{"id":12095,"date":"2025-11-24T12:17:41","date_gmt":"2025-11-24T11:17:41","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12095"},"modified":"2025-12-09T12:15:12","modified_gmt":"2025-12-09T11:15:12","slug":"ecuador-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12095","title":{"rendered":"Ecuador (2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>23. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen geht es zum Flughafen. Der Taxifahrer hat eine Zeitlang in Ecuador gelebt, in Esmeraldas, und sich als Goldgr\u00e4ber versucht. Mit Erfolg? \u2013 Nein. \u2013 Warum? -Pech.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stimmt mich gleich richtig ein: Ecuador \u2013 das gef\u00e4hrlichste Land S\u00fcdamerikas. Stra\u00dfenbanden \u2013 Drogenkriminalit\u00e4t \u2013 Schie\u00dfereien. Es selbst sei zweimal \u00fcberfallen worden. Einmal auf der Stra\u00dfe, einmal im Bus. Bewaffneter \u00dcberfall. Von beiden Seiten seien sie in den Bus eingestiegen und h\u00e4tten den Leuten mit vorgehaltener Pistole alles genommen, was sie mit sich trugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin solche Begleitt\u00f6ne bei meinen Reisen gewohnt, kann mich aber immer noch nicht daran gew\u00f6hnen. Frage mich immer wieder: Was denken sich die Leute dabei, wenn sie einem das Land madig machen, das man bereisen will?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren, obwohl es zum Flughafen geht, erst durch Wohnviertel, dann \u00fcber Landstra\u00dfen. Es sind schon viele Leute unterwegs, trotz der fr\u00fchen Zeit, trotz des Sonntags: Radfahrer, Passanten, Jogger, Hundebesitzer. Verschiedene B\u00e4ckereien und Caf\u00e9s haben schon ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter ist eine ganze Fahrspur f\u00fcr Jogger abgesperrt. Davon wird trotz der fr\u00fchen Stunde schon viel Gebrauch gemacht. Der Verkehr wird von Polizisten geregelt. Vorfahrt haben die Jogger.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf eine Mautstra\u00dfe und durch einen unendlich langen Tunnel, und dann kommt auch schon der Flughafen in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Betrieb. Man muss so ziemlich alles selbst machen. Es hakt immer wieder, so, als der Apparat meinen Reisepass nicht erkennt: <em>Es liegt keine Reservierung vor<\/em>. Mit der Flugnummer geht es dann doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Einchecken tippen zwei Frauen gewissenhaft jedes Teil meiner Flugbuchung von Quito nach Lima in den Computer. Ich lasse mich dummerweise auf eine Diskussion \u00fcber den Sinn und Zweck dieser Einrichtung ein. Warum muss man vor der Einreise schon die Ausreise nachweisen? Das sei eben so, meinen sie. Aber das bedeutet doch nicht, dass es gut ist. Was ich denn tun solle, wenn ich vielleicht l\u00e4nger in Kolumbien oder Ecuador bleiben wollte, einfach, weil es mir gef\u00e4llt? Dann k\u00f6nne ich meinen ja Flug stornieren. Und damit geben sie mir, ohne es zu merken, den Hinweis darauf, wie man die ganze Regelung unterlaufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flugsteig angekommen, kaufe ich mir einen Kaffee. Erstaunlich g\u00fcnstig: 6.500 Pesos. Der Kaffee sp\u00e4ter am Flughafen in Bogot\u00e1 kostet 18.000 Pesos. Fast dreimal so viel. Auf den verzichte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Flugzeug ist f\u00fcr so einen kurzen Inlandsflug erstaunlich gro\u00df, sechs Sitzreihen, fast alle vollst\u00e4ndig besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Avianca erweist sich als kniepig. Es gibt nicht einmal einen Kaffee. Wenn man etwas will, muss man bezahlen, in Dollars: Kaffee 3.50 $, Wasser 4 $, Bier 8 $. Davon macht nur ein einziger Passagier Gebrauch. Der trinkt einen Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stewardessen m\u00fcssen sich aber beeilen. Sie sind noch gar nicht mit ihrem Servierwagen durch, da beginnt schon der Anflug auf den Flughafen von Bogot\u00e1.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist nicht wiederzuerkennen. Es geht richtig ruhig zu. Selbst bei der Sicherheitskontrolle. Bei der gelten \u00fcberall andere Regeln. In Luxemburg musste man alles rausnehmen, auch die Handys, in Madrid gar nichts, auch den Laptop nicht. Dann hab ich es mal so, mal so gehalten, ein Handy, beide Handys, kein Handy. Mein G\u00fcrtel (ohne Eisenschnalle) geht \u00fcberall anstandslos durch, der Proviant auch. Meine Uhr, die ich hier schon abgenommen habe, solle ich wieder umziehen, wird mir gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Passkontrolle erfolgt elektronisch: Flugnummer eingeben, Pass scannen, in die Kamera gucken. Beschleunigt die Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott sei Dank habe ich reichlich Zeit. Die Wege in den Flugh\u00e4fen werden immer l\u00e4nger. Und mein Abflugsteig ist am \u00e4u\u00dfersten Ende des Flughafens.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dieser Flug ist kurz. Quito empf\u00e4ngt uns mit vielen Wolken, aber ohne Regen. Die Temperatur, 18\u00b0, f\u00fchlt sich w\u00e4rmer an.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier erfolgt die Passkontrolle auf traditionelle Art. Und &nbsp;es gibt nur eine Schlange f\u00fcr alle ausl\u00e4ndischen Einreisenden. Die sind allerdings auch deutlich in der Minderheit. Das M\u00e4dchen in der Kabine fragt: \u201eZum zweiten Mal in Ecuador?&#8221; Unglaublich, was der Computer sich so alles merkt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme, w\u00e4hrend ich auf den Koffer warte, in das Netz des Flughafens rein und kann Illac kontaktieren, den Fahrer, den Miriam, die Vermieterin, mir geschickt hat. Er wartet schon vor dem Ausgang. Aber bevor ich raus kann, muss das Gep\u00e4ck auch hier noch mal durch die Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steige ich in das falsche Auto ein, aber das Missverst\u00e4ndnis kl\u00e4rt sich noch rechtzeitig. Illac bet\u00e4tigt die Lichthupe, um auf sich aufmerksam zu machen. Er begr\u00fc\u00dft mich h\u00f6flich, wir packen die Sachen in den Wagen, und los geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Flughafen von Quito liegt, wie ich aus leidvoller Erfahrung wei\u00df, weit au\u00dferhalb. Beim letzten Mal habe ich drei Stunden gebraucht. Mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Heute brauchen wir nur gut eine Stunde. Das ist mir die 20 Dollar wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Illac, erkl\u00e4rt er mir, sei ein Name aus dem Ketschua. Und in welcher Beziehung steht er zu Miriam? Sie ist seine Schw\u00e4gerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Er textet mich w\u00e4hrend der ganzen Fahrt zu, ohne ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, was und wie viel f\u00fcr einen Fremden von Interesse sein kann. Resultat: Ich schalte ab und will nur noch ankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird st\u00e4dtisch, aber in die Innenstadt f\u00fchren kurvige, schlecht asphaltierte Stra\u00dfen. Dann sind wir fast an der Wohnung, m\u00fcssen aber noch einen Umweg fahren, weil irgendwo die Stra\u00dfe gesperrt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich schon einen wei\u00dfen Kirchturm gesehen und richtig getippt: Das ist die Basilika, eins der emblematischsten Geb\u00e4ude Quitos. Ganz in der N\u00e4he habe ich beim letzten Mal gewohnt, ganz in der N\u00e4he wohne ich auch diesmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Illac setzt mich vor der Haust\u00fcr ab und hilft mir noch, die Eingangst\u00fcr mittels des Chips zu \u00f6ffnen. Dann verabschiedet er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste H\u00fcrde ist nicht existent, denn das Tor zum Innenhof steht offen. Dann stehe ich etwas verloren im Innenhof, wei\u00df nicht, wohin ich mich wenden soll, aber eine Nachbarin und das mit br\u00fcderlicher Hilfe gesicherte Video geben die Antwort. Oben stellt sich nur noch eine Frage: rechts rum oder links rum aufschlie\u00dfen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist ger\u00e4umig und sehr gut eingerichtet. Hier kann man es aushalten. Das Bad ist winzig klein, aber dann entdecke ich, dass es noch ein zweites gibt, und das ist gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es wieder andere Steckdosen. Erst will es nicht klappen mit meinem Universal-Adapter, aber im zweiten Anlauf funktioniert es dann doch, auch wenn es eine wacklige Angelegenheit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dankenswerterweise hat Miriam eine Flasche Wasser im K\u00fchlschrank deponiert, und Kaffee gibt es auch. Nur suche ich nach Besteck. Als ich alle Schubladen zweimal vergeblich ge\u00f6ffnet habe, sehe ich, dass es auf dem K\u00fcchentisch steht!<\/p>\n\n\n\n<p>24. November (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne geht heute fast genau um 6 Uhr auf und um 6 Uhr unter. Die Variation das Jahr \u00fcber d\u00fcrfte gering sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Quito liegt auf 2.850 Meter H\u00f6he. Von H\u00f6henluft habe ich aber beim letzten Mal nichts gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kamm, ein Kuli, ein Schirm, meinen USB-Stick und eine abgebrochene Brille \u2013 die Verlustliste der bisherigen Reise l\u00e4sst sich sehen. Wenn das so weiter geht, komme ich mit leerem Koffer zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben sich die ecuadorianischen Bekannten aus Buenos Aires gemeldet, Zufallsbekanntschaften, ein Trio, das, wenn ich das richtig verstanden habe, gleich mehrere Restaurants in Quito betreibt. Die ziemlich vagen Nachrichten der letzten Wochen konkretisierten sich dann ganz pl\u00f6tzlich: Gleich f\u00fcr heute Einladung zum Fr\u00fchst\u00fcck ins <em>Antojo Manabita. <\/em>Die Information war weder vollst\u00e4ndig noch klar, und ich landete am Anfang immer bei einer <em>Cl\u00ednica Dental<\/em>. Hat sich aber, nach mehreren Nachfragen, gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen rausgehe, zu einer ersten Orientierung, ist es frisch, die Leute tragen das, was man bei uns \u00dcbergangskleidung nennt, aber wenn mal ein Sonnenstrahl durchbricht, ist es sofort richtig warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hier gegen\u00fcber, auf der <em>Francisco de Caldas<\/em>, ist ein winziges Caf\u00e9: drei Tische, neun St\u00fchle, kein Gast. Ich bestelle einen Kaffee und dazu eine Kugel, die hier <em>bol\u00f3n<\/em> hei\u00dft, gef\u00fcllt mit zerlaufenem K\u00e4se und kleinen Fleischst\u00fccken. Aus was die Kugel gemacht ist, kann mir der junge Mann nicht genau erkl\u00e4ren, aber das Internet wei\u00df es: Kochbananen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kann meinen 20-Dollar-Schein nicht wechseln und geht nach nebenan. Dann kommt er mit dem Wechselgeld wieder: 18 1-Dollar-M\u00fcnzen. Auf diese Weise komme ich an Kleingeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Supermarkt, <em>Tuti<\/em>, ist noch geschlossen, also frage ich mich zum <em>Mercado Central<\/em> durch, ein zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude aus den f\u00fcnfziger Jahren. Die einzelnen Verkaufsst\u00e4nde, die meisten mit viel Glas, sind nach Gruppen sortiert: Gem\u00fcse, Obst, Fleisch, Fisch. Die Hinweisschilder sind dreisprachig, Spanisch, Englisch, Ketschua: <em>Frutas \u2013 Fruits \u2013 Rurukuna<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde einen Blumenstand. Einen Strau\u00df als Mitbringsel f\u00fcr die Einladung, genauer gesagt zwei. Die freundliche Frau ber\u00e4t mich gut und bindet die Str\u00e4u\u00dfe mit viel Aufmerksamkeit f\u00fcrs Detail. W\u00e4hrend sie damit besch\u00e4ftigt ist, kommt ein Mann vorbei, der Plastikgef\u00e4\u00dfe verkaufen will. Kann ich beim besten Willen nicht gebrauchen. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Woher ich sei: England, Italien, Australien? Als er sich auf den Weg macht, sagt die Blumenfrau ganz verwundert: Ich dachte, Sie w\u00e4ren Spanier.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu einem Obststand. Eine Frau bedient mich, der Mann sieht zu. Ich kaufe Weintrauben, Erdbeeren, Pitahaya. Am Ende sagen auch hier die beiden, sie h\u00e4tten geglaubt, ich w\u00e4re Spanier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Blumen waren billig, 4 $ zusammen, das Obst teuer, 7 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach kurzer Pause zu Hause geht es dann zum <em>Tuti<\/em>. Der Laden ist klein, modern, mit eher m\u00e4\u00dfiger Ausstattung. Es sind kaum Kunden da. Die Kassiererinnen nehmen einem die Arbeit ab, die Waren vom Band in den Einkaufswagen zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich von der Stra\u00dfenkreuzung ganz oben in der Ferne die <em>Virgen de El Panecillo<\/em>, eine Figur von der Gr\u00f6\u00dfe des <em>Cristo Redentor<\/em> von Rio. Sie stellt, mit dem Halbmond unter ihren F\u00fc\u00dfen, die Unbefleckte Empf\u00e4ngnis dar. Ihr K\u00f6rper ist in sich gedreht, und sie scheint sich fast zu bewegen. Ich war vor drei Jahren dort oben und habe vor allem die merkw\u00fcrdige Oberfl\u00e4che der Figur in Erinnerung. Sie besteht aus 7.400 Aluminiumplatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende unserer Stra\u00dfe, der Caldas, nach oben hin deren Abschluss bildend, steht ein gro\u00dfb\u00fcrgerliches Haus, fast palastartig, mit einer ganz merkw\u00fcrdigen Dachkonstruktion. Auf dem Dach ruht n\u00e4mlich ein Steinsarg. Die Bewohner des Hauses wollten dort begraben werden, um dem Himmel n\u00e4her zu sein. Illac hat mich gestern darauf hingewiesen. Als ich sp\u00e4ter einem Taxifahrer davon berichte, stellt sich heraus, dass er noch nie darauf geachtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit dem Uber zum <em>Antojo Manabita<\/em>. Ein gro\u00dfes Lokal, offene K\u00fcche, Bambusst\u00e4be als Verzierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch niemand da. Ich solle erst einmal Platz nehmen. Als erster taucht Edgar auf. Wir erkennen uns sofort wieder. Er ist ein ausgesprochen freundlicher Mann mit lebensbejahenden Einstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt nach meiner Ankunft und Unterkunft und nach meiner letzten Reise nach Ecuador. Selbst ist er mit seiner Frau vor kurzem in Costa Rica gewesen. Sie haben eine Rundfahrt mit dem Auto gemacht. Voll begeistert. Und au\u00dferdem hat er in Kolumbien, ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb von Medell\u00edn, einen Ausbildungskurs zum Yoga-Lehrer gemacht. Das scheint alles zu gehen. Die Restaurants \u2013 sie haben au\u00dfer diesem mindestens noch zwei \u2013 scheinen von selbst zu laufen. Alles ist so gut strukturiert, dass sie sich selbst um wenig k\u00fcmmern m\u00fcssen, allenfalls eine Grundkontrolle aus\u00fcben. Selbst f\u00fcrs Personal gibt es eine eigene Abteilung. Er und seine Frau, Yolanda, m\u00fcssen die Entscheidungen nur absegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stellt sich vor, das alles eines Tages hinter sich zu lassen und ein Hotel \u2013 besser gesagt eine ganz Hotelanlage \u2013 im Amazonasgebiet, zu er\u00f6ffnen, in Tena, da wo ich vor drei Jahren war. Und als Traumreise will er den Amazonas in Brasilien entlang fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Yolanda, aber die bringt ihre Schwester mit, Roc\u00edo. Ich habe einen Blumenstrau\u00df zu wenig, aber Edgar teilt seine Schokolade mit Roc\u00edo. Die ist auch mit im Gesch\u00e4ft. Sie regelt am Wochenende den Betrieb in dem gr\u00f6\u00dften der Lokale, einem dreist\u00f6ckigen Restaurant au\u00dferhalb von Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel sp\u00e4ter kommt Alexandra, die kein Taxi bekommen hat. Sie ist die (zuk\u00fcnftige) <em>consuegra<\/em> von Edgar und Yolanda. Ihr Sohn ist mit deren Tochter liiert. Oder umgekehrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Alexandra ist gleichzeitig Psychologin und Yogalehrerin und au\u00dferdem noch in einer weiteren Funktion t\u00e4tig. Sie erz\u00e4hlt begeistert von ihren letzten Reisen, vor allem der nach Argentinien. Sie ist in Calafate gewesen, ganz im S\u00fcden Argentiniens.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer ihrer S\u00f6hne geht demn\u00e4chst nach Madrid. Seine Verlobte ist schon dort. Sie selbst hat ihren Sohn schon mal in Madrid besucht, die anderen kennen Europa noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Edgars und Yolandas Tochter ist auch gesch\u00e4ftst\u00fcchtig und will demn\u00e4chst nach Dubai gehen. Gesch\u00e4fte machen. Das habe mehr Zukunft als Europa und Amerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern sehen das ganz gelassen, die Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt auch noch kurz ihr Sohn vorbei. Der hat in der Schule mal Deutsch gelernt. Ein bisschen. Er kann sich aber nur noch an <em>Auf Wiedersehen<\/em> und <em>eins<\/em> erinnern. Englisch kann er. Er hat f\u00fcnf Monate in Chicago gelebt. Hat ihm gut gefallen. Warum Chicago? Verwandte. Klar, h\u00e4tte man sich denken k\u00f6nnen. Was er denn in Chicago gemacht habe, will ich wissen. In einem Gesch\u00e4ft gearbeitet, wo Armeeuniformen verkauft wurden. Wie, ohne Ausbildung? Ja, er habe das schnell gelernt. Und wie ist er an den Job gekommen? In den Laden gegangen und sich dem Chef vorgestellt. Chapeau! Was so alles geht!<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich verabschiedet, entwickelt sich ein turbulentes, unterhaltsames, lustiges Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt. Alle sind weltoffen, zug\u00e4nglich, am anderen interessiert. Vor allem ums \u00c4lterwerden geht es, ums Zusammenleben und Alleinleben, um Sicherheit, und nat\u00fcrlich ums Reisen. Ob ich immer alleine reise, wollen sie wissen. Nein, nur auf diesen gro\u00dfen Reisen. Edgar k\u00f6nnte sich gut vorstellen, auch so zu reisen, die anderen weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Von allen Seiten gibt es Tipps, was ich alles machen soll in den n\u00e4chsten Tagen, welche Ausfl\u00fcge man von Quito aus machen kann. Ich bitte Edgar, die verschiedenen Ziele in mein Notizblock zu schreiben, sonst vergesse ich alles wieder. Ich solle mich erst einmal um Galapagos k\u00fcmmern, alles andere k\u00f6nne man danach sehen. Am besten in einem Reiseb\u00fcro. Edgar will mich sp\u00e4ter dahinbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erz\u00e4hle von meiner Verwirrung, als ich gestern nicht wusste, was mit dem Treffpunkt <em>El Antojo de la Polonia<\/em> gemeint war. Allgemeine Heiterkeit. <em>Polonia<\/em> ist der Name der Stra\u00dfe, ganz einfach. <em>Antojo<\/em> ist der erste Teil des Namens des Restaurants, vollst\u00e4ndig hei\u00dft es <em>Antojo<\/em> <em>Manabita<\/em>. Das bedarf der Erkl\u00e4rung. Manab\u00ed ist eine Region von Ecuador, die besonders f\u00fcr ihre K\u00fcche bekannt ist. <em>Antojo<\/em> ist so etwas wie Laune, Gel\u00fcst, Bock, auch in Bezug aufs Essen. Wer ist denn auf diesen Namen gekommen? Edgar deutet bescheiden mit dem Finger auf sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kam so: Er hatte ein kleines Fischlokal, das hie\u00df <em>El<\/em> <em>Rinc\u00f3n Manabita<\/em>. Das lief gut, aber dann kam die Pandemie. Pandemie? Ja, Cholera! Muss in den achtziger Jahren gewesen sein. Die Ansteckung wurde mit dem Verzehr von Fisch in Verbindung gebracht, und die Fischlokale in Ecuador, aber auch in Peru, mussten reihenweise schlie\u00dfen. Edgar ging Pleite. Und dann? Dann ist er mit einem W\u00e4gelchen, das seine Mutter ihm geschenkt hat, durch die Stra\u00dfen gezogen und hat Snacks verkauft. Und heute ist er Eigent\u00fcmer von vier Restaurants! Eine beeindruckende Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich breche auf, wir verabschieden uns wie alte Freunde. Edgar f\u00e4hrt mich zum Reiseb\u00fcro.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ins Auto steigen, sehe ich, dass genau auf der Ecke die <em>Casa Humboldt<\/em> ist, mit dem Goethe-Institut. Humboldt hat sich in Quito sehr wohl gef\u00fchlt. Und hat die Umgebung unerm\u00fcdlich erkundet, vor allem die Vulkane, den Pichincha und den Cotopaxi. Vor allem hat hier, in den Kordilleren, die aufsehenerregende Besteigung des Chimborazo stattgefunden. Bei der er noch gerade rechtzeitig seinen Ehrgeiz z\u00fcgeln konnte und angesichts einer Gletscherspalte den R\u00fcckzug antrat. Er w\u00e4re sonst sicher umgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pichincha ist gleich am Rande von Quito. Als ich davon erz\u00e4hle, dass ich da gerne rauf will, sagt Edgar sofort: Aber nicht alleine! Das machen wir zusammen. Zu gef\u00e4hrlich. Nicht nur wegen m\u00f6glicher \u00dcberf\u00e4lle, sondern auch wegen des unberechenbaren Wetters.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs erz\u00e4hlt mir Edgar vertrauensvoll von seiner Ehe. Die h\u00e4lt jetzt schon 26 Jahre. Alles gut. Ein Mann brauche eine Frau, die einen unterst\u00fctze. Und das tue Yolanda.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt mich vor dem Einkaufszentrum ab, und ich frage mich zum Reiseb\u00fcro durch. Habe schon im Internet einiges angesehen, aber es ist verdammt schwer, da sind die Angebote voller Fallstricke, und man kann leicht die versteckten Kosten \u00fcbersehen. Da ist es mir lieber, das von Person zu Person zu machen, und in Ruhe Frage stellen zu k\u00f6nnen. Ich ahne aber noch nicht, wie kompliziert das werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dame hinter dem Schreibtisch ist nett und hat viel Geduld. Es dauert aber, bis sie zwei Angebote f\u00fcr Gal\u00e1pagos zusammengestellt und ausgedruckt hat. Wir gehen beide durch. Sie empfiehlt das zweite, etwas teurere, weil da eine Schifffahrt von Insel zu Insel drin ist. Sie empfiehlt, nur einen Rucksack mitzunehmen. Es sei auf jeden Fall warm dort. Internet gebe es, aber kein sehr zuverl\u00e4ssiges. Sie erkl\u00e4rt auch, was ich hier am Flughafen tun m\u00fcsse, noch vor dem Einchecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie macht eine genaue Liste der zus\u00e4tzlichen Kosten. Da fallen verschiedene Sachen an, und die m\u00fcssen alle vor Ort bezahlt werden, und zwar in bar, darunter 300 $ f\u00fcr den Eintritt in den Nationalpark. Au\u00dferdem muss man den Reisepass mitnehmen, Personalausweis gen\u00fcgt nicht. Den Reisepass brauchen wir auch f\u00fcr die endg\u00fcltige Buchung, aber im Moment gibt sie sich mit der Nummer zufrieden. Das Bild k\u00f6nne ich ihr sp\u00e4ter schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme die Unterlagen mit in eine Cafeteria und sehe alle noch mal durch. Dann stelle ich die offenen Fragen, Ausr\u00fcstung, Einzelzimmer, Verpflegung. Sie kann (fast) alles kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Sache zieht sich hin. Sie kann hier im Reiseb\u00fcro nichts selbst entscheiden, ist st\u00e4ndig in Kontakt mit anderen, der Agentur vermutlich. Dabei bet\u00e4tigt sie zwei Handys und ein Festnetztelefon. Die Eingaben meiner Daten dauert unendlich lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Wartezeit zu verk\u00fcrzen, gehe ich durchs Einkaufszentrum und entdecke tats\u00e4chlich einen Stand mit Billigbrillen. Und lasse mich von dem netten Mann \u00fcberreden, doch auch gleich noch ein Portemonnaie mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ans Bezahlen. Wieder m\u00fcssen am Bildschirm ganze Formulare ausgef\u00fcllt werden, um mit der Kreditkarte zu bezahlen. Als alles endlich im Kasten ist, kommt eine Fehlermeldung. Dann noch eine. Sie versucht es mit einem anderen Programm. Wieder dasselbe. Noch ein anderes Programm. Wieder dasselbe. Ein letzter Versuch. Jetzt klappt es! Ich brauche nur noch bei der Bank die Buchung am Handy zu best\u00e4tigen. Habe aber kein Internet. Sie w\u00e4hlt mich in das des Reiseb\u00fcros ein, ich best\u00e4tige bei der Bank, bekomme gr\u00fcnes Licht \u2013 und dann gibt es wieder eine Fehlermeldung. Die Sache ist endg\u00fcltig gescheitert, und ich habe die Bef\u00fcrchtung, dass man mir inzwischen meine Kreditkarte gesperrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will die Sache aber abschlie\u00dfen. Fahre nach Hause zur\u00fcck, um Bargeld zu holen. Und bei der Gelegenheit dann auch gleich den Reisepass mitzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme den Bus. Der f\u00e4hrt gleich vor dem Einkaufszentrum ab. Der Bus hat eine eigene Spur und f\u00e4hrt meistens schnurstracks geradeaus. Die Fahrkarte kann man am Schalter kaufen. Sie kostet gerade mal 35 Cent. Der Mann sagt mir, ich solle rechts einsteigen. Was ich auch tue.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald bereue ich, den Bus genommen zu haben. Es herrscht gro\u00dfes Gedr\u00e4nge, und gerade an den Haltestellen wird mir mulmig angesichts dessen, was ich da in den verschiedenen Taschen bei mir habe:&nbsp; Personalausweis, Handy, Kreditkarte, Portemonnaie, Schl\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stellt sich heraus, dass ich in der falschen Richtung unterwegs bin. Der Mann am Schalter kann rechts und links nicht auseinanderhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es in die andere Richtung zur\u00fcck. An welcher Haltestelle man ist, kann man meist nicht feststellen. Ich versuche es irgendwo auf gut Gl\u00fcck, und komme tats\u00e4chlich an der Haltestelle an, an der ich aussteigen sollte. Aber von Basilika weit und breit nichts zu sehen. Ich frage eine Gruppe von M\u00e4dchen, und die sagen, zu weit zu Fu\u00df, besser ein Taxi nehmen. Ich gehe, teils aus Trotz, teils um meine Frustration zu verdauen, trotzdem zu Fu\u00df. Auch, wenn es gerade anf\u00e4ngt zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hole Geld und Pass aus der Wohnung und fahre mit dem Taxi zur\u00fcck. Jede Taxifahrt im Laufe des Tages kostet 3 $, Trinkgeld inbegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder ins Reiseb\u00fcro komme, verweist mich die Frau an ihren Kollegen. Ich lege Geld und Pass vor und bekomme eine Quittung. Die Flugtickets k\u00e4men gleich. Es dauert aber. Auch er tippt st\u00e4ndig neue Daten ein und ist st\u00e4ndig am Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind die Flugtickets endlich da. Mit bedeutungsvoller Miene pr\u00e4sentiert der Mann mir sie. Und der Rest? F\u00fcr die anderen Unterlagen soll ich morgen wiederkommen, sagt er. Jetzt schalte ich auf Protestmodus, aber wie! Der Mann gibt kleinlaut nach, t\u00e4tigt&nbsp; einen Anruf und sagt, es klappe doch. In 20 Minuten seien die Unterlagen da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe, einfach um die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken, durch das Einkaufszentrum und entdecke einen riesigen Supermarkt, und da gibt es etwas, womit man nicht unbedingt rechnen konnte: einen Schirm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder ins Reiseb\u00fcro komme, sagt der Mann mir, es habe geklappt, alles sei gekommen. Das hei\u00dft aber nicht, dass er die Unterlagen schon ausgedruckt hat. Das erfordert noch einmal verschiedenen Telefonate und eine halbe Stunde. Dann ist es endlich soweit. Ich mache drei Kreuzzeichen und trete den R\u00fcckweg an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kreis schlie\u00dft sich, als im Radio des Taxis genau das Lied l\u00e4uft, mit dem ich den Tag begonnen habe: \u201ePorque te vas.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>25. November (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche h\u00e4ngt eine Karte von Ecuador. Auf der kann man die drei nat\u00fcrlichen Landschaften des Landes gut erkennen: Costa, Cordillera, Selva. Dazu Gal\u00e1pagos. Und das in einem relativ kleinen Land. 283.000 km<sup>2<\/sup>, etwa so viel wie Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen kommt die Sonne raus. Ich gehe die <em>Caldas<\/em> mit ihren sch\u00f6nen H\u00e4usern und den in den Nationalfarben Ecuadors bemalten Pflastersteinen rauf zur Basilika. Die wirkt grau, ich habe sie wei\u00df in Erinnerung. Ihre besondere Attraktion sind die Wasserspeier, die die Form aller m\u00f6glichen exotischer Tiere habe, darunter Schildkr\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg sehe ich ein kleines Lokal, h\u00fcbsch dekoriert. Da gehe ich zum Fr\u00fchst\u00fcck rein. An den anderen Tischen sitzt eine kleine Gruppe junger Frauen, und neben ihnen steht ein gedrungener Mann mit Schn\u00e4uzer, der sie \u00fcber irgendeine anstehende Aktion informiert. Dabei fallen nebeneinander die W\u00f6rter <em>boleto<\/em> und <em>billete<\/em>. Da scheint es einen Bedeutungsunterschied zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio l\u00e4uft Juanes: \u201eY es por tiiiii, que late mi coraz\u00f3n\u201d. Als Kontrast kommt von drau\u00dfen die Musik eines vorbeiziehenden Spielzugs.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme, schon wegen des Namens, das <em>Desayuno<\/em> <em>Manabita<\/em>. Unterscheidet sich nicht gro\u00df von dem von gestern, obwohl es anders hei\u00dft. Wieder sind Kochbananen, Reis, Speck und Spiegelei vertreten. Ist aber sch\u00f6ner pr\u00e4sentiert als das von gestern. Wenn das der Edgar h\u00f6rt!<\/p>\n\n\n\n<p>Manab\u00ed liegt im Nordwesten Ecuadors, am Pazifik, und grenzt an die Provinz Esmeraldas. Da war ich vor drei Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter ist ideal f\u00fcr einen Spaziergang Richtung Innenstadt. Auf dem Weg kann ich gleich ein paar Besorgungen machen. Ich bekomme, was ich suche, nur Tempot\u00fccher sind nicht aufzutreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erleichterung ist gro\u00df, als ich Geld abheben und danach auch mit der Kreditkarte bezahlen kann. Ecuador ist der beste Ort f\u00fcr Versorgung mit Bargeld, da man hier Dollars bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es herrscht auch hier buntes Treiben, aber es geht ruhiger zu als in Kolumbien: weniger Trubel, weniger Gedr\u00e4nge, weniger Motorr\u00e4der, weniger Stra\u00dfenverk\u00e4ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind nach Orten in Ecuador benannt, Guayaquil, Esmeraldas, Gal\u00e1pagos. Auch Manat\u00ed ist vertreten. Daneben fallen mir andere auf wie die <em>Calle del Algod\u00f3n<\/em>, die <em>Calle Angosta<\/em> (die weniger eng ist als die meisten anderen) und die <em>Calle de las Siete Cruces<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme auf die <em>Plaza Grande<\/em>, mit Kathedrale, <em>Palacio<\/em> <em>Presidencial<\/em>, <em>Palacio Arzobispal<\/em>, <em>Palacio Municipal<\/em>. Der Platz hat seinen Namen wirklich verdient. Und rechtfertigt auch die Aufnahme von Quito in das Weltkulturerbe der UNESCO.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus sieht man in entgegengesetzte Richtungen schnurstracks auf zwei Sehensw\u00fcrdigkeiten in der Ferne, beide erh\u00f6ht gelegen, den Panecillo und die Basilika. Die pr\u00e4sentiert sich hier mit ihrer zweit\u00fcrmigen Frontseite.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale hat zwei flache Kuppeln mit glasierten Kacheln und einen Hahn, der der Legende zufolge Trunkenbolde angreift und vom Platz vertreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp; Zentrum das unvermeidliche Denkmal f\u00fcr die \u201eHelden\u201c der Unabh\u00e4ngigkeit. Statt eines Generals oder eines Politikers ist es hier eine weibliche Allegorie, eine Figur, die den \u201eSchrei der Unabh\u00e4ngigkeit\u201c ausst\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gelingt ein Schnappschuss von einem Mann, der sich auf einer Parkbank r\u00e4kelt, den Kopf zur Seite, beide Arme hinter der Lehne.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Platz aus geht es dann, an der Jesuitenkirche und am Geldmuseum vorbei zum gro\u00dfen Platz vor dem ehemaligen Franziskanerkonvent. Ich habe alles gut, aber nicht so genau in Erinnerung, wie ich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel zieht sich zu. Ich gehe auf einem anderen Weg zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich ein Polizeiauflauf. Mehrere Jeeps hintereinander mit Blaulicht, und daneben bewaffnete Polizisten im Laufschritt, alle Richtung <em>Plaza Grande<\/em>. Die Polizisten tragen, wenn ich das richtig erkenne, Maschinenpistolen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache in einem Caf\u00e9 Halt und bestelle einen Eistee. Kostenpunkt: 1 $. Das erinnert mich an Edgars Bemerkung von gestern, dass&nbsp; Ecuador billiger sei als Kolumbien. Ob er recht hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerung an die letzte Reise kehrt zur\u00fcck, als ich auf einer schmalen Stra\u00dfe, die erst durch eine Kuhle geht und dann steil nach oben f\u00fchrt, Richtung Basilika gehe. Hier gibt es viele alte Gesch\u00e4fte mit offenstehenden T\u00fcren. In einem davon gibt es alte M\u00fcnzen und Geldnoten zu kaufen, vor allem den Sucre, die fr\u00fchere W\u00e4hrung Ecuadors, in allen Varianten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist so steil, dass man es in den Beinen sp\u00fcrt. Ich \u00fcberquere die <em>Gal\u00e1pagos<\/em>. Hier muss ich beim letzten Mal gewohnt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Basilika erreiche, eilen gleich mehrere Leute herbei, um einer sehr alten Dame zu helfen, die auf dem B\u00fcrgersteig gefallen ist. Ein Mann tr\u00e4gt sie auf den Armen und \u00fcbergibt sie einer Frau, die sie zum Bus tr\u00e4gt. Die alte Dame l\u00e4sst den Kopf hilflos zur Seite sinken, ihr Gesichtsausdruck ist trostlos. Sie geh\u00f6rt zu einer Reisegruppe, die hier in Ecuador unterwegs ist. Man fragt sich unwillk\u00fcrlich: Ist das mutig oder unvern\u00fcnftig? Muss man irgendwann das Reisen drangeben und einsehen, dass es nicht mehr geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcberquere den gro\u00dfen Innenhof der Basilika. Dort halten sich vereinzelte Touristen und mehrere Schulklassen auf. Auf dem Mauerabsatz sitzen lauter kleine M\u00e4dchen mit Verkleidung, zusammen mit ihren Lehrerinnen. Nach Karneval sieht das nicht aus. Aber was es sonst sein soll, kann ich mir auch nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage eine Bettlerin, die vor dem Gitter sitzt, das den Hof der Basilika begrenzt, wo die <em>Plaza San Blas<\/em> ist. Ich gebe ihr eine M\u00fcnze und sehe dann erst ihre demolierte Nase und Lippe und bereue, ihr nicht mehr gegeben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich komme ich zur <em>Plaza San Blas<\/em>. Die liegt nicht am oberen, sondern am unteren Ende der <em>Caldas<\/em>. Gut zu wissen. Das ist der Treffpunkt morgen fr\u00fch.<\/p>\n\n\n\n<p>26. November (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit der wunderbaren Pitahaya. Die hat eine dicke, gelbe Schale, aber mit der braucht man sich nicht herumzuplagen. Man schneidet die Frucht in zwei Teile und l\u00f6ffelt das Fruchtfleisch aus. Die kleinen schwarzen Samen kann man mitessen. So stachelig die Pitahaya von au\u00dfen wirkt, so weich ist sie innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es zum Cotopaxi, einem der von Humboldt untersuchten Vulkane. Als Humboldt dort ankam, hatte er die Reise von Bogot\u00e1, wo er wie ein K\u00f6nig empfangen und f\u00fcrstlich bedient wurde, bis nach Quito bereits bew\u00e4ltigt, ohne Flugzeug, ohne Auto, mal auf Eseln, meist zu Fu\u00df. Adrett gekleidet, in europ\u00e4ischer Manier, mit Gehrock und Stra\u00dfenschuhen. Ohne Sonnenbrille, ohne Wanderschuhe, ohne Regenschirm. \u00dcber die Anden! Die Lasten, vor allem die Sammlungen und die Messinstrumente, wurden von Einheimischen auf Ochsenkarren transportiert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Humboldt ma\u00df mit Leidenschaft, ohne Unterlass: die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck, die Zusammensetzung der Luft und, mit einem Apparat namens Zyanmeter, die Bl\u00e4ue des Himmels. Dazu die genauen Koordinaten jedes Ortes und die Konstellationen. Die Vermessung der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Anden begegnete er immer wieder den <em>cargueros<\/em>, Lastentr\u00e4gern, Indios, Schwarze, aber auch Wei\u00dfe, die keine Dinge, sondern Menschen durch die Berge trugen. Bis zu 70 Kilogramm, einige sogar mehr, konnten die <em>cargueros<\/em> bew\u00e4ltigen! Eine schwere und gef\u00e4hrliche Aufgabe, denn die Tr\u00e4ger mussten sich darauf verlassen, dass die Passagiere auf ihrem R\u00fccken sich ruhig verhielten. Sonst konnte es zu gef\u00e4hrlichen St\u00fcrzen kommen. Humboldt nahm mit Verwunderung wahr, dass die Arbeit, obwohl schlecht bezahlt, gut angesehen war. Er und Bonpland machten nie von Gebrauch von dieser Art der Fortbewegung. Sie machten es lieber zu Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dagegen fahren motorisiert zum Cotopaxi. Mit einem alten, klapprigen Kleinbus, mit Mountain Bikes auf dem Dach.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen Quito in s\u00fcdlicher Richtung. Nach einer guten Stunde machen wir Halt an einem kleinen Lokal. W\u00e4hrend die anderen fr\u00fchst\u00fccken, besorge ich mir in dem L\u00e4dchen nebenan Tempot\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen komme ich mit einem Mann ins Gespr\u00e4ch, der vor seinem Jeep steht. Er ist Tierarzt hier in der Gegend, behandelt in erster Linie gro\u00dfe Tiere, Pferde und K\u00fche. Er kommt gerade von einem Bauern, bei dem er einem Kalb auf die Welt geholfen hat. Diese Gegend, meint er, sei <em>tranquilo<\/em>, das Lieblingswort der S\u00fcdamerikaner benutzend, wenn sie sagen wollen, dass man sich hier ruhig bewegen kann, ohne Sorgen, \u00fcberfallen zu werden. Quito sei anders. Aber hier auf dem Land, da sei die Welt noch in Ordnung. Er gibt mir ein paar Tipps, welche Orte ich noch besuchen soll, vor allem Cuenca, aber das ist, wie ich auf Nachfrage erfahre, sechs Stunden von Quito entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus wird vorwiegend Englisch und Deutsch gesprochen. Obwohl ich die Tour ausdr\u00fccklich als spanische Exkursion gebucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden jungen F\u00fchrer texten uns zu, was das Zeug h\u00e4lt, aber es geht immer nur um Organisation: Verhaltensregeln, Vorsichtsma\u00dfnahmen, Tagesablauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar ganz d\u00fcnne Daten gibt es dann doch zu den Vulkanen: Ecuador hat insgesamt 86, davon 32 aktiv. Und der Chimborazo ist der Sonne n\u00e4her als der Mount Everest. Wegen der Erdkr\u00fcmmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei bleibt es. W\u00e4hrend des ganzen Tages gibt es nichts zur Entstehung der Vulkane oder zur Entstehung der Lagune, nichts zur Vegetation, nichts zu den Gesteinsarten, nichts zur Erforschung der Gegend. Die Namen Humboldt und Bonpland fallen nicht. Eine einzige Entt\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mich sp\u00e4ter beim Essen eine Kanadierin fragt, ob mir die Exkursion gefallen habe, ist sie ganz verbl\u00fcfft \u00fcber meine Antwort. Das sei ihr gar nicht aufgefallen. Stimmt dann aber emphatisch zu: Ja, richtig, es habe ja wirklich \u00fcberhaupt keine Erkl\u00e4rungen gegeben. Dabei interessiert sie sich f\u00fcr Pflanzen und h\u00e4tte gerne was \u00fcber die am Wegesrand erfahren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Photostopp komme ich mit dem j\u00fcngeren der F\u00fchrer ins Gespr\u00e4ch. Der kann Deutsch. Er hat als 17-J\u00e4hriger als Austauschsch\u00fcler ein Jahr in Deutschland&nbsp; verbracht, erst in Unna, dann in K\u00f6ln. Hat ihm gut gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Cotopaxi ist nichts zu sehen, alles ist in Nebel und Wolken geh\u00fcllt. Und es ist kalt. Wir sind inzwischen auf 3.600 Metern H\u00f6he. In der anderen Richtung sieht man die braunen Konturen des Rumi\u00f1ahui, des Brudervulkans des Cotopaxi. Der Rumi\u00f1ahui ist allerdings erloschen. Der Cotopaxi ist zum letzten Mal 2022 ausgebrochen. Danach war der Nationalpark ein Jahr lang geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da von den F\u00fchrern nichts kommt, muss ich mich bei der Weiterfahrt auf meine eigenen, d\u00fcnnen Beobachtungen verlassen. Als wir in den Nationalpark kommen, haben wir die Baumgrenze schon hinter uns gelassen, aber es gibt auf beiden Seiten, dicht aneinander, h\u00fcbsche gr\u00fcne Str\u00e4ucher, die sich im Wind bewegen. Einige haben kleine, sch\u00f6ne Bl\u00fcten, in Rot und Blau.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwinden die, es gibt nur noch eine durchgehend gr\u00fcne Fl\u00e4che mit Gr\u00e4sern, mit ein paar stacheligen Pflanzen hier und da.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an dem Ausgangspunkt f\u00fcr unseren Aufstieg ankommen, ist auch dieser Rest der Vegetation verschwunden. Hier ist alles nur noch grau und schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aus dem Bus steigen, werden wir fast weggeweht. Der Wind ist so stark, dass man zuerst kaum einen Fu\u00df vor den anderen setzen kann. Jeder Schritt ist m\u00fchsam, es geht steil bergauf, und nach ein paar Metern bin ich schon ganz au\u00dfer Atem.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas weiter bleibt der erste F\u00fchrer stehen und fragt, welchen der beiden Wege wir nehmen wollen, den schwereren, gerade verlaufenden oder den leichteren, im Zickzack nach oben f\u00fchrenden. Ein oder zwei der Teilnehmer rufen \u201eThe hard one!\u201c, und ich muss wohl oder \u00fcbel mitmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon nach wenigen Minuten habe ich die vorne an der Spitze aus den Augen verloren. Aber andere sind noch weiter hinten. Die Erde ist weich, und man rutscht bei jedem Schritt immer wieder ein St\u00fcckchen runter. Der Wind ist heftig, trifft einen in B\u00f6en und erfasst den ganzen K\u00f6rper. Gl\u00fccklicherweise regnet es nicht. Einmal kommt die Bergh\u00fctte in Sicht, verschwindet dann aber wieder hinter einer Kurve. Immer wieder, wenn ein Stein kommt, halte ich mich da f\u00fcr einen Moment fest oder setze mich einen Moment. F\u00fcr die Umgebung habe ich angesichts der Anstrengung kein Auge. Dann kommt die Bergh\u00fctte endlich in Sicht. Mit M\u00fche und Not schaffe ich die letzten Schritte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bergh\u00fctte gibt es Tee aus Cocabl\u00e4ttern. Soll gut f\u00fcr die H\u00f6henluft sein. Wir sind inzwischen bei 4.800 Metern angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich spreche kurz mit zwei jungen Frauen aus Costa Rica, die den Aufstieg auch qualvoll fanden, und mit einer jungen Frau aus Ungarn, die in Barcelona lebt. Sie l\u00e4sst sich freudig erregt vor der Fahne ihres Landes photographieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abstieg ist \u2013 da sollten unsere F\u00fchrer recht behalten \u2013 viel leichter als der Aufstieg. Allerdings peitscht der Wind einem den Regen ins Gesicht, obwohl es hier gar nicht regnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziemlich durchgefroren, trotz M\u00fctze, T-Shirt, Pullover, Regenjacke, zwei Paar Socken, komme ich am Bus an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es die halbe Strecke bis zur Lagune mit dem Bus hinab. Danach kann man entscheiden, ob man im Bus bleibt oder ein Fahrrad nimmt. Schweren Herzens bleibe ich im Bus. Die Mountain Bikes und die Schotterstra\u00dfe sehen nicht so einladend aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an der Lagune ankommen, regnet es so heftig, dass die meisten im Bus sitzen bleiben. Ich gebe mir einen Ruck und gehe doch noch bis zu dem Aussichtspunkt. Das lohnt sich, nicht wegen der Lagune, sondern weil ganz pl\u00f6tzlich der Regen aufh\u00f6rt und sich die Wolken lichten und den Blick auf den Cotopaxi freigeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Essen will ich nur noch nach Hause. Und freue mich, als die T\u00fcrme der Basilika in Sicht kommen, in der Sonne von Quito gl\u00e4nzend.<\/p>\n\n\n\n<p>27. November (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erdbeeren, die ich gleich am ersten Tag im <em>Mercado<\/em> <em>Central<\/em> gekauft habe, sind ein Gedicht: fest im Biss, voll im Geschmack, s\u00fc\u00df, aber nicht zu s\u00fc\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt f\u00e4llt mir eine Bronzefigur auf, an einer Stra\u00dfenecke auf dem B\u00fcrgersteig stehend. Ein Mann, der energisch voranschreitet, eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorne gereckt, eine Schriftrolle in der anderen Hand haltend. Dieser Mann ist Sixto Dur\u00e1n-Ball\u00e9n, und die Schriftrolle ist eine Bauzeichnung, die sich auf seine Ausbildung als Architekt bezieht. Er war Ecuadorianer, wurde aber in Boston geboren, und wurde nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau einer vom Erdbeben zerst\u00f6rten Stadt beauftragt. Auch als B\u00fcrgermeister von Quito stie\u00df er wichtige Bauprojekte an. Er wurde sp\u00e4ter auch Bauminister und schlie\u00dflich Pr\u00e4sident von Ecuador. War sehr umstritten aufgrund seiner neoliberalen Politik und zahlreicher Skandale und der von ihm betriebenen Abspaltung von seiner Partei. Popul\u00e4r wurde er auf die einfachste Weise, in der Politiker popul\u00e4r werden: Er f\u00fchrte Krieg. Er strengte einen Grenzkonflikt mit Peru an und einte die Nation unter dem Motto <em>Ni un paso atr\u00e1s<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen in der Innenstadt haben alle zwei Namen, einen aktuellen und einen ehemaligen. Die aktuellen Namen sind oft geographischer Natur \u2013 ich komme heute \u00fcber die <em>Venezuela<\/em> und die <em>Chile<\/em> \u2013 und haben neutrale, moderne Schilder. Die alten Stra\u00dfennamen sind suggestiver \u2013 ich komme \u00fcber die <em>Calle de la Sabana Santa<\/em> und die <em>Calle de los Suspiros<\/em> \u2013 und zeigen ihren Namen auf sch\u00f6n verzierten Kacheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der vergeblichen Suche nach einer Apotheke sto\u00dfe ich in einer Einkaufszeile auf die <em>Optica Alemana<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza Grande<\/em> bekomme ich in der Touristeninformation einen in S\u00fcdamerika selten entdeckten Schatz: einen Stadtplan. Trotz des Plans kann ich die <em>Casa del Alabado<\/em> nicht finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich \u00fcber den Platz gehe, werde ich von einem Soldaten gestoppt: Halt, nicht hier entlang! Es findet gerade eine Parade oder ein Wachabl\u00f6sung statt, unter Trommelwirbel. Die Soldaten tragen einerseits Tarnanz\u00fcge, andererseits sch\u00f6n verzierte, bunte Kappen und halten Hellebarden in den H\u00e4nden, mit der Standarte von Ecuador verziert. Die Parade findet vor dem <em>Palacio Presidencial<\/em> statt, auf dessen Dach eine \u00fcberdimensionale Fahne von Ecuador weht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde ich eine Apotheke. Die Verk\u00e4uferin gibt mir, wie das hier so \u00fcblich ist, nicht die ganze Packung, sondern nur einen Blister.<\/p>\n\n\n\n<p>Den von der Apothekerin empfohlenen Geldautomaten finde ich nicht, komme aber auf meinem Weg an der <em>Calle Espejo<\/em> vorbei und erinnere mich pl\u00f6tzlich an ein Lokal, in dem ich hier damals f\u00fcr ganz wenig Geld gegessen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Panamah\u00fcte werden hier, wie ich an einem Gesch\u00e4ft sehe, als <em>Panama Hats<\/em> verkauft, obwohl sie urspr\u00fcnglich aus Ecuador stammen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Polizist schickt mich in die entgegengesetzte Richtung zu einem Geldautomaten, zur <em>Banco de Pichincha<\/em>, hinter dem Torbogen auf der \u00fcbern\u00e4chsten Stra\u00dfe. Volltreffer!<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Stra\u00dfe ist auch das <em>Museo de la Ciudad<\/em>, ein ganz au\u00dfergew\u00f6hnliches Museum, das ich beim letzten Mal hier besucht habe. In meiner Verzweiflung gehe ich hier rein, um nach der <em>Casa del Alabado<\/em> zu fragen, nachdem alle Passanten den Kopf gesch\u00fcttelt haben. Die Frau hier an der Kasse kennt das Museum und macht mir eine fl\u00fcchtige Zeichnung auf einem Zettel. Nein, blo\u00df nicht \u00fcber die <em>Rocafuerte<\/em> gehen! Viel zu gef\u00e4hrlich. Aber das Museum liegt doch ganz in der N\u00e4he der <em>Rocafuerte<\/em>. Ja, aber besser zur <em>Plaza San Francisco<\/em> zur\u00fcck. Das tue ich, finde das Museum aber nicht und komme wieder an den Torbogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gehe ich erst mal einen Kaffee trinken. Milchkaffee. Der wird hier auf unorthodoxe Weise serviert. Man bekommt eine Tasse hei\u00dfe Milch und dazu eine kleine Tasse Kaffee. Aus der sch\u00fcttet man dann nach Bedarf Kaffee in die Milch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der weiteren Suche bleibe ich unter dem Torbogen stehen und lese, dass der urspr\u00fcnglich gebaut wurde, damit die Gl\u00e4ubigen vor der Kirche hier an der Seite den Rosenkranz beten konnten, ohne nass zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich doch wieder auf der <em>Rocafuerte<\/em>. Hier herrscht ziemliches Gedr\u00e4nge, aber als gef\u00e4hrlich empfinde ich sie nicht. Auf einer Seite der Stra\u00dfe sitzen Frauen auf kleinen Klappst\u00fchlen und bieten die &nbsp;Produkte aus ihrem Gem\u00fcsegarten zum Kauf an: M\u00f6hren, Kartoffeln, Tomaten, aber auch Minze.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gehe ich die Stra\u00dfe weiter rauf, biege endlich in die <em>Cuenca<\/em> ab und stehe nach ein paar Metern vor dem Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist hochmodern und bietet vorkolumbianische Kunst. Paradoxerweise ist es in einem sch\u00f6nen Bau aus der Kolonialzeit untergebracht, mit baumbestandenem Innenhof und sch\u00f6nen Holzgalerien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen an der Kasse sagt, die Sammlung&nbsp; sei nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, aber das stimmt nur f\u00fcr das Obergeschoss. Im Erdgeschoss werden, in abgedunkelten R\u00e4umen, die \u00e4ltesten Exponate ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man da zu sehen bekommt, verschl\u00e4gt einem den Atem. Ein St\u00fcck toller als das andere. Alle Figuren stellen, in sehr schematischer Weise, Menschen dar, Ahnen vermutlich, die hier, in Stein gehauen, das Fortleben der Gemeinschaft garantieren sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zeitliche Einordnung kann bei so alten Exponaten nicht sehr pr\u00e4zise sein. Hier ist von 4.000 v. Chr. bis 1.500 v. Chr. die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Figuren sind ganz glatt, sie m\u00fcssen sehr sorgf\u00e4ltig poliert worden sein, andere sind rau. Augen, Nase und Augenbrauen \u2013 die sind oft ganz stark ausgestaltet \u2013 sind genug, um einen Menschen erkennen zu lassen. Man hat das Gef\u00fchl, dass sie einen aus der Ferne der Zeiten ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was auff\u00e4llt: Die Figuren sind nicht spezifisch hinsichtlich des Geschlechts. Sie k\u00f6nnten Frauen oder M\u00e4nner sein oder sind besser beides gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kopf scheint immer getrennt vom \u201eK\u00f6rper\u201c geformt zu sein. Bei einer etwas st\u00e4rker ausgestalteten Figur \u2013 allerdings auch die nur ein Relief \u2013 hat man das Gef\u00fchl, eine trauernde Frau zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz kurios eine etwas klobige Figur, mit dem Aussehen eines Roboters. Sie hat die Form eines Quaders und hat auf allen vier Seiten ein Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Sprung, und von diesen \u201eformelhaften\u201c Figuren geht es zu Darstellungen von Herrschern. Die treten jetzt an die Stelle der Vorfahren. Vermutlich Zeichen einer st\u00e4rker hierarchisch ausgepr\u00e4gten Gesellschaft. Ein Beispiel ist ein einfach gearbeiteter \u201eThron\u201c, der auf dem Kopf eines L\u00f6wen ruht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles das ist aus Stein. Oben kommen dann auch andere Materialien zum Tragen: Quarz, Marmor, Ton, Holz. Datiert werden die Exponate auf die Zeit zwischen 400 und 1400 nach Chr.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n zwei bauchige, bemalte Keramikgef\u00e4\u00dfe mit Ausguss. Sie enthielten Chicha, das fermentierte Maisgetr\u00e4nk, das ich bei der letzten Reise in Tena probieren konnte. Sp\u00e4ter sieht man auch noch ein Gef\u00e4\u00df, mit dem Chicha auf die Felder aufgetragen wurde, als Gew\u00e4hr f\u00fcr eine gute Ernte.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas hilflos stehe ich vor einem Keramikgef\u00e4\u00df, das ein Wesen mit weit aufgerissenem Maul darstellt. Es ist eine Kr\u00f6te, und ihr aufgerissenes Maul zeigt die Ankunft der Regenzeit an, und Regen bedeutete reiche Ernte.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder kommen Figuren paarweise vor oder Gef\u00e4\u00dfe mit zwei Gesichtern. Ganz elementar spielt das auf die Polarit\u00e4t der Welt an, Tag und Nacht, m\u00e4nnlich und weiblich, Leben und Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Figuren, ein Mann und eine Frau, sitzen nebeneinander und haben jeder eine Art Brett vor sich. Erinnert mich an die Figuren aus dem alten \u00c4gypten, die beim Kneten von Teig dargestellt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr h\u00fcbsch zwei Frauen, mit Ohrringen, einer Scheibe durch die Nase (Piercing ist keine Erfindung unserer Tage), einer Halskette und originellem Haarschmuck. Sie liegen auf dem Bauch, mit erhobenem Oberk\u00f6rper, st\u00fctzen sich auf ihre H\u00e4nde und scheinen Pilates zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht Urnengef\u00e4\u00dfe, in denen die Knochen der Verstorbenen aufbewahrt wurden. Die Gef\u00e4\u00dfe haben die Form weiblicher H\u00fcften, was andeutet, dass die Toten in den Uterus zur\u00fcckkehren und der Zyklus des Lebens weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>In kleineren Figuren sieht man geometrische Muster, aber auch immer wieder innere Organe: Uterus, Niere,&nbsp; Magen. Schwer zu sagen, was dahinter steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Tieren sind vor allem Schlangen und Schmetterlinge gut vertreten. Warum? Sie stehen f\u00fcr die Metamorphose, die Schlange h\u00e4utet sich, der Schmetterling tritt aus der Raupe heraus. Das versinnbildlicht den Lebenszyklus. Analog dazu werden aus den Samen Pflanzen und aus den Verstorbenen Vorfahren. So sieht man auch die Arbeit des K\u00fcnstlers als Transformationsprozess: Aus Stein, Ton, Metall, Holz, Muscheln und Pflanzenfasern entstehen Kunstwerke.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir noch eine Sonderausstellung an, in der es um alles geht, was gl\u00e4nzt. Sie tr\u00e4gt den vielsagenden Titel <em>No todo lo que brilla es oro<\/em> und gibt damit einem Sprichwort statt seinem metaphorischen Sinn einen w\u00f6rtlichen Sinn. Es gibt ganz fein gearbeitete, aber auch einige massive Exponate. Am sch\u00f6nsten ein breites aus Metall gearbeitetes, ganz fein punziertes Band. Krone? Halsschmuck? Armreif? K\u00f6nnte alles sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich noch einen Moment in den Innenhof des Museums und lasse das Gesehene Revue passieren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg von dem Museum komme ich an der Metrostation <em>San Francisco<\/em> vorbei. Die Metro stand damals kurz vor der Er\u00f6ffnung. Jetzt verbindet sie, \u00fcber 15 Stationen, den Norden mit dem S\u00fcden Quitos. <em>San<\/em> <em>Francisco<\/em> ist die Station des <em>Centro Hist\u00f3rico<\/em>. Als ich durch die Station gehe, pfeift eine Aufseherin mit Mikrophon eine Frau zurecht. Die sitzt mit ihrer Tochter auf der Treppe und isst. Verboten!<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der vielen Wolken ist es w\u00e4rmer und sonniger geworden. Hunderte von M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngern sitzen auf den B\u00e4nken auf der <em>Plaza Grande<\/em>. Ich setze mich dazu. Hier ist Platz f\u00fcr viele, weil es au\u00dfer dem zentralen F\u00fcnfeck weitere F\u00fcnfecks gibt, die sich darum gruppieren, jedes mit seinem eigenen Springbrunnen, eigenen B\u00e4umen \u2013 meist Palmen und Araukarien \u2013 und seinen eigenen Sitzb\u00e4nken. Gef\u00e4llt mir gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst jetzt f\u00e4llt mir auf, dass der <em>Palacio Municipal<\/em> ein Neubau ist. Spricht f\u00fcr die Planer, dass er mit seinem Aussehen hier nicht aus der Reihe f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause gibt es hei\u00dfen Tee in rauen Mengen und ein paar Snacks. Die Wohnung zieht einen weiteren Trumpf aus der Tasche: Die Waschmaschine ist bedienungsfreundlich und verrichtet ihre Arbeit bestens und beinahe lautlos. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>28. November (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heizungen gibt es in Ecuador nicht. Daf\u00fcr aber dicke Wolldecken auf den Betten. Die kann man nachts gut gebrauchen. Die Energieversorgung basiert, wie in Kolumbien, weitgehend auf Wasserkraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weintrauben aus dem Mercado Central sind auch gut, k\u00f6nnen aber mit den Erdbeeren nicht mithalten. Komischerweise sind die dunklen Trauben hier viel billiger als die hellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohin mit dem Hausm\u00fcll? Den bringt man nach drau\u00dfen. An den Stra\u00dfenecken stehen M\u00fcllbeh\u00e4lter mit einer Klappe. Die \u00f6ffnet man und wirft den M\u00fcll in ein unterirdisches Lager. Es wird getrennt nach organisch und Restm\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziemlich gutes Wetter heute. Am Vormittag geht das Thermometer auf 18\u00b0, aber f\u00fcr den Nachmittag ist Regen angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt die \u00fcbliche Suche nach dem Museum, dem <em>Alberto Mena Caama\u00f1o<\/em>. Es stellt sich heraus, dass die Adresse auf der Website des Museums falsch ist. Ich laufe die <em>Espejo<\/em> rauf und runter. Vergeblich. In der Touristeninformation gibt es ein Missverst\u00e4ndnis, weil sie sagen, dass sei das Wachsmuseum, ich aber in ein historisches Museum will. Jedenfalls sei das <em>Alberto Mena Caama\u00f1o<\/em> gleich hier, am anderen Ende der Plaza Grande.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe hin, und es stellt sich heraus, dass es ein historisches Museum mit einigen mit Wachsfiguren nachgestellten Szenen ist. Alles in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um die Epoche der Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfe in Ecuador. Im Detail ist das f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden schwer zu verstehen, zu viele Namen, Daten, Ereignisse, Prozesse. Aber man kann doch einiges mitnehmen:<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Prozess setzte im 18. Jahrhundert ein, einmal durch eine gro\u00dfe Zahl von Vulkanausbr\u00fcchen, durch mehrere Epidemien, darunter Ziegenpeter, bedingt, und durch den Niedergang der Textilindustrie durch die Einfuhr von Textilien aus Spanien. Damit war eine materielle Basis geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kam eine geistesgeschichtliche Komponente, die Aufkl\u00e4rung sowohl in Europa als auch hier in Amerika. Das wissenschaftliche Interesse an Amerika wuchs, hier sind zwei B\u00fccher ausgestellt, eins von einem Franzosen, eins von einem Spanier verfasst \u2013 beide noch vor Humboldt \u2013 die S\u00fcdamerika bereisten und es wissenschaftlich unter die Lupe nahmen. Einer der beiden trug wesentlich dazu bei, dass der \u00c4quator genau vermessen wurde. Es gab auch eine gro\u00dfe Reihe anderer wissenschaftlicher Publikationen, alle hier ausgestellt, zur Mathematik, zur Medizin, zur Theologie. Als Wachsfiguren sieht man M\u00e4nner im Studierzimmer und in einer t\u00e4uschend echt aussehenden Bibliothek.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommen politische Entscheidungen. Die Ausweisung der Jesuiten durch die Spanier \u2013 man sieht einen Jesuiten gesenkten Hauptes das Land verlassen \u2013 war keine kluge Entscheidung. Die Jesuiten, die viel geleistet hatten, hinterlie\u00dfen ein Machtvakuum, das von anderen, auch weltlichen Kr\u00e4ften, gef\u00fcllt wurde. Genau hier in dem Museum waren die R\u00e4ume der ersten Universit\u00e4t des Landes (das damals noch keins war). Die Jesuiten publizierten au\u00dferdem in Europa reichlich \u00fcber die amerikanischen Kulturen und lie\u00dfen das Verst\u00e4ndnis und die Achtung davor wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Spanier\u201c waren keineswegs eine homogene Gruppe, weder hier noch dort. In Spanien gab es fortschrittliche Gruppen, die in Amerika grundlegende Reformen durchf\u00fchren wollten. Viele von denen blieben aber im Versuch stecken, weil die konservative Opposition nicht mitspielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zahlreichen Aufst\u00e4nde der Indios hatten nicht die Unabh\u00e4ngigkeit zum Ziel, \u00fcberhaupt nicht, denen war es vermutlich ganz gleich, in welchem politischen System sie sich bewegten. Sie wollten ganz einfach eine bessere Behandlung und weniger Abgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Spanien bildeten sich, nach der Absetzung Fernandos durch Napoleon und die Einsetzung seines Bruders als K\u00f6nig Komitees, Juntas Provinciales, die sich vornahmen, das Land im Sinne der spanischen Monarchie zu kontrollieren. Nach diesem Vorbild formierten sich hier \u00e4hnlich Komitees, die die Eigenverantwortung zum Ziel hatten. Also hatte Napoleon auch einen Anteil an der Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum wird eine Gruppe von Sch\u00fclern von einem engagierten Mann herumgef\u00fchrt, der Fragen stellt wie \u201eGab es Ecuador schon immer?\u201c, \u201eIn welchem Land leben wir heute?\u201c, \u201eHie\u00df Ecuador schon immer Ecuador?\u201c. Gute Herangehensweise, so wird das Feld abgesteckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich ist erst einmal von Ecuador \u00fcberhaupt nicht die Rede, sondern von der <em>Real Audiencia de Quito<\/em>. Die gab es schon zur kolonialen Zeit. Nachdem die ersten vorsichtigen Versuche, die Unabh\u00e4ngigkeit zu erreichen, gescheitert waren \u2013 meist durch Uneinigkeit, nicht alle wollten die Unabh\u00e4ngigkeit und nicht alle wollten dieselbe Form von Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 erreichte die <em>Real<\/em> <em>Audiencia de Quito<\/em> 1821 die Unabh\u00e4ngigkeit, schloss sich aber Bol\u00edvars <em>Gran Colombia<\/em> an. Davon spaltete es sich 1830 ab und wurde zu einem eigenen Staat. Allerdings geh\u00f6rten anfangs nur Quito, Guayaquil und Cuenca dazu. Die anderen Territorien \u2013 K\u00fcste und Urwald \u2013 traten erst sp\u00e4ter hinzu. Ab wann und warum es den Namen Ecuador gab \u2013 daf\u00fcr kann ich hier keine Erkl\u00e4rung finden. Daf\u00fcr finde ich heraus, dass Espejo, der Name der Stra\u00dfe, sich auf Eugenio Espejo bezieht und nicht auf einen Spiegel. Eugenio Espejo war offenbar ein wichtiger Mann in der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sprachliche Kuriosit\u00e4t gibt es noch auf einem Bild zu entdecken, das auf dramatische Weise einen Vulkanausbruch des 18. Jahrhunderts darstellt. In der Beschreibung des Bildes hei\u00dft es, orthographisch abweichend <em>cuebas<\/em>, <em>bolc\u00e1n<\/em>, <em>ca\u00f1aberales<\/em>, <em>abenida<\/em>, <em>lleb\u00f3<\/em>. Kein einziges v. Wenn sich diese Rechtschreibung durchgesetzt h\u00e4tte, w\u00e4ren den Kindern in den spanischsprechenden L\u00e4ndern viele Kopfschmerzen erspart geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum sehe ich mich auf der <em>Plaza Grande<\/em> nach einem Caf\u00e9 um, aber hier gibt es keins. Daf\u00fcr viele Schuhputzer, vor den Parkb\u00e4nken und unter den Arkaden. Die haben hier viel zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einem Caf\u00e9 komme ich an San Agust\u00edn vorbei. Ich gehe rein. Am Hauptaltar und an allen Seitenalt\u00e4ren barocke Goldpracht. Als Gegenprogramm dazu die wundersch\u00f6ne Ausmalung des Mittelschiffs: Pfeiler, B\u00f6gen, Wangen, Kappen, Rippen \u2013 alles feinstens ausgemalt mit Girlanden, B\u00e4ndern, Beeren, Bl\u00e4ttern, in Pastellfarben: Gr\u00fcn, Blau, Gelb.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man als Laie nicht sieht: Es handelt sich um ein falsches Gew\u00f6lbe. Das urspr\u00fcngliche wurde (wohl noch vor seiner Vollendung) bei einem Erdbeben zerst\u00f6rt, und beim Wiederaufbau r\u00fcstete man die flache Decke, mit Holz, Schilf und Stuck, mit einem falschen Gew\u00f6lbe aus.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Theke des Caf\u00e9s, in dem ich am Ende lande, finde ich, ohne zu suchen, die Antwort auf eine Frage, die ich mir dieser Tage beim Fr\u00fchst\u00fcck gestellt habe, als mir ein Saft serviert wurde. Das sei <em>frutilla<\/em>, sagte die Kellnerin. Keine Ahnung, was das ist. Jetzt sehe ich das Wort \u00fcber einem T\u00f6rtchen hier an der Theke. Es sind Erdbeeren \u2013 <em>fresas<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Nachmittag aus dem Haus gehe, fallen die ersten Tropfen. Es dauert keine zwei Minuten, und es sch\u00fcttet wie aus Eimern. Alles rennet, rettet, fl\u00fcchtet. Ich schaffe es bis zum Theaterplatz und tue dann das, was alle tun: Ich stelle mich unter. Und beobachte fasziniert, wie der Regen auf das Pflaster prasselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich Zeit, mir das Theater gegen\u00fcber anzusehen, ganz im Stil der griechischen Klassik, oben mit einer s\u00e4ulenbestandenen Loggia im Mittelrisalit, unten mit Arkaden, im Giebelfeld ein Relief, deren Figuren von hier aus nicht zu erkennen sind. Auf dem Dach strecken zwei L\u00f6wen zu beiden Seiten ihren Schwanz in die H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand r\u00fchrt sich vom Fleck. Hinten scheint es aufzuklaren, aber das t\u00e4uscht, nachdem es f\u00fcr einen Moment so schien, als w\u00fcrde es aufh\u00f6ren, erneuert der Regen seine Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz sitzt vor uns auf einer Bank v\u00f6llig unger\u00fchrt ein Mann mitten im Regen. Es ist eine Skulptur. Ein origineller Anblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Donner beginnt zu grollen, aber man sieht keine Blitze. Der Donner kommt n\u00e4her und n\u00e4her, und ich versinke in Gedanken und stehe ganz selbstverloren in der Gegend herum. So vergeht die Zeit besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Donner entfernt sich allm\u00e4hlich, und dann ist es so, dass man es unter dem Schirm riskieren kann, weiterzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ziel ist die Ecov\u00eda, ein weiteres Transportmittel Quitos. Als am Morgen Alexandra sagte, sie sei verhindert und ob ich nicht am Nachmittag nach Cumbay\u00e1 kommen k\u00f6nne, habe ich zugesagt, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ein uniformierter Mann an einer Haltestelle hatte mir gesagt, nein, nicht die Metro, nicht der Trolleybus, die Ecov\u00eda sei es, die ich nehmen m\u00fcsse, um nach Cumbay\u00e1 zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zu der Haltestelle durch. Die ist eher ein Bahnhof, an einer gro\u00dfen Kreuzung gelegen. Die Frau am ersten Fahrkartenh\u00e4uschen schickt mich weiter, die am zweiten auch, die am dritten auch, und dann bin ich richtig. \u201eR\u00edo Coca\u201c, sagt sie ganz nebenbei. Das hei\u00dft, ich kann von hier aus gar nicht nach Cumbay\u00e1 kommen. Doch, schon, aber erst m\u00fcsse ich nach R\u00edo Coca und dort umsteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ecov\u00eda, auch ein Bus, hat ihre eigene Spur und erh\u00f6ht liegende Bahnsteige, an denen der Bus ganz genau dort seine T\u00fcren \u00f6ffnet, wo auf dem Bahnsteig L\u00fccken in der Glasfront sind. Wie in einigen U-Bahnen. Das ist gut gedacht. Allerdings gibt es beim Einsteigen und Aussteigen ein wahnsinniges Gedr\u00e4nge, niemand kommt auf die Idee, jemandem den Vortritt zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist proppenvoll. Sitzpl\u00e4tze gibt es keine, aber als eine Frau mit einem S\u00e4ugling auf dem Arm einsteigt, steht sofort jemand f\u00fcr sie auf. Neben mir steht ein Mann mit einem Tolino in der Hand. Muss ein Ausl\u00e4nder sein, und der Text, den er liest, ist auch auf Englisch. Wie er bei dem ruckartigen Fahren des Busses lesen kann, ist mir ein R\u00e4tsel. Ebenso eine junge Frau, die sich durch die Menge w\u00fchlt und Kekse verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus hat seine eigene Spur und kommt gut voran, nur nicht an den Kreuzungen. Die sind grunds\u00e4tzlich verstopft. Alle, auch Taxifahrer, Lastwagenfahrer und Busfahrer fahren auf die Kreuzung, auch wenn die Ampel l\u00e4ngs rot ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann haben sich zwei verwegene junge Radfahrer auf die Busspur gewagt. Als sie den Bus hinter sich h\u00f6ren, legen sie noch mal voll zu, strampeln sich ab wie verr\u00fcckt, bis sie hinter die Haltestelle gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weibliche Stimme sagt die erste Haltestelle an, schweigt dann aber bis zur Endstation. Die ist R\u00edo Coca.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage, wie ich hier weiterkommen kann und erfahre, dass der n\u00e4chste Bus erst in 40 Minuten f\u00e4hrt. Also nehme ich ein Taxi, ohne zu ahnen, wie weit es noch ist und wie lange wir im Stau stehen werden. Der Taxifahrer flucht und hupt und wechselt st\u00e4ndig die Spur, kommt aber damit keinen Meter weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an einer Felswand vorbeikommen, erkenne ich die Strecke wieder. Wir fahren offensichtlich Richtung Flughafen. Aber vor dem kommt doch noch Cumbay\u00e1 in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steuere das nichtssagende, moderne Caf\u00e9 an, das Alexandra mir genannt hat, und mit 20 Minuten Versp\u00e4tung treffe ich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt nach Cotopaxi und nach Gal\u00e1pagos und will alle m\u00f6glichen Details \u00fcber meine Buchung wissen, die ich nicht kenne. Es stellt sich heraus, dass sie, als junge Frau, in der Tourismusbranche t\u00e4tig, mal ein Jahr in Gal\u00e1pagos gelebt hat. Wundersch\u00f6n, und ich k\u00f6nne mich darauf verlassen, dass es dort sch\u00f6n warm sein werde. Vom Regen sagt sie nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende habe sie es aber nicht mehr ausgehalten dort. Warum nicht? Wegen der Drogen? Was? Drogen? Gal\u00e1pagos? Ja. Einheimische oder Touristen? Beide. Ihre Chefin sei Britin gewesen. Die habe sich st\u00e4ndig gespritzt. Als sie sie beim ersten Mal in Trance gesehen habe, habe sie gefragt, ob ihr nicht wohl sei, ob sie etwas f\u00fcr sie tun k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach ihrer Arbeit als Psychologin. Sie habe im Moment noch Sitzungen mit einzelnen Patienten, habe aber vor, zusammen mit einem Kollegen demn\u00e4chst Workshops anzubieten, f\u00fcr Gruppen. F\u00fcnf komplette Wochenenden. Warum f\u00fcnf? Es gelte, f\u00fcnf Verletzungen zu heile, die seien an verschiedenen Stellen des K\u00f6rpers angedockt. Dabei gebe es eine m\u00e4nnliche und eine weibliche K\u00f6rperh\u00e4lfte. Die Verletzungen m\u00fcsse man durch Bewegungen beseitigen, Kommunikation alleine gen\u00fcge nicht. Ich frage, woher man das denn wisse. Das sei alles \u201ewissenschaftlich nachgewiesen\u201c. Ich frage nach der theoretischen Grundlage. Das sei die allgemein in der Psychologie anerkannte. Sie hat offensichtlich keine Ahnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kehren zu banaleren Themen zur\u00fcck. Nein, Heizungen gebe es in Ecuador nicht, einige wenige h\u00e4tten ein kleines Heiz\u00f6fchen. Und dicke Wolldecken f\u00fcr die Nacht. Hier in Cumbay\u00e1 sei das aber weniger n\u00f6tig als in Quito. Cumbay\u00e1 liegt 400 Meter tiefer als Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir, warum Illac mich am Dienstag nicht zum Flughafen bringen kann: Pico Plata. Je nach der Endziffer des Nummernschildes hat jedes Auto einmal pro Woche zur Hauptverkehrszeit Fahrverbot. Aber nur in Quito, in Cumbay\u00e1 nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Cumbay\u00e1 ist wie eine Stadt innerhalb einer Stadt. Die Leute hier haben keinen Grund, nach Quito zu fahren, es sei denn, zur Arbeit. Man ist auch dabei, ein gro\u00dfes Gesundheitszentrum zu bauen, um noch unabh\u00e4ngiger zu werden. Und man will auch mehr politische Selbst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sie sich als unpolitisch bezeichnet und nichts zu dem Referendum sagt, haut sie ordentlich auf die Kacke, als es um den fr\u00fcheren Pr\u00e4sidenten ging. Der habe sich pers\u00f6nlich bereichert und sich nach der Pr\u00e4sidentschaft ins Ausland abgesetzt. Er habe mit den Narkos gemeinsame Sache gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der Erziehung ihrer S\u00f6hne, das sei eine schwere Aufgabe gewesen. Bis sie 14 waren, sei alles in Ordnung gewesen \u2013 aber dann! Schlaflose N\u00e4chte h\u00e4tten sie ihr bereitet, bis vor wenigen Jahren. Die drei waren in schneller Folge geboren worden, mit weniger als zwei Jahren Abstand voneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie habe am Anfang eine Haushaltshilfe gehabt, mehr Kinderm\u00e4dchen als Putzfrau. Sie habe ihr immer wieder gesagt, sie solle was anderes machen, solle sich weiterbilden, um nicht das ganze Leben dasselbe zu machen. Die Frau hat ihr Folge geleistet, Wirtschaftswissenschaften studiert, ihren Professor geheiratet und hat heute eine interessante berufliche Stellung und ein gutes Auskommen. Ihre Schwestern w\u00fcrden weiter putzen.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam wird es Zeit f\u00fcr den Aufbruch. Zur\u00fcck k\u00f6nne ich den Bus nach R\u00edo Coca nehmen. Der fahre gleich dahinten, an der gro\u00dfen Kreuzung ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tue ich. Es ist ein alter Reisebus mit sehr bequemen Sitzen. Und ich habe das Gl\u00fcck, dass bald ein Sitz frei wird. Dieser Bus hat keine eigene Spur, kommt aber trotzdem gut voran.<\/p>\n\n\n\n<p>In R\u00edo Coca nehme ich dann ein Taxi. Als wir losgefahren sind, sagt der Fahrer, er wisse nicht, ob er es schaffe. Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist. Er meint, bei diesem Verkehr sei kein Durchkommen bis zur Stadtmitte. Er bringe mich nach Labrador. Dort gebe es Trolleybus und Metro. Auch gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass der Taxifahrer auch ein Jahr auf den Gal\u00e1pagos-Inseln gelebt hat, als Bauarbeiter. Er war beim Bau eines Restaurants im Einsatz. Eine Erinnerung f\u00fcr den Rest des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Labrador<\/em> angekommen, nehme ich die Metro. An der Kasse eine lange Schlange, aber die Frau hinter dem Schalter macht das wunderbar schnell und nimmt sich sogar noch die Zeit, jeden mit <em>Buenas noches<\/em> zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beschilderung in der Metro ist genau wie die in Madrid. Vielleicht hat man hier mal bei der <em>Madre Patria<\/em> nachgefragt. Die Z\u00fcge sind auch genauso wie die neuesten in Madrid, durchg\u00e4ngig und mit wenigen Sitzpl\u00e4tzen, aber l\u00e4nger als in Madrid. Hier hat man die Bahnh\u00f6fe gleich l\u00e4nger bauen k\u00f6nnen. So k\u00f6nnen viele Passagiere transportiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stellen, an denen man am Bahnsteig wartet, sind markiert, und man steht dahinter Schlange. Das gew\u00e4hrleistet, dass man sich beim Ein- und Aussteigen nicht in die Quere kommt. Wachleute passen auf, dass man sich an die Regeln h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metro ist voll, aber es gibt kein Gedr\u00e4nge. Beim Aussteigen merke ich, wie tief man die Metrolinien gelegt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs \u00fcberlege ich, ob <em>Cumbay\u00e1<\/em> etwas mit dem <em>Kumbaya<\/em> aus dem Spiritual zu tun hat, damals auch von den Carpenters gesungen. Wenn das eine Amerindisch und das andere Hebr\u00e4isch ist, w\u00e4re das ein verr\u00fcckter Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen erwartet mich eine \u00dcberraschung: Regen. Wieder tropischer Regen wie am Nachmittag. Ich muss mich zur Basilika durchfragen, aber als ich ankomme, bin ich von Kopf bis Fu\u00df durchn\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>29. November (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In der kleinen B\u00e4ckerei bekomme ich zum Kaffee ein Geb\u00e4ck, das <em>guinea<\/em> hei\u00dft und nach Banane schmeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus der B\u00e4ckerei komme, l\u00e4uft ein Taxifahrer auf mich zu, als ob er ahne, dass ich ein Taxi suche. Zum Telef\u00e9rico, bitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat ein nagelneues Taxi, gro\u00df. Andere h\u00e4tten kleinere Wagen, aber er wolle, dass seine Kunden genug Platz h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt, er habe drei Kinder. Von denen ist eins aber noch gar nicht auf der Welt. Das kommt im M\u00e4rz. Seine Tochter ist 8, sein Sohn 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat Verwandte in Frankreich und in Spanien. Und auch seine fr\u00fchere Verlobte lebt in Spanien. Die h\u00e4tte alle keine Kinder. Hunde, aber keine Kinder. Die seien auch nicht mehr die j\u00fcngsten, und es werde langsam Zeit, meint er: \u201eEl arroz se est\u00e1 quemando\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, vor ein paar Jahrzehnten habe es eine gro\u00dfe Auswanderungswelle gegeben. Insgesamt lebten etwa zwei Millionen Ecuadorianer im Ausland. Fr\u00fcher seien die meisten nach&nbsp; Europa ausgewandert, heute die meisten in die USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Tochter macht Karate und m\u00f6chte irgendwann nach Japan, um dort einen G\u00fcrtel zu bekommen. Sie lernt sogar schon Japanisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsch, das sei ja eine verdammt schwere Sprache, meint er. Zusammen mit Chinesisch und Russisch die schwerste, die es gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa w\u00fcrden noch B\u00fccher gelesen, meint er, in S\u00fcdamerika nicht. Er halte seine Tochter auch zum Lesen an. Er selbst sei ein gro\u00dfer Freund von Tolkien. Habe alle die Filme gesehen und sich dann auch die B\u00fccher gekauft. Das sei ja sagenhaft. Da stehe ja viel mehr drin als was man im Film sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fu\u00dfball kennt er sich sehr gut aus. Borussia, ja, Schwarz-Gelb, das sehe richtig gut aus. Und was f\u00fcr Spieler die gehabt h\u00e4tten, Rosicky und Kohler und so. In Ecuador h\u00e4lt er zu Barcelona. Barcelona? Ecuador? Ja, so hei\u00dft der Verein von Guayaquil. Barcelona SC Guayaquil. Von einem Katalanen gegr\u00fcndet. Wie es denn so laufe? Nicht so toll. Lange keinen Titel mehr geholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind wir in einem abgesperrten Waldst\u00fcck angekommen und passieren eine Sperre. Dann erreichen wir die Seilbahn. Die f\u00fchrt auf den Pichincha, den Hausberg Quitos. Sie geht bis zum Aussichtspunkt. Genau genommen auf den <em>Rucu Pichincha<\/em> (\u201aneuer Pichincha\u2018), nicht auf seinen Bruder, den <em>Guagua<\/em> <em>Pichincha<\/em> (\u201aAlter Pichincha\u2018).<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Bodenstation aus fahren wir zuerst durch ein Spalier von B\u00e4umen. Dann kommen sattgr\u00fcne H\u00e4nge, die wie Almwiesen aussehen, begrenzt von B\u00e4umen. Auf der anderen Seite steile H\u00e4nge, an denen B\u00fcsche wachsen, mit dem Kopf nach unten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wege sind, au\u00dfer ganz unten, keine zu sehen. Ich frage mich, wie Humboldt hier zu Fu\u00df heraufgekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten sieht man Quito liegen, teils im Schatten, teils in der Sonne. Man erkennt klar die Grenze zwischen der Innenstadt mit den niedrigen H\u00e4usern und den Vororten mit den Hochh\u00e4usern. Hinten ist die Sicht von Bergen begrenzt, aber an einer Stelle kann man auf ein Tal dahinter sehen. Dort ist der Flughafen, dort ist Cumbay\u00e1.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Chimborazo kann man nicht sehen. Er liegt im Nebel. Oder ist das Smog? Wahrscheinlich beides.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite sieht man die Spur, die eine Schlammlawine hinterlassen hat, die vor eins, zwei Jahren nach heftigem Regen bis in die Innenstadt von Quito vordrang.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Ecuadorianer, der mit seiner Freundin neben mir sitzt, ist schon mal auf den Gipfel gestiegen, mit einem F\u00fchrer. Alleine k\u00f6nne man das nicht. Man w\u00fcrde sich verirren. Die Wege s\u00e4hen alle gleich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil verschwinden wir in den Wolken, und Quito mit uns. Wir sind auf 4.050 Metern H\u00f6he angelangt. Und die Fahrt hat, wie mir sp\u00e4ter ein Wachmann best\u00e4tigt, genau 18 Minuten gedauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben sieht man \u2013 nichts. Ich stelle mich vor ein Schild, auf dem <em>Mirador de los Volcanes<\/em> steht und auf dem die Konturen der Berge eingezeichnet sind. Aber man sieht nur Nebel.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann in verschiedene Richtungen einen kleinen Spaziergang machen. Nach hinten hin liften sich die Wolken und geben f\u00fcr einen Augenblick den Blick auf ein Tal frei. Ansonsten sind die Berge in Wolken geh\u00fcllt, aber da die d\u00fcnn sind, kann man durch den Schleier hindurch immer wieder etwas erkennen. Ein mystisches Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre wieder runter und nehme ein Taxi zur\u00fcck in die Stadt. Das kostet einen Dollar mehr als bei der Hinfahrt, 6 $. Der Fahrer hei\u00dft Klever. Mit Vornamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir fast an der Basilika sind, geht es nicht mehr weiter. Desfiles \u2013 Umz\u00fcge. Heute wird La Fiesta de Quito gefeiert. Was genau der Anlass ist, ist nicht herauszubekommen. Jetzt erinnere ich mich, dass ich heute Morgen an der B\u00e4ckerei schon uniformierte Schulkinder gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg die <em>Caldas<\/em> runter komme ich an dem kleinen Lokal vorbei, wo ich schon zweimal gefr\u00fchst\u00fcckt habe. Jetzt gibt es hier Mittagessen. Ich sitze kaum, schon steht eine Suppe vor mir, eine leckere Gem\u00fcsesuppe, <em>sancocho<\/em>. Es gibt wohl ein festes Menu. Als Hauptspeise gibt es H\u00e4hnchen s\u00fc\u00df-sauer, mit Reis und Gem\u00fcse in einer Mango-So\u00dfe. Lecker. Kostenpunkt: 3.50 $.<\/p>\n\n\n\n<p>begleitet mich in der Dunkelheit noch nach Hause. Am sp\u00e4ten Nachmittag treffe ich mich mit Manuel, Dedes Spanischlehrer. Er ist ein vielbesch\u00e4ftigter Mann und hatte w\u00e4hrend der Woche keine Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis er kommt, habe ich noch Gelegenheit, mir den Umzug anzusehen. In der Innenstadt ist es knallvoll, verschiedene Stra\u00dfen sind abgesperrt, zu beiden Seiten des Umzugs stehen dichtgedr\u00e4ngt Zuschauer, und au\u00dfen an ihnen vorbei rennen Leute, die \u201eihren\u201c Zug weiter verfolgen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Manuel erfahre ich sp\u00e4ter, dass ich lange nach dem 29. November suchen konnte. Der eigentliche <em>D\u00eda de Quito<\/em> ist am 6. Dezember, nur gibt es im Vorfeld eben auch schon alle m\u00f6glichen Festivit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wohl ein Sch\u00fclerumzug heute. Jede Schule, jedes Kolleg, jede Bildungseinrichtung scheint vertreten zu sein. Voran geht jemand mit einem Plakat, dann kommen fahnen-, taschent\u00fccher- und girlandenschwingende uniformierte M\u00e4dchen aller Altersklassen, die sich rhythmisch zur Musik bewegen. Manchmal skandieren sie etwas. Davon verstehe ich immer nur \u201e!Viva Quito!\u201c. Sie tragen winzige Kleidchen und lustige H\u00fctchen, einige auch aufwendigen Kopfschmuck in Indianerart. Verschiedene Altersklassen sind vertreten. Dann kommt die Musik: Trommeln, Pauken, Xylophone. Alles sehr schmissig.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle l\u00e4cheln, scheinen gerne dabei zu sein, stolz darauf zu sein, mitmachen zu d\u00fcrfen. Das ist nat\u00fcrlich besser als Zwang, aber es macht mich auch ein bisschen nachdenklich. Ein weites Feld.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Manuel und rei\u00dft mich aus meinen Gedanken. Er hat mich schon vorher gesehen, begr\u00fc\u00dft mich sehr freundlich und gibt mir erst einmal Verhaltensregeln f\u00fcr unseren Marsch durch die Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00fchrt mich auf die Terrasse eines Lokals, von dem aus man einen guten Blick auf Quito hat, in verschiedenen Richtungen. Er zeigt mir, wo er die ersten neun Jahre seines Lebens verbracht hat, zusammen mit seinen zahlreichen Geschwistern, in einer Wohnung, die der Schulleiter dem Vater zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Manuel hat nur gute Erinnerungen an seine Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Quito ist er begeistert. Es habe die gr\u00f6\u00dfte und besterhaltene Innenstadt von ganz S\u00fcdamerika.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Begeistert ist er auch von der Metro. Die habe die Innenstadt wieder attraktiver gemacht. Er pers\u00f6nlich geh\u00f6rt zu den ganz gro\u00dfen Nutznie\u00dfern, da er im S\u00fcden arbeitet und im Norden wohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht in h\u00f6chsten T\u00f6nen von dem Pr\u00e4sidenten, unter dessen \u00c4gide die Metro entstanden sei. Das ist der, von dem Alexandra so schlecht gesprochen hat, der habe sich nach seiner Pr\u00e4sidentschaft mit Millionen von Dollar ins Ausland abgesetzt. Manuel sagt, das seien alles b\u00f6sartige Erfindungen seiner politischen Gegner. Er habe eine belgische Frau und sei mit ihr nach Belgien gezogen. Dagegen bekommen die drei anderen Pr\u00e4sidenten der letzten Jahrzehnte ihr Fett weg. Alle korrupt, denken nicht an das Volk, nur an sich und ihre Verwandtschaft. Staatsanwalt wurden nicht die mit den besten Noten, sondern die mit den besten Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fliehen vor der K\u00e4lte auf der Dachterrasse nach unten und bestellen etwas zu essen. Er empfiehlt mir eine Suppe, <em>locro de papas<\/em>, eine typische Speise in Quito, eine Kartoffelsuppe mit K\u00e4se und Auberginen. Er nimmt ein Rindersteak.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt von der Schule, an der er Spanisch f\u00fcr Ausl\u00e4nder unterrichtet. Sie kommen so gerade zurecht, haben aber w\u00e4hrend der Pandemie und 2024 eine echte Talsohle durchschritten. Dieses Jahr sei viel besser. Die Sch\u00fcler kamen vorwiegend aus der Schweiz, den USA und Deutschland, aber sie h\u00e4tten auch Sch\u00fcler aus Japan und Korea. In der Schule werden au\u00dfer dem Sprachunterricht Kochkurse und Tanzkurse angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er unterrichtet nur vormittags an der Schule. Nachmittags unterrichtet er online auf eigene Kosten. Das mache ihm gro\u00dfen Spa\u00df. Das Sprachniveau seiner Sch\u00fclerinnen sei sehr hoch, man k\u00f6nne sich mit ihnen \u00fcber alles unterhalten, es sei eher ein Austausch als Unterricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich war er Grundschullehrer. Er hat dabei sowohl sehr reiche als auch sehr arme Sch\u00fcler unterrichtet und habe dabei gelernt, mit den armen Sch\u00fclern r\u00fccksichtsvoll umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die Frau auf seinem Profilphoto sei nicht seine Ehefrau, sagt er. Das vermuteten die meisten. Es ist eine ber\u00fchmte mexikanische T\u00e4nzerin, mit der er einmal das Vergn\u00fcgen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Tanzen ist eine seiner Leidenschaften. Im Anschluss an unser Treffen geht er noch zu einem Tanzabend. Mit Vorliebe tanzt er Bachata und Salsa. Tanzen \u2013 damit habe man bei Frauen gute Chancen. Ich solle das auch mal probieren, r\u00e4t er mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine zweite Leidenschaft sind seine Hunde, Stra\u00dfenk\u00f6ter, die er irgendwo aufgelesen hat. Sie sehen sich sehr \u00e4hnlich, haben aber nichts miteinander zu tun, obwohl die meisten sie f\u00fcr Br\u00fcder halten. N\u00e4chste Woche habe er frei, und dann werde er Stunden mit seinen Hunden verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir aufbrechen, ist der Umzug immer noch im Gange. Wir nehmen ein Taxi, aber nach ein paar Metern gibt der Taxifahrer auf. Kein Durchkommen. Wir gehen zu Fu\u00df. Unterwegs kann ich noch ein Photo der erleuchteten Basilika schie\u00dfen. Manuel bekommt an der Plaza San Blas ein Taxi und macht sich auf den Weg zu seinem Tanzabend.<\/p>\n\n\n\n<p>30. November (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erst gerade hell geworden, da steht Illac schon vor der T\u00fcre. Er hat auf meine Anfrage sofort reagiert. Kein Problem, Tagesausflug, auch am Sonntag machbar. Nicht umsonst zu haben, aber es lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hab mich f\u00fcr die n\u00f6rdliche Route entschieden. Er scheint das auch f\u00fcr die richtige Entscheidung zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir aus Quito rausfahren, fragt er nach meinen bisherigen Unternehmungen. Und hat noch das eine oder andere beizutragen. Die Skulptur, die ich auf dem Theaterplatz beim Regen photographiert habe, stellt einen bekannten ecuadorianischen Komiker dar, Ernesto Alb\u00e1n. Er hat eine Figur kreiert, Don Evaristo, f\u00fcr die er im ganzen Land bekannt ist. Der steht stellvertretend f\u00fcr den <em>Chullita quite\u00f1a<\/em>, einen Bohemien, der mehr Reichtum vorgibt als er tats\u00e4chlich hat. Damit verbunden ist auch ein Lied, ein Stra\u00dfenfeger, ein Passacaille, der zu so etwas wie der inoffiziellen Hymne von Quito geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Cotopaxi erz\u00e4hlt er, dass der zum letzten Mal 1877 ausgebrochen ist, mit verheerenden Konsequenzen f\u00fcr die gesamte Umgebung. 1757 hatte es schon einmal einen Ausbruch gegeben, bei dem der gesamte Ort Latacunga versch\u00fcttet wurde. In den letzten Jahren hat es mehrmals Ersch\u00fctterungen gegeben, aber keinen weiteren Ausbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Erde, unter einem H\u00fcgel, schlummert aber eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr, der Chalupa, ein Vulkan von einer Ausdehnung von 22 Kilometern. Wenn der eines Tages ausbricht, k\u00f6nnte ganz Quito zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nationalpark des Cotopaxi gibt es seit einigen Jahren ein Jagdverbot, so dass sich die Tierwelt gut erholt hat. Das gilt vor allem f\u00fcr den Brillenb\u00e4r (der hei\u00dft im Spanischen tats\u00e4chlich <em>oso anteojos<\/em>), einem in S\u00fcdamerika einheimischen B\u00e4ren, dem kleinsten seiner Art. Er ern\u00e4hrt sich in erster Linie vegetarisch: Wurzeln, Bl\u00e4tter, Mais, Bromelien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so gut geht es dem Condor, denn der wird trotz des Verbots gejagt. Es soll nur noch 150 Exemplare geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren Richtung Ibarra, auf einer Stra\u00dfe, die zur kolumbianischen Grenze f\u00fchrt. Ich h\u00e4tte gut daran getan, mit dem Flugzeug nach Quito zu kommen. Die gesamte Gegend, vor allem die Strecke von Pasto nach Tulc\u00e1n, sei hochgef\u00e4hrlich. Einer der Pr\u00e4sidenten Ecuadors hat drei der n\u00f6rdlichen Provinzen entmilitarisiert, und das ganze Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Ecuador ist zum Spielfeld f\u00fcr die Drogenbanden geworden, die sich gegenseitig bek\u00e4mpfen. Das Kokain wird in Kolumbien produziert, auch von den Drogenbanden, und nach Ecuador exportiert, f\u00fcr den einheimischen Gebrauch und als Schmuggelware f\u00fcr die USA. Bei der Produktion werden die Coca-Bl\u00e4tter zerstampft und dann mit allen m\u00f6glichen Chemikalien, darunter Benzin, vermischt. F\u00fcr ein Kilo kann man 1.000 $ und mehr kassieren. Polizei, Milit\u00e4r und Zoll sind mit von der Partie. Wenn irgendwo, rechnet Illac vor, 100 Kilo geschmuggelt werden, werden 40 Kilo konfisziert und vernichtet (um den Schein zu wahren), der Rest wird geteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt an einer Tankstelle. Hier wird man bedient, wie das hier so \u00fcblich ist. Das Benzin kostet 2,83 $. Pro Gallone! Das d\u00fcrften etwa 50 Cent pro Liter sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ecuador hat selbst Erd\u00f6l, im Amazonasgebiet. <em>En Oriente<\/em>, wie Illac sagt.&nbsp; Sie haben allerdings durch die Zusammenarbeit mit Chavez und Venezuela ein ganz schlechtes Gesch\u00e4ft gemacht, Verluste von Hunderten von Millionen. Wie das genau passiert ist, verstehe ich allerdings nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Illac hat selbst eine Zeitlang dort gelebt, <em>en Oriente<\/em>. Hat dabei die Avancen eines 15-j\u00e4hrigen M\u00e4dchens erfahren, das in ihren Bem\u00fchungen von seinem Vater best\u00e4rkt wurde. Das M\u00e4dchen k\u00f6nne alles, einen Haushalt f\u00fchren, einen Mann unterst\u00fctzen und ihm zu Dienste sein. Die M\u00e4dchen <em>en Oriente<\/em>, meint Illac, seien fr\u00fchreif, in jeder Beziehung, anders als die der Sierra. Die Verwandtschaft des M\u00e4dchens habe allerdings beklagt, dass er so komisch spreche, nicht wie sie. Er macht den Singsang der Bewohner des Oriente nach. Die Sprachmelodie ist tats\u00e4chlich ganz eigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind inzwischen auf einer perfekt ausgebauten, mautpflichtigen Stra\u00dfe angelangt, die sich in weiten Kurven durch die wunderbare, nebelverh\u00fcllte Berglandschaft windet.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier k\u00e4mpfen sich tats\u00e4chlich Radfahrer den Berg rauf, Radsportler, darunter auch eine nicht ganz schlanke Frau, die sich mit bewundernswerter Ausdauer diese Qual auf sich nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit von hier ist Perucho, von dem mir auch Edgar berichtet hat, einem Ort in der Provinz Pichincha, der zum Lieblingsort der Einwanderer aus Europa und den USA geworden ist. Illac scheint davon genauso angetan zu sein wie Edgar. Dort k\u00f6nne man Deutsch auf der Stra\u00dfe h\u00f6ren. Die Gegend ist sehr fruchtbar, besonders f\u00fcr Guaven und Chirimoya bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt an einem Aussichtspunkt, dem Mirador del Pisque. Man hat einen wundersch\u00f6nen Blick auf die Berge und ins Tal. Es ist erstaunlich warm hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Wolken und dem Nebel kaum zu erkennen: der schneebedeckte Cayambe, ein weiterer Vulkan. Bei der Weiterfahrt tritt er dann ganz deutlich aus seiner Umgebung hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die blasse Sonne am Himmel sieht hier dem Mond zum Verwechseln \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben wachsen Agaven und Kaktusse. An einer Art Kaktus ern\u00e4hren sich Schildl\u00e4use, <em>cochinillas<\/em>, aus denen seit Jahrhunderten, auch von den Indios hier, der intensiv rote Farbstoff gewonnen wird. Waren von gro\u00dfer wirtschaftlicher Bedeutung bis zur k\u00fcnstlichen Herstellung von Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren von der gro\u00dfen Stra\u00dfe ab auf eine einsame Landstra\u00dfe. Pl\u00f6tzlich geht es nicht mehr weiter. Zwei Indiofrauen haben ein Seil quer \u00fcber die Stra\u00dfe gespannt: <em>La Minga<\/em>. Sie bitten um eine kleine Hilfe, una contribuci\u00f3n. Die bekommen sie. Und sie haben sie sich wirklich verdient. Eine ganze Gruppe von ihnen, mit Spaten, Hacken, Macheten, Schubkarre und Besen bewaffnet, s\u00e4ubern den Stra\u00dfenrand, schieben Steine an die Seite, begradigen die Erdbegrenzung, beschneiden den Wildwuchs. Sie \u00fcbernehmen freiwillig die Arbeit, die eigentlich von staatlichen Stellen geleistet werden m\u00fcsste und verdienen sich so ein paar Dollar dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann biegen wir auf einen Feldweg ab. Sind wir richtig hier? Ja, meint Illac, er folge dem GPS. Sch\u00f6n riechende wilde Pflanzen zu beiden Seiten, in der Mitte kniehohes Gras. Dann stehen wir pl\u00f6tzlich vor einem Acker. Es geht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe fragt Illac lieber einen Mann am Wegesrand, statt sich auf das GPS zu verlassen, und wir kommen in die richtige Richtung, zum Arch\u00e4ologischen Park von Cochasqu\u00ed, ganz einsam gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Illac das Auto parkt, besorge ich schon einmal die Eintrittskarten. Daf\u00fcr muss man seinen Personalausweis vorlegen und eine Mailadresse angeben. An die wird dann die Quittung geschickt: 4 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier drau\u00dfen gibt es auch ein WC. Ein \u00e4lterer Mann schleicht schon einige Zeit hinter mir her und zeigt mir dann, wo das WC ist. Das koste aber 50 Cent. Er bekommt einen Dollar und wendet sich zufrieden ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he des Eingangs bereitet eine Frau in einem breiten Kessel ein Getr\u00e4nk vor, <em>marocho<\/em>, wie Illac mir erkl\u00e4rt. Aus Milch, Mais, Zimt und Nelke. Ist aber noch nicht fertig. Nach der Besichtigung probieren wir es dann. Schmeckt gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Wartezeit stellt sich die F\u00fchrerin ein, eine junge, kleine, rundliche Frau, die ihre Sache sehr gut macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Cochasqu\u00ed ist das Zentrum einer pr\u00e4inkaischen Kultur, den Caranqu\u00ed, die zwischen 500 und 1500 dieses Gebiet bewohnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das typischste Merkmal der Siedlungen der Caraqu\u00ed sind die sog. <em>tolas<\/em>, gr\u00fcne Erdh\u00fcgel, die ein Teil der Natur zu sein scheinen, unter denen sich aber Pyramiden verbergen, insgesamt 16. Das erinnert mich an die pr\u00e4historischen H\u00fcgelgr\u00e4ber im entfernten Irland, aber hier waren die&nbsp; Pyramiden wohl keine Gr\u00e4ber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zuerst ins Museum und dann auf die weitl\u00e4ufige Ausgrabungsst\u00e4tte. Wir sind ganz alleine hier zu dritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum gibt es die \u00e4ltesten Funde zu sehen, Speerspitzen aus der Eisenzeit, aus verschiedenen Materialien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Keramik, eher rustikal in der verschiedenen Phasen. In einer Vitrine sind zwei Gef\u00e4\u00dfe ausgestellt, die sich von den anderen unterscheiden. Eins ist bemalt mit Linien und Kreisen, das andere ist ganz d\u00fcnn. Bei beiden handelt es sich um Importware.<\/p>\n\n\n\n<p>In der zweiten Phase stehen die Gef\u00e4\u00dfe dann auf drei F\u00fc\u00dfen, eine Weiterentwicklung, die wohl beim Kochen von Vorteil war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fragt uns die F\u00fchrerin bei einem weiteren Gef\u00e4\u00df, ob uns da was auffalle. Das hat Henkel. Und das ist ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr, dass es sich um Inka-Ware handelt. Die Caraqu\u00ed hatten das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu einem Skelett. Echt oder unecht? Illac ist f\u00fcr echt, ich bin f\u00fcr unecht. Warum? Weil selten so ein fast vollst\u00e4ndiges Skelett erhalten ist. Illac hat recht. Es ist echt. Woran kann man das erkennen? An den por\u00f6sen Knochen. Und woran kann man erkennen, dass es sich um eine Frau handelte? Am Becken und an den Backenknochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Skelett stammt aus einem Grab, und daneben hat man Grabbeigaben gefunden f\u00fcr das Weiterleben nach dem Tod. Der F\u00fchrerin zufolge ist das ein Beweis f\u00fcr die zyklische Lebensauffassung der Caraqu\u00ed, im Gegensatz zu unserer linearen, aber da k\u00f6nnte man nat\u00fcrlich einwenden, dass auch die \u00c4gypter, Griechen und R\u00f6mer Grabbeigaben kannten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen Musikinstrumente, sch\u00f6ne, anthropomorphe Figuren, die allerdings nur einen Ton produzieren konnten. Die sp\u00e4teren Musikinstrumente sind viel weniger aufw\u00e4ndig gestaltet, haben aber mehrere L\u00f6cher und k\u00f6nnen eine Vielzahl von T\u00f6nen produzieren, wie bei einer Blockfl\u00f6te.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurios sind einige Musikinstrumente, die das Aussehen eines Tiers haben. Sie imitieren genau die \u201eStimmen\u201c der Tiere, die sich darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem Modell einer Pyramide. Es handelt sich um eine Stufenpyramide. Sie ist erbaut aus einem Material, das irgendwo zwischen Stein und Lehm angesiedelt ist. Und deshalb nicht sehr best\u00e4ndig. Aus dem Grunde haben die Caraqu\u00ed die Pyramiden mit Gras bedeckt. Das war allerdings gar nicht so einfach, weil auf diesem Material nichts, \u00fcberhaupt nichts w\u00e4chst. Deshalb wurde erst eine Erdschicht aufgetragen, und die dann bepflanzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen das Museum und gehen auf das Ausgrabungsgel\u00e4nde hinaus. Dort geht es erst um eine Reihe von Dingen, die mit den Cataqu\u00ed nichts zu tun haben, aber hochinteressant sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem ganzen Ausgrabungsgel\u00e4nde nisten Uhus, ungew\u00f6hnlicherweise auf der Erde, in den Grash\u00fcgeln. Die F\u00fchrerin wei\u00df genau, wo welche sitzen, aber die Biester haben so eine gute Tarnung, dass ich das erste Paar nicht sehe. Sp\u00e4ter gelingt es aber dann doch. Einer macht es mir leicht, indem er auffliegt. Ich bin \u00fcberrascht, wie klein die Uhus sind. Sie sind Tag- und Nachtj\u00e4ger, auch das eher ungew\u00f6hnlich, und die Weibchen sind gr\u00f6\u00dfer als die M\u00e4nnchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Tieren zu den Pflanzen. Wir sehen Blumen mit winzigen wei\u00dfen Bl\u00fctenbl\u00e4ttern. Die bedecken ganze Bereiche des Ausgrabungsgel\u00e4ndes. Sie sehen alle gleich aus, aber die F\u00fchrerin quetscht eine Bl\u00fcte aus und holt eine Frucht heraus, winzig klein. Die wird sowohl f\u00fcr Heilzwecke als auch f\u00fcr kulinarische Zwecke genutzt. Aber nur die eine Art hat diese Fr\u00fcchte, die andere nicht, obwohl sie genauso aussieht. Und es gibt noch eine Besonderheit: Die meisten Bl\u00fcten haben vier Bl\u00fctenbl\u00e4tter, aber ganz vereinzelt gibt es auch welche mit f\u00fcnf Bl\u00fctenbl\u00e4ttern. Die sind wie das vierbl\u00e4ttrige Kleeblatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir weitergehen, sagt Illac pl\u00f6tzlich: Pssst, h\u00f6rt mal! Ich h\u00f6re erst gar nicht, dann doch, dann immer deutlicher. Eine Art Surren. Was ist das? Das sind die K\u00e4fer. Die kommunizieren miteinander. Aber man sieht sie doch gar nicht. Nein, sie sind unter der Erde. Tats\u00e4chlich sieht man in der Wiese alle Nase lang einen kleinen Erdh\u00fcgel, wie ein winziger Maulwurfh\u00fcgel. Das sind die Eing\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, es gebe ganz verschiedene Arten von K\u00e4fern hier. Einige davon werden auch gegessen. Gebraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wenden uns wieder den Caraqu\u00ed zu. Vor uns ein offener H\u00fcgel, eine zerst\u00f6rte Pyramide. Da waren Grabr\u00e4uber am Werk. Die machten sich mit den Eigent\u00fcmer des Gel\u00e4ndes, das in Privatbesitz war, einig und suchten die Pyramide nach Sch\u00e4tzen ab, vermutlich nach Gold. Immerhin mussten sie also wissen, was sich unter den Erdh\u00fcgeln befand. Ob sie f\u00fcndig geworden sind, wei\u00df man nicht. Wahrscheinlich nicht, sonst h\u00e4tten sie die anderen Pyramiden auch in Angriff genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst dann traten die Arch\u00e4ologen auf den Plan, ausgerechnet deutsche Arch\u00e4ologen, darunter Max Uhle, dem ich bei der Lekt\u00fcre vor der Reise schon mal begegnet bin. Er fand Tunnel innerhalb der Pyramiden, und darin \u00fcber 500 Sch\u00e4del. Was sie zu bedeuten haben, wei\u00df man nicht, aber Illac und die F\u00fchrerin favorisieren die These, dass es die Sch\u00e4del von besiegten Kriegsgegnern sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war \u00fcberhaupt die Funktion der Pyramiden? Illac m\u00f6chte sie gerne als astronomische Beobachtungsstationen sehen. Diese These vertritt auch ein russischer Arch\u00e4ologe, Jurewitsch. Aber es fehlt bisher, wie die F\u00fchrerin sagt, an Belegen daf\u00fcr. Was daf\u00fcr spricht ist die erh\u00f6hte Lage und der im Juli und August wunderbar klare Sternenhimmel, an dem tats\u00e4chlich heute astronomische Beobachtungen vorgenommen werden. Die F\u00fchrerin sagt, das sei ein richtig bewegender Anblick, wenn man hier zu der Zeit in den pechschwarzen Nachthimmel sieht und die Sterne beobachten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen zu einer Pyramide hinauf, die teils freigelegt worden ist. Das Material muss aus einer Entfernung von zwei Kilometern herangeschleppt worden sein, einzig mit Muskelkraft. Pferde und Esel gab es nicht, und das Rad war wohl auch nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jeweils n\u00e4chste Stufe wurde erbaut, indem man die&nbsp; Steine \u00fcber eine Rampe nach oben schleppte und dann auf die n\u00e4chst unteres Stufe aufsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen noch in die h\u00f6chste \u201eEtage\u201c der Pyramide hinein. Hier gibt es G\u00e4nge und L\u00f6cher im Boden und kreisf\u00f6rmige Anlagen, die alle noch der genauen Interpretation bed\u00fcrfen. Auf jeden Fall geht man heute davon aus, dass hier oben nur die Kaziken und ihre Sippen wohnten und dass das Volk unten um die Pyramide herum angesiedelt war. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch ein ganzes St\u00fcck zu gehen bis zum Ausgang, und die F\u00fchrerin fragt mich, ob alles in Ordnung sei. Sie muss wohl mein Keuchen geh\u00f6rt haben. Ist es vielleicht die H\u00f6henluft? Wer wei\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verabschieden uns mit einem herzlichen Dankesch\u00f6n, trinken den inzwischen fertig gewordenen <em>morocho<\/em> und machen uns auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes kommen wir nach Cayambe, einer gro\u00dfen, lebendigen Stadt. Hier ist es richtig warm, und die Sonne so kr\u00e4ftig, dass man Sonnencreme gebrauchen k\u00f6nnte. Ich habe stattdessen einen Schirm dabei. Es gab eine ganze Reihe von Siedlungen, die zu dem Machtbereich eines Kaziken, eines Kazikenherrschaft, geh\u00f6rten. Sie waren alle miteinander verbunden, wenn auch nicht unbedingt verb\u00fcndet. Das \u00e4ndert sich aber angesichts der Bedrohung durch die Inka, denen sie lange Widerstand leisteten. Denen sie sich aber am Ende beugen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Cayambe ist bekannt f\u00fcr sein Geb\u00e4ck, die <em>bizcochos<\/em>. Gibt es hier \u00fcberall, aber alle sind Nachahmer des Originals, und nur das z\u00e4hlt, die <em>Bizcochos San Pedro<\/em> von Padre Rafael, einem Priester, der vor 35 Jahren zusammen mit seiner Mutter ganz klein angefangen hat. Jetzt ist er im ganzen Land bekannt. Davon zeugen zahlreiche Zeitungsartikel, die hier an den W\u00e4nden h\u00e4ngen sowie Photos von Fernsehstars, Musikern, Fu\u00dfballprofis und Politikern, darunter mehrere Pr\u00e4sidenten, die hier schon zu Besuch waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bestellt, bezahlt und wird dann am Tisch, ganz einfachen Holztischen mit B\u00e4nken, bedient. Die ganze Anlage, klein, mit verschiedenen R\u00e4umen, vielen Pflanzen und abseits der Stra\u00dfe, hat eine sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re. Die <em>bizcochos<\/em> werden im Holzofen gebacken. Man erlaubt mir, ein Photo davon zu machen. Schmecken wirklich gut, ganz frisch, noch warm serviert. Sie sind trocken , schmecken aber nicht trocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf dem Weg nach drau\u00dfen sind, bleibt Illac vor einer kleinen K\u00fcche stehen und spricht mit jemandem. Der kommt dann heraus. Es ist der Padre. Er wolle ihm seinen Freund aus Deutschland vorstellen. Alemania? Berlin und der \u2026 Rhein, so hie\u00df der doch, und gutes Bier und gute Wurst. Dann breitet er die H\u00e4nde \u00fcber uns aus und spricht ein kleines, sehr pers\u00f6nliches Gebet und segnet uns. Als ich ihm zum Abschied die Hand sch\u00fcttele, bin ich ganz ger\u00fchrt. Illac sagt sp\u00e4ter dasselbe von sich. Er habe einen Cousin, der Priester ist, aber der mache die Segnung so routiniert, unpers\u00f6nlich, dass man nichts dabei empfinde. Beim Padre Rafael ist das anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Weiterfahrt Richtung Otavalo fragt Illac unversehens, warum es eigentlich in Deutschland verboten sei, vom Nationalsozialismus zu sprechen. Da muss ich aber einiges richtigstellen. Er h\u00f6rt aufmerksam, geradezu gebannt zu. Und wird ganz nachdenklich. Komisch, wie sich solche Vorstellungen verbreiten. Basiert sicher darauf, dass der Gebrauch von Nazisymbolen und \u00e4hnlichem verboten ist. Anschlie\u00dfend fragt er noch nach der Teilung Deutschlands. Ich gebe ihm einen etwas ausf\u00fchrlicheren, pers\u00f6nlich gef\u00e4rbten \u00dcberblick: Nachkriegszeit, Teilung, Wiedervereinigung, aktuelle Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Otovalo machen wir noch an einer Lagune Halt, die von der Stra\u00dfe aus wie ein Fluss aussieht. Es ist eine Lagune, obwohl Illac von einem See spricht (der Unterschied zwischen lago und laguna sei nur einer der Gr\u00f6\u00dfe \u2013 was ich nicht glauben kann). Jedenfalls steht irgendwo Laguna de San Pedro.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein paar Souvenirst\u00e4nde und einen Aussichtspunkt, aber hier sind wir eigentlich in einem Ort der Indios. Die sind hier \u00fcberall, meist in traditioneller Kleidung, zu sehen. Die wei\u00dfen Hosen deuten bei den M\u00e4nnern darauf hin, dass sie schon verheiratet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Feld wird Essen zubereitet. F\u00fcr das ganze Dorf. Die Hochzeiten, sagt Illac, dauerten hier drei Tage und l\u00e4nger. Es ist auch ein Ort f\u00fcr Schwarze Magie, Hexenzauber.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Aussichtspunkt hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die Lagune und den Vulkan am anderen Ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf Otavalo zu. Einer der wohlhabendsten Orte Ecuadors, man habe hier gut die beiden Pole Landwirtschaft und Kunsthandwerk zusammengef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Otavalo hat, wie man mir immer wieder gesagt hat, den gr\u00f6\u00dften Indio-Markt ganz S\u00fcdamerikas. Das scheint f\u00fcr alle zu bedeuten, dass man den unbedingt gesehen haben muss. Leuchtet mir nicht so ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob besondere Vorsicht geboten sei auf dem Markt, will ich wissen. Nein, sagt Illac. Auf den Indio-M\u00e4rkten sei man sicher, da w\u00fcrden sich die Diebe nicht hintrauen. Die Indios nehmen n\u00e4mlich die Justiz in die eigene Hand. Wenn sie jemanden erwischen, k\u00e4me der in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser und werde dann mit Brennnesseln ausgepeitscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Sorge v\u00f6llig gegenstandslos. Es geht heute ganz ruhig zu auf dem Markt, der mitten in der Innenstadt stattfindet. Es sind heute fast mehr Verk\u00e4ufer als K\u00e4ufer da, und es ist reichlich Platz zwischen den St\u00e4nden. Man wird unweigerlich \u00fcberall mit <em>A la orden<\/em> begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt von allem etwas, aber in erster Linie Kleidung, Kleidung aus Wolle, Alpaka und Schaf: M\u00fctzen, Handschuhe, Ponchos, Pantoffeln, Schals und Stolen (die hier <em>chals<\/em> hei\u00dfen). Alles f\u00fcr kalte Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben gibt es Schmuck und Souvenirs, meist mit irgendwelchen Motiven von Ecuador verziert, auch Fu\u00dfballschals und Fu\u00dfballtrikots.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sch\u00f6nsten sind die Stickereien, Blusen f\u00fcr Frauen und Kinder, aber auch f\u00fcr M\u00e4nner, Latzhosen f\u00fcr Kinder, Tischl\u00e4ufer. Vor einigen St\u00e4nden sitzen Frauen und sticken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt kommt die Rede auf Ecuador und die politische Situation. Mit Alexandra und Manuel ist Illac derselben Meinung, dass der Pr\u00e4sident das k\u00fcrzlich abgehaltene Referendum vor allem deshalb verloren habe, weil in den Wochen zuvor das Milit\u00e4r bei einem Einsatz drei Minderj\u00e4hrige get\u00f6tet hat und der Pr\u00e4sident nichts unternommen habe, weder bei den Familien gewesen sei noch jemanden zur Verantwortung gezogen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab \u00fcberall Proteste, auch hier in Otovalo, wo das Milit\u00e4r den M\u00e4nnern die langen Haare, die Teil ihrer Identit\u00e4t sind, abgeschnitten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was das Referendum betrifft, ist er der Meinung, dass zwei der Fragen ein Ja verdient h\u00e4tten, im Gegensatz zu Manuel, der froh war, dass alle Vorhaben zur\u00fcckgewiesen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem umstrittenen Pr\u00e4sidenten, Correa, Manuels Idol, ist Illac ganz auf der Seite Alexandras. Korrupt, habe sich selbst bereichert und nach Belgien abgesetzt, um der Justiz zu entkommen. Er habe sehr gut funktionierende Bildungszentren, die vor allem den Armen zugute kamen, einfach geschlossen. Er billigt ihm aber zu, dass die erste seiner drei Amtszeiten besser gewesen sei und Hoffnung gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser n\u00e4chstes Ziel ist Peguche, eine spanische Finca, ein Landgut, 1631 von den Spaniern unter Ausnutzung der Arbeitskr\u00e4fte der Indios, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, errichtet, heute ein Touristenziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Finca selbst ist nichts zu sehen, ist vielleicht nicht erhalten, aber die ganze park\u00e4hnliche Anlage, sehr sch\u00f6n, sehr gepflegt, ist zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang kommt man abseits der Weges auf eine Art Sonnenuhr oder astronomischen Kalender, mit Steinen auf dem Boden angebracht, die in der Form eines Rads, mit der Nabe in der Mitte, dem Rad au\u00dfen und den&nbsp; Speichen dazwischen. In der Mitte des Rads brachten die Indios der Pachamama Opfer in Form von Naturalien dar, wobei immer darauf geachtet wurde, dass alle vier Elemente vertreten waren. Die wichtigsten Tage waren die Sommersonnenwende und die Wintersonnenwende.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber einen steinernen, von Baumriesen ges\u00e4umten Weg geht es dann zum Wasserfall. Der tritt unvermittelt aus der gr\u00fcnen Felswand hervor, st\u00fcrzt mit einem einzigen, breiten Strahl in die Tiefe und formt dort einen wilden Bach, dessen Wasser sich \u00fcber die Felsen hinwegsetzen muss. Hier ist alles sch\u00f6n, vor allem der Dreiklang des sch\u00f6nen Anblicks, des rauschenden Baches und der&nbsp; Wassertropfen in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen dann noch zu dem Bach hinunter. Den kann man \u00fcber eine wunderbare h\u00f6lzerne H\u00e4ngebr\u00fccke \u00fcberqueren. Illac meint, das&nbsp; Wasser sei nicht mehr so kristallklar wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese ganze Gegend ist in der Vergangenheit ein Kultzentrum von Hippies gewesen, diejenigen, die durch die Einnahme von Substanzen in einen anderen Bewusstseinszustand gelangen wollten. Da waren sie hier in der Gegend richtig: \u201eZauberpilze\u201c und Mohn gab es in hier reichlich. Noch heute bewohnt eine kleine Hippie-Gemeinschaft ein Waldst\u00fcck neben dem Bach.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wasserfall wird auch zu Reinigungsritualen benutzt, vor allem bei der Sommersonnenwende. Der Campingplatz am Rande des Weges sei dann rappelvoll, erkl\u00e4rt Illac.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen in der N\u00e4he des Parkplatzes gibt es an einem Stand Zuckerrohr. Ein Mann schneidet mit einem gro\u00dfen Messer mit gro\u00dfem Geschick die \u00e4u\u00dfere Rinde des Zuckerrohrs, das ihm bis zur Schulter geht, ab. Der anderen macht mit einem kleineren Messer kleinere Ausbesserungsarbeiten und zerteilt das Zuckerrohr in St\u00fccke. Die kommen dann in einen Apparat, bei dem der Saft aus dem Zuckerrohr gepresst wird. Wir probieren beides, die Zuckerrohrst\u00fccke und den Saft. Die S\u00fc\u00dfe des Zuckerrohrs ist so intensiv, dass Illac den Saft mit Zitrone trinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterhalten und noch \u00fcber die Herkunft (Indonesien, nicht Karibik) des Zuckerrohrs und dar\u00fcber, wie man fr\u00fcher Speisen s\u00fc\u00dfte, mit Honig und Obst in erster Linie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt konfrontiere ich Illac mit Manuels Aussage, ein betr\u00e4chtlicher Teil der Bev\u00f6lkerung Ecuadors m\u00fcsse mit drei Dollar pro Tag auskommen. Er glaubt das nicht. Wenn \u00fcberhaupt, treffe das auf ganz, ganz wenige zu. Die meisten w\u00fcrden sich schon ihr Auskommen sichern. Er macht die Rechnung auf, anhand dreier Beispiele: der ambulante G\u00fcrtelverk\u00e4ufer auf dem Markt, der Mann, der Autos bewacht, der Gaukler an der Stra\u00dfenkreuzung. Er sch\u00e4tzt das Tageseinkommen auf 15-20 Dollar. Hunger m\u00fcssten wenige leiden, und ich solle mal darauf achten, wie wenige Unterern\u00e4hrte man sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir unser letztes Ziel erreichen, Quitsato mit dem Museo Solar, hat es zu regnen begonnen. Aber wir werden nicht nass.<\/p>\n\n\n\n<p>Quitsato bedeutet \u201aMitte der Welt\u2018, und wenn man zwei Laute wegl\u00e4sst, ergibt sich <em>Quito<\/em>, was vielleicht dieselbe Bedeutung hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der Welt ist ein ziemlich hochtrabender Titel, schlie\u00dflich gibt es den \u00c4quator auch woanders, aber der junge Mann, der mich f\u00fchrt, gibt sein Bestes, um ihn begreiflich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Erkl\u00e4rungen verstehe ich weniger als knapp die H\u00e4lfte, aber das liegt nicht an ihm, sondern an mir. Er nimmt auch immer wieder Deutschland zum Referenzland, um die Sache anschaulich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich mitnehme: Die europ\u00e4ischen Forscher, haupts\u00e4chlich Franzosen, kamen wegen der Berge hierher und gingen nicht nach Afrika, was f\u00fcr sie n\u00e4her gelegen h\u00e4tte. Sie brauchten die Berge f\u00fcr ihre geod\u00e4tischen Untersuchungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man fand heraus, dass die pr\u00e4-inkaischen Indios auf den Kuppen mehrerer Berge der Umgebung Zeichnungen in den Felsen eingeritzt hatten. Und alle diese Berge \u201ekommunizieren\u201c miteinander, weil sie alle gleich weit von dem gedachten Zentrum in Catequilla, genau am \u00c4quator, liegen, alle genau auf einem Abschnitt eines L\u00e4ngengrades.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es an die Vermessung des \u00c4quators ging, war die Frage noch offen, welche Form die Erde hatte. Hatte Newton recht oder hatte Cassini recht? Ist die Erde an den Polen oder am \u00c4quator abgeplattet? Newton hatte recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst durch die wissenschaftlichen Untersuchungen wurde das Wort \u00c4quator gel\u00e4ufig, und es wurde dann, 1830, auch zum Namen des Staates Ecuador.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen unter einem Himmelsgew\u00f6lbe mit dem \u00c4quator in der Mitte. Von hier aus, vom \u00c4quator aus, kann man sowohl den Gro\u00dfen B\u00e4ren sehen, den sie in Argentinien nie sehen, als auch das Kreuz des S\u00fcdens, das wir nie sehen. Auch die Milchstra\u00dfe kann man nur vom \u00c4quator aus vollst\u00e4ndig sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Sache, die mir sehr gef\u00e4llt, Karten, auf denen die Erde nach Osten statt nach Norden ausgerichtet ist. Da ist dann pl\u00f6tzlich Nordamerika \u201elinks\u201c von S\u00fcdamerika, und Afrika \u201erechts\u201c von Europa, und das Mittelmeer ist ein langer Streifen, wie eine h\u00e4ngende Wurst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Ausrichtung auf den Erdkarten ganz willk\u00fcrlich ist und Australien auch \u201eoben\u201c und Norwegen \u201eunten\u201c sein k\u00f6nnte, war mir klar, aber die Ostausrichtung, die Orientierung habe ich noch nie im Sinn gehabt. Der junge Mann scheint zu unterstellen, dass das die einzig \u201erichtige\u201c Darstellung ist. Was vermutlich nicht stimmt. Aber immerhin: Die erste erhaltene Karte der Erde sieht so aus, und die ganz fr\u00fchen Karten aus Frankreich und England auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gehen wir noch nach drau\u00dfen. Dort hat man in den Boden die Linie des gedachten \u00c4quators in Stein gehauen. Es gibt zwei Plaketten, die die Richtigkeit dieser Positionierung best\u00e4tigen, eine von einer internationalen Wissenschaftsorganisation, eine von einer US-amerikanischen. Beide Ortungen beruhen auf Satellitenmessung. Die urspr\u00fcngliche, von ecuadorianischer Seite vorgenommene Ortung liegt knapp daneben, aber nur ein paar Zentimeter. Wir befinden uns genau auf dem Breitengrad 0\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man die Linie zu den Bergen hin verl\u00e4ngert, l\u00e4uft sie genau auf den Gipfel eines Vulkans zu. Damit endet die letzte Besichtigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am Ende eines ereignisreichen Tages in Quito ankommen, sind 12 Stunden vergangen und es ist stockdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sind M\u00e4nner gr\u00f6\u00dfer als Frauen? Daf\u00fcr sind zwei Faktoren verantwortlich: die Hormone und das Y-Chromosom. Die Hormone machen 9 Zentimeter aus, das Chromosom 4 Zentimeter, also sind M\u00e4nner im Schnitt 13 Zentimeter gr\u00f6\u00dfer als Frauen. Einige M\u00e4nner haben ein XYY-Chromosom. Die sind noch mal 3 Zentimeter gr\u00f6\u00dfer im Schnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sandwiches wird hier <em>Sanduches<\/em> geschrieben. Habe erst gedacht, das w\u00e4ren zwei verschiedene Dinge, die <em>sanduches<\/em> vielleicht eine XXL-Variante der Sandwiches. Scheint sich aber nur um die Schreibweise zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine orthographische Kuriosit\u00e4t: Im Deutschen hei\u00dft es <em>ecuadorianisch<\/em>, im Spanischen <em>ecuatoriano<\/em>. Da beh\u00e4lt der \u00c4quator sein <em>t<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Mittagessen gehe ich in das von Illac empfohlenen <em>La Exquisita<\/em>, gleich gegen\u00fcber, kurz hinter der Plaza San Blas. Da mache ich aber einen Fehler bei der Bestellung und bekomme nur das normale Menu, nicht die von Illac so gepriesenen ecuadorianischen Spezialit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bevor der Wecker schellt, rei\u00dft mich ein unangenehmer Traum aus dem Schlaf, der an die Zeiten an der Uni zur\u00fcckf\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um 5 Uhr \u2013 es ist noch stockdunkel \u2013 bekomme ich die Nachricht, der Uber sei eingetroffen, aber als ich auf die Stra\u00dfe komme, ist da nichts. Die komplette Stra\u00dfe ist leergefegt, kein Auto, kein Mensch. Ich wei\u00df nicht, was ich machen soll, gehe dann zur <em>Plaza San Blas<\/em> runter, aber auch da ist nichts. Dann die ganze steile Stra\u00dfe rauf, bis zu ihrer Verl\u00e4ngerung oben an der Basilika. Da steht ein Auto, aber es ist nur ein leerstehendes Polizeiauto. Ich gehe wieder bis zum Haus zur\u00fcck und beschlie\u00dfe, noch etwas zu warten. Ein Taxifahrer kommt vorbei, fordert mich auf, einzusteigen. Dies sei eine gef\u00e4hrliche Gegend. Ich gebe aber seinem Dr\u00e4ngen nicht nach. Er f\u00e4hrt weg, und ich steige noch mal die Treppen rauf, um im Handy nachzugucken. Nichts. Dann gehe ich wieder zur Plaza San Blas und nehme doch ein Taxi.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit kommt man gut durch. Am Flughafen suche ich sofort den Galapagos-Schalter, lande aber erst an der falschen Stelle. Dann klappt es doch, und Gott sei Dank gibt es hier keine Schlange. Ich muss meinen Reisepass vorgelegen, die 20 $ f\u00fcr die Registrierung zahlen. Dann geht es um alle m\u00f6glichen Angaben und die Best\u00e4tigung der Handy-Nummer. Ich habe aber kein Zugang zum Netz. Der Mann am Schalter erledigt das aber f\u00fcr mich, und ich bekomme drei Nachweise aufs Handy, f\u00fcr die ich sofort einen Screenshot mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es durch die Sicherheitskontrolle. Nur Gep\u00e4ck.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach versuche ich, die Bordkarte zu bekommen, aber an den Apparaten wird weder meine Flugnummer noch mein Reisepass erkannt. Also zum Schalter. Die Frau hinter dem Schalter erledigt die ersten Schritte, kann aber die Bordkarte auch nicht ausstellen und begleitet mich zu den Apparaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Bordkarte und den Best\u00e4tigungen geht es dann durch die eigentliche Sicherheitskontrolle und dann durch die lange Ladenstra\u00dfe zum Flugsteig.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Wartezeit trinke ich einen Kaffee, der mich 4 $ kostet. Daraufhin sage ich dem Mann hinter der Theke, dass ich daf\u00fcr in Quito ein ganzes Mittagsmenu bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Flugzeug ist gro\u00df und gut besetzt, aber die Pl\u00e4tze neben mir bleiben frei. Als wir auf Guayaquil zufliegen, kommt Wasser in Sicht, aber es ist wohl nicht das offene Meer. Guayaquil, die gr\u00f6\u00dfte Stadt Ecuadors, hat aber einen Hafen und Zugang zum Meer, etwa wie Hamburg vermutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Aufenthalt geht es weiter nach Gal\u00e1pagos. Neben mir jetzt ein junger Ecuadorianer mit seiner US-amerikanischen Freundin. Es stellt sich heraus, dass er Deutschland kennt, Berlin, Leipzig, Dresden, Karlsruhe. Er muss wohl in der Schule Deutsch gelernt und richtig gut gekonnt haben. M\u00fcsse er nur wieder aktivieren, meint er.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ankommen, sind sieben Stunden vergangen, seit ich aufgestanden bin. Wir steigen auf dem Rollfeld aus dem Flugzeug. Nur zwei weitere Flugzeuge stehen auf dem ganzen Flughafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wolkig und windig, kein Sonnenstrahl zu sehen. Aber warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hei\u00dft es erst mal wieder Schlange stehen. Bevor man eingelassen wird, muss man den Eintritt f\u00fcr den Nationalpark bezahlen. 200 $. Auf die Hand. Die Schlange bewegt sich langsam fort, weil die H\u00e4lfte der sechs Angestellten nur die eine H\u00e4lfte, die andere die andere H\u00e4lfte macht. Hier muss man zuerst vorzeigen, ob man all die Formalit\u00e4ten erledigt hat. Dann wird kassiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Vorhalle komme, bin ich erleichtert, als ich meinen Namen auf dem Zettel von zwei Frauen sehen, die uns dort in Empfang nehmen. Ich bin der erste, solle schon mal vorgehen und die Busfahrkarte kaufen: 5 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die anderen auch durch sind, geht es in den Bus. Die Gegend sieht nicht sehr einladend aus, viele Str\u00e4ucher und viele verbrannte Pflanzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus bringt uns zur F\u00e4hre. Wir befinden uns auf Baltra, einer unbewohnten Insel, und m\u00fcssen nach Santa Cruz \u00fcbersetzen. Es sind nur wenige Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Ufer werden wir in Taxis verfrachtet, je nach Hotel. Die Taxis sind aber noch nicht angekommen. Wir bilden einen kleinen Kreis und stellen uns vor. Alles Ecuadorianer, wie es scheint, darunter eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie. Als ich als Letzter mit der Vorstellung an der Reihe sein soll, \u00fcbergeht die Frau mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das erste Taxi, und ich werde zusammen mit drei anderen darin zum Hotel gebracht. Ich soll mich nach vorne setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie ist mir mulmig, so ein bisschen wie seekrank. Ich hoffe nur, mich nicht \u00fcbergeben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sitze ich pl\u00f6tzlich einem unbekannten jungen Mann in einem roten T-Shirt gegen\u00fcber. Ich sehe mich um. Wir sind in einem Kleinbus, und ich liege auf einer Pritsche. Er spricht mich an, aber ich bekomme keinen richtigen Satz zusammen. Verstehe aber, dass ich w\u00e4hrend der Fahrt ohnm\u00e4chtig geworden bin und mich in einem Krankenwagen befinde. Der Mann fragt mich, ob ich Epileptiker sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in eine Notstation. Dort werde ich auch auf eine Pritsche gelegt und behandelt: Temperatur wird gemessen, Blutdruck wird gemessen, Blut wird abgenommen, ein Serum wird gespritzt. Die Prozedur zieht sich hin. Erst ganz langsam wird mir klar, was da passiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als alles vor\u00fcber ist, werde ich zum Hotel gefahren. Dort kann ich erst mal meinen Rucksack an der Rezeption ablegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Frau begleitet mich zu dem Lokal, in dem es Mittagessen und Abendessen gibt. Wir unterhalten und auf dem Weg rege, und sie f\u00fchrt mich zum Hotel. Dort muss man sich am Eingang melden und seine Identit\u00e4t pr\u00fcfen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau macht sich auf den Weg, und ich bekomme ein schmackhaftes Essen, lasse aber das meiste liegen. Ich habe einfach keinen Appetit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur\u00fcck, finde aber das Hotel nicht. An einer Ecke, an der eine riesige Schildkr\u00f6te stehe, gibt es drei M\u00f6glichkeiten, und ich probiere alle drei mehrmals aus. Bin jetzt auch nicht mehr ganz sicher, ob ich den Namen des Hotels richtig in Erinnerung habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es wie auf Mallorca zu: Souvenirl\u00e4den und Lokale reihen sich aneinander, kaum zu unterscheiden, viele Werbespr\u00fcche auf Englisch. Das macht die Orientierung nicht einfacher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann an einem Souvenirstand ist sehr hilfreich, schickt mich zur\u00fcck an die Kreuzung, aber es nutzt nichts. Weiterhin irre ich durch die Gegend, und irgendwann komme ich, ohne es zu merken, wieder an demselben Souvenirstand vorbei, und der Mann spricht mich an. Immer noch nicht gefunden? Er sieht sich die Nachrichten der Reiseleiterin auf meinem Handy an, aber darin taucht der Name des Hotels nicht auf, da wir alle woanders untergebracht sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nicht anrufen, aber er l\u00e4sst mich in sein Netz rein, so dass ich es versuchen kann. Am anderen Ende meldet sich niemand. Dann versucht er es selbst und kommt durch. Ja, das Hotel hei\u00dft <em>Portuga Bay<\/em>. Er begleitet mich an die Stra\u00dfenkreuzung und h\u00e4lt ein Taxi an. Die kann man hier nicht als Taxis erkennen. Sind ganz normale Pick-ups.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen dunkel geworden, aber der Mann von Souvenirstand sagt, hier in Gal\u00e1pagos sei man sicher, alles <em>tranquilo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer bringt mich zum Hotel, und dort muss ich an der Rezeption die \u00fcbliche komplizierte Registrierung vornehmen, mit Pass, Handynummer, Mail.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann, der erste unfreundliche Ecuadorianer, dem ich begegne, dr\u00fcckt mir den Schl\u00fcssel in die Hand. Das Zimmer ist im dritten Stock, und meine Beine sind m\u00fcde.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben bekomme ich aber die T\u00fcr nicht auf. Sie hat einen merkw\u00fcrdigen Schlie\u00dfmechanismus. Ich muss wieder runter, der junge Mann geht mit und schlie\u00dft auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zimmer komme ich mit dem Nummernsystem des Safes nicht zurecht, gehe noch mal runter und besorge mir bei der Gelegenheit auch gleich eine Flasche Wasser. F\u00fcr den Safe gibt es einen Schl\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder oben bin, geht die Prozedur mit dem Zimmerschloss wieder los, aber am Ende klappt es dann doch.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen ist fr\u00fcher Aufbruch. Treffpunkt 7 Uhr an der Tortuga Bay, gleich um die Ecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das Fischerboot im Hafen fliegen V\u00f6gel mit weiten Schwingen und breiten Schn\u00e4beln herum, um etwas von den Resten zu ergattern. Auf dem B\u00fcrgersteig hocken Leguane, unbeweglich, und auf einer Parkbank hat es sich ein Seel\u00f6we bequem gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir aufbrechen, l\u00e4chelt mich eine Frau freundlich an und fragt mich, wie es mir gehe. Sie war gestern auch im Taxi, als es mir schlecht wurde. Ich h\u00e4tte irgendwie geschrien und dann nur noch gest\u00f6hnt und nicht mehr auf Fragen reagiert. Sie h\u00e4tten geglaubt, ich k\u00f6nne kein Spanisch. Ich sei dann von dem Krankenwagen \u00fcbernommen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brechen auf und gehen erst durch das noch fast leere, nichtssagende Zentrum, wo man mit auff\u00e4lliger Werbung auf sich aufmerksam machen will: <em>Las Delicias de Will Grill <\/em>oder <em>Serial Chiller<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf einen schmalen gepflasterten Weg mit dichter Vegetation zu beiden Seiten. Sieht alles wie verdorrt aus, aber das \u201emuss\u201c wohl so sein. Diese Pflanzen k\u00f6nnen nicht viel Wasser vertragen. Erkennen kann man diese Art von Vegetation an den wei\u00dfen Flecken auf den Steinen, Lichen, ein Wort, das ich noch aus den Romanen von George Eliot kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die h\u00f6chsten Kakteen \u00fcberhaupt, erfahren wir, wachsen in Mexiko. Sie werden 15-20 Meter gro\u00df und k\u00f6nnen 150-200 Jahre alt werden. Diese hier sind 10-15 Meter gro\u00df und werden 100-150 Jahre alt. Die \u00e4lteren unter ihnen haben einen Stamm. Der sieht wirklich wie ein Baumstamm aus, ist aber keiner, und der Kaktus ist und bleibt ein Strauch. Drinnen ist kein Holz.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs habe ich inzwischen eine Reihe der anderen kennengelernt. Eine junge Ecuadorianerin ist mit ihrem belgischen Ehemann unterwegs auf Hochzeitsreise. Sie haben seine Eltern mitgenommen und mexikanische Freunde, einen jungen Mann und seine Eltern. Der junge Mexikaner hat auch in Belgien studiert, ein technisches Fach mit Englisch als Studiensprache. Sein Vater ist seit Juni in Rente und voll zufrieden damit. Er hat vorher unter anderem bei B\u00f6hringer gearbeitet. Der belgische Vater will wissen, woher ich komme in Deutschland und sagt sofort: Trier, klar, kenne er doch, die R\u00f6mer und der Wein, da sei er schon zweimal gewesen. Das junge Ehepaar spricht auch wohl in der Regel Englisch miteinander, aber er kann auch schon ganz gut Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen ans Meer. Ein Sonnenstrahl ist weiterhin nicht zu gehen. Am Strand liegt wirklich \u00fcberhaupt kein Wohlstandsm\u00fcll und man st\u00f6\u00dft auch nur ganz gelegentlich auf eine Muschel, ein Blatt oder eine Feder. Hier kann man aber nicht baden. Zu gef\u00e4hrlich. Wir m\u00fcssen weiter, zur <em>Tortuga Bay<\/em>. Leider gibt es da trotz des Namens keine Schildkr\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man baden. Ich gehe aber er nur mit den F\u00fc\u00dfen ins Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach Hause komme, habe ich zehn Kilometer hinter mir, zus\u00e4tzlich zu der Strecke, die ich durch die Stadt irre und nach dem Hotel suche. Am Ende nimmt ein Anwohner seine Fahrrad in die Hand und schiebt es neben mir her, um mich zum Hotel zu begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem kleinen Swimming-Pool ist eine der Frauen von gestern. Ich tue es ihr nach und gehe auch rein. Sie erz\u00e4hlt, sie seien gestern an einem doppelten Krater gewesen, der aber eigentlich keiner sei. Da sei einfach ein Berg eingest\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag bekomme ich f\u00fcr die 40 $, die ich gestern bezahlen musste, sogar einen medizinischen Befund.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag ist wieder die <em>Pelican Bay<\/em> unser Treffpunkt, und es ist tats\u00e4chlich ein Pelikan, der da sitzt und sich die Federn putzt. Das m\u00fcssen sie V\u00f6gel gewesen sein, die heute Morgen um das Fischerboot herumgeflogen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fischer, hei\u00dft es, d\u00fcrfen nur mit der Angel fischen und m\u00fcssen in bestimmten Intervallen drei Ruhe Tage Ruhepause einlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes hocken die Leguane, in Gruppen, so gut wie unbeweglich. Man k\u00f6nnte sie f\u00fcr Skulpturen halten, wenn nicht der eine oder andere mal den Kopf bewegte. Sie haben keine gleichbleibende Temperatur und m\u00fcssen in der Sonne aufheizen, um wieder \u201eauf Temperatur\u201c zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute Nachmittag steht noch ein Spaziergang an, zur Wissenschaftsstation Charles Darwin. Zun\u00e4chst erfahren wir, dass Santa Cruz auch ein Kanton der &nbsp;ecuadorianischen Provinz Gal\u00e1pagos ist, mit 30.000 Einwohnern. Das verbirgt sich vor den Augen von uns Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg die K\u00fcste entlang sehen wir, wie eine Seekuh auf einer Parkbank ihr Junges s\u00e4ugt. Man soll nicht zu nahe ran gehen, weil nat\u00fcrlich die Mutter aggressiv werden kann, vor allem aber, weil, wie es hei\u00dft, die Mutter ihr Kind nicht mehr erkennt, wenn es menschlichen Geruch angenommen hat. Ob das stimmt? Jedenfalls m\u00fcssen aus diesem Grunde Hunde auf Gal\u00e1pagos auch immer an der Leine gehalten werden. Streunende Hunde oder Katzen habe ich noch gar nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Wissenschaftsstation sehen wir das Emblem des Nationalparks, eine Schildkr\u00f6te und ein Seel\u00f6we. Die Gal\u00e1pagos-Inseln wurden zuf\u00e4llig von einem spanischen Geistlichen entdeckt, der vom K\u00f6nig von Panama nach Peru beordert worden war und zuf\u00e4llig 1535 hier gestrandet war. Sp\u00e4ter waren die Gal\u00e1pagos-Inseln dann ein Seer\u00e4uberparadies. Erst 1832 wurden sie von Ecuador annektiert, unter der Pr\u00e4sidentschaft von Florenz, nach dem bis heute noch eine Insel benannt ist. Auf der eigentlich unbewohnten Insel, auf der wir gelandet sind, befindet sich eine ecuadorianische Milit\u00e4rbasis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein paar der Inseln sind bewohnt, 97%, hei\u00dft es, geh\u00f6rten zum Nationalpark.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Wissenschaftsstation werden Schildkr\u00f6ten k\u00fcnstlich inkubiert. Warum? Sie haben zu viele nat\u00fcrliche Fressfeinde. V\u00f6gel fressen ihre Eier, Ratten fressen ihre Jungen. Deshalb werden sie aus den verschiedenen Inseln hierhergebracht und nach einer gewissen Zeit wieder ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Darwin selbst war nur drei Wochen hier, hatte hier aber eine wichtige Erkenntnis bei der Beobachtung der Schn\u00e4bel der Finken auf den verschiedenen Inseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dasselbe Prinzip der Anpassung an Bed\u00fcrfnisse und Habitat kann man auch bei den Schildkr\u00f6ten beobachten. Einige haben einen rundlichen Panzer und einen kurzen Hals. Die haben genug Fressen zur Verf\u00fcgung. Die anderen haben einen l\u00e4nglichen, sattel\u00e4hnlichen Panzer entwickelt und einen langen Hals, weil sie sich nach der kargen Nahrung \u201estrecken\u201c m\u00fcssen. Deren Panzer sieht wie ein Sattel aus, auf ihnen k\u00f6nnte man reiten, galoppieren, und davon, <em>galopar<\/em>, soll <em>Gal\u00e1pagos<\/em> kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Wissenschaftsstation sind, wie in einem Zoo, Schildkr\u00f6ten verschiedener Art und Gr\u00f6\u00dfe in verschiedenen Absperrungen zu sehen. Bei der k\u00fcnstlichen Befruchtung versucht man das gleiche Ergebnis wie die Mutter zu erzielen. Wie macht die das? Sie buddelt ein Loch, legt die Eier rein (Zahl kommt auf die Spezies an, bei einer sind es 12-14), \u00fcbereinandergeschichtet, verdeckt das Loch mit Kot, Urin und Erde, und legt au\u00dferdem noch zwei drei Eier f\u00fcr Fressfeinde oben drauf, damit die die Brut in Ruhe lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schichtung der Eier hat zur Folge, dass sowohl M\u00e4nnchen als auch Weibchen schl\u00fcpfen. Die oberen, die mehr Sonnenw\u00e4rme bekommen, werden zu Weibchen (ben\u00f6tigen 29,5\u00b0), die unteren zu M\u00e4nnchen (28\u00b0). Die M\u00e4nnchen sind drei- bis viermal so gro\u00df wie die Weibchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollen uns individuell wieder auf den R\u00fcckweg machen. Das tue ich auch und komme dabei an dem Schmuckstand vorbei, an dem der Mann mir gestern so bei der Suche des Hotels geholfen hat. Er begr\u00fc\u00dft mich freudig und sagt, er habe sich schon \u00fcberlegt, was wohl aus mir geworden sei. Ich sage ihm, ich sei dank seiner Hilfe gut angekommen. Dann kaufe ich ihm etwas ab, um mich dankbar zu erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es schon um 6.15 los. Es geht nach Isabela, der gr\u00f6\u00dften der Gal\u00e1pagos-Inseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Moment habe ich \u00fcberlegt, auf den Ausflug zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nur zu zweit an der <em>Pelican Bay<\/em>. Wir werden zur Schiffsanlegestelle gef\u00fchrt und dann getrennt, je nach Ziel. Man muss Schlange stehen, sich registrieren, das Gep\u00e4ck kontrollieren lassen und wieder Schlange stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein kleines Boot, mit dem man zu dem entsprechenden Schiff gefahren wird. Auf dem Boot wird erst einmal wieder kassiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mir die Schifffahrt wie eine kleine Kreuzfahrt \u00fcber das Meer vorgestellt, aber davon hat sie wirklich nichts. Es ist ein schnelles Motorboot, das hart auf den Wellen aufschl\u00e4gt. Sehen kann man nichts. Und die Fahrt zieht sich hin. Ich habe mich von dem M\u00e4dchen in dem Reiseb\u00fcro dazu \u00fcberreden lassen, eine kleine Rundtour im Hafen h\u00e4tte es auch getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Ankunft \u2013 die Sonne l\u00e4sst sich weiterhin nicht sehen \u2013 geht es erst wieder auf das F\u00e4hrboot, das uns an Land bringt. Hier wird genauso kassiert wie bei dem Eintritt auf die Insel.<\/p>\n\n\n\n<p>Isabela ist die gr\u00f6\u00dfte der Gal\u00e1pagos-Inseln, mit 6 Vulkanen, von denen 5 noch aktiv sind. Wir sehen sie aber nur in der Ferne in den Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name Isabela geht noch auf die kastilische K\u00f6nigin zur\u00fcck, die Kolumbus auf die Reise schickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt gibt es 13 gr\u00f6\u00dfere Gal\u00e1pagos-Inseln, von denen 4 bewohnt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir besteigen ein Boot und sehen zuerst Seel\u00f6wen. Jedes M\u00e4nnchen hat eine Truppe von 20-30 Weibchen zu betreuen. Das geht an die Substanz. Au\u00dferdem ist er st\u00e4ndig den Angriffen von Konkurrenten ausgesetzt, die ihn verdr\u00e4ngen wollen. Seine Lebenserwartung betr\u00e4gt deshalb gerade mal 9-10 Jahre. Die Weibchen stellen sich auf jeden Nachfolger ein und leben mehrere Jahrzehnte lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir einen Pinguin, ein einziges Exemplar. Die hier lebenden Pinguine sind die einzigen tropischen Pinguine. Sie sind schlanker als ihre Kollegen, weil sie sich nicht gegen die K\u00e4lte sch\u00fctzen m\u00fcssen. Seine Eier legt er ganz tief in die Erde, damit sie eine Art K\u00e4lteschutz erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Felsvorsprung sehen wir blauf\u00fc\u00dfige T\u00f6lpel. Sieht witzig aus. Die blaue Farbe soll von der Nahrung kommen. Sie bleiben ganz unger\u00fchrt sitzen, als wir n\u00e4herkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren eine unbewohnte Insel an und machen einen Spaziergang. Begr\u00fc\u00dft werden wir von einem Leguan, gro\u00df, mit gr\u00fcnlicher Hautfarbe. Das muss ein M\u00e4nnchen sein, wegen der Gr\u00f6\u00dfe und wegen der Farbe. Die nimmt er in der Zeit der Brunft an. Die anderen Tiere sind schwarz-gr\u00e4ulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Insel ist von Lavagestein bedeckt, in kleineren Felsbrocken. Die wiederum sind von dem wei\u00dflichen Lichen bedeckt. Die sind angeweht worden und haben die Funktion, den Stein anzunagen und wieder Pflanzenwachstum zu erm\u00f6glichen. Die ersten Pflanzen, die hier wachsen werden, werden Kakteen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Art Kanal sehen wir Haie, auch die gr\u00e4ulich, eng aneinander geschmiegt. Sie sind nachtaktiv und haben jetzt Pause. Sie sind f\u00fcr den Menschen ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo auf der Erde entdeckt jemand einen Krebs, einen sch\u00f6nen Krebs mit roter, wie geschm\u00fcckt aussehender Schale. Unser F\u00fchrer hebt ihn einfach auf. Es ist gar kein Krebs, sondern die von einem Krebs abgesto\u00dfene Schale. Sieht perfekt erhalten aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es ans Schnorcheln. Die meisten machen mit, aber ich verzichte darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen die kleine Insel wieder und kehren aufs \u201eFestland\u201c zur\u00fcck. Hier sto\u00dfen wir noch auf einige Flamingos. Es gibt insgesamt etwa 280 auf Isabella, aber sie verteilen sich auf die verschiedenen Seen. Hier haben wir eine Handvoll vor uns. Die Jungen sind wei\u00df, dann nehmen sie allm\u00e4hlich die rosa Farbe an, auch hier ist sie nahrungsbedingt. Flamingos habe eine kleine Reproduktionsrate, sie zu sch\u00fctzen, ist keine leichte Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo gibt es ein bescheidenes Mittagessen, und dann fahren wir noch zu einer Aufzuchtstation f\u00fcr Schildkr\u00f6ten. Die waren durch eine Reihe von Gr\u00fcnden ins Hintertreffen geraten: Fressfeinde, Feuer, Vulkanausbr\u00fcche, menschlicher Konsum. Deshalb die Aufzuchtstationen. Wir sehen ganz kleine, Einj\u00e4hrige und Dreij\u00e4hrige und, getrennt davon die Erzeuger, die Riesenschildkr\u00f6ten. Wenn sie f\u00fcnf Jahre alt und ihre Panzer stark genug sind, werden sie in die Freiheit entlassen. Hier bekommen sie nur dreimal pro Woche etwas zu essen, weil die Nahrungssuche in der Freiheit auch schwierig sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Geheges sehen wir noch <em>calandrias<\/em>, Spottdrosseln. Die bauen ihre Nester in den Kakteen und sch\u00fctzen sich damit vor Fressfeinden wie Ratten, die es nicht wagen, hier raufzusteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach geht es zur\u00fcck, und als wir endlich wieder in Santa Cruz sind, falle ich nur noch ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>. 5. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie ist es paradox: Ausgerechnet heute, auf dem R\u00fcckweg zum Flughafen, sehe ich zum ersten Mal zwei Exemplare der ber\u00fchmten Riesenschildkr\u00f6ten in freier Wildbahn. Sie sind dabei, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren. In aller Ruhe. Ist das nicht gef\u00e4hrlich, fragt man sich unwillk\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer im Hotel muss um 9 Uhr ger\u00e4umt werden, und als ich in Quito ankomme, ist es schon stockdunkel. Zwei der vier Tage Gal\u00e1pagos sind alleine f\u00fcr die Reise draufgegangen. Dazu kommen die Wartezeiten und die Formulare auf Gal\u00e1pagos und die verschiedenen Transfers dort. Mal abgesehen von der st\u00e4ndigen Abzocke. Ich w\u00e4re besser in Quito geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Darwin war von den Gal\u00e1pagos alles andere als begeistert. Erst nach seiner R\u00fcckkehr nach England und der Sichtung seiner \u201eMitbringsel\u201c gewannen die eine besondere Bedeutung beim Anblick der Schn\u00e4bel der Finken, drei unterschiedliche Formen von drei unterschiedlichen Inseln. Dabei waren die Finken eigentlich nur eine Notl\u00f6sung gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darwin war ein gewissenhafter Forscher, und er qu\u00e4lte ich lange mit der Ver\u00f6ffentlichung seiner Erkenntnisse, auch, weil er wohl wusste, was die ausl\u00f6sen w\u00fcrde. Erst als er von Wallace, einem ihm v\u00f6llig unbekannten, viel weniger privilegierten Forscher, einen Artikel zugesandt bekam, der seine eigenen Erkenntnisse kurz und b\u00fcndig, aber exakt wiedergab, entschloss er sich zur Ver\u00f6ffentlichung, schickte gleich beide Artikel zur Ver\u00f6ffentlichung ein. Seine Zur\u00fcckhaltung war auch darin begr\u00fcndet, dass ihm ganz klar war, dass seine Theorie ein Manko hatte, aber er wusste nicht, welches. Dieses Manko war seine Unkenntnis der Theorie der Vererbung. Von Mendel hatte er nie etwas geh\u00f6rt, obwohl der sein Zeitgenosse war, auch von dessen Forschungen nicht, und selbst f\u00fchrte er keine Experimente durch. Dadurch blieb ihm das \u201eGeheimnis der Geheimnisse\u201c bis ans Ende seines Lebens undurchdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er endlich ver\u00f6ffentlichte, lie\u00df er die menschliche Abstammung zuerst einmal ganz au\u00dfen vor, das schien ihm doch zu gewagt, und die Verteidigung bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen \u00fcberlie\u00df er anderen, Gleichgesinnten. Er selbst blieb zu Hause und forschte weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Darwin behauptet hatte, der Mensch stamme vom Affen ab, wurde oft gegen ihn verwendet, ganz zu Unrecht. Das hatte und h\u00e4tte Darwin nie behauptet, aber es war ein probates Angriffsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Quito verabschiedet mich mit Sonnenschein, aber mein Aktionsradius bleibt beschr\u00e4nkt, ich schaffe es nicht einmal bis zum Zentrum. Meine letzte Aktion ist der vergebliche Versuch, in der Apotheke die empfohlenen Medikamente zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl aber schaffe ich es noch zu <em>La Exquisita<\/em>, und da gibt es den von Illac empfohlenen <em>chivo<\/em>, Ziegenfleisch. Er hat nicht zu viel versprochen, es ist sehr schmackhaft. Dazu gibt es Avocado und Unmengen Reis. Und Mango-Saft. Die Portion ist aber zu gro\u00df. Mit diesem Eindruck verabschiede ich mich von Quito. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. November (Sonntag) Am fr\u00fchen Morgen geht es zum Flughafen. Der Taxifahrer hat eine Zeitlang in Ecuador gelebt, in Esmeraldas, und sich als Goldgr\u00e4ber versucht. Mit Erfolg? \u2013 Nein. \u2013 Warum? -Pech. 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