{"id":1314,"date":"2011-12-16T17:51:39","date_gmt":"2011-12-16T17:51:39","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1314"},"modified":"2011-12-23T18:03:10","modified_gmt":"2011-12-23T18:03:10","slug":"goteborg-2010","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1314","title":{"rendered":"G\u00f6teborg (2010)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Warmer Nieselregen empf\u00e4ngt uns am Flughafen in G\u00f6teborg. Obwohl die Temperaturen gar nicht so hoch sind, f\u00fchlt es sich fast tropisch an.<\/p>\n<p>Die kurze Strecke zur Abflughalle kann man hier zu Fu\u00df zur\u00fccklegen. Als wir in der Halle ankommen, sind die Koffer schon da. W\u00e4hrend die anderen beim Autovermieter anstehen, sehe ich mich ein bisschen um. Von hier gehen heute nur noch zwei weitere Fl\u00fcge ab, einer nach Budapest, einer nach London.\u00a0 Das ist wenig f\u00fcr so eine gro\u00dfe Stadt. Erst Tage sp\u00e4ter merke ich, dass das nur einer von zwei Flugh\u00e4fen ist, und zwar der kleinere, der f\u00fcr Billigflieger. That\u2019s why.<\/p>\n<p>Ein paar Wegweiser und Poster kann man einigerma\u00dfen gut verstehen. An den Gep\u00e4ckwagen wirbt eine Firma mit <em>l\u00e5gsta priserna <\/em>\u2013 <em>niedrigsten Preisen<\/em>. Warum die Autovermietung allerdings <em>biluthyrtning<\/em> hei\u00dft, wei\u00df ich nicht. Um das zu erfahren, brauche ich die Dienste unserer Reserve-Schwedin. Sie wei\u00df es: Es ist eine <em>Autoausleihung<\/em>. Ich habe mich durch <em>ut <\/em>verwirren lassen: <em>aus<\/em>.<\/p>\n<p>In zwei Staatskarossen machen wir uns, drei Ehepaare, zwei Kinder und ich, auf den Weg zum Hotel. Erst geht es an Kuhweiden vorbei, dann durch einen ziemlich unansehnlichen Au\u00dfenbezirk und dann \u00fcber zwei Br\u00fccken. \u00dcber beide kommen unsere L\u00e4ufer morgen beim Halbmarathon, und eine der Br\u00fccken ist der h\u00f6chste Punkt des Laufs.<\/p>\n<p>Ein auff\u00e4lliges Geb\u00e4ude, im Volksmund <em>Lippenstift<\/em> genannt, mit rot-wei\u00dfen horizontalen Streifen, erinnert mich an den Turm eines Schiffs aus Legosteinen. Es hei\u00dft <em>Utkiken<\/em> und ist ein B\u00fcrohochhaus mit Aussichtsplattform. Dann kommen wir an <em>Liseberg<\/em> vorbei, dem ber\u00fchmten Vergn\u00fcgungspark. Dort sind alle m\u00f6glichen modernen H\u00f6llenmaschinen in Bewegung, f\u00fcr die das Wort <em>Karussell<\/em> seltsam unangemessen klingt.<\/p>\n<p>Das Hotel ist der einzig komplett fertig gestellte Teil eines gro\u00dfen, grauen Komplexes, das einst ein Kongresszentrum werden will. Es ist hypermodern und durch und durch funktional. Das Zimmer, mit Besteck und B\u00fcgeleisen, ist f\u00fcr den l\u00e4ngeren Aufenthalt einer ganzen Familie eingerichtet. Beim Einstecken der Karte wird ein ganzer Lichterpark eingeschaltet, den man dann per Hand eins nach dem anderen wieder abdunkeln muss.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck lerne ich, dass der Mensch zum Laufen geboren ist. Er hat als einziges Lebewesen ein Zwerchfell. Und das erlaubt die Regulierung der Atmung. Tiere k\u00f6nnen immer nur einmal pro Schritt atmen, der Mensch kann die Atmung den Erfordernissen anpassen. Er kann deshalb viel l\u00e4ngere Distanzen laufen als jedes Tier und im Prinzip sogar eine Gazelle zu Tode hetzen.<\/p>\n<p>In der Eingangshalle des Hotels h\u00e4ngt eine moderne Skulptur in Form eines auseinandergeklappten Fu\u00dfballs mit schwarzen und wei\u00dfen F\u00fcnfecken.<\/p>\n<p>Der Morgen ist grau, aber dann klart es auf, und am Ende wird es ein richtiger Sommertag mit hellblauem Himmel.<\/p>\n<p>Mit dem Auto fahren wir in die Innenstadt, am modernen Ullevi-Stadion vorbei, in das man hineinsehen kann, da eine Gegengerade abgeflacht ist.<\/p>\n<p>Das Erste, was wir beim Verlassen des Parkhauses sehen, ist McDonald&#8217;s. Willkommen in Schweden.<\/p>\n<p>Wir kommen durch kleine, unregelm\u00e4\u00dfige Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfen mit modernen Gesch\u00e4ften und dann auf eine gerade verlaufende, durch einen Kanal getrennte breite Stra\u00dfe. Am Kanal war fr\u00fcher der Hafen, bis er verlegt wurde, weil er nicht gro\u00df genug f\u00fcr die modernen Schiffe war.<\/p>\n<p>\u00dcber eine hypermoderne, erh\u00f6hte Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke mit einer Bedachung aus Plexiglas geht es zum <em>Lilla Bommen<\/em>. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke ist blau-wei\u00df, genauso wie die Stra\u00dfenbahnen und das Wappen von G\u00f6teborg.<\/p>\n<p>Beim <em>Lilla Bommen<\/em> handelt es sich um ein zum Freilichtmuseum mutierten Hafenviertel, wo die alten Holzschuppen zu gepflegten Caf\u00e9s geworden sind. Hier ist das <em>Maritiman<\/em>, ein Schiffsmuseum, angeblich das gr\u00f6\u00dfte der Welt. Es besteht aus Schiffen, Schiffen aller Art, Gr\u00f6\u00dfe und Funktion. Von hier aus ist es nicht weit zum <em>Utkiken<\/em>, dem gestreiften Hochhaus, das aber heute geschlossen ist. Hinter dem Haus erhebt sich eine der Br\u00fccken, \u00fcber die die L\u00e4ufer kommen, eine Br\u00fccke, die f\u00fcr gro\u00dfe Schiffe aufgeklappt werden kann. Das ist die <em>G\u00f6ta\u00e4lvbron<\/em>, die \u201aBr\u00fccke \u00fcber den Fluss G\u00f6ta\u2018. Daher G\u00f6teborg! Aber wo ist eigentlich die Burg?<\/p>\n<p>Im Wasser liegt ein Viermaster, ein ehemaliges Schulschiff. Jetzt ist es ein Hotel. Am Ausgang des <em>Lilla Bommen<\/em> steht ein nagelneues, wei\u00dfes Riesenrad &#8211; es steht, noch dreht es sich nicht &#8211; das vor dem wolkenlosen hellblauen Himmel ein unwiderstehliches Fotomotiv abgibt. Die M\u00e4dchen finden das Riesendrad &#8220;ultrakrass&#8221;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die L\u00e4ufer sich zwecks Startvorbereitungen zur\u00fcckziehen, wandere ich erst einmal ziemlich orientierungslos durch die Innenstadt. In der Touristeninformation wird man, wie \u00fcberall, mit Materialien \u00fcbersch\u00fcttet und ansonsten seinem Schicksal \u00fcberlassen. Gut, dass ich von der Schwedenexpertin der Gruppe daran erinnert worden bin, eine Nummer zu ziehen. Das gilt hier \u00fcberall, und man h\u00e4lt sich sogar daran. Die Nummer, die man ziehen muss, hei\u00dft <em>lappan<\/em>. Auch Geldscheine hei\u00dfen so.<\/p>\n<p>Am Stra\u00dfenrand beginnen die Vorbereitungen f\u00fcr den Lauf, dem <em>G\u00f6teborg Varvet<\/em>. Endlich kommt es mir mal in den Sinn, das Wort nachzuschlagen: <em>varv<\/em> hei\u00dft &#8216;Drehung&#8217;. Es ist also so etwas wie der &#8216;Dreh von G\u00f6teborg&#8217;. Bis der anf\u00e4ngt, habe ich noch Zeit. Ich gehe zur Christina-Kirche, die auch <em>Deutsche Kirche<\/em> hei\u00dft. Bis heute ist der Sonntagsgottesdienst auf Deutsch. G\u00f6teborg war von Beginn an eine internationale Stadt, mit holl\u00e4ndischen Architekten und deutschen Magistraten, und mit England als Vorbild in Lebensweise und Kleidung. Tats\u00e4chlich komme ich sp\u00e4ter auch an der <em>St. Andrew\u00b4s Church<\/em> vorbei, die die Engl\u00e4nder f\u00fcr sich bauen lie\u00dfen, um ihre eigenen Gottesdienste abzuhalten und ihr eigenes Zentrum zu haben. Die Deutsche Kirche steht erh\u00f6ht l\u00e4ngs der Stra\u00dfe und ist wie mit den angrenzenden Geb\u00e4uden verwachsen. Sie sieht etwas festungsartig aus, und ist passenderweise geschlossen. Der Platz in der N\u00e4he ist der <em>Gustav-Adolf-Torg<\/em>, mit mehreren repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden an drei Seiten, die ich aber nicht identifizieren kann. Im Zentrum des Platzes die Bronzefigur Gustav-Adolf des Zweiten, des Gr\u00fcnders G\u00f6teborgs, mit Federhut.<\/p>\n<p>G\u00f6teborg war eine ganz bewusst im Gegensatz zu Stockholm gegr\u00fcndete Stadt, an der Nordseek\u00fcste statt an der Ostseek\u00fcste. Der Hafen hier ist im Gegensatz zu denen an der Ostsee eisfrei. Nur ein ganz kleiner Streifen Land an der Nordsee geh\u00f6rte zu Schweden. Das s\u00fcdliche Halland geh\u00f6rte zu D\u00e4nemark, das n\u00f6rdliche Bohusl\u00e4n geh\u00f6rte zu Norwegen. Genau dieses St\u00fcck, wo die G\u00f6ta in die Nordsee m\u00fcndet, geh\u00f6rte zu Schweden. Nach einigem Hin und Her entstand in dem schmalen Streifen dann G\u00f6teborg, erst im 17. Jahrhundert. Das Verh\u00e4ltnis von G\u00f6teborg und Stockholm folgt, wie ich sp\u00e4ter von unserer Schwedenexpertin erfahre, dem klassischen Muster: Die G\u00f6teborger werden von den Stockholmern als b\u00e4uerisch-provinziell angesehen und sehen selbst die Stockholmer als eingebildete Snobs. F\u00fcr meine erste Schwedenreise begn\u00fcge ich mich mit dem B\u00e4uerlichen. Die Snobs m\u00fcssen warten.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen im Zentrum hei\u00dfen genauso wie die Stra\u00dfen im Lehrbuch: <em>Postgatan<\/em>, <em>Drottningsgatan<\/em>, <em>Hamngatan<\/em>. Und dann kommt die <em>K\u00f6psmansgatan<\/em>, die \u201aKaufmannsstra\u00dfe\u2018. Wenn man das versteht, versteht man auch <em>Kopenhagen<\/em> \u2013 auf Schwedisch <em>K\u00f6penhamn<\/em>.<\/p>\n<p>Direkt am Hafen liegt das Kasino <em>Cosmopol<\/em>, das t\u00e4glich ge\u00f6ffnet ist und seit seiner Er\u00f6ffnung erst einen Tag geschlossen war, wegen Hochwasser.<\/p>\n<p>Dann kommt die <em>Feskek\u00f6rka<\/em>, die Fischkirche. Es ist eine einschiffige Kirche mit einem Dreiecksgiebel an der Stirnseite\u00a0 und vier weiteren an jeder L\u00e4ngsseite. Es erinnert an die Kirchen in Westfalen. Die <em>Feskek\u00f6rka<\/em> ist aber nicht mittelalterlich, sondern aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man sich ihr n\u00e4hert, kommt einem ein wenig spirituell anmutender Geruch entgegen, und wenn man eintritt, wei\u00df man warum: lauter Fischst\u00e4nde. Es ist keine Kirche und war auch nie eine. Gebaut wurde sie als Fischauktionshalle, und als die an einen anderen Ort verlagert wurde, richtete man hier die Fischst\u00e4nde ein.<\/p>\n<p>An einem Platz im Zentrum taucht pl\u00f6tzlich ein schwarzer, unregelm\u00e4\u00dfiger Fels auf, der letzte Rest einer ehemaligen Bastion, die sich hier die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten zu Nutze macht.<\/p>\n<p>Dann taucht an einer verkehrsreichen Stra\u00dfe die Statue von Jonas Alstr\u00f6mer auf. Dessen Verdienst ist es, die Kartoffel in Schweden eingef\u00fchrt zu haben. Vor allem hat er aber die Textilindustrie voran getrieben.<\/p>\n<p>In der <em>Magasingatan<\/em> haben die H\u00e4user &#8220;abgeschnittene&#8221; Ecken, wie das, was man bei den Hochh\u00e4usern in den spanischen Gro\u00dfst\u00e4dten <em>chafl\u00e1n<\/em> nennt. Hier sind die H\u00e4user allerdings viel niedriger. Der Grund f\u00fcr die abgeschnittenen Ecken waren die Pferdefuhrwerke, die hier, im &#8220;Gesch\u00e4ftsviertel&#8221;, besonders zahlreich verkehrten. Die fehlenden Ecken sorgten daf\u00fcr, dass sie hier die Kurve kratzen konnten.<\/p>\n<p>\u00dcberall im Zentrum sieht man kuriose B\u00e4ume, mit dunklen St\u00e4mmen, die keine Zweige haben. Die Bl\u00e4tter treten direkt aus dem Stamm und den \u00c4sten aus. Es sind, wie ich sp\u00e4ter von unserem Botanikexperten erfahre, Linden, die, um das Wachstum unter Kontrolle zu halten, st\u00e4ndig beschnitten werden.<\/p>\n<p>Sie stehen auch zu beiden Seiten der <em>Aveny<\/em>, dem gro\u00dfen, zentralen Boulevard, auf dem ich mich jetzt postiere, um den Lauf zu sehen. An seinem oberen Ende steht ein Brunnen mit einer riesigen Poseidon-Statue. Hier ist der Wendepunkt, so dass man auf der Aveny die L\u00e4ufer zweimal sehen kann. Bald kommen auch schon die ersten L\u00e4ufer, einzeln, mit kleinem, aber deutlichem Abstand voneinander. Unter den ersten zehn sind neun Afrikaner, leichtf\u00fc\u00dfig, klein, mager, auf spindeld\u00fcrren\u00a0 Beinen. Auch die ersten Frauen sind Afrikanerinnen. Erstaunlich, wie unterschiedlich der Laufstil auch unter den Besseren ist: kleine und gro\u00dfe Schritte, kerzengerade und vorn\u00fcber gebeugt, weit vom Boden abhebend und fast schl\u00fcrfend. Am deutlichsten ist der Unterschied bei den Armen. Da gibt es nichts, was es nicht gibt, von milit\u00e4risch-streng bis wild-umherfuchtelnd.<\/p>\n<p>Als Zuschauer tun einem die L\u00e4ufer in erster Linie leid. Es ist inzwischen sehr warm, und die Strecke scheint ein ordentliches Gef\u00e4lle zu haben. Die <em>Aveny<\/em> jedenfalls zieht sich unendlich lange zum Brunnen hinauf. Tats\u00e4chlich sind viele, sogar im Hauptfeld, schon v\u00f6llig ersch\u00f6pft, und viele haben hier, bei Kilometer 16, bereits auf Gehen umgestellt.<\/p>\n<p>Ich mache die Erfahrung, dass auch Zuschauen anstrengend sein kann. Selbst daf\u00fcr ist es zu warm, und dauernd in die gleiche Richtung sehen, um die Stars nicht zu verpassen, geht auch nicht. Au\u00dferdem wird man abgelenkt. Fu\u00dfg\u00e4nger passieren seelenruhig die Strecke, zum Teil mit Fahrr\u00e4dern, ohne die L\u00e4ufer zu beachten. Immer wieder h\u00f6rt man Krankenwagen, und man sieht unwillk\u00fcrlich den verkleideten L\u00e4ufern nach: M\u00e4nner im Bastr\u00f6ckchen, M\u00e4nner in Teufelskost\u00fcmen, M\u00e4nner mit Sauerstofflaschen auf dem R\u00fccken. Und dann die lauten Kommentare meines Nachbarn, der verschiedenen L\u00e4ufern hinterher ruft. Von all dem verstehe ich nicht ein einziges Wort. Daf\u00fcr verstehe ich aber einen L\u00e4ufer, der den Arm seines Nebenmanns in die H\u00f6he renkt und ank\u00fcndigt, dass der morgen heirate.\u00a0 &#8220;Ska gifta sig i morgon.&#8221; Bei all dem verpasse ich dann den wichtigsten Moment, den, in dem unsere Heldinnen ins Bild kommen. Aus den geplanten Fotos wird nichts. Sie sind es, die mich entdecken, nicht umgekehrt. Sie machen, wie viele aus ihrem Pulk, noch einen lockeren Eindruck und vermitteln Spa\u00df am Laufen und am Ereignis. Inzwischen versp\u00fcre ich nach dem langen Warten ein menschliches Bed\u00fcrfnis und sehe unsere M\u00e4nner gar nicht, die wegen eines sp\u00e4teren Starts erst sp\u00e4ter kommen.<\/p>\n<p>In den vollbesetzten Stra\u00dfencaf\u00e9s wendet sich das Interesse hin und wieder von der Stra\u00dfe nach innen: Dort wird Eishockey \u00fcbertragen. In einem schattigen Pl\u00e4tzchen unter B\u00e4umen gleich am Eingang zum <em>Tr\u00e4dg\u00e5rdsf\u00f6reningen<\/em>, einem Stadtpark, bekomme ich einen Kaffee, w\u00e4hrend in der Distanz immer neue Heerscharen von L\u00e4ufern vorbeiziehen. Dann gehe ich noch ein bisschen durch die Innenstadt. G\u00f6teborg zeigt sich von der besten Seite: vollbesetzte Stra\u00dfencaf\u00e9s, offene Ausflugsboote, Picknick im Park, Sitzgruppen unter Statuen, und das alles bei blauem Himmel.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich liest man Hinweisschilder und versucht, sie zu entziffern. Das geht manchmal, obwohl man einzelne W\u00f6rter nicht kennt: <em>Endast f\u00f6r cafe\u00e9ts g\u00e4ster \u2013 Nur f\u00fcr G\u00e4ste des Caf\u00e9s. G\u00e4ller ej buss och cykel \u2013 Gilt nicht f\u00fcr Bus und Fahrrad. Italiensk glassbar runt h\u00f6rnet<\/em>. \u2013 <em>Italienisches Eiscaf\u00e9 um die Ecke.<\/em> Bisher war mir <em>h\u00f6rnet<\/em>, das Wort f\u00fcr <em>Ecke<\/em>, unbekannt, aber der danebenstehende Pfeil macht klar, was gemeint ist. Da sieht man pl\u00f6tzlich Verbindungen: <em>Hornung<\/em>, das alte deutsche Wort f\u00fcr <em>Februar<\/em>, bezeichnet einen Monat, der abgeschnitten wurde, dem eine <em>Ecke<\/em> fehlt. Und der Mann, dem, genauso wie dem Februar, eine Ecke fehlt, der in seinen Rechten \u2013 oder in seiner Ehre \u2013 beschnitten wurde, ist der <em>geh\u00f6rnte<\/em> Ehemann.<\/p>\n<p>G\u00f6teborg liegt auf der H\u00f6he der Nordspitze D\u00e4nemarks, zwischen Kattegat und Skagerrak, zwei Begriffe, die die Erinnerung an den Erdkundeunterricht der Kindheit wecken. Was das ist, habe ich nie verstanden. Also: Das Kattegat ist ein Meergebiet, eine Art Meeresarm, zwischen D\u00e4nemark und Schweden, zwischen Nordd\u00e4nemark und S\u00fcdschweden, eine Art Bucht, in der Form eines runden U. Kurioserweise kann man es entweder als einen Meeresarm der Ostsee oder als einen Meeresarm der Nordsee ansehen oder als keins von beiden. Das Wort ist holl\u00e4ndisch und hei\u00dft \u201aKatzenloch\u2018. Woher der Name kommt, erf\u00e4hrt man nicht. Das Skagerrak schlie\u00dft sich n\u00f6rdlich daran an und bildet die Verbindung zur offenen See, zur Nordsee.<\/p>\n<p>Irgendwann geht mir die Frage durch den Kopf, ob ich \u00fcberhaupt schon einmal so weit im Norden gewesen bin. So weit n\u00f6rdlich sind wir ja gar nicht, wir sind in S\u00fcdschweden, aber der Norden ist einfach nicht meine Reiserichtung. Stimmt aber nicht: Petersburg liegt auf 59\u00b0 n\u00f6rdlicher Breite, G\u00f6teborg auf 57\u00b0. Trier liegt, zum Vergleich, auf 50\u00b0, wie die S\u00fcdspitze Englands.<\/p>\n<p>Die typischen Schwedinnen gibt es wirklich, gro\u00df und hellblond. Dass nicht alle so sind, hat sich inzwischen herumgesprochen, aber jede dritte oder vierte erf\u00fcllt doch alle Anforderungen an das Klischee. Es gibt aber auch neue Schweden, wie drei vietnamesische Jungen die in einem Kiosk an der Zentralstation in perfektem Schwedisch mit der Verk\u00e4uferin \u00fcber den Kauf von Fu\u00dfballbildern f\u00fcr die WM verhandeln.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erfahre ich, dass unsere L\u00e4ufer trotzt widriger Bedingungen das Feld von hinten aufger\u00e4umt haben und sehr gute Zeiten gelaufen sind. Alle sind guter Dinge und fit wie ein Turnschuh. Und sprechen voller Lob \u00fcber die tolle Atmosph\u00e4re &#8211; die ich eher lahm fand. Aber das sieht man als L\u00e4ufer wohl anders. Einer unserer L\u00e4ufer hat, wie ich erfahre, schon 45 Marathons hinter sich, darunter Berlin, London, Paris, Rom, New York, Peking und Totes Meer.<\/p>\n<p>Heute ist ein Ausflug in die Sch\u00e4reninseln vorgesehen. Mit dem Auto. Das ist Luxus pur. Man wird von sicherer Hand an die entsprechenden Orte gebracht, braucht sich um nichts zu k\u00fcmmern und kommt an Orte abseits der ausgetretenen Pfade.<\/p>\n<p>Es geht auf die Sch\u00e4reninseln Tj\u00f6rn und Orust. Was genau Sch\u00e4ren sind, wei\u00df ich immer noch nicht, aber sie kommen beim Thema Schweden st\u00e4ndig vor, obwohl ich sie eher mit Stockholm in Verbindung gebracht habe. Vielleicht ist es einfach eine Bezeichnung der Landschaftsform, der Inseln mit den von Wind und Wasser glatt geschliffenen Felsen.<\/p>\n<p>Wir lassen Kung\u00e4lv rechts liegen. Von der Stra\u00dfe aus sieht man den Rundturm der Festung Bohus, die \u00fcber der Stadt liegt und lange die Grenze zu Norwegen bildete. \u00dcber eine imposante Br\u00fccke geht es zuerst nach Tj\u00f6rn, wo wir einen kurzen Stopp in R\u00f6nn\u00e4ng einlegen. Dort sehen wir ein Auto mit Werbung f\u00fcr <em>Milj\u00f6malerei<\/em>. Allgemeines R\u00e4tselraten, was das ist. Dann geht es nach Sk\u00e4rhamn. Das hat ein modernes Aquarellmuseum, vor allem aber die typischen abgerundeten Felsen, die wie \u00fcberdimensionale Kieselsteine aussehen und zwischen denen man herumkrackseln kann. Das Wetter ist weiterhin gut, aber es kann, je nach Standort, ziemlich windig sein.<\/p>\n<p>Im Landesinnern sieht es nicht viel anders als bei uns aus; h\u00f6chstens gibt es weniger Felder. Ansonsten verraten nur die schwedischen Flaggen an den H\u00e4usern und die in den Nationalfarben gehaltenen Kurvenschilder, dass man in Schweden ist. Das ge\u00fcbte Auge unseres Hobbybotanikers entdeckt aber noch etwas: Hecken aus Mehlbeere, die eine wei\u00dfliche Unterseite haben und die Hecken ganz anders aussehen lassen, je nachdem, von wo man sie betrachtet.<\/p>\n<p>Sobald Wasser ins Spiel kommt, sieht hier Schweden so aus, wie man sich Schweden vorstellt, mit Seen und Bootsstegen und wei\u00dfen und vor allem roten Blockh\u00e4usern. Sie stehen meist auf felsigem Untergrund und machen sich das Terrain als Fundament zunutze.<\/p>\n<p>In der Zeitung gibt es eine riesen Beilage zum Varvet. Wenn wir das richtig verstehen, sind nur 34.000 L\u00e4ufer ins Ziel gekommen. Jedenfalls mussten 64 ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das alles steht unter dem Titel <em>Kollapsvarvet<\/em>. Auch unsere G\u00f6teborg-Kenner versichern, dass es noch nie so warm gewesen sei.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Ausflugs ist der Besuch bei der Gastfamilie unserer &#8220;Schweden&#8221;, einem Reiterhof in einem Ort, der nicht mehr als eine Ansammlung einzelner H\u00e4user ist. Au\u00dfer Ponys gibt es hier noch zwei Hunde und eine Katze, die von dem kleineren der Hunde in st\u00fcrmischen Umarmungen liebkost und abgeleckt wird. Die Dame des Hauses tischt Kaffe und alle m\u00f6glichen Leckereien auf, darunter Zimtschnecken, die ber\u00fchmten <em>kanelbullar<\/em>, die in keinem Schwedenbericht fehlen d\u00fcrfen. Zum ersten Mal komme ich hier in den Genuss, eine zu probieren, eine landeskundliche Erfahrung, die allein schon den Ausflug rechtfertigt.<\/p>\n<p>Die Dame des Hauses, die etwas Deutsch spricht, erkundigt sich nach dem Lauf und erz\u00e4hlt vom Winter, als der Schnee bis an die Fensterkanten reichte. Die K\u00e4lte hat eine Warmwasserleitung zerst\u00f6rt, und die in dem G\u00e4stehaus aus Versehen eingesperrte Katze hat die Matratze vollgepinkelt.<\/p>\n<p>Ab und zu wechselt sie zwischen Deutsch und Schwedisch hin und her, eine gute H\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung, zumal sie eher verhalten spricht. Unsere eigene Schwedin und ich haben die Gelegenheit, hin und wieder ein paar S\u00e4tze auf Schwedisch zusammenzuzimmern, wobei wir uns gut erg\u00e4nzen: was der eine nicht wei\u00df, wei\u00df der andere. Trotzdem tun wir uns auch mit den einfachen Dingen schwer: &#8220;Wir haben die gleiche Lehrerin, sind aber in anderen Kursen.&#8221; Das sind die W\u00f6rter &#8211; <em>gleich<\/em>, <em>anders<\/em> &#8211; auf die es ankommt, und ohne die man nicht auskommt. Am Ende fordert der schweigsame Ehemann mich auf, im Sommer mitzukommen, um Schwedisch zu lernen. Ich m\u00fcsste dann aber auch reiten lernen. Was hei\u00dft noch mal <em>Angst<\/em> auf Schwedisch?<\/p>\n<p>Als wir wieder nach G\u00f6teborg hineinfahren, kommen wir an beiden Stadien vorbei, dem alten und dem neuen Ullevi-Stadion, die in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander liegen. F\u00fcr mich sehen beide neu aus. Irgendwann h\u00f6re ich die Zahl 1958 im Zusammenhang mit dem Stadion. Selbst das alte scheint mir neuer zu sein. War in G\u00f6teborg nicht 1958 das Halbfinale zwischen Schweden und Deutschland?<\/p>\n<p>Wir parken direkt vor einem Haus, in dem der Inschrift zufolge Smetana gelebt hat. In unmittelbarer Nachbarschaft steht, etwas zur\u00fcckversetzt, die Synagoge. Hier werde ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder vorbeikommen. Es ist eine Stelle der reinen Idylle, nur ein paar Schritte abseits der Innenstadt, zwischen den stattlichen H\u00e4usern aus gelben Klinkern auf der einen Seite und auf der anderen dem \u00fcppig bewachsenen Rand des Stadtparks mit dem Kanal, der auf eine kleine Br\u00fccke zul\u00e4uft, hinter der der wei\u00dfe Bau des Theaters steht.<\/p>\n<p>Als wir dann auf der Suche nach Essen durch die Stra\u00dfen ziehen &#8211; es ist immer noch sommerlich warm und hell \u2013 muss ich als klassischer Einzelreisender die Tr\u00e4gheit von Gruppen erkennen. Alle unter einen Hut zu bringen, ist schwer. Am Ende findet sich aber doch noch eine f\u00fcr alle zufriedenstellende L\u00f6sung, als wir wie von unsichtbarer Hand in ein Lokal gef\u00fchrt werden. Auf der Speisekarte steht <em>French coffee med Grand Manier<\/em> &#8211; ein dreisprachiger Name mit einem schwedischen Wort und zwei englischen und franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>Danach gelingt den anderen ein traumhaft sch\u00f6nes Foto von dem wei\u00dfen Riesenrad vor dem r\u00f6tlichen Abendhimmel. Meine Kamera ist im Auto.<\/p>\n<p>Als wir wieder zum Auto zur\u00fcckkehren, ist die Stadt wie ausgestorben. Dabei ist es auch jetzt, am sp\u00e4ten Abend, noch taghell.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Fahrt ins Zentrum wird diskutiert, ob Schweden teurer ist als Deutschland. Ich bin der Einzige, der das findet. Das Benzin ist allerdings billiger, etwa so wie in Luxemburg.<\/p>\n<p>Im bereits bekannten Parkhaus in der Stadtmitte verabschiede ich mich von den anderen, die heute zur\u00fcckreisen. Vorher m\u00fcssen die M\u00e4dchen und ihre M\u00fctter aber noch etwas erledigen, was ihrer Reise nach Schweden erst den tieferen Sinn verleiht: Einkaufen.<\/p>\n<p>Ich frage mich zu meinem Hotel durch. Eine Frau wiederholt bei ihrer Antwort den Ort, nach dem ich gefragt habe: <em>Lilla Torget<\/em>. Es klingt v\u00f6llig anders als in meiner Frage. Der N\u00e4chste antwortet gleich auf Englisch.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt direkt am Hafen. Mit einem schweren Lastenaufzug geht es in den vierten Stock des Geb\u00e4udes, in dem das Hotel untergebracht ist. Eingang und Rezeption sehen etwas veraltet aus, aber das Zimmer ist nagelneu und hat einen sch\u00f6nen Blick direkt auf den Hafen.<\/p>\n<p>Heute, am Montag, sind die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Besichtigungen etwas eingeschr\u00e4nkt, aber der Stadtpark mit dem Gew\u00e4chshaus hat ge\u00f6ffnet und ist gut zu Fu\u00df zu erreichen. Der Weg dahin f\u00fchrt an der Deutschen Kirche vorbei, und diesmal ist sie ge\u00f6ffnet. Au\u00dfen eher trutzig, ist sie innen durch und durch Barock, aber protestantisch abget\u00f6nt. Es gibt, ganz unprotestantisch, bunte Kirchenfenster, aber die stellen keine M\u00e4rtyrer, sondern Apostel dar. Wichtig sind Empore, Orgel, Kanzel, Uhr. Alles ist stimmig, in Wei\u00df und Gold, schmuckvoll, aber nicht \u00fcberladen.<\/p>\n<p>Die Kirche wurde zweimal bei einem Brand zerst\u00f6rt, aber die Au\u00dfenmauern \u00fcberlebten. Das erkl\u00e4rt den Unterschied zwischen Au\u00dfen und Innen. Unglaublich, wie schnell sie nach den Br\u00e4nden wieder in Betrieb genommen wurde, nach 3 Jahren (1672) bzw. nach 2 Jahren (1748).<\/p>\n<p>Die Kirche wurde 1623 f\u00fcr die Deutsche Gemeinde gegr\u00fcndet &#8211; daher <em>Tyska Kyrkan<\/em> &#8211; wobei nicht nur Deutsche, sondern auch Niederl\u00e4nder und Schotten vertreten waren. Geld und Privilegien gab es von K\u00f6nigin Christina &#8211; daher <em>Christina Kyrkan<\/em>. Christina ist diejenige, die sp\u00e4ter zum Katholizismus \u00fcbertrat und im Petersdom begraben wurde &#8211; als einzige Frau.<\/p>\n<p>Hinten in der Kirche kann man in Glasvitrinen ein deutsches und ein schwedisches Gesangsbuch, die Darstellung der ersten Deutschen Schule, Predigtb\u00fccher, N\u00e4gel aus dem Turmbau und ein Buch \u00fcber das &#8220;Wahre Christenthumb&#8221; bewundern.<\/p>\n<p>Zu den Glasfenstern gibt es eine mysteri\u00f6se Information: Sie wurden 1978 bei einem Bombenanschlag auf das Nachbarhaus zerst\u00f6rt. Welches Nachbarhaus? Welche Bomben?<\/p>\n<p>Dann geht es am Gustav-Adolf-Platz vorbei. Der selbst steht im Zentrum, mit fein gezwirbeltem Schnurrbart, Sporen, strammen Waden und dem typischen Renaissanceoutfit mit Rock, Stulpenstiefeln, Federhut. Mit einer Hand weist er entschieden auf den Boden zu seinen F\u00fc\u00dfen \u2013 \u201eHier habe ich G\u00f6teborg gegr\u00fcndet\u201c &#8211; die andere hat er in die H\u00fcfte gestemmt und blickt stolz und herausfordernd in die andere Richtung: zum Hafen &#8211; nach D\u00e4nemark.<\/p>\n<p>Das wei\u00dfe klassizistische Haus hinter ihm ist die B\u00f6rse. Auf dem Dach stehen allegorische Figuren: Handel, Industrie, Seefahrt, Reichtum, Bildung, Fortuna.<\/p>\n<p>Dann komme ich zum <em>Tr\u00e4dg\u00e5rdsf\u00f6reningen<\/em>, dem Stadtgarten. Hier kann ich zum ersten Mal meinen G\u00f6teborgpass einsetzen, die mir in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder zugutekommt. Die Hauptattraktion des gepflegten Parks mit hohen, schlanken B\u00e4umen ist der Rosengarten, mit unz\u00e4hligen Varianten, die in einem halb Rund angeordnet sind. Nichts f\u00fcr den Laien, zumal man jetzt keine Bl\u00fcten sieht. Die Rosen haben verr\u00fcckte Namen wie <em>Countryman<\/em>, <em>Dark Lady<\/em>, <em>Pilgrim<\/em>, <em>Magna Charta<\/em> oder <em>Gru\u00df aus Coburg<\/em>.<\/p>\n<p>Interessanter ist das Gew\u00e4chshaus, in dem mir zuerst eine kolumbianische, dann eine mexikanische Pflanze ins Auge f\u00e4llt. Die mexikanische hei\u00dft <em>Monstera deliciosa<\/em>. Sie w\u00e4chst aus einem Topf an kahlen, d\u00fcnnen St\u00e4mmen, die wie Kabel aussehen, nach oben. Sie enden in gro\u00dfen Bl\u00e4ttern, die Schlitze haben, so als wollten sie Schatten spenden und doch ein paar Sonnenstrahlen durchlassen. Daneben stehen Strelitzien mit Riesenbl\u00e4ttern und ein Baum, um dessen Stamm sich eine Art Wolle wickelt. An der Seite eine Art Grottenmauer, aus der an verschiedenen Stellen Pflanzen heraustreten.<\/p>\n<p>Im benachbarten w\u00e4rmeren Haus steht ein Kakaobaum. Die Fr\u00fcchte, gelblich-rot in der Form gro\u00dfer Pflaumen, wachsen direkt am Stamm. Jede enth\u00e4lt 20 bis 50 Bohnen. Nach der Ernte g\u00e4ren die Bohnen 5-6 Tage. Das nimmt dem Kakao seinen bitteren Geschmack, und es bildet sich ein \u00d6l, das dem Kakao seinen besonderen Geschmack gibt.<\/p>\n<p>Dann gibt es ein ganzes Areal mit Kamelien. Die Kamelie hat ihren Namen von einem Deutschen Missionar, Georg Joseph Kamel, Lateinisch <em>Camelius<\/em>, von dem sie nach Europa gebracht wurde (XIX). Sie wurde zu einer Modeblume und l\u00f6ste eine Spekulationsblase aus wie vorher die Tulpenzwiebel.<\/p>\n<p>Ich wandere noch ein bisschen durch den Park und trinke dann in dem gleichen Caf\u00e9 wie am Samstag einen Kaffee. Es ist heute viel weniger Betrieb, aber wieder sind mehrere Schwangere unter den G\u00e4sten. Schweden ist ein kinderfreundliches Land und hat eine hohe Geburtenrate.<\/p>\n<p>Wie in allen Caf\u00e9s, ist hier Selbstbedienung. Das Geldumrechnen ist einfach: 10 Kronen = 1 Euro. Wenn man es nicht zu genau nimmt. Auf den Geldscheinen sind Selma Lagerl\u00f6f, Linn\u00e9 und einer der K\u00f6nige, Karl der Elfte zu sehen. Was dessen besonderes Verdienst ist, wei\u00df ich nicht. M\u00fcnzen gibt es nur zu 1, 5 und 10 Kronen. Jedenfalls begegne ich keinen anderen. Das ist etwas unpraktisch.<\/p>\n<p>Das Wetter ist weiterhin gut, gut genug, um eine Stadtrundfahrt im offenen Bus zu riskieren. Der f\u00e4hrt gleich gegen\u00fcber, vor dem <em>Stora<\/em>, dem gro\u00dfen Theater, ab. Die Fahrt lohnt sich, da man auch ein paar Bezirke au\u00dferhalb der Innenstadt kennenlernt.<\/p>\n<p>Die Stadtgr\u00fcndung wurde holl\u00e4ndischen Baumeistern anvertraut, die mit sumpfigen Gel\u00e4nden Erfahrung hatten. Der sumpfige Grund ist auch der Grund, warum es keine U-Bahn gibt. Daf\u00fcr gibt es unz\u00e4hlige Stra\u00dfenbahnen, Nachfolger der Bahnen, die einst von Pferden gezogen wurden und deren Spuren sie noch heute benutzen.<\/p>\n<p>G\u00f6teborg hatte fr\u00fcher eine ganze Reihe von Kan\u00e4len, aber die meisten wurden sp\u00e4ter zugesch\u00fcttet.<\/p>\n<p>Es geht zuerst an der Fischkirche vorbei, deren Architekt, bevor er diesen Auftrag bekam, fast nur Kirchen gebaut hatte. Er blieb dabei.<\/p>\n<p>Dann kommen wir am Eisenplatz vorbei. Der hei\u00dft so, weil dort die Eisenwaage stand. Unter offizieller Aufsicht wurde hier Eisen f\u00fcr den Export gewogen.<\/p>\n<p>Dann geht es am Hafen vorbei, dem gr\u00f6\u00dften in Skandinavien. 700.000 Autos gehen jedes Jahr durch den Hafen, f\u00fcr den Export und den Import.<\/p>\n<p>Am Ende des Hafens steht auf einem erh\u00f6hten Sockel die Statue der Seemannsfrau. Sie schaut auf die See hinaus in Erwartung ihres Mannes, der auf Seefahrt ist. Tats\u00e4chlich geht ihr Blick aber nicht Richtung Meer, sondern Richtung Nordufer &#8211; zum Liebhaber?<\/p>\n<p>Davor steht das Seefahrtsmuseum. Hier wird unter anderem an 500 schwedische Seeleute erinnert, die im ersten Weltkrieg durch Minen ums Leben kamen. Dabei war Schweden, wenn ich mich richtig erinnere, auch im ersten Weltkrieg neutral.<\/p>\n<p>Jetzt geht es hoch ins Viertel <em>Masthygget<\/em>. Hier wurden fr\u00fcher Schiffsmasten gebaut. Ganz oben steht die neugotische <em>Masthyggetkirche<\/em>. Dann geht es \u00fcber die <em>Linn\u00e9stra\u00dfe<\/em>, eine breite, gerade Stra\u00dfe, die fr\u00fcher ein Kanal war, wieder Richtung Innenstadt, an der GU vorbei, der G\u00f6teborger Universit\u00e4t, mit 50.000 Studenten der gr\u00f6\u00dften Schwedens.<\/p>\n<p>Dann geht es die <em>Aveny<\/em> hinauf, die 1880 nach Vorbildern in Paris und Wien gebaut wurde. Bis 1971 waren Gesch\u00e4fte und Autos hier verboten, denn hier hatten die Reichen ihre G\u00e4rten. Heute sind hier zahllose Caf\u00e9s und Restaurants, aber kaum Gesch\u00e4fte. Das alte Verbot wirkt noch nach. Oben, am Poseidon, das Dreigestirn von Kunsthalle, Konzerthalle und Stadttheater.<\/p>\n<p>Dann geht es zum <em>Korsv\u00e4gen<\/em>, dem \u201aKreuzwegviertel\u2018. Hier steht eine weitere neugotische Kirche, die <em>Korsv\u00e4genkirche<\/em>. Es wimmelt von T\u00fcrmchen, Fialen und Spitzen. Was man in der Gotik verpasst hatte, holt man in der Neugotik nach. Wie die <em>Masthygget-Kirche<\/em> ist auch diese aus roten Backsteinen, im Gegensatz zu den \u00e4lteren Kirchen der Innenstadt, die aus groben Steinquadern sind, aber meistens einen rauen Verputz haben.<\/p>\n<p>Am Scandinavium, dem gro\u00dfen Sportpalast, am Universeum und schlie\u00dflich am Stadion vorbei geht es dann wieder zum Ausgangspunkt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck komme ich wieder an der Statue des\u00a0 Kartoffel-&#8220;Erfinders&#8221; vorbei und stelle ganz \u00fcberrascht fest, dass sie ganz in der N\u00e4he des Hotels ist. Wie die des K\u00f6nigs auf dem Gustav-Adolf-Platz ist sie auch aus Bronze, ist aber auch ihr Gegenst\u00fcck. Der Mann ist gro\u00df und schlank und st\u00fctzt sich auf einen langen Stock. Er tr\u00e4gt einen langen Gehrock und einen Dreispitz.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Mai (Dienstag) <\/span><\/p>\n<p>Eine eiserne Pforte, schwere Gitter, ausgetretene Stufen. Ich bin im historischen Geb\u00e4ude der East India Company, einem der repr\u00e4sentativsten Geb\u00e4ude G\u00f6teborgs. Hier ist jetzt das Stadtmuseum.<\/p>\n<p>Anhand lokaler Funde gibt es erst einen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Zivilisation, in Stufen. Harpunen und Angelhaken sind die \u00e4ltesten Funde in dieser Gegend, 10.000 Jahre alt. Der Mensch hatte sich Instrumente gebaut, um den Kampf mit den \u00fcberlegenen Tieren seine Chancen zu verbessern. Es ist strittig, ob der Mensch durch die Fische oder die Rentiere in diese Gegend gelockt wurde.<\/p>\n<p>Vor 6.000 Jahren wurde Getreide angebaut, es wurden Nahrungsvorr\u00e4te angelegt und Tiere domestiziert: K\u00fche, Schafe, Schweine, Hunde. Man konnte sesshaft werden. Und Marder, F\u00fcchse und Luchse sorgten f\u00fcr Kleidung.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Raums in einer Vitrine ein vollst\u00e4ndig erhaltenes Skelett, von vor 4.500 Jahren. Das ist der Rolf\u00e5kerman. Er war 20, kr\u00e4ftig, 154. Das Skelett liegt auf einem Muschelbett, und der Kalk hat daf\u00fcr gesorgt, dass es erhalten blieb.<\/p>\n<p>Vor 3.000 Jahren wurden Waffen hergestellt und Tote verbrannt. Eine Axt aus Lehm mit einem d\u00fcnnen Bronzebelag wirft die Frage auf, ob sie zum K\u00e4mpfen oder zum B\u00e4umef\u00e4llen benutzt wurde oder nur symbolischen Wert hatte.<\/p>\n<p>Vor 1.500 Jahren tauchen die ersten Runen auf, der gr\u00f6\u00dfte Durchbruch in der Menschheitsgeschichte. Leider kann ich von den Erkl\u00e4rungen dazu fast nichts verstehen. Gleichzeitig wurde Land vererbt \u2013 vielleicht h\u00e4ngt das mit der Schrift zusammen oder ist sogar Folge davon \u2013 und es wurde Eisen hergestellt.\u00a0 Die Toten wurden weiterhin verbrannt, aber zusammen mit Haustieren bestattet. Auch Nieten und N\u00e4gel von Booten\u00a0 befinden sich in den Gr\u00e4bern.<\/p>\n<p>Dann geht es mit den Wikingern weiter, in einem abgedunkelten, besonderen Raum mit einer sehr viel moderneren Pr\u00e4sentation. Woher das Wort <em>Wikinger<\/em> kommt, ist umstritten: von angels\u00e4chsisch <em>wic<\/em>, \u201aDorf\u2018 (noch in vielen englischen Ortsnamen erhalten) von Lateinisch <em>vicus<\/em>, \u201aDorf\u2018, oder von nordisch <em>vilen<\/em> oder <em>vilka<\/em>, \u201aumherziehen&#8217;.<\/p>\n<p>Hier gruppiert sich alles um \u00c4skek\u00e4rd, ein Schiff, 16 Meter lang, um 1100 gebaut. Es diente als Handelsschiff und konnte Waren von bis zu 16 Tonnen transportieren. Es war 60-70 Jahre im Dienst. Es wurde 1935 gefunden, in Lehm. Irgendwo soll es eine Runeninschrift geben, aber die kann ich nicht finden. Erhalten sind eigentlich nur die Planken, aber die sind hier so angeordnet, dass man sich das Schiff vorstellen kann.\u00a0 Das Schiff erreichte eine Geschwindigkeit von 6-8 Knoten. Das sind ca. 12 km\/h. Auch nicht viel langsamster, glaube ich, als die Lastschiffe heute auf der Mosel. Betrieben wurde es mit einem Segeltuch, das einen Umfang von 100m<sup>2<\/sup> hatte. Das kommt mir riesig vor.<\/p>\n<p>Die Wikinger galten in Westeuropa als besonders auf ihr \u00c4u\u00dferes bedacht. Ausgestellt sind hier K\u00e4mme, und zwar f\u00fcr Haupthaar und Bart! Die britischen Frauen \u00fcbernahmen von den Wikingern die Sitte, sich zu k\u00e4mmen und Z\u00f6pfe zu machen. Die Wikinger galten auch als besonders reinlich, weil sie sich jeden Samstag badeten. Das sahen die Araber allerdings anders. Einem arabischen Diplomaten, Ibn Fadlan, zufolge (X), waren sie die dreckigsten Menschen auf allen Gestirnen. Sie benutzten Wasser weder nach der Mahlzeit noch nach dem Stuhlgang noch nach dem Liebesakt.<\/p>\n<p>Oben auf der Galerie werden die B\u00fcsten germanischer G\u00f6tter pr\u00e4sentiert, darunter Thor, mit rotem Bart, leicht erregbar, Besch\u00fctzer der Seefahrer, uns Freya, die f\u00fcr weibliche Sensualit\u00e4t steht und einen z\u00fcgellosen sexuellen Appetit entwickelte, nachdem sie von ihrem ersten Freier, Odin, verlassen worden war. Wieder einmal sind die M\u00e4nner schuld.<\/p>\n<p>Das Mittelalter ist meist durch sakrale Kunst vertreten. Sie stammt aus L\u00f6d\u00f6se. G\u00f6teborg gab es noch nicht. Die Bilder und Skulpturen sehen wie bei uns aus, nur hei\u00dfen die Heiligen hier Erik, Olav und Eskil. Das Christentum wurde \u00fcber den G\u00f6ta aus England und Deutschland importiert.<\/p>\n<p>Dann bekam L\u00f6d\u00f6se Konkurrenz. Eine neue Siedlung entstand. Karl IX. gab holl\u00e4ndischen Kaufleuten ein Interimsprivileg, sich hier an der G\u00f6ta-M\u00fcndung niederzulassen. Damit waren die wichtigsten Parameter vorgegeben: Handel, Internationalit\u00e4t, Meer. Die Stadt war zun\u00e4chst unabh\u00e4ngig, wurde nicht von Stockholm aus regiert, sondern durch einen Stadtrat, in dem meistens Juristen und Kaufleute sa\u00dfen, im ersten Stadtrat 4 Schweden, 3 Holl\u00e4nder, 3 Deutsche, 2 Schotten.<\/p>\n<p>An einem Modell sieht man dann die Stadtanlage: an einer Seite begrenzt von h\u00fcgeligem Umland, an den anderen gesch\u00fctzt durch Bastionen, die im Zickzack angelegt waren; Kan\u00e4le, die die Stadt in gleichm\u00e4\u00dfige Viertel teilen, und unz\u00e4hlige Br\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Stadt wurde schnell reich und gro\u00df. Im 19. Jahrhundert wuchs die Bev\u00f6lkerung von 17.000 auf 130.000. Das schaffte Wohnungsnot. An Modellen sieht man den Unterschied zwischen den H\u00e4usern aus der Gr\u00fcnderzeit, mit dekorierter Fassade und Wohnungen mit sieben R\u00e4umen auf mehreren Etagen, und den Arbeiterh\u00e4user des folgenden Jahrhunderts, mit Einzimmerwohnungen mit K\u00fcche.<\/p>\n<p>Auf einer weiteren Etage werden dann Entwicklungen des 20. Jahrhunderts pr\u00e4sentiert, Autot\u00fcren von Volvo, Lochkarten von Ericsson, Staubsauger von Elektrolux. Merkw\u00fcrdigerweise gibt es gar nichts von SKF.<\/p>\n<p>Der Himmel ist grau und es fieselt. Museumswetter. Also geht es gleich in das n\u00e4chste, das Maritiman, das allerdings ganz anders ist als ein klassisches Museum. Es besteht aus Schiffen. Sogar der Eingang des Museums ist ein Schiff, eine F\u00e4hre. Au\u00dfer der F\u00e4hre gibt es ein Brandbek\u00e4mpfungsschiff, einen Hafenschlepper, ein U-Boot, ein Bergungsschiff, ein Frachtschiff, einen Zerst\u00f6rer, ein Tankschiff, ein Vorpostenschiff, ein Schiffsreparationsschiff, ein Leuchtturmschiff und andere.<\/p>\n<p>Die Leuchtturmschiffe wurden statt der statischen Leuchtt\u00fcrme eingesetzt. Man brauchte weniger davon. Das Brandbek\u00e4mpfungsschiff hat 2 Wasserpumpen, von denen jede 6000 Liter Wasser freigibt \u2013 pro Minute!\u00a0 Angsteinfl\u00f6\u00dfend ist der Zerst\u00f6rer, grau und lang, eines der ersten Schiffe, das \u201eunter Ber\u00fccksichtigung von Kernwaffen konstruiert wurde\u201c. Was das hei\u00dft? Hier gibt es Atomwaffen an Bord. Das Schiff hat einen L\u00e4ngsschiffgang, der es erlaubt, von Bug nach Heck zu kommen, ohne an Deck zu gehen: Schutz vor Radioaktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>In einigen Schiffen sieht man Kaj\u00fcten und Kabinen, zum Teil gar nicht so schlecht ausger\u00fcstet: Einzelzimmer mit Kommode \u00fcberm Bett, Waschbecken, B\u00fccherregal. Das gab es allerdings nur f\u00fcr die Offiziere.<\/p>\n<p>Eine kuriose Sache, die sich erst nicht erkl\u00e4rt, ist die Einteilung des Esstisches in Vierecke durch h\u00f6lzerne Bretter. Sie verhinderten, dass Geschirr und Besteck hin- und her rutschen oder auf den Boden fielen.<\/p>\n<p>Auf einem Schiff sieht man, wie die Anker betrieben werden, mit einem Elektromotor. Als Landratte hat man die Vorstellung, der Anker werde von einem Matrosen einfach ins Wasser geworfen, und fertig. Ja, denkste. Jeder der beiden Anker wiegt 1180 Kilos, und das Ankerspill ist 192 Meter lang.<\/p>\n<p>Am Kai befindet sich sozusagen die Verl\u00e4ngerung des Museums. Hier stehen Anker, Schiffsglocken, Boote und allerlei Innereinen von Schiffen herum. Das Hochhaus auf der anderen Seite der Stra\u00dfe, Sitz der Navigationsschule,\u00a0 hat eine merkw\u00fcrdige Skulptur auf dem Dach. Es stellt sich heraus, dass es ein Zeitball ist. Die dienten, wie ich aus Greenwich wei\u00df, Seefahrern dazu, ihre Chronometer zu \u00fcberpr\u00fcfen, \u00a0bevor Funksignale sie \u00fcberfl\u00fcssig machten. In Greenwich ist es ein roter Ball, der kurz vor dem Glockenschlag in zwei Stufen ansteigt und dann um genau 13.00 Uhr f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Auf dem Parkplatz vor dem Maritiman steht ein Schild, das das Wort verwendet, das auch Gegenstand meiner Vorlesung ist: <em>dyget<\/em>.\u00a0 Das bedeutet \u201aTag\u2018, aber, im Gegensatz zu <em>dag<\/em>, das auch \u201aTag\u2018 hei\u00dft, den ganzen Tag, also 24 Stunden. Im Deutschen und im Englischen wird diese Unterscheidung nicht gemacht, wohl aber im Russischen. Bei uns besteht ein Tag dagegen aus Tag und Nacht.<\/p>\n<p>Es ist grau und es regnet inzwischen in Str\u00f6men. Eine gute Gelegenheit, mich um Kamm und Zahnpasta zu k\u00fcmmern. Beides fehlt. Gar nicht so einfach zu bekommen. Schlie\u00dflich werde ich da f\u00fcndig, wo ich es nicht unbedingt erwartet hatte: in einer Apotheke.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he, auch in dem zentralen Einkaufszentrum, ist eine Filiale der Touristeninformation. Hier ist eine sehr freundliche junge Frau, die mir erst in perfektem Englisch, dann in fl\u00fcssigem Deutsch, mit gro\u00dfer Geduld Erkl\u00e4rungen und Tipps gibt. So soll es sein.<\/p>\n<p>Die Suche hat ihr Gutes: Als ich wieder an die Luft komme, hat das Wetter sich ge\u00e4ndert, so sehr, dass ich beschlie\u00dfe, auch noch die Fahrt mit der \u201eKr\u00f6te\u201c zu machen, Die Kr\u00f6te, <em>paddan<\/em>, ist ein ganz flaches Boot, mit dem man durch die Kan\u00e4le schippern kann. Dass es besonders flach ist, hat seinen Grund: Die Br\u00fccken sind so niedrig, dass das Boot nur so gerade durch passt. Das hat zur Folge, dass wir uns bei jeder Durchfahrt hocken oder auf den Boden legen m\u00fcssen, wenn uns an unseren K\u00f6pfen gelegen ist. Die Fahrt geht durch die Kan\u00e4le und auf den Fluss hinaus und wieder zur\u00fcck. Gleich zu Anfang sehen wir, ganz in der N\u00e4he der Synagoge, ein Haus, das die Hausnummer 17\u00bd hat. Die Erkl\u00e4rung ist die, dass man die Stra\u00dfe von beiden Seiten aus bebaut hat, und als man in der Mitte zusammentraf, war, da man sich verrechnet hatte, keine ganze Nummer mehr \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommen wir an dem hochmodernen, halbrunden Bau der Oper vorbei, die gleich am <em>Lilla Bommen<\/em> liegt. Wenn man die Erkl\u00e4rung h\u00f6rt, leuchtet einem die extravagante Form sofort ein: Sie erinnert sowohl an ein Schiff als auch an einen Leuchtturm.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an dem Bananenpier vorbei. Warum hei\u00dft der so? Hier wurden fr\u00fcher die Bananen f\u00fcr den Import verladen. Die Schweden sind, wie man erf\u00e4hrt, Weltmeister im Bananenessen, gemessen am Verzehr pro Einwohner. 28 Bananen werden pro Sekunde in Schweden gegessen. Eine wichtige landeskundliche Information.<\/p>\n<p>Als es wieder auf den Kanal geht, sehen wir links einen halbrunden Bau. Es war einst ein Krankenhaus uns sollte eigentlich ganz rund werden, aber das wurde verhindert, weil einem Aberglauben zufolge runde Bauten Ungl\u00fcck bringen. Jetzt ist hier die P\u00e4dagogische Hochschule.<\/p>\n<p>Am Schluss sieht man gleich am Kanalufer einen kleinen, dicken Prometheus, den man nur vom Wasser aus sehen kann. Statt Kopf hat er einen dreieckigen Hut. Die tiefere Bedeutung bleibt mir verborgen.<\/p>\n<p>Ich sehe mir noch die Domkyrkan an, das schwedische Gegenst\u00fcck zur Christina-Kirche. Sie ist gleichzeitig Stadtkirche f\u00fcr die Innenstadt von G\u00f6teborg und Hauptkirche des Bistums.\u00a0 Und hat das ungew\u00f6hnliche Patrozinium Gustav. Sie ist nach Gustav Adolf benannt, dem Stadtgr\u00fcnder. Der war im Jahr vor der Einweihung der Kirche in der Schlacht von L\u00fctzen gefallen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist protestantisch-streng. Auff\u00e4llig sind die beiden \u201eTrambahnwagen\u201c, zwei Einbauten an den L\u00e4ngsseiten, geschlossen, gl\u00e4sern. Fr\u00fcher dienten sie dem Bischof bzw. der Priesterschaft, aber was sie da machten, bleibt unbekannt.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in ein Chinarestaurant, das den Vorzug hat, dass es etwa 20 Meter vom Hotel entfernt liegt. Das erweist sich\u00a0 allerdings auch der einzige Vorzug. <em>K\u00e4nn dig som hemma<\/em> steht als Slogan auf einem Bier. F\u00e4llt hier nicht so leicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fccksbuffet ist ein Beh\u00e4lter mit <em>hot milk<\/em> bzw<em>. varm mj\u00f6lk<\/em> beschriftet. Kein Temperaturunterschied, es ist dieselbe Milch. Die beiden Sprachen verwenden andere Kollokationen, ganz vergleichbar mit <em>hot meals<\/em> und <em>warme Mahlzeiten<\/em>.<\/p>\n<p>Heute steht ein Schiffsausflug nach Nya \u00c4lvsborg auf dem Programm. Was das genau ist, wei\u00df ich nicht, aber es wird \u00fcberall angeboten. Und die anderen Schiffsausfl\u00fcge haben alle Tamtam und sind teuer. Dieser ist auch in dem G\u00f6teborgpass drin.<\/p>\n<p>Auf dem Hinweg ist das Schiff rappelvoll. Eine ganze Schulklasse ist unterwegs. Ich \u00fcberlasse ihnen die Pl\u00e4tze im Freien. Die Lehrerinnen fl\u00fcchten auch bald ins Innere. So warm ist es n\u00e4mlich gar nicht. Auf der R\u00fcckfahrt ist dann strahlender Sonnenschein, und ich habe das Deck fast f\u00fcr mich alleine.<\/p>\n<p>Nya \u00c4lvsborg ist eine Festung, und zwar eine Festung, die auf einer Insel liegt, einer kleinen Insel, auf der es eben nur die Festung gibt.<\/p>\n<p>Als wir ankommen, werden wir von zwei verkleideten Schauspielern in Kost\u00fcmen der Zeit in Empfang genommen. Deren Auftritt \u00fcberfordert aber meine Sprachkenntnisse, und nach der ersten Szene, noch au\u00dferhalb der Festungsmauern, lasse ich mich zur\u00fcckfallen und sehe mir die Sache selbst an.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Schweden ist Nya \u00c4lvsborg vor allem eins: ein Mythos. Hier spielte sich 1719 ein milit\u00e4risches Wunder ab: 300 Schweden, von 6.000 D\u00e4nen mit 600 Kanonen angegriffen, leisteten heroischen Widerstand, und zwar ohne ihren erkrankten Kommandeur. Dessen Stellvertreter, Lillie, wurden zum besonderen Helden. Die D\u00e4nen hatten die Schweden aufgefordert, sich zu ergeben. Lillie weigerte sich, die D\u00e4nen er\u00f6ffneten das Feuer, die Mauern wurden besch\u00e4digt, Lillie verwundet. In letzten Moment kam Rettung von Norden durch ein im letzten Moment mobilisiertes Heer. Schwedens Westk\u00fcste war gerettet, und Lillie bekam einen Orden von K\u00f6nigin Ulrika. Und ging in den schwedischen Sprichwortschatz ein: <em>De danska plocka inga svenska liljor. \u2013 Die D\u00e4nen pfl\u00fccken keine schwedische Lilie. <\/em><\/p>\n<p>Die Festung ist gut erhalten, der Innenhof original. Nya \u00c4lvsborg (1677) ist das Gegenst\u00fcck zu Gamla \u00c4lvsborg, der alten Festung, und ist weiter von der Stadt entfernt und auf einer Insel gelegen. Zwischen den beiden Festungen gibt es zu beiden Seiten des Flusses weitere Forts. Man sieht, dass es um was ging.<\/p>\n<p>Der zentrale Verteidigungsbau und der \u00e4lteste der Festung ist der Turm, ein wuchtiger Quadratturm, in dessen Au\u00dfenmauern noch Kanonenkugeln stecken. Von oben vom Turm wurden Angreifer beschossen. Unten im Turm befindet sich eine Kapelle. Durch ein Loch in der Decke wurde das Schie\u00dfpulver nach oben gehievt, mit g\u00f6ttlicher Hilfe, sozusagen.<\/p>\n<p>Noch wesentlicher aber ist der Brunnen. Ohne Brunnen kein Wasser, ohne Wasser keine Festung, ohne Festung keine Verteidigung. Hier steht der Brunnen ganz in der Mitte des Gel\u00e4ndes. Wie hat man das Loch in den Fels bekommen? Der Fels\u00a0 wurde mit Feuer erhitzt und dann mit kaltem Wasser begossen, so dass er zerbarst. Nicht ganz risikofrei, vermutlich.<\/p>\n<p>Die Insel sieht heute geradezu idyllisch aus, mit kleinen h\u00f6lzernen Stegen und gepflegten Rasenfl\u00e4chen, bl\u00fchenden B\u00e4umen und einem sch\u00f6nem Durchblick durch die Felsen auf das Meer. Aber das Leben hier muss hart und monoton gewesen sein. Es herrschte strengste Disziplin, und Fluchtversuche wurden mit Auspeitschung geahndet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wandelte man die Festung in ein Gef\u00e4ngnis um. Hier wurden die \u00e4rmsten Gefangenen untergebracht, und zwar mitsamt Familie. Tags\u00fcber hatte man freien Ausgang, abends wurde man eingesperrt.<\/p>\n<p>Mit dem ersten Schiff geht es zur\u00fcck, mit einem sch\u00f6nen Blick auf die ganze Insel und wunderbarer, frischer Seeluft. Schon nach gut einer halben Stunde geht es wieder auf G\u00f6teborg zu. An eine Kaimauer hat jemand <em>Kemal was gay<\/em> geschmiert.<\/p>\n<p>Meine n\u00e4chste Verabredung ist mit dem Medizinmuseum. Auf knorrigen Bohlen bewegt man sich durch Ausstellungsr\u00e4ume mit hohen W\u00e4nden und vielen Texten, ein paar Bildern und wenigen Exponaten. Man bekommt eine deutsche Zusammenfassung auf einem Pappkarton in die Hand gedr\u00fcckt. Den Rest muss man sich zusammenreimen. Aber es lohnt sich.<\/p>\n<p>In den ersten R\u00e4umen gibt einen Schnelldurchlauf durch die Medizingeschichte. Hippokrates, der Vater der Heilkunst, war der erste, der Krankheiten auf nat\u00fcrliche Ursachen zur\u00fcckf\u00fchrte. Vorher glaubte man an das Wirken b\u00f6ser Geister. Sch\u00e4deltrepanationen wurden vorgenommen, damit die den K\u00f6rper verlassen konnten. Hippokrates legte gro\u00dfen Wert auf die Beschreibung des Verlaufs der Krankheit. Bei der Heilung ging es ihm darum, in erster Linie das Gleichgewicht wiederherzustellen. Damit war das Gleichgewicht zwischen den K\u00f6rpers\u00e4ften gemeint. Er verschrieb Ruhe, warme und kalte B\u00e4der und Di\u00e4t. H\u00f6rt sich alles ganz modern an.<\/p>\n<p>Galen, der Arzt der Gladiatoren, nahm als Erster chirurgische Eingriffe vor. Anlass dazu hatte er ja genug. Er nahm seine Forschungen aber an Tieren vor, da das Studium des menschlichen K\u00f6rpers verboten war. Das verursachte einige sehr resistente Missverst\u00e4ndnisse.<\/p>\n<p>Im Mittelalter hatte man keine Zweifel an Galen, aber man nahm auch die Seele in Augenschein. Man sammelte den Urin des Patienten und hielt ihn gegen das Licht. Das verriet, wie es um die K\u00f6rpers\u00e4fte stand.<\/p>\n<p>Naturheilmittel wurden in Kl\u00f6stern hergestellt, Aderl\u00e4sse \u00fcberlie\u00df man den Barbieren und Feldschern. Badestuben wurden gleichzeitig geschlossen, aus Angst vor der Syphilis.<\/p>\n<p>Die Araber machten mehr Fortschritte, da ihnen die Religion keine Hemmnisse auferlegte.<\/p>\n<p>In der Renaissance erfuhr der Ansatz Galens eine erste Korrektur durch Vesalius, den Leibarzt Karls V. Paracelsus setzte auch Arsen und Quecksilber in der Heilung ein.<\/p>\n<p>In der Neuzeit werden Meilensteine durch Harvey (Blutkreislauf), Virchow (erkrankte Zellen), Pasteur (Mikroorganismen) R\u00f6ntgen, Sauerbruch (Unterdruckkammer, erm\u00f6glichte Operationen) gesetzt. Die Erfindung eines Mittels gegen die Syphilis, das Penizillin, Polio-Impfstoffe, Geburtenkontrolle, Transplantationen sind wichtige moderne Entwicklungen.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum wird die Entwicklung des Krankenhauses anhand lokaler Gegebenheiten erl\u00e4utert. Die ersten Krankenh\u00e4user waren Hospit\u00e4ler, in denen Arme, Gebrechliche und Kranke gepflegt wurden. Um die Heilung ging es weniger. Das \u00e4lteste Krankenhaus dieser Gegend befand sich in L\u00f6d\u00f6se (XIII). Kenntnis davon hat man nur durch die Zueignung in einem Testament.<\/p>\n<p>\u201eRichtige\u201c Krankenh\u00e4user gab es erst in der Neuzeit. Das \u00e4lteste Krankenhaus von G\u00f6teborg, von 1782, Sahlgrenska, hatte 24 Betten, davon zwei f\u00fcr W\u00f6chnerinnen. Die Entbindung fand in der Regel zuhause statt. Das Krankenhaus war wegen des Kindbettfiebers gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Die Patienten folgten den Anweisungen des Personals, und die Genesenden mussten helfen, zum Beispiel Verb\u00e4nde anlegen.<\/p>\n<p>Die erste Krankenschwesternschule gab es in St. Thomas, London, gegr\u00fcndet auf Initiative von Florence Nightingale. Bis dahin war das Personal unausgebildet. Und wurde nicht bezahlt. Der Lohn bestand in der Befriedigung, die die Arbeit verschaffte. Wie beim heutigen Universit\u00e4tspersonal. Andererseits bedeutete die Arbeit sozialen Aufstieg und eine Berufschance f\u00fcr unverheiratete Frauen.<\/p>\n<p>Das Schmuckst\u00fcck des Museums ist eine vollst\u00e4ndig eingerichtete alte Apotheke, mit einer m\u00e4chtigen h\u00f6lzernen Theke mit Messingwaage und M\u00f6rsern. Dahinter, in Regalen und Vitrinen, s\u00e4uberlich etikettierte und nach Gr\u00f6\u00dfe angeordnete Fl\u00e4schchen und Beh\u00e4lter und darunter eine endlose Reihe von ebenfalls sauber etikettierten Schubladen. Auf einem Beistelltisch steht ein merkw\u00fcrdiger, wie ein Samowar aussehender Beh\u00e4lter. Wurde hier Tee serviert? Nein. Es ist radioaktives Wasser. Auch das wurde als Arznei eingesetzt.<\/p>\n<p>Das zweite Schmuckst\u00fcck des Museums ist eine vollst\u00e4ndig eingerichtete Zahnarztpraxis alter Art. Man muss zweimal hinsehen, um sie als Zahnarztpraxis zu erkennen. Sie sieht wie ein Wohnzimmer aus, mit einem dicken Teppich, einer gemusterten Tapete, Portraits an den W\u00e4nden und einem Sofa. Der Bohrer wird mit einem Pedal auf dem Boden per Fu\u00df angetrieben. Und auf dem Sofa wartet, w\u00e4hrend der andere noch an der Reihe ist, der n\u00e4chste Patient,<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem Internetcaf\u00e9 \u2013 die sind hier d\u00fcnn ges\u00e4t \u2013 komme ich \u00fcber die Aveny und h\u00f6re pl\u00f6tzlich lautes Get\u00f6se. Ein offener Lastwagen mit kreischenden, singenden, h\u00fcpfenden, winkenden jungen Frauen biegt um die Ecke. Aus Lautsprechern dr\u00f6hnt moderne Popmusik. Die Frauen stehen ganz dicht gedr\u00e4ngt. Alle tragen dieselben wei\u00dfen Schirmm\u00fctzen und wei\u00dfe Kleidung. Was ist das nur? Ich habe diese Bilder doch schon mal gesehen. Dann f\u00e4llt mir ein, wo: im Lehrbuch. Die n\u00e4chste Lektion beginnt mit einem solchen Photo: <em>studentexamen<\/em>. Das ist das schwedische Abitur, und dies ist die traditionelle Form, in der das gefeiert wird. Warum nur Frauen? Sp\u00e4ter, als immer mehr Wagen in ganz unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden aus verschiedenen Richtungen vorbeifahren, sehe ich, dass auch einige M\u00e4nner dabei sind. Aber sie sind die Minderheit. Und halten sich eher im Hintergrund. Die \u00fcberschw\u00e4ngliche Begeisterung auf den Wagen kontrastiert mit der Gelassenheit, mit der das auf den B\u00fcrgersteigen wahrgenommen wird. Man sieht hin, aber weitgehend unbeteiligt. Der Funke springt nicht \u00fcber.\u00a0 Ganz und gar nicht. Ein Ausl\u00e4nder, vermutlich ein Araber, sch\u00fcttelt missbilligend den Kopf. Das ist die einzige Gef\u00fchlsregung, die ich erkennen kann. Ihm ist das wohl zu ausschweifend. Ich versuche, Photos zu machen, bin aber immer im falschen Moment an der falschen Stelle.<\/p>\n<p>An der Seite der Lastwagen h\u00e4ngen riesige wei\u00dfe Bettlaken herunter, auf denen der Name der Schule oder der Klasse oder ein Motto aufgemalt ist. Einige kann man einigerma\u00dfen verstehen: <em>Nu \u00e5ker vi fr\u00e5n slakt mot arbetsl\u00f6shet \u2013 Jetzt fahren wir von der Schlacht in die Arbeitslosigkeit.<\/em> <em>Vi kom in nyktra, vi g\u00e5r ut fulla \u2013 Wir sind n\u00fcchtern reingekommen, wir gehen voll raus. <\/em>Andere versteht man nicht. Das liegt teilweise daran, dass man nicht unterscheiden kann, ob ein Wort ein Eigenname ist oder nicht. Und auch daran, dass man &lt;\u00e4&gt; und &lt;\u00e5&gt; nicht gut unterscheiden kann: Ist es <em>\u00e4nglar<\/em> oder <em>\u00e5nglar<\/em>?<\/p>\n<p>Das Internetcaf\u00e9 befindet sich in einem fensterlosen Keller mit schummriger Beleuchtung. Hier wird Arabisch gesprochen. Und es wird gespielt. Br\u00fcllende Tiere sind die Protagonisten des beliebtesten Computerspiels. Ich mache ein paar Notizen, und als ich fertig bin, fragt der Computer mich: \u201eVil du spara \u00e4ndrigarna?\u201c.<\/p>\n<p>Als ich wieder ans Tageslicht komme, h\u00f6re ich schon von weitem noch mehr Abiturfeiern. Ich folge den Ger\u00e4uschen und versuche noch mal, Photos zu machen. Einige der Frauen sind jetzt abgestiegen. Erst jetzt sehe ich, wie jung sie sind. Kinder.<\/p>\n<p>Vor der Domkyrkan gibt es einen kleinen Brunnen, kein Zierbrunnen, sondern ein Gebrauchsbrunnen, mit einem aus der Wand heraustretenden Wasserhahn. Die Inschrift besagt, dass es der \u00e4lteste noch in Betrieb befindliche Brunnen der Stadt ist und der zweit\u00e4lteste \u00fcberhaupt. Das bedeutete damals eine gro\u00dfe Erleichterung f\u00fcr die Bewohner dieses Viertels. Heute dient das Wasser den Passanten. Wie wichtig Brunnen waren, k\u00f6nnen wir kaum ermessen. Nichts ist selbstverst\u00e4ndlicher f\u00fcr uns als Wasser. Solche unaufregenden Dinge wie diesen Brunnen sieht man nur, wenn man lange genug in einer Stadt bleibt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich habe die Vorh\u00e4nge im Zimmer nicht geschlossen, um zu sehen, wie fr\u00fch es hell wird. Um 4 Uhr morgens ist es Tag, um 12 Uhr Nachts war es noch nicht ganz dunkel.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erz\u00e4hlt ein Schwede einem Amerikaner von Kugellagern, einer schwedischen Erfindung, und von SKF, die hier in G\u00f6teborg sitzen. Der Schwede sucht nach dem englischen Wort f\u00fcr <em>Kugellager<\/em>, das ich aus alten Zeiten mit Sch\u00fclern von SKF kenne. Ich halte mich aber zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dichte Wolkendecke. Gelegenheit, sich zu bilden. Das kann man im Universeum, einem &#8220;Wissenschaftszentrum&#8221;. Dahin komme ich mit der Stra\u00dfenbahn. Auch die kann ich mit dem G\u00f6teborgpass nach Belieben benutzen, und sie h\u00e4lt gleich vor dem Universeum.<\/p>\n<p>Nach den Besuchern zu urteilen, ist das hier eine Veranstaltung f\u00fcr Kinder, aber Erwachsene haben auch etwas davon. Alle Landschaftsformen sind tats\u00e4chlich vorhanden, und man f\u00fchlt sich fast so, als w\u00e4re man da.<\/p>\n<p>Man lernt unter anderem, dass Menschen drei farbsensitive Konen haben, V\u00f6gel vier. Sie sehen auch Farben, die durch ultraviolettes Licht verursacht werden. Und die sehen wir nicht. Hier kann man durch Knopfdruck eine Blaumeise so sehen, wie sie von anderen V\u00f6geln gesehen wird. Sie ist violett statt blau. Und in der Meisen-Welt gilt: je violetter, desto attraktiver. Die meisten S\u00e4uger haben nur zwei Konen und k\u00f6nnen deshalb nicht rot sehen. In Schweden gibt es immer mehr Blaumeisen \u2013 man sch\u00e4tzt inzwischen eine Million Paare \u2013 und man findet sie immer weiter n\u00f6rdlich. Die Blaumeisen sind die Akrobaten des Gartens und k\u00f6nnen sich unter anderem mit dem Kopf nach unten an einen Ast h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In den Hochlandmooren ist die Nahrungssituation schlecht. Wasser kommt nur durch Regen, nicht durch B\u00e4che. Der Boden ist deshalb n\u00e4hrstoff\u00e4rmer als anderswo. Das Problem haben einige B\u00e4ume gel\u00f6st, indem sie zu Fleischfressern geworden sind. Sie haben klebrige Bl\u00e4tter, mit denen sie Insekten fangen, um sie dann zu verzehren. Damit erhalten sie Nahrung, die sonst fehlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Fr\u00f6sche unterscheiden sich von Kr\u00f6ten dadurch, dass sie l\u00e4ngere Beine haben und besser h\u00fcpfen k\u00f6nnen. Kr\u00f6ten haben einen gedungeneren K\u00f6rper und eine Haut voller Warzen. Fr\u00f6sche haben je nach Art ganz unterschiedliche T\u00f6ne, von vogelhell \u00fcber affenkreischend bis froschtief. Man kann sie hier h\u00f6ren. Sie produzieren diese T\u00f6ne, weil sie nicht nur Stimmb\u00e4nder, sondern auch Stimmbeutel haben. Meistens rufen nur die M\u00e4nnchen, um die Weibchen anzulocken, doch gelegentlich werden die Rufe auch als Warnrufe verstanden.<\/p>\n<p>Am See sieht man <em>Pond skaters<\/em>, Insekten, die an der Wasseroberfl\u00e4che kommunizieren, indem sie mit ihren Beinen Wellenbewegungen erzeugen, die von anderen <em>Pond skaters<\/em> wiederum mit den Beinen \u201egelesen\u201c werden k\u00f6nnen. Es k\u00f6nnen Tipps f\u00fcr die Nahrungssuche ausgesandt werden, aber auch Warnrufe und Lockrufe.<\/p>\n<p>Im dem See schwimmen v\u00f6llig unterschiedliche Arten von Karpfen, darunter auch eine Art Rotauge. Das Rotauge wird von vielen schwedischen Fischers als Seeabfall betrachtet, weil es so viele davon gibt, aber in Frankreich gilt es an manchen Orten als Delikatesse. Das Rotauge \u00fcberwintert auch in Seen, die fast v\u00f6llig zufrieren, indem er sich in die Erde einbuddelt. Dabei nimmt es Nahrungsstoffe auf, die sein K\u00f6rper in Alkohol verwandelt. Den wiederum gibt er dann im Sommer an den See ab. Kann man sich hier mit Wasser eins hinter die Binde gie\u00dfen?<\/p>\n<p>Auf dem See schwimmt eine Ente, die keine ist. Sie hat keine Schwimmh\u00e4ute zwischen den Zehen, was die Fortbewegung offensichtlich schwieriger macht.<\/p>\n<p>Im Meer geht man auf gleicher H\u00f6he an Haien vorbei und sieht einen Tintenfisch \u2013 wenn man ihn denn sieht \u2013 der sich so perfekt an die braunen Steine seiner Umgebung angepasst hat, dass man ihn eben nicht sieht \u2013 es sei denn, am Aquarium steht: Tintenfisch.<\/p>\n<p>Dann geht es durch den Regenwald, in dem ein kleines schwarzes Seiden\u00e4ffchen \u00fcber die \u00c4ste springt. Die B\u00e4ume sind so hoch, dass der Regenwald drei Etagen hat, so dass man alles von unterschiedlicher H\u00f6he beobachten kann. Piranhas, viel kleiner als ich dachte, schwimmen durch einen Fluss und ein Kaiman liegt v\u00f6llig regungslos an dessen Ufer.<\/p>\n<p>Ein Armadillo kann nicht schwimmen, kann aber im Wasser waten und kann unter Wasser die Luft eine halbe Stunde lang anhalten. Das Weibchen kann befruchtete Eier jahrelang im K\u00f6rper tragen und dann, wenn es gerade passt und die Bedingungen stimmen, schwanger werden. Sollten wir \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nach dem Trubel im Universeum kommt man sich im Kunstmuseum geradezu verlassen vor, in den gro\u00dfen, hohen Hallen mit schmucklosen, hohen Fenstern.<\/p>\n<p>Am Eingang gibt es einen Stich von G\u00f6teborg von 1623. Das Bild ist aber 1997 datiert. Die Form des Bildes f\u00fchrt einen in die Irre. Es ist eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart und von Wahrheit und Dichtung, die in dem Gewand einer traditionellen Kunstform daherkommt.<\/p>\n<p>In einer Abteilung des Museums werden auf verschiedenen Ebenen moderne Kunststr\u00f6mungen vorgestellt, angefangen mit dem Konkretismus. Da gibt es unter anderem ein Bild mit blauem Hintergrund und zwei schmalen, wei\u00dfen Linien, die sich kreuzen. Das ist alles: \u201eEndlose Wege\u201c.<\/p>\n<p>Im Abstrakten Expressionismus befinden sich Klecksereien von der Art Jackson Pollocks. Wenn man l\u00e4nger hinsieht, erkennt man aber was, wie auf einem Bild, in dem aus einem waagerechten wei\u00dfen Balken ein Schiff, aus einem schwarzen senkrechten Balken ein Segel, aus einem gelben Klecks die Sonne und aus gelben Streifen auf blauem Grund das Abendlicht wird.<\/p>\n<p>Bei der Pop Art und dem Photorealismus h\u00e4lt der Gegenstand dann wieder Einzug in das Bild. Man sieht ein hohes Bild mit der Fassade von Wolkenkratzern, auf den ersten Blick ganz normal, etwas naiv dargestellt. Das Besondere erkennt man erst, wenn man n\u00e4her ran geht. Aus allen Fenstern fliegen Aktenordner, Papierstapel, Schreibmaschinen, B\u00fcrost\u00fchle. Die Menschen beteiligen sich mit Begeisterung an der Wegwerforgie.<\/p>\n<p>In die anderen Abteilungen des Museums geht es durch einen Raum, das einem einzigen Gem\u00e4lde Rembrandts gewidmet ist. Das Original befindet sich hier. Es geht darum, wie man mit R\u00f6ntgenuntersuchungen, in denen bleihaltige Farbe besonders zu Vorschein kommt, etwas \u00fcber die Entstehungsgeschichte des Bildes herausfinden kann. In diesem Fall hat die Untersuchung ergeben, um wen es sich bei dem Portraitierten handelt.<\/p>\n<p>Ich wende mich aber den nordischen S\u00e4len zu. Hier sind Maler mit Namen wie Nordstr\u00f6m, Hasselberg, Ericsson, Birger und Larsson vertreten. Gut vertreten ist die Landschaftsmalerei. Ich sehe mir ein dunkles Bild an, das \u201eDer Wald\u201c hei\u00dft. Auf den ersten Blick sieht man gar nichts. Dann erkennt man schlanke, dunkle Baumst\u00e4mme, ganz nah beieinander stehend, dann dunklen, gr\u00fcnen Waldboden und am Ende d\u00fcnne Lichtstreifen zwischen den B\u00e4umen, die die dahinterliegende Lichtung erahnen lassen. Es wird immer intensiver, je l\u00e4nger man hinsieht.<\/p>\n<p>Auch die Arbeit auf dem Land ist ein Thema: Bauern bei der Ernte, Bauern beim Pfl\u00fcgen, weder idyllisch noch anklagend, einfach als Teil des Lebens. Sogar die Arbeit im Kuhstall wird thematisiert, sicherlich wohl Thema der klassischen Malerei.<\/p>\n<p>Am l\u00e4ngsten bleibe ich vor einem ganz anderen Bild stehen: \u201eHip Hip Hurrah\u201c. Es zeigt ein Fest des K\u00fcnstlers im Freien. Das Bild hat keine besondere Aussage, aber eine wunderbare Atmosph\u00e4re. Es wird der Moment dargestellt, in dem angesto\u00dfen wird. Man sieht in lachende Gesichter, man erlebt einen Augenblick fl\u00fcchtigen Gl\u00fccks. Nichts tr\u00fcbt die Stimmung. Licht f\u00e4llt durch dichtes Laub auf Kleider, Gesichter, Haare und bricht sich in durchsichtigen Sektgl\u00e4sern und auf der wei\u00dfen Tischdecke. Sieben M\u00e4nner, alle mit anderen, altersgem\u00e4\u00dfen B\u00e4rten, sind aufgestanden und prosten sich zu, drei Frauen erheben sitzend das Glas, ein Kind zieht sich am Hocker hoch, um auch dabei zu sein. Selbst die Frau, die man nur von hinten sieht, scheint zu l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Als ich an der Festung vorbeikomme, werde ich umgeleitet. Hier wird gerade ein Film gedreht. Alle sind sehr freundlich und entschuldigen sich f\u00fcr die Umst\u00e4nde. Dabei ist der Umweg nicht der Rede wert. In der Szene, die gerade gedreht wird, gehen ein paar Afrikanerinnen einzeln und schweigend \u00fcber den Platz, und dann fahren ein paar Jungen auf Inlineskatern auf ihm herum. Das ist alles.<\/p>\n<p>Was von der Festung \u00fcbrig ist &#8211; ist das die Burg von G\u00f6teborg? &#8211; liegt hoch auf einem schwarzen Granitblock, der aus der sonst ganz ebenen Innenstadt im wahrsten Sinne herausragt. In den Felsen f\u00fchrt ein Eisentor. Ob das, was oben steht, wirklich Teil der Burg war, ist nicht festzustellen. Jedenfalls scheint es nicht zug\u00e4nglich zu sein.<\/p>\n<p>Da sich das Wetter wieder zum Besseren gewandt hat, und zwar entschieden, mache ich noch einen Spaziergang nach Haga, dem alten &#8220;Arbeiterviertel&#8221;. Von Arbeitern ist heute nichts zu sehen, es sei denn, man betrachtet Studenten als Arbeiter. Das Viertel liegt gleich hinter der Universit\u00e4t und hat Studentencaf\u00e9s und alternative L\u00e4den in H\u00e4usern, die tats\u00e4chlich niedriger und tats\u00e4chlich teils aus Holz sind, aber sich auch nicht grunds\u00e4tzlich von denen der Innenstadt unterscheiden. Die Atmosph\u00e4re ist allerdings anders, etwas d\u00f6rflicher. Wenn man nach den Beschilderungen geht, sind die H\u00e4user durchaus nicht von, sondern allenfalls f\u00fcr Arbeiter gebaut worden. Die K\u00e4ufer und Erbauer sind meistens Kaufleute, die Wohnung und Gesch\u00e4ft in ein und demselben Haus hatten und vielleicht weitere R\u00e4ume untervermieteten. Die Stra\u00dfen haben grobes Kopfsteinpflaster und sind autofrei.<\/p>\n<p>Danach, wieder in der Innenstadt, gehe ich noch, ohne zu wissen, worum es sich handelt, zum Kronhuset, das irgendwo ausgeschildert ist. Es ist, wie sich herausstellt, eins der wenigen H\u00e4user der Innenstadt, das die vielen Br\u00e4nde \u00fcberlebt hat, ein gro\u00dfes Backsteinhaus aus roten Ziegeln. Hier kommt man sich wie in L\u00fcbeck vor. Die Besonderheit des Hauses besteht darin, dass nicht nur das Dach aus Kupfer ist, sondern auch die Fensterl\u00e4den und die Tore. Die L\u00e4ngsseite des Hauses geht auf einen Innenhof, um den sich niedrige, einst\u00f6ckige H\u00e4user gruppieren, die heute kleine L\u00e4den oder Handwerksbetriebe oder Caf\u00e9s beherbergen. In einer von ihnen kaufe ich ein St\u00fcck hier hergestellter Schokolade, ein l\u00e4ngliches, unverpacktes St\u00fcck, das wie eine gro\u00dfe Scheibe Brot aussieht.<\/p>\n<p>Das Kronhuset wurde im 17. Jahrhundert gebaut und diente als Arsenal, wobei Arsenal nicht nur Waffenlager, sondern auch Getreidelager bedeutet. Heute ist hier die Musikhochschule untergebracht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe Taubstummer, die sich angeregt unterhalten, an verschiedenen Tischen. Trotzdem ist es ruhig, bis auf ein vereinzeltes Lachen. Am Nebentisch l\u00e4sst ein Asiat ger\u00e4uschvoll einen fahren. Aber das st\u00f6rt die Taubstummen nicht.<\/p>\n<p>Das <em>Idrottsmuseet<\/em>, das Sportmuseum, liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb des Stadtzentrums, im Nordosten, in Kviberg. Die Fahrt nach Kviberg f\u00fchrt am Hauptbahnhof vorbei und durch ein Industrieviertel. Eine Haltestelle ist SKF. So wie das in der Stra\u00dfenbahn klingt, wie ein normales Wort, h\u00e4tte ich es nie ausgesprochen. Die Bahn f\u00e4hrt an der endlosen Backsteinfassade von SKF vorbei.<\/p>\n<p>In Kviberg ist weit und breit kein Museum zu sehen, und es ist kein Mensch auf der Stra\u00dfe. Dann kommt eine ganze Gruppe auf mich zu, aber die sind selbst auf der Suche, nach der Jugendherberge. Die ist schnell gefunden. Sie liegt sch\u00f6n auf einer Wiese im Zentrum, auf mehrere rote Holzh\u00e4user verteilt. Ich finde eine Informationstafel. Dort erfahre ich, dass Kviberg ein alter Kasernenstandort ist, dessen Geb\u00e4ude in Studentenwohnheime und eine Jugendherberge umgewandelt wurden. Auf der Tafel sind alle Geb\u00e4ude nummeriert, nur die 7 fehlt &#8211; das Sportmuseum. Ich gehe einfach in die andere Richtung, bis ich jemanden treffe, der Bescheid geben kann. Ich werde einen Berg hochgeschickt und bekomme gleich Bewegung als Vorgeschmack auf das Sportmuseum. Dann stehe ich vor einer verschlossenen T\u00fcr. Ich kontrolliere noch einmal die \u00d6ffnungszeiten, und die stimmen. Dann f\u00e4llt mein Blick auf ein Schild neben der T\u00fcr. Dessen Anweisungen kann ich nach mehrmaligem Lesen entziffern. Man soll schellen. Das tue ich und trage mein Anliegen vor. Daraufhin wird ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Das Museum hat auf drei Etagen Wimpel und Pokale, Poster und Fotos, Medaillen in H\u00fclle und verwirrender F\u00fclle. Wie in einer mittelalterlichen Kirche ist kaum ein Quadratmeter ausgelassen. Das Meiste ist dem Fremden fremd. Namen, Titel, Ereignisse, die einem nichts sagen. Das ist was f\u00fcr Insider.<\/p>\n<p>Am besten sind einige Realia, wie Skier aus verschiedenen Jahrzehnten, an einer Wand aufgereiht, die \u00e4lteren viel l\u00e4nger und breiter und weniger bunt als nie neuen, mit Halterungen, die nichts als zwei Lederriemen sind.<\/p>\n<p>In einer Ecke die vorsintflutliche Ausr\u00fcstung eines Eishockeytorwarts. Aus Leder! Daneben ein Biertisch mit dem Emblem von IFK zur 100-Jahr-Feier (2004).<\/p>\n<p>In einer Vitrine sind die Maskottchen der olympischen Spiele von Moskau und Los Angeles friedlich vereint. Es gibt eine ganze Sammlung von Plakaten von Olympischen Spielen. Sehr bunt das von Stockholm, majest\u00e4tisch das von Rom (1960), \u00e4hnlich das von Mexiko (1968), dynamisch-modern das von M\u00fcnchen (1972). Die <em>Winterspiele<\/em> hei\u00dfen <em>vinterlekare<\/em>, <em>friidrott <\/em>hei\u00dft<em> Leichtathletik<\/em>.<\/p>\n<p>Im oberen Stockwerk ein Modell des Ullevi-Stadions von 1958, das mit seiner abgeflachten Gegengeraden sehr modern wirkt.<\/p>\n<p>Alle m\u00f6glichen Devotionalien von Thomas Ravelli sind ausgestellt, nach einer Umfrage der popul\u00e4rste Fu\u00dfballer Schwedens aller Zeiten. Er ist auch in der Galerie der Sportler des Jahres vertreten, von denen ich sonst kaum einen kenne, au\u00dfer Patrick Sj\u00f6berg (Leichtathletik) und Henrick Lundquist (Eishockey).<\/p>\n<p>In einer Vitrine eine Briefmarke, die Ingemar Johansson zeigt, Boxweltmeister 1959, und an der Wand ein brauner Anzug, der durch einen anderen Boxer, Sven Peterson (&#8220;Ess-Pe&#8221;) ber\u00fchmt wurde.<\/p>\n<p>An der Wand Karikaturen verschiedener Sportarten, in denen die Sportler in Blau-Gelb dribbeln, zaubern, schmettern, zielen, treffen, w\u00e4hrend die in Rot-Wei\u00df staunend dabeistehen, hinterherlaufen oder foul spielen. An der Wand eine riesige Fototapete, in der ein schwedischer Fu\u00dfballer den Ball im deutschen Tor versenkt. Ohne Kommentar. Das kennt vermutlich jeder Schwede. Wahrscheinlich ist es aus dem Halbfinale von 1958.<\/p>\n<p>Das Volvo-Museum, mein n\u00e4chstes Ziel, liegt weit au\u00dferhalb. Das merke ich aber erst, als ich schon auf halbem Wege bin. Von der Stra\u00dfenbahnstation muss man noch einen Bus nehmen und bis zu dessen Endstation fahren, aber der n\u00e4chste kommt erst in einer Stunde und an dieser verlassenen Haltestelle kann man sich nirgendwo hinsetzen, au\u00dferdem hat es begonnen zu regnen. Also fahre ich wieder ins Zentrum zur\u00fcck. Dabei geht es \u00fcber den Fluss. Kein anderes Museum liegt auf dieser Flussseite.<\/p>\n<p>Im Zentrum versuche ich f\u00fcr morgen eine Busfahrkarte zum Flughafen zu bekommen. Das erweist sich als schwierig. Ich finde die Haltestelle erst nicht und verstehe dann nicht, warum man mir keine Fahrkarte verkaufen will. Der Groschen f\u00e4llt erst, als ich es beim zweiten Versuch auf Englisch mache: Die Karte ist nur 24 Stunden g\u00fcltig. Ich soll besser gleich im Bus mit der Kreditkarte bezahlen.<\/p>\n<p>Da das Wetter immer schlechter wird, fl\u00fcchte ich ins Naturkundemuseum. Das liegt sehr sch\u00f6n im Schlosspark.<\/p>\n<p>Das Naturkundemuseum ist das unmoderne Gegenst\u00fcck zum Universeum. In schr\u00e4gen Glasvitrinen sind unz\u00e4hlige Vertreter einer Spezies, Schmetterlinge, Spinnen usw. ausgestellt. Das erinnert an die naturwissenschaftlichen Sammlungen eines deutschen Gymnasiums der Sechzigerjahre. Der Computer und das Konzept des interaktiven Museums haben hier keinen Platz. Es verlieren sich auch nur wenige Besucher in den langen G\u00e4ngen. Die meisten bleiben mit ihren Kindern in der Spielzone im Erdgeschoss. Es gibt aber viel zu entdecken.<\/p>\n<p>Neben einer ausgestopften Giraffe steht deren Skelett. Man kann ganz deutlich sieben Halswirbel ausmachen, keinen mehr. Sie sind einfach gr\u00f6\u00dfer. Beim Strau\u00df sieht das anders aus. Ob er wirklich mehr Halswirbel hat? Oder gehen die einfach \u00fcbergangslos in die Brustwirbel \u00fcber und man z\u00e4hlt falsch?<\/p>\n<p>Das Skelett des Nashorns hat kein Horn. Verschwunden? Geklaut? Abges\u00e4gt? Nichts davon. Das Horn ist einfach nicht Teil des Skeletts. Es besteht aus verschmolzenen Haaren, die aus der Haut heraustreten.<\/p>\n<p>Eine Schildkr\u00f6tenart, die <em>Box turtle<\/em>, wurde von Amerika nach Europa unter diesem irref\u00fchrenden Namen exportiert. Tats\u00e4chlich ist es keine <em>turtle<\/em>, sondern eine <em>tortoise<\/em>. Die einen sind Vegetarier, die anderen Fleischfresser.<\/p>\n<p>Staunend steht man vor der unglaublichen Vielfalt, die die Natur hervorbringt. Warum? Was hat ein Spatz mit einem Pinguin, eine Kr\u00e4he mit einem Strau\u00df, eine Eule mit einer Ente, ein Pfau mit einem Stieglitz gemeinsam? Warum diese Vielfalt? Warum diese Sch\u00f6nheit, warum diese Farben?<\/p>\n<p>Der Paradiesvogel, trotz seines vielversprechenden Namens, sieht allerdings\u00a0 langweilig aus, wie eine grau-braune Taube. Das M\u00e4nnchen hat lediglich einen bunten Fleck auf dem Kopf. Das Nest ist aber spektakul\u00e4r und besteht aus zwei hohen W\u00e4nden, ohne Dach, mit offenen T\u00fcren. Der Boden besteht aus \u00c4sten, mit einem sauber gearbeiteten Kreis von feinsten Kieselsteinen im Zentrum.<\/p>\n<p>Das letzte Wirbeltier, das in Schweden eingef\u00fchrt wurde, ist die Kanadagans, eine schwarz-wei\u00dfe Gans mit schwalben\u00e4hnlichem Kopf. Sie ist heimisch geworden und hat sich so sehr ausgebreitet, dass sie fast zu einer Plage geworden ist. Und was ist mit der einheimischen Gans passiert? Ist sie verdr\u00e4ngt worden? Hat sie unter der Konkurrenz gelitten? Im Gegenteil: Auch sie hat sich \u00fcberproportional vermehrt.<\/p>\n<p>Einer der Helden des Museums ist Smilet, das Krokodil, das einzige Reptil, das es ins <em>Guinness Book of Records<\/em> gebracht hat. Sein Verdienst besteht darin, mit 2 Jahren ins Schifffahrtsmuseum von G\u00f6teborg aufgenommen worden zu sein und es erst mit 65 wieder verlassen zu haben.<\/p>\n<p>Das Prunkst\u00fcck des Museums ist aber ein ausgestopfter Blauwal, der einzige auf der Welt. Er strandete in der Gegend von G\u00f6teborg und wurde von zwei Fischern, die ihn m\u00fchevoll geborgen hatten, an den Kurator des Museums verscherbelt. Der sah seine Chance gekommen und engagierte zehn Metzgerlehrlinge, die sich de s Wals annahmen, und zwar sofort, denn der Putrifizierungsprozess hatte bereits eingesetzt. Es wurde ein Loch in den K\u00f6rper geschlagen, damit die Gase austreten konnten. Die Lehrlinge wurden mit der Aussicht auf Freibier f\u00fcr den bestialischen Gestank entsch\u00e4digt. Nachdem der K\u00f6rper leer ger\u00e4umt war, wurde die Haut mit Lehm, Salz und S\u00e4gemehl und sp\u00e4ter mit Arsen und Terpentin behandelt und dann abgezogen. Man baute ein Holzgestell, auf das die Haut dann mit 30 000 Nieten aus Kupfer und Zink befestigt wurde. Die sieht man noch deutlich. Das Skelett steht daneben. Zusammen nehmen sie einen ganzen Raum ein, der au\u00dferdem eine Empore hat, so dass man den Wal auch von oben sehen kann. Von dort sieht er etwas wie ein Flugzeug aus. Man fragt sich, wie es gelang, das Ganze 1866 zur Industrieausstellung nach Stockholm zu schaffen. Dort wurde sogar ein Raum im Wal ge\u00f6ffnet, in dem die k\u00f6niglichen Majest\u00e4ten bewirtet wurden. Sp\u00e4ter wurde der Raum auch dem normalen Publikum zug\u00e4nglich gemacht, bis man ein Liebespaar darin in einer kompromittierenden Situation \u00fcberraschte.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause f\u00e4llt mir ein Schaufenster auf: <em>Skobutiken f\u00f6r kvinnor med sm\u00e5 f\u00f6tter \u2013 Schuhgesch\u00e4ft f\u00fcr Frauen mit kleinen F\u00fc\u00dfen. <\/em><\/p>\n<p>Am Abend sehe ich fern. Bei <em>Wer wird Million\u00e4r?<\/em> gibt es eine Million zu gewinnen, aber es ist nur eine Million Kronen, gerade einmal 100.000 Euros.<\/p>\n<p>Im 2. Kanal gibt es nachts Testbild, etwas, das aus der deutschen Fernsehwirklichkeit praktisch verschwunden ist. Dazu gibt es sch\u00f6ne, beruhigende Musik. Wahrscheinlich besser als all die Sendungen, die man in Deutschland w\u00e4hrend dieser Zeit bekommt.<\/p>\n<p>In einer Werbung sieht man, wie eine junge Frau ihren Freundinnen ihr neues Haus zeigt. Als sie den letzten Raum betreten, h\u00f6rt man schrilles, begeistertes Kreischen. Die Kamera schwenkt und man sieht in den Raum hinein: Regale an allen Seiten, von oben bis unten. Und in allen Regalen Schuhe, nichts als Schuhe. Allm\u00e4hlich wird das helle Kreischen der Frauen von dumpfem Gr\u00f6len aus M\u00e4nnerkehlen \u00fcbert\u00f6nt. Das bringt die Frauen schlie\u00dflich zum Schweigen. Szenenwechsel. Man sieht, wie der Ehemann seinen Freunden einen anderen Raum des Hauses zeigt: Regale an allen Seiten, von oben bis unten. Und in allen Regalen Bier, nichts als Bier.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Schifffahrtsmuseum gibt es Schiffsmodelle zu sehen, alte und neue. Darunter die Finnland (XVIII), ein Frachtschiff, das es auf sechs Fahrten nach China brachte und Seide, Porzellan und Tee nach Europa brachte. Es ist nicht nur funktionst\u00fcchtig, sondern auch sch\u00f6n: Es hat einen Balkon, Sprossenfenster und Messingbeschl\u00e4ge. Aber auch Kanonen.<\/p>\n<p>Das Gegenst\u00fcck dazu ist ein moderner \u00d6ltanker. Es ist 330 Meter lang, drei Fu\u00dfballfelder. Er fasst 300.000 Tonnen \u00d6l. \u00d6ltanker dieser Dimension gibt es erst seit dem Sechs-Tage-Krieg. Der Kanal von Suez war geschlossen worden, und die Reise um das Kap Hoorn lohnte sich nur, wenn man entsprechende Mengen transportieren konnte.<\/p>\n<p>Anhand des saudi-arabischen Tankers Sirius wird das Thema Piraten behandelt. Er wurde von somalischen Piraten geentert. Sie erpressten 24 Millionen Kronen. Sind Piraten einfach gef\u00e4hrliche Kriminelle oder holen sie sich von den Reichen, was ihnen zusteht? Fr\u00fcher gab es legale, von der Regierung autorisierte Piraten, sog. Kaper, f\u00fcr die hier eine Fregatte steht. In Schweden erlangte ein gewisser Lasse i Gatan Ber\u00fchmtheit. Er durfte die Schiffe der Feinde Schwedens berauben und wurde reich dabei.<\/p>\n<p>An einem in G\u00f6teborg gebauten Frachtschiff (1943) ist eine Seite des Schiffsrumpfs offen gelassen worden. Das ist interessant. Man sieht, mit wie viel Akribie die Sachen verstaut wurden, um keinen Raum zu verschenken: S\u00e4cke, Rollen, Kisten, F\u00e4sser, alle sind fein s\u00e4uberlich angeordnet.<\/p>\n<p>Woanders sieht man das Modell des Hafens von G\u00f6teborg mit der Beschriftung <em>Gamla Varvet b\u00f6rjan av 1700 talet. \u2013 Der alte Varvet zu Beginn des 18. Jahrhunderts<\/em>. Kommt daher die Bezeichnung f\u00fcr den Lauf? Aber was bedeutet <em>varvet<\/em> dann hier?<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man einen Haufen von Scherben von Tellern, Tassen, Sch\u00fcsseln, Figuren. Porzellan zu transportieren war eine schwierige Sache.<\/p>\n<p>Wieder woanders sieht man ein altes Aquarium aus Privatbesitz. Es ist hochkant, sechseckig und aus Gusseisen. Im Wasser ist eine Skulptur, die die Stadt G\u00f6teborg und ihren Hafen abbildet. Die Fische tummeln sich zwischen den Geb\u00e4uden herum.<\/p>\n<p>Eine Abteilung besch\u00e4ftigt sich mit Seefahrt und Kultur. B\u00fccher, Filme, Lieder, Kleider, die mit der Seefahrt zu tun haben. Das meiste ist schwedisch, aber auch bei der Weltliteratur fallen sofort B\u00fccher ein, die sich mit der Seefahrt besch\u00e4ftigen: <em>Robinson Crusoe<\/em>, <em>Die<\/em> <em>Schatzinsel<\/em>, <em>Die<\/em> <em>Odyssee<\/em>.<\/p>\n<p>Auch Motive und Instrumente von Seemannst\u00e4towierungen sind zu sehen. Besonders beliebt war die M\u00f6we. Sie legt lange Distanzen zur\u00fcck und kehrt nach Hause zur\u00fcck \u2013 wie der Seemann. Eine M\u00f6we stand f\u00fcr 5.000 Seemeilen, zwei M\u00f6wen f\u00fcr 10.000 Seemeilen usw.<\/p>\n<p>Das Taufen von Schiffen gibt es noch gar nicht so lange, seit 1811. Vorher wurde Wein \u00fcber das ganze Deck ausgegossen. Bei der ersten Schiffstaufe im modernen Sinne verfehlte die Taufpatin das Schiff und traf einen Zuschauer. Seither bindet man die Flasche an einer Kordel fest.<\/p>\n<p>Im Kellergeschoss hat das Schifffahrtsmuseum ein Aquarium. Man wird in ein Geheimnis des Meeres eingeweiht: Der Riesenkalmar ist ein Tier, das so tief im Meer lebt, dass niemand wei\u00df, wie gro\u00df es ist. Manche sprechen von 20 Metern. Es soll die gr\u00f6\u00dften Augen der Tierwelt haben, so gro\u00df wie ein Fu\u00dfball. Auf der Erde sind wir an jedem Fleck gewesen, im Meer noch nicht. Kein Wunder, dass es \u00fcberall auf der Welt Sagen \u00fcber Meerungeheuer gibt.<\/p>\n<p>Ein Aquarium hat ein buntes Korallenriff. Die \u201aPflanzen\u2018 bewegen sich st\u00e4ndig, aber das sieht man nur, wenn man ganz nah ran geht. Die bunte Vielfalt l\u00e4sst das Naturwerk wie ein Kunstwerk aussehen.<\/p>\n<p>Dann geht es in verschiedenen Aquarien immer weiter in die Tiefe, vom Bach bis auf den Meeresboden. Im Bach sieht man eine Art von Flusskrebs, dessen Population durch einen anderen, aus Nordamerika importierten, um 90% reduziert worden ist.<\/p>\n<p>In der Ostsee gibt es relativ wenige Tiere, aber da sie Brackwasser hat, leben hier S\u00fc\u00dfwasserfische und Salzwasserfische Seite an Seite.<\/p>\n<p>Noch tiefer sieht man Algen, die keine Wurzeln haben. Ihre Bl\u00e4tter k\u00f6nnen Wasser und Nahrung aufnehmen.<\/p>\n<p>Noch tiefer wachsen keine Algen mehr, da hier kein Licht hin dringt. Dennoch gibt es Tiere. Sie kleben an der Oberfl\u00e4che des Felsens fest und lassen sich die Nahrung, statt sie zu suchen, vom Wasser bringen. Faule S\u00e4cke?<\/p>\n<p>Mit der Stra\u00dfenbahn geht es in die Stadt zur\u00fcck. Bei den Stra\u00dfenbahnwagen gibt es alt und neu und uralt, aber alle sind voll funktionst\u00fcchtig. Sie haben immer nur zwei Waggons, sind immer p\u00fcnktlich und kommen in kurzen Intervallen. Die Orientierung ist leicht, obwohl man an den zentralen Stationen manchmal nach dem Bahnsteig sucht. Aber es wird immer gerne geholfen. Am Brunns parken, wo praktisch alle Linien zusammenlaufen, gibt es zu beiden Seiten des Platzes jeweils zwei Gleise, auf denen jeweils zwei Stra\u00dfenbahnen gleichzeitig halten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend andere gerade um die Kurve fahren. Noch nie habe ich so viele Stra\u00dfenbahnen auf einmal gesehen. Sehr n\u00fctzlich in den Wagen sind doppelte horizontale Eisenstangen in der Mitte, an denen man sich halb sitzend anlehnen kann. Viele Haltestellen sind nach der jeweiligen Stra\u00dfe oder dem Platz benannt und enden in <em>Gatan<\/em> oder <em>Torget<\/em>. Warum dabei der Artikel steht, verstehe ich nicht. Bei Eigennamen f\u00e4llt er weg: <em>Prinsgatan<\/em>, aber <em>Galilei Gata<\/em>, <em>Lilla Torget<\/em>, aber <em>Selma Lagerl\u00f6fs Torg<\/em>.<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 bei der Domkyrkan, wo man in Ruhe sitzen und schreiben kann, gibt es Tee und Apple Paj. Das versteht man erst, wenn man es liest. 62 Kronen, bei Selbstbedienung. Ich finde das teuer.<\/p>\n<p>Was beim Sprechen fehlt, sind immer wieder dieselben Ausdr\u00fccke. Im Laufe der Tage habe ich mir ein paar notiert: <em>und so weiter<\/em>, <em>unter anderem<\/em>, <em>das kommt drauf an<\/em>, <em>letztes Jahr<\/em> (und \u00fcberhaupt Zeitangaben), <em>im Allgemeinen<\/em>, <em>das stimmt<\/em>, <em>in Ordnung<\/em>, <em>du hast recht.<\/em> Auch <em>das, was<\/em> fehlt mir. Bei Bestellungen ist es immer wieder <em>in Ordnung<\/em> oder irgendein Ausdruck der Zustimmung, wenn man nachgefragt hat: <em>In Ordnung, dann nehme ich den<\/em>.<\/p>\n<p>Zum Abschluss fahre ich noch in den Botanischen Garten, den \u201erichtigen\u201c, nicht den im Stadtpark im Zentrum. Neben Gew\u00e4chsh\u00e4usern und Beeten gibt es hier einen Steingarten, einen Kr\u00e4utergarten, einen japanischen Garten, einen K\u00fcchengarten. Au\u00dferdem gibt es Systembeete, in denen die Pflanzen nach ihrer systematischen Einteilung gezeigt werden, aber das ist nichts f\u00fcr Uneingeweihte. Man erkennt nichts, nicht einmal, nach welchen Kriterien die Pflanzung vorgenommen wurde. Und die Beschriftung ist nur auf Schwedisch. Also lasse ich mich einfach treiben und genie\u00dfe den Ort. Irgendwie komme ich auf einen gewunden Weg, den Berg hinauf, und dann gibt es auf einmal gar keinen Weg mehr, und man kraxelt \u00fcber Felsbrocken und zwischen ihnen her. Ich bin ganz alleine. Der Himmel ist schwarz-wei\u00df-blau, und ab und zu kommen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Am Wegrand bl\u00fchende B\u00fcsche. Die Stimmen der Besucher h\u00f6rt man nicht mehr, aber der Kontakt zur Zivilisation ist noch nicht abgebrochen: von der einen Seite kommen laute Popmusikrhythmen aus einem Lautsprecher, von der anderen, auch aus einem Lautsprecher, die Stimme eines Muezzin. In der Stadt sieht man in der Tat viele Einwanderer, darunter Frauen, die stark verh\u00fcllt sind. Einige tragen eine Burka. Die sie begleitenden M\u00e4nner haben modische Sonnenbrillen, dicke Ringe und Handys neuerster Fabrikation.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof angekommen, versuche ich, an einem Automaten eine Fahrkarte f\u00fcr die Fahrt zum Flughafen zu bekommen, aber es funktioniert nicht. Jetzt wird es mir langsam mulmig, denn dass man mit Bargeld nicht bezahlen kann, wei\u00df ich.\u00a0 Meine Bef\u00fcrchtungen l\u00f6sen sich aber in nichts auf, als ich einsteige und ganz vorsichtig frage, ob man eventuell auch mit Kreditkarte zahlen k\u00f6nne. Ja, selbstverst\u00e4ndlich, sagt der Busfahrer, steckt meine Kreditkarte in einen Schlitz und gibt sie mir wieder. Er hat mir soeben 5 Euro abgebucht. Schweden ist ein modernes Land.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Mai (Freitag) Warmer Nieselregen empf\u00e4ngt uns am Flughafen in G\u00f6teborg. Obwohl die Temperaturen gar nicht so hoch sind, f\u00fchlt es sich fast tropisch an. Die kurze Strecke zur Abflughalle kann man hier zu Fu\u00df zur\u00fccklegen. 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