{"id":1334,"date":"2011-12-18T16:37:51","date_gmt":"2011-12-18T16:37:51","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1334"},"modified":"2011-12-23T17:59:29","modified_gmt":"2011-12-23T17:59:29","slug":"1334-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1334","title":{"rendered":"Stockholm (2011)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juli 2011 (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der Trierer Taxifahrer pl\u00e4diert angesichts einer ausgefallenen Ampel an den Kaiserthermen daf\u00fcr, die Ampel ganz auszuschalten. Dann laufe es viel besser. Keine Staus. In Schweich gebe es \u00fcberhaupt keine Ampel mehr, in ganz Konz nur noch eine. Alles durch Kreisverkehr ersetzt. Meinen Einwand, dass es vielleicht eher an den Ferien liege, dass es keine Staus gibt, l\u00e4sst er nicht gelten. Ebenso meine Beobachtung, es habe doch einige Unsicherheiten hinsichtlich der Vorfahrt gegeben. Das liege nur daran, dass die normale Spur nach Heiligkreuz gesperrt sei. Man m\u00fcsse sie Spur nehmen, \u201ewo ganz au\u00dfen rum geht\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Flugzeug wird man mit <em>Hej<\/em> begr\u00fc\u00dft. Zwei junge M\u00e4nner, die das Flugzeug betreten, antworten dem Steward mit <em>Tjena<\/em>, dem ungeliebten (von unserer Trierer Schwedisch-Lehrerin ungeliebten) Gru\u00df der Stockholmer Jugend. Selbst dieses eine Wort ist fast nicht zu identifizieren, obwohl es mir bekannt ist. So fremd ist die Aussprache. Von den Ansagen versteht man erst recht nichts. Nicht einmal die Temperaturzahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Flugzeug sitzen neben mir eine schwedisch aussehende Frau, die Deutsch spricht und ihr deutsch aussehender Ehemann, der eine schwedische Zeitung liest. Auf der anderen Seite ein arabisch aussehender Schwede, der sich in fl\u00fcssigem Schwedisch mit schwerem Akzent beschwert, dass man f\u00fcr alles bezahlen m\u00fcsse. Auf der Hinfahrt sei das nicht so gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Zeitung lese ich, dass man in Thailand mit Hitler f\u00fcr ein Wachskabinett geworben hat (\u201eHitler ist nicht tot\u201c) und in Australien f\u00fcr Kondome (\u201eDas sind Alois und Klara Hitler. H\u00e4tten sie doch nur eins unserer Kondome benutzt\u201c). Hitler ist weltbekannt und lizenzfrei und bestens geeignet, um Aufmerksamkeit zu erregen. Neuerdings tauchen Nazi-Symbole auch ungewollt auf, in Form von umgedrehten Hakenkreuzen und S-Runen, die nicht mehr als Nazi-Symbole erkannt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem lese ich, dass Stockholm zu einem Drittel aus bebautem Land, einem Drittel aus Wasser und einem Drittel aus Gr\u00fcn besteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Flughafen, Arlanda, wirkt um diese sp\u00e4te Zeit v\u00f6llig verlassen. Das wirkt umso komischer, als es noch taghell ist. Ich werde es im Laufe der n\u00e4chsten zwei Wochen nicht schaffen, Stockholm bei Nacht zu sehen. Wenn ich aufstehe, ist es schon hell, wenn ich schlafen gehe, immer noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zugfahrkarte ins Zentrum kostet 260 Kronen, mehr als 30 \u20ac, bei meinem schlechten Wechselkurs beim Geldtausch am Flughafen noch mehr. F\u00fcr eine Fahrt von 20 Minuten. Als ich das sp\u00e4ter meiner Lehrerin erz\u00e4hle, will sie es nicht glauben. Das sei Abzocke. So etwas gebe es in Schweden nicht. Ich m\u00fcsse mich vertan haben. Es handele sich bestimmt um eine R\u00fcckfahrkarte. Leider habe ich die Quittung aufgehoben und muss ihr diesen Zahn ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ich gleich auch noch f\u00fcr das erste Wochenende eine\u00a0 Stockholm-Card kaufe, bin ich das getauschte Geld schon fast wieder los.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zug ist hypermodern, die Wagen scheinen gerade frisch aus der Fabrik zu kommen. Dann zuckelt er aber, wie ein deutscher Regionalzug, mit 60 km\/h der Stadt entgegen. Es ist immer noch 22\u00b0, um halb elf! Der Zug ist blau-gelb. Wie auch sonst?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zug bringt einen zur Zentralstation. Dort geht es mit der U-Bahn weiter. Gar nicht so leicht zu finden. Aber es ist noch eine Fahrkartenausgabe offen. Und dort wird man \u00e4u\u00dferst freundlich, zuvorkommend bedient, hilfsbereit, in gutem Englisch. Im Gegensatz zu Deutschland kann hier auch jeder Kellner, jeder Busfahrer, jeder Fris\u00f6r Englisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich stelle meine Fragen auf Englisch, um zumindest am ersten Tag ans Ziel zu kommen. Aber auch sp\u00e4ter scheitern die meisten Versuche, mit Schwedisch zu landen. Es gibt drei M\u00f6glichkeiten: Die Schweden verstehen mich nicht, sie verstehen mich, aber ich verstehe sie nicht, sie verstehen mich und antworten auf Englisch. Ziemlich frustrierend. Am Bahnsteig \u00a0gelingt es mir wenigstens, ein Werbeplakat zu verstehen: <em>Vi \u00e4r tv\u00e4ttmedlet som flest svenskar lita p\u00e5 \u2013 Wir sind das Waschmittel, dem die meisten Schweden vertrauen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In die U-Bahn geht es \u00fcber steile, schnelle, lange Rolltreppen, die an Moskau und an die russischen Linien in Budapest erinnern. Die Z\u00fcge sind ebenfalls schnell und au\u00dferdem lang. Sie sind zwar au\u00dfen nicht blau-gelb, daf\u00fcr aber innen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon nach einer Station bin ich da, am \u00d6stermalmtorg, meiner Heimat f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Wochen. Als ich herauskomme, stehe ich mit einem schweren Koffer und meiner Cargohose inmitten von Gruppen modisch bekleideter junger Leute im Sommerlook. Der \u00d6stermalmtorg liegt mitten in der Stockholmer Partyszene. Ich irre durch die Gegend und versuche, mich anhand des Stadtplans zu orientieren, aber die U-Bahn-Station ist riesig und hat eine Menge Ausg\u00e4nge und ich finde mich nicht zurecht. Also frage ich, aber man versteht einfach den Namen der Stra\u00dfe nicht, so wie ich ihn ausspreche: <em>Riddargatan<\/em>. Irgendjemand versteht mich dann, wiederholt aber zur Sicherheit den Namen der Stra\u00dfe. Das klingt ganz anders als bei mir. Es stellt sich heraus, dass ich in der Stra\u00dfe stehe, die ich suche. Zum Hotel sind es nur 200 Meter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Rezeption wird man wieder sehr freundlich in Empfang genommen. Das Zimmer ist gut, und es gibt eine Flasche Wasser zur Begr\u00fc\u00dfung. Genau das, was ich brauche. Als ich auspacke, h\u00f6re ich ein gleichm\u00e4\u00dfiges, nicht zu identifizierendes Ger\u00e4usch, das gar nicht mehr aufh\u00f6ren will. Dann ziehe ich die Vorh\u00e4nge zur Seite und sehe, was es ist: Regen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juli 2011 (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck zerstreut meine letzten Bedenken. Ich habe zum ersten Mal ein Hotel aufgrund von Bewertungen in Internetportalen ausgesucht. Der Gesamttenor stimmt genau: gut mit Abstrichen. Die Ausrei\u00dfer nach unten und oben rechnet man ohnehin raus. Hin und wieder fragt man sich, wie einzelne Kommentare zu erkl\u00e4ren sind: \u201ekein sehr reichhaltiges Fr\u00fchst\u00fcck\u201c, \u201eFr\u00fchst\u00fcck etwas zu sehr auf Gesundheit ausgerichtet\u201c. Gesundheit? Speck, Eier, Marmelade, Wurst, K\u00e4se? Nicht sehr reichhaltig? Was will der Mann? Kaviar? Gibt es auch! Bei anderen, widerspr\u00fcchlichen Kommentaren \u2013 Service an der Rezeption \u2013 findet sich bei l\u00e4ngerem Aufenthalt eine einfache Erkl\u00e4rung: Die M\u00e4dchen an der Rezeption sind einfach unterschiedlich freundlich und unterschiedlich hilfsbereit. Bei einem kurzen Aufenthalt trifft man vielleicht nur auf eine Sorte. Zum Zimmer gab es einige sehr negative Kommentare: unaufger\u00e4umt, schmutzig, laut. Stimmt alles, wenn man sehr w\u00e4hlerisch ist und den Schmutz am Duschvorhang sucht oder am Freitagabend die Fenster weit aufmacht, um den Partyl\u00e4rm zu h\u00f6ren. Hat mich alles nicht beeindruckt. Wichtiger f\u00fcr mich, dass es ein stabiles Schreibbord gibt und sogar eine passable Leselampe, und dass man sich Tee oder Kaffee selbst machen kann. Es gibt auch Leute, die sich beschwerten, dass es keine deutschen Fernsehsender gibt. Das kann man auch als Vorzug verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich mache mich fr\u00fch auf den Weg. Das Besichtigungsprogramm beginnt mit einem Paukenschlag: das Vasamuseum, das meistbesuchte Museum Skandinaviens. Ich fange damit an, weil es so fr\u00fch aufmacht. Das erweist sich als gute Entscheidung. Als ich sp\u00e4ter aus dem Museum komme, steht eine lange Schlange davor, als ich hineingehe, bin ich praktisch der einzige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe zu Fu\u00df zum Museum, sozusagen \u201ehinten herum\u201c, um etwas zu sehen und ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Entfernungen zu bekommen. Nach gut einer Viertelstunde bin ich schon da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es regnet nicht mehr, aber schwere Wolken h\u00e4ngen am Himmel. Stockholm ist um diese Zeit an einem Samstagmorgen ziemlich verlassen. Das erste, was ich sehe, sind hohe Kaufmannsh\u00e4user, an Hamburg erinnernd. Rechts kommt bald ein sch\u00f6nes, \u00e4lteres Haus, das der Stra\u00dfe seine Seite zuwendet. Es ist der Sitz des Musikmuseums, keine zwei Minuten vom Hotel entfernt. Auf der anderen Seite kommt dann als Gegenprogramm das Armeemuseum, in einem stattlichen\u00a0 Geb\u00e4ude untergebracht, ein gutes St\u00fcck von der Stra\u00dfe entfernt. Auf dem weiten Vorhof stehen Kanonen und Panzer herum. Der Panzer ist, um eine allzu aggressive Note zu vermeiden, ein wei\u00dfer Panzer der UNO. Die Aufschrift ist ONU \u2013 im Schwedischen hei\u00dft es aber FN. Irgendwo lese ich sp\u00e4ter, dass Schweden nicht Mitglied der NATO ist, eine Fortf\u00fchrung der alten Neutralit\u00e4tspolitik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Gitter des Vorhofs ist ein Fahrrad angeschlossen, mit verbogenen R\u00e4dern und einem Platten. Es ist das letzte Mal, dass ich so etwas in Stockholm sehe. Hier ist alles adrett und aufger\u00e4umt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt rechts Wasser in Sicht. Eine sch\u00f6ne Br\u00fccke mit wei\u00dfem Gel\u00e4nder und Statuen von germanischen G\u00f6ttern an allen vier Eing\u00e4ngen f\u00fchrt von \u00d6stermalm in den Stadtteil Djurg\u00e5rden \u2013 \u201aTiergarten\u2018, dem Freizeitviertel Stockholms. Das Stadtviertel ist eine eigene Insel, wie die meisten anderen auch. Stockholm, so hei\u00dft es, liegt auf 14 Inseln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht am imposanten Nordiska Museum vorbei und dann kommt das Vasamuseum. Bei der Vasa handelt es sich, kurz gesagt, um die Titanic der fr\u00fchen Neuzeit. Das Museum ist in einem modernen Geb\u00e4ude untergebracht. Man kann ihm f\u00f6rmlich ansehen, dass es um das Schiff herum gebaut worden ist. Nur mit der H\u00f6he reichte es nicht ganz. Die Maste, die nicht ganz ins Museum hineinpassten, hat man kurzerhand aufs Dach gesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum h\u00e4lt alles, was es verspricht. Der Bau des Schiffes, der Untergang, die Bergung und die heutige Pr\u00e4sentation im Museum \u2013 alles gleich spektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man betritt einen halbdunklen Raum, kann aber bald die Umrisse des riesigen Schiffes erkennen. Man kann auf verschiedenen Ebenen um das Schiff herumgehen und so ganz unterschiedliche Perspektiven sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vasa war ein Kriegsschiff, das im Krieg gegen Polen zum Einsatz kommen sollte. Gustav Adolf II. bek\u00e4mpfte den dortigen K\u00f6nig Sigismund, seinen Cousin. Das Schiff sollte nicht nur eine wichtige Kriegswaffe, sondern auch pr\u00e4chtig sein. Und das ist gelungen. An allen Seiten gibt es Schnitzereien, mit dem Wappen des K\u00f6nigs, mit den Initialen des K\u00f6nigs, mit einer Szene, in der ein Junge von zwei Greifen gekr\u00f6nt wird und mit den Initialen GARS, alles Anspielungen auf die herrschende Dynastie der Vasa. Es gibt sogar Skulpturen, von Tritonen, Meerjungfrauen, r\u00f6mischen Soldaten und sogar von musizierenden Engeln, alle mit einem anderen Instrument ausgestattet, einer davon mit einem Dudelsack. Und das auf einem Kriegsschiff. Der K\u00f6nig war musikalisch und spielte selbst Laute. Die Figuren waren, wie anhand einer Soldatenfigur am Rande des Schiffes demonstriert wird, urspr\u00fcnglich farbig gefasst \u2013 sehr farbig. Heute sind sie alle in dunklem Holz. Urspr\u00fcnglich war das Holz viel heller, wie anhand einer Nachbildung des Schiffes im Kleinformat am Rande des Schiffs vorgef\u00fchrt wird. Es wurden zum gro\u00dfen Teil Kiefer und Linde verwendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die Beschriftungen erf\u00e4hrt man dann noch etwas \u00fcber das Schiff, das einem als Landratte unbekannt ist, zum Bespiel, dass solche Schiffe eine Luke mitten im Oberdeck haben, durch die Licht hinein und Luft heraus kann. Wenn man mehr wissen will, muss man aber Seefahrervokabular drauf haben, und zwar auf Englisch: <em>roband<\/em>, <em>cringies<\/em>, <em>buntlines<\/em>, <em>capstan<\/em>, <em>sheaves<\/em>. H\u00e4?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die bauliche Besonderheit des Schiffs war ein zweites Kanonendeck, und genau das sollte ihm sp\u00e4ter zum Verh\u00e4ngnis werden. Das zweite Kanonendeck war eine Idee des K\u00f6nigs selbst. Der wollte damit das Schiff kriegst\u00fcchtiger machen, aber auch einfach angeben. Beim Stapellauf wurden beide Kanonendecks ge\u00f6ffnet, in der Gewissheit, dass feindliche Spione anwesend waren. Die sollten beeindruckt werden. Das Schiff wurde zuerst gezogen, dann wurden die ersten Segel gesetzt. Dann wurde das Schiff von einer B\u00f6 erfasst und neigte sich zu einer Seite. Der Kapit\u00e4n versuchte gegenzusteuern, erfolgreich. Dann kam eine zweite B\u00f6 von der anderen Seite. Wieder neigte sich das Schiff, und diesmal lief Wasser in die offenen Kanonendecks. Der Anfang vom Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem zweiten Kanonendeck steht ein anderes Problem. Die Gegengewichte im Innern des Schiffs wurden nicht erh\u00f6ht, nachdem das zweite Kanonendeck in die Planung kam. Warum, ist unbekannt. Vielleicht ist es auf den Wechsel des Baumeisters beim Bau zur\u00fcckzuf\u00fchren. Der erste war gestorben. Beide Baumeister waren \u00fcbrigens Holl\u00e4nder, genauso wie viele der Schnitzer, unter denen aber auch viele Deutsche waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Kapit\u00e4n f\u00fchrte kurz vor dem Stapellauf einen Test durch, um die Standfestigkeit des Schiffs zu pr\u00fcfen. Dabei wurden drei\u00dfig Soldaten von einer Seite des Decks auf die andere gejagt. Das Ergebnis: Das Schiff fing an, verd\u00e4chtig zu schwanken, und der Versuch wurde vorzeitig abgebrochen. Einen Warnschuss hatte es also gegeben. Aber der K\u00f6nig war in Polen, er brauchte das Schiff, und es fand sich niemand, der die Sache aus eigener Hand abzublasen wagte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man ganz unten steht und nach oben blickt, glaubt man sogar als Laie zu erkennen, dass die Sache nicht gut gehen konnte. Das Schiff ist viel zu hoch und unten viel zu schmal. Das muss doch umkippen! Tats\u00e4chlich hatte die Vasa ein Schwesterschiff, mit dem Namen <em>\u00c4pple<\/em>. Bl\u00f6der Name f\u00fcr ein Schiff, aber es ging wenigstens nicht unter. Es war unten nur auf jeder Seite gut einen halben Meter breiter als die Vasa. Und hielt 30 Jahre. Die Vasa 25 Minuten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Bord waren die 150 Seeleute und 50 Familienmitglieder, die zur Feier des Tages mitfahren durften. Die sollten kurz darauf aussteigen, und an ihrer Stelle sollten 300 Soldaten an Bord kommen. Die warteten irgendwo in den Sch\u00e4ren auf ihren Einsatz. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p>Es kamen 30 Menschen ums Leben, von denen einige von den Kanonen zerquetscht wurden. 16 Leichen wurden geborgen. Hier im Museum sind einige Skelette ausgestellt, zusammen mit einer teils erdachten, aber ganz nachvollziehbaren Lebensgeschichte und einigen pers\u00f6nlichen Objekten, die geborgen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte der Bergung der Wasa ist ein angemessenes Pendant zum Untergang. Nach dem Untergang hatte man schnell die nahe der Wasseroberfl\u00e4che befindlichen Teile beseitigt, um die Hafeneinfahrt frei zu machen. Dann war die Vasa mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Dann trat einer dieser M\u00e4nner auf, die sich durch keinen R\u00fcckschlag von ihrem Konzept abbringen lassen. Er setzte erst einmal alles daran, den Ort zu identifizieren, einzelne Holzst\u00fccke zu bergen und dann den Beweis anzutreten, dass es sich um Reste der Vasa handelte. In einem Film sieht man, wie er, als die Sache endlich \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erhielt, vom K\u00f6nig, dem Vater des jetzigen K\u00f6nigs, empfangen wird, der gr\u00fcnes Licht gab. Von da an dauerte es noch 5 Jahre, bis das Schiff geborgen werden konnte, ziemlich genau 333 Jahre nach seinem Untergang. Die wichtigste Frage war, ob man das Schiff insgesamt bergen sollte oder von vornherein nur Einzelst\u00fccke. Man entschied sich f\u00fcr die Gesamtl\u00f6sung. Das bedeutete f\u00fcr die Bergung, dass sie so von statten gehen musste, wie sich, dem alten Kalauer zufolge, Igel paaren: ganz, ganz vorsichtig. Es wurden Wasserkan\u00e4le unter dem Schiff angelegt, um es allm\u00e4hlich aus dem Schlamm zu heben. Dann kam es in ein Schwimmdock, dem immer wieder Wasser entzogen wurde, damit das Schiff schlie\u00dflich\u00a0 auf einem Trockendock landete. St\u00e4ndig musste das Holz behandelt werden, und dann ging die Suche nach Einzelteilen im Schlamm los. Auch das wird in einem Film gezeigt. Unglaublich, was da alles unvermutet zur Erscheinung kommt. All das ist absolut beeindruckend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Rande des Schiffes kann man dann noch in die nachgebaute Kaj\u00fcte des Admirals gehen \u2013 niedrig, aber sehr bequem \u2013 kann die hauchd\u00fcnnen Reste einiger Segel hinter Glas sehen \u2013 am besten erhalten ist das Hauptsegel, es kam nie zum Einsatz \u2013 und einige der geborgenen Objekte bewundern: Lederschuhe, eiserne T\u00f6pfe, Keramiksch\u00fcsseln, wei\u00dfe Lehmpfeifen, Werkzeuge und ein Brettspiel, so \u00e4hnlich wie Backgammon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sieht auch einen Aufruf des K\u00f6nigs an sein Volk. Man mag es kaum glauben: Der K\u00f6nig stilisiert sich selbst zum Friedensf\u00fcrsten! Schuld am Konflikt haben immer die anderen. Einige Dinge \u00e4ndern sich nie. In diesem Fall sind die B\u00f6sen die Papisten, d.h. die Katholiken. Es hatte durch Zwangsrekrutierung und Steuererh\u00f6hungen Unmut in der Bev\u00f6lkerung und dann laute Prostest gegeben. Dagegen wird die ganze k\u00f6nigliche Rhetorik aufgefahren: Seid gewarnt vor den Papisten. Es reicht nicht, sie einmal zur\u00fcckzuschlagen. Sie greifen immer wieder von neuem an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss gibt es noch etwas zur Kulturgeschichte der Zeit. Wovon ern\u00e4hrte sich ein Seemann? In erster Linie von Erbsen. Es wurden so viele mitgef\u00fchrt, dass es f\u00fcr einen Liter Erbensuppe pro Mann und Tag reichen w\u00fcrde. Das wichtigste Getr\u00e4nk war selbstredend Bier. Der K\u00f6nig selbst hatte die Mitnahme gro\u00dfer Menge von Hopfen angeordnet \u2013 ohne Hopfen wird Bier sauer &#8211; und ausdr\u00fccklich vor Wasser gewarnt. Zur Illustration ist eine Hopfenranke ausgestellt. Daneben eine Flachsfaser. Dem Flachs wird hier das Hohelied gesungen: <em>Linum usitatissimum<\/em>. Es wurde f\u00fcr die Herstellung von Schiffssegeln und zum Versiegeln von Schiffen verwendet, mit Lein\u00f6l, auch aus Flachs gewonnen, wurden Magenbeschwerden behandelt und Bilder gemalt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine ausgiebige erste Besichtigung. Ich fahre von Djurgarden mit der Museumsstra\u00dfenbahn ins Zentrum. Es ist die Linie 7, aber es ist die einzige Stra\u00dfenbahnlinie. Sie f\u00e4hrt mit Wagen aus grauer Vergangenheit, obwohl jetzt auch moderne Wagen zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfenbahn bringt mich zum Sergels Torg, dem zentralsten, aber nicht unbedingt sch\u00f6nsten Platz Stockholms. Umgeben von B\u00fcroh\u00e4usern und einem Kreisverkehr steht in der Mitte des Platzes eine eckige S\u00e4ule, Zentrum eines Brunnens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen ist die Stadt erwacht, und der Ein- und Ausstieg bei der Stra\u00dfenbahn wird von einer Uniformierten geregelt. Es h\u00e4ngen immer noch dicke Wolken am Himmel, aber hin und wieder kommt ein Sonnenstrahl durch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Sergels Torg beginnt Drottninggatan, eine schnurgerade, kilometerlange Einkaufsstra\u00dfe, oben, in der N\u00e4he von Sergels Torg, schwedischer, unten, in der N\u00e4he des Schlosses, immer touristischer werdend. Sie m\u00fcndet in ein Tor hinter einer Br\u00fccke, das direkt in die Altstadt f\u00fchrt, Gamla Stan. Ich biege unmittelbar vor dem Tor ab. Ich will nicht in die Altstadt, sondern zum Stadshus. An der Ecke steht die Sk\u00e5nes Enskilda Banken, ein gro\u00dfes Geb\u00e4ude aus r\u00f6tlichem Sandstein, das nach 19. Jahrhundert aussieht, mit Skulpturen von Bauern aus Sk\u00e5ne an der Fassade. Es war sicher etwas Neues, Bauern statt Monarchen abzubilden. Die Bauern standen f\u00fcr Sicherheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach kurzer Zeit erreicht man das Stockholmer Rathaus, das Stadshus. Dessen besondere Attraktion: Hier, im Blauen Saal, findet das Nobelpreisbankett statt, das auf Schwedisch <em>Nobelprismiddagen<\/em> hei\u00dft. Komischerweise bedeutet <em>middag<\/em> n\u00e4mlich \u201aAbendessen\u2018 (<em>Mittagessen<\/em> hei\u00dft <em>lunch<\/em>). Das muss wohl das Ergebnis eines Bedeutungswandels sein, denn in <em>eftermiddagen<\/em>, \u201aNachmittag\u2018 hei\u00dft <em>middag<\/em> weiterhin \u201aMittag\u2018. Das \u201eMittagessen\u201c nimmt man also nach dem Nachmittag ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Stadshus h\u00f6rt man aber eher wenig Schwedisch, sondern mehr Deutsch und Englisch und ganz viel Spanisch, vor allem aber Russisch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Stadshus mit seinem hohen Turm sieht von weitem wie eine Kirche aus. Es wurde 1921-23 im nationalromantischen Stil gebaut. Diesen Begriff h\u00f6re ich hier zum ersten Mal. Er bezeichnet wohl vor allem die Einstellung: alle Materialien stammen aus Schweden, alle Handwerker aus Schweden, die Baumeister aus Schweden. Stilistisch ist das Geb\u00e4ude aber eher Neo-Renaissance. Man kommt sich ein bisschen wie in der Toskana vor, vor allem in dem Innenhof mit seiner doppelten S\u00e4ulenreihe und dem Wasser dahinter, nur ist das Baumaterial Backstein, roter Backstein. Der Architekt war tats\u00e4chlich in Italien gewesen und hatte sich dort inspirieren lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang geht es in den Blauen Saal, den Saal, in dem das Nobelpreisbankett stattfindet. Die Begeisterung h\u00e4lt sich erst einmal in Grenzen. Von Blau keine Spur. Der Saal hat die gleichen roten Backsteine wie drau\u00dfen. Die gefielen dem Architekten so gut, dass er den urspr\u00fcnglichen Plan, einen Blauen Saal zu bauen, verwarf. Der Saal sollte eigentlich offen sein, eine Art gro\u00dfer Innenhof, ohne Decke. Wieder hatte der Architekt sich in Italien inspirieren lassen, aber seine Rechnung ohne das schwedische Klima gemacht. Also wurde eine Decke eingezogen. An die urspr\u00fcngliche Idee erinnern aber noch Balkone und Brunnen an den Seiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Nobelpreisbankett ist alles minuti\u00f6s geplant. Jeder Gast hat genau 60 cm Platz zur Verf\u00fcgung, die k\u00f6nigliche Familie und die Preistr\u00e4ger 70 cm. Die ersten Bankette fanden nicht hier statt, da das Geb\u00e4ude einfach noch gar nicht existierte, sondern im Grand Hotel am Strandv\u00e4ggen, ganz in der N\u00e4he meines Hotels. Dann fand das Bankett im Goldenen Saal, ebenfalls hier, eine Etage h\u00f6her, statt, und erst dann, als man die Zahl der G\u00e4ste erh\u00f6hte, begann die Zeit des Blauen Saals. Die K\u00fcche, eigentlich ganz oben, wird f\u00fcr das Bankett in den Goldenen Saal verlegt, damit die Kellner\u00a0 rechtzeitig mit dem warmen Essen bei den G\u00e4sten ankommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nobelpreistr\u00e4ger kommen die Treppe hinunter in den Saal. Der Architekt soll seine Frau wieder und wieder in einem langen Kleid die Treppe rauf und runter gejagt haben, um den idealen Stufenabstand zu finden. An der Gegenseite ist in den Backstein ein gro\u00dfer, aber nicht auff\u00e4lliger Stern eingelassen. Auf den sollen die Nobelpreistr\u00e4ger gucken, um nicht auf ihre Schuhe zu gucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Blaue Saal wird auf der anderen Seite erg\u00e4nzt von dem gleich gro\u00dfen Ratssaal, einem eher funktional aussehenden Saal, aber mit einem Baldachin \u00fcber den Sitzen der Ratsvorsitzenden. Hier tagt der Stockholmer Stadtrat. Er hat 101 Mitglieder, die Mehrheit davon Frauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Stadshus aus gehe ich zur Oper. Die ist geschlossen, aber f\u00fcr morgen ist eine F\u00fchrung angek\u00fcndigt. Die Oper hatte ich mir als drittes Muss aus dem Reisef\u00fchrer herausgesucht, nach Vasamuseum und Stadshus. Hier wurde der K\u00f6nig, Gustav III., bei einem Maskenball get\u00f6tet, das Motiv von Verdis <em>Ein Maskenball<\/em>. Verdis Oper spielt aber nicht in Stockholm, sondern in Boston, und das Opfer ist auch kein K\u00f6nig, sondern ein Gouverneur. Die Zensur w\u00e4re \u00fcber die Darstellung eines K\u00f6nigsmords aber nicht gl\u00fccklich gewesen, und erst recht nicht \u00fcber einen K\u00f6nigsmord bei einem Maskenball. Das finde ich aber erst nach meiner R\u00fcckkehr heraus. Hier und in den Reisef\u00fchrern wird gesagt oder, wenn nicht, so getan, als spiele die Oper wirklich in Stockholm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der K\u00f6nigsmord hat noch eine Besonderheit: Er geschah in der von dem K\u00f6nig selbst gebauten Oper! Der K\u00f6nig war ein Theaternarr und selbst musikalisch begabt. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den K\u00f6nigsmord sind schwerer herauszufinden, aber es scheint sich um eine Adelsrevolte gehandelt zu haben. Gustav, der \u00fcbrigens der Neffe Friedrichs des Gro\u00dfen war, hatte versucht, die Macht des Adels zu beschneiden und die absolute Monarchie wiederherzustellen, und das ausgerechnet zur Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die von ihm gebaute Oper brannte sp\u00e4ter ab. Wie sie, oder zumindest deren Fassade ausgesehen hat, sieht man am gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4ude, dem Erbf\u00fcrstenpalast. Gustav hatte darauf gedr\u00e4ngt, dass sie die Fassade des Opernhauses spiegeln sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Oper steht am Gustav-Adolfs-Torg, benannt nach dem bedeutendsten schwedischen K\u00f6nig. Machterweiterung und Modernisierung sind die Stichw\u00f6rter, unter der man seine Regierungszeit zusammenfassen kann. Die Modernisierung ist aber wohl zum gr\u00f6\u00dften Teil das Verdienst des Grafen Oxenstierna, seines Kanzlers. Der erscheint im Sockel der Statue zusammen mit Clio, der Muse der Geschichte. Die diktiert ihm Gustav Adolfs Heldentaten ins Notizbuch, f\u00fcr die Annalen. Ob der Untergang der Vasa auch dazugeh\u00f6rt? Gustav II. Adolf hatte das Gl\u00fcck, in der Schlacht zu sterben, in L\u00fctzen. Das machte ihn zum Helden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gustav Adolf ist auch der Gr\u00fcnder G\u00f6teborgs. Auch dort steht seine Statue auf einem Platz, der seinen Namen tr\u00e4gt. Die G\u00f6teborger Statue mit ihrem energischen Fingerzeig gef\u00e4llt mir besser. Sie ist einem auch n\u00e4her, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier thront Gustav Adolf hoch auf seinem Pferd.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da die Oper geschlossen ist und das Wetter besser wird, nehme ich eine Bootsfahrt mit, die auch in der Stockholm Card enthalten ist. Dazu muss ich wieder zur\u00fcck zum Stadshus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich ein Eis kaufe, reagiert die Verk\u00e4uferin sofort auf mein verdutztes Gesicht, als ich das Wechselgeld erhalte. Sofort wei\u00df sie, warum, und erkl\u00e4rt freundlich, dass es sich bei der gro\u00dfen M\u00fcnze um 5 Kronen, bei der kleinen aber um 10 Kronen handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die M\u00fcnzen sind ziemlich nichtssagend, und auch nicht sonderlich sch\u00f6n, die Scheine sind interessanter. Auf der Vorderseite erscheinen bekannte Schweden und auf der R\u00fcckseite ein mit ihnen zusammenh\u00e4ngendes Motiv: Selma Lagerl\u00f6f und die G\u00e4nse (20 Kronen), Jenny Lind (die in Westminster Abbey begraben ist!) und eine Opernb\u00fchne (50 Kronen), Linn\u00e9 und sein Garten (100 Kronen), Karl XI. und die schwedische Reichsbank (500 Kronen). Den gr\u00f6\u00dften Schein (1000 Kronen), mit Gustav Vasa, bekomme ich nie zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht mit dem Boot einmal um Kungsholmen herum, die Insel, auf der das Stadshus liegt. Es geht erst in offeneres Gew\u00e4sser, dann \u00fcber einen schmalen Streifen Wasser, der Kungsholmen von Norrmalm trennt, wo Sergels Torget liegt. Dabei kommen wir irgendwann an Schreberg\u00e4rten vorbei! Sehen genauso aus wie unsere und haben auch genau denselben Zweck!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kungsholmen war urspr\u00fcnglich nach den Franziskanern benannt, die hier im Mittelalter gro\u00dfz\u00fcgig Land zugesprochen bekommen hatten. Nach der Reformation stie\u00df der Name nicht mehr auf so viel Gegenliebe und wurde durch Kungsholmen ersetzt. Angeblich h\u00e4tte es Karlsholmen hei\u00dfen sollen, aber der K\u00f6nig, in all seiner Bescheidenheit, pl\u00e4dierte f\u00fcr Kungsholmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da es nicht allzu viel zu sehen gibt, versorgt man uns mit Information \u00fcber Schweden. Schweden ist doppelt so gro\u00df wie Italien, aber Italien hat sechsmal so viele Einwohner. Schweden hat 8000 Kilometer K\u00fcstenlinie mit vermutlich einer Million Schiffe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den bekannten schwedischen Firmen z\u00e4hlen Eriksson, H&amp;M, SKF und nat\u00fcrlich IKEA. Bei den bekanntesten Sportlern werden Bj\u00f6rn Borg (und andere fr\u00fchere Tennisasse), Patrick Sj\u00f6berg, Ingemar Stenmark, Henrik Larsson genannt und ein Tischtennisspieler, den ich nicht kenne, bei den Teams das schwedische Eishockeyteam. Vom Handball ist komischerweise nicht die Rede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die k\u00fcrzesten Tage im Winter sind sechs Stunden lang (9-15 Uhr), die l\u00e4ngsten im Sommer 20 Stunden (3-23 Uhr), jedenfalls hier in Zentralschweden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der jetzige K\u00f6nig ist der siebte der Dynastie der Bernadotte, also letztlich Franzose. Die Bernadottes folgten auf die Vasa, nachdem ein kinderloser K\u00f6nig einen franz\u00f6sischen Offizier adoptiert hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal gibt es ein sch\u00f6nes Missverst\u00e4ndnis. Ich h\u00f6re im englischen Text etwas von <em>Derrick<\/em> und frage mich, wie der wohl hier her kommt. Erst sp\u00e4ter merke ich, dass von <em>St. Erik<\/em> die Rede war, dem schwedischen Nationalheiligen. Ein Paradebeispiel f\u00fcr Probleme beim H\u00f6rverst\u00e4ndnis. Man versteht nicht deshalb nicht, weil man W\u00f6rter nicht kennt, sondern weil man bekannte W\u00f6rter nicht identifiziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Ferne sieht man Drottningholm, die K\u00f6nigsresidenz, der \u00e4lteste Beitrag Schwedens zu den Weltkulturerbe der UNESCO.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir an einem ehemaligen Gef\u00e4ngnis vorbei, das jetzt als Jugendherberge dient. Hatte ich auch zuerst als Unterkunft in Betracht gezogen, aber wegen der Gemeinschaftsduschen verworfen. Vielleicht beim n\u00e4chsten Mal. D\u00fcrfte jedenfalls billiger sein. Im Hof dieses Gef\u00e4ngnisses kam zum einzigen Mal die Guillotine in Schweden zum Einsatz. Man hatte sie eigens importiert, aber sie war lange nicht durch den Zoll gekommen. Man wusste nicht so recht, wie man sie klassifizieren konnte. Am Ende entschied man sich f\u00fcr <em>landwirtschaftliches Ger\u00e4t<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir am Haus der Familie Nobel vorbei. Hierher hatte man die Experimentier-werkstatt verlegt, etwas au\u00dferhalb des Zentrums, wegen der gef\u00e4hrlichen Experimente mit dem Dynamit. Das war eine sehr realistische Einsch\u00e4tzung. Tats\u00e4chlich wurden hier drau\u00dfen bei den Experimenten Nobels Bruder und drei weitere M\u00e4nner get\u00f6tet. Das h\u00f6re ich zum ersten Mal. Man ist entsetzt und gleichzeitig erstaunt, dass Nobel trotzdem weitermachte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist auch noch von einem schwedischen Exportschlager namens <em>Separator<\/em> die Rede. Warum das Ding so wichtig und so bekannt ist, verstehe ich aber nicht. Ein weiterer schwedischer Exportschlager ist <em>Absolut Vodka<\/em>. Wir kommen an dem Gel\u00e4nde vorbei, auf der der Erfinder des Vodka, ein gewisser L.O. Smith, seine Destillerie betrieb, ganz absichtlich hier au\u00dferhalb Stockholm, nachdem er mit den Stadtv\u00e4tern aneinandergeraten war, da sein Vodka mit dem st\u00e4dtischen Vodka konkurrierte!\u00a0 Er hatte eine neue Destillationstechnik erfunden, die reineren Branntwein erzeugte. Damit zog er dann auch in die Werbung. Der charakteristische Flaschenhals, der an eine Apotheker-Flasche erinnern soll, geht auf seine Zeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir wieder zum Stadshus kommen, sieht man vom Schiff aus auf der gegen\u00fcberliegenden Insel einen mittelalterlichen Rundturm, der nach Birger Jarl benannt ist. Das ist der Gr\u00fcnder von Stockholm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juli 2011 (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht es direkt zum Nobelmuseum. Das liegt in Gamla Stan, dem wichtigsten Tummelplatz der Touristen. Die liegt auf Stadsholmen, einer weiteren Insel, der Keimzelle Stockholms. Nach Gamla Stan kommt man durch das Tor, vor dem ich gestern zum Stadshus abgebogen bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Nobelmuseum liegt gleich am Stortorget, dem \u201aGro\u00dfmarkt\u2018, dem \u00e4ltesten Platz Stockholms, aber f\u00fcr den habe ich jetzt keine Augen. Es geht direkt ins Museum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum ist klein und modern. In erleuchteten S\u00e4ulen, auf einer Zeitschiene angebracht, werden Objekte dargestellt, die mit den Nobelpreisen zu tun haben, vor allem Alltagsgegenst\u00e4nde, die demonstrieren, dass die Forschung tats\u00e4chlich zu \u201eetwas gut ist\u201c: Transistorradio, Plastikr\u00fchrsch\u00fcssel, Digitalkamera. Auch eine Euro-M\u00fcnze und das Original von Kiplings <em>Dschungelbuch<\/em> sind ausgestellt sowie ein Exemplar der <em>Weltb\u00fchne<\/em>, herausgegeben von Tucholsky und von Ossietzky (in Z\u00fcrich, Paris und Prag) als Zeitschrift der Intellektuellen gegen die Nazi-Herrschaft. Carl von Ossietzky erhielt daf\u00fcr nicht den Literaturnobelpreis, sondern den Friedensnobelpreis! Umgekehrt erhielt Churchill den Literaturnobelpreis, vermutlich deshalb, weil es keinen Politiknobelpreis gibt und Frieden auch nicht so richtig zutraf. Andererseits: Das hat ja sonst auch nicht so eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Auch Kissinger erhielt den Friedensnobelpreis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum Tucholsky nicht auch den Nobelpreis erhielt, wei\u00df ich nicht. Sein Name kommt im Zusammenhang mit einer Reise nach Stockholm oft vor durch sein <em>Schloss<\/em> <em>Gripsholm<\/em>. Das liegt nicht weit von Stockholm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt eigentlich nur f\u00fcnf Nobelpreise: Physik, Chemie, Physiologie (eine praktische Kategorie, in die man sowohl Mediziner als auch Biologen hineinzw\u00e4ngen kann), Literatur und Frieden. Der Preis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften ist kein Nobelpreis, wird aber im Rahmen der Nobelpreiszeremonie vergeben. Er geht auch nicht auf Nobel zur\u00fcck und wird auch nicht vom Nobelkomitee vergeben (oder bezahlt), sondern von der Schwedischen Reichsbank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass der Friedensnobelpreis in Oslo vergeben wird, hat seinen Grund: Zur Zeit von Nobels Testament geh\u00f6rte Norwegen noch zu Schweden! Der Friedensnobelpreis wird von einem Komitee des <em>Storting<\/em>, des norwegischen Parlaments, vergeben, der Literaturnobelpreis von der Schwedischen Akademie (auch von dem Theaterk\u00f6nig Gustav III. gegr\u00fcndet), die anderen von der <em>Swedish Academy of Sciences. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeder Preistr\u00e4ger bekommt eine Medaille, eine Urkunde und Geld, zurzeit 10 Millionen Kronen, also ca. 1 Million Euro. Die Medaille f\u00fcr den Friedensnobelpreis sieht anders aus als die anderen, und die Urkunden werden f\u00fcr jeden einzelnen Preistr\u00e4ger einzeln gestaltet. Am besten \u2013 und am einfachsten \u2013 geht das bei den Literaturnobelpreisen. Bei Physiologie ist das schon schwerer: Wie kann man eine Zelle k\u00fcnstlerisch darstellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V\u00f6llig \u00fcberraschend kommen die Preise f\u00fcr die meisten Preistr\u00e4ger nicht. Es gibt Favoriten, es gibt Ger\u00fcchte. Die amerikanischen Preistr\u00e4ger erreicht die Nachricht meistens, wenn sie noch im Bett liegen. Von Becket wird berichtet, er sei bei dem Anruf gerade beim Mittagessen gewesen und habe sich nicht st\u00f6ren lassen. Er habe darum gebeten, man m\u00f6ge sp\u00e4ter noch einmal anrufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bisher hat nur eine Frau den Preis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften bekommen. Insgesamt liegt der Anteil unter 10%.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich von Sartres Nobelpreis wurde die Frage diskutiert, ob man einen Nobelpreis ablehnen k\u00f6nne. Die Antwort, so entschied es das Komitee: Nein. Man kann ihn nicht abholen, aber nicht ablehnen. Wenn man ihn nicht innerhalb eines Jahres abholt, ist auch das Geld futsch. Angeblich \u00e4nderte Sartre sp\u00e4ter seine Meinung, angeblich um des Geldes willen, und angeblich war es da zu sp\u00e4t. Das Geld geht dann in den Vorrat der Nobelstiftung zur\u00fcck, und der ist riesig. Nobel hatte sein Geld gut angelegt, hatte eine riesige Summe hinterlassen, die durch Zins und Zinseszins solche Summen produziert, dass man auch zehn Nobelpreise vergeben k\u00f6nnte. Er h\u00e4tte den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften \u00a0verdient.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Nobelmuseum st\u00f6\u00dft man immer wieder auf bekannte Namen. Am besten hat man die Literaturpreistr\u00e4ger in Erinnerung: Gide, Miguel Angel Asturias, Faulkner, Pasternak, T.S Eliot, Becket, Octavio Paz, Toni Morrison, Orhan Pamuk, Vargas Llosa, B\u00f6ll und Grass und Hesse. Unter den anderen erinnert man sich an Fleming, Einstein, Martin Luther King, den Dalai Lama, Niels Bohr, Dag Hammarskj\u00f6ld, Obama. Nicht darunter ist Gandhi. Man verlieh ihm den Friedensnobelpreis nie, da es als Provokation seiner Gegner h\u00e4tte verstanden werden und das Gegenteil von Frieden bewirken k\u00f6nnen, ein Fall, der deutlich macht, dass der Friedensnobelpreis immer auch ein Politikum ist (siehe Willy Brandt, siehe Obama). In dem Jahr, in dem Gandhi starb, wurde kein Friedensnobelpreis vergeben. Nachtr\u00e4glich konnte man den Preis nicht verleihen. Das lassen die Statuten nicht zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Sonderausstellung sieht man einige Objekte, die die Preistr\u00e4ger selbst dem Museum vermacht haben, darunter ein finnischer B\u00e4r von Martti Ahtisaari, das Schmuckst\u00fcck seines Schreibtischs. Von Einstein ist ein Brief ausgestellt. Dabei soll es um seine Scheidung gegangen sein. Er wollte sie, seine Frau wollte sie nicht. Also bot er ihr an: Wenn du dich scheiden l\u00e4sst und ich den Nobelpreis bekomme, bekommst du das Geld. In dem Brief, auf Deutsch geschrieben, ist allerdings gar nicht von der Scheidung die Rede. Er ist auch nicht an seine Frau, sondern an seine S\u00f6hne gerichtet. Am kuriosesten ist ein von Pjotr Kapitsa, einem russischen Physikpreistr\u00e4ger, gestiftetes goldenes Krokodil. Da fragt man sich, welche Bewandtnis es damit haben kann. Das Krokodil stand f\u00fcr seinen Mentor, Rutherford, der selbst Nobelpreistr\u00e4ger gewesen war (aber f\u00fcr Chemie) und den er heimlich <em>Das Krokodil<\/em> nannte. In Russland gilt das Krokodil, das einen steifen Nacken hat und sich nur vorw\u00e4rts bewegen kann, als Allegorie von hartn\u00e4ckigen Charakteren, die man bewundert und f\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenig erf\u00e4hrt man in dem Museum \u00fcber Nobel selbst. Und auch in dem Buchladen gibt es fast nichts \u00fcber ihn. \u00dcber die Preistr\u00e4ger gibt es viel mehr. Bei einem Band \u00fcber die ber\u00fchmtesten Preistr\u00e4ger vermisse ich R\u00f6ntgen. Er ist im Ausland viel unbekannter als bei uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Caf\u00e9 des Museums sehe ich, wie Leute die St\u00fchle umdrehen, bevor sie sich setzen. Es sind moderne, aber keineswegs so ungew\u00f6hnliche St\u00fchle, dass man sie genauer inspizieren m\u00fcsste. Es stellt sich heraus, dass das Caf\u00e9 auf die raffinierte Idee gekommen ist, am Boden des Stuhls die Unterschriften verschiedener Preistr\u00e4ger anzubringen, und man will wissen, auf wen man sich setzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe weiter zur <em>Tyska Kyrkan<\/em>, der \u201aDeutschen Kirche\u2018, ganz in der N\u00e4he gelegen. Hier haben wir das seltene Beispiel einer zweischiffigen Kirche. Das Resultat: Der Altar steht direkt hinter den Pfeilern. Die urspr\u00fcnglich einschiffige Kirche wurde sp\u00e4ter ausgebaut. F\u00fcr ein drittes Schiff reichte vermutlich das Geld nicht, oder auch der Platz, denn die Kirche liegt in dem engen Stra\u00dfengewirr von <em>Gamla Stan<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass es \u00fcberhaupt eine Deutsche Kirche gibt, ist ein Beleg f\u00fcr den gro\u00dfen Einfluss der Ausl\u00e4nder in Stockholm, neben Deutschen vor allem Holl\u00e4nder und Finnen, vor allem auf der kommunalen Ebene. Auf der staatlichen Ebene kommt dann noch der Einfluss von Briten und Franzosen hinzu. Stockholm ist nicht erst heute eine internationale Stadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch heute sind die Ank\u00fcndigungen und der Gemeindebrief und der Sonntagsgottesdienst in Deutsch, ebenso wie die Inschrift am Gitter am Eingang zum Kirchhof: \u201eF\u00fcrchtet Gott, ehret den K\u00f6nig\u201c. Die Gemeinde hat heute noch 2000 Mitglieder. Fr\u00fcher gab es auch eine Schule. Die wurde aber sp\u00e4ter geschlossen. Es gibt aber immer noch Zusatzunterricht in Deutsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche ist erstaunlich voll (von Objekten, von Besuchern aber auch) und erstaunlich ornamentiert, jedenfalls f\u00fcr eine protestantische Kirche: ein gro\u00dfer barocker Altar, eine gro\u00dfe barocke Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel, schwere L\u00fcster, Buntglasfenster, eine gro\u00dfe Empore aus schwarzem Holz, mit Bildern in jedem Abschnitt, die wiederum durch barocke, goldene Ziers\u00e4ulchen getrennt sind. Die Kanzel st\u00fctzt sich auf einen kraftvollen knieenden Engel, der wichtigsten Skulptur der Kirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am auff\u00e4lligsten ist aber eine Art zweist\u00f6ckiger, vergoldeter Einbau mit Glasscheiben. Was das in einer Kirch soll, fragt man sich. Sieht aus wie ein Stra\u00dfenbahnwagen, und erinnert mich an \u00e4hnliche, aber viel einfachere Einbauten, die ich in einer Kirche in G\u00f6teborg gesehen habe. Es handelt sich um die K\u00f6nigliche Galerie. Sie war f\u00fcr die deutschen Mitglieder der k\u00f6niglichen Familie bestimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche ist der Hl. Gertrud geweiht, der Schutzpatronin der Reisenden, Schreiner und Kaufleute. Fast unsere gesamte Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem gro\u00dfen Brand im 19. Jahrhundert fiel unter anderem der Wetterhahn hinunter. Er ist jetzt in der Eingangshalle ausgestellt. Man ist verbl\u00fcfft, wie gro\u00df solche Dinger sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den Weg zur Oper, in der heute eine F\u00fchrung stattfinden soll. Ich komme viel zu fr\u00fch an. Ich \u00fcbersch\u00e4tze einfach die Distanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich warte in einem Caf\u00e9 in einem Park ganz in der N\u00e4he der Oper. Das Wetter ist nicht gerade gut, aber gerade gut genug, um drau\u00dfen zu sitzen. In diesem Caf\u00e9 kann man erst ab einem Betrag von 50 Kronen mit der Karte bezahlen. Das ist ungew\u00f6hnlich. Im Allgemeinen bezahlen alle \u00fcberall mit der Karte, auch wenn es nur ein Tee oder eine Zeitung ist. Sp\u00e4ter komme ich einmal irgendwo hin, in ein kleines Gesch\u00e4ft, wenn ich mich richtig erinnere, wo man \u00fcberhaupt nicht bar bezahlen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Einschr\u00e4nkung in diesem Caf\u00e9 bringt einen jungen Mann vor mir in die Bredouille. Er will seine Freundin einladen, hat aber kein Bargeld. Also l\u00e4sst es sie bezahlen. Auf die Idee, ein Glas Sekt dazu zu bestellen, kommt er nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich auf die F\u00fchrung warte, sehe ich, dass in der n\u00e4chsten Saison <em>Figaros Br\u00f6llop <\/em>von Mozart und <em>Svansj\u00f6n<\/em> von Tschaikowski auf dem Programm stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir betreten gleich den B\u00fchnensaal, einen pr\u00e4chtigen Saal mit drei R\u00e4ngen, ein Bau der traditionellen Art. Man merkt, dass man sich noch im 19. Jahrhundert befindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen, das uns f\u00fchrt, sagt aber nicht viel zur Architektur. Sie erz\u00e4hlt aber, dass die Oper der Nachfolgebau der abgebrannten Oper von Gustav III. ist, ungef\u00e4hr hundert Jahre sp\u00e4ter entstanden. Wir erfahren, dass es eine Ausschreibung gab und dass der Entwurf genommen wurde, der den 2. Preis bekam. Was mit dem 1. Preis passierte, wei\u00df sie nicht. Das sei nun einmal so. Manchmal seien eben die besseren Entw\u00fcrfe nicht so einfach umzusetzen. Da hat sie vielleicht sogar recht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es handelt sich ganz offiziell um eine K\u00f6nigliche Oper, und so hat sie auch zwei riesige Logen, gleich am Rand der B\u00fchne. Zum Sehen ist das nicht so gut, zum Gesehenwerden besser. Gustav III, der Theaterk\u00f6nig, hatte seinen Sitz der B\u00fchne gegen\u00fcber. Beim Bau der Kopenhagener Oper wurde K\u00f6nig Margareta nach ihrer Pr\u00e4ferenz gefragt und entschied sich f\u00fcr die alte Loge. Man kann nat\u00fcrlich etwas um die Ecke gucken und die Bewegungen am Rand der B\u00fchne sehen, die die anderen Zuschauer nicht sehen. Vielleicht macht das den Reiz aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Saal fasst 1100 Zuschauer. Das M\u00e4dchen fragt uns, ob in unseren L\u00e4ndern die Opernh\u00e4user gr\u00f6\u00dfer oder kleiner seien. Die Italiener und Argentinier rufen unisono: \u201eGr\u00f6\u00dfer, viel gr\u00f6\u00dfer!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Opernsaal geht es durch graue, ordin\u00e4re, dem Zweck untergeordnete R\u00e4ume und G\u00e4nge zur B\u00fchne. Der Kontrast mit dem Saal k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Dasselbe Bild, wenn man auf der B\u00fchne steht. Um sich herum sieht man Flaschenz\u00fcge, Stromk\u00e4sten, Kabelrollen, Strahler, vor sich den Theatersaal in Pl\u00fcsch und Gold.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die B\u00fchne hat eine Besonderheit: Sie ist absch\u00fcssig. Der Unterschied ist aus dem Saal kaum wahrzunehmen und hat nur den Zweck, die Perspektive wirklicher erscheinen zu lassen. Hier unten aber ist er nicht zu \u00fcbersehen.Der Unterschied zwischen vorne und hinten ist ein Meter. Selbst als Besucher tastet man sich vorsichtig voran. Wie das Operns\u00e4nger oder gar Balletteusen bewerkstelligen, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine besondere Funktion bei der Oper hat die Souffleuse. Sie ist ganz anders als beim Schauspiel, wo sie in erster Linie als Feuerwehr zum Einsatz kommt. Hier wird der gesamte Text vorgetragen, und zwar nicht gesprochen, sondern gesungen, den S\u00e4ngern immer ein paar Sekunden voraus. Das ist eine beachtliche Arbeit, und die Oper besch\u00e4ftigt alleine vier vollbesch\u00e4ftigte Souffleusen. Die m\u00fcssen ja schlie\u00dflich alle Rollen lernen! Daneben gibt es 20 B\u00fchnentechniker, die f\u00fcr Licht und Ton zust\u00e4ndig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als staatliche Institution bekommt die Oper auch staatlichen Zuschuss. Der Etat betr\u00e4gt 400 Millionen Kronen, von denen nur 50 Millionen durch Eintrittsgelder hereinkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir bekommen auch noch ein paar Kost\u00fcme zu sehen, u.a. ein Wams aus der Zeit der Renaissance. Alle staunen, wie schwer das Ding ist. Dann gibt es noch ein Ballettkost\u00fcm und Ballettschuhe. Die sind vorne, an den Zehenspitzen, ganz hart. Das hatte ich mir noch nie \u00fcberlegt. Die Ballettschuhe werden nur grob in Form gebracht. Die genaue Ausgestaltung, z.B. durch zus\u00e4tzliche Polsterung oder Schn\u00fcre, wird jeder einzelnen Balletteuse \u00fcberlassen. Man braucht zwei Paar Schuhe pro Auftritt. Die kann man nachher wegschmei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist noch fr\u00fch und das Wetter wird immer besser und ich entschlie\u00dfe mich, zum <em>Katharinahissen<\/em> zu fahren, einen Aufzug, der einen auf eine moderne Stahlplattform bringt, von der man eine gute Sicht auf Stockholm haben soll. Der <em>Katharinahissen<\/em> liegt auf S\u00f6dermalm, einer weiteren Insel, s\u00fcdlich von Stadsholmen gelegen, aber problemlos mit der U-Bahn zu erreichen. Der Aufzug ist aber gesperrt. Oben auf der Plattform bewegen sich zwar einige Menschen, aber die m\u00fcssen auf andere Weise dahin gekommen sein.<\/p>\n<p>Genau dem Aufzug gegen\u00fcber liegt das Stadtmuseum. Dann nehme ich das eben mit. Das Museum ist etwas verstaubt und bedarf der Modernisierung. Andererseits hat gerade das seinen Charme, vor allem im Kontext der anderen, hypermodernen Museen, die Stockholm aufweist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dft wird man vom <em>Kopparmatte<\/em>, einer traditionellen Figur mit strengem Aussehen und Schwert und erhobener Peitsche, die personifizierte Warnung vor Verbrechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sieht man das Wappen Stockholms, in Blau und Gelb, mit dem bekr\u00f6nten Haupt von St. Erik, dem Stadtheiligen. Er f\u00fchrt den Titel Heiliger, ist aber gar kein kanonisierter Heiliger. Von ihm wei\u00df man herzlich wenig. Er soll im 12. Jahrhundert gelebt haben. Da gab es Stockholm noch gar nicht. Genauso wenig wie es Schweden gab. Das heutige Stockholm liegt genau zwischen den ehemaligen Reichen Svealand in Norden und G\u00f6taland im S\u00fcden, eine strategisch wichtige Lage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Erw\u00e4hnung von Stockholm findet sich in einer Urkunde, die Birger Jarl zugeschrieben wird. Die Jarls \u2013 das Wort <em>jarl<\/em> ist mit englisch <em>earl<\/em> verwandt &#8211; waren Adelige und die wichtigsten mittelalterlichen Herrscher nach den K\u00f6nigen, manchmal sogar vor den K\u00f6nigen, die gew\u00e4hlt wurden und von der Gunst der Adeligen abhingen. W\u00e4hrend Birger Jarl sich noch in V\u00e4stra G\u00f6taland \u00a0begraben lie\u00df, lie\u00df sich Magnus Ladul\u00e5s eine Generation sp\u00e4ter bereits in Stockholm begraben, ein Beleg f\u00fcr dessen wachsende Bedeutung. Der ganz gro\u00dfe Schub kam im 17. Jahrhundert: Stockholm hatte 1600 noch 9.000 Einwohner, 1680 schon 60.000!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sieht auch ein Modell von Gamla Stan, das sch\u00f6n zwei verschiedene Teile zeigt. Im Osten das unregelm\u00e4\u00dfige Stra\u00dfensystem des Mittelalters, das im Westen sp\u00e4ter, als man es zu verwirrend und au\u00dferdem unpraktisch fand, durch geradere Stra\u00dfen ersetzt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste vollst\u00e4ndige Karte von Stockholm, von 1642, ist hier auch zu sehen, ebenso wie ein Modell des alten Schlosses, <em>Tre Kronor<\/em>, das sp\u00e4ter abbrannte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen Dinge aus dem Alltagsleben, u.a. ein komplett nachgebauter, alter Klassenraum. Es gibt eine gro\u00dfe Schiefertafel, ein Lineal mit Griff, ein Pult mit einem Buchhalter, einen Stock \u2013 ob zum Zeigen oder Schlagen ist nicht klar \u2013 verschiedene Fibeln und Wandkarten mit den Buchstaben des Alphabets. Auf jeder Karte befindet sich unter dem Buchstaben die Zeichnung eines Objekts, das mit diesem Buchstaben beginnt. Ich kann ein paar identifizieren: H = <em>hus<\/em>, B = <em>bron<\/em>, A = <em>anka<\/em>, O = ost, K = <em>krona<\/em>, aber bei den meisten stehe ich auf dem Schlauch. Genauso wie bei dem Zitat, das an der Tafel steht. <em>Bl\u00e5sippan ute, backarna st\u00e5r, niger och s\u00e4ger, nu \u00e4r det v\u00e5r<\/em>. Klingt, wie aus einem Fr\u00fchlingsgedicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben der Tafel h\u00e4ngt ein Schild, in dem die Kinder ermahnt werden, nicht zu fluchen. Darin taucht das wunderbare, wohl veraltete Wort <em>icke<\/em> auf. Es bedeutet \u201anicht\u2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es muss einfach gewesen sein, Lehrer zu sein. Keine Vorbereitung, kaum Korrekturen, Autorit\u00e4t aufgrund des Amtes. Andererseits gab es nur einen Kamin, und der wurde mit Holz beheizt. Da ist man doch dankbar, dass das nicht mehr so ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer anderen Abteilung h\u00e4ngen in schmalen L\u00e4ngsstreifen Tapeten der letzten hundert Jahre, chronologisch geordnet. Davor T\u00fcrklinken und Stromschalter, die zu der jeweiligen Zeit in Mode waren. Es ist gar nicht so einfach, eine Entwicklung abzulesen, aber tendenziell geht es doch von Aufwendig zu Einfach. Am Anfang sollten die Tapeten ganz offensichtlich wie Textil aussehen, sp\u00e4ter standen sie dazu, Tapeten zu sein und lie\u00dfen auch mehr von sich sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lasse es dabei bewenden in dem Gef\u00fchl, nach zwei Tagen schon eine ganze Menge gesehen zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juli 2011 (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ein grauer Regentag. Der Busfahrer winkt mich zur\u00fcck, als ich in der Mitte einsteige. Alle steigen vorne ein. Dabei dachte ich, dass ich gestern in der Mitte eingestiegen bin. Stimmt auch, aber das war bei der Stra\u00dfenbahn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich an der Internationalen Bibliothek ankomme, die ich gefunden habe, obwohl die Haltestelle und der Stra\u00dfenname nicht stimmten, ist noch niemand da. Dann kommen aber die anderen Teilnehmer und, ganz zum Schluss, die Lehrerin. Alle Teilnehmer sind Deutsche, eine junge, h\u00fcbsche, etwas jungenhaft aussehende Grundschullehrerin aus Cuxhaven, eine junge, h\u00fcbsche und, wie sich herausstellt, sehr umg\u00e4ngliche Unternehmerin aus der N\u00e4he von Hamburg und eine \u00e4ltere Dame aus Wesel. Die Grundschullehrerin hat ein Ferienhaus in Schweden, die Unternehmerin hat schwedische Kunden und die Frau aus Wesel hat einen schwedischen Schwiegersohn. Sie geht au\u00dferdem im September auf eine Wanderung \u00fcber den Kungsleden in Lappland. Alle haben also gute Gr\u00fcnde, Schwedisch zu lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind alle gleich schlecht, au\u00dfer der Grundschullehrerin, die sich erstaunlich fl\u00fcssig verst\u00e4ndlich machen kann. Die Aufenthalte im Ferienhaus scheinen doch f\u00fcr den allt\u00e4glichen Verkehr etwas auszumachen, auch wenn sie sagt, da werde nur Deutsch gesprochen. Sie ist aber auch gescheit, achtet auf Details und nimmt alles schnell auf. Am schwersten tut sich die Frau aus Wesel. Sie kann vor allem das, was sie wei\u00df, nicht anwenden, weicht oft auf Englisch aus, das sie sehr gut spricht. Au\u00dferdem rutscht ihr immer mal wieder Franz\u00f6sisch raus, das sie, nach eigenem Bekunden, gar nicht gut kann. Sie ist aber gut, wenn es um Essen und Verwandtschafts-bezeichnungen angeht. \u00dcberhaupt bin ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder \u00fcberrascht, was die anderen alles wissen. Einmal geht es um Beeren, und alle kennen alle g\u00e4ngigen Sorten, die Grundschullehrerin wei\u00df sogar, was <em>Moltebeeren<\/em> auf Schwedisch hei\u00dft. Und alle kennen sich blendend mit schwedischen Traditionen aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Unterricht ist nicht sehr ergiebig. Das, was man lernt, lernt man mit Hilfe der anderen und auf Nachfrage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal ergibt sich ein sch\u00f6nes Missverst\u00e4ndnis, das aber stillschweigend \u00fcbergangen wird. Die Lehrerin hat eine Teilnehmerin gefragt, welches Verh\u00e4ltnis, <em>f\u00f6rh\u00e5llande<\/em>, sie zu irgendwem habe. Darauf betont die, sie stamme Deutschland, nicht aus Holland. Ein Beispiel f\u00fcrs Lehrbuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen, das auch zum Unterricht geh\u00f6rt, schl\u00e4gt die Lehrerin vor, wir sollten ins <em>Middeltidsmuseum<\/em> gehen, ins Mittelaltermuseum. Der Weg dahin ist genauso schleppend wie der Vormittagsunterricht, und dann sieht sich jeder ein paar Sachen f\u00fcr sich an. Das kann man auch ohne Unterricht machen. Das wird nicht besser dadurch, dass sich hier eine Menge Dinge aus dem <em>Stadsmuseum<\/em> wiederholen und dass ich auf hei\u00dfen Kohlen sitze, weil es wenig sp\u00e4ter eine F\u00fchrung in der <em>Storkyrkan<\/em> gibt, zu der ich gerne will. Ich habe die Kirche gestern gesehen, aber nur kurz wegen des beginnenden Sonntagsgottesdienstes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum ist unterirdisch und formt sich um die Reste der alten Stadtmauer herum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst erf\u00e4hrt man die Gr\u00fcndungslegende Stockholms, eine typische Legende mit verschiedenen Varianten. Danach hat ein Fischer nach dem Brand von Stiguna, der ehemaligen Hauptstadt (oder einem Fieber in Stiguna) eine neue Heimat gesucht und dabei einen Lachs (oder einen Holzscheit) ins Wasser geworfen und ist dem gefolgt. Der trieb schnurstracks auf Stockholm zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt Nachbauten verschiedener mittelalterlicher H\u00e4user und Bilder und T\u00f6ne, die es einem erlauben, sich in das Alltagsleben der Zeit einzuf\u00fchlen: Pferde wiehern, K\u00fche muhen, Hunde bellen, Glocken l\u00e4uten. Man war dem Gestank von Latrinen, Abfall und D\u00fcnger und menschlichen Ausd\u00fcnstungen ausgesetzt und dem Rauch und Ru\u00df von Schmieden und \u00d6fen und der bei\u00dfenden Luft aus Gerbereien. Katze, M\u00e4use, Ratten laufen \u00fcber die Stra\u00dfe und herrenlose Hunde. Und immer wieder wird ein Pesttoter weggekarrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frauen waren in erstaunlich vielen Berufen t\u00e4tig: Herstellerin von Kopfbedeckungen, Kleiderh\u00e4ndlerin, N\u00e4herin, Expertin f\u00fcr Aderlass, Dudelsackspielerin, Brauerin \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Marktplatz war der zentrale Platz, Anlaufstelle f\u00fcr Tagel\u00f6hner und Herumtreiber, Treffpunkte der Kaufleute und Ort der Ratssitzungen und Gerichtsverfahren. Bei denen geht es meistens um Fluchen, um Betr\u00fcgereien oder um Schl\u00e4gereien. Im allgemeinen hatte derjenige, der den Prozess anstrengte, bessere Chancen, ihn zu gewinnen. Ob das immer noch so ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der andere zentrale Punkt war der Kirchplatz, inklusive des Kirchhofs mit seinen Gr\u00e4bern. Die wichtigste Heilige war die Hl. Birgitta, eine der ber\u00fchmtesten Schwedinnen und die einzige kanonisierte Heilige Schwedens. Sie, selbst Angeh\u00f6rige der Oberschicht, k\u00fcmmerte sich um Frauen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Sie pilgerte mit ihrem Mann nach Santiago. Was muss das f\u00fcr eine Reise gewesen sein. Bei der Entfernung! Auf dem R\u00fcckweg starb ihr Mann. Von da an widmete sie sich einerseits ihren Visionen, mischte sich aber andererseits in die internationale Politik ein: Sie forderte den Papst auf, aus dem Exil in Avignon zur\u00fcckzukehren, und sie versuchte zwischen Frankreich und England im Hundertj\u00e4hrigen Krieg zu vermitteln. Im Alter pilgerte sie dann mit ihren Kindern nach Jerusalem. Belastbare Frau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche war auch sozialer Treffpunkt, und f\u00fcr junge Leute war der Kirchgang oft die Chance, andersgeschlechtliche Altersgenossen zu sehen. Vor der Eheschlie\u00dfung wurden vor der Kirche, nicht in der Kirche, die Ringe getauscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das wichtigste Dokument des Museums ist die Urkunde Birger Jarls, in der zum ersten Mal das Wort <em>Stockholm<\/em> auftaucht. Ein anderes wichtiges Exponat ist ein Bild. Es ist aber eine Kopie. Das Original h\u00e4ngt in der Storkyrkan. Das ist f\u00fcr mich \u00a0das Signal zum Aufbruch dorthin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie die Tyska Kyrkan ist auch die Storkyrkan ziemlich voll. Dazu geh\u00f6rt auch eine moderne Installation, die erst auf den zweiten Blick Sinn ergibt: Drei nebeneinander stehende Fernseher. Auf den Bildschirmen sieht man, in Schwarz-Wei\u00df, drei R\u00e4ume, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, und einen weiterer Raum, alle ganz einfach eingerichtet. Die Gegenst\u00e4nde in diesen R\u00e4umen werden immer undeutlicher, verschwommener und verschwinden schlie\u00dflich, nach zwanzig Minuten, ganz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Storkyrkan<\/em> wird ihrem Namen gerecht. Sie ist gro\u00df. Eine f\u00fcnfschiffige, gotische Hallenkirche mit gro\u00dfen, hellen barocken Fenstern und barocker Ausstattung: \u00d6lgem\u00e4lde, Grabepitaphe, Kanzel, Orgel, Altar, Skulpturen, ein Siebenarmiger Leuchter, zwei v\u00f6llig \u00fcberdimensionierte Sitze f\u00fcr den K\u00f6nig und die K\u00f6nigin. Die Orgel ist allerdings reine Fassade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche hat sch\u00f6ne Pfeiler, aus einfachen roten Backsteinen, die versetzt eingef\u00fcgt sind und breite, wei\u00dfe Fugen haben. Ornamentierung durch die Baumaterialien selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche war urspr\u00fcnglich kleiner, dann aber gr\u00f6\u00dfer als jetzt. Resultat der Verkleinerung ist der gerade abschlie\u00dfende Chor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche ist jetzt Kathedrale, aber noch nicht lange, und scheint der Stadt Stockholm zu geh\u00f6ren, nicht dem Bistum. Das Patrozinium, Nikolaus, wird einer Kaufmannsstadt gerecht. Hier findet die Messe aus Anlass der Parlamentser\u00f6ffnung statt, und hier fand die Eheschlie\u00dfung der Thronfolgerin statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das spektakul\u00e4rste Kunstwerk der Kirche ist die riesige, sp\u00e4tmittelalterliche Skulptur des Hl. Georg. Die Skulptur ist aus Holz, aber das merkt man angesichts der \u00dcbermalung kaum. Sie wurde von einem L\u00fcbecker K\u00fcnstler hergestellt. St. Georg sitzt hoch zu Ross und rammt dem Drachen eine lange Lanze ins Maul. Er sitzt dabei aber v\u00f6llig unber\u00fchrt und kerzengerade in seiner silbernen Uniform auf dem Pferd. Man kann sich viele kuriose Details ansehen, wie die enormen, aus echten Elchschaufeln gefertigten F\u00e4nge des Drachen oder die modischen, spitzen, \u00fcberlangen Schuhe des Heiligen. Und wenn man genau hinsieht, merkt man, dass der Drache ein Zwitter ist. An seiner Seite erscheint ein kleiner, neuer Drache. Das B\u00f6se kann sich selbst generieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ebenso wichtig ist aber die zugrundeliegende \u00a0historische Bedeutung der Skulptur, die sich dem heutigen Besucher verbirgt. Die Skulptur wurde n\u00e4mlich aus Anlass einer Schlacht gefertigt, einer f\u00fcr Schweden erfolgreichen Schlacht. Der Heilige steht also f\u00fcr Schweden, der Drache f\u00fcr D\u00e4nemark, und die durch die Intervention des Heiligen gerettete Stadt ist nat\u00fcrlich Stockholm!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann muss ich aber noch das Bild sehen, dessen Kopie ich im <em>Medeltidsmuseum<\/em> gesehen habe. Es ist das erste Bild, in dem eine Ansicht von Stockholm erscheint. Man sieht die Altstadt, von S\u00f6dermalm aus. Auf dem Bild wird ein Naturph\u00e4nomen dargestellt, die Erscheinung mehrerer Sonnen am Himmel. Dies wurde verstanden als b\u00f6ses Omen. Dieses b\u00f6se Omen gilt dem K\u00f6nig, der sich in die Angelegenheiten der Kirche einmischen will. Hier ist es eine, in der Zeit der Reformation entstandene, Anspielung auf den K\u00f6nig, der sich Zugriff auf die Kirche verschaffen wollte. Um ganz klar zu machen, wer zuerst kommt, ist die <em>Storkyrkan <\/em>auf dem Bild, anders als in Wirklichkeit, gr\u00f6\u00dfer als das k\u00f6nigliche Schloss!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Eine Busfahrerin, bei der ich nach dem Weg gefragt habe, h\u00e4lt anschlie\u00dfend eigens noch mal an, winkt mich vom anderen B\u00fcrgersteig her\u00fcber und sagt mir, ich k\u00f6nne doch auch mit der U-Bahn fahren. Das gehe schneller als mit dem Bus. Toll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lehrerin nimmt sich die Freiheit, mit einer Viertel Stunde Versp\u00e4tung zu kommen, in aller Ruhe. Der Unterricht zieht sich endlos hin. Der Lerneffekt ist\u00a0 gering, der Unterhaltungswert ist gleich Null. Alle sind froh, als es zum Mittagessen geht. Auf dem Weg dahin wird deutlich, wie unzufrieden die Leute sind. Zu Recht. Sie haben alle viel Geld bezahlt und merken, dass wenig dabei herauskommt. Die Schule hat noch nicht einmal eigene R\u00e4ume, was einer Teilnehmerin besonders missf\u00e4llt. Wenn sie wenigstens ein Konzept h\u00e4tte, denke ich. Der Unmut wird artikuliert, aber noch heimlich. Man will sich nicht als deutscher Miesepeter gerieren, sich aber auch nicht mit der Lage einfach abfinden. Nur: Was kann man tun?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich halte mich raus, auch beim Mittagessen, als ich zwei Bemerkungen mith\u00f6re, die mich eigentlich herausfordern m\u00fcssten. Eine der Teilnehmerinnen sagt zu der Lehrerin, Schwedisch komme ihr vor wie eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Holl\u00e4ndisch, offensichtlich in der Erwartung, daf\u00fcr Beifall zu bekommen. Bekommt sie aber nicht. Eine andere Teilnehmerin spricht von Plattdeutsch und erkl\u00e4rt, dass das kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache sei. Darauf bestehe sie. Als ob das etwas bewiese.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir entscheiden, zur Touristeninformation zu gehen und gemeinsam zu planen, was wir in den n\u00e4chsten Tagen tun k\u00f6nnen. Auf dem Weg dahin kommen wir am Anfang der Drottninggatan am Strindberg-Museum vorbei, das ohnehin auf meiner Wunschliste stand. Das trifft sich gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Haus kennt man hier als <em>Bl\u00e5 tornet<\/em>, <em>Blauer Turm<\/em>. Warum blau, ist nicht klar. Der Turm ist nicht blau, und war es wohl auch nie. Vielleicht hat Strindberg selbst ihm den Namen gegeben aufgrund der Inneneinrichtung. Aber innen ist die beherrschende Farbegr\u00fcn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist auch eigentlich kein Turm, sondern ein Eckhaus mit einer Jugendstilfassade, das in einer Art Turm abschlie\u00dft. In das Stra\u00dfenpflaster sind in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Zitate von Strindberg eingelassen, aber l\u00e4ngs der Stra\u00dfe, was das Lesen etwas schwer macht. Man st\u00f6\u00dft mit Passanten zusammen, die ihre Eink\u00e4ufe machen und sich nicht f\u00fcr Strindberg interessieren. Wir versuchen, die Zitate zu entschl\u00fcsseln: <em>Barn \u00e4r det roligaste som finns, men den \u00e4ro rysligt dyra.<\/em> &#8211; <em>Kinder sind das Tollste, was es gibt, aber sie sind abscheulich teuer<\/em>. Nicht sehr originell. An einem bei\u00dfen wir uns die Z\u00e4hne aus: <em>N\u00e4r allt kommer omkring, utg\u00f6r vinet en v\u00e4lg\u00e4rning och avh\u00e5ltsamketen en tuktan.<\/em>. Auch mit Hilfe der Lehrerin gelingt es nicht, das Zitat zu entschl\u00fcsseln. Ob sie nicht will oder nicht kann? Zuhause schaffe ich es dann mit dem W\u00f6rterbuch und mit Geduld: <em>Letzten Endes bedeutet Wein eine Wohltat und Enthaltsamkeit eine Strafe. <\/em>Am besten auf ein Photo bekommt man <em>Allt tj\u00e4nar<\/em>. Schwer zu \u00fcbersetzen. Vielleicht <em>Alles lohnt sich<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Strindberg bewohnte die Wohnung im Obergeschoss. Er wohnte hier von 1908-1912. Es war seine letzte Wohnung, die letzte Station eines unruhigen, unsteten Lebens. Schon sein Vater war in den 20 Jahren, in denen Strindberg bei ihm lebte, 10 Mal umgezogen, viel \u00f6fter, als es das finanzielle Auf und Ab erzwang. Aber der Vater hatte immer die gesamte Familie im Schlepptau. Bei Strindberg war das anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Wohnung sprach, dass sie in der N\u00e4he seines eigenen Theaters lag, des <em>Intimen Theaters<\/em>, das er zusammen mit\u00a0 einem jungen Theater-Unternehmer gegr\u00fcndet und sich damit einen alten Traum erf\u00fcllt hatte. Er hatte aber auch schon als Kind hier ganz in der N\u00e4he gewohnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt schriftliche Erkl\u00e4rungen in verschiedenen Sprachen. Wir versuchen es mit Schwedisch, und es geht ganz gut. Dann, als wir schon halb durch sind, wird eine F\u00fchrung auf Schwedisch angeboten. Da will ich sofort mitmachen. Und werde umgehend bestraft. Ich verstehe nichts, wirklich gar nichts. Und sehne nur das Ende der F\u00fchrung herbei. Klarer Fall von Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Gut, dass wir uns vorher mit den schriftlichen Erkl\u00e4rungen versorgt hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Haus, das heute etwas altert\u00fcmlich wirkt, war damals hochmodern und hatte Elektrizit\u00e4t, Zentralheizung, Toilette und Aufzug! Es gibt auch eine Art Telefon und einen Vorl\u00e4ufer eines K\u00fchlschranks, einen Eisschrank. Eine K\u00fcche gab es nicht. Strindberg lie\u00df sich das Essen bringen oder sp\u00e4ter von Fanny Falk zubereiten, der Tochter der Vermieterin, einer jungen Malerin, die er protegierte und die in der Dachkammer wohnte. Dort hatte er auch seine Bibliothek. Die war zwar nicht ausufernd, h\u00e4tte aber in die kleine Wohnung nicht hineingepasst. Strindbergs Bibliothek ist strikt eine Arbeitsbibliothek. Er war kein Bibliophiler, sondern suchte nur solche B\u00e4nde aus, die er zur Arbeit brauchte.<\/p>\n<p>Die B\u00fccher sind, zusammen mit dem Klavier, das einzige, was aus der alten Wohnung hin\u00fcbergerettet wurde. Strindberg wollte nach der Trennung von Harriet Bosse, die wieder verheiratet war, nichts mehr mit der alten Wohnung zu tun haben und lie\u00df alles zur\u00fcck, auch seine eigenen Bilder. Alle Skulpturen hier sind billige Gipsabg\u00fcsse, das Aquarell eine Kopie. Strindberg fand nach seinem Einzug hier langsam die Lebensgeister wieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wohnung besteht aus Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitszimmer. Um f\u00fcr Authentizit\u00e4t zu sorgen, werden st\u00e4ndig k\u00fcnstliche Ger\u00e4usche erzeugt, wie man sie zu Strindbergs Zeit h\u00f6ren konnte. Wenn man an dem Klavier vorbeigeht, f\u00e4ngt es an zu klimpern, die Kaffeemaschine \u2013 auch ein sehr moderner Gegenstand \u2013 gluckert, jemand kommt die Treppe hinauf, es wird an der T\u00fcr geklopft, die Uhr tickt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Arbeitszimmer ist exakt so erhalten, wie Strindberg es hinterlassen hat. Er war ein Ordnungsfanatiker. Alles musste an seinem Platz sein. Hier schrieb er seine beiden letzten B\u00fccher und eine Reihe von Artikeln, in denen er die Monarchie, das Milit\u00e4r und Schriftstellerkollegen wie Sven Hedin angriff und die die sog. <em>Strindberg-Fehde<\/em> ausl\u00f6sten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Klavier steht eine B\u00fcste von Beethoven. Strindberg stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die aber doch sehr musikalisch war. Der einzige, der sich da nicht beteiligte, war Strindberg selbst, jedenfalls als Kind. Er las lieber naturwissenschaftliche B\u00fccher.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite zwei B\u00fcsten von Schiller und Goethe. Schiller war schon fr\u00fch einer seiner Helden, aber Goethe, ganz \u00c4sthet, konnte er nicht leiden. Die meisten seiner Idole schuf er nur, um sie dann vom Thron zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der anderen Seite eine Jason-Statue von Thorvaldsen. Auch das vielsagend. Strindberg mochte Thorvaldsen nicht und glaubte, er w\u00fcrde \u00fcbersch\u00e4tzt. Aber er schrieb trotzdem ein Buch \u00fcber ihn, <em>In Rom<\/em>. Was ihm gefiel, war, wie Thorvaldsen, v\u00f6llig unbekannt, in Rom zu pl\u00f6tzlichem Ruhm kam. Das h\u00e4tte ihn auch gefallen \u2013 wenn es ihm passiert w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz zentral vor dem Fenster steht eine Art Emaillampe mit einem roten \u201eAuge\u201c. Diese Lampe hatte eine besondere Bedeutung f\u00fcr Strindberg. Und sie kam zum Einsatz, als zu seinen Ehren zu seinem 63. Geburtstag ein Fackelzug veranstaltet wurde. Er stellte die Lampe zur Identifizierung seiner Wohnung auf den Balkon. Von dort aus nahm er dann die Ehrung in Empfang. Es nahmen tats\u00e4chlich 10.000 Menschen an dem Fackelzug teil, meistens Arbeiter. F\u00fcr die hatte er sich eingesetzt. Das war die gr\u00f6\u00dfte Ehrung,\u00a0 die ihm in seinem Leben zuteilwurde, und entsch\u00e4digte ihn auch f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung, als n\u00e4mlich nicht er, der ihn verdiente h\u00e4tte, den Literaturnobelpreis bekam, sondern Selma Lagerl\u00f6f. Schon damals war eine Spendensammlung f\u00fcr ihn veranstaltet worden, die eine Art Entsch\u00e4digung f\u00fcr den entgangenen Nobelpreis sein sollte. Es kamen 45.000 Kronen zusammen, eine Riesensumme, die er aber weitergab: an die organisierten Arbeitslosen, an Opfer der Kinderl\u00e4hmung, an Friedensorganisationen, an den sozialistischen Jugendbund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Touristenb\u00fcro und anschlie\u00dfend zu einem gem\u00fctlichen Caf\u00e9, lerne ich wieder etwas f\u00fcrs Leben. Frauen sehen Dinge, die M\u00e4nner nicht sehen. Eigentlich kann man von Lernen gar nicht reden, denn das wusste ich schon lange, und eine vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rung habe ich auch jetzt nicht. Hier handelt es sich um die neueste Schuhmode und die neuesten Frisuren. Denen begegne man hier, erfahre ich zu meinem Erstaunen, \u00fcberall. Man hat \u00fcberhaupt kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass ich das noch nicht bemerkt habe. Jetzt wird mir auf die Spr\u00fcnge geholfen: \u201eAchtung: Stiefelalarm!\u201c Und pl\u00f6tzlich sehe ich \u00fcberall Frauen mit Gummistiefeln, sogar mit roten Gummistiefeln! Wo waren die vorher? Und ich sehe Frauen mit an beiden Seiten kahl rasierten K\u00f6pfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wenn das nicht schon genug w\u00e4re, sagt mir eine der Teilnehmerinnen in dem Caf\u00e9, in das wir uns zur Beratung zur\u00fcckgezogen haben, meine Hose h\u00e4tte einen Riss, hinten, in der N\u00e4he der Tasche. Ich bef\u00fcrchte das Schlimmste, aber als ich nach Hause komme, finde ich nichts. Kein Riss. Muss sie sich wohl eingebildet haben. Dann, als ich die Hose schon weglegen will, sehe ich einen winzigen Riss ganz oben, neben dem Knopf der linken Hosentasche. Wie kann sie den nur gesehen haben, wenn ich ihn nicht einmal sehe, nachdem man mich darauf aufmerksam gemacht hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sitzen eine ganze Zeit in dem sehr gem\u00fctlichen Caf\u00e9, wo es hervorragenden Kaffee gibt, den besten, den ich in diesen zwei Wochen bekomme. Auch hier gibt es Selbstbedienung. Und nur eine Toilette. Beides passt nicht so richtig.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Mittwoch, 27. Juli<\/span><\/p>\n<p>Heute treffen wir uns an den <em>Saluhallen<\/em>, der Markthalle in \u00d6stermalm, keine f\u00fcnf Minuten von meinem Hotel entfernt. Vor der Markthalle steht eine moderne Skulptur mit einem nackten Mann, der auf eine liegende, nackte Frau blickt. Er scheint aus der Markthalle zu kommen und einen Schinken zu tragen. Die tiefere Bedeutung erschlie\u00dft sich uns nicht, auch nicht angesichts des Titels, <em>M\u00f6te<\/em>, \u201aBegegnung\u2018. Mein Deutungsversuch: Es handelt sich um\u00a0 eine Anspielung auf die archaische Aufgabe des Mannes als Nahrungslieferant, der f\u00fcr seine Dienste von der ihn mit offenen Beinen erwartenden Frau belohnt wird, die damit gleichzeitig ihre archaische Aufgabe der Kindererzeugung erledigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den drei Markthallen ist die hier in \u00d6stermalm diejenige, die die hochwertigste Ware hat, sich auf Delikatessen spezialisiert. Das kann man auch als Laie erkennen, vor allem beim Fisch. Dem sieht man die Frische f\u00f6rmlich an, und die gro\u00dfen, rosafarbenen Lachsplatten m\u00fcssen f\u00fcr einen Fischesser die reinste Verf\u00fchrung sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bau ist historisierend und erinnert an \u00e4hnliche Markthallen in Frankreich oder Spanien. Wir gehen allerdings etwas ziellos und ungeleitet durch die Reihen der Verkaufsst\u00e4nde. Wieder dr\u00e4ngt sich der Gedanke auf, dass man das auch alleine machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht weit von hier befindet sich das Historische Museum, unser Ziel f\u00fcr heute. Wir erreichen es nach einem Bummelgang von gef\u00fchlten 45 Minuten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Schaukasten wird dargestellt, wie Geschichte die Geschichte von Einzelpersonen ist, eine nicht ganz unproblematische Aussage. Das wird dargestellt anhand von Objekten aus verschiedenen Zeiten, die einen Namen tragen, von einem historischen Siegelring \u00fcber ein Psalter mit pers\u00f6nlicher Widmung bis zu einem modernen Eishockeytrikot. Daneben kann man von sich selbst ein Photo machen lassen, mit dem man, wenn man es denn glauben will, auch in die schwedische Geschichte eintritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dahinter erscheint der Text eines Liedes, <em>Du gamla, du fria<\/em>, einem patriotischen Volkslied, das den Status einer inoffiziellen Nationalhymne hat. Es ist gut, Grundkenntnisse im Schwedischen zu haben, um zu wissen, dass Schweden nicht etwa vergammelt und kalt, sondern alt und frei ist. Die erste Einspielung des Liedes stammt ausgerechnet von einem D\u00e4nen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber einem Treppenhaus schwebt eine gro\u00dfe, r\u00e4tselhafte Skulptur, <em>Livets<\/em> <em>hjul<\/em>, das \u201aRad des Lebens\u2018, eine Holzkonstruktion, an deren verschiedenen Ende Figuren h\u00e4ngen, die die Lebensetappen, Kindheit, Jugend, Alter usw. vertreten. Das war im Mittelalter ein klassisches Motiv. Hier ist es modern variiert. Die Inspiration ist dem K\u00fcnstler auf dem Speicher einer Dorfkirche gekommen, an dessen W\u00e4nden Schattenspiele diese Figuren nahelegten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kann man etwas \u00fcber seinen eigenen Namen erfahren. Dort erfahre ich zu meiner gro\u00dfen Freude, dass mein Name nicht sehr verbreitet ist. Gl\u00fcckliches Schweden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen in einem eigenen Raum Funde aus Sigtuna, Schwedens erster Stadt. Anhand der ausgestellten Objekte \u2013 unter anderem einem Kamm aus Elfenbein &#8211; wird gezeigt, wie vielf\u00e4ltig die Kontakte nach ausw\u00e4rts waren: Finnland, Heiliges Deutsches Reich, Konstantinopel \u2013 alles vertreten. In einer Inschrift in einem Knochen sieht man ein paar Runen, aber man muss schon ganz genau hinsehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Jahr 1200, erf\u00e4hrt man, gilt als Wasserscheide der schwedischen Geschichte. Mit dem starken Birger Jarl, dem K\u00f6nigsmacher, entstehen neue St\u00e4dte, aber auch einheitliche Gesetze und M\u00fcnzen werden eingef\u00fchrt und, zur allgemeinen Freude, allgemeine Steuern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob es im Mittelalter von Vorteil war, Nonne zu sein, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort: Ja. Das best\u00e4tigt das Museum. Man konnte lesen und schreiben und ein Handwerk lernen und brauchte sich um Nahrung und Unterkunft nicht zu sorgen und war nicht der Gefahr ausgesetzt, bei der Niederkunft zu sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob es im Mittelalter schmutzig gewesen sei, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort lautet: Ja. Das Museum sagt Ja und Nein. Der Unrat wurde einfach auf die Stra\u00dfe geworfen, ungeordnet und ohne R\u00fccksicht auf Passanten. Man war kn\u00f6cheltief im Unrat, wenn man \u00fcber die Stra\u00dfe lief. Ein Nebeneffekt: das Bodenniveau der St\u00e4dte stieg kontinuierlich an! Andererseits gab es Badeh\u00e4user, deren Besuch einmal pro Woche auf der Tagesordnung stand. Ob das wohl f\u00fcr M\u00e4nner, Frauen und Kinder gleicherma\u00dfen galt?\u00a0 Merkw\u00fcrdigerweise ging dieser Hygienestandard nach der Reformation runter. Die Badeh\u00e4user hatten einen schlechten Ruf erlangt als Orte der Unsittlichkeit und wurden geschlossen. Da ertrug man lieber den Gestank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob die \u00d6ffnungszeiten in Bierkneipen besser oder schlechter waren, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort lautet: Besser. Das Museum sagt: Schlechter. Nach neun Uhr habe man kein Bier mehr ausschenken d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob man im Mittelalter aus Angst vor dem Teufel das Fluchen unterlassen habe, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort: Nein. Die Antwort des Museums: Nein. Nat\u00fcrlich nicht. Man l\u00e4sst ja auch nicht das Klauen aus Angst vor dem Erwischtwerden. Das Fluchen war so verbreitet, dass wiederum die Reformation in erzieherischer Absicht glaubte, eingreifen und eine Verbotsliste erstellen zu m\u00fcssen. Noch in der heutigen Alltagssprache sind die mittelalterlichen Fl\u00fcche enthalten: <em>Kyss mig i r\u00f6ven.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Entwicklung Schwedens zu immer gr\u00f6\u00dferer Bedeutung l\u00e4sst sich an einer Karte ablesen, in der die k\u00f6niglichen Schl\u00f6sser verzeichnet sind. Ich bin selbst \u00fcberrascht, wie viele Namen mir bekannt vorkommen: Tre Kronor, G\u00e4vle Slot, Uppsala Slot, Gripsholm, Orobro, Kalmar, Ulriksadl. Sie befinden sich in verschiedenen Landesteilen, aber keins ist an der Westk\u00fcste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es um den Alltag. Man sieht verschiedene Teller, die verschiedene Schichten vertreten: Der K\u00f6nig a\u00df von einem goldenen Teller, der Adelige von einem Zinnteller, der B\u00fcrger von einem Holzteller und der Bauer mit allen anderen aus einer gemeinsamen Sch\u00fcssel. Die Woche hatte 4 fleischfreie Tage und das Jahr 208 Fischtage! Gem\u00fcse wurde nie roh gegessen, und alle Gerichte wurden gleichzeitig serviert. Man a\u00df Brot und Gr\u00fctze, man trank Bier \u2013 sehr passend bei den stark gesalzenen Gerichten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schwedens wichtigste Exportartikel waren Eisen, Fett, H\u00e4ute, Schwedens wichtigste Importe waren Textilien, Salz und \u00d6l.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anschluss setzen wir uns in den Garten des Museumscaf\u00e9s und berichten einander, was wir gesehen haben. Dabei muss ich mich \u00fcber die Aussprache von Uppsala belehren lassen, das auf der zweiten Silbe betont wird. Ich erinnere mich daran, dass man mir das schon mal beim Laufen in Trier gesagt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend fahren wir bei pr\u00e4chtigem Wetter mit der F\u00e4hre in das alternative Stadtviertel S\u00f6dermalm, wo wir etwas verloren durch die Gegend laufen und dann zu einem erh\u00f6hten Punkt kommen, von dem aus man eine gute Sicht auf die Stadt hat. Am Stra\u00dfenrand sehen wir ein Auto mit dem Kennzeichen: 2 HOT 4 U.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der \u201eUnterricht\u201c dann beendet ist, gehen wir noch runter in die Stadt und setzen uns ans Wasser und anschlie\u00dfend in die Altstadt, am J\u00e4rntorget, um ein Bier zu trinken, einem gem\u00fctlichen, unregelm\u00e4\u00dfigen Platz, an dem ich bisher noch nicht war. Hier stand fr\u00fcher die Eisenwaage, mit der Handelsg\u00fcter gewogen wurden. Die verschwand bei dem Bau des stattlichen Geb\u00e4udes an der Stirnseite des Platzes, dem angeblich \u00e4ltesten Bankgeb\u00e4ude der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erfahre, dass es neben <em>l\u00e4tt\u00f6l<\/em> und <em>stark\u00f6l<\/em> (das nicht dem deutschen Starkbier, sondern dem ganz normalen deutschen Bier entspricht) auch noch eine mittlere Klasse, <em>folk\u00f6l<\/em>, gibt. Ich muss mich belehren lassen: Das kann man durchaus trinken, obwohl ich lieber ein ganz normales Bier bekommen h\u00e4tte, aber das bekommt man in Wirtschaften nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei dem Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt die Weselerin, wie sich gelegentlich schwedische Elemente in das Deutsch ihrer seit vielen Jahren in Schweden lebenden Tochter mischen, so wenn sie ihr erz\u00e4hlt, sie wolle jetzt <em>springen<\/em> statt <em>joggen<\/em> gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe der Tage erf\u00e4hrt man mal wieder qualvoll, wie schwer es ist, auch nur ein paar Leute unter einen Hut zu bringen, wenn es darum geht, sich irgendwo hinzusetzen. Vor allem eine der Teilnehmerinnen ist ganz sch\u00f6n anspruchsvoll: \u201eWindig hier\u201c- \u201eAm Wasser w\u00e4r\u2018s ja sch\u00f6ner\u201c. \u201eMitten in der Sonne?\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wir verbringen heute den ganzen Tag in Skansen, dem Freilichtmuseum, <em>dem<\/em> Freilichtmuseum. Es gilt als das \u00e4lteste der Welt. Es wurde 1891 von einem gewissen Artur Hazelius gegr\u00fcndet. Die Idee war von einer gewissen Nostalgie getragen: Man sah das alte Schweden verschwinden, das alte Schweden der d\u00f6rflichen, \u00fcberschaubaren und, wie man glaubte, solidarischen Gemeinschaften. Das hatte Hazelius selbst auf seinen Reisen durch ganz Schweden festgestellt. Jetzt bestimmten St\u00e4dte, Stahlwerke und S\u00e4gewerke das Bild, und das Leben wurde immer st\u00e4rker mechanisiert. Hazelius wollte hier ein St\u00fcck des alten Schweden bewahren: Bauten, Pflanzen, Tiere. Das Motto war <em>K\u00e4nn dig sj\u00e4lv<\/em>, \u201aKenne dich selbst\u2018. Hazelius war aber kein Tr\u00e4umer. So findet man in Skansen auch exotische Tiere, die mit Schweden nichts zu tun haben. Daf\u00fcr w\u00fcrden die Leute eher bereit sein, Eintritt zu zahlen, vermutete er. Wie recht er hatte, k\u00f6nnen wir in den n\u00e4chsten Stunden feststellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Skansen wurde bald zum Vorbild f\u00fcr andere Freilichtmuseen, und in einigen osteurop\u00e4ischen Sprachen wurde es sogar das Wort f\u00fcr \u201aFreilichtmuseum\u2018. Die eigentliche Bedeutung von <em>skansen<\/em> ist \u201aSchanze\u2018, denn an dieser Stelle gab es eine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Skansen liegt in Djurgarden und nimmt den gr\u00f6\u00dften Teil der Insel ein. Man kann sich hier ohne Schwierigkeiten einen ganzen Tag umsehen.\u00a0 Hazelius hatte die wunderbare Idee, die Bauten geographisch \u201erichtig\u201c anzuordnen, d.h. was sich im Norden Schwedens befindet, befindet sich auch im Norden von Skansen. Auch wenn man die Details nicht versteht, sieht man beim Gang \u00fcber das Gel\u00e4nde eine generelle Tendenz: Die Bauernh\u00e4user im S\u00fcden, wo der Boden fruchtbarer ist, sind gr\u00f6\u00dfer und komfortabler und aus besseren Materialien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hazelius selbst lebte sp\u00e4ter in Skansen und ist auch dort begraben. Sein Grab sehen wir nicht, wohl aber sein eigenes Wohnhaus, das nach seinem Tod aus der Stadt hierher verpflanzt wurde und damit Teil seines eigenen Museums wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen eine Schule, die gleichzeitig das Wohnhaus des Schulmeisters war. Im Garten befinden sich Bienenst\u00f6cke. Die betrieb er zur Aufbesserung seines Gehalts, denn das reichte f\u00fcr eine Familie nicht aus. Man erf\u00e4hrt, dass die Schulpflicht in Schweden 1842 eingef\u00fchrt wurde \u2013 sehr fr\u00fch! Man ging sechs Jahre zur Schule, aber nur jeden zweiten Tag \u2013 eine nachahmenswerte Regelung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcberall auf dem Gel\u00e4nde stehen Meilensteile aus verschiedenen Epochen herum. Sie tragen immer den Namen des jeweils regierenden K\u00f6nigs. Heute ist der Meilenstein verschwunden, aber nicht aus der Sprache. Die schwedische Meile ist, wie jeder Schwedischlerner wei\u00df, l\u00e4nger als unsere, 10 Kilometer. Kann zu ziemlichen Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Haus sehen wir, wie eine Art Baumkuchen hergestellt wird: Eine Masse aus Kartoffelmehl, Zucker und Milch wird langsam \u00fcber einen l\u00e4nglichen Spie\u00df getr\u00e4ufelt und w\u00e4chst so in die Breite.<\/p>\n<p>In einem anderen Haus, einer Art schwedischer Almh\u00fctte, qualmt es wie wild. Uns brennt der Qualm in den Augen, aber der Frau, die am Feuer steht, scheint er nichts auszumachen. \u00dcber dem Feuer h\u00e4ngt ein Kessel mit einer z\u00e4hfl\u00fcssigen, gelblichen Masse. Hier entsteht Molkereik\u00e4se, hergestellt aus der Fl\u00fcssigkeit, die bei der K\u00e4seherstellung \u00fcbrig bleibt, der K\u00e4se des kleinen Mannes sozusagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben den Bauernh\u00e4usern, viele davon rietgedeckt, sieht man auch ein Bergmannshaus. Die Bergleute hatte es nicht mit Kohle, sondern mit Eisenerz zu tun und waren immer gleichzeitig auch Bauern, konnten sich aber wegen des Nebenverdienstes mehr leisten. Das zeigt sich auch an dem Haus: Es hat gusseiserne Kamine, Fenster mit Fensterkreuzen aus Blei und ist rot gestrichen. Das rote Pigment ist ein Abfallprodukt der F\u00f6rderung von Eisenerz. Vielleicht erkl\u00e4rt das die Popularit\u00e4t der roten H\u00e4user bis heute: Rot stand f\u00fcr (relativen) Reichtum und hatte deshalb Prestige. Heute findet man es sch\u00f6n, weil es fr\u00fcher Luxus war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen eine relativ gro\u00dfe, sch\u00f6ne Dorfkirche aus V\u00e4stra G\u00f6taland. Auch die hat ihre Besonderheit. Sie ist aus Holz, sieht aber aus, als sei sie aus Ziegeln! Und zwar t\u00e4uschend echt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem zweist\u00f6ckigen Bauernhaus aus H\u00e4lsningland geht die Show noch einen Schritt weiter. Wenn man reingeht, sieht man, dass das zweite Stockwerk gar nicht existiert, sondern nur von au\u00dfen vorget\u00e4uscht wird!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Mittagessen kommt eine Frage auf, die uns einen fl\u00fcchtigen Einblick in die Geheimnisse der schwedischen Grammatik gewinnen l\u00e4sst. Dabei ist die Frage denkbar simple: Wie sagt man auf Schwedisch<em> Er ist verschwunden<\/em>? Es geht uns in erster Linie um das Verb, <em>haben<\/em> oder <em>sein<\/em>? Ich meine <em>haben<\/em>, die anderen meinen <em>sein<\/em>. Die Antwort: Beides. Es kommt darauf an, wie man den Satz versteht. Und damit \u00e4ndert sich dann auch die Form, die dem deutschen <em>verschwunden<\/em> entspricht: <em>Han<\/em><em> <\/em><em>har<\/em><em> <\/em><em>f\u00f6rsvunnit<\/em>, aber <em>Han \u00e4r f\u00f6rsvunnen<\/em>. \u00a0Zum ersten Mal ahne ich, warum in der Schwedischb\u00fcchern von dem <em>Supinum<\/em> die Rede ist. Das dient dazu, die eine Form von der anderen, dem <em>Partizip<\/em>, zu unterschieden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Pause bekommen wir auch noch Tiere zu sehen. Die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit ziehen zwei Braunb\u00e4ren auf sich, die wie auf Bestellung sich auf die Hinterbeine stellen und sich bearbeiten: Kampf, Spiel, Rauferei?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch Rentiere und Elche. Schlie\u00dflich sind wir in Schweden. Man erf\u00e4hrt, dass die Rentiere die einzige Hirschart ist, bei der M\u00e4nnchen und Weibchen ein Geweih haben. Sie halten die K\u00e4lte deshalb gut aus, weil sie hohle Haare haben. Das isoliert. Elche gibt es in ganz Schweden au\u00dfer in Gotland. Sie sind Einzelg\u00e4nger. Wenn die Tiere ein Jahr alt sind, werden sie von der Mutter abgeschoben, die es eilig hat, wieder tr\u00e4chtig zu werden. Jedes Jahr werden 50.000 Elche geschossen! Das finde ich eine riesige Zahl. Und fr\u00fcher wurden wohl noch mehr geschossen. Im 19. Jahrhundert \u00e4nderten sich die Jagdgewohnheiten und die Elchjagd wurde so popul\u00e4r, dass der Bestand sich verkleinerte. Als Folge davon fielen die Elche als Beute f\u00fcr B\u00e4ren und W\u00f6lfe aus, die daraufhin in den Vorst\u00e4dten erschienen und sich h\u00e4usliche Nahrung suchten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir in den unteren Teil von Skansen zur\u00fcckkommen, wo Handwerkbetriebe, also eher st\u00e4dtisches Leben nachgebildet ist, ist es schon sp\u00e4ter Nachmittag und viele H\u00e4user sind geschlossen. Die Post hat aber noch ge\u00f6ffnet, ein traditionelles Postamt in einem traditionellen Haus, aber mit ganz normalem Betrieb. Meine Gelegenheit, Briefmarken zu kaufen. Die kosten satte 12 Kronen. 1,30 \u20ac f\u00fcr eine Postkarte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich zum <em>Stadsmuseum<\/em>, um eine Karte f\u00fcr eine Besichtigung f\u00fcr den Sonntag zu besorgen. Ich habe den Mut, auf Schwedisch zu fragen. Das klappt auch, aber den Preis verstehe ich erst auf Nachfrage, und die Erkl\u00e4rung, wo der Treffpunkt ist, \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Es ist Regen angesagt, mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90%. Dann f\u00e4llt den ganzen Tag \u00fcber kein Tropfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages begegne ich einem Caf\u00e9 mit dem Namen <em>Eastanbul<\/em>, einem (exklusiven) Gesch\u00e4ft f\u00fcr Haushaltswaren mit dem Namen <em>Stockhome<\/em>, und einem Gesch\u00e4ft f\u00fcr Hobbyartikel mit dem Namen <em>Panduro<\/em>. Ist wohl eher was f\u00fcr Hobbies, die m\u00fchselig sind. Wie Laufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon vor dem Unterricht mache ich mich auf der Suche nach der Stelle, an der Olof Palme ermordet wurde.\u00a0 Es ist gar nicht einfach zu finden. Es gibt nur eine einfache, in den Boden eingelassene Bronzeplatte mit einer sehr sachlich gehaltenen Inschrift. Der Ort ist ganz zentral, in Fu\u00dfg\u00e4ngerentfernung von meinem Hotel und ganz in der N\u00e4he des <em>H\u00f6rtorget<\/em>, wirklich mitten in Stockholm, in der City, nicht in der Altstadt. Palme war mit seiner Frau im Kino gewesen. Sie waren ohne Leibw\u00e4chter unterwegs, so wie man es in Schweden gewohnt war. An einer Stra\u00dfenecke blieben sie vor einem Schaufenster stehen. In dem Moment kam ein Mann auf die zu und gab mehrere Sch\u00fcsse ab. Palme wurde schwer verletzt, seine Frau leicht. Palme starb wenig sp\u00e4ter im Krankenhaus. Der\u00a0 T\u00e4ter wurde bis heute nicht gefasst, und die Tat ist jetzt, nach 25 Jahren, verj\u00e4hrt. Alle \u00fcblichen Verd\u00e4chtigten wurden als m\u00f6gliche T\u00e4ter diskutiert: CIA, KGB, Mossad, PKK, s\u00fcdafrikanische Rassisten. Feinde hatte er sich genug gemacht. Oder war es ein Verr\u00fcckter? Eine Verwechslung? Es wurde auch tats\u00e4chlich jemand angeklagt, verurteilt und inhaftiert, ein gewisser Christer Petersson, aber der wurde wieder freigelassen. Es fehlten Beweise, und bei der Gegen\u00fcberstellung hatte jemand Frau Palme einen Tipp gegeben. Nicht gerade eine Gro\u00dftat von Polizei und Justiz, wie die gesamte Behandlung des Falls. Das Projektil wurde zuf\u00e4llig Tage sp\u00e4ter von einem Touristen in der N\u00e4he des Tatorts gefunden. Das Projektil wurde dann falsch identifiziert: Es stammte angeblich aus einer \u201ev\u00f6llig veralteten\u201c Waffe. Das stellte sich als Irrtum heraus. Es stammt aus einer ganz g\u00e4ngigen, modernen Waffe. Und der Polizist, der als erster am Tatort eintraf, verlangte erst einmal von Frau Palme, sie solle sich ausweisen, bevor er irgendwelche Schritte unternahm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich ein Photo von der Gedenkplatte machen will, muss ich feststellen, dass meine Kamera ihren Geist aufgegeben hat. Sp\u00e4ter bitte ich die anderen um Rat. Sie fragen: Ist die Kamera mit Wasser in Ber\u00fchrung gekommen? Ist sie dir hingefallen? Da ich beides nicht mit Sicherheit verneinen kann und die Kamera in die Jahre gekommen ist, wird das geraten, was man in solchen F\u00e4llen r\u00e4t: neue kaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Unterricht und Mittagessen machen wir einen wenig ergiebigen Spaziergang ins Zentrum, vorbei an dem Haus, in dem Astrid Lindgren wohnte und vorbei an einem monumentalen Denkmal der Gewerkschaftsbewegung und hin zu einem gro\u00dfen, modernen Modell des heutigen Stockholm im <em>Kulturhuset<\/em>, an dem moderne Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur dargestellt werden. Das alles f\u00fchrt nur dazu, dass ich Zeit verliere, um vielleicht doch noch vor der Besichtigung des <em>Dramaten<\/em> eine neue Kamera zu kaufen. Das schl\u00e4gt nat\u00fcrlich fehl. Ich gehe erst ins NK, einem riesigen Warenhaus ganz in der N\u00e4he des <em>Kulturhuset<\/em>, aber da gibt es keine Kameras. Dann versuche ich es aufs Geratewohl in der Gegend ums Hotel. Nichts. \u00dcberall nur Klamottenl\u00e4den und Fressbuden. Dann versuche ich, im Hotel Auskunft zu bekommen und werde an die Galerie ganz in der N\u00e4he, am <em>Stureplan<\/em>, verwiesen. Da gibt es lauter exquisite Dinge zu kaufen, aber keine Kameras, und selbst wenn es irgendwo Kameras gibt, sind die vermutlich nicht erschwinglich. Also gebe ich es auf und gehe zum <em>Dramaten<\/em>, ganz in der N\u00e4he des Hotels.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich auf die F\u00fchrung warte, f\u00e4llt mein Blick auf Ank\u00fcndigungen f\u00fcr die n\u00e4chste Spielzeit: Da gibt es <em>Den girige<\/em> \u2013 <em>Der Geizige<\/em> von Moliere, <em>Tv\u00e5 herrars tj\u00e4nare <\/em>&#8211;<em> Diener zweier Herren<\/em> von Goldoni und <em>En handelsresandes d\u00f6d \u2013 Tod eines Handlungsreisenden<\/em> von Miller. Bei dem f\u00e4llt mir das Photo des Hauptdarstellers auf. Ich kenne den irgendwo her. Aber woher? Warum sollte ich \u00fcberhaupt einen schwedischen Schauspieler kennen? Dann f\u00e4llt es mir auf einmal ein: Er ist Kurt Wallander aus der Verfilmung der Romane von Henning Mankell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der F\u00fchrung ist es diesmal umgekehrt wie in der Oper: Die Schweden sind in der Mehrzahl, und wir bekommen fast eine Privatf\u00fchrung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das <em>Dramaten<\/em>, eigentlich <em>Kungliga Dramatiska<\/em> <em>Teatern<\/em>, ist das Gegenst\u00fcck zur Oper. Beide sind Repertoireb\u00fchnen, beide sind staatlich finanziert \u2013 wenn ich das richtig verstanden habe, die einzigen in Schweden &#8211; und beide stammen aus der gleichen Zeit, aber hier gibt es Schauspiele, dort Oper und Ballett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch das <em>Dramaten<\/em> wurde von dem Theaterk\u00f6nig, Gustav III., gegr\u00fcndet (1788), aber das jetzige Haus, das besterhaltene Art Nouveaux-Geb\u00e4ude Stockholms, stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Vorher war das <em>Dramaten<\/em> im Schloss. Da ist jetzt eine finnische Kirche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Theater wurde eingeweiht mit Strindbergs <em>Meister Olof<\/em>, einem St\u00fcck \u00fcber den schwedischen Reformator, bei dem schon die Wahl des Titels, <em>M\u00e4ster Olof<\/em>, von Bedeutung ist. Man kannte und kennt Olof Pedersen eher unter dem latinisierten Namen <em>Olaus Petri<\/em>. Er hielt nicht nur gegen den Willen des Bischofs eine Messe in Str\u00e4ngn\u00e4s, sondern hielt den Gottesdienst zum allgemeinen Entsetzen auch noch auf Schwedisch! Der K\u00f6nig war klug genug, auf Olof aufmerksam zu werden und ihn zum Werkzeug der Reformation zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zuschauerraum erinnert an die Oper, und man merkt deutlich, dass man sich an der Oper orientieren, aber sie auch \u00fcbertreffen wollte. Das ist gelungen. Es ist auch gr\u00f6\u00dfer, mit 1720 Pl\u00e4tzen. Auch hier gibt es die k\u00f6nigliche Loge und eine gegen\u00fcberliegende Loge f\u00fcr andere Wichtigkeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Raum ist in Blau und Gelb gefasst. Das war anfangs auch so, aber dann gab es Einw\u00e4nde: Blau sei eine kalte Farbe, und passe nicht zu der Kleidung und der Haut der Besucherinnen! Also Blau und Gelb wurde also Rot. Und daraus sp\u00e4ter wieder Blau und Gelb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gab von vornherein elektrische Licht, aber keine Lampenschirme. Die Gl\u00fchbirnen, eine Neuerung, sollten zur Geltung kommen! Ein ganz modernes Konzept, aber nur geboren aus dem Antrieb, anzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ingmar Bergmann war hier Intendant, ein schwieriger Mensch, wie es hei\u00dft, Perfektionist, eigenwillig, und mit einem unberechenbaren Temperament. Und hartn\u00e4ckig. Er setzte durch, dass die Geh\u00e4lter der Schauspieler um 40% erh\u00f6ht wurden. Die Schauspieler wurden jetzt genauso gut bezahlt wie ein Geistlicher. Er leitete auch die hauseigene Schauspielschule. Hier lernten auch Greta Garbo und Ingrid Bergmann das Handwerk. Sp\u00e4ter l\u00f6ste Bergmann die Schauspielschule auf zugunsten von mehreren staatlichen Schauspielschulen, die noch heute existieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von mehreren Hundert Absolventen werden jedes Jahr gerade mal 8-12 ausgew\u00e4hlt, die dann Schauspieler werden k\u00f6nnen. Schweden hat ein \u00dcberangebot an Schauspielern, obwohl deren Durchschnittsgehalt (1800 Euro) unter dem allgemeinen Durchschnittsgehalt liegt (2600 Euro).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir gehen weiter ins Foyer. Dort zeigt ein Deckengem\u00e4lde drei Personen, durch entsprechende Embleme gekennzeichnet. Den Schriftsteller (mit Feder), den Zuschauer (mit Opernglas) und einen Mann mit Schwert. Das ist der Kritiker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir in den ehemaligen Schulungsraum. Er hat gro\u00dfe Spiegel an den Seiten, damit man sich selbst beim Tanzen oder Fechten beobachten konnte. Heute ist dies die Kleine B\u00fchne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen sp\u00e4ter noch einmal in den Zuschauerraum zur\u00fcck und sehen vom oberen Rang nach unten. Schwindelerregend. Und wir gehen auch auf die B\u00fchne. Dort erfahren wir, dass es eine eigene gesetzliche Ausnahmeregel f\u00fcr Theater gibt. \u00dcber der B\u00fchne schweben n\u00e4mlich Ger\u00e4te, die die normalerweise (aus Sicherheits-gr\u00fcnden) zul\u00e4ssige Gewichtsgrenze \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorher aber gehen wir in die Kleiderkammer. Das ist der H\u00f6hepunkt des Besuchs. Wir sehen lange Reihen von wohl geordneten Kleidern und lange Regale von Schuhen, insgesamt 10.000. All das wird eigens angefertigt, und komischerweise relativ selten wieder eingesetzt. In gewissen Intervallen findet eine Auktion statt, in der ein Teil abgegeben wird. Viele wollen ein ganz bestimmtes Kost\u00fcm erwerben, auch wegen der Etikette, die f\u00fcr jedes Kost\u00fcm den Namen des Schauspielers samt Titel und Saison angeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen ein Kost\u00fcm der K\u00f6nigin Christina und werden gefragt, wo der Stoff wohl herkomme. Eine der Teilnehmerinnen kommt tats\u00e4chlich auf die Antwort: Bettlaken von IKEA, zwei verschiedene, \u00fcbereinander gen\u00e4ht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen auch an den Kost\u00fcmen riechen. Und\u00a0 feststellen, dass sie, auch Jahre sp\u00e4ter, noch einen intensiven Schwei\u00dfgeruch haben. Und wir d\u00fcrfen die Kost\u00fcme in die Hand nehmen. Und feststellen, wie schwer die Kost\u00fcme sind. Das der Maria Stuart wiegt an die 10 Kilo. Man kann es mit einer Hand kaum halten. Und wir d\u00fcrfen anfassen. Und feststellen, dass die meisten Kost\u00fcme rau sind. Sie werden mit Schmirgelpapier bearbeitet, um ihnen den Glanz zu nehmen und sie nicht zu neu aussehen zu lassen. Und lernen ein paar Tricks kennen: Wir sehen eine Art Laibchen, das Schauspieler tragen, die als fette Charaktere auf die B\u00fchne gehen, aber schlank sind. Es ist mit einer gallertartigen Masse gef\u00fcllt, so dass das \u201eFett\u201c bei Bewegung so richtig nat\u00fcrlich wabbelt. Und dann einen eleganten Morgenrock. Erst einmal nichtssagend. Unter dem Kost\u00fcm ein zweiter Morgenrock, mit Rissen und L\u00f6chern. Der ist f\u00fcr eine Raufszene gedacht. Der Schauspieler tr\u00e4gt ihn unter dem anderen. Den zieht er, in einem Moment, in dem das Licht ausgeblendet wird, aus, wirft ihn hinter die B\u00fchne und steht jetzt ganz \u201enat\u00fcrlich\u201c und gleichzeitig wirkungsvoll so vor auf der B\u00fchne, wie man eben aussieht, wenn man sich gerauft hat. Und schlie\u00dflich sehen wir ein schwarzes J\u00e4ckchen, das unregelm\u00e4\u00dfige graue und wei\u00dfe Flecken und Streifen hat, aber nicht an allen Stellen, oben an der Schulter mehr als unten am Saum. Was soll das? Unter bestimmten Beleuchtungsbedingungen ergibt das einen optischen Effekt. Eine der Besucherinnen kommt darauf: Regen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich das Theater verlasse, f\u00e4llt mir ein, dass ich vergessen habe, nach der Statue vor dem Theater zu fragen, der viel photographierten, modernen Skulptur eines Mannes, der ein kost\u00fcmierter Schauspieler sein kann oder ein Stadtstreicher. Er steht auf der H\u00f6he des Betrachters, auf dem Pflaster an der Ecke des Geb\u00e4udes, und hat eine blank geriebene Nase.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend bin ich dann wieder da, wo ich am Morgen gewesen bin: am Ort der Ermordung Olof Palmes. Dort mache ich mit der soeben erworbenen Kamera das Photo, das am Morgen nichts geworden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend merke ich, dass mein neuer, kurz vor der Reise gekaufter Schlafanzug von der Marke G\u00f6teborg ist. Passt. In jeder Beziehung. Vergleiche verbieten sich eigentlich, aber ich tue es trotzdem. Stockholm ist gr\u00f6\u00dfer und hat (noch) mehr zu bieten als G\u00f6teborg, aber ich w\u00fcrde G\u00f6teborg wegen des geschlossenen Stadtbildes dennoch auf eine Stufe mit Stockholm stellen. Mit anderen Worten: Stockholm hat sowohl sch\u00f6nere als auch h\u00e4sslichere Ecken als G\u00f6teborg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stockholm liegt etwa soweit n\u00f6rdlich wie Tallin oder Oslo und nur wenig s\u00fcdlich von Petersburg und n\u00f6rdlicher als der n\u00f6rdlichste Zipfel Schottlands. Und es liegt etwa auf der Breite von Danzig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz vor dem Einschlafen f\u00e4llt mir ein, dass der lange Weg ins Zentrum nach dem Unterricht doch nicht ganz umsonst war. Mitten in der Einkaufsstra\u00dfe sehen wir ein junges Paar, das sich umarmt und k\u00fcsst. Beide haben auf beiden Seiten des Kopfes das Haar abrasiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder lasse ich mich durch die Wettervorhersage ins Bockshorn jagen und beschlie\u00dfe, das verregnete Wochenende in aller Ruhe in Stockholm zu verbringen und B\u00fccher zu kaufen und Karten zu schreiben. Eine verpasste Chance. Statt des Anoraks kommt die Sonnencreme zu Einsatz. Dies w\u00e4re ein idealer Tag f\u00fcr die Sch\u00e4ren gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Sache mit dem B\u00fccherkauf gestaltet sich schwierig. Eine Kette, die sich bombastisch <em>Akademibokhandeln<\/em> nennt, hat fast nur Krimis. Akademische Krimis vermutlich. Nicht einmal Klassiker wie Strindberg sind vertreten. In Schweden! In der Hauptstadt! Mein erstes Buch kaufe ich am Ende in einer Bahnhofsbuch-handlung. Einen Krimi, <em>Tre minuter<\/em>, von einem Autorenduo geschrieben und von der Lehrerin empfohlen. Das Buch hat gerade einen britischen Buchpreis f\u00fcr Krimis bekommen. Ich habe gerade ein Buch von Stieg Larsson beendet, den ersten Band der vielgelobten <em>Millennium<\/em>-Serie. Ganz Stockholm ist voll davon, und es werden Stadtf\u00fchrungen auf den Spuren von Mikael Blomkvist angeboten. Mich hat das Buch entt\u00e4uscht. Nach all den euphorischen Stimmen und nach dem wundervollen Beginn mit dem r\u00e4tselhaften Verschwinden einer jungen Frau hatte ich mehr erwartet. Aber dann zieht der Autor pl\u00f6tzlich einen Psychopaten aus dem Hut, der unter Anleitung seines Vaters und unter Mitwissen seiner Mutter Serienmorde begeht und Vergewaltigungen, auch an seiner eigenen Schwester. Das ist alles unmotiviert und lenkt nur von dem eigentlichen Fall ab, der sich dann auf ganz banale Weise aufl\u00f6st. Darauf muss man aber 550 Seiten warten. Mikael Blomkvist ist eine Anlehnung an Kalle Blomkvist, und in der verschrobenen Lisbeth kann man eine Anleihe an Pippi Langstrumpf sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hole nach, was ich am letzten Wochenende verpasst habe, die Besteigung des Turms des <em>Stadshuset<\/em>. Das ist, allen Quellen zufolge, ein absolutes Muss eines Stockholmbesuchs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da man eine ganze Zeit warten muss \u2013 es werden immer nur 30 Personen eingelassen \u2013 kann ich mich noch ein wenig umsehen und entdecke Dinge, die ich vorher \u00fcbersehen habe: einen vergoldeten Halbmond auf dem Dach des Geb\u00e4udes, ein gro\u00dfes blaues Holzpferd aus Dalarna (und im Souvenirshop eine unendliche Auswahl dieser klassischen Mitbringsel), einen Briefkasten, gelb, mit Posthorn, der auch von dem Architekten des Geb\u00e4udes entworfen wurde, und das golden gl\u00e4nzende Grabmal des Birger Jarl, des Gr\u00fcnders Stockholms, hinter dem Geb\u00e4ude. Das Grabmal ist leer. Der Architekt hatte die Rechnung ohne die M\u00f6nche des Klosters Varnhem in V\u00e4stra G\u00f6taland gemacht, die sich weigerten, seine sterblichen \u00dcberreste herzugeben. Da war das aufw\u00e4ndige Grabmal aber schon gemacht. Der Gr\u00fcnder Stockholms liegt also weiter im entfernten V\u00e4stra G\u00f6taland begraben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und in dem Souvenirshop finde ich, ganz unten im Regal, versch\u00e4mt, eine kleine Biographie von Alfred Nobel, nicht mehr als ein Heft, aber immerhin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor allem aber kommt der Innenhof mit den Kolonnaden, durch die der Blick auf das Wasser und das gegen\u00fcberliegende Ufer f\u00e4llt, bei dem Sonnenschein besonders gut zur Geltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es auf den Turm. Der Aufstieg ist zwar nicht m\u00fchsam, da man oft Schr\u00e4gen statt Treppen hat, zieht sich aber lange hin. Und es wird immer windiger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt man in eine Rotunde, wo Statuen ausgestellt sind, f\u00fcr die man aber keine Zeit hat. Nicht zu \u00fcbersehen ist aber eine, vermutlich St. Erik darstellend, wegen ihrer schieren Gr\u00f6\u00dfe. Wir gehen ihm nicht einmal bis zum Knie. Warum die Statue hier ausgestellt ist, bleibt aber offen.<\/p>\n<p>Oben angekommen, werden die Kameras gez\u00fcckt, und alles dr\u00e4ngt sich auf einer Seite, n\u00e4mlich der, die die Sicht auf <em>Gamla Stan<\/em> und auf <em>Riddarholmen<\/em> frei gibt. Der Rest ist nicht so malerisch. Was aber wichtiger ist: Der Turm ist nicht hoch genug. Die Sicht ist nicht weit genug, um Stockholms als Ensemble von Inseln zu sehen. Es sieht aus wie eine Stadt mit Fluss. Trotz aller Beteuerungen, wie unverzichtbar der Turmaufstieg ist: Er lohnt sich nicht so richtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom <em>Stadshuset<\/em> aus braucht man nur eine Br\u00fccke zu \u00fcberqueren, um nach <em>Riddarholm<\/em> zu kommen. Die <em>Riddarholmkyrkan<\/em> mit ihrem sch\u00f6nen, durchbrochenen Turm zieht den Blick schon von weitem an. Wenn man dann rein kommt, ist man erst einmal entt\u00e4uscht: Die Kirche kann es weder mit der <em>Storkyrkan<\/em> noch mit der <em>Tyska Kyrkan<\/em> aufnehmen. Interessant ist sie aber, und wichtig f\u00fcr Schweden als Grablege der K\u00f6nige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche war urspr\u00fcnglich eine Franziskaner-Abtei und hatte als solches einen langen Chor und keinen Turm, sondern nur Dachreiter. Der heutige, so charakteristische Turm der Kirche geh\u00f6rt also gar nicht so richtig hierher und ist eine Zugabe des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gebot der Einfachheit, das f\u00fcr die franziskanischen Kirchen galt, wird hier schon mal nicht so genau genommen. Das gilt z.B. f\u00fcr die sch\u00f6n ausgemalten Gew\u00f6lbe mit vergoldeten Rippen. Das versteht man als eine Konzession an Magnus Ladul\u00e5s, den einflussreichen F\u00fcrsten, der die Franziskaner f\u00f6rderte und entschied, hier begraben zu werden. Er liegt in der Krypta begraben, aber sein Grabdenkmal gleich dar\u00fcber steht mitten im Chor. Die Tradition der Kirche als Grablege wurde sp\u00e4ter von Gustav II Adolf wieder aufgegriffen, und von da an wurden alle schwedischen K\u00f6nige hier begraben, mit Ausnahme von Christina, die zum Katholizismus konvertierte und im Petersdom begraben liegt, als eine der ganz wenigen Frauen. Mit dieser Ausnahme hielt die Tradition dann bis fast in unsere Tage an, bis eine K\u00f6nigin, anl\u00e4sslich einer Beisetzung hier in der Kirche, entschied, doch lieber drau\u00dfen in der Natur, in <em>Haga Park<\/em>, begraben zu werden. Ihr Gemahl und alle seine Nachfolger taten das gleiche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist die <em>Ryddarholmkyrkan<\/em> eine Mischung aus Kirche und Museum. Sie hat keine Gemeinde, wird aber von mehreren Gemeinden als Kirche benutzt, vor allem von katholischen Gemeinden. Der Orden wurde in der Reformation aufgel\u00f6st, und die M\u00f6nche mussten innerhalb eines Jahres das Kloster verlassen. Von dem ist nichts mehr \u00fcbrig, fast nichts mehr. Allerdings vergr\u00f6\u00dferte man die Kirche um ein Schiff, indem man einen Teil des Kreuzgangs in die Kirche einbezog.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In verschiedenen Seitenkapellen, die meist sp\u00e4ter angebaut wurden, sind Angeh\u00f6rige der verschiedenen Dynastien begraben. Das gr\u00f6\u00dfte Denkmal, in der Form einer \u00fcberdimensionalen rundlichen Truhe, ist das von Karl XIV., dem ersten K\u00f6nig der heutigen Dynastie. Vielleicht war er als nicht geborener Adeliger besonders erpicht darauf, seine Bedeutung unter Beweis zu stellen. Der blassrosa Sarkophag, aus Porphyr, das hier in der Gegend nicht erh\u00e4ltlich war, musste in Finnland hergestellt werden. Das dauerte acht Jahre. Dann brauchte man f\u00fcr den Transport sechs Jahre, da lange das richtige Klima ausblieb, um ihn auf Schienen \u00fcber Eis zu transportieren. Und als er dann endlich hier ankam, passte er nicht durch die Kirchent\u00fcr. Man stellte ihn also da auf, wo er jetzt steht und baute die Kapelle dann um ihn herum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer der Sarkophage wurde k\u00fcrzlich ge\u00f6ffnet, nach langem Widerstand durch die zust\u00e4ndigen Stellen. Es geschah auf den Wunsch von Historikern. Es geht um Karl XII., den letzten K\u00f6nig, der auf dem Schlachtfeld fiel. Er wurde von einer Kugel getroffen. Es ging darum, durch die Beschaffenheit der Kugel und das Material, aus dem diese bestand, festzustellen, ob der K\u00f6nig vom Feind oder, wie auch angenommen wurde, aus den eigenen Reihen, get\u00f6tet wurde. Bisher deuten die Untersuchungen darauf hin, dass es eine norwegische Kugel war, die ihn traf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der eigentlich ganz sch\u00f6ne, unregelm\u00e4\u00dfige Platz vor der Kirche liegt etwas verlassen da. Das ist schade. Er ist in doppeltem Sinne leer: Die Touristen dr\u00e4ngeln sich gegen\u00fcber in <em>Gamla Stan<\/em>; hier kommt allenfalls mal eine Reisegruppe vorbei. Und auf dem gro\u00dfen Platz steht eine einzige Statue, die von Birger Jarl. Auf der schr\u00e4g gegen\u00fcberliegenden Seite liegt der Wrangel-Palast. Da wohnte die k\u00f6nigliche Familie, nachdem <em>Tre Kronor<\/em>, das alte Schloss, abgebrannt war. Keine schlechte Unterkunft f\u00fcr Obdachlose.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ausgerechnet in dieser Gegend sehe ich zum ersten Mal einen Bettler. Genau genommen ist er gar kein Bettler. Jedenfalls bettelt er nicht. Er durchsucht, mit einer gro\u00dfen Plastikt\u00fcte bewaffnet, die Abfallk\u00f6rbe. Hartz V. Ein Stadtstreicher? Ein Obdachloser? Ein Clochard? Das scheint alles nicht auf ihn zuzutreffen. Er geht etwas geb\u00fcckt, aber er wirkt w\u00fcrdevoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend mache ich noch mal einen Versuch, eine Buchhandlung\u00a0 zu finden. Im dem etwas veralteten Heft \u00fcber Nobel ist von <em>Sweden Books<\/em> die Rede. Ich fahre zu der angegebenen Adresse am <em>Hamngatan<\/em>. In dem genannten Eckhaus befindet sich <em>Max<\/em>. Eine Hamburgerkette. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es geh\u00f6rt auch Fleisch dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo ich schon einmal da bin, gehe ich den <em>Kungstr\u00e4dg\u00e5rden<\/em> hinunter, eine breite Allee mit einem Park mit St\u00e4nden und H\u00fcpfburgen. Wenn man das Ende des <em>Kungstr\u00e4dg\u00e5rden<\/em> erreicht, ist man mitten in Stockholm. Vor einem liegt \u00a0<em>Str\u00f6mmen<\/em>. Hier vereinigt sich das Salzwasser der Ostsee mit dem S\u00fc\u00dfwasser des M\u00e4laren. Dort liegen Boote und einige gr\u00f6\u00dfere Schiffe. Gleich links davon, erh\u00f6ht, steht das riesige Nationalmuseum. Vor einem, geradeaus, hinter <em>Str\u00f6mmen<\/em>, liegt <em>Gamla Stan<\/em> mit dem Schloss, und dahinter erhebt sich die Insel S\u00f6dermalm. Gleich rechts von einem liegt die Oper. Die zeigt einem, wie das Schloss, ihre Hinterseite. Gustavs Oper brannte 1825 ab. W\u00e4hrend einer Vorstellung! Das Publikum entkam ohne Schaden, aber drei Arbeiter kamen uns Leben. Das Geb\u00e4ude, das wir jetzt sehen, ist der Neubau vom Anfang des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der <em>Kungstr\u00e4dg\u00e5rden<\/em> war urspr\u00fcnglich der k\u00f6nigliche K\u00fcchengarten. Das erkl\u00e4rt seine Lage in der N\u00e4he des Schlosses, aber hinter dem Schloss. Er wurde dann (XV) in einen k\u00f6niglichen Park umgewandelt. Und dann in einen Paradeplatz. Der Adoptivsohn Karls XIII., eine begeisterter Milit\u00e4r, wollte einen Aufmarschplatz f\u00fcr seine Soldaten haben, gleich in der N\u00e4he des Schlosses. Er lie\u00df alle B\u00fcsche, B\u00e4ume und Blumen entfernen und verwandelte den Platz in eine W\u00fcste. Mitten in dieser W\u00fcste stand nur noch das Denkmal Karls XII., der dem Platz seinen Namen gibt. Das Denkmal wurde aus Anlass des 150. Todestages des K\u00f6nigs geschaffen. Karl XII. war, wenn ich mich richtig erinnere, der letzte schwedische K\u00f6nig, der in einer Schlacht fiel. Um das Denkmal herum gruppieren sich vier gro\u00dfe bronzene Vasen, die er von einem Beutezug mitbrachte. Sie stammen aus Dresden. Das Denkmal sieht ganz harmlos aus, war aber heftig umstritten: Darf man einen K\u00f6nig barh\u00e4uptig darstellen? Sind die Stiefel nicht v\u00f6llig unf\u00f6rmig? (Ja, das sind sie). Und warum zeigt der K\u00f6nig mit dem Finger ausgerechnet nach Osten, zum Erzfeind, nach Russland? Tats\u00e4chlich kann man im Nachhinein die Polemik verstehen, wenn man \u00fcberlegt, wie wenig \u201ek\u00f6niglich\u201c die Statue ist. Es k\u00f6nnte sich genauso gut um einen Wissenschaftler handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich hinter dem Denkmal befindet sich eine Teestube. Sie wurde 1953 zum 700. Stadtjubil\u00e4um eingeweiht. Sie wird von einer Gruppe m\u00e4chtiger Ulmen umrahmt, und die waren auch Gegenstand einer Protestbewegung. Sie sollten n\u00e4mlich zugunsten eines U-Bahn-Eingangs gef\u00e4llt werden. Das l\u00f6ste eine B\u00fcrgerbewegung aus, die als Prototyp solcher Bewegungen in Schweden gilt. Und Erfolg hatte. Die Ulmen stehen noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem Parkplatz sehe ich zwei M\u00e4nner in ihre Autos steigen. Der eine sagt zum anderen: <em>Jag f\u00f6ljer dig \u2013 Ich folge dir<\/em>. Alles verstanden. So schnappt man auf der Stra\u00dfe doch das eine oder andere auf. Davon ist zwar nichts richtig neu, aber in dieser Kombination und in einer authentischen Situation bin ich dem Satz noch nicht begegnet. So \u00e4hnlich auch dieser Tage in Skansen, wo eine Mutter ihrem Kind hinterherrief: <em>Kom tillbaka! \u2013 Komm zur\u00fcck!<\/em> Auch der Aufzug im Hotel bem\u00fcht sich um meine Sprachkenntnisse. Bei jedem Aussteigen k\u00fcndigt er an: <em>Tredje v\u00e5ningen \u2013 Dritter Stock<\/em>. Das m\u00fcsste ich bis zum Ende der zwei Wochen gelernt haben. Vielleicht nutzt es ja was. Anders ist es bei der Metro. Da gibt es einen Warnhinweis vor dem Aussteigen, aber den verstehe ich einfach nicht, trotz der st\u00e4ndigen Wiederholung. Auch die Aussprache einiger W\u00f6rter f\u00e4llt mir auf, zum Beispiel, als das M\u00e4dchen an der Rezeption auf meine Frage das Wort <em>kameran<\/em> wiederholt. Da liegen Welten zwischen ihrer und meiner Aussprache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe mir schon immer vorgenommen, eine Liste von W\u00f6rtern zu erstellen, die wirklich wichtig sind. Das stellt man am besten fest, wenn man stecken bleibt. Jetzt beginne ich diese Liste. Meine ersten drei Eintr\u00e4ge: <em>dieser Tage<\/em>, <em>wegen<\/em> und <em>umgekehrt<\/em>. Dagegen sind prototypische Substantive in normalen Gespr\u00e4chen eher selten. Deshalb greifen auch die Versuche nicht, die eigene Wohnung mit Etiketten zu best\u00fccken, die die Gegenst\u00e4nde in der Fremdsprache benennen: <em>T\u00fcrklinke<\/em>, <em>Zahnb\u00fcrste<\/em>, <em>Gl\u00fchbirne<\/em>. Von denen spricht man eigentlich nur, wenn man sie nicht hat oder sie kaputt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend habe ich dann Gelegenheit, mir das Heft \u00fcber Nobel anzusehen. Der Name Nobel ist die verk\u00fcrzte Form von <em>Nobelius<\/em>, und das wiederum ist die latinisierte Form von <em>N\u00f6bbel\u00f6v<\/em>, einem Ort in Sk\u00e5ne, in S\u00fcdschweden. Daher stammte die Familie urspr\u00fcnglich. Das erkl\u00e4rt den ungew\u00f6hnlichen Namen Nobel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum ersten Mal h\u00f6re ich, dass Nobel seine pr\u00e4genden Jahre in Petersburg verbrachte. Dahin war der Vater gezogen, nachdem seine Firma in Schweden bankrott gegangen war. In Petersburg gr\u00fcndete er eine Firma f\u00fcr Tretminen und hatte Erfolg. Daraufhin holte er auch seine Familie nach Petersburg, die sich dort einen gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Lebensstil leisten konnte. Dazu geh\u00f6rte auch Privatunterricht f\u00fcr die S\u00f6hne, zu Hause, von f\u00fchrenden Experten in ihrer Disziplin erteilt. Nobels Lieblingsfach war von Beginn an Chemie, aber er lernte auch f\u00fcnf Sprachen. Da sind wichtige Weichen gelegt, f\u00fcr den Experimentator und f\u00fcr den Weltb\u00fcrger. Aber auch in dem Erfolg des Vaters, der mit Kriegsmaterialien sein Geld verdiente. Und wieder einpacken musste, als der Krimkrieg zu Ende ging. Die Eltern gingen nach Schweden, die S\u00f6hne blieben zur\u00fcck. In dieser Situation kamen sie auf die Idee, Experimente mit Nitroglyzerin durchzuf\u00fchren. Schon sein Entdecker, ein Italiener, hatte vor dem Stoff gewarnt. Der habe eine ungeheure Sprengkraft, und er sei nicht zu beherrschen. Die Experimente f\u00fchrten schlie\u00dflich zu der Gewinnung eines Sprengstoffs, den Nobel <em>Spreng\u00f6l<\/em> nannte, das sp\u00e4tere Dynamit. Dass man den Stoff aber noch l\u00e4ngst nicht beherrschte, zeigte dann der tragische Unfall in Stockholm, bei dem f\u00fcnf Menschen ums Leben kamen, darunter ein Bruder Nobels. Und dann spielte die Geschichte verr\u00fcckt: Das war nicht etwa Abschreckung, sondern beste Propaganda: Es gab keinen Zweifel mehr daran, dass das Zeug Wirkung hatte. Nach weiteren Verbesserungen bekam Nobel f\u00fcr seine Entdeckungen einen Preis der Schwedischen Akademie f\u00fcr Wissenschaften, f\u00fcr \u201ewichtige Entdeckungen, die f\u00fcr die Menschheit von Nutzen sind\u201c, eine Formulierung , die sich sp\u00e4ter ganz \u00e4hnlich bei den Nobelpreisen wiederfindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach zeigte sich ein weiterer Charakterzug Nobels. Er war auch ein cleverer Gesch\u00e4ftsmann. Er schlug Kapital aus seiner Erfindung und leitete am Ende einen Konzern mit Verzweigungen bis nach Aserbaidschan und Beteiligungen an allen m\u00f6glichen Projekten wie dem Bau des ersten \u00d6ltankers der Welt. Nobel war am Ende seines Lebens steinreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Idee, das Geld zu stiften, hatte er schon lange verfolgt und hatte sein Testament mehrmals umgeschrieben, um verschiedene Formulierungen gegeneinander abzuw\u00e4gen. Am Ende stand ein Text, der auf ein Blatt Schreibmaschinenpapier passen w\u00fcrde. Mit der Stiftung machte er sich\u00a0 allerdings nicht nur Freunde: Einige Verwandte fochten das Testament an, andere beklagten, dass auch Ausl\u00e4nder den Preis erhalten konnten, und wieder andere kritisierten die Stiftung eines Friedenspreises durch jemanden, der sein Geld mit Kriegsmaterialien gemacht habe. Solche Diskussionen hatte er auch mit Bertha von Suttner. Er behauptete aber, seine Fabriken w\u00fcrden eines Tages die Kriege eher beenden als ihre Friedenskongresse. Zwei gleich starke Armeen k\u00f6nnten es sich nicht leisten, sich gegenseitig anzugreifen. Eine fr\u00fche Formulierung des Prinzips des Gleichgewichts der Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bertha von Suttner hatte er als Sekret\u00e4rin eingestellt, und sie gefiel ihm auch als Frau. Sie k\u00fcndigte aber bald wieder, um zu heiraten \u2013 einen anderen. Nobel blieb sein ganzes Leben unverheiratet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genauso wenig wie Petersburg hatte ich im Zusammenhang mit Nobel San Remo auf der Rechnung. Dort lebte er die letzten Jahre und dort starb er. Begraben ist er aber wohl in Stockholm, auf dem <em>Norra Begravningsplatsen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir bleibt vor allem eine Formulierung in Erinnerung: \u201eJede Wissenschaft gr\u00fcndet auf der Beobachtung von \u00c4hnlichkeiten und Unterschieden.\u201c K\u00fcrzer kann man es nicht sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Stockholm ist in der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO dreimal vertreten. Kaum jemand k\u00f6nnte sie auf Anhieb nennen. Weder die Vasa noch die <em>Gamla Stan<\/em> geh\u00f6ren dazu, und auch die Sch\u00e4ren nicht. Es sind Drottningholm, die Residenz der K\u00f6nige, Birka, der ehemalige Standort der \u00e4ltesten schwedischen Stadt, und \u00a0<em>Skogskyrkog\u00e5rden<\/em>, der \u201aWaldfriedhof\u2018. Da fahre ich heute hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Skogskyrkogardan liegt etwas au\u00dferhalb des Zentrums. Bei der Fahrt dorthin wird es etwas l\u00e4ndlich, und man sieht ein paar typisch schwedische Holzh\u00e4user.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Bahnstation hat eine kuriose Skulptur. Ein m\u00e4chtiger Holztisch, umgeben von zwei m\u00e4chtigen Holzsesseln. Vermutlich dienen sie auch als Sitzgelegenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der <em>Skogskyrkog\u00e5rden<\/em> ist kein Museum, sondern ein funktionierender Friedhof. Die F\u00fchrungen sind deshalb sonntags, weil hier w\u00e4hrend der Woche m\u00e4chtig Betrieb ist. Wir werden gef\u00fchrt von einer dicken, burschikosen Schwedin, mit Socken in Sandalen, die so gut Englisch spricht, dass ich zuerst glaube, sie sei Engl\u00e4nderin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Anlage des Friedhofs geschah aus zwei Gr\u00fcnden, einem praktischen und einem ideologischen: Die Bev\u00f6lkerungszahl war gewachsen, die hygienischen Verh\u00e4ltnisse hatten sich verschlechtert. Reisende schrieben nach Hause und klagten \u00fcber den uns\u00e4glichen Gestank der Stockholmer Innenstadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Friedhof au\u00dferhalb der Innenstadt war im Norden entstanden, der zweite hier, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Bahn. Als das immer noch nicht reichte, schrieb man 1915 einen Wettbewerb f\u00fcr diesen neuen Friedhof aus. Er wurde von zwei schwedischen Architekten gewonnen, die noch nicht einmal 30 waren, Gunnar Asplund und Sigurd Lewerentz. Die Vorgabe war, dass es m\u00f6glichst wenige Eingriffe in die Natur geben solle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es einige Eigenarten, die ihre Inspiration in der Romantik haben und auch in einem Englischen Garten zu finden w\u00e4ren: ungerade Wege, unebenes Gel\u00e4nde, Wechsel von offenen und geschlossenen Pl\u00e4tzen und vor allem viel Natur. Die Geb\u00e4ude kommen erst in Sicht, wenn man den H\u00fcgel hinaufsteigt. Auch die mit unregelm\u00e4\u00dfigen Steinplatten gepflasterten Wege \u00fcber die Grasfl\u00e4che scheinen sich der Natur anzupassen. Von oben sieht man auf einen inneren Ring von Laubb\u00e4umen und einen \u00e4u\u00dferen von Nadelb\u00e4umen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir besuchen zwei Kapellen, eine \u00e4ltere und eine j\u00fcngere. Die \u00e4ltere ist eine Holzkapelle, von Sigurd Lewerentz in den Zwanzigerjahren geplant. Sie liegt im Wald. Den Wald betritt man kurioserweise durch ein Tor. Das Tor hat ein Steinrelief mit einer lateinischen Inschrift, die kurz und b\u00fcndig und nicht allzu subtil ist: <em>Hodie mihi, cras tibi &#8211; Heute ich, morgen du<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Dach der Kapelle formt ein Dreieck, der Innenraum ist aber ein quadratischer Rundbau, d.h. die Grundfl\u00e4che ist quadratisch, aber in das Quadrat ist ein Rundbau mit einer Kuppel eingef\u00fcgt. Es wirkt wie ein Zitat des Pantheons. Alles ist aus Holz, aber nichts sieht so aus, als w\u00e4re es aus Holz, am wenigsten die S\u00e4ulen. Die S\u00e4ulen scheinen Sch\u00e4fte zu haben, aber das ist eine optische T\u00e4uschung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt nur ganz wenige christliche Symbole. Hier kann jeder begraben werden. Der Friedhof und das Gel\u00e4nde geh\u00f6ren der Stadt Stockholm, nicht der schwedischen Kirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die andere Kapelle ist etwa 20 Jahre j\u00fcnger und viel gr\u00f6\u00dfer. Man betritt sie durch ein enges Tor und verl\u00e4sst sie durch ein weites Tor. Symbole des Todes sind hier kaum vertreten, eher Motive, die einen Zyklus andeuten wie ein Wandgem\u00e4lde mit den vier Jahreszeiten. Besonderen Wert legten die Architekten auf die Gestaltung des Bodens, bei Trauerfeiern oft Ziel der Blicke. Die grauen Steinplatten scheinen F\u00e4den zu haben, und an einigen Stellen sind regelrechte Teppiche in den Stein eingewirkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kapelle ist Teil des beherrschenden Baukomplexes des Friedhofs, der au\u00dferdem das Krematorium und eine S\u00e4ulenhalle umfasst, alles eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Architekten. Es kam im Laufe der Entstehung des Baus zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Stockholm und Lewerentz, einem eigenwilligen Mann, einem Perfektionisten, einem Architekten mit sehr \u201eradikalen\u201c Konzepten und mit st\u00e4ndiger Pr\u00e4senz auf der Baustelle, um die minuti\u00f6se Ausf\u00fchrung der Pl\u00e4ne zu \u00fcberwachen. Die Stadt Stockholm stellte schlie\u00dflich Asplund, der sowohl von seiner Pers\u00f6nlichkeit her als auch als Architekt eine \u201eweichere\u201c Alternative war, vor die Wahl: entweder alleine weiter machen oder hinschmei\u00dfen. Er entschied sich f\u00fcrs Weitermachen und damit f\u00fcr die Beendigung der Zusammenarbeit und der Freundschaft mit Lewerentz, der Stockholm verlie\u00df und andere Projekte verfolgte. Es kam nicht mehr zur Auss\u00f6hnung der beiden.<\/p>\n<p>Asplund starb 1940 und wurde hier begraben. Er war einer der ersten, die hier kremiert wurden. Die Kremation war in Schweden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Heute hat Stockholm eine Rate von 94%, Schweden insgesamt eine von 50%.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sehen wir noch ein Gr\u00e4berfeld, eines von vielen: Es gibt insgesamt 95.000 Grabst\u00e4tten hier. Es gibt \u2013 und das unterscheidet den Friedhof von den anderen Friedh\u00f6fen Stockholms \u2013 keine Unterschiede, d.h. man kann sich nicht mit mehr Geld ein gr\u00f6\u00dferes oder pr\u00e4chtigeres Grab besorgen. Die Gr\u00e4ber haben eine einfache Steinplatte und ein kleines Feld f\u00fcr Bepflanzungen, nicht gr\u00f6\u00dfer als die Steinplatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach langen und kontroversen Diskussionen wurde dann doch eine Ausnahme gemacht. Ein Grab, auf einer kleinen Anh\u00f6he gelegen, ist gr\u00f6\u00dfer und von den anderen abgesondert. Hier liegt Greta Garbo begraben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckkehr sehe ich in der Metro eine junge Frau vor der Rolltreppe stehen. Sie hebt den Fu\u00df und dann senkt sie ihn wieder. Erst glaube ich, es w\u00e4re eine Art Spiel, aber dann merke ich, dass sie behindert und ihr die Rolltreppe einfach zu schnell ist. Sie muss den richtigen Moment abpassen, den Fu\u00df aufzusetzen. Ich wei\u00df nicht, was ich tun soll, und tue genau das Falsche. Ich frage, ob ich helfen kann, gehe aber selber auf die Rolltreppe und kann dann gar nicht mehr helfen. Sie sagt aber freundlich nein, entscheidet sich dann und steht sicher auf der Rolltreppe. Sie geht dann sogar an mir vorbei und bedankt sich. Oben stehen ihre Freunde und warten auf sie. Ob die nicht bemerkt haben, was mit ihr los war? Sie waren vermutlich ins Gespr\u00e4ch vertieft. Oben angekommen, reagiert die Frau auf die fragenden Gesichter, indem sie vormacht, was schief gegangen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich in den Bus einsteige, muss ich feststellen, dass meine Fahrkarte ung\u00fcltig ist. Sie ist abgelaufen. Gl\u00fccklicherweise gibt es gleich an der Haltestelle einen Fahrkartenautomaten. Der war mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen. Ein hervorragender Service. Ob es den an allen Haltestellen gibt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt, wo ich im <em>Skogskyrkog\u00e5rden<\/em> gewesen bin, achte ich zum ersten Mal auf das Geb\u00e4ude der Stadtbibliothek, auch von Gunnar Asplund. Das Geb\u00e4ude gilt als sein bekanntestes, und jetzt kommt es mir mit seiner zylindrischen hohen Halle \u2013 urspr\u00fcnglich wollte Asplund eine Kuppel &#8211; auch irgendwie bekannt vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute beginnt der Einzelunterricht. Die Lehrerin hei\u00dft Maria, ist \u00a0Kunstkonservatorin gewesen und jetzt Religions- und Schwedischlehrerin. Sie ist gut vorbereitet, bietet Alternativen an, korrigiert und gibt Hausaufgaben. Eine andere Welt. Nach zwei Stunden bin ich m\u00fcde und zufrieden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maria kann mir auch gleich die Statue vor dem Theater erkl\u00e4ren. Sie stellt keinen Schauspieler und erst recht keinen Vagabunden dar, sondern Margareta Krook, eine Charakterschauspielerin. Am Abend fahre ich gleich noch mal hin und muss mir selbst einen Knick in der Optik attestieren. Nat\u00fcrlich ist es eine Frau. Und dass es einen Bezug zum Theater gibt, sollte durch den Standort klar genug sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht geht es mit der U-Bahn zum Reichstag. Unterwegs merke ich, dass ich mal wieder einen Kamm verloren habe. Als ich aussteige, ruft jemand hinter mir <em>\u00dcrs\u00e4kta!<\/em> Ich drehe mich um und sehe ein ganz kleines M\u00e4dchen hinter mir. Sie hat meinen Kamm in der Hand und reicht ihn mir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Reichstagsgeb\u00e4ude ist gro\u00df, riesengro\u00df, und ich finde den Eingang nicht. Der Haupteingang ist geschlossen, und es gibt auch niemanden, den man fragen k\u00f6nnte. Ich gehe einmal um das Geb\u00e4ude herum, ohne Resultat. Dabei bin ich sicher, dass um 12 Uhr eine F\u00fchrung stattfindet. Ich versuche es an ein paar anderen Stellen. Nichts. Dann f\u00e4llt mein Blick auf eine Polizistin. Die zeigt mir sofort den Eingang: im gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4ude. Das hat seinen Grund. Der Reichstag lag urspr\u00fcnglich auf Riddarholmen. Als das Geb\u00e4ude dort zu klein wurde, zog man hierher um. Als dann auch dieses Geb\u00e4ude zu klein wurde, kaufte man das gegen\u00fcberliegende Geb\u00e4ude, das der Reichsbank, ein Geb\u00e4ude mit einem charakteristischen Halbkreis, hinzu. Jetzt befindet sich der Reichstag also in zwei Geb\u00e4uden. Ich war um das falsche herumgelaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Eintritt ist umsonst. Das ist neu. Und man wird auf gef\u00e4hrliche Gegenst\u00e4nde durchsucht. Auch das ist neu. Bisher bin ich in alle Museen und auch in die Stadtbibliothek mit Rucksack hineingekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind eine sehr internationale Gruppe und werden von einem Mann gef\u00fchrt, der ein bisschen zu selbstbewusst ist. Mit dem Aufzug geht es nach oben, wo wir, auf der Fl\u00e4che vor dem Eingang zum Plenarsaal, einen wunderbaren Blick auf Stockholm und auf die gegen\u00fcberliegenden Regierungsgeb\u00e4ude haben, darunter das Au\u00dfenministerium, das Kabinettsgeb\u00e4ude und den Sitz des Premierministers. Die Chinesinnen, w\u00e4hrend der gesamten F\u00fchrung schweigsam, rufend bewundernd \u201eOh, oh\u201c, als das Wort <em>Premierminister<\/em> f\u00e4llt. Es kann kaum eine Kultur auf der Welt geben, f\u00fcr die der Kommunismus so ungeeignet ist wie f\u00fcr China.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in den Plenarsaal. Er ist halbkreisf\u00f6rmig, wie bei uns, aber die Sitze sind nicht nach Parteizugeh\u00f6rigkeit zugeteilt, sondern nach Wahlkreis. Parallele und Unterschied gleichzeitig zwischen Deutschland und Schweden, nicht das einzige Mal, das mir das auff\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier wird alle vier Jahre gew\u00e4hlt, aber an einem festen Datum \u2013 dem dritten Sonntag im September \u2013 und zwar alles in einem Abwasch: Bund, Land (vor allem f\u00fcr Gesundheit, Erziehung und Verkehr zust\u00e4ndig) und Kommune. Danach hat man vier Jahre Ruhe. Das hat Vorteile: Berechenbarkeit und Politik ohne R\u00fccksicht auf bevorstehende Wahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wahlbeteiligung liegt bei 84%. Der Norden w\u00e4hlt eher links, der S\u00fcden eher rechts, die gro\u00dfen st\u00e4dtischen Ballungsr\u00e4ume eher Mitte-Rechts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt 349 Sitze. Der Plenarsaal wirkt deutlich \u00fcbersichtlicher als bei uns, trotz des nicht allzu gro\u00dfen Unterschieds. Gegenw\u00e4rtig sind 8 Parteien vertreten. Fast die H\u00e4lfte der Abgeordneten sind Frauen. Das wird hier zu Recht gew\u00fcrdigt. Das repr\u00e4sentiere die Bev\u00f6lkerung. Berufe, die oft vertreten sind, sind Lehrer, Krankenschwester und Journalist. Hier wird die Frage der Repr\u00e4sentativit\u00e4t nicht angesprochen. Und von Zuwanderern ist erst gar nicht die Rede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Moment gibt es eine Minderheitsregierung, und das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Abstimmungen fallen dennoch deutlich aus. Wir sehen auf der elektronischen Tafel das Ergebnis der letzten Abstimmung, ungef\u00e4hr 270:20. Das Prinzip, das hier sehr hoch gehalten wird, ist das der Konsensdemokratie. Man spricht so lange, bis man eine vern\u00fcnftige und einigerma\u00dfen einvernehmliche L\u00f6sung gefunden hat. So hei\u00dft es jedenfalls.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Abstimmungen sind \u00f6ffentlich, und man kann an der Abstimmungstafel genau nachverfolgen, wer wie abgestimmt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir werden dann weiter durch das Geb\u00e4ude gef\u00fchrt, das im Gegensatz zu dem Plenarsaal einen schlossartigen Charakter hat, mit Marmortreppen und hohen, \u00fcberkuppelten R\u00e4umen (wie dem Sitzungssaal der Konservativen, den wir besichtigen). Wir kommen zum Haupteingang. Der ist in der Regel geschlossen und wird meist nur f\u00fcr die Parlamentser\u00f6ffnung durch den K\u00f6nig im September ge\u00f6ffnet. Es ist das einzige Mal, dass der K\u00f6nig das Parlament betritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Gang f\u00fchrt auch zum ehemaligen Saal der 2. Kammer, die 1971 abgeschafft wurde. Irgendwer fragt nach den Gr\u00fcnden, aber unser F\u00fchrer tut das als etwas belanglose Frage ab. So sei das eben. Die Dinge \u00e4nderten sich eben. Es gebe ja auch kein Vierst\u00e4ndeparlament mehr wie fr\u00fcher. Dann merkt er selbst, dass das keine befriedigende Antwort ist und sagt, es sei geschehen, um mehr Demokratie zu haben. Das ist nat\u00fcrlich auch keine befriedigende Antwort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende sehen wir noch einen Ausschussraum mit Holzpaneele und einer alten Bibliothek. In den meisten F\u00e4llen k\u00e4me man auch hier zu einer einstimmigen L\u00f6sung. Das ist allerdings auch in Deutschland so, aber das geht im Theaterdonner, die die deutsche Politik produziert, meist unter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie fast alle hier, spricht der F\u00fchrer sehr gutes Englisch. Vor allem kann man auch einen Busfahrer oder eine Verk\u00e4uferin an der Kasse im Supermarkt fragen, man bekommt immer eine Antwort. Erst im Laufe der n\u00e4chsten Tage, da ich immer wieder schwedisches Englisch h\u00f6re, merke ich nach und nach, welche Abweichungen immer wieder auftreten. Einige davon sind spezifisch schwedisch, andere k\u00f6nnten genauso gut deutsch sein k\u00f6nnten: *<em>people knows,* we have this since 1970, *how it looks like, *if you would see this, *the today\u2019s palace<\/em>. Auch <em>Sweden<\/em> klingt sehr schwedisch, so wie <em>Germany<\/em> sehr deutsch klingt, wenn Deutsche es sagen. Das Merkmal per excellence ist aber das stimmlose \/s\/. Das steht sowohl f\u00fcr das stimmlose als auch f\u00fcr das stimmhafte. Es wird nicht unterschieden, ebenso wenig wie im Schwedischen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Parlament gehe ich zur Touristeninformation und versuche, durch meine Lehrerin angestachelt, endlich mal auf Schwedisch zu fragen. Es klappt, indem ich von vornherein ank\u00fcndige, dass ich es nicht spreche. Mir wird empfohlen, f\u00fcr die Fahrt in die Sch\u00e4ren eine ganz normale F\u00e4hre zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anschluss versuche ich es auch im Konserthus auf Schwedisch. Resultat: Ich werde gefragt, ob ich Holl\u00e4nder sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann stelle ich verbl\u00fcfft fest, dass die F\u00fchrung hier auch auf Schwedisch ist. Mir ist etwas mulmig, aber ich will keinesfalls Aufsehen erregen. Ich kann mich aber nicht in der Masse verstecken, denn au\u00dfer mir nimmt nur noch eine finnische Frau teil, die sehr gut Schwedisch spricht. Es geht los, und ich bin v\u00f6llig \u00fcberrascht, als ich merke, dass es geht. Nicht gut, aber es geht. Das verdankt sich vor allem der glasklaren Aussprache der F\u00fchrerin. Au\u00dferdem sagt sie lauter offensichtliche Dinge, im wahrsten Sinne des Wortes. Man kann sehen, was sie sagt. Das war im Strindberg-Museum ganz anders. Leider geht man nach der H\u00e4lfte der F\u00fchrung aus falsch verstandener R\u00fccksichtnahme auf Englisch \u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man macht es sich kaum klar: Das <em>Konserthus<\/em> ist gerade mal ein paar Jahrzehnte j\u00fcnger als <em>Operan<\/em> oder <em>Dramaten<\/em>. Aber es wirkt wie aus einer anderen Welt. <em>Operan<\/em> und <em>Dramaten<\/em> k\u00f6nnten, wenn man nicht zu genau hinsieht, auch 200 Jahre \u00e4lter sein als sie sind, aber das Konserthus ist definitiv 20. Jahrhundert. Erst vor diesem Hintergrund sieht man, wie modern es gewirkt haben muss. Man wollte alles Hergebrachte hinter sich lassen. Das reicht eigentlich schon als Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass das Geb\u00e4ude blau ist, nicht gerade eine typische Farbe f\u00fcr H\u00e4user, noch weniger f\u00fcr Konzerth\u00e4user, am allerwenigsten der bizarre Blauton, den man hier gew\u00e4hlt hat, weder richtig himmelblau noch stahlblau noch violett, aber irgendeine Mischung daraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stimmung nach dem 1. Weltkrieg war demokratiefreundlich. Das sollte sich auch in der Architektur niederschlagen, die Anlehnungen an die attische Demokratie machte, also klassische griechische Motive aufgriff. Ob die Vorstellung von Demokratie in Athen tats\u00e4chlich berechtigt ist, spielt keine Rolle. Der Eingang hat klassische S\u00e4ulen, im Deckengem\u00e4lde des Eingangs erscheinen Zentauren, und die Lampen sehen aus wie griechische \u00d6llampen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu dem demokratischen Gestus geh\u00f6rt auch, dass die Au\u00dfentreppe, die flach aufsteigt und nicht sehr lang ist, zum Platz geh\u00f6ren soll, nicht nur zum Konzerthaus. Erstaunlicherweise ist das gelungen. Anders als bei anderen Kultureinrichtungen sitzt man hier auf den Treppen, ruht aus und sieht dem Leben auf dem Marktplatz zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu passen auch die Instrumente, die in der Eingangshalle stehen und zur allgemeinen Benutzung freigegeben sind. In bestimmten Intervallen gibt es andere Instrumente. Im Moment gibt es Xylophone. Und tats\u00e4chlich, als ich sp\u00e4ter hinausgehe, spielen hier vier Jungen absolut mitrei\u00dfende, schnelle Musik, zwei von ihnen mit verbundenen Augen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klassische Motiv wird an der zentralen Stelle am Aufgang zum Konzertsaal wieder aufgenommen. Hier erscheint Pan mit seiner Fl\u00f6te. Der Legende zufolge verfolgte Pan die Nymphe Syrinx, die sich vor ihm rettete, indem sie sich in ein Schilfrohr verwandelte. Pan umarmte sie, und in dem Moment kam Wind auf und brachte klagende T\u00f6ne hervor. Pan wollte die Kl\u00e4nge nicht verlieren und brach das Rohr in sieben Teile, eines k\u00fcrzer als das andere, und band sie zusammen. So kam es zu der Panfl\u00f6te. Pan ist hier ganz menschlich dargestellt, eher melancholisch, und ohne Pferdefu\u00df. Es geht um die Musik und nicht um seine sonstigen Exzesse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen in den Saal, einen sch\u00f6nen, modernen Saal mit roter Bestuhlung. Der Saal entspricht allerdings nicht mehr den urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4nen, denn es musste immer wieder umgebaut werden, weil die Akustik so schlecht war. Die Sitze bekamen h\u00f6lzerne Hinterteile, die W\u00e4nde wurden mit Paneele verkleidet, die Decke wurde schwarz, die Decke \u00fcber den Logen mit ihren Verzierungen musste von einer japanischen Firma aufw\u00e4ndig ge\u00f6ffnet, isoliert und wieder verschlossen werden, um das Echo zu reduzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Besonderheit der B\u00fchne besteht aber nach wie vor: Einzelne Teile der B\u00fchne k\u00f6nnen mittels einer hydraulischen Vorrichtung nach oben gefahren werden, um bestimmte Instrumente besonders zur Geltung kommen zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier, im <em>Konserthuset<\/em>, findet die Verleihung der Nobelpreise statt. In der Mitte der B\u00fchne befindet sich ein gro\u00dfes N in einem Kreis, das genau den Ort bezeichnet, an dem der Preistr\u00e4ger auf den K\u00f6nig trifft. Er bekommt Medaille und Urkunde und muss sich dann in festgelegter Reihenfolge in drei Richtungen verneigen, f\u00fcr einige Preistr\u00e4ger eine gro\u00dfe Herausforderung angesichts der Nervosit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die B\u00fchne wird zur Probe vorbereitet, und wir m\u00fcssen den Saal fluchtartig verlassen, denn der finnische Dirigent duldet keine St\u00f6rungen. Beim Hinuntergehen erf\u00e4hrt man noch, dass hier nicht nur Klassik, sondern auch Jazz und Rock gespielt wird, wobei der Saal mit seinen festen Sitzen eher etwas f\u00fcr Rock f\u00fcr Senioren ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause komme ich in der U-Bahn an einem <em>Gottcenter<\/em> vorbei. Kein unterirdisches Gotteshaus, sondern ein S\u00fc\u00dfwarengesch\u00e4ft!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Unterricht erz\u00e4hle ich von dem, was ich gestern gesehen habe. Dabei muss ich die Erfahrung machen, dass ich nicht einmal zwischen <em>er<\/em> und <em>sie<\/em> unterscheiden kann, zwischen <em>han<\/em> und <em>hon<\/em>. Dabei gibt es eine Merkformel, die jeder Schwedischlerner kennt: <em>han<\/em> wie der <em>Hahn<\/em> und <em>hun<\/em> wie das <em>Huhn<\/em>. Nur: Im sprachlichen Nahkampf ist das so gut wie nutzlos, beim Sprechen wie beim H\u00f6ren: Man hat einfach keine Zeit, die Regel abzurufen und praktisch umzusetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daf\u00fcr lerne ich wieder etwas \u00fcber die Sprache, und zwar anhand des Wortes <em>sk\u00e4rg\u00e5rden<\/em>, der schwedischen Bezeichnung f\u00fcr den Sch\u00e4rengarten, der Inselwelt rund um Stockholm. Der erste Konsonant ist der schwedischste aller Konsonanten und der schwierigste f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Es ist, als wolle man alle Konsonanten von <em>Fl\u00e4che<\/em> gleichzeitig sprechen. Physiologisch unm\u00f6glich, aber davon lassen sich die Schweden nicht beeinflussen. F\u00fcr diesen Laut gibt es 9 verschiedene Schreibweisen, was die Sache nicht gerade leichter macht. In der Aussprache gibt es allerdings eine Alternative zu dem unm\u00f6glichen Laut: Man kann ihn auch einfach wie ein deutsches &lt;sch&gt; aussprechen, Diese Aussprache ist allerdings markiert, und zwar sowohl regional als auch sozial. Der Norden spricht so und die Oberklasse, die meisten Schweden aber nicht. Es gibt vermutlich Schweden, die immer den \u201eschwedischen\u201c Laut produzieren. Meine Lehrerin variiert. Das kann einmal daran liegen, dass sie von Geburt her ein Nordlicht ist, aber auch an den W\u00f6rtern: Sie spricht <em>schampoo<\/em> und <em>shoppa<\/em> mit dem \u201edeutschen\u201c, aber <em>sju<\/em>, \u201asieben\u2018 und <em>sjuk<\/em>, \u201akrank\u2018, genauso sie <em>skiva<\/em>, \u201aPlatte\u2018 mit dem \u201eschwedischen\u201c Laut aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das zu wissen nutzt alles nichts, wenn man das Wort selbst gar nicht identifiziert, und genau das passiert mir, als die Lehrerin von dem <em>Sch\u00e4rengarten<\/em> spricht. Wir finden aber im Nachhinein den Grund heraus. F\u00fcr mich ist das ein Wort mit drei Silben, und so w\u00fcrden es auch Schweden vermutlich aussprechen, wenn sie es isoliert und betont sprechen. Im Satzzusammenhang ist es aber so verk\u00fcrzt, dass es zu einem zweisilbigen Wort wird: von den sechs Buchstaben von <em>g\u00e5rden<\/em> sind drei stumm. Es h\u00f6rt sich wie englisch <em>gone<\/em> an. Das klingt f\u00fcr mich wie ein v\u00f6llig anderes Wort, und der gesamte Verst\u00e4ndnisprozess bricht zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo schon so viel von dem Sch\u00e4ren die Rede war, geht es nach dem Unterricht mit dem Schiff auf eine Sch\u00e4reninsel, nach Vaxholm. Dem Tipp der Touristeninformation folgend, nehme ich eine ganz normale F\u00e4hre. Die h\u00e4lt dann auch unterwegs ein paar Mal an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anfang macht die F\u00e4hre einen H\u00f6llenl\u00e4rm und rumpelt so vor sich hin, aber dann gleitet sie ganz ruhig \u00fcber das Wasser, so dass ich noch nicht einmal nerv\u00f6s werde, als der Kapit\u00e4n, der mit seinem wallenden Haar und seinem graumelierten Bart wie ein K\u00fcnstler aussieht, die Br\u00fccke verl\u00e4sst und das Schiff f\u00fchrungslos \u2013 so sieht es jedenfalls f\u00fcr mich aus \u2013 weiterf\u00e4hrt. Ein paar \u00e4ltere Damen haben sich die paar Pl\u00e4tze am Sonnendeck gesichert und strecken ihre Gesichter, wie alte Damen das so tun, mit geschlossenen Augen und zusammengekniffenen Lippen, der Sonne entgegen, so als ginge es um jeden Zentimeter und jede Minute. Die M\u00e4nner holen sich derweil ein Bier aus der winzigen Kantine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst bin ich etwas entt\u00e4uscht von der vielgepriesenen Sch\u00e4renlandschaft. Am Anfang hat man das Gef\u00fchl, einen breiten Fluss entlang zu fahren, dann geht es auf die See hinaus. Wir befinden uns in der Ostsee. Wir kommen an Dutzenden von Inseln vorbei, von ganz klein bis mittelgro\u00df. Die meisten sind bewohnt und bewaldet, und gerade das nimmt ihnen ihren Reiz. Die kahleren, wilderen Inseln findet man vermutlich eher in den \u00e4u\u00dferen Sch\u00e4ren, aber so weit geht der Ausflug nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach gut einer Stunde erreichen wir Vaxholm. Hier ist es voll, wenn auch nicht \u00fcberlaufen. Auf der Hauptstra\u00dfe, noch mehr aber, wenn man in den Ort hineingeht, findet man die typischen schwedischen Holzh\u00e4user. Alles sehr adrett und sehr nett, aber auch ein bisschen nichtssagend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich folge den Schildern zu einem Museum, aber die f\u00fchren nur zu dem Museumscaf\u00e9, das wunderbar in dem zweiten, kleineren Hafen gelegen ist, aber keine freien Pl\u00e4tze hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einer Nachbarinsel, die viel kleiner ist und nur einen Steinwurf entfernt liegt, befindet sich ein m\u00e4chtiges, graues Kastell. Das ist der Nachfolger des urspr\u00fcnglichen, von Gustav Vasa gebauten Kastells. Der hatte gemerkt, wie wichtig diese Stelle f\u00fcr die Verteidigung Stockholms war. Er beschaffte sich ein paar Inseln, verband sie mit Ketten und baute das Kastell. Das lohnte sich, auch f\u00fcr die Insel, denn das Kastell musste mit G\u00fctern versorgt werden, und es entstanden ganze Wirtschaftszeige. Noch heute kennt man in Schweden den <em>vaxholmstr\u00f6mming<\/em>, einen Fisch, der die Grundlage der Nahrungsversorgung der Bewohner des Kastells wurde, und das <em>vaxholmb\u00e5t<\/em>, das typische Sch\u00e4renboot. Es lohnte sich auch f\u00fcr Stockholm, wenn auch viel sp\u00e4ter, zu Zeiten des Vasa-K\u00f6nigs. Als Russland die Sch\u00e4ren unsicher machte und praktisch alle Sch\u00e4reninseln in Brand steckte, konnte wegen der Verteidigungsanlagen ein \u00dcbergriff auf Stockholm verhindert werden. Das heutige Kastell wurde nach dem Verlust Finnlands an Russland gebaut. Es stellte sich aber schon als veraltet heraus, als es gerade fertig war, und man benutzte es dann als Veraltungszentrum des Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr nach Stockholm finde ich dann tats\u00e4chlich eine richtige Buchhandlung. Es ist eine Filiale von <em>Akademibokhandeln<\/em>. Hier verdient die Kette ihren Namen. Erstaunlicherweise sind B\u00fccher in Schweden gar nicht so teuer, jedenfalls g\u00e4ngige B\u00fccher. Bei den Fachb\u00fcchern sieht es da schon anders aus. Dennoch nehme ich ein Buch zur Geschichte der Sprache mit. Nicht genau das, was ich gesucht habe, aber bezahlbar und interessant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Heute findet der Unterricht ausw\u00e4rts statt. Die Lehrerin will mich nach Drottningholm fahren. Sie wohnt in Bromma, einem der vornehmeren Bezirke Stockholm, in k\u00f6niglicher N\u00e4he.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich fahre ein ganzes St\u00fcck mit der U-Bahn, aus dem Zentrum raus. An der U-Bahn-Station wartet sie mit dem Auto auf mich, einem Mercedes der A-Klasse, einem, wie sie findet, passendem Auto f\u00fcr sie mit zwei S\u00f6hnen und zwei Hunden. Sie entschuldigt sich, dass das Auto nicht sauber sei. Sie wasche sonst gerne ihr Auto. Das habe eine therapeutische Wirkung. Ist was dran.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sprachlich ist der Unterricht au\u00dferhalb des Klassenraums eine Herausforderung. Man verl\u00e4sst den vertrauten Rahmen, und prompt klappt gar nichts mehr. Man ist auf diese normalen Gespr\u00e4chssituationen nicht eingestellt. Ich verstehe eine Bemerkung nicht, finde nicht heraus, warum, und finde nicht die richtige Strategie, um das herauszufinden. Immer wieder wiederholt sie die Teile der Bemerkung, die ich verstanden habe, so deutlich, dass es fast peinlich ist. Am Ende stellt sich heraus, dass ich <em>att se<\/em>, \u201aum zu sehen\u2018, nicht verstanden und auch nicht als zwei W\u00f6rter identifiziert habe. Ich hatte irgendetwas von Zentrum verstanden, und die ganze \u00c4u\u00dferung machte keinen Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir vom Parkplatz Richtung Schloss gehen, wird es noch schlimmer. Sie macht alle m\u00f6glichen Bemerkungen \u00fcber das Schloss und die Arbeit, die sie hier als Restauratorin gemacht hat, auf die ich nicht zu reagieren wei\u00df, au\u00dfer mit einem lahmen \u201eJa?\u201c. Und wenn ich mal kaschieren will, dass ich etwas nicht verstanden habe, sieht sie mir das an der Nasenspitze an. Zu allem \u00dcbel ist sind dann auch noch die Hausaufgaben, die ich gemacht habe, voller Fehler. Sprachenlernen erfordert auch das, was meine ehemaligen Soziologie-Kolleginnen \u201eFrustrationstoleranz\u201c nannten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich entscheide mich, nicht mit ihr zur\u00fcckzufahren und mich noch ein bisschen umzusehen. Zuerst gehe ich durch den riesigen Schlosspark. Hier hat alles seine Ordnung. Die schnurgeraden Wege laufen genau parallel zueinander, getrennt von ebenso geraden Baumreihen, die Vasen und Skulpturen auf der Mauer wechseln sich in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen ab, die Buchsb\u00e4ume sind beschnitten und bilden geometrische Formen, die Hecken haben die Formen von K\u00e4sten, die Beete sind rechteckig und haben Skulpturen genau an den Schnittstellen, der Brunnen ist kreisrund, das Gel\u00e4nde ist eben. Hier regiert die Form, hier regiert das Ma\u00df, hier regiert der Barock, hier will der Mensch zeigen, dass er sich die Natur untergeordnet hat, nicht umgekehrt. Der Architekt des Schlossparks, Tessin, war in Frankreich gewesen. Das merkt man.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In gewissem Kontrast dazu stehen die Skulpturen, das Werk von Adrian de Vries, die ganz bewegt sind, auch das ganz und gar barock. Hier windet und streckt und spannt und reckt sich alles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf Tafeln wird die Entstehung des Schlossparks erkl\u00e4rt. Man macht sich heute kaum ein Bild davon, wie aufw\u00e4ndig sie gewesen sein muss. Allein die Begradigung des Terrains war eine Mammutaufgabe. Es war eine Arbeit f\u00fcr mehr als eine Generation, und so musste Tessin sie dann an seinen Sohn weitergeben, der sie vollendete. Allein das Anpflanzen der Linden war eine gewaltige Aufgabe. Sie wurden aus Holland importiert. Es gab und gibt allerhand Probleme mit ihnen, wie einige charaktervolle Exemplare belegen, die ausgeh\u00f6hlte Baumst\u00e4mme oder Ausw\u00fcchse an den Baumst\u00e4mmen haben und andere, die einfach ganz nackt, ohne \u00c4ste und Bl\u00e4tter, dastehen. Es werden jetzt ganze Reihen neuer Linden angepflanzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Perfekte Symmetrie weist auch das Schloss auf, zumindest die Fassade. Das machen besonders ein paar blinde Fenster deutlich, deren einzige Aufgabe ist, dem Auge auch da Symmetrie vorzuspielen, wo sie nicht vorhanden ist. Die Fassade ist wie eine etwas weniger glanzvolle Version von Versaille. Das ist ganz Vorbild.\u00a0 Was auch f\u00fcr die Lage au\u00dferhalb des Zentrums gilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Innenausstattung ist, wie man h\u00f6rt, Rokoko, ebenso wie ein zus\u00e4tzliches, kleineres Lustschloss, das sich weiter hinten im Schlosspark versteckt. Es entstand in der Zeit, als China in Europa ganz gro\u00df in Mode war, der \u201eChinaraserei\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich begn\u00fcge mich damit, durch die T\u00fcr hineinzusehen. Man sieht in einen Saal mit gedeckter Tafel. Das Schloss hei\u00dft <em>Confidence<\/em>, und das hat seinen Grund. Hierher konnte sich der K\u00f6nig mit seiner M\u00e4tresse zur\u00fcckziehen und \u201evertraulich\u201c sprechen.\u00a0 Damit das nicht ohne den gewohnten Service der Diener ablaufen musste, erfand man folgendes Instrumentarium: Der gesamte Tisch konnte mittels einer hydraulischen B\u00fchne nach unten gefahren werden. Dort wartete die Dienerschaft und stellte alles bereit, um dann den Tisch wieder hochzufahren in den Saal, in dem der K\u00f6nig in sch\u00f6nster Zweisamkeit mit seiner Geliebten dinieren konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Namen <em>Drottningholm<\/em>, \u201aK\u00f6nigininsel\u2018, hat sich das Schloss im Laufe seiner Geschichte gleich mehrfach verdient. Lange bevor das jetzige Schloss entstand, baute ein schwedischer K\u00f6nig hier f\u00fcr seine polnische Ehefrau ein Schloss. Das brannte 1661 ab. Schon ein Jahr sp\u00e4ter begann man mit dem Neubau, auf dem H\u00f6hepunkt der schwedischen Macht, und zwar zur Zeit der Regentschaft einer K\u00f6nigin, Hedwig Eleonora, f\u00fcr ihren minderj\u00e4hrigen Sohn. Unter ihrer \u00c4gide entstand das Schloss. Das bekam dann sp\u00e4ter K\u00f6nigin Lovisa Ulrika als Hochzeitsgeschenk. Als Kleinigkeit bekam sie dann sp\u00e4ter auch noch das Chinaschloss zum Geburtstag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich tue mich schwer mit der Entscheidung, was ich mir ansehen soll, entscheide mich am Ende f\u00fcr das Theater. Eine gute Entscheidung. Als ich auf die F\u00fchrung warte, sehe ich mir die beiden kleineren Bauten an, die das Theater flankieren. Sie sehen fast identisch aus, aber die Inschriften verraten, dass eins aus Holz ist, das andere aus Stein. Der Grund daf\u00fcr ist, dass das steinerne Haus aus der Staatskasse bezahlt wurde, das Holzhaus aus der Privatschatulle des K\u00f6nigs, und da musste man sparsam sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in das Theater. Als ersten Raum betreten wir ein Schlafzimmer. Was hat ein Schlafzimmer in einem Theater zu suchen? Ganz einfach: Hier wohnte jemand. Dies war das Schlafzimmer des Theaterleiters, des Intendanten, modern gesprochen. Wie er lebten noch zwei Dutzend weitere Theaterleute, Schauspieler und Musiker, in dem Geb\u00e4ude. Der Raum ist klein und enth\u00e4lt als einziges M\u00f6belst\u00fcck ein Himmelbett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber eine Treppe und einen Gang Richtung Theatersaal. Hier ist alles etwas vergammelt: Kratzer an den T\u00fcren, Farben, die abbl\u00e4ttern, nicht entfernte Haken und N\u00e4gel. Das hat etwas Authentisches.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann betreten wir den Theatersaal. Wunderbar! Man f\u00fchlt sich sofort ein paar Jahrhunderte zur\u00fcck versetzt. Man hat tats\u00e4chlich versucht, alles so zu belassen, wie es war, mit ein paar Ausnahmen. Statt Kerzenlicht gibt es jetzt elektrisches Licht, aber sie sehen Kerzen t\u00e4uschend \u00e4hnlich und flackern sogar! Die Kerzen wurden w\u00e4hrend der Vorstellung nicht gel\u00f6scht. Man sa\u00df im Halbdunkel, so wie wir jetzt auch, und wie man es auch heute noch bei Vorstellungen tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zuschauerraum ist nicht breit, aber lang, und statt auf St\u00fchlen sitzt man auf B\u00e4nken, langsam nach oben ansteigend, mit Platz f\u00fcr gesch\u00e4tzte 300 Zuschauer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der T\u00fcr, durch die wir hineingekommen sind, befindet sich eine weitere, identische T\u00fcr. Oder auch nicht. Sie ist nur gemalt. Einen kleinen Unterschied zu der Eingangst\u00fcr gibt es aber doch: Statt eines T\u00fcrgriffs hat sie nur ein Schl\u00fcsselloch. Diese \u00c4nderung musste man vornehmen, nachdem immer wieder Zuschauer durch diese T\u00fcr hinaus wollten und nach dem nicht vorhandenen Griff suchten. Das Theater selbst ist auch Theater. Das gilt auch f\u00fcr die barock geschwungenen St\u00fctzen der Logen. Sie sind aus Pappmach\u00e9, also innen hohl, und haben keinerlei Funktion \u2013 au\u00dfer vorzugeben, dass sie eine haben. Auch Gold und Marmor sind nicht Gold und Marmor. Alles Imitation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das jetzige B\u00fchnenbild zeigt eine Stadt. Das B\u00fchnenbild kann innerhalb von 9 Sekunden vor den Augen der Zuschauer umgebaut werden, ohne dass jemand auf der B\u00fchne erscheint. Wie das geht, kann man sich sp\u00e4ter in einem Film ansehen. Die hohen W\u00e4nde, die die Szenerie darstellen, befinden sich auf Schienen und k\u00f6nnen vor- und zur\u00fcckgefahren werden, und zwar mechanisch, mit Hilfe von Winden und Kurbeln, genauso wie zu fr\u00fcheren Zeiten. Es sind mehr als 20 B\u00fchnenarbeiter daf\u00fcr n\u00f6tig, die Muskelkraft mitbringen und gut zusammenarbeiten m\u00fcssen. Vor allem, wenn es darum geht, jemanden durch eine Fallt\u00fcr auf die B\u00fchne zu bringen oder in Windeseile verschwinden zu lassen, ist perfekte Synchronisation erforderlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann werden wir Zeuge davon, wie Donner und Wind entstehen. Zwei Besucher d\u00fcrfen es hinter der B\u00fchne machen. Es klingt erstaunlich echt. Der Wind wird erzeugt, indem eine mit Stoff bespannte Trommel bewegt wird, und je schneller sie bewegt wird, umso st\u00e4rker ist der Wind. F\u00fcr den Donner wird eine l\u00e4ngliche, mit Steinen gef\u00fcllte Kiste, wie eine Wippe hin und her bewegt, und das Rasseln der Steine erzeugt den Donner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sehen wir noch das Foyer, einen Anbau. Dort wurden G\u00e4ste bewirtet, und heute ist es der Fr\u00fchst\u00fccksraum f\u00fcr die Theaterleute. Die Tapeten sind mit N\u00e4geln an den W\u00e4nden befestigt. Man nahm sie mit von Schloss zu Schloss, wie \u00fcberhaupt die gesamte Einrichtung. Was muss das f\u00fcr ein Aufwand gewesen sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier im Foyer h\u00e4ngt auch ein Gem\u00e4lde, mit dem es seine Bewandtnis hat. Es f\u00fchrte n\u00e4mlich zur Wiederentdeckung des fast in Vergessenheit geratenen Theaters. F\u00fcr die Erbauer war das Theater nicht etwa nur ein Vorzeigest\u00fcck, sondern echte Liebhaberei gewesen. Lovisa Ulrika und ihr Mann, Adolf Friederich, waren Theaternarren. Sie kamen mehrere Male pro Woche ins Theater, und zwar nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Schauspieler. Von ihnen erbte ihr Sohn, der Theaterk\u00f6nig, Gustav III., seine Theaterliebe. Nach dessen Tod wurde das Theater dann kaum noch benutzt und geriet mehr oder weniger in Vergessenheit. Bis eines Tages ein junger Historiker hierherkam, der \u00fcber einen schwedischen K\u00f6nig forschte und von dem Bild, das er f\u00fcr seine Forschungen gebrauchen konnte, geh\u00f6rt hatte. Er fand das Bild und entdeckte das Theater. Davon hatte er noch nie etwas geh\u00f6rt. Das l\u00f6ste eine Bewegung aus, die zur Wiederer\u00f6ffnung des Theaters f\u00fchrte, diesmal f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Jetzt gibt es jedes Jahr ein Sommerprogramm, mit St\u00fccken, vor allem aber Opern, aus der Zeit der Entstehung des Theaters, dieses Jahr <em>Don Giovanni<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wegen des guten Wetters lasse ich das Schloss Schloss sein und mache mich auf den Weg zur\u00fcck, mit dem Schiff. Eine teure Angelegenheit, aber es lohnt sich. Die langsame Fahrt \u00fcber den ruhigen M\u00e4laren bei traumhaftem Sonnenschein, vorbei an wei\u00dfen Booten und gr\u00fcnen Inseln, hat etwas Luxuri\u00f6ses. Der M\u00e4laren ist kein einheitlicher, \u201egeschlossener\u201c See, hier jedenfalls nicht, sondern eher eine Summe von Wasserfl\u00e4chen zwischen den verschiedenen Inseln. Drottningholm liegt auf Lov\u00f6n. Etwas weiter au\u00dferhalb liegt mit Birka die zweite Weltkulturst\u00e4tte ganz in der N\u00e4he.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Ablenkung w\u00e4hrend der Fahrt sorgt eine junge indische Familie mit ihrem wunderbaren Englisch und den ironischen, \u00fcbertrieben h\u00f6flichen Antworten der j\u00fcngeren, lebhaften Tochter auf die Zurechtweisungen der \u00e4lteren, ernsten Schwester. Englisch scheint die Muttersprache zu sein, obwohl sich irgendwann die Eltern im Fl\u00fcsterton und in einer indischen Sprache zu unterhalten scheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende der Fahrt \u2013 man kommt am Kai vor dem <em>Stadshuset<\/em> an &#8211; kann man aus ungew\u00f6hnlicher Perspektive Bilder von Stockholm machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Aussteigen habe ich wieder das r\u00e4tselhafte, moderne Geb\u00e4ude vor mir, und zwar direkt vor mir. Als ich darauf zu gehe, sieht es doch so aus, als geh\u00f6re es zum Bahnhof. Die Z\u00fcge fahren direkt darauf zu. Aber das t\u00e4uscht. Als ich auf das Geb\u00e4ude zulaufe, lande ich nicht im Bahnhof, sondern an einer Baustelle. Das Geb\u00e4ude ist einfach noch nicht fertig. Es wird, einer Inschrift zufolge, das neue Kongresszentrum werden. Das enorme Dach streckt sich einfach so weit nach au\u00dfen, dass es die Bahnhofshalle teils \u00fcberdacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach \u2013 im doppelten Sinne &#8211; Aufladen der Batterien im Hotel zieht es mich schon wieder zum Bahnhof. Ich will die Fahrkarte f\u00fcr den Zug zum Flughafen besorgen. Der Bahnhof ist ein komplexes Geb\u00e4ude, in dem man sich leicht verlaufen kann. Es gibt mindestens drei Ebenen, und je h\u00f6her man kommt, umso heller und moderner wird es. Meine Karte bekomme ich auf der h\u00f6chsten Ebene, die schon gar nicht mehr richtig zum Bahnhof geh\u00f6rt. Zu meiner \u00dcberraschung bezahle ich nur 130 Kronen, nicht einmal die H\u00e4lfte von dem, was ich auf der Hinfahrt bezahlt habe und was auch dem Preis entspricht, der im Reisef\u00fchrer genannt wird. Da wird man bei der Touristeninformation beim Eintreffen in Stockholm ganz sch\u00f6n \u00fcber den Tisch gezogen. Vielleicht war es sogar gar keine offizielle Touristeninformation, sondern ein Reiseb\u00fcro, das sich als solche ausgibt. Als ich dann nach Hause komme, merke ich, dass ich gar keine Karte f\u00fcr den Zug, sondern f\u00fcr den Bus gekauft habe \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann mache ich Stockholm zu Fu\u00df. Es ist ein Sommertag, wie er im Buche steht. Die Sonne setzt alles ins richtige Licht. Ich komme am <em>Sergels Torg<\/em> vorbei, am <em>H\u00f6torget<\/em>, am <em>Strandv\u00e4gen<\/em>, am Schloss und lande schlie\u00dflich, als es schon Abend, aber immer noch hell ist, in <em>Skeppsbron<\/em> und komme von dort aus wieder zum Hotel. Der <em>Sergels Torg<\/em>, sonst alles andere als sch\u00f6n, zeigt sich bei den Sonnenstrahlen, die sich im Wasser des Brunnens brechen, von seiner sch\u00f6nsten Seite. Am <em>H\u00f6torget<\/em> kontrastiert das Blau des <em>Konserthuset<\/em> mit dem Blau des Himmels. Am Schloss entdecke ich \u00fcber einem r\u00f6misch wirkenden Brunnen eine Inschrift, in der sich ein K\u00f6nig f\u00fcr seine Verdienste f\u00fcr den Aufbau des Schlosses feiern l\u00e4sst, mit einem alten Wort f\u00fcr <em>K\u00f6nig<\/em>. Nach <em>Skeppsholm<\/em> komme ich \u00fcber eine Holzbr\u00fccke und entdecke einen sch\u00f6nen, gediegenen Stadtteil, gepflegt, etwas abseits von Kommerz und Tourismus (und doch in unmittelbarer N\u00e4he), und auf dem Weg nach Hause mache ich endlich ein Photo von einem Pferd, dem ich in den letzten Tagen immer wieder \u00fcber den Weg laufe und das passenderweise in der <em>Stallgatan<\/em> steht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend habe ich nur noch Lust zum Fernsehen. Die schwedischen Dokumentarfilme \u00fcbernehmen, wenn ausl\u00e4ndische Experten gefragt werden, den Originalton und blenden Untertitel ein, auch wenn der Film selbst auf Schwedisch ist. Ein guter Kompromiss. Und die amerikanischen Seifenopern werden alle im Original mit Untertiteln gesendet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wild davon getr\u00e4umt, dass ich den Flug verpasst und meine Dokumente verloren habe und nicht wei\u00df, wo ich bin. Au\u00dferdem habe ich das Gef\u00fchl, bestohlen worden zu sein und werde bedr\u00e4ngt von anderen Ausl\u00e4ndern, die sich noch weniger auskennen. Und dann gerate ich auch noch in einen Aufzug, der nirgendwo h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Deutschen kann man sagen <em>Der Hund von der Nachbarin <\/em>oder <em>Der Hund der Nachbarin<\/em> oder <em>Der Nachbarin Hund<\/em>, mit zunehmender Formalit\u00e4t. Im Unterricht stellt sich heraus, dass ich diese M\u00f6glichkeiten auch im Schwedischen nach Lust nebeneinander verwende. Falsch. Das Schwedische kennt nur die letzte Form. Kein Wunder, dass ich mir einen abbreche, als ich von <em>Der Eigent\u00fcmerins Tochter<\/em> oder <em>Des Schlosses \u00e4ltester Teil<\/em> sprechen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Lehrerin zufolge k\u00f6nnen sich Schweden und Norweger besser untereinander verst\u00e4ndigen als mit D\u00e4nen. Beide werden von den D\u00e4nen aber besser verstanden als sie die D\u00e4nen verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erfahre auch noch etwas \u00fcber die Zeitungen: Sowohl <em>Aftonbladet<\/em> als auch <em>Expressen<\/em> sind Abendzeitungen und eher sensationalistisch. Dagegen sind die gediegeneren <em>Dagens<\/em> <em>Nyheter<\/em> und <em>Svenska Dagblad<\/em> Morgenzeitungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wichtiger ist mir aber noch eine Erkl\u00e4rung zu den Stadtteilen Stockholms. Da hat die Lehrerin eigens recherchiert, um meine Frage beantworten zu k\u00f6nnen. Es geht um <em>holm<\/em> und um <em>malm<\/em>, die beide in vielen Ortsbezeichnungen vorkommen. Das Wort <em>holm<\/em> bezeichnet eine kleine unbewohnte Insel, wie man sie im Sch\u00e4rengarten findet. Ehemals unbewohnte Inseln haben ihren alten Namen aber behalten: <em>Stadsholm<\/em>, <em>Riddarholm<\/em>, <em>Vaxholm<\/em>, <em>Kungsholm<\/em>. Aber was hat es mit <em>malm<\/em> auf sich? Zun\u00e4chst einmal hei\u00dft <em>malm<\/em> einfach \u201aErz\u2018. Dann wird es aber auch, wenn ich das richtig verstanden habe, f\u00fcr den Felsen angewandt, unter dem sich das Erz befand. Eine f\u00fcr Schweden also sehr passende Ortsbezeichnung. Und dann nennt sie einen Ort, der so offensichtlich in den Zusammenhang passt, dass ich h\u00e4tte selbst drauf kommen k\u00f6nnen: <em>Malm\u00f6<\/em>. In Stockholm gibt es \u00a0<em>Norrmalm<\/em>, <em>S\u00f6dermalm<\/em> und <em>\u00d6stermalm<\/em>. Aber nicht <em>V\u00e4stermalm<\/em>. Ich habe aber irgendwo gelesen, dass das der alte Name von <em>Kungsholmen<\/em> ist. Und da f\u00e4llt ihr ein, dass es tats\u00e4chlich ein Einkaufscenter gibt, das <em>V\u00e4stermalm Gallerian<\/em> hei\u00dft. Auf <em>Kungsholmen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht geht es ins Armeemuseum, schon deshalb, um mein Prinzip, statt in die Ferne zu schweifen das N\u00e4chstliegende anzusehen, nicht zu verraten. Das Armeemuseum ist nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt und war eine meiner ersten Entdeckungen vor jetzt fast zwei Wochen. Dabei mache ich eine interessante Entdeckung: Das noch n\u00e4her liegende Musikmuseum hei\u00dft <em>Musikmuseet<\/em>, das Armeemuseum aber <em>Arm\u00e9museum<\/em>, bestimmte gegen unbestimmte Form. Gerade heute ist die Lehrerin im Unterricht ins Schlingern geraten, als es darum ging, warum mein <em>museum<\/em> durch <em>museet<\/em> ersetzt werden muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Museum gibt es Troph\u00e4en und Uniformen zuhauf, aber ich sehe mir nur ein paar repr\u00e4sentative St\u00fccke der Milit\u00e4rgeschichte an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Eingangshalle gruppieren sich um eine Herde w\u00fcst k\u00e4mpfender Schimpansen Kriegsgem\u00e4lde von Brueghel und Goya und ein Schwarz-Wei\u00df-Photo von \u00fcbereinanderliegenden toten Soldaten aus dem 1. Weltkrieg sowie Statuen von Kriegsg\u00f6ttern, eines Kriegsgottes der Moche-Kultur im pr\u00e4kolumbianischen Peru, des germanischen Kriegsgottes Thor und der \u00e4gyptischen Kriegsg\u00f6ttin Sekhmet. Deren Kriegslust war so gro\u00df, dass es schlecht um die Menschheit bestellt war und Ra eine List anwenden und sie betrunken machen musste, um das Schlimmste zu verhindern. Thor war eher ein grober Raufbold, beliebt bei den Kriegern, mehr als die anderen, vornehmeren G\u00f6tter, und seine Kriegslust l\u00e4sst sich psychologisch erkl\u00e4ren, als Versuch, sich auf einem Gebiet ganz besonders hervorzutun und es den anderen zu zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazwischen h\u00e4ngen, fast unscheinbar, zwei lange Tafeln, auf denen in kleiner, fortlaufender Schrift die Kriege der Menschheitsgeschichte verzeichnet sind. Der Platz reicht nicht aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Krieger-Kaste, der man begegnet, sind die Wikinger. Es gibt Nachbildungen und echte Exponate, die zeigen, wie sie aussahen und warum sie so erfolgreich waren. Sie trugen einen kegelf\u00f6rmigen Helm, und zwar ohne H\u00f6rner! Das habe es, erf\u00e4hrt man, wenn \u00fcberhaupt, bei den Germanen gegeben, und zwar viel fr\u00fcher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Hochmittelalter gab es kaum Ritter im eigentlichen Sinn in Schweden. Die meisten Soldaten waren Bauern, die bei Bedarf unter milit\u00e4rischer F\u00fchrung zum Einsatz kamen, wie sp\u00e4ter bei uns die Landsknechte, mit Armbrust, \u00a0aber auch mit ganz normalen Bauernwerkzeugen wie Sensen. Auch die Burgen waren viel bescheidener als in Mitteleuropa, mit einfachen H\u00e4usern und einem kleinen, zentralen Turm. Die Burgen lagen oft auf Inseln oder in Buchten und waren durch Palisadenz\u00e4une und Zugbr\u00fccken gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst gegen Ende des Mittelalters bildete sich eine Adelsschicht heraus. Adelige brauchten keine Steuern bezahlen, wenn sie mindestens einen Ritter stellten. So hatte man eine kleine, professionelle Teilzeitarmee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schweden trat mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg \u2013 der f\u00fcr sie aber nur ein Achtzehnj\u00e4hriger Krieg ist \u2013 in gro\u00dfem Ma\u00dfe auf der europ\u00e4ischen B\u00fchne auf. Es hatte sich vor allem im Baltikum ein Machtvakuum ergeben, und das nutzten die Schweden aus. Ihre Strategie wird mit einem ganzen Heer an Zinnsoldaten dargestellt und bestand darin, kleinere, mobilere Einheiten gegen die gr\u00f6\u00dferen Einheiten der deutschen F\u00fcrsten antreten zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Soldaten brachten ihre Familien mit in die Kampagne, und dazu gesellten sich Gaukler, H\u00e4ndler, Prostituierte, Scharlatane, Bettler usw. Man sch\u00e4tzt, dass auf jeden Soldaten drei Personen aus der Entourage kamen. Das erforderte eine unglaubliche Logistik. Was das bedeutet, wird in einer Vitrine deutlich gemacht: Man ben\u00f6tigte 17.000 Liter Bier, 5.800 Kilo Brot, 1.900 Kilo Fleisch f\u00fcr die Soldaten und 130.000 m<sup>2<\/sup> Futter f\u00fcr die Pferde. Pro Tag! Das bedeutete auch, dass man st\u00e4ndig unterwegs sein musste, ob man wollte oder nicht. Keine Gegend gab so viel Nahrung her.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn sich ein Heer einer Ansiedlung n\u00e4herte, stiegen dort sofort die Preise. Die Heere bezahlten manchmal, nahmen sich aber auch das Recht, Dinge einfach zu beschlagnahmen. In schlechten Zeiten musste man beginnen, sich Fleisch von Tierkadavern zu besorgen, was die Seuchen noch weiter anstiegen lie\u00df. Die wenigsten starben in der Schlacht, die meisten, man sch\u00e4tzt \u00fcber 90%, an Seuchen, Krankheiten und Verletzungen. Der erste Krieg, in dem mehr Menschen durch Kugeln als durch Seuchen fielen, war der deutsch-franz\u00f6sische Krieg 1871.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sieht man eine R\u00fcstung mit einem Einschuss von einer Kugel. Man vermutet aber, dass das gar nicht im Gefecht passierte, sondern dass es eine Art Elch-Test f\u00fcr die R\u00fcstung war, denn fast alle haben so einen Einschlag. Wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, unter welchen Bedingungen so ein Soldat k\u00e4mpfte, kann man nur Bedauern empfinden: Man musste fr\u00fch aufstehen, f\u00fcr sich und sein Pferd sorgen, am Gebet teilnehmen, eine R\u00fcstung von einem Gewicht von 35-40 Kilo tragen, die Hitze ertragen \u2013 es wurde meistens im Sommer gek\u00e4mpft \u2013 den Staub ertragen und den Pulverdampf. Der war damals etwa f\u00fcnfmal so stark wie heute. Und dann eine schwere Waffe schwingen und auf den Feind eindreschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sieht dann noch eine Eisenschmiede aus der Zeit nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Schweden hatte allerbeste Bedingungen f\u00fcr die Herstellung von Eisen: Vorr\u00e4te an Eisenerz, Holz und Wasserkraft. Das Know-how kam aus Mitteleuropa, aus Frankreich und Flandern. In diesen Eisenschmieden wurden zum ersten Mal Waffen in gro\u00dfer St\u00fcckzahl, nach einem vorgegebenen Muster, produziert, ein fr\u00fcher Vorl\u00e4ufer der industriellen Revolution.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Supermarkt mache ich sp\u00e4ter eine sprachliche Entdeckung: Man wird an der Kasse immer gefragt, ob man sie haben will oder nicht, so dass ich das Wort schon oft geh\u00f6rt habe, aber erst heute f\u00e4llt mein Blick auf die Schreibweise: <em>kvitto<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es zu einer F\u00fchrung in die U-Bahn. Es geht um Kunst in der U-Bahn. Wir werden von einer sehr gut Englisch sprechenden Frau gef\u00fchrt, die alles bestens im Griff hat, obwohl wir eine gro\u00dfe Gruppe sind und uns durch die Menschenmengen lavieren m\u00fcssen. Der F\u00fchrerin ist die Kunst in der Stockholmer U-Bahn aus drei Gr\u00fcnden einzigartig: wegen der vielen Stationen, die Kunst haben, 91 von 100, wegen des fr\u00fchen Zeitpunkts, zu dem die ersten Kunststationen entstanden und wegen der sog. H\u00f6hlen-Stationen. Die sehen wir sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Es geht los in T-Centralen. Wir stehen in einem neueren Annex der Station, einem Glaskasten, der auf den <em>Sergels Torg<\/em> hinausgeht. Hier lenkt die F\u00fchrerin unsere Aufmerksamkeit auf ein paar Kleinigkeiten, die ich dieser Tage im Vorbeigehen gesehen, aber nicht weiter beachtet habe, darunter einen Gummistiefel auf halber H\u00f6he der Glasscheibe. Es gibt auch einen Birkenstamm,\u00a0 und auf der anderen Seite Laubwerk, das aussieht, als geh\u00f6re es zu der Birke, so als ob die Birke sich mit ihrem Zweig \u00fcber das gesamte Geb\u00e4ude neigte. Das alles ist aus Pappmach\u00e9 und damit verg\u00e4nglich. Kunst mit Verfallsdatum. Die Idee ist die, etwas von Schwedens Natur in den urbanen Raum zur\u00fcckzubringen. Ein bisschen weit hergeholt, finde ich, zumal der Topos der Naturliebe der Schweden ein bisschen zu sehr ausgereizt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als zuerst das Projekt f\u00fcr Kunst in der U-Bahn entwickelt wurde, stie\u00df man auf Widerstand bei den Stadtv\u00e4tern, die angeblich lieber \u00fcberall Reklame aufh\u00e4ngen wollten, aber dann kam es zu Kompromissen. Bei T-Centralen sieht es so aus, dass die obere Plattform Kunst hat und die untere Reklame. Bei der Kunst handelt es sich um Mosaike, die mit geometrischen Figuren Z\u00fcge andeuten und alles M\u00f6gliche, was mit Bewegung zu tun hat. Ich muss zu meiner Verwunderung zugeben, dass die Atmosph\u00e4re hier tats\u00e4chlich entspannter ist als unten. Kann Kunst das tats\u00e4chlich bewirken? Auf der unteren Plattform gibt es auch etwas Kunst, aber sehr versteckt. An den schwarzen Pfeilern des Bahnsteigs sind Schmuckelemente eingelassen, ein Musikinstrument, ein Ballon, usw.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir fahren mit der roten Linie zu einer Station, die <em>Stadion<\/em> hei\u00dft. Als wir in die Station hineinfahren, sagt eine Australierin zu einer \u00d6sterreicherin: \u201eNice and colourful.\u201c Die \u00d6sterreicherin antwortet: \u201eYes.\u201c Das ist nat\u00fcrlich eine kommunikativ unzureichende Antwort. In der Muttersprache w\u00fcrde man es nicht dabei belassen. Genau so komme ich mir beim Schwedischen vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Station ist unsere erste H\u00f6hlen-Station. Der Hintergrund ist der: Die erste Stockholmer Linie war die gr\u00fcne Linie, mit Stationen, die nur knapp unter dem Stra\u00dfenniveau lagen. Dann kam die rote Linie hinzu, mit Stationen, die viel weiter unter dem Stra\u00dfenniveau lagen und f\u00fcr die Sprengungen durchgef\u00fchrt wurden. Man beschloss deshalb, die durch die Sprengung entstandenen H\u00f6hlen nicht zu begradigen, sondern die unregelm\u00e4\u00dfige Form zu belassen und k\u00fcnstlerisch auszugestalten, was hier, wie die Australierin ja schon feststellte, sehr farbenfroh geschehen ist, mit hellem Blau als Hintergrund f\u00fcr die H\u00f6hle und den Farben der Friedensfahne davor. Dar\u00fcber h\u00e4ngen die Vereinsabzeichen aller Vereine, die hier, im Stadion, je das Endspiel erreicht haben, das Endspiel im schwedischsten aller Spiele, Bandy. Jedenfalls hingen sie urspr\u00fcnglich dort. Die Anh\u00e4nger der Vereine haben einige verschwinden lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Ausgang hin gibt es links ein gro\u00dfes, buntes <em>S<\/em> und rechts ein gro\u00dfes, buntes <em>M<\/em>, wobei das <em>M<\/em> \u201eF\u00fc\u00dfe\u201c hat, die es wie Noten aussehen lassen. Das <em>S<\/em> weist die Richtung zum Stadion, das <em>M<\/em> zur Musikhochschule. Kunst, hei\u00dft es, k\u00f6nne auch eine praktische Funktion erf\u00fcllen. Dazu braucht man aber keine Kunst. Und: Braucht sie das zu ihrer Rechtfertigung?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Mitte h\u00e4ngt ein Plakat von den Olympischen Spielen in Stockholm 1912. Davon erz\u00e4hlt man, dass ein portugiesischer Marathonl\u00e4ufer, der gestartet war, spurlos verschwand und nie am Ziel ankam. Erst Jahre sp\u00e4ter habe sich herausgestellt, dass er eine sch\u00f6ne Schwedin am Rande der Strecke gesehen, sie angesprochen, ausgef\u00fchrt und geheiratet hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Station ist die Technische Hochschule. An den entgegengesetzten Enden des Bahnsteigs h\u00e4ngen ein Apfel und Fl\u00fcgel. Der Apfel bewegt sich bei n\u00e4herem Hinsehen ein bisschen. Es ist eine Anspielung auf den legend\u00e4ren Apfel, unter dem Newton die Idee mit der Erdanziehungskraft kam. Gleich daneben finden sich denn auch einige der von Newton entdeckten Naturgesetze. Die Fl\u00fcgel am anderen Ende symbolisieren Aufstieg im Gegensatz zu Fall und sind eine Anspielung auf Leonardo. Daneben h\u00e4ngen einige der phantastischen Entw\u00fcrfe Leonardos f\u00fcr technische Neuerungen. Au\u00dferdem sind auf die ganzen Station Polyeder verteilt, insgesamt f\u00fcnf, die mit f\u00fcnf Elementen in Verbindung gebracht werden. Das geht, wie ich erfahre, auf Platon zur\u00fcck. Der identifizierte f\u00fcnf Elemente, und das passt gut dazu, dass es nur f\u00fcnf verschiedene Formen von Polyeder gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Station ist <em>Universitetet<\/em>. Hier hat eine K\u00fcnstlerin gearbeitet, die in aller Welt Kunstwerke mit dem Thema der Menschenrechte geschaffen hat, in Verbindung mit Themen des entsprechenden Ortes. Das lokale Thema ist hier Carl von Linn\u00e9. Auf mehreren, sich w\u00f6lbenden, l\u00e4nglichen Keramiktafeln werden die Stationen einer Forschungsreise Linn\u00e9s dargestellt. Linn\u00e9 reiste in den hohen Norden Schwedens, und zwar per Pferd! Auf den Tafeln ist jede Station seiner Reise festgehalten, mit Ort und Datum. Dazu wird auf jeder Tafel ein Thema aus dem Leben oder Werk Linn\u00e9s dargestellt. Auf einer Tafel erscheint der Linn\u00e9-Garten in Uppsala, mit der nicht ganz unbescheidenen Inschrift, die er selbst f\u00fcr sein Grab aussuchte: <em>Deus<\/em><em> creavit, <\/em><em>Linnaeus<\/em><em> disposuit <\/em>&#8211; <em>Gott schuf, Linn\u00e9 ordnete<\/em>. Ob Gott sich da nicht etwas auf die F\u00fc\u00dfe getreten f\u00fchlt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles das befindet sich auf dem Bahnsteig selbst. An der gegen\u00fcberliegenden Wand, der hinter den Gleisen, befinden sich dann, einer nach dem anderen, die Menschenrechtsparagraphen der UNO, in Gro\u00dfbuchstaben, ohne Trennung der W\u00f6rter und ohne Umlaute. Die Menschenrechte zu verstehen, das ist vermutlich der zugrundeliegende Sinn, ist schwer. Was das mit Linn\u00e9 zu tun hat, erschlie\u00dft sich mir aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann fahren wir zur\u00fcck und zu unseren letzten Station, \u201emeiner\u201c Station: <em>\u00d6stermalmstorg<\/em>. Die Kunst an den W\u00e4nden dieser Station habe ich schon mehrmals gesehen, aber nicht verstanden. Es sind gemischte Motive, Musiknoten, tanzende Frauen, Friedenszeichen. Die gegenst\u00e4ndlichen Darstellungen sind kubistisch, so dass die Sache eher r\u00e4tselhaft ist. Unsere F\u00fchrerin erhellt sie aber wenigstens etwas: Die Station wurde in den Siebzigerjahre geschaffen, und zwar von einer damals bereits 77-j\u00e4hrigen K\u00fcnstlerin, einer K\u00fcnstlerin, die sich im Kreis von Picasso bewegte. \u00a0Es war die erste Station, die ganz von einer einzigen Person gestaltet wurde. Die Themen waren eben die Themen der Zeit, die Themen, die ihr am Herzen lagen: Frieden, Umwelt, Emanzipation, dargestellt nicht in einer koh\u00e4renten Erz\u00e4hlung, sondern durch einzelne Motive. Um die \u201erichtig\u201c zu deuten, hilft es zu wissen, dass die Noten aus der Marseillaise stammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interessant ist die Technik, die hier angewendet wurde. Die Station hat gr\u00e4ulich-wei\u00dfe Betonplatten. Hinter ihnen verbirgt sich schwarzer Stein. Die K\u00fcnstlerin brachte ihre Zeichnungen auf den Betonplatten an, und dann wurde mit einer Art Sandstrahlgebl\u00e4se der Beton an diesen Stellen entfernt, so dass der schwarze Stein in Form ihrer Zeichnungen zum Vorschein kam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich fahre von hier aus gleich ein paar Stationen weiter, nach <em>Horntull<\/em>. Hier sehe ich, jetzt sensibilisiert f\u00fcr Kunst in der U-Bahn, die Geschichte der Erde in vier Stationen, d.h. in vier K\u00e4sten. Erste Station: eine kreisrunder Ausschnitt und davor \u2013 nichts. Zweite Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor ein Mistk\u00e4fer mit Misthaufen. Dritte Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor ein Totem und ein Zaun. Vierte Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor \u2013 das Rad!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin nach <em>Horntull<\/em> gefahren, weil ich an den Strand will. Daf\u00fcr die U-Bahn zu nehmen, war keine gute Idee, wie sich herausstellt. Ich irre eine Zeit in der Gegend herum, laufe \u00fcber die falsche Br\u00fccke, dann \u00fcber eine unendlich lange Br\u00fccke, und dann durch einen Park, bis ich endlich ankomme. Sp\u00e4ter sehe ich, dass ich viel besser von der anderen Seite aus zu Fu\u00df gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Umweg lohnt sich aber aus zwei Gr\u00fcnden. Erstens hat man, von der Mitte der Br\u00fccke aus, eine phantastische Sicht auf die Stadt, zweitens hat die Gegend einen unmittelbaren Bezug zu etwas, was im Unterricht aufgetaucht ist. <em>Horntull<\/em> ist eine der alten Zollstationen, die es mitten in Stockholm gab und die einen Stadtteil, meistens eine Insel, von den anderen trennte, zumindest wirtschaftlich. Der Name (vgl. engl. <em>toll<\/em>) zeigt es an: <em>Horntull<\/em>, <em>Skanstull<\/em>, <em>Danvikstull<\/em> Nicht umsonst liegt <em>Horntull<\/em> am Rande von <em>S\u00f6dermalm<\/em>. Die \u201efalsche\u201c Br\u00fccke, \u00fcber die ich vorher gegangen bin, war die alte Zollbr\u00fccke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende erreiche ich aber <em>Norr M\u00e4larstrand<\/em>. Ein Strand im eigentlichen Sinne ist es zwar nicht, eher ein Seeufer, aber es gibt tats\u00e4chlich Leute, die hier schwimmen gehen, mitten in der Gro\u00dfstadt, in sauberem, kristallklaren Wasser. Die meisten liegen allerdings auf den Wiesen oder sitzen in den Caf\u00e9s. Ich setze mich auf einen Stein ans Ufer, mit den F\u00fc\u00dfen im Wasser. Das ist eine solche Wohltat, dass ich gar nicht mehr aufstehen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich \u00fcber den Uferweg zur\u00fcck zur Stadt. Dies ist eine wunderbare Ecke, und ich erinnere mich jetzt, dass unsere G\u00e4rtnerin aus dem Kurs sie mir schon empfohlen hatte. Nicht umsonst sind hier fast nur Schweden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich zwei Frauen, die sich hier \u00fcber den Weg laufen. Sie sind gleichen Alters und haben einen Hund und ein Handy des gleichen Fabrikats.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich ein Photo mache, werde ich zum ersten Mal \u00fcberhaupt in Stockholm angesprochen. Es stellt sich heraus, dass es ausgerechnet Finnen sind, die mich ansprechen. Um etwas zu sagen, frage ich, welche Stadt in Finnland ich am besten besuchen soll. Als Antwort folgt ein Redeschwall, aber ich h\u00f6re auf jeden Fall, dass von Tampere die Rede ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich setze mich in ein Caf\u00e9 gleich am Wasser. Auch daran fehlt es hier nicht. Als ich aufbreche, steht die Sonne immer noch hoch am Himmel. Es ist sieben Uhr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Uferweg endet am <em>Stadshuset<\/em>, das man hier von der anderen Seite aus sieht. Dann f\u00fchrt der Weg weiter \u00fcber vertraute Wege. Es ist keine gro\u00dfe Entfernung, aber ich bleibe an jeder Ecke f\u00fcr ein Photo stehen, mit dem wunderbaren Licht als Erfolgsgarant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute findet der Unterricht wieder ausw\u00e4rts statt. Es geht mit dem Auto nach T\u00e4by, au\u00dferhalb Stockholms. Unterwegs frage ich nach Marias in Paris gestrandetem Sohn. Sie versucht, ihre Sorge hinter einer Fassade der Indifferenz zu verbergen (\u201eSoll doch sehen wie er zurechtkommt\u201c), was ihr aber nicht ganz gelingt (\u201eHat noch nicht einmal auf meine SMS geantwortet\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe einen Moment gez\u00f6gert, als der Vorschlag kam, nach T\u00e4by zu fahren, denn sprachlich kommt bei diesen Ausfl\u00fcgen weniger heraus, aber ich w\u00e4re dumm, mir die Gelegenheit entgehen zu lassen. In T\u00e4by steht eine der vielen Kirchen, die der bekannteste schwedische Maler des Mittelalters, Albert M\u00e5lare, ausgemalt hat. Die Lehrerin hat selbst hier bei der Restaurierung mitgearbeitet. Ich bin also in bester Gesellschaft. Es w\u00e4re sonst gar nicht so einfach, dahin zu kommen oder auch in die Kirche hineinzukommen. Sie hat daf\u00fcr gesorgt, dass uns eigens aufgeschlossen wird. Den Mann, den wir kontaktieren m\u00fcssen, bezeichnet sie als Wachtmeister. Ich stelle mir darunter so einen Mann vom Wachdienst vor. Es ist aber der K\u00fcster, ein geschw\u00e4tziger Mann, den wir kaum loswerden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Albert M\u00e5lare ist f\u00fcnfzig Jahre aktiv gewesen (1460-1510) und hat \u00fcber 30 Kirchen ausgemalt. Das konnte er nat\u00fcrlich nicht alleine machen. Man glaubt, er habe zun\u00e4chst f\u00fcr die Skizzierung gesorgt und die Ausmalung dann seinen Gesellen und Lehrlingen \u00fcberlassen, um sich dann selbst wiederum um einzelne Figuren zu k\u00fcmmern. Dass es sich um ihn handelte, wei\u00df man nicht nur aus stilistischen Gr\u00fcnden, sondern auch, weil er seine Bilder, jedenfalls teilweise, signierte, ungew\u00f6hnlich in dieser Zeit. Er signierte mit der latinisierten Form seines Namens, Albertus Pictor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In vielen der Kirchen wurden die Bilder, teilweise oder ganz, mit Kalk \u00fcbermalt und dann m\u00fchsam wiederhergestellt. Oder verblassten so sehr, dass sie restauriert werden mussten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Eindruck beim Betreten der Kirche ist \u00fcberw\u00e4ltigend. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Fast die gesamte Kirche ist ausgemalt, mit kr\u00e4ftigen, vollen Figuren und lebendigen Szenen. Die Zwischenr\u00e4ume sind mit Girlanden und anderen Verzierungen ausgef\u00fcllt. Der Blick nach oben erinnert an die italienische Renaissance, und selbst ein Vergleich mit dem Deckengem\u00e4lde der Sixtinischen Kapelle ist nicht ganz von der Hand zu weisen, obwohl dort alles majest\u00e4tischer ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was das \u00dcbert\u00fcnchen angeht, ist man in dieser Kirche einen Kompromiss eingegangen: Die Szenen den W\u00e4nden wurden \u00fcberkalkt und sind trotz Restaurierung kaum zu erkennen, die im Gew\u00f6lbe nicht und sind nach der Restaurierung gut zu erkennen. Die Farben sind relativ gut erhalten, wozu auch die nordische K\u00e4lte beigetragen haben soll. Die Gesichter waren urspr\u00fcnglich alle rosa, aber das ist verblasst, und die schwarzen Flecken, die einige Figuren im Gesicht haben, waren urspr\u00fcnglich rot. Das Gewand Mariens, blau, ist stark nachgedunkelt und wirkt fast schwarz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Gew\u00f6lbe befinden sich Szenen aus dem Alten Testament, an den W\u00e4nden Szenen aus dem Neuen Testament, thematisch einander zugeordnet. Manchmal ist der Zusammenhang ganz klar, so wie bei Elias Himmelfahrt in einem Feuerwagen und Christi Himmelfahrt vom Felsen, manchmal ist der Zusammenhang weniger offensichtlich: Noahs Rausch und Christi Dornenkr\u00f6nung sind durch das Thema <em>Scham<\/em> verbunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Albertus folgte Abbildungen aus einer Armenbibel, malte sie aber nicht einfach ab, sondern gab ihnen seine eigene Interpretation, unter Einbeziehung von Themen seiner Zeit. So haben die wichtigeren Figuren lange biblische Gew\u00e4nder, die anderen aber mittelalterliche Kleidung, die die Mode der Zeit widerspiegelt. Auch hier sind wieder ganz lange, spitze Schuhe vertreten. Die tr\u00e4gt Samson zum Beispiel. Die \u201eunedlen\u201c Figuren haben unedle Gesichtsz\u00fcge wie gro\u00dfe, krumme Nasen. Wie Goliath.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die bekannteste aller Szenen dieser Kirche befindet sich im ersten Joch und ist heute etwas versteckt. Man kann sie heute nur sehen, wenn man die Treppe zur Orgelb\u00fchne hinaufgeht und auf halber H\u00f6he stehenbleibt. Es ist eine Szene, in der Tod, als d\u00fcrres, nacktes Skelett dargestellt, mit einem Ritter in zeitgen\u00f6ssischer Kleidung und mit langem Haar unter einer gr\u00fcnen Kappe, Schach spielt \u2013 und ihn Schachmatt setzt. Der Ritter macht gro\u00dfe Augen. Man sieht deutlich den Versuch, Perspektive in das Bild zu bringen, aber das Schachbrett scheint eher, wie auf naiven Kinderbildern, nach unten zu fallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Albertus \u00fcbernahm auch Spruchb\u00e4nder aus der Armenbibel. Die wirken wie Sprechblasen aus einem Comic-Heft. Die meisten sind auf Latein, aber in einigen Kirchen gibt es auch welche auf Schwedisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was war die Funktion dieser Bilder? Man sagt immer, sie seien wie ein Bilderbuch f\u00fcr das Volk, die Analphabeten, gewesen. Aber, so Marias Einwand: Konnte man \u00fcberhaupt viele sehen? Die heutigen Fenster sind barock und gr\u00f6\u00dfer und heller als es die mittelalterlichen waren, und auch heute muss man schon genau hinsehen. Man konnte allenfalls eine bestimmte Szene mit Kerzen erleuchten und sie zu Zwecken der Belehrung einsetzen. Ihr Argument: Sie wurden in erster Linie f\u00fcr Gott gemalt. Zu seiner Verherrlichung. Vielleicht, aber warum dann die Gegenwartsbez\u00fcge, warum die Anspielungen auf den Alltag? Und wurde in mittelalterlichen Kirchen \u00fcberhaupt gepredigt? Und wurde da nicht ohnehin nur Latein gesprochen? Was nat\u00fcrlich keiner verstand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entkalken ist, Maria zufolge, eine schreckliche Arbeit, schmutzig und staubig und sogar nicht ganz ungef\u00e4hrlich, die Restaurierung von Bildern dagegen die reine Freude, wenn man vom steifen Nacken absieht. Ich verstehe nicht ganz, wie die Arbeit ausgef\u00fchrt wird, aber es ist auf jeden Fall von einem Radiergummi die Rede. Bei der Restaurierung kann man, sagt sie, jeden Pinselstrich erkennen. Trotzdem kann sie sich jetzt an viele Details der Kirche nicht mehr erinnern. Die Restaurierung ist 15 Jahre her und m\u00fcsste jetzt schon wieder erneuert werden. Das sieht man als Laie aber nicht. Ich frage, wie lange so etwas dauert. Die Antwort: 4 Monate, bei zwei vollen und einer halben Kraft. Etwas weniger, als ich erwartet hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche hat auch ein paar Wappen \u2013 auch deren Restaurierung z\u00e4hlt nicht zu ihren Lieblingsarbeiten \u2013 einen goldenen, sp\u00e4tmittelalterlichen Altar und etwas, wor\u00fcber sich der K\u00fcster und Maria unterhalten und <em>predikstol<\/em> nennen. Das ist die Kanzel. Sie kommt aus der Schlosskapelle. Wie kommt eine Kanzel aus der Schlosskapelle in eine Dorfkirche? Die Erkl\u00e4rung: Sie hat einen Makel. Auf drei Wangen erscheinen drei Evangelisten. Drei? Den vierten kann man nicht sehen. Er befindet sich da, wo die Kanzel an die Wand st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir setzen uns noch auf eine Bank in den Kirchhof und dann geht es zur\u00fcck nach Stockholm. Dort werde ich an der U-Bahn-Station abgesetzt, w\u00e4hrend Maria sich um ihren Hund k\u00fcmmert und die Ankunft ihres Sohns erwartet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir an der Station, die nach dem schwedischen Nationalheiligen benannt ist, die typisch schwedische Schreibweise f\u00fcr <em>Sankt<\/em> auf: <em>S:t Eriksplan<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich komme ich auch der Durchsage in der U-Bahn auf die Spur. Es geht nicht um die auf dem Bahnsteig Herumstehenden, sondern um den Abstand zwischen Waggon und Bahnsteig: <em>T\u00e4nka p\u00e5 avstanden mellan vagn och platform n\u00e4r du stigger av. \u2013 Achten Sie auf den Abstand zwischen dem Wagen und dem Bahnsteig, wenn Sie aussteigen.<\/em> Das erkl\u00e4rt, warum es die Durchsage nicht an allen Stationen gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kann Stockholm nat\u00fcrlich nicht verlassen, ohne das Schloss gesehen zu haben. Bisher habe ich es vermieden, weil es so gro\u00df ist und man nicht wei\u00df, was man sich ansehen soll. Jetzt nehme ich es in Angriff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Schloss begegnet mir die k\u00f6nigliche Reitergarde. Vielleicht hat gerade ein Wachwechsel stattgefunden. Was daran so anziehend ist, verstehe ich nicht, aber das wollen alle sehen, genauso, wie hier alle stehen bleiben und den Reitern zusehen. Und ein Photo von sich und einem wachhabenden Soldaten vor dem Schloss machen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass man die Besichtigung auf verschiedene Tage verteilen kann, also fange ich mal an mit des Schlosses erstem Teil, den Staatsgem\u00e4chern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man betritt das Schloss durch einen riesigen, quadratischen Innenhof. Die sich gegen\u00fcberliegenden Seiten sind jeweils identisch, wobei Ost und West einen etwas hervorgehobenen Mittelteil haben, alles in einem sehr zur\u00fcckhaltenden klassizistischen Stil, gar nicht so verschieden von Drottningholm. Angesichts der H\u00f6he ist man \u00fcberrascht, dass es nur drei Geschosse sind. Der Innenhof ist v\u00f6llig leer, und man kommt sich etwas verlassen vor. Auf einer Seite sind dem Schloss zwei gro\u00dfe, vielleicht sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgte Arme vorgelagert, die einen umfassen, ganz \u00e4hnlich denen der Peterskirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber eine Treppe betritt man gleich den wichtigsten Raum des Schlosses, den Thronsaal, einen langgestreckten, etwas k\u00fchl wirkenden Raum, an dessen Ende der Thron steht. Bis 1971 fand hier die Parlamentser\u00f6ffnung statt. Dem Thronsaal perfekt entsprechend liegt auf der gegen\u00fcberliegenden Seite die Schlosskirche, mit dem Altar als Gegenst\u00fcck zum Thron. Die Botschaft kann man leicht vernehmen. Die Schlosskirche ist eine etwas erdr\u00fcckende Barockkirche mit sehr sch\u00f6nen h\u00f6lzernen Sitzen, die noch aus dem alten Schloss stammen. Man hat sie vor dem Feuer retten k\u00f6nnen, eine bemerkenswerte Leistung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rechts am Thron vorbei f\u00fchrt eine Treppe in die beiden Hauptfl\u00fcgel des Schlosses, dem des K\u00f6nigs im Westen und dem der K\u00f6nigin im Osten. Sie sind verbunden durch einen langgestreckten Saal, den pr\u00e4chtigsten des Schlosses, mit hohen Fenstern auf der einen und genau passenden Spiegeln auf der anderen Seite, die den gang\u00e4hnlichen Saal breiter erscheinen lassen. Hier finden Staatsempf\u00e4nge statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ersten R\u00e4ume des K\u00f6nigsfl\u00fcgels sind eher bescheiden, um dann, auf den zentralen Saal hin, immer aufw\u00e4ndiger zu werden. Die ersten beiden R\u00e4ume geh\u00f6rten der Wache des K\u00f6nigs. In einem dieser R\u00e4ume sieht man oben an einer Ecke ein wichtiges Symbol. Das Vorbild Frankreich stand auch hier Pate, sollte aber \u00fcbertrumpft werden. Statt des Sonne, des Symbols Ludwigs XIV, w\u00e4hlte man den Nordstern. Der ist auch dann noch zu sehen, wenn die Sonne untergeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer der n\u00e4chsten R\u00e4ume ist der ehemalige Speisesaal. Der Tisch steht diagonal im Raum. Auf einem Bild sieht man, wie die k\u00f6nigliche Familie speiste, umgeben von G\u00e4sten und W\u00fcrdentr\u00e4gern, darunter den ausl\u00e4ndischen Botschaftern. Die a\u00dfen aber nicht, sondern sahen der k\u00f6niglichen Familie beim Essen zu. Heute finden an diesem Tisch Treffen des K\u00f6nigs mit der Regierung statt. Der K\u00f6nig sitzt am Tischende und l\u00e4sst sich von den Ministern berichten. Im Zentrum des Tisches liegen B\u00fccher, jeweils ein Exemplar f\u00fcr jede ver\u00e4nderte Version der Verfassung.<\/p>\n<p>Dann kommen wir in das Schlafgemach Gustav III. Ich will gerne wissen, wo das Bett ist, komme aber mit meiner Frage nicht durch. Eine Engl\u00e4nderin liefert die Erkl\u00e4rung: Das Bett verschwindet, wenn es gerade nicht benutzt wird, hinter einer Balustrade. Der K\u00f6nig schl\u00e4ft in einem Klappbett! Dies ist der Ort, in dem Gustav III. nach dem Attentat starb. Er wurde angegriffen, obwohl er eine Maske trug, der Attent\u00e4ter musste also gut Bescheid wissen. Die beiden Sch\u00fcsse waren aber nicht t\u00f6dlich. Der K\u00f6nig wurde lebend hierher transportiert. Als Folge der Verletzungen trat Fieber auf, und die \u00c4rzte rieten dazu, die Fenster zu \u00f6ffnen und frische Luft hereinzulassen. Im M\u00e4rz! In Schweden! Der K\u00f6nig zog sich eine Lungenentz\u00fcndung zu. Und starb an der Lungenentz\u00fcndung, nicht an den Wunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An den vier Ecken des Raums befinden sich vier allegorische Figuren. Sie stellen Laster dar, mit entsprechenden Emblemen versehen, der Symmetrie halber zwei als m\u00e4nnliche, zwei als weibliche Figuren: Kummer und Neid (m\u00e4nnlich), Geschw\u00e4tzigkeit und Dummheit (weiblich). Unter den Figuren befinden sich goldene Engel. Die versetzen den Lastern einen energischen Tritt in den Hintern und werfen sie hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Gem\u00e4chern der K\u00f6nigin haben die vier Laster ihre Entsprechung in den vier Kontinenten, genau an der gleichen Stelle angebracht. Asien, Europa und Afrika sind durch entsprechende Gestalten und Tiere dargestellt. Aber das Problem war Amerika. Der K\u00fcnstler kannte keinen Amerikaner. Der sieht also aus wie ein Schwede und tr\u00e4gt europ\u00e4ische Kleider, hat aber einen Federbusch auf dem Kopf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gem\u00e4cher der K\u00f6nigin entsprachen urspr\u00fcnglich perfekt denen des K\u00f6nigs. Lovisa Ulrika, die viel gesunden Menschenverstand gehabt zu haben scheint, fand aber, das Schloss habe genug Wachr\u00e4ume und Speises\u00e4le und machte aus ihren R\u00e4umen einen einzigen gro\u00dfen Ballsaal.\u00a0 Bevor man einen Ball f\u00fcr 700 G\u00e4ste durchf\u00fchrte, lie\u00df man, um die Stabilit\u00e4t zu pr\u00fcfen, 20 Bedienstete st\u00e4ndig in dem Saal auf und ab laufen, und beobachtete von unten, wo die schw\u00e4chste Stelle war. Dort errichtete man eine B\u00fchne und konnte sicher sein, dass alles gut gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem K\u00f6niginnenfl\u00fcgel kommen die Gem\u00e4cher der Bernadotte, der jetzigen Dynastie, auf den ersten Blick nicht so anders, aber etwas \u201eleichter\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich mache mich aber auf den Weg zu des Schlosses zweitem Teil, dem Antikenmuseum. Es ist eins der \u00e4ltesten Museen Europas und wurde schon 1748 er\u00f6ffnet. Es geht auch auf die Initiative des Theaterk\u00f6nigs zur\u00fcck. Schon vorher hatte es in Stockholm antike Skulpturen gegeben, aber die hatte K\u00f6nigin Christina mit sich nach Rom genommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Unterschied zu den Staatsgem\u00e4chern k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Inzwischen war Pompeji ausgegraben worden, und die schlichte, elegante Sch\u00f6nheit der Klassik war das neue Stilideal geworden. Von der neuen Begeisterung f\u00fcr die Klassik wurde auch Gustav III. erfasst. Er fuhr zwei Mal nach S\u00fcdeuropa. Von der ersten Reise musste er zur\u00fcckkehren, weil er eine kleine Verpflichtung zu Hause erledigen musste: den Thron besteigen. Seine Br\u00fcder blieben aber in Italien und schw\u00e4rmten ihm von ihren Erfahrungen vor, und bald trat er eine zweite Reise an, nicht nur f\u00fcr Besichtigungen, sondern auch zum Einkaufen von Souvenirs: klassischen Statuen. Die sollten alle eigentlich in ein extra daf\u00fcr gebautes Museum in <em>Haga Park<\/em> kommen, aber dazu kam es nicht: Das Museum wurde nie vollendet, der K\u00f6nig starb. Jetzt stehen die Statuen hier, in einem Seitenfl\u00fcgel des Schlosses, wo sie zwischengelagert wurden. Der ganze Saal ist wei\u00df und hat nur einfache Schmuckfriese an der Decke und S\u00e4ulen mit toskanischen Kapitellen. Nat\u00fcrlich sind auch die Statuen wei\u00df, obwohl das ein Missverst\u00e4ndnis war. Sie waren in der Antike bunt angemalt. Wie weit das Missverst\u00e4ndnis ging, zeigt einer B\u00fcste, bei der man versucht hat, die urspr\u00fcnglichen Farbreste zu beseitigen! Dabei wurde Pferdeurin verwandt, und der lie\u00df nicht nur die Farben verschwinden, sondern besch\u00e4digte die B\u00fcste sogar!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese und viele anderen B\u00fcsten sind in einem Nebenraum des Museums untergebracht. Sie sind mit Namen von r\u00f6mischen Staatsm\u00e4nnern und Philosophen versehen, die aber mehr oder weniger willk\u00fcrlich vergeben wurden und teilweise nachweislich nicht stimmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im dem hellen Hauptraum, mit einem sch\u00f6nen Blick auf den Garten, reihen sich links die neun Musen auf, mit Apollo, dem Gott der K\u00fcnste, in der Mitte. Apollo, das versteht sich von selbst, war Gustav III., der F\u00f6rderer der K\u00fcnste. Um die Symmetrie zu bewahren, ist den vier Musen auf der einen Seite eine G\u00f6ttin hinzugef\u00fcgt. Ich erinnere mich angesichts der Namen der Musen an einen Merkspruch, den wir im Deutschunterricht gelernt haben: <em>KlioMeTerThal \u2013 EuErUrPoKal<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob es sich bei den Statuen um Originale handelt oder ob sich Gustav da ein paar Imitationen hat aufschwatzen lassen, wird nicht ganz deutlich. Vermutlich sind Teile original, und den Rest hat man nachgebildet. Original in G\u00e4nze soll aber die liegende Endymion-Statue sein, auf die der Saal zul\u00e4uft und die das Glanzst\u00fcck der Ausstellung ist. Endymion, der sch\u00f6ne Sch\u00e4fer, von der G\u00f6ttin, die sich in ihn verliebte, zu ewigem Schlummer verdammt, so dass sie ihn ansehen und liebkosen konnte, liegt mit geschlossenen Augen und v\u00f6llig nackt da. Es scheint so zu sein, dass der homosexuelle Auftraggeber seine Vorliebe hinter dem Vorwand des Motivs kaschieren konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann folgt des Schlosses dritter Teil, das Museum <em>Tre Kronor<\/em>. Es befindet sich tats\u00e4chlich in dem alten Schloss, allerdings in dessen Kellergew\u00f6lben, das einzige, was davon \u00fcbrig geblieben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Keimzelle des sp\u00e4teren Schlosses war eine Burg. Die diente nicht so sehr als Residenz denn zur Verteidigung. Schweden hatte noch keine Hauptstadt, der K\u00f6nig reiste von Ort zu Ort. Stockholm war aber von h\u00f6chster strategischer Bedeutung, denn nur hier konnte man von der Ostsee in den M\u00e4laren kommen oder umgekehrt. Das macht <em>Stadsholmen<\/em>, diese Insel, so wichtig. Wenn man hier den Durchgang kontrollierte, konnte man sowohl schwedische St\u00e4dte sch\u00fctzen als auch Z\u00f6lle kassieren. Diese alte Burg hatte bereits den charakteristischen Rundturm. Sie wurde kurz nach der Zerst\u00f6rung von Sigtuna errichtet und steht vermutlich damit in Zusammenhang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier, unter der Burg, waren die Vorratsr\u00e4ume. Vor allem Holz und Nahrung wurden hier gelagert. Das Holz brauchte man zum Heizen, aber auch zum Kochen, denn die Burg hatte, wie man hier noch sehen kann, im Keller eine K\u00fcche, eine gewagte Angelegenheit, denn wenn die Burg einen Feind hatte, dann das Feuer. Aber gleich neben der Feuerstelle befindet sich ein Brunnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Burg war praktisch nicht einzunehmen, mit einer sechs Meter breiten Mauer, durch die man heute das Museum betritt. Sie war die wehrhafteste Burg in ganz Nordeuropa. Das Problem waren Belagerungen, und die konnten dauern. Die l\u00e4ngste dauerte drei Jahre. Deshalb mussten hier riesige Nahrungsvorr\u00e4te gelagert werden. Viel Frisches gab es da am Ende nicht mehr. Man ern\u00e4hrte sich haupts\u00e4chlich von gep\u00f6keltem Fisch und Bier. Die Burg wurde aber nie erobert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrhunderte wurde erweitert und erneuert, und es entstand ein wundersch\u00f6nes Renaissanceschloss auf mittelalterlichem Grundriss, unregelm\u00e4\u00dfig, mit Giebeln und T\u00fcrmchen und einem Rundturm, etwa in der Mitte der Anlage. So sah das Schloss, wie man an einem Modell sieht, zu seiner Hochzeit aus, nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. F\u00fcr Verteidigungszwecke hatte es da allerdings ausgedient. Daf\u00fcr baute man das Kastell in Vaxholm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier, in Stockholm, standen in den Bastionen keine Kanonen mehr, und in dem Burggraben war eine merkw\u00fcrdige Absperrung eingelassen. Die hatte einen ganz besonderen Zweck. Es war eine L\u00f6wengrube. Auch nach dem Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs war den schwedischen K\u00f6nigen die Lust an Ausfl\u00fcge in andere L\u00e4nder nicht vergangen. Von einem dieser Ausfl\u00fcge brachten sie aus Prag einen L\u00f6wen mit. Der sollte hier gegen einen schwedischen B\u00e4ren k\u00e4mpfen. Zur allgemeinen Entt\u00e4uschung gingen die beiden \u00fcberhaupt nicht aufeinander los, sondern lie\u00dfen sich in Ruhe. Nachdem sie angestachelt worden waren, versetzte der B\u00e4r dem L\u00f6wen einen Biss, und der zog den Schwanz ein und verkroch sich in eine Ecke. Das war das Ende der L\u00f6wengrube. Die bekam dann aber eine zweite Chance unter der theaterbesessenen Lovisa Ulrika, die hier ein Theater einrichtete. W\u00e4hrend all dieser Zeit hie\u00df das Schloss nie <em>Tre Kronor<\/em>. Das ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, als das Schloss schon lange nicht mehr stand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist die Gelegenheit, etwas zu den Drei Kronen zu sagen. Sie sind <em>das<\/em> schwedische Symbol \u00fcberhaupt, aber ihr Ursprung ist ungewiss. Lange galt die Annahme, es handele sich um die drei Kronen der vereinigten K\u00f6nigreiche von D\u00e4nemark, Norwegen und Schweden nach der Kalmarer Union. Das gilt aber heute als unwahrscheinlich. Es k\u00f6nnten auch die Kronen von D\u00e4nemark, Schweden und Sk\u00e5ne sein, damals ein eigenst\u00e4ndiges Reich. Vielleicht stammen die drei Kronen aber auch aus einem Adelswappen und haben eine Verbindung zu den Heiligen Drei K\u00f6nigen und damit zu K\u00f6ln!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das alte Schloss galt schon lange nicht mehr als ad\u00e4quat f\u00fcr eine europ\u00e4ische Macht. Das Schloss galt als alt, h\u00e4sslich, unmodern und nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine europ\u00e4ische Macht. Zu Schweden geh\u00f6rten damals Finnland, Teile des Baltikums, Teile Polens und Teile Norddeutschlands. Karl XI. machte sich schlie\u00dflich ans Werk und beauftragte Tessin, den Erbauer von Drottningholm, den Plan f\u00fcr einen Umbau zu entwerfen. Eine L\u00e4ngsseite des Schlosses wurde danach klassizistisch umgestaltet, mit hohen Geschossen, einem flachen Dach, ohne T\u00fcrme und Giebel, und einer regelm\u00e4\u00dfigen Fensterfront.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Fl\u00fcgel kommt mir irgendwie bekannt vor. Er sieht aus wie das heutige Schloss. Und es ist wirklich so. Er ist der einzige Teil, der das Feuer \u00fcberstand, wenn auch nur die Au\u00dfenmauern. Die Eisent\u00fcren, die Tessin zum Feuerschutz vorgesehen hatte, waren noch nicht eingebaut worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der weitere Umbau stockte dann aber, als der K\u00f6nig starb und sein Nachfolger ein zu hohes Milit\u00e4rbudget hatte, um weiterzubauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kam der Tag, an dem der Brand ausbrach. Der K\u00f6nig war gerade gestorben und noch nicht einmal begraben. Er wurde beim Ausbruch des Feuers in der Kapelle des Schlosses aufgebahrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis heute ist die Ursache des Feuers unbekannt. Jedenfalls fing der Brand nicht unten in der K\u00fcche an, sondern in einer Wohnung ganz oben im Schloss, etwa in der Mitte. Es gab im ganzen Schloss Vorrichtungen zum Feuerl\u00f6schen, aber man bekam das Feuer nicht unter Kontrolle. Als man gerade dabei war, den Brand zu bek\u00e4mpfen, drehte der Wind und das Feuer erfasste die andere Seite des Schlosses. Man merkte, dass man das Geb\u00e4ude nicht retten konnte und machte sich daran, die Einrichtung zu retten. Viele Dinge wurden gerettet. Allerdings verbrannten ironischerweise ausgerechnet Tessins Pl\u00e4ne f\u00fcr den Umbau des Schlosses.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie durch ein Wunder kam kein Mensch ums Leben. Eine Legende will aber, dass doch ein Mann zu Tode kam. Er versuchte, dem Feuer zu entkommen und wurde unten auf der Stra\u00dfe von einem Geschoss am Kopf getroffen. Das Geschoss war ein Buch, das jemand aus der Bibliothek nach unten warf, um es zu retten, ein besonders dickes Buch, eine Ausgabe der Bibel, die <em>Teufelsbibel<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn das Schloss nicht abgebrannt w\u00e4re, w\u00fcrde es heute trotzdem ganz anders als damals aussehen. Irgendwann h\u00e4tte man wahrscheinlich Tessins Umbaupl\u00e4ne wieder hervorgekramt, und das Schloss w\u00fcrde fast so aussehen wie heute, obwohl man vermutlich den alten Rundturm nicht abgebrochen h\u00e4tte. Es kommt einem fast so vor, als w\u00e4re das Feuer gerade recht gekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist inzwischen fast Zeit f\u00fcr die Schlie\u00dfung des Schlosses, und ich habe auch genug gesehen. Ich setze mich unter die von den Stockholmern freundlicherweise geretteten Ulmen und genie\u00dfe ein Bier und einen H\u00e4hnchenspie\u00df, ein Gericht, das auf vielen Speisekarten erscheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ab Montag soll es k\u00fchler werden. Soll mir recht sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass es schon ab heute nicht mehr so sch\u00f6n ist. Der Himmel ist bew\u00f6lkt. Statt zum <em>Hagapark<\/em> gehe ich ins <em>Nordiska<\/em> <em>Museet<\/em>, in Djurgarden, ganz in der N\u00e4he des <em>Vasamuseet<\/em>, wohin ich mich vor genau zwei Wochen auf den Weg gemacht habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das <em>Nordiska Museet<\/em> befindet sich in einem riesigen, breiten Geb\u00e4ude (176 Meter breit), gebaut in einem Stil, den man als Neo-Renaissance bezeichnen k\u00f6nnte. So k\u00f6nnte das alte Schloss ausgesehen haben. Oder so stellte man sich das vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Stil ist kein Zufall. Das Museum entstand zu der Zeit der Nationalromantik am Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, als alles, was schwedisch und alt war, ideal war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Mitte der gro\u00dfen Eingangshalle thront eine \u00fcberdimensionale, bemalte Holzskulptur von Gustav Vasa, von Milles ausgef\u00fchrt und von seiner eigenen Ehefrau farbig gefasst. Die Skulptur ist eher h\u00e4sslich, aber passt zu der Grundidee des Museums mit seinem Schwerpunkt auf Schweden und dessen Geschichte. Noch besser ist, dass das Holz aus einem Wald stammt, der zur Zeit Gustav Vasas angelegt worden ist und die Stirn sogar von einem Baum, der von dem K\u00f6nig selbst gepflanzt worden sein soll! Auf dem Sockel steht ein Motto, das dem K\u00f6nig zugeschrieben wird, das aber vor allem in die Zeit der Entstehung des Museums passt: <em>Warer svenske!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Name des Museums ist irref\u00fchrend. Es k\u00f6nnte eher <em>Schwedisches Volkskundemuseum<\/em> hei\u00dfen. Es gibt aber eine ganz besondere Vorrichtung, n\u00e4mlich einen Audioguide in \u201eeinfachem Schwedisch\u201c. Von ihm lasse ich mir ausgew\u00e4hlte St\u00fccke des Museums pr\u00e4sentieren. Es beginnt ganz oben, im 4. Stock.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es beginnt mit einem Tisch. Der hat sogar einen Namen: <em>Eva<\/em>. Er wurde in den Drei\u00dfigerjahren entworfen, hat keine Armlehne, ist auch hellem Holz (Birke), hat eine breite Bespannung aus Bast und ist leicht geschwungen. Obwohl er nicht unbedingt so aussieht, ist er als Arbeitsstuhl konzipiert. Wie modern der Stuhl war, sieht man, wenn man ihn mit den St\u00fchlen in der gegen\u00fcberliegenden Vitrine vergleicht. Hier wird das Wohnzimmer einer durchschnittlichen Familie der unteren Mittelschicht aus der gleichen Zeit ausgestellt, komplett. Die St\u00fchle sind dunkel und gerade, die gesamte Einrichtung gediegen. Die sechsk\u00f6pfige Familie hatte zwei Zimmer und eine K\u00fcche. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer, die Kinder in der K\u00fcche und in dem anderen Zimmer. Es gibt kaum Schmuck, aber man hatte eine Zeitung und ein Radio \u2013 allerneueste Kommunikationstechnologie. Die Zeitung berichtet auf der ersten Seite vom Ausbruch des 2. Weltkriegs. Schweden war neutral, sah sich aber immer wieder vor schwierigen Entscheidungen: Wie reagiert man auf die deutsche Besetzung D\u00e4nemarks und Norwegens, auf die russische Besetzung Finnlands? Wie verh\u00e4lt man sich deutschen Deserteuren gegen\u00fcber?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Vitrine zeigt ein gro\u00dfb\u00fcrgerliches Wohnzimmer der Jahrhundertwende: Polsterm\u00f6bel, dunkle Tapeten, Bl\u00fcmchenmuster, ein Regal, auf dem Porzellanst\u00fccke pr\u00e4sentiert werden. Auch dies war das Wohnzimmer einer sechsk\u00f6pfigen Familie, aber sie hatte eine K\u00f6chin und zwei Kinderm\u00e4dchen. Als neuester Errungenschaft liegt ein Photoapparat auf dem Regal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Ende des Gangs kann man in die langgestreckte Halle hinuntersehen. Elektrisches Licht gab es noch nicht. Das erkl\u00e4rt die vielen, flachen Kuppeln, aus denen Licht in das Geb\u00e4ude gelangt. Die Halle sollte zun\u00e4chst Ballsaal werden, aber dann wurden aus finanziellen Gr\u00fcnden die Pl\u00e4ne ge\u00e4ndert. Man kann sich hier einen Ball gut vorstellen. Das improvisierte Caf\u00e9 und das Kassenh\u00e4uschen stehen jedenfalls etwas verloren in diesem auf Grandiosit\u00e4t angelegtem Raum herum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der n\u00e4chsten Etage geht es weiter in der Zeit zur\u00fcck. Hier sieht man ein gro\u00dfz\u00fcgiges, etwa 150 Jahre \u00e4lteres Haus. Hier regiert das Holz: Fenstersprossen aus Holz, Blendl\u00e4den aus Holz, Fu\u00dfboden aus Holz, Tische aus Holz. Dass es sich um keine Holzbude handelt, sondern um das Heim einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie, sieht man an den Einrichtungsgegenst\u00e4nden, fein gearbeitet und den neuesten Zeittrends entsprechend: ein Kartentisch und ein Kaffeetisch. Kaffee war das Modegetr\u00e4nk der Zeit, und ein erheblicher Luxus. Er war mit den zur\u00fcckkehrenden Soldaten Karls XII. nach Schweden gekommen, der in der T\u00fcrkei gefangen war. \u00c4hnlich war das Kartenspiel, eine leicht lasterhafte Zeitvergeudung, auch ein Luxus, den sich leisten konnte, wer \u00fcberhaupt Freizeit hatte. Viele der Moden der Zeit kamen aus dem mit Schweden verbundenen England und lassen sich sogar bis nach China zur\u00fcckverfolgen, woher sie \u00fcber die <em>East India Company<\/em> nach Europa kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sieht man einen original erhaltenen, 350 Jahre alten Raum aus einem Schloss, dem Schloss Ulvsunda. Der Raum hat eine bemalte und sich w\u00f6lbende Ledertapete. Und er hat ein Himmelbett. Das wurde aber in der Regel gar nicht benutzt, weil das Heizen zus\u00e4tzlicher R\u00e4ume einfach zu teuer war. Der Raum wurde lediglich geheizt, wenn ganz besonderer Besuch angemeldet war, Staatsbesuch sozusagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in eine Abteilung mit Volkskunst. Man sieht zwei Standuhren, gleich nebeneinander, eine \u201eweibliche\u201c und eine \u201em\u00e4nnliche\u201c. Diese Attribute kann man zweifelsfrei den beiden Uhren zuordnen, aber ob das, wenn auch nur unterschwellig, eine Rolle gespielt hat bei der Herstellung der Uhr, wei\u00df man nat\u00fcrlich nicht. Hier sind Amateure am Werk, Menschen, die die Fertigkeit von \u00e4lteren Familienmitgliedern gelernt hatten. Es wird die Frage diskutiert, was denn \u00fcberhaupt Volkskunst zu Volkskunst mache. Diese Uhren k\u00f6nnten auch von einem Kunstschreiner hergestellt worden sein. Wo die Grenze liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht, so kommt es mir vor, ist es der \u00dcberfluss und die Willk\u00fcrlichkeit des Dekors. Was sollen die stilisierten Blumen auf diesen Uhren? Sie haben, jedenfalls soweit man das sehen kann, keinen Bezug zum Gegenstand oder zum Umgebung. Und es gibt ein bisschen viel davon. Was eigentlich Kunst ausmacht, Zur\u00fcckhaltung, ist nicht zu erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Abteilung Volkskunst sieht man auch noch, auf einem Podium postiert, vier verschiedene St\u00fchle. Sie kommen alle aus anderen H\u00e4usern. Es war normal, nur einen Stuhl zu haben. Ein Stuhl war ein Luxus, und gleichzeitig ein Machtsymbol f\u00fcr den, der einen hatte oder gar auf einem sitzen durfte, w\u00e4hrend alle anderen auf Schemeln oder B\u00e4nken sa\u00dfen. Die St\u00fchle sind also Einzelst\u00fccke, und mit entsprechend viel Liebe zum Detail gearbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Stockwerk tiefer geht es ums Essen. Man sieht eine gedeckte Festtafel aus dem 17. Jahrhundert, mit einem Schwan in der Mitte, einem gebratenen Schwein dahinter, Muscheln davor, sowie Pasteten, Kuchen und allerlei anderes. Alles wurde gleichzeitig aufgetischt. Der Schwan wurde als Dekorationsst\u00fcck immer wieder verwendet, nur der Braten wurde erneuert. Man a\u00df von Zinntellern \u2013 sie kamen dem Silber am n\u00e4chsten \u2013 und mit den neumodischen Gabeln. Die sorgf\u00e4ltig gefalteten Servietten wurden nicht benutzt, oder wenn \u00fcberhaupt von Besuchern, sie dienten der Dekoration.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Gegenst\u00fcck in einer gegen\u00fcberliegenden Vitrine ein Brettchen, dem Teller der gew\u00f6hnlichen Leute. Es tr\u00e4gt eine Inschrift, die besagt, wer es von wem geerbt hat und wer von ihm gegessen hat. Dazu geh\u00f6rte auch ein Mann, der sp\u00e4ter zum schwedischen Botschafter in Frankreich avancierte. Als das Brettchen einen Riss bekam, bekam es die Inschrift und wurde dann als Erinnerungsst\u00fcck weitervererbt. Ein ungew\u00f6hnlicher Vorgang, dass ein gew\u00f6hnlicher Alltagsgegenstand von 1685 bis heute \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Einladungen zum Kaffeetrinken in Mode, und wir sehen einen komplett gedeckten Kaffeetisch. Die Einladungen zum Kaffee ersetzten immer mehr die traditionellen Esseneinladungen, besonders bei Geburtstagen und Beerdigungen, und wurden durch technische Neuerungen wie den Backofen und das Backpulver erst erm\u00f6glicht. Die Kaffeetassen sind an beiden Tischseiten nacheinander aufgereiht. Man setzte sich also vermutlich nicht an den Kaffeetisch, sondern bediente sich und setzte sich dann woandershin. Selbstbedienung. Daher haben das die schwedischen Caf\u00e9s! Es gab, in dieser Reihenfolge, Brot, Kuchen und Kekse, und es war sozial erforderlich, immer mindestens sieben verschiedene Keksarten anzubieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es noch eine Abteilung zu schwedischen Festen und Traditionen. Zur Mittsommernacht hei\u00dft es, dass die Tradition durch deutsche Hansekaufleute nach Schweden gekommen sei, und zwar als Maifest. Das Fest sei dann auf den Mittsommer verlegt und entsprechend schwedisch ausgestaltet worden. Ein schwedisches Fest deutschen Ursprungs? Aber vielleicht habe ich da etwas missverstanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Museum geh\u00f6rt auch, auch wenn es eigentlich nicht ganz hierhergeh\u00f6rt, ein Teil der Hinterlassenschaft Strindbergs. Sie gelangte wohl durch eine private Verbindung von Strindberg mit dem Gr\u00fcnder des Museums hierher. Diese Exponate werden deshalb auch getrennt von dem Rest, an einer Seite des Museums pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor allem seine Bilder kann man hier sehen. Er malte, fast ausschlie\u00dflich, Natur: W\u00e4lder, B\u00e4ume, Klippen, den Himmel, das Meer. Die Themen und die Techniken blieben gleich, aber man sieht, da die Bilder in chronologischer Reihe geh\u00e4ngt sind, dass die Form sich ver\u00e4nderte: die Bilder werden symbolischer und abstrakter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt Briefe, Aufzeichnungen, Skizzen, das Originalmanuskript von <em>Fr\u00e4ulein Julie<\/em> und das korrigierte Titelblatt seiner umfassenden, sp\u00e4ter heftig umstrittenen Kulturstudie. Der Verleger hatte <em>Svenska Kulturminnen<\/em> als Titel vorgeschlagen. Den Titel hatte Strindberg durchgestrichen, mit dem Kommentar, es handele sich weder um \u201eSchwedisches\u201c noch um \u201eErinnerungen\u201c. Und hatte als neuen Titel vorgeschlagen: <em>Historiska Studier<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ganze Woche \u00fcber sieht man in Stockholm die Regenbogenfahne. Es ist die Woche von <em>Stockholm Pride<\/em>, einer Art Karneval f\u00fcr Fortgeschrittene, eine Woche mit Festen und Feiern und Konzerten und Umz\u00fcge f\u00fcr Schwule und Alternative und Radikale, d.h. junge Leute, die sich radikal dem Thema Vergn\u00fcgen verschrieben haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag will ich zum <em>Kakn\u00e4storn<\/em>, dem Fernsehturm Stockholms mit seiner eigenwilligen Gestalt, um hier vielleicht den Ausblick zu bekommen, die das <em>Stadshuset<\/em> nicht geboten hat. Aber wegen der Parade f\u00e4hrt der Bus nicht. Es wird geraten, zu warten, denn die Parade sei bald zu Ende. Ich warte und sehe, dass sich der Himmel immer mehr zuzieht. Und nach einer Stunde gebe ich auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Wochenende gibt es ein Taube-Festival. Nichts f\u00fcr Geh\u00f6rlose, und auch nichts f\u00fcr V\u00f6gel. Evert Taube ist ein schwedischer S\u00e4nger und Komponist, der mit seinen Liedern sehr popul\u00e4r wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck fragt ein deutscher Mann seine Frau: \u201eWillst du auch Early Grey?\u201c Neue Teesorte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regen! Richtiger Regen! Jedenfalls nasse Stra\u00dfen und ein paar Tropfen. Ich kann mich \u00fcber das Wetter wahrlich nicht beschweren, aber es macht die Wahl f\u00fcr den letzten Tag etwas schwer. \u00a0<em>Hagapark<\/em>? <em>Kakn\u00e4storn<\/em>? Museum? Im Moment verschiebe ich die Entscheidung und warte ab, wie sich das Wetter entwickelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann lasse ich den Zufall spielen. An der Haltestelle wird der Bus zum <em>Kakn\u00e4storn<\/em>, der 69K, angek\u00fcndigt: \u201e2 min\u201c. Da lohnt sich das Warten. Nach zwei Minuten kommt der immer noch in \u201e2 min\u201c. Dann kommt die Stra\u00dfenbahn, dann kommt der Bus in \u201e2 min\u201c. Dann kommt er \u201enu\u201c, dann kommt er wieder in \u201e2 min\u201c. Dann kommt ein anderer Bus, und dann kommt wieder eine Stra\u00dfenbahn. Und dann kommt er und &#8211; f\u00e4hrt an mir vorbei. Er hat hinter der Stra\u00dfenbahn gehalten und die Leute einsteigen lassen. Der 69 K hat etwas gegen mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt er aber wirklich und h\u00e4lt. Der Fahrer hat eine kurze Hose an. Ich bin extra noch mal zum Hotel zur\u00fcckgegangen, um mir eine lange Hose anzuziehen. Die kurze Hose sah mir unpassend aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bus ist rappelvoll, vor allem Familien mit Kindern sind vertreten. Wollen alle zum <em>Kakn\u00e4storn<\/em>? Wir kommen zuerst durch die Gegend der ausl\u00e4ndischen Botschaften. Die t\u00fcrkische befindet sich in einem sch\u00f6nen alten Backsteingeb\u00e4ude. Auf der anderen Seite, etwas weiter, befindet sich eine in einem modernen Betonklotz mit Stacheldraht. Israel? USA?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir zum Technischen Museum. Hier steigen alle aus. Es gibt eine Ausstellung zur Raumfahrt. Die Fahrt geht weiter, in eine sehr l\u00e4ndlich anmutende Gegend. Der Turm steht wirklich inmitten von nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus der N\u00e4he betrachtet ist der Turm nicht sch\u00f6ner als aus der Ferne. Aber braucht er ja auch nicht. Es geht ja um die Fernsicht. Mit dem schnellen, aber veralteten Aufzug geht es in den 30. Stock, auf 150 Meter. Das ist Skandinaviens h\u00f6chstes Geb\u00e4ude. Nutzt aber alles nichts. Ist immer noch nicht hoch genug. Die Aufnahmen, die ich gesehen habe und die die Lage Stockholm so wunderbar zeigen, m\u00fcssen aus dem Flugzeug gemacht worden sein. Hier erkennt man allenfalls ein paar Wasserstellen zwischen den Inseln. Genaues sieht man kaum. Der tr\u00fcbe Tag, der einsetzende Regen und die schmutzigen Fenster helfen auch nicht gerade. Immerhin kann man in der Ferne einige Geb\u00e4ude gut erkennen: <em>Stadshuset<\/em>, Schloss und, vor allem, <em>Nordiska<\/em> <em>Museet<\/em>. Unmittelbar unter uns liegen der Hafen und der Ladul\u00e5s-Park, hinter uns reine Natur: Wasser und Inseln. Ich gehe noch auf die h\u00f6here, offene Aussichtsplattform, ohne Fenster, aber mit Gittern. Und mit Regen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Turm wurde 1963 begonnen und 1967 eingeweiht. Er durfte aus technischen Gr\u00fcnden nicht mehr als ein Kilometer von der Fernsehstation entfernt sein. Wo die liegt, wei\u00df ich aber nicht. Zuerst sollte es ein runder Turm werden, dann entschied man sich f\u00fcr viereckig, aber mit einer Besonderheit: Die Besucherplattformen \u2013 und einige der Stockwerke darunter \u2013 wurden diagonal versetzt, so dass sich ein achteckiger Stern ergab. Das erlaubt auch das volle Ausnutzen von Sonne und Schatten. Die Fenster \u2013 das muss damals wohl eine Neuerung gewesen sein \u2013 haben eine goldene Beschichtung, die den gro\u00dfen Teil der Sonnenw\u00e4rme\u00a0 drau\u00dfen h\u00e4lt. Daher vermutlich die r\u00f6tlichen Streifen, die sich an den Fenstern bilden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es wurde zuerst nur der \u00e4u\u00dfere Turm gebaut. Er wuchs jeden Tag um ca. 3,5 Meter, die dann hydraulisch nach oben gepumpt wurden. Erst dann begann man mit den Stockwerken, und zwar mit dem 24., von dem aus man sich dann nach unten und nach oben arbeitete. Das ist alles interessant, und die fr\u00fche Entstehung erkl\u00e4rt auch, dass heute alles etwas veraltet wirkt. Auf einer Zeichnung sieht man den Turm ganz in Blau, mit einigen in Gelb herausgehobenen Teilen. Tr\u00e4gt einiges zur Verbesserung des Aussehens bei. Was bedeutet eigentlich <em>Kakn\u00e4s<\/em>? Keine Ahnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich unten den Turm verlasse, regnet es richtig heftig. Als der Bus kommt, laufe ich mit zwei anderen auf ihn zu, aber die Busfahrerin sieht uns nicht und l\u00e4sst die T\u00fcr zu. Als sie sich dann \u00f6ffnet, fl\u00fcchten die beiden anderen in den Bus und beginnen, sich gem\u00fctlich mit der Busfahrerin zu unterhalten und lassen mich, im wahrsten Sinne des Wortes, im Regen stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Busfahrerin ist eine ganz junge Frau, fast ein Kind noch. Sie sieht gar nicht so aus, als h\u00e4tte sie schon einen F\u00fchrerschein. Sie f\u00e4hrt sehr, sehr vorsichtig. Das ist gut, denn das Wasser aus den Pf\u00fctzen spritzt zu allen Seiten. Die Busse werden mit Biogas betrieben, und sind ein Fabrikat von MAN.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir im Zentrum ankommen, hat der Regen aufgeh\u00f6rt. Ich gehe erst zum Nationalmuseum, das noch auf meiner Liste steht, lasse mich aber von der langen Schlange abschrecken. Es gibt eine Ausstellung, deren Titel seine Wirkung nicht verfehlt: <em>Lust och Last<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt ein, dass ich ja noch die Eintrittskarte f\u00fcr die Schatzkammer des Schlosses habe und ich beschlie\u00dfe, dass das meine letzte Besichtigung werden soll. Der Umweg \u00fcber das Nationalmuseum kommt mich aber teuer zu stehen: Es beginnt wie wild zu sch\u00fctten, und auf dem riesigen Platz vor dem Schloss kann man sich nirgendwo unterstellen. Als ich ankomme, bin ich v\u00f6llig durchn\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schatzkammer befindet sich unten, ganz unten. Es sind nur zwei kleinere R\u00e4ume, in denen alles ausgestellt ist. Neben den Regalia gibt es zwei Kisten, in denen diese fr\u00fcher aufbewahrt wurden, die zweite, gr\u00f6\u00dfere und mit einer Vielzahl von Schl\u00f6ssern versehene, ersetze die erste, nachdem die zu klein und unsicher geworden war. Sie tat ihre Dienste bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Dann gab es wohl modernere Aufbewahrungsm\u00f6glichkeiten. \u00d6ffentlich werden die Dinge seit 1970 pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit der Kr\u00f6nung Gustav V. wird die Kr\u00f6nung nicht mehr von der schwedischen Staatskirche durchgef\u00fchrt. Diese \u00c4nderung wurde wohl im Sinne der Modernisierung der Monarchie eingef\u00fchrt. Als Folge davon, werden auch die k\u00f6niglichen Insignien \u2013 Krone, Zepter, Reichsapfel \u2013 bei der Kr\u00f6nung nicht mehr getragen, sondern wohnen der Kr\u00f6nung nur bei, genauso wie der pr\u00e4chtige, rote Kr\u00f6nungsmantel mit Hermelinbesatz, der in einer Vitrine ausgestellt ist. Fast m\u00f6chte ich sagen: Schade. Wenn man das Zeug schon hat, k\u00f6nnte man es auch anziehen. So liegt es, wie man auf Photos sehen kann, etwas verloren in der Gegend herum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00e4ltesten Exponate stammen aus der Zeit Gustav Vasas. Dazu geh\u00f6ren zwei am Griff verzierte Schwerter. Auf der Scheide, hier nur schwer zu erkennen, gibt es Darstellungen. Es sind Szenen aus Genesis und Deuterononium. Nicht von ungef\u00e4hr: Gustav Vasa stilisiert sich hiermit zum modernen Moses, der Schweden aus der d\u00e4nischen Gefangenschaft ins Gelobte Land der Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fchrt. Politik mit dem Schwert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00e4lteste Krone mit dem dazugeh\u00f6rigen Zepter und dem Reichsapfel stammen von der Kr\u00f6nung von Gustavs Sohn Erik. Es handelt sich um eine geschlossene Krone, gefertigt nach dem Vorbild der Krone Heinrichs VIII. in England. Offenen Kronen wie man sie aus dem Mittelalter kennt, sieht man hier nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier wird mit den Insignien Politik betrieben, und zwar im doppelten Sinne. Die Krone enth\u00e4lt die drei Kronen, das Symbol Schwedens, aber auch die drei Leoparden, das Symbol D\u00e4nemarks. Drohung und Machanspruch gleichzeitig. Erik wurde sp\u00e4ter von einem seiner Br\u00fcder besiegt, gefangengenommen und abgesetzt. Er hatte die Dreistigkeit besessen, eine Nichtadelige zu heiraten, Anlass genug, ihm an den Kragen zu gehen. Sein Nachfolger, Johann, lie\u00df daraufhin zwei Perlen an der Krone anbringen. Sie verdeckten die Initialen E.R. seines Vorg\u00e4ngers und kaschierten sozusagen den Staatsstreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lasse es dabei bewenden in dem Gef\u00fchl, genug gesehen zu haben. Und laufe durch den Dauerregen ins Hotel, dankbar daf\u00fcr, dass Stockholm mich mit so sch\u00f6nem Wetter verw\u00f6hnt hat und mich mit so schlimmen Wetter nach Hause schickt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Juli 2011 (Freitag) Der Trierer Taxifahrer pl\u00e4diert angesichts einer ausgefallenen Ampel an den Kaiserthermen daf\u00fcr, die Ampel ganz auszuschalten. Dann laufe es viel besser. Keine Staus. 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