{"id":12459,"date":"2026-09-14T07:32:54","date_gmt":"2026-09-14T05:32:54","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12459"},"modified":"2026-09-14T07:32:54","modified_gmt":"2026-09-14T05:32:54","slug":"strasburg-2026","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=12459","title":{"rendered":"Stra\u00dfburg (2026)"},"content":{"rendered":"\n<p>28. August (Freitag)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4ngt gut an: Zu Hause steige ich in den falschen Bus und komme dann an einen gesperrten Fu\u00dfweg. Der Umweg kostet Zeit, und ich komme verschwitzt am Bahnhof an, bekomme den Zug aber noch. Der trifft p\u00fcnktlich ein, bleibt dann aber wegen einer Signalsperre 20 Minuten im Bahnhof stehen. Sieht schlecht aus mit dem Anschlusszug in Mannheim. Aber auf die Bahn ist Verlass. Auch der Zug hat Versp\u00e4tung.<\/p>\n\n\n\n<p>Da schon abzusehen ist, dass ich nicht rechtzeitig an der Wohnung ankommen werde, rufe ich, wie gehei\u00dfen, eine gewisse Sophie an, um Bescheid zu geben. Da meldet sich aber keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Zug gibt es Reservierungspflicht. Das scheint eine franz\u00f6sische Verfahrensweise zu sein. Vor der Grenze wird angek\u00fcndigt, man solle die P\u00e4sse bereithalten. Aber es kommt keine Kontrolle. Auf dem R\u00fcckweg auch nicht. Und noch mehr. In keinem der insgesamt vier Z\u00fcge bei der Hinfahrt und der R\u00fcckfahrt wird meine Fahrkarte kontrolliert. Ich h\u00e4tte umsonst reisen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme mit nur einer knappen Stunde Versp\u00e4tung in Stra\u00dfburg an. Die erste Sehensw\u00fcrdigkeit in Stra\u00dfburg ist der Bahnhof selbst. Er hat eine hypermoderne gl\u00e4serne H\u00fclle, sieht aus wie ein Raumschiff. Diese H\u00fclle umgibt das offensichtlich wilhelminische, sehr repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude, aus hellem Sandstein, mit Verzierungen \u00fcber den Portalen und den in Stein gemei\u00dfelten Jahreszahlen 1901 und 1902. Fr\u00fcher hat es hier mal zwei Fresken deutscher Kaiser gegeben, aber die hat man entfernt, eine typische, \u00fcberall anzutreffende Geste, die ich f\u00fcr ziemlich bekloppt halte. Als wenn man die Vergangenheit ausradieren k\u00f6nne. Es soll noch zwei verbliebene Skulpturen geben, Landwirtschaft und Industrie abbildend, aber die finde ich nicht. Au\u00dfen an der H\u00fclle steht <em>Gare de Strasbourg<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem gro\u00dfen Vorplatz sehe ich mich, wie von Hermanita empfohlen, nach einem Wegweiser zum <em>Mus\u00e9e d\u2018Art Moderne<\/em> um, denn in dessen N\u00e4he wohnen wir. Den gibt es aber nicht. Also richte ich mich nach den Stra\u00dfennamen: Der schnurgerade <em>Boulevard de Metz<\/em> geht \u00fcber in den <em>Boulevard de Nancy<\/em> und der in den <em>Boulevard de Lyon<\/em>. Hier biegt man ab und kommt auf die <em>Rue de Barr<\/em>, unsere Stra\u00dfe. Ich komme zur Hausnummer 18, hoffnungsfroh, und suche nach der Schelle, an der ich klingeln soll. Aber hier gibt es keine Schellen. Ich muss wohl falsch sein. Gehe diese Stra\u00dfe in die andere Richtung, eine Stra\u00dfe \u00fcberquerend, aber hier gehen die Hausnummern runter. Ich komme wieder zur\u00fcck zur 18 und schreibe eine Mail, in der Hoffnung, Antwort zu bekommen. In demselben Moment geht die Haust\u00fcr auf. Ich steige in die 4. Etage hinauf, und dort begr\u00fc\u00dft mich eine junge Frau. Ich sage ihr, ich h\u00e4tte versucht, sie am Telefon zu erreichen, aber sie sagt, sie habe keinen Anruf bekommen. Ich zeige ihr mein Telefon, und sie sagt, ja, das sei Sophie, die sei schon weg. Sie sei Carole, die Eigent\u00fcmerin. Ja, aber ihre Nummer hatte ich ja nicht. Sie murmelt irgendeine Entschuldigung. Ich sage, ich h\u00e4tte unten die Klingeln gesucht, aber nicht gefunden. Ach ja, sagt sie, da h\u00e4tte man das System ge\u00e4ndert, jetzt gehe es mit einem Code rein. Sie m\u00fcsse das auf der Homepage mal korrigieren. Gute Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bem\u00fcht sich um ein Minimum an Kommunikation und fragt mich, woher ich komme. Allemagne. Wo denn da? Tr\u00e8ves. Nie geh\u00f6rt. Wie immer in Frankreich, schon ein paar Kilometer hinter der Grenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchrt mich im Schnelldurchgang durch die Wohnung und zeigt auf den Schl\u00fcssel auf dem K\u00fcchentisch. Dazu keine Erkl\u00e4rung, ebenso wenig zu den Haushaltsger\u00e4ten oder zur Lage der Wohnung. Dann ist sie verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich in der Wohnung um. Eine gro\u00dfe, modernisierte Wohnung in einem sch\u00f6nen, \u00e4lteren Haus, mit ein paar Balkonen an der Front. Wir haben keinen, weil sich die Balkone \u2013 sch\u00f6ne architektonische Raffinesse \u2013 abwechselnd in der Mitte und an den Seiten befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung verf\u00fcgt \u00fcber alle Vorrichtungen, die man sich denken kann, einschlie\u00dflich Waschmaschine. Es gibt auch einen Vorrat an Kaffee, Tee, Zucker und Salz und im K\u00fchlschrank eine Flasche Sekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer schnellen Dusche versuche ich, ins Internet zu kommen, aber das Netzwerk, das auf der Homepage steht, kann ich nicht finden. Ich versuche, es per Hand einzugeben. Vergeblich. Also rufe ich sie an. Ach so, ja, das Netzwerk gebe es nicht mehr. Das m\u00fcsse sie mal \u00e4ndern auf der Homepage. Gute Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schickt mir den Namen des neuen Netzwerks und das Passwort. Das besteht aus 16 Zahlen und 6 Buchstaben. Beim dritten Versuch klappt es. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenigstens etwas. Bl\u00f6derweise hat mein Handy in der Zwischenzeit ohne mein Zutun das Icon der Kamera vom Bildschirm gel\u00f6scht. Ich finde keine L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe \u00fcber die breiten Boulevards wieder zum Bahnhof zur\u00fcck. Am Stra\u00dfenrand ein schwarzer Junge mit einem BVB-Trikot. Er wei\u00df vermutlich nicht, was er tr\u00e4gt, genauso wenig wie der Junge damals in Paraguay.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Architektur ist franz\u00f6sisch, drei- vierst\u00f6ckige H\u00e4user mit schmalen Balkonen mit gusseisernen Gel\u00e4ndern. Dazwischen immer wieder nichtssagende neue Bauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Frankreichs koloniales Erbe ist auf Schritt und Tritt zu sp\u00fcren: vermummte Frauen, fremde Sprachen, M\u00e4nner mit langen Kleidern, Halal-Gesch\u00e4fte, M\u00e4nner mit bestickten Schifferm\u00fctzchen, braune, schwarze und pechschwarze Haut, afrikanische Flaggen auf den Balkonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts ein verwaister Spielplatz. Eine sch\u00f6ne Lokomotive namens Emma bietet ein Kletterger\u00fcst mit Rutschbahn an. Wird nicht genutzt. Gilt wohl als aus der Welt gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz davor, auf der rechten Seite, mitten zwischen allen franz\u00f6sischen Schildern, das <em>Hotel Weber<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch Zeit, und ich gehe in ein Caf\u00e9, wo es einen leckeren kalten Kaffee gibt. Die Kellnerin setzt sich sofort, sobald sie mich hinter der Theke bedient hat, auf eine Bank an ihren Laptop.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche, irgendwie an meine Kamera auf dem Handy zu kommen, aber es klappt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof stehe ich unter der Anzeigetafel und suche nach dem Zug. Da werde ich von hinten angesprochen. Hermanita. Ist schon da. P\u00fcnktlich. Trotz einer etwas umst\u00e4ndlichen Fahrt auf der ersten Teilstrecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat ihren Aufenthalt in Mannheim genutzt, sich die Gegend um den Bahnhof herum anzusehen und hat Photos von den durchnummerierten Stra\u00dfennamen gemacht. Wie ein Schachbrett liegen die Stra\u00dfen vor dem Schloss, in Deutschland ein ungew\u00f6hnliches Muster, in S\u00fcdamerika die Regel. Im Schloss ist die Uni untergebracht. Dort habe ich vor Jahren bei einem Sprachkongress meinen ersten \u00f6ffentlichen Vortrag gehalten, \u00fcber Anglizismen im Deutschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte aber v\u00f6llig vergessen, dass Mannheim am Neckar liegt, an der M\u00fcndung des Neckars in den Rhein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Bahnhof an hohen Masten mehrere Reihen von Flaggen. Es sind die Flaggen der L\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union. Passend zu Stra\u00dfburg als Europa-Stadt. Man erkennt l\u00e4ngst nicht alle: Die schwarz-wei\u00df-blaue von Estland kenne ich nicht, auch die von Lettland, die der von \u00d6sterreich \u00e4hnelt, kenne ich nicht. Niederlande und Luxemburg kann man leicht verwechseln, Slowenien und Slowakei auch, bei Kroatien, auch \u00e4hnlich, helfen die Muster weiter, die man vom Trikot de Nationalmannschaft kennt. Eine mit gr\u00fcnen Zweigen und einem gelben \u201eFleck\u201c ist eine Unbekannte, bis ich merke, dass der Fleck eine Insel ist. Es ist die Flagge von Zypern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zeigt Hermanita mir die vergilbten Bl\u00e4tter der B\u00e4ume am Wegesrand. Es wird Herbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verlaufe ich mich, und wir m\u00fcssen nach dem Weg fragen. Uns hilft ein Mann, ein alter Els\u00e4sser, auf Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita zeigt sich sehr zufrieden mit der Wohnung, mit der Gr\u00f6\u00dfe, der Einrichtung, der Lage. Sie richtet sich kurz ein, und so bleibt uns noch Zeit f\u00fcr einen Spaziergang. Eigentlich wollen wir nur die Umgebung erkunden, aber es wird eine richtige erste Stadtbesichtigung daraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich in der N\u00e4he der Unterkunft gibt es einen <em>Carrefour<\/em> und einen Lebensmittelladen. Der wird von Portugiesen betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita f\u00fchrt uns, mit Handy und Stadtplan best\u00fcckt, durch die Stadt. Sie hat sich schon kundig gemacht und erw\u00e4hnt verschiedene Pl\u00e4tze in unserer N\u00e4he und das moderne Kunstmuseum, dem Reisef\u00fchrer zufolge das Museum, das man besichtigen sollte, wenn man nur ein Museum in Stra\u00dfburg besichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt zu einem Missverst\u00e4ndnis, weil ich Art verstehe, aber Hermanita von Arp spricht, Hans Arp. Der ist der Erste unter Gleichen, wenn es um die K\u00fcnstler dieses Museum geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald kommen wir zu dem Museum. Sieht auf den ersten Blick von au\u00dfen nicht so umwerfend aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auf dem Platz vor dem Museum, dessen W\u00e4nde mit allerlei schwarz-wei\u00dfem Graffiti bemalt sind, ist was los. Ein Stra\u00dfenk\u00fcnstler mit einem hohen Stab f\u00fchrt vor einer gro\u00dfen Menge seine K\u00fcnste vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben auf dem Dach des Museums entdecken wir das Pferd, das ich schon in meinem Reisef\u00fchrer gesehen habe. Wir sto\u00dfen in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder darauf. Das Pferd hat keine Ohren, keine M\u00e4hne und keinen Schwanz und tr\u00e4gt den r\u00e4tselhaften Namen <em>Hortus Conclusus<\/em>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich dahinter kommen wir zur <em>Barrage Vauban<\/em> und nutzen die Gelegenheit, oben auf die Terrasse zu gehen. Das lohnt sich. Von hier aus hat man einen wundersch\u00f6nen Blick auf die vor uns liegende Altstadt, das verzweigte Wassersystem und die vielen Br\u00fccken. Die Gel\u00e4nder der Br\u00fccke sind voller K\u00e4sten mit bunten bl\u00fchenden Blumen. Ein sch\u00f6nes Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder unten sto\u00dfen wir auf ein Schild, auf dem <em>Jean Hans Arp<\/em> steht. So hat man Arp seinen auch biographisch gerechtfertigten franz\u00f6sischen Anteil gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Liegt Stra\u00dfburg am Rhein? Ja! Aber man verbindet es nicht mit dem Rhein. Liegt wohl daran, dass der Rhein au\u00dfen um die Stadt herum flie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wichtigste Fluss im Zentrum ist die Ill. Aber welcher der Fl\u00fcsse vor uns die Ill ist und welche die verschiedenen Kan\u00e4le, die in sie flie\u00dfen, das finden wir in den ganzen Tagen nie so richtig raus, zumal die Ill sich irgendwo vor uns verzweigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Barrage Vauban<\/em> ist eine Br\u00fccke, die gleichzeitig Befestigung war. Man konnte sie bei einem Angriff unten mit Toren verschlie\u00dfen und damit die anderen Br\u00fccken \u00fcberfluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben ist auch eine Drehbr\u00fccke in unserer N\u00e4he, und auch das M\u00fcnster ist nicht so weit entfernt. Das Wort <em>M\u00fcnster<\/em> kommt von <em>monasterium<\/em> und bezeichnete urspr\u00fcnglich eine Kirche mit Kloster, dann aber auch gro\u00dfe Kirchen an sich. <em>M\u00fcnster<\/em> ist im S\u00fcden das, was bei und <em>Dom<\/em> ist. Der Unterschied ist einfach regional.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00fcnster, zusammen mit seiner Umgebung zum Weltkulturerbe der UNESCO geh\u00f6rend, liegt, von Fl\u00fcssen umgeben, auf der <em>Grande \u00cele<\/em>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Davor, da, wo wir jetzt sind, liegt <em>La Petite France<\/em>. Das hat mit Frankreich nur sehr indirekt was zu tun. Der Name geht auf das 16. Jahrhundert zur\u00fcck. Damals befand sich hier ein Krankenhaus, in dem Patienten behandelt wurde, die an Syphilis litten. Und die Krankheit hie\u00df, au\u00dferhalb von Frankreich jedenfalls, <em>Franz\u00f6sische Krankheit<\/em> (in Frankreich hie\u00df sie zum Ausgleich <em>maladie<\/em> <em>anglaise<\/em>). So ging der Name von den Kranken und dem Krankenhaus allm\u00e4hlich auf das ohnehin in keinem guten Ruf stehende Viertel \u00fcber. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Davon ist heute aber gar nichts mehr zu sp\u00fcren. Im Gegenteil, das ganze Viertel ist sch\u00f6n und anmutig und gem\u00fctlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch in diesem Viertel liegen die <em>Ponts Couverts<\/em>. Der Plural hat seinen Sinn, denn verschiedene Teile der Br\u00fccke werden durch die einst zur Stadtbefestigung geh\u00f6renden Wacht\u00fcrme miteinander verbunden. Bedacht sind sie allerdings nicht, nicht mehr, denn die alte, \u00fcberdachte Holzbr\u00fccke ist sp\u00e4ter durch eine nicht \u00fcberdachte Steinbr\u00fccke ersetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita hat einen guten Blick f\u00fcr die Blumen, die Stra\u00dfburg \u00fcberall schm\u00fccken, bunte Blumen in Blumenk\u00e4sten, in Blumenampeln, in Blumenk\u00fcbeln, auf Br\u00fccken, an H\u00e4userw\u00e4nden, auf den Pl\u00e4tzen. Sie fragt sich, wer die gie\u00dft und wie sie die Trockenheit \u00fcberstehen konnten. Sie sehen alle frisch und gepflegt aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen jetzt an der Ill entlang. Immer wieder fallen mir kuriose Name auf: <em>Quai de<\/em> Woerthel, <em>La Zornmuhle<\/em>, <em>Pharmacie Finkwiller<\/em>, <em>Brasserie La Schloss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Drehbr\u00fccke haben wir immer noch nicht gefunden. Stattdessen kommt jetzt die Thomasbr\u00fccke. Die hat ihren Namen von der Kirche, die am Ende der Br\u00fccke steht, St. Thomas, das \u201eprotestantische M\u00fcnster\u201c. Sie wurde gleich nach der Reformation evangelisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Br\u00fccke Stra\u00dfentheater, mit Harlekinfiguren mit bemalten Gesichtern. Es wird gerade eine dramatische Szene gespielt. Wieder viele Zuschauer, um die \u201eB\u00fchne\u201c herum auf niedrigen Sitzen hockend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter ein Kinderkarussell und eine Churros-Bude. Beide geschlossen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen auf die <em>Rue Grande<\/em>, die <em>Longstross<\/em>, mit Delikatessengesch\u00e4ften und Souvenirl\u00e4den. \u00dcberall ist viel Volks unterwegs. Es herrscht eine sommerliche Atmosph\u00e4re. Ferienstimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name eines hochklassigen K\u00e4segesch\u00e4fts stiftet Verwirrung bei mir: <em>Le Gout du Terror<\/em>? Was hat der K\u00e4se mit Terror zu tun? Es ist aber <em>Le Gout du Terroir<\/em>. Die Heimat ist gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber nutzt auch kein zweites Hingucken mehr: <em>L\u2018in \u00f4 Sens<\/em>, eine Boutique. Der Name bleibt Geheimnis. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita entdeckt einen Storch an einer H\u00e4userwand, dann noch einen, dann noch einen, sogar als Mosaik. Dann kommen sie als Pl\u00fcschtiere dutzendweise in einem Souvenirgesch\u00e4ft zum Vorschein. Die Erkl\u00e4rung: Der Storch ist traditionell das Symbol des ganzen Elsasses.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Fassade des Hauses eines alten Gesch\u00e4ftsmanns entdecken wir 8 K\u00f6pfe, vier in der unteren Etage, 4 oben. Sie stellen die 4 Jahreszeiten und die 4 Kontinente dar. Bei den Jahreszeiten k\u00f6nnen wir wenigstens noch raten, um welche es sich handelt. Bei den Kontinenten sind wir \u00fcberfragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen dem M\u00fcnster immer n\u00e4her. Der gro\u00dfe Platz vor der Gasse, die zum M\u00fcnster f\u00fchrt, ist der Gutenbergplatz, mit seiner Statue im Zentrum. Tats\u00e4chlich war Gutenberg 10 Jahre lang in Stra\u00dfburg. Dass er sich in der Zeit auch mit Buchdruck besch\u00e4ftigt hat, ist wahrscheinlich, aber geb\u00fcrtig ist er definitiv aus Mainz, und zwar aus einem alten Viertel, das <em>Gutenberg<\/em> hie\u00df. Daher hat er seinen heutigen Namen. Tats\u00e4chlich hie\u00df er <em>Gensfleisch<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier tr\u00e4gt er einen langen Mantel und einen langen Bart. Wie er tats\u00e4chlich aussah, wei\u00df keiner. In der Hand h\u00e4lt Gutenberg eine gedruckte Seite. Sie soll vermutlich eine Seite aus der Gutenberg-Bibel darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu allen vier Seiten Reliefs mit Hunderten von K\u00f6pfen, lauter Menschen, ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, die im Laufe der Jahrhunderte von der Erfindung des Buchdrucks profitieren konnten, Philosophen, Dichter, Politiker, an jede Seite ein Kontinent.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Erfindung des Buchdrucks Gutenberg zugeschrieben wird, war er in China schon Jahrhunderte fr\u00fcher erfunden worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stehen wir vor der Fassade des M\u00fcnsters. Beeindruckend. Sowohl das gesamte Bild wie in den Details. Zur Wirkung tragen auch die Rosette und der r\u00f6tliche Sandstein bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fassade ist eine echte Enzyklop\u00e4die von Skulpturen. Wir erkennen die klugen und die t\u00f6richten Jungfrauen, k\u00f6nnen uns aber nicht einigen, wie viele das gewesen sind: 5, 6 oder noch mehr? Ist hier auch nicht so leicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Turm \u2013 es wurde nur einer vollendet \u2013 war eine architektonische Meisterleistung und mit 142 Metern bis zum 19. Jahrhundert der h\u00f6chste der Welt!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben mehr gesehen, als wir gedacht haben und mehr, als wir uns vorgenommen hatten, und treten den Heimweg an.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause scheitert die Zubereitung eines einfachen Abendessens fast an der merkw\u00fcrdigen Funktionsweise des Herds. Ich will schon aufgeben, aber Hermanita bleibt dran und kriegt es am Ende doch noch hin.<\/p>\n\n\n\n<p>29. August (Samstag)<\/p>\n\n\n\n<p>In Kafkas <em>Schloss<\/em> kommt der Landvermesser Josef K. in einen fremden Ort, in dem Regeln gelten, die er nicht kennt oder nicht versteht, die alle anderen aber f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten. Manchmal versucht er, die Regeln einzuhalten, manchmal versucht er, sich dagegen aufzulehnen, aber das eine verfehlt seine Wirkung wie das andere. Er ist und bleibt der Au\u00dfenseiter. Seine Rettung scheint im Schloss zu liegen, zu dem der Ort geh\u00f6rt. Es gibt auch verschiedene Wege, die so aussehen, als f\u00fchrten sie zum Schloss, aber jedes Mal, wenn er einen dieser Wege hinaufgeht, muss er feststellen, dass sie doch nicht zum Schloss f\u00fchren. Kann man das Leben besser beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck gibt es eine Kerze, eine gefaltete Stoffserviette, einen bekr\u00e4nzten Fr\u00fchst\u00fccksteller, Geldschein f\u00fcr ein Essen und vor allem \u2013 Pferdesalbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita m\u00f6chte ins Europaviertel. Machen wir. Vorher streifen wir aber noch durch die Altstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir losgehen, kommen uns Radfahrer entgegen, alle ohne Helm, auf normalen Fahrr\u00e4dern. Gl\u00fcckliches Stra\u00dfburg! Sp\u00e4ter, im Europaviertel, kommt mir eine ganze Gruppe von Radfahrern entgegen. Alle mit Helm. Es sind Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zeigt sich Stra\u00dfburg von seiner sch\u00f6nen Seite: Br\u00fccke, Blumen, Fl\u00fcsse, und die sich im Wasser spiegelnden H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir passieren das Restaurant <em>Le Baeckeoffe d\u2019Alsace<\/em> \u2013 wieder so eine wilde Mischung von Deutsch und Franz\u00f6sisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Drehbr\u00fccke halten wir wieder vergeblich Ausschau.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal finden wir das Denkmal von Albert Schweitzer. Wie von selbst. Wir m\u00fcssen gestern nur ein Paar Meter an ihm vorbeigelaufen sein. Er sitzt, in Bronze gegossen, auf einem M\u00e4uerchen. Man kann sich gut danebensetzen. Vor dem Studium hatte Schweitzer ein Milit\u00e4rjahr bei einem Infanterieregiment in Stra\u00dfburg verbracht, nach dem Studium war er als Vikar an der Stra\u00dfburger Nicolai-Kirche t\u00e4tig. In dieser Funktion traute er 1908 Theodor Heuss und seine Stra\u00dfburger Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte damals bereits einen Doktortitel in Theologie und einen in Philosophie. Aber f\u00fcr den Einsatz als Arzt in Afrika reichte das nicht. Also studierte er auch noch Medizin und erwarb seinen dritten Doktortitel. Dann fuhr er zum ersten Mal nach Lambarene und baute dort das Tropenkrankenhaus auf. Bis der Krieg ausbrach. Da er deutscher Staatsb\u00fcrger war und Lambarene in \u00c4quatorial-Afrika lag, das zu Frankreich geh\u00f6rte, wurde er gefangengenommen und inhaftiert. Nach dem Krieg machte er einen Neuanfang und lie\u00df in Lambarene ein gr\u00f6\u00dferes Hospital errichten. St\u00e4ndig pendelte er zwischen Europa und Afrika hin und her, auch, weil seine Frau, die ihn voll unterst\u00fctzte, die Feuchtigkeit in Afrika nicht ertragen konnte und mit dem gemeinsamen Kind in der Heimat geblieben war. Beide sammelten Gelder und besorgten medizinische Ger\u00e4te f\u00fcr das Krankenhaus. Das Krankenhaus und Schweitzer wurden ber\u00fchmt. 1952 erhielt er f\u00fcr sein Lebenswerk den Friedensnobelpreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen sehen wir an der Ecke des Platzes die Lokale <em>Au Couleur du Temps<\/em> und die <em>Trattoria del Cuore<\/em>, Seite an Seite. Dann passieren wir die <em>Librairie Bildergarte<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kinderkarussell hat oben Bemalungen. Eine von ihnen zeigt eine Szene von der Weinlese.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat Stra\u00dfburg keine Burg? fragt Hermanita. Gute Frage. Keine Burg weit und breit. Offensichtlich gab es aber in fr\u00fcheren Zeiten eine, in den Zeiten der Alemannen, eine Burg, die an der Stra\u00dfe lag. Der Name <em>Strateburgo<\/em> ist schon im 6. Jahrhundert bezeugt. Damals konnte <em>Burg<\/em> wohl auch einfach ein Name f\u00fcr eine Befestigung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum M\u00fcnster. Die Fachwerkh\u00e4user in der <em>Rue Merci\u00e8re<\/em>, so sch\u00f6n sie auch sein m\u00f6gen, verdecken die Fassade des M\u00fcnsters ein bisschen. Das ist aber trotzdem eindrucksvoll. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen durch ein Portal rein, das frei zu sein scheint. Aber da ist nur der Ausgang. Um reinzukommen, muss man durch das andere Portal, und da steht eine lange Schlange davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00fcnster ist dreischiffig, mit Arkaden, Triforium und Obergaden, so dass genug Licht reinkommt, um das Innere einigerma\u00dfen zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist gotisch, nur die Ostapsis und der Teil davor weichen deutlich davon ab. Sie sind \u00e4lter, auch dunkler. Man k\u00f6nnte fast den Eindruck haben, in Sizilien zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst, wenn man sich in der Kirche umsieht \u2013 im doppelten Sinne \u2013 entdeckt man die Rosette und die Schwalbennestorgel, beide echte Hingucker. An der Orgel sieht man zwei Figuren, beide bunt bekleidet, einen Trompeter und einen Brezelverk\u00e4ufer. Was der hier zu suchen hat, wei\u00df man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sehr sch\u00f6n ist die figurenreiche Kanzel, mit Heiligen und Propheten, aber auch mit Soldaten im Miniformat. K\u00f6nnten auch Zwerge sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu \u00fcbersehen ist eine riesige Kopie eines Blatts aus der Gutenberg-Bibel, die \u00fcber dem Mittelschiff h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wird es wegen der vielen Besucher laut. Dann kommt aus dem Lautsprecher: &#8220;Medames et Messieurs: Shhhhh!&#8221;. International verst\u00e4ndlich und wirkungsvoll. Jedenfalls f\u00fcr ein paar Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergeblich suchen wir nach der Madonna mit 12 Sternen, einem von der EU gestifteten Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bekannteste Ausstattungsst\u00fcck des M\u00fcnsters ist die Astronomische Uhr. Um sie um 12 Uhr zu sehen, wenn sich die Figuren in Bewegung setzen, muss man sich eigens anstellen und Eintritt bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werfe noch einen kurzen Blick auf die romanische Krypta (geschlossen) und sehe an einem Seiteneingang auf die Fialen der Au\u00dfenmauer. Da mache ich ein Photo, das zu einem der sch\u00f6nsten der Reise wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen noch einen Dreifl\u00fcgelaltar ansehen, vor dem eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe steht. Wenn man sich heranwagt, kann man leicht ein niedrig \u00fcber den Boden gespanntes Seil \u00fcbersehen. Und auf die Nase fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir die Kirche verlassen, steckt Hermanita noch eine gro\u00dfe Kerze an, f\u00fcr die ganze Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ausgang steht merci thanks danke obrigado grazie gracias dzi\u0119kuj\u0119 ci. Dann folgt <em>Danke<\/em> in einer Sprache mit fremden Schriftzeichen. Sieht weder nach Chinesisch noch nach Japanisch aus. Koreanisch?<\/p>\n\n\n\n<p>In einem seltenen Moment von Inspiration kommt es uns in den Sinn, das M\u00fcnster auch noch von der Seite anzusehen, die auf den Platz und nicht auf die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hinausgeht. Lohnt sich. Schon deshalb, weil hier kein Mensch ist, wirklich keiner, ganz im Kontrast zu den Mengen vor dem Hauptportal und dem Gedr\u00e4nge an der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, an der S\u00fcdfront, befindet sich das Uhrenportal, so genannt nach den beiden Sonnenuhren, die hier \u00fcber dem Eingangsportal angebracht sind, eine vertikale mit Polstab und Ziffern, ganz oben im Giebelfeld, und eine Tafeluhr, rund, mit Symbolen und Bezeichnungen, weiter unten, \u00fcber den Portalen. Erinnert an die beiden Sonnenuhren, die wir in Braunschweig am Dom gesehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr Symbole sind das? Tierkreiszeichen? Aber daf\u00fcr sind es nicht genug, nur 7. Dann f\u00e4llt der Groschen: Planeten! Sonne und Mond sind leicht zu erkennen, die anderen sind r\u00e4tselhaft. Unter ihnen die Zeichen f\u00fcr weiblich und m\u00e4nnlich, auch heute noch gebr\u00e4uchlich. Das k\u00f6nnten Venus und Mars sein. Zwischen den Ziffern und diesen Symbolen stehen die Wochentagsnamen. Auf Franz\u00f6sisch. Also muss die Sonnenuhr erst nach den Reunionskriegen entstanden sein, vermutlich im 17. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Portal, noch romanisch mit dem doppelten Rundbogen, ist ausgesprochen sch\u00f6n und kann (beinahe) mit dem viel auff\u00e4lligeren Westportal mithalten. Man sieht Tod, Begr\u00e4bnis und Himmelfahrt Mariens, alles figurenreiche Darstellungen, und ihre Kr\u00f6nung, au\u00dferdem Bundesladentr\u00e4ger, allerhand Getier, und, als auff\u00e4lligste Figuren, K\u00f6nig Salomon in der Mitte und Ecclesia und Synagoge an den Seiten des Portals (hier noch nicht als politisch inkorrekt beseitigt wie an unserer Liebfrauenkirche).<\/p>\n\n\n\n<p>Um f\u00fcr die weiteren Besichtigungen ger\u00fcstet zu sein, gehen wir in die Touristeninformation, gleich am M\u00fcnsterplatz gelegen. Hier wird Deutsch gesprochen. Um ins Europaviertel zu kommen, soll man die Stra\u00dfenbahn nehmen. Tickets gibt es gleich hier am Schalter. Alles andere wird auf einem Stadtplan eingezeichnet und markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Ziel ist die <em>Maison Kammerzell<\/em>, gleich nebenan. Es gilt als das sch\u00f6nste Fachwerkhaus Stra\u00dfburgs. Ein K\u00e4seh\u00e4ndler lie\u00df im 16. Jahrhundert die drei auskragenden Etagen bauen und mit reichen Schnitzereien verzieren. Leider sind die Figuren von hier unten nicht so gut zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Punkt, der Meisenlocker, ist etwas weiter entfernt. Die Statue stellt einen Jungen dar, mit einem Vogelk\u00e4fig in der einen und einer Fl\u00f6te, in die er hineinbl\u00e4st, in der anderen Hand. Er bet\u00e4tigt sich als Meisenf\u00e4nger. Um die gefangenen Tiere auf M\u00e4rkten zu verkaufen, wie man das so machte. Diese Skulptur geh\u00f6rt aber eigentlich nach M\u00fcnchen und ist nur gegen einen Tausch nach Stra\u00dfburg gekommen. Als Gegengabe bekamen die Berliner einen barocken Brunnen mit dem Flussgott Rhein, f\u00fcr Stra\u00dfburg gemacht. Aber damit wurden die Stra\u00dfburger nicht warm, denn der Flussgott war splitternackt. Als die Franzosen nach dem 1. Weltkrieg hier wieder das Sagen hatten, wurde der Brunnen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abgetragen, weil er als \u201edeutsches Werk\u201c galt. So kam er nach Deutschland. Wo er urspr\u00fcnglich von einem deutschen Bildhauer geschaffen worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur <em>Rue de l\u2019Arc en<\/em> <em>Ciel<\/em>, der <em>R\u00e4jeb\u00f6jegass<\/em>, und dann durch eine stille Gasse mit sch\u00f6nen H\u00e4usern. Dann, kurz vor der <em>Place de la R\u00e9publique<\/em>, finden wir den Januskopf. Der ist erstaunlicherweise ein Werk von Tomi Ungerer. Der war mir bisher noch nie als Bildhauer untergekommen. Der Januskopf steht auf dem Boden unter den B\u00f6gen eines nachgebildeten Aqu\u00e4dukts. Ungerer hat ihn zur 2000-Jahr-Feier Stra\u00dfburgs geschaffen. Der doppelk\u00f6pfige <em>Janus<\/em>, der bei der Benennung des <em>Januars<\/em> Pate stand, steht hier f\u00fcr die Doppelkultur des Elsasses, franz\u00f6sisch und deutsch, und seine ambivalente Geschichte. Man kann sie aber auch auf vieles andere beziehen, nicht zuletzt auch auf jeden von uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Place de la R\u00e9publique<\/em> ist das Zentrum der Neustadt, also der unter der deutschen Herrschaft im 19. Jahrhundert entstandenen Stadterweiterung. Der Platz, als Park angelegt, ist auf allen Seiten von repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden umgeben: Nationalbibliothek, Nationaltheater, Justizpalast, <em>Palais du<\/em> Rhin.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte das <em>Monument des Morts<\/em>: Mutter Elsass trauert um ihre beiden S\u00f6hne. Sie h\u00e4lt sie in den Armen, und die beiden reichen sich die Hand. Das sollen Deutschland und Frankreich sein. Allerdings sind die Jahreszahlen am Sockel eher verwirrend: 1914-1918, 1939-1945, 1945-1954, 1952-1962. Die letzten beiden scheinen nicht zu passen, haben mit Deutschland nichts zu tun. Aber mit Frankreich? Ja, das m\u00fcssen Indochina und Algerien sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Park sehen wir einen riesigen Ginkgo, den ich wegen seiner Gr\u00f6\u00dfe nicht als Ginkgo erkannt h\u00e4tte. Aber neben mir steht die Besitzerin eines Ginkgos. Die wei\u00df es. Ich denke dabei immer nur an Goethes Gedicht. Das gespaltene Blatt steht f\u00fcr Einsamkeit und Zweisamkeit gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltestelle der Stra\u00dfenbahn, die hier <em>Tram<\/em> hei\u00dft, ist gleich am Rande des <em>Place de la R\u00e9publique<\/em>. Aber es dauert was, bis wir die richtige Bahn finden, die E. Die bringt uns ins Europaviertel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn ist hypermodern, erinnert an die Luxemburger, und au\u00dferdem bestens beschildert. Trotzdem erleben wir bald einen Reinfall. Als wir eingestiegen sind, suchen wir den Apparat zum Entwerten der Fahrkarten. Nicht zu finden. Ein Passagier gibt Auskunft: Die Apparate stehen drau\u00dfen an den Haltestellen. Schnell raus! Kostet 60 \u20ac pro Person.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn bringt uns direkt zum Europaparlament. Das ist ein riesiges gl\u00e4sernes Geb\u00e4ude. Die gro\u00dfe Glasfassade l\u00e4sst nat\u00fcrliches Licht herein und soll f\u00fcr Transparenz und Offenheit stehen. Der Komplex besteht aus zwei Hauptteilen, dem bogigen Parlamentsfl\u00fcgel und einem runden B\u00fcroturm. Die obere Ebene sieht wie unvollendet aus. Das soll f\u00fcr das sich weiter entwickelnde Europa stehen, w\u00e4hrend die erste Ebene f\u00fcr die bereits abgeschlossene Entwicklung steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Besuch im Europaviertel steht unter keinem guten Stern. Die Stra\u00dfenbahn bringt uns zwar direkt zum Europaparlament, aber da kommen wir vor verschlossene T\u00fcren. Mittagspause von 12-15 Uhr statt von 13-14, wie \u00fcberall zu lesen war und wie man es uns in der Touristeninformation gesagt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach laufen wir verloren durch die Gegend. Die Ausschilderung ist eine Katastrophe, man kann nicht erkennen, welches Geb\u00e4ude was ist \u2013 eins, das wir f\u00fcr relevant halten, entpuppt sich als Parkhaus \u2013 man kommt nicht \u00fcber den Fluss, wir finden kein Caf\u00e9 oder das dringend ben\u00f6tigte WC. Die Beine werden immer schwerer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das einzige Geb\u00e4ude, bei dem wir eine Institution der EU erkennen k\u00f6nnen, ist der Europ\u00e4ische Gerichtshof. Durch ein Gitter sehen wir eine Skulptur. Mehrere ganz und gar in einen Verband eingeh\u00fcllte Menschen sitzen in einem Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Da nichts anderes zu finden ist, suchen wir die Orangerie, einen gro\u00dfen Park, in der Hoffnung, dort ein WC zu finden. Das ganze Viertel wirkt wie ausgestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an unendlichen Sportpl\u00e4tzen vorbei, bis wir auf eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe kommen. Hier ist der Eingang zur Orangerie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die ist riesengro\u00df, und mit dem Stadtplan gelingt es uns nicht, uns zu orientieren. Wir kommen an ein Restaurant, sch\u00f6n hinter B\u00e4umen gelegen, aber das ist eine Klasse zu gut f\u00fcr uns, und au\u00dferdem ist uns nicht nach Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann merken wir verbl\u00fcfft: Die haben keine Toiletten. Es gibt im ganzen Park nur eine Toilette, und die wird von allen benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir endlich hinkommen, schiebt gerade ein Radfahrer sein Rad auf die Toilette, auf die eine von insgesamt zwei Toiletten. Nat\u00fcrlich sind hier noch andere vor uns dran, und wenn einer fertig ist, werden die Toiletten erst einmal chemisch gereinigt \u2013 und das dauert. Die Erleichterung ist gro\u00df, als wir die Sache endlich erledigt haben. An einem Kiosk gibt es Wasser und Kaffee, und f\u00fcr mich eine Art Brioche. Hermanita h\u00e4lt es weiter mit leerem Magen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen ein bisschen in dem Park spazieren, kommen an einem See und an einem Wasserfall vorbei und gelangen schlie\u00dflich zum Pavillon Jos\u00e9phine, benannt nach Napoleons Frau, die sich hier besonders gerne aufhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier soll auch die G\u00e4nselieselfigur sein, nach der wir vorher gefragt haben. Die M\u00e4dchen vom Kiosk hatten keine Ahnung \u2013 Nie gesehen! \u2013 der Mann vom Bootsverleih aber wusste aus Anhieb Bescheid \u2013 Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, wo die ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00e4nseliesel tr\u00e4gt Holzschuhe, ein langes, an der H\u00fcfte geschn\u00fcrtes Kleid und eine Haube, am Arm einen Korb mit Obst. Sie sieht sich jetzt gerade nach der Gans um. Gef\u00e4llt mir gut, die Figur.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \u00fcber die G\u00e4nseliesel selbst k\u00f6nnen wir uns nicht einigen. Ich meine, sie komme aus einem Grimm\u2019schen M\u00e4rchen, Hermanita meint, sie habe noch nie von ihr geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen uns zur\u00fcck auf den Weg zum Europaparlament. Diesmal f\u00e4llt der Weg k\u00fcrzer aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort angekommen sieht man, wie schon l\u00e4ngst Leute eingelassen werden, obwohl es noch nicht 15 Uhr ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita entscheidet sich, reinzugehen, ich mache mich auf die Suche nach zwei weiteren Orten. Der erste ist <em>Arte<\/em>, der Fernsehkanal. Das klappt auf Anhieb. Vor dem Eingang des gro\u00dfen, gl\u00e4sernen Geb\u00e4udes steht der Giraffenmann, ein beliebtes Photomotiv. Aus dem K\u00f6rper des Mannes, der kopflos, aber sonst ganz normal ist, ragt ein Giraffenhals heraus, mit Kopf. Ich sehe darin das Beispiel eines Menschen, der in die Ferne sieht, der sich aus der Enge des eigenen Gesichtsfeldes befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zeige dem Wachmann vor dem Geb\u00e4ude das Bild von Zeus und Europa, aber er kennt das nicht. Also gehe ich zur\u00fcck zum Europaparlament, aber die schicken mich wieder zur\u00fcck zu <em>Arte<\/em>. Ich soll die n\u00e4chste Br\u00fccke dahinter nehmen, um auf die andere Seite zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tue ich und laufe dann eine unendlich scheinende Strecke zischen der Ill und den Geb\u00e4uden entlang, lauter Geb\u00e4ude, die was mit der EU zu tun haben, aber die sich \u00fcbergangslos aneinanderreihen. Man kommt nicht an die Hinterfront. Und da steht irgendwo der Zeus.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle diese Geb\u00e4ude sind verschlossen, nirgends ist ein Wachmann zu sehen, und Spazierg\u00e4nger gibt es hier auch keine. Ich glaube die ganze Zeit, es mit dem Europarat oder einer anderen Institution zu tun zu haben, aber es geh\u00f6rt alles noch zum Europ\u00e4ischen Parlament. Das erkl\u00e4rt auch die gl\u00e4serne Br\u00fccke, die zum Parlament \u00fcber die Ill f\u00fchrt. Alles sind B\u00fcror\u00e4ume, Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume, Tagungsr\u00e4ume. Und die werden nur dann genutzt, wenn das Parlament in Stra\u00dfburg ist, jeden Monat, wie ich sp\u00e4ter vom Hermanita erfahre, einmal, von Montag bis Donnerstag. Die restliche Zeit ist man in Br\u00fcssel und tagt dort in Kommissionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe mich geschlagen und gehe zur\u00fcck. Da entdecke ich eine L\u00fccke in einer Baustelle, und komme tats\u00e4chlich hinter das <em>B\u00e2timent Winston Churchill<\/em>, und da entdecke ich dann den Zeus. Er erscheint als silberner, etwas l\u00fcstern hereinblickender Stier, auf seinem R\u00fccken Europa, fr\u00f6hlich aussehend, mit ausgebreiteten Armen. Sie sind nicht mehr im Wasser, sie sind an Land. Angekommen. Die Skulptur nimmt Bezug auf den klassischen Mythos der Entf\u00fchrung Europas. Zeus hatte einen Blick auf die sch\u00f6ne junge Frau geworfen, konnte sich ihr aber nicht als Zeus n\u00e4hern, denn das h\u00e4tte Hera mitbekommen. Also verwandelte er sich in einen Stier, nahm sie auf den R\u00fccken und entf\u00fchrte sie. Von Kleinasien nach Europa. Ein Mythos, der uns daran erinnert, dass wir keine reinen Europ\u00e4er sind, dass wir unsere Wurzeln woanders haben. Genau das best\u00e4tigt auch die evolution\u00e4re Genetik. Europa ist im Laufe der Jahrtausenden von Menschen aus Ostafrika, aus Kleinasien und aus der Ukraine bev\u00f6lkert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg erinnere ich mich an die hervorragende Churchill-Biographie von Sebastian Haffner, die ich vor Jahren gelesen habe. Da erkl\u00e4rt Haffner, Churchill habe schon gleich nach dem Krieg f\u00fcr ein vereintes Europa geworben. Daher hat man ihm hier ein Geb\u00e4ude gewidmet. Churchills Europa war allerdings \u2013 wie sollte es anders sein \u2013 ein Europa ohne England.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich endlich wieder beim Parlament bin, wartet &nbsp;Hermanita schon, im Stehen, nicht auf den B\u00e4nken, wegen der \u201ebl\u00f6den Sonne\u201c. Sie erz\u00e4hlt aber ganz begeistert von ihrem Besuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Parlamentsgeb\u00e4ude ist riesig, beeindruckend schon der Anblick, wenn man im Foyer steht, auch der gro\u00dfe Plenarsaal, wenn auch im Moment im Umbau, ist was Besonderes. Der Plenarsaal ist in eine Art Nussschale eingeh\u00fcllt, rund, aus Holz, und das ist etwas ganz Besonderes, erfahre ich, weil man runde Formen nur ganz schwer aus Holz machen kann. Die Holzst\u00fccke m\u00fcssen dazu sehr, sehr klein sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita ist beim Eingang kontrolliert worden, hat dann eine App mit Erkl\u00e4rungen bekommen, mit der man durch das Geb\u00e4ude gef\u00fchrt wird, die man aber hier schlecht verstehen konnte. Zu Hause entdeckt sie dann zu ihrer Verbl\u00fcffung, dass diese Erkl\u00e4rungen auch auf ihrem Handy gelandet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Europaparlament, die einzige direkt gew\u00e4hlte Institution der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft, hat 720 Abgeordnete aus 9 Parteien. Die Pr\u00e4sidentin ist Malteserin, Roberta Metsola. Wir sind erstaunt, dass wir beide sie nicht kennen. Ich verwechsle sie mit Kaja Kallas, Estin, aber die geh\u00f6rt zur Kommission, ist Au\u00dfenbeauftragte der Kommission. Die Amtszeit der Parlamentspr\u00e4sidenten ist zweieinhalb Jahre, die H\u00e4lfte der Legislaturperiode.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita zufolge wird weiterhin von jeder Sprache in jede andere Sprache \u00fcbersetzt. Ich meinte mal geh\u00f6rt zu haben, dass man das mit der wachsenden Zahl der Mitglieder eingestellt hat, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Seit dem Beitritt Kroatiens gibt es 525 Kombinationen. Kaum vorstellbar, wie das zu bew\u00e4ltigen ist. Englisch ist trotz des Brexits weiterhin vertreten, weil es in Irland und in Zypern Amtssprache ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss sich vorstellen, dass auch alle diese Dolmetscher und \u00dcbersetzer Teil des Wanderzirkus sind. Kein Wunder, sagt Hermanita, dass die Taxischlange vor dem Bahnhof so lang ist. Die Zugfahrt von Br\u00fcssel nach Stra\u00dfburg ist direkt, dauert aber immerhin 4 Stunden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in die Altstadt geht es wieder mit der Stra\u00dfenbahn. Wir steigen eine Haltestelle sp\u00e4ter aus, sind hier aber orientierungslos. Ein freundliches Ehepaar zeigt in die entgegengesetzte Richtung und kommentiert mit einem L\u00e4cheln: \u201eLoin mais simple, simple mais loin.\u201c Das erweist sich als zutreffend. Es geht immer an der Ill entlang, zieht sich aber ganz sch\u00f6n hin. Am Ende haben wir eine Rekordzahl an Schritten hinter uns gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache, bevor wir uns die vier Etagen raufqu\u00e4len, noch schnell einen Einkauf bei <em>Carrefour<\/em> und stelle fest, dass es hier kein alkoholfreies Bier gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>30. August (Sonntag)<\/p>\n\n\n\n<p>Die wechselhafte Geschichte Stra\u00dfburgs beginnt bereits im Altertum. Die R\u00f6mer legten hier ein gro\u00dfes Milit\u00e4rlager an, das sie <em>Argentoratum<\/em> nannten und das an der Stelle lag, wo Kelten schon seit Jahrhunderten siedelten. Sp\u00e4ter kamen die Alemannen. Auf die geht wohl der heutige Name der Stadt zur\u00fcckgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Gehei\u00df von Otto II. wurde schon 912 das Hochstift Stra\u00dfburg gegr\u00fcndet. Die Stadt stand also unter der Herrschaft der Kurf\u00fcrsten und wurde Teil des alten Reichs, des Heiligen R\u00f6mischen Reichs Deutscher Nation. 1681 besetzten Truppen Ludwigs XIV. die Stadt, und Stra\u00dfburg wurde franz\u00f6sisch. Das blieb es bis zum Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg 1871\/71. Da wurde Stra\u00dfburg wieder deutsch. Aus der Zeit stammen der Bahnhof und die Neustadt. Mit dem Versailler Vertrag 1919 wurde es wieder franz\u00f6sisch, bis zur Besetzung durch die Nazis. Um dann, nach dem Krieg, wieder franz\u00f6sisch zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Machthaber verfolgten auch eine radikale Sprachpolitik. Nach 1919 wurde Franz\u00f6sisch Amtssprache und auch Unterrichtssprache. Unter den Nazis wurde alles Franz\u00f6sische verbannt, als \u201ewelscher Plunder\u201c, Sprache, B\u00fccher, Namen, Plakate. Das r\u00e4chte sich 1945. Deutsch wurde als Sprache des Erzfeindes vollst\u00e4ndig von den Schulen verbannt, die Bev\u00f6lkerung wurde dazu angehalten, nur noch das \u201eschicke\u201c Franz\u00f6sisch zu sprechen. Das Els\u00e4ssische wurde als b\u00e4uerlicher Dialekt ohne Zukunft hingestellt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Konfession \u00e4nderte sich. Stra\u00dfburg wurde in der Zeit der Reformation protestantisch, bis zur Eroberung durch Ludwig XIV. Da wurde es wieder katholisch. Aber diese Ver\u00e4nderung war nicht dauerhaft. Heute ist Stra\u00dfburg als einzige franz\u00f6sische Stadt mehrheitlich protestantisch. Das M\u00fcnster ist aber katholisch.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Literaturgeschichte hat Stra\u00dfburg zwei ganz Gro\u00dfe hervorgebracht, Sebastian Brandt, dessen <em>Narrenschiff<\/em> der erste Bestseller war und bis zu Goethes <em>Werther<\/em> das meistverkaufte Buch blieb. 500 Jahre fr\u00fcher schrieb Gottfried von Stra\u00dfburg, der Minnes\u00e4nger, <em>Tristan<\/em>, das Versepos. Das war sp\u00e4ter die Inspiration f\u00fcr Wagners Oper.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch bedeutender ist Stra\u00dfburg in der Sprachgeschichte, durch die wegweisenden <em>Stra\u00dfbuger Eide<\/em> (842). Was war passiert? Vereinfacht gesagt: Zwei Br\u00fcder tun sich zusammen, verb\u00fcnden sich gegen den dritten Bruder und versprechen einander, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen. Die Br\u00fcder, das waren die Enkel Karls des Gro\u00dfen. Mit ihrem Zwist, dem Kampf um das Erbe, f\u00fchrten sie das Ende des karolingischen Reichs herbei. Die Br\u00fcder, die den Bund schlossen, waren Ludwig der Deutsche, der das Ostreich beherrschte, und Karl der Kahle, der das Westreich beherrschte. Ihr gemeinsamer Gegner war Lothar, der das Mittelreich beherrschte. In Stra\u00dfburg schworen sich Ludwig und Karl gegenseitige Treue beim Kampf gegen Lothar. Sie legten den Schwur vor ihren versammelten Truppen ab. Und jetzt kommt das Entscheidende: Ludwig sprach den Schwur auf Gallo-Romanisch, Karl auf Althochdeutsch, also jeder in der Sprache des anderen! So wurden die Soldaten der anderen Seite Zeugen des Schwurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck gibt mir Hermanita Zeit f\u00fcr zwei St\u00fcndchen am Computer und begibt sich selbst schon mal auf Erkundung. Wir treffen uns am Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita hat die Zeit genutzt, um mit Hilfe einer Touristengruppe endlich die lang gesuchte Drehbr\u00fccke zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wetter ist nicht so gut, wird aber im Laufe des Tages immer besser, so dass wir am Ende auf das Museum verzichten. Es gibt auch so viel zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ein paar interessante Namen an den Lokalen: <em>L\u2019Ami Schultz<\/em>, <em>Au Petit Bois Verd <\/em>(in einem sch\u00f6nen Haus am Rand der Ill untergebracht) und <em>Lohk\u00e4s<\/em>. Der hat was mit der <em>Lohe<\/em>, der Gerberlohe zu tun, Baumrinde, die zum Gerben verwendet wurde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zur Drehbr\u00fccke, einer kleinen Holzbr\u00fccke. Die dreht sich, um Schiffe durchzulassen, die zu hoch f\u00fcr die niedrige Br\u00fccke sind. Aber die Br\u00fccke dreht sich nicht, als wir da sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg haben wir mehr Gl\u00fcck. Ein Schiff wartet an der Schleuse auf Durchfahrt und muss danach die Drehbr\u00fccke passieren. Wir legen einen Schritt zu, aber die Br\u00fccke, \u00fcber die wir gerade noch gegangen sind, ist schon offen. Als dann aber das Schiff durchgefahren ist, sehen wir, wie sie sich schlie\u00dft. Das geht heute mit einem Knopfdruck, muss fr\u00fcher mit Muskelkraft geschehen sein. Hermanita macht ein Video davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir auf einer schmalen Stra\u00dfe an einer B\u00e4ckerei vorbei. Im Schaufenster liegen Bretzel. \u00dcber dem Schaufenster in der H\u00e4userfassade ein B\u00e4r, der sich eine Brezel ins Maul stopft. Ein sch\u00f6nes Photomotiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bretzel schreibt sich hier mit &lt;t&gt;, das ist wohl ein Regionalismus. Auch die Gattung ist bei der Brezel nicht eindeutig. Es kann <em>die Brezel<\/em> oder <em>das<\/em> <em>Brezel<\/em> hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Brezel gilt auch als eine Spezialit\u00e4t des Elsasses. Sie soll hier ihren Ursprung haben. Aber die Schwaben und andere reklamieren das auch f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Gugelhopf gilt als Spezialit\u00e4t der Gegend, und tats\u00e4chlich ist er in Auslagen der B\u00e4ckereien fast \u00fcberall vertreten, vor allem auch, wie Hermanita mir an einem Schaufenster zeigt, im Miniformat.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine els\u00e4ssische Spezialit\u00e4t ist das Eclair, das Hermanita von ihrer letzten Stra\u00dfburg-Reise in Erinnerung hat. Die w\u00f6rtliche Bedeutung von <em>\u00e9clair<\/em> ist \u201eBlitz\u201c. Weil man es schnell wie der Blitz isst.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Weitergehen zeigt mir Hermanita Stolpersteine vor einem Haus. H\u00e4tte ich \u00fcbersehen. Ich wusste auch nicht, dass sie auch au\u00dferhalb von Deutschland verlegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen in die <em>Foss\u00e9 des Tanneurs<\/em>. Es dauert einen Moment, bis der Groschen f\u00e4llt. Das sind die Fassbinder. Das best\u00e4tigt sich dann durch ein Mosaik auf dem Boden, das einen Fassbinder bei der Arbeit darstellt, und durch ein gro\u00dfes Fass auf einer Bank.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Foss\u00e9 des Tanneurs <\/em>ist eine der unz\u00e4hligen Str\u00e4\u00dfchen, die nach einem Handwerk benannt sind. Dummerweise verpasse ich es, davon Photos zu machen. Muss Stra\u00dfburg noch mal auf die Liste der Reiseziele setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommen wir zu der Statue eines ber\u00fchmten Stra\u00dfburgers, dessen Namen wir noch nie geh\u00f6rt haben, das Denkmal des Chevalier Liebenzeller. Vom ihn ist hier als \u201eBefreier Stra\u00dfburgs\u201c die Rede.&nbsp; Durch die Armbrust, auf die er sich st\u00fctzt, kann man ihn zeitlich verorten, ins Mittelalter. Mit der \u201eBefreiung\u201c ist Losl\u00f6sung vom Bischof gemeint, die Beendigung der als Joch empfundenen Herrschaft des verhassten Bischofs. Nach einer blutigen Entscheidungsschlacht 1262 l\u00f6ste sich die Stadt vom Bischof. Kurz danach wurde Stra\u00dfburg Freie Reichsstadt und erlangte so das, was M\u00fcnster und Trier immer verwehrt blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen nur den Kopf zu drehen, um Goethe zu Gesicht zu bekommen. Sein Relief ist an der Fassade eines B\u00fcrgerhauses zu sehen. Er wohnte hier, als er mit 21 als Student nach Stra\u00dfburg kam, um Jura zu studieren. Er wollte hier promovieren, aber die Arbeit wurde von der Fakult\u00e4t abgelehnt, vermutlich, weil sie kirchenkritische Aussagen beinhaltete. Es wurde ihm aber erlaubt, selbstverfasste Thesen in einer auf Latein durchgef\u00fchrten Dissertation zu verteidigen. Das gelang auch. So erlangte er den Titel des <em>Licentiatus Juris<\/em>, einem akademischen Grad, der nicht ganz dem Doktortitel entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita f\u00fchrt mich in die Stra\u00dfe, die ich ihres Namens wegen unbedingt sehen will, die <em>Rue de l\u2019Ail<\/em>, die <em>Knowligass<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es noch einmal einen Bezug zu Goethe. In einem Haus, wo er zu Mittag a\u00df, lernte er Herder kennen, der ihn ma\u00dfgeblich beeinflusste. Mit ihm teilte er die Begeisterung f\u00fcr Volkslieder, f\u00fcr Shakespeare und f\u00fcr die Gotik.<\/p>\n\n\n\n<p>Und durch die Vermittlung dieser Familie lernte er Friederike kennen, eine junge Frau, eine Stunde von Stra\u00dfburg entfernt wohnend. Von keinen seiner vielen Frauen war er so angetan. Er beschwor ihre Liebe, hei\u00dfe Liebesbriefe wurden ausgetauscht, man traf sich, wann immer man konnte. Aber als er Stra\u00dfburg dann verlie\u00df, lie\u00df auch der Liebeszauber bald nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum M\u00fcnsterplatz und sehen uns die Kirche noch mal von au\u00dfen an. Hermanita kommentiert: Die Kirche ist \u00fcberhaupt nicht einger\u00fcstet, es gibt keine verru\u00dften Steine, keinen Taubenkot. Wie schaffen die das nur? Was den Taubenkot angeht, zeigt sie mir sp\u00e4ter ein Taubenhaus. In solchen H\u00e4usern, erfahre ich, werden die nat\u00fcrlichen Eier durch steinerne Imitate ersetzt. Ein cleverer Trick. Aber: Erkl\u00e4rt das die fast v\u00f6llige Abwesenheit von Tauben hier in Stra\u00dfburg?<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita zeigt eine Szene unter einem Wimperg an der Fassade. Die haben wir bisher komplett \u00fcbersehen. An der Spitze eines Dreiecks thront Maria. Zu ihr f\u00fchren Treppenstufen hinauf. Auf jeder Stufe sitzt ein Tier. Hund? L\u00f6we? B\u00e4r? Affe? Eins der Tiere scheint sich in eine andere Richtung als alle anderen zu wenden. Dar\u00fcber und \u00fcber die innenwohnende Symbolik w\u00fcrde man gerne mehr erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wenden uns weltlicheren Dingen zu und finden am <em>H\u00f4tel Cath\u00e9drale<\/em>, an dessen Fassade, die Reste einer Bleikugel, Hinterlassenschaft einer der vielen milit\u00e4rischen Attacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich gegen\u00fcber der Kathedrale, an der \u00e4u\u00dferen Ecke der <em>Rue Merci\u00e8re<\/em>, der Gasse der Kurzwarenh\u00e4ndler, der Gasse, die auf die Kathedrale zul\u00e4uft, befindet sich die <em>Hirschapotheke<\/em>, eine der \u00e4ltesten Apotheken Deutschlands, dem Reisef\u00fchrer zufolge. Hier wurden seit dem 13. Jahrhundert Pillen gedreht und verkauft. Das Haus kann man durch seine Bauart identifizieren, aber was es heute beheimatet, ist nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich an der Ecke, an einem Pfeiler der Arkaden der <em>Hirschapotheke<\/em>, befindet sich eine der gr\u00f6\u00dften Kuriosit\u00e4ten Stra\u00dfburgs. Wenige Zentimeter neben dem Pfeiler befindet sich eine S\u00e4ule. Der Abstand ist so gering, dass man kaum durchpasst. Davon wurde Gebrauch gemacht. Der Durchgang wurde zum <em>B\u00fcchmesser<\/em>. Hier konnte man seinen Bauchumfang messen. Wenn man nicht durchpasste, musste man eine Fastenkur einlegen. Man muss sich seitlich durchquetschen, sonst ist nicht genug Platz. Hermanita passt m\u00fchelos durch, sogar mit Rucksack. Ich ohne Rucksack mit viel M\u00fche.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita f\u00fchrt mich zur <em>Rue des<\/em> <em>Hallebardes<\/em>. Hier ragt tats\u00e4chlich aus fast jedem Haus im Obergeschoss eine Hellebarde heraus. Leicht zu \u00fcbersehen, wenn man es nicht wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermanita schl\u00e4gt ein P\u00e4uschen vor und hat auch gleich einen Vorschlag, ein Caf\u00e9 mit dem putzigen Namen <em>Le Roi et son Fou<\/em>. Gem\u00fctliches Inneres, aber jetzt sitzt man besser unter den Schirmen vor dem Caf\u00e9. Lauter Einheimische um uns herum. Es ist gerade mal um die Ecke, ganz nahe an den vollbesetzten Gastst\u00e4tten \u00fcberall im Zentrum, aber hierher verirrt sich kein Besucher. Zum Kaffee gibt es Croissant und Brezel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause geht es auf die <em>Rue du Maroquin<\/em>. Hat mit Marokko nichts zu tun, oder jedenfalls nur indirekt, denn <em>maroquin<\/em> bezeichnet Leder, vor allem wertvolles Leder. Wir sind auf der Stra\u00dfe der Schuster. Und da entdeckt man, ganz hoch oben an einem Haus, eine Wetterfahne in der Form eines Schnabelschuhs.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind die Lokale zu beiden Seiten der Stra\u00dfe rappelvoll. Hermanita fragt sich, wie die wohl durch den Winter kommen. Da gibt es bestimmt nicht so viele Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man sich hier umwendet, ragt die Spitze des Turms des M\u00fcnsters so gerade \u00fcber die H\u00e4user hinaus. Hermanita &nbsp;bemerkt es: Der Turm schlie\u00dft ganz oben mit einem Kreuz ab. Auch das eignet sich dazu, \u00fcbersehen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum <em>Place du March\u00e9 aux Poisson<\/em>, ein Wort, das, wie man aus dem Franz\u00f6sischunterricht wei\u00df, gerne mit <em>poison<\/em>, \u201eGift\u201c, verwechselt wird. Dass es sich hier aber um Fisch handelt, verr\u00e4t der els\u00e4ssische Name des Platzes: <em>Nejer Fischm\u00e4rik<\/em>. Falls noch Zweifel bestehen: Am Rande des Platzes steht, modern, farbig, wie aus einzelnen Glasplatten zusammengesetzt, eine Skulptur, die einen Fisch darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich neben dem Fischmarktplatz geht es auf den Vorhof des <em>Palais Rohan<\/em>, des majest\u00e4tischen, \u00fcberdimensionierten Palasts des Erzbischofs. Statt eines Gartens hat es einen Vorhof. Der verbindet das Palais mit dem Hafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind in dem Palais gleich drei Museen untergebracht: das <em>Mus\u00e9e des Arts<\/em> <em>D\u00e9coratifs<\/em>, das <em>Mus\u00e9e des Beaux Arts<\/em>, das <em>Mus\u00e9e Arch\u00e9ologique<\/em>. Das kommt auf die Liste f\u00fcr den n\u00e4chsten Besuch in Stra\u00dfburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Fischplatz aus sieht man direkt auf das M\u00fcnster, auf die L\u00e4ngsseite. Jetzt merken wir erst, wie nahe das M\u00fcnster am Fluss liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht zur <em>Place Kl\u00e9ber<\/em>, benannt nach dem General, der an Napoleons \u00e4gyptischen Expedition teilnahm. Er stammte aus Stra\u00dfburg. In der Mitte des Platzes steht seine Statue, eine hohe Bronzestatue mit einem Sockel, auf dem mehrere Schlachten verewigt sind, darunter die von Altenkirchen. Unter der Statue ruhen die Gebeine Kl\u00e9bers. Er wurde in \u00c4gypten ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stirnseite des Platzes steht die <em>Aubette<\/em>, die Alte Hauptwache. Weil hier die Soldaten bei Sonnenaufgang, <em>aube<\/em>, ihre Befehle entgegennahmen, nennt man die Hauptwache auch <em>Aubette<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer schmalen Stra\u00dfe, die von dem Platz wegf\u00fchrt, sto\u00dfen wir auf das Krokodil. Es h\u00e4ngt kopf\u00fcber vor einem Haus und wirbt f\u00fcr das Restaurant <em>Au Crocodile<\/em>, einer der Nobeladressen der Altstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich stellt sich M\u00fcdigkeit ein, aber wir schaffen es noch bis zur <em>Place Broglie<\/em> mit dem fahnengeschm\u00fcckten <em>H\u00f4tel de<\/em> <em>Ville<\/em>, dem Geb\u00e4ude der <em>Banque de France<\/em>, dem <em>Th\u00e9\u00e2tre Municipal<\/em> und dem <em>Caf\u00e9 Broglie<\/em>. Man kann den Platz nicht richtig w\u00fcrdigen, denn es findet heute eine Sportmesse hier statt. Ein wei\u00dfes Zelt reiht sich an das andere: Fechten, Football, Karate, Capoeira, Aikido, Taekwondo, Swedish-Fit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen es aber noch bis zu St. Thomas schaffen, wo wir am Morgen nicht reinkommen konnten, da eine Konfirmationsfeier stattfand. Der Priester sprach die Schlussworte erst auf Franz\u00f6sisch, dann auf Deutsch, und lud die Gemeinde ein, noch zu einer kleinen Feier zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>St. Thomas ist eine Hallenkirche, f\u00fcnfschiffig, aber das sieht man wegen der hohen Seitenschiffe kaum. Au\u00dferdem hat das n\u00f6rdliche Seitenschiff eine Empore, die es zustellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist eher schlicht, aber dennoch sehenswert. Sie hat mittelalterliche Glasfenster in den Seitenschiffen, aber immer nur in der oberen H\u00e4lfte. Das l\u00e4sst Licht in die Kirche, sieht aber irgendwie unfertig aus. Auf der Empore im Osten steht eine historische Silbermannorgel mit einem beeindruckend sch\u00f6nen Geh\u00e4use aus Eiche. An dieser Orgel haben Mozart und Schweitzer gespielt Am 28. Juli, dem Geburtstag Bachs, findet hier jedes Jahr ein Gedenkkonzert zu seinen Ehren statt. Bach war Sachse, wie Silbermann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Szene mit dem ungl\u00e4ubigen Thomas ist gleich zweimal vertreten, einmal am Altar, einmal in einem Tympanon am Rande des Chors. Links und rechts von Thomas jeweils eine weitere Figur, die wir aber nicht identifizieren k\u00f6nnen. Hermanita meint, die Szene habe sich nicht im Beisein von zwei, sondern von allen Aposteln zugetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eigentliche Prachtst\u00fcck der Kirche ist ein Grabmal, ganz hinten in der Apsis angebracht, riesengro\u00df, hochdramatisch, mit einer Vielzahl von Figuren. Es ist das Denkmal von Moritz von Sachsen, dem Sohn Augusts des Starken. Obwohl Sachse, stand Moritz in franz\u00f6sischen Diensten, als Generalfeldmarschall Ludwigs XIV. Er hatte sich gro\u00dfe Verdienste erworben, konnte aber nicht in Frankreich begraben werden, da er protestantisch war.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht den Marschall die Stufen zu seinem Sarkophag hinabsteigen. Eine sp\u00e4rlich gekleidete Frau versucht, ihn aufzuhalten. Sie stellt Frankreich dar. Aber unten steht der Tod, mit einem Mantel \u00fcber seinem Skelett, mit dem abgelaufenem Stundenglas in der Hand. Es gibt kein Entrinnen. Einladend h\u00e4lt der Tod den Sargdeckel, aus dem das Totentuch hervorquellt, f\u00fcr den Marschall offen. Hinten, neben der franz\u00f6sischen Trikolore, liegen drei gefallene Tiere, ein L\u00f6we, ein Adler, ein B\u00e4r. Sie stehen f\u00fcr die Siege des Marschalls \u00fcber Flandern, \u00fcber \u00d6sterreich, \u00fcber England. Ein kleiner Engel im Hintergrund wird manchmal als Amor gedeutet, in Anspielung auf die zahlreichen Liebschaften des Marschalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Halb verwundert, halb am\u00fcsiert treten wir den Heimweg an. Unterwegs machen wir einen kleinen Einkauf in einem Souvenirladen. Hermanita bekommt ein Brettchen mit dem Stadtprofil Stra\u00dfburgs, ich bekomme Ansichtskarten mit Flammkuchen und Gugelhopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere letzte Station ist das Caf\u00e9 oben auf dem Dach des <em>Mus\u00e9e d\u2018 Art Moderne<\/em>. Gar nicht mal so leicht, dahin zu finden. AmEnde geht es mitten durch das Museum durch, ohne dass man Eintritt bezahlt. Hier sitzt man auf der Terrasse und blickt auf die Silhouette der Altstadt. Es gibt gesponserten Kuchen mit Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlassen des Museums kommen wir kurz vor dem Ausgang an einem besonderen Exponat vorbei, dem Wrack eines Autos, eines roten Sportwagens, an allen Enden zerdr\u00fcckt und zerquetscht. Hermanita ist nicht \u00fcberzeugt, mir gef\u00e4llt das ganz gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages sind wir an der <em>Maison de Hanssen &amp; Gretel<\/em> vorbeigekommen, an der <em>Winstub Pfifferbriader<\/em>, an der <em>Winstub Le Clou<\/em> und an der Winstubb Hailig Graab, dem <em>D\u00e9bit de Vins Saint S\u00e9pulcre<\/em>. Das hat es mir besonders angetan. Das Lokal hat eine lange Geschichte, die auch seinen Namen erkl\u00e4rt. Schon vor Jahrhunderten gab es einen unterirdischen Gang vom M\u00fcnster hierher, und die M\u00f6nche nutzten ihn unter dem Vorwand, das Heilige Grab aufzusuchen und lie\u00dfen sich hier den Wein schmecken.<\/p>\n\n\n\n<p>31. August (Montag)<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, entdecke ich, dass meine letzte Fahrt nach Stra\u00dfburg l\u00e4nger her ist als ich dachte: 22 Jahre. Die Reisenotizen zeigen, dass ich damals schon viel erfahren habe, was ich l\u00e4ngst vergessen hatte. Das war jetzt alles wieder \u201eneu\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28. August (Freitag) F\u00e4ngt gut an: Zu Hause steige ich in den falschen Bus und komme dann an einen gesperrten Fu\u00dfweg. Der Umweg kostet Zeit, und ich komme verschwitzt am Bahnhof an, bekomme den Zug aber noch. 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