{"id":12317,"date":"2026-06-14T08:58:38","date_gmt":"2026-06-14T06:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12317"},"modified":"2026-08-03T05:45:03","modified_gmt":"2026-08-03T03:45:03","slug":"braunschweig","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12317","title":{"rendered":"Braunschweig (2026)"},"content":{"rendered":"\n<p>13. Juni (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In Braunschweig wurde das erste Fu\u00dfballspiel in deutschen Landen ausgetragen, in Braunschweig verkehrte der erste deutsche Omnibus, der L\u00f6we vor der Burg ist die \u00e4lteste freistehende Plastik n\u00f6rdlich der Alpen, das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen wurde auf einer spektakul\u00e4ren Versteigerung bei Sotheby als teuerstes Buch der Welt von der Bundesrepublik ersteigert. Braunschweig hat einiges zu bieten, und nicht nur Superlative.<\/p>\n\n\n\n<p>Braunschweig, aber auch die Umgebung. Hildesheim, Wolfenb\u00fcttel, Helmstedt zum Beispiel, alle in kurzer Entfernung gelegen. Helmstedt, das wir meist nur mit dem Grenz\u00fcbergang zwischen den beiden Deutschlands verbinden, war 200 Jahre lang Sitz der welfischen Universit\u00e4t, bis sie von Napoleon nach Braunschweig (zur\u00fcck)verlegt wurde. An der Universit\u00e4t in Helmstedt war unter anderem Giordano Bruno t\u00e4tig, dessen Staue auf dem Campo di Fiori ich von der Reise nach Rom im letzten Jahr noch gut in Erinnerung habe. Wolfenb\u00fcttel, im Krieg praktisch unzerst\u00f6rt, hat die gr\u00f6\u00dfte Bibliothek Europas zu bieten, die Herzog-August-Bibliothek, mit B\u00fcchern von der Antike bis zur Moderne (darunter das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen), Die bekanntesten Bibliothekare waren Leibniz und Lessing. Hildesheim, im Krieg schwer getroffen, hat in dem wiederaufgebauten Dom die original erhaltenen ber\u00fchmten Bronzet\u00fcren zu bieten und den \u201etausendj\u00e4hrigen\u201c Rosenstrau\u00df. Ein anderes Ziel hat Gifhorn zu bieten. Dort gibt es ein M\u00fchlenmuseum, mit 40 M\u00fchlenmodellen aus 18 L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt, am fr\u00fchen Morgen, geht es erst mal darum, \u00fcberhaupt ans Ziel, also nach Braunschweig, zu kommen. Bei erstaunlich gutem Wetter \u2013 kein Vergleich zu gestern \u2013 geht es Mosel und Rhein entlang. Die Sonne l\u00e4sst das Wasser und die wei\u00dfen H\u00e4user am Uferrand gl\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der langen Fahrt habe ich Gelegenheit, in eine Erz\u00e4hlung von Wilhelm Raabe reinzusehen, \u201eDie Schwarze Galeere\u201c. Die Erz\u00e4hlung spielt zur Zeit des Befreiungskampfs der Niederlande gegen Spanien. Ein ehemals geehrter Offizier, der in einem Kampf als einziger \u00fcberlebte, aber degradiert wurde, weil es die Standarte an den Feind verlor, spricht nachdenklich zu seinen jungen Kameraden \u00fcber den Krieg, der jetzt schon 32 Jahre dauert und kein Ende nehmen will. \u201eDamals glaubte auch ich noch an Sieg und Ehre in diesem Krieg\u201c, sagt er zu seinem jungen Vorgesetzten, dem Oberst: \u201eIch habe aufgeh\u00f6rt, daran zu glauben und ihre werdet\u2018s auch, Oberst, so euch Gott das Leben schenkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Raabe, der als Junge ein Gymnasium in Wolfenb\u00fcttel besuchte, verbrachte die letzten 40 Jahre seines Lebens in Braunschweig. Im Alter hatte er f\u00fcr die Werke seiner Jugend fast nur noch Verachtung \u00fcbrig, obwohl die weiterhin sehr popul\u00e4r waren. F\u00fcr ihn z\u00e4hlten nur seine sp\u00e4teren Werke- Fr\u00fcher habe er Leser gehabt, sagt es, heute Liebhaber der Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger die Fahrt dauert, umso dunkler wird es. Die Wolken setzen sich durch, die Sonne ist im Norden noch nicht angekommen. Und die Landschaft wird immer flacher. Unendliche Wiesen und Felder, bei denen man nicht wei\u00df, was da w\u00e4chst, ein paar Weiden mit vereinzelten Schafen oder K\u00fchen und gro\u00dfe Fl\u00e4chen mit unz\u00e4hligen Windr\u00e4dern, die meisten davon im Stillstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich soll die Fahrt sieben Stunden dauern, aber wer glaubt, dass das alles so reibungslos abl\u00e4uft, hat die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Am Ende komme ich mit ordentlicher Versp\u00e4tung und einer satten Nachzahlung in Braunschweig an.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich vor dem Bahnhofsplatz ist die gro\u00dfe, \u00fcberdachte Haltestelle f\u00fcr Busse, in zwei Spuren, und f\u00fcr die hochmodernen Stra\u00dfenbahnen, auch in zwei Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Stra\u00dfenbahn einsteige, beginnt es zu regnen, aber als ich aussteige, hat der Regen fast schon wieder aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der schnurgeraden Strecke eine kilometerlange Aneinanderreihung von Zelten mit Informationsst\u00e4nden und Imbissst\u00e4nden. An diesem Wochenende findet hier der \u201eTag der Niedersachsen\u201c statt. In der Stadt ist es rappelvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schloss steige ich aus. Auf dem Schlossplatz zwei sich gegen\u00fcberliegende repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude, die ich aber nur aus einem Augenwinkel sehe. Auf einem davon steht oben eine Quadriga.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht eine Einkaufsstra\u00dfe entlang Richtung Zentrum. Dabei sto\u00dfe ich gleich auf eine Skulptur, von der ich schon gelesen habe, das Katzendenkmal. Auf und an einer Sandsteins\u00e4ule, wild durcheinander, alle m\u00f6glichen streunenden Katzen. Das Denkmal ist ein Deutungsversuch des Stra\u00dfennamens <em>Kattreppeln<\/em>. Der hat aber vermutlich gar nichts mit <em>Katzen<\/em> zu tun, sondern mit <em>Katten<\/em>, dem Sammelnamen f\u00fcr schwere Kriegsmaschinen des Mittelalters.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an dem Fanshop von Eintracht Braunschweig vorbei, dem deutschen Meister von 1967. Das Schild gibt Anlass f\u00fcr ein paar Beobachtungen zur Sprache. Als das \u201ebeste Deutsch\u201c gilt ja das Deutsch, das in Hannover gesprochen wird, und die Hannoveraner halten sich das zugute. Aber das ist nat\u00fcrlich bl\u00fchender Unsinn. Erstens gibt es so etwas wie das \u201ebeste Deutsch\u201c gar nicht, zweitens k\u00f6nnte man das genauso vom Deutsch von Braunschweig, G\u00f6ttingen oder Wolfenb\u00fcttel sagen, und drittens gibt es nat\u00fcrlich auch hier Abweichungen von der Norm oder von dem, was als Norm empfunden wird. Das zeigt sich an dem Namen des Fanshops: <em>Aantracht-Eck<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zu meinem Hotel durch, dem <em>Ritter St. Georg<\/em>. Es befindet sich in der Knochenhauerstra\u00dfe. Das waren die Metzger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Eindruck, wenn man um die Ecke biegt, ist hervorragend. Ein altes, dreist\u00f6ckiges Fachwerkhaus mit verzogenen Planken, mit Zwerchgiebeln und Dachh\u00e4usern, von einem Schlachter um 1500 erbaut, um 1700 ausgebaut und mit einem barocken Dielentor versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es ein Hotel. Nur: Wie kommt man rein? Die T\u00fcr ist verschlossen. Weit und breit niemand zu sehen. Dies ist eine einsame Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr eine ganze Reihe von gar nicht barocken QR-Codes und Hinweisen zum Einchecken. Ich versuche es, aber es gibt unendliche H\u00fcrden zu \u00fcberwinden, vor allem bei der Eingabe des Geburtsjahrs. Als das endlich geklappt hat, stehe ich genauso ratlos vor der verschlossenen T\u00fcr. An der wird eine Telefonnummer angegeben, an die man sich im Notfall wenden kann. Aber da komme ich nicht durch. Eine Stimme sagt mir, an meinem Telefon sei irgendwas aktiviert und beendet das Gespr\u00e4ch. Unter der Telefonnummer stehen noch zwei weitere, an die man sich im Notfall auch au\u00dferhalb der angegebenen Zeiten wenden kann. Bei beiden gelange ich an den Anrufbeantworter. Keine Chance. Ich suche an den Nachbarh\u00e4usern nach einer Klingel oder einem lebenden Menschen \u2013 vergeblich. Dann \u00fcberlege ich, mich nach einem anderen Hotel in der N\u00e4he umzusehen, aber in dem Moment klingelt das Telefon. Anruf aus Hamburg. Der Mann weist mich auf die K\u00e4sten neben dem Eingang hin, nennt mir die Nummer meines K\u00e4stchens und die Geheimzahl, mit der man das K\u00e4stchen \u00f6ffnen kann. Drinnen liegt ein Schl\u00fcssel. Doch noch geschafft!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer hat eine niedrige Decke mit schweren Holzbalken, sonst aber eher den Charme der F\u00fcnfziger Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken geht es in die Stadt. \u00dcberall Gruppen von traditionell gekleideten M\u00e4nnern und Frauen, die Frauen in langen, bunten Kleidern und bestickten Schultert\u00fcchern, die M\u00e4nner in wei\u00dfen Hemden und schwarzen Westen und hohen Zylindern. Auf einer B\u00fchne pr\u00e4sentiert eine Gruppe nach der anderen Musik oder Tanz. Dicht gedr\u00e4ngt steht das Publikum vor der B\u00fchne, sieht zu, isst, macht Photos und klatscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns auf dem <em>Kohlmarkt. <\/em>Dessen Name ist irref\u00fchrend. Er m\u00fcsste eigentlich <em>Kohlenmarkt<\/em> hei\u00dfen. Er war die Heimat der K\u00f6hler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche den Platz nach drei besonderen H\u00e4usern ab, alle mit einem Giebel versehen, Steinh\u00e4user, keine Fachwerkh\u00e4user. An einem Giebel ist die Sonne angebracht, an einem anderen eine Rose, an dem dritten der Mond. Diese H\u00e4user waren urspr\u00fcnglich Gasth\u00f6fe, in der die Besucher der bedeutenden Sommer- und Wintermesse unterkamen, nachdem Braunschweig wieder Residenz geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Altstadtmarkt, ebenfalls in unmittelbarer N\u00e4he des Hotels, das Altstadtrathaus, die Martinikirche, die ich wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Sch\u00f6nheit f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr den Dom halte, und das langgestreckte Gewandhaus. An dessen Stirnseite ist eine wunderbare, einfach als \u201eSch\u00fcrze\u201c vor das Geb\u00e4ude geh\u00e4ngte Fassade, die mit dem Bau selbst eigentlich nicht zu tun hat. Unten ein Laubengang, dessen Formen sich oben immer wieder wiederholen, dann drei quadratische Stockwerke und dann der hohe Treppengiebel. An den Giebelenden alle m\u00f6glichen Figuren, ganz oben eine Justitia mit Schwert und Waage, und im Zentrum des Giebels das rote L\u00f6wenwappen. Ein Hingucker, etwas f\u00fcr Ansichtskarten oder die Frontseite von Reisef\u00fchrern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann k\u00e4mpfe ich mich zum Domplatz durch, am anderen Ende der Altstadt. Ich verlaufe mich dabei, komme an lauter, in neueren H\u00e4usern untergebrachten Gesch\u00e4ften vorbei und gerate ans Schloss. Dann klappt es doch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, am Domplatz, befand sich das Zentrum der Herz\u00f6ge, als Gegenst\u00fcck zu dem der B\u00fcrger und Handwerker, aus dem ich gerade komme. Unterwegs sehe ich ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen <em>Vielharmonie<\/em> und eine traditionelle Gastst\u00e4tte mit dem Namen <em>Mutter Habenicht<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Dom, mit seiner flachen, fast schmucklosen Fassade ganz anders als die Martinikirche, und daneben die Burg Dankwerderode. Hier wimmelt es von Besuchern. Im Zentrum des Platzes der ber\u00fchmte L\u00f6we, der aber, anders als erwartet, auf einem hohen Podest steht. Ohne Sonne wirkt er vor den dunklen Wolken bedrohlich und beeindruckend gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich der L\u00f6we geh\u00f6rte zum Geschlecht der Welfen, den Erbfeinden der Staufer. Jetzt lerne ich zum ersten Mal, dass <em>Welfe<\/em> nicht nur Eigenname, sondern auch Appelativ ist. Er bezeichnet die Jungen des L\u00f6wen. Daher also der L\u00f6we als Symboltier der Welfen. Der Name des Geschlechts geht wohl kaum auf das Wort zur\u00fcck, aber das tat dem Eindruck, den das machte, keinen Abbruch. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>Dom<\/em> wird hier zur\u00fcckgef\u00fchrt auf <em>tumba<\/em>, dem lateinischen Wort f\u00fcr \u201eGrab\u201c. Aus der <em>Thumskirche<\/em> ist dann die <em>Domkirche<\/em> geworden. Wenn das stimmt, ist es eine interessante Alternative zu der Ableitung vom lateinischen <em>domus<\/em>, dem \u201eHaus\u201c (Gottes).<\/p>\n\n\n\n<p>An dem anderen Ende des Platzes das Landesmuseum. Das wird zurzeit saniert, f\u00e4llt also f\u00fcr die Besichtigungen aus. Es bleiben aber das Herzog Anton-Ulrich-Museum, das St\u00e4dtische Museum und das Bauernmuseum.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg treffe ich noch zuf\u00e4llig auf den Ringerbrunnen, den ich sowie sehen wollte. Der Brunnen wird dominiert von einer modernen Skulptur, die zwei muskul\u00f6se Ringer darstellt, von denen der eine den anderen gerade auf seine Schulter gehievt hat. Man kann f\u00f6rmlich die Bewegung erahnen. Der Bildhauer, J\u00fcrgen Weber, wollte die Ringer urspr\u00fcnglich nackt darstellen, aber das stie\u00df auf Ablehnung. Weber stattete deshalb seine Ringer mit Badehosen aus. Auf denen stehen in goldenen Buchstaben die Namen all der Leute, f\u00fcr die die nackten Ringer Stein des Ansto\u00dfes waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend habe ich noch die Gelegenheit, in eine Zeitschrift reinzugucken, die ich im Gep\u00e4ck habe. Da ist in einem Artikel, \u201eFreedom oder Liberty?\u201c, die Rede davon, dass ein franz\u00f6sischer Abgeordneter des Europaparlaments die R\u00fcckgabe der Freiheitsstatue an Frankreich forderte. Die US-amerikanische Politik sei nicht mehr mit den freiheitlichen europ\u00e4ischen Idealen in Einklang zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>14. Juni (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen in \u201eDie Schwarze Galeere\u201c reingeguckt. Da erf\u00e4hrt man, dass <em>Galeere<\/em> auf ein griechisches Wort zur\u00fcckgeht, das \u201eWiesel\u201c bedeutet, und <em>Partisane<\/em> auf ein italienisches Wort, das eine Stichwaffe bezeichnet, eine Art Spie\u00df mit Fl\u00fcgelspitzen an der Klinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen begn\u00fcge ich mich mit dem uns\u00e4glichen Fr\u00fcchtetee, den das Hotel bereitstellt. Als ich am Abend von meinem Spaziergang zur\u00fcckkomme, kann ich aber bei Edeka eine Packung schwarzen Tee kaufen. Die Gesch\u00e4fte sind alle offen. Wohl wegen des Tags der Niedersachsen. Die Kassiererin hat Glatze und eine T\u00e4towierung auf dem Hinterkopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag bietet eine schnelle Abfolge von heftigen Schauern, sonnigen Momenten, Regenpausen und Nieselregen. Aus der Heimat bekomme ich Bilder von sonnenbeschienenen Terrassen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es unter dunklen Wolken direkt zu dem nahen Altstadtmarkt. Der Platz ist fast menschenleer. Bis hierher kommt der Tag der Niedersachsen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Marienbrunnen im Zentrum des Platzes, klein und unscheinbar, ist eine echte Sch\u00f6nheit. Man muss nur genau hinsehen. Von weitem sieht man auch nicht, warum er <em>Marienbrunnen<\/em> hei\u00dft. Die Marienfigur versteckt sich unter einem filigran gestalteten Baldachin ganz oben. Der Brunnen hat drei Schalen mit einer Vielzahl von Abbildungen, die man auch leicht \u00fcbersehen kann. Hier gibt es Arabesken, Tiere und Fabelwesen, Wappen der Kurf\u00fcrsten und der neun guten Helden \u2013 drei christliche, drei j\u00fcdische, drei heidnische \u2013 Propheten und Heilige mit Spruchb\u00e4ndern und Inschriften. Ein Meisterwerk der sp\u00e4tgotischen Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brunnen ist aus weichem Bleimetall gemacht, und \u00fcberlebte den Krieg nicht, obwohl er gegen die Hitze gesch\u00fctzt war. Aber nicht genug. Der ganze Aufbau schmolz weg, die Schale des Originalbrunnens steht noch im St\u00e4dtischen Museum. Braunschweig wurde so stark zerst\u00f6rt wie wenige andere deutschen St\u00e4dte, und was wir hier im Zentrum sehen, ist meist renoviert oder wiederaufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der weitgehend nackten L\u00e4ngsseite des Gewandhauses, die so sehr mit der Stirnseite kontrastiert, sieht man ein vorgelagertes Fachwerkhaus mit verzierter Fassade. Das stammt gar nicht von hier, sondern aus einem anderen Teil der Stadt. Nach dem Krieg hat man es hier platziert. Es steht stellvertretend f\u00fcr die anderen H\u00e4user, die fr\u00fcher die ganze L\u00e4ngsseite des Geb\u00e4udes einnahmen. Sie waren nicht direkt an die Seitenwand angeklebt, sondern lie\u00dfen einen Gang frei f\u00fcr die H\u00e4ndler. Das Fehlen dieser Vorbauten erkl\u00e4rt die etwas zu n\u00fcchtern geratene Seite des Gewandhauses, das das Haus der reichsten Gilde der Stadt war, der Gewandschneider.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Martinikirche ist ein weiteres Schmuckst\u00fcck des Altstadtmarktes. Sie hat nur ein Manko: Sie ist geschlossen. Man kann aber auch von au\u00dfen die Baugeschichte ablesen. Der Westen, mit seiner schlichten, an eine Festung erinnernden Fassade, kontrastiert stark mit den mit Giebeln und Fialen versehenen Seiten und der Ostapside. Die Sache ist so: Es handelte sich um eine romanische Basilika, die dann in eine gotische Hallenkirche verwandelt wurde. Dieses Muster ist an unz\u00e4hligen Pfarrkirchen des historischen Zentrums zu beobachten. Warum? Weil man sich mit allen Mitteln vom Dom und damit vom Herzog absetzen wollte. Die Querelen, die Auseinandersetzung mit ihm und die Feindschaft zwischen den beiden bestimmen die Geschichte Braunschweigs durch Jahrhunderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Hingucker am Altstadtmarkt ist das Alte Rathaus, ein weiteres echtes Schmuckst\u00fcck, auch schwer mitgenommen im Krieg. Aber die doppelten Laubeng\u00e4nge, doppelt in den Stockwerken und zu den Seiten, blieben im Wesentlichen erhalten. Heute sieht das Geb\u00e4ude tats\u00e4chlich mittelalterlich aus. Und gibt eine Ahnung von dem Reichtum der Stadt. Hier wurde Handel getrieben, und wie! Als \u00e4u\u00dferes Zeichen ist in einen der Pfeiler die <em>Braunschweiger Elle<\/em> eingelassen, das verbindliche L\u00e4ngenma\u00df. Damit wurde Betr\u00fcgereien vorgebeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alten Rathaus befindet sich das St\u00e4dtische Museum. In der Eingangshalle ein gro\u00dfes Stadtmodell von 1674. Warum aus dieser Zeit? Das war in einem Moment, wo der Herzog mal wieder die Oberhoheit zur\u00fcckerobert hatte. Man sieht die Stadtmauern und die um die Stadtmauern herumgeleitete Oker. Man sieht deutlich den getrennten Bereich des Herzogs von der Stadt. Hier galt Stadtrecht, dort galt Landesrecht. Im Laufe der Zeit hatte der Herzog der Stadt, um Geld zu machen, immer mehr Privilegien zugestanden, das Patronatsrecht, das M\u00fcnzrecht, Gerichtsbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Stadt Braunschweig kann erst im Laufe der Geschichte die Rede sein. Urspr\u00fcnglich handelte es sich um f\u00fcnf Weichbilder, Gebiete, die mehr als Stadtteile waren, weil sie unabh\u00e4ngig waren, jede mit ihrem eigenen Markt und mit ihrer eigenen Pfarrkirche. Das erkl\u00e4rt die vielen Kirchen im historischen Zentrum. Die f\u00fcnf Weichbilder hie\u00dfen Altstadt, Neustadt, Altewiek, Hagen, Sack.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort <em>Weichbild<\/em>, auf das man immer wieder st\u00f6\u00dft, ist etwas irref\u00fchrend. Mit <em>weich<\/em> hat es nichts zu tun, sondern mit <em>wich<\/em> (althochdeutsch f\u00fcr \u201eWohnst\u00e4tte\u201c), auf <em>vicus <\/em>zur\u00fcckgehend, dem lateinischen Wort f\u00fcr \u201eDorf\u201c, und einem zweiten Bestandteil im Sinne von \u201eRecht\u201c (vgl. <em>UnbilI<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Stadtmodell sieht man noch, wie die Oker durch die Innenstadt flie\u00dft. Hier ist sie jetzt nicht mehr zu sehen. Sie flie\u00dft unterirdisch, hat aber noch ihren alten Verlauf entlang der ehemaligen Stadtmauer, umflie\u00dft also das historische Zentrum. Von ihr habe ich bis jetzt nichts zu sehen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Gebiet war urspr\u00fcnglich Sumpfgebiet, keine gute Voraussetzung f\u00fcr die Entstehung einer Stadt. Dennoch entschied sich Heinrich der L\u00f6we, hier seine Residenz zu errichten. Das war an sich schon eine wichtige Erneuerung, denn bisher zogen die F\u00fcrsten, wie Karl der Gro\u00dfe, noch von Pfalz zu Pfalz, um die Kontrolle zu behalten. Sie hatten keine feste Residenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum ausgerechnet in diesem Sumpfgebiet? Erstens f\u00fchrte hier eine Furt durch die Oker, zweitens trafen hier zwei Handelswege aufeinander, einer davon der Hellweg. Heinrich warb Siedler aus Friesland an. Die verstanden sich auf das Trockenlegen von S\u00fcmpfen. Aus ihnen entstammten dann Familien von Handwerkern und Kaufleuten, die sich vom Herzog unabh\u00e4ngig machten.<\/p>\n\n\n\n<p>Braunschweig liegt in der \u00dcbergangszone von Mittelgebirge und Tiefland, fruchtbar gemacht durch L\u00f6\u00df (in der in Eiszeit durch Winde vom Norden eingeweht). Weiter nordw\u00e4rts findet sich eher sandiger, lehmiger Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Phasen der historischen Aufw\u00e4rtsentwicklung, die unter Heinrich dem L\u00f6wen (12. Jahrhundert) und die nach der R\u00fcckkehr der Herz\u00f6ge (18. Jahrhundert).<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wurde Braunschweig zur Vorzeigestadt der Nazis. Die Stadt wollte ihrem Namen Ehre machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier erf\u00e4hrt man auch ein gar nicht so unbedeutendes Detail aus der Nazizeit: Hitler hatte 1925 auf seine \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft verzichtet und war staatenlos. Der braunschweigische Ministerpr\u00e4sident, ein gewisser Dietrich Klagges, startete dann 1932 eine Initiative, um Hilter zur deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft zu verhelfen. Zun\u00e4chst wollte man ihn zum Professor machen, aber daf\u00fcr fehlten die rechtlichen Voraussetzungen. Daraufhin machte man ihn zum Regierungsrat, und damit erhielt er automatisch die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Stadtmuseum geht es auf den Kohlmarkt. Um den Till Eulenspiegel zu sehen zu bekommen, muss ich mich gedulden. Bei Nieselregen und K\u00e4lte stehe ich vor dem Haus und warte darauf, dass sich die Luke unter der Uhr im Giebel \u00f6ffnet. Merkw\u00fcrdigerweise tut das sonst niemand. Auf diesem Platz, so hei\u00dft es in einem der Balken des Fachwerkhauses, spielte Till Eulenspiegel Anno 1325 dem Stiefelmacher Christoffer ein Schelmenst\u00fcck. Dann, als ich schon aufgeben wollte, \u00f6ffnet sich die Luke doch noch. Till Eulenspiegel, im bunten Schelmenkost\u00fcm mit Narrenkappe, Spiegel und Eule in der Hand, erscheint und h\u00e4lt den Zuschauern den Spiegel entgegen. Dazu erklingen die Glocken, die an der Fassade des Hauses angebracht sind. Sie spielen \u201e\u00c4nnchen von Tharau\u201c. Ob das was mit Till Eulenspiegel zu tun hat? Inzwischen hat sich doch noch eine Gruppe asiatischer Touristinnen vor dem Fachwerkhaus aufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der B\u00fchne auf dem Kohlplatz hat eine Trachtengruppe ihren Auftritt. Vor dem Brunnen steht eine andere Gruppe, lauter Frauen in langen, blauen Kleidern, ganz nah aneinander gedr\u00e4ngt unter Regenschirmen. Wird ein sch\u00f6ner Schnappschuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal finde ich den Weg zum Dom besser. Es geht durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, \u00fcber die sich krumm windende Schuhstra\u00dfe, mit Gesch\u00e4ften auf beiden Seiten. In einer modernen Glasfassade spiegeln sich die Fassaden der gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4ude. Das auff\u00e4lligste Geb\u00e4ude ist eine alte Apotheke, an der sich zwei Stra\u00dfen teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Nebenstra\u00dfe f\u00e4llt mein Blick zuf\u00e4llig auf ein Lokal, in einem niedrigen Haus mit einem Storch auf dem Dach eingeklemmt zwischen zwei Hohen Bauten. Das Lokal ist das <em>Mutter Habenicht<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Domplatz auch noch ziemliches Gewimmel durch den \u201eTag der Niedersachsen\u201c. Aber das st\u00f6rt nicht weiter bei der Besichtigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Westfront des Doms ist schmucklos und n\u00fcchtern, keine Lisenen, keine Kolumnen, keine Galerien, nur ganz oben ein vermutlich sp\u00e4ter eingearbeitetes Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt den Dom durch das Nordportal. Au\u00dfen sind zu beiden Seiten deutliche Kratzspuren am Portal zu erkennen. Die kommen der Legende nach von dem L\u00f6wen und seinen verzweifelten Versuchen, in die Kirche zu gelangen, nachdem sein Herr, Heinrich der L\u00f6we, verstorben war und in dem Dom bestattet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man reinkommt, ist man sofort gebannt. Das n\u00f6rdliche Seitenschiff ist ganz anders als alles, was der Dom au\u00dfen vermuten l\u00e4sst. Die beiden Schiffe sind getrennt durch hohe, gedrechselte S\u00e4ulen, jede anders als die anderen. Das erinnert an den englischen <em>Perpendicular Style<\/em>, die letzte Etappe der Gotik. Das d\u00fcrfte kein Zufall sein: Mathilde, eigentlich Matilda, Heinrichs Ehefrau, war Engl\u00e4nderin. Sie wurde in Windsor Castle geboren. &nbsp;Heinrich II., auf dessen Gehei\u00df Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, ermordet wurde, war ihr Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Am \u00f6stlichen Ende des Seitenschiffs h\u00e4ngt das Imerward-Kreuz, eine \u00fcberlebensgro\u00dfe Darstellung Christi, die vor der wei\u00dfen Wand voll zur Geltung kommt. Das Kreuz z\u00e4hlt zu den wertvollsten Ausstattungst\u00fccken des Doms. Christus ist nicht leidend dargestellt, sondern als Triumphator. Es gibt keine Wundmale, die Arme h\u00e4ngen waagerecht, die Beine stehen nebeneinander. Kleidung, Haare und Bart entsprechen der Ausstattung der griechischen Kaiser. Die Skulptur hat eine \u00d6ffnung im Hinterkopf, die als Reliquienbeh\u00e4lter dient. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im s\u00fcdlichen Seitenschiff steht ein anderer Christus, ein Leidender, \u00fcberw\u00e4ltigt von Schmerz. Daneben eine Marters\u00e4ule mit N\u00e4geln, Strick, Ohr, Schwei\u00dftuch und Hahn des Petrus. Diese beiden St\u00fccke stammen vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, sind fast 400 Jahre j\u00fcnger als das Imeward-Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier im Seitenschiff ist auch ein Faksimile des Evangeliars von Heinrich ausgestellt, dessen Original f\u00fcr eben diese Kirche bestimmt war. Zwei Seiten sind aufgeschlagen, aber ich kann die Szenen nicht identifizieren. Die Bebilderung ist \u00fcberreich, und man sieht eine gro\u00dfe Menge unterschiedlicher Farben, darunter auch das wertvolle Blau. An ein oder zwei Stellen erahnt man sogar so etwas wie eine Perspektive. Es wimmelt nur so von Motiven: Man sieht Pfeiler, man sieht B\u00f6gen, man sieht eine Burg, man sieht Ranken, man sieht engels\u00e4hnliche Figuren an den vier Enden, eine Taube und in der Mitte einen b\u00e4rtigen Mann mit nackten F\u00fc\u00dfen, der dem Beobachter ein aufgeschlagenes Buch entgegenh\u00e4lt, bei dem eine Seite beschrieben und eine noch leer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelschiff ger\u00e4t sofort der riesige siebenarmige Leuchter in den Blick, der im Chor hinter dem Altar h\u00e4ngt. Er ist aus Bronze und stellt einen stilisierten Lebensbaum dar. Er ist ein echter Hingucker. Hier mache ich ein Photo, das zusammen mit dem vom Imeward-Kreuz zu den sch\u00f6nsten aus dem Dom geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor der auf den ersten Blick nicht auffallende Marienaltar, ganz niedrig und klein, mit einer Marmorplatte versehen. Er sieht modern aus, stammt aber aus dem 12. Jahrhundert und war ein Geschenk Matildas. Der Altar hat f\u00fcnf statt vier S\u00e4ulen. Die f\u00fcnfte, mittlere S\u00e4ule ist mit einer Verzierung versehen. Sie dient auch zur Verwahrung von Reliquien. Ob die Zahl 5 hier eine symbolische Bedeutung hat, finde ich nicht heraus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das wichtigste Ausstattungsst\u00fcck des Doms ist das Grabmal von Heinrich und Matilda, wohl erst nach ihrem Ableben gefertigt. Sie liegen auf Kissen und scheinen gleichzeitig auf kleinen Sockeln zu stehen, eine f\u00fcr das Hochmittelalter g\u00e4ngige Darstellung Verstorbener. Der Altersunterschied \u2013 er war 30 Jahre \u00e4lter als sie \u2013 ist nicht zu erkennen. Heinrich h\u00e4lt ein Schwert in einer Hand und in der anderen ein Modell dieser Kirche, dessen Stifter er ja war. Matilda tr\u00e4gt eine Krone, und der Mantel mit reichem Faltenwurf, f\u00e4llt wie ein leichtes Tuch \u00fcber die Beine und deckt ein Gewand zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir bringt dieser Sarkophag den von Dom Pedro in Alcoba\u00e7a in Erinnerung. Der ist allerdings dort nicht mit seiner Ehefrau, sondern mit seiner Geliebten dargestellt, die er nie heiraten konnte, weil sein Vater, der damalige K\u00f6nig, dagegen war. Die beiden liegen allerdings nicht nebeneinander, sondern liegen sich gegen\u00fcber, so dass sie am j\u00fcngsten Tag sich gleich nach der Erweckung in die Augen sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe aus dem Dom und wende mich der Burg zu, der Burg Dankwarderode, auch die von Heinrich errichtet, der einen Vorg\u00e4ngerbau an gleicher Stelle abrei\u00dfen lie\u00df. Die Burg wurde mehrmals durch Brand zerst\u00f6rt. Nach dem letzten Brand im 19. Jahrhundert wurde sie komplett erneuert, unter Wahrung der \u00e4lteren Substanz. Der Burg ist ein Querhaus mit Eingang im Erdgeschoss und ein Treppenaufgang im Obergeschoss vorgelagert. Das setzt sie von anderen Burgen ab und macht ihren Wiedererkennungswert aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Burg sei heute geschlossen, sagt mir ein W\u00e4rter am Eingang, nur der Rittersaal sei ge\u00f6ffnet. Ob denn die Burg morgen ge\u00f6ffnet sei, will ich wissen. Nein, auch nicht. Wann kann ich denn wiederkommen, frage ich. Die Antwort: 2031.<\/p>\n\n\n\n<p>Also begn\u00fcge ich mich mit dem Rittersaal oben, einem prunkvollen, gro\u00dfen Raum mit einer Eichenholzdecke, Wandmalereien und Messingleuchtern. Die ganze Pracht nimmt einem den Atem, aber alles sieht etwas \u00fcberkandidelt aus. Was w\u00fcrden wohl die Erbauer des Mittelalters dazu sagen? W\u00fcrden sie es wiedererkennen? Die Besucher sind jedenfalls alle beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich widme mich, fast schon auf dem Weg nach drau\u00dfen, der Eingangst\u00fcr, aus hellem Holz mit Quadraten auf beiden Seiten, in die die verschiedensten Abbildungen eingeschnitzt sind, einige eher realistisch, die meisten eher phantastisch: ein Leier spielender Affe, ein Jagdhund, mit Halsband, in Sitzstellung, ein gem\u00fctlich auf dem Boden liegendes Kamel, eine barbusige Meerjungfrau, die ihre beiden Flossen in der Hand h\u00e4lt, ein Vogel in einem Geb\u00fcsch, aus dem Schlangenk\u00f6pfe hinausschauen, ein Zentaur mit Pfeil und Bogen. Leicht zu \u00fcbersehen, aber sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Burgplatz sehe ich mir dann noch das Huneborstelsche Haus an, das Gildenhaus, mit \u00fcberreichen Schnitzereien. Leider hat es gerade angefangen zu regnen, und ich kann die Details gar nicht richtig w\u00fcrdigen. An den Konsolen sind Figuren angebracht, die aus dem B\u00fcrgertum der Zeit zu stammen scheinen, aber auch Till Eulenspiegel. \u00dcber den Querbalken eine andere Sippe, Szenen mit menschlichen und tierischen, kaum zu identifizierenden Gestalten, die sich miteinander vergn\u00fcgen oder miteinander streiten. Man muss bei der Einsch\u00e4tzung des Realismus solcher Gestalten immer bedenken, dass die K\u00fcnstler, die zum Beispiel einen L\u00f6wen darstellten, nie im Leben einen L\u00f6wen gesehen haben. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus hat oben eine Ladeluke, mit der sperrige G\u00fcter hineinbef\u00f6rdert wurden. Das Dach diente als Lagerraum. Deshalb haben die Fenster oben kein Glas, nur Gitter. So konnte der eindringende Wind die Waren trocknen oder trocken halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Burgplatz geht es zum Eulenspiegeldenkmal. Der Weg erweist sich als kompliziert. Ich verliere die Orientierung und komme auch mit Fragen nicht weiter. Keiner scheint es zu kennen. Erst ein Pastor in einer kleinen Kirche kann mir Auskunft geben, aber auch dann dauert es noch was, bin ich es finde.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Brunnen sieht man Eulenspiegel, ohne die typischen Attribute, l\u00e4ssig auf einem Podest sitzend, die Beine \u00fcbereinandergeschlagen. Er sieht auf die Figuren auf dem Brunnenrand hinunter, Eulen und Meerkatzen, immer abwechselnd. Ein B\u00e4cker hatte Eulenspeigel aufgefordert, \u00fcber Nacht Brot zu backen. Was er denn backen solle, fragte Eulenspiegel. Daraufhin der B\u00e4cker ironisch: Eulen und Meerkatzen. Eulenspiegel nahm das w\u00f6rtlich und backte Brote, die die Form von Eulen und Meerkatzen hatten. Der B\u00e4cker, als er das am n\u00e4chsten Morgen sah, jagte Eulenspiegel entr\u00fcstet davon. Der ging zum Markt und verkaufte dort seine Eulen und Meerkatzen \u2013 mit gro\u00dfem Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Umwege f\u00fchren mich \u00fcber eine Stra\u00dfe, die <em>Kaffeetwete<\/em> hei\u00dft und eine, die <em>B\u00e4ckerklint<\/em> hei\u00dft (<em>Klingt<\/em> ist niederdeutsch f\u00fcr \u201eAnh\u00f6he\u201c) und an einem Fris\u00f6rsalon vorbei, der <em>\u00dcber kurz oder lang <\/em>hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur aus der Distanz sehe ich St. Petri, eine Kirche, die im Gegensatz zu den anderen Kirchen der Altstadt, nur einen Tum hat. Auf dem sitzt ein moderner Hahn, der kaum als solcher zu erkennen und etwas schwergewichtig geraten ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt komme ich endlich auch mal an die Oker, einen kleinen Fluss mit grasbestandenem Ufer und B\u00e4umen auf beiden Seiten. Die spiegeln sich in der glatten Oberfl\u00e4che des Wassers. Der Name <em>Oker<\/em> hat was mit <em>Acker<\/em> zu tun, er ist zusammengezogen aus <em>Ovakara<\/em>, der \u201eobere Acker\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Oker ist klein, war aber f\u00fcr den mittelalterlichen Handel nicht unbedeutend. Es gibt eine gro\u00dfe Anzahl relativ gro\u00dfer D\u00f6rfer in der Umgebung. Das kann als Beleg f\u00fcr die Standortgunst gesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich geht es weiter nach St. Andreas, das ist die Pfarrkirche der Neustadt. Vor der Kirche verk\u00fcndet ein Schild, dass man heute den Turm besteigen kann: 389 Stufen. Dazu reicht meine Kraft aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Turm hat eine bemerkenswerte Geschichte. Er war einmal, Signal der stolzen Unabh\u00e4ngigkeit der Stadt Braunschweig, 122 Meter hoch und damit, nach dem Stra\u00dfburger M\u00fcnster und dem Wiener Stephansdom, der dritth\u00f6chste Turm in alten Reich. Damit war er dem Landesherrn ein Dorn im Auge. Der befahl 1550, den Turm mit Kanonen zu beschie\u00dfen, 467x-mal der Legende zufolge \u2013 vergeblich. Was die Kanonen nicht konnten, das gelang sp\u00e4ter der Natur. Der Turm wurde von einem Blitz getroffen und auf Normalma\u00df zurechtgestutzt. Ist aber auch heute noch der h\u00f6chste der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Kirche ge\u00f6ffnet ist, kann ich hier nachholen, was mir in der Martini-Kirche verwehrt blieb: die Baugeschichte ablesen. Es ist das gleiche Prinzip wie in den anderen Kirchen, und das ist auch leicht zu erkennen: Aus der romanischen einschiffigen Basilika wurde eine dreischiffige gotische Hallenkirche. Die Seitenschiffe sind eindeutig sp\u00e4ter als das Mittelschiff und so hoch, dass man sie kaum wahrnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick auffallend sind die bunten Fenster im S\u00fcden und im Norden, vor allem durch die vielen Darstellungen in den Giebelfeldern. Das Bilderprogramm stammt einer Inschrift zufolge von 1405. Ich habe genug Zeit, da ich ganz allein in der Kirche bin, aber man muss sich den Hals verrenken, um die Szenen zu erkennen, und manchmal kann man sie allenfalls erahnen: Anbetung der K\u00f6nige, Flucht aus \u00c4gypten, Kindermord, Jesus im Tempel usw. Einige der Figuren sind nicht gerade formvollendet und haben im Volksmund den Namen \u201eKr\u00fcppel\u201c bekommen. Das gab der vorbeif\u00fchrenden Stra\u00dfe den Namen <em>Kr\u00f6ppelstra\u00dfe<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Turm der Kirche, der gr\u00f6\u00dfere der beiden, kommt nachher, als ich die Kirche schon verlassen habe, noch mal voll zur Geltung. Er kommt wunderbar hinter der Alten Waage zum Vorschein, erhebt sich \u00fcber sie. Die Alte Waage gilt als das sch\u00f6nste Fachwerkhaus Braunschweigs. Sie steht v\u00f6llig frei. Mann kann sie von allen vier Seiten \u201ebegutachten\u201c. Das Geb\u00e4ude, durch horizontale Holzbalken mit Konsolen sch\u00f6n gegliedert, hat auf den L\u00e4ngsseiten Zwerggalerien. Zwischen den senkrechten Holzbalken hat sie rote Klinker, deren Fugen Wei\u00df gehalten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Alte Waage wurde im Krieg v\u00f6llig zerst\u00f6rt und danach wieder aufgebaut. Bis dahin diente sie als Kornkammer, aber urspr\u00fcnglich war sie das Waaghaus. Hier konnte man im Mittelalter s\u00e4mtliche Ma\u00dfe \u00fcberpr\u00fcfen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will noch zum Lessingdenkmal, ans andere Ende der Innenstadt. Die Beine werden immer schwerer, aber als ich wieder in lebendigere Viertel komme, mache ich in einer D\u00f6nerbude halt und mache dort Pause. Dann geht es weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Lessing steht etwas versteckt in einem Park hinter einer Kirche. Er steht auf einem hohen Sockel, an eine abgebrochene S\u00e4ule gelehnt, in zeitgen\u00f6ssischer Tracht. Wenn ich das richtig erkenne, tr\u00e4gt er Stiefel, eine bestickte, geschlossene Weste und dar\u00fcber einen offenen Rock, auf dem Kopf eine Per\u00fccke. Ein Buch ist nirgendwo zu sehen. Wohin der ausgestreckte Finger der vor der Brust gehaltenen Hand zeigt, l\u00e4sst sich nicht feststellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Kindergarten vorbei, an dessen Fassade eine Reihe \u00fcberdimensionaler Farbstifte angebracht ist, einer neben dem anderen, unterschiedlich lang. Ein sehr sch\u00f6nes Photomotiv. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kohlmarkt mache ich ein Photo von dem sch\u00f6nen Brunnen. Hier stand urspr\u00fcnglich ein Trinkbrunnen. Nachdem der nicht mehr ben\u00f6tigt wurde, beschloss man, an gleicher Stelle einen Zierbrunnen zu errichten. Der Brunnen hat drei Schalen. Die mittlere Schale wird durch acht Pfeiler begrenzt, und auf jedem Pfeiler befindet sich ein Triton, der, zur\u00fcckgelehnt, aus einem Horn heraus Wasser in die obere Schale bl\u00e4st. Klasse gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>15. Juni (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Da er heute den Vormittag frei hat, kann ich mich mit Marc treffen, der seit vielen Jahren hier in Braunschweig an einer Schule ist. Als ich aus dem Hotel komme, wartet er schon drau\u00dfen und hat gleich eine L\u00f6sung f\u00fcr ein Problem, das sich ergeben hat, weil man seinen Koffer im Hotel am Abreisetag nicht deponieren kann. Er schl\u00e4gt vor, ihn in seinem Auto zu parken. Das steht auf dem Schulhof, mitten in der Altstadt. In ein paar Minuten sind wir da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, vor allem, als er auf ein altes Fachwerkhaus zeigt und mir erkl\u00e4rt, da oben sei sein B\u00fcro. Es ist ein ehemaliges Stiftsherrenhaus nmittelbar von der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone aus einzusehen. Die Schule liegt etwas weiter zur\u00fcck. Es ist ein als M\u00e4dchenschule im 19. Jahrhundert gegr\u00fcndetes Gymnasium. An der Seite eine gro\u00dfe Baustelle. Dort entsteht ein Erweiterungsbau und ein Wohnhauskomplex \u2013 mitten in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schule liegt, wie Marc mit einem L\u00e4cheln sagt, zwischen Moschee und Rotlichtviertel. Das Schild zur Moschee habe ich gestern schon gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Vormittags begegnen wir immer wieder Leuten, die ihn gr\u00fc\u00dfen: Sch\u00fcler, Kollegen, Nachbarn.<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00fchrt mich in ein Caf\u00e9, in das ich allein nie gegangen w\u00e4re. Aber es ist gut. Wir bekommen ein opulentes Fr\u00fchst\u00fcck und k\u00f6nnen uns ausgiebig unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc wohnt gar nicht in Braunschweig, er wohnt in Wolfenb\u00fcttel. Warum? Wegen der Immobilienpreise. Die seien in Braunschweig auch nicht g\u00fcnstiger als in Trier.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Frau hat auch Anglistik studiert, auch in Trier. Aber kennengelernt haben sie sich nicht in der Anglistik, sondern beim Latinum. Sie kommt aus Berlin, er aus dem Saarland, und jetzt sind sie in Niedersachsen gelandet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beruf macht ihm Spa\u00df. Dass er ein engagierter Lehrer ist, das sp\u00fcrt man f\u00f6rmlich, aber er sagt, er m\u00fcsse lernen, sich manchmal etwas zur\u00fcckzunehmen, um sich nicht zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist jetzt neun Jahre an der Schule. Die jetzigen Abiturienten sind die ersten, die er schon kennt, seitdem sie in die Schule gekommen sind, von Sexta bis Oberprima. F\u00fchlt sich merkw\u00fcrdig an.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute Nachmittag findet ein Fu\u00dfballspiel Sch\u00fcler gegen Lehrer statt. Da ist er auch dabei. Mittelfeld. Er bietet auch einen Wahlpflichtkurs mit dem Thema <em>Fu\u00dfballkultur<\/em> an.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Eintracht kennt er sich auch aus. Ganz schlimm sei das Verh\u00e4ltnis der Braunschweiger zu Hannover 96. Das sei nicht nur Konkurrenz, sondern geradezu Hass.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Meisterschaft von 1967 wei\u00df er nat\u00fcrlich auch. Die wirkt bis heute nach: In jedem Spiel intonieren die Anh\u00e4nger in der 67. Minute die Hymne der Eintracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr in Oxford w\u00e4hrend des Studiums, sagt er, das sei das Beste gewesen, was er je gemacht hat. Er ist heute noch den Dozenten an unserer Uni dankbar, die die Studenten immer wieder gedr\u00e4ngt h\u00e4tten, ins Ausland zu gehen. Durch das Stipendium hatte er im College in Oxford freies Wohnen, mitten in der Stadt, und die Mahlzeiten waren auch mit drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seminare waren klein, meist um die 12 Studenten, und alle Mitstudenten seien Engl\u00e4nder gewesen, mit der Ausnahme eines D\u00e4nen. Mit dem hat er heute noch Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe da auch die Erfahrung gemacht, mit negativen Erlebnissen umzugehen. Ein Dozent habe ihm eine Hausarbeit zur\u00fcckgegeben mit dem lakonischen, aber nicht unfreundlich gemachten Kommentar: \u201eWar nichts. Machen Sie es nochmal.\u201c Beim zweiten Anlauf war es dann eine gute Arbeit. Man solle sich nicht gleich verr\u00fcckt machen, wenn mal was nicht klappt. Da bin ich voll einverstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fchrt er mich ins Magniviertel. Wir kommen am Schloss vorbei \u2013 das sei nur Fassade, sagt er, dahinter sei ein Einkaufszentrum \u2013 und dann zu einem auff\u00e4lligen, v\u00f6llig aus der Art schlagenden, bunten Haus, das auf den ersten Blick ein wenig an Hundertwasser erinnert. Das ist das Rizzi. Benannt nach dem amerikanischen K\u00fcnstler, der es entworfen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Fassade an den verschiedenen Seiten des Hauses sieht man alle m\u00f6glichen stilisierten Figuren, die man erst auf den zweiten Blick erkennt: Gesichter, Herzen, Treppen, V\u00f6gel. Die Fenster, jedes in einer anderen Form, keins gerade, weichen auch von allem ab, was man kennt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Eingang steht das Firmenlogo <em>New Yorker<\/em>. Das Haus ist n\u00e4mlich inzwischen Sitz dieser Firma. Und der Besitzer der Firma ist \u2013 Braunschweiger!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Magni-Viertel ist ein Ausgehviertel, sieht alles etwas alternativ aus. Marc zeigt mir ein Lokal mit gr\u00fcner Fassade, das ausgerechnet <em>Friedrich II<\/em> hei\u00dft, benannt nach dem gro\u00dfen Gegenspieler Heirichs des L\u00f6wen. In der N\u00e4he das <em>Anders<\/em>. Nach eigener Aussage eine \u201eurige Speisekneipe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Kirche St. Magni stammt eine Gr\u00fcndungsurkunde, in der der Name <em>Braunschweig<\/em> zum ersten Mal auftaucht: <em>Brunesguik<\/em>&nbsp;(im Englischen heute noch <em>Brunswick<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche wurde im Krieg stark zerst\u00f6rt, dann mit modernen Mitteln wiederaufgebaut, ist eine Art Ged\u00e4chtniskirche, die Vergangenheit und Moderne vereint. Innen f\u00e4llt ein einfaches Kruzifix aus Eisen auf. Es wird umschw\u00e4rmt von lauter Engeln, die sich mit ihren Fl\u00fcgeln ber\u00fchren und einen Kreis bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gegenst\u00fcck dazu, aus der alten Kirche, die St\u00fctzen zwischen Mittelschiff und Seitenschiff. Zwischen vier Pfeilern mit Vorlagen steht eine S\u00e4ule. Das wollte ich unbedingt sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wollte ich den trompetenden Engel an der Fassade sehen, aber den finden wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen dann noch durch den Schlosspark und sehen uns das aus Anlass der Tausendjahrfeier im 19. Jahrhundert erbaute Theater ab, im Stile der Renaissance. Hier wurde <em>Emilia Galotti<\/em> uraufgef\u00fchrt und auch \u2013 man h\u00f6re und staune \u2013 Goethes <em>Faust<\/em>. Das galt bis dahin als unauff\u00fchrbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc verweist auf den fast die ganz Breite des Geb\u00e4udes einnehmenden Balkon. Dort k\u00f6nne man in der Pause Sekt trinken und auf das Volk hinabblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater kommt den Sch\u00fclern beim Eintrittspreis entgegen: Sie zahlen nur 2 Euro!<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit zum Aufbruch. Marc muss seine Tochter vom Kindergarten abholen. Er bietet an, mich zum Bahnhof zu bringen. Als wir unterwegs sind, sagt er, er habe noch eine bessere Idee, er k\u00f6nne mich auch direkt nach Cremlingen bringen. Ich akzeptiere. Das erweist sich als unklug.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Cremlingen ist kein Stadtbild zu erkennen. Marc l\u00e4sst mich an einem Kreisverkehr an einer Landstra\u00dfe raus. Hier gibt es alle m\u00f6glichen Gesch\u00e4fte und auch eine B\u00e4ckerei. Passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschied dr\u00fcckt er mir noch ein Buch in die Hand, ein Buch mit originellen Memes. Auf Englisch nat\u00fcrlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der B\u00e4ckerei bin ich gut aufgehoben. Sie ist gro\u00df genug, damit man sich in eine Ecke verkriechen kann und nicht auff\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst beim zweiten Kaffee f\u00e4llt mir auf, dass an einer Trennwand <em>Cadera<\/em> steht. Und dann merke ich erst, dass es der Name der B\u00e4ckerei ist. <em>Cadera<\/em>? Spanisch? \u201eH\u00fcfte?\u201c Im Internet ist tats\u00e4chlich etwas \u00fcber die B\u00e4ckerei zu finden, aber nicht, warum sie so hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Zeit zum Lesen \u2013 reichlich. Da ist mal wieder der Raabe dran. Immer wieder geht es in \u201eDie Schwarze Galeere\u201c um das Schiff Andrea Doria. Komischerweise wird von dem Schiff immer im Maskulinum gesprochen: \u201eKam nachzuschauen, wie es aussah auf dem Andrea Doria\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erreichen mich gute Nachrichten per Telefon: Die anderen sind kurz vor dem Ziel. Das Ziel ist das Haus, das wir zusammen f\u00fcr diese Woche in Cremlingen gemietet haben. Allerdings im Stadtteil Schandelah.<\/p>\n\n\n\n<p>Abholen k\u00f6nnen sie mich nicht, da das Auto rappelvoll ist und sie au\u00dferdem alle drei R\u00e4der draufgesattelt haben. Also mache ich mich auf den Weg zur n\u00e4chsten Bushaltestelle. Eine freundliche Frau hat mir unterwegs gezeigt, wie ich sie finden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Bushaltestelle ist alles etwas undurchsichtig. Schlie\u00dflich frage ich eine der beiden mit ihrem Handy besch\u00e4ftigten Frauen, wie ich denn nach Schandelah komme. Am besten erst zur\u00fcck nach Braunschweig, und dann mit dem Zug nach Schandelah. Gut, dass Schandelah einen Bahnhof hat! Der wird mir in den n\u00e4chsten Tagen noch gute Dienste leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind nur zwei Stationen von Braunschweig nach Schandelah, und ich brauche mir keine Gedanken machen, wie ich zu dem Apartment komme. Hermano will mich abholen. Das Auto ist inzwischen leer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ankomme, wartet er schon auf mich. Sieht noch ganz frisch aus, trotz der langen Fahrt, mit Staus auf dem ersten Streckenabschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Apartment alles in Ordnung, nur haben sie erst etwas ratlos vor dem Eingang gestanden. Man kommt mit einem Code rein, aber wo ist der Apparat, in den man den Code eingibt? Ist vor dem schwarzen Hintergrund kaum zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4dels sind schon kr\u00e4ftig mit dem Einr\u00e4umen besch\u00e4ftigt. Wir haben zwar vereinbart, den gro\u00dfen Einkauf hier gemeinsam zu machen, aber sie haben an alles gedacht, was in der K\u00fcche eventuell fehlen k\u00f6nnte. Das wird uns in den n\u00e4chsten Tagen noch gute Dienste leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Apartment ist in Wirklichkeit ein Haus, mit zwei Etagen, zwei B\u00e4dern, einer gro\u00dfen Terrasse und einer voll funktionst\u00fcchtigen K\u00fcche. Da ist alles vorr\u00e4tig. Erst in den n\u00e4chsten Tagen merken wir, dass es erstaunlich wenig Besteck und erstaunlich wenige kleine Teller gibt angesichts der vielen G\u00e4ste, die hier unterkommen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren zu einem Supermarkt und machen dort den Einkauf. Die Abrechnung f\u00fcr den Einkauf und alle weiteren Ausgaben wird mit einer von Cu\u00f1ada gefundenen und installierten App gemacht, die einfach alles kann. Und von der Hermana entsprechend begeistert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Rausgehen sehe ich einen kleinen Jungen, der an einem Imbissstand hochspringt, um dort die Luftballons mit den H\u00e4nden zu erreichen. Auf seinem T-Shirt steht <em>Ich bin 1. Klasse!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen haben inzwischen von einem netten Mann einen Tipp bekommen, wohin wir heute Abend essen gehen k\u00f6nnen: <em>Zum<\/em> <em>Lindenhof<\/em> in Veiltheim.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg dorthin sehen wir einen Wegweiser nach <em>K\u00f6nigslutter<\/em>. Das h\u00e4tte ich nie im Leben hier verortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Lindenhof<\/em> macht einen guten Eindruck, drau\u00dfen wie drinnen, sieht aus wie ein typisches Landgasthaus. Es gibt nur ein Problem: alles voll.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollten wir <em>Mutter Habenicht<\/em> probieren? Auch da f\u00e4hrt Hermano uns hin, obwohl er heute schon ein paar Kilometer hinter sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir nach Braunschweig reinkommen, erkenne ich nichts wieder, auch die zweit\u00fcrmige Kirche nicht, auf die wir zufahren. Wir versuchen, hier einen Parkplatz zu finden, aber das ist gar nicht so einfach. Eine gro\u00dfe Baustelle, mitten in der Stadt, dient uns am Ende als Orientierung. Das muss der <em>Hagenmarkt<\/em> sein. Vom dem hat Marc heute Morgen erz\u00e4hlt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mutter Habenicht<\/em> ist eine richtig urige Kneipe. Das Essen sieht verlockend aus, und es gibt alle m\u00f6glichen kleinen Einrichtungsgegenst\u00e4nde als Dekoration, darunter einen Sparkasten, wie wir ihn noch aus unserer Kindheit kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch hier sind alle Pl\u00e4tze besetzt. Aber wir haben Gl\u00fcck. Ein Mann, der allein an einem Tisch sitzt und sein Bier trinkt, \u00fcberl\u00e4sst uns den Tisch und setzt sich an die Theke. Hermano l\u00e4dt ihn zu einem Bier ein, aber er winkt ab. Er habe schon genug gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Wand h\u00e4ngen zwei Mannschaftsphotos von den Spielern der Eintracht mit Autogrammen, eins aus dem Meisterjahr 1967, eins aus dem Aufstiegsjahr 2013.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rede kommt auf G\u00fcnter Mast, dem Vater der Trikotwerbung, ein fr\u00fcher Vorl\u00e4ufer des heutigen Fu\u00dfballs, in dem es in erster Linie ums Gesch\u00e4ft geht. Mast, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von <em>J\u00e4germeister<\/em>, wollte die erste Mannschaft der Eintracht mit Werbung auflaufen lassen. Als der DFB das ablehnte, trickste Mast den Verband aus und ersetzte den Braunschweiger L\u00f6wen durch den Hirsch von J\u00e4germeister im Vereinswappen der Eintracht. Von da an lief die Mannschaft mit Schleichwerbung auf dem Trikot auf. Mit Hirsch, nur ohne Namenszug des Unternehmens. Die Eintracht verriet ihre eigene Tradition f\u00fcr das schn\u00f6de Mammon. Zum Gl\u00fcck hat es inzwischen der L\u00f6we wieder ins Wappen der Eintracht gebracht. Der aktuelle Sponsor ist die BRAWO-GROUP.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gang zu <em>Mutter Habenich<\/em> hat sich auf jeden Fall gelohnt: Nette Atmosph\u00e4re, freundliche Bedienung und hervorragendes Essen: Schnitzel, Rippchen, Haxe. Wir sind alle gleicherma\u00dfen begeistert. Und es bleibt sogar noch was \u00fcbrig f\u00fcr morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Woher kommt eigentlich dieser merkw\u00fcrdige Name, <em>Mutter<\/em> <em>Habenich<\/em>? Die Erkl\u00e4rung ist denkbar einfach: Die Kneipe war jahrelang im Besitz der Familie Habenich.<\/p>\n\n\n\n<p>16. Juni (Dienstag)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wassergeusen<\/em>, von dem franz\u00f6sischen Wort <em>gueux<\/em>, \u201eStrolch\u201c, abgeleitet, war der Spottname der Spanier f\u00fcr die protestantischen Niederl\u00e4nder. Den \u00fcbernahmen diese dann selbst als Ehrenname. So steht es in \u201eDie Schwarze Galeere\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Haus hei\u00dft <em>Magellan<\/em>. Kommt uns bekannt vor. Seefahrer. War Portugiese, aber in spanischen Diensten. Nach ihm ist die <em>Magellanstra\u00dfe<\/em> benannt. Und er hat dem Pazifik seinen Namen gegeben. Hermano spricht von einer Meuterei, die bei dieser abenteuerlichen Fahrt ausbrach. Ja, jetzt erinnere ich mich vage. Es war tats\u00e4chlich die erste Weltumseglung, und die ist nach ihm benannt. Er selbst schaffte es aber gar nicht bis ans Ziel. Er wurde bei einem Gefecht mit Einheimischen get\u00f6tet. Nur 1 von 5 Schiffen, nur 20 von 250 Seeleuten kamen in den spanischen Heimathafen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck gibt es unterschiedliche Pr\u00e4ferenzen bei der Dauer der Zubereitung des Fr\u00fchst\u00fcckseis. Statt auf Hermano und Cu\u00f1ada zu h\u00f6ren, will ich eine Ausnahme f\u00fcr mich haben. Soll sich als Fehler erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben dieser Tage gefragt, was wohl das Autokennzeichen von Wolfsburg ist. WO kommt und falsch vor, WB auch. Cu\u00f1ada findet die L\u00f6sung: WOB. An der L\u00e4nge des Kennzeichens, behauptet Cu\u00f1ada, k\u00f6nne man die Gr\u00f6\u00dfe der Stadt ablesen. Ich melde meine Zweifel an. Aber das Internet gibt ihr recht. Aber: Ist Wolfsburg wirklich so klein? Kleiner als Koblenz oder Trier?<\/p>\n\n\n\n<p>Heute findet die erste Fahrradtour statt. Die drei machen sich auf den Weg nach Braunschweig. Ich nehme den Zug, wir treffen uns am Dom.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind schneller da als ich und sind ganz zufrieden. Sei gar nicht anstrengend gewesen. Nur die Strecke, flach, sei nicht so toll gewesen. Immer an der B1 entlang. Die B1 wird uns in den n\u00e4chsten Tagen noch ein treuer Begleiter sein. Sie scheint immer da aufzutauchen, wo es einen Radweg gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mithilfe von Hermanas Reisef\u00fchrer und einem Faltblatt aus dem Dom gelingt es uns, eine ganze Reihe von Dingen zu sehen, die ich gestern \u00fcbersehen habe: das Radfenster ganz oben im Westen, eine Sonnenuhr, die sich \u00fcber einem einfachen, sehr sch\u00f6nen romanischen Portal im Norden befindet und eine weitere, 200 Jahre j\u00fcngere Sonnenuhr, die sich am Turm gleich daneben befindet, eine Tafelsonnenuhr. Man kann den Unterschied gut erkennen. Die kleine Sonnenuhr hat nur den typischen Halbkreis der alten Fabrikate, sie ist farblos und in den Stein geritzt. Die gro\u00dfe Sonnenuhr ist farbig, tr\u00e4gt die Initialen des Herstellers, das Datum der Herstellung (1716) und eine aufgemalte Sonne mit einem Pol, von dem aus der Schatten auf das Ziffernfeld der Uhr geworfen wird. An dieser Uhr kann man auch die Jahreszeiten und die Tierkreiszeichen ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen einmal um den Dom herum und sehen die Kanonenkugel, die in der Wand im Osten steckengeblieben ist. Cu\u00f1ada entdeckt auch noch die Jahresangabe darunter: 1615.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich f\u00e4llt wieder besonders der Siebenarmige Leuchter auf, schon durch seine Gr\u00f6\u00dfe, aber auch durch seine Position \u00fcber und hinter dem Altar. Hermana ist beeindruckt, genauso wie von dem Imeward-Kreuz und seiner Vorrichtung zur Aufbewahrung der Reliquien.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf etwas, was ich gestern v\u00f6llig \u00fcbersehen habe: die Kanzel. Es ist eine moderne, niedrige, runde Kanzel, aus Bronze. Sofort fallen die St\u00e4be auf, die die Kanzel einrahmen und aus der Basis der Kanzel herauswachsen. Aus einem dieser St\u00e4be guckt ein weiterer, anders aussehender Stab heraus. Und was soll das? Mithilfe von Hermanas F\u00fchrer und der Konsultation der entsprechenden Bibelstelle finden wir es heraus: Die St\u00e4be, es sind 12, stehen f\u00fcr die 12 St\u00e4mme Israels. Die Basis der Kanzel stellt einen Felsen dar, und das ist der Felsen, aus dem Moses Wasser schlug. Deshalb sieht man unten an der Kanzel eine Welle. Der Stab, der aus einem der St\u00e4be herausguckt, ist aus Holz und nicht aus Bronze. Man kann ihn herausnehmen. Es ist ein Wanderstab. Das alles erinnert an die Szene im Alten Testament, wo die Israeliten heillos zerstritten sind und ihrem Anf\u00fchrer Moses nicht mehr folgen wollen. Daraufhin bekommt Moses von Gott die Anweisung, zw\u00f6lf knospernde St\u00e4be \u00fcber Nacht ins Zelt mit der Bundeslade zu legen. Am n\u00e4chsten Morgen ist einer der St\u00e4be ergr\u00fcnt. Er weist auf Aaron. Der soll der neue Anf\u00fchrer der Israeliten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch ein bisschen in der Kirche um. Ich gehe in die Krypta runter. Dort stehen, direkt unter dem Grabdenkmal, zwei einfache Sarkophage. Darin sollen Heinrich und Matilda begraben sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krypta ist riesengro\u00df und die Ruhest\u00e4tte weiterer Welfenf\u00fcrsten, aber aus neuerer Zeit. Sie sind durch ein Gitter abgesperrt. An einem, der unmittelbar hinter dem Gitter steht, lese ich, in der Orthographie des 17. Jahrhunderts, in einer Inschrift: \u201eIch weis, das \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende entdecke ich noch, ganz hinten im Dunkeln des Chors, die angestrahlten Figuren der beiden Patrone des Doms, Johannes und Blasius, mit ihren jeweiligen Attributen, Fellgewand und Buch bzw. Mitra, Bischofsstab und Horn. Keine Ahnung, was das Horn soll. Bei Johannes guckt zwischen seinen Beinen ein Tier mit dem Kopf hervor, und auf dem Buch ist ein weiteres Tier zu sehen. Wie immer bei solchen Darstellungen stellt sich mir die Frage, ob es sich bei Johannes dem T\u00e4ufer, Johannes dem Evangelisten und Johannes dem Apostel um eine, zwei oder drei Personen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen weiter und kommen auf dem Weg zum Neustadtrathaus (das wirklich viel neuer ist als das Altstadtrathaus) an einer S\u00e4ule vorbei, an der ich gestern schon mit Marc vorbeigekommen bin, einer monumentalen, riesigen Bronzes\u00e4ule. Marc kannte sie nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4ule stellt die Entwicklung des Christentums in den letzten 2000 Jahren dar, von der Geburt Jesu bis zum Angriff auf das World Trade Center (wobei wir uns fragen, was das hier zu suchen hat, aber man kann es mit blo\u00dfem Auge gut erkennen). Gekr\u00f6nt wird die S\u00e4ule durch die Symbole der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, eingefasst von einem Ring, als Anspielung auf Lessings Ringparabel. Die verschiedenen Etappen werden in Reliefb\u00e4ndern mit Dutzenden von Szenen und Hunderten von Figuren dargestellt. Klugerweise hat man zu zwei Seiten der S\u00e4ule Fernrohre aufgestellt, so dass man auch die Szenen ganz oben erkennen kann. Wir nehmen uns Zeit und entdecken immer mehr: Kreuzigung Petri, Anbetung der K\u00f6nige, Ketzerverfolgung, Jesus im Tempel, Edikt von Mailand, Karl der Gro\u00dfe, Trinit\u00e4t, Giordano Bruno, Luther. Unten sieht man wunderbare, expressive Darstellungen der Kreuzigung mit den Sch\u00e4chern und den Skeletten der Toten, die sich aus dem Totenreich erheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4ule steht auf dem <em>Ruhf\u00e4utchenplatz<\/em>. Das bedeutet \u201eRauhf\u00fc\u00dfchen\u201c und bezeichnet die Hofdiener, die ihre edlen Str\u00fcmpfe mit Gamaschen sch\u00fctzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Schloss kommen wir an einem Schild vorbei, auf dem \u201eAlkoholfreie Zone\u201c steht. Hier ist der Konsum von Alkohol zu bestimmten Zeiten verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermano entdeckt das Einkaufszentrum hinter der Fassade des Schlosses. Wenn man genau hinsieht, kann man die Schriftz\u00fcge der verschiedenen Gesch\u00e4fte erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Quadriga oben auf dem Dach des Schlosses, hat Hermana herausgefunden, stellt Brunonia dar, vermutlich die Anf\u00fchrerin des legend\u00e4ren Stammes der Brunonen. Die Quadriga ist gr\u00f6\u00dfer als die von Berlin. Brunonia h\u00e4lt eine Standarte in der Hand, in der ein goldenes W erscheint, mit dem vermutlich der Kaiser gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rizzi-Haus vorbei kommen wir ins Magni-Viertel. Diesmal entdecke ich den Rufer mit der Posaune. Er symbolisiert den apokalyptischen Engel, der auf der Trompete zum J\u00fcngsten Gericht bl\u00e4st. Bezogen wurde das mahnende Rufen des Engels auf den Zweiten Weltkrieg und die Zerst\u00f6rung Braunschweigs.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder in der Altstadt, machen wir uns auf die Suche nach einer Briefmarke, heutzutage keine leichte Aufgabe. Ein freundlicher Passant gibt uns aber Auskunft, und wir bekommen eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns im Weichbild <em>Sack<\/em>. Dabei kommen wir an einem dem Historismus verpflichteten Geb\u00e4ude vorbei, in dessen Erdgeschoss urspr\u00fcnglich ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Spitzenstoffe untergebracht war. An der Fassade <em>Spitzenhaus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Eingang einer modernen Galerie sitzt auf einem aus dem Geb\u00e4ude hervortretenden Brett \u201eClaudia\u201c, eine von mehreren Figuren in der Altstadt, die Alltagsmenschen darstellen. War mir gestern schon aufgefallen. Die Frau hat kr\u00e4ftige Arme und Beine, tr\u00e4gt ein hellblaues Kleid und hellblaue kurze Stiefel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an dem Katzenbrunnen vorbei. Jetzt sehe ich, dass am Sockel eine Erkl\u00e4rung steht, der zufolge das mit den Katzen kein etymologisches Missverst\u00e4ndnis ist und <em>Kattreppeln<\/em> sich wirklich auf Katzen bezieht. Die Entwicklung des Wortes wird in mehreren Schritten aufgezeigt, von 1500 bis 1700. <em>Kattrepppeln<\/em> hei\u00dft demnach \u201eKatzenbalgen\u201c. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Kohlmarkt machen wir Pause in einem Eiscaf\u00e9, mit Milchsake, Eisbecher und Eiskaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen uns noch den Altstadtmarkt an, mit Marienbrunnen und Gewandhaus, und kommen auch noch an meinem Hotel unseligen Angedenkens vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es auf getrennten Wegen nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abendessen gibt es Salat, Tapas, Fleischreste von <em>Mutter<\/em> <em>Habenicht<\/em>, K\u00e4se, Brot und Avocado und Tomaten. Kann man sich gefallen lassen.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>17. Juni (Mittwoch)<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge genuesische Leutnant Leone della Rot, so hei\u00dft es in \u201eDie Schwarze Galeere\u201c, hat es auf die h\u00fcbsche Myga van Bergen abgesehen. Obwohl die Niederl\u00e4nderin und Protestantin ist. Aber das ist ihm egal. Er zieht reizende Ketzerinnen den h\u00e4sslichen Anh\u00e4ngerinnen der allein selig machenden Kirche vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck: selbstgemachte Marmelade, selbstgez\u00fcchtete Kohlrabi und Gurken. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten werden unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen erkennbar: K\u00e4se, Avocado, Kohlrabi, Kiwi, Erdbeermarmelade, Schokoladenstreusel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt die Rede auch auf KI. Hermano pl\u00e4diert f\u00fcr Gelassenheit. Es habe immer Ver\u00e4nderungen, Modernisierungen gegeben, die zun\u00e4chst Unsicherheit, \u00c4ngste und eine Weltuntergangsstimmung heraufbeschworen h\u00e4tten. Das stimmt nat\u00fcrlich. Vielleicht ist das f\u00fcr die \u00fcbern\u00e4chste Generation ein normaler Teil ihres Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht\u2019s nach Wolfenb\u00fcttel. Diesmal ist die Ankunft perfekt synchronisiert. Radfahrer und Zugfahrer kommen zur gleichen Zeit an. Ihr Standort ist der <em>Kleine Zimmerhof<\/em>, meiner der <em>Gro\u00dfe<\/em> <em>Zimmerhof<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu ihnen komme ich an <em>un fass bar <\/em>vorbei, einer Kneipe, und am Stammhaus von Mast. \u00dcber dem breiten Eingangstor eine Traube mit Weinbeeren. Die Firma Mast produzierte urspr\u00fcnglich Essig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Spa\u00df und Tollerei sehe ich sp\u00e4ter, am Abend, mal nach den gr\u00f6\u00dften Weintraubenproduzenten auf der Welt. An 1. Stelle steht China, mit ordentlichem Abstand gefolgt von Italien. Deutschland ist an 16. Stelle, einen Platz hinter Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Str\u00e4\u00dfchen, wo wir uns treffen, gibt es Thai-Massage in einem alten Fachwerkhaus. Gleich daneben das Schmale Haus, das seinen Namen wirklich verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es losgeht, bekommen die Radfahrer ihre wohlverdiente Pause. Wir setzen uns in ein Eiscaf\u00e9. Der Platz, auf dem wir sitzen, gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was wir sp\u00e4ter sehen. Wolfenb\u00fcttel ist ein echtes Schatzk\u00e4stchen. Im Krieg ist es v\u00f6llig unzerst\u00f6rt geblieben. Wir fragen uns, warum das in Braunschweig, so nahe gelegen, so anders ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir blicken auf Fachwerkh\u00e4user unterschiedlichster Art, breite und schmale, verputzte und unverputzte, in Gelb und Braun und Rosa, mit unterschiedlichen Streben. An manchen H\u00e4usern sind sie funktional, an anderen bilden sie Muster und sehen wie Verzierung aus. Eins ist an einer Ecke, schr\u00e4g zum Platz stehend, geradezu eingezw\u00e4ngt zwischen zwei anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Radfahrer, erfahre ich, sind sehr zufrieden mit der Hinfahrt. Temperaturen angenehm, sehr r\u00fccksichtsvolle Autofahrer, und auch die Strecke sei besser gewesen als gestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht so gut wie bei unserer Radtour durch Luxemburg, sagt Hermano. Luxemburg? Ich kann mich an keine Radtour durch Luxemburg erinnern. Hermano z\u00e4hlt etliche Situationen auf, besondere Strecken, \u00dcbernachtungen. Nichts. Ich kann mich an nichts erinnern. Als ob es diese Radtour nie gegeben h\u00e4tte. Er erw\u00e4hnt dann noch, wie wir auf dem Kirchberg gewesen sind. Und auf einmal blitzt etwas in mir auf. Ich sehe die Situation photographisch vor mir, wir beiden etwas entfernt voneinander stehend, irgendetwas betrachtend, auf dem breiten B\u00fcrgersteig zwischen der Avenue und den hypermodernen Geb\u00e4uden. Und jetzt, wie mit Puzzlest\u00fccken, setzt sich, ganz langsam, ein Bild von der ganzen Tour zusammen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns auf den Weg zum Schloss. Am Rande einer schmalen Stra\u00dfe steht ein Wolf \u2013 in Bronze. Ist als Anspielung auf den Ortsnamen zu verstehen. Etymologisch hat der Name zwar nichts mit Wolf zu tun, aber egal. Es macht sich gut hier. Das Grundwort <em>B\u00fcttel<\/em> bedeutet \u201eAnwesen\u201c, \u201eWohnsitz\u201c, und ist verwandt mit <em>bauen<\/em>. Der erste Bestandteil ist ein Eigenname und bezieht sich auf den <em>Wolfer<\/em>. Der hatte hier seinen Wohnsitz.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die<\/em> Sehensw\u00fcrdigkeit Wolfenb\u00fcttels ist die Bibliothek, von Herzog August, einem B\u00fcchernarren, gegr\u00fcndet. Leibniz und Lessing waren Bibliothekare hier. Die Bibliothek umfasst 695.000 Drucke, 12.000 Handschriften (darunter das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen), 3.000 Inkunabeln und eine Bibelsammlung mit 3.000 Exemplaren. Braucht man sich nicht gleich alle anzusehen, aber ein paar davon w\u00e4re schon sch\u00f6n. Wird nichts raus: Bibliothek geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>So machen wir uns auf den Weg zum Schloss. Man sieht schon von Weitem, dass Wolfenb\u00fcttel mal was dargestellt haben muss: ein barocker Bau, dreigeschossig, in Rot gefasst, mit hohen Sprossenfenstern, einem gro\u00dfen Vorplatz, einem m\u00e4chtigen wei\u00dfen Turm, der sich aus dem Innenhof erhebt, und einem vorgelagerten Portal mit Putten und Allegorien, bekr\u00f6nt von dem Wappen des Herzogs.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf das Schloss zugehen, kommen uns junge Leute entgegen. Was machen die hier? Die Antwort: Das Schloss ist heute Gymnasium!<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, im Schloss, hat Lessing gewohnt, nachdem der Hofstaat der Herzog ausgezogen und die Residenz wieder nach Braunschweig verlegt worden war. Lessing lebte hier \u2013 unvorstellbar \u2013 ganz allein mit einem Diener. Und f\u00fchlte sich auch entsprechend unwohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die hohen Arkaden des Portals geht es in den Innenhof. Der hat was, ist schiefwinklig (wahrscheinlich als Resultat von Umbauma\u00dfnahmen), mit Arkaden auf zwei Seiten. Auf ein besonderes Detail macht uns Hermana aufmerksam: Nicht alle Fenster sind wirklich Fenster, sondern Attrappen, bemaltes Holz. Vermutlich war dem Herzog das Geld ausgegangen. Wir suchen die Fensterreihen ab und finden eine ganze Reihe von Beispielen. Bei einigen sieht man auf den ersten Blick, dass sie \u201eunecht\u201c sind, aber bei den meisten muss man ganz genau hinsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen Richtung Bibliothek, denn das ist auch das Lessinghaus. Davor die moderne Statue eines Mannes, ohne Sockel, einfach so im Park stehend. Wer kann das blo\u00df sein? Ein Schild gibt Auskunft: Es ist Nathan der Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso r\u00e4tselhaft, aber viel \u00e4lter, ist ein Felsblock, der unweit der Bibliothek steht. Er hat eiserne Haken, auf verschiedenen Seiten und auf verschiedenen H\u00f6hen des Felsblocks angebracht. Auch hier gibt ein Schild Auskunft: Es ist eine Sonnenuhr, errichtet in Erinnerung an Giordano Bruno. Den verbindet man mit Rom, aber er war auch, auf der Flucht vor der Inquisition, in Z\u00fcrich, in Toulouse, in Oxford, und vielen anderen Orten. In Helmstedt war er in der <em>Academia Julia<\/em> (die wir am n\u00e4chsten Tag noch sehen werden). Dort hielt er 1589 eine Trostrede auf den verstorbenen Herzog Julius. Mit ihm verlor er seinen wichtigsten F\u00fcrsprecher. Bruno entwickelte seine Kosmologie inspiriert durch das von Kopernikus entdecke heliozentrische Weltbild, das sich zu dieser Zeit unter Astronomen verbreitete. Das scheint die Verbindung zu der Sonnenuhr zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lessinghaus ist eine dreifl\u00fcgelige Anlage, zweigeschossig, sieht ein bisschen wie das Gartenh\u00e4uschen eines Schlosses aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr freundliche Begr\u00fc\u00dfung, und es gibt sogar Erm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr den Eintritt und sch\u00f6ne Eintrittskarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum hat eine Menge Informationen, meist auf Schautafeln, aber wenige authentische Objekte. Zu den wenigen geh\u00f6rt ein Wanderstab, den Lessing benutzte, um zum Vergn\u00fcgen nach Braunschweig zu gehen \u2013 immerhin 13 Kilometer. Gab es keine Kutschen? Oder diente das der Fitness?<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben gibt es ein Spielbrett. Auch das geh\u00f6rte Lessing. Man kann Schach und M\u00fchle erkennen, aber nicht, worum es sich bei dem dritten handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zielstrebig gehen wir dann zu Eva. Eva K\u00f6nig. Von der hat Cu\u00f1ada dieser Tage schon mehrmals gesprochen, weil ihr Schicksal sie bewegt. Eva war Lessings Frau. Aber ist schon nach einem Jahr Ehe verstorben. Die Vorgeschichte ist so: Lessing kannte sie und ihren Mann aus seiner Hamburger Zeit. Da war er f\u00fcnf Jahre lang als Dramaturg gewesen. Und er hatte sehr gute Erinnerungen daran. In Hamburg war was los, da gab es Unterhaltung. Nach Wolfenb\u00fcttel war er nur der Stelle wegen gekommen. Hier herrschte Langeweile. Daher auch der Wanderstab f\u00fcr die G\u00e4nge nach Braunschweig.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Lessing schon hier war, verstarb Evas Mann. Sie war Witwe, mit vier Kindern. Sie kam nach Wolfenb\u00fcttel. Sie heirateten, Eva wurde schwanger, bekam ein Kind. Das Kind starb bei der Geburt, Eva kurz darauf. Lessing k\u00fcmmerte sich um die Kinder. Und als er alt wurde, k\u00fcmmerte sich eins der Kinder um ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Schublade sieht man eine Geburtszange. Ich hatte so was noch nie gesehen, die anderen erkl\u00e4ren es mir. Mit der Geburtszange, aus Eisen und riesengro\u00df, wird das Kind aus dem Mutterleib herausgeholt, wenn es in der falschen Position ist. Das muss eine Tortur sein, f\u00fcr Mutter und f\u00fcr Kind. Auf diese Weise kam Evas Kind hier zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen ein Bild von Eva. Sie sieht dort \u00e4lter aus als wir dachten. Man kann nicht genau erkennen, ob sie eine Per\u00fccke tr\u00e4gt. \u00dcber dem Portr\u00e4t ein Schriftzug von ihr, mit der Anrede aus einem Brief: \u201eLieber Herr Le\u00dfing!\u201c Es gab noch keine genormte Orthografie, auch wenn es schon ernsthafte Bem\u00fchungen darum gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrem Tod arbeitet Lessing immer in ihrem Zimmer, eine feine Art, ihr Angedenken zu bewahren. Hier schrieb er die <em>Emilia Galotti<\/em> und den <em>Nathan<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit als Bibliothekar muss herausfordernd, aber auch interessant gewesen sein: Neuerwerbungen von B\u00fcchern, Ordnen, Instandsetzen, Tauschen. Einmal ging Lessing mit 340 B\u00fcchern auf die Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Beeindruckend auch die Vielzahl der Stationen auf seinem Lebensweg: Mei\u00dfen, Leipzig, Wittenberg, Hamburg, Berlin, Breslau, Wolfenb\u00fcttel.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde er in Kamenz in der Oberlausitz. Als Sch\u00fcler war er ein As, bew\u00e4ltigte alles mit Leichtigkeit. Zum Studium in Leipzig schrieb er sich, dem Wunsch der Eltern entsprechend, f\u00fcr Theologie ein, begann aber bald, zum Verdruss seiner Eltern, sich f\u00fcr Theater und Literatur zu interessieren. Sie konnten nicht ahnen, was aus ihm werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gehen wir, von Hermano, Stadtplan in der Hand, zielsicher gef\u00fchrt, durch die Altstadtgassen, wo ein Fachwerkhaus neben dem anderen steht. Kein Haus gleicht dem anderen, und dennoch ergibt sich ein eigenes Bild. H\u00e4user mit gro\u00dfen Portalen, geschnitzten Balken und repr\u00e4sentativen Fassaden wechseln sich ab mit einfacheren, kleineren H\u00e4usern, die aber ihren eigenen Charme haben, besonders, da viele von ihnen im Laufe der Jahre krumm und schief geworden sind. Immer wieder sieht man Inschriften, mit etwas banalen Weisheiten, die aber ihr Anliegen kurz und b\u00fcndig verk\u00fcnden. Die Quintessenz: Akzeptiere dein Schicksal, freue dich, wenn es gut l\u00e4uft, verzweifle nicht, wenn es schlecht l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen einen Schlenker und kommen noch zur Hauptkirche, der protestantischen Marienkirche. Man glaubt kaum, vor einer protestantischen Kirche zu stehen: zu \u00fcppig, zu viel Zierrat, zu gotisch, und das barocke Westportal passt schon gar nicht. Und dann kommen noch Heiligenfiguren dazu, Christina, Katharina, Dorothea, Margareta, eine f\u00fcr protestantische Kirchen ungew\u00f6hnliche Darstellungsgruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bin ziemlich sprachlos. Erst sp\u00e4ter finde ich die Erkl\u00e4rung. Die Kirche sollte einerseits eine Predigt- und Abendmahlkirche werden, zugleich aber den Wunsch nach f\u00fcrstlicher Repr\u00e4sentation erf\u00fcllen. Schon die Vorg\u00e4ngerkirche war f\u00fcrstliche Grablege gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Zeitpunkt des Baubeginns, 1609, gab es noch gar keine Vorbilder f\u00fcr eine (gro\u00dfe) protestantische Kirche. Vereinfacht gesagt: Man wusste nicht, wie man bauen sollte und verfiel dann auf diese L\u00f6sung, mit R\u00fcckgriff auf die Gotik, die l\u00e4ngst vergangen war, und Einbeziehung von Elementen der Renaissance und des Barocks. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seitenschiffe haben Strebepfeiler, Ma\u00dfwerkfenster und ornamentierte Zwerghausgiebel. Auf Postamenten stehen gro\u00dfplastische Figuren der Apostel und Evangelisten. Am Turm und am Langhaus Quader, die ein ganzes ikonographisches Programm enthalten. Leider gelingt es mir, trotz mehrerer Versuche, nicht, die vielen Motive zu identifizieren, die der Reisef\u00fchrer nennt: Kranich, Hase, Drachen, Walfisch mit Jonas, Phoenix in den Flammen, Pelikan. Alle sind Sinnbilder f\u00fcr konkrete Glaubenss\u00e4tze oder biblische Ereignisse. Ich finde nur die Putten mit Totensch\u00e4del und umgest\u00fcrzter Fackel.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen eine gro\u00dfe Halle mit hohen achteckigen Pfeilern. Die Ausstattung so \u00fcppig, dass man kaum wei\u00df, wo man hingucken soll: geschnitzter Hochaltar mit Darstellung des Passionsgeschehens, Kanzel mit Darstellung der Geschichte von Moses, Taufbecken mit schmiedeeisernem Gitter, Orgel mit vergoldetem Orgelprospekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Chor die Grablege der Herz\u00f6ge. Die Kirche wurde so schnell gebaut, dass der pl\u00f6tzlich verstorbene Heinrich Julius schon hier begraben werden konnte. Ihm folgten die weiteren Herz\u00f6ge sowie ihre Angeh\u00f6rigen. Insgesamt enth\u00e4lt die Gruft 29 S\u00e4rge.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endet unsere Besichtigung. Bevor es nach Hause geht, machen wir noch Halt auf dem Stadtmarkt, dem zentralen Platz mit repr\u00e4sentativen H\u00e4usern und dem Rathaus und einer Bronzestatue des Herzogs, mit Gamaschen und, wie Cu\u00f1ada bemerkt, Schuhen mit erh\u00f6htem Absatz. Neben ihm das Pferd. Der Herzog, Gelehrter auf dem Herzogsthron, <em>sitzt<\/em> nicht auf dem Pferd, sondern steht daneben. Er hat sich tats\u00e4chlich als kluger, vorsichtig agierender Herrscher erwiesen, der Kriege vermieden statt gesucht hat. Komisch, dass man so wenig von ihm wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns in ein Stra\u00dfencaf\u00e9. Die anderen sind sich einig: Radler. Leider folge ich ihrem Beispiel nicht und bestelle Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das nahe Wolfsburg kommt die Rede auf die moderne Autoproduktion, und Hermano berichtet von einem Besuch bei VW in Leipzig, der ihm die Sprache verschlagen hatte. Man sah von der Besuchertrib\u00fcne in die Produktionshalle hinunter. Dort verrichteten Roboter die Arbeit. Die gesamte Produktion war automatisiert. Nur der allerletzte Schritt wurde noch von menschlichen Arbeitskr\u00e4ften erledigt. Die anderen Arbeiter waren nur noch Aufseher, die kontrollierten, ob die Roboter ihre Arbeit richtig machten. Dabei standen sich immer zwei Arbeiter am Flei\u00dfband gegen\u00fcber. Die beiden waren etwa gleich gro\u00df. Das Flie\u00dfband passte sich aber den n\u00e4chsten Aufsehern an, wenn die gr\u00f6\u00dfer oder kleiner waren. Es wurde entsprechend gesenkt oder erh\u00f6ht. Bei dem ganzen Prozess wurde nicht etwa immer das gleiche Modell ausgespuckt, sondern alles war auf die individuelle Bestellung ausgerichtet. Jedes Auto hatte seine eigene Gr\u00f6\u00dfe, seine eigene Farbe, war ein bestimmtes Modell. Wenn man das gesehen hat, meint Hemano, habe man alles gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit aufzubrechen. Als ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache, komme ich doch noch an dem Denkmal f\u00fcr die Juden vorbei, das wir vorher nicht gefunden haben. Es besteht aus mehreren rostigen, schief stehenden Stangen, die Steine halten. Dass es ein Holocaustdenkmal ist, sieht man erst, wenn man auf den Boden guckt. Die Stangen stehen auf einem in den Boden eingelassenen, ebenfalls eisernen Davidstern.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs versuche ich mich noch daran zu erinnern, wo ich schon mal so eine protestantische Kirche wie die Hauptkirche gesehen habe. Komme aber nicht drauf. Am Ende muss ich es in alten Reisenotizen nachgucken: Pirna.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bahn lausche ich der Unterhaltung von drei jungen Leuten. Es geht dabei um eine laienchristliche Bewegung. In ihrer Unterhaltung fallen generationstypische Ausdr\u00fccke wie <em>ultrakomischer Gedanke<\/em> und <em>voll cool<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme sp\u00e4ter als die Radfahrer an. Am Abend besorgt uns Hermano D\u00f6ner aus einer D\u00f6nerbude. Dabei lerne ich mal wieder dazu, was die moderne Technik alles vermag: Cu\u00f1ada kann aus der Distanz nachverfolgen, ob Hermano angekommen ist. Ihr Handy meldet sich automatisch, wenn die T\u00fcren des Autos sich \u00f6ffnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend sto\u00dfe ich zuf\u00e4llig auf eine Sendung \u00fcber Gold im Radio. Gold wurde in allen Gesellschaften zu allen Zeiten gesch\u00e4tzt, galt meist als das beste, wichtigste, wertvollstes Metall. Es hat tats\u00e4chlich au\u00dfergew\u00f6hnliche Eigenschaften. Erstens ist es selten. Die gesamten Goldvorkommen auf der Erde passen in ein Kreuzfahrtschiff. Die noch nicht entdeckten Goldbest\u00e4nde w\u00fcrden sch\u00e4tzungsweise noch mal ein halbes Kreuzfahrtschiff f\u00fcllen. Dann ist Gold schwer, schwerer als Eisen. Und es gl\u00e4nzt, im Gegensatz zu Silber. Da kann man sich vorstellen, welche Wirkung es bei Kerzenschein in alten Burgen oder beim offenen Feuer in H\u00f6hlen gehabt hat. Au\u00dferdem ist Gold weich, kann also leicht bearbeitet werden. Es ist so d\u00fcnn, dass man aus 1 Gramm Gold einen Faden von 6 Kilometern L\u00e4nge machen kann. Und es ist unverg\u00e4nglich. Es rostet nicht, beh\u00e4lt sogar seinen Glanz nach Jahrhunderten neben den verrosteten oder verfaulten \u00dcberresten eines Schiffswracks. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>18. Juni (Donnerstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Gefecht gelingt es den Niederl\u00e4ndern, nicht nur eine Anzahl der feindlichen Kaper zu vernichten, sondern auch eine genuesische Galeere zu erobern. Sie bringen das Schiff nach Amsterdam und bauen nach diesem Modell ein \u00e4hnliches Schiff, bemalen es schwarz und statten es mit schwarzen Segeln aus. Das war die gef\u00fcrchtete Schwarze Galeere, mit der ihnen sp\u00e4ter der Sieg gelang.<\/p>\n\n\n\n<p>Was da auf dem Baum vor unserer Terrasse w\u00e4chst, das sind Quitten, erfahre ich. Die kann man als Fr\u00fcchte wohl gar nicht essen, wohl aber als Marmelade.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz nebenbei lerne ich auch noch, wie man eine Badezimmert\u00fcr von au\u00dfen \u00f6ffnet: mit einer M\u00fcnze!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf die H\u00f6llenfahrt Jesu zu sprechen, die an der Marienkirche abgebildet ist. Wir werden uns nicht einig, was das bedeutet. Ich berufe mich auf die Passage im Glaubensbekenntnis, wo es hei\u00dft \u201ehinabgestiegen in das Reich des Todes\u201c. F\u00fcr mich bedeutet das, dass Christus tats\u00e4chlich in der H\u00f6lle war, f\u00fcr die anderen ist es nur, dass Jesus gestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entscheiden uns, nach K\u00f6nigslutter zu fahren, obwohl das nicht zu den urspr\u00fcnglich anvisierten Zielen geh\u00f6rte. Aber es lohnt sich. Und ist gar nicht so weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Cu\u00f1ada, auch gestern schon leicht angeschlagen, ist jetzt ganz schlecht drauf. Bleibt heute erst mal hier und schl\u00e4ft sich gesund. Geht am Ende auch am Abend nicht mit in den <em>Lindenhof<\/em>, wo sie f\u00fcr uns einen Platz reserviert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sieht man Verkehrsschilder, die hinten in Blau und Gelb bemalt sind. Ist das die Ukraine oder die Eintracht?<\/p>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6nigslutter<\/em> hie\u00df fr\u00fcher nur <em>Lutter<\/em>, nach dem Bach, der durch den Ort flie\u00dft. K\u00f6niglich wurde es durch die Sachsenk\u00f6nige. Die hatten nichts mit dem heutigen Sachsen zu tun. Ihr Territorium entsprach eher dem des heutigen Niedersachsens. Sachsen war eins der Stammesherzogt\u00fcmer des alten Reichs, neben Franken, Schwaben, Lothringen, Th\u00fcringen und Bayern.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermano findet einen geeigneten Parkplatz. Von hier aus ist es nicht weit zum Dom, <em>der<\/em> Sehensw\u00fcrdigkeit K\u00f6nigslutters.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baubeginn des Klosters, aus dem sp\u00e4ter der Dom wurde, l\u00e4sst sich ganz genau datieren: 1135. In dem Jahr wurde das bestehende Stift auf Befehl von Kaiser Lothar III. umgebaut zu einem Kloster, dessen Kirche dann zu seiner Grablege wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Man betritt den Dom durch das sch\u00f6ne L\u00f6wenportal im Norden. Die B\u00f6gen ruhen auf dem R\u00fccken von zwei L\u00f6wen. Sie fletschen die Z\u00e4hne und halten Lebewesen zwischen ihren Vorderpranken. Links eine menschliche Figur, rechts ein Widder. Was hat das wohl zu bedeuten?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck innen ist \u00fcberw\u00e4ltigend: ein gewaltiger, verschwenderischer Raum, aber stimmig, nicht \u00fcberkandidelt, nicht knallig, obwohl fast l\u00fcckenlos ausgemalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um eine dreischiffe Pfeilerbasilika, mit Kreuzgratgew\u00f6lben im Mittelschiff, und Kreuzrippengew\u00f6lben in den besonders sch\u00f6nen Seitenschiffen. Die Arkadenb\u00f6gen und die Gew\u00f6lberippen, mit Farbwechseln, haben beinahe etwas maurisches.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Osten an den Chorw\u00e4nden Allegorien der Tugenden. Die sind leicht zu identifizieren. Im Gegensatz zu denen im Langhaus. Vier auf jeder Seite. &nbsp;Irgendwann macht es dann Klick, die gefl\u00fcgelten Engel stellen auf der einen Seite die Elemente, auf der anderen die Tageszeiten dar. Die tragen alle eine Sonne, wobei die des Mittags die Sonne mit den Armen \u00fcber sich h\u00e4lt, w\u00e4hrend die am Morgen gerade aus dem Gewand des Engels hervorlugt, am Abend sich halb hinter dem Engel versteckt und in der Nacht gar nicht zu sehen ist. Dazwischen sind alle m\u00f6glichen Fabelwesen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Mittelschiff war urspr\u00fcnglich flachgedeckt. Die Einw\u00f6lbung des \u00f6stlichen Gew\u00f6lbeteils der Kirche der Salier gilt deshalb als Ausdruck der Autorit\u00e4t der Sachsenk\u00f6nige. Dazu passt die neu zugeordnete Aufgabe der Kirche als kaiserliche Grablege. Genau an dem \u00dcbergang zwischen den beiden Geb\u00e4udeteilen steht das Grabdenkmal der K\u00f6nige, erst viel sp\u00e4ter geschaffen. Hier sind neben Lothar seine Gemahlin Richenza beigesetzt und Heinrich der Stolze, Schwiegersohn Lothars und Vater Heinrichs des L\u00f6wen. Lothar ist lebendig dargestellt, mit ge\u00f6ffneten Augen. Er hat gelocktes Haar und tr\u00e4gt einen Bart. In einer Hand h\u00e4lt er das Zepter, in der anderen den Reichsapfel. Wie er tr\u00e4gt auch Richenza eine Krone, aber ihre Augen sind geschlossen. Heinrich tr\u00e4gt eine R\u00fcstung und ein kurzes Schwert. Er hat einen Schnurrbart.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Westen entdeckt Hermana eine bebilderte Tafel, die Auskunft \u00fcber das Grabdenkmal gibt. Urspr\u00fcnglich waren die drei n\u00e4mlich einzeln in Steingr\u00e4bern begraben. Die wurden bei einem Gew\u00f6lbeeinsturz 1640 zerst\u00f6rt und galten als verschollen. Sie wurden erst 300 Jahre sp\u00e4ter bei arch\u00e4ologischen Arbeiten wiederentdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es in den Kreuzgang, einem weiteren Glanzst\u00fcck des Doms, obwohl ein Fl\u00fcgel gar nicht erhalten ist und von einem weiteren nur die R\u00fcckwand. Ein Fl\u00fcgel ist einschiffig, einfach, aber mit sch\u00f6nen Fenstern zum Innenhof hin. An der Wand Grabplatten, die urspr\u00fcnglich wohl mal auf dem Boden lagen. Der letzte Fl\u00fcgel ist zweischiffig und ein echter Hingucker, sowohl, wenn man ihn insgesamt, als auch wenn man die Details betrachtet. Er hat eine eingestellte S\u00e4ulenreihe, mit gedrechselten oder gezackten Ornamenten versehen. Jede S\u00e4ule ist anders als jede andere, was man besonders an den Kapitellen sieht. Lothar hat Steinmetze aus Norditalien kommen lassen, und die haben hier ganze Arbeit geleistet. B\u00e4rtige Figuren, die die Konsolen st\u00fctzen, florale Motive, geometrische Formen \u2013 alles wunderbar ausgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres bekanntes Teil des Doms ist die Kaiser-Lothar-Linde. Hermano und Hermana sehen sie, ich verpasse sie. Sie soll 1135 zum Beginn des Baus gepflanzt worden und also 900 Jahre alt sein. Heute w\u00e4chst sie nicht mehr in die H\u00f6he, sondern in die Breite.<\/p>\n\n\n\n<p>Der r\u00e4tselhafteste Bauteil des gesamten Doms ist der Jagdfries, au\u00dfen, an der Hauptapsis im Osten. Ich muss erst suchen, denn ich habe mir den Fries gr\u00f6\u00dfer vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden insgesamt neun Szenen einer seltsamen Jagd dargestellt, in die Wand eingemei\u00dfelt. J\u00e4ger blasen ins Horn, hetzen ihre Hunde auf Hase, Wildschwein und Hirsch. Ein Jagdhund bei\u00dft in den Nacken eines Hasen, ein anderer Jagdhund in den eines Wildschweins. Ein Hirsch versucht, seinen Verfolgern zu entkommen, ein J\u00e4ger tr\u00e4gt auf einem Stab einen erlegten Hasen davon. Was hat das zu bedeuten? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Jagd und dem Glauben? Was hat die Jagd an der Mauer der Kirche zu suchen? Noch merkw\u00fcrdiger das neunte, das zentrale Relief. Ein J\u00e4ger wird auf dem R\u00fccken liegend von zwei Hasen in Fesseln geschlagen. Aus dem J\u00e4ger ist eine Jagdbeute geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns geht es jetzt Richtung Altstadt. Wir kommen an einem sch\u00f6nen Weiher vorbei, mit Trauerweiden am Ufer, die sich im Wasser spiegeln. Die Lutter, die eigentlich hier verlaufen sollte, finden wir aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren das Stadtarchiv. Das ist, wie manche andere H\u00e4user, in einem ehemaligen Brauhaus untergebracht, einem Fachwerkhaus mit roten Ziegeln und einem breiten Tor (hier fuhren fr\u00fcher die Bierfuhrwerke ein und aus). Es hat reichhaltige Verzierungen und eine Inschrift \u00fcber dem Eingang: \u201eDenn Eingang und den Ausgang mein, las Dir Herr Gott befohlen sein\u201c (1670).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Ecke treffen sich drei Stra\u00dfen: <em>G\u00e4nsemarkt<\/em>, <em>Kattreppeln<\/em>, <em>Sack<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen an einem Fris\u00f6rsalon vorbei, bei dem noch der silberne Barbierteller als Zunftzeichen vor dem &nbsp;Fenster h\u00e4ngt. In so einer Schale wurde fr\u00fcher der Rasierschaum aufgeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ufig sieht man noch Gesch\u00e4ftsnamen in alter Schrift: <em>Drogerie<\/em> <em>Schulz<\/em>, <em>Elektro Kaiser<\/em>. Wie aus einer anderen Welt. Auch das Blumengesch\u00e4ft mit dem Fleurop-Zeichen geh\u00f6rt noch dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Radgesch\u00e4ft hei\u00dft <em>Radhaus am Elm<\/em>. Das ist kein Fluss, wie wir dachten, sondern ein H\u00f6henzug. Und er ist nicht Femininum, sondern Maskulinum. Hermana erinnert sich: <em>Elm<\/em> kam fr\u00fcher, wie <em>Ith<\/em>, in Kreuzwortr\u00e4tseln vor: Norddeutscher H\u00f6henzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Markt entdeckt Hermano eine schmale, gepflasterte Gasse, die nirgendwo hinzuf\u00fchren scheint, links H\u00e4userwand, rechts Mauer, dahinter B\u00e4ume, an der H\u00e4userwand eine Gaslampe. Stimmungsvoll!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Markt sehen wir ein Haus mit vier Figuren, die einen Balken st\u00fctzen. Drei stehen gerade, einer ist in Schieflage. Absicht oder Unfall?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen Pause in einem Eiscaf\u00e9. Dort werden wir von einem Ehepaar am Nachbartisch angesprochen. Sie kommen aus Gelsenkirchen. Den Dom mochten sie nicht leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Pfarrkirche kommen wir am <em>Bier-Bildungs-Zentrum<\/em> vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Pfarrkirche h\u00e4ngt eine sch\u00f6n gestaltete, alte Steintafel, die die \u00d6ffnungszeiten nennt: 9-17 Uhr. Ist aber geschlossen. Hermano echauffiert sich. Er habe Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man die steinerne Tafel nicht beseitigen will. Aber man k\u00f6nnte ja ein Schild mit den tats\u00e4chlichen \u00d6ffnungszeiten aufh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Hermanas Reisef\u00fchrer steht, die Pfarrkirche verrate ihre Baugeschichte. Aber: wie denn? &nbsp;Da kann ich von meinen Besichtigungen der letzten Tage in Braunschweig profitieren: Es muss urspr\u00fcnglich eine einschiffige romanische Kirche gewesen sein, mit wenigen, kleinen Fenstern im Westen und mit Rundb\u00f6gen. Die Ostapside und die Seitenschiffe, mit gro\u00dfen Ma\u00dfwerkfenstern, m\u00fcssen sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt worden sein. Am Dach kann man das erkennen. Beide scheinen an den urspr\u00fcnglichen Bauk\u00f6rper herangeklatscht worden sein. &nbsp;wurden!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Auto kommen wir doch noch an der Lutter vorbei. Die muss wohl meist unterirdisch verlaufen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend geht es, immer noch zu dritt, in das Restaurant <em>Lindenhof<\/em>, wo wir am Montag nicht landen konnten. Cu\u00f1ada hat f\u00fcr uns reserviert und auch eine Best\u00e4tigung bekommen. Eine junge Kellnerin sieht nach. Es liege keine Reservierung vor. Wir haben aber reserviert. Per Mail. Ihre Reaktion: \u201eOh je!\u201c. Wir h\u00e4tten aber doch sicher keine Best\u00e4tigung bekommen. Doch. Von wem denn? Ja, Herrgott, das m\u00fcssten die doch selbst wissen. Oder k\u00f6nnen einfach in der Mail nachsehen. Hermano erkl\u00e4rt noch einmal: Seine Frau habe reserviert, konnte aber nicht mitkommen. Die junge Kellnerin \u00fcbergibt an eine \u00e4ltere Kellnerin. Jetzt geht das ganze Spiel von vorne los. Wieder dieselben Fragen. Wir sind drauf und dran, einfach zu gehen. Dann sagt die Frau, etwas g\u00f6nnerhaft, der Biergarten sei voll, aber sie k\u00f6nne uns hier in der Gaststube einen Tisch anbieten. Im Laufe des Abends ist die Bedienung mal au\u00dferordentlich freundlich, manchmal au\u00dferordentlich unfreundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen uns. Auf dem Tisch wei\u00dfe Stoffdecken, Blumengestecke und ein m\u00e4chtiger Zinnleuchter. Nicht sehr passend f\u00fcr einen Landgasthof. Und nimmt au\u00dferdem zu viel Platz ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Schnitzel und Hirschgulasch und Schweinefilet. Alles gut, aber nichts, um ins Schw\u00e4rmen zu geraten. Das Gute ist: Wir haben von unserem Schwager Geld f\u00fcr die Rechnung mit auf den Weg bekommen. Prost, Schwager!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommen wir an <em>Gardessen<\/em> vorbei. Liest man unwillk\u00fcrlich wie <em>Gardasee<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sitzen wir bei sommerlicher W\u00e4rme auf der Terrasse. Hermana sieht an einem hohen Baum auf einem Nachbargrundst\u00fcck eine Unzahl von Kirschen. Die h\u00e4ngen so hoch, dass man sich fragt, wie man sie ernten kann. Ohne sich in Lebensgefahr zu begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>19. Juni (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die niederl\u00e4ndische Hymne, die am Ende auf der Schwarzen Galeere intoniert wird, um den Sieg \u00fcber die Spanier zu feiern, besteht aus 15 Strophen, deren Anfangsbuchstaben den Namen <em>Wilhelm von Nassau<\/em> ergeben. \u00dcber ihn hei\u00dft es \u201eWilhelm von Nassau \/ Bin ich von deutschem Blut \/ Dem Vaterland getreue \/ Bleib ich bis in den Tod\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre, dass Solarlampen, wie hier, in den G\u00e4rten der anderen stehen. Und dass sich der rasenm\u00e4hende Roboter von allein in Bewegung setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen der Hitze \u2013 wir kommen am Nachmittag auf 34\u00b0 \u2013 ist&nbsp; heute Ruhetag angesagt. Eigentlich wollten wir zum M\u00fchlenmuseum in Gifhorn, aber das weite M\u00fchlengel\u00e4nde und die m\u00fchsame Anfahrt machen uns einen Strich daraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermana und Hermano erkundigen aber dann Schandelah per Rad und kommen ganz angetan zur\u00fcck. Es war gar nicht so hei\u00df, sie haben sch\u00f6ne Radwege gefunden \u2013 abseits der B1 \u2013 und der Wind hat die Hitze ertr\u00e4glich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schandelah ist wohl doch nicht so tot, wie wir dachten. Der B\u00e4ckerladen hat offensichtlich doch t\u00e4glich ge\u00f6ffnet, wenn auch nur am Vormittag, es gibt irgendwo einen Hofladen, und die Pizzeria, die sich lediglich hinter einer Baustelle versteckt, haben sie auch entdeckt. Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule und einen aktiven Sportverein. W\u00e4re auch sonst komisch gewesen. Der Ort hat immerhin 2.300 Einwohner und eine Unzahl von Einfamilienh\u00e4usern. Im Ortsbeirat sind SPD und CDU gleich stark vertreten, aber die SPD stellt den B\u00fcrgermeister mit Hilfe des einen Abgeordneten der Gr\u00fcnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>Universitas<\/em> lese ich einen Artikel \u00fcber das Fasten: \u201eWer stark, gesund und jung bleiben will, heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente\u201c. Das wird Hippokrates zugeschrieben.&nbsp; Erinnert mich an Maria Reiche in Peru und an Koldewey in Mesopotamien. Die hielten sich auch, freiwillig oder unfreiwillig, an diese Devise. Kann ich von mir nicht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die gro\u00dfen Religionsstifter machten eine Phase des Verzichts durch: Jesus zog sich vor seinem \u00f6ffentlichen Auftritt 40 Tage zum Fasten in die W\u00fcste zur\u00fcck, Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde, und Moses stieg auf den Berg Sinai und fastete, bevor er Gottes Wort empfing. Den Religionsstiftern ging es dabei nicht um ihre Gesundheit. Das Fasten war eine spirituelle Praktik, mit der man sich auf den Glauben besinnt und Gott n\u00e4herkommt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In allen Religionen spielt das Fasten eine Rolle. Im Christentum gab es urspr\u00fcnglich zwei Fastentage, den Mittwoch und den Freitag, dem Tag, an dem Judas Jesus verraten haben soll und den Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Dazu kam die Fastenzeit vor Ostern und Weihnachten. Diese Traditionen sind weitgehend verlorengegangen. Anders im Islam. W\u00e4hrend des Ramadans d\u00fcrfen Muslime 30 Tage lang von Sonnenaufgang bin Sonnenuntergang nicht essen, trinken und rauchen. Auch Geschlechtsverkehr ist untersagt. Das abendliche Fastenbrechen findet in gr\u00f6\u00dferen Gruppen, meist in der Familie, statt. Im Judentum ist Jom Kippur der gro\u00dfe Vers\u00f6hnungs- und Fastentag. An diesem Tag darf weder gegessen, getrunken noch geraucht werden. Man w\u00e4scht sich nicht, ist sexuell enthaltsam und geht nicht zur Arbeit. Dar\u00fcber hinaus gibt es f\u00fcnf weitere allgemeine Fastentage, an denen die Juden trauriger Ereignisse ihrer Geschichte erinnern, darunter den beiden Zerst\u00f6rungen des Tempels. Buddha lehrte den Weg der Mitte: weder V\u00f6llerei noch Hunger. Wenig essen erleichtert aber den Weg zur Erleuchtung. Deshalb verzichten buddhistische M\u00f6nche und Nonnen t\u00e4glich nach 12 Uhr mittags auf jegliche Nahrung. Au\u00dferdem gibt es monatliche Fastentage. Viele Hindus fasten, um f\u00fcr etwas zu b\u00fc\u00dfen, die Seele zu reinigen oder einen Segen f\u00fcr jemanden zu erbitten. Wer wann wie lange auf welche Weise fastet, entscheidet jeder f\u00fcr sich. Feste Fastenzeiten oder Fastenrituale sind im Hinduismus nicht vorgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>20. Juni (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio sto\u00dfe ich auf eine Sendung, die meine Vorbehalte gegen\u00fcber Zeitzeugen best\u00e4tigt. Die sind von der <em>Oral History<\/em> \u201eentdeckt\u201c worden. Von ihnen erhofft man sich Einsichten in die vergangenen Zeiten. Man l\u00e4sst sie reden, von ihren Erfahrungen berichten. Und nimmt alles, was sie sagen, f\u00fcr bare M\u00fcnze. Dann d\u00fcrfen sie in der \u00d6ffentlichkeit reden, und alle sind beeindruckt, bewegt, zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt. Und glauben, was ihnen erz\u00e4hlt wird. Wer mag auch schon widersprechen, oder auch nur Zweifel anmelden, wenn ein HIV-Infizierter berichtet, wie er durch seine Krankheit alle Freunde verloren hat, oder wenn ein Fl\u00fcchtling von seiner abenteuerlichen Flucht aus der DDR erz\u00e4hlt. Dabei k\u00f6nnen die Berichte einseitig sein, auf Ged\u00e4chtnisl\u00fccken beruhen, absichtlich verf\u00e4lscht sein. Warum sind die Erlebnisse von KZ-\u00dcberlebenden aus demselben Konzentrationslager so unterschiedlich? Die Zeitzeugen werden in ihrem Leid unangreifbar. Wie der Katalane Enric Marco, der 2005, am Holocaust-Gedenktag, vor dem Spanischen Parlament von den Gr\u00e4ueln in einem deutschen KZ berichtete: \u201eWir mussten uns splitternackt ausziehen. Sie haben uns aller Habseligkeiten beraubt. Aber nicht nur aus Habgier, sondern damit wir v\u00f6llig nackt und schutzlos dastanden. Wir mussten uns ausziehen, und dann bissen uns ihre Hunde.\u201c Ein Auftritt, der etliche Abgeordnete zu Tr\u00e4nen r\u00fchrte. Das Problem: Die Erlebnisse Enric Marcos waren frei erfunden. Der Betrug konnte nur funktionieren, weil Marcos Geschichte allen Erwartungen entsprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Cu\u00f1ada f\u00fchlt sich weiterhin nicht wohl, ist unentschieden, ob sie mitfahren soll, entscheidet sich aber am Ende dagegen. Sie gibt uns aber gr\u00fcnes Licht, uns auf den Weg zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beschlie\u00dfen, nach Helmstedt zu fahren. Haupts\u00e4chlich wegen des Zonengrenz-Museums. Wir assoziieren alle drei Helmstedt ausschlie\u00dflich mit der Transitstrecke durch die DDR nach Berlin. &nbsp;Wir haben sie, jeder f\u00fcr sich, zu verschiedenen Zeiten, befahren, die beiden anderen \u00f6fter als ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs immer wieder Felder mit knallrot bl\u00fchendem Mohn. H\u00e4tte ich ohne Hermana und Hermano \u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zonengrenz-Museum sind wir die einzigen Besucher. Begr\u00fc\u00dft werden wir von einer redseligen Frau aus Kasachstan. Der Eintritt sei frei, sagt sie. Wir erfahren, dass sie schon seit 30 Jahren hier lebt. Aber Helmstedt sei nicht mehr das, was es mal war: Alles sei schmutzig, verdreckt. Auf die Frage, was ihre Muttersprache sei, sagt sie: Deutsch. Sie taucht dann immer wieder mal auf, w\u00e4hrend wir das Museum besichtigen, und kommentiert dieses und jenes. Hermano wird gebeten, ihr bei dem Zuschlie\u00dfen einer T\u00fcr zu helfen. Das erfordert mehr Kraft, als sie hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist etwas verstaubt, aber nicht uninteressant. Es gibt Photos, Informationstafeln, Modelle und Originalobjekte. Darunter Warnschilder (<em>Achtung! Zonengrenze!<\/em>), eine Taschenlampe mit Leuchtsonde, zum Untersuchen von Hohlr\u00e4umen in Fahrzeugen, ein Zugbegleitschild (<em>Frankfurt \u00fcber Helmstadt und Marienborn nach Berlin<\/em>), eine Seite einer Zeitung aus der DDR (Schwarz auf braunem Papier), in der man sich \u00fcber die BRD lustig macht (Demokratie und Freiheit sind nur leere Worte), Holzkarren, auf denen Fl\u00fcchtlinge ihre Siebensachen in h\u00f6lzernen Koffern auf die andere Seite brachten, Aluminium-H\u00fclsen, in denen Propaganda-Schriften von Ost nach West flogen (w\u00e4hrend von Westen aus kleine Hei\u00dfluftballons B\u00fccher in den Osten brachten) und der verrostete Rest eines ausgebrannten Busses, der nach dem Krieg als Grenzmarkierung diente.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Photos sieht man eine Kolonne der bevorzugten Limousinen der Staats- und Parteif\u00fchrung. Lauter Volvos.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem anderen Photo sieht man, wie die Teilnehmer eines Aufmarsches gro\u00dfe Photos der Parteif\u00fchrer, insgesamt zehn, vor sich hertragen, mit Honecker mit einem gr\u00f6\u00dferen Photo in der Mitte. Es sind lauter M\u00e4nner. Obwohl die Gleichberechtigung in der DDR weit vorangeschritten war. Aber in den oberen Etagen kamen die Frauen nicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand eines Modells werden die Grenzanlagen demonstriert: Stacheldraht, Minen, Gr\u00e4ben, Scheinwerfer, Wacht\u00fcrme, Sperrgitter, Laufanlagen f\u00fcr Wachhunde, Mauer und (ab1970), Selbstschussanlagen. Die wurden ab 1983 wieder abgebaut. Sie schadeten dem Image der DDR international. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einer eigenen Abteilung geht es um die SED. Auf einem Plakat steht: <em>Die Partei hat immer Recht<\/em>. Ich habe diesen Ausspruch immer f\u00fcr eine Parodie von westdeutschen Satirikern gehalten, aber den gab es wirklich und er formte Teil des Textes eines Liedes. Das war aber seit den siebziger Jahren wegen seines pathetischen Tons immer seltener zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Karikatur zu den Volkskammerwahlen sieht man die Plakate der verschiedenen Parteien. SED, LDPD, NPPD, CDU. Aber auf allen Plakaten ist derselbe Mann zu sehen: Honecker.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein etwas paradoxes Problem stellte sich der DDR in den siebziger Jahren: Sie hatte immer mehr Mitglieder! Mit mehr als zwei Millionen war sie zur Massenpartei geworden. Wie konnte man herausfinden, wer nur Karrierist und wer \u00fcberzeugter Sozialist war? Um die Spreu vom Weizen zu trennen, f\u00fchrte man eine einj\u00e4hrige Probezeit ein: Antrag schreiben, B\u00fcrgen finden, Lebenslauf offenlegen, sich in der Parteigruppe einem Verh\u00f6r zu Herkunft, Laufbahn, Ideologie zu stellen. So bekam man als Bewerber einen Vorgeschmack auf die totale Verf\u00fcgbarkeit, die die Partei von einem erwartete. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss sehen wir noch das ber\u00fchmte Photo mit dem Br\u00fcderkuss zwischen Breschnew und Honecker. Dazu gab es mal eine Sprechblase, die Honecker diese Worte in den Mund legte: \u201eEr ist ja ein Arschloch, aber k\u00fcssen kann er!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Museum legt Hermano eine Pause ein. Hermana und ich sehen uns die Stadt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Helmstedt mehr, so viel mehr ist als der Startpunkt der Transitstrecke, das erfahren wir auf unserem Spaziergang auf Schritt und Tritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Marktplatz ist beeindruckend. Dominiert wird er von dem sch\u00f6nen neugotischen, beinahe etwas zu gro\u00df geratenem Rathaus, mit halbrunden T\u00fcrmen an der Seite, Fialen, einem hohen Treppengiebel und gro\u00dfen, l\u00e4nglichen Fenstern in allen drei Etagen. An der Fassade Heiligenstatuen, Reliefs von Ratsherren, Wappen und, ganz oben, eine Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor ein moderner Brunnen. Der besteht aus groben, ungleichm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Quarzitsteinen, die auf dem Boden einen Kreis bilden. Die Wasserfont\u00e4ne kommt aus ihrer Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen uns von Hermanas F\u00fchrer leiten und entdecken Dinge auf dem Platz, die wir sonst \u00fcbersehen h\u00e4tten. Dazu geh\u00f6rt das Portal der ehemaligen Universit\u00e4tskirche. Dar\u00fcber ein Wappen, das Simson mit dem L\u00f6wen darstellt. Der ist dieser Tage schon einmal in einem unserer Gespr\u00e4che aufgetaucht. Ergebnis: Keiner von uns wusste, wer das ist. Simson, nicht zu verwechseln mit Samson (der aber auch manchmal Simson genannt wird), ein Auserw\u00e4hlter Gottes, zerrei\u00dft mit eigenen H\u00e4nden einen L\u00f6wen. Sp\u00e4ter kommt Honig aus dem K\u00f6rper des L\u00f6wen, und das alles bringt ihn am Ende in Konflikt mit den Philistern. Die Geschichte, hei\u00dft es, sei ein Bild von St\u00e4rke und Unschuld. Wie man das mit der Universit\u00e4tskirche in Zusammenhang bringt, bleibt uns verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Ratsapotheke das sch\u00f6nste der Fachwerkh\u00e4user auf dem Platz, das Hoflager Herzog Julius\u2018. Hier wurden G\u00e4ste untergebracht. An der reich geschnitzten Fassade erkennt man, wenn man genau hinguckt, die Sinnbilder der sieben freien K\u00fcnste: Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Geometrik, Arithmetik, Astronomie, Musik. Die Kunst leidet bis heute noch daran, dass sie nicht dazugeh\u00f6rte. Wie stellt man die K\u00fcnste denn dar, will Hermana wissen. Bei der Gerechtigkeit gebe es doch immer die Waage und die Augenbinde. Stimmt. Aber bei den sieben K\u00fcnsten gibt es so einen festgelegten Kanon nicht. H\u00f6chstens: Musikinstrument bei der Musik. Hier wird sie mit einem Cembalo dargestellt. In fr\u00fcheren Zeiten vermutlich eher durch eine Leier.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Reihe sind weitere Frauengestalten dargestellt. Sie repr\u00e4sentieren die Tugenden und \u2013 die Laster! Neid und Zorn sind hier genauso vertreten wie Klugheit und St\u00e4rke. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen durch eine schmale, sich hin windende Stra\u00dfe mit sehr sch\u00f6nen Fachwerkh\u00e4usern, alle etwas versetzt statt in gerader Reihe stehend. Ganz hinten sieht man die Spitze eines Kirchenturm: St. Ludgeri. Die Kirche hei\u00dft nicht zuf\u00e4llig so: Um 800 gr\u00fcndete die Benediktinerabtei Essen-Werden hier eine Missionsstelle, aus der ein Kloster erwuchs. Es blieb bin 1803 durch einen gemeinsamen Abt mit Werden verbunden. Dieses dem Hl. Liudger, dem Abt von Werden und erstem Bischof von M\u00fcnster geweihten Kloster war der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung von Helmstedt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Fachwerkhaus eine Tafel, die darauf verweist, dass hier Giordano Bruno, der \u201ef\u00fcr das moderne Weltbild wegweisende Philosoph\u201c zehn Jahre lang wohnte, Bevor er in Rom den Ketzertod starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu dem sch\u00f6nsten Bauwerk Helmstedts, dem <em>Juleum<\/em>, einem in Rot gehaltenen palastartigen Renaissancebau mit einem halbrunden Turm in der Mitte, der bis \u00fcber das Dach reicht. Der Turm, der eine Wendeltreppe beherbergt, hat winzige schiefe Fenster, die wie Schie\u00dfscharten aussehen, und das Wappen des Herzogs Julius, wieder mit Simson und dem L\u00f6wen. Oben, unter der Uhr, eine Br\u00fcstung, die vielleicht als Aussichtsplattform diente.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wandfl\u00e4chen des Geb\u00e4udes sind durch gro\u00dfe Fenster gegliedert, und die Baugiebel sind reichlich mit Plastiken geschm\u00fcckt, darunter Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie, die vier klassischen Fakult\u00e4ten. Was haben die hier zu suchen? Das <em>Juleum<\/em> war fr\u00fcher Aula-Geb\u00e4ude der Universit\u00e4t! Universit\u00e4t? In Helmstedt? Ja, tats\u00e4chlich, Helmstedt hatte eine (von Herzog Julius gegr\u00fcndete) Universit\u00e4t, die 200 Jahre lang die Entwicklung der Stadt bestimmte. Und was ist aus ihr geworden? Sie wurde durch napoleonisches Dekret zugunsten der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen aufgehoben!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir an einer S\u00e4ule vorbei, der kleinen Schwester der S\u00e4ule des Christentums in Braunschweig, die sich, statt dem Christentum, dem Recht widmet. Sie steht sinnigerweise in der <em>Gerichtsstra\u00dfe<\/em>. Die S\u00e4ule wird von einer Sonnenscheibe gekr\u00f6nt, auf deren einer Seite, zur Stra\u00dfe hin, das Wort <em>Freiheit<\/em> steht, auf der anderen, zum Gericht hin, das Wort <em>Recht<\/em>. Der Richter sitzt zwischen dem R\u00e4derwerk der Gesetzesmaschine und dem rechtssuchenden Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>B\u00f6tticherstra\u00dfe<\/em> kommen wir zu dem Professorenhaus. Es hat eine breite Zufahrt, f\u00fcr Wagen und S\u00e4nften. Innen der Zugang zum ehemaligen Vorlesungsraum. Die Professoren lasen in ihren H\u00e4usern, und die Studenten \u2013 daran hat Hermana ihre besondere Freude \u2013 wohnten auch oft bei ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss, wieder an unserem Ausgangspunkt angekommen, entdecken wir das ganz am Rande des Markplatzes stehende Haus des B\u00fcrgermeisters C\u00f6rner von 1681. Es tr\u00e4gt die Inschrift nihil tibi tam aeque fieri potestad ad temperantiam omnium rerum quam frequens cogitatio brevis aevi et huius incerti non nobis sed posteris \u2013 nichts vermag so zu m\u00e4ssigung in allen dingen zu bringen wie der gedanke wie kurz das leben ist und wie unsicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner Gedanke zum Abschluss unseres Rundgangs, an dem Hermano uns schon am verabredeten Ort erwartet. Er fragt uns, ob wir noch Lust h\u00e4tten, nach H\u00f6ttesleben zu fahren. Dort gibt es ein Denkmal, das an die deutsche Teilung erinnert, sozusagen ein Freilichtmuseum, wo es ein original erhaltenes Teilst\u00fcck der Grenzanlagen der DDR gibt. Ist nicht so weit. Klar haben wir Lust!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Grenzdenkmal liegt mitten in der Natur. Es sieht alles sehr friedlich aus. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es hier, an dem Bach, \u00fcber den wir gehen, einst kein Durchkommen gab, dass hier eine undurchl\u00e4ssige Grenze war.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Landstra\u00dfe aus sieht man auf die erhalten gebliebene Mauer, Grenzpf\u00e4hle, einen Wachturm, einen Signalzaun. Und dann sind da diese x-f\u00f6rmigen Gebilde, aus Stahl gefertigte Panzer-H\u00f6cker, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf dem Boden liegen, aber nicht eng genug aneinander stehen, um ein Durchkommen zu verhindern. Ich hab mich immer gefragt, welche Funktion die haben. Die Erkl\u00e4rung: Sie dienten als Hindernis gegen den etwaigen Durchbruch von Kraftfahrzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Grenzanlagen wurden bereits in den f\u00fcnfziger Jahren errichtet und allm\u00e4hlich zu einem echten Schutzwall ausgebaut. Die Berliner Mauer folgte dann 1961. Aber welche Berliner Mauer? Die Innenstadtgrenze oder die Umlandgrenze, die um Berlin herum? Wir sind uns nicht einig. Bei Fernsehaufnahmen zum Mauerbau sieht man immer nur die innerst\u00e4dtische Grenze. Von der Umlandgrenze ist nie die Rede. Die ist auch viel l\u00e4nger (112 Kilometer) als die innerst\u00e4dtische (43 Kilometer). Die gesamte Grenze ist fast 1.400 Kilometer lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermano schl\u00e4gt vor, auch noch nach Marienborn zu fahren. Er hat da mehrmals mit einem Reisebus kurz Halt gemacht, aber nie die Gelegenheit gehabt, sich die Anlage anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Marienborn befand sich der wichtigste Grenzkontrollpunt der DDR. Marienborn liegt nicht direkt an der Grenze, sondern ein paar Kilometer dahinter. Aufgrund seiner N\u00e4he zu West-Berlin wurde hier die Hauptlast des Transitverkehrs zwischen Westdeutschland und West-Berlin abgewickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man befindet sich auf einem weitl\u00e4ufigen Gel\u00e4nde, mit den Kontrollh\u00e4uschen, der Zollabfertigung, einem Kommandoturm. Und mit der Wechselstelle, wo man einen festen Tagessatz umtauschen musste, Westmark in Ostmark, 1:1. Man hatte dann immer mehr Geld, als man ausgeben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das beklemmende Gef\u00fchl von damals stellt sich nicht mehr ein, aber die Erinnerung daran ist noch wach: die lange Wartezeit, die finsteren Minen der Grenzkotrolleure, die eintretende Stille, das Einkassieren der P\u00e4sse, die Angst vor m\u00f6glichen Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders intensive Erinnerungen hat Hermana, weil sie Geschenke f\u00fcr Verwandte im Osten mitnehmen musste. Und sie erz\u00e4hlt, dass einer unserer Neffen, der Computer f\u00fcr eine Jugendorganisation mitnehmen wollte, einmal einem stundenlangen Verh\u00f6r unterzogen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die klassische Anweisung der Grenzposten, die uns allen noch in den Ohren klingt, erscheint hier in gro\u00dfen Buchstaben auf einer Ausstellungstafel: &#8220;Bitte \u00f6ffnen Sie die Motorhaube, den Kofferraum und heben Sie die hintere Sitzbank ab&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt sehen wir mehrmals ein Schild, das nach <em>OT Autobahn<\/em> f\u00fchrt. Was kann das wohl sein? Es handelt sich um den <em>Ortsteil Autobahn<\/em>. Der liegt drei Kilometer von dem Ort Harbke entfernt, zu dem er wohl geh\u00f6rt. Der Ortsteil Autobahn mit seinen Dienstgeb\u00e4uden und Kasernen, mit Kino, Kneipe und Kulturzentrum, entstand 1949. Hier wohnten ausschlie\u00dflich Z\u00f6llner, Mitarbeiter der Stasi und Grenzposten. F\u00fcr den Zutritt brachte man eine Genehmigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Autobahn stehen am Rande der Fahrbahn in kurzen Abst\u00e4nden immer die gleichen Masten. Hermano vermutet, dass es irgendeine Teststrecke ist. Tats\u00e4chlich sehen wir dann das Schild <em>Testfeld Niedersachsen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns ist aufgefallen, dass es in dieser Gegend keine Aral-Tankstellen gibt. Ob die Marken ungleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Land verteilt sind? Wir haben deshalb drauf geachtet, weil Hermano einen Gutschein f\u00fcr Aral hat. Jetzt sehe ich eine Aral-Tankstelle abseits der Autobahn, neben einem McDonald.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns vorher gefragt, in welchem Bundesland wir wohl sind. Ein Schild auf der Autobahn gibt uns jetzt Auskunft: Sachsen-Anhalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei unserer Ankunft zu Hause begr\u00fc\u00dft uns eine Cu\u00f1ada, die sich besser f\u00fchlt und die besser aussieht als an den beiden letzten Tagen. So k\u00f6nnen wir zu viert zum Abendessen fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Ziel ist die Pizzeria hier im Ort, die Hermana und Hermano gestern bei ihrer Entdeckungsfahrt mit dem Fahrrad lokalisiert haben. Sie liegt direkt am Sportplatz, geh\u00f6rt quasi dazu, von ihrer Terrasse aus blickt man gleich auf das Spielfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist viel Betrieb hier, das sieht man schon bei N\u00e4herkommen. Dann stellt sich heraus, dass wohl so eine Art Vereinsfest stattfindet. Eine Jugendmannschaft verl\u00e4sst gerade das Feld, eine Erwachsenenmannschaft betritt das Feld. \u00dcberall Kinder mit ihren Eltern, Vereinsmitglieder, Trikottr\u00e4ger.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Terrasse ein Stand, an dem es Pizza in H\u00e4ppchen gibt. Heute ist eine Ausnahme. Die Pizzeria ist geschlossen. Wir scheinen nicht vom Gl\u00fcck verfolgt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermano fragt einen Mann, ob er uns ein Lokal empfehlen kann. Der schl\u00e4gt, etwas z\u00f6gerlich, ein Lokal in einem anderen Ortsteil, Hordorf, vor, die Gastst\u00e4tte L\u00fcddecke. Da k\u00f6nnten wir es mal versuchen. Der Mann am Telefon sagt, vier Personen, ja, das k\u00f6nnen wir wohl hinkriegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tipp erweist sich als Hit. Das Lokal hat einen gro\u00dfen Biergarten, \u00e4u\u00dfert freundliche, aufmerksame Kellner und eine abwechslungsreiche Speisekarte. Wir bestellen Kalbsleber, Tr\u00fcffel-Pasta. Lachspasta und Sauerfleisch. Und sind alle begeistert. Die geschlossene Pizzeria hat uns Gl\u00fcck gebracht. Ein perfekter Abschluss unserer Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>21. Juni (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Abreisetag, an dem mich wieder eine abenteuerliche Fahrt mit der Bahn erwartet, ist der l\u00e4ngste Tag des Jahres. Sommersonnenwende. Die Kirche feiert die am Johannes-Tag, dem 24. Juni. Das hei\u00dft nicht, dass die nicht rechnen konnten. Sie benutzen einfach weiterhin den julianischen und nicht den gregorianischen Kalender. Dasselbe zur Wintersonnenwende. Deshalb ist Weihnachten nicht am 21., sondern am 25. Dezember.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Juni (Samstag) In Braunschweig wurde das erste Fu\u00dfballspiel in deutschen Landen ausgetragen, in Braunschweig verkehrte der erste deutsche Omnibus, der L\u00f6we vor der Burg ist die \u00e4lteste freistehende Plastik n\u00f6rdlich der Alpen, das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen wurde auf &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12317\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12317"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12317"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12447,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12317\/revisions\/12447"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}