{"id":1384,"date":"2011-12-28T07:44:21","date_gmt":"2011-12-28T07:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1384"},"modified":"2015-09-21T19:42:49","modified_gmt":"2015-09-21T17:42:49","slug":"gargnano-2009","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1384","title":{"rendered":"Gargnano (2009)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Taxifahrerin polemisiert auf der Fahrt zur Bushaltestelle gegen Kreditkarten, Internetbestellungen und all den neumodischen Kram, gerade die Art von Konversation, die man sch\u00e4tzt, morgens um halb sechs. Sie zahle bar. Sie hat sich schon mit der Sparkasse \u00fcberworfen. Jetzt will sie auch der Postbank k\u00fcndigen. Das sagt sie gerade in dem Moment, in dem wir dort vorbeifahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einem riesigen, modernen Reisebus geht es zum Flughafen. Wir sind gerade mal sechs Leute. Das muss bei einem Fahrpreis von 12 \u20ac ein Zuschussgesch\u00e4ft sein. Vielleicht holt man das mit anderen Fahrten wieder raus. Der Bus verkehrt jedenfalls regelm\u00e4\u00dfig und ist auf die Minute p\u00fcnktlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Hunsr\u00fcck liegt auf den H\u00fcgeln noch Schnee, und in den Ackerfurchen auch. Das gibt ein ganz regelm\u00e4\u00dfiges, scheinbar k\u00fcnstliches Muster mit geraden braunen und wei\u00dfen Linien. An anderen Stellen sieht der Schnee wie dr\u00fcbergestreut aus, wie der wei\u00dfe Kr\u00fcmelk\u00e4se auf dem braunen Bohnenmus beim mexikanischen Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Flughafen in Hahn ist ausnahmsweise kein gro\u00dfer Betrieb, und es geht alles schnell und reibungslos, mit einer Ausnahme: Ich werde erst von dem Eingang zum Check-in zum Automaten und dann vom Automaten wieder zur\u00fcck geschickt. Man will mit aller Macht versuchen, die Passagiere zum elektronischen Check-in zu veranlassen. Deshalb wird der Zugang zum Schalter streng bewacht. Es gibt aber Schwierigkeiten mit den Umlauten. Mit denen wird der Automat nicht fertig. Ob ich einen Umlaut in meinem Namen h\u00e4tte? Ja. Ob ich auch so das Ticket bestellt h\u00e4tte? Nein. Warum nicht? Weil das Internet keine Umlaute zulie\u00df! Deshalb bin ich in der Grauzone zwischen den modernen Automatenabfertigung und der veralteten pers\u00f6nlichen Abfertigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir leben nicht nur immer l\u00e4nger, wir werden auch immer gr\u00f6\u00dfer, lese ich in der Zeitung. Der Europ\u00e4er hat in den letzten 80 Jahren 11 cm zugelegt. Das hat nicht nur positive Folgen: Es gibt mehr Haltungssch\u00e4den und auch mehr Probleme mit den Z\u00e4hnen! Kurioserweise ver\u00e4ndern sich auch die Stimmen: Da der Kehlkopf gr\u00f6\u00dfer ist, sind die Stimmb\u00e4nder l\u00e4nger und die Stimmen tiefer! Das Wachstum steigt nicht stetig an, sondern h\u00e4ngt von den Lebensbedingungen ab. In der Altsteinzeit waren die Menschen gr\u00f6\u00dfer als in der Jungsteinzeit, als man sesshaft geworden war und es Versorgungsprobleme gab. Auch im Mittelalter waren die Menschen gr\u00f6\u00dfer als in der fr\u00fchen Neuzeit, als Bev\u00f6lkerungswachstum und die Pest die Ern\u00e4hrungslage verschlechterten. Der negative Trend hielt an bis in 17. Jahrhundert. Dann wurden die Menschen langsam wieder gr\u00f6\u00dfer. Und in S\u00fcdkorea sind die Menschen seit dem Ende des Krieges um 6 cm gewachsen, in Nordkorea sind sie gleich gro\u00df geblieben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die brasilianischen Telenovelas kreisen zwar auch, wie die mexikanischen und kubanischen, unerm\u00fcdlich um das Thema Liebe, aber sie repr\u00e4sentieren auch die brasilianische Wirklichkeit. Und nicht nur das. Sie gestalten sie sogar mit, wie Soziologen jetzt herausgefunden haben. In den Telenovelas kamen eheliche Untreue, Scheidung, Verh\u00fctung, Religionskritik bereits vor, als all das noch ein Tabu oder sogar verboten war, n\u00e4mlich zur Zeit der Milit\u00e4rdiktatur, und zwar ausgerechnet auf dem von den Milit\u00e4rs lancierten Sender Rede Globo. Der Sender war zun\u00e4chst noch nicht \u00fcberall zu empfangen, verbreitete sich aber allm\u00e4hlich und erreichte schlie\u00dflich 90 % aller Haushalte. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Haushalte mit Fernseher allm\u00e4hlich und stieg schlie\u00dflich auf 82% im Untersuchungszeitraum. Das Ergebnis der Studie, kurz gefasst: Wo die Telenovelas hinkamen, gab es weniger Geburten und mehr Scheidungen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in einem nicht ganz voll besetzten Flugzeug nach Bergamo. Bei den Durchsagen im Flugzeug bekommt man Kostproben des internationalen Englisch: Der Pilot spricht Englisch mit markantem irischen Akzent, der Steward mit russischen oder etwas \u00c4hnlichem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch der Flughafen von Bergamo ist so klein, dass man zu Fu\u00df \u00fcber das Rollfeld zur Halle gehen kann. Zu allen Seiten hat man einen Blick auf die Alpen, und es ist sonnig und fr\u00fchlingshaft warm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Bus geht es von Bergamo nach Brescia, und von Brescia mit einem weiteren Bus nach Gargnano. Brescia sieht, wenn man hineinkommt, ganz \u201aunitalienisch\u2019 aus, mit hochmodernen, variantenreichen B\u00fcrohochh\u00e4usern mit viel Glas, die eher an Kapstadt erinnern. Ein paar kommen mir bekannt vor, zum Beispiel eins, das auf einer Spitze steht, die wiederum auf einem breiten Sockel ruht. Aber ich bin noch nie in Brescia gewesen und glaube auch nicht, dass ich hier schon mal vorbeigefahren bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen haben wir uns unwillk\u00fcrlich zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden. Wir sind alle aus Trier und wollen nach Gargnano. Unter den Teilnehmern ein paar bekannte Gesichter, ein oder zwei Studentinnen, die auch Englisch machen, eine Ex-Nachbarin, Frau S., und eine Italienischlehrerin, Frau B.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt von oben der See ins Blickfeld, tief blau, mit schneebedeckten Bergen am anderen Ufer. Der Gardasee ist der gr\u00f6\u00dfte See Italiens, langgestreckt, oben schmal, unten breit, mit Sal\u00f3 als einziger gr\u00f6\u00dferer Stadt, am Westufer gelegen, etwas unterhalb von Gargnano. Die gro\u00dfen St\u00e4dte liegen aber abseits des Sees, wahrscheinlich, weil das schmale Ufer keine gr\u00f6\u00dfere Ausdehnung erlaubte, verteilt auf die historischen Regionen, die den See auf drei Seiten umgeben: Brescia in der Lombardei, Verona im Veneto, Trient im Alto Adige. Der alte, keltische Name des Sees ist noch in dem Ortsnamen <em>San Felipe del Benaco<\/em> erhalten, der neue in Riva del Garda, dem Ort an der Nordspitze des Sees. Vermutlich hei\u00dft <em>benaco<\/em> \u201aHalbinsel\u2019. Was <em>garda<\/em> hei\u00dft, kann ich nicht herausfinden. Das Wasser stammt aus dem geschmolzenen Eis der Eiszeit, und die hat auch an den s\u00fcdlichen Ufern fruchtbare Erde angeschwemmt. Die h\u00f6chsten Berge sind aber nicht vom Eis erreicht worden und haben deshalb eine andere, ganz eigene, alpine Vegetation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Statt der zarten Knospen in der Heimat haben die B\u00e4ume hier schon Bl\u00e4tter, und viele Pflanzen stehen in Bl\u00fcte, darunter Magnolien, Mandelb\u00e4ume und ein wie Goldregen aussehender Strauch, eine Mimosa. Links der Stra\u00dfe liegen in den Hang gebaute Villen, von Zypressen umstanden. Und auch an der Uferstra\u00dfe alle Arten von Nadelb\u00e4umen, Kiefern, Zedern, Tannen und allerhand nicht identifizierbares Zeug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischendurch steigt eine ganze Horde von Sch\u00fclern, alle mit MP-3-Spielern bewaffnet, in den Bus und dann nach und nach wieder aus. Der ungew\u00f6hnliche und ungew\u00f6hnlich sch\u00f6ne Schulweg ist vermutlich Alltag f\u00fcr sie und kaum der Rede wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erreichen wir Gargnano. Zu dem Zeitpunkt bin ich immerhin acht bis neun Stunden unterwegs. In der Zeit h\u00e4tte man es vermutlich auch mit dem Auto geschafft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Hotel, sehr sch\u00f6n direkt am See gelegen, ist ein Labyrinth. Man hat vermutlich mehrmals angebaut, mit mehreren Zwischengeschossen, und das Geb\u00e4ude ist der Hanglage angepasst worden. Dadurch ist die Rezeption, zur Stra\u00dfe hin, ebenerdig, aber mein Zimmer, zum See hin, auch, obwohl es zwei Stockwerke tiefer liegt. Vom Zimmer sehe ich durch Palmen hindurch direkt auf den See.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wegen des guten Wetters geht es gleich, aber kurz\u00e4rmelig und mit Sandalen, in die Stadt hinunter. Dabei treffe ich auf einen der Mitreisenden, Glauco, und wir stellen fest, dass wir Kollegen sind. Er unterrichtet Italienisch an der Uni. Die Studentinnen, mit denen ich ihn im Bus gesehen habe, kennt er aber auch nicht. Er ist Psychologe und wohnt mit seiner deutschen Freundin in Luxemburg. Die hat er in Bologna kennen gelernt, seiner Heimatstadt. Er hat sich auf Aeronautische Psychologie spezialisiert \u2013 ich wusste nicht, dass es so etwas gibt \u2013 und interessiert sich vor allem f\u00fcr Verst\u00e4ndnisprobleme, vor allem durch das internationale Englisch. Viele Schwierigkeiten und Fast-Unf\u00e4lle sind nach seiner Meinung die Folge von Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten. Die Leute verst\u00e4nden das, was sie verstehen wollten. Er ist ganz begeistert, als ich ihm sage, dass man das in der Sprachwissenschaft genauso sieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gargnano zeigt sich bei dem hellen Sonnenschein von seiner sch\u00f6nsten Seite. \u00dcber einen schmalen, an beiden Seiten von einer Steinmauer begrenzten Weg, auf der an einer Seite wilder Wein w\u00e4chst, geht es in die Stadt. Die Hauptstra\u00dfe, mit einfachen, aber sch\u00f6nen, H\u00e4usern, verl\u00e4uft parallel zum See, aber mit etwas Abstand. Zwischen den H\u00e4usern blickt man auf die ganz nahen, hohen Berge, zur anderen Seite liegt der See mit einem kleinen, gem\u00fctlichen Hafen und sch\u00f6nen Lokalen. Die meisten H\u00e4user sind sehr italienisch, einige auf Arkaden, in verschiedenen Farben verputzt, mit Blendl\u00e4den, eher schmal, eher hoch, mit sehr hohen Geschossen, weitgehend ohne Zier, nur selten mit Balkonen. Zwischendurch sieht man auch mal ein \u201a\u00f6sterreichisches\u2019 Haus, breiter, mit Fassadenmalerei. Kleine B\u00e4ume in der N\u00e4he des Ufers tragen Apfelsinen. Am Hafen und etwas abseits davon, wo es einen kleinen Kieselstrand gibt, hat man das Gef\u00fchl, am Meer zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen der Hauptstra\u00dfe und dem Hafen \u00f6ffnet sich der Durchgang zu einem kleinen Platz, an dem ein sch\u00f6nes, aber nicht ganz passendes Jugendstilhaus steht. Neben dem Eingang eine Steinplatte, die an das einzig nennenswerte historische Ereignis erinnert, einen \u00f6sterreichischen Angriff auf den Hafen, der von den Italienern zur\u00fcckgeschlagen wurde. Einige H\u00e4user haben noch Einschussl\u00f6cher, andere haben dekorativ Kugeln in ihre Fassaden integriert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kaufen ein Eis im Stehen, und dabei lerne ich mein erstes italienisches Wort, gleich in zwei Varianten: <em>gusto<\/em>, so steht es auf dem Schild und so bestellt es eine Kundin (<em>due gusti<\/em>), ist ein Wort f\u00fcr \u201aKugel\u2019, <em>pallina<\/em>, so nennt es der Verk\u00e4ufer, ein anderes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Hafen treffen wir dann in einem Caf\u00e9 auf Mara, der Kollegin von Glauco, einer der Organisatorinnen des Kurses, und ihren Ehemann, der, wie ich sp\u00e4ter erfahre, Brasilianer ist. Jedenfalls fragt er mich sofort, ob ich Spanisch spreche, nachdem ich den ersten Satz auf Italienisch gesagt habe. Von Mara erfahren wir, dass die Apfelsinen keine Apfelsinen sind, sondern Zitronen, die wie Apfelsinen aussehen. Es handelt sich um eine besondere Z\u00fcchtung, die notwendig wurde, nachdem in einem harten Winter alle Zitronen eingegangen waren. Diese Fr\u00fcchte haben auch einen besonderen Namen, an den sie h\u00e4nderingend sich zu erinnern versucht. Der Reisef\u00fchrer gibt auch keine Auskunft, aber er berichtet auch von dem <em>Schwarzen Winter<\/em> 1928\/29. Er erkl\u00e4rt aber auch, dass die Zitrone hier ohnehin nicht ihr nat\u00fcrliches Habitat hat, sondern unter gro\u00dfem Aufwand heimisch gemacht werden musste, durch Schutzmauern und Holzbalkenkonstruktionen, die ein besonderes Klima schufen. Das Material daf\u00fcr und sogar die Erde mussten eigens vom Ostufer herbeigeschafft werden. Der Schwarze Winter war dann eine Art Rache der Natur. Die Zitronen des Gardasees waren aber ohnehin dabei, den Konkurrenzkampf gegen die Zitronen aus Sizilien zu verlieren, obwohl sie einen h\u00f6heren Saftanteil hatten, mehr Vitamin C enthielten und l\u00e4nger hielten. Die sizilianischen Zitronen waren aber einfach billiger. Als sprachliches Kuriosum erf\u00e4hrt man noch, dass Limone, der Name des Touristenortes n\u00f6rdlich von Gargnano, nichts mit Zitronen zu tun hat, sondern sich von Limes ableitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend gibt es Durcheinander bei der Organisation. Ich gehe, da vor dem Hotel niemand zu sehen ist, alleine in den Ort hinunter, wo in einem nur vage m\u00fcndlich bezeichneten Geb\u00e4ude der Empfang stattfinden soll. Ich lande nach mehreren Nachfragen vor dem Palazzo Feltrinelli, der aber verschlossen und auch kaum beleuchtet ist. Inzwischen sind wir zu viert. Die anderen sind ebenso ratlos wie ich. Wir sind auf die Minute p\u00fcnktlich. Aus Mangel an Alternativen entscheiden wir uns, zu warten. Eine der Studentinnen erz\u00e4hlt, als die Rede auf Mailand kommt, da sei sie auch vor kurzem gewesen, allerdings nur im Stadion. Sie hat das R\u00fcckspiel von Werder beim AC Mailand miterlebt und ist ganz begeistert davon. Frau S., die sich nicht f\u00fcr Fu\u00dfball interessiert, erz\u00e4hlt, sie habe aber einmal in ihrer Jugend, in England, bei Stoke City, ein Fu\u00dfballspiel gesehen, und die Atmosph\u00e4re im Stadion sei hinrei\u00dfend gewesen. Als ich dann nach Details frage, stellt sich heraus, dass sie den leibhaftigen Stanley Matthews gesehen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Studentinnen sagt der Name Feltrinelli nichts. Sie haben aber bestimmt schon mal ein Buch in der Hand gehabt, das bei Feltrinelli verlegt wurde. Die Feltrinelli stammen aus Gargnano, und im Laufe der n\u00e4chsten Tage sto\u00dfe ich immer wieder auf ihren Namen, als Erbauer, als Unternehmer, als M\u00e4zen. Der m\u00e4chtige Palazzo Feltrinelli, vor dem wir stehen, wird im Sommer von der Universit\u00e4t Mailand f\u00fcr Sprachkurse genutzt. Deshalb hat man uns auch hierher geschickt. In einem anderen Teil Gargnanos, einem Vorort, liegt die Villa Feltrinelli, heute ein Luxushotel. Hier residierte Mussolini w\u00e4hrend der Repubblica di Sal\u00f2. Mussolini war in Rom gest\u00fcrzt und eingekerkert, aber mit Hitlers Hilfe befreit und wiedereingesetzt worden. Allerdings umfasste die Repubblica di Sal\u00f2 nur den Norden Italiens. Der S\u00fcden wurde bereits von den Alliierten kontrolliert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde Wartezeit in der Stille wird es auf einmal laut. Aus einem Geb\u00e4ude ganz in der N\u00e4he ergie\u00dft sich ein Strom von Menschen auf die Stra\u00dfe. Es sind die anderen Kursteilnehmer, die im Gegensatz zu uns noch rechtzeitig das in letzter Minute aktualisierte Programm bekommen haben und wussten, dass der Empfang eine halbe Stunde fr\u00fcher stattfand. Wie dem auch sei, viel verpasst haben wir offensichtlich nicht.<\/p>\n<p>Beim Abendessen im Hotel lerne ich dann noch zwei serbische Kursteilnehmer kennen, Alexander, einen Dirigenten, der in Mannheim und Stuttgart studiert hat und irgendwelche schw\u00e4bischen Verbindungen zu haben scheint, und Voina, eine Kunsthistorikerin. Sie sind mit zwei Bussen aus Belgrad \u00fcber Land gekommen. Die Fahrt hat 13 Stunden gedauert. Es habe lange Grenzkontrollen gegeben, zwischen Serbien und Kroatien und zwischen Kroatien und Slowenien! Voina hat jetzt einen kroatischen Pass, und das macht ihr das Reisen erheblich leichter, vor allem, wenn es in L\u00e4nder der EU geht. Beide sprechen hervorragend Italienisch, fl\u00fcssig und idiomatisch und fast ohne Akzent, wenn auch mit einem markanten \u201adunklen\u2019, velarisierten \/l\/, wie man es im Katalanischen oder Holl\u00e4ndischen h\u00f6rt. Die allermeisten Kursteilnehmer sind Serben, meist ganz junge M\u00e4dchen. Ein Professor aus Belgrad hat urspr\u00fcnglich die Zusammenarbeit initiiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>In der Dusche stelle ich den Regler immer weiter Richtung Rot, aber das Wasser wird und wird nicht warm. Dann f\u00e4llt mir ein, dass ich in Italien bin. Rot steht hier f\u00fcr kalt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der F\u00f6n ist ein Wunderwerk der Technik. Er erw\u00e4rmt die n\u00e4here Umgebung ein wenig, produziert aber \u00fcberhaupt keine Luft. Mit dem Handtuch geht es schneller.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist in der italienischen Tradition mit ein paar Konzessionen an die Erwartungen der Touristen. Wenn man es verpasst, verpasst man nichts. Au\u00dferdem ist es ziemlich sp\u00e4t, um 9.30 \u2013 die angemessene Zeit f\u00fcr diejenigen, die am Abendprogramm teilnehmen, meist Diskothekenbesuche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach gibt es in der Sala Civica, in einem gro\u00dfen, modernen H\u00f6rsaal eine Einf\u00fchrung ins Programm, auch nichts, was man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Mit gro\u00dfem Stolz weist man auf die Auswahl der Filme hin. Es gibt insgesamt f\u00fcnf, und sie repr\u00e4sentieren angeblich die italienische Realit\u00e4t in ihrer ganzen Breite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es erst mal wieder Freizeit, und ich gehe in die Stadt hinunter. Der Himmel ist dicht bew\u00f6lkt, und es ist auch nicht mehr so warm wie gestern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe mir die Stadtkirche an, San Francesco, ein romanischer Bau mit einer fast schmucklosen Fassade. Interessanterweise geht der Bau direkt, in rechtem Winkel, in die n\u00e4chsten Geb\u00e4ude \u00fcber, wie man das oft im Barock findet, nur dass hier das n\u00e4chste Geb\u00e4ude kein sakrales ist, sondern das Rathaus. An seiner Fassade h\u00e4ngt neben der italienischen und der europ\u00e4ischen Fahne die gr\u00fcne Fahne der Lombardei. Der Innenraum der Kirche, im Barock in einen einschiffigen Raum umgewandelt, ist grauenvoll: duster und grau, mit gerade mal zwei Fenster\u00f6ffnungen, einem barocken, grauen Altar und zwei riesigen Gem\u00e4lden im Westen, die so stark nachgedunkelt sind, dass man auch bei besserem Licht nichts erkennen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehenswert ist dagegen der angrenzende Kreuzgang, quadratisch, gotisch, klein. Er hat B\u00f6gen, die weit und flach sind und nur in der Mitte spitz zulaufen. Ich h\u00e4tte sie viel sp\u00e4ter datiert, vielleicht aus der Renaissance, aber es sind gotische B\u00f6gen der venezianischen Art. Die Kapitelle sind mit einheimischen Fr\u00fcchten, darunter \u201eZitronats-Zitronen\u201c (Sind das die vermeintlichen Apfelsinen?) verziert, und an einer Stelle ist sogar die einheimische Forelle abgebildet. Zwei Steinplatten stammen aus der r\u00f6mischen Zeit, eine Neptun, eine Revino, einer lokalen Gottheit, gewidmet. Die R\u00f6mer waren immer klug genug, ihre Religion nicht in Reinform aufzuzwingen, sondern sie durch Vermischung mit einheimischen Traditionen schmackhaft zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngt eine Tafel mit Erkl\u00e4rungen in verschiedenen Sprachen, u.a. in ganz passablem Deutsch. Aus der <em>Anbetung der K\u00f6nige<\/em> ist allerdings die <em>Bewunderung der Weisen<\/em> geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es den ersten Vortrag, gehalten von einem Mann mit Glatze und unglaublich rauer Stimme. Es geht um Giorgio Strehler, den Theaterregisseur. Es wird deutlich, wie wichtig er f\u00fcr das italienische Theater war. Er war ein Neuerer. Er \u00a0brachte a) den bis dahin in Italien unbekannten Realismus, b) ausl\u00e4ndische Autoren wie Gorki, c) klassische italienische Autoren wie Goldoni, d) moderne italienische Autoren wie Pirandello und e) Dialektst\u00fccke wie <em>El nos Milan<\/em> auf die B\u00fchne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Visconti, der Adelige und Kommunist aus Mailand, nach Rom ging, ging Strehler, der B\u00fcrgersohn aus Triest, nach Mailand und gr\u00fcndete dort, man mag es kaum glauben, das erste feste Theater in Italien. Er war der erste in Italien, der versuchte, aus Theater Kunst zu machen, nachdem das Theater seine alte Funktion verloren hatte und nicht mehr, zusammen mit der Kirche, <em>das<\/em> Massenmedium war. Als Beleg daf\u00fcr, dass das heute nicht mehr so ist, zitiert er den Kauf eines Mail\u00e4nder Theaters durch Berlusconi \u2013 er wollte seinem Onkel eine kleine Freude machen. Dar\u00fcber habe sich niemand aufgeregt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Strehlers Laufbahn dauerte genau 50 Jahre, von 1947 bis 1997. In dieser Zeit brachte er <em>Servitore di due padroni<\/em> 13 Mal auf die B\u00fchne und ein unvollendetes St\u00fcck von Pirandello, <em>I giganti della montagna<\/em>, 3 Mal. Im Laufe der Zeit machte er eine Entwicklung vom Realismus zu moderneren, minimalistischen Form durch: W\u00e4hrend Viconti f\u00fcr den <em>Kirschgarten<\/em> richtige Kirschb\u00e4ume auf\u00a0 die B\u00fchne brachte, setzte Strehler kleine seidene Kirschstr\u00e4u\u00dfchen ein, die symboltr\u00e4chtig auf der B\u00fchne herumlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Geld gab er fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr Kokain aus, und sein Haus vermachte er seiner Frau, aber mit lebenslangem Nutzungsrecht f\u00fcr seine Geliebte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie alle sp\u00e4teren Vortr\u00e4ge wird auch dieser mit gro\u00dfer Redegewandtheit und gro\u00dfem Selbstbewusstsein vorgetragen. R\u00fccksicht auf ausl\u00e4ndische Studenten oder gar Hilfe gibt es nicht, bis auf das angesichts der Lage absurde Angebot, unbekannte Vokabeln zu erkl\u00e4ren. So spricht man zu Italienern, die nicht vom Fach sind, nicht zu Fremdsprachenstudenten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Werturteile werden ohne Zweifel am eigenen Urteil vorgetragen: Strehler war einer der gr\u00f6\u00dften Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts. Und ein schlechter Schauspieler. Italien ist das gr\u00f6\u00dfte Kunstland der Welt. Im Theater war es nicht vorne mit dabei, da hatten Frankreich, Deutschland und Russland die Nase vorn. Von England ist \u00fcberhaupt nicht die Rede \u2013 kein einziges Mal w\u00e4hrend des gesamten Vortrags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen komischen Wiedererkennungswert haben, als die Rede auf Brecht kommt, der f\u00fcr Strehler von gro\u00dfer Bedeutung war, die italienischen Entsprechungen deutscher Titel: <em>L\u2019opera da tre soldi, Santa Giovanna dei macelli, L\u2019anima buena di Sezuan<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich vom Fr\u00fchst\u00fcck zur\u00fcckkomme, sehe ich, als ich um die Ecke biege, einen Mann aus meinem Zimmer kommen! Ich traue mich nicht, irgendetwas zu rufen und w\u00fcsste auch nicht was, und vielleicht habe ich mich ja auch vertan, aber ich fixiere die T\u00fcr genau und als ich n\u00e4her komme, gibt es keinen Zweifel: Es ist mein Zimmer. Was tun? Es scheint nichts zu fehlen, der Laptop steht auch unangetastet auf dem Tisch, alle Wertsachen sind ohnehin im Safe. Das Bett ist gemacht, aber nach Zimmerm\u00e4dchen sah er nicht aus. Ich sehe noch in allen Schubladen nach, aber es ist nichts Auff\u00e4lliges zu finden. Dann mache ich das Licht an, und es geht mir ein Licht auf: Die Deckenlampe hatte einen Wackelkontakt, jetzt funktioniert sie wieder einwandfrei. Es muss der Hausmeister gewesen sein, der von den Zimmerm\u00e4dchen auf die defekte Lampe aufmerksam gemacht worden ist. Sehr effizient!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Vormittag bekommen wir einen Film zu sehen, <em>Ovo sodo<\/em>. F\u00fcr den Fremdsprachenlerner eine frustrierende Erfahrung. Man versteht, au\u00dfer der Stimme des Erz\u00e4hlers im <em>off<\/em> und ein paar Gr\u00fc\u00dfen, fast nichts. Und die immer bei solchen Gelegenheiten schnell vorgebrachten Begr\u00fcndungen \u2013 Sprechgeschwindigkeit, Dialekt, Umgangssprache \u2013 greifen zu kurz. Die Sprechgeschwindigkeit ist bei den Vortr\u00e4gen ebenso gro\u00df, und da verstehe ich das meiste. Und wenn man den Text geschrieben s\u00e4he, w\u00fcrde man auch das meiste verstehen, ob dialektal oder umgangssprachlich. Es ist ausschlie\u00dflich die konkrete Realisierung der Laute in der gesprochenen Alltagssprache, die das so schwer macht, die Auslassung, Ver\u00e4nderung und Verschmelzung von Lauten und die von Person zu Person und von Situation zu Situation sich ver\u00e4ndernden Laute. Das Problem sind nicht die unbekannten W\u00f6rter, sondern die bekannten W\u00f6rter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die thematische Einf\u00fchrung, die gegeben wird, ist auch nicht gerade hilfreich, und sp\u00e4ter stelle ich fest, dass auch die anderen nicht verstanden haben, was ein hartgekochtes Ei mit dem Gehirn oder den Lebenserwartungen eines Jungen zu tun hat: Das ist die w\u00f6rtliche Bedeutung von <em>ovo sodo<\/em>, die dialektale Variante von <em>uovo sodo<\/em> \u2013 der Film spielt in Livorno.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Film ist nicht schlecht. Einem sch\u00fcchterner Junge aus einem Armenviertel, der eigentlich alles gegen sich hat \u2013 Mutter ist gestorben, Vater landet im Knast, Stiefmutter k\u00fcmmert sich in erster Linie um eigenen S\u00e4ugling und nicht um ihn und seinen geistig behinderten Bruder \u2013 er\u00f6ffnen sich neue Lebensperspektiven, als er den Weg aufs Gymnasium schafft und zum exzellenten Sch\u00fcler wird. Er f\u00e4llt dann durchs Abitur, weil er sich f\u00fcr seinen Freund, den reichen Sohn eines Fabrikbesitzers, dem er ein paar verr\u00fcckte Erlebnisse verdankt, aufopfert, landet in der Fabrik von dessen Vater und heiratet am Ende die h\u00fcbsche\u00a0 Nachbarstochter, die es schon als Teenager auf ihn abgesehen hat, und endet im Mittelma\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es einen Vortrag \u00fcber Mussolinis <em>Repubblica di Sal\u00f2<\/em>, eigentlich die <em>Repubblica Sociale Italiano,<\/em> eine Name, der gleichzeitig einen Abschied vom K\u00f6nigreich (Der K\u00f6nig hatte Mussolini fallen lassen) bedeutet, eine Anbiederung an die Arbeiterschicht und sogar an die Sowjetunion und eine Reklamation ganz Italiens, von dem aber nur eine kleiner Teil dazu geh\u00f6rte. Der Rest war entweder von Deutschland besetzt oder von den Amerikanern. 1600 Tage hielt die Konstruktion, ein Staat von deutschen Gnaden, mit einer \u201aHauptstadt\u2019 am Gardasee, ganz hier in der N\u00e4he. Mussolini selbst bevorzugte Mailand oder Turin und keinesfalls Sal\u00f2, aber beide waren nicht zu verteidigen, und unter deutschem Druck wurde Sal\u00f2 zur Hauptstadt, ganz in der N\u00e4he des deutschen Gebiets. Trotz des Namens war aber in Sal\u00f2 lediglich das Au\u00dfenministerium. Mussolinis Amtssitz und auch sein Privatsitz waren in Gargnano, der Sitz der Deutschen war in Gardone.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mussolini gerierte sich als Gegner des Kapitalismus, als Gegner vor allem der Amerikaner und Engl\u00e4nder, die den Krieg verl\u00e4ngerten, die Juden sch\u00fctzten, ihre Soldaten auf die unschuldigen italienischen M\u00e4dchen loslie\u00dfen und durch die Schwarze nach Italien kamen. Er wurde von allen m\u00f6glichen Organisationen unterst\u00fctzt, darunter die <em>Brigate Nere<\/em>, eine spezielle Fraueneinheit, das Heer Grazianis und eine italienische SS. Der Referent erz\u00e4hlt, dass seine Mutter erz\u00e4hlte, dass ihre Mutter ihr die Ohren zugehalten habe jedes Mal, wenn sie an dem Geb\u00e4ude vorbeikamen, in dem die SS ihre Verh\u00f6re durchf\u00fchrte, damit sie, das M\u00e4dchen, die Schreie der Gefolterten nicht h\u00f6re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Sache zu Ende zu gehen droht, flieht Mussolini nach Mailand und will mit den Partisanen verhandeln. Erfolglos. Er will in die Schweiz fliehen, aber Hitler will ihn in Deutschland haben. Mussolini flieht in einem deutschen Soldatenwagen, der aber von den Alliierten angehalten wird. Mussolini ist als Deutscher verkleidet, tr\u00e4gt aber noch eine italienische Uniformhose und wird erkannt. Man schafft ihn nach Mailand und er wird auf der Piazza Loreto mit dem Kopf nach unten aufgeh\u00e4ngt, ebenso wie seine Geliebte. M\u00fctter aus Mailand sollen auf den toten K\u00f6rper geschossen haben, jede eine Kugel f\u00fcr jeden Sohn, den sie verloren hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Zur allgemeinen Best\u00fcrzung ist das Wetter noch schlechter geworden. Heute gibt es Dauerregen. Das Klima am Gardasee ist schlechter als sein Ruf. Die Sonnenstunden pro Tag liegen zwischen 3 und 8 je nach Monat, Regentage pro Monat gibt es zwischen 5 und 11, und die durchschnittliche H\u00f6chsttemperatur im Januar ist 5\u00b0. Angesichts von nicht vorhandenen Vergleichszahlen schwer zu deuten, aber das kommt mir nicht sehr mediterran vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Vormittag gibt es <em>Il Divo<\/em>, einen Film \u00fcber Andreotti. Auch der ist schwer zu verstehen, obwohl fast nur die Standardsprache gesprochen wird und obwohl es italienische Untertitel gibt. Aber die sind nicht immer vollst\u00e4ndig, weichen oft vom Film ab und wechseln oft zu schnell. Dazu kommt eine Unzahl von Namen und Figuren aus der italienischen Politik, deren Kenntnis vorausgesetzt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Film ist von ganz anderer Machart als der von gestern: schwarz-wei\u00df, mit vielen Szenen, die nur ein Pinselstrich sind, einen Eindruck vermitteln, mit ungew\u00f6hnlichen Gestaltungsmitteln. Immer wieder gibt es Szenen, in denen Andreotti erst ins Bild kommt, als er sich erhebt. Vorher sieht man nur den Hintergrund und wei\u00df nicht so recht etwas damit anzufangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Film zeichnet Andreotti als einen undurchdringlichen, zynischen, andererseits tief religi\u00f6sen Charakter, einerseits sehr ernst, ohne ein einziges L\u00e4cheln, andererseits f\u00e4hig zu trockenem Humor und schneidenden Pointen. Eine r\u00e4tselhafte Figur. Und von einer unglaublichen Steifheit. Fast ein Markenzeichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Szene wird er mit einem Zitat \u00fcber ihn konfrontiert: \u201eDe Gaspari und Andreotti gehen beide in die Kirche, aber was sie da machen, ist ganz unterschiedlich. De Gaspari spricht mit Gott, Andreotti spricht mit dem Priester\u201c. Darauf Andreotti: \u201eGott hat kein Stimmrecht\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Vatikan wird er unter Lachen begr\u00fc\u00dft, als der Redner folgendes Bonmot erz\u00e4hlt. W\u00e4hrend einer Auseinandersetzung \u00fcber die italienische Politik sagte Andreotti zu Johannes XXIII: \u201eHeiligkeit, Sie kennen den Vatikan nicht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Film setzt ein mit dem Beginn seiner 6. Amtszeit und endet mit Andreotti vor dem Gericht. Er selbst sagt an einer Stelle, man habe versucht, ihn f\u00fcr so ziemlich alle \u00dcbel Italiens bis auf die Punischen Kriege verantwortlich zu machen. Ob Andreotti f\u00fcr all die Attentate und \u00dcberf\u00e4lle und Selbstmorde, vor allem f\u00fcr den Tod Aldo Moros, verantwortlich ist, bleibt offen, und ich verstehe auch nicht so recht, ob der Film das nahe legt. Sp\u00e4ter sagen mir sowohl Glauco als auch Adriano unabh\u00e4ngig voneinander, an seiner Verstrickung gebe es keinen Zweifel. Jedenfalls hat Andreotti sich gut aus der Aff\u00e4re gezogen. Er ist in erster Instanz verurteilt, in zweiter Instanz freigesprochen worden und ist jetzt sogar Senator auf Lebenszeit und nimmt somit am politischen Geschehen aktiv teil. Er selbst sagt, alle diejenigen, die ihn immer gewarnt h\u00e4tten, er werde nicht mit dem Leben davonkommen, seien jetzt tot, er aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glauco erkl\u00e4rt mir auf meine Frage, warum gerade Aldo Moro, der liberalste der rechten Politiker und der, der den historischen Kompromiss mit den Kommunisten anstrebte, Opfer der linken Brigade Rosse wurde, das sei ein abgekartetes Spiel zwischen Extremisten der Rechten und der Linken gewesen, die gemeinsame Sache gemacht h\u00e4tten. Keine der beiden Seiten h\u00e4tte Interesse an einer Einigung gehabt. Die Rechten h\u00e4tten den Linken Moro schlichtweg \u00fcberlassen. In dem Film sagt Andreotti \u2013 f\u00fcr mich zumindest im Film glaubw\u00fcrdig \u2013 er h\u00e4tte das Gel\u00fcbde abgelegt, nie mehr Eis zu essen, wenn Moro gerettet werde. Eis war sein gro\u00dfes, kleines Laster.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag ein fast zweist\u00fcndiger Vortrag auf h\u00f6chstem intellektuellen und h\u00f6chstem Abstraktionsniveau \u00fcber Pirandellos Romane \u2013 ohne Pause, ohne Atemholen, ohne Zwischenres\u00fcmee oder Zwischenfragen, ohne Bilder und ohne \u00dcberschriften. Am Ende kann ich nicht mehr folgen \u2013 und will eigentlich auch nicht mehr. Die Bewertungen fallen ganz unterschiedlich aus, Voina kann damit gar nichts anfangen, Frau S. ist verwirrt, Frau B. hingerissen. Ich fand es auch sehr gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pirandello ist in einem Ort geboren, dessen w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung <em>Wald des Chaos<\/em> hei\u00dft. Das hat er selbst gerne betont. Sein Anliegen ist es, die Wahrheit \u00fcber das Individuum zu sagen, bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass das unm\u00f6glich ist, weil die Wahrheit nur durch die Sprache transportiert werden kann, und die Sprache ist f\u00fcr alle gleich, die Wahrheit aber f\u00fcr alle unterschiedlich. Die Wirklichkeit l\u00e4sst sich nicht erfassen. Es handelt sich also um eine <em>mission impossible<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Pirandello ist die Welt nicht logisch, die Ereignisse ergeben sich nicht, wie im Naturalismus, folgerichtig aus dem Geschehen heraus. Folgen ergeben sich eher aus dem, was nicht geschehen ist. In <em>L\u2019esclusa <\/em> wird eine Frau von ihrem Ehemann aus dem Haus gejagt, weil sie eine Beziehung mit einem anderen Mann gehabt hat. Hat sie aber nicht. Sie hat lediglich einen Brief von ihm bekommen. Sie schl\u00e4gt sich als Lehrerin durch, sieht sich mit allen m\u00f6glichen Vorbehalten konfrontiert. Irgendwann trifft sie wieder auf den Mann, der ihr den Brief geschrieben hat. Sie kommen sich n\u00e4her, und diesmal entwickelt sich wirklich eine Beziehung. Der Ehemann erf\u00e4hrt davon und bittet sie jetzt, wo der Grund wirklich existiert, dessentwegen er sie aus dem Haus gejagt hat, zu ihr zur\u00fcckzukommen!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer sp\u00e4teren Ausgabe von <em>Mattia Pascal<\/em> macht Pirandello sich einen Spa\u00df daraus, seinen Kritikern zu antworten. Die hatten den Roman als unglaubw\u00fcrdig verurteilt, wegen seiner Handlung. Pirandello gibt den Kritikern scheinbar recht, indem er sagt, ja, die Handlung des Romans sei zu Recht als absurd kritisiert worden. Gleichzeitig hat er aber Zeitungsausschnitte gesammelt, die von ganz \u00e4hnlichen F\u00e4llen im \u201arichtigen\u2019 Leben berichten. Der Roman ist absurd, weil das Leben absurd ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem zweiten Vorwort l\u00e4sst Pirandello eine Figur auftreten, die sagt, Kopernikus sei an allem schuld. Bis dahin h\u00e4tten wir gedacht, die Erde drehe sich nicht, wir seien das Zentrum. Dann wird der Einwand gemacht, auch damals habe sich doch die Erde gedreht, auch wenn es die Menschen nicht wussten. Worauf er antwortet: Ja, aber die Menschen wussten es nicht \u2013 also hat sie sich nicht gedreht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Vortrag gehe ich mit Voina einen Kaffee trinken, und wir treffen auf eine andere Kursteilnehmerin, Lisa. Sie ist aus Georgien. Es entspannt sich ein interessanter serbisch-georgisch-deutscher Erfahrungsaustausch auf Italienisch. Von Lisa erfahren wir, dass die georgischen Namen, die auf <em>-schwili<\/em> und auf <em>\u2013ze<\/em> enden (Iaschwili und Schewardnadse), einfach \u201aSohn von\u2019 bedeuten. Das kann ich in meine Sammlung aufnehmen: Karlsson, McDonalds, O\u2019Neill, Fern\u00e1ndez.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erfahre ich, dass die Georgier sich nicht Georgier nennen \u2013 das ist eine von au\u00dfen gekommene Form, die an den Hl. Georg erinnert \u2013 sondern <em>Sakartvelo<\/em>. Das gilt f\u00fcr das Land, die Leute, und die Sprache. Und sie haben ein ganz eigenes Alphabet, das weder dem kyrillischen noch dem lateinischen noch dem griechischen \u00e4hnelt. Lisa erkl\u00e4rt au\u00dferdem, dass Georgisch indogermanisch \u00a0ist, was ich nat\u00fcrlich wissen m\u00fcsste. Aber Aserbaidschanisch ist es nicht, und bei Armenisch bin ich mir nicht sicher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als mich an der Rezeption ein Fremder anspricht und ich es gerade schaffe, eine halbwegs verst\u00e4ndliche Antwort herauszubringen, schie\u00dft aus dem Nichts pl\u00f6tzlich Frau B., die deutsche Italienischlehrerin, hervor und korrigiert mich: \u201eDa h\u00e4tte aber jetzt der Konjunktiv stehen m\u00fcssen\u201c. Sie wei\u00df dagegen nicht, was ein Konditionalsatz ist \u2013 \u201eDas gibt es im Englischen aber nicht\u201c \u2013 und wusste auch nicht, dass <em>uovo sodo<\/em> ein hart gekochtes Ei ist. Das halte ich ihr aber nicht vor. Als sie dann anf\u00e4ngt, sprachwissenschaftlichen Unsinn zu reden, versuche ich erst, milde zu widersprechen, gebe es dann aber auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Hotel arbeitet eine Thail\u00e4nderin. Beim Warten an der Rezeption \u2013 Voina hat nicht daran gedacht, dass die Uhr umgestellt worden ist \u2013 frage ich sie, ob denn auch Touristen aus Thailand hierher k\u00e4men. Nein, Europa gefalle den Thais nicht. Besser Japan und Amerika. \u2013 Aha, und warum? \u2013 In Amerika und in Japan gebe es alles, in Europa sei alles gleich. Manchmal tut es gut, die Welt aus den Augen anderer zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus Langeweile nehme ich die Brosch\u00fcre eines Autovermieters in die Hand. Da findet man wunderbare deutsche S\u00e4tze wie: \u201eUnsere Firma stellt sich zur Verf\u00fcgung fuer alle Bewegungen mit Puenktlichekit, Ernsthaftigkeit, Hoeflichkeit und Zurueckhaltung\u201c oder \u201eIhr werdet eine Reise in den Kunststaetten planen koennen oder Sportspielen gehen koennen ohne Sorgen um das Auto zu machen\u201c oder \u201eMit unserem Dienst werdet ihr den Fahrstress beseitigen, die Schwierigkeiten um einen Parkplatz zu finden oder das Auto fuer vielen Tagen park zu lassen vergessen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine serbische Studentin kommt herein und gr\u00fc\u00dft mit <em>Buon giorno<\/em>. Die Dame an der Rezeption verbessert sie: In Italien sage man ab f\u00fcnf Uhr <em>Buona sera<\/em>. Die Wirklichkeit ist, wie immer, etwas komplizierter, aber auf jeden Fall umfasst <em>sera<\/em> einen gr\u00f6\u00dferen Zeitraum als <em>Abend<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend, in der Pizzeria \u2013 irgendein Stra\u00dfenfest ist ins Wasser gefallen &#8211; sind wir 9 Personen aus 7 L\u00e4ndern: Italien, Deutschland, Spanien, Portugal, Holland, Serbien, Georgien. Dabei ist auch ein unglaublich italienisch aussehender Italiener aus Neuwied, Adriano, absolut zweisprachig und in der Alltagskultur beider L\u00e4nder gleich heimisch. Er ist witzig und schlagfertig und kann alle nachmachen: Stoiber, Schr\u00f6der, Wolfgang Petry, Heinz Erhardt, Trapattoni, den italienisch sprechenden Papst, Frau S., aber auch alles Entsprechende auf der italienischen Seite, darunter Berlusconi. Das wiederum ist mir alles sehr fremd. Viele der anderen sind damit viel vertrauter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Heilig Antonius von Padua hie\u00df nicht Antonius und kam nicht aus Padua. Er hie\u00df Francesco und kam aus Lissabon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht es mit zwei Autobussen nach Venedig. Der Himmel kl\u00e4rt ein bisschen auf, und wenigstens regnet es nicht. Das soll auch den ganzen Tag so bleiben, aber unter sch\u00f6nem<\/p>\n<p>Wetter versteht man etwas anderes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fahrt ist lang und verz\u00f6gert sich bei der Abfahrt hier und dort. Ob sich das wirklich lohnt, fragt sich, aber Venedig zieht nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs kommt die Rede auf Nikolaus von Kues und seinen besonderen Coup, die Entlarvung der Konstantinschen Schenkung als F\u00e4lschung. Das Besondere daran war die Methode. Er hat einfach die Sprache ganz genau untersucht und ist dabei zu dem Schluss gekommen: Das kann unm\u00f6glich das Latein der Antike sein. Dieses Dokument muss sp\u00e4ter verfasst worden sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenbezirke von Venedig, wo die meisten Venezianer wohnen, sind an H\u00e4sslichkeit nicht zu \u00fcberbieten. Sch\u00e4bige Wohnblocks, \u00d6lraffinerien, Schlote.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es auf einer schmalen, langen, geraden Stra\u00dfe mitten durch die Lagune. Es ist, als wenn man \u00fcber das Meer f\u00e4hrt, links und rechts nur Wasser, keine H\u00e4user, keine Boote, keine Fischer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt ein Parkplatz, auf dem der Bus eine Art Pass erwerben muss, um weiter zu fahren, und schlie\u00dflich steigen wir an der <em>Piazza di Roma<\/em> aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber Stra\u00dfen, Gassen, Pl\u00e4tze, Br\u00fccken ins historische Zentrum. Der Weg ist erstaunlich lang, und Venedig macht hier einen erfreulich normalen Eindruck: Obstgesch\u00e4fte und Zeitungsgesch\u00e4fte, Schulkinder, Frauen, die vom Einkauf kommen, ein paar von Einheimischen frequentierte Caf\u00e9s, kommunistische Zeitungen austeilende Studenten an der Universit\u00e4t. All das vor dem sch\u00f6nen Hintergrund der <em>palazzi<\/em> und Kan\u00e4le mit ihrem dekadenten Charme. Eine Mutter bugsiert einen Kinderwagen \u00fcber die Stufen einer Br\u00fccke, zwei M\u00e4nner eine schwer beladene Schubkarre. Das ist Teil der Alltagswirklichkeit Venedigs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wasser in den Kan\u00e4len steht fast still und ist gr\u00fcnlich. Die Br\u00fccken sind aus Holz oder aus Stein, und die Steinbr\u00fccken haben teilweise sch\u00f6ne Gel\u00e4nder aus Gusseisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen hei\u00dfen hier <em>Calle<\/em> wie im Spanischen und die H\u00e4user <em>Ca\u2019<\/em> wie auf Mallorca. Das wird venezianischer Dialekt sein. Hier ber\u00fchren sich die verschiedenen Variet\u00e4ten der romanischen Sprachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt man auf die riesige Piazza San Marco, an deren Ende der Dom steht. Die Superlative, die in vielen Beschreibungen vorkommen, hat der Platz meines Erachtens nicht verdient: Er ist gro\u00df und, trotz der vielen Menschen, irgendwie leer. Es gibt keine Skulptur, keinen Brunnen, keinen Baum. Die wei\u00dfe Fassade des Doms mit den Mosaiken ist nicht unbedingt sch\u00f6n, und der getrennt stehende Backsteinturm passt weder dazu noch zu irgendetwas sonst. Der Turm ist einger\u00fcstet und wird renoviert, aus gutem Grund: Er ist ihnen schon einmal eingest\u00fcrzt, was durch Beschreibungen und Bilder am Bauzaun illustriert wird. Die langen, wei\u00dfen, auf Arkaden ruhenden Geb\u00e4ude der beiden L\u00e4ngsseiten waren f\u00fcr irgendwelche Verwaltungsdinge bestimmt, eine Art Archiv der Republik, glaube ich. Heute sind es Museen. Die dem Dom gegen\u00fcberliegenden Seite soll von Napoleon geschlossen worden sein, aber auf den Bildern sieht man, dass das nur die halbe Wahrheit ist: Sie war auch vorher geschlossen, aber durch eine Kirche. Die lie\u00df Napoleon abrei\u00dfen und an ihrer Stelle eine Verl\u00e4ngerung der L\u00e4ngsseiten entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner als all das ist der Dogenpalast, rechts vom Dom, dessen Platz sich zur Lagune hin \u00f6ffnet. Hier stehen auf zwei viel zu hohen S\u00e4ulen die Heiligen Venedigs, Markus, der es erst nach dem Raub der Gebeine durch venezianische Kaufleute wurde, und Theodor, der angestammte Heilige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dogenpalast hat eine sch\u00f6ne, leichte, gleichm\u00e4\u00dfige Fassade aus wei\u00dfem Marmor, aber ist innen ganz un\u00fcbersichtlich. Verschiedene Teile wurden in verschiedenen Epochen hinzugef\u00fcgt. Hier residierte der Doge. Auf Lebenszeit. Er wurde vom Rat <em>ausgew\u00e4hlt<\/em>, wie es hei\u00dft, womit wohl etwas anderes als <em>gew\u00e4hlt<\/em> gemeint ist. Obwohl der Doge \u2013 der Titel leitet sich von <em>dux<\/em> ab und ist mit <em>duce<\/em> verwandt \u2013 immer m\u00e4chtiger wurde, hatte er doch eine ganze Reihe von Einschr\u00e4nkungen in Kauf zu nehmen: Er durfte den Palast nur in Begleitung verlassen, er durfte die Stadt normalerweise \u00fcberhaupt nicht verlassen, er durfte innerstaatliche Korrespondenz nur in Anwesenheit anderer \u00f6ffnen. Im Palast gibt es eine unendliche Reihe von repr\u00e4sentativen R\u00e4umen, die aber alle leer sind, bis auf die Gem\u00e4lde. Das liegt daran, dass auch das Mobiliar Privatbesitz des Dogen war und nach seinem Tod wieder entfernt wurde!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beeindruckende Gem\u00e4ldesammlung des Palasts kam dadurch zustande, dass jeder Doge ein Bild stiften musste. Nicht alle taten das mit derselben Begeisterung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Loggia im Innenhof sieht man eine in Stein gemei\u00dfelte p\u00e4pstliche Verf\u00fcgung aus dem Mittelalter. Das Besondere daran ist, dass sie auf Italienisch verfasst wurde, damit auch die gew\u00f6hnlichen Menschen sie verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Aufgang zu den R\u00e4umen erfolgt \u00fcber eine zweiteilige Treppe, an deren Decke Gem\u00e4lde mit mythologischen Motiven angebracht sind, im ersten Teil Venus, im zweiten Teil Neptun. Das ist politisch motiviert: Venus repr\u00e4sentiert die Herrschaft Venedigs \u00fcber Zypern, Neptun die Herrschaft Venedigs \u00fcber das Meer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Seufzerbr\u00fccke ist auch einger\u00fcstet, und man kann sie von au\u00dfen nicht sehen, aber innen geht man \u00fcber sie, um in den anderen Teil des Palasts zu kommen! Dort gibt es den 50 Meter langen Ratssaal, einen der gr\u00f6\u00dften Europas. Da ist auch der Saal des Kontrollrats, des <em>Consiglio dei Dieci<\/em>, einem Zehnerrat, der nach einer Verschw\u00f6rung gegr\u00fcndet und mit immer mehr Macht ausgestattet wurde. Er bewachte den Senat, durfte unangek\u00fcndigt anklagen und vor Gericht stellen und hatte praktisch eine Spitzelfunktion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Verlassen des Palasts sehe ich mir noch die reich ornamentierte <em>Papierpforte<\/em> an, an der Seite des Palasts, die an den Dom grenzt. Woher der Name kommt, wei\u00df keiner definitiv, aber man vermutet, dass man hier fr\u00fcher Bittschreiben an den Dogen abgeben konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz sehe ich mich nach Kaffeepreisen um und w\u00e4hle absichtlich ein Caf\u00e9, wo kein Orchester spielt, aber auch hier kostet der Kaffee 8,50 \u20ac. Das ist mir dann doch ein bisschen zuviel, und ich suche mir etwas in einer Seitenstra\u00dfe. Dann geht es schon zur\u00fcck, denn man will schlie\u00dflich nicht riskieren, sich hier in den Stra\u00dfen zu verlieren und den Bus zu verpassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen herrscht eitler Sonnenschein, aber das h\u00e4lt nicht lange an. Am Hafen erfahre ich, dass meine ehrgeizigen Pl\u00e4ne, den halben Gardasee an einem Tag zu besichtigen, unrealistisch sind. Mit dem Boot kann man bestenfalls ein oder zwei Orte schaffen. Dabei habe ich noch Gl\u00fcck, dass ausgerechnet morgen der Sommerfahrplan beginnt und zus\u00e4tzliche Schiffe verkehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem Schild wird vor einem Gesch\u00e4ft f\u00fcr <em>zuppa inglese<\/em> geworben, \u201aenglische Suppe\u2019. Darunter kann ich mir ohnehin nichts vorstellen, und es wird auch dadurch nicht besser, dass es sich bei dem Gesch\u00e4ft um eine Eisdiele handelt. An einem der n\u00e4chsten Tage probiere ich die Suppe. Es handelt sich um eine ziemlich s\u00fc\u00dfliche Angelegenheit mit Vanillegeschmack und Schokoladenst\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vortr\u00e4ge des Tages sind ein Schuss in den Ofen. Am Morgen gibt es einen Presse\u00fcberblick, aber viel erf\u00e4hrt man nicht. Es gibt zwei gro\u00dfe Zeitungen, die <em>Repubblica<\/em> und den <em>Corriere della Sera<\/em>, die eine Mitte links, die andere Mitte rechts, mit eher gem\u00e4\u00dfigter Berichterstattung. Dann gibt es Zeitungen, die eine deutlichere politische Tendenz verfolgen, <em>Il<\/em> <em>Manifesto<\/em> (links), <em>Libero<\/em> (rechts) und <em>La<\/em> <em>Padana<\/em> (Lega Nord). Die Leute lesen die Zeitung, die ihrer politischen Tendenz entgegenkommt. Um die Unterschiede zwischen der seri\u00f6sen und den weniger seri\u00f6sen Zeitungen zu illustrieren, wird gezeigt, wie ein Eifersuchtsdrama in zwei verschiedenen Zeitungen abgehandelt wird: mit analytischem Abstand auf der einen Seite, der Frage gewidmet, wie und unter welchen Umst\u00e4nden Eifersucht zur Antriebskraft wird, mit viel Liebe zum blutr\u00fcnstigen Detail auf der anderen Seite. \u00dcber einen neuerlichen Zusammensto\u00df zwischen Italienern und afrikanischen Fl\u00fcchtlingen wird in einer Zeitung auf zehn Seiten mit Bildern, in einer anderen gar nicht berichtet, aber ich bekomme nicht mit, welche Zeitungen das sind und wie das bewertet wird. Nebenbei f\u00e4llt die Bemerkung, der <em>Corriere<\/em> geh\u00f6re Agnelli und deshalb sei jeder Kommentar der Zeitung zu Fiat oder zur \u00d6lkrise von vornherein unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie immer, geht alles sehr schnell, es wird keine Vor- oder Hintergrundinformation gegeben, alle Fakten und Namen und Ereignisse werden als bekannt vorausgesetzt. Die ist kein Kurs f\u00fcr jemanden, der Italienisch lernen will, sondern f\u00fcr jemanden, der Italienisch kann. Wie weit der Einfluss Berlusconis geht, verstehe ich auch nicht richtig. Jedenfalls spricht \u201aseine\u2019 Zeitung von ihm als <em>Silvio<\/em>, die gegnerische spricht von <em>Il<\/em> <em>Cavaliere<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussion spricht Glauco von Vasco Rossi, einem italienischen Singer, der seine Konzerte mit dem Zitat eines griechischen Philosophen er\u00f6ffne, der gesagt hat, die M\u00e4chtigen wollten, dass das Volk traurig sei, denn Traurigkeit erzeuge Lethargie. Glauco erkl\u00e4rt damit all die schlechten Nachrichten, die man in den Zeitungen findet. Dagegen k\u00f6nnte man einiges einwenden, aber als Denkansto\u00df ist es gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Pause bestellt Angels, die Spanierin aus Barcelona, einen <em>crodino<\/em>, einen leicht bitteren, nicht-alkoholischen Aperitif. Ich habe davon noch nie geh\u00f6rt. Von ihr erfahre ich auch, dass ein Aprilscherz <em>pesce d\u2019aprile<\/em> hei\u00dft. Was der Aprilscherz mit Fischen zu tun hat, bleibt allerdings offen. Angels geh\u00f6rt zu denen, die in jeder Beziehung mit der italienischen Kultur vertraut sind und flie\u00dfend Italienisch sprechen und damit zu den wenigen, die die Diskussionen bestreiten, eigentlich monopolisieren. Von den serbischen Studenten, die immer in der hinteren H\u00e4lfte des Auditorium sitzen, hat noch nie einer eine Frage gestellt, von den deutschen Studenten nur eine, die ein Jahr in Salerno studiert hat. Durch eine etwas aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkung von Davide, dem eigentlichen Organisator des Kurses, kommt es dann zu einem heftigen Schlagabtausch dar\u00fcber, wie gut in welchen L\u00e4ndern Fremdsprachen gesprochen werden und ob die Presse frei sei. Es handelt sich um lauter subjektive, durch nichts zu belegende Behauptungen. Eine serbische Frau sagt, Freiheit habe es nie gegeben und werde es nie geben, und in Deutschland k\u00f6nne \u00fcberhaupt niemand Fremdsprachen, die Deutschen k\u00f6nnten nur Deutsch und sonst gar nichts, Frau B. beteiligt sich wortreich an der \u201aDiskussion\u2019 und macht u. a. die durch nichts zu beweisende und die Diskussion in keiner Weise vorantreibende Bemerkung, in Deutschland gebe es Pressefreiheit, in Frankreich nicht. Nach dem Vortrag kommt sie strahlend auf mich zu und sagt: Endlich haben wir mal sprechen k\u00f6nnen. Das habe ich ja schon die ganze Zeit gewollt\u201c. Ich kann mich nicht zur\u00fcckhalten und sage: \u201eJa, das kann ich mir vorstellen, dass Sie das gewollt haben\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir hinausgehen, fragt Filippa, die Portugiesin, mich nach dem deutschen Wort f\u00fcr Blumen, die wir in einem Blumenkasten sehen. Eigentlich kennt sie das Wort und auch seine Bedeutung, hat aber die Form vergessen: <em>Stiefm\u00fctterchen<\/em>. Ich kann ihr aber zus\u00e4tzlich auch noch die Erkl\u00e4rung liefern. Auf Portugiesisch hei\u00dfen sie so etwas wie <em>Ewige Liebe<\/em>, und auf Serbisch so etwas wie <em>Tag und Nacht<\/em>, weil es sie angeblich nur in zwei Farben, einer hellen und einer dunklen gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag kommt ein Mann von der RAI und setzt die schlechte Tradition des Vormittags fort. Er sagt eigentlich, trotz erheblicher Redezeit, so gut wie gar nichts. Dass die Nachrichten im Internet, die am meisten angeklickt werden, nicht die mehr oder weniger schweren politischen Nachrichten sind, sondern die \u00fcber private Schicksalsschl\u00e4ge, exzentrische Personen und ungew\u00f6hnliche Vorkommnisse, ist nicht unbedingt exklusives Expertenwissen. Er macht ein paar sehr kritische und ein paar sehr unkritische Bemerkungen \u00fcber Italien: F\u00fcr den Abtransport der Juden in die Konzentrationslager habe sich niemand interessiert \u2013 Juden galten nicht als \u201aso richtig\u2019 dazugeh\u00f6rig \u2013 und nur 5 von 500 Professoren h\u00e4tten durch ihre Ablehnung des Faschismus ihr Amt verloren, aber in Italien gebe es keinen Nationalismus wie in Frankreich oder Deutschland, wo man sich der \u00dcberlegenheit der eigenen Nation sicher sei. Italien h\u00e4tte von jeher Minderwertigkeitsgef\u00fchle, das Gef\u00fchl, mit den Fremden nicht mithalten zu k\u00f6nnen, nehme aber die Fremden immer gerne auf. Eine holl\u00e4ndische Studentin macht den berechtigten Einwand, das gelte vielleicht f\u00fcr europ\u00e4ische Touristen oder europ\u00e4ische Immigranten, die das entsprechende Kleingeld mitbr\u00e4chten, aber nicht in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr mittellose Afrikaner. Dann entspannt sich unter den Experten eine Diskussion \u00fcber Brescia, das wohl ganz besonders von starker Immigration betroffen ist und sich inzwischen einen Namen f\u00fcr die damit verbundenen Probleme gemacht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist au\u00dferdem der Vortrag, den ich am schlechtesten verstehe. Warum, ist mir ein R\u00e4tsel. Er ist leichter als die intellektuellen Schwergewichte der letzten Tage. Letztlich merkt man, dass kein Akademiker, sondern ein Journalist an der Reihe ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Tages ist nicht akademisch, sondern sportlich: Nach dem Vortrag gehe ich mit Lisa laufen. Das Versprechen einer flachen Strecke \u2013 ohnehin absurd in dieser Gegend \u2013 stellt sich nach etwa anderthalb Minuten als falsches Versprechen heraus, und am Ende der Steigung l\u00e4uft sie mir gnadenlos weg. Aber die Strecke, gleich an der hohen Felswand entlang mit Blick hinunter auf den See am Ende des steilen Abhangs und mit den schneebedeckten Bergen des anderen Ufers ist superb. Au\u00dferdem kommen wir an der Villa Feltrinelli vorbei, die ich ganz woanders vermutet habe, und an den ehemaligen <em>limonaie<\/em>, den Zitronenh\u00e4ngen mit ihren h\u00f6lzernen Aufbauten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs erfahre ich, dass sich der Name <em>Tiflis<\/em> auf die hei\u00dfen Quellen bezieht, die es dort und in anderen Teilen Georgiens gibt, abgeleitet von <em>tbili<\/em>, \u201ahei\u00df\u2019. Tiflis ist also nichts anderes als ein Kurort. Die hei\u00dfen Quellen sind sulfathaltig und werden u.a. zur Heilung von Hautunreinheiten genutzt. Bei den Russen, so Lisa, seien sie auch nach \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Alkoholgenuss beliebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In Deutschland scheint die Sonne und der Himmel ist blau, hier regnet es und der Himmel ist grau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mann am Bootssteg macht sich unendliche M\u00fche, kramt seinen Taschenrechner hervor und betreibt h\u00f6here Mathematik, um herauszufinden, welche der verschiedenen Varianten f\u00fcr mich besser ist. Am Ende spare ich 2 \u20ac &#8211; die dann aber am Abend wieder versch\u00fctt gehen, als ich das letzte Boot verpasse. Aber das wei\u00df ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Am Ende ruft er mir hinterher: \u201eUnd Vorsicht mit dem Wetter. Es k\u00f6nnte durchaus im Laufe des Tages zu Sonnenschein kommen!\u201c. Und damit sollte er Recht behalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Anfang ist es aber noch so diesig, neblig, wolkig, dass man auf dem See eine geradezu unheimliche Atmosph\u00e4re versp\u00fcrt: Wasser, Berge, Himmel verschwimmen ineinander, und es ist nichts auszumachen als eine einzige grau-blau-wei\u00dfe Masse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das eher sch\u00e4bige Schnellboot macht seinem Namen alle Ehre. Trotzdem dauert die Fahrt nach Sirmione, meinem Ziel, eine ganze Weile. Dabei legen wir vielleicht gerade mal ein F\u00fcnftel der Gesamtstrecke ab. Der Gardasee ist eben der gr\u00f6\u00dfte See Italiens. Der l\u00e4sst sich nicht einfach an einem Tag bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir legen in Maderno, Gardone, Sal\u00f2, Garda und Bardolino \u2013 wo der bekannte Rotwein herkommt &#8211; an. \u00dcberall steigen nur zwei oder drei Passagiere aus und ein. In Maderno liegen in der Pfarrkirche die Reliquien von San Ercolano, der \u00fcberall am Gardasee verehrt wird. Er soll drei Karpfen, die schon, f\u00fcr den menschlichen Verzehr bestimmt, auf dem Rost lagen, zur\u00fcck in den See geworfen haben. Als Andenken daran behielten sie die Streifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zum Ostufer des Sees, nach Garda. Das geh\u00f6rt schon zu Venetien. Hier ragt ein m\u00e4chtiger Felsen in den See hinein, der die Gegend quasi <em>bewacht<\/em>, und das ist das entscheidende Wort, denn davon leitet sich <em>Garda<\/em> ab. W\u00f6rter wie dt. <em>Garde<\/em>, dt. <em>W\u00e4chter<\/em>, engl. <em>warden<\/em>, eng. <em>guardian<\/em>, span. <em>guardar<\/em>, it <em>guardare<\/em> gehen trotz ihrer verschiedenen heutigen Bedeutungen alle auf die gleiche Wurzel zur\u00fcck, vielleicht sogar <em>Garten<\/em>. War der Garten vielleicht urspr\u00fcnglich ein Ort, von dem aus man das Haus bewachte? Wenn man den Felsen vom Boot aus sieht, findet man die Geschichte mit dem W\u00e4chter jedenfalls ganz einleuchtend. Er scheint just zu diesem Zweck dahin gestellt worden zu sein. Schon zu keltischen Zeiten gab es deshalb auch naheliegenderweise eine Burg hier, und unter Karl dem Gro\u00dfen entstand die Grafschaft Garda, die dann der ganzen Gegend ihren Namen gab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sirmione ist anders als Gargnano, gr\u00f6\u00dfer, belebter, noch einseitiger auf touristische Bed\u00fcrfnisse ausgerichtet, auch wohl etwas reicher, mit fein herausgeputzten Fassaden und G\u00e4sschen, fast ein bisschen zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Die Verkehrssprache ist hier Deutsch. Man kann so viel Italienisch sprechen, wie man will, die Antwort kommt auf Deutsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich hinter der Anlegestelle steht die m\u00e4chtige, gut erhaltene, in verschiedenen Phasen erweiterte und an einer Seite praktisch im See gelegene Burg. An der Fassade der gefl\u00fcgelte L\u00f6we von Venedig \u2013 heute geh\u00f6rt Sirmione aber zur Lombardei \u2013 und das Wappen der Scaliger, mit einer Leiter in Anspielung auf den Namen. Sie waren lange die beherrschende Familie der Gegend. \u00dcber eine von mehreren Zugbr\u00fccken geht es in die Burg hinein. In der Eingangshalle stehen Einb\u00e4ume aus dem Hochmittelalter, ohne Metallwerkzeuge und ohne N\u00e4gel gebaut, ziemlich lang, heute wunderbar verzogen. Sie wurden erst vor relativ kurzer Zeit im See gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es verschiedene Innenh\u00f6fe mit verschiedenen T\u00fcrmen, und in der Mitte der Burg den hohen, steilen Hauptturm. Der war so etwas wie eine Burg in der Burg. Hierher musste man sich Im Notfall zur\u00fcckziehen und hier musste man im Notfall \u00fcberleben k\u00f6nnen, und deshalb war der Turm mit Getreidelagern, Waffenarsenalen, sogar einer Zisterne und einem Gef\u00e4ngnis ausgestattet! Damit es dazu kam, musste der Feind aber erst in die gut gesch\u00fctzte Burg mit ihren Zugbr\u00fccken und mit Widerhaken versehenen, hinabfahrbaren Toren eindringen. Au\u00dferdem konnte durch die Schie\u00dfscharten des Untergeschosses und von den zinnenbewehrten Mauern von oben die Gegend bewacht und die Burg verteidigt werden. Die schwalbenschwanzf\u00f6rmigen Zinnen sind ein besonderes Merkmal der Burg. Die Mauern sind ganz unterschiedlich gebaut, vermutlich je nach Entstehungszeit, aber die Mauer des Haupthofes sieht aus wie die des r\u00f6mischen Teils des Trierer Domes, mit regelm\u00e4\u00dfigen, schmalen, horizontal verlaufenen Reihen von Ziegeln zwischen den Feldern aus M\u00f6rtel und Steinen. Besonders ist hier, dass die Ziegel in Doppelreihen verlaufen, die in der Art einer S\u00e4ge miteinander verzahnt sind. Bei dem Gang \u00fcber die Wehrg\u00e4nge oben bekommt man eine Vorstellung von den Dimensionen der Burg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sirmione liegt auf einer schmalen Landzunge, die in den See hinein ragt. An deren \u00e4u\u00dferstem Ende, an das man \u00fcber eine einsame Landstra\u00dfe kommt, auf der man den Touristenrummel bald hinter sich l\u00e4sst, liegen die <em>Grotte di Catullo<\/em>, ein im doppelten Sinne irref\u00fchrender Begriff, denn es handelt sich weder um Grotten noch um die Grotten von Catull. Es handelt sich um eine Villa aus r\u00f6mischer Zeit, die aber erst nach dem Tod von Catull entstanden ist. Man hatte es aber urspr\u00fcnglich mit Catull in Verbindung gebracht, nicht ganz zu Unrecht, denn Catull entstammte einer reichen Familie aus Verona, die tats\u00e4chlich in Sirmione Besitzungen hatte. Nachdem man durch die Ausgrabungen den popul\u00e4ren Namen als Fehler identifiziert hatte, hat man jetzt aber Reste eines \u00e4lteren Geb\u00e4udes gefunden, die vielleicht doch Catull geh\u00f6rten und damit dem falschen Namen wieder zu Ehren bringen k\u00f6nnten. Die Bezeichnung Grotten kam dadurch auf, dass die ersten Besucher sich angesichts der hohen, damals noch erhaltenen Mauern wie in einer Grotte vorkamen, und das kann man auch heute noch gut nachempfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sirmione lag an einer der wichtigsten Stra\u00dfen Norditaliens, der Stra\u00dfe von Brescia nach Verona. Diese Stra\u00dfe war in verschiedene Streckenabschnitte aufgeteilt, die jeweils etwa einer Tagesreise entsprachen, 22 Meilen. Genau an so einer Stelle lag Sirmione. Dort gab es Verpflegung, Rast, Nachschub, Schutz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem modernen Museum gibt es Funde aus der Villa zu sehen, eine ganze Reihe, nicht nur aus r\u00f6mischer, sondern auch aus langobardischer Zeit. Unter den r\u00f6mischen Funden mehrere Meilensteine, die den Historikern besonders zur Bestimmung des Verlaufs der Stra\u00dfe dienten, denn viele wurden noch an Ort und Stelle gefunden. Aber Vorsicht: Es gibt keinen Beweis, dass der aktuelle Fundort tats\u00e4chlich auch der urspr\u00fcngliche Standort war. Au\u00dferdem kann sich der Verlauf der Stra\u00dfe auch im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da sich die Gr\u00e4ber am Rande der Stra\u00dfe befanden, gibt es auch eine Reihe von Grabfunden, darunter ein runder, mit einer Kordel umfasster Stein, in dem sich die \u00dcberresten eines Toten befanden und, der Erkl\u00e4rung zufolge, noch befinden! Wie sie in den Stein hineingekommen sind, kann ich mir nicht erkl\u00e4ren. Eine Schnittstelle ist jedenfalls nicht zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den r\u00f6mischen Funden gefallen mir besonders die Malereien, nur teilweise, aber in den Farben sehr gut erhalten. Besonders das gut erhaltene St\u00fcck eines Bildes, auf dem man einen Mann in wei\u00dfer Toga \u2013 wohl eine Toga der besonderen Art \u2013 sieht, mit einem Purpurband und einer Schriftrolle in der Hand. Catull?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Villa selbst ist nicht etwa ein Haus, sondern ein ausgedehnter Geb\u00e4udekomplex mit zum Teil sehr hohen, noch erhaltenen Mauern, in denen sich die V\u00f6gel um Nistpl\u00e4tze streiten und zwischen denen sich Wiesen mit Butterblumen und G\u00e4nsebl\u00fcmchen ausbreiten. Vermutlich handelte es sich um ein Gasthaus der gehobenen Art. Es hatte sogar sein eigenes Thermalbad. Am \u00e4u\u00dfersten Ende hat man einen bemerkenswert sch\u00f6nen Blick auf den See.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wegen des Anmarschwegs muss ich mich aber schon wieder auf den R\u00fcckweg machen. Die Boote sind \u00e4u\u00dferst p\u00fcnktlich. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich ein Lokal, in dem es <em>Morgenessen<\/em> gibt, und sp\u00e4ter am Tag eins, in dem es eine Pizza mit <em>Scharfk\u00e4se<\/em> gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe gerade noch Zeit, mir eine der beiden Stadtkirchen anzusehen, eine Kirche mit einer der schmucklosen Fassade vorgesetzten, sch\u00f6nen S\u00e4ulenhalle. Auch hier ist von dem Treiben im Zentrum nichts zu sp\u00fcren, obwohl man keine f\u00fcnf Minuten entfernt ist. Innen gibt es eine ganze Reihe von mittelalterlichen Fresken, die frei gelegt, aber wegen der Dunkelheit schlecht zu erkennen sind, u.a. eine Kreuzigungsszene mit alten M\u00e4nnern mit wei\u00dfen B\u00e4rten, die wie die Gro\u00dfv\u00e4ter von Maria und Maria Magdalena aussehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es mit dem wiederum fast leeren Boot und leerem Magen zur\u00fcck. Mein zweiter Halt ist Gardone, wiederum eine andere Stadt, gr\u00f6\u00dfer, lauter, normaler, mit der viel befahrenen Gardesana, die l\u00e4ngs durch den Ort verl\u00e4uft. Ein riesiges Hotel gleich am Steg diente als Klinik w\u00e4hrend der Zeit der <em>Repubblica di Sal\u00f2<\/em>, und viele andere Geb\u00e4ude des Ortes hatten damals \u00f6ffentliche Funktionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da der Ort weniger touristisch ausgerichtet ist, gibt es auch zu dieser Zeit nichts zu essen. Also mache ich mich gleich auf den Weg zum Botanischen Garten, einst von einem deutschen Forscherehepaar angelegt und sp\u00e4ter von Andr\u00e9 Heller \u00fcbernommen. Es geht \u00fcber Serpentinen bergauf. Auf halber H\u00f6he des H\u00fcgels liegt der Botanische Garten. Sobald man den Eingang passiert hat, riecht es nach Botanischem Garten, nach Gew\u00e4chshaus sogar, obwohl es hier gar keine Gew\u00e4chsh\u00e4user gibt. F\u00fcr stolze 9 \u20ac kann man sich hier Pflanzen aus aller Welt ansehen, denn das war das eigentliche Ziel, eine Art Weltgarten anzulegen. Merken tut man davon aber nicht so schrecklich viel, und Beschreibungen gibt es nicht. Das war ausdr\u00fccklich nicht das Ziel von Heller, der nicht informieren, sondern zeigen wollte, eine Art k\u00fcnstlich angelegtes Paradies, und genau das ist es auch. B\u00e4che, Rinns\u00e4le, T\u00fcmpel, Wasserf\u00e4lle <em>en miniature<\/em>, Grotten, alle k\u00fcnstlich angelegt, Holzstege aus Bambus, Beete \u2013 vor allem Tulpen, an jeder Ecke eins in anderen Farben \u2013 Baumgruppen \u2013 besonders sch\u00f6n die stark bemoosten St\u00e4mme chinesischer B\u00e4ume, und dazwischen moderne Skulpturen, von Heller ausgew\u00e4hlt, zum Teil etwas kitschig. Das Ganze ist ein Spektakel, k\u00fcnstliche Natur. Das macht aber den V\u00f6geln nichts aus, die auch hier \u00fcberall lautstark vertreten sind und sich genauso wenig photographieren lassen wie die in den Grotten des Catull. Genauso wenig wie zwei hohe Figuren zu beiden Seiten eines Stegs, die sich &#8211; und den Besucher &#8211; in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden mit Wasser bespucken. Ich dr\u00fccke immer zu sp\u00e4t oder zu fr\u00fch auf den Ausl\u00f6ser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es weiter, noch weiter den H\u00fcgel hinauf. Ein wundersch\u00f6nes Lokal mit Terrasse an einer Biegung ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Ich k\u00e4mpfe mich weiter hinauf. Gardone erscheint mir, nicht nur wegen des Hungers, als der unattraktivste der drei Orte, die ich bisher kenne, aber das \u00e4ndert sich, als ich oben an dem Platz mit der Kirche ankomme, der sch\u00f6n und lauschig ist und italienisch. Ich w\u00fcrde am liebsten hier bleiben, aber der Bootsfahrplan diktiert den Tagesablauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb geht es nach ganz kurzer Rast ins gleich gegen\u00fcber liegende <em>Vittoriale degli Itagliani<\/em>. Hier hat Gabriele d\u2019 Annunzio, Poet und Exzentriker, den Italienern und vor allem sich selbst ein Denkmal gesetzt. Es ist ein weitl\u00e4ufiges Gel\u00e4nde mit Museum, Park und Villa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum ist posthum entstanden und ist ein Kriegsmuseum, ganz im Sinne d\u2019Annunzios, denn er war nicht nur Poet, sondern auch Krieger. Mit \u00fcber 50 Jahren zog er noch freiwillig in den Krieg und nahm als Kommandant einer Truppe Rijeka ein. Als er nach der R\u00fcckkehr von Mussolini, den er verehrte, nicht die erwartete Anerkennung erhielt, zog er sich schmollend hierher zur\u00fcck und widmete sich der Selbstdarstellung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um die Villa herum, im Museum und in dem weitl\u00e4ufigen Park werden Erinnerungsst\u00fccke an sein Leben pr\u00e4sentiert: das Auto, mit dem er in Rijeka einfuhr, das Flugzeug, mit dem er \u00fcber Wien anti\u00f6sterreichische Flugbl\u00e4tter abwarf, und, inmitten von Olivenhainen und Zypressen, das Vorschiff der Kreuzers <em>Puglia<\/em>, das ihm die Marine geschenkt hatte. Als Kr\u00f6nung, hoch oben, mit einem spektakul\u00e4ren Blick auf den See hinunter, das Mausoleum, ein runder Platz an freier Luft, auf dem die Sarkophage gefallener Kameraden konzentrisch um das erh\u00f6hte Denkmal d\u2019Annunzios angeordnet sind. All das ist seiner marmornen K\u00e4lte nicht unbedingt sch\u00f6n, aber bemerkenswert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt der Besichtigung ist die <em>Priora<\/em>, die Villa selbst, durch die man gef\u00fchrt wird. Eine ziemlich endlose Reihe vollgestopfter, durch Buntglasfenster abgedunkelter R\u00e4ume mit dunklen M\u00f6beln und dunklen W\u00e4nden. Die v\u00f6llig un\u00fcberschaubare Menge von Objekten, Skulpturen, Ornamenten, Krimskrams, Puppen, Globen, Gem\u00e4lden, vor allem aber B\u00fcchern ist erdr\u00fcckend und l\u00e4sst einen Raum, bei allen Unterschieden, wie jeden anderen erscheinen. Selbst im Badezimmer befinden sich\u00a0 \u00fcber 800 Objekte. In der schmalen Eingangshalle steht mitten auf der Treppe eine S\u00e4ule, und auf einer kleinen Kommode liegt eine riesige Kopie eines Pferdekopfs vom Fries des Parthenon. Viele der ausgestellten Dinge haben eine ziemlich penetrante Symbolik. Dante-Abbildungen gibt es \u00fcberall, den d\u2019Annunzio gerierte sich \u2013 ganz bescheiden \u2013 als <em>Dante der Adria <\/em>und f\u00fchlte sich wesensverwandt mit Michelangelo, der auch \u00fcberall pr\u00e4sent ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Eleonora Duse, f\u00fcr die er mehrere Theaterst\u00fccke schrieb und die eine Zeitlang seine Geliebte war, ist mit einer B\u00fcste und mehreren Abbildungen pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Reliquienzimmer stehen Heiligenfiguren auf einem Sims oben um den ganzen Raum herum und an allen Seiten G\u00f6tteridole aus anderen Religionen, vor allem aus dem Buddhismus. An einer Seite eine Hand mit ausgestreckten Fingern, die f\u00fcr die f\u00fcnf Laster stehen. Man hat so viele, wie man Finger hat, also f\u00fcnf, und nicht sieben. Geiz und L\u00fcsternheit galten d\u2019Annunzio nicht als Laster. Er vertrat offen Unmoral, sexuelle Exzesse, antidemokratisches Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als weitere Reliquie liegt hier das zerbrochene Lenkrad des Bootes, mit dem Sir Henry Segrave auf dem Windermere-See den Geschwindigkeitsrekord f\u00fcr Motorboote brechen wollte und dabei ums Leben kam. D\u2019Annunzio hatte ihn dazu animiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem <em>Zimmer des Auss\u00e4tzigen<\/em> sieht man ein Gem\u00e4lde, auf dem Franziskus einen Auss\u00e4tzigen umarmt, der die Gesichtsz\u00fcge d\u2019Annunzios tr\u00e4gt. Er sah sich wie das Mittelalter die Auss\u00e4tzigen sah: von Gott erw\u00e4hlt, aber von den Menschen versto\u00dfen. Das Gem\u00e4lde h\u00e4ngt \u00fcber einem ganz schmalen Bett, dem <em>Bett der zwei Lebensalter<\/em>, Geburt und Tod. Tats\u00e4chlich wurde d\u2019Annunzio hier nach seinem Tod 1938 aufgebahrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In die <em>Werkstatt<\/em>, wo d\u2019Annunzio seine Werke verfasste und die er so nannte, weil er sich als einen <em>Wortschmied<\/em> sah, muss man wegen des niedrigen Eingangs in geb\u00fcckter Haltung eintreten und somit der Kunst seine Reverenz erweisen. D\u2019Annunzio selbst war nur 1,58 (auch wenn er sich selbst als gr\u00f6\u00dfer beschrieb) und brauchte sich vermutlich nicht zu verbeugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich verpasse die Gelegenheit, nach dem Pseudonym zu fragen, das ja wohl ein doppelter Verweis auf die biblische Verk\u00fcndigung ist. Der eigentliche Name d\u2019Annunzios war Antonio Rapagnetta.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Besichtigung hat sich l\u00e4nger hingezogen als angek\u00fcndigt, und als ich wieder am Hafen ankomme, ist das letzte Boot weg. Es geht aber von hier aus zur Not auch ganz gut mit dem Bus nach Hause. Als ich mich ersch\u00f6pft hinsetze, erscheint auf einmal Alexander, der gerade aus Mailand zur\u00fcckkommt, statt mit Schuhen mit Partituren best\u00fcckt. Er erz\u00e4hlt mir ausf\u00fchrlich von seinem Ausflug, interessiert sich aber nicht f\u00fcr das, was ich gemacht habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute regnet es den ganzen lieben langen Tag \u2013 ununterbrochen. Am sp\u00e4ten Vormittag geht es mit dem Bus nach Franciacorta, einer Weinbauregion bei Brescia. Der Name leitet sich von M\u00f6nchen von Cluny ab, die sich hier niedergelassen und Au\u00dfenstellen er\u00f6ffnet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dort werden wir von einem Experten, einem Mann mit Zopf, der nicht so recht zu seiner sonstigen Erscheinung passen will, kenntnisreich und unterhaltsam, durch die Weinkellerei Boschi gef\u00fchrt, eine hochmoderne, computergest\u00fctzte Anlage. Die Weinkellerei stammt erst von 1989, hat aber schon wichtige Preise errungen und sich eine gute Stelle unter den besten Weinproduzenten erk\u00e4mpft. Die gesamte Produktion ist riesig, zwei Millionen Flaschen pro Jahr! Es wird auch Champagner produziert, aber mit einem h\u00f6heren Anteil von Chardonnay (50%), der hier besser w\u00e4chst als in Frankreich und einem geringeren Anteil an Pinot Grigio (nur 30% im Gegensatz zu 70% in Frankreich). Das ergebe, so h\u00f6rt man, einen weicheren, leichteren Wein. Ohne dass es ganz ausdr\u00fccklich gesagt wird, hei\u00dft das: besser als das Original. \u00dcberhaupt geht nat\u00fcrlich nichts \u00fcber die italienischen Weine, die allen anderen an Qualit\u00e4t \u00fcberlegen seien. Australien kommt noch, wenn auch mit vielen Einschr\u00e4nkungen, passabel davon, alle anderen Weine von weither erfahren ein vernichtendes Urteil. Von Deutschland ist nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht die Rede, ebenso wenig wie von Spanien. Er beklagt auch die gestiegene Nachfrage nach Barrique, das habe einen Markt geschaffen, der k\u00fcnstlich bedient werde, mit unzul\u00e4nglichen Weinen. F\u00fcr einen guten Wein m\u00fcsse man Geduld, Wissen und Material haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Weinfelder werden durch satellitengest\u00fctzte Kameras \u00fcberwacht, so dass, wenn ich das richtig verstanden habe, immer gezielt zum richtigen Zeitpunkt geerntet werden kann. Der Wein lagert dann in riesigen Metallf\u00e4ssern, in denen die Temperatur durch Computer kontrolliert wird. Die Einzelheiten des weiteren Prozesses entgehen mir. Es scheint jedenfalls so zu sein, dass der Wein mindest drei Jahre lang insgesamt lagert, und auch mit Naturzucker und bestimmten Geschm\u00e4ckern angereichert wird. Die teuersten der Holzf\u00e4sser, in denen der Wein lagert, kosten 25.000 \u20ac pro St\u00fcck. Aber das scheint nur f\u00fcr die Spitzenweine zu gelten, denn schon vorher sind wir an unendlichen, wohlgeordneten Reihen von Flaschen vorbeigekommen. Dieser Wein wird in der bekannten schr\u00e4gen Position von Frauen alle acht Tage um ein Achtel gedreht. Dabei bewegen sie nicht zwei nebeneinander liegende Flaschen, sondern 1 und 4, 2 und 5, 3 und 6, denn das ist der nat\u00fcrliche Abstand zwischen den Armen. Sonst w\u00fcrde man sich den R\u00fccken verrenken. Die Frauen drehen 10.000 Flaschen pro Tag!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er gibt dann noch ein paar Ratschl\u00e4ge: Den Wein sehen, riechen und schmecken, nicht nur trinken. Den Wein, vor allem Rotwein, immer vorher \u00f6ffnen \u2013 eine Stunde vorher f\u00fcr den normalen Alltagswein, jeweils eine Stunde mehr f\u00fcr jedes Jahr, das der Wein alt ist \u2013 und nie nachher wieder verschlie\u00dfen. Den Wein, auch den Wei\u00dfwein, nie im K\u00fchlschrank lagern. Wei\u00dfwein trinke man bei 14,5\u00b0. Bei gr\u00f6\u00dferer K\u00e4lte habe man nur die Frische, aber nicht den Geschmack. Ich w\u00fcrde gerne fragen, wie eine italienische Familie, die in einer Mietswohnung wohnt, im Sommer mit diesen Ratschl\u00e4gen umgehen soll, aber das ist vielleicht zu praktisch gedacht. Der K\u00fchlschrank ist ohnehin tabu, nicht nur f\u00fcr Wein, auch f\u00fcr K\u00e4se und Salami. Die bewahre man unter einem Netz auf, damit sie vor Insekten gesch\u00fctzt werden und damit sie atmen k\u00f6nnten. K\u00e4seglocken erlaubten das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anschluss gibt es Wein und ein paar Kleinigkeiten, mit Oliven\u00f6l ger\u00f6stete Brotst\u00fccke, sehr leckere eingelegte Silberzwiebeln und Salami. Der Rotwein schmeckt umwerfend gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bus h\u00f6re ich, wie eine Serbin das Wort <em>falsch<\/em> gebraucht, genau wie im Deutschen, wenn auch mit dunklem \/l\/. Ich frage nach und es stellt sich heraus, dass es tats\u00e4chlich ein deutsches Lehnwort ist, mit der gleichen Bedeutung wie im Deutschen, vermutlich ein Erbe aus der \u00f6sterreichischen Zeit. Alexander wird ganz enthusiastisch und z\u00e4hlt deutsche Lehnw\u00f6rter auf. Darunter <em>Schraube<\/em>, <em>Schraubstock<\/em> und <em>Brusthalter<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt eine b\u00f6se \u00dcberraschung. Der n\u00e4chste Programmpunkt, auch in Franciacorta, ist die Besichtigung eines Outlet. Das habe ich im Programm \u00fcbersehen oder nicht richtig gelesen. Es wird noch schlimmer, als angek\u00fcndigt wird, dass wir uns in drei Stunden wieder am Bus treffen. Drei Stunden! Drei Stunden einkaufen! Es gibt fast nur Kosmetik und Konfektion. Ein Paradies f\u00fcr die serbischen Studentinnen, obwohl ich nicht so recht verstehe, was das Outlet so attraktiv macht. Alexander sagt, es seien die Preise. In Belgrad k\u00e4men die Abgaben auf den Import hinzu. Mir scheinen die Preise gar nicht so niedrig zu sein. Gl\u00fccklicherweise treffe ich nach einer Stunde des Umherirrens in dieser tristen Umgebung auf Glauco und wir verbringen den Rest der Zeit im Caf\u00e9 bei Kaffee &#8211; und sp\u00e4ter Bier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der heutige Film, wiederum trotz Untertiteln sehr schwer zu verstehen, ist eine uralte Kom\u00f6die mit Slapstick-Elementen aus dem Ambiente der kleinen Ganoven, <em>I soliti ignoti<\/em>, mit einem blutjungen Marcello Mastroianni, einem ebensolchen Vittorio Gassman und einer ebensolchen Claudia Cardinale: Betr\u00fcgereien, Ungl\u00fccksf\u00e4lle, Eifersuchtsszenen, Romanzen und die Vorbereitung des gro\u00dfen Coups, der im Nichts endet. In einer Szene bekennt sich einer der Ganoven in dramatischer Sprache und mit theatralischen Gesten dazu, einen Diebstahl begangen zu haben, um seinen einsitzenden Kumpanen herauszubekommen. Das Ergebnis: Er kommt selbst in den Knast und sein Kumpel kommt nicht heraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist eine Welt, in der der S\u00e4ugling vor\u00fcbergehend bei der einsitzenden Ehefrau im Knast abgeliefert wird, damit der Vater sich am Coup beteiligen kann, eine Welt, in der im Knast der Genuss des Rauchens angesichts der Knappheit von Zigaretten dadurch verl\u00e4ngert wird, dass die Zigarette die Runde macht und der Rauch nicht in die Luft, sondern in eine leere Flasche geblasen wird, die dann die Runde macht und ebenfalls \u201ageraucht\u2019 wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gibt es einen guten Vortrag \u00fcber Italo Calvino, ein Vortrag der, vor allem durch die verr\u00fcckten Motive der B\u00fccher, Lust auf Lesen macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Calvino wurde auf Kuba geboren! Er kam aber schon mit 2 Jahren nach Italien und erachtete San Remo als seine Heimatstadt. Die kubanische Herkunft ist f\u00fcr sein Leben und Schaffen unerheblich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beide Eltern waren Naturwissenschaftler, die Mutter Biologin, der Vater Agronom, und\u00a0 in dieser Hinsicht war Calvino das schwarze Schaf der Familie. Oder das rote Schaf, denn sp\u00e4ter trat er der Kommunistischen Partei bei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er fing fr\u00fch an zu schreiben und erregte bald die Aufmerksamkeit Paveses, der ihn f\u00f6rderte. Er heiratet, geht nach Paris, schlie\u00dft sich einem Zirkel von exilierten Schriftstellern um Borges an, wird ber\u00fchmt, bekommt Preise und sp\u00e4ter einen Lehrauftrag in Harvard.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Sprache ist kunstvoll, poetisch, schwer zu verstehen. An einer Kurzgeschichte, die man in 30 Minuten liest, arbeitet er anderthalb Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es werden verschiedene B\u00fccher vorgestellt, unter anderem eins, ein \u201eBuch \u00fcber B\u00fccher\u201c, in dem ein Leser und eine Leserin sich in einer Bibliothek treffen und ein Buch suchen, das nicht endet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im <em>Il cavaliere inesistente<\/em> tritt ein Ritter auf, der nach einer geschlagenen Schlacht immer noch eine blitzblanke, unbesch\u00e4digte R\u00fcstung hat, obwohl er die Schlacht f\u00fcr die Christen gewonnen und die Ungl\u00e4ubigen get\u00f6tet hat. Karl der Gro\u00dfe geht auf ihn zu und will wissen, wer er ist. Er bittet den Ritter, sein Visier zu heben. Der Ritter hebt sein Visier und \u2013 es ist niemand drin. Der Ritter existiert nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In <em>Il viconte dimezzato<\/em> kommt nach dem Krieg nur die eine H\u00e4lfte des Grafen vom Schlachtfeld zur\u00fcck, die b\u00f6se H\u00e4lfte. Sie \u00fcberwirft sich mit allen, t\u00f6tet V\u00f6gel, schneidet Blumen ab usw. Dann kommt die andere H\u00e4lfte, die gute. Sie ist hilfsbereit, k\u00fcmmert sich um die Armen, schont die Natur \u2013 und geht nach einiger Zeit den Menschen genauso auf die Nerven wie die b\u00f6se H\u00e4lfte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In <em>Il barone rampante<\/em> steht ein Kind aus guter Familie unter Missachtung der Regeln der vornehmen Gesellschaft mitten beim Essen auf. Er fl\u00fcchtet auf einen Baum und will nie mehr herunter kommen. Er holt sich die Frauen vom Boden, bleibt aber immer oben. Er geht in andere L\u00e4nder, ohne jemals die B\u00e4ume zu verlassen. Er will am Leben teilhaben, aber er will es von oben sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der letzte Vortrag, gehalten von Davide, dem Organisatoren des Kurses, der offensichtlich professioneller Diskjockey ist, ist \u00fcber Musik: <em>La notte e le note<\/em>. Im Schnelldurchgang werden Lieder vorgestellt, in deren Titel die Nacht vorkommt, und dazu gibt es ein paar recht seichte Kommentare hinsichtlich der \u201aInterpretation\u2019 der Texte. Die Lieder stammen meist aus den Achtziger und Neunziger Jahren. Die Qualit\u00e4t sei damals besser gewesen. Ob das nicht eher etwas mit dem Alter des Redners zu tun hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend l\u00e4dt der B\u00fcrgermeister von Gargnano, ein f\u00fclliger Mann mit m\u00e4chtiger Stimme, wie er bei einer improvisierten Gesangseinlage zeigt, zu einer Abschlussfeier ein. Es gibt stark gesalzene ger\u00f6stete Kartoffeln und Fleischst\u00fccke und Hunderte von Flaschen Wein, die der B\u00fcrgermeister selbst aus Franciacorta mitgebracht hat. Er entschuldigt sich f\u00fcr das Wetter, fast so, als ob er selbst die Verantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt, und sorgt f\u00fcr Entsch\u00e4digung dadurch, dass er die Kursteilnehmer bei der Austeilung der Zertifikate ganz besonders herzlich verabschiedet und umarmt und herzt und k\u00fcsst \u2013 allerdings nur die weiblichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Tag der Abreise: Ich fahre mit Angels und Lisa nach Mailand. Unterwegs sehen wir Steinbr\u00fcche, in denen Marmor gebrochen wird, einen Imbiss, der sich <em>Paninoteca<\/em> nennt, sehr niedrige Weinst\u00f6cke, Werbung f\u00fcr die verbreitete Kaffeemarke <em>Haussbrandt<\/em> und einen Baum der, Lisa zufolge, keine Bl\u00e4tter hat und trotzdem in voller Bl\u00fcte steht. Zum Abschied bekomme ich eine georgische M\u00fcnze geschenkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mail\u00e4nder Bahnhof ist h\u00e4sslich und wird, wie viele andere Geb\u00e4ude, gerade renoviert. 2010 findet in Mailand die Weltausstellung statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor der Stadtbesichtigung habe ich gerade noch Zeit, etwas zu essen. Eine Chinesin bedient am Tisch, ein Inder hinter der Theke, ein Italiener, mit Kaffee und Zeitung am Tisch sitzend, gibt Anweisungen und kontrolliert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEin Politiker denkt an die n\u00e4chsten Wahlen, ein Staatsmann an die n\u00e4chsten Generationen\u201c steht auf der Unterlage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es auf eine ausgedehnte Stadtbesichtigung, teils mit Bus, teils zu Fu\u00df. Es wird Deutsch und Englisch mit gleich starkem Akzent gesprochen, manchmal muss man zweimal nachdenken: \u201ePeople leaved here\u201c, \u201efool of people\u201c, \u201eIf you laugh motorbikes\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst fahren wir auf Kopfsteinpflaster durch die Innenstadt, am <em>Teatro Strehler<\/em> vorbei. An der <em>Scala<\/em> steigen wir aus. Die wird heute bestreikt und kann nicht besichtigt werden. Von au\u00dfen sieht sie ausgesprochen entt\u00e4uschend aus, einfach und etwas sch\u00e4big, mit Holzt\u00fcren, die auch die eines Warenlagers sein k\u00f6nnten. Die Scala ist tats\u00e4chlich so schlicht, dass oft das gegen\u00fcberliegende Haus, das Rathaus, f\u00fcr die Scala gehalten wird. Ihre Besonderheit liegt dem Vernehmen nach in der Akustik. Ausverkauft ist sie fast immer, und erst recht am 7. Dezember, dem Fest von San Ambrogio, dem Patron Mailands. Wie bei den alten Londoner Theatern, gibt es zwei Eing\u00e4nge, vorne den f\u00fcrs Parkett, an der Seite den f\u00fcr die Galerien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo ist nur die Treppe? Au\u00dfen ist keine zu sehen, und innen gibt es auch keine, jedenfalls keine, von der das Theater seinen Namen h\u00e4tte. Warum dann <em>La Scala<\/em>? Im Jahre 1776 brannte das alte Theater ab und man wollte ein gr\u00f6\u00dferes, moderneres. Daf\u00fcr wurde die an dieser Stelle stehende Kirche, Santa <em>Maria della Scala<\/em>, abgerissen. Und die hie\u00df so, weil die Scaliger, dieselben, denen ich in Sirmione begegnet bin, sie finanzierten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz zwischen den beiden Geb\u00e4ude eine Statue Leonardos, der 17 Jahre lang in Mailand arbeitete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zur Galleria Vittorio Emanuele, dem <em>Salotto<\/em>, der ersten \u00fcberdachten Passage Mailands, mit den seinerzeit innovativen Materialien Glas und Gusseisen gebaut. Fr\u00fcher gab es hier fast ausschlie\u00dflich Cafes, in denen sich das Mail\u00e4nder Gro\u00dfb\u00fcrgertum traf, jetzt gibt es vorwiegend Gesch\u00e4fte, vor allem Mode, darunter Gucci (Florenz) und Prada (Mailand).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Galerie hat die Form eines Kreuzes, und an der Schnittstelle befindet sich das Wappen der alten K\u00f6nigsdynastie, selbst ein Kreuz. An dieser Stelle befindet sich das einzige 7-Sterne-Hotel Europas. Die vier Ecken sind verziert mit Abbildungen von Rom, Florenz, Mailand und Turin und Allegorien der vier Kontinente. Australien \u201agab\u2019 es noch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es weiter zum Dom. Auf dem Weg sehen wir, dass morgen hier der <em>Stramilano<\/em> stattfindet, der Mailand-Marathon. Das w\u00e4re die Gelegenheit gewesen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom ist komplett aus Marmor vom Lago Maggiore. Der Marmor wurde \u00fcber Kan\u00e4le nach Mailand transportiert, denn Mailand ist eine Art kleines Venedig, was wenig bekannt ist. Die Kan\u00e4le wurden sp\u00e4ter in der Innenstadt zugesch\u00fcttet, aber in den Au\u00dfenbezirken beibehalten. Leider bekommen wir davon nichts zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Carlo Boromeo, der hier Bischof war und den Chor ab\u00e4nderte, ist unter dem Hauptaltar begraben, und Napoleon lie\u00df sich hier zum K\u00f6nig von Italien kr\u00f6nen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom hat gerade au\u00dfen eine Renovierung hinter sich. Die hat 20 Jahre gedauert. Ansonsten wird in Mailand \u00fcberall gestrichen, ausgebessert, gebaut. Alles f\u00fcr die Expo.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der F\u00fchrerin zufolge ist Mailand die (nach Grundfl\u00e4che) drittgr\u00f6\u00dfte europ\u00e4ische Kathedrale und fasst 40.000 Menschen, so viele, wie es zur Bauzeit Einwohner hatte. Die Kirche ist sehr breit, f\u00fcnfschiffig, und hat, untypisch f\u00fcr Italien, eine riesige Menge an Glasfenstern aus verschiedenen Epochen, auch modernen, und all das ergibt ein sch\u00f6nes, harmonisches, lichtes\u00a0 Ensemble.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Glasfenster \u201aliest\u2019 man von links nach rechts und von unten nach oben. Die Farben sind sehr gut erhalten, weil sie nicht aufgetragen, sondern in das fl\u00fcssige Glas eingegeben wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs zum Castello Sforzesco erfahren wir, dass Mailand 1,3 Millionen Einwohner hat, die Lombardei 9 Millionen. Zweimal im Jahr findet hier die Modemesse statt. Urspr\u00fcnglich war Mailand eine keltische Gr\u00fcndung, und die Germanen fanden, es liege <em>mitten im Land<\/em> \u2013 daher der Name Mailand. Daraus wurde sp\u00e4ter bei den R\u00f6mern Mediolano, als Mailand, zusammen mit Trier, eine der Hauptst\u00e4dte des R\u00f6mischen Reichs war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs sieht man alte Stra\u00dfenbahnen aus den 20er Jahren in der Innenstadt und hypermoderne in der N\u00e4he des Castello. Es geht an verschiedenen Kirchen vorbei und an r\u00f6mischen Mauerresten, die man aber kaum sieht, sowie an einer Pop-Art-Skulptur, deren Sinn sich erst durch die Erkl\u00e4rung erschlie\u00dft: Es sind Nadel und Faden, in Anspielung auf die Modestadt Mailand, in den drei Farben der drei U-Bahn-Linien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Besichtigung des Castello wird zu einem Desaster: Der Zugang ist durch ein riesiges Motorradtreffen erschwert, das eigentliche Museum ist wegen Renovierung geschlossen,\u00a0 das historische Museum, das wir statt dessen besichtigen sollen, ist heute geschlossen und als wir ersatzweise durch eine historische Musikinstrumentensammlung geschleust werden sollen, von der die F\u00fchrerin genauso wenig versteht wie wir, st\u00fcrzt eine \u00e4ltere deutsche Dame und der ganze Tross kommt zum Stehen. Man bekommt eigentlich nur mit, dass der vordere Teil des Castello eher Verteidigungszwecken diente, w\u00e4hrend der hintere, sp\u00e4tere Teil auch die Residenz der Sforza war. Deren Wappen, eine Schlange, sieht man an der Innenseite des m\u00e4chtigen Eingangstors. Dieses Wappen ziert heute den Alfa Romeo. In dem Wohnbereich gibt es Treppen, \u00fcber die man auch auf dem Pferder\u00fccken in die Wohngem\u00e4cher kommen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend geht es dann zum <em>Cenacolo<\/em>. So hei\u00dft auf Italienisch Leonardos <em>Abendmahl<\/em>. Es befindet sich in einem Dominikanerkloster, das einst geschlossen, dann neugegr\u00fcndet wurde und jetzt wieder von einem Dutzend M\u00f6nchen bewohnt wird. Passenderweise befindet sich das Gem\u00e4lde im Speisesaal!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Innenhof und von au\u00dfen hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die Kirche mit ihrer Mischung aus Gotik und Renaissance und ihrer Kuppel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch ein ausgekl\u00fcgeltes Schleusensystem gelangt man in den Speisesaal, den man nur mit einer begrenzten Anzahl von Besuchern betreten darf und aus dem man nach genau 20 Minuten unerbittlich wieder hinausgeworfen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild ist an der Breitseite angebracht. Leonardo malte es <em>al secco<\/em>, um mehr Zeit zu haben. Er ben\u00f6tigte 3 Jahre f\u00fcr dessen Vollendung. Die Maltechnik erkl\u00e4rt seinen schlechten Erhaltungszustand. Schon 30 Jahre nach der Vollendung wurden die ersten Klagen dar\u00fcber laut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild ist \u00fcber den Durchgang zur K\u00fcche angebracht, und als der vergr\u00f6\u00dfert wurde, gingen Jesus\u2019 F\u00fc\u00dfe f\u00fcr immer verloren. Damals hatte man keine Hoffnung, dass man das Bild je wieder in seinen urspr\u00fcnglichen Zustand bringen konnte. Das gelang aber weitgehend durch die moderne Restaurierung. Bei der wurden auch sp\u00e4ter aufgetragene Farben wieder beseitigt, und au\u00dferdem kamen Brot und Wein wieder zum Vorschein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gruppe der Apostel ist in vier Dreiergruppen aufgeteilt. Die Gesichter sind expressiv und spiegeln sehr verschiedene Regungen wieder. Es ist der Moment eingefangen, in dem Jesus sagt, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Bartholom\u00e4us st\u00fctzt sich mit beiden H\u00e4nden auf dem Tisch auf, so als wolle er aufspringen, Andreas wehrt mit beiden H\u00e4nden ab, so als wolle er jeden Verdacht von sich weisen, Philipp zeigt auf sich selbst, so als ob er fragen wolle, ob er gemeint sei. Alle haben B\u00e4rte, au\u00dfer Johannes, der wie eine Frau aussieht. Judas sitzt nicht abseits der Gruppe wie auf anderen Gem\u00e4lden. Er hat <em>noch<\/em> die Wahl, will der Maler uns sagen. Sagt die F\u00fchrerin. Er hat aber auch schon den Geldbeutel in der Hand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dort geht es dann auf direktem Weg zum Flughafen nach Bergamo. Am Flughafen ist die H\u00f6lle los, der ohnehin sehr sp\u00e4te Flug ist versp\u00e4tet, und im Flugzeug sind italienische Jugendliche, die sich in der Horde lautstark und albern bemerkbar machen und Deutsche, die sie kritisch ansehen oder den Kopf sch\u00fctteln, ein passender Abschluss einer Reise, die alles andere als perfekt war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. M\u00e4rz (Donnerstag) Die Taxifahrerin polemisiert auf der Fahrt zur Bushaltestelle gegen Kreditkarten, Internetbestellungen und all den neumodischen Kram, gerade die Art von Konversation, die man sch\u00e4tzt, morgens um halb sechs. Sie zahle bar. 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