{"id":1217,"date":"2011-12-10T16:46:33","date_gmt":"2011-12-10T16:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1217"},"modified":"2015-09-21T19:47:03","modified_gmt":"2015-09-21T17:47:03","slug":"porto-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1217","title":{"rendered":"Porto (2010)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als wir in Porto ankommen, ist das Wetter nicht so schlimm wie angek\u00fcndigt. Der Himmel ist bedeckt, aber von Regen und Wind vorl\u00e4ufig keine Spur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Flughafen von Porto ist hypermodern. Ein gl\u00e4serner, flacher Rundbau wird von flachen, weit ausgreifenden Armen aus Beton gehalten. Der Arme sind so viele, dass man an einen Kraken denkt. Zufall?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht hier ruhig zu wie auf einem Provinzflughafen, aber der Eindruck t\u00e4uscht: Von hier aus geht es in die gro\u00dfe, weite Welt, nach Mexiko, Kapstadt, New York und Rio. Direkt, und mehrmals in der Woche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In die Innenstadt geht es am besten \u2013 so jedenfalls wird uns gesagt \u2013 mit dem Bus. Direkt bis zur Endstation. Auch der Busbahnsteig ist hypermodern, mit elektronischer Anzeige der Fahrt- und Wartezeiten. Ist das wirklich Portugal? Der Bus l\u00e4sst zwar auf sich warten, ist aber auf die Minute p\u00fcnktlich und mit allen technischen Neuigkeiten ausgestattet. Die Pendler \u201ezahlen\u201c elektronisch, indem sie ihren Pass gegen ein Ger\u00e4t halten. Man kann aber auch bar zahlen. Die Fahrt kostet gerade einmal 1,50 \u20ac. Und das, obwohl es sich um eine halbe Weltreise handelt. Es geht durch winzige Vorortstra\u00dfen, \u00fcber eine Stadtautobahn, an einem riesigen Containerhafen und an einem Stadtpark und an einem Einkaufszentrum vorbei, \u00fcber einen vierspurigen Boulevard und dann wieder durch Niemandsland. Einmal f\u00e4hrt der Busfahrer von der Hauptstra\u00dfe auf eine Tankstelle ab, umkurvt die elegant, und f\u00e4hrt dann wieder auf die Hauptstra\u00dfe. Und dann stehen wir im Stau. Als der sich aufl\u00f6st, beginnt es, irgendwie innerst\u00e4dtisch auszusehen. Wir kommen an der Casa da M\u00fasica vorbei, der ersten (aus dem Reisef\u00fchrer) bekannten Sehensw\u00fcrdigkeit. Dann ist tats\u00e4chlich irgendwann Endstation. Als wir aus dem Bus aussteigen, f\u00e4ngt es an zu regnen. Eher zu fisseln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sagt, es gehe nichts \u00fcber den ersten Eindruck. Was ist der erste Eindruck von Porto? Es geht \u00fcberall rauf und runter. Ich habe noch ganz vage Erinnerungen an Lissabon, wo das auch so ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben keine Ahnung, wo wir sind und fragen nach der Stra\u00dfe unseres Hotels. Erst sp\u00e4ter merken wir, dass es viel einfacher gewesen w\u00e4re, nach dem Hotel zu fragen: <em>Hotel da Bolsa<\/em>. An der B\u00f6rse. Die kennt jeder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Entziffern der Antworten ist eine Mischung aus Verstehen, Raten und Entziffern von W\u00f6rtern und Gesten. Die sind oft eindeutig und sagen: Rauf und runter. Schon bei den ersten Fragen ist man angetan von der Geduld, mit der geantwortet wird, und der Detailfreude der Beschreibungen. Die ist allerdings manchmal eher hinderlich als hilfreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir ein \u00e4lteres Ehepaar vor einem Gesch\u00e4ft nach dem Weg fragen, stellen wir pl\u00f6tzlich fest, dass wir vor der Libreria <em>Lello &amp; Irm\u00e3o <\/em>stehen, nicht irgendeiner Buchhandlung, sondern <em>der<\/em> Buchhandlung Portos. Sie steht in jedem Reisef\u00fchrer, und drinnen dr\u00e4ngeln sich keine Kunden, sondern Touristen mit ihren Kameras. Das scheint aber still geduldet zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst mal m\u00fcssen wir uns aber um unser Hotel k\u00fcmmern. Wir werden ein paar Stra\u00dfen runter und dann andere rauf geschickt. Als wir gerade mal wieder unten sind, werden wir die Stra\u00dfe rauf geschickt, und das ist tats\u00e4chlich das Hotel. Als wir ankommen, f\u00e4llt uns das gr\u00fcne Leuchtkreuz einer Apotheke ganz in der N\u00e4he des Hotels auf \u00a0\u2013 und wir merken, dass wir die ganze Zeit im Kreis gelaufen sind. Das Hotel sieht vornehm aus, mit goldenen, gebogenen Lampen und gepflegten Blumenk\u00fcbeln am Eingang, ist aber ganz normal. Das Fenster des Zimmers geht auf die seitw\u00e4rts zum Hotel liegende Stra\u00dfe hinaus und gibt den Blick auf historische H\u00e4user und eine erh\u00f6ht liegende Kirche frei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir machen uns sofort auf den Weg. Der kurze Aufenthalt soll schlie\u00dflich genutzt werden, und die erste Sehensw\u00fcrdigkeit kennen wir ja schon: die Buchhandlung. Wir haben Gl\u00fcck. Es ist jetzt nicht mehr so voll wie vorher. Man ist gleich beim Eintreten beeindruckt von dem herrlich im Jugenstil dekorierten Raum. Der schmale Raum, am Eingang an einer Seite von einer Theke flankiert, ist in der Mitte durch eine Treppe in zwei Teile geteilt und wirkt dadurch noch kleiner, als er ohnehin schon ist. Hinter der Treppe ist die Decke durchbrochen und gibt den Blick in das Obergescho\u00df frei. Die Treppe mit sch\u00f6nem, verzierten Holzgel\u00e4nder und roten, sich nach oben verj\u00fcngenden, abgerundeten Stufen ist in zwei L\u00e4ufe getrennt, die sich auf halber H\u00f6he treffen und dann wieder auseinanderlaufen. Die Decke des Obergeschosses wird fast in der ganzen L\u00e4nge und Breite von einer bunten Glasdecke eingenommen. An der Stirnseite ein dreigliedriges, oben mit Ma\u00dfwerk nach gotischer Art verziertes Fenster. Die Wirkung ist phantastisch. Nichts wirkt \u00fcberladen, nichts wirkt protzig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>B\u00fccher gibt es auch. Die stehen in beiden Geschossen an den beiden L\u00e4ngsseiten in hohen Holzregalen. Owohl gar nicht viel Platz ist, ist das Angebot ziemlich gut. Wir st\u00f6bern ein bisschen in den B\u00fccherregalen und machen uns einen Spa\u00df daraus, die Titel von \u00fcbersetzten englischen und deutschen B\u00fcchern in die Originalsprache zur\u00fcckzu\u00fcbersetzen. Dann nehmen wir eine portugiesische Bibel in die Hand und werfen einen Blick in die Sch\u00f6pfungsgeschichte. Dabei f\u00e4llt eine altert\u00fcmlich anmutende Form auf, das enklitische Personalpronomen, genauso wie in \u00e4lteren Sprachstufen des Spanischen und in modernen spanischen Dialekten: <em>mov\u00edase<\/em> statt, wie im modernen Standardspanisch, <em>se mov\u00eda<\/em>. genauso wie in fr\u00fcher. Dann f\u00e4llt uns eine in den Boden eingelassene Schiene auf. Man stutzt erst, aber die Erkl\u00e4rung ist nur ein paar Schritte entfernt, in der Form eines wie eine Lore aussehenden Wagens. Um die Regale aufzuf\u00fcllen, braucht man die B\u00fccher nicht heranzuschleppen, sonder kann sie mit dem Wagen an Ort und Stelle bringen. Beim Verlassen der Buchhandlung hat man ein etwas schlechtes Gewissen. Nichts gekauft, nur besichtigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die eigentliche \u00dcberraschung wartet aber drau\u00dfen. Hier informiert ein Schild \u00fcber die Sehensw\u00fcrdigkeit Buchhandlung. Demzufolge sind die ganzen sch\u00f6nen Holzschnitzereien in der Buchhandlung gar nicht aus Holz. Es ist Gips, das so bemalt worden ist, dass es nach Holz aussieht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine kleine Verwirrung entsteht durch das Wort <em>no<\/em>, das in dem Schild an der Buchhandlung auftaucht. Es bedeutet auf Portugiesisch nicht \u201anein\u2018, sondern \u201ain\u2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem Platz ganz in der N\u00e4he der Buchhandlung f\u00e4llt uns die Fassade eines Geb\u00e4udes auf, genauer gesagt, die zwei Fassaden eines Geb\u00e4udes. Das Geb\u00e4ude beherbergt eine Doppelkirche, und jede der beiden Fassadenh\u00e4lften hat ihren eigenen Stil, links eine ziemlich strenge, glatte, fast schmucklose Fassade, rechts eine bewegte Fassade mit Nischen, Zinnen und Rocaillen und Figuren, klassizistisch links, barock rechts, wie zum Anschauungsunterricht in Kunstgeschichte gebaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwo gibt es <em>Oro e Prata<\/em> zu kaufen, Gold und Silber. Wo das Spanische \/l\/ hat, hat das Portugiesische \/r\/. Nicht nur Chinesen und Japaner haben Schwierigkeiten mit den beiden Lauten, auch in der Sprachgeschichte zeigt sich, dass sie leicht zu verwechseln sind: <em>prata<\/em>\/<em>plata<\/em>, <em>igreja<\/em>\/<em>iglesia<\/em>, <em>pra\u00e7a<\/em>\/<em>plaza<\/em>. Die B\u00f6rse hei\u00dft aber <em>bolsa<\/em>, nicht <em>borsa<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurzentschlossen steigen wir in einen Bus ein, mit dem man eine Stadtbesichtigung machen kann. Er h\u00e4lt zuf\u00e4llig gleich neben uns. Er bringt uns in Bezirke, in die wir zu Fu\u00df nicht kommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst geht es \u00fcber einen breiten Boulevard, zun\u00e4chst wieder an der <em>Casa da M\u00fasica<\/em> vorbei. Es ist ein unregelm\u00e4\u00dfiger Bau, hochmodern, mit einem \u201eschiefen\u201c Dach, aus beigen Betonplatten, unterbrochen von unregelm\u00e4\u00dfigen Glasfl\u00e4chen, die geometrische Muster nachbilden. Nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Casa da M\u00fasica<\/em> befindet sich in Boavista, und bald kommen wir auch an dem Stadion von Boavista vorbei, einem Club, der urspr\u00fcnglich von Engl\u00e4ndern gegr\u00fcndet wurde. Das Stadion, hochmodern, wurde f\u00fcr die Europameisterschaft neu gebaut. Das andere gro\u00dfe Stadion, das des FC Porto, liegt au\u00dferhalb des Zentrums und au\u00dferhalb unserer Route. Jetzt f\u00e4llt mir wieder ein, dass sie einmal die Bayern in einem Europapokalendspiel besiegt haben, was damals eine dicke \u00dcberraschung war, jedenfalls f\u00fcr die Bayern: 2:1 f\u00fcr Porto. Auch jetzt f\u00fchren sie die Tabelle souver\u00e4n an. Aber wo ist Boavista? Die waren doch fr\u00fcher auch oft auf europ\u00e4ischer Ebene zu finden. In der h\u00f6chsten Klasse <em>sind sie nicht, und in der n\u00e4chsten, der verwirrenderweise Liga<\/em> de Honra hei\u00dft, auch nicht, und in der dann folgenden, der dritten, die verwirrenderweise <em>Segunda Divis\u00e3o<\/em>, hei\u00dft, auch nicht. Sie scheinen wirklich Viertligisten zu sein. Mit dem Stadion!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir brennen darauf, das Meer zu sehen, und der Busfahrer scheint das zu ahnen. Immer wieder geht es Richtung Meer, aber im letzten Moment wird dann wieder in eine andere Richtung abgebogen. Dann aber geht es doch zum Meer runter. Das Wasser ist grau, der Himmel bedeckt, die Sicht begrenzt. Auch das Meer hat nicht ewig Sommer. Die breite, sich lang hinziehende Strandpromenade, mit breitem Flanierweg auf der einen Seite und einer elegenaten Steinbalustrade und endlosen Lokalen auf der anderen Seite deutet aber darauf hin, dass das nicht immer so ist. Die B\u00e4ume, die die Strandpromenade zieren, sind eigens aus Neuseeland eingef\u00fchrt worden, eine besondere Baumart, der das Salz des Meeres nichts anhaben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in die Innenstadt zur\u00fcck und in die andere Richtung weiter, flu\u00dfaufw\u00e4rts. Diese Fahrt bietet einige spektakul\u00e4re Blicke von oben in das Flusstal. Der H\u00f6henunterschied ist, gemessen an der kurzen Entfernung, riesengro\u00df, und man sieht wie in eine Schlicht hinunter. Den zweiten Reiz erh\u00e4lt die Fahrt durch die Br\u00fccken. Es sind sechs oder sieben, allein hier im Stadtgebiet, zwei schwere, gu\u00dfeiserne, auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu unterscheiden, und mehrere leichte, moderne, von unterschiedlichen Konstruktionstypen. Das alles macht sich im Abendlicht ausgesprochen gut. Man kann nie alle Br\u00fccken gleichzeitig sehen, denn der Duero m\u00e4andert sich hier seiner M\u00fcndung entgegegen, ein weiterer Reiz des Panoramas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Schluss geht die Fahrt \u00fcber die ber\u00fchmteste all dieser Br\u00fccken, den Ponte Dom Luis I. Sie wurde von Eiffel erbaut und f\u00fchrt von der Altstadt nach Vila Nova di Gaia. Dort reihen sich die Portweinkeller aneinander. Irgendwo habe ich im Internet gelesen, dass Touristen die Br\u00fccke als die erste Sehensw\u00fcrdigkeit Portos gew\u00e4hlt haben, wegen des gigantisches Stahlger\u00fcsts und des atemraubenden Blicks hinunter in das Tal des Duero.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als unsere Busfahrt zuende geht, ist es dunkel, aber noch nicht sp\u00e4t. Wir haben Gl\u00fcck und k\u00f6nnen noch St Francisco einen Besuch abstatten. Am Eingang der Kirche wird man allerdings zuerst zur\u00fcckgewiesen. Hier wird kassiert. Im Eingang des gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4udes, das auch wie eine Kirche aussieht, genauso wie das dazwischen liegende Geb\u00e4ude und das daneben liegende, gibt es Eintrittskarten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man den Kirchenraum betritt, ist man \u00fcberw\u00e4ltigt. Der ganze Raum ist \u00fcber und \u00fcber mit Gold verziert, Decken, Pfeiler, W\u00e4nde, Alt\u00e4re. Portugal hat sich bei seinen Kolonien bedient und stellt seinen Reichtum zur Schau. Dennoch ist man hier nicht erschlagen von Gold, sondern schlichtweg beeindruckt. Das Gold, auf Holz aufgetragen, ist dunkel und fast glanzlos. Der gesamte Kirchenraum ist voller Zier und dennoch nicht \u00fcberladen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche muss urspr\u00fcnglich mal gotisch gewesen sein, und so sieht sie auch von au\u00dfen aus, aber im Innenraum gibt es nur noch eine gotische Kapelle. Der Rest ist barock umgebaut, mit hohen Alt\u00e4ren mit m\u00e4chtigen, gro\u00dfformatigen Figuren. Hier wurde nicht gekleckert. Zwei Alt\u00e4re, die kaum als Alt\u00e4re zu erkennen sind, sind au\u00dfergew\u00f6hnlich: Im Norden eine Wurzel Jesse, im S\u00fcden ein Martyrium. Die Wurzel Jesse nimmt die gesamte H\u00f6he der Wand ein. Sie geht von dem liegenden Jesse aus, aus dessen K\u00f6rper ein kr\u00e4ftiger Baumstamm hervorw\u00e4chst. Auf dessen \u00c4sten stehen die K\u00f6nige von Juda, vollplastische Figuren in bunt gefasstem Holz. Der Baum l\u00e4uft aus in einen kitschigen Marienaltar, der nicht zu der \u00fcbrigen Darstellung passen will. Die Darstellung ist eingerahmt von einer Architektur aus Sockeln, Nischen, Pfeilern und B\u00f6gen, alle mit Gold \u00fcberzogen. In Portugal scheint dieses sonst nicht so \u00fcbliche Motiv der Wurzel Jesse ganz g\u00e4ngig zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im S\u00fcden die makabre Darstellung der Abschlachtung von Franziskanerm\u00f6nchen durch \u00a0(marrokanische) Heiden mit bunten Gew\u00e4ndern und bunten Turbanen, die mit den einfachen braunen Kutten der Franziskaner und deren Tonsuren kontrastieren. Mit viel Vergn\u00fcgen am Grauen wird anschaulich dargestellt, wie den M\u00f6nchen die K\u00f6pfe abgehackt werden. Drei M\u00f6nche warten ergeben auf ihr Schicksal, w\u00e4hrend einem ihrer Br\u00fcder gerade nach einem herzhaften S\u00e4belschlag der Kopf zur Seite knickt und der eines anderen von einem der Henker l\u00e4ssig in der Hand gehalten wird, der mit einem Seil in der anderen Hand den kopflosen K\u00f6rper durch einen Graben zieht, mit einem h\u00e4mischen Grinsen im Gesicht. Photographieren ist leider verboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als man die Kirche verl\u00e4sst, wird man noch in die gegen\u00fcberliegende Kirche, die vermutlich keine ist, geschickt, und zwar in deren Untergeschoss. Das iwar f\u00fcr gut hundert Jahre der Bestattungsort aller M\u00f6nche des Ordens. Der Kontrast k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. In dem \u00fcberw\u00f6lbten Raum sind, in L\u00e4ngsrichtung, auf drei Etagen an allen vier Seiten wei\u00dfe Sarkophage eingelassen, alle gleichf\u00f6rmig und mit schlichten, in Wei\u00df gehaltenen Inschriften. Wer hier nicht mehr hinpasste, wurde unter den Holzbohlen des Fu\u00dfbodens bestattet. Hier ist praktisch kein Platz verschwendet worden. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann man, als Folge eines staatlichen Gesundheitsgesetzes, \u00f6ffentliche Friedh\u00f6fe zu bauen. Auf denen wurden auch die Franziskanerm\u00f6nche begraben. Bis dahin fanden sie hier ihre Ruhest\u00e4tte. Man fragt sich, was in den Jahrhunderten zuvor verfahren wurde. In der Kirche selbst gibt es zwar auch ein paar in den Boden eingelassene Grabst\u00e4tten, aber nicht f\u00fcr die M\u00f6nche, sondern f\u00fcr B\u00fcrger, die was auf sich hielten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drau\u00dfen genie\u00dfen wir noch im Laternenlicht den herrlich unregelm\u00e4\u00dfigen Platz vor der Kirche, mit seinen verschiedenfarbigen Fassaden und der gro\u00dfen Treppe, die zu dem Innenhof mit den verwirrenden Geb\u00e4udekomplex hinauff\u00fchrt. Die Photos entsch\u00e4digen f\u00fcr die, die man drinnen nicht machen durfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst als wir aus der Kirche herauskommen, merken wir, dass wir ganz in der N\u00e4he unseres Hotels sind. Zwischen den beiden liegt nur die breite Fassade eines m\u00e4chtigen Geb\u00e4udes, das weder zu der Kirche noch zu dem Hotel passt. Zum Essen gehen wir allerdings in die Innenstadt zur\u00fcck..<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir suchen den Bahnhof und merken, dass wir schon mehrmals daran vorbeigekommen sind. Er ist sehr zentral gelegen und sieht nicht wie ein Bahnhof aus, eher wie ein Museum. Und er hat auch eine Sehensw\u00fcrdigkeit: Kacheln. Das gesamt Foyer ist an allen vier Seiten mit blau-wei\u00dfen Kacheln verkleidet, die portugiesische Traditionen und historische Ereignisse Portugals darstellen. Allerdings haben die Tauben hier gute Arbeit geleistet und die Darstellungen mit einem nivellierenden, gr\u00e4ulichen Belag \u00fcberzogen. Man stellt sich allerdings jetzt der Aufgabe und hat einen Fries freigelegt, der jetzt wieder heller, klarer und kontrastreicher ist. Der Rest ist in Bearbeitung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Gleisen stehen moderne, kurze, v\u00f6llig einheitliche aussehende Z\u00fcge. Am n\u00e4chsten Tag wollen wir hier unsere Fahrkarten f\u00fcr die Fahrt zum Flughafen l\u00f6sen, werden aber in zur U-Bahn geschickt. Dort gibt es andere Strecken und Karten, aber die Z\u00fcge sehen genauso aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem riesigen, l\u00e4nglichen Platz mit einer Reiterstatue in Zentrum und einem einem die ganze Breite des Platzes am oberen Ende einnehmenden Geb\u00e4ude \u00fcberholt uns eine alte, aus einem einzigen Wagen bestehende Stra\u00dfenbahn, heute nur f\u00fcr touristische Zwecke genutzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Suche nach einem Lokal stellt sich schwerer dar als erwartet. Wir landen am Ende in einem etwas ungem\u00fctlichen, l\u00e4nglichen Lokal, das, wie eine Bar in Spanien, mit einer Unzahl von praktischen und unpraktischen Dingen vollgestopft ist. Aber das Essen ist hervorragend. Es gibt Kaninchen und und etwas, das <em>polvo<\/em> hei\u00dft, aber weder H\u00e4hnchen noch Staub ist, sondern eine Spezialit\u00e4t dieser Gegend: Tintenfisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen m\u00f6gen wir gar nicht glauben, dass wir erst einen Tag hier sind. Je k\u00fcrzer die Reise, so scheint es, umso mehr sieht man.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedenfalls haben wir schon einen Eindruck von Porto bekommen und von dem, was seinen Reiz ausmacht: das Gef\u00e4lle innerhalb der Altstadt und die Kacheln an vielen Kirchen- und H\u00e4userfassaden. Und die ungew\u00f6hnliche Mischung: gut erhaltenes Altes, heruntergekommenes Altes, sch\u00f6n renoviertes Altes, geschmacklos und stillos Neues und wunderbar Neues.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Porto ist in Portugal immer die Nummer 2 geblieben, und das, obwohl es dem Land seinen Namen gegeben hat. Die Verteilung der Rollen ist so: In Porto verdient man das Geld, das in Lissabon ausgegeben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wetter ist besser, und am Morgen scheint sogar die Sonne. Wir erkunden erst die unmittelbare Umgebung des Hotels, d.h. den gro\u00dfen, absch\u00fcssigen Platz, an der oberen Seite von den ehemaligen Markthallen begrenzt, mit roten Stahlrohren und einer Eisen-Glas-Fassade, heute ein Kulturzentrum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Mitte des Platzes die Statue von Heinrich dem Seefahrer, der, wie ich irgendwo gelesen habe, nie zur See gefahren ist. Er hat aber Portugal zur See geschickt, sozusagen. Zu seiner Zeit war es vor allem Afrika, das erkundet wurde, weiter s\u00fcdlich, als das bis dahin der Fall gewesen war. Sp\u00e4ter kamen Amerika und Asien dazu, und das Endergebnis was ein riesiges Kolonialreich, riesig vor allem gemessen an der Ausdehnung des Mutterlands. Verschiedene allegorische Figuren sind in den Sockel eingelassen, und eine weibliche Figur, die fahnenschwenkend nach vorne st\u00fcrmt, geht dem Denkmal voran, Sinnbild des unersch\u00fctterlichen Glaubens der Entdecker, w\u00e4hrend der Seefahrer, erh\u00f6ht auf dem Sockel stehend, mit entschiedener Handbewegung die Richtung vorgibt: zum Meer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sehen wir,\u00a0 dass in der B\u00f6rse Publikumsbetrieb ist. Sie ist wirklich heute ge\u00f6ffnet. Wir melden uns zu einer F\u00fchrung an und lernen bei der Gelegenheit, dass bei dem portugiesischen Wort f\u00fcr <em>danke<\/em> eine weibliche und eine m\u00e4nnlich Form hat, also eine Frau anders, mit <em>obrigada<\/em> dankt als ein Mann, <em>obrigado<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wieder begegnen wir, wie auch hier im Souvenirgesch\u00e4ft, der auff\u00e4llig geformten Figur eines bunten Keramikhahns, eines heimlichen Symbols Portugals. Die Legende, die man mit ihn verbindet, ist kurioserweise genau dieselbe wie in Santo Domingo de la Calzada auf dem Jakobsweg. Dort wurden die H\u00fchner, speisefertig auf dem Teller eines Richters oder irgendeiner Autorit\u00e4tsperson, pl\u00f6tzlich wieder lebendig und bewiesen so die Unschuld eines Angeklagten. Hier ist es ein Hahn, der kr\u00e4hte, obwohl er schon tot war, und die Legende wird auf die portugiesische Nation bezogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung ist auf Spanisch und Franz\u00f6sisch, und die wichtigste Erkl\u00e4rung kommt gleich zu Anfang, in der <em>Sala de Naciones,<\/em> dem Foyer des Geb\u00e4udes: Die B\u00f6rse steht auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen, bei der S\u00e4kularisierung aufgel\u00f6sten\u00a0 Franziskanerklosters. Das erkl\u00e4rt, warum dieses Geb\u00e4ude so eng an die Franziskanerkirche angrenzt. Das Zusammentreffen des Ostchors der gotischen Kirche und der Flanke der klassizistischen Fassade der B\u00f6rse hat seinen Reiz, schreit aber geradezu nach einer Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Sala de Naciones<\/em> ist ein hoher, quadratischer Raum, der seine Wirkung vor allem der bunten Glasdecke mit seiner flachen Kuppel verdankt, durch die gebrochenes Licht in den Raum str\u00f6mt. Der Boden ist ganz mit Mosaiken bedeckt, jedenfalls glauben wir das. Erfahren dann aber, dass nur das Emblem in der Mitte echtes Mosaik ist, der Rest sind in der Art von Mosaiken bemalte Fliesen. Das kann man kaum unterscheiden. Ich erinnere mich an die Gipsdekoration in der Buchhandlung, die auch vorgibt, etwas anderes zu sein, als sie ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Namen hat die <em>Sala de Naciones<\/em> von den Emblemen der \u201eNationen\u201c (das Wort ist nicht ganz w\u00f6rtlich zu nehmen), die auf dem Fries hoch oben an der Wand erscheinen, der Partner im Ausland, mit denen hier Handel getrieben wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Langsam d\u00e4mmert es mir, das die B\u00f6rse keine B\u00f6rse im modernen Sinne ist, sondern die Handelskammer. Das wird bei dem weiteren Rundgang deutlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Raum, im Obergeschoss gelegen, ist der Gerichtsraum. Hier werden an den W\u00e4nden Gerichtsszenen in Bildern festgehalten. Aber wer h\u00e4lt hier \u00fcber wen Gericht? Man erf\u00e4hrt zu seiner Verbl\u00fcffung, dass der Handel bis vor kurzer Zeit tats\u00e4chlich seine eigene Gerichtsbarkeit hatte, wenn ich das richtig verstanden habe, bis in die Siebzigerjahre. Heute ist der Saal Sitz der Weingenossenschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht durch eine Reihe anderer R\u00e4ume, die alle sehr repr\u00e4sentativ sind. Hier setzt sich das Motiv des Vort\u00e4uschens fort: In einem Raum h\u00e4ngt ein Bronzeleuchter von einer Tonne Gewicht, und an den Seiten befinden sich Bronzerelief. Die aber sehen wieder nur nach Bronze aus, t\u00e4uschend echt allerdings, sind aber aus Gips. Aus Gips auch die Holzpanele in einem anderen Raum, dessen unterer Fries aber wirklich aus Holz ist. Das, was wirklich aus Holz ist, ist vom Feinsten, Tische mit Einlegearbeiten und Fu\u00dfb\u00f6den mit dreidimensional aussehenden Mustern mit H\u00f6lzern unterschiedlicher Farbe, solche, die man mit dem Auge umspringen lassen kann. Die H\u00f6lzer kommen aus Afrika und aus Brasilien. Hier stellt die Handelsgesellschaft ihren Reichtum und ihren Wirkungskreis zur Schau. In einem Raum h\u00e4ngen K\u00f6nigsportraits, auch das von dem letzten K\u00f6nig, der am 5. Oktober 2010 abtrat. Der 5. Oktober ist weiterhin Feiertag, und in Porto h\u00e4lt man die republikansiche Tradition hoch. Das passt durchaus zu der Stadt, in der Handel und B\u00fcrgertum vorherrschen und Pal\u00e4ste rar sind. In dem fast \u00fcberdimensionalen Geb\u00e4ude der B\u00f6rse findet diese Ausrichtung ihren sinnlichen Ausdruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Paukenschlag wird bis zum Schluss zur\u00fcckgehalten: der Maurische Saal. Nach den eleganten, aber eher gediegenen, dunklen R\u00e4umen, durch die wir bisher gef\u00fchrt wurden, ist man beim Eintritt in den Saal wie vor den Kopf geschlagen: reiche Verzierungen in Arabesken im gesamten Raum, fast keine Stelle ist frei, die Farben Blau und Wei\u00df und Gold stechen hervor. Von besonderem k\u00fcnstlerischem Wert ist das vermutlich nicht, wohl aber ein Augenschmaus. In seiner \u00fcberbordenden Pracht erinnert der Raum an den Innenraum von San Franciso, aber mit anderen Vorzeichen: hell und feingleidrig, eher Trompetensto\u00df als Paukenschlag. Es gibt, getreu der arabischen Tradition, keine Darstellungen von Tieren und Menschen, wohl aber Inschriften, die so sch\u00f6n sind, dass sie als Verzierungen durchgehen. Tats\u00e4chlich kann man sie nicht richtig entziffern. Sie wurden nicht von Arabern angebracht, sondern in einer Zeit, als l\u00e4ngst keine Araber mehr in Portugal waren. Die Arbeit ist als Reminiszenz an die arabische Zeit gedacht und in erster Linie daf\u00fcr da, um zu beeindrucken. Das ist gelungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir gehen hinunter zum Flu\u00df, dessen Promenade hier wie eine Strandpromenade aussieht. Die kommt bei dem besseren Wetter richtig zur Geltung. An einer altar\u00e4hnlichen Gedenktafel, vor der Friedhofslichter brennen, bleiben wir stehen. Die Tafel ist ein Bronzerelief \u2013 ob das wohl wirklich Bronze ist? \u2013 die die einst\u00fcrzende Br\u00fccke darstellt. Bei dem Ungl\u00fcck kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Das ist eine einfache, niedrige, einz\u00fcgige Br\u00fccke, nicht der ber\u00fchmte Ponte Dom Luis I, auf den wir von hier aus sehen. Erst als wir die Inschrift lesen, geht uns ein Licht auf: Es ist nicht die heutige Br\u00fccke, sondern deren Vorg\u00e4nger. Das Ungl\u00fcck passierte w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege, als die franz\u00f6sische Armee die Br\u00fccke \u00fcberquerte. Vielleicht war diese Zerst\u00f6rung sogar der Grund f\u00fcr den Bau der neuen Br\u00fccke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Fluss steht ein auff\u00e4lliges, rechteckiges Haus mit einer ganz glatten, roten Fassade, das uns schon gestern aufgefallen ist. Ich muss einsehen, dass es nicht rot bemalt, sondern ganz mit roten Kacheln verkleidet ist, auf allen vier Seiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas weiter, dort, wo der Unterlauf der Br\u00fccke beginnt, geht eine Drahtseilbahn in die Oberstadt. Alles ist hier hochmodern, nur der Fahrkartenautomat hat seine T\u00fccken. \u00a0Es gibt aber einen Angestellten, der einem wortlos behilflich ist, nicht nur bei den vielen Entscheidungen, die man treffen muss, um die richtige Fahrkarte zu ordern, sondern vor allem dadurch, dass er im richtigen Moment an der richtigen Stelle auf den Automaten einschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kabine ist ziemlich voll, aber sofort steht ein \u00e4lterer Herr auf und will Platz machen. Nach einigem Hin und Her, bei dem wir uns gegenseitig an H\u00f6flichkeit \u00fcberbieten, kommen wir mit ihm und seiner redseligen Frau ins Gespr\u00e4ch, so dass die Fahrt v\u00f6llig an uns vorbeigeht. Er ist Schotte, sie Portugiesin. Sie machen sofort Kommentare zu Kuba, zum Wetter, zur Situation Portugals und informieren uns, dass man nur in der Oberstadt vern\u00fcnftig essen k\u00f6nne. Unten gebe es h\u00f6chstens gute Caf\u00e9s. Das passt tats\u00e4chlich zu unserer l\u00e4ngeren Suche nach einem vern\u00fcnftigen Lokal am Vortag. Als wir oben ankommen, bekommen wir gleich \u00a0eine Einladung zum Mittagessen, aber wir lehnen dankend ab, da wir den Tag ausnutzen wollen, um uns noch etwas anzusehen. Damit treffen wir auf Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben angelangt, irren wir etwas in der Gegend herum und lavieren uns durch eine Baustelle, bis wir auf dem Platz der Kathedrale stehen, einem gro\u00dfen, ebenen Platz mit Aussicht in das Flu\u00dftal und einer Statue in der Mitte. Die Kathedrale, geschlossen, ist ein typischer Barockbau. Wieder k\u00e4mpfen wir uns durch die Baustelle durch und gelangen durch eine verlassen daliegende, ansteigende Stra\u00dfe mit vielen historischen Geb\u00e4uden am Ende doch noch an die Br\u00fccke, \u00fcber die man auf die andere Seite gelangt. Dieser obere Zug der Br\u00fccke ist f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Z\u00fcge bestimmt, der untere, viel k\u00fcrzere, f\u00fcr Autos und Fu\u00dfg\u00e4nger. Von der Br\u00fccke aus hat man einen fantastischen Blick nach unten auf den Fluss. Als wir die Br\u00fccke \u00fcberqueren, kommt wirklich ein Zug, einer der hochmodernen Z\u00fcge, wie wir sie gestern am Bahnhof gesehen haben. Der Zug ist kurz und kaum von einer U-Bahn zu unterscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite angelangt, ragt links gleich hinter der Br\u00fccke eine Felswand auf, mit der es etwas Besonderes auf sich zu haben scheint, aber wir finden nicht heraus, was. Wir m\u00fcssen aber nach unten, und das geht \u00fcber einen gewundenen Weg, erst durch einen Park und dann durch ein altes Wohnquartier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unten gibt es, parallel zur anderen Seite, wieder einen ebenen Streifen entlang der Stra\u00dfe, aber dahinter steigt der Berg sofort steil auf. Wir gehen die Stra\u00dfe entlang. Hier reiht sich eine Portweinkellerei an die andere. Im Hotel hat man uns die lakonische Auskunft gegeben, die seien alle gleich, als wir nach einem Tipp gefragt haben. Wir landen bei Sandeman, weil dort die n\u00e4chste F\u00fchrung stattfindet. Die Kellerei liegt etwas von der Stra\u00dfe zur\u00fcckgezogen und ist in einem alten horizontalen Geb\u00e4ude mit Holzgittern untergebracht, das aussieht wie das Herrenhaus einer spanischen Finca. An der H\u00e4userwand sind, wie in den Moselorten, die Hochwasserst\u00e4nde der verschiedenen Jahre angegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man auf den Beginn der F\u00fchrung wartet, kann man sich in dem kleinen, aber informativen Museum umsehen. Ein kurioses Ausstellungsst\u00fcck ist ein riesiges, bauchiges Glas, das angeblich einem B\u00fcrger geh\u00f6rte, dem der Arzt die Empfehlung gegeben hatte, nicht mehr als ein Glas Portwein pro Tag zu trinken. Daneben sieht man gro\u00dfe Karaffen mit Familienwappen. Mit diesen wurden die Diener in die Schenke geschickt, um sie dort auff\u00fcllen zu lassen. So einfach. Flaschen gab es keine.\u00a0 Man brauchte allerdings Diener.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sandeman war ein junger Schotte, der nach London ging und dort versuchte, sich durchzuschlagen. Seine Bude lag eher zuf\u00e4llig in der City, mitten im Geld- und Gesch\u00e4ftsviertel, und er h\u00f6rte immer wieder Gespr\u00e4che mit, bei denen die aktuellen Gesch\u00e4ftsaussichten und neue Trends diskutiert wurden. Diese Gespr\u00e4che gaben ihm die Idee zu dem Handel mit spanischen und portugiesischen Weinen. Erfinden brauchte er nichts, Portwein und Sherry wurden bereits produziert. Wohl aber musste er f\u00fcr Import und Vertrieb sorgen und f\u00fcr Qualit\u00e4t. Er besorgte sich eine Lizenz zur Einfuhr dieser Weine, und los ging\u2019s.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Museum sieht man alte F\u00e4sser, von 1805, die damals schon das Brandzeichen der Firma trugen, als Ausweis von Qualit\u00e4t. Das war nicht nur eine Art Garantie f\u00fcr die Kunden, sondern auch eine verfr\u00fchte Form von Werbung: Unser Wein taugt was.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und um Werbung geht es auch in einer anderen Ecke des Museums. Im Zentrum steht der mysteri\u00f6se Don, das Emblem von Sandeman. Es gibt Plakate aus verschiedenen Epochen, mit immer neuen Variationen desselben Themas, teilweise fast parodistisch. Die schwarz gekleidete Figur, von der ich mich immer frage, ob man sie von hinten oder von vorne sieht, tr\u00e4gt einen spanischen Hut und einen portugiesischen Cape und taugt deshalb f\u00fcr beide Sparten: den Sherry und den Portwein. Sein erster Auftritt bedeutete den ersten gro\u00dfen Erfolg einer Werbekampagne von Sandeman. Werbung gab es allerdings<\/p>\n<p>schon vorher, und das war keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Es war sogar umstritten. Die herrschende Meinung im B\u00fcrgertum verurteilte Werbung, jedenfalls f\u00fcr Firmen, die etwas auf sich hielten. F\u00fcr die sprach die Qualit\u00e4t des Produktes. Werbung war etwas f\u00fcr Scharlatane, die einem etwas vormachen wollten, die ihre schlechten Produkte durch sch\u00f6ne Worte besser machen wollten. Sandeman setzte deshalb von vornherein auf hochwertige Werbung. Es wurde nicht dilettiert, es wurden renommierte K\u00fcnstler zur Gestaltung der Drucke angeheuert. Allm\u00e4hlich br\u00f6ckelte der Widerstand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir zur F\u00fchrung gerufen werden, taucht aus dem Halbdunkel des Kellers eine mysteri\u00f6se Figur auf, gekleidet mit dem schwarzen Hut und dem schwarzen Cape des Don. Es ist unsere F\u00fchrerin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie ist eine sprachgewandte Franz\u00f6sin, die fast akzentfrei auf Spanisch f\u00fchrt, aber auch flie\u00dfend auf Portugiesisch antwortet, wenn sie von Portugiesen gefragt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wichtigste erfahren wir fast ganz zu Anfang der F\u00fchrung, n\u00e4mlich was den Portwein zum Portwein macht. Das ist der G\u00e4rungsprozess. Der wird n\u00e4mlich unterbrochen, und zwar durch die Zugabe von Branntwein. Das erh\u00f6ht einerseits den Alkoholgehalt, und macht andererseits den Wein s\u00fc\u00dfer, weil nicht der gesamt Zucker in Alkohol umgewandelt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl alle Portweine s\u00fc\u00df sind, spricht man bei den drei Unterklassen auch von <em>seco<\/em>. Das ist der hellste der drei, die anderen haben dunklere Schattierungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Trauben kommen alle aus einem Gebiet, aber nicht aus Porto, sondern aus einem Gebiet ca. 100 Kilometer von Porto entfernt. Wir sehen sp\u00e4ter in einem Film steil abfallende H\u00e4nge, die eher an die Mosel erinnern als an Spanien oder Frankreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es werden ausschlie\u00dflich Holzf\u00e4sser verwendet, und wir spazieren im Halbdunkel an ganzen Galerien von F\u00e4ssern vorbei. Die F\u00e4sser sind unterschiedlich gro\u00df \u2013 wir bleiben vor einem stehen, dass mehr als 20.000 Liter fasst &#8211; und das beeinflusst auch die Qualit\u00e4t. Wie genau, verstehe ich nicht, aber es hat etwas mit dem Verdunsten zu tun: Je gr\u00f6\u00dfer das Fass, umso mehr Fl\u00fcssigkeit kann verdunsten. Die F\u00e4sser haben eine Skala an der Vorderseite, die den aktuellen Stand anzeigt. Wenn viel Fl\u00fcssigkeit verdunstet ist, wird irgendetwas nachgef\u00fcllt, und die Menge dieser Nachf\u00fcllfl\u00fcssigkeit pr\u00e4gt den Geschmack, zusammen mit der L\u00e4nge der Lagerung. So ungef\u00e4hr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir bleiben vor einem erh\u00f6ht liegenden, durch ein h\u00f6lzernes Gitter abgetrennten Raum stehen, in dem Flaschen lagern, alte Flaschen, wie man auch aus der Distanz sehen kann. Das sind die Vintage-Jahrg\u00e4nge. Von einer unabh\u00e4ngigen Kommission wird bestimmt, ob der Wein eines Jahrgangs etwas ganz Besonderes ist und somit in die Vintage-Kategorie geh\u00f6rt. Wenn ja, wird dieser Wein von vornherein in Flaschen gegoren. Und dieser Raum mit Flaschen aus den verschiedenen Jahrg\u00e4ngen ist Sandemans Schatzkammer. Hier lagern Flaschen, die 12 Jahre alt sind, aber auch welche, die fast 100 Jahre alt sind. Jemand will wissen, was denn so ein Fl\u00e4schchen kostet. Die j\u00fcngsten Jahrg\u00e4nge gibt es schon f\u00fcr ca. 50 \u20ac, f\u00fcr die \u00e4ltesten muss man schon eher 5000 \u20ac hinlegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Abschluss sehen wir einen Film, in dem sich Sandeman von seiner besten Seite zeigt: Es wird gewarnt vor Alkohol am Steuer, vor Alkohol bei Schwangerschaft, vor Alkohol von Jugendlichen, und es wird allgemein vor unm\u00e4\u00dfigem Alkoholgenuss gewart. Eine Art Anti-Werbung, die auch eine Form von Werbung ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Beste kommt, als wir aus dem Weinkeller herauskommen. Er werden zwei Glas Portwein kredenzt, ein hellgoldener und ein dunkelgoldener. Himmlisch. Wobei mir der j\u00fcngere sogar noch besser schmeckt als der \u00e4ltere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den R\u00fcckweg nehmen wir wieder die Br\u00fccke, diesmal die untere, viel k\u00fcrzere Spur. Auf der anderen Seite angekommen, nehmen wir noch mal den Touristenbus, eine andere Route.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als es aus der Stadt hinausgeht, fahren wir zwischen zwei H\u00e4userreihen her. Das ist eigentlich nichts Besonderes, aber hier wohl. Auf der linken Seite m\u00fcsste das Meer sein, aber das wurde, in einem umstrittenen st\u00e4dtebaulichen Projekt, durch den Bau einer H\u00e4userzeile am Ufer von der Stadt abgetrennt. Man ist jetzt vom Meer getrennt, aber auch vom Meer gesch\u00fctzt, das hei\u00dft von Wasser, von Salz, vom Wind, vom Schmutz. Die Einwohner dieser Stra\u00dfe nahmen es dankbar an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas weiter \u00f6ffnet sich dann die linke Seite wieder zum Meer hin. Hier sieht man, wie sich die Hausbewohner gegen das Meer sch\u00fctzten: mit Kacheln. Viele der Hausfassaden sind, zumindest teilweise, mit Kacheln verkleidet, viele davon in Gr\u00fcn, was sehr schmuck aussieht, aber wohl erst nicht daf\u00fcr gedacht war. Hier wohnt traditionell das Handwerk: Fischer, Schreiner, Metzger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Viertel geht in das Fischerdorf Miragaia \u00fcber, jetzt ein mond\u00e4ner Ferienort. Wir passieren einen Kreisverkehr, \u00fcber dem ein \u00fcberdimensionales Netz h\u00e4ngt, eine Skulptur, die auf die Fischerei als den alten Broterwerb verweist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Meeresrand sehen wir eine Skulptur, die f\u00fcnf Menschen darstellt, die reglos auf das Meer hinaussehen, jeder f\u00fcr sich allein. Sie beklagen ihre M\u00e4nner und V\u00e4ter, Fischer, die nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter aus der Stadt heraus passieren wir zwei Kastelle und den modernen Containerhafen, eine riesige Anlage, wie eine eigene Stadt, mit Docks, Molen, Lagerh\u00e4usern. Der Hafen war schon immer wichtig f\u00fcr Porto. Schlie\u00dflich hat er der Stadt ihren Namen gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Weg zur\u00fcck in die Innenstadt ist kurios: Es geht \u00fcber einen Steg \u00fcber dem Wasser. Der l\u00e4uft an der R\u00fcckseite der H\u00e4user vorbei, die zum Schutz vor dem Meer errichtet wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir aussteigen, werden wir Zeuge eines r\u00e4tselhaften \u00a0Spektakels. Schon von weitem h\u00f6rt man laute, helle Stimmen, ohne etwas zu sehen. Wir gehen den Stimmen nach, die aber aus verschiedenen Richtungen zu kommen scheinen, und entdecken schlie\u00dflich, hinter einer Biegung, einen ganzen Menschenauflauf. Jugendliche sind in verschiedene Gruppen aufgeteilt, jeweils in einer einheitlichen Farbe gekleidet und werden von jungen Erwachsenen, vermutlich Studenten, in schwarzen Umh\u00e4ngen begleitet. Die Jugendlichen nehmen eine Hockstellung ein und laufen dann, von den Studenten dirigiert, los und skandieren mit voller Lautst\u00e4rke, von Rasseln unterst\u00fctzt, irgendwelche Spr\u00fcche, kurz, rhythmisch, lautstark. Es ist wie eine Mischung aus Karneval, Fu\u00dfball und Demonstration. Es scheint irgendwie um Blech zu gehen. Die Jugendlichen tragen Kr\u00e4nze aus Blech und ziehen Schlangen aus Blech hinter sich her. Irgendwo liegt sogar ein Schirm aus Blech auf der Stra\u00dfe. Man hat den Eindruck, dass es um Protest handelt, aber andererseits scheint es zu fr\u00f6hlich daf\u00fcr zuzugehen. Bis heute wissen wir nicht, was es mit diesem merkw\u00fcrdigen Umzug auf sich hat. Ein bemerkenswertes Ende einer kurzen, intensiven Reise. Porto, eigentlich eine Notl\u00f6sung, hat sich als lohnenswertes Reiseziel erwiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. November (Samstag) Als wir in Porto ankommen, ist das Wetter nicht so schlimm wie angek\u00fcndigt. Der Himmel ist bedeckt, aber von Regen und Wind vorl\u00e4ufig keine Spur. &nbsp; Der Flughafen von Porto ist hypermodern. 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