{"id":12160,"date":"2025-12-29T23:01:30","date_gmt":"2025-12-29T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12160"},"modified":"2026-01-27T11:51:51","modified_gmt":"2026-01-27T10:51:51","slug":"bolivien-2025","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12160","title":{"rendered":"Bolivien 2025"},"content":{"rendered":"\n<p>29. Dezember (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>La Paz ist die h\u00f6chstgelegene Hauptstadt der Welt. Stimmt nicht! Sagen die, die es besser wissen. Warum nicht? Weil La Paz nicht die Hauptstadt Boliviens ist. Das ist n\u00e4mlich Sucre. Jedenfalls de jure. De facto ist La Paz aber doch die Hauptstadt, jedenfalls ist es der Regierungssitz. Und auf jeden Fall ist es hochgelegen: 3.650 Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>Um gewappnet zu sein, kaue ich schon auf der Hinfahrt Koka-Bl\u00e4tter. Ob\u2019s zu etwas gut ist, wei\u00df ich nicht. Was ich aber wei\u00df: Das Zeug schmeckt scheu\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor der Grenze machen wir mitten auf der Strecke irgendwo unvermittelt Halt. Hier gibt es eine Wechselstube. Wie praktisch. Und au\u00dferdem auf dem Hinterhof ein ganz ordentliches WC. Hier auf dem Hinterhof stehen ein paar Lamas herum, die uns friedlich und gleichzeitig neugierig ansehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl fast alle wechseln wollen, geht es hier wie am Schn\u00fcrchen, ohne Formulare und Ausweise. Ich bekomme sogar mein Kleingeld gewechselt. Am Ende bekomme ich 170 Bolivianos. Als Faustregel habe ich mir 1:10 zurechtgelegt, das rechnet sich einfach. Sind demnach 17 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Geldscheinen wie auf den M\u00fcnzen steht <em>Estado Plurinacional de Bolivia<\/em>. Darauf wird Wert gelegt. Auf einem der Geldscheine erscheint Sucre, der Namensgeber der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter, und die Gegend bleibt l\u00e4ndlich. Auf den Wiesen stehen viele K\u00fche und Esel, vor allem aber Schafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird es st\u00e4dtisch und wir fahren in einen von hohen Mauern umgebenen Hof. Hier ist die Grenzkontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise kontrollieren hier sowohl die peruanische als auch die bolivianische Seite, aber das bedeutet nicht, dass es schnell vorangeht. Wir m\u00fcssen unser gesamtes Gep\u00e4ck aus dem Bus holen und vor dem Geb\u00e4ude warten. Da sind erst noch andere dran. Gott sei Dank regnet es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es endlich weiter, ins Geb\u00e4ude rein. Bei der peruanischen Seite sind nur zwei Schalter besetzt, aber an einem davon geht es gar nicht weiter. An dem steht eine Frau aus Nordkorea! Mittels eines Dolmetschers verhandelt sie mit der Frau hinter dem Schalter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man einmal dran ist, geht es ruckzuck. Dann kommt die bolivianische Seite. Hier gibt es nur einen Schalter. Krampfhaft halte ich mein im letzten Moment im Internet ergattertes Ticket f\u00fcr die Ausreise aus Bolivien in der Hand, und dann wird gar nicht danach gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die n\u00e4chste Schlange. Hier wird ein Einreiseformular \u00fcberpr\u00fcft. Das gibt es aber nur elektronisch, und da ich kein Internet habe, konnte ich es im Bus nicht ausf\u00fcllen. Jetzt muss es im Stehen in der Schlange ausgef\u00fcllt werden. Der uniformierte Mann aus dem Bus hilft mir. Er w\u00e4hlt mich hier in das Netz der Grenzkontrolle ein. Dann wandert das Handy immer zwischen ihm und mir hin und her, mal gibt er Daten ein, mal ich. Die Nummer meines Reisepasses kann ich inzwischen auswendig. Aber mein Geburtsdatum nimmt das Formular nicht an. Der Mann ist hilfsbereit, aber nicht sehr geduldig. Ob ich noch nie durch eine Grenzkontrolle gegangen sei, will er wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende klappt es dann doch. Jetzt m\u00fcssen wir nur noch durch die Gep\u00e4ckkontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Weiterfahrt wird klar, dass die Stra\u00dfen in Bolivien eher schlechter sind als in den Nachbarl\u00e4ndern. Trotzdem kommen wir gut voran. Der Himmel zieht sich immer weiter zu, und es f\u00e4ngt an zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Stadt in Sicht, die so gro\u00df ist, dass es nur La Paz sein kann. Wir sind eine Stunde fr\u00fcher da, als ich gedacht habe. Bolivien ist n\u00e4mlich eine Stunde weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sch\u00fcttet aus allen Kan\u00e4len. Dunkle Wolken \u00fcber uns, ganz hinten ein wei\u00dfer Streifen, durch den helles Licht sich seinen Weg bahnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bus ein Wendeman\u00f6ver macht, um in den Busbahnhof einzubiegen, sehe ich oben an dem Geb\u00e4ude zu meiner Seite <em>Cervecer\u00eda Nacional de Bolivia<\/em>. Das ist das erste, was ich von La Paz zu sehen bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Busbahnhof ist in einer gro\u00dfen Halle mit Glasdach untergebracht. Hier geht es sehr gesch\u00e4ftig zu, und laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche ein WC und kaufe dann an einem Stand einen Kaffee und ein Br\u00f6tchen. Als ich gerade sitze, spricht mich ein Mann an, auf Englisch. Er wolle einfach nur ein Schw\u00e4tzchen halten. Es stellt sich heraus, dass er Argentinier ist, aus Buenos Aires. Und Deutsch kann! Wir unterhalten uns auf Deutsch weiter, und ich erz\u00e4hle von meiner argentinischen Freundin in der Heimat und von der argentinischen Freundin aus Jujuy und von den Freunden aus Buenos Aires. Verr\u00fcckter Zufall. Sein Deutsch ist gut, manchmal rutscht ihm auch etwas auf Franz\u00f6sisch raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt mir, ich solle die offiziellen Taxis drau\u00dfen direkt vor dem Eingang nehmen. Die haben einen eigenen Halteplatz. Und auf den Wagen steht eine Telefonnummer, und daneben steht <em>Terminal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort bekomme ich ein Taxi. Es geht nach Sopocachi. Das liegt etwas au\u00dferhalb, weiter vom Zentrum entfernt, als ich dachte. Erst geht es durch den engen Innenstadtverkehr, dann wird es ganz ruhig. Vorsichtshalber hupt der Fahrer aber an jeder Kreuzung. Er k\u00fcndigt sein Kommen an.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sopocachi ist er sich nicht ganz sicher, welches das richtige Haus ist, und am Ende setzt er mich vor dem falschen Haus ab, mit der Begr\u00fcndung, das sei das einzige sechsst\u00f6ckige in der Gegend. Stimmt nicht. Um die Ecke ist noch eins. Das ist meins.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vermieter hat den Portier eingeweiht und jetzt gerade noch mal mein Kommen angek\u00fcndigt. Und prompt erscheint der auch auf der Treppe und macht das Gitter auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht alles mit einer elektronischen Karte. Der Portier erkl\u00e4rt mir, wie ich die beim Rausgehen und wie ich die beim Reingehen und wie ich die im Aufzug einsetzen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben vor der Wohnung ist ein Schl\u00fcsselk\u00e4stchen. Mit denen habe ich immer meine liebe M\u00fche und Not. Aber der Portier hilft mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gibt es nur noch ein Problem. Es gibt zwei T\u00fcren, die man \u00f6ffnen muss, eine eiserne und eine h\u00f6lzerne, aber nur einen Schl\u00fcssel. Die Erkl\u00e4rung: Die erste T\u00fcr ist nicht abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment, das eigentlich nur meine zweite Wahl war und auch etwas au\u00dferhalb liegt, l\u00e4sst keine W\u00fcnsche offen: zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, eine voll eingerichtete K\u00fcche, ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer, eine Waschmaschine und ein richtiger, gro\u00dfer, stabiler Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt vom Schreibtisch aus sieht man die Gondeln von <em>Mi Telef\u00e9rico<\/em> durch die Luft schweben, die gelbe Linie. Mi Telef\u00e9rico ist eine geniale Erfindung, eine originelle Ma\u00dfnahme zur Entlastung des Verkehrs der Innenstadt und zur Anbindung der H\u00f6henstadtteile an die Innenstadt. Stammt aus der Zeit von Evo Morales. Inzwischen gibt es sechs Linien, jede durch eine andere Farbe markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ordne meine Sachen und mache Kassensturz: 1 Boliviano f\u00fcrs WC, 15 f\u00fcr Kaffee und Br\u00f6tchen, 30 f\u00fcrs Taxi, macht 46. Knapp 5 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist noch ein bisschen \u00fcbrig. Ich drehe eine Runde durch dieses auffallend ruhige Viertel, entdecke ein L\u00e4dchen und bekomme ein paar Kleinigkeiten, mit denen ich die Zeit bis morgen fr\u00fch \u00fcberbr\u00fccken kann. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>30. Dezember (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen frage ich mich als erstes zur Seilbahn durch. Meine Station hei\u00dft Sopocachi, wie das Viertel. Die Frau am Schalter ist sehr freundlich. F\u00fcr das wenige Geld, das ich noch habe, bekomme ich eine Karte, die man aufladen kann, und ein paar Fahrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus kann man rauf und runter fahren. Ich fahre erst einmal rauf. Die Haltestelle ganz oben hei\u00dft <em>Mirador<\/em>. H\u00f6rt sich vielversprechend an.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl von der Seilbahn aus als auch von oben kann man sehen, wie gro\u00df La Paz ist. Und wie unglaublich dicht besiedelt. Zuerst fahren wir \u00fcber die Hochh\u00e4user des Viertels, dann kommt ein riesiges Viertel mit roten Backsteinbauten. Die H\u00e4user stehen so dicht beieinander, dass man die Stra\u00dfen dazwischen kaum sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig im Kontrast dazu links von uns eine ganz bizarre Felsformation. Man hat den Eindruck, irgendwo drau\u00dfen in der Wildnis zu sein und nicht in der Stadt. Ob das vielleicht das <em>Valle de la Luna<\/em> ist, von dem man auch in den Reisef\u00fchrern liest?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem roten Viertel kommt ein Felsen, dann noch ein rotes Viertel, dann verflacht sich die Fahrt und wir kommen an der n\u00e4chsten Station an, Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seilbahn ist einfach gro\u00dfartig: unabh\u00e4ngig vom Verkehr, schnell und bequem, billig (auch f\u00fcr Bolivianer, vermutlich), transportiert eine Unzahl von Passagieren, vom fr\u00fchen Morgen bis zum sp\u00e4ten Abend, und sie l\u00e4uft an den Stationen weiter, verlangsamt die Fahrt, so dass man ein- und aussteigen kann, aber bleibt nicht stehen, so \u00e4hnlich wie ein Paternoster. Wartezeit h\u00f6chstens ein paar Sekunden. Um die Sache zu vervollst\u00e4ndigen, entdecke ich nachher noch, dass die Gondeln der neueren Linien sogar hinten und vorne ein Solarmodul haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben angekommen, sehe ich mich nach dem <em>Mirador<\/em> um, finde aber keinen. Der Blick hinunter in die Stadt wird von den H\u00e4usern hier oben verstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald man aus der hochmodernen Seilbahnstation herauskommt, gelangt man in ein normales Wohnviertel. Hier gibt es kleine Gark\u00fcchen, und die Leute sitzen, von streunenden Hunden umgeben, auf Mauervorspr\u00fcngen und l\u00f6ffeln ihre Suppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach dem <em>Mirador<\/em>, und ein Mann sagt mir, ich solle die Stufen runter gehen. Da kann man tats\u00e4chlich besser sehen, bis zu den Bergen, die die Stadt nach hinten begrenzen. Welcher davon der Illimani ist, von dem alle reden, kann ich nicht feststellen, sie sehen alle gleich aus, und die Gipfel liegen unter den Wolken verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange halte ich es hier nicht aus angesichts der feindseligen Hunde und des Mannes, der f\u00fcr meine Furcht vor ihnen nur ein herablassendes L\u00e4cheln \u00fcbrig hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fahre runter, an <em>Sopocachi<\/em> vorbei ganz nach unten, nach <em>Libertador<\/em>. Dabei f\u00e4llt mir auf, dass der spanische oder hispanisierte Name der Stationen in kleineren Buchstaben unter den indianischen Namen steht: <em>Supu Kachi<\/em> \u2013 <em>Sopocachi<\/em>, <em>Quta<\/em> <em>Uma <\/em>\u2013<em> Buenos Aires, Chuqui Apu <\/em>\u2013<em> Libertador.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne kommt ein bisschen raus und l\u00e4sst die H\u00e4user unter uns gl\u00e4nzen. An einer Begrenzungsmauer steht mit gro\u00dfen Buchstaben LA PAZ<em>.<\/em> &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen, die mir gegen\u00fcber sitzen, sprechen von der Verg\u00e4nglichkeit alles Irdischen: \u201e\u00bfDe qu\u00e9 me valen mis joyas?\u201c. Wir w\u00fcrden alle ohne alles gehen, nackt, so, wie wir auf die Welt gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ausstieg beim <em>Libertador<\/em> stehe ich etwas verloren in der Gegend herum. Vom Zentrum ist hier nichts zu sehen. F\u00fcrs Taxi reicht mein Geld nicht mehr. Und zu Fu\u00df, erfahre ich, ist es zu weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann entdecke ich einen Geldautomaten. Funktioniert! Ich gehe zu den Taxifahrern, erfahre aber, dass die nicht ins Zentrum reinfahren d\u00fcrfen. Ich solle die Seilbahn nehmen, die <em>L\u00ednea Azul<\/em>. Die bringe mich ins Zentrum. Erst bin ich etwas verwirrt, denn die <em>L\u00ednea Azul<\/em> ist zwar wirklich blau, hei\u00dft aber <em>Celeste<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nehme ich und fahre bis zur Endstation, <em>Prado<\/em>. Hier bin ich richtig. Es sieht gro\u00dfst\u00e4dtisch aus. Hochh\u00e4user, viel Betrieb auf den Stra\u00dfen, Gesch\u00e4fte und Verkaufsst\u00e4nde auf den B\u00fcrgersteigen. Als ich dann irgendwo eine Statue von Sim\u00f3n Bol\u00edvar sehe, bin ich mir sicher, dass ich richtig bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an dem Denkmal f\u00fcr den Unbekannten Soldaten vorbei, einer Bronzefigur. Der Soldat, mit muskul\u00f6sem K\u00f6rper, liegt mit dem Kopf nach unten auf dem Boden, sein Gewehr, das er nicht mehr abdr\u00fccken konnte, in der Hand. Das Denkmal erinnert an den Chaco-Krieg, <em>La Guerra del Chaco<\/em>, zwischen Bolivien und Paraguay, den das als unterlegen geltende Paraguay gewann. Es ging, wie bei so vielen Kriegen zwischen den unabh\u00e4ngigen L\u00e4ndern Lateinamerikas, um Gebietsanspr\u00fcche. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht\u2019s. Mir ist nach einem Kaffee zumute, aber mit Caf\u00e9s haben es die Bolivianer nicht so. Daf\u00fcr sehe ich in einer Passage einen Hinweis auf eine Wechselstube. Ich gehe rein, kann sie aber nicht finden. Wo ist denn hier die Wechselstube? Da! Wo, da? Da vorne! Der Mann zeigt auf ein Nagelstudio. In dessen Hinterst\u00fcbchen befindet sich die Wechselstube. Hier geht es ruckzuck. In dem Nagelstudio sind neun von zehn Tischen besetzt, und die Frauen werden alle gleichzeitig bedient.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich nach <em>San Francisco<\/em> durch. Immer geradeaus. Und dann taucht das Kloster mit seiner barocken Fassade auch unvermittelt auf, mitten zwischen den modernen Hochh\u00e4usern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nur unverbindlich nachfragen wegen der \u00d6ffnungszeiten. Will mich vergewissern, ob das stimmt, was ich in einem Reisef\u00fchrer gelesen habe, dass n\u00e4mlich in La Paz zwischen Weihnachten und Dreik\u00f6nig alles geschlossen ist. Das stimmt Gott sei Dank nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel ist das <em>Museo Etnogr\u00e1fico<\/em>. Auch hier will ich nur nach den \u00d6ffnungszeiten fragen. Aber das scheint geschlossen zu sein. Dann \u00f6ffnet sich die T\u00fcr einen Spalt breit und eine Frau l\u00e4sst mich rein. Aber das ist doch eine Garage, kein Museum. Muss ein Missverst\u00e4ndnis sein. Nein, nein, dies ist das Museum, der Nebeneingang. Am Haupteingang auf der anderen Seite des Geb\u00e4udes zieht eine lautstarke Demonstration vorbei. Da will man auf Nummer Sicher gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gibt es eine erfreuliche Auskunft: nur am 1. und 2. Januar geschlossen. Auch hier will man mich, wie in <em>San Francisco<\/em>, gar nicht gehen lassen. Ich solle doch <em>jetzt<\/em> das Museum besichtigen. Habe aber f\u00fcr heute ein anderes im Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehe oder besser h\u00f6re ich mir aber die Demo an. Ein Mann mit Fl\u00fcstert\u00fcte gibt die Parolen vor, die Teilnehmer wiederholen sie lautstark. F\u00fcr die Rechte der Arbeitnehmer wird eingetreten und gegen die rechte Regierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die schmale Stra\u00dfe wieder runtergehe, finde ich tats\u00e4chlich eine Imbissbude, in der ich einen Kaffee bekommen kann. Es ist nur ein Annex eines Fast-Food-Lokals, dessen R\u00e4ume man aber benutzen kann. Bestellen und bezahlen soll man aber hier drau\u00dfen. Ich nehme zum Kaffee ein Geb\u00e4ck mit mehreren Schichten Bl\u00e4tterteig und Buttercreme dazwischen. Es hei\u00dft <em>Napoleon<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erkundige ich mich nach dem <em>Museo de la Coca<\/em>. Das will ich mir keinesfalls entgehen lassen. Ich muss wieder an <em>San Francisco<\/em> vorbei und komme dann in mehrere, h\u00fcbsch geschm\u00fcckte schmale Stra\u00dfen, die ganz und gar dem Tourismus gewidmet sind. Reiseveranstalter, Lokale, Souvenirgesch\u00e4fte, im regelm\u00e4\u00dfigen Turnus.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch einen Torbogen geht es \u00fcber Kopfsteinpflaster in einen kleinen Innenhof und hier, etwas verborgen, befindet sich das <em>Museo de la Coca<\/em>. Und es hat ge\u00f6ffnet! Der Mann am Empfang sagt mir aber, sie machten gleich Mittagspause, ich solle lieber sp\u00e4ter wiederkommen. In Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit sehe ich mir die Gesch\u00e4fte und ihre Auslagen an. Gl\u00fccklicherweise wird man hier fast nirgendwo angesprochen, au\u00dfer vor ein paar Lokalen, und auch da nicht aufdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Gesch\u00e4ften weitere Verkaufsst\u00e4nde. Die meisten haben Kleidung im Angebot, und zwar Kleidung f\u00fcr kalte Tage, M\u00fctzen, Handschuhe, Schals, Pullover. Die Verk\u00e4uferinnen sitzen auf einem Schemel vor dem Verkaufsstand, das Strickzeug in der Hand. Hier ist es sogar ein Mann, der strickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache Pause in einem Lokal und bestelle ein <em>Sandwich Boliviano<\/em>, mit Tomaten, Zwiebeln, Avocado und K\u00e4se, alles ganz kleingeschnitten. Dazu, als Vorbereitung aufs Museum, einen <em>Mate de Coca<\/em>, einen Tee mit Kokabl\u00e4ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Speisekarte stehen ein <em>Plato Pace\u00f1o<\/em> und eine <em>Cerveza<\/em> <em>Pace\u00f1a<\/em>. Ich stehe auf der Leitung. Was kann das nur sein? Dann geht mir ein Licht auf: <em>Pace\u00f1o<\/em> ist das Adjektiv zu <em>La Paz<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist es soweit. Das <em>Museo de la Coca<\/em> hat auf. Es ist ein kleines Museum, und man muss viel lesen, aber es ist sehr aufschlussreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt arch\u00e4ologische Nachweise, dass schon vor 8.000 Jahren in dieser Gegend Koka konsumiert wurde. Die ersten europ\u00e4ischen Kommentare kommen von Kolumbus (der das Kauen der Kokabl\u00e4tter unappetitlich fand), Amerigo Vespucci und Garcilaso de la Vega. Seit der Aufkl\u00e4rung wurde die Kokapflanze dann wissenschaftlich beschrieben und klassifiziert, von Lamarck, Mariani und Niemann. Freud experimentierte mit dem Kokain, weil er sich in andere Bewusstseinszust\u00e4nde versetzen wollte, und Sherlock Holmes war ein passionierter Kokainkonsument. Half ihm offensichtlich, die F\u00e4lle aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom <em>Consejo Eclesi\u00e1stico<\/em> wurde das Kauen der Kokabl\u00e4tter zwischenzeitlich verboten, aber in Potos\u00ed \u2013 das damals gr\u00f6\u00dfer als London oder Paris war \u2013 erlebte es in den Silberminen einen unglaublichen Boom, und von der WHO wurde es in unserer Zeit als definitiv nicht gesundheitsgef\u00e4hrdend eingestuft. Im Gegenteil: Viele Inhaltstoffe, Vitamine, Jod, Eisen oder Magnesium, gelten als gesundheitsf\u00f6rdernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kokapflanze wird in Bolivien vor allem in den Yungas angebaut, dem \u00dcbergang zwischen Hochland und Amazonas. Auf Photos sieht man gr\u00fcne H\u00e4nge und Felder, auf denen die Pflanze w\u00e4chst. Es hei\u00dft, sie sei sehr unempfindlich, wachse auch auf unfruchtbarem Boden und ertrage Trockenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf weiteren Bildern sieht man, wie die Pflanze drau\u00dfen an der freien Luft getrocknet wird. Erinnert an den Kakao, aber das Trocknen dauert hier nur 12 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Karte sieht man, welche pr\u00e4-inkaischen V\u00f6lker schon Koka konsumierten, insgesamt 24, von Kolumbien bis Bolivien, darunter die Nazca, Chav\u00edn, Urus und Paracas.<\/p>\n\n\n\n<p>Beeindruckend, wie viele Funktionen Koka hatte, soziale, rituelle, wirtschaftliche, medizinische.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Indios gab es zwei Erkennungszeichen f\u00fcr den Herrscher, einen Stab und einen Beutel mit Kokabl\u00e4ttern. Bei Verhandlungen wurde es anfangs als Zeichen des guten Willens angeboten und sp\u00e4ter zur Feier des Gesch\u00e4ftsabschlusses. Bei der Brautwerbung wurde es als Geschenk \u00fcberreicht, worauf es als Gegenleistung die Mitgift gab. Das Paar blieb auf Probe zusammen, die Hochzeit wurde erst begangen, wenn das erste Kind da war. In vielen Gesellschaften wurde Koka als Ersatzw\u00e4hrung genutzt oder als Entsprechung zu M\u00fcnzen. In der Vorstellungswelt der Indios wurde Koka schon im ersten Erdzeitalter angebaut. Koka wurde den G\u00f6ttern zur Beschwichtigung geopfert bei D\u00fcrren, \u00dcberschwemmungen oder Frost. Koka wurde der Pachamama bei der Bitte um Fruchtbarkeit \u00fcberreicht. Die Indios glaubten, Koka wisse alles, aber ihr Wissen zu entziffern, war den <em>curanderos<\/em> \u00fcberlassen, den Schamanen, Medizinm\u00e4nnern, Wunderheilern. Die Kokabl\u00e4tter hatten ihre eigene Sprache, ihre spezifische Form hatte eine spezifische Bedeutung. Hier sieht man Bl\u00e4tter ausgestellt, die Zwietracht, Krankheit, Tod, Familie, Gl\u00fcck, Reise bedeuten. Dem K\u2019Intu, einem Ritus, zufolge, wurde Koka zu Beginn der Arbeit und nach dem Essen konsumiert. Es nicht anzunehmen, war sozial inakzeptabel. Beim <em>Tari de Coca<\/em> wurden Kokabl\u00e4tter in ein Tuch gesch\u00fcttet, und die Form, wie sie gefallen waren, wurde von Wahrsagern interpretiert. Au\u00dfer gegen die H\u00f6hen\u00fcbelkeit wurde Koka gegen Hunger, Ersch\u00f6pfung, Verstopfung, Zahnschmerzen und Menstruationsschmerzen eingesetzt und sowohl als Bet\u00e4ubungsmittel als auch als Stimulanz. Eine Pflanze, die f\u00f6rmlich Wunder wirken kann!<\/p>\n\n\n\n<p>So erscheint sie auch auf den Werbeplakaten, die hier ausgestellt sind, meist aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Hier gibt es Koka als Dragees, Koka als Wein, Koka als Zigaretten, Koka als Tropfen und nat\u00fcrlich Coca-Cola.<\/p>\n\n\n\n<p>In der letzten Abteilung geht es um die Droge Kokain. Anhand von Bildern, Zahlen und Objekten wird dargestellt, wie aus der (kokainhaltigen) Kokapflanze die Droge Kokain wird. Zuerst wird aus den Kokabl\u00e4ttern unter Zugabe von Wasser, Kerosin und Benzin die Koka-Paste hergestellt, und die wird dann mit Stoffen wie Karbonat, Zement, Lauge und Schwefels\u00e4ure angereichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Man braucht mehrere Kilo Kokabl\u00e4tter, um ein Kilo Kokain herzustellen, aber es lohnt sich. Der Preis f\u00fcr ein Kilo Kokabl\u00e4tter liegt bei 10 $, der Preis f\u00fcr ein Kilo Kokain liegt bei 3.000 $.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drogenmafia versucht, den Handel in zweierlei Hinsicht auszudehnen: mehr Konsum pro Person und mehr L\u00e4nder. Auch Asien und Afrika sind inzwischen Ziell\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mafia engagiert vornehmlich perspektivlose junge Leute aus den Armutsvierteln f\u00fcr den Drogenhandel. F\u00fcr die ist das oft die einzige Chance. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>40%&nbsp; der Droge Kokain wird in den USA konsumiert, und die bedr\u00e4ngen die Herstellerl\u00e4nder, ihre Kokaplantagen zu vernichten. Die Kokaplantagen vernichten, weil man aus Koka eine Droge machen kann, ist, wie es hier hei\u00dft, wie Weinberge und Kartoffelfelder vernichten, weil man aus Trauben und Kartoffeln Wein und Schnaps machen kann. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zur Seilbahn komme ich an einer Reiterstatue von Sucre vorbei und dann an dem Denkmal eines b\u00fcrgerlich aussehenden, gem\u00fctlich wirkenden, nicht gerade gertenschlanken Mannes, der auf einem Sofa sitzt. Originelles Denkmal. Wer das ist, wei\u00df man nicht, und kann es auch gar nicht wissen. Denn der Mann stellt keine bestimmte Pers\u00f6nlichkeit dar. Das Denkmal l\u00e4dt dazu ein, sich neben den Mann zu setzen oder hinter ihn zu stellen. Es soll den Wert der Freundschaft darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe kommen einem immer wieder alte M\u00e4nner entgegen, die kleine Netze mit Zitronen zum Verkauf anbieten. Und auf dem Boden sitzen Bettler, meistens Bettlerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kontrast zu ihnen stehen vor den Nagelstudios junge Frauen mit Plakaten, die die verschiedenen Dienstleitungen anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Imbissladen gibt es <em>Pizza Cono<\/em>, ein gedrehtes St\u00fcck Pizza, das in einer trichterf\u00f6rmigen T\u00fcte serviert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme am <em>Ministerio de Justicia<\/em> und am <em>Ministerio de Salud<\/em> <em>y Deporte<\/em> vorbei (das macht bei uns der Innenminister), beide in unscheinbaren Geb\u00e4uden untergebracht, und dann an dem in einem modernen, originellen Hochhaus untergebrachten <em>Ministerio de Econom\u00eda y Finanzas<\/em>. Das besorgt hier ein Minister gleichzeitig. Erinnert entfernt an unsere \u201eSuperminister\u201c, die zwei Ministerien in Personalunion betreuten, Schmidt und Clement.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder zu Hause ankomme, f\u00e4llt das vorl\u00e4ufige Fazit zu La Paz so aus: nicht sch\u00f6n, aber interessant. Und anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<p>31. Dezember (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Edith Piaf wurde im Alter von zwei Jahren von ihrer Mutter, die Stra\u00dfens\u00e4ngerin war, im Stich gelassen. Ihr Vater, der in einem Stra\u00dfenzirkus als Schlangenmensch auftrat, gab sie zu seiner Schwiegermutter, die einen Flohzirkus betrieb und sich nicht um das Kind k\u00fcmmerte. Daraufhin gab der Vater sie zu seiner eigenen Mutter, die ein Bordell betrieb. Die Prostituierten k\u00fcmmerten sich wenigstens um das M\u00e4dchen. Sp\u00e4ter tingelte sie mit ihrem Vater durch die Gegend. Oft mussten sie abends in Hauseing\u00e4ngen schlafen, ohne gegessen zu haben. Dann wurde sie entdeckt und schnell ber\u00fchmt. Als ihr Entdecker ermordet wurde, wurde sie der Mitwisserschaft beschuldigt. Sie hatte zahlreiche Liebhaber, aber die gro\u00dfe Liebe ihres Lebens war ein amerikanischer Boxer. Der kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ihre Lieder widmete sie der umstrittenen franz\u00f6sischen Fremdenlegion, und im Krieg umgab sie sich mit deutschen Soldaten im besetzten Frankreich. Nach dem Krieg wurde sie der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt. Ihre Karriere ging weiter, aber sie litt unter Arthritis und nahm Morphium, um die Schmerzen zu lindern. Sie wurde vom Morphium abh\u00e4ngig. Dann brach sie auf der B\u00fchne zusammen. Die \u00c4rzte diagnostizierten Krebs. Sie ging doch noch mal auf die B\u00fchne zur\u00fcck und feierte Erfolge im Olympia. Mit 47 Jahren starb sie. Was f\u00fcr ein Leben! Da muss man schon Charakter haben, um <em>Je ne regrette rien <\/em>zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, stehen die Gondeln der Seilbahn noch still. Erst um 6.30 geht es los.<\/p>\n\n\n\n<p>Strahlender Sonnenschein, als ich aus dem Haus gehe, und ein fast wolkenloser Himmel. Es ist auch l\u00e4ngst nicht so kalt wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gehe ich weiter runter, an der Seilbahnstation vorbei zur <em>Plaza de Espa\u00f1a<\/em>. In der Mitte auf einem Sockel die Statue von Cervantes, mit Gehrock und Halskrause, mit Schriftrolle und Degen. Ergibt im Gegenlicht ein sch\u00f6nes Photo.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Supermarkt, der hier sein soll, versteckt sich und sieht von au\u00dfen etwas mickrig aus. Aber es gibt alles, was man braucht. Ein freundlicher Verk\u00e4ufer f\u00fchrt mich durch die engen G\u00e4nge, damit ich alles finde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Kasse stehe, tr\u00e4gt ein Mann auf seiner Schulter einen ganzen Schweinr\u00fccken herein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende kommt eine ordentliche Rechnung zusammen. Die Hygieneartikel schlagen zu Buche.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen kaufe ich an einem Stand noch Weintrauben und Kirschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg steht an einer H\u00e4userwand ein s\u00e4uberlich geschriebenes Zitat von Bol\u00edvar. Da sagt er, dass die Einheit Amerikas kein Hirngespinst der V\u00f6lker sei, sondern vom Schicksal vorgezeichnet. So kann man sich t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause mit der Einkaufstasche komme ich ordentlich aus der Puste. Ob es an dem steilen Anstieg liegt? Oder an der H\u00f6he? Oder an beidem?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter mit der Seilbahn in die Innenstadt fahre, sehe ich an einer der Stationen den Namen <em>Doppelmayr<\/em>. Das muss der Name des \u00f6sterreichischen Unternehmens sein, das die Seilbahn gebaut hat, genauso wie die in Medell\u00edn. Die funktioniert n\u00e4mlich genauso, hat aber nur eine Linie. Was ich im Leben nicht vermutet h\u00e4tte, jetzt aber aus einschl\u00e4giger Quelle erfahren konnte: Doppelmayr hat auch die Seilbahn f\u00fcr die Bundesgartenschau in Koblenz gebaut!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren \u00fcber ein Basketballfeld mit der bolivianischen Nationalflagge am Zaun. Rot \u2013 Gelb \u2013 Gr\u00fcn. Sch\u00f6ne Farbkombination.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielen roten H\u00e4user an den H\u00e4ngen in der Ferne sehen wie Baukl\u00f6tze aus. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unten, als es auf den <em>Libertador<\/em> zugeht, stehen mehr Hochh\u00e4user. Unter denen stechen zwei hervor. Eins, ein hoher schlanker Quader in elegantem Schwarz und Wei\u00df, und sein Gegenst\u00fcck mit unregelm\u00e4\u00dfig auf die ganze Fassade verteilten Baukl\u00f6tzen in Gelb, Blau, Rot und Wei\u00df. Der Architekt muss fr\u00fcher mit Lego gespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit der <em>L\u00ednea Celeste<\/em> Richtung <em>Prado<\/em>. Hier kreuzt &nbsp;sich unser Weg mit dem der <em>L\u00ednea Plateada<\/em>. Die f\u00e4hrt \u00fcber uns her. Auf dem Boden der Gondeln steht Werbung f\u00fcr Coca-Cola.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <em>16 de Julio<\/em>, das ist die gro\u00dfe Stra\u00dfe, die ins Zentrum f\u00fchrt, steht vor einem Amtsgeb\u00e4ude wieder so eine lange Schlange. Was machen die Menschen am Silvestermorgen wohl hier?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rand sitzt ein \u00e4lteres Ehepaar und macht eint\u00f6nige Musik, mit einer Trommel und einer Rassel.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem modernen Caf\u00e9, dem <em>Punto &amp; Coma<\/em>, mache ich Halt und bestelle ein Sandwich und einen Kaffee. Das, was hier <em>sandwich<\/em> hei\u00dft, ist ein getoastetes Brot. Mit Tomaten und Avocado.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sitze, sehe ich, dass es auch ein <em>Sandwich Alem\u00e1n<\/em> gibt. Mit Wurst, Sauerkraut, H\u00fcttenk\u00e4se, Gurken, Senf und Mayonnaise.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Punkt 10 Uhr stehe ich vor <em>San Francisco<\/em>. Und prompt geht das breite Portal auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zahle meinen Eintritt und werde ich den Kreuzgang geschickt. Sehr sch\u00f6n, mit Arkaden in beiden Stockwerken. Aber hier stimmt was nicht. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite eine durchgehende Wand, die viel moderner aussieht. Die stammt wohl dem Umbau des Klosters nach der Revolution.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Pfeilern des Kreuzgangs sieht man Einkerbungen im Stein. Die kommen aus der Revolutionszeit, als der Kreuzgang als Pferdestall genutzt wurde. An den Pfeilern waren die Pferde angebunden, und die Einkerbungen kommen von den Stricken, mit denen sie hier angebunden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nur zu zweit. Au\u00dfer mir eine Frau, die aus La Paz stammt, aber in Brasilien, in Bahia, lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge F\u00fchrer spricht seinen Text routiniert runter, aber was er zu sagen hat, ist hochinteressant.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon um diese Zeit wird drau\u00dfen so laut geb\u00f6llert, dass man selbst hier oft sein eigenes Wort nicht versteht.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst sehen wir uns einen Saal mit religi\u00f6sen Kunstwerken an, meist Darstellungen aus der Passion. Es sind drei verschiedene Schulen vertreten, die aus Cuzco, die aus Potos\u00ed, die aus La Paz. Man kann aufgrund der Erkl\u00e4rungen tats\u00e4chlich die Unterschiede erkennen, dunkel gegen\u00fcber hell, viele Figuren gegen\u00fcber wenigen Figuren, viele \u201eGleichwertige\u201c gegen\u00fcber einem Protagonisten. In einer Schule malte der Meister nur den Christus und \u00fcberlie\u00df den Sch\u00fclern die Nebenfiguren, und das kann man tats\u00e4chlich an der Qualit\u00e4t der Darstellungen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders interessant einige Details: In einem Gem\u00e4lde sind am Rande viele Gegenst\u00e4nde abgebildet, die etwas mit der Passion oder der christlichen Lehre zu tun haben, wie die Marterwerkzeuge. Das liegt daran, dass die Gem\u00e4lde im Unterricht verwandt wurden und die Abbildungen die Erkl\u00e4rungen unterst\u00fctzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einigen Bildern sind auch amerikanische Gegenst\u00e4nde in die Passion eingewandert, wie die Chulpa, eigentlich eine Tasche zum Aufbewahren von Kokabl\u00e4ttern, hier zum Aufbewahren eines Messers, mit dem Christus Wunden zugef\u00fcgt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Farben wurde der Saft von Pflanzen benutzt, aber auch menschlicher Urin (macht die Farben dunkler!). Bei einer Gei\u00dfelung ist das Blut Christi das Blut von Schafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Saal werden Szenen aus dem Leben von Franziskus dargestellt. Die ersten sehen ganz aus wie Szenen aus einem b\u00fcrgerlichen Leben. Erst danach wird es \u201efrommer\u201c. Wir sehen die Geburt Franziskus\u2018, seine Umkehr (er entledigt sich seiner feinen Kleider und steht fast nackt da), seine Vision, seine Stigmatisierung, seinen Tod. Besonders beeindruckend die Szene, wie er von Mutter und Vater bestraft wird, weil er wertvolles Tuch an die Armen verschenkt hat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Saal geht es in den Kreuzgang. Der ist j\u00fcnger als der erste und sieht auch moderner aus. Das liegt daran, dass sein Vorg\u00e4nger einmal unter Schneelasten zusammenbrach. Die Basis der alten Pfeiler hat man freigelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mauern rundherum sind in intensivem Blau gehalten, eher ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Kreuzgang. Die Farbe soll eine Anspielung auf die unbefleckte Empf\u00e4ngnis sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte ein kleiner Brunnen, und dann rundherum \u00fcberall die unterschiedlichsten Pflanzen, Pfirsich, Lorbeer, Minze, Margeriten, Mohn und viele andere, alle in irgendeiner Verbindung zu Franziskus und den Franziskanern stehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders interessant eine Blume, die <em>Floripondio<\/em> hei\u00dft, mit trompetenartigen, nach unten h\u00e4ngenden Bl\u00fcten. Deren Farben sind Rot, Gelb und Gr\u00fcn, und sie gilt deshalb als Nationalblume Boliviens. Von den Franziskanern wurde sie dagegen wegen ihrer halluzinogenen Wirkung angebaut. Als Mittel gegen Schmerzen und als Mittel f\u00fcr Visionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt daneben ein ganz ungew\u00f6hnlicher Baum, der <em>Quenua<\/em>. Er w\u00e4chst nur in gro\u00dfen H\u00f6henlagen, sogar auf \u00fcber 5.000 Meter. Er h\u00e4lt Temperaturen bis zu -30\u00b0 aus. Dazu tr\u00e4gt auch seine Rinde bei. Die hat verschiedene Lagen, und sie anzuf\u00fchlen ist ganz witzig, wie bei einer alten Zwiebel. Man kann eine der trockenen, zerknitterten Lagen abnehmen, und eine neue kommt zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Kreuzgang geht es in den Weinkeller. Man sieht Kr\u00fcge, F\u00e4sser und eine Kelter. Die Kr\u00fcge werden au\u00dfen durch Draht und Gips gest\u00e4rkt, weil die austretenden Gase sie sonst br\u00fcchig machen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man produzierte s\u00fc\u00dfen Wein, und zwar f\u00fcr drei verschiedene Zwecke, f\u00fcr die Eucharistie, zum Verkauf, f\u00fcr die Versorgung der Missionen im Osten. Heute wird der Wein weiterhin hergestellt, aber von dem zweiten Franziskaner-Orden, den Klarissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Maische wurde Pisco gemacht, und der wurde hei\u00df getrunken, wegen der hier im Winter herrschenden K\u00e4lte. Im Juni wird es hier in der Regel -5\u00b0 bis -10\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Kapelle sehen wir in einem Raum einen Katafalk, eine Totenbahre aus Holz. Sie wurde f\u00fcr jeden M\u00f6nch neu gefertigt und nach der Bestattung verbrannt. Diese hier ist wohl nicht zum Einsatz gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kapelle sieht man eine Bekr\u00f6nung Mariens. Sie tr\u00e4gt au\u00dfer der Krone einen Federbusch, ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr den Synkretismus der christlichen Religion in Amerika.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ein Bild mit einem ganz ungew\u00f6hnlichen Motiv: Die Himmelfahrt Josephs! Der arme Kerl wird ja sonst meistens vernachl\u00e4ssigt, aber hier wird er von Maria und den Engeln in den Himmel emporgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erfahren wir ein ganz interessantes Detail: Die Kapelle hat ein Kreuzgew\u00f6lbe, und das ist nicht nur gut f\u00fcr die Statik, sondern auch f\u00fcr den Transport von T\u00f6nen. Man kann hinten alles bestens verstehen, was vorne gesagt wird, auch in leisen T\u00f6nen. Deshalb werden die M\u00f6nche auch davor gewarnt, in der Kapelle zu tratschen oder zu st\u00e4nkern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang der Kapelle die kniende Figur eines Indios, aus Pappmache. Er kniet vor einer Madonna, die er selbst erschaffen hat, und zwar aus Mag\u00fcey. Ein Exemplar dieser Pflanze steht gleich neben ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Kloster gehen wir in die Kirche, und sehen von oben, vom Westchor, in den Kirchenraum hinab, ein barocker Bau mit einer F\u00fclle von vergoldeten Seitenalt\u00e4ren und dem Hauptaltar als Tusch obendrauf.<\/p>\n\n\n\n<p>An der R\u00fcckseite des Chors erkl\u00e4rt unser F\u00fchrer, aus welchem Stein die Kirche gebaut ist, aus <em>Piedra Comanche<\/em>, einem grauen Granitstein aus der bolivianischen Provinz. Die Steinmetze haben in jeden der von ihnen bearbeiteten Steinbl\u00f6cke ihr Kennzeichen eingeritzt, eine Schlange, ein Lama, ein Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazwischen ein wundersch\u00f6nes Alabasterfenster. Der F\u00fchrer erlaubt mir ausnahmsweise, ein Photo zu machen, obwohl das eigentlich verboten ist. Der Alabaster, erfahren wir, sorgte nicht nur f\u00fcr Licht, sondern auch f\u00fcr W\u00e4rme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der abenteuerliche Aufstieg auf das Dach, \u00fcber einen ganz schmalen, niedrigen Gang mit unregelm\u00e4\u00dfigen Treppenstufen. Wenn man oben ankommt, ist man erleichtert und au\u00dfer Atem.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen auf der Fl\u00e4che, auf der eigentlich der zweite Kirchturm gebaut werden sollte. Dazu kam es aber nicht, aus statischen Gr\u00fcnden. Unter dem Boden von La Paz flie\u00dfen insgesamt 300 kleinere Fl\u00fcsse. Sie m\u00fcnden im <strong>Choqueyapu und sp\u00e4ter im R\u00edo de la Paz. Kein guter Grund f\u00fcr Geb\u00e4ude. Deshalb, so hei\u00dft es, blieben viele Geb\u00e4ude von La Paz unvollendet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von hier oben sieht man auf die sch\u00f6nen Ziegeld\u00e4cher der Kirche, mit roten Hohlpfannen aus Ton, das Dach des Mittelschiffs und das Dach der Seitenschiffe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur anderen Seite blickt man auf einen Platz mit Menschengewimmel hinunter und sieht in der Ferne die Kathedrale von La Paz an der <em>Plaza Murillo<\/em>. Die hab ich noch gar nicht gesehen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir gehen in den Glockenturm und sehen uns die m\u00e4chtigen Glocken an. Sie werden heute nur noch bei besonderen Gelegenheiten gel\u00e4utet. Eine von ihnen wurde von einem M\u00f6nch in der Revolutionszeit so heftig gel\u00e4utet, dass sie Risse bekam. Ein sch\u00f6nes Detail zum Ende einer detailreichen F\u00fchrung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder nach drau\u00dfen komme, hat es angefangen zu regnen. Der Regen durchkreuzt meine Pl\u00e4ne, mir noch den Friedhof anzusehen. Macht nichts, morgen ist auch noch ein Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir aber noch die Kirchenfassade an, mit wunderbarer, \u00fcppiger Steinmetzarbeit und salomonischen S\u00e4ulen in beiden Stockwerken. Die Steinmetzarbeiten stellen nichts Konkretes dar, sind reine Phantasiegebilde. Irgendwo lugen zwei Gesichter aus den Ranken hervor, vielleicht die Sonne. In der Mitte ein San Francisco mit ausgebreiteten Armen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zur Seilbahn kann ich an einer Kreuzung ein Photo von einem der pittoresken Busse machen. Irgendwo habe ich gelesen, dass zwischen Minibussen und Mikrobussen unterschieden wird, und sich beide au\u00dferdem noch von den Bussen unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den \u201ewestlich\u201c gekleideten Passanten immer wieder Frauen \u2013 und nur Frauen \u2013 mit der traditionellen Kleidung, den mehrlagigen R\u00f6cken, von denen ich jetzt aus einer gut informierten Quelle erfahren habe, dass sie <em>Polleras<\/em> hei\u00dfen und dass sich unter ihnen bis zu zehn Unterr\u00f6cke verbergen k\u00f6nnen. Das erzeugt eine ziemlich rundliche Figur. Erg\u00e4nzt werden die <em>Polleras<\/em> durch ein breites Schultertuch und der typischen Melone. Einige der Frauen sind farbenpr\u00e4chtig gekleidet, aber das ist nicht die Regel. Im Allgemeinen sieht die Kleidung eher \u00e4rmlich aus. Eine Ausnahme eine Frau, die ganz in elegantem Schwarz gekleidet ist, mit gestickten Mustern am Rock.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stand kaufe ich ein Sch\u00e4lchen kleingeschnibbeltes Obst. Die Verk\u00e4uferin hat viel Gold im Mund. Das Wechselgeld holt sie aus einer gro\u00dfen Tasche in ihrer Sch\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber ein Mann, der etwas verkauft, was ich hier nicht erwartet habe: Negerk\u00fcsse. Die d\u00fcrfen hier auch noch so hei\u00dfen: <em>Besos de Negro<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mime am Stra\u00dfenrand, ganz in Gold, stellt einen Soldaten mit Maschinengewehr dar. Unbeweglich steht er da, Gewehr im Anschlag. Als ein Passant ihm eine M\u00fcnze gibt, nimmt er Haltung an und gr\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig komme ich an einer Touristeninformation vorbei. Der Mann gibt mir kompetent und geduldig Auskunft. Zum Valle de la Luna k\u00f6nne ich mit den Bussen fahren, kein Problem. Er sagt mir genau, wo ich die Busse finde und wo ich aussteigen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Tiahuanaco besser mit einer organisierten Tour. Warum? Bolivien befinde sich in einer Wirtschaftskrise, sagt er, es mangele vor allem an Benzin. Und bei den Bussen k\u00f6nne es sein, dass die nicht fahren, wenn nicht gen\u00fcgend Passagiere da sind, oder dass sie gar nicht fahren, weil sie kein Benzin bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schw\u00e4tzen noch eine Weile. Er fragt mich nach meiner Reiseroute und ob ich schon mal in Bolivien gewesen sei. Nur Tarija. Tarija? Da ger\u00e4t er richtig ins Schw\u00e4rmen: gutes Wetter, ruhig, und bester Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende bittet er mich, etwas in das G\u00e4stebuch zu schreiben, am besten auf Deutsch. Er hat selbst mal Deutsch gelernt und hei\u00dft passenderweise Germ\u00e1n.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in Sopocachi f\u00e4llt mein Blick auf ein Schild mit der Aufschrift <em>Almuerzo<\/em> vor einem Haus. Aber man kann gar kein Lokal erkennen. Ich gucke mal vorsichtig rein. Der Essraum ist im Keller.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles einfach, der Raum, die Tische, das Besteck, das Geschirr, das Essen. Aber es gibt eine leckere Gem\u00fcsesuppe und ein St\u00fcck Schweinefleisch vom Grill, f\u00fcr sagenhafte 16 Bolivianos.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Herausgehen dr\u00fccke ich der jungen Kellnerin, die die ganze Zeit so flei\u00dfig hin und hergelaufen ist, eine M\u00fcnze in die Hand. Sie ist ganz verdutzt. Sie hat vermutlich noch nie Trinkgeld bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute vor 80 Jahren hielt Kaiser Hirohito seine ber\u00fchmte Rede, in der er (wohl auf Druck der Amerikaner) seinem Volk gegen\u00fcber erkl\u00e4rte, dass er kein Gott sei. Es war das erste Mal, dass seine Untertanen seine Stimme h\u00f6rten. Die meisten verstanden aber gar nicht, was er sagte, weil er in einem Hochjapanisch sprach, das den meisten von ihnen unbekannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zum Friedhof zu kommen, muss ich gleich drei Seilbahnen nehmen, die <em>L\u00ednea Amarilla<\/em>, die <em>L\u00ednea Plateada<\/em>, die <em>L\u00ednea Roja<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der <em>Amarilla<\/em> geht es, wie am ersten Tag, rauf zum <em>Mirador<\/em>. Dort gehe ich in die Cafeteria, denn von hier aus hat man den besten Blick. Die Kellnerin zeigt mir, welcher der Berge der ber\u00fchmte Illimani ist, aber ich kann ihn trotzdem nicht von den anderen unterscheiden. Schnee sehe ich auf jeden Fall nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dichte Wolken, aber die lassen der Sonne genau die L\u00fccke, die sie braucht. Die D\u00e4cher der H\u00e4user unten gl\u00e4nzen im Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der <em>Plateada<\/em> geht es dann <em>noch<\/em> weiter rauf. Ganz tief unten sieht man rechts die Stadt liegen. Gleichzeitig ist links auf unserer H\u00f6he eine Kirche zu sehen und davor ein Stra\u00dfenmarkt. Dann geht mir ein Licht auf: Wir sind in <em>El Alto<\/em>, einer zweiten Stadt, oder einer Stadt innerhalb der Stadt, die ihren Namen wirklich zu Recht tr\u00e4gt. Einige der H\u00e4user, viele mit Wellblechd\u00e4chern in verschiedenen Farben, stehen direkt am Abgrund. Von einer Felsenspitze aus sieht ein segnender Christus mit ausgebreiteten Armen auf die Stadt hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der <em>Roja<\/em> geht es dann steil bergab, so steil, dass es einem fast etwas mulmig wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich hinter dem Ausgang der Seilbahnstation f\u00fchrt ein kleiner Fu\u00dfweg, ges\u00e4umt von Blumenl\u00e4den, zum Friedhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht man durch die Pforte und ist auf den ersten Blick gefangen: Man steht an einem Ende eines schmalen, auf beiden Seiten von Gr\u00e4bern ges\u00e4umten Ganges, dessen anderes Ende so weit weg ist, dass man es kaum sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz vorne rechts ein H\u00e4uschen mit einem Phantasiegem\u00e4lde an der Fassade und einem pathetischen Spruch, der an, wenn ich das richtig verstehe, 50 verstorbene Frauen erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich vorne rechts steht ein Priester im Ornat betend vor einem Grab, neben ihm ein Gitarrenspieler und die Angeh\u00f6rigen, mit ausgebreiteten Armen, eine Indio-Frau klassisch, alle anderen westlich gekleidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof, der <em>Cementerio General de La Paz<\/em>, ist in \u201eStra\u00dfen\u201c aufgeteilt, die mit Zahlen und Buchstaben gekennzeichnet sind (<em>V\u00eda 37, V\u00eda F<\/em>). Er ist riesengro\u00df. Man kann die Zahl der Grabst\u00e4tten gar nicht absch\u00e4tzen, es m\u00fcssen Tausende sein. Im Internet ist von 117.000 die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe den Gang hinunter und sehe mir die Gr\u00e4ber an. Auf beiden Seiten sind sie auf 4-5 Etagen \u00fcbereinander \u201egestapelt\u201c. Eine Familie kommt mit frischen Blumen und schleppt eine Leiter heran. An die 5. Etage kommt man vom Boden aus gar nicht heran.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Gr\u00e4bern, die leer sind, kann man das Prinzip erkennen. Die Grabst\u00e4tten gehen weit in die Wand hinein, der Sarg wird dort hineingeschoben, und nur die Kopfseite des Sargs ist die Grabst\u00e4tte, die man sieht, zugemauert. In der Mauer ist der Name des Verstorbenen eingelassen. Aber den sieht man meist gar nicht, denn es gibt noch einen kleinen Mauervorsprung, oft mit einer Glasplatte abgeschlossen, auf dem die Angeh\u00f6rigen Blumen deponieren und Gegenst\u00e4nde, die an den Toten erinnern. Oben \u00fcber der Glasplatte steht, wer der Tote ist: <em>Pap\u00ed Ad\u00e1n<\/em> \u2013 <em>Querida Mamita<\/em>, <em>Querida Esposa<\/em>, <em>Mi Rosita<\/em>, oder \u2013 origineller <em>Querida<\/em> <em>Gordita<\/em>, <em>Mu\u00f1eca Parlante<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem Glas k\u00fcnstliche Blumen, vor dem Glas aber an vielen Gr\u00e4bern auch frische Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Blumen hinter dem Glas Photos des Verstorbenen, Bibelzitate, Trostspr\u00fcche \u2013 <em>Wir sehen uns wieder, Du wirst immer bei uns sein <\/em>&nbsp;\u2013 Christusfiguren. Vor allem aber Alltagsgegenst\u00e4nde, in Miniatur, die an den Verstorbenen erinnern: Schokoriegel, Luftballons mit Abbildern, Streichholzschachteln, Schnapsgl\u00e4schen, Engel, die die Fl\u00fcgel bewegen, eine Sonne, die die Augen hin und her bewegt, ein Fu\u00dfballtrikot, Panettone-Kartons, Schneem\u00e4nner, Lik\u00f6rflaschen, Bierdosen, Spielzeugautos, eine Mokka-Tasse, Blumen, die winken, eine Narrenkappe und \u2013 immer wieder \u2013 Coca-Cola-Flaschen. Das ist alles unglaublich kitschig, aber gleichzeitig irgendwie bewegend, weil ganz pers\u00f6nlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts ist eine L\u00fccke in der Gr\u00e4berstra\u00dfe. Dort ist das Grabmal eines gewissen Gilberto Roja. Er selbst steht als Bronzefigur davor, mit Hut, Krawatte und Weste, in l\u00e4ssiger Haltung. Im Internet finde ich heraus, dass er Musiker war, Komponist von mehr als 300 popul\u00e4ren Liedern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Querstra\u00dfe. Hier sind wieder Gr\u00e4ber zu beiden Seiten, aber die sind viel kleiner, wenn auch demselben Prinzip folgend. Sollten das etwa Ein\u00e4scherungen sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Genau in dem Moment kreuzt ein Trauerzug meinen Weg. Der Sarg wird von jungen M\u00e4nnern auf den Schultern getragen, dahinter der Priester und ein Gitarrenspieler, gefolgt von der Trauergemeinde, ausgestattet mit einer Unzahl von Blumengestecken, mit Wei\u00df als beherrschender Farbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe sicher nur einen kleinen Teil des Friedhofs gesehen, aber das war schon eine ganz besondere Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich noch nicht ganz am Ausgang bin, f\u00e4ngt es an zu regnen, und der Regen trifft mich mal wieder unvorbereitet. Ich beschlie\u00dfe, die <em>Plaza Murillo<\/em> auf morgen zu verschieben und mache mich auf den R\u00fcckweg.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Seilbahnstation muss ich zum ersten Mal warten. Die Schlange schl\u00e4ngelt sich die ganze Treppe hinunter bis zum Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mich an, aber es geht gar nicht so richtig weiter. Erst oben sehe ich, warum: Die meisten Gondeln kommen schon voll besetzt an. Au\u00dferdem \u201e\u00fcberholen\u201c uns diejenigen, meist \u00c4ltere, die den Aufzug genommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ordnungsbeamter sorgt f\u00fcr den reibungslosen Ablauf. Vor allem ermahnt er die Passagiere in den Gondeln, zusammenzur\u00fccken. F\u00fcnf auf jeder Seite. Dann dirigiert er die Wartenden in die Gondeln. Alte Menschen haben Vortritt. Dazu geh\u00f6re ich Gott sei Dank nicht. Aber ich habe Gl\u00fcck, als in einer Gondel nur ein Platz frei ist. Den nehme ich schnell. Die anderen wollen zusammen fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da man bei jedem Wechsel der Linie neu bezahlen muss, ist mein Guthaben inzwischen so weit geschmolzen, dass ich aufladen muss. Das geht schnell und bequem an jedem Schalter.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sopocachi angekommen, gehe ich in das Lokal, wo ich gestern vorgefragt habe. Hat ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sitzt drau\u00dfen, vor dem Geb\u00e4ude, unter einem sch\u00fctzenden Wellblechdach. Der Regen hat aufgeh\u00f6rt, und es ist warm genug, um drau\u00dfen zu sitzen. Au\u00dfer mir ist nur ein junges Paar zu Gast.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Essen zu einem Festpreis \u2013 50 Bolivianos \u2013 und man hat die Auswahl unter drei Gerichten. Ich nehme Spanferkel, <em>lech\u00f3n<\/em>. Und dazu genehmige ich mir ein Bier. Das kostet, v\u00f6llig unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, 35 Bolivianos.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Essen ist echt toll. Alles aus dem Backofen: das knusprige Spanferkel, die Kartoffel mit Schale, die Banane und eine Knollenfrucht, die <em>camote<\/em> hei\u00dft, eine Art S\u00fc\u00dfkartoffel. Dazu gibt es Reis und einen Salat. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch kommt eine Indio-Frau herein und bietet Papiertaschent\u00fccher und Blumen zum Verkauf an. Ihre Waren tr\u00e4gt sie in dem dicken gestrickten B\u00fcndel auf dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe nach Hause mit dem festen Vorsatz, mir morgen die <em>Plaza Murillo<\/em> nicht entgehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Morgen aus dem Haus gehe, ist es eiskalt. In der Stadt ist es ein bisschen besser, aber es f\u00fchlt sich k\u00e4lter an als die angezeigten 14\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sockel der Bol\u00edvar-Statue steht: <em>Bolivia a Bol\u00edvar<\/em>. Komisch. Bol\u00edvar, der im heutigen Venezuela geboren und im heutigen Kolumbien gestorben ist, hat seinen Namen einem anderen Land verliehen, Bolivien. Und seiner W\u00e4hrung obendrein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig ruhig in der Innenstadt. Weder auf den Stra\u00dfen ist so viel los wie sonst noch auf den Gehsteigen, und viele Gesch\u00e4fte sind geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage einen Mann nach der <em>Plaza Murillo<\/em>, und er deutet in die entgegengesetzte Richtung. Ich solle mitkommen, er gehe auch in diese Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen in die <em>Calle Comercio<\/em> ab. Dort ist sein B\u00fcro. Ob ich mir das ansehen wolle? Ja, warum nicht? Wir kommen in den sch\u00f6nen, aber etwas heruntergekommenen Innenhof eines alten Geb\u00e4udes mit sch\u00f6n geschmiedeten Treppengel\u00e4ndern. Hier sind nur B\u00fcros und Praxen, keine Privatwohnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schlie\u00dft sein B\u00fcro auf. Klein. Auf dem Schreibtisch ein Computer. Er ist wohl so was wie Steuerberater. Arbeitet f\u00fcr Firmen. Daher wird er hier wohl nicht viel Kundenverkehr haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sei 64, arbeite aber immer noch. Er gibt mir seine Visitenkarte und einen Keks und bietet an, mich bis zur <em>Plaza Murillo<\/em> zu begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf der Stra\u00dfe sind, fragt er mich unvermittelt, was ich von Adolfo Hitler halte. Ich versuche, mich irgendwie durchzuwinden, und dann erz\u00e4hlt er mir von einem esoterischen Buch, das ihn sehr gefangengenommen habe. Dort ist Hitler ein Abgesandter der G\u00f6tter. Er wird auf die Welt geschickt, um sie auf den Weg des Heils zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir an der <em>Plaza Murillo<\/em> ankommen, fragt er mich, ob er mir eine elektronische Version des Buchs zukommen lassen soll. Ich lehne dankend ab. H\u00e4tte sowieso mehr B\u00fccher zu Hause auf dem Schreibtisch liegen, als ich in den mir verbliebenen Jahren noch lesen k\u00f6nne. Damit gibt er sich zufrieden und verabschiedet sich freundschaftlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza Murillo<\/em> ist gro\u00df und etwas un\u00fcbersichtlich, aber durchaus sehenswert. Was st\u00f6rt, sind die Tauben und die Tannenb\u00e4ume. Und die Weihnachtsdekoration \u00fcberhaupt. Zu allem \u00dcbel werden die Tauben auch noch gef\u00fcttert, mit dem Mais, das man hier bei den Stra\u00dfenverk\u00e4uferinnen erwerben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza Murillo<\/em> ist voller bizarrer Kontraste. Neben der Kathedrale \u2013 steinsichtig, neoklassisch, gedrungen \u2013 und direkt an sie angrenzend der barocke, rosafarbene Regierungspalast, und direkt dahinter ein riesiger, moderner Klotz, der <em>Casa Grande del Pueblo<\/em> hei\u00dft, aber wohl in erster Linie Amtsr\u00e4ume enth\u00e4lt. Die Kathedrale ist der Nachfolgebau der barocken spanischen Kathedrale. Die wurde abgerissen, nachdem 1831 mitten in der Liturgie der Chor absank und einer der T\u00fcrme einst\u00fcrzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso heftig der Kontrast zwischen dem an der Stelle der ehemaligen Jesuitenkirche erbauten <em>Palacio Legislativo<\/em> und dem dicken, schwarzen Quader dahinter, dem Parlamentsgeb\u00e4ude. Der <em>Palacio Legislativo<\/em> ist stilistisch schwer einzuordnen, hat auch etwas Neoklassisches, ist aber m\u00e4chtiger als der Regierungspalast, mit breiten, wei\u00dfen, \u00fcber zwei Stockwerke verlaufenden S\u00e4ulen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte der Fassade eine Uhr, die jetzt wieder \u201erichtig\u201c l\u00e4uft, im normalen Uhrzeigersinn. Zwischendurch hatte man sie mal andersrum laufen lassen, um zu betonen, dass man sich auf der s\u00fcdlichen Halbkugel befindet. Und da sind die Dinge nun mal andersrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum die Statue Murillos, eines Helden des Unabh\u00e4ngigkeitskriegs. Die ersetzt den Neptunbrunnen, der hier urspr\u00fcnglich stand. Die Statue Murillos wurde in Italien in Auftrag gegeben und \u00fcber den Ozean und dann auf Eselsr\u00fccken \u00fcber Land nach La Paz gebracht. Der mit dem Transport der Statue und anderer Kunstwerke beauftragte Reeder erlitt Schiffbruch, und verschiedene Teile gingen verloren. Kritische Stimmen sagen, es handele sich gar nicht um Murillo, sondern um einen Stierk\u00e4mpfer, denn er h\u00e4lt eine Muleta und einen Sombrero in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Statue ein aufgeschlagenes steinernes \u201eBuch\u201c. Darin liest man den Text einer Freiheitsdeklaration aus dem Jahre 1831.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n, grazil, sind die die Mitte des Platzes umgebenden Figuren, wei\u00dfe weibliche Allegorien, die einerseits die K\u00fcnste, andererseits die Jahreszeiten darstellen, den Herbst mit Weintrauben, den Sommer mit \u00c4hren und Sichel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt zu regnen, und ich mache ich auf den Weg Richtung <em>Museo Etnogr\u00e1fico<\/em>, das mir der Mann so ans Herz gelegt hat. Aber es ist, wie erwartet, geschlossen. Deshalb will ich es in der <em>Calle Ja\u00e9n<\/em> versuchen, wo es gleich mehrere Museen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dorthin sehe ich auf einer \u00dcberf\u00fchrung zwei Jungen, die vier Personenwaagen vor sich aufgebaut haben. Sie wollen sich etwas hinzuverdienen, indem sie die Passanten wiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet jetzt aber so stark, dass ich mich irgendwo unterstellen muss. Dann fl\u00fcchte ich mich in ein sch\u00e4biges Caf\u00e9, wo ich ein Br\u00f6tchen bekomme und einen Kaffee, den ich aber am Ende stehen lasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zur <em>Calle Ja\u00e9n<\/em> gestaltet sich schwer. Sie liegt doch weiter abseits, als ich dachte. Es regnet wieder ganz heftig, und die Tropfen sind so hart wie Hagel. Aber dann l\u00e4sst der Regen wieder nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zu einer museal aussehenden Stra\u00dfe, aber die ist es nicht. Ich muss noch mal rauf und noch ein paarmal abbiegen, bis ich sie endlich erreiche, die <em>Calle Ja\u00e9n<\/em>, eine schmale, h\u00fcbsche Stra\u00dfe mit Kopfsteinpflaster und einem Torbogen an ihrem Ende. Hier ist kein Mensch. Und die Museen sind alle verriegelt und verrammelt. Aber es gibt wenigstens eine Erkl\u00e4rung: Wegen Ausbesserungsarbeiten geschlossen. Am 3. Januar, also morgen, soll es wieder losgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verlasse die <em>Calle Ja\u00e9n <\/em>durch den Torbogen am Ende und komme in eine ganz andere Gegend, mit gro\u00dfen Kreuzungen und Tankstellen und Firmengeb\u00e4uden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie frage ich mich durch und komme schlie\u00dflich zu einem riesigen Stra\u00dfenmarkt, der sich \u00fcber ein ganzes Viertel erstreckt. Aber: Ist dies der <em>Mercado de las Brujas<\/em>? Sieht nicht so aus. Der Markt sieht aus wie einer, den ich schon Dutzende von Malen gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df auch nicht so recht, wen ich fragen soll, bis ich einen Mann sehe, der sich irgendwo untergestellt hat. Er wei\u00df Bescheid, deutet in die Richtung, sagt dann aber, er werde mit mir gehen. Schnellen Schrittes durcheilen wir den Markt, bis wir zu einer Kreuzung zwischen zwei Marktbereichen kommen. Dort schickt er mich die Stra\u00dfe runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann endlich finde ich den <em>Mercado de las Brujas<\/em>. Hat vielleicht nicht ganz so die Atmosph\u00e4re, die ich mir vorgestellt habe, weil er sich zum gro\u00dfen Teil an einer normalen Stra\u00dfe entlangzieht, aber interessant ist er alle Male.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesch\u00e4fte hei\u00dfen hier <em>Casa Esot\u00e9rica<\/em>, <em>Angel de la Guardia<\/em>, <em>Mano Poderosa<\/em>, <em>Tienda Esot\u00e9rica<\/em>. In den Auslagen vor den Gesch\u00e4ften sieht man Kr\u00e4uter, Wurzeln, H\u00f6lzer (<em>Palo<\/em> <em>Santo<\/em>), Steine (<em>Piedra<\/em> <em>Luna<\/em>), Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt fertige Packungen mit Kr\u00e4utermischungen zum Verbrennen, f\u00fcr die Pachamama. Die Packungen enthalten auch einen 100-Dollar-Schein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben gibt es geschnitzte Talismane und steinerne Totenk\u00f6pfe. Oben an den Gesch\u00e4ften h\u00e4ngen die Eingeweide von Lamas und die Gerippe von Nagetieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden auch <em>Lecturas<\/em> angeboten, Weissagungen aufgrund der Lekt\u00fcre von Karten, Kerzen und Koka.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich finde ich mich auf einer Stra\u00dfe mit Musikinstrumentengesch\u00e4ften wieder. \u00dcber der Stra\u00dfe h\u00e4ngen ganze Reihen von nachgebildeten Musikinstrumenten als Schmuck.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann bin ich pl\u00f6tzlich wieder da, wo ich dieser Tage war, in dem Touristenviertel um das <em>Museo de la Coca<\/em> herum. Ich hole bei einem Reiseveranstalter Informationen \u00fcber Ausfl\u00fcge nach Tiahuanaco ein und mache mich dann wieder auf den Heimweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer unsichtbaren Quelle, in der N\u00e4he eines Mannes, der gerade seinen Verkaufsstand aufbaut, ert\u00f6nt <em>Paint it, black <\/em>von den Rolling Stones. Das perfekte Mittel, um einen Ohrwurm loszuwerden, der mich seit Tagen im Griff hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich im Zentrum auf Gedeih und Verderb keinen Fris\u00f6rsalon finden kann, versuche ich es in Sopacachi an der <em>Plaza Espa\u00f1a<\/em>. Ich finde zwei. Beide geschlossen. Nicht zum ersten Mal, dass ich auf dieser Reise vor verschlossenen T\u00fcren stehe. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>3. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Bolivien hat mit den Wahlen vom letzten Jahr einen politischen Wandel erfahren. Der neue Pr\u00e4sident, der passenderweise Paz hei\u00dft, vertritt eine moderat konservative Richtung. In der Stichwahl hat er sich gegen einen radikaleren Kandidaten von rechts, einen bolivianischen Milei, durchgesetzt. Vorher war der Versuch, einen gemeinsamen konservativen Kandidaten aufzustellen, gescheitert. Dennoch ist jetzt eine \u00c4ra zu Ende gegangen, 20 Jahre Dominanz der MAS (<em>Movimiento al Socialismo<\/em>). Das liegt in erster Linie daran, dass die Linke sich selbst zerlegt hat. Morales hat sich mit seinem Nachfolger, Arce, seinem ehemaligen Freund, zerstritten und hat seinen Anh\u00e4ngern empfohlen, ung\u00fcltig zu w\u00e4hlen (immerhin 20%). Er hat sich irgendwo in der Wildnis in Cochabamba verbarrikadiert, hinter einer improvisierten Festung aus Holzpf\u00e4hlen, \u00d6lf\u00e4ssern und Autoreifen, von seinen immer noch zahlreichen Anh\u00e4ngern von der Au\u00dfenwelt abgeschirmt. Er hofft immer noch auf ein Comeback, obwohl das Verfassungsgericht entschieden hat, dass eine weitere Kandidatur nicht rechtens ist. Seine Gegner wollen &nbsp;ihn am liebsten vor Gericht sehen. Er war seinerzeit die popul\u00e4rste Figur Boliviens und ist jetzt die umstrittenste. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist das Wetter viel besser. Und das Ethnographische Museum hat ge\u00f6ffnet!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist in einem palast\u00e4hnlichen Geb\u00e4ude aus der Kolonialzeit untergebracht, was man aber leicht \u00fcbersehen kann, weil es nicht f\u00fcr sich steht und an einer schmalen, aber vielbefahrenen Stra\u00dfe liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Pracht zeigt sich, wenn man in den Innenhof kommt. Vor allem ein wunderbares barockes Portal mit feinen, in den Stein gemei\u00dfelten Verzierungen ist ein Hingucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Drinnen ist das Museum aber hochmodern, mit abgedunkelten R\u00e4umen und gut beleuchteten Exponaten, mit einem neuen Thema in jedem Saal. Die Anordnung ist nicht chronologisch, man will wohl die Kontinuit\u00e4t betonen. So kann ein zeitgen\u00f6ssischer Umhang neben einem ausgestellt sein, der 500 Jahre alt ist. Die Beschriftung ist manchmal schwer zu lesen und nur auf Spanisch. Da fehlt mir manchmal der Seitenblick aufs Englische, wenn was unklar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Abteilung widmet sich den Textilien. Man sieht die unbearbeitete und bearbeitete Wolle von Vikunja, Guanako, Lama und Alpaka in ihren nat\u00fcrlichen Farben. Die Wolle der Vikunjas ist kaffeebraun von Natur aus, bei den anderen Tieren kommen alle m\u00f6glichen Farben vor.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand gro\u00dfe Photos von allen vier Tieren. Hier werden Guanako und Vikunja als wilde Tiere klassifiziert, Lama und Alpaka als domestizierte Tiere. Tats\u00e4chlich sehen sie sich untereinander auch \u00e4hnlich. Guanako und Vikunja haben wirklich was von Reh, in ihrer Figur und in ihren Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Vitrinen sieht man moderne Spindeln neben einem Spinnrad, das uralt aussieht, aber von 1900 stammt. Hier haben sich die Dinge vermutlich jahrhundertelang nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4rbemittel gibt es in den unterschiedlichsten Formen, pflanzlich und tierisch, in Form von Bl\u00e4ttern, Steinen, K\u00f6rnern und gemahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den T\u00fcchern aus der Zeit von 1000 \u2013 1400 sieht man, wie man unter Verwendung unterschiedlicher Stoffe auch ohne F\u00e4rben schon Muster herstellen konnte. Die modernen T\u00fccher haben dagegen ganz andere, leuchtende Farben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt ist eine ganze Reihe von T\u00fcchern, handgewebt, rechteckig, deren Zweck man auf den ersten Blick gar nicht erkennen kann. Es sind Schultert\u00fccher. Sie hei\u00dfen <em>lliclla<\/em>, sind sehr farbenfroh und in allen m\u00f6glichen Variationen vorhanden. Sie werden mit einem dekorativen Pin befestigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Saal gibt es die Trachten zu sehen, anhand von Kleiderpuppen ausgestellt. Eine unglaubliche Vielfalt, vom einfarbigen Poncho bis zum bestickten, bunten Minirock. Eine Frau tr\u00e4gt eine Kapuze, die aus einem deutschen M\u00e4rchen zu stammen scheint, ein Mann tr\u00e4gt nur einen Lendenschurz aus Federn, der nur mit M\u00fche in die Kategorie \u201eTrachten\u201c passt, eine Frau tr\u00e4gt ein langes, eng geschnittenes Kleid, das man auch auf einer europ\u00e4ischen Vernissage tragen k\u00f6nnte. Und eine Frau tr\u00e4gt ein kurzes Kleid mit breiten Epauletten. Sie k\u00f6nnte das Kleid ohne weiteres auf dem Laufsteg pr\u00e4sentieren. Besonders kurios das Material, aus dem das Kleid gemacht ist: Baumrinde!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Kopfbedeckungen ist der Klassiker der spitz zulaufende Hut mit Ohrenklappen und Bommeln. Es scheint aber so zu sein, dass diese so traditionell aussehende Kleidung eher neueren Datums ist. Die \u00e4lteren Modelle sind meist halbrund. Hier, wie bei den Schultert\u00fcchern und den Trachten, gilt, dass es sich nicht nur um Kleidung im praktischen Sinne handelt, sondern auch um ein Zeichen kultureller Identit\u00e4t und des sozialen Status. Ist vielleicht in allen Gesellschaften so, aber nicht immer so offensichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen die Masken, in einem abgedunkelten Raum pr\u00e4sentiert und hell erleuchtet. Das schafft die entsprechende Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nur eine alte Maske, eine Totenmaske der Nazca. Ist ziemlich primitiv, mit einem kreisrunden Gesicht, einer spitzen Nase und L\u00f6chern f\u00fcr die Augen. Sieht nicht nach Totenmaske aus. Und man sieht auch nicht, dass sie aus Holz gemacht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Masken sind universal und erm\u00f6glichen uns, eine andere Identit\u00e4t anzunehmen. Das kann ganz spielerische oder spirituelle Zwecke haben. Um die geht es hier, um das Aufnehmen der Verbindung mit den Ahnen, mit den Tieren und mit \u00fcberweltlichen Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Masken haben die unterschiedlichsten Formen: Jaguar, Hexe, Kondor, Sonne, Stier, Opa, Schwein, Teufelin. Alle sind stark verfremdet, ein Bed\u00fcrfnis nach naturalistischer Darstellung ist nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen all diesen Wesen ist auch ein San Miguel vertreten, Zeichen des Synkretismus der indoamerikanischen Kulturen. Auch haben viele Masken eine Tabakpfeife im Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige, aber nicht alle Masken sehen furchterregend aus. Eine scheint direkt aus <em>Harry Potter<\/em> entlehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Keramik stelle ich mir bei vielen Figuren die Frage, welche Funktion die Gef\u00e4\u00dfe wohl haben. Sind es Trinkgef\u00e4\u00dfe, dienen sie der Aufbewahrung von Objekten oder sind sie rein dekorativ? Die meisten haben an irgendeiner Stelle ein Loch, einen Ausguss, scheinen aber f\u00fcrs Trinken etwas unpraktisch zu sein. Viele Gef\u00e4\u00dfe stellen etwas dar: einen Stier, einen sitzenden Mann, eine Ente, ein Lama, ein Huf und einem Kerl, der l\u00e4chelnd auf seinen Phallus blickt. Der ist gr\u00f6\u00dfer als er selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in anderen Museen gibt es auch hier Schalen mit Figuren auf dem Boden, wie eine ganze Herde von Lamas im Miniaturformat. Welchen Zweck, welche Bedeutung das haben kann, ist mir unklar.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Abteilung, in der es um den Herstellungsprozess geht, sieht man Werkzeuge wie \u00c4xte, Hammer und Siebe und Ton, ganz und gemahlen, gelblich, wei\u00df, schwarz, gr\u00fcnlich, orange.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich, was dem Ton so alles beigemischt wird: Sand, Stroh, Muschel, Glimmer und sogar \u2013 kann das sein? \u2013 Batate, S\u00fc\u00dfkartoffel. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Abteilung geht es um Federn, um Kopfschmuck. Wieder eine unglaubliche Vielfalt, und verr\u00fcckte, meterhohe oder weit auslaufende Gebilde, wo man sich fragt, wie man die \u00fcberhaupt tragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Federn stammen von Tukanen, Papageien, Kotingas, Loris und Fasanen, und da sie alle m\u00fchsam aus dem Amazonasgebiet in die Anden transportiert werden mussten, galten sie hier als besonders wertvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Saal, den ich mir ansehe, handelt von Metallen. Es gibt Schmuck, Werkzeuge und Gef\u00e4\u00dfe zu sehen. Als Metalle sind vertreten Gold, Silber, Kupfer, Bronze.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Goldschmuck ist teils gl\u00e4nzend, teils matt. Woran das liegt, wird nicht klar. Es gibt Diademe, Ketten, Armb\u00e4nder, aber auch Figuren wie die eines kleinen Mannes mit Piercing in der Lippe. Auch Gef\u00e4\u00dfe mit halbmenschlichen Gesichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmuck aus Silber gibt es nicht so viel, daf\u00fcr eher feines Essbesteck aus Silber, L\u00f6ffelchen, Becher und Zangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kupfer hatte in Bolivien wohl eine ganz besondere Bedeutung. Es wurde f\u00fcr Waffen benutzt wie die Kugeln der Schleuder und als Totschl\u00e4ger, aber genauso f\u00fcr Werkzeuge wie \u00c4xte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bronze findet am meisten im Haushalt Verwendung: Kessel, Sch\u00f6pfl\u00f6ffel, Vasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am interessantesten ist in diesem Saal die Erkl\u00e4rung von Mineral zu Metall. Man sieht die Nachbildung von kleinen Schmelz\u00f6fen, aus Ton, von au\u00dfen und von innen. Die Schmelz\u00f6fen sind durchl\u00f6chert, um Luft reinzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Mineral wird erst abgebaut, dann zerkleinert. Es wird dann mit anderen Mineralien wie Galenit (Bleiglanz) vermischt, und wird dann in einem komplizierten chemischen Prozess unter der Zuhilfenahme von Bleioxid zu Metall. Wieder was dazugelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt sind meine Beine m\u00fcde. Im Museum gibt es nirgendwo eine M\u00f6glichkeit, sich hinzusetzen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Museum komme, gehe ich ohne gro\u00dfe \u00dcberlegung noch mal Richtung Plaza Murillo. Eine gute Entscheidung, denn auf dem Weg f\u00e4llt mein Blick auf das Schild <em>Sal\u00f3n de Belleza<\/em>. F\u00fchle mich nicht angesprochen, aber versuche dennoch mein Gl\u00fcck dort. Ob sie auch M\u00e4nnerhaarschnitte machen, frage ich. Ja, sagt die junge Frau sehr freundlich, 40 Bolivianos. Gemacht. Sie f\u00fchrt mich zu einem Waschbecken, w\u00e4scht mir die Haare und bittet mich, einen Moment auf den Fris\u00f6r zu warten. Da kommt mir pl\u00f6tzlich in den Sinn, zu fragen, ob sie nicht eventuell auch Pedik\u00fcre machen. Ja, 100 Bolivianos. Scheint mir zwar etwas unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig im Vergleich zum Haarschnitt, aber ich nehme nat\u00fcrlich gerne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Fris\u00f6r, ein stattlicher Mann mit opulentem Kopfhaar. Er bindet sich eine Ledersch\u00fcrze um, die Taschen f\u00fcr seine Werkzeuge hat, K\u00e4mme, Scheren, Rasiermesser.<\/p>\n\n\n\n<p>Er macht sich an die Arbeit, und wir kommen sofort ins Gespr\u00e4ch. Er fragt nach meiner Reiseroute und sagt mir, ich m\u00fcsse unbedingt auch mal Uruguay besuchen. Stolz kann ich vermelden, dass ich da schon mal war: Montevideo, Colonia, Paysand\u00fa. Kennt er alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwas an seinem Akzent f\u00e4llt mir auf. Volltreffer! Er ist Argentinier! Mit uruguayischen Wurzeln. Sofort erz\u00e4hle ich von meinen argentinischen Freunden, daheim und ausw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was hat ihn nach Bolivien verschlagen? Meine Frau, sagt er, und zeigt auf die junge Frau, die mich in Empfang genommen hat und die inzwischen selbst Kundschaft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Er macht seine Sache ausgesprochen gut, schafft es sogar, im Gegensatz zu den meisten Fris\u00f6ren, den Haarschnitt nicht so aussehen zu lassen, als ob man gerade vom Fris\u00f6r komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach werde ich in ein kleines abgetrenntes Hinterst\u00fcbchen gef\u00fchrt und bekomme erst einmal eine Fu\u00dfmassage in hei\u00dfem Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die junge Frau und geht ans Werk. Sie macht ihre Arbeit genauso gut wie ihr Mann. Vielleicht ist es Schicksal gewesen, dass die Fris\u00f6rsalons in Sopocachi gestern geschlossen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau erz\u00e4hlt mir noch etwas mehr im Detail ihre Geschichte. Sie hat hier in La Paz ihr Abitur gemacht und ist dann ihren Eltern gefolgt, die nach Buenos Aires umgezogen waren. Dort hat sie dann ihre Ausbildung gemacht und dabei ihren sp\u00e4teren Mann kennengelernt. Sie waren lange Jahre in Buenos Aires und sind dann zusammen mit ihren Eltern wieder nach La Paz zur\u00fcckgekehrt. Sch\u00f6n, so haben beide das Land des anderen kennengelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr zufrieden mache ich mich auf den Weg zur Plaza Murillo. Diesmal ist die Kathedrale ge\u00f6ffnet. Sie ist erstaunlich gro\u00df, f\u00fcnfschiffig, das gedrungene \u00c4u\u00dfere l\u00e4sst das nicht vermuten. Die Seitenschiffe sind so hoch, dass man einen einzigen Raum wahrzunehmen scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Patrozinium ist Nuestra Se\u00f1ora de la Paz, vermutlich die Namensgeberin der Stadt. An den Seitenalt\u00e4ren Santa Barbara mit ihrem Turm, San Roque mit Hund, seinen Rock l\u00fcftend, damit man seine Wunde sehen kann, San Jos\u00e9 mit dem Jesuskind auf dem Arm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten hat die Ausstattung nichts Besonderes zu bieten, bis auf den sehr sch\u00f6n ziselierten Marmorsitz des Bischofs aus dem 17. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz sehe ich die B\u00fcste eines Mannes, dem der Ausspruch zugeschrieben wird, er sei kein Feind der Reichen, aber wohl ein Freud der Armen. Es handelt sich um einen ehemaligen Pr\u00e4sidenten Boliviens, Gualberto Villarroel. Er wird von vielen Bolivianern als M\u00e4rtyrer verehrt und ist vor allem durch seinen dramatischen Tod in Erinnerung. Als regierungsfeindliche Truppen den Pr\u00e4sidentenpalast belagerten, dankte er ab, aber die Massen st\u00fcrmten den Palast, t\u00f6teten ihn, warfen in durch das Fenster und h\u00e4ngten seine Leiche an einem Laternenpfahl hier auf dem Platz auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich drehe noch eine Runde und entdecke an der Umfassungsmauer den Kil\u00f3metro 0, von dem aus, nach Madrider Beispiel, alle Entfernungen in Bolivien berechnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich noch, das gute Wetter ausnutzend, einen Spaziergang \u00fcber die 16 de Julio, auf dem breiten Mittelstreifen, mit einigen sch\u00f6n angelegten Blumenbeeten und dem (einger\u00fcsteten) Denkmal von Kolumbus, bis zu dem Mann, der auf dem Sofa sitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zur\u00fcck \u00fcber den B\u00fcrgersteig. Dabei kommt mir wieder mal ein Mann entgegen, der ein Eisengestell mit sich schleppt, dann eine Frau, die Kleiderpuppen tr\u00e4gt, dann ein Ehepaar, das Obstkisten tr\u00e4gt. Alle scheinen st\u00e4ndig was durch die Gegend zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend das architektonische Durcheinander. So was wie Stadtplanung hat es hier nie gegeben. Alt neben neu, gro\u00df neben klein, h\u00e4sslich neben sch\u00f6n. Erst kommt eine Kirche, direkt daneben ein sch\u00e4biger Eingang in eine schummrige Passage, dann ein etwas zur\u00fcckliegendes Haus aus der Kolonialzeit mit Leuchtreklame an der Fassade und modernem Schuhwerk im Fenster, dann ein altes Hochhaus gleich neben einem neuen Hochhaus, dann ein niedriges nichtssagendes Haus mit einem Wolkenkratzer direkt dahinter. Dazwischen ein Fast-Food-Lokal nach dem anderen. Ich habe so viel Hunger, dass ich fast einen Hamburger esse, lasse mich dann aber von der Schlange an der Kasse abschrecken und gehe etwas weiter in eine Art Pizzeria.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier bekomme ich eine gar nicht schlecht schmeckende Lasagne, die ihre 35 Bolvianos auf jeden Fall wert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse werde ich gefragt \u201e\u00bfSin datos para la factura?\u201c Muss irgendwas mit Steuern zu tun haben, f\u00fcr Leute, die die Kosten von den Steuern absetzen k\u00f6nnen. Gutes Beispiel, um das Argument einer Kollegin von der Uni auszuhebeln, die argumentiert, in solchen Situationen k\u00f6nne man auch mit geringen Sprachkenntnissen die Bedeutung aus dem Kontext zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mir die Rechnung an. Darauf steht ein Spruch des Finanzministers, der besagt, diese Rechnung trage zur Entwicklung des Landes bei. Ein Seitenhieb auf diejenigen, die ihre Waren schwarz verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann muss ich noch mal zur\u00fcck. Zum Geldwechseln. Es herrscht Ebbe im Portemonnaie. Ich lande wieder in dem Nagelstudio mit Wechselstube.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich von der Seilbahn aus eine elektronisches Plakat, auf dem steht: <em>Siete a\u00f1os volando por los cielos<\/em>. Daneben eine Gondel der Seilbahn. Gibt es die Seilbahn erst seit sieben Jahren? Kaum vorstellbar. Laut Internet wurde die erste Linie 2014 eingeweiht.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen zuf\u00e4llig auf ein wunderbares Zitat von Plinius gesto\u00dfen: \u201eEs gab Zirkusspiele, und diese Art der Schaustellung hat f\u00fcr mich nicht den geringsten Reiz. Nichts Neues, keine Abwechslung, nichts, was einmal gesehen zu haben gen\u00fcgte. Umso mehr wundert es mich, dass so viele Tausende so kindisch immer wieder rennende Pferde und auf den Rennwagen stehende M\u00e4nner zu sehen verlangen \u2026 Wenn ich bedenke, dass sie bei einer so seichten, albernen, eint\u00f6nigen Sache herumsitzen und nicht genug bekommen k\u00f6nnen, dann macht es mir doch einiges Vergn\u00fcgen, dass das mir doch kein Vergn\u00fcgen macht.\u201c Da kann man vieles andere an die Stelle von Wagenrennen setzen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kommt Evangelina. Nach dem Ende eines zerm\u00fcrbenden Schuljahres und einer zweit\u00e4gigen Busfahrt mit der \u00dcberwindung eines H\u00f6henunterschieds von fast 3.000 Metern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme ein Taxi zum Busbahnhof. Und bin v\u00f6llig verwirrt, als der Taxifahrer mich fragt, welcher? Ich wusste nicht, dass es zwei gab. Das ist so eine typische H\u00fcrde auf Reisen, mit der man nicht rechnet. Es geht gut, irgendwie handeln wir aus, was wir meinen, und ich komme zum richtigen Busbahnhof, dem, auf dem ich selbst auch angekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ist so gro\u00df, dass man leicht den \u00dcberblick verliert. Wo die Busse der einzelnen Unternehmen abfahren, ist noch relativ gut rauszukriegen, aber: Wo kommen sie an? Schlie\u00dflich finde ich heraus, dass ihr Bus ganz am anderen Ende des Busbahnhofs, auf einem ziemlich sch\u00e4bigen Hinterhof, ankommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist es endlich so weit. Mit vier Stunden Versp\u00e4tung, nachdem ihre gebuchte Fahrt ausgefallen ist, f\u00e4hrt ein etwas klappriger, nicht sehr bequem aussehender Bus in den Hinterhof ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wundert sich, wie dick die Menschen hier eingepackt sind, mit dicken Jacken und M\u00fctzen. Selbst ist sie noch ziemlich leicht gekleidet, aber Gott sei Dank ist es heute nicht so kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren nach Hause, wo es erst mal ein ordentliches Fr\u00fchst\u00fcck gibt. Trotz der langen Fahrt will sie lieber in die Stadt fahren als zu schlafen. Sie kennt La Paz ganz fl\u00fcchtig von einer fr\u00fcheren Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren mit der Seilbahn rauf und dann in die Stadt runter. Sie fragt einen Mann, der mit Eierkartons beladen in unsere Gondel steigt, wie das denn am Anfang gewesen sei, als die Seilbahn eingef\u00fchrt wurde. Es sei ihnen erst ein bisschen teuer vorgekommen, sagt der. Aber jetzt sei es in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter steigt ein Ehepaar mit Hund und zwei T\u00f6chtern mit Zahnspangen im Teenageralter ein. Der Hund windet sich wild auf dem Boden. Er fahre so gerne Seilbahn, sagt er Vater. Viel lieber als Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann ist sehr gespr\u00e4chig, fragt uns woher wir k\u00e4men und erkl\u00e4rt, sie seien Bolivianer, aus La Paz. Sie spr\u00e4chen Aymara. Keiner von uns beiden bekommt mit, ob sie untereinander tats\u00e4chlich Aymara oder doch Spanisch sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange es die Seilbahn schon gebe, fragt Evangelina. Sie einigen sich auf 10 Jahre, 2015. Und wie das gewesen sei, vorher. Nicht so toll, immer rauf. Mit dem Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage nach dem Illimani. Den kann man wieder nicht sehen, liegt unter Wolken. Und das Valle de la Luna? Hinter den Bergen, kann man von hier aus nicht sehen,<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Station spricht der Aufsichtsbeamte in die Gondel rein: \u201eEl uso del bozal es obligatorio durante todo el trayecto.\u201c Der Hund muss in der Seilbahn einen Mundkorb tragen. Pflichtgem\u00e4\u00df legen sie ihm ihn an, nehmen ihn aber sofort wieder ab, als wir die Station hinter uns lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mache ich eine Entdeckung. Die T\u00f6chter wissen, wie man hier ein \u201eFenster\u201c \u00f6ffnen kann. Auf beiden Seiten ist oben ein ganz kleinteiliges Gitter, und die Scheibe davor kann man rauf- oder runterschieben. Zu meinem Vergn\u00fcgen wusste der Vater das auch nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina fragt nach den Bauarbeiten ganz hinten, an einem der Berge, am Abhang. Da w\u00fcrden H\u00e4user gebaut, sagt der Vater. Obwohl das gef\u00e4hrlich sei. Bei den starken Regenf\u00e4llen hier best\u00fcnde dort gro\u00dfe Gefahr vor Erdrutschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten angekommen, machen wir einen Spaziergang an der 16 de Julio entlang. Es ist richtig warm, ich bereue es, meine Regenjacke angezogen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen den Mittelstreifen runter bis zu dem Mann auf dem Sofa und machen gegenseitig Photos von uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck Richtung Innenstadt. Auch Evangelina f\u00e4llt auf Anhieb der wilde Stilmix in der Bebauung auf. Ein altes Kolonialhaus verbirgt sich hinter der Plastikplane eines Fast-Food-Ladens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an San Francisco vorbei, an das sie sich vage erinnern kann, und gehen zur Plaza Murillo. Pl\u00f6tzlich fallen ein paar Tropfen, nach wenigen Minuten sch\u00fcttet es nur so. Wir machen uns auf den Heimweg, fl\u00fcchten von Unterschlupf zu Unterschlupf auf der 16 de Julio und sehen zu, wie der Regen sich in Hagel verwandelt. Einigerma\u00dfen unbeschadet kommen wir zur Seilbahnstation, und stellen in Sopocachi fest, dass der Regen aufgeh\u00f6rt hat. Auf dem Weg zur Unterkunft kommt auch Evangelina m\u00e4chtig aus der Puste, aber sie findet das gar nicht schlimm, sie habe sowieso in letzter Zeit die k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung vernachl\u00e4ssigt. Das tue ihr jetzt gut. So kann man das auch sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem kleinen Imbiss zu Hause besprechen wir unsere Reiseroute. Sind lange unschl\u00fcssig, bis Evangelina Santa Cruz ins Spiel bringt. Das schien mir ein bisschen weit abgelegen. Aber wir haben Zeit, die grobe Richtung stimmt, die Stadt soll ganz sch\u00f6n sein und wir kommen in eine ganz andere Landschaft, ins Amazonasgebiet. Und da k\u00f6nnen M\u00fctze und Schal im Schrank bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat mich wegen einer ausgelaufenen Salbe auf Deutsch fluchen h\u00f6ren und versucht jetzt, mich nachzumachen: \u201eSchmei\u00dfer!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>5. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Mensch in seinem Wissensdrang \/ sinniert und forscht sein Leben lang \/ um dann verzichtend einzusehen \/ im Grunde kann er nichts verstehen.\u201c (Karl von Frisch, Bienenforscher)<\/p>\n\n\n\n<p>Wann endet die Weihnachtszeit? Wir sind unterschiedlicher Meinung. Ich behaupte, am 6. Januar, Epiphanie. Aber das scheint nicht zu stimmen. Die Weihnachtszeit endet am Sonntag <em>nach<\/em> Epiphanie. Man sollte sich seiner Sache nie zu sicher sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen sehe ich, wie die Seilbahn stillsteht. Mit Passagieren in den Gondeln. Kein gutes Gef\u00fchl. Gott sei Dank setzt sie sich dann wieder in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen geht es zuerst Richtung Reiseb\u00fcro. In Sopocachi ist es kalt, in der Innenstadt warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder so eine unendliche Schlange auf der 16 de Julio. Evangelina fragt nach: Man steht hier an, um eine Geburtsurkunde ausgestellt zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina macht mich in einem Schaufenster auf <em>Essen<\/em> aufmerksam. Das ist der Name einer in Argentinien bekannten Firma, die Kochgeschirr herstellt. Sie wei\u00df auch, dass <em>Essen<\/em> auch der Name einer deutschen Stadt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Reiseb\u00fcro buchen wir die Fahrt nach Tiahuanaco f\u00fcr morgen. Wir sollen um 8 Uhr hier sein. F\u00fcr den Fall, dass die Abfahrt wegen der Stra\u00dfenblockaden fr\u00fcher erfolgt, w\u00fcrden wir benachrichtigt. Evangelina fragt nach: Wogegen richten sich die Stra\u00dfenblockaden? Gegen die Regierung im Allgemeinen, aber besonders gegen die Streichung der Subventionen f\u00fcr \u00d6l und Gas. Die sind in Bolivien seit Morales Zeiten \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgig gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns den <em>Mercado de Brujas<\/em> an und suchen dann nach einem Mikrobus, der nach Mallasa f\u00e4hrt. Gar nicht so einfach bei den vielen Haltepl\u00e4tzen und der unendlichen Zahl von Bussen. Wir werden hin und her und rauf und runter geschickt, am Ende landen wir wieder bei San Francisco. Hier an der Ampel halten die Mikrobusse in drei Reihen. Evangelina schafft es, sich zu einem in der Mitte durchzuwinden. Nein, der ist es nicht. Wir sollen den 921 nehmen. Das ruft sie mir zu. Das h\u00f6rt eine Frau an ihrem Getr\u00e4nkestand und sagt, nein, nicht 921, den 902 sollen wir nehmen. Der fahre zum Valle de la Luna.<\/p>\n\n\n\n<p>Recht hat sie. Bald taucht einer auf. Er scheint voll zu sein, aber die Fahrg\u00e4ste wissen, dass es noch einen Sperrsitz gibt. Der wird w\u00e4hrend der ganzen Fahrt immer wieder zusammengeklappt und aufgeklappt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt ist ein Erlebnis in sich. Unser Geld werden wir nicht los. Man zahlt am Ende, nachdem man ausgestiegen ist, und zwar durch das Beifahrerfenster, wie bei den Londoner Taxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist st\u00e4ndig Bewegung, es wird an jeder Ecke ein- und ausgestiegen. Haltestellen gibt es nicht. Wenn man einsteigen will, hebt man die Hand, und wenn Platz ist, h\u00e4lt der Fahrer an. Und dann h\u00f6rt man von Fahrg\u00e4sten, die aussteigen wollen, \u201eEn el sem\u00e1foro\u201c oder \u201eEn la pr\u00f3xima esquina\u201c. Und prompt h\u00e4lt der Fahrer. Dann h\u00f6rt man immer wieder \u201e\u00bfPuedo aprovechar?\u201c Da will man schnell in dem Moment aussteigen, wo der Bus zum Stehen kommt. Manchmal wird das erlaubt, manchmal nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren auf die Br\u00fccke zu, die wir immer wieder von der Seilbahn aus gesehen haben. Es ist eine mehrteilige Br\u00fccke, die ein tiefes Tal \u00fcberquert und wie eine H\u00e4ngebr\u00fccke aussieht, aber keine ist. Evangelina hat rausgefunden, dass sie <em>Trillizos<\/em> hei\u00dft. Leider \u00fcberqueren wir sie aber nicht, sondern biegen kurz zuvor ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir durchqueren mehrere Stadtviertel und kommen dann immer wieder in beinahe unber\u00fchrte Landschaft. Ist das alles noch La Paz? Erstaunlicherweise hat La Paz \u201enur\u201c 775.000 Einwohner, El Alto hat 855.000. Santa Cruz, von dem ich bis vor ein paar Tagen noch nie geh\u00f6rt hatte, hat doppelt so viele Einwohner wie beide zusammen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren die <em>Cl\u00ednica Alemana<\/em>, und ich erfahre das <em>cl\u00ednica<\/em> das potentiell h\u00f6herwertige Krankenhaus ist gegen\u00fcber <em>hospital<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer belebten Kreuzung sehen wir zwei der beliebten H\u00e4hnchenbratereien direkt nebeneinander, <em>El Pollo Loco<\/em> und <em>Pollos Israel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird allm\u00e4hlich einsamer, und der Bus wird immer leerer. Am Ende sind nur noch wir Touristen drin, zwei Chilenen und wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus h\u00e4lt unmittelbar vor dem Eingang zum Valle de la Luna. Wir steigen aus und befinden uns \u2013 mitten im bolivianischen Sommer. Mit langer Hose und Regenjacke. Ohne Hut und Sonnencreme.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Namensgeber des Valle de la Luna ist kein Geringerer als Neil Armstrong. Als er hier war, f\u00fchlte er sich an die Landschaft des Mondes erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte mir den Mond flacher vorgestellt, aber wie au\u00dferhalb des Planeten kann man sich hier beinahe f\u00fchlen. Eine bizarre Felsenlandschaft, in v\u00f6lligem Kontrast zu ihrer Umgebung, einem Plateau mit wenn auch etwas karger Vegetation und den gr\u00fcnen Bergen dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich vorher gefragt, wie man sich hier wohl bewegt, aber es gibt tats\u00e4chlich einen Pfad f\u00fcr Besucher, der einen auf und ab durch das Tal f\u00fchrt. Man sieht in Krater hinab und auf Stalagmiten, alle \u00e4hnlich in der Farbe, aber unterschiedlich in der Form.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Valle de la Luna ist das Resultat von jahrtausenderlanger Erosion durch Wasser, Regen und Wind. Die konnten hier ihre Wirkung entfalten, weil sie nur auf Sandstein und Ton trafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Szenerie verf\u00fchrt dazu, Photos von sich zu machen. Am sch\u00f6nsten die, wo man sich in eine Felsspalte stellt, mit Stalagmiten zu beiden Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders gef\u00e4llt mir eine von der Natur geschaffene \u201eSkulptur\u201c an einem Felsen, die wie eine Miniatur des ganzen Tals aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz bizarr auch ein ungew\u00f6hnlich breiter, mitten in der Gegend stehende, rechteckiger Felsen, auf dem man oben etwas sieht. V\u00f6gel vielleicht? Nein, es sind Kakteen, die hier gegen alle Wahrscheinlichkeit einen Platz zum Wachsen gefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen bis ganz nach oben, zu einem Aussichtspunkt. Es ist ganz still, bis auf den kr\u00e4ftigen Gesang eines Vogels. Dann entdecken wir ihn auch, nur gut zwei Meter von uns entfernt, auf einem Absatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hitze und die Wege fordern ihren Tribut, und wir beschlie\u00dfen, uns auf den Heimweg zu machen. Vergebens sucht man hier nach einem Museum oder wenigstens nach einer Schautafel mit Erkl\u00e4rungen zum Valle de la Luna. Trotzdem ein tolles Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktischerweise ist gleich gegen\u00fcber ein Kiosk, wo wir Kaffee, Wasser und einen Schokoriegel zur Erneuerung der Energie bekommen. Die freundliche Verk\u00e4uferin sagt uns, wir k\u00f6nnten hier sitzen bleiben, unter ihrer Markise. Der Mikrobus w\u00fcrde hier halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tut er auch. Wir fahren zur\u00fcck nach La Paz. Als wir uns der Innenstadt n\u00e4hern, tauchen auf einmal zu beiden Seiten Gesch\u00e4fte f\u00fcr Malerbedarf auf, eins nach dem anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hei\u00dft es auf einmal: Aussteigen! Alles blockiert, der Bus kann nicht durchkommen, kann uns nicht zur 16 de Julio bringen. Einfach immer die Stra\u00dfe runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zieht sich hin. Und hier tauchen auf einmal Fris\u00f6rsalons auf, ebenfalls einer nach dem anderen, bei vorsichtiger Sch\u00e4tzung mindestens 50. Die Fris\u00f6re sind fast alle ohne Arbeit, die Leute haben sich vor den Feiertagen die Haare schneiden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 16 de Julio ist jetzt autofrei. Wunderbar. Die ganze Breite der Stra\u00dfe f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4nger. Und die Stra\u00dfenh\u00e4ndler. Es herrscht eine sonnt\u00e4gliche Atmosph\u00e4re. Wir kaufen uns Kokosmilch und setzen uns zu den anderen auf ein M\u00e4uerchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir, dass das <em>Coma &amp; Punto<\/em> ge\u00f6ffnet hat. Das lasse ich mir nicht entgehen und bestelle mir ein <em>Sandwich Alem\u00e1n<\/em>. Ich werde m\u00fchelos damit fertig, sie schafft nur die H\u00e4lfte.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Speisekarte hinter der Theke steht \u00fcber einer Spalte <em>Zumos<\/em> und \u00fcber einer andren <em>Jugos<\/em>. Was ist der Unterschied? Ich habe bisher eins f\u00fcr europ\u00e4isch und eins f\u00fcr amerikanisch gehalten. Aber hier tauchen beide nebeneinander auf. Die Kellnerin gibt folgende Erkl\u00e4rung: Die <em>zumos<\/em> enthalten nur den reinen Fruchtsaft, die <em>jugos<\/em> auch das zerkleinerte Fruchtfleisch.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Fr\u00fchst\u00fcckstisch liegen Geschenke. Das m\u00fcssen die <em>Reyes Magos<\/em> gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfahrt nach Tiahuanaco ist vorverlegt worden. Also machen wir uns fr\u00fch auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein stark humpelnder Mann, der seine Arme irgendwie mechanistisch in der Luft bewegt, zwingt sich im allerletzten Moment in unsere Gondel, statt die n\u00e4chste abzuwarten. Puh, das war eng. Er erz\u00e4hlt, er habe vor zwei Jahren einen Unfall gehabt, habe l\u00e4nger im Koma gelegen und sei dann lange bettl\u00e4gerig gewesen. Es sei lange nicht klar gewesen, ob er wieder auf die Beine kommen w\u00fcrde. An den Unfall kann er sich nicht erinnern. Was f\u00fcr ein Unfall das denn gewesen sei, frage ich. Ein Verkehrsunfall. Jetzt gehe er wieder zur Arbeit, aber die H\u00e4nde machten noch nicht richtig mit, sagt er, und zeigt, wie er sie noch nicht richtig zusammenballen kann. Als er aussteigt, sehen wir, wie er, mit den Armen Gleichgewicht herstellend, mit M\u00fchen die Treppe hinunter geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nach <em>accidente de tr\u00e1fico<\/em> gefragt, er spricht, genauso wie Evangelina, von <em>accidente de tr\u00e1nsito<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat herausgefunden, dass die <em>L\u00ednea Roja<\/em> die erste Linie der Seilbahn war. Sie verband El&nbsp; Alto mit La Paz. Wir lesen, dass El Alto mehr als eine Million Einwohner hat, mehr als La Paz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Rede auf die K\u00fcnstliche Intelligenz. Die hei\u00dft bei uns, von der internationalen Konvention abweichend, KI, sonst AI. Hier hei\u00dft die IA.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl wir rechtzeitig sind, kommt ein Anruf des Reiseb\u00fcros, wo wir denn steckten. Im dem Moment erreichen wir aber schon unser Ziel. Wir werden unserem Reisef\u00fchrer vorgestellt. Der Bus ist aber nicht hier. \u201eDa vorne!\u201c, sagt er, aber das ist wirklich eine Besch\u00f6nigung. Er eilt uns die steile Stra\u00dfe voraus, wir kommen nicht mit. Evangelina wird ganz blass, ich f\u00fcrchte, dass sie mir aus den Latschen kippt. Oben angekommen, m\u00fcssen wir noch ein ganzes St\u00fcck die Stra\u00dfe entlang, dann kommen wir an einem alten, klapprigen Bus an. Der ist schon gut besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg und bekommen an der eigenen Haut zu sp\u00fcren, wie es mit dem Verkehr in La Paz aussieht. An den Kreuzungen geht es kaum voran, alle wollen gleichzeitig Vorfahrt haben, und dann kommen wir ganz zum Stehen, als auf unserer Spur ein Lastwagen steht, ohne Fahrer. Auf der Gegenspur einer der Kleinbusse nach dem anderen. Unser F\u00fchrer muss aussteigen, um einen von denen zu bitten, einen Moment stehenzubleiben und uns durchzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fchsam geht es weiter. Tiahuanaco ist nur 75 Kilometer entfernt, aber die Sache zieht sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen gibt es Erkl\u00e4rungen zu Tiahuanaco. Diese Zivilisation hatte sagenhafte 2.700 Jahre Bestand, von 1.500 v. Chr. bis 1.200 n.Chr. Man unterscheidet drei Perioden: die vorklassische Periode, mit der Kultivierung von Kartoffel, der Z\u00e4hmung von Lamas und der Produktion von Keramik; die klassische Periode, mit der Errichtung der Tempel und der Ausbildung einer hierarchischen Gesellschaft, einer Theokratie, mit den Potentaten, den Priestern und den Gelehrten an der Spitze; die postklassische Periode mit Eroberungen von Territorien an der K\u00fcste und im Amazonas. Aufgrund dieser Eroberungen findet man in Tiahuanaco auch Seesterne und Krabben.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind wir auf 4.100 Metern H\u00f6he angekommen. Hier befindet sich der Flughafen von La Paz. 1920 starteten die ersten Flugzeuge hier, deutsche Flugzeuge. Allm\u00e4hlich entwickelte sich um den Flughafen herum eine Siedlung. Heute eine gro\u00dfe Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren an Reihen von \u00e4rmlichen oder halb vollendeten H\u00e4usern vorbei. Zwischen ihnen immer wieder ganz neue, originelle Geb\u00e4ude mit gl\u00e4sernen Fassaden und einem turm- oder pyramidenf\u00f6rmiger Aufbau auf dem Obergeschoss. So ein Geb\u00e4ude nennt man <em>cholet<\/em>, ein Kofferwort aus <em>cholo<\/em>, einem indigenen Amerikaner, und <em>chalet<\/em>, dem spanischen Wort f\u00fcr ein alleinstehendes Haus. Das <em>cholet<\/em> ist das wichtigste Charakteristikum der neoandinen Architektur. Hier oben gibt es \u00fcber 300 davon, allein 60 von einem indigenen Architekten, der der Vorreiter der Bewegung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen die Stadt hinter uns und kommen in ein l\u00e4ndliches Gebiet und an eine Mautstelle. Von hier aus sind es nur noch 27 Kilometer. Dennoch soll die Fahrt noch 1 Stunde und 20 Minuten dauern. Warum, das wissen wir, als wir auf die n\u00e4chste \u201eStra\u00dfe\u201c abbiegen. Klappernd und ruckelnd geht es im Schneckentempo weiter. Am Wegesrand K\u00fche, und in der Ferne eine wundersch\u00f6ne Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum Stehen. Vor uns eine Reihe von Kleintransportern. Man sieht nicht so genau, warum es nicht weiter geht. Ein paar Leute steigen aus. Was ist da los? Blockade. An der Br\u00fccke ist kein Weiterkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Fahrer es schafft, hier zu wenden, ist mir ein R\u00e4tsel. Aber er schafft es. Von jetzt ab biegen wir von einem Feldweg auf den anderen ab, treffen aber immer wieder auf eine blockierte Stelle. Es wird sogar die Bef\u00fcrchtung laut, dass wir auch nicht nach La Paz zur\u00fcckfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann finden Fahrer und F\u00fchrer aber doch irgendwo eine L\u00fccke, wir kommen auf die Hauptstra\u00dfe und fahren nach La Paz zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer meldet sich am Mikrophon. Wir m\u00fcssten zur\u00fcck. Es habe keinen Zweck. Selbst, wenn wir irgendwo durchk\u00e4men, gebe es keine Garantie, dass wir nachher zur\u00fcckk\u00e4men, und dann w\u00e4ren wir ohne Unterkunft und ohne Essen dort eingesperrt. Die Reiseb\u00fcros k\u00e4men uns bei der Bezahlung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach gut vier Stunden kommen wir in die Stadt zur\u00fcck. Unser Reisef\u00fchrer geleitet uns freundlicherweise zu unseren Reiseb\u00fcros. Wir haben alle woanders gebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau in dem B\u00fcro ist sehr freundlich, bedauert, was passiert ist und gibt uns 380 von 400 Bolivianos zur\u00fcck. Sehr gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beschlie\u00dfen, dass Geld in ein Mittagessen zu investieren. Die Frau empfiehlt uns <em>El Popular<\/em>, in der n\u00e4chsten Stra\u00dfe, ganz nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal ist aber gar nicht so leicht zu finden. Es befindet sich zusammen mit einer Reihe anderer Lokale in einem Innenhof. An der Treppe, die zu unserem Lokal f\u00fchrt, steht <em>Cerrado por vacaciones<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Also geht es doch zu dem Lokal, wo ich am ersten Tag eine Kleinigkeit gegessen habe. Auf der Speisekarte dort gibt es eine Seite mit bolivianischen Spezialit\u00e4ten. Evangelina bekommt ein Rindfleischgericht, <em>Pique a lo Macho<\/em>, ich bekomme Lamm, <em>Brazuelo de Cordero<\/em>. Beide sind ein Gedicht und sehr sch\u00f6n angerichtet. Dazu gibt es Limonade und einen leckeren Maracuja-Saft.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Mittagessen stellt sich heraus, dass Evangelina, die sich in der Schule mit utopischen Modellen besch\u00e4ftigt hat, auch Robert Owen kennt, der sonst au\u00dferhalb von England kaum bekannt ist. Wir sind uns einig: ein tolles Projekt, obwohl es am Ende scheiterte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eigent\u00fcmer des Lokals, der uns bedient, macht sich bei mir unbeliebt, als er zum Abschied sagt, er habe sofort an meinem Akzent gemerkt, dass ich Deutscher sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beschlie\u00dfen, ins <em>Museo de Arte Moderno<\/em> zu gehen, in erster Linie deshalb, weil der Anstieg nicht so extrem ist wie zu den Museen der <em>Calle Ja\u00e9n<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Gelegenheit stellt sich heraus, dass Evangelina Ja\u00e9n nicht kennt. Die Bolivianer wohl auch nicht, wie ich an den Reaktionen ablesen konnte, als ich dieser Tage nach dem Weg gefragt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Museum machen wir unten an der Stra\u00dfe Halt bei der Frau mit dem kleinen Getr\u00e4nkestand, die uns gestern die richtige Busnummer genannt hat. Wir bedanken uns noch einmal und kaufen einen Saft und einen Obstsalat. Damit setzen wir uns zu vielen anderen auf die Stufen vor San Francisco. Es ist sommerlich warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das Gitter herum ein Verk\u00e4ufer nach dem anderen, alle mit mehr oder weniger den gleichen Waren, auf dem Boden hockend. Fr\u00fcher sa\u00dfen sie bis zum Kircheneingang, bis man sich entschloss, den Vorplatz einzuz\u00e4unen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann machen wir uns auf zum Museum. Auch dieses Museum ist in einem wundersch\u00f6nen Geb\u00e4ude aus der Kolonialzeit untergebracht (1775), mit dem Portal drau\u00dfen und dem Innenhof als Prachtst\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Ausstellungssaal pr\u00e4sentiert ausschlie\u00dflich religi\u00f6se Kunst, wobei nicht klar wird, ob die Maler Europ\u00e4er oder Amerikaner sind. Ein vermutlich einheimisches Motiv ist die Darstellung eines Engels (der nicht wie ein Engel aussieht) mit Arkebuse.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang des Saals der <em>Cerro Rico<\/em> aus Potos\u00ed als Bildwerk. Aus dem Berg treten das Gesicht und die H\u00e4nde einer Madonna hervor. Resultat des Synkretismus der beiden Kulturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Saal befindet man sich unvermittelt in der Gegenwart, mit eindringlichen Portr\u00e4ts von Schwarzen mit ausdrucksvollen Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen ein paar experimentelle Bilder, vor denen wir eine Zeitlang stehen, ohne sie zu verstehen. Eins hei\u00dft <em>Nova Acurata Totius Americae Tabula<\/em>, eine ironische Anspielung auf europ\u00e4ische Landkarten, die vorgaben, Amerika akkurat darzustellen. Hier ist statt einer Landkarte eine wilde Collage zu sehen, mit aufgedruckten W\u00f6rtern, gemalten Abbildungen und ausgeklebten Stofffetzen, die die verschiedensten Aspekte des Kontinents abbilden, von Kulturpflanzen (Mais, <em>chu\u00f1o<\/em>), \u00fcber Landschaftsformen (Tierra, Montana), Ethnien (Mochica, Paracas) bis zu Symbolen (Fisch, Kreuz).<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Saal geht es zeitlich wieder zur\u00fcck, in die Zeit der Aufst\u00e4nde gegen die spanische Herrschaft. In den Gem\u00e4lden sieht man ganz klar, dass die Bewegung zur Unabh\u00e4ngigkeit keine Sache der Eingeborenen war, sondern der Kreolen. Auf einem Gem\u00e4lde, das pathetisch eine Proklamation darstellt, tragen alle Abgebildeten europ\u00e4isch aussehende Kleidung (Gehrock, Lederschuhe) oder Uniformen. Der Schreibtisch, die B\u00fccher, die St\u00fchle, die Bodenfliesen, die Gesichter \u2013 alles europ\u00e4isch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt hochmoderne indigene Kunst, mit einem kubistisch anmutenden Landschaftsbild in sch\u00f6nen Pastellfarben, auf dem man so gerade Felsen, Meer und Berge erkennen kann, und einem \u201eAbendmahl\u201c, auf dem 13 Indio-Frauen an einer langen Tafel zu sehen sind. Alle tragen die typischen Melonen. Sie schenken sich ein, heben ihre Gl\u00e4ser, prosten sich zu, trinken (vermutlich <em>chicha<\/em>). Wie bei den klassischen europ\u00e4ischen Abendmahlsdarstellungen kann mal leicht Dreiergruppen ausmachen, zwei links, zwei rechts von \u201eChristus\u201c, der durch seine zentrale Position auszumachen ist. Judas ist vermutlich kenntlich gemacht durch den ins Gesicht gezogenen Hut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt ein Saal, der einem Revolutionsmaler, einem gewissen Pantoja, gewidmet ist, der selbst an einem Aufstand in Potos\u00ed beteiligt war und im Chaco-Krieg als Soldat im Einsatz war. Hier sieht man eine gro\u00dfe Zahl von kleinformatigen Bildern, auf denen keine Kampfszenen zu sehen sind, sondern Beteiligte wie ein K\u00e4mpfer mit einer Machete oder drei indigene Anf\u00fchrer mit der traditionellen spitzen Kopfbedeckung und einem Poncho, unter dem die Spitze eines Schwerts hervorlugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gefallen mir die Bilder, die auf den ersten Blick nichts mit dem Krieg zu tun haben, atmosph\u00e4risch dichte Bilder mit feurigen Farben, Landschaftsszenen darstellen, mit kaum auszumachenden Figuren, die einen Berg besteigen oder durch eine st\u00fcrmische Ebene laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg f\u00e4llt uns beiden schwer. Wir sind beide, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, total ersch\u00f6pft und haben mit dem Anstieg zur Unterkunft schwer zu k\u00e4mpfen.&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend gibt es noch eine Lehrstunde in Sachen Sprache. Im Museum habe ich das Schild <em>Fin del recorrido<\/em> gesehen. Warum nicht <em>final<\/em>? Ich habe immer wieder Schwierigkeiten mit diesen beiden W\u00f6rtern. Evangelina erkl\u00e4rt: <em>Fin del recorrido<\/em> ist das endg\u00fcltige Ende des Durchgangs. <em>Final del recorrido<\/em> w\u00fcrde die letzte Etappe, den letzten Saal des Museums bezeichnen. Wir \u00fcbertragen es auf den Sport: <em>Final de la Copa<\/em> ist das Endspiel, die letzte Phase des Wettbewerbs. Wenn der Schlusspfiff ert\u00f6nt, dann k\u00f6nnte man sagen: <em>Fin del partido<\/em>. Oder doch <em>Final del partido<\/em>? &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>7. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum sind wir aus dem Haus, schon bleibt ein Taxifahrer neben uns stehen. Er hat unser Gep\u00e4ck gesehen. Zum Busbahnhof? Keine Chance, kein Durchkommen, alles blockiert. Die einzige M\u00f6glichkeit: Er f\u00e4hrt uns zur <em>L\u00ednea Naranja<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder m\u00fcssen wir unsere Karte aufladen. Als wir das Drehkreuz passieren wollen, werden wir angehalten. Stopp! Gep\u00e4ck! Daf\u00fcr muss man extra bezahlen, aber nur f\u00fcr Evangelinas Koffer, nicht f\u00fcr meine Reisetasche, und das, obwohl beide gleich gro\u00df sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen da ein, fahren zwei Stationen und gehen den Rest zu Fu\u00df. Abgemacht!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine lange Fahrt, es geht durch Gegenden, die wir gar nicht kennen. Wir fahren auch \u00fcber eine der gro\u00dfen Br\u00fccken, die wie H\u00e4ngebr\u00fccken aussehen, aber keine sind. Es ist aber nicht die <em>Puente<\/em> <em>Trillizo<\/em>, von der Evangelina gelesen hat, sondern die <em>Puente de las Am\u00e9ricas<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitfahrer in der Seilbahn diskutieren, ob es besser ist, an der zweiten oder an der dritten Station auszusteigen und kommen zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schleppen unser Gep\u00e4ck durch die Mittagshitze \u00fcber die schwer mitgenommenen B\u00fcrgersteige und schaffen es zwischen den endlosen Autos auf die andere Stra\u00dfenseite und kommen schlie\u00dflich am Busbahnhof an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir suchen unser Busunternehmen, <em>El Dorado<\/em>, und legen der Frau hinter dem Schalter unsere Tickets vor. Die sieht sie sich erst genau an, um uns dann zu sagen, tue ihr leid, der Bus fahre nicht. Die Stra\u00dfe sei blockiert. Sobald sie frei sei, k\u00f6nnten wir umbuchen. <em>El Dorado<\/em> hat Fahrten nach Cochabamba in kurzen Abst\u00e4nden. Wir sollten sp\u00e4ter noch mal nachfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen irgendwo eine Kleinigkeit essen, fragen dann noch mal bei <em>El Dorado<\/em> nach und sp\u00e4ter noch mal. Beim dritten Versuch ist der Schalter geschlossen. Wir suchen uns ein kleines, ziemlich sch\u00e4biges Hotel direkt vor dem Busbahnhof und sind v\u00f6llig ratlos. Evangelina meint, solche Aktionen wie diese Blockaden dauerten in Argentinien in der Regel bis zum Beginn des Wochenendes. Keine guten Aussichten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>8. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen am Morgen zum Busbahnhof r\u00fcber, um einen Kaffee zu trinken. Es ist merkw\u00fcrdig ruhig, kaum Passanten, keine Verk\u00e4ufer, und die Schalter sind fast alle geschlossen. Oder haben vorsichtshalber schon das Schild <em>No hay salidas<\/em> angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil es so ruhig ist, f\u00e4llt mir ein gro\u00dfer Bildschirm auf, mit wechselnden Bildern in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen. Es erscheint ein Photo mit Angaben zu der Person, Name, Alter, Gr\u00f6\u00dfe usw. Erst wei\u00df ich nicht, was das ist, dann sehe ich, dass oben <em>Desaparecidos<\/em>. Es sind lauter Vermisste, meist junge Leute, meist Frauen. Deshalb steht unten auch noch, seit wann sie vermisst werden (oft schon seit 2023) und welche Kleidung sie trugen. Die meisten sind nach der Schule oder nach der Arbeit nicht mehr wiedergekommen, aber einige sind auch aus dem eigenen Haus verschwunden, nach dem Abendessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alternative haben wir uns \u00fcberlegt, nach Santa Cruz zu fliegen, aber dort gibt es auch Blockaden, und man kann sich nicht sicher sein, ob man \u00fcberhaupt vom Flughafen in die Stadt kommt. Vor einem Schalter kommen wir mit einer Frau ins Gespr\u00e4ch. Die sagt uns, sie habe es versucht. Alle Fl\u00fcge nach Santa Cruz ausgebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entscheiden, zum Flughafen zu fahren und uns dort nach den M\u00f6glichkeiten zu erkunden, die es gibt. Der Taxifahrer sagt uns, am besten die <em>L\u00ednea Morada<\/em> zu nehmen. Und bringt uns zu der Station.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Station eine lange Schlange bis auf den Vorplatz. Alle m\u00fcssen ihre Karte aufladen. Wir auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen nur eine Station weiter zu fahren, aber die Strecke ist lang und es geht steil bergauf. Ein Mann aus unserer Gondel sagt uns nicht nur, wo wir aussteigen sollen, sondern dirigiert uns auch noch durch die Station und drau\u00dfen an der Blockade vorbei zu einem Taxi. Er l\u00e4sst es sich nicht nehmen, den Taxifahrer zu fragen, ob er zum Flughafen fahre. Ja, das tut er.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kennt die Schleichwege, um zum Flughafen zu kommen. Und bald sind wir auf der kilometerlangen Zufahrt. Rechts und links von uns das Rollfeld. Aber man sieht keine Flugzeuge in Aktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen angekommen, gehen wir abwechselnd auf Suche. Gar nicht so leicht, was zu finden. Man sieht kaum, welche Schlange f\u00fcrs Einchecken und welche f\u00fcr den Verkauf ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu einer unbekannten Fluglinie, wo keine Schlange ist. Was haben sie im Angebot? Wie sieht es mit Santa Cruz aus? Heute und morgen ausgebucht, Samstag fliegen sie nicht. Auch alles andere ausgebucht. &nbsp;Au\u00dfer Rurrenabaque. Nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Avianca<\/em> bekomme ich die Auskunft, dass sie an internationalen Fl\u00fcgen nur Lima und Bogot\u00e1 im Angebot haben. Aber <em>Latam<\/em> fliege nach Santiago. Da ist aber der Schalter nicht besetzt. Der Abflug ist erst am fr\u00fchen Morgen. Ich solle es im Internet versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tue ich auch. Da komme ich sogar weiter, bin schon bei der Platzauswahl, bis Evangelina sich meldet. Rurrenabaque h\u00f6re sich gar nicht so schlecht an. Und der Flug nach Santiago sei nicht gerade billig.<\/p>\n\n\n\n<p>Also gehen wir zu dem Schalter zur\u00fcck. Rurrenabaque? Ja, morgen um 8. Ja, es seien zwei Pl\u00e4tze frei. Mit Gep\u00e4ckaufgabe. Und der Preis? Da scheiden sich die Geister. Ich mache einen Rechenfehler und komme auf \u00fcber 1.000 \u20ac. Es sind aber nur knapp \u00fcber 100 \u20ac. Also gut, es wird gebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hotel gibt es hier am Flughafen nicht. Ein Taxifahrer bietet uns an, uns zu einem in der Stadt zu fahren, in El Alto. Wir fahren durch unz\u00e4hlige schmale Stra\u00dfen, an \u00e4rmlich aussehenden H\u00e4usern vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel ist gut, sehr g\u00fcnstig, und sie haben auch noch zwei Zimmer f\u00fcr uns. Au\u00dferdem funktioniert hier das Internet ohne Probleme. F\u00fcr die weiteren Erkundungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich sp\u00e4ter aus dem Zimmer gehe, schaffe ich es nicht, die T\u00fcr zu verschlie\u00dfen. Das Zimmerm\u00e4dchen muss helfen. Und unten bekomme ich die Haust\u00fcr nicht auf. Bis ich merke, dass es eine Schiebet\u00fcr ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald wir auf der Stra\u00dfe sind, werden wir mitten in das bolivianische Leben, besser gesagt in das Leben von El Alto geworfen. Es ist lebendig, wimmelig und f\u00fchlt sich authentisch an. Vor den Gesch\u00e4ften die Verkaufsst\u00e4nde, nahtlos in einander \u00fcbergehend. Hier gibt es alles, von Kinderpuppen \u00fcber Besen bis zu B\u00fcstenhaltern, Von Lichtschaltern \u00fcber Parf\u00fcm bis zu Wollsocken.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Fressst\u00e4nden in der Mitte gibt es Fleischspie\u00dfe, Nudelsuppe und <em>salte\u00f1as<\/em>. Und nat\u00fcrlich Obst in rauen Mengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anteil an traditionell gekleideten bolivianischen Frauen ist hier gr\u00f6\u00dfer als anderswo. Fast alle, nicht nur die Frauen, tragen H\u00fcte oder M\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann, der uns entgegenkommt, tr\u00e4gt ein BVB-Trikot, ein anderer ein T-Shirt mit den deutsche Farben und der Aufschrift <em>Nat\u00fcrlich habe ich recht \u2013 Ich bin Deutscher<\/em>. Gott sei Dank ist der Mann Bolivianer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir suchen ein Lokal, aber das erweist sich als schwierig. Man isst hier eher einen Imbiss an einem der St\u00e4nde. Wir werden zu einem <em>Patio de Comida<\/em> geleitet, in einem Hochhaus untergebracht. Wir versuchen es auf allen Etagen, aber zu essen gibt es hier nichts. Man kann sich hier nur die Z\u00e4hne ziehen oder eine T\u00e4towierung machen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Herausgehen f\u00e4llt uns auf der Gegenseite eine H\u00e4hnchenbraterei auf. Kurz entschlossen gehen wir rein. Schmeckt ganz passabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat Evangelina Recherchen zu Rurrenabaque gemacht. Eine kleinere Stadt, im Amazonasgebiet gelegen. Hier gibt es mehr Natur als Kultur. H\u00f6rt sich gar nicht schlecht an.<\/p>\n\n\n\n<p>9. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Nacht hat es heftig geregnet, und am Morgen ist es empfindlich kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>In kurzer Zeit geht es zum Flughafen. Die Taxifahrer hier nutzen die Situation aus, nehmen viel mehr als in La Paz.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina sieht einen schneebedeckten Berg, ganz isoliert in der Ebene stehend. Wir gehen raus, um uns den genauer anzusehen und ein Photo zu machen. Eine Polizistin erkl\u00e4rt, das sei der Huayna Potos\u00ed. Ein sch\u00f6ner Anblick. Er ist \u00fcber 6.000 Meter hoch, aber das sieht man ihm nicht an, weil wir selbst so hoch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abfertigung am Flughafen verl\u00e4uft z\u00fcgig und komplikationslos. Jetzt brauchen wir nur noch auf den Abflug warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit vergeht, und es tut sich nichts. Unsere vorgesehene Abflugzeit ist schon vorbei. Dann kommt eine Durchsage: wegen der Wetterlage f\u00e4llt der Flug m\u00f6glicherweise aus. In einer Stunde soll es neue Informationen geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina bleibt relativ gelassen. Ich nicht. Sehe mir alle m\u00f6glichen Alternativen im Internet an, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gro\u00dfe Rufe der Erleichterung, sogar Freudenschreie. Wir fliegen!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nu sind wir alle im Flugzeug. Aber wir stehen auf der Startpiste, haben wohl noch keine Starterlaubnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es los, das Flugzeug nimmt Anlauf, kommt aber nicht so richtig in Fahrt. Dann bleibt es stehen: Wir bedauern, wegen eines technischen Defekts umkehren zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir wieder eine ganz&nbsp; Zeit, ohne Informationen zu bekommen. Immerhin sind wir im Flugzeug sitzen geblieben. Und dann sehen wir, dass aufgetankt wird! M\u00fcsste ein gutes Zeichen sein. Und tats\u00e4chlich, kurz danach geht es endg\u00fcltig los.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des kurzen Flugs bekommt man einiges geboten an Ausblicken: erst das dicht bebaute La Paz, dann Felder und Wiesen, dann schneebedeckte Berge, dann ein brauner, sich durch die Ebene schl\u00e4ngelnder Fluss, dann \u00fcppige Vegetation.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gro\u00dfe Erleichterung: Wir sind tats\u00e4chlich in Rurrenabaque angekommen!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Rollfeld trifft uns der Schlag. Es ist br\u00fctend hei\u00df. Und ein bisschen schw\u00fcl.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es weitergeht, fragen wir in der menschenleeren Halle an den einzigen zwei Schaltern nach Fl\u00fcgen nach Cochabamba. Die Fl\u00fcge, die wir im Internet gefunden haben, gibt es nicht mehr. Diese Verbindung ist eingestellt worden. Wie wir am Mittwoch wohin fahren, ist offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt f\u00fcr Evangelina eine neue Erfahrung: das Tuk-Tuk. Mit dem geht es zur Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg ist relativ weit. Auf einer schurgeraden Stra\u00dfe, die sp\u00e4ter in einen Feldweg \u00fcbergeht, fahren wir an einer unendlichen Reihe von Palmen vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wichtigsten Verkehrsmittel sind hier die Tuk-Tuks und die Motorr\u00e4der. Autos sieht man kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt vor dem <em>Hostel Lobo<\/em> werden wir abgesetzt. Dies ist eine Art Lodge f\u00fcr Arme. Hier verkehren meist hochgewachsene, hellh\u00e4utige Europ\u00e4er. Im Swimming-Pool kreischende Teenager.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zimmer sind noch nicht bezugsfertig. Wir machen einen kurzen Spaziergang die Stra\u00dfe runter. Das Wort <em>Rurrenabaque<\/em> ist Tacana, eine Indio-Sprache, und bedeutet \u201aEntenteich\u2018. Die Stadt hat ungef\u00e4hr 14.000 Einwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur Plaza. Dort steht ein Denkmal f\u00fcr einen sein Brevier lesenden Ordenspriester, der f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Schule in Rurrenabaque gesorgt hat. Bis dahin gab er hier vermutlich gar keine M\u00f6glichkeit zur Schulbildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zum Beni, dem Namensgeber der Provinz, dem Fluss, den wir aus dem Flugzeug gesehen haben. Er ist breit und flie\u00dft tr\u00e4ge vor sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stehen Kokospalmen mit dichten B\u00fcndeln von Fr\u00fcchten. An einem anderen Baum sehen wir eine \u00e4hnliche Frucht, die wir nicht identifizieren k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt uns die Kellnerin, das sei Pan de Fruta. Die Frucht kann, wenn unreif, zu Mus oder Gem\u00fcse verarbeitet werden und, wenn reif, auch roh gegessen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir finden ein kleines Lokal. Wie so oft hier, steht sofort eine Gem\u00fcsesuppe auf dem Tisch. Dazu gibt es, ebenfalls ungefragt, einen Tamarinden-Saft. Als Hauptgang bekommt Evangelina Fisch, ich ein Fleischgericht mit einer leckeren So\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch sehen wir, wie ein Mann sein Motorrad besteigt und losf\u00e4hrt, seine Frau hinten drauf und sein Sohn auf dem Tank. Nat\u00fcrlich alle ohne Helm.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann eine junge Frau, Sandaletten tragend, die ein schweres Motorrad besteigt, in beiden H\u00e4nden Plastikt\u00fcten mit Tamarinden-Saft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sitzen drau\u00dfen, aber gesch\u00fctzt unter einem Vordach. Gl\u00fcck gehabt, denn pl\u00f6tzlich setzt ein tropischer Regenschauer ein, der es in sich hat. Als wir aufbrechen, ist aber alles schon wieder vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind die Zimmer bezugsf\u00e4hig. Etwas d\u00fcrftig f\u00fcr den Preis, aber was soll\u2019s? Der \u201eArbeitstisch\u201c ist auf jeden Fall zum Arbeiten ungeeignet. Deshalb&nbsp; setzen wir unten am Swimming-Pool.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Teenagern im Swimming-Pool haben sich inzwischen zwei Erwachsene gesellt. Was f\u00fcr eine Sprache sprechen sie nur? Vielleicht D\u00e4nisch? Keine Ahnung. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend setzen wir uns noch ein St\u00fcndchen an den Swimming-Pool. Es ist dunkel, aber man sieht keine Sterne.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann von der Rezeption bittet die letzten G\u00e4ste raus aus dem Swimming-Pool. Er sch\u00f6pft mit einem Becher Wasser aus dem Swimming-Pool, gie\u00dft es in eine Tonne und r\u00fchrt in ihr herum. Dann nimmt er mit dem Becher die Fl\u00fcssigkeit aus der Tonne und sch\u00fcttet sie ins Becken. Zur Desinfizierung vermutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Swimming-Pool darf man leider nur von 10 bis 10 benutzen. Da gehen die besten Stunden verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Fluss her h\u00f6rt man die Fr\u00f6sche quaken, aus vollen Kehlen. Manchmal entsteht eine Pause, und dann geht es wieder volle Pulle los.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum quaken sie? Ist das Brautwerbung? Und was ist der Unterschied zwischen Fr\u00f6schen und Kr\u00f6ten? Im Spanischen (<em>ranas<\/em> \/<em>sapos<\/em>) und Englischen (<em>frogs<\/em> \/<em>toads<\/em>) gibt es dieselbe Unterscheidung, aber wissenschaftlich ist die wohl nicht haltbar. Beide scheinen zu derselben Gattung zu geh\u00f6ren.&nbsp; Aber sie sehen anders aus und haben auch andere K\u00f6rpermerkmale. Die Fr\u00f6sche k\u00f6nnen viel weiter springen als die Kr\u00f6ten, und die Kr\u00f6ten sind etwas unansehnlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Schlafengehen erinnere ich mich an noch ein sprachliches R\u00e4tsel von heute. Am Flughafen stand ein zweisprachiges Schild, das auf einen Aussichtsturm verweist: <em>Mirador \/ Apron View<\/em>. Nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>10. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag f\u00e4ngt gut an. Ich will als erstens den R\u00fcckflug f\u00fcr Mittwoch buchen. Die g\u00fcnstigsten drei Tarife sind schon ausgebucht, nur noch der teuerste bleibt. Sei\u2019s drum, wir m\u00fcssen hier ja irgendwie wegkommen. Der Landweg, haben wir geh\u00f6rt, ist weiterhin blockiert. Als ich endlich die ganzen Formulare ausgef\u00fcllt habe, werde ich nach einer Steuernummer gefragt und muss zwei K\u00e4stchen ausf\u00fcllen, bei denen ich gar nicht wei\u00df, was gefragt ist. Ich frage beim Personal, aber keiner wei\u00df Bescheid. Dann versuche ich, irgendetwas zu erfinden, um die K\u00e4stchen auszuf\u00fcllen, aber das wird nicht angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, die Buchung auf anderem Wege vorzunehmen, statt direkt bei <em>Ecojet<\/em> bei einem der vielen Plattformen, die sich da im Internet anbieten, aber keine von denen hat Rurrenabaque im Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche es noch mal bei <em>Ecojet<\/em>, jetzt werden die Preise in Dollar angezeigt statt in Bolivianos. Vielleicht braucht man hier keine Steuernummer. Nachdem ich die Flugdaten eingegeben habe, geht es nicht mehr weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Evangelina kommt, versuchen wir es beide auf dem Handy, jeder f\u00fcr sich. Jetzt haben wir Gl\u00fcck. Keine Steuernummer. Also geht es ans Bezahlen. Aber das geht nicht mit einer europ\u00e4ischen Kreditkarte. Beide werden zur\u00fcckgewiesen. Es gibt ein bolivianisches System mit einem QR-Code. Aber daf\u00fcr braucht man einen Bolivianer, der einem seinen Code zur Verf\u00fcgung stellt. Und dem man dann den Betrag bar erstattet. Hier finden wir niemanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina versucht, einen Anruf zu machen bei <em>Ecojet<\/em>, aber ihr Telefon l\u00e4sst so einen Anruf nicht zu.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Rezeption sagt man uns, wir sollten einfach zum B\u00fcro von <em>Ecojet<\/em> hier in Rurrenabaque gehen. Die h\u00e4tten bis 12 Uhr ge\u00f6ffnet. Wir gehen hin, alles dicht. Eine Frau des Hotels, wo das B\u00fcro untergebracht ist, sagt uns, nein, keine Chance, fr\u00fchestens Montag.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Entschluss steht fest: Die n\u00e4chste Reise geht in den Schwarzwald. Oder in die L\u00fcneburger Heide.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kaufen in einer Apotheke eine teure Salbe, und Evangelina sorgt f\u00fcr Nachschub beim Wasser. Sie hat innerhalb von 2 Tagen 8 Liter Wasser gekauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt erkunden wir uns nach Exkursionen. Ich bin allerdings nur mit halbem Herzen dabei. Der Flug liegt mir im Magen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann im ersten Reiseb\u00fcro ist ein gewiefter Gesch\u00e4ftsmann. Bei ihm seien wir richtig, er werde sich um uns k\u00fcmmern, sich unserer Probleme annehmen. Er mache das alles nicht&nbsp; wegen des Geldes, sondern weil er seine Heimatstadt liebe und Freude am Tourismus habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Was den Flug betrifft, macht er sofort einen Anruf und hinterl\u00e4sst eine Sprachnachricht. Das sei sein Neffe, sagt er, der bekomme auch dann noch Tickets, wenn der Flug ausgebucht sei. Aber die jungen Leute w\u00fcrden eben morgens nicht so schnell in die G\u00e4nge kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er die Sache mit den Exkursionen erkl\u00e4rt, verliere ich bald den \u00dcberblick. Es scheint so gut wie alles zu geben, je nachdem, wie viel Geld man investiert. Als Ziele gibt es im Wesentlichen die Pampa oder den Urwald oder eine Kombination von beiden. Die Exkursionen dauern zwischen 2 und 4 Tagen, auf Nachfrage erf\u00e4hrt man, dass es auch Tagesausfl\u00fcge gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina sieht man an, dass ihr der Mann und sein Gehabe nicht gefallen hat. Entsprechend \u00e4u\u00dfert sie sich auch, als wir wieder auf die Stra\u00dfe gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Reiseb\u00fcro dr\u00fcckt uns eine Frau lustlos eine Preisliste in die Hand. Bald sind wir wieder drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Reiseb\u00fcro ist ein sehr kommunikativer Mann, der anhand einer Karte am Computer zeigt, wo man wie hinkommen kann. Auch hier gibt es so ziemlich alles, was man haben will.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es WLAN. Evangelina darf sich hier einw\u00e4hlen. Jetzt kann sie <em>Ecojet<\/em> anrufen. Es klingelt. Aber keiner geht ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann empfiehlt uns, nach Riberalta zu fahren. Dort gebe es einen Milit\u00e4rflughafen. Mit unschlagbar ung\u00fcnstigen Fl\u00fcgen. Wo man die buchen k\u00f6nne. Nirgendwo. Einfach hinfahren am Mittwoch. Die Fahrt mit dem Bus dauere h\u00f6chstens 6 Stunden, die Stra\u00dfen seien gut, es k\u00f6nnten auch nur 5 sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas ratlos gehen wir zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich erscheint auf meinem Handy eine Nachricht von <em>Ecojet<\/em>. Da habe ich heute Morgen irgendwo hin geklickt. Die Antwort kommt auf WhatsApp. Ich versuche, anzurufen, aber die Anruffunktion ist hier blockiert. Jetzt geht es hin und her mit den Nachrichten. Langer Rede kurzer Sinn: Es ist alles fertig, es muss nur noch bezahlt werden. Wieder werden meine Kreditkarten nicht anerkannt, es muss eine bolivianische sein. Dann kommt eine neue Zahlungsaufforderung, diesmal in Dollar. Jetzt funktioniert es.<\/p>\n\n\n\n<p>So richtig aus dem H\u00e4uschen sind wir nicht, daf\u00fcr war es zu frustrierend, und irgendwo im tiefsten Innern bleiben noch Zweifel. Auf jeden Fall sind wir erleichtert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe eine Runde schwimmen. Der Pool ist gerade leer. Es tut gut, und das Wasser ist erstaunlich frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gibt es einen frisch zubereiteten Zitronensaft, der einzige, den es trotz der gro\u00dfspurigen Ank\u00fcndigungen hier gibt. Der schmeckt allerdings hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin geht es nochmal raus, um irgendwo ein einfaches Mittagessen zu ergattern. Allerdings m\u00fcssen wir erst den tropischen Regenschauer abwarten. Der kommt zur selben Zeit wie gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum fr\u00fchen Abend ist es im Pool und um den Pool herum rappelvoll, dann gehen alle wie auf Kommando weg. Es wird dunkel, und das Froschkonzert setzt ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe noch mal in den Pool und will anschlie\u00dfend zur Belohnung einen Caipirinha trinken, aber den kann nur eine Angestellte zubereiten, und die ist nicht da. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben wir beide die ersten M\u00fcckenstiche abbekommen. Sie jucken, tun aber nicht weh.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ger\u00e4uschkulisse w\u00e4hrend der Nacht ist nicht zu verachten: Das Quaken der Fr\u00f6sche wird zuerst erg\u00e4nzt von einem hohen Summen, einer Mischung aus Vogelgesang und zirpenden Grillen, dann kommt von einem Fest in der Nachbarschaft laute Musik, und am fr\u00fchen Morgen h\u00f6rt man den Traktor mit seinem knarrenden Motor, gefolgt von Hahn und den Kirchenglocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck scheinen die meisten Gespr\u00e4che sich um die aktuelle Lage zu handeln, wer kommt wie wohin.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Runden im leeren Swimming-Pool machen wir uns auf, um eine Exkursion f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zu buchen. Wir landen wieder bei dem dritten Reiseb\u00fcro von gestern, bei dem Mann, der auf mich einen ganz guten Eindruck gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist erst ganz verhalten und spricht die Probleme der Versorgung mit Treibstoff an. Aber wenn man sich bereit zeigt, das Portemonnaie zu z\u00fccken, scheinen sich die Probleme l\u00f6sen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir buchen am Ende eine zweit\u00e4gige Exkursion, eine Kombination von Dschungel und Pampa, mit \u00dcbernachtung ausw\u00e4rts. Die Sache ist nicht ganz billig, aber so haben wir die Gew\u00e4hr, dass wir tats\u00e4chlich fahren. Und wenn noch jemand dazukommt, reduziert sich der Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir sackt das Herz in die Hose, als der Apparat beim ersten Versuch meine Kreditkarte nicht annimmt, aber beim zweiten Versuch klappt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann zeigt uns zwei Internetseiten, auf denen von einer Aktion der bolivianischen Regierung die Rede ist, die gestrandete Touristen mit Sonderflugzeugen nach La Paz oder au\u00dfer Landes fliegt. Gut zu wissen. F\u00fcr den Moment bleibt es bei uns bei der Hoffnung, am Mittwoch auf \u201eregul\u00e4rem\u201c Weg mit Ecojet nach La Paz zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen noch eine Liste von Dingen, die wir morgen mitbringen m\u00fcssen, darunter Insektenschutzmittel, und setzen uns gleich nebenan in das kleine Lokal von gestern und bestellen einen Kaffee. Die freundlich, kugelrunde Kellnerin hat drau\u00dfen vor dem Lokal ein W\u00e4gelchen mit Snacks aufgefahren. Morgen fr\u00fch, sagt sie, sei sie schon ab 7 Uhr in Aktion. Dann k\u00f6nnen wir hier also morgen Wegverpflegung vor der Exkursion bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir da sitzen, f\u00e4hrt ein Mann mit einem Motorrad mit eingebautem Sonnenschirm vor. Er erlaubt mir, ein Photo von dem Gef\u00e4hrt zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Uferweg findet ein Markt statt, und den lassen wir uns nicht entgehen. Wie immer, eine sehr farbige Angelegenheit. W\u00fcrste und H\u00fchner werden unverpackt angeboten und abgewogen. Vor allem aber gibt es Obst, an gro\u00dfen und kleinen, an richtigen und an improvisierten St\u00e4nden. Vor allem Bananen gibt es in rauen Mengen, gro\u00dfe gr\u00fcne, die unreif aussehen, und kleine gelbe, die \u00fcberreif aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina probiert Trauben, gr\u00fcne und blaue, aber beide schmecken ihr nicht. Sie sucht eine andere Sorte. Die seien nicht gekommen, sagt die Verk\u00e4uferin. Wegen der Blockaden. Am Ende kaufen wir Pflaumen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem anderen Stand sehen wir eine Frucht, die wir nicht identifizieren k\u00f6nnen. Tomaten? Mangos im Kleinformat? Oder etwa eine Art Nuss? Keins von allem: Achachairu, eine Frucht, die selbst in Bolivien lange fast unbekannt war, weil sie nur in abgelegenen Gebieten angebaut wurde. Sie ist \u00e4u\u00dferlich r\u00f6tlich-braun, innen wei\u00df. Sie schmeckt s\u00fc\u00df und gleichzeitig ein bisschen nach Zitrone. Wir nehmen ein Netz mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Hause kommt uns ein Junge im BVB-Trikot entgegen. Meine Bitte, ein Photo machen zu d\u00fcrfen, wird von der Mutter und von ihm selbst, gerne erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Zwischenpause zu Hause gehen wir wieder los, auf der Suche nach einem Mittagessen. Ich habe unterwegs ein Fischlokal gesehen und f\u00fchre Evangelina dorthin. Und was bestellt sie? Fleisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lokal hei\u00dft <em>La Caba\u00f1a <\/em>und ist gut gef\u00fcllt. An langen Tischen sitzen ganze Familien zum sonnt\u00e4glichen Mittagessen zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Cabana ist wirklich eine Art H\u00fctte, riedgedeckt, mit offenen \u201eFenstern\u201c. Auf den Fensterb\u00e4nken stehen Pflanzen, die bei uns Zimmerpflanzen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Innenraum sieht man auf die Verkaufsst\u00e4nde drau\u00dfen auf dem Markt. Dort hei\u00dft es auf einem Schild <em>Polera Mujer a 5 bs<\/em>. Das ist in Spanien ein unbekanntes Wort. Hier bin ich ihm schon mehrfach begegnet, vergesse aber immer wieder die Bedeutung. Es kann sowohl \u201aRollkragenpullover\u2018 als auch \u201aT-Shirt\u2018 bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erlaube mir nach langer Zeit mal wieder ein Bierchen, La Pacena, und w\u00e4hrend wir aufs Essen warten, beobachten wir das rege Treiben vor und in dem Lokal. Immer wieder kommen Verk\u00e4ufer vorbei, bleiben an der Schwelle stehen und bieten kleine Weidenk\u00f6rbe zum Verkauf an. Dann kommt eine bedauernswerte alte Frau, klein, mit einem enormen Buckel, sich m\u00fchsam auf breiten Kr\u00fccken vorw\u00e4rtsbewegend. Sie h\u00e4lt uns einen F\u00e4cher hin. Darauf kann man sein Kleingeld deponieren. Ich krame in meinen Taschen herum und gebe ihr alle M\u00fcnzen, die ich finden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine Frau mit einem Sack, in dem sich etwas bewegt. Ein Hund, vermute ich. Sie bleibt auf der Schwelle stehen und lenkt mit einer Geste die Aufmerksamkeit eines der Kellner auf sich. Der kommt und nimmt ihr den Sack ab. Evangelina hat es gesehen. Kein Hund, ein Schwein. Nachschub f\u00fcr die Fleischversorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>An Fisch gibt es hier so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: <em>Pescado al Ajillo<\/em> \u2013 <em>Pescado a la Plancha<\/em> \u2013 <em>Sudado de Pescado<\/em> \u2013 <em>Pescado al Curry<\/em> \u2013 <em>Pescado a la Crema<\/em> \u2013 <em>Milanesa de Pescado<\/em>. &nbsp;Das ist alles aber nichts im Vergleich zu dem, was am Nebentisch serviert wird: <em>Pescado a la Tacuara<\/em>. Der Kellner kommt mit einen langen, breiten Rohr an den Tisch und sch\u00fcttet den Inhalt, eine Art Terrine, vorsichtig in eine Sch\u00fcssel. Wir erfahren, dass der Fisch nicht nur in dem Rohr serviert, sondern auch gekocht wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Essen kommt. Ich genie\u00dfe seit langem mal wieder ein Pasta-Gericht, und Evangelina Spanferkel mit einer knusprigen Kruste, mit Yucca, Reis und Salat serviert.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir essen, setzt der unvermeidliche tropische Regenschauer ein, und frag nicht&nbsp; wie! Der Regen peitscht auf den Asphalt und trommelt auf das Dach. Ein Spektakel. Alle gucken hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir noch einigerma\u00dfen glimpflich davon, nur die letzten Meter \u00fcber die unbefestigte Stra\u00dfe bis zu unserer Lodge machen uns zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Abend verbringe ich am PC. Was eigentlich eine leichte Aufgabe sein m\u00fcsste, verwandelt sich hier wegen der schlechten Internetverbindung in eine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung. Am Ende klappt es dann doch: der Anschlussflug von La Paz nach Cochabamba ist gebucht und die Unterkunft in Cochabamba auch.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es auf Exkursion. Als wir an dem Reiseb\u00fcro ankommen, werden wir erst mal gebeten, drau\u00dfen Platz zu nehmen. &nbsp;Als wir da so sitzen und warten, sehen wir, wie der Mann von gestern an einem Auto rumbastelt, das nicht anspringen will. Hoffentlich ist das nicht unseres.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt die Nachricht des Tages: Die Blockaden sind beendet! Wir sehen im Handy nach, und auf der Internetseite der Deutschen Welle wird das best\u00e4tigt. Man hat sich geeinigt. Es soll eine Kommission gegr\u00fcndet werden, die sich um eine L\u00f6sung k\u00fcmmert. Auf der Internetseite der einheimischen ABC kommt aber eine wichtige Einschr\u00e4nkung: Ja, man hat sich vorl\u00e4ufig geeinigt, aber das hei\u00dft \u00fcberhaupt nicht, dass die Blockaden aufgehoben sind. 52 von 68 bestehen weiterhin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekommen wir Gummistiefel und ein lang\u00e4rmeliges Hemd verpasst. Bevor es losgeht, wird erst einmal abkassiert. Eintritt in den Parque Nacional Madidi. Zus\u00e4tzlich zu der gebuchten Exkursion. In bar zu zahlen. Nein, sagt die Frau, die uns zur Kasse bittet, nicht 200 Bolivianos insgesamt, 200 Bolivianos pro Person. Das Ganze bleibt uns bis zum Ende der Reise suspekt, zumal niemals irgendwo eine Grenzstation am Eingang des Parks auftaucht. Warum muss man bar bezahlen? Warum k\u00f6nnen wir nicht selbst den Betrag bezahlen, da, wo er f\u00e4llig wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Egal, jetzt werden wir zum Hafen geleitet. Es geht gleich mit dem Boot los. Der Ablauf war uns nicht ganz klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Einsteigen ist auf dem morastigen Gel\u00e4nde ein Balanceakt, aber die beiden M\u00e4nner helfen uns. Das Boot ist alt und schmutzig und rostig, aber die Sitze sind bequem, und es gibt ein Verdeck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Boot hat 10 Sitzpl\u00e4tze, kann aber mit Planken auf 20 Sitzpl\u00e4tze ausgebaut werden. Dann muss allerdings ein dritter Mann an Bord sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden Kisten mit Proviant eingeladen, und wir bekommen Schwimmwesten umgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bootsmann hei\u00dft Chaco, unser F\u00fchrer hei\u00dft Fernando. Er redet gerne und viel, meist von sich und seiner Familie und dem Unternehmen. Das ist ein reines Familienunternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat selbst eine Zeitlang in Chile und eine Zeitlang in Brasilien gelebt. Aber am sch\u00f6nsten sei es zu Hause, versichert er uns. Eine seiner Schwestern ist nach Italien ausgewandert, sie arbeitet dort in einem Altersheim. Sei aber in all den Jahren nur einmal nach Bolivien zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren den R\u00edo Beni rauf, gegen die Str\u00f6mung. Von hier aus kann man bis nach Brasilien fahren. Der Beni, gerade mal schlappe 1.100 Kilometer lang, m\u00fcndet in den Madeira, und der wiederum m\u00fcndet in den Amazonas.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer glaubt, im Amazonasgebiet w\u00e4re alles flach, wird hier eines anderen belehrt. Berge zu beiden Seiten. Es ist ein sch\u00f6nes Landschaftspanorama.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando erz\u00e4hlt stolz, die Menschen in Rurrenabaque seien Selbstversorger. Hier gebe es alles, Fluss und Urwald stellten alles bereit, was man haben wolle. Jagd, Fischfang, Ackerbau, und man habe alles, was man zum Leben brauche. \u00d6l? Kein Problem, man habe zwar kein Oliven\u00f6l, extrahiere aber \u00d6l aus der <em>chu\u00f1a<\/em>, der nach uralter andiner Tradition aus der \u201etiefgefrorenen\u201c Kartoffel. Die m\u00fcsse man allerdings aus La Paz importieren. Die w\u00e4chst in diesem Klima nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fischfang, erfahren wir, sei besonders reich zu Zeiten des Hochwassers. Mit dem Zufluss aus den B\u00e4chen k\u00e4men dann auch mehr Fische in den Beni.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Treibgut kommt uns auch einiges an M\u00fcll auf dem Fluss entgegen, vor allem Getr\u00e4nkedosen und Plastikflaschen. Je weiter wir fahren, umso besser wird es.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder werden wir von laut knatternden, stinkenden Indio-Booten \u00fcberholt, meist nur mit 2-3 Personen besetzt. Die Indios kehren vom Markt in Rurrenabaque zur\u00fcck, auf dem sie gestern Gesch\u00e4fte gemacht haben. Sie benutzen den billigsten Diesel, den es gibt, deshalb knarrt es bei ihnen so. Immer wieder sehen wir Landestege, die zu ihren Gemeinschaften am Uferrand f\u00fchren. Die kann man von hier aus aber nicht einsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>comuneros<\/em>, wie Fernando sie nennt, haben das Recht zur \u201eGoldw\u00e4sche\u201c im Beni. Und davon machen sie auch Gebrauch, wie wir bei zwei, drei Gelegenheiten sehen k\u00f6nnen. Es ist ein m\u00fchsames Gesch\u00e4ft, etwa 2 Wochen, sagt Fernando, f\u00fcr 10-15 Gramm. Aber es ist ein lohnenswertes Gesch\u00e4ft, gerade jetzt, wo der Goldpreis steigt und steigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00a1Miren, un chancho del monte!\u201c, ruft Fernando pl\u00f6tzlich. Direkt vor taucht aus dem Wasser ein Kopf auf. Ein Pekari, ein Nabelschwein, dem man aber erst ansieht, dass es ein Schwein ist, als es ans Ufer kommt. Es findet geschickt einen Weg zwischen den Felsen und verschwindet im Geb\u00fcsch. Es kommt vom anderen Ufer, sagt Fernando. Das Pekari ist das einzige Schwein, das schwimmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren, dass wir uns jetzt, was den Tourismus betrifft, in der Nebensaison befinden. Hochsaison ist in unserem Sommer, Juli und August. Wir sollen im August noch mal wiederkommen, meint er, dann gebe es mehr Tiere zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beni flie\u00dft gar nicht so gem\u00e4chlich, wie ich mir das bei einem Amazonas-Fluss vorgestellt habe. Die Str\u00f6mung ist ordentlich, und unser Bootsmann hat ordentlich was zu tun. Offensichtlich versteht er sein Gesch\u00e4ft. Immer wieder man\u00f6vriert er zur einen oder anderen Seite, um eine Stromschnelle zu vermeiden, und wir kommen gut voran. Nur ganz selten setzt das Boot hart auf dem Wasser auf.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle verengt sich der Fluss. Wir fahren durch eine Art Schlucht. Hier wollte Morales, erkl\u00e4rt uns Fernando, einen Staudamm bauen, traf dabei aber auf den Widerstand der <em>comuneros<\/em> und musste das Projekt fallen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach breitet sich der Fluss wieder, und die Landschaft ver\u00e4ndert sich. Jetzt ist es flacher am Ufer, und eine Seite ist ganz mit Schilf bewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gabelt sich der Fluss, aber er ist hier so breit, dass man das kaum sehen kann, wo der Beni und wo der andere Fluss ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Landesteg, von dem aus wir zu einer der Gemeinschaften der <em>comuneros<\/em> gelangen k\u00f6nnen, steigen wir aus. Ein schmaler Trampelpfad f\u00fchrt durch das Geb\u00fcsch. Auf dem Weg Wurzeln, Bl\u00e4tter, Zweige, umgest\u00fcrzte Baumst\u00e4mme.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes pfl\u00fcckt Fernando eine Frucht mit gelber Farbe. Er bricht sie auf. Innen ist sie wei\u00df. Was kann das nur sein? Wir stehen auf dem Schlauch. Es ist Kakao! Die wei\u00dfen Kerne innen kann man lutschen. Schmecken s\u00fc\u00df, aber \u00fcberhaupt nicht nach Kakao. Diese Kerne werden in der Sonne getrocknet, und dann verschwindet der wei\u00dfe \u00dcberzug, und die Kakaobohne kommt zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen Bananenstauden, riesig, mit gro\u00dfen Bl\u00e4ttern. Die Fr\u00fcchte wachsen in dichten B\u00fcscheln, die wiederum aus \u201eH\u00e4nden\u201c bestehen. Die einzelnen Fr\u00fcchte sind die \u201eFinger\u201c. Jede Hand hat 10-20 Finger. Die Bananen wachsen gekr\u00fcmmt nach oben, \u201efalsch\u201c herum sozusagen. Die Kr\u00fcmmung entsteht, weil sie das Sonnenlicht suchen. Das nennt man Tropismus. Die Bl\u00fcte der Banane, violett, h\u00e4ngt wie eine Glocke unter den Fr\u00fcchten!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Palme ist au\u00dfen hart wie Stein, hat aber innen Holz, das sehr biegsam ist. Es wird f\u00fcr die Herstellung von B\u00f6gen und von Angeln genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>An vielen B\u00e4umen Termitenhaufen. Sie bestehen aus den Exkrementen der Tiere. Wenn man an dem Haufen ein bisschen kratzt, kommen Termiten zum Vorschein. Man kann sie mit dem befeuchteten Finger auflesen und essen. Kenne ich schon aus Ecuador. F\u00fcr Evangelina eine neue Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kommen wir noch zu einer ganz besonderen Palme, motac\u00fa, endemisch in Bolivien. Die Fr\u00fcchte, gr\u00fcn, klein, wachsen in ganz dichten B\u00fcndeln. Sie sind essbar und man gewinnt \u00d6l aus ihnen. Das wird kosmetisch f\u00fcrs Haar und medizinisch f\u00fcr Lunge und Leber gebraucht. Aus den Bl\u00e4ttern, mit denen fr\u00fcher die Behausungen abgedeckt wurden, stellt man K\u00f6rbe und andere Gebrauchsartikel her.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon kurz vor dem Dorf sehen wir einen Baum, der scheidenartige Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Innen wieder Kakaobohnen, aber die schmecken nicht so s\u00fc\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dorf l\u00e4sst sich zun\u00e4chst niemand sehen. Es scheint nur aus ein paar H\u00fctten zu bestehen. Am Rand eine Zuckerrohrplantage, vorne ein Bolzplatz mit richtigen Toren, etwas schief stehend, und in der Mitte eine Apparatur, die umgehend kennenlernen werden. Es ist eine Zuckerm\u00fchle, <em>trapiche<\/em> auf Spanisch. Damit wird der Zuckerrohrsaft gewonnen. In der Mitte drei h\u00f6lzerne Walzen. \u00dcber eine Rinne werden die Zuckerrohrstangen eingef\u00fchrt, mittels einer Stange, die au\u00dfen um die Anlage heruml\u00e4uft. Mit Menschenkraft betrieben. Wir versuchen uns beide daran und filmen uns gegenseitig dabei, wie wir mit allergr\u00f6\u00dfter Kraftanstrengung und unter lautem St\u00f6hnen die M\u00fchle in Bewegung setzen. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Erstaunlich, wie viel Saft in den Stangen steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns und probieren den Saft. Zu s\u00fc\u00df, aber mit der Zugabe von etwas Zitronensaft schmeckt er richtig gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken den Saft aus einer Schale, die ebenfalls aus der Frucht einer Pflanze hergestellt wird. Wir werden sie sp\u00e4ter noch in natura sehen. Diese gro\u00dfe Schale dient auch als \u201eHut\u201c und als \u201eDusche\u201c. Au\u00dferdem werden aus der Frucht Sch\u00f6pfl\u00f6ffel hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind drei junge M\u00e4nner aus dem Dorf aufgetaucht. Sie erkl\u00e4ren, man d\u00fcrfe den Zuckerrohrsaft nie mit Wasser vermischen. Dann komme man gar nicht mehr runter vom Klo.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir unseren Weg hierher erkl\u00e4ren und von den Stra\u00dfenblockaden sprechen, sind sie ganz erstaunt. \u00bfBloqueo? Davon haben sie nichts mitbekommen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina fragt nach der Schule. Ja, inzwischen gibt es nicht nur die Grundschule, sondern auch die Sekundarstufe. Unterrichtet wird auf Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie Fernando gebrauchen sie auch <em>de repente<\/em>, um <em>vielleicht<\/em> zu sagen, eine Form, die mir ganz unbekannt ist, genauso wie das ebenso amerikanische <em>capaz<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brechen auf. Nach kurzer Fahrt gelangen wir wieder an einen Landesteg. Wir gehen ein kurzes St\u00fcck und kommen zu einem anderen Boot. Um zur Lodge zu kommen, m\u00fcssen wir noch \u00fcber einen abgestorbenen Nebenarm des Beni scheppern. Beim Einstieg bringe ich das Boot beinahe zum Kentern. Im letzten Moment verhindern helfende H\u00e4nde das Schlimmste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kisten werden mittels einer Schubkarre, die hier irgendwo auftaucht, von einem Boot ins andere verfrachtet, und es kann losgehen. Hier ist es total einsam und ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Fluss gibt es Piranhas, aber die sehen wir ebenso wenig wie die Schildkr\u00f6ten am Uferrand, auf die Fernando hinweist. Irgendwie sind wir immer zu langsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl sehen wir einen Vogel mit sch\u00f6nem, wei\u00df-braun-schwarzem Gefieder, der elegant gleich \u00fcber uns durch die Luft gleitet. Es ist ein paraba, ein papageienartiger Vogel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel ist bew\u00f6lkt, aber dazwischen kommt die Sonne raus. Die Strahlung der Sonne ist stark, und die Sonne blendet stark. Daf\u00fcr gibt es im Spanischen hier in Amerika ein eigenes Wort, <em>resolana<\/em>. Evangelina und Fernando sind damit vertraut, f\u00fcr mich ist es neu. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Lodge. Wir werden sofort von einer freundlichen Frau mit einem Glas Zitronensaft empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt hier ein paar H\u00fctten, die so einfach sind, wie man das hier erwarten kann, und eine etwas gr\u00f6\u00dferes, neueres H\u00e4uschen mit K\u00fcche und Essraum. Fernando erkl\u00e4rt, sie h\u00e4tten das alles <em>peu \u00e0 peu<\/em> aufgebaut. Fr\u00fcher h\u00e4tten die Touristen hier weniger Komfort gehabt. Der Strom wird mittels einer \u201eSolaranlage\u201c betrieben, die Mennoniten aus der Gegend aufgebaut haben. Nachts wird der Strom abgestellt, aber jetzt k\u00f6nnen wir noch unsere Handys aufladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort wird ein schmackhaftes Mittagessen serviert, und danach kann man eine kleine Pause einlegen. Am Nebentisch eine Gruppe aus zwei Deutschen und drei Franzosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir zu einem Spaziergang durch den Urwald aufbrechen, zeigt Fernando uns noch zwei B\u00e4ume. An einem h\u00e4ngen dicke, gr\u00fcne Fr\u00fcchte, die aber gar nicht so schwer sind, wie sie aussehen. Das ist die Frucht, <em>tutuma<\/em>, aus der die Trinkschale gemacht ist, aus der wir den Zuckerrohrsaft getrunken haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachbarbaum <em>copoaz\u00fa<\/em>, h\u00e4ngen ovale, orangefarbene Fr\u00fcchte, &nbsp;aus denen uns nach der R\u00fcckkehr ein leckerer Saft serviert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es in den Urwald. Selbst hier gibt es einen \u201eWeg\u201c, aber wir schlagen uns auch immer wieder ins Geb\u00fcsch. Fernando ist mit einer Machete bewaffnet, die er meisterhaft benutzt, um uns mit einem einzigen Streich den Weg freizumachen, aber auch, um ganz feine Zweige zu schneiden und Fr\u00fcchte zu sch\u00e4len.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist zwar vielleicht nicht der Urwald mit heulenden Affen und gef\u00e4hrlichen Schlangen, wie wir uns ihn vorstellen, aber man hat schon das Gef\u00fchl, im Urwald zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes sehen wir eine Kaffeepflanze, mit harten, gr\u00fcnen Fr\u00fcchten. Sind aber f\u00fcr den Menschen hier nicht n\u00fctzlich, da sie alle den Insekten zum Opfer fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir Ameisen, die nur wie gr\u00fcne Punkte aussehen, da sie auf ihrem R\u00fccken abgeschnittene Bl\u00e4tter transportieren. Sie laufen auf ein Loch in einem Baum zu. Drinnen deponieren sie die Bl\u00e4tter. Die gelagerten Bl\u00e4tter bilden Larven aus, und von denen, nicht von den Bl\u00e4ttern, ern\u00e4hren sich die Ameisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem umgest\u00fcrzten Baumstamm, der quer auf dem Weg liegt, haben sich Pilze ausgebildet, ein wunderbares Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando \u201ef\u00e4ngt\u201c einen Tausendf\u00fc\u00dfler und legt ihn auf einem Baumstamm ab. Er kr\u00fcmmt sich sofort zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem anderen Baumstamm sehen wir einen behaarten Wurm, und dann ein gro\u00dfes, dunkles Spinnennetz.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem ganzen Weg werden wir von Hunderten von Moskitos umschw\u00e4rmt. Fernando findet auch, dass es ungew\u00f6hnlich viele sind, wohl die Folge der Kombination von Regen und Sonne. Das M\u00fcckenschutzmittel verhindert das Schlimmste, und sp\u00e4ter gibt uns Fernando die Rinde eines Baumes, mit deren Innenseite man die gef\u00e4hrdeten K\u00f6rperteile einreiben kann. Auch das zeigt seine Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt eine besondere Palme, <em>chonta<\/em>, eine Stachelpalme mit nussartigen Fr\u00fcchten. Sie hat viele Eigenschaften, soll unter anderem die Verdauung f\u00f6rdern und den Blutdruck kontrollieren. Vor allem ist sie aber f\u00fcr die Indios eine Pflanze, die Identit\u00e4t stiftet. Aus ihr wird Schmuck hergestellt, der in jeder Gemeinschaft besondere Merkmale hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt <em>pachoa<\/em>, die \u201ewandernde Palme\u201c. Ihr Stamm l\u00e4uft nach unten in d\u00fcnne, schr\u00e4g stehende \u201eBeine\u201c aus, wie bei einem Tripod zum Photographieren, nur mit mehr Beinen. Die inneren Beine sterben ab, daf\u00fcr werden nach au\u00dfen hin neue Beine entwickelt. So kann die Palme sich um ca. 20 Zentimeter pro Jahr weiterbewegen und mehr Licht oder bessere B\u00f6den erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nimmt Fernando die Machete und haut ein paar Kerben in den Stamm eines Baumes, ganz unten. Wir warten, und nach ein, zwei Minuten tritt eine wei\u00dfe Fl\u00fcssigkeit aus. Wir nehmen sie zwischen Daumen und Finger und reiben ein bisschen daran. Die Fl\u00fcssigkeit verfestigt sich und die Farbe ver\u00e4ndert sich. Dann merken wir, um was es sich handelt, denn unsere Finger kleben zusammen: Kautschuk. Es handelt sich um einen Gummibaum. Aus der Fl\u00fcssigkeit, die er preisgibt, wird Klebstoff ebenso hergestellt wie Gummireifen oder Gummisch\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Baumstamm machen wir eine wohltuende Pause, w\u00e4hrend Fernando weitergeht, um etwas zu holen. Wir sitzen ein paar Minuten in aller Stille dort. Nur die V\u00f6gel h\u00f6rt man, kein gro\u00dfes Konzert, sondern vereinzelt, alle anders klingend: Einer st\u00f6\u00dft einen langen Pfeifton aus, ein anderer trillert, ein dritter macht dreimal hintereinander Piep, ein anderer singt die ganze Tonleiter runter, bis zum letzten Ton, den er in die L\u00e4nge zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ruft Fernando uns zu sich. Er nimmt seine Machete, um einen ganz d\u00fcnnen Zweig zu sch\u00e4len. Er bittet uns, auszuatmen, h\u00e4lt und den Zweig unter die Nase und sagt uns, wir sollten jetzt tief einatmen. Der Effekt ist fulminant. Ein starker, scharfer Luftstrom mit intensiven, nach Medizin schmeckenden Geruch geht durch die Nase und den Mund und dringt in den Kopf ein. Diese \u00dcbung wird f\u00fcr allerlei Heilzwecke eingesetzt, vor allem f\u00fcr alles, was mit dem Kopf und dem Hals zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zu einem Gew\u00e4sser, das ganz wunderbar aussieht, ein T\u00fcmpel, in dem das Wasser steht und eine gleichm\u00e4\u00dfige gr\u00fcne Oberfl\u00e4che hat, wie ein gepflegter Rasen. Auf dem Wasser liegen \u00c4ste, und an einigen Stellen gucken abgestorbene Baumst\u00e4mme aus dem Wasser hervor. An verschiedenen Stellen kommt die Sonne durch und bescheint den T\u00fcmpel. Ein wunderbares Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abseits finden wir eine Liane, und Evangelina l\u00e4sst es sich nicht nehmen und schwingt sich an ihr durch den Urwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Fernando hat noch eine \u00dcberraschung f\u00fcr uns, eine weitere Liane. Die schneidet er auf und gibt uns zu trinken. Der Stamm der Liane enth\u00e4lt Wasser!<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fast auf dem R\u00fcckweg findet Fernando am Wegesrand noch eine Muschel.&nbsp; Was macht eine Muschel hier? Ist so ziemlich das Letzte, womit ich gerechnet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir noch einen st\u00e4mmigen Baum, <em>solim\u00e1n<\/em>, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Sein Holz ist steinhart und wird f\u00fcr den Hausbau verwandt. Aber erst mal muss man darankommen, denn die Rinde ist hochgiftig. Daf\u00fcr haben die Indios eine besondere Technik entwickelt. Und haben der Rinde gleich noch einen weiteren Zweck verliehen. Sie wird beim Fischfang eingesetzt. Die Fische verenden zwar nicht, aber kommen ver\u00e4ngstigt, wie in Bedr\u00e4ngnis, an die Oberfl\u00e4che und k\u00f6nnen gefangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zur Lodge kommen, sehen wir schon, wie das Abendessen zubereitet wird. Der Fisch, in Bananenbl\u00e4tter eingerollt, liegt auf einem Rost \u00fcber einem Holzfeuer, aber abw\u00e4rts, so dass er nicht gegrillt, sondern ger\u00e4uchert wird. Als er beim Abendessen zwischen den Bananenbl\u00e4tter zum Vorschein kommt, sieht er eher wie gekocht als ger\u00e4uchert aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Tages z\u00e4hlen wir unsere M\u00fcckenstiche. Ich gewinne. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>13. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Fr\u00fchst\u00fcck st\u00fcrzt Evangelina, weil eine der Baumscheiben, \u00fcber die man in das Haus gelangt, wegrutscht. Jetzt haben wir beide geschwollene Knie!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck hat mit unserem nichts gemein. Es gibt Apfelsinen und Ananas in Scheiben, jeweils mit einer Kirsche verziert. Dazu ein s\u00fc\u00dfes Geb\u00e4ck und ein weiteres Geb\u00e4ck, eine Art Krapfen, mit K\u00e4se gef\u00fcllt. Dazu frischen Orangensaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando dr\u00e4ngt zur Eile. Er findet, wir h\u00e4tten getr\u00f6delt. Wir m\u00fcssen zuerst nach Rurrenabaque zur\u00fcck, erst von dort geht es in die Pampa. Das war uns nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den R\u00fcckweg brauchen wir weniger Zeit, weil es stromabw\u00e4rts geht. Unterwegs erfahren wir, dass Rurrenabaque auch ein wichtiger Umschlagplatz f\u00fcr den Kokain-Schmuggel ist. Vor hier geht die Ware nach Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Rurrenabaque zeigt Fernando auf einen Punkt in den Bergen. Dort habe sich ein vormaliger Diktator eine Luxusvilla errichten lassen, nat\u00fcrlich von Steuergeldern. Es wurde sp\u00e4ter zur Verantwortung gezogen und verurteilt. Das ganze Gel\u00e4nde mitsamt der Villa verk\u00fcmmerte und ist inzwischen Ruine.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Br\u00fccke \u00fcber den Beni, die wir von unserer Unterkunft aus sehen, sei neu, erkl\u00e4rt Fernando. Durch sie sei alles leichter geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Unterkunft, Lobo, erfahren wir, ist das Eigentum eines israelischen Unternehmers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen an Land, verabschieden uns von Chaco und werden im B\u00fcro unsere durchschwitzten Hemden und vor allem die Stiefel los. Es ist richtig hei\u00df hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort machen wir uns auf den Weg, mit einem Kleintransporter. Die Stra\u00dfe, \u00fcber die wir fahren, ist neu. Fr\u00fcher gab es nur einen Schotterweg hier. Wof\u00fcr man fr\u00fcher 1-2 Tage brauchte, das schafft man heute in 6 Stunden. Die Stra\u00dfe wurde von den Chinesen gebaut. Allerdings haben sie ihre Arbeit nicht richtig fertig gemacht. Erstens gibt es keinen Schutz f\u00fcr die Tiere und gegen Zusammenst\u00f6\u00dfe mit Tieren. Es hat schon t\u00f6dliche Unf\u00e4lle gegeben. Zweitens untergr\u00e4bt das Wasser des sumpfigen Gel\u00e4ndes zu beiden Seiten die Stra\u00dfe. Wie wir sp\u00e4ter selbst sehen k\u00f6nnen, ist der ohnehin nur schmale Seitenstreifen schon an vielen Stellen br\u00fcchig. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der hier verkehrenden Autos haben keine Nummernschilder. Das l\u00e4sst Evangelina keine Ruhe. Sie hat mich schon vorher darauf hingewiesen, aber ich habe nicht verstanden, was sie meinte. Sie sagt <em>patente<\/em>, in Spanien sagt man <em>matr\u00edcula<\/em>. Jetzt versteht Fernando sie auch nicht. In Bolivien sagt man <em>placa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls erkl\u00e4rt Fernando, man brauche kein Nummernschild, solange man sich in (der Provinz) Beni befinde, nur dann, wenn man nach La Paz fahre. Das sei alles v\u00f6llig legal. Dazu erfahren wir in den n\u00e4chsten Tagen noch eine andere Version.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen, etwas weit entfernt, einen wei\u00dfen Vogel mit einem schwarzen Kopf und rotem Hals. Er ern\u00e4hrt sich von Schlangen, Eidechsen und Fischen. Die Fische sind aber nicht dumm. Bei herannahender Gefahr \u201educken\u201c sie sich weg und verstecken sich ganz tief unten im Wasser. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Warnschildern, in Schwarz und Gelb, die auf kreuzende Tiere hinweisen, sieht man K\u00fche, vor allem aber ein Tier, das ich nicht kenne. Fernando nennt es <em>capivara<\/em>, Angelina <em>carpincho<\/em>. Die ersten Versuche, eins zu sehen zu bekommen, sind nicht so erfolgreich. Fernando sieht eine Mutter mit Nachwuchs, aber bevor wir sie sehen, sind sie schon im Geb\u00fcsch verschwunden. Dann sehen wir einen toten, am Stra\u00dfenrand liegend. Der wird schon von Aasgeiern ausgenommen. Etwas sp\u00e4ter h\u00e4lt Fernando an. Er hat wirklich einen phantastischen Blick f\u00fcr die Tiere. Hier sehen wir, in einem Sumpf, aber etwas weit entfernt, eine Mutter mit ihren Kleinen. Das M\u00e4nnchen h\u00e4lt sich immer etwas entfernt, ist auf Wache und schl\u00e4gt Alarm, wenn Gefahr droht. Erst auf dem R\u00fcckweg bekommen wir dann ein Einzelexemplar in seiner ganzen Pracht zu sehen. Wirkt auf mich wie eine Kreuzung aus Nagetier und Schwein.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando stellt gelegentlich etwas seltsam anmutende Behauptungen auf, und am Ende hat er immer gerne Recht. Nein, meint er, <em>capivara<\/em> und <em>carpincho<\/em>, das sei nicht dasselbe Tier, da irre Evangelina. Sp\u00e4ter finden wir im Internet heraus, dass es wohl dasselbe Tier ist, die W\u00f6rter sind nur regional verschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die interessanteste Behauptung, die er aufstellt, f\u00e4llt im Zusammenhang mit den <em>parabas<\/em>, den V\u00f6geln, von denen wir gestern ein paar Exemplare gesehen haben.&nbsp; Die <em>parabas<\/em> sind sich ein Leben lang treu, sie leben monogam. Wenn das Weibchen stirbt, behauptet Fernando, st\u00fcrze sich das M\u00e4nnchen ins Wasser und begehe Selbstmord. Dasselbe gelte f\u00fcr die Kondore. Kann das stimmen? Gibt es \u00fcberhaupt Tiere, die Selbstmord begehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann stehen mitten auf der Stra\u00dfe K\u00fche, wei\u00dfe, graue, und braun-schwarz-wei\u00dfe, alle mit m\u00e4chtigen, runden H\u00f6rnern. Stra\u00dfenblockade der anderen Art. Sie lassen sich durch das Auto nicht gro\u00df st\u00f6ren und gehen ganz gem\u00e4chlich zur Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf den Weiden am Wegesrand K\u00fche in H\u00fclle und F\u00fclle. Sie geh\u00f6ren zu den Farmen \u2013 Fernando spricht von <em>estancias<\/em> \u2013 die sich hier \u00fcberall befinden. Die Eigent\u00fcmer sind alle steinreich, vor allem einer, dem gleich Dutzende von <em>estancias<\/em> geh\u00f6ren. Fernando nennt ihn den Herrn von Santa Cruz, <em>El due\u00f1o de Santa Cruz<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Warnschilder werden immer abwechslungsreicher. Jetzt sieht man auch einen Kaiman, einen Strau\u00df und ein kombiniertes Schild mit drei Tieren. Fernando tut mir immer den Gefallen, anzuhalten, damit ich Photos machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Strau\u00dfe sieht man tats\u00e4chlich reichlich. Sie sind zuerst als Zuchttiere eingef\u00fchrt worden, haben sich jetzt aber selbst\u00e4ndig gemacht und leben in Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen die Stra\u00dfe und gelangen \u00fcber eine Schotterpiste in ein sch\u00f6nes Lokal, das man in dem verlassenen Kaff gar nicht erwartet. Im Innenhof ein Tukan mit wunderbar buntem Gefieder, und eine Katze, die wie tot aussieht, aber nicht ist. Sie sonnt sich nur.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein reichhaltiges, schmackhaftes Essen. Ich lange ordentlich zu. Evangelina geht es nicht so gut, aber Fernando reagiert kaum darauf, als sie es zur Sprache bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>In La Paz, sagt er, halte er es nicht lange aus. Da sei es ihm zu kalt. Er liebe die Hitze. Dabei benutzt er <em>la calor<\/em>, im Femininum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann l\u00e4sst er uns alleine, k\u00fcndigt etwas an, das ich wieder nicht verstehe. Er f\u00e4hrt zu einer Tankstelle. Die hei\u00dft hier <em>surtidor<\/em> statt <em>gasolinera<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er wiederkommt, brechen wir sofort auf. Wir fahren zu einer Anlegestelle und steigen wieder in ein Boot. Diesmal \u00fcbernimmt Fernando selbst das Steuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr einsam hier, w\u00e4hrend der ganzen Zeit begegnen wir kaum mal einem anderen Boot. Fernando&nbsp; weicht auch manchmal auf einen Nebenarm aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bl\u00f6derweise f\u00e4ngt es an zu regnen, sobald wir ins Boot steigen. Der Regen nimmt zu, und am Ende sch\u00fcttet es nur so. Man sitzt hier ungesch\u00fctzt, da die Boote hier kein Verdeck haben. Ist nicht erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal versucht Fernando sogar, sich \u201eunterzustellen\u201c. Das gelingt so halb. Die Szenerie hier, in einer Art Sackgasse des Flusses, mit dicht stehenden B\u00e4umen, ist&nbsp; allerdings wundersch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen ist auch nicht gerade f\u00f6rderlich, wenn es darum geht, Tiere zu sehen. Ein paar erwischen wir doch. Zuerst einen gro\u00dfen Vogel mit einem sch\u00f6nen Gefieder und einem Kopf wie ein Wiedehopf. Dann einen Baum mit lauter kleinen schwarz-gelben V\u00f6geln. Der Baum ist voller Nester, und die h\u00e4ngen wie S\u00e4cke von den \u00c4sten herab. Auf einem umgest\u00fcrzten Baumstamm haben es sich zwei Schildkr\u00f6ten im Wasser gem\u00fctlich gemacht. Als wir wieder bei ihnen vorbeifahren, ist nur noch eine da. Sehr sch\u00f6n ist die Spiegelung des Geb\u00fcschs im Wasser. Davor streckt ein Vogel mit einem langen Hals und einem langen Schnabel seinen Kopf aus dem Wasser. Er dreht den Kopf in alle Richtungen, so als wolle er sich pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Den H\u00f6hepunkt bilden die gelben \u00c4ffchen. Von denen bekommen wir ganz viele aus n\u00e4chster N\u00e4he zu sehen. Sie klettern, alleine oder zu zweit, in den B\u00e4umen herum oder springen von Ast zu Ast. Eine Mutter tr\u00e4gt ihr Kleines auf der Schulter, verschwindet aber schnell im Geb\u00fcsch, als wir uns n\u00e4hern. Die anderen sehen uns neugierig an.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommt noch die Jagd nach den gro\u00df angek\u00fcndigten rosa Delphinen. An der ersten Stelle taucht gar keiner auf, an der zweiten dann wohl. Aber so ganz k\u00f6nnen wir Fernandos Enthusiasmus nicht teilen. Man sieht sie wirklich nur f\u00fcr Bruchteile von Sekunden, und man sieht immer nur den R\u00fccken. Auch sind sie zwar anders als die grauen Meeresdelphine, aber auch nicht richtig rosa.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur\u00fcck an Land, und wir machen uns auf den Weg nach Rurrenabaque. Unterwegs gibt es noch was zu sehen. Wieder ist Fernandos Sensorium f\u00fcr Tiere echt bemerkenswert. Er hat aus dem Auto heraus ein Faultier entdeckt. Wir sehen es erst gar nicht, obwohl wir gehalten haben und ausgestiegen sind. Dann entdecke ich es endlich auch, an einem Ast h\u00e4ngend. Ich bin eine Sekunde zu sp\u00e4t mit der Kamera, denn das Faultier klettert, als es uns bemerkt, den Ast herunter, und ich erwische nur noch den Arm. Wir gehen n\u00e4her ran, und jetzt k\u00f6nnen wir das graue Gesicht von unten sehen, zwischen den Bl\u00e4ttern, ganz nah.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernando tut uns den Gefallen, uns in Rurrenabaque direkt zur Unterkunft zu bringen. Das trifft sich gut. Der Koffer muss noch gepackt werden. Morgen geht es fr\u00fch los. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>14. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen herrscht Aufbruchsstimmung. Der Fr\u00fchst\u00fccksraum ist voll, und drau\u00dfen warten die Tuk-Tuks.<\/p>\n\n\n\n<p>In ganz kurzer Zeit sind wir am Flughafen. Am Schalter von <em>Ecojet<\/em> steht eine bolivianische Familie. Sie geben keine Koffer auf. Vor uns zwei Tschechen, die es sich wohl anders \u00fcberlegt haben und erst am Freitag abreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir dran sind, sieht sich die Frau am Schalter erst lang unsere Buchung an. Erst dann sagt sie: Der Flug heute f\u00e4llt aus. Mechanische Probleme. Sie dr\u00fcckt uns ein Formular in die Hand, mit dem man Erstattungsanspr\u00fcche geltend machen kann. Eigentlich, finde ich, m\u00fcsste die Fluglinien von selbst das Geld erstatten. So hat es bei den Busunternehmen funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Tuk-Tuk-Fahrerin wartet noch drau\u00dfen auf uns. Der Bus nach La Paz f\u00e4hrt erst am Abend, unser Anschlussflug ist am sp\u00e4ten Nachmittag. Aber es gibt eine Alternative: Sammeltaxis. Sie bringt uns dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in einem Schuppen, stehen schon verschiedene Wagen, so eine Art Kombi, so gut wie abfahrbereit. Aber jeder wartet darauf, bis er vollbesetzt ist, mit 6 Fahrg\u00e4sten. Unsere Koffer landen schon auf einem Gep\u00e4cktr\u00e4ger, kommen dann aber wieder runter, weil hier nur noch ein Platz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das Problem mit der Bezahlung zur Sprache. Kann man nicht mit Dollar bezahlen? Nein, ausgeschlossen. Aber wir haben nicht mehr genug Bolivianos. Kurzentschlossen nimmt Evangelina ein Tuk-Tuk und f\u00e4hrt in die Stadt, um Geld zu wechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann k\u00f6nnen wir einsteigen, zum Gl\u00fcck hinten, zu zweit, auf der vorderen Bank sitzen drei, aneinander gequetscht, darunter ein f\u00fclliger Mann, der Begleiter einer Ecuadorianerin, die es sich vorne bequem macht und w\u00e4hrend der gesamten Reise nicht auf die Idee kommt, den Platz einem anderen anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt ist eine einzige Katastrophe. Da, wo die Stra\u00dfe asphaltiert ist, ist sie voller Schlagl\u00f6cher, da, wo sie Schotterpiste ist, werden wir ordentlich durchger\u00fcttelt, und das Auto schl\u00e4gt immer wieder auf dem Boden auf. Die Stra\u00dfe ist voller Kurven, und es geht auf und ab. Dann f\u00e4ngt es auch noch an zu regnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zweimal kurz haltmachen, kann man zumindest aufs Klo gehen, aber sauber ist es hier nirgendwo. An den Kiosken gibt es nichts zu kaufen au\u00dfer Fertigware wie Schokoladenriegel.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Tankstelle machen wir Halt. Hier stehen keine Autos in der Schlange, sondern Menschen, mit Kanistern bewaffnet. Das Benzin scheint rationiert zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Stunden machen wir Halt in einem Ort namens Caravani. Hier findet ein fliegender Wechsel in ein anderes Auto statt. Der Fahrer ist freundlicher als der erste.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist auch klar, dass wir unseren Anschlussflug nach Cochabamba verpassen werden. Alles wegen <em>Ecojet<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird immer sp\u00e4ter, und La Paz will einfach nicht in Sicht kommen. Wir fahren durchs Hochgebirge.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist es endlich soweit. Die Au\u00dfenbezirke der Stadt kommen in Sicht. Am Busbahnhof werden wir an einer belebten Stra\u00dfe ausgesetzt. Man kommt wegen des Verkehrs kaum auf die andere Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort gibt es dann Missverst\u00e4ndnisse. Unsere Fragen werden irgendwie nicht richtig beantwortet. Dann merken wir, dass wir nicht an <em>unserem<\/em> Busbahnhof sind, sondern an dem anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen wieder auf die andere Stra\u00dfenseite und ein Taxi anhalten. Am Ende nehmen wir ein richtig sch\u00e4big aussehendes, in das ich bis vor einigen Tagen nicht eingestiegen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht aber alles gut, nur dauert die Fahrt in dem abendlichen Verkehr noch eine glatte Stunde bis El Alto.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fragen am Schalter von BoA, ob f\u00fcr den abendlichen Flug noch Pl\u00e4tze frei sind. Nein, f\u00fcr morgen und f\u00fcr \u00fcbermorgen auch nicht. Dabei gibt es 3-4 Fl\u00fcge am Tag. Das sind alles noch Nachwirkungen der Stra\u00dfenblockaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zum Schalter von <em>Ecojet<\/em>. Wir klagen unser Leid und wollen der Frau das Formular f\u00fcr die R\u00fcckerstattung in die Hand dr\u00fccken. Das gehe nicht, sagt sie, sie k\u00f6nne es nicht annehmen. Wir m\u00fcssten daf\u00fcr in das B\u00fcro von <em>Ecojet<\/em> in die Stadt fahren. Da verliere ich die Geduld, ich lasse der Frau, aufgeregt und f\u00fcr alle Umstehenden h\u00f6rend, wissen, was ich von ihrer Fluglinie halte.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina versucht, mich zu beruhigen, aber da&nbsp; bin ich schon auf dem Weg zum Ausgang. Ein Taxi bringt uns zu \u201eunserem\u201c Hotel, dem <em>Espectacular<\/em>. Da ist zum Gl\u00fcck ein Zimmer frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer ungl\u00fcckseliger Tag geht zu Ende.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>15. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen suche ich im Internet nach Fl\u00fcgen oder Busfahrten, egal ob Cochabamba oder sonstwo in Bolivien. Nichts zu machen. F\u00fcr die n\u00e4chsten beiden Tage alles ausgebucht. Da f\u00e4llt zuf\u00e4llig mir eine Seite mit einem privaten Transferservice ins Auge. Teuer. Ich buche trotzdem. Und schon nach 10 Minuten ist die Best\u00e4tigung da: Um 9.30 w\u00fcrden wir abgeholt, hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<p>Da bleibt noch Zeit, irgendwo ein Fr\u00fchst\u00fcck zu ergattern. Wird allerdings nicht so leicht sein. Der Mann an der Rezeption sagt, daf\u00fcr sei es noch etwas fr\u00fch. Wir versuchen es trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eiskalt drau\u00dfen, und die sonst so gesch\u00e4ftigen Stra\u00dfen sind menschenleer. Wir irren durch die Gegend, ohne was zu finden. Eine sehr energische Frau, die gerade dabei ist, St\u00fchle in ihrem kleinen Lokal aufzustellen, sagt uns, wir k\u00f6nnten uns schon mal setzen, aber als wir dann die Bestellung aufgeben, macht sie einen R\u00fcckzieher.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen kleinen Imbiss, mit einer Zeltplane vor dem Eingang, unter der 2-3 Kunden sitzen. Innen gibt es nur zwei kleine Tische, aber die sind nicht besetzt, und wir werden freundlich gebeten, Platz zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen ist von \u00dcberschwemmungen in verschiedenen Teilen des Landes die Rede und von <em>La Verde<\/em> und einem bevorstehenden Freundschaftsspiel gegen Panama. Zum ersten Mal seit \u00fcber 30 Jahren wird wieder in Tarija gespielt, und die Leute stehen schon die ganze Nacht \u00fcber Schlange, um eine Karte zu ergattern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt leckere belegte Br\u00f6tchen, mit Avocado oder mit R\u00fchrei oder mit gebratener Wurst. Die Frau hinter der Theke fragt uns, ob wie vielleicht dieses l\u00e4ngliche Br\u00f6tchen probieren wollen. Ich sage ja. Es schmeckt wunderbar. Wie ein deutsches Br\u00f6tchen frisch aus der B\u00e4ckerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee wird so serviert, dass erst aus einer gro\u00dfen Kanne eine Art Kaffee-Essenz in die Tasse kommt, und die dann mit hei\u00dfem Wasser gef\u00fcllt wird. Darum k\u00fcmmern sich zwei junge Frauen, die T\u00f6chter der Wirtin. Sie erz\u00e4hlt stolz, ihre T\u00f6chter seien \u201estudiert\u201c. Die eine ist Physiotherapeutin, die andere arbeitet im Kosmetikbereich. Morgens helfen sie hier aus, nachmittags arbeiten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Frau erf\u00e4hrt, aus welchen L\u00e4ndern wir sind, bittet sie um ein Photo mit uns beiden, \u201ef\u00fcr meinen Sohn\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine angenehme Begegnung f\u00fcr uns am Morgen. Danach geht es zur\u00fcck zum Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fahrer, Carlos, ist p\u00fcnktlich da. Er nimmt unsere Koffer entgegen, und los geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst geht es durch den dichten Verkehr durch El Alto. Hier gibt es Stra\u00dfen, die noch schlechter sind als gestern. Wie kommt das? Die Anh\u00e4nger von Morales, die sich hier auch auf den Mauern am Wegesrand kundtun, haben die Stra\u00dfe aufgerissen, als Morales angeklagt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos erweist sich nicht nur als guter Fahrer, sondern auch als guter Unterhalter und als Informationsquelle. Ja, die Seilbahn sei ein Segen f\u00fcr La Paz, und die habe man Morales zu verdanken. Auch f\u00fcr die Indios und gegen soziale Ungleichheiten habe er einiges getan, nichts aber f\u00fcr das Gesundheitssystem. Und bei der Seilbahn sei ein fragw\u00fcrdiges Licht auf die Verwendung der Geldmittel gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erd\u00f6l sei mit vollen H\u00e4nden ausgegeben worden. Viel davon sei als Schmuggelware nach Peru gelangt. Jetzt muss das Erd\u00f6l eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was <em>Ecojet<\/em> angeht, glaubt er, das mit dem Maschinenschaden sei ein Vorwand. Man gehe einfach nicht an den Start, wenn nicht genug Passagiere da seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald wir El Alto verlassen haben, kommen wir auf eine wunderbar ausgebaute, zweispurige Schnellstra\u00dfe, mit gutem Stra\u00dfenbelag. Eine Erl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Abseits der Stra\u00dfe eine gr\u00f6\u00dfere Stadt. Die ist bekannt f\u00fcr die Schmuggelware, vor allem Autos, die auf diesem Wege durch die Einsamkeit der Berge nach Chile gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Stunden machen wir eine Pinkelpause. Es sind noch 182 Kilometer nach Cochabamba.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht rauf und runter, vor allem aber rauf. Es gibt schneebedeckte Berge zu sehen und eine abwechslungsreiche Landschaft. Die Berge sind gr\u00fcn oder nackt und leuchten dann r\u00f6tlich, bl\u00e4ulich oder anthrazit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine einsame Berglandschaft. Am Stra\u00dfenrand weisen Schilder auf kreuzende Lamas hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Scheitelpunkt kommt eine kleine Kapelle, und dann geht es bergabw\u00e4rts, wenn auch nicht kontinuierlich.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Stelle liegen lauter Steinbl\u00f6cke am Stra\u00dfenrand. Sie sind das Resultat der Blockaden. Die Protestierer haben die Felsen mit Dynamit gesprengt, um die Stra\u00dfe unpassierbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann ist die zweispurige Stra\u00dfe vorbei, und es geht langsamer voran, vor allem, wenn LKWs vor uns sind: LKWs mit Zugmaschinen, mit Anh\u00e4ngern, mit offener Ladefl\u00e4che, Tanklastwagen. Manchmal machen die \u00dcberholman\u00f6ver mich etwas nerv\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich n\u00e4hern wir uns Cochabamba. Wir haben 5 Stunden Fahrt hinter uns, die gesamte Strecke soll 6-7 Stunden dauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir rechts am Stra\u00dfenrand hinter einem LKW zu stehen. Vor uns sperren Bauarbeiter die Stra\u00dfe ab, mit einem Netz. Hin und wieder \u00f6ffnen sie es, um einen LKW aus der anderen Richtung durchzulassen. Wir warten darauf, dass wir an der Reihe sind. Aber es tut sich nichts. Inzwischen eine lange Schlange hinter uns. Pl\u00f6tzlich preschen 4-5 Autos an uns vorbei, bis direkt an die Absperrung. Die Fahrer steigen aus und sprechen mit den Bauarbeitern. Dann steigt auch Carlos aus. Und er kommt mit schlechten Nachrichten zur\u00fcck: Bis 17 Uhr gesperrt. Mindestens noch 3 Stunden Wartezeit. Was tun? Au\u00dfer Wasser haben wir nichts. Drau\u00dfen kann man nicht sitzen, im Auto ist es stickig.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos geht noch mal raus und erkundigt sich. Jetzt hei\u00dft es, eher 4 Stunden Wartezeit. Er bespricht sich mit ein paar anderen Fahrern. Die wenden kurz darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos berichtet, es gebe eine Ausweichstrecke. Die er aber selbst nicht kenne. Die k\u00f6nnten wir nehmen, aber die sei ein Umweg, da m\u00fcssten wir die Bezahlung erh\u00f6hen. Sei\u2019s drum. Am Morgen hie\u00df es im Radio, der \u00d6lpreis sei auf einem neuen Rekordniveau angelangt. Was die Nebenstrecke mit sich bringt, ahnen wir aber nicht, als es losgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren hinter den anderen her, und biegen in einen winzigen Weg ab, der nirgendwohin zu f\u00fchren scheint. Schon bald kommen wir zum Stehen, ohne zu wissen, warum. Dann kommt das Hindernis in Sicht: Ein kleiner Junge steht an einer Stange, die den Weg versperrt. Er l\u00e4sst die Autos nur einzeln durch, nachdem sie ihren Wegzoll bezahlt haben. Immerhin 5 Bolivianos.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter. Es muss die Strecke gewesen sein, auf der man fr\u00fcher, auf Eselsr\u00fccken oder mit Pferdefuhrwerken, nach Cochabamba gelangte. Es geht auf und ab, die Fahrbahn ist eng und holprig, die Kurven sind so eng, dass man sie nicht einsehen kann. Links von uns die Felswand, rechts von uns der Abgrund, ohne jede Absicherung. In der ersten halben Stunde stehe ich Todes\u00e4ngste aus, vor allem da, wo uns zu allem \u00dcbel auch noch ein Auto entgegenkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal fahren wir in Kolonne, dann wieder ganz alleine. Sp\u00e4ter wird es etwas besser, jedenfalls geht es am Rand nicht mehr so steil abw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben einen guten Blick in die Berge, aber f\u00fcr deren Sch\u00f6nheit keinen Blick. Immer suchen wir die Gegend ab, ob in der Ferne nicht irgendwo Cochabamba auftaucht. Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Als endlich die ersten H\u00e4user auftauchen, wiederholt sich die Szene von vorher. Hier hat ein Ehepaar ein Seil \u00fcber die Stra\u00dfe gesperrt und kassiert ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert noch eine Weile, dann kommen wir endlich wieder auf die Stra\u00dfe, die wir verlassen mussten. Eine gr\u00f6\u00dfere Stadt kommt in Sicht, aber es sind noch nicht die Ausl\u00e4ufer von Cochabamba.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin haben wir jetzt wieder Internetempfang. Evangelinas Handy macht schlapp, kurz nachdem sie Carlos die Wegbeschreibung zu unserer Unterkunft \u00fcbermittelt hat. Gott sei Dank. Eine Adresse haben wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann haben wir endlich unser Ziel erreicht, ein modernes Hochhaus in einem Wohnviertel. Wir verabschieden uns und bedanken uns herzlich. Carlos will den R\u00fcckweg eventuell heute noch in Angriff nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Rezeption das \u00fcbliche Procedere mit Einschreibung und Papieren. Die Wohnung, ger\u00e4umig und modern, aber sehr unpers\u00f6nlich, wird mittels eines elektronischen Schlosses ge\u00f6ffnet, und der Fahrstuhl mit einer elektronischen Karte in Bewegung gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind m\u00fcde, machen uns aber noch auf den Weg, um etwas einzukaufen. Unsere M\u00e4gen h\u00e4ngen auf halb acht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht so einfach, etwas zu finden, wir werden hin und her geschickt und entdecken dann zuf\u00e4llig hinter einem leicht zu \u00fcbersehenden Eingang einen kleinen Supermarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwer bepackt kehren wir zur\u00fcck, und Evangelina macht sich trotz aller M\u00fcdigkeit noch daran, eine Pizza zuzubereiten. Ich kann nur helfen, als es daran geht, den elektrischen Backofen in Gang zu setzen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>16. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Sendung \u00fcber Blutgruppen kann man folgendes erfahren: Grob gesprochen sind die Blutgruppen so \u00fcber die Kontinente verteilt: Europa hat vorwiegend A, Asien hat vorwiegend B, Amerika und Afrika haben vorwiegend 0. Warum es sie gibt und wie sie sich herausgebildet haben, ist noch nicht ganz klar, aber es gibt erste Erkenntnisse. Die Blutgruppe 0 hei\u00dft so, weil bei ihr den Blutk\u00f6rperchen etwas fehlt, was A und B haben, in komplement\u00e4rer Weise. Man vermutet, dass 0 zun\u00e4chst eine genetische Fehlbildung war, ein Versehen der Natur, das sich aber durchgesetzt hat, weil die Tr\u00e4ger dieser Blutgruppe weniger empf\u00e4nglich f\u00fcr Malaria waren. Und deshalb l\u00e4nger lebten und mehr Kinder bekamen. Im Niger-Delta gibt es eine Gegend, in der die Malaria so gut wie unbekannt ist. Dort haben fast alle die Blutgruppe 0.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Morgen ist alles andere als sch\u00f6n. Es hat zwar aufgeh\u00f6rt, zu regnen, aber es ist tr\u00fcb, der Himmel bew\u00f6lkt. Wir sind bei 19\u00b0. Im Laufe des Tages wird es etwas klarer und etwas w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Stunden des Morgens verbringen wir, gut ausgeruht, mit der Organisation der n\u00e4chsten Tage. Wir entscheiden, die verbleibenden Tage zwischen Cochabamba und Tarija aufzuteilen. Sucre und Potos\u00ed, die eigentlichen Highlights Boliviens, gehen dabei verloren. Aber noch mehr Fahrten wollen wir uns nicht antun. Also buchen wir Busfahrt von Cochabamba nach Tarija die Unterkunft in Tarija und eine neue, zentralere Unterkunft hier in Cochabamba ab Sonntag.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg in die Innenstadt. Es geht parallel zu unserer Stra\u00dfe die Santa Cruz runter, immer geradeaus. Wir \u00fcberqueren eine Br\u00fccke, die \u00fcber einen kleinen Fluss mit br\u00e4unlichem Wasser und starker Str\u00f6mung f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den B\u00e4umen h\u00f6rt man V\u00f6gel, die man aber kaum zu sehen bekommt. Ihre Stimmen erinnern mich an das von papageienartigen V\u00f6geln, die ich Paraguay geh\u00f6rt habe und auch kaum zu sehen bekam.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir eine Birkenfeige, einen Benjamini. Von der Art stehen gleich mehrere in meiner Wohnung zu Hause. Hier gibt es die Besonderheit, dass man mithilfe eines Pfropfens bewirkt hat, dass die \u00c4ste innen gr\u00fcne Bl\u00e4tter haben und die \u00c4ste au\u00dfen gr\u00fcn-gelbe, wie bei mir zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Cochabamba, lokal nur Cocha genannt, wie ich von einer Bolivien-Kennerin erfahre, ist gro\u00df und modern. Der Kontrast zu El Alto k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Diesen Eindruck hatten wir schon gestern bei der Einfahrt in die Stadt, und er best\u00e4tigt sich heute bei unserem Spaziergang. Die Geb\u00e4ude sind hoch und neu, die Gesch\u00e4fte haben moderne Auslagen, es gibt reihenweise Banken und Sch\u00f6nheitssalons, und die Stra\u00dfen sind breit und verlaufen geradeaus und haben moderne Ampelanlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Cochabamba hat, wie wir sp\u00e4ter lesen, 650.000 Einwohner und ist die viertgr\u00f6\u00dfte Stadt Boliviens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen ab und kommen an einem modernen Caf\u00e9 vorbei, beschlie\u00dfen aber, trotz leeren Magens zuerst zum B\u00fcro von <em>Ecojet<\/em> zu gehen, um unser Geld zur\u00fcckzubekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier abgeht, best\u00e4tigt voll und ganz den miserablen Eindruck, den wir bisher von der Fluglinie haben. Erst verschwindet die Frau nach hinten und tuschelt mit einer Kollegin. Wir h\u00f6ren nur das Wort Dollar. Ja, ich habe in Dollar bezahlt, aber das Geld ist bei mir nat\u00fcrlich in Euros abgebucht worden. Wie sie das regeln, erfahren wir nicht, aber die Frau kommt jetzt zur\u00fcck und verlangt erst einmal alle m\u00f6glichen Unterlagen und eine Kopie unserer P\u00e4sse. Was soll das Ganze? Sie haben unser Geld abgebucht und sollen es wieder zur\u00fccksenden, schlie\u00dflich liegt das Verschulden bei Ihnen. Die Frau antwortet mit angestrengter Beherrschung und \u00fcbertriebener H\u00f6flichkeit auf meine Einw\u00e4nde. Das h\u00e4lt sie aber nicht davon ab, mich zum Diktat aufzufordern. Ich muss handschriftlich (!) eine Erkl\u00e4rung abgeben, deren Wortlaut sie mir, wie beim Diktat in der Schule, in die Feder tippt. Dabei muss ich erneut meine Telefonnummer, meine E-Mail-Adresse und meine Reisepassnummer angeben, obwohl die oben auf derselben Seite steht, in der Kopie meines Reisepasses. Statt meiner Girokontonummer will sie meine Kreditkartennummer haben, die ersten und die letzten vier Ziffern.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt sich hier vor, als wenn man selbst der Verursacher des Schadens w\u00e4re. Ob das Geld wohl jemals ankommen wird? Und ob es der gezahlten Summe entsprechen wird. Bearbeitungszeit: 45 Tage. Kassiert haben sie das Geld innerhalb von Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina, die genauso sauer, aber geduldiger ist als ich, bittet um ein&nbsp; weiteres Formular, um als Folgekosten eine Erstattung f\u00fcr den verpassten Flug nach Cochabamba zu reklamieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir rauskommen, sind wir erleichtert, die Sache hinter uns gebracht zu haben, m\u00fcssen aber immer wieder den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber die mangelnde Professionalit\u00e4t von Ecojet.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen wir wieder an dem Caf\u00e9 von vorher vorbei. Wir z\u00e4hlen unser Geld und fragen nach dem Preis f\u00fcr einen Kaffee. Wir haben noch genau 42 Bolivianos. Es gibt Kakao zum Sonderpreis, zwei f\u00fcr 30 Bolivianos. Dann sehen wir Madeleines. 3 Bolivianos pro St\u00fcck. Wir bestellen 4 und haben jetzt unser Geld bis auf den letzten Boliviano ausgegeben!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kakao ist lecker. Oben drauf schwimmen vier Klekse, die wie aus Sahne gemacht aussehen. Es ist aber M\u00e4usespeck. Daraus ergibt sich auf Umwegen ein Gespr\u00e4ch \u00fcber <em>tangerine trees<\/em> und <em>marsmallow pies<\/em> aus <em>Lucy in den Sky with Diamonds<\/em>. Das setzt Evangelina im Unterricht ein, wenn es um Lucy geht, dem Skelett der fr\u00fchen Hominiden, das nach dem Lied der Beatles benannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter Richtung Innenstadt. Wir kommen zu einem Platz, den wir irrt\u00fcmlich f\u00fcr die <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em> halten, die Plaza Mayor Cochabambas sozusagen. Der Irrtum f\u00e4llt uns aber auf, als wir an der Kirche an einer Seite des Platzes zwei Franziskaner-Figuren sehen. Dies ist nicht die Kathedrale, sondern die Franziskaner-Kirche. An der Fassade eine Inschrift auf Latein, die wir nicht entziffern k\u00f6nnen. Sie enth\u00e4lt das Wort <em>olympiadum.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande des Platzes sitzen Geldwechsler. Unsere Chance! Aber Evangelina ist skeptisch. Besser eine Wechselstube. Aber meine bisherige Erfahrung in Bolivien mit dem Geldwechseln ist ohne Einschr\u00e4nkung positiv, und so l\u00e4sst sie sich darauf ein. Bekommt zudem einen guten Kurs, 970 Bolivianos. Und die Scheine sind echt!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em> ist um einiges gr\u00f6\u00dfer und auch repr\u00e4sentativer. An einer Seite die Kathedrale, auf allen anderen Seiten Arkaden. Der Platz erinnert mich an die <em>Plaza de Armas<\/em> in Arequipa.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale (geschlossen), mit einer Rose im Westen, hat nur einen Turm. Ein zweiter war aber offensichtlich vorgesehen. An der Seite ein Nebeneingang mit einem Portal, das viel sch\u00f6ner ist als das Hauptportal. Auch das erinnert an eine Kirche in Arequipa.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arkaden sind auffallend niedrig und stehen in ebenfalls auffallend kurzen Abst\u00e4nden. Das gibt ihnen einen besonderen Charakter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in die Touristeninformation und bekommen Information und einen guten Stadtplan. Cochabamba ist vielleicht nicht der ganz gro\u00dfe Touristenmagnet, hat aber im Zentrum 3-4 interessante Dinge zu bieten und weitere in der Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die \u00d6ffnungszeiten zu erfahren, gehen wir zum <em>Monasterio de Santa Teresa<\/em>, einer der Sehensw\u00fcrdigkeiten. Hat morgen ge\u00f6ffnet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz vor der Kirche die Statue eines Dichters, und hinter ihm in einem leichten Bogen eine Reihe moderner S\u00e4ulen, alle mit Mosaiken, die Szenen aus der Stadt oder dem Alltag darstellen. Eins davon zeigt eine Schulszene. Mit B\u00fcchern, dem Einmaleins&nbsp; und dem Alphabet. Die Lehrerin zeigt dem Finger auf die Tafel. Wir machen ein Photo von Evangelina als Lehrerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen sehen wir eine Konditorei mit dem Schild <em>La Crema m\u00e1s deli de Cocha<\/em> und eine Vorschule mit dem Schild <em>Kinder Cochabamba<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt fehlt nur noch der Einkauf. Wir fragen einen jungen Mann, der an einer Ecke steht. Erst erkl\u00e4rt er, wo wir einen Supermarkt finden k\u00f6nnen, dann sagt er spontan, er werde uns ein St\u00fcck begleiten und uns den Weg zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hei\u00dft Miguel Angel, ist Psychologiestudent und vertreibt als Broterwerb Stiefel. Er stammt von hier, aus Cochabamba. Unterwegs zeigt er uns ein Hotel mit einem sch\u00f6nen Innenhof, wo man sitzen und sich erholen und ein Bierchen trinken kann, in internationaler Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zeigt sich sehr interessiert an Deutschland und an Argentinien und an unserer Reiseroute. Tarija findet er auch sch\u00f6n, und Cochabamba sei ganz anders als La Paz, sagt er. Da kann man ihm kaum widersprechen. Ins Ausland hat er noch nicht geschafft, aber das steht auf der Wunschliste.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00e4fer von VW erfreue sich gro\u00dfer Beliebtheit hier, sagt er. Die Leute kauften alte Autos und richteten sie her. Er erf\u00e4hrt von mir, was Volkswagen w\u00f6rtlich bedeutet, ich erfahre von ihm, dass der K\u00e4fer hier <em>Peta<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verabschiedet sich an einer Kreuzung und l\u00e4sst uns alleine zum Supermarkt weiter gehen. Was f\u00fcr eine sch\u00f6ne Begegnung!<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Hipermaxi<\/em> kommt&nbsp; Evangelina voll in Fahrt. Der Einkaufswagen f\u00fcllt sich, und es kommt eine ordentliche Rechnung zustande. Au\u00dferdem werden wir an der hier angeschlossenen Apotheke gut bedient, besser als vorher an der <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em>, und so kommt eine weitere Ausgabe hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme die Aufgabe, nach Zucker und Tee zu gucken. Die kleinste Zuckerpackung enth\u00e4lt 1 Kilo. Und beim Tee sto\u00dfe ich auf eine Sorte, die nur f\u00fcr M\u00e4nner gemacht ist: <em>S\u00f3lo para hombres<\/em>. Enth\u00e4lt verschiedene Kr\u00e4uter und die Maca-Wurzel, eine Knolle aus den peruanischen Anden. Die soll viele Effekte&nbsp; haben, unter anderem als Aphrodisiakum wirken. Und leistungssteigernd. Auf der Schachtel sieht man athletische M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck geht es mit vollen Einkaufst\u00fcten und dem Taxi. Das bringt uns f\u00fcr unglaubliche 10 Bolivianos, etwa 1 Euro, zu unserer Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina macht sich sofort an die Arbeit und bereitet <em>empanadas<\/em> vor, mit Hackfleisch, Tomaten, Zwiebeln, Paprika. Bei einigen gibt es als Zugabe K\u00e4se von gestern. Die <em>empanadas<\/em> schmecken nicht nur gut, sondern sehen auch noch sch\u00f6n aus. &nbsp;Dazu gibt es Zitronensaft. Nat\u00fcrlich auch selbstgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>17. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Obst und Tee zu Hause geht es in die Stadt. Wir m\u00fcssen ein paarmal nach dem Weg fragen. Ein junger Mann hilft uns und spricht dabei von den \u201esem\u00e1foros inteligentes\u201c. Das sind die Ampeln, die nicht nur die verbleibenden Sekunden herunterz\u00e4hlen, sondern auch schriftlich und m\u00fcndlich mitteilen, wann man gehen darf und wann man warten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs zeigt Evangelina mir eine Bl\u00fcte an einem Baum, die <em>pezu\u00f1a de vaca<\/em> hei\u00dft, \u201aKuhhufe\u2018. Sie w\u00e4chst auf einem Orchideenbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Santa Teresa erfahren wir, dass die n\u00e4chste F\u00fchrung um 11 beginnt. Zeit genug, um vorher einen Kaffee zu erhaschen. Wir finden auch gleich an dem Kirchplatz, wo wir gestern schon waren, ein Caf\u00e9, das gerade \u00f6ffnet. Kaffee gibt es noch nicht, aber wir begn\u00fcgen uns mit Sandwich und Obstsaft, beides sehr lecker, aber so langsam serviert, dass wir es kaum noch bis zu der F\u00fchrung schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das originelle eiserne Eingangstor aus dem 18. Jahrhundert ist noch erhalten, verbirgt sich jetzt aber hinter dem heutigen Eingang. Neben dem Eingangstor ein <em>torno<\/em>, eine h\u00f6lzerne Dreht\u00fcr, durch die man Dinge nach drau\u00dfen geben kann, ohne gesehen zu werden. Hier herrscht n\u00e4mlich strenge Klausur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hiesige Kloster wurde 1760 von 3 Nonnen aus Sucre als Niederlassung gegr\u00fcndet. Heute leben noch 10 Nonnen hier, aber die sind in einem Anbau untergebracht, w\u00e4hrend das alte Kloster jetzt Museum ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand ein Portr\u00e4t der Virgen del Carmen, die hier f\u00e4lschlicherweise als Namensgeberin der Karmeliten dargestellt wird. Die haben ihren Namen vom Berg Karmel in Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen eine typische Zelle, gar nicht so klein, aber einfach eingerichtet. Einen Stuhl gibt es nicht. Vor dem Altar kniet man, auf dem Bett liegt man. Hier ist jetzt auf dem Bett eine Ordenstracht ausgebreitet, ein braunes Gewand mit wei\u00dfem \u00dcberwurf und Kapuze.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter einer Glasscheibe die wenigen pers\u00f6nlichen Besitzt\u00fcmer der Nonnen, gleich mehrere Brillen, ansonsten Rosenkr\u00e4nze, Gebetb\u00fccher, Heiligenbilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Orden ist streng kontemplativ und geht in seiner jetzigen Form auf Teresa de Avila und Juan de la Cruz zur\u00fcck. Der Name <em>Monjas Descalzas<\/em>, erfahren wir, ist nicht w\u00f6rtlich zu nehmen. Nur einige wenige der urspr\u00fcnglichen Karmeliterinnen trugen tats\u00e4chlich gar kein Schuhwerk, aber Teresa de Avila bestand nicht darauf, und in der Regel trug man (und tr\u00e4gt man) Espadrilles.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Zelle hat man den Bestand der ehemaligen Bibliothek ausgestellt. Alle B\u00e4nde sind ledergebunden, die meisten fr\u00fche Druckwerke, aber auch einige Manuskripte sind vertreten. Die B\u00fccher sind teils auf Latein, teils auf Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf den ehemaligen Hochchor. Hier sind Paramente ausgestellt, kunstvoll von den Nonnen bestickt. An der hinteren Begrenzung ein sch\u00f6nes Alabasterfenster. Dieser Chor ging auf das Mittelschiff der alten Kirche hinaus, die aber sp\u00e4ter zerfiel und durch die heutige ersetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die Kapelle, als Andachtsraum f\u00fcr die Nonnen gedacht. An den Seiten farbenfrohe, gro\u00dfformatige Darstellungen der Kreuzwegstationen, mit \u201eUntertiteln\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapitelsaal ist der am aufwendigsten gestaltete Raum des Klosters. Statt Armut herrscht hier Pracht: bedruckte Tapeten, eine gro\u00dfe Standuhr, zwei kleine Orgeln (die Beschriftung der Registertasten ist auf Deutsch), \u00d6lgem\u00e4lde, Sessel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gegenst\u00fcck dazu die K\u00fcche, mit zwei \u00d6fen, einer mit Holz, einer mit Kerosin beheizt. Dar\u00fcber riesige Kessel und T\u00f6pfe, aus Kupfer und Bronze. An einer T\u00fcr hat man das alte Essbesteck angenagelt. Es gibt keine Messer, nur Gabeln und L\u00f6ffel, und bei denen hat man oft die Stiele ausgetauscht, wenn sie nicht mehr gebrauchsf\u00e4hig waren. Die Teller und Tassen hier sind eher einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist im n\u00e4chsten Raum ganz anders. Hier gibt es Keramik und Porzellan aus Frankreich und Italien, alles vom Feinsten. Die wurden nicht gebraucht, sie formten Teil der \u201eAussteuer\u201c der Nonnen, die beim Eintritt in das Kloster gezahlt werden musste. Man konnte auch ohne Aussteuer eintreten, hatte dann aber geringere Rechte, durfte etwa bei der Wahl der Oberin nicht mit abstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vitrine sind auch B\u00fcgeleisen ausgestellt. An denen kann man beinahe die Geschichte des B\u00fcgeleisens von den Anf\u00e4ngen bis heute ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in die Kerzenwerkstatt. Der Verkauf von Kerzen war eine der wichtigsten Einnahmequellen des Klosters. Es werden zwei Herstellungsverfahren dargestellt: das Eintauchen eines Kranzes mit Kerzenformen in das fl\u00fcssige Wachs oder das Einf\u00fcllen von Wachs in t\u00f6nerne Formen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben im Innenhof wird eine T\u00fcr zum alten Medizinschrank ge\u00f6ffnet. Ein wunderbares Bild, darf man leider nicht photographieren. Unz\u00e4hlige Fl\u00e4schchen, Phiolen, Gl\u00e4schen, Ampullen s\u00e4uberlich beschriftet, auf verschiedene Regalbretter verteilt. Dazu Waagen, M\u00f6rser, Anleitungen. Man setzte ganz und gar auf Chemie. Die heutigen Nonnen bevorzugen die Naturheilkunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steigen wir aufs Dach, auf das Dach der Kirche. Von hier aus sieht man die Kathedrale, Santa Clara und den <em>Cristo de la Concordia<\/em>. Ein sehr sch\u00f6nes Bild die verschieden gedeckten, wenn auch identischen Dachziegel, die so ein Muster bilden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich der Glocken l\u00e4sst sich Evangelina auf eine Diskussion mit unserer F\u00fchrerin ein. Die hat behauptet, die Kordeln, mit denen die Glocken gezogen werden, stammten noch original aus dem 18. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir im Innenhof unten noch die Obstb\u00e4ume, vor allem Mandarinenb\u00e4ume, aus denen das klostereigene Speiseeis und der Lik\u00f6r hergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter ist gut, und wir sehen uns auf dem Platz vor der Kirche die S\u00e4ulen mit den Mosaiken aus dem Alltagsleben an, die Lehrerin, die Blumenverk\u00e4uferin, die Brotverk\u00e4uferin, die Stra\u00dfenreinigerin, die Nonne, alle mit ihren Attributen. Die Mosaiksteine sind ganz grob und ergeben entsprechend grobe, irgendwie modern aussehende Abbildungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zur <em>14 de Septiembre<\/em>. An der Ecke des Platzes das <em>Caf\u00e9 Italiano<\/em>. Dort machen wir eine Pause. Ich&nbsp; bestelle, ohne zu ahnen, worauf ich mich einlasse, einen Crepe. Der ist so hauchd\u00fcnn, dass man ihn fast nicht bemerkt unter all dem Obst und Eis.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es in die Miniaturen-Ausstellung. Die Aufpasser am Eingang sind einige der Maler selbst. Sie begr\u00fc\u00dfen uns sehr freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung ist kurzweilig, weil unglaublich bunt. Jeder K\u00fcnstler hat seinen eigenen Stil, und es werden auch verschiedene Techniken \u2013 Aquarell, \u00d6l, Bleistift, Batik \u2013 angewandt. Tiere sind viel vertreten, Fr\u00f6sche, Esel, W\u00f6lfe, Katzen, Schmetterlinge, vor allem V\u00f6gel, auch eine Maus, die den Mond anbetet. Das Portr\u00e4t von drei Katzen in Einzeldarstellungen nennt sich <em>Triptychon<\/em>. Portr\u00e4ts von Menschen sind eher selten. Landschaftsmalerei ist gut vertreten, auch St\u00e4dteansichten gibt es hin und wieder. Am besten gefallen mir einige der Genreszenen, zwei Hosenbeine eines Jungen, die unten aus einem Heuhaufen hervorlugen, eine Glocke, an einigen Stellen rissig, mit einer Kordel, ein altes, verwittertes Portal (leider schon verkauft), eine Art Volksfest oder Versammlung, farbenfroh, mit einer Unzahl von Menschen auf allerengstem Raum dargestellt. Das nehme ich am Ende mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Himmel hat sich zugezogen, es liegt Regen in der Luft. Dabei wollen wir noch zum <em>Cristo<\/em>. Haben schon bereut, den nicht vorgezogen zu haben. Aber wir haben Gl\u00fcck. Es fallen nur ein paar Tropfen, und oben ist es sogar richtig sonnig.<\/p>\n\n\n\n<p>Da muss man aber erst mal hinkommen. Mit dem Taxi geht es zur Seilbahn. Dort muss man f\u00fcr die Fahrkarte Schlange stehen und dann f\u00fcr die Seilbahn. Die hat nur drei Gondeln, und die Fahrt rauf und runter dauert seine Zeit. So m\u00fcssen wir richtig lange warten, bis es losgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter uns sehen wir, wir einige Mutige den Aufstieg zu Fu\u00df bew\u00e4ltigen, einige davon mit Rucksack und Wanderstab bewaffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg sind riesige, wei\u00dfe Skulpturen aufgestellt, die die verschiedenen Kreuzwegstationen darstellen. Man kann das Fallen unter dem Kreuz erkennen, Veronika und das Schwei\u00dftuch, und Simon, der hilft, das Kreuz zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben muss man noch ein ganzes St\u00fcck auf die Plattform steigen, bis man beim Christus angelangt ist. Er hei\u00dft Cristo de la Concordia, im Gegensatz zu seinem Pendant in Rio, dem Cristo Redentor. Hier weist man mit Stolz darauf hin, dass der bolivianische noch gr\u00f6\u00dfer ist als der brasilianische, aber das spielt keine Rolle, wenn man davor steht. Im direkten Vergleich sieht man die Unterschiede \u2013 zum Beispiel hat dieser Christus eine Art Stola \u00fcber die Schulter geschlungen \u2013 aber insgesamt sind sie so \u00e4hnlich, dass man sie miteinander verwechseln k\u00f6nnte, beide strahlend wei\u00df, beide mit zur Seite ausgebreiteten Armen, beide mit dem Gesichtsausdruck des siegreichen, nicht des leidenden Christus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier oben hat man viel mehr Auslauf als in Rio, das Gedr\u00e4nge h\u00e4lt sich in Grenzen, man kann ich die Figur von verschiedenen Seiten aus in Ruhe ansehen. Im Gegensatz zu Rio ist in der Figur hinten keine Kapelle eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier oben hat man auch einen guten Blick auf die Stadt. Wie in La Paz begrenzen auch hier die Berge die Ausdehnung der Stadt, wie in La Paz ist auch hier alles eng bebaut. Dabei hebt sich ein Viertel gegen die anderen durch seine vielen Wolkenkratzer hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner Tag mit den unterschiedlichsten Besichtigungen und ohne Zwischenf\u00e4lle geht zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>18. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Vormittag machen wir uns auf den Weg zum <em>Palacio Portales<\/em>. Der ist gar nicht weit weg, gut zu Fu\u00df zu erreichen. Es herrscht sonnt\u00e4gliche Ruhe im Viertel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Panorama dasselbe wie an den letzten beiden Tagen. Es hat geregnet, es ist stark bew\u00f6lkt, die Sonne kommt kaum einmal durch, aber im Laufe des Tages wird es w\u00e4rmer und sonniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Palacio Portales<\/em> befindet sich auf einem ausgedehnten, baumbestandenen Gel\u00e4nde mit zwei Eingangsh\u00e4uschen aus Backsteinen und einem ehemaligen Wagenschuppen, in dem jetzt Bildungsveranstaltungen f\u00fcr Kinder stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder kommen wir zu sp\u00e4t. Die F\u00fchrung hat gerade begonnen. Man kann sich aber solange im Garten umsehen. Den kann man besuchen, ohne Eintritt zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vielfalt der B\u00e4ume, die man hier sieht, ist beeindruckend: Ulme, Platane, \u00d6lbaum, Liguster, Zypresse, Goldregen, Magnolie, Lebensbaum, Guave, Jacaranda, Johannisbrotbaum, Kapokbaum, Gummibaum. Alle sind hoch, auch die wie der Gummibaum und der \u00d6lbaum, die man sonst eher klein kennt. Der Gummibaum hat ein unglaubliches Wurzelgeflecht, das sich vom Stamm aus in verschiedene Richtungen meterbreit ausweitet. Interessant auch die Unterschiede zwischen den Palmen, mit ganz glatten St\u00e4mmen und schuppenartigen St\u00e4mmen und mit breiten und ganz schmalen Kronen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Palacio Portales<\/em> wurde Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt, von einem gewissen Sim\u00f3n Pati\u00f1o, einem Industriellen, der aus ganz einfachen Verh\u00e4ltnissen stammte und dann als H\u00e4ndler von Zinn reich wurde, steinreich. Er war zu seiner Zeit einer der zehn reichsten M\u00e4nner der Welt. Er leitete seine Gesch\u00e4fte von Europa aus, von dort stammen auch die meisten der B\u00e4ume. Sp\u00e4ter kehrte er nach Bolivien zur\u00fcck und starb auf einer Gesch\u00e4ftsreise in Buenos Aires.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Palast selbst ist eklektisch, vielleicht eine Mischung aus Rokoko und Jugendstil. Den sieht man drau\u00dfen zum Beispiel an dem runden schirmbedachten Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der F\u00fchrung sind wir eine riesige Anzahl von Besuchern, bestimmt 50-60. Die ersten R\u00e4ume sind nicht sonderlich interessant. Als Detail ist allenfalls ein St\u00fcck Zinn auf dem Schreibtisch Pati\u00f1os bemerkenswert. Und ein ganz fr\u00fches Telefon, das aber wohl nur der Kommunikation innerhalb des Palastes diente.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir in den Ballsaal. Der hat ein sch\u00f6nes, flaches Dachfenster, in verschiedenen Farben. Auch das sieht schwer nach Jugendstil aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Treppenaufgang die Skulptur, nicht aus Holz, wie ich erst denke, sondern aus Bronze, eines fr\u00fchneuzeitlichen Burschen, mit einem kurzen Wams bekleidet, einem flachen Barett, einer Halskrause und einer Schaube mit langen, lose herabfallenden \u00c4rmeln. Der gef\u00e4llt mit au\u00dferordentlich gut. In einer Hand h\u00e4lt er ein Messer, denn seine Funktion war es, Personenschutz zu leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand ein \u00d6lgem\u00e4lde mit einem interessanten Motiv aus der griechischen Mythologie. Ein Kentaur bietet sich an, eine Nymphe \u00fcber einen Fluss zu tragen. Unterwegs \u00fcberlegt er es sich anders. Pl\u00f6tzlich sieht er nur noch die k\u00f6rperlichen Reize der sch\u00f6nen Nymphe, seine gute Tat tritt in den Hintergrund. Herakles t\u00f6tet ihn mit einem Pfeil, aber der Kentaur \u00fcbergibt der Nymphe sein blutgetr\u00e4nktes Hemd, und das bereitet sp\u00e4ter Herakles und der Nymphe t\u00f6dliche Schmerzen. Da tritt die ganze Komplexit\u00e4t der griechischen Mythologie zutage.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben dann das Highlight des Palasts, eine Art Spiegelsaal, ein l\u00e4nglicher Raum mit Spiegeln an beiden Enden und einer wunderbaren, gew\u00f6lbten Decke mit lauter renaissancehaften Miniaturen, sehr farbenfroh, mit Putten, allegorischen Figuren, St\u00e4dteansichten, symbolischen Tieren, Kr\u00fcgen, Ranken. Hier k\u00f6nnte man sich stundenlang aufhalten und immer was Neues entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend kommt noch ein Spielzimmer mit einem Billardtisch und direkt im Anschluss ein anderer Raum, der ganz nach andalusischem Vorbild gestaltet ist, wunderbar, mit den typisch arabischen Hufeisenb\u00f6gen und nichtfiguralen Verzierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss treten wir noch auf den Balkon hinaus, von wo aus man das ganze Gel\u00e4nde gut \u00fcberblicken kann. Links von uns sehen wir noch ein ehemaliges Badehaus, nach t\u00fcrkischem Vorbild erbaut, das heute aber einem anderen Zweck dient. Damit endet die F\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen langsam durch das immer noch nicht aufgewachte Viertel zur\u00fcck, finden aber am Ende an einer Stra\u00dfenecke ein modernes Caf\u00e9, mit gro\u00dfen Torten in der Auslage. Hier kann man drau\u00dfen sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken einen Kaffee und essen ein Teilchen, und schon wieder wird es knapp mit dem Geld. F\u00fcr das Taxi am Nachmittag d\u00fcrfte es aber noch reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir ziehen in eine zentralere Wohnung um, an einer Stra\u00dfe, die Avenida Jos\u00e9 Ballivian hei\u00dft, von allen aber nur Prado genannt wird. Die Stra\u00dfe hat einen breiten, baumbestandenen Mittelstreifen und erinnert tats\u00e4chlich an den Prado in Madrid.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Taxifahrer uns rausl\u00e4sst, merken wir, dass wir gleich an der <em>Plaza Col\u00f3n<\/em> wohnen, dem Platz, den wir am ersten Tag f\u00fcr die <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em> gehalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist es ein gro\u00dfer, moderner Wohnturm. Der junge Portier wei\u00df von nichts, kann sich aber sofort mit der Vermieterin in Verbindung setzen, und die gibt gr\u00fcnes Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Wohnung im 5. Stock sieht man auf die Plaza hinunter mit der Fassade der Franziskanerkirche. Zur anderen Seite sieht man auf den Berg mit dem <em>Cristo de la Concordia<\/em>. Von hier aus kann man aber nicht erkennen, ob er uns das Gesicht oder den R\u00fccken zuwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen sofort runter und stellen uns bei einer alten Frau an, die auf einer Parkbank sitzt und einem Mann Geld wechselt. Sie macht das umst\u00e4ndlich, bl\u00e4ttert immer wieder den Packen Geldscheine durch, nimmt was weg, f\u00fcgt was hinzu, z\u00e4hlt wieder durch. Inzwischen sind zwei Leute in der Schlange hinter uns wieder weggegangen. Dann sind wir dran. Jetzt haben wir wieder Geld und machen uns gleich daran, es auszugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Plaza Col\u00f3n<\/em> ist ein gepflegter, h\u00fcbscher Platz, mit B\u00e4umen und B\u00e4nken und Brunnen. Verunstaltet wird sie nur von den Tauben, die mit dem Mais gef\u00fcttert werden, den es hier extra zu kaufen gibt. Die Tauben bedanken sich, indem sie \u00fcberall ihren Kot hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg zur <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em>. Unterwegs kommen wir an <em>Santa Clara<\/em> vorbei, einer Kirche, deren T\u00fcrme wir gestern vom Dach der Klosterkirche aus gesehen haben. Es ist eine neugotische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die den Vorg\u00e4ngerbau aus dem 17. Jahrhundert ersetzt. Der wurde \u2013 man mag es kaum glauben \u2013 wegen der Begradigung der Stra\u00dfe abgerissen!<\/p>\n\n\n\n<p>An der <em>Plaza 14 de Septiembre<\/em> sto\u00dfen wir seitlich sofort auf den Turm der Kathedrale. Die ist wie immer geschlossen. Auch die Touristeninformation ist geschlossen. Weil es f\u00fcr morgen keine Exkursionen oder Stadtrundg\u00e4nge mehr gibt, m\u00fcssen wir unser eigenes Programm machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es aber erst noch mal in die Ausstellung mit den Miniaturen. Heute ist der letzte Tag, und ich ergattere am Ende noch zwei, drei weitere Bilder, meist so was wie Genreszenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Platz hat einen dreischaligen, sch\u00f6nen Brunnen mit den Figuren der drei Grazien und ein Denkmal f\u00fcr die Helden der Nation, das so hoch ist, dass man gar nicht sieht, was oben drauf ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina zeigt mir einen Baum mit ganz feingliedrigen, gefiederten Bl\u00e4ttern. Die erinnern mich immer ein bisschen an die Farne bei uns. Sie behauptet, dies sei eine Jacaranda. Nein, das ist doch keine Jacaranda! Die kenne ich aus Portugal und vor allem aus Brasilien, mit ihren auff\u00e4lligen violetten, gelegentlich auch roten oder orangefarbenen Bl\u00fcten. Doch, sagt Evangelina, sie sei sich sicher. Die Fr\u00fcchte, deren \u00e4u\u00dfere, vertrocknete Kapseln man hier noch sieht, enthalten Samen, und die musste ihr Sohn als Kind mit in die Schule bringen, als Bastelmaterial. Sie hat Recht, es ist wirklich eine Jacaranda. Sie sieht nur ohne Bl\u00fcten ganz anders aus. Im Internet erfahren wir, dass die Bl\u00fctezeit ohnehin nur zwei Wochen dauert, wir sie hier also in ihrem \u201enat\u00fcrlichen\u201c Zustand sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir an einem Paketdienstleister vorbei. Das Unternehmen hei\u00dft <em>Sharf<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sehen wir <em>Haas \u2013 Tradici\u00f3n Alemana<\/em>. Dabei handelt es sich um ein bolivianisches Unternehmen deutscher Abstammung. Es vertreibt Wurst- und Fleischwaren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stra\u00dfe, die wir \u00fcberqueren hei\u00dft <em>Rep\u00fablica de Ecuador<\/em>.&nbsp; Das ewige Problem mit dem Artikel. Das Land hei\u00dft <em>Rep\u00fablica del Ecuador<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommen noch Optikergesch\u00e4fte, eins nach dem anderen: <em>\u00d3ptica Buenos Aires<\/em>, <em>Ilusi\u00f3n \u00d3ptica<\/em>, <em>\u00d3ptica Alemana<\/em>, <em>Centro \u00d3ptico<\/em>, <em>\u00d3ptica Buena Vista<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen wache ich auf und bin v\u00f6llig desorientiert. Evangelina ist aus ihrem Zimmer herbeigeeilt, weil sie einen Schrei geh\u00f6rt hat. Sie sieht mich an und fragt mich, wer sie sei. Ich wei\u00df es nicht, ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern. Sie sagt mir, wir seien in Bolivien. Bolivien? Ich wei\u00df von nichts. Ich sehe mich in dem Raum um, auch der ist mir v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst ganz allm\u00e4hlich kommt mir wieder zu Bewusstsein, wo wir sind. Erst jetzt f\u00e4llt mir ihr Name wieder ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat es an der T\u00fcr geklingelt. Sie hat einen Sanit\u00e4tsdienst gerufen, mit Hilfe des netten jungen Mannes an der Rezeption.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei uniformierte Sanit\u00e4ter kommen rein, stellen mir und ihr Fragen und machen verschiedene Untersuchungen, Puls, Blutdruck, Zucker usw. Nur der Zuckerwert ist ein bisschen erh\u00f6ht. Sie empfehlen, es langsam gehen zu lassen. Das muss ich auch deshalb, weil meine Waden so schwer sind, als w\u00e4re ich einen Marathon gelaufen. Au\u00dferdem habe ich mir sehr schmerzhaft auf die Zunge gebissen. Diese Reise scheint einfach unter keinem guten Stern zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur sp\u00e4ten Mittagszeit treibt der Hunger uns hinaus. Inzwischen sind 8 Stunden seit dem Vorfall heute fr\u00fch um 5 vergangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg entdeckt Evangelina auf der <em>Plaza Col\u00f3n<\/em> einen Chirimoya-Baum, mit ein paar Fr\u00fcchten und einer gro\u00dfen, wei\u00dfen Bl\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Vor 80 Jahren endeten die Tokioter Prozesse. Es gab Parallelen zu N\u00fcrnberg, aber auch Unterschiede. Der Prozess wurde auf Englisch und Japanisch gef\u00fchrt, aber nur 2 der Ankl\u00e4ger sprachen Japanisch. Unter den 11 Ankl\u00e4gern befanden sich nur 2 aus Asien. Das wurde sp\u00e4ter kritisiert, ebenso wie die unterlassene Anklage gegen Kaiser Hirohito, dem Oberbefehlshaber der japanischen Streitkr\u00e4fte. Die Amerikaner wollen es sich nicht mit den Japanern verderben. Sie wollten Japan auf ihrer Seite haben. Der Kalte Krieg hatte begonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen Spaziergang den Prado runter, bei gutem Wetter. Die Stra\u00dfe, mit ihrem breiten, gepflegten Mittelstreifen mit den B\u00e4umen erinnert an den Prado in Madrid.<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen soll es Wandmalereien im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Themen geben, einige mit Bezug auf die Frauen, andere mit Bezug auf das Wasser, aber hier k\u00f6nnen wir keins davon finden. Wir nehmen ein Taxi und lassen uns an einen Ort fahren, der am Ende wohl doch nicht der richtige ist. Der Taxifahrer setzt uns an einem H\u00fcgel ab, den es steil zu ersteigen gilt. Ganz oben, von wo aus man den Cristo auf einem gegen\u00fcberliegenden H\u00fcgel gut sehen kann, steht tats\u00e4chlich ein Denkmal f\u00fcr die in der Revolution involvierten tapferen Frauen, aber auch hier kein Wandgem\u00e4lde zu sehen. Wir sind hier oben ganz alleine.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Abstieg bemerken wir einen alten Mann und eine alte Frau. Sie sind beide mit einem Ger\u00e4t am Ende eines langen Stiels bewaffnet. Was es damit auf sich hat, ist uns erst nicht ganz klar. Dann sehen wir, wie sie damit die Kaktusfeigen pfl\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach einem \u201eFr\u00fchst\u00fcck\u201c werden wir nachher in einer kleinen Bar f\u00fcndig. Kaffee gibt es nicht, Saft auch nicht, nur ein belegtes, aber trotzdem trockenes Br\u00f6tchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gelangen noch mal zum Abschied auf die <em>14 de Septiembre<\/em> und bekommen dort, im <em>Caf\u00e9 Italiano,<\/em> einen Kaffee und einen Saft und ein Sandwich. Das muss auch, wie wir noch nicht ahnen, vorl\u00e4ufig reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Busbahnhof geht es am Nachmittag mit dem Taxi. Es ist dichter Verkehr, es wird fast etwas knapp. Aber dort geht alles wie am Schn\u00fcrchen, trotz des vielen Betriebs, und wir stehen abfahrbereit auf dem Bahnsteig, bevor der Bus einf\u00e4hrt. Schnell hab ich mit noch zwei Packungen Erdn\u00fcsse besorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Sitzpl\u00e4tze sind oben. Sehr bequem, nur ist meiner halb defekt, er f\u00e4llt von der Sitzposition immer sofort in die Liegeposition zur\u00fcck. Es ist stickig hier drin, und alle rei\u00dfen die Fenster auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommen noch ein paar Verk\u00e4ufer durch den Wagen. Eine alte Frau hat einen alten Eimer mit Fanta und Cola, ein Mann k\u00fcndet laut die Kabel und Kopfh\u00f6rer an, die er im Angebot hat, und eine Frau verkauft kleinere verpackte Fresspakete: \u201eEs un largo viaje\u201c, sagt sie prophetisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht\u2019s los. Oder doch nicht. Wir stecken vom Beginn an im Stau. Es geht, wenn \u00fcberhaupt, nur im Schritttempo weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>So geht es durch die Vororte. Hier reiht sich ein kleines Industrieunternehmen an das andere, meist Baustoffe und Autoh\u00e4ndler. Zwischen den typischen, oft unvollendeten Backsteinbauten taucht immer wieder mal ein modernes Haus mit origineller Fassade auf, entweder in antikisierendem Stil mit Loggien und S\u00e4ulen oder mit vielen kleinen Fenstern, etwas wie Lego-H\u00e4user aussehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einen Kreisverkehr. Es geht nicht weiter. Der Fahrer scheint unentschieden. Die Stra\u00dfe rechts steht unter Wasser. Dann traut er sich trotzdem rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den H\u00e4usern, immer nur kurz zu sehen, ein wunderbarer, breiter Regenbogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es \u00fcber eine holprige Stra\u00dfe mit den unvermeidlichen Fahrbahnschwellen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ein Klassenkamerad in der Grundschule uns erz\u00e4hlte, so was gebe es in Argentinien. Keiner hat ihm geglaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in engen Kurven bergauf. Unendlich lang. An \u00dcberholen ist hier nicht zu denken. Wir fahren das Tempo des Langsamsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo kommen wir ganz zum Stehen. Warum, ist von unseren Pl\u00e4tzen aus nicht ersichtlich. Auf der anderen Spur kommen uns Lastwagen entgegen, eine schier unendliche Reihe, es will gar nicht aufh\u00f6ren. Am Ende sind wir auch wieder dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter bergauf, aber jetzt scheint die Stra\u00dfe etwas breiter zu sein, und unser Fahrer setzt hin und wieder zum \u00dcberholen an. Die Stra\u00dfe ist rumplig wie eh und je.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kommen wir endlich oben auf ein Plateau. In der Ferne sieht man eine lange Lichterkette, vielleicht ein Hinweis auf eine Fernstra\u00dfe, aber wir wollen ihr irgendwie nicht n\u00e4her kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dann doch so weit ist, nicht die ganz gro\u00dfe Erleichterung. Es geht jetzt zwar schnurstracks geradeaus, aber die Fahrbahn ist weiterhin eine Katastrophe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte die Distanzen innerhalb von Bolivien schwer untersch\u00e4tzt. Das Land ist gr\u00f6\u00dfer, als man meint, trotz der riesigen Gebietsverluste des letzten Jahrhunderts, etwa dreimal so gro\u00df wie Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach Mitternacht wird es besser. Die Fahrbahn ist jetzt gut, und unser Bus kann Fahrt aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz hinten wird es Tag. \u00dcber den Wolken d\u00e4mmert es, und unten kommen zwischen den Wolken ein paar goldenen Sonnenstrahlen zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00e4lte macht sich trotzdem immer mehr zu bemerken. Evangelina hat das Fenster neben ihr mit den Prospekten aus Cochabamba zugedeckt. Die anderen sind besser vorbereitet, fast alle haben eine Decke dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen gibt es tats\u00e4chlich eine Pause, eine Pinkelpause, 10 Minuten, nicht mehr, wie der strenge Busfahrer uns deutlich macht. Es wird die einzige Pause der ganzen Fahrt bleiben. Zu kaufen gibt es hier nichts, und mein Magen rebelliert. Mehr als ein paar Erdn\u00fcsse und ein s\u00fc\u00dfes Geb\u00e4ck hat es seit gestern Mittag nicht mehr gegeben. Evangelina h\u00e4lt es besser aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die niederschlagende Nachricht: Wir haben noch Stunden vor uns, die geplanten 17 Stunden Fahrt werden nicht ausreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt geht es in die Einsamkeit der Berge. Wir sind ganz alleine unterwegs. Um uns herum nur die Wildnis, weite, gr\u00fcne Berge, unterbrochen von engen Felsschluchten. Es ist sch\u00f6n, aber auf die Dauer nicht gerade abwechslungsreich. Die Fahrt zieht und zieht sich. Ich bekomme schon Halluzinationen und erkenne \u00fcberall im Tal Siedlungen, wo nur Felsen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann ist es dann doch so weit: Ganz unten im Tal kommt Tarija zum Vorschein. Nach 20 Stunden. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Erst kommen wir am Zoll zu stehen. Es dauert eine ganze Weile, was unten geschieht, kann man von oben nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Halt ist an einer Tankstelle. Schon verwunderlich, dass des Bus es bis hierher ausgehalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fahren wir durchs Zentrum, fast an unserer Unterkunft vorbei, zum Busbahnhof, der ein gutes St\u00fcck au\u00dferhalb liegt. Von hier aus m\u00fcssen wir mit dem Taxi zur\u00fcck ins Zentrum. Statt der veranschlagten 17 Stunden sind wir 22 Stunden unterwegs gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Taxifahrer ist sehr freundlich und bringt sich selbst als Reisef\u00fchrer ins Gespr\u00e4ch, f\u00fcr Ziele in der Umgebung, aber da winken wir entschieden ab. In den n\u00e4chsten beiden Tagen werden wir uns in kein Auto zwingen<\/p>\n\n\n\n<p>Er bringt uns bis vor die Haust\u00fcr, aber dann stehen wir wieder etwas verwirrt vor dem elektronischen Schloss der Wohnungst\u00fcr. Der Schl\u00fcssel hat es in sich, aber am Ende geht die T\u00fcre auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere M\u00e4gen h\u00e4ngen auf halb acht, und sofort machen wir uns auf die Suche nach was Essbarem. Alle empfehlen den <em>Mercado<\/em>. Die ersten Regentropfen fallen, und dann setzt die Sintflut ein. Als wir den ersten Unterschlupf finden, sind wir schon klatschnass.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Mercado<\/em> gibt es oben ein ganzes Geschoss mit einfachen Lokalen. Wir bekommen von einer alten Dame aus einem riesigen Kochtopf ein ganz passables Essen, vor allem eine leckere Gem\u00fcsesuppe serviert. So ist am Ende des Tages wenigstens der Hunger gestillt.<\/p>\n\n\n\n<p>22. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen alle Erwartungen werden wir am Morgen von der Sonne begr\u00fc\u00dft. Es ist ein richtig warmer, sommerlicher Vormittag, und wir machen uns gleich auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon gestern sind wir an der <em>Casa Dorada<\/em> vorbeigekommen, die wir letztes Jahr besichtigt haben, und oben am Ende der Stra\u00dfe haben wir eine Kirche gesehen, zu der wir letztes Jahr hochgestiegen sind, eine Kirche, die etwas von einer Wallfahrtskirche hat, mit einer langen Au\u00dfentreppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es Richtung <em>Palacio Azul<\/em>, zu Fu\u00df, trotz der gegenteiligen Ratschl\u00e4ge der Anwohner. Alles besser als sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs mache ich ein Photo von einem Gesch\u00e4ft, in dem es <em>Sellos<\/em> gibt, <em>R\u00e1pidos y Garantizados<\/em>. Das sind in Amerika, wie ich aus schmerzhaften Erfahrungen wei\u00df, keine Briefmarken, sondern Stempel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen vor dem <em>Palacio Azul<\/em> und sehen uns die verschiedenen Bronzeplatten an, die an den Austausch mit den Nachbarl\u00e4ndern (auch von Jujuy ist die Rede) und verschiedenen Schriftstellertreffen erinnern, als ein freundlicher junger Mann erscheint und uns erkl\u00e4rt, ohne dass wir auch nur nachfragen m\u00fcssten, dass die n\u00e4chste F\u00fchrung um 11 Uhr beginnt. Damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet. Die mindestens drei vergeblichen Versuche, letztes Jahr den <em>Palacio Azul<\/em> zu besichtigen, sind uns noch gut in Erinnerung geblieben. Telefonate, Hinweistafel, die Touristeninformation \u2013 alles vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbringen die Zeit bis zur F\u00fchrung in dem nahegelegenen Park und streiten anl\u00e4sslich des Denkmals f\u00fcr Sim\u00f3n Bol\u00edvar am Eingang des Parks \u00fcber die Bedeutung von Reiterdenkmalen. Evangelina behauptet, aus der Stellung der Beine k\u00f6nne man etwas \u00fcber das Ableben des Dargestellten ableiten. Das bestreite ich vehement.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder an dem <em>Palacio Azul <\/em>ankommen, hat sich hier eine ganze Gro\u00dffamilie versammelt, \u00fcber drei Generationen verteilt, dazu ein paar Einzelbesucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die <em>Casa Dorada<\/em>, die wir letztes Jahr besichtigt haben, ist der <em>Palacio Azul<\/em> das Werk eines kinderlosen Industriellenpaars, das nicht so recht wusste, wohin mit dem Geld. Der <em>Palacio Azul<\/em> war damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, so etwas wie eine Casa de Campo. Drum herum war gar nichts. Heute schwer vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die <em>Casa Dorada<\/em> inzwischen Museum und im st\u00e4dtischen Besitz ist, befindet sich der <em>Palacio Azul<\/em> weiterhin in privater Hand. Ob hier noch jemand wohnt, wird mir nicht ganz klar. Jedenfalls wird der Palast f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Feierlichkeiten, aber auch f\u00fcr Konferenzen und \u00c4hnliches benutzt. Vor allem die Literatur steht dabei im Vordergrund, denn der Industrielle, der Erbauer des Palastes, war ein gro\u00dfer Freund der Literatur und hat auch selbst das eine oder andere geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod des Industriellen gab es Erbstreitigkeiten, an deren Ende sich aber die Witwe durchsetzte. Nach deren Tod kam das Haus durch Verkauf an ein anderes Ehepaar. Im Laufe der F\u00fchrung stellt sich heraus, dass der junge Mann, der uns f\u00fchrt, ein Enkel dieses Ehepaars ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Innengestaltung des <em>Palacio Azul<\/em> macht Anlehnungen an verschiedene Stile, Gotik, Rokoko, Arabisch. In der Eingangshalle gleich die beiden Gem\u00e4lde, die mir am besten gefallen, vermutlich \u00d6lgem\u00e4lde. Auf einem sieht man, wie ein M\u00e4dchen \u00fcber einer Mauer Fr\u00fcchte aus einem Korb nach unten sch\u00fcttet, die von einem Jungen, der vor der Mauer steht, in einer Sch\u00fcssel aufgefangen wird. Die Deckengem\u00e4lde k\u00f6nnen dagegen damit nicht mithalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen ist der Palast ganz anders, als das blau-wei\u00dfe \u00c4u\u00dfere, das etwas Maritimes hat, vermuten l\u00e4sst. In den meisten R\u00e4ume schwere Tische mit geschnitzten St\u00fchlen und in einem Raum ein schwerer Sekret\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon wiederum abweichend der sch\u00f6nste Saal, den wir zu sehen bekommen, der Spiegelsaal, ganz im arabischen Stil gehalten, mit S\u00e4ulen mit Hufeisenb\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Details sind ein bisschen vernachl\u00e4ssigt, abbl\u00e4tternde Tapeten, rissige W\u00e4nde und, ganz zum Schluss, als wir auf dem Dach stehen, L\u00f6cher in den Wasserspeiern. Es muss ein gro\u00dfer Aufwand sein, so ein Haus im Schuss zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite gibt es viele Details, die sch\u00f6n anzusehen sind, geometrisch gestaltete Buntglasfenster, gescheckte Marmorb\u00f6den in Braun und Wei\u00df, Fenster mit der stilisierten Darstellung von Vasen, Ranken und Emblemen, feine Deckenmalereien mit feinen Blumengebinden und Kr\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sehen wir im Internet, dass der Bau auch gelegentlich <em>Castillo Azul<\/em> genannt wird, vor allem von au\u00dfen eine passende Bezeichnung f\u00fcr den Bau mit seinen T\u00fcrmchen, Zinnen und Balkonen. Es ist allerdings eher eine verspielte Burg als eine echte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zur\u00fcckkommen, gibt es Probleme mit dem elektronischen Schloss an der Wohnungst\u00fcr. Der Schl\u00fcssel ist so kompliziert, und das System so&nbsp; empfindlich, dass man sich leicht mal vertu kann. Resultat: Das Schloss \u00f6ffnet auch dann nicht, wenn man den richtigen Schl\u00fcssel eintippt. Gr\u00fcnes Licht, aber die T\u00fcr \u00f6ffnet sich nicht. Wir m\u00fcssen den Vermieter anschreiben. Gl\u00fccklicherweise antwortet der umgehend, und steht nach f\u00fcnf Minuten auf der Matte. Er tippt die Nummer ein \u2013 und die T\u00fcr \u00f6ffnet sich!<\/p>\n\n\n\n<p>23. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon am Morgen h\u00f6rt man rhythmische Musik von der Stra\u00dfe kommen. Was kann das nur sein? Als wir rausgehen, merken wir es: Karneval!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist rappelvoll in den Stra\u00dfen der Innenstadt. Irgendwie schlagen wir uns bis zur <em>Plaza Principal <\/em>durch. Dabei bekommen wir immer wieder was von dem Umzug zu sehen. Trotz des Gedr\u00e4nges sind die Leute sehr freundlich, machen Platz, damit man was zu sehen bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meistens sind es M\u00e4dchen, junge und alte, einige sehr alte \u2013 eine kleine alte Frau wird gerade vom Fernsehen interviewt \u2013 die den Zug ausmachen. Alle mit kurzen R\u00f6ckchen, Bluse und einem kunstvoll bestickten \u00dcberwurf. Alle tragen Sandalen, haben geflochtene Z\u00f6pfe (von denen ich erfahre, dass die meisten k\u00fcnstlich sind) und sind stark geschminkt. Die Musik, sehr einfach, rhythmisch, wird meist von M\u00e4nnern gemacht, auf Trommeln und Fl\u00f6ten. Zuzusehen ist ein Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es bleibt nicht beim Zusehen. Zwei M\u00e4dchen aus einem Kreis kommen ausgerechnet auf mich zu, packen mich bei der Hand und nehmen mich in ihren tanzenden Kreis auf. Ein Elefant unter lauter Gazellen. Evangelina kann sich kaum einkriegen und l\u00e4sst es sich nicht nehmen, das f\u00fcr die Nachwelt festzuhalten. Wer den Schaden hat, braucht f\u00fcr den Spott nicht zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Mittagessen ist es noch etwas fr\u00fch, aber mich treibt der Hunger um. Wir sind schon dabei, nach dem <em>Mercado<\/em> zu fragen, als uns ein Lokal unter die Augen kommt. Drinnen ist es noch ziemlich leer, aber egal, wir lassen uns drauf ein, und sollen es nicht bereuen. Allm\u00e4hlich f\u00fcllt sich das Lokal, und als wir gehen, gibt es fast keinen freien Platz mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen ist gut und der Wein sensationell, ein regionaler Rotwein, Terru\u00f1o, aus Aranjuez. Tarija ist die bolivianische Weinregion, wie wir letztes Jahr bei einer Exkursion feststellen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina hat mir ihrer <em>Milanesa<\/em> weniger Gl\u00fcck als ich mit meiner <em>Saice<\/em>, einem Gericht aus Nudeln, Kartoffeln, Erbsen und Hackfleisch. Beide bekommen wir eine schmackhafte Suppe vorweg, und Evangelina bekommt eine ganze Karaffe frisch gepressten Saftes.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bezahlt an der Kasse beim Herausgehen. Ich kann kaum glauben, was ich h\u00f6re: 105 Bolivianos. Das sind, f\u00fcr alles zusammen, gerade mal 10 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Sportartikelgesch\u00e4ft finden wir etwas f\u00fcr Nicol\u00e1s. Das Beste ist der Aufdruck auf der T\u00fcte: <em>\u00bfListo para tu pr\u00f3ximo desaf\u00edo? Depende de vos.<\/em> Eine perfekte Einstimmung auf Argentinien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29. Dezember (Montag) La Paz ist die h\u00f6chstgelegene Hauptstadt der Welt. Stimmt nicht! Sagen die, die es besser wissen. Warum nicht? Weil La Paz nicht die Hauptstadt Boliviens ist. Das ist n\u00e4mlich Sucre. Jedenfalls de jure. De facto ist La &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12160\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12160"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12160"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12194,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12160\/revisions\/12194"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}