frankreich? \u2013 Nein, Nachbarland davon. \u2013 Portugal? \u2013 Nein, Deutschland. Dann stellt sich heraus, dass er Frankfurt, Bamberg und Rothenburg kennt. Und diese Universit\u00e4tsstadt, wie hei\u00dft die noch. Heidelberg? \u2013 Ja, Heidelberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abschied frage ich die junge Frau nach dem <em>Cerro de las Tres Cruces<\/em>, aber sie r\u00e4t mir davon ab, dort alleine hinzugehen. Mir bleibt ja f\u00fcr morgen der <em>Morro de Tolc\u00e1n<\/em>, mit den jungen Kolumbianern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich am Theater vorbei, dem Guillermo Valencia. Habe ich bisher noch gar nicht gesehen. Es stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts und folgt dem Vorbild eines Pariser Theaters. Eingeweiht wurde es mit <em>Il Trovatore<\/em>. Leider kommt die Fassade wegen der schmalen Stra\u00dfe nicht richtig zur Geltung. Von Besichtigungen ist nirgendwo die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bleibe an einem kleinen Laden stehen, vor dem auf einem Tischchen Geb\u00e4ck angeboten wird. Ein Passant spricht mich an und erkl\u00e4rt, das seien <em>rosquillas<\/em>, die m\u00fcsse ich unbedingt probieren. Er verwickelt mich in ein Gespr\u00e4ch, will wissen, welche L\u00e4nder ich in Asien und in Afrika bereist h\u00e4tte. Und ob ich von diesen Reisen noch M\u00fcnzen \u00fcbrig h\u00e4tte. Er ist selbst Lehrer an einer Grundschule, unterrichtet unter anderem Geographie, und hat schon eine betr\u00e4chtliche Sammlung von M\u00fcnzen aus aller Herren L\u00e4nder. Ich sage ihm, ich w\u00fcrde die M\u00fcnzen ohne weiteres abgeben, aber nicht verschicken. Das sei zu aufwendig. Er hat aber eine deutsche Freundin, eine \u00c4rztin namens Heike, die an der Schweizer Grenze wohnt. Ja, der k\u00f6nne ich die M\u00fcnzen schicken, sage ich ihm. Und gebe ihm meine Mailadresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fragt er noch nach meiner weiteren Reiseroute. In Ecuador solle ich vorsichtig sein, da seien viele Peruaner, und die h\u00e4tten es auf die Handys der Touristen abgesehen. Und auf deren Geld. Ich verspreche ihm, vorsichtig zu sein, und kaufe ein paar <em>rosquillas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An der n\u00e4chsten Ecke kaufe ich wieder einen Becher mit Obst. Diesmal nehme ich Ananas. Dann gehe ich noch in eine B\u00e4ckerei. Da nehme ich <em>almojabanas<\/em> mit. Das sind kleine Teigkugeln, mit K\u00e4se gef\u00fcllt. Sie sind noch warm.<\/p>\n\n\n\n<p>14. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich an einer weiteren Stra\u00dfe mit einem \u201erichtigen\u201c Namen vorbei: <em>Calle de la C\u00e1rcel<\/em>. Heute wird sich das Gef\u00e4ngnis sicher weiter au\u00dferhalb befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in die Innenstadt kommt, hat man ab und zu einen Blick in die sch\u00f6nen Innenh\u00f6fe, denn die Portale der H\u00e4user stehen meistens offen. Auch die T\u00fcren der Gesch\u00e4fte stehen offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne es geplant zu haben, gehe ich in das Museo Negret, einfach, weil es gerade am Wegesrand liegt. Sieht geschlossen aus, aber hinter dem Gitter ist eine Klingel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eintritt ist gratis, aber wie \u00fcberall muss man in eine Liste mit ganz schmalen Zeilen Name, Alter, Zweck des Besuchs, Email-Adresse und Datum eintragen. Keine Ahnung, was man mit diesen Daten anf\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude, in dem das Museum untergebracht ist, ist ein Zwilling derer von gestern, wieder eingeschossig, wieder um einen Innenhof herum. Der hier ist aber bei weitem nicht so sch\u00f6n wie die von gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus stammt von 1781 und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Mann namens Negret erworben, einem Staatsmann und General. Dessen Sohn wurde zu einem international bekannten K\u00fcnstler, mit allen m\u00f6glichen Auszeichnungen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bezeichnung Casa Museo Nefret trifft es genau: In jedem Raum sind Einrichtungsgegenst\u00e4nde aus dem Haus des Vaters zu sehen und Kunstwerke des Sohns. Unter den Einrichtungsgegenst\u00e4nden ein schwerer Schreibtisch: ein Globus, eine Spielzeugkanone, ein Riechglas, zwei Figuren, ein Torso und ein Mann, der entschieden voranschreitet. Davor dicke Folianten: Mosquera, Bol\u00edvar, Bauhaus. Und eine N\u00e4hmaschine der Marke Singer. Die er vermutlich nicht selbst bediente. Man sieht, dass der General ein wohlhabender und gebildeter Mann war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn hat, nach einer konventionellen Phase, das Aluminium f\u00fcr sich entdeckt. Alles, was hier ausgestellt ist, ist hoch abstrakt und aus Aluminium gefertigt, ziemlich gro\u00dfe Skulpturen, deren Titel oft verbl\u00fcffen: <em>Vigilante blanco<\/em>. Da kann ich beim besten Willen in den zusammengeschwei\u00dften Aluminiumplatten keinen Aufpasser entdecken. Genauso wenig scheint <em>Machu<\/em> <em>Picchu<\/em> was mit dem Inka-Heiligtum zu tun zu haben. Bei anderen ist es anders. Der Titel l\u00e4sst einen die Skulpturen anders \u201elesen\u201c: <em>Sol rojo<\/em> und <em>\u00c1rbol blanco<\/em> lassen sich identifizieren, und je l\u00e4nger man hinsieht, umso klarer wird es. Vor allem, die Skulpturen von verschiedenen Seiten anzusehen, lohnt sich. Man bekommt immer einen neuen Eindruck von der Sonne und von dem Mond. Noch besser funktioniert das bei \u201eLos Andes\u201c, unten schwarz, oben wei\u00df. Die Berge \u201eschlie\u00dfen\u201c sich zur einen Seite, man sieht nur eine einzige Gebirgswand, und sie \u201e\u00f6ffnen\u201c sich zur anderen Seite, dann sieht man jeden einzelnen Gipfel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Negret auch ganz anders konnte, sieht man an einigen Plakaten, die er f\u00fcr bestimmte Veranstaltungen entworfen hat, darunter eins f\u00fcr das Festival de M\u00fasica Religiosa Semana Santa 1978. Die Kuppel einer Kirche und ein erh\u00f6htes Kreuz treten schemenhaft aus dem Halbdunkel des Hintergrunds hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem anderen Teil des Museums ist moderne lateinamerikanische Kunst ausgestellt, nicht ausschlie\u00dflich, aber meistens abstrakt. Auch, wenn man sich als Laie da vielleicht schwer mit tut, man erkennt, wie die K\u00fcnstler unsere Wirklichkeit auf die allerelementarsten Formen zur\u00fcckgef\u00fchrt haben, wie bei einem Pferd, das man sogar in Bewegung sieht, da Hals und Kopf, nur aus drei, vier Dreiecken bestehend,&nbsp; hintereinander versetzt zweimal erscheinen. Rumpf und Schwanz sind nur durch jeweils einen breiten, gebogenen Streifen dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir ein Gem\u00e4lde, das gar nicht darstellt, aber mit optischen Perspektiven spielt. Es besteht aus ganz vielen, schmalen l\u00e4nglichen Streifen, immer drei Streifen mit denselben drei Farben. Jeder dieser Dreierstreifen ist von den beiden benachbarten abgetrennt durch einen Papierstreifen, der senkrecht zum Bild verl\u00e4uft. Wenn man direkt vor dem Bild steht, sieht man nur die drei Farben, wenn man nach links geht, wird das Bild immer einfarbiger Rot, aber oben intensiver als unten, und wenn man nach rechts geht, wird das Bild in gleicher Weise schwarz. Geradezu magisch! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Museum ist es nur ein kurzer Weg zum <em>Parque Caldas<\/em>. Dort ist viel Betrieb, es d\u00fcrften sich mehrere Hundert Personen \u00fcber den Platz verteilen, aber es ist ganz still.&nbsp; Viele sitzen alleine auf den Parkb\u00e4nken, viele sehen auf ihr Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe wieder einen Becher Obst, diesmal die in schmale Streifen geschnittene Mango. Sieht aus wie von einer Maschine gefertigt, ist aber das Resultat der Fertigkeit der Frau an dem Stand, die die Mango mit einem gro\u00dfen Messer in Angriff nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund um den Park herum gibt es auch eine ganze Reihe von Fahrradst\u00e4ndern. Radfahren ist hier in der Stadt sicher eher ein Abenteuer. Man sieht auch fast nur junge M\u00e4nner auf den R\u00e4dern. E-Bikes habe ich bisher noch \u00fcberhaupt nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig im Zentrum sind auch die vielen gelben Taxis, meist Kleinwagen, meist japanische Fabrikate.<\/p>\n\n\n\n<p>An zwei Geb\u00e4uden am Parque Caldas weht die kolumbianische Flagge. Die Farben \u2013 Blau, Gelb, Rot \u2013 sind dieselben wie auf den Flaggen von Venezuela und Ecuador, eine Erinnerung an die gemeinsame Zeit in einem Land, La Gran Colombia.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich am Hotel Dann Monasterio vorbei, einem Hotel, das, wie der Name verr\u00e4t, in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Das muss ein gro\u00dfes und edles Kloster gewesen sein, der Gr\u00f6\u00dfe des Vorhofs und der Sch\u00f6nheit der Anlage nach zu urteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache eine kleine Pause in einem Caf\u00e9. Hier gibt es den Kaffee in einer richtigen Tasse, den Kuchen allerdings wie gewohnt auf einem Plastikteller.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Regal liegt Schokolade der Marke Alpina. Das ist die s\u00fcdamerikanische Variante von Milka, mit denselben Farben und denselben Darstellungen einer alpinen Landschaft.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz, nachdem ich zu Hause bin, setzt der Regen ein, und er h\u00f6rt gar nicht mehr auf. Als ich mich am fr\u00fchen Abend mit den jungen Leuten am Parque Caldas treffe, bin ich bereits v\u00f6llig durchn\u00e4sst, trotz Regenjacke und Regenschirm. Das Wasser auf den engen Stra\u00dfen flie\u00dft nicht ab, und die Autos spritzen in alle Richtungen. Und immer wieder tritt man in eine Pf\u00fctze, weil man die Augen woanders hat. Die Stra\u00dfenverk\u00e4ufer im Zentrum machen das Beste daraus und verkaufen Regenschirme.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00edctor kommt alleine, Norelis kommt mit Mutter und Tochter. Unsere kleine Wanderung f\u00e4llt aus, zu gef\u00e4hrlich, bei dem Wetter den H\u00fcgel zu ersteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dr\u00e4ngen uns, so gut es geht, durch die vielen entgegenkommenden Passanten auf den schmalen B\u00fcrgersteigen und kommen zu einem kleinen Lokal, im Obergeschoss, ganz h\u00fcbsch eingerichtet. An der Wand eine Weltkarte, in die man eine Nadel einstecken kann, um seinen Heimatort zu markieren. Bei Europa ist kein Platz, es besteht nur aus Stecknadelk\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen Becher mit Eis und gefrorenem Brombeersaft und Empanadas de pipi\u00e1n. Das sind die, mit denen die Frau aus San Jos\u00e9 damals den Neubau der Kirche finanziert hat. Ich erfahre, dass pipi\u00e1n keine bestimmte Frucht oder \u00c4hnliches ist, sondern eine So\u00dfe, auf der Basis von K\u00fcrbiskernen. Die Empanadas sind ganz klein und werden in eine Erdnussso\u00dfe getunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre, dass beide nicht aus Popay\u00e1n stammen, sondern aus dem Norden Kolumbiens, aus der N\u00e4he von Santander, nahe der venezolanischen Grenze. V\u00edctors Freundin lebt noch da und kommt morgen zum ersten Mal nach Popay\u00e1n. Er hat inzwischen eine Wohnung f\u00fcr beide gefunden. Norelis lebt mit Mutter und Tochter in einem Dreim\u00e4delhaus. Bis vor kurzem war auch noch die Oma dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen hat sch\u00f6ne, lange Z\u00f6pfe und tr\u00e4gt schon allen m\u00f6glichen femininen Schmuck. Sie ist sechs Jahre alt. Es dauert etwas, bis sie ihre Sch\u00fcchternheit \u00fcberwindet, aber dann taut sie auf und stellt mir Fragen. Es gibt ein Missverst\u00e4ndnis, als ich sie frage, ob sie schon zur Schule gehe. Ich sage escuela, das versteht sie nicht, hier sagt man colegio, auch zur Grundschule.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ihre Arbeit eher technischer oder eher kommerzieller Art sei, will ich wissen. Beides! Sie beraten Kunden, die bei ihnen den Strom beziehen, meistens f\u00fcr Solaranlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Freitags wird nur halbtags gearbeitet, und am Montag ist ein nationaler Feiertag. Die Unabh\u00e4ngigkeit Cartagenas wird gefeiert. Es steht also ein langes Wochenende bevor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe ihnen meine Visitenkarte, und das l\u00f6st gro\u00dfes Erstaunen aus. Ob das normal sei in Europa, ob man dort so etwas habe, wollen sie wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschied muss ich dann noch mal durch den Regen nach Hause. Die Aussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage sind auch nicht gerade rosig.<\/p>\n\n\n\n<p>15.November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich am Abend auf den Weg zum Busbahnhof mache, bin ich schon durchn\u00e4sst, bevor ich das Grundst\u00fcck verlassen habe. Ich muss mit dem Schl\u00fcssel raus, um das Tor zu \u00f6ffnen und dann wieder rein, um den Schl\u00fcssel in der Wohnung zu deponieren. Alles steht kn\u00f6cheltief im Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Telefon war bei den Taxis kein Durchkommen, aber ich verlasse mich darauf, dass ich eins der unz\u00e4hligen gelben Autos unterwegs anhalten kann. Aber es tut sich nichts. M\u00fchsam gehe ich, mit Gep\u00e4ck beladen, in der Dunkelheit durch den str\u00f6menden Regen und versuche, in keine Pf\u00fctzen zu treten und auf die Unebenheiten im B\u00fcrgersteig zu achten.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommt auf der anderen Fahrbahn ein Taxi entgegen, aber der Fahrer sieht mich in der Dunkelheit nicht. Ich gehe tapfer weiter, bis ich an eine Kreuzung komme. Dort steht ein Taxi, mit gr\u00fcnem Licht auf dem Dach. Ich gehe hin und \u00f6ffne die T\u00fcr, aber da sitzt ein Passagier drin. Das Taxi ist besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme weiter auf die Innenstadt zu, aber kein Taxi weit und breit. Nur ein Auto, das neben mir hupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe bis zur n\u00e4chsten Kreuzung. Wieder hupt ein Auto, aber es ist kein Taxi. Ein Frau sieht mich durch die Scheibe an und knickt mir aufmunternd zu. Ich gehe hin, sie kurbelt die Scheibe runter und fragt mich, ob ich zum Busbahnhof wolle. Ich solle einsteigen, sie werde mich dorthin fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich deponiere mein Gep\u00e4ck hinten, setze mich neben sie, und los geht die Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist pensionierte Juristin, genie\u00dft die freie Zeit, hat keine Sehnsucht nach der Arbeit. Ihre Schwester wohnt in Holland, sie ist auch schon mal da gewesen. Wo denn da? Sie kann sich an den Ort nicht erinnern. Bulgarien? \u2013 Nee, Bulgarien nicht, vielleicht Belgien? \u2013 Ja, Belgien, da seien sie durchgefahren. Ihre Schwester habe einen Holl\u00e4nder geheiratet. Der lebe aber schon nicht mehr. Starker Raucher, starker Trinker. Er habe die Euthanisie in Anspruch genommen, um zu sterben. Ihre Schwester sei aber weiterhin in Holland. Sie habe zwei kolumbianisch-holl\u00e4ndische Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nimmt extra einen Umweg, um mich direkt vor die T\u00fcr zu fahren. Als ich eine Handbewegung zum Portemonnaie hin mache, wehrt sie entschieden ab: Kommt nicht in Frage, ich habe das gerne getan. Meine Augen werden feucht. Ich dr\u00fccke ihr fest die Hand und sage leise Gracias.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schalter geht alles wie am Schn\u00fcrchen diesmal. Ich brauche nur meine Reservierung vorzuzeigen und \u2013 Zack! \u2013 ist die Fahrkarte gedruckt. Kein Ausweis, kein Formular, keine Adresse, keine Photos.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch die Kontrolle. In dem Moment f\u00e4hrt der Bus ein, ein moderner Reisebus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen Schlange, um unser Gep\u00e4ck aufzugeben, bekommen eine Nummer und steigen ein. Es gibt Internet und es gibt eine Toilette.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst geht es ganz langsam, dann kommen wir auf eine mautpflichtige Schnellstra\u00dfe, und es geht z\u00fcgig weiter. Es regnet ohne Unterlass, heftig. Die Landschaft ist, soweit man das in der Dunkelheit sehen kann, flach und unansehnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>16. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gang zur Toilette erweist sich als schwierig, schon hinzukommen ist ein Balanceakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Nachbar ist einer von denen, den man lieber nicht neben sich hat. Er sitzt breitbeinig da, st\u00f6\u00dft mich st\u00e4ndig an die Schulter, wenn er sich bewegt, und schl\u00e4ft ein, ohne sein Handy ausgeschaltet zu haben. Das steht irgendwie auf Google Maps und sagt uns immer wieder, wir sollten bei der Carrera 39 recht abbiegen. Immer und immer wieder. Irgendwann wird es mir zu bunt, ich wecke ihn und bitte ihn, das Handy auszustellen. Wortlos erf\u00fcllt er meinen Wunsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist aber noch keine Ruhe. Aus dem Lautsprecher t\u00f6nt seit der Abfahrt laute karibische Musik. Zweimal ist zwischendurch Pause, und ich atme auf, aber es wird wohl nur eine neue CD eingelegt. Das Gedudel begleitet uns bis zur Ankunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht z\u00fcgig weiter, immer weiter durch den Regen, der gegen die Fenster prasselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, dass wir irgendwann mal eine Pause einlegen, damit man sich die Beine vertreten, einen Kaffee trinken und die Musik abschalten kann, aber daraus wird nichts. An einer Rastst\u00e4tte halten wir an, aber nur, um zwei Fahrg\u00e4ste aussteigen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlassen wir die Mautstra\u00dfe. Jetzt geht es langsamer weiter, die Stra\u00dfe geht immer weiter die Berge rauf. Es wird langsam Tag, und man sieht eine ganze Decke von Dunst \u00fcber den Bergen liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die letzten 60 Kilometer brauchen wir noch mal 2 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir nach Medell\u00edn rein, passieren Sabatena (wo ich beim letzten Mal gewohnt habe) und Envigado (das ich durch Park und Shopping Mall kenne) und kommen durch moderne Gesch\u00e4ftsviertel und heruntergekommene Industrieviertel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der riesige Busbahnhof in Sicht. Der Fahrer muss sich bei einer Kontrollstelle melden, um einfahren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen, obwohl wir eine halbe Stunde sp\u00e4ter abgefahren sind, auf die Minute p\u00fcnktlich an: 7.00 Uhr. Es hat keinen Fahrerwechsel gegeben. Der Mann hat elf Stunden lang am Steuer gesessen, am Steuer eines Busses. Genauso lang ist die Musik gelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die langwierige Gep\u00e4ckausgabe. Der Mann muss sich ordentlich qu\u00e4len. In geb\u00fcckter Haltung muss er die S\u00e4cke, mit denen die Kolumbianer reisen, nach vorne ziehen, das Etikett entfernen und das Gegenst\u00fcck entgegennehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil kann ich auf die in einer dicken Decke von Dunst liegenden Berge gegen\u00fcber sehen. Die \u201eStadt des ewigen Fr\u00fchlings\u201c bereitet uns einen warmen Empfang: 20\u00b0. Und es hat sogar aufgeh\u00f6rt, zu regnen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Koffer kommt ganz zum Schluss. Ich sehe mich um, alles ist ausgeschildert, nur das WC nicht. Eine Etage tiefer.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim WC wird inzwischen hier auch kassiert. Allerdings moderat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich erst mal einen Kaffee trinken. Dazu ein Geb\u00e4ck, das mit Guaven (<em>guayaba<\/em>) gef\u00fcllt ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Taxistand. Bevor ich einsteige, lasse ich mir vom Taxifahrer den ungef\u00e4hren Preis nennen. Einverstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es los geht, muss er noch schnell einen Anruf entgegennehmen, von seiner Frau. Als Name steht auf dem Bildschirm <em>Amor<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schl\u00e4gt er vor, dass wir uns auf einen Festpreis einigen: 35.000. Einverstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lenkt mit einer Hand, mit der anderen h\u00e4lt er seinen Kaffeebecher.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer zweispurigen Stra\u00dfe drosselt er auf einmal drastisch das Tempo und macht eine Geste nach oben: Radarkontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ampel werden auch f\u00fcr die Autofahrer die Sekunden heruntergez\u00e4hlt, bis es gr\u00fcn wird: 81 \u2013 80 \u2013 79.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die Innenstadt. Wir passieren einen Markt. Auf dem ist jetzt schon ordentlich Betrieb. Am Sonntagmorgen!&nbsp; Dies ist schon die Carrera 39. Das ist \u201emeine\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir eine Kirche passieren, bekreuzigt sich der Fahrer. Das Kreuzzeichen macht er auf der Brust, die Stirn wird nicht ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann l\u00e4sst er mich vor dem Haus raus: 58-14. Stimmt. Ich hatte mir ein gr\u00f6\u00dferes Haus vorgestellt. Die Unterkunft ist in der 4. Etage. Kein Aufzug, darauf wurde ausdr\u00fccklich aufmerksam gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich klingele, wie mir gehei\u00dfen, im 2. Stockwerk, aber es tut sich nichts. Das Gitter vor der T\u00fcr l\u00e4sst sich \u00f6ffnen, aber die T\u00fcr nicht. Ich klingele noch mal und \u00fcberlege schon mal, was ich machen kann. Dann sieht man eine Frau die Treppe runterkommen. Begr\u00fc\u00dft mich freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich geht das Treppenhaus nur bis zum 2. Stockwerk, da andere muss eine Art Anbau sein. Durch eine Gittert\u00fcr und \u00fcber eine Eisentreppe geht es weiter nach oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist, wie das ganze Haus, alt und etwas schmuddelig, aber seeeehr ger\u00e4umig. Hier kann eine ganze Familie wohnen. Und vor mir war wohl auch eine Familie hier, mit Baby.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist auch Luisa eingetroffen, die Tochter. Die fungiert offiziell als Vermieterin, aber ihre Mutter, Claudia, k\u00fcmmert sich wohl in erster Linie um die G\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter zeigt mir die Wohnung, die Tochter zeigt mir vom Balkon aus die Umgebung \u2013 wo geht es in die Innenstadt, wo ist ein Supermarkt, wo ist ein Lokal? \u2013 die Mutter zeigt mir die Wohnung. Mit dem Herd gebe es im Moment ein Problem, aber da komme gleich ein Handwerker. Was? Am Sonntag? Um halb neun am Morgen? \u2013 Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis er kommt, habe ich die Gelegenheit, auszur\u00e4umen. Alles ist feucht, wirklich alles: W\u00e4sche, Portemonnaie, Laptop, Taschent\u00fccher, Rucksack. Mein Reisef\u00fchrer ist so durchn\u00e4sst, dass ich ihn wegwerfen muss. Zum Trost kommt jetzt die Sonne raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 8.30 steht der Handwerker auf der Matte, ein freundlicher, \u00e4lterer Mann mit gro\u00dfen Zahnl\u00fccken und Stoppelbart. Ich sage, dass muss ich in die Heimat melden, dass ein Handwerker am Sonntagmorgen kommt, um Reparaturarbeiten vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer halben Stunde ist er mit der Arbeit fertig. Der Herd funktioniert wieder. Gemeinsam zeigen er und Claudia mir die Funktionsweise.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo Sie schon einmal da sind: Der Abzug der Toilette funktioniert nicht. Der Mann scheint eher erfreut, eine weitere Aufgabe zu bekommen, und nach zehn Minuten ist auch das Problem behoben!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verabschieden sich mit einer Herzlichkeit, so als wenn wir alte Freund w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Wohnung h\u00f6rt man den vollt\u00f6nenden Gesang einer Gemeinde aus einer nahegelegenen Kirche. Da wird mit Inbrunst gesungen, aus vielen Kehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entschlie\u00dfe mich, einen kleinen Spaziergang Richtung Innenstadt zu machen und folge den etwas vagen Anweisungen von Luisa. Bald muss ich schon fragen. Ein gro\u00dfer Mann mit einem kleinen Hund gibt mir Auskunft: Da, in diese Richtung. Aber aufgepasst! Dort l\u00e4uft allerhand gef\u00e4hrliches Gesindel rum. Er empfiehlt mir, den Weg <em>por la playa<\/em> zu nehmen. Habe ich richtig verstanden? Medell\u00edn hat einen Strand? Er k\u00f6nne mich begleiten. In Ordnung. Erweist sich als etwas unangenehm, denn er ist nicht mehr der J\u00fcngste und geht sehr langsam. Und ich verstehe ihn nicht, und er kann nichts mit dem anfangen, was ich sage. Aber dann kommen wir tats\u00e4chlich auf den Paseo por la Playa, und es gibt auch eine Metrostation La Playa. Er entl\u00e4sst mich. Einfacher weiter geradeaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tue ich, die Gegend wird etwas vertrauensw\u00fcrdiger. Entlang des Weges sind verschiedene B\u00fcsten von Menschen aufgestellt, die sich der Benachteiligten angenommen haben und hier geehrt werden, darunter eine Deutsche: Benedikta zur Nieden de Echavarr\u00eda.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem breiten Fu\u00dfg\u00e4ngerstreifen gibt es eine Art Radweg f\u00fcr Taxis. Das ist gut \u00fcberlegt. Die Taxis k\u00f6nnen hier Fahrg\u00e4ste aufnehmen und absetzen, ohne den Verkehrsfluss auf der Stra\u00dfe zu behindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem B\u00fcrgersteig machen sich die Verk\u00e4ufer von Lederg\u00fcrteln gegenseitig Konkurrenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme an eine Stra\u00dfenkreuzung, an der sich ein modernes Gem\u00e4lde an einer H\u00e4userfassade und eine Weihnachtsdekoration gegen\u00fcberstehen, die an Kitsch nicht zu \u00fcberbieten ist, eine Art Burg, wie sie in einem&nbsp; Disney-Film vorkommen k\u00f6nnte. Man fragt sich, was das mit Weihnachten zu tun haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Kreuzung beobachte ich, wie die Leute die Stra\u00dfe \u00fcberqueren. Das ist hier einfacher als in Popay\u00e1n, weil es \u00fcberall Ampeln gibt, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Ich \u201everstecke\u201c mich meist hinter Einheimischen. Und wundere mich, mit welcher Seelenruhe die bei Rot die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, obwohl hinten der Verkehr herbeirauscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man bei starkem Verkehr eine Stra\u00dfe ohne Ampel \u00fcberquert, daf\u00fcr gibt es ein paar Regeln: 1) langsam gehen, 2) den heranfahrenden Autos und Motorr\u00e4dern durch Blicke und Gesten signalisieren, dass man vorhat, zu kreuzen und 3) niemals r\u00fcckw\u00e4rts gehen. Da kann man als nicht Eingeweihter einiges falsch machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts geht es in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Ich biege spontan ab, und nach ein paar Metern d\u00e4mmert es mir: die \u201eStra\u00dfe der Ausl\u00e4nder\u201c, wie Gloria sie in ihrer eigenwilligen Diktion mal genannt hat. Die schmale, mit einem Spalier von hohen Palmen bestandene Stra\u00dfe ist von Bedeutung f\u00fcr Medell\u00edn und hat sogar ein Verb hervorgebracht: <em>juniniar<\/em>, nach einem gesellschaftlichen Treffpunkt, einer Art Klub benannt, der sich hier befand. Das Verb fasste dann alles zusammen, was man hier machte, sich treffen, bummeln, Schaufenster gucken, einen trinken gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der linken Seite das Lokal <em>Cuernavaca<\/em>, benannt nach dem ungew\u00f6hnlichen Namen der mexikanischen Stadt, aus der die Ehefrau eines ehemaligen Kollegen stammte. Ich hatte sp\u00e4ter einmal die Gelegenheit, die Stadt zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe m\u00fcndet in den <em>Parque Bol\u00edvar<\/em>, mit der Reiterstatue des \u201eBefreiers\u201c im Zentrum. An der Stirnseite des Platzes eine Kirche, die die Blicke auf sich lenkt, gro\u00df, neoromanisch, ganz aus Backsteinen erbaut. Der Brunnen davor komplettiert das Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen auch sch\u00f6ne B\u00f6gen aus Backstein, eine Decke mit Holzbalken und vor den B\u00f6gen sch\u00f6ne Lampen, in mattem Gelb schimmernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes ein modernes Hochhaus, vor dem ein altes, niedriges Haus steht. Das Hochhaus ist nichtssagend-n\u00fcchtern, das kleine Haus sieht aus wie aus einem M\u00e4rchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes das Lokal <em>Qbano<\/em>, und nebenan gibt es <em>keiks &amp; coffee<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in ein Caf\u00e9 und bestelle Kaffee und Kuchen, einen, den ich vor Jahren einmal als <em>banoffee cake<\/em> in Dublin kennengelernt habe. Dazu einen schwarzen Kaffee. Als die Kellnerin die Bestellung aufgibt, sagt sie das magische Wort, \u201eAh, un tinto.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz ist jede \u201eMachart\u201c von Menschen vertreten, auch eine gef\u00fchrte Gruppe von Touristen, aber dominiert wird er von Clochards, darunter auch Alkoholiker und Drogenabh\u00e4ngige.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gelingt aus der Ferne ein heimlicher Schnappschuss von einem nach vorne gebeugten Mann auf einer Parkbank, flankiert von zwei \u201ein den Seilen h\u00e4ngenden\u201c M\u00e4nnern beim Mittagsschlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder sieht man M\u00e4nner mit den gr\u00fcn-wei\u00dfen Trikots eines Fu\u00dfballvereins. Einer von ihnen tr\u00e4gt dazu eine passende gr\u00fcn-wei\u00dfe Narrenkappe und bet\u00e4tigt sich als Schuhputzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg, noch am Rande des Platzes, gelingt mir ein weiterer Schnappschuss: zwei junge M\u00e4nner, rauchend, Ellbogen auf den Knien, vor dem breiten Wurzelgeflecht einer m\u00e4chtigen W\u00fcrgefeige.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Einkaufsstra\u00dfe bleibe ich bei einem Obstverk\u00e4ufer stehen und kaufe Mandarinen, gro\u00df, saftig, lecker. 6 gro\u00dfe oder 9 kleine f\u00fcr 5.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kaufe ich noch <em>bu\u00f1uelos<\/em>, das Geb\u00e4ck, etwa in der Art von Berliner, aber innen hohl, das ich beim letzten Mal in Medell\u00edn zur Weihnachtszeit immer wieder probiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein einbeiniger Bettler rutscht auf dem Boden herum und bewegt sich m\u00fchsam von einem Platz zum anderen. Wie wird man mit so einem Schicksal fertig?<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Garagentor in sauberen Lettern ein Zitat aus Jesaias, das mir ganz unbekannt vorkommt. Es geht um diejenigen, die L\u00fcge als Wahrheit und Wahrheit als L\u00fcge verbreiten. Und auch sonst Tugend und Laster verwechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Den R\u00fcckweg finde ich \u00fcberraschend gut. Ich komme sogar bis zu der Kirche, aus der ich heute Morgen den Gesang geh\u00f6rt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen, seitlich der Kirche, sind Sachen f\u00fcr einen Flohmarkt aufgebaut, aber man sieht noch keine Besucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist die Kirche rappelvoll. Es wird gerade Kollekte gehalten, mit den langstieligen Samtbeuteln, wie man sie fr\u00fcher benutzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin quasi am Ziel, kann aber das Ziel nicht finden. Immer wieder geht es hin und her, immer wieder bekomme ich freundliche Antworten, aber ich finde das Haus einfach nicht. Die Beine werden schwerer, und die Plastikt\u00fcte mit den Mandarinen ist inzwischen gerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich frage ich eine Frau mit Hund. Die will wissen, was f\u00fcr eine Adresse das denn sei, was ich denn da wolle. Sie sagt entschieden, das finden wir jetzt, macht kehrt und geht voran, immer wieder Passanten oder Gesch\u00e4ftsleute gr\u00fc\u00dfend, immer wieder nach dem Weg fragend. Am Ende sagt ein Mann in einem Laden: \u201eAh bei Claudia?\u201c \u2013 \u201eJa, bei Claudia!\u201c. Jetzt sind es nur noch wenige Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>17. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen wache ich v\u00f6llig desorientiert auf, nicht wegen der ungewohnten Umgebung, sondern wegen des Traums. Es ist Krieg, ich renne orientierungslos durch die Stra\u00dfen, ganz alleine, mal in diese, mal in die andere Richtung, gucke st\u00e4ndig nach oben, wei\u00df nicht, woher die Angriffe kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Feiertag in Kolumbien, ein typisch lateinamerikanischer Feiertag, patriotisch, mit Bezug auf den Befreiungskampf. Heute wird die Unabh\u00e4ngigkeit Cartagenas gefeiert. Schon am Morgen um 4 h\u00f6rt man B\u00f6llersch\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinten aus der Wohnung raus gibt es einen sch\u00f6nen n\u00e4chtlichen Blick auf die Lichter, die sich, wie zur Dekoration, den ganzen Berg hinaufziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich widme mich den \u201eArbeiten\u201c des Reisenden: Stadtf\u00fchrung buchen, Taxi f\u00fcr den Flughafen am Sonntag bestellen, Photos runterladen, Bewertung f\u00fcr Unterkunft in Popay\u00e1n schreiben, Bewertung f\u00fcr Busreise schreiben, Reisenotizen erg\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fch bin ich bei D1, dem Supermarkt um die Ecke. Da ist noch nichts los, aber der hat sch\u00f6n ge\u00f6ffnet: K\u00e4se, Kekse, Kaffee, Wasser. Schnell erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lande ich \u201eaus Versehen\u201c in genau dem Lokal, das Luisa mir empfohlen hatte, Romarios, gleich an der Kreuzung. Hier gibt es Fr\u00fchst\u00fcck. Auch nach Erkl\u00e4rungen kann ich die verschiedenen Varianten nicht verstehen, ich bestelle auf Vorschlag des Kellners <em>Huevo<\/em> <em>Ranchero<\/em>. Das ist, wie sich herausstellt, R\u00fchrei mit Wurstst\u00fcckchen, dazu gibt es die unvermeidliche, trockene <em>arepa<\/em> und ein St\u00fcck Weichk\u00e4se.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alternative zu den Eiervariationen gibt es auch caldo, eine Gem\u00fcsesuppe, die in einem gro\u00dfen Blechnapf serviert wird. Davon wird durchaus Gebrauch gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand steht, dass man, wie hier allgemein \u00fcblich, an der Kasse bezahlen soll: <em>Cancelar en la caja<\/em><strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wundere mich, wie g\u00fcnstig das Fr\u00fchst\u00fcck ist. Auf dem kleinen Zettel, den man mir gegeben hat, steht 4.000. Aber der Mann an der Kasse ist nicht zufrieden mit dem, was ich ihm gebe. Es sind 14.000. Ich habe die 1, die hier ungef\u00e4hr wie ein I aussieht, nicht als Zahl erkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es nach Sabaneta, einem Ort au\u00dferhalb Medell\u00edns, zu Gloria. Die reist am Donnerstag in die Schweiz, um den Winter bei Tochter und Enkelkindern zu verbringen. Und braucht heute wegen des Feiertags nicht zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf dem Weg in die Innenstadt, auf dem ich gestern zur\u00fcckgekommen bin, an der Kirche entlang. Dort sitzt auf dem Boden, an die Kirchenwand gelehnt, ein Mann, der sich ganz konzentriert einer Arbeit widmet: Er repariert einen Stuhl, eine Art Korbstuhl, genauer gesagt dessen Sitzfl\u00e4che. Warum macht er das wohl hier? Ob es etwas mit der Kirche zu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich passiere verschiedene moderne Wohnbl\u00f6cke mit vollt\u00f6nenden Namen wie Torre de Lima, komme andererseits an einer kleinen Villa, bei der man in den wundersch\u00f6nen Innenhof sehen kann, mit wild wuchernder Vegetation und einem Brunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Strommast klebt ein Zettel mit einer Telefonnummer und <em>Divorcios<\/em>. Hier kann man sich beraten lassen, wenn man sich scheiden lassen will.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer H\u00e4userwand ein Plakat, auf dem in regelwidrigem Spanisch erkl\u00e4rt wird, dass hier Wohnungen zu vermieten seien: <em>Se alquilan habitaciones amobladas. &nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich drei junge M\u00e4nner auf dem Boden sitzen. Was machen die da? Sie sitzen inmitten von mehreren M\u00fclls\u00e4cken. Es sind keine Obdachlosen, wie ich erst denke, sondern bringen Dinge wieder in Ordnung, die im M\u00fcll gelandet und noch zu gebrauchen sind. Einer macht sich gerade an einem Ventilator zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein sch\u00f6ner Tag, mit vielen Wolken, aber ohne Regen. Und es ist warm und wird immer w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald merke ich, dass ich falsch bin, hier bin ich gestern nicht entlang gekommen. Aber in der Ferne sehe ich schon eine gro\u00dfe Stra\u00dfe und sto\u00dfe dort auf den kitschigen Weihnachtsaufbau von gestern. Heute, aus einer anderen Perspektive, sehe ich, dass er direkt vor einem Wolkenkratzer steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bestimmen die ganze Gegend, sind modern, originell, sch\u00f6n anzusehen. In Medell\u00edn kann man sich vorkommen wie in Manhattan. Aber auch wie in Kalkutta.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Banken ist auch heute, am Feiertag, Wachpersonal postiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Mann mit falsch rum aufgesetzter Schirmm\u00fctze kommt mir entgegen. Er erkl\u00e4rt mir, wie ich zur n\u00e4chsten Metro-Station komme. Zum Abschied sch\u00fcttelt er mir die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich schon die Haltestelle. San Jos\u00e9. Ich gehe noch einen Kaffee trinken und kaufe als Mitbringsel eine Torte. Der junge Mann packt sie geschickt ein. Aber ich muss sie jetzt mit mir herumbalancieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zu der vermeintlichen Metrostation komme, erweist die sich als Stra\u00dfenbahnhaltestelle. Ich soll noch zwei H\u00e4userbl\u00f6cke weiter gehen und dann rechts abbiegen, sagt mir der Mann, der hier Wache schiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Ampel stehe, spricht mich ein ambulanter Verk\u00e4ufer an. Er hat das Gespr\u00e4ch mitgeh\u00f6rt. Nach Sabaneta k\u00f6nne ich doch mit dem Bus fahren. Er zeige mir, wo das ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Kreuzung, an der mehrere Busse warten, entl\u00e4sst er mich. Ich frage einen Busfahrer, aber der sagt mir, nein, hier nicht. Weiter oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen droht meine Torte zu schmelzen. Und ich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter oben, in einer engen Stra\u00dfe, stehen tats\u00e4chlich reihenweise Busse, darunter der nach Sabaneta. In den kolumbianischen Nationalfarben angemalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Busse fahren nach Buenos Aires und nach Aranjuez. Das sollte auch ein Ziel f\u00fcr mich sein, aber sp\u00e4ter lese ich, da solle man lieber nicht alleine hinfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus nach Sabaneta ist wunderbar, ein altes Gef\u00e4hrt mit Drehkreuz beim Einstieg, einem laut brummenden Motor und einem Steuerkn\u00fcppel, der so dick wie ein Leitungsrohr ist. Hinter dem Fahrer ein heroischer Erzengel Michael, der um Schutz gebeten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt kostet nur 3.400 Pesos. Das ist gerade mal 1 Euro. Bei dem krummen Preis muss der Fahrer jedem Fahrgast Wechselgeld geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es steigen immer wieder Fahrg\u00e4ste aus und ein, ohne, dass man eine Haltestelle erkennen k\u00f6nnte. Ein Indio-Frau mit kurzem, bunten R\u00f6cken, steigt ein, die ihr Baby in einer Schlinge auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt. Bald darauf ein Mann mit kurzer Hose.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch El Poblado, dem Vorzeigeviertel von Medell\u00edn, Comuna 14. Ich wohne in La Candelaria, dem Zentrumsviertel, Comuna 10. Bekannt ist auch San Javier, vor allem unter seinem Namen Comuna 13. Das ehemalige Problemviertel hat sich durch die Graffitikunst an den H\u00e4userw\u00e4nden saniert und ist zu einem regelrechten Touristenmagneten geworden. Da war ich vor drei Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stra\u00dfenkreuzung versucht ein Mann, der Querfl\u00f6te spielt, ein bisschen Geld zu erbetteln. Die g\u00e4ngigeren Jongleure habe ich gestern schon gesehen. Was wohl eintr\u00e4glicher ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, wir kommen noch durch ein Viertel, das beinahe Villenviertel genannt werden kann, und fahren dann durch ein Spalier von Bambusb\u00e4umen. Dann geht es durch Envigado, an einer riesigen Shopping Mall vorbei, die bezeichnenderweise <em>Jumbo<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Sabaneta. Der Fahrer sagt mir, wo ich aussteigen soll, um zum Parque zu kommen. Ich trage meine Torte dorthin und sehe mich um. Ich hatte schon vergessen, wie sch\u00f6n der Parque ist. Anders als das, was wir in Deutschland unter Park verstehen w\u00fcrden, eher eine Plaza mit viel Vegetation. Und jetzt auch schon mit Weihnachtsschmuck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche den Parque ab, die Torte in der Hand. Langsam werde ich ungeduldig. Wo ist Gloria? Dann sehen wir uns auf einmal von weitem. Wir begr\u00fc\u00dfen uns mit einer herzlichen Umarmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes f\u00fchrt sie mich ins Einkaufszentrum, wo heute, wegen des Feiertags, alles geschlossen ist. Sie f\u00fchrt mich zu ihrem Stand, ihrer burbuja. Hier ist sie jeden Tag acht Stunden lang und verkauft ihren selbstgemachten Schmuck. Reicht notd\u00fcrftig f\u00fcr ein Einkommen. W\u00e4hrend ihrer Abwesenheit \u00fcbernimmt eine Freundin den Stand. Die hat zwar eine Arbeitsstelle, ist aber zeitweilig abk\u00f6mmlich und hat wiederum jemanden, der f\u00fcr sie einspringt. So wei\u00df man sich zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zur\u00fcck zum Parque, ich m\u00f6chte an diesem&nbsp; sch\u00f6nen Tag lieber drau\u00dfen sitzen. Wir trinken einen Kaffee und sie erz\u00e4hlt von der bevorstehenden Reise in die Schweiz, nach Basel. Komplizierte Angelegenheit: Medell\u00edn \u2013 Bogot\u00e1 \u2013 Frankfurt \u2013 Basel. Gut, dass sie zwei Monate lang bleibt. Ihr Schwiegersohn spricht auch ein bisschen Spanisch, und mit den Enkeln \u2013 es sind inzwischen drei \u2013 spricht sie nat\u00fcrlich auch Spanisch. Ist aber dabei, Deutsch zu lernen. Sie bittet mich um ein paar Tipps und versucht immer wieder, Gegenst\u00e4nde zu benennen, die wir vor uns haben: Teller, Messer, Gabel. Sie kennt sie alle, wirft sie aber durcheinander. Als sie ihr Alter nennen will und wir ankommen bei Ich bin 58, ist sie nicht zufrieden. Muss es nicht hei\u00dfen Ich bin 58 Jahre alt? Sie wei\u00df, dass es die Sonne und der Mond ist, hat sich aber noch nie klar gemacht, dass die Verteilung der grammatischen Geschlechter im Spanischen genau umgekehrt wie im Deutschen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Traum ist es, in die Schweiz auszuwandern. Immer wieder bittet sie um Ratschl\u00e4ge, aber viel kann ich ihr auch nicht helfen. Ich will ihr auch nicht die Illusion nehmen, aber mache ihr doch klar, dass es nicht ganz so einfach ist, wie sie es sich vorstellt. Sie versteht nicht so richtig, dass es auch eine juristische Ebene gibt. Dass es nicht damit getan ist, zu sagen, ich passe auf eine Seniorin auf oder k\u00fcmmere mich um Kinder oder bediene in einem Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Glorias Schicksal ist ein typisch lateinamerikanisches: eine Tochter in Kolumbien, ein Sohn in den USA, eine Tochter in der Schweiz. Lebt selbst mit ihrem Bruder zusammen mit ihren Eltern im Elternhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen Rundgang und kommen dabei an der <em>Droger\u00eda Alemana<\/em> vorbei. Sie meint, es gebe auch eine <em>Pizzer\u00eda Alemana<\/em>. Was? Sie versteht gar nicht, was ich daran komisch finde, warum ich sage, dass die Italiener sich sicher dar\u00fcber lustig machen w\u00fcrden. Warum denn? Gibt es in Deutschland denn keine Pizzerien? Auf jeden Fall f\u00fchrt sie mich hin, damit ich ein Photo machen kann. Die Pizzeria hei\u00dft <em>El Bigote<\/em>. Das Schild mit der <em>Pizzer\u00eda Alemana<\/em> und die Rohre im Innenraum sind in Schwarz-Rot-Gold. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren mit dem Bus nach Envigado, zu ihren Eltern. Nach dem Aussteigen sehen wir von oben in ein Freibad hinunter, in dem sich die Leute tummeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachbarhaus ist eine Tierarztpraxis untergebracht, keine normale, sondern eine f\u00fcr exotische Tiere. Sie sehen jeden Tag, wie die Leute ihre \u201eHaustiere\u201c dorthin bringen, Cham\u00e4leons, Schweine, Schlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern, beide beschwerlich mit dem Stock gehend, kommen gerade aus der Kirche. Sie setzen sich sofort in einen Schaukelstuhl. Gloria serviert ihnen ein St\u00fcck Torte. Scheint ihnen zu schmecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann trete ich voll ins Fettn\u00e4pfchen, indem ich Glorias bevorstehende Reise anspreche. Pssst! Die wissen noch gar nichts davon.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand h\u00e4ngt ein Bild, das ich hier nicht erwartet habe, eine Variation von Vel\u00e1zquez\u2018 Gem\u00e4lde der Arachne. Die ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Sie konnte gut weben, dass sie glaubte, die Beste \u00fcberhaupt zu sein und eines Tages sogar die G\u00f6ttin Athene zu einem Wettkampf herausforderte. Die G\u00f6ttin webte ein sch\u00f6nes Bild der Menschheit, Arachne webte ein h\u00e4ssliches Bild der G\u00f6tter. Das erz\u00fcrnte die G\u00f6ttin, und sie verwandelte Arachne zur Strafe in eine Spinne. Und verdammte sie dazu, ihr ganzes Leben lang zu weben. Das spanische Wort f\u00fcr Spinne, ara\u00f1a, verdankt sich diesem Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p>Gloria zeigt mir das Haus und versucht sich in der K\u00fcche an der Aussprache von Kuchen und K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wiegen ihren Koffer und entdecken zu ihrer Freude, dass der erst 15 Kilo wiegt. Sie kann noch mehr reinpacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ich sie zum letzten Mal besucht habe, vor drei Jahren, sind sie schon zweimal umgezogen. Das damalige, sch\u00f6ne H\u00e4uschen in Sabaneta mussten sie verlassen, weil die Eigent\u00fcmerin es f\u00fcr sich reklamierte. Dann zogen sie in eine Wohnung in einem neu errichteten Hochhaus, das wenig sp\u00e4ter bei einem Erdrutsch zwei Meter in den Boden sankt. Jetzt haben sie dieses sch\u00f6ne H\u00e4uschen in Envigado gefunden, ebenerdig wie das erste.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg und gehen irgendwo noch ein Bier trinken. Auf dem Tisch die verschiedenen M\u00fcnzen, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat. Wir machen drei Stapel, schweizerisch, europ\u00e4isch, amerikanisch. \u00dcbrig bleibt eine schwedische M\u00fcnze. Es stellt sich heraus, dass ihr nicht ganz klar ist, wo sie mit welcher W\u00e4hrung zahlen kann. Aber das kl\u00e4ren wir einigerma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bringt mich zur Bushaltestelle, und als wir unterwegs an einer Spielhalle vorbeikommen, erz\u00e4hlt sie von ihrer Schwester. Das ist die Wohlhabende in der Familie. Sie zahlt die Miete und hat letztes Jahr die Eltern zu einer Kreuzfahrt durch die Karibik mitgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Schwester sei durch Casinos reich geworden, sagt sie. Da hat sie aber Gl\u00fcck gehabt. Die meisten verlieren in Casinos Geld. Nein, sie und ihr Mann seien nicht durch Spielen reich geworden. Sie sind Besitzer von Casinos. Sie haben damals in La Dorada, ihrer Heimat, ganz klein angefangen, mit wenigen Spielger\u00e4ten. Daraus sind dann Spielhallen und dann Casinos geworden. Man merkt, dass ihr das etwas peinlich ist. Kommt ihr nicht wie eine anst\u00e4ndige Art vor, Geld zu verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Bitte, dass Gott mich besch\u00fctzen m\u00f6ge, verabschiedet sie mich. Ich bin dankbar f\u00fcr ihre Freundlichkeit und fahre ab in dem Gef\u00fchl, einen Tag erlebt zu haben, der nicht dem eines typischen Touristen entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg macht mich der Fahrer durch seine aggressive Fahrweise \u2013 st\u00e4ndiger Spurenwechsel, st\u00e4ndiges Hupen, nahe Auffahren \u2013 etwas nerv\u00f6s, und ich bin froh, als wir ankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme ein Taxi, um nach Hause zu fahren. Der Taxifahrer, als er h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland komme, sagt ganz langsam \u201eAlemania \u2026 Alemania \u2026 Alemania\u201c, so, als m\u00fcsse er das erst einmal einordnen. Dann schie\u00dft es aus ihm heraus: Deutschland? Hat das nicht im 2. Weltkrieg so zu leiden gehabt, ist so stark zerst\u00f6rt worden? Eine Frage, die man ohne weiteres mit Ja, aber wohl eher mit Ja, aber beantworten w\u00fcrde. Aber jetzt kommt er voll in Fahrt: Die armen jungen Leute, die habe man einfach ins Schlachtfeld geschickt, die seien doch nicht b\u00f6se gewesen, die seien doch selbst Opfer gewesen. Das bemerkenswerte Ende eines erlebnisreichen Tags.<\/p>\n\n\n\n<p>18. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Museo de la Memoria<\/em>, das noch relativ neuen Datums ist, widmet sich Kolumbien seiner j\u00fcngsten Vergangenheit, den langen Jahren des Drogenhandels, der Gewalt, des Terrorismus. Das Museum ist in Fu\u00dfentfernung von meiner Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum komme ich durch einen kleinen Park mit der typischen Statue eines Freiheitshelden im Zentrum. An einem Laternenpfahl die Aufforderung, die Tauben nicht zu f\u00fcttern. Es werden sogar mehrere Gr\u00fcnde genannt: Es beeintr\u00e4chtigt ihre Gesundheit, es st\u00f6rt das nat\u00fcrliche Gleichgewicht und es l\u00f6st ihre \u00dcberbev\u00f6lkerung aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich m\u00fcsste es einfach sein, das Museum zu finden. Ich brauche nur die Carrera 39 hinunter und dann in die Calle 51 abbiegen. Aber so einfach ist es dann doch nicht: Nach der 52 kommt schon die 50. Wo ist die 51? Ein freundlicher Mann in einem Caf\u00e9 gibt mir Auskunft: die Stra\u00dfe hei\u00dft in einer Richtung 50, in der anderen 51!<\/p>\n\n\n\n<p>Die gehe ich runter und sehe schon von weitem das Museumsgeb\u00e4ude, erh\u00f6ht gelegen. Auf dem Platz davor \u00fcberquert ein alter Mann die Kreuzung, der einen langen, mit allerlei T\u00fcten und S\u00e4cken und Paketen hoch beladenen Karren m\u00fchsam hinter sich her. Ob er im Auftrag anderer etwas transportiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe auf das Museum zu und frage zwei Wachm\u00e4nner, wo der Eingang sei. Da! Aber heute sei das Museum geschlossen. Die R\u00e4ume w\u00fcrden ausger\u00e4uchert. Auf diese Weise begegne ich mal dem Wort fumigar.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich weiteres entscheide, gehe ich jetzt erst einmal in das Caf\u00e9 mit dem freundlichen Mann zur\u00fcck und bekomme einen Kaffee und ein warmes Geb\u00e4ck.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Kasse zahlen will, dreht sich die Frau vor mir nach mir um und l\u00e4chelt. Jeder Augenkontakt, zuf\u00e4llig oder absichtlich, wird mit einem L\u00e4cheln beantwortet, ganz egal ob von einem Verk\u00e4ufer oder einem Wachmann, von einem alten Mann oder einer jungen Frau. Auf die Idee, dass ein freundlicher Blick \u00fcbergriffig oder gar aggressiv ist, kommt hier keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch ein zweites, ebenfalls eher ungew\u00f6hnliches Museum, das Museo del Agua. Ich mache mich auf den Weg dorthin, aber irgendwann ist mir das doch zu beschwerlich und ich nehme ein Taxi.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem dichten Verkehrsgef\u00fchl geht es um jeden Zentimeter. Hier entscheidet nicht, auf welcher Spur man ist oder ob man Vorfahrt hat, sondern ob man die Nase ein paar Zentimeter vorne hat. Die Motorr\u00e4der fahren unberechenbar mal an der rechts, mal links an den Autos vorbei, mal zwischen ihnen durch. Dabei wird st\u00e4ndig gehupt. Was mit dem Hupen bewirkt werden soll, wei\u00df man nicht, aber alle finden sich offensichtlich im Recht. Mein Fahrer flucht jedenfalls auf alle anderen. Ein merkw\u00fcrdiger Kontrast zwischen den als Passanten so au\u00dferordentlich freundlichen und als Autofahrer so au\u00dferordentlich unfreundlichen Menschen hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir durch das Nadel\u00f6hr durch sind, kommen wir auf eine gro\u00dfe Avenue, drei Spuren auf unserer Seite, drei Spuren auf der anderen Seite, vier Spuren in der Mitte. Das bedeutet aber nicht, dass irgendwie ruhiger gefahren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei habe ich Gelegenheit, auf die Automarken zu achten: Nissan, Kia, Hyundai, Ford und, vor allem, Chevrolet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand ein paar bemerkenswerte Wolkenkratzer, einige davon mit begr\u00fcnter Fassade. Ein anderer sieht aus, als best\u00fcnde die Fassade aus lauter Streichh\u00f6lzern, vertikal aufgestellt, halb regelm\u00e4\u00dfig, halb unregelm\u00e4\u00dfig, mit L\u00fccken dazwischen f\u00fcr die Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Platz vor dem Museum setzt der Fahrer mich ab. Der Preis h\u00e4lt sich in Grenzen. Ich zahle etwa das, was &nbsp;man in Deutschland als Startgeb\u00fchr zahlen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum zwei freundliche, uniformierte Wachfrauen. Wo denn der Eingang sei, will ich wissen. Da vorne! Aber heute hat das Museum geschlossen. Wegen des gestrigen Feiertags.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der N\u00e4he, sagen sie mir, gebe es nur die Bibliothek, die ich mir ansehen k\u00f6nnte. Mach ich. Sie schicken mich \u00fcber die gro\u00dfe Kreuzung. Die f\u00fchrt auf die gro\u00dfe Avenue, und die hat einen breiten Gehweg, sch\u00f6n bepflanzt. Auf den Parkb\u00e4nken Clochards, Bettler, Alkoholiker. St\u00e4rker k\u00f6nnte der Kontrast mit den hochmodernen Geb\u00e4uden und der gepflegten Anlage nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf einen gro\u00dfen, geschlossenen Platz mit modernen Skulpturen zwischen den unregelm\u00e4\u00dfig auf den ganzen Platz verteilten Geb\u00e4uden. Bald merke ich aber, dass ich hier falsch bin. Dies sind Verwaltungsgeb\u00e4ude der Stadt, die Leute kommen hierher, um sich umzumelden oder einen Pass zu bestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibliothek ist auf dem gegen\u00fcberliegenden Platz, auf der anderen Seite der Avenue.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss durch zwei Kontrollen, Sicherheit und Identit\u00e4t, und steht dann etwas verloren in dem Raum hier in dem Untergeschoss des Geb\u00e4udes.<\/p>\n\n\n\n<p>Rampen f\u00fchren nach oben, an zwei H\u00f6rs\u00e4len und an verschiedenen Computer-Arbeitspl\u00e4tzen vorbei. Die Bibliothek ist genauso modern wie das Geb\u00e4ude. Durch die gro\u00dfe Glasfassade sieht man auf den Platz hinunter. Hier, am \u201eBalkon\u201c, gibt es auch Arbeitspl\u00e4tze. Auf der anderen Seite gibt es gl\u00e4serne Zellen f\u00fcr das Selbststudium.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der Regale gibt es Tische, an denen einzeln oder in Gruppen gearbeitet wird. Eine Arbeitsgruppe ist gerade, vor dem Beginn der Arbeit, in Meditation vertieft.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Regalen steht die sehr vern\u00fcnftige Bitte, die B\u00fccher nicht zur\u00fcckzustellen, sondern auf den Tischen liegen zu lassen. Die werden sp\u00e4ter von den Bibliotheksleuten wieder an Ort und Stelle postiert. Das echte \u00c4rgernis in Pr\u00e4senzbibliotheken sind B\u00e4nde, die nicht an ihrem Ort abgestellt sind. Fast unm\u00f6glich, wiederzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fccherregale sind nur schulterhoch. Auch sehr vern\u00fcnftig. Man kommt an alle gut ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstattung der Bibliothek ist allerdings eher mager, was die Menge, aber auch was die Breite angeht. Es scheint eher eine technische Bibliothek zu sein: Industrie, Landwirtschaft, Energie. In dem allgemeinen Teil fast nur Belletristik vertreten: Umberto Eco, Stephen King, Jack London, Fernando Savater, Woody Allen. Zu Philosophie, Geschichte, Kunst, Linguistik gibt es nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang der Bibliothek hat man in einer Vitrine einen Raumanzug der NASA ausgestellt. Da erf\u00e4hrt man, was der alles leisten muss: er muss f\u00fcr einen ausgeglichenen Druck sorgen, f\u00fcr Sauerstoff zum Atmen, Schutz gegen ultraviolette Bestrahlung und Schutz gegen kleine Meteoriten gew\u00e4hren, eine Form zum Andocken ans Raumschiff haben und schlie\u00dflich auch die Notdurft der Astronauten entsorgen. Er wiegt 130 Kilogramm und besteht aus drei verschiedenen Materialien. Noch nie dr\u00fcber nachgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vorteil ist, dass ich jetzt in der N\u00e4he der Innenstadt bin. Von dem Platz vor der Bibliothek f\u00fchrt die Stra\u00dfe mit dem herrlichen Namen <em>Carabobo<\/em> (erinnere mich, wie ich beim letzten Mal inmitten des Gedr\u00e4nges mit M\u00fche ein Photo von dem Stra\u00dfenschild gemacht habe) stracks geradeaus ins Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Carabobo<\/em> hat es allerdings in sich. L\u00e4den zu beiden Seiten, mit Verk\u00e4ufern vor dem Laden, die ihre Ware anpreisen, davor Verkaufsst\u00e4nde aller Art, in der Enge dazwischen Stra\u00dfenverk\u00e4ufer, Bettler, Kunden, Passanten, Lastentr\u00e4ger. In dem Gew\u00fchl wird es mir etwas mulmig, wenn ich an meinen Ausweis, mein Portemonnaie und mein Handy denke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcndet die <em>Carabobo<\/em> aber auf den weitgestreckten Platz, an dessen Anfang die sch\u00f6ne <em>Iglesia de la Veracruz<\/em> mir ihrer wei\u00dfen Fassade und den mexikanisch anmutenden Glockent\u00fcrmen, die ich immer mit der ebenfalls wei\u00dfen Iglesia de la Candelaria verwechsele. Der Vorteil der <em>Veracruz<\/em> ist, dass man sie besser sehen kann, wegen des Vorplatzes. Vor der <em>Candelaria<\/em>, abseits des Platzes, herrscht immer dichtes Gedr\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst ein St\u00fcck weiter kommt der eigentliche Platz mit dem <em>Museo de Antioquia<\/em> und den unverwechselbaren Skulpturen von Botero, alle gleich volumin\u00f6s, alle aus Bronze. Ganz egal, ob Mann oder Frau, ob Pferd oder Katze oder Hund, ob weiblicher Torso oder Hand, ob liegend oder stehend, alle sind sie dick. Es stehen wohl \u00fcber zwei Dutzend Skulpturen \u00fcber den ganzen Platz verteilt, und alle werden als Hintergrund f\u00fcr Photos genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe bis zur Candelaria und zur Metro-Station Parque Berrio. Nein, mit der Metro komme ich nicht nach La Playa. Da m\u00fcsse ich den Metrobus nehmen. Ich k\u00f6nne aber auch zu Fu\u00df gehen. Der Mann weist in die Richtung, und tats\u00e4chlich sehe ich schon bald den schrecklichen Weihnachtsaufbau vor dem Rathaus. Eine \u00e4sthetische S\u00fcnde, aber als Orientierungspunkte hat er mir schon gute Dienste geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in eine Apotheke und bitte um Sonnencreme. Mich trifft der Schlag, als ich den Preis h\u00f6re. Ich bitte das M\u00e4dchen, nach einer billigeren zu suchen und zahle am Ende 94.000 Pesos. Das sind fast 25 Euro!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss ich dringend auch Geld wechseln. Vor einem Hochhaus mit Einkaufszentrum frage ich eine Stra\u00dfenverk\u00e4uferin, wo hier die Wechselstube sei. Die br\u00e4uchte ich nicht. Sie k\u00f6nne auch wechseln. Ich will aber erst das Geld sehen, keine faulen Tricks. Sie sagt ja, alles in Ordnung, nimmt ihr Handy, geht weg und telefoniert. Das ist f\u00fcr mich das Signal, das Weite zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Wechselstube l\u00e4uft alles glatt ab, wenn auch mit den \u00fcblichen Formalien.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich wieder Geld und gebe es auch sofort wieder aus, in der Kantine des Theaters, an dem ich auf dem R\u00fcckweg vorbeikomme. Es gibt eine sehr leckere Creme mit Zucchini und Lauch, und danach Schweinekotelett mit Reis und ein bisschen Salat. Dazu zwei kleine Bierchen. Macht 42.000 Pesos. Knapp die H\u00e4lfte von der Sonnencreme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann habe ich Gl\u00fcck. Gerade, als ich zu Hause ankomme, setzt das Gewitter ein.<\/p>\n\n\n\n<p>19. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eine Kurzgeschichte von Horacio Quiroga gelesen, einem uruguayischen Schriftsteller mit argentinischem Vater. Die Kurzgeschichte ist eine bizarre Mischung aus phantastisch und realistisch und endet mit dem r\u00e4tselhaften Tod der gerade von der Hochzeitsreise zur\u00fcckgekehrten jungen Ehefrau. Das wird in einer intensiven, schn\u00f6rkelhaften Sprache erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk von Quiroga, hei\u00dft es, sei bestimmt vom Makabren und Morbiden, von Grausamkeiten und Ungl\u00fccksf\u00e4llen. Kein Wunder, k\u00f6nnte man sagen, wenn man sich seine Lebensgeschichte ansieht. Es beginnt mit dem Ungl\u00fccksfall des Vaters, der sich beim Reinigen des Gewehrs versehentlich selbst t\u00f6tet. Es folgen der Selbstmord des Stiefvaters, die schmerzhafte Trennung von seiner Geliebten und der Tod der beiden Schwestern aufgrund einer Typhusepidemie. Schlie\u00dflich das Ungl\u00fcck, bei dem Quiroga seinen besten Freund beim Reinigen des Gewehrs t\u00f6tet. Quiroga zieht in den argentinischen Urwald. Seine junge Frau h\u00e4lt es dort in der Einsamkeit nicht aus und begeht Selbstmord. Quiroga erkrankt an Krebs und t\u00f6tet sich selbst. So viel Ungl\u00fcck in einem einzigen Leben. Das kann man sich kaum ausdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck aufbreche, erschrecke ich mich an der Ampel zu Tode. Ein Motorradfahrer, die \u201eAbk\u00fcrzung\u201c \u00fcber die falsche Stra\u00dfenseite nehmend, rast so nahe an mir vorbei, dass ich den Fahrtwind sp\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf den Weg zum Museum. Dabei komme ich wieder an dem Caf\u00e9 von gestern vorbei. Jetzt achte ich auf das Namensschild: <em>Don Jacinto \u2013 Pan y Tinto.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal hat das Museo de la Memoria ge\u00f6ffnet. Auf dem Gel\u00e4nde davor ein Hinweis darauf, dass sich hier jeden Mittwoch die M\u00fctter von Vermissten oder Get\u00f6teten treffen um nichts dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Seit 23 Jahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Museum eine Gruppe Touristen, im Museum eine Schulklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht durch einen hohen, schmalen Gang mit schr\u00e4gen W\u00e4nden rauf ins erste Obergeschoss. Dort ist die Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist nicht in erster Linie eine Chronologie der Ereignisse und schon gar nicht eine intellektuelle, sondern eher eine symbolisch Auseinandersetzung mit dem Thema Angst, Gewalt, Verlust. Es gibt einige Vitrinen mit kleineren Objekten, aber das meiste ist virtuell.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunst hat sich immer wieder mit der Gewalt in Kolumbien auseinandergesetzt. Sehr beeindruckend eine Montage am Strand. Dort liegen aus nat\u00fcrlichen Objekten geformte Konturen von Menschen. Die werden ganz allm\u00e4hlich von den Wellen angegriffen und am Ende vollst\u00e4ndig weggesp\u00fclt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Musik hat sich vor allem der Rap mit dem Thema auseinandergesetzt. Man kann einen Titel w\u00e4hlen und h\u00f6ren. Unter den Liedern ist eins mit einem Refrain in perfektem Deutsch!<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sind blau-wei\u00dfe Keramikteller ausgestellt. Sie zeigen Szenen aus dem Leben auf dem Lande: ein M\u00e4dchen f\u00fcttert H\u00fchner, ein Pferd mit einem Fohlen, ein S\u00e4mann auf dem Felde. Die ersten vier oder f\u00fcnf Teller sind heil, alle anderen sind zerbrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in keinem anderen Land der Welt waren Gewerkschaftsmitglieder in Kolumbien Opfer der Gewalt. In einer Vitrine sind Dominosteine mit dem Konterfei von Gewerkschaftern ausgestellt. Die ersten stehen noch, alle anderen fallen der Reihe nach, eben wie Dominosteine, um.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Photos sieht man ein von einer Bombe zerst\u00f6rtes Klassenzimmer, ein Photo von einer Terroristenattacke, bei der 33 Sch\u00fcler ums Leben kamen. Man sieht aber keine Opfer, keine T\u00e4ter, keine Waffen. Nur die Zerst\u00f6rung. Unter den Photographien besonders bedr\u00fcckend die Abbildung von V\u00e4tern, die ihre toten Kinder in den Armen halten. Und die einer Frau, die mit Rosen und dem Konterfei ihres Mannes auf der Bluse vor dessen Grab hockt. Dann der Brief eines Schuljungen, der seinem Vater, einem Arzt von seinem Alltag berichtet und sagt, er sei froh, dass der in den Bergen sei. In Wirklichkeit ist der Vater entf\u00fchrt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Videos sieht man Bilder von zwei gro\u00dfen Protestm\u00e4rschen gegen die Gewalt, einmal lauter Radfahrer, ganz nah beisammen in einem Pulk fahrend, einmal ein Fu\u00dfmarsch, bei dem alle Demonstranten in Wei\u00df gekleidet sind. Die Menschenschlange zieht sich eine ganze Avenue in Medell\u00edn entlang und verliert sich ganz hinten im Horizont in einem Park.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann auf verschiedenen Zeitleisten die ganze Geschichte des Terrorismus in Kolumbien verfolgen, aber das ist ziemlich m\u00fchsam. Es wird aber deutlich, dass sowohl die Miliz und die Guerilla-Gruppen als auch die die staatlichen Streitkr\u00e4fte eine Rolle spielten und f\u00fcr die Eskalation der Gewalt verantwortlich waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung versuche ich, ins \u00f6ffentliche Internet zu kommen, eine komplizierte Angelegenheit. Name, Mailadresse, Telefonnummer, Geburtsdatum und dann noch als Sicherheitscheck eine Zahl erkennen. Erst wird mein Name nicht anerkannt. Ich w\u00e4hle ein spanisches Pseudonym. Dann geht\u2019s. Auch die Mailadresse sei falsch, wird mir gesagt. Ich versuche sie ein zweites und ein drittes Mal, klappt nicht. Dann nehme ich meine andere Mailadresse. Jetzt geht\u2019s. Bei der Telefonnummer versuche ich es ohne die internationale Vorwahl, mit internationaler Vorwahl und 00, mit internationaler Vorwahl und +. Alles falsch. Dann nehme ich irgendeine kolumbianische Telefonnummer. Ich bin aber immer noch nicht im Netz. Erst muss noch eine Umfrage beantwortet werden: Warum benutzen sie das Netz, wie oft benutzen sie das Netz usw. Und schlie\u00dflich: Wie zufrieden sind sie mit der Handhabung des Netzes? Bitte bewerten sie auf einer Skala von 1-10! Dann komme ich endlich rein ins Netz. Aber nach 10 Minuten bin ich wieder drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache Pause bei Don Jacinto und bestelle einen Kaffee. Die Kellnerin empfiehlt mir ein Geb\u00e4ck, das viel zu gro\u00df ist. Den Rest k\u00f6nne man einpacken, meint sie. Den nimmt dann sp\u00e4ter ein Bettler gerne entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe Richtung Zentrum und komme wieder an dem Weihnachtsunget\u00fcm vorbei. Erst jetzt merke ich, dass es vielleicht gar nichts mit Weihnachten zu tun hat. Die verschiedenen H\u00e4user sollen wohl die verschiedenen Kommunen Medell\u00edns darstellen. Einige haben Balkone, an einigen h\u00e4ngt W\u00e4sche zum Trocknen, und zwischen den H\u00e4usern sieht man Stra\u00dfenlaternen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau mit einem schweren Obstkarren m\u00fcht sich vergeblich, \u00fcber die B\u00fcrgersteigkante zu kommen. Sofort ist ein Fremder dabei und hilft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum Parque Botero und sehe mir die Skulpturen an. Ganz am Rande des Platzes eine wenig beachtete Skulptur, die Pensamiento hei\u00dft. Bei der steht eine Frau auf einem Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall posieren f\u00fcllige Frauen vor den f\u00fclligen Figuren. Botero h\u00e4tte es vermutlich gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau, die an einem Brunnen Plastikfiguren mit Wasser f\u00fcllt, spricht mich mit <em>Gringo<\/em> an und bekommt sofort meinen \u00c4rger zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer hei\u00dfer. Ich kaufe einen Becher Ananas und setze mich einen Moment auf eine Bank.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich ins Museo de Antioquia. Der Eintritt entspricht europ\u00e4ischem Niveau: 42.000 Pesos.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine monumentale Marmortreppe geht es ins 2. Obergeschoss. Auf dem Treppenabsatz steht eine Figur, die Bol\u00edvar, siegesgewiss, statt auf einem Pferd auf einem Nilpferd reiten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besichtigung beginnt mit Botero, dem Maler. Der kommt chronologisch vor dem Bildhauer. Die fr\u00fchen Bilder zeigen oft Stierkampfmotive. Sein Vater wollte wohl, dass er Stierk\u00e4mpfer werden sollte, aber ihn interessierte die Malerei mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den fr\u00fcheren Bildern ein paar sch\u00f6ne Stillleben, eine K\u00fcchenszene, ein Obstteller, aber selbst die Mandarinen sind f\u00fcllig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sp\u00e4teren Bilder sind wie Vorlagen f\u00fcr die Skulpturen. Auch sind alle Figuren rund, volumin\u00f6s, wirken wie aufgeblasen. Gener\u00e4le und M\u00fctter, eine Frau, Rosita, mit lackierten Fingern\u00e4geln, eine Zigarette mit Zigarettenspitze rauchend, genauso wie <em>Nuestra Se\u00f1ora de la Colombia.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterschied zu den Skulpturen kommt hier nat\u00fcrlich die Farbe ins Spiel. Meistens sind es Pastellfarben, Hellblau und Rosa geben den Ton an. Wirkt irgendwie naiv.&nbsp; <em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Bild, das ich kenne, aber nicht mehr einordnen kann, ein Doppelportr\u00e4t von Ludwig XVI. und Marie Antoinette, beide im K\u00f6nigsornat, beide untersetzt, beide mit Doppelkinn. In dem K\u00f6nigsportr\u00e4t sieht man, wie eine Frau hinter einer T\u00fcr heimlich die Szene beobachtet. Dazu gibt es eine Geschichte: Der Anlass f\u00fcr das Gem\u00e4lde war der Wunsch von Boteros Mutter, nach Versailles zu reisen. Bevor sie die Reise antreten konnte, verstarb sie aber. Daher beschloss Botero, das K\u00f6nigspaar nach Medell\u00edn zu \u201eholen\u201c. Es ist die Mutter, die hinter der T\u00fcr hervorlugt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil des Museums ist v\u00f6llig anders. Hier herrscht regelrechtes Durcheinander, es ist von allem etwas zu sehen, verschiedene Stile, verschiedene Materialien, verschiedene Gr\u00f6\u00dfen, alles in der Art der Petersburger H\u00e4ngung ungeordnet \u00fcber- und nebeneinander h\u00e4ngend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Bild, das meine Aufmerksamkeit auf mich lenkt, einfach deshalb, weil das Licht geradezu aus dem Bild herauszutreten scheint, stellt eine Frau beim B\u00fcgeln dar. Man sieht sie von hinten bei der Arbeit, mit blauem Kleid und hohen Schuhen. Wunderbar die Ausarbeitung der Details: die akkurat gefalteten und gestapelten Handt\u00fccher auf&nbsp; einem Hocker, das Muster der gl\u00e4nzenden Bodenfliesen, die Falten in der B\u00fcgeldecke, das rote Band um die Taille der Frau, die Obstschale am Rand, der Blick durch eine T\u00fcr in das Nebenzimmer, von dem man nur einen Ausschnitt sieht, genauso wie von dem Bild, das dort an der Wand h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n auch die <em>Calle de Cartagena<\/em>. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich die Mittagshitze. Die gepflasterte Stra\u00dfe ist fast leer, bis auf eine Frau mit Kopftuch, die an der Seite der Kirche entlanggeht, ein Pferdefuhrwerk, das auf den Betrachter zuf\u00e4hrt. Alles in sehr fl\u00fcchtiger Malweise. Es kommt weniger auf das Detail als auf den Eindruck an. Wunderbar der gro\u00dfe Baum im Vordergrund, mit seinen zu allen Seiten Schatten werfenden Bl\u00e4ttern und \u00c4sten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders eine moderne Kreuzigung, mit den drei trauernden Frauen vor dem Kreuz, alle in moderner Kleidung, jede in einer anderen Pose. Hinter ihnen ein kleiner Junge, \u00fcber dessen Pr\u00e4senz man sich wundert in dieser Szene. Seine Haltung ist ehrfurchtsvoll. Er h\u00e4lt den Kopf geneigt und seinen Hut vor der Brust. Hier ist alles mit ganz einfachen, fast schematischen Linien dargestellt, der Leib Christi, die Kleider der Frauen, die blanken B\u00e4ume hinter dem Kreuz, die blanken Berge im Hintergrund. Farblich \u00fcberwiegen verschiedene Schattierungen von Braun und Beige.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz experimentell ein gro\u00dfformatiges Gem\u00e4lde, das nur aus einer wei\u00dfen Papierfl\u00e4che besteht. Das Papier ist an vielen Stellen eingestochen, so dass sich \u201eBerge\u201c ergeben. Aus denen entsteht das Profil von Kolumbien. Welche metaphorische Bedeutung die Einstiche haben, kann man sich nat\u00fcrlich fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss noch ein abstraktes Bild, das nur aus geometrischen Formen besteht, blauen und roten Balken, mal breiter, mal schmaler, die oft quer zueinander stehen oder \u00fcbereinander stehen. Bestimmte Formen wiederholen sich und werden zur Bildmitte hin immer kleiner. Durch die Formen ergeben sich eine (gedachte) senkrechte Linie und zwei (gedachte) Diagonalen. Man sieht einen \u201eRaum\u201c, aber der \u00e4ndert sich immer wieder, je nachdem, wie das Auge die Balken wahrnimmt. Sehr eindrucksvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Treppenhaus aus hat man durch die Glasfront einen sch\u00f6nen Blick auf den Platz und den eher sakral &nbsp;aussehenden <em>Palacio de la Cultura<\/em> mit seiner Kuppel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich an dem Nilpferd reitenden Bol\u00edvar zum Ausgang. Habe wenig gesehen, aber das Wenige hat sich gelohnt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum gehe ich zur <em>Iglesia de la Veracruz<\/em>. Aber da ist aber Messe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe durch das Gew\u00fchl Richtung Candelaria. Die leichten M\u00e4dchen stehen jetzt nicht mehr auf dem Platz, sondern ein bisschen abseits.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe eine der Ladenpassage runter, um den Laden zu finden, an dem sie damals mein Handy gerettet haben. Aber es gelingt mir nicht. Es gibt zu viele \u00e4hnliche L\u00e4den. Auch meinen Fris\u00f6r finde ich nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Candelaria spricht mich nichts an. Einzig die Holzbalkendecke, die h\u00f6lzerne Br\u00fcstung und die h\u00f6lzerne Orgelb\u00fchne gefallen mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau, den Kopf an die Bank gelehnt, ist beim Beten eingeschlafen, ein Mann, in l\u00e4ssiger Haltung schr\u00e4g in einer Bank sitzend, spricht in normaler Lautst\u00e4rke in sein Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Kirche gibt es Verkaufsst\u00e4nde aller Art. Neben Obst gibt es auch Lose f\u00fcr die Weihnachtslotterie \u2013 fein s\u00e4uberlich in kleinen Scheinen auf dem Tischchen pr\u00e4sentiert \u2013 Mausefallen und Rattengift.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein einbeiniger Mann kommt \u00fcber die Stra\u00dfe gehumpelt, schafft die Bordsteinkante nicht, bekreuzigt sich, versucht es ein zweites Mal und schafft es. Ich reagiere nicht schnell genug, um ihm eine Hand zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz machen vier M\u00e4nner, von einer kleinen Zuschauergruppe umringt, Musik. Drei Gitarren, einer spielt den Rhythmus, einer die Melodie, einer spielt Solo. Alle Gitarren haben einen anderen Klang. Leider ist die Stimme des S\u00e4ngers nicht stark und nicht gut genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich treiben und komme nahe der Metrostation in ein ungew\u00f6hnliches Caf\u00e9, das <em>M\u00e1laga<\/em>, ein traditionelles Caf\u00e9, ein Caf\u00e9 der anderen Art. An den W\u00e4nden und den Pfeilern unendliche Reihen von Photos, Musiker und S\u00e4nger darstellend. An einer Wand der Hund vor His Master\u2019s Voice, vor dem Grammophon sitzend. Daneben Gitarren. Vor der Wand die eine oder andere Juke-Box, rein dekorativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer B\u00fchne stehen zwei alte M\u00e4nner in unmodischen kurz\u00e4rmeligen Hemden und legen Musik auf \u2013 Schallplatten! Klingt argentinisch, ist aber kolumbianisch. Ein Lied tr\u00e4gt den Titel \u201eEl Carcelero\u201c und handelt von einer Frau, die sich nach anf\u00e4nglichem Ehegl\u00fcck, von ihrem Mann eingesperrt f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Tango auch in Kolumbien eine Heimat hat, ist wenig bekannt. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass Carlos Gardel \u2013 dessen Pappmachefigur hier vor der Wand steht \u2013 hier in Medell\u00edn bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich trinke ein Bier und noch eins und mache mich, leicht beschwipst und stark desorientiert, auf den Weg. Mir ist hier alles fremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe M\u00e4nner drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe Karten spielen, komme an dem Photogesch\u00e4ft <em>Bremen<\/em> vorbei, sehe vor einem Supermarkt riesige K\u00fcrbisse und Wassermelonen und Tomaten, die ich nicht als solche identifiziert h\u00e4tte und bleibe vor einem Baum mit einem breiten Stamm stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt L\u00e4den \u00fcber L\u00e4den, alle bis zur Decke mit ihren Artikeln vollgestopft: Brillen, Handyh\u00fcllen, Koffer, Uhren und, vor allem Schuhe. Wer soll das alles kaufen?<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig gelange ich auf die Carrera 39 und befinde mich pl\u00f6tzlich an der Tramstation Don Jos\u00e9, von der aus ich am Montag nach Sabaneta fahren wollte. Gegen\u00fcber das Caf\u00e9, an dem ich die Torte gekauft habe. Diesmal achte ich auf das Namensschild: <em>Al Pan Pan<\/em>. Das ist der erste Teil des Sprichworts Al pan pan y al vino vino.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es nur noch darum, zu entscheiden, in welcher Richtung die Z\u00e4hlung der Calles heruntergeht, aber diesmal liege ich richtig. Bald kommt Don Jacinto in Sicht und dann die Kirche und dann bin ich zu Hause. Wieder, ohne nass geworden zu sein. Am Abend geht es dann aber so richtig los.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag ist noch nicht zu Ende. Claudia hatte mir gesagt, ich solle Bescheid sagen, wenn ich W\u00e4sche waschen wolle. Sie k\u00fcndigt ihr Kommen an, aber es tut sich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann klopft es endlich an der T\u00fcr. Sie hat Luisa mitgebracht. Die Waschmaschine ist neu, und sie kennt sich besser aus. Die W\u00e4sche kommt in die Trommel, das Waschmittel lose dazu, und dann geht es los. Oder es soll losgehen. Die Trommel r\u00fchrt sich ein paar Mal, ohne \u00dcberzeugung, aber es kommt kein Wasser rein. Es wird alles M\u00f6gliche und eingeschaltet und ausgeschaltet, wobei die beiden sich st\u00e4ndig in den Weg kommen, aber es nutzt nichts. Sie rufen jemanden an, aber der sitzt auf dem Motorrad. Als er zu Hause ist, ruft er zur\u00fcck. Jetzt gibt es eine Ferndiagnose oder besser gesagt, eine Fernberatung. Ohne Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden lassen sich aber nicht unterkriegen. Unten vor der Treppe steht eine zweite Waschmaschine. Sie schnappen sich die W\u00e4sche und k\u00fcndigen an, sie zu mir rauf zu bringen, sobald sie fertig ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>20. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute j\u00e4hrt sich der Todestag Francos zum 50. Mal. Als ich zum ersten Mal in Spanien war, lebte er noch. Bei den n\u00e4chsten Besuchen hatte ich dann die Gelegenheit, wenn auch nur von au\u00dfen, die spannende Phase der <em>transici\u00f3n<\/em> mitzuerleben. Falange, Kirche, Armee, das waren Francos wichtigste St\u00fctzen. Heute wird auch Francos Erbe entsorgt. Seine sterblichen \u00dcberreste sind aus dem Valle de los Ca\u00eddos (das auch nicht mehr so hei\u00dft) in eine Familiengruft \u00fcberf\u00fchrt worden, und sein Medaillon ist in der Plaza Mayor von Salamanca entfernt worden. Die katholische Kirche hatte damals viel zu sagen. Heiraten durfte man nur kirchlich. Heute ist das anders. Heute bel\u00e4uft sich die Zahl der Gl\u00e4ubigen, die regelm\u00e4\u00dfig an kirchlichen Riten teilnehmen, nur noch auf 19%. Das d\u00fcrfte hier in Kolumbien anders sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da fr\u00fch schon die Sonne rauskommt, entscheide ich mich unter den drei zur Auswahl stehenden Optionen f\u00fcr den Ausflug nach Santa Fe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt zum Terminal del Norte ist l\u00e4nger, weiter und teurer als gedacht. Auf dem Armaturenbrett hat der&nbsp; Taxifahrer einen kitschigen Altar mit dem gefallenen Jesus nach der Gei\u00dfelung aufgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen \u00fcber eine Schnellstra\u00dfe, an der um vorsichtiges Fahren gebeten wird. Auf dieser Stra\u00dfe habe es schon 13.810 Verletzte gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Terminal ist hochmodern, mit Rolltreppen, die auf die verschiedenen Ebenen f\u00fchren, und modernen Gesch\u00e4ften mit viel Glas. In der Mitte steht ein Auto, das zur Verlosung ansteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Mordiscos<\/em> bekomme ich Kaffee und einen Kuchen, der sich K\u00e4sekuchen nennt, aber keiner ist. Er wird ohne Ger\u00e4tschaften serviert, man isst ihn mit der Hand. Gestern sind mir die Spiegeleier beim Fr\u00fchst\u00fcck mit einem L\u00f6ffel serviert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Gl\u00fcck: Den Bus, der in zwei Minuten abf\u00e4hrt, erwische ich noch. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen von Beginn an im Stau. Die h\u00f6chste Geschwindigkeit, die wir in den ersten 30 Minuten erreichen, ist 17 km\/h.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf eine gut ausgebaute Stra\u00dfe und donnern mit 50 km\/h dahin. Es geht steil bergauf. Zuerst sieht man Medell\u00edn in dem Talkessel liegen, dann kommt dichter Wald zu beiden Seiten, dann eine wunderbare Berglandschaft, von der man sp\u00e4ter, von Santa Fe aus, leider nichts sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, trotz des Ruckelns eine Kurzgeschichte zu lesen. Diesmal ist Borges dran. Ein neunj\u00e4hriger Junge, als einziges Kind unter Erwachsenen, erlebt bei einem Grillfest auf einem Landgut, wie es zwischen zwei Erwachsenen beim Pokern zum Streit kommt. Vorw\u00fcrfe, Angriffe, Beleidigungen. Die Sache eskaliert, und es kommt zum Duell mit Waffen, Degen gegen Messer. Einer der Duellanten kommt zu Tode. Der Junge muss, wie die anderen, hochheilig versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu erz\u00e4hlen, und das tut er auch nicht, nicht nur, weil er das Versprechen gegeben hat, sondern auch, weil es sch\u00f6n ist, so ein Geheimnis f\u00fcr sich zu behalten. Erst Jahre sp\u00e4ter kommt der Vorfall im Gespr\u00e4ch mit einem befreundeten Kommissar zur Sprache. Der kennt sich in der Geschichte der Duelle sehr gut aus, kennt auch die Waffen, die dabei zum Einsatz kamen, und irgendwie bekommt der Leser \u2013 typisch Borges \u2013 Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erz\u00e4hlung. Am Ende hei\u00dft es lapidar, die beiden M\u00e4nner h\u00e4tten gar nicht gegeneinander gek\u00e4mpft, sondern die Waffen. Die haben sich die M\u00e4nner ausgesucht. Dinge haben n\u00e4mlich ein l\u00e4ngeres Leben als Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \u00fcberqueren den R\u00edo Cauca. Dem bin ich schon in Popay\u00e1n begegnet. Habe ihn&nbsp; zwar nicht gesehen, aber mitbekommen als Namen der Provinz. Er ist 1.250 Kilometer lang, fast auf den Kilometer so lang wie der Rhein. Und er ist nur der Nebenfluss des Magdalena.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach genau anderthalb Stunden erreichen wir Santa Fe. Sch\u00f6ne Sitte: Alle bedanken sich beim Aussteigen bei dem Fahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als ich aus dem klimatisierten Bus aussteige, merke ich, wie warm es ist. Sommer!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine schmale Kopfsteinpflasterstra\u00dfe mit sch\u00f6nen kolonialen Bauten an beiden Seiten geht es steil rauf zur Plaza Mayor. Die H\u00e4user sind alle niedrig und wei\u00df und haben sch\u00f6ne, h\u00f6lzerne Balkone und sch\u00f6ne Holzgitter vor den Fenstern, immer anders. An den H\u00e4userw\u00e4nden der Schatten von den durchh\u00e4ngenden Stromleitungen und der Weihnachtsdekoration.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Plaza Mayor ist ein Schmuckst\u00fcck, mit einem Park im Zentrum und repr\u00e4sentativen Kolonialbauten um den ganzen Platz herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute sitzen auf den Parkb\u00e4nken und in den Stra\u00dfencaf\u00e9s. Ich steuere auch gleich eins an. In einem Beet davor steht ein <em>Bien Me Sabe<\/em>, ein Baum afrikanischer Provenienz mit hochgiftigen Fr\u00fcchten. Da ist der Name nicht ohne Ironie. Die Frucht wird aber dennoch in der Gastronomie verwendet, in ganz kleinen Dosen. Hier gilt wohl das alte Motto Die Dosis macht das Gift. Ich ziehe es aber vor, nicht zu probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen bestelle ich bei dem freundlichen Wirt einen Milchskake, einen <em>batido<\/em>. Er rasselt die verschiedenen Geschmacksrichtungen runter, und ich halte mich am ersten besten fest: <em>guan\u00e1bana<\/em>. Schon mal geh\u00f6rt, aber wieder vergessen. Das Internet nennt als deutsches \u00c4quivalent Stachelannone. Hilft mir auch nicht weiter. Aber das Photo schon. Muss sie schon mal als Frucht gegessen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt stellt sich ein richtiges sommerliches Feriengef\u00fchl ein. Es ist warm, die Sonne scheint, das Getr\u00e4nk ist erfrischend und der Blick auf den Platz einfach sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mir Zeit und sehe mir dann die Kirche an, die eine Platzseite einnimmt, wei\u00df, ohne fig\u00fcrlichen Schmuck an der Fassade.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen sieht man erst, wie hoch die Kirche ist. Deshalb die dicken Pfeiler, die das Dach st\u00fctzen. Viel Kitsch, aber es lohnt sich dennoch. Der Blick nach drau\u00dfen durch die Gitter auf das Gr\u00fcn ist genauso sch\u00f6n wie der Blick diagonal durch den Kirchenraum mit den wei\u00dfen Pfeilern zu beiden Seiten des Mittelschiffs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstattung meist kitschig, aber es gibt einen dunkelh\u00e4utigen Jesus am Kreuz, schokoladenbraun, und ein Relief, das schematisch den ersten Gottesdienst darstellt, der hier gehalten wurde, 1541!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehe ich mir den Platz an. Auff\u00e4llig sch\u00f6n im Sonnenlicht der leise pl\u00e4tschernde, zweischalige Brunnen, bekr\u00f6nt von einem Vogel. Das Schild informiert, dass es sich um eine <em>garza<\/em> handelt, ein Art Reiher.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte das Standbild eines Politikers, eines Diktators. Kommt nicht so h\u00e4ufig vor, dass man einen Diktator ehrt, und erst recht nicht, dass man ihn so nennt. Sp\u00e4ter, vor dem <em>Palacio Consistorial<\/em>, ergibt sich eine Erkl\u00e4rung. Der Mann, Juan del Corral, war der erste im Land, der die komplette Befreiung der Sklaven durchgesetzt hatte, und eine wichtige Figur in den verschiedenen Phasen des Wegs zur Unabh\u00e4ngigkeit. Er war wohl Pr\u00e4sident von Antioquia, als das vor\u00fcbergehend ein selbst\u00e4ndiger Staat war. Zum Diktator, hei\u00dft es, sei er gew\u00e4hlt worden. Da w\u00fcsste man nat\u00fcrlich gerne, wer wahlberechtigt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem ganzen Platz ist bereits Weihnachtsdekoration angebracht. Man geht durch ein Spalier von gefl\u00fcgelten Wesen, und zwischen den B\u00e4umen h\u00e4ngen Lichterketten. Die treffen sich, von allen vier Seiten kommend, genau in dem Kopf des Diktators!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe, auf der Suche nach einer weiteren Kirche, dem <em>Templo de Nuestra Se\u00f1ora de Chiquinquir\u00e1<\/em>, eine steile, unbelebte Stra\u00dfe hinab, die von dem Platz wegf\u00fchrt. Finde sie aber nicht. Man sieht, dass hier die H\u00e4user zwar in Ordnung, aber l\u00e4ngst nicht so fein rausgeputzt sind wie auf den anderen Stra\u00dfen. Von hier aus hat man auch einen Blick auf die Berge. Sch\u00f6n, aber nichts im Vergleich zu dem, was man vom Bus aus gesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz sind noch weitere B\u00e4ume beschildert. Darunter Clavellinos, ein Baum aus Mittelamerika. Der Saft seiner Bl\u00e4tter kuriert Fieber, der Saft der Bl\u00fcten kuriert Schmerzen, und die Samen setzt man gegen Atembeschwerden und Husten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Palma Real ist der Nationalbaum von Kuba. Sie w\u00e4chst sehr schnell und kann 30 Meter hoch werden. Ihr Holz kommt beim Hausbau zum Einsatz, und ihre Bl\u00e4tter beim Abdecken der H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tamarindo kommt aus Afrika. Ist langlebig und w\u00e4chst langsam. Seine Frucht ist essbar und kommt in der traditionellen Gastronomie zum Einsatz. Sein Holz wird als Brennholz verwandt, und seine Frucht dient als Abf\u00fchrmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lluvia de Oro \u2013 Goldregen \u2013 kommt aus Asien und hat wegen ihrer gelben Bl\u00fcten vor allem dekorative Funktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich noch einmal auf die Suche nach der Kirche. Dabei nehme ich eine von zwei Stra\u00dfen, die in verschiedene Richtungen von der Plaza Mayor abgehen. Sie sind ganz gleich und doch verschieden. Die Anlage der Stra\u00dfen und die H\u00e4user sind kaum zu unterscheiden, aber auf einer geht es ganz ruhig zu, auf der anderen ganz gesch\u00e4ftig, mit L\u00e4den, motorisierten Tuk-Tuks, Motorr\u00e4dern, Passanten, Lastentr\u00e4gern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stra\u00dfe f\u00fchrt auf einen weiteren Platz. Hier gibt es einen kleinen Markt, meist Andenken oder kleine Geschenkartikel. Urspr\u00fcnglich wurde in dieser Gegend auch mal Gold gegraben, aber was hier angeboten wird, ist eher Billigware.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Kirche nichts zu sehen, also gehe ich wieder zur Plaza Mayor. Hier kann man in den Palacio Consitorial reinschauen, und dessen Innenhof hat zwei unsch\u00e4tzbare Dinge zu bieten: Schatten und ein WC.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich die ruhige Stra\u00dfe runter. Die soll zu einer historischen Br\u00fccke f\u00fchren. Unterwegs bleibe ich bei der Casa Negra stehen, dem Geburtshaus des lokalen Dichters, der in diesem Haus allerhand aufregende Geschichten spielen l\u00e4sst. Der Name des Hauses \u2013 hei\u00dft offiziell <em>Centro de la Cultura Julio Vives Guerra<\/em> \u2013 wird auf die Tradition zur\u00fcckgef\u00fchrt, dass die Fassade bei Trauerf\u00e4llen schwarz gestrichen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte ein Tuk-Tuk an. Der Fahrer sagt mir, bis zur Br\u00fccke sei es zu weit. Er k\u00f6nne mich aber zum <em>Templo de Nuestra Se\u00f1ora de Chiquinquir\u00e1 <\/em>fahren. Das tut er, und es stellt sich heraus, dass die gleich an dem Platz mit den Marktst\u00e4nden liegt, an dem ich vorher war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist aber geschlossen. Ich gebe mich geschlagen und kehre zur Plaza Mayor zur\u00fcck. Dort sehe ich zwei Touristen, die besser gewappnet sind als ich. Sie tragen Sonnenschirme. Ich schwitze in meiner Regenjacke.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in das Stra\u00dfencaf\u00e9 von vorhin und bestelle die Bandeja Paisa. Bei jedem Besuch in Medell\u00edn ist die einmal f\u00e4llig. Es gibt vier verschiedene Fleischarten: chorizo, morcilla, chicharr\u00f3n und Gehacktes. Dazu Bohnen, Reis mit Spiegelei, Salat, Avocado und die unvermeidliche arepa. Auf jeden Fall ein Garant, satt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder habe ich Gl\u00fcck, der Bus nach Medell\u00edn steht abfahrbereit am Terminal.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg habe ich eine Sitznachbarin, an der Botero seine Freude h\u00e4tte. Auch ohne Bewegungen nimmt sie anderthalb Pl\u00e4tze in Anspruch. Und sie bewegt sich. Gerne und oft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt demonstriert auch mal wieder die Unempfindlichkeit der Kolumbianer gegen L\u00e4rm. Der brummende Motor bildet die Grundmelodie. Die wird rhythmisch begleitet von einer Frau vor mir, die immer wieder eine halb volle Plastikflasche ger\u00e4uschvoll zusammendr\u00fcckt, um dann wieder Luft reinzulassen. Aus dem Lautsprecher dr\u00f6hnt Musik. In der anderen Sitzreihe br\u00fcllt ein Mann seinem Gesch\u00e4ftspartner Zahlen und Daten ins Telefon. Er versucht, einen Mann zu \u00fcbert\u00f6nen, der, mit dem Gesicht zu uns, mit Hilfe eines Mikrophons seine Mittelchen f\u00fcr Darmreinigung anpreist und zum Verkauf anbietet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs f\u00e4ngt es heftig an zu regnen, aber als wir in Medell\u00edn ankommen, hat der Regen nachgelassen. Und ich komme mit Hilfe eines Taxis trockenen Fu\u00dfes nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer umf\u00e4hrt in gro\u00dfem Bogen einen Stau, nur um dann an einer Karambolage zwischen einem PKW und einem Bus zu Stehen zu kommen. Irgendwie kurvt er aber drum herum. Auf \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfen geht es weiter. Ich blinzele heimlich zum Taximeter hoch. Reicht noch, aber ich habe zu wenig Geld umgetauscht. Eine Aufgabe f\u00fcr morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>21. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aufwache, ist es noch stockdunkel, aber den Verkehr h\u00f6rt man schon unten vorbeirauschen, vor allem die Motorr\u00e4der und die Busse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Eistee, den ich gestern im D1 gekauft habe, steht <em>Eistee<\/em> auf dem Etikett.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man bei Rot an der Kreuzung steht, brausen immer zuerst reihenweise Motorr\u00e4der an einem vorbei. Die haben sich an der roten Ampel die Pole Position erobert, indem sie sich irgendwie an den Autos vorbeigeschoben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlechtes Omen: Am Morgen verlaufe ich mich auf dem Weg in die Stadt. Weil ich mich auf meinen Orientierungssinn verlasse. Sollte man nicht tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende frage ich mich durch und komme doch noch zum <em>Edificio Correjer<\/em> und der Wechselstube. Ein freundlicher Mann dort erkl\u00e4rt mir, wie ich zum <em>Museo del Agua <\/em>komme. Ich solle die Metro nehmen und bis zu <em>Universidad<\/em> fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse in der Metro bitte ich um eine Fahrkarte, aber man kann keine einzelne Fahrkarte kaufen, sondern braucht zuerst eine dieser bekloppten elektronischen Karten, die man dann aufladen muss. Wer die erfunden hat, hat eine gute Gesch\u00e4ftsidee gehabt. Sie kosten Geld und sind zu nichts nutz. Ich gehe erst ver\u00e4rgert weg, dann besinne ich mich eines Besseren und kaufe die Karte samt drei Fahrten. Teure Angelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro gab es schon, als ich zum ersten Mal hier war, vor 16 Jahren, aber sie ist noch \u00fcberhaupt nicht in die Jahre gekommen, ist modern, sauber, schnell, mit langen Z\u00fcgen mit durchgehenden Wagen. Nur gibt es weder eine Ansage zu den Stationen noch eine Karte in den Z\u00fcgen, und in den Bahnh\u00f6fen h\u00f6chstens eine Karte an einem versteckten Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf dem Bahnsteig stehe, f\u00e4llt mein Blick auf eine Werbeanzeige mit sch\u00f6ner Sprachmischung: <em>Hasta 50% off.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Metro stehe ich so vor mich her sinnend herum, als mich pl\u00f6tzlich eine Frau anspricht. Sie hat einen der Studenten aufgefordert, aufzustehen und Platz zu machen. Nicht f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr mich! Lass den alten Mann sich hinsetzen. Ich lehne dankend ab.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre bis <em>Universidad<\/em> und komme in ein hochmodernes Viertel mit lauter hohen Geb\u00e4uden und gro\u00dfen Pl\u00e4tzen. Sieht richtig aus, aber bekannt kommt es mir hier nicht vor. Ich laufe \u00fcber die gro\u00dfen Pl\u00e4tze und entdecke dann in der Ferne eine Schlange vor einer Kasse. Als ich dahinkomme, frage ich den Wachmann, ob das die Schlange f\u00fcr das <em>Museo del Agua<\/em> sei. Nein, dies hier sei das Aquarium. Das <em>Museo del Agua<\/em> befinde sich woanders, ich solle die Metro nehmen und nach Alpujarra fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal bestelle ich an einem modernen Imbissstand einen Kaffee. Dazu etwas S\u00fc\u00dfes? Nein, hat er nicht. Nur Herzhaftes. Er z\u00e4hlt mir auf, was er da alles hat, lauter Variationen von Teigtaschen. Welche ich denn nehmen soll, frage ich. Am besten von allen, sagt er. Ich lache und nehme die erste beste.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es wieder zur Metrostation und wieder in die andere Richtung. Wie gehei\u00dfen, steige ich in Alpujarra aus. Die Gegend sieht ganz anders aus, alles sehr gesch\u00e4ftig, viel Verkehr, \u00fcberall Verkauf, von museums\u00e4hnlichen Bauten nichts zu sehen. Ich gehe auf gut Gl\u00fcck in eine Richtung und entdecke in der Ferne das Streichholzhaus. Wunderbar. Da in der N\u00e4he war das <em>Museo del Agua<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss noch zwei gro\u00dfe Pl\u00e4tze und eine breite Stra\u00dfe \u00fcberqueren und dann bin ich da. Das H\u00e4uschen f\u00fcr den Eintrittskartenverkauf sieht nicht sehr einladend aus. Ich frage einen Wachmann. Nein, heute sei das Museum geschlossen. Ich solle mir den Aushang ansehen. Das tue ich, aber es hilft mir auch nicht weiter. Eine Begr\u00fcndung wird ohnehin nicht genannt. Ich sage, dass ich schon am Dienstag vergeblich hier war und man mir gesagt hat, die ganze Woche \u00fcber sei das Museum ge\u00f6ffnet. Ja, aber aus unvorhergesehenen Gr\u00fcnden geschlossen. Aber morgen, morgen sei auf! Nein danke, mir reicht\u2018s.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt schlage ich mich auf anderen Wegen zu der n\u00e4chsten Metrostation durch. Ich komme in einen modernen Geb\u00e4udekomplex. Hier gibt es ein \u00f6ffentliches WC. Na, wenigstens etwas. Ich komme hin \u2013 geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Metro komme ich dann zu einem \u00e4lteren Geb\u00e4ude, das nicht so ganz in die Gegend passt. Auf jeden Fall gibt es hier auch ein \u00f6ffentliches WC, und das hat ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude, stellt sich heraus, ist das ehemalige Bahnhofsgeb\u00e4ude von Medell\u00edn, und so sieht es auch aus, wie die Bahnhofsgeb\u00e4ude bei uns aus der Gr\u00fcnderzeit, die nicht wie reine Zweckbauten aussehen, sondern etwas hergeben wollen. Dieser Bahnhof hat zwei T\u00fcrmchen und alle m\u00f6glichen baulichen Verzierungen, die wie Zitate von kirchlichen Bauten wirken. Der Bahnhof war bis 1962 in Funktion, erf\u00e4hrt man. Drinnen gibt es ein Modell und verschiedene Schwarz-Wei\u00df-Photographien von fr\u00fcher. Und einen Briefkasten wie aus alten Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Metrostation ist es noch ein St\u00fcckchen, und unterwegs komme ich an einem Laden von Bosch vorbei. Das moderne Emblem vermischt die Farben der beiden L\u00e4nder und gibt das Motto aus:&nbsp; <em>Compa\u00f1\u00eda Alemana \u2013 Coraz\u00f3n Colombiano.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor 16 Jahren hier war, habe ich gleich am ersten Tag eine Fahrt mit der Seilbahn gemacht, einen der H\u00e4nge des Kessels hinauf, in dem Medell\u00edn liegt. Heute am letzten Tag will ich die Aktion wiederholen. Also fahre ich mit der Metro nach Acevedo. Hier hei\u00dft die Seilbahn mal <em>Telef\u00e9rico<\/em>, mal <em>Metrocable<\/em>. Habe gebraucht, um herauszufinden, dass das nicht zwei verschiedene Dinge sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Metro zwei Frauen, die ein Buch lesen, eine im Stehen, die andere im Sitzen. Die sitzende Frau hat ganz kurz geschorenes, r\u00f6tlich-braun gef\u00e4rbtes Haar, tr\u00e4gt eine viel zu gro\u00dfe Brille mit rosafarbener Fassung, eine pinkfarbene Uhr, rote Herzchen als Ohrringe, eine Kette mit allerlei kleinen Symbolen, die in eine Sonne m\u00fcndet, und hat auf dem Unterarm alle m\u00f6glichen bunten Symbole, von denen ich nur einen Schmetterling, einen Hei\u00dfluftballon und einen Stern identifizieren kann. Als Lesezeichen hat sie eine gro\u00dfe, schwarze Katze, deren Schwanz sich bis \u00fcber ihren Kopf windet.<\/p>\n\n\n\n<p>In Acevedo kann ich direkt in die Seilbahn umsteigen. Die f\u00e4hrt, ohne zu halten, im st\u00e4ndigen Kreislauf. An den Stationen \u2013 oben und unten und an zwei Zwischenstationen \u2013 verlangsamt sie das Tempo, so dass man aus- und einsteigen kann. Unten und oben ist sogar Personal vertreten, dass die Fahrg\u00e4ste auf die einzelnen Kabinen verteilt, 6 pro Kabine. Alles geht wie am Schn\u00fcrchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals ist es mir merkw\u00fcrdig aufgesto\u00dfen, dass man mit so einer hochmodernen, teuren Einrichtung \u00fcber die Armenviertel von Medell\u00edn hin\u00fcberf\u00e4hrt, aber die Seilbahn ist l\u00e4ngst keine Touristenattraktion mehr, sondern Verkehrsmittel f\u00fcr die hier Ans\u00e4ssigen. An einer H\u00e4userfront steht entsprechend auch der Dank an den Initiator: <em>Muchas gracias a Juan P\u00e9rez por el metrocable.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes passiert man den Medell\u00edn, der hier eher kanalisiert aussieht. Das Wasser ist, wie beim Cauca, eher gelblich-braun.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sieht man auf die Wohnviertel, aber auch auf die Stra\u00dfen der Stadtviertel hier am Hang. Viele H\u00e4user haben Wellblechd\u00e4cher, fest angebrachte, bei anderen hat man einfach Ziegelsteine auf das Wellblech als Verst\u00e4rker draufgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Hausdach macht sich ein Maurer daran, ein zweites Stockwerk hochzuziehen, Stein auf Stein, wie bei uns fr\u00fcher. Die D\u00e4cher der H\u00e4user und die Balkone sind oft nicht gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch sieht man ein Basketballfeld, einen Spielplatz und ein Fitnesszentrum, alles an freier Luft und auf Beton.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferhalb eines Schulhofs stehen Schulkinder in blauen Uniformen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das meiste sieht eher trostlos aus, aber einige haben ihre Balkone und Terrassen auch sch\u00f6n begr\u00fcnt. Oder man hat W\u00e4sche zum Trocknen aufgeh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo steht an einer Wand <em>Dios te ama<\/em>, und gleich daneben k\u00e4mpferische Partisanensymbole.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt, zwischen den beiden letzten Stationen, die Bibliothek. Sie hie\u00df damals noch <em>Biblioteca de Espa\u00f1a<\/em>, heute hat man sie nach San Antonio, dem Stadtviertel, benannt. Eingeweiht wurde sie 2007 in Gegenwart des spanischen K\u00f6nigpaars.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist der Bau noch genau in Erinnerung, auch wenn er inzwischen ein paar Kratzer abbekommen hat. Ich lese sp\u00e4ter, dass sie sogar vor\u00fcbergehend geschlossen ist, wegen Sanierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein imposantes Trio, futuristisch, experimentell, drei unregelm\u00e4\u00dfige, schwarze Kuben, jeder etwas anders als der andere. Sehen wie W\u00fcrfel aus, die jemand dort hat fallen lassen. Die \u00e4u\u00dfere Schicht besteht aus Schieferplatten. Komischerweise sieht man keine Fenster, aber das d\u00fcrfte t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben macht die Seilbahn kehrt, und dann geht die Fahrt hinunter. An den Stationen f\u00fcllt sich unsere Gondel. Wir sind jetzt zu acht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben schon den Fluss \u00fcberquert, als die Seilbahn pl\u00f6tzlich stehenbleibt. \u201e\u00a1La Luz!\u201c t\u00f6nt es aus den Kehlen der Mitreisenden. Damit ist wohl die Elektrizit\u00e4t gemeint. Stromausfall. Da gehen einem ein paar Gedanken durch den Kopf. Die T\u00fcr ist geschlossen. Dar\u00fcber kommt durch ein paar Ritzen etwas Luft rein. Nicht viel f\u00fcr 8 Personen. L\u00e4sst sich die T\u00fcr \u00f6ffnen? K\u00f6nnte man aus der Gondel springen? Sehr tief scheint es nicht zu sein, und man w\u00fcrde auf Gras fallen. Was, wenn es l\u00e4nger dauert? Platz, Durst, Angst \u2013 da kommt schon einiges zusammen. Aber: Muss es nicht eine Notstromversorgung geben, bei so einer modernen Anlage? Alle Aufregung umsonst. Nach zwei Minuten f\u00e4ngt die Gondel an zu schaukeln, und es geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Metro geht es zur\u00fcck in die Innenstadt. Auf dem <em>Parque Botero<\/em> versucht ein Mann, gebrauchte Personenwaagen zu verkaufen. Viel Erfolg scheint er nicht zu haben. Es liegen noch dieselben drei Waagen vor ihm auf dem Boden wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal beachte ich eine eigentlich auff\u00e4llige, aber in dem Gedr\u00e4nge um den Platz herum nicht zu Geltung kommende Skulptur. Man kann sie auch deshalb \u00fcbersehen, weil sie keine \u201eBodenhaftung\u201c hat. Sie reckt sich von einem Pfahl \u00fcber unseren K\u00f6pfen hinweg 18 Meter gegen Himmel. Alles strebt hier nach oben: Das Pferd mit seinem vor Erregung offenen Maul, das senkrecht in der Luft zu stehen scheint, als auch der Indio, der nur noch lose mit dem Pferd in Verbindung steht und seine Hand ganz nach oben reckt. In der Hand h\u00e4lt er noch eine Fackel oder \u00e4hnliches, und die weist noch weiter nach oben, dahin, wohin auch der Blick des Indios geht. Eine ganz r\u00e4tselhafte Figur, mit einem ebenso r\u00e4tselhaften Titel: <em>El Desaf\u00edo de la Raza<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum zweiten Mal heute verlaufe ich mich. Dabei m\u00fcsste ich den Weg l\u00e4ngst kennen. Ich mache irgendwo eine Kaffeepause, besinne mich, frage mich durch zur\u00fcck zum <em>Parque Botero<\/em>, und dann f\u00e4llt mir auch wieder ein, wie es nach Hause geht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Verkaufsstand mit B\u00fcchern sehe ich einen Band, den ich dieser Tage schon mal gesehen habe: <em>T\u00fa eres tu prioridad<\/em>. Der Titel ist so d\u00e4mlich wie <em>America First!<\/em> Und was soll so verdienstvoll daran sein, an sich selbst zuerst zu denken?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zieht sich hin, die Beine wollen nicht mehr. Dann sehe ich \u201emeine\u201c Kirche. Neue Kr\u00e4fte. Ich schaffe es bis ins <em>Romario<\/em>. Dort gibt es was zu essen und was zu trinken. Die Gem\u00fcsesuppe mit Rindfleisch ist das Leckerste, was ich in diesen Tagen gegessen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>22. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Tag in Kolumbien. Jetzt geht es noch darum, das Geld, was ich gestern nicht mehr ausgegeben habe, doch noch unter die Leute zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Gelegenheit dazu habe ich bei einem opulenten, einem Mittagessen gleichkommenden Fr\u00fchst\u00fcck in der B\u00e4ckerei, in der ich dieser Tage schon mal war. Die lockt einen mit ihrem Geruch an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kellnerinnen, alle pausb\u00e4ckig und untersetzt, mit h\u00fcbschen Uniformen einschl. Kopftuch, sind alle gleich freundlich. Ich verstehe jetzt endlich, was gemeint ist, wenn die Eier <em>enteros<\/em> sind, also ganz. Dann sind es Spiegeleier!<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antwort auf <em>Gracias<\/em> h\u00f6rt man hier <em>Con mucho gusto<\/em>, und wenn man Trinkgeld gibt, hei\u00dft es <em>Dios se lo pague<\/em>. Auch, wenn man einem Bettler was gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lasse ich noch Geld im D1, f\u00fcr heute und f\u00fcr Reiseproviant.<\/p>\n\n\n\n<p>Organisieren, Schreiben, Packen stehen auf dem Programm. Und im Laufe des Tages findet sich noch Zeit f\u00fcr eine Mail an das Rathaus von Popay\u00e1n, in der ich die Hilfsbereitschaft der Juristin erw\u00e4hne, die mich in Popay\u00e1n in ihr Auto verfrachtet und zum Busbahnhof gebracht hat. Sicher eine der Episoden, die von dieser Reise in Erinnerung bleiben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. November (Montag) Popay\u00e1n \u2013 eine unbekannte Stadt in einem bekannten Land. Soweit s\u00fcdlich bin ich in Kolumbien bisher noch nicht gekommen. Ankunft mit einem Tag Versp\u00e4tung, nach einer Reise mit Hindernissen. Wenn die Planung schiefgeht, stellt sich alles \u2013 &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12067\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12067"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12067"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12094,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12067\/revisions\/12094"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}