{"id":12195,"date":"2026-01-28T13:36:04","date_gmt":"2026-01-28T12:36:04","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12195"},"modified":"2026-02-13T04:31:44","modified_gmt":"2026-02-13T03:31:44","slug":"argentinien-2026","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12195","title":{"rendered":"Argentinien (2026)"},"content":{"rendered":"\n<p>25. Januar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste \u00dcberraschung l\u00e4sst nicht lange auf sich warten: Beim Aussteigen an der Grenze ist es schw\u00fclwarm. Und das um 2 Uhr in der Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns in Yacuiba, am westlichen Rand der weitl\u00e4ufigen Tiefebene Gran Chaco gelegen, die vor allem einen gro\u00dfen Teil von Paraguay ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gesamte Gep\u00e4ck muss an der Grenzstation ausgepackt und durchleuchtet werden. Wir k\u00f6nnen von Gl\u00fcck reden, dass wir in Europa Schengen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Kontrolle geht zerm\u00fcrbend langsam \u00fcber die B\u00fchne, aber wenn man einmal dran ist, wird man rasch von einem Posten zum anderen weitergereicht, beide in einem kleinen Kabuff untergebracht. Die Ausreise aus Bolivien ist so problemlos wie die Einreise problematisch war, und in Argentinien wird nur nach der Adresse der Unterkunft gefragt. Sonst nichts, kein Formular, kein Ausreisenachweis.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am fr\u00fchen Morgen in Palpal\u00e1 am Busbahnhof ankommen, ist weit und breit kein Mensch zu sehen, au\u00dfer einem alten Mann, der uns ein Taxi herbeiruft, das&nbsp; irgendwo wartet. Er spricht, genauso wie Evangelina, von <em>remis<\/em>. Auf dem Auto steht aber <em>taxi<\/em>. Beide W\u00f6rter werden heute wohl synonym gebraucht, bezeichneten fr\u00fcher aber etwas anderes. In Buenos Aires war das <em>remis<\/em> (auf ein franz\u00f6sisches Wort zur\u00fcckgehend) eine Art Taxi f\u00fcr betuchte Leute, Menschen, die aus der Oper oder von einer Soiree kamen und von diesen Taxis der besseren Art bereits erwartet und nach Hause chauffiert wurden. Heute steht das Wort <em>remis<\/em>, in Spanien so gut wie unbekannt, hier in Argentinien ganz einfach f\u00fcr <em>taxi<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich geht es mir mit dem Wort <em>colectivo<\/em>, das hier ganz allgemein f\u00fcr <em>autob\u00fas<\/em> gebraucht wird. Die <em>colectivos<\/em> waren urspr\u00fcnglich, in Buenos Aires, Sammeltaxis, die immer dieselbe Stra\u00dfe, vermutlich die <em>Avenida 9 de Julio<\/em>, rauf und runter fuhren und die Fahrg\u00e4ste einsammelten, die dort an beliebigen Stellen warteten. Von da ist es nicht mehr weit bis zu einer Omnibuslinie, zumal hier in S\u00fcdamerika noch heute oft der Ein- und Ausstieg an fast beliebigen Stellen und nicht nur an Haltestellen erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind beide froh, die langen Fahrten hinter uns gelassen zu haben und g\u00f6nnen uns eine ausgiebige Ruhepause. Ich liege nur auf der faulen Haut, &nbsp;Evangelina macht die W\u00e4sche und den Einkauf und kocht, eine riesige Zahl von <em>milanesas<\/em>, panierten Rinderschnitzeln, auf denen sie vorher stundenlang herumklopft. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann taucht Nicol\u00e1s wie aus dem Nichts auf, und die beiden gehen ein St\u00fcndchen zur Oma r\u00fcber. In der Zeit k\u00fcmmere ich mich um die Organisation der Weiterreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter habe ich Gelegenheit, Nicol\u00e1s meine Hochachtung f\u00fcr das nicht mehr wiederzuerkennende Badezimmer auszudr\u00fccken und ihm ein Inter-Trikot zu \u00fcbergeben, das sich als viel zu klein erweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Homero begegnet mir mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Neugier. Er bellt wie wild, wenn er mich auftauchen sieht, dann kommt er vorsichtig heran und leckt an meinen Beinen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>26. Januar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Gl\u00fcck. Nicol\u00e1s muss irgendwelche Formulare an seiner Schule abgeben und f\u00e4hrt uns nach San Salvador. Ich brauche einige Zeit, um das eine oder andere wiederzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schulgeb\u00e4ude sieht klein aus, aber die Schule hat doch so zwischen 600-700 Sch\u00fclern. Die kommen in zwei Schichten, am Vormittag und am Nachmittag. Nicol\u00e1s arbeitet vormittags und nachmittags. Er unterrichtet Englisch. F\u00fcr den Sportunterricht, f\u00fcr den er geradezu pr\u00e4destiniert aussieht, fehlen ihm noch ein paar Pr\u00fcfungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Eingang zur Schule steht <em>Sanchez de Bustamente<\/em>. Nach ihm ist die Schule benannt. Er war ein Staatsmann und Jurist aus Jujuy und geh\u00f6rte dem Kongress von Tucum\u00e1n an, der 1816 die Unabh\u00e4ngigkeit Argentiniens erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter steht <em>Donaci\u00f3n Jos\u00e9 Roger Balet<\/em>. Diese Inschrift gilt dem Mann, dem die Schule ihre Existenz verdankt, ihrem M\u00e4zen sozusagen. Balet, Katalane, war ein Mann mit einer besonderen Biographie. Er kam mit 17, v\u00f6llig mittellos, nach Amerika, und verdingte sich als Laufbursche auf den M\u00e4rkten von Montevideo und Buenos Aires. Irgendwann entschied er sich, sein gesamtes Erspartes und selbst sein pers\u00f6nliches Hab und Gut einzusetzen, um sein eigenes Gesch\u00e4ft zu er\u00f6ffnen, eine Art fr\u00fches Warenhaus. Dem gab er in Anspielung auf seine Biographie den Namen <em>Bazar dos Mundos<\/em>. Es wurde ein Riesenerfolg. Dann kamen immer neue Gesch\u00e4fte unter demselben Namen hinzu. Aus dem Habenichts wurde ein Million\u00e4r. Und ein Philanthrop. Dutzende von Schulen in ganz Argentinien gehen auf ihn zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s f\u00e4hrt zur\u00fcck, und Evangelina f\u00fchrt mich zu einem Museum. Es ist ein kleines Museum, umfasst nur zwei R\u00e4ume. Es dauert was, bis ich kapiere, worum es sich handelt. Hier gibt es kein einziges Original zu sehen. Lauter Kopien, meist im Kleinformat, von Originalen, die sich an verschiedenen Orten innerhalb der Provinz Jujuy befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Frau f\u00fchrt uns durch die Ausstellung. Sie ist selbst K\u00fcnstlerin und an der Produktion der Kopien beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Motive sind ausschlie\u00dflich religi\u00f6s, und die Tradition ist bolivianisch. Was hat bolivianische Malerei hier verloren? Sie ist mit den <em>golondrinas<\/em>, den Wanderarbeitern, den Wanderv\u00f6geln, hierhergekommen. Es ist die alte indigene Tradition der Darstellung der christlichen Engel als Soldaten Gottes, der <em>angeles<\/em> <em>arcabuceros<\/em>, mit Arkebusen bewaffneten, gefl\u00fcgelten, vornehm gekleideten Engeln. Dabei ist die Auswahl der Engel sehr gro\u00dfz\u00fcgig, bezieht auch Engel ein, die nur in den Apokryphen auftauchen und von der katholischen Kirche nicht anerkannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Gem\u00e4lde erinnern etwas an Ikonen, teils durch das kleine Format, teils durch die goldene Einfassung, die alle haben, teils auch wohl durch die aufwendig geschnitzten Rahmen, in denen sie stecken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Maler haben alle ihre Gem\u00e4lde signiert, also die Maler der Originale. Sie haben dabei K\u00fcnstlernamen gew\u00e4hlt, die alle den Bestandteil <em>El<\/em> haben. Das ist hebr\u00e4isch f\u00fcr \u201aGott\u2018 und ist auch Bestandteil der Namen <em>Gabriel<\/em>, <em>Uriel<\/em>, <em>Ezechiel<\/em> usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau erkl\u00e4rt, es habe <em>encarnaderos<\/em> gegeben, Maler, die sich ausschlie\u00dflich auf die Darstellung der Hautpartien spezialisiert haben. Das erinnert mich an die gro\u00dfen Malerwerkst\u00e4tten der fr\u00fchen Neuzeit in Europa, wo die Meister das meiste an den Gem\u00e4lden ihren Sch\u00fclern \u00fcberlie\u00dfen und sich nur um einige ganz zentrale Details k\u00fcmmerten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Gr\u00fcnden, die ich nicht ganz verstehe, hat man sich jetzt darauf verlegt, gestickte statt gemalte Versionen der Bilder zu erstellen. Man sieht verschiedene Rahmen, in denen die halb fertigen Bilder stecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina spricht eine \u00e4ltere Frau an, die ins Museum gekommen ist. Sie fragt, ob sie die \u201eArchitektin\u201c sei. Das bejaht diese und beginnt, aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen zu plaudern. Sie ist eine echte Zeitzeugin. Lebt seit mehr als 50 Jahren hier oben im Norden. Der Norden, nicht Buenos Aires, sei die Keimzelle der Unabh\u00e4ngigkeit gewesen, betont sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie selbst hat als Professorin an der Universit\u00e4t in Buenos Aires gearbeitet und ist w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur mehrmals festgenommen worden. Hierher zu kommen sei wie eine Erl\u00f6sung gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendeine Anspielung verstehe ich nicht. Evangelina erkl\u00e4rt es mir nachher. Bei dem Hinweis auf einen Engel ist der Name <em>Alfons\u00edn<\/em> gefallen. Den kann ich mit keinem Engel in Verbindung bringen. Die Anspielung gilt Ra\u00fal Alfons\u00edn, dem Vorg\u00e4nger von Menem im Amt des argentinischen Pr\u00e4sidenten. Und der ist bekannt geworden f\u00fcr eine Geste, mit der er im Wahlkampf die Menschen gr\u00fc\u00dfte, beide H\u00e4nde ineinander verschlungen, den Arm erhoben. Und genau so eine Geste macht der Erzengel auf diesem Gem\u00e4lde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss ans Museum gehen wir zu einem \u00c4rzte-Haus. Drau\u00dfen steht <em>consultorio<\/em> \u00fcber einem Eingang und <em>sanatorio<\/em> \u00fcber dem anderen. Drinnen sitzen Patienten und warten in langen Stuhlreihen. Andere ziehen eine Nummer, wieder andere sitzen an Computern und f\u00fcllen Formulare aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir sp\u00e4ter wiederkommen, gehen wir auf einen Flur mit vielen T\u00fcren. Die \u00f6ffnen sich, mal die eine, mal die andere, und lassen Patienten rein. Unsere \u00c4rztin hat Versp\u00e4tung, weil sie noch Krankenbesuche macht, und als sie kommt, stellt sich heraus, dass sie keine unangemeldeten Patienten annehmen kann. Daf\u00fcr habe ich Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder im Zentrum machen wir eine Kaffeepause, und dann tausche ich Geld um. In Argentinien muss man sich an gro\u00dfe Zahlen gew\u00f6hnen. F\u00fcr 100 Dollar bekomme ich 148.000 Pesos. Um einen ungef\u00e4hren Anhaltspunkt zu haben, kalkuliere ich, dass ein 10.000-Peso-Schein etwa 5-6 Euro wert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Wand hat jemand <em>Milei Dictador<\/em> geschmiert. An einem Kleidungsgesch\u00e4ft gibt es <em>Bleizer<\/em> f\u00fcr 58.000 Pesos zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hotel hei\u00dft <em>Preg\u00f3n<\/em>, ein Buchladen <em>Rayuela<\/em>, wie der ber\u00fchmte Roman von Cort\u00e1zar, der auch noch auf meiner Leseliste steht.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem anderen Bekleidungsgesch\u00e4ft gibt es <em>chombas<\/em>. Die hei\u00dfen in Spanien <em>camisetas<\/em>. \u00c4hnlich ist es bei den Jacken, die hier <em>camperas<\/em> hei\u00dfen, ein in Spanien unbekanntes Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommen wir an einem Baum mit vollen roten Bl\u00fcten vorbei. Sehr sch\u00f6n anzusehen. Wir ziehen einen Zweig zu uns herunter. Man riecht nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich \u00fcberqueren wir den Fluss, den Xibi-Xibi. Fr\u00fcher hie\u00df es, dass man nach Jujuy zur\u00fcckkomme, wenn man von dem Wasser des Xibi-Xibi trinkt. Heute wohl nicht mehr empfehlenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>27. Januar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Carlos Menem, der mit den auff\u00e4lligen Koteletten, war einer der Hauptvertreter einer neoliberalen Politik, wie heute Milei. Unter seiner Regierung wurden staatliche Betriebe zu Dutzenden privatisiert. Dabei war er ganz anders angetreten, als Mann des einfachen Volkes. Die Koteletten geh\u00f6rten dazu, waren mehr als nur \u00e4sthetisches Beiwerk. Sie sollten ihn als eine Art Mann vom Lande charakterisieren, genauso wie der Poncho, den er zu tragen pflegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen des schlechten Wetters verschieben wir unseren Plan, nach San Pedro zu fahren, auf einen anderen Tag. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Abend drehen wir eine Runde, eine gro\u00dfe Runde. Dass es sich um eine Runde handelt, merke ich erst, als wir von der anderen Seite aus wieder nach Hause zur\u00fcckkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel Volks unterwegs, die meisten im Freizeitlook, einige auf Fahrr\u00e4dern, viele auf Mopeds oder kleinen Motorr\u00e4dern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stra\u00dfenrand, in einem Parkstreifen, reichlich Fitnessger\u00e4te, von denen auch viel Gebrauch gemacht wird, ebenso wie von den Spielpl\u00e4tzen, auf denen sich V\u00e4ter mit ihren Kindern tollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige M\u00e4nner und viele Jungs tragen ein Trikot von Boca Juniors. River Plate ist nicht vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren die riesige Statue von San Cayetano, Jesuskind auf den Armen, der von oben wohlwollend auf uns hinabblickt. Sein Patronatsfest am 7. August ist der Anlass f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Volksfest von Jujuy.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren zwei Schulen. Hier eine Stelle zu ergattern w\u00fcrde Evangelinas Arbeitsleben erheblich erleichtern, aber die Aussichten stehen schlecht. Alles immer eine Frage der omin\u00f6sen <em>puntaje<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00fcrgersteig ist in einem bedauernswerten Zustand. Man muss bei jedem Schritt aufpassen, wohin man tritt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer belebten Kreuzung stehen allerlei Maskottchen herum, einige kitschig, andere furchterregend: ein Panda, ein Gorilla, ein Ph\u00f6nix, ein Kondor, ein Schlumpf, ein Gespenst, ein Tasmanischer Teufel. Es sind die Maskottchen der verschiedenen Schulen, die vor allem bei Wettbewerben unter den Schulen zum Einsatz kommen. Die Zahl der Schulen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, die Bev\u00f6lkerung hat stark zugenommen, trotz des von Evangelina so beklagten Untergangs der Schwerindustrie, den sie den neoliberalen Politikern zuschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite befindet sich <em>El Gordito<\/em>, ein Supermarkt. Wir gehen rein, um Tee zu besorgen. Die Regale sind hoch, die G\u00e4nge zwischen ihnen schmal. Es gibt viele Hygieneartikel und allerhand Haushaltswaren. Evangelina bezahlt mit dem Handy, per <em>transferencia<\/em>, wie fast alle hier. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein Lokal und bestellen einen leckeren Milchshake und ein Sandwich, ein getoastetes belegtes Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre ein interessantes Detail \u00fcber die Arbeitszeit der argentinischen Lehrer: M\u00e4nner m\u00fcssen l\u00e4nger, d.h. mehr Jahre unterrichten als Frauen. Die gehen in der Regel schon mit 57 in Rente. Die Wochenarbeitszeit ist allerdings f\u00fcr alle so hoch wie f\u00fcr keinen Lehrer in ganz Deutschland. Andererseits gibt es st\u00e4ndig irgendwelche nationalen Gedenktage oder andere Anl\u00e4sse, so dass der Unterricht ausf\u00e4llt oder aber durch Paraden oder Festakte ersetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Evangelina sagen will, dass jemand alt ist, benutzt sie <em>grande<\/em> statt <em>viejo<\/em>, ein Euphemismus, an den ich mich erst gew\u00f6hnen muss. Erinnert mich ans Griechische, wo <em>megalos<\/em> (\u03bc\u03b5\u03b3\u00e1\u03bb\u03bf\u00e7), mit der Grundbedeutung \u201agro\u00df\u2018, ebenfalls \u201aalt\u2018 bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg passieren wir eine Tankstelle, an der man nur Gas tanken kann. Man sieht die Tanks, die am Unterboden der Autos angebracht sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss kommen wir noch am Stadion vorbei. Das hat schon bessere Zeiten gesehen. Hier spielt oder spielte der Club mit dem der Industrie verpflichteten Namen <em>Altos Hornos<\/em>. Das ist so \u00e4hnlich wie <em>Hoch\u00f6fen Schalke<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>28. Januar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes werden morgens Homero und ich wach. Er bellt w\u00fctend, sobald ich mich rege.<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Vormittag klatscht drau\u00dfen vor dem Eingang jemand in die H\u00e4nde. So macht man sich hier bemerkbar. Eine Klingel gibt es nicht. Es ist Nicol\u00e1s\u2018 Nachhilfesch\u00fcler.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicol\u00e1s hat angeboten, uns heute zum Wendekreis des Steinbocks zu fahren, in einen Ort namens Huacalera. Dort markieren ein Monolith und eine Sonnenuhr den Breitengrad, die geographische Linie.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter, die sonst nicht so leicht aus dem Haus zu bekommen ist, hat spontan zugesagt: Ja, sie f\u00e4hrt mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes geht es zur Tankstelle. Nach einer kleinen Rangelei kann ich mich durchsetzen und die Bezahlung \u00fcbernehmen. Dabei komme ich gut weg: 60.000 Pesos f\u00fcr einen vollen Tank. Das sind nach offiziellem Kurs gerade mal 35 Euro. F\u00fcr mich mit dem Umweg \u00fcber den Dollar und dem Kurs in der Wechselstube vielleicht 40 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht sofort stadtausw\u00e4rts. Die Stra\u00dfe ist in einem sehr guten Zustand. Nur hin und wieder gibt es Stellen, wo die Fahrbahn aufgeraut, etwas holprig ist. Da bremst der Pick-up vor uns immer abrupt ab, und Nicol\u00e1s, ein souver\u00e4ner Fahrer, aber mit der Angewohnheit, etwas nah aufzufahren, muss voll in die Bremsen gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann k\u00f6nnen wir \u00fcberholen, denn es kommt auf unserer Seite eine weitere Spur hinzu. Das wird angek\u00fcndigt mit <em>Triple Trocha<\/em>. Ein neues Wort f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert nicht lange, bis wir uns mitten in einer wilden Landschaft befinden. Hohe Berge mit gr\u00fcnen H\u00e4ngen zu beiden Seiten. Kaum mal ein Haus, eine Siedlung. Die Gipfel der Berge liegen in den Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00edo Le\u00f3n begleitet uns. Gelegentlich \u00fcberqueren wir ihn, meist flie\u00dft er parallel zur Stra\u00dfe. Als wir ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, \u00fcbersehe ich das Wasser, das er f\u00fchrt, denn das Flussbett ist breit und seicht und voller Kieselsteine.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann taucht wie aus dem Nichts ein Friedhof auf, aber kurz darauf ein kleiner Ort, zu dem er geh\u00f6rt. Nicol\u00e1s erkl\u00e4rt, man lege die Friedh\u00f6fe immer au\u00dferhalb der Ortschaften an. Genauso haben es bei uns schon die R\u00f6mer getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal passieren wir eine Polizeikontrolle am Stra\u00dfenrand, aber da winkt man uns ohne Weiteres durch, und dann wird eine gro\u00dfe Gruppe von Jugendlichen \u00fcber die Stra\u00dfe geleitet, die an einer Jugendfreizeit teilnehmen, die meisten mit bedruckten T-Shirts. Sie l\u00e4cheln uns alle fr\u00f6hlich zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre, dass Nicol\u00e1s auch (noch) keinen Universit\u00e4tsabschluss hat. Er hat aber eine abgeschlossene Lehrerausbildung. Das eine ist in Argentinien nicht unbedingt an das andere gebunden. Er will aber noch seinen Abschluss machen, den braucht man (in der Regel jedenfalls), wenn man an der Universit\u00e4t unterrichten will, und das will er auf lange Sicht. Daf\u00fcr muss er eine Arbeit schreiben, auf Englisch, aber nicht unbedingt \u00fcber das Englische.<\/p>\n\n\n\n<p>Mutter und Sohn sitzen im selben Boot, aber Evangelina will den Abschluss in erster Linie deshalb machen, um ihre <em>puntaje<\/em> zu erh\u00f6hen und an anderen Schulen unterrichten zu k\u00f6nnen. Ihre Arbeit wird sich im historischen Gebiet ansiedeln. Im Moment hat sie das Thema der M\u00e4rkte, der <em>ferias<\/em>, im Sinn. Das h\u00f6rt sich interessant an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00e4ndert sich die Landschaft. Es wird mit einem Mal karger, jetzt sieht man die nackten Felsw\u00e4nde, auf denen nur noch Kakteen wachsen. Am Stra\u00dfenrand aber immer noch B\u00e4ume und B\u00fcsche und dann, v\u00f6llig \u00fcberraschend, lauter Gem\u00fcsefelder und dann auch Weinfelder. Sie bekommen ihr Wasser wohl aus dem Le\u00f3n, aber auch von oben. Irgendwann kommt ein heftiger, wenn auch kurzer Schauer runter.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann geht es links zur <em>Quebrada de Humahuaca<\/em> ab. Dort sind wir vor fast genau einem Jahr zu den Salinas Grandes abgebogen. Unvergesslich.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal fahren wir geradeaus, aber auch hier wird die Landschaft vom einen auf den anderen Moment traumhaft sch\u00f6n, mit der <em>Paleta del Pintor<\/em>, einer beeindruckenden vielfarbigen geologischen Formation, mit H\u00fcgeln, die r\u00f6tliche, beige, violette und gr\u00fcne Farbt\u00f6ne offenbaren, meist unmittelbar nebeneinander, so dass die Felsen wie marmoriert aussehen. Wie immer ist alles ein Hingucker, was nat\u00fcrlich ist und k\u00fcnstlich aussieht, genauso wie das, was k\u00fcnstlich ist und nat\u00fcrlich aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Halt und steigen auf einen erh\u00f6ht liegenden, windumwehten Aussichtsturm, von wo aus man einen Blick auf die ganze Bergkette und auf viele Details hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hei\u00dft, das Spektakel sei das Resultat von tektonischen Verschiebungen vieler Jahrtausende. Das erledigt meine Spekulation, dass jede Farbe auf ein bestimmtes Mineral schlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreichen wir den Wendekreis des Steinbocks, in der N\u00e4he des Dorfes Huacalera. Die markierte Stelle verbirgt sich hinter einer ganzen Reihe von St\u00e4nden mit Souvenirs und Keramik, aber Nicol\u00e1s passt auf, und wir machen Halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Monolith, der die Stelle markiert, erweist sich als kleiner als gedacht, ist aber das perfekte Photomotiv mit dem Aufdruck <em>Tr\u00f3pico de Capricornio<\/em> und einem senkrecht stehenden Steinbock mit dem Schwanz eines Fisches.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter steht eine riesige steinerne Wand, spitz zulaufend. Sie ist sozusagen der Zeiger der Sonnenuhr. Hier steht die Sonne am 21.\/22. Dezember im Zenit, und auch jetzt noch wirft der Monolith so gut wie keinen Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter lesen wir im Internet, dass die seit dem Jahr 1934 markierte Stelle aktuell nicht mehr ganz pr\u00e4zise ist, da sich die Linie jedes Jahr ein bisschen Richtung Norden verschiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Hunger und bekommen von einer Souvenirverk\u00e4uferin den Rat, nach Tilcara zu fahren. In Huacalera bek\u00e4men wir jetzt nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In Tilcara waren wir letztes Jahr auch mal und haben dort in einem sch\u00e4bigen Lokal im Markt sehr gutes Essen bekommen. Diesmal sehen wir ein Lokal, vor dem gleich am Stra\u00dfenrand gegrillt wird. Riesige Fleischst\u00fccke liegen auf dem Grill, denen der Grillmeister teils mit einer S\u00e4ge zu Leibe r\u00fcckt. Die Glut wird immer wieder mit einem Blasebalg aktiviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine freundliche Verk\u00e4uferin, die selbst Vegetarierin und eigentlich Lehrerin ist, r\u00fcckt zwei Tische zusammen und z\u00e4hlt auf, was es alles gibt. Wir entscheiden uns, uns jeweils zu zweit eine Fleischplatte mit drei St\u00fcck Fleisch zu teilen, Lamm, Lama, Zicklein. Dazu gibt es einen Salat, der auch Reis und die eine oder andere Pellkartoffel enth\u00e4lt. Vom Wein versteht man hier wenig, und die Kellnerin hat Schwierigkeiten, die Flasche zu \u00f6ffnen, aber die Wahl \u2013 ein Malbec, der teuerste der drei angebotenen Weine \u2013 stellt sich als hervorragend heraus. Getrunken wird es allerdings aus einfachen Saftgl\u00e4sern, genauso wie die Coca-Cola, die wir ebenfalls bestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fleisch ist lecker, vor allem, die St\u00fccke direkt am Knochen. Mir schmeckt das Zicklein am besten, Evangelina findet es zu trocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich darf die Rechnung \u00fcbernehmen und zahle ziemlich genau dasselbe wie an der Tankstelle. Dabei nimmt der Wein mit 20.000 Pesos fast ein Drittel der Rechnung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg. Nicol\u00e1s sucht noch etwas, aber ich wei\u00df nicht genau, was. Bis er es findet, eine Weinkellerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg sehen wir bereits wei\u00dfe und rote Trauben an den Reben h\u00e4ngen, eher kleine, aber dicht nebeneinander wachsende Trauben. Wir erfahren sp\u00e4ter, dass nicht mehr viel bis zur Lese im M\u00e4rz fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen wohl etwas ungelegen und sind nat\u00fcrlich nicht angemeldet, aber die junge Frau, die gerade aus dem Weinberg kommt, nimmt sich etwas Zeit und f\u00fchrt uns herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um ein ganz neues Weingut, erst wenige Jahre alt, und das erkennt man an den blitzblanken Kesseln und dem noch ganz hellen Holz der F\u00e4sser. Die Frau erkl\u00e4rt, dass man bereits drei Jahre nach Gr\u00fcndung des Weinguts den ersten Wein ernten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz besonderer Wert wird auf die H\u00f6henlage gelegt. Der <em>Vino de Altura<\/em> w\u00e4chst auf einer H\u00f6he von 2.300 Metern \u00fcber dem Meeresspiegel. Wie das die Qualit\u00e4t beeinflusst, wird mir nicht klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit besteht darin, dass man bei der Anlage der Weinberge die vorhandene Vegetation ber\u00fccksichtig hat. Deshalb stehen, neben und vor und hinter und zwischen den Rebst\u00f6cken riesige Kakteen. Ein echtes Schauspiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weingut geh\u00f6rt einer Familie, deren Namen ich als <em>Meller<\/em> verstehe, bis Evangelina mir zufl\u00fcstert: Wie auf Deutsch. Dann f\u00e4llt der Groschen: Die Familie hei\u00dft <em>Meyer<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina sieht sich veranlasst, aus Nettigkeit zwei Flaschen Wein zu kaufen, obwohl der ganz sch\u00f6n teuer ist. F\u00fcr das Geld haben wir vorher ein Mittagessen f\u00fcr vier Personen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir wieder ins Auto steigen, platzt es aus allen dreien gleichzeitig heraus: \u201eMeyer!\u201c Was es mit denen auf sich hat, erfahre ich dann. Es handelt sich um eine einflussreiche, wohlhabende Familie, die \u00fcberall ihre Finger im Spiel hat, die wichtigsten Politiker der Provinz Jujuy ma\u00dfgeblich beeinflusst. Es wird die Vermutung ge\u00e4u\u00dfert, sie h\u00e4tten die L\u00e4ndereien sicher unter ganz besonders g\u00fcnstigen Konditionen und mit wenigen Auflagen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann machen wir noch Halt an einem Haus, an dem es selbst gemachten Ziegenk\u00e4se zu kaufen gibt. Auf dem Schild steht hay queso de cabra. Und darunter: y aba. Da stehe ich auf dem Schlauch. Was kann das denn sein? Nicol\u00e1s erkl\u00e4rt mir, was das ist, und dann f\u00e4llt der Groschen. Die Rechtschreibung ist schuld. Gemeint ist haba.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg erz\u00e4hlt Nicol\u00e1s von seinen Reisevorhaben. Eigentlich wollte er, wie letztes Jahr,&nbsp; mit zwei Freunden nach Brasilien fahren, aber der eine hat sein Geld in ein Motorrad investiert, der andere hat neuerdings eine feste Freundin. Also will er sich alleine auf den Weg machen. Mit dem Auto. Nach Misiones. Ich frage, wie weit das ist, rechne mit 300 &#8211; 400 Kilometern, aber es sind 1.000 Kilometer. Die will er doch wohl nicht an einem Tag zur\u00fccklegen? Doch, danach sieht es aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie war das noch mal? Finden bei der WM nicht auch ein paar Spiele in S\u00fcdamerika statt? Nein, Nicol\u00e1s wei\u00df Bescheid. Das ist 2030. Dann werden 100 Jahre seit der ersten WM in Uruguay vergangen sein. Dieses Jahr sind Kanada, Mexiko und die USA dran. Nicol\u00e1s w\u00fcrde gerne hinfahren, aber dann ist das Schuljahr in vollem Gange.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter klagt \u00fcber ihre Enkelinnen, die gegenw\u00e4rtig mit ihren Eltern bei ihr zu Besuch sind. Sie habe sie gebeten, die Teller abzutrocknen. Das h\u00e4tten sie auch getan. Aber die Aufgabe allzu w\u00f6rtlich genommen und nur die Teller abgetrocknet. Die Tassen, das Besteck und die Gl\u00e4ser h\u00e4tten sie ignoriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren eine von der Polizei abgesicherte Stelle, an der ein total zusammengequetschtes Auto steht, daneben die ziemlich zerknirscht aussehenden Unfallbeteiligten. Im Internet sieht man, dass er mit einem inzwischen abgeschleppten Kleintransporter zusammengesto\u00dfen ist. &nbsp;Da kann man nur froh und dankbar sein, dass auf so einer langen Reise am Ende alles glimpflich verlaufen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Hause kommen, bin ich total ersch\u00f6pft, obwohl ich keinen Finger ger\u00fchrt habe. Nicol\u00e1s macht sich dagegen umgehend im Garten zu schaffen. Er stampft mit einem Ger\u00e4t die Erde fest. Dann bringt er eine Frucht herein, eine Avocado (die hier nicht <em>aguacate<\/em>, sondern <em>palta<\/em> hei\u00dft). Die stammt von dem riesigen, schattenspendenden Baum hinten im Garten, den Evangelina mir dieser Tage gezeigt hat. Der Baum tr\u00e4gt seit einigen Jahren keine Fr\u00fcchte mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>29. Januar (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt fr\u00fch. Nicol\u00e1s bricht noch vor dem Morgengrauen auf. Den ganzen Tag \u00fcber h\u00f6rt man nichts von ihm, aber am sp\u00e4ten Abend kommt dann die Nachricht, dass er in Posadas angekommen ist, in der Provinz Misiones. Das sind mehr als 1.000 Kilometer! Posadas liegt am Paran\u00e1, gleich gegen\u00fcber von Encarnaci\u00f3n, in Paraguay, wo ich vor drei Jahren war und mir die Jesuiten-Missionen angesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gespeicherten Photos zeigen mir, dass wir heute vor einem Jahr Gnocchi essen waren, in San Salvador, und damit eine alte argentinische Tradition bewahrt haben, der zufolge man am Ende des Monats, vorzugsweise am 29. jedes Monats, Gnocchi isst.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag geht es nach San Pedro. Darauf bin ich doppelt gespannt. Erstens sind dort zwei der Schulen, an denen Evangelina arbeitet. Zweitens sagen alle immer, da sei es so hei\u00df. Dabei ist es gerade mal 55 Kilometer entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst geht es mit dem Taxi zum Busbahnhof. Dort fahren die g\u00e4ngigen Buslinien ab: <em>La Veloz del Norte<\/em>, <em>Flecha Bus<\/em>, <em>Andesmar<\/em> und Evangelinas Leib- und Magenlinie <em>Balut<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann mit den verschiedenen Busunternehmen auch Dinge verschicken. Aber nicht alles: Schmuck, Bargeld und Zigaretten sind ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Schaltern der Buslinien gibt es auch einen Schalter einer st\u00e4dtischen Stelle. Dort stehen die Leute Schlange. Daneben der Schalter der <em>Oficina de Turismo<\/em>. Der ist nicht besetzt und sieht auch nicht so aus, als wenn er in den letzten Jahren mal besetzt gewesen w\u00e4re, ein Symbol der Dekadenz der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bus sieht moderner aus als er ist. Er rumpelt und ruckelt vor sich her, \u00fcber eine Stra\u00dfe, die einigerma\u00dfen im Schuss ist, mit einer Geschwindigkeit von vielleicht 60-80 km\/h. F\u00fcr die ganze Strecke brauchen wir eine volle Stunde, auch deshalb, weil es kurz vor San Pedro noch eine Umleitung gibt, da die Einfahrt in die Stadt neu gestaltet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst kommen wir aber durch eine Unterf\u00fchrung, unter der es sich ein paar Obdachlose mit einer Flasche Wein bequem gemacht haben. Dann kommt der Flughafen, in etwas Entfernung von der Strecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegend ist zwar gr\u00fcn, aber eher nichtssagend, flach und nicht sehr abwechslungsreich. Irgendwann tauchen ausgedehnte Tabakfelder, dann ausgedehnte Zuckerrohrfelder auf. Die Tabakfelder scheinen schon abgeerntet zu sein, die Halme sind vergilbt. Fr\u00fcher gab es hier eine eigenst\u00e4ndige Tabakfabrik, erkl\u00e4rt Evangelina, aber die konnte sich gegen\u00fcber der Konkurrenz nicht behaupten. Jetzt werden die Fabriken nur noch beliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der Hitze bewahrheitet sich. Wenn man in San Pedro aus dem Bus steigt, trifft einen f\u00f6rmlich der Schlag. Dies ist Hochsommer. Warum ist es hier so anders? Eine Erkl\u00e4rung ist die H\u00f6he. Obwohl man es bei der Fahrt nicht merkt, haben wir Palpal\u00e1 auf 1.125 Metern H\u00f6he verlassen und sind auf 558 Metern H\u00f6he angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gef\u00fchlte Unterschied scheint aber gr\u00f6\u00dfer zu sein als der tats\u00e4chliche. Als wir am Abend wieder in Palpal\u00e1 sind, um 22 Uhr, zeigt das Internet folgende Temperaturen an: Tarija 13\u00b0, San Pedro 26\u00b0, Palpal\u00e1 23\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina f\u00fchrt mich zuerst zur <em>Plaza Constituci\u00f3n<\/em>, dem Vorzeigeplatz. Die ist wirklich sch\u00f6n, park\u00e4hnlich, von hohen B\u00e4umen bestanden und von emblematischen Geb\u00e4uden umgeben. Am Rande des Platzes eine B\u00fchne und eine Trib\u00fcne, f\u00fcr die bevorstehenden Karnevalstage. San Pedro will so was wie das argentinische Rio sein.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Seite das Rathaus mit einer Art Jugendstil-Fassade, an einer anderen Seite die neugotische Kirche mit einem spitzen Turm, und gleich daneben die bisch\u00f6fliche Schule. Dort unterrichtet Evangelina in einer Art Oberstufe. Von der Schule ist nicht viel zu sehen, sie verbirgt sich hinter einem verschlossenen Gitter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen in ein klimatisiertes Lokal und essen ein Sandwich. Als wir wieder raus kommen, trifft uns wieder der Schlag. Hier ist es nicht warm, sondern hei\u00df. Erst im Laufe der Zeit kommt ein L\u00fcftchen auf und macht die Sache ertr\u00e4glicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es zu Evangelinas zweiter Schule, einer Kunstschule. Dort unterrichtet sie in der Unterstufe. Die Schule ist ein ganzes St\u00fcck von der anderen entfernt, und ich werde schon m\u00fcde, obwohl ich den ganzen Tag keinen Finger ger\u00fchrt habe. Evangelina muss hier viermal in der Woche aufschlagen, zweimal in aller Herrgottsfr\u00fche. Dann ein improvisiertes Mittagessen, dann zur\u00fcck im Bus und am Abend in Palpal\u00e1 an die Grundschule. Kein leicht verdientes Geld, und mit einer Stelle weniger reicht es nicht f\u00fcr die Haushaltskasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schule hat eine wild bemalte Fassade, eine Urwaldszene mit hohen B\u00e4umen und z\u00e4hnefletschenden Jaguars. Die hat ein inzwischen pensionierter Lehrer gemalt. Die Sch\u00fcler, sagt Evangelina, h\u00e4tten viel Talent, im Malen, vor allem aber auch im Tanzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr einladend sieht das Geb\u00e4ude nicht aus. Das Gitter am Eingang ist verrostet, der Innenhof schmuddelig, die Backsteine angekratzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen noch einen Einkauf f\u00fcr mein Reisegep\u00e4ck, zu dem ich mich \u00fcberreden und einladen lasse, und dann geht Evangelina noch in eine Metzgerei, um Nierchen zu kaufen. Es ist l\u00e4ngst dunkel, aber die Gesch\u00e4fte haben, nach einer langen Mittagspause, alle noch ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es mit dem Balut zur\u00fcck. Diesmal werden wir an der Landstra\u00dfe rausgelassen, der Bus f\u00e4hrt nicht in die Stadt hinein. Da kein Taxi aufzutreiben ist und der Bus an uns vorbeif\u00e4hrt, als wir gerade zwischen den Haltestellen sind, m\u00fcssen wir zu Fu\u00df zur\u00fcck. Dabei kann man endlich mal ein paar Sterne beobachten und einen etwas blassen Vollmond. Sternenklar ist es jetzt aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n auch der Gru\u00df, der von allen, wirklich allen kommt, die drau\u00dfen vor ihrem Haus sitzen: ein freundliches <em>Buenas noches<\/em> bekommt man \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr muss man bei den schlecht beleuchteten Stra\u00dfen und den schlechten B\u00fcrgersteigen h\u00f6llisch aufpassen, wohin man tritt. Und der Weg zieht sich in die L\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>So geht es Evangelina auch in der Regel, wenn sie von der Arbeit zur\u00fcckkommt. Wir kommen ganz ersch\u00f6pft zu Hause an. Ich kann jetzt Evangelinas Weg zur Arbeit besser nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>30. Januar (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag gibt es <em>Tarta Pascualina<\/em>, eine Gem\u00fcsetorte mit einer F\u00fcllung mit Spinat, Mangold, Eiern, Zwiebeln und K\u00e4se. Die hat Evangelinas Mutter gemacht. Wie die alte Dame das hinbekommt, obwohl sie beim Laufen einen Stock benutzt, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach Evangelinas Nierchen. Ich habe seit Jahrzehnten keine Nierchen mehr gegessen. Das Gericht ist ihr sehr, sehr gelungen. Hier wird es mit Reis, mit Zwiebeln und Paprika, serviert. Ich wei\u00df nicht mehr, wie es bei uns zu Hause serviert wurde, vermutlich mit Kartoffeln. Hier sind es Rindernierchen. Ob das bei uns zu Hause fr\u00fcher auch Rindernierchen waren?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag fahren wir nach Palpal\u00e1 rein. Evangelina will mir eine <em>feria<\/em> zeigen. Was das genau sein soll, habe ich nicht verstanden, und wei\u00df es auch jetzt noch nicht genau. Es hat etwas von Flohmarkt, aber ist doch anders. Was ich mit einem Flohmarkt verbinde \u2013 Briefmarken, M\u00fcnzen, Schallplatten, kleine M\u00f6bel, altes Silberbesteck \u2013 gibt es hier jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich fand die <em>feria<\/em> einmal w\u00f6chentlich statt, freitags, jetzt wohl zweimal w\u00f6chentlich. Auch hier muss man, wie beim Flohmarkt, eine kleine Standgeb\u00fchr entrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>feria<\/em> ist vom Staat ins Leben gerufen worden, und zwar tats\u00e4chlich als Antwort auf den Niedergang der Industrie. Man will einfachen Leuten einen kleinen Zusatzverdienst verschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Andrang ist jedenfalls riesengro\u00df, und riesengro\u00df ist auch das Gel\u00e4nde. Das hatte ich mir nicht so vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen zuerst \u00fcber die Wiese neben dem eigentlichen Ausstellungsgel\u00e4nde. Hier wird nur Kleidung verkauft, zweiter Hand, vermutlich alles aus dem eigenen Kleiderschrank. Die Kleidung wird in Haufen angeboten, in denen man herumw\u00fchlen kann, oder sorgf\u00e4ltig auf der Erde ausgebreitet oder auf Kleiderstangen aufgeh\u00e4ngt. Einige Verk\u00e4ufer sitzen stumm hinter ihren Auslagen, andere machen lautstark Werbung, unter anderem ein Mann mit Schmerbauch im Hahnenkost\u00fcm. Meine Neugierde, was das wohl kostet, befriedigt ein Schild vor einem der St\u00e4nde: <em>Cada prenda 1000 Pesos<\/em>. Das ist verdammt wenig. Weniger als 1 Euro pro St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem anderen Teil der <em>feria<\/em>, an St\u00e4nden mit Verdeck, gibt es so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Handyh\u00fcllen, Schuhb\u00fcrsten, Blecht\u00f6pfe, Bohraufs\u00e4tze, Zahnb\u00fcrsten, Feuerzeuge \u2013 das meiste neu und original&nbsp; verpackt. Evangelina meint, das seien H\u00e4ndler, die sich hier ein zweites Standbein aufgebaut haben, oder es handele sich um Schmuggelware aus Chile. Auch die Kleidung, die hier verkauft wird, ist neu.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina sucht und findet mit gro\u00dfer Entdeckerfreude Kleidung mit den Capybara, den Wasserschweinen, die wir in Bolivien im Urwald gesehen haben. Die sind aus unerfindlichen Gr\u00fcnden in einer s\u00fc\u00dflichen Version zur Standardverzierung von Kinderkleidung geworden. Evangelina findet Handt\u00fccher und K\u00e4ppis und Schuhe mit Capybara-Motiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir gerade eins begutachtet haben, wird Evangelina von einer kleinen rundlichen Frau begr\u00fc\u00dft. Die strahlt \u00fcber das ganze Gesicht, ihre Augen leuchten, als sie Evangelina kurz umarmt und ihr ein K\u00fcsschen auf die Backe dr\u00fcckt. Sie ist eine ihrer Sch\u00fclerinnen. Sie spricht Evangelina mit <em>Se\u00f1\u00f3<\/em> an, einer h\u00f6flichen Kurzform von <em>Se\u00f1ora<\/em>. Ungefragt beginnt sie sofort ein Loblied auf Evangelina zu singen, was f\u00fcr eine wunderbare Lehrerin sie sei und was sie alles bei ihr gelernt habe. Hinter ihr ein Mann, ihr Ehemann offensichtlich, der uns auch kurz die Hand sch\u00fcttelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter. Wir kommen in den (kleineren) Teil, wo es Obst und Gem\u00fcse gibt und wo man den einen oder anderen kleinen Imbiss zu sich nehmen kann, meist Teigfladen, die gef\u00fcllt und dann zugeklappt werden, wie eine Calzone. An einigen St\u00e4nden gibt es auch <em>Panchos<\/em>. Erst seit kurzem wei\u00df ich, dass das Hot Dogs sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle diese Verk\u00e4ufer haben ihre liebe Last damit, sich der Fliegen zu erwehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina wird ziemlich aggressiv von einem jungen Mann angesprochen, der ihr ein paar eingepackte selbstgemachte S\u00fc\u00dfigkeiten andrehen will. Zu meiner \u00dcberraschung nimmt sie an. Auf der Schachtel steht <em>Hogares Esperanza da Vida<\/em>. Es handelt sich um eine Stiftung, die Heime f\u00fcr straff\u00e4llig gewordene Jugendliche betreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Gem\u00fcsestand zeigt Evangelina mir ein rundes, gr\u00fcnes Gem\u00fcse, das ich wohl noch nie gesehen habe. Es handelt sich um <em>zapallitos<\/em>, eine kleinere Form des K\u00fcrbisses. Der wird in der Regel ausgeh\u00f6hlt und gef\u00fcllt serviert, mit einer Mischung aus Zwiebeln, M\u00f6hren, Eiern und Paniermehl. Sollte man mal probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Brennholz sehen wir an einem Stand. F\u00fcr den Bratrost oder f\u00fcr den Kamin oder wof\u00fcr?<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders sch\u00f6n, wie immer, wegen des Aussehens und wegen des Geruchs, die St\u00e4nde mit den losen Gew\u00fcrzen, in S\u00e4cken abgepackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir noch an einem Eierstand vorbei. Hier gibt es ganze Lagen Eier zu kaufen. Wie viele es sind, darauf achte ich nicht, wohl aber auf das spanische Wort, das davorsteht: <em>Maple<\/em>. Hab ich schon mal gewusst. Auch das deutsche Wort vergesse ich immer wieder. Bei uns in der Familie hei\u00dfen die Dinger offensichtlich <em>Moppen<\/em>, aber das scheint nicht so verbreitet zu sein. Im Internet finde ich das Wort <em>Eierh\u00f6cker<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen sehen wir noch, wie von einem Pick-up frisch geernteter Mais abgeladen wird und wie ein Hund an einer sch\u00f6nen Zimmerpflanze, die es hier zu kaufen gibt, seine Geruchsspur hinterl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>31. Januar (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag verl\u00e4uft ereignislos. Beim Mittagessen kommt die Rede auf den heftigen Regen, vor dem wir uns gestern Abend noch so gerade in Sicherheit gebracht haben. Und auf die <em>feria<\/em> als m\u00f6glicher Gegenstand f\u00fcr Evangelinas Abschlussarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fclerin, der wir gestern begegnet sind, ist bereits, obwohl noch gar nicht <em>so<\/em> alt, Urgro\u00dfmutter. Und ihre Mutter lebt auch noch. Die ist also Ururgro\u00dfmutter \u2013 <em>tatarabuela<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fclerin vertraut Evangelina Dinge an, die man sonst nur ganz engen Freunden anvertraut, darunter Details \u00fcber ihr Verh\u00e4ltnis zu ihrem Ehemann und dessen Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u00fcber ihr Krankheitsbulletin ist Evangelina gut informiert. Trotz der vielen Baustellen an ihrem K\u00f6rper und ihrer guten wirtschaftlichen Situation \u2013 sie hat drei Wohnungen in Palpal\u00e1 und eine in Buenos Aires \u2013 nimmt sie nie die (kostenpflichtige) private medizinische Versorgung in Anspruch, nicht einmal die gesetzliche (teils kostenpflichtige) Krankenversicherung ihres Mannes. Sie wartet geduldig, bis sie an einem Krankenhaus einen Termin zur (kostenfreien) Behandlung bekommt. <em>It takes all sorts to make a world<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Mittag an bis in den Abend hinein gibt es Musik, volle Lautst\u00e4rke, Schlagzeug und Bass. Es dr\u00f6hnt so sehr, dass man nicht wei\u00df, aus welcher Richtung der Krach kommt. Am Ende sehen wir, dass die Musiker, die eine bewundernswerte Ausdauer an den Tag legen, auf der offenen Veranda \u00fcber dem Kiosk nebenan spielen. Der Kioskbesitzer ist der Schlagzeuger. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Abend machen wir einen Spaziergang zu Evangelinas Mutter. Unterwegs treffen wir immer wieder auf geschminkte Gestalten. Sie kommen vom <em>Desentierro del Diablo<\/em>, der Zeremonie, mit der die Hochzeit des Karnevals eingeleitet wird. Am Tag vor Aschermittwoch wird der Teufel dann wieder begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einem Tennisplatz und an einer Padel-Anlage vorbei. Tennis wird hier, wie bei uns, auf Asche gespielt. Padel, eine Mischung aus Tennis und Squash, wird auf Beton gespielt. Es ist hier in S\u00fcdamerika sehr beliebt, erfordert weniger Kraft als Tennis und ist dynamischer, da die W\u00e4nde der Spielfeldumrandung mit einbezogen werden. Es wird immer im Doppel gespielt. Der Platz ist bis in den sp\u00e4ten Abend hinein besetzt. Nicol\u00e1s ist einmal erst um Mitternacht hingegangen, weil bis dahin kein Platz frei war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf den Schotterweg abbiegen, der zu Evangelinas Mutters Haus f\u00fchrt, f\u00e4llt mir die Stra\u00dfenbeleuchtung auf, runde Lampen baumeln in der Mitte der Stra\u00dfe an Leitungen, die quer \u00fcber die Stra\u00dfe laufen. Kindheitserinnerungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren ein halb fertiges Haus, einen Backsteinbau. Das geh\u00f6rt Evangelinas Bruder. Das Erdgeschoss ist so gut wie fertig, aus dem Dach stachen die Eisentr\u00e4ger f\u00fcr das zweite Stockwerk heraus. Er arbeitet immer wieder selbst an dem Haus w\u00e4hrend der Sommerferien, die er immer mit der Familie hier verbringt, und in seiner Abwesenheit werkeln befreundete Handwerker mal hier, mal da an dem Haus herum. Das Haus soll fertig sein f\u00fcr die Zeit, wenn die Familie aus Feuerland hierher zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelinas Mutter ist langsam, aber gut drauf. Sie erz\u00e4hlt, wie sie ihren Alltag bew\u00e4ltigt. Dass sie im Sitzen kocht. Dass sie kein Handy haben will und keine Putzhilfe. Das Festnetztelefon sei v\u00f6llig ausreichend. Auch wenn es meist lange dauert, bis sie den H\u00f6rer abnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Morcilla wird vom Garten reingelassen und springt sofort an mir hoch. L\u00e4sst sich streicheln und leckt an meinen Beinen herum. Er hat wirklich keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie spricht mit Bewunderung von Nicol\u00e1s. Der k\u00fcmmere sich um alles, wenn er zu ihr kommt, um den Garten, um den Hund, um die K\u00fcche, um den Einkauf. Er habe auch ihren Mann in den letzten Jahren gepflegt und dabei auch unangenehme Aufgaben \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir gerade aufbrechen wollen, kommt der Anruf des Sohns, aus C\u00f3rdoba, vom Haus seiner Schwester. Er hat mit seiner Familie die erste Etappe der schier unendlichen R\u00fcckreise hinter sich gebracht. Demn\u00e4chst machen sie auch noch ein paar Tage irgendwo am Strand Halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen durch die laue Sommerluft zur\u00fcck und bekommen f\u00fcr einen Moment den Vollmond zu sehen, bevor der sich wieder hinter die Wolken schiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>An jedem zweiten Haus erschrecken uns bellende, jaulende, kl\u00e4ffende Hunde. Warum gibt es hier so viele Hunde? Evangelina zufolge sind es lauter Wachhunde. Zu den Wachhunden kommen noch unz\u00e4hlige streunende, herrenlose Hunde hinzu. Eine Katze sieht man kaum einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es l\u00e4ngst stockdunkel ist, sind alle Gesch\u00e4fte noch ge\u00f6ffnet, Apotheken, Metzgereien,&nbsp; Haushaltswarengesch\u00e4fte, Tierhandlungen. Scheinen lauter Einzelhandelsgesch\u00e4fte zu sein und sehen alle etwas antiquiert aus.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Februar (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina kommt leichenblass die Treppe hinunter. Sie hat Sch\u00fcttelfrost und Kopfschmerzen und kaum geschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren durch den str\u00f6menden Regen zu einer Not-Apotheke und besorgen Antibiotika und Kopfschmerztabletten f\u00fcr sie. F\u00fcr mich nebenbei noch was f\u00fcr meine M\u00fcckenstiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geplante Programm f\u00e4llt ins Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes. Bis zum Nachmittag gie\u00dft es ununterbrochen. Es kommt eine Nachricht vom Botanischen Garten, bei dem wir Eintrittskarten reserviert hatten: Geschlossen wegen Dauerregens.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Februar (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen h\u00f6rt man, wie eine Prozession vorbeizieht. Es ist das Fest der <em>Virgen de la Candelaria<\/em>. Kommt urspr\u00fcnglich von den Kanarischen Inseln und hat sich in ganz Lateinamerika ausgebreitet. Das ist identisch, wie ich jetzt herausfinde, mit unserer Mari\u00e4 Lichtmess, ebenfalls am 2. Februar begangen. Beide Feste erinnern an die Darstellung Christi im Tempel, 40 Tage nach der Geburt. Jesus wird als Licht zur Erleuchtung der Heiden gefeiert. Daher auch die Lichter und der Name des Festes. Ich dachte immer, dass Blasius am 2. Februar w\u00e4re, auch das Fest ist mit Lichtern verbunden. Stimmt zwar nicht, das ist erst am 3. Februar, aber jetzt habe ich gelesen, dass der Segen oft schon am 2. Februar gespendet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mick Jagger wollte, wie ich jetzt gestern geh\u00f6rt habe, M.C. Escher f\u00fcr das Plattencover von <em>Let It Bleed<\/em> engagieren. Der war \u00fcberhaupt nicht begeistert. Er hielt nichts von den Stones, f\u00fchlte sich nicht, wie Jagger vermutlich erwartet hatte, geschmeichelt durch die Anfrage. Im Gegenteil, schon Jaggers vertrauliche Anrede \u201eLieber Maurits\u201c war dem Niederl\u00e4nder zuwider. \u201eBitte teilen Sie Mr. Jagger mit, dass ich f\u00fcr ihn nicht Maurits bin\u201c, beschied er dem Assistenten des Rockstars k\u00fchl-distanziert. Das Cover-Motiv gab\u2019s selbstverst\u00e4ndlich auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gutes Zeichen: Evangelina macht sich daran, die W\u00e4sche zu waschen! Das hei\u00dft, dass es ihr wieder besser geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt von Stra\u00dfenarbeiten, die hier vor dem Haus f\u00e4llig wurden, nachdem eine Wasserleitung geplatzt war. Wochenlang war ein Loch in der Stra\u00dfe, und es tat sich nichts. Bis kurz vor Ostern ein Radfahrer in das Loch st\u00fcrzte und dabei umkam. Danach wurden die Arbeiten in Rekordzeit abgeschlossen, und es wurde auch an den Feiertagen vormittags und nachmittags gearbeitet. Am Ostermontag war alles in Ordnung gebracht. Welches Schicksal hat den ungl\u00fccklichen Radfahrer getroffen!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag geht es zu Evangelinas Mutter zum Essen. Als wir die T\u00fcr aufschlie\u00dfen, entwischt uns Morcilla, und Evangelina hat ihre liebe Not und M\u00fche, ihn in der Nachbarschaft wieder einzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen sieht man Aufnahmen aus verschiedenen Landesteilen. Erst gibt es Waldbr\u00e4nde, dann eine einsame Felsenlandschaft, dann Berge im Nebel, dann Strandurlauber, dann Schneeverwehungen. Alles von ein und demselben Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir uns zum Essen hinsetzen, sehe ich mich in dem verwunschenen Garten um. Auf den ersten Blick sieht man nichts, au\u00dfer Wildnis. Dann entdeckt man Feigen, Paprika, Avocados, Mandarinen (noch ganz gr\u00fcn, aber schon gro\u00df), Weintrauben, Pampelmusen, Papaya, Quitten. Und in dem K\u00e4fig eine Henne mit zwei K\u00fcken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt gef\u00fcllte K\u00fcrbisse. Da m\u00fcssen zuerst die Kerne entfernt werden, dann wird eine Mischung aus Hackfleisch, K\u00e4se und Ei eingef\u00fcllt, und dann kommt oben drauf das entnommene Fruchtfleisch. K\u00f6stlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina Mutter fragt nach \u201eunserer\u201c Argentinierin in Trier und will wissen, ob die kein Heimweh habe. Sie selbst war 16 Jahre in Buenos Aires, bevor sie geheiratet hat und war dann froh, ins ruhige Jujuy zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg zu den <em>Termas de Reyes<\/em>, einem Thermalbad irgendwo in der Gegend. Ein Vorschlag von Evangelina, ein sch\u00f6ner Abschluss der Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst geht es mit dem Bus nach San Salvador. Dabei kommen wir am Stadtrand von Palpal\u00e1 an einem Tennisplatz, einem Golfplatz und einem Schwimmstadion vorbei, fr\u00fcher von der \u00d6ffentlichkeit abgeschirmt, nur den Mitgliedern des Bergbauunternehmens zug\u00e4nglich, heute heruntergekommen, verwaist. Das w\u00e4re doch auch ein Thema f\u00fcr Evangelinas Abschlussarbeit: Wie ist es zu der Dekadenz gekommen? H\u00e4tte man keine anderen L\u00f6sungen finden k\u00f6nnen? Wie sieht die Zukunft aus?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau, die einsteigt, fragt mich, ich k\u00e4me doch wohl nicht von hier. Ob sie das an meinem Aussehen oder an meinem Akzent festmacht, wei\u00df ich nicht. Frankreich? \u2013 Nein, aber Nachbarland. \u2013 Belgien? \u2013 Nein, aber auch Nachbarland. \u2013 Deutschland? Zeugt von ganz guten Erdkundekenntnissen. Sie kennt auch die <em>Steyler Missionare<\/em>, die hier aber <em>Misioneros del Verbo Divino<\/em> hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erstaunlich warm, so warm, wie es in der ganzen Zeit in Argentinien nicht gewesen ist. Und die Sonne l\u00e4sst sich von den paar wei\u00dfen Wolken nicht weiter beeindrucken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In San Salvador setzen wir uns in einen Uber. Bald wird es l\u00e4ndlich, Wiesen und Weiden zu beiden Seiten, gr\u00fcne B\u00e4ume, gr\u00fcne Berge.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst kommt eine riesige Schafherde, dann kommen Pferde, dann K\u00fche, dann ein vereinzeltes Schwein, das sich an der \u00fcppigen Vegetation am Stra\u00dfenrand schadlos h\u00e4lt. Es sieht wie ein gew\u00f6hnliches Hausschwein aus. Ob es ausgeb\u00fcxt ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrbahn ist in guten Zustand, und wir sind so gut wie alleine unterwegs. Dann kommt ein Loch in der Stra\u00dfe, ein Erdrutsch, verursacht durch den Guerrero, den Fluss, der uns st\u00e4ndig begleitet. Die Baustelle ist nur notd\u00fcrftig abgesichert und schon, wie uns der Fahrer versichert, schon seit Ende Dezember in Betrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Guerrero ist wie der Le\u00f3n, breit, seicht, voller Kiesel, leichter zu h\u00f6ren als zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt dauert ewig, und ich f\u00fcrchte, dass es eine teure Angelegenheit sein wird. Umso \u00fcberraschter bin ich, als wir am Ende nur 11.000 Pesos bezahlen. Das ist geschenkt. Dass Argentinien ein teures Land ist, stimmt so pauschal auf jeden Fall nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Eingang zu dem Thermalbad wehen Flaggen aus aller Herren L\u00e4nder, von Frankreich bis Japan, von Mexiko bis China. Wir h\u00f6ren hier w\u00e4hrend unseres Aufenthalts aber nur Spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thermalbad ist umgeben von hohen, gr\u00fcnen Bergen, und durch das Tal rauscht der Guerrero.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den \u00fcblichen l\u00e4stigen Formalien \u2013 beim Ausf\u00fcllen des Formulars mache ich aus reinem Widerspruchsgeist einige Phantasieangaben \u2013 gehen wir sofort zum Schwimmbecken. Das Wasser sieht kalt aus, ist aber 40\u00b0 warm. Wohltuend, aber erm\u00fcdend. Nicht umsonst macht uns der Bademeister darauf aufmerksam, man solle nicht l\u00e4nger als 30 Minuten im Wasser bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam f\u00fcllt es sich, aber da nie alle gleichzeitig im Wasser sind, gibt es keinen Platzmangel.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Getr\u00e4nkeangebot wird reichlich Gebrauch gemacht. Bier, Saft, Kaffee, Wein, Cocktails. Der Bademeister hat allerhand zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein paar Schilder mit Verhaltensregeln, darunter <em>Prohibido tirarse de bomba<\/em>. Darauf w\u00e4re ich nicht gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trinken einen Kaffee, gehen dann wieder ins Wasser, legen uns auf die Liegest\u00fchle und gehen noch mal ins Wasser. Dann wird es Zeit f\u00fcrs Abendessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Restaurant sind wir fast die ersten, aber bald f\u00fcllt es sich, man kennt die Gesichter aus dem Schwimmbecken wieder. Ich bekomme als Vorspeise einen frittierten K\u00e4se mit Kr\u00e4utern und K\u00e4se, dazu eine So\u00dfe aus Honig und Senf. Sehr lecker. Dazu gibt es etwas in einem Sch\u00e4lchen, das ich dummerweise auch dazu nehme. Und mit bald die Zunge verbrenne, so scharf ist das. Der Kellner sagt etwas herablassend, da erkenne man jemanden, der das nicht gew\u00f6hnt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelina bekommt <em>Humita<\/em>, einen Topf mit gemahlenem Mais und Zwiebeln, K\u00e4se und K\u00fcrbis. Schmeckt hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut f\u00fcr sie, denn von dem Hauptgericht, einem Salat, isst sie nur ein paar H\u00e4ppchen. Sie hat nicht damit gerechnet, dass die Forelle in dem Salat roh serviert wird, und diese Vorstellung verleidet ihr das ganze Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mehr Gl\u00fcck. Ich bekomme <em>Bandiola<\/em>, Schweinenacken, ein saftiges St\u00fcck Fleisch, dazu eine Kugel aus S\u00fc\u00dfkartoffeln, gef\u00fcllt mit N\u00fcssen und Ei. Wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bier, ein argentinisches Bier, wird in einem Sektk\u00fchler mit Eisw\u00fcrfeln serviert. So bleibt es wunderbar kalt. Ich bin aber nicht sicher, ob ich mich selbst bedienen darf oder darauf warten muss, dass der Kellner mir nachsch\u00fcttet.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Ecktisch sitzen vier Erwachsene und ein Junge, vielleicht 12 Jahre alt. Die Erwachsenen unterhalten sich angeregt, der Junge spielt mit seinem Handy, erst ein Kartenspiel, dann eine Verfolgungsjagd. Die Erwachsenen kommen nicht auf die Idee, ihn irgendwie einzubeziehen. Wir fragen uns, ob unsere Eltern mit uns gespielt haben. Antwort: Nein. Jedenfalls in der Regel nicht. Und schon gar nicht mit uns auf dem Boden sitzend oder herumtollend. Evangelina erinnert sich an drei Gelegenheiten, bei denen ihr Vater sich ganz kinderfreundlich gezeigt, auf ihre W\u00fcnsche eingegangen ist: Einmal hat er sie mit in den Zirkus genommen, einmal hat er sie mit auf die Kirmes genommen, und einmal hat er ihr eine Schallplatte geschenkt. Ihre Augen leuchten heute noch, wenn sie davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Februar (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag vergeht mit langweiligen Aktionen wie Kofferpacken und Bordkarten ausstellen. Beides klappt nicht auf Anhieb. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist es, ein Bild so im Koffer unterzubringen, dass es nicht kaputtgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag gibt es bei Evangelinas Mutter Gnocchi, mit ein paar Tagen Versp\u00e4tung. Sie sind wunderbar, genauso wie das dazu servierte H\u00e4hnchen. Die beiden Frauen erkl\u00e4ren mir, wie man Gnocchi macht und versehen gar nicht, dass ich das kompliziert finde.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Februar (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute hei\u00dft es, Abschied zu nehmen von Argentinien. Ich werde mit herrlichem Wetter verabschiedet. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, schon am Morgen ist es sommerlich warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Flughafen \u00fcberholen wir einen Laster mit Anhang, der bis oben voll mit Tabakbl\u00e4ttern beladen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen geht es ruckzuck mit dem Einchecken. Zu meiner Beruhigung gibt es weder beim Koffer noch beim Rucksack Beanstandungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Cafeteria bestehe ich darauf, auf einem Platz am Fenster zu sitzen, von der Sonne beschienen. Es gibt passenderwiese <em>Cappuccino argentino, <\/em>mit Schokolade und Zimt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen auf Plakaten noch ein paar argentinische Imperative \u2013 <em>Descubr\u00ed<\/em>, <em>Viaj\u00e1<\/em>, <em>Ped\u00ed<\/em> \u2013 und ich mache endlich eine Notiz zu der typisch argentinischen Antwort, die man h\u00f6rt, wenn man <em>Gracias <\/em>sagt: <em>No, por favor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer sch\u00f6nen, illustrierten Karte von Argentinien sehen wir uns an, wo wir schon gewesen sind letztes Jahr und dieses Jahr und wohin wir demn\u00e4chst nach fahren k\u00f6nnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25. Januar (Sonntag) Die erste \u00dcberraschung l\u00e4sst nicht lange auf sich warten: Beim Aussteigen an der Grenze ist es schw\u00fclwarm. Und das um 2 Uhr in der Nacht. 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