{"id":1395,"date":"2011-12-28T07:53:32","date_gmt":"2011-12-28T07:53:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1395"},"modified":"2015-09-21T19:46:28","modified_gmt":"2015-09-21T17:46:28","slug":"perugia-2007","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1395","title":{"rendered":"Perugia (2007)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Die Wettervorhersage l\u00e4sst nichts Gutes ahnen: Die Sch\u00f6nwetterperiode soll am Samstag enden und ab Sonntag soll es Schauer geben \u2013 in Perugia, nicht in Trier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder erweisen sich alle drei Wecker als unn\u00f6tig. Um halb drei bin ich auch ohne sie auf den Beinen. Ich habe sogar noch Zeit, mich an den Computer zu setzen und mein Bartstoppel-Dokument um zwei Eintr\u00e4ge zu erweitern. Einer der ber\u00fchmtesten Fl\u00fcchtlinge, die dem Tower of London entkamen, war der Earl of Nithsdale. Er war als Frau verkleidet. Das w\u00e4re an sich noch nichts Besonderes. Das Besondere war, dass es ihm gelang, als Frau durchzugehen, obwohl er einen roten Vollbart hatte! Und: In der alten St. Paul\u2019s Cathedral gab es eine Reihe obskurer Kulte, zu denen die Verehrung der b\u00e4rtigen St. Uncumber geh\u00f6rte. Sie befreite die Frauen gegen eine Gegengabe von ungeliebten Ehem\u00e4nnern!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bus, ein von einer privaten Firma betriebener Linienbus, hat um vier Uhr morgens keine M\u00fche, p\u00fcnktlich zum Hahn zu kommen. Die Fahrt kostet 12 \u20ac, etwas mehr als erwartet, aber immer noch g\u00fcnstiger als die Parkplatzgeb\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber die grauen Spitzen der Alpen nach S\u00fcden. Der Steward, der die Durchsagen macht, ein Russe, den ich f\u00fcr einen Spanier gehalten habe, ist der vom Flug nach London. Sein Deutsch ist viel besser zu verstehen als sein Englisch. Italienisch gibt es vom Band, von einer professionellen Sprecherin gesprochen. Da versteht man fast jedes Wort und kann jede Silbe identifizieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt schon bald der Arno, in dem sich die Strahlen der schr\u00e4g stehenden Sonne spiegeln, in Sicht. Wir sind schon da, und es ist noch nicht einmal 8 Uhr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Pisa ist die Abfertigungshalle keine 100 Meter vom Standort des Flugzeugs entfernt, und als wir die Halle betreten, drehen sich die Koffer schon auf dem Laufband! Keine zehn Minuten nach der Landung ziehe ich mit meinem Gep\u00e4ck Richtung Bahnsteig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von hier geht es, mit Umsteigen in Pisa Centrale und Florenz, nach Perugia. In Florenz kann ich mich noch an ein Caf\u00e9 auf\u00a0 der anderen Stra\u00dfenseite erinnern, eine Alternative zu den Burgerl\u00e4den im Bahnhofsgeb\u00e4ude. In dem Caf\u00e9 gibt es zu einem Cappuccino ein leckeres, gef\u00fclltes <em>cornetto<\/em>, und ich passiere mit einigen Schwierigkeiten die ersten sprachlichen H\u00fcrden, vor allem, als es darum geht, den Schl\u00fcssel zum WC zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Bahnhofshalle kaufe ich an demselben Stand wie vor drei Jahren mein Wasser f\u00fcr unterwegs, und im Zug erscheint auch wieder ein bettelnder Zigeuner mit einem schmalzigen Text mit einem kitschigen Marienbild.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wetter ist gut, sonnig und warm, aber das Bild wird getr\u00fcbt von Wolken und Dunst. Luxusbeschwerden nach der langen Zeit in Deutschland, als es ganze Tage lang \u00fcberhaupt nicht hell werden wollte, aber man will alles, und\u00a0 der Himmel ist nicht so blau, die Luft ist nicht so klar wie an den letzten Tagen zuhause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Landschaft wird erst etwas interessanter, nachdem wir hinter dem Trasimenischen See einen langen Tunnel passiert haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zug sitzen mir gegen\u00fcber zwei Gesch\u00e4ftsleute, von deren Unterhaltung ich fast nichts verstehe, obwohl ihre Sprache vermutlich auch nicht schwieriger ist als die der Stimme vom Band im Flugzeug. Es ist alles wohl eher eine Frage der \u201aklaren\u2019, am Standard orientierten\u00a0 Artikulation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Bahnhof in Perugia gibt es einen Taxistand, aber keine Taxis, und die beiden ersten, die kommen, lasse ich mir vor der Nase wegschnappen, weil ich mich mal wieder zu d\u00e4mlich anstelle. Daf\u00fcr bekomme ich dann aber beim dritten Versuch einen historisch bewanderten Fahrer, der \u00fcber den etruskischen Ursprung der Stadt und das Verh\u00e4ltnis zum Papst spricht. Die Etrusker h\u00e4tten, erfahre ich, ihre St\u00e4dte aus Verteidigungsgr\u00fcnden immer auf der Anh\u00f6he gebaut, und das erkl\u00e4re, warum wir jetzt die ganze Zeit bergauf f\u00fchren, zur historischen Oberstadt rauf. Das tun wir tats\u00e4chlich. Es geht immer weiter bergauf. Der Papst spielte, so erfahre ich weiter, f\u00fcr Perugia eine wenig f\u00f6rderliche Rolle. Die Stadt erlebte ihre Bl\u00fcte als freie Stadt im Mittelalter und ihre Dekadenz, nachdem sie vom Papst erobert und dem Kirchenstaat einverleibt worden war. Wie, um mir das zu beweisen, setzt er mich an der <em>Rocca Paolina<\/em> ab, der p\u00e4pstlichen Festung, die nach der Eroberung der Stadt durch den Papst gebaut und sp\u00e4ter, nach der Einigung Italiens, symboltr\u00e4chtig geschleift wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Direkt vor das Hotel kann er mich nicht fahren, denn das liegt innerhalb der Oberstadt in einem kleinen G\u00e4sschen, in das man \u00fcber eine kleine Treppe gelangt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Hotel erweist sich als <em>sehr<\/em> einfach. Londoner Verh\u00e4ltnisse, wenn auch etwas ger\u00e4umiger. Alles wackelt und klemmt, und der angek\u00fcndigte Schreibtisch ist keiner, sondern eine Kommode, und es gibt auch keinen einzigen Stuhl, so dass man im Stehen schreiben m\u00fcsste. Daf\u00fcr gibt es sogar eine mit einem Zeltdach \u00fcberdachte Terrasse, auf der ich, solange das Wetter h\u00e4lt, schreiben kann, und der Preis \u2013 30 \u20ac inkl. Fr\u00fchst\u00fcck \u2013 vers\u00f6hnt ohnehin mit allem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die freundliche, h\u00fcbsche, blonde, deutsch sprechende Italienerin an der Rezeption erweist sich als Ungarin. Ich bekomme einen Adapter f\u00fcr den Laptop und kann meine Wertsachen an der Rezeption hinterlassen. Dabei gilt es einige sprachliche H\u00fcrden zu \u00fcberwinden, und sp\u00e4ter sehe ich in einer Buchhandlung die beiden W\u00f6rter nach, die mir fehlten: <em>cassetto<\/em>, \u201aSchublade\u2019 und <em>presa<\/em>, \u201aSteckdose\u2019. Aber es geht ja nicht so sehr darum, die W\u00f6rter zu wissen, als darum, trotz der fehlenden W\u00f6rter die Sache zu erledigen. Das klappt, wobei mir allerdings die glasklare Artikulation der Frau entgegenkommt. Nur bei der Unterscheidung zwischen <em>rechts<\/em> und <em>links<\/em> hat sie Schwierigkeiten, aber: Wer hat die nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich das Hotel verlasse, ist es erst kurz vor zwei. <em>Erst<\/em> oder <em>schon<\/em>? Immerhin bin ich seit zehn Stunden unterwegs. Aber auf jeden Fall habe ich noch Zeit, mich etwas umzusehen. Ich gehe, den Anweisungen der jungen Frau grob folgend, Richtung Innenstadt, und schon nach kurzer Zeit befinde ich mich auf dem Corso Vannucci, der wichtigsten Stra\u00dfe der Oberstadt. Sie ist anders als alles andere in der Oberstadt, breiter, gerader, ohne gro\u00dfes Gef\u00e4lle, und sie ist das Resultat einer klugen st\u00e4dtebaupolitischen Entscheidung: Perugia stand urspr\u00fcnglich nicht auf einem, sondern auf zwei H\u00fcgeln. Dann wurde das Tal zwischen den beiden H\u00fcgeln aufgesch\u00fcttet und darauf entstand der Corso Vannucci. Hinter dem Namen Vannucci verbirgt sich kein anderer als der Perugino, besser bekannt unter seinem Pseudonym als unter seinem eigentlichen Namen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Corso mit all seinen <em>palazzi<\/em> zu beiden Seiten ist an sich schon beeindruckend genug, und dann wird noch eins draufgelegt, als er auf den Domplatz zuf\u00fchrt und man links das monumentale, fast kubistische Geb\u00e4ude des <em>Palazzo dei Priori<\/em> sieht. Man fragt sich, warum es trotz seiner gewaltigen Dimensionen nicht erdr\u00fcckend wirkt. Der Palast stammt aus der Bl\u00fctezeit Perugias als Stadtrepublik und war der Sitz der Stadtregierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Platz, der aus Gr\u00fcnden, die sich dem Ausl\u00e4nder nicht so ohne weiteres erschlie\u00dfen, <em>Piazza IV Novembre<\/em> hei\u00dft, setze ich mich auf eine Terrasse und trinke ich ein Wasser. Dabei best\u00e4tigt sich meine Erfahrung, dass um diese Zeit, kurz nach zwei, <em>Buona sera<\/em> schon der angemessene Gru\u00df ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Freitreppe des Doms sitzen ganz junge Leute, wahrscheinlich zu jung, um Studenten der Ausl\u00e4nderuniversit\u00e4t zu sein, wie ich zuerst annehme, sondern wahrscheinlich eher lokale <em>school kids<\/em>. Sie beobachten lachend eine \u00e4ltere Dame, die ihren schlappen, \u00fcbergewichtigen Hund, dessen Ohren und Bauch fast den Boden streifen, zum Weitergehen bewegen will. Der aber verweigert alle paar Meter die Gefolgschaft und legt sich einfach hin, so als w\u00e4re jetzt Zeit f\u00fcr eine Siesta und nicht f\u00fcr einen Spaziergang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Mitte des Platzes steht der mittelalterliche Brunnen, ein Werk von Nicola und Giovanni Pisano, das vielleicht wichtigste Bauwerk Perugias (XIII). Es ist eine vieleckige Konstruktion mit drei Schalen. Unten hat das Becken 25 Ecken mit Reliefs, die durch S\u00e4ulen nochmals in zwei Teile geteilt sind, also insgesamt 50 Reliefs, auf denen sich die Bildhauer so richtig austoben konnten: Landleben, Handwerksberufe, die <em>artes liberales<\/em>, Romulus und Remus, Fabeln von \u00c4sop, Samson und Delilah, David und Goliath, Greif und L\u00f6we, alles, was das Herz begehrt. Das kann man sich ansehen, auch ohne das Programm zu verstehen. Sehr dynamisch die Darstellung von Dreschen und Schaufeln, sehr sch\u00f6n die Darstellung eines Mannes, der ein ganzes geschlachtetes Tier auf der Schulter wegtr\u00e4gt und von einem Hund angebellt wird, der sich mit den Vorderpfoten an den Beinen des Mannes festh\u00e4lt. Die W\u00f6lfin von Romulus und Remus sieht dagegen nicht wie eine W\u00f6lfin aus, eher wie eine Mischung aus B\u00e4rin und Robbe. In der zweiten Schale 25 Figuren von Heiligen und Stadtpatronen, und dar\u00fcber wiederum die Figuren von vier allegorischen V\u00f6geln, deren K\u00f6pfe, zur Seite gewandt, den Eindruck von Bewegung entstehen lassen. Die konkave Form der Reliefs und die feinen S\u00e4ulen, die die Reliefs einerseits voneinander trennen und andererseits in zwei Teile teilen und auch das blasse Rosa des Marmors verleihen dem gro\u00dfen Brunnen Eleganz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann wandere ich noch ein bisschen herum, auf der Suche nach Postkarten, Briefmarken und Informationen. Dabei gilt es, eine weitere sprachliche Herausforderung zu bestehen. Ich habe eine \u00f6ffentliche Toilette gefunden, in einem Kellerloch untergebracht, dennoch hochmodern, und dennoch etwas schmuddelig. Irgendwie sehr italienisch. Alles geschieht auf Knopfdruck, aber jeder normale Schritt, vom T\u00fcr\u00f6ffnen bis zum Bet\u00e4tigen des Wasserhahns, erfordert \u00dcberlegung. Besonders muss man darauf achten, einen direkt neben dem WC angebrachten roten Knopf nicht zu bet\u00e4tigen, denn der l\u00f6st nicht den Wasserfluss, sondern den Alarm aus. Als ich den gar nicht so stillen Ort, der gerade ger\u00e4uschvoll seinen Selbstreinigungsmechanismus bet\u00e4tigt, verlasse, steht eine hilflose \u00e4ltere Dame davor. Ich versuche, ihr zu erkl\u00e4ren, wie alles funktioniert, und zwar bei geschlossener T\u00fcr, vor allem, wie man wieder raus kommt, denn sie hat Angst, eingesperrt zu werden. Als sich dann die T\u00fcr &#8211; auf Knopfdruck, versteht sich &#8211; \u00a0wieder \u00f6ffnet, hat sie immerhin so viel Vertrauen gefasst, dass sie sich auf das Abenteuer einl\u00e4sst &#8211; was ich als Erfolg verbuche. Ich tr\u00f6ste mich mit dem Gedanken, dass sie, wenn ich es nicht verst\u00e4ndlich erkl\u00e4rt habe, den roten Knopf dr\u00fccken und also auch rauskommen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gilt es, eine Schwierigkeit anderer Art zu bew\u00e4ltigen: Wie bekommt man in einer historischen Stadt etwas ganz Normales wie Brot? Es gibt \u00fcberall Modeboutiquen, Tabakl\u00e4den, Souvenirl\u00e4den, alles in historischen Geb\u00e4uden untergebracht, sogar Konditoreien, nur keinen B\u00e4ckerladen. Bei der Suche geht es st\u00e4ndig auf und ab. Perugia ist keine Stadt f\u00fcr Fu\u00dflahme, und man muss au\u00dferdem st\u00e4ndig aufpassen, wohin man tritt, denn das Gel\u00e4nde ist uneben. Und Umknicken ist ja schlie\u00dflich unser aller Lieblingsfreizeitspa\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende werde ich auf einer ebenen Stra\u00dfe gerade au\u00dferhalb der Oberstadt f\u00fcndig und decke mich bei einem sehr freundlichen Verk\u00e4ufer mit einem guten St\u00fcck <em>focaccia<\/em> und mit Wasser ein. Als ich die lang gezogene Stra\u00dfe zur\u00fcckgehe, entdecke ich auf einmal Gesch\u00e4fte an allen Ecken und Enden. Sie machen jetzt, so um halb f\u00fcnf, langsam wieder auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich noch einmal ins sch\u00f6n erleuchtete Zentrum. Laut einer Anzeige haben wir 16\u02da, aber es f\u00fchlt sich \u00fcberhaupt nicht warm an. Perugia ist wegen seiner H\u00f6henlage wohl doch eher etwas f\u00fcr den Sommer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr italienisch: Auch zu dieser Zeit sind die Konditoreien noch ge\u00f6ffnet und haben Publikum. Dann muss ich dem Schlafbed\u00fcrfnis Tribut zollen. Statt richtigem Essen gibt es auf dem Hotelzimmer <em>focaccia<\/em> mit Gouda und zum Nachtisch mitgebrachte Donauwelle. Diese italienisch-holl\u00e4ndisch-deutsche Kombination schl\u00e4gt an diesem Abend f\u00fcr mich jedes Gourmetrestaurant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des ganzen Tages bin ich noch kein einziges Mal auf die ber\u00fchmten Rolltreppen gesto\u00dfen. Das soll sich morgen \u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Dieser Versuch scheitert gleich am n\u00e4chsten Morgen, als ich den Weg zur Sprachschule ausfindig machen will. Nachdem ich um ein paar Ecken gebogen bin, frage ich eine Verkehrspolizistin nach dem Weg. Es stellt sich heraus, dass ich schon auf der Stra\u00dfe bin, die ich suche, nur ein paar Schritte von der Sprachschule entfernt. Keine Rolltreppe weit und breit. Die Schule ist in einem gro\u00dfen, modernen Geb\u00e4ude untergebracht, das die Stra\u00dfe wie eine Br\u00fccke \u00fcberspannt. Sieht alles nicht sehr einladend aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Suche nach der Rolltreppe komme ich an einem Sportplatz mit einer Laufbahn vorbei, auf der ein paar Jogger unterwegs sind. Auf wunderliche Art und Weise lande ich dann doch auf einer Rolltreppe. Sie sieht allerdings unaufregend normal aus, wie Rolltreppen eben aussehen. Nach einem kleinen St\u00fcck im Freien geht es dann in einen Tunnel und ein ganzes St\u00fcck bergauf. Dann f\u00fchrt die Rolltreppe doch noch durch die Reste historischer Geb\u00e4ude, die Rocca Paolina, wie sich sp\u00e4ter herausstellt, und dann wieder ins Freie. Zu meiner \u00dcberraschung befinde ich mich auf der Piazza Italia, ganz in der N\u00e4he des Hotels. Der Hinweg zu Fu\u00df ist mir viel k\u00fcrzer vorgekommen als der lange Aufstieg mit der Rolltreppe. Die Rolltreppen stammen aus den Achtziger Jahren und wurden eingebaut, um den Zugang zur Oberstadt zu erm\u00f6glichen und das Auto so weit wie m\u00f6glich aus der Stadt zu verbannen. Das war offensichtlich erfolgreich. Es gibt Rolltreppen an allen Seiten, nicht nur die durch die Rocca Paolina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ich mich jetzt ohnehin nahe dem Zentrum befinde, entschlie\u00dfe ich mich, nicht weiter zu suchen und gehe auf direktem Wege zum Palazzo dei Priori. Darin befanden sich einst die repr\u00e4sentativen Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume der Z\u00fcnfte, von denen einige erhalten sind, darunter die der Geldwechsler, das Nobile Collegio del Cambio. Es ist das Prunkst\u00fcck, und deshalb kann man sich Unfreundlichkeit und den stolzen Eintrittspreis von 4.50 \u20ac leisten. Von diesen R\u00e4umen aus wurden die Geldwechselgesch\u00e4fte geregelt und \u00fcberwacht, und es wurde auch in den einschl\u00e4gigen Fragen Recht gesprochen. Das taten die <em>uditori<\/em>, und nach ihnen ist der erste, pr\u00e4chtig geschm\u00fcckte erste Saal benannt, die Sala de la Udiente (XV). Der obere Teil der Wand und die gew\u00f6lbte Decke sind mit Fresken ausgemalt, der untere Teil der Wand hat Holzvert\u00e4felung. Die Fresken stammen zum gro\u00dfen Teil von Perugino selbst oder aus seiner Werkstatt und verbinden im Sinne des Humanismus antike und biblische Motive. Man sieht Trajan und Sokrates genauso wie David und Moses. Die Figuren wirken sehr plastisch, gar nicht \u201amittelalterlich\u2019, und die Farben sind zum gro\u00dfen Teil hervorragend erhalten, voll und klar. In der Geburtsszene sieht man, wie Perugino alle \u201aTricks\u2019 anwendet, um Perspektive in die Darstellung zu bringen: Die Figuren im Vordergrund sind gestaffelt und vom Hintergrund einmal durch einen Zaun, dann durch eine niedrige Mauer abgetrennt, und der Stall ist eine \u2013 historisch nat\u00fcrlich v\u00f6llig unsinnige \u2013 S\u00e4ulenhalle, deren drei S\u00e4ulen auf jeder Seite leicht nach hinten versetzt sind, um wiederum Raumwirkung zu erzeugen. Dadurch ist der gesamte Raum in mehrere kleinere R\u00e4ume aufgeteilt, vom Jesuskind im Vordergrund bis zu den Bergen im Hintergrund, eine &#8211; wiederum historisch v\u00f6llig unsinnige &#8211; mittelitalienische Landschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen den Figurengruppen der antiken und biblischen Helden hat Perugino sein Selbstportrait angebracht, nicht sehr schmeichelhaft, mit leichtem Doppelkinn, schiefem Mund und schiefer Nase, aber mit einem ernsten, durchdringenden Blick, der der Figur etwas W\u00fcrdevolles gibt. Man w\u00fcrde ihm glauben, dass er meint, was er sagt, oder, etwas flippig ausgedr\u00fcckt, man w\u00fcrde ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen. Auf dem Kopf tr\u00e4gt er eine rote Kappe, die ihn als Maler ausweist, und in einer Inschrift beschreibt er sich selbst, ganz bescheiden, als <em>egregius pictor<\/em>, \u201ahervorragender Maler\u2019. Wenn man die Fresken sieht, neigt man dazu, ihm Recht zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Decke sind in Medaillons zwischen Grotesken die antiken G\u00f6tter als Gestirne dargestellt. Jupiter sieht wie ein alter Mann mit schwacher Brust und zotteligem Graubart aus, mit einem Helm, der eher an eine Narrenkappe erinnert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben diesem Hauptraum befindet sich noch eine kleine Kapelle, auch sie mit den unterschiedlichsten Motiven bis auf den letzten Zipfel ausgemalt. Interessant, dass diese Meister, die die Perspektive so spielerisch beherrschen, irgendwie keine aufgeschlagenen B\u00fccher darstellen k\u00f6nnen. Irgendetwas stimmt da nicht. Der Buchr\u00fccken ist entweder zu lang oder der Winkel ist falsch sonst ist irgendetwas nicht in Ordnung. Jedenfalls sieht man so nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Darstellung der Salome-Szene ist das Hauptgeschehen an den Rand des Bildes verlegt, und das abgeschlagene Haupt des Johannes sieht man erst auf den zweiten Blick. Im Zentrum der Aufmerksamkeit, auf dem einen gro\u00dfen Raum einnehmenden Boden vor der Festtafel, sitzen in abwartender, aber aggressionsbereiter Stellung, sich gegenseitig herausfordernd in die Augen sehend, ein Hund und eine Katze!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich in die Rocca Paolina, in der es in einer kleinen, sehr modernen Ausstellung, einen Film \u00fcber die Geschichte dieses Stadtteils gibt, denn das war es, bevor es p\u00e4pstliche Festung wurde, ein ganzer Stadtteil mit den Wohnt\u00fcrmen der beiden herausragenden, nat\u00fcrlich sich befehdenden Patrizierfamilien, mit einer Universit\u00e4t, einer Kapelle, einer Kirche usw. Der Papst, Paul III., lie\u00df all das abrei\u00dfen, als sich die Stadt in dem \u201aSalzkrieg\u2019 gegen seine Herrschaft aufgelehnt hatte. Es wurde eine Festung gebaut, die nach au\u00dfen eine milit\u00e4rische Fassade hatte und zur Stadtseite zwei zivile Ausg\u00e4nge, so als gelte es, \u00e4u\u00dfere Feinde zu bek\u00e4mpfen. Wenig sp\u00e4ter wurde aber die Festung noch stadteinw\u00e4rts erweitert, mit Bastionen versehen und auch zur Stadtseite wehrhaft ausgebaut. Jetzt fiel die Maske und die wahre Funktion der Festung wurde deutlich. Die Festung wurde zum gehassten Symbol der Unterdr\u00fcckung und folgerichtig im 19. Jahrhundert, nach der Einigung Italiens, abgerissen, eine kunsthistorische barbarische, aber politisch legitime Aktion. Was nun stehen geblieben ist, sind die hohen Grundmauern, die Untergeschosse der Festung, w\u00e4hrend die p\u00e4pstlichen Geb\u00e4ude selbst verschwanden und symboltr\u00e4chtig durch die Piazza Italia und den Palazzo della Provincia in deren Zentrum, den Sitz der Provinzialregierung, ersetzt wurde. In die Rocca Paolina bin ich durch die Porta Marzia gelangt. Deren Besonderheit liegt darin, dass sie etruskischen Ursprungs ist, dann von den R\u00f6mern mit Skulpturen versehen wurde und dann von Sangallo, als er die Festung errichtete, ein paar Meter verschoben wurde, um sie zu erhalten! Sie hat auch den Abbruch der Festung \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Papstherrschaft wurden auch die Zinnen des Palazzo dei Priori abgerissen. Und im 19. Jahrhundert wieder draufgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend geht es in den Dom. Dessen Fassade \u2013 die nach Osten, nicht nach Westen weist \u2013 ist nichts sagend, also geht es gleich hinein. Aber auch der dunkle Innenraum hat nicht viel zu bieten. Es handelt sich um eine dreischiffige Hallenkirche \u2013 ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Italien \u2013 die auch durch die hohen Arkaden ganz wie ein einheitlicher Raum wirkt. Links hinter dem Eingang hinter Gittern eine Kapelle, in der, man mag es kaum glauben, der Verlobungsring Mariens aufbewahrt wird! Trotz aller Entt\u00e4uschungen hinterl\u00e4sst das Innere dann doch noch Eindruck: In den modernen Glasfenstern bricht sich das starke, von der Platzseite eindringende Sonnenlicht und l\u00e4sst auf einem Pfeiler und an den Orgelpfeifen ein kaleidoskopartiges Farbenspiel entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die dem Platz zugewandte Seite des Doms ist die sch\u00f6nste, wenn auch sie unfertig ist. Man sieht nur das nackte Mauerwerk. Nur ein unterer Streifen hat eine Marmorverkleidung aus Wei\u00df und Rosa, den Farben Perugias, und man kann sich vorstellen, wie die ganze Sache aussehen sollte. An der Fassade ist auch eine sch\u00f6ne, kleine Kanzel angebracht, von der Bernard von Siena gepredigt haben soll. Ob man die Kanzel allerdings von innen betreten kann oder jemals konnte, ist zweifelhaft. Etwas weiter versetzt eine m\u00e4chtige Bronzeskulptur eines Papstes, eines Papstes, dem die Peruginer wohl gesinnt sind, denn er hat ihnen die von Paul III. aberkannten Stadtrechte zur\u00fcckgegeben: Julius\u00a0 III.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um seine Skulptur hier anzubringen, wurde sogar ein Bogen der alten Loggia abgerissen, deren anderen B\u00f6gen noch stehen. Diese Bogenhalle war Teil des abgerissenen Palasts eines \u00a0Condottiere mit dem wohlklingenden Namen Braccio Fortebraccio.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich noch einmal in den Palazzo dei Piori, diesmal in den Saal der Zunft der H\u00e4ndler. Er ist nicht ausgemalt, sondern vert\u00e4felt, in dunklem Holz mit feinen, einfachen Mustern. Das entspreche, erkl\u00e4rt mir der sehr freundliche und kommunikative Aufseher, eher der nordeurop\u00e4ischen Tradition, und es ist m\u00f6glich, dass die Arbeit, die eine Gemeinschaftsaktion vieler Handwerker gewesen sein muss, von deutschen Handwerkern ausgef\u00fchrt wurde. Er zeigt mit auch eine alte Truhe und, versteckt hinter der Paneele, die man erstaunlicherweise \u00f6ffnen kann, die Schl\u00fcssel dazu, die immer von drei verschiedenen Mitgliedern der Zunft verwahrt wurden. Die Truhe ist nicht, wie man glaubt, aus Eisen, sondern aus Holz, weil sie auch transportiert werden musste. Am Eingang sieht man zwei geschnitzte Figuren, einen L\u00f6wen und einen Greif. Der ist das Symbol Perugias und seiner Eigenst\u00e4ndigkeit. Der Mann erkl\u00e4rt den Symbolwert so: Es ist eine Verbindung von L\u00f6we und Adler, zwei Tieren, denen die Herrschaft auf der Erde und in der Luft zugeschrieben wird. Der Greif hat eine Krone auf, weil angeblich urspr\u00fcnglich nur Adelige der Zunft angeh\u00f6ren konnten. Das spiegle sich auch im offiziellen Namen, Nobile Collegio della Mercanzia, nieder. Eigentlich widerspricht die Nobilit\u00e4t dem Wesen einer Zunft, aber vielleicht ist so etwas wie Stadtadel gemeint. Oder man wollte sich selbst durch diese Symbolik und Sprachregelung aufwerten. Der Mann weist mich auch auf eine Besonderheit des Raums hin, die ich sicher \u00fcbersehen h\u00e4tte: Der Raum hat zwei Joche, aber beide sind verschieden, das hintere hat vier Wangen, das vordere f\u00fcnf. Das ist raffiniert gemacht, und war deshalb notwendig, weil man eine ungerade Zahl brauchte, um auf die beiden Au\u00dfent\u00fcren hinf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich zwischendurch auf der Piazza einen Kaffee trinke, zeigt sich Perugia von seiner schlechtesten Seite: Ein wahrer Autokorso f\u00fchrt fast unmittelbar an den Tischen vorbei, ein Motorradfahrer l\u00e4sst seine Maschine dr\u00f6hnen, kl\u00e4ffende Hunde versuchen ihn zu \u00fcbert\u00f6nen, die Bedienung ist grantig, und der Wind l\u00e4sst einen frieren und weht alles weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grund genug, bald wieder aufzustehen und sich unter die Erde zu begeben. Ganz in der N\u00e4he, am Rande der Piazza, befindet sich n\u00e4mlich der Eingang zu einem etruskischen vorchristlichen Brunnen. Man steigt \u00fcber dunkle, unregelm\u00e4\u00dfige, schlecht beleuchtete, glatte Treppen \u2013 ideal, um sich die Haxen zu brechen &#8211; vier oder f\u00fcnf Meter auf das ehemalige Niveau des Platzes hinab. Dann sieht man von einer kleinen Plattform aus auf den Brunnen hinunter, d.h. auf ein Wasserbecken, in das von den bemoosten W\u00e4nden das Wasser hineintropft. Die Technik bleibt einem verborgen, aber man gibt sich mit der etwas geheimnisvollen Atmosph\u00e4re zufrieden und damit, einen solch alten Brunnen gesehen zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwann komme ich an einem Irish Pub vorbei und werde dabei daran erinnert, dass heute St. Patrick\u2019s Day ist und dass au\u00dferdem zur Feier des Tages Italien gegen Irland im Rugby antritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich gegen Abend wieder ins Hotel zur\u00fcckkehre, habe ich Muskelkater in den Waden. Die Etrusker fordern ihren Tribut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Morgen beginnt mit einer unliebsamen \u00dcberraschung, die auch wiederum eine sprachliche Herauforderung mit sich bringt: Das Wasser des WC kommt nicht zum Stoppen. Das M\u00e4dchen an der Rezeption, ein neues, nimmt die Mitteilung unger\u00fchrt auf und verspricht, sich um ein neues Zimmer f\u00fcr mich zu k\u00fcmmern. Auf die Idee, jemanden zu benachrichtigen oder selbst die Sache wenigstens in Augenschein zu nehmen, kommt sie nicht. Kurz darauf meldet sie sich dann per Telephon. Sie hat mit dem Chef gesprochen, und der hat sie gebeten, sich um einen Klempner zu k\u00fcmmern. Verzweifelt meine W\u00f6rter zusammenkratzend, versuche ich ihr, in einem hispanisierten Italienisch, klarzumachen, dass es mir nicht um einen Zimmertausch geht, sondern dass es um das literweise in den Orkus flie\u00dfende Wasser geht. Daf\u00fcr hat sie wohl wenig Verst\u00e4ndnis, und wei\u00df es auch nicht zu w\u00fcrdigen, dass ich das Wasser erst einmal abgedreht habe, was ich bei meinen technischen Kenntnissen f\u00fcr eine mittlere Heldentat halte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich fl\u00fcchte von den Banalit\u00e4ten des Lebens in die Kunst der Galleria Nazionale dell\u2019Umbria. Der Weg dahin f\u00fchrt allerdings an ein paar italienischen Drachen vorbei in Gestalt einer Frau, die sich mir in der Schlange an der Kasse vordr\u00e4ngt, aber so, als g\u00e4be es mich gar nicht, und in Gestalt von drei Frauen, die mich im Aufzug so in die Ecke dr\u00e4ngen, dass ich kaum Luft bekomme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist allerdings auch erdr\u00fcckend durch die schiere Vielzahl der Exponate und der fast ausschlie\u00dflich religi\u00f6sen Thematik. Fast alles ist aus Mittelalter und fr\u00fcher Neuzeit. Man hat den Eindruck, dass Umbrien danach aufh\u00f6rte zu existieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sucht sich ein paar Kuriosit\u00e4ten heraus: In einem abgenommenen Fresko eines Malers aus Perugia sehen die gedrungenen Schafe in der Hirtenszene eher wie Warzenschweine aus. Ein Hirte mit einer Kleidung wie Till Eulenspiegel, der Szene abgewandt, so als interessiere ihn das alles gar nicht, bl\u00e4st in eine kuriose, dudelsack\u00e4hnliche Fl\u00f6te und bringt einen Hund vor ihm dazu, M\u00e4nnchen zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Bild von Bonfigli (XV) kniet einer der K\u00f6nige vor Jesus und k\u00fcsst ihm die F\u00fc\u00dfe, was dem gar nicht zu gefallen scheint, denn er blickt entsetzt auf den K\u00f6nig herab und scheint den Fu\u00df wegziehen zu wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der sehr gut restaurierten <em>Anbetung der K\u00f6nige<\/em> von Perugino, dem emblematischsten Bild der Sammlung, tragen alle drei K\u00f6nige rot-gr\u00fcn und sind somit als Mitglieder des einflussreichen Baglioni-Clans zu erkennen. Ihre K\u00f6pfe sind Portraits der Baglionis, und der Sohn ist au\u00dferdem durch eine Wunde am Schienbein identifiziert. Sch\u00f6n die Detailfreude der Darstellung: Josef hat einen Haarkranz, aber sonst einen kahlen Kopf, aber ein paar H\u00e4rchen am Stirnansatz. Einer der K\u00f6nige hat schwarze Fingern\u00e4gel, und die Balken des Stalls werden an einer Stelle notd\u00fcrftig durch ein Tau festgehalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben Bildern gibt es auch Skulpturen, darunter die Originale des L\u00f6wen und des Greifs, die jetzt etwas unvermittelt, an der Fassade des Palasts h\u00e4ngen. Urspr\u00fcnglich waren sie Figuren eines zweiten Brunnens, der aber verschwunden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man Ger\u00e4te, die wie Waffeleisen aussehen, und es auch sind. Was haben sie hier zu suchen? Sie zeigen den urspr\u00fcnglich liturgischen Charakter von Waffeleisen: Sie wurden zur Herstellung von Hostien eingesetzt. Die \u00e4ltesten stammen aus dem 11. Jahrhundert. Erst gegen Ende des Mittelalters kamen sie dann auch f\u00fcr profane Zwecke in Gebrauch. Die christlichen Symbole, vor allem das popul\u00e4re IHS, wurden durch Familienwappen und Monogramme ersetzt. Urspr\u00fcnglich wurde bei der Eucharistie Brot gebraucht, dann entstand die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung und es kamen Oblaten in Gebrauch, und die wurden dann sp\u00e4ter durch Hostien ersetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich kann ich jetzt keine Malerei mehr sehen, aber der Vollst\u00e4ndigkeit halber gehe ich jetzt noch zu der Kapelle San Severo, die eine Besonderheit aufzuweisen hat. Die Prophezeiung des Reisef\u00fchrers, dass die Kapelle schwer zu finden ist, erweist sich als berechtigt, aber am Ende treffe ich endlich mal auf eine sehr nette Frau, die mich ein St\u00fcck des Weges begleitet und mich dann eine steile Gasse raufschickt, an deren Ende auf einem kleinen Platz die Kapelle steht. Sie besteht nur aus einem kleinen Raum, und dieser Raum ist v\u00f6llig nackt bis auf das Fresko, um das sich alles dreht. Es ist n\u00e4mlich eine Gemeinschaftsarbeit von Perugino und Raffael, seinem Sch\u00fcler. Raffael bekam als noch unbekannter K\u00fcnstler den Auftrag, f\u00fchrte ihn halb aus, ging dann nach Rom und starb, bevor er das Werk vollenden konnte. Dann beauftragte die Bruderschaft Perugino, seinen alten Meister, damit, das Werk zu vollenden. Eine interessante Konstellation, und die Experten sagen, hier habe der Sch\u00fcler seinen Lehrer \u00fcbertroffen. Ob ich das ohne die Meinung der Experten herausgefunden h\u00e4tte? Wohl nicht. Die untere Reihe der Heiligen von Perugino scheint mir nicht so fahrig, wie sie angeblich sein soll und, wenn auch verschieden, nicht schlechter als die obere Reihe der Heiligen von Raffael. Einzig die beiden dynamisch nach vor st\u00fcrmenden Engel Raffaels zu beiden Seiten des Trinitas haben etwas, das \u00fcber das malerisch Gekonnte hinausgeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kapelle ist ein guter Startort zur Erwanderung der n\u00f6rdlichen Oberstadt. Ich komme an einem Platz vorbei, der wie eine Aussichtsplattform ist und von dem aus man einen guten Blick auf die umbrische H\u00fcgellandschaft, auf einen langen Teil der Stadtmauer und auf verschiedene Stadtviertel hat, an der in einem barocken Palast untergebrachten Ausl\u00e4nderuniversit\u00e4t, an einem der m\u00e4chtigen, wenn auch alles andere als sch\u00f6nen Stadttore, und an einem gut erhaltenen mittelalterlichen Haus aus grauem Stein, das eine Totent\u00fcr hat. Damit soll es folgende Bewandtnis haben: Hinter der Totent\u00fcr soll man die Toten aufgebahrt haben, um sie nach dem Begr\u00e4bnis wieder zuzumauern. Die weniger dramatische Erkl\u00e4rung ist die: Bei dieser, etwas h\u00f6her gelegenen und schmaleren T\u00fcr soll es sich um die eigentliche Eingangst\u00fcr gehandelt haben, die in den Wohnbereich f\u00fchrte, w\u00e4hrend die breiteren T\u00fcren rechts und links in Stall, Werkstatt und Laden f\u00fchrten. Die Eingangst\u00fcr soll deshalb etwas h\u00f6her gelegen sein, um den vom Regen angeschwemmten Unrat vom Haus fern zu halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Weg f\u00fchrt mich schlie\u00dflich \u00fcber eine sch\u00f6ne, \u00fcberdachte Gasse \u2013 einem Postkartenmotiv \u2013 steil hinauf ins historische Zentrum, wo ich mir zur Belohnung das erste richtige Essen in Perugia leiste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Es regnet, und die Temperatur ist von 18\u00ba auf 10\u00ba gefallen. Morgen soll Perugia die k\u00e4lteste Stadt Italiens sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem ganz kurzen m\u00fcndlichen Test komme ich in eine Gruppe mit lauter Frauen, einer \u00e4lteren Amerikanerin, einer Polin, einer (hochn\u00e4sigen) Holl\u00e4nderin (mit goldenen Sportschuhen) und zwei Engl\u00e4nderinnen. Dazu die italienische Lehrerin. Als erstes diskutieren wir, was Frauen an M\u00e4nnern und M\u00e4nnern an Frauen missf\u00e4llt. Da habe ich eine schwere Position. Nach der Pause gibt es Grammatik mit einer v\u00f6llig ver\u00e4nderten Konstellation. Wir sind nur, einschlie\u00dflich eines Japaners, zu viert. Schon nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass ich hier keine Seelenverwandten wie in Lucca finden werde. Der Unterricht ist ganz passabel, wenn auch nicht sehr effektiv. Die beiden Lehrer haben eine glasklare Artikulation, und man versteht sie hervorragend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag, als es bereits sch\u00fcttet, findet ein Ausflug in eine Schokoladenfabrik statt. In einer unendlich scheinenden Busfahrt, die tats\u00e4chlich nur eine halbe Stunde dauert, geht es durch den Dauerregen in einen Au\u00dfenbezirk Perugias, in der die moderne, aber nicht hypermoderne Schokoladenfabrik steht. Man bekommt einen kleinen Film zu sehen und wird dann durch eine Ausstellung und dann durch die Fabrik geschleust. Sehr informativ ist das nicht. Man erf\u00e4hrt, dass aus nicht weiter erl\u00e4uterten Gr\u00fcnden um diese Zeit in Italien kaum Schokolade verzehrt wird. Vielleicht ein Relikt der Fastentradition? Dagegen l\u00e4uft die Produktion von Ostereiern bereits seit September auf Hochtouren. Der gro\u00dfe Teil der Aufmerksamkeit gilt einem von der Fabrik vor ein paar Jahren produzierten Schokoladen-Ei, das in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Man steht neben einer Nachbildung des Eis aus Plastik und sieht Bilder von dem Ereignis. Das Ei wog fast sechs Tonnen. Es dauerte tausend Stunden, um es produzieren, aber nur f\u00fcnf, um es zu vertilgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend geht es durch den Regen zur Bushaltestelle, durch den Regen in die Stadt zur\u00fcck, durch den Regen in die Telephonzelle, durch den Regen zu dem Kr\u00e4merladen und durch den Regen ins Hotel. Als ich ankomme, bin ich nass bis auf die Haut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sind meine Klamotten immer noch feucht, und auf dem Weg zur Schule hagelt es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00e4ltere amerikanische Dame des Kurses, Marcia, kommt auf mich zu und sagt mir, ich sei <em>in gamba<\/em>, \u201ain Ordnung\u2019, und man habe gestern bei der Diskussion sehen k\u00f6nnen, dass ich die Frauen verstehe. Das hat mir noch nie jemand gesagt, und sie wei\u00df sicher nicht, wie grotesk diese Bemerkung angesichts der Umst\u00e4nde ist. Aber immerhin haben die alten Frauen noch ein Herz f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Schule gehe ich mit ihr und einer (langweiligen) Holl\u00e4nderin in ein einfaches Lokal, Dalla Bianca. Marcia ist schon mehrmals drei Monate zum Italienischlernen in Perugia gewesen und spricht gut von der Ausl\u00e4nderuniversit\u00e4t, bei der es z\u00fcgig voran gehe, aber wo man aufgrund der gr\u00f6\u00dferen Gruppen weniger M\u00f6glichkeiten zur aktiven Beteiligung habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann durch den Regen zur\u00fcck ins Hotel. Es regnet so stark, dass ich mich nicht traue, einen Fu\u00df vor die T\u00fcr zu setzen. Erst gegen Abend, als der Regen ein bisschen nachgelassen hat, gehe ich in die ganz in der N\u00e4he gelegene Kirche Sant\u2019 Ercolano.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche ist wie in die Stadtmauer eingelassen und wirkt von au\u00dfen wie eine Festung. Drinnen erwartet einen aber v\u00f6llig \u00fcberraschend ein einheitlicher, achteckiger Barockraum, ausgesprochen sch\u00f6n und harmonisch \u2013 endlich mal ein sch\u00f6ner Barockraum, nicht so d\u00fcster und auch nicht so schw\u00fclstig wie sonst oft. Der Raum wirkt auch nicht \u00fcberladen, obwohl kein Quadratmeter von der barocken Lust an der Dekoration verschont geblieben ist. Warum der Raumeindruck so sch\u00f6n ist, ist mir nicht klar, vielleicht liegt es an den erstaunlich frischen Farben der Gem\u00e4lde. Sowohl auf ihnen als auch in den Skulpturen ist alles in Bewegung, am besten zu erkennen an einem Ensemble, in dem ein Heiliger im Bischofs- oder Kardinalsornat zum Himmel zu schweben scheint, begleitet oder getragen von zwei Engeln. Sein Ornat ist wie vom Wind aufgebl\u00e4ht, und ein Knopf der Soutane ist aus dem Knopfloch gerutscht. Die Strahlen des Heiligen Geistes scheinen geradezu auf ihn hinab zu schie\u00dfen. Flankiert wird die Szene von zwei Gestalten, eine davon eine stillende Frau mit entbl\u00f6\u00dfter Brust ist, an der das Kind begierig saugt, w\u00e4hrend ein zweites sich um ihr Bein klammert und nach Beachtung verlangt. Das alles wirkt sehr profan und k\u00f6nnte, wie die Putten, die Figuren in der Kuppel, die wie Galionsfiguren an einem Schiffsbug wirken, und die zwei Logen, von denen man das Geschehen verfolgen kann, ebenso gut ein Theater oder einen Palast zieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Altar dient ein r\u00f6mischer Sarkophag (IV) mit einem Relief von zwei L\u00f6wen, die Pferde rei\u00dfen. Auch nicht unbedingt ein erbauliches christliches Motiv. In diesem Sarkophag liegt Ercolano begraben, Bischof von Perugia und M\u00e4rtyrer. Er f\u00fchrte den Widerstand gegen die Belagerung von Perugia durch die Goten an, unter Einsatz von Kniffs wie dem, ein fettes Lamm \u00fcber die Stadtmauer zu werfen, um zu demonstrieren, dass man noch lange nicht ausgehungert war. Als die Stadt \u2013 vermutlich durch Verrat \u2013 dann doch erobert wurde, musste er als erster dran glauben und wurde enthauptet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen regnet es nicht mehr, aber die Temperatur ist jetzt auf 6\u00ba und sp\u00e4ter auf 5\u00ba Grad gefallen, und es weht ein eisiger Wind, der einen vermuten l\u00e4sst, Perugia liege in Sibirien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Cappuccino in der Pause schon wiederholt die Erfahrung gemacht, dass es in Italien eine Tods\u00fcnde ist, in einer Bar vor der Kasse zu stehen. Man wird ziemlich br\u00fcsk darauf aufmerksam gemacht, wenn man das Verbot nicht beachtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die st\u00e4dtischen Busse in Perugia machen Werbung damit, dass sie mit Methan fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich in das gro\u00dfe, wenig besuchte arch\u00e4ologische Museum. Es befindet sich im ehemaligen Dominikanerkloster. Es gibt von allem etwas, aber im Zentrum stehen Funde aus etruskischen Nekropolen, vor allem Urnen. Davon gibt es weit \u00fcber 200. Viele haben die Form eines einfachen Hauses mit Satteldach, mit einem Ornament, z.B. einer Rosette, vorne an der Fassade. Andere, die bedeutenderen, haben vorne aufw\u00e4ndige Darstellungen mythologischer Szenen und oben die Figur des Verstorbenen, immer liegend und immer mit dem linken Arm sich aufst\u00fctzend dargestellt, die M\u00e4nner mit entbl\u00f6\u00dfter Brust, die Frauen dezent mit Tunika und Mantel. Farbreste sind oft noch gut erkennbar, und die Inschriften sind immer in Rot. Die etruskische Schrift sieht wie Spiegelschrift aus. Sp\u00e4ter, als die etruskische Kultur von der r\u00f6mischen aufgesaugt wurde, werden die Darstellungen viel einfacher. Gesondert wird das Grab der Familie Cai Cutu gezeigt, Ergebnis eines Zufallsfunds aus den Achtziger Jahren hier mitten in Perugia. Dieser Fund enthielt 50 Aschenurnen und einen Sarkophag, wobei der Sarkophag \u00e4lter ist und zeigt, dass in archaischer Zeit die Erdbestattung die Norm war und in der hellenistischen Zeit, etwa vom 3. Jahrhundert v. Chr., von der Brandbestattung abgel\u00f6st wurde. In den sp\u00e4teren Urnen ist der\u00a0 etruskische Name <em>Cutu<\/em> zu <em>Cutius<\/em> latinisiert. Unter den Grabbeigaben befindet sich ein riesiger Bronzeschild, bei dem man sich fragt, wer den hat halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter den anderen Exponaten besonders bemerkenswert ein St\u00fcck schwarzer Keramik &#8211; sieht wie der Boden einer Tasse aus \u2013 in die nach dem Brennen das gesamte etruskische Alphabet von 19 Buchstaben eingeritzt wurde, von rechts nach links. Die meisten Buchstaben sehen wie unsere aus, aber das sagt nat\u00fcrlich nichts \u00fcber den Lautwert aus, und es gibt auch andere wie das griechische Zeta.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die eigentliche Bronzesammlung des Museums befindet sich im Obergeschoss im ehemaligen Dormitorium, einem sch\u00f6nen, gro\u00dfen Raum mit offenem Dachstuhl. Unter den Exponaten auch Rasierklingen aus Bronze f\u00fcr unsere nicht so verweichlichte Vorfahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Obergeschoss des Museums hat man einen tollen Blick, einmal auf die gesamte, steil aufsteigende Oberstadt, einmal in die Ferne \u00fcber die gr\u00fcnen H\u00fcgel auf die dunklen Berge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Zeitung lese ich, dass es demn\u00e4chst Direktfl\u00fcge von Frankfurt-Hahn nach Perugia geben wird, ab Juni schon. Ausgerechnet jetzt! Alles scheint mir sagen zu wollen, dass ich alles falsch gemacht habe und sp\u00e4ter h\u00e4tte reisen sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag auf einen Tee, aber nicht wegen des Tees, sondern wegen der W\u00e4rme, in die Pasticceria Sandri, die Teil des historischen Zentrums ist, da sie unter Denkmalschutz steht. Sie ist in einem kleinen, l\u00e4nglichen Raum mit einer bemalten W\u00f6lbung untergebracht. Das ist nicht schlecht, und die Auslagen in den Schaufenstern sind kunstvoll gemacht, aber ich finde nicht, dass es eine eigene Sehensw\u00fcrdigkeit ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den wenigen erfreulichen Dingen in diesen tristen Tagen z\u00e4hlt die Lekt\u00fcre einer mit distanzierter Bewunderung geschriebenen, kritischen Franziskus-Biographie. Das hier entstehende Bild ist meilenweit entfernt von dem des sanften Heiligen, der den V\u00f6geln predigt. Franziskus hatte eine gef\u00fchlvolle, poetische, \u201aweiche\u2019 Seite, aber er konnte auch rechnen, planen, organisieren. Als erfolgreicher Kaufmann hatte er das gelernt. Und er war voller Widerspr\u00fcche: Seine Demut und Bescheidenheit widersprechen seinem Selbstbewusstsein und seinem Sendungsbewusstsein, sein Verlangen nach Br\u00fcderlichkeit und Gleichheit widersprechen seiner Forderung nach unbedingtem Gehorsam und der Unterwerfung unter eine Autorit\u00e4t. Er und seine eigene Gemeinschaft sollten keine Klostergemeinschaft werden, sondern umherziehen, aber Klara und ihre Anh\u00e4ngerinnen wurden gegen ihren Willen hinter Klostermauern eingesperrt. Seine Forderung nach Unterwerfung unter die kirchliche Hierarchie trieb ihn am Ende auch in die H\u00e4nde des Papstes, der sie klug nutzte, um die Bewegung in einen Orden mit klaren Regeln und Hierarchien umzuwandeln, die Armutsforderung zu entsch\u00e4rfen und die Armutsbewegung in den Scho\u00df der Kirche zur\u00fcckzuholen. Was am Ende herauskam, hatte nur noch bedingt etwas mit dem zu tun, was Franziskus gewollt hatte, und folgerichtig gab es im Laufe der Jahrhunderte auch immer wieder Abspaltungsbewegungen, die zu den Urspr\u00fcngen zur\u00fcck wollten, heute noch sinnenf\u00e4llig an den unterschiedlichen Trachten von braunen Franziskanern, schwarzen Franziskanern und Kapuzinern. Dass man sich bei jeder Entscheidung an einem Scheideweg sieht, macht die Diskussion um den Kleiderbesitz deutlich: Durfte man, wie Franziskus mit Hinweis auf eine Bibelstelle forderte, nur die Kleider besitzen, die man am Leib trug? Oder durfte man eine Ersatzkutte haben, wie es eine sp\u00e4tere Regel vorsah? Und Sandalen, wenn es die Witterungsverh\u00e4ltnisse erforderten, vor allem in den k\u00e4lteren Regionen, in die sich die Bewegung bald ausweitete? Sind das Kinkerlitzchen oder Prinzipienfragen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre am Abend in ein Restaurant, die Locanda degli Artisti, ganz in der N\u00e4he des Hotels. Ein richtiges Menu mit allen Schikanen gegessen, gute, bodenst\u00e4ndige, s\u00e4ttigende Kost in leicht ruralem Ambiente. Nur kalt ist es auch hier, aber als ich ins Hotel zur\u00fcckkehre, stelle ich fest, dass wenigstens hier jetzt die Heizung funktioniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Es ist noch ein bisschen k\u00e4lter geworden und es ist auch f\u00fcr morgen noch keine Besserung in Sicht. Die Sonnencreme im Badezimmer sieht mich jedes Mal h\u00f6hnisch an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Heute Tr\u00e4nen im Unterricht. Als wir \u00fcber Beziehungen reden, bekommt das junge englische M\u00e4dchen, Gemma, auf einmal feuchte Augen, und dann flie\u00dfen die Tr\u00e4nen. Mir ist auch zum Heulen zumute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht machen wir uns auf Anregung von Marcia und unter ihrer F\u00fchrung auf die Suche nach einem Slow-Food-Restaurant. Es soll in der N\u00e4he der Schule sein, aber wir sind ein ganzes St\u00fcck durch die K\u00e4lte unterwegs und immer noch auf der Suche. Dann stehen wir an einer Kreuzung, und es werden Brosch\u00fcren und Karten konsultiert. Schlie\u00dflich sind wir wieder auf dem richtigen Weg, und es stellt sich heraus, dass wir einen Umweg gemacht haben. Als wir dann endlich an dem Lokal ankommen, passiert, was passieren musste. Es ist geschlossen. Marcia hatte zwar darauf geachtet, dass es dienstags Ruhetag hat, nicht aber darauf, dass es nur abends \u00f6ffnet. Am Ende landen wir wieder in bei Della Bianca, dem einfachen Lokal von einem der vorherigen Tage, wo es hervorragende, allerdings schwer im Magen liegende <em>penne<\/em> gibt, <em>Penne alla norcina<\/em>. Das ist von dem Ort Norcia im Osten Umbriens abgeleitet, das f\u00fcr seine Schinken und W\u00fcrste bekannt ist und sogar ein eigenes umbrisches Wort f\u00fcr Metzger, <em>norcino<\/em>, hervorgebracht hat. Zu meiner Verbl\u00fcffung stelle ich fest, dass Norcia der Name des antiken Nursia und der Geburtsort des Hl. Benedikt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag in der Schule einen Film gesehen, <em>Il mio miglior nemico<\/em>, eine unterhaltsame Kom\u00f6die, die sich nicht ganz entscheiden kann, was sie sein soll, Situationskom\u00f6die wie im ersten Teil oder romantische Kom\u00f6die wie im zweiten Teil. Im Zentrum ein junger Mann, der einen Hoteldirektor um alles bringt, Frau, Tochter, Geld, Arbeit und W\u00fcrde, weil der, unberechtigterweise, wie er glaubt, seine Mutter entlassen hat. Die Wege der beiden kreuzen sich immer wieder und zum Schluss finden sie wenigstens die Tochter wieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sogar etwas Sonne, dann Wolken. Die Temperaturen sind auf herzerw\u00e4rmende 8\u00ba gestiegen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Die Lehrerin, Sara, sagt, dass der Akzent von Bergamo besonders schwer zu verstehen ist. Vers\u00f6hnt mich etwas mit meiner Hampelei in Bergamo.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Spanisch <em>si<\/em> ist italienisch <em>se<\/em> und spanisch <em>se<\/em> ist Italienisch <em>si<\/em>, was sich allerdings in bestimmten Kontexten in <em>se<\/em> verwandeln kann, aber nur als Pronomen, nicht als Konjunktion. Spanisch <em>s\u00ed<\/em> ist dagegen auch italienisch <em>s\u00ec<\/em> (wenn auch der Akzent anders gesetzt wird).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laut Zeitung verringert sich statistisch der Unterschied zwischen Norditalien und S\u00fcditalien, z.B. in Bezug auf Lebenserwartung und Geburtenrate. Liegt zum Teil an den Migranten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Service-W\u00fcste Deutschland? Service-W\u00fcste Italien! Ich will in einer Touristeninformation nach Exkursionen fragen. Hinter der altert\u00fcmlichen Theke in dem Kellerraum stehen drei junge Frauen. Alle machen den Versuch, mich zu ignorieren. Schlie\u00dflich kommt eine auf mich zu und fragt gru\u00dflos: \u201eYou want map of city?\u201c Als ich dann gerade angefangen habe, meinen Wunsch auf Italienisch vorzutragen, klingelt ihr Handy. Sie geht kommentarlos dran und l\u00e4sst mich im Regen stehen. Die Auskunft, die ich erhalte, ist auch nicht gerade sehr aufbauend: Exkursionen gibt es erst wieder vom 1. April an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag den Versuch gemacht, die Reinigung zu finden, den Instruktionen der Sekret\u00e4rin und der Brosch\u00fcre der Schule folgend. Nachdem ein Dutzend Busse gehalten hat, werde ich endlich argw\u00f6hnisch und stelle fest, dass an dieser Haltestelle die 10 bzw. die 12, die ich nehmen soll, gar nicht abfahren. Ich frage den Fahrer des erstbesten Busses, ob er in diese Richtung f\u00e4hrt, und er sagt sehr freundlich, ich solle mal mitfahren, es sei zwar nicht die beste Verbindung, aber es gehe durchaus. Als ich es endlich geschafft habe, meine Karte so in den Automaten einzuf\u00fchren, dass sie entwertet wird (ich bin nicht der einzige, der Schwierigkeiten damit hat), spricht er mich sofort auf mein Italienisch an und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Er erz\u00e4hlt mir, er habe einen mit einer Deutschen verheirateten Freund in Hamburg, der dort Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer gro\u00dfen Gastst\u00e4tte geworden sei. Dessen Frau spreche bis heute noch nicht vern\u00fcnftig Italienisch. Er erz\u00e4hlt, er verbringe seinen Urlaub am liebsten im Norden. Ich glaube, er meint Norditalien, aber er meint Nordeuropa. Von Skandinavien fehle ihm nur noch Finnland, und das stehe dieses Jahr auf dem Programm. Und dann sp\u00e4ter wolle er noch ein paar Tage nach Irland. Das sei sein Lieblingsreiseland. Die Menschen in Nordeuropa g\u00e4lten als verschlossen, aber das stimme gar nicht. Man k\u00e4me gut ins Gespr\u00e4ch mit ihnen. Als wir uns per Handschlag verabschieden, k\u00f6nnte man glauben, wir w\u00e4ren Freunde. Er zeigt mir auch den Weg zu dem Gesch\u00e4ft, das mein Orientierungspunkt ist, und erkl\u00e4rt genau, wie ich zur\u00fcck komme und wie ich demn\u00e4chst einfacher hierher kommen k\u00f6nne. Mein Dank f\u00fcr all diese Freundlichkeit f\u00e4llt irgendwie lahm aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fahrt ist unendlich lang gewesen, durch verschiedene Vororte und durch die Au\u00dfenbezirke. Aber die Odyssee beginnt erst jetzt. Erst geht es zur\u00fcck zu dem Gesch\u00e4ft, an dem ich mich laut Sekretariat orientieren soll. Ich wei\u00df noch nicht einmal, welches die richtige Stra\u00dfe ist, und die alte Frau, von der ich wissen will, welche der beiden die Via Martiri dei Lager ist, zeigt auf ein Wohn- und Gesch\u00e4ftsviertel statt auf eine der Stra\u00dfen. Dort begegne ich komischerweise nur Menschen, die nicht von hier sind, das letzte, was man in diesem Viertel erwarten w\u00fcrde. In den Gesch\u00e4ften selbst wei\u00df auch keiner richtig Bescheid, bis mir eine freundliche Dame in einer Drogerie die Richtung weist. Die Reinigung finde ich aber trotzdem nicht. In einer Apotheke, wo ich mich gleich mit Aspirin eindecke, verweist mich der Apotheker auf seine Kollegin. Die telephoniert aber gerade, und als sie Schluss gemacht, muss sie sich erst wort- und gestenreich von einer Kundin verabschieden. Sie ist dann aber doch die richtige, die erste, die Bescheid wei\u00df: Die Reinigung Ellemme gibt es nicht mehr. Sie kenne aber eine andere. Jetzt geht die Suche wieder von vorne los. Ich lande ich Bars, Gesch\u00e4ften, an Haltestellen, immer mit meinem B\u00fcndel schmutziger W\u00e4sche auf dem R\u00fccken. Als ich kurz davor bin, aufzugeben, sehe ich auf einmal die W\u00e4scherei und merke, dass ich schon mehrmals daran vorbei gelaufen bin. Es ist ein Einmannbetrieb in einem kleinen Raum in einem normalen Wohnhaus ohne Gesch\u00e4ftsschild, und als ich den Raum betrete, stelle ich die d\u00fcmmste Frage, die man stellen kann angesichts einer b\u00fcgelnden Frau, umgeben von W\u00e4schest\u00e4ndern: \u201eIst dies eine Reinigung?\u201c Das weitere Gespr\u00e4ch hat \u00e4hnlich absurde Z\u00fcge, da ich nicht richtig klar gemacht habe, dass ich hier v\u00f6llig verloren bin und weder wei\u00df, wie ich wieder in die Stadt komme noch, wie ich wieder hierher komme, um die W\u00e4sche abzuholen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen, trotz Fu\u00dfweh und K\u00e4lte, gelaufen: 25 Runden im Stadion (woanders geht es hier wohl nicht).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um das Stadion herum kleinere Gruppen s\u00fcdamerikanischer Jugendlicher, dick vermummt (sehr vern\u00fcnftig!) und alle im Einheitsdress des Kapuzenpullovers. Auch im Internet Point wird viel Spanisch gesprochen. Vor allem scheint es viele Ecuadorianer zu geben. Das Telephonieren nach S\u00fcdamerika ist genauso billig wie das nach Europa. Sogar f\u00fcr China gelten dieselben Preise. Nordafrika ist dagegen teurer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Servicew\u00fcste Italien, zweiter Teil: Nachdem ich im Postamt eine ganze Zeit mit einer vorher gezogenen Nummer angestanden habe, er\u00f6ffnet mir der Beamte hinter dem Schalter, nachdem er eine zeitlang herumgehampelt und sich dann kommentarlos an einen anderen Schalter gesetzt und einen anderen Kunden bedient hat, die Briefmarken seien ihm ausgegangen! Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass er mir au\u00dferdem eine falsche Information hinsichtlich des Portos f\u00fcr eine Karte gegeben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch italienisch: Als ich bei dem Aufbruch nach Assisi um zwei Uhr nachmittags frage, warum man sich entschieden hat, nachmittags und nicht vormittags zu fahren, sagt der von der Schule organisierte F\u00fchrer, er habe keine Ahnung. Er w\u00e4re lieber vormittags gefahren. Als wir dann gemeinsam die Sekret\u00e4rin fragen, sagt sie, sie habe keine Ahnung, von ihr aus h\u00e4tten wir auch vormittags fahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind nur zu viert und haben das Privileg, mit dem Auto des F\u00fchrers fahren zu k\u00f6nnen. Er ist nur Amateur, was man bald merkt, hat aber hervorragende Ortskenntnisse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Assisi ist gar nicht so voll, aber durch das Anstehen und Durchschleusen ist von einer Atmosph\u00e4re von Spiritualit\u00e4t nichts zu sp\u00fcren. Assisi hat allerdings mehr zu bieten als nur die mit Franziskus verbundenen St\u00e4tten: die vielen H\u00e4user aus grobem Stein und M\u00f6rtel, alle unterschiedlich und doch auch \u00e4hnlich, mit immer wieder abzweigenden Treppen und G\u00e4ngen, und den lang gestreckten Marktplatz mit dem zwischen dem Rathausturm und einem mittelalterlichen Palast eingezw\u00e4ngten zweitausend Jahre alten Minervatempel, den schon Goethe bewunderte. Die S\u00e4ulenhalle mit sechs m\u00e4chtigen korinthischen S\u00e4ulen und zwischen den S\u00e4ulen verlaufenden Stufen ist erhalten. Drinnen ist der Bau in eine kitschige Barockkirche verwandelt worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 gibt es Geb\u00e4ck, dass <em>Brutti ma buoni<\/em> hei\u00dft, <em>H\u00e4\u00dflich, aber gut<\/em>. Besonders sch\u00f6n sieht es wirklich nicht aus. Und ein Gesch\u00e4ft hei\u00dft <em>Maledetti Toscani &#8211; Verdammte<\/em> <em>Toskaner<\/em>. Der Spaziergang durch das Zentrum h\u00e4tte geradezu sch\u00f6n sein k\u00f6nnen, wenn nicht auch hier eine sibirische K\u00e4lte geherrscht h\u00e4tte. Das wird nicht besser durch die Erkenntnis, dass gleichzeitig in Berlin die Sonne scheint und der Fr\u00fchling ausgebrochen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Begonnen hat die Besichtigung aber au\u00dferhalb der Stadt, bei Santa Maria degli Angeli, das wir ohne Auto wohl gar nicht h\u00e4tten erreichen k\u00f6nnen. \u00dcber einen langen Vorplatz geht man auf eine nichts sagende Barockkirche zu. Ihr einziger Verdienst besteht darin, dass sie die Porziunkula umschlie\u00dft. Das ist eine einfache Kapelle, die das erste Zentrum der Bewegung der Franziskaner war. Hier traf man sich, hier schlief man, und hier starb Franziskus 1226, nachdem man ihn, bereits im Sterben liegend, hierher gebracht hatte. Er wurde dabei schwer bewacht, denn keine andere Stadt sollte sich in den Besitz des K\u00f6rpers bringen, der sich, wie man ahnte, schon bald in wertvolle Reliquien verwandeln w\u00fcrde! Die Kapelle, sp\u00e4ter mit einigen Fresken ausgemalt, steht mitten in der Vierung der Barockkirche. Ein ganz merkw\u00fcrdiger Anblick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Station ist San Damiano, auch noch au\u00dferhalb der Stadtmauern. Hier hatte Franziskus sein entscheidendes Erweckungserlebnis, als der Christus vom Kreuz ihn aufforderte, seine Kirche in Stand zu setzen, und hier war der Ort, an dem sich Klara mit ihren Gef\u00e4hrtinnen niederlie\u00df und wo sie auch starb. Alles ist schlicht und einfach, der Kreuzgang, die Kapelle, der Betraum, das Chorgest\u00fchl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Eintritt in die Stadt durch ein m\u00e4chtiges Stadttor kommt man dann zu Santa Chiara, der Kirche, die als Grablege f\u00fcr Klara gebaut wurde. Die Kirche ist au\u00dfen durchgehend mit Steinen aus dem Subasio-Gebirge verblendet, immer mit dem Farbwechsel Wei\u00df und Rosa. Sie hat eine sehr sch\u00f6ne Rosette, die innen noch besser zur Wirkung kommt. In dem schlichten, einschiffen Innenraum h\u00e4ngt das \u201asprechende\u2019 Kreuz aus San Damiano mit bunten, starken Farben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Schluss dann die am anderen Ende der Stadt liegende Basilika mit Ober- und Unterkirche, beide in einem Zeitraum von wenigen Jahren entstanden. Das hatte seinen Grund: Die gedrungene, dunkle Unterkirche war ein Raum der Meditation, die offenere Oberkirche diente liturgischen Zwecken. Beide sind gr\u00f6\u00dfer, als ich mir sie vorgestellt habe, und in beiden ist, wie in ganz Assisi, keine Spur des Erdbebens mehr zu sehen, das erst zehn Jahre zur\u00fcckliegt und die meisten Fresken in Tausende von Einzelteilen zerfallen lie\u00df. Alles wurde in unglaublicher Kleinarbeit in relativ kurzer Zeit wieder hergestellt. Viel Zeit, uns die Fresken anzusehen, haben wir allerdings nicht. Es werden h\u00f6chstens im Vorbeigehen einige bedeutende Szenen hervorgehoben: Wie Franziskus symbolisch die Kirche San Damiano mit den Schultern st\u00fctzt, wie er in Rom vom Papst die Best\u00e4tigung der Regel empf\u00e4ngt \u2013 erstaunlich, wie er es \u00fcberhaupt hinbekam, empfangen zu werden, er war v\u00f6llig unbekannt und geh\u00f6rte nicht einmal zum Klerus \u2013 und wie er seinem Vater quasi die Brocken vor die F\u00fc\u00dfe wirft, d.h. sich von ihm, dem reichen Kaufmann, und seinem Erbe lossagt, indem er sich die Kleider vom Leib rei\u00dft. In dem Fresko hat der Maler, vermutlich Giotto, allerdings daf\u00fcr Sorge getragen, dass der Bischof hinter ihm steht und ihm sein Gewand \u00fcberwirft, so dass Franziskus nicht nackt dasteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Altar der Oberkirche steht genau \u00fcber dem Altar der Unterkirche und der wiederum \u00fcber dem Ort in der Krypta, in dem Franziskus in einem erh\u00f6ht liegenden, einfachen Steinsarg begraben liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende fahren wir noch mit dem Auto \u00fcber Zickzackkurven den Subasio hoch, den Hausberg Assisis. Dort oben versteckt sich eine Einsiedelei, die Eremo delle Carceri, der Ort, an den sich Franziskus zur\u00fcckzog, um zu beten. Sp\u00e4ter entstand dort ein kleines Kloster. Wir kommen allerdings f\u00fcr die Besichtigung zu sp\u00e4t und werden von einem sehr grimmigen Aufpasser zur\u00fcckgewiesen. Bei der Fahrt hinunter sieht man auf einem Schild, dass die Partnerstadt von Assisi Bethlehem ist. Leuchtet ein, f\u00fcr Franziskus war der Nachfolgegedanke der zentrale Leitfaden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr nach Perugia gibt es am Abend in einem Lokal <em>bruschetta<\/em> mit Tr\u00fcffeln. Tr\u00fcffel sind eine der Spezialit\u00e4ten Umbriens und werden hier mit Hilfe von Hunden statt Schweinen aufgesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen erlebe ich eine sehr \u201adeutsche\u2019 Szene. Protagonisten: Eine Frau, ein Mann und die Polizei. Die Frau hat irgendwo, wo es offensichtlich niemanden st\u00f6rt, im Parkverbot geparkt, der Mann hat die Polizei benachrichtigt und die ist erbarmungslos: Der Wagen wird abgeschleppt, auch wenn die Frau gleich daneben steht. Die Frau zeigt vorwurfsvoll auf den Mann und wirft ihm vor, immer derjenige zu sein, der die Probleme des Viertels verursache. Und der antwortet: \u201eUnd jetzt soll <em>ich<\/em> also schuld sein?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind jetzt wieder bei 3\u00ba Grad und Regen. Ich halte trotzdem an meinem Vorsatz fest, nach Gubbio zu fahren. Am Busbahnhof finde ich keinen Hinweis auf den 11-Uhr-Bus, nur auf den 14-Uhr-Bus. Als ich nachfrage, weist der Mann hinter dem Schalter mit dem Finger hinter mich. Es dauert etwas, bis ich verstehe, was er meint. Dann merke ich, dass ich auf die Uhr schauen soll. Es ist 12 Uhr. Der Bus ist l\u00e4ngst weg. Heute Nacht ist die Uhr umgestellt worden. Diese Reise steht unter einem schlechten Stern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich entschlie\u00dfe mich, die Zeit in einem Internetcaf\u00e9 zu verbringen. Dort ist aber die Verbindung gest\u00f6rt. Erst ab heute Nachmittag geht es wieder. Ich mache mich auf die Suche nach dem anderen Internetcaf\u00e9, das ich dieser Tage irgendwo gesehen habe. Es ist wie vom Erdboden verschwunden, und als ich es schlie\u00dflich finde, stellt sich heraus, dass es sonntags geschlossen ist. Daraufhin gehe ich zu San Domenico, das der F\u00fchrer gestern empfohlen hatte. Es ist \u00fcberall von Ger\u00fcsten umstellt, und als ich schlie\u00dflich den Eingang finde, stellt sich heraus, dass gerade Mittagpause ist. Dann gehe ich ins Zentrum, um mir das Collegio dei Notari im Palazzo die Priori anzusehen, der Zunft, deren R\u00e4ume ich noch nicht gesehen habe. Die kann man heute aber nicht besichtigen, denn es findet eine Journalistenversammlung statt. Diese Reise steht definitiv unter einem schlechten Stern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder am Busbahnhof ankomme, muss ich immer noch eine Stunde warten, und die wird mir in der menschenleeren Gegend unter dem grauen Himmel in der tristen Umgebung sehr lang. Dennoch gibt es keine Alternative zur Fahrt nach Gubbio. In Perugia w\u00fcrde mir die Zeit noch l\u00e4nger werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Busfahrer tr\u00e4gt eine dicke Rolex und \u2013 bei diesem Wetter \u2013 eine gespiegelte Sonnenbrille und macht sich einen Spa\u00df daraus, mit der Hupe die Tauben auf dem Platz aufzuschrecken. Die Fahrt geht bald \u00fcber den gar nicht sonderlich breiten, braunen Tiber. Der ist nicht nur geographisch, sondern auch kulturell eine Grenze: Westlich des Tiber siedelten die Etrusker, \u00f6stlich des Tiber die Umbrer. Wir kommen jetzt also in umbrisches Stammesgebiet. Dann geht es durch die gr\u00fcne \u2013 kein Wunder bei all dem Regen \u2013 H\u00fcgellandschaft auf die dunklen, schneebedeckten Berge hinzu, an deren Fu\u00df Gubbio liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erweist sich als ein echtes Schatzk\u00e4stchen. Wie viel es sonst besucht wird, sieht man nur an der Vielzahl von Caf\u00e9s und Souvenirl\u00e4den, um diese Jahreszeit kaum ausgelastet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bus h\u00e4lt unten in der Ebene. In diesem Teil sind die Stra\u00dfen ganz r\u00f6misch regelm\u00e4\u00dfig, im oberen Teil mittelalterlich unregelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unten befindet sich die nicht sehr sehenswerte Kirche San Francesco. Hier sitzen Konventualen, d.h. die gem\u00e4\u00dfigten, schwarz gekleideten Franziskaner. An der Stelle, wo jetzt die Kirche steht, soll Franziskus von einem Kaufmann eine Kutte bekommen haben, nachdem er sich von seinem Vater losgesagt und allen Besitz verloren hatte. In der rechten Chorkapelle wird dieses Ereignis in allen Kitschvarianten gedacht. Au\u00dferhalb der Kirche gibt es eine gro\u00dfe, viel photographierte Bronzestatue von Franziskus mit dem Wolf. Der Wolf legt Franziskus sanft sein Haupt in den Scho\u00df. Das erinnert mich an ein altes spanisches Gedicht. Wie in der Legende, spricht Franziskus in dem Gedicht mit dem Wolf, der die Stadt Gubbio terrorisiert. Er h\u00e4lt ihm eine Bu\u00dfpredigt und weist ihn darauf hin, was f\u00fcr ein schlimmes Verbrechen es sei, Menschen zu t\u00f6ten. Anders als in der Legende verwandelt sich der Wolf aber nicht in ein Unschuldslamm, sondern verteidigt sich: Er sei nur so geworden, weil die Menschen ihn so schlimm behandelt, ihn aus seinem Lebensraum vertrieben, ihn mit Kn\u00fcppeln geschlagen, ihn gejagt und gehetzt und ihn zu einem Untier gemacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Platzes steht eine riesige Loggia, unter deren Arkaden an kleinen Verkaufsst\u00e4nden kleine kulinarische Besonderheiten verkauft werden. Die Loggia war die S\u00e4ulenhalle der Wollweber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber ganz steile Gassen in die Innenstadt hinauf. Schon nach knapp Hundert Meters geht den meisten \u2013 au\u00dfer uns Durchtrainierten nat\u00fcrlich! \u2013 die Puste aus. Sie k\u00f6nnen aber von da aus mit einer Seilbahn in die noch h\u00f6her gelegenen Teile der Oberstadt fahren. Der Weg dahin und die Stadt selbst erweisen sich als das beste, was ich bisher in Umbrien gesehen habe. Alles ist malerisch, ohne kitschig zu sein. Die steilen Gassen f\u00fchren pl\u00f6tzlich auf einen ebenerdigen Platz, der an drei Seiten von Pal\u00e4sten verschiedenen Stils bestanden ist. Von dem Balkon des Platzes aus hat man einen phantastischen Blick in die Stadt und in die Ferne. An diesem Platz steht der mittelalterliche, zinnenbekr\u00f6nte Palazzo dei Consoli, der ehemalige Kommunalpalast aus wei\u00dfen Kalkquadern. Hier hat das Museo Civico seinen Sitz, und hier, in der ehemaligen Ratskapelle, wird der Schatz des Museums aufbewahrt, die Eugubinischen Tafeln. Sie enthalten den bedeutendsten rituellen Text der gesamten Antike. Es sind insgesamt sieben Bronzetafeln unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, und sie stammen aus vorchristlicher Zeit. Wahrscheinlich wurden bereits auf Holztafeln existierende Texte der Haltbarkeit halber in die Bronzetafeln geritzt. Das Alphabet ist auf den \u00e4lteren Platten etruskisch, auf den neueren lateinisch, aber die Sprache ist umbrisch! Es geht um Riten und Zeremonien, um die Befolgung genauer Vorschriften bei der Wahrsagung durch Vogelschau, bei der L\u00e4uterung der Stadt durch Tieropfer usw. Die immer wiederkehrende Zahl <em>drei<\/em> scheint magische Bedeutung zu haben: Es gibt drei Stadttore, drei Paare von Gottheiten, drei Phasen bei der Darbringung von Opfern usw. Leider l\u00e4sst die Pr\u00e4sentation der Platten \u2013 schlechtes Licht, blendende Glasplatten &#8211; zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Man muss sich in erster Linie auf die Beschreibung verlassen. Der Rest des Museums ist genau umgekehrt. Es besticht durch die Pr\u00e4sentation in den wundervollen, hohen S\u00e4len, aber f\u00fcr Details fehlt mir die Geduld.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch nach diesem Platz geht es noch weiter rauf, und am Ende einer engen Gasse stehen sich pl\u00f6tzlich auf engstem Raum zwei Geb\u00e4ude gegen\u00fcber, die man hier am wenigsten erwartet: Dom und Herzogspalast. Der Herzogspalast war den Bewohnern von Gubbio\u00a0 verhasst, denn er geh\u00f6rte dem Herzog von Urbino, der sich die Stadt kurzerhand einverleibt hatte. Der sch\u00f6ne, unregelm\u00e4\u00dfige Innenhof des Palasts wird durch ein paar optische Tricks regelm\u00e4\u00dfig gemacht: am hinteren, dem sich verj\u00fcngenden Teil \u2013 hier muss \u00fcberall Platzmangel geherrscht haben \u2013 hat man nur drei statt vier B\u00f6gen gesetzt, und die Linien, die sich kreuzend in den Boden eingelassen sind, scheinen den Hof in vier gleiche Dreiecke zu teilen, obwohl das gar nicht sein kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder runter gehe, komme ich in einen sch\u00f6nen, gepflegten Park, der eigentlich gar nicht zu dem mittelalterlichen Ensemble passt. Auch von hier hat man phantastische Ausblicke. Es kommen sogar f\u00fcr ein paar Momente ein paar Sonnenstrahlen heraus. Die V\u00f6gel, verwirrt, fangen an zu singen, in dem Glauben, der Tag w\u00e4re angebrochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem kleinen Platz weiter unten, an dem sich auch mehrere Totent\u00fcren befinden, steht ein steinerner Brunnen mit einem dreifachen, nicht identifizierbaren Aufsatz. Ein junger Mann l\u00e4uft unter den Augen seiner Partnerin, dreimal um den Brunnen und h\u00e4lt dabei die Hand ins Wasser. Der Tradition zufolge muss man das tun, um als Spinner zu gelten. Das tue ich l\u00e4ngst und brauche also auch nicht zu laufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Abfahrt zum Bahnhof liegt das ganze Tal in einer sich langsam lichtenden Decke aus Dunst. Sieht fast sch\u00f6n aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. M\u00e4rz (Freitag) Die Wettervorhersage l\u00e4sst nichts Gutes ahnen: Die Sch\u00f6nwetterperiode soll am Samstag enden und ab Sonntag soll es Schauer geben \u2013 in Perugia, nicht in Trier. &nbsp; Wieder erweisen sich alle drei Wecker als unn\u00f6tig. Um halb drei &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1395\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1395"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1395"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7732,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1395\/revisions\/7732"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}