{"id":12122,"date":"2025-12-08T14:02:07","date_gmt":"2025-12-08T13:02:07","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12122"},"modified":"2025-12-28T23:54:31","modified_gmt":"2025-12-28T22:54:31","slug":"peru-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12122","title":{"rendered":"Peru (2025)"},"content":{"rendered":"\n<p>7. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Lima landen, atme ich einmal tief durch. Gut gegangen. Aber wieder eine Reise mit Haken und \u00d6sen. Der Uber, der mich zum Flughafen bringen sollte, kommt nicht, aber Illac springt kurzfristig ein. Am Flughafen erkennt der Automat meinen Reisepass nicht und die Flugnummer auch nicht. Ich werde zum Schalter durchgelassen, und der Mann muss mich in der Liste der Flugg\u00e4ste suchen, um die Bordkarte auszudrucken. Dabei muss ich wieder nachweisen, wann ich aus Peru ausreise, und der Screenshot, den ich gemacht habe, reicht nicht. Irgendwie klappt es dann doch. Bei der Sicherheitskontrolle f\u00e4llt meine Brille aus der Tasche, aber eine Aufsichtsperson merkt es und macht mich drauf aufmerksam. Bei LATAM gibt es im Gegensatz zu Avianca ein paar Chips und ein Getr\u00e4nkt, aber ich lehne dankend ab. Das flaue Gef\u00fchl im Magen ist noch nicht weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Lima durch die Passkontrolle sind, suche ich am Ausgang nach einem Schild mit meinem Namen \u2013 nichts. Dann muss ich erst einmal versuchen, mich in das Internet des Flughafens einzuw\u00e4hlen. Das klappt am Ende, und ich sehe, dass ich gleich von zwei M\u00e4nnern Anrufe habe, die mich abholen wollen. Dann spricht mich einer an. Es ist der Vermieter des Apartments selbst. Es sei ihm danach gewesen, mich pers\u00f6nlich abzuholen, den Abholservice habe er abgesagt. Das scheint aber nicht geklappt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann, Javier, ist sehr gespr\u00e4chig, aber die Fahrt zieht sich hin. Als ich irgendwann frage, ob der Flughafen so weit vom Zentrum entfernt sei, erfahre ich, dass es einen Umweg gefahren ist \u2013 extra f\u00fcr mich! Ohne zu ahnen, dass ich nur so schnell wie m\u00f6glich in die Unterkunft kommen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf Lima zuflogen, hatte man das Gef\u00fchl, in der W\u00fcste zu landen. Alles Sandboden, kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm, und die kahlen Berge im Hintergrund. Ja,&nbsp; so sei es, sagt Javier, hier regne es kaum einmal, trotz der N\u00e4he zum Meer, und die gr\u00fcne Promenade am Meer entlang ist menschengemacht. Man hat auch die Berge zur anderen Seite mit Netzen abgesichert und den Sandboden bepflanzt, so dass man irgendwann mal durch ein gr\u00fcnes Spalier fahren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes sieht man den Containerhafen, dann fahren wir ein St\u00fcck direkt am Meer entlang und passieren anschlie\u00dfend den Ortsteil Callao. Danach sehen wir Miraflores, das Vorzeigeviertel, oben auf einem Berg liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass seine Kinder aus erster Ehe, Sohn und Tochter, in Deutschland leben, Sohn ist gerade fertig geworden mit Wirtschaftswissenschaftsstudium in Heidelberg, Tochter studiert Jura in Bonn. Seine Frau, zu der er noch einen guten Kontakt hat, lebt in Genf. Seine jetzige Frau ist halb Kroatin, und er spricht schw\u00e4rmend von Dubrovnik und Split.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst arbeitet bei einer staatlichen Erd\u00f6lfirma, und da hat er auch seine jetzige Frau kennengelernt. Auch im Justizministerium hat er mal gearbeitet, wie ich erfahre, als wir an dem monumentalen Justizpalast vorbeikommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss sich wieder auf neue Nationalhelden einstellen. Einer davon ist Miguel Grau, an dessen Statue wir vorbeikommen. Er bezieht seinen Ruhm aus dem Krieg gegen Chile (XIX), in dem es um die Grenzziehung ging. Peru verlor damals eine Provinz an Chile, etwas, womit man sich bis heute noch nicht abgefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf Vargas Llosa zu sprechen, und Javier sagt, der sei hier gar nicht so beliebt. Woran liegt das? Daran, dass er nach Spanien ausgewandert sei? Nein, mehr daran, dass er aus Arequipa stammt. Die Leute von dort gelten als arrogant. Ganz anders als die im Norden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht endlich aufs Stadtzentrum zu. Ich wohne quasi Wand an Wand mit dem Pr\u00e4sidenten Perus, an der Plaza Mayor. Es handelt sich um einen jungen Mann, gerade mal 38, der, wie schon seine Vorg\u00e4nger, Peru vorangebracht habe. Peru ziehe jetzt Einwanderer aus anderen L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas an, und Lima vor allem auch interne Einwanderung, vom Lande. Die Stadt hat \u00fcber 10 Millionen Einwohner und ist damit eine der gr\u00f6\u00dften S\u00fcdamerikas, nach einer Statistik sogar die zweitgr\u00f6\u00dfte nach Sao Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren in ein Parkhaus, wo er wohl freie Einfahrt hat, m\u00fcssen aber bis in den 7. Stock fahren, um einen Platz zu finden, und dann mit Gep\u00e4ck zu Fu\u00df die Treppe runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich unten an der Stra\u00dfenecke steht ein uniformierter Mann, bei dem ich Geld wechseln kann. Die peruanische W\u00e4hrungseinheit ist der Sol. Ich bekomme 330 Sol f\u00fcr 100 Dollar. Auch an neue Steckdosen gilt es sich zu gew\u00f6hnen. Gott sei Dank spielt mein Adapter mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung ist gro\u00df und geschmackvoll eingerichtet, aber Javier will die Miete bar bezahlt haben. Das habe ich nicht auf der Rechnung gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss muss ich noch eine App runterladen. Mit der \u00f6ffnet man die T\u00fcr zum Haus. Oben f\u00fcr die Wohnung gibt es Schl\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich alleine bin, reicht die Energie so gerade noch zum Auspacken.<\/p>\n\n\n\n<p>8. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen auf die Stra\u00dfe trete, ist es merkw\u00fcrdig ruhig. Dann merke ich: 8. Dezember, Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis. Feiertag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne, die mich gestern in Empfang genommen hat, versteckt sich hinter einer dichten Wolkendecke. So wird es auch f\u00fcr den Rest der Woche bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einer Apotheke komme ich bestimmt an einem Dutzend von Caf\u00e9s vorbei, aus denen es verlockend riecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann finde ich eine Apotheke. Glyk\u00e4mie-Tests f\u00fchren sie nicht durch, das machen nur die Kliniken. Und die haben heute wegen des Feiertags geschlossen. Ich bekomme aber die beiden empfohlenen Medikamente.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bekomme ich dann auch ein Fr\u00fchst\u00fcck. Toast mit Schinken und Spiegeleiern. Dazu Kaffee und Ananassaft. Tut gut. Teure Angelegenheit, genauso wie die Medikamente.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs f\u00e4llt mein Blick auf ein ganz ungew\u00f6hnliches Geb\u00e4ude, Jugendstil pur. Auf dem Pflaster davor eine Markierung, die eine Vielzahl anderer St\u00e4dte nennt, die f\u00fcr den Jugendstil bekannt sind, darunter Darmstadt, Weimar und Bad Nauheim, aber auch Glasgow, Riga, Nancy, Turin,&nbsp; Buenos Aires und Havanna.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Plaza Mayor nimmt der Pr\u00e4sidentenpalast eine ganze Breitseite ein, die Kathedrale eine andere. Die steht jedoch nicht mittig, sondern nach rechts versetzt, links sind irgendwelche Anbauten. Die anderen Geb\u00e4ude sind gelb gefasst mit gro\u00dfen h\u00f6lzernen Erkern. Scheinen st\u00e4dtische Institutionen zu beherbergen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz wird bewacht von Soldaten in blau-roten Paradeuniformen mit der Standarte von Peru in der Hand, an jeder Ecke einer und jeweils in der Mitte des Platzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die Kathedrale rein, aber da beginnt wohl gerade ein Gottesdienst. Sitzpl\u00e4tze bis auf den letzten Platz besetzt. Architektonisch eine barocke Angelegenheit wie aus einem Guss. Die Seitenschiffe sind sehr hoch, wirkt fast wie eine Hallenkirche. Alle Schiffe haben ein einheitliches, gitterartiges Gew\u00f6lbe, sch\u00f6n anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nach Hause zur\u00fcck, komme aber mit der Applikation unten nicht rein. Zum Gl\u00fcck kommt gerade ein freundlicher Herr aus dem 2. Stock, der mich reinl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder in der Wohnung bin, rufe ich den Vermieter an. Der gibt mir das Gef\u00fchl, das liege alles nur an meiner Unbeholfenheit, die Applikation werde von mehr als 400 Personen benutzt. Das hilft mir aber wenig, mich hat sie einfach nicht reingelassen. Ich sollte mich wieder neu registrieren, aber die Applikation lie\u00df das nicht zu. Au\u00dferdem h\u00e4tten mir die Daten gefehlt. Ich trauere den Tagen nach, in denen man per Schl\u00fcssel in ein Haus kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kommt er aber und zeigt sich von seiner angenehmsten Seite. Er ist wirklich welterfahren. Erz\u00e4hlt, wie ihm einmal in China eine ganze Aktentasche abhanden gekommen ist, mit zwei verschiedenen Visa und Pass und Reisechecks und Bargeld. Dann fiel ihm die Bank ein, in der er glaubte, seine Aktentasche liegengelassen zu haben, und da stand sie noch, so, wie er sie auf dem Boden abgestellt hatte. Ich bek\u00e4me meine Sachen auch wieder. Innerhalb von zwei, drei Tagen k\u00e4men die hier an. Ich k\u00f6nne sie an seine Adresse senden lassen. Er gibt mir noch&nbsp; den Hinweis auf die Filiale eines Kurierservices, hier ganz in der N\u00e4he, da solle ich mal nachfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir runter, deinstallieren die App und installieren sie neu. Im Moment scheint es zu klappen, aber ich traue dem Braten noch nicht ganz, werde jedes Mal nerv\u00f6s werden, wenn ich vor dem Tor stehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr die Bezahlung l\u00e4sst er sich auf meinen Vorschlag ein. \u00dcberweisung statt der eigentlich vorgesehenen Barzahlung. Und nicht nur das, er ebnet mir sogar den Weg und bietet mir an, das Geld auf das Konto seiner Tochter in Deutschland zu \u00fcberweisen. Die unterst\u00fctzt er jeden Monat mit 1.000 \u20ac. Er scheint nicht zu den \u00c4rmsten im Lande zu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von China hat er mir gestern schon erz\u00e4hlt. Er ist zweimal dort gewesen, mit einem Abstand von einigen wenigen Jahren, und hat das Land praktisch nicht mehr wiedererkannt. Er hat auch Chinesisch gelernt und best\u00e4tigt, wie alle, die sich daran versuchen, dass die Sprache eigentlich leicht zu erlernen ist, solange man die Schrift au\u00dfen&nbsp; vor l\u00e4sst. In der m\u00fcndlichen Sprache sind die T\u00f6ne die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt noch nach meinen Pl\u00e4nen f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage und sagt, als er mich noch etwas unschl\u00fcssig und schlecht informiert sieht, er werde einer guten Freundin meine Telefonnummer geben. Die habe sich mit den alten Kulturen Perus besch\u00e4ftigt und k\u00f6nne mir sicher ein paar Tipps geben. Nicht schlecht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als er gegangen ist, mache ich mich auf die Suche nach dem Kurierservice, in einer kleinen Ladenpassage untergebracht, in der es nur so von Massagesalons wimmelt. Irgendwo im dritten Stock finde ich das B\u00fcro. Geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe einmal \u00fcber die Plaza Mayor. Da herrscht jetzt Feiertagsstimmung. Richtig viel los, dabei geht es aber sehr ruhig zu.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Lokal bekomme ich eine Art Hamburger zu essen, dazu einen peruanischen Kaffee. Der ist pechschwarz, aber nicht bitter und, dem Vernehmen nach, auch nicht sehr stark.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4ltere Dame, die mich bedient, ist sehr freundlich, mehr als die anderen, auf die ich bisher gesto\u00dfen bin. Sie sagt mir, wo die Tourismusinfo ist, wann der Wachwechsel stattfindet und dass wir Nachbarn sind. Wenn ich irgendwelche Fragen h\u00e4tte, jederzeit gern. Zum Schluss rundet sie den Betrag, den ich ihr schulde, nach unten ab, 50 statt 52.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch zur Touristeninformation, aber auch die hat heute geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich unter dem <em>Portal de los Escribanos<\/em> her. Zuerst habe ich vermutet, dass das so was wie in Mexiko ist, wo es Schreibkundige gab, die f\u00fcr andere Briefe verfassen, private wie offizielle, aber hier geht es wohl eher um Personen, die von Amts wegen hier sa\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zu Hause, merke ich, dass der Turm der gestern Abend sch\u00f6n angestrahlten Kirche, die ich von meinem Wohnzimmer aus sehe, nicht zur Plaza Mayor geh\u00f6rt, sondern hinter ihr liegt. Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, hat Javier sie gestern erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Marschmusik am Morgen k\u00fcndigt an, dass der heutige Feiertag, im Gegensatz zum gestrigen, kein religi\u00f6ser, sondern ein staatlicher ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ein grauer, wolkenverhangener Tag. Kein Sonnenstrahl weit und breit, keine Wolkenl\u00fccke. Wie bleiern h\u00e4ngen die Wolken ganz tief am Himmel, aschgrau. Dass ich bisher vom Wetter verw\u00f6hnt worden w\u00e4re, kann man nicht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie blind man sein kann! Jetzt erst merke ich, dass man hier f\u00fcr die Steckdosen gar keinen Adapter braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Runtergehen achte ich zum ersten Mal auf das Treppenhaus. Das ist, daf\u00fcr, dass das Haus an so zentraler Stelle steht \u2013 neben dem Pr\u00e4sidentenpalast \u2013 ziemlich vernachl\u00e4ssigt. Das Gel\u00e4nder, die Decken, die W\u00e4nde, alles ziemlich schmuddelig, teils mit abbl\u00e4tternder Farbe. Einer der Fahrst\u00fchle ist ganz gesperrt. Im Flur stehen ziemlich hilflos ein paar antik aussehende, graue Vasen herum, ansonsten herrscht g\u00e4hnende Leere. Keine Pflanze, kein Bild, nichts. Und die Portiersloge unten ist nicht besetzt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich rausgehe, probiere ich den T\u00fcr\u00f6ffner im Handy aus. Funktioniert wieder nicht. Ich muss zu Hause bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Vermieter sich meldet, will er einen Screenshot dessen, wie auf meiner App aussieht. Er setzt sich dann mit dem Anbieter in Verbindung. Die k\u00f6nnen auch nicht weiterhelfen. Er empfiehlt mir, mich neu zu registrieren. Sieht gut aus. Ich gehe in Vertrauen auf Gott und den Vermieter aus dem Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute steuere ich direkt die Kirche an, deren Turm ich von der Wohnung aus sehen kann. Es ist die Dominikanerkirche, und gleich daneben ist das <em>Convento de Santo Domingo<\/em>. Ein Teil davon ist Museum, und das heute ge\u00f6ffnet. Ich bekomme sogar einen Seniorenrabatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine F\u00fchrung hat gerade angefangen. Der kann ich mich anschlie\u00dfen. Es ist au\u00dfer mir nur ein Ehepaar dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beginnen in dem ersten von zwei Patios, palmenbestanden, mit sevillanischen Kacheln an den Pfeilern und h\u00f6lzernen Balkonen im Obergeschoss. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Patio, ebenfalls palmenbestanden, ist ganz anders, aber auch sch\u00f6n, steinsichtig, gelb gefasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier leben weiterhin zehn Dominikanerm\u00f6nche, f\u00fcnf alte und f\u00fcnf junge. Aber sehen tun wir keinen von ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in die Krypta runter. Die ist sehr flach gedeckt, mit einem sch\u00f6nen gekachelten Fu\u00dfboden. Hier wurden die M\u00f6nche urspr\u00fcnglich bestattet. Nach Ablauf einer Zeit wurden ihre Knochen dann in das Ossuarium hinten in der Krypta verfrachtet. Mittels eines Spiegels kann man hier noch die \u00fcbereinandergestapelten Knochen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Konvent war fr\u00fcher auch Universit\u00e4t, die Dominikaner waren ja immer f\u00fcr ihre Gelehrsamkeit bekannt. Wir kommen in den Pr\u00fcfungsraum, mit Gest\u00fchl f\u00fcr die Pr\u00fcfer an den Seiten. Das Verdikt wurde von oben gesprochen. Am Ende des Raums befindet sich ein geschlossener h\u00f6lzerner Balkon, und wenn sich dessen beiden Fenster am Ende der Pr\u00fcfung \u00f6ffneten, war die Pr\u00fcfung bestanden. Sonst nicht. Da wurde mit einiger Dramaturgie gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden ist st\u00e4ndig von drei Heiligen die Rede, \u201enuestros tres santos peruanos\u201c, von denen man annimmt, dass jeder sie kennt: San Mart\u00edn de Porres, San Juan Mac\u00edas, Santa Lima de Rosa. Die wird tats\u00e4chlich in ganz Lateinamerika (und dar\u00fcber hinaus) verehrt. Im Zweiten Innenhof sind sie als Holzfiguren zusammen mit Santo Domingo dargestellt, mit ihren jeweiligen Attributen: Buch, Kreuz, Hund und Globus f\u00fcr Santo Domingo (die <em>Dominikaner<\/em> waren die <em>domini canes<\/em>, die Hunde des Herrn), Katze und Rosen f\u00fcr Santa Rosa de Lima, Besen f\u00fcr San Mart\u00edn de Porres und Brotkorb f\u00fcr San Juan Mac\u00edas. Der war eigentlich Spanier, aus der Extremadura, Mac\u00edas bezieht sich auf seinen Beruf als Sch\u00e4fer. San Mart\u00edn de Porres war Mestize, auf einem der (vermutlich sehr spekulativen) Gem\u00e4lde sieht er aus wie Haile Selassie. In der Kapelle, die ihm gewidmet ist, sind auch zwei Filmplakate ausgestellt. Einer der Filme hei\u00dft <em>El Santo de la Escoba<\/em>. Der Besen ist wohl untr\u00fcglich sein Attribut. Santa Rosa de Lima hie\u00df eigentlich Isabel. Das wissen die beiden anderen, die an der F\u00fchrung teilnehmen. Ihre Mutter nannte sie Rosa, weil sie so sch\u00f6n war. Das wollte sie aber nicht, gab sich am Ende aber damit zufrieden, Rosa de Santa Mar\u00eda genannt zu werden. Sie trat in den Dritten Orden der Dominikanerinnen ein, den Laienorden. Alle drei lebten in der fr\u00fchen Neuzeit, alle drei widmeten sich den Armen und Kranken, alle drei geh\u00f6rten zum Dominikanerorden, aber die beiden M\u00e4nner wurden erst im 20. Jahrhundert heiliggesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen anschlie\u00dfend in die Bibliothek, einen langgestreckten Raum voller alter B\u00fccher, Tausende, die meisten auf Latein, einige wenige in einem fr\u00fchneuzeitlichen Spanisch. Die Bibliothek umfasst die Wissensgebiete Mathematik, Astrologie, Philosophie, Geschichte und nat\u00fcrlich Theologie. Urspr\u00fcnglich war dieser Raum das Refektorium, die Bibliothek befand sich im Obergeschoss, um das nat\u00fcrliche Licht auszun\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen auf den westlichen Chor der Kirche. Von hier aus sieht man ins Gotteshaus hinunter. Dort geht gerade ein Gottesdienst zu Ende, mit mexikanischen Rhythmen, die ganz weltlich klingen.&nbsp; Die Gl\u00e4ubigen dr\u00e4ngen sich in einem Haufen vor der Altarschranke.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen noch weitere 135 Stufen rauf. Gl\u00fccklicherweise sind die breit und ziemlich bequem. Auf zwei Geschossen des Glockenturms sehen wir Glocken, die schwerste davon wiegt \u00fcber eine Tonne.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Turmgeschoss sind Zeichnungen eines Amateurmalers aus Lima ausgestellt, Dutzende davon, immer im gleichen Format. Sie stellen alle m\u00f6glichen Charaktere dar, leicht karikiert, Nonnen, Ritter, Bader, Damen, die ein Sch\u00e4tzchen halten, Reisende und Gesch\u00e4ftsleute auf Eseln. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Von oben hat man einen guten Blick in die Ferne, aber sch\u00f6n ist das nicht, was man hier sieht, auch wenn die F\u00fchrerin sich bem\u00fcht, einzelne sch\u00f6ne \u00e4ltere Geb\u00e4ude vorzuzeigen. Das meiste ist gesichtslos, moderne Hochh\u00e4user, durcheinandergew\u00fcrfelt, ohne Sinn und Zweck, jedenfalls ohne \u00e4sthetischen Sinn und Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ein langgestrecktes Geb\u00e4ude, gleich unter uns, mit einer flachen Kuppel in der Mitte. Was ist das denn? Das ehemalige Post- und Telegraphenamt. Es war einst glasgedeckt, aber man hat die Glasdecke wegen der Erdbebengefahr vorsichtshalber entfernt. Das Geb\u00e4ude soll saniert und zu einem Museum umgestaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag meldet sich Javiers Bekannte. Wir verabreden und am Eingang zur Kathedrale und beschreiben unsere Kleidung, damit wir uns erkennen. Sie hat es leichter mit meinem Ausl\u00e4ndergesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind sofort per Du, aber es dauert etwas, bis ich verstehe, wie sie hei\u00dft. Sie hat n\u00e4mlich zwei Namen, M\u00f3nica und Silvana. Die einen nennen sie so, die anderen so. Kommt \u00f6fter vor, als man glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist ziemlich ersch\u00f6pft, und das kann man wirklich verstehen. Sie wohnt ganz im S\u00fcden, fast au\u00dferhalb von Lima, und muss mit dem Bus Gott wei\u00df wie lange unterwegs sein, um hier ins Zentrum zu kommen. Und gestern hat sie auf Wunsch ihres Sohnes aus Anlass von dessen Geburtstag eine wahnsinnige Exkursion unternommen: Nach Nazca und zur\u00fcck an einem einzigen Tag. Hat die ber\u00fchmten Nazca-Linien \u00fcberflogen, zum ersten Mal, und ist schwer beeindruckt. Das solle ich unbedingt auch machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde es aber langsamer gehen lassen und unterwegs Halt in Paracas machen. In Ica, verbessert sie mich. Ica ist der Standort, von dem aus man Paracas und die Inseln besichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 und bestellen einen Saft, chicha morada. Woraus ist der gemacht? Aus Mais, aus rotem Mais! Schmeckt man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie arbeitet, wenn ich das richtig verstanden habe, im Gesundheitsdienst. Hat noch zwei Jahre. Und dann, die Pension genie\u00dfen? Ja, denkste! So etwas wie eine Rente werde sie \u00fcberhaupt nicht bekommen, hat wohl irgendwann eine Abfindung bekommen. Damit muss sie zurechtkommen. Besitzt zusammen mit zwei Br\u00fcdern ein Haus, das sie dann verkaufen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa ist sie noch nie gewesen, ihr Sohn wohl, schon zweimal. Der kennt Holland und Belgien und sogar Norwegen, und hat mal ein halbes Jahr in Italien gelebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit erstaunlicher Offenheit spricht sie von dem problematischen Verh\u00e4ltnis zu ihrer akademisch gebildeten, aber psychisch gest\u00f6rten Tochter. Die wollte eigentlich die Geburtstagstour auch mitmachen, hat aber im letzten Moment beleidigt abgesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat am Samstag Zeit. Wir k\u00f6nnen uns dann in Miraflores treffen und einen Spaziergang machen. Gute Idee. Vorausgesetzt, bis dahin habe ich meine Probleme behoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie w\u00fcrde mich auch gerne am Sonntag nach Ica begleiten, hat aber ihren Jahresurlaub schon aufgebraucht und will, verst\u00e4ndlicherweise, nicht an den Urlaub des n\u00e4chsten Jahres gehen. Sie will aber mal sehen, was sich machen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich begleite sie noch ein St\u00fcck die Einkaufsstra\u00dfe runter und kaufe auf ihre Empfehlung etwas S\u00fc\u00dfes, als Mitbringsel f\u00fcr die Leute in Quito.<\/p>\n\n\n\n<p>10. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Haus komme, laufe ich direkt auf eine Schlange zu, die sich bis um die Ecke windet. Was ist das denn? Ich frage einen Mann, der Plastikhocker verteilt oder&nbsp; vermietet, damit die Wartezeit bequemer abgesessen werden kann. Er sagt, das seien alles Rentner. Die st\u00fcnden Schlange vor der Bank. Um ihre Rente zu kassieren. Ja, aber es ist doch weder Monatsanfang noch Monatsende. Ja, sie kommen viermal pro Monat!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Plaza Mayor ist nicht wiederzuerkennen. Es ist ganz ruhig hier heute. Die Sonne bem\u00fcht sich und sendet momentan einen blassen Schimmer durch die Wolken, zieht sich aber im Laufe des Morgens wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geld zerrinnt mir durch die Finger. Peru ist teuer. An der Stelle, wo am Sonntag der Geldwechsler stand, ist keiner zu sehen. Ein Polizist sagt mir, ich solle zur Plaza San Mart\u00edn gehen. Und dann sagt er mir hinter verhohlener Hand, da werde ich auch einen besseren Kurs bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die ganze Einkaufsstra\u00dfe runter, ein ordentliches St\u00fcck bis zur Plaza San Mart\u00edn. Beim \u00dcberqueren einer Stra\u00dfe merke ich, dass das merkw\u00fcrde <em>Jr.<\/em> am Beginn der Stra\u00dfennamen hier f\u00fcr <em>Jir\u00f3n<\/em> steht. Hat mit Junior einleuchtenderweise nichts zu tun. Ganz erkl\u00e4ren kann ich mir das mit dem Jir\u00f3n dennoch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Plaza San Mart\u00edn ist eine kleine Ausgabe der Plaza Mayor, aber gr\u00fcner, sch\u00f6ner angelegt, wobei zu Gr\u00fcn auch die violett bl\u00fchenden B\u00e4ume z\u00e4hlen, die hier stehen. Flei\u00dfige G\u00e4rtner sind trotz der fr\u00fchen Stunde schon am Werk, gie\u00dfend und kappend.<\/p>\n\n\n\n<p>San Mart\u00edn ist trotz seines Namens kein Heiliger, wenn \u00fcberhaupt, ein weltlicher, ein Freiheitsk\u00e4mpfer, einer der ganz gro\u00dfen Namen im s\u00fcdamerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskampf. Mehr als einmal bin ich schon auf ihn gesto\u00dfen, vor allem in Argentinien. Dort, im damaligen Vizek\u00f6nigreich La Plata, ist er geboren. Hier thront er in der Platzmitte auf seinem Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon an der Ecke hat mich ein Stra\u00dfenk\u00e4ufer abgefangen und mir den Weg zu den Wechselstuben gezeigt. In der ersten bekomme ich meine Dollars nicht umgetauscht, weil jemand auf einen Schein einen Kringel mit einem Kuli gemacht hat. In der zweiten Wechselstube verringern sie deshalb den Wechselkurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stra\u00dfenverk\u00e4ufer lauert mir schon auf, als ich wieder auf die Stra\u00dfe komme. Eine touristische Karte von S\u00fcdamerika hat er im Angebot und eine von Peru. Er hat alle Tricks drauf, lobt mein Spanisch, erz\u00e4hlt von seiner Kinderschar, dr\u00fcckt mir die Karten in die Hand. Am Ende habe ich beide in der Hand, zu einem \u201eSonderpreis\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe gehe ich in einen Schnellimbiss zum Fr\u00fchst\u00fccken. Die Kellnerin empfiehlt mir das Desayuno huachano. Das sei das typischste: Speck, Blutwurst, R\u00fchrei mit Tomaten, Zwiebeln und camote. Da muss ich nachfragen. Sind wohl S\u00fc\u00dfkartoffeln, das, was es in Kolumbien als plaintains gab. Zu dem Kaffee bestelle ich noch einen Erdbeermilchshake. Die Erdbeeren hei\u00dfen hier wieder fresas, wie in Spanien, nicht frutilla.<\/p>\n\n\n\n<p>Huacho ist eine Stadt an der Pazifikk\u00fcste, gut zwei Stunden von Lima entfernt. Auch M\u00f3nica hat von ihr gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Bezahlen erwartet mich der n\u00e4chste Nackenschlag. Jetzt haben sie auch meine zweite Kreditkarte gesperrt. Die Pechstr\u00e4hne dauert an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage bei der Touristeninformation nach. Ich schildere mein Problem, sie sprechen sogar von der M\u00f6glichkeit, dass ich von dort aus den Anruf bei der Bank in Deutschland machen kann, aber es stellt sich heraus, dass das nicht geht. Solche Gesch\u00e4fte, an denen man Telefongespr\u00e4che gegen Bezahlung machen kann, gibt es wohl nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ich schon gerade da bin, frage ich gleich nach dem Weg zur neuen Unterkunft und nach Stadtf\u00fchrungen. Die finden freitags, samstags und sonntags statt. Passt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zu Hause versuche ich, die Bank in Deutschland zu erreichen, aber das klappt trotz famili\u00e4rer Hilfe nicht. Irgendwie hat das Schicksal sich gegen mich verschworen.<\/p>\n\n\n\n<p>Javier versucht, aus der Ferne zu helfen. Es ist ihm unverst\u00e4ndlich, dass es keine Notrufnummer gibt, unter der ma n die Bank erreichen kann. Er findet am Ende aber doch noch irgendwo in Lima einen Laden, von wo aus man Anrufe gegen Bezahlung machen kann, ein locutorio.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt steht aber erst einmal der Umzug an. Ich packe meine Siebensachen und mache mich auf den Weg. Die gesamte Plaza Mayor ist abgesperrt, es scheint sp\u00e4ter eine Veranstaltung stattzufinden. Man l\u00e4sst mich aber noch durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ist derselbe wie heute Morgen zur Wechselstube, immer geradeaus Richtung Plaza San Mart\u00edn. Die Einkaufsstra\u00dfe ist voll, immer wieder wird man von Leuten angesprochen, die einem etwas verkaufen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Plaza San Mart\u00edn geht es rechts ab. Je weiter man sich von dem Platz entfernt, umso einsamer und h\u00e4sslicher wird es. Au\u00dferdem wird mir das Gep\u00e4ck schwer. Ich erreiche das Ende der Jr. de Oca\u00f1a bei Hausnummer 395. Ich muss aber zu 452. An der Stra\u00dfenecke frage ich jemanden. Der wei\u00df nicht Bescheid, sagt mir aber, ich solle auf jeden Fall die Stra\u00dfe da&nbsp; vorne vermeiden. Da sei es gef\u00e4hrlich. Genau da bin ich gerade hergekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich heraus, dass die Jr. de Oca\u00f1a im Zickzack weiter verl\u00e4uft. Bald erreiche ich 452, aber es ist noch zu fr\u00fch. Ein Caf\u00e9 finde ich nicht, nur einen chinesischen Schnellimbiss. Egal. Ich gehe rein und versuche, die Weihnachtsdekoration und die Goldfische auszublenden. Nicht so leicht auszublenden sind die Ger\u00e4usche, der Verkehrsl\u00e4rm, der durch die offene T\u00fcr kommt, Madonna, die auf einem Bildschirm tr\u00e4llert, aber \u00fcbertroffen wird von dem Soundtrack eines Action-Films, der gleich \u00fcber meinem Kopf auf einem zweiten Bildschirm l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle das erste Beste auf der Karte, ohne zu wissen, was es ist, chaufa de chancho. Es ist ein riesiger Berg von Gem\u00fcsereis mit kleinen, schmackhaften H\u00e4hnchenst\u00fcckchen. Gar nicht schlecht, aber ich schaffe nicht einmal die H\u00e4lfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehe ich vor der Unterkunft. Die ganze Gegend sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus, aber der Eindruck \u00e4ndert sich schlagartig, als sich die T\u00fcr \u00f6ffnet. Man blickt in einen langen, wei\u00df get\u00fcnchten Gang, sauber, adrett, mit ein paar sch\u00f6nen M\u00f6beln und einer ganzen Reihe von kleinen, dunkelblauen Blumenvasen an der Wand. Alles sehr gepflegt, genauso wie die Vermieterin, Carla.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie weist mich ein, zeigt mir die K\u00fcche, mein Zimmer (mit eigenem Badezimmer und einem kleinen Schreibtisch) und wie ich ins Haus komme. Mit einem Schl\u00fcssel!<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind noch zwei weitere Zimmer vermietet. In einem wohnt ein peruanischer Student, langfristig, in dem anderen ein Touristenpaar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstaue meine Sachen und belagere anschlie\u00dfend Carla mit meinen Problemen. Sie ist sehr hilfsbereit, will mit ihr Handy zum Telefonieren zur Verf\u00fcgung stellen. Sie macht im Laufe der Zeit bald ein Dutzend Anrufe, bekommt immer neue Ausk\u00fcnfte und wird immer wieder gebeten, sp\u00e4ter noch mal zur\u00fcckzurufen. Erst hei\u00dft es, ein Anruf koste 0,69 PEN pro Minute. Das w\u00fcrde ich ohne Z\u00f6gern bezahlen. Aber wir kommen nicht durch. Dann hei\u00dft es, es m\u00fcsse erst etwas freigeschaltet werden, dann, ihr Guthaben m\u00fcsse aufgestockt werden, obwohl sie einen Vertrag hat. Dann wird ein Paket angeboten, zu g\u00fcnstigeren Bedingungen, aber nach einigem Hin und Her stellt sich heraus, dass Deutschland in dem Paket nicht inbegriffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es vergehen anderthalb Stunden, und am Ende m\u00fcssen wir aufgeben, da es zu Hause bereits 22 Uhr und die Bank nicht mehr zu erreichen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In den zwischenzeitlichen Wartezeiten kann sie einiges von sich erz\u00e4hlen. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei T\u00f6chtern, 11 und 14 Jahre alt. Beide sind athletisch veranlagt, eine hat sich gerade das Bein gebrochen und ist als Invalidin zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der T\u00f6chter m\u00f6chte in Spanien studieren. Dort koste das Studium an einer staatlichen Universit\u00e4t 800 $ pro Jahr, hier 1.000 $ pro Monat.<\/p>\n\n\n\n<p>Von ihrem Mann hat sie sich w\u00e4hrend der Pandemie getrennt. Der lebt in einer anderen Gegend Perus. Sie hat mit ihm lange in Piura gelebt, einer Provinz, die an Ecuador grenzt. Dort sei es unertr\u00e4glich hei\u00df, meint sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Bruder lebt inzwischen in Spanien, hat aber auch in Italien und in Deutschland gelebt und ist sogar mit einer Deutschen verheiratet gewesen, einer Frau, die wesentlich \u00e4lter als er selbst war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie, Carla, kann au\u00dfer Englisch auch Italienisch, tut sich aber schwer mit den Sprachen, wie sie sagt. Das britische Englisch gefalle ihr besser als das amerikanische, und das k\u00f6nne sie auch besser verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbleiben f\u00fcr morgen so, dass sie um 9 hierher kommt und wir dann gemeinsam zu dem von Javier empfohlenen <em>locutorio<\/em> fahren, offensichtlich dem einzigen, das in Lima noch verbleibt. Das befinde sich in einer etwas schmuddeligen Ecke, da sollten wir lieber zusammen hinfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Carla kommt und wir nehmen ein Taxi zu den wohl einzig verbliebenen <em>locutorio<\/em> Limas, einer Art privat betriebenen Telefonzelle, in einer, wie Carla schon angek\u00fcndigt hat, sch\u00e4bigen Gegend. Das locutorio passt sich perfekt der Umgebung an. In der Telefonzelle, deren windschiefe Glast\u00fcr mit einem Vorh\u00e4ngeschloss verriegelt ist, steht ein Telefonapparat von Anno Dazumal. Die Betreiberin des Kiosks, zu dem die Telefonzelle geh\u00f6rt, sagt, bis 11 Uhr komme niemand, der daf\u00fcr zust\u00e4ndig ist, und, soweit sie wisse, k\u00f6nne man ohnehin nur Auslandsgespr\u00e4che nach Argentinien und Spanien f\u00fchren. Wir geben der Sache keine Chance.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach fragen wir uns von Handyladen zu Handyladen durch, immer mit demselben Ergebnis: Entweder sagen sie uns, was wir schon wissen, oder etwas, was nicht stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde am liebsten aufgeben, aber Carla schl\u00e4gt vor, wir sollten es in einem Hotel versuchen. Tats\u00e4chlich erlaubt uns die junge Frau an der Rezeption, ihr Handy zu benutzen. Aber auch sie muss feststellen, dass sie keine Anrufe nach Deutschland t\u00e4tigen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie empfiehlt uns die Touristenpolizei, aber da ist niemand. Der Portier des Hotels, an dem wir wieder vorbeikommen, sagt, wir h\u00e4tten uns get\u00e4uscht. Da sei jemand. Das wisse er ganz genau. Er geht sogar mit uns, nur um festzustellen, dass die T\u00fcr verschlossen und niemand da ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die st\u00e4ndigen R\u00fcckschl\u00e4ge schlagen mir aufs Gem\u00fct. Ich schlage vor, dass wir es lassen und nach Hause zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs erz\u00e4hlt mir Carla, dass sie die Vermietung erst seit einem Jahr betreibt. Scheint gut zu laufen. Das Haus geh\u00f6rt ihrem Schwiegervater, und sie hatte schon l\u00e4nger vor, irgendwas damit zu machen, aber ihr Mann war dagegen. Sie wohnten damals in Piura, aber sie wollte ohnehin lieber nach Lima zur\u00fcck. Nach der Trennung von ihrem Mann machte sie dann ein Gesch\u00e4ft mit dem Schwiegervater. Er stellt das Haus zur Verf\u00fcgung, sie k\u00fcmmert sich um alles, und sie teilen sich den Gewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal pro Monat kommt ein junger Mann, der die Grundreinigung macht, um alles andere k\u00fcmmert sie sich. Die W\u00e4sche kann sie gl\u00fccklicherweise hier waschen, selbst wohnt sie n\u00e4mlich eine ganze Autostunde entfernt. Interessant, welche Leute mit welchen Biographien man auf so einer Reise kennenlernt.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Um 5.30 steht das Taxi vor der T\u00fcr. Als ich am Abend die Wohnung wieder betrete, ist es 21.30. Und das, obwohl wir schon um 19 Uhr gelandet sind. Die restliche Zeit vergeht mit dem Schlangestehen bei der Passkontrolle, der vierten des Tages, und der qu\u00e4lerischen Fahrt durch die verstopften Stra\u00dfen. Der Taxifahrer ist entsetzt, als er erf\u00e4hrt, dass es ins Zentrum von Lima geht. Warum ist jetzt so viel Verkehr? Arbeiten die Leute au\u00dferhalb und leben im Zentrum? Nein, sie kommen heute, Freitag, kurz vor Weihnachten, alle zum Feiern und zum Einkaufen hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Limas \u00f6ffentlicher Verkehr scheint auch nicht viel dazu beizutragen, den Verkehr zu entlasten. Man sieht nur ein paar, schlecht besetzte Busse, und die m\u00fcssen sich mit allen anderen durch das Gew\u00fchl dr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen war ich froh, dass die Sache mit den Taxis so gut organisiert ist. Man kauft ein Ticket an einem Stand mit gelb uniformierten M\u00e4dchen, und die \u00fcbergeben einen in die Obhut eines ebenfalls gelb uniformierten Mannes, der einem dann das Taxi zuweist, sobald es kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so erbaut bin ich von dem Preis. Heute Morgen habe ich f\u00fcr die von Carla gebuchte Fahrt zum Flughafen 27 PEN bezahlt, jetzt zahle ich 78 PEN. Die Taxiunternehmen schubsen einen in die H\u00e4nde von Uber &amp; Co.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag hat nur einen H\u00f6hepunkt, und das ist die Entgegennahme meiner Habseligkeiten in Quito. Ansonsten ist Warten angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann die Zeit wenigstens nutzen, um mir ein paar Karten und Brosch\u00fcren anzusehen. Peru, stellt sich heraus, ist noch ein bisschen gr\u00f6\u00dfer als Kolumbien, das, wie ich nicht m\u00fcde werde zu wiederholen, so gro\u00df wie Frankreich, Spanien und Portugal zusammen ist. Peru ist beinahe 4x-mal so gro\u00df wie Deutschland, und doch ein Zwerg im Vergleich zu Argentinien und Brasilien. In Argentinien passt Deutschland 18x-mal rein, in Brasilien 23x-mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4hrung hei\u00dft Sol. Die hat als Nuevo Sol den inflation\u00e4ren Inti abgel\u00f6st. Es gibt M\u00fcnzen zu 1, 2 und 5 Sol, wobei die h\u00f6heren Werte mickriger aussehen. Es gibt auch C\u00e9ntimos zu verschiedenen Werten, aber meistens ist die Summe, die man zahlt, rund. Die Banknoten scheinen alle die gleiche Gr\u00f6\u00dfe zu haben, aber ich habe noch nicht alle in der Hand gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe auch Zeit, die eine oder andere der lateinamerikanischen Kurzgeschichten noch mal zu lesen und die Kurzbiographien der Autoren. Dabei f\u00e4llt auf, wie viele von denen lange Zeit im Ausland gelebt haben. Borges, Argentinier, hat lange in Genf gelebt und bei der Gelegenheit auch Deutsch gelernt (Franz\u00f6sisch konnte er sowieso), &nbsp;Vargas Llosa, Peruaner, hat schon als junger Mann in Madrid ein Stipendium gehabt, hat lange in Havanna gelebt und ist dann am Ende ganz nach Spanien \u00fcbergesiedelt, Isabel Allende, Chilenin, hat lange in Venezuela gelebt und sich jetzt nach Kalifornien zur\u00fcckgezogen, Garc\u00eda M\u00e1rquez, Kolumbianer, hat lange in Barcelona und Paris gelebt und ist in Mexiko gestorben, Benedetti, Uruguayer, hat viele Jahre des Exils in Argentinien, Kuba, Peru und Spanien verbracht, Cort\u00e1zar, Argentinier, ist in Br\u00fcssel geboren und hat Paris zu seiner Wahlheimat gemacht, Carpentier, Kubaner, hat seine Jugendjahre in Frankreich verbracht und sp\u00e4ter in Venezuela gelebt, Sep\u00falveda, Chilene, hat lange mit seiner deutschen Frau in Deutschland gelebt und ist in Spanien gestorben, und Quiroga, Uruguayer, hat jahrelang im argentinischen Dschungel gelebt. Zu den Ausnahmen z\u00e4hlen &nbsp;Juan Rulfo, der tats\u00e4chlich die meiste Zeit seines Lebens in Mexiko geblieben ist und Bioy Casares, der seinem Argentinien treu geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>13. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Haus gehe, nimmt mich der schreckliche Himmel von Lima in Empfang, schlimmer als in Deutschland an den schrecklichsten Wintertagen. Eine geschlossene Decke, hellgrau, keinerlei Abwechslung, nicht einmal ein dunkle Wolke, geschweige denn eine Wolkenl\u00fccke. Ich habe selten so etwas Deprimierendes gesehen. Es ist vermutlich Smog.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passen die h\u00e4ssliche Bebauung, teils an sozialistische Architektur erinnernd, und das st\u00e4ndige Hupkonzert, unterbrochen von den Martinsh\u00f6rnern von Krankenwagen und Polizeiwagen, die st\u00e4ndig unterwegs zu sein scheinen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche den Supermarkt von vorgestern, aber der ist wie vom Erdboden verschwunden. Zwei junge Polizisten sagen mir, so was gebe es hier nicht, da m\u00fcsse ich ein Taxi nehmen, <em>un carrito<\/em>. Ich zweifele allm\u00e4hlich an meinem Verstand. Ich gehe zur\u00fcck und dann noch mal in die andere Richtung und \u00fcberquere dann die Stra\u00dfe, nur, um dort auf einen Baumarkt zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die <em>Calle del Huevo<\/em> entlang. Der Beschreibung zufolge hat der Name seinen Ursprung in einem Erdbeben aus dem 18. Jahrhundert. Da erschien auf dieser Stra\u00dfe auf einem eine Eierschale, und aus der entschl\u00fcpfte ein Basilisk.<\/p>\n\n\n\n<p>An einigen Stra\u00dfenst\u00e4nden wird Obst verkauft, als Obstsalat in Schalen, aber ich verpasse die Gelegenheit und finde die St\u00e4nde sp\u00e4ter nicht mehr. An vielen kleinen St\u00e4nden dr\u00e4ngen sich die Menschen herum, hier gibt es wohl so etwas wie peruanische Hamburger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss mein Urteil \u00fcber den \u00f6ffentlichen Nahverkehr in Lima etwas revidieren. Auf der breiten Stra\u00dfe, die ich \u00fcberquere, hat der Bus seine eigene Spur und eigene abgeschlossene, erh\u00f6ht liegende Haltstellen, und auf einer anderen breiten Stra\u00dfe gibt es eine Spur (die, wie in S\u00fcdamerika \u00fcblich, auch von Motorr\u00e4dern benutzt wird) f\u00fcr Fahrr\u00e4der und E-Roller.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach weiterer vergeblicher Suche gehe ich nach Hause zur\u00fcck. Der Supermarkt hei\u00dft <em>Totus<\/em> und ist nur eine Minute entfernt. Ich komme zwar erst nur zum Liefereingang, aber dann klappt es. Entweder bin ich vorher am Eingang vorbeigelaufen (kann durchaus sein, der Eingang zu dem Markt verbirgt sich hinter den Eingangst\u00fcren eines ehemaligen Stadtpalais) oder die Tore waren einfach noch nicht ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe Wasser und Joghurt und einen Panettone f\u00fcr Carla, als Dank f\u00fcr ihre Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn kleinen Stand mit den Empanadas finde ich nicht, aber ich sehe welche in einem winzigen Laden, dessen Eingang man leicht \u00fcbersehen kann. Es sieht so aus, als w\u00e4ren alle vor mir dran, auch die sp\u00e4ter Gekommenen. Dann sagt mir ein Mann \u2013 alle Kunden sind hier M\u00e4nner&nbsp; &#8211; dass man erst an der Kasse bezahlen und dann hier die Ware abholen kann. Auch die im Russland sozialistischer Zeiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vormittag verl\u00e4uft, obwohl ich zu Hause bin, lebhaft. Der H\u00f6hepunkt am Ende des Vormittags, als ich aufgrund einer clever ausgedachten Strategie der jungen Leute in einer Telefonkonferenz \u00fcber meine eigene Festnetzleitung zu Hause mit der Bank telefoniere. Nach mehreren vergeblichen Versuchen kommen wir durch und erreichen am Ende auch einen zust\u00e4ndigen Mitarbeiter. Das Gespr\u00e4ch mit dem verl\u00e4uft erstaunlich glatt, und jetzt sieht es tats\u00e4chlich so aus, als sei das leidige Problem aus der Welt geschafft!<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat sich M\u00f3nica, Javiers Freundin, gemeldet, und f\u00fcr den fr\u00fchen Nachmittag ein Treffen in Miraflores vorgeschlagen. Wieder geht es im Taxi durch das Verkehrsgew\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in Miraflores aussteigt, glaubt man, in einer anderen Welt angekommen zu sein. Das f\u00e4ngt schon damit an, dass hier die Sonne scheint! Es ist warm, und dazu weht eine k\u00fchle Brise. Endlich mal Wetter f\u00fcr die kurze Hose.<\/p>\n\n\n\n<p>Man geht \u00fcber die Esplanade und beugt sich \u00fcber die Br\u00fcstung, und unter sich hat man das offene Meer. Rechts ein Landstreifen mit dem Hafen, kaum zu erkennen, und gegen\u00fcber eine Felseninsel, die aber eher wie eine Sandinsel aussieht und vor der man, wie es hei\u00dft, mit den Seel\u00f6wen schwimmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf der anderen Seite so eine Insel, auch ohne jede Vegetation. Dagegen hat&nbsp; man versucht, die Berge entlang der Uferstra\u00dfe unter uns zu befestigen und zu bepflanzen. Mit bisher noch mittlerem Erfolg. Hier muss ich am vergangenen Sonntag auf dem Weg vom Flughafen zur Unterkunft mit Javier entlanggefahren sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter mir hochmoderne, originelle Hotelbauten, jeder ein Original f\u00fcr sich. Hier oben ist viel Betrieb, es herrscht&nbsp; Freizeitatmosph\u00e4re. Die meisten Passanten sind Peruaner.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entdeckt M\u00f3nica mich. Ich bin ein paar Minuten zu sp\u00e4t eingetroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen Spaziergang von Miraflores nach Barranco, immer hier ganz oben entlang, meist mit Blick aufs Meer. Immer wieder kommt zwischendurch ein gepflegter Park mit&nbsp; Blumen und Skulpturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an einem niedrigen Geb\u00e4ude vorbei, an dessen Zaun Dutzende, wenn nicht Hunderte von Photographien h\u00e4ngen. Das Haus ist ein medizinisches Institut, und hier sind alle \u00c4rzte abgebildet, die bei der Pandemie das Leben gelassen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Verkaufsstand kaufen wir Kokosn\u00fcsse und setzen uns in den Park und trinken Kokosmilch. M\u00f3nica erz\u00e4hlt von ihren beiden Hunden, riesigen Hunden mit zotteligem Haar. Die beiden werden von allen f\u00fcr Zwillinge gehalten, haben aber unterschiedliche V\u00e4ter und verhalten sich auch ganz unterschiedlich. Die Geschichte der Hunde in der Familie ist ganz typisch: Die Tochter dr\u00e4ngt auf die Anschaffung, an der Mutter bleibt die Arbeit h\u00e4ngen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schenkt mir einen Anstecker von Pozuzo. Das ist eine peruanische Stadt mit deutscher Tradition. Da sei alles gepflegt, sagt sie, und die H\u00e4user h\u00e4tten Satteld\u00e4cher. Im Laufe des Tages fallen ihr auch noch die vielen Wurstsorten ein, die es dort gibt, und auch mit dem Kohl kann sie was anfangen, als sie mich nach typisch deutschen Gerichten fragt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f3nica hat Soziologie studiert, dann aber als Arch\u00e4ologin gearbeitet und sich dann auf die Buchhaltung&nbsp; spezialisiert. Jetzt macht sie Buchhaltung innerhalb einer arch\u00e4ologischen Forschungsanstalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie arbeitet in Huacho, woher sie auch urspr\u00fcnglich stammt. Dort hat sie ein kleines Apartment, in dem sie w\u00e4hrend der Woche wohnt. F\u00fcr die Fahrt von Huacho nach Lima und Lima nach Huacho hat sie fr\u00fcher 2 Stunden gebraucht, heute sind es 4-5 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir in Barranco ankommen, werden meine Beine schon m\u00fcde, w\u00e4hrend sie gut durchh\u00e4lt,&nbsp; obwohl sie an einer Hernie leidet und etwas schr\u00e4g geht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Barranco gehen wir auf meinen Wunsch erst in eine Wechselstube, dann etwas essen. Sie w\u00e4hlt T\u00edo Mario aus. Da w\u00e4re ich nicht reingegangen, ich h\u00e4tte was Einfacheres gew\u00e4hlt. Sie hat wahrscheinlich das Gef\u00fchl, mit \u201ewas Besseres\u201c bieten zu m\u00fcssen. Es gibt Tris de Cauca. Das sind keine gef\u00fcllten Kartoffeln, wie ich erst dachte, sondern T\u00f6rtchen aus Kartoffelp\u00fcree, die mit Rindfleisch, H\u00fchnerfrikassee bzw. Gem\u00fcse gef\u00fcllt sind. Schmeckt gut, und die Pr\u00e4sentation ist ganz besonders fein.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f3nica zeigt mir Filme, die ihre Tochter gedreht hat, Videoclips als Werbefilme, unter anderem f\u00fcr Hamburger und f\u00fcr Koffer. Clever gemacht, lebendig, professionell, aber irgendwie ohne \u201eSeele\u201c, so wie moderne Videoclips eben sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt mir auch von der ungl\u00fcckseligen Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter verwitwete, als sie gerade mit dem vierten Kind schwanger war. Das war dann endlich der m\u00e4nnliche Nachfolger. Die Mutter heiratete nicht wieder und schlug sich so mit den vier Kindern durch und verschaffte allen eine gute Ausbildung. Dann starb der Sohn, bevor er 30 Jahre alt wurde. Die drei T\u00f6chter heirateten alle, aber alle drei wurden zur Witwe. Alle haben Kinder, aber in der n\u00e4chsten Generation gibt es noch keinen Nachfolger \u2013 bisher jedenfalls nicht. Jetzt ist aber einer in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragt auch noch nach meinen weiteren Stationen, meint, jeweils zwei Tage Ica und Nazca seien genug. Ich m\u00fcsse aber unbedingt noch mal nach Peru kommen und nach Cuzco fahren. Sie ist schon dreimal da gewesen, zuletzt vor vier Jahren. Hat dabei auch einmal eine zweit\u00e4gige Wanderung gemacht zu einem Ort, der verborgener als Machu Picchu ist und eine gute Alternative dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehen wir zum Strand runter. Baden kann man hier nicht, es ist ein Strand mit groben, schwarzen Kieselsteinen. Nur ein einziger junger Mann hat sich mit den Beinen bis ins Wasser gewagt. Aber man kann hier sch\u00f6n auf einem Felsen sitzen, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und dem Rauschen der Wellen zuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es noch mal rauf. Meine Kr\u00e4fte werden immer schw\u00e4cher. Oben bestellt sie mir ein Uber und macht sich selbst auf die Suche nach einem Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hei\u00dft es noch einmal ins ungeliebte Taxi. Die urspr\u00fcngliche Idee, durch eine zentrale Unterkunft in Lima so gut wie alles zu Fu\u00df erledigen zu k\u00f6nnen, ist nach hinten losgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>14. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Um 7 Uhr sitze ich auf gepackten Koffern. Kurz darauf kommt das von Carla wieder zuverl\u00e4ssig gerufene Taxi. Es geht nach Ica.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Carlas Anraten hin habe ich das Busticket vorher gebucht, dabei aber nicht auf den Busbahnhof geachtet, von dem die Fahrt losgeht, und der liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb. Macht aber nichts, die Fahrt ist direkt, und die Abfahrtzeit ist passend.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst jetzt am Sonntagmorgen ist schon dichter Verkehr auf der vierspurigen Stra\u00dfe, aber wir kommen in keinen Stau.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts auf dem Seitenstreifen einige gestrandete Autos, links eine heftige Karambolage, von der Polizei bewacht, und in der Mitte der Fahrbahn ein totgefahrener Hund. Das alles unter dem bleiernen Himmel von Lima.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind zu fr\u00fch da, schon eine Stunde vor Abfahrt. Auch, wenn man schon ein Ticket hat, muss man sich an dem Schalter der Buslinie melden. Dort nimmt man die Reisetasche entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem einzigen Imbissstand in der Abfahrtshalle gibt es keinen Kaffee, und bei dem Restaurant stehen die St\u00fchle noch auf den Tischen. Dann finde ich doch noch einen Kaffee, an einem Stand drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe. \u00dcberfl\u00fcssigerweise frage ich nach Zucker. Nicht n\u00f6tig, der Kaffee ist ges\u00fc\u00dft. Und wie!<\/p>\n\n\n\n<p>Als es so weit ist, werde ich namentlich aufgerufen. Ich bin der einzige, der hier zusteigt. Ich muss eine Bahnsteigkarte kaufen,&nbsp; und vor dem Einstiegen wird mein Reisepass kontrolliert. Die Daten werden in ein Aufnahmeger\u00e4t gesprochen, und dann wird noch ein Photo von mir gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus ist modern, aber die Sitzpl\u00e4tze sind unbequem, und Internet gibt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe ist erstaunlich gut, die Fahrbahn ganz eben, und es geht die ganze Zeit schnurstracks geradeaus. Wir befinden uns auf der Panamericana.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch eine w\u00fcsten\u00e4hnliche Landschaft, Sandh\u00fcgel mit etwas Ger\u00f6ll an den F\u00fc\u00dfen, keinerlei Vegetation.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt pl\u00f6tzlich das Meer in Sicht, aber die Landschaft bleibt w\u00fcstenartig. Wie aus dem Nichts eine Ferienanlage, blockartige, wei\u00dfe H\u00e4user, alle gleich. Wer hier wohl Urlaub macht?<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso pl\u00f6tzlich eine sch\u00f6n angelegte Rastst\u00e4tte mit moderner Tankstelle. Ist sicher n\u00f6tig hier, aber es ist kein Mensch zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch taucht zwischendurch immer mal ein Restaurant auf, auch hier sieht man niemanden. Es ist allerdings auch noch fr\u00fch.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich \u00e4ndert sich die Landschaft, es kommt etwas Vegetation auf, Palmen und Ginster in erster Linie und alles m\u00f6gliche Gestr\u00fcpp. Dann sogar Felder, Maisfelder, Weinfelder, Gem\u00fcsefelder. Sieht alles sehr trocken aus. Eine Weide mit Holsteiner K\u00fchen. Ab und zu ein einsamer Bauer, der per Handarbeit seinen Acker bestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wegesrand eine niedrige Schutzmauer, aus Lehmziegeln, oft mit politischen Parolen oder Lob auf die Gegend. Am Stra\u00dfenrand hin und wieder ein geplatzter Reifen, ein Kanister, ein riesiger K\u00fcrbis, Zementt\u00fcten, ein Fass, ein verlassener Buggy.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \u00fcberqueren einen fast ausgetrockneten Fluss. Das Meer sieht man nicht mehr. Der Himmel hat sich aufgekl\u00e4rt, aber wo die Sonne ist, sieht man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ortschaften gibt es lange keine, aber einzelne Siedlungen, mit einfachen, oft nicht zu Ende gebauten Wohnh\u00e4usern. In der Ferne raucht ein Schlot.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir durch Paracas. Das ist, wie der Taxifahrer schon richtig sagte, vor Ica. Da wollte ich eigentlich hin. Die Paracas-Kultur hat mich \u00fcberhaupt in diese Gegend gebracht. Aber M\u00f3nica hat mir gesagt, Paracas sei gar kein richtiger Ort, da g\u00e4be es keine Infrastruktur, ich solle lieber nach Ica fahren. Da habe ich jetzt meine Zweifel. Paracas scheint durchaus ein richtiger Ort zu sein, und jetzt bin ich weiter vom Geschehen weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein ganz h\u00fcbsch anzusehender Ort, und dann fahren wir nach Ica rein. Das ist gr\u00f6\u00dfer als gedacht und sehr gesch\u00e4ftig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in die Abfahrtshalle gedr\u00e4ngt. Dort w\u00fcrden die Koffer ausgegeben. Ich habe meinen Abholzettel, aber der Mann sagt, er habe kein dazugeh\u00f6riges Gep\u00e4ckst\u00fcck. Ich warte, bis alles ausgegeben ist, und dann taucht meine Reisetasche doch auf. Die Frau in Lima hat sie nicht gekennzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich an der Ausgangst\u00fcr bietet jemand seinen Taxiservice an. Er f\u00e4hrt aber ein ganz normales Auto. Vor solchen Situationen wird ja immer gewarnt, aber wie soll ich sonst zur Unterkunft kommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann stellt sich als ehrlich und hilfsbereit heraus. Wir fahren ein ganzes St\u00fcck stadtausw\u00e4rts und kommen dann in die Anlage. Omar, der Vermieter, hat auf Anfrage noch mal ausdr\u00fccklich best\u00e4tigt, alles sei \u201eganz leicht\u201c, der Aufpasser am Eingang zur Anlage, der <em>vigilante<\/em>, wisse Bescheid. Er werde mir mein Apartment zeigen und mich reinlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vigilante wei\u00df \u00fcberhaupt nichts, er kennt Omar nicht und wei\u00df auch nicht, wo B2 ist. Der Taxifahrer f\u00e4hrt das Gel\u00e4nde mit mir ab, aber wir finden B2 nicht. Als wir wieder zum Eingang kommen, weist ein Mann auf das erste Haus rechts und sagt, da sei B2.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Wo ist mein Apartment? Und wie komme ich rein? Ich habe noch mal Gl\u00fcck. Ein junger Mann, der auch in dem Haus wohnt, kennt Omar und ruft ihn an. Erst kann er ihn nicht erreichen, dann hei\u00dft es, Omar werde in zehn Minuten eintreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich solle schon mal raufgehen. Oben ist eine Putzfrau am Werk, eine junge Frau, die sich sofort meiner annimmt. Sie will wissen, welches mein Apartment ist. Das wei\u00df ich nicht. Davon war in der Nachricht von Omar nicht die Rede. Ich solle die Applikation \u00f6ffnen. Das kann ich nicht, ich habe kein Internet. Aber sie l\u00e4sst sich nicht entmutigen und w\u00e4hlt mich in das System ein. Dann stellt sich heraus, dass 203 mein Raum ist. Sie zeigt mir, wie ich das elektronische Schloss an der T\u00fcr \u00fcberlisten kann. Auch davon war in den Nachrichten von Omar nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin erleichtert, durch die Hilfsbereitschaft der Leute doch noch reingekommen zu sein und richte mich schnell ein. Das Apartment ist modern, hat eine gut funktionierende Dusche, einen ger\u00e4umigen Schrank und einen richtigen Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe eine Bewertung zu dem Aufenthalt bei Carla. Da spare ich mit Lob nicht. Die von Omar wird anders ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe vor die T\u00fcr, um etwas zu essen zu suchen. Dabei f\u00e4llt mir wieder der alte K\u00e4fer vor dem Nachbarhaus auf, den ich vorher aus dem Augenwinkel gesehen habe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauche nicht lange zu suchen. Gleich unten ist ein Lokal mit einer langen Speisekarte. Nur ein Tisch ist besetzt, aber die Kellnerin sagt, ich k\u00f6nne was bestellen. Es gibt l\u00e4ngst nicht alles, was auf der Karte steht, aber das macht nichts. Sie empfiehlt <em>chancho<\/em>, kann aber nicht richtig erkl\u00e4ren, was das ist. Das wei\u00df man einfach, so was hat sie sicher noch nie erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist richtig gut, vor allem das Fleisch, lech\u00f3n, Spanferkel, richtig zart und knusprig zugleich. Dazu gibt es Kartoffeln, Mais und Zwiebeln. Und ich bestelle seit langem mal wieder ein Bierchen dazu, <em>Cusque\u00f1o<\/em>. Schmeckt auch gut. Am Ende stellt sich heraus, dass <em>chancho<\/em> einfach das peruanische Wort f\u00fcr Schweinefleisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>15. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zum Fr\u00fchst\u00fccken in das Lokal von gestern. Es gibt nur <em>sandwiches<\/em>, und das ist nicht das, was wir uns darunter vorstellen, sondern ein getoastetes Br\u00f6tchen mit Omelette. Dazu gibt es eine riesige Portion Kaffee aus einem Blechnapf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf den Weg zum <em>Museo Javier Cabrera<\/em>. Dazu gehe ich einfach die staubige Stra\u00dfe entlang und hoffe, ein Taxi zu erwischen. Dabei passiere ich das Schild <em>No arroje basuras<\/em> und gleich darunter einen ungeordneten M\u00fcllhaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Auto, das im weiteren Sinne wie ein Taxi aussieht, h\u00e4lt an und nimmt mich mit. Das Museum liegt gleich im Zentrum, an der <em>Plaza de Armas<\/em>. Der Taxifahrer h\u00e4lt gleich vor dem Museum. Es ist verrammelt und verriegelt. Dabei steht im Internet ausdr\u00fccklich, dass es montags ge\u00f6ffnet ist. Der Taxifahrer schaut im Internet nach: Wir sind noch zehn Minuten zu fr\u00fch. Das Museum \u00f6ffnet um 9.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich an der <em>Plaza de Armas<\/em> um. Die unterscheidet sich vorteilhaft von dem, was ich bisher von Ica gesehen habe. Die gelb gefassten Geb\u00e4ude rundherum haben einen kolonialen Stil, mit Arkaden unten. Die Mitte des Platzes ist gesperrt, da wird irgendwas aufgebaut f\u00fcr Weihnachten. Ein gro\u00dfer, bunt erleuchteter Weihnachtsbaum steht da schon. \u00dcberall B\u00e4ume und Str\u00e4ucher, darunter rosa bl\u00fchende Akazien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sonnig und warm heute. Im Laufe des Tages steigt die Temperatur auf 29\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schuhputzer gehen flei\u00dfig zu Werke, ebenso wie die Stra\u00dfenverk\u00e4ufer. Man bekommt Weingummi genauso zu kaufen wie Sonnenbrillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es 9 Uhr geworden, aber am Museum tut sich noch nichts. Ich gehe an der Seite zu einem Laden, der gerade \u00f6ffnet. Die Frau sagt mir, nein, das Museum sei geschlossen. Dann schiebt sie noch hinterher: Ab 5 Uhr nachmittags sei es ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo an dem Platz finde ich einen Tourenveranstalter, in einem kleinen, schummrigen Raum untergebracht. Die junge Frau hier ist sehr hilfsbereit. Sie leiht mir ihr Handy, so dass ich das Museum kontaktieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann am anderen Ende der Leitung sagt mir, das Museum \u00f6ffne nur auf Anfrage und f\u00fcr Gruppen ab 12 Personen. Als ich auf das Internet verweise, erkl\u00e4rt er in aller Ruhe, die Seite, auf die ich da gesto\u00dfen sei, sei nicht die des Museums gewesen. Das kann nat\u00fcrlich sein. Auf anderen Seiten kann aller m\u00f6gliche Unsinn stehen, dagegen kann man sich nicht wehren. Die Touristenzahlen seien in den letzten Jahren sehr zur\u00fcckgegangen, und sie bek\u00e4men als privates Museum keine Zusch\u00fcsse. Also k\u00f6nnten sie keine regelm\u00e4\u00dfigen \u00d6ffnungszeiten anbieten. Bei dem anderen Museum sei das anders, das sei staatlich, aber das habe eben montags geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach trete ich in Verhandlungen f\u00fcr morgen mit der Frau hier bei dem Tourenveranstalter ein und kann tats\u00e4chlich eine Tour buchen, die es gar nicht gibt. Ich fahre am fr\u00fchen Morgen zu den Islas Ballestas, werde dann aber am Eingang zum Nationalpark am Museum in Paracas abgesetzt und anschlie\u00dfend wieder eingesammelt. Es gibt keine Tour, die das Museum beinhaltet. Dabei ist es nach Julio Tello benannt, dem peruanischen Arch\u00e4ologen, der sich wie fast kein anderer um die Erforschung der pr\u00e4-inkaischen Kulturen verdient gemacht hat. Wieder bedauere ich, nicht in Paracas geblieben zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau will mir f\u00fcr heute eine Tour verkaufen. Es w\u00e4re gerade noch rechtzeitig, sie geht in zehn Minuten los. Ich z\u00f6gere einen Moment, sage dann aber nein. Das ist mir zu viel Programm und zu viel Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen frage ich nach einer Weinkellerei, wo man sich \u00fcber die Produktion von Pisco erkundigen kann, dem peruanischen Nationalgetr\u00e4nk. Sie empfiehlt mir die <em>Hacienda La Caravedo<\/em>. Da k\u00f6nne ich mit dem Taxi hinkommen. Fahrtdauer vielleicht eine Viertelstunde. Das soll sich als groteske Fehleinsch\u00e4tzung erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich hier bar bezahlen muss, geht es jetzt erst einmal ans Geldwechseln. Dazu kann man sich vertrauensvoll an die uniformierten \u00e4lteren Herren an der <em>Plaza de Armas<\/em> wenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht im Nu. Der Geldwechsler sagt mir, um zur <em>Hacienda de Caravedo <\/em>zu kommen, solle ich einfach hier ein Taxi anhalten. Leichter gesagt als getan. Obwohl jedes zweite Auto ein Taxi ist, habe ich keinen Erfolg. Alle sind entweder besetzt oder fahren achtlos an mir vorbei. Und der einzige, der anh\u00e4lt, kennt die <em>Hacienda de Caravedo<\/em> nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Rettung kommt in Person des Geldwechslers. Der hat mich beobachtet, kommt auf mich zu und fordert mich auf, mitzukommen. Ein paar Stra\u00dfen weiter biegen wir in einen obskuren Hinterhof ab, der voller Autos steht. Wir gehen auf eins zu. Der Geldwechsler sagt, ich sei ein Bekannter und der Taxifahrer solle mich an der Hacienda absetzen. Der Taxifahrer h\u00f6rt schlecht, und der Geldwechsler muss seine Bitte mit erh\u00f6hter Lautst\u00e4rke wiederholen. Dann ist alles klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Taxi ist schon so gut wie voll. Es handelt sich um ein <em>colectivo<\/em>. Mehrere Fahrg\u00e4ste werden mitgenommen, die in dieselbe Richtung m\u00fcssen. Das macht die Sache sehr preiswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber eine unbefestigte Stra\u00dfe, immer an H\u00e4usern aus Lehmziegeln entlang, von denen die meisten unvollendet und die meisten unverputzt sind. Die Autos, die davorstehen, haben auch schon bessere Zeiten gesehen. Die Stellen, an denen keine H\u00e4user stehen, dienen zur M\u00fcllentsorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht immer weiter, die von dem M\u00e4dchen angek\u00fcndigte Viertelstunde ist l\u00e4ngst vorbei. Dann steigen die Frau neben mir und ihr dicker Sohn aus, vermutlich an einer Schule. Die Frau benutzt den internen Bezahlservice, der hier so oft gebraucht wird. Der Fahrer nennt eine Nummer, die Frau tippt die Nummer in ihr Handy ein, dann erscheint der Name des Fahrers. Sie klickt auf ihr Handy, und damit ist die Rechnung bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind noch der Mann vorne und ich \u00fcbrig. Wir biegen auf einen Schotterweg ab und kommen an einen Dorfplatz. Dort steigt der Mann aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht weiter und weiter. Langsam wird mir etwas mulmig, und ich frage mich, wie ich nachher wohl zur\u00fcckkomme. Dann kommt in der Ferne ein Anwesen in Sicht. Das muss die Hacienda sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer l\u00e4sst mich vor dem verriegelten Tor raus. Ich br\u00e4uchte nichts zu bef\u00fcrchten, ich solle einfach ans Tor klopfen, dann werde schon jemand \u00f6ffnen. Damit beh\u00e4lt er recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Portier l\u00e4sst mich rein und schickt mich zur Rezeption. Dort l\u00f6se ich die Karte f\u00fcr die n\u00e4chste Tour und bekomme ein Pisco-Mixgetr\u00e4nk, mit Zitrone, 9\u00b0 Alkohol. Das lasse ich aber in der Jackentasche verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht die F\u00fchrung los. Wir sind nur eine kleine Gruppe. Dabei ist unter anderem eine kleine, kugelrunde Frau, die alles kommentiert und jedes Mal \u00fcber ihren eigenen Kommentar lacht. Ich bedauere ihren Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen unter einer Pergola, drau\u00dfen. Zun\u00e4chst wird etwas richtiggestellt. Wir befinden uns in keiner Weinkellerei, in keiner Bodega, wir befinden uns in einer Schnapsbrennerei, einer Destillerie. Hier wird nur Pisco hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pergola ist mit Weinreben bedeckt, mit unterschiedlichen Trauben, und zwar mit den acht Trauben, vier aromatische, vier nichtaromatische, die, einer gesetzlichen Regelung zufolge, nur f\u00fcr den Pisco gebraucht werden d\u00fcrfen. Ich kenne au\u00dfer dem Muskateller keine davon. Die bekannteste ist die Quebranta. Sie gilt, obwohl von den Spaniern eingef\u00fchrt, als \u201eperuanischste\u201c Traube. Unterschiede kann man nur in der Gr\u00f6\u00dfe erkennen. Die Trauben sind (noch?) gr\u00fcn, die Traubenlese findet erst im M\u00e4rz statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt drei M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Herstellung des Pisco. Man kann eine einzige Traube verwenden und den G\u00e4rprozess ganz zu Ende bringen, man kann eine Traube verwenden und den G\u00e4rprozess unterbrechen (und damit einen alkohol\u00e4rmeren Pisco herstellen) oder man kann verschiedene Trauben mischen. Welche Trauben dabei&nbsp; verwendet werden, wird durchaus publik gemacht, aber das genaue Mischungsverh\u00e4ltnis bleibt das Geheimnis jedes Pisco-Herstellers.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Abfallprodukt des Herstellungsprozesses gibt es auch reinen Alkohol. Der ist nicht genie\u00dfbar, wird aber zur Desinfizierung und zur Herstellung von Parf\u00fcms verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Hacienda de Caravedo<\/em> ist die \u00e4lteste Destillerie nicht nur Perus, sondern ganz S\u00fcdamerikas. Die Caravedo sind l\u00e4ngst nicht mehr die Besitzer, aber der Name hat sich erhalten. Die heutigen Eigent\u00fcmer haben die Villa der vormaligen Eigent\u00fcmer in ein Hotel umgewandelt, ein Hotel mit wenigen, aber sehr gro\u00dfen Zimmern. Auf die ganze Anlage blicken wir von hier aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der urspr\u00fcnglichen Anlage aus dem 17. Jahrhundert hat sich eine h\u00f6lzerne Pforte erhalten, und nach der hat man den Pisco getauft, der hier hergestellt wird: <em>Pisco Port\u00f3n<\/em>. Auch die Formen der Flaschen bilden das Tor nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu der alten Anlage, die tats\u00e4chlich weiter in Benutzung ist, obwohl es inzwischen, aber erst seit 2010, auch eine neue Destillerie gibt. Die sieht mit ihren gro\u00dfen Stahlkesseln nicht anders aus als eine moderne Weinkellerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Kelteranlage liegt etwas erh\u00f6ht auf einem H\u00fcgel und ist nicht quadratisch, sondern rund. Warum? Fr\u00fcher wurde die Maische von Pferden bewerkstelligt, und die liefen rund um die herum. Die erh\u00f6hte Anlage erm\u00f6glichte den \u201eTransport\u201c der Maische von oben nach unten und dann das Weiterleiten der gewonnen Fl\u00fcssigkeit durch kleine Kan\u00e4le in die F\u00e4sser.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesen alten F\u00e4ssern sind hier noch welche ausgestellt. Sie wurden von den Indios mit einem Wort bezeichnet, das Schnabel bedeutet, und dieses Wort wurde von den Spaniern als Pisco umgedeutet. Das ist jedenfalls eine der Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Herkunft des Wortes.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss geht es zur Probe. Ich habe bisher nur zweimal den Pisco probiert, beide Male in Brasilien. Der eine war in Ordnung, der andere, in einem peruanischen Lokal, war ein Gedicht. Das war aber in beiden F\u00e4llen nicht der eigentliche Pisco, sondern der Cocktail, Pisco Sour. Jetzt gibt es den Pisco selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir probieren drei Piscos. Der erste basiert auf einer einzigen nichtaromatisierten Traube und schmeckt eigentlich nur nach Alkohol. Der zweite ist aromatischer, hat aber, was wir nicht merken, sogar etwas mehr Alkohol als der erste, 43\u00b0. Der dritte, ein richtiger <em>Pisco Port\u00f3n<\/em> aus der namensgebenden Flasche, schmeckt am besten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu jedem Pisco sagen wir einen Trinkspruch auf. Einer lautet: <em>Ave Mar\u00eda, yo no quer\u00eda, padre nuestro, que bueno est\u00e1 esto, bendito licor, dulce tormento, qu\u00e9 haces afuera, vamos pa\u2019 dentro. <\/em>Ein anderer: <em>Ahora soy de Ica y mi cuerpo es de arena, desde hoy, el pisco corre por mi vena.<\/em> Den anderen habe ich vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet die F\u00fchrung. Als ich zum Eingang komme, ist mein nat\u00fcrlich verschwunden. Er hat zwar gesagt, er w\u00fcrde warten, aber die Wartezeit ist ihm wohl doch zu lang geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der freundliche Portier ruft mir ein Taxi, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Er arbeitet erst seit f\u00fcnf Monaten hier, ist froh, die Stelle bekommen zu haben. Er hat eine Ausbildung an der Waffe. Jetzt merke ich erst, dass er eine Pistole am Halfter tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fragt mich, wie jeder, ob ich auch nach Cusco reisen werde. Wenn die Antwort negativ ausf\u00e4llt, trifft das immer auf Unverst\u00e4ndnis. Ich frage ihn, ob er schon mal da gewesen sein. Nein, gibt er kleinlaut zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das Wetter in Deutschland auch so sei wie hier, will er wissen. Ja und nein. Ich versuche, die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten zu erkl\u00e4ren, vor allem die unterschiedlich langen Tage. Das st\u00f6\u00dft immer wieder auf Verwunderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt das Taxi. Wir fahren wieder \u00fcber einen Schotterweg. Dabei sehe ich, dass die Weinfelder alle Netze haben, um die Trauben vor V\u00f6geln zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kommen wir auf eine asphaltierte Stra\u00dfe, wir nehmen eine ganz andere Route. Dabei fahren wir ein ganzes St\u00fcck auf der <em>Avenida 29 de abril<\/em> entlang. Klingt irgendwie bekannt, das Datum.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer kann mich dann auch aufkl\u00e4ren, was es mit den unz\u00e4hligen Wahlplakaten f\u00fcr Fujimori auf sich hat, die ich gestern schon \u00fcberall gesehen habe. Es ist die Tochter des ehemaligen Pr\u00e4sidenten, des ber\u00fcchtigten Fujimori, der als v\u00f6lliger Au\u00dfenseiter in den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf einzog und dann erstaunlicherweise in die Stichwahl kam. Er war bis dahin nur als Fernsehjournalist bekannt geworden. In der Stichwahl traf er dann auf Vargas Llosa, und da die Linke sich von dem losgesagt hatte, gewann Fujimori. Der belohnte seine W\u00e4hler dann, indem er seine Wahlversprechen v\u00f6llig auf den Kopf stellte, eine Art Verfassungsdiktatur einf\u00fchrte, die Korruption beg\u00fcnstigte, Sozialleistungen dramatisch k\u00fcrzte, die Wirtschaft auf Kosten der Armen beg\u00fcnstigte. Als er nach seiner zehnj\u00e4hrigen Amtszeit seinen Abschied nahm, wurde er wegen Korruption und Versto\u00dfes gegen die Menschenrechte durch den Kongress in Abwesenheit seines Amtes enthoben und nach mehrj\u00e4hrigem Exil in Japan zu einer jahrzehntelangen Haftstrafe verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt versucht seine Tochter, in seine Fu\u00dfstapfen zu treten. Bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl, sagt der Taxifahrer, sei sie schon dreimal angetreten, aber immer knapp gescheitert. Sie scheint aber schon viel Erfolg auf regionaler Ebene gehabt und ihre eigene Partei gegr\u00fcndet zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an und ich gehe gleich wieder in mein Stammlokal. Ich frage nach den vielen Gerichten, die an einer Schautafel an der Wand mit Bild dargestellt werden. Mindestens die H\u00e4lfte der Namen sagt mir nichts, in einigen wenigen F\u00e4llen helfen die Bilder. Unter den Namen erregen <em>Lomo a lo pobre<\/em> und <em>Bisteck a lo pobre <\/em>wegen der Armut in ihren Namen meine Aufmerksamkeit. Sie hei\u00dfen nicht so, weil etwa das Fleisch ein Surrogat w\u00e4re, sondern wegen der \u201earmen\u201c Beilagen. Ich bestelle das <em>Lomo a lo pobre<\/em> und bekomme zu dem Fleisch Reis, Kartoffeln, Bananen und Spiegeleier. Gut ges\u00e4ttigt geht es nach Hause. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>16. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Um 6.30 steht der Kleinbus vor der T\u00fcr. Er ist schon gut gef\u00fcllt. Wir holen noch weitere Fahrg\u00e4ste ab, und am Ende ist er bis auf den letzten Platz besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht die Schotterpiste vor meiner Unterkunft entlang, und schon nach wenigen Minuten kommen die Sandh\u00fcgel der W\u00fcste in Sicht. Bei den ersten wachsen unten noch ein paar Akazien und ein bisschen Gestr\u00fcpp, dann ist nur noch Sand zu sehen. Ich verpasse ein glorreiches Photomotiv, als ein einsamer Mann einen dieser steilen H\u00fcgel hinaufsteigt, genau auf der Falte des H\u00fcgels, so als ob er auf dem Weg zur Arbeit w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite der Stra\u00dfe reiht sich ein Nachtclub an den anderen. Mit den einschl\u00e4gigen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich kommen wir auf die mehrspurige Hauptstra\u00dfe, aber dann biegen wir wieder ab und kommen in ein \u00fcberraschend sch\u00f6nes Wohnviertel, mit B\u00e4umen auf beiden Seiten der Stra\u00dfe und \u00fcber die Mauern h\u00e4ngenden, in allen m\u00f6glichen Farben bl\u00fchenden Str\u00e4uchern. Hier holen wir noch eine Familie ab. Der Vater tr\u00e4gt das Kleinkind mit Schnuller auf dem Arm. Warum tun die sich so was an. Und warum tun sie uns das an? Das Kind schreit wie am Spie\u00df auf dem ganzen Weg bis Paracas und macht der aus dem Radio dr\u00f6hnenden Musik Konkurrenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es wieder auf die Hauptstra\u00dfe. Viel Verkehr, wie gehabt, und die Fahrt zieht sich hin. Gegen meine Absicht \u2013 und gegen meine Vorlieben \u2013 verbringe ich auf dieser Reise st\u00e4ndig Zeit in Bussen und Taxis. Ich freue mich auf Arequipa, wo ich vielleicht mal ein paar Tage mit einer zentralen Unterkunft vieles zu Fu\u00df machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir dann endlich nach Paracas kommen, geht es keineswegs sofort zum Hafen. Jetzt wird erst einmal Kaffee getrunken. Nach der Bootstour gibt es dann eine Verkostung in einem Souvenirladen, und am Ende noch ein Essen in einem \u00fcberteuerten Lokal. Das noch nicht einmal \u00fcber eine vern\u00fcnftige Toilette verf\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt die Tr\u00e4gheit der Masse. Bis mal alle ausgestiegen und wieder eingestiegen sind, bis sich mal alle versammelt haben, bis sich mal alle in Bewegung setzen, bis auch mal der letzte seine Souvenirs eingekauft hat \u2013 st\u00e4ndig wartet man und steht wie Falschgeld in der Gegend herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir uns endlich auf den Weg zum Hafen machen, muss noch jeder seinen Betrag f\u00fcr den Eintritt in die Reserva Natural bezahlen, in die wir sp\u00e4ter kommen. Immer gibt es etwas, das nicht im Preis erhalten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich zum Hafen und zum Landesteg. Weil ich beim Einsteigen in das Boot bl\u00f6d genug bin, den anderen den Vortritt zu lassen, bekomme ich den schlechtesten Platz, auf der Bank ganz hinten zwischen zwei Paaren eingeklemmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht los. Aber jetzt geht erst einmal ein Photograph durch die Reihen und macht Photos. Ich lehne dankend ab, aber die meisten lassen sich photographieren, mit Kapit\u00e4nsm\u00fctze. Als wir sp\u00e4ter zur\u00fcckkommen, hat er die Photos schon fertig gedruckt, in einen Papierrahmen mit Photos von der Gegend gesteckt. Kostenpunkt: 10 PEN. Einige kaufen ihm das Photo ab, andere haben die Chuzpe, ihm einfach das Photo kommentarlos zur\u00fcckzugeben. Er wird sicher innerlich fluchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein guter Beginn, aber von jetzt an wird alles gut. Die Bootsfahrt wird zu einem echten, beeindruckenden Erlebnis, zu dem sch\u00f6nsten geh\u00f6rend, was ich auf dieser Reise erlebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht schon mit den bunt bemalten Fischerbooten im Hafen los. Eine Postkartenansicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Boot nimmt Fahrt auf und man genie\u00dft Sonne, Wind und Meer. Der blaue Himmel \u00fcber uns, die V\u00f6gel am Himmel, die Wasserspritzer, die man ins Gesicht bekommt, die Bewegung der Wellen, die Felsen, die links in der Ferne aus dem Meer ragen, die wei\u00dfen Inseln, die rechts in der Ferne aus dem Meer ragen \u2013 all das ist ein sinnliches Erlebnis erster G\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlangsamt das Boot seine Fahrt, vor einer Insel, die keine ist, wie wir erfahren, sondern eine Halbinsel. Und hier kommt einer der ganz gro\u00dfen H\u00f6hepunkte: Der \u201eKandelaber\u201c, eine Figur, von den Paracas vor mehr als 2.000 Jahren in den Sand geschrieben. Ein ganz gro\u00dfes R\u00e4tsel der peruanischen Arch\u00e4ologie: Was bedeutet die Figur? Man nimmt an, dass es eher einen Kaktus darstellt als einen Kandelaber. Leuchtet ein. Der hat sicher einen besseren Bezug zu ihrer Kultur. Aber: Wie hat sich das erhalten? Es regnet hier zwar so gut wie nie, aber der Wind m\u00fcsste die Figur doch l\u00e4ngst versch\u00fcttet haben. Sieht aus wie gestern in den Sand gegraben. Kein Wunder, dass hier Esoteriker Au\u00dferirdische am Werk sehen. Auf jeden Fall ein bewegendes Erlebnis, die Figur von so nah zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter mit voller Fahrt ins offene Meer hinaus. Wunderbare Felsformationen, die den Durchblick auf das Meer dahinter gew\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bleiben wir vor einer Felseninsel stehen, und da sind sie: die Humboldt-Pinguine. Sie stehen unbeweglich nebeneinander und sonnen sich. Sehen wie Skulpturen aus. Sp\u00e4ter sehen wir auch noch einige im Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der n\u00e4chsten Insel muss man genau hinsehen, bis man sie sieht, die Seel\u00f6wen. Ihr Fell ist perfekt dem Felsen angepasst. Zwei liegen nebeneinander und liebkosen sich. Sp\u00e4ter sehen wir noch welche im Wasser und einen, der sich in der Sonne r\u00e4kelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen V\u00f6gel, aber in ganzen Schw\u00e4rmen: Pelikane, M\u00f6wen, Kormorane. Die bieten uns ein besonderes Schauspiel, als sie alle auf einmal wie auf Befehl auffliegen. Ihre Felsen sind wei\u00df durch den von ihnen produzierten Guano, und ihr schwarzes Gefieder setzt sich von dem Hintergrund ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Erkl\u00e4rungen zu den Tieren versteht man bei uns hinten nichts, aber egal, ich lasse mich einfach von den wunderbaren optischen Eindr\u00fccken bezaubern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sind alle auf einmal ganz stille. Wir machen noch kurz Halt an einer Art eisernen Boje, auf der mehrere Seel\u00f6wen ganz eng aneinander geschmiegt liegen. Wir kommen ganz nah ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise klappt es mit unserer Verabredung f\u00fcr den zweiten Teil des Tages. W\u00e4hrend die anderen an den Strand fahren, werde ich am Museum abgesetzt und sp\u00e4ter hier wieder eingefangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist brandneu, in einem blockartigen, einst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude untergebracht, dessen Form sicher einen Bezug zu den Paracas hat. Es liegt in der Reserva Natural, umgeben nur von Sand, ganz f\u00fcr sich, und zwar in der Gegend, wo Julio Tello und sein aus der Schweiz stammender Nachfolger Fr\u00e9d\u00e9ric Engel ihre Funde gemacht haben und damit die Paracas-Kultur erst eigentlich entdeckt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist ein Erlebnis, obwohl es gar nicht soooo viele Exponate hat. Aber die sind gut pr\u00e4sentiert und wirklich beeindruckend. Ich bekomme Rabatt beim Eintritt und zahle nur 4 PEN. Und ich bin der einzige Besucher, bis am Ende eine Familie auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Paracas-Kultur wird auf 500-200 v. Chr. datiert, aber es sind auch \u00e4ltere Objekte ausgestellt, von einer unbekannten Vorg\u00e4ngerkultur stammend.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den \u00e4ltesten Exponaten z\u00e4hlen eine Angel und eine raffiniert konstruierte Falle f\u00fcr Krebse.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlicherweise sind auch ein Maiskolben und eine Yucca erhalten. Sie stehen f\u00fcr den Beginn der Landwirtschaft. Das Besondere daran ist, dass sie ganz klein sind, nicht viel mehr als daumengro\u00df. So war es damals. Was wir heute gewohnt sind, ist das Ergebnis der Arbeit und Z\u00fcchtung von Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz besonders gef\u00e4llt mir ein Sieb. Vielleicht aus Weide gemacht. Auf was die Menschen fr\u00fcher schon immer gekommen sind! Und was ganz Besonders ist: Der Stiel des Siebs hat ganze feine Verzierungen, in das Material eingekerbt. Sch\u00f6nheit war den Menschen auch damals ein Bed\u00fcrfnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Paracas. F\u00fcr ihre Bauten machten sie sich das Vorhandensein von <em>caliche<\/em> zunutze, einem Mineral, das durch die fehlenden Niederschl\u00e4ge reichlich vorhanden ist. Es wurde mit Algen und Meerwasser vermischt, und diese Mischung diente, wie bei uns der Zement, zum Bau stabiler W\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sind es drei Dinge, die sie besonders auszeichnen: die Tuchproduktion, die Bestattungskultur und die Sch\u00e4deldeformierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht mehrere deformierte Sch\u00e4del ausgestellt, mit unterschiedlichen Formen. Das war dem Bed\u00fcrfnis geschuldet, soziale Unterschiede im Aussehen zu markieren. Man sieht ein \u201eBett\u201c, in das das Kind eingef\u00fcgt wurde, um das gew\u00fcnschte Ergebnis zu erzielen. Dabei wurde mit B\u00e4ndern und Schn\u00fcren und wohl auch mit Holz gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eingriffe in Sch\u00e4del wurden auch aus medizinischen Gr\u00fcnden vorgenommen. Man sieht Sch\u00e4del mit ganz sch\u00f6n gro\u00dfen L\u00f6chern an den Seiten. Die Arch\u00e4ologen haben herausgefunden, dass dabei nur das besch\u00e4digte Gewebe entfernt wurde und dass sie Kranken den Eingriff \u00fcberlebten. Anhand einer Figurengruppe wird hier dargestellt, wie man dabei vorging. Als Messer diente dem Arzt ein Instrument aus Obsidian.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Toten wurden bei den Paracas in embryonaler Form bestattet und in festgezurrte T\u00fccher geh\u00fcllt, die im Leben nicht getragen wurden. Es gab mehrere Schichten, und zwischen den Schichten wurden Keramikgef\u00e4\u00dfe, K\u00fcrbisflaschen, Muscheln, Netze und eiserne Haken verborgen, f\u00fcr den Weg ins Jenseits. Die Pakete sehen aus wie bemalte Ostereier.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestattet wurden sie tief in der Erde, in flaschen\u00e4hnlichen L\u00f6chern. Durch den Flaschenhals wurden sie an einem Seil nach unten bef\u00f6rdert. Diese Grabst\u00e4tten bargen bis zu 37 Tote.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Textilien wurden erst nach dem Weben gef\u00e4rbt. Zur Gewinnung der Farben nutze man das Blut von Schildl\u00e4usen sowie verschiedene Pflanzen, darunter <em>chilca<\/em>, eine in Peru beheimatete Pflanze mit hellgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Material zum Weben benutzte man Lama-Wolle und Baumwolle. Man sieht verschiedene fein verzierte B\u00e4nder und zum Abschluss, als H\u00f6hepunkt des Museums, ein von Fr\u00e9d\u00e9ric Engel hier in der N\u00e4he gefundenes gro\u00dfes Textil, etwas 2&#215;3 Meter gro\u00df. Es stellt ein geheimnisvolles Wesen dar, das Ser Ocolado, mit gro\u00dfen Augen und einem herzf\u00f6rmigen Kopf. Von dem Ser Ocolado gehen schlangenartige Linien aus, die wiederum in andere Wesen enden, von denen einige dieselbe Kopfform wie das Ser Ocolado hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Textil ist gut erhalten, erstaunlich gut, obwohl die Farben vermutlich etwas verblasst sind. Jedenfalls sind nur dunklere Farben vorhanden, Schwarz, Rot, Braun. Gerne h\u00e4tte man mehr \u00fcber die Bedeutung des Ser Ocolado erfahren, aber vielleicht wei\u00df man einfach nichts Gesichertes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe noch etwas Zeit bis zur Abholung und trinke in dem Caf\u00e9 des Museums einen s\u00fcndhaft teuren Eiscaf\u00e9. Einen Moment sitzen tut gut. Auf dem Tisch vor mir stehen eine bebrillter Hase und eine bebrillte Eule, beide mit einem Buch in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Theke ein Schild mit einem blauen S. Das steht f\u00fcr <em>Sismo<\/em> und besagt, dass das Geb\u00e4ude gegen Erdersch\u00fctterungen gesichert ist. &nbsp;Nicht unbedingt gegen Erdbeben. Man unterscheidet zwischen <em>sismo<\/em> und <em>terremoto<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch eine Ausstellung zu den Meerestieren geht es nach drau\u00dfen. Dort hat man einen Weg durch den W\u00fcstensand zum Meer markiert. Man geht dabei \u00fcber Meeresfossile, bis fast an den Strand hin. Die angek\u00fcndigten Pelikane lassen sich leider nicht blicken. Aber die Atmosph\u00e4re, hier in der Einsamkeit, an einem Meer ohne Wellen, hat etwas Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo am Wegesrand hat man ein Schild mit der vielsagenden Aufschrift <em>No todo es desierto<\/em> aufgestellt. Da lasse ich mir ein Photo nicht entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung, die ich nur ganz fl\u00fcchtig ansehe, wird ein Bild von Humboldt gezeigt mit seinem bekannten Zitat zum Humboldt-Strom. Er verdiene es nicht, dass der Strom nach ihm benannt werde. Die Fischer der Gegend kennten den Strom schon seit 300 Jahren. Er habe nur als erster die Temperatur gemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird auch die Bedeutung von <em>Paracas<\/em> erkl\u00e4rt. Es kommt von den W\u00f6rtern <em>para<\/em> und <em>acca<\/em>, und das bedeutet \u201aSandregen\u2018. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stelle ich mich in die gl\u00fchende Hitze vor das Museum und warte auf den Bus. Als der kommt, fahren wir in das Lokal. Hier gibt es fast nur Fisch, darunter Ceviche, das peruanische Nationalgericht. Daf\u00fcr d\u00fcrfen nur f\u00fcnf Zutaten benutzt werden: Fisch, Zwiebeln, Zitrone, Knoblauch und Salz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir schon kritische Blicke und beinahe vorwurfsvolle Kommentare eingefangen, wenn ich gesagt habe, das k\u00f6nne ich nicht essen. Die Peruaner betrachten das als eine pers\u00f6nliche Beleidigung und Missachtung ihrer Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gilt es noch, die R\u00fcckfahrt zu ertragen. Ich bin froh, als wir an der sonnenbeschienenen Plaza de Armas ankommen. Die Mitte des Platzes ist jetzt wieder freigegeben. Man hat hier wohl nur die Brunnen gereinigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wieder eine Schlange vor der Bank. Aber hier sind es keine Rentner, sondern Menschen aller Altersklassen. Die Bank, vor der sie stehen, ist eine spanische Bank, die BBVA. Ich habe damals die Fusion der <em>Banco de Bilbao<\/em> mit der <em>Banco de Vizcaya<\/em> zur BBV miterlebt. Sp\u00e4ter ist dann noch die <em>Argentaria<\/em>, eine \u00f6ffentliche Bank, dazugekommen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung sehe ich einen Fl\u00fcgel des Portals des Museo Javier Carera offen stehen. Aber ich bin viel zu m\u00fcde, um nachzufragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier sehe ich einen gut erhaltenen VW-K\u00e4fer, am Rande des Platzes geparkt. Auch bei der Fahrt nach Hause tauchen neben uns 2-3-mal K\u00e4fer auf. Der l\u00e4uft hier immer noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Taxifahrer, der mich nach Hause bringt, komme ich gut ins Gespr\u00e4ch. Er stammt aus dem Norden, aus Piura, und ist Agronom. Deshalb ist er hierhergekommen, hat aber jetzt das Taxifahren als Erwerbsquelle entdeckt. Er tut das offensichtlich auf eigene Faust, ohne Lizenz. M\u00f6chte aber langfristig wieder in seinen angestammten Beruf zur\u00fcck. Er ist gut informiert, was Fu\u00dfball betrifft, erw\u00e4hnt Pizarro und Guerrero und kennt Schalke, Bayern, Werder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich in dem kleinen Laden absetzen und besorge Wasser-Nachschub. Die beiden Flaschen kosten zusammen 2,40 PEN. Ich habe 3 PEN, aber der Verk\u00e4ufer hat, wie \u00fcblich hier, kein Wechselgeld. Er fragt mich, ob er mir stattdessen ein Bonbon geben d\u00fcrfe. Ich sage nein, danke, und lasse es bei den 3 PEN.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Um 10 Uhr muss ich die Unterkunft verlassen. Um 12 Uhr soll der Bus nach Nasca abfahren. Aber kurz vor meinem Aufbruch bekomme ich von dem Busunternehmen die Nachricht, dass der Bus ausf\u00e4llt. Man m\u00f6ge sich zum Busbahnhof begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schleppe meine Tasche die staubige Stra\u00dfe entlang und blicke mich nach einem Taxi um. Das erste beste Auto \u2013 kein Taxi \u2013 h\u00e4lt an und bietet an, mich hinzufahren. Es scheint in Ica mehr inoffizielle als offizielle Taxifahrer zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs erz\u00e4hle ich, dass ich auf dem Weg nach Nasca bin und dass Cruz del Sur die Busfahrt storniert hat. Der junge Mann sagt: Ich fahre Sie hin! \u2013 Wohin? \u2013 Nach Nasca! Er meint es ernst. Ich z\u00f6gere einen Moment, sage mir dann: Warum nicht? Wir handeln den Preis aus, und die Sache ist gebongt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir Ica verlassen, legen wir noch einen kurzen Stopp am Krankenhaus ein. Der Opa des Fahrers liegt dort, ist gestern an der Prostata operiert worden. Will ihm Zeitungen vorbeibringen. Er telefoniert mit irgendjemandem, und als wir am Krankenhaus ankommen, \u00f6ffnet sich die Gittert\u00fcr und eine Frau kommt heraus. Sie nimmt die beiden d\u00fcnnen Zeitungen entgegen, nebst einem Stift. F\u00fcr die Kreuzwortr\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch den dichten Verkehr aus der Stadt raus und kommen auf die Panamericana. Die ist hier nicht so gut ausgebaut wie auf der Strecke zwischen Lima und Ica.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren eine Tankstelle an, aber die Tanks\u00e4ulen sind hier leer. Ich frage, welchen Treibstoff er denn braucht, und dann kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis, als er <em>gas<\/em> sagt. Ich interpretiere das zuerst als Gas, merke aber an der n\u00e4chsten Tankstelle, wo es Treibstoff gibt, dass er damit vermutlich <em>gasolina<\/em>, also Benzin, meint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ihm erz\u00e4hle, dass in Deutschland der Kunde selbst tankt, muss er lachen. Das w\u00fcrde hier nicht klappen, alle w\u00fcrden wegfahren, ohne zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann erz\u00e4hlt, er mache \u00f6fter solche Touren. Er kennt auch jemanden am Flugplatz von Nasca und k\u00f6nne mir gleich f\u00fcr heute einen Flug \u00fcber die Nasca-Linien organisieren. Gleich, wenn wir nach Nasca reinkommen. Noch vor der Fahrt zur Unterkunft. Ich schwanke zwischen Zustimmung und Skepsis, lasse mich aber am Ende darauf ein. Er telefoniert mehrmals mit der Dame am Flugplatz. Die genaue Zeit steht noch nicht fest, aber er soll schon mal ein Passbild schicken und mein Gewicht angeben. Das macht er alles mit dem Handy in einer Hand, w\u00e4hrend er f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es weitergeht, bitte ich noch um eine \u00c4nderung: erst zum Hotel, dann zum Flugplatz. Bei der Vorstellung, ins Flugzeug zu steigen und alle meine Sachen bei einem unbekannten Mann in seinem Auto zu lassen, macht mich doch etwas mulmig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch echte W\u00fcstenlandschaft, es ist staubig auf der Stra\u00dfe, und die Fahrbahn ist voll von Lastwagen. Der Fahrer macht aber immer wieder \u00dcberholman\u00f6ver.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcssen wir die Fahrt verlangsamen, alles ger\u00e4t ins Stocken. Eine Ampel? Eine Kreuzung? Wir kommen komplett zum Stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mein Fahrer l\u00e4sst sich davon nicht beeindrucken. Er f\u00e4hrt auf dem unbefestigten Seitenstreifen rechts an den Lastwagen vorbei, f\u00fcr die der Seitenstreifen zu schmal ist. Manchmal blicke ich etwas \u00e4ngstlich in den Graben ein paar Zentimeter neben mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dann endg\u00fcltig zu eng wird, wechselt mein Mann die Seite und f\u00e4hrt auf dem linken Seitenstreifen weiter. Die LKW-Fahrer sind inzwischen ausgestiegen und stehen ratlos in der Gegend herum. Man sucht den Schatten, so weit es geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann ist auch hier Schluss. Der Fahrer steigt aus und ber\u00e4t sich mit anderen Fahrern. Es stellt sich heraus, dass vor uns ein LKW umgest\u00fcrzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wenden, wie andere vor uns, und biegen \u00fcber eine kleine Br\u00fccke in eine schmale Stra\u00dfe ein und von dort in einen Feldweg. Aber auch hier ist bald Schluss. Es werden Kommandos gegeben: Alle zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir wieder auf dem Wartestreifen, in der br\u00fctenden Hitze, und warten. Die Zeit vergeht langsam, man wei\u00df nicht so recht, was man tun soll, und die peruanische Popmusik, die aus dem Lautsprecher kommt, rei\u00dft mich auch nicht von den St\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Aus der anderen Richtung kommen uns Autos entgegen, auch LKWs. Die k\u00f6nnen nicht gewendet haben, sie m\u00fcssen aus der anderen Richtung kommen. Es muss also ein Fahrstreifen frei sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze unendliche Kolonne f\u00e4hrt an uns vorbei, und dann sind wir dran. Wir m\u00fcssen von drei Spuren auf eine, und dabei wird um jeden Zentimeter gek\u00e4mpft. Mir w\u00e4re es lieber, wenn mein Fahrer den LKWs den Vortritt lassen w\u00fcrde als sich mit ihnen anzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an dem umgest\u00fcrzten Anh\u00e4nger vorbei. Der liegt schr\u00e4g im Graben. Man versucht, ihn mit einem hydraulischen Kran in die Senkrechte und auf die Fahrbahn zu bekommen. Von dem Zugwagen ist nichts zu sehen. Der kommt erst, ziemlich ramponiert, viel sp\u00e4ter zum Vorschein, traurig am Wegesrand stehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert noch ein paar Minuten, und dann haben wir erstaunlicherweise freie Fahrt. Kaum ein Auto zu sehen weit und breit!<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs frage ich nach den Wahlplakaten. Ja, im n\u00e4chsten Jahr finden Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt. Der aktuelle Pr\u00e4sident, Jer\u00ed, tritt nicht mehr an. Der sei gut, er habe was gegen die Kriminalit\u00e4t getan. Das Problem in Peru seien die ganzen Kolumbianer und Venezolaner.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft, durch die wir fahren, hat nichts Sch\u00f6nes, es ist W\u00fcste pur, kaum mal ein Strauch, der sich gegen die lebensfeindlichen, weil regenarmen Bedingungen durchgesetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber doch was Sch\u00f6nes: Die Berge, die marmorierten Berge in der Ferne. Erst sind es ganz wenige, dann werden es immer mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren von der Panamericana ab und nehmen eine Abk\u00fcrzung. Hier, \u00fcber die befestigte, aber nicht asphaltierte Stra\u00dfe, d\u00fcrfen die LKWs nicht fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf einen Tunnel zu, fahren durch und befinden uns pl\u00f6tzlich in einer ganz anderen Welt: Berge statt W\u00fcste. Eine Bergwelt ohne Vegetation. Es geht in Kurven auf und ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich sehe ich ins Tal hinunter \u2013 und da ist alles gr\u00fcn! Ich erinnere mich, dass ich von den Andenfl\u00fcssen gelesen habe, die in den Jahren, in denen sie Wasser f\u00fchren, hier in der W\u00fcste regelrecht Oasen ausbilden k\u00f6nnen. Hier wird reichlich Ackerbau betrieben. Sogar eine Pferdekoppel kommt irgendwann in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf die Panamericana zur\u00fcck und passieren das Museo Maria Reiche. So weit von Nasca entfernt? Es d\u00fcrften um die 30 Kilometer sein, und die Fahrt durch die flache W\u00fcstenlandschaft, durch die wir jetzt wieder kommen, wird mir ziemlich lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Museum sieht man auch die beiden T\u00fcrme und einen nat\u00fcrlichen Aussichtspunkt, von denen aus man die Linien einsehen kann. Auch von der Stra\u00dfe aus kann man die Linien zumindest erahnen. Die Panamericana f\u00fchrt mitten durch! Als man sie gebaut hat, hat niemand die Linien und die Figuren bemerkt. Sie waren einfach zu gro\u00df. Man sieht sie nur von oben. Die erste Figur, die Maria Reiche identifiziert hat, eine Spinne, hat einen Durchmesser von 40 Metern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich, vor mehr als 25 Jahren, zum ersten Mal von den Nasca-Linien gelesen habe, habe ich gedacht: Da musst du mal hin! Jetzt wird es wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist der Flug von heute auf morgen fr\u00fch verlegt worden. Ich werde von meiner Unterkunft abgeholt und auch wieder dahin zur\u00fcckgebracht. Der Preis ist etwas h\u00f6her, als das, was ich im Internet gelesen habe, aber gut. Au\u00dferdem hat mich mein Fahrer inzwischen \u00fcber eine kleine Spende gebeten. Er veranstaltet vor Weihnachten ein kleines Fest f\u00fcr Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir endlich nach Nasca rein. Mein Fahrer kann meine Unterkunft auf seinem Handy nicht finden, die Stra\u00dfe gibt es nicht. Mir wird etwas unwohl dabei. Habe ich irgendwo einen ganz bl\u00f6den Fehler gemacht. Der Fahrer l\u00e4sst mich in sein Netz rein, und die Stra\u00dfe auf: Ignacio Morsesky. Wir kommen bald dahin und finden dann auch die Casa de Ana. Die Frau, die mich am Eingang entgegennimmt, scheint nicht ganz helle zu sein. Aber sie f\u00fchrt mich auf mein Zimmer, und ich kann meine Sache abstellen. Dann gehe ich wieder runter und kl\u00e4re alles Weitere mit dem Fahrer. Der arme Kerl muss jetzt noch zur\u00fcck. Hoffentlich ist die Unfallstelle bis dahin ger\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer schnellen Dusche mache ich mich auf den Weg zu einem Supermarkt. Immer werde ich in eine andere Richtung geschickt, aber am Ende klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nasca ist es genauso hei\u00df wie in Ica, aber nicht so staubig. Die Stadt ist nicht sch\u00f6n, aber ganz beschaulich, und es gibt zahlreiche Unterk\u00fcnfte und Lokale. Es wirkt aber nicht touristisch, ich begegne fast nur Einheimischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Tourenveranstalter mache ich Halt und erkundige mich nach den Ausfl\u00fcgen. Die junge Frau erkl\u00e4rt gut, aber es stellt sich heraus, dass es schwer sein wird, die verschiedenen Sachen unter einen Hut zu bringen. Egal, dann wird eben eine Auswahl getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Woher das Wort Peru kommt, wei\u00df keiner. Es gibt zwar alle m\u00f6glichen Hypothesen, was den Ursprung betrifft, aber die stehen alle auf ziemlich wackligen F\u00fc\u00dfen. Anders als bei den anderen L\u00e4nder S\u00fcdamerikas: Kolumbien und Bolivien sind nach M\u00e4nnern benannt, Brasilien und Argentinien nach Materialien, Ecuador nach seiner Lage, Venezuela nach einer Stadt, Uruguay und Paraguay nach einem Fluss. Aber Peru? Klingt nach einem eingeborenen Wort, ist aber nirgendwo belegt, im Gegensatz zu Guatemala und Mexiko, zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flagge Perus ist wie die \u00d6sterreichs, aber vertikal statt horizontal. In dem Wappen sieht man ein Vikunja (das f\u00fcr die Fauna steht), einen Baum (der f\u00fcr die Flora steht) und ein F\u00fcllhorn (das f\u00fcr die nat\u00fcrlichen Ressourcen steht). Bei dem Baum handelt es sich um den Chinarindenbaum, der nichts mit China zu tun hat, sondern mit dem Ketschua-Wort <em>kina<\/em> (spanisch <em>quina<\/em>), das \u201aRinde\u2018 bedeutet. Aus seiner Rinde wird Chinin gewonnen,&nbsp; offensichtlich ein Mittel zur Bek\u00e4mpfung von Malaria.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der offizielle Code f\u00fcr die W\u00e4hrung Perus, PEN, erkl\u00e4rt sich daraus, dass PE f\u00fcr Peru steht und N f\u00fcr Nuevo Sol. Muss man erst mal drauf kommen. Die Leute sprechen&nbsp; von Sol. Die Abk\u00fcrzung ist S\/.<\/p>\n\n\n\n<p>Nazca oder Nasca? Ich habe fr\u00fcher immer nur von Nazca gelesen, jetzt sieht man \u00fcberall Nasca. Was der Grund f\u00fcr den Wechsel der Schreibweise ist, kann ich nicht herausfinden. Kuriosum am Rande: Im s\u00fcdamerikanischen Spanisch ist die Aussprache identisch, in Spanien nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer ist schon ein paar Minuten vor der Zeit da. Die Deutschen seien immer p\u00fcnktlich, meint er. Ganz anders als die Italiener. Dem kann ich aber entgegenhalten, dass meine Italienischlehrerin immer p\u00fcnktlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen noch weitere Fahrg\u00e4ste abholen. Zuerst sind es zwei Spanierinnen, aus Valencia. Dann ein junges schwedisches Paar, aus Uppsala. Die Spanierinnen sind auch in Paracas gewesen und haben bei den Islas Ballestas sogar einen Wal gesehen. Sie fahren heute noch nach Arequipa weiter und dann nach Puno und von dort nach Cusco. Da beschlie\u00dfen sie ihren Urlaub. Ja, sagt der Fahrer, um diese Zeit k\u00f6nne man ohne weiteres nach Cusco fahren. Da hab ich mich wohl ins Bockshorn jagen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweden sind ein ganzes Jahr unterwegs. Sie haben ihre Stellen gek\u00fcndigt, wobei es ihm besonders leicht fiel, da die Firma pleite gemacht hat. Sie waren erst auch in Kolumbien und in Ecuador, wollen dann weiter nach Chile und Argentinien. Da m\u00fcssten sie mit dem Geld vorsichtiger umgehen. Chile sei teuer und Argentinien sei sehr teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch ein Viertel, das fr\u00fcher, wie wir erfahren, sehr gef\u00e4hrlich war. Jetzt nicht mehr? Nein, die Drogenh\u00e4ndler seien alle hinter Schloss und Riegel. F\u00fcr 30 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser F\u00fchrer sagt, am Flughafen werde alles ganz schnell gehen. Wir seien in der Nebensaison. Wann ist denn die Hochsaison? Juni, Juli, August. Wenn in Europa Sommerferien sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Prophezeiung, alles werde schnell gehen, erweist sich als groteske Fehleinsch\u00e4tzung. Erst werden wir zu dem Schalter unserer Fluggesellschaft eskortiert. Dort muss man den Flug bezahlen. Und es wird ein Photo des Reisepasses gemacht. Und man wird gewogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird man zu einem Schalter geschickt. Dort muss man die Steuern entrichten. Nur Barbezahlung. Dann geht es zum Schalter des Tourismusministeriums. Auch da muss man eine Geb\u00fchr entrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es durch die Passkontrolle und durch die Sicherheitskontrolle. Als wir auf dem Flugfeld stehen, sind zwei Stunden vergangen, seit wir gestartet sind. Von den Spanierinnen und den Schweden bin ich l\u00e4ngst getrennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den jungen Piloten setzt sich die noch j\u00fcngere Copilotin. Die erkl\u00e4rt, was wir sehen, aber das Motorger\u00e4usch \u00fcbert\u00f6nt das meiste, obwohl wir Kopfh\u00f6rer aufhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Flug ist eine tolle Erfahrung, und alle, mit denen ich nachher spreche, sind auch sehr angetan. Man kann alles sehr gut sehen, wir fliegen in ganz geringer H\u00f6he, vielleicht 200 Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Figuren wie der Wal und der Hund entgehen mir, andere kann man ganz klar erkennen, den Kolibri, die Spinne, den Astronauten, die Hand. Der Astronaut sieht aus wie eine Kinderkritzelei. Was er wohl darstellen soll?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Dinge werden hier aus der Luft ganz klar, einmal die unglaublichen Dimensionen, sowohl der einzelnen Figuren als auch des gesamten Areals, und dann die Tatsache, dass die Geoglyphen, die Scharrbilder, echt sind. Da sind Menschen am Werk gewesen, die, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, vor langer Zeit dieser Bilder unter gro\u00dfen Anstrengungen in die W\u00fcste gezeichnet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptaugenmerk liegt bei dem Flug auf den Scharrbildern, die etwas darstellen, aber ebenso bemerkenswert sind die anderen Figuren, die geometrischen Figuren, Kreise, Spiralen und Dreiecke. Die Dreiecke sind ganz langgezogen, sehen wie \u00fcberdimensionale Pfeile aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pilot tut sein Bestes, die Geoglyphen mal von der einen, mal von der anderen Seite anzufliegen, so dass wir alle auf unserer Kosten kommen. Dennoch nicht so leicht. Die Fenster sind schmal, manchmal ist der Fl\u00fcgel im Weg, und man braucht immer seine Zeit, um die Figuren, obwohl sie sich wei\u00df von dem gr\u00e4ulichen Hintergrund abheben, zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Photos kann man nur ganz wenig erkennen, aber macht nichts, das Erlebnis bleibt. Ich erinnere mich dabei an die abenteuerliche Art, wie Maria Reiche ihre Photos gemacht hat, als sie endlich mal ihre Scharrbilder von oben sehen konnte. Sie hatte, an einem Seil am Hubschrauber h\u00e4ngend, eine Kamera, die schwer wie ein Eimer Wasser war und machte in dieser Position aus der Senkrechten ihre Photos. F\u00fcr die sie sp\u00e4ter Lob von den peruanischen Berufsphotographen bekam. So eine M\u00f6glichkeit wird hier nicht angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg \u00fcberfliegen wir noch zwei weitere St\u00e4tten, die f\u00fcr die Nasca-Kultur von Bedeutung waren. Zuerst die Aqu\u00e4dukte von Cantalloc. Dort sieht man spiralf\u00f6rmige Becken, Einstiege in die Erde. Durch diese Becken versorgten sich die Nasca mit Wasser aus unterirdischen Quellen f\u00fcr ihre Landwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Cahuachi, das in der W\u00fcste gelegene Kultzentrum der Nasca, ein riesiges, aus Lehmziegeln, nicht aus Steinen erbauter Geb\u00e4udekomplex, in Form von Stufenpyramiden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Minuten vor der Landung wird es ganz still im Flugzeug. Jeder h\u00e4ngt seinen Gedanken nach, l\u00e4sst die Eindr\u00fccke auf sich wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit dem Auto zur\u00fcck in die Innenstadt. Als unser Fahrer mich an den Casa de Ana abgesetzt hat, gehe ich Richtung Zentrum und suche erst einmal einen Geldwechsler. Ich bin praktisch blank. Die Geldwechsler stehen, wie sich herausstellt, alle in derselben Stra\u00dfe.&nbsp; Die Sache ist schnell erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der vergeblichen Suche nach de Museo Antonini komme ich wieder an dem Tourenveranstalter von gestern vorbei. Diesmal sitzt ein anderes M\u00e4dchen hinter dem Schreibtisch. Die Sache gestaltet sich etwas schwierig, eine definitive Auskunft bekomme ich nicht, es hinge alles davon ab, ob eine Gruppe zustande k\u00e4me. Bisher hat sie f\u00fcr morgen und \u00fcbermorgen keine Anmeldungen. Daraufhin beschlie\u00dfe ich, die Fahrt zum Museo Maria Reiche f\u00fcr mich zu buchen. Wenn noch jemand dazukommt, gibt es eine Erm\u00e4\u00dfigung. Allerdings scheint mir die Zeit f\u00fcr das alles ein bisschen knapp zu sein, wenn ich daran denke, wie lange wir gestern noch von dort nach Nasca gefahren sind. Auch \u00e4rgerlich: Eintritt muss zus\u00e4tzlich bezahlt werden, und f\u00fcr die Zahlung per Kreditkarte gibt es einen Aufschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen empfiehlt mir, zum Museum ein Taxi zu nehmen. Aber jetzt meldet sich erst mal mein Magen. Der ist heute bisher stiefm\u00fctterlich behandelt worden. Als Vorsichtsma\u00dfnahme. Das hat sich bew\u00e4hrt. Einem meiner Mitfahrer ist unterwegs \u00fcbel geworden, und einer der Spanierinnen auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lande in der Kasa R\u00fastica, mit cooler moderner Schreibweise. Hier gibt es ein passables, etwas zu teures Fr\u00fchst\u00fcck. Als es ans Bezahlen geht, stellt sich heraus, dass die Kellnerin nicht wechseln kann. Ein ewiges Problem in diesem Land. Und nicht nur hier. Als ich mich etwas knurrig dar\u00fcber \u00e4u\u00dfere, sagt die Frau, sie k\u00f6nne nichts dazu, dies sei nicht ihr Land. Es stellt sich heraus, dass sie, genauso wie die K\u00f6chin, Venezolanerin ist. Beide meinen, nach Venezuela k\u00f6nne man durchaus reisen. So arg gef\u00e4hrlich sei es nicht. Aufpassen m\u00fcsse man \u00fcberall. Und dann tun sie das, was alle tun und was mich \u00fcberhaupt nicht beeindruckt: Sie loben die Sch\u00f6nheit ihres eigenen Landes. Es ist italienisch. Es ist gegr\u00fcndet worden von einem italienischen, in Brescia beheimateten Kulturinstitut, das sich der Pflege der lateinamerikanischen Kultur widmet.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Bezahlen wieder dasselbe Theater: Sie k\u00f6nnen nicht wechseln. Aber jetzt habe ich wirklich kein Kleingeld mehr. Einer der M\u00e4nner an der Rezeption sieht in sein privates Portemonnaie. Er kann tats\u00e4chlich wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum, wird mehrmals betont, sei ein \u201edidaktisches\u201c Museum. Schwer zu verstehen, was damit gemeint ist. Alles ganz normal. Aber auf jeden Fall lohnenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Textilproduktion war bei den Nasca genauso wichtig wie bei den Paracas, aber die Nasca haben auch herausragende Keramik. Komischerweise wurde die offenbar ausschlie\u00dflich f\u00fcr rituelle Zwecke gebraucht, nicht f\u00fcr den Haushalt. Vielleicht waren sie zu sch\u00f6n daf\u00fcr. Die Keramikgef\u00e4\u00dfe wurden geopfert. Daf\u00fcr wurden sie h\u00e4ufig vorher zertr\u00fcmmert. Man sieht ganze Vitrinen voller sch\u00f6n gestalteter, farbiger Gef\u00e4\u00dfe mit L\u00f6chern und daneben die Scherben, die dabei \u201eheraussprangen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gef\u00e4\u00dfe sind oft aufwendig bemalt. Auf einem becherartigen Gef\u00e4\u00df sieht man eine Person mit Stab und Wassernuss, begleitet von einem katzenartigen Wesen in der Form eines Hundertf\u00fc\u00dfers. Was man sich wohl dabei gedacht hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr gelungen auch die Eisenverarbeitung. Es ist eine Schmuckkette ausgestellt, die, was man nur bei genauerem Hinsehen entdeckt, aus lauter winzigen V\u00f6gelchen besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ganz praktische Zwecke ein Weidenkorb als Aufbewahrungsbeh\u00e4lter f\u00fcr den Haushalt. Sieht ganz so aus wie die in meiner K\u00fcche. Ebenso praktisch zwei kleine S\u00e4ckchen, aus Stroh hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend die clevere Verbindung von zwei Materialien f\u00fcr einen Gegenstand, wie bei einem Kinderbett, das wie ein moderner Liegestuhl aussieht. Es ist aus Holz und Weide gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Kosmovision spielt die Doppelung offenbar eine wichtige Rolle. Der Fisch, einer der heiligen Tiere des Nasca, erscheint auf Gef\u00e4\u00dfen meist doppelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht auch zwei identische gestrickte H\u00fcte, mit katzenartigen Wesen, die mittels einer Kordel aus anderem Material miteinander verbunden sind. Das ist nicht sehr praktisch, muss wohl rituellen Zwecken gedient haben.&nbsp; Es scheint eine Verbindung zu Bestattungsritualen zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Werkzeugen gef\u00e4llt mir besonders ein scheinbar einfacher Stichel, mit dem man L\u00f6cher in oder Muster in Materialien wie Leder, Metall oder Holz pr\u00e4gt. Mit einem geschnitzten Vogel als Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Muschel geh\u00f6rt zu den Werkzeugen. Sieht man ihr nicht an. Aber sie diente als dem Maler als Beh\u00e4lter f\u00fcr Farben!<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sind die Grundstoffe ausgestellt, \u00fcber die man verf\u00fcgte. Erstaunlich, was sich alles erhalten hat: Kokabl\u00e4tter, Baumwolle, Bohnen, N\u00fcsse verschiedener Art und alles M\u00f6gliche, was ich nicht identifizieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz bizarr \u2013 und etwas gruselig \u2013 ein Opferungsritual des Nasca, unter Verwendung der K\u00f6pfe von Verstorbenen. Handelte es sich um normal Sterbliche oder um get\u00f6tete Feinde? In den Sch\u00e4del wurde ein Loch gebohrt, die Gehirnmasse wurde entfernt und in das Loch wurde ein Seil eingef\u00fcgt, mit dem die K\u00f6pfe irgendwo aufgeh\u00e4ngt werden konnten. Die K\u00f6pfe sehen aus, als h\u00e4tten sie jahrhundertelang im W\u00fcstensand gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss gibt es noch eine Besonderheit: Modelle, Modelle der Zeremonialzentren. Als ich erst davon las, dachte ich nat\u00fcrlich an moderne Modelle, aber es sind Modelle aus der Nasca-Zeit. Sie haben selbst ihre Zeremonialzentren noch in Ton gegossen. Eins der Modelle zeigt eine Stufenpyramide, mit sechs Stufen, die auf beiden Seiten auf das Dach des Tempels f\u00fchren, und zwei Figuren vorne neben dem Eingang, vielleicht W\u00e4chter. Hinten in der Wand sieht man das Relief eines Wesens, vielleicht eines gott\u00e4hnlichen Wesens.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem anderen Modell guckt man von oben in das Geb\u00e4ude rein und sieht verschiedene Personen irgendwelche Riten vollziehen. Sieht aus wie eine Puppenstube.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine interessante Besichtigung, die, wie immer bei den Nasca, auch eine Menge R\u00e4tsel \u00fcbrig l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder nehme ich ein Taxi, um mich zur Plaza de las Armas fahren zu lassen. Der gespr\u00e4chige Fahrer meint: Alemania? Ist das nicht in Europa? Ja, weit weg. Er ist genauso \u00fcberrascht wie der Fahrer auf der Hinfahrt, als ich von 4 PEN auf 5 aufrunde. Trinkgeld gibt man hier in der Regel wohl nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich an der sch\u00f6n gestalteten Plaza de Armas um. Nat\u00fcrlich darf der gro\u00dfe k\u00fcnstliche Tannenbaum mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Schmuck nicht fehlen. An jeder zweiten Ecke sitzen Eisverk\u00e4ufer, und auf den B\u00e4nken ruhen sich Rentner und Sch\u00fcler in Schuluniformen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In die beiden Geraden des Platzes hat man im Boden Mosaiken eingef\u00fcgt, die einige der Nasca-Geoglypen darstellen, ausschlie\u00dflich Tierdarstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach dem Supermarkt von gestern. Ich hatte den Namen vergessen. Er hei\u00dft Raulito. Dort decke ich mich mit Fl\u00fcssigkeit ein. Der leckere Eistee von gestern ist leider ausverkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, dass an jedem zweiten Gesch\u00e4ft und jedem zweiten Verkaufsstand Personal gesucht wird: <em>Se necesita cocinero\/a, ayudante de cocina, mozo\/a <\/em>hei\u00dft es an einem.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es hier viele Lokale und Tourenveranstalter gibt, an Apotheken mangelt es auch nicht. Ganz egal, ob sie <em>Botica<\/em> oder <em>Farmacia<\/em> hei\u00dfen. Viele sind Filialen von Ketten: <em>Incafarma<\/em>, <em>Mifarma<\/em>, <em>Califarma<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Stra\u00dfe haben sie eine besondere Berechtigung, denn hier hat die Medizin das Wort. Hier gibt es ein Krankenhaus, eine Polyklinik, eine Notaufnahme, ein medizinisches Labor. Und, wenn das alles nicht reicht, gibt es gleich auch noch ein Beerdigungsinstitut.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der Unterkunft soll es auch Fr\u00fchst\u00fcck geben, aber als ich kurz vor 9 an der Rezeption nachfrage, sagt man mir, es sei schon zu sp\u00e4t. Ich bekomme aber in einem kleinen, von Peruanern besuchten Caf\u00e9 an der Ecke ein einfaches Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Busunternehmen, Cruz del Sur, das vorgestern die Fahrt nach Nasca abgesagt hat, hat tats\u00e4chlich die Chuzpe, mir einen Fragenbogen zuzuschicken, auf dem ich angeben soll, wie zufrieden ich mit der Busfahrt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer des Tourenveranstalters, Antonio, ist auf die Minute p\u00fcnktlich und steht um 9.30 vor der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt kommt mir viel k\u00fcrzer vor als auf dem Weg nach Nasca vorgestern. Das liegt an Antonio. Der ist nicht nur sehr freundlich, sondern hat auch viel Interessantes zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst arbeitet seit einem Jahr f\u00fcr die Firma, ist Fahrer und F\u00fchrer gleichzeitig. Dazu hat er eine dreij\u00e4hrige Ausbildung in Tourismus gemacht, an keiner Universit\u00e4t, aber an einer Art Fachschule in Nasca.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort Nasca, erkl\u00e4rt er, komme von nanai. Das bedeutet \u201aOpfer\u2018 und spielt auf den Wassermangel der Gegend an. Aus nanai machten die Spanier nanasca, und daraus wurde Nasca.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geoglyphen befinden sich in der Pampa de Juman\u00e1, und das bedeutet \u201aSch\u00f6pfung\u2018. Das wiederum spielt auf das unterirdische Wasser an, das hier trotz allem Wachstum zul\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pampa von Nasca ist praktisch eine Fortsetzung der chilenischen Atacama, die als zweittrockenste W\u00fcste der Welt gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Faktoren bestimmen die Gegend:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Die Anden, die daf\u00fcr verantwortlich sind, dass es hier so gut wie nie regnet<\/li>\n\n\n\n<li>Der Pazifik, der nur eine Stunde Fahrt entfernt ist. Dort sorgt der Humboldt-Strom daf\u00fcr, dass kein Wasser verdunsten kann<\/li>\n\n\n\n<li>Das Ph\u00e4nomen El Ni\u00f1o, das die Gegend alle 15-30 Jahre treffen und f\u00fcr schwere Verw\u00fcstungen sorgen kann. Er selbst hat das auch schon mitbekommen. Nasca ist einfach nicht darauf vorbereitet, aber noch st\u00e4rker betroffen sind die Siedlungen au\u00dferhalb der Stadt<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einer Mautstelle. Dort steht ein Mann mit einer ziemlich d\u00fcster aussehenden Geisterpuppe, ein Pilger einer Naturreligion. Die Pilger glauben, dass sie m\u00f6glichst lange Strecken zu Fu\u00df absolvieren m\u00fcssen, um die G\u00f6tter gn\u00e4dig zu stimmen. Sie bitten hier um eine kleine Spende.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren auf die Berge zu. Die leicht r\u00f6tliche F\u00e4rbung einiger Abh\u00e4nge resultiert aus dem Vorhandensein von Eisenoxyd. Das Vorhandensein unterschiedlicher Mineralien erkl\u00e4rt die Marmorierung der Berge. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon die alten Nasca, nutzt man auch heute die unterirdischen Wasservorr\u00e4te aus, um Felderwirtschaft betreiben zu k\u00f6nnen. Es werden zwei Sorten Mais, Wassermelonen, Spargel, Blaubeeren und Kartoffeln angebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins der Scharrbilder stellt einen Baum dar, vermutlich den Baum, den man hier huarango nennt (ich bin ihm, glaube ich, schon mal als Karob begegnet). Der war den Nasca heilig, weil seine Wurzeln bis zu 70 Meter in die Erde reichen. Diese Wurzeln sorgen f\u00fcr den unterirdischen Transport von Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Was den Astronauten angeht, meint Antonio, er stelle vermutlich eine Gottheit dar. Sein \u00fcbergro\u00dfer Kopf stehe f\u00fcr seine Klugheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Kuriosit\u00e4t gibt es von dem Affen zu berichten. Maria Reiche hatte sich in Cuzco an einem Kaktus gestochen und einen Finger verloren. Als sie dann die Scharrbilder untersuchte, stellte sie fest, dass der Affe auch nur 9 Finger hat. Noch ein Detail, das wie stellvertretend f\u00fcr ihre Bindung an die Nasca-Kultur steht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir auf den Aussichtsturm zufahren, kreisen in der Luft \u00fcber uns die Flugzeuge, die die Nasca-Linien \u00fcberfliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu dem Aussichtsturm, und alle meine Bef\u00fcrchtungen l\u00f6sen sich in Luft auf. Ich hatte geh\u00f6rt, es handele sich um eine wacklige Angelegenheit. Das ist \u00fcberhaupt nicht der Fall. Der Turm ist stabil und hat breite, bequeme Stufen. Die M\u00e4r von dem wackligen Turm h\u00e4lt sich. Dabei ist der gemeinte wacklige Turm der, der gegen\u00fcber, auf der anderen Stra\u00dfenseite steht, und der ist schon lange gesperrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem Turm aus kann man drei Geoglyphen sehen: den Frosch (steht f\u00fcr das Wasser), den Baum (steht f\u00fcr das Leben), die Eidechse (steht f\u00fcr die W\u00fcste). Au\u00dferdem sieht man die lange Trasse, die von einigen f\u00fcr eine Landebahn f\u00fcr Au\u00dferirdische gehalten wird, \u00fcber die sie mit den Nasca Kontakt aufnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Nasca-Linien bedeuten, ist weiterhin ungekl\u00e4rt. Maria Reiches Hypothese, dass es sich um einen astronomischen Kalender handelt, gilt heute als \u00fcberholt. Aber: Was bedeuten sie dann?<\/p>\n\n\n\n<p>Antonio erz\u00e4hlt, die Nasca h\u00e4tten sich mit einem halluzinogene Kaktus in \u00fcbersinnliche Zust\u00e4nde versetzt und dabei diese Gestalten erblickt, die ihnen als gott\u00e4hnliche Wesen galten. Vielleicht haben sie \u00fcber diese \u00fcbermenschliche Wesen mit ihrem h\u00f6chsten Gott Kon Verbindung aufgenommen, einem Mischwesen, das au\u00dferhalb fliegen konnte und dessen Zorn f\u00fcr die D\u00fcrre verantwortlich war. Es ging darum, ihn milde zu stimmen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was immer die Bedeutung der Scharrbilder ist: Was man von hier oben perfekt sehen kann, ist dies: Die Panamericana verl\u00e4uft nicht nur zwischen den Scharrbildern hindurch, sondern mitten durch die Figur der Eidechse. Trennt sie in zwei Teile. Als die Panamericana gebaut wurde, kam niemand auf die Idee, dass sich hier irgendwelche Figuren befinden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nasca-Linien sind etwa 2000 Jahre alt. Sie wurden geschaffen, indem die obere Erdschicht abgetragen wurde und die untere, hellere, fast wei\u00dfe Schicht zum Vorschein kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonio tut sein Bestes, mir zu erkl\u00e4ren, warum der Wind die Linien nicht wieder versch\u00fcttet hat, aber ganz kapiere ich es nicht. Auf jeden Fall ist Maria Reiche nicht umsonst zu ihrem Beinamen <em>La Bruja del Desierto<\/em> gekommen, weil sie die Linien mit einem Besen wieder vollst\u00e4ndig freilegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist man noch n\u00e4her an den Figuren dran als aus dem Flugzeug, und die Photos sind auch marginal besser, aber auch nicht richtig gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein kurzes St\u00fcck weiter zum Museo Maria Reiche. Der Mann an der Rezeption fragt mich, ob ich Deutscher sei: \u201eTiene porte alem\u00e1n\u201c. Die Holl\u00e4nder s\u00e4hen anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann, der einen der R\u00e4ume s\u00e4ubert, fragt mich, ob ich den Film \u00fcber Maria Reiche schon gesehen h\u00e4tte und wie er mir gefallen habe. Als ich geantwortet habe, sagt er mit Bedauern in der Stimme, hier sei der Film noch nicht angelaufen. Das ist echt verr\u00fcckt, wenn er irgendwo hingeh\u00f6rt, dann hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonio erkl\u00e4rt mir die Abfolge der verschiedenen Etappen der Vorgeschichte. Er macht praktisch keinen Unterschied zwischen den Paracas und den Nasca, so als w\u00e4ren die Paracas einfach eine fr\u00fche Nasca-Stufe gewesen. Anders verh\u00e4lt es sich mit den Wari, einem kriegerischen Volk, das ab dem 8. Jahrhundert die Gegend eroberte.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihn sind die Paracas \u00fcberlegen in der Textilproduktion, die Nasca in der Keramik. Warum? Die Farben haben sich bei ihnen besser erhalten. Der Brennprozess wurde unterbrochen, dann wurden die Farben aufgetragen, dann wurde die Brennung fortgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Museum kann man Einzelteile sehen, die das bestens illustrieren. Sie wurden alle hier in der N\u00e4he gefunden. Der Star des Museums ist aber eine Mumie, ebenfalls hier gefunden, etwa 1200 Jahre alt. Eine weibliche Figur, in fetaler Position, die Mumie einer Frau von hoher sozialer Stellung, nicht \u00e4lter als 30.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Mumifizierungsprozess zog sich in die L\u00e4nge, man tat das absichtlich, und um den Leichnam weiter behandeln zu k\u00f6nnen, nach dem Eintritt der Totenstarre, durchschnitt man vorher die Sehnen. Das Eingeweide wurde entnommen, stattdessen wurden Grabbeigaben in den Unterleib gelegt, und alles wurde wieder zugen\u00e4ht. Die Bestattung erfolgte immer Richtung der aufgehenden Sonne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haar ist erhalten, ist aber nicht schwarz, sondern braun. Das, so wird hier erkl\u00e4rt, sei eine Folge der Mangelern\u00e4hrung, die wiederum eine Folge des Regenmangels war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wichtigste Hingucker aber sind die T\u00e4towierungen, mit der Tinte von Tintenfischen aufgetragen. An den Armen lange Reihen stilisierter Blumen, an den H\u00e4nden ein kleiner Fuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen im Garten befindet sich das Grab von Maria Reiche. Sie sollte nach Deutschland \u00fcberf\u00fchrt werden, aber das wurde gl\u00fccklicherweise verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben ihr begraben ihre j\u00fcngere Schwester, \u00c4rztin, die nach ihrer Pensionierung nach Lima kam, um ihre Schwester zu unterst\u00fctzen, aber auch medizinisch zu versorgen. Sie starb dann aber drei Jahre vor Maria Reiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Maria Reiches Mutter, die den Lebensweg ihrer Tochter strikt verurteilte, kam einmal nach Peru. Sie sagte, du bist nichts als ein alt gewordenes junges M\u00e4dchen. Woraufhin Maria Reiche ihr sagte, nein, ich bin ein jung gebliebenes altes M\u00e4dchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter einem Schutzdach steht der VW-Bully, den Maria Reiche sp\u00e4ter hatte, von G\u00f6nnern zur Verf\u00fcgung gestellt, als sich ihr Ruf allm\u00e4hlich verbreitete. Da lasse ich mir ein Photo nicht entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Nukleus des Museums ist Maria Reiches H\u00fctte, alles andere ist im Laufe der Zeit drum herum entstanden. Man sieht sie selbst an der Schreibmaschine am Schreibtisch sitzen. An der Wand ihre Kamera und ihre Zeichnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fccher gibt es keine. Komisch. Maria Reiche war ausgebildete Mathematikerin. Und hatte au\u00dferdem Physik und Geographie studiert (aber keine Arch\u00e4ologie). Hat sie in ihrem Leben in der W\u00fcste die Lekt\u00fcre nicht vermisst?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Tisch ein Teller mit Obst. Sie ern\u00e4hrte sich fast nur von Wasser und Obst. Fleisch konnte sie sich nicht leisten. Sie rauchte nie, sie trank kein Bier, keinen Wein, nicht einmal Tee oder Kaffee. Krankheiten \u00fcberstand sie, weil sie sich \u00c4rztebesuche nicht leisten konnte, ausschlie\u00dflich durch Fastenkuren. Was muss die Frau f\u00fcr einen Willen gehabt haben! Insgesamt verbrachte sie fast 40 Jahre in der W\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Nebenraum sind noch Messger\u00e4te ausgestellt, darunter ein Zentimeterma\u00df. Das muss man sich vorstellen, die riesigen Figuren mit einem Zentimeterma\u00df auszumessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonio sagt, sie sei bei der Arbeit sehr akribisch gewesen. Wenn sie mit einer Zeichnung nicht zufrieden war, vernichtete sie sie und fing wieder von vorne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kleine Photo-Galerie zeigt sie in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Als junge Frau war sie ausgesprochen h\u00fcbsch. Das kann man \u00fcber die alte Maria Reiche nicht sagen. Ob die Liebesgeschichte mit einer Frau, die an ihrer Obsession scheiterte, auf Wahrheit beruht oder eine Erfindung des Films ist, kann ich nicht rausfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen wir Halt an dem nat\u00fcrlichen Aussichtspunkt. Auch hier muss wieder Eintritt bezahlt werden, genauso wie an den beiden anderen Stationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gar nicht n\u00f6tig, auf den H\u00fcgel zu steigen, denn hier ist das Scharrbild nicht in der Ebene, sondern an einem H\u00fcgel angebracht. Es handelt sich um eine Katze. Die sieht mit ihrem gro\u00dfen Kopf aus, als w\u00e4re sie einem Comic entsprungen. Dieses Scharrbild stammt nicht von den Nasca, sondern von den Paracas. Die Anbringung am H\u00fcgel erinnert an den Kandelaber, den wir bei der Fahrt zu den Islas Bellestas gesehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf dem R\u00fcckweg Antonio nach Bufo frage, dem Internet zufolge ein typisches Gericht aus Nasca, ein Eintopfgericht, muss er lachen. Nein, das war fr\u00fcher, das gibt es nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den anderen Gerichten, auf die ich gesto\u00dfen bin, macht er mir mehr Hoffnung und empfiehlt mir ein paar Lokale.<\/p>\n\n\n\n<p>Am&nbsp; Ende lerne ich noch ein neues spanisches Wort von ihm: yapear. D\u00fcrfte aber nur in Peru bekannt sein. Yape ist das Bezahlsystem per Handy, auf das ich schon h\u00e4ufiger gesto\u00dfen bin. Und aus dem Namen der Firma ist das Verb yapear kreiert worden: Te yapeo m\u00e1s tarde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt mich zu Hause ab. Ich bin wirklich sehr, sehr zufrieden, ihn als F\u00fchrer gehabt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich dann ins Mamashana, eins der von ihm empfohlenen Lokale. Es liegt in der Calle Bolognesi, und die geht gleich ab von der Plaza Bolognesi. Dort steht eine B\u00fcste von Francisco Bolognesi, der sich als General hier vor allem Ruhm erwarb in dem Krieg gegen Chile.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mamashama bestelle ich Aji de Gallina, H\u00fchnchenfleisch, in kleinen Streifen, in einer auffallend gelben Knoblauchso\u00dfe serviert. Dazu gibt es Reis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bestelle ein Chusque\u00f1o und bekomme ungefragt statt eines Hellen oder Dunklen ein Trigo. Schmeckt gut, aber nicht nach Weizen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer Laune heraus bestelle ich dann auch noch einen Nachtisch: Alfajores mit Eis. Das Ganze hat seinen Preis: 64 PEN.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier braucht niemand Winterkleidung. Es ist das ganze Jahr \u00fcber warm. Schon, als ich zum Fr\u00fchst\u00fcck in das Caf\u00e9 an der Ecke gehe, ist es sch\u00f6n warm, 24\u00b0. Trotzdem tragen die Leute keine richtige Sommerkleidung. Viele tragen eine leichte Jacke oder einen leichten Pullover, h\u00f6chstens jeder zweite geht kurz\u00e4rmelig, und kurze Hosen sieht man so gut wie gar nicht. Auch drinnen tragen viele eine Schirmm\u00fctze.<\/p>\n\n\n\n<p>Nasca ist ein Touristenziel. Das merkt man an den vielen Unterk\u00fcnften, Lokalen und Tourenanbietern. Trotzdem sieht man kaum Ausl\u00e4nder. Die Stadt wirkt wie eine normale peruanische Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sieht man schon die Frauen, die man sonst mit Bolivien verbindet: Rock \u00fcber Lastexhose, europ\u00e4ischer M\u00e4nnerhut auf dem Kopf. Eine kommt in das Caf\u00e9 und verkauft S\u00fc\u00dfigkeiten, eine andere sitzt am Stra\u00dfenrand und sortiert Pfandflaschen. Ich gehe schnell rauf und bringe ihr mein Sammelsurium. Verstehen tue ich so gut wie gar nichts. Aber es sieht so aus, als k\u00f6nne sie nur die Plastikflaschen gebrauchen. Sie nimmt die Glasflaschen trotzdem und tut sie in eine andere Plastikt\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute mache ich \u201eB\u00fcrotag\u201c im Hotelzimmer. Es gibt einiges zu tun: Reisenotizen, Babbel, Bewertung der Unterkunft in Ica, Leserbrief an Deutschlandfunk, Reservierung der Fahrt von Puno nach La Paz, Reservierung der Ausreise aus Bolivien (die schon bei der Einreise vorgelegt werden muss), Unterkunft in La Paz, Koffer packen, Taxi bestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Mittagszeit gehe ich noch mal raus. Es ist jetzt voll in der Stadt und richtig hei\u00df. Die Leute, die an der Bank Schlange stehen, sch\u00fctzen sich mit einem Sonnenschirm.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den schmalen, aber immerhin ebenen B\u00fcrgersteigen schiebt man sich nur langsam fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen sind schmal, deshalb kann man sie relativ gut \u00fcberqueren, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Aber auch nicht zu viel. Als ich z\u00f6gernd an einer Kreuzung stehe und mich nicht traue, ruft mir ein auf einem Schemel sitzender Verk\u00e4ufer zu: \u00a1Adelante!\u201c. Die Autos halten nicht von selbst an. Recht hat er.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend die Abwesenheit von Tempo-T\u00fcchern in diesen L\u00e4ndern. Ich suche den <em>Raulito<\/em> von hinten bis vorne ab \u2013 nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand kaufe ich eine T\u00fcte mit N\u00fcssen und Rosinen f\u00fcr die Fahrt. Dazu ein St\u00fcck K\u00e4se. Der Verk\u00e4ufer ist sehr hilfsbereit.<\/p>\n\n\n\n<p>An dem Stand daneben strecken die Puten ihre Beine nach oben. Sieht originell aus, aber wie gut sie die Hitze vertragen, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber bekomme ich einen sehr gut schmeckenden, reichhaltigen Obstsalat, mit Honig und Joghurt.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonio hat gestern das Fehlen eines gro\u00dfen Einkaufszentrums in Nasca bedauert. Die stehen bei den Latinos ganz hoch im Kurs. Wei\u00df der Teufel warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Innenstadt ist vermutlich so lebendig, weil es kein Einkaufszentrum gibt. Daf\u00fcr gibt es unz\u00e4hlige kleine Gesch\u00e4fte, in schlauchartigen Lokalen untergebracht, alles ebenerdig, jedes auf eine Ware begrenzt: M\u00f6bel, Brillen, Handwerkzeug, sogar Motorr\u00e4der und nat\u00fcrlich Kleidung. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaffe es nicht, ein Taxi zu bestellen. Komisch: Nach Deutschland kann ich nicht anrufen, weil ich im Ausland bin, und ins Ausland kann ich nicht anrufen, weil ich eine deutsche Nummer habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb breche ich fr\u00fcher auf als n\u00f6tig. Aber der Mann an der Rezeption ist sehr hilfsbereit. Er stellt sich mit mir an den Stra\u00dfenrand und winkt den vorbeifahrenden Autos zu. Nach weniger als zehn Minuten h\u00e4lt einer und nimmt mich mit. Wieder ein Privatfahrer. In Nasca hat jedes Busunternehmen seinen eigenen Bahnhof, aber der Mann wei\u00df Bescheid und setzt mich nach kurzer Zeit bei Cruz del Sur ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es noch ganz ruhig. Au\u00dfer mir sind nur ein paar junge Holl\u00e4nder in der Abfahrtshalle. Meine Reisetasche werde ich schnell los. Und vor der T\u00fcr steht schon der Bus nach Arequipa abfahrbereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit vergeht langsam, ich langweilige mich. Lange tut sich nichts, dann wird es pl\u00f6tzlich voll, und \u00fcber den scheppernden Lautsprecher wird Arequipa ausgerufen. Ich stelle mich brav in die Schlange. Als ich drankomme, guckt sich der Mann meine Buchung auf dem Handy ganz genau an. Was ist los? Stimmt was nicht? Doch, nur dies ist der 22.00 nach Arequipa. Meiner ist der 22.20. Die Holl\u00e4nder sind weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Alle Nase lang kommt ein Bus in den Hof gefahren, und immer gucke ich gespannt, ob es der nach Arequipa ist. Nein, Lima, Cusco, noch mal Lima, Ica, noch mal Cusco, noch mal Lima, dann ein Sonderbus f\u00fcrs Personal. Die da einsteigen, brauchen komischerweise nicht durch die Sicherheitskontrolle, alle anderen wohl. Wir am Ende auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage einen Mann neben mir, ob er auch nach Arequipa f\u00e4hrt. Ja. Auch 22.20. Das ist schon mal beruhigend, denn langsam wird es einsam hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann fragt nach, wie lange es denn noch dauern wird. Halbe Stunde, wird ihm gesagt. Viel Verkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin das Warten leid. Den Werbefilm von Cruz del Sur kann ich inzwischen auswendig. Auf Spanisch und auf Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Einziges interessantes Detail: Peru mit oder ohne Artikel? Dieselbe Frage wie bei Ecuador, nicht unbedingt mit derselben Antwort. Hier hei\u00dft es jedenfalls: <em>Env\u00edos al norte, sur y oriente del Per\u00fa.<\/em> Mit Artikel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Bus nach Arequipa. Endlich! Wir stellen uns in die Schlange. Der Kontrolleur hat mich schon fast durchgelassen, dann sagt er: Da stimmt was nicht mit den Sitzpl\u00e4tzen. Die Erkl\u00e4rung: Dies ist der 22.30 nach Arequipa. Unserer ist der 22.20. Und der kommt nat\u00fcrlich sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dann endlich so weit ist und der richtige Bus kommt und wir uns auf die Reise machen, ist es Mitternacht.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Augen \u00f6ffne, ist es noch dunkel. Aber dann schiebe ich den Vorhang ein kleines St\u00fcck zur Seite, und da sieht man ganz hinten am Horizont einen gr\u00e4ulich-r\u00f6tlichen Schimmer. Davor sieht man schemenhaft die Berge.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chste Stunde halte ich die kleine L\u00fccke am Fenster offen und lasse den Tagesanbruch wie in einem Film an mir vor\u00fcberlaufen. Alle anderen schlafen noch, nur einer ist mit seinem Handy besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde belohnt durch ein echtes Naturspektakel. Wir fahren durch eine wilde Berglandschaft, ohne jede Spur einer Zivilisation. Es geht auf und ab und \u00fcber Kurven. Immer wieder ergeben sich neue Blicke. Und beinahe min\u00fctlich sieht man, wie sich das Licht ver\u00e4ndert. Erst ganz in der Ferne, hinter den Bergen, ein r\u00f6tlich-gelber Schimmer, dann ein heller Himmel \u00fcber den dunklen Bergen, dann die Sonne direkt gegen\u00fcber in all ihrer Pracht. Wenn noch etwas gefehlt hat, kommt es jetzt auch noch: Wir fahren direkt an der K\u00fcste entlang, das Meer liegt tief unter uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir kommt die Frage in den Sinn, ob man mit blo\u00dfen Augen unterscheiden kann zwischen Abendd\u00e4mmerung und Morgend\u00e4mmerung. Intuitiv w\u00fcrde ich jetzt sagen, ja. Irgendwie hat dies was von Morgend\u00e4mmerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es Tag, das Wunder ist vorbei. Wir fahren durch eine W\u00fcstenlandschaft, das Meer ist verschwunden. Dann kommen pl\u00f6tzlich in einem Tal gr\u00fcne, sattgr\u00fcne Felder, danach wieder reine W\u00fcstenlandschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo kommen wir pl\u00f6tzlich unangek\u00fcndigt zum Halten. Das ist Caman\u00e1. Hier steigen einige aus. Junge M\u00e4dchen aus dem Ort dr\u00e4ngen sich um den Bus und \u00fcberbieten sich gegenseitig an Lautst\u00e4rke, um ihre Speisen anzupreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht uninteressant weiter. Dann kommt La Joya, ein ganz merkw\u00fcrdiger Ort, unendlich lang, mit lauter Industrieanlagen, unterbrochen von dem einen oder anderen Restaurant. Der Ort nimmt gar kein Ende. An den Mauern und den H\u00e4userw\u00e4nden stehen politische Parolen und dann steht da immer wieder <em>Compro cochinillas<\/em>. Wozu will man Schildl\u00e4use haben? Fr\u00fcher waren sie als Farbstoff wertvoll. Heute auch noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach kommen Kakteenfelder, regelrechte Plantagen, alle gleich gro\u00df und in geraden Reihen gepflanzt, mit einem Netz als Schutz dar\u00fcber. Ob das auch was mit den Schildl\u00e4usen zu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es manchmal nur noch langsam weiter. Wenn wir hinter einem LKW h\u00e4ngen, f\u00e4hrt der Bus gerade mal 20 km\/h. Es geht stetig bergauf. Insgesamt klettern wir von 500 Metern auf 2.300 Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt wieder W\u00fcste und pl\u00f6tzlich ein Reisfeld, auf dem Menschen mit runden, spitzen H\u00fcten in geb\u00fcckter Haltung arbeiten. Da kommt man sich wie in Vietnam vor.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer breiten Kurve sehen wir unten im Tal in einen Steinbruch. Das muss der Sillar sein, auf den man immer wieder st\u00f6\u00dft in Verbindung mit Arequipa. Die Altstadt ist aus diesen wei\u00dfen Kalksteinbl\u00f6cken gebaut.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Au\u00dfenbezirke von Arequipa. Sch\u00f6n ist es hier nicht unbedingt. Und Arequipa ist gro\u00df, gr\u00f6\u00dfer als ich dachte. Hat fast zwei Millionen Einwohner und ist damit die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Perus.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich fahren wir in dem Busbahnhof ein. Der hat sogar eine Zuschauertrib\u00fcne. Dort stehen die Schaulustigen und winken den Ank\u00f6mmlingen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Als meine Reisetasche zuverl\u00e4ssig unter dem Gep\u00e4ck erscheint, habe ich Grund, mal wieder dankbar zu sein f\u00fcr all die dienstbaren Geister, die einem so eine Reise erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das unvermeidliche Drama mit der Unterkunft. Kein Taxifahrer kennt die Adresse, im Gegensatz zu den Beteuerungen der Vermieterin. Zum Gl\u00fcck habe ich auf eine Wegbeschreibung gedr\u00e4ngt. Die kann ich den Taxifahrern jetzt vorlegen. Daraufhin sagt der erste, der zweite, der dritte, da fahre er nicht hin, das sei zu weit au\u00dferhalb. Dabei habe ich ein Unterkunft gebucht, die ausdr\u00fccklich als zentral beschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Taxifahrer kennt sich aus und ist sofort einverstanden. Die Fahrt dauert lange und rechtfertigt den f\u00fcr peruanische Verh\u00e4ltnisse eher hohen Preis: 17 PEN. Das sind allerdings nicht einmal 5 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sehen wir mehrere hohe Berge, darunter den Misti, einen Vulkan, der als so was wie das Wahrzeichen Arequipas gilt. Ist das da oben wirklich Schnee? Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer setzt mich vor dem Haus ab. Von au\u00dfen vermutet man kein bisschen, die gro\u00dfe Wohnanlage, die sich dahinter verbirgt, mit mehr als 200 Wohnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt des Dramas zweiter Teil: Die Rezeption ist zwar besetzt, aber die Frau wei\u00df von nichts. Die Vermieterin hatte mir auf mehrfache Nachfrage ausdr\u00fccklich best\u00e4tigt, dort wisse man schon meinen Namen und werde mich zu der Wohnung begleiten. Die Frau wei\u00df von nichts. Sie ruft ihren Kollegen an. Auch der wei\u00df von nichts. Wie denn die Vermieterin hei\u00dfe. Nery? Nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau macht ein Photo von meinem Reisepass und sagt, sie werde mich zu der Wohnung begleiten. Sie findet sie aber nicht. Wir machen mehrere Anl\u00e4ufe, rauf und runter, mal&nbsp; mit Aufzug, mal zu Fu\u00df, aber C 311 taucht nirgendwo auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geschieht ein Wunder. Oder ist es gar keins? Ein sehr freundlicher Mann mit einem Kleinkind auf dem Arm fragt uns, welche Wohnung wir denn suchen. C 311. Klar, kennt er. Er schickt die Frau an die Rezeption und sagt, er werde mich schon dahinbringen. Es stellt sich heraus, dass er der Sohn von Nery ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist die Aufmerksamkeit in Person. Er f\u00fchrt mich nicht nur hin, sondern zeigt mir auch den Weg, erkl\u00e4rt, wie ich mich orientieren kann und in welche Richtung ich von hier aus in die Altstadt und in welche ich zu Katya, dem Supermarkt, komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Geduldig erkl\u00e4rt er mir die Funktionsweise des elektronischen Schlosses an der Wohnungst\u00fcr. Die verriegelt sich von au\u00dfen und von innen selbst, wenn man ihr ein paar Sekunden Zeit l\u00e4sst. Und er wartet sogar noch, bis ich mich in das Internet eingew\u00e4hlt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Ver\u00e4rgerung schwindet in dem Moment, wo ich die Wohnung betrete. Die l\u00e4sst keine W\u00fcnsche offen. Alles modern, alles bestens eingerichtet, vor allem die K\u00fcche, und es gibt sogar eine Waschmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich sofort auf den Weg zum Supermarkt. Dabei komme ich an einer W\u00e4scherei vorbei. Die machen die W\u00e4sche mit Preis nach Gewicht. B\u00fcgeln aber nicht. Da kann ich auch gleich selbst waschen. Und kaufe in dem Supermarkt Waschmittel. Nur um nachher in der Wohnung doch noch Waschmittel zu finden. Daf\u00fcr finde ich aber nichts, woran ich die W\u00e4sche aufh\u00e4ngen kann. Also wird es wohl doch auf die W\u00e4scherei hinauslaufen. Aber erst morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>22. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>6 Menschen werden jedes Jahr von Haien gefressen. 28 kommen bei Selfies ums Leben, 600 bei Sex-Unf\u00e4llen, 791 sterben durch defekte Toaster. Trotzdem haben die meisten von uns mehr Angst vor Haien als vor Toastern. Daf\u00fcr ist nicht zuletzt <em>Der Wei\u00dfe Hai<\/em> verantwortlich. Dass der so viel Angst einjagte, ist vor allem einem Zufall zu verdanken. Die Hai-Attrappe ging immer wieder kaputt, denn es wurde im offenen Meer gedreht, nicht im Studio. Die Attrappe kam mit dem salzigen Wasser nicht zurecht. Deshalb erscheint der Hai nur in f\u00fcnf Minuten des Films. Die Angst wird anders erzeugt. Was man nicht sieht, ist weniger greifbar als das, was man sieht und besser geeignet, Angst zu erzeugen. Das h\u00e4tte auch Hitchcock so gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Peru gilt der 24. Juni als der traditionelle Feiertag des Inka-Reichs, der Inti Raymi. Das ist der k\u00fcrzeste Tag des Jahres. Wir sind auf der s\u00fcdlichen Erdhalbkugel, und schon ein ganzes St\u00fcck vom \u00c4quator entfernt. Insofern ist meine Verwunderung ganz unbegr\u00fcndet, als es heute schon um kurz nach 5 Tag wird. Der Sonnenuntergang ist allerdings schon kurz nach 18 Uhr. So lang wie bei uns im Sommer sind die Tage hier nicht. Daf\u00fcr sind wir doch noch zu nah am \u00c4quator, etwa 3.000 Kilometer.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus gut informierten Quellen erfahre ich, dass auch Maria Reiche die Strecke Nasca \u2013 Arequipa gefahren ist und von der Landschaft begeistert war, vor allem vom Sonnenuntergang. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen f\u00fchrt mich mein erster Weg zur W\u00e4scherei. Die hei\u00dft passenderweise <em>Bianca<\/em>. Der Mann, der mir gestern etwas schroff vorkam, ist heute ausgesprochen freundlich. Als ich ihn bitte, erst mal zu wiegen, um den Preis zu erfahren, weil ich nicht mehr genug Soles habe, sagt er, kein Problem, man k\u00f6nne auch mit Dollars zahlen. Er wiegt: 3 Kilo. Morgen um dieselbe Zeit abholen. Dann erst bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wechseln k\u00f6nne ich in der Stra\u00dfe mit dem Supermarkt. Da sei die <em>Banco de Cr\u00e9dito<\/em>, und da s\u00e4\u00dfen immer Geldwechsler. Trotz Nachfrage und obwohl ich sicher bin, ihn richtig verstanden zu haben, finde ich die Bank nicht. Egal, im Zentrum wird es auch Geldwechsler geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich folge den Instruktionen des Sohns von Nery von gestern und komme tats\u00e4chlich bald \u00fcber die <em>Puente Bolognesi<\/em>. Die f\u00fchrt \u00fcber eine h\u00e4ssliche Schnellstra\u00dfe, aber vorher \u00fcber den Chili, einen Fluss, den man nicht reguliert hat und dessen Wasser \u00fcber die Steine schnellt, mit dem schneebedeckten Vulkan im Hintergrund. Echt sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite geht es \u00fcber eine schmale Kopfsteinpflasterstra\u00dfe weiter Richtung Zentrum. Es wird innerst\u00e4dtisch. Ein alter Mann kommt auf einem Fahrrad, das fortschrittlich gesinnte junge Akademiker in Deutschland <em>Lastenfahrrad<\/em> nennen w\u00fcrden, die Stra\u00dfe runtergeflitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Blick f\u00e4llt in ein kleines Caf\u00e9. Da gibt es Fr\u00fchst\u00fcck. Daf\u00fcr reicht das Geld noch. Eine erstaunlich beh\u00e4nde, untersetzte Frau, immer mit einem freundlichen L\u00e4cheln auf den Lippen, eilt im Laufschritt von einem Kunden zum anderen. Hier sind nur Peruaner, alte und junge, eine Familie mit S\u00e4ugling, Polizisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder gibt es ein Missverst\u00e4ndnis, f\u00fcr das ich keine Erkl\u00e4rung habe. Der Kaffee ist im Fr\u00fchst\u00fcck nicht inbegriffen. Es gibt aber Kaffee, oder? Ja, aber in einer Teetasse. Ist aber Kaffee? Ja. Ist es aber nicht, ist eindeutig Tee, Fr\u00fcchtetee, vermutlich Kamillentee, stark ges\u00fc\u00dft. Davon trinke ich ein paar Schluck, lasse ihn dann aber stehen, als das Fr\u00fchst\u00fcck kommt: Speckschwarte, Reis, Pommes und Tomaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach komme ich schon sehr bald zur <em>Plaza de Armas<\/em>. Die Kalkulation des Sohns der Vermieterin war sehr realistisch: 20 Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza de Armas<\/em> ist ein riesengro\u00dfer quadratischer Platz, mit doppelst\u00f6ckigen Arkaden auf drei Seiten und der Kathedrale auf der anderen Seite. Sie nimmt tats\u00e4chlich die gesamte Breite des Platzes ein. Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Die Erkl\u00e4rung gibt es sp\u00e4ter, ganz zum Ende der Tour: Arequipa hat, wie Quito, aber anders als die \u00fcbrigen s\u00fcdamerikanischen Kolonialst\u00e4dte, breite Kirchen, die aber nicht sehr lang sind. Stimmt. Die haben mich in Quito damals auch schon \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche die Stra\u00dfe <em>Santa Catalina<\/em>. Dort soll die Stadtf\u00fchrung beginnen. Die Nummerierung ist etwas unregelm\u00e4\u00dfig, aber am Ende stehe ich vor dem richtigen Haus. Eine Frau, die gerade Tische auf die Stra\u00dfe tr\u00e4gt, best\u00e4tigt mir, dass dies der Treffpunkt f\u00fcr die F\u00fchrung ist. Aber einen Kaffee kann ich hier noch nicht bekommen. Sie \u00f6ffnen erst um 10. Ich solle nach gegen\u00fcber gehen, in das Caf\u00e9 da dr\u00fcben. Dort bekomme ich einen lauwarmen, schwachen Milchkaffee, der mehr kostet als das ganze Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich rausgehe, sitzt auf den St\u00fchlen vor dem anderen Haus schon jemand. Es ist ein junger Brasilianer. Der will auch zu der F\u00fchrung. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, auch sp\u00e4ter tauschen wir uns zwischen den Stationen bei der F\u00fchrung immer wieder aus. Er ist schon in Bolivien gewesen und will noch weiter nach Chile und Argentinien. Dann nach Hause zur\u00fcck, nach S\u00e3o Paulo. In Europa ist er noch nicht gewesen, das hat er f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr geplant.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Reise nach Bolivien habe er sich pl\u00f6tzlich auf mehr als 4.000 Metern H\u00f6he wiedergefunden. Seine Augen h\u00e4tten getr\u00e4nt, sein Kopf sei schwer gewesen, obwohl er keine eigentlichen Kopfschmerzen hatte. Er hat einfach alles langsam angehen lassen, kleine Schritte, viele Pausen. H\u00f6rt sich vern\u00fcnftig an.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist, obwohl er beruflich was mit Fu\u00dfball zu tun hat, noch nie in dem Fu\u00dfballmuseum in S\u00e3o Paulo gewesen, wohl in dem zur Sprache und in dem riesigen, neu er\u00f6ffneten Kunstmuseum.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht sehr gut Spanisch, flie\u00dfend, versteht alles, kann sich pr\u00e4zise ausdr\u00fccken und auch nachfragen. Ja, Spanisch habe ihm immer Spa\u00df gemacht, aber beruflich w\u00e4re Englisch wichtiger. Sie h\u00e4tten oft nordamerikanische Kunden. Mit denen m\u00fcsste er dann gezwungenerma\u00dfen Englisch sprechen. Manchmal kommen auch Kunden aus Rio Grande do Sul, und die spr\u00e4chen untereinander Deutsch und lie\u00dfen auch hin und wieder deutsche W\u00f6rter in die Unterhaltung einflie\u00dfen. Dann w\u00fcrde sich ihm alles im Kopf drehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommt jemand auf uns zu und fragt, ob wir zu der Stadtf\u00fchrung wollen. Er stellt uns Fragen wie in einem Polizeiverh\u00f6r. Will auch meine Reservierung sehen. Die von dem Brasilianer nicht. Der hat gar nichts bezahlt bisher, ich wohl. Der Mann h\u00e4lt uns einen Vortrag, sie w\u00fcrden von dem Geld, was wir \u2013 in diesem Falle ich \u2013 bezahlt h\u00e4tte, nichts mitbekommen, deshalb sei Trinkgeld am Ende der Tour erforderlich. Bl\u00f6derweise lasse ich mich auf eine Diskussion ein. Trinkgeld gibt man freiwillig, nicht auf Anfrage, und nur f\u00fcr besondere Leistungen. Davon will er nichts wissen. Ich frage, warum sie dem Internetanbieter nicht die Werbung f\u00fcr sie verbieten, wenn sie von den Einnahmen nichts abbekommen. Das gehe nicht, die machten das einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Er bespricht sich noch mit einem anderen Mann, einem mit Schirmm\u00fctze. Sie schicken eine Japanerin weg, die an einem anderen Tisch wartet. Gl\u00fccklicherweise stellt sich heraus, dass der mit der Schirmm\u00fctze unser F\u00fchrer ist. Der macht seine Sache ausgezeichnet und bekommt dann auch sein wohlverdientes Trinkgeld. Am Ende der Tour erkl\u00e4rt er, was es mit der Sache auf sich hat. Man kann sich auf deren eigener Website anmelden, ohne zu zahlen, hat aber dann keine Garantie, dass die F\u00fchrung auch stattfindet. Dadurch, dass ich mich auf einer anderen Plattform angemeldet und bezahlt habe, m\u00fcssen sie die F\u00fchrung anbieten. Sonst h\u00e4tten sie uns wieder wegschicken k\u00f6nnen, wie sie es mit der Japanerin gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen die Stra\u00dfe runter in einen Innenhof. Das wiederholt sich im Laufe der Tour immer wieder: Wir gehen in einen Innenhof oder einen Gang oder, wie am Schluss, auf die Terrasse eines Hotels, und da kann er uns alles in Ruhe erkl\u00e4ren. Clever gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Terrasse des Hotels aus zeigt er uns ganz zum Schluss die drei Vulkane, die man hier alle gleichzeitig sehen kann. Dabei erweist sich, dass der Vulkan, den ich f\u00fcr den Misti gehalten habe, der schneebedeckte, der Chachani ist. Der ist der photogenste. Der Misti ist der gef\u00e4hrlichste, der Pichu Pichu ist der \u00e4lteste.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf einem der Vulkane wurde eine Mumie gefunden, die Mumie eines Kindes, heute in einem der Museen aufbewahrt. Dieser Fund war der letzte Beweis, dass die Indios den G\u00f6ttern tats\u00e4chlich Menschenopfer brachten. Der Gott des Vulkans wollte beschwichtigt werden, und nicht immer taten es allt\u00e4gliche Opfergaben. Wenn die Lage sich zuspitzte, wurde ein Kind geopfert, ein Kind, weil es durch seine Unschuld den h\u00f6chsten Wert darstellte. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich zu Anfang der F\u00fchrung ist auch von den Vulkanen die Rede. Arequipa sei, nach San Francisco und Santiago, die Stadt mit den meisten Erdersch\u00fctterungen (<em>sismos<\/em>), aber die sp\u00fcre man kaum. Erdbeben (<em>terremotos<\/em>) gebe es heute nur noch etwa alle 100 Jahre, das letzte gab es vor 24 Jahren. Fr\u00fcher seien die viel h\u00e4ufiger aufgetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegend um das heutige Arequipa wurde vor 10.000 Jahren zum ersten Mal besiedelt, von Siedlern, die aus verschiedenen Gegenden kamen, unter anderem aus Cuzco und vom Titicaca-See. Sie sprachen drei verschiedene Sprachen, Ketschua, Aymara und Puquina. Sie wurden sp\u00e4ter, 1440, von den Inka unterworfen. Dann wurde das Inka-Reich, 100 Jahre sp\u00e4ter, von den Spaniern erobert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Legende zufolge resultiert das Wort <em>Arequipa<\/em> aus einer dieser Sprachen. <em>Are \u2013 kipa<\/em> sollen die Indios den Spaniern zugerufen haben, \u201aLass dich hier nieder\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spanier planten ihre St\u00e4dte nach griechisch-r\u00f6mischem Vorbild: im Schachbrettmuster um einen zentralen Platz herum,&nbsp; mit lediglich vier Stra\u00dfenz\u00fcgen. Je n\u00e4her man dem Platz war, umso hochrangiger war man.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns im Innenhof eines Hauses innerhalb dieser urspr\u00fcnglichen Kolonialstadt, der <em>Casona Santa Catalina<\/em>. Es gibt eine Toreinfahrt und dann charakteristischerweise zwei Innenh\u00f6fe. Der erste ist der repr\u00e4sentativere, der zweite, einfacher gestaltete, verbirgt sich hinter dem eigentlichen Hauseingang. Auch hier gibt es eine Unterscheidung. Am Rande ist der einfachere, private Eingang, in der Mitte der aufw\u00e4ndiger gestaltete f\u00fcr G\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen wieder auf die Stra\u00dfe und stehen bald vor der langgestreckten Mauer des Klosters Santa Catalina, einer der Sehensw\u00fcrdigkeiten, die immer genannt werden, wenn von Arequipa die Rede ist, als \u201eStadt innerhalb der Stadt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um ein Dominikanerinnenkloster, in das fr\u00fcher die T\u00f6chter wohlhabender Familien eintraten. Das ver\u00e4nderte sich im Laufe der Zeit, das Kloster wurde zum Zufluchtsort f\u00fcr Arme, kam in finanzielle Bedr\u00e4ngnis, wurde schwer von einem Erdbeben getroffen. Es wurde dann mit Mitteln von au\u00dfen wieder hergestellt, und ein Teil der Anlage wurde Touristen zug\u00e4nglich gemacht. Der restliche Teil ist weiterhin Kloster. Man kann das Kloster auf eigene Faust besichtigen, aber besser mit einem F\u00fchrer, meint unser F\u00fchrer, am besten mit einer der Damen, die drinnen F\u00fchrungen anbieten. Kommt f\u00fcr morgen aufs Tagesprogramm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen weiter und kommen an dem kleinen, in einem niedrigen historischen Haus untergebrachten <em>Museo de Arte Contempor\u00e1neo<\/em>. Hier werden wir auf den Verlauf der Stra\u00dfen aufmerksam gemacht. Der ist ganz unregelm\u00e4\u00dfig. Was ist passiert? Hier haben sich spanische Soldaten au\u00dferhalb des Amtsbereichs des K\u00f6nigs niedergelassen, und sie haben ihr Viertel so aufgebaut, wie sie es aus ihrer andalusischen Heimat kannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber ist der Eingang zum <em>Mundo Alpaca<\/em>. Wollte ich sowieso hin, jetzt bekommen wir es gleich bei der F\u00fchrung mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wurde von einem inzwischen verstorbenen M\u00e4zen gegr\u00fcndet. Hier bekommt man Gr\u00e4ser in die Hand gedr\u00fcckt und kann die Tiere f\u00fcttern: Alpaka, Vikunja, Lama, Guanako. Unterschiedlich gro\u00df, unterschiedliches Fell. Alle Farben vertreten. Einige haben ganz kurzes, dickes Fell, andere, besonders ein wei\u00dfes, hat ganz langes, zotteliges Fell.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fell des Vikunjas ist das begehrteste, das wertvollste, mit Edelmetall kaum aufzuwiegen. Das Vikunja erscheint auch im Wappen Perus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen ein M\u00e4dchen und seine Mutter, beide auf dem Boden sitzend, auf traditionelle Weise Stoffe webend, mit h\u00f6lzernen St\u00e4ben, die in unterschiedlicher Reihenfolge durch die F\u00e4den gezogen werden. Man sieht, wie ganz allm\u00e4hlich das Muster entsteht. Wirkt wie ein Wunder.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Halle sieht man eine Frau, die die einzige Handarbeit verrichtet, die nicht von Maschinen erledigt werden kann: die Trennung der Alpaka-Felle. Sie hat ein riesiges Lager von Fellen aller Art vor sich und trennt mit schnellen Bewegungen die verschiedenen Sorten voneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer Schautafel sehen wir, wie die kamelartigen Tiere, urspr\u00fcnglich in Nordamerika beheimatet, durch die Eiszeit bedingt \u201eauswandern\u201c mussten, \u00fcber die Bering-Stra\u00dfe nach Afrika und \u00fcber Land hierher nach S\u00fcdamerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es auch noch eine Erkl\u00e4rung zur Entwicklung des spanischen Klonialreichs. Zuerst landeten die Spanier in der Karibik, dann waren sie in erster Linie am S\u00fcden Nordamerikas interessiert: Texas, Kalifornien, Mexiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst durch die Entdeckung des Silbers kam S\u00fcdamerika in den Blick der Spanier. Das riesige Vizek\u00f6nigreich Peru wurde gegr\u00fcndet, viel gr\u00f6\u00dfer als das heutige Peru. Lima, als Hafenstadt, wurde der wichtigste St\u00fctzpunkt, und dann gr\u00fcndete man Caman\u00e1 als zweiten, weiter s\u00fcdlich gelegenen St\u00fctzpunkt, ebenfalls am Meer. Der Verkehr sollte \u00fcber Wasser erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Caman\u00e1 erwies sich als schwierig: schw\u00fcl, voller Moskitos, Malaria. So kam Arequipa als v\u00f6lliger Gegenpol ins Spiel: hoch gelegen, keine Schw\u00fcle, keine Moskitos, blauer Himmel von Mai bis Dezember.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere n\u00e4chste Station ist die <em>Plaza San Francisco<\/em>, die zweitwichtigste Arequipas. Hier ist es aber ganz ruhig, die Atmosph\u00e4re ist ganz anders als an der <em>Plaza de Armas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus hat man einen sch\u00f6nen Blick auf den Chachani, ganz hinten. Er ist der h\u00f6chste Berg der Erde, den man ohne Bergsteigererfahrung und ohne Bergsteigerausr\u00fcstung ersteigen kann. Man kommt auf \u00fcber 6.000 Meter. Unser F\u00fchrer hat das einmal getan. Wundersch\u00f6n. Tolle Erfahrung. Aber nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Seite der <em>Plaza San Francisco<\/em> wird von der Franziskaner-Kirche eingenommen. An ihrer Fassade sieht man ein blau-wei\u00dfes, rautenartiges Schild. Was das zu bedeuten habe, werden wir gefragt. Keine Ahnung. Es ist das Zeichen daf\u00fcr, dass die UNESCO mit ihren Mitteln f\u00fcr den Erhalt oder den Wiederaufbau des Geb\u00e4udes gesorgt hat. In diesem Fall war die Kirche durch ein Erdbeben schwer besch\u00e4digt worden. Die UNESCO machte folgende Auflage: In bestimmten Intervallen m\u00fcssen Konzerte angeboten werden, mit kostenlosem Eintritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir n\u00e4hern uns der <em>Plaza de Armas<\/em> und betreten hier die <em>Biblioteca Vargas Llosa<\/em>. Hier sind die \u00fcber 30.000 B\u00e4nde frei zug\u00e4nglich, die Vargas Llosa, der einzige peruanische Literaturnobelpreistr\u00e4ger, seiner Heimatstadt Arequipa vermacht hat. Wir stehen in einem Vorraum mit Dokumenten in Vitrinen und Photos an den W\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Vargas Llosa zu seinem Heimatland war nicht ganz st\u00f6rungsfrei. Die Niederlage gegen Fujimori in der Stichwahl war die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung seines Lebens. Er wanderte nach Spanien aus und wurde spanischer Staatsb\u00fcrger. Das wurde nicht von allen Peruanern gesch\u00e4tzt. Als er den Nobelpreis bekam, \u00e4nderte sich das Verh\u00e4ltnis dann wieder und er kam h\u00e4ufig zu Kongressen, Vortr\u00e4gen, Ehrungen hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Fujimori wurde Pr\u00e4sident und erwarb sich Verdienste bei der Bek\u00e4mpfung des Terrorismus. Peru war damals neben Kolumbien das gef\u00e4hrlichste Land S\u00fcdamerikas. Obwohl dann bald Korruptionsvorw\u00fcrfe aufkamen, half ihm das, eine weitere Wahl zu gewinnen und dann sogar eine dritte. Bis dahin lag aber sogar ein Haftbefehl gegen ihn vor. Er fl\u00fcchtete nach Japan. Und dankte ab. Per Fax.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Tochter, wie ich auf einer fr\u00fcheren Station bereits erfahren habe, ist dreimal in die Stichwahl gekommen und hat immer knapp verloren. Der Plan f\u00fcr den n\u00e4chsten Anlauf war dieser: Sie w\u00fcrde kandidieren, ihr Vater ebenfalls, sie w\u00fcrden beide in die Stichwahl kommen, sie w\u00fcrde ihn gewinnen lassen, aber selbst als Vizepr\u00e4sidentin die Z\u00fcgel in der Hand halten. Daraus wurde nichts. Der Tod des Vaters brachte die Pl\u00e4ne zum Scheitern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in einen weiteren Hinterhof, und hier sehen wir einen schweren steinernen Thron stehen. Der Thronsitz selbst ist das europ\u00e4ische Element, der Federschmuck das indianische und der Vulkan, an den sich der Throninhaber anlehnt, eine Erinnerung an die Gefahren der Herrschaft. Hinten sieht man ein Tier, das wie ein Adler aussieht, aber wohl ein Greif ist. Der ist eine Anspielung auf den Glauben der Indios, ihre F\u00fchrer w\u00fcrden auf Vogelschwingen ins Jenseits getragen. W\u00e4hrend die normalen Menschen den beschwerlichen Weg zu Fu\u00df zur\u00fccklegen m\u00fcssen. Der Greif erscheint auch im Wappen Perus.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Innenhof k\u00f6nnen wir uns unter der Einfahrt auf eine schmale Bank setzen. Was f\u00fcr einen Sinn hatte die? Man setzte den Fu\u00df darauf, um das Pferd zu besteigen! Heute hat sie eine ganz andere Funktion. Genauso wie die aus der maurischen Tradition stammenden Eisenbeschl\u00e4ge an dem h\u00f6lzernen Tor, die urspr\u00fcnglich Abwehrfunktion hatten, jetzt nur noch dekorativ sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kommt die Rede auf <em>Ciudad Blanca<\/em> als Beinamen von Arequipa. Es bezieht sich auf den Sillar, den wei\u00dfen Vulkanstein. Unserem F\u00fchrer zufolge waren die Geb\u00e4ude aber fr\u00fcher, wohl bis zum 19. Jahrhundert, bunt gefasst. Erst dann \u201eentdeckte\u201c man den darunterliegenden wei\u00dfen Stein als besonders dekorativ. Der Name <em>Ciudad Blanca<\/em> soll sich urspr\u00fcnglich auf die meist wei\u00dfe Bev\u00f6lkerung der Stadt bezogen haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fast an der <em>Plaza de Armas<\/em> kommen wir noch durch einen schmalen, langen Korridor, in den indirekt das Sonnenlicht eintritt. Sehr sch\u00f6nes Photomotiv. Was es mit diesem Korridor auf sich hat, der <em>Faldriquera del Diablo<\/em>, verstehe ich nicht genau, aber er hat wohl was mit den Jesuiten zu tun, die durch diesen Gang Waren transportieren durften.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Korridor grenzt an unsere letzte Station, dem Innenhof der Jesuitenkirche, einem gro\u00dfen, sonnigen Hof mit reich verzierten B\u00f6gen. Hier sind Lokale untergebracht, in denen es unter anderem Chicha zu trinken gibt. Die Version von Chicha, die ich in Lima probiert habe, ist die \u201eharmlose\u201c, kaum alkoholhaltige. Die eigentliche Chicha, die der Indios, ist stark alkoholhaltig, und man kaute erst auf dem Mais herum, um die G\u00e4rung so richtig in Gang zu bringen. Den zerkauten Mais spukte man dann aus. Das gefiel den Spaniern nicht. Sie f\u00fchrten als Alternative den Weinbau ein, aber sp\u00e4ter wurden die Weinfelder durch Erdbeben zerst\u00f6rt. Jetzt machte man die Chicha, aber ohne Ausspucken, popul\u00e4r, indem man zu jedem Getr\u00e4nk eine kleine Speise gratis servierte, ganz \u00e4hnlich wie die Tapas in Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier erfahren wir, welche die vier Highlights der K\u00fcche von Arequipa sind: <em>Rocoto Relleno<\/em>, gef\u00fcllte Paprika, habe ich anderswo versucht, zu bekommen, aber nicht gefunden; <em>Chupo de camarones<\/em>, kommt f\u00fcr mich nicht in Frage; <em>Adobo arequipe\u00f1o<\/em>, ein deftiger Eintopf, der fr\u00fcher sonntags zum Fr\u00fchst\u00fcck serviert wurde, f\u00fcr Leute, die hart arbeiten mussten; <em>Cuy frito<\/em>, das Meerschweinchen, das ich mal in Ecuador gegessen habe. Ist dazu geeignet, Familien zu spalten. Die zart Besaiteten erkennen darin ihr Schmusetier und verweigern die Aufnahme, andere wollen es probieren. Jetzt wird es h\u00e4ufig so serviert, dass man nicht mehr so klar erkennen kann, um welches Tier es sich handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der F\u00fchrung, auf der Terrasse des Hotels, erfahren wir noch, dass das Weihnachtsessen mit der Familie in Peru erst am 25. Dezember stattfindet. Man geht erst in die Mitternachtsmesse. Alle gehen mit, auch die, die nicht glauben. Die Krippe selbst bleibt bis zum Weihnachtstag verdeckt, erst dann \u201eerscheint\u201c das Christkind.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso ist es dann sp\u00e4ter an einer gro\u00dfen Krippe, die ich vor der Kathedrale sehe. Schon alle sind da, auch Hirten und K\u00f6nige, nur das Christkind fehlt noch. Als Gaben stehen vor der Krippe Teller mit Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Yucca. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage, in welchem Land au\u00dferhalb Italiens die meiste Panettone gegessen wird, antworte ich vorschnell: Peru. Die Superm\u00e4rkte sind voll davon. Stimmt nicht. Es ist Brasilien. Aber es ist doch Peru, wenn man es an der Gr\u00f6\u00dfe der Bev\u00f6lkerung misst. Damit schlie\u00dft die F\u00fchrung endg\u00fcltig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch die <em>Merced <\/em>hinunter, einer h\u00fcbschen Stra\u00dfe, die dann in eine unansehnliche Industriestra\u00dfe \u00fcbergeht. Ich will noch zum <em>Museo Vargas Llosa<\/em> und mich vor Ort nach den \u00d6ffnungszeiten erkundigen. Man muss zu einer bestimmten Zeit da sein, nur dann wird man eingelassen. Ich entscheide mich f\u00fcr die erste Tour morgen fr\u00fch, 10 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer Stra\u00dfenverk\u00e4uferin kaufe ich <em>Queso Helado<\/em>, ein kleines Sch\u00e4lchen zum Probieren. Kann trotz Nachfrage nicht rausfinden, was das mit K\u00e4se zu tun hat. Sieht aus wie Eis und schmeckt wie Eis, am ehesten nach Vanilleeis, obwohl der Geschmack noch \u00fcbert\u00f6nt wird von dem Zimt, der dar\u00fcber gestreut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der Stra\u00dfe mache ich eine sprachliche Entdeckung, eine neue Bedeutung von <em>Playa<\/em>. Das Wort taucht hier \u00fcberall auf. Es sind Hinterh\u00f6fe mit Parkpl\u00e4tzen f\u00fcr Autos!<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es viele einfache Lokale, in denen Einheimische verkehren, aber f\u00fcr die von unserem F\u00fchrer genannten vier wichtigsten Gerichte muss man wohl ausgerechnet in eins der Touristenlokale an der <em>Plaza de Armas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche mich zu orientieren und den R\u00fcckweg zu finden und komme tats\u00e4chlich bald zur <em>Puente Bolognesi<\/em>. Der R\u00fcckweg wird mir lang, die Stra\u00dfe zieht sich hin. Kein Wunder, ich bin an einer Abbiegung von der <em>Beatesi<\/em> abgekommen und auf der <em>Recoleta<\/em> gelandet. Ganz sch\u00f6n ersch\u00f6pft, aber doch froh komme ich zu Hause an: Heute keinen Kilometer mit dem Auto gefahren!<\/p>\n\n\n\n<p>23. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder f\u00fchrt mich mein erster Weg zur W\u00e4scherei. Alles fertig, sch\u00f6n gefaltet, getrennt. 21 PEN. Das sind gerade mal knapp 6 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann der Mann meinen Geldschein nicht wechseln und muss lachen, als ich meine Litanei zu den ewigen Problemen mit dem Wechselgeld in Peru aufsage.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht sofort in die Stadt, Richtung <em>Museo Vargas Llosa<\/em>. Auf dem Kirchhof der Jesuitenkirche sitzt eine Souvenirverk\u00e4uferin mit einem spitzen, runden Hut, der in der Sonne gl\u00e4nzt. Erinnert mich an gestern, als unser F\u00fchrer erkl\u00e4rte, Peru habe mit die h\u00f6chste Einwandererquote aus China und Japan in S\u00fcdamerika. Dazu passt auch das mysteri\u00f6se Wort <em>chaufa<\/em>, das hier immer wieder in Speisekarten auftaucht. Es bezeichnet ein chinesisches Reisnudelgericht. Das es nat\u00fcrlich in allen m\u00f6glichen Varianten gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Merced<\/em> werden die Gitter vor den Fenstern der Kolonialbauten geputzt. Ein paar Meter weiter ein schlafender Obdachloser auf dem Boden. Zumindest braucht er nicht zu frieren. Jedenfalls um diese Jahreszeit nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der <em>Merced<\/em> bekomme ich an einem kleinen Imbissstand an der Ecke einen Saft und ein belegtes Br\u00f6tchen. Hier gibt es jede Menge Empanadas, in den \u00fcblichen Varianten, mit K\u00e4se, mit Fleisch, ein Triple, arabisch. Darunter etwas, das ich nicht identifizieren kann. Es sind <em>papas rellenas<\/em>. Sie sind mit Fleisch gef\u00fcllt. Sehen nicht wie Kartoffeln aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum passiere ich einen Vertragsh\u00e4ndler f\u00fcr Stihl. Denen begegnet man \u00fcberall. Dagegen habe ich hier noch keinen Aldi und keinen Lidl gesehen. Letztes Jahr in Mittelamerika gab es die immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Frohgemut bin ich rechtzeitig f\u00fcr die F\u00fchrung um 10 beim Museum. Ich gehe rein. Eine Frau steht vom Essen auf und kommt mir entgegen. Nein, heute Morgen gibt es keine F\u00fchrung. Sie bedauert zwar, dass ich gestern eigens hierhergekommen bin und um Information gebeten habe, aber sie kann da auch nichts machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Resigniert mache ich mich auf den Weg zu Santa Catalina. Hier an der Rezeption sind beide M\u00e4nner ungew\u00f6hnlich unfreundlich. Und es wird ordentlich kassiert: 45 PEN.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hat man die Schranke hinter sich gelassen, ist man in einer anderen Welt, zwar hinter Klostermauern, aber nicht in einem dunklen, engen Kloster, sondern in einem hellen, weitl\u00e4ufigen Kloster mit \u201eStra\u00dfen\u201c und \u201ePl\u00e4tzen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich engagiere eine der hinter dem Eingang wartenden uniformierten F\u00fchrerinnen, Alexandra. Sie spricht lange wie mit einem Schuljungen mit mir, \u00fcberdeutlich, die Silben trennend, die entscheidenden W\u00f6rter stark betonend. Ich w\u00fcnschte, so w\u00fcrden sie in Schweden oder in Portugal mit mir reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Photomotiv ergibt sich mit dem steinernen Bogen, auf dem <em>Silencio <\/em>steht. Davor steht dekorativ ein rosa bl\u00fchender Lorbeerbaum. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Santa Catalina, 1579 gegr\u00fcndet, handelt sich, erfahre ich, um einen kontemplativen Orden. Die Nonnen, Dominikanerinnen, heute noch 15 an der Zahl, widmen sich dem Gebet. Sie verbringen den Tag in der Klausur. Nur am fr\u00fchen Morgen, wenn das Kloster noch nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich ist, gehen sie \u00fcber den Kreuzgang zur Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die heutigen Nonnen gibt es zwei Ausnahmen. F\u00fcr Arztbesuche und zum W\u00e4hlen d\u00fcrfen sie das Kloster verlassen. In Peru herrscht Wahlpflicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten erfolgt die Kommunikation mit der Au\u00dfenwelt nur \u00fcber doppelt durch h\u00f6lzerne Gitter \u201egesicherte\u201c Fenster. Die sehen wir bei unserer ersten Station, dem <em>Locutorio<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzige Ausnahme ist und war der Bischof. Wenn der zu Besuch kommt, setzt man in einer Runde auf bequemen Polstersesseln. Am anderen Ende des Raums ist eine h\u00f6lzerne Skulpturengruppe, die das letzte Abendmahl darstellt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehen wir zum <em>Noviciado<\/em>. Die W\u00e4nde soll man nicht ber\u00fchren, nicht aus Ehrfurcht, sondern weil die Farbe abf\u00e4rbt. Der wei\u00dfe Sillar ist hier Ocker gestrichen, in anderen Teilen des Klosters Blau. Das diente verschiedenen Zwecken. Es verhinderte die Blendung durch den wei\u00dfen Sillar und schonte gleichzeitig den Stein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, im Noviciado, verbrachten die T\u00f6chter, allesamt T\u00f6chter aus gutem Hause, viele aus adeligen Familien, ihre ersten 3-4 Jahre. Sie wurden mit 13-14 Jahren aufgenommen. In diesen Jahren ging es darum, lesen und schreiben zu lernen und durch st\u00e4ndige Wiederholung lateinische Gebete auswendig zu lernen, vor allem den Rosenkranz. Als Ged\u00e4chtnishilfe sind hier die W\u00e4nde des Innenhofs mit Medaillons bemalt, in dem man einen Vers des Rosenkranzes zusammen mit einer passenden Abbildung sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Novizinnen wurden durch ihre reichen Elternh\u00e4user mit einer Mitgift ausgestattet, die ihnen ein ziemlich angenehmes Leben erm\u00f6glichte. Jede hatte ihr eigenes kleines H\u00e4uschen, mit eigenem Schlafzimmer, mit K\u00fcche, einem G\u00e4rtchen und mit Dienerinnen. In dem Kloster lebten die meiste Zeit mehr Dienerinnen als Nonnen. Zu der Ausstattung geh\u00f6rte auch eine h\u00f6lzerne Waschmaschine, von der man hier verschiedene Exemplare sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Reichtum veranschaulicht sehr gut das aus Europa, aus Holland, England und Frankreich eingef\u00fchrte Geschirr, das hier in verschiedenen Vitrinen ausgestellt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir vor dem <em>Velatorio<\/em> und sehen an beiden W\u00e4nden die Portr\u00e4ts der verstorbenen Nonnen, alle mit geschlossenen Augen. Mit offenen Augen, also w\u00e4hrend des Lebens, durften sie nicht portr\u00e4tiert werden. Eine Nonne ist aber mit offenen Augen dargestellt. Sie soll in betender Haltung, scheinbar lebendig, aber in Wirklichkeit schon tot, vorgefunden worden sein. Bei ihr muss die Totenstarre eingetroffen sein, bevor man ihr die Augen schlie\u00dfen&nbsp; konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in die <em>Enfermer\u00eda<\/em>. Hier war, unter zehn B\u00f6gen, Platz f\u00fcr 10 Kranke. Arzt und Priester durften hier die Kranken besuchen und von Angesicht zu Angesicht mit ihnen sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stirnwand ein San Miguel mit drohender Geste und Schwert in der Hand. Seine Augen blicken einem immer hinterher, in welche Richtung man sich auch bewegt. Man kann seiner Wachsamkeit, seiner Kontrolle nicht entkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen eine Pause bei einem Kaffee in einem sch\u00f6nen, kleinen Garten. Es stellt sich heraus, dass Alexandra als junge Frau ein Jahr als Au-pair bei einer Familie in Bremen verbracht hat. Der Kontakt war verloren gegangen, ist aber vor kurzem wieder aktiviert worden, und sie hat auf Einladung ihrer Gastfamilie Anfang dieses Jahres zusammen mit ihrem Sohn ein paar Wochen in Deutschland verbracht. Dabei haben sie auch M\u00fcnchen, Stuttgart und Bamberg besucht. Aus dem kleinen Kind, das sie damals betreut hat, ist inzwischen ein junger Mann von 27 Jahren geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter durch die weiten Klosteranlagen. An einer Wand eine sch\u00f6ne, rot-gelb bl\u00fchende Blume. Ich erfahre, dass die <em>lantana<\/em> hei\u00dft. Die deutsche Entsprechung, verr\u00e4t das Internet, ist <em>Wandelr\u00f6schen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Gem\u00fcsegarten. Die Nonnen sorgen, heute wie in der Vergangenheit, teils selbst f\u00fcr ihre Versorgung. Ich muss dreimal hingucken, bis ich an einem hohen Baum die Papayas entdecke. Der ganze Baum h\u00e4ngt voll davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der weiteren Besichtigung kommen wir noch durch das Refektorium und den riesigen kreuzf\u00f6rmigen ehemaligen Schlafsaal, heute Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen sehen wir noch zwei interessante Vorrichtungen. Man steht staunend davor und bewundert die Erfindungskraft der Menschen. Das erste ist eine Vorrichtung zum Filtern von Wasser. Das ist hier nicht trinkbar. Das Wasser wird in ein por\u00f6ses steinernes Becken eingelassen und tropft dann langsam in einen Beh\u00e4lter darunter. Das Wasser darin ist trinkbar. 5 Stunden sind n\u00f6tig, um 1 Liter Wasser zu filtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu der alten Waschanlage. Das Wasser wurde durch Brunnen nach oben bef\u00f6rdert und lief dann durch einen Kanal, eine schmale Rinne. In die Rinne legte man, wenn man waschen wollte, einen Stein und brachte dadurch das Wasser zum \u00dcberlaufen. Es lief in einen Trog, und in dem wurde die W\u00e4sche gewaschen. Der Trog hatte unten einen Abfluss. Der wurde mittels einer M\u00f6hre je nach Bedarf geschlossen oder ge\u00f6ffnet. Alexandra illustriert mit ein paar schnellen Bewegungen, wie das alles funktioniert. Genial!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Besichtigung mache ich <em>eine<\/em> kleine Pause zu Hause und nehme dann einen neuen Anlauf zum <em>Museo Vargas Llosa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stra\u00dfe, die zur <em>Plaza de Armas<\/em> f\u00fchrt, reiht sich ein Gitarrengesch\u00e4ft ans andere: <em>Musical Factory<\/em>, <em>Casa Musical Abarca<\/em>, <em>Distribuidora The King<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zum Museum komme, sind die Gitter zugesperrt, die sonst immer offen waren. Nach einigen vergeblichen Versuchen kann ich mit meinen Rufen den Wachmann in der Rezeption erreichen. Er kommt heraus und macht ein Zeichen, als wolle er nein sagen, \u00f6ffnet dann aber die Pforte und l\u00e4sst mich rein. Er fragt mich, aus welchem Land ich komme und sagt dann spontan: Bestimmt Borussia-Dortmund- Fan.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Rezeption zahlt man seinen Eintritt, Ausl\u00e4nder 10 PEN mehr als Einheimische. In den Regalen sind Ausgaben der B\u00fccher von Vargas Llosa in den verschiedensten Sprachen ausgestellt: <em>La t\u00eda Julia y el escribidor<\/em>, <em>La tante Julia et le scribouilard<\/em>, <em>Aunt Julia and the scriptwriter<\/em>, <em>Tante Julia en meneer de schrijver<\/em>, <em>La zia Julia e lo scribacchino<\/em>, <em>Tante Julia und der Lohnschreiber<\/em>. Deutsche Ausgaben gibt es von Suhrkamp, Rowohlt und einem Verlag namens Steinhausen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in diesem Haus, keinem Haus armer Leute, wurde Vargas Llosa geboren. Durch das Haus f\u00fchrt eine Frau, eine lebende Person, aber die st\u00f6rt eher und will nachher noch einen positiven Eintrag im G\u00e4stebuch. Im Prinzip sind es die Videoclips, die in den einzelnen R\u00e4umen vorgef\u00fchrt werden, die die F\u00fchrung \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch sind immer mal wieder pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde ausgestellt, ein Schreibtisch, ein Sekret\u00e4r, eine Standuhr, ein Volksempf\u00e4nger aus dem Wohnzimmer, Himmelbett, Kommode und Paravent aus dem Geburtszimmer, einmal auch Requisiten aus einem Film, aber die alle haben nur eine Statistenrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Photos gibt es reichlich, mit allen erdenklichen Ber\u00fchmtheiten, Schauspielern, Politikern, K\u00f6nigen, Schriftstellern, und Urkunden und Medaillen jede Menge, sowie Briefe von und an Vargas Llosa und Manuskriptseiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was im Laufe der Tour, beim Durchlaufen der vielen S\u00e4le klar wird: ein langes, ein buntes, ein abwechslungsreiches Leben, f\u00fcr den Mann genauso wie f\u00fcr den Schriftsteller. Das l\u00e4sst sich schon an den vielen verschiedenen Lebensstationen ablesen: Arequipa, Cochabamba, Lima, Madrid (mit einem Stipendium), Paris, London, Barcelona. Was mir erst im Laufe der Zeit klar wird: Er hat hier in diesem Haus, hat hier in Arequipa nur ein einziges Jahr gelebt. Seine Kindheitsjahre danach verbrachte er in Bolivien.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Bolivien kam auch seine erste Frau, eine angeheiratete Tante. Seine zweite Frau, mit der er 50 Jahre verheiratet war, war seine Cousine. Von seiner dritten Frau, der Ex-Frau von Julio Iglesias und Mutter von Enrique Iglesias, ist hier nicht die Rede. \u00dcber diese skandalumwitterte Beziehung wird hier der Mantel des Schweigens gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Reisen, auf denen teils Recherchen f\u00fcr sp\u00e4tere Romane gemacht wurden, sind an bunter Vielfalt kaum zu \u00fcbertreffen: Libanon, Irland, Amazonas, Peking, Dominikanische Republik, Osterinsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kindheitsjahre in Cochabamba, gepr\u00e4gt von B\u00fcchern und Filmen, bezeichnet er selbst in einer Einspielung als gl\u00fccklich. Die sch\u00f6nsten Weihnachtsgeschenke waren B\u00fccher, die las er immer wieder, und wenn er keine neuen mehr hatte, schrieb er selbst Fortsetzungen davon. Schreiben war von Anfang an eine ganz gro\u00dfe Leidenschaft, Briefe ans Christkind geh\u00f6rten genauso dazu wie Briefe f\u00fcr Freunde, die ihn als Autor einspannten. Mit 15 arbeitete er dann schon f\u00fcr eine Lokalzeitung, mit Reportagen zur Lokalpolitik und zu Kriminalf\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine einschneidende pers\u00f6nliche Erfahrung kam mit 10 Jahren. Auf einmal trat ein fremder, feindseliger Mann in sein Leben. Mit dem er die Aufmerksamkeit seiner Mutter teilen musste. Es war sein eigener Vater, von dem die Mutter bis dahin getrennt gelebt hatte. Der Vater war gegen alles, was ihn interessierte, wollte aus ihm einen richtigen Mann machen, schickte ihn sp\u00e4ter auf eine Milit\u00e4rakademie. Die leidvollen zwei Jahre dort wurden sp\u00e4ter zum Romanstoff. &nbsp;Der Vater wollte ihn auch auf die Katholische Universit\u00e4t schicken, aber er setzte sich durch und ging auf die laizistische <em>Universidad de San Marco<\/em>. Die wurde dann zur Brutst\u00e4tte der politischen Agitation.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu die ersten schriftstellerischen Erfolge, ein Erz\u00e4hlband, der gut ankam, und ein Theaterst\u00fcck, das auch wegen der \u00f6ffentlichkeitswirksamen Werbung eines Freundes zu einem Erfolg wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das war nur der Anfang des dornigen Wegs zur Schriftstellerei als eigentlichem Beruf, der Verzicht auf die Anwaltskarriere, die Notwendigkeit, sich mit Nebenjobs durchschlagen zu m\u00fcssen (unter anderem als Lastentr\u00e4ger auf dem Markt in Barcelona oder an der Kasse einer Bank), auch dann noch, als die Kinder in schneller Folge auf die Welt kamen. Dann der gro\u00dfe R\u00fcckschlag, als sein erster \u201erichtiger\u201c Roman, <em>La ciudad de los perros<\/em>, nicht angenommen wurde. Wachsende Existenz\u00e4ngste, Zweifel am eingeschlagenen Lebensweg. Dann der Durchbruch, der <em>Premio Seix Barral<\/em> f\u00fcr den Roman, die Anerkennung als Schriftsteller, die Erfolge mit den weiteren B\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bekommt auch einen Eindruck von der Bandbreite der Publikationen. Neben den experimentellen Romanen, vor allem <em>Conversaci\u00f3n en la Catedral<\/em> (wobei <em>Catedral<\/em> der Name einer Kneipe ist), auch leichte Romane, Krimis, Autobiographien, Essays (darunter jahrelang eine vierzehnt\u00e4gliche Kolumne in <em>El Pa\u00eds<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die erz\u00e4hlerische Ausrichtung ist, anders als bei Garc\u00eda M\u00e1rquez, eher realistisch, die Themen sind h\u00e4ufig politisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Romane wurden verfilmt. Hier werden Szenen aus diesen Filmen gezeigt, wobei vor allem <em>La casa verde<\/em> Eindruck macht. Hatte den Titel noch nie geh\u00f6rt, aber das Buch geh\u00f6rt wohl auch zu den \u201egro\u00dfen\u201c Romanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch der umstrittene politische Weg, von den Anf\u00e4ngen der Arbeit im Untergrund f\u00fcr eine kommunistische Bewegung im Peru der Diktatorenzeit bis zum \u201eRechtsruck\u201c und der Hinwendung zum Neoliberalismus (er selbst bezeichnete sich als <em>liberal<\/em> und betrachtete <em>neoliberal<\/em> als Schimpfwort). Sicher ein gradueller Prozess, aber mit einem entscheidenden Einschnitt: dem Bruch mit Fidel Castro nach der erzwungenen Selbstanklage eines kubanischen Schriftstellers durch das Regime. Das brachte auch den Bruch mit Garc\u00eda M\u00e1rquez mit sich, der Fidel treu blieb. Hier ist das Titelblatt einer Zeitung ausgestellt, auf dem die Rede davon ist, Vargas Llosa bezichtige das kubanische Regime des \u201eStalinismus\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In den beiden letzten R\u00e4umen geht es dann wieder um die Literatur, um die doppelte Kr\u00f6nung seiner Karriere als Schriftsteller: der Nobelpreis und die Aufnahme in die <em>Acad\u00e9mie Fran\u00e7aise<\/em>. &nbsp;Hier sieht man die Nobelpreisurkunde (Original) und die Nobelpreismedaille (Kopie) ausgestellt. Und man h\u00f6rt einen Ausschnitt aus seiner Nobelpreisrede. Ein Zitat daraus gef\u00e4llt mir besonders gut: Die Literatur, sagt er, m\u00fcsse L\u00fcgengeschichten erz\u00e4hlen, und diese L\u00fcgen verwandelten sich dann in Wahrheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahme in die <em>Acad\u00e9mie Fran\u00e7aise<\/em> hatte f\u00fcr Vargas Llosa denselben Stellenwert wie der Nobelpreis. W\u00e4hrend er den Nobelpreis mit Octavio Paz, Pablo Neruda, Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez, Miguel Angel Asturias und Gabriela Mistral teilen musste, ist er der einzige Lateinamerikaner, der je in die <em>Acad\u00e9mie Fran\u00e7aise<\/em> aufgenommen wurde, und der erste \u00fcberhaupt, der nie etwas auf Franz\u00f6sisch publiziert hat. Moli\u00e8re, Balzac, Flaubert, Proust, Sartre und Camus, auch Baudelaire und Pascal haben das nie geschafft, und Zola ist 22x-mal abgelehnt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier werden Szenen aus der altert\u00fcmlichen, feierlichen Zeremonie gezeigt, und man h\u00f6rt Ausschnitte aus seiner in fl\u00fcssigem Franz\u00f6sisch gehaltenen Dankesrede. Er erw\u00e4hnt die vielen franz\u00f6sischen Schriftsteller, die ihn beeinflusst haben, allen voran Flaubert. Wenn er dessen Werke nicht immer wieder gelesen h\u00e4tte, w\u00e4re er nicht zu dem Schriftsteller geworden, der er ist. Damit endet die F\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend gehe ich schnurstracks zur <em>Plaza de Armas<\/em>. Jetzt ist viel Betrieb auf der <em>Merced<\/em>, vor allem die knallig angestrichenen Busse, deren Fahrer lautstark das Fahrziel ausrufen, reihen sich einer an den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza de Armas<\/em> frage ich mich bei den vielen Tourenanbietern durch, bis ich den richtigen finde. Ein Stein f\u00e4llt mir vom Herzen. Ich habe n\u00e4mlich im Internet eine etwas abenteuerliche Tour gebucht, die um 3 Uhr in der Fr\u00fche losgeht. Nat\u00fcrlich ist der Anbieter trotz aller Versuche nicht zu erreichen, und ich wei\u00df nicht, ob ich abgeholt werde oder ob ich hierher kommen muss. Kontaktiert worden bin ich auch nicht. Deshalb bin ich auf gut Gl\u00fcck hierhergekommen, wo der Treffpunkt sein soll. Die Frau hinter dem Schalter sucht mich lange vergeblich, findet mich aber am Ende und schreibt mir eine Nachricht. Ich werde abgeholt. Sie schiebt noch hinterher, man m\u00fcsse unbedingt Bargeld dabei haben. Wieder gilt es, irgendeinen Eintritt zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Hause komme, trichtere ich der Frau an der Rezeption noch ein, dass hier in der Nacht auf Freitag auf jeden Fall jemand sein muss, der mich rausl\u00e4sst.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>24. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Eisb\u00e4ren haben eine schwarze Haut. Das sieht man an den Stellen, an denen sie kein Fell haben. Die schwarze Haut hilft ihnen dabei, die K\u00e4lte zu ertragen, das wei\u00dfe Fell ebenfalls. Und das Fell dient au\u00dferdem zur Camouflage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein neues Wort gelernt: Industriemelanismus. Bezeichnet ein verbl\u00fcffendes Ph\u00e4nomen beim Wechselspiel zwischen Umwelt und Genetik. Birkenspanner sind in der Regel hell gesprenkelt gef\u00e4rbt und daher von der Rinde der Birke, auf der sie sitzen, kaum zu unterscheiden. Das dient als Tarnung vor Fressfeinden. Als sich in England im 19. Jahrhundert durch die schnelle Industrialisierung und den Aussto\u00df von Ru\u00df und Rauch die Rinde der Birke verf\u00e4rbte und immer schw\u00e4rzer wurde, kamen bald die ersten dunkel gef\u00e4rbten Birkenk\u00e4fer auf. Nach ein paar Generationen waren fast alle schwarz. Als dann Ru\u00dffilter eingebaut wurden und die Birken allm\u00e4hlich wieder ihre nat\u00fcrliche Farbe annahmen, passten sich auch die Birkenspanner an und wurden wieder hell.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen bekomme ich bei <em>Katya<\/em> tats\u00e4chlich Papiertaschent\u00fccher. Die liegen hier nicht etwa frei herum, sondern sind in einer Vitrine versteckt, die eine Verk\u00e4uferin mir aufschlie\u00dfen muss. Dabei sind die gar nicht teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem kaufe ich ein Sammelsurium an Obst: Chirimoya, Mandarine, Mango, Papaya. Ein Mann an der Kasse nimmt sie mir aus der Hand, geht zu einer Waage, wiegt sie und ruft der Frau an der Kasse das Gewicht zu. Die gibt das ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Zuerst frage ich bei der Touristeninformation nach, ob morgen irgendein Museum ge\u00f6ffnet ist. Die freundliche Frau sagt mir, sie wolle mir lieber keine verbindliche Auskunft geben. Letztes Jahr habe man von den Museen die Auskunft bekommen, am 25. Dezember \u00f6ffne man, und dann seien die Touristen am 26. Dezember gekommen und h\u00e4tten sich beschwert. Aber ich k\u00f6nne ja selbst nachfragen, und heute seien die Museen auf jeden Fall ge\u00f6ffnet. Ich solle mir auch unbedingt das Kathedralmuseum ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher schickt sie mich aber noch zur <em>Banco de Cr\u00e9dito<\/em>. Das sei die beste f\u00fcr die Auszahlung am Geldautomaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort gibt es allerdings nur einen Automaten und eine Schlange, aber ich habe ja Zeit. Dollars, erf\u00e4hrt man, gebe es heute nicht, wohl aber Soles. Und ich bekomme auch problemlos 200 PEN. Aber mit einer Kommission von 35 PEN. Dazu kommt die Kommission meiner eigenen Bank. Das muss man auch ber\u00fccksichtigen, wenn man die \u201cniedrigen\u201d Preise hier sieht. Im Internet steht \u00fcberall, man solle nicht viel Bargeld mitnehmen, das k\u00f6nne gestohlen werden. Aber Kreditkarten sind teuer. Und k\u00f6nnen gesperrt werden! Da finde ich das mit dem Bargeld gar nicht schlecht. Aber an Dollars kommt man schwer dran. Und die kann ich sp\u00e4ter noch gebrauchen. Werde demn\u00e4chst einfach mehr Euros mitnehmen. Die bekomme ich zu Hause ohne Aufschlag und die kann man hier inzwischen auch fast \u00fcberall tauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza de Armas<\/em> steht an zwei Seiten eine ganze Phalanx von schwer bewaffneten Polizisten mit Schutzschilden. So als ob ein Einsatz bevorst\u00fcnde. Es sieht aber alles ganz friedlich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Seiten der <em>Plaza de Armas<\/em>, die nicht von der Kathedrale eingenommen werden, sind identisch, mit Arkaden in schlichtem klassizistischem Stil im Erdgeschoss und im Obergeschoss. Aber die Arkaden t\u00e4uschen eine Einheitlichkeit vor, die es nicht gibt, dahinter verbergen sich verschiedene H\u00e4user unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe. Auf der S\u00fcdseite, gegen\u00fcber der Kathedrale, befinden sich st\u00e4dtische Institutionen, auf den anderen Seiten Banken, Restaurants und Reiseveranstalter.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum steht ein dreischaliger Brunnen, bekr\u00f6nt von einer kleinen Bronzefigur mit einer Trompete.<\/p>\n\n\n\n<p>Drum herum Myrten, Araukarien, Jacarandas, Lorbeerb\u00e4ume und vor allem Palmen und, nicht so ganz in das Bild passend, beschnittene Buchsb\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich einen Moment auf eine Bank und sehe mir das alles an. Es ist heute nicht so warm wie in den letzten Tagen, und der Himmel ist halb von wei\u00dfen Wolken bedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehe ich zur Kathedrale. Museum heute geschlossen, erkl\u00e4rt mir ein W\u00e4rter. Dann zum MUSA, dem <em>Museo de Santuarios Andinos<\/em>. Verrammelt und verriegelt. Kein Schild zu den \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an die Stadtf\u00fchrung und mache mich auf den Weg zum <em>Museo de Arte Contempor\u00e1neo<\/em>. Das hat tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet. Und der Eintritt ist gratis.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name vertritt einen allzu hohen Anspruch, aber interessant ist die Ausstellung allemal. Es werden moderne Bilder von einem Ehepaar gezeigt, in zwei kleinen R\u00e4umen. Ich mache mir einen Spa\u00df daraus, zu raten, welches Bild von wem stammt, und das klappt erstaunlich gut. Der Stil der beiden unterscheidet sich sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lieblingsmotiv sind Hunde. Immer sitzend, mal mit herabh\u00e4ngenden, mal mit gespitzten, mal mit zur Seite abstehenden Ohren. Alle immer in grellen Farben, die sich auf den ganzen K\u00f6rper verteilen: gelbe Beine, violetter Hals, ein rotes und ein blaues Auge, ein gr\u00fcnes und ein schwarzes Ohr, eine schwarze und eine rote Gesichtsh\u00e4lfte, eine blaue Schnauze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen Bilder von ihm haben etwas Surrealistisches, zeigen Figuren, die halb menschlich, halb roboterhaft sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat vor allem Bilder mit Gesichtern, Bilder, in denen sich ein Gesicht an das andere dr\u00e4ngt, mit dicken Pinselstrichen gemalt, in Farben, die normale Gesichter nicht haben. Es sind fast alles Frauengesichter. Eins der Bilder hei\u00dft <em>Familia<\/em>, ein anderes <em>Religiosidad<\/em>. Die Frauen in der <em>Familia<\/em>, unterschiedliche Generationen, schmiegen ihre Gesichter eng aneinander, dr\u00fccken Innigkeit aus. Die Frauen in der <em>Religiosidad<\/em> sind isoliert, obwohl so nah zusammen, dr\u00fccken Besorgnis, Trauer, Furcht aus, auch Nachdenklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben hat sie ein paar sehr sch\u00f6ne Genreszenen, ganz anders, eher impressionistisch, darunter eine auf einem Brunnenrand unter B\u00e4umen vor einem Haus mit Arkaden sitzende Frau. Das Bild hei\u00dft <em>Mar\u00eda Meditabunda<\/em>. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir das <em>Caf\u00e9 13 Monjas<\/em> in der N\u00e4he von Santa Catalina auf. Warum wohl 13?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ganzen Stra\u00dfe hier sieht man sch\u00f6ne Fenstergitter und T\u00fcrbeschl\u00e4ge, vor allem aber kunstvoll skulptierte T\u00fcrst\u00fcrze. Die ganze Gegend hier ist eher elegant, auch die Lokale sind \u201eeurop\u00e4ischer\u201c, eher auf Touristen abgestimmt als die auf Weg nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in einem Gesch\u00e4ft ein kleines Souvenir kaufe, antwortet mir die Verk\u00e4uferin, obwohl ich auf Spanisch gefragt habe, auf Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schon fast wieder zu Hause bin, f\u00e4llt mein Blick auf das Menu eines einfachen Lokals. Ich gehe rein. Ja, es gibt schon Mittagessen, sagt der freundliche Kellner. Es kommen dann bald auch weitere G\u00e4ste, lauter einzelne M\u00e4nner, bis ganz zum Schluss eine junge Frau auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt auf niedrigen, einfachen B\u00e4nken. Sofort steht ein Erfrischungsgetr\u00e4nk auf dem Tisch. Auf Nachfrage erf\u00e4hrt man, dass es sich um Kakao handeln soll. Kakao? Sieht nicht danach aus, schmeckt nicht danach und hat auch nicht die Konsistenz von Kakao. Alle anderen bekommen das auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es Arme-Leute-Essen, einfach, aber schmackhaft, eine Gem\u00fcsesuppe mit Kartoffeln und Nudeln und einer kleinen Rindfleischeinlage, und dann ein Nudelgericht mit gebratenem H\u00e4hnchen. Dazu gibt es wieder die unvermeidliche gr\u00fcne So\u00dfe. Die gr\u00fcne Farbe, erfahre ich, komme von einer Pflanze, die <em>huacatay<\/em> hei\u00dft, die Sch\u00e4rfe aber von <em>rocoto<\/em>. So hei\u00dft hier die Paprika, und so hei\u00dft hier auch die Chilischote. Das ganze Menu gibt es f\u00fcr 9 PEN. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag endet mit einem mittern\u00e4chtlichen Feuerwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>25. Dezember (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt mit dem morgendlichen Hahnenschrei.<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint in der Nacht geregnet zu haben. Das Pflaster im Innenhof ist nass. Zwischen den H\u00e4userw\u00e4nden hindurch erblickt man im morgendlichen Dunst den Gipfel einer der Vulkane.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Ruhetag, eine gute Gelegenheit, ein paar Dinge Revue passieren zu lassen, auf die ich in den letzten Tagen und Wochen gesto\u00dfen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 25. Dezember 1950 wurde der <em>Stone of Destiny<\/em> in einer n\u00e4chtlichen Aktion aus der Westminster Abbey gestohlen, wo er seit 600 Jahren lag. Die Diebe waren schottische Studenten, Nationalisten, die meinten, der legendenumwobene Stein geh\u00f6re nach Schottland.<\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Elias, der inzwischen verstorbene, einflussreiche Ethnologe, ging einmal, ohne zu merken, mit offenen Schuhb\u00e4ndern durch Torremolinos. Er wurde darauf aufmerksam gemacht und band sich die Schuhe wieder zu. Das gab ihm die Idee zu einer besonderen Form ethnologischer Feldforschung. Er ging in den verschiedensten Teilen der Welt mit offenen Schuhb\u00e4ndern durch die St\u00e4dte und beobachtete die Reaktionen der Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Kollege Christoph Antweiler, weiterhin aktiver K\u00f6lner (und fr\u00fcherer Trierer) Anthropologe, untersucht seit vielen Jahren, was allen Menschen gemeinsam ist. Es gibt regelrechte Listen von diesen sogenannten Universalien. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel das L\u00e4cheln (gibt es \u00fcberall auf der Welt und wird \u00fcberall gleich verstanden) und die Vetternwirtschaft. Auch der Ethnozentrismus geh\u00f6rt dazu. Das erlebe ich auf meinen Reisen auf Schritt und Tritt, aber auch in ganz normalen Gespr\u00e4chen zuhause. Es ist \u00e4rgerlich und erschwert die Kommunikation, aber man muss es wohl hinnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Interview spricht Philip Roth dar\u00fcber, wie seine Romane entstehen. Es sei jedes Mal anders, sagt er. Manchmal habe er eine klare Vorstellung von der Handlung und den Protagonisten, manchmal \u00fcberhaupt keine. Bei einem Roman, \u00fcber einen Schauspieler, dessen Schauspielkunst auf dem absteigenden Ast ist, <em>The Humbling<\/em>, habe er nur den ersten Absatz im Sinn gehabt.&nbsp; Der erste Satz lautete \u201eHe\u2019d lost his magic.\u201c Ein starker Beginn.<\/p>\n\n\n\n<p>Moderne Arch\u00e4ologen sind nicht mehr nur darauf angewiesen, neue Funde zu machen. Neue Erkenntnisse kann es an \u00e4lteren Funden durch neue Analysemethoden geben, durch chemische Untersuchungen und Untersuchungen der DNA. Ein amerikanischer Arch\u00e4ologe, der an dem Institut arbeitet, wo die Knochen des ersten auf deutschem Gebiet gefundenen Homo Sapiens aufbewahrt werden, illustriert das an einem faszinierenden Beispiel. Unser Zahnschmelz ist, vereinfacht gesagt, stabil, sein Erbgut ver\u00e4ndert sich nicht. Bei den Knochen ist das anders. Die ver\u00e4ndern sich t\u00e4glich. Alte Substanz wird abgebaut, neue aufgebaut. Nach zehn Jahren ist von dem nichts mehr da, was vorher da war. Bei ihm selbst, der schon lange in Deutschland lebt, gilt: Die Z\u00e4hne sind amerikanisch, die Knochen sind europ\u00e4isch. Bei ihm k\u00f6nnten sp\u00e4tere Arch\u00e4ologen aufgrund der verschiedenen Substanz von Zahn und Knochen feststellen, dass er gewandert ist, dass er nicht da herstammt, wo er gelebt&nbsp; hat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den N\u00fcrnberger Prozessen kamen zwei US-Amerikanische Psychologen zum&nbsp; Einsatz, Gilbert und Kelley, die w\u00e4hrend der gesamten zehn Monate freien Zugang zu den Angeklagten hatten, jederzeit mit ihnen sprechen, sie jederzeit aufsuchen und Tests mit ihnen durchf\u00fchren konnten. Es ging unter anderem darum, deren geistige Verfassung zu beurteilen, aber auch ihre Motive zu verstehen, letztlich darum, die \u201eNazi-Pers\u00f6nlichkeit\u201c zu entschl\u00fcsseln. Sie merkten bald, dass es so etwas gar nicht gab, dass man sich von der weit verbreiteten Hypothese einer speziellen Nazi-Pathologie verabschieden m\u00fcsse. Dazu kamen ihnen die Angeklagten viel zu normal vor. Und sie waren auch sehr unterschiedlich, so wie Menschen eben sind. Gilbert blieb dennoch dabei, dass sie, vielleicht durch ihre Biographie, alle besonders pr\u00e4destiniert waren, um solche Gr\u00e4ueltaten zu begehen, Kelley erkannte dagegen immer mehr sich selbst in den Angeklagten, entdeckte eigene Wesensz\u00fcge. Besonders G\u00f6ring f\u00fchlte er sich sehr verwandt. Als er in die USA zur\u00fcckkehrte, brachte er sich um. Mit einer Zyankalikapsel. Genauso wie G\u00f6ring. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Weihnachtsmann ist und dass es zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum und Geschenke gibt, das wei\u00df bei uns jeder. Immer mehr wissen aber nicht mehr, warum Weihnachten \u00fcberhaupt gefeiert wird. Dass es etwas mit der Geburt von Jesus zu tun hat. Und nur noch ein Viertel der Menschen in Deutschland glaubt, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht diesen Jesus so besonders? Sind es die Wunder \u2013 von denen die Evangelisten erstaunlich zur\u00fcckhaltend sprechen \u2013 ist es die Auferstehung, ist es die Lehre? Es gibt einige wenige Theologen, die glauben, dass hier das Leben von mehreren Messias ineinandergreift, die sich in einer Erz\u00e4hlung verdichten. Die meisten aber gehen davon aus, dass dieser Jesus tats\u00e4chlich gelebt hat. Es gibt schlie\u00dflich auch nichtchristliche Quellen, die von ihm sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir haben Paulus, der zwar Jesus nicht begegnet ist, aber Petrus gut kannte, also einen seiner Wegbegleiter, und zeitlich n\u00e4her dran war als die Evangelisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weihnachtsgeschichte, die die fr\u00fchen Christen nicht interessierte, haben wir dagegen das Problem, dass Lukas in Griechenland und um das Jahr 100 r\u00e4umlich und zeitlich weit weg war, in der dritten Generation, zu einer Zeit schrieb, als schon niemand mehr am Leben war, der Jesus begegnet war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt, dass Markus und Johannes gar nicht von der Geburt sprechen. Sie interessiert der Lehrer, der Rabbi. Matth\u00e4us spricht zwar von der Geburt, l\u00e4sst aber Maria und Joseph von vornherein in Bethlehem leben. Nur Lukas schickt die hochschwangere Maria zusammen mit Joseph auf eine mehrt\u00e4tige Reise \u00fcber 150 Kilometer, von Nazareth nach Bethlehem. Das musste er tun, weil das Alte Testament den Messias in Bethlehem erscheinen l\u00e4sst, Lukas aber \u2013 historisch richtig \u2013 Nazareth f\u00fcr die Heimat von Maria und Joseph h\u00e4lt. Der historische Jesus \u2013 schlie\u00dflich hei\u00dft er Jesus von Nazareth \u2013 wurde vermutlich in Nazareth geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die fr\u00fchen Christen die ganze Geburtsgeschichte mehr oder weniger ignorierten, kam man erst sp\u00e4ter auf die Idee, nachzukonstruieren, in welchem Jahr die Geburt stattfand. Dabei wurde Herodes der Gro\u00dfe mit seinem Sohn verwechselt und das Jahr 0 ausgelassen. Ziemlich sicher kam Jesus nicht vor 2025 Jahren zur Welt, sondern fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz sicher k\u00f6nnen wir uns bei dem Datum sein. Es war definitiv <em>nicht<\/em> der 25. Dezember. Es ist wahrscheinlicher, dass die Geburt, genauso wie die Volksz\u00e4hlung, im M\u00e4rz stattgefunden hat. Hier haben sich die Christen das Datum des alten heidnischen Fests des unbesiegbaren Sonnengottes, des <em>Sol invictus<\/em>, zu eigen gemacht. Das wurde am 25. Dezember gefeiert. Es war das Fest der Sonnenwende. Mindestens genauso wichtig war der Mithraskult. Den betrachteten die Christen n\u00e4mlich als ihren eigentlichen Konkurrenten. Auch der Mithraskult betonte die Bedeutung von Sonne und Licht und feierte den 25. Dezember. Deshalb ist heute Weihnachten. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>26. Dezember (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich um 3.30 steht der Kleinbus vor der T\u00fcr. Ich bin der Letzte, der eingesammelt wird. Alle anderen Pl\u00e4tze sind besetzt. Man sitzt hier sehr beengt. Und es wird noch enger, als der Mann vor mir seinen Sitz ganz zur\u00fccklehnt, aber nachdem er vorher sehr h\u00f6flich angefragt hat, ob das in Ordnung sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren stadtausw\u00e4rts an einer unendlichen Reihe von Tankstellen vorbei, alle neu, gro\u00df und \u00fcberdacht. Es ist schon richtig viel los auf den Stra\u00dfen. Die kontrastieren mit den alten, unsch\u00f6nen, halb zerfallenen H\u00e4usern dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf eine holprige Landstra\u00dfe. Immer wieder haben wir Lastwagen vor uns. Es ist noch dunkel, aber man kann die Landschaft in groben Z\u00fcgen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach gut einer Stunde kommen wir an eine Mautstelle und sind dann von einem auf den anderen Moment in einer einsamen Bergwelt. Es wird Tag, aber die Sonne l\u00e4sst sich nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Stunden machen wir irgendwo Rast zum Fr\u00fchst\u00fccken. Ich komme mit dem Mann neben mir ins Gespr\u00e4ch, Javier, Guatemalteke, in Florida lebend, perfekt zweisprachig. Er ist mit australischen Freunden in Peru unterwegs, sie haben sich Zeit gelassen und ganz unterschiedliche Gegenden kennengelernt. Er erz\u00e4hlt von seiner Reise im letzten Jahr, als er in Iguaz\u00fa war und dann nicht mehr genug Geld f\u00fcrs Flugzeug hatte. Ist dann mit dem Bus von Iguaz\u00fa nach Rio gefahren, eine echte Marterstrecke. Er fragt mich, aus welchem Teil Deutschlands ich komme, und es stellt sich heraus, dass er viele deutsche St\u00e4dte kennt wegen der Fu\u00dfballvereine!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt geht weiter, auf den Ca\u00f1\u00f3n de Colca zu. Am Wegesrand sieht man vereinzelt Esel und immer wieder K\u00fche. Gras w\u00e4chst hier genug, die Regenzeit bringt genug Feuchtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ca\u00f1\u00f3n de Colca ist, wie wir erfahren, 260&#215;40 Kilometer lang und einer der tiefsten der Erde. Er ist sogar tiefer als der Grand Canyon im Westen der USA. \u201eEntdeckt\u201c im wissenschaftlichen Sinne wurde er erst 1981.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>colca<\/em> kommt aus dem Ketschua und bedeutet \u201aLager\u2018, \u201aDepot\u2018. Das bezieht sich auf die unz\u00e4hligen Vorratslager, die sich die Indios anlegten, f\u00fcr Zeiten der Not. Hier wurden Lebensmittel gehortet, vor allem Mais, Quinoa und Kartoffeln \u2013 Kartoffeln in allen Varianten, die die Anden hergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Tourismus gibt es hier erst seit 2005, vielleicht ist auch deshalb der Ca\u00f1\u00f3n de Colca nicht so bekannt wie andere. Bis dahin erfolgte der Verkehr zwischen Arequipa und Colca in drei- bis viert\u00e4gigen Fu\u00dfm\u00e4rschen, mit Lamas f\u00fcr den Transport der Lasten. Da die aber nur 30 Kilo tragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen es riesige Kolonnen gewesen sein, die da unterwegs waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft wird immer sch\u00f6ner, mit hohen Bergen und davor terrassenf\u00f6rmigen Anlagen, erst ganz wenige, dann immer mehr. Der F\u00fchrer beantwortet die Frage, bevor ich sie stelle: Ja, es sind menschengemachte Terrassen, von den Indios, einer pr\u00e4-inkaischen Gruppe, den Colla-Wa, vor mehr als 1.500 Jahren angelegt und weiter in Gebrauch. F\u00fcr mich sind sie einfach sch\u00f6n. Wir machen Halt an einem Aussichtspunkt, von dem aus man in die unterschiedlichsten Richtungen sehen kann. Wir haben das Tal mit einem Fluss unter uns. Der flie\u00dft zum Pazifik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben, \u00fcber die H\u00f6hen der Berge, verl\u00e4uft der Inka-Trail, ein Pfad, der Colca mit Cuzco verband! Bei dem Versuch, den zu erkunden, sind in den letzten 10 Jahren 11 Menschen ums Leben gekommen, ausschlie\u00dflich Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren weiter und erfahren noch, was der Unterschied zwischen Tal und Canyon ist. Ein Canyon ist tiefer als breit, ein Tal ist breiter als tief.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcssen wir noch die l\u00e4stige Pflicht erledigen, den Eintritt in das Naturschutzgebiet zu bezahlen und eine Kontrolle \u00fcber uns ergehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind wir am Canyon angekommen. Hier steigen wir aus und sehen uns die Gegend an. Beeindruckend, aber nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir erst am Eingang zum Canyon sind und die Schlucht nur zu einer Seite von hohen Bergen begrenzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man Kondore sehen, aber nicht das ganze Jahr \u00fcber und nicht zu jeder Jahreszeit. Wir sehen tats\u00e4chlich nur zwei (ich nur einen), und die entschwinden unseren Blicken auch bald wieder. Um die Thermik auszunutzen, brauchen die Kondore Sonne und Wind, und von beiden gibt es jetzt, zu Beginn der Regenzeit, wenig. Dann fliegen die meisten ans Meer. Au\u00dferdem sind sie morgens ganz fr\u00fch eher zu sehen als tags\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Der, den wir sehen, ist ein Jungvogel. Da erkennt man an dem dunklen Gefieder. Die Erwachsenen haben wei\u00dfe Fl\u00fcgel und einen wei\u00dfen Hals, der Rest des Gefieders ist pechschwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kondorweibchen legen nur alle 3-4 Jahre ein Ei. In seltenen F\u00e4llen sind es auch mal zwei, aber dann \u00fcberlebt immer nur einer der Jungv\u00f6gel. Die Jungen bleiben zwei Jahre bei der Mutter im Nest, w\u00e4hrend der Vater f\u00fcr Nahrung sorgt. Nach zwei Jahren macht der Vater sich davon, und die Mutter bringt dem Kleinen das Fliegen bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kondore ern\u00e4hren sich ausschlie\u00dflich von Aas, meist Pferden oder Lamas. Da es davon so viele auch nicht gibt, m\u00fcssen sie oft lange Strecken zur\u00fccklegen, um Futter zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind nach den Albatrossen die V\u00f6gel mit den l\u00e4ngsten Schwingen \u00fcberhaupt (3,50 Meter) und habe eine l\u00e4ngere Lebenserwartung (60 Jahre) als die meisten anderen V\u00f6gel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren ein St\u00fcck weiter und steigen dann wieder aus, um eine kleine Wanderung zu machen, eine Stunde leicht auf und ab, immer am Rande der Schlucht entlang. Ich mache ein Photo mit einem Kaktus und der Schlucht im Hintergrund, und der F\u00fchrer macht eins von mir vor einem riesigen, schlanken Kaktus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir weitergehen, komme ich kurz mit ihm ins Gespr\u00e4ch. Er ist einmal in Deutschland gewesen, zum Wandern, im Schwarzwald, und hat auch M\u00fcnchen, K\u00f6ln und Frankfurt kennengelernt. Er wei\u00df noch, dass das am Anfang der Amtszeit von Angela Merkel war. Das muss jetzt 20 Jahre her sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg gibt es teils schwindelerregende Blicke in die Schlucht hinab. Wenn man sich ein bisschen \u00fcber die Mauer beugt, lehnt man sich schnell wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter in einen Ort namens Maca. Hier gibt es Colca Sour, das Gegenst\u00fcck zum Pisco Sour, aber aus Kaktus gemacht. Die anderen probieren es und sind begeistert, ich lasse die Finger davon wegen des Alkohols und der langen bevorstehenden Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz sehe ich eine Frau, die unter Anstrengung eine Schubkarre mit schweren S\u00e4cken den Weg hinaufschiebt. Danach spricht sie mit unserem F\u00fchrer, aber ich verpasse sp\u00e4ter die Gelegenheit, nachzufragen, was wohl in den S\u00e4cken drin ist. Zement bestimmt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere n\u00e4chste Station sind die Aguas Termales in Chacapi. Mit Erstaunen blickt man auf die Uhr. Es ist immer noch nicht Mittag. Und dabei sind die Strecken zwischen den einzelnen Stationen nicht zu verachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich, wie ich, hier ein elegantes Kurbad vorgestellt hat, sieht sich m\u00e4chtig get\u00e4uscht. Wir sind in einer verlassenen Gegend, ohne jede Attraktivit\u00e4t, und die Anlagen sind von gr\u00f6\u00dfter Einfachheit. Auch hier muss Eintritt bezahlt werden, um \u00fcber die wunderbar schwankende H\u00e4ngebr\u00fccke zu den Thermalbecken zu kommen. Davon gibt es mehrere, alle ganz klein.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige sind bestens vorbereitet und haben schon das Schwimmzeug an. Andere sind etwas unentschlossen und setzen sich am Ende einfach mit einem Bierchen auf die Terrasse. Ich \u00fcberlege, entscheide dann, mit an den Rand des Beckens zu setzen und die Beine ins Wasser zu h\u00e4ngen. Tut gut. Es sind nur 35-40\u00b0, f\u00fchlt sich aber w\u00e4rmer an. Wie gerufen kommt die Sonne raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Peruaner ins Becken und beginnt sofort eine lebhafte Unterhaltung mit mir. Er kommt aus dem Norden Perus, wo es Sonne und Strand reichlich gibt. Das haben auch M\u00f3nica und Javier gesagt. Dort ist auch die Heimat der Mochica, einer anderen pr\u00e4-inkiaschen Kultur, \u00fcber die ich was gelesen habe und deren Verschwinden bis heute R\u00e4tsel aufgibt. Nach Cuzco k\u00f6nne man um diese Zeit ohne Weiteres fahren, meint er, der Sommer sei zwar die \u201ebeste\u201c Jahreszeit, aber auch die teuerste, und da sei alles \u00fcberlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird Zeit zum Aufbruch. Die Beine trocknen in der Sonne im Nu.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es nach Chivay, zum Mittagessen. Ich bestelle das Menu, mit gef\u00fcllter Avocado als Vorspeise und Alpaca-Steak als Hauptspeise. Dazu dummerweise ein Bier. Was ich noch bereuen sollte.<br>Die Avocado ist nicht eigentlich gef\u00fcllt, sondern elegant um die F\u00fcllung, einem feinen Kartoffelsalat, herum drapiert. Schmeckt sehr gut. Das Alpaka-Fleisch schmeckt nicht besonders exotisch, am ehesten nach Rindfleisch, ist aber weniger intensiv im Geschmack und viel heller.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt tr\u00fcbt sich der Himmel immer mehr ein, die Landschaft wirkt auf den ersten Blick karg, aber f\u00fcr die hier herumlaufenden Schafe ein kulinarisches Paradies.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel wird immer dunkler, die Luft diesiger, und an der n\u00e4chsten Station schneit es sogar. Keine dicken Schneeflocken, eher Schneetreiben, aber genug, dass die, die hier f\u00fcr ein Photo der Vulkane aussteigen, mit wei\u00dfen K\u00f6pfen zum Bus zur\u00fcckkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der n\u00e4chsten Station steige ich dann doch auch aus. Hier stehen Alpakas auf der Wiese. Erst sieht man sie kaum, dann entdeckt man immer mehr, und schlie\u00dflich sieht man weiter hinten noch wieder ganze Heerscharen. Sie haben unterschiedliches Fell, einige hell, einige dunkel, einige gescheckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, auf der Weiterfahrt, sehen wir aus dem Bus heraus noch viel mehr von ihnen, einige ganz nahe der Stra\u00dfe. Dann kommen auch Lamas dazu. Die kann man mit ihrem gedrungenen K\u00f6rper doch ganz gut von den Alpakas unterscheiden. Die Alpakas sehen, vereinfacht gesagt, wie Rehe aus, die Lamas wie Schafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, um 15 Uhr, kommt der Umstieg in den anderen Bus. Der f\u00e4hrt nach Puno, die anderen fahren nach Arequipa zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist es noch enger, aber das \u00e4ndert sich, als die Frau vor mir nach der n\u00e4chsten Station versucht, ihren Sitz in die Senkrechte zu bringen. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und es stellt sich heraus, dass sie Spanier sind, junge Leute, die eine Art Praktikum im peruanischen Amazonas-Gebiet machen. Auch sie fahren sp\u00e4ter nach Bolivien weiter. Ganz interessiert fragen sie nach meiner Reise und nach meinem Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen jetzt auf die Carretera Interoce\u00e1nica. Die wird ihrem Namen gerecht und f\u00fchrt tats\u00e4chlich vom Atlantik zum Pazifik. Allein die Fahrt von hier zur brasilianischen Grenze dauert 22 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier nach Arequipa sind es nur 2 Stunden, f\u00fcr uns, in der entgegengesetzten Richtung, sind es 4 Stunden. Wir haben Gl\u00fcck, denn wegen der Feiertage sind die Bauarbeiten eingestellt, so dass wir gute Chancen haben, p\u00fcnktlich anzukommen. Am Ende sind wir sogar etwas eher da.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben sehen wir einen einfachen Fu\u00dfballplatz. Da wird t\u00e4glich gespielt, nach der Arbeit, sagt unser F\u00fchrer. Auf \u00fcber 4.000 Meter H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Carretera Interoce\u00e1nica sind viele Lastwagen unterwegs. Sie transportieren Metalle: Kupfer, Zink, Silber. Peru ist beim Kupfer Nummer Eins in S\u00fcdamerika und Nummer Drei in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrmals passieren wir Eisenbahngleise, aber einen Zug sehen wir nicht. Ziemlich sicher sind es Gleise f\u00fcr den Transport von G\u00fctern, nicht von Personen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich klingeln alle unsere Handys gleichzeitig. Eine Warnmeldung. Es wird vor etwaigen Gefahren wegen des Schneefalls gewarnt!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreichen wir eine Lagune, mit einem Aussichtspunkt. Es hat aufgeh\u00f6rt zu regnen, aber es ist tr\u00fcb. Die Lagune liegt auf 4.444 Metern H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft ver\u00e4ndert sich radikal. W\u00e4hrend Arequipa eine Landschaft von Vulkanen und Schluchten hat, liegt Puno auf dem Altiplano und zeichnet sich durch seine Seen und Lagunen aus. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwarzen, nicht allzu hohen und nicht sehr scharfkantigen Berge sehen aus, als w\u00e4ren sie von einer Schicht aus gr\u00fcnem Filz \u00fcberzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Lagune, die wir passieren, ist ein regelrechtes Vogelparadies. Hier gibt es Wildenten, M\u00f6wen, Ibisse und Flamingos. Das sehen wir aber nur im Vorbeifahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer weiteren Lagune werden Forellen gehalten. Die sind vor einiger Zeit aus Kanada importiert worden und haben die gesamte bunte Fischevielfalt vernichtet. Schlichtweg aufgefressen. Die Forellen sind Raubtiere. Als Folge ihres gro\u00dfen Vorkommes nehmen sie Platz 1 auf der Speisekarte ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreichen wir Puno. Das ist viel gr\u00f6\u00dfer als ich dachte. Es geht durch mehrere Industriegebiete und Vororte, und dann kommt unten der Titicacasee in Sicht. Man sieht aber nur den Hafen, nicht die ganze Weite. Die H\u00e4user um ihn herum sind hell erleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spanier werden an ihrem Hotel rausgelassen und wir anderen in der N\u00e4he der Plaza. Damit hatte ich nicht gerechnet, meine Unterkunft ist gleich neben dem Busbahnhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Also muss ich ein Taxi nehmen. Ich brauche aber keine Minute zu warten. Ein alter Mann h\u00e4lt an und bringt mich dahin. Unterwegs spricht er alle m\u00f6glichen Themen an, immer, so habe ich den Eindruck, auf der Suche nach weiteren \u201eGesch\u00e4ften\u201c, die er mit mir machen kann. Als wir das Ziel erreichen \u2013 in der Dunkelheit sind die Hausnummern kaum zu erkennen \u2013 will er 5 PEN mehr als ausgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe vor dem Eingang, ein mehrst\u00f6ckiges modernes Haus zwischen einer Pension \u2013 dort h\u00e4ngt ein erleuchtetes Schild mit <em>Hospedaje<\/em> \u2013 und einem kleinen Kiosk an der Ecke. Ich stehe etwas verloren im Regen und suche nach einer Klingel. Gibt es nicht. Eine Passantin sagt mir, ich solle einfach klopfen und zeigt mir, wie man das mit einer M\u00fcnze macht. Ich tue, wie mir gehei\u00dfen, aber ohne Erfolg. Wie soll mich auch jemand im 2. Stock h\u00f6ren. Die Vermieterin hat mir gesagt, ihre Mutter werde auf mich warten, aber die wartet vermutlich oben. Was soll ich machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn alle Stricke rei\u00dfen, frage ich in der <em>Hospedaje<\/em> nach, ob die ein Zimmer frei haben. Ich mache mich da bemerkbar und schildere der Frau, die mir \u00f6ffnet, erst einmal mein Dilemma. Vielleicht l\u00e4sst sie mich auf ihrem Handy telefonieren? Sie wei\u00df aber sofort Bescheid, sagt mir, ich solle hier warten, geht in den Kiosk und kommt mit der Verk\u00e4uferin wieder raus. Die ist sofort im Bilde, ruft die Vermieterin an und sagt, hier warte jemand. Ja, alles klar, ich solle warten. Nach einiger Zeit geht zu meiner Erleichterung das Licht im Flur an und jemand \u00f6ffnet die T\u00fcr. Es ist der Vater, aber das soll mir egal sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schildere ihm, meine Ver\u00e4rgerung unterdr\u00fcckend, die unangenehme Situation, vor der ich gestanden habe, aber das st\u00f6rt ihn nicht weiter. Er sei ja jetzt da.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen rauf, und er zeigt mir das Apartment und gibt mir gleich einen ganzen Schl\u00fcsselbund. Das sind jetzt viele Informationen auf einmal. Ich bin kaum aufnahmef\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist schick und modern und hat alles, was man erwarten kann. Er f\u00fchrt mich durch die Zimmer und sagt das Offensichtliche: Hier ist der Fernseher, das ist das Badezimmer. Dabei benutzt er bei jedem Substantiv die Verkleinerungsform:\u201cAqu\u00ed tiene las toallitas.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin froh, als er geht und packe nur noch das N\u00f6tigste aus. Es war ein langer Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Dezember (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Fenster sehe, ist es tr\u00fcb und die Stra\u00dfen sind nass. Die Gegend ist so h\u00e4sslich wie es nur geht, und die Gesch\u00e4fte sind alle verbarrikadiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe trotzdem raus und laufe die Stra\u00dfe runter. Es ist eiskalt. Am Stra\u00dfenrand sitzt ein Mann mit seiner N\u00e4hmaschine und bietet trotz der fr\u00fchen Stunde seine Dienste an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kiosk an der Ecke ist geschlossen genauso wie alles andere. \u00dcberall sind die Gitter runtergelassen. Ich finde auch keine Apotheke, jedenfalls keine ge\u00f6ffnete, obwohl beinahe an jedem zweiten Haus <em>Botica<\/em> steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4llt mir ein, dass ich ja in der N\u00e4he des Busbahnhofs bin. Da bekomme ich wenigstens Wasser. Der unfreundliche Mann gibt mir aber keine Auskunft zu den Apotheken. Das wisse er nicht, wann die \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck, warte ab und mache dann einen zweiten Versuch. Diesmal habe ich Gl\u00fcck. Der Apotheker ist sehr nett und fragt genau nach. Dann schneidet er auf bew\u00e4hrte Weise die Blister durch, so dass ich nur die n\u00f6tige Menge bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe in die Richtung, wo ich den See vermute und habe Gl\u00fcck. Es gibt eine lange, um diese Zeit einsame Promenade, die zum Ufer f\u00fchrt. Hier sind um diese Zeit nur die Tourenanbieter. Einer von ihnen h\u00e4ngt sich an mich und bietet seine Dienste an. Sein kleines Boot liegt neben vielen anderen am Ufer, jederzeit einsatzbereit. Wir gehen die verschiedenen Angebote durch, und ich versuche, versteckte Fallen zu entdecken. Die Bilder, die er mir zeigt, sind ziemlich folkloristisch. Das ist nicht so ganz das, was ich will.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hei\u00dft Omar und geh\u00f6rt selbst zu den Urus, die von den schwimmenden Inseln. Die sind die Attraktion von Puno, die sich keiner entgehen l\u00e4sst. Allerdings leben die Uru heute ausschlie\u00dflich vom Tourismus, und umso mehr Fu\u00dfangeln gibt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechtzeitig kommt die Sonne raus und es erw\u00e4rmt sich ein bisschen. Man sieht das Seeufer mit seiner dichten Bebauung und in der Ferne den offenen See. Man w\u00fcrde aber nicht vermuten, am Titicacasee zu sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend gehe ich noch in den Kiosk an der Ecke und bedanke mich bei der Frau f\u00fcr ihre Hilfe von gestern. Bei der Gelegenheit kaufe ich gleich auch ein paar Kleinigkeiten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit tatkr\u00e4ftiger Hilfe der Familie habe ich jetzt endlich den Welcome-Pass der Telekom runterladen k\u00f6nnen. Zwei Tage Internet gratis in jedem Land der Welt. Aktiviert sich von selbst bei der ersten Nutzung des Internets im Ausland. Hei\u00dft es. Tut es aber nicht. Keine Internetverbindung hei\u00dft es. Tolles Geschenk.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich gegen Mittag zum dritten Mal rausgehe, gibt es ein paar Wolkenl\u00fccken und es ist nicht mehr so kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Puno ist wirklich kein Anw\u00e4rter auf einen Sch\u00f6nheitspreis, aber ich streife einfach durch die Gegend und beobachte die Details des Alltagslebens: VW-K\u00e4fer in allen denkbaren Farben \u2013 Gr\u00fcn, Wei\u00df, Gelb, Orange, Rot, Gold \u2013 zankende Kinder vor einer S\u00e4gem\u00fchle, eine kleine, bunt angezogene Indio-Frau, die ihren mit Obst beladenen Karren durch die Gegend schiebt und per Lautsprecher Werbung macht, Zebrastreifen, die von allen ignoriert werden, vor den Lokalen Menus, unweigerlich mit Forelle als Option, Lastenfahrr\u00e4der zum Transport von Personen, Gehupe, winzige Indio-Frauen unter Sonnenschirmen an ihren kleinen Verkaufsst\u00e4nden (an denen es alles von Chips bis Klopapier gibt), ausrangierte breite Eisenbahngleise, auf denen man es sich auf Hockern gem\u00fctlich macht, Tierarztpraxen, in der Zahl nur noch von Apotheken \u00fcbertroffen, eine Indio-Frau in traditioneller Kleidung, den R\u00fccken bepackt mit traditionellen Textilien und einem Handy zum Telefonieren in der Hand, streunende Hunde, ein Mann, der auf dem B\u00fcrgersteig vor einer sch\u00e4bigen Werkstatt die Polster alter Bussitze auf Vordermann bringt, Stromleitungen, die Affenschaukeln bilden, eine schwer vermummte Stra\u00dfenreinigerin mit Besen, Kehrblech und Plastikt\u00fcte f\u00fcr den Drecks, elektrische Tuk-Tuks in schickem Blau, gro\u00dfe Gitterbeh\u00e4lter zum Sammeln von Plastikflaschen, in denen kein anderer Unrat landet. Keine Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme \u00fcber zwei Pl\u00e4tze, die sich krampfhaft bem\u00fchen, sch\u00f6n zu sein, und dann zur einigerma\u00dfen vorzeigbaren Plaza Mayor.<\/p>\n\n\n\n<p>Abseits davon die Kathedrale. Hat von au\u00dfen einen leicht orthodoxen Einschlag. Innen sehr hell, gelb gefasst, mit gro\u00dffl\u00e4chigen Glasfenstern, die Heiligenfiguren in groben Umrissen darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gerade Messe. Die Kirche ist nicht voll, aber f\u00fcr einen Samstag gut gef\u00fcllt. Alle haben schwarzes Haar, nur ein Mann grau meliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Priester spricht \u00fcber die 10 Gebote. Bei der Gelegenheit wird mir klar, dass ich die nicht aufsagen k\u00f6nnte. Die Leute stehen. Dann merke ich, dass es nicht die Predigt ist, sondern dass es die Schlussworte sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Segen gehen alle nach vorne, um sich die Handfl\u00e4che mit Weihwasser besprengen zu lassen. Auch Blumen und Photos werden gesegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als alle die Kirche verlassen habe, sehe ich mich etwas um. Eine Heiligenfigur mit Brille und erhobenem Zeigefinger und einem Finger zu viel, eine richtiges Fass mit Weihwasser mit Zapfhahn, an dem man sich bedienen kann, und eine Krippe mit Bergklippen und See und vermutlich Hunderten von Figuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich noch mal zur Plaza Mayor und zur <em>Galer\u00eda de Artes<\/em>. Die ist nat\u00fcrlich nach bew\u00e4hrter Weise geschlossen. Pikanterweise sind die Buchstaben ES bereits abgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckseite des Geb\u00e4udes die Kunstakademie, mit zwei Skulpturengruppen am Eingang. Etwas zu massiv geratene Figuren, die K\u00fcnstler darstellen: Musiker, T\u00e4nzerinnen, einen Bildhauer, einen Maler, einen Akademiker an seinem Pult, das gerade von dem Bildhauer bearbeitet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Markt vorbei. Viel Betrieb hier, vor allem an den St\u00e4nden au\u00dferhalb der Markthalle. Hier wird meist aus gro\u00dfen, offenen S\u00e4cken verkauft, vor allem Obst und Gem\u00fcse, aber auch Kokabl\u00e4tter, lose. Ich hab keine Ahnung, was Mengen und Preise angeht und lasse mir auf gut Gl\u00fcck Koka f\u00fcr 5 PEN geben. Da kommt schon einiges zusammen, die blecherne Schale, auf die die Frau die Bl\u00e4tter sch\u00fcttet, wird voll. Bin gespannt, welche Wirkung sie in den n\u00e4chsten Tagen haben werden. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>28. Dezember (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Titicacasee \u2013 da kommen Erinnerungen an den Erdkundeunterricht der Untertertia auf: <em>Der h\u00f6chste schiffbare See der Welt<\/em>. Der Titicacasee liegt auf 3.812 Metern H\u00f6he. Solche \u201eRekorde\u201c haben es uns damals angetan. H\u00e4tte nicht gedacht, dass ich jemals dahinkommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es soweit: Eine Bootsfahrt \u00fcber den Titicacasee steht auf dem Programm. Habe mit Omar in l\u00e4ngeren \u201eVerhandlungen\u201c alles ausgehandelt: Dauer, Verlauf, Preis, Abfahrtzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Gl\u00fcck: viele Wolken, wei\u00dfe und graue, aber die lassen das Licht durch und lassen genug L\u00fccken f\u00fcr die Sonne. Es f\u00fchlt sich w\u00e4rmer an als die angesagten 9\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Omar wartet schon am Steg auf mich. Zu zwei Seiten des Hafens erheben sich Berge, Halbinseln, die den Hafen wie zwei Arme umgreifen. Das ist der erste Teil des Sees. Dann kommt der offene See, der Hauptteil des Sees, mit der virtuellen Grenze zu Bolivien. Peru hat 60%, Bolivien 40% des Sees. Ganz im S\u00fcden schlie\u00dft sich dann noch ein dritter Teil an, etwa so gro\u00df wie der erste, mit dem See nur durch einen kleinen nat\u00fcrlichen Kanal verbunden.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen ein und Omar wirft den Motor an. Wir fahren auf eine kleine Insel zu, auf die sie \u2013 Faust aufs Auge \u2013 ein Hotel in einem gro\u00dfen modernen Betonklotz gesetzt haben. Das war mir gestern schon ins Auge gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren auf den \u201eSteg\u201c zu, der sich von der Insel ausgeht, aber der vermeintliche Steg ist gar keiner. Das ist Natur. Das sind Pflanzen, das ist Schilf. Erst, als wir n\u00e4her kommen, sieht man, dass das Schilf einen \u201eKanal\u201c freigelassen hat. Durch den fahren wir jetzt, lange, schnurstracks geradeaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das korrektere Wort ist wohl <em>Binse<\/em>, Omar spricht von <em>totora<\/em>. Auf jeden Fall eine Sumpfpflanze, besonders verbreitet in dieser Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Binsen stehen zu beiden Seiten Spalier. Sie reichen vielleicht 1-2 Meter aus dem Wasser heraus und bilden ein dichtes, scheinbar undurchdringliches Dickicht. Sie sind dunkelgr\u00fcn und haben auch das Wasser gr\u00fcnlich gef\u00e4rbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einen Kontrollpunkt und auch hier muss man \u2013 Wen wundert\u2019s? \u2013 Eintritt bezahlen. Dahinter ein Schild, auf dem auf Aymara eine Begr\u00fc\u00dfung steht: <em>Kamisaraki \u2013 Waliki. = Wie geht\u2019s? \u2013 Gut.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt auf der linken Seite das Schild <em>Titikaka<\/em>, in der einheimischen Schreibweise. Das k wird, anders als bei uns als Reibelaut ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>Titikaka<\/em> setzt sich aus einem Bestandteil auf Aymara und einem auf Ketschua zusammen und bedeutet so etwas wie \u201aFelsen des Pumas\u2018. Wo kommt der Puma her? Omar dreht die Karte auf den Kopf, und dann kann man \u2013 mit viel Phantasie \u2013 einen Puma erkennen, der ein Kaninchen jagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an der Isla de los Uros an, einer der ber\u00fchmten islas flotantes, der schwimmenden Inseln, der gr\u00f6\u00dften Attraktivit\u00e4t des Titicacasees.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Omar \u00fcbergibt mich an den \u00f6rtlichen F\u00fchrer, William. Und gleich der erste Schritt, als ich an Land komme, ist ein Erlebnis: Der Boden gibt nach, man geht wie auf einem Wasserbett.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt insgesamt 48 dieser Inseln. William erkl\u00e4rt das Bauprinzip. Zuerst werden die Wurzeln und Halme der Binsen zu dicken Bl\u00f6cken zusammengebunden. Die Bl\u00f6cke werden mit H\u00f6lzern und Binsen zusammengebunden und wachsen zusammen. Sie werden dann mit St\u00f6cken und Pf\u00e4hlen in den Seeboden gerammt. Darauf kommt eine senkrechte Schicht von Binsen und, nach einiger Wartezeit, quer dazu eine weitere Schicht von Binsen. Und fertig ist die Insel!<\/p>\n\n\n\n<p>Die ist stabil genug, um Menschen und H\u00e4user zu tragen. Hier, auf der Isla de los Uros, gibt es sogar einen Kindergarten und eine Grundschule. F\u00fcr weitergehende Schulen muss man aufs Festland.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die H\u00e4user sind aus Binsen gebaut. Ich sehe aber irgendwo auch eine Spanplatte und eine Rigipsplatte, aber die dienen wohl nur der Verst\u00e4rkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die traditionellen H\u00e4user der Uros sind rund, die neueren rechteckig. Die runden H\u00e4user werden heute meist als Lagerr\u00e4ume genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4user stehen auf einer kleinen Erh\u00f6hung, um f\u00fcr Stabilit\u00e4t zu sorgen. Beim Kochen wird immer eine Steinplatte unter den Ofen gelegt. Brandgefahr! Auch als Brennstoff benutzt man die Binsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach der K\u00e4lte. Ist man gewohnt. Einfach warme Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute leben die Uros fast ausschlie\u00dflich vom Tourismus, vom Eintritt, von Darbietungen, von Touren zu anderen Inseln und von den gewebten T\u00fcchern, die sie verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher lebten sie fast ausschlie\u00dflich vom Fischfang und von der Vogeljagd. Sie fuhren dann mit ihren Booten zum Tauschhandel aufs Festland.<\/p>\n\n\n\n<p>William sagt, zu Hause spreche man nur Aymara, die Kinder lernten erst in der Schule Spanisch. Omar hat dagegen mit Bedauern gesagt, immer mehr Eltern spr\u00e4chen nur noch Spanisch mit ihren Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach seinem Namen. Die Eltern h\u00e4tten einfach etwas Neues, Moderneres gesucht. Wie hie\u00dfen die denn? Maria und Lorenzo. H\u00f6rt sich auch nicht nach Aymara an.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder zum Boot kommen, taucht pl\u00f6tzlich eine fest im Boden verankerte Eisenstange auf. Was ist das denn? Man muss nach oben schauen. Photovoltaik! Hier wird Licht erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, aber nur bis gerade zum Rande der Bucht von Puno. Die ganze Weite des Sees kann man nicht sehen. Ganz hinten ist Bolivien, aber bis dahin kann man nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Omar zeigt auf den \u00e4u\u00dfersten Rand einer der Halbinseln. Dort h\u00e4tten die Uros fr\u00fcher gelebt. Sie seien dann zum \u201eUmzug\u201c gezwungen worden in Folge einer \u00dcberschwemmung. Das Wasser des Sees sei in einem Jahr um zwei Meter angestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Vorfahren h\u00e4tten gar kein Aymara gesprochen, sondern Pukina. Der letzte Sprecher des Pukina sei aber vor ein paar Generationen ausgestorben. Wie kam es denn dazu? Das h\u00e4tten sich zwei St\u00e4mme vermischt, die einen sprachen Pukina, die anderen Aymara. Die Aymara-Sprecher h\u00e4tten sich im Laufe der Zeit durchgesetzt. Eine Frage der Macht vermutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommt uns ein Motorboot entgegen, das bis oben mit Binsen beladen ist. Nachschub.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganze Schw\u00e4rme von Wildenten flattern vor uns auf, und in Hafenn\u00e4he M\u00f6wen. Auf dem Wasser sehen wir ein Exemplar des <em>zambullidor<\/em>, eines vom Aussterben bedrohten Wasservogels, den es nur hier gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es die (genauso wie der <em>pejerrey<\/em>) von au\u00dfen eingef\u00fchrte Forelle, aber noch reichlich endemische Fischarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren wieder durch das Schilf und dann zwischen den Halbinseln auf den Hafen zu. Unsere Tour endet. War ein Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach wende ich mich wieder banaleren Dingen zu und gehe zum Busbahnhof. Alles klar f\u00fcr die Abfahrt morgen fr\u00fch? Das M\u00e4dchen am Schalter best\u00e4tigt meine Buchung und druckt das Ticket aus. Ein Weg gespart morgen fr\u00fch. Ich werde aber noch daran erinnert, dass ich vorher eine Bahnsteigkarte kaufen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter noch einmal Richtung Stadtmitte gehe, finde ich an einem Ladenschild auch den schriftlichen Beleg f\u00fcr das neue Wort: <em>Pague con Yape \u2013 Ahora todos pueden yapear<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal fallen mir ein paar richtig sch\u00f6ne moderne H\u00e4usern mit originellen Fassaden auf, die unvermittelt zwischen all den anderen auftauchen, die nichts als bessere Bruchbuden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e7 cuadras\u201c. Immer wieder \u00fcberrascht mich die Genauigkeit, mit der die Lateinamerikaner ihren Stadtplan im Kopf haben und die Leichtigkeit, mit der sie die Entfernung in H\u00e4userbl\u00f6cken angeben k\u00f6nnen, wie dieser junge Mann, den ich nach der Plaza Mayor frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt mir ein Leichenzug entgegen. Alle schwarz gekleidet hinter dem strahlend wei\u00dfen Leichenwagen her. Irgendjemand tr\u00e4gt ein besticktes Marienbanner, ein anderer ein Bild des Toten. Zum Schluss eine kleine Kapelle: Akkordeon, Gitarre, Trompeten. Sie haben allerdings Schwierigkeiten, sich Geh\u00f6r zu verschaffen, denn dem Leichenzug voran f\u00e4hrt ein Auto mit einer schrillen Polizeisirene.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungewollt komme ich auf einen gro\u00dfen Platz. Mehrst\u00f6ckige Kolonialbauten mit offiziellen Organisationen, an einer Seite eine Kirche. Ich stutze. Und stutze nochmal. Dann geht mir ein Licht auf: Die ist die Plaza Mayor. Ich war gestern an einem anderen Platz. Und dies ist die Kathedrale, nicht die Kirche, in der ich gestern war. Sie ist ganz anders, eine Mischung aus Romanik und Barock, steinsichtig, mit Reliefs an der Fassade. Das ganze Eingangsportal ist mit einem gro\u00dfen modernen Hinweisschild verbarrikadiert. Vermutlich Sanierungsarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich nach Lokalen hier am Platz um und entscheide mich f\u00fcr das mit der originellsten Speisekarte. Man geht in den ersten Stock rauf und guckt von hier aus auf den Platz runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nicht mehr genug Soles und frage vorsichthalber nach, ob man mit Kreditkarte bezahlen kann. Ja, aber nur mit Visa und Mastercard. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Empfehlung der Kellnerin bestelle ich <em>Queso<\/em> <em>frito<\/em> und <em>Lomo<\/em> <em>saltado<\/em>, einem Pfannengericht mit Rindfleisch. Dazu einen alkoholfreien Cocktail, der gut bei H\u00f6henluft sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00e4se ist so sch\u00f6n angerichtet, dass man sich kaum heranwagt. Er wird serviert mit zwei So\u00dfen, <em>huancaina<\/em> und <em>ocapa<\/em>, einer gelben Chili-Pfeffer So\u00dfe und einer gr\u00fcnlichen Minze-so\u00dfe. K\u00f6stlich. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rindfleisch ist ein Gedicht, saftig und zart, und die leicht pikante So\u00dfe gibt dem Reis und den Pommes den richtigen Dreh.<\/p>\n\n\n\n<p>So endet die mit H\u00f6hen und Tiefen durchzogene Peru-Reise mit einem kulinarischen H\u00f6hepunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Dezember (Sonntag) Als wir in Lima landen, atme ich einmal tief durch. Gut gegangen. Aber wieder eine Reise mit Haken und \u00d6sen. Der Uber, der mich zum Flughafen bringen sollte, kommt nicht, aber Illac springt kurzfristig ein. 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