{"id":12317,"date":"2026-06-14T08:58:38","date_gmt":"2026-06-14T06:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12317"},"modified":"2026-06-14T08:58:38","modified_gmt":"2026-06-14T06:58:38","slug":"braunschweig","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12317","title":{"rendered":"Braunschweig"},"content":{"rendered":"\n<p>13. Juni (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In Braunschweig wurde das erste Fu\u00dfballspiel in deutschen Landen ausgetragen, in Braunschweig verkehrte der erste deutsche Omnibus, der L\u00f6we vor der Burg ist die \u00e4lteste freistehende Plastik n\u00f6rdlich der Alpen, das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen wurde auf einer spektakul\u00e4ren Versteigerung bei Sotheby als teuerstes Buch der Welt von der Bundesrepublik ersteigert. Braunschweig hat einiges zu bieten, und nicht nur Superlative.<\/p>\n\n\n\n<p>Braunschweig, aber auch die Umgebung. Hildesheim, Wolfenb\u00fcttel, Helmstedt zum Beispiel, alle in kurzer Entfernung gelegen. Helmstedt, das wir meist nur mit dem Grenz\u00fcbergang zwischen den beiden Deutschlands verbinden, war 200 Jahre lang Sitz der welfischen Universit\u00e4t, bis sie von Napoleon nach Braunschweig (zur\u00fcck)verlegt wurde. An der Universit\u00e4t in Helmstedt war unter anderem Giordano Bruno t\u00e4tig, dessen Staue auf dem Campo di Fiori von der Reise nach Rom im letzten Jahr noch gut in Erinnerung habe. Wolfenb\u00fcttel, im Krieg praktisch unzerst\u00f6rt, hat die gr\u00f6\u00dfte Bibliothek Europas zu bieten, die Herzog-August-Bibliothek, mit B\u00fcchern von der Antike bis zur Moderne (darunter das Evangeliar Heinrichs des L\u00f6wen), Die bekanntesten Bibliothek waren Leibniz und Lessing. Hildesheim, in Krieg schwer getroffen, hat in dem wiederaufgebauten Dom die original erhaltenen ber\u00fchmten Bronzet\u00fcren zu bieten und den \u201etausendj\u00e4hrigen\u201c Rosenstrau\u00df. Ein ganz anderes Ziel hat Gifhorn zu bieten. Dort gibt es ein M\u00fchlenmuseum, mit 40 M\u00fchlenmodellen aus 18 L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt, am fr\u00fchen Morgen, geht es erst mal darum, \u00fcberhaupt ans Ziel zu kommen. Bei erstaunlich gutem Wetter \u2013 kein Vergleich zu gestern \u2013 geht es Mosel und Rhein entlang. Die Sonne l\u00e4sst das Wasser und wie wei\u00dfen H\u00e4user am Uferrand gl\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der langen Fahrt habe ich Gelegenheit, in eine Erz\u00e4hlung von Wilhelm Raabe reinzusehe, \u201eDie Schwarze Galeere\u201c. Die Erz\u00e4hlung spielt zur Zeit des Befreiungskampfs der Niederlande gegen Spanien. Ein ehemals geehrter Offizier, der in einem Kampf als einziger \u00fcberlebte, aber degradiert wurde, weil es die Standarte an den Feind verlor, spricht nachdenklich zu seinen jungen Kameraden \u00fcber den Krieg, der jetzt schon32 Jahre dauert und kein Ende nehmen will. \u201eDamals glaubte auch ich noch an Sieg und Ehre in diesem Krieg\u201c, sagt er zu seinem jungen Vorgesetzten, dem Oberst: \u201eIch habe aufgeh\u00f6rt, daran zu glauben und ihre werdet\u2018s auch, Oberst, so euch Gott das Leben schenkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Raabe, der als Junge ein Gymnasium in Wolfenb\u00fcttel besuchte, verbrachte die letzten 40 Jahre seines Lebens in Braunschweig. Im Alter hatte er f\u00fcr die Werke seiner Jugend fast nur noch Verachtung \u00fcbrig, obwohl die weiterhin sehr popul\u00e4r waren. F\u00fcr ihn z\u00e4hlten nur seine sp\u00e4teren Werke- Fr\u00fcher habe er Leser gehabt, sagt es, heute Liebhaber der Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger die Fahrt dauert, umso dunkler wird es. Die Wolken setzen sich durch, die Sonne ist im Norden noch nicht angekommen. Und die Landschaft wird immer flacher. Unendliche Wiesen und Felder, bei denen man nicht wei\u00df, was da w\u00e4chst, ein paar Weiden mit vereinzelten Schafen oder K\u00fchen und gro\u00dfe Fl\u00e4chen mit unz\u00e4hligen Windr\u00e4dern, die meisten davon im Stillstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich soll die Fahrt sieben Stunden dauern, aber wer glaubt, dass das alles so reibungslos abl\u00e4uft, hat die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Am Ende komme ich mit ordentlicher Versp\u00e4tung und einer ordentlichen Nachzahlung in Braunschweig an.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich vor dem Bahnhofsplatz ist die gro\u00dfe, \u00fcberdachte Haltestelle f\u00fcr Busse in zwei Spuren und f\u00fcr die hochmodernen Stra\u00dfenbahnen auch in zwei Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Stra\u00dfenbahn einsteige, beginnt es zu regnen, aber als ich aussteige, hat der Regen fast schon wieder aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der schnurgeraden Strecke eine kilometerlange Aneinanderreihung von Zelten mit Informationsst\u00e4nden und Imbissst\u00e4nden. An diesem Wochenende findet her der \u201eTag der Niedersachsen\u201c statt. In der Stadt ist es rappelvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Schloss steige ich aus. Auf dem Schlossplatz zwei sich gegen\u00fcberliegende repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude, die ich aber nur aus einem Augenwinkel sehe. Auf einem davon steht oben eine Quadriga.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht eine Einkaufsstra\u00dfe entlang Richtung Zentrum. Dabei sto\u00dfe ich gleich auf eine Skulptur, von der ich schon gelesen habe, das Katzendankmal. Auf und an einer Sandsteins\u00e4ule, wild durcheinander, alle m\u00f6glichen streunenden Katzen. Das Denkmal ist ein Deutungsversuch des Stra\u00dfennamens <em>Kattreppeln<\/em>. Der hat aber vermutlich gar nichts mit <em>Katzen<\/em> zu tun, sondern mit <em>Katten<\/em>, dem Sammelnamen f\u00fcr schwere Kriegsmaschinen des Mittelalters.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann komme ich an dem Fanshop von Eintracht Braunschweig vorbei, dem deutschen Meister von 1965. Das Schild gibt Anlass f\u00fcr ein paar Beobachtungen zur Sprache. Als das \u201ebeste Deutsch\u201c gilt ja das Deutsch, das in Hannover gesprochen wird, und die Hannoveraner halten sich das zugute. Aber das ist nat\u00fcrlich bl\u00fchender Unsinn. Erstens gibt es so etwas wie das \u201ebeste Deutsch\u201c gar nicht, zweitens k\u00f6nnte man das genauso vom Deutsch von Braunschweig, G\u00f6ttingen oder Wolfenb\u00fcttel sagen, und drittens gibt es nat\u00fcrlich auch hier Abweichungen von der Norm oder von dem, was als Norm empfunden wird. Das zeigt sich an dem Namen des Fanshops: <em>Aantracht-Eck<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich zu meinem Hotel durch, dem Ritter St. Georg. Es befindet sich in der Knochenhauerstra\u00dfe. Das waren die Metzger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Eindruck, wenn man um die Ecke biegt, ist hervorragend. Ein altes, dreist\u00f6ckiges Fachwerkhaus mit verzogenen Planken, mit Zwerchgiebeln und Dachh\u00e4usern, von einem Schlachter um 1500 erbaut, um 1700 ausgebaut und mit einem barocken Dielentor versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es ein Hotel. Nur: Wie kommt man rein? Die T\u00fcr ist verschlossen. Weit und breit niemand zu sehen. Dies ist eine einsame Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fc\u00fcr eine ganze Reihe von gar nicht barocken QR-Codes und Hinweisen zum Einchecken. Ich versuche es, aber es gibt unendliche H\u00fcrden zu \u00fcberwinden, vor allem bei der Eingabe des Geburtsjahrs. Als das endlich geklappt hat, stehe ich genauso ratlos vor der verschlossenen T\u00fcr. An der wird eine Telefonnummer angegeben, an die man sich im Notfall wenden kann. Aber das komme ich nicht durch. Eine Stimme sagt mir, an meinem Telefon sei Irgendwas aktiviert und beendet das Gespr\u00e4ch. Unter der Telefonnummer stehen noch zwei weitere, an die man sich im Notfall auch au\u00dferhalb der angegebenen Zeiten Wenden kann. Bei beiden gelange an den Anrufbeantworter. Keine Chance. Ich suche an den Nachbarh\u00e4usern nach einer Klingel oder einem lebendigen Menschen &#8211; vergeblich. Dann \u00fcberlege ich, mich nach einem anderen Hotel in der N\u00e4he umzusehen, aber in dem Moment klingelt das Telefon. Anruf aus Hamburg. Der Mann west mich auf die K\u00e4sten neben dem Eingang hin, nennt mir die Nummer meines K\u00e4stchens und die Geheimzahl, mit der man das K\u00e4stchen \u00f6ffnen kann. Drinnen liegt ein Schl\u00fcssel. Doch noch geschafft!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer hat eine ganz niedrige Decke mit schweren Holzbalken, sonst aber eher den Charme der F\u00fcnfziger Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Auspacken geht es in die Stadt. \u00dcberall Gruppen von traditionell gekleideten M\u00e4nnern und Frauen, die Frauen in langen, bunten Kleidern und bestickten Schultert\u00fcchern, die M\u00e4nner in wei\u00dfen Hemden und schwarzen Westen und hohen Zylindern. Auf einer B\u00fchne pr\u00e4sentiert eine Gruppe nach der anderen Musik oder Tanz. Dicht gedr\u00e4ngt steht das Publikum vor der B\u00fchne, sieht zu, isst, macht Photos und klatscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns auf dem Kohlmarkt, der einen irref\u00fchrenden Namen hat. Er m\u00fcsste eigentlich Kohlenmarkt hei\u00dfen. Er war die Heimat der K\u00f6hler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche den Platz nach drei besonderen H\u00e4usern ab, alle mit einem Giebel versehen, Steinh\u00e4user, keine Fachwerkh\u00e4user. An einem Giebel ist eine Sonne angebracht, an einem anderen eine Rose, an dem dritten der Mond. Diese H\u00e4user waren urspr\u00fcnglich Gasth\u00f6fe, in der die Besucher der bedeutenden Sommer- und Wintermesse unterkamen, nachdem Braunschweig wieder Residenz geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Altstadtmarkt, ebenfalls in unmittelbarer N\u00e4he des Hotels, das Altstadtrathaus, die Martinikirche, die ich wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Sch\u00f6nheit f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr den Dom halte, und das langgestreckte Gewandhaus. An dessen Stirnseite ist eine wunderbare, einfach als \u201eSch\u00fcrze\u201c vor das Geb\u00e4ude geh\u00e4ngte Fassade, die mit dem Bau selbst eigentlich nicht zu tun hat. Unten ein Laubengang, dessen Formen sich ober immer wieder wiederholen, dann drei quadratische Stockwerke und dann der hohe Treppengiebel. An den Giebelenden alle m\u00f6glichen Figuren, ganz oben eine Justitia mit Schwert und Waage, und im Zentrum des Giebels das rote L\u00f6wenwappen. Ein Hingucker, etwas f\u00fcr Ansichtskarten oder die Frontseite von Reisef\u00fchrern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es, \u00fcber die krumm verlaufende Schuhstra\u00dfe, mit lauter, in neueren H\u00e4usern untergebrachten Gesch\u00e4ften, ans andere Ende der Altstadt. Hier befand sich das Zentrum der Herz\u00f6ge, als Gegenst\u00fcck zu dem der B\u00fcrger und Handwerker, aus dem ich gerade komme. Unterwegs sehe ich ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen Vielharmonie und eine traditionelle Gastst\u00e4tte mit dem Namen <em>Mutter Habenicht<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt der Dom, mit seiner flachen, fast schmucklosen Fassade ganz anders als die Martinikirche, und daneben die Burg Dankwerderode. Hier wimmelt es von Besuchern. Im Zentrum des Platzes der ber\u00fchmte L\u00f6we, der aber, anders als erwartet, auf einem hohen Podest steht. Ohne Sonne ist er vor den dunklen Wolken bedrohlich und beeindruckend gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich der L\u00f6we geh\u00f6rte zum Geschlecht der Welfen, den Erbfeinden der Staufer. Jetzt lerne ich zum ersten Mal, dass Welfe nicht nur Eigenname, sondern auch Appelativ ist. Er bezeichnet die Jungen des L\u00f6wen. Daher also der L\u00f6we als Symboltier der Welfen. Der Name des Geschlechts geht wohl kaum auf das Wort zur\u00fcck, aber das tat dem Eindruck, den das machte, keinen Abbruch. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An dem anderen Ende des Platzes das Landesmuseum. Das wird zurzeit saniert, f\u00e4llt also f\u00fcr die Besichtigungen aus. Es bleiben aber das Herzog Anton-Ulrich-Museum, das St\u00e4dtische Museum und das Bauernmuseum.t<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg treffe ich noch zuf\u00e4llig auf den Ringerbrunnen, den ich sowie sehen wollte. Der Brunnen wird dominiert von einer modernen Skulptur, die zwei muskul\u00f6se Ringer darstellt, von denen der eine den anderen gerade auf seine Schulter gehievt hat. Man kann f\u00f6rmlich die Bewegung erahnen. Der Bildhauer, J\u00fcrgen Weber, wollte die Ringer urspr\u00fcnglich nackt darstellen, aber das stie\u00df auf Ablehnung. Weber stattete deshalb seine Ringer mit Badehosen aus. Auf denen stehen die Namen all der Leute, f\u00fcr die die nackten Ringer Stein des Ansto\u00dfes waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend habe ich noch die Gelegenheit, in eine Zeitschrift reinzugucken, die ich im Gep\u00e4ck habe. Da ist in einem Artikel, \u201eFreedom oder Liberty?\u201c, die Rede davon, dass ein franz\u00f6sischer Abgeordneter des Europaparlaments die R\u00fcckgabe der Freiheitsstatue an Frankreich forderte. Die US-amerikanische Politik sei nicht mehr mit den freiheitlichen europ\u00e4ischen Idealen in Einklang zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. 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