{"id":1374,"date":"2011-12-23T17:56:17","date_gmt":"2011-12-23T17:56:17","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1374"},"modified":"2011-12-23T18:09:53","modified_gmt":"2011-12-23T18:09:53","slug":"budapest-2010","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1374","title":{"rendered":"Budapest (2010)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. April (Ostersonntag)<\/span><\/p>\n<p>Neuerung am D\u00fcsseldorfer Flughafen: Man kann nur noch elektronisch einchecken. Ohne Bordkarte kann man sein Gep\u00e4ck nicht aufgeben. Das hat aber seine T\u00fccken: Der Apparat erkennt meine Buchungsnummer nicht und l\u00e4sst den Zielort Budapest nicht zu. Ich muss erst Hilfe anfordern. Der Zielort muss Z\u00fcrich sein, da dort zuerst hingeflogen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ostersonntag reisen nicht so viele Menschen, und danach geht alles z\u00fcgig und ohne Komplikationen. Allerdings kommen wir in Z\u00fcrich trotz p\u00fcnktlichen Abflugs mit fast halbst\u00fcndiger Versp\u00e4tung an. Warum, ist nicht ganz klar. Es ist zwar von Turbulenzen die Rede, aber ob das die Versp\u00e4tung erkl\u00e4rt, wissen wir nicht. Beim Aussteigen dr\u00fcckt mir ein ungarisches M\u00e4dchen ein Blatt Papier in die Hand. Es ist eine Zeichnung mit ihrem Konterfei und Namen und ein paar Sternen und \u201eTank you\u201c darunter. Ich habe ihr vorher den Fensterplatz abgetreten und das Schokoladen-Ei, das im Flugzeug verteilt wird, das ich ohnehin nicht wollte. In dem Blatt liegt noch der Bleistift. Ich will ihn ihr zur\u00fcckgeben, aber der geh\u00f6rt auch zum Geschenk. Sie hat vermutlich vorher beobachtet, wie ich meinen Reisef\u00fchrer mit einem Bleistiftstummel bearbeitete. Best\u00e4rkt in meinem Glauben an das Gute im Menschen trete ich die Weiterreise an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Flugzeug sitze ich neben einer Kanadierin aus Quebec, die in Lausanne als Krankenschwester arbeitet, ungarische Wurzeln hat und ihre kanadische Freundin in Budapest besucht. Sie bringt mir das ungarische Wort f\u00fcr <em>danke<\/em> bei, <em>k\u00f6sz\u00f6n\u00f6m<\/em>, und sagt mir, wie der Forint zum Euro steht: f\u00fcr einen Euro bekommt man 250 Forint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr, d.h. das kanadische Franz\u00f6sisch, erkl\u00e4rt sie mir, unterscheide sich deutlich vom Schweizer Franz\u00f6sisch und wieder auf andere Art vom franz\u00f6sischen Franz\u00f6sisch. Vor allem von Franzosen werde sie f\u00fcr unh\u00f6flich gehalten. Au\u00dferdem sei ihr Franz\u00f6sisch etwas antiquiert. Jedenfalls sehe man das in Europa so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem englischen Werbespruch von Swiss Air gef\u00e4llt mir irgendetwas nicht, aber ich wei\u00df nicht genau, was: <em>You only pay one price, and everything is already included<\/em>. Es ist vermutlich der \u00fcberfl\u00fcssige und unidiomatische Gebrauch von <em>already<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Flughafen werde ich von einem Taxifahrer abgeholt, ein Service, den man von zu Hause aus buchen kann. Auf eventuelle Versp\u00e4tungen reagieren sie von selbst. Angesichts der weiten Entfernung zur Innenstadt lohnt sich die Investition.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gr\u00fc\u00dfe auf Englisch, er antwortet auf Deutsch. Und legt gleich los, um bis zur Ankunft nicht mehr aufzuh\u00f6ren. Von meinem Hotel hat er noch nie geh\u00f6rt, und das ist dann wohl ein vernichtendes Urteil. Und es l\u00e4ge sowieso am falschen Bahnhof, am Ostbahnhof, zumal, wenn ich zum Paszmaneum wolle. Die Z\u00fcge dorthin f\u00fchren vom Westbahnhof ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Urteil \u00fcber den Euro f\u00e4llt ebenso vernichtend aus. In Ungarn bek\u00e4men sie ihn wohl demn\u00e4chst. Ein Fehler. Die Tschechen, wie immer die Kl\u00fcgeren, h\u00e4tten ihn nicht, die Slowaken, wie immer die D\u00fcmmeren, h\u00e4tten ihn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutsch hat er von seiner strengen Gro\u00dfmutter gelernt, in den Ferien am Balaton. Dort habe es f\u00fcr die armen Kinder jeden Tag eine Stunde Deutschunterricht gegeben. Wer schw\u00e4nzte oder nicht aufpasste, bekam kein Mittagessen. Typisch Deutsch. Ich mache einen vorsichtigen Einwand, aber den l\u00e4sst er nicht gelten. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass er dachte, ich sei Schweizer, weil ich mit einer Schweizer Maschine gekommen bin. Woher denn die Gro\u00dfmutter Deutsch gekonnt habe? Dumme Frage! Das sind die Donauschwaben. Hochdeutsch und Schw\u00e4bisch. Am Balaton h\u00e4tten sich immer die Ostdeutschen und die Westdeutschen in den Ferien getroffen. Und die h\u00e4tten immer geschrien. Die Deutschen m\u00fcssten immer schreien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er kann mich nicht bis vor das Hotel fahren, da der ganze Bahnhofsplatz umgebaut wird. Das Hotel <em>Baros<\/em>, nach einem Politiker benannt, wie ich sp\u00e4ter erfahre, der sich um den Ausbau der Eisenbahn gek\u00fcmmert hat, liegt im 5. Stock eines Hauses, das einst einer gut situierten Familie geh\u00f6rt haben muss, mit sch\u00f6ner Fassade in Blau<\/p>\n<p>und Wei\u00df und einem offenen Innenhof mit Brunnen. Um den Innenhof herum, hinter einem Gang mit sch\u00f6nem Gitter, gruppieren sich die Wohnungen. Auch hier ist alles in Blau und Wei\u00df, wobei Hellblau mit Dunkelblau abwechselt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich im Zimmer bin, merke ich, dass der Schl\u00fcssel zum Koffer im Koffer gelandet ist. Bedingt durch das sch\u00f6ne Wetter ist die Jacke mit dem Schl\u00fcssel im letzten Moment im Koffer gelandet. Als ich das sp\u00e4ter im Kollegenkreis erz\u00e4hle, findet man es v\u00f6llig \u00fcberholt, den Koffer abzuschlie\u00dfen. Ob denn jemand an meiner W\u00e4sche interessiert sein k\u00f6nne. Fr\u00fcher hie\u00df es immer, als ich den Koffer nicht abgeschlossen habe: Bist Du verr\u00fcckt? Da kann sich doch jeder nach Herzenslust bedienen. Du hast doch gar keine Kontrolle \u00fcber deinen Koffer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt stehe ich jedenfalls vor dem abgeschlossenen Koffer und versuche mich hilflos an dem Schloss. Ohne Werkzeug keine Chance. An der Rezeption gibt es Hilfe. Man f\u00fchrt mich zum Werkzeug-schrank und gibt mir freie Auswahl. Mit Hilfe einer Zange und viel Gewalt gibt das Schloss dann nach. Gl\u00fccklicherweise habe ich Schokoladent\u00e4felchen dabei, um mich an der Rezeption zu bedanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann mache ich einen kleinen Spaziergang um den ziemlich verlassenen und angesichts der Bauz\u00e4une ziemlich trostlosen Platz herum und durch das Bahnhofsgeb\u00e4ude. Dort werde ich von zwei M\u00e4nnern angesprochen, die mich zum Schachspielen einladen. Sie haben ein ausklappbares Schachbrett auf einem Mauervorsprung platziert. Ich kann weder Schach noch Ungarisch, und meine Absage kommt ihnen vermutlich unh\u00f6flich vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem Stand gibt es Gyros, f\u00fcr den auf einer gro\u00dfen Tafel handschriftlich geworben wird: <em>Pipi Gyros<\/em>. Ich probiere trotzdem. Das Brot ist weicher als bei uns, das Fleisch viel kleiner geschnitten, und alles ist viel sch\u00e4rfer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fassade des Bahnhofs, im Stil der Neo-Renaissance, hat einen gl\u00e4sernen Halbkreis im Zentrum der Fassade. In den Nischen stehen an den Seiten James Watt und George Stephenson.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie die anderen gro\u00dfen Bahnh\u00f6fe Budapests ist der Ostbahnhof ein Kopfbahnhof. Er geh\u00f6rte zur Zeit seiner Erbauung zu den modernsten Europas, mit einer riesigen Bahnhofshalle, einer beeindruckenden Glas- und Eisenkonstruktion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich besorge mir noch eine U-Bahn-Fahrkarte f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Sie kostet 320 Forint, nicht mehr, wie zu sozialistischen Zeiten, 1 Forint. Aber die Fahrkarten sehen noch aus wie damals, ganz schmal, aus d\u00fcnnem Papier, mit neun Feldern, in die die Maschine, wenn man die Karte einf\u00fchrt, ein Loch frisst. Die neun Felder sind aber nur ein Relikt aus alten Zeiten, man kann mit der Karte nur eine Fahrt machen, f\u00fcr umgerechnet 1,20 \u20ac. An den Fahrkartenschalter kommt man \u00fcber eine steile, lange, schnelle Rolltreppe, die einen weit unter die Erde f\u00fchrt, genauso wie in Moskau. Kein Zufall: Die U-Bahn wurde von den Russen gebaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Hotel f\u00e4llt mir eine Sparkasse auf. Sie hei\u00dft <em>Erste<\/em> und hat das Symbol mit dem roten <em>S<\/em> der deutschen Sparkasse. Ist das ein deutsches Exportgut?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. April (Ostermontag)<\/span><\/p>\n<p>Der Ostermontag ist auch in Ungarn Feiertag. Es gibt einen besonderen Brauch: Frauen werden von M\u00e4nnern begossen, mit Parf\u00fcm in der Regel, damit sie im n\u00e4chsten Jahr nicht verwelken. Als Gegenleistung gibt es K\u00fcsschen, Ostereier oder Schnaps. Um das zu erleben, muss man allerdings aufs Land fahren. In Budapest sehe ich jedenfalls nichts davon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Feiertag bietet Gelegenheit zur Stadt-besichtigung, allerdings bei grauem Himmel und Nieselregen. Am Treffpunkt f\u00fcr den Stadtrundgang (\u201eAn der wei\u00dfen Kirche\u201c) ist niemand, und das B\u00fcro, das die Stadtrundg\u00e4nge organisiert, ist noch geschlossen. Also gehe ich in ein hochmodernes, teures Caf\u00e9, um die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken. Die ganze Gegend hier ist anders, heller und gepflegter, als die Gegend um den Ostbahnhof.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann stellt sich heraus, dass ich ein altes Faltblatt hatte und der Rundgang eine Stunde sp\u00e4ter beginnt. Am Treffpunkt warten zwei Frauen, die auch mitgehen wollen, zwei Kanadierinnen, die sich nicht kennen. Beide kennen Deutschland von Reisen her und sprechen sehr positiv davon. Dann kommen zwei Studentinnen aus Singapur, die ein Studienjahr in Holland verbringen, eine Belgierin, Amerikaner, ein englisches Paar. Die F\u00fchrerin ist eine ganz junge Lehrerin, die gerade ihr Studium abgeschlossen hat, Englisch und Japanisch, und noch bis zum n\u00e4chsten Tag Ferien hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir steigen gleich in die U-Bahn. Die sieht ganz anders aus als die, mit der ich gekommen bin. Nach ein paar Stufen ist man am Bahnsteig, ohne Rolltreppe. Die Decke ist niedrig, der Bahnsteig schmal, als Materialien sind Kacheln und Gusseisen vertreten. Sieht sch\u00f6n aus, geradezu gem\u00fctlich. Diese U-Bahn, erfahren wir, ist die zweit\u00e4lteste in Europa und die \u00e4lteste auf dem Kontinent.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir fahren zum Heldenplatz, einem riesigen Platz, an dem die ungarische Geschichte zelebriert wird. Auf einem in der Mitte geteilten Halbkreis stehen Statuen bedeutender Figuren der ungarischen Geschichte &#8211; fast nur Herrscher &#8211; und dazwischen auf einer hohen S\u00e4ule ein Engel, der in die Geschichte eingegriffen hat \u2013 zugunsten Ungarns, versteht sich. Auf den Halbkreisen stehen Stammesf\u00fcrsten und K\u00f6nige. Es geht um nationale Einigung, Landnahme, Eroberungen, mit den Slawen und T\u00fcrken als Lieblingsfeinde. Bedeutsam ist, dass Ungarn fr\u00fcher viel gr\u00f6\u00dfer war \u2013 das erkl\u00e4rt unter anderem die ungarischsprachige Minderheit in Jugoslawien \u2013 und ihre Heimat nicht in Europa liegt \u2013 das erkl\u00e4rt die fremde Sprache. Zur Zeit der gr\u00f6\u00dften Ausdehnung soll Ungarn, heute ein Binnenland, bis zur Adria, zum Schwarzen Meer und zur Ostsee gegangen sein.<\/p>\n<p>Angesichts all der Zahlen und Namen wird einem schwindlig. Immer wieder f\u00e4llt der Name der Arpaden, einer bedeutenden Dynastie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzten drei Originalstatuen sind entfernt worden. Sie stellten die ungeliebten Habsburgerk\u00f6nige dar. Deren Statuen wurden ersetzt durch welche von denen, die sich gegen sie auflehnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Schluss wird noch auf die beiden Kunst-museen hingewiesen, die den Platz flankieren, und dann machen wir uns auf zu unserem n\u00e4chsten Ziel, dem idyllischen Stadtw\u00e4ldchen, der gr\u00f6\u00dfte denkbare Kontrast zu dem Heldenplatz. Hier geht es \u00fcber eine kleine Br\u00fccke zu einem Geb\u00e4ude-ensemble in historisierendem Stil, das als <em>Burg<\/em> bezeichnet wird. Was das genau ist, verstehe ich nicht. Wir sollen sch\u00e4tzen, die alt die Burg ist und ich schaffe es nicht, die Klappe zu halten und sage: &#8220;Nicht so alt, vielleicht 100 Jahre.&#8221; Stimmt. Alle anderen wollen es kaum glauben. Das sieht doch so alt aus. So, wie man sich Mittelalter vorstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles ist s\u00e4uberlich geplant, und jedes der Geb\u00e4ude bildet einen anderen Stil nach, eine andere Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor der Burg steht eine gro\u00dfe Statue eines Mannes mit Feder in der Hand, vor der man sich gerne fotografieren l\u00e4sst. Er hei\u00dft <em>Anonymus<\/em>. Es ist die Statue eines Chronisten, der die ersten historischen Berichte \u00fcber Ungarn verfasst hat, vor etwa 1000 Jahren.<\/p>\n<p>Gleich hinter der Burg liegt eins der ber\u00fchmten B\u00e4der Budapests. Davon hat man mir schon zuhause erz\u00e4hlt. Es ist ein prachtvoller Bau mit einer Freitreppe, \u00fcber die man in das Atrium gelangt. Von hier aus kann man in die Bades\u00e4le sehen, mit hei\u00dfem und kaltem Wasser, innen und au\u00dfen. Es wimmelt nur so von Menschen, von denen die wenigsten allerdings schwimmen. Darum geht es wohl nicht. Eher um Erholung. Und prompt bietet sich uns auch eines der emblematischen Motive Budapests dar: im Wasser um ein Schachbrett herumstehende M\u00e4nner. Zusehen und kommentieren scheint genauso wichtig zu sein wie spielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinter dem Bad liegen Zoo und Botanischer Garten. Der Turm des Elefantenhauses wurde 1915 abgerissen. Aus politischen Gr\u00fcnden. Nur: Hat Politik etwas mit Elefanten zu tun? Offensichtlich ja. Der Turm sah dem Minarett einer Moschee \u00e4hnlich, und dagegen protestierte die T\u00fcrkische Botschaft schon anfangs des 19. Jahrhunderts. Sp\u00e4ter fand der Protest Geh\u00f6r, w\u00e4hrend der k. u. k. Monarchie. Denn die war mit der T\u00fcrkei verb\u00fcndet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von hier aus geht es zur Oper. Sie liegt auf der <em>Andrassy<\/em>, der Prachtstra\u00dfe Budapests. Graf Andrassy, ein liberaler Adeliger des 19. Jahrhunderts, wurde wegen seiner staatsfeindlichen Umtriebe zum Tode verurteilt, war aber geflohen, als er hingerichtet werden sollte. In Ermangelung des Delinquenten wurde daraufhin ein \u00d6lgem\u00e4lde, das ihn darstellte, zur Exekution gebracht. Nach politischen Ver\u00e4nderungen machte Andrassy noch Karriere und wurde am Ende Ministerpr\u00e4sident und dann Au\u00dfenministers eines Landes, das ihn einst aufkn\u00fcpfen wollte. Dagegen wirken die heutigen politischen Karrieren ehemaliger Alternativer geradezu harmlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Oper wurde nach dem Vorbild Wien gebaut und ist bekannt f\u00fcr seine Akustik. Wir werden nach ungarischen Komponisten gefragt, aber au\u00dfer Bartok f\u00e4llt kaum einem etwas ein. Es gibt aber noch einen viel bekannteren: Liszt. Der sprach zwar kein Wort Ungarisch, verstand sich aber selbst als Ungar. Eine der beiden Statuen zur Seite des Eingangs stellt ihn dar. Auf der Statue steht: <em>Liszt Feren\u00e7<\/em>. Das l\u00e4sst das Herz des Sprachbesessenen gleich dreimal schlagen. Sein deutscher Vorname ist durch das ungarische \u00c4quivalent ersetzt worden, die Reihenfolge von Vor- und Nachname ist der unseren entgegengesetzt und es erscheint &lt;sz&gt; statt &lt;s&gt;. Warum das so ist, verstehe ich jetzt: Im Ungarischen steht der Buchstabe &lt;s&gt; f\u00fcr den Laut, der bei uns mit &lt;sch&gt; wiedergegeben wird; der Laut, f\u00fcr den bei uns das &lt;s&gt; steht, muss daher extra markiert werden, und das geschieht durch das zus\u00e4tzliche &lt;z&gt;. In den n\u00e4chsten Tagen begegne ich <em>Diszkont, Busz<\/em> und <em>Szendvics<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass die Ungarn den Vornamen nachstellen, ist mir bei der zweisprachigen Homepage meines Gastgebers aufgefallen, des Vorsitzenden der Anglistik des Paszmaneums. Wenn man von Ungarisch auf Englisch umschaltet, verwandelt sich <em>Andras Czer<\/em> in <em>Czer Andras<\/em>. Es scheint nahezuliegen, diese Konvention mit dem au\u00dfereurop\u00e4ischen Ursprung der Ungarn in Verbindung zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seitlich der Oper befindet sich ein Restaurant, mit dem es eine spezielle Bewandtnis hat: Alle Angestellten, vom Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer \u00fcber den Koch bis zum Tellerw\u00e4scher, m\u00fcssen, um eine Anstellung zu bekommen, nachweisen, dass sie ein Musikinstrument spielen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der Oper geht es zur Basilika \u2013 die keine ist, aber im Volksmund so hei\u00dft, eine m\u00e4chtige Kuppelkirche, das h\u00f6chste Geb\u00e4ude Budapests. Ihre Erbauung ist eine Geschichte der R\u00fcckschl\u00e4ge, mit falschen Berechnungen, \u00dcberflutungen, Einst\u00fcrze. Ihr Hauptportal geht auf einen gro\u00dfen Platz hinaus, auf den, in gerader Achse auf das unverstellte Portal ausgerichtet, eine breite Stra\u00dfe f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zur Donau runter. Vor einem Hotel weht eine kanadische Flagge. Das hat etwas mit einer Umweltschutzbewegung zu tun, aber was es genau ist, bekomme ich nicht mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seitlich davon das sehenswerte Geb\u00e4ude der Akademie der Wissenschaften, f\u00fcr mich das sch\u00f6nste Geb\u00e4ude Budapests, ein dreigeschossiger Bau mit einer stark gegliederten und gleichzeitg harmonischen Fassade mit doppelten S\u00e4ulenreihen und breiten Fenstern mit Rundb\u00f6gen, alles im Stil der Neo-Renaissance. An der Fassade allegorische Figuren und die Statuen von Galilei, Lomonossow, Descartes, Leibniz, Newton und einem gewissen Revai, einem ungarischen Sprachforscher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Seite ein Relief, das eine turbulente Szene in einer Sitzung darstellt: Der Graf, auf dessen Initiative die Akademie zur\u00fcckgeht, stellt in einer dramatischen Szene sein gesamtes Jahres-einkommen daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung. Daran kann man sich ein Beispiel nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir vor der Akademie stehen, werden wir gefragt, welche ungarischen Erfinder wir kennen. Fehlanzeige. Dann nennt unsere F\u00fchrerin eine ganze Reihe, die einem tats\u00e4chlich bekannt vorkommen, unter anderem den Erfinder des Zauberw\u00fcrfels. Auch Streichh\u00f6lzer wurden in Ungarn erfunden. Und dann f\u00e4llt es mir, angesichts des Namens, wie Schuppen von den Augen: Byro, der Erfinder des Kugelschreibers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der Akademie geht es auf die Kettenbr\u00fccke, die ber\u00fchmteste Br\u00fccke Budapests, zwischen der Elisabethbr\u00fccke und der Margaretenbr\u00fccke gelegen. Alle verbinden Pest, wo wir uns befinden, mit Buda auf der anderen Seite. Der Unterschied ist augenf\u00e4llig: Pest ist flach, Buda h\u00fcgelig. Aus der N\u00e4he sieht man sp\u00e4ter auch, dass Buda verwinkelt ist und krumme Gassen hat und Pest regelm\u00e4\u00dfig angelegt ist und breite Stra\u00dfen hat, dass Buda eher gediegen und ruhig und Pest laut und\u00a0 dynamisch ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kettenbr\u00fccke wird von zwei L\u00f6wen ohne Z\u00e4hne bewacht. Der Legende zufolge machte ein Kind den Architekten darauf aufmerksam, der sich daraufhin, verzweifelt \u00fcber seinen Fehler, das Leben nahm. Stimmt aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende der Kettenbr\u00fccke befindet sich in gerader Linie ein Tunnel, der genauso lang ist wie die Br\u00fccke. Kindern erkl\u00e4rt man, bei Regen werde die Br\u00fccke in den Tunnel geschoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am anderen Ende befinden sich der Nullpunkt f\u00fcr alle Entfernungsmessungen in Ungarn und eine Drahtseilbahn, die auf den Burgh\u00fcgel hinauff\u00fchrt. Wir nehmen aber den gewundenen Fu\u00dfweg den Berg hinauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs machen wir Halt und blicken auf das neugotische Parlamentsgeb\u00e4ude am anderen Ufer, das ber\u00fchmteste Geb\u00e4ude Budapests. Es ist genau symmetrisch, mit der Kuppel in der Mitte. Die beiden Fl\u00fcgel repr\u00e4sentieren die beiden Kammern des Parlaments. Es weist eine gro\u00dfe Zahl an Superlativen aus. Es ist 268 Meter lang, hat 691 R\u00e4ume, 242 Statuen, 13 Aufz\u00fcge und 20 km Treppen. Der Pr\u00e4sident residiert oben auf der anderen Seite, auf dem Burgh\u00fcgel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben auf dem Berg steht die Matthiaskirche, wei\u00df, mit glasierten Kacheln auf dem Dach und einem spitzen Turm, der sich jetzt unter einem Ger\u00fcst versteckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz davor die Reiterstatue von K\u00f6nig Stephan, dem Staatsgr\u00fcnder, w\u00fcrdevoll, majest\u00e4tisch, mit K\u00f6nigskrone, Heiligenschein und Kreuzesstab. Das Pferd hat alles M\u00f6gliche Schmuckwerk umgeh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Davor steht die Fischereibastei, herrlichster Kitsch, mit Zinnen und spitzen T\u00fcrmchen und Fenstern mit eingestellten S\u00e4ulchen, eine Aussichts-plattform, die aussieht wie ein Teil einer Ritterburg aus dem M\u00e4rchenbuch, Fototreff und Fotomotiv gleichzeitig. Mit Fischern hat das wenig zu tun. Der Name kommt wohl daher, dass sich das Viertel der Fischer in der N\u00e4he befand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier endet die Tour. Ich gehe zu Fu\u00df \u00fcber einen gewundenen Weg zur Donau hinunter und suche etwas zu essen. Fast lande ich in einem China-Restaurant, bin aber gedankenschnell genug, r\u00fcckw\u00e4rts wieder rauszugehen. Eine gute Entscheidung, denn ich finde zuf\u00e4llig ein rustikales Lokal in der N\u00e4he der Basilika, das alle Erwartungen erf\u00fcllt: gutes Essen, gute Atmosph\u00e4re, gute Bedienung. Erst sp\u00e4ter lese ich in einem Reisef\u00fchrer, dass man das Lokal empfiehlt, aber dass es kaum einmal einen freien Platz gibt. Ich habe Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Raum ist klein, mit Backsteinw\u00e4nden, einer niedrigen Decke mit einem pflanzenumrankten Holzgestell und karierten Tischdecken. Es herrscht Rauchverbot, aber am Nebentisch rauchen zwei Spanierinnen, und keiner st\u00f6rt sich daran.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spezialit\u00e4t des Hauses scheint Gefl\u00fcgel zu sein, denn das gibt es in allen m\u00f6glichen Variationen: H\u00e4hnchen mit Spinat und Schafsk\u00e4se, H\u00e4hnchen mit Speck und Roquefort, H\u00e4hnchen mit Bacon und Pfirsich, Truthahn in Pflaumenso\u00dfe. Ich entscheide mich f\u00fcr H\u00e4hnchen mit Honig und Senf. Hervorragend! Dazu gibt es leckeres ungarisches Bier, <em>Soproni<\/em>. Es hei\u00dft, dass in Budapest mehr Bier als Wein und in der Provinz mehr Wein als Bier getrunken wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Nachtisch gibt es Kaffee. Den gab es in Ungarn schon, als er in Deutschland noch unbekannt war. Das ist ein Erbe der T\u00fcrken. Ich finde in einem Reisef\u00fchrer den Bericht eines Augsburgers, der im 16. Jahrhundert auf einer Reise in Ber\u00fchrung mit dem Kaffee kam, damals noch ein unbekanntes Getr\u00e4nk, und ihn, mangels eines Wortes, wortreich umschreibt: Farbe, Geschmack, Temperatur, Wirkungen, Trinkgef\u00e4\u00dfe. All das war neu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Budapest ist nicht wiederzuerkennen: Alltags-hektik statt Sonntagsruhe. Um den Bahnhof herum, auf den Bahnsteigen und in den Z\u00fcgen wimmelt es nur so von Menschen. Und man hat es eilig. Auff\u00e4llig die fast einheitlich dunkle Kleidung: grau, blau, schwarz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem schmalen Weg zwischen den Bauz\u00e4unen hindurch zum Bahnhof bilden Bettler Spalier, einige von ihnen schlimm verkr\u00fcppelt. Da z\u00f6gert man nicht, etwas zu geben. Aber wenn ich, wie das in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder passiert, mehrmals am Tag an ihnen vorbeikomme, werde ich geiziger. Ich gehe vorbei und richte schuldbewusst den Blick woanders hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch um diese Zeit schon gibt es an den Bahnh\u00f6fen \u00fcberall kleine Verkaufsst\u00e4nde, von denen her es verlockend nach frischen Backwaren riecht, schon aus einiger Entfernung. Gut f\u00fcr mich, denn ich musste das Hotel noch vor dem Fr\u00fchst\u00fcck verlassen. Mein erstes Seminar ist um 8 Uhr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise brauche ich nicht alleine den Weg zu der au\u00dferhalb Budapests liegenden Uni zu finden. Eine Kollegin will mich mitnehmen. Ich soll zum <em>Moszkva t\u00e9r<\/em> kommen. Und da auf sie warten. Treffpunkt McDonalds.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es regnet ein bisschen und es ist bedeckt. Der Platz ist so gro\u00df, dass ich erst <em>McDonalds<\/em> gar nicht finde und aufgeregt \u00fcberlege, ob ich vielleicht falsch bin. Dann sehe ich aber das bekannte Emblem am anderen Ende des Platzes. Ich postiere mich dort und frage mich, wo die Kollegin wohl halten will. Bis zur vereinbarten Zeit warte ich an Punkt und Stelle, beginne dann auf und ab zu wandern. Dann kommt eine SMS mit der Information, es werde 5 Minuten sp\u00e4ter. Dann eine weitere, es werde noch 5 Minuten sp\u00e4ter. Und dann ein Anruf mit der Ank\u00fcndigung, jetzt dauere es nicht mehr lange.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin l\u00e4ngst \u00fcber die Phase der Nervosit\u00e4t hinaus, als sie endlich vorf\u00e4hrt, in einem kleinen, voll bepackten Auto. Sie ist eine junge, etwas rundliche, ausgesprochen freundliche und sprachbegabte Frau. Auch Deutsch kann sie, obwohl sie es als angerostet bezeichnet, ganz gut. Besonders aber hat es ihr Russisch angetan. Das kommt in Ungarn wohl nicht so oft vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erfahre, was es mit dem P\u00e1szmaneum auf sich hat. Es handelt sich um eine alte, w\u00e4hrend der Zeit der Gegenreform von P\u00e9ter P\u00e1szman gegr\u00fcndete Universit\u00e4t, die sich durch alle Epochen und viele Ver\u00e4nderungen, auch der k. u. k.-Zeit und der sowjetischen Zeit, gehalten und in Ungarn einen sehr guten Ruf hat. Den alten Namen hat sie erst seit dem Fall der Mauer wieder. Die meisten Fakult\u00e4ten sind in Budapest, die Theologische Fakult\u00e4t ist in Esztergom, und die Philologische in Pilisv\u00f6r\u00f6svar. Dahin geht unsere Fahrt. Wir kommen an Wiesen und Feldern vorbei und durch Orte mit deutschen Namen \u2013 dies ist das Land der Donauschwaben. Begeistert erz\u00e4hlt sie mir, wie hier immer noch in Donauschw\u00e4bischem Dialekt gesprochen wird. Als wir an der Universit\u00e4t ankommen, sind wir noch gut in der Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich der erste Eindruck der Universit\u00e4t ist ausgesprochen einnehmend. Sie ist sch\u00f6n und sie liegt sch\u00f6n, in einem wald\u00e4hnlichen Gebiet, jenseits von Gut und B\u00f6se. Die Architektur hat etwas M\u00e4rchenhaftes. Unregelm\u00e4\u00dfige, an Formen aus der Natur, wie zum Beispiel einen Pilz, erinnernde, Geb\u00e4ude, jedes anders als das andere, alle in Wei\u00df, mit schwarz-grauen, teils schief aufgesetzten D\u00e4chern. Es erinnert an Gaud\u00ed. Offensichtlich wurde ein namhafter ungarischer Architekt daf\u00fcr gewonnen, dessen Name mir aber nichts sagt. Die Universit\u00e4t liegt charakteristischerweise auf dem Gel\u00e4nde einer sowjetischen Kaserne, und die alten Kasernengeb\u00e4ude dienten nach der Wende als provisorische Unterrichtsr\u00e4ume.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde in einen der R\u00e4ume der Anglistik gef\u00fchrt und einem englischen Kollegen vorgestellt, der mich gleich fragt, was mich denn aus der Zivilisation in die Wildnis gef\u00fchrt habe. Er spricht flie\u00dfend Ungarisch und scheint schon geraume Zeit in der Wildnis zugebracht zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt auch meine Gastgeberin, noch eine sehr freundliche Kollegin, in deren Seminar ich heute unterrichten soll, \u00fcber britisches und amerikanisches Englisch. Sie warnt mich, nicht allzu gro\u00dfe Erwartungen zu haben. Die Studenten k\u00e4men gerade erst aus den Ferien zur\u00fcck. Ich bef\u00fcrchte eher, dass das, was ich vorbereitet habe, zu elementar ist. Es stellt sich aber heraus, dass es gerade richtig ist. Die Studenten brauchen eine gewisse Anlaufzeit, tauen aber bald auf. Sie kennen viele der Konzepte schon, aber wenig von dem konkreten Material und haben ein paar Aha-Erlebnisse. Ich habe mit Hilfe unserer ungarischen Studentin ein paar ungarische Formen vorbereitet, die sie in die beiden Variet\u00e4ten \u00fcbersetzen sollen. Sie sch\u00e4tzen meine M\u00fche sehr und \u00fcbersehen h\u00f6flich ein paar Rechtschreibfehler, die ich gemacht habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend kann ich im Lehrerzimmer ein paar Notizen am PC machen. Gar nicht so einfach. Einige deutsche Buchstaben fehlen. Es gibt zwar \u00f6, aber nicht \u00e4, und \u00f6 kann mal leicht mit \u0151 verwechseln. Au\u00dferdem ist die Anordnung der Tasten etwas anders: die 0 ist links von der 1, das @ versteckt sich unter dem V. Und wenn man speichern oder \u00f6ffnen will, sieht man sich mit den ungarischen W\u00f6rtern konfrontiert, und man muss aus dem Ged\u00e4chtnis die richtige Stelle anklicken.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Dann werde ich bald einem Dutzend anderer Kollegen vorgestellt, die alle irgendwie schon von mir wissen. Wer wer ist, wei\u00df ich am Ende nicht mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann werde ich \u00fcber den Campus gef\u00fchrt. Im Zentrum des Hauptgeb\u00e4udes steht eine m\u00e4chtige Bronzeskulptur des Gr\u00fcnders, P\u00e9ter P\u00e1szman, mit Kardinalshut. Es hei\u00dft, Ungarn sei, als er geboren wurde, ein protestantisches Land gewesen, und ein katholisches, als er starb. Wichtiger als der konfessionelle Aspekt scheint aber der kulturelle und politische zu sein, denn es ging um die Durchsetzung einer christlich gepr\u00e4gten Universit\u00e4t zur Zeit der T\u00fcrkenherrschaft. Das wurde geduldet. Der Islam ist, trotz aller Kriege gegen die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c, dem Christentum gegen\u00fcber oft sehr aufgeschlossen gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Laufe der Tage entdecke ich mit Erstaunen, wie viele ungarische Vornamen man kennt: Istv\u00e1n, Lazlo, Janos, Feren\u00e7, Sandor, Gabor, Bela, Gyula, Imre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Gastgeberin hat mir angeboten, mich heute zur Universit\u00e4t mitzunehmen. Sie hat dort eine Halbtagsstelle und eine weitere Halbtagsstelle in einem Forschungszentrum oben an der Burg. Mein Vortrag ist erst am fr\u00fchen Nachmittag, und ich habe noch Zeit, mir vorher etwas anzusehen. Eigentlich will ich ins Parlament, aber daraus wird nichts. Als ich endlich den richtigen Eingang gefunden und es geschafft habe, nach mehrmaligem Schlange stehen vor der Kartenverk\u00e4uferin zu stehen, erfahre ich, dass die fr\u00fche F\u00fchrung bereits ausgebucht ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um das Parlament herum herrscht eine englische Atmosph\u00e4re, mit den historisierenden Bauten, dem gepflegten Rasen und den Geb\u00e4uden mit S\u00e4ulen im zweiten Stock. Vor dem Parlament weht eine ungarische Flagge mit einem Loch in der Mitte. Was fehlt, ist das Mittelst\u00fcck mit den kommunistischen Emblemen. Es wurde bei dem Aufstand von 1956 entfernt. Das Loch, um das sich alles dreht, kann man heute aber nicht sehen. Es ist ein sonniger und windstiller Tag, und die Flagge h\u00e4ngt reglos am Mast herunter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe \u00fcber die Kettenbr\u00fccke gleich zur Burg hinauf. Besser gesagt, ich fahre, denn ich nehme diesmal die Drahtseilbahn, eine Schweizer Konstruktion. Ein Prospekt spricht von den Vorteilen der Drahtseilbahn, die energiesparend und sicher sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben angekommen, will ich zuerst in die Matthiaskirche, werde aber am Eingang gleich wieder zur\u00fcckgeschickt. Hier wird Eintritt gezahlt. Die Karte gibt es in einem Kiosk gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man die Kirche betritt, muss man sich erst an die Dunkelheit gew\u00f6hnen und ist dann gleich erschlagen angesichts all der Pracht. Ob das sch\u00f6n ist oder nicht, ist schwer zu sagen, aber hier hat das 19. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet und alles Barocke beseitigt oder \u00fcbermalt, mit bunter Ornamentmalerei an W\u00e4nden und Pfeilern, und die transparenten Fenster durch Buntglasfenster ersetzt, um so den \u201eOriginalzustand\u201c wieder herzustellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Original erhalten ist, in einer Seitenkapelle, das Grabmal von Bela III. und Gemahlin aus der Dynastie der Arpaden (XII),\u00a0 aus wei\u00dfem Marmor, ganz das Ideal des Ritterk\u00f6nigs darstellend. Er wurde in Byzanz erzogen, wurde aber nicht Kaiser und begn\u00fcgte sich als Ersatz mit dem K\u00f6nigsjob in Ungarn. Er f\u00fchrte regelm\u00e4\u00dfige Aufzeichnung ein, holte M\u00f6nche des gerade gegr\u00fcndeten Zisterzienserordens ins Land und legte die Festung auf dem Burgh\u00fcgel an. Die verschiedenen Viertel auf dem Burgh\u00fcgel wurden verschiedenen Nationen zugeteilt. Das erkl\u00e4rt, warum mir vieles so bekannt vorkommt. Hier haben Deutsche ihre Spuren hinterlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei dem sch\u00f6nen Wetter kann man den Burgh\u00fcgel mit seinen verwinkelten Stra\u00dfen und pittoresken H\u00e4usern richtig genie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige H\u00e4user auf dem Burgh\u00fcgel haben Sitznischen. Ihre Funktion ist unbekannt. Vielleicht wartete man hier auf Einlass, vielleicht sa\u00df hier der H\u00fcter des Hauses.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Suche danach lande ich in einem Caf\u00e9, von dem ich, erst als ich sitze, feststelle, dass es das bekannt <em>Ruszwurm<\/em> ist, das mir schon zu Hause empfohlen wurde. Es ist ein besseres Wohnzimmer, ein langgestreckter, schmaler Raum mit einem langen Sofa und kleinen runden Tischen, einem Kachelofen und Schwarz-Wei\u00df-Photographien von Budapest an den W\u00e4nden. Hier gibt es den ber\u00fchmten, hauseigenen Cremekuchen, der nicht auf Vorrat gebacken wird, sondern je nach Nachfrage und daher immer frisch ist. Schmeckt wunderbar!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass Budapest aus Buda und Pest besteht, wissen viele. Aber dass es auch noch Obuda gibt, als dritten Teil, ist weniger bekannt. Woher kommt die \u00c4hnlichkeit von Buda und Obuda? Bei der Lekt\u00fcre zum Kaffee im Ruszwurm finde ich eine Erkl\u00e4rung: Das heutige Buda entwickelte sich zu einem &#8220;richtigen&#8221; Ort, bekam Markt- und dann Stadtrechte und wurde dann zur Hauptstadt Ungarns. Als Stadt wurde es aber von Deutschen regiert. Die nannten es <em>Ofen<\/em>, in Anlehnung an Pest, die Ungarn aber \u00fcbernahmen den Namen den alten Siedlungsnamen Buda und nannten das alte Buda jetzt <em>Obuda<\/em> &#8211; &#8216;Alt-Buda&#8217;!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lande in einem Labyrinth, den unterirdischen G\u00e4ngen unter der Burg. Es ist gerade erst er\u00f6ffnet worden, und als ich sp\u00e4ter den Ungarn davon erz\u00e4hle, hat noch niemand etwas davon geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In pr\u00e4historischer Zeit haben die G\u00e4nge schon als Zufluchtsort gedient, im Mittelalter als Weinkeller, Gef\u00e4ngnis, Folterkammer, Schatzkammer, und im 2. Weltkrieg als Milit\u00e4rhospital und Schutzbunker. Hier konnten 10.000 Menschen Platz finden. Urspr\u00fcnglich gab es keine Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen. Die wurden aber von Menschenhand geschaffen, und die haben die H\u00f6hlen erst zu einem richtigen Labyrinth gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da die R\u00e4ume leer sind, hat man, um die Tour aufzuwerten, alle m\u00f6glichen Figuren, Skulpturen und Installationen eingebaut und den einzelnen Teilen hochtrabende philosophische Namen gegeben wie <em>Weltachse<\/em> und <em>Labyrinth der Liebe<\/em>. Das ist nicht sonderlich interessant, mit Ausnahme eines Brunnens, aus dem Rotwein flie\u00dft. Man h\u00f6rt den Wein schon aus der Ferne pl\u00e4tschern und n\u00e4hert sich ihm durch die fast dunklen G\u00e4nge. Das hat Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4lt mich aber nichts mehr hier, und ich entscheide mich, wieder ans Tageslicht zu gehen.<\/p>\n<p>Es gibt nur ein Problem: Ich befinde mich in einem Labyrinth. Und das bekomme ich jetzt zu sp\u00fcren. Erst gehe ich noch mit sicheren Schritten dem Ausgang entgegen und kann verschiedene Stationen, an denen ich vorher vorbeigekommen bin, wiedererkennen. Au\u00dferdem bin ich doch die ganze Zeit geradeaus gegangen. Glaubte ich. Aber da, wo der Ausgang war, ist er nicht mehr. Man l\u00e4uft ins Leere. Ich muss zur\u00fcck. Dabei achte ich darauf, immer geradeaus zur\u00fcckzugehen, dahin, wo ich hergekommen bin, aber pl\u00f6tzlich komme ich an Stationen vorbei, die ich nicht wiedererkenne. Dann wieder an welchen, die ich kenne, aber sie tauchen pl\u00f6tzlich und ungefragt an allen m\u00f6glichen Stellen auf. Pl\u00f6tzlich \u00fcberkommt mich ein richtiger Schauer. Aber ich beruhige mich sofort, indem ich mir sage, dass dies kein richtiges Labyrinth ist. Verenden werde ich hier schon nicht. Mit neuer Zuversicht mache ich einen neuen Anlauf. Und sofort erweitert sich der Weg und es wird etwas heller. Das muss richtig sein. Ist es aber nicht. Von jetzt an komme ich immer wieder an den beiden gleichen Stellen aus, von denen eine eine Kreuzung ist, an der mehrere Wege zusammenlaufen und an dessen Wand ausgerechnet das Relief eines Labyrinths angebracht ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richtig unwohl wird es mir bei dem Gedanken, dass ich einen Termin mit einer ungarischen Kollegin habe und dass ich am Nachmittag einen Vortrag an der Universit\u00e4t halten muss. In dem Moment kommt die Rettung: eine andere Besucherin. Die ist gerade erst hereingekommen und weist mir den Weg zum Ausgang. Aber da ist der Ausgang nicht. Sie muss auch schon die Orientierung verloren haben. Jetzt kommt Panik auf. Schwei\u00df bricht aus und ich laufe nur noch immer schneller. Und planlos. Das mit dem planvollen Suchen hat ja auch nichts gebracht. Irgendwann muss man ja, wenn auch nur zuf\u00e4llig, zum Ausgang kommen. Schon aufgrund der Wahrscheinlichkeit. Schlie\u00dflich bin ich an allen markanten Punkten schon dutzende Male vorbeigekommen, da sollte doch auch der Ausgang irgendwann dabei sein. Dann komme ich tats\u00e4chlich zu einer Stelle, die ich gleich nach dem Eintreten gesehen habe. Ich versuche, von ihr aus in alle Richtungen zu gehen, ohne mich so weit von ihr zu entfernen, dass ich sie aus dem Auge verliere. Aber so reicht es nicht bis zum Ausgang. Dann kommt pl\u00f6tzlich Rettung: eine Gruppe von jungen Deutschen weist mir den Weg. Endlich bin ich wieder im Freien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich komme noch gerade rechtzeitig zum Treffen mit der Kollegin. Sie aber nicht. Sie kommt sp\u00e4ter, sommerlich gekleidet, und f\u00fchrt mich erst noch in aller Ruhe durch das <em>Collegium Budapest<\/em>, eine Forschungseinrichtung, an der sie halbtags arbeitet. Es ist in einem historischen Eckhaus gleich am alten Rathaus auf dem Platz vor der Matthias-Kirche untergebracht, in privilegierter Lage. Es herrscht eine ruhige, gediegene Atmosph\u00e4re, ganz anders als an der Uni. Hier l\u00e4sst sich ungest\u00f6rt forschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde langsam nerv\u00f6s wegen des bevorstehenden Vortrags, aber die Kollegin ist v\u00f6llig gelassen, sagt, wir seien voll in der Zeit und erledigt noch ein paar Dinge. Tats\u00e4chlich kommen wir p\u00fcnktlich, aber auch nur gerade rechtzeitig im Paszmaneum an. Der Vortragssaal ist abgeschlossen, und erst mal findet sich kein Schl\u00fcssel. Die ersten Zuh\u00f6rer kommen, und die Kollegin ist erst einmal von der Bildfl\u00e4che verschwunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt irgendwer mit dem Schl\u00fcssel, aber der versprochene Laptop muss noch organisiert werden. Der Vortragssaal ist inzwischen voll, und ich stehe vorne etwas verloren herum. Dann kommt der Laptop, aber die Verbindung zum Projektor funktioniert nicht. Wir sind inzwischen eine Viertelstunde hinter der Anfangszeit. Die Leute bleiben aber ganz gelassen. Die Kollegin und der Vorsitzende der Anglistik versuchen sich an dem Laptop, aber erfolglos. Dann wird ein Student nach vorne geholt, und der hat die Sache in zwei Minuten geregelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich kann es losgehen. Ich bin inzwischen schwei\u00dfgebadet, aber die Sache geht gut, mit einem sehr dankbaren, aufmerksamen Publikum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck geht es mit dem Zug. Das Paszmaneum hat eine eigene Haltestelle. Und eine kleine Wartehalle, wo tats\u00e4chlich noch ein richtiger, lebendiger Mensch Fahrkarten verkauft. Ich bin ganz alleine in der Wartehalle und kann in Ruhe mit der Frau hinter dem Schalter \u00fcber den Kauf der Fahrkarte verhandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fahrt endet am Westbahnhof, der f\u00fcr seine Architektur bekannt ist. Das Problem ist, dass ich vom Zug in die Metro wechseln muss, und mich dabei im unterirdischen Labyrinth verlaufe. Das hatten wir doch heute schon einmal. Und dann finde ich noch nicht einmal heraus, genauso wie heute Morgen. Fragen nutzt zuerst auch nichts, aber dann zeigt mir jemand den Weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich mache keinen weiteren Versuch, die Metro zu finden, sondern suche ein Taxi, um mich zu einem Restaurant fahren zu lassen. Dabei bleibt nur ein fl\u00fcchtiger Blick auf die feingliedrige Fassade des Bahnhofs mit seinem gl\u00e4sernen Mittelteil. Komischerweise liegt der Westbahnhof gar nicht im Westen, sondern im Osten der Stadt. Er hei\u00dft so, weil hier die Z\u00fcge Richtung Westen abgehen. Hier fuhr der erste ungarische Zug \u00fcberhaupt ab, und hier gab es einmal einen spektakul\u00e4ren Unfall, als ein Zug nicht zum Halten kam, die Glasfront durchstie\u00df und erst auf der Stra\u00dfe zu halten kam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Taxifahrer k\u00f6nnen erst mit dem Namen nichts anfangen, aber der Reisef\u00fchrer hilft. Es geht ins <em>Kispipa<\/em>, dem \u201aPfeifchen\u2018, im j\u00fcdischen Viertel. Das Lokal ist noch ganz leer. Ich bin der einzige Gast, und trotz der fr\u00fchen Zeit brennen in dem schummrigen Raum schon Kerzen. Da kommt man sich merkw\u00fcrdig vor, und es hilft auch nicht, dass die Kellnerin gelangweilt ist oder ver\u00e4rgert dar\u00fcber, jetzt schon arbeiten zu m\u00fcssen. Aber das Essen ist gut. Und das Bier auch. Die Kellnerin spricht <em>vegetable<\/em> so aus, als wenn der zweite Bestandteil <em>table<\/em> w\u00e4re: <em>vege-table<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber die unendlich sich hinziehende R\u00e1k\u00f3czi utca schleppe ich mich mit Blasen an den F\u00fc\u00dfen zum Hotel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Abend lese ich in einer deutschen Sprachgeschichte ganz zuf\u00e4llig, dass das Wort <em>Tollpatsch<\/em> aus dem Ungarischen kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Diesmal muss ich auf eigene Faust zur Universit\u00e4t. Dabei lerne ich auch die dritte U-Bahn-Linie kennen, die blaue, die mich zum Westbahnhof bringt. Sie unterscheidet sich nicht besonders von der zweiten Linie, ist also auch \u201arussisch\u2019.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ich den Fahrplan der Z\u00fcge nicht kenne, bin ich schon sehr fr\u00fch unterwegs. Schon um diese Zeit ist an den Bahnh\u00f6fen und in der U-Bahn einiges los.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei den Namen der U-Bahnstationen sind nur die Eigennamen gro\u00dfgeschrieben, der Rest klein, anders als im Englischen: <em>Keleti palyaudvar<\/em> (Bahnhof), <em>Kossuth ter<\/em> (Platz), <em>Bajza utca<\/em> (Stra\u00dfe).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin fr\u00fch am Westbahnhof und hole noch schnell das ausgefallene Fr\u00fchst\u00fcck nach. Das Verkaufsgespr\u00e4ch geht so: \u201eCoffee?\u201c \u2013 \u201eZuckor?\u201c \u2013 \u201eYes.\u201c \u2013 Einen Finger heben als Zeichen f\u00fcr eins, mit fragendem Blick. \u2013 \u201eYes.\u201c Und schon habe ich einen wunderbaren Espresso vor mir, den richtigen ungarischen Kaffee. Der schmeckt viel besser als die hybriden Kaffees, die ich bisher getrunken habe. Als ich herausgehe, sagt die Verk\u00e4uferin: \u201eHello.\u201c Ich z\u00f6gere einen Moment, dann antworte ich: \u201eHello.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Sperre zu den Gleisen geht es auch ganz ohne gemeinsame Sprache. Ich wei\u00df weder Zeit noch Gleis: \u201ePazmaneum?\u201c \u2013 \u201ePazmaneum &#8230; Paszmaneum!\u201c Dabei zeigt der Mann mit dem Finger auf den Zeiger meiner Uhr und bewegt ihn virtuell weiter, bis er auf der Abfahrtszeit steht: 7.20. Und deutet auf den Bahnsteig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde in die richtige Richtung gewiesen, wei\u00df aber nicht, ob der Zug mit der Endstation Esztergom der richtige ist. Dann erledigt sich aber jede Nachfrage. Der Zug ist vollgestopft mit Studenten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach gut einer halben Stunde sind wir da. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Campus mache ich noch schnell im Gehen ein paar Fotos von den sch\u00f6nen Geb\u00e4uden, die sich bei strahlendem Sonnenschein von der besten Seite zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Natur ist hier weiter als in Deutschland, vielleicht zwei Wochen. Die meisten B\u00e4ume sind gr\u00fcn oder bl\u00fchen, einige wenige haben Knospen. Der Winter, hei\u00dft es, sei auch hier sehr streng gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es gleich ins Auto, um zu einer benachbarten Schule zu fahren. Wir sind eingeladen zu einem Unterrichtsbesuch beim Englischunterricht einer ehemaligen Studentin des Pazmaneums. Es ist eine Berufsschule f\u00fcr Agrarwirtschaft, Forstwirtschaft und Informatik. Das zweigeschossige Schulgeb\u00e4ude liegt sehr sch\u00f6n inmitten von B\u00e4umen, sieht ganz und gar wie eine Schule aus, und ist auch wie eine Schule etwas vergammelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lehrerin macht fast alles richtig. Sie hat eine freundliche und gleichzeitig strenge Art, die bei den Sch\u00fclern offensichtlich gut ankommt. Sie arbeitet mit Gestik, Mimik, K\u00f6rpersprache, sieht zu, dass alle beteiligt werden und wechselt zwischen Klassengespr\u00e4ch und Einzelarbeit, zwischen Schreiben und Sprechen, und hat auch einen H\u0151rtext dabei. Sie hat die Sache voll und ganz im Griff. Die Sch\u00fcler sind mit Interesse bei der Sache. Und das soll was hei\u00dfen. Die Berufsschule ist eine Art negative Auswahl. Hier sind die, die es nicht ins Gymnasium schaffen. Die Lehrerin sch\u00e4tzt, dass nur ein Viertel der Sch\u00fcler in einigerma\u00dfen normalen Verh\u00e4ltnissen lebt. Alle anderen sind aus Familien, in denen die Eltern sich nicht um die Kinder k\u00fcmmern, in denen Gewalt an der Tagesordnung ist, in denen Alkohol und Drogen eine Rolle spielen, und die wenigsten leben bei beiden Eltern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Fremdsprachenunterricht &#8211; Welch ein Luxus! &#8211; werden die Klassen halbiert, um mehr Sprechm\u00f6glichkeiten zu bieten. Trotzdem, und trotz des guten Unterrichts hier, liegt Ungarn, so sagt man mir, zusammen mit England auf dem letzten Platz in der EU, wenn es um Sprachkenntnisse geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier sind es gerade einmal 12 Schuler, davon 11 Jungen. Das einzige M\u00e4dchen sitzt etwas versch\u00fcchtert abseits. Sie ist, wie ich sp\u00e4ter erfahre, als Kind regelm\u00e4\u00dfig verpr\u00fcgelt worden und hat erhebliche Lernschw\u00e4chen. Dennoch macht sie ihre Sache, wenn auch langsam und etwas stotternd, ordentlich, wenn sie von der Lehrerin aufgefordert wird. Von selbst beteiligt sie sich nicht. Die Lehrerin macht es gut, indem sie ihre Sonderrolle einfach akzeptiert, aber sie doch in das Unterrichtsgespr\u00e4ch einbezieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegenstand der Stunde sind Beschreibungen. Zuerst werden mit selbst mitgebrachten Zeitungsausschnitten Adjektive der \u00e4u\u00dferen Charakteristika wiederholt, dann werden neue zur Beschreibung von Gef\u00fchlszust\u00e4nden eingef\u00fchrt. Das geht ein bisschen zu glatt, und sp\u00e4ter erfahre ich, dass das Material doch zum gro\u00dfen Teil nicht ganz neu ist, sondern recycelt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lehrerin sagt im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch, sie glaube an Lernen in konzentrischen, sich ausweitenden Kreisen, und beruft sich dabei auf die indische Philosophie. Das ist schweres Gesch\u00fctz, aber das Prinzip ist \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem ist die Sprache selbst. Das Englisch der Lehrerin ist, wenn auch mit viel Selbstbewusstsein gebraucht, alles andere als perfekt. Gut, dass sie den H\u00f6rtext hat. Das gibt den Sch\u00fclern die Gelegenheit, gutes Englisch zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu kommt das bekannte Ph\u00e4nomen, dass sich Sprecher mit einer gemeinsamen Muttersprache in einer Fremdsprache verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, die sonst keiner versteht. An mir geht jedenfalls knapp die H\u00e4lfte vorbei. Sie arbeitet auch nicht systematisch genug mit der Aussprache des neuen Materials, und die Sch\u00fcler sprechen systematisch <em>bored<\/em>, <em>relaxed<\/em> und <em>scared<\/em> mit einer zus\u00e4tzlichen Silbe aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Unterrichtsbesuch hat die Funktion, zuk\u00fcnftige M\u00f6glichkeiten der Kooperation mit der Universit\u00e4t auszuloten. Meine Kollegin \u00fcberlegt, ihre Studenten zur Unterrichtsbeobachtung hierher zu schicken. Das sollte sie auf jeden Fall machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann fahren wir zur\u00fcck, und ich kann eine Sitzung in einem Fachdidaktikseminar miterleben. Eine reine Freude. Das ist hochmoderner Unterricht, praxisbezogen, aktiv, reflektiert. Drei Studenten f\u00fchren, einer nach dem anderen, eine kleine Unterrichtseinheit, vielleicht zehn Minuten, vor, mit den anderen Studenten als Sch\u00fcler. Die haben jeweils eine Rollenkarte gezogen, nach der sie sich verhalten sollen: der Streber, der Besserwisser, der St\u00f6renfried, der Sch\u00fcchterne. Die Lehrer, die genauso wenig wie die anderen Sch\u00fcler wissen, was die jeweils anderen haben, m\u00fcssen darauf irgendwie reagieren. Nach jeder Pr\u00e4sentation gibt es ein kurzes, pr\u00e4gnantes Feedback der Dozentin, an der ich mich beteilige, und am Ende kann ich ein allgemeines Feedback geben. Die Studenten nehmen Lob und Kritik willig an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann habe ich einen Termin mit der Leiterin der Germanistik. Die Sekret\u00e4rin der Germanistik f\u00fchrt mich zu ihr. Die Sekret\u00e4rin selbst spricht flie\u00dfend Deutsch. Als ich wissen will, warum, sagt sie mir, sie komme aus Soundso. Den Ort kenne ich nicht. Es stellt sich heraus, dass es der oder ein Ort der Donauschwaben ist. Sie spricht aber Hochdeutsch mit mir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin ist eine kleine, schmale, fast sch\u00fcchtern wirkende Frau, die sich mit der Literatur der Jahrhundertwende, vor allem der aus \u00d6sterreich, besch\u00e4ftigt, vor allem Musil. Freiwillig. Sie sagt, sie h\u00e4tten gro\u00dfe Schwierigkeiten, da die Zahl der Germanistikstudenten drastisch gesunken sei, vor allem jetzt, wo mit der Einf\u00fchrung der neuen Studieng\u00e4nge das Einfachstudium eingef\u00fchrt worden sei. Und Magisterstudenten haben sie noch nicht, da der Studiengang noch nicht akkreditiert worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach meinem Seminar gehe ich mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Anglistik in die Mensa. Er hat gute passive Deutschkenntnisse, kaum aber einmal die Gelegenheit, sie zu aktivieren. Er hat Verwandte in Potsdam und kennt M\u00fcnster, wo sein damals einj\u00e4hriger Sohn erfolgreich operiert wurde. Er litt an einem Geburtsfehler. In der Universit\u00e4ts-klinik, erz\u00e4hlt er, arbeiteten auch zwei ungarische \u00c4rzte, von denen einer an der Operation beteiligt war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag werde ich von zwei Kolleginnen auf Kosten der Anglistik in ein Caf\u00e9 eingeladen, das <em>Emil Cukraszda<\/em>, auf der Stra\u00dfe Richtung Budapest gelegen. Hier gibt es Cremetorten und Pralinen vom Allerfeinsten, in Glasvitrinen mit Goldst\u00e4ben vor dunkler Holzpaneele pr\u00e4sentiert. Man kann sich gar nicht entscheiden angesichts all der herrlichen Sachen. Ich nehme auf Anraten meiner Gastgeberinnen <em>Fl\u00f6dni<\/em>, ein j\u00fcdischer Kuchen mit Wein und N\u00fcssen. Erste Klasse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch kommt auf die bevorstehenden Parlamentswahlen. Die junge Kollegin ist sehr besorgt aufgrund des Zuwachses der rechtskonservativen Partei, aber die andere Kollegin sieht das eher gelassen: Wird schon nicht so schlimm kommen. Das sehe ich auch so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Paszmaneum hat auch einen Austausch mit einer finnischen Universit\u00e4t, und die junge Kollegin spricht auch Finnisch. Die Verwandtschaft von Ungarisch und Finnisch, erfahre ich, sei alles andere als offensichtlich. Der gemeinsame Ursprung liege in grauer Vorzeit. Am Vokabular k\u00f6nne man \u00fcberhaupt keine Gemeinsamkeiten mehr erkennen, mit der Ausnahme von ein paar Alltagsw\u00f6rtern wie Grundzahlen oder K\u00f6rperteile. Sprachtypologisch geh\u00f6rten sie aber zusammen. Die Struktur sei dieselbe, wenngleich die Anordnung der Elemente sich unterscheide. In beiden Sprachen gibt es Vokalharmonie, ein Merkmal, das man vom T\u00fcrkischen kennt, von dem beide aber noch weiter entfernt sind als voneinander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sprechen noch \u00fcber die Fortsetzung der Kooperation, und dann werde ich zur Stra\u00dfenbahn gebracht, die mich ins Zentrum bringt. Der Weg ins Zentrum f\u00fchrt an einer Ausgrabungsst\u00e4tte vorbei &#8211; das ist Obuda.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich komme noch gerade rechtzeitig zur F\u00fchrung in die Staatsoper. Die F\u00fchrung wird in sechs Sprachen angeboten, jede Gruppe mit einer eigenen F\u00fchrerin. Unsere F\u00fchrerin ist eine ganz wunderbare junge Frau mit entz\u00fcckendem L\u00e4cheln, das sie st\u00e4ndig begleitet. Sie spricht Deutsch mit einem markanten, aber charmanten Akzent und wirbelt dabei alle Formen und F\u00e4lle wild durcheinander. Die deutschsprachige Gruppe ist, wie sie uns sagt, ungew\u00f6hnlich gro\u00df heute, und sie ist ein bisschen nerv\u00f6s, entledigt sich ihrer Aufgabe aber gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Oper wurde 1875 begonnen und in neun Jahren fertig gestellt. Sie ist im Neo-Renaissance-Stil gebaut und hat in verschiedenen R\u00e4umen Ausmalungen mit Motiven aus der klassischen Mythologie, in <em>al-secco<\/em>-Technik, angeblich, weil das schneller ging. In dem Raum, in dem wir uns befinden, dem B\u00fcffet der Aristokratie im 2. Stock, sind es nahe liegender weise Darstellungen von Dionysos, der in unterschiedlichen Altersstufen dargestellt ist. Im 3. Stock gibt es auch ein B\u00fcffet f\u00fcr die B\u00fcrgerlichen, die strikt von den Adeligen getrennt waren und \u00fcber eine getrennte Treppe in das Haus gelangten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Parallel zu dem l\u00e4nglichen Raum gibt es einen weiteren, sehr schmalen Raum. Das war der Raucherbereich. Alle Materialien kamen aus Ungarn, wie auch alle am Bau beteiligten Architekten, K\u00fcnstler, Handwerker und Planer, aber hier gibt es eine Ausnahme: das Holz mit den geschnitzten Ornamenten wurde aus Italien importiert. Es fasst die Tapeten ein, die Ornamente aus feinen Goldf\u00e4den aufweisen. Jedenfalls sehen sie so aus. Die originalen Goldf\u00e4den wurden allerdings durch den dichten Rauch schon sehr bald besch\u00e4digt und mussten ersetzt werden. Daf\u00fcr ersann man eine Mischung aus gelben und anderen F\u00e4den, die in der Kombination dieselbe Wirkung erzielten. Der Saal wurde angeblich auch von jungen Liebespaaren genutzt, die sich in dem dichten Rauch heimlich treffen konnten.<\/p>\n<p>Von hier aus gelangt man durch eine Glast\u00fcr auf die Terrasse mit Blick auf die Andrassy-Stra\u00dfe, die Prachtstra\u00dfe Budapests und das gegen\u00fcber-liegende Drechsler-Geb\u00e4ude, das heute leer steht und fr\u00fcher Sitz der Ballettschule war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bau der Oper kostete 1,5 Millionen Goldgulden, eine riesige Summe. F\u00fcr 7 Goldgulden konnte man damals ein Pferd kaufen. Der wichtigste Geldgeber war Franz-Josef, Kaiser von \u00d6sterreich und K\u00f6nig von Ungarn, der allerdings zur Bedingung machte, dass die Oper kleiner als die von Wien zu sein hatte. Das ist sie auch. Er soll allerdings auch zur Bedingung gemacht haben, dass sie nicht sch\u00f6ner als die von Wien sein sollte und beim Besuch der Er\u00f6ffnungszeremonie entr\u00fcstet gewesen sein, als er feststellte, dass das nicht der Fall war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir gehen an der Haupttreppe vorbei, einer eleganten Treppe mit einem die ganze Wand einnehmenden Spiegel an der Stirnseite oben. Dieser Spiegel soll angeblich den Effekt gehabt haben, dass man sich schlanker sah als man wirklich war, was Kaiserin Sissi sehr gefallen haben soll. Wir k\u00f6nnen es leider nicht ausprobieren, da wir die Treppe nicht hinauf kommen. Die andere Funktion des Spiegels war die, dass so die hohen Herrschaften, denen das Protokoll es nicht erlaubte, sich umzudrehen, den ganzen Raum sehen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Pfeiler der Treppe sind aus dreifachem Marmor, auch der aus Italien. An der Decke vor dem Spiegel die K\u00f6nigskrone mit einem Kreuz, das etwas aus der Linie ist, wie auch bei dem Original. Es gibt zahlreiche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese Unregelm\u00e4\u00dfigkeit. Jemand, der es genau wissen wollte, ma\u00df die Abweichung nach und fand heraus, dass sie genau der Abweichung der Erdachse entspricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen in den Salon der vier Jahreszeiten, mit den entsprechenden Darstellungen an den vier Seiten und einem wertvollen Teppich, in einem Dorf in Ungarn gewirkt, der in seinem Wert und seinem Herstellungsverfahren einem Perserteppich entspricht. Er weist pro Quadratmeter 100.000 Knoten auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem der vielen S\u00e4le, an dessen Ende und in symmetrischer Anordnung, die B\u00fcsten von Bartok und einem gewissen Kodaly, einem Volksliedsammler und dem Erfinder der Do-Re-Mi-Tonleiter und entsprechender Gesten, die Kindern das Musiklernen erleichtern sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der eigentliche H\u00f6hepunkt ist f\u00fcr die Touristen aber der Besuch der mit rotem Samt ausgelegten Loge von Kaiserin Sissi. Fotos sind obligatorisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interessanter ist das Parkett, wo wir auf den harten, aber nicht unbequemen Holzst\u00fchlen Platz nehmen und \u00fcber den Bau informiert werden. Die Oper fasst 1.261 Zuschauer und damit weniger als Wien (2.500), hat aber nur Sitzpl\u00e4tze. Die B\u00fchne ist 48 Meter tief und hat einen eisernen Vorhang, als Brandschutz. Diese eisernen Vorh\u00e4nge hatte Churchill zum Vorbild, als er seine Metapher pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter den Sitzen befinden sich merkw\u00fcrdige runde Gitter. Die sind Teil der Klimaanlage. Die Luft zirkuliert durch die Gitter nach oben und tritt durch weitere Gitter oben am Kronleuchter wieder aus. Im Winter wird durch Dampf f\u00fcr W\u00e4rme gesorgt, im Sommer durch Eis f\u00fcr K\u00e4lte. Der Kronleuchter hat 250 Gl\u00fchbirnen, und ihn herunterzulassen, ist Arbeit f\u00fcr eine ganze Kompanie. Das muss aber jedes Mal geschehen, wenn eine Gl\u00fchbirne platzt. Als die Oper gebaut wurde, hatte man Gaslampen, und das hatte zur Folge, dass das Licht immer leise flackerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer Anekdote zufolge begegneten sich hier in der Oper Brahms und Liszt bei einer Gesellschaft. Brahms wusste nicht, ob er seine Orden anlegen sollte oder nicht. Er steckte sie in die Tasche, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, sah aus der Ferne Liszt, der seine Orden trug, verlie\u00df den Raum, legte die Orden an und ging zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich steht er vor Liszt und sieht, dass der seine Orden abgelegt hat. Auf die Frage, wie das komme, sagt Liszt: \u201eIch wusste nicht, ob ich die Orden anlegen sollte. Aber als ich Sie ohne die Orden gesehen habe, bin ich schnell hinausgegangen und habe sie abgelegt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung gehe ich die Andrassy entlang und trinke in einem teuren Stra\u00dfencaf\u00e9 einen Kaffee, den ich voll und ganz genie\u00dfe, bei v\u00f6lligem Nichtstun, die Ereignisse des Tages an mir vorbeiziehen lassend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend geht es in die &#8220;Feldflasche&#8221;, ins <em>Kulacs<\/em>, einem traditionellen Lokal, das seine Bekanntheit seiner Verbindung mit einem gewissen Rezs\u0151 Seress verdankt, einem ungarischen S\u00e4nger, der hier jahrzehntelang aufgetreten ist und Erfolge gefeiert hat. Er wurde zu einem internationalen Star, und das, obwohl er kein guter Pianist war und keine Noten lesen konnte. Visconti, Rubinstein, Toscanini, Steinbeck, Chruschtschow und Otto Klemperer kamen, um ihn zu h\u00f6ren. Einen Welterfolg hatte er mit <em>Szomor\u00fa Vas\u00e1rnap<\/em>, dem <em>Lied vom traurigen Sonntag<\/em>. F\u00fcr Freud verk\u00f6rperte es die Sonntagsneurose schlechthin. Es l\u00f6ste angeblich eine Welle von Selbstmorden aus, und es wurde sogar gefordert, das Lied zu verbieten. Seress selbst starb 1968. Er beging Selbstmord.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Lokal hat die Atmosph\u00e4re klassischer ungarischer Restaurants. In drei langen Reihen stehen bereits eingedeckte Tische mit steifen, dicken Stoffservietten. Die W\u00e4nde h\u00e4ngen voll mit aller m\u00f6glichen Dekoration wie auf Samtkissen gebettete Silberl\u00f6ffel oder Partituren. Was das soll, ist nicht klar. Ob es was mit Seress zu tun hat? Angeblich gibt es irgendwo im Lokal eine Gedenktafel an ihn, aber ich kann sie nicht finden, und auf meine Fragen antwortet man ausweichend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Kellner gibt sich gelangweilt und eher unfreundlich, nachdem er vergeblich versucht hat, mir die Empfehlung des K\u00fcchenchefs aufzuschwatzen. Das Essen ist nicht gut und zu teuer, au\u00dfer dem Palatschinken. Ungarn verirren sich nicht in dieses Lokal. Ich h\u00f6re Deutsch und Englisch und zwei Frauen am Nebentisch, deren Sprache ich nicht identifizieren kann. Ungarisch ist es aber nicht. Sie sprechen Englisch mit dem Kellner.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>An verschiedenen Gesch\u00e4ften habe ich ein Schild mit der Aufschrift <em>Nyitva<\/em> gesehen. Das hei\u00dft \u201age\u00f6ffnet\u2018. Das h\u00e4tte man auch geraten, w\u00e4re man vor die Alternative gestellt worden, ob es \u201ageschlossen\u2018 oder \u201age\u00f6ffnet\u2018 hei\u00dft. Zufall? \u201aGeschlossen\u2018 hei\u00dft <em>zarva<\/em>, und das h\u00f6rt sich auch eher nach \u201ageschlossen\u2018 als nach \u201age\u00f6ffnet\u2018 an. Ebenso geht es mir bei <em>nagy<\/em>, \u201agro\u00df\u2018 und <em>kicsi<\/em>, \u201aklein\u2018, bei <em>hideg<\/em>, \u201akalt\u2018 und <em>heleg<\/em>, \u201awarm\u2018, bei <em>tilos<\/em>, \u201averboten\u2018 und <em>szabad<\/em>, \u201aerlaubt\u2018. Weniger sicher w\u00e4re ich mir bei <em>olcs\u00f3<\/em>, \u201abillig\u2018 und <em>draga<\/em>, \u201ateuer\u2018 und bei <em>bal<\/em>, \u201alinks\u2018 und <em>jobb<\/em>, \u201arechts\u2018. W\u00e4re einen Versuch wert, ein Experiment. Andererseits bin ich bei den Wochentagen und bei den Zahlen v\u00f6llig aufgeschmissen. H\u00f6chstens <em>egy<\/em>, \u201aeins\u2018 und <em>pentek<\/em>, \u201aFreitag\u2018 h\u00e4tte man erraten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst heute f\u00e4llt mir auf, dass die Metro sogar in den Haltegriffen der Passagiere Werbung hat. Der Kapitalismus ist in Ungarn angekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Basilika f\u00e4llt mir etwas Merkw\u00fcrdiges ins Auge, riesige Objekte, die auf einer absch\u00fcssigen Einfahrt in eine Unterf\u00fchrung stehen. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass es Skulpturen sind, moderne Skulpturen, die einfach Alltagsgegenst\u00e4nde darstellen und sie verfremden, indem sie sie vergr\u00f6\u00dfern: ein B\u00fcgeleisen, Seidenstr\u00fcmpfe, ein F\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann komme ich zur Basilika. Das Areal wurde erst im 18. Jahrhundert bebaut, und man lie\u00df von vornherein einen gro\u00dfen Platz f\u00fcr die Kathedrale frei, einschlie\u00dflich Vorplatz. Moderne Stadtplanung, und das Gegenteil von der &#8220;gewachsenen&#8221; Bebauung des Burgh\u00fcgels.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Baugeschichte der Basilika ist alles andere als glatt. Jeder Architekt \u00e4nderte die Pl\u00e4ne seines Vorg\u00e4ngers oder sogar seine eigenen ab oder musste aufgrund der Gegebenheiten umplanen. So wurde aus dem klassizistischen Bau ein Bau im Stil der Neorenaissance, und so bekam der Bau, durch den weichen Boden bedingt &#8211; die Donau ist ganz in der N\u00e4he &#8211; ein dreist\u00f6ckiges Kellergeschoss, dass fast so tief ist wie die Kirche hoch. Und die Kuppel st\u00fcrzte ein, kaum, dass sie fertig war, erstens weil man sie gr\u00f6\u00dfer machte, als es die urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4ne vorsahen, zweitens aufgrund schlechter Materialien und drittens aufgrund von Fehlern bei der Ausf\u00fchrung der Bogenzwickel. Interessant die \u00c4nderung des Patroziniums: Der urspr\u00fcngliche &#8220;\u00f6sterreichische&#8221; Heilige, ein gewisser Lipot, wurde durch Stephan abgel\u00f6st, den ungarischen Nationalheiligen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl die Kuppel beeindruckend ist, ist die Atmosph\u00e4re des Innenraums eher kalt. Ein bisschen zu viel Marmor, ein bisschen zu viel Gold.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drinnen zieht es aber ohnehin alle in die Kapelle des Heiligen Leopold. Dort wird eine Hand aufbewahrt, die unversehrte rechte Hand des Hl. Stephan. Sie wurde in Siebenb\u00fcrgen und Dalmatien aufbewahrt und landete schlie\u00dflich in Buda und dann in die Basilika. Sie liegt in einem gl\u00e4sernen Reliquienk\u00e4stchen in Form einer gotischen Kirche. Wenn man 200 Forint in ein K\u00e4stchen wirft, wird es f\u00fcr zwei Minuten erleuchtet, so dass man Fotos machen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Umsonst dagegen ist die Information zu Stephans Leben: Er wurde in Esztergom geboren und wurde schon mit 22 F\u00fcrst und am 25. Dezember 1000 zum ersten K\u00f6nig von Ungarn gekr\u00f6nt. Das allein rechtfertigt schon seine Sonderstellung. Er hat aber Ungarn noch einen besonderen Dienst erwiesen, indem er Konrad II. besiegte, der Ungarn erobern wollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Vorplatz der Basilika gibt es in verschiedenen Caf\u00e9s, darunter dem <em>California<\/em>, Muffins, Bagels und Panini. Typisch ungarisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel ist die Postsparkasse. Das h\u00f6rt sich nicht so verhei\u00dfungsvoll an, lohnt sich aber. Es ist nicht das aktuelle, sondern das ehemalige Geb\u00e4ude der Postsparkasse und eines der sch\u00f6nsten H\u00e4user Budapests.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Suche nach dem Nationalmuseum komme ich an einem Platz mit ein paar sch\u00f6nen, alten H\u00e4usern vorbei, mit einer wei\u00dfen Kirche mitten in der H\u00e4userzeile. Leider ist alles durch Bauarbeiten etwas verdeckt. In fast allen H\u00e4usern sind Caf\u00e9s, eine Mischung aus mond\u00e4n und alternativ. Ich trinke einen Kaffee und erfahre, dass das Nationalmuseum ganz in der N\u00e4he ist. Es liegt nur etwas abseits des Platzes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier steht eine der modernen Skulpturen, wie ich sie am Morgen am <em>Deak Feren\u00e7 ter<\/em> gesehen habe. Hier ist es ein Stuhl, ein einfacher, gradliniger Stuhl, aber so hoch, dass man an den Sitz nicht einmal mit der Hand herankommt. Man sieht ihn so, wie Kinder die St\u00fchle der Erwachsenen sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re im Nationalmuseum, einem tempelartigen, klassizistischen Bau, ist eher d\u00fcster und nicht sehr einladend, aber es gibt einiges zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da das Museum eine Million Exponate hat, nehme ich mir eher wahllos ein paar Dinge vor. Gleich zu Anfang sieht man das Modell eines traditionellen Wohnhauses. Das unterscheidet sich tats\u00e4chlich von dem, was man sonst kennt: Es ist aus Lehmflechtwerk gemacht, mit einem schr\u00e4g bis zum Boden abfallendem Reetdach und hat einen einzigen, langgestreckten Raum, zu dem eine steil abfallende Einfahrt f\u00fchrt, wie zu der Garage von modernen Einfamilienh\u00e4usern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auffallend im Zentrum eines Raumes eine riesige, sehr gut gearbeitete Reiter-Statue des Hl. Georg, in Bronze, in voller Aktion, genau in dem Augenblick des Angriffs des Drachen. Das Pferd hat einen ganz fein geringelten Schwanz, der im Kampf gegen Drachen eher wie unn\u00fctzer Luxus aussieht. Man sieht die Adern unter der Haut und die durch die Bewegung gespannten Muskeln. Der Schwanz des Drachen hat sich um die Vorherhand des Pferdes gewickelt. Der Heilige tr\u00e4gt modische spitze Schuhe, die ihm fast zum Verh\u00e4ngnis werden: Der Drache scheint ihn ausgerechnet bei den unn\u00f6tig langen Schuhen zu packen zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem anderen Raum ein sch\u00f6nes M\u00f6belst\u00fcck, ein Schreibtisch, der nicht wie ein Schreibtisch aussieht, sondern wie eine Wandverzierung. Man kann eine Klappe hinunterziehen, und dann erscheinen dahinter Schubladen und F\u00e4cher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bestens vertreten sind alle m\u00f6glichen Exponate aus Metall: Trinkgef\u00e4\u00dfe, Monstranzen, Kelche, Kr\u00e4nze, B\u00fcsten. Sehr sch\u00f6n ein Gef\u00e4\u00df in Form eines L\u00f6wen und eins in Form eines Pferdes. Das eine ist ein R\u00e4uchergef\u00e4\u00df, das andere ein Wasserspender.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ungarn war in der Vergangenheit der gr\u00f6\u00dfte Metallproduzent Europas. Es begann bescheiden, mit der Verarbeitung von Eisenerz in viel zu kleinen Mengen bei viel zu niedrigeren Temperaturen in den D\u00f6rfern. Aber die Grundlage war gelegt. Wirtschaftlicher Aufschwung kam durch verschiedene staatliche Ma\u00dfnahmen: die Ansiedlung von Ausl\u00e4ndern, Flamen, Deutschen, Italienern, Franzosen, Wallonen aus den \u00fcberbev\u00f6lkerten Staaten des Westens, die Ausbildung einer Mittelschicht und die Zulassung von mehr unternehmerischer Freiheit, aber auch Eroberungsz\u00fcge, die hier \u201eGebietserweiterungen\u201c hei\u00dfen. Vom Transdonaugebiet ist die Rede und von Transsylvanien, d.h. Siebenb\u00fcrgen. Die Gebietserweiterungen sind aber ein zweischneidiges Schwert, denn die sp\u00e4teren Gebietsverluste leiteten auch den Niedergang Ungarn ein. Man kann Ungarn als einen der Verlierer der Geschichte sehen. Aber das wird hier, im Nationalmuseum, nat\u00fcrlich nicht so gesagt Daf\u00fcr spricht aber, dass es mehr Menschen gibt, die Ungarisch sprechen als Ungarn: 15 Millionen : 10 Millionen. Dazu scheint irgendwie auch zu passen, dass Ungarn eine der h\u00f6chsten Todesraten in Folge von Alkohol, Tabak und Selbstmord hat. Die Lebenserwartung liegt 5 Jahre unter dem europ\u00e4ischen Durchschnitt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andererseits hat Ungarn seine Unabh\u00e4ngigkeit verteidigt, eingeklemmt zwischen zwei m\u00e4chtigen Reichen: dem byzantinischen Reich und dem Heiligen R\u00f6mischen Reich. Dazu kamen sp\u00e4ter die Attacken der Mongolen und dann der Ottomanen. Warum die Mongolen, nachdem sie ein Jahr die Gegend verw\u00fcsteten, pl\u00f6tzlich Kehrt machten und in ihre Heimat zur\u00fcckkehrten, erfahre ich auch hier nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier wird mir immer noch nicht klar, wo die Ungarn eigentlich her kommen: Ist der Ural die Heimat oder war das schon die erste Station der Wanderung nach Westen? Heute ist Ungarn, je nach Sichtweise, die Ostgrenze des Westens oder die Westgrenze des Ostens. Die Ungarn selbst sehen sich allerdings als Mitteleurop\u00e4er, nicht als Osteurop\u00e4er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zahlreichen Namen von Schlachten, Gebieten und Dynastien, den Arpaden und den Anjou und den Luxemburgern und den Hunyadi, sind eher verwirrend, aber ein Name sticht hervor, der von Matthias Corvinus. Er kam aus einer nichtadeligen Familie, den Hunyadi, auf den K\u00f6nigsthron und wurde zu einem gro\u00dfen F\u00f6rderer von Wissenschaft und Kultur, ein Renaissance-F\u00fcrst par excellence, vielleicht, um seine bescheidene Abstammung zu kaschieren. Aus seiner Zeit sind vor allem sehr sch\u00f6ne Steinmetzarbeiten vertreten, unter anderem ein Fries mit der Darstellung von Bienenk\u00f6rben und Weinf\u00e4ssern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es weiter, mit der Metro. Der Eingang zur Metrostation und die Bushaltestelle am Nationalmuseum sind hochmoderne Konstruktionen aus geschwungenem Glas. Von hier aus mache ich mich auf den Weg ins J\u00fcdische Viertel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die einzige Station, an der die Metrolinien zusammentreffen, und zwar alle drei, ist der <em>Deak<\/em> <em>Feren\u00e7 ter<\/em>. Da landet man einfach immer. Die Endstation einer Linie ist Ujpest, ein bekannter Name unter all den unbekannten. Ujpest Budapest war fr\u00fcher ein erfolgreicher Fu\u00dfballverein, in allen europ\u00e4ischen Wettbewerben vertreten.\u00a0 Ein anderer bekannter Begriff in diesem Zusammenhang war das Nep-Stadion (\u201aVolksstadion\u2018). Das hei\u00dft inzwischen <em>Feren\u00e7 Puskas-Stadion<\/em>, oder, genauer gesagt, <em>Puskas-Feren\u00e7-Stadion. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 vor der Synagoge mache ich eine Kaffeepause, auf der Terrasse in der Sonne sitzend, mit der m\u00e4chtigen Front der Synagoge, einem Backsteinbau, gleich gegen\u00fcber. Am Nebentisch labert ein schrecklich blasierter Kanadier (\u201eI know I am good\u201c) eine schweigend zuh\u00f6rende deutsche Studentin voll. Es geht um seine angeblichen Zukunftspl\u00e4ne (\u201eDon\u2019t know which direction to take\u201c) und die M\u00f6glichkeiten, zwischen denen er schwankt: eine Dissertation, in die er die Oil Companies \u201ezerst\u00f6ren\u201c will, ein Angebot von Freunden in Madrid, bei denen er wohnen und arbeiten kann, und die Ver\u00f6ffentlichung eines Buches \u00fcber die Gedankenprozesse einer arbeitslosen Person. Das ist er wohl selbst. Ich bin drauf und dran aufzustehen und der jungen Frau zu sagen, dass sie sich nicht blenden lassen soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Synagoge herrschen strenge Sicherheits-ma\u00dfnahmen, mit \u00dcberpr\u00fcfung der Identit\u00e4t, Eingangskontrolle und Scanning.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Betreten der Synagoge fallen gleich zwei Dinge auf: Sie ist gro\u00df und sieht wie eine Kirche aus. Bei der F\u00fchrung erfahren wir, dass sie tats\u00e4chlich die drittgr\u00f6\u00dfte der Welt und die gr\u00f6\u00dfte in Europa ist. Sie hat 3.000 Sitzpl\u00e4tze und fasst insgesamt 5.000 Gl\u00e4ubige. Zur Zeit ihrer Erbauung hatte allein diese Gemeinde 23.000 Mitglieder. Noch heute leben in Budapest 80.000 Juden, und Ungarn hat den drittgr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsanteil in Europa. Das ist 1% der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass die Synagoge wie eine Kirche aussieht, ist kein Zufall. Sie wurde Christen gebaut, von deutschen und \u00f6sterreichischen Architekten. Der langgezogene, dreischiffige Bau hat sogar auf beiden Seiten des Mittelschiffs eine Kanzel, an den Seiten Emporen, im Westen eine Fensterrose und im Osten eine gro\u00dfe Orgel. Die Orgel wird von einer christlichen Organistin gespielt. Eigentlich ist in der Synagoge nur das Widderhorn erlaubt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um zu sehen, dass es keine Kirche ist, muss man schon genau hinsehen: Unter den Schalldeckeln der Kanzeln ist der Davidsstern angebracht, und \u00fcber dem Bogen, der in den Chor f\u00fchrt, ist ein Psalm in hebr\u00e4ischer Schrift angebracht. Der Thora-Schrein, in dem sich 25 Thora-Rollen befinden, sieht wie ein Altar aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frauen sa\u00dfen von den M\u00e4nnern getrennt, in den Seitenschiffen und auf den Emporen. Oder ist das auch heute noch so?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Emporen, aus dunklem Holz, sind an den R\u00e4ndern in feinem Gold gefasst. Das passt in den insgesamt sehr w\u00fcrdevollen Rahmen dieser Synagoge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die etwas unorthodoxe Form der Synagoge h\u00e4ngt, wie wir erfahren, mit deren &#8216;ideologischer&#8217; Ausrichtung zusammen. In der Gemeinde \u00fcberwiegen Neologen, eine konservativ-liberale Str\u00f6mung innerhalb des Judentums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser Synagoge feierte Herzl seine Bar Mitzwa. Sein Geburtshaus war gleich nebenan. Es wurde bei der Platzerweiterung zur 1000-Jahr-Feier der Stadt abgerissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Hof der Synagoge steht eine moderne Skulptur, die wie eine silberne Trauerweide aussieht. Bei n\u00e4herem Hinsehen bemerkt man, dass auf den Bl\u00e4ttern der Trauerweide Namen eingraviert sind, die Namen von Holocaust-Opfern. Und aus der Beschreibung geht hervor, dass es eigentlich kein Baum ist, sondern ein bedeutungsvoll auf dem Kopf stehender Hanukkah-Leuchter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hanukkah-Leuchter gibt es auch im J\u00fcdischen Museum, das zwar nicht gro\u00df ist, aber eine Menge Exponate hat, und vor allem von allem viele verschiedene Exemplare, so dass man gut vergleichen kann. Die Hanukkah-Leuchter sehen ganz weltlich aus, mit L\u00f6wen, Palmen, Kronen. Hanukkah ist das Fest des Lichts. Nach dem Sieg \u00fcber die griechisch-syrische Besatzung wurde die Menora zur Feier der Wiedereinweihung des Tempels angez\u00fcndet. Ein Tropfen \u00d6l reichte f\u00fcr acht Tage. Daher hat der Hanukkah-Leuchter acht Arme. An jedem Tag wird einer mehr angez\u00fcndet. Da denkt man unwillk\u00fcrlich an unseren Adventskranz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gesetzestafeln sind das beliebteste Motiv. Es gibt nichts, wo sie nicht erscheinen, auf Buchr\u00fccken, auf bunten Keramikfliesen, in Kelche eingraviert, gestickt auf Kissenbez\u00fcgen. Sie sind von besonderer Bedeutung am Sukkot-Fest, sieben Wochen nach Pessach, dem alten Erntedankfest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch an Sabbath-Leuchtern gibt es eine riesige Auswahl. Es gibt sie immer in Paaren, zwei identische. Sie werden von der Frau des Hauses angez\u00fcndet. Die zwei Sabbat-Laibe werden unter einem Zeremonialtuch aufbewahrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man Beh\u00e4lter f\u00fcr Ertrog. Das ist die legend\u00e4re Frucht des Paradieses. Nichts mit Apfel. Sie hat besondere Bedeutung an Sukkot, dem Fest, das an die vierzigj\u00e4hrige Wanderung durch die W\u00fcste erinnert. Bei der Gelegenheit frage ich mich mal wieder, warum das so lange gedauert hat und versuche auszurechnen, ob man in vierzig Jahren um die ganze Erde wandern k\u00f6nnte. Locker. Gerade mal 20 km pro Woche w\u00e4ren das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Vitrine liegen aufgeschnittene &#8220;N\u00fcsse&#8221; aus Holz, in die Namen eingraviert sind. Das hat folgende Bewandtnis: Wenn jemand verstarb, wurde das Los gezogen, und der, dessen Name auf der gezogenen Nuss stand, war f\u00fcr die Beerdigungsfeierlichkeiten zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Neujahrstag legt man ein wei\u00dfes Gewand an und bl\u00e4st in der Synagoge das Schofar. Der Neujahrstag ist beim ersten Vollmond im ersten Herbstmonat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Abschluss mache ich noch die obligatorische Rundfahrt auf der Donau. Das lohnt sich sogar. Und der Zeitpunkt ist richtig. In all den Tagen ist es noch nicht so sonnig und warm gewesen wie jetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht ganz einfach eine Strecke die Donau hinunter und dann wieder hinauf, am Parlament, an der Akademie der Wissenschaften, an den gro\u00dfen Hotels am Donauufer entlang und unter der Kettenbr\u00fccke her.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei erf\u00e4hrt man, dass die Donau im Schwarzwald entspringt und ins Schwarze Meer m\u00fcndet, 400 km durch Ungarn und 28 km durch Budapest flie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Benutzung der Kettenbr\u00fccke, hei\u00dft es, war anfangs kostenpflichtig \u2013 au\u00dfer f\u00fcr Adelige. Da man aber den Menschen nicht ansah, ob sie adelig waren, entschieden die Z\u00f6llner nach folgendem\u00a0 Motto: Wenn man jemandem ansieht, dass er Geld hat, braucht er nicht zu bezahlen. Wenn man jemandem ansieht, dass er kein Geld hat, muss er zahlen. Kommt einem irgendwie bekannt vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Entwurf f\u00fcr das Parlament war der Sieger eines Architekturwettbewerbs. Anders als sonst, kamen aber auch der 2. und der 3. Sieger zur Ausf\u00fchrung. In dem einem dieser Geb\u00e4ude befindet sich heute ein Ministerium, in dem anderen das V\u00f6lkerkundemuseum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein bemerkenswerter Kontrast, obwohl das in dem Kommentar an Bord keine Erw\u00e4hnung findet, ist ein verfallenes Haus mit schmutziger Fassade und kaputten Fensterscheiben, der direkte Nachbarn des Parlamentsgeb\u00e4udes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kehrt machen wir an der Margaretenbr\u00fccke. Das war die zweite Br\u00fccke Budapests, aber es dauerte eine Weile, bis sie gebaut werden konnte. Die Firma, die die Kettenbr\u00fccke gebaut hatte, hatte sich in den Vertrag schreiben lassen, dass 80 Jahre lang keine weitere Br\u00fccke gebaut werden d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der H\u00f6he der Margaretenbr\u00fccke liegt die Margareteninsel, ein Park, ein abgeschlossenes Areal, das von den R\u00f6mern und im Mittelalter als Jagdgrund genutzt wurde und heute ein Kloster und 10.000 B\u00e4ume beheimatet. Autos gibt es dort keine. Hier &#8216;drau\u00dfen&#8217; hat man fast das Gef\u00fchl, auf dem offenen Meer zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kommt der Gellertberg in den Blick, am anderen Donauufer, flu\u00dfabw\u00e4rts vom Burgh\u00fcgel aus gesehen. Auf halber H\u00f6he und, sozusagen, mitten im Wald, steht das Gellertdenkmal, eine halbkreisf\u00f6rmige Kollonade mit der Statue des Heiligen davor. Gellert war ein Bischof, der sich im Zuge der Christianisierung unter Stephan den Zorn der Heiden zuzog und, der Legende zufolge, in einem innen mit N\u00e4geln ausgeschlagenen Fass den Berg hinunter gerollt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder an Land, spaziere ich an der Donau entlang, genauer gesagt, zwischen Stra\u00dfenbahnschienen und Radwegen auf der einen und Stra\u00dfencaf\u00e9s und Blumenbeeten auf der anderen Seite. Das kommt heute bei dem blauen Himmel so richtig zur Geltung und gibt ein paar sch\u00f6ne Fotos, ebenso wie die repr\u00e4sentativen Patrizierh\u00e4user dahinter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Stadt, nur sehr viel Ungarisches habe ich an ihr nicht entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. April (Ostersonntag) Neuerung am D\u00fcsseldorfer Flughafen: Man kann nur noch elektronisch einchecken. Ohne Bordkarte kann man sein Gep\u00e4ck nicht aufgeben. 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