{"id":1389,"date":"2011-12-28T07:49:24","date_gmt":"2011-12-28T07:49:24","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1389"},"modified":"2015-09-21T19:45:30","modified_gmt":"2015-09-21T17:45:30","slug":"lucca-2004","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1389","title":{"rendered":"Lucca (2004)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Wie immer, viel zu fr\u00fch am Bahnhof, erst recht, da der Zug Versp\u00e4tung hat. Wie die Bahn behaupten kann, nur 20% der Z\u00fcge h\u00e4tten Versp\u00e4tung, ist mir r\u00e4tselhaft. In Trier ist jedenfalls Versp\u00e4tung die Regel, nicht die Ausnahme. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass nur Z\u00fcge mit mehr als 10 Minuten Versp\u00e4tung als versp\u00e4tet gelten, und vermutlich wird nur die Ankunftszeit am Zielbahnhof gemessen. Das w\u00fcrde jedenfalls die Differenz zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektivem Tatbestand erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz Versp\u00e4tung in Koblenz reichlich Zeit zum Umsteigen. Der Zug ist noch nicht einmal angezeigt, und es fahren noch zwei Z\u00fcge durch. Man bekommt die wahnsinnige, fast furchterregende Geschwindigkeit der Z\u00fcge regelrecht zu sp\u00fcren. Wenn man drin sitzt, merkt man nichts davon. Es ist sommerlich warm trotz der sp\u00e4ten Zeit. Eigentlich k\u00f6nnte man jetzt ganz gut zu Hause bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich teile das Abteil mit einem nach Kohlenpott klingendem Ehepaar aus dem Kohlenpott und einem nach Bayern klingendem Hessen, der so undeutlich spricht, dass ich ihn erst f\u00fcr einen Italiener halte. Er ist weder von dem Bayern noch von dem Italiener sonderlich begeistert. Das Ehepaar ist ausgerechnet aus Essen und spricht mit einer Mischung von Neid und Bewunderung \u00fcber Oberhausen. Sie waren in dem neuen Aquarium. Besonders angetan waren sie von der Schlange &#8211; &#8220;Bestimmt 200 Meter Schlange!&#8221; Sie k\u00f6nnen sich minutenlang dar\u00fcber unterhalten, dass Frankfurt ein Sackbahnhof ist, obwohl sie sich einig sind. &#8220;Frankfurt ist ein Sackbahnhof, ne?&#8221; &#8211; &#8220;Ja, Frankfurt ist ein Sackbahnhof.&#8221; &#8211; &#8220;Nat\u00fcrlich ist Frankfurt ein Sackbahnhof.&#8221;\u00a0 &#8211; &#8220;Sag ich doch.&#8221; &#8211; Wei\u00df du noch, wie wir nach Mittenwald gefahren sind, da sind wir auch \u00fcber Frankfurt gefahren, und da hab ich ganz genau gesehen, dass Frankfurt ein Sackbahnhof ist. Da muss der nachher ja r\u00fcckw\u00e4rts rausfahren.&#8221;- &#8220;Ja, ja Franfurt ist ein Sackbahnhof.&#8221; Klingt irgendwie nach Loriot. Zur Sicherheit wird auch noch meine Meinung eingeholt: &#8220;Frankfurt ist doch ein Sackbahnhof?&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als\u00a0 die Diskussion dar\u00fcber losgeht, ob Mannheim nach Frankfurt kommt, kommt der Schaffner und sammelt alles ein: Reservierung, Fahrkarte und Ausweis. Man kommt sich irgendwie nackt vor, aber wenigstens kann nichts geklaut werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um halb zw\u00f6lf werden die Betten gemacht, und um zw\u00f6lf schlafen alle, au\u00dfer mir. Zu viel Kaffee am Nachmittag? Oder das beunruhigende Gef\u00fchl, besser zu Hause geblieben zu sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Jedenfalls muss ich eingeschlafen sein, denn um zwei Uhr, als jemand laut an die T\u00fcr klopft, an der T\u00fcr r\u00fcttelt und bittet aufzumachen, holt er mich dadurch aus dem Schlaf. Ich glaube, es handele sich um ein Missverst\u00e4ndnis, aber es ist der Schaffner, der kurz und b\u00fcndig erkl\u00e4rt, wir m\u00fcssten in Basel umsteigen. Hier sei Ungeziefer, und es werde ein Sitzwagen angeh\u00e4ngt. Wir bekommen auch gleich unsere Dokumente zur\u00fcck, denn von jetzt ab sind wir normale Fahrg\u00e4ste. In einem Abteil sind Wanzen aufgetaucht, und wir werden, zum Erstaunen aller anderen Fahrg\u00e4ste, die neugierig fragen, was denn passiert sei, evakuiert. Statt in einem anderen der acht Wagen passiert es nat\u00fcrlich ausgerechnet in unserem. Praktischerweise werden gleich auf dem Bahnsteig die P\u00e4sse kontrolliert. Ich bin erstaunt, wie z\u00fcgig das Umrangieren geht, immerhin muss unser Wagen aus der Mitte des Zugs abgetrennt und ein neuer angeh\u00e4ngt werden, aber insgesamt geht doch eine Stunde verloren und damit mein Anschluss in Florenz. Aber ich vertraue erst mal auf mein Gl\u00fcck von der Pragfahrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Meckern vergeht mir ohnehin, als ich die Geschichte meines neuen Nachbarn h\u00f6re: Er hat gerade eine dreit\u00e4tige Klassenfahrt nach Trier hinter sich, und zwar mit 26 Viertkl\u00e4sslern!\u00a0 Die Klassenfahrt, von ihm weder geplant noch gewollt, hat er f\u00fcr eine schwangere Kollegin \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Er ist gleich nach der R\u00fcckkehr zum Bahnhof gefahren, um diesen Zug zu erwischen. Seine Schwester heiratet in Florenz, und hat ihre Hochzeit gegen seinen Protest in die Schulzeit gelegt. Es ist ohnehin knapp f\u00fcr die Hochzeit um eins, und er muss vorher noch ins acht Kilometer entfernte Hotel, wo seine Frau mit seinem neu gekauften Anzug wartet. Italienisch kann er kein Wort. Sein Bruder, dessen Nummer er nicht hat, hat ihm entgegen der Abmachung keine SMS geschickt, und das Handy seines Vaters, dessen Nummer er hat, ist ausgeschaltet. Als wir so ins Gespr\u00e4ch kommen, stellt er fest, dass er ohnehin in Mailand h\u00e4tte umsteigen m\u00fcssen, das aber nicht gemerkt hat, was aber sowieso nichts genutzt h\u00e4tte, weil wir ja Versp\u00e4tung hatten. Er kommt aber auf diese Art und Weise noch eine knappe Stunde sp\u00e4ter an, als er geplant hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit sind wir, nach Halsstarre verursachenden Nickerchen und einem starken Kaffee auf Kosten der Bahn, informiert worden, wie wir eine Entsch\u00e4digung beantragen k\u00f6nnen. Vermutlich gibt es eine freie Fahrt nach Wittlich Hbf. (einfache Fahrt), nur donnerstags nachmittags, an ungeraden Tagen zu benutzen, bei dem eine \u00fcber 60-j\u00e4hrige Begleiterin noch eine Erm\u00e4\u00dfigung von 50% bekommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fahrt geht am Lago Maggiore vorbei. Im Halbdunkel sieht man zwei Zwillingsberge, von denen der eine im Dunkel liegt, der andere durch Stra\u00dfenlaternen einen Lichterkranz wie ein Weihnachtsbaum hat. Die Stadt an der schweizerisch-italienischen Grenze hei\u00dft Chiasso, &#8216;L\u00e4rm&#8217;. Hier ist es auff\u00e4llig ruhig. Danach ver\u00e4ndert der Zug seinen Charakter und wird zum Pendlerzug. Die G\u00e4nge f\u00fcllen sich mit Leuten, die zur Arbeit oder zur Schule in den n\u00e4chsten Ort fahren. In einem Gespr\u00e4ch schnappe ich <em>telefonino <\/em>auf, das l\u00e4ngst vergessene Wort f\u00fcr &#8216;Handy&#8217;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Florenz steigt der Lehrer, von meinen wenig hilfreichen guten W\u00fcnschen begleitet, als erster aus, ich als letzter. Als ich gedankenverloren dem Ausgang entgegengehe, merke ich auf einmal, dass ich ja noch gar nicht angekommen bin und noch einmal umsteigen muss. Der Zug hat die Versp\u00e4tung aufgeholt (!) und ich habe reichlich Zeit. Au\u00dferdem ist Florenz ein Sackbahnhof! Das erleichtert das Umsteigen. Ich bestehe meine erste Sprachprobe bravour\u00f6s, indem ich eine Flasche Wasser bestelle. Mit der bewege ich mich zum Fahrplan und stelle fest, dass um 12.30 gar kein Zug f\u00e4hrt. Dann merke ich, dass ich vor dem Ankunftsplan stehe. Alles in Ordnung. Schon kurz danach trifft der Zug ein, ein moderner Schienenbus, der zwischen Pisa und Florenz hin und her f\u00e4hrt. Vor, bei und nach dem Einsteigen werde ich von allen m\u00f6glichen Leuten gefragt, ob der Zug nach Pisoia, Montecatini oder andere b\u00f6hmische D\u00f6rfer f\u00e4hrt. Keine Ahnung. Kann mich nicht mal jemand fragen, ob der Zug nach Lucca f\u00e4hrt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zug h\u00e4lt in jedem Ort, das erste Mal noch in Florenz. Er ist ziemlich voll, aber die meisten steigen bald aus. Die Fahrt geht \u00fcber Prato &#8211; wo ich der seligen George Eliot gedenke &#8211; und \u00fcber Sesto, das bestimmt nach der Entfernung von Florenz benannt ist, wie Quint in Trier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein rum\u00e4nischer Zigeuner verteilt einen Bettelbrief mit einem furchtbar schmalzigen Text. Ein rauer Italiener neben mir murmelt etwas von <em>lavorare,<\/em> zerrei\u00dft den Zettel und wirft ihn in den Abfall. Der Zigeuner, der laut Text auch mit einem freundlichen L\u00e4cheln zufrieden gewesen w\u00e4re, sammelt Briefe und Geld mit kalter Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit ein. Als er zu dem Italiener kommt, ist von Menschenw\u00fcrde und Herzensw\u00e4rme nicht mehr die Rede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Holl\u00e4nderinnen beginnen zu lachen und halten sich die Nase zu, und bald darauf nimmt auch meine weniger empfindliche Nase den bestialischen Gestank auf, von dem man nicht wei\u00df, ob er von drinnen oder von drau\u00dfen kommt. Gl\u00fccklicherweise kommt bald Lucca.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Lucca, wo es hei\u00df, ruhig und geruchsneutral ist, entscheide ich mich, zu Fu\u00df zum Hotel zu gehen. Der Bahnhof ist gleich au\u00dferhalb der Stadtmauern. In die Stadt kommt man nicht, indem man durch ein Stadttor spaziert, sondern \u00fcber verschiedene, in die doppelte Mauer eingef\u00fcgte Treppen und einen verwinkelten Weg. Dann geht es \u00fcber einen Wall, und man steht gleich vor dem Dom, der sehr italienisch (toskanisch?) aussieht und einen sch\u00f6nen, isoliert stehenden Turm hat. Der Dom selbst ist etwas verbaut, hat Marmorverkleidung, aber keine ganz geschlossene Marmorverkleidung.<\/p>\n<p>Der Stadtplan im Reisef\u00fchrer gibt nur eine ungef\u00e4hre Ahnung, wo das Hotel liegen k\u00f6nnte, aber zur Orientierung gen\u00fcgt es. Die Stadt ist eine sehr italienische Mischung aus Alt und Neu, und zwar &#8220;richtig&#8221; alt und vergammelt alt. Das Zentrum ist weitgehend autofrei, und es gibt zwar auch schmale G\u00e4sschen, aber die sind die Ausnahme. Um diese Zeit sind fast nur Touristen unterwegs, aber nicht viele. Ich werde auch prompt nach dem Weg gefragt. Nach ein paar Irrwegen finde ich die Stra\u00dfe, in einem sehr ruhigen Viertel gelegen. Die Stra\u00dfe hat einen neuen und einen alten Namen, Via Mordini und Via Nuova. Dabei sto\u00dfe ich wieder aus das verwirrende <em>gi\u00e0<\/em>, was eigentlich &#8216;schon&#8217; hei\u00dft. Hier steht aber <em>gi\u00e0 Via Nova<\/em>, aber so hei\u00dft die Stra\u00dfe nicht schon, sondern nicht mehr. Das Wort scheint das Gegenteil von sich selbst zu bedeuten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Hotel, nur 50 Meter hinter der Schule, ist in einem Haus mit einem abweisend aussehenden, verschlossenen Portal. Auf mein Klingeln antwortet niemand. Nicht sehr beruhigend. Ich suche nach anderen Klingeln, traue mich aber noch nicht. Es gibt auch noch eine zweite Klingel f\u00fcrs Hotel, aber darauf antwortet auch niemand. Dann versuche ich es noch einmal bei der ersten Klingel, und jetzt meldet sich jemand durch das Haustelephon, eine Frau, die sich gleich tausendmal entschuldigt und ank\u00fcndigt, sofort zu kommen, was sie auch tut. Es geht \u00fcber eine Eingangshalle und einen doppelten Innenhof in die kleine Pension und das ebenfalls kleine Zimmer. Die sehr nette Frau sagt, sie sei gerade dabei gewesen, zwei andere G\u00e4ste zu bedienen, zwei \u00e4ltere deutsche Damen, die laut und unentwegt reden. Sie glauben vermutlich, das m\u00fcsse man tun, wenn man in Italien ist. Ich habe auf meinem Weg bisher noch keinen Italiener so laut und so viel reden h\u00f6ren. Zu meinem Entsetzen informiert man mich, die beiden seien auch in der Schule. Schnell sende ich ein Sto\u00dfgebet gen Himmel, sie m\u00f6gen in einem anderen Kurs sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es handelt sich wirklich nicht um ein Hotel, sondern um eine Pension. Es gibt kein Telephon, keine Rezeption, keinen Aufenthaltsraum usw., nur Zimmer, und die Besitzerin ist auch nur morgens da. Man kommt \u00fcber ein kompliziertes System von Portal, Gittertor, Gartenpforte, Glast\u00fcr, Holzverschluss und Zimmert\u00fcr ins Zimmer bzw. hinaus und bekommt vier Schl\u00fcssel, alle mit einer unterschiedlichen Funktionsweise. Vern\u00fcnftigerweise versucht die Besitzerin erst gar nicht, das zu erkl\u00e4ren, sondern zeigt es an Ort und Stelle. Auch so habe ich meine Zweifel, ob ich das je begreife.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich allein gelassen werde, packe ich den Koffer aus und \u00f6ffne das geheimnisvolle K\u00e4stchen, das lauter \u00dcberraschungen enth\u00e4lt. Ich bediene mich gleich mit dem Nougat, das im Himmel produziert worden sein muss, und beginne das Kreuzwortr\u00e4tsel, \u00fcber das ich bald einschlafe. Den Rest des Tages und der Nacht verbringe ich schlafend mit kurzen Wachphasen, in denen ich Kekse esse und am Kreuzwortr\u00e4tsel weiterbastle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach etwa 16 Stunden Schlaf geht es gleich am fr\u00fchen Morgen in die Stadt. In einem kleinen Caf\u00e9 im Zentrum bestelle ich einen Cappuccino und ein Croissant, das erste &#8220;richtige&#8221; Essen, nach Keksen, Bananen, Studentenfutter, N\u00fcssen und Schokolade, seit vorgestern um sechs Uhr abends. Beides zusammen kostet 1,80. Daf\u00fcr bekommt man in Florenz nicht einmal die Untertasse hingestellt. Das Croissant ist frisch, und der Cappuccino stark und mit sch\u00e4umender Milch aufgef\u00fcllt. Der Besitzer verwickelt mich gleich in ein Gespr\u00e4ch, und irgendwie schnappe ich das Wort <em>Russia<\/em> auf und nehme an, dass es sich um die Terroristen handelt. Ich sage, um \u00fcberhaupt etwas zu sagen, irgendeine Platitude, stotternd und nerv\u00f6s, und er antwortet mit bedeutungsvoller Miene: &#8220;Ha detto bene &#8211; Das gaben Sie gut gesagt&#8221;. Na, ja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drau\u00dfen hat er Zeitungen liegen, und auf einem Titelblatt sehe ich, wie das Olympiaergebnis in zwei Kolumnen aufgef\u00fchrt wird: Italien und Toskana. Die Toskana hat 13 von 32 Medaillen und 5 von11 Goldmedaillen geholt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich gegen\u00fcber ist eine Ausstellung von Apparaten, die nach den Zeichnungen von Leonardo in Originalgr\u00f6\u00dfe nachgebaut worden sind. Man kann die Apparate ber\u00fchren und in Bewegung setzen, um zu sehen, wie sie funktionieren. Vor dem noch verschlossenen Geb\u00e4ude steht ein Plakat, das ohne Datumsangabe ank\u00fcndigt, die Ausstellung sei &#8220;heute&#8221; bis 23.30 ge\u00f6ffnet. Heute? Ist das wirklich heute, Sonntag, oder ist es noch ein \u00dcberbleibsel von gestern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich komme an einem Kleidergesch\u00e4ft vorbei, das &#8220;ingresso libero&#8221;, &#8216;freien Eintritt&#8217; verspricht, als w\u00e4re das keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe ziemlich ziellos durch die Gegend und komme an mehreren Pl\u00e4tzen und Kirchen vorbei. Wo immer ich auch bin, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter komme ich immer wieder auf die Via Fillungo. Die scheint \u00fcberall zu sein. Bei zwei Statuen sehe ich n\u00e4her hin, um zu erfahren, wer es ist. H\u00e4tte ich mir sparen k\u00f6nnen: nat\u00fcrlich Garibaldi und Viktor Emmanuel II. Wer sonst?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich auf die Stadtmauer. Es ist ganz anders, als man es sich vorstellt, kein enger Gang, sondern eine breite Promenade mit einem zentralen gepflasterten Weg mit B\u00e4umen zu beiden\u00a0 Seiten und nicht gepflasterten Seitenwegen. Es ist ideal zum Joggen, und wird auch weidlich ausgenutzt. Ich bedauere, im letzten Moment die Joggingsachen wieder ausgepackt zu haben: Man hat keinen Autoverkehr, man hat genug Platz, man hat Schatten (jedenfalls in diesem Teil der Stadtmauer), und &#8211; man kann sich nicht verlaufen. Nicht nur Jogger sind unterwegs. Dies scheint das Paradies der Fr\u00fchaufsteher zu sein, w\u00e4hrend es in der Stadt noch ruhig war. Ein Anziehungspunkt ist Murabilia, das ich vorher schon auf unz\u00e4hligen Wegweisern gesehen habe, eine Art Landesgartenschau\u00a0 f\u00fcr Privatg\u00e4rtner. In der N\u00e4he gibt es ein Zentrum f\u00fcr Senioren, an dem auch ein Herztest angeboten wird. Der hei\u00dft &#8220;Cheek up cardiologico&#8221;. Sp\u00e4testens jetzt bereue ich es, die Kamera zu Hause gelassen zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe den ganzen Weg entlang, und am Ende habe ich, wie immer, einerseits das Gef\u00fchl, viel weiter gelaufen zu sein als die angegebene Strecke (4,2 km), und andererseits, nicht einen ganzen Kreis, sondern h\u00f6chstens einen halben gemacht zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es wieder durch die Stra\u00dfen der Innenstadt. In einem winzigen Laden bekomme ich Ansichtskarten, Briefmarken, Telephonkarten und ein paar Kleinigkeiten und die saftige Rechung von 24,50. Nat\u00fcrlich glaube ich, \u00fcber den Tisch gezogen worden zu sein, aber als ich drau\u00dfen bin, rechne ich nach und stelle fest, dass es stimmt. Der Mann in dem Laden tr\u00e4gt ein viel zu enges, bedrucktes T-Shirt und hat unendlich lange Fingern\u00e4gel, die ich aber erst bemerke, als er mit dem Finger auf die Nummer einer Telephonkarte zeigt. Eine italienische Schwuchtel? Jedenfalls tut er mir ungewollt den Gefallen, mich an eine typische Geste zu erinnern, die ich schon vergessen hatte: Man reibt die Innenfl\u00e4che der H\u00e4nde zweimal gegeneinander und das bedeutet: &#8216;Alles l\u00e4uft glatt&#8217;, &#8216;kein Problem&#8217;. Moment mal: Kenne ich das nicht aus Griechenland?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lucca ist nicht spektakul\u00e4r, und dadurch auch nicht so \u00fcberlaufen, aber es hat eine ganze Menge Monumente und seinen besonderen Reiz durch die intakt erhaltene Innenstadt innerhalb der Stadtmauern. Dabei ist nicht alles fein herausgeputzt, aber wirkt irgendwie echt. Die H\u00e4user sind ziemlich hoch, mit Gittern vor den Fenstern im Erdgeschoss und (fast einheitlich gr\u00fcnen) Fensterl\u00e4den in den anderen Geschossen. Die Gitter hatten urspr\u00fcnglich wohl Schutzfunktion, sehen aber auch sehr dekorativ aus. Die Fenster sind meistens ganz unregelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die ganze Fassade verteilt. Einige H\u00e4user haben Naturstein, einige unverputzte Ziegel (die aber sicher urspr\u00fcnglich verputzt werden sollten), andere sind verputzt und sauber bemalt, meist in einem blassen oder in einem kr\u00e4ftigen Gelb, aber der Normalzustand ist abbr\u00f6ckelnder, etwas schmieriger Putz mit ein bisschen Graffiti. Neben den Gittern sind die Einfassungen der Portale auff\u00e4llig: ein Rundbogen aus gleichm\u00e4\u00dfig behauenen Quadern, wie man sie in der Renaissance an den gro\u00dfen Pal\u00e4sten sieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An mehreren Balkonen sehe ich eine bunte Fahne mit vielen Streifen, wie ich sie schon in Athen bei den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, damals aber f\u00fcr griechisch gehalten habe. Muss sich wohl um die Fahne einer internationalen Friedensbewegung handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig komme ich an der Torre Giugini vorbei und nutze die Gelegenheit, ihn zu besteigen, trotz des unangemessenen Preises (3,50). Der Turm bietet eigentlich nur die Aussicht, unterscheidet sich aber von den anderen, weil oben B\u00e4ume wachsen. Durch seine H\u00f6he kommen die auch entsprechend zur Geltung und machen den Turm zu einem echten Blickfang. Auf dem Weg nach oben gibt es naive Zeichnungen, die Szenen aus der Geschichte der Familie Giugini darstellen. Der naive Stil kontrastiert mit den gewaltt\u00e4tigen Szenen: Hier wird jemand enthauptet, dort wird jemand vom Turm geworfen. Die Szenen sind beschriftet, in einem Italienisch mit alter Rechtschreibung: <em>quistione<\/em>, <em>palagio<\/em>, <em>chome<\/em> und, vor allem, <em>Lucha<\/em> und <em>Luccha<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Aussicht ist wirklich bemerkenswert und das, was man &#8220;sch\u00f6n&#8221; nennt durch die einheitliche Bedachung der H\u00e4user mit roten Ziegeln, die Berge im Hintergrund, den Baumkranz der Stadtmauer und das v\u00f6llige Fehlen von Hochh\u00e4usern oder gar Wolkenkratzern. Selbst in der Ferne sieht man keine modernen Wohnbl\u00f6cke. Ob die sich hinter den B\u00e4umen verbergen? Die einzigen H\u00e4user, die zu hoch sind, sind die mittelalterlichen Wohnt\u00fcrme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die B\u00e4ume machen sich auch oben ausgesprochen gut und verschaffen eine ungew\u00f6hnliche Atmosph\u00e4re f\u00fcr eine Aussichtsplattform. Allerdings ist es auch entsprechend eng. Ich versuche, mich von hier oben zu orientieren und stelle voller Verwunderung fest, dass ich ganz in der N\u00e4he der Pension bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein kleiner deutscher Junge, der tapfer und ohne Murren den Aufstieg geschafft hat, will, kaum oben angekommen, wieder runter. Die Eltern versuchen, ihn zu \u00fcberzeugen, dass es um die Aussicht geht &#8211; vergeblich. F\u00fcr ihn geht es um Aufstieg und Abstieg. Und Aussicht bedeutet ihm nichts. \u00c4sthetisches Empfinden haben wir als Kinder nicht, das ist alles angelernt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Abstieg lasse ich auf der schmalen Eisenstiege, die ganz oben auf die Aussichtsplattform f\u00fchrt, den Aufsteigenden den Vortritt. An der Art und Weise,\u00a0 wie sie <em>grazie<\/em> sagen, kann man die Nationalit\u00e4t erkennen: Deutsche, Engl\u00e4nder, Japaner, Franzosen, Italiener. Zugegeben, den Japanern sieht man es auch an, aber <em>glazie<\/em> w\u00e4re auch sonst ein Erkennungszeichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Zur\u00fcckkommen sehe ich, dass in dem Geb\u00e4ude, in dem die Schule ist, auch das B\u00fcro der Lega Nord ist. Die Schule selbst bietet &#8220;Courses of Italian as a foreign language&#8221; an, mit einer falschen Pr\u00e4position, finde ich. Charlie ist anderer Meinung, aber: Auf das Urteil eines Muttersprachlers sollte man sich sowieso nie verlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme, sehe ich mir zum ersten Mal mit mehr Ruhe das Haus an, in dem die Pension untergebracht ist. Es hat das typische Portal der anderen H\u00e4user und eine riesige doppelte Holzt\u00fcr mit zwei schweren vergoldeten Eisengriffen. Hinter der T\u00fcr ein kurzer Gang, der sich dann in einen \u00fcberw\u00f6lbten Innenhof ausweitet, dem wiederum ein freier Innenhof mit Arkaden folgt. Das Haus muss wohl das (gewesen) sein, was man auf Italienisch <em>palazzo<\/em> nennt, so eine Art Patrizierhaus. Dann kommt ein schwarzes Eisengitter, und dahinter ein Schotterplatz und wiederum dahinter ein wild wachsender Garten. All das ist gro\u00df angelegt und ziemlich heruntergekommen. Die Fenstergitter haben eine regelrechte Rostschicht, der Boden ist uneben, hier und da fehlen Fliesen, die Briefk\u00e4sten sind verbeult, an verschiedenen Stellen kommen Sicherheitsk\u00e4sten und Elektroleitungen zum Vorschein, und die T\u00fcr ist vermutlich in der Renaissance zum letzten Mal gebeizt worden. Ob hier jemand wohnt oder arbeitet, ist nicht herauszufinden, obwohl es ein paar B\u00fcroschilder &#8211; Rechtsanwalt, Therapeutin &#8211; gibt. Aber auch in den n\u00e4chsten Tagen begegne ich hier nie jemandem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinter dem gro\u00dfen Gitter biegt man selbst aber links ab, und kommt durch ein kleines Gartentor in den gepflegten Vorgarten der kleinen Pension &#8211; und in eine andere Welt. Ich hole mir ein paar Tipps von der Wirtin und bekomme einen Stadtplan mit Stra\u00dfennamen. Ich nehme allen Mut zusammen, ihr zu erkl\u00e4ren, dass ein Handtuchhalter sich von der Wand gel\u00f6st hat und dass der Abfluss der Dusche mit Haaren verstopft war. Erstaunlicherweise versteht sie es, verspricht, Abhilfe zu schaffen und entschuldigt sich tausend Mal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann folge ich ihren Anleitungen und finde zwar das Restaurant nicht, wohl aber den Platz, den sie beschrieben hat. Er ist ganz in unserer N\u00e4he und in der N\u00e4he eines Stadttors und hat einen Supermarkt, Telephonzellen, Briefk\u00e4sten usw. Das Telephonieren erweist sich als schwierig. Erst wird die Karte immer wieder ausgespuckt, bis ich merke, dass man erst eine Ecke abtrennen muss. Dann erwische ich die falsche L\u00e4ndervorwahl, dann ist besetzt. Ich kaufe Wasser und Cola und kehre zur\u00fcck, und jetzt ist die Telephonzelle au\u00dfer Betrieb. Ich versuche es gleich nebenan, und diesmal klappt es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe wieder ins Zentrum und lande zuf\u00e4llig in demselben Caf\u00e9 wie heute morgen. Diesmal gibt es ein kleines St\u00fcck Pizza Margerita. Danach bestelle ich einen <em>caff\u00e8 freddo<\/em>, der aber ganz anders ist, als ich ihn mir vorgestellt habe: pechschwarz, sehr stark und sehr s\u00fc\u00df, mit winzigen Eisst\u00fcckchen, in einem kleinen Glas serviert. Je l\u00e4nger man das Eis schmelzen l\u00e4sst, umso besser schmeckt er, aber als ich das feststelle, habe ich zur Abschw\u00e4chung des Geschmacks schon ein T\u00f6rtchen dazu bestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach gehe ich noch ein bisschen durch die Stadt, an St\u00e4nden mit Honig, Gew\u00fcrzen und alten B\u00fcchern vorbei und einer Pizzicheria (!), in deren Schaufenster gro\u00dfe, rechteckige Pizzen liegen, die ganz anders aussehen als unsere, und daneben andere, die nicht <em>pizza<\/em>, sondern <em>focaccia<\/em> hei\u00dfen, aber genauso aussehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischendurch komme ich immer mal wieder auf die Via Fillungo. Bald bin ich schon wieder m\u00fcde und kehre zur\u00fcck, aber nach dem Kaffee und der langen Nacht ist an Schlaf nicht zu denken. Voller guten Willens hole ich ein Italienischbuch heraus, kann mich aber nicht konzentrieren. Also versuche ich mich am Kreuzwortr\u00e4tsel, aber das klappt auch nicht, also mache ich mich an die Notizen. Zum Abendessen gibt es Schokolade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Zeitung habe ich unterwegs gelesen: Natascha Keller, die bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Hockey geholt hat, ist schon die vierte in ihrer Familie, die eine olympische Medaille geholt hat, nach Gro\u00dfvater, Vater, und Bruder. Und die Mutter hat vermutlich nur deshalb keine Medaille geholt, weil Frauenhockey zu sp\u00e4t olympisch wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter den neuen Eintr\u00e4gen in der letzten Ausgabe des Duden befindet sich auch <em>Saftschubse<\/em> f\u00fcr &#8216;Stewardess&#8217;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Muchs <em>Schrei<\/em>, ist Oslo gestohlen, passte eigentlich gar nicht zum Thema der Ausstellung. Die Aussteller hatten es nur deshalb einbezogen, weil sie die Proteste der Besucher f\u00fcrchteten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Berlin ist der erste t\u00fcrkische Biergarten er\u00f6ffnet worden. Die Bierg\u00e4rten hei\u00dfen in der T\u00fcrkei Teegarten, bieten aber auch Bier an. In der T\u00fcrkei sucht der Kunde das Fleisch aus und bereitet es dann selbst am Tisch zu. Auf die Frage, ob mehr Deutsche oder mehr T\u00fcrken k\u00e4men, sagt der Besitzer: samstags Deutsche, sonntags T\u00fcrken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Friedrich II. (von Preu\u00dfen) hatte sich auf einer seiner galanten Reisen eine Geschlechtskrankheit, Gonorrh\u00f6e, zugezogen. Das wurde erst nach langer Zeit h\u00f6flichen Schweigens wieder ans Licht gebracht, und zwar von Erich K\u00e4stner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Gabel in Europa heimisch wurde, viel sp\u00e4ter als Messer und L\u00f6ffel, gab es Kritik von der Kirche, die darauf bestand, man m\u00fcsse Gottes Gaben mit Gottes Werkzeugen, also den Fingern, zu sich nehmen. In der Antike a\u00df man mit den Fingern, aber auch da gab es schon Unterschiede: Das gemeine Volk a\u00df mit allen f\u00fcnf Fingern, die vornehmen Leute nur mit drei Fingern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sonnenbrillen gab es in China viel fr\u00fcher als in Europa. Sie hatten dort aber eine andere Funktion: Sie wurden bei Gericht von Angeklagten und Richtern getragen, damit man deren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor dem europ\u00e4ischen Sklavenhandel gab es in Afrika schon arabischen Sklavenhandel, mit der willigen Kooperation der afrikanischen Stammesf\u00fcrsten, die ihre Untertanen f\u00fcr einen Spottpreis verh\u00f6kerten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>80% aller Baustellen auf unseren Autobahnen bekommt der Autofahrer gar nicht zu Gesicht: Sie werden am Abend er\u00f6ffnet und sind am Morgen schon wieder verschwunden. Wenn es Baustellen auch w\u00e4hrend der Hauptreisezeit gibt, dann aus zwei Gr\u00fcnden: Termindruck, z.B. die Zufahrt zum neuen M\u00fcnchner Stadion f\u00fcr die WM, und technische Vorgaben, z.B. die Tatsache, dass der Asphalt bei niedrigen Temperaturen zu schnell erkaltet und dadurch rissig wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Einen Wecker habe ich nicht dabei. Brauche ich aber auch nicht, denn p\u00fcnktlich um halb acht krakeelen die deutschen Frauen im Haus herum. Auf diese Art bin ich wenigstens rechtzeitig in der Schule und kann vorher noch einen Kaffee trinken. Vor dem Eingang sitzen lauter junge M\u00e4dchen, aber oben \u00e4ndert sich das Bild. Ich setze mich neben einen Japaner, der allein sitzt, eine sehr gute Entscheidung, wie sich sp\u00e4ter herausstellt. Es geht gleich mit dem Test los, bei dem man nur (immer freier werdende) Dialoge erg\u00e4nzen muss. Wie immer, kommen lauter Dinge vor, die man eigentlich noch mal kurz vorher wiederholen wollte (Imperative, Personalpronomina). Ich habe das Gef\u00fchl, dass alles, was ich schreibe, irgendwie Spanisch klingt. Dummerweise muss man sich auch selbst einstufen, was immer nach hinten losgeht. Au\u00dferdem finde ich, dass jede der beschriebenen Stufen irgendwie auf mich zutrifft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann warten wir auf das Interview, und ich komme mit dem vermeintlichen Japaner ins Gespr\u00e4ch, der sich als ein in Washington lebender, flie\u00dfend und akzentfrei in K\u00f6ln gelerntes Deutsch sprechender Koreaner entpuppt, der in sein sehr fl\u00fcssiges Italienisch immer wieder spanische Brocken hineinwirft, weil er besser Spanisch spricht. Zu uns gesellt sich ein sehr freundlicher Engl\u00e4nder, Sean, der aus dem einzigen Grund Italienisch lernt, aus dem ein Engl\u00e4nder \u00fcberhaupt eine Fremdsprache lernt: Er hat eine italienische Freundin. Mit ihm, der erfolgreich den Anschein erweckt, Italienisch zu sprechen,\u00a0 kann man wunderbar surrealistische Gespr\u00e4che f\u00fchren: &#8220;Bist du zum ersten Mal in der Toskana? &#8211; Ja, ich trinke auch lieber Rotwein&#8221;. Ich gehe mit ihm einen Kaffee trinken, bei dem wir uns haupts\u00e4chlich \u00fcber Fu\u00dfball unterhalten. Das geht ganz gut, man wirft sich den Namen von Mannschaften oder Resultate zu und macht dazu ablehnende oder zustimmende Ger\u00e4usche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt das Interview und eine ziemlich \u00fcberfl\u00fcssige Stadtf\u00fchrung. Das M\u00e4dchen hat selbst keine Ahnung und wei\u00df mit so einer Gruppe auch nichts anzufangen. \u00dcberall stehen wie im Weg. Immerhin sagt sie irgendwann: Via Fillungo ist die zentrale Stra\u00dfe Luccas. Aha. Meine deutsche Freundin f\u00e4llt durch \u00fcberfl\u00fcssige Kommentare auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Stadtf\u00fchrung gehen wir in ein Restaurant. Die Suche erweist sich als m\u00fchsam, keiner trifft so richtig eine Entscheidung, und am Ende landen wir in einem Wohnviertel, wo es weit und breit kein Restaurant gibt, und dann in einem etwas zu edlen Schuppen am Napoleonplatz, einem der vielen Pl\u00e4tze, die ich von meinem Umherirren vom Vortag kenne. Es stellt sich heraus, dass Sean 200 m hinter der Tower Bridge wohnt und einen ganz modernen, schwer zu beschreibenden Job hat, der etwas mit professioneller Bereitstellung von Gastfreundlichkeit zu tun hat. Der Koreaner, der l\u00e4ngst die Hoffnung aufgegeben hat, jemand im Westen k\u00f6nne seinen Namen aussprechen, nennt sich Charlie, und das steht auch auf seiner Visitenkarte. Er ist weitgereist und kennt 47 der 50 amerikanischen Staaten, einschl. Alaska und Hawaii. Die beiden essen als Vorspeise eine &#8220;toskanische Spezialit\u00e4t&#8221;, die wie eine ganz normale Linsensuppe aussieht. Danach gibt es H\u00e4hnchen, das hervorragend schmeckt, aber in edel kleinen Portionen serviert wird. Nicht ganz das richtige f\u00fcr meinen Hunger. Sean trinkt <em>caff\u00e8 stretto<\/em>, pures Koffein. In der Beziehung ist er ganz Italiener. Nebenbei lernen wir auch eine koreanische Begr\u00fc\u00dfung, <em>anjan <\/em>&#8211; oder vielmehr ich lerne sie, Sean d\u00fcrfte damit erheblich \u00fcberfordert sein. Beim Bezahlen merken Charlie und ich, dass wir kein Geld haben. Charlie bezahlt mit Kreditkarte, und Sean leiht mir 20 Euro und gibt uns noch gratis seinen Kommentar zur Einf\u00fchrung des Euro in GB dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich kurz ins Hotelzimmer gehe, um das Geld zu holen, sitzt die Wirtin im Garten und begr\u00fc\u00dft mich mit &#8220;Buona sera&#8221;, was, wenn man &#8216;Guten Abend&#8217; \u00fcbersetzt, v\u00f6llig unangemessen klingt. Es ist auf jeden Fall noch vor vier, denn dann erst beginnt der Begr\u00fc\u00dfungsumtrunk in der Schule, zu dem ich nat\u00fcrlich p\u00fcnktlich erscheine. Es stimmt also doch, dass man es so fr\u00fch sagt. Irgendwann bin ich einmal von einer besserwisserischen Italienerin korrigiert worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Umtrunk gibt es Wein und s\u00fc\u00dfe und deftige H\u00e4ppchen. Ich spreche mit einem Amerikaner aus Mississippi,\u00a0 einer Holl\u00e4nderin aus Amsterdam, einer Schweizerin aus Z\u00fcrich, zwei belgischen Ingenieurstudenten aus Br\u00fcssel, einem \u00d6sterreicher aus Wien, einem M\u00fcnchner. Weder Spanier noch Griechen sind vertreten, auch Franzosen sehe ich keine. Wir haben alle eine germanische Sprache als Muttersprache, auch die reichlich vertretenen Belgier. D\u00e4nen, die in Bologna so gut vertreten waren, scheint es auch nicht zu geben. Amerikaner wie Sand am Meer, aber Sean scheint der einzige Engl\u00e4nder zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach reichlich Wein gehe ich einkaufen. Im Obstladen \u00fcbernimmt die alte Frau, die ganz allein ist, sofort das Kommando, w\u00e4hlt die Fr\u00fcchte selbst aus und macht eindeutige Kaufempfehlungen: &#8220;Die sind besser&#8221;. Ich tue alles, was sie will und kaufe \u00c4pfel, Birnen und Bananen. Woher ich auf einmal diese W\u00f6rter wieder wei\u00df, wei\u00df ich nicht, aber ich wei\u00df sie. Ich frage beim Hinausgehen noch, wo ich Wasser bekomme und sie sagt &#8220;Rechts&#8221; und zeigt dabei energisch nach links. Ich gehe nach links, und es stimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kaufe ich Wasser und Bier, muss aber zu Hause feststellen, dass ich keinen \u00d6ffner habe und meine Neffen mich immer noch nicht in die Kunst des Bierflaschen\u00f6ffnens ohne \u00d6ffner eingewiesen haben. Dazu kaufe ich ein <em>panino<\/em>, das an Ort und Stelle zubereitet wird, ein m\u00e4chtiges St\u00fcck Brot, das mit reichlich toskanischer Salami, aber sonst nichts belegt wird. Nichts w\u00fcnscht man sich sehnlicher als ein Bier dazu, aber Wasser geht auch. So etwas trocken zu essen ist physiologisch m.E. unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das mit den Telephonkarten grenzt an Betrug: Ich habe noch 60 Cent, w\u00e4hle und erfahre, bevor jemand abhebt, dass ich jetzt nur noch 20 Cent habe und dass man davon keine Auslandsgespr\u00e4che bestreiten k\u00f6nne!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Kurz vor Unterrichtsbeginn f\u00e4llt mir ein, dass ich gar kein Papier habe. Gibt es aber in einem kleinen Tabakgesch\u00e4ft, das um diese Zeit schon auf hat. Etwas l\u00e4uft schief mit der Bestellung, und ich bekomme fast Briefpapier, kann das aber im letzten Moment noch verhindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind eine ziemlich alterslastige Gruppe, in der ich nicht weiter auffalle, mit nur einer ganz jungen Studentin aus Belgien. Es sind ein paar bemerkenswerte F\u00e4lle vertreten: ein \u00f6sterreichischer Arzt und f\u00fcnffacher Familienvater, ein Juraprofessor der Sorbonne, der an der Cote d&#8217;Azur wohnt, eine amerikanische Malerin, die als Studentin zwei Jahre in Italien gelebt hat und deren Mann, Schriftsteller, auch hier ist (aber in einem anderen Kurs), ein emeritierter \u00f6sterreichischer Mediziner, ehemaliger Direktor der Wiener Klinik f\u00fcr Nuklearmedizin, Charlie, der koreanische Wunderknabe, und eine belgische Dolmetscherin, die sich in einem <em>sabatical<\/em> befindet und gleich vier Monate hier bleibt. Nat\u00fcrlich ist auch eine der lauten Deutschen aus der Pension in dem Kurs, aber sie geht hier gl\u00fccklicherweise etwas unter. Wir machen das, was man in\u00a0 Sprachkursen so macht &#8211; weder gut noch schlecht. Aber es ist erstaunlich, was alles so wieder an die Oberfl\u00e4che kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Charlie auch Kisuaheli kann. Mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die bei jedem anderen arrogant wirken w\u00fcrde, sagt er, wie wertvoll das sei, wenn man mal gerade in Kenia oder Uganda ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Pause gibt es in einer Caffeteria, in der ich zuf\u00e4llig lande, einen Gutschein, auf dem die Kaffees abgestempelt werden. Wenn er voll ist, bekommt man einen Kaffee umsonst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehe ich nach ganz kurzer Pause zum Dom. Er ist wirklich so verbaut, wie er auf den ersten Blick aussah, und der Turm steht gar nicht frei, wie es aus der Ferne aussieht. Die Fassade, die wie abgeschnitten aussieht, grenzt an einer Seite an den Turm, l\u00e4sst aber noch den gr\u00f6\u00dferer Teil dieser Seite frei. An eine andere Seite des Turms grenzt ein anderes Geb\u00e4ude (Bischofsbank?), und an eines der Querschiffe grenzt noch ein anderes Geb\u00e4ude (Bischofspalast?). Das sieht man aber nur, wenn man in einen Innenhof tritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fassade ist marmorverkleidet und hat \u00fcber der Portalzone noch drei nach oben schmaler werdende Geschosse, die alle auf wunderbar skulptierten Pfeilern stehen, einige ganz aufwendig, andere ganz einfach, z.B. einer mit einem Band, das sich an der S\u00e4ule hochzuwinden scheint, ein anderer mit Zickzackstreifen. Darunter drei Arkaden, von denen die rechte, die an den Glockenturm angrenzt, k\u00fcrzer ist als die anderen. Das alles ist gotisch, hat aber nichts zu tun mit dem, was wir unter Gotik verstehen. Auch der Skulpturenschmuck der hinter den Arkaden liegenden Portale ist gerade in Reih und Glied angeordnet. \u00dcber dem Hauptportal die Apostel, die alle hohle Augen haben, in denen urspr\u00fcnglich wahrscheinlich Steine oder Edelsteine waren; sieht etwas gespenstisch aus. Zu beiden Seiten des Hauptportals die zw\u00f6lf Monate, die mit etwas willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlten Aktivit\u00e4ten vertreten sind: Getreideernte, Obsternte, Fischfang, Schlachtung, Ausritt (mit einer Rose in der Hand), Dreschen (?) und ein paar andere, die kaum zu identifizieren sind. An den anderen Portalen Szenen aus dem Leben des Hl. Martin, dem die Kirche geweiht ist. Innen und au\u00dfen die Kopie und das Original einer Skulptur, die die Szene mit dem Bettler zeigt. Allerdings ein ziemlich sparsamer Martin, der nur den Zipfel seines Mantels abschneidet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Innen ist es, trotz des grellen Lichts der Mittagssonne, sehr dunkel. Auch hier ist es gotisch und sieht nicht gotisch aus. Der Chor wird gerade renoviert und ist durch eine Plane verdeckt. Im gesamten Langhaus fehlt die Bestuhlung, was komisch wirkt, aber einen Eindruck davon gibt, wie es fr\u00fcher gewesen sein muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich suche vergeblich ein Labyrinth, das ich auf einer Ansichtskarte gesehen habe, entdecke es dann, statt auf dem Boden, erst beim Hinausgehen an einem Au\u00dfenpfeiler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige etwas verblasste, gro\u00dfe Fresken gibt es in den Seitenschiffen, und ein gr\u00f6\u00dferes Mosaik auf dem Boden des Mittelschiffs, ziemlich genau da, wo ich das Labyrinth erwartet habe. Es stellt das Urteil Salomons dar. Das Kind wird an den F\u00fc\u00dfen nach unten gehalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he in einer Art Kapelle mit Gitterst\u00e4ben das ber\u00fchmte Volto di Cristo, eine riesige Christusfigur aus dunklem Holz (XII), der Legende nach von Nikodemus gefertigt und mit einem unbemannten Ochsenkarren nach Lucca gekommen. Obwohl die Skulptur einen nicht zu \u00fcbersehenden Bart hat, wurde sie wegen der l\u00e4nglichen Figur und dem langen Rock f\u00fcr ein M\u00e4dchen gehalten. Das erkl\u00e4rte man dann so: Das M\u00e4dchen hatte sich geweigert, einen heidnischen Mann zu heiraten, und um die Ablehnung etwas wirksamer zu machen, lie\u00df das Schicksal ihr einen Bart wachsen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem abgetrennten Teil der Kirche (Eintritt!) ein einflussreiches Grabmal von Jacobo della Quercia, den ich schon aus Bologna kenne, die Marmorfigur einer jungen Frau auf dem Totenbett (XIV). Sie hat die Augen geschlossen, ganz feine Gesichtsz\u00fcge (dabei ein nicht sonderlich sch\u00f6nes, etwas vortretendes Kinn), und die K\u00f6rperpartien sind unter dem feinen Tuch deutlich auszumachen, vor allem die steil nach oben stehenden F\u00fc\u00dfe (Oder soll sie die modernen, spitz zulaufenden Schuhe der Zeit tragen?). Zu ihren F\u00fc\u00dfen ein Hund mit Schlappohren und einem Ringelschwanz wie ein Ferkel, der etwas treudoof in die Luft guckt. Am Sockel des Grabmals erstaunlicherweise lauter \u00fcppige Engelchen mit Girlanden, wie man sie sp\u00e4ter man im Barock findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach etwas zu essen gesucht und die Erfahrung gemacht, dass dies nicht Spanien ist. Die italienischen Essenszeiten sind wie unsere, um 14.30 wird die K\u00fcche geschlossen. Dann irgendwo noch eine Lasagne und einen Salat bekommen, wegen der Hitze ein Bier dazu. Das Bier schmeckt schlecht und kostet fast so viel wie die Lasagne. Die schmeckt ganz gut, aber ganz anders als &#8220;unsere&#8221;: Die Lasagneplatten werden ohne K\u00e4se, ohne Tomaten, einfach aufeinandergeschichtet und mit einer \u00fcppigen Hackfleischso\u00dfe bedeckt. Kaum von Spaghetti zu unterscheiden. Der Salat w\u00e4re gut gewesen, wenn er nicht so entsetzlich bitter gewesen w\u00e4re. Wer hat das nur eingef\u00fchrt? Dazu gab es im Brotkorb neben dem normalen Brot noch ein anderes Brot, das salzig und wie in \u00d6l eingelegt schmeckte &#8211; wunderbar. Auf Nachfrage erfahren, dass das die ber\u00fchmte <em>focaccia<\/em> ist &#8211; selbstgemacht, wie die Wirtin stolz hinzuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst heute, von einem kurzen Abendbummel zur\u00fcckkommend, merke ich, dass die Stimmen, die ich immer zur Essenszeit aus meinem Zimmer vernehme, nicht von einer Familie kommen, sondern von einem Lokal, dessen Garten an &#8220;unseren &#8221; grenzt. Und ich hatte mich immer \u00fcber die Regelm\u00e4\u00dfigkeit gewundert, mit der die Stimmen zu bestimmten Zeiten kommen und gehen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allen weiteren Versuchungen in der Stadt widerstanden. Zum Abendessen gibt es Obst, Schokolade und Wasser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Was man in einem Sprachkurs nicht alles lernt: Der franz\u00f6sische Jurist beantwortet eine Frage, die wir immer schon als Kinder hatten und die kein Erwachsener je beantworten konnte: Was bedeutet TIR, die Abk\u00fcrzung, die man auf Schildern von schweren Lastwagen sieht? <em>Transports Internationaux Routiers<\/em> (oder so \u00e4hnlich). Das steht f\u00fcr ein Abkommen, das es den Lastwagen, die diese Lizenz haben, erlaubt, ohne st\u00e4ndige Kontrollen die L\u00e4ndergrenzen zu passieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Unterricht behandeln wir Sternzeichen und deren Charakteristika. Nat\u00fcrlich werden wir nach unseren gefragt und es stellt sich heraus, dass wir, Jungfrau, in der Mehrzahl sind, vier von zehn, v\u00f6llig disproportional. Die Amerikanerin sagt, das sei immer so, davon gebe es einfach mehr. Ob das wohl stimmt? Und wenn, und wenn die naheliegenden Erkl\u00e4rungen wirklich stimmen, ist es dann in anderen Klimazonen anders?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Brot, das ich gestern in dem Lokal gegessen habe, der <em>focaccia<\/em>, habe ich richtig gelegen: Es ist ganz einfach der Pizzateig, der stark gesalzen und mit \u00d6l betr\u00e4ufelt wird und dann in den Ofen kommt, eine Spezialit\u00e4t der Toskana.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ganz jungen Sch\u00fcler, die ich am ersten Tag vor der Schule gesehen habe, sind eine eigene Gruppe, Sch\u00fcler aus S\u00fcdtirol, also Italiener, die Italienisch lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag ein Musikvortrag zur italienischen <em>canzone<\/em>. Der Vortragende trifft 15 Minuten zu sp\u00e4t ein, mit Motorradhelm, Handy, Schlappen und Rucksack, und sch\u00fcttelt auf dem Podium erst einmal seinen wilden Wuschelkopf aus. Entgegen allem Anschein ist er Professor am Konservatorium. Musik geh\u00f6re zwar zu der klassischen Vorstellung von Italien, sagt er, in Wirklichkeit gebe es aber zwischen den zwei Polen der klassischen Tradition und dem des Festivals von San Remo herzlich wenig. Von den Chanconniers, die im Ausland Erfolg h\u00e4tten, seien in Italien viele gar nicht sonderlich bekannt, und von den wichtigen italienischen Chanconniers habe man im Ausland kaum Notiz genommen. Statt von der gro\u00dfen Liebe und ewiger Treue handelten die meisten Lieder eher von Entt\u00e4uschung, von ungl\u00fccklicher Liebe, wie in dem Lied von Fabrizio d&#8217;Andr\u00e9, das mit Selbstmord endet. Dessen Texte seien inzwischen auch Teil der italienischen Lyrik geworden. Er unterscheidet f\u00fcnf Schulen und singt mit rauchiger Stimme, sich selbst auf der Gitarre begleitend, jeweils ein Lied, f\u00fcr die Schule von Genua zwei. Giorgio Gaber (Mailand), Lucio Dalla (Bologna), Fabrizio d&#8217;Andr\u00e9 und Gino Paoli (Genua), Antonio Vendetti (Rom), Pino d&#8217;Aniele (Neapel).<\/p>\n<p>Kurzentschlossen die f\u00fcr den Tourismus gedachten Turnschuhe zu Laufschuhen und eine Freizeithose zur Jogginghose deklariert und mit Charlie \u00fcber die Stadtmauer gelaufen, er zwei, ich eine Runde. Wir kommen fast zur gleichen Zeit an. Obwohl er keine sehr athletische Figur hat, macht er auch Hanteltraining. Er habe fr\u00fcher oft R\u00fcckenschmerzen gehabt, aber die seien durch das Muskeltraining verschwunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehen wir eine Werbung f\u00fcr Bimbo, und er macht mich auf die Interferenz mit dem Englischen aufmerksam. Gilt auch f\u00fcr das Bimbo in Spanien, das Toastbrot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Langsam verliert man das Gef\u00fchl daf\u00fcr, welcher Wochentag ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Franzose beschwert sich, aber nat\u00fcrlich nur heimlich, \u00fcber die lange Pause, ein altes Problem aller Sprachschulen, f\u00fcr das man immer noch keine L\u00f6sung gefunden hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem kleinen Vortrag, den wir alle der Reihe nach einmal halten m\u00fcssen, benutze ich das in der Toskana durchaus gebr\u00e4uchliche <em>passato remoto<\/em> und handele mir daf\u00fcr einige sp\u00f6ttische Anerkennung ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man es zusammenschreibt, schreibt man <em>caffeellatte<\/em> mit zwei &lt;l&gt;, eine Art Binnenbuchstabe, der die beiden Bestandteile verbindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Texten kommen immer wieder kleinere Druckfehler, aber auch Akzentfehler vor, wie meine findigen Kollegen entdecken. Der Lehrer sagt, die Akzentsetzung werde nur von wenigen beherrscht, in der Schule lege man darauf nicht so viel wert. Der Versuch zu kl\u00e4ren, ob es \u00fcberhaupt zwei verschiedene Akzente geben m\u00fcsse, scheitert. Wir, Lehrer und Lerner, reden st\u00e4ndig aneinander vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Verb ist <em>lavorare<\/em>, aber das Adjektiv <em>laborioso<\/em>. Die formalere Wortart, das abstraktere Wort ist dem lateinischen Modell \u00e4hnlicher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Toskanischen gibt es eine Tendenz, das intervokalische \/k\/ wie \/h\/ oder \/x\/ zu sprechen. Das einfachste Beispiel ist Coca Cola, das wie Cocha Cola klingt. Aus Verschlusslauten werden Reibelaute, eine uralte Tendenz beim Sprachwandel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einigen italienischen Dialekten gibt es keinen Unterschied zwischen offenem und geschlossenem &lt;e&gt;, der Unterschied zwischen <em>pesca<\/em> und<em> p\u00e8sca<\/em> ist also aufgehoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Tages kommt zum Schluss, an ganz unerwarteter Stelle, als ich, eigentlich nur, um den deutschen Frauen aus dem Weg zu gehen, Zuflucht in einem Waschsalon suche, der Lavanderia Niagara. Dort gibt es Instruktionen auf Italienisch, Englisch, Arabisch und Deutsch. Das klingt dann so: &#8220;F\u00fchren Sie die W\u00e4sche ein. Die Damer der W\u00e4che betr\u00e4gt 30 Minuten. Am Ende warter sie die automatisch Stauung ab und entnehemen sie die W\u00e4sche und beginer den Tracker Vorgang. Das Washmihel ist im Preis imbegriffen und in Automatic Sichen Washprogramm sh\u00f6n mit eingegeben.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Charlie ist jeder Versuch vergeblich, von einem Land zu sprechen, bei dem er nicht mit eigenen Erfahrungen mitsprechen kann: Senegal? Keine Chance. D\u00e4nemark? &#8220;Die sind ja so was von eigen mit ihrem Gras. Da wollte uns ein Polizist doch glatt eine Geldstrafe geben, weil wir \u00fcber das Gras gegangen sind&#8221;. Dominikanische Republik? &#8220;Da kommst du an den Strand und traust deinen Augen nicht. Alle Schilder sind auf Deutsch&#8221;. Er besch\u00e4ftigt sich jetzt ernsthaft mit der Frage, wie am besten ein Kurzbesuch in San Marino einzubauen ist. Zu seinen fr\u00fcheren Ferienjobs geh\u00f6rt auch der des Eisverk\u00e4ufers in Alaska.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute Nachmittag eine Exkursion auf eine <em>fattoria<\/em>, eine Art Gutshof, in der Umgebung, die Villa Maionchi. Gemessen an den lautstarken Ank\u00fcndigungen eine einzige Entt\u00e4uschung, jedenfalls was das Essen angeht. Es gab eigentlich nur &#8220;Stullen&#8221;, abgesehen von Brot und \u00d6l, und drei verschiedene Weine. H\u00e4lt sich alles in Grenzen. Dann noch einen sehr guten Dessertwein zu passendem, trockenen Geb\u00e4ck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die italienische K\u00fcche, die im Ausland eher bekannt ist (die Pizza ausgenommen) ist die der Emilia Romagna, ausgerechnet eine Region, die eher weniger Emigranten stellte. Die toskanische K\u00fcche ist im Gegensatz zu der piemontesischen K\u00fcche weniger kunstvoll, baut eher auf guter Selektion und unverf\u00e4lschten einheimischen Produkten auf und den einheimischen Kr\u00e4utern (Thymian, Myrthe) und dem \u00d6l. Gew\u00fcrzt wird fast nur mit Salz und ein wenig Pfeffer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einer Hecke sehen wir auch Kapern, eines der Gew\u00e4chse, dessen man Fr\u00fcchte man besser kennt als die Pflanze. Sie hat eine sch\u00f6ne, der Passionsblume \u00e4hnliche Bl\u00fcte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>fattoria<\/em> befindet sich auf dem Gel\u00e4nde einer alten Villa mit Garten. Diese Villen des &#8220;r\u00f6mischen&#8221; Typus wurden von der fr\u00fchen Neuzeit an immer gleicher im Verh\u00e4ltnis von H\u00f6he, Breite und L\u00e4nge, bis sie, wie diese, einen fast regelm\u00e4\u00dfigen Kubus bildeten. Der Garten, zun\u00e4chst nur ein Anh\u00e4ngsel, wurde immer wichtiger. Er sollte schlie\u00dflich ein eigenes St\u00fcck Natur bilden, auch von weitem zu unterscheiden von der Natur der Umgebung. Dabei waren Farben zun\u00e4chst fast ausgeschlossen. Die Mauer war wei\u00df und die Pflanzen gr\u00fcn. Nichts sollte von der Kontemplation der einfachen Sch\u00f6nheit ablenken. Eine wichtige Funktion hatte der Brunnen, hier zentral vor der erh\u00f6ht liegenden Villa. Unwillk\u00fcrlich folgt man dem Pl\u00e4tschern des Brunnens, der somit Orientierung bietet und den Weg des Besuchers lenkt. Schlie\u00dflich wurde immer mehr Gewicht auf die Selbstversorgung gelegt. Die Villa sollte ein abgeschlossener Ort sein, der sich und seine Bewohner selbst versorgte, und am Ende sogar die f\u00fcr die Geb\u00e4ude n\u00f6tigen Stoffe selbst herstellte. Eine fast kloster\u00e4hnliche Konzeption, auch wenn das Leben auf diesen G\u00fctern alles andere als kl\u00f6sterlich war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Selbstversorgung geh\u00f6rte auch der Wein, der in Eiche, vor allem aber in Kastanienf\u00e4ssern reift. Die Kastanie, und nicht, wie es das Klischee will, die Zypresse, ist traditionell der typische Baum der Toskana. Auch die oft v\u00f6llig \u00fcberteuerten Antiquit\u00e4ten sind in der Regel aus Kastanie und meist M\u00f6bel, die die Leute bis vor kurzem weggeworfen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Essen in der &#8220;deutschen&#8221; Ecke gelandet und Zeuge einer interessanten inner\u00f6sterreichischen Diskussion \u00fcber die eigene Identit\u00e4t geworden, zwischen einem jungen Ignoranten und einem gebildeten \u00c4lteren, der, historisch richtig, aber ideologisch verd\u00e4chtig, das Deutsche an den \u00d6sterreichern herausstrich: Uns Ober\u00f6sterreicher verbindet mit Bayern mehr als die Bayern mit den Friesen oder Rheinl\u00e4ndern. Und uns trennt mehr von den alemannischen Vorarlbergern als diese von den Schweizern. Es gibt keinen Zweifel, dass \u00d6sterreich immer eine deutsche Macht war und dass Mozart sich als Deutscher sah (was nicht ausschloss, dass er sich als \u00d6sterreicher sah). Interessant die Reaktion des jungen \u00d6sterreichers, der sich in die Ecke gedr\u00e4ngt sah und Zuflucht nehmen musste zu verschwommenen Selbstbehauptungen. Alles sehr deprimierend.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal bricht der Versuch, immer beim Italienischen zu bleiben, v\u00f6llig in sich zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Rande erz\u00e4hlt Stefano, der Boss und &#8220;Reiseleiter&#8221;, von einem italienischen Journalisten (?) und dessen interessanter Theorie davon, woran man messen kann, ob jemand irgendwo heimisch geworden ist: Je mehr Dinge es gibt, denen ich ein &#8220;mein&#8221; voranstellte, umso heimischer bin ich geworden: meine Schule, mein B\u00e4cker, meine Stra\u00dfe usw.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem Abendspaziergang auf den ovalen Platz gesto\u00dfen, der auf dem Stadtplan so auff\u00e4llt, das ehemalige Amphitheater. Wusste gar nicht, dass ich den schon kannte. Obwohl er mitten in der Stadt liegt, liegt er irgendwie abseits.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man durch die Stra\u00dfen geht, st\u00f6\u00dft man hin und wieder auf einen bestialischen Gestank, einen Geruch nach Abwasser. Nach 20 Metern ist der Spuk vorbei, aber das geh\u00f6rt zu den Schattenseiten von Lucca.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich zwei unserer Amerikanerinnen, beide noch ganz vorzeigbar aussehend, sind mit uralten, kleinw\u00fcchsigen Italienern verheiratet, die einen unglaublichen Unsinn reden und schrecklich blasiert sind. Das scheint die Frauen zu faszinieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute im Unterricht geh\u00f6rt, dass es bis vor ca. zehn Jahren noch \u00fcberall in der Innenstadt und, wenn ich das richtig verstanden habe, sogar auf der Stadtmauer Autoverkehr gab. Jetzt gibt es klare und strikte Regeln f\u00fcr die Erhaltung des Stadtbilds, Vorschriften f\u00fcr die Fenster, die Fensterl\u00e4den und die Ver\u00e4nderungen, die man an den H\u00e4usern vornehmen kann. Der einzige gr\u00f6\u00dfere Eingriff ins Stadtbild ist die Piazza Napoleone, die w\u00e4hrend des Faschismus entstand. Warum habe ich das nicht selbst gemerkt? Jetzt ist es sonnenklar. Der Errichtung des Platzes und des riesigen Geb\u00e4udes an seiner Stirnseite, heute Sitz der Provinzialregierung (wohl eine Art Regierungspr\u00e4sidium), fielen eine Menge \u00e4lterer H\u00e4user zum Opfer. Die Bewertung aus heutiger Sicht ist (nat\u00fcrlich) negativ, aber ist das nicht ein Vorurteil?. Der Platz ist weder sch\u00f6n noch h\u00e4sslich, hat aber durchaus seine Wirkung und seine Funktion. Er ist nur vielleicht ein bisschen zu gro\u00df f\u00fcr die Innenstadt. In dem Zusammenhang ist auch vom &#8220;mittelalterlichen Charakter&#8221; Luccas die Rede. Ich w\u00fcrde wetten, dass kaum ein Bau, jedenfalls kaum ein Profanbau, wirklich mittelalterlich ist, und selbst wenn sie es alle w\u00e4ren, erg\u00e4be das nat\u00fcrlich noch keinen mittelalterlichen Charakter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute Mittag mit Charlie und den amerikanischen K\u00fcnstlern, Martha und Kos, die ein wunderbares \u00dcberbleibsel der Protestgeneration sind, ein kleines St\u00fcck Pizza in der Via Buio gegessen, der winzigen Pizzeria, die bei den Einheimischen so popul\u00e4r ist. Kos und Martha kennen sie schon.\u00a0 Man sitzt auf einer winzigen Bank drau\u00dfen oder drinnen. Was st\u00f6rte war, dass der Belag einfach auf die fertige Pizza aufgelegt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kos hat einen fast kahl geschorenen Eierkopf und tr\u00e4gt absurd gro\u00dfe Brillen, Martha sieht wie eine milde Version von Alice Schwarzer aus. Wenn sie sich in der Pause oder nach dem Unterricht begegnen, begr\u00fc\u00dfen sie sich, als h\u00e4tten sie sich seit Wochen nicht mehr gesehen. Wunderbar! Sie sind beide sehr aufgeschlossen sehr freundlich und finden alles, was man sagt,\u00a0 toll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kos sagt, er brauche jetzt &#8220;o un caff\u00e8 o un pisolino&#8221;, und ich glaube, dass <em>pisolino<\/em> ein spezieller toskanischer Nachtisch oder eine S\u00fc\u00dfigkeit ist. Es hei\u00dft aber einfach &#8216;Nickerchen&#8217;. Bekommt er aber nicht, wohl aber den Kaffee. In der N\u00e4he machen sich Arbeiter an einer Fassade zu schaffen, und die Amerikaner, die die Sache schon kennen, erkl\u00e4ren uns, welche Vorbereitungen im Gange sind: Die Monumente und viele der historischen H\u00e4user werden mit Kerzenhaltern ausger\u00fcstet f\u00fcr das gro\u00dfe religi\u00f6s-folkloristische Fest am n\u00e4chsten Montag, dem 13. September. Die Kerzenhalter befinden sich entweder in mehrarmigen Eisengestellen in der Form eines Kreuzes oder eines Sterns oder werden einzeln angebracht, z.B. an den Gittern, und zeichnen Konturen des Geb\u00e4udes nach, z.B. das Rechteck eines Fensters oder den Verlauf eines Bogens. Bei dem Fest wird das Volto Santo durch die Stra\u00dfen getragen. Mit bedeutungsvollem Gesicht sagt Kos: &#8220;La processione \u00e8 interessante. E noiosa &#8211; Die Prozession ist interessant. Und langweilig&#8221;. Ha detto bene &#8211; es gibt Dinge, die interessant und langweilig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Im Koreanischen gibt es kein \/f\/, eine ungew\u00f6hnliche phonologische L\u00fccke (oder so scheint es uns jedenfalls), die u.a. zur Folge hat, dass <em>Fanta<\/em> dort <em>Panta<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht mit Charlie und auf dessen Vorschlag in ein ziemlich vornehm aussehendes Lokal, Di Simo, gegangen, das mir vorher schon ein paar mal beim Vorbeigehen aufgefallen war, mit einer Portalzone aus ganz dunklem Holz, in das mit goldenen Lettern der Name des Lokals eingeschrieben ist. Im Schaufenster liegt ein Schild mit der Aufschrift &#8220;Ristorante&#8221;. Ist auch n\u00f6tig, denn von drau\u00dfen sieht es wie eine Konditorei aus. Innen hat es eine Atmosph\u00e4re wie ein Musikcaf\u00e9 der alten Zeit, und prompt f\u00e4ngt jemand an, Klavier zu spielen, als wir bestellt haben. Ansonsten ist es aber ein ganz normales Lokal, mit ganz normalen Preisen. Als ersten Gang Penne arrabiata gegessen, die wirklich ihren Namen verdienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach ein Eis gegessen, das kleinste von allen. War immer noch zu gro\u00df. Das Milcheis sieht sehr einladend aus, das Wassereis, das irgendwie nach Plastik aussieht, weniger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann Charlie in sein Cybercafe entlassen und nach San Michele gegangen, einer dunklen, hohen, trotz der vielen Ausstattungst\u00fccke irgendwie leer wirkenden Kirche mit grauen Mauern. Das Licht scheint nur durch eine winzige, absurd hohe Rosette mit Glasfenster im Chor zu kommen. Das t\u00e4uscht aber, irgendwo gibt es doch noch Fenster in den\u00a0\u00a0 Seitenschiffen. Sonst w\u00fcrde man vermutlich gar nichts sehen. Die ganze Innenausstattung, mit zwei Ausnahmen, sagt herzlich wenig: hier ein Madonnenbild, dort eine Madonnenstatue, hier ein Fresko, dort eine Orgel mit bemaltem Prospekt, und irgendwo ein Pfeiler, mit dem jemand nichts anzufangen wusste und hier untergebracht hat. Die beiden Ausnahmen sind das Kreuz \u00fcber dem Altar, ein ganz breites, bemaltes Holzkreuz, das ich f\u00fcr ganz modern hielt, das sich aber als fr\u00fchmittelalterlich herausstellt: Ein am Kreuz eher stehender als h\u00e4ngender Christus, ohne gekreuzte Beine, ohne Wunden, ohne Blut. An den Seitenfl\u00e4chen ist noch \u00fcberall Platz f\u00fcr Szenen in leuchtenden Farben, die man aber wegen des Lichts und der Entfernung nicht erkennen kann.\u00a0 Die andere Ausnahme: ein Tafelbild im Seitenschiff mit ganz wirklich aussehenden, etwas unvermittelt auf einem Weg herumstehenden Heiligen in bizarrer Zusammensetzung: Stephanus, Helena, Rochus, Hieronymus. Die Fassade, aus wei\u00dfem Marmor, ist sch\u00f6n, \u00e4hnelt der des Doms, hat aber noch ein Stockwerk mehr. Das verl\u00e4uft nicht mehr ganz gerade, sondern l\u00e4uft in der Mitte spitz zu, damit man wei\u00df, dass hier das Ende ist. Dar\u00fcber thront ein absurd gro\u00dfer Michael mit einem absurd gro\u00dfen Heiligenschein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach in das ganz in der N\u00e4he gelegene Geburtshaus Puccinis. Durch den dunklen, etwas unheimlichen Eingangsbereich arbeitet man sich an Zements\u00e4cken und einer Betonmischmaschine vorbei nach oben, ins zweite Stock, wo das bescheiden ausgestattete Museum untergebracht ist. Puccini hie\u00df mit Vornamen Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria, fast alles Namen von Ahnen, die selbst Musiker gewesen waren, angefangen beim Ururgro\u00dfvater. In einer Vitrine einige Briefe von ihm in einer schrecklichen Klaue auf gestempeltem, kleinformatigem, gelben Briefpapier mit Namensstempel. In einem anderen Raum die Zeitung mit der Todesnachricht, noch ganz im Stile des 19. Jh. mit einem ausf\u00fchrlichen Text mit kleinem Zeilenabstand und ohne Bilder, der die ganze Titelseite einnimmt. In einem weiteren Raum zwei fr\u00fche Plattenspieler, einen von der Art mit dem gro\u00dfen Horn, wie man sie kennt, der andere ganz anders, wie ein fr\u00fcher Computer aussehend, ein schweres, hohes, auf dem Boden stehendes, graues Eisengestell. Was die Pr\u00e4senz der Plattenspieler rechtfertigt, ist nicht ersichtlich. An anderer Stelle Photos von Puccinis H\u00e4usern, mehr als ein halbes Dutzend, alle in verschiedenen Orten, u.a. Ortobello, Viareggio und Mailand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz vor dem Haus eine Bronzestatue Puccinis, rauchend in einem Sessel sitzend, mit einem nicht sehr einladenden Gesichtsausdruck, mit einer Mischung aus Stolz und Nachdenklichkeit. Drum herum das Hotel Puccini, das Caff\u00e9 Puccini, das Ristorante Puccini und die Gelateria Turandot. Nur das Cinema Centrale verweigert seine Mitarbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gleich zum Bahnhof und die Fahrkarten f\u00fcr die f\u00fcr Sonntag geplante Fahrt nach Volterra gel\u00f6st. Angesichts einer langen Schlange ein bisschen an dem Fahrkartenautomaten herumgespielt, der angeblich nicht funktionierte, und irgendwann die magische Taste &#8220;cancellare&#8221; gedr\u00fcckt. Danach ging alles glatt, in kleinen, unmissverst\u00e4ndlichen Einzelschritten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum habe ich eigentlich eine Jacke, eine Regenjacke und zwei Pullover mitgebracht? Bisher kaum ein richtiges Hemd angehabt, fast nur Freizeithosen und T-Shirts. Die heute in eine Reinigung gebracht, nicht ohne vorher hinzugehen und ein ausf\u00fchrliches &#8220;Vorgespr\u00e4ch&#8221; \u00fcber Preise zu f\u00fchren. H\u00e4tte ich mich vor einer Woche noch nicht getraut &#8211; und mir auch nicht zugetraut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist es immer, wenn die Italiener, um sicherstellen, was gemeint ist, etwas wiederholen, was man gesagt hat, und einen dabei ungewollt korrigieren, z.B. eine junge Frau in der Touristeninformation, die wir nach Barga gefragt hatten, einen Ort in der Umgebung. Sie sagt Barga emphatisch und mit langgezogenem und offenen \/a\/, und es klingt wie ein anderes Wort. Nicht anders <em>caff\u00e8 latte<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Eine Salbe f\u00fcr die inzwischen wund gelaufenen F\u00fc\u00dfe gekauft. Au\u00dferdem einen richtigen Wochenendeinkauf gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Komisch: Eins der italienischsten aller W\u00f6rter, ein Wort, das ich schon kannte, lange bevor ich anfing, Italienisch zu lernen, benutze ich nie, und das, obwohl es kurz, einfach und n\u00fctzlich ist: <em>Basta<\/em>. Erst wenn die Italiener selbst es sagen, z.B. am Ende eines Einkaufs oder einer Bestellung, merke ich, dass ich es h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute zum ersten Mal einen Supermarkt gesehen, versch\u00e4mt in der Ecke eines Platzes versteckt. Alles andere bekommt man in den unz\u00e4hligen kleinen L\u00e4den. Vor allem wimmelt es vor Lebensmittell\u00e4den, die immer auch fertige Gerichte anbieten, z.B. Lasagne, von denen man sich einen Teil abschneiden lassen kann, ganz nach Bedarf. Von allem ist immer wenig da, es geht nach dem Prinzip &#8220;solange der Vorrat reicht&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um \u00fcberhaupt etwas zu machen, in die Leonardo-Ausstellung gegangen, die aber keine sonderlichen Erkenntnisse gebracht hat: Was ich verstanden habe, war nicht neu, und was neu war, habe ich nicht verstanden. Wie vielf\u00e4ltig und zukunftsweisend Leonardos Arbeiten sind, wird hier an einigen Apparaten aber besonders deutlich. Am meisten hat mir das Fahrrad gefallen, das das Prinzip des modernen Fahrrads vollends vorwegnimmt: zwei gleiche R\u00e4der, Kette, Sattel, Pedale auf beiden Seiten, Speichen usw. Allerdings sind die Details in der Zeichnung nicht gut zu erkennen, so dass der Nachbau vielleicht einen etwas zu &#8220;guten&#8221; Eindruck vermittelt. Die Zeichnung ist von Leonardos Sch\u00fcler unterzeichnet, und man wei\u00df nicht genau, was wem zuzuschreiben ist. Auch sch\u00f6n ein ebenso moderner Fallschirm. Bei den anderen Sachen wie dem Kugellager w\u00e4re ich lieber in Begleitung von jemand gewesen, der mehr davon versteht. Erstaunlich auch die Menge von Kriegsger\u00e4ten, die er entwarf und mit oft einfachen Ver\u00e4nderungen verbesserte, z.B. ein Katapult oder eine bewegliche Br\u00fccke. Am auff\u00e4lligsten ein achteckiger Kasten, in dem an allen Seiten Spiegel angebracht sind, um ein Objekt von allen Seiten sehen zu k\u00f6nnen, was sonst nie m\u00f6glich ist, eine Erkenntnis, die sp\u00e4ter im Kubismus produktiv Verwendung fand. Leonardo der Vielseitige entwarf die Kost\u00fcme f\u00fcr die Hochzeit von Ludovico il Moro, malte Portraits von Isabella d&#8217;Este und ihrem Ehemann, entwarf die Grabdenkm\u00e4ler von Sixtus IV und Innozent VIII, f\u00fchrte geologische Studien der T\u00e4ler der Lombardei durch, nahm als milit\u00e4rischer Berater an den Feldz\u00fcgen Cesare Borgias teil, entwarf den K\u00f6nigspalast in Amboise (Antwerpen?), f\u00fchrte an der Universit\u00e4t Pavia anatomische Studien durch und legte die S\u00fcmpfe in der Umgebung von Rom trocken &#8211; als Normalsterblicher w\u00e4re man schon mit einem davon ganz zufrieden. Und er hat nat\u00fcrlich die Mona Lisa gemalt. Monna Lisa war die Frau von Francesco Giocondo, laut Vasari das Modell f\u00fcr das Bild, das in Italien nur unter dem Namen <em>La Gioconda<\/em> bekannt ist. Ein Zeitgenosse sagt aber, die Dargestellte sei eine Geliebte eines Medici, die wahrscheinlichere Erkl\u00e4rung. Mir will das Bild einfach nichts sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frustrierender Besuch in einem Internetcaf\u00e9. Sobald ich an einem anderen Computer sitze, scheinen mir meine Kenntnisse nicht mehr zu nutzen. Das ist, als wenn man F\u00fchrerschein hat und nur eine Marke fahren kann. Noch frustrierender ist es, dass der Chef, als ich eine bl\u00f6de Frage stelle, auf Englisch antwortet. Ich verstehe die Sprache, ich verstehe den verdammten Computer nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend im Fernsehen erst Fritz Wepper, dann Ratzinger gesehen. Beide sprechen Italienisch, der eine synchronisiert, der andere selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute f\u00e4ngt die Fu\u00dfballsaison an. Im Fernsehen eine \u00dcbertragung gesehen, bei der nur die Reporter im Bild sind. Die \u00dcbertragungsrechte sind wahrscheinlich bei einem Privatsender. Hin und wieder wird ins Studio umgeschaltet, wo andere Experten sitzen und Kommentare machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Ausflug nach Volterra. Es geht fr\u00fch los, und ich habe Gl\u00fcck, in der Cafeteria am Bahnhof schon vor acht einen Kaffee zu bekommen. Auf dem Hinweg merke ich, wie nah der Bahnhof ist &#8211; man braucht nur geradeaus zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen in Pisa umsteigen, und dann in Cecina. Auf dem Weg dahin kommt pl\u00f6tzlich das Meer in Sicht &#8211; v\u00f6llig unerwartet, denn Volterra liegt landeinw\u00e4rts. Die Landschaft wird zwischenzeitlich ganz sch\u00f6n, mit dicht bewachsenen runden Bergen, aber bald danach wieder normal. Irgendwo taucht eine vermutlich verlassene Kirche auf, die von allen Seiten von hohen B\u00e4umen umstanden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Charlie schw\u00e4rmt von Jefferson, von seiner Vielseitigkeit und seiner Pers\u00f6nlichkeit. Er sei das amerikanische \u00c4quivalent zu einem Gelehrten der Renaissance in Europa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Organisation, f\u00fcr die Charlie arbeitet, vermittelt und unterst\u00fctzt Projekte zur Zusammenarbeit zwischen Universit\u00e4ten, z.B. die zwischen einer Universit\u00e4t in Montana und einer in Mali (seinem n\u00e4chsten Reiseziel) zum Thema Landwirtschaft. Es kommen Hunderte von Bewerbungen f\u00fcr die Aufnahme in ein solches Projekt. Er selbst hat \u00fcber 30 Projekte zu betreuen. Sicher schwer, den \u00dcberblick zu behalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kommunikation auf Italienisch klappt ganz gut zwischen uns, obwohl wir beide dieselben W\u00f6rter kennen und dieselben W\u00f6rter nicht kennen. Schwieriger ist es mit dem Englischen: Er versteht mein (angeblich komisches) Englisch nicht, ich verstehe sein (wirklich komisches) Englisch nicht. Er kann meins aber gut nachmachen, genauso wie das der Italiener. Er h\u00f6rt auch italienischen Rap, findet aber dabei die Vokale, mit denen alle W\u00f6rter enden, st\u00f6rend. Der Rap muss kurz und abgeschnitten klingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich schon auf dem Weg zu Gleis 2 bin, macht Charlie, den ich kurz vorher darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich ein Experte f\u00fcr Irrfahrten bin, mich darauf aufmerksam, dass 2 nicht Gleis hei\u00dft, sondern Klasse. Ein Gleis gibt es gar nicht, denn es handelt sich gar nicht um einen Zug, sondern um einen Bus. Davon war in der Touristeninformation nicht die Rede. Gl\u00fccklicherweise ist die Haltestelle gleich vor dem Bahnhof, In diesem gottverlassenen Kaff ist um diese Zeit nichts los. In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, zu bemerken, dass Charlie \u00fcber alle Zeiten genau Bescheid wei\u00df. Wie kann das sein? Ich habe doch den Ausdruck mitgenommen! Es stellt sich heraus, dass er dieser Tage in dem Restaurant, als ich kurz raus war, heimlich, still und leise alles akribisch abgeschrieben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bus kommt, und von jetzt an geht nur noch bergauf, in weiten Serpentinen. Dann kommen wir an einen stillgelegten Bahnhof. Der Bus h\u00e4lt, der Fahrer stellt den Motor aus und steigt aus. Endstation. Alle steigen aus. Das muss wohl Volterra sein.\u00a0 Ja,\u00a0 denkste, wir m\u00fcssen umsteigen, in einen anderen Bus. Es geht weiter bergauf, jetzt in enger werdenden Serpentinen, und die Landschaft wird karger. Es geht auf insgesamt 500 Meter. Der Bus h\u00e4lt, wir sind schon eine gute Viertel Stunde \u00fcber der Zeit. Das muss Volterra sein. Wir wollen aussteigen, aber es geht noch weiter. Dann kommt das Orteingangsschild Volterra, und nach einer ganzen Weile h\u00e4lt der Bus wieder. Wir stehen auf &#8211; und setzen uns wieder. Wir sind immer noch nicht da. Schlie\u00dflich geht die Fahrt auf den Vorplatz einer Stadt, die sich gleich von einer sch\u00f6nen Seite zeigt &#8211; alte sandsteinfarbene H\u00e4user an allen Seiten &#8211; und wo pl\u00f6tzlich Touristen auftauchen. Beim Aussteigen fragen wir den Busfahrer vorsichtshalber, ob die Abfahrt an derselben Stelle ist, und er teilt uns mit, der Bus, den wir nehmen wollten, fahre heute \u00fcberhaupt nicht. Wir haben einen Fahrplan f\u00fcr werktags. Der einzige Bus heute f\u00e4hrt erst nach sechs, und ob wir dann noch Verbindungen nach Lucca bekommen, wei\u00df er nicht. Wir lassen alle Sch\u00f6nheiten beiseite liegen und steuern die Touristeninformation an. Ob sie nicht herausfinden k\u00f6nnen, ob wir am Abend In Cecina noch eine Verbindung bekommen. Nein. Ob sie nicht in Cecina anrufen k\u00f6nne, um das zu erfragen. Dort am Bahnhof sei niemand. Wir sollten es mal in einer andern Informationszentrale versuchen. Die sei ganz in der N\u00e4he und f\u00fcr so etwas zust\u00e4ndig. Wir folgen ihren Anweisungen, finden aber nichts. Wir gehen und zur\u00fcck, und fragen schlie\u00dflich irgendwo, wo man uns wieder in die Richtung von vorher schickt. Da finden wir aber nichts und gehen wieder zur ersten Touristeninformation . Diesmal lassen wir uns den Namen der Stra\u00dfe geben. Aber da ist nichts. Wieder landen wir bei den Leuten von vorher. Die wollen uns in die Touristeninfo schicken, was wir aber nicht wollen. Schlie\u00dflich verstehen sie, was wir meinen, und begleiten uns, angesichts unseres gequ\u00e4lten Gesichtsausdrucks, gleich dorthin. Die Zentrale ist geschlossen. Was tun? Der Mann, der uns begleitet hat, schl\u00e4gt ein Internetcafe vor, gleich um die Ecke. Charlie sucht nach Abfahrtszeiten, und ich dr\u00e4nge dem M\u00e4dchen an der Theke ein Gespr\u00e4ch auf: Was denn wohl ein Taxi nach Cecina koste? Keine Ahnung, bestimmt teuer. Wo denn ein Taxistand sei? Gebe es nicht. Sie ruft ihre Mutter zu Hilfe, und die beiden bl\u00e4ttern in einem privaten Telephonbuch, ohne Erfolg. Inzwischen hat Charlie herausgefunden, dass wir heute Abend in\u00a0 Cecina, wenn wir den einzigen Bus von Volterra nehmen, keine Verbindung mehr bekommen. Die Frauen greifen zum offiziellen Telephonbuch und werden f\u00fcndig. Sie bestreiten sogar die Telephongespr\u00e4che selbst und finden nach einigen Umwegen heraus, dass das Taxi nach Cecina 40 Euro kostet. Immer noch besser als eine \u00dcbernachtung. Inzwischen hat Charlie auch neue Zeiten f\u00fcr die Z\u00fcge, die auch alle falsch waren, und wie bestellen erleichtert ein Taxi f\u00fcr halb f\u00fcnf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wegen der knappen Zeit w\u00fcrde ich mich mit einem <em>panino<\/em> begn\u00fcgen, aber Charlie, ganz fern\u00f6stliche Gelassenheit, schl\u00e4gt ein richtiges Essen vor. Wir suchen sogar das im Reisef\u00fchrer vorgeschlagene Lokal, der Osteria dei Poeti, und lassen uns Zeit f\u00fcr zwei G\u00e4nge.\u00a0 Als wir kommen, sind wir die einzigen, als wir gehen, ist das Lokal rappelvoll. Trotzdem m\u00fcssen wir bezahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Charlies Vater war selbst Linguistik-Professor und unterrichtete neben Koreanisch und Chinesisch auch die finnisch-ugrischen Sprachen. Dennoch ist das Spracheninteresse keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Die beiden Geschwister interessieren sich nicht weiter daf\u00fcr. Der Bruder hat sogar das koreanische Erbe mehr oder weniger aus seinem Leben verbannt und spricht mit den anderen Familienangeh\u00f6rigen Englisch. Charlie hat auch eine \u00e4hnliche Phase durchlebt, sich aber davon emanzipiert. Er ist jetzt beides, Amerikaner und Koreaner, auch wenn das nicht immer kompatibel ist. Mit\u00a0 seiner Freundin spricht eher meistens Koreanisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht die Besichtigung los. Zuerst zum r\u00f6mischen Theater, auf das man von einem Weg nahe der Stadtmauer hinuntersehen kann. Die R\u00e4nge, die Eing\u00e4nge, die Szene sind klar zu erkennen, und es steht sogar noch ein Teil der Dekoration, ein paar S\u00e4ulen und sogar ein Querbalken. Man sieht aber, dass es ganz nach dem r\u00f6mischen Standardmuster gemacht ist, mit den vertikal aufgeteilten R\u00e4ngen, ganz wie in\u00a0 den modernen Fu\u00dfballstadien, und gegen einen Beg als nat\u00fcrlich R\u00fcckwand gebaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz dahinter ein etruskisches Stadttor, von den R\u00f6mern in der W\u00f6lbung ein bisschen geflickt. Der Unterschied ist ganz deutlich zu sehen. Der etruskische Teil hat riesige gelbe Quader, noch gr\u00f6\u00dfer als die der Porta. An der Feldseite drei gro\u00dfe, von der Zeit abgerundete und schwarz gewordene K\u00f6pfe, die ziemlich bedrohlich aussehen. Obwohl das Zentrum ziemlich voll war, hat sich hierher kaum jemand verirrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann folgen wir spontan einem Pfeil zu einem etruskischen Park, ohne genau zu wissen, was das sein k\u00f6nnte. In der Ferne sehen wir ein riesiges Monument, dem wir uns aufgepflegten Parkwegen langsam n\u00e4hern. Es wirkt wie eine riesige mittelalterliche Festung, aber ein bisschen zu modern, um mittelalterlich zu sein, mit einer langsam schr\u00e4g nach oben ansteigenden Mauer und einen sch\u00f6nen, gro\u00dfen, runden Turm mit Zinnen. Wir kommen durch ein Tor und gehen jetzt an der Stadtseite des Monuments entlang, wissen aber immer noch nicht, was es ist, und haben auch im Reisef\u00fchrer nicht davon gelesen. Erst als wir wieder an den Rand der Innenstadt kommen, geht uns ein Licht auf: Ein gro\u00dfes dreisprachiges Schild erkl\u00e4rt die Funktion des Geb\u00e4udes: Landesjustizanstalt. Wir haben den Knast f\u00fcr ein Monument gehalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir wieder ins Zentrum, zur <em>Piazza dei Priori<\/em>. Jetzt erst k\u00f6nnen wir die Sch\u00f6nheit des Platzes richtig wahrnehmen, ein absolut perfekt erhaltener Platz mit einer Reihe von gut zusammen passenden, hohen Geb\u00e4uden nach der Art des Palazzo della Signoria in Florenz. Die Funktion der Geb\u00e4ude, fr\u00fcher oder jetzt, ist nicht ersichtlich. Kirchliche Bauten sind es jedenfalls nicht. Wir machen beide dieselbe Erfahrung, dass man, wenn man nach oben sieht, um den weit herausragenden Turm des zentralen Geb\u00e4udes zu sehen, schwindlig wird. Die dichten Wolken dar\u00fcber ziehen mit gro\u00dfer Geschwindigkeit vorbei, und es scheint, als ob der Turm sich mit ihnen in Bewegung setze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Dom finden wir erst nach einiger Suche, versteckt hinter der R\u00fcckseite des zentralen Platzes. Die sakralen Bauten m\u00fcssen sich hier wirklich hinter den profanen verstecken. Das sieht alles eher bescheiden aus. Gegen\u00fcber vom Dom das achteckige Baptisterium, darin ein achteckiges Taufbecken im Zentrum und ein achteckiges Taufbecken in einer Ecke, und das ist das wahre Prachtst\u00fcck. Es ist aus Alabaster (?) und hat Reliefs an allen Seiten, die man aber nicht alle sehen kann, darunter eine Szene mit der Taufe Jesu, nur die beiden M\u00e4nner nebeneinander, mit einem ganz genau gearbeiteten Fell des Johannes, und einem Jesus, der sich fast unterw\u00fcrfig beugt. Daneben eine nicht zu identifizierende Heilige, die aber eher wie die Teilnehmerin eines Sch\u00f6nheitswettbewerbs aussieht, mit einem ganz fein gearbeiteten K\u00f6rper, \u00fcberlangen Zehen mit genau gearbeiteten Zehenn\u00e4geln und einem Dutt auf dem Kopf, bei dem man jedes Haar zu sehen glaubt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Portal, ganz im Zentrum, eine ganz ungew\u00f6hnliche horizontale Reihe ganz kleiner K\u00f6pfe, von denen einer wie Adenauer, ein anderer wie Strau\u00df (mit Hut) aussieht. Was das Ganze soll, ist v\u00f6llig r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom gegen\u00fcber, dreischiffig, nicht sehr hoch, nicht sehr breit, hat eine sch\u00f6ne, aber mit zu viel Gold gefasste und zu grell bemalte Kassettendecke. Im Chor ein winziges Rundfenster, das oben an die Decke st\u00f6\u00dft und dadurch ganz deplaziert aussieht. Da das Fenster wohl zu wenig Licht hineinlie\u00df, hat man im Westen auch ein Rundfenster eingebaut, und dabei denselben Fehler wiederholt, diesmal aber noch st\u00e4rker, so dass sogar ein St\u00fcck der Kassettendecke entfernt werden musste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Mittelschiff eine Kanzel mit einem ganz ungew\u00f6hnlichen Abendmahl. Zehn J\u00fcnger in Reih und Glied, alle mit langen, ernsten Gesichtern, die in die Ferne sehen, als w\u00e4ren sie an der Szene oder an einander nicht interessiert. Am linken Ende Jesus mit dem Kopf des Johannes auf seinem Arm, und zu seinen F\u00fcssen liegend Judas, der regelrecht vor ihm kriecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann wieder durch die Stra\u00dfen. Charlie sucht verzweifelt, aber nicht sehr geduldig und nicht sehr erfolgreich, nach Mitbringseln, die einzige Qual, die das Reisen f\u00fcr ihn bedeutet. Volterra ist vor allem f\u00fcr Alabaster bekannt, aber es gibt auch die typischen toskanischen Spezialit\u00e4ten und den typischen Touristenkitsch. Am Ende kommen nur ein paar Ansichtskarten dabei heraus. Irgendwo sehen wir auf ein Gesch\u00e4ft, das <em>Il Poggio<\/em> hei\u00dft. Das Wort kommt uns beiden bekannt vor, wir k\u00f6nnen uns aber nicht erinnern. Wir tippen auf &#8216;Brunnen&#8217;, und liegen beide falsch. Es hei\u00dft &#8216;H\u00fcgel&#8217;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem Moment f\u00e4ngt es an zu regnen. Nat\u00fcrlich hat Charlie sofort einen Schirm in der Hand, nat\u00fcrlich ist mein Schirm zu Hause &#8211; In Trier. Wir stellen uns einen Moment unter, aber da es nicht besser wird, kaufe ich kurzerhand eine Schirm f\u00fcr 5 Euro. Wir kommen noch an einem Museum mit einer ber\u00fchmten Kreuzabnahme vorbei, aber f\u00fcr einen richtigen Museumsbesuch bleibt keine Zeit, also fl\u00fcchten wir wieder ins <em>Web and Wine<\/em> von heute morgen, auf eine Kaffee. Diesmal bemerken wir, dass es einen Fu\u00dfboden aus Glas hat, unter dem antike Mauerreste liegen &#8211; es verbindet also aufs beste Alt und Neu. Als wir das Cafe verlassen, hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen. Ich habe den Schirm ungef\u00e4hr f\u00fcnf Minuten gebraucht, ein Euro pro Minute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dem Platz, auf dem wir auf das Taxi warten, hat man einen guten Ausblick auf die weite Ebenen, die Berge im Hintergrund und das Panorama der Stadt. Das alles ist sch\u00f6n, aber nicht spektakul\u00e4r sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Taxifahrerin fragt Charlie, kaum dass wir eingestiegen sind: &#8220;Sind Sie Chinese oder Japaner?&#8221;. Sie bekommt eine dritte Chance und versucht es mit Thail\u00e4nder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Taxifahrerin spricht mit absurd offenen Vokalen. Sie habe gestern eine Fahrt nach <em>Fir\u00e4hnse<\/em> gehabt. Das klingt, als wolle sie einen Italiener parodieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt im Zug versucht Charlie vergeblich, mir den Unterschied zwischen seinem (koreanischen) Namen, Koo Cha-Kuang, und dem seines Bruders beizubringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir in Pisa zum letzten Mal umsteigen und das Abteil betreten, stehen wir pl\u00f6tzlich vor den Amerikanern! Sie kommen gerade mit einem Bekannten aus Rom zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend habe ich keine Lust, rauszugehen und begn\u00fcge mich mit Obst und Keksen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht fragt jemand, warum <em>paese<\/em> in einem Text gro\u00df geschrieben ist. Gute Frage. Man benutzt es, um die beiden Bedeutungen von <em>paese<\/em> voneinander zu unterschieden, Gro\u00dfschreibung f\u00fcr &#8216;Land&#8217;, Kleinschreibung f\u00fcr &#8216;Ort&#8217;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier sagen die Lehrer nicht st\u00e4ndig <em>Bravo! <\/em>Schade. Hat mir in Bologna immer sehr gefallen, besonders, wenn es einer Frau galt. Dann hie\u00df es immer <em>Brava!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lehrerin erz\u00e4hlt, dass man versucht hat, das Radfahren in der Via Fillungo zu verbieten. Das werde aber nicht respektiert. Wirklich nicht? Jetzt, wo sie es sagt, merke ich, dass da wirklich viel weniger Radfahrer sind als in den anderen Stra\u00dfen. Die deutsche Nervens\u00e4ge beschwert sich \u00fcber die Radfahrer, die Belgier sagen, sie seien sehr r\u00fccksichtsvoll, jedenfalls im Vergleich zu Amsterdam, wo es ziemlich aggressiv zugehe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Leute haben wirklich unglaubliche Erfahrungen: Die Belgierin hat mit ihrem Freund halb Amerika mit dem Motorrad durchfahren, um vor unbekannten Trauzeugen in Arizona zu heiraten, der franz\u00f6sische Professor ist als Student durch Indien getrampt, die deutsche Juristin ist durch Andalusien geritten, der belgische Student, Bert, gerade 18 Jahre, hat schon ein Jahr in S\u00fcdafrika mit lebensgef\u00e4hrlichen Situationen hinter sich, Martha hat eine lokale Kontroverse ausgel\u00f6st, als sie den Auftrag bekam, eine Mauer in der Stadt k\u00fcnstlerisch zu gestalten, und Charlie ist mit sieben Jahren ohne ein Wort Englisch zu seinen Eltern nach Amerika \u00fcbergesiedelt, die er vier Jahre lang nicht mehr gesehen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehe ich ein einfaches Lokal, das, was man in Spanien <em>casa de comida <\/em>nennen w\u00fcrde. Hier geht es einfach und rustikal zu, ohne \u00fcberfl\u00fcssige Worte. Das Eis zum Nachtisch wird in einem Plastikbecher serviert, so wie man es im Supermarkt gekauft hat, und wird, wie alle Speisen, eher auf den Tisch geschleudert als gestellt. Es gibt ein Menu f\u00fcr 10 Euro, aber &#8220;solo per operai &#8211; nur f\u00fcr Arbeiter&#8221;. Ob ich als Geistesarbeiter wohl dazuz\u00e4hle? Zur Sicherheit nehme ich das <em>menu touristico<\/em> f\u00fcr 11 Euro.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kreuzwortr\u00e4tsel gefunden: &#8220;Im Lob ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel&#8221; (Nietzsche).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist das gro\u00dfe Fest von Lucca, aber den ganzen Tag \u00fcber merkt man nichts davon. In der Schule f\u00e4llt kein Wort dar\u00fcber, und die Gesch\u00e4fte haben auch normale \u00d6ffnungszeiten, d.h. die Gesch\u00e4fte, die geschlossen sind, sind nicht wegen des Fests geschlossen, sondern weil einfach einige Gesch\u00e4fte montags, vormittags oder nachmittags, geschlossen bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich kurz nach sechs wieder in die Stadt gehe, sind schon viele Kerzen angez\u00fcndet, am hellen Tag. Das ist nur auf den ersten Blick \u00fcberraschend. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen die Kerzen nicht auf Knopfdruck angez\u00fcndet werden. \u00dcberall stehen Leute, teils Privatleute, meist aber st\u00e4dtische Angestellte, mit einem langen Docht ausger\u00fcstet, auf Balkonen und Leiterwagen und z\u00fcnden die Kerzen an, eine nach der anderen. Bei San Michele steht sogar einer auf einer der Galerien der Fassade und ein anderer ganz oben neben Michael. Vor der Kirche ist ein Markt, auf dem es unglaublichen Ramsch gibt. Da ist man erstaunt, was man alles nicht braucht. Vor dem Markt werden an einem Stand in \u00d6l gebackene Hefekringel verkauft, als Spezialit\u00e4t von Lucca: &#8220;Der unvergessliche Geschmack Luccas&#8221;. In wie vielen Orten in Europa werden die wohl als regionale Spezialit\u00e4t verkauft?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Haupteinkaufsstra\u00dfe eine hochschwangere Frau mit einem kugelrunden Bauch in einer Bluse, die den Bauchnabel frei l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder in die Stadt gehe, ist es dunkel, und die Kerzen kommen zur Geltung, aber doch nicht ganz so, wie man es sich vorgestellt hat: Sie stehen in Konkurrenz zu Neonbeleuchtung und Stra\u00dfenlaternen und sind so gut gesch\u00fctzt, dass ihr Flickern kaum zu merken ist, jedenfalls nicht aus der Entfernung. Fast sehen sie wie Gl\u00fchbirnen aus. In einigen kleineren Ecken brennen auch Peckfackeln an den Fassaden &#8211; das hat was.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei uns ist die Prozession schon im Gange, aber es ist so voll, dass man nichts sehen kann, also gehe ich weiter, aufs Geratewohl, und komme zur Piazza Napoleone und erwische da genau den Anfang der Prozession &#8211; eine Polizeieskorte. Dann kommen mehrere Gruppen von Blutspendern. Ob das was mit dem Thema der Prozession zu tun hat oder einfach eine Frage der Anordnung ist, wei\u00df ich nicht. Die meisten tragen nur ein Schild voran und gehen schweigend und in Alltagskleidung vorbei. Dann kommen ein paar Ch\u00f6re, dann Pfarreien, unendlich viele. Bei einigen wird gebetet, bei anderen gesungen, und zwar gr\u00e4sslich schlecht. Ein junger Pfarrer betet mit missionarischem Eifer vor, so als w\u00e4ren es politische Slogans, die er da vortr\u00e4gt. Sind es ja auch, in gewisser Weise. Ein anderer, mit der Hand am Kinn, blickt tiefsinnig, aber so, dass alle sehen, wie tiefsinnig er blickt. Die meisten Teilnehmer spulen das Programm ziemlich routiniert runter, ohne gro\u00dfen Enthusiasmus, ohne besondere Anteilnahme. Die an hohen Stangen mitgef\u00fchrten Insignien &#8211; Kruzifixe, Gnadenbilder, Leuchten &#8211; werden allm\u00e4hlich immer aufwendiger und immer h\u00f6her. Einige der Tr\u00e4ger bekommen Applaus, wegen des gro\u00dfen Gewichts, das sie balancieren. Dann kommen Bisch\u00f6fe, gleich im Dutzend, und die bekommen richigten Applaus. Wof\u00fcr, ist nicht ersichtlich. Langsam wird man des Stehens m\u00fcde. Dann kommt die Organisation &#8220;Lucchesi nel Mondo&#8221;, mit immer gleichem Banner, das die verschiedenen Orte angibt, Sao Paolo, Bangkok, Adelaide &#8211; alles vertreten. Ab jetzt wird es pl\u00f6tzlich bunter und folkloristischer. Es kommen Fahnenschwinger, dann H\u00f6flinge, wie einem F\u00fcrstenhof der Renaissance entlaufen, dann Soldaten mit Hellebarden und Armbr\u00fcsten, dann auch mittelalterlich aussehende Krieger mit Kettenhemden. Inzwischen kehren die ersten Prozessionsteilnehmer auch schon zur\u00fcck und reihen sich als Zuschauer ein. Die Sache scheint dem Ende entgegen zu gehen. Ich habe alles gesehen au\u00dfer &#8211; dem Santo Volto, dem Protagonisten. Keine Ahnung, wo sie das versteckt haben. Ich mache mich auf den R\u00fcckweg, und tats\u00e4chlich sind die Stra\u00dfen abseits der Prozession schon rappelvoll. Jetzt beginnt nicht etwa das versch\u00e4rfte Trinken, sondern der Ansturm auf die S\u00fc\u00dfigkeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck, wie immer im Stehen, in der Cafeteria am Markt mit einer Holl\u00e4nderin gesprochen. Das muss die sein, von der Charlie geschw\u00e4rmt hat (was ich ihr aber nicht verraten habe). Sie macht noch eine Woche und geht dann f\u00fcr zwei Wochen nach Bologna.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zweite Lehrerin, Paola, kommt bei den anderen sehr gut an. Ich finde eher, dass sie dasselbe macht wie Romano, muss aber zugeben, dass sie besser aussieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute morgen in der Pause in der Cafeteria ein Reisteilchen probiert. Gestern fehlte mir erst der Glaube, dann der Mut: Teilchen aus Reis? Zum Kaffee? Ja, ja, richtig verstanden. Beim Essen erwarte ich die ganze Zeit, auf Reisk\u00f6rner zu bei\u00dfen, aber es kommt nichts. Das Teilchen hat eine Vanillef\u00fcllung und schmeckt ganz normal. Wo ist der Reis?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Charlie ist mit meiner Aussprache seines richtigen Namens weiterhin unzufrieden. Bert, der junge Belgier, k\u00f6nne es besser. Glaube ich sogar. Der Junge, im Unterricht immer sehr zur\u00fcckhaltend, ist unglaublich hell, hat eine schnelle Auffassungsgabe,\u00a0 versteht jede Anspielung, macht alles mit einer gewissen Leichtigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht kurz ins Zimmer, und als ich gerade \u00fcberlege, wohin ich gehen soll, verdunkelt es sich pl\u00f6tzlich und f\u00e4ngt an zu regnen. Den ganzen Nachmittag hellt es nicht mehr auf. Eine Regenpause zum Besuch des Palazzo Pfanner genutzt, ganz in der N\u00e4he. Pfanner war ein Bierbrauer, der vom Herzog der Toskana gerufen wurde, um die erste Brauerei in der Toskana zu gr\u00fcnden. Einer Brosch\u00fcre zufolge war er \u00d6sterreicher, einer anderen zufolge kam er aus &#8220;Konstanz in der Schweiz&#8221;. Da kann sich jeder aussuchen, was er will. Wichtiger als der Vater war der Sohn, der sp\u00e4ter B\u00fcrgermeister von Lucca wurde und u.a. ein Abwassersystem einf\u00fchrte und einen Aqu\u00e4dukt bauen lie\u00df. Er war Mediziner und machte sich im 1. Weltkrieg besonders um die zur\u00fcckgekehrten Verletzten verdient, als er im Erdgeschoss des <em>palazzo<\/em> eine provisorische Versorgungsstation einrichtete. Er behandelte alle, von Puccini angefangen, dessen Leibarzt er war, bis zu den \u00c4rmsten, bei denen er h\u00e4ufig das Geld f\u00fcr die Medizin heimlich unter das Kopfkissen schob.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Palazzo hat vor allem einen sch\u00f6nen Garten, bei dem man \u00fcber einen Kieselweg durch ein Spalier von heruntergekommenen Statuen und riesigen Blumenk\u00fcbeln zu dem zentralen Brunnen mit einer hohen Font\u00e4ne kommt, die vom Wind bewegt wird. In den Blumenk\u00fcbeln aus Ton Zitronenb\u00e4ume. Der Garten ist ganz regelm\u00e4\u00dfig angelegt, wirkt aber nicht streng wie ein franz\u00f6sischer Garten des Klassizismus, sondern fast eher wie ein verwunschener Garten. Am besten sieht er von oben aus, d.h. wenn man die breite Steintreppe ins Hauptgeschoss hochgestiegen ist. Von dort sieht man durch die S\u00e4ulen den Garten und die direkt daran ansto\u00dfende Stadtmauer. Der gro\u00dfe Empfangsraum, in den man direkt vom Balkon aus kommt, hat ein Deckengem\u00e4lde, das illusionistisch einen Balkon darstellt, fast eine Wiederholung dessen, was man unmittelbar vorher &#8220;in Wirklichkeit&#8221; gesehen hat. Ansonsten hat man innen die R\u00e4ume und Ausstattung, die man erwartet. Nichts Besonderes, aber es hat alles einen gewissen dekadenten Charme. Irgendwo steht kommentarlos ein gro\u00dfer, h\u00f6lzerner, farbig gefasster Michael (XVI) herum, in der gleichen Haltung wie der auf der Kirche, mit ausgebreiteten Armen. Es hat ein sehr weibliches Gesicht und langes, in den Nacken fallendes blondes Haar. Als ich wieder auf dem Balkon stehe, sehe ich im Garten einen Besucher mit T-Shirt mit Ferrari-Symbol. Will nicht so ganz passen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg eine Schweizer Studentin getroffen, die sich, zu recht, \u00fcber ihre zu niedrige Einstufung beklagt. Als sie ihr Anliegen vorgetragen hat, wurde sie abgewimmelt. Ungeschickte Strategie seitens der Leitung. Sie ist froh, au\u00dferhalb des Unterrichts ein bisschen Italienisch sprechen zu k\u00f6nnen und erz\u00e4hlt mir, dass sie zu Hause Elektroleitungen f\u00fcr Eisenbahntunnel zeichnet. Ihr Chef und viele der Arbeiter sind Italiener. Sie bleibt sieben Wochen in Lucca! Erstaunlicherweise findet sogar sie die Preise in Italien hoch. Da kann ich nur zustimmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, f\u00e4ngt es richtig an zu regnen. Weltuntergangstimmung. Nachdem ich ein paar verd\u00e4chtige Ger\u00e4usche eine Zeitlang ignoriere, ist es nicht mehr zu \u00fcbersehen, als ich aufstehe, um ein Radiergummi zu holen: Es regnet rein. An zwei W\u00e4nden l\u00e4uft das Wasser langsam runter, an einer Ecke tr\u00f6pfelt es richtig. Ich stelle den einzig verf\u00fcgbaren Beh\u00e4lter unter die tropfende Stelle und bringe erst mal alle Elektroger\u00e4te in Sicherheit. Dann versuche ich, die Wirtin anzurufen, bekomme aber immer Rufumleitung. Mein Handy-Analphabetentum wird mir zur Last. Ich ziehe die Regenjacke an, von der ich mich dieser Tage noch gefragt habe, warum ich sie \u00fcberhaupt mitgebracht habe, und will mich gerade auf den Weg zur Schule machen, als ich unten Ger\u00e4usche h\u00f6re. Die Wirtin ist doch da. Sie entschuldigt sich tausendmal und bietet mir gleich ein neues Zimmer an. Das ist sogar viel gr\u00f6\u00dfer. Besser allerdings nicht, es gibt kaum Platz, wo man etwas abstellen oder hinlegen kann. Es hat auch keinen Schreibtisch, aber sie ist sofort einverstanden, als ich vorschlage, meinen Schreibtisch runterzutragen. Es dauert kaum ein halbe Stunde, bis ich mich h\u00e4uslich niedergelassen habe, soweit das \u00fcberhaupt geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keine Lust rauszugehen, was aber auch nicht n\u00f6tig ist, denn heute habe ich vom Einkauf eher zuf\u00e4llig kleine Portionen Paprika mit Hackfleisch mitgebracht, zwei rot, zwei gr\u00fcn. Schmeckt hervorragend, auch kalt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dem Kreuzwortr\u00e4tsel zufolge ist Agatha Christie ein Pseudonym. Sie hie\u00df tats\u00e4chlich Mary Miller. Wusste ich nicht, oder hatte es jedenfalls wieder vergessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Heute im Unterricht erkl\u00e4rt die Lehrerin, dass eine Besonderheit im Italienischen dieser Region die Aussprache des &lt;s&gt; ist, so dass <em>persona<\/em> wie <em>perzona<\/em> klingt. Danach genau diese Besonderheit bei ihr selbst, besonders aber bei der F\u00fchrung heute Nachmittag immer wieder bemerkt. Vorher noch nie drauf geachtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Mittagessen vor Lachen gebogen, als Charlie erz\u00e4hlt, wie Pascal, die von morgens bis abends auf Hochtouren l\u00e4uft und der man st\u00e4ndig eine Packung Valium verabreichen m\u00f6chte, ihm wortreich und st\u00fcrmisch wie immer erkl\u00e4rte, sie brauche jetzt unbedingt einen Kaffee. Sie k\u00e4me sonst einfach nicht auf Touren. Und wie er, ganz asiatische H\u00f6flichkeit, bei sich dachte: &#8220;Nein, bitte nicht Pascal, alles, nur bitte keinen Kaffee!&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Caffeteria am Markt steht auf einem Regal eine Flasche Nippozzano, der Wein, der zur Grundausstattung von Theo und Marlies&#8217; Weinkeller geh\u00f6rt. Die Gl\u00fccklichen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der gestrigen Sintflut dr\u00f6ppelt es heute im Laufe des Tages noch ein bisschen. Am Nachmittag ist es wieder heller und w\u00e4rmer, aber so ganz traut man der Sache nicht. Es ist auch l\u00e4ngst nicht mehr so warm wie letzte Woche. Wir haben genau den \u00dcbergang vom Sommer zum Herbst erwischt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Charlie hat von seinem Gastvater das Wort <em>spossato<\/em> gelernt, &#8216;ersch\u00f6pft&#8217;, nicht zu verwechseln mit <em>sposato<\/em>, &#8216;verheiratet&#8217;. Man ist versucht, auch einen semantischen Zusammenhang zu entdecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag F\u00fchrung durch eine Photoausstellung mit Bildern von der Toskana, wieder, wie dieser Tage der Musikvortrag, in einem ehemaligen Klostergeb\u00e4ude, das jetzt f\u00fcr andere Zwecke genutzt wird. Am Eingang eine h\u00f6lzerne Dreht\u00fcr, \u00fcber die man mit den Nonnen kommunizieren konnte, ohne zu sehen oder gesehen zu werden, und die auch der Entsorgung ungewollter Babys diente. Tats\u00e4chlich befinden wir uns auf der Via del Bastardo!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Photos, von einem gewissen Gianni Berengo Gardin, aus den Sechzigerjahren, sind in Schwarzwei\u00df, meist im gleichen Format (ca. 30&#215;40). Sie stellen eine alternative Sicht der Toskana dar, fern aller Klischees. Oft werden Landschaften dargestellt, die zwar menschenleer sind, auf denen der Mensch aber seine Spur hinterlassen hat, geschaffenes Land, Landschaft im w\u00f6rtlichen Sinne, z.B. eine Fernsicht auf die H\u00fcgel der Toskana mit Feldern, auf denen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden \u00c4hrengebinde liegen. Diese Photos, bei denen der Photograph in den Hintergrund tritt, sind in der Ausstellung die Regel, daneben gibt es aber auch Photos, die Anekdoten erz\u00e4hlen und bei denen der Photograph, dem der &#8220;Schnappschuss&#8221; gelungen ist, zum Protagonisten wird, z.B. ein M\u00e4dchen im wehenden Kommunionkleid, das von mehreren Gendarmen aus einer gewissen Entfernung beobachtet wird, alles auf einem Balkon mit der Silhouette von Florenz im Hintergrund, eine Anekdote, die aber auch zwei italienische Themen, Kirche und Gendarmerie, zum Hintergrund hat. Andere Themen sind die harte und gef\u00e4hrliche Arbeit in den Steinbr\u00fcchen von Carrara\u00a0 oder Szenen aus der abgelegenen und r\u00fcckst\u00e4ndigen Maremma, heute eine Touristenlandschaft, f\u00fcr die Toskaner aber mit anderen Assoziationen verbunden, wie heute noch an dem Fluch &#8220;Maremma cane&#8221; abzulesen. Auf einem anderen Photo sieht man eine Frau auf der typischen Steinbank einer Dorfkirche sitzen, allein, nur in Gesellschaft eines vor der Kirche abgestellten Autos. Ein Photo, das Schule gemacht hat, ist das eines sich durch die Landschaft nach oben windenden und in der Ferne sich verlaufenden, von einzelnen Zypressen ges\u00e4umten Wegs (Zypressen als die Anzeichen f\u00fcr &#8220;Weg&#8221; &#8211; da wo Zypressen sind, ist auch ein Weg), auf dem sich zwei Menschen befinden, kleine Figuren, die angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Natur kaum auffallen, ein Thema, dessen Vorlage, wie oft in der Photographie, aus der Literatur statt aus der Malerei stammt und u.a. von Cesare Pavese gestaltet wurde. Photos von Monumenten zeigen immer Ausschnitte oder ungew\u00f6hnliche Perspektiven, wie eins von San Michele, das die Fassade aus einem extrem spitzen Winkel zeigt. Es wird kein Panorama gezeigt, kein Ensemble, sondern ein Blickwinkel, in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit den mittelalterlichen Baumeistern, die genau das taten (so ist der sch\u00f6nste Blick auf San Michele der begrenzte Blick aus der Via Buio), zumindest in den mittelalterlichen italienischen St\u00e4dten (mit der Ausnahme von Pisa, das ein perfektes Ensemble bietet, das aber eben als solches ganz gewollt konzipiert war und auf einer Freifl\u00e4che au\u00dferhalb der Stadtmauern errichtet wurde). Ein weiteres Photo von Lucca zeigt die <em>Piazza del Anfiteatro<\/em>, den die \u00e4ltere Generation noch als <em>Piazza del Mercato<\/em> kennt, fr\u00fcher eine eher arme Gegend. Auf diesem Bild ein Karren mit Kastanien. Die Kastanienverk\u00e4ufer hatten ihren eigenen, jetzt langsam im Aussterben begriffenen Jargon. Diese Bilder sind v\u00f6llig frei von Menschen. Dort, wo der Mensch auf den Bildern von St\u00e4dten erscheint, erscheint er in der Masse, wie auf den Photos vom Palio in Siena, wo er ununterscheidbar und selbst zur Landschaft wird. Eine absolut lohnende Ausstellung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der K\u00e4setheke frage ich nach einem K\u00e4se und erfahre, dass es Gorgonzola ist. Zu Hause merke ich, dass er aus D\u00e4nemark kommt. Das ist wie der Feta aus dem Allg\u00e4u.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem, wenn man immer mehr versteht, ist &#8211; dass man immer mehr versteht. Und sich dadurch auch eine Menge\u00a0 Unsinn anh\u00f6ren muss, der vielleicht ganz angenehm kl\u00e4nge, w\u00fcrde man nicht verstehen, wie im Fernsehen die Witze und Kommentare des Conferenciers bei der Wahl der Miss Italia.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute endlich mal wieder gelaufen, aber, trotz viel besserer Bedingungen, auch nicht schneller als beim letzten Mal (23 Min.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In irgendeinem Text kommt in Zusammenhang mit einem gewissen Filippo die Zahl 30 vor, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt ungef\u00e4hr &#8220;Er hat alle 30&#8221;. Damit kann keiner was anfangen: Ist Filippo 30 Jahre alt? Noch nicht ganz 30? Schon \u00fcber 30? Hat er 30 Freunde? Sind 30 Personen anwesend? Alles falsch. Er &#8220;hat alle 30&#8221; bedeutet, dass er an der Universit\u00e4t lauter Einser hat. Im italienischen Notensystem ist 30 die h\u00f6chste Note (an der Universit\u00e4t).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Unterricht erz\u00e4hlt Charlie von seiner \u00dcbersiedlung nach Amerika, eine sehr bewegende Geschichte, aber so erz\u00e4hlt, dass es nicht kitschig wird, mit Witz und Distanz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sheila, die pensionierte schottische Franz\u00f6sischlehrerin aus Glasgow, erz\u00e4hlt von einer Fahrt nach Barga, das vorher auch schon in der Touristeninformation in Lucca sowie von Paola empfohlen wurde. F\u00fcr Sheila ein Pflichtbesuch, denn von Barga sind viele nach Glasgow ausgewandert. Warum, wei\u00df niemand. Wie \u00fcberhaupt niemand wei\u00df, warum jemand nach Glasgow auswandert. Jedenfalls hat es zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen den St\u00e4dten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da am Ende immer unwillk\u00fcrlich ein Vokal angeh\u00e4ngt wird, klingt <em>Picknick<\/em> wie <em>Pickenicke<\/em>. Da ein St\u00fcck <em>pezzo<\/em> hei\u00dft, ist ein St\u00fcck Pizza <em>un pezzo di pizza<\/em>. Klingt irgendwie witzig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt einige kleinere, ganz wichtige W\u00f6rter, deren Bedeutung schwer zu fassen ist und die man so gut wie nie selbst gebraucht: <em>mica, pure, magari, semmai, anzi, parecchio<\/em> usw. Ganz schwer, die in den aktiven Wortschatz zu \u00fcbernehmen, auch wenn man es sich vornimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf eine Checkliste f\u00fcr zuk\u00fcnftige Reisen kommen Schere, Badehose, Hut, Sonnencreme, Photoapparat, Brillenetui, Reisewaschmittel, Nivea, Adapter, F\u00f6n, Messer, Nagelb\u00fcrste, Babycreme, Joggingschuhe, Flaschen\u00f6ffner, &#8230; Aber wohin mit der Checkliste?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute Nachmittag nach San Frediano, von Charlie und M\u00fcnchner unabh\u00e4ngig voneinander empfohlen, einer Kirche mit einem auff\u00e4lligen Mosaik im oberen Teil einer ansonsten schmucklosen wei\u00dfen Fassade. Frediano war ein Bischof von Lucca und irischer Abstammung. Eine merkw\u00fcrdige Kirche mit einem sch\u00f6nen Raumeindruck, ein bisschen wie der der Trierer Basilika oder der r\u00f6mischen Basiliken, erstaunlich gro\u00df, hell, hoch, mit einer einfachen, flachen Holzdecke und schmucklosen Seitenw\u00e4nden im Mittelschiff. Eigentlich f\u00fcnfschiffig, aber in den \u00e4u\u00dferen Seitenschiffen sind fast \u00fcberall Kapellen, und die anderen Schiffe wirken durch die hohen Arkaden wie ein Raum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Vorzeigest\u00fcck ist ein mittelalterliches Taufbecken (XII), gro\u00df, mit einer S\u00e4ule in der Mitte, aus der noch ein anderes Becken w\u00e4chst. Beide haben Skulpturen am Rand, oben kaum zu erkennen, unten zu erkennen, aber nicht zu identifizieren, Figuren zwischen S\u00e4ulen, eine gebeugte Figur mit einem Handtuch in der Hand, eine Figur, die ein Fabelwesen am Schwanz packt, und eine gr\u00f6\u00dfere Reiterschar, die wie mittelalterliche Krieger aussehen, aber wahrscheinlich &#8211; sie reiten auf Wellen &#8211; das Heer des Pharao sein sollen, die im Meer versinken. Was das alles soll, ist nicht ohne weiteres ersichtlich und dem kleinen Faltblatt nicht zu entnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Kapelle in einer gl\u00e4sernen Urne der nicht verweste K\u00f6rper einer gewissen Zita, die das Hausm\u00e4dchen einer bekannten Familie, der Fatinelli, gewesen sein soll. Sie ist mit einem furchtbar kitschigen gr\u00fcnen Kleid und einem priesterlich aussehenden wei\u00dfen Spitzenumhang bekleidet, unter dem die schwarzen Knochen von Hand, Fu\u00df und Gesicht hervorgucken, eine nicht sonderlich geschmackvolle und eher komische als schauerliche Kombination.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann nach San Michele, um die Kirche aus der Perspektive wie gestern auf der Photographie zu sehen. Ging aber nicht, der Markt ist im Weg. Aus Frustration doch einen Hefekringel, einen sog. Frate, gegessen. Frisch gemacht, noch warm und in Zucker gewendet. Nicht schlecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstaunlich im Zentrum das Nebeneinander von teuren Gesch\u00e4ften, vor allem Boutiquen und Juweliergesch\u00e4ften, und L\u00e4den mit regelrechtem Ramsch, h\u00e4ufig dadurch zu unterscheiden, wie viele Artikel auf wie viel Raum angeboten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann einmal die Ost-West-Achse hinunter gegangen, den ehemaligen r\u00f6mischen Cardus Maximus, wie ich vermute. Ist aber weniger interessant als die Via Fillungo, die Nord-S\u00fcd-Achse. Hin und wieder erscheinen ziemlich gro\u00dfe Palazzi, die irgendwie nicht zu den engen Gassen passen. Dann die Via Fillungo hinauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend auf Vorschlag der Amerikaner zu viert ins Locanda di Bacco, ein von ihnen selbst entdecktes, neueres Lokal der etwas besseren Klasse. Die anderen fragen nach Fisch, m\u00fcssen aber feststellen, dass es keinen gibt. Ich esse Wildschwein, eine Spezialit\u00e4t der Region. Wir schaffen es, den ganzen Abend beim Italienischen zu bleiben, und zwischendurch fragt Kos mich sogar, ob ich auch Englisch spreche. Am Ende \u00fcbernehmen die Amerikaner ohne Z\u00f6gern die gesamte Rechnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute morgen, kurz vor Unterrichtsbeginn: Eine Belgierin spricht mit einer Deutschen, ein Koreaner mit einem Belgier, eine Schottin mit einem Schweden, eine Belgierin mit einer Amerikanerin, alle auf Italienisch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlen zwei von den anderen von Sommerkonzerten, die regelm\u00e4\u00dfig in San Giovanni stattfinden, meist mit Schwerpunkt Puccini. Dabei gibt der Dirigent eine zweisprachige Einf\u00fchrung, in der er auf Englisch Dinge erz\u00e4hlt, die er auf Italienisch nicht erz\u00e4hlt. Schon deshalb m\u00fcsse man hingehen. Jedenfalls war Puccini in Lucca nicht gerade beliebt. Einerseits f\u00fchrte er selbst ein Leben, das nicht den b\u00fcrgerlichen Erwartungen entsprach, und arbeitete andererseits als Pianist in einem Bordell, wo er die M\u00e4nner zu Gesicht bekam, die er dann sonntags als brave Familienv\u00e4ter im Gottesdienst wiedersah. Der Beliebtheit nicht gerade f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fangfrage: Was ist der Unterschied zwischen <em>qui<\/em> and <em>qua<\/em>? Keiner! Jedenfalls nicht in der Bedeutung. Wohl aber in der regionalen Verteilung: Der Norden bevorzugt <em>qua<\/em>, die Mitte <em>qui<\/em>. Beim Gegenst\u00fcck, <em>l\u00ec<\/em> und <em>l\u00e0<\/em>, gibt es dagegen einen Bedeutungsunterschied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Artikel sollten wir nach einem Grammatikfehler fahnden. Ich liege genial daneben, einige der anderen haben ihn gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir bekommen drei unvollst\u00e4ndige Texte und sollen entscheiden, was sie sind. Ich spreche mich energisch f\u00fcr Lyrik aus. Dann stellt sich heraus, dass es Witze sind. Es fehlt nur die Pointe. Die m\u00fcssen wir dann aus einer Auswahl finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da heute f\u00fcr alle drei Belgier und f\u00fcr Charlie der letzte Tag ist, werfe ich die Flasche Dessertwein, die in der <em>fattoria<\/em> im Suff gekauft habe, ohne zu wissen warum, auf den Tisch. Auch meine deutschen Freundinnen reisen ab. Wie soll ich eigentlich n\u00e4chste Woche wach werden? Einem ihrer Gespr\u00e4che in der Pension entnehme ich, dass ich Deutschland die Sonne schient und f\u00fcr morgen 27 angesagt sind. Sauerei! Wof\u00fcr f\u00e4hrt man eigentlich nach Italien?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einer H\u00f6rverst\u00e4ndnis\u00fcbung sind wir alle \u00fcberfordert. Die meisten haben nur ein paar Eigennamen verstanden. Nur in einem Punkt sind wir uns alle einig: Francesca ist Ballerina. Bei der Lekt\u00fcre stellt sich heraus, dass Francesca Hausfrau ist und mit Nachnamen Ballerini hei\u00dft! Ich verstehe etwas, was kein anderer versteht: Jemand ist schwanger. Richtig! Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass ich <em>imbarrazato<\/em> als &#8216;schwanger&#8217;\u00a0 aufgefasst habe, weil ich es mit spanisch <em>embarazado<\/em> gleichgesetzt habe. Dummerweise hei\u00dft <em>imbarrazato<\/em> aber nicht &#8216;schwanger&#8217;, sondern &#8216;peinlich&#8217;, gl\u00fccklicherweise ist die Frau aber wirklich schwanger! Das ist wie in den Mathearbeiten in der Schule, bei denen man auf dem falschen Weg zur richtigen kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Treffen zu einem kommentierten Gang \u00fcber die Mauer an San Francesco. Ganz in der N\u00e4he die Villa Guinigi und andere Villen, eigentlich \u00fcberraschend, denn eine Villa lag immer au\u00dferhalb der Mauern, ein Palazzo immer innerhalb der Mauern (viele reiche Familien hatten beides). Die Erkl\u00e4rung: Dies ist au\u00dferhalb der Mauern, jedenfalls au\u00dferhalb der mittelalterlichen Mauern, nicht aber au\u00dferhalb der jetzigen Mauern, die aus der Renaissance stammen und eine Erweiterung waren, grob gesprochen parallel zur mittelalterlichen Mauer verlaufend (die genau entlang &#8220;unserer&#8221; Stra\u00dfe verlief und selbst bereits eine Erweiterung der r\u00f6mischen Mauer war).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie alle Kirchen Luccas, hat die Fassade von San Francesco den Dom von Pisa zum Vorbild, mit Blendarkaden und Marmor, allerdings mit sehr sparsamem Einsatz farbigen Marmors. Statt dessen viele Schattierungen von Wei\u00df und Grau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann an der Via del Bastardo vorbei durch ein Tor vor die Stadtmauern. Jedes Tor hatte seine eigenen Gesetze und seinen eigenen Kapit\u00e4n. Ausl\u00e4nder (zu denen auch Florentiner und selbstverst\u00e4ndlich Pisaner z\u00e4hlten) durfte nur durch das Tor Santa Maria in die Stadt. Die Mauer wurde zun\u00e4chst zu milit\u00e4rischen Zwecken gebaut und hatte \u00fcber 100 Kanonen und ein Kanalsystem, das Gel\u00e4nde vor der Mauer auf eine H\u00f6he von 1 Meter zu \u00fcberfluten und dadurch Angriffe zu erschweren. Die Mauer wurde aber nie zu milit\u00e4rischen Zwecken genutzt und schon bei dem Bau wurde deutlich, dass sie nicht gebracht wurde. Dennoch wurde sie weiter gebaut, einerseits zu repr\u00e4sentativen Zwecken andererseits als Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der Mauer aus gut zu sehen, dass Lucca von Bergen umgeben ist, zu einer Seite hin von Bergen, die Marmor lieferten und betr\u00e4chtlich zum Wohlstand beitrugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sowohl Pisa als auch Lucca liegen am Rand ihrer Provinz (im Gegensatz zu Siena) und gef\u00e4hrlich nah zueinander. Pisa wurde, nachdem seine Seeherrschaft von Genua beendet wurde, zum Hauptfeind, da es sich landeinw\u00e4rts orientierte. Lucca liegt nur 20 km Luftlinie vom Meer entfernt, weniger als andere St\u00e4dte, die &#8220;am Meer&#8221; liegen, ist aber v\u00f6llig landeinw\u00e4rts ausgerichtet. Ein Blick auf die Speisekarte gen\u00fcgt: Fisch fehlt fast v\u00f6llig, und die traditionellen Speisen sind eher die eines Bergvolks, darunter <em>farro<\/em> als eine Speise, die schon den r\u00f6mischen Soldaten verabreicht wurde, die mit schweren R\u00fcstungen viele Kilometer zur\u00fccklegten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die mittelalterlichen T\u00fcrme pr\u00e4gten das Stadtbild Luccas. Die heutigen haben allerdings mit den mittelalterlichen, die fast alle irgendwann abgebrannt sind, wenig zu tun. Es waren offene T\u00fcrme, ungef\u00e4hr wie ein modernen Glockenturm einer Kirche, mit einer Holz geschlossen wurden. Als in der fr\u00fchen Neuzeit die Bev\u00f6lkerung wuchs, ergab sich der Bedarf nach mehr Wohnraum, und man schaffte Verbindungen zwischen den T\u00fcrmen, um aus mehreren T\u00fcrmen einen Palazzo zu machen, \u00fcberall noch in heutigen Stadtbild abzulesen, u.a. an der Piazza San Michele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon vor dem Aufkommen des Tourismus war Lucca eine eher wohlhabende Stadt, durch Kommerz und viele kleine bis mittlere Betriebe, die sich schnell umstellen konnten. Der wichtigste Wirtschaftszweig war das Papier. Lucca hat ausgezeichnetes Wasser, das auch zu Heilzwecken verwendet wird, und der Name Lucca, kein r\u00f6misches, sondern ein ligurisches Wort (Die Ligurien wohnten urspr\u00fcnglich eher in der Toskana als in Ligurien und wurden dann von den R\u00f6mern nordwestw\u00e4rts getrieben), das wahrscheinlich &#8216;Wasser&#8217; bedeutet. Das Wasser war die Grundvoraussetzung f\u00fcr die Papierherstellung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lucca ist eine konservative Stadt und blieb von der Renaissance, wenn auch die Stadtmauern in der Zeit der Renaissance entstanden, v\u00f6llig unber\u00fchrt, ganz im Gegensatz zu Florenz, wo die mittelalterliche Stadt zugunsten der Errichtung einer neuen Stadt im Stile der Renaissance abgerissen wurde. Aber Florenz ist nur eine von zehn St\u00e4dten der Toskana und rechtfertigt \u00fcberhaupt nicht die simple Gleichsetzung von Toskana und Renaissance. Lucca dagegen bewahrte das mittelalterliche und letztlich sogar das r\u00f6mische Grundmuster, mit den noch deutlich im Stadtplan ablesbaren zwei Achsen und San Michele am Kreuzpunkt dieser zwei Achsen (<em>San Michele in Foro<\/em>!) und dem, wie immer, au\u00dferhalb der Stadtmauern, aber nahe an einer wichtigen Achse gelegenen Amphitheater (vgl. Trier!).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch im 18. Jh. galt Lucca keineswegs als sch\u00f6ne, sogar als ausgemacht h\u00e4ssliche Stadt.\u00a0 Wenn man hierher kam, tat man es aus gesch\u00e4ftlichen Gr\u00fcnden, nicht, um die Stadt zu sehen. Es war zu eng und zu dunkel und es gab keine gro\u00dfen Pal\u00e4ste und Pl\u00e4tze. Eine der Konsequenzen war die Errichtung der Piazza Napoleone. Dagegen blieb die Piazza del Anfiteatro, f\u00fcr die es schon einen Befehl zum Abriss gab, am Ende stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch an der Stadtmauer gelegen der Botanische Garten, heute nicht mehr von herausragender Bedeutung, aber historisch f\u00fcr die Region von Bedeutung, denn von hier aus wurden die Villen der Umgebung mit den jeweils gew\u00fcnschten Pflanzen versorgt, auch als der nach Frankreich exportierte und dann ver\u00e4ndert als franz\u00f6sischer Garten importierte Garten bl\u00fchende B\u00e4ume wie Magnolie und Kamelie erforderten. Beide B\u00e4ume galten bis zur Romantik als reine Nutzpflanzen und wurden dann erst zu Schmuckpflanzen. der italienische Garten hatten immer eine Steigung und konnte so, von der H\u00f6he aus, eine Sicht auf das Panorama der B\u00e4ume bieten. Die w\u00e4ren im immer flachen franz\u00f6sischen Garten zu einer Mauer geworden und entfielen.\u00a0 Statt dessen gab es dann die dem italienischen Garten zun\u00e4chst ganz fremden Bl\u00fcten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Marmorverkleidung, auch am Dom zu sehen, ist letztlich ein Resultat arabischen Einflusses, der in ganz Italien, von Sizilien kommend, im Hochmittelalter immer wichtiger wurde. Die Vorg\u00e4ngerkirchen waren meist dunkel und schlicht, und unter arabischem Einfluss gewann das Element des Lichts immer mehr an Bedeutung, der Helligkeit, die auch durch den Marmor erreicht wurde. Dieser Einfluss ist auch in der italienischen Volksmusik zu sp\u00fcren, der &#8220;echten&#8221; Volksmusik, die fern von der Melodi\u00f6sit\u00e4t der italienischen <em>canzone<\/em> ist und statt Melodie eher durch Rhythmus bestimmt ist. Au\u00dfenstehende k\u00f6nnten die traditionellen Volksleider aus Neapel, zum Beispiel, ohne weiteres f\u00fcr arabische Musik halten, mit der Schalmei und dem <em>tamburello<\/em> als klassische Instrumente.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs ist einmal von einem knapp verhinderten B\u00fcrgerkrieg die Rede, und Charlie macht mich auf die Absonderlichkeit des englischen Worts <em>Civil War<\/em> aufmerksam und imitiert in Pseudo-Englisch, wie die englischen Gentlemen sich in einem Civil War gegenseitig mit h\u00f6flichen Floskeln den Vortritt lassen, wenn es darum geht, sich gegenseitig abzuknallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt der Abschied von halb Belgien und einem bedeutenden Teil Koreas. Richtig bewegend!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Lokal, dessen Garten an unsere Pension grenzt, muss in irgendeinem amerikanischen Reisef\u00fchrer stehen. Wenn ich abends rausgehe, h\u00f6re ich immer nur amerikanisches Englisch. Vielleicht sollte ich doch nicht hingehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ich mich am Mittag mit Keksen und dem d\u00e4nischen Gorgonzola begn\u00fcgt habe, gehe ich abends noch mal raus auf der Suche nach einem Restaurant im Zentrum, kann mich aber f\u00fcr nichts entscheiden und lande am Ende doch wieder in der einfachen Wirtschaft in der N\u00e4he. Dort ist au\u00dfer mir nur ein Touristenpaar und ein Italiener, der in langsamem, aber erstaunlich gutem Deutsch auf die beiden einredet. Mit blond gef\u00e4rbtem Haar und gepiercetem Ohr entspricht er nicht eben dem klassischen Typ des Gastarbeiters. Als er geht, stellt sich heraus, dass die Touristen gar keine Deutsche, sondern D\u00e4nen sind. Von jetzt ab geht die Kommunikation zwischen dem Wirt und ihnen ausschlie\u00dflich auf Italienisch &#8211; was sie nicht sprechen. Er bietet ihnen Wildschwein als zweiten Gang an. Soll ich mich einmischen? Gl\u00fccklicherweise entschlie\u00dfe ich mich, die Klappe zu halten. Sie kommen auch so ganz gut zurecht. Der Tourist kommt irgendwann auf die gute Idee, einfach Si zu sagen, und sie essen, was sie bekommen, mit Genuss. Dann spielt sich vor dem Lokal endlich eine richtige italienische Szene ab, wie aus dem Bilderbuch: Eine junge Frau und zerrt einen jungen Mann bei den Haaren und tritt ihm mehrmals in die Weichteile, dabei schreien sie sich gegenseitig an, so als wollten sie uns in diesem ruhigen und ganz zivilisieren Stadt ein richtiges St\u00fcck Italien zeigen, mit Leidenschaft, Liebe und Lautst\u00e4rke. Wunderbar! Interessant die Reaktion der Wirtsleute: Beide gucken gebannt zu, gehen etwas n\u00e4her ran, um auch alles mitzubekommen, schlie\u00dfen aber zur Vorsicht die T\u00fcre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute nach Pisa gefahren, eine wirklich besondere Erfahrung, einmal durch die fast makellose Sch\u00f6nheit aller vier Geb\u00e4ude, von denen jedes f\u00fcr sich allein eine Stadt ber\u00fchmt machen k\u00f6nnte, dann aber auch durch die besondere, von der Stadt isolierte Situation, die der Sache etwas von Disneyland gibt: Alles ist so arrangiert, als w\u00e4re es extra f\u00fcr uns Touristen dort hingestellt worden. Der gleiche Stil (trotz einer Bauzeit von mehr als 200 Jahren), das perfekte Arrangement, die Isolation von der Stadt und die perfekte Pr\u00e4sentation auf dem gr\u00fcnen Teppich geben der Sache etwas Irreales. Die Folge ist, dass ich nach der Besichtigung fast aufatme, als ich in die gar nicht sonderlich sch\u00f6ne, aber sehr reale Stadt zur\u00fcckkehre, mit M\u00e4rkten, H\u00e4usern, Gassen und ganz normalen Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Absichtlich bin ich von vornherein nicht der Beschilderung gefolgt, sondern vom Bahnhof aus durch die Stadt gegangen. Man verbindet Pisa so sehr mit dem Schiefen Turm, dass man \u00fcberrascht ist, zun\u00e4chst in eine ganz normale, nicht sonderlich sch\u00f6ne Stadt zu kommen. Es geht \u00fcber die zentrale autofreie Stra\u00dfe, die zwischendurch mit einem Arkadengang etwas sch\u00f6ner wird, aber keine Sch\u00f6nheit wird, \u00fcber den breiten, braunen Arno ans entgegengesetzte Ende der Innenstadt. Zwischendurch gehe ich schnell einen Kaffee trinken, nicht weil mir nach Kaffee ist, sondern weil ich dringend ein WC brauche, muss dann aber feststellen, dass die Bar, in der man im \u00fcbrigen auch nicht rauchen darf, kein WC hat: &#8220;Mi dispiace&#8221;. Mir auch. Jetzt ist es noch dringender. Gl\u00fccklicherweise wird der &#8220;Platz der Wunder&#8221; bald Abhilfe schaffen: Hier ist alles geregelt, und selbstverst\u00e4ndlich nicht gratis. Im Laufe des Tages sollte ich zu einem der besten Kunden der Toilettenfrau werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwann endet die gerade Stra\u00dfe, man biegt links ab, und pl\u00f6tzlich sieht man den sch\u00f6nen wei\u00dfen Turm vor sich, \u00fcber einer h\u00e4sslichen Mauer mit Plakaten und Graffiti an der Stra\u00dfe. Er ist nur 200 Meter entfernt, aber scheint schon einer anderen Welt anzugeh\u00f6ren. Es gibt bestimmt viele Pisaner, die den Turm seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Man hat keinen Grund, den Turm zu sehen au\u00dfer dem, ihn sehen zu wollen, und mit ihm den gesamten &#8220;Platz der Wunder&#8221;. Das Areal ist zur Landseite von einer vermutlich mittelalterlichen Mauer aus Backsteinen umgeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Turm f\u00e4llt zuerst auf, wie breit er ist. Auf Photos wirkt er schlanker. Man kann ihn jetzt wieder besteigen, aber man versucht, die Besucherstr\u00f6me zu regeln, u.a. durch den Preis. Auch der Dom ist abgesackt, von au\u00dfen am s\u00fcdlichen Seitenschiff deutlich zu erkennen. An der Westfassade des Doms eine leicht zu \u00fcbersehende Inschrift, die erkl\u00e4rt, wem dieser ganze Reichtum zu verdanken ist: dem Sieg der Pisaner Flotte \u00fcber die Sarazenen. Die Fassade ist das Vorbild &#8211; das unerreichte Vorbild &#8211; der meisten Kirchen in Lucca und auch einer Kirche in Pisa, die ich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gesehen habe &#8211; und wahrscheinlich vieler anderer Kirchen der Umgebung. Nur die Form der S\u00e4ulen ist bei San Michele in Lucca aufw\u00e4ndiger und sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geb\u00e4ude sind au\u00dfen sch\u00f6ner als innen, obwohl der Camposanto mit seiner langgestreckten Fassade mit der unendlichen Reihe von Blendarkaden und ohne jedes Fenster f\u00fcr sich allein etwas wie ein mittelalterliches Lagerhaus aussieht. Als Ensemble aber sind sie umschlagbar. Das sch\u00f6nste einzelnen Geb\u00e4ude ist das Baptisterium, vielleicht eins der sch\u00f6nsten Geb\u00e4ude, das ich je gesehen habe, ein Rundbau mit einer Kuppel, mit romanischen und gotischen Arkaden. Perfekte Harmonie, und ein perfekter Kompromiss zwischen Schlichtheit und Auff\u00e4lligkeit. Dabei nimmt man die F\u00fclle der Steinmetzarbeiten erst wahr, wenn man n\u00e4her hinsieht. Am Portal oben eine gotische Jungfrau mit Kind, darunter in byzantinischer Strenge die Apostel, an den Seiten andere Heilige und die Monate des Jahres, jeweils zwischen einer gr\u00f6\u00dferen und einer kleineren mit feinen Verzierungen versehenen Halbrunds\u00e4ule, aber alles so wenig marktschreierisch pr\u00e4sentiert, das man es fast \u00fcbersehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Innen ist das Baptisterium, n\u00fcchtern, fast entt\u00e4uschend, mit einer hohen, schmucklosen Kuppel und dem nackten Marmor. Es hat im zweiten Stock eine Galerie, von der man in die Halle hinunterblicken kann. Im Zentrum ein achteckiges Taufbecken, das schlicht aussieht, aber am Beckenrand an jeder der acht Seiten eine ganz fein in den Stein gearbeitete, nicht gegenst\u00e4ndliche Dekoration hat, die aus Hunderten von kleinen Elementen besteht. Sieht ein bisschen wie eine stilisierte Blume aus, soll aber wahrscheinlich gar nichts darstellen. Wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man an den vier Enden der Rose eine Fratze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Aufseher bittet um Ruhe, kein Wunder bei den vielen Besuchern. Ich dachte, es ginge um Piet\u00e4t, aber es geht um eine &#8220;Vorf\u00fchrung&#8221;. Er h\u00e4lt die H\u00e4nde als &#8220;Lautsprecher&#8221; vor den Mund schickt einen Ton Richtung Kuppel. Das Echo wiederholt den Ton mehrmals, der Ton \u00e4ndert dabei seine Qualit\u00e4t und die T\u00f6ne vermischen sich. Als das Echo verhallt ist, wiederholt er die Aktion und schickt dem ersten Ton einen zweiten, unterschiedlichen hinterher, und jetzt klingt es am Ende wie der langsam verhallende Gesang eines mehrstimmigen Chors.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Prachtst\u00fcck des Baptisterium ist die ebenfalls achteckige Kanzel, aber sie ist fast immer von Gruppen umringt, und man bekommt die Details kaum zu sehen. Sie steht aus sieben S\u00e4ulen, davon eine in der Mitte, von denen einige auf L\u00f6wen ruhen, die wiederum ein anderes Tier rei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann in den Camposanto gefl\u00fcchtet, eine weise Entscheidung. Hierher verl\u00e4uft sich fast niemand, h\u00f6chstens mal eine Gruppe, die im Eiltempo durchgeschleust wird. Der Camposanto ist ein wahre Oase der Ruhe, und vom Innenhof sieht man die Kuppel des Doms, die Kuppel des Baptisteriums und die Kuppel des Camposanto gleichzeitig. Der Camposanto ist wie ein Kreuzgang ohne Kloster, aber nicht quadratisch, sondern ganz langgezogen. Hier lie\u00dfen sich die reichen Familien begraben. Es gibt Steinplatten auf dem Boden und Sarkophage und Grabdenkm\u00e4ler an den Seiten, und zwar antike Sarkophage mit heidnischen Motiven, die hier in der christlichen Neuzeit f\u00fcr dieselben Zwecke recycelt wurden. An einer Stirnseite h\u00e4ngen riesige verrostete Ketten, rechts und links des Zentrums, der Inschrift zufolge die Ketten des Hafens von Pisa, die von den Feinden entwendet, in Genua und Florenz gelagert und im 19. Jh. als Zeichen der Beendigung der Jahrhunderte langen Feindschaft zur\u00fcckgegeben wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem abgetrennten Raum an einer der L\u00e4ngsseiten &#8220;Il trionfo della Morte&#8221; (XIV), unter dem Eindruck der Pestepidemie der Zeit gemalt, ein vielfiguriges Gem\u00e4lde mit verschiedenen Szenen, das sich nicht im ersten Moment erschlie\u00dft, zumal es nicht besonders gut erhalten ist. In der Mitte der Tod, eine Frau mit Sense (Tod ist im Italienischen feminin!). Sie wendet sich den Reichen zu und nicht den Armen auf der anderen Seite, die ihr Kommen erbitten. Teufel mit furchterregendem Aussehen schnappen sich wahllos die Seelen, die in Form von Kindern durch die L\u00fcfte schweben. eine Frau mit entbl\u00f6\u00dfter Brust st\u00fcrzt kopf\u00fcber auf die Erde hinunter. In einer anderen Szene trifft eine Jagdgesellschaft im Wald auf drei offene S\u00e4rge mit Toten in unterschiedlichem Verwesungszustand. Die Reiter halten sich erschrocken die Hand vor den Mund und angewidert die Nase zu, die Hunde schrecken zur\u00fcck, die Pferde machen gro\u00dfe Augen. Alles sehr lebendig (!) und realistisch wiedergegeben. Man entdeckt immer mehr Details: ganz feine Gr\u00e4ser, Scho\u00dfh\u00fcndchen mit Ringelschw\u00e4nzchen, kunstvoll in Form gebrachte Pferdem\u00e4hnen, eine komplette Zurschaustellung der Hutmode der Zeit usw.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem gesamten Platz werden die Besucherstr\u00f6me geleitet, und \u00fcberall kommt man nur mit Eintrittskarten hinein, die man vorher an einer zentralen Stelle kaufen muss. In den Dom gelangt man durch einen Seiteneingang. Trotz des L\u00e4rms findet am Seitenaltar des Querschiffs eine Messe statt. Der Priester ist allerdings mit einem Mikrophon ausgestattet, und der Bereich ist abgesperrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom wirkt durch die vielen zweifarbigen Arkaden irgendwie maurisch, vor allem, wenn man vom Seitenschiff durchs Mittelschiff ins Querschiff blickt und sich die verschiedenen Arkaden kreuzen sieht. Dann hat er etwas von der Mezquita in C\u00f3rdoba.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom hat eine schwarz-gold gefasste Kassettendecke, pr\u00e4chtig, aber irgendwie nicht passend. Im Chor gibt es alles: Oben ein riesiges Christusmosaik, darunter gro\u00dfe \u00d6lgem\u00e4lde, dazwischen zwei Statuen zwischen S\u00e4ulen, und dazwischen eingequetscht im Zentrum ein modernes Fenster. In der Vierung sind Fresken, und an der dem Chor zugewandten Seite ganz oben unter dem Dach eine T\u00fcr, zu der eine zweil\u00e4ufige Treppe f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier ist das Prachtst\u00fcck die Kanzel, ganz \u00e4hnlich der des Baptisteriums, aber noch gr\u00f6\u00dfer. Die Pfeiler sind hier zum Teil als Figuren gearbeitet, darunter Herkules im Verein mit Christus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl ich l\u00e4ngst nicht alles gesehen habe, gehe ich danach in die Stadt, um wenigstens etwas davon zu sehen, und es ist wie ein Aufatmen. Auf einem geschlossenen Marktplatz ein etwas rustikales, sehr authentisch wirkendes Lokal, aber leider keinen Platz gefunden. Sieht alles sehr gut aus, und die G\u00e4ste sind ausschlie\u00dflich Italiener. Ich streife noch ein bisschen umher auf der Suche nach einem Lokal. Sofort auff\u00e4llig ist der Unterschied auf den Speisekarten: \u00dcberall wimmelt es von Fischgerichten, auch die Pasta wird haupts\u00e4chlich in Fischvarianten angeboten. Oder bin ich einfach in die N\u00e4he des Fischmarkts geraten? Am Ende auf einem offenen Platz am Ende der Innenstadt gelandet, wo es au\u00dfer hervorragenden Crostini ein ganz normales Essen f\u00fcr teures Geld gab: 22,50, wovon nur 12, 50 auf die Speisen entfielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem zentralen Platz der Innenstadt, der Piazza dei Cavalieri, eine Kirche mit klassizistischer Fassade besichtigt, Santo Stefano dei Cavalieri, der ehemaligen Kirche eines Ritterordens. Fast ein Museum. Oben h\u00e4ngen die den Sarazenen abgenommenen Flaggen, darunter in Glask\u00e4sten gro\u00dfe Stoffst\u00fccke unbekannter Provenienz mit arabischen oder islamischen Motiven, und im Westen gro\u00dfe Holzteile der Schiffe, auf denen die Sarazenen bek\u00e4mpft wurden, mit sehr weltlichen Schnitzereien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz auch ein gr\u00f6\u00dferes Geb\u00e4ude, heute Sitz der Eliteuniversit\u00e4t, mit sch\u00f6nem Sgraffitoschmuck an der ganzen Fassade. In einer anderen Ecke des unregelm\u00e4\u00dfigen Platzes der Palazzo dell&#8217;Orologio, von Vasari geschaffen durch die Verbindung zweier bestehender H\u00e4user geschaffen, ohne den darunter passierenden Verkehr zu behindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas weiter ein sehr sch\u00f6nes, zweist\u00f6ckiges, der B\u00f6rse in Palma \u00e4hnliches Haus aus Sandstein mit einem flachen Holzdach, das wie ein Wohnhaus der Renaissance aussieht, der Beschreibung zufolge eine Kirche war (unvorstellbar) und in dem heute die Sparkasse untergebracht ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einer H\u00e4userwand steht &#8220;Sempre e comunque, contro chiunque &#8211; Immer und auf alle F\u00e4lle gegen wen auch immer&#8221;. Ein Gef\u00fchl, f\u00fcr das ich fr\u00fcher viel weniger Verst\u00e4ndnis gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder nach Lucca komme, habe ich fast ein bisschen das Gef\u00fchl, &#8220;nach Hause&#8221; zu kommen. Ich sto\u00dfe auf einen Stra\u00dfenmarkt, halb Antiquit\u00e4ten, halb Tr\u00f6del. Hier gibt es wirklich alles, von der Ikone bis zur Gasmaske.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcrs Abendessen will ich in einem Feinkostladen, in dem ich schon mal gewesen bin, etwas kaufen, das ich mit aufs Zimmer nehmen kann. Ich kann den Laden aber nicht finden. Obwohl ich l\u00e4ngst schwere Beine habe, drehe ich eine Runde nach der anderen, aber er ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich bin aber ganz sicher, dass er in unserer Ecke ist, und versuche es deshalb immer wieder von neuem. Am Ende gehe ich einen anderen Feinkostladen, der mir auch schon oft aufgefallen ist. Dort werde ich von einer sehr unfreundlichen Frau bedient, wortkarg und mit geradezu feindseligem Blick, und ziehe an Ende mit zwei Bananen und einem trocken St\u00fcck Focaccia ab, das ich auf der Hand esse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend noch eine Runde gedreht und ein Eis gegessen. In der Dunkelheit in die Pension zur\u00fcckzukehren, ist etwas unheimlich. Es gibt in dem gesamten Eingangsbereich kein Licht, das einzige Licht kommt von dem Gartenrestaurant, und man ist in dem riesigen, unbewohnten Palazzo ganz allein. Inzwischen bin ich auch in der Pension allein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Heute morgen gelaufen, zwar entgegen dem Vorsatz nur eine Runde, aber immerhin (23 Min.). Wunderbare Bedingungen, schr\u00e4g stehende Sonne, die ihre Strahlen durch die B\u00e4ume wirft, gute Luft, noch nicht zu hei\u00df, die meisten anderen auch Jogger. Darunter auch Pascal, die aber so konzentriert mit dem Laufen besch\u00e4ftigt ist, dass sie mich gar nicht erkennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach fast eines Herztods gestorben, aber nicht wegen des Joggens, sondern wegen eines Hundes. Die Hunde verfolgen die immergleiche internationale Strategie: Sie laufen zwar an der Leine, aber zehn Meter voraus. Sie schleichen sich lautlos, den Kopf angriffsbereit gesenkt, bis an eine Ecke, hinter der sie ihr Opfer bereits vermuten, besonders wenn dies die besonders attraktive Duftnote Schwei\u00df tr\u00e4gt. Dann st\u00fcrzen sie sich pl\u00f6tzlich mit Gebell auf ihr Opfer und f\u00fchlen sich durch dessen Todesfurcht auch noch ermutigt und gehen zum totalen Angriff \u00fcber. Auch in Italien scheint es keinen Hundebesitzer zu geben, der dies auch nur f\u00fcr erw\u00e4hnenswert h\u00e4lt oder gar dem Opfer eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die verk\u00fcrzte Lebenserwartung zu zahlen bereit w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach ins Museum im Palazzo Guinigi. Auf dem Weg dahin Fr\u00fchst\u00fcck in einer in der N\u00e4he gelegenen Cafeteria, wo ich gleich zweimal, aus verschiedenen M\u00fcndern,\u00a0 &#8220;Arrivo&#8221; h\u00f6re, so etwas wie &#8220;Ich komme gleich&#8221;, genauso wie im Franz\u00f6sischen. War mir bis jetzt noch nie aufgefallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Museum bin ich der einzige, obwohl das Museum schon seit mehr als einer Stunde ge\u00f6ffnet ist. Ich bleibe auch der einzige und werde von dem geistesgest\u00f6rten Aufpasser, der unentwegt vor sich hinbrabbelt, auf Schritt und Tritt verfolgt. Als ich das Museum wieder verlasse, wird sogar hinter mir abgeschlossen. Jetzt wird nur noch im Halbstundendtakt eingelassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Museum ist von dem &#8220;Eindringen der Etrusker&#8221; (VII) in die Rede. Sie waren also auch nicht die Ureinwohner sondern stie\u00dfen bereits auf Ans\u00e4ssige. Diese namenlosen Vorg\u00e4nger hatte sich hier wahrscheinlich wegen des Flusses, der Auser, angesiedelt. In dieser Zeit wurden die toten bereits verbrannt. Es gibt einige Urnen, die meisten schmucklos, aber auch ein paar Scherben von schwarzer Keramik mit einem eingeritzten Muster, einer Art Meander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Epoche, als sich die Etrusker bereits durchgesetzt hatten (V), gibt es bereits pr\u00e4chtige Vasen mit Dekorationen aus der griechischen Mythologie und sehr sch\u00f6nen Schmuck, z.B. eine Halskette, an der in regelm\u00e4\u00dfiger und spiegelbildlicher Anordnung kleine goldene Amulette angebracht sind, die ich als Blatt, Kirschen und Lorbeerkranz interpretier, und eine gefl\u00fcgelte Figur, die genau wie ein christlicher Engel aussieht. Unglaublich! Alles winzig klein und sehr genau gearbeitet, mit ganz feinen Einkerbungen, die z.B. die Adern des Blattes darstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach gab es eine \u00dcberschwemmung der Ebene und f\u00fcr mehr als hundert Jahre verschwindet jedes Zeichen von Zivilisation. Aus der Zeit nach der R\u00fcckkehr der Etrusker (III) gibt es dann bereits M\u00fcnzen. Alle mit Abbildungen, aber ohne Beschriftungen. Es gibt aber auch winzige Tonscherben mit Aufschriften in einer Schrift, die alphabetisch aussieht, ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrde man unsere Buchstaben in Spiegelschrift schreiben. ein paar W\u00f6rter sind wohl identifiziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese ganze Periode ist gepr\u00e4gt von den nicht immer friedlichen Beziehungen der Etrusker zu den Liguriern, die sich auch hier niedergelassen haben. Am Ende dieser Periode verschwinden die Etrusker aus ungekl\u00e4rten Gr\u00fcnden. Die Ligurier wurden dann von den R\u00f6mern bek\u00e4mpft, die aus kommerziellen Gr\u00fcnden Zugang zum Tyrrhenischen Meer und nach Norditalien suchten, und wurden dann endg\u00fcltig von ihnen besiegt (180 v. Chr.). Aus dieser Zeit stammt Lucca, eine r\u00f6mische Gr\u00fcndung. Ein \u00fcber den heutigen Stadtplan projektierter r\u00f6mischer Stadtplan zeigt die vielen Parallelen. Lucca erf\u00e4hrt sofort eine Bl\u00fcte und wird mit allem ausgestattet, was eine r\u00f6mische Stadt auszeichnet. Nach dem Bau von Amphitheater und Thermen 2. Jh. n, Chr.) beginnt dann der Niedergang, und es gibt keine weiteren Bauten mehr. Das f\u00e4llt ziemlich genau mit dem Aufstieg von Trier zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt sofort ein Sprung ins Hochmittelalter und in die christliche Kunst. Vom christlichen Rom oder von den christlichen Eroberern ist nichts zu sehen. Es geht dann sogar ziemlich schnell ins Sp\u00e4tmittelalter. Dort u.a. ein Hochrelief mit den 12 Aposteln in Einzeldarstellungen (XV), davon drei bartlose, die anderen mit Bart. Ob das wohl irgendeine Bedeutung hatte? Ob man damit bestimmte Apostel meinte? Ob es irgendwie festgelegt war? Eindeutig zu identifizieren ist nur Petrus, die meisten anderen sind mit B\u00fcchern oder Palmzweigen ausgestattet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann ganz kuriose Intarsienarbeiten, f\u00fcnf gro\u00dfe Tafeln mit einem Heiligen und vier Stadtansichten. Wirken hochmodern, alles ist auf grundlegende Formen reduziert, meist Rechtecke und Halbkreise, perspektivische Wirkung durch unterschiedliche Farbt\u00f6ne und schwarze Balken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bekomme einen geh\u00f6rigen Schrecken, als ich auf einmal einen langen, menschlichen Schatten gleich neben mir sehe. Es ist der einer mit Scheinwerfern beleuchteten Skulptur (XV), ein ganz ungew\u00f6hnliches Werk, ein Schmerzensmann mit einem ausgezehrten, aber noch jungen K\u00f6rper und einem gealterten Gesicht mit ganz gespenstisch wirkenden Haaren und fragend ausgebreiteten Armen. Wie schon fr\u00fcher bei anderen Skulpturen bemerke ich die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig langen Zehen. Die Figur ist ungef\u00e4hr so gro\u00df wie ich und hat doppelt so lange Zehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann eine Verk\u00fcndigung im Hochrelief mit einem eleganten Engel auf der linken Seite, der kniet und eine langstielige Blume in\u00a0 der Hand h\u00e4lt. Da stimmt alles, einschl. der K\u00f6rperhaltung und der wehenden Gew\u00e4nder. Auf der rechten Seite eine ganz unzul\u00e4ngliche Maria mit einem f\u00fclligen K\u00f6rper, einem viel zu gro\u00dfen Kindskopf, zu weit auseinandergestellten Beinen und einem ganz nach hinten gezogenen Haaransatz. Der kann zwar eine Modeerscheinung der Zeit gewesen sein, sieht aber aus wie eine Glatze. Der Heilige Geist macht die Sache auch nicht besser. Er hat einen Papageienschnabel und scheint die Jungfrau, statt sie anzuhauchen, eher zu bespucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen riesige Bildtafeln aus Renaissance und Barock in Unzahl. Alles religi\u00f6se Motive. Die Rede ist u.a. von einem Maler aus Lucca, dessen Name ich aber nicht kannte. Es scheint \u00fcberhaupt niemanden zu geben, der aus Lucca stammt und ber\u00fchmt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Museum mache ich mich noch einmal auf die Suche nach dem Feinkostladen und finde ihn sofort. Es war nur gestern verschlossen und hinter einer Rolllade verschwunden. Ich werde von einem umwerfend gut aussehenden Italiener bedient, der dazu auch noch freundlich ist. Er versucht meine Fragen zu verstehen und gibt geduldig Auskunft, was mich zu noch mehr Fragen ermutigt.\u00a0 Als ich nach einer Flasche Wein mit Schraubverschluss frage, muss er passen, bietet aber sofort an, mir eine andere zu \u00f6ffnen und den Korken wieder draufzusetzen. Am Ende gibt es mir sogar noch unaufgefordert einen Becher, eine Gabel und ein Messer aus Plastik mit. Nur eine Sache bleibt ein R\u00e4tsel: Als ich nach Gorgonzola frage, fragt er zur\u00fcck: &#8220;Dolce?&#8221;. Wie kann Gorgonzola s\u00fc\u00df sein? Ich wage nicht, nach einer Erkl\u00e4rung zu verlangen und sage einfach &#8220;Nein, den anderen&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann zur\u00fcck zur Pension. Da das Zimmer noch nicht fertig ist, gehe ich noch mal raus, um die von der Wirtin empfohlene Konditorei, Taddeucci, zu lokalisieren, in der es die besten <em>buccellotte<\/em> geben soll, eine \u00f6rtlichen Spezialit\u00e4t. Sieht aus wie dunkler Rosinenkuchen und gibt es in allen Variationen. Das Wort soll angeblich von <em>buccina<\/em> kommen, dem lateinischen Wort f\u00fcr ein gekr\u00fcmmtes Musikinstrument, einer Art Trompete (Kommt davon vielleicht auch spanisch <em>bucino<\/em>, &#8216;Hupe&#8217;?). Davon abgeleitet ist das Wort <em>buccella<\/em> f\u00fcr &#8216;Brot in Ringform&#8217;, alles weitere ist Spekulation. In der Konditorei ein Schild mit der Aufschrift, dass dieses Unternehmen keine Filialen hat: &#8220;Nostra ditta no ha succursale&#8221;. Da gibt es wohl unerw\u00fcnschte Nachahmer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bleibe ich in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 auf dem Platz vor San Frediano h\u00e4ngen und bestelle, im Schatten sitzend, aber die Sonne genie\u00dfend, ein gro\u00dfes, kaltes, himmlisch schmeckendes gezapftes Bier, dem Glas zufolge ein Bier von &#8220;Forst: Spezialbrauerei seit 1857&#8221;. Ich sitze eine Viertel Stunde herum und tue &#8211; einfach gar nichts. Herrlich! Und da das Bier hervorragend schmeckt, bestelle ich gleich noch eins, trotz des stolzen Preises von 5 Euro. Daf\u00fcr bekomme ich die <em>pizzette<\/em>, die ich mit dem zweiten bestelle, umsonst. Wahrscheinlich schlechtes Gewissen der Wirte f\u00fcr \u00fcberh\u00f6hte Preise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Fernsehen ein Interview mit Sofia Loren gesehen, die 70 wird und immer noch gut aussieht. Au\u00dferdem spricht sie sehr deutlich. Man versteht fast jede Silbe. Der Interviewer fragt sie, wen sie am meisten vermisse und sie antwortet ohne Z\u00f6gern: Da Sicca. Der Interviewer fragt sie, was sie von ihm gelernt habe und sie antwortet ohne Z\u00f6gern: Alles. Sie hatte keinen Schauspielunterricht, sondern war aufgrund ihres Aussehens zum Film gekommen. Alle Techniken erlernte sie beim Drehen. Als der Interviewer nach der wertvollsten Szene fragt, nennt sie, ebenfalls ohne Z\u00f6gern, eine Szene, und als sie Worte zitiert, die sie in der Szene sagt, kommen ihr die Tr\u00e4nen. Die Szene wird dann im Bild gezeigt: Sie schleudert einem Auto Steine hinterher und den darin abfahrenden M\u00e4nnern wilde Fl\u00fcche. Ich verstehe den Titel nicht, erfahre aber sp\u00e4ter, dass es wahrscheinlich &#8220;Die R\u00f6merin&#8221; ist, der aber auf Italienisch La Cociara hei\u00dft, was auch R\u00f6merin hei\u00dft, aber f\u00fcr Leute aus den Armenvierteln von Rom gebraucht wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann beginnt das Niesen. Es will gar nicht mehr aufh\u00f6ren, und wird immer schlimmer, so dass ich am Ende gar nichts mehr machen kann. Vom vielen Niesen dann auch noch Kopfschmerzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die gro\u00dfe lokale Gespr\u00e4chsthema ist das geheimnisvolle Verschwinden eines Mannes, eines <em>barista<\/em>, dessen Leiche jetzt, nach einer Woche, gefunden wurde. Es gibt immer noch keine stichhaltigen Erkl\u00e4rungen. Als die anderen davon erz\u00e4hlen, glaube ich, es handele sich um einen Rechtsanwalt, aber ein <em>barista<\/em> ist einfach ein Barbesitzer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem die meisten der anderen abgereist sind, sind wir ein Seniorenclub, und meine anf\u00e4nglichen Bef\u00fcrchtungen, zu alt zu sein, haben sich in Luft aufgel\u00f6st. Jetzt bin ich (vermutlich) sogar der J\u00fcngste!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Stefano, der Paola abl\u00f6st, und mit viel weniger Sch\u00fclern wird der Unterricht fast ein Monolog des Lehrers, aber man erf\u00e4hrt das eine oder andere: Es gab traditionellerweise in Italien keine\u00a0 Anti-Europabewegung, alle Parteien von rechts bis links waren sich in der Unterst\u00fctzung der europ\u00e4ischen Bewegung einig, zu der De Gaspari einen oft untersch\u00e4tzten Beitrag geleistet hat. Ein italienischer Politiker h\u00e4tte es sich nicht leisten k\u00f6nnen, antieurop\u00e4isch zu argumentieren. Dies beginnt sich zu \u00e4ndern. Auch die Benutzung demagogischer Photos und Inszenierungen wie Politiker mit Waisenkindern auf dem Arm waren allgemein verp\u00f6nt. Sie geh\u00f6rtem einem faschistischen Diskurs an. Auch dies befindet sich ganz allm\u00e4hlich in der Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der italienische Neorealismus fand zun\u00e4chst in der Literatur statt, mit Pavese als einem wichtigen Exponenten. Davon nimmt dann das Kino die Bezeichnung, das der realistischen Darstellung der Wirklichkeit einschl. der Sprache die Sozialkritik hinzuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Italien hat beides: Der Norden, besonders Piemont und S\u00fcdtirol, hat sich selbst befreit, der S\u00fcden ist von den Amerikanern befreit worden. Das ist weiterhin ein Riss in der italienischen Gesellschaft, und bisher hat noch kein Politiker ernsthaft versucht, diesen Riss zu kitten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Lucca leben heute 10.000 Menschen innerhalb der Stadtmauern, der Rest in der in einen etwa gleich gro\u00dfen inneren und \u00e4u\u00dferen Ring aufgespaltenen Peripherie. Die Provinz Lucca ist in der traditionell linken Toskana traditionell die konservative Ausnahme, die <em>mosca bianca<\/em>, die &#8216;wei\u00dfe Fliege&#8217;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem als laut, freundlich, offen und ungebildeten Livornesen gilt der Lucchese als verschlossen, calvinistisch, gebildet, fortschrittlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute wenigstens einmal durch die Porta Santa Maria gegangen, die so nahe ist und die man sonst immer nur aus der Distanz sieht. Sie ist viel gr\u00f6\u00dfer als sie aussieht, mit zwei Jochen von insgesamt ca. 20 Meter L\u00e4nge, und mit drei Durchg\u00e4ngen. Zwischen den beiden Jochen eine Spalte in der Decke, durch die fr\u00fcher wahrscheinlich ein Gitter heruntergelassen werden konnte. An der Landseite schmale Schie\u00dfscharten, und an beiden Seiten Eisentore mit riesigen Riegeln und Schl\u00f6ssern. An der Landseite eine Marke mit einer Beschriftung, die ich nicht verstehe. An beiden Seiten Statuen, L\u00f6wen und Heilige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Komischerweise habe ich noch kein einziges Buch gekauft, und bin auch noch in keiner einzigen Buchhandlung gewesen. Der Reisef\u00fchrer des ADAC f\u00fcr 4,95 hat bisher ausgereicht, und ungelesene italienische B\u00fccher habe ich noch zuhause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen sagt man <em>Du kannst auf zwei Ohren schlafen<\/em>, um zu sagen, dass man beruhigt, ohne Sorgen schlafen kann. Sch\u00f6ner Ausdruck!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen Abend kurz nach San Alessandro gegangen, um die farbig abgestufte Fassade zu sehen, von der bei dem historischen Spaziergang die Rede war. Kein allzu perfektes Beispiel, aber immerhin sieht man, dass schmale Streifen dunkleren Marmors horizontal zwischen die helleren Bl\u00f6cke gelegt sind. Auf dem R\u00fcckweg eine kuriose Entdeckung an San Michele gemacht: eine Treppe, die ganz nach oben f\u00fchrt, diagonal \u00fcber den gesamten hinteren Teil des Giebels verlaufend. Wahrscheinlich, um den Engel putzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht die Stimme von Umberto Eco geh\u00f6rt, der, laut Stefano, ein ausgesprochen umg\u00e4nglicher und einfacher Mensch und alles andere als ein Kostver\u00e4chter ist, wovon sein ansehnlicher Bauch ein nicht zu \u00fcbersehendes Zeichen ist. Er ist Piemontese, nicht, wie ich immer dachte, aus Bologna. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er auch einen Bart, seht ungew\u00f6hnlich in Italien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefano erz\u00e4hlt von dem pseudo-italienischen Wort <em>espresso<\/em>. Habe ich tats\u00e4chlich hier noch nie geh\u00f6rt. Das ist wahrscheinlich von ausl\u00e4ndischen Italienschw\u00e4rmern erfunden worden, die damit zeigen wollten, wie italienisch sie schon sind. Hier sagt man jedenfalls einfach <em>caff\u00e8<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder ein herrliches Missverst\u00e4ndnis in einem H\u00f6rverst\u00e4ndnis: Nach einigem Wiederk\u00e4uen k\u00f6nnen wir die Situation mit vereinten Kr\u00e4ften einigerma\u00dfen rekonstruieren, k\u00f6nnen aber einige lautmalerische Ger\u00e4usche nicht einordnen. Wir sind uns aber alle einig, dass sie da sind, und interpretieren sie frei: Steine, die ins Wasser geworden werden, eine quakende Ente, das R\u00f6cheln eines Erstickenden. Klingt alles einleuchtend, passt aber \u00fcberhaupt nicht in den Zusammenhang. Am Ende muss der Lehrer helfen: Es sind einfach &#8211; Zahlen. Ein Mann, der sich in Bedr\u00e4ngnis f\u00fchlt, z\u00e4hlt mit angsterf\u00fcllter Stimme: &#8220;quattro &#8211; tre &#8211; due &#8211; uno&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich nach dem Unterricht mit dem Linienbus nach Barga gefahren, einer historischen Kleinstadt in der Provinz. An der Haltestelle frage ich ein M\u00e4dchen, ob auf dem Bus, der nach Barga f\u00e4hrt, auch Barga steht, und sie sieht mich an, als h\u00e4tte ich eine saubl\u00f6de Frage gestellt. Was soll denn sonst draufstehen: Rom? Kairo? Peking? Vergeblich versuche ich, mich zu verteidigen und darauf hinzuweisen, dass Busse gelegentlich auch an Orten halten, die nicht der Zielort sind. Als der Bus kommt, ist er bereits voll &#8211; lauter Sch\u00fcler. Meine Erwartung, dass sie alle nach zwei oder drei Stationen aussteigen werden, erf\u00fcllt sich nicht. Ich bleibe im Gang stehen, bei der kurvenreichen Strecke nicht immer ein Vergn\u00fcgen. Die Sch\u00fcler verhalten sich ganz normal, ausgesprochen ruhig, sind ganz normal gekleidet und machen das, was auch deutsche Sch\u00fcler in Bussen machen: sich unterhalten, SMS schicken, CDs h\u00f6ren. Zur Normalit\u00e4t geh\u00f6rt auch, dass sie frei werdende Pl\u00e4tze sofort f\u00fcr ihre Freunde reservieren und sich wortlos an einem vorbeiquetschen, um einen Platz zu ergattern. Den Busfahrer rufen sie, wenn er hinten aufmachen soll, mit <em>Capo<\/em> an, so etwas wie <em>Meister<\/em> oder <em>Chef<\/em>. Am Ende frage ich eine Sch\u00fclerin, wo ich aussteigen muss, und sie erkl\u00e4rt es mir ganz genau. Sie selbst steige im eigentlichen Zentrum Bargas aus, ich eine Station sp\u00e4ter, im historischen Zentrum. Als sie aussteigt, erkl\u00e4rt mir ein Junge, der die Unterhaltung mitgeh\u00f6rt haben muss, zur Sicherheit: &#8220;Theesse eesse Barga&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es schon bald hinter Lucca an steilen Felsw\u00e4nden vorbei und an Steinbr\u00fcchen. Hier wird Kalk oder vielleicht sogar Marmor abgebaut. Die Landschaft wird bald gr\u00fcner, gebirgiger und sch\u00f6ner, vor allem eine Strecke, die an einem Fluss, dem Serchio, vorbeif\u00fchrt, einem richtigen Fluss ohne Kanalisation, an dessen Ufer die B\u00e4ume bis ins Wasser reichen und der eine sch\u00f6ne\u00a0 alte Steinbr\u00fccke mit Arkaden hat. Zwischendurch kommt immer mal wieder ein Dorf, dann wieder Landschaft mit ziemlich hohen Bergen. Das hat durchaus etwas Alpines, aber auch etwas von Westerwald. An einer digitalen Anzeige am &#8220;Caf\u00e9 New York&#8221; in einem der Ort, in dem wir halten, sehe ich 21:09 und glaube f\u00fcr einen Moment, das m\u00fcsse die Zeit in New York sein, aber dann springt die Uhr um und ich merke, dass es das Datum ist. Dann kommt die Temperaturanzeige: 31 Grad. Es kommt mir l\u00e4ngst nicht so warm vor, schon in den ganzen letzten Tagen nicht, und ich trage seit vorgestern auch einen Pullover, ohne zu schwitzen. Am sch\u00f6nsten ist der letzte Teil der Strecke, auf dem die B\u00e4ume ein geschlossenes Dach bilden und die Vegetation an den Seiten immer \u00fcppiger wird. Die Kurven werden so eng, dass der Bus hupen muss, um zu warnen, aber auch um sich den Weg freizuk\u00e4mpfen. Nach gut einer Stunde erreichen wir Barga.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Barga (10.000 Einwohner) ist wie Lucca in klein, nur mit engeren und verwinkelteren Gassen und mit dem gro\u00dfen Unterschied, dass es \u00fcberall auf und ab geht. Nicht ein gerader Platz. Das alles gibt der Stadt eine noch viel &#8220;mittelalterlichere&#8221; Wirkung. Die Mauern sind riesig, fast ein wenig disproportioniert. Die Stadt geh\u00f6rte nicht zu Lucca, sondern zu Florenz, und zwar &#8220;freiwillig&#8221;, wie es in der Brosch\u00fcre hei\u00dft, was ihr eine Menge Privilegien eintrug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe als erstes zum Dom, die steilen Gassen hinauf, bis ganz nach oben, wo der Dom \u00fcber der Stadt thront. Von der Plattform vor dem Dom hat man eine sch\u00f6ne Aussicht auf die Berge der Umgebung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dom ist uralt, wirkt sehr massiv und im besten Sinne primitiv, mit ganz vereinzelten Schmuckelementen. Der \u00e4lteste Teil ist noch pr\u00e4romanisch. Die heutige Fassade war die Seite der urspr\u00fcnglichen Kirche, dann wurde immer wieder umgebaut. An einem Seitenportal eine ganz merkw\u00fcrdige Szene mit einem Gastmahl, bei dem zehn hochstehende Personen, alle ganz statuarisch, in zwei Gruppen zu f\u00fcnf, davon jeweils einer mit Krone, bewirtet werden. Dazwischen Diener, denen von ihren Herren oder Aufsehern eine Hand auf den Kopf gelegt wird. Keine Ahnung, was das darstellen soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Innere hat Fenster, die nicht viel gr\u00f6\u00dfer als Schie\u00dfscharten sind und weitgehend nackte W\u00e4nde. Die Fenster haben Alabaster statt Glas, durch das in der hellen Sonne ein wunderbar warmes gelbes Licht flie\u00dft. Aber sehen kann man innen wohl nur, weil die T\u00fcr aufsteht. Ich bin ganz allein und kann mich in Ruhe umsehen. Auff\u00e4llig ein komplett erhaltener, niedriger Lettner aus Stein, mit glatten Fl\u00e4chen, aber allen m\u00f6glichen kleineren Gesichtern und Fratzen an den Schnittstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier ist das Prachtst\u00fcck die Kanzel. Sie steht auf vier Marmors\u00e4ulen, von denen zwei von L\u00f6wen getragen werden und eine von einem Wurzelm\u00e4nnchen, das, wie ich sp\u00e4ter lese, das Heidentum symbolisiert. Einer der L\u00f6wen hat ein Fabelwesen unter sich begraben, der andere einen Menschen. Dieser Mensch h\u00e4lt eine Hand an das Maul des L\u00f6wen, so als wolle er ihn streicheln. Was das soll, lese ich sp\u00e4ter: Er streichelt den L\u00f6wen mit einer Hand und schl\u00e4gt ihn mit der anderen. Das ist der Ketzer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Br\u00fcstung die Hl. Drei K\u00f6nige. Zwei kommen auf Pferden angeritten, der dritte verbeugt sich bereits vor dem Jesuskind, das eine auffallend schiefe Nase hat. In einem anderen Feld alle m\u00f6glichen Motive gleichzeitig, sehr naiv dargestellt. Irgendwo in der Mitte erscheinen die K\u00f6pfe von Esel und Ochs, die das frei schwebende Jesuskind beschnuppern. Daneben eine herrlich primitive Taufe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer <em>pizzetta<\/em> und einem diesmal kleinen Bier (Pschorr) gehe ich zur Touristeninformation, wo ich genau das erlebe, was Sheila heute morgen in der Pause sagte: Man fragt auf Italienisch, und bekommt eine Antwort auf Englisch. Das geht schon bei der Begr\u00fc\u00dfung los: &#8220;Buona sera. &#8211;\u00a0 Hello.&#8221;\u00a0 Nachdem es dann eine ganze Zeitlang gut auf Italienisch geht, wechselt er pl\u00f6tzlich grundlos wieder ins Englische. Was soll das?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich ziellos durch die Gassen und komme irgendwie immer wieder an denselben Stellen vorbei. Irgendwo ist eine Seite aus dem Reiseteil einer englischen Zeitung ausgestellt, in dem von den &#8220;Fish and chips&#8221; aus Barga die Rede ist. Es gibt auch eine Ausstellung mit Werken von John Bellamy, und auch hier wird ausdr\u00fccklich auf die \u201eScottish connection&#8221; hingewiesen. Es scheint sogar ein Oper zu geben. Aber vielleicht habe ich da etwas missverstanden. Es kann doch wohl nicht sein, dass es eine Oper und keine Schule gibt. Oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier gibt es den einen oder anderen sch\u00f6nen <em>palazzo<\/em>, u.a. das Geb\u00e4ude, in dem die Touristeninformation untergebracht ist. An verschiedenen Stellen sind Eisenstangen angebracht, die alten Masse. An zwei Seiten gibt es regelm\u00e4\u00dfig in Reihen angebrachte gusseiserne Ringe und Geh\u00e4nge, vielleicht fr\u00fcher f\u00fcr Fackeln gebraucht. An anderen H\u00e4usern sieht man die Ringe, an denen die Pferde festgebunden wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem Kaffee gleich unter der Mauer warte ich auf den Bus. Diesmal sind wir gerade ein knappes Dutzend, es gibt Sitzpl\u00e4tze in Mengen, und die Fahrt geht viel schneller vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df zwar immer noch nicht, was <em>farro<\/em> ist, habe es aber jetzt wenigstens einmal probiert, und zwar kalt, als Salat. Schmeckt gut. Er war auf der Speisekarte einer Pizzeria, die von den anderen empfohlen wurde, aber die ich bisher boykottiert habe, weil sie Paulaner haben, und Paulaner dazu noch in der Leuchtreklame seitenverkehrt erscheint. Wahrscheinlich haben sich die italienischen Installateure gedacht: Versteht sowieso keiner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Italienischen werden Abk\u00fcrzungen, die bei uns mit Gro\u00dfbuchstaben geschrieben werden, mit Kleinbuchstaben geschrieben. Das ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, und zun\u00e4chst fragt man sich, was Usa oder Cia bedeuten soll.<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Stefano spricht positiv von der Tradition der italienischen Zeitungen, auch Intellektuelle des anderen Lagers zu Wort kommen zu lassen. Die wichtigsten Exponenten der beiden Lager waren lange Montanelli und Scalfari, die die Tradition von Croce und Gramsci fortsetzten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute Nachmittag eine Fragestunde in der Schule, v\u00f6llig unzureichend, mit einer Lehrerin, die eine perfekte Mischung aus Ungeduld und Unf\u00e4higkeit war. Danach aus Frust ein Forst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt erstaunlich viele Hunde, und zwar keine streunenden, alle mit Herrchen (oder eher Frauchen), und im Vergleich dazu erstaunlich wenige Katzen. Sind wohl alle im Krieg aufgegessen worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kreuzwortr\u00e4tsel gefunden: &#8220;Der Zuwachs an Weisheit l\u00e4sst sich genau nach der Abnahme an Galle bemessen&#8221; (Nietzsche).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend in eine &#8220;bessere&#8221; Pizzeria gegangen, in der f\u00fcr einen passablen Preis (15 Euro) gutes Essen gab. Neben mir zwei junge Deutsche, die immer nur eine Zigarette f\u00fcr zwei anz\u00fcndeten. Auch eine M\u00f6glichkeit, den Konsum einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Italiener sind wenig mobil. Viele Italiener sterben in der Stadt, in der sie auch geboren wurden, und das ist im allgemeinen die Stadt, in der auch die Eltern geboren wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Weintrinker sind die Italiener im allgemeinen konservativ. Viele Italiener haben nie einen Piemonteser Wein getrunken, und wollen das auch nicht, auch wenn er internationale Anerkennung bekommt. Sie haben wenig Interesse daran, einen anderen Wein zu probieren als den, der gleich vor der Haust\u00fcr w\u00e4chst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Einladungen, wenn sie nicht ganz formell sind, schenkt sich jeder den Wein selbst ein und stellt dann die Flasche wieder in die Mitte des Tisches. Das Einschenken durch die Gastgeber wird als &#8220;k\u00fchl&#8221; und als aufdringlich empfunden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im allgemeinen haben die Universit\u00e4ten des S\u00fcdens einen schlechteren Ruf als die des Nordens, obwohl das zumindest f\u00fcr die Universit\u00e4ten von Bari und Neapel ein Fehlurteil ist. Die Studiengeb\u00fchren, auch wenn sie noch bezahlbar sind, sind in den letzten Jahren um 300% gestiegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>eine Spezialit\u00e4t von Lucca ist die <em>torta di verdura<\/em>. Ich glaubte erst, mich verh\u00f6rt zu haben: Gem\u00fcsetorte? Stimmt aber wohl. Martha sagt, sie schmecke ausgezeichnet. Mit welchem Gem\u00fcse sie gemacht wird, habe ich nicht herausbekommen, wohl eine Art Spinat. Das englische Wort ist <em>chard<\/em>, aber das kenne ich auch nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass alle italienischen W\u00f6rter ohne Ausnahme auf Vokal enden, stimmt doch nicht ganz. Abgesehen von Anglizismen wie <em>feedback<\/em> oder <em>weekend<\/em> enden auch alle Himmelsrichtungen auf Konsonant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Stefano im Unterricht die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer eine gute Idee ist, anderer Meinung zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kreuzwortr\u00e4tsel gefunden: &#8220;Wer die Wahrheit zu predigen geht, der kommt mit Beulen nach Hause&#8221; (Sprichwort)<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Im Laufe der Wochen sind drei aus unserer Gruppe freiwillig eine Stufen nach unten gegangen, kurioserweise alles \u00d6sterreicher. In allen F\u00e4llen hatte ich den Eindruck, dass sie gut mithalten konnten, im Gegensatz zu unserem Schweden, der sich aber nichts anmerken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute nach der Schule ins Feinkostgesch\u00e4ft gegangen, um nicht schon wieder auszugehen, mit dem Ergebnis, dass ich mehr Geld dagelassen und mehr gegessen habe als ich das in einem Lokal getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag den sch\u00f6nen bunten Umschlag von 29. August unter die Leute gebracht. Nach einigem Z\u00f6gern und sorgsamem Zurechtlegen der wichtigsten S\u00e4tze in ein Bekleidungsgesch\u00e4ft gegangen. Lief alles ganz gut, bis wir so ins Gespr\u00e4ch kamen und sich herausstellte, das die Verk\u00e4uferin Peruanerin ist. Auf einmal spricht sie Spanisch, und jetzt bricht alles zusammen. Ich bekomme kein Wort mehr heraus, weder Spanisch noch Italienisch. Es geht gar nichts mehr. Eigentlich auch ein gutes Zeichen, die drei Wochen sind jedenfalls nicht spurlos vor\u00fcbergegangen. Und der Kauf war bis dahin so gut wie abgeschlossen. Herausgekommen ist eine Hose und ein passendes Hemd.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachher dann doch noch in eine Buchhandlung gegangen und ein wenig herumgest\u00f6bert. <em>The Catcher in the Rye<\/em> hei\u00dft in der \u00dcbersetzung <em>La storia di Holden<\/em>. Da geht dann ja doch was verloren. Am Ende ein Buch von Antonio Tabucchi gekauft, das heute im Unterricht genannt wurde, <em>Sostiene Perreira<\/em>, ein echter Bestseller. Tabucchi, Professor f\u00fcr Portugiesisch in Siena, ist hier genauso bekannt wie Eco.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen gelaufen, etwas schneller und m\u00fcheloser als sonst (20 Min.). Es ist etwas k\u00fchler, und am Himmel unheilverhei\u00dfende schwarze Wolken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Italien geht man ein caf\u00e8, um einen caff\u00e8 zu trinken. Es wird also, genauso wie im Deutschen und Englischen, aber anders als im Spanischen, in Schrift und Lautung unterschieden. Warum aber gibt es dann, in der N\u00e4he des L&#8217;aurora Caf\u00e8, das Caff\u00e8 Puccini? Das Caff\u00e8 Puccini ist eine Kette und nach einer bestimmten Kaffeesorte benannt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df zwar immer noch nicht, was s\u00fc\u00dfer Gorgonzola ist, wei\u00df jetzt aber, was sein Gegenst\u00fcck ist, n\u00e4mlich ein K\u00e4se, von dem ein Kr\u00fcmel gen\u00fcgt, um dir Zunge und Gaumen zu verbrennen. Beim n\u00e4chsten Mal werde ich mich jedenfalls trotz der sprachlichen Merkw\u00fcrdigkeit f\u00fcr s\u00fc\u00dfen Gorgonzola entscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch im Italienischen wird das Futur immer weniger gebraucht, um Futurisches auszudr\u00fccken, daf\u00fcr aber immer mehr, um eine Vermutung auszudr\u00fccken: &#8220;Avr\u00e1 30 anni &#8211; Sie wird wohl 30 sein&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Marche und die Abruzzen, obwohl in der Mitte Italiens gelegen, gelten als &#8220;s\u00fcdlich&#8221;. Die Unterscheidung ist also nicht rein geographisch, sondern sozio\u00f6konomisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Krimis von Camieri sind so erfolgreich, dass er eine Zeitlang gleichzeitig den 1., 2. und 3. Platz auf der Liste der meist verkauften B\u00fccher einnahm. Den Namen seines Detektivs, Montalbo, hat er von V\u00e1zquez Montalb\u00e1n abgeleitet!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich am fr\u00fchen Nachmittag zu einer letzten Besichtigung aufbrechen will und noch zwischen Botanischem Garten und Pinakothek schwanke, beginnt es zu regnen. Ich will den Schauer abwarten, aber der wird immer st\u00e4rker und will gar nicht mehr enden. Nach vier Stunden Dauerregen steht der Garten v\u00f6llig unter Wasser, und es gibt kein Anzeichen des Nachlassens. Ganz im Gegenteil, jetzt kommen noch Donner und Blitz dazu. Und, da ich mich am Mittag mit einer Birne und einem Keks zufrieden gegeben habe, stellt sich allm\u00e4hlich die Frage, was schlimmer ist: N\u00e4sse oder Hunger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann l\u00e4sst der Regen irgendwann am Abend doch noch nach und ich fl\u00fcchte in die n\u00e4chstbeste Trottoria, einer, wo ich vorher noch nie war. Sie k\u00f6nnte eigentlich sch\u00f6n sein, mit einer niedrigen Holzdecke, aber die nicht sehr geschmackvolle Dekoration st\u00f6rt. Es gibt hervorragende Antipasti, vor allem ger\u00f6stetes dunkles Brot mit in \u00d6l gebratenen Pilzen und hervorragenden Schinken. Der Rest schmeckt normal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben mir ein \u00e4lteres englisches Ehepaar. Der Mann hat im Krieg &#8220;the Germans&#8221; bek\u00e4mpft, bis zu ihrem Abzug, und sagt bedeutungsvoll, &#8220;the Germans&#8221; h\u00e4tten im Krieg alle Br\u00fccken von Florenz zerst\u00f6rt &#8211; bis auf eine, den Ponte Vecchio. Wenn es nach ihm ging, w\u00fcrde man eben auf den heute eine Bombe werfen. Es sei ja schlie\u00dflich nur noch Nepp, nur noch f\u00fcr die Touristen da, ganz und gar &#8220;Jewish&#8221;. Sie sprechen von mir als &#8220;that man&#8221; und gehen offensichtlich davon aus, dass ich kein Englisch verstehe oder dass ich Italiener bin und deshalb kein Englisch k\u00f6nnen kann. Muss wohl an meinem italienischen\u00a0 Aussehen liegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem anderen Tisch ein grobschl\u00e4chtiger junger Mann, ein Muskelpaket mit Speckrolle im Nacken, der im Hauptberuf Rausschmei\u00dfer, Bodyguard oder ein Auftragskiller sein muss. Am Nebentisch sein Zwilling. Beide tragen schwarze Kleidung, schwere Armbanduhren, sind kahlgeschoren und haben attraktive Begleiterinnen. Frauen stehen eben aufs Grobe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stadt wirkt nach dem Regen ganz anders. Die Stra\u00dfen sind zwar nicht ganz leergefegt, aber von der Atmosph\u00e4re der letzten Wochen ist nichts \u00fcbriggeblieben. Alles scheint irgendwie geschlossener. Vielleicht ist das der Normalzustand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute noch mal gelaufen, zum Abschluss sogar zwei Runden (50 Min). Wie Charlie sagt: Wie m\u00fchsam es auch war und wie langsam du auch warst, nachher bist du immer zufrieden. Fern\u00f6stliche Weisheit.\u00a0 Interessant der Unterschied: W\u00e4hrend der ersten Runde ist es noch menschenleer und sehr frisch, genau zur zweiten Runde kommt die Sonne richtig raus, und mit ihr auch die Leute, und mit ihnen auch die Hunde. Im Osten ein paar wei\u00dfe Wolken, im Westen ein makellos blauer Himmel, mit unterschiedlichen Schattierungen: \u00fcber uns dunkelblau, in der Ferne immer heller werdend. Ich achte auch zum ersten mal auf einige der B\u00e4ume am Wegesrand, darunter einige wichtige Prachtexemplare, mit geradem Stamm und weit ausholenden, unregelm\u00e4\u00dfigen \u00c4sten mit dichtem Laubwerk.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee dann vergeblich nach der Hose gefragt, die ein wenig umgearbeitet werden musste und f\u00fcr gestern fertig sein sollte. Die Verk\u00e4uferin hat aus Versehen Dienstag auf den Auftrag geschrieben. Sie versprechen aber, sie in einer Stunde fertig zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann doch noch drei B\u00fccher gekauft, alle von verschiedenen, zeitgen\u00f6ssischen Autoren (Camileri, Locarelli, Sciascia), und nicht zu dick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann eher als n\u00f6tig nach Florenz gefahren. Vom Zug aus sieht man die Kuppel des Doms, den Turm des Doms, die Kuppel des Baptisteriums und den Turm des Palazzo della Signoria hinter Leitungen und Masten der Bahn im Vordergrund \u2013 nicht unbedingt das klassische Postkartenmotiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bahnhof gehe dann zu McDonalds \u2013 eine sehr unitalienische Art, eine Italienreise zu beenden. Und als ich im Zug h\u00f6re, wie im Nachbarabteil jemand fragt \u201eSaren Se mal, isch bin doch rischtisch hier nach K\u00f6lln?\u201c, da f\u00fchle ich mich schon fast wieder zu Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. September (Freitag) Wie immer, viel zu fr\u00fch am Bahnhof, erst recht, da der Zug Versp\u00e4tung hat. Wie die Bahn behaupten kann, nur 20% der Z\u00fcge h\u00e4tten Versp\u00e4tung, ist mir r\u00e4tselhaft. In Trier ist jedenfalls Versp\u00e4tung die Regel, nicht die &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1389\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1389"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1389"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7729,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1389\/revisions\/7729"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}